*h\ 178. Adonsiments.Kcdingungcu: SlbonnimsnlZ-Prei» pränumerando: Vierteljährl- Z,S0 Mr., inonall. l.IVMr.. nzöchenllich LS Pfg. srei Uli Haus. Giiuclne Numm-r 3 Psg. SonntagS- Plummet wU tttiiftttcruf KonniagZ» Beilage„Tie Neue Welt" lv Pfg. Post- Pbounemeut: 1,10 Marl pro Mona«. Singetragen in der Post-Zeitung«» Preisliste für IVOS unter vr.?»7S, Unter Kreuzband für Deutschland und O-slerreich- Ungarn S Marl, für da« übrige Ausland 3 Marl pro Monat, Srfcheink täglich auftec Monlag«, _____ ifc"'' Vevlinev Volksblatt. 19. Jahrg. Die Iiistrtlons-GrBnyl betrügt für die fechsgsfpaltene Kolon sl> zetle oder deren Raum«0 Pfg., für polittfche und geiverlfchaftliche Vereins- und BersammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „©letne Anieigcn" jede» Wort 3 Pfg. «nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer muffen bis i Uhr nachmittags In derErpedilimt abgegeben werden. Die Expcdttton ist an Wochentagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und SestiaAen bis ö Uhr vormittag» geöffnet Telegramm- Adreffs: «Porlnldrmpkrnt S-rlin" Centvalorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Kedalttion: sw. 19, Beuch-Strafze 2. Ferufprecher: 9tmt I, Nr. 1508. Sonnabettd, den A. Angnst Expedition: 3�.19. Beuch-Slrasle 9. Fernsprechrr: Zlmt I, Nr. 51S1. Die Landarbeiter- Bewegung in Galizien. Krakau, 31. Juli.(Eist. 23er.) Man kann sich kaum eine Vorstellmist davon machen, mit lvelcheni Wutgeheul die Schlachzizenpresse in Galizien über die armen Land- arbeiter hergefallen ist. Die Großstnuidbesitzer-Klasie ist durch die Feldarbeiter-Belvestunst an der empfindlichsten Stelle qetroffen »vorden. Die unbeichränkte Herrschaft der Feudalherren, die seit Jahren jedem Ansturm der Opposition getrotzt hat, droht durch die Laudarbeiter- Beivegnng in die Brüche zu gehen. Daher der ver- ziveifelte Ruf nach Polizei, Gendarmen und Militär, nach Ausuahiue' zustand und Bauernblnt. ES braucht auch kaum gesagt zu werden, daß die Behörden diesem Rufe ein williges Ohr schenken. Der Ausnahmezustand ist noch nicht offiziell proklamiert Ivorden: thatsächlich existiert er schon lange, obwohl die Streikenden in allen Bezirken sich ruhig verhalten. Was da in einem konstitutionellen RechtSstaate vorgehen kann, erzählt Genosse Semen Wityl im Krakauer Partei- Organ.Naprzod'; »Wer die Gegenden, Ivb der Streik ausgebrochen ist, besucht hat, der mustte sich über die feierliche Stille und Ruhe in den Dörfern lvimdern. Man könnte denken: ES sei ein großer und wichtiger Feiertag. Keine Streitigkeiten, keine Mnsikspiele l Die Wirtshäuser sind ganz leer. Bon Dorf zu Dorf geht nur ein Ruf: Haltet fest zusanuneu und bleibt ruhig! Diese ernste und dumpfe Ruhe ist es, die de» Schlaf der Großgrundbesitzer stört. Und wahrlich, es fällt den Laudarbeiteru sehr schiver, ruhig Blut zu bewahre» angesichts der unerhörten Drangsalierungen. Die Gendarmen brechen wie Diebe in die Hütten ein, schlagen bei Nacht die Leute in Ketten und treiben sie meilenweit zu Fuß ins Gefängnis. ES genügt, weim zwei oder drei Leute zusammenstehen und über etwas sprechen; flugS sind die Gendarmen zur Stelle und treiben die Sprechenden auseinander, oder arretieren sie, lvegeu Abhaltung»einer unerlaubten Versa»»»- lnug unter freiem Himmel". Wehe, wenn ein Bauer einem Gen darmen etwas dreinredet i er wird sofort wrgen Störung der Amlshandkung oder ähnlicher Dinge angeklagt. Es genügt, wenn die Bauern eines Torfes ein andres Dorf über den Streit benach- richtigen, um wegen Verbreche» der öffentlichen Gewallthätigkeit arretiert zu iverden. Ein Gendarm, welcher mich ins Gefängnis begleitet hat, sagte mir ganz offen:»Ich würde, bei Gott, bei dem geringsten Wideo stand schießen. Schauen Sie, wir laufen herum und Hetzen uns ab, ivie Hunde, und die Kerle sitzen in ihren Hütten und lächeln unsa n." Was einem soeialdemokratischen Agitator passieren kann, wenn er ins Streikgebiet sich begiebt, erfahren wir auch von Gen. Wityk: .Ich kam Sonntag»ach Tremboivla. Schon seit Tarnopol sind mir zwei Gendarmen auf Schritt und Tritt gefolgt. Bon den Bauern aufgefordert, fuhr ich nach dem Gute Mlyniska, um einen Ausgleich zu stände zu bringen. Ich kam in das Schloß der Gräfin Los,«in Berhandlnngen anzuknüpfen. In ihrer Abwesenheit empfing mich ihr Schiviegersohn Gras Borkowski; ivir einigle» niiS über die Bedingungen und ich ging hinaus, um mit den ö Mitgliedern des Streikkomitees die Sache zu besprechen. Kaum hatten ivir zu sprechen begonnen, als Geudarine» hinzukamen n»d mit dein Rufe: im Namen des Gesetzes! die Komiteemitglieder von mir Vertrieben. Es halfen keine Borstellmige», selbst nicht die des Grafen Borkoivsli: die Gendarmen blieben standhaft und beriefen sich ans den Befehl, keine Bersaminlnuge» zu dulden.... Im Falle Ungehorsam« drohte» sie mit Waffe»ge>valt. Bon hier fuhr ich nach Janow, zum Dr. med. Brhlinski. Wie ich nur sein Haus betrat, umzingelten das ganze Gebäude Soldaten der Jägertrnppe mit aufgepflanzten Bajonette». Am Eingang postier-ten sich zwanzig Gendarmen. Ich verließ daS Hans und fuhr nach Kophezhace,— hinter mir zwei Schutzengel in Pickelhauben. Unterdessen laugte ei» Hastbefehl gegen mich von der Bezirkshanptniannschaft ein; ich«vurde verhaftet und»ach Hnsialyn gebracht. Ein Bezirkstommissar namens Mlrski(derselbe, welcher vor einigen Jahren einen Abgeordneten verhaften ließ) fragte nach meinen Papieren und fand die Legitimation als Mitarbeiter des„Naprzod* ungenügend. Man schickte mich ins Gerichtsgesängnis. Weder der Vorsteher des Gerichts, noch der Untersuchungsrichter Ivußte etwas über die Gründe meiner Verhaftung und entschuldigte» sich freundlichst wegen dieser Unwissenheit... Spät bei Nacht wurde ich frei- gelassen n>>d von Gendarmen nach Tarnopol eslortiert, von dort zwangsweise»ach Lemberg. Der Gendarmerielvachtineister hielt an mich eine«»spräche, welche sich i» die Drohung zu- spitzte, daß alle Agitatoren unbedingt arretiert sein werden. Das geschah mit mir; ivie wird da erst gegen die armen Bauern vorgegangen?" Als Beantwortung dieser Frage diene ein Stimmungsbild aus (■ zorlkow: Am 30. Juli wurden um 6 Uhr abends 160 streikende Bauern a. s umliegenden Dörfern nach Ezortkow unter starker Eskorte von Gst'darmen und Militär herbeigetrieben. Man trieb sie in Kette» zu Paaren und führte sie in den Hof des Gerichts- gebäudes, wo man sie zwei Stunden warten ließ. Endlich kam der Siaatsamvalt aus Tarnopol und begann die.Voruntersuchung". Den Bauern wird das Verbrechen der öffentlichen Gewallthätigkeit and»och mehrere andre Verbrechen vorgeivorfen. Die Arretierte» verlangten Trinkivasser. da sie einige Meilen in der Hitze Z" Fuß marschiert waren. Man gewährte ihnen diese Litte lange nicht. Als eine Frau Waffer gebracht hatte, wurde sie von den Gendarmen weggejagt. Unter den Arrestanten waren ältere Leute, von denen einige in Ohnmacht gefallen sind. In später Nachtstunde wurden endlich alle in die Kavalleriekaserne gebracht nnd dann ins Gefängnis nach Tarnopol, da das Ezortlower Gefängnis von Streileiiden überfüllt ist.... Liest man diese Berichte, die noch hinter der Wirklichkeit zurück- bleiben, so muß man unwillkürlich an die Bauernkriege zur Zeit des Chmielnizki zurückdenke», an jene Zeiten, die der Werherrlichcr der polnischen Slachta, Heinrich Sienkiewiez, in seinem Roman»Mit Feuer und Schwert" beschrieben hat. *» Daß die Telegraphenlnireans unverschAmke Lügen verhreiten, um die Ocsfentlichkeit gegen die niißhaiidelten Landarbeiter aufzuhetzen. haben wir schon gestern erwähnt. Ein Beispiel dieser tendenziösen Berichterstattung giebt die „Wiener Arbeiter-Zeitmig":»Das Korrespondenzbureau hatte be- richtet, daß in Worlvolinee Gendarmen auf streikende Bauern schösse» und fünf Bauern verletzten. Das Korrespondenzbureau sucht diese Schüsse damit zu begründen, daß ein Gendarni, der fremde Arbeiter zur Arbeit führte, mit einem Holzscheit am Kopfe so schiver getroffen wurde, daß er betäubt zu Boden fiel. Das ent- spricht jedoch nicht den Thatsachen. Die rnthenische Zeitung„Dilo" giebt von den Vorgängen folgende Darstellung: Die Grundbesitzer brachten auö Tlnmacz nnd Peezenizy» Streikbrecher nach Zaleszczyki. Als man in Worwolince, einer Gemeinde des Bezirkes Zaleszezpli, erfuhr, daß Streikbrecher herankommen, sammelten sich zahlreiche Bauern an. Bald darauf kamen einige Fuhren mit Huzulen, von Gendarmen eskortiert. Die versammeilen Bauern verhielten sich ganz ruhig; sie redeten nur den Hnzuleu zu, ihnen doch nicht zu schaden und nach Hanse zurückzukehren. Nun kamen Gendarmen und Soldaten herbei. Während aber die Soldaten sich ganz ruhig verhielten, ginge» die Gendarmen gleich mit aufgepflanztem Bajvnnett gegen die Paner» los, schlugen sie ntit den Gewehrkolben und hiebe» auf sie mit den Säbeln loS. Vier Bauern fielen schiver verletzt zu Bode». In demselben Augenblick ertönte das Kommando„Feuer!", und es sielen vier Schüsse, zum Glück, ohne zu treffen." In das Gebiet der gleiche» böswilligen Berichterstattung gehört das folgende Telegramm: Da Agitatoren die Landbevölkerung zu lveitereu Gewaltlhntigkeite» aufreizten und denselben vorspiegelte», daß die Gemeindevorstäiide ein kaiserliches Handschreiben erhalten hätten, in ivelchem zum sofortigen Beginn deS Ansstaiides aufgefordert wird, haben, wie die Blätter melden, die ruthenischen ReichSrats- und Landtags-Abgeordneten an den Miuisterpräsidente» v. Koerber ein Telegramm gerichtet, i» ivelchem er gebeten wird, in das Slreikgebiet Beamte nichlpoliiischcr Nalionalität zn entsenden und dieselben intt ausjerordenllichcn Vollmachten ausznstalte». Welche furchtbaren gesundheitlichen Zustände in diesem reinen Agrarstaat unter der Herrschaft des Großgrundbesitzes herrscheu, darüber giebt die amtliche Statistik Auskunft. Bon allen vstreichischen Ländern hat Galizien die höchste Sterblichkeit. So erkrankte» an Blattern im Jahre 18S3 6996 Personen, in ganz Oestreich außer der Bukowina nur 20 Personen. Für das Jahr 1399 sind 5723 Erkranliingen in Galizien(2396 in den andren Län der» der Monarchie) zu verzeichnen. ES starben 1898 in Galizien an den Blatiern 1228, im Jahre 1899 1037 Personen! Während an Scharlach i» Galizien 1893 nicht weniger als 22 625 Personen elkrantlen, wovon 5421, 1899 noch 19 428, wovon 4622 starben, er kranken in den andren Kronländern jährlich im Durchschnitt 7500 Personen. An Maseru wurden in Galizien 1398 47 862, 1899 38 517 Personen krank, von denen 3961 und 2796 Personen starben. Auch die Diphtherie fordert viele Opfer; 1898 endeten in Galizien 2399 Erkrankungen in 851 Fällen, 1899 1629 Erkrankunge» in 631 Fällen mit dem Tode. Eine ivahre Geißel ist der Unterleibslpphus mit 7202 Erkrankungen und 838 Todesfällen im Jahre 1898 und 6042 Erkrankungen und 703 Todesfällen i,n Jahre 1899. Von 4147 Erkrankungen an Flecktyphus in der ganzen Monarchie entfielen im Jahre 1898 allein 3981 auf Galizien. von 362 Todesfüllen 346. Für das Jahr 1899 laute» die entsprechende» Zahlen für ganz Oestreich 6056, für Galizien 591 Erkrankungen, 505 beziv. 481 Todesfälle. 3464 Erkrankimgen an Dysenterie in Galizien führten in 594 Fällen im Jahre 1898 zum Tode, im Jahre 1899 3010 Erkranknngen in 541 Fällen. So ficht der gesegnete Agrarstaat aus, der bekanntlich die Wiege der— Volkskraft sein soll I— politische Mebeelicht. Berit», den 1. August. Preußische Polizeidienste für den Zarismus. Bisher haben alle amtlichen preußischen Stellen geschwiegen zn den zahlreiche» Mitteilungen über das intime Verhältnis zivischeu preußischen Polizeibehörden und den Schergen Väterchens. Weder hat man sich zu der im Prozeß Golde- Morawski festgestellten That- sache geäußert, daß ein preußischer Polizeispitzel einen Rüsten ans Messer geliefert hat. Noch ist man den Behauptungen konservativer Blätter entgegengetreten, wonach erst letzthin wieder ein russischer Student ohne jeden Grund auf deutschem Boden verhaftet nnd seine Auslieferung entiveder schon ausgeführt oder doch wenigstens geplant ist. Auch jene sechzigjährige Frau Kugel aus Nimmersatt schmachtet, so viel wir wissen,»och immer in einem russischen Gefängnis, obwohl sie Preußin ist. Wenn' irgend einem Deutschen, der sich in einem südpolarischen Ranbstaat anmaßend aufgeführt hat, ein Haar gekrümmt ivird, dann schreit man nach verstärktem Schutz der Deutschen im Ausland" und»lochte au« liebste» gleich ein Kriegs- schiff entsenden, um die Entschädignngssnmme einzukassieren. Gegen- Über den russischen Bergeivaltigunge» deutscher Staatsbürger aber duckt man sich, ja man fördert die ivahnsinnigen Ausschreitungen des brutalsten AbsolutiSnrns gesetzloser Gewalt. Angesichts dieses schematischen StillschlveigeuS aller offiziellen Stelle» zu den erwähnten skandalösen Nachrichten wirkt es geradezu erfreulich, daß endlich die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" den Mund öffnet und eine„Berichtigung" los läßt, ans der zn ersehen ist, daß man für solche Meldungen amtliches Interesse hat. Das Regierungsblatt schreibt heute an der Spitze: „Nach einer Mitteilung des„Vorwärts"(vom 18. Juni Nr, 189) hat der Arbeilerbund in Littaiien und Polen bekannt ge- geben, daß russische Gendarmen in russischer Uniform in der Be- gleitunq eines deutsche» Gendarmen in einer Reihe von Restaurationen nnd Einfahrten in Bajohrc» bei Stemel Haussuchungen vor« genommen»nd nach unerlaubten russischen Schriften gefahndet hätte». Diese Angaben des Arbeiterbundes sind unrichtig. Nach amtlicher Eruiittelnng haben in der betreffenden Zeit Haus- siichungen in Bajohren überhaupt nicht stattgefunden. Tie Gastivirte in Bajohren, die sämtlich über die angeblichen Vorgänge vernommen ivorden sind, haben ausgesagt, daß zwar russische Gendarmen wiederholt über die Grenze gekommen sind, aber mir Bier getrunken, kleinere Einkäufe gemacht oder für sie bestimmte Sachen abgeholt haben." An dieser Berichtigung interessiert unS nur im wesentlichen, daß man eine amtliche Untersuchung des von unS mitgeteilten Falles veranlaßt hat. Wir dürfen daraus fckließen, daß, wenn in ähnlichen Fällen keine Berichtigung erfolgt, damit zugestanden wird, daß diese Deutschland vor der ganzen eivilisierten Welt bloßstellenden Nachrichte» in jede in Punlte so genau sind, daß nicht einmal ein Offiziöser eine Berichtigung zn drechseln im stände ist. Was die Berichtigimg selbst anlangt, so wird der merkwürdig rege Grenzverlehr rnssischcr Gendarmen bestätigt. Es wird auch angegeben, daß sie in den Gasthäusern„für sie bestimmte Sachen abgeholt haben". Sollten sie nicht doch gerade die russischen Schriften als»für sie bestimmt" angesehen haben und sollte diese„Abholung" nicht die anitliche Verschönerung de? peinlich klingenden Wortes.Haussuchung" bedeuten?— Rheinbaben ist ans— tttlanb, so wird bersichert, darum ist die gesamte RegierungSmaschiuerie zum Schweigen über den Fall Lö�ning verurteilt.„. DaS ist ja ein nnheimIichersZnstand. Der Minister braucht bloß ans Ferien zn geben,«nid alles ist ratlos, völlig unwissend, zu leiner Auskmift fähig. Wen» sich»u» aber in der Ferienzeit das Entsetzliche begeben sollte, daß wieder so ein hoher Mandarin eine Feldwebelstochter heirate» will, ist dann niemand da, der das Ver- brechen zn verhüten ist stände ist?— Weiteres zne Gernianisiernug. Der„Volks-Zeitung" wird auS Thor» geschrieben; In den. Thorner polnischen Gymnasiasten- Prozesse waren unier andren die dreiOberpriiiimierLeo» B o r o w s k i, Franz Wezierski nnd Felix L i d o iv s k i zn Gefängnisstrafen verurteilt worden. Sie hatten»och vor der öffentlichen Prozeß- Verhandlung ihr Abiturientenexamcn bestanden. Sie hatten aber das Zeugnis der Reife nicht erhalten, weil damals schon gegen sie die Untersuchung wegen des Geheinibnndes im Gange ivär. Da sie auch an keinem andren Gymnasium in Deutsch- lnnd wieder aufgenommen wurden, so begaben sie sich nach Lemberg und legten dort das Abiturientenexamen ab. Jetzt kehrten sie nach Hanse zurück, um sich mit den Behörden betreffs Bcrbüßnng der Gefängnisstrafen zu verständigen. Kaum hatten die drei jedoch die väterliche Schwelle überschritten, � als sie von Gendarmen verhaftet und in das Karthäuser Gefängnis gebracht wurden. Bon dorr wurden sie den Militärbehörden übergeben, »m ihrer Militärpflicht zu geniigen. Die Berechtigung zn», ein- jährtg-freiwillige» Dienste wurde ihnen jedoch genommen nnd sie Müssen zwei Jahre im Heere dienen. Man glaubt in Rußland zu sein! Merkwürdig ist mir, das; man so viel Wert darauf legt, diese jungen Polen ans zwei Jahre i»s Heer zu stecken. Muß man nicht fürchten, daß sie durch die einfache Thatsnche ihres schuldlosen Martyriums das ganze Regiment mit Ab- scheu vor solchem Deutschtum erfüllen? Man spielt ivahrlich ein gefährliches Spiel in den Ostmarken I Dieses System von Schneidig- keit, Gewalt nnd Strebertum muß zusammenbrechen. Der moralische Bankrott ist durch den Fall Löhning ohnehin herbei- geführt.— Eine aberiiialige Durchbrechung der Flottenvorlage kündigt man schon für de» nächsten Etat an. Die Marinelieferanten brauchen eben— angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage— neue Aufträge. Es ivird sich wohl un« die vom Berliner Kruppblatt bereits sehr vermißten neue» Kanonenboote handeln, deren jedes.nur" l1/« Millionen kostet, Die katholische„Germania" verhält sich wie üblich zunächst spröde. Hochmut kommt aber allemal beim Cenlrum vor dem— Ikmfall.— Freisinnige Zollwucherer? Für die Reichstags- Ersatzwahl in F o r ch h e i»i- K n l in b a ch haben sich die Freisinnigen mit den Nationalliberalen auf einen Wahlausruf geeinigt, in dem es heißt: „Zur Ernährung nnsrer gewaltig angewachsenen Bevölkerung bedürfen wir einer lebenskräftigen Landwirtschaft, eines erfolg- reichen Haiidelsstandes und einer mnchligcn Industrie. Die ver« einten unzertrennlichen Interessen all dieser BcrnfSstände lassen sich nach nnsrer Ueberzeiignng nur fordern durch den Abschluß lang- fristiger, wohlvorbereiteter Handelsverträge mit dem Auslände, aus dem wir die uns fehlenden Rohstoffe und Lebensiiiiticl be- ziehen und an welches wir unsren Ueberfluß an Produkten abgeben müssen. Ein solcher Abschluß wird sich nach nnsrer lieber- zeuginig vereinbaren lassen mit der derzeitigen Zollvorlage der Reichsrcgieruiig. Also: Schutz der deutschen Landwirtschaft vor der zuiiehiiienden ausländischen Konkurrenz." Die Freisinnigen haben sich also gegenüber der„Schablonen» taktik" der Socialdemokratie bereits bis zur-- Regierungsvorlage durchgemausert. Die„K r e n z- Z e i t u n g" findet dies Verhalten mit Recht»in hohem Grade anerkenneus« w e r t".— Der Konitzer Nitualmord Schwindel, dieses beschämende Wnhr/;ciche>i preußischer Knliurzustände, hat jetzt sein Ende gefunden. Der Vater des ermoderten Winter hatte gegen eine Anzahl Juden Anzeige erstattet, weil sie seinen Sohn geschachtet hätten. Die Anzeige wurde von allen Instanzen, zuletzt auch vom Oberlandesgericht in Mnrienwcrder zurückgewiesen. Das Urteil beruft sich auf das Obergntnchte» der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinnlwese» vom 15. Januar 1902 und lautet in den yanptstcllen: „1. An deni p. Winter ist Erstickung v e r ü b t worden in einer Art und Weise, die notwendig den Tod zur Folge haben mußte. 2. Der an dem Halse vorgefundene und allein die vollständige Blutleere erllnrcnde Halsschnitt ist mit größter Wahrscheinlichkeit uichr bei Lebzeiten, sondern unmittelbar nach dem Tode erfolgt. 3. Bezüglich der übrigen Verletzungen ist als feststehend an- zunehmen, daß sie ebenfalls nicht bei Lebzeiten, sondern erst»ach dem Tode, wenn auch nicht unmittelbar nachher ausgeführt sind. 4. Den Ausführnngen des Biedizinalkollcginms über die an de» Kleidern des p- Winter vorgefundenen Blut- und Spcrmäflccken wird beigetreten."... „Ist hiernach anzunehmen, daß der Tod des Winter infolge Erstickung eingetrefcn ist und daß die Schnitte, insbesondere der Halsschnitt, erst nach dein Tode ausgeführt Ivorden sind, so ver- liert dieBehauptung, Winter habe als ein O p f e r des Aberglaubens den Verblntnngstot erlitten, ihre t h a t s ä ch l i ch e Grundlage." Die„Staatsbürger-Zeitung" hat ja für die geschäftliche Ans- beutnng des Konitzer Ritualmordes in den Pücklerredcn Ersatz ge- siindc». Immerhin darf sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, darzuthnn, daß soivohl die. Gerichte, wie die Sachverständigen einfach niit der ritualmörderischeii Sekte unter einer Decke stecken. Der arischen Vorsicht halber niag sie den Drcschgrafen verantwortlich zeichnen lassen I— Russisches ans Kiel. Der Kieler Student, der ein Opfer des„Siinplicissimiis" geworden ist, wurde nicht nur relegiert, sondern auch auf einige Tage in den Karzer gesperrt. Die„Frankfurter Zeitung" berichtet über diesen akademischen Strafvollzug: Recht eigenartig war die Behandlung, die man dem Inhaftierten zu teil werden ließ; sie unterscheidet sich unvorteilhaft von der im Gefängnis übliche». Ihm wurde jeder Verkehr, Besuch usw. untersagt, zweimal am Tage, morgens und abends, wird sein Fenster unter Aufsicht gc- öffnet. Ein Erholungsgang, eine Bewegung außerhalb der Zelle ist ihm auch unter Begleitung nicht gestattet. Auch pekuniär ist die Carccr-Haft recht drückend, z. B. für Aufnahme in den Carcer 1,20, jede Nacht 0.60 M.. Kaffee 0.40. Verrichtung eines natürlichen Bedürfnisses 0,10 M.II usw. Ein Student, der mit ihm durch ei» kleines Jalousiefenster verkehrte, ivurde heute morgen um 9 Uhr vor den Syndikus geladen. Er erlebte dabei folgendes: Während er zu Protokoll vernommen wurde, wollte er sich an eine Tischkante anlehnen, daraufhin wurde er angeherrscht:„Stehen Sie gerade, Sic sind jung genug, Sie brauchen sich nicht anzulehnen. Benehmen Sie sich anständig. Sie sollten das doch gelernt haben." In diesem Tone ging die Protokollaufnahme vor sich. Als er sich beschwerte, daß sich der Pedell, der ihn angezeigt hatte, eines groben Untcroffizierstones" bedient habe, ivurde zu Protokoll entgegnet,„dazu sei er berechtigt". Von dem Rektor erhielt dieser Student einen„scharfen Verweis", obgleich er sich daraus berief, daß es allgemein an deutschen Universitäten zu den guten Sitten unter den Studierenden gehöre, mit dem Inhaftierten durch das Fenster zu verkehren und dies auch geduldet iverde. Der Rektor versicherte den Studenten, daß er mit den„diScipUn- losen Elemente» gründlichst anfriiumen" wolle. ES sind noch andre Studenten vorgeladen, die ebenfalls mit dein Inhaftierten durch das Fenster gesprochen haben sollen. Diese Studenten werden ja beinahe so behandelt wie social- demokratische Arbeiter oder Redactenre I Man könnte Kiel nach Rußland verlegen, wenn nicht darin eine Beleidigung der russischen Professorenschaft läge. In Rußland sympathisiert ein großer Teil der Professoren mit den revolutionären Studenten. In Kiel über- nehmen Professoren die Rolle der Kosaken, und zwar gegenüber harmlosen Leuten, die nichts weiter gethan haben, als den„Sim- plicissimus" zu lieben.—_ Stuttgart, 31. Juli.(Eig. Bcr.) Die Ivürttembergische Rc- gierung hat wieder, wie schon mitgeteilt, eine Maßregel getroffen, die den landwirtschaftlichen Arbeitern helfen soll, in Wirklichkeit aber nur eine sehr lvertvolle Hilfe für die begehrlichen größereu Land- Wirte birgt. Die Eisenbahnverwaltung versucht nämlich die Land- flucht der Arbeiter durch Fahrpreisermäßigungen auszugleichen. Sie macht im„Staatsnnzeiger" bekannt, daß während der Monate August, September und Oktober versuchsiveise für landwirtschast- liche Arbeiter eine Ermäßigung der Eisenbahnfahrtaxe gewährt wird an Personen, ivelche zum Zweck des Aufsuchens von Arbeitsgelegenheit bei der Getreideernte, bei der Einerntung der Kartoficln, Rüben und Cichorien usw. nach einer im württembergischen Staatsgebiet gelegenen Staatsbahnstation reisen. Die Ermäßigung besteht darin, daß einfache Personenfahrkarten III. Klasse beim Nachweis stattgehabter Beschüftnzung als landwirtschaftlicher Arbeiter zu taxfreier Rückfahrt nach der Abgangsstation bis spätestens 1. November berechtigen. Der vor einigen Tagen in kurzem Auszug mitgeteilte Entwurf einer neuen Gemeindc-Ordunug, welcher die künftige Beseitigung der Lebeuslänglichkeit der Ortsvorsteher, für die Wahl der Stadt- verordneten das Proportional-Wahlsystem und für die Aufsichts- behörde, den Bezirksrat, die Zuziehung des Laienelements vorschlägt, ist jetzt offiziell erschienen. Als Rückschritt enthält er die Beseitigung der direkten Wahl des Gemeinderats. Der Geschäftsbericht der süddeutschen Textil-BerufS- genossenschaft stellt mit Behagen fest, daß der Durchschnitts- Jnhreslohn des Arbeiterpersonals 1901 von 630 auf 642 M., also um 2 Proz. gestiegen sei. Seit 1885 sei eine Steigerung um 149 M.— 30 Proz. eingetreten. Und mit«48 M. soll ein Arbeiter ein ganzes Jahr lang seine Familie ernähren. Welch ein Tiefstand der Kultur!—_ Hohenzollcrnsche„Mesalliancen". Angesichts der Art, wie im„Fall Löhning", niit dem sich zur Zeit die ganze Presse beschäftigt, unsre Stützen der Gesellschaft, an- gefangen beim Minister Rheinbaben. bis herüber zum Oberpräftdenten und herab zu den letzten Kasten der preußischen Beamtenhierarchie, sich gerührt haben. um den preußischen Staat vor den schrecklichen Folgen der Mesalliance des Posener StcuerdircktorS Löhning mit der' Fekdwebelstochter zu bewahren, dürfte diesen rasenden Mandarinen zur Abkühlung eine kleine historische Reminiscenz recht not thun. Der Oberpräsident hat bekanntlich zu Steuerdirektor Löhning gesagt: S:e können als Provinzial-Steuerdirektor nicht die Tochter eines ehemaligen Feldwebels heiraten, ebensowenig wie ein Ober st die Tochter eines Feldwebels heiraten kann. Betreffs Ihrer Verlobung haben Sie in Ihrer Stellung mit den bei uns nun einmal vorhandenen An- schauungen zu rechnen; Sie haben das nicht gethan. Sie müssen deshalb die Konsequenzen Ihres Thuns tragen." Und der sittlich entrüstete Rheinbaben versetzt aus eben denselben Gründen den schweren Verbrecher in den Ruhestand..... Mit ihrer siedenden Entrüstung haben die Herren aber bloß bewiesen, daß ihr historisches Gedächtnis nur sehr schwach ist. Sie müßten sonst Ivissen, daß nicht bloß ein„Oberst", sondern schon sehr viel höher rangierende Leute, ja sogar regierende Fürsten„Feld- webeltöchter" mit ihrer innigsten Zuneigung beglückt haben. Nur lvar dabei ein bedeutsamer Unterschied: die Posener„Feldwebel- tochtcr" war anerkanntermaßen unbescholten; beim Verkehr jener hohen Herren mit„Feldwebeltöchtern" lvar Bedingung, daß sie— beschälten sein mußten. Wir denken dabei an jene Minchen Encke, die man die „preußische Pompadour" nannte. Zivar nicht direkt eine Feldivcbcl- tochter, rangierten ihre Eltern doch auf jener Stufe, bei der sich Rheinbabeus wohlfrisierte Haartour sträubt, wenn er sich eine ehe- liche Verbindung seiner Oberbcnmten niit„solchen Leuten" vorstellt. Fräulein Minchcn lvar die Tochtcr eines Berliner Regiments- trompeters Elias Encke. Auf sie fiel das Auge des Preußcnkönigs riedrich Wilhelm II., genannt„der dicke Wilhelm", als er noch ronprinz war. Er ließ sie auf seine Kosten„ausbilden" und„ver- heiratete" sie dann an seinen Kammerdiener Rietz. Dieser Muster- gatte mußte die Verpflichtung übernehmen, nie mit seiner Frau unter einem Dache zu weilen und hat diese Verpflichtung auch ge- treulich erfüllt. Desto eifriger sorgte der dicke Wilhelm als Prinz und später als König dafür, daß sich die Trompetertochter nicht langweile. Er ließ ihr auch, bald nachdem er König geworden, in Charlottenburg ein Schloß bauen; ihrer Schwester, die mit dem schlcsischcn Grafen Matuschka durchgebrannt lvar, verschaffte er eine» H a n p t m a n n v. Schönburg vom Regnnent Arnim als Gemahl; auch ihre Brüder kamen zu einträglichen Stellungen. Die Kinder, die er mit der Trompetertochter zeügie. machte er zu Grafen v. d. Mark, sie selbst zu einer Gräfin Lichtenau. I» ihrem Palais Unter den Linden machte sie das glänzendste Hans, einen förmlichen Nebenhof, vereinigte Staatsmänner, Diplomaten, Offiziere an ihrer Tafel und bei einer Festlichkeit nrußte ihr sogar der Kronprinz die Hand küssen. Durch alle Fährlichkcitcn � erhielt sie sich in der Gunst des Königs. Derweil beglückte dieser eine Mademoiselle Minette, gewesenes Waschmädchen Horst mit seiner Huld und verheiratete sie später sogar mit 10 000 Thaler Aussteuer. Er liebte ferner, neben adligen Damen in langer Reihe, mit deren einer, dem Fräulein v. Voß. er sich sogar in morganatischer Ehe vermählte, eine„ganz gewöhnliche" Tänzerin vom Corps de Ballett mit dem plebejischen Namen Schnltzky. Auch von Friedrich dem Großen ist bekannt, daß er»eben den vielen Hofdamen, die er anfangs nnt seiner Gunst„beehrte", auch eine italienische Tänzerin hatte, Signora Barberini. War doch überhaupt der„alte Fritz" in Punkto Sittlichkeit von einer„Toleranz", über die sich heute alle Perücken sträuben ivürden. Es ist ein außerordentlich erheiternder Anblick, angesichts dessen zu beobachten, wie sich heute die Stützen des preußischen Beamten- luins abmühen, sich vor der gesellschaftlichen Revolution zu bewahren, welche die Verheiratung eines Obcrbcamten mit einer„Feldwebel- tochter" hervorruft. Früher war's anders, da bewarb man sich um die Gunst der Damen. Dafür aber ist die„Feldivebeltochter" auch eine anständige Dame, jene aber Ivaren königliche Maitressen, durch die man Karriere machen konnte.— Ausland. Die Schwenkung nach links. London. 30. Juli. sEig. Wer.) Das Resultat der Parka- mcntarischen Nachwahl in Nord-Leeds bedeutet eine Abbröckelung der konservativen Partei. An Stelle des konservativen Abgeordneten W. L. Jackson, der zum Peer erhoben wurde, tritt der liberale R. Barran. Noch bedeutungsvoller ist der Wechsel im Stimmen- Verhältnis. Im Jahre 1900 entfielen auf den Konservativen 7512 Stimmen, auf den Liberalen 4995. Bei der gestern stattgefuudenen Wahl siegte der Liberale niit 7539 Stinirnen. Ein Unglück kommt bekanntlich nie allein. Zur. selben Zeit er- klärte Mr. C. Wason, der Abgeordnete für Orkney und Shetland, seinen Austritt aus der konservativen Partei, da er der Regierung in ihrem Militarismus, ihrer Schul- und irischen Politik nicht folgen könne. Am 1. August wird Mr. Shackleton offiziell zum Vertreter für Clitheroe bestimmt. Der Zug nach links ist deutlich genug.— Ein Telegramm meldet: Auf einem Bankett der liberalen Vereinigung besprach Lord Rosebery die Wahl in Nord-Leeds und erklärte, seit Gladstones erster Wahl in Midlothia» Hube keine Wahl eine solche Bedeutung gehabt, Ivie die Wahl in Nord-Leeds. Daö Ansehen der Rc- gierintg habe eine» tödlichen Stoß erlitte». Nach Beendigung des Krieges beginne die Nation die frühere Haltung der Regierung zu untersuchen, die bisher nichts für die innere Gesetzgebung gethan. Der Sieg in Leeds sei eine Folge des Zusanincenschlusses der liberalen Kräfte in den Fragen des Getreidezollcs und der Unter- richtsbill. Die liberale Partei hätte in den letzten Jahren unter dem Mangel an Zusammenschluß und an Sympathie» für die imperialistischen Bestrebungen der Nation gelitten, sowie auch infolge ihrer unglückliche» Haltung bezüglich der irischen Frage. Die liberale Liga, der der neue Abgeordnete von Leeds angehöre, bilde den Mittelpunkt für die Vereinigung aller Liberalen. «• » London, 1. August. An Stelle des in den Pairsstand erhobenen Sir U. Kay-Shuttleworth(liberal) ivurde in Clitheroe(Lancaster) der Rrbeiterkandidat Shackleton zum Mitglied des Unterhauses gewählt.—_ Frankreich. Ministerrat Im Ministerrat legte Ministerpräsident Combes die Lage der durch die Dekrete betroffenen kougreganistischcn Nieder- lassungen dar, woraus sich ergab, daß von 6000 Niederlassungen die Hälfte von dem Vorgehen' der Regierung nicht betroffen wird und daß die andre Hälfte der Aufforderung der Regierung ent- sprochen hat außer 40«, die erklärt haben, sie ivürden, um sich zu unterwerfen, die Schließungsdekrete abwarten. Die sie betreffenden Dekrete seien unterzeichnet ivorden.— Päpstlicher Einspruch. Das„Echo de PariS" meldet, der Papst habe an die französische Regierung ein Schreiben gerichtet, in welchem er gegen die Maßregeln der Regierung bezüg- lich der Kongregationen Einspruch erhebt; der Text des- elbe» iverde nicht veröffentlicht werden, wenigstens für den Augen- blick nicht, um nicht Anlaß zu Gegenniaßregeln von feiten der Regierung zu geben.— Das Geständnis eines» Bischofs. Der Bischof von Pörigneux, Delamaire, hat im„Gaulois" seiner Unzufriedenheit soivohl mit Combes als mit der Republik überhaupt Ausdruck gegeben. Dabei entschlüpfte ihm ein Geständnis. Wenn wir, so sagte er, unsre Schulen nicht mehr öffnen, so werde» wir dieselben in Wohlthätig- keits-Anstalten verwandeln und unsre Ordensbrüder und-Schwestern zurückrufen. So behalten wir unsre Nonnen, die. welcher An auch immer ihr apostolisches Amt ist, als die ivertvollste und unentbehr- lichste Hilfe für die Kirche anzusehen find. Daraus geht hervor, daß es den Klerikalen durchaus nicht darum zu thu'n ist. Kinder zu unterrichten, sondern daß es sich für sie lediglich um die Erhaltung und Befestigung der kirchlichen Macht handelt. Geht dies nicht auf die eine Weise, so wird es auf eine andre geniacht. Belgien. Katholisckie Gewerkschaften. Die Klerikalen beginnen, sich mit der Gründung von G e w e r k v e r e i n e n auf„christlicher" Grundlage z» beschäftigen. Bisher haben sie die freien Gciverk- schaften verurteilt und verfolgt und der Jnteressenharmonie das Wort geredet. Sie sehen aber, daß ihnen die gläubigen Arbeiter untreu zu werden beginnen; durch die Gewerkvercine wollen sie sich dieselbe» erhalten.— Spanien. UniversitätSsikandal. In der Universität zu Barcelona sind Betrügereien entdeckt ivorden. Mehrere Personen sollen falsche medictnische oder juristische Doktordiplome erhalte» haben. Der Rektor der Universität wird eine Prüfung aller innerhalb der letzten 25 Jahre von der Universität verliehenen Titel verlangen.— England. Die Kolonialkoiisercnz, von der ein Teil der Imperialisten die Erstehung eines englischen„Zollvereins" erhofft, begnügt sich jetzt mit' iveit geringeren Zielen. Am Donnerstag fand wieder eine Sitzung statt; in derselben wurde über Patentschutz im ganzen Reich, über'Fragen der Handelsflotte. Kabel. Telegraphen usw. ver- handelt. Außerdem ivurde beschlossen, aller vier Jahre derartige Zusammenkünfte der Premierminister der britischen Kolonialreiche abzuhalten.— Norwegen. Tie Haildclsstatistik für 1801. Der Wert der gesamten Einsuhr Norwegen« im Jahre 1901 wird aus 287 200 000 Kronen, der der Ausfuhr auf 165 100 000 Kronen angegeben. Die Einfuhr ist gegenüber dem vorhergehenden Jahre soivohl der Menge als auch' dem Wert nach zurückgegangen,, ist aber größer als 1893 und in den früheren Jahren. Der gesamte Umsatzwert der Einfuhr nnd Ansflihr zusammen lvar 31,3 Millionen, geringer als 1900 und 17,6 Millionen geringer als 1899, aber 12.8 Millionen Kronen größer als 1898.— Niisjliind. Bauern,»truhe». Aus Saratow wird berichtet: Die hiesige Gonvernementszeitung schreibt: Im Torfe Choivauschyne des Scrdobsker Kreises(Gouvcment Saratow) fanden infolge falscher Gerüchte über eine neue Regelung der Agrarverhältnisse Bauern- uii ruhen statt. Ivobei der Be'zirksvorstehcr und der Amtmann an- gegriffen(?) und verlvnndet wurden. Durch das Eintreffen des Gouverneurs mit Militär wurde die Ruhe wieder hergestellt.— Im Dorfe Wlatylino verlangten die Bauern von der dortigen Gutsbesitzerin unter Drohungen die Unterschrift eines Pachttontraktes. Auch hier wurde durch'die Ankunft des Gouverneurs mit Militär die Ruhe wieder hergestellt. Die Aiistifter der Unruhen wurden ver- haftet. Diese RegieriiiigSmeldungen sind natürlich tendenziös zugestutzt. Es klingt aber in ihnen deutlich die wachsende. Gärung unter der Landbevölkerung wieder, die man mit militärischer Brutalität nieder- zuhalten versucht.— Amerika. Eine Strastcnrevolke in New York. Nach einer Meldung der..Morniug Post" ans New Dork vcrftichten bei der Be- gräbnisfeierdesOberrabvinersJoseph 100 000 Inden zu der kleinen Synagoge in Henry Streek, in der die Feier statt- fand, Zutritt zu erhalten. Die Polizei war genötigt, einen Angriff zu machen, um die Straße für den Verkehr offen zu halten und es gab einen Tumult. Viele Personen ivurde» von den Knütteln der Polizei verletzt. Ter Sarg konnte kaum durch die Menge passieren, mit Hilfe der Polizei brachte man den Sarg durch. Als der Sarg bis vor Hoc's Druckerei in Grand Street gelangt war, ivurde. ivie dem«Expreß" berichtet wird, vo» der Druckerei aus Wasser auf die Menge gegossen. Hunderte und Hunderte von Juden stürmten darauf die Druckerei und verwüsteten das ganze Erdgeschoß. Die Angestellten der Druckerei verteidigten sich. hunderte wurden dabei verletzt und niedergeworfen. Die Polizei- rcserve mußte eindringen und die Ruhe wieder herstellen. Viele Personen wurden in das Hospital geschafft. Die Firma Hoe drückte ihr Bedaneni über den Vorfall anS. Nach einer Meldung der„Daily Mail" ans Neiv Jork hatten die Arbeiter Hoe's einen Wasserschlauch gegen die Inden gerichtet. Die Inden zertrümmerten darauf jede Fensterscheibe in dem großen Gc- bände. So lange man nur Schrauben, Blei und geölte Lumpen auf die Inden geivorfcn hatte, war der Trauerzug ruhig weiter gegangen, als aber der zweizöllige Schlauch in Thätigkeit gesetzt ivurde, begannen die Juden ihren Angriff. Auf beiden Seiten wurde auch mit Pistolen gefeuert. Männer mit blutenden Köpfen lagen auf der Straße umher. Ein gigantischer rotbärtiger Jude stieg die Stufen zur Druckerei hinauf nnd rief:„Ist dies das freie Amerika? das ist schlimmer als Rußland."— Eisenzölle. 95. Sitzung der Z o l I t a r i f- K o m ni i s s i o n. Berlin, 1. August. Zur Beratung verbunden Iverde» die Positionen 796, Eisenbahn- Schienen. Schwelle», Laschen. Unterlagsplattcn 2,50 M.; 797, Eisenbahn-Achsen je. 3 M.; 820, Laschen- und Schivellenschrauben, Spurstanaen ec, roh 5 M.. bearbeitet 12 M.; sowie 821, Eisenbahn- Puffer. Wagenbeschläge, Weichenteile zc. 10 M.� Die Socialdemokraten beantragen Zollfreiheit. Gothein beantragt zu 796— 1,50 M., zu 797— 2 M., zu 820— 3 resp. 6 Dt., zu 821— Eisenbahn-Pnffer 3 M., andre Teile, roh: 5 M.. bearbeitet; 8 M. Bernstein begründet die Anträge ans Zollfreiheit und meint, die Steigerung des heimischen Bedarfs soivie der Ausfuhr in Ver- bindung mit' der hohen Technik Deutschlands mache jeden Zoll für Schienen überflüssig. Redner erörtert speciell die Preisverhältiiisse, die die Politik des Scbienenkartells in besondrem Lichte erscheine» ließen. Der Hauptabnehmer von Sckiieiie» sei der Staat. Wie stehen die Regierungen zu dem Tchienenkartell?— Diese Frage richtet Bernstein direkt an die verbündeten Regiernngen, die darüber nähere Auskunft geben sollten. Eine Enquete von 1879 darüber, ob an das Ausland Schienen billiger berkaust ivurde», er- gab, daß dies der Fall ist; mehrere befragte Vertreter der Großindustrie bejahten dies.(Hört I hört I) Die„Kölnische Volkszcitnng" besprach in diesem Jahre die Frage und dabei stellte sich heraus, daß Schiciien an das'Ausland für 85 Mark, an das Inland für 115 Mark verkauft wurden. Diesen Vorkommnissen gegenüber falle um so mehr ins Gewicht, daß die hohen Zölle die zollpolitischen Verhandlungen mit aus- ländischen Negierungen erschweren. Man sagte, darüber dürfe nicht viel gesprochen werden, daß man verschiedene Zölle als Kom- penfationsobjekte betrachte. Aber das sei doch kein Geheimnis, das wisse alle Welt. Der Schienenzoll könne kein Kompensationszoll fein, denn bei der bezeichneten Preisdifferenz habe das Inland, das in den letzten 11 Jahren rund 5 Millionen Tonnen Schienen im Werte von 600 Millionen verkauft habe, ca. 150 Millionen Mark a» das Schieuenkartell zu viel zahlen müssen. Wir ver- langen Auskunft, wie der Staat sich hierzu stellt, denn die ganze Verwaltnngspolitik ist. davon stark berührt. Auch die Landlvirlschaft, die Schienen kauft, sei an dieser wichtigen Frage beteiligt. Speck habe recht; wenn man den Kartelle» vier nicht zu Leibe gehe, im Plennm werde das kaum ge- schchen. Ein Amerikaner, Mr. Hove meyer �habe das Wort aus» gesprochen: Die Mutter aller Kartelle ist die Zollivirtschaft. Kom- mnnen und Privatkonsumenten, alle sind an dieser Zollfrage beteiligt, sie müssen die Preise zahle», die das Kartell diktiert. Mit Schippcls Buch glaubte der Staatssekretär uns einen Sckilag zn versetzen. Aber Schippe! sagt nur, daß es ein flacher Standpunkt sei, die Konsumenten aNein in Betracht zu ziehe»; Konsmnenteic nnd Produzenten, beide Teile müssen ins Auge gefaßt werden. Bei Schienen-c. falle ins Ge- wicht, daß alle diese Produkte für die verschiedensten Zivecke ge- braucht werden und darum nicht verteuert iverde» dürfen. Schließ- lich müsse der, der die Eisenbahn benutzt, alles bezahlen. Die Zölle seien nicht bloß überflüssig, sondern schädlich, man müsse sie beseitigen. Müller-Sagan beantragt zu 820— 3 resp. 10 M. Zoll. Graf Posadowsky geht auf das Schippelsche Buch soivie auf das parlamentarische Handbuch desselben ein, Ivo der Standpunkt bekämpft iverde, daß der Konsument allein in Betracht komme. Es gehe aus seinen Ansfübrungen hervor, daß auch die Produktion ge, schützt werde» müsie. Man' solle sich freuen, daß die Regierung die iocialisiische Litteratur studiere, er, Redner, ivünsche nur, daß die Socialdemokraten auch die Litteratur andrer Parteien studieren. Gothel» erklärt, er siehe nicht bloß ans dem Konsumenten- standpunkt, aber Zölle auf Rohprodukte und Halbfabrikate schädigte» die Produktion andrer Industrien. So weit er unterrichtet sei, habe der preuhische Fiskus 120 M. nicht für Schienen gezahlt.(Graf Kunitz ruft: 118 M.!) Redner geht dann auf die Prodnktions- Verhältnisse der kartellierte» Untenichnier ein, die die Konsumenten ausbeuteten. Bezüglich der Produkte unter 797 sei Deutschland so erportkräflig, daß jede Zollerböhung unberechtigt sei. Die Spe- cialisierung seiner Anträge zu 821 sei nötig, denn es seien mit de» Puffern andre Teile zusammengeworfen, die andere Bedeutung hätten. Franken habe früher gesagt, Belgien produziere billiger als Deutsch- laud, das sei aber nicht der Fall. Zlrendt beantragt zu 798— 2 B?., zu 797— 2,50 M. Mnller-Sagan schlieft sich in der Begründung seines Antrages den Ausführungen Gothcins an; wenn er über den Antrag Gotheins hinausgehe, so, mn den bestehenden Zustand aufrecht z» erhallen. /J Arendt ineint, handelspolitische Gesichtspunkte kämen bei diesen Positionen nicht in Betracht, ebensowenig schutzzölluerische Rücksichten, da angesichts der geringen Einfuhr und der entivickelten deutschen Produktion der niedrigere Schutzzoll genüge. Wenn Spahn seinen Gesetzentivurf über die Kartelle vorlegen iverde. werde er sich denselben sehr genau ansehen. Man müsse das Gute zu behalten und das Schädliche auszuscheiden suchen. Der preußischen Regierung müsse eine Erleichterung gegenüber dem Schienenkartcll ermöglicht werden, das bezwecke er mit seinem Antrage. Haudelöiu-uistcr Nlöller ersucht, alle ErmäßigungSauträge abzulehnen, sie störte» die handelspolitischen Intentionen der Regierung, die kcinc Ursache habe, sich über die Kartelle zu beschweren und die in kaufmännisch richtiger und rücksichtsvoller Weise der Regierung entgegengekonnnen seien. Redner hebt diese Zölle als besondere Kompensationsobjekte hervor und weist wieder aus die in Amerika zu erivartende wirtschaftliche Depression hin. Die Allüren der Freihändler hätten keine Bedeutung. Wenn er. Redner, bei den nächsten Neichstagswahlc» Bewerber um ein Mandat sein könlite, würde er mit Vergnügen in Arbciterversammlnngen gehen. um dort den Standpunkt: S ch u tz d e r nationalen Arbeit— vertreten zu könne». Er sei überzeugt, seine Ausführungen würden den Arbeitern einleuchten, und der Standpunkt der Freihändler würde nicht gutgeheißen werden.(Zuruf: Dann fielen Sie auch ohne Nach- wähl durch!) Bcuiucr erwidert Bernstein, daß. wenn die Schienenzölle ab- geschafft würden, ivenu sich die Einfuhr schnell steigern. Bebel habe am 13. Februar 1392 im Reichstage über ein Bromberger Schienen- geschäft gesprochen und dabei eine Berechnung aufgestellt, ivelche die Vorteile für den Staat nachweisen solle und der Redner eine eigne Berechnung gegenübergestellt.»ach der die Arbeiter geschädigt würden, wen» der Staat Schienen— wenn auch zu billigeren Preisen— vom Ausland kaufe. Gott sei Dank wüßten die Ar- beitcr des NheinlmideS, daß die Eisenindustrie zurückginge, wenn die Anträge auf Zollfrciheit durchgingen. Redner preist die Geschäfts- Praxis des Schiencnkartells gegenüber dem preußischen Staat. Graf Kunitz ist durch Bernsteins Rede an eine eigene Rede im preußischen Abgeordnetenhause erinnert worden, in dem er die Lieferungen für den Staat besprochen habe. Nichtig sei, daß durch den Abschluß mit dcni Schiencnkartell Vorteile erzielt worden seien, aber mit deni Kohlensyndikat stehe die Sache anders. Diesen seien 5 Millionen durch den gegen früher gezahlten Preis geschenkt worden. Seiner Zeil habe auch der prcustische Fiökuö k ktzl Mark für Schienen zahlen müssen. während das Kartell Schienen an das Sl»sla»d siir 79 und 80 Mark verkauft habe.(Speck: Hört! hört!) Aber die Zollfreihcit würde schädlich wirken. Das ganze Niveau unsres Zolltarifs stehe niedriger als das ausländischer Zolltarife. Redner bespricht französische rnid amerikanische Tarif- verhältuisse und schließt sich dem Handclsminisler an, der die Schienenzölle als gute Kompensationsobjckte betrachtet habe, spricht jedoch abermals sein Bedanern aus, dast nicht ein Doppcltarif vor- gelegt worden sei. Er werde für die Regierungsvorlage stimmen. Hahn geht auf klartellverhältnisse ein. Der Eisen- und Stahl- trust sei eine ungeheure wirtschaftliche Macht, die den Staat in Händen habe. Zwar sei ein Vorteil durch die letzten laugsristigen Verträge für Preußen erzielt worden, aber Sachsen, Bayer» lind andre Staate» hätten viel zu viel ai» das Schienenkartcll zahlen müsse», das bezeichne er ruhig als Doucenr(Geschenk. Trink- gcld). Er halte die Belastung des inländischen Konsums durch die Sätze der Vorlage für zu stark, er werde dagegen stimmen, u m- s o m e h r, da die Landivirtschast nicht ivisse, ivelche Sätze beim Abschluß zu Handelsverträgen s ch l» e ß- l i ch festgesetzt iv erden. Bernstein erwidert dem H n n d e I s nr i n i st e r und B e u in e r, daß er, Redner, tu einem Wahlkreise geivählt sei, der eine starke Eisenindustrie besitze; in diesem Kreise habe er die Zollfragen in de» Vordergrund seiner Agitation gestellt und gerade die Arbeiter der Eisenbranche in den Vorstädten und Vororten hätten ihm deshalb die Stimme gegeben. Die Socinldemokrntie könne es also ans die Probe der nächsten Wahlen ankommen lassen. Redner widerlegt dann die Angaben Beniners über belgische Ver- hältnisse. Bezüglich des Bromberger Schienengeschäftes sei es Bebel darauf augekommen, nachzmveisen, wie viel teurer der Staat den mländischeu Produzeuteu Schiene» abkaufe» muß. Die Kartelle und Trusts stcllcu nioderue Zünfte dar; sind sie der Landwirtschaft, überhaupt den Kouslimenten schädlich, müsse gegen sie vorgegangen loerdcn, aber die Handelsfreiheit schränke auch die Kartelle ec. ein. Praf. Lotzc habe seiner Zeit Ausführungen über das Zollsystem ge- macht, die die Regierungen berücksichtige» sollten. Dem Grafen Posadowsky erwidere er, die Sociatdeiuokratie studiere die Litteratur und Presse ihrer Gegner im lveitcsteu Maße, und behandle die Zoll- Politik am eingehendsten, das sei schon aus den ausführlichen Be- richten des.Vorwärts' über die Äoiumissious-Vcrhandluugcii zu er- sehen. Aus diesem Studium ergebe sich die Rotiveudigkeit der social- demokratische» Anträge auf Zollfreihcit. Die Sozialdemokraten stelle» folgenden Antrag: Die Kommission wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, sofort die Einsetzung einer aus Vertretern der verbündeten Regierungen und des Reichs- tages zusammengesetzten Kommission zu dem Zwecke zu bewirke», die geschäftliche Thätigkcit, Absatz- Bedingungen usiv. der deutschen EisenvrrkanfS- Vereinigungen(Syndikate, Trusts, Kartelle, Ringe n. dcrgl.) einer Prüfung zu«nterztehen. Der Vorsitzende schlägt der Komniissioil vor, diese» Antrag biö «r zweite» Lesnng zurückzustellen. Trotz des Einspruchs Stadt- ageiis stimmt die Mehrheit dem Vorschlag zu. Handelsministcr Möller verteidigt die Kartelle, die biNiger an das Ausland als an das Inland verkaufen; mit dieser Praxis erhielten sie deni Inland die Arbeit, die in der exportierten Ware stecke. Wenn es möglich wäre, für die ganze Welt de» Freihandel einzuführen, würde'er dem sofort zustimmen. Aber selbst England komme zu seinem Bedauern jetzt vom Freihandel bereits ab. Redner bittet, der Regierung nicht in de» Rücken zu falle» mit Anforderungen cim Tarif, denn um so schwieriger werde es. zu günstige» Handelsverträgen zu gelangen. Es sei ein Märchen, wen» Gothel» gesagt habe. 1379 habe Deutschland mit seinem Zolltarif den Anstoß zu Zollabschließungeu andrer Länder gegebe». Redner empfiehlt die Vorlage zur Annahnie. Ein Schlustautrag Herold(C.) Ivird angenommen. Zur Geschäftsordnnng bemerkt Speck(C.). daß durch den Schluß- antrag ihm, dem Redner der stärkste» Fraktion» das Wort ab- geschnitten worden sei.(Zuruf: Ihre eigne Fraktion hat den Schlnßantrag gestellt und dafür gestimmt.) Gothein stellt fest, daß er das nicht gesagt habe, tvas ihm der Minister vorgeworfen habe, Position 790 wird nach der Vorlage angenommen, 797 eben- falls; ferner die Positionen 820 und L2l. Trotz Widerspruchs iverdeu die Positionen 370 und 800—305 verbunden. 370, S t a h l f l a s ch e n, 0 M,. 800, E i s e n b a u t e i l e ans schmiedbarem Eisen, 0 M.; 801/2, Dampfkessel, unter 50 Toppelcentncr pro Stück 8 M., über 50 Doppelceutncr 0 M., andre 5 M.; 803, Ankerformen. 0 M.; 801/5, Nöhrenoerbindimgsstncke, Hähne, Ventile-c. über 10 Kilogramm und ohne Verbindung mit andren unedlen Metallen 7 M., unter 10 Kilogramm 9 M.; in Verbindung mit andren unedlen Metallen 9 rcsp, 12 M. Die Socialdcniokrateu beantragen Zollfrciheit. Gothel» beantragt zu 800— 3 M.; zu 801 für Röhreukessel 5, andre 1 M.; 802 zu streichen: zu 803— 4 M.; 305 zu streichen. Gothein begründet seine Anträge. Speck beantragt z» 800— 4 M. und begründet seine» Antrag. Wenn man Gewicht auf Kompeiisationsobjekte lege, dann hätte der Staatssekretär des AnSivärtige» seiner Zeit nicht die bekannte Er- klärnng des Gcmüsczollcs abgeben dürfe». Dcingegeniiber fielen die heutigen Aeußercinge» des Handelsministers nicht ins Gewicht. Hoch tritt siir Zollfreihcit ein; die Einfuhr der Eisenbantcile sei verschwindend gegenüber der Ausfuhr, die starke Erhöhung des Zolles habe also gar keine Unterlage. Auch für die übrigen Positionen verlangt Redner Zollfreiheit. Regierungsrat Martin verteidigt die Vorlage; ebenso Geheim- rat Blau, der gegen Gothein polemisiert. Stndthagcn geht näher ans die Positionen 804/5 ein; der Zoll ans diese Halb-«»d Fertigfabriknte bringe nicht ein,>vas der Zoll ans das Rohprodukt a» diesen Produkten an Schaden verursache. So verfehlt sei das System. Auch hier würden die Gartenbau- Juteressenteu, besonders im Rheinland, wieder geschädigt. Molkenbuhr hebt die Wirkung der Zölle bezüglich der Schiffs- kesscl hervor. Die Kesselindustrie sei konkurrenzfähig auf dem Welt- markt; selbst England nehme uns sechsmal mehr Kessel ab, als es bei uns einführe. Also auch hier sei Zollfreihcit augebracht, wen» auch der Handelsmiuister dies für verkehrt halte und die Arbeiter davon überzeugen ivolle. Die Socialdcmokratie wisse schon, wie die Arbeiter denken. Bei der Wahl Beuncers habe sie, gerade iveil sie gegen die ZollauSplüudernng nufgetrete» sei, doppelt soviel Stimmen erhalten, als früher. Bei der Position Stahlflascheu sei der Sprung von der ZoNfreiheit auf 0 M. Zoll ein geradezu unbegreiflicher, in den Motive» sei keine Rechtfertigung für denselben enthalten. Der Antrag Speck zu Pos. 800 wird mit 13 gegen 13 Stimme» abgelehnt, dann die Position mit 14 gegen 12 Stimmen angenommen, da Lnrz-Centrnm jetzt verändert stimmt. Die Positionen 801— 803 werde» nach der Vorlage angenommen; ebenso 370 und 804/5. Pos. 800, Schrnubstöcke, Ambosse, Anker, Brecheisen, Hämmer zc. — 5 M., und 807, Kloben und Rolle» zu Flaschenzügen, Winden zc. — 7 M., cverdcn verbunden. Die Soclaldciuokraten beantragen Zollfreihcit. Gothein beantragt zu 800— 3 M., zu 807— 4 M. Molkenbuhr tritt für Zollsreiheit ein, da der Zoll zu 800 Werkzeuge treffe, die die Arbeiter vielfach selbst lanfen müssen. Die Zollerhöhlnigcn für beide Positionen belviesen, wie mau die Industriellen auf Kosten der Arbeiter begünstige und auch die Laud- ivirlschaft benachteilige. Gothein moniert die Wareueinteiluug bei diesen Positionen. Geheimrat Luscnsky verteidigt die Vorlage. Die Positionen 800/7 werde» nach der Vorlage au- genommen. Verbünde» Iverdeu die Positionen 803—810. 800, Spaten. Schaufel». Blatthacken, Küchenpfaiinen, Kohlen-, Schnielzlöffel. Feuergerätc, Pflugschare», Pflngstrcichbretter 10 M.; 809, Heu-, Dünger-, Rüben-, Coals- zc, Gabeln 10 M,; 810, Sense», Sicheln. Strohmcsser, geschmiedet 15 M. Die Socialdcmokratcn beantragen Zollsreiheit. Gothein beantragt Sätze von 4, 4 und 8 M. und begründet dies mit dein Rückgang der Einfuhr. Die inländische Industrie selbst wünsche keinen Zoll. Bernstein hebt hervor, daß diese Positionen voriviegend die Landwirtschaft, besonders die kleinen Landwirte beträfen, denen ma» ihre Geräte verteuere. Hier solle man beweisen, ob man de» kleine» Bauern und Arbeitern Helsen ivolle. Hoffentlich stimmten die hier sitzenden Vertreter der Landwirtschaft für Zollsreiheit. Gebeimrat LnscnSky vertritt die Vorlage. Hahn will dem Landmanu seinen Pflug zc, so billig wie mög- lich zuführen, deshalb sei er für die geringen Zollsätze des Antrages Gothein. Eickhoff: Die Klenicisen-Judustrie habe keine Eutschädigimg in den Zöllen für die Verteuerung des Rohproduktes. Die Klein- industriellen ivisse», daß ihiien die Zölle schaden. Redner verliest die Resoliition einer von ca. 1900 bergisch-mäikischen Kleiiifabrikaiiteii besuchte» Bersammliing, die gegen Zölle protestiert. Der Fabrikanten- verein in Remscheid vertrete nicht die Klcinfabrikailten. Der Vor- sitzende ist der Direktor der Bergischen Stahliiidilstrie-Werke, also Vertreter der Großindiistrie. Die Bergische Handels- k a m n, e r i st s ch u tz z ö l l n e r i s ch g e Iv o r d e n, aber des- >v e g c n>v» r d e ii ihre Mitglieder bei der Wahl nicht wiedergewählt. Es liege also kein Grund zur Zollerhöhnng vor, Müller- Sagau schließt sich diese» Ausführiingen an. Bekannt sei das Wort: Lerne leiden, ohne zu klagen; mit solchen un- berechtigten Zöllen lehre man die Jntcressenteii zu klagen. ohne daß sie leiden. Herold glaubt nicht, daß durch den Zoll die Preise für diese Waren verteuert würden. Wenn Hahn gesagt habe, die Waren. die die Landwirtschast brauche, dürften nicht verteuert werden, dann sei eS auch berechtigt, wenn Konsumenten landwirtschaftlicher Produkte sagte», wir wollen die Preise dieser Waren nicht durch Zölle nnö Verteilern lassen. Arendt hält es für unbedeutend, wenn Sense und Sichel u m einen k l e i n e n B r u ch t e i l durch d e n Z o I l verteuert werden, Franken polemisiert gegen Eickhoff und M ü ll e r- Sagau, Hahn gegen Herold, dem er bemerkt, er, Hahn, sei prin- c i p i e I l S ch u tz z v l l» e r. 803—810 werden»ach der Vorlage angenommen, Position 811. Handsägcn und Sägeblätter: Kreis-, Band-, Laubsäge- blättcr— 20 M„ andre und Haudsägeu— 15 M, Die Socialdcmokratcn beautragen Zollfrciheit. Gothein beantragt für Laubsägeblätter 20 M,, andre 0,50 M, iiud Haildjägeu 12 M. Hoch tritt für Zollfreiheit ein. Die Position 811 wird nach der Vorlage aiigenomineir. Dann wird der Rest des Abschnittes zur Beratung eingeteilt, Schluß'/ii Uhr. Nächste Sitzung: Montag 12 Uhr. Für de» Rrichötagö-Wahlkrciö Spandau- Potsdam-Ost- Havelland hat der Genosse E. R i e g e r in Spandau im Austrage der Partei-Organisation eine Ziisniiiiiienstellnng über die Ergebnisse der Reichstagswahlen gemacht, die als ein nützliches Hilfsmittel für die weitere Agitation, besonders bei den künftigen Wahlen, dienen kann. Sie vergleicht die Wahlen von 1890, 93 und 98 im ganzen Kreise, geschieden nach Städten uiid Landorten und dann für jeden einzelnen Ort, Außerdem wird der Stand der politischen und gewerk- schaftliche» Organisation dargestellt, die Zahl der Abonnenten der Arbeiterpresse geschildert und einige allgemeine Betrachtungen über die politische Lage im Kreise gegeben, Für Kreise, die über einige Mittel verfügen, ist solche Zusammen- itellniig als nützliches Hilssmitiel der Agitation sehr zu empfehlen. Es würde aber noch außerordentlich gewinnen, wenn versucht würde, über die wirtschaftliche und sociale Gliedening der Be- völkermtg Auskunft zu geben. Diese Arbeit wird'nicht ganz einfach lein, aber bis zu einem gewissen Grade der Vollständigkeit dürfte sie wohl zu leisten sein. Die Ergebnisse der Berufs- und Gewerbczählung. ergänzt durch komiiiunales Material«nd durch die eigne Auschauiiiig der im Kreise thätigen Agitatoren dürsten den Anhalt hierzu bieten. Einen Anfang zu solcher Darstellniig machte bereits die ähnliche Broschüre für de» Wahlkreis Teltolv-Beeskolv, die seiner Zeit von, Genossen Paul Hirsch verfaßt worden ist. Z» dem Bericht über den Thüringer Parteitag ersucht uns Genosse He n ii mitzuteilen, daß der Beschluß gegen ihn nicht mit großer Mehrheit gesaßt wurde. Es hätten vielmehr von 47 An- wesendeii 21 für rind 10 gegen den Antrag gestimmt, Ivährend sich 10 der Abstimmung enthielten.— Die 16. LaudeSbersammlimg der Norwegische» Arbeiter- Partei wird vom 22. bis 24, August zu Trondhjem im Saale der Arbeitervereinigliilg tagen, Sie wird sich unter andemi mit der Beratung eines Agrarprogramms für die Partei befassen. Von dem dentscheii Socialist'enklub'„Vorwärts" in Kristiania liegt der Antrag vor, eine Prcßkommission einzusetzen, die die principielle und taktische Haltung des Partei-Orgaus kontrollieren lind dessen öko- nomische Interessen wahrnehmen soll. Ferner ivird über die Or- ganisierung der Frauen solvie über die Arbeilslosenfrage verhandelt werden. Der ansterordentliche Kongrcst der Socialdemokratischen Arbeiterpartei in Niedcrland, der sich mit der Reorganisatioii der Partei befassen wird, findet am 28. September zu Zwolle statt.— Aus Indttlkvie und Mnudel. Zur Bcschäftlgnng in der Cigarrenkndnstrie schreibt die „Arbeitsmarkt-Korrespoudeiiz': In keiner Brauche wirkte wohl der Rückgang der gewerblichen Konjimkur eiuschiieidcnder als in der Cigarrcn- und Tabakindustrie. Sobald sich die Arbeiterbevölkerimg infolge geriiigercil Einkommens oder höherer Warenpreise ein- schränken Muß, spart sie zunächst an den Ausgaben für Genuß- mittel. Der schlechte Winter und der flaue Geschäftsgang in diesem Jahre hat eine ganz bedeutende Einschränkung des Tabakgeimsses zur Folge gehabt, der den Absatz der Eigarrcnfabriken inigemein erschwerte und zu einer Anhäilfiiilg der Lagerbcstände bei Fabrikanten und Händlern führte. Ein großer Teil Arbeiter ist ferner dazu Übergegangen, die Cigarre und Pfeife mit dem Priem zu vertauschen, und in der That hat die Kautabak- Fabrikation infolge dieses Umflaudcs eine auffallend gute Zeit. In den Städten. Ivo so wie so schon bisher die Herstellung von Cigarren nur noch vereinzelt vorkam, schläft die Fabrikation vollends immer mehr ein. Nicht einmal die Cigarreiisorticrer in den Groß- städten sind zur Zeit voll beschäftigt. In Berlin arbeiten die Sortierer, Sortiereriiilien, 5kistci>niacher und Brkleberiiincn zu einem Drittel verkürzt. Auf dem Lande sind im Laufe der Monate zahl- reiche Arbeitskräste außer Stellung gekommen. Sofern keine Eni- lassuiigen stattgefulidcii haben, inußten die Arbeiter zum miiidesten sich eine Verkürzung des ihnen wöchentlich zilgelvieseiicii Tabak- guantliiiis gefallen lassen, so daß auf diese Art eine Nedncierung des Verdienstes eintrat. Endlich wurden, wie immer in schlechten Zeiten, neue Fassons und Sorten eingeführt, durch die die Accord- löhne herabgedriickt wurden. ✓ Kohlensördcnlng des rheinisch- westfälischen Kohlen- syndikatS. Nach dem' in der heutigen Zechrnbesitzer- Vcrsammliliig deS Syndikats vom Vorstand erstatteten Bericht hat die Förderung im Juni dieses Jahres(bei 25 Arbeitstage») mir 3 978 590 Tomicn betragen gegen 4 058 740 Tonnen im Juni des Vorjahres, so daß sich gegenüber der rechmlimgSiiiäßigeii Beteiligniigszifscr von 5 005 033 bczw. 4 427 782 Toimeii für den Monat Juni 1902 eine Minder- fördcrniig von 20,52 Proz, gegen 3,33 Proz. im Jinii 1901 ergiebt. Im ersten Scincster des lausenden Jahres betrug die Minderförderiliig 20,75 Proz, gegen 8.99 Proz, im ersten Halbjahr des Vorjahres. Der arbcilslägliche Versand an Kohlen, Cooks inid Briquetts betrug im ersten Halbjahr des laufenden Jahres 10 091 Doppelwagen, gegen 12 379 im eisten Semester des Vorjahres, Die Ausfuhr des Kohlensyndikats belicf sich im ersten Halbjahr 1902 auf 2 808 890 Tonnen. Zur Coaksfabriknlion wurden seitens der Syndikatszechen im ersten Seincstcr 1902 verwandt 3 901 430 Tonnen, gegen das ciitsprecheude Semester des Vorjahres weniger 10,44 Proz. Zahliingöciustcllung cincs Dresdener BankhanfcS. Wie uns aus Dresden gemeldet wird, hat dort heute die Bankfirma Eduard Rocksch Nachfolger ihre Zahlnüge» eingestellt. Die Firma, die seit 1840 existiert, befand sich schon seit längerer Zeit in ZahlungSschivicr'igkeiteii, die sich teils ans ausgedehnte» Teiraiiispekulationen, besonders aber aus starken, die Kräfte der Bank weit übersteigendeii Beteiligungen an indlistrielleil Uiiternchmnngcii ergaben, Inhaber sind der Köm- inerziciirat Viktor Hahn, der dem Anfsichlsrnt von nicht weniger als 28 Gesellschaften, meist als Vorsitzender, angehört,»nd ein Bruder des betaniltcu amerikanischen Zuckermillionärs Klaus Spreckels. Pctrolcum-Kartcll. Bereits vor einigen Wochen hieß es, daß zwischen den beiden großen russischen Petrolcum-Eompagnien, der Nobel-Gesellschaft und der Gruppe der Rothschildschen Naphthawcrke, sowie der Nockcfcllcrschcn Standard Oil Company eine Einigung zu stände gekommen sei, welche die Fesisetzniig der Preise und die Ver- teilniig der Absatzgebiete bezweckt. Wie die Londouer„Daily Mail' milteilt, hat sich jetzt auch die Londoner Petroleumgesellschaft diesem Kartell angeschlossen. Zur Heimlichkeit, mit der diese Kartellicrung, die von der Nobel-Gescllschaft angeregt sein soll, betrieben worden ist, bemerkt die„Daily Mail": Sie ist typisch für die Rockefeller- Gruppe. Die Staudard-Oelköiiige vermeiden die Publizität so sorg- fältig, wie andre sie suchen. Zufrieden mit ihrer mehr als könig- lichen Macht, überlassen sie audren das Gepränge. Sociales. Ilm einen Pfennig. Der Magdcblirgischen„Volksstimme" wird geschrieben: „Wenn er irgend Arbeit fand, hatte der Arbeiter Gustav Lippv in Magdeburg immer gearbeitet, aber freilich Schätze hatte er dabei trotzdem nicht sammeln können. Daher kam es. daß sein Geld, als er im Juni d. I, vorübergehend arbeitslos wurde, bald aufgebraucht war. Doch da er am 15, Juli in eine verhältnismäßig gute Arbeitsstelle eintreten sollte, hoffle er, sich bis dahin durch Gelegenheits- arbeiten durchziibriugeii. Am 12, Juli besas! er aber gar nichts mehr uiid er ließ sich deshalb verleiten zu betteln. Er erhielt an der erste» Stelle, wo er ansprach, cincn Pfennig, wurde dann aber sofort verhaftet und mußte vis heute in UiltersuchinigShaft bleiben. Das igl. Schöffengericht, vor dem am 30. Juli die Sache ver- handelt wurde, rechnete Lippe, da er schon früher gebettelt hatte, die erlittene NutcrsuchnngShast nicht an und erkannte außerdem noch auf 13 Tage, so daß der eine Pfennig dem Lippe nicht nur seine gute Arbeit, sondern auch fast einen Monat seiner Freiheit kostet," Wer gar nichts besitzt, darf auch nicht betteln gehen, sondern muß sich begraben lassen oder— Bantschwindler werden. Den Hnmbng der Handweriksrettung hat ein Berufener, der Obermeister der Breslaner Schiihmachcriimung„Hans Sachs", Herr Maiwald, recht deutlich gekeniizeichnet. Er sagte in der letzten Jmiuiigsversammliing, die HqndwcrkSkainliier biete für die Berufsaiigehörigen seiner Meinung nach überhaupt keine» Nutzen, Darüber helfe alles Geschrei nicht hinweg, das man von beteiligter Seite über ihre Bcdentnng erhebe. Weiter meinte Herr Maiwald: Stall Nutzen haben die Mitglieder bisher nur erhebliche Laste» gehabt; ein Beispiel dafür seien die eben erlassenen Bestinimungen der Meister-Ordiniiig. Kein Gehilfe mag die fesigesetzten 30 M, Prüfungsgebühren zahlen und so komme es, daß die Innung keinen Zuwachs an jungen Meistern mehr zu verzeichnen hat. Seine Schmerzen hat der Obermeister auch dem Breslaner Haiidwerkskaiiimer-Syndikns Dr. P a e s ch k e, der iinuicr viel Wesen von dem Segen des Hnndwerkcrgesetzes macht, vorgetragen, und dabei ist demselben die kurze Antwort zu teil geivordeir, die Arbcit- geberschaft werde den Nutzen und die Wohlthat deS Gesetzes erst— in ungefähr 20 Jahre» zu fühlen bekommen. Das schien Herrn Maiwald etwas zu lange zu dauern, denn der Jmiungs-Obcrmcister schloß seine Ausführiingen:„Nim, bis dahin wird wohl längst kein Kleinbetrieb mehr existieren; sollten jedoch bis dahin noch einige Kleinineistcr vegetieren, so werden sie wohl zum Bettelstab und zur städtischen Armenpflege ihre- Zuflucht nehme» müssen. Der Großbetrieb braucht aber die Handwerks- kammern nicht!"— Sehr richtig! lieber die Erwerbs-«nd WirtschaftSgeiiossenschafte» wird im kommenden Wintersemester an der Berliner Universität ein zwei- stllndiqeS Kolleg gelesen werden. Der Vorlesende ist Herr Dr. D a d e der riihnilichst bekannte Generalsekretär des deutschen Landlvirtschafts rats. Der Herr wird wohl beweisen, dast die landivirtschaftlichen Genossenschaften auserlesene Errungenschaften deS deutschen Wirtschafts lcbcns sind, die Kousninvcreine aber den Mittelstand ruinieren. Prrnstische Schnlpaläste. Am NegicrnngStische hat man einen grosten Entschluß gefaßt: nian will endlich niil den sogenannten Brnhlschcn Schnlpalästcn»aufräinnen'. Allerdings hat eS erst wiederholter und dringender Alannrufe in der Presse und langer Erwägungen am grünen Tische bedurft, ehe die Sache jetzt so weit gediehen ist, daß eine Konnnission zunächst einen Teil der Provinz Brandenburg, die Nemnark, zur Ilntcrsnchuug des baulichen Znstandes der Schnlhäuser bereist. Die Mitglieder der Kommisfion, ein Ober� regiernngsrat und»ichrcrc Kreis- und Ortsschulinspcktorc» besuchten n.a auch de» kleine» Ort Schwarzsee, aus dem schon seit längerer Zeit bittere 5Aagen desLehrers überunerträglicheWohnungsznstände'an die zuständige Behörde gelangt ivare». WaS sich den Augen der llntcrsnchiings konnnission in Schwarzsee darbot, war denn auch cigcnti'nnttch genug: Das Schulzimmer befand sich im Gasthofe, die Lehrer- Wohnung eine Viertelstunde entfernt in einem andern Hause des Gastwirts. Von der aus Stube, Kammer und Küche bestehenden Lehrer-„Wohnung" war nur die Kammer bewohnbar: diese war ivenigstenS nicht feucht, dafür ge währte sie der frischen Luft so reichlich Zutritt, daß in der kühleren Jahreszeit alle Ritzen und Löcher niit Stroh verstopft werden mußten Ein qualmender Ofen, der beide Räume heizen soll, bedrohte den Lehrer ständig mit Ersticknugsgcfahr-c.-c. Als unverbesserlicher Optimist hofft er nun auf baldige Abstellung der Mißstände. ist die GewevliJVTznftliifZles. Maurer, Zimmerer und Bauhilfsarbeiter! Der Zuzug nach Ha m bürg und Umgegend Aach lv i e v o�r streng fernzuhalten. Obgleich die Gesellen die Sperren aufgehoben und auch Unternehmer die Aussperrung für beendet erklärt haben, iverdcn doch verhältnismäßig wenig Arbeiter eingestellt, aber nmsomehr macht mau den Versuch, Arbeitskräfte von ausivärls nach hier zu ziehen. Das Bestreben der organisierten Arbeitgeber ist offenbar darauf gerichtet, die Hamburger Bauarbeiter aushungern z» lassen. Durch Hunger sollen dieselben gefügig werden, damit dieselben sich mit allen Maßnahmen der Baugewerks-Jnnung einverstanden erklären. Der Oeffentlichkeit gegenüber erklären die Herren von der Innung. die Aussperrung sei aufgehoben, und im geheimen wird überall nach wievor derVersuch gemacht, von aus wärts Arbeitskräfte nach Hamburg zu locken, trotzdem hier noch Hunderte im Baugewerbe beschäftigte Arbeiter arbeitslos sind. Man ivill mit dem Zuzug das Bestreben der organisierten Ar beiter— bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erreichen— ein für allenial vereitel». So lange aber die Arbeitgeber die Taktik beobachten, so lange dieselben sich nicht zu Verhandlungen herbeilassen, so lange ist auch derLohnkampf hier nicht zu Ende und ist es deshalb Pflicht aller deutsche» und ausländischen Kollegen, mit allen Kräften dafür einzutreten, daß der Zuzug nach Hamburg ferngehalten wird. Die Streikleitungen der Maurer, Zimmerer und Bauhilfsarbeiter. Berlin und llmgegend. Der Ausstand der Clektromouteure von der Firma Har- degeu u. Co. wurde am Freitag vor dein Einigungsamt verhandelt. Da die Parteien sich nicht einigeir konnten, so soll in einer ziveitcn Sitzung, die am Montag um 1 Uhr stattfindet, ei» Schiedsspruch gefällt werden. Aussperrung von Zimmerern in Potsdam und Nowawcö. Das solidarische Verhalten der Zimmerer gegenüber den streikenden Maurern hat die Unternehmer veranlaßt, einen brutalen Gewaltakt aus- zuführe». Sie beschlossen nämlich, j e d e r organisierte Zimmerer solle schriftlich seinen Austritt aus der Orga- nisation erkl'rren. Ein Teil der Zimnrerer fügten sich diesem unerhörten Verlangen. Diejenigen, ivclche es nicht thaten, sondern ihrer Organisation treu blieben— es ist dies der größere Teil der Zimmerer—, wurden am Montag ausgesperrt. Die Streit- Icitung ersucht um strengste Fernhaltung deS Zuzuges. Zimmerer, welche nach Noivawes zureisen. mögen sich zuerst im Verbandslokal Priesterstraße 31 melden. Deutsches Reich. Der Berbaud der Steiusetzer blickt hent auf ein zehnjähriges Bestehen zurück. Er Ivurdc gegründet am 2. August 1832 auf dem in Stettin abgehaltenen III. Vcrbandstage des„Verbandes der ver- einigle» Steinfetzcr-Gesellen Deutschlands". Dieser Verband war in der Hauptsache eine zünftlerische Organisation, die nebenbei Unter- stiitzungs- Einrichtungen pflegte, er wurde durch die Beschlüsse des Stettiuer Verbaudstages in eine für Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse kämpfende Organisation inngewandelt. Heut um- faßt der Verband der Steinsetzer 45 Proz. aller Berufsangchörigen, während es noch kurz nach der Gründung nur 20 Proz, waren. Wir hoffe» und ivünscheu, daß die Eiitwickelung des Verbandes in derselben Weise weitergeht. Aussperrung von Former» und Kernmachern in Erfurt. Bei der Firma Schivade u. Co. ivurden sortgesetzt die Accordpreise herabgesetzt. Eine Verhandlung des Vertrauensiuannes niit dem Inhaber der Firma hatte kein andres Resultat, als daß dieser erklärte, er lasse bloß arbeiten,»in die alten Leute zu beschäftigen. ohne Nutze» zu haben. Herr Schwade befahl seinem Ingenieur, die Gießerei 14 Tage zu schließe», und der anwesenden stomnüssion erklärte er: Wer in 14 Tagen wieder arbeiten will, kann sich nietden. Darauf verließen sämtliche Arbeiter die Gießerei. Der Streik der Glaser in Plauen i. B. ist bereits mehr- mals vor den, EinignngSamt verhandelt worden, ohne daß eine Einigung erzielt wurde. Die Streikenden ersuchen um Feruhaltung des Zuzuges, namentlich möge niemand sich durch die ZeiluugS- inserate der Meister verleiten lassen, als Glaser in Plauen Arbeit zu nehmen. Ter Streik der Holzarbeiter in Zenlenroda ist beendet durch einen Schiedsspruch, den das Einigungsamt am 22. Juli gc- fällt hat und den die Parteien am 26. Juli angenommen haben. Der Schiedsspruch empfiehlt die Einführung einer möglichst einheit- liche» Arbeilsordiinng und Zahlung eines Mindestlohnes nach de- endeter Lehrzeit von 22 Pf.— Gefordert wurde ein Mindest lohn von 25 Pf., Erhöhung der bisherigen Löhne um 16 Proz. und Verkürzung der Arbeitszeit von 10 auf 9>/e Stunden. Im Betriebe der Aktiengesellschaft für Tchriftgicsierci und Maschinenbau in Ofscnbach a. M. ivill die Direktion die Accord- arbeit einführen und zwar»ach einem Tarif, der es den Arbeitern nur bei äußerster Anstrengung und unter günstige» Umständen er- möglicht, ihren seitherige» Lohn zu verdienen. Die Arbeiter erklärten. daß sie zu diesen Bedingungen nicht arbeiten könnten. ES fanden verschiedene Verhandlungen zwischen der Betriebsleitung und einer Kommission der Arbeiter statt, die jedoch keinen Erfolg hatten, denn die Direktion erklärte, ihr Standpunkt sei unabänderlich. Die Arbeiter reichten, darauf die Kündigung ein. Ausland. Wirtschaftliche Kämpfe der Arbeiter i» der Schweiz. In Vevey streiten 200 Maurer und Handlanger. Sie verlangen Stunden- löhne von 60 Cts. für Maurer, 40 Cts. für Handlanger und Erd- arbeiter und 30 Cts. für Jugendliche.— Im frommeu Freiburg stehen ca. 260 Maurer und Handlauger im Streik für Erringung besserer Arbeitslöhne. Bisher erhielten sie 38, 28 bis herab zu 16 bis 25 Cts. per Stunde.— In Bern errangen die Dachdecker nach dreiivöchigem Streik minimale Stundenlöhne von 55 Cts. für Schiefen dccker, 50 Cts. für Ziegeldeckcr und 40CtS. für Hilfsarbeiter. Vorher hatten die Löhne 30—40 und 42 Cts. betragen. Der Stcinhauer-Strcik auf Boruholm hat eine noch größere Ausdehnung dadurch erfahren, daß am Sonnabend der Direktor eines Steinbruchs eine Anzahl Arbeitsleute entließ, weil sie sich Iveigerten. Arbeiten auszuführen, die bisher nur gelernten Steinhauern über tragen wurden. Das Verhalten des Direktors ist ein Bruch des mit dem dänischen ArbcitSinaiinS-Vcrband geschlossenen Uebcreiw kommcnS. Ter Norwegische Schueiderberband hielt vom 20.-24. Juli seine sechste Landcsversammlnug zu Arcudal ab. Dieser Verband der 1802 gegründet wurde, zählt jetzt in 17 Abteilungen zusammen ca. 500 Mitglieder. Die Laudesversammlung befaßte sich u. a. mit den Schäden der Heimarbeit und beauftragte die VcrbandSIeituug Schritte zur obligatorischen Einführung von Betriebswerkstätten zu unternehmen. Ein Antrag auf„Eintritt in die Landesorganisation der Gewerkschaften" wurde angenommen, die dadurch notwendig werdende Beitragserhöhung fand jedoch nicht die erforderliche Zweidrittelinajorität. Die Frage soll nun durch Urabstimmung entschieden iverden. Ferner wurde eine Resolution angenommen worin die Mitglieder zur Unterstützung der socialdemokratischen Presse moralisch verpflichtet werden._ Nus dev Fvanvnbemegnng. Das Kamniergericht ist Luft für die Polizeibehörden; trotzdem dieses Gericht entschieden hat, daß es deni Gesetze widerspricht, den Frauen die Teilnahme an den Festlichkeiten politischer Vereine zu verbieten, geht die Verbietcrci lustig weiter. Man lese diesen Bescheid Nienburg, den 25. Juli 1902. Magistrat der Stadt Nienburg. „Die nachgesuchte Erlaubnis zur Abhaltung eines Tanz Vergnügens des Vereins der Fabrik-, Land- und Hilfsarbeiter am Sonntag, den 10. August, kann nicht erteilt werden, da nach§ 8 des Vereinsqesetzes Frauen zu den Versammlungen deS Vereins nicht zugelassen werden dürfen. A. Vahland. So stärkt man in Preußen die Autorität der Gerichte. Die jährliche Generalversammlung des Vereins für Frauen und Mädchen SchönebcrgS und Umgegend fand Mittwoch, den 30. Juli, in Obsts Festsälen statt. Auf der Tagesordnung stand 1. Bericht des Vorstandes. 2. Nentvahl des Vorslaudc». 3. Ver schiedene Vercinsangelcgcnheitcn. Frau Vämnler gab den Bericht. Es wurden von der letzten Generalversammlung bis jetzt 12 Vereins- Versammlungen abgehalten, in ivclche» meistens wissenschaftliche Vor träge gehalten wurden. Ferner wurden in Tempclhof 8, in Wilmersdorf 6 und in Charlottenburg 2 Wanderversammlungen abgehalten. Die zweite Kassiererin Frau Gruuwald gab den Kasse» bericht. Die Einnahmen betrugen 140,39 M. Die Ausgaben 76.21 M Bestand 84,18 M. Da die Revisoren alleS in Ordnung gefunden hatten, wurde der Kassiererin auf ihren Autrag Dewarge erteilt. Die Mitgliederzahl beträgt zur Zeit in Schöneberg 133. Cbarlottcnburg 30. Wilmersdorf 19. JohanuiSthal 11 und Banmschulenweg 7, Tempel Hof 14. Es wurden für das nächste Jahr gewählt als 1. Vorsitzende Frau Bäumler; 2. Vorsitzende: Frau Gruuwald; I.Kassiererin: Frau Schulz; 2. Kassiererin: Frau Golmcck; Schriftführerin: Frl lagow: 1. Beisitzerin: Frau Hermann; 2. Besitzerin FranBiedereck und als Revisorinnen: Frau Kuhlmey, Frau Franke, Frau Lehnert. Die Versammlungen des Vereins finden immer den Mittwoch vor dem 16. des Monats in ObslS Festsälen statt. Der Verein hat in den zwei Jahren seines Bestehens schon eine ansehnliche An zahl Mitglieder crivorbcn und wird hoffentlich die Zahl derselben im nächsten Jahre verdoppeln können, da cS Pflicht einer eben Arbeiterfrau ist, sich dem Berein anzuschließen, der durch wissenschaftliche und andre lehrreiche Vorträge seine Mitglieder zu bilden sucht. In den Vereinsaugelegenhciten machte die Vorsitzende bekannt, daß Sonntag, den 3. Angust, ein Ausflug»ach dem Grüne Wold �Schmargendorf), Wirtshaus zum Schivan, stattfindet. Um recht rege Beteiligung ivird gebeten. Nach reger Aussprache seitens der Mitglieder erfolale Schluß der matt besuchten Versammlung. VeLsNmmlnnscn« Eine BolkS-Vcrsammlung, einberufen von den VertranenS lenten des 6. Berliner Wahlkreises, tagte am Donnerstag im Alten Schützenhanse. Linienstraße, in der R e i ch S t a g s- A b g e o r d- n e t e r F r. K u n e r t über„Weltlichkeit der Schule" referierte. Unter Bezugnahme ans die im Reichstage bei dem„Toleranz"- Gesetzenttvurf des Centrums zur Beratung gestellten Anträge über den Religionsunterricht in den Schulen behandelte der Referent sehr eingehend die socialdemokratische Programmforderung und ihre Be deutnng für die Volksbildung. Nach einer sachgemäßen Kritik über die gegenwärtigen Schulzustände, wobei Redner nachwies, wie sehr die Ausbildung der Kinder unter der schweren Belastung des NcligionSimter- richts leidet, für den im Lehrplan der unteren Schulen bekanntlich ver- hältnismäßig die meiste Zeit festgesetzt ist. erörterte er die Not- tvcndiqkcit, daß in allen Schule» der Religionsunterricht in Fortfall kommt, daß alle religiös-theologischen Disciplinen von den Lehrer- i l d u n g S a n st a l t e u beseitigt werden, daß endlich an Stell« der geistlichen die fachmännische Schnlaufsicht tritt, kurz, daß überhaupt eine vollständige und endgültige Trennung der Kirche von der Schule in jeder Form bewirkt wird. Der sehr intcrcffante und lehrreiche Vortrag, in dem der Rc- 'erent anch die nicht auszugleichenden Widersprüche der religiösen Dogmas zu den festgestellten Grundsätze» der Wissenschaft beleuchtete, wurde von der Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In der hierauf folgende» Diskussion äußerten sich sämtliche Redner, bis auf einen jungen Manu, der sich als christlicher Arbeiter vor- stellte und anscheinend uuvcrdame Lescfrüchte produzierte, im Sinne des Referats und nnfrer Programmforderung auf volle Weltlich- k e i t der Schule. Nachdem der Vorsitzende, Genoffe Zucht, noch zum Anschluß an den Wahlvercin aufgefordert, erfolgte der Schluß der sehr gut be- suchten Versammlung mit einem kräftigen Hoch auf die Socialdemo- kratie. Eine gutbrsnchte Malerversammlung. in der die Lohn- kommisfion über die Verhandlungen mit der Innung berichtete, fand am Donnerstag im große» Saale des Gciverkschafts- Hauses statt. Die Forderungen der Gehilfen ivurden der Innung schon im Februar d. I. vorgelegt, und die Lohukommission hat seitdeni alles aufgeboten, um die Ängelegenheit so schnell wie möglich zu erledigen. Aber die Vertreter der Innung zeigten, trotzdem ihrerseits im vorigen Jahre eine Lohnerhöhung versprochen ivorden war, sehr wenig Entgegenkommen. Erst in derJnunngSversammlung von, 23. Juli wurden endlich bestinimte Abmachungen getroffen. Der Minimallvhii soll danach vom 1. Oktober ab 63 Pf. per Stunde, vom 1. April nächsten JnhreS ab 55 Pf. betrage», doch mit der Einschränkung, daß junge Gehilsen in den ersten beiden Jahren»och Ablauf ihrer Lehrzeit 5 Pf. weniger erhalten Verlaugt hatte» die Gehilfen ursprünglich 60 Pf. Minimal- lohn. Ueberzeitardeit bis 10 Uhr abends soll mit einem Zuschlag von 30 Prozent, dann die Nachtarbeit mit 60 Proz., Soimtagsarbeil mit 80 Proz. Zuschlag bezahlt werden. Accordarbeit soll»ach Möglichkeit vermieden und dafür bei Jnnehaltung der fest- gesetzten Arbeitszeit mindestens der übliche Aochcnlohn gezahlt werden. Für Faffadenarbeit wird 6 Pf. Zuschlag pro Stunde gezahlt. un» 5 Uhr Feierabend, an den Borabenden der 'st Sonnabends hohen Festtage eine Stunde früher. Die Meister verpflichten sich. andre Arbeitsnachweise als den paritätischen nicht zu benutzen. Soweit es möglich ist, sollen auf den Bauten verschließbare Räume den Malern zum Aufbewahren ihrer Kleidungsstücke zur Verfügung gestellt iverdcn. Die Rüstungen sollen nur von fachkundigen Leuten hergestellt lverden; als solche gelten: Zimmerer, Maurer, Dachdecker und Maler. Fahrgeld wird nach allen Vororten vergiitigt. Der Tarif soll am 1. Oktober in Kraft treten und vom I.April nächsten Jahres ab gerechnet dreiJahrc gelten, er bleibt noch iveiterhin in Geltung, wenn er nickt ein halbes Jahr vor Ablauf der Frist gekündigt wird.' Um den Tarif bei allen Arbeitgebern durch- zuführen und für feine Aufrechtcrhaltung zu sorgen, soll eine ständige UeberwachungSkommission gebildet werden.— Die Lohukommission empfahl der Versammlung, diesen Bedingungen zuzustimmen, einige Diskussionsredner, namentlich der Vertreter der Lokalorganisatio», fprachen für Ablehnung des Tarifs. Nach längerer Debatte wurde die folgende Resolution gegen ivenige Stimmen angenommen: „Die Versammlung erlennt den Nutzen der Tarifvereinbarung an und erklärt, trotz der minimalen Zugeständnisse ihre Zustimmung zu de» in der Jnnungsversammlung vom 23. Juli gefaßten Be- schlüsselt. Gleichzeitig verlangen die Versammelleu von der Innung weitgehendste Garantie zur Aufrechterhaltung des Tarifs. Sie erblicken diese Garantie zunächst in der Verleihung der iveit- gehendsicn Rechte an die schon im Tarif vorgesehene Kontrolllommisfion. Ferner ist die Versammlung der Meinung, daß in dem Aufdruck des Minimallohns auf die Vermittelungsschcine des paritätischen Arbeits« Nachweises eine weitere Garantie geboten Iverden kann. Von jeder Durchbrechung des Tarifs ist von de» Kollegen Mitteilung an die Ortsverwaltung zu machen. Der Verband der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter uud Nrbetterinnc» Teutschlands(Zahlstelle Berlin) hielt am Mittwoch im Vereinslokal(Kolbergerftraße) seine ordentliche General- Versammlung ab. Dem VorstandSl>crickt des Vorsitzenden Brnhns ist zu entnehmen, daß in der Zahlstelle im letzten Quartal 2 öffent- licke und 4 Mitgliederversammlungen sowie 7 Fabrikbcsprechungen stattgefunden haben. Entsprechend der über ganz Berlin ver- teilten geringen Mitgliederzahl von circa 400 seien die Versammlungen auch nur schtvach besucht getvcsen. Trotz aller Anslrengnngen sei es nicht möglich gewesen, dem Verband einen nciiucnSwerten Einfluß am Orte zu verschaffen.— Vom Kassierer Rühle wurde sodann die Abrechnimg verlesen. Die- selbe ergab eine Einnahme von 1143.86 M. und eine Ausgabe von 343 M.; der Hauptkaffe zugeführt sind 357,60 M., so daß in der Lokalkasse 443.15 M. verblieben.— lieber den Stand der Bibliothek berichtet Weiße. Er konstatierte, daß dnS Lcsebedürfnis der Mitglieder erheblich gestiegen sei, was ans der starken In- anspruchnahme der Bücher hervorgehe.— Hierauf referierte Bruhns über die im„Proletarier" veröffentlichte» Anträge zum diesjährigen Verbandstag, betreffend Einführung der Arbeitslosen- Unter- stütznng. Die OrtSverioaltung trägt sich mit dem Gedanken, daß im Fälle die Arbeitslosen- Unterstützung abgelehnt wird, eine solche für die Zahlstelle Berlin auf eigne Faust einzuführen. Erklärt sich der Verbandstag aber für die Arbeitslosen- Unterstützung, dann möge der hiesige Delegierte N o w a ck darauf dringen, daß der Antrag des CentralvorstandcS (Einführung der zweijährigen Karenzzeit) zu Fall kommt und die einjährige Karenzzeit eingeführt werde. Zweckmäßig erscheine es auch, die Arbeitsloseu-Iluterstntznng bereits am 1. Oktober 1903 in Kraft treten zu lasse». Sämtliche Diskussionsredner erklären sich mit den letzteren Ausführungen einverstanden. Ter Jnteresfcnvercin der Kistcnmacher hielt am 28. Juli in den.AndreaS-Fcslsäle»" eine außerordentliche Generalversammlung ab. Der Antrag, betreffend Einführung von ArbeitSlosen-Unterstützuug, wurde nach längerer Debatte abgelehnt.— Beschlossen wurde, dem Statut folgende» Nacktrag beizufügen:„Sobald die Mitgliedschaft eines einzelne» Mitgliedes erlischt, steht denselben, oder deren rechtlich Angehörigen, kein Reckt auf das BereinSvermögen zu. Die Anwendung der ß§ 738—740 deS Bürgerlichen Gesetzbuchs wird anS« drücklich ausgeschlossen; der Fall des Z 725 des Bürgerlichen Gesetz« buchS steht dem freiwilligen Ausscheiden gleich." Ui-tzke und Depeschen. Wilhelm U. über einen„Hochverräter". Schwert», 1. August. Der Kaiser brachte in Schwerin einen Trinkspruch auf den Großherzog von Mecklenburg aus, von dem ein Satz wiedergegeben werden kann:„Des mögen Sie sich versichert halten, daß mein Herz immer das wärmste Jiiterefle für Sie und Ihr Land hegt, dieses Land, das eine Reihe tüchtigster Regenten hervorgebracht hat, dieses Land, das einen der besten Klnfstkcr uusrcr deutschen Schriftsprache geliefert hat. dieses Land, dein wir Fritz Rcntrr verdanken." Fritz Reuter ist nun zivar kein Vertreter der deutschen Schriftsprache, da er ja im Dialekt gedichtet hat. Aber er hat «inst wegen feiner revolulionären Gcsimiimg im Kerker geschmachtet und ist einer der kräftigste» litterarischen Ankläger des mecklen- burgischen Feudalsystems und ein luftig tvirkfamcr Spötter über das Dorchläuchtings"-Goltesgnadentuin. Znm Landarbcitcrstrcik in Galizien. Lemberg, t. August.(B. H.) Ter Gerichtspräsident Liichicwicß wurde nach Tarnopol entsandt, um ein gerichtliches Verfahren gegen die dortigen Vramte» einzuleiten, welche sich a» der Streik- agitatio» beteiligt(?) haben. Ferner wurden zwei Richter dorthin delegiert, iveit die daselbst befindlichen Gerichtsbehörden nicht im stände nid. das anschwellende Material zu bewältigen. Auf der ganzen Linie steigt die Streikbewegung, die namentlich durch ruthenische Akademiker geschürt wird. Charakteristisch ist. daß an vielen Orten ich auch daS Hofgesinde de» Streikenden anschließt. Die Erregung infolge der vielfache» Znsammenstöße mit dein Militär, lvobci zahlreiche Arbetter verwundet wurde», ist überaus groß. Die Landarbeiter erllären. daß sie nicht das geringste von ihren Forderungen ablasse» würden._ Kitchener und Wilhelm IL London, 1. Siignst.(B. H.) Der„Liverpool Post" zufolge hofft Kaiier Wilhelm. Kiichcner werde, ehe er»ach Indien abreist, Teutschland bcsnche». Der Kaiser habe Kitchener persö»- lich versicher» lassen, die deutsche Armee würde sich freue», Gelegenheit zu bekommen, eine» solch' hervorragenden Soldaten begrüßen zu können._ Hamburg. 1. Angnst.(W. T. B.) Der u n t e r g e g a n g e n e Dampfer„PriinnS" ist heute nachmittag umgekippt n»d glücklich auf den Kiel gestellt ivorden. In der Vorderlajütc fand der Taucher die Leiche eines ctiva dreizehnjährigen Mädchens. vrauiischweig, 1. Angnst.(W. T. B.) In Süpplingenburg und Umgegend sind nach dem Genuß von Backivare bezw Schlagsahne der„Braniiichiveigischen LandcSzeitung" znfolge 200 Personen ertrankt, darunter viele jchivcr. London, I. Angnst.(W. T. B.) Das Mitglied des Unterhauses Oberst Lynch, der des Hochverrats beschuldigt wird, ist heute dem Gericht zur Aburteilung überwiese» worden; Lynch ivird beschuldigt, aus seiten der Boeren das irische Corps befehligt zu haben. London, 1. Augnst. e r»» g s g e b äude e p l ü» d e r t. Gegen die Plünderer sind Truppe» eiitiandt worden. Verantwortlicher Rcdacteur: JnlinS Knliskt in Berlin. Für den Inseratenteil verantwvrttich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing i» Berlin. Hierzu 3 Beilage» u. NttterhaltungSblatt- UMTS. 19. ZahW«g. 1. Ajlllßt illlltJI II � Bericht über die Parlamentarische Thätigkeitdersocialdemokratischeu Rcichstagsfraktio». 07. bis 192, Plenarsitzung II. Session der X. Legislaturperiode. 26. November 1901 bis 11. Juni 1902. Inhalts- Uebersicht. Der Zolltarif.— Der Reickishaushalts-Etat.— Die Etatsbcratungen(Allgemeines).— Etat des Reichstages (Reichstag und Bundesrat).— Reichsamt des Innern(„Objek- tivilät". Der Stand der Socialgesctzgebung).— Reichs-Gesundheits- a m t(Zustände in Krankenhäusern).— Statistisches Am t(Arbeits- statistische Abteilung).— Reichs-Versicherungsamt(Unfall- Bernfögenoffenschasten und-Statistik).— Auswärtiges Amt(Ost- asialische Expedition. Pekinger astronomische Instrumente. Südafrikanischer Krieg).— Militär- Etat(Tucllunfug. Soldatenmibhandlungen, Gum- binner Prozeb).— Marine- Etat(Tirpitz-Erlast).— Kolonial- Etat(Reichs-Zuschüsse. Kolonialburcaukratie, neues Dienstgebäude, Zustände in den Kolonien).— Zölle und Verbra uchs sie uern.— Reichsschulden.— Reichs-Justizamt(Fall Bredenbeck, Reform des Slkasvollzugs).— Post- und Telegraphenverwaltung(Unter- beainte. Petitionsrecht. Portosreiheit der Fürsten).— Reichs-Eisenbahn- A m t(Tarifrefonn, Eisenbahn-Unsälle).— Gesetzentwürfe(Strandungs- ordnang, Scemannsordming. Mitnahme heimzuschapender Seeleute. Stellen- vernüttclung, seerechtliche Vorschriften des Handelsgesetzbuches, Regelung der Kinderarbeit, Diätcngesetz, Fliegender Gerichtsstand der Presse, Diktatur- Paragraph, Schaumweinsteuer, Branntweinsteuer, Zuckerkonventiou und Zuckersteuer.Sübstoffgesetz, kleinere Gesetzentwürfe).— I n t c r p e l l ati on en (Arbeitslosigkeit und Notstand, Beuthencr Arbeitersekretariat, Jcsuitengesetz, Kriegsinvaliden, Militär-Pensiousgesetze, Wreschen, Duell).— Initiativ- antrage(unsre Anträge, Kaufmännische Schiedsgerichte, Sicherung des Wahlgeheimnisses, Toleranzantrag, Lex Rintelcn, Beihilfen an Kriegs- teilnehmer).— Wahl Prüfung eil(Boltz, Prietze, Sieg-Graudcnz).— Petitionen. Der Zolltarif. Als der Neichslag zusammentrat, fand er endlich den lang- erwartete» Entwurf eines Zolltarifgrsrtzes vor. die weitaus wichtigste seiner Vorlagen, entscheidend für die Gestaltung der Wirt- schaftlichen Zukunft Deutschlands. Dieser Entivurf entsprach den schlimmsten Befürchtungen der Arbeiterklasse. Er zeigte, ivie groß der Einfluß des skrupellosesten Ausbeutcrtnms bei uns ist. Ei» Hohn auf alle sociale Politik, erwies fich dieser Entwurf als ei» Wuchergesetz im buchstäblichen Sinne des Wortes. Durch Erhöhung und Erweiterung der ohnehin um Delitschland bestehenden Zollmaucr, will dieser Tarif die millioncnköpfige Konsnnientemnasse— in erster Linie das Proletariat— wehrlos einer Klasse von Ausbeutern überliefern, die uns hier in der Gestalt eines verschuldeten Junkertums, dort in der bcutchnngriger Jndustrierittcr entgegentritt. Nirgends hat in neuerer Zeit der Klasscnstaat sich schärfer zum Ausdruck gebracht als hier und ebenso hat nie eine Regierungsvorlage dem Proletariat sinnfälliger die Notwendigkeit der Eroberung der politischen Macht zum Bewußtsein gebracht als dieser Zolltarif. Es traf sich, daß die Regienmg den Zolltarif zu einer Zeit vor- legte, da über das deutsche Proletariat die schwersten Stürme der wirtschaftliche» Krise hinwegbransten. Weit über eine halbe Million Arbeitsloser lungerte frierend und darbend um geschlossene Fabrilthore, verödete Arbeitsstile und unbeschäftigte Arbeitsnachweise. Hunderttausende verzweifelnder Väter und Mütter wußten nicht, woher Brot nehmen, um die hungrigen Mäuler ihrer Kinder zu füllen oder Kleider zu beschaffen, um ihre Blößen zu decken. Wenn trotzdem die Blatter der preußischen Bich- und Kornjnnker mit großem Geschrei die Macher des Zolltarifs beschuldigten, die„dringendsten Forderungen der Landwirt- schafi" nur in einem„ganz ungenügenden Maße* erfüllt zu haben und deshalb den Zolltarif für„unannehmhar* erklärten, so zeigt solcher ivohl fast beispiellose Vorgang, ivie die jahrelange Volksfeind- liche Aifftation der agrarischen niid industriellen Jnteressencliqnen das öffcnlliche moralische Empfinden verwüstet hat. Als schließlich die Regierung zur Begründung des Torifgesetzcs bor den Reichstag trat, waren die Reden von der Ministcrestrade, ihrem Inhalte nach, noch kläglicher als die gedruckte Begründung, welche dem Himgcrgcsctz mit auf den Weg gegeben war. Man er- lebte das Schauspiel, ivie die Regierung, welche gegenüber den Forderungen der Arbeiter fast immer kräfiig„Nein* zu sagen weiß, vor den Agrariern förmlich um Entschuldigung bittet, ivcil sie ihrer, alle Dämme überflutenden Profitivnt, nicht noch größere Millionen- geschcnkc mache. Derselbe Reichskanzler, dessen Platz auf der Estrade bei der Besprechung unsrer Notstandsintcrpellation, bei welcher es sich um die Not der Proletarier handelte, leer blieb, fand beivcgle Worte für die„schwierige Lage*, in ivelcher sich„die deutsche Landwirt- fchast* befinde. Und nach der Rede des Reichskanzlers vollzog sich au den nenn Tagen der eisten Lesung des Zolltarifs eine Parade der Excellenzen, bei welcher überdies jede deutsche Einzel- regicrnng von der Bnndesratsestrade des Reichstags dem preußischen Junkertum und seine» Verbündeten die Honneurs machte. Aus die Schwäche der Regierungen trumpfte das Junkertnm mit Spott und Drohungen. Wie seine Vorfahren das„Auspochen* der Dörfer als ritterliches Recht betrachteten, so be- standen sie auf dem gründlichen„Auspochen" des arbeitenden Volkes, von welchen, sie sich dieses Mal durch Versprechungen und Vcr- tröstungeu nicht abhalten lassen wollten. Den kleinlaute» Ministern wurde von den junkerlichen Rednern abwechselnd bald die hohle Hand, bald die geballte Faust vorgehalten. lind aus allen Teile» der AnSbeutermchrhcit des Reichstags sprangen den Junker» Helfers- Helfer bei. In dem Zollkanipf erscheinen die einzelnen Fraktionen der ReichStagsmchrheit, bis zu den Nationallibcralc» hinüber, förmlich als Filialen des Bundes der.Landwirte. War es nun weiter kein Wunder, daß der hochschntzzöllnerische Beutezug auf die Taschen der armen Leute von den rheinisch-wcstsälischcn Schlotbaronen, der national-polnischen Slachta bis herunter zu den Anti- semitcn und Zünftlcrn unterstützt wurde, so mußte das Verhalten des Ccntrmns jedes sittliche Gefühl empören. Es verzichtete bei dieser -Gelegenheit selbst auf die gewohnten Kniffe und Pfiffe, niit denen es in den letzten Jahren jeden Volksverrat»och zu umhülle» suchte. Mit einer �Schamlosigkeit ohne Gleiche» schlug es sich offen auf die Seite der Brotbcrteurcr Was thnt's, daß sich unter den Centrumswählern zehntansende kleiner Bauern befinden, die von der Erhöhung der Agrarzölle nicht bloß keinerlei Vorteile, sondern direkte» Nachteil haben, was thnt's, daß das Centruni seine parlamentarische Stärke den Massen katholischer Judnslrie-Arbcitcr verdankt, aus deren Taschen die Not« groschc» genommen werden sollen, die sich für die Junker zu Wuchermillioncn summieren— das Ceutrum ging zu den Brot- Wucherern über. Das vom Ccntrum bei den Wahlen und im Reichs- tage so salbungsvoll im Munde geführte Christentum erwies sich hier als der irdene Topf, welcher zerbrach, als er mit dem eisernen der kapitalistischen AuSbentmigsiiileressen zusaimncnsließ. Wen» das Centrmn durch eine» seiner Redner sagen ließ, es wolle die Erträg- nissc des Gctrcidezollcs zu WohlfahrtS-Einrichtungen für die Arbeiter, z. V. Witwen- und Waiscuvcrsicherung, verwenden, so war das nur ein zweckloser Rückfall in die alten Roßtäuscherkuiffe. Schließlich muß auch der letzte katholische Arbeiler einsehen, wie infam er geprellt ist, wenn erst seine Witwe und Waise gezwungen lvird. die verteuerten Lebensmittel zu kaufe» und hernach aus dem Wucherprofit ein Almosen zurückbekommt. Bösartiger war es schon, als das Ceutrum durch einen andren Redner verkünden ließ, der deutsche Parlamen- tarisinuö werde im Orkus verschwinden, wenn es der Obstruktions- tqltik der Linken gelingen sollte, den Wuchertarif zu Fall zu dringen. ilks Lmirls" Das war nur eine Umschreibung für die damals und auch heute noch gehegte Absicht des Centrums, die parlamentarischen Rechte der Minderheit zu strangulieren, um dem verbündeten Junkertum seinen Wucherprofit zu verschaffen. Inmitten dieses widerwärtigen Feilschens um die Haut deS Konsumenten vertrat die Fraktion mit Würde und Wucht die �Jnter- essen der Arbeiterklasse. Ihre Redner erwiderten auf die Klagen der ostelbischen Junker über die Unrentabilität ihres landwirtschaftlichen Großbetriebes, daß dort, wo sie beklagt werde, neben den bekannten Gründen auch vielfach die miserable Bezahlung und Behandlung der Landarbeiter mit die Ursache sei, denn schlecht bezahlte und schlecht ernährte Arbeiter seien eben weniger leistungsfähig als andre. Die Notlage des Kleinbauern sei eine Folge der kapitalistischen Ent- Wicklung, die bewirkt habe, daß der Großgrundbesitzer dem Klein- dauern den Markt tvegnehme. Wenn tvir nicht dulden wollten, daß die Armen in Stadt und Land ausgebeutet würden zu Gunsten von 25 000 Großgrundbesitzern, so seien tvir andrerseits jederzeit bereit, Mittel zu bewilligen zur Verbesserung der Lage der kleinen Land« Wirte und namentlich der Landarbeiter. Hingegen würden wir niemals zulassen, daß jenem adligen Groß-Agrariertum, welches allein den Vorteil aus dem Zolltarif habe, unter dem falschen Schlag« wort:„Not der Landwirtschaft*, einseitig Milliarden-Profite in die Tasche geschanzt würden. Weiter kennzeichneten unsre Redner den Zolltarif dahin, daß die Hochschntzzöllncr der Landwirtschaft und die Hochschutzzöllner der Industrie sich gegenseitig Geschenke bewilligten, die aus den Taschen der Arbeiter genommen würden, und wobei man die Arbeiter mit der Phrase abspeise, daß mit hohen Preisen guter Verdienst Hand in Hand gehe. Thatsächlich würden jedoch durch die Preistreibereien für Hunderte Millionen Mark Judustrieprodukte lveuiger konsumiert iverden und diese Unterkonsumtion würde eine» enormen Rückgang der Löhne zur Folge haben. Der Zolltarif werde Deutschland auf die Bahn eines Agrarstaates zurückdrängen, uns vom Weltmarkt ab« sperren, dessen Deutschland bedürfe zu seiner ökonomischen Existenz. Arbeitslosigkeit und Elend, vermehrte Verbrechen, gefüllte �ncht- Häuser anstatt gefüllter Fabriken, Hungerkrankhcitcn und Verztveiflung werde das Los des Volkes sein, während der Reichtum einer kleinen Klaffe Besitzender riesenhaft anschwelle. Deshalb:„Im Namen der Gerechtigkeit, im Namen des Volkswohls, in die Grube mit diesem Entivurf!* Auch das parlamentarische Verhalten der Wncherparteicn, ihre verlogene Argumentation, ihre nichtsnutzigen Angriffe auf unsre Partei, mit denen sie die Schtväche ihrer Position zu verdecken trachteten, fanden eine wuchtige Kritik. Doch diese reaktionäre Rcichstagsmchrheit hat sich in der jahrelangen Schachermacherei um den Profit der herrschenden Klassen ein zu dickes Fell wachsen lassen, als daß sie auf den ersten Angriff eine Beute fahren ließe, die sie schon sicher in den Zähnen zn haben glaubt. Sie schimpft und tobt, sie lacht Und höhnt, um schließlich von ihren politischen Machtmitteln gegenüber der Arbeiterklasse rücksichtslos Gebrauch zu machen. Wie diese Reichstagsmehrhcit über des Volkes Not denkt, charakterisierte ivie ein grelles Schlaglicht jener Zwischenruf von den Bänken der Junker, als einer unsrer Redner die rührende Elendsgeschichte eines hilflosen Proletarierjnngen schilderte:„Der Vater hat vielleicht alles vertrunken!* Am nennten Beratungstage wurde der Zolltarif an die Kommission verlvicsen. Da die Beratungen dieser Kommission zur Zeit der Er« staltung des Berichts noch nicht beendet sind, erscheint ein Eingehen auf die bisherigen Kommissionsbeschlüffe unnötig. Auch in der Kommission sind tvir die einzige Partei, ivelche den Hochschutz« zöllnerischcn Bestrebungen unermüdlichen, planmäßigen Widerstand entgegensetzt. Wir sind dabei zumeist auf unsre eigne Kraft an« gewiesen. Die Mehrheit der Zollkommission geht in ihren Gelüsten auf Erhöhung der Zollniauer weit über das hinaus, Ivos die Regie- rung in ihrem Entwürfe bietet. Die Gefahr für die Wer- teuerung derLebenshaltung des Volkes und die V e r s ch l e ch t e r u n g a l l e r s e i n e r Ex i st e n z b e d i n g u n gen ist heute größer als eS bei der Einbringung des Z o l l t a r i f e s d e n A n s ch c i n h a t t e. Aber die socialdemokratische Fraktion ist gewillt, die Wucherpläne zu Schanden zn machen und sei die Phalanx der Volksfeinde noch so stark. RcichshauShaltöctat für daS Jahr 1902. Ter Reickishaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1902(1. April 1902 bis 31. März 1903) beläuft sich in Einnahme und Ausgabe auf 2 303183115 M.. nämlich „ 1 971 527 823 M. an fortdauernden, „ 180 560 473 M. an einmaligen Ausgaben des o r d e n t- l i ch e n Etats, u n d „ 151 094 819 M. an einmaligen Ausgaben deS außer- ordentlichen Etats. Hierzu kommt ein NachtragS-Etat von 1300 000 M.(Zu- schüsie zum Dispositionsfonds des Kaisers zn Gnadenbcwilligungcn aller Art— Pensionsznschüffe und Unterstützungen), der Haushalts- Etat der Schutzgebiete mit 37 402 496 M., so daß im ganzen die etatsmäßigen Ausgaben 2 MI 883 611 M. betragen, von welchen 113 200 439 M. durch Anleihen zu decken sind. Ans die einzelnen Ressorts verteilen sich die Ausgaben und Ein- nahmen des Etats für 1902 in folgender Weise: Fortdanerndc AnSgaben: Bundesrat..............—— M. Reichstag.............. 756 260„ Reichskanzler und Reichskanzlei...... 241 630„ Auswärtiges Amt........... 13 941 652„ Reichsamt des Innern......... 59 852 829„ Verwaltung des Rcichsheercs....... 568 473 624„ Reichs-Militärgcricht.......... 522 647„ Verwaltung der Marine......... 86 913 539„ Reichs-Justizvcrwaltung......... 2 143 774„ Reichs-Schatzamt........... 564 248 000„ Reichs-Eiscnbahnamt.......... 397 730„ ReichSschnld............. 93 654 160„ Rechnungshof............ 927 390„ Allgemeiner Pensionsfonds........ 74 494 701„ Reichs-Jnvalidcnfonds......... 46 305 017,, Post- und Tclegraphenverwaltiing..... 387 027 539„ Reichsdruckerei............ 5 990 531„ Eisenbahnverwaltung.......... 65 636 800„ Summe der fortdauernde» Ausgaben 1971527823 M. Einmalige Ausgaben. a) Ordentlicher Etat. Reichstag............—— M. Auswärtiges Amt......... 22 620 521„ Reichsamt des Innern....... 2 758 000„ Post- und Telegraphenvertvaltung... 12 976 653. Reichsdruckerei.......... 480 000, Verwaltung des Reichsheeres..... 55 724 181, Neichsmilitärgericht........——„ Verwaltung der Marine....... 79 778 550„ Reichsschatzamt.......... 15 000„ Ncichsschuld...........——„ Nechuuugshof.......... 409 000„ Eiseubahnverwaltnng........ 3 966 000, Fehlbetrag............ 1842 568„ Znr Vermindermig der Reichsschuld...——„ Summe») 180 560 473 M. ZiiNlldeiid. 2. jinpff 1902. b) Außerordentlicher Etat. ReichSamt des Innern....... 4 000 000 M. Post- und Telegraphenverivaltnng... 20 354 000„ Verwaltung des Reichsheeres,,»»» 29 528 995„ Verwaltung der Marine....... 00 346 000„ Eisenbahnverwaltung........ 13 620 000„ Expedition nach Ostasien,.,... 33 254 824„ Summe b) 151 094 819 M. Summe der einmaligen Ausgaben 331 655 292 M. g„ fortdauernden„ 1 971 527 823„ Summe der Ausgabe 2 303183115 M. Hierzu: Nachtragsetat 1300 000„ Etat der Schutzgebiete 37 402 496„ Insgesamt 2 34lgLSöll M. Einnahme». Zölle und Verbrauchssteuern..,;, 819 083 690 M Reichsstempelabgabe........ 94 598 000„ Post- und Telegraphenvertvaltung.,. 440 629 130« Reichsdruckerei.......... 8 107 000„ Eisenbahnverwaltung........ 89 786 500„ Bankwesen............ 13 429 200„ Verschiedene VerwaltungSeinnahmen.. 37 672 090„ Aus dem Reichsinvalidcnfonds.... 46305017„ Ausgleichungsbeträge........ 16 838 877„ Matrikularbeiträge......... 580639792„ 2 152 088 296 M. Außerordentliche Decknngsmittel.... 151094 819„ Summe der Einnahme 2303183116 M. Hierzu: Nachtrngsetat 1300 000„ Etat der Schutzgebiete 37 402 496„ Insgesamt 2 341 LSS 611 M. Die Etatsbcratnngc». Die Folgen der schlimmen Wirtschaftskrise zeigten sich für b a S Reich in einer Verschlechterung seiner Finanzlage. Von dem Rückgang der Einnahmen waren alle Gebiete der Reichsfinanzen betroffen. Die Reichsregierung. die in den Jahren des Aufschwungs in ihrer Finanzpolitik eine Zuversichtlichkeit zur Echan getragen hatte, als würden in Zukunft die Reichseinuahmen sich immer iir aufsteigender Richtung bewegen, ließ jetzt durch den Mund des Staatssekretärs im Reichsschatzamt die e r st e E t a t s- beratung einleiten mit einem langen Klagelied über die schlechte Finanzlage/ Allerdings kann die Regierung mit Fug und Recht sagen, daß sie den Karren der Reichsfinanzen nicht allein in den Sumpf gefahren hat, in welchem er mm steckt. Die bürgerliche Reichs- tagsmchrhcit und vor allem das Ccntrum, hat dabei wacker mit- geholfen. Die ausschweifendsten Wünsche der Militär-, Marine- und Weltpolitik sind mit ein paar fast bedeutungslosen Abstrichen bewilligt worden und wenn man in den guten Jahren die Ausgaben steigerte mit jeder Steigerung der Einnahmen, anstatt unfchlvar kommende schlechte Jahre' in vorsorgliche Berechnung zu ziehen, so sind diese belvilligungseifrigen Hurrapatriotcn der bürgerlichen Mehrheit an der Finanzklemme des Reiches mindestens ebenso schuldig wie die Regierung, die der reaktionäre BewilligungSeifer zn immer neuen Forderungen aufstachelte. Dieser Majorität pochte denn auch das böse Gewissen zu laut, als daß sie eine ernsthafte und eingehende Kritik der Reichs« Finanzwirtschaft der letzten Jahre gelvagt hätte. Mit billigen Redensarten drückte sie sich scheu um den Kern der Sache herum. Die Regierung machte es ihr leicht. Bereits am ersten Tage hielt der Reichskanzler seine bekannte Granitbeißer- Rede und versuchte, die Aufmerksamkeit von der innerpolitischcn Lage abzu- lenken durch den offiziellen Entrüstungsfeldzug wider den englischen Kolonial mini st er Chamberlain wegen dessen angeblicher Beschimpfung der deutschen Armee und durch ei» mit feuilletonistischcn Nichtigkeiten reichgespicktes Kolleg über den Drei- b u n d. Wenn der Verfall der Dreibundspolitik so offenkundig ist, daß die Späßchen des Reichskanzlers ihn selbst dieser Reichstags- Majorität nicht zn verbergen vermochten, so vermochte die Regierung sich noch tveit weniger Lorbeeren im Kampfe gegen den englischen Kolonialministcr zn holen. Wenige Tage darauf schraubte der Reichs- kanzler seine patriotische Entrüstung um einige Löcher zurück und gab dem englischen Militarismus eine Art Ehrenerklärung. Auch im englischen Heere gäbe es Männer, die zn sterben verstünden. Unsre Fraktion ließ sich nicht erst darauf ein, in derparlameutarischen Posse der bürgerlichen Parteien eine Rolle mitzuspielen. Ihre Redner unterzogen die Reischsfinanzpolitik der ihrZgcbührendenIK'ritik und zeigten, ivie jetzt schon das Reich, um das Loch in seinen Einnahmen zu stopfen, auf die Groschen der Konsumenten spekuliere, die sich durch die Erhöhung der Getreidezölle zu Millionen summieren sollten. Sie wiesen ferner hin auf den unglaublichen Gleichmut, mit welchem die Regierung jahrelang dem Hinauftreiben der Preise durch die Syndikate, ivie dem ganzen tollen Hexensabbat der k a p i t a- listischen Produktionsanarchie zugesehen habe, dessen natürliche Folge der ivirtschaftliche Rückschlag ist. Die Uuthätigkeit der Regierung gegenüber der A r b e i t c r- W o h n u n g s f r a g e, die Art, tvic sich der Staat selbst an der Verschlechterung des Arbeitereinkommens beteiligt, so z. B. indem der preußische Eisenbahnfiskus gleich mit Eintritt der Krise den Arbeitern die Löhne kürzte— dies alles fand scharfe Kritik. Gleichmäßig lvar dies der Fall in Bezug auf die brennendsten politischen Tages- fragen, tvobei unsre Redner überdies noch, als ein Teil der bürgerlichen Abgeordneten sich, angesichts der Ernennung des jugendlichen Herrn Spahn zum Professor in Straßburg, als Vorkämpfer für die bedrohte Freiheit der Wissenschaft ausspielen wollten, nnt Recht darauf veriveisen konnten, ivie sich das- selbe Bürgertum den Teufel um die Freiheit der Wissenschast ge- kümmert habe, als es galt, den Genossen Dr. Arons vvn der Uni- versität ivegznmaßrcgeln und dem Genossen Dr. Conrad Schmidt unmöglich zu machen, als Privatdozenl in Leipzig lhätig zu sein. Als unsre Redner das A n lv a ch s e n d e S M i l i t ä r- und M a r i n e- E t a t s, das U e b e r lv u ch e r n des M i l i t n r i s m u s sotvie die abenteuerliche W e l t p o l i t i k besprachen, ergriffen sie auch die Gelegenheit, eine nochmalige gründliche Abrechnung über den Rachezug»ach China vorzunehmen. Es entspricht dem ganzen sonstigen Verhalten der bürgerlichen Parteien während des Chinazuges. daß sie auf die Ausführungen unsrer Redner sachlich fast gar nichts zn erwidern hatten. Bei der Beratung des Etats des Reichstages kam es zu einer Kritik des Verhaltens des Bundes rares gegenüber dem Reichstage bei den Verhandlungen über Initiativanträge. Obtvohl gerade die Initiativanträge der Parteien die dringlichsten Fragen betreffen, stellt sich ein hoher Bundesrat so, als gingen ihn diese Beratungen gar nichts an. Durch demonstratives Lcerbleiben der BundeSratsestrade wird dem Reichstag gezeigt, daß er in den Augen der Regierungen nur in Betracht kommt, ivcnn es sich um Beratung von Regierungsvorlagen handelt. Unsre Fraktion rügte dies durch ihre» Redner in nachdrücklichster Form und zeigte an dem Beispiele deS Reichstngs-Jnitiativantrags: Sicherstellung des Wahlgeheimnisses) ivie die Regienmg Forderungen des Reichstags unbeachtet läßt. Bei der Beantlvortung dieser Rede entschlüpfte dem Reichskanzler das er- heiternde Eingeständnis, die Mitglieder des Bundesrats stimmten im Bundesrate nach Instruktionen ihrer Regierungen, seien aber häufig gar nicht in der Lage, zu sagen, weshalb ihre Stimmen für oder gegen einen Antrag abgegeben iverden. Diese kleine Offeubarung aus den Mysterien des Bundesrates verdient ivohl beachtet zu werden. Eine schonungslose Abrechnung mit der Regierung über die Reichs-Socialpolitik nahm unsre Fraktion vor bei der Etatsberatung des ReichömntS deö Inner». Dafür glaubte Graf Posadowsky «US eine Vorlesung halten zu müssen über die parlamentarische Ber- tretung der Arbeiterintercsscn, welche mit der Objektivität aeschthtn «lüss«, di« notwendig sei, um in gesetzgebeiidc» Kvrpctschuften die Geschäfte zu fördern. Nock Objektivität ichrcien unsre Gegner stets, wenn sie auf uusre Angriffe nichts zu erividern Haben, und die verlangte Objektivität bedeutet in diesem??alle nichts andres als 'der Wunsch»ach einer recht zahmen Kritik, der die Spitzen ab- gebrochen, die Schärfen abgeschliffen sind. Wir haben keine Arsache, solche„Objektivität" zu üben. Ist doch gerade die schonungslose Schärfe unsreö Kritik zu alle» Zeiten Sporn Und Peitsche gewesen, die Negierung und herrschende Parteien deS Klassenstaates zu Tbaten angetrieben habt». Für' die Fraktion hiefs« eS gerade ihre schneidigsten und' wirksamste» Waffen beiseite legen, tvenu sie im Sinne unsrer Gegner„objektiv"' werden wogte. Der Appell an die„Objektivität" kann uns daher nicht rühren; wir werden auch fernerhin auf einen Schelmen anderthalbe setzen. So verhielt sich auch dieses Jahr die Fraktion wieder bei der Kritik der Reichs-Socialpolitik. Unser Generalreduer machte zunächst einen allgemeinen Angriff auf die Socialpolitik des Reichs- amts deS Innern. Er führte dem Reichstage den Schneckcnschritt derselben vor Augen, der seinen Grund findet teils in der Lauheit, teils in dem direkten Widerwillen, mit welchem die herrschende» Klassen bei uns Socialpolitik treiben. Sie darf den Unternehmern kein Geld kosten, ihre Ptachtvesugnisse nicht schmälern, soll dabei aber die Arbeiter„zufrieden" machen.'Während die Arbeiterllaffe, gestützt auf ihre Organisationen, machtvoll vorwärts drängt, suwen Regierung und herrschende Parteien zu bremsen wo fie irgend können. So giebt das ReichSamt deS Innern den Fabrikinshektoren auf, sich nicht inehr über die allgemeine Lebenslage der' Arbeiter, über Ernährungs- Verhältnisse und dergleichen i» ihren Berichten auSzuspechcn. Freilich I Solche festgestellten Thatsachcn könnten ja von uns zur Begründung des Verlangens nach Verbesserung der Lebenshaltung der' Arbeiter verwendet werden I Zu der Unlust der herrschenden Klaffe an socialpolitischen Thaten gesellt sich der Einfluff des Ausbeutertums. den uuscr FraktionSredner a» einer summarischen Zusammenstellung der 12 000 Mark-Affaire noch einmal wirkungsvoll demonstrierte. Unsre iveiteren Fraktions- redner wandten sich alsdann den einzelnen Gebieten der Social- polUik zu. Gerade bei dieser Einzelbetrachtung zeige sich, lvie un- zulänglich� das Geschaffene ist und unter ivelchen gräulichen Miß- ständen die herrschende Klasse bei uns zu Lande das Proletariat, das ihr doch alle Werte schafft, leiden läfit, ohne auch nur eine Hand zur Abstellung dieser Mißstände zu rühren. Die einzelnen Fraktionsredner zeigten, wie viel auf dem großen Gebiete der Ge Werbehygiene noch zu thuii ist. ans welchem das Interesse der Unternehmer an der ungezügelten Ausbeutung der gekauften Arbeitskraft, dem wirksamen Ärbeiterschutz hindernd im Wege steht. Viel würden die Arbeiter selbst durch ihre Organi- sationen zu bessern im stände sein, aber das Koalitions- recht wird ihnen fortwährend illusorisch gemacht. Zahlreiche Bei- spiele aus der Reihe der gewerkschaftlichen Kämpfe führten unsre Redner dafür an. Die Anfeindungen und Be- schränkungen des Koalitionsrechtes, die Maß- regeln» gen und Bestrafungen der Arbeiter, welche von dem Koalitionsrechte gegenüber dem Unternehmertum Gebrauch machen, bedrücken die Arbeiterklasse um so ntehr, als das Unter- nehmcrtnm, in seiner Sucht nach möglichst gründlicher Auspowerung der Arbeitskrast, fortgesetzt Verstöße gegen die bestehenden Bestimmungen znm Schutze der Arbeiter begeht. Die Berichte der G ewcrbe-Aufsicht enthalte» darüber alljährlich eine Fülle von Material. Es würde noch größer und für das kapitalistische Ausbeutertum beschämender sei», ivenn nicht das Bestreben vorherrschte, die Berichte der AnfsichtSbeanitcn an Wert nnd Bedeutung zu verkleinern. Unsre Gedner beklagte» sich über die immer mehr hervortretende sunimarische Kürze dieser Berichte, die nicht dazu da seien, die Bibliotheken zu füllen, sondern das Material für die richtige Socialpolitik zu bilden. Weiter zeigten die AnSfühningen unsrer Redner über den gesetzlichen M a x i m a l a r b e i t s t a g, die Kinderarbeit, die Frauen arbeit, die gewerbliche Nachtarbeit, Arbeitsamt, Arbeits st ati st ik und die zahlreichen anderen Gebiete der Socialpolitik, wie viel derselben noch zu thun übrig bleibe. Znm Titel Reichs-GrsnndheitSauit besprach ein Fraktion?- Mitglied, wie dies schon früher von ihm geschehen ist. die Zustände in den öffentlichen Krankenhäusern. Unser Redner brachte viel Material bei, welches die Ver- besserungsbedürftigkeit dieser Zustände kennzeichnete. Selbst Vertreter bürgerlicher Parteien mußten ihm dabei recht gebe» und auch der Staatssekretär nannte die Thalsachen erschütternd, wenn sie sich bc- weisen ließen, verwies im übrigen aber die Beschwerden an die Landesregienmgen. Die Mißstände haben vielfach ihre Ursache in der schlechten Bezahlnng des Personals. Darüber haben unsre Gegner eigenartige Ansichten, denn ein nationalliberaler Redner, der Abg. Franken-Schalke, begegnete dem Vortvnrfe mangelhafter Bezahlung mit dem Einwände, daß christliche Nächstenliebe und Aufopferung überhaupt nicht mit Geld zu bezahlen sei. Unsre Fraktion hat sich ein Verdienst erworben, diese Dinge, denen bisher der Reichstag nie seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, zur Sprache gebracht zu haben. Ist es doch in erster Linie der erkrankte Proletarier, der unter ihnen leidet. Ihm bessere Pflege zu verschaffen, ist ein Gebot der einfachsten Menschlichkeit. Unser Erfolg wird noch größer sein, wenn die Ge- »offen in den einzelnen kommunalen Körperschafte» gerade der Frage der öffentlichen Krankenpflege ihre besondere Aufmerksamkeit zi>- tuenden werden. Das Kapitel: Statistisches Amt gab unsrer' Fraktion die er- wünschte' Gelegenheit, zur Gründung der neue» a r b e i t S- ft a t i st i s ch e n Abteilung beim S t a t i st i s w e n A in t, die cm Stelle der früheren Kommission für Arbciterstatistik getreten ist, Stellung zu nehmen. Diese Ncugründnng ist ivieder ein Beiveis dafür, lvie die allnuihlichc Ausdehnung der socialen Gesetzgebung dazu drängt, die ganze Socialpolitik vom Reichsanit des Innern loszulösen nnd ei» besonderes Rcichsarb e ilsamt zu schaffen. Unser Redner gab diesem Gedanken Ansdrufl und bezeichnete die Gründung als eine Etappe auf diesem Wege. Er wies ausdrücklich hin auf die von der Scharf- macher-Presse ausgesprochenen Hoffnungen, daß eS sich bei der Gründung um eine Einschränkung der Kompetenzen der früheren arbcitsstntistischcn Kommission handle. Dergestalt provozierte er eine Erklärung des Staatssekretärs, daß die Abteilung die- selben 3t echte haben sollte lvie die frühere Kom- ni i s s i o n. Unser Redner verlangte noch ein Hinausgehen über diesen Rahmen und für die Abteilung einen festen Beirat aus Unter- nehmer». Arbeitern und einer Anzahl Gewerbe-Jnspektoren. Aber wie die ReichS-Socialpolitik immer, wenn sie einen Schritt vorwärts macht, sich sorgfältig hütet, nnsren Wünschen ganz entgegenzukommen, fo auch diesmal. 3iur von Fall zu Fall sollen, aus Antrag einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern der Abteilung. Unternehmer und Arbeiter zugezogen werden. Beim Kapitel: Ncichs-VcrsichcrnngSaint übte unsre Fraktion durch ihre Redner eine geharnischte Kritik an den Unfall- B e r u f s g e n o s s e» s ch n s t e n nnd an ien Betriebs- Unfällen. Unsre lltediicr griffen die Bernfsgenossenschaften heftig an, die ihren Ehrenvorsitzende» und Vorsitzenden tvahre Minister- gehälter bezahlen. 10 000 M, JahreSgehall. freie Dienstwohnung, Garten, Heizung nnd Beleuchtung, 3000, 1000, 5000 M, Jahres- geholt sind keine Seltenheiten. Im Gegensatz hierzu beziehen die Unterbeamten bescheidene Gehälter, nnd die Entschädigungen, ivclche den Arbeitern für erlittene Unfälle zuerkannt werden, sind kein Ersatz für die Einbuße an Arbeitskrast. Die Statistik der Unfälle spricht ganze Bände von dem Elend der Arbeiterklasse, dem llilisiko, welchen,' der Arbeiter im Pro- duktionsprozesse ausgesetzt ist. Von Jahr zu Jahr ist die Zahl der Tote» und Schwervertvundcten anf dem Schlachlsclde der Industrie gewachsen. Die täglichen Unfälle betnigen im Jahre 1896: 6989, 1897:7287, 1898: 7848, 1899: 7999, 1900: 8449. Die Zahl der Verwundeten betrug 1896: 85 272, 1897:91171. 1898: 96 774, 1899: 104 81t. 1900: 106 447, Im Durchschnitt der Jahre 1886 bis 1899 entfiele» auf den cinzelneu Arbeiter pro Tag l�/w Pf., 1900 sogar nur 1,07 Pf. Entschädigungen. Ans die Feststellungen und dir Kritik unserer Redner antworteten pie im Reichstage sitzenden Veureler des Unternehmertums zwar mit darauf nichts andres Großmächte gegen die gewandt hätten und eine führende Rille zu heftigen Angriffen anf»»sie Partei, konnten jedoch di» angeführten Thatsachen nicht«ntkräfteu. Sie reden eine z» etlidriiigliche Sprache und zeigen, lvie votivcndig es ist, das einzige Eigentum des Proletariers, seine Arbeitskraft, bester ztt schützen vor dein 3iaUbhali, den da» Uniernehmertum mit ihm treibt, Mit der Beratung des Etats des Nnswiirtlgen NlllteS fiel auch die Beralung des Etats flir die Expedition Nach Ost- Asien znsanimen. Sind doch auch die Opfer an Geld und Mensche», welche der KtiegS« und lliachezug nach Ostasten erforderte, eine Folge der Anslandspolitik der letzten Jahre. Es wurden vom Volke an einmalige» Kosten 950000 M., an laufenden 24 900 000 M, gefordert. Die ReichStagSInehrbeit strich, nach dem Vorschlage ihrer Konmiissio», die ersteren ans 546 000, die letzteren aus 20 000 000 M. Im übrige» war sie befriedigt von den„Auf klärnngen", die sie ans des Grafen Bülow Mund über den Gang der ausivärtigen Polilil bekam. Alles in fwönster Ordining. Deutsch lands Regierung ist Maßvoll, bejonnen, klug, energisch, sie verfolgt in China bloß wirtschaftliche Interessen, sie verfolgt die Politik der „offenen Thür", aber— die militärische Besatzung mutz drüben bleiben. Unser Redner stellte demgegenüber die wirkliche Lage der Dinge fest Die ostasiatische BesatznngSbrigade sei nichts andres als der Anfang einer Kolonialarmee, deshalb werde von uns der AuSgabetitel völlig abgelehnt werden. Es gäbe nichts Widerspruchsvollere» als die AnSlnndSPolitik der Regierung im Hinblick auf den Zolltarif. Auf der einen Seite geschehe die Ausgabe von Millionen und Abermillionen znm„Schutze der deutschen Interessen im Auslände", auf der ander» Seile umschließe man sich mit einer chinesischen Mauer, so daß Handel nnd Industrie überhaupt nicht in die Lage kommen könnten, diesen Schutz anzurufen. I» gleicher Weise griff ein andrer FraktionSredner bei der Beratung deS Etats deS Auswärtigen Amtes die Auslands- und China-Politik der Regier linq an. Während die Alldeutschen und Antisemiten, die bisher die Grenellhaten im iüd afrikanischen Kriege zum Ausgangspunkte ihrer mordspatriotischen EnglandShetze genommen hatten, schwiegen, nagelte unser Redner die Regierung auf ihre Utttcrlaffungssüudeii fest. In dem brutalen Beute krieg i» Südafrika habe England schivere Verstöße gegen die Haager Verträge begangen und eS wäre Pflicht der deiltschen Regierung, die die Haager'Konferenzakten niitunierzeichnet habe, gewesen, hier zu intervenieren. Der Reichskanzler wußte zu erividern, als daß ja andre englische Kriegsführung auch nichts ein Deutschland habe leine Ursache, hier Übernehmen. Schwieriger war eS ihm fchon, die W e g n a h m'e der astronomischen I n st r n m e n t e von Peking zu rrchlfertigeu, woran unser Redner eine ver- uichtcude Kritik übte. Aber der Reichskanzler kennt die Reickstags Mehrheit. Er verlegte sich deshalb auf die diplomatische Seite und setzte auseinander, daß die Instrumente mit voller Zustinmiung der chinesische» Regierung in unsren Besitz übergegangen seien und eine Zurückweisung würde zweifellos die Kaiserin-Witwe von China, die eine sehr intelligente Dame sei. bei ihrer richtige» Einsicht in die politische» Verhältnisse, aufs höchste verletzen. Bei den bürgerlichen Parteien schlug dieser Grund durch. Keine fand den Mut, sich unserm Verlangen anzuschließen, die Jnslniniente zurückzugeben. Der Militärctat beziffert sich im laufenden Jahre nach den Beschlüssen des Sieichstags anf 568 473 624 M. an fortdaneriidcn Ausgaben, 55 724 181„ an einmaligen ordentlichen Ausgaben, 29 528 995. an einmaligen anßerordcntlicheii Ausgaben zusammen 653 726 800 gegen das Vorjahr»m 20 Millionen Mark weniger, eine„Ersparnis", zu welcher die Reichstagsmajorität durch die schlechte Finanzlage gezwungen wurde. Bei der diesjährige» Beralung deS Militäretats nahm unsre Fraktion wieder in scharfer Weise Stellung gegen den Duell» unfug. Er hat feine» Sitz in den Offizierskreisen nnd geht von hier i» die bürgerlichen Kreise derer über, deren„feineres Ehr- gefühl" einen angethanen, oft nur leichten Schimpf, nickt durch den Urteilssprilch des Richters korrigieren läßt, sondern hauend oder knallend den„Schimpf" mit„Blut abivaschen' lvill. Gegen den Ducllunfug erschöpft sich die Reichstagsmehrheit in lahmen Resolutionen und geht hierbei bewußt nm den Kern der Sache herum. Denn die schärfere Bekämpfung des Duells würde sofort eingetreten sein, ivenn man sich nur dazu verstehen Ivollte, die bestehenden Strafgesetzbuch-Paragraphen gegen die Dncllantcn nach Gebühr zn handhaben. Weiter trat»»sie Fraktion energisch mir gegen die zunehmenden Soldaten- Miß- Handlungen, und es ist ebenso bezeichnend, daß nur die Social- demokratie a» Ouälcrcien der Soldaten energische Kritik übt, wie daß wir alljährlich neue kraffe Fälle festzustellen in der Lage sind. Neben den viele» einzelnen Veschiverdepnntle», die wir durch nnsre Redner vorbringen ließen, nahm die Fraktion auch Vcranlasiung, dos ganze militaristische System, dessen Kostspieligkeit die schleckte Lage der RcichSsinanzen ganz lvesentlich verursacht hat, vom principicllcn Standpunkte aus zu bckämpscu und die Einführung der Volksivehr o» Stelle des sleheiideii HcereS zu verlangen. Eine große Siolle spicllc bei den Debatten der G u m b i n n e r Prozeß. Für unsre Fraktion gesellte sich zu der sachlichen Aus- eiiiandersitzuug mit der Militärjusliz. wegen deren Verfahren wider die Unterossiziere Marten nnd Hickcl in Sachen der Ermordung des Rittmeisters Krosigk,»och eine persönliche Abrechnung mit dem Ver- leidiger des Verfahrens der Militärjustiz: dein Geheime»Kriegs- rat' Ro nie». Dieser Jurist, welcher der weitereu Oeffentlichleit bekannt wurde, als er in seiner Hamburger StaatSmiwaltszeit zu dem Ausspruch kam: die Socialdemolraten seien schon als solche deS Meineids verdächtig, ist inzwischen bis zum Geheimen Kriegsrat avanciert und diente m»i auf der BundeSratseftrade als juristischer Beistand des KriegSininisters gegenüber dein Reichstage. Tie Fraktion bc- leitete ibin eine schwere Niederlage und führte die Kritik des Ginn- binner Einzelfalles zn einer Kritik des ganzen Systems derMilitär- Strasprozeß-Ordiinng binüber. Wir verlangten durch unsre Siedner sobald als möglich eine Sievision des Militärstrafverfahrens mit dem Ziele der Abickaffung des Gerichtsherrn und der völlige» Oeffentlichleit des Verfährens.' Der Marinc-Etat beziffert sich in diesem Jahre nach den Be- schliisse» deS Reichstages ans.. 86 913H39 M. an.fortdauernde» Ausgaben, 79 778 550.„ an.einmaligen, ordentlichen Ausgaben, 50 346 QOO_ an cinuialigc» außerordentlichen Ausgaben zusammen 217 033 689 M. gegen 207 000000 M. im Borjahre. Was somit der RcickStag beim Militär-Etat„erspart" hat, ist bereits zur Hälfte beirn Marine-Etat' ivieder hiiizngekommen. Die Verhandlungen über'den Marine-Etat waren in diesem Jahre mit großer Spännun'g erwartet worden. Kurz vorher war uüser Cenirolorgan in die Lage gekommen, einen Marine- Erlaß des Herrn v. Tirpitz zu veröffentlichen, der vom 6. Januar 1902 datiert, klar zeigte, daß die Regierung sich bereits lvi„der mit dem Plane neuer Flötlenfordcrinigen trägt. Als 1899 bis 1900 der damalige Flottenplan durchgedrückt wurde, beteuerte die Regierung, die Ausführung desselben sei möglich ohne neue Steuern. Als das Celltrum gar neue Steuern direkt anbot, lehnte der Staatssekretär des Rcichs-Marineamts sie weit von sich ab. Jetzt aber sagte sein Erlaß: Eine parallel laufende planmäßige Steigerung der Jndieiist- Haltungen, im besonderen der möglicklst beschleunigte organiiatorische Aufbau der Schlachlflotte, mußte in den Berechnungen vorläufig außer acht gelassen werden, da eine dem anwachsenden Schiffs- bestände eiltsprechende Steigerung der Jndlensthaltungen für die Jahre 1905—1910 so höh? Bedarfszahlen für die„Fortdauernden Ausgaben" ergeben halte, daß die Flottenvorlage ohne neue Stenern nicht d» r ch f ü h r b a r geivesen und infolgedessen aufs äußerste gefährdet worden iväre." Hier war also mit dürren Worten gesogt, daß der Wasser- Militarismus, als er 1399/1900 seine Floltenvorlage einbrachte, nach einem in seinen Grun'dziigen fertigen Plan handelte, der in Wahr- beit eine w e i t g r ö ß e r e Forderung als die aufgestellte vor- sah/ Dieser umfassende Plan Ivurde dem Reichslage verschwiegen, mau liest ihn in dem Glauben, dast die eingebrachte Bor» läge die ganze Forderung sei. während sie doch in Wahrheit nur ei» Teil derselben war. Man versicherte, diese Borlage � sei ausslihrbar ohne neue Stenern und die SIeichstagsniajorität, in den, Glanben. ein abgeschlossenes Ganzes zu bewilligen, stimnil« zu. Die Wasjerpoliliker der Regierung steckten schmunzelnd das Bewilligte ein; wußten sie doch besser als der ahnungslose Reichstag, daß das dicke Eude»achkommen werde. Und es wird bald kommen, denn in den» Tirpitz-Erlasse heißt eS iveiter: „Nach den bisherigen Alffichtel, soll dem Reichstage im Winter 1904 bis 1905 eine Novelle zum F l o t t e n g e s e tz e vorgelegt werden., Der Inhalt der Novelle selbst wird sich zwar nur auf die zahlenmäßige Vermehrung der Auslandsschiffe erstrecken, die beizufügende Begründung aber wird 1. de» Echiffsbauplan für die uächstei, fünf Jahre(1906—10), 2. einen Ueberblick über die Entwicklrnig der Gesaintkostcn der Marine innerhalb dieser Bauperiode(1906—10) geben müssen." Daß die Marinepolitiker der Regierung diesen zlveiten Teil ihres fertigen FlottenvermehrmigSplaiieS auch nicht ohne neue Steuern glauben durchführen zu können, bewies schließlich noch der folgende PassnS des Tirpitz-Erlasies: „FallS im Winler 1904/05 die finanziellen und innerpolitischen Verhältnisse deS Reiches dieS irgendwie gestatten, wird man den Versuch machen müssen, in der vorzulegenden Bc- gründung zur Flotteimovclle die planmäßige Entwicklung der I n d i e» st h a I t u n g e ii in den Jahren 1906— 1910 dem wachsenden Schiffsbestand und dem zu beschaffenden Berufspersonal anzupassen und zn diesem Ziv eck eine ausreichende Steigerung der.fortdauernden Ausgaben" in den Berechnungen vorzusehen. Man konnte mit Recht gespannt sei» ans die parlamentarische Auseinandersetzung über diese allerneucste Marincpolitik, die den Reichstag als eine bloße Jasage-Maschine einschätzt, indem sie ihm lvesentliche Dinge vcrschlveigt. Aber der Staatssekretär des Reichs- Mariiie-AintS that, als ob gar nichts geschehen sei. Er gab den markanten Sätzen deS Erlasses eine Deutung, als ob er. der Staatssekretär, gegenüber viel lveitergchcnden marinistii'chen Forderungen gebremst habe und spielte so den Wortlaut des Erlnffes auf das übliche..Mißveiständnis" hiiianS. Koimle man von dem Staatssekretär angesichts der ganzen Lage der Dinge etivas andres nicht ivohl erivarten. so ivar dafür die Haltimg der Rcichstags-Mehrheit eine um so lläglichere. Oft klagen auch die Vertreter der bürgerlichen Parteien über das geringe Ailschcu, Ivelches der Reichstag genießt. Wäre es ihnen aber ernst damit, das Ansehen des Reichstags zu heben, so müßten sie sich niit Entrüstung gegen die Rolle erheben, in ivelche die Marinepolitiker der Regierung de» Reichstag gedrängt haben. Statt dessen halfen sie eifrig, die Regier nng her au»« zuhauen. Selbst die allerloyalsle Opposition der bürgerlichen Linken, mit einziger AnSnahme des Führers der Freisinnigen Volkspartei, glaubte dem Marineminister aufs Wort, daß sein Erlaß nur ein Beweis dafür sei, wie sehr er bei den letzte» Marineforderimgen„ge- bremst" habe.„Voll Furcht nnd Hoffunng, ein hohler Darm", so zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit wieder die bürgerliche Opposition. Vollends die Natioualliberale» und das Centrum dachte nicht daran. an den Mnriiicmiiiistcr auch uur ein Wort der Kritik zu verlieren. Sollte sich das Ceiitrnm zum zweite» Male als der„blamierte Europäer" vorstelle»? Sollte man sich vor dem Volke zum Mit- lviffer der Geheimniffe der Marinepolitik mache» nnd zugeben, man habe schon 1900 gewußt, daß die laufenden Einnahmeii nicht ge- »(igten und deshalb ei» Stcuerbouqnet präsentiert iverdcn ivird? Das ging nickt an. Folglich nahm man die Rcgienmg in Schutz und schlug Lärm wider die Socialdemokratie. In letzterem über- »ahmen die edelsten konservativen Junker die Führung. Sie schrien über socialdcnlokratischcn Brief- und Aktendiebstahl und ihre Redner gcberdeten sich so sittlich entrüstet, als ob eS nie einen Oh», und Gödsche, einen Lindenberg und Tesche» gegeben habe. Unsre Fraktion sorgte jedoch dafür, daß diese kleinen Kniffe nicht verfingen. Uusre Redner kemizeichneten den Vorgang als das waS er war und geißelten das Verhalten der bürgerlichen Parteien, so daß diese lvie die geprügelten Pudel auS der Debatte hervorgingen. Der Kolonial-Gtat erfordert In diesem Jahre bei einer Gesamt- summe der Einnahme» und Ausgaben von 37 402 496 M. einen Reichszuschnft ans den Taschen der Steuerzahler von S»i)(n 600 an. Im Etat für 1002 betragen die Eiilnnhiiie» und der Ausgaben Reichsznschllß für das ostafrikanische Schutzgebiet. 8 051 496 M. 4 865 200 M. , Kamerun.........4 236 600„ 2 205 100„ . Togo.......... 1650000, 1015000. , das südwestasiikanische Schutzgebiet......... 0458 000, 7634 900, , Neu-Gninea....... 822 000- 722 300, , die Karolinen, Palan-Juseln und Mariannen....... 388 100„ 305 900„ , Samao......... 441 400, 170 400„ . Kiaulschou........ 12 404 000» 12 044 000» .Summa. S7 402 496 M. 28 061 600 M. Besser al» lange Ausführungen zeigen diese Zahlen die Wert- losigkeit uusreS kolonialen Besitzes, der sich nicht durch seine eignen wirtschastlichcn HilsSlräft«, sondern nur durch die Z u w e n d u n g e>, au» den Taschen der deutschen Steuerzahler erhält. Die Kolonialpolitik, die Begleiterscheimnig der Marine- und Welt« Politik, ist eine Last für das Volk, aber ein gilteS Geschäft für dte herrschende» Klanen. Der Reichsziischuß sichert Reedern und Großkauf- lcuten profitable Lieferungen und Leistungen aller Art. Dabei riskieren sie keinen Pfennig. Im umgekehrte» Verhältnis zu dein„patrioti- scheu" Eifer, mit lvelchem die Mehrheitsparteien die Reichsznschüsse bald„im Interesse der Missionen", bald„in, Interesse der ivirt- schaftlichen Erschließung»nsrer Schutzgebiete" verlangen, steht die weise Vorsicht, mit ivelcher die„patriolischen" Kapitalislen sich hüte», auch nur eine» vcrdannnte» Heller aus eigner Tasche in de» Kolonien anzulegen. Anf die Länge der Zeit belvirkt der Besitz der Kolonie» das Heranlvachsen einer besonderen K o I o n i a l b n r e a u k r a t ie, die dem deutschen Steuerzahler ebenso kostspielig zu werde» verspricht wie der K o l o n i a l- M i l i t a r i s m u s. Für die Kolonien ist die ReichStagSmajorität mißerordeiitlich freigebig. Hat sie in diesem Jahre doch sogar einer„Auskunftsslelle für Auswanderer", deren Verwaltung sich in den Händen der privaten und noch dazu Partei- politischen„Deutschen Kolonialgesellschaft" pefindet, 30 000 M. erstmalig bewilligt. Diese AnskniislssteNe ist ein Werbebureau für die Auswanderung in die afrikanischen Kolonien. Nachdem mm die ReichstagSmehrhcit eimnal Zuschuß beivilligt hat, werden weitere Forderungen nicht auf sich warte» lassen. Für die Kolonialbnreankratie genügen bereits die Räume iin AiiSivnrtigen Amte nickit mehr. ES wurden deshalb die Grundstücke Wilhelniftraße 62 nnd Maiierslraße 45 46 zn Berlin, die der Fürstin Luise von Hoheiizollmi gehörten, angekauft, um dort die Die n st• g e b ä n d e der Kolonialverwaltung einzurichten. Für diesen Zweck bewilligte der Reichstag einen Kaufpreis von 2>/s Mil- licumi Mark(erste Rate 1 278 000 M). Von unserm Redner Ivurde der Wert der Grundstücke auf höckistens l'/e Millionen Mark taxiert und vor dem Kaufe gewarnt. Aber die Mehrheit bewilligle in namentlicher Abstiinmnng,»nter braver Mitwirkung vor allem de» CenlrumS, der Antisemiten, Nationalliberalen und freisinnigen Ver» einigung. die verlangte Summe. 'Ebenso bewilligimgSfroh war diese Mehrheit bei allen sonstigen Forderungen für die Kolonien. Für eine T e l e g r a p h e» l i n i e von Dar es Salaau,»ach Tabora beivilligte sie einen Znschllß von 168 000 M. und ans den Mitteln der Reichs-Post» Verwaltung als erste Rate 300 000 M. Dagegen fand sie sich mit allen Klagen über die Zustände in den Kolonien leicht ab. Unser Fraktionsredner konnte über grausame Miß» Handlungen von K a in e r u n e r Eingeborenen berichten. Solche als Arbeiter anf Plantagen vcrioendetc Schwarze waren wegen irgend welcher Bergehen gepfählt, ihre Hände mit Spiritus BcgofTen u»d dieser darauf anaezündet Ivorden. Diese Dinqe konnte der Kolonialdirektior nicht bestreite»: er berwieS nur darauf. don die betreffenden Kaufleute bestraft Ivorden seien. Die That- fache aber, dast solche EransaNikeiten seitens der Europäer sich iliiiner wieder et« innen, zeigt doch au, besten, von welcher Art die„Kultur" ist, die die Europäer dort drüben verbreiten. Andrerseits verstehen sich die Eingeborenen andrer Kolonien, so §. Samoas, darauf, den deutschen Geldbeutel auszunntzen, als ob sie waschechte ostelbische Agrarier wären. So klagte die NegieruNg selbst über die Begehrlichkeit der Häuptlinge, die für die Erhebung der Kopfsteuern Gehälter verlangen und„Liebesgaben und Geschenke" haben wolle». sGouvernenr Dr. Solf.) Auch an der asiatische» Küste wird der Loden von Kiautschou bearbeitet niit immer erneute» und vergrvherlen lvitllioncnopfern au« den Taschen der deutsche» Steuerzahler. Dabei ist eine danernde »illitärische B-sahnng nötig, um Deutschland den„kostbaren" Besitz zu erhalten. Die Fraktion hat daher auch gegenüber der Kolonialpolttik auf ihrem allen Standpiinkte verharrt: dieser kapltalistisch-niilitaristischcn Kolonisation keine» Mann und keinen Groschen. Die Zölle«nd VcrbranchSstcnern erreichen für das RechtimigS- jähr 1302 folgenden Betrag: Zolle................ 483 051 000 M. Tabaksteuer............. 12108 000„ Znckersteuer............. 114 897 000, Salzsteuer............. 49 320 000, Branuliveiiisteucr: a) Maischbottichsleiicr 16 863 000 b) Verbrauchsabgabe und Zuschlag 110 592 000 m 455 000 Brauste,>er und UebergangSabgabe vom Bier. 31 580 000 l Aversa(Abfindungen der aubcrhald der Zoll». grenze liegenden Ncichsgebiete..... 72 690„ Jnsgesanit 819 083 690»T Diese Zölle und VerbrauchSabgabei, ruhen als schwere Last auf den Schultern der breiten Volksmasscil. Sie verteiiern den Lebeilsnnterhalt und tragen mit bei zur Verclendung der Arbeiter» familien. Sie verteuern die ivesentlichsten Lebens» mittel und Bedarfsartikel in folgender Weife: 1 Kilogramm Brot mit 4 Pf.. 1 Kilogramm Fleisch mit 15 Pf.. 1 Kilogramm Schmalz mit 10 Pf., 1 Kilogramm Speck mit 20 Pf., 1 Kilogramm Reis mit 4 Ps.. 1 Kilogramm Salz mit 12 Pf.. 1 Kilogramm Zucker mit 20 Pf.. 1 Kilogramm Kaffee mit 40 Pf.. 1 Kilogramm Gewürz mit 50 Pf.. 1 Kilogramm deutschen Tabak mit 22 Pf., 1 Kilogramm ausländischen Tabak mit 85 Ps.. 1 Cigarre von aiiSländischen, Tabak mit 1 Pf., 1 Hering(je nach Gröffe) mit i/e— 1 Pf., 1 Liter Bier mit 1 Pf., 1 Liter Vraniitivein mit 28 Pf., 1 Liier Petroleum mit 0 Pf. Die niiersättliche Habgier der herrschenden Klassen strebt jetzt durch die Hinauftreibung der Zölle»ach einer noch höheren Belastung unsrer notwendigsten Lebensmittel. Dagegen richtete sich der Kampf unsrer Fraktion, von welchem zumal die Zolltarif-Debatten Zeugnis ablegen. Die ungeheuren Opfer, die, trotz der schlechten Finanzlage, Deutschland für Militarismus und Marinismus anfbringt, bewirken, baff Jahr für Jahr neue Anleihen anfgciiommen werden und damit die ©im, n,e der RcichSschnldcn sich in beständiger Steigerung befindet. Sie betrug 1880: 387 Millionen Mark, 1890: 1241 Millionen Mark. 1900: 2418 Millionen Mark. 1902: SSIZ Millionen Mark. Zu ihrer Verzinsung erforderte diese Reichs-Schuldsiimme 1881: ll Millionei, Mark. 1891: 55 Millionen Mark, 1992: 9»,« Millionen Mark. Bei der Beratung des RrichS-JustizetatS brachte unsre Fraktion mitcr anderm den Fall Bredenbeck zur Sprache. Die Bc- Handlung unsreS Genossen, der, als Redacteur iinsres Dortimmder Parteiorgans, gefesselt durch die StraßenDorimunds transportiert ivnrde, ei» Vorgang, den seine tief erschütterten Angehörigen, seine Mutter, seine Frau, seine Brüder mit ansehen mufften, hat die Aufmerksam- keit der iveiteste» Oeffcntlichkeit Iviedern», auf die Art ge- lenkt, wie Polizei lind Justiz i» Deutschland niit Schrift- stellen,»nd Redacteuren verfahre», die irgend eines Preff- Vergehens schuldig sind. Nnsre Fraktion benutzte das Vor» kommnis zur Geiheluna des ganzen Systems. Ihr Redner hielt denigcgeiiüber die rücksichtsvolle Behandlung, die dem Prinzen Arenberg zu teil geworden ivar, und verlangte, daff endlich einmal in der Behandlung aller politischen Gefangenen eine Aenderung eintrete. Weiter erstreckte sich unsre Kritik auf die bekannte A mv e 11 d u» g des Erpress n 11 gs- Paragraphen auf die Geiverkschaften, sie verlangte de» Schutz deS Koalitionsrechts und eine zeitgemähe Revision des Strafgesetzbuchs. Der Staatssekretär im Reichsjustizamt et- widerte darauf in der bei ihm gewohnten Weife. Die einzelne» vor- gebrachten Beschwerden gehen ihn nichts an. da« sie in die RcssoriS der Minister einzelner Bundesstanteii gehören. Die Notwendigkeit der Reform deS Strafvollzugs ist schon seit zwanzig Jahre» bekannt. Ader diese Reform ist zu schivierig, um vo» heme anf morgen erledigt zu werden. Die Fesselung Bredenbecks haben die zu- ständigen Instanzen nicht für richtig gehalten und es steht zu hoffen, daff sich Gleiches nicht wieder ereignen wird usw. Weniger dieses Per- halten der Neichsregierniig als das Verhalten der bürgerlichen Parteien trägt die Schuld an solchen Vorkommnissen, wie eS die Behandlung unsrer Redaclenre ist. Mit ein paar niatten Redensarten gingen die bürgerlichen Parteien darüber Hinweg und die Nationalliberalen brachten es sogar fertig, über die angeblich zu eringe Bestrafung der Beleidigungen zu lamentiere». DieS Per- alte» der bürgerliche» Parteien ivnrde von unfrei, Rednern ge» bührcnd gegeißelt niid darauf verwiesen, daff wir die Reform dc§ Strafvollzugs längst hätte», wenn nur der Reichstag sie mit der nötigen Energie fordere. An der Spitze der Ncichspost- und Tclcgraphenderwaltnng stand in diesem Jahre als»euer Leiter Herr K r a e t k e. Herr v. Podbielski, die Hoffnung der Junker, ist», das preußische Land- wirtschafts-Minisierium übergesiedelt, so daff der Reichstag mit ihm nur noch hier»nid da als urivnchsigcm Anwalt junkerlicher Interessen zu thun bekommt. Dem neuen Postmiuister Herrn K r a e t k e kam der Reichstag nicht»nfrenndlich entgegen. Im Gegensätze zu seinem tcmperanieiitvolle» Vorgänger bietet er vorläufig wenig Angriffs- punkte, da man noch nicht iueiff, wie sich iinier ihm die Reichspost entwickeln wird, der Minister aber das Bestreben zeigt, beklagte Mißstände noch Möglichkeit abznstellc». Unsre Fraktion forderte Erhöhung der Gehälter der Unterbeaniten und Maßnahme» gegen ihr W 0 H 11 ,1 n g s e I e» d. Sie wandte sich in ihrer Kritik der Postbchörden gegen vorgekommene Fälle von llnterdrückiing des Pctitionsrechtes der Beamten, gegen dienstliche Ueberlastung von Unter« benmten.' Ein Redner übte an der P 0 r t 0 f r e i h e i t. lvelche fürstlichen Persönlichkeiten gewährt wird, Kritik und es ivnrde festgestellt, daff vo» den Höfen auch für deren Telephon gespräche keine Gebühren erhoben ivllrden. Das RcichS-Eisenbahnaint ist iin Grunde nichts als eine be- sondere Abicilimg des preußischen Eisenbahiimiiiisterinnis. Der Geist desselben schwebt auch über den Maßnahmen des Rcichs-Eiienbahii- amts. Die Ucberschnßwirtschaft des preußischen Eiseiibahiiministeriums duldet im Reiche ebenso wenig die Dnrchsühruiig der dringend not- ivendigen Tarifrefori» wie in Preußen. DerPräsident des Reichs- Eiseiibahnaints ließ sich auf eine Erörterung Über die Tarisreform nicht ein»nd die von uusrer Seite erhobenen woylbegründeten Klagen über die E i s e 11 b a h»» n f ä l l e, bcantivortete er mit dem Trost, daß ja die Zahl dieser Unfälle nicht zugenoininen habe, denn nicht auf die Zahl der verletzten Personen komme es an. sondern auf die Zahl der Unfälle an sich. Naiürlich ivandto sich hiergegen unser Fraktionsredner, Ivie wir durch ihn auch iviedernn, energisch die Verbillig 11»g der Tarife verlangten, gerade im Interesse der Arbeiterklasse, deren sociale Lage dadurch ganz wesentlich gebessert wird, daß man es ihr möglich macht, den Äusenthaltsort rasch und billig zu ivechseln. Während das ausbeuterische Jnnkertnm durch hohe Tarife es de» Arbeitem möglichst erschweren ivill, der Knute des Junkers zu entfliehen und über die„Eisenbahnvagabondage" Klage fuhrt, sind wir der Ansicht, daß unsre Bevölkerung viel zu seßhaft ist»nd eine durch billige Eisenbahntarife herbeigeführte größere Beiveglichkeit derselben von besserndem Einfluß auf oie Lohn- und Arbeitsbediiiguiige» sein wird. Unsre Fraktion wird deshalb, soweit hierzu der Reichstag überhaupt im stände ist, stets hinwirken auf polkslnmliche Neformen im Eisenbahnwesen und Bruch mit der staatZkapitalistischen Ueber- schnßivirtschaft. Gesetzentwürfe. Der Entwurf eines Gesetzes zur Abänderung der Ttrnndnugö- ordnung giebt der Behörde das Recht, die Beseitigung der'im Fahrwasser, auf der Reede oder im Hafen hilflos treibendei, Wracks oder sonstiger ans den Grund gesnnlener Gegenstände zu veranlasse». Sobald die Behörde eingeschritten ist, darf, ohne Genehmigung derselben, ulemand niehr etwas vom Wrack weg schaffe». Zur Kosiendeckung der Beseitignng kann die Behörde die beseitigten Gegenstände öffentlich verkanten, soiveit nicht Sicherheit gestellt ist.— Der Gesetzentwurf bot keinen Anlaß zu Debatte» und ivnrde angenommen. Um so lebhaftere Debatten rief die Seemanns- ordnung hervor. Bei dieser Gcsetzesmatcrie standen sich die Juter- essen der Reeder und der Seelente scharf gegenüber. Man kennt die Praktiken unsrer Reeder, die sich oft durch das schivierigste Leute- schinden zu Millionären herauf„arbeiten". Vor der Ansbeutung des Schiffskapitals die Seeleute nach Möglichkeit zu schützen, er- achteten wir als nnsre besondere Pflicht. Die SeemanuS- ordnung und die mit ihr znsamiiienhängenden Gesetze: Verpflichtung der Kauffahrteischiffe zur Mitnahme heim- zuschnffcudcr Seeleute, Stcllenverniittclnng für Schiffö- lente, Abänderniig sccrcchtltchcr Vorschriften deS HandelS- GefrtzbuchcS, war bereits i» der vorigen Session in Kommissionsveratung gewesen. In dieser Session ivar sie wieder vorgelegt worden, ohne daß die Regierung von de» damaligen Kommiistonsbeschlüsseii Notiz genoninicii hätte. Die Gesetz- cntivürfe Hieben auch den vorigen Sommer wieder in der Kommission stecken und ivurdcn erst in diesem Winter aufgearbeitet. Unter nnsern Gegnern waren in erster Linie die National- liberalen die wildesten Anwälte des Reeder-Jilteresses. Man sah bei dieser Gelegenheit ivieder einmal, daß all das„ivirtschaftlich Freiheitliche" beim'Nationalliberalismus nur grobe Tünche ist und, sobald es sich um die Niederdriickung der Arbeiter handelt, der richtige Nationalliberale auch in Ivirtschaftlichcr Hinsicht den rückständigsten Junker iibertriimpft. Immer, wenn wir den Eeekeliteii gegenüber den, anSl'entendeii Reeder den Schutz des Rechts an die Hand geben wollten, schrien die Nationalliberalen über den Bruch der Dis'ciplin lind verkiiiidetcil den Untergang der Reederei. Aber unsre Redner nanien kein Blatt vor den Mund. Sie schilderten die AuSpliindernng der Arbeitskraft der Seeleute, ihre oft schändliche Bchaiidlnng, ihre Rechtlosigkeit gegenüber den Kapitänen, die den Profit der Reeder immer vor Augen haben. Zahlreiche Einzelfälle führten nnsre Redner zur Unterstützung ihrer Forderungen an. Von unsrer Fraktion wurde beantragt, bei der' Besetzung der Seenianiisäniter in allen Fällen einen der Schöffen auS dem Kreise der seebcfahrcnen Schiffslente z» nehmen, gleich- zeitig Oeffentlichkeit inid Mündlichkeit der Verhandlung und Diäten- zahlung an die SHvffei, einzuführen. Ursprünglich hatte daS Ceiitrnin diesen Antrag unterstützt, das Geschrei der Reeder und das Slbivinken der Regierung veranlaßte aber cincii beim Centrum iiblichcii Uinfnll»nd ivir blieben in der Minderheit. Unser Versuch, an auSivärtigen Hafenplätzen den Konsul, wenn er Mitinhaber der Reederei ist, principiell anszuschließcu, mißlang, dagegen setzten ivir bei einem andren Paragraphen die Verbefscrimg durch, daß die An- Wesenheit der geiverbsmäßigen Stellenvermittler, der„Landhaie", als Vertreter der Reederei bei der Musterung ausdrücklich verboten ivnrde. Weiter versuchten ivir in das Gesetz, in die notwendigen Angaben des HeuervertrageS, auch die Zeit deS Dienstantritts. die Zahl der anf den Schiffen beschäftigten sccbefahreiicn Mannichaftcn und die Höhe des Ueberstnndenlohnes einzuführen. Doch wurden wir niedergestimmt. Die Mehrheit ließ auch die Be- stimmnng stehen, wonach der Schiffsmann, der ohne genügende Ent- schnldignng den, Antritt oder der Fortsetzung des Dienstverhältnisses sich enzieht, von der Polizei zwangSivcise'und noch dazu auf seine Kosten an Bord gebracht werden kann. In Bezug auf Urlaubs- bewilligung wurden nicht mir unsre Verbeffernngsniiträge abgelehnt, sonder» es wurde sogar eine konservative Verschlechterung, die die Abhängigkeit des Seemaniis vom Kapitän noch erhöht, in das Gesetz hineingebracht. Bei den Paragraphen, welche die Arbeits- zeit auf den Schiffen im Hafen und auf offener See, im ge- mäßigten Klima und in den Tropen, sowie die Sonntagsruhe und die Entschädigung für Ueberstunden behandeln, erwarben sich die ReichSparteiler große Verdienste um den höchsten Reeder- Profit. Unter ihrer Fühniiig lief die Mehrheit sogar Sturm gegen die Konnnisstonsbeschlüsse inid setzte durch. daß' die achtstündige Arbeitszeit in den Tropen für die Stewards und die Arbeiter im AnfsichtSdienst nicht gilt. Auch die Bezahluiig der Ueberstunden wurde diesen Arbeitern gestrichen. I» der Mehrheit stand auch die freisinnige Vereinigung mit. Ihr Führer war Herr Frese. Die Art und Weife, wie nns die Mehrheit nicdcrstimmte, wurde schließlich so arg, daß unsre Redner sich mit Heftigkcir dagegen anflehnten und das Rcedertnm schonungslos angriffen. Tic Nnlionalliherale» antworteten darauf»itt Bemerkungen, wie„ein Vogel, der sei» Nest beschmutzt". Diese Herren glauben nämlich, daß ei» Abgeordneter Hamburgs ein Vertreter deS Neederei-Jntercsses sein müsse, obgleich er von Arbeitern ge- wählt ist. Wir zeigten den Herren indessen, daß das Jnieresse der Wähler und das Interesse der ansbentcrische» Reeder zweierlei ist und behandelteii im übrigen ihre Wut mit dem gebührenden Spott. Die Regel, mg der Fürsorge für den erkrankten und verletzten Seemann gelang es nns durch nnsre Anregungen wenigstens etwas zu besser». Ebenso gelang es uns bei der Rcgclniig deS Heuerbezuges in Krankheitsfällen für Angehörige der Scelcnte Verbesserungen durch- zusetzen. Dagegen zeigte sich wieder die ganze Rnckständigkeit der Mehrheit, als daS Koalitionsverbot in Frage kam. Hier fanden die Reeder vortreffliche Anwälte i» den Konservativen, die daS Koalitionsrecht, welches ihnen ei» Scheuet und Greuel ist, anfs heftigste bekämpften. ES kostete uns alle Mühe, im Gesetz den Ausdruck, der von,„Entlaufen" deS SceniaiinS ivie vom Entlaufen eines HnndcS sprach, wenigstens i»„Entweiche»" abzuändern. Schließlich wurde auch noch unser Verlangen, bei Lohiistrcitigkcitcn für die Seelente die Gewerbegcrichte zur Instanz zu machen, mit großer Entrnstnng abgelehnt, wobei es noch(in zweiter Lesung) eine Gewerbegerichts-Debalte gab, in Welcher sich deutlich die ganze Feindseligkeit der Regierung und aller bürgerlichen Parteien gegen das„Laienclemeiit" in der Rechtsprechung zeigte, welche? die Mit- Wirkung der Arbeiter ist de» Gcwerbcgerichte» darstellt. Angesichts der geringfügigen Verbcssernnge». die die Vorlage brachte, vor allein aber der Art, i» welcher die Mehrheit unsre wich- tigsten Anträge niederstimmte, votierte unsre Fraktion in der Schluß- abstimniung gegen das Gesetz mit Nein. Die Vegleitgesctze riefen keine bemerkenSlverte Debatte hervor. DaS Gesetz vom 27. Dezember 1372, ivelchcS die Kauffahrer ver- pflichtet, hilfsbedürfiigc Seeleute niitzniiehmeii, ivnrde in verschiedener Hinsicht gebessert oder geändert. Dieser Acndernngcii halber erhielt das Gesetz auch einen andern Titel:„hilfsbcdürstigc" wurde in „heiinznschaffcnde" Seeleute umgeschrieben. Neu ist an dem Gesetze 11. a., daß die Kauffahrer verpflichtet sind, auch Sträflinge mit heim- ziuiehmen. Es ist dies insofern eine Besserung, als früher, ihrer Ueber- führuiig zur Aburteilung in Deutschland harrende Scelento oft lange Zeit in fremdländischen Gefängnisse» als UiitcriuchungSgcfangene hocke» kountcil, wen» die nach Deutichland zurückkehrenden Kauffahrer sich iveigerte». sie niitzunehiuen. In dem Gesetz betreffend Stellen- vemiittelung ist der weittragendste Paragraph derjenige, welcher den Reeder zur Zahlung der Hälfte der StellenvermittclnngS- Gebühr verpflichtet. Es wird damit dem Unwesen der Heuerbase wirksam ciitgcgcvgearbeitel werden, denn sobald die Reeder die Hälfte der Gebühren bezahlen müffe». iverdcn sie im Interesse des eignen Geld- beutels eine billige Stellenvermittelung schaffen und so der Ans- beutung der Seeleute durch die Heuerbase entg egen wirken. Endlich hat die Aenderung der SccinamiS- Ordnung Abänderungen der see» rechtlichen Vorschriften des HandelsgesetzbilcheZ notwendig gemacht. Der Reichstag nahm am Schlüsse der Seemannsdebatte eine Resolution an, welche die verbündeten Regicrungeii ersucht, dem Reichstage mit thnnlichstcr B-schleunigmig und unter Berücksichtigima der praktischen Eifahrnnntil der Handelsmarine über Tiefgang und Ladelinte einen Gesetzcnlwurf vorzulegen, durch welchen die Frage einer behördlichen Anfsicht über Sceliichtigkeit,, Tiefgang, Bemannung und Verproviantierung von Kauffahrteischiffen geregelt, für Abstellung etwaiger Mängel Sorge getragen»nd zn diesem Zwecke eine' der Oberaufsicht des Reichs unterstehende Instanz bestimmt wird. Wir stimmten für dies« Resolution, weil sie dem Zustande ein Ende machen will, daß manche Reeder„den Kasten vollpacken bis zum Ersaufen", ivie der Ausspruch eines Reeders lautete, der in der Debatte angeführt ivnrde. Unser Rodner zeigte, an der schrecklichen Zahl der verschollciicn Schiffe, Ivie notlveildig es sei, hier gesetzlich Reniediir zu schaffen. Eine wichtige socinlpolitische Materie, welche den Reichstag in dieser Tagiing beschäftigte, ivar die Regelung der Kinderarbeit in gewerbliche« Vetricbc». Infolge des Verbots der gewerblichen Beschäftigung von Kinder» in Fabriken, war die Kiilderaiisbeiltniig in der HaliSiiidnstric bedeutend gestiegen. Die Unternehmer schlugen dem Gesetz ein Schnippchen, indem sie die Arbeiten, lvelche bisher Kinderhände in der Fabrik besorgt hatten, an die Hansinduftrie gaben und durch Hnngerlöhne die Eltern zwangen, ihre Kinder bei der Arbeit mit anzilspannen. Sie machten dabei überdies noch ein Profitchen, indem sie einen Teil der Produltionskosten, die sie bei der Fabrik-Kindcrarbeit hatten, anf den Hansiiidlistricllcn abivälzten. So stieg die Kinderausbeutung in der Hansinduftrie, und mit brennenden Augen und blutendem Herzen müssen die Proletarier- eitern zusehen, ivie ihre Kinder frühzeitig bei unmäßiger Erwerbs- arbeit ihre Gesundheit ruinieren, während für die Kinder der Reichen Frühling und Somienschein, lachen. Zu dieser hanS- indnstriellcn Thätigkeit gesellt sich die Erwerbsarbcit der Kinder in der Landwirtschaft, in häuslichen Dienstleistungen, im Handels- und Vcrkehrsgewcrbe, in Gastwirtschaften, als Austräger und Ausläufer. Die gewerbliche Kinderarbeit ist eines der düstersten Bilder des socialen Elends des Proletariats. Die Reichs- stalistik von 1900 stellte 532 283 Kinder in noch nicht oder»och schul« Pflichtigem Alter sest, welche außerhalb der Fabriken und außerhalb Landwirtschaft und Hansindilstrie thätig waren. Thatsächlich ist dies nur die unterste Grenze. In einer großen Anzahl Bundesstaaten sind nur eine Anzahl Betriebe sür die Enquete herausgegriffen, die übrigen iinr abgeschätzt worden. 1895 ergab die Berusszählnng der in einem Hauptberuf gewerblich thätigcn Kinder bereits eine weit höhere Zahl und man wird die thatsächlichcn Verhältnisse ziemlich genau treffen, wenn man heute die in gewerblichen Betrieben thätigen Kinder auf eine Million, die in Landwirtschaft und Hausindustrie thätigcn Kinder mit zwei Millionen abschätzt. Gegenüber diesen Zuständen bedeutet der Gcsetzentivnrf nur eine schwächliche Halbheit. Er v e r b i e t e t die Kinderarbeit überhaupt bei Banten, Ziegeleien, Brüchen und Gruben, beim Steineklopfen sowie in Werkstätten zur Herstellung von Schicferwarcn,©teilt» arbeiten, in Töpfer-, Kalkbrenncr-, Spicgelbeleg-, Glasbläser-, Blei« und Zinn-Spiclwarcn«, Metallgießerei-, Schleiferei-, Gürtler- und Bronzier-, Feilenhanerei-, Qnccksilbcrarbcit-, Feuerwerks- und Zündholz- Werkstätten, Abdeckereien, Färberei-, Lninpensortier-, Gummi-, Guttapercha- und Kantschnkivarm-, Polsterwaren« Werkstätten, in Roßhaar-Spinnercieii, Werkstätten der Perlinntter- Vcrarbeitlnig, in der Bürsten- und Pinselmachcrci, Fleischereien, Hasenhnar-Wäschereien, Bettfcdcrii-Neiiiigiiug, Maler- und Anstreicher-Werkstätten, chemischen Waschaiistalteii, In alle» übrigen Werkstätten solvie im Handels« und Berkehrsgeiverbe ivird die Be« schäftigung von Kindern unter zwölf Jahren verboten. Die Beschäftlgling von Kindern über zwölf Jahren wird anf täglich drei Stniiden inid in den Schlilfericn anf vier Stunden beschränkt, darf nicht über 8 Uhr abends dancrn und vor dein Vormittags- unterrichte incht beginnen. Bei theatralischen Aufführnngen und Schnnstcllungen dürfen Kinder unter zwölf Jahren, sofern nicht da? Höhcrc Interesse der Knust und Wissenschaft vorwaltet, nicht beschäftigt werden, mehr als zivölsjährige Kinder nur bis 9 Uhr abends. In Gast- und Schankwirtschaftcn ist die Beschäftigung von Kindern unter zivölf Jahren verboten, die Vcschäftigung von Kindern über zwölf Jahren mit der Einschränkung, daß Mädchen nicht zur Bedienung der Gäste verivendet werden dürfen. Beim Austragen und bei Botengängen erlaubt der Gcsetzentivnrf die Kinderarbeit bereits vom zehnten Lebensjahre ab und giebt überdies der unteren VerivaltimgSbehörde für die ersten fünf Jahre das Recht, zu gestatten, daß die Arbeit 12jähriger Kinder hier bereits von 6>/s Uhr morgens nii eine Stuude lang dauern darf. Der Gesetzentlvurf verbietet iveiter, niit Ein- schräiiklmgen, die Soinitagsarbcit der Kinder lind untersagt die Bc- schäftigung eigner Kinder für alle die Betriebe, in denen auch fremde Kinder nicht beschäftigt werde» dürfen. So ist hier wieder ein paragrciphenrcichcs Gesetz geschaffen, weil die Reichs-Socialpolitil nicht den Mut findet, kurzweg alle Erwerbs- arbeit der Kinder vor den, 14. Lebensjahre zu verbielen. Die Gegner ivaren mit dem Gesetze höchlichst zufrieden und sangen Lobeshynnien anf die Thatkraft der Regierung. Namentlich bis Junker schmniizilten, lvcil der landwirtschaftlichen Ausbeutung der Kinder in keiner Weise entgegen getrete» wird n»d die Junker somit die billige Kinderarbeit auch fernerhin behalten Iperdc». Ihre A»>» fchanungen über Socialpolilik faßte ihr Redner i» den höcbst leiiii- zeichnenden Satz ziisaiiime»:„Rur iveii» der Zolltarif daS Geld im Lande hält, kann ina» an eine Socialreform denke»!" Unsre Redner schilderten denigcgennbcr die gcgenlvärtig herrschenden schlimmen Zu- Itände, vor allem auch die AnSbeiitiiiig der Kinder auf dem Lande mrch die Riibenjnnker. Graf Pofadowsky aber nannte das Rüben« verziehen eine verhältnismäßig leichte Arbeit, und bezüglich der Hüte- kinder verlvieS er schwärmerisch anf die poetische Rolle. lvelche der Hirtenknabe in der Dichtung spielt. Ihm spränge» die bürgerlichen Vertreter in ihrer Gesamtheit bei, Junker, Polen, Elsnffer, Centrnms- lente, imd den Vogel schoß Herr Stöcker ab, der salbungsvoll dir Freuden der Kinder beim Karloffelansniachen schilderte. Der Gesetzentwurf ivnrde schließlich an eine Kommission ver« wiesen und wird im Herbst zur zivciten Beratung gelange». Bei dem Gesetzentwurf, der die geschäftliche Behandlung des Zolltarifgesryeö regelt, mußte die Regierung schweren HerzonS mit ihrem Grundsätze: keine Diäte» für den Reichstag, brechen. Bestimmend hierfür ivar, daß sich die Unmöglichkeit herausstellte, die Konimissionsberatnng des Zolltarifs bis zur ReichStagSvertagung fertigzustellen. Um die Kommission über den Sommer znsanimen» zuhalten, Ivollte die Regierung jedem Mitgliede derselben einen Be« trag von fest 2400 M., i» Summa 67 200 M., bewilligen. Unsre Fraktion ergriff die Gelegenheit, die ganze Frage der Diätenlosigkeit des Reichstages anfs neue aufzurollen. Unser Redner erklärte aber, daß niisre Fraktion der Diätenfrage mit großer Gemiitsrnhc gegenüber» stehe, da die Diätenlosigkeit lliiser Wachstum in keiner Weise ver- hindert habe. Es falle uns auch jetzt gar. nicht ein, das Zustande« koniincii eineS Gesetzes, welches dem Volke die wichtigsten Lebens« mittel verteuere, durch Diäten zu fordern. Habe doch auch die Kommission für das Bürgerliche Gesetzbuch, die 1898er Gewerbe» OrdnungS-Koinmissio», monatelang außerhalb der Tagung deS Reichs« tagcs gesessen, ohne Enischädigniig zn bekoinmen. Wenn nun dicVarlage ohne nnsrcn Willen Gesetz lverden sollte, so würden ivir die ans nnsre Fraltionsmilglieder entfnlleiidcii Konimissionsdiäteii unsrer P a r t« i k a s s e zuführen, um damit eine e» e r g i s eh e r e Bekämpfung der Zolltarifvorlage jsii betreiben. Diese Erklärnng war den Gegnern begrciflichertvcise so»»angenehm wie irgend möglich. Ihre brennende Sehnsucht, den Zolltarif zu fordern, ließ sie aber auch den imfreiivilligen Beitrag a» nnsre Partei- knssc mit in de» Kauf nehmen. Sie nahmen die Diäten, mit der Gesamtherabsetzmig aus 56 000 M. und sür das KommissionS« Mitglied 2000 M., an. Wir haben anstalt dessen allgemeine Tage» gelber für die Abgcordneie» überhaupt verlangt; der Antrag wurde in namentlicher Abstimnillng abgelehnt, ebenso unser Eventnal- antrag, den KommissionSmitgliedcrn 20 M. Aiiweseiiheitsgelder pro Tag zu gewähren. Die Diäten an sich haben bis jetzt die Thätigkeit der Zoll kominission auch um keinen Schritt zu fvrdern vermocht. Der fliegende Gerichtsstand der Presse war ein seit langen Jahren vorhandener Uebelstand, unter dein zumal unsre Parteipresse zu leiden hatte. Es ivar vorgekommen, daß die Redacteure unsrer Blätter an Orten, Ivo nur einige Exeniplare der Zeitung verabreicht worden waren, auf das Verlangen eines Staatsanwaltes, eines Unternehmers oder sonst wessen vor Gericht gezogen wurden. indem man diesen Verbreitungsort als den Ort der That annahm Die zahllosen Unzuträglichkeiten, die sich daraus ergaben, sind so oft beklagt worden, das; man sie hier nicht erst zu schildern braucht. Gegenüber den Klagen hatte die Regierung stets gesagt, daß man vor der allgemeinen Revision der Strafprozeß--Ordnung einzelne Materien ans dieser nicht herausgreifen dürfe. Nachdem sie sich dann aber von der Harmlosigkeit der Reform überzeugt hatte kam sie mit eineni Gesetzentwurf, der den in Frage kommenden§ der Strafprozeß- Ordnung dergestalt abänderte, daß für periodische Druckschriften dasjenige Gericht als zuständig gilt, in dessen Bezirk die Druckschrift erschienen ist. Es wurde aber sofort wieder eine Durchlöcherung geschaffen durch die weitere Be stimmung, daß für die Verfolgung von Beleidigungen im Wege der Privatklage auch der Verbreitungsort zuständig sei sofern an ihm die beleidigte Person ihren Wohnsitz oder gewöhn lichen Aufenthalt habe. Und damit der Reichstag nur ja nicht glaube die Regierung wolle ihm zu weit entgegenkominen, gab der Staats- sekretär des Äeichsjustizamts der Vorlage als Geleitwort mit auf den Weg: Die Vorlage sei weniger der Ausdruck der Ucberzengnng der verbündeten Regierungen als der Ausdruck des Wunsches, in dieser strittigen Frage der Forderung des Reichstags entgegen zu kommen Sollte der Reichstag den gegenwärtigen Zustand' für besser halten als das Vorgeschlagene, so ziehe die Regierung das Gegenwärtige auch vor. Unser Redner geißelte diesen Standpunkt ganz gehörig, verlangte ein bestimmtes-ausschließliches Forum für Preßdelikte uiid die Einbeziehung auch der nichtperiodischen Presse in die Vorlage. Im übrigen beantragten wir. daß, sobald der Inhalt einer Druckschrift den Thatbesland einer strafbaren Handlung begründe, für alle dabei beteiligten Personen ausschließlich der E r s ch e i n u n g s- ort als Gerichtsstand zu betrachten sei. Aber die Reichstags- Mehrheit war nur mit Mühe dazu zu bewegen, ans dem Gesetz das Wort„periodisch" zu streichen und so auch die n i ch t p e r i o d i s ch e Presse einzubeziehcn. Auf weiteres ließ sie sich nicht ein. Wir stimmten daher, und weil es uns nicht als eine Verbesserung gegen- über dein bisherigen Zustande erschien, gegen das Gesetz.' Eine allgemeine Ueberraschung bereitete die kaiserliche Kund- gebnng, ivelche die Aufhebung dcö Diktatur-Paragraphen in Elsaß- Lothringen verkündete. Infolge derselben ging dem Reichstage alsbald ein Gesetz betreffend die Aufhebung der außerordentlichen Gewalten des Statthalters in Elsaß- Lothringen zu. Es wurden hierdurch Ausnnhniegcwalten bc seitigt, über ivelche sich die elsaß-lothringische Bevölkerung lauge mit Recht, aber vergeblich beschwert hatte. Bei dem Kampfe' gegen den Diktaturparagraphen hatten wir Socialdemokraten an der Seite der elsässischen Bevölkerung gestanden. Der Diktaturparagraph gab dem Oberpräsidenten das Recht, bei Gefahr für die öffentliche Sicherheit alle Maßregeln zu ergreifen, ivelche er„zur Abwendung der Gefahr für erforderlich erachtete, so namentlich zu polizeilichen Zwecken Truppen zu requirieren. Als der Gcsetzentivurf im Reichs- tage zur Beratung stand. schwamm alles in Wonne, und die Konservativen bewiesen durch die glatte Schwenkung, mit der sie, nach jahrelangem heftigstem' Widerstande, sich jetzt plötzlich auch für die Beseitigung aussprachen,>vns von den „Gründen" zu halten ist, niit denen sie stets ihren Widerspruch gegen fortschrittliche Maßregeln maskieren. Die Elsaß-Lothringer betraten nach der Reihe die Reduertribüne, um sich für die Aufhebung des Diktaturparagraphen zu bedanken, welche ein Ccntrunisabgeordueter als ein„Geschenk" bezeichnete. In diese» Ton stimmte unsre Fraktion nicht ein. Wir ließen durch unsren Redner sagen, daß niit der Aufhebung nur endlich geschehen sei, was wir Socialdemokraten jahrzehntelang ge- fordert hätten, und wiesen im übrigen darauf hin, daß von dem Ausnahmezustand in den Reichsianden noch genug bestehen bliebe, was aufgehoben zu werden verdiene. Als nächst zu Er- strebendes bezeichnete unser Redner ein wirkliches Wahlrecht zum Landesausschuß, ein freies Vereins- und Versammlungsrecht und die Aufhebung des jetzigen, aus der Zeit Napoleons Iii. stammenden sowie endlich die Aushebung des jetzigen und die Einführung des allgemeinen deutschen Prehgesetzes. Mit diesen Motivierungen stimmte» auch wir der Anfhebnng zu. Auch nach dieser Aufhebung des Dil- taturparagraphen regiert in Elsaß-Lothringen der alte Polizeigeist weiter, wie das Auftreten des Staatssekretärs der Reichslande, v. Köller, im Reichstage bewies. halfen hier, wo es sich um agrarische Geldbcutelinteressen handelte. weidlich den preußischen Junkern gegen die socialdemokratische Opposition. Bei der Abstimmung suchten wir den 1889 aufgehobenen Reinigungszwang wieder einzuführen. Dies erschien uns notwendic angesichts der Thatsache, daß gerade die kleinen Brennereien aus dem Lande stark fuselhaltigen Spiritus produzieren. Ob dieser oder jener Brenner, dessen Produkt sich danii als gesundheitsschädlich herausstellt, zu Grunde geht, konnte uns gleichgültiger sein als ivcnn viele Trinker an dem Genuß von Fusel ihre Gesundheit total zerrütte». Natürlich war die agrarische Mehrheit hierfür nicht zu haben. Ferner verlangten«vir die Aufhebung der Maischraum- und Materialsteuer, die den großen Brennereien eine versteckte Liebes- gäbe von fünf Millionen Mark zuführt, und verlangten an Stelle der Maischbottichsteiier eine Verbranchsabgabe. Ferner forderten lvir die Streichung der dritten Liebesgabe, der Brennsteuer. Die Brennsteuer wird nicht von den Brennern, sondern von dem kon sumierenden Publikum getragen und zwar in Höhe von 11 bis 12 Millionen Mark jährlich, sodaß die Gesamt-Liebesgabe 190 Millionen Mark beträgt; 130 Millionen gehen in die Staatskasse. 60 Millionen in die Taschen der Brenner. So versuchten wir auch bei de» folgenden Paragraphen der agrarischen Gesetzgebung die schlimmsten Zähne auszubrechen, scheiterten jedoch immer an dem Widerstande der Mehrheit. Wir stinimten gegen das ganze Gesetz. Es lvlirde aber schließlich eine Resolution angenoulmen, welche den Reichskanzler ersucht, dem Reichstage baldthuiilichst einen Gesetz cutwurf betreffend die Aufhebung der Maischboltich-Steuer und deren Ersatz durch einen Zuschlag zur Verbrauchsabgabe vorzulegen. Ferner: dafür Sorge zu tragen, daß das Mischen der Hefe mit Stärkemehl, Kartoffel und Bierhefe und das Feilhalten solcher ge mischten Hefe verboten werde. Unter den Steuergesetzen wurde das aus der vorigen Session noch rückständige Schaumlvcinsteucr-Gesctz nunmehr erledigt. Das Gesetz soll zur Deckung der Unkosten beitragen, die der Marinismus uns verursacht, und schon aus dem Grunde hatten wir keine Ver- anlassnng, dafür zu stinunen. Es belastet aber auch die Industrie und drückt gerade die mittleren Sorten Schaumweine. Wollten die herrschenden Parteien mit dem Gesetz eine.Lnxnsstencr" schaffen, wie sie sagten, so war es ihnen ja unbenommen, endlich den Besitz durch die Einführung einer Reichs-Einkommcn- und Berinögenssteuer kräftig zur Tragung der Lasten der kostspieligen Welt- und Marine- Politik des Reiches heranzuziehen. Da sie hieran nicht denken, so ist auch das angenommene Gesetz nur ein Palliativmittelchen, dem die Fraktion ihre Zustimmung versagte. Die Braiintweinstcuer-Vorlage konnte im Mai 1901, trotz aller Bemühungen der Agrarier, nichr unter Dach und Fach gebracht werden. Es war uns bekanntlich gelunge», die Beschlußnnfähigkeit zu konstatieren, wodurch den Spiritusjunkern und ihrer SpirituSccntrale ein arger Possen gespielt war. Beim Wiederzusammentritt des Reichs- tages war nun, auf Betreiben der Spiritusleute, ein Kompromiß- an'trag zwischen der Rechten, einigen Nationalliberalen und dem Centrum zu stände gekonunen, welches die im Mai des Vorjahres verkrachte Liebesgaben-Politik auf andre Weise fortsetzen sollte. Die Vorlage ging nun zunächst wieder an die Kommission zurück, und in der Sucht, de» Profit der Spiritusbrenner zu retten, hatte die Kommissionsmehrheit an dem Gesetz so vielgestaltige Abänderungs- bestimnuingen getroffen, daß ihre Beschlüsse ei» ganz neues Gesetz darstellten. Diese Kommissionsarbeit wurde wieder»», gegen das Ende der Tagung dein Reichstage zur dritte» Lesung vorgelegt. Unsre Fraktion übte eine scharfe Kritik an desi Schönheiten der Spiritusgesetzgebung. Wir forderten die Abschaffung der hohen Spiritusbesteucrung, welche die Ausbreitung der Trunksucht in keiner Weise hindere, Ivohl aber eine Liebesgabe von 43 Millionen Mark aus den Taschen der Trinkbranntwein-Konsunicnten au die Brenner möglich mache. Die Spiritusindustrie besitze an und für sich durchaus nicht die Existenzberechtigung, welche ihr die Spiritusinteresscnten zu- schreiben. Diese enornie'Spiritnsprodnktion sei erst künstlich durch die unerhörten Preistreibereien der Centrale für Spiritusverivertung er- weckt worden. Der Krach werde doch einmal kommen. Nicht durch die Spiritus-Liebesgabe werde die„Gesundung des Kartoffelbaues" beivirkt werden.sondern durch de» Anbau besserer Kartoffelarten, diezwar nichtdie großen Erträge lieferten wie mit Hilfe der Liebesgabe die minderwertige Kartoffel, dafür aber der große» Masse der Bevölkerung nütze. Diese Liebesgabe nützt überdies nur dz» größeren Brennereien Deutschlands und nicht den mittleren und kleineren Brennereien. Wir legten Verwahrung gegen eine derartige Gesetzgebung ein. Auf unsre Einwände erividerte die Regierunilp daß bei jeder Steuer auf die großen erwerbenden Industrien Rücksicht genommen werden müsse und als die Spiritussteuer auf das Vierfache erhöht werden mußte, man den laiidwirtschaftlichcn Brennereien, um sie existenzfähig zu erhalten, eine staatliche Unterstützung habe geben müssen. Das könne man doch keine Liebesgabe nennen. Und die Agrarier, die noch dem Grundsatz handeln:„Fusel brennen, das ist fein— Fusel trinken, wie gemein!" beschuldigten uns, ivegen unsres Widerstandes gegen die Liebcsgabenpolitik einer„latenten Sympathie für den Konsum von Spiritus". Auch die wackeren Polen Die Abänderung des Zulkcrsteuer-GesetzeS war durch die Brüsseler Znckcrkonveiition notwendig geworden. Die Zuckerkouvention war am ö. März d. I. seitens der Regierungen unterzeichnet ivorden, nachdem endlich die deutsche Regierung ihren verzögernden Wider- tand aufgegeben hatte. Nachdem die Zollpolitik der Zuckerkartelle »cht nur die Konsumenten in der schamlosesten Weise ausgeplündert, 'andern auch die Znckerindustrie durch eine schlimme Ueberprodnktion chlver gefährdet hatte, ivaren Großbritaimien, das Haupt-Verbrauchs- land für Zucker, Deutschland, Oestreich-Ungarn. Frankreich, Belgien, Holland, als die Hnupt-Exportländer für Zucker, mit einziger Aus- nähme Rußlands, zu einem Vertrage zusammeirgetreten, der eine Art Abrüstmigspolilik auf dem einen Gebiete des Schutzzolles darstellte. Die Exportländer verpflichtete» sich, alle direkten und indirekten Prämien auf die Erzeugung oder die Ausfuhr von Zucker bedingungslos abzuschaffen. Um zu verhindern, daß in Zu- kuiift die Zuckermdustrie eines Landes, unter hohen» Zollschntz. mit Hilfe von Kartellen und Syndikaten den Zuckerprcis in die Höhe treibt und dadurch Vorteile zieht, die den vertraglich abgeschafften Präniieil gleichkämen, wurde ferner bestimmt, daß die sogenannte �Srirtax" sUcbcrzollj, d. h. der Unterschied zwischen der Zoll- und tenerbelastung des eingeführten ausländischen Zuckers und der Belastung des inländischen Zuckers, auf einen Höchstbetrag fest- gesetzt werde, der bei Raffinade und ausländischem Zucker 6 Fr und bei rohem Zucker Sl/e Fr. für 100 Kilogramm nicht über- schreiten darf. Großbritannien, das Hauptverbrauchsland für Zucker, übernahm gleichfalls die Verpflichtung, daß es Prämien nicht ge- ivähren werde. Ferner übernahm dieses Land die Verpflichtung, während der Dauer des Vertrages, den Zucker seiner Kolonien nicht günstiger als den Zucker der Vertragsstaatcn zu behandeln. Der Zucker jener Länder, die den Vertrag nicht mit unterzeichucten, soll � um Ausgleich der Präinien, die er im Ursprungslande genießt, oder Zer Vorteile, die sich aus eineni dort bestehcndeu zu hohen Ueberzoll ergeben, niit einem Strafzoll belegt oder durch ein Einfuhrverbot aiisgeschlossen iverden. Der Vertrag wurde auf fünf Jahre geschlossen und tritt am 1. September 1903 in Kraft. Durch die Konvention wurden den ausbeuterischen Zuckerkartellen ügel angelegt und die Zuckeragrarier begannen deshalb gewaltigen Lärm zu schlagen. Aber der Bankrott, zu' dem die Hochschutzzölluerei in der Znckerindustrie geführt hat, ist zu offeusichtlich, als daß sich die Zuckerintcressenten der internationalen Regelung dauernd hätten ent- ziehen können. Der Entlvnrf zu einem neuen Znckersteuer-Gesetz paßte sich der durch die Annahme der Konvention geschaffenen Lage an. Die Zuckerjnnker übten zunächst gegen den Brüsseler Vertrag Opposition. Doch ivurdeu sie schließlich mit derselben zu Schanden. Unsre Fraktion stimmte nicht bloß für die Konvemio». sondern ührte dein Reichstag auch bei dieser Gelegenheit die ganze ver- derbliche Liebesgabenwirtschaft wieder vor Augen. Unser Redner zeigte, daß die ganze Zuckerindustrie ein künstlich aufgepäppeltes Produkt sei. Entstanden in der Zeit der napoleonischen Kontinental- sperre, da der Kolonialzucker ausgesperrt war, wiirden mit UuterstütziUlg der preußischen Regierung die ersten Fabriken gegründet, ivelche nach den» Rezept des Berliner Apothekers Mnrggraff aus der Runkelrübe Zucker gewannen. Sie brachen zusammen, als mit Aushebung der Kolonialsperre der Äolonialzucker wieder hereinkam. Der Staat begann nun große Unterstützilngen zu geben, die den Rübenzucker gegenüber dem Kolonialzucker konkurrenz- fähig niachen sollten und die schließlich zu dem ausgebauten System der heutigen Präniienivirtschaft führten. Die versteckte Prämie reizte die Zuckerindustrie zur imnier größeren technischen Verbesserung ihrer Betriebsiveise an, so daß schließlicki der Zuckerertrag der Rübe den Steriersatz ivcit überholt halte. Die Zuckeragrarier machten un- geheure Profite aus der Reichs- rcsp. aus der Volkslasche. Unser Redner stellte fest, daß im letzten Jahre neben den Prämien 75 Millione» Mark aus den Taschen der Steuerzahler für die Zuckerindustriellcn herausgeholt ivorden sind; dazu lommei» noch 30 Millionen Mark Zuckerprämien, das macht eine Zucker-Liebesgabe von 105 Millionen Mark. Dem entgegen hielt unser Redner die Ausbelitung der Zucker- Industrie- Arbeiterschaft durch die Zuckerkapitalisten. 40 Prozent Dividende, aber die erbärmlichsten Arbeiterlöhne und ungesundesten Betriebsränme I Wir verlangte» deshalb die Abschaffung der Aus- beutung. die das Zuckerkartcll betrieben hat. Die Zuckcragrarier hatte» alles aufgeboten, die Brüsseler Kon- vention kaput zu machen. Auf Bestelluug des Bundes der Landwirte mußten die interessierten Zuckerfabriken Telegramme an die Abgeord- neten richten und um Ablehnung der Konvention ersuche». Bei der schließlichen Abstimmung ergab sich jedoch eine beträchtliche Mehrheit für die Konvention. Bei der Abstimmung über die Abändenmg des Zuckersteuergesetzes fiel zunächst die Kontingentierung, ivelche die Koinmissioi» wieder in die Vorlage hineingebracht hatte. Weiter wurde die Zuckersteuer, die nach dem bisherigen Gesetz 20 M. pro 100 Kilogramm beträgt,»ach einem Antrag der freisinnigen Volkspartei auf 14 M. herabgesetzt. Die Regierungsvorlage hatte eine» Steuersatz von 16 M. festgesetzt. Von unsrer Seile war völlige Aufhebung der Znckersteuer verlangt ivorden. Aber unser Antrag wurde niedergestünnit und der frei- sinnige Antrag mit großer Mehrheit angenommen. Auch den ganze» Ueberzoll wollten ivir beseitigen, doch wurde hier der höchste Betrag, der nach der Brüsseler Konvention zulässig ist, 4,80 M., angenommen. Wir stimmten gegen das ganze Gesetz; ebenso' die bürgerliche Opposition. Schließlich wurde noch eine Resolution angenomnien, welche die verbündeten Regierungen ersucht,„dahin zu wirken, daß in den deutschen Eiseiibahntarifc» die Frachtsätze für Zuckerrüben, Schnitzel und Melasse, sorvie für Roh- und Krystallzucker, für letztere insbesondere auch im deutschen Binnen- verkehr, thimlichst ermäßigt werden." Eine Auseinandersetzung, die am letzten BeratungStage zwischen der freisinnigen Volkspartei und uns, aus Anlaß des angenommenen freisinnige»' Zuckersteuerantrags(14 M.) stattfand, verdient hier „och erwähnt zu iverden. Die steisiinlige Volkspartei, Herr Richter voran, hat in ihrem Programm die Forderung der Abschaffung aller indirekten Steuern stehen und legt bei ihrer Agitation im Lande auf diese Forderung den größten Nachdruck. Hier aber steckten die Freisinnige», unter Führung von Richter-Hennes. ihr Programm tief in die Tasche und, anstatt für unsren Antrag auf völlige tl'lbschaffung der Verbrauchsabgabe einzutreten, bewirkten sie mit allem Hochdruck die Annahme einer 14 Mark-Verbrauchsabgabe. Von einem unsrer Redner wurde dieses Verhalten gehörig an- genagelt. Die Gründe, ivelche Richter zur Verteidigung seines Ver« Haltens anführte, waren so schivächlich, daß es der Redner wohl selbst empfand. Er suchte deshalb seine Position zu festigen durch allgemeine Angriffe auf lniser parlamentarisches Verhaltei». Damit hatte er aber noch iveniger Glück. Unsre Genossen werden»»icht verfehlen, bei der Agitation den Wählern das Verhalte!» der Freisinnigen gebührend vor Augen zu führen. Das von» Reichstage angenommene Süststossgefefc ist eine Verschärfung des vor drei Jahren beschlossenen Gesetzes. Die Zucker- fabrikei» fürchten, daß die künstlichen Süßstoffe, welche bedeutend billiger als Zucker sind, diesem eine wachsende Konkurrenz machen, was ihr» Profite einschränken würde. Wir waren Gegner dieses Gesetzes, weil einmal der Süßstoff, als Konkurrent des Zuckers, auf einen niedrigeren Preis desselben hinwirkte, zum andern, weil gerade die ärmere Bevölkerung den Süßstoff zum Würzen von Speisen an Stelle des teueren Zuckers verwendet. Die Regierungsvorlage wollte das Saccharin mit einer Verbranchsabgabe von 80 M. für 1 Kilo» gramm belegen; die Konnnission, an welche das Gesetz zu- nächst verwiesen war, setzte den Steuersatz auf 60 Mark fest. Darauf wurde das Gesetz vom Plenum der Zuckersteuer- Kommission überwiesen, die einen neuen Gesetzentivurf ausarbeitete, wonach ein Verbot der Herstellung von künstlichem Süßstoff außer in staatlich konzessionierten Betrieben, der Apothekenzivang für den Verkauf von Süßstoff und die Bestrafung schon des bloßen Besitzes von mehr als 50 Gramm Saccharin festgesetzt wird. Unser Redner griff die Mehrheit, die sogar aiif eine förmliche Begründung ihres Vorgehens verzichtete, heftig an. Das Gesetz aber ward von den Agrariern und ihrem Anhange, unter getreuer Mithilfe des über- wiegenden Teiles des Centrums und der Nationalliberalen, gegen unsre Stimmen und diejenigen der bürgerlichen Opposition ange- nommen. Die kleineren Gesetzentwürfe, Ivelche der Reichstag in dieser- Tagung annahm, betrafen die Kontrolle im ReichshauS- Halts etat, den Schutz des Genfer Neutra litäts- z zeichens(rotes Kreuz), den Gebührentarif für den Nordostsee-Kanal, den Servistarif. die Militär- dienstleistungen von Reichsangehörigen im Aus- lande, den Schutz der für die Landwirtschaft nütz- lichen Vögel durch ein Staatcnübereinkommen. Interpellationen. Die wichtigste unter allen in dieser Tagung eingebrachten Jnter- pellationen ivar wohl diejenige unsrer Fraktion über die Arbeits- losigkcit und den durch die Krise hervorgerufene» Notstand. Die fünsjährijle Prosperitätsperiode seit 1895 hatte 1900 in einem schrecklichen Zusammenbruche ihr Ende gefunden, der Zeugnis davon ablegte, ivie ungesund und schwindelhaft der ganze Aufschwung gewesen war. Die seit 1895 ständig gesteigerte Mög- lichkeit für die kapitalistische Warenproduktion, den Weltmarkt mit ihrem Ueberflusse zu überschwemmen, hatte speciell in den kapita- listischen Unternehmerkreisen Deutschlands ei» wahres Fieber hervor- gerufen, ivelches sich allmählig allen Zweigen des kapitalistischen Produktionslcbens mitteilte. Nach einer laiigen Stockung schien der Weltmarkt unbegrenzte Absatzmöglichkeiten zu bieten. In Rußland begann eine rege industrielle Thätigkeit, teilweise im Zusammenhange mit deni Bau der sibirischen Bah». Amerika verlangte in gesteigertem Maße europäische Waren und England, als der,--. Vermittler des Handels der ganzen Welt, verteilte de» bei uns vorhandenen Warenüberschuß auf die entferntesten See- und Handelsplätze. Die winkenden Millionciiprofite riefen bei uns eine tolle Gründerthätigkeit hervor, die bald dem Gründungsschiviudel der siebziger Periode nichts nachgab. Die im' Dienste des Grnndertums thätige Börseiipresse n,alte die tausend Gelegenheiten profitabler Kapitalanlagen in den glänzendsten Farbe». Dazu gesellte sich das im Interesse des mari- nistischen Wettrüstens ausgegebene Schlagwort:„Weltpolitik". Die herrschenden Parteien, die offiziöse Presse wurde» nicht müde. eS so darzustelle», als brauche Deutschland nur seine Kriegsflotte zu vergrößern, überseeische Besitzungen zu eriverben, in die Jutercssenstreitigkciten au de» entferntesten Küsten sich hinein- zumengen, um einen industriellen Aufschwung zum dauernde» Zustande zu machen, welcher einen wahren Goldregen auf Deutschland herabziehe» werde. Noch am Ende der Anfschivungsperiode. als man bereits die Flügelschläge dcS Pleitegeiers railschcn hörte, erschienen die Professoren der bürgerlichen Nationalökonomie in Berliner Arbciterversammlnuge», unr mit der Miene der Un- fehlbarkeit den Arbeitern auseinander zn setzen, wie thöricht ihr Widerstand gegen die Flottenverinehrungen sei, wie die„socialistische Verclendungstheorie" Fiasko erlebt habe und welcher großen Zukunft Deutschland im Zeichen dieses endlosen Aufschwungs entgegen gehe. der bald den letzten Proletarier zum Besitzeudeil gemacht haben iverde. I» dem so bei der Bourgeoisie erzeugten Taumel ivurde jede warnende Stimme verlacht. Das Geld der großen und kleinen Kapitalisten strömte den Jndnstriebanken zu. die mit deniselben industrielle Ilnternehmuugc» oller Art finanzierten. Aktiengesell- schasten schössen empor, wie Pilze nach dem Regen, die Zahl der Maschinen ivurde enorm gesteigert, die Betriebe vergrößert oder neue angelegt. Vom platten Lande holte die Industrie ganze Armeen Proletarier in die Jndustrie-Centren, in denen sie den Mchrivert für die Gründer und Schwindler zusammenschanzeu mußten. Die Lage der Arbeiterklasse besserte sich dabei fast i» keiner Weise. Während die Industrie- Uliternchmungen aller Art von Jahr zu Jahr stei- gende Dividenden verteilten und die kleine und große Bourgeoisie sich mühelos bereicherte, konnte man für die Arbeiterklasse durch- schnittlich nur geringe Lohusteigerungen und Verbesserungen ihrer Arbeitsweise Ivie ihrer Lebenshaltung konstatiere». Und auch dies wenige ivar nur möglich geworden durch den energischen und opferreichen Kampf, den die Gewerkschaften und die Ar- beiterpresje für das Arbeiter-Interesse geführt hatten. Aber auch der Mehrverdienst der Arbeiter ging großenteils ivieder verloren. Die durch die Unternehmer beivirkte Anhäufung großer Arbeitermassen in den Industriestädten rief einen von Jahr zu Jahr sich steigernden Wohnnngsmangel hervor, den Grundstücksspekulanten mrc-Hausbesitzer zu einer geradezu schamlosen Ausplünderung der Arbeitermassen be- nutzten. Hierzu trat die Preistreiberei der Lebensmittel und aller Artikel des Lebensbedarfs. Die großen Produzenten imd Eigner derselben, allen voran das junkerliche Agraricrtum, schröpften durch Ringbildungen aller Art die Konsumentenmasse derart, daß der Preis einzelner Artikel bald in keinem Verhältnisse mehr z» ihrem wirklichen Werte stand. Besondere Einpörung erregte hierbei in den weitesten Kreisen das Verhalten der Kohlen- barone, die durch das Kohlen- und Coakssyndikat eine unerhörte Bewucherung der Konsumenten betrieben. Die Wirkungen, welche die Vereinigungen der Rohproduzenten ausübten, zeigten sich auch bald für die Industrie in einer verhängnisvollen Weise. Während sich die Unmöglichkeit herausstellte, die Preise der Fertigfabrikate noch weiter zn steigern, ivollte man nicht das Absatzgebiet verlieren, wurden dir Preise der Robprodrikle imnier noch in die Höhe geteieben. Die Industrie geriet hierdurch und durch die weitere Thatsache, daß die Konsumtionsfähigkcit der Massen nicht gleichen Schritt mit der gesteigerten Warenproduktion zu halte» vermochte, in eine schlimme Lage. Es fehlte nur noch der äußere Anstoß, um die Uebersülluug des Marktes zu zeigen und die schrecklichsten Katastrophen in die Erscheinung treten zn lassen. Dieser Anstoß kam, als der englisch-südafrikauische Krieg den Welthandel zu lähmen begann und der Ausbruch der chinesischen Wirren zeigte, wohin die„Weltpolitik" führte. Ein panischer Schrecken ergriff die Kapitalisten und führte zu der Krise auf dem Markte der Hypothekeubauken und dem Markte der industriellen Erzeugnisse. Gleichzeitig stockte die ganze Produktion iind massenhaft wurden an jedem Lohntage', die Proletarier von den Unternehmem aufs Pflaster gesetzt. (Schluß in der 2. Beilage.) 'Verantwortlicher Redacteur: Julius Kalisti in Berlin. Für de» Jnseratentetl verantwortlich: Tb.«locke in Berlin. Druck und Verlag von Btax Badiug in«erlw. ör. 178. 19, Ks.lotiiiiiits" Wim PWÄ f-»»>' l« Bericht über die parlamentarisch,: Thiitigkeitdcr socliildemokratische», Rcichstagsfraktio«. lSchluß aus der 1. Beilage.) Auf solche Weise wurde eine Arbeitslosigkeit erzeugt, die lm vergaugeiicn Winter Hunderttausciide uo» Arbeitern in Mit- Icideuschaft zog. Aber die NeichSrcgieruug, die dem tollen Treiben in der ProsperilätSperiode ruhig zugesehen hatte, that aiich jetzt nichts, um den, namenlosen Elend der Massen zu steuern. Wir brachte» deshalb im Januar eine Interpellation ein, tvclche die Ne- gierung befragte,.welche Masziiahmen gedenkt der Herr Reichs- kanzler zu ergreifen, um den Folgen der wirtschaftlichen Krisis, die sich in Vilriebscinschräukiliigen, Lohnkürzungen und vornehmlich in Arbeiterentlassungen bemerkbar machen, zu begegnen und dem dadurch hervorgerufenen Notstande weiter Volksschichten entgegen zu wirken?" Der Redner, welcher die Interpellation begründete, entwarf ein Bild der grauenhaften Zustande, die durch die Arbeitslosigkeit erzeugt worden waren. Er beschränkte sich jedoch nicht hierauf, sondern schlug auch Maßnahmen vor. durch welche der Arbeitslosigkeit jetzt und später entgegen gcivirkt werden könne. Solche Maßnahmen sind: der zehnstündige Maximal-ArbeitStag mit Verkürzung bis ans acht Stunde», die Schaffung eines Reichs- Arbeitsamtes, die Ausdehnung der Arbciterschutzgesctze, die Ein- iührung einer rcichsgesctzlichen Arbeitslosen- Unterstützung. Weiter verlangt er, daß Post-, Eisenbahn- und Militärverwaltung keine llrbciterentlassunge» vornähmen, um nicht die ArbcitSlosenannee noch zu vermehren; statt dessen aber sollte» sie Verkürzungen der täglichen Arbeitszeit vornehmen, um mehr Arbeitsgelegenheit zu schaffe».' Sind wir auch davon überzeugt, daß die Arbeitslosigkeit als eine Folge der anarchistischcn Produktionsweise des Kapitalismus erst ihr Ende sindcn wird, wenn die Socialdcmokratie daran gehen kann, ihr Produktionssystem aufzurichten, so lag doch auch auf der Hand, daß das Reich durch entsprechende Maßnahmen die Wirkung der Krisen auf die Arbeiterklasse lindern und die Arbeitslosigkeit weniger fühlbar machen kann. Unsre Vorschläge waren hierzu ein erfolg- versprechender Weg. Die Regierung und die herrschenden Parteien verzichteten jedoch von vornherein daraus, unsre Vorschläge überhaupt eingehend zu diskutieren. Die Regierung hatte durch die Bundesstaaten und die Polizeibehörden eine Erhebung über den Umfang der Arbcitskostgkcit vornehme» lassen und ans Grund der ihn, zu teil gewordenen Änt- Worten bestritt der Staatssekretär Posndowskl, nun das Vorhanden- sein eines außergewöhnlichen Notstandes. Er crUrnte weiter, daß seitens der beteiligten Ressorts bereits alleS geschehe, der Vergrößcnmg der Arbeitslosigkeit entgegen zu wirke», daß aber das Reich keine Fürsorge für die Arbeitslosen auszuüben brauche; es sei dicS vielmehr Sache der Einzclstnaten und der Kommunen. Noch nicht einmal zu einer Arbeitsloscnzählnng ivar die Regierung geneigt. ..er Staatssekretär erklärte sie für die schtvierigstc Aufgabe, die über- hntpt existiere. Im Uebrigen sah er die Lösung der Arbeitslosen- frage in einem Zurncksühreu der Arbeiter in die Junkergefilde, Ansiedelung der Arbeiter aus dem platten Lande und Vermeidung des Zuströmeiis der Bevölkerung nach den Jndustriccentren. Die herrschenden Parteien nmchtc» sich die Erividernng auf unsre Interpellation noch leichter. Das Centrum hatte für die Arbeits- losen viel salbiingsvolle Worte, aber eine energische Initiative zu ergreifen, fiel ihm garnicht ein. WaS die Freisinnigen anführten, Ivar mehr ein Lamento über die den kleinen Kapitalisten in der Krise � verloren gegangenen Gelder, als ein Wort der Fürsorge fiir die Arbeitslosen. Vollends die Richtcrschen Freisinnigen stimmten dem Staatssekretär darin zu, daß das Reich nichts gegen die Arbeits- lofigleit thnn könne. Die Nalionalliberalen ließen zwar durch ihre» ersten Redner ei» paar bedauernde Worte über die Not der Arbeits- losen sagen, verstnttcten aber hernach dem wcstsalischen BergtverkS besitzcr Hilbck das Wort, der den Kohlenwuchcr und die Preis vertenerungSpolitik der Syndikate auf die Händler abwälzte, der Syndikatspoliti! überhaupt ein begeistertes Loblied sang und schließlich gegen die Arbeitslosigkeit den Mittellandkanal enipfahl, der bekanntlich noch in weiter Ferne steht. Graf Könitz, als Redner der Junker, zog einen Unterschied ztvischcn Arbeitslosen und Arbeitsscheuen und ein andrer Junkerredner feierte als Mittel gegen die Arbeitslosigkeit den— Zolltarif, der die Produktionsverhältnisse der Arbeitgeber besser schütze. Gegenüber diesem Verhalten der herrschenden Parteien hatte der zweite Redner nnsrer Fraktion recht, als er der Mehrheit sagte, die Erfahrungen der Krise sollten den Gegnern Anlaß sein, nicht mehr über den„Znknnftsstaat" zu spotte». Wenn die herrschende Gesell- schaft sich unfähig erweise, die Anarchie der Produktion zu bändigen, so müßten die Arbeiter die Wirtschaftsweise in die Hand'.lehnte». So machte der Verlauf der Debatte den Arbeitern im Lande wieder einmal die Augen darüber auf, waS sie von den nrbeiter- freundlichen Phrasen der bürgerlichen Parteien im Ernstfalle zu halten haben. Eine weitere von uns eingebrachte Interpellation betraf den Versuch der Bentbeuer Polizeibehörde, das Prnthcner Arbeiter« sckrntariat als Gewerbebetrieb sznr Anmeldung zn zwingen. Wir sahen in dem Vorgehen der Benthcner Polizeibehörde gegen den Arbcitersekrctär. Genossen Dr. Winter in Benthe», der mit Geld- strafen belegt worden ivar,»m ihn zur Anmeldung des Arbeiter- sekretariatcS als Geivcrbcbetrieb zn zlvingcn, einen Verstoß gegen den klaren Wortlaut der Gewerbe- Ordnung. Der Vorgang erschien uns von principicllcr Bedeutung, weil das Beutheucr Beispiel leicht auch für die rw» den Arbeitern begründeten Sekretariate i» andren Orten von schlimmen Folgen hätte sein könne». Der Staatssekretär Posadoivsky gab darauf die Erklärung ab. daß er nach den Vorgängen in Bcuthcn sich sofort an den preußischen Justiz- niiuister gewandt habe. Dieser habe die Beutheucr Aullagcbchördc angewiese», von einer Strnfvcisolgnug abzusehen. Der Justiz- minister habe weiter unter dein 1ö. Januar 1902 a» sämtliche Slaalsamonlte eine Anweisung dahin erlassen, daß die von den Gewerksäiaftskartellen errichtete» Arbeitersekretariate nicht alsGeiverbe- betriebe anzusehen sind und daher nicht dem Z LS der Gewerbc- Ordunng unterliegen. Nach dieser befriedigenden Erklärung konnten wir von einer weiteren Besprechung der' Interpellation Abstand nehmen. In dieser Tagung brachte auch das Ccntrnm wieder seine bekannte Jntcrpellniion'zivccks Aushebung des JcsuitengesctzcS ein. Obwohl das Ccntrnm der Regierung brav apporlierr, was diese nur irgend verlangt, steht die Jesuitenfrage noch immer aus dem- selben Fleck. Das Ccntrnm ist es seinen Wählern� schuldig, diesen Rest der Knlturlantpfzeit immer tvieder ans den Schild zu heben. Macht dies doch de» Eindruck, als sei daö Ccntrnm eine»nlerdrücktc Partei, die für die angeblich gefährdete Sache des Katbolizismns kämpft. Die Jcsuitcnfurcht dcö Bundesrats ist noch immer groß genug, um der Riickbcrufnng der Jesuiten zu underslehcii. Wenn sie nicht inzwischen überwunden ist I Den» vom Regierungstische ivurde die Erklärung abgegeben, es sei zn erlvarlen. daß noch in dieser Session die verbündeten Regierungen sich zur schwebenden Frage schlüssig inachen würde». TasCeiurunl wird schließlich seine Jesuiten bekommen. Unser alter Standpunkt zur Sache: nur her mit den Jesuiten, hat sich>» keiner Weise geändert. Unser Redner, der diesen Stand- Punkt begründete, gab den Mitglieder» des EciitrurnS, der unentbehrlichen BewilligmigSpartei der Regierung, nntcr stnrnnicher Heiterkeit des Hauses den guten Rat: sie sollte» doch alle als Mit- gliedcr in den Jesuitciiordcn eintreten, dann würden sie sehen, wie schnell sich die Regierung zur Anfhebnng des Jesniiengesetzes entschlösse. Eine Interpellation der Rcichsparteiler Arendt n. Gen. be- schäftigte sich mit der Beihilfe für die KricgSiiivalidc». Da sich der Reichstag alljährlich mit dieser Sache befaßt und deshalb in allen Fraktionsbenchtc» darüber geschrieben worden ist, kau» sie hier kurz behandelt werden. Die Regierung erwiderte auf die Interpellation, welche die rechtsstehenden Parteien immer mit großem Elan unterstützen, Iveil sie der Stimmung in den Kriegervcreinskreisen, die sie bei den Wahlen nötig haben, Rechnung tragen müssen, daß ihr Wohllvollen seine Grenze habe in den versiigbarcn Mitteln. Diese fehlten und der Reichstag verhalte sich de» Stencrplänen der Regierung gegen- über ablehnend. Bon unserm Redner wurde dem und den AgitalionSreben der Gegner gegenüber• wieder auf den Antrag hingewiesen, den wir schon früher gestellt hatte», den Kriegsteilnehmern die bewilligte und überdies„wegen Mangels finanzieller Mittel" zur Auszahlung verweigerte jährliche Beihilfe von 120 M. auf 160 M. zu erhöhe». Damals aber hatte die Regiernng gesagt, mit 120 M. pro Jahr könne man ein zwar bescheidenes aber doch von der öffentliche» Wohlthätigkcit unabhängiges Leben führen. Und die Konservativen hatten gesagt, Leute mit 120 M. barem Gelde würden von den kleinen Leuten ans dem Lande gern aufgenommen. Unser Stand Punkt sri: Geld für die Veteranen sei genügend vorhanden, wen» der Rc ch'wg nur die überflüssigen� Ausgäben nicht belvilligen möchte. Am 20. Januar d. I. nahm dann übrigens der Reichstag ein stimmig einen von allen Poricien unterstützten Antrag an, durch welchen die Regierungen ersucht wurden,„durch einen Nachtragsetat zum Reichs-Haiishaltsetat für das Rechnungsjahr 1002 die Ans- zahlung aller ans Grund des Gesetzes vom 22. Mai ILSS bewilligten Beihilfen an Kriegsteilnehmer vom 1. Januar 1902 ab herbeiz»führe n". Die dergestalt im NachtragSciat eingestellte Summe beträgt 1 300 000 M.(Siehe die Etatsziffern.) UiErc Fraktion hat von jeher die Verpflichtung des Reiches an erkannt, für die invaliden Militärpersonen auSgicbigcr zu sorgen als eö jetzt geschieht. Da von seilen der Regierung erklärt wird, es seien keine Mittel vorhanden, halten wir für den gangbarste» Weg, solche aufzubringen, die Rcichs-Einkommensteuer. Mögen die Wohlhabenden deZ Reiches, die für den Militarismus eintrete», auch für seine Opfer sorgen. Diesen nnsern Standpunkt nahm unser Redner auch gegenüber der nationnlliberalen Interpellation betreffend die baldige Rctiision der MilitärpcusionS-Gcsetzc ein. Die NationaNiberale» brachten diese Interpellation mehr nu§ Rücksicht auf die ver- abschicdeten Offiziere ein, die ihnen natürlich sehr am Herzen liegen. Auch jetzt gab die Regierung wieder die Erklärung ab, der Grund, iveshalb die im Kricg'smiuisterinm längst fertiggestellten Gesetze noch nicht-»gebracht wären, sei, daß das Geld zur Durchführung der Reform mangele. Unser Redner erklärte, daß wir den Offiziere» gönnten, waS ihnen znkoinme. jedoch auch verlangten, daß dieselbe Fürsorge für die Mannschaften und ihre Hinterbliebenen gelte. UnS sei es zn verdanken, wen» bei dem letzten Gesetze von 1901 wenigstens eine kleine Erhöhung der Fürsorge für die Mannschaften eingetreten sei, indessen sei der Abstand zwischen den Summe» für die Offiziere und fiir die Mannschaften noch innner viel zu �roß. Durch eine Interpellation der Polen kamen die Vorgänge in Wrcschcn im Reichstage zur Besprechung. Das Berhaltcn des ReickSkanzlerS cutsprach dabei dem Standpunkte, den er im preußischen Abgco �'ictenhause als Vertreter der preußischen Regierung wie überhaupt in der preußischen Poleupolitik eingenommen hat. Ni einer längere» Erklärung des Inhalts, daß er sich an der Besprechimg der Interpellation nicht beteiligen werde, und daß er auch fernerhin dafür sorgen tverde, daß„daS Deulschtnm im Osten nicht unter die Räder kommt"— also die preußische Poleupolitik i» hergebrachter Weise fortgesetzt Ivird—. verließ er an der Spitze sämtlicher Minister den Saal. Polen und Centrimr wetteiferten in der Fürsorge für die polnische Bevölkerung im preußischen Osten. Haben doch die Hofpolen im preußischen Abgeordneten hause Ivie auch im Reichstag, und hat doch auch das Centrum bei den Wahlen die polnische Bevöllerung nötig. Das hindert aber Ivcder die Polen noch das Ccntrnm, in allen sonstige» Fragen in der schlimmsten Weise gegen die Interessen der ausgebeutete» polnischen Arbciterbevölkcrung z» sündigen. Nur in ihrer national- polnischen Opposition gegen die Regiernng trennen sich die Polen des Reichstages von der Rechten, weil eS ihr persönliches Interesse erfordert. In allen übrige» Fragen sind sie ebenso reaktionär tvie der schlimmste preußische Junler und halten auch auf intimen gesell- schaftlicben Verkehr mit diese». Die polnische Bevöllerung vedarf daher eines andern Anwalts, de» mit der polnischen Arbeiterschaft vor allen Dingen das Klasseninteresse verbindet. Als dieser erwicS sich auch in der Polendebatte wiederum die S o c i a l d e m o k r a t i e. Unsre Fraktion sah in ihrer Kritik der Wreschener Schulprügeleien und dem was ihnen folgte, de» HanSfriedensbrnchS-Anklagen und de» schweren Freiheitsstrafe», als Kern: den verurteilenswertcn Versuch einer Majorität, einer sprachlichen Minorität ihre Sprache a n f z u z w i n g e n. Diese Art Gcrmanisieriingspvlitik sei nur ein Bestandteil der Klassenherrschaft, und wenn die bevorrechteten Klassen der polnischen Bevölkerung bei uns dieselben Herrschaftsrechte ausüben könnten wie das preußische Jinikertum oder die gatizischc Slachta, hätten die poluischen Proletarier von ihnen auch nicht viel Besseres zn erlvarten. Wir verlangten Sprachentoleranz so gut wie RegierniigStolcranz, den» die Kenntnis der Muttersprache sei die Grund« läge aller Bildung. Im übrigen zeigte u»ier Redner an den Beispielen schwerer Verurteilungen nnsrer in der Parteibewegung stehende» polnischen Genossen, wie wir ganz besonders unter dem System zu leiden hätten. Unser Redner schloß mit dem Hinweise, daß die Lösung der polnischen Frage erst crrcichl werde mit dem Erwachen des Älasseiibewiißtseins des polnischen Proletariats und seinem Anschluß an das Proletariat aller Länder. Das sei zugleich die Lösung der Nationalitätenfrage in ihrer Gesamtheit, denn für daS llassenbewußle Proletariat gäbe es leine Nationalität. Diese Ausführungen begleitete der CbornS nnsrer„nationalen" Gegner teils mit Lärm, teils mit Hohnlachen, und bewies so am besten, wie wenig er überhaupt die Onalifilation besitzt, die Nationalitätensrage ini Osten zn lösen. DaS bekannte Duell zwischen den Lieutenants BlaSkowitz und Hildcbrand zn Jnsterburg war die Veranlassung zu der national- liberalen TneU-Jntcrpcllatio». Der Vorgang war bekamiUich der, daß der Licntenanl BlaSkowitz im Rausch den Lieutenant Hildebrand. der ihn gemeinschaftlich mit dem Lienlenaut Rasmnsseu ans einer Thürcckc. woselbst er zur Nachtzeit betrunken hoclie, nach Hause brachte, im Hansflnr seiner Wobiuing nach cineni Woritvcchsel und im Trünke einen Schlag gab. Dadurch war dein Lieutenant Hilde- brand eine jener Beleidigungen zugefügt, die nach dem mili- tnrischcn Ehrbegriff mir„mit Blnt abgewaschen" werden können. Die Folge: ein Zweikampf; BlaSkowitz, der übrigens kurz vor seiner Heirar stand, blieb tot ans dem Platze. Hildcbrand erhielt zwei Jahre Festung. Dieses Duell haiie eine so allgemeine Erregung hervorgerufen, daß die bürgerlichen Parteien gar nicht anders konnten, als eS zum Gegenstände einer Besprechung zn machen. Unsre Fraktion nahm den einzig richtigen Standpunkt ein, indem sie den Erlaß einer kaiserlichen Verordnung verlangte, wonach der Zweikampf unter Offizieren»nter allen Umständen verboten sei. Dann würden die Ehrengerichte sich wohl erst besinnen, bevor sie ein Duell für un- vermeidlich erklärten. Und mit dem Duell in der Armee würde auch der Zweilampf innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ver- schwinden. Anstatt sich dem anzuschließen, führten die Gegner wieder einmal eine ihrer bekannten Duelldebalten ans, die schließlich breit und fruchtlos im Sande verlausen. Jiiitiatipanträge. Entgegen de» Behauptungen unsrer Gegner, daß unsre parlamentarische Thntigkeit sich in einer angeblich� unfruchtbaren Kritik erschöpfe, während wir praktisch nichts zu schaffen vermöchten, hat die Fraktion bei passender Gelegenheit immer aufs neue die Initiative ergriffen, bestehende Mißstände durch ausgearbeitete Gesetz- entwürfe zu beseitigen und unsre Gesetzgebung im Geiste der Zeit zu reformieren. Zwar berührt uns das Gebelfer über die angeblich „unfruchtbare Kritik" in keiner Weise. Solche Vorwürfe ,»id überhaupt nur möglich, weil unsre Gegner von der Vorstellung beherrscht sind, der Reichstag sei eine Art Bedienter der Regierung, der nach einiger„zulässiger" Kritik wacker Gesetzentlviirfe anzunehmen habe und dessen Thätigkeit damit erschöpft sei. Daß der je- weilige Reichstag, als der Aiisdruck des Volkswillens, über den Ministerien steht und den Forderungen des Volkes bei der Re- gierung Geltung zu verschaffe» hat, wollen die Gegner nicht einsehen. Gerade von diesem Standpiinkte ans hat die Volksvertretung eine vorwiegend kritische Thätigkeit zn entfalten; ihre Bemängelungen und Anregungen hernach in Paragraphen und Gesetzesvorlagen zu bringen, kann sie getrost den einzelnen Regiermigsressorts überlasse», welche, wie einer u»srer Redner einmal humorvoll bemerkte,„die Fabrikation von Gesetzentwürfe» gewerbsmäßig betreiben". Nur soweit die Regierung den Anregungen nicht Folge leistet, sei es, daß sie nicht will' oder' es nicht zu können glaubt, hat der Neichslag selbst durch die Borlegmig ausgearbeiteter Gesetzentwürfe die Jniliative zn ergreife».. �. Bon diesem Gesichtspunkie ans hat unsre Fraktion stets ge- handelt. Unsre Initiativ- Anträge sind der Ausdruck der vielen dringenden, aber bisher nnerfüllt gebliebenen Forderungen deS Volkes, speciell der Arbeiterklasse, und wenn wir, unter allen Frak- tionen, die meisten Anträge gestellt haben, erscheint dies nur als ein neuer Beweis für den Stillstand der Gesetzgebung auf den wichtigsten Gebieten... Da diese Tagung mit der Zotlvorkage nnd andern wichtigen Gesetzentwürfen bepackt war, deren vorläufige oder endgülticie Er- ledignng den Reichstag stark in Anspruch nahm, sind die Initiativ- nnträge der Parteien, durch die Einschränkung der„SchwerinStage", sehr schlecht weggekommen. Hierunter befinden sich auch die unsrigen. Einzig nnser Gesetzentwurf betr. dasVerbot der gewerblichen B e s ch ä f t i g n n g s ch n I p f l i ch t i g c r Kinder unter 14 Jahren könnte durch den RegierungSentwnrf als bedingt erledigt betrachtet werden. Unerledigt ist hingegen der von nns eingebrachte Gesetzentwurf: Errichtung eines Reichs- Arbeitsamtes, von Arbeitsämtern, Arbeits- k a m m e r n und E i n i g u n g s ä m t e r n;»mser Antrag auf Vorlegung eines Gesctzentwnrss betreffend die Errichtung von Betriebs-Aufsichtsbehördcn durch daS Reich an Stelle der eiiizelstnatlichen Gewcrbc-Aufsichtsbehörden; unser Antrag betreffend Vorlegung eines Gesetzcntwlirfs, durch welchen die gesetzlichen Bestimmungen z nn» Schutze der Arbeiterinnen abgeändert werden; unser Gesetzentwurf belreffend die Abänderung des Strafgesetzbuches i» d h ö l z ch e n«n i t weißem Phosphor, nnd schließlich nnser Gesetzcntiviirf betr. die Durchführung der Verantwortlichkeit des Reichs» k a n z l e r s. Auch bei der Beratung der Initiativanträge andrer Fraktionen hat sich iinsre Fraktion nnt Eiser beteiligt. Eine alte Forderung unsrer Fraktion ist die Errichtung kaufmäinitschcr SchicdS- aerichte. Bei der jüngsten Rcvision des Gewcrbcgcrichts-Gcsetzes haben wir zuletzt de» Versuch gemacht, den Handkniigsgchilfe» durch Ansdehnnng der Gewerbcgcrichte auf die Sireitigkeite» ans dem knuf- männische» Arbeitsverträge ein Bernfsgericht zu verschaffen. Wir sind damit an dem Widerstände der bürgerlichen Parteien gescheitert, die auch nnfren jahrelangen Knmpfum Schaffung kaufmännischerGcwcrbcgerichte durch ihren beharrlichen Widerstand zn einem vergeblichen gemacht haben. Ein Teil unsrer Gegner ist aber, angesichts der gegen- wattigen Rechtslage der Handlungsgehilfe», von der Notwendigkeit überzeugt, ihnen ein billiges und beschleunigtes Stecht nach Art der Gciverbcgerichte zu geben. Sie sträuben sich gegen die An« gliedernng an letztere mir, weil sie fürchten, bei den Gewerbegerichts« Wahlen würden die Handlungsgehilfen gezwungen sei», mit de» gewerblichen Arbeitern znsnnnnenziigchen»nd hierbei»nter den Ge- Hilfe» in steigendem Maße die Socialdcmokratie Eingang finden. Deshalb stellte der Nntionalliberale Basserniann ivohl den An» wag a»f Vorlegung eines Gesetzentwurfs wegen Einsnhrnng besonderer Gerichte fiir Rechtsstreitigkeiten ans dem kanfmäniiischen„Dienst"« vertrag, verlangte jedoch deren Angliedernng an die Amts« g e r i ch t e. Wir erklärte» zwar durch nnsern Redner, daß für un». nachdem die einfache Ausdehnung der Geiverbegerichie einmal ab« gelehnt war, die Frage der Angliedernng der kanfninnnischc» Schieds- gerichte an Gelverbegerichte oder Amtsgerichte keine principielle Bedcnlnng habe, sondern nur eine Frage der Praxis sei. daß wir jedoch die Angliedernng au die Gewerbegerichte für praktischer hielten und sie deshalb verlangen würden. Auch das Ccntrnm halte bei früherer Gelegenheit die Angliederimg an die Gewerbcgcrichte fiir praktischer erklärt. Der Antrag ward cincrKommissioii überwiesen, deren Vorsitzender nach parlamentarischem Brauche der Antragsteller, der nationalliberale Herr Basserniann, wurde. Die Regierung gab die Erklärung ab, daß ei» Gesetzentwurf in Vorbereitung sei>i»d dein Hanse baldigst vorgelegt werden würde. Später wieder« holte Staatssekretär Posadoivsky diese Vcisichernug mit dem Hinzufügen, der Gcsctzcnlwnrf liege bei der Justiz und diese scheine gewillt,„die Sache ans cincn breiteren Leisten zu schlagen". Kurz darauf erhob sich nnö de» Reihen der bürgerlichen Berufs- jiiristen lebhafter Widerspruch gegen die„weitere Ausdehnung der Berufsgerichte". Bald werde„jeder Stand sein eignes Gericht haben". Jedes weitere Bernfsgericht bedeute„ein weiteres Ein» dringe» des Laienclcmcntes i» dir Rechtspflege" nnd schließlich werde eS dahin kommen, daß„die Wissenschaft überhaupt aufhöre, bei der Rechtspflege niitzmvirken". Diese, der Rechtsprechung durch da» Volk»»d speciell der Mitivirknng der Arbeiter an der Rechtsprechung, die ihre eignen Angelegenheiten betrifft, feindliche» Auslassungen haben auf die Regierung sofort Eindruck gemacht. Am 1ö. April äußerte bei� der zweiten Beratung der Secmnims-Ordniing Staats« sekrctär PosadowSky, in vielen Kreisen habe sich das Widerstreben gegen die Tendenz, einzelne Staudesgerichte von der allgemeinen Rechtsprechung abzusplittern, immer mehr verstärkt. Man sehe in diesem Bestrebe» eine Gefahr für die allgemeine Rechlsprechimg. Räch seiner, des Ministers. Ansicht wäre der gecigneistc Weg. alle Ansprüche aus den Bertragsverhältniffcn zwischen Arbeil« gebern und Arbeitnehmern, alle Lohnansprüche und waS damit zusammenhänge, den A m t s g e r i ch t e n zur schleimigeren lind wesentlich billigeren Erledigung zn überweisen. Man könnte ein solche? Verfahren für alle Lohnansprüche einführen nnt Ausnahm« derjenige», die schon in den bestehenden Gewerbegcrichlen ihre Erledigung finden. Stelle man die ganze Frage auf diese breite Grundlage, so erreiche man mehr als wenn man fortgesetzt neue Standesgerichte fordere. Nnsre Redner stellten sofort fest, datz sich die,- Ansführniigen offeudar gegen die i», J»ter-sse der Handlungs- gehilfen geforderte» Schiedsgerichte richteten, im weitere» aber nicht ulo>j eine Absage an diese, sondern eine Absage an jede weitere Ansdebnnna der lReiverbeaerichte über- Haupt seien. Seitdem ist es bei den Nationalliberalen von den laufmännischen Schlcbsgcrichten recht still geworden und es verdient hervorgehoben zu werden, dag der»ationalliberale Herr Bassermann die Schieds- genchts-Kommission, deren Vorsitzender er ist, auch noch nicht � u einer einzigen Sitzung einberufen hat. Herr Vasiermann tvartct mit»ntioiialliberalcr Dauerhaftigkeit auf das Einbringen eines RegierniigS-Gesctzentivnrfes, anstatt die Konnnissio» entsprechend seiner ursprünglichen Initiative, einen Gcsetzentwur sertigstellen zu lassen und ihn dem Reichstage vorzulegen. Die zaudernde Regierung ivärc dainit vor vollendete Thalsnchcn gestellt und mügte sich, so oder so, zu eiiieni Schritte entschliesten. der Beratung der Initiativanträge Rickert-Gröber au Sicherung dcö Wahlgeheimnisses und Abänderung des Wahl gesetzes haben wir sowohl auf Maßnahmen hingcivirkt, welche die zahl reichen ungesetzlichen Leeinflussnngen und Terrorisierungeii der Wähler uinnoglich machen sollen, als auch eine energische Kritik an den Praktiken der Wahlbecinflussung selbst geübt, linser Redner konnte kraste Beispiele der Bceinflussling der Wähler durch Beamte und Unternehmer aus den Akten der Wahlprüfungskonuntssion anführen. die im Reichstage teils Heiterkeit, teils Entrüstung erregten. Nur die Junker verharrten auf ihrem Stnndpnnlt. Der Reichsparteilcr v. Tiedemann brach eine Lanze für die öffentliche Stimm abgäbe und hatte allerlei Bedenken,„das geheime Wahlrecht noch geheimer zn machen". Der Konservative Oertcl sah gerade in der äußerlichen V c r s ch i e d c» a r t i g k e i t der S t i m ni- z eitel— die größte Klage der Arbeiterwähler in kleineren Orten— die„eigentliche Wahrung des Wahlgeheimnisse»". Die Anträge wurden schließlich g�gc» die Stimmen der Rechten angenommen. Der Kern dieses Gesetzes zur Abänderung des jetzt gültigen Wahlgesetzes ist, daß in Farbe, Geivicht und Große glcichinäßige Stimmzettel soivie amtlich abgestempeltc Umschläge zur Converliernng des Zettels durch den Wähler eingeführt iverden. Ferner ist für das Wahllokal eine Vorrichtung vorzusehen, daß der Wähler, ohne beobachtet werden zu können, an einem Nebenlische seinen Zettel couvertiere» kann. Wie bei früheren Beratungen, so auch jetzt iviedcr blieb die Bundesratstribünc leer. Der Antrag ist also auch dieses Mal ver- gebens gestellt. Es ivürdedies sofortandcrs iverde», wenii die Reichstagsmehrheit sich mit der nötigen Energie zur Wehr setzte. Aber sie bcfcheidet sich mit der Haltung der Regierung und der Reichskanzler konnte bei einer andern Gelegenheit dem Reichstage, der sich über die Ablehnung seiner Initiativanträge durch den Bundesrat beschwerte, den er- baulichen Trost mit auf den Weg geben: je öfter der Reichstag seine Anträge stelle, desto reiflicher würden sie vom Bundesrate cnvoge». Ein Initiativantrag des Centrnnis bciraf den Entwurf eines Reichsgesetzes über die Freiheit der RcligionSübnug(Toleranz- antrag). Dieser Antrag stammt noch aus der vorigen Tagung und entsprang de» Klagen des Centrums über Beschränkungen der katholischen Religionsübung in Mecklenburg, Brannschweig. Sachsen und einigen andern Bundesstaaten. Der Gesetzentwurf, der bereits in voriger Tagung eine Konnnission beschäftigt hat, ivill innerhalb des Reichsgebietes volle Freiheit des religiösen Bekenntnisses, der religiösen Vereinigungen und der häuslichen und öffentlichen Religionsübung schaffen. Unsre Redner unterließen nicht, ans die scheinheilige Heuchelei hinzuweisen, deren sich alle bürgerlichen Parteien in der Debatte schuldig machten. Toleranz verlangen sie bloß für sich; die Nicht-Kircheiiglänbigc» soivie die Atheisten verfolgen sie, ob sie nun Lutheraner, Katholiken oder Juden seien, mit der gleichen Unduldsam- kcit. Verlangten wir die absolute Freiheit der religiösen Meinung als etwas Selbstverständliches, so forderten ivir aber auch gleichzeitig die Trennung der Kirche vom Staat und die Freiheit der Meinung auch für die Dissidenten. Stattdessen aber brachten i» dcrzivcitenLesung Ccutrum und Jiniker einen Zusatzantrag ein, wonach die allgemeinen landes- polizeilichen Bestimmungen über Vereins- und Versainmlnngswesen von dem Gesetze unberührt bleiben. Dieser Zusatz wurde auch gegen unsre Stininien angenommen. Eine nette„Toleranz", die für die anerkannten Religioiisgemciiischafteii die größte Bewegungsfreiheit schaffen Ivill, diejenige» aber, die ihre Lehrsätze bekämpfen, der Polizeieensnr überantwortet. Wir versuchten auch, in das Gesetz eine Bestimmung über de» Fortfall des Religionsunterrichts als UnterrichtSgegenstand in den Schulen hineinzubringen. Die „Toleranz" der bürgerlichen Parteien läßt aber solchen Schritt nicht zu. Mit großer Entnistung wandten sie sich alle gegen diesen Antrag. Selbst Herr Richter lief dabei Arm in Arm mit dem Konservativen Oertel und ließ sogar einen Antrag dcS Freisinnigen Schräder im Stich, welcher bestimmte, daß ein Kind nicht gegen den Willen der Eltern zn irgend einem Religionsunterrichte herangezogen werden dürfe. Er lhat dies,„um das Gesetz nicht zu gefährden"! Indessen enthält der Gesetzentwurf doch Verbcsserungen gegen den bisherigen Zustand. Wir versagten ihm deshalb unsre Zu- stimmung nicht, während die Nationallibcrale», der größte Teil der Konservatjven und die ReichSpartci dagegen stimmten. Er wurde mit 163 gegen 60 Stimmen angenommen. Auch die Isx Rintclcn beschäftigte den Reichstag wieder. Die Mitglieder der Kommission zur Beratung der bekannten Gesetz- entwürfe Rintelcn, Lenzmann. Munckcl, betreffend Aendernngen und Er- gänzunge» des Gerichtsvcrfassungsgcsetzcs, der Strafprozeßordnung, der Civilprozeß-Ordnnng und des Straf-Gesetzbuchs, beantragten eine Resolution, welche der Reichstag einstimmig amiahni und wonach die sogenannte lex Rintclcn für erledigt erklärt, die Regierung aber ersucht wurde, baldmöglichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, in dein die Wiedereinführung der Berufung in Straf- fachen entHallen ist. Der Staatssekretär im Reichs-Justizamt gab dazu eine Erklärung ab, die weder Fisch noch Fleisch ivar. Er wird nach besten Kräften für die Weiterführung der Sache sorgen, aber eine Anzahl Regierungen ist gegen die Wiedereinführung der Be- rufung. Ob daher die Regelung sich schleunigst vollzieht,' läßt sich nicht bestimmt erklären. Ein auch von u n s r e r Fraktion u n t e r st ü tz t e r Antrag des Reichsparteilcrs Arendt u. Gen.: Nachtragsetat zum Reichs- Haushaitsctat 1902, betreffend Anszahlnng der be- niilltgte» Beihilfen an Kriegötriliichincr, ist unter„Jnter- pellationcn" behandelt. Wahlpriifnnge». Unter den Wahlprnfungcn, mit denen sich das Hau» in dieser Tagung zn befassen hatte, erforderten mehrere eine Stellungnahme des Reichstags. Die Wahl des n a t i o n a l l i b e r a l e n Ab- geordneten B o l tz- S a a r b r ii ck e n wurde wegen der Wahl- veeinflussunge» kassiert. Aufs neue aufgestellt, gelang es den National- liberalen, das Mandat wiederum zn erobern und de» Abg. Boltz als„ge- wählt" in den Reichstag zu entsenden. Auch das Königreich Stumm haben die Nationallibcralen, nach dcS Gewaltigen Tode, durch die bekannten Wahlpraktiken für sich erobert. Hier wurde der »ationalliberale Berg r a t Prietze„gewählt". Gegen diese„Wahl" lagen aber so wohlbegründete Proteste vor, daß der Reichstag durch die Ungültigkeitserklärung der Wahl PrictzcS zeige» wollte, daß er n»it den Wahlpraktikcn der Ausbeuter im Königreich Stumm nicht einverstanden sei. Es gelang den Nationallibcralen jedoch, ihren Prietze vorläufig zu rette». Sie drohten mit der Ans- zählung des schwachbesetzte» Hauses und setzten damit den Beschluß durch, aufs neue über einige Protestpunkte Erhebungen zu ver- anstallcn. Auch über die Wahl eines dritten N a t i o n a l l i b e r a l e n, des Abg. Sieg-Graudenz. beschloß das Haus wegen vorliegender gewichtiger Beschwerdepnnkte Erhebungen zu veranstalten. Die übrigen Wahlen, die den Reichstag beschäftigten, wurden genehmigt. Petitionen. Wie in jedem Jahre, so nahm auch dieses Jahr die Fraktion an der Erledigung und der Erörterung der eingelaufenen Petitionen rege» Anteil. Eine Petition, welche den Erlaß eines Verbots der Herstellung von Phosphorzündhölzern wollte, wurde GeLiFzks-Äoitunq. Chinakricger und Zuhälter. Vor der ersten Strafkammer des Landgerichts I stand der etwa zwanzigjährige Arbeiter Hamann, der beschuldigt war, zwei Damen der Halbwelt in ihrem schmählichen Gewerbe unterstützt und durch Drobungen und Schläge autzerdeni auch zur Ausübung deS Geschäfts angehalten zu haben. Der Be- 'chuldigte betrat die Anklagebank mit einer Ordensauszeichnimg an derBnist. Auf dieFragc des Präfidenten.LandgcrichtsdirektorTackinann, ivoher er dieselbe habe, erklärte H., daß er sich diese i» China erivorben habe.„Dann hätte» Sicsich doch aber von solchem schamlose» Treiben besser 'crnhalten sollen", meinte der Vorsitzende. Die Beweisaufnahme ergab eine vollständige Bestätigung der in der Anklage behaupteten That- 'achen. Demgemäß konnte der Gerichtshof bei der Nrtcilsfällung nur den bekannten neuen 8 181», der die erheblichen Straf« Verschärfungen enthält, zur Anivendung bringen. Dieser bestimmt bei Zuhälterei unter Anwendung von Gewalt usw. eine Mindest- strafe von einem Jahre Gefängnis, ans die auch erkannt wurde. Der Angeklagte, ein Sohn anständiger Elten,, brach bei Verkündigung des Erkenntnisses in Thränen aus. Er wurde tvegen der Höhe der Strafe sofort in Haft genommen. Wegen Majcstätsbclcidigiing hatte sich heute der Lackierer Julius Feige vor der 2. Strafkammer am Landgericht II zu verantworten. Der Angeklagte ist schon einmal wegen wahnwitziger MnjestätSbeleidignng zn 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Am 17. April begegnete er auf der nach Weißensee führenden König- Chaussee zwei Hautboistcn vom Königin Augusta-Regimcnt. In ostentativer Kordialität klopfte er ohne weiteres dem Hautboisten K l ü s m e r auf die Schulter. Dieser verbat sich das, der Angeklagte erwiderte aber:„Was, Du Lausejunge? Du läßt Dir auch schon einen Bart stehen? Du kriegst gleich was in die Fresse— timd nun folgte eine Aenßerung, die sich nicht einnial andeuten läßt). Die Anklage lautete daher außer auf Majestätsbeleidigung auch auf Be- Icidigung des Hautboisten Klüsmer. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Ocffentlichkeit statt und endete mit der Verurteilung des Angeklagten zu einem Jahre Gefängnis. Brieskasteit der Redaktion. Tie juitslilchc Tprechiiirnde findet täiilich mit SliiSiiahine des Sonnabends von?>/, bis!)>/, Itbe abends statt. Thusnelda Herzog. Ihnen steht ein Anspruch aus Entschädigung wegen Lichtentziehung gegen den Win zu.— Strelitzerstr. Allensalls an der Uhr von niisrer Fraktion dringlich befürwortet. Die Schweiz und die Niederlande haben bereits das Verbot der Verwendnng weißen Phosphors ausgesprochen. Die Regierung erklärte,� sie werde die Sache im Auge behalten.— Bei einer Petition, welche die Aufheb nng des Jmpfgesetzes oerlangle, wiesen unsre Redner darauf hin, daß im Volke eine große Strömung gegen das Jmpfgesctz vorhanden sei, welches unter dem Einfluß der Furcht vor großen Epidemien entstaudeil sei. Demgegenüber wcudeteu Regierung und Mehrheit ei», daß die überwiegende Mehrzahl der Sachverständigen noch heute für den Impfzwang sei. Unser Verlangen, die Petition der Regierung „zur Bfflickfichtigu'ng" zu überweisen, wurde darauf abgelehnt.— Andre Petitionen verlangten wieder die Prügelstrafe. Sie wurden durch frühere Beschlüffe für erledigt erklärt.— Viele Petitionen beschäftigten sich mit den Mißständen ans dem Gebiete des Wohn ungs- Wesens, mit der Abändernng des Krankenversicherungs- gesetzes, der Abänderung des B ö r s e n g e s e tz e s»»d andren Gesetzes materie n. Eine Folge der Erregung, die im Volke vorherrschte über die englischen Grcuelthaten in Südafrika, waren die zahlreichen Petitionen betreffend Einleitung v o n F r i e d e n s- Verhandlungen im südafrikanische» Krieg. Der größte Teil dieser Petitionen rief keine wesentliche Debatte �hervor, da über das Potum, welches die PelitionSkonmiission beantragte, keine Meinungsverschiedenheit herrschte. Im allgemeinen haben gerade i» dieser Tagung die Petenten im Lande nur eine sehr geringe'Berncksichtiguiig seitens des Reichstags gefunden und unsre Fraktion hat in» Interesse der Petenten darüber lebhafte Klage geführt. In erster Linie ist dies zurückzuführen auf die späte Einberufung des Reichstags, die keine genügende Zeit mehr läßt zu öfterer und gründlicher Besprechung von Petitionen, die nichl im Zusammenhange mit vorlicgeiideisi Gesetzentwürfen eingereiht sind. Zum andern aber liegt die Schuld auch an den Mehrhcits- Parteien. Gesetze, an denen sie ein höheres Interesse haben— Branntwein, Zucker, Süßstoff nsiv.— gehen eben vor und müssen durchgepeitscht werden. Die Petenten im Lande, die sich gegen irgend tvelche von ihnen empsmidencii Mißstände Abhilfe suchend an den Reichstag wenden, möge» sich in Geduld fasse». Die Be- sprechung der von der Komintssion vorgelegten Petitionen wird imnier weiter hinausgeschoben, bis dann der Schluß der Tagung sie überhaupt unniöglich macht. Hier Abhilfe zu schaffen, ivird sich bei bietender Gelegenheit die Fraktion immer bestrebt sein. Schlust. Die Tagung, zu welcher der Reichstag im Oktober— ein ungewöhnlich früher Elnbernfiuigs- Tcrinin— zusaminentritt, wird die letzte vor den a l l g e m c i n e n Neuwahlen sein. Da der Regierung daran liegt, den Wuchertarif vor den Wahlen fertig zu stellen und ihre Mehrheit nicht mit diesem Bleigewicht bepackt vor die Wähler zu schicke», ivird sie seit einiger Zeit von„Ver- fassiingsbedenken" geplagt. Sie hat die Frage aufgeworfen: ivann endet die fünfjährige Legislatur- Periode des Reichstages? Nach nllgcineincr Anschauung, die auch bisher Gültigkeit hatte, fiinf Jahre nach der Wahl des Reichstags, dicsninl also am 2 0. Juni 1 903. Die Regierung aber hat sich von Staatsrechts lehrern bescheinigen lassen, daß sie fünf Jahre nach dem Zn a m in e n t r e t e n des Reichstages endige, also im Dezember 1903. Die Regierung rechnet also damit, daß der Wnchertarif nicht bis zur Mitte nächsten Jahres fertig ist und plant deshalb die Hinauszcrrnng der Reichstags-Tagimg bis in den Dezember nächste» Jahres hinein. Die Neuwahlen würden dann erst Anfang 1904 vorgenommen werden. Sollte man wirklich versuchen, diesen in der offiziösen Presse eifrig diskutierten Plan auszuführeil, so wird nnsre Fraktion alle Mittel daransetzen, ihn zu Schanden zu mache», lieber- den Wucher» tarif in„st die Wählermasse Teutschlniids selbst ihr Urteil sprechen k Der zielbewußte Kampf, den die Fraktion im Reichstag gegen die Regierung, die Parteien und die parlamentarischen Jnteresscnkoalitioiicn der kapitalistischen Bourgeoisie führt, wird von ihr deshalb mit olcher Freudigkeit und Siegeszuversicht gcfübrt, weil sie sich cinS weiß mit den Jnteresicii der ganzen Volksmasic, die da leidet unter dem Ansbentnngssystcm des Kapitalismus. Mit um so größerem Mute kann unsre Fraktion kämpfen. wenn ihre parlamentarische Thätigkeit Wiederhall im Lande erweckt und die Genossen anspornt zn nnermndlichcr Agitation. Wir hoffen, daß dies gerade jetzt dcr Fall sein Ivird in, Hinblick ans die heranrückeudeit Renwahlc». Sie sollen ein neues Voraiischreiten des klasseiibcwlißten Proletariats 'ein auf der Bahn zu seiner endlichen Befreiung. Und dieser Kampf, den das Proletariat führt, ivird nicht bloß hm selbst nützen, sondern der Fortentwicklung der ganzen Gesellschaft dienen. In diesem Sinne sei der Bericht gc- 'chlosscn mit den ehernen Sätzen ans dem Konimiinistischen Manifest: Seit der Auflösung des uralten Gemeinbesitzes an Grund»nd Boden ist die ganze Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen etvesen, Kämpfen zwischen niisgebcutctc» und anSveiitendeil, be- errfchten irnd herrschenden Klaffen auf verschiedenen Stufen der gesellschaftliche» Entwicklung; dieser Kampf hat aber jetzt eine Stufe erreicht, wo die ausgebeutete„nd unterdrilcktc Klasse, das Proletariat, ich nicht mehr von der sie ausbeutenden und nntei drückende» Klasse, der Bourgeoisie, befreien kann, ohne zugleich die ganze Ge- ellschäft für immer von Ausbentung, Unter- drückung und Klassenkämpfen zn befreien l' steht ihnen ein Zurückbehaltungsrecht zu, da die andren Sachen unpfändbar sind.- S Wettende. 1. Ja. 2. Nein.- Kluge. Sie sind im JrrUim. ivahrscheililich ist, da Sie nicht erschienen sind, im Termin Versäumnisurteil gegen Sie ergnnge» Erkundige» Sie sich danach auf der Gerichtsschreiberel. — Manu 5. 1. Die Letzten. 2. Sie haben die Wahl.— N. 1. Beautragcn Sie beim Gericht Regulierung des Nachlasses.— W. M. 99. Die Stellvertreter-Kommission würde Ihnen versagt werden.— tkottbus 19. 1. Er- scheinen weder Sie noch für Sie ein schriftlich von Ihnen bevollmächtigter Vertreter, so ist die Klage auf Antrag des Beklagten abzuweisen. 2. Mög- lich ist es, daß Jhiicn Kosten zur Last fallen.— C. Pötzsch. 1. Darüber besteht keine Vorschrift. 2. Der Gehilfe wäre als Zeuge zu vernehmen. 3. Die Gemeinde. 4. Die Unfallrente besteht nicht im Ersatz deS vollen Schadens, sondern nur in dem Ersatz eines Teils des Schadens. Ob Ihnen Ansprüche über die gewährte Unsallreute hinaus zustehen, läßt sich nur an der Hand des betreffenden Bescheides ersehen. Sprechen Sie eventuell mit demselben in der Sprechstunde vor.— F. T. Lichtenberg. 1. Nein. 2. Ja. Witternngsübersicht vom 1. Angnst 1998, morgens 8 Uhr. Stationen S« 5= äs S)" Wetter Swinemde. 763 W 3hlb.bed. Hamburg j 765.WSW 3 bedeckt Berlin>765 WNW 3wolleiil Fraiilf./M. 765 NNO 4 wolkig München 765 SW; 3 Regen Wien> 763 NNW 1 heiter Wetter-Prognose für Soiinabend »s c all C« 64 Stationen L£ 1= aS 0*- a= c Wetter S«■ 1=1 13 Haparanda 756 N 2 heiter 14 11 Petersburg 759 S Ihlb.bed.' 13 13 Eort 768N 2 1)16. beb. 13 14 Aberdeen!— I——!— 15 Paris 1 765 NO 3 heiter 20,||| de» 8. August 1998. I aU SU 14 Ein wenig wärmer, zeitweise heiter, aber noch veränderlich bei mäßigen nordwestlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterb»reo it. Am Donnerstag, 31. Juli, nachm. 6 Uhr, entschlief sanft nach schwerer Krankheit meine innigstgsliebte Frau Lsi'tks Schonnop geb. llaiitiki, im 42. Lebensjahre. Dies zeigen tiefbetrübt an Tic trauernden Hinterbliebene». Die Beerdigung findet Sonntag, 3. August, nachmittags 4 Uhr, von der Manteusselstraße 54 aus nach dem Emmaus-Kirchhof statt. lZ29b Von der Reise zurück. Dr. Lachmann, Specialarzt für Hals-, Nasen- und Gehörleiden. 1228b Bruunenstraße 115. Allen Freunden und Genossen zur Nachricht, daß ich 9 ein Geschäft übernommen habe. krit?. ll0ll, Gastwirt Allen Parleigenossen, Freunden sowie meiner werten Nachbarschaft hiermit zur Kenntnis, daß ich mein Weiß-il.Valjrisch-Bitr-Lokii! von Pallisadenstr. 9 nach der Zoru- dorscrstrafte 8 verlegt habe. Vereins- ziinmer bis 60 Personen. 844b' Achtungsvoll lltto kTSNltö. Arbeiter SnortTest am Sonntag» den Z.'August 1902"VQ in de» Geiamträniiien des Mnggelschlöjjcheu und des Strandschloffes am Müggelsee bei Friedrichshagen veranstaltet von den Arbeiter- Sport-««d Turn- Vereinelt Berlins»ud lliugegeud bestehend in sportlichen Veranstaltnilgen aller Art: Korso- Rcigcnfahren der Nadfahr-Vereine. Reigen� und Riegen-Tchwinlinc« sowie Springen u. Waffcrball-Spiel. Gcfchwadcr-Segcln u. Ruder». 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Härtlg, AndreaSstraßc 43, IV; Kademann, Avalbertstr. 3, Hof I, sowie in allen mit Plakaten belegten Geschäfte» und an der Abfahrtsstelle Oaks Aleen, Vor dem Schlesischen Tbor 2. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß diejenigen Teilnehmer, welche die Eisenbahn benutzen, bei der Fähre für Rinder bis zn 18 Jahren nichts zn zahlen brauche». 290/18__ Das Komitee. SP Hixdorl. Sonntag, den 3. August 1902: Grosses Sommerfest veranstaltet vom 232/12 LotialdemokraMtn Hlöljhimiii Ripdorf in Hcthsct» Konzert-ravk, Britz, Ehanffeestr. 39. Loo�ert. Lumoristiseks Vorträge. I'unieriscde Auflührungen und Tanz. Kinder Belnftigniigci» aller Art und Fackelzug, wozu jedeS Kind am Eingang eine Stocklaterne erhält. znkang 4 Uhr. Kasseneröffnung 3 Uhr. Entree 20 PI USF" Herren, welche am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach."Wß Um zahlreiche Beteiligung der Partcigenosseir von Ripdorf und Britz bittet I»«»' Voi-nt-rnck. Freireligiöse Gemeinde. Zum Besten des Baufonds Soniiadend. 39.«nguft. in Louis Kellers Festialen. Koppenftr. 89» Grosses Vokal- u. Instrumental-Konzert und Sommern» clitsball. 63/3 _ M- Die Gesänge werden ausgeführt von dem giitrenommierten Männcrchor der sreieu ReiigioiiSgesellichast zu Magdeburg" und dem „Gemifchten Chor der freircligiöse» Gemeinde zu Berlin"; Musik vom Verband der Civtl-Bcnifsinusiker" unter Leitung des Herrn»ad, 7i«tr. Programme a 39 Pf. sind zu haben in allen Billetverkaussstelle» der Freireligiösen Gemeinde, in den Sonutags-Bersammlungeu Kl. Frauksurter- straße 6 und bei Mahs, Tilsiterstt. 70 IV; A. Hoffmann, Blumeustr. 14; Peegc, Rüdersdorferstr. 48, sowie beim Kasienboteii Räder, Rheinsbergerstr.6211. Anfang K'/z Uhr. Tanz sür Herren 39 Pf. Um zahlreiche Vetciligung erfucht Komitee. „Jä�erliäuschen" Saafwlukel Am Spandaiier Schisfahrtskanal. Jnh.' 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Neues Programm, b Uhr. Apollo- Theater und Konzert-Garten. Um 8 Uhr: Acne brillante Specialitäten. Um 9 Uhr: Lysistraitft Leonidas; Robert Stell». 6 Sennets.— Bella Rosa u. Sem.— The 3 Satours.— Liana Leischner etc. Kasseneröfihung 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. Passage-Theater. Das Elite August-Proaramm. Alice Markert. Darstellerin komischerVolks- typon. Willy Pra ger (Prolongiert!) 16 neue erstkl. Nmumern Passage-Panoptitii. Molcs Pariser Marionetten-Theater. Arabischer Fakieru Feuermensch. Am Königsthor 4202?* An» Frledriclishain _ Täglich:_ Thcattt- imi) SpeciltlitStett- Kütstelluilg. Täglich bis 7 Uhr: Freier Damentanz. Jeden Abend 10 Uhr: Die Ballettschule. Grohe Gesangsposse mit Tanz v. Anno. «SX Kliems 8ommer- Iliektlsr. Knsenbelde IS- Ii». Artistischer Leiter: Gast. Bock| Täglich: Gr. Konzert, Theater- u. Ipecialitäteii-Vorsteilniigl Jeden 1. und l. d. Monats: Wechselndes Programm! Donnerstas-:-Titg. Urania. Tauben-Straese 48/49. Im Theater um 8 Uhr: Die deutsche Ostseeküste. OOtOCISCHER GARTEN Täglich nachmittags ab 5 Uhr: ilitär- Doppel-Konzart. Gastspiel der Kapelle des König). Bayrischen 21. Infanterie-Regiments, kgl. Musikdirektor Jul. Schreck. Entree 1 M., v. 6 Uhr ab SO Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. CASTANS Panoptikum Frledrich-Strasse 165. Das berühmteste Wachsfiguren-Kabinett der Welt. Beachtenswerte Neuheit: Lebende Bilder, ausgeführt v. einem Ensemble junger, schöner Damen. KottbiiHeratr. 4u, Station der Hochbahn. Täglich im Garten, bei u» günstig Witleriing unSaal: 11»ff,>i an it* Norddtiltsiht Söitgtr lind Konzert. Sonntag. Monlag und Donnerstag nach der Soiree: Tnnzkränzche». Tanz srei! Ansang Sonntags ö Uhr. EntreeZO Ps.. ab 9 Ubr 20 Ps. Ansang Wochentags 6 Uhr Entree 30 Ps.. ab 9 Uhr 20 Psg Rei chshaii e n. TäSTlicli: Stet tiner-Sihigcr. Ansang: Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr Tagestasse II— l>/zUhr ~ CO s«»= s N? g i """SDä! 5 nrottr-Thrattt Kastanie»- Allee 7— S. Täglich: Johanuiszauber. Operetten-Burleske in 4 Bildern von W. Geride. Musik von Schmidt. Hedwig Döring, Kostüm- Sonbrette.— Eugen Milardo, Tanzhumorift.— Cirlus Loyal.— Leodlskas Kakadus, lomische Redtumer.— The Elrados Mdm. Georgette, Feuer-». Flammeu- taiiz.— Lebende Photogrophie». (Nene Serie.)— Konzert. Ansaug 4 Uhr. Eintritt 30 Ps.,»umcricrtcr Plah 50 Ps. liallio. �ommertlieuter ßKsiT'iiGndsrL Badstr. 35/36, Gesundbruiiiicii. Neu! Täglich: Neu! Groszstadtlebeu. Gr. Aitsslaiuingsposse in 2 Bildern von Neidard. Musik von Schmidt. In 8pcciulitäteii. Entree 20, 30 und 50 Pf. Sonntags: Ball. Empsehte meine Räumlichleiten den verehrten Bereinen und Gelverkschasteu bestens, billigste Äeditiguugen.. Rtohard Wagner� U. Ult-icllZ liio-itef. yirnniieustr.istr I>: Täglich Vnrutcllnng. Dns tmMt VttilN. Posse mit Gesang und Tanz von Leopold Ely. Nur keiue Mäuuer! Burleske mit Gesang von Geride. Im Saal: Tnn«lrräii»clicn. »m Müggelsee zwisch.Müggetschlog lt. Ausstchtsuirm. Empfehle Fabriken. 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Knffeckuche.— Ball.— Mittwoch, 6. August: Grosses Gartentest. Dtcnstog. den 12. August: Benefiz für Karl Lohrmann und Waldi Jafinsty:..Der Bettet. studenk von Berlin". asTlb""" ftche« UalniMdorfcr Tliilile 8 Minute» vom Bahnhos Rohnsdors und 10 Minuten vom Müggelsee. Herrlich Im IValde und am Flfess gelegen. Für Vereine, Fabriken sowie Familien beionders empsohlen. Tanzsaal u. Hallen, 1000 Personen lassend 3 elegante Kegelbahnen an Vereine zu vergeben Jeden Mitiwoch: Kindertest. deden Sonntag und Freitag: Tanz. gBF" Am 2. August: Grosies Botks-Erntefest. Karl Tluliin. Central verband der Manrer etc. (Einstellen Berlin and Umgegend.) In Ausführung des Generalversammlungs-Beschlusses vom 15. Janunr d. I. ersuchen wir alle Mitglieder des Verbandes, dafür Sorge tragen zu wollen, dafc am Montag, den 4. August, auf allen Bauten eine allgemeine Kontrolle der Mitgliedsbücher vorgenommen wird. Zu diesem Zweck hat jedes Mitglied am Montag sein Verbandsbuch mit nach der Baustelle zu bringen. Die Baudeputierteu-Listen sind am Sonnabend, den 2. August, abends. in allen Verkehrslokalen erhältlich. Die Baudeputierten werden ersucht, die Liste genau aus- zufüllen und bis Mittwoch, den 6. August an das Bureau einzusenden. 140/13 vle•Vcrbandsleltmig. I A: Karl Panser, Engel-Ufer 15, III. Central Nerdand der Topfer (JTttwlo Merlin). Am Dienötag, den 5. Angnst 1902, abends 6'/- Uhr, im Saal 8 des GewerkschaftShanseS. EngelUser 15: VerkrmtensnlÄmte�-VerfmmnUmg. _-___, i■ V,-___ v______ r_____ r. 1-„ S,. CO �,< v, A%,4vr>4�v<«'Cr.nvysnv nti-irfiart tisil- hl Wir ersuchen die Kollege», darauf zu achten, dab jeder Bau auf ausmerkiam. dab die Firma Gebauer(Bau: Lichtenberg, Withelmstr. unter.Arbcitsmarlt-O_[196/8] vertreten ist. Ferner machen wir dar- 75) gesperrt ist.(Siehe Annonce Her Vorstand. Treptow. Köpnicker Landslr. 27, empfiehlt(ein Lotal nebst kleinrin Sani. 230—300 Personen fassend. sowie grosicm schattige» Garte» z» jeder Art von Festlichkeiten. Einige Soimabelide für Sommer- feste zc. sind noch zu vergeben. Glas Bier Liter 10 Pf. ff.Wcibbicr. 432L* R. Hohlwein. 5? Noch Die so iTO »oinit jetzt Vorrat kauTcn. 100 St.Senfienb. BriquettsöZoll 0,50 100„ Riesciikvhlc..... 7„ 0,60 iingepadte Prchtvhleii, Ceutner. 0.65 1 Scheffel N»b II Königshütte. 0.85 1 Hell. kl. gemahlener Gascoaks 1,10 Zum Abholen borge 25 Handwagen. Ins Haus bei 3000 Stück a 1,25 M. mehr. Josef Fischer, Mitte Brombergerstraste Ii). 4505» Verband der Möbelpolierer. Montag, den 4. d. M.. abends 8Vz Uhr. in Nixdorf. Hermannstr. 197: VerlcmmtUmg. 146/15 Tages-Ordnung: 1 Vortrag der Frau A. Mesch. i. Diskiissioil 3. Wahl. 4. Verschiedenes. b'tmt Bcsdilub der öffentlichen Versammliliig der Möbelpoliercr vom 21. Juli ist jeder Kollege vcrpfiiditet, zur Bckaiiipfmig der Entlassiingsscheliie pro Woche 50 Ps zn zahlen; wir ersuchen deshalb die Mitglieder, die Nichtorganisierten daran zu erinnern und heute abend in den Zahlstellen zu begleichen___ Der Vorstand. Artbeiter-Skatbund Berlins und Umgegend. 1223b Freitag, den 8. iklugust. abends 9 llhr. im Rcstonrant Roggc. Lessiiigstr. 17. Scke Prinz Hmidjerystraste(Rixdorf)� Dtlegiertenschung des Duudes. Arbeiter-Skatvereine, welche dem Bunde beitreten wolle», find hterzn höflichst ciiigelode»._ Per Vorstand. Freie Volksbühne. Zaltlstelieitverleguiig;': VlPClPIt* Zahlstelle No. 27 von Wagas ist geschlossen WCMCU• und befindet sich von jetzt ab: ItarbarossaHtrasse 75 im Cigarrcngeschttft von Karl KUhn. nelon• Zahlstelle 14 jetzt liolzmarktstr. 48a USien. bei Kurklinnl». Die Mitglieder dieser Zahlstellen erhalten dort ihre neuen Karten. Die Mitgliedskarten für die Saison 1902/3 können von heute ab aus allen Zahlstellen abgeholt werden Laut Statut ist der August-Beitrag bis spätestens zum 20. August zu entrichten, da nach diesem Termine die Mitgliedskarten, die nicht abgeholt werden, anderweitig an neue Mitglieder vergeben worden. Achtung! Mitglieder, die als Ordner fungieren wollen, können sich für die neuen Abteilungen beim Kassierer schriftlich melden. O eschäf tsl eute werden besonders auf den Inseratenteil unsrer Monatsschrift aufmerksam gemacht. Bestellungen sind direkt an untenstehende Adresse zu richten. 229/16» Der Vorstand. I. A: O. Winkler, Eixdorf, Kirchhofstr. 46, II ItiBImB u. Steröc* .Ajje her Tischler u. Niibrec gewerblicher'Arbeiter. (E. v 3. Hambiirg) Ocrtliche Berwaitnng Berlin H. Montag, den 4. August, abends 8 Uhr. bei tolksdorf, Görlitzerstr. 58: MitMer-Mslimlullg. Toges-Ordniing: 1. Abrechnung vom 2. Quartal 2. Andre wichtige Kassen-Angelegen- heiten.— Mitgliedsbuch legitimiert. Pünktliches Erscheinen notwendig. 184/17 Die Ortsverwaltiiiig. Dr. Siinmel, Prinzenatr. 41. Specialarzi für 31/9» Haut- und Harnleiden. 10-2, 5-7. Sonntags 10-12, 2-4. fsnmiiT Unverfälscht. Deutscher ijüllly ♦ Bienenhonig, best. Qnalit. vers. die lOPsunddose zu 6.50M., bPsd. 4 M. srniito. Garant. Rückiiahiiie. 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Billets an der Tageskasse. Orts- Kraukeukass e ftir das GtilitrbedttVerstttillililßWll MufikillstrWtütell Berlin. Brkll«il!mlichl»lg. �nl»xe A zum Statut der Orts-Krankcn- Kasse für das Gewerbe der Verfertigung von Musik- instrumenten. Cl e b N v i» v b- V» r i Aus Grund des§ 55 des Kranken- versicherimgs-Gesetzes und nach§ 32 des Statuts hat die außerordentliche Geiieralversammlung vom 1. Juni 1902 beschlossen, daß diejenigen Arbeitgeber, welche die Eintrittsgelder und Bei- träge nicht zum Fälligkeitstermine eingezahlt haben, sür die der Beitreibung vorausgegangene Mahnung eine Gebühr zu entrichten haben und ist nachstehender Mahngebiihren-Tarif festgesetzt worden: r bis 3 all. einschließlich. 10 Pst 2. von 3 M. bis einschließlich 15 M..... 20 Pst 3. von 15 M. bis einschließlich 160 M..... 40 Pst 4, von über 150 M....75 Pf. Diese Mahngebühren werden in der- selben Weise wie die Rückstände bei- getrieben. 274/12 Der Borstaud. A. Baartz, Jos. Pleyer, 1. Borsitzender. Schriftführer. Vorstehender Beschluß der General- vcrsaniuilung vom 7. Juni 1902 wird hiermit auf Grund des Z 55 Absatz III des Krankenversicherungs-Gesetzes ge- nehmigt. Berlin, den 2. Juli 1902. vor IiIagI,trat».KommIs»ar für d. Orts- u. Betriebs-Krankenkassen. I. B.: Dr. Meyer. 9. Abänderung zum Statut d. Orts-Krankenkasse für das Gewerbe der Verfertigung von Musik- Instrumenten. Artikel I. § 30 lautet wie folgt: Die wöchentliche» Kassenveiträge ve- tragen: 1. Für erwachsene männliche Kassen- Mitglieder über 16 Jahre, aus- schließlich der Lehrlinge 69 Pf. 2. Für erwachsene weibliche Kasten- Mitglieder über 16 Jahre 45 Pf. 3. Für männliche Kastenmitglieder unter 16 Jahren und für Lehr- linge 33 Pst 4. Für weibliche Kastcnmitglieder .unter 16 Jahren 24 Pst Artikel II. Diese Abänderung tritt nach Ge- nehmigung durch den Bezirksausschuß mit dem ersten Montag nach erfolgter statutenmäßiger Bekanntmachung in Kraft. Berlin, den 9. Juni 1902. I>«i? Torsfund. R. Baartz Jos. Pletzer t. Bvrsitzender. Schrtstführer. Genehmigt. Berlin, den 9. Juli 1902. NamenS des Bezirksausschustes der Abteilung II Der Vorsitzende: Kayser. Partei-Speditionen: Berlin zweiter Wahlkreis: Hermann Werner, Mittenwalder- straße 30, v. pari.— Vierter Wahlkreis O.: Robert W e n g e l s, Gr. Frankfurterstr. 133, Hof xart.— 80.: Paul Böhm, Laiifitzerplatz 14/15 (Laden).- Sechster Wahlkreis(Boabit): Karl Anders, Salzwcdelerstraße 8, im Laden.— Wedding und Oranienburger Vorstadt: Emil Stoltzeuburg, Wiescustraße 41/42.— Oesnad- brnnnen, Itcinlckcndort*(Ost und West), Wilhelmsruh und Schanholz: Hermann Raschle, Grünthalerstr. 65.— Bosen- thaler und Schönhauser Vorstadt; Karl Mars, Kastanien- Allee 95/96.— Charlottenbnrg: Gustav S ch a r n b e r g, Sesen- hciuierstraße 1, Ecke Goethcstraße, vorn I.— Bentsch-WUniersdorf; W. Nickel, UHIandstr. 108, pari.— Vrledrlchsberg-IVledrlchs- feldc: Oswald Grauer, Berlin O., Frankfurter Allee 197.— Oriinan: Gustav M i e r s, Köpenickerstrabe III.— Blxdorl: Ost er mann, Erk- straße 6.— Schöneberg: WilH. B ä u m l e r, Martin Lulherstr. 5i, Laden. — Ober-Schönewelde: Ernst K a u f h o l d, Wilhelminenhosstr. 18, — Nledcr-Schönewelde: Bonakowskv, Berlinerstraße 8.— Johannisthal: Paul Mann, Friedrichstraße 39, I.—.Vdlers- hof: G u st a v Hitze, Hackenbergstraße 8.— Köpenick: Friedrich W o i ck, Grünftraße 29.— Friedenau- Steglitz: H. Bernsee, Kirchstr. 15 in Friedenau. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: H. Mohr, Düppelstraße 8, und Fr. S ch e l l h a s e, Ahornstraße 15».— Baumschulenweg: Stock, Ernststraße 2, II.— Xeu-Welssen- see: Heinrich SB ach mann, Lehderstraße 5, Ecke Friedrichstraße.— Unmiuelsbnrg: Forgbert, Prinz Albertstr. 5a. Außerdem ist sämtliche Parteilitteratur soivie alle wissenschaftlichen Werke dort zu haben. Auch werden Inserate für den„Vorwärts" entgegengenommen. Sn- Bitte ausschneiden!"9*% tmilhilte iioii 1,50 an iiabellhiite„ ÖJ5„ Größtes Lager in Strohhüte» von den einfachste» bis zu den feinsten Genres Schirme zu außergewöhnlich billigen Preisen. Mützen. Krawatte».>4504� Otto Gcriioldt, Wo? ist ein schöner Aufenthalt, schön zu Fuß, Rad und Kremser zu erreiche»? Beim alten Freund aus Bichels werder.— Für gute Küche usw. ist immer bestens gesorgtl[45122* -0 Illaslk: Elektrisch. Kufekes BESTE NAHRUNG FQR gesunde& darmkranke Kinder Kindermehl Jode Uhr�l� HKHAKG zu reparieren und reinige» kostet bei mir unter Garantie des GutgeHeus nur 1 MIk» 50 außer Bruch, kleine Reparaturen billiger. Grobes Lager in tthre», Ololdware», Kette» zu erstaunlich billigen Preisen. Tiikaten-Trauring, 900 gest., 1'/, Dukaten 15,50, 2 Dukaten 20,50. Für sämtliche Waren schriftliche Garantie. Pincenez, Operngläser. 7. liltotiooeeLtf. 73. Echt Rathenoiver Brillen, 4506L* P. Stolz, Badstr. 57. 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Aboimementsbuchhaiter und Bücherrevisor hat»och einige halbe Tage in der Woche frei, die im ganzen oder einzeln, auf Wunich im Abonnement, zu vergeben sind. Vorteilhaft für Geschäftsinhaber, die wegen Mangels an Zeit ihre Bücher selbst nicht führen können, sich aber auch einen ständigen, teuren Buchhalter nicht halten wollen. 472>L�\ Feiiistc Berliner Referenzen, strengste Diskretion, Honorare mäßig. _ Knill Cohn. Schwartzkopssstr. I, I Verantwortlicher Redakteur- Julius Kalis« in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich! Th. Glocke tn Berlin. Druck und Verlag von Max Babing tu Berlin. St. 178. 19. Ultiau. 3. DtilllAt Die Arbeitsverhältniise des Persoiillls der Verliner Strilßenbttljltell. i. Unter den Erhebungen des Vereins für Socinlpolitik über die Lage der Angestellten und Arbeiter in den Verkehrsgeiverben dürften die über die Arbeitsverhältnisse des Personals der Berliner Straßen- bahnen von besonderem Interesse sein. Herr Dr. Fritz Deichen, der in einer umfangreichen Arbeit darüber berichtet, hat die Er- Hebungen int Sommer 1899 begonnen und im Laufe des darauf- folgenden Winters fertiggestellt'. Bevor seine Abhandlung jedoch zuin endgültigen Abschluß gebracht wurde, brach im Mai 1909 der große Ausstand der Straßenbahner aus. Die Ergebnisse dieser Lohnbewegung sind in der Arbeit bereits berücksichtigt. Daß die dnrch den Streik geschaffenen Verhältnisse dauernden Bestand haben werden, wagt der Verfasser nicht zu behaupten, ein Zweifel, der in den Augen aller„staatserhaltenden" Elemente vor- anssichtlich nm so schlverer ins Gewicht fällt, da Herr Deichen jede Gemeinschaft mit der Socialdcmokratie weit von sich weist. Er spricht sein Bedauern darüber aus, daß die Angestellten der Straßenbahnen„unter der Flagge einer socialdemokratischen Geiverkschast" segeln mußten, nm bessere Arbeitsverhältnisse zu erlangen, und hofft, daß der größte Teil derselben de» Central- verband der Handels-, Transport- und Vcrkchrsarbeitcr nur als Mittel zum Zivcck benutzt hat und sich jetzt wieder von ihm lossagen wird. Nur ein kleiner Bruchteil der Bediensteten gehört nach seiner Kenntnis der Dinge aus politischer Ue'berzeuginig der Socialdemokratie an, während ihr das Gros stets ferngestanden hat und auch ivicder fern bleiben wird. Als. Kronzeuge dient ihm der— Schaffner Ascher, jener Mann, der in dein Straßenbahnerstreik eine mehr als zweideutige Nolle gespielt hat. Trotz der Ausfälle gegen die Socialdemokratie, die an einigen Stellen der Arbeit enthalten sind, sind die Erhebungen des Herrn Dr. Deichen doch von bleibendem Wert. Zeigen sie doch, daß im „Staate der Socialreform" in Betriebe», über die die Organe des Staates die Aufsicht führen, Zustände herrschen, ivie man sie zwölf Jahre nach den Febrnarerlassen kaum für möglich halten sollte! Das Personal zerfällt in eigentliches Straßenbahn- und i» Handwerkerpcrsonal. Zum ersteren gehören alle diejenige» Personen, deren Funktionen in ihrer Gesamtheit dem Unternehmen das charak- terisiische Gepräge einer Straßenbahn geben! die Einführung des elektrischen Betriebes bringt im allgemeinen eine Verminderung dieser Kategorie z» Gunsten der Handwerker mit sich, denn an die Stelle der vielen Stalllcute beim Pferdebetriebc treten jetzt einige Maschinisten und Heizer sowie die nötigen Schlosser und Leitungs- Monteure. Die Gesamtzahl aller Bediensteten einschließlich der Arbeiter in Baukolonnen berechnet Deichen Ende 1899 ans und 8090 und»ach Inbetriebsetzung der bereits konzessionierten rcsp. pro- jektierten Bahnen auf ctiva 10 000. Im Vordergründe des Interesses stehen die Wagenführer und Schaffner, iveil ihre Thätigkeit im öffentlichen Verkehrswesen als die wichtigste erscheint; auch der Zahl nach sind sie am bedeutendsten. Die Sicherung eines geschulten, seßhaften Fahrpersonals ist daher eine Hauptaufgabe der Straßenbahnverwallungen. Während sich für das übrige Personal leicht Ersatz schaffen läßt, kann ein plötzlich auftretender Mangel an Wagenführern und Schaffnern, ebenso wie eine dauernde Untiichtigkcit derselben, zu den schwerste» Schädigungen des Unternehmens führen. Wer jedoch glaubt, daß Männer in so verantwortungsvoller Stellung auch entsprechend bezahlt werden, der befindet sich in einem großen Irrtum. Zwar sind die Einkommens- und Arbeitsverhältnisse der Führer und Schaffner meist besser als die der anderen Betriebs- beointen, aber es fehlt, wie Ivir weiter unten sehen werden, noch viel, che diesen Beamte» eine menschemvürdige Existenz gesichert ist. Besondere Vorkenntnisse werden vom Straßenbahnpersonal im allgemeinen nicht gefordert; es erhält vielmehr im Betriebe selbst den nötigen Unterricht. Alle Neueintrctcnden, welche die Stellung eines Führers oder Schaffners erlangen wollen, haben 2—6 Wochen lang an einem theoretischen und praktischen Fahrunterricht teilzunehmen, der durch eine Prüsiing abgeschlossen wird. Bis zu dem Streik wurde während der Lehrzeit— außer bei Siemens u. Halske— nicht der geringste Lohn gezahlt, oblvohl die Anwärter 8—10 Stunden täglich zur Verfügung des Unternehmers stehen mußten. Aber selbst uach Ablauf der Lehrzeit und sogar nach Hinterlegring der Kaution wurden die Betreffenden bei der Großen Berliner Straßenbahn gewöhnlich noch nicht fest angestellt, sonder» vorläufig erst als„Ersatzfahrer' oder„Ersatzschaffncr' gegen einen Tagelohn von 2 50 M. oder einen Stundenlohn von 25 Pf. bei jedcrzeitigenr Kündignngsrccht beschäftigt: sie hatten dann aber keincsivegs alle Tage Arbeit, sondern ivurden je nach Bedarf in der Woche mir an zwei bis drei Tagen zum Dienste herangezogen. Ja, falls sie die Kausion nicht gleich stellen konnten, wurden sie sogar bloß als Wagenschicber, Wagcnreiniger oder zu sonstigen Haiid- langerdiensten verwendet. Oft erhielten die Amvärler erst nach vielen Monaten, manchmal erst nach mehr als Jahres- srist, ihre dauernde Einberufung, und ztvar zunächst sechs Monate lang ans Probe und erst dann endgültig, d. h. mit einem beiderseitigen Kündigungsrecht von 14 Zlagen. Infolge der Lohnbclvcgnng haben sich die Verhältnisse etivas günstiger gestaltet. Der sogen. Nescrvedicnst gegen Tagegelder fällt fortan überhaupt Iveg: die Ncn-Eingestcllten bekommen sofort ein Monats- geholt von 85 M. imd werden nach sechsmonatlicher Probezeit mit 90 M. Gehalt fest angestellt. Was den D i e» st, die Arbeitszeiten und Ruhe- Pansen des Personals betrifft, so beträgt bei den Eon« t r o l e n r e n die reine Arbeitszeit gewöhnlich 11 Stunden. Unterwegs sind sie allerdings 12 bis 13 Stunden; jedoch gehen hiervon regelmäßig 1—2 Stunden für Frühstücks- und Mittagspausen ab. Am schiversten hat es ivohl das eigentliche Fahrpersonal, nämlich Kutscher resp. Wagens ü h r e r und Schaffner. Nach der Dienstordnung, die jedem Angestellten behändigt ivird, ist das Rauchen im Dienst verboten. Beleidigungsklagen dürfe» nur mit Genehmigung der Direktion gegen Fahrgäste anhängig gemacht werden. Bei dem einen llnlernehnien ist der Besuch von Schank- tvirtschaftcn an den Endstationen untersagt. Ueberall ist es ver- boten, daß Fahrer und Schaffner zu gleicher Zeit austreten; oft ist auch weder zum Besuch von Schankwirtschaften noch zun, Austreten Zeit vorhanden. Als sehr drückend empfindet das Fahr- personal die Vorschrift, daß der Aufenthalt und das Speisen in den Wägen an den Haltestellen verboten ist. Die Leute müßten also eigentlich ihre Mahlzeiten im Stehen, und noch dazu selbst beim größten Unwetter, im Freien einnehmen. Einen ganz besonders anstrengenden, sowohl Körper wie Geist ruinierenden Dienst haben die Wagenführer im elektrischen Betriebe, und oft genug trägt noch die Sparsamkeit der Unternehiner dazu bei, ihnen das Leben schwer zu machen. Es sollen nämlich vielfach zu wenig Schlosser vorhanden sein, welche die Motorwagen, speciell die Brunsen, einer regelmäßigen Prüfung unterziehen und etiva auftretende Mängel rechtzeitig beseitigen können. Da wird dann leicht ein Wage» ohne Vornahme der»otwendigen Reparatur ans der Hand gelassen, und der Führer mutz voni Hofe fahren, trotzdem die Bremse nicht richtig funktioniert. Dem Wind und Wetter ist der Führer vollkommen preisgegeben. Selbst bei strömendem Gewitterregen darf er seinen Posten nicht verlassen. Trotzdem er oft bis' ans die Haut durchnäßt ist, muß er. zitternd vor Kälte, bis in die tiefe Nacht hinein seinen Dienst versehen. Der Dienst der Führer ist„in seelischer, geistiger und körperlicher Hinsicht eine der aufreibendsten Thätigieite». Sie arbeiten mit Augen, Ohren und beiden Händen. Mit dem einen Fuße stehen sie auf der Signalglocke und mit dem andren im Gefängnis oder halb ini Grabe". Wie gestaltet sich nun die eigentliche Arbeitszeit desFahr- Personals? Der Vorbereitungsdicnstjdauert durchschnittlich bei den Schaffnernl5, bei den Führern undKutschern mindestens 25 Minuten. Wo das Fahrpersonal noch zu umfangreichen Reinigungs- und Putz- arbeiten herangezogen wird, wie bei Siemens u. Halske und bei der Kontinentalen Gesellschaft, koinmt eS mit diesem Zeitrauni nicht einnial aus. Berechnet man ferner den Abfertigungsdienst für Kutscher und Führer durchschnittlich auf 5, für den Schaffner auf 15 Minuten, so ivürde sich die eigentliche Fahrzeit bei beiden Kate- gorien um 80 Minuten verlängern. Die Motor tvagen-Führer sollen nach den mit der Verliner Stadtverwaltung' abgeschlossenen Verträgen nur ausnahmsweise länger als 10 Stunden täglich beschäftigt werden dürfen. Infolgedessen ist ihre Dienstzeit zwar kürzer als die der Kutscher und Schaffner, indessen ivurden die 10 Stunden bis zum Ausbruch des Streiks bei iveitem über- schritten, namentlich dei der Großen Berliner Straßenbahn, wo der Monatsdurchschnitt auf einzelnen Bahnhöfen IO'/z bis 11 Stunden betrug. Der Dienst der Kutscher und Schaffner dauerte noch länger als der der Führer; im elektrischen Betriebe z. B. fährt der Schaffner gewöhnlich eine Tour, d. h. rund l>/s Std. länger als der Führer. Bei der Charlottenburger Gesellschaft kamen einmal 16 Stunden 50 Minuten nach dem Dienstvertcilungs- plane vor. Bei der Großen Berliner Straßenbahn schivanktc der Dienst im allgemeinen zwischen 11 und 14 Stunden, der Durchschnitt betrug etwa 12Vz Stunden. Bei Siemens u. Halske kamen im Durchschnitt 11 Stunden heraus. Dazu kanten jede Woche etwa 4 Uebcrstundcn infolge der Inbetriebsetzung von Einsatzwagen an Sonnabenden und Sonntagen, sodatz sich die durchschnittliche Arbeits- zeit bei den Führern auf rund 11, bei den Schaffnern auf rund 13 Stunden erhöhte. Infolge des Streiks sind bei der Großen Berliner Straßenbahn Herabsetzungen der Arbeitszeiten erfolgt; die Direktion hat die täg- liche Dienstzeit der Führer und Kutscher auf durchschnittlich neun, die der Schaffner auf durchschnittlich elf herabgesetzt. Die Mittags- und Nachlpansen lassen noch manches zu wünschen übrig. Die Große Berliner Straßenbahn gewährt durchgehend eine eigentliche Mittagspause von mindestens einer Stunde, bei der Charlottenburger Straßenbahn dagegen kamen im letzten Winter für die Führer verschiedentlich nur Pausen von 15 bis 20 Minuten bei 10— llslündigein Dienst vor. Ebenso war der Dienst eines Kutschers, welcher von 6� vormittags bis 1208 abends reichte, nur durch eine Mittagspause von 38 Minuten unterbrochen. Erfolgt eine mehrmalige Ablösung, so gicbt es zivei Zwischenpausen am Tage, wovon aber die eine gewöhnlich nur von ganz kurzer Dauer ist. Am schlechtesten von allen Straßenbahnbedieusieten sind die W a g e n w ä s ch e r gestellt; ihre Thätigkeit geht zum größten Teil in der Nacht vor sich, da die Wagen am Tage unterwegs sind. Die erste Reinigung erfolgt in der Hauptsache durch Uebergicßcn der Wagen von außen mit kaltem Wasser, das dann wieder abgetrocknet ivird. Dabei läßt sich natürlich nicht vermeiden, daß die Leute selbst naß und schmutzig werden. Namentlich im Winter ist diese Arbeit eine recht unangenehme; es findet daher auch ein schneller Wechsel unter den Wagenwäscher» statt. Bei der Großen Berliner Straßen- bahn arbeiten sie von 10 Uhr abends bis'/slO Uhr morgens, bei Siemens u. Halske von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens. Kleine Pausen liegen zwar dazwischen, jedoch können dieselben als besondere Erholung nicht angesehen werden. Will man ein richtiges Bild über die Arbeitszeit des Personals erlangen, so darf man sich nicht nach den von den Unter- nehmenr aufgestellten Dicnstvcrteilungs- Plänen allein richten, sondern man muß auch bei den Angestellten selbst Er- Hebungen anstellen. Hierbei aber stößt man gewöhnlich auf Schwierigkeiten, weil den Leuten die„Wahrung des Dienstgehcim- »isscS" streng anbefoblen wird. Bei Strafe sofortiger Entlafsting ist es ihnen vielfach verboten, irgendwelche Auskunft an Civilpersonen zu geben. Man wird dies Verbot vom Standpunkt der Direktionen aus als berechtigt anerkenne», denn diese haben alle Ursache, die überaus lauge Ausnutzung des Personals zu verheimlichen. Ttflmlrs. Die Harmlosigkeit der Waldverwnster. Zu der Nachricht, daß der Forstfiskus dranf und dran ist seine seit längerer Zeit gehegte Absicht der Veräußerung v e rj- schieden er For st ländereien in der Umgebung Berlins— der Schönholzer Heide, der Waldungen bei Nieder- Schöneweide, der Wuhlhcide bei Karlshorst— zu verwirklichen, wird jetzt eine B e s ch w i ch t i g u n g s n o t i z verbreitet. Danach würde es sich bei den geplanten Waldverkäufen nm etwas ganz Harmloses handeln. Zur Beunruhigung läge nicht der geringste Anlaß vor— in» Gegenteil: man müßte dem Forstfiskns sogar noch dankbar dafür sein, wenn er wirklich dazu schreiten sollte, die oben genannten Waldungen an Tcrrainspekulanten zu verschachern und sie damit dem Schicksal der Abholzung zu überliefern. Eine Entscheidung über den Verkauf der betreffenden Ländereien sei, so wird versichert, noch nicht erfolgt. Richtig sei ja, daß bei der Domänenverwaltung eine gewisse Geneigtheit besteht, solche Forst- ländereien in der Nähe von Berlin, die forstlich einen geringen Wert haben und in der unmittelbaren Umgebung von schnell zur Eni« ivicklung gekommenen Vororten belegen sind, zu deren baulicher Er- Weiterung zu veräußern. Was die Forstgebiete an der Spree, bei Nieder-Schöneweidc usw. betreffe, so sei man in Regierungskreisen der Ansicht, daß diese wegen der Nähe der vielen industriellen An- lagen, deren Ausdünstungen die Vegetation stark beeinträchtigen, den Zweck, der Bevölkerung zur Erholung zu dienen, doch nur sehr un- zureichend erfüllen. Die Regierung habe indes die Absicht, für die etwa zum Verkauf kommenden Forstländereien in etwas weiterer Entfernung von Berlin zur Anlage von Erholungsstätten durch Erschließung bezw. Erwerbung andrer Forstgebiete einen mehr als ausreichenden Ersatz zu schaffen. Was int Westen der Grunewald als Erholungsstätte bedeute, solle auch naderswo in der Umgebung Berlins geboten werden. Hierzu wolle man zum Teil die ans dem Verkauf der oben bezeichneten Forsten erzielten Mittel verwenden. Aus dieser ganzen Anslasstmg verdient Beachtung nur das Ge- ständnis, daß„eine gewisse Geneigtheit" be st e h t, Forst- ländereien in der Umgebung Berlins zu veräußern. Gegen diese Absicht müßte selbst dann Einspruch erhoben werden, wenn wirklich darauf zu rechnen wäre, daß irgendwo„in etwas weiterer Entfernung von Berlin" für die verwüstete» Waldungen Ersatz geschaffen würde. Die zur Abholzung aus- ersehenen Forsten bei Niederschöneweide, Karlshorst und Schönholz können sämtlich dnrch eine kurze lO-Pscnnigsahrt mit der Eisenbahn erreicht werden; Niederschöneweide vom Görlitzer und vom Schlestschen Bahnhof, Karlshorst vom Schlestschen Bahnhof. Schönholz vom Stettiner Bahnhos(außerdem auch auf verschiedenen Straßenbahnlinien). Jede weiter hinaus liege nd.e Erholungsstätte wäre nur mit größerem Zeitverlust und für höheres Fahrgeld zu erreichen, müßte also für einen großen Teil der erhol nngs- bedürftigen Bevölkerung Berlins von vorn- herein außer Betracht bleiben. So' einwandfrei in hygienischer Hinsicht, so reich an laiidunrtschaftlichen Reizen der in Smabliid, 2. Auülist 1902. Aussicht gestellte Ersatz auch sein möchte: die tv e n i g e r b e- mittelte Bevölkerung hätte kaum Anlaß, dem um die Er- holung der Berliner angeblich so sehr besorgten Forstfiskus zu danken. Sie könnte ja doch nur in ganz geringem Ilmfange davon Gebrauch machen. Im übrigen wird man gut thun, an die Harmlosigkeit der Ab- sichten des beschwichtigungseifrigen Fiskus nicht zu glauben und nicht darauf zu bauen, daß ernsthaft geplant sei, für die verschacherten und verwüsteten Wälder Ersatz zu gewähren. Welches sind denn„die andere» Forstländereien", die zu diesem Zweck er- schloffen beziehungsweise erst erworben(!) werden sollen? In„etwas weiterer Entfernung von Berlin" sollen sie zu suchen sein? l Wo denn? Wir fürchten, das werden Wälder sein, die auf dem Monde liegen._ Was ist mit Ackermann in der Stadtvogtei geschehen? Diese Frage muß sich jedermann aufdrängen, der die anscheinend inspirierte, kretiz- und lendenlahme„Aufklärung" über den Tod des Kohlenhändlers Ackermann zu Gesicht bekam. Wie wir bereits mitteilten, versucht man die Oeffentlichkeit durch eine fabel- hafte Deliriums-Geschichte zu„beruhigen", im übrigen aber schiebt einer die Schuld auf den an der it. Die Direktion der Irren- Anstalt Herzberge beruft sich auf den von der Polizei lückenhaft ausgefüllten„Personal- bogen" des Verstorbenen, iiifolgedessen sie der Witwe keine Nachricht von dem Ableben ihres Mannes habe geben können. In dieser Darstellung liegt nichts Ivie eine leere Ausflucht, denn der sogenannte Personalbogen enthielt die volle Adresse Ackermanns, die am S o n n t a g, d e n 20. Juli, dessen Frau fließend vorgelesen wurde, als sie sich in der Irrenanstalt nach dem Schicksal ihres Mannes erkundigte. Wenn nun auf dem Begleitschein eine Angabe darüber fehlte, ob der Ein- gelieferte verheiratet oder ledig sei, so wurde die Leitung der Irren- anstatt damit keineswegs der Verpflichtung enthoben, den erfolgten Tod desselben nach seiner Wohnung zu melden. Sie hatte kein Recht, die Leiche ohne weiteres einscharren zu lassen, sondern mußte sich unter allen Umständen nach etwa vorhandenen Angehörigen erkundigen, was überdies auch mit keinerlei Schwierig- leiten verbunden war. Auf der Leitung der Irren- a n st a l t H e r z b e r g e ruht s o m i t e i n f ü r a l l e m a l d e r Vorwurf grober Nachlässigkeit, der weder durch faule Ausflüchte noch durch Deliriumsfabeln abzuwaschen ist. Da man sich auch über die zerrissenen K l e i d» n g s st ii ck e des Verstorbenen gänzlich a n s s ch w e i g t, so ist der Rechtfertigungs- versuch von dieser Seite als völlig mißlungen zu betrachten. Nun aber entsteht eine andre Frage. Weshalb schweigt auch die der Staatsanwaltschaft unter st ellte Verwaltung der Stadtvogtei? Während sich die Leitung der Irrenanstalt wenigstens noch schlecht und recht abmüht, ihre Nachlässigkeit in einem möglichst milden Lichte erscheinen zu lasse»,' verhält sich die Verwaltung der Stadtvogtei in ä n S ch e n st i l l e. Und doch hätte sie eine mindestens ebenso g r o ß e V e r- p f l i ch t U n g, sich zu rechtfertigen, wie jene. Warn m hat man von hier aus der Frau keine Mit- teilung von der Erkrankung ihres Mannes ge- macht? Wußte man etwa auch hier nicht, daß der Mann verheiratet war? War Ackermann schon krank, als er sich zur Verbüßung seiner Strafe meldete, oder machte sich die Erkrankung erst im Laufe jener drei Tage bemerkbar, und wie äußerte sich sein Zustand? Ferner: Wer hat konstatiert, daß der Mann geisteskrank geworden war? Ist er in der Stadtvogtei ärztlich untersucht worden? Wer hat seine Ueberführung nach der Irrenanstalt angeordnet? Schließlich: Waren seine Kleider schon in der Stadtvogtei in dieser anffälligeu Weise zerrissen? Die Beantwortung dieser Frage wäre um so notwendiger, als von Tag zu Tag mehr Stimmen laut werden, die den Tod Ackermanns den sonder- barsten Ilmständen zuschreiben. Ein Wunder ist es sicher nicht, denn die eigenartigen Umstände, untcr denen die Erkrankung, der Tod und die Beerdigung erfolgten, muß thatsächlich zu den gewagtesten Vcrmntuiigen führen. Wann also wird die Verwaltung der Stadt- vogtei reden? Und wann wird endlich eine direkte und offizielle Erklärung abgegeben werden? Berlin das gröfftc ostelbifche Dorf. Für sein Rieselgut Diedersdorf sucht Berlin einen Lehrer durch folgende Bekannt- machnng in Nr. 175 des„Teltower Krcisblattes": B e k a n n tm a ch ii n g. Die Stelle eines Lehrers an der unter unserm Patronate stehenden Schule zu Diedersdorf bei Mahlow, Kreis Teltow, soll zum 1. Oktober d. I. neu besetzt werden. Mit der Stelle ist ein bares Dieiisteinkommen von 875 Mark, Altersznlagen von je 120 M. und eine Dieiistlvohnung, bestehend aus einer Stube, einer Kammer und einer Küche im Werte von 90 M. verbunden. Geeignete Bewerber wollen ihre Ge- suche unter Beifügung eines selbstgeschriebenen Lebenslaufes und einer beglaubigten Abschrift ihrer Zeugnisse bis spätestens 15. August 1902 bei der unterzeichneten Verwaltung hier— Neue Friedrichstraße 9/10— einreichen. Ob UmzngSkosten gewährt werden, bleibt späterer Entscheidung vorbehalten. Berlin, den 23. Juli 1902. Deputation für die städtischen Kanalisationswerke und Rieselfelder. gez. Marggraff. Berlin bietet seinem Lehrer also 876 M., d. h. S,40 M. pro Tag und eine Wohnung im Werte von 90 M. Ob bei dicscni horrenden Gehalt noch die Umziigskosten gezahlt werden, behält sich der Magistrat vor. Wer von den Lehrern nun nicht freisinnig wird. dem ist nicht zu helfen!— Zwei mutmassliche Mädcheuhändler wurden am Donnerstag früh von der Kriminalpolizei festgenommen, kurz bevor sie ihre Abreise mit den angeworbenen Mädchen antrete» konnten. Seit einiger Zeit hielten sich hier in Berlin zwei Männer auf, die in einem Hanse der Universitätsstraße Wohnung genommen hatten und in mehreren Blättern junge Damen als Tänzerinnen für das Ans- land suchten mit dem Hinzufügen, daß Vorkenntnisse nicht erforderlich seien. Sie bezeichnen sich als den ehemaligen Tänzer Max Wachs- mann und den früheren Direktor Paul und geben vor, für das Tivoli- Etablissement in Amsterdam die jungen Mädchen anzuwerben. Die Ausbildung sollte der Tänzer Wachsmann inner- halb 14 Tagen bewirken. Die AnWiidigungcn in den Zeitungen waren der Behörde aufgefallen, die nun ihre eingehenden Beob- achtungen anstellte. Von der Anzahl der sich meldenden Mädchen wählten die Agenten sich neun aus; dabei waren ein hübsches AenßereS, ein möglichst jugendliches Alter und gute Kleidung ans- schlaggebend. Die Abreise sollte am Donnerstag früh erfolgen, wie die polizeilichen Nachforschungen ergaben. Die 9 angeworbenen jungen Mädchen waren in der Nähe des Bahnhofes Friedrichstraße untergebracht und sollten nach dem Bahnsteig geführt werden. Hier aber wartete schon die Polizei, die die beiden Werber an der AuS- führnng ihrer Absicht verhinderte und bis zur qenauen KlSmna der Angelegenheit sicherstellte. � Eine weitverzweigte Betriigerbaude entwickelt seit einiger Zeit ihre unsaubere Thätigkeit ans den, Gebiete dcö Stellenvermitte- lungsschwindels. Sie hat Agenten in Berlin, Paris, London. Budapest und Wien und sucht durch ganz harmlos abgefaßte Inserate in den grosten Berliner Tageszeitungen sowie in deii bessern ProvinzblKttern Leute, die sich zum Adrcssenschreiben. Auskunft-Einholen und ähnlichen leichien Arbeiten eignen. Diese Gesuche bezwecken lediglich die betrügerische Ausbeutung leichtgläubiger Leute. Ein junger Mann aus der Invaliden- straste schrieb auf ein solches Inserat hin und bekam sofort aus Wien einen groben Schreibebrief, der die Zukunft des Stellcsuchendeu in rosigen Farbe» ausmalt. Es wurde u. a. ein postnumerando zahlbares Anfangsgehalt von 150 M. in Aussicht gestellt. AlS einzige Bedingung, die der Chef stellte, war das Abonnement auf die tvöchcutliw erscheinende„JnformationSliste", deren AbotlnemcntS- betrag von dreißig Mark x. a. infolge der hohen Druckkosten im voraus zu zahlen sei. Der junge Mensch biß auf den itvder an und opferte die dreißig Marl vor vier Woche», hat jedoch bis heute noch keine Jnformationsliste erhalten. Auf Reklamationen ivurde ebenfalls nicht geantwortet. Die angegebenen Adressen sind meist falsch.(Deckadressen.) Ebenfalls findet man jetzt in de» Zeitungen Inserate, wonach für die neuen englischen Kolonien in Südafrika junge Leute aller Stände gesucht ivcrdeu. Da die Anstellungsbedingungcu verlockend geschildert werden, so ist mancher junge Mensch auf die Angebote eingegangen. Behördlicherseits ist über festgestellt, daß die unter irgend' einer Chiffre erlassenen An- zeigen von einem Institut zur Forderung und Hebung der Kultur in Afrika, Karl Schulze, München, Holzmarktstr. 35. ausgehen. Dieser entpuppte sich nach einer Mitteilung der Polizeidirektiou als ein gefährlicher Stellenvcrmittelmigs- Schwindler, weshalb seine Verhaftung erfolgte. Die Versandung der Spree» welche besonders im Oberlauf des Flusses zwischen Koltbus und Erkner sich bemerkbar macht, so daß dort der Schisiahrtsverkehr schon häufig erschwert wurde, ist nun auch in Berlin innerhalb des Weichbildes eingetreten. An der Anker- stelle für die Obstkähne au der Friedrichsbrücke hat eine derartige Sand-Ablagerung stattgefunden, daß selbst bei mittlerem Wasserstande das rechtsseitige Flußbett ans de» Fluten hervorragt. Es hat sich die Notwendigkeit einer sofortigen Ausbaggerung des Flußbettes im Interesse der nun bald ivieder eintreffenden Obstkähne herausgestellt, um diesen die Landung zu ermöglichen. Neunzeh» Personen vermißt. Im Monat Juli find inner- halb des Polizeibezirls Berlin neunzehn Personen als vermißt ge- meldet worden, von denen sich acht ivieder bei ihren Angehörige» eingefunden haben. Fünf der Vermißten sind als Leiche» auf- efnnden worden. Bei vier der Toten, darunter der Schlosser ketzlaff, welcher in der Havel bei Gatow gelandet wurde, scheint nach den bisherigen amtlichen Feststellungen Selbstmord vorzuliegen, während der Hoteldiencr Lens vermutlich beim Baden an ver- botener Stelle ertrunken ist. von sechs verschwundenen konnte der verbleib derselben bisher nicht ernnttelt werden, von acht ini Monat Juni verschwundenen Personen, über deren Aufenthalt bis Anfang Juli nichts entdeckt werden koinitc, haben sich nachträglich wieder fünf bei ihren Angehörigen eingefunden. Zwei der ver- mißten, welche als Leichen aufgefunden wurden, haben Selbst- mord verübt, während über den Verbleib einer Person trotz der sorgfältigsten polizeilichen Recherchen.bisher nichts ermittelt werden konnte. Schwerer Radfahrer-Unfall. Tödlich verunglückt ist gestern abend der Handlungsangestellte Wernicke auö Berlin, welcher eine Anzahl Kunden in den nördlichen Vororte» besucht hatte und zur Zurücklegung der Tour sich eines Zwcirades bediente. W. trat abends gegen S UHr in anscheinend etwas angetrunkenem Zustande von Schön- rvalde ans die Rückfahrt an und jagte in größter Schnelligkeit niit seiner Maschine die nach Franz.-Buchbolz führende Chaussee entlang. Er hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als der junge Kaufmann mit voller Gewalt gegen einen Prellstein anfuhr. Das Zweirad zertrümmerte und W. stürzte kopfüber auf einen Streifen Chausscestcine, wo er besinnungslos liegen blieb. Hier wurde der verwundete von anderen des Weges kommenden Radfahrern aufgefunden und nach Französisch-Biichholz gebracht. Ein dort hinzugezogener Arzt stellte fest, daß W. eine Gchädelverletzung, Gehirnerschütterung und innere Verletzungen erlitten hatte und ver- onlaßte seine sofortige Ueberführung nach den, Wcißenseer Victoria- Krankcnhause, wohin er noch in der Nacht in fast hoffnungslosem Znstande gebracht ivurde. Es dürfte wohl kaum möglich sein. W., welcher noch immer besinnungslos daniederliegt, am Lebe» zu erhalten. Unfälle im StraßenbeU'irbe. Ei» seltsamer Unfall trug sich gestern nachmittag gegen 5 Uhr in Reinickendorf zu. In der Residenz- straße, Ecke der Justusstraße versuchte der Drontheiinerstr. Ii wohnende Gerber Schmidt von der Vordcrplattform des in voller Fahrt bc- sindlichen Straßenbahnwagens 2099 der Linie Kreuzberg— Schönholz abzuspringen, kam zu Fall und blieb neben dem Wagen liegen. Der Fahrer gab sofort Gegenstrom. In diesem Augenblick wollte ebenfalls in der Fahrt der in Reinickendorf, Wilkestraße 1, wohnende Kleinschmidt von dem Decksitz-Anhängewagcn 659 absteigen; er stieg die Treppe an der Hinterplattform hinunter, bekam an- scheinend durch den Gegeustrom einen elektrischen Schlag und fiel über die Hinterplattform hinweg auf dos Straßeupflaster. Beide Personen erlitten glücklicherweise nur unerhebliche Kontusionen und konnten sich»ach ihren Wohnungen begebe».— Nach- mittags um 3 Uhr kreuzte»nmittelbar vor einem Straßenbahnwagen der Linie Kreuzberg- Gesundbrunnen ein dem Fuhrherrn Wcißenhagen gehöriger, mit Holzlatten beladener ArbeitSwagen am Neuen Markt das GeleiS. Dem Straßenbahnfahrer Gcbler gelang es zwar, seinen Zug zum Stehen zu bringen und einen Zu- sanimenstoß zu vermeiden. G. wurde jedoch von der weit überragenden Ladung des Arbeitswagens erfaßt und erlitt eine Quetschung des rechten Oberarmes. Er wurde nach der Unfallstation in der Brüder- straße gebracht.— Abends um 8 Uhr passierte der Kaufmann Paul Feting, Dragonersir. 15, auf einem Zweirade die Schönhauser Allee. Vor dein Hanse Nr. 1 des Straßenzugcs stürzte sein Rad und F. fiel mit dem Kops gegen die linke Seite des Anhängowagens eines gerade vorüberfahrenden Straßenbahnzuges der Linie Britz— Nordend. Er erlitt eine Kopfverletzung und erhielt auf der Unfallstation in der Kastanien-Allee die erste Hilfe. Mit einer schweren Kopfwunde anfgefnndcn wurde am Donnerstagabend um S Uhr der 35 Jahre alte Lokomotivführer Paul Kuba, der am Spandaner Berg 18 zu Chnrlottenbnrg wohnte und auf dem Bahnhof Charlottcnburg als Reservefnhrer angestellt war. Während der dienstfreien Zeit entdeckte man seine Leiche auf einer Steintrcppe; sein Hinterkopf wies eine erhebliche Wunde auf. Zunächst wird angenommen, daß zu dem Fall noch ein Herzschlag hinzugekommen ist, da Kuba infolge ziveier kleiner Eisenbahnnnfälle sehr schreckhaft geworden war. Seine Leiche wurde im Schauhanse untergebracht. An Brandwunden gestorben ist die 29 Jahre alte Köchin Ernestine Bonnert, die bei einem Bankbeamten in der Friedrich- Wilhelmstraße in Stellung war. Abends um 10 Uhr stolperte sie mit einer Küchenlampe in der Hand auf der Treppe, die Petroleum- flllluug explodierte und setzte die Kleider des Mädchens in Flanimen. Als auf ihr Geschrei Hilfe herbeieilte und das Feuer erstickte, war sie bereits am ganzen Körper schwer verbrannt. Trotz der sorg- fältigsten Behandlung im Elisabeth-Kraiikenhaus erlag das Mädchen den Verletzungen. Traurige Folgen hat ein Lustmordversuch gehabt, der am L6. Juni v. I. in einem Vorort von Könitz an der jetzt 19 Jahre alten Fräulein Minna Rudat aus der Görlitzerstr. s3 verübt Ivurde. Der Fall erregte damals großes Aufsehe», der Thäter ivurde ver- hastet und bestraft. Dem Fräulein Rudat wurde bei dem Mord- versuch der Kehlkopf eingedrückt. Schtverkrank lvurde das junge Mädchen in das Konitzer Krankenhaus gebracht und dort einer Verantwortlicher Redacteur! Julius Kaltdtt tu Operation unterzogen. Nach einiger Zeit ergab sich die Nottvendig» keit eines ziveiten ärztlichen Eingriffe, die Gefahr für das Leben in sich schloß. AnS diesem Grunde wurde Fräulein Rndat, daß nicht sprechen konnte, mit dem Einverständnis des Vormundschaftsgcrichls durch Vermittelung des Konitzer Magistrats einer sehr bekannten Autorität in Berlin zugeführt. Ihre Behandlung hat von Mitte September v. I. bis jetzt gedauert. Obwohl ihr Leben nicht mehr in Frage steht, kann sie sich der Sprache nur mit Hilfe einer Kanüle mid nur im uiivollkommenen Maße bedienen. Ihre ärztliche Be- Handlung ist zivar noch nicht abgeschlossen, doch erscheint fraglich, ob noch weitere Erfolge erzielt werden können. Frl. R. wohnt hier bei ihrem Bruder. Straßknsperrunge» wegen deS BubdrlnS. Wie das Polizei- Präsidium bekannt giebt, werden der Kreuzdamm Schloßplatz— Brcitcstraße und die Schanihoistslcaße von der Boyen- bis zur Kiclerstraßc behufs Ausfühtting von Unterleitnngsarbeiten von heute ab bis zum 20. August d. I. sür Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Fcuerbcricht. Freitag früh kam Griebenolvstraße 23 ein Wohnungsbrand aus, der Möbel und Kleider einäscherte. Gleich- zeilig war Friesenstraße 6 ein Preßkohienbrand abzulöschen. Dnsselbe war Fidicinstratze 28 der Fall. In der Admiralstraße 13 hatte Celluloid in einer Glaserei Feuer gefangen, das anfangs einen großen Umfang anzunehmen drohte, durch energisches Eingreifen der Wehr aber noch rechtzeitig erstickt werden konnte. Graunsiraße 12 gingen Kleidungsstücke in Flanimen auf. Ein Alarm nach Schickler- straße 1 betraf einen unbedeutenden Brand. Die Freie Volksbühne Ivählte für da? Spieljahr 1902/1903 als artistischen Leiter Direktor Adolf Stein ert, ihren früheren bewährten Oberregisseur.— Die Vorstellungen beginnen am Sonntag, den 31. A» g il st, im Metropol- Theater und folgen für 14 Abteilungen hintereinander. Zur Ans- führnng gelangt zunächst„John G a b r i e I B o r k in a n n" von Henrik Ibsen, und sür die zweite Serie im Lessing-Theater am 14. September Maxim Gorki's«Die Kleinbürger', Schauspiel in 4 Aufzügen(deutsch von August Scholz). Kinderspiele. Am Sonntagvornnttag von 9 bis II1/» Uhr finden wiederum die vom Turnverein Fichte geleiteten Kinderspiele sür Knaben und Mädchen statt»nd zwar jür den Nordost- Bezirk ans dem Sportplatz„Friedrichshain', Treffpunkt: Landberger- Platz am Kricger-Denlmnl; Südost- Bezirk ans dem öffentlichen Spiel- platz im Treptower Park. Treffpnnkt: Oberfreiarcheli- Brücke am Schlcsilche» Busch; Nord-Bezirk in der Jungfernheide beim Förster Schulz, Treffpnukt: Bahnhof Beusselstraße. Abmarsch sür alle Be- zirle zu den Spielplätzen Punkt b3/4 Uhr. Um nun einen recht würdigen und für die Kinder eriimeruiigsreichen Abschluß unsrcr diesjährigen Spiele zu erzielen, werden am Sonntag, den 10. August die Spiele in Form eines Kinderfestes veranstaltet ivcrdeu. Zu diesem Zivcck findet nachsmittags 2 Uhr an den bekannten Treffpunkten die Versammlung statt, worauf in Begleitung der Eltern zu den Plätzen marschiert tvird, um nach gemeinschafrlichem Kaffeeschnians unter Spiel und Gesang den Nachmittag recht fröhlich und heiter zu verleben. Daö erste nlkgemeine Arbeiter- Sportfest, welche? morgen Sonntag in Friedrichshagen stattfindet. beginnt bekanntlich früh 8 Uhr. Während der Vormittagsstunden fahren die einzelnen Sports- grnppen an und wird sich dem bereits«in 12 Uhr die Segelregatta als Eröffnung des Hnnptprogramms anschließen. Der Segelregatta folgt die der Ruderer, und ohne Unterbrechung werden sich die Vorführungen der Übrigen Gruppen anreihen. Das Programm ist ein reichhaltiges und tvird jeden Feftteilnehmer befriedigen. Aus de» Nachbarorte». Die Parteigenosse» von Rixdorf und Britz machen wir ans das am 8. August bei Vcthge in Britz stattfindende, vom Social- demokratischen Wahlverein Rixdorf arrangierte Sommerfest auf« inerksam. Näheres siehe heutiges Inserat. Pankow. Große Aufregung herrscht in den Reihen der hiesigen Bürgerschaft über ei» Projekt, das entweder auf die eine oder andre Weise gelöst werden muß. ES handelt sich um die Abwässer unsres Ortes, welche bis jetzt nach dem Röckuer- Rotheschen System geklärt wurden. Diese Einrichtung ist durch die Vergrößerung unsres Ortes an der Grenze der Leistungsfähigkeit angelangt. Der Gemeinde- vorstand hat der Gemeindevertretung vorgeschlagen, das Gut Mühlcnbeck zum Preise von 820 000 Mark zu Riesel- ztvecken anzukanfen. Das ganze Projekt kostet zwei Millionen und bedeutet eine starke Belastung der Gemeinde. Eine große Unklarheit herrscht darüber, welchem System man sich zu- wenden soll. Da das Röckner-Liothe-Systcm von der Regierung nicht mehr konzessioniert wird, tvollen einige das Kohlebrei-Vcrfahrcn angewendet wissen, während andre, unter diesen Professor Mendel, unter allen Umständen die Stadt Berlin zwingen wollen, nusre Abwässer anfznnehme». Der Herr Professor will die Vcr- miremigmig der Pauke durch die Berliner Ries�felder dazu benutzen, um diese» Zwang auszuüben, vergißt abcr�dabei, daß wir mit miserer Kläranlage auch ein redlich Teil zur Verpestung dieses Fluß- lanfes beitragen. Fcägt man sich nun, weshalb die Herren, die im vorigen Jahre den luxuriösen Nathansbau bewilligt haben, nicht für eine hygienische Einrichtung zu haben sind, die für die ganze Bevölkerung unsres Orte« in gcsiindhcitlicher Beziehung von größter Bedeutung ist, so ist die Antwort, die Stcuerkraft werde überlastet, das heißt, die Betriebskosten zu dieser Einrichtung müßte» erhöht werde» und die erren Grundbesitzer müßten statt IVj, 2'/» oder 3 Proz. bezahlen. urch den Rathausbau und die dadurch erfolgte Durchlegung der neuen Schönholzerstraße haben die Herren sich Werte geschaffen, welche Millionen betragen, aber gegen neue Steuer» lehnt man sich auf. Es muß hier besonders hervorgehoben werden, daß man sich der Unznlängljchkeit unsrcr Kanalisation schon seit ztvei Jahren bewußt war, daß aber, um das Rathausprojckt nicht zu gefährden, die Au- gclegenheit geheim gehalten lvnrde, man hätte doch sonst das Rathaus nicht bewilligt erhalten. Das ist die Kommnnalpolitit des bürgerlichen Klüngels, wie sie überall zu Tage tritt. Die drei socialdemokratischen Genossen in der Gemeindevertretung bilden das Zünglein an der Wage. Während einerseits die Stenerverhältnisse in Betracht gezogen werden müssen, da die Herren Grundbesitzer es verstehen, die Lasten auf die Mieter abzuwälzen, kommt andrerseits die Gesundheitspflege in Betracht, und die Frage der Eillwässerung bildet einen ivichtigen Faktor dieser Gesundheitspflege.— Das Gut Miihlenbeck, welches 1300 Morgen groß ist. crtvarb der jetzige Besitzer Mehlhansen vor ungefähr sechs Jahren zu dem Preise von 400 000 M.; jetzt soll' es 820000 M. kosten. Das ist in dem kurzen Zeitraum ein Gewinnst von über hundert Prozent. Arme notleidende Landwirtschaft I Die Errichtung des Gewerbe gerichts ist nunmehr ivieder einen Schritt der Verivirklichung näher gerückt. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung wurden als Vorsitzende die Herren Rentier Conradt und Baak gewählt, welche die Wahl erst nach längcrem Zögern annahmen. Nach der nun vollzogenen Wahl gehen die Akten wieder ihren Weg zu den in Betracht kommenden Ver- ivaltungSbehörden, alsdann werden die beiden Vorsitzenden bestätigt resp. vereidigt. Sind diese Formalitäten erledigt, so ivcrden ja wohl die Wahlen der Beisitzer vor sich gehen. Auf eine von unsrcr Seite gestellte mahnende Frage, ob das Gericht am 1. Oltober in Thätig- keit treten könnt«, ivurde im bejahenden Sinne beantwortet. Lichtenberg. Der Landrat de§ Niederbarnimer Kreises beklagt sich in einer Bekanntmachung des„Kreisblatts', daß die Orts- Polizeibehörden die Meldungen von Unfällen in gelverblichen Be- lrieben an die Gewerbe-Jnspektoren nicht mit der erlvünschten Schnelligkeit erfolgen lassen und schreibt eventuelle telegraphische Meldung bcdeulenderer Unfälle vor. Gleichzeitig teilt der Laudrat mit, daß die Einrichtung der Vertrauensmänner für den Bezirk der Sektion Hl der Norddeutschen Holz-Berufsgcnossenschaft aufgehoben sei.— Im Schlachthanse des Schlächtermeisters W. Hiller hier wurde in diesen Togen das Fleisch eines an Milzbrand erkrankten Berlin Für de» LltserateMeil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Dri Rindes durch das hiesige Fleischschan-Anit beschlagnahmt und der Abdeckerei überwiesen. Es soll dies der dritte Fall von Milz- brand in den letzten sechs Jahren sein, der hier an von Berlin in die hiesigen Privat-Schlachthäuscr gebrachten Tieren festgestellt wurde. Nauen. Nach bürgerlichen Blättern haben die Stadiverordnete» in dem Städtchen Nauen einen Weltrekord aufgestellt. Fünf Punkte der Tagesordnung ihrer Sitzung am Ende voriger Woche wurden in — 16 Minuten, also 1/4 Stunde 1 Minute, erledigt!! Zur Ver- Handlung standen: 1. Kassen-Revisionsprotokolle. 2. Wahl eines be- soldetcn Bezirlsvorstehers. 3. Beschlußfassung über das Statut der Nauener Fortbildungsschule. 4. Verbesserungeil im städtischen Krankenhanse und 5. Verschiedenes!— Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Zigcnncr wurden in diesen Tagen in einem Orte der Ncumark — Schönfljeh— von einem Gendarmen von einem Lagerplätze ge- wiesen, auf dem sie ein Feuer angemacht hatten. Nach dem gort- zuge der Gesellschaft stellte sich heraus, daß die braune» Söhne der Pnsia einen Schweiiiekadaver auf dem Hofe der Abdeckerei ans- gestöbert und mitgenommen hatten und ihn gerade zuzubereiten im Begriffe tvareu. Eine tvunderliche Ordnung muß allerdings bei— dem Abdecker herrschen! Zn der FälschungSsache dcS Stadtverordneten Wehe und seines Schwagers, des Geschntzarbeitcrs Säuberling in Spandau, erfährt ein Berliner Blatt, daß für den letzten seine vorgesetzte Be- Hörde, die Direktion der Geschützgießcrei, ein ausgezeichnetes Lcnnmndsattest beim Gericht eingereicht hat. Zu der Verhaftung hat folgender thatsächlicher Vorgang Anlaß gegeben: Bei Wehe war auf Betreiben eines Gläubigers gepfändet ivorden. Sein Schwager Säuberling intervenierte, indem er behauptete, die betreffenden Gegenstände wären ihm schon lange Zeit vorher für eine Forderung übereignet worden. Zum Belveisc ivurde von beiden eine eides- stattliche Versicherung abgegeben; außerdem reichten sie ein Schrift- stück ans einem Stcmpelbogen ein, das, wie der Augenschein ergab, erst kürzlich ausgefertigt, durch eine Radierung aber auf 1896 zurück- datiert war. Hierdurch war allem Anschein nach eine Täuschung be- absichtigt. Die Beschuldigten bestreiten, jene Radierung vorgenommen zu habe». Ein dreister Einbrnchsdiebstahl wurde in der Nacht vom Donnerstag zu Freitag in das Warenhaus von M. Hirsch zn Spandau, daS gcgcmvärtig im Um bau begriffen ist, verübt. Nach Beseitigung einer eisernen Gitterthür erbrachen die Diebe einen Schaukasten mit Uhren, den sie fast völlig ausräumten. Nur einige billige Ketten ließen sie zurück. Wunderbar ist nur, daß die Diebe bei ihrer immerhin zeitraubenden Arbeit weder von den Wächtern noch Passanten gestört worden sind. Die Spandaner Polizei, die schon oft schöne Proben ihrer Findigkeit abgelegt, dürste den Dieben aber doch sehr bald auf die Spur kommen! VevZÄmmtungett. Der Verband deutscher Gastwirtögehilfe»(Ortsberivaltnng Berlin) hielt am 25. Juli seine Generalversauunluug ab. Der erste Vorsitzende Thomas erstattete de» Geschäftsbericht; danach wurden im 2. Quartal 1902 durch den kostenlosen Arbeitsnachweis vermittelt 253 feste und 4631 Stelle» zur Aushilfe. Nach de» niedrigsten orts- übliche» Vermittelimgsgebührcn berechnet, beträgt die Summe 2968,50 M., welche den Kommissionären entrissen wurde. Den Kassenbericht gab Zeiske. Es wurden im 2. Quartal 1902(inkl. des Bestandes vom 1. Quartal im Betrage von 538,75 M.) insgesamt 3224,00 M. vereinnahmt gegen eine Ausgabe von 2809,65 M. Znr Ersatzwahl des Vorstandes werde» an Stolle Mook und Bock Herzberg und Gebhardt einstimmig gewählt. freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 3. August, vormittags 6'Jt Uhr, in der Aula der SS. Wemeindeichulc, Kl. F ra n l furter st r. 6: Versammlung. Freireligiöse Vorlesung. Um lO1/« Uhr vormittags ebendaselbst: Vortrag de« Herni Dr. Bruno Wille:„Die Bergpredigt I.'— Bäsle. Damen und Herren, sehr willkommen. Socialdemokratischer Agitationsvercin für den NeichStagS- Wahlkreis Stralsund< Franzburg> Rügen. Styung am Sonntag, den 3. August, vormittags 10 Uhr, bei Ramlow, Schönhauser Allee 135. Herren als Gäste willkommen._ VovtniMkes. Ein entsetzliches EhebrnchSdranin hat sich in Tangermünde abgespielt. Die Frau des Dachdeckers Paaschs hatte vor längerer Zeit ihren Man» verlasicn und war niit ihren beiden Kindern von vier und sechs Jahren zu dem Banunternchincr Sprenger gezogen, mit dem sie ein Verhältnis einging. Paasche versuchte öfter, seine Frau zur Rückkehr in seine Wohnung zu bewegen. Die Bemühungen blieben aber ohne Erfolg. Sprenger selbst lebte von seiner eignen Frau getrennt. Gestern stieg nun Paasche mit einem Revolver bc- lvaffnet durch ein Fenster in Sprengers Wohnung ein; er erblickte zuerst seine Frau, die er zu Boden schleuderte. Darauf feuerte er einen Schuß auf sie ab, der sie am Kopf verletzte. Hierauf jagte er seinem vierjährigen Sohn Fritz eine Kugel i» daS linke Auge und schoß schließlich auf sciueu sechsjährigen Sohn Hermann. Wie ein Rasender stürzte er dann aus dem Hause und lies, die»och im Re- volver befindlichen Patronen abfeuernd, ans Eibufer, wo er in den Fluß sprang. Er fand seine» Tod in den Fluten. Während der vierjährige Knnbe lebensgefährlich verletzt ist, haben die Frau und der andre Knabe nur leichte Verlvundungeir davongetragen. Im Vallou über die Ostsee. Ueber die Landung des am Dienstagnachmittaa 4 Uhr zu einer Dauerfahrt in Stockholm auf- gestiegeiicu Ungeschen Ballons erfährt„Stockholms Tidningen", daß der Ballon ani Mitttvochinorgen 61/» Uhr»ungefähr 150 Werst von der Stadt Notvgorod-Weliki den Erdboden erreichte. Der Niederstieg war äußerst schwierig, da die Gegend öde und das Gelände be- ivaldet und sumpfig war. Die Lnflschiffer landeten jedoch ohne Un- fall und erhielten Hilfe von hinziikommeiiden Personen. Donnerstag- nachmittag gelangten die Luftschiffer nach Nvwgorod-Weliki. Die Fahrt über die Ostsee war von gimstigcni Winde unterstützt worden und ohne Schwierigkeit von statten gegangen. Furchtbare Grnbenkatastrophc. In der Kohlengrube Monut K e ni b l a bei Wollongong(N e u- S ü d w a I e S) ereignete sich eine furchtbare Explosion. Bereits sind Ä7 Leichen geborgen; 149 Personen wurden gerettet. doch dürften noch 10t» Arbeiter verschüttet sei» und die Hoffnung, sie zu retten, ist äußerst gering. Dir Gebäude an der Schacht- mündnng sind zerstört und ein Teil der Kohlengrube ist i» Brand geraten.— Das Parlament von Neu-Südivales vertagte sich beim Eintreffen der Unglücksnachricht. Einsturzgefahr drö Glockenturms von Tt. Stefano. Ans Venedig wird gemeldet: Das Sladtbauamt hat nach genauer llntersuchung des Glockenturms der Kirche von St. Stefano die sofortige Räumung der uniliegenden Wohngebände ini Umkreis« von beiläufig hundert Metern wegen großer Einsturzgefahr des Glockenturms verfügt. An dem Turme selbst, dessen Fundament vollkommen unversehrt geblieben ist, zeige» sich dieselben M a»i e r r i s s e, wie sie a in C a m p a n i l e v o» S a Ii M a r c o beobachtet wurden. Das Mauerwerk löst sich in größeren und kleineren Trümmern vom Baue ab und stürzt zum Schrecken der in den benachbarten, nicht geräuniten Häusern wohnenden Parteien unter donnerähnlichcm Krache» in die Tiefe. J» der Stadl selbst herrscht große Beunruhigung, da man sich allenthalben unsicher zn fühlen beginnt. Die Kirche von Sa» Stefano bildet den Mittelpunkt des gleichnamigen Stadtteiles eines kleinen Borortes der Stadt. Der T»r»i ist mehrere Jahrhunderte alt, wurde aber viel später als der Campanile von Sa» Marco errichtet. Von der Pest. Bremerhaven, 1. August. Nach einer BekmiiiMiachung des QuarantäneainteS ist auf Madagaskar die Pest ausgebrochen. Die ans dortigen Häfen kommenden Schiffe unterliegen gesundheitspolizeilicher Kontrolle. ck u nd Verlag von Max Babing in Berlin.