Ar. 186. Abonnements• Sedingnngen: Abonnements-Prei» pränumerando! «ierteljährl. 3,30 Mb, monall. 1,10®!t., wöchentlich 28 Pfg. frei in» HauS, Limelne Numm»r S Pfg. Sonntags- Nummer mit mufloerier Sonntags- Beilage„Tie Neue Welt" 10 Pfg. Post, Abonnement: 1.10 Marl pro Mona,. Eingetragen in der Poft- Zeitung»- Preisliste für IVO» unter vr. 707». Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn L Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Mona». 19. Jahrg. mmV DU Jnsertions-GeMyr beträgt für die fechsgefpaltens Kolons!« zeile oder deren Raum 10 Pfg., für politische und gewerkschaftliche BereinS- und VersammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anzeigen" jedes Wort S Pfg. jnur daS erste Wort fett). Inserate sür die nächste Nummer müssen btS 1 Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- lagen btS 7 Uhr abendS, an Sonn- und gestlaASN bt» 8 Uhr vormittags geöffnet. Erscheint»glich ausser Montag«. Verlinev VolksblAkk. Csntralorgan der socltrldemokratischen Partei Deutschlands. Telegramm- Adressei Sorialdrmokrat Vrrlin» Kedakitwn: 19, Veukh-Slratze 2. Fernsprecher» Am« I. Nr.»{»OS. Dienstag, den 1Ä August 1SOÄ. Expedition: sw. 19, Veukh-Slrake 3. Fernsprecher! Amt I. Nr. liKSl. Max Kegel. Aus München meldet uns der Telegraph, daß unser Genosse Kegel dort am Sonntagmittag an den Folgen einer Herzlähmung, die sich im Anschluß an eine schwere Lungenentzündung eingestellt hat, verstorben ist. In Max Kegel hat die Partei einen ihrer älteren Genossen und «inen begabten Schriftsteller und Dichter verloren. Bor 52 Jahre» als Sobn eines Dresdener Proletariers geboren, besuchte Kegel dort die Volksschule und erlernte dann das Schriftsetzergewerbe. Als ganz junger Mann hatte er sich bereits der socialdemokratischen Bewegung angeschlossen und als unsre Dresdener Genosten ihr erstes Parteiblatt, den„Bollsboten" gründeten, trat Kegel in die Offizin ein, in der das Blatt hergestellt wurde und war von Stunde ab einer der fleißigsten Mitarbeiter. Damals, anfangs der siebziger iJahre, war es um die Herstellung der Parteiblätter manches Mal schlimm bestellt. Die Gelder waren knapp und wohl auch gar nicht vorhanden. Wenn die Blätter trotzdem erschienen, so nur infolge eines Opfermuts der Genossen, von dem unsre jüngeren Freunde sich heute kaum eine Vorstellung machen können. Wie manches Mal ver- Sichtete Kegc' auf einen Teil seines Wochenlohns, um die Fertigstellniig des Blattes zu ermöglichen, daneben aber besorgte er in Abivesenheit August Otto-Walsters auch noch die Redaktion, d. h. er setzte den Leitartikel direkt, ohne Niederschrift, aus dem Kopfe. Eine Gabe, um derenivillen er damals viel bewundert tvnrde. Nach Walsters Abgang übernahm Kegel dann die Redaktion des „Volksboten" ganz, um dann später nach Chemnitz in die Redaktion der«Freien Presse" überzusiedclii. In Chemnitz redigierte Kegel auch den„Nußknacker", neben den in Braunschlveig unter Kokoskys Leitung erscheinenden„Leuchtkugeln" das erste socialistische Witzblatt der Partei. Das Socialistengesetz mit seinen Verboten aller Partetpresse setzte auch der Kegeischen Thätigkeit in Chemnitz ein Ziel. Der Versuch, unter Kegels Leitung an Stelle der verbotenen„Berliner Freien Presse" ein neues Blatt„Die Berliner Nachrichten" heraus- zugeben, scheiterte an dem sofortigen Verbote der ersten Nummer. Kegel wieder nach Dresden zurück, Ivo er au den verschiedenen Versuchen, wieder ein Blatt für die Geiiosien zu schaffen, stdh lebhaft beteiligte, außerdem aber das Witzblatt „Hiddigeigci" herausgab, bis auch dieses dem Socialistengesetz zum Opfer fiel. Später leitete Kegel jahrelang die„Fränkische Tages- Post" iil Nürnberg und war außerdem im Vicreckschen Verlage in München thälig. Seit 1836 war Kegel am„Wahren Jakob" thätig, dessen fest angestellter Redactcur im Jahre 1888 er wurde. Seitdem lebte Kegel abwechselnd in Stuttgart und München, wo er jetzt die Augen für immer geschlossen hat. Ueber den Gesundheitszustand des Verstorbenen lauteten die Nachrichten in der letzten Zeit schon immer beunruhigend. Ein mehr- monatlicher Aufenthalt in Italien in diesem Frühjahr und Sommer hat die gewünschte Heilung nicht gebracht. Unser Genosse mußte vor einigen Wochen die Wasscrheil- Anstalt Thalkirchen bei München aufsuchen, aber es war keine Hilfe mehr. Max Kegel hat mit seinen satirischen Versen die Socinldemokratic Jahrzehnte hindurch im Kampf gegen die Feinde lachend und spottend begleitet. Er hat sie aber auch durch seine Gedichte ernst und feurig geführt. 1883 erschien von ihm eine Biographie Lassalles. Weiter gab er eine Sammlung„Lichtstrahlen der Poesie" und das„Social- demokratische Liederbuch" heraus. Eine Sammlung seiner eignen Gedichte erschien 1893. Am volkstümlichsten ist sein viel gesungener S o ci a li st e n- marsch geworden: Auf, Socialisten, schließt die Reihen! Die Trommel ruft, die Banner wehn. Es gilt, die Arbeit zu befreien. Es gilt der Freiheit Anferstehn I Der Erde Glück, der Sonne Pracht, Des Geistes Licht, des Wissens Macht, Dem ganzen Volke sei's gegeben I Das ist das Ziel, das wir erstreben. Das ist der Arbeit heil'ger Krieg Mit uns das Volk, mit uns der Sieg! In diesen Versen wird Max Kegels Gedächtnis weiter leben. Auch ihm ist das Glück aller derer beschieden, die für die Socialdemokratie gearbeitet und geopfert: Sein Wirken bleibt auch nach seinem Scheiden ein lebendiges Werden, das am Siege webt. Englische Zustände. Ein Interview mit Sit Charles Dille. Von unsrcm Londoner Korrespondenten. Um ein möglichst richtiges Urteil über die gegenwärtigen politischen Strömungen innerhalb der Trade Unions zu geivinnen, ersuchte ich ani 4. d. Mts. den radikalen Abgeordneten Sir Charles Dilke, mir ein Interview zu geivährcn. Sir Charles steht mit den Arbeiterabgeordncten in engster Verbindung. In allen wichtigen parlamentarischen Debatten über Arbeitergesetze ist er der leitende Redner. Abgesehen von Keir Hardic ist Sir Charles der einzige Abgeordnete, der das britischeProletariat alsganzes vertritt, tvährend die eigentlichen Arbeiterabgcordnetcn bekanntlich nur die Interessen der einzelnen Gewcrke wahrnehmen. Im nächsten Parlament dürfte Sir Charles' Einfluß und Thätigkeit noch bedeutender tverden, da wir eine stärkere Arbeitervertretung erwarten. Daß einem Staats- manne von der politischen Pnrteistellung Dilkes eine solche Rolle zufallen kann, ist für englische Verhältnisse bezeichnend. Könnte man sich denn logischerweise denken, daß die französische Arbeiterklasse einem Brisson oder Leon Bourgeois, die deutsche Arbeiterklasse einem Franz Ziegler oder Bambirger— von den lebenden deutschen Liberalen ist keiner jenen Männern gleichzustellen— die Verteidigung ihrer Jntereffen überlassen würden? Right Honorable Sir Charles W. Dilke, Baronet, ist im Jahre 1843 geboren. Er studierte in Cambridge, bestand im Jahre 1866 seine juristische Prüfung mit Auszeichnung und machte sodann eine Reise um die Welt. Er ist der Urheber des Wortes: Greater Britain. Sein unter diesem Titel veröffentliches Werk gilt als klassisch. Im Jahre 1863 trat er ins Parlament ein. Drei Jahre später hielt er republikanische Vorträge in Newcastle. Im Jahre 1836 wurde er als Unterstaatssekretär des Aeußern in die liberale Regierung berufen und bekleidete zugleich daS Amt des Präsidenten der Lokalregierung. Seit 1892 vertritt er den Wahl- kreis Forest os Dean, Gloucestcr. Außer dem oben genannten Werke schrieb er:„Die gegenwärtige Lage der europäischen Politik"(1837s; „Die britische Armee"(1888);„Probleme des Größereu Britanniens (1891);„Imperiale Verteidigung"(1892); außerdem zahlreiche Arttkel in der englischen, amerikanischen und französischen Presse. Er ist Eigentümer des„Athenäum", des bedeutendsten litterarischen Wochen blattes der englischen Sprache. Am 6. d. M. gewährte mir Sir Charles das nachgesuchte Interview. Ich stellte folgende Fragen: „Aus den Vorgänge» der letzten Zeit dürfte man schließen, daß die Trade Unions die Wichtigkeit der politischen Aktion eingesehen haben. Wir werden wohl ini nächsten Parlament eine größere Zahl von Arbeitervertretern haben. Werden sie eine von den übrigen Parteien unabhängige Politik treiben?" Dilke:«Das glaube ich nicht. Die Vertretung wird sicherlich eine stärkere sein, aber da die Arbeiterführer den verschiedenen politischen Richtungen angehören, so werden sie politisch nicht einheitlich vorgehen." „Welchen politischen Richtungen gehören sie? Und wie stellen sie sich zum Imperialismus?" Dilke:„Es sind darunter Socialisten, Liberale und Konservative. Der Abgeordnete John Wilson(Durham)— ein aufrichtiger Charakter— ist ein ausgesprochener Individualist. Ich gebrauche das Wort Imperialismus nicht, da man ihm getvöhulich keine» genau definierten Inhalt giebt. Es ist auch nicht so leicht, eine Meinung dnrüberabzugcbcn, wie sich dieArbeiterklasse zu dem was man gemeinhin als Imperialismus bezeichnet, stellt. Die Gctverkschaftsführer sind meistens gegen diese Ideen, aber eine große Zahl der organisierten Arbeiter scheinen mit diesen Ideen zu sympathisieren, besonders in London und in Glasgow; bis zu einem gewissen Grade auch in Newcastle." „Werden die Arbcitervertretcr wenigstens in Arbeitersachen ein- heitlich vorgehen?" Dilke:„In Arbeiterfragen ist ein harmonischer Zusammenschluß zu erwarten. „Wie konimt eS. daß die Arbeiterabgcordnetcn sich nicht immer an Debatten über Arbeitergesetze beteiligen?" Dilke:„Die Arbeitervertretcr sind gleichzeitig Getvcrkschafts' beamte. Sie müssen ihre Zeit zimschcn ihren politischen und geiverk schaftlichen Pflichten teilen. Knapp vor Schluß der Tagung kommt aber vor. daß die' verschiedensten Gegenstände zur Be- svrechung gelangen, ohne vorher angekündigt worden zu sein. Das beste iväre allerdings, wenn die Arbeiter- Vertreter ihre ganze Zeit dem Parlament widmen könnten. Jedoch finden sich immer liberale und konservative Ab geordnete, die die Interessen der Arbeiter Ivahrnchmcn. Es giebt im Unterhause strcugkonservative Abgeordnete,— Mitglieder der christlich-socialen Union—, die für den Schutz der jugendlichen und ivei blichen Arbeiter lebhaft eintreten." „Sie meinen, daß es in England keinen Klassenkampf gebe?" Dilke:„Das ist meine Meinung." „Ich möchte Ihnen meine Ansicht Über England nicht verhehlen und Sie werden mir, Sir Charles, verzeihen, wenn ich mich etwas charf ausdrücken sollte. Mir scheint, daß die Zeiten, wo die Kapita- listen den Arbeitern Konzessionen machten, vorbei seien. Ich glaube, England habe seinen Höhepunkt überschritten. In den ungünstigen gerichtlichen Entscheiden gegen die Trade UnionS sehe ich eine Be« stätigung meiner Theorie." Dilke:„England steht nicht unter der Herrschast von Generali- sattonen. Wir handeln gewöhnlich empirisch." „Aber das schließt doch nicht aus. daß den Erscheinungen eine gewisse Gesetzmäßigkeit innewohnt. UebrigenS hat England einige der kühnsten Generalisatoren gehabt." Dilke:„Gewiß hatten wir Männer, die die Resultate der For- schlingen zusainmenfassen und generalisieren konnten, aber in unsren öffentlichen Handlungen sind wir keine Theoretiker. ES giebt meines Wissens keinen festen Plan, die Trade Unions zu schädigen. Wohl zeigen sich temporäre Rückschläge; es sind eben nur Schwankungen, ein Auf und Ab." „Würde es den Arbeitern schwer fallen, mehr Mandate zu er- ringeit?" Dilke:„Sie könnten leicht eine ganze Reihe von freiwerdcnden Mandaten erobern in den Textil- und Minendistrikten und in den Seehäfen von Lancashire, Cheshire und West Riding von Aorkshire. In ettva drei Monaten werden die Arbeiter dort drüben abstinune», für wieviel Abgeordnete sie zahlen wollen. Der Abgeordnete R. Bell (Sekretär der Eisenbahn-Angestellten) sagte mir nämlich, seine Ge- werkschast könnte leicht noch einige Mandate gewinnen, wenn sie geeignete Kandidaten hätte." „Die Zeit, die Sie für das Interview bestimmten, ist beinahe abgelaufen. Nur noch einige Fragen über auswärtige Politik. Birgt die Auflösung des anglo-italienischen Verhältniffes irgend ivelche ernste Gefahr für den Frieden in Nordafrika?" Dilke:„Gewiß ist eine Störung des statns gno dort zu be- fürchten. Aber die Gefahr ist keine unmittelbare. Im Grunde genommen liegt die Sache so: eine Besitzergreifung von Tripolis durch Italien wäre gleichbedeutend mit einer Kriegs- erklärung an die Türkei. Die italienischen Staatsmänner sehen dies ebenso gut ein wie tvir. Es ist deshalb nicht wahrscheinlich, daß sich Italien in einen Krieg stürzen würde." „Und im nahen Osten?" Dilke:„Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Es giebt dort viele unkontrollierbare Faktoren, die alle Berechnungen über den Haufen werfen könnten. Sicher ist indes, daß es, solvcit ich sehen kann, keiner europäischen Macht gelingen wird, das Ein- Verständnis Europas für einen entscheidenden Vorstoß gegen die Türkei zu gewinnen." „Was ist Ihre Ansicht über das Verhältnis zwischen England und Deutschland?—— Ich sehe, es ist tvohl eine delikate Frage. Nach der umfangreichen Debatte im Unterhanse über den auswärtigen Etat(am 3. Juli) warnte der„Vorwärts" vor weiteren Verhetzungen zwischen den beiden Ländern." Dilke:„Ich kann mich über diese Frage nicht äußern(I Kavs nothing to say)... Dafür werde ich Ihnen meine Ansicht über Oestreich-Ungarn sagen. Trotz aller Pangermanen sehe ich der Zu- kunft Oestreichs mit aller Ruhe entgegen. Es ist vielleicht möglich, daß es dort bei einem Thronwechsel zu Revolten kommen iverde. Aber alle derartigen Versuche würden von den genieiusamen Operationen einer deutschen und ungrischen Militärmacht prompt unterdrückt werden." „Sie sind also der Ansicht Bismarcks, daß wen» kein Oestreich existierte, eins geschaffen werden müßte?" Dilke:„Ganz richtig." Und damit schloß die Unterredung. -X» Richter Vighams Urteil. Der Zweimillionen-Prozeß gegen die walisischen Bergarbeiter endete in erster Instanz mit einer Ab>v eisung der Regreß- klage! Die Ucberraschung ist eine allgemeine, denn der Grundsatz, den dieses Urteil einschließt, ist von tiefgreifender Bedeutung. Und nicht minder der allgemein politische Gesichtspunkt, von dem der eut- scheidende Richter geleitet wurde. Fassen tvir den Prozeß zu- sammen: Das Lohnverhältnis in den Ivalisischcn Gruben wurde seit 1875 durch eine gleitende Skala reguliert, d. h. der Lohn stieg oder fiel entsprechend der Belvegung in den Kohlenpreiscn. Im Herbst 1966 und 1961 beschlossen die Bergleute, einige Tage zu feiern, um der Ueberprodnktion und damit der Lohnherabsetzung vorzubeugen. Im Jahre 1966 geschah dies auf Anordnung der Führer der Bergarbeiter- Föderation. Im Jahre 1961, nach dem Bekanntwerden des Taff-Valc-Entscheides, ivollten die Arbeiterführer als Beamte der Föderation diese Anordnung nicht mehr erlassen, da sie die korporative Haftbarkeit fürchteten. Sie verivandelten sich deshalb in eine Kommission der gleitenden Skala, der sie gleichzeitig als Mit- glieder angehörten. Und für die Handlungen dieser Kommission— so dachten sie— könnte man die Föderation doch nicht so leicht verantwortlich machen. Das Ivar offenbar ein Versuch, dem Taff- Vale-Entscheid aus dem Wege zu gehen. Die Angeklagten gaben dies vor Gericht unumwunden zu. so daß darüber nicht der geringste Zweifel herrschen kann. Die Minenbesitzer erblickten in dem Vorgehen der Bergleute einen Eingriff in ihre Eigentumsrechte und in ihre ganze Geschäfts- führung und reichten deshalb eine Regreßklage ein. Die Klage be- ruhte vornehmlich auf zwei Lordentscheide: Q»i»n gegen Lcatham (5. August 1901) und Taff-Vale(22. Juli 1901). Die Kläger behaupteten, die Führer der Föderation hätten sich in böser Absicht verschworen(malioiously conspired), ihre Leute zum Kontraktbruch zu verleiten. Sie machen deshalb die ganze Föderation sür den Schaden verantwortlich. Nach dem Einverständnis beider Parteien wurden die Ge« schivornen bald entlassen und der Prozeß ganz in die Hände des Richters gelegt. In seinem gestern gefällten Urteile sagt Bigham, es sei Ivahr, daß die Führer der Föderation die Arbeiter zum Kontraktbruch verleitet haben, aber sie thaten es ohne böse Absicht gegen die Besitzer. Fehlt nun das Moment der Malice, so ist auch keine Verschlvörnng vorhanden. Die Führer der Föderation haben demnach keine gesetzwidrige Handlung begangen. Die Regreß- klage sei deshalb abzinveisen. Es ist klar, daß die Annahme oder Nichtannahme der bösen Absicht zum größten Teile von der geistigen Richtung und Stimmung des Richters abhängt. Und da die hohen englischen Richter mtt der herrschenden Politik eng verknüpft sind, so darf man den Schluß ziehen, daß das von uns signalisierte politische Erwachen der Trades Unions einen starken Eindruck auf die herrschenden Klassen ge- macht hat. Und das ist kein einfacher logischer Schluß. Einen greifbaren Beweis hat Richter Bigham selbst gegeben. Er schloß sein Urteil mit folgenden merkivürdigen Worten: „Wird dieser Prozeß vor eine höhere Instanz gebracht und mein Urteil umgestoßen, so wird es meine Pflicht sein, in die Frage einzutrete», wie hoch der Schaden zn bemessen sei. Aber auch auf die Gefahr hin. den Vorwurf zu hören, daß ich über die mir gezogenen Grenzen hinausginge, rate ich den Parteien, diese Streitfrage als erledigt z» betrachten. Ich zweifle, ob es nützlich sei, und ich bin sicher, daß es nicht gut ist, bittere Gefühle zu fördern und die Beziehungen zivischen Besitzern und'Arbeitern schwierig und unangenehm zu machen." Das ist unziveidcutig. Ein hoher und strenger Richter wie Bigham muß tvohl Ursache haben, so zu sprechen. Der Unterschied zwischen England nnd Dentschland ist so tief wie zwischen Demokratie und Polizeistaat. In einer Demokratie ist der Nichter auch Bürger, der den Buchstaben des Gesetzes opfert, um die großen Interessen der herrschende» Klassen nicht zu gefährden. In einem Polizeistaat ist der Richter ein Büreaukrat, dessen Welt die Kanzlei ist; ihm ist der Buchstabe heilig, und der Luftzug von oben dreimal heilig. Nicht das geschriebene Gesetz, nicht die papierne Verfassung— und wenn sie noch so frei wären— machen ein Land frei. Würde eS sich nur um das Gesetz handeln, um ein umfangreiches oder beschränktes Wahlrecht sc., so wäre England nicht freier als Deutschland. Eng- land hat sogar kein allgemeines Wahlrecht. Aber England ist eine Demokratie. Die Machtvollkoinmenheit liegt im Parlamente. Jede Bewegung, die auf eine Aendennig in der Zu- sammensetzung des Parlaments gerichtet ist, ivird so- gleich empfunden und beachtet. Die Vorgänge in dem ent- legenen Clithcroe haben in den leitenden Kreisen Englands viel mehr Aufregung hervorgerufen, als die Entsendung von 80 socialdemo- kratischen Abgeordneten in das deutsche Scheinparlament in Deutsch- land Hervornifen würde. Die Hauptsache ist die Uebertragung der Machtvollkommenheit von der Krone aufs Volk. Erst dann find Wahlen achtunggebietende Aenßerungen des Volkswillens, denen sich jeder Bürger beugt.—_ NolMfche Mebevychk. Berlin, den 11. August. Der theologische BaMn-KurS. Die protestantische liberale Theologie hatte seit geraumer Zeit, so schwachmütig, halb und zaghaft sie war, einen schweren Stand. Die Orthodoxie war oben beliebt, und so besetzte man zlvangSweise möglichst viele Lehrstühle an den Universitäten mit möglichst dunklen Dunkelmännern. Herr Harnack, der jetzt Ritter des Ordens xour Is merite geworden ist, galt einst als der leib- haftige Gottseibeiuns, alS Ketzer und beinahe Atheist. Inzwischen ist eine merkliche Wendung eingetreten. Der Kaiser plaudert nicht nur gern mit Herrn Ballin, sondern auch mit Herrn Harnack. Und seit- dem gar der Prof. Delitzsch am Hofe seinen Vortrag halten konnte, in dem er nachwies, daß die Bibel nicht ans der Offenbarung, sondern aus— Assyrien stammt, ist bei der Orthodoxie Heulen und Zähneklappern eingekehrt. In recht ergötzlicher Weise berichtet das„Evangelische Gemeinde- blatt" für das Herzogtum Braunschtveig über diesen Umschwung: „Immerhin ist durch manche kirchlich-konservative Kreise ein Erschrecken gegangen, das uns fast ein wenig seltsam an- mutet. Nachdem seit mehr als einem Menschenalter die alte Theologie in der Gesinnung des Hofes eine» starken Stützpunkt gefunden hatte, nachdem namentlich bei den Besetzungen der theo- logischen Professuren alles Erdenkliche geschehen war, um die moderne Theologie niederzuhalten, scheint man zu fürchten, es könnte sich ein„liberales" Regiment vorbereiten l Interessant war besonders in dieser Beziehung die be- kannt gewordene Herrcnhansdebatte über die theologischen Professuren. Da klagt einer von den alten Rittern des Herren- hauseö— übrigens, soweit wir urteilen können, ein unbedingt ehrlicher, überzeugter Verteidiger dessen. waS für ihn evangelisches Christentum ist.— über den Unglauben, der auf den Kathedern gelehrt wird. Er zieht die völlig richtige Folgerung: wird der- gleichen von den berechtigten theologischen Docenten gelehrt, so können Ivir den Geistlichen nicht zumute», daß sie das alles für Lüge und Gottlosigkeit achten, so wie sie den Chormantel anziehen. Kurzum, der Mann spricht nur aus. was hundert Pastoral- konferenzen, was„Iteichsbote" und„Kreuz-Zeitung", was eine weit- verbreitete kirchlicheZeitschriften-LitteraturvonLuthardtund Stöcker an bis herab zu den populären Blättchen ihren Lesern beständig vor- predigen. Und er spricht es aus an der Stelle, wo er meinen mußte, der stärksten Resonanz sicher sein zu könne», im Preußischen Herrenhause, an der Stätte, Ivo der Geist derer von Senfft-Pilsach und von Kleist-Retzow noch am unbeschränktesten herrscht. Aber was geschieht, wie es geendet? Für ihn er- klärt sich auch nicht einziger; im ganzen Herren- hause findet sich niemand, der er wagen möchte, zu seinen Gunsten öffentlich aufzutreten. Dagegen Widersacher, oie sich gegen ihn erklären, findet er in Menge. An ihrer Spitze den Kultusminister Studt selbst, einen Mann, der noch neulich in Halle zum Nachfolger Behschlags einen Mann der Rechten ernannt hat und zwar gegen den einmütigen Wunsch der Fakultät, einen Mann, der der korrekte Bureaukrat der alten Schule ist und darum auch kirchlich den Para- graphenstandpuntt vertritt. Und der Mann erklärt kalt lächelnd, auf den Universitäten seien moderne und traditionelle Theologie völlig gleichberechtigt, und er werde keinen Unterschied zwischen ihnen mache» I Und ihm sekundiert der Präsident des Obcrkircheurats, Barkhausen, und der geistliche Berater der königlichen Familie, Drynnder, nicht minder alS der Vertreter der Universität Halle, Professor Löuing. Es sind alle keine Umstürzler, weder auf kirchlichem noch auf staal- lichem Gebiete, die im Herrenhause geredet haben; es sind viel- mehr gut konservative Leute. Aber die Aechtung der moderneu Theologie, die wollen sie nicht mitmachen. Nur gegen excessive Elemente soll eingeschritten werden, freilich?nicht mit staatliche», fondern nur mit kirchlichen Mitteln. Der lupltsr tonans hat mit de« Augcnwinipern gezuckt! Da find sie alle umgefallen, alle» die nach oben schauten! Das hat alles Babel und Bibel gethan I" Der Fall ist deshalb nicht ganz gleichgültig, weil er zeigt, wie sehr die Entwicklungen des Kaisers die öffentlichen Verhältnisse be- stimmen. Ueberall da, wo sich ein Umschwung vollzieht, für de» man keine Erklärimg findet, hat der Kaiser am Steuer gesessen. Politik, Kunst und Wissenschaft sind stolz darauf, die Livrö des Kaisers zu tragen, und inuner finden sich Leute, die das schnelle Umlerne» gründlich verstehen. Heute hätten die Sauden und Schmidt mit dem Bekenntnis zur Orthodoxie bei der Hofgesellschaft kein Glück, sie müßten schon Harnackisch tänzeln oder mit Delitzsch aufgeklärt die Bibel von Babel ableiten. Indessen auch dieser Liberalismus wird nie eine thatsäch- liche Macht werden. Der Traum vom geistlichen Liberalismus jst ebenso illusionär wie der vom weltlichen Liberalismus. Mit dem einen wird angenehm geplaudert, die andren aber herrschenl— Zur Vollendung deS Zollgeschäfts schlägt die„Kreuz- Zeihnig* vor, daß, ebenso wie es das Centrum beabsichtige, auch die andern zollfreundlichen Fraktionen vor Beginn der zweiten Kommisfionslesung zusammentreten und ihren in die Kom- misston entsandten Mitgliedern weitere Direktiven geben sollen. Im Anschluß hieran möge sogleich eine Verständigung von Fraktton zu Fraktion stattfinden. Dann aber sei zu hoffen, daß endlich auch die verbündeten Regierungen ein Eni- gegenkommen beweisen werden. Der„Schles. Ztg." wird aus Berliner konservativen Kreisen geschrieben,„die Konservativen sowohl wie das Centrum sind fest entschlossen, an dem Kompromiß über die Getreide- und Viehzölle festzuhalten, und man erwartet auf dieser Seite ein Entgegenkommen her Regierung'. Es werde. sagt das Schlestsche Blatt weiter, „nun alle? darauf ankommen, einen Weg zu sinden, um zwischen dem bisherigen„Un- annehmbar' der Regierung und den Kom» pronrißbeschlüssen der Kommission einen Aus- gleich herbeizuführen." Die letzteren Worte stehen im .Widerspruch mit den vorhergehenden, aber alle diese Aeußerungen der konservativen Organe zeigen, daß alle Beteiligte des Zollwnchers allen Eifer bethätigen werden, um eine Einigung herbeizu- führen und ihr Werk zu vollenden. Das ist auch ganz natürlich und selbstverständlich, den» wegen einiger Differenzen, selbst wenn sie nicht gering sind, wird man die ge- waltige Wucherbeute sich nicht entgehen lassen wollen. Nur durch den unverminderten Widerstand der Mafien des Volkes kann der brutale Plünderungsplan �u Schanden werden l— Deutsches Weich. Boulanger-Schnurren. Die„Konservative Korrespondenz'— sie muß die Ferien in einem Schwefelbad zugebracht haben findet eine Erinnerung der unzurechnungsfähigen„Deutschen Zeitung' interessant: „Als General Boulanger nicht mehr Kriegsminister war und von verschiedenen französischen Zeitungen wegen seiner Thätigkeit in dieser Stellung angegriffen wurde, zählte er seine Verdienste als Kriegsminister auf nnd erwähnte dabei unter anderni, daß er für den Kriegsfall V e r b i n d n n g e n mit deutschen Soeialdemokraten angeknüpft hätte. Diese Aeußerung wurde damals wenig beachtet: den Freunden der Socialdemokratie war sie wohl unbequem und wurde daher tot- geschwiegen: andre Blätter mögen sie für etwas ungeheuerlich betrachtet haben. Nach der Kautskyschen Schrift erscheint aber Boulaugers Behauptung über die Führer der Soeialdemokraten durchaus nicht so unglaubwürdig. Auch auf einem social- demokratischen Parteitage wurde' da? Verhalten der Social- demokraten bei einer Mobilmachung zur Sprache gebracht; der Vorsitzende, Herr Singer, schnitt aber ein weiteres(£i»gehen auf diese Frage kurzerhand ab, wohl damit sich niemand verplappere." Der Kohl, der hier aufgewärmt wird, ist vor dreizehn, vierzehn Jahren zum erstenmal auf den unsauberen Herd der reaktionären Hexenküche gesetzt worden. Es ist nicht wahr, daß sie damals wenig beachtet oder gar totgeschwiegen wurde. Dazu war sie viel zu spaßhaft. Man hat zu jener Zeit anSgiebig und herzlich über sie ge- lacht und die Angelegenheit festgestellt. Der brave General, der offenbar wegen seiner phantastischen Dummheit heute zum Schwurzeugen des amtlichen Organs der konservativen Partei Deutschlands befördert worden ist, hat in der That durch diese Erzählung seine zusammenbrechende Popularität wieder aufzurichten versucht. Wie es scheint, haben ihn lhatsächlich einige Polizeispitzel gerupft. Die Socialdemokratie überläßt solche hochverräterischen DÜrchstechercien gern den Fürsten und Feudalen. zu deren Rüstzeug sie gehören. Es wird der„Konservativen Korrespondenz' nichts andres übrig bleiben, als dem Max Lorenz oder dem Esterhazy— der H e n r y hat sich ja leider den Hals abgeschnitten— den Auftrag zu geben, die Beweispapiere für jene Verleumdungen Boulaugers mit der deutschen Socialdemokratie herzustellen. Der Mann kann denn auch gleich jene fabelhafte Parteitags-Verhandluug mitliefern, von der die „Deutsche Zeitung" ohne Ort und Zeit redet.— Belohnt. In der„Kreuz-Zeitung" beweist seit längerem der Professor Dr. Theodor S ch r e m a n n außergewöhnliche Nicht- befähigung, indem er die Fragen der auswärtigen Politik in fürchter- lich langen und langweilige» Wochenrundschauen behandelt. Aber Herr Schiemann hatte daS Glück, daß einige polnische Studenten, die seine Borlesungen hörten, ihren Unwillen gegen die antipolnisch- hakatistischen Gesinnungen des Professors allzu laut bekundeten. woraus ein kleines Skaudälchcn entstand, das nach tapferer Preußen- art damit endete, daß man eine Anzahl polnischer Studenten von der Universität verwies und aus dem Lande jagte. Herr Schiemann darf den jungen polnischen Studenten sehr dankbar fein, ihre Thorheit machte ihn zur„Tagesgröße" und ließ seine Gesininmgstüchtigkeit in diesen Tagen des AutipolentumS hell erstrahlen. Jetzt' erreicht ihn weiterer Lohn, indem er auf Grund besonderer Er- mächtigung des Königs vom außerordentlichen zum ordcnt« lichen Honorarprofessor an der Berliner Universität ernannt worden ist. Diese Ernennung gewinnt erhöhtes Jntereffe durch die Mit- teilung, daß„die Vorschläge der Fakultät sich in andrer Richtung bewegt haben". Die Gelehrte» der Berliner Universität werden die antipoluische Geschichtswissenschaft hoffentlich ohne gar zu große Bc- chwerde zu ertragen wissen.— Der Tuellheld. In Posen tvaren es die Offiziere, deren Getuschel über die„neue Chefeuse" im Slenerdirektorium den Entrüstuugsfeldzug gegen die uustandesgemäßen Hereiispläne des Steucrdirektors Löhuing einleitete. Wenn aber ein Offizier das Gesetz bricht, indem er einen Menschen im Duell tötet, und nach verbüßter Nnstandsstrafe in die Garniso» heimgekehrt, dann ver- wandelt sich die Entrüstung, die dort de» Erfüller einer moralischen Selbstverständlichkeit traf, in begeisterte Huldigung für den über- 'ührten Gesetzesbrecher. Aus G um binnen»vird'der„Berl. Ztg." geschrieben: „Im Offizier-Kasino an der Tilsiter Straße in Gumbiunen ging es gestern flott her. Lustige Weisen gab die Militär- Kapelle des Artillerie- Regiments 1 im Kasino-Garten zum besten; wiederholt ertönten Hochs und Hurras. Die Teilnahme der Anwohner stieg, als in der nennten Abendstunde eine Abteilung Artillerie— 20 bis 30 Mann --zu Pferde in Gala mit Haarbusch anrückte, einen Offiziier in vierspänniger Equipage zum Bahnhof eskortierte nnd sich von dem Insassen des Wagens mit dreimaligem Hurra verabschiedete. Der Jnsaffe war nicht etwa, wie man nach der Begleitung an- nehme» mußte, ein gekröntes Haupt, sondern— der soeben be- guadigtc Duellant Qbcrlicutcuant Hildebrand." An der Feier für den Lieutenant Hildebrand nahmen aber nicht nur jüngere Offiziere teil, sondern auch die Kommandeure der 2. Kavalleriebrignde, Generalmajor v. Willich. und der 2. Feld- artilleriebrigade, Generalmajor Gronau. Mildernd darf für das Verhalten der Offiziere allerdings in Betracht kommen, daß ihre Auffassungen über das schwer« Ver- brechen ihres Duellkameraden durch die eilige Begnadigung des- selben bestärkt werden mußten. Selten haben sich die üblen Wirkungen der Begnadigungen so unmittelbar bekundet als in diesem Fall.— Wie man germanisiert. Nach einer Meldung aus Posen kaufte der Pole v. Slaski für eine Million Mark aus deutschen Händen die Herrschast Groß-Jauth, Kreis Nosenberg in Westpreußen. Vcrimitlich wird nun die Ansiedelungskommission daS Gut mit zwei Millionen wieder— germanisieren.— „Verbrecher" und„ZuchthauSbeseu". Aus der Pfalz wird uns geschrieben: Das Kriegsgericht der 3. bayrischen Division in Landau i. Pf., das es durch feine Konstrniernng der„minder schweren Fälle" zu einem gewissen Ruf gebracht hat, hat dieser Tage wiederum ein Urteil gefällt, das Aufmerksamkeit erregen dürfte. Wegen Beleidigung Untergebener und Mißbrauch der Dienstgewalt hatte sich der 24 Jahre alte Lieutenant Wilhelm Richter von der 1. Eskadron des 3. Cheveauxlegers-Rcgiments zu verantworten. Der Herr Lieutenant hatte am 20. Mai eine Ab- teilung von 30 Mann nachexerzieren zu laffen, was ihm jedenfalls kein besonderes Vergnügen bereitete. Einer der Soldaten, der an einem Furunkel am Gesäß litt, ersuchte ihn während des Exerzierens austreten zu dürfen.„Du Verbrecher bleibst da bis zuletzt", lautete die Anwort des Herrn Lieutenants. Als der arme Teufel bei einem Laufschritt wegen der Schmerzen, die er litt, der Abteilung nicht folgen konnte, trieb ihn der Herr Lieutenant mit dem Säbel, mit dem er ihn aus das Gesäß schlug, zu größerer Eile an. Einen andren Soldaten titulierte der Herr Offizier nicht bloß„Verbrecher", sondern auch„Stromer" und „Vagabund",»nr ihn schließlich zum„ZnchthanShesen" zu er- nennen. Für all diese Liebenswürdigkeiten erhielt der Herr Lieutenant ganze IS Tage Stubenarrest. Diese ungewöhnlich« Milde, die in gar keinem Verhältnis zu der Schwere der Beleidigungen wehr- i'o s e r Untergebener steht, hat sogar da« Mißfalle» bürgerlicher Blätter hervorgerufen.„Was soll denn das Volk von einer solchen Bestrafung denken?" fragt eines dieser Blätter. Landmann in den Ruhestand versetzt. Der beurlaubte Minister v. Landmann ist nunmehr, wie sich das„Berliner Tageblatt" melden läßt, durch ein Handschreiben des Priiizregeiiteu vom 8. August bis auf weiteres in den Ruhestand versetzt worden. Die Versetzung erfolgte ohne die Verleihung eines Ordens. Gleichzeitig wurde der als Nachfolger LandmannS bereits designierte bayrische Gesandte in Wien, Frhr. v. PodewilS, zum Kultusminister ernannt. Andrerseits ist von der Regierung das Vor- gehen des Würzburger Senats gegen Landmann miß- billigt worden. Durch eine Ministerialentschließung vom 9. August ist die von dem Rektor und neun Mitgliedern des Senats abgegebene Protesterklärung nach Form und Inhalt ernstlich mißbilligt worden.— Auf eigenartige Weise ist effie Majestätsbeleidiginigs-Anllage zu stände gekommen, die auf Veranlassung der Braunschweiger Polizei durch die Münchener Siaatsanwaltschaft gegen den in München lebenden jugendlichen Schriftsteller Friedrich Benz eingeleitet worden ist. Benz, ein Hypermoderner, hatte eine Reihe von Dichtungen veröffentlicht, die u. a. von M. G. Conrad in der„Gesellschaft" ihres philosophischen Gehalts wegen besprochen worden ivaren und die auch den in Brannsch'iveig� lebenden, ebenfalls noch jugendlichen Herausgeber der„Stimmen der Gegenwart", Karl Hartmann, veranlaßten, mit Benz in Korrespondenz zu treten. In einem Brief an Hartmann erwähnte Benz auch die bekannte Kuustrede des Kaisers vom Februar d. I., deren Inhalt er mit einem kräftigen vulgären Ausdruck kritisierte. Dieser Brief soll»un bei einer Haussuchung, die bei Hartmnnn vorgenommen wurde, in die Hände der Polizei gefallen und von dieser in der oben erwähnten Weise verlvertct worden sein. Vermutlich wird nun also durch einen Gerichtshof der kunstverständigen Stadt München ent- schieden werden, daß die Knnstanschauunoen Wilhelms II. über jede, lvenn auch nur private Kritik zeitgenössilcher Kunr�alleaen»Anhrji sind.—_ Ein Zusammenbruch. AuS München wird uns geschrieben: Schneller»och als die Politik der Wut rächt sich am bayrischen Centrum die Behandlung, die es den Staatsbedieusietcn augedeihcn ließ. Es ivnrde an dieser Stelle schon berichtet, wie die Art und Weise der Erledigung der Wohnuugsgeldvorlage eine ungeheuere Erregung unter den Angestellten hervorrief. Die nächste Folge ist »un, daß die Existenz der beiden großen ultramontanen Gründungen, des E i s e n b a y n e r- und des Po st Verbandes ernstlich ge« fährdct erscheint. Schon bei der Beratung des PosietatS im Landtage kam cS zu heftigen Scenen, weil die Liberalen dein Centrum vorwerfen, dieses habe den Angestellten große Versprechungen gemacht, die nicht erfüllt wurden. Abg. Schirm er, der Gründer und Sekretär des Postverbaudcs stellte dies entschieden in Abrede. Es wurde ihm jedoch an mehreren Beispielen nachgewiesen, wie man speciell für den Postverbaud durch große Versprechungen Mitglieder einzusaugen suchte. Ein Abgeordneter forderte in Arnberg die Postbeamten sogar auf, nur nicht locker zu lassen, dann werde ihr Recht schon zum Sieg kommen. Der Hauptwunsch aller Staatsaugestellten erstreckt sich aber auf die Verbesserung der Gchaltsverhältuisse, die in Form von Wohnuiigsgeldzuschüssen in Aussicht gestellt war. Wie die Hoffnungen der Leute gerade in dieser Richtung vom Centrum enttäuscht wurden, haben wir schon berichtet. Merkwürdigerweise war eS bei den Ver- haiidliingen über die Wohuimgsgeldvorlage gerade der Abgeordnet» S ch i r ni e r, der Sekretär des Postverbaiidcs, der fehlte. Abg. v. V o l l m a r konstatierte sofort diese Thaisache. Man erwiderte ihm, Schirm er sei krank. Und das von diesem redigierte Organ des PostverbaudeS teilte einige Tage später mit, Schirmer sei infolge seiner aufreibenden Thätigkeit nn Dienste der Ar- bester und Bedienstete» gesundheitlich völlig zusainmeiigebrochen. Gleichzeitig unterrichtete aber auch„Der Eisenbahner" seine Leser. daß der ultramontane Eisenbahner-Verbandssekretär Schniid erkrankt ist und ans ärztliche Anordnung bis auf weiteres seine Thätigkeit einstellen muß. Daß diese auffallenden Erkrankungen der beiden christlichen Arbeiterführer ihre ganz besonderen Gründe haben müffc:», war den Eingeweihten sofort klar. Die„M. N. N." erhielten eine Meldmig, lvonach Herr S ch i r m e r just an dem Tage, da über die Wohinings- geldzuschüsse beraten wurde, mit einem andren Herrn das 2200 Meter hohe Nebelhorn im Allgäu bestiegen hatte I Positive Thatsache ist, daß in den beiden Verbänden eine Strömung immer stärker wird, die dahin gerichtet ist, die ultramontanen Führer zu beseitigen. Diese Strömung ist,>vie uns genau bekannt ist, im Eisenbahner- Verband besonders stark. Aber auch im Post-Verband scheint es heftige Vorwürfe zu geben, deim daS Verbandsorgan macht n. a. die Bemerkung:„Wenn es jemand nahe gegangen ist, daß bc- sonders die Großstadtbediensteten, deren Misere er besser»vi« jeder andre kennt, entweder leer ausgehen oder mit einer almosen- ähnlichen Summe abgefunden werden— dann war eS der Verbandssekretär." Wenn die Leistungen des CentrumS von den eignen Organen in solcher Weise kritisiert werden, dann ist es wahrhaftig kein Winider, daß die stolzen Hoffnungen, die nian einst auf die Bediensteten- verbände setzte, schon jetzt zusammenbrechen müssen.— Hetlbronn, 10. August. sEig. Ber.) Der volksparteiliche Landlags-Abgeordnete für H e i I b r o n n- Amt Robert Miinzing ist im«lter_von 58 Jahren in Flein ge starben. Er gehörte zu den sieben Schwaben, die im vorigen Jahre im Landtag gegen di« Mehrheit ihrer Fraktion für Erhöhung der Gctreidezölle stimmten. Der Wahlkreis ist nicht aussichtslos für die Socialdemokratie. Bei der letzten Wahl konnte Münzing sein Mandat erst in der Stichwahl mit einer ganz geringen Mehrheit gegen unsern S ch ä f f l e r- Heilbronn behaupten. Es ist selbstverständlich, daß nnsre Genossen sofort ihre Vorbereitungen treffen und ihre Pflicht thun werden.— Ausland. Frankreich. Ei» dienstweigcrndcrOberstlientenattt. Aus Bannes wird vom Sonntag gemeldet: Der P r ä f e k t ersuchte den General F r a t e r, nach Plosrmel eine Abteilung Kavallerie zu entsenden, nm die Behörden bei der Ausübung des Vereinsgesetzes zu unterstützen. General Frater beauftragte den O b e r st l i e u t e n a n t de Saint Römy, den Kommandeur des' zweiten Jäger-Regiments in Pontivy, sich nut einer Abteilung des Regiments dem Untcrpräfektcn zur Verfügung zu stellen. Obcrstlieutenant de Saint Römh verweigerte jedoch den Gehorsam und erklär!«, seine religiösen Gefühle untersagten es ihm, bei der Schließung der Kongregalionsschnlen hilfreiche Hand zu bieten. General Frater sandte darauf einen Schwadrouschef nach Ploermel. Oberstlieutenant de Saint Röniy wird nach dem Fort von Bclle-Jsle-cn-mer gebracht und später wegen Gehorsamsverweigerung vor ein Militärgericht gestellt werden.— Der Konflikt mit Siam wird von dem in Marseille an- gekomnienen französischen Gesandten in Siam, Klobukowski, der übrigens keineswegs die diplomatischen Beziehungen mit Siam abgebrokben, sondern lediglich seine jährliibe Erholungsreise angetreten hat. als ziemlich harmlos dargestellt. Klobukowski erklärte, di« Schwierigkeiten, die sich bei den Vcrhand» luugen über gewisse Angelegenheiten herausgestellt haben, seien durchaus nicht un über iviudbar.— Italien. AgrarstrcikS. Schlimme Nachrichten kommen aus der Provinz Spulten, wo eS zwischen streikenden Landarbeiter» und der bc- waffnete» Macht zu blutige» Znsammenstößen gekommen ist. In Cnssano stießen 4(X) Smtcrn mit Gendarmen zusammen, die letzteren machten von ihren Waffen Gebrauch und mehrere der Streiker blieben tot auf� dem Platze. In Mansnrra versammelten sich die zahlreiche» Arbeitslosen, zoczen vor das Rathaus und verlangten Arbeit. Nach Bari und Trani sind Truppen abgegangen.— In der Umgebung von Ravenna ist der Streik der' Landarbeiter und Bauern fast allgemein, die Grundbesitzer weigern sich, Lohnerhöhungen eintreten zu lassen. Mehrere Zuckerfabriken haben schließen müssen wegen Mangels an Rüben.— England. Ncber Rnstlands antienglische Politik in Perfien erNSrte B a lf o u r in seiner schriftlichen Antwort auf die von G i b s o n V o w l e s seiner Zeit im Unterhause gestellte Anfrage, ob der Regierung bekannt sei, daß die russische Regierung mit Persien über einen Vertrag verhandele, demzusolge Persien als Gegengabe für die russische Anleihe Schutzzölle auf die aus Britisch-Judieu nach Persien eingeführten Waren legen solle, der Regiening sei nichts davon bekannt, daß über irgend einen derartigen Vertrag verhandelt werde; die Re- gicrung wisse jedoch, daß die Regierungen von Rußland und P e r s i e n eine Revision des bestehenden Zoll- rarifs beabsichtigen und daß einige der vorgeschlagenen Zölle ivnhrschcinlich eine ungünstige Wirkung auf die' Einführung von Waren aus Britisch-Jndien haben werden. Die englische Regierung habe sich mit der indischen über den Gegenstand in Verbindung gesetzt.— Richland. Ei» Protest Tolstois. Tolstoi hat an den Minister des Innern und an den der Justiz ein Schreiben gerichtet, in welchem er gegen die Verfolgung seiner Schüler und Anhänger protestiert. Er sei für seine Lehre und deren Konsequenzen allein verantwortlich.„Ich bin der allein Schuldige", schreibt er,„denn ich schreibe die Bücher zu den» Zwecke, meine Ideen, die man für so gefährlich für den Staat hält, zu verbreiten. Wenn es die Regierung für so gefährlich hält, alles mit Gewalt zu unterdrücken, was ihren Anschauungen nicht culspricht, so muß sie den Urheber des Uebels treffen, d. h. also mich allein, umsomchr, als ich niemals aufhören werde, das zu thun, was der Regierung so nuangenehm erscheint, denn das verlangt von mir meine Pflicht gegen Gott und gegen mein Gelviffen."— Amerika. New Jork, 11. August. Einem Telegramm aus Port o f S p a i n zufolge haben die Aufständischen Barcelona iVeneznela) nach dreitägigem Straßenkampfe genommen: aus Seite der Regieningstruppen fielen General Bravo und 60 Mann. Zum Parteitage veröffentlicht der Lokalansschuß das von ihm aufgestellte Programm. Der Parteitag wird in den schönen Räumen der Schwabinger Brauerei abgehalten, wohin die in der Stadt unter- gebrachten Delegierten und Gäste eine der schönsten Straßen Münchens sührt. In der Nähe des Kongreßlokalcs befindet sich das berühmte Ungererbad, der großartig schöne Englische Garten mit dem Klein- heffeloher See. Sonntagabend 7 Uhr wird die Konstituierung des Parteitages durch eine Begrüßung der Delegierten eingeleitet. Nach der Konstituierung Konzert und Gesang. Montag, den IS. September, abends, großes Kellerfest im Hackerkeller. Mittwoch und Donnerstag nachmittags Ausflug nach Stamberg nnt Rundfahrt auf dem See und Spaziergang nach der Rott- nrannShöhe. Sonnabend, den 20. September, abends 8 Uhr, Volks- Versammlung im Münchener Kindlkeller mit auswärtigen Genossen als Redner. Sonntag, den 21. September, Almfest auf der Boden- schmied bei Schliersee, arrangiert zu Ehren der Delegierten von den Parteigenossen in Miesbach und Hausham. Der Lokalausschnß ivird überdies zur Erinnerung an den Partei- tag eine illustrierte Festschrift herausgeben. Der Vorsitzende des LokalausschusseJ ist Genoffe L. Pickel- mann, SendUngerstr. 20. München. Konferenz der Socialdcmokratcn OderfchlesienS. Der erste Akt der auf Sonntag, den 10. August, nach Neustadt in Lberschlesicn einberufenen Konserenz der oberschlefischen Partei- genossen war sehr kurz, dafür aber um so kennzeichnender für das deutsch« Versamnilungsrecht. Da den Genossen Neustadts ein größeres Versammlungslokal nicht zur Verfügung steht, mußten sie die Kon- ferenz in das Lokal des Arbeiterkasiiio- Vereins einberufen. Die Delegierten ließen sich als Mitglieder in den Neustädter Wahlvercin aufiiehmen, entrichteten ihr Eintrittsgeld und nun wurde die Vereins- versammlung eröffnet. Darauf erhob sich der überwachende Beamte, erklärt« die anwesenden Delegierten für Nichtmilglieder, weil s i e noch nicht polizeilich gemeldet seien, und löste die Versammlung auf. Der Zweck der Zusanunenkünft war damit vor- läufig vereitelt. Aber die preußische Polizei hatte ihre Rechnung ohne den— östreichischen Wirt gemacht. Die Parteigenosse» hatten sich auf diesen Fall schon vorbereitet. Nachdem sich die Polizei entfernt hatte, um den am selben Tag« stattfindenden Festzug des Werlnieistervereins zu überwachen, teilten sich die Delegierten in kleine Gruppen und marschierten in unauffälliger Weise über die ö st reichische Grenze, wo nach zivei Stunden die Wer- Handlungen in dem Gasthofe des Grenzdorfes Batzdorf wieder aufgenommen tvurden. DaS Bureau der Versammlung bestand aus den Genossen Becker-Renstadt. Rcich-Königshütte und Scholthsek- Kö»ift«hütle. Nach der Berichterstattung des Genossen Winter über die Lage im oberschlefischen Revier kam die Frage der nächsten ReichStägstvahlen zur Erörterung. An der Debatte beteiligten sich die als Gäste anwesenden Genossen der polnisch-socialistischen Partei Bienischkiewicz und Trombalski. Sämtliche Redner der deutschen Socialdemokratie traten für eine Verstandi- gung ein und ersuchten die polnischen Genossen, die Beschlüsse von Oslviezieni zurückzunehmen. Dann sollte eine ge- meinsame Konferenz die Kandidaten nominieren. Die an- >v es« n de»Delegierten der polnische» Partei er- klärten, daß fie eine Zurülknahme der polnischen jlandi- baten nicht verspreche» können, ebensowenig eine>veschickung der EiiiignngSkonferenz. Nachdem die Konferenz durch diese Er- klärung den Beweis erhalten, daß bei der polnisch-socialistischen Partei' nicht proletarische, sonder» nationale Interesse!» de» Ausschlag geben,„ahm sie mit 18 gegen 4 Stimmen sdie für eine neue Konferenz eintraten) bei einer Stimmenthaltung folgenden An- trag an: Die Konferenz der Socialdemokratie Oberschlestens erklärt: Die Beschlüsse der Oswiecie,»er Konferenz in Bezug auf die Kandidaturen erkennt sie n i ch t a>i. Sie erwartet mit Bestimmtheit eine Einigung mit den Anhänger» der polnisch-socialistischen Partei. Komnit die Einigung nicht zu stände und bleiben die Kandidateu» AnfstcNnngeii vo» Lswiecicin bestehen, so werden die Genosse» der dentschen Socialdemokratie ihre Kandidaten selbst wählen." � � Noch Annahme dieser Nesokntio» verließen die Vertreter der polnisch. socialistischen Partei das Lokal. Bienischkielvicz sprach im Ab- gehen noch die Ansicht ans, daß dieser Beschluß>» Rücksicht auf das materielle Uebcrgetvtcht der deutschen Genossen gefaßt sei. sLebhafte Pfni-Rnfc). Hierauf nahm die Konferenz die Aufstelllmg der oberschlefischen Kandidaten vor. ES ivurden bestimmt für: K r e u z b n r g- R o s e n b e r g: Maler WilH. Reich- Königs- Hütte. Oppeln: Paul B a d u s ch e ck, Bergarbeiter in Lipine. Stotel- Groß- Strehlitz: Bergmann K l i m a i n s k i- Kockilowitz. Lubli»itz-Tost-Gleiwitz: Dr. Winter- Bcuthen. F a l k e u b e r g- G r o t t k a u: Bebel. B e« th e n- T a r n o w i tz: Dr. W i„ t e r- Bcntben. Kattowitz-Zaborze: Bergmann Pokorny« Zwickau. Pleh-Rhbnick: Bergmann Scholtyssek. Ratibor: Tischler Anton B uj o k- Ratibor. L c o b s ch ü tz: Weder R e ck e r- Neustadt. Neustadt: Verleger O. Schütz- Breslau. A e i>' j e: Bebel. Hierauf wurde die Bezirksleitung für den oberschlesischen Ne- � gieruiigsbezirk gewählt. Sie besteht aus fünf Personen: Dr. W i n t e r- Beuthen, Maler Reich- Königshütte, Maurer Bande- Kattowitz, Bergmann Scholtyssek- Köiiigshütte und Bergmann B a l u s ch e ck- Lipine. Genosse Winter wurde mit der Vertretung der ober- schlesischen Genossen auf dem Parteitage in München be- auftragt. Schließlich nahm die Konferenz folgende Resolution an, die dem Parteitag in München zur Annahme empfohlen wird: „Die Bezirkskonferenz der Socialdemokratie OberfchlesieuS beglückwünscht das russische Proletariat zu seinem schweren Kampfe gegen Selbstherrschertum und wirtschaftliche Ausbeutung und sendet brüderliche Grüße. Gleichzeitig giebt der Parteitag seiner lebhaften Entrüstung über die Helfcrshelferdicnste Ausdruck, die den russischen Schergeil von oberschlefischen Polizei-Organen geleistet werden, und verlangt von der deutschen Reichsregicriing, daß sie diesem eines Kulturstaates unwürdigen Zustande schleunigst ein Ende bereite." Gegen Uhr wurde die Konferenz geschloffen, die von 23 Delegierten aus sieben oberschlestschen Wahlkreisen beschickt war. Die Genossen traten gemeinsam den Heimweg ins geliebte deutsche Vaterland au, die Polizei hatte inzwischen das Vereinslokal bewacht. Eine Konferenz für den 8. und 10. Schleswig-Holsteini- schen Wahlkreis(Altona und Lüneburg) beschäftigte sich mit der Frage der Beschaffung reichlicherer Geldmittel für die Agitation. ES wurde folgende Resolution dazu aiigenommeii: „In Rücksicht auf die stetig wachsenden Anforderungen, die an die Agitationsfonds der örtlichen und der Wahlkreis-Organifatiouen sowie der Gcsamtpartei gestellt werden, ist es unbedingt yebolen, die regelmäßigen Beiträge in den socialdemokratischen Vereinen zu erhöhe». Insbesondere spricht dabei die Erwägung mit, daß es un- abweisbare Pflicht jeder einzelnen Parteigen'offenschaft und jedeS Wahlkreises ist, in stetig wachsendem Maße auch der vom Partei- vorstand verwalteten Kasse gerecht zu werden. Die Teilnehmer der Konferenz sind hiermit angewiesen, in diesem Sinne in ihrer Organisation zu wirken. Die Konferenz erachtet alle socialdemokratischen Organisationen des achten und zehnten schleswig- holsteinschen Wahlkreises verbunden. dieser Mahnung sofort zu eut- sprechen." Die socialdemokratischen Vereine der beiden Kreise haben 5046 Mitglieder gegen 42S2 im vorigen Jahre. Der Vcrtrauensmami nahm im letzten Geschäftsjahre 6331 M. ein. Der Kaffenbcstand beträgt zur Zeit 1296 M. Die Parteiblättcr hatten in den beiden Kreisen zusammen S396 Abonnenten. Socialdemokratische Gemeinde- Vertreter giebt es jetzt in Wandsbeck einen und in 9 Landgemeinden 20. Gewerkschaftlich sind in den beiden Kreisen 10 853 Arbeiter organisiert. Als Kandidaten für die bevorstehenden Reichstagswahle» wurden für den 3. Kreis der seitherige Vertreter, Genosse F r o h m e', und für den 10. Kreis Genosse L e s ch e, der schon mehrfach in diesem Kreise kandidiert hat und jetzt hoffentlich gewählt werden Ivird, ein- stimmig aufgestellt. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen-Grün- b e r g stellte als Reichstagskandidateu den. Genossen Kaufmann Eduard Krumm in Gießen auf. Der Parteitag für die Provinz Ostpreußen findet am 7. September in Königsberg statt. Parteipresse. Ans der Redaktion der„Norddeutschen Volks- stimme" in Bremerhaven ist der Genoffe W. D i t t m a n n ausgeschieden, um in die Redaktion der„Bergischen Arbeiterstimme" in Solingen einzutreten. Totenlisto der Partei. Die Dresdener Genoffen haben den Tod eines braven Mitstreiters zu beklagen, des Kolporteurs K. E. Weichelt, der einem schweren Herzleiden erlegen ist.— Weichelt ist der älteste Kolporteur der Arbeiterpresse in Dresden. Vom Erscheinen der ersten Nummer des ersten socialdemokratischen Organs—„Volksbote" im Jahre 1871— bis an sein Lebensende hat W. der Arbeiterpresse als Austräger gedient, und treu und gewissen- hast nach jeder Richtung hin seine Pflicht erftillt. Was das in den Sturin- und Drangjahren— die ja»och gar nicht so sehr lange überwunden sind— hier zu bedeuten hatte, werden besonders die älteren Dresdener Parteigenossen zu würdigen wiffen. Aber auch sonst war Weichelt ein unermüdlich thätiger, pflichteifriger und ge- wisicnhafter Förderer der Arbcitersache. Die Dresdener socialdemo- kratischen Arbeiter, besonders die ihn näher kannten, werden Weichelt immer in gutem ehrenden Andenken behalte». PolUeilichrs, Gerichklilkir« nsw. Wohlfahrtspolizeiliche Fürsorge. In S t a h m e l n im Bezirke der Amtshauptmaiiiischaft Leipzig Ivollle der dortige Arbeiterverein in dem einzigen Lokale, das den Arbeitern dort zur Verfügung steht, eine öffentliche Versammlung abhalten. Sie wurde verboten durch folgende Verftigung an den Einberuser: Leipzig, den 2. August 1902. An Herrn Maurer Max Kühn in Stahmeln. Die königl. Amtshauptmaiiiischaft untersagt hiermit auf Grund von§ 12 des Vereinsgesetzes die von Ihnen für den 3. August 1902 angemeldete öffentliche Versammlung— über welche die Anmeldebescheinigrmg betfolgt— weil nach den an- gestellten Erörterungen die Kurthsche Restauration mit ihren be- schränkten Räumlichkeiten zur Abhaltung einer öffentlichen Vcr- sammlung nicht geeignet ist. Es find nur zwei Räume vorhanden, die Gaststube und du Gesellschaftsstube; erstere ist nur 7 Meter lang und 4,20 Meter breit, letztere»nr 6 Meter lang und . 8,35 Meter breit. Auch hat die Gaststube nur eine Eingangsthür und keine» weitere» Ausgang. Bei der letzten öffentlichen Versammlung in Stahmeln sind über 70 Personen anwesend geivesen. Unter diese» Umständen ivürde die Abhaltung einer öffent- lichen Versnnnnlung in der Kurthsche» Restauration, insbesondere für den Fall des Ausbrechens eines Feuers mit einer dringenden Gefahr für die öffentliche Sicherheit verbunden sein. Sie ivird deshalb aus wohlfahrtspolizeilicheii Gründen verboten. Königliche Anitshanptmaniischaft. ES ist nicht selten, besonders in Sachsen, daß man dort den Socialdemokratcn solche reichliche wohlfahrtspolizeiliche Fürsorge an- gedeihen läßt; im vorliegenden Falle ist die„Leipziger Volks- zeitung" in der Lage, an einem Beispiel zu zeige», daß andre Leute tveniger— beschützt werden. Am 3. Juni 1902 richtete nämlich der Arbeiterverein Stahmeln eine schriftliche Eingabe an die Amtsbauptmannschaft. worin mitgeteilt wurde. daß sich im Gasthof«zur grünen Linde" aus einem Stroh- boden ein Maffenquartier polnischer Arbeiter befindet, auf welchem Boden geraucht ivird und auch Lampen brennen. Aber nicht einmal eine Trepp« ist vorhanden; die Leute müssen auf einer Leiter hinanfllcttern. Seit Absendung der Eingabe sind mehr als zwei Monate verflossen, doch ist weder ein Bescheid ans die Eingabe eingegangen, noch ist Abhilfe geschaffen ivorden. Es ist noch immer die alte sächsische Methode, die vor Jahre» das sächsische Regierungsorgaii. die„Leipziger Zeitung", als Ausfluß höchster RegiernngSpolizeilveisheit Prollaniierte: Niemals zu ehrlich zu sein,_ — Das schlechte Pflaster in Halberstadt war Gegenstand einer Lolalnotiz in der Magdeburgischen„Bolksstiinme" gewesen. Dadurch hotte sich der erste Bürgermeister von Halberstadt beleidigt gefühlt, und der Redactcur deS Blatte«, Genosse M a r k Iv a l d. wurde dafür vo» der Strafkammer in Magdeburg wegen sorinalcr Beleidigung zu 200 M. Geldstrafe verurteilt. Ans FttdnNvie«nd AZmtzdvl. Deutsche Genossenschaftsbank Sörgcl, ParrifinS«. Co. Den ileberraschungen, ivelche die letzte» Geschäftsberichte verschiedener großer Gesellschaften verursachten, ist alSbald eine neue gefolgt. Die Deutsche Genossenschaftsbank, die von freisinniger Heil« ins Leben gerufen Ivorden ist, um eine Eeiitralstelle für jene Genossenschaften zu bilde», die sich mit Bankgeschäften befasse», dem Zuge des heutigen Bankwesens folgend sich aber seit langem mehr irnd mehr der Beteiligung an mdustriellen Unternehmungen zugewandt hat, veröfsent- licht für das erste Halbjahr 1902 eine» Geschäftsbericht nebst Bilanz, die nach Abzug des Gewinnes von 300 000 M. einen Verlust von 2 670 000 M. aufweist. Zugeschoben wird die Schuld an diesem Verlust der Geschäftsführung des aus der Genossenschaft ausgeschiedenen persön- lich haftende» Gesellschafters Siebert, über dessen Thätigkeit der Bericht folgendes Urteil fällt:„Die Eutstehuug der Verluste ist iin wesentlichen auf die Geschäftsführimg deS persönlich haftenden Gesellschafters Herrn Siebert zurückzuführen, dem in wichtigen Angelegenheiten leider zu 'freie Hand gelassen worden ist. Herr Sieb'ert ist infolge dessen aus der Gesellschaft ausgeschieden. Als wir, veranlaßt durch die Veränderung unsrer Persoiialvcrhältuisse in der Berliner Direktion und zugleich infolge der Erkraukuug des Herrn Siebcrt, die in Frage kommenden Geschäfte einer erneuten Prüfung unter- zogen, stellte es sich heraus, daß wir bei der bisherigen Wert- schätziing und bei Beurteilung niehrerer Konten großen Teils von unrichtigen und imzntreffendeil Voraussetzmigen ausgegangen sind, die ans den Anschauungen des Herrn Siebert beruhte», sich aber nicht als stichhaltig erlviesen und einer gründlichen Korrektur be- durften. Die entstaudenen Verluste betreffen hauptsächlich unsre Be- teiligungen und Forderungen au die Geivcrkschaft Kyffhäuser, die Accumulatorenwerke„Watt", die Spiritus- Glnhlicht- Gesellschaft F. Schuchhardt u. Co.. sowie einige zuni Teil mit diesen Engagements zusammenhängende Debitoren." Die Beteltigung an der Gelverlschaft Kyffhäuser nebst den als wertlos zu erachtenden Forderungen an das Konsortium der Kux- besitzer beträgt 1 101 000 M., die Beteiligung an den Watt- Accuinulatoren-Werken ungefähr 1 500 000 M., Ivovon 500 000 M. durch eine Äautionshhpothek gesichert sind, die Forderung an F. Schuchhardt u. Co. 390 000 M., vo» denen 300 000 M. in Reserve gestellt iverden sollen. Zu diesen Verlusten kommen weitere Rückstellungen auf die übrigen Debitoren im Betrage von 250 000 M. und ferner an Abschreibungen auf Effekten und Beteiligungen 920 000 M. Der Gesamtbetrag stellt sich auf circa 3 470 000 M., von denen 800 000 M. durch den erzielten Gewinn ge- deckt lverden, so daß ein Verlust von 2 670 000 M. bleibt, der dem Reservefonds entnommen iverden soll, der dann nur noch mit zwei Millionen Mark dotiert ist. Zugleich schlägt der Bericht eine Reduktion des Mienkapitals von 36 auf 30 Millioiien Mark vor.„Die Erfahrungen der letzten Jahre," heißt es.„haben gezeigt, daß es für ei» Jnstitüt von dem Umfange deS uiisrigen nicht unbedenklich ist, das Konsortial» und Be- teiligungSgeschäft in dem bisherigen Umfange z» pflegen. Wir haben uns daher entschlossen, in Zukunft unsre Thätigkeit auf diesem Felde einzuschränken und uns in erhöhtem Maße der Pflege unsres eigentliche» GeschäftSgebietes, dem Verkehr mit den Genossenschaften, zilziliveudc». Für diesen Ziveck ist � der Betrag unsres gegenwärtigen Aktienkapitals in- dessen zu hoch bemessen. Und da bei dem bescheidenen Nutzen, welchen das reine Coiitocorrentgeschäft abivirst, die Rente von einein Kapital, das höher ist, als dem absoluten Bedürfnis entspricht, eine zu geringe seiii würde, so habe» wir in Aussicht ge- »oiiime» und schlagen der Gciieralversammluug vor, unser Aktien- kapital durch Rückkauf von Aktien bis zu sechs Millionen Mark bis auf 30 Millionen Mark herabzusetzen. Der Ankauf soll zu 102 Proz. ans vorgäugiges Angebot bei der Gesellschaft— Zahlung franko Zinsen»ach Ablauf des Sperrjahres— erfolgen." Die Genossenschaftsbank, eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, war früher ein Paradestück des freisinnigen Genossenschaftswesens und»ocki heute gehören ihr hervorragende freisimiige Politiker an. Persönlich haftende Gesellschafter sind: S. Weill. Dr. zur. C. Meißner hier und Friedrich Thorwart in Frankfurt a. W. Dem Aufsichtsrat gehören an: Renlier Hugo Hermes, Stadtrat G. Struve, Stadt- verordncteiivorsteher Dr. Paul Langerhaus. Dr. zur. H. Crüger, Charlottcnburg, Generalagent Hobrccht, Rentier Saborly in Frank- furt a. M., Bürgermeister Nizze in Ribniz, Reichstags-Abgcordneter Karl Blell in Brandenburg a. H., Bankdirektor Hild« Wiesbaden, Dr. F. Schneider in Potsdam. Die Hamburg- Amerika- Linie nnd das Rhcinisch-Westfäl. Kohlensyndikat. Die Preispolitik des Rheinisch- Westfäl. Kohlen- syudikals hat beivirlt. daß seit Begimi des Jahres lviederholt größere Kohlenliefermigen in norddeutschen Plätze» nach England vergeben worden sind, während von andrer Seite versucht wurde.' sich durch Erwerbung eigener Kohleiizecheit von den drückenden Bedingiiiicjen des Syndikats unabhängig zu stellen; so hat zum Bcilpiel erst kürzlich der Norddeutsche Lloyd gemeinsam mit der Firma Krupp in Essen Kohlenfelder erworben. Jetzt lehnt auch die Hambnry-Amcrila-Linic sich gegen das Syndikat auf und hat, da diese« sich weigerte, die gleichen Hreise ivie die englischen Kohlenhändler zu stellen, vorläufig einen Teil seiner Lieferung an schlesische Zechen vergeben. Dein„Verl. Börs.-Cour." wird darüber berichtet: „Eine Verständiglma zwischen!dcr Hamburg-Amerika-Linie und dem Rheinisch-Westfälischeii Kohlensyndiknt über' eine Verlängerung des Kohlcnliefcriiiiaö-Vertrages ist wegen der Preisforderung des Syndikats nicht erfolgt und hat derselbe im letzten Monat seine End- schaft erreicht. Dagegen hat die Hamburg-Amerika-Linie einen Ver- trag über die Lieferung von schlesischen Kohlen nach Hamburg ab- geschlossen. Hiermit ist der schlesischen Kohle den Exportivcg zur See bereitet. Der Transport der Kohle von Schlesien nach Hnm- bürg erfolgt auf dem Wasserwege." Auch die„Hamburger Nachrichten" melden:„Da daS Kohlen- syiiditat sich dauernd abgeneigt zeigt, daslelbe Preisangebot lvie für die gleichwertige englische Kohle auzuuehme». so hat sich die Packetfahrt-Nktiengesellschaft, um weuigstenS die Lieferung dem In- lande zu erhalten, veranlaßt gesehen, mit den Kohlengruben Schlesiens abzuschließen."__ SM Gtuttalmslminlnng M Atzmeinell dMeil ArttlermeinS. H a>l u o v e r, den 3. August 1S02. Unter dem Vorsitze von Klein« Berlin beginnen heute früh die Verhandlungen. Als Gäste sind anwesend L e g i e n- Hamburg, Goldschmidt- Berlin, GiesbertS- München-Gladbach lind Jansen- Hamburg. Behrens- Berlin erstattet den Geschäftsbericht. Die Mitgliederzahl ist u»> rund 900 Personen zurückgegaiige». Von den 144 Zweigvereinen sind seit 1900 ciiigegaiigeii 59.»eiigcgründet 42. Die Ursache de« Rückganges Ivird unter anderni auch in der„zu sehr erörterten" Gewerkschaftsfrage(I) gefunden. Die Kaffeuverhältniffe werden als günstig geschildert. Die Berbaudszeitung soll allwöchentlich erscheiiien. Die Klärung der verworrencn Rechtsverhältnisse ivird als die Hauptaufgabe der socialpolitische» Thätigkeit bezeichnet. Ueber eine Bemerkung des Geschäftsberichts, dahinlantend, daß in Leipzig die Q u e r t r e i b e r e i e n der Mitglieder der„Deutschen Gärtner- vcreiiiigung" eine„ernste Aktion verhindert' hätten, entspinnt sich eine erregte Debatte zivischen Jansen, dem Vertreter der Vcr- einigung, dem Geschäftsführer Behrens und einer Anzahl Dclc- gierten. A l b r e ch t- Berlin referiert alsdann über die„Rcchtsvcrhält- ilisse i» de» gewerblichen Gärtnereien". Um die Unhaltbarkeit des jetzigen Zustandes zu charakterisieren, führt Redner Gerichts- urteile verschiedener Gerichte an, lvonach die Gärtner ganz verschieden als Gewerbegchilfe», als Dienstboten, als landwirtschaftliche Arbeiter, als Geiuerbelreibende, als HandelSgehilfen nnd als„An- gehörige der bildenden Künste" betrachtet werde». Eine so ungeheure Verworrenheit in der Rechtsstellung müsse so schnell als möglich be- seitigt werden, deshalb sei auch hierauf zur Zeit das Hauptaugenmerk zerichtet. Eine Anzahl Petitionen sind schon a» die gesetzgebenden störperschaften nnd Behörden geschickt lind verschiedene Abgeordnete, o namentlich Molke nb»ihr, haben sich der Sache angenomme». Redner bringt tan» am Schluffe seiner AnSführungen eine Resolutio» ein, in welcher all' diese Wünsche niedergelegt iverden. Die Nekoluiio» gelangt zur eiustinunigeu Lmiahme. In der heutigen Nachmittagssttzung steht der Kernpunkt der Verhandlungen: „Besprechung und Beschlußfassung über die Gewerkschaftsfrage" gur Debatte. Das einleitende Referat hat Alb recht übernommen. Redner führt unter andcrm aus, die socialpolitischen Fragen könnten gar nicht genug in den Gewerkschaften erörtert werden, man werde in den Gewerkschaften auch nicht umhin können, sich die verschiedensten politischen Parteien dienstbar zu machen, aber trotzdem warnt der Referent dringend vor Anschluß an eine be- stimmte Richtung. Unter der Flagge der Neutralität sei der Verein groß geworden, und müsse neutral bleibe». Wenn von einem An- schluß überhaupt die Rede sei, so könne nur der Anschluß an die freien Gewerkschaften in Frage kommen. Die H'ir s ch- D u n ck e r s ch e n bezeichnet Redner alS„versteinert" und gegen die„Christlichen" herrsche im allgemeinen Miß- stimmung. Aber die freien Gewerkschaften kann Redner deshalb nicht empfehlen, weil sie geistig mit der Socialdemokratie einS feien und damit Anstoß erregt werden würde. Nachdem der Redner so ziemlich eine Stunde bald den„Christlichen" ein Pflästerchen auf- gelegt, dann wieder den freien Gewerkschaften und dann zur Ab- wechslung auch mal den Hirsch-Dunckerschen, kommt er schließlich mit einer langen Resolution an, die eine entschiedene Absage an die freien Gewerkschaften enthält und derart zugestutzt ist, daß auf absehbare Zeit hinaus jede weitere Diskussion über den Anschluß an die freien Gelverkschasten ausgeschlossen sein soll. Die Resolution ist ganz danach angethan, den Widerspruch aller derer hervorzurufen, die noch ein bißchen auf Selbständigkeit halten. Natürlich ist Herr Behrens derselben Meinung wie Herr Albrecht, seine Ausführungen aber sind bedeutend konfuser als die des Referenten.— Herr G o l d s ch m i d t, der SckretärZ der Hirsch- fDunckerianer, wehrt sich dann zunächst gegen die„Ver- steine rung" der Gewerkvereine und liest alsdann den Herren von der Leitung des Gärtnervcreins den Text darüber, daß sie meinen, iauf die Dauer ohne Anschluß an eine bestimmte Richtung auskommen -zu können. Ebenso selbstverständlich ist, daß Herr Goldschmidt die braven Gewerkvercine im Gegensatz zu den„socialdemokratischen" Gewerkschaften bis über die Hutschnur lobte. Genosse Legion blieb ihm die Antwort nicht schuldig. Auch einzelne Delegierte pflichteten Legien vollkommen bei' und Jansen betonte, daß selbst dann, wenn die unglaubliche Resolution zur Annahme gelange, die Frage des Anschlusses nicht wieder von der Tagesordnung verschwinden werde.— Auch der Führer der„Christlichen", Herr GieSberts- M.-Gladbach sprach dann noch zu der Frage und brachte die christlichen Organisationen in empfehlende Erinnerung. Die Debatte gestaltete sich noch äußerst lebhaft und muhte schließlich der vorgeschrittenen Zeit wegen abgebrochen werden. In der Resolution Albrecht wurden dann zwar eincrfeits die krassesten Punkte, die sich gegen die Socialdemokratie richten, genüldert, andererfeits aber blieb die Erklärung, daß eine wirklich aktionsfähige Gärtner-Gewerkfchaft in An- gliederung an die freien Gewerkschaften nickt zu erreichen sei, bestehen. Die Resolution wurde schließlich an- genommen. Die Verhandlungen, die am 9. und 10. August fortgesetzt wurden, bezogen sich auf innere Angelegenheiten des Vereins und hatten kein allgemeines Interesse. Nachträglich wurden noch die in der an> ersten Vcrhandlungstage angenommenen Resolution Albrccht enthaltenen Widersprüche durch Abänderungen beseitigt. Als Vorsitzender des Vereins wurde Klein, als Geschäftsführer Behrens und als Redactenr Albrecht falle in Berlin) gewählt. Im Anschluß an die Generalversammlung des Gärtner-Vereins wurde der vierte allgemeine deutsche Gärtnertag ab- gehalten. Derselbe erklärte sich nach einem Referat Damaschkes für die Bestrebungen der Bodenreformer. Ferner wurde eine von Albrecht befürwortete Resolution angenommen, die als Interessen- Vertretung des Gärtnerberufs den Anschluß an eine der bestehenden Handwerkskammern befürwortet, einen Anschluß an die Landwirt- schaftskammer aber entschieden abgelehnt.— Eine dritte Resolution spricht sich für Einführung der Tarifgcmeinschaft ans. Der Landarbeiterstreik in Galizien. Der Wiener„Arbeiterzeitung" wird aus Lemberg geschrieben: Der Ausnahmezustand ist'zwar noch nicht proklamiert. aber Graf PininSki hat seinen Standcsgenossen zu Liebe ihn auf eigne Faust ohne die lästigen Formalitäten eingeführt. Ans allen Be- zirken wird berichtet, daß nickt nur das Versammlungsrecht der Bauern aufgehoben ist, sondern daß auch die Bczirkskommissäre förmliche Agitationsreisen abhalten,»m die Bauern vom Streik abzureden. Verhaftungen werden auch jetzt nock in Massen vor- genommen. Wegen der geringfügigsten Uebcrtretungen werden die Bauern in Untersuchungshaft genommen und tagelang in Haft be- halten, ohne verhört zu werden. Kurz, es sind alle Staatsgrundgesetze für die Bauern aufgehoben. Der Streik hat heute lange nicht mehr den Umfang, den er noch vor einer Woche hatte. In den meisten Bezirke» haben die kleineren Grundbesitzer mit den Arbeitern Vereinbarungen getroffen und zumeist sind es nur die ganz großen Ausbeuter, die keinen .Frieden schließen wollen. Trotzdem werden die Bauern noch iumrer als Aufrührer behandelt. Jeden Tag werden zahlreiche Vor- Haftungen vorgenommen, Hausdurchsuchungen sind an der Tages- ordnung. Beim Lemberger Landesgericht sind 120 Bauern wegen Streik- Vergehens in Untersuchungshaft. Ein Kenner Galiziens schildert den Arbeiter in Ostgnlizien folgendermaßen: Während meines Aufenthalts in Ostgalizien be- wunderte ich immer die Genügsamkeit der dort beschäftigten Feld- arbeiter, die nieist einheimische fRutheuen sind. Im Sommer geht der schlechtgekleidete und schlechtgenährte Arbeiter schon um 3 Uhr mit Weib und Kind aufs Feld der Guts- Herrschaft und arbeitet den ganzen Tag um höchstens 60 kr. Damit soll er seine oft noch zahlreiche Familie ernähren. Die Frau be- kommt höchstens 3V kr., das sind 60 Pfennig, wenn sie es nicht vor- zieht, für ein wenig Getreide zu arbeiten. Die Kinder werden schon zur Feldarbeit angehalten, verdienen jedoch wöchentlich höchstens 1 fl. Im Sommer ist dieser Verdienst nock hinreichend, da das Volk wenig Bedürfnisse hat, doch im Winter, wo sich der Lohn des Arbeiters nur auf 2S kr. belauft, ist das Elend manchmal sehr groß. Das Landvolk begnügt sich mit den elendesten Wohnungen. Licht und Lust sind ihm karg zugemessen. Ge- wöhnlich enthält die Hütte nur eine Stube nebst Kammer. Das Dach ist aus Stroh, und als Schornstein dient ein Loch in demselben. Gekochter Mais, hierzulande Kukuruz genannt, bildet mit etwas Mohnöl die Hauptnahrung. Brot ist ein seltener Lecker- bisfen, und eine Semmel kauft der Bauer nur seinem Kinde, wen» es krank ist. An den höchsten Festtagen, wte Ostern und Weih- .nachten, ißt der galizischc Bauer getrocknete Fische und Schweinefleisch und trinkt Branntwein: jedoch wird wenig getrunken und betrunkene Bauern habe ich in Galizien beinahe nie gesehen. Die Kleidung des galizische» Bauers besteht in einem leinenen selbstgesponncnen Hemde und einem Schafpelz, welcher über demselben getragen wird. Kinder und Frauen tragen dieselbe ärmlickc Kleidung, die bei letzteren nur mit Stickereien geziert ist. Selbst die Familien- feste entbehren bei diesem armen Volke der in andren Ländern üblichen Fülle. Hält der galizische Bauer Hochzeit, so besteht das Festmahl aus Schwarzbrot, Käse und Branntwein. Doch wird nur mäßig getrunken. Unter den bei Hochzeiten in Galizien üblichen Gebräuchen fielen mir besonders auf: Der Bräutigam bringt der Gutsherrschaft als Sühneopfer für begangene Nachlässigkeiten ein Huhn dar, das er kniend überreicht und dabei um den Segen bittet. Des weiteren zeichnet sich der Bräutigam unter den Braut- sührern aus, indem er eine kleine Gerte trägt, mit welcher er vor Eintritt in die gemeinschaftliche Wohnung der ihm angetrauten Gattin einen leichten Schlag versetzt, gleichsam um seine Herrschaft zu bestätigen.___ verantwortlicher Nedacteur: Julius Kaliski in Berlin. Für den Jnser GenrevkMaMiches. Berlin und Umgegend. Elektromontcure! Bauarbeiter! Der Streik der Elektro- Monteure bei der Firma Hardegen u. Co. hat nach vierzehntägiger Dauer am gestrigen Tage mit einem vollen Siege der Arbeiter seine Beendigung' gefunden. Der Bericht über den Verlauf und das Resultat des Streiks wird in einer öffentlichen Versammlung gegeben werden, welche am Mittwoch, den 13. August, bei Nümann, Brunnen- straße 183, stattfindet. Die Lohnkomniisfion. Schuhmacher. In der Ebers walder Filzschuh- Fabrik von A. Brodt haben sämtliche Schuhmacher wegen Lohnabzug gekündigt. Wir bitten den Zuzug nach hier streng fernznhalten. Verein deutscher Schuhmacher. Zahlstelle Eberswalde. Kleine gewerkschaftliche Mitteilungen. Die Berliner Ver- waltungsstelle des Centralverbandes der Fleischer wählte Klose zum Hauptkässierer.— Die Zahlstelle Schöneberg des Deutschen Holz- arbeiter-Verbanded hat beschlossen, den obligatorischen Beitrag von 60 Pf. pro Woche einzuführen. Der Anschluß der Zahlstelle an Berlin wurde abgelehnt. Deutsche» Reich. Zur Aussperrung im Baugewerbe Hamburgs. Die Zahl der ausgesperrten Arbeiter schmilzt von Tag zu Tag innner mehr zusammen, desgleichen die der importierten Arbeitswilligen, die jetzt in hellen Scharen Hamburg den Rücken kehren. Die Jnnungsmeister zahlen den nach ihrer Meinung hohen Hamburger Lohn nur für eine entsprechende Arbeitsleistung, die von den eingeführten Streikbrechern nicht im entferntesten erreicht wird. Welche Mittel die Baunntenrehmer angewandt haben, um Arbeits- willige nach Hamburg zu locken, dafür legt das Schreiben eines solchen, der wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist, beredtes Zeugnis ab. Das Schreiben lautet: „Der Unterzeichnete erklärt hierdurch, daß der Baumeister Paul Eckler mich und einige hundert Kollegen von Wien nach Hamburg unter Vorspiegelung falscher Thatsachen gelockt hat. Der Arbeitsvertrag der Bangctverks- Innung ist nur und meinen Kollegen, welche gleichzeitig mit mir eingestellt wurden, nicht vorgelesen' ivorden.' Daß in Ha rn bürg gestreikt ivird.'bat man uns voll- st ä n d i g verschwiegen. In Wien ist uns versprochen worden, während der Fahrt Verpflegung zu erhalten; diesem Versprechen ist Herr Eckler in der Weise nachgekommen, daß wir in etwa 30 Stunden ein Stückchen Brot und Wurst und ein Glas Bier erhielten. Die Folgen dieser großartigen Verpflegung sind denn auch nickt aus- geblieben, indem eine ganze Anzahl»och lange Zeit an Magen- schmerzen gelitten hat. Bei dem Kollegen Stettier Henrick sind die Magenkrämpfe so heftig aufgetreten, daß derselbe einige Tage nach seiner Ankunft in Hamburg g e st o r b e n ist. Wien. 8. August 1902.' M a t h i a s P e tz k a." Die organisierten Porzellanarbeitcr in Neustadt bei Koburg sind bekanntlich gemaßrcgelt worden. Ihre Zahl beträgt 120. Vier oder fünf von ihnen fhaben sich dem Verlangen der Fabrikanten gefügt und sind aus dem Verband ausgetreten. Einige haben ander- weitig Arbeitsgelegenheit bekomme» und wieder andre haben der Stadt den Rücken gekehrt. Jetzt sind nock 106 Organisierte im Ausstand, Ivozu jedoch22oder23 zu zählen sind, die sich als Nichtorganisierte denArbeitcrn angefcklossen haben. Die Arbeiter suchen überhaupt die Fabriken gänzlich zu nreiden und sich nach und nach andre Arbeitsgelegenheit zu suchen. Beschäftigt sind in den Fabriken noch 130 Arbeiter. Ein großer Teil derselben sind Hilfsarbeiter, und die eigentlichen Porzellan- arbeiter, die noch beschäftigt sind, gehören zu den minderwertigen Kräften. Angesichts dieser Situation dürften auch von den gefügigen Arbeitern noch manche entlassen werden, für die es an Beschäftigung mangelt, wenn die besseren Arbeitskräfte gezwungen feiern. Ausland. Die Straßenkehrer in Genna(Italien), 260 an der Zahl, feit mehreren Tagen ausständig. Sie verlangen Verkürzung der Arbeits- zeit, eine geringe Erhöhung ihrer Löhne und eine bessere Behandlung. Obgleich der Hunger die meisten dieser ärmsten der Arbeiter und ihre Familien peinigt, ist die Solidarität der Betreffenden doch eine be- wundernswcrte. Es hat sich noch nicht ein einziger Streikbrecher aus ihren Reiben gefunden. Die Arbeiter der Eisenhütte von Sabona(Italien), die erst kürzlich einen Streik beendet hatten, sind in der Zahl von 140 entlassen worden. Diese provokatorische Maßnahme der Direktion hatte zur Folge, daß sämtliche Arbeiter die Arbeit niederlegten. Aus der Verein für Frauen und Mädchen Schöncbergs und Umgegend. Infolge der öffentlichen Versammlung, welche heute, Dienstag, den 12. d. M., im Lokale von E. Obst, Meiningerstr. 8, stattfindet, in welcher Frau Klara Zetkin-Stultgart einen Vortrag halten wird, fällt die Versammlung des Vereins für Monat August aus. Die nächste Mitgliederversammlung findet am 10. September in demselben Lokals statt._ Der Vorstand. Vevfnttltttlungen. Der socialdemokratische Ccntral-Wahlverein für Teltow- BceSkow-Storkow-Charlottcnbnrg hielt am Sonntag im Volkshause zu Charlottenbnrg seine General- Versammlung(Kreiskonferenz) ab. Es waren von 21 Vereinen 60 Delegierte anwesend und der Vertreter der Lokalkommission, der der Agitationskonnnission soivie die 3 Revisoren und 6 Vorstands- Mitglieder des Ceutral-Wablvereins und Reichstags-Abgeordneter Zulieil, insgesamt 61 Teilnehmer. Nickt vertreten waren drei Vereine und die Preßkommission.— Der Vorsitzende Hirsch wies zunächst darauf hin. daß es notwendig ist. dahin zu wirken, daß diejenigen Genossen, die nicht preußische Staatsangehörige sind, sich naturalisieren lassen. Formulare dazu sind bei den Vorfitzenden der Wahlvereine, und für die Orte, wo»och kein Wahlverein existiert, bei dem Vorsitzenden des Central-WahlvereinS zu haben.— Als Kandidat für d i e n ä ch st e n R e i ch S t a g s w a h l e n wurde der bisherige Vertreter des Kreises ReichStags-Abgeordneter Z u b e i l einstimmig wieder ernannt. Darauf leitete Schubert, der Vettreter der Agitations- kommission, die Verhandlungen über die am 31. August und 1. September stattfindende Provinzialkonferenz ein. Von Schmidt-Tcmpelhof wird ein Antrag an die Provinzialkonferenz vorgelegt, wonach der Kopf der Lokalliste ge- strichen werde» soll und für Berlin sämtliche Lokale, die bis zu 100 Personen, für die Vororte sämtliche Lokale, die bis zu 60 Personen fassen, als frei bezeichnet werden sollen. Der Antrag wurde nach kurzer Diskussion gutgeheißen. Beschlossen wurde, 2 Delegierte auf die Brandenburger Provinzialkonferenz zu entsenden und zwar wurden hierzu Küter-Rixdorf und Pielecke-Johannis- t h a l gewählt. Ueber den Parteitag referierte Reichstags-Abgeordneter Zubeil. Der Redner wünscht, daß die drei ersten Punkte der Tages-Ordnung des Parteitages, das heißt die geschäftlichen Angelegenheiten, zuletzt zur Verhandlung kommen und dagegen mit dem Punkt„Die bevorstehende Reichstagswahl" be« gönnen»verde, um hierfür und für die darauf folgenden Fragen die erforderliche Zeit zu sichern. Besonders müsse sich der Parteitag mich mit der Frage befaffen, ob nicht unsre Stellung zur freisinnigen Partei hinsichtlich der Stichwahlen eine andre»Verden müsse, nachdem diese Partei gezeigt habe, daß es ihr init dem Kampf gegen den Zollivucher nicht ernst sei. Dem Vorschlage deS„Vorivärts", die Punkte„Kommunalpolitik" und„Arbeiter-Versichcrung" von der Tagesordnuirg abzusetzen und dafür über„Die Wahlrcchtskämpfe in den Einzelstaaten" und über„Das Centrum" zu verhandeln, kann der Redner nicht zustimmen. Das Referat über die Wahlrechtskämpfe in den Einzelstaaten erfordere tentcil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max so außerordentliche Vorbereltung, wie sie nicht in der kurzen Zeit ge- leistet»verde» könne, und deshalb sei es besser, für den Parteitag im nächsten Jahr einen Referenten zu bestimmen. Redner bedauert es, daß der Programmsatz„Religion ist Privatsache" nicht anders gefaßt ist, und daß nicht ein entschiedenerer Kampf gegen die Kirche geführt»vird. Die Fragen der Gemeiudepolitik bedürften drmgeud der Klärung und ebenso sei die Arbeiterversicherung von großer Wichtigkeit. Mit der Landtagslvahl- Frage müsse sich ein be- sondrer Parteitag für Preußen befassen.— Hieran schloß sich eine längere Diskussion. Dr. Borchardt lvandte sich gegen Zubeils Ansicht über die Stellung der Partei zur Religion und erklärte, daß er sich keine präcisere Stellung als die in dein betreffenden Programmsatz ausgesprochene denken könne. Hinsichtlich des Punktes Arbeiterversicherung trat der Redner für die Unter- stützung der Arbeitslosen-Versicherung der Gelverkschasten aus Reichs- oder Gemeindemitteln ein.— Nachdem unter andern Hirsch und Schubert gegen die vom„Vorlvärts" vorgeschlagenen Aende- rungen der Tagesordnung gesprochen hatten, erklärte sich die Ver- sammlung mit der Tagesordnung zum München er Parteitag einverstanden. Von Zubeil»vurde sodann be- antragt, die Patteitags-Delegierten des Kreises zu beauftragen, dafür zustimmen, daß die Gemeindevertreter der Partei verpflichtet»Verden, bei der Schlußabstimmung über den Etat der Gemeinden gegen den Etat zu stimmen, daß sie nicht durch ihre Absti'nmiung kulturlvidrige Ausgaben gutheißen.— Nachdem von mehreren Rednern auf die verschiedenen Umstände, mit denen die kommunalen Vertreter manchmal zu rechnen haben und auf den Umstand, daß die Parteitags- delegierten kein gebundenes Mandat erhalten, hingelviesen»vurde, »vurde der Antrag zurückgezogen. Ein Antrag W o l l e r m a n n- Schöneberg, daß die Delegierten dafür eintreten solle»», daß der nächste Parteitag aus finanziellen Rücksichten in Mitteldeutschland statlfindet, wurde angenomine».— Ueber einen Antrag des Genossen von Oppel, der Parteitag solle beschließen, daß entsprechend dem von» Parteivorstand gebr'aucktcn „Ihr" und„Euch" das„Du",„Dir" nslv. in, Verkehr unter den Parteigenossen allgemein eingeführt»verde, und daß außerdem ein von jedem Parteigenossen sichtbar zu tragendes Erkennungszeichen eingeführt»verde, wurde, nachdem dem Antragsteller, der nicht Dele- gierter ist, ausnahmsivcise das Wort zur Begründung gelvährt »vorden»var, zur Tagesordnung übergegangen.— Als Delegierte zum Parteitag»vurde», Dr. Borchardt und B ö s k e geivählt, als Ersatzmann K ii t e r. Dann kam ein Antrag Schmargendorf zur Verhandlung, über die Uebergriffe der Polizei im Kreise Erhebungen zu ver- anstalten. Es handelt sich hierbei hauptsächlich darum, daß die Polizeistunde von den Behörden sehr»villkürlich und zu Ungunsten der Socialdemokraten gehandhabt»vird, wofür von dem Vertreter Sckniargendorfs und von mehreren andren Delegierten treffende Beispiele angeführt»vurden.— Der Antrag»vurde dem Central- vorstand zur Berücksichtigung überwiese»,.— Tic Bauarbeiter beschäftigten sick am Sonntag in zwei Ver- saminlungen mit dem gegcnivärtigen Stand ihrer Lohnbelvegung. Bei den Accordarbeitern referierte Böttcher. Er»vies darauf hin, daß die im Laufe der letzten Monate errungenen Tarif- Verbesserungen von einer Anzahl Kolonnenführer wieder durchlöchert »vorden seien, so daß ein Teil der Accordarbciter mehrfach nicht den vollen tarifmäßigen Verdienst erzielt haben. Un, diesen, Ucbclstande ein für allemal zu steuern, müsse das Baudeputierten- System noch mehr»vie bisher ausgebaut»verde»,, damit gleich an Ort und Stelle Verstöße gegen die Bestimmungen des Tarifs zurück- gcivicsei». eventuell dem Verbandsburea» gemeldet»verde» können. Ein»vciterer Mißstand sei, daß die im Tarif festgelegte 91/sstündige Arbeitszeit nicht auf allen Bauten innegehalten»verde; zum Teil liegt die Schuld hieran an den Arbeitern selber. Wolle man das Errungene nicht leichtsinnig wieder fahren lasten, so sei allseitig auf die strikte Jnnehaltung der Tarifbestimmungen zu achten. Nach beendeter Debatte gelangte einstimmig eine im Sinn« des Referats gehaltene Resolution zur Annahme, laut welcher be- schlössen»vird. daß von Montag, den 11. August ab die Arbeit auf allen Bauten erst um lli/e llhr morgens beginnen solle, also eine halbe, und nicht wie bisher eine Stunde früher wie die der Maurer. Das Referat bei den Lohnarbeitern hielt fHeidemann. Danach ist der Stand der Lohnbewegung ein im allgemeinen sbe- friedigender. über 3000 Mann arbeiten zu den neuen Bedingungen. Trotzdem könne der Kampf noch lange nicht als abgeschlossen be- trachtet»verde»», im Gegenteil, es gelte auch hier, das Errungene zu behaupten und neuesVorteile zu erkämpfen. Getreu den Abmachungen ihrer Vereinigung haben die Unternehiner versucht, da Ivo fie' es konnte», die Beivilligungen»nieder zurückzuziehen. Etwa 19 der größeren Finnen, von denen jede einzelne verschiedene Bauten gleichzeitig aufführt, bezahlen auf einem Bau die neue» Löhne, ans dem andern nicht. Gegen diese Firmen soll einzeln mit der F i rm e n sp e r r e vor- gegangen»verde», falls sie sich nicht entschließen, auf allen ihren Baulen den neuen Bedingungen entsprechend zu zahlen, das heißt man dürfe sick nicht zu übereilten Schritten hinreißen lassen und etiva bei allen Firme», gleichzeitig die Arbeit niederlegen, sondern man müsse immer eine Firma nach der andern vornehmen. Wenn also Abzüge gemacht»Verden, dann mögen die Arbeiter»nit der Arbcitsnieder- legung bis zu dem Zeitpunkt»varten, wo man die betreffende Firma am sichersten fassen könne. Da die Konjunktur im Baugeiverbe eine andauernd günstige zu bleiben scheine, so verspreche diese Taktik voraussichtlich einen guten Erfolg. Es sei aber auch dringend not- ivcndig, daß auch die Lohnarbeiter auf jedem Ban einen der Ihrigen als Baudeputierte», ernennen, dainit zivischen Lohn- und Accord- arbeiter», stets volle Uebereinstiinmung bei den zu ergreifenden Maß- nahmen herrscht. Die Vorschläge des Referenten fanden auch hier allseitige Billigung,»vas durch entsprechende Beschlüsse bekräftigt »vurde. Urtzte MÄrhvirhken und Depeschen. Bo», Kulturkampf. LeSnevcn, 11. August. sW. T. B.) Um einer Versöhnung die Bahn zu ebnen, hat der Präsident deS Departements Finistöre'eiue Versammlung der Orgauisatorcn des Widerstandes gegen die Schließung der geistlichen Schulen von Lesncve», Plondamiel, Saint» Mäen und Lefolgoet einberufen, an der etiva 400 Personen teilnahmen. In seiner Ansprache erinnerte der Präfckt daran, daß die erste Pflicht des Franzosen die sei, dem Gesetze zu gehorchen. Er»vurde ost durch Hochrufe auf die Freiheit und die Nonnen unterbrochen. Der Deputierte Abs Gayraud und Admiral de Cuverville sprachen sich für die Aufrechlerhaltung der geistlichen Schulen a»S. Ein Be- schluß»vurde nicht gefaßt. Am Schlüsse der Versammlung erklangen neue Hochrufe auf die Schivestern und die Freiheit. Bennigsen, 11. Augnst.v i r t s ch a f t schon hart be- troffen. Desto notwendiger sei es, diese Transportmittel zollfrei zu lassen. Die amerikanische Konkurrenz stütze sich auf gute Er- findungen, denen man in Deutschland nacheifern sollte. Geheimrat Blau tritt für die Vorlage ein, der Antrag Herold Iverde eine Begünstigung Amerikas sein. Der Antrag Herold wird zu 917, im übrigen die Position nach der Vorlage angenommen, ebenso Position 918 und die An- merkungen. Die Positionen 921—925, Wafferfahrzeuge aller Art, werden verbunden. 921, Seeschiffe— frei; 922, Fluß- und Binnensceschiffe zu Luxuszwecken, in Verbindung mit Antriebsmaschinen 10 M.. ohne solche Verbindung 15 M.; 923, andre Fluß- und Binnensceschiffe— frei; 924, Schwimmdocks und Pontons— 5 M.; 925, Wasser- fahrzeuge aller Art, mit der Bestimmung zum Zerschlagen, ein- gehend frei. Die Socialdemokratcn beantragen Zollfrciheit, außerdem in Rr. 922 die Worte:„Fluß- und Binnenseeschiffe für Luxnszwecte" durch die Worte: Schiffe für Luxuszwecke zu ersetzen. Molkenbuhr moniert, daß man die teuren Luxus-Bachtcn freilassen wolle. Redner ist für Zollfreiheit, will aber, wenn Luxus- ch i f f e v e r z'o 1 1 t werden sollen, dann die teuersten nicht frei- gelassen sehen, die auf hoher See schivimmen. Redner Wendel sich dann gegen die Zölle auf Schwimmdocks, die die kleinen Reedereien, die durch die Hamburger und Bremer Großreederei sowieso auf dem Ausstcrbe-Etat gestellt'seien, noch schneller zu Grunde richten würden. Die Positionen werden sämtlich nach der Vorlage an- genommen. IS. Abschnitt. Feuerwaffen, Uhren, Tonwcrkzenge, Kinderspielzeug. Unterabschnitt A: Feuerwaffe». Die Positionen 926—28 werden verbunden. 926, Handfeuer- Waffen aller Art, auch Luftgetvehre 90 M.; 927, Bügel, Feder», Hähne, Läufe, auch Teile von solchen ze., roh 6 M., bearbeitet 24 M.; 928, Schlösser und Verschlußstücke, roh vorgearbeiter 40 M., andre 90 Mark. Die Soeialdemokraten beantragen Zollfreiheit. Geyer begründet diesen Antrag. Strombeck beantragt zu 926— 60 M., zu 928— 60 M. Die Positionen werden sämtlich nach der Vorlage angenommen. Unterabschnitt E: Uhren. Die Positionen des Abschnitts werden verbunden. 929, Taschen- uhren, auch solche mit Spielwerk, in Gehäusen, für 1 Stück, aus Gold 3 M., aus Silber 1,50 M., aus»nedclen Metallen 1 M.; 930, Uhrgehäuse, aus Gold 1,50, aus Silber 0.75; 931 fertige Uhr- werke und Rohwerke 1,50 M.; 932, Triebe und Unruhen aus Stahl für Taschenuhren pro Doppelcentner 60 M.; 933 Teile von Taschen- uhren 200 M.; 934, Wand- und Standuhren 200 M.; 935, Uhr- werke aus unedelen Metallen 60 M.; 936 Turmuhren 10 M. Die Soeialdemokraten beantragen Zollfreiheit. Hoch begründete in längerer Rede diesen Antrag. Die Einfuhr sei geboten, denn die deutsche Industrie decke den Bedarf nicht; trotzdem habe sich die deutsche Produktion entwickclt. Die Zoll- crhöhungen seien vollständig unzutreffend. Graf Posadowsky tritt für die Borlage ein und giebt statistische Zahlen für die deutsche Produktion an. Haupteinfuhrland sei die Schweiz; die Einfuhr habe sich in 10 Jahren verdoppelt. Dieser Erwerbszweig könne in Deutschland mehr forciert werden, als bisher. Müller-Sagan wendet sich gegen den Vorredner, die Zollsätze hätten keine Bedeutung für die Entwickelung der deutschen Industrie. Molkenbuhr geht näher auf die Uhrenfabrikation ein und hebt die technische Entwickelung derselben in Amerika hervor, die, entgegen den Angaben des Staatssekretärs schon vor 20 Jahren sehr hoch stand. Geheimrat Wermut tritt für die Vorlage ein. Sämtliche Positionen werden nach der Vor« läge angenommen. Unterabschnitt l): Tonwerkzcnge. Verbunden werden zunächst die Positionen 939, Klaviere 40 M.; 940 Klaviermechaniken und Klaviaturen 55 M. Die Soeialdemokraten beantragen Zollfreiheit. Geyer begründet den Antrag. Die Positionen werden nach der Vorlage angenommen. � Dann werden verbunden die Positionen 937, Pfeifenorgeln 25 M., 938, Zungenorgeln 40 M.; 941, Streich- und Zupfinstrumente 30 M.; 942, Blasinstrumente 35 M.; 943, mechanische Spielwerke, ohne Gehäuse, von 500 Gramm oder darunter 25 M.. andre 40 M.; 944, nicht besonders genannte Tomverkzeuge 30 M.; 945, Saiten, Darntsaiien, auch nachgeahmte 50 M., mit Draht übersponnene 100 M. Die Soeialdemokraten beantragen Zollfreiheit. Geyer kritisiert diese Besteuerung der Kunst und weist an der Ausfuhr nach, daß die deutsche Jnstrumenten-Jndnstrie, wie die deutsche Kunst im hohen Ansehen stehe und einer Verzollung, von der die armen Musiker am härtesten betroffen würden, nicht bedürfe. Unterabschnitt v Kinderspielzeug. Position 946— 10 M. Die Soeialdemokraten beantragen Zollfreiheit. Molkenbuhr begründet den Antrag. Die Position wird nach der Vorlage an- genommen. SO. Abschnitt: Orden. Der bereits mitgeteilte socialdemokratische Autrag, Orden mit 1000 M. zu verzollen, wird von Stadthagen begründet. Graf Kanitz und die Mehrheit habe sich im Januar bereits für Streichung der für das Zollgesetz vorgeschlagenen Zollfrciheit und dannt für Verzollung ausgesprochen. Es frage sich nur, ob der Satz von 1000 M. nicht zu niedrig gegriffen sei. Orden seien verschiedener Art, beständen aus den verschiedenste» Stoffen, so daß ein besonderer Abschnitt geschaffen werde» müffe. Da Ware» bis 250 Gramm zollfrei sind, so müsse Verzollung ohne Rücksicht auf das Gewicht der Orden eintreten. Ans Gründen der„nationalen" Produktion und der finanz- politischen Bedentnug, aber auch vom Standpunkt der Konsumenten, die Wert auf Orden legen und deren Wertschätzung durch Ordenskauf erwiesen sei. sei er, Redner, für Verzollung. Es handle sich bei aus- ländischen Orden darum, daß die inländische Produktion der Konkurrenz der ausländischen preisgegeben sei. Und da es sich bei Orden um einen Luxus handle. müsse ninn hier gerade zeigen, daß dieser der Eitelkeit fröhnende Luxus besteuerungswert sei. Redner beleuchtet den moralischen Wert von Orden durch Vortragung verschiedener Sprichwörter und Aussprüche von Humoristen. In Preußen werde ja auf verschiedene Würden und Titel, wie Kaiumerren-Titel, eine Steuer gelegt. Diese Besteuerung der Eitelkeit sei ein vernünftiger Rest der übrigens unvernünftige» Luxusbefieuerungs-Arten. Vielleicht könne durch den Ordenszoll das ganze Reichsdeficit gedeckt werden. Eine Liste, die er aufgestellt habe, regele 156 ausländische Orden ohne Rückficht aus deren Klassen, die Zahl sei noch nicht voll ständig. Nähme man an, daß jeder nur zehumal im Jahre verliehen ivürde, dann ergebe das eine Summe von 1 560 000 M.; aber die Steigerung der Summe ergebe sich aus der Steigerung der Eitelkeit, auch könne ein höherer Satz ausgelegt werden. Vielleicht kommt man dann auch zur Besteuerung der inländischen Orden. Das sei eine bessere Finanzpolitik, daß man von denen etwas nehme, die gern etwas geben können und wollen, nicht von denen, die nicht viel haben. Die Diskussion wird durch einen Schlußantrag verhindert, der Antrag abgelehnt. Zur Beratung gelangt die zurückgestellte Pos. 174, Zucker. Zu derselben wird eine Textänderung entsprechend dem neuen Zucker- steuergesetz von Spahn beantragt. Der Antrag wird angenommen. Zur Position 175 stellt Graf Kanitz den Antrag, als Pos. 175» Milchzucker mit 80 M. zu verzollen. Pos. 175 ivird nach der Vorlage angenommen— Stärkezncker sc. 40 M.— ebenso der Antrag Kanitz, trotzdem Molkenbnhr für Zollfrciheit plädierte, ebenso Position 200, Zuckerwerk 70 M.; Position 382, Künstliche Süßstoffe, wird ge- strichen. Position 383, S ü ß h o l z s a f t 60 resp. 12 M., wird eben- falls mit einer Textänderung nach der Vorlage angenommen. Schluß 6 Uhr. Nächste Sitzung: Dienstag 9 Uhr. Berliner Partei-Angelegenheiten. Achtung! 3. Wahlkreis. Den Parteigenossen zur Nach- richt, daß heute Dienstag, de» 12. August, abends 7 Uhr eine Flug- b l a t t- V e r b r e i t u» g, die Parteispedition betreffend, stattfindet. Alle Genossen, tvelche sich bestimmte» Bezirksleitern noch nicht zur Verfügung gestellt haben, werden ersucht, sich in folgenden Lokalen einzufinden: Schnieder, Admiralstr. 21; Krüger, Naunyn- straße 54; Flick. Simeonstr. 23; Zacharo tvski, Brandenbnrg- straße 49; Stramm, Ritterstr. 123; Fellgentreff, Oranien- straße 66, Hof part.; Schneider, Sebastianstr. 7; B o h n, Annenstr. 37, Keller; Richter, Franzstr. 1; Peukert, Köpnicker- straße 38; Lade w i g, Koniniandanlenstr. 65. Der Vertrauensmann. Kommnnalwahl in Lichtenberg. Heute, Dienstag, von vor- mittags 11 Uhr bis abends8Uhr findet die Wahl zweierGemeinde- Vertreter statt. Der ganze OrlSteil südlich der Frankfurter Chaussee von der Verbindungsbahn ab bis zur Friedrichsfelder Grenze, mit Ausnahme deS Kietzer Weges und der Warleiibergstraße, gehört szu dem aufgerufenen Wahlbezirk. Das Wahllokal ist bei H. G ü r s ch, Frankfurter Chanssee 86. An den Wählern wird es nun liegen, ob die so viel umstrittenen beiden Mandate, die nun zum viertenmal innerhalb zwei Jahren verteidigt werben, endgültig der Socialdemokratie verbleiben sollen. Die Genossen in Berlin, die mit Lichtenberger und Friedrichsberger Wählern zusammen arbeite», mögen diese heute an ihre Pflicht erinnern. Das W a h l r e s u I t a t wird heute abend in der Versammlmia des Wahlvereiiis im S ch w a r z e n A d l e r sE. Höflich), Frankfurter Chanssee 120, ver- kündet. Für Frauen ist die Galerie reserviert. Das Wahlkomitee hat während des TageS seinen Sitz bei Schmidt, Frankfurter Chaussee 83._ Lokales. Die Exhninierung und Umbettung Ackermanns hat nun endlich am Montagabend 6 Uhr auf dem Central-Friedhof in Friedrichsfelde stattgefunden. Zugegen waren außer den Familie». angehörigen auch die Stadtverordneten Hintze, Dr. Freudenberg und Dr. Bernstein. Bei dem Anblick der Leiche, die bereits circa drei Wochen in der Erde gelegen hatte, brach die schwer- geprüfte Witwe in ein wahrhaft herzbrechendes Weh- klagen aus. Gesund und frisch war der Mann von ihr gegangen und als halbverwesten Leichnam sieht sie ihn wieder— so unerbittlich greift das grausame Schicksal in das Menschenleben hinein.— Wen aber trifft die Schuld an dem Tode des Verstorbenen? Wer hat das Herzeleid seiner Hinterbliebenen auf dem Gewissen? Diese Fragen werden wohl kaum jemals eine klare, unzweideutige Beantwortung finden. Vielleicht kann man auch hier sagen: Die Sonne bringt eS an den Tag.— Bei der nach erfolgter Exhumierung stattgefundenen Besichtigung der Leiche fiel äußerlich eine schwere Verletzung der Nase auf; sie war eingedrückt und nach der Seite gebogen und zeigte eine von der übrigen Gesichtsfarbe stark abstecheiche, fastschwarze Verfärbung. Merkwürdigeriveise findet sich in dem amtlichen Sektions- Protokoll über die auffallende Verletzung keinerlei Vermerk. Von den anderen Punkten des Protokolls dürfte interessieren, daß die Leiche an beiden Schultern und am obere» Drittel des rechten Oberarms stark angelaufene Flecken auf- wies. Eine Verletzung edler Teile sowie ein Bruch an Arm und Rippen war nicht vorhanden. Diese Flecken waren zweifellos schon bei der Einliefernng in die Irrenanstalt vorhanden, denn der amt- liche Aufnahmebefund sagt darüber:—— kommt mit zahl- reichen, blutunterlaufenen Stellen delirierend, mit zerrissenem Jackett nach der An st alt. Nach ärztlichem Gutachten bleibt die Frage, Ivie das amtlich festgestellte Delirium entstanden sein kann, insbesondere ob dasselbe auf bisher unaufgeklärte Vorgänge in der Stadtvogtei zurückzuführen ist, orläufig noch offen. Soviel aber erscheint als sicher: die konstatierten Verletzungen(Flecken und Nasenbeschädigung) können dem Verstorbenen nur bei Lebenszeit beigebracht worden sein; auch ist es als aus- geschlossen zu betrachten, daß er sich seine Kleider selbst. zerrissen hat. In Anbetracht dieser Umstände ist unr so unerklärlicher, daß sich die Staatsanwaltschaft in dieser Sache so auffallend passiv verhält. Wir wiederholen, waS wir erst kürzlich gesagt haben: die Vorgänge, die sich während der Hast Ackermanns in der Stadtvogtei abgespielt haben, schreien förm- sich nach Aufklärung. Solange über diesen Dingen noch geheimnis» volles Dunkel schwebt, kann sich die Oeffentlichkeit nicht beruhigen. An der Staatsanwaltschaft liegt es, dieses Dunkel zu helle». Nach erfolgter Umbettung ivurde die Leiche nach der Kapelle auf dem Dankes-Friedhof übergeführt, woselbst sie bis zu der am Mittwoch- nachmittag 4 Uhr stattfindende» Beerdigung stehen bleibt. Die geplante Unterpflasterbahn, welche, von der Stadt be« trieben, den Süden Berlins mit dem Norden verbinden soll, erhält! nach den jetzt ausgearbeiteten Projekten eine Länge von 11,2 Kilo- meter, also wenig mehr als die Hochbahn in ihrer jetzigen Aus- dehimng. Von der Strecke entfallen 10,15 Kilometer auf Berliner,! der Rest auf Schöneberger Gebiet. Für die ganze Strecke sind iiiS- gesamt 15 Haltestellen vorgesehen, so daß der mittlere Abstand der Haltestellen 750 Meter beträgt. Die Bahn wird in der! Hauptsache als Unterpflasterbahn ausgeführt, soweit nicht diei Wasserlänfe eine Tieferlegung erforderlich machen. Die Bahn nimint, unter der Voraussetzung der Zustimmimg der Stadt Schöne-' berg, ihren Anfang in der Hauptstraße in Schöneberg,!vo der erste Bahnhof„Schöneberg" vor die Kreuzung init der Eisenacherstraße zw liegen kommt. Westlich davon ist ein viergeleisiger Aufstellungs- Bahnhof geplant, ivährend die Bahn selbstverständlich zweigeleisig und normalspnrig werden soll. In der Schöneberger Hauptstraße geht sie östlich bis zum Anfang der Potsdamerstraße in Berlin. Dort wendet sie sich in die Groß-Görschenftraße. In dieselben kommt der zivcite Bahnhof„Potsdamerstraße", zu liegen. Sie biegt dann in die Mcnistein« straße mit dem Bahnhof„Mansteinstraße" in der Mitte ein. Sie folgt dann der Dorkstraße bis zur Gneisenaustraße. Zwischen Möckern- und Großbeerenstraße'kommt eine Station„Großbeerenstraße", vor die Belle-Alliancestraße die Station„Giicisenaustraße" zu liegen. Die Linie geht dann über die Belle-Alliancestraße, den Blücherplatz, unterfahrt den Landwehrkanal und die Hochbahn und erreicht über den Belle-Allianccplatz die Station die>es Namens am Anfang der Lindenstraße. Mit Rücksicht auf die Ausführung der umfangreichen Erdarbeiten folgt sie dann, immer in der Mitte der Friedrichstadt, der stilleren und breiten Linden- und Markgrafeiistraße. In der Kreuzung mit der Kochstraße kommt eine Station dieses Namens. Nördlich der Lcipzigerstraße komnit eine Station mit dem Namciy dieser Hauptgeschäftsstraße. Auf dem Gendarmenmarkt wendet sich die Bahn westlich und geht zwischen dem stanzösischen Dom und dem Schanspielhause in die Charlottenstraße über. Dieser folgt sie über die Linden bis in die Prinz Louis-Ferdinandstraße. Vor dem Stadtbahnviadukt kommt die Station„Friedrichstraße" zu liegen,, die dort dem Bereich der Linden und der Absperrnngew entzogen ist. Die Bahn unterfährt dann die Spree und ge-« langt bei der Kaserne des 2. Garderegiments in die Friedrichstraße. Vor die Oranienburgerstraße komnit die Haltestelle„Oranien- burger Thor". Sie folgt dann dem Zuge der Chnusseestraße undi Neinickendorferstraße bis zum Platz E. Nördlich von der Invaliden- straße koninrt eine Station mit diesem Namen, vor die Maikäfer- kaserne die Station„Schwartzkopffstraße", auf den Weddingplatz diei Haltestelle„Wedding", vor die Wiesenstraße eine mit deren Namcir und endlich auf den Platz EL eine Haltestelle„Scestraße" als letzte- Nördlich davon soll eine große Schleife ein Ilnikehren der Züge ohnv Umsetzen ermöglichen. Ein Zweiggeleis führt zu dem geplanteir großen Betriebsbahnhof auf jenem bereits in städtischem Besitz be« findlichen Gelände. Der letzte Fcricnsonntcig. Am Sonntag waren in dem ge-, samten Eisenbahnbetriebe Berlins die Fahrpläne aufgehoben. In« folge des Masscnverkehrs der zurückflutenden Ferienausflügler war der Andrang zu den Eiscnbahnzügen so stark, daß diese Verspätungen bis zu zwei Stunden erlitten und die Stationsbcamten nicht im der Lage waren, über die Ankunft der einzelnen Züge bestimmle An« gaben' machen. zu können.— Auf dem Stettiner Bahnhof trafen allein von Heringsdorf nicht weniger als 6 Sonderzüge ein und im Rücksicht auf die Verspätungen der aus Hinterponmiern kommenden Sommerfrischler mußten von Stettin ab ebenfalls zahlreiche Sonder- züge eingelegt werden. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf dem Bahnhof selbst waren drei Schutzleute erforderlich, während die Regelung des Verkehrs der an- und abfahrenden Droschken von einem Kommando von Fußschutzlenten und inchreren berittenen Beamten ausgeübt wurde. Aehnliche Zustände herrschten im Fern« verkehr der andren Bahnhöfe. Wieder ei» Opfer deS Bliicher-PlatzeS. Die„unglückseligen" Verkchrsverhältnisse auf dem Blücher-Platz haben abermals ein Opfer� gefordert. Als gestern(Montag) nachmittag ein dein Arbciterstande angehöriger, etiva 40 Jahre aller Mann den Fahrdamm der Belle- Alliancesiraße am Kaufhause Jandorf überschritt, ivurde er von dem vollbesetzten Omnibus Nr. 279 der Linie Dönhoff-Platz— Großgörschen- straße unigestoßen und überfahren. Der Kutscher vermochte auf der abschüssigen Bah» deS verkehrsreichen Blücher- Platzes den Wagen nicht mehr zu bremsen, so daß die Räder desselben den an» Boden liegenden Manne über Brust und Unterleib gingen. Mit schweren,. inneren Verletzungeii blieb der Verunglückte beivußtlos liegen; Polizeibcamte schafften ihn per Droschke nach der Iliifallstalion. Vielleicht giebt dieser neue Unglücksfall dem Magistrat Anlaß, die die geplante U m g c st a l t u n g d e s B l ü ch e r- P l a tz e s, an die noch' vor kurzem der Verkehrsvcrein„Belle-Alliance" erinnerte, nun- mehr bald ins Werk setzen zu lassen.* A»S Eifersucht auf ihren Mann hat die 26 Jahre alte Frau Amalie des 28jährigen Möbclpolierers Paiil H a r t u n g aus dein Wcideuweg 9 sich und ihr Kind durch Gift umgebracht. Die Eheleute sind erst seit dem Monat Februar d. I. verheiratet, das Töchterchcn Gertrud ist 4 Monate all. Die Ehe war nicht unglücklich, und nian hat auch im Hause nichts ivahrgciiomnien, ivaS auf unerlaubte Neigungen des Mannes schließe» lassen könnte. Trotzdem war die junge Frau von Eifersucht befallen, iveil der Mann öfter erst spät abends heimkehrte. Seinen Worten, daß er sich im Kreise von Bekannten mit Kartenspiel unterhalte, schenkte sie keine» Glauben, nahm vielmehr an, daß ihr Mann es mit einer andern halte und sie deswegen vernachlässige. Der Gedanke von der Untreue des Mannes hatte sich bei ihr so festgesetzt, daß sie lieber sterben wollte', als ein liebeleeres Dasein weiterführe». Nachdem die wie versichert ivird, niibegründete Eifersucht der Frau öfter kleine Zänkereien herbeigeführt hatte', sollte den Mann gestern ein schiverer Schlag treffen. Als er gleich nach 12 Uhr mittags seine Wohnung betreten hakte, fiel ihm zunächst die unheimliche Stille auf. Beim Betreten der Küche aber blieb er entsetzt einen Augenblick steheil. Auf dem Fiifjboden lag die nur mit Hemd, Unterrock und den Stiefeln bekleidete Frau in Z>en letzten Zügen, in den Annen ihr Töchterchen haltend, das gleichfalls»och schwache Lebenszeichen von sich gab. Neben ihnen stand eine Flasche, die mit Lysol gefüllt gewesen, aber völlig geleert war. Die Gesichter von Mutter und Kind zeigten schon eine bläuliche Färbung. Der Mann lief nun schleunigst nach der Nettungs- wache I in der Frankfurter-Allee, und der Dr. Hirsch versuchte, die beiden am Leben zu erhalten. Mutter und Kind starben ihm aber unter den Händen. Die Sachlage wird bis zu einer behördlichen Besichtigung aufrechterhalten. Noch eine Stunde vorher hatte man die Frau im Hause gesehen und nichts Auffallendes an ihr bemerkt. Die That ist kurz vor dem Eintreffen des Mannes geschehen. Sc muterurlaub fiir Theater- Angestellte. Dem technischen Personal des Schillertheatcrs ist, wie schon im vorigen so auch in diesem Sommer von der Direltion ein Sommerurlaub gewährt worden, nur mit dem Unterschied, daß der diesjährige Urlaub nicht wie im Vorjahre S— 8 Tage, je nach dem Dienstalter, sondern all- > gemein auf 10 Tage festgesetzt ist, und diesmal nicht nur dem Bühnenpersonal, sondern auch dem gesamten Hauspersonal zu gute kommt. Ans Besorgnis, seine Stellung zu verlieren, hat sich der 25 Jahre alte Arbeiter Ernst Lange aus der Prenzlauerstratze 9 das Leben genommen. Lange war schwerhörig, daher nur bedingt arbeitsfähig und erhielt ab und zu Armenunterstützung. Aus behördliche Empfehlung hatte er bei der städtischen Gartenbau- Verwalwng im Friedrichshain Aushilfe- Beschästigung erhalten. Diese fürchtete er mit dem Eintritt der Herbst- und Wiuterzeit wieder zu verlieren, obgleich ihm keinerlei darauf bezügliche Andeutungen gemacht tvaren. Diesen Gedanken wurde er nicht los, verfiel in stumpfes Brüten und hat sich am Sonntagabend in seiner Schlaf- stelle erhängt. Ein Nachbar, der ihn besuchen wollte, besreite ihn xaus der Schlinge. Die angestellten Wiederbelebungsversuche blieben -aber ohne Erfolg. Beim Umlade« von Mauersteinen verunglückte gestern nach- mittag 4 Uhr der Arbeiter B e l s k y aus Weitzensee in der nahe der Schönhauser Allee belegenen Straffe 18. Belsky hatte die Steine in den Laden des dort ausgeführten Neubaues zu schaffen, doch waren die Träger nicht stark genug, um die Steine tragen zu können, und so brach die Last zusanimen und begrub den Arbeiter unter sich. In schwerverletztem Zustande wurde Belsky ins Krankenhaus gebracht. Berschwunde» ist seit Sonnabend früh 7 Uhr der geisteskranke Äellner Christoph Roloff aus der Oranienstraffe 144. Roloff ist 45 Jahre alt, hat eme blasse Gesichtsfarbe, blonden Schnurrbart und fällt durch ein Gewächs am linken Ohr und durch einen schleppenden Gang auf. Wer etwas über den Verbleib des Verschwundenen weih, svird gebeten, entweder der Frau Roloff oder dem nächsten Polizei- jfevier Mitteilung zu machen. f'uternationale Eisenbahndiebe. Die Kriminalpolizei fahndet eit auf eine Baude internationaler Eiscnbahndiebe, welche die von und nach Berlin verkehrenden V-Zllge unsicher macht und bereits ein Vennöge» zusammengestohlen haben muff. So ivurde in einem von Marienbad»ach Berlin gehenden Zuge eine Tasche mit 4000 M. gestohlen; einige Zeit darauf wurden einer Frau Rechtsanwalt aus Me>v Jork in demselben Zuge Juwelen im Werte von 20 000 Dollars und ein Kreditbrief auf 2000 Dollar gestohlen. Zur selbe» Zeit wurde hier auf dem Anhalter Bahnhofe einer Dame eine Tasche entwendet, die 4000 M. enthielt. Kurz darauf erbeuteten die Diebe im �D-Znge Berlin-Stendal eine Handtasche, die einer in Berlin cinsässigen Dame gehörte und Schmucksachen im Werte von 2500 M. enthielt. Als Haupithäter sind verdächtig ein aus Pose» stammender Händler Heimann Brihl und ein Kaufmann Leibe Wein- stein aus Ruhland. Brihl ivar bereits einmal in Hannover ver- haftet, weil die zuletzt erwähnte Dame ihn als Tbäter bezeichnete; Man muffte ihn aber wieder laufen lassen, da nichts Verdächtiges bei ihm gefunden wurde. Später fand man einen Teil der ge- stohlenen Schmucksachen in einem Wagen, in dem Brihl gesessen hatte. Die gefährlichen Diebe wählen sich stctS Damen zum Opfer, weil diese in der Regel ihr Gepäck nicht sorgsam genug beaufsichtigen. Die»leisten Diebstähle dieser Art sind verübt worden, während die .Bestohleuen im Speisewagen iveilten. Straßensperrung. Die LandSberger-Allee von der Thorner- straffe bis zur Straffe 48 b wird behufs Umpflastcrung vom 11. d. M. ob bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter auf einer Seite gesperrt. Ein doppelter Selbstmordversuch wird uns aus dem Norden Berlins gemeldet. Seit einem Jahre ivohnt in der Weihenburger- straffe 9 der Schneidermeister Schön Haber mit seiner Wirt- schaftcrin Schneiderin Anna I r r g a n g. Schönhaber war von seiner Frau geschieden und durfte die Jrrgang auf Grund gericht- tichen Erkenntnisses nicht heiraten. Dariiber grämte sich die I. Gestern nachmittag hörten Nachbarsleute die' Jrrgang rufen: „Wilhelm, ich sterbe mit Dirl" Zugleich sah man' aus der Wohnungsthür Qualm dringen. Nun wurden der Haus- Verwalter und die Polizei benachrichtigt, die einen Schlosser .mit der Ocffnung der Thür beauftragten. Man sah beide Personen auf Stühlen in enger Umarinnng neben einander sitzen. Beide waren noch bei Besinnung. Schönhaber hatte in einem Korb Papier und Preffkohlen in Brand gesetzt, damit beide zusammen ersticken sollten. Nachdem man das Feuer gelöscht und die Fenster geöffnet hatte. muffte für die beiden Lebensmüden gesorgt werden. Schwer hielt es. die Jrrgang von dem Mann loszumachen. Beide wurden dann nach der Polizeiwache mitgenommen, wo bei der Jrrgang Wahnsinn ausbrach. Während Schönhaber nach der Charits gebracht wurde, muffte die Jrrgang der Anstalt Herzberge zugeführt werden. Der Wintergarten wird am kommenden Sonnabend wieder eröffnet. Es werden u. a. auftreten die bekannte Ello de Mörode, Claudine P o l a i r e vom Theater„Bouffes Parisienne" in Paris, die Operetten- sängerin Frl. Sari F e d a k vom„Ungarischen Theater" in Budapest; M 1 1 e. H e l e n e G e r a r d, die mit einem Bollblutaraber vor einem Dogcart die hohe Schule fahrt und Joste de Witt, eine bezauberte Amerikanerin, gleichzeitig Sängerin und Geigerin. Fencrbcricht. Sonntagmittag wurde die Wehr nach der Gneisenaustr. 46 gerufen, wo KartonS und Packmaterial in Brand geraten waren. Kurz vorher hatten in der Groffgörschenstr. 23 Bodcnverschläge mit Inhalt Feuer gefangen, doch gelang es der Wehr, bald' die Flammen zu ersticken. Einen Schornstein- brand hatte die Wehr nachmittags in der Gcrichtstr. 9s. zu beobachten. Gleichzeitig war in der Kurstraffe 39 in einem Keller Feuer ausgekommen, das in der Haupt- fache Gerumpel und Verpackungsmaterial einäscherte. In der Lausitzerstraffe 44 waren in einem Kesselhause Späne und andres in Brand geraten, während in der Anuenstraffe 10 Kleidungs- stücke durch Feuer beschädigt wurden. Vormittags hatte sich in der Nostizstraffe 18 Schwefel entzündet, ohne indes gröfferen Schaden anzurichten. Auf dem Schlcsischen Güterbahnhofe und auf dem Anhalter Güterbahnhof mufften Preffkohlenbrände abgelöscht lvcrden. Aufferdem hatte die Wehr in der Zwischenzeit noch Alarmierungen von der Gollnowstraffe 14 und dem Planufer 92 zu verzeichnen, die jedoch nur auf unbedeutende Anlässe zurückzuführen ivaren._ Aus den Nachbarorten. Neu-Lichtcuberg. Man schreibt uns: Ein jchwerer Land- friedensbruch würde ein wüster Auftritt genannt werden, der sich in der Nacht zum Sonntag in der Wilhelmstraffe und den angrenzenden Straffen abspielte, wenn— organisierte Arbeiter sich an solchem Treiben beteiligt hätten. Die staatscrhaltenden Elemente, die hier ihrer rohen Rauflust die Zügel schieffen lieffen, wissen genau, dah die vorhandenen— nebenbei gesagt recht zahlreichen— Polizeikräfte zur Ueberwachung der Arbeiterversamnilungen und-Vergnügen vollständig in Anspruch genommen werden, und sollte ivirklich ein Beamter übrig sein, so muff der vor den Lokalen postiert iverden, in denen etwa— Militärpersonen mit anständigen Arbeitern verkehren köimten, aber solches nicht sollen. Kein Polizeibeamter störte wohl aus diesen Gründen die Rowdys, die jede» Pafsanten unmenschlich miffhandelten, Schaufenster- Scheiben demolierten und zum Messer griffen. Zehn der rohen Patrone sind im Laufe des Sonntags zur Haft gebracht, ob auch die Messerstecher, von deren Opfern sich zwei in recht bedenklichem Zustande in ärztlicher Behandlung befinden, ist noch nicht getviff. Hoffentlich gelingt es noch, einen Teil der rüden Gesellen fest- zunehmen.'_ verletzt sein. ES find Arbeiter der Werkstätten der Ostbahn, die zur Teilnahme an einem Mnsikfeste nach Lille fahren wollten. Bon einem entsetzlichen Unglück in den Alpen berichtet die „Franks. Ztg." aus Bern: Nach einer Meldung aus Chamonix sind am Calaudoine zwei französische Alpenklubisten, deren Namen bis jetzt noch nicht festgestellt lvcrden konnten, erfroren. Ihre beiden Führer, die Hilfe holen wollten, stürzten während eines Ge- Ivitters in Gletschergründe und kamen ebenfalls um. Von Chamonix sind Führer-Kärawanen aufgebrochen. AlS Urheber des am Sonnabend aus Wien gemeldeten Raubmordes an einer Cigarrenhändlerin im Bezirk Rudolfs« heim wurde Sonntagmorgen im Prater der 28 jährige aus Mähren stamniende Messerschmied Anton Schönekl verhaftet. Er wurde bereits wegen Einbruchsdiebstnhl voni Landgericht in Ratibor steck- brieflich verfolgt. Tic Pest. Amtlich wird bekannt gegeben, daß die fünf Personen, die in Odessa unter pestverdächtigeu Erscheinungen erkrankt waren, genesen sind. Zivei neue Erkrankungsfälle waren am 2. und 3. August in Odessa zu verzeichnen. Die Krankheit verläuft auch in diesen Fällen in milder Form. AnS Wladikawkaö wird gemeldet, daß durch Vorwärts- schreiten eines Gletschers der Weg vom Dorfe Saniö durch das Genaldonthal zerstört und die Einwohner von allen Seiten abgesperrt seien. Der Bezirkschef meldet, es bestehe große Gefahr für die Dörfer Untertmenikan und Oberkoni. Aus Port Arthur, 10. August, wird gemeldet: Seit dem Ausbruch der Cholera-Epidemie in Ostafien am 15. Juli bis zum 2. August erkrankten 346 Chinesen und 70 Europäer, darunter 25 ruffische Soldaten; es starben 219 Chinesen und 37 Europäer. darunter 11 russische Soldaten. Die Gesellschaft vom Roten Kreuz hat Speisehallen errichtet, wo die Bedürftigen umsonst gespeist Iverden, auch versorgt sie die Bevölkerung mit gekochtem Wasser. Mehrere tausend chinesische Arbeiter haben auS Furcht vor der Cholera die Stadt verlaffen und sind nach Tschifu abgereist. Witterungsüberffcht vom 11. August ISOS. morgens 8«Hr. Stationen Swinemde Hamburg Berlin FraulfM. München Wien Ms h s« -- s if Wetter 756:®®®; 5 wolkig 757!®SW 4 wolkcnl 758 W 761 NNW 762 SW 760 Still 4 heiter 2 Regen 2 bedeckt —.Regen öS B■« all 5» Stationen S s B«■ 12 Haparanda 750 SO 10 Petersburg! 758 S® 12 Cork 11 Aberdeen 12 Paris 14 768 NNW 764 WN® Wetter 6hlb.bed 1! wollen l 2bedeltt 2 wolkig tö« ~0* all 13 13 12 13 Wetter-Prognose für Dienstag, den IS. August 190S. Kühl und veränderlich, vielfach wollig mit Regenschauern und frischen westlichen Winden. Berliner W e t t e r b u r e a u. Vevmifchkes« DaS Hamburger Tanipfer-Unglück. In Sachen der„Primus"- Katastrophe hat der Untersuchungsrichter nach eingehender Prüfung des AkteiimnterinlS die Anklage gegen beide Schiffsführer erhoben. Der Termin findet demnächst vor dem Altonner Landgericht statt. Der Begnadigte. Die„Staatsbllrger-Zeitung" meldet: Der seit 1850 im Zuchthans zu Gräfentonna sThüringen) inhaftiert ge- wesene Schuhmacher August Böhm ivurde im Mai dieses Jahres unier der Bedingung begnadigt, daß er in das Ausland gehe. Er reiste nach Südamerika, hat es aber dort nickt lange aus- gehalten, fondern ist lvieder heimgekehrt und hat in Waltershansen unter falschem Namen gelebt. Bald ermittelte ihn jedoch die Polizei, und der nunmehr 70jährige Mann nnißte wieder in das Zuchthaus wandern, wo er wahrscheinlich sein Leben beschließen wird. Was mag St. Bureankratius sich wohl gedacht haben, als er eine derartige„Begnadigung" in Vorschlag brachte? Man stelle sich einen Unglücklichen vor', der ein halbes Jahrhundert hinter Zucht- hansmauern eingekerkert war, dem also eine Welt schon von der seines Volkes scheidet, und der nun unter der Bedingung in Freiheit gesetzt wird, daß er, ein hilfloser Greis, die paar Jahre, die er von seinem ent- setzlichen Leben noch übrig hat, in fremdem Lande unter Menschen zubringe, die nicht einmal seine Sprache verstehen l Es ist ein Himmclswnnder und zeugt entweder für die sittliche Stärke des alten Zuchthäuslers oder'fiir sein physisches Unvermögen, daß er an den Ort der Qualen zurückgekehrt ist. ohne sich inzwischen aus Ver- zweiflung mit einer neuen Blutthat befleckt zu haben. Ein großes Eiseubahu-Uugliick wird von der Linie Charle- ville nach Lille gemeldet. Ein Schnellzug, in welchem sich mehrere Mnsikvcrsine befanden, entgleiste Sonntag früh in der Nähe von Signh-le-Petit. 5 Personen sollen getötet und 14 schwer Verband der Sattler. Ortsverwaltmig Berlin. Sonntag, den 10. August, verstarb plötzlich unser Mitglied 157/9 Wilhelm Werner (Werkstatt vo» August Offer u. Co) Ehre seinem Audenleu. Die Beerdigung findet am Mittwoch. den 13. August, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Lazarus- Krankenhauses, Bernauerstrave. aus nach dein Golgatha-Kirchhof, Barfus- strahe, statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltung. Kriulz- llnd Blniiltilbinderei von ködert Meyer, mir Mmm- Striche 2. Vereins-Kränze, Palmen- u. Blumen- Arrangements, Bouaucts, Gutrlanden usw. werden fein u. preiswert geliefert ** Jlnfer täglich Brot" Nach Aushebung der Beschlag- nahnie wieder zu habe»? Diese vortreffliche politisch- satirische Lerwandlungspostkarte laust jeder. 100 Stck. 5,-M.. lOOOStck. 40,- M. M. IVeriiiann, Dresden, 47892* Walpurgisstr. 5._ Dr. med. Schapen homöqp, Arzt«. Spez.-Arzt f. Haut- u. Harnleiden, Frauenkrankheiten. Königgrätzerstr. 27. Spr. 9-1. 4-7. Orts- Krankenkasse der Sattler „.'verwandten Gewerbe zu Berlin. Sonntag, den 10. August, verstarb plötzlich unser Mitglied, der Sattler HViklivIm Werner (Werkstatt von August Offer u. Co). Die Beerdigung findet am Mittwoch, nachmittags 5 Uhr, vom Lazarus- Krankenhause aus nach dem Golgatha- Kirchhos in der Barfilsstrahe statt. 274/13 I. A.: 0. Asamann, §7- Wüd But Sv Ps. Ilackware geT"« Stück für lv Pf."VE .AIIirecKtN Bilckcrelon: Wraugelstratze 9, Krautstrahe 19« Falkensteinstr. 88, Lausltzerstr, 9. Prämiiert mit der goldenen Madollls. Kraft-Rotwein für Blutarme und Kranke ärztlich empfohlen. Fl. 1,50 und S M. überall ru habe» in allenApotheken,Drogu«n-Handlungin, Delikatees- u. Kolonlalwerentzewliltt, Warenhaus AWertheim Ueipzlgerstp. 132—135(Versand-Abtollung). Rosenthalerstr. 27—29.— Oranlonetr. 52— 58. Ein Posten Dienstag, Mittwoch, Donnerstag: Knaben-Anzüge für das Alter von ca. 2— 4 5— 6 7— 9 Jahren aus guten blauen oder gemusterten Stoffen 4.90 5.80 6.90 Knabenbeinkleider aus guten Herrenstoffen, für ca. 3— 9 Jahre 1.50 Mk. Mk. h ffür den Inhalt der Inserat übernimmt die Stedattio» dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. TheAkev. Dienstag, den 12. August. vlcues Ober»- Theater«Kroll). Der Vogelhändlcr. Ans.?>/- Uhr. Im Liedcrspielhaus: Offenbach- Cyclus. Dorothea.— Die ver- wandeltcKatze.— Der Regiments- zaubcrer. Ansang 8 Uhr. Deutsches. Es lebe das Leben. Anfang?V- Uhr. Lcssing. Flachsmann als Erzieher. Anfang 71/2 Uhr. Berliner. Alt-Heidelberg. Ansang 7'/- Uhr. Westen. Die Brautlotterie. Ansang 7'/2 Uhr. Metropol.(Morwitz-Oper.) Der Waffenschmied. Anfang 8 Uhr. Neues. Ledig« Leute. Anfang 8 Uhr. Carl Weift. Gefallene Mädchen. Hierauf: Sie. Anfang 8 Uhr. Friedrich-Wilhelmstädtisches. Specialitäten- Vorstellung. Ans. 7V, Uhr. Secession. SilberstetnS Flitterwochen. Anfang 8 Uhr. Wolzogens Buntes Theater. lUeberbrettl.) Anfang 8 Uhr. Apollo. Lhsistrata. Specialitäten- Worstellung. Ansang 7»/, Uhr. Meichshallen. Steltiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Passage- Theater. Specialitäten- Vorstellimg. Anfang nachmittags 3 Uhr. Passage- Panoptiknn«. Special!- täten-Vorstellung. Urania. Tanbenstr.(Im Theatersaal.) Abends 3 Uhr: Die deutsche Ostseeliiste. Jnbalidenstrafte a7/t»*. Täglich: Sternwarte. Rletropol-Theater Morwltz-Oper. Anfang 8 Uhr. Der WaiTenscbmietl. Mittwoch! Franceschina Prevostl. Travlata.(Die Dame mit den Kameliem) Donnerst.: Die vep- kaufte Kraut. Freitag: Ab- echieds-Vorstellung Franc. Prevostl: Der Barbier von(Sevilla. Opern-Woche. Apollo-Theater und Konzert-Garten. Um 8 Uhr': Die eroseartliren (Speclulltaten. Um 9 Uhr:"TUEJ Lyslstrata Kasseneröifnung 7 Uhr. farl Weiss-Tlieater. Gräfte Nrankfnrterstr. 133. Gefallene Mädchen. Berliner Sittenbild in 4 Akt. v. Schäfer. Hierauf:„Sie". Nachtscene in>. Akt von Schätzler-Perasini. Morgen: Dieselbe Vorstellung.* Im Garten: Neue Specialitäten. 5 Uhr.__ WlttUMter Kastanien- Allee 7— v. DSglleb: Johanniszauber. Operetteu-Burleske in 4 Bildern von W. Gericke. Musik von Schmidt. Hedwig Döring, Kostüm-Soubrette.— Eugen Mllardo, Tanzhumorist.— Eirkus Loyal,— Leodlskas Kakadus, komische Reckturner.— The Elrados Mdm. Georgette, Feuer- u. Flammen» tanz.— Lebende Photographien. (Reue Serie.)— Konzert. Anfang 4 Uhr. Eintritt 30 Pf., numerierter Pia« 50 Pf._ Kalb» W. Noacks Theater. Brnnnensteahe Ifi. Ttigllch VoPNtellnng. Sfl0 tanzcude Berün. Poffe mit Gesang und Tanz von Leopold Ely. Naar feiate Männer! Burleske mit Gesang von Gericke. Am Saal: TiUi-ltriLnteeben. Urania. Tauben-Strasse 48/49. Im Theater um 8 Uhr; Die deutsche Ostseeküste. IPassap-PaiioptlGiiin. — Neueste Illusion,'die wahrsagende Wunderspinne. Arab.Fakler- u. Feuermenschen. Pariser Marionetten-Theater. IHlWW4adiMJ.MII UM IHMSB CASTANS Panoptikum Frledrlch-Strasse 165. Das berühmteste Wachs-! figuren- Kabinott der Welt. Beachtenswerte Neuheit: Lebende Bilder, ausgeführt v. einem Ensemble| junger, schöner Damen. Passage-Theater. Alice larkerlJ Darstellerin kom. Yolkstypen. f WM" Neu! 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