Nr. 254. mmmmmvmmmm Kdomrements• gfbtnpngttt: Wonn-mentZ- Preis prSnumerando: Vierteljährl. S.Z0 Wt., monatL 1,10 Ml.. wöchentlich 28 Psg, frei inS Haus. Einzelne Nummer S Psg. Sonntags- immmer mU illustrierter Sonntags» Beilage„Die Neue Welt» 10 Psg. Past- Abonnement: 1,10 Marl»ro Monat. Eingetragen in der Polt- Zeitungs- Preisliste für 1»«» unter Nr.?»?». Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungam 2 Marl,' für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Erscheint lZgltch«nfter»oul-s-. 19. Jahrg. Vevlinev Volksblatt. Centralorgnn der soeialdemokratischen Vartei Deutschlands. Die Knstrtwns-Vtbghr betrögt für die sechsgespaltene Kolonel- zeilc oder deren Raum«0 Psg., sür politische und gewerlschastlichc BcreinS- und ZZerlammlungS-ilnzeigen 20 Psg. „meine flitreigen" jedes Wort ö Psg. (nur das erste Wort seit). Inserate für die ntichste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen biS L Uhr vormittags geöffnet. Telegramm-Adresse: .Pchtaldeuwlirgl Berlin". Rcdahtion: Syl. 68, Llndcnstraeoc 69. flernsprechert Amt IV. Nr. 1S8S. Soemlpolitik und Verwaltnngs- Wissenschaft. Unser Programm bezeichnet die Eroberung der politischen Gewalt als die Ausgabe der Arbeiterklasse. In dem gleichen Maße, in dem sich im Proletariat die Kraft zur Lösung dieser Aufgabe entwickelt, steigt auch in ihm die Fähigkeit, de» Besitz der politischen Gewalt im eignen Interesse nutzbar zu machen und jene Unigestnltnng der Verhältnisse herbeizuftihren, die das Endziel unsrer Bewegung bildet, In nicht geringe,» Grade ist darum die sociale Frage ein Per- waltungSproblem in des Wortes bester und höchster Bedeutung. Aber auch heute schon dringen Probleme der Verwaltung von allen Seiten auf die Arbeiterklasse ein: sei es durch Schaffung von Orga- nisationen, deren Verwaltimg von ihr allein oder unter ihrer Mit- Hilfe geführt wird, sei eS, daß eS sich bloß um die Kritik der amtlichen Thätigkeit handelt, soweit sie als Wirkung oder Ursache mit den socialen Verhältnissen unsrer Zeit im Zusammen hange steht. AuS diesen Gründen darf ein neues Werk des b* kannten Berliner Privatdocente» Dr. I. I a st r 0 w über„Social- Politik und Verwaltungswissenschaft*, dessen erster Band soeben im Verlag von Georg Reimer- Berlin erschienen ist. das Interesse der Arbeiterschaft in hohem Grade für sich in Air spruch nehmen. Der erste Band behandelt nicht nur mit unifassender Sach- kenntnis Einzelproblcme, die das Interesse der Arbeiterschaft direkt berühren*) und aus dessen Behandlung durch den Verfasser noch näher zurückgekommen werden soll, sondern er setzt sich auch in seinem ersten Teile, von allgemeinen Gesichtspinitten cmSgehend, über den Zusammenhang zwischen Socialpolitik und BerwalwngSwissen- schaft grundsätzlich ausemander. Ritt Recht weist Jastrow den Gedanken zurück, die Socialpolitil sei als ein neuer besonderer Zweig der staatlichen Thätigkeit auf zufassen. Die berühmte kaiserliche Botschaft vom Jahre 1831 beweist hinlänglich, wohin diese Auffassung geführt hat. Ihr erschien die Arbeiterversicherung als daS eigentliche Wesen der gesamten Social- Politik, und diese war ihr wiederum nichts andres als eine ihr zweck- Uiäsjig erscheinende positive Matzregei zur Bekämpfung des„inneren Feindes*. Die„Repression der focialdemokratischen Ausschreitungen*, der Schutz von Thron und Altar erschien ihr als der eigentliche Kern aller Socialpolitik. J>n Gegensatz zu dieser beschränkten Auffassimg will Jastrow in der Socialpolitik nichts andres erkennen, als die Politik, auf- gefaßt unter socialem Gesichtspunkte. Sie bildet demnach keinen besonderen Zweig der Verwaltungspolitik, sondern ist berufen, alle ihre Zweige gleichmäßig mit neuen Säften zu durchdringen. Als „social* erkennt Jastrow jene Anschauung, die auf wirtschaftlichem Gebiete nicht nur die objektive Vermehrung des Wohlstandes, sondern auch seine Verteilung unter die verschiedenen Klassen der Bevölkerung betrachtet. Als ganz einwandfrei wird diese Definition nicht gelten dürfen: denn dann würde ja auch die Politik der besitzenden Klassen, soweit sie bewußt eine Verteilung des Wohlstandes zu ihren Gunsten anstrebt, als Socialpolitik betrachtet werden müssen. In Wirklichkeit aber ist Socialpolitik doch nur jene Politik, die die Ver- teilung des Wohlstandes vom Jnteressenstandpmilte der B e s i tz- losen aus betrachtet. So ganz scharf spricht Jastrow das nicht an§, aber er sagt es doch ungefähr, weim er hinzusetzt: Endlich tritt in unsrer Zeit der Gegensatz noch nach einer andren Richtung in die Erscheinung, indem die Arbeiter- t l a s s e, welche die energische Verfechter in der socialenAnschauungSweise zu Gunsten der Arbeiterklasse. im Gegensatz zur Bourgeoisie ausgeprägt hat. Die Arbeiterklasse ist nicht bloß die energische Verfechterin der socialen Anschauungsweise, sondern ihre eigentliche Trägerin. Und die gesamte Socialpolitik hat ihre Hauptquelle nicht im idealen Drange nach wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern vielmehr darin, daß die Arbeiterklasse die Erkenntnis ihrer realen Interessen gewonnen hat. Eine kurze Beweiskette muß von diesem Standpunkte aus zu der Anschauung führen, daß jede Socialpolitik zum letzten Ende s 0 c i a l i st i s ch e Politik sein mutz. Wiewohl Jastrow dieses letzte Wort nicht ausspricht, daS die Socialpolitik als Streitobjekt mitten in den Klassenkampf stellt, so kann er sich den Thatsachen dieses Kampfes nicht anschließen. Sehr richtig bemerkt er: Jede Berwaltung ist beherrscht von den sorialen Auschammgrn der Gescllschaftstlassr, aus der ihre leitende» Kräfte hervorgegangen find und täglich neu hervorgehen. Der Einfluß der Socialpolitik zeigt sich nun nach Jastrow darin, daß diejer Gesellschaftsklasse die Einseitigkeit der eignen An- schauung zum Bewußtsein kommt und neben den Interessen der herrschenden Klasse die der andern zur Berücksichtigung sich melden. DaS ist wiederum sehr richtig, wenn man hinzufügt. daß diese Meldung der andren Klassen zur Berück- sichtigung nicht durch die bescheidene Abgabe einer Visitenkarte ge- schieht, sondern sich nur dann Gehör verschafft, wenn sie von einer ansehnlichen Macht getragen wird. Jastrow geht wieder von der Voraussetzung aus, daß wohl die Arbeiterklasse ihr Juteresse be- wüßt verttete. daß aber die Abkehr der herrschenden GesellschastS- klaffe von der Socialpolitik auf den„Druck unbewußter Ein- seitigleit* zurückzuführen sei. Dieser Druck weiche nur„der be- wußten Betrachtung der Wirkungen auf alle socialen Klaffen.* Der Lohn dieser Unideutung, die„nicht ohne große geistige Anstrengung und auch nicht ganz ohne geistige Erschütterungen* vor sich gehe, sei „die Erweiternng des geistigen GejichlSlrciscs, ja eine unendliche Bereicherung deS Weltbildes*. Gewerbegerichte und #) ArbeitSmarlt �imgnngsämter. und Arbeitsnachweis. Deswegen will Jastrow die Bedeutung der Social- demokratie nicht unterschätzcn; mir preist er sie mehr als eine Quelle der Erkenntnis, denn als eine selbstschöpferische Macht. Von ihr schreibt er: Je mehr eine Partei sich von der Rücksichtnahme auf das Bestehende loslöst, um. frei entfaltet, Zukunftspläne zum Ausdruck zu bringen, je rücksichtsloser und lauter ihre Sprache ertönt, desto leichter' ist eS. aus ihren Lebensäutzerungen zu erkennen, nach welcher Richtung hin die Wünsche einer BevölkernngSschichte liegen. Darauf beruht die Bedcutimg einer radikalen Partei in unsrer Zeit. Sie leistet getvissermaßen die Dienste eines socialen Mikroskop». So erklärt sich auch der„ngehenre Einfluß, den die Socialdemokratie ans alle Svcialpolitiker und BerwaltungSmänner unsrrr Zeit grübt hat. Vergleicht man den Ideen- schätz der VerwaltungS männer von heute und vor dreißig Jahren, so sind in dem Gedanken- inventar. deutlich die Plötze zu bezeichnen, die auf diese Art ihre Füllung erhalten haben. Man wird sich dieses Zeugnis, daS ein unparteiischer Gelehrter der Socialdemokratie ausstellt, merken müssen, auch dann, wenn man nicht bereit ist, eS vorbehaltlos zu unterschreiben. Die Art, wie in Prenßen-Deutschland verwaltet und Socialpolitik getrieben wird, kann uns nicht davon überzeugen, daß der Einflnß der Social» demokratie thatsächlich jetzt schon ein so ungeheurer wäre. Insofern hat Jastrow allerdings recht, daß der Jdeenschatz der VerwaltungS- männer und der ganzen Welt durch das Vordringen der socia- listischen Weltanschauung um ungeheures bereichert worden ist. Aber zwischen der gewonnenen theoretischen Erkenntnis und ihrer praktischen Anwendung klafft ein gewaltiges Deficit. daS iinaufflärbar bliebe, wenn nur der Grad der ErkenntitiS, nicht der Stand des JnteresfenkmitpfeS auch den Grad bestimmte, bis zu welchem die Verwaltimg von socialpolitischen Anschauungen durchdrungen sein kann. Ganz kann sich auch Jastrow dieser Erkenntnis nicht verschließen, denn er meint: Wenn ein Socialpolitiker Matzregeln für die Arbeiter verlangt, sich aber um den Anfbau deS Staates im ganzen nicht künmiert, von dem eS schließlich abhängt, ob in die Aemter, in die Parka- mente, in die Gemeindeversammlungen Vertreter ihrer Interessen hineinkommen, so würde er einem Bamneister gleichen, der einen prächtigen Aussichtsturm errichtet, aber die Frage, ob durch den umliegenden Sumpf ein Weg zu bahnen sei. als nicht zu seiner Ausgabe gehörig betrachtet. Ueber Aemterbesetzung und Wahlrecht sind, rein wissenschaftlich angesehen, sehr verschiedene, mehr aristokratische oder mehr demokratische Meinungen möglich. Auch innerhalb der Socialpolitik als Wissensckiaft sind hierüber alle er- denklichen verschiedenen Ansichten zulässig. Nach allem, was Jasttow sonst gesagt hat, ist es freilich ein wenig dunkel, tvie eine aristokratische Verfassung den Weg zum Aussichtsturm* bahnen könnte. Wenn die Arbeiterklasse die ent- schiedenste Verfechterin der socialen AnschammgSweise ist, dann wird das Durchdringen dieser Anschannngsweise in demselben Maße ermöglicht, in dem der Einfluß der Arbeiterklasse auf die Verwaltung ivächst. Und dann ist alle Socialpolitik zum letzten Ende nicht bloß socialistische, sondern auch demokratische Politik. Wenn sich mm auch durch den Idealismus seiner Betrachtungsweise die klaren Linien seiner Darstellung hier und da ein wenig verwischen mögen, so darf der großzügige Versuch JastroivS, zu einen, System der VerwalttingSwissenschast vom Standpunkt der Social- Politik aus Bausteine zu liefern— er selbst hat diesen bescheidenen Ausdruck gewählt— von der Arbeiterschaft mit großem Jutereffe cherfolgt werden. Die fesselnde Form, tn der cr seine scheinbar trockene Materie behandelt, kommt diesem Interesse ein gut Stück des Weges entgegen._ poUtilcbe Qeberricbt. Berlin, den 29. Oktober. Reichstag. Die Zollparteien scheinen das parlamentarische Leben durch eine neue Einrichtung bereichern zu wollen: sie setzen Abstimmnngstage an, an denen sie kraft ihrer Majorität möglichst viel Dinge, wie Singer Westend eS nannte,„im Ramsch" zu erledigen suchen. Die Debatte über die Viehzölle war am Mittwoch durchaus nicht erschöpft, um so weniger, als ja auch hier wieder eine Reihe Positionen zusammengefaßt waren, und wichtige Fragen, wie ettva die Erleichterung der Fleischversorgung für die Grenzbewohner, noch gar nicht besprochen waren. Zu sachlichen Auseinandersetzungen aber hat die ungeduldige Mehrheit, die an solchen Tagen mit der Zeit geizen mutz, keine Lust, und so stellte sich denn sofort nach einer Rede deS fteisinnigcn Abgeordneten Müller-Meiningen gegen die Viehzölle mit unverschämter Pünktlichkeit der übliche Schlußautrag der Firma Rettich u. Co. ein. Unsre Fraktion erwiderte diesen ErdrosselimgSversuch sofort nüt dem Verlangen nach einer nameurlicheu Abstiu.muug. Allzu billig darf der Mehrheit die Schlußmacherei nicht zu stehen kommen. Der Schlußautrag wurde natürlich angenommen. Er unterdrückte leider auch eine gewiß recht interessante Rede des Aachener CciitrumS« Abgeordneten Sittart, der so nur in einer GejchäftSordnungs- rede andeuten konnte, weshalb er aus einem Freunde ein Gegner der Viehzölle geworden sei. Er schreibt Herrn v. Podbielski dies Verdienst zu; aber die Stimmung der Wählerschaft seines Kreises, die unter der äußersten Fleisch- tenerung leiden muß, wird zu dieser späten und unvolljtändigen Be- kehrung wohl auch etwas beigetragen haben. Drei weitere Stunden mußten fünf namentliche klbstimmungeu über die Vieh- und Fleischzölle gewidmet werden. Das Ergebnis Cxpeällion: SM. 68. l-lnäenslrasse 69. Fernsprecher t Amt IV. Nr. 1v8t. war überall die Annahme der KommissionSdcschlüflr mit ihren für die Regiening uiiaiinchmbaren AtinimalzSllen. Die Abstimmungsziffer stieg bis auf 301, das Verhältnis von Majorität und Minorität war ungefähr dasselbe wie bei den Kornzöllen. Wieder fanden sich fünf nationalliberale Agrarier, die auf Parteitags- und FraMonsbeschlüsse pfiffen, wieder zeigte sich ein kleines Häuflein Mtramontaner, die unter Vorantritt Müllers(Fulda) bei der Abstimmung über die Rindviehzölle von vornherein auf die Regierungsseite fielen. Auch für unser» Antrag auf Erleichterung in der Fleischversorgung für die Grenzbewohner stimmten die beiden oberschlesischen EentrumS« Abgeordneten Letocha und Graf Ballestmn. Es war fast 5 Uhr geworden, die herkömmliche Zeit für den Sitzungsschluß, als die namentlichen Abstimmungen beendet waren. Zur Ueberraschung für die Linke schlug Graf Balle st rem jetzt vor, in die Erledigung der noch ausstehenden Minimalzollanträge der B ü n d l e r einznttetcn. Dieser Vorschlag entfesselte eine ebenso auSgedchnte wie erregte Geschäftsordnungsdebatte. Beinahe zwei Stunden dauerte der Kampf, den die Rechte in ihrer Manier mit lärmende» Unterbrechungen und lauter Unruhe be- gleitete. ES mußte wie eine Ueberstiirzung erscheinen, über eine Reihe wichtiger Positionen, die der Präsident znsaunnenzufassen vor- geschlagen hatte, ohne Vorbereitung zu diskutieren. Singer stellte deshalb einen VertaginigSanttag. Auch blieb zuerst unklar, ob der Präsident bei seinem Vorschlage, eine Reihe Positionen von höchst zweifelhafter Zusammengehörigkeit gemeinschaftlich zu beraten, nur die Positionen des Wangenheimschen Antrags über die Mindest- zölle oder auch die dazugehörigen Positionen des Maximaltarifs gemeint hatte. Erst allmählich stellte eS sich heraus, daß Graf Ballestrem nur den Wangenheimschen Antrag im Auge hatte. Rechte und Centrum suchten durch Schweigen die GeschästSordnungS-Debatte abzukürzen. Auch die Bündler ließen es sich schweigend gefallen, als Stadthagen sie wegen der Unvollständigkeit ihrer Anträge verhöhnte. Schließlich wurde unser BertaguugSauttag in namentlicher Abstimumug ab- gelehnt. Zu einer Verhandlung der Wangenheimschen Anträge lam es aber nicht. DaS Centrum hatte eine neue Ueberraschung vor- rätig. HerrHerold stellte den Antrag, über sämtliche Wangenheimschen Anträge auf Einstellung von Dkindestsätzen bei den Gartenerzeugmssen zur ei»fachen Tagesordnung überzugehen. Er begründete den Antrag mit der Aussichtslosigkeit und der Ucberflüfsigkeit der überzöllnerischen Wünsche. Herr Hahn sprach kurz gegen den Antrag. Nur scheinbar Ivar das CentrumSmcmöver ein schwerer Schlag gegen die Bündler. In Wahrheit sind die Bündler zufrieden, daß ihnen die unangenehme Aufgabe erspart blieb, den Fortgang der Ber- Handlungen durch ihre Uebcrzoll-Auttäge beträchtlich zu verhindern. Der Antrag Herold wurde angenommen. Für ihn stimmten außer dem Centrum und den Nationalliberalen auch der größte Teil der Konservativen und der Reichspartei. Der Rückzug der Agrarier auf die Bülowsche Mittellinie wird immer deutlicher. Den Rückzug deckte mit seinem Fähnlein auch Eugen Richter. Im Gegensatz zu nnsren Genossen und der Barthschen Gruppe trug er zur Ber- gewaltignng einer Minderheit und wiederum zur Abkürzung d« Verhandlungen nach besten Kräften bei. Am Donnerstag wird die Beratung fortgesetzt. Sie begiimt mtt eincr namentlichen Abstimmung. Gegen die Geschäftsordnung deö Reichstags sollen, wie eine parlamentarische Korrespondenz berichtet, Beratungen innerhalb der CeiitrumSfraktio» gepflogen worden sein. Hierbei seien auch die Gesichtspunkte, von denen eine solche„Reform" auszugehen hätte, in Erwägung gezogen worden: so wolle man u. a. die Znläsfigkeit von namentlichen Abstimmungen in gewissem Grade einschränken. Vorläufig seien mir unverbindliche Wünsche anS- gesprochen worden. Bei diesen unverbindlichen Wünschen wird es erst mich bleiben, wenn nicht daS Centrum einen parlamentarischen Streit heraufbeschwören will, der nur ihm selbst eine vernichtende Niederlage bereiten wird. Mütter als Makler. Einer parlamentarischen Korrespondenz zu- folge fiel eS in den Wandelgängen des Reichstags sehr auf. daß verschiedene Vertreter der verbündeten Regie- rn ngen eingehende Besprechungen mit maßgebenden Führern einzelner Fraktionen über die Zolltarisftage abhielten; namentlich sei H a n d e l s m i n i st e r M ö l l e r in dieser Richtung thätig gewesen.— Die elende Ftottenvolitik. Die„Germania* erwidert von neuem ans den Versuch der„Deutschen TageSztg.*, ihre Bündler von dem Vorwurf deS Dr. Heim zu reinigen, daß aus ihren Reihen bei Dr. Heim um Bekämpfung der„elenden Flottenpolitit* ersucht worden sei. Die„Germania" erklärt nun: „Der Brief rührt von einem Herrn her, welcher nicht mir Mitglied des Bundes ist, sondern besonders als publizistischer Verlreter und„Scharffnacyer* der Leitung des Bundes der Land- Wirte sehr nahe steht.* Das ist deutlich genug. Herr Klapper war also offenbar der Unvorsichtige, der die biiudlerische Flvttenfeiudschaft allzu offen anSpmudcrte.— Die LandratSbeleidigunz in©rhirmcu durch das auf einem KaiffrsgeburtSiaa.Kouuners vorgeiiaueue bekannte Scherzgedicht ist gebührend geahndet worden: Der„Dichter* hat einen M 0 n a t Gefängnis erhalten und der Gutsbesitzer v. Wendorff wurde zu S0 Mark Geldstrafe verurteilt. Der Staatsanwalt, der für die angeulkte Landratswürde ein besonders feines Empfinden bekundete, hatte gegen die Hmiptverbrecher 4 und 3 Monate Gefängnis beantragt, cr ivollte sogar den Drucker und einen Verteiler des„Liedes* zu hoher Geldstrafe verurteilt wissen. Der Prozeß hat eine ganze Reihe von Curiosa zu Tage gefördert. So war in der Anklageschrift dem Gutsbesitzer Baehr, der übrigens nicht liberal gewählt hat, fem„Schmunzeln* während des Vortrages des Gedichts zur Last gelegt worden. Ferner hat etn Polizeidiener, der als A u f p a s s e r zu dem Kommers geschickt worden war, vom Bürgermeister und Landrat' einen Rüffel erhalten, weil er über das Landratslied„gelächelt" hatte! Im übngen wurde durch den Prozeß festgestellt, daß ein Hotel amtlich boykottiert worden ist, nur weil der Landrat sich einbildete, daß die F r e i s i n n i g e n, die in dem Lokal Ver- sammlungen abhielten, mit der Socialdemokratie frater- n i s i e r t hatten, wofür nach dem Zugeständnis des Staats- anwalts nicht der geringste Beweis vorlag. Man kann danach die wirtschaftlichen Schädigungen ermessen, die amtliche Organe solchen Wirten bereiten, die sogar Socialdemokraten ihr Lokal zur Verfügung stellen!— Nltramontane Wahlsorgen. In einem Arttkel„Wie steht es mit der Wablorganisatton" schreibt die„Kölnische Volkszcitung": „Ein wichttger Gesichtspunft ist namentlich die aus- reickende Vertretung der arbeitenden Klassen im Komitee, Dagegen wird vielfach von den bis- herigen Führern und ihren engeren Freunden geltend gemacht, daß der vergrößerte Apparat schwerfällig werde, daß man Reibungen ver- hüten müsse, daß die Interessen der Arbeiter und kleinen Leitte auch von deni bisherigen Komitee genügend ver- treten worden seien usw. Daran mag viel Wahres sein— man darf aber doch den Z u g d e r Zeit n i ch t m i ß a ch t e n. Die Leute sind nicht zufrieden dannt, daß für sie etwas geschieht, sondern es soll mit ihnen geschehen. Die U m st ä n d l i ch- leiten, welche durch die Erweiterung der Wahlkomitees herbei- geführt werden können, find ein viel kleineres Uebel als die Verstinunung, die durch den Ausschluß herbeigeführt wird. Die Wahlkomitees müssen mit einem großen Tropfen demokratischen Oeles gesalbt sein." Das Geständnis der„Köln. Volksztg.", daß die Beteiligung der Arbeiter an den Wahlkomitees auf jeden Fall als„U c b e l" empfunden wird, sollte den katholischen Arbeitern zu denken geben. Den unangenehmen„Zug der Zeit" wird das Centruin bald wohl noch peinlicher empfinden.— Zum nationalliberalen Ruck nach links. Im Wahlkreise Dith- Marschen haben die Nationalliberalen beschlossen, an Stelle des ihrer Partei angehörigen Kahlke, der eine Wiederwahl ablehnte, den freikonservativen Landtags- Abgeordneten Engelbrecht- Obendeich aufgestellt. Dieser Kandidat ist Mitglied des Bundes der Landwirte!— Zur Fesselung des Redakteurs Hoffman» wird noch gemeldet: Hoffmann war zu achtWochen Gefängnis wegen Beleidigung durch die Presse verurteilt worden. Er hatte nur noch ackt Tage seiner Strafe zu verbüßen und befand sich also noch in Strafhaft. Es ist in Kattowitz selbst nicht gefesselt worden, sondern auf dem Bahnhof Beuthen, Uebngens ist er nicht mit einem bereits Abgeurteilten, sondern mit einem unter der Anklage wegen Sittlichkeitsverbrechens in Unter- suchungshaft befindlichen Gefangenen zusammengeschlossen worden. Der schmachvolle Akt der Fesselung erfolgte also, ohne daß auch nur der Schimmer eines Fluchtverdachts vor- liegen konnte!— Herr Krupp auf Capri. Der deutsche Kanonenkönig, dem seine Unternehmerintelligenz jährlich ein Einkommen von einigen 20 Millionen abwirst, hat sich auf Capri eine Villa gebaut, wo er sich von den Anstrengungen seines Berufes ausruht. Herr Knipp ist bei der Capreser Bevölkerung so sehr beliebt, daß sogar eine öffent- liche Straße nach ihm benannt ist. Jetzt geht nun durch die italienische Presse die sonderbare Nach- richt, die deutsche Negierung habe so heiße Sehnsucht nach ihrem Krupp enipfunden, daß sie ihn bestimmt habe, Capri für immer zu verlassen, nach der deutschen Heimat zurückzukehren und in der Villa Hügel sein Leben zu fristen. Der Geheime Kommerzienrat Krupp ist auch Mitglied des Herrenhauses. Die Geschichte hat wegen der rechtlichen Frage— der merkwürdigen angeblichen Pression, Capri zu verlassen— einiges öffentliches Interesse. Und wir machen deshalb die deutsche Regierung auf die Behanptimgen der italienischen Presse auftnerksam, um ihr Gelegenheit zu geben, sie richtig zu stellen.— Landtaqswahlen in Hessen. Bis jetzt wird uns durch Privattelegramm über folgende Ergebnisse bei den Wahlmänner-Wahlen berichtet: In Gieße» erhielt der bürgerliche Wahlzettel 683 Stimmen, der socialdemokratische 334. Unsre Partei hat sich in diesem Kreise zum erstenmal an der Wahl beteiligt. In Mainz, dessen beide Mandate bisher in unferm Besitz waren, errang die Socialdemokratte wiederum einen glänzenden Sieg. Wir erhielten 2987 Stinunen, das Centrum 1379, die Liberalen 690.— In Offenbach siegte die socialdemokratische Liste mit 400 Stimmen Mehrheit und wetzte dadurch die bei der Stadtverordnetenwahl er- littene Schlappe wieder aus, In D a r m st a d t und Friedberg siegten die Freisinnigen. Die Kommission für Kinderschuh beriet am Mittwoch die Anträge, die seitens unsrer Genossen gestellt waren, weiter. Der nationalliberale Abgeordnete Müller- Rudolstadt bestritt, daß die Glasbläserei vor der Lampe den Kindern schädlich sei. Die Verwendimg von Quecksilber biete ebenfalls keine Gefahren für die Kinder und wenn man diesen das Arbeiten bei der Herstellung von Thermometern und Barometern, die mit Quecksilber gefüllt werden, verbiete, könne man doch nicht hindern, daß sie sich im Arbeitsraum, der zu- gleich Wohnraum ist, aufhalten; falls aber die Verdampftmg des Quecksilbers schädigend wirke, würden sie dann ebenfalls ge- schädigt. Er wisse aber aus Erfahrung, daß von Erkrankungen infolge der Ouecksilberarbeit in den Hansindustrien Thüringens nicht die Rede sein könne. Der konservattve Abg. Richthofen wendete sich gegen die Anträge unsrer Genossen; man dürfe nur tastend und vorsichtig bei diesem neuen Gesetz vorgehen. Abg. Hitze jC) tritt f ü r die meisten Anttäge der Socialdemokraten ein, wendet sich aber gegen die Einbeziehung der Tabakindusttie in dieses Gesetz. Da die Regierung fest versprochen habe, sogleich, nachdem das Kinderschutz-Gesetz verabschiedet sei, ein Specialgesetz über die haus- industtielle Tabakfabrikatton zu bringen, müsse man auf dieses Gesetz »vatten. Wurm folgert das Gegenteil; gerade weil die Regierung erst das Kinderschutz-Gesetz fertig sehen wolle, ehe sie an ein Tabak- industtie-Gesetz gehe, müsse in ersterem deutlich ausgesprochen sein, was die Mehrheit des Reichstages zum Schutze der Kinder in dieser Industrie verlange. Er halte demnach seinen Antrag aufrecht.— Eine längere Debatte entspinnt sich über den Anttag misrer Genossen, die Arbeit von Kindern„an Maschinen" zu verbieten. Abg. Hitze meint, da könne schließlich auch die Arbeit an der Schreibma? cknne verboten werden. Regierungsrat Caspar verliest die Erklärung, die Professor Reuleaux für den Begriff„Maschine" giebt; danach ist auch eine Pumpe, eine Wage als Maschine zu betrachten und einer solch' weitgehenden Einschränkung der Kinderarbeit werde die Regierung nicht zustimmen. Wurm ersucht, in der ersten Lesung fttr seinen Antrag zu sttmmen; man könne ja bis zur zweiten Lesung eine bessere Definitton suchen; vorläufig schlage er vor, zu setzen: „an Werkstatt-Maschinen". Da die UnfallverhüttmaS- Vorschriften für die HauSinvnstrie nicht verbindlich sind, sei die Ge- fahr der Beschäftigung der Kinder an Maschinen um so größer. Auch führe unzweifelhaft die Thättgkeit an Spulmaschinen zu Ver- krümmungen des Rückgrats. Die A b ft i nun u n g e n beginnen beim Verzeichnis, das und Gipsbrennereien; wird einstimmig angenommen. Bei Glasbläsereien die Ausnahme für solche, in denen nur vor der Lampe geblasen wird, zu streichen, wird gegen 6 Sttmmen(Socialdemokraten. Freisinn, Raab) abgelehnt. Der Anttag Dr. Hitze(C.) hinzuzufügen:„Werkstätten der Schmiede und Schlosser" wird gegen die Sttmmen der Konservattven angenommen. Der socialdemokratische Antrag, die Kinderarbeit in allen Werkstätten, in denen Queck- s i l b e r verwandt wird, zu verbieten, wird angenommen ebenso der socialdemokratische Antrag, dem Der zeichnis der Verbote hinznzust'igen:„Felleinsalzereien. Gerbereien". Bei der Positton des Verzeichmsses be- tteffend Borstenindustrie wird dadurch. daß gemäß einem soeialdemokratischen Antrag ein Komma durch einen Punkt ersetzt wird, die Kinderarbeit in Haar- und Borstenzu richtereien verboten; der Anttag wird einstimmig angenommen. Dagegen der weitere socialdemokratische Antrag, die Kniderarbett in allen Bürsten- und Pinselmachereien zu verbieten, nicht mir in denen, die ausländisches tterischeS Material verarbeiten, gegen die Stimmen der Socialdemokraten und Raabs abgelehnt, ebenso der socialdemokratische Antrag, die T a b a k i n d u st r i e in das Verzeichnis der verbotenen Be- schäftignngen mifzimehmen. Bei oer Berattmg des ß 4(allgemeine Verbote der Kinderbeschäftigung) wird der socialdemokratische Antrag hinzuzufügen:„an Werkstatt-Maschinen" mit 9 Sttmmen lSocialdemokraten, Centrum und Raab) gegen 7 Sttmmen an- genommen.— Die Berattmg wird Donnerstag fortgesetzt.— Tlirsland. Die schweizerischen Nationalrittswahlen. Zürich. 27. Oftober.(Eig. Ber.) Der gestrige Wahltag hat leider die erwarteten Erfolge für unsre Partei nicht gebracht. Nur 4, mit Regierungsrat Schertet in St. Gallen ö Socialdemokraten auf 167 Abgeordnete wurden ge- wählt, 1 mehr als vor 3 Jahren, aber gegenüber einer um 20 größeren Abgeordnetenzahl. Im Züricher Wahlkreise hatte man aus die Wahl dreier Socialdemokraten gerechnet, es wurden jedoch mir die Genossen Greulich und Vogelsanger, die auf den Listen aller drei Parteien standen, gewählt. Die übrigen 6 social- demokrattschen Kampfkandidaten erhielten 7305 bis 9259 Stimnien bei einem absoluten Mehr von 10 046. Der mit der geringsten Stinrmenzahl gewählte Bürgerliche erhielt mit 10 449 um 1200 Sttnmien mehr als Ernst mit den meisten soeialdemokratischen Sttmmen, so daß die Differenz zwischen den Social- demokratcn und den Bürgerlichen keine große ist und von den neim Sitzen vier unsrer Partei gehörten. Vogelsanger wurde mit 16 033, Greulich mit 12 168 Sttmmen gewählt. Gegenüber 1899 stteg die Sttmmenzahl unsrer Partei um 492. Aber es drückt sich darin das Wachsttim derselben nicht genügend aus, wie schon daraus erhellt, daß Genosse Ernst im Außersihler Stadtkreise mir 4648 Stimmen erhielt, während vor zwei Monaten bei den KantonSratswahlen EriSmann 6318, um 1670 Sttmmen mehr erhielt, und doch hatte es sich um einen reinen Parteikampf gehandelt. Allerdings ist auch die Zahl der bürgerlichen Sttmmen von 3648 mif 2727 zurückgegangen, so daß denmach gestern eine erheblich schwächere Wahlbeteiligung stattfand als am 31. August. Im zweiten Züricher Wahlkreis erhielt miser Genoffe Ernst mtt 3431 Sttnnnen um 703 mehr als 1899. Die bürget- lichen Kampfkandidaten erhielten 3347 bis 5464, so daß um den fiinsten Sitz ein zweiter Kampf stattfinden muß, an dem hoffentlich auch unsre Partei sich beteiligt. Erfreulich ist das Resultat ini dritten Züricher(Winterthurer) Kreise, in dem Dr. Studer, der nur auf der socialdemottattschen Liste stand, mit 7063 Sttmmen, allerdings ohne Gegenkandidaten gewählt wurde. Vor 2 Jahren erhielt miste Partei bei einer Ersatzwahl 5400 Sttmmen. Zweifellos sind aber in den 7000 mehrere hundert bürgerliche Sttmmen enthalten. Aus verschiedenen Kreisen, so auch aus dem Genfer, liegen die Stnnmenzahlen noch nicht vor. In Lausanne ist leider die social demokrattsche Sttmmenzahl von 5485 auf 4370 zurückgegangen. In Appenzell hatte Dr. Hertz vor 6 Jahren schon 2655 Stimmen er- halten, während diesmal nur 1492 auf ihn fielen. Dagegen stieg unsre Sttmmenzahl in Solothurn von 2300 auf 3572, in Luzern von 1700 auf 2276, Bern von 2966 auf 4056, Biel von 3467 auf 3716, Burgdorf von 1188 mff 4156, Neuenbnrg von 2806 auf 4779 Sttmmen usw. In den Berncr und Burgdorfer Zahlen sind indes auch konservattve Sttmmen enthalten. In St. Gallen steht Brandt mit 4731 gegen 4557 Sttmmen in aussichtsvoller Sttchwahl, es fehlten ihm nur 19 Sttmmen zum absoluten Mehr. In Basel stehen die beiden Socialdemokraten für den zweiten Wahlgang, da interessanterweise hier überhaupt keine der sechs Wahlen zu stände kam. Leider erhielt unser Kandidat Dr. Brüstlein mit 2598 Sttnmien um 118 weniger als 1899 Wull- schleger, der zweite Socialdemokrat Arnold erhielt gar nur 2161 Stimmen. Weitere Sttchwahlen finden statt in Neuenburg, Burg- dorf, Tessin und wahrscheinlich Genf; es dürften neun Social- demokraten in sieben Kreisen in Stichwahl konunen und vielleicht noch der eine oder andre gelvählt werden. In Winterthur ist bei de» lokalen Wahlen die Zahl der social- demokrattschen Stimmen weiter von 1700 auf 1972 gestiegen, allem die der Gegner stteg in noch höherem Maße, so daß sie siegten. Aber die Bedeutung der von Wahl zu Wahl ansteigenden socialdemokrattschen Sttmmenzahl wird dadurch nicht abgeschwächt, Die Ständeratöwahlen in den Kantonen Zürich, Basel, Solothurn, Schaffhausen und Appenzell A,-Rh. vollzogen sich glatt, da nirgends Gegenkandidaten aufgestellt waren. Das Kirchengesetz ist im Kanton Zürich in der Volksabstimmung mtt 28117 gegen 26 587 Sttmmen angenommen, dagegen das Besoldungsgesetz im Kanton Solothurn mit 9143 gegen 8106 Stimmen verworfen worden._ Oestreich-Nngarn. Bei den Landgemeinde-Wahlen. die am Dienstag stattfanden, wurden aus der Kurie der Landgemeinden von 21 zu ver- gebenden Mandaten 20 Christlich sociale gewählt; eine Stichwahl ist erforderlich. Auch im Jahre 1896 war diese Kurie mit ihren 21 Mandaten eine fast unbestrittene Domäne der Christlichsocialen. Wenn auch einzelne Landgemeinden-Vertreter damals auf das deutschnationale Programm gewählt wurden, so geschah das zumeist mit Hilfe christlichsocialer Stimmen. Als dmm die Treminng zlvischen den Christlichsocialen und der deutschen Volkspartci eintrat, bekannten sich sechs Atz- geordnete der Landgemeinden als Gegner der herrschenden Partei. Von diesen sechs Abgeordneten sind dem Anschein nach fiiiff heretts unterlegen. Das gemeinsame Vorgehen der DeutschvolTfichen, Deutschttberalen, Deutschnattonalen und Sorialisten hat den Sieg der Christlichsocialen nicht z» verhindern vermocht. Die liberalen Blätter messen dem in St. Pötten abgehaltenen Lehrertag, ans welchem die Forderung auf neun- jährigeSchulpflicht gesteltt wurde, die Schuld bei, daß die ländlicheBevölkerung sich vollständig den Klerikalen in die Arme geworfen habe.-- Frankreich. Der Achtstnndentiiz in den Bergwerken. Die Scnatskommission. welche den von der Kammer bereits angenommenen Gesetzentwurf bett. die Einführung der achtstündigen Arbeitszeit für Bergleute zu beraten hatte, hat die Berattmg beendet; der von der Kammer an- genommene Text ist im wesentlichen derselbe geblieben, so daß zu hoffen steht, daß das Gesetz auch im Senat zur Annahme ge- langt.— Belgien. Ai geordnete der belgischrn Gnitenarpetter legten in einer Unter- redung mit dem Minister der öffentlichen Arbeiten diesem die For- derungen der Arbeiter dar und ersuchten um Auskunst, was der Minister zu thim beabsichttge, um den unvermeidlichen Ausstand zu verhindern. Sie ersuchten den Rt ini st er. unter der Form eines Schiedsspruches, den er den Kohlengruben- Besitzern vorschlagen solle, zu intervenieren. Der Minister lehnte es entschieden ab, als Schiedsrichter auf- zutreten, erklärte sich jedoch berett, mtt Hilfe der Gouverneure der Provinzen und der Grubeniiiaeiiieure, welche ein Mittel zur Herstellung eines Einvernehmens suchen sollten, als Vermittler zu dienen.— England. Die Bewegung gegen die SchulöiS wird außerhalb des Parlaments eine immer mächtigere. Am Sonnabend werden die Liberalen sin Mexandra-Palast esiie große Demonstratton veranstalten; die Billets zu dem 12 000 Sitze fassenden Riescnpalast finden reißend Absatz. Das Parlaiiieniarische Komitee hat ein Manifest an alle Arbeiter erlassen, in welchem diese aufgefordert werden, bei den nächsten Wahlen mir solchen Kandidaten ihre Sttmmen zu geben, welche sich gegen die Schulbill erklären.— Die Reise ChmuberlainS nnd die Boerengenemle. Die amtliche Mitteilung der Reise deS KolomassekretärS Chamberlain nach Süd- afttka, so berichtet das„Daily C hr o ni cle", hat die Boerenführer veranlaßt, in London zu einer Beratung zusammenzutreten. Chamberlains Reise macht eine völlige Aenderung des Planes der Boerengenerale nötig. In der Beratung wurde beschlossen, eine schrist- liche Darlegung der Wünsche der Boeren aufzustellen, die möglichst Chamberlain von den Generalen persönlich überreicht werden soll, wozu sie eine Unterredimg mit ihm nachsuchen wollen. Ferner er- wogen die Boerengenerale die Wahl einer Abordnung, die gleich- zeitig mit Chamberlain die Reffe durch Siidaftika machen soll, un dem Kolonialsekretär ein klares Bild der Lage, wie die Boeren st« bettachten, zu geben. ES wurde m, geregt, etwaigenfalls De Wet Botha und Delarey selbst mit dieser Mission zu bettauen.— Die meisten irischen Abgeordneten haben London verlassen uni sich nach ihrer Heimat zurückbegeben, wo sie während bei, ganzen Dauer der parlamentarischen Session verbleiben, da der wettere Verlauf der Parlamentsverhandlungen fiir sie kein Interesse mehr hat.— Schweden. Opfer der Pottzriwillkür. Am Sonnabend fällte daß Rathans- gericht zu Stockholm das Urttil über 60 Angeklagte von der Wahl» rechts-Demonsttatton am 20. April, die bekanntlich infolge thörichter Maßnahmen der Polizei zu einem Krawall führte. Das Gericht hat sich nicht der Ansicht des öffentlichen Ankläger?, der die meisten der Angeklagttn wegen Aufruhr oder Berleittmg zum Aufruhr zu 2 bis 4 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wissen wollte, angeschlossen, sondern aus Geldstrafen von 15—105 Kronen erkannt. Nur einer der Angeklagten, der der Polizei gewaltsamen Widerstand geleistet haben soll, wurde zu Gefängnisstrafe und zwar zu einem Monat verurteilt. Drei wurden freigesprochen. Die Geld- strafen, die wegen Anslaiifs und Widersetzlichkeit verhängt wurde». machen zusammen die Summe von 3270 Kronen aus. Das Gericht erklärte ausdrücklich, daß es nicht der Ansicht sei, irgend einer von den Angeklagten habe mit Abficht oder im Verein mit andren ver- sucht, sich gewaltsam den Organen der öffentlichen Ordnimg zu ividersetzen; die Störung der öffentlichen Ordmmg sei vielmehr in- folge des Zilsammendrängenö der großen Volksmassen entstanden. Aiich sei nicht nachgelviesen, daß Schaden an Personen oder au Eigenttnn verursacht worden sei.— In Anbettacht dieses ver- nüilfttgen Urteils über die Ursachen der Unordmuig erscheinen die Strafen recht hoch. Der moralisch Verurteilte in dem Prozeß ist offenbar die Polizei.— Amerika. Amerikanisch- kslmnbische Berwickelungen. In Washington wttd eine ernstliche Verwickelung zwischen den Vereinigten Staaten mid Kollimbia in der Frage der Verhandlungen über den Kanalvertrag aus Grundlage der S p o o n e r- A k t e be- fürchtet. Man ist in Kolumbia nicht mir mit der Summe nicht zuftieden, die an das Land gezahlt werden soll, sondern es wird auch der von den Vereinigten Staaten erhobene Anspruch auf "olizeigewalt auf dem Isthmus mit wachsendem Argwohn betrachtet. Eine Note der kolumdischen Regierung als Antwort ans den Vorschlag der Vereinigten Staaten, in Ber- Handlimgen über den Verttag esiizutreten, ist vor einigen Tagen nach Washington gelangt, wurde der Regierung jedoch bisher noch nicht zugestellt.—_________ parlamentanfcbes. PrtitionSkoamiIsfi»». Zwei Petitionen auf Erlaß eines Gesetzes zur Sicherung der Ballforderungen wurden in der gesttigen Sitzung der Regierimg als Material überwiesen.— Ein Nachzügler aus dem Pettttonsschrank wünschte Deutschland mit der Vermittlerrolle im Boerenkriege bettmtt zu sehen. Die Petttton wurde nebst einer Protesteingabe gegen die Aeußerungen Chamberlains über die deutsche� KriegSsiihriing 1870/71 für erledigt erklärt.— Ein sächsischer Gewerkverein Hirsch-Dunckerscher Richtung verlangte die Errichtung eines Reichs- Arbeitsamtes. Die Thätigkett desselben war jedoch in so bescheidenen Grenzen gedacht,_ daß der RegierungSkommiflar mtt Recht erklären komtte, den Wünschen der Petenten sei durcki Errichtung der arbeits- stattsttschen Abteilung im Reichsamt des Innern seit 1. April im wesentlichen Rechinnig getragen worden.— Mehrere Handwerkerkammern verlangten, tu§ lOOf der Gewerbe-Ordimng solle eine andre Erklärung der Begriffe Handwerksbettieb und Fabrikbettieb gegeben werden. Obwohl die Petttton mehrere ganz konftise Vorschläge machte, wollte sie Abg. g a c o b s k ö t t e r zur Berücksichttgung über- wiesen haben. Räch längerer Debatte, in welcher die Socialdcmo- kraten und Freisiniiigen ftrr bloße Ueberweisung als Material ein- traten, wurde mit 9 gegen 3 Stimmen die Erwägung beschlossen, da Konservattve, Centtum imd Anttseniiten daftir stimmten.— Herr i e s e in Aachen will die Arbeitslosigkeit vermindern durch Kulttvieruiig der Eifel- Moste. Die Kommission komtte sich aus verschiedenen Gründen nicht für das Unter- nehmen erwärmen, zunial es ganz im Rahmen einer preußischen Angelegenheit gedacht war uno die Vermutung bestand. Petent erstrebe die käufliche Erwerbung feines Unternehmens durcki das Reich.— Recht gut gemeint war die Petttton eines Herrn Neiimanii-Derliii. Er verlangte, die Militäranwärter sollten während ihrer vorbereitenden Beschäfttgimg sin Eivildienst so mtSccicheiib bezahlt werden, daß für sie keine Gefahr vorliege, Schulden zu machen. Die Petition wurde für nngeeignet zur Erörterung tm Plenum erklärt, da sie„kein genügendes Material zur Aendemiig der Gesetz- gebung" enthielt.— Ein energischer Herr scheint Venske m Lhck zu sein. Er droht am Schluffe seiner Petitton, die schon mehrmals den Reichstag beschäftigt hat, der aber feine Folae gegeben werden konnte, wenn er mich diesmal fenicn Erfolg habe,� werde er durch ein Hnsarenstückckieii das Volk ausrufen,"in so zu seinem Rechte zu kommen. Die Kommission wttd dem husarffchen Thatendrang nichr hinderlich fein; sie erachtete auch diese Petttton für ungeeignet zur Erörterung im Plenum. Partci-Nachncbtm Der Majestätsbcleidiger. Äm heutigen 30. Oktober öffnen sich die Thore des Gefängnisses den» Genosien Albert Schmidt aus Magdeburg, nachdem er drei volle Jahre im Kerker zugebracht bat für ein unbedachtes Wort. Am 9. Januar 1899 wurde die Oesientlichkeit in hohe Erregung versetzt durch ein Urteil der Strafkammer beim Landgericht Magde- bürg, durch das der Genosse A u g u st M ii l l e r, Redakteur der „Magdeburger Volksstimme", wegen Majcstätsbeleidiguug zu 4 Jahren 1 Monat Gefängnis verurteilt wurde. Das Urteil erregte Aufsehen sowohl wegen der außergewöhnlich hohen Strafe, als auch wegen den begleitenden Umständen. Müller war an der ihm zur Last gelegten That völlig unschuldig! zwei Zeugen bestätigten dies, das Gericht hielt aber ihre bestimmten Aussagen für unglaubwürdig, lehnte die Vereidigung der Zeugen ab und erkannte aus die unerhörte Strafe. Die Vlajestätsbcleidigung wurde gestmden in einer kleinen Fabel, die im Sommer 1898 in der„Magdeburger VoUsstinnne" erschienen war und vom Gericht auf den Kaiser und den Prinzen Eitel Fritz bezogen wurde. Müller befand sich zu dieser Zeit bereits feit zwei Wochen in Ferien in Wernigerode. Zufällig war er am Tage des Erscheinens der fraglichen Nummer der„Volksstimme" in privaten Angelegenheiten auf einen Tag nach Magdeburg gekommen und auch auf einige Minuten in den Nedaksionsräumen gewesen, mit der Herstellung des Blattes hatte er jedoch nicht das geringste zu thun gehabt. Ohne sein Zn- thun und ohne sein Wisien war fälschlich sein Name als der des Verantwortlichen auf das Blatt gekommen. Die Umstände wurden in der Verhandlung gegen Müller durch diesen und die Zeugen mit- geteilt, ohne dast das Gericht Gewicht darauf legte. Auch das Reichsgericht bestätigte dieses unglaubliche Urteil. Genosse Albert Schmidt, der die betreffende Nummer der „Volksstimme" allein redigiert hatte, sah sich deshalb genötigt, sich selbst dem Gericht als Thäter zu stellen, zu welchem Zwecke er vom Reichstage die Genchnngung zum Verzicht auf seine Immunität erbar und erhielt. Anfangs schien es, als ob Schmidts Selbst- bezichtigung dem Genossen Müller nichts nützen sollte. Nicht nur, datz sich die Erhebung der Anklage gegen Schmidt monatelang hin- .zögerte und Müller indessen in Haft behalten wurde, behandelt/.: die Anklageschrift den Genossen Schmidt nur als Mitthäter. Am 29. September 1899 endlich fand die Verhandlung gegen Schmidt statt. Sie endete damit, daß Schmidt als Thäter zu drei Jahren Gefängnis und zum Verlust seiner Mandate als Reichstags- Abgeordneter und Stadtverordneter verurteilt wurde. Das Urteil erregte nicht bloß in den Kreisen unsrer Partei einen Sturm der Entriistung; auch die bürgerliche Presse Deutschlands wie des Auslandes übte daran scharfe Kritik. Namentlich die Presse des civilisierten Auslandes lieh keinen Zweifel darüber, d-ah eS eines Kulturvolkes unwürdig sei, die Presse und die freie Kritik mit solchen unerhörten Mitteln zu knebeln. Die Parteigenolsen sprachen ihr Urteil über dieses„Recht" da- durch, daß sie Schmidt sofort wieder als Kandidaten für die erledigten Mandate aufstellten. Als Stadtverordneter wurde er auch wieder- gewählt, b��zcr Reichstagö-Ersatzwahl unterlag er jedoch dem nationalliberawir Placke. Am 30. Oktober 1399 muhte Schmidt die Strafe mrtreten und jetzt ist sein„Verbrechen" gesühnt. Müller wurde bald darauf im Wtederaufnahmeverfahren freigesprochen. Das herrschende System hat sich mit diesem Urteil keinen Dienst geleistet. Wie alle Thaten der in Prentzen-Deritschland herrschenden politischen Bettelwirtschaft, die von der Hand in den Mund lebt, hat das Urteil mir dazu beigetragen, das Volk aufzurütteln und die Einsicht von der UnHaltbarkeit dieses Systems zn erweitern. Der Monarchismus hat durch das Urteil keine Stärkung erfahren; dagegen ist in den letzten drei Jahren gar wacker wieder an seinen Grundvesten geriittelt worden von feinen eigensten Interessenten. Und in den weitesten Kreisen der gelehrten Fachmänner gewinnt die Ueberzeugung von der UnHaltbarkeit des Majestätsprozesses immer mehr Boden._ Der„National-Zeittmg" erscheint es zn bescheiden, dah wir von der socialdemokrattschen Hälfte des Schivarzburg-Rudolstädtischen Landtages nur die Durchsetzung einiger Reformen erwarten. Viel- leicht würde eine nationalliberale Hälfte des Rudolstädtischen Land- stübchens die reichödeutfchen Kasernen erobern. Ucbrigens mag doch die„Nattonal-Ztg." abwarten, ob wir nicht noch das neunte von den IS Mandaten erobern, was nicht so ganz aussichtslos ist. Von 9 unter IS erwarten wir dann noch etwas mehr-, 8 unter IS können bekanntlich noch nicht positiv beschliehen, sondern mir negativ reaktiv- näre Beschlüsse verhindern. Polttik und Schulbänke. In P a s ch e l i s zfe n in, Kreise Hehdekrug waren Schulbänke zu machen. Die Arbeit winde im Wege der Submission an den Tischler S ch m e i l in Heydekrug ver- geben. Bei der Ablieferung der Bänke fragte der Schulvorstand. was Schmeil mit dem Landrat vor habe; er wäre beim Kreis- schulinspektor gewesen; es sollte eine Eingabe bei der Regierung gemacht werden, um eine Beihilfe zu erhalten. Da habe der Kreis- schulinspektor gescholten und gesagt, eS gefällt dem Landrat nicht. dah ein Socaldemokrat die Bänke gemacht hat; er werde entschieden nicht befürworten, dah der Schulsocietät eine Beihilfe von der Regierung gezahlt wird. Auch habe der Landrat wissen wollen, wer dazu geraten hat, dah dem �onaU demokraten die Lieferung der Bänke übertragen wurde. Der Schul- inspettor habe sich geweigert, die Eingabe an die Reglernug zu schreiben, und dem Schulvorstand geraten, sie selbst zu schreiben, was dieser denn auch gethan habe. Der arme Schulvorstand hatte gar nicht gewuht, dah Schmeck unser Parteigenosse ist; er hatte die Arbeit dem gegeben, der sich als der Leistungsfähigste erwies und nun soll die Gemeinde dafür bühen. Aus den mitgeteilten Aeuherungen muh man schlichen, dah der Landrat, wenn er rechtzeittg seinen Einfluh hätte geltend machen können, die Vergebung der Arbeit an den Socialdcmokraten ver- hindert hätte, selbst auf die Gefahr hin, dah die Gemeinde von andren Tischlern nicht so gut bedient worden wäre. Parteipreffe. Eine Parteikonferenz für den Regierungsbezirk Magdeburg, die sich mit den Reichstagswahlen zu beschäftigen hatte, faßte unter anderm folgenden Beschluh: „Die Regierungsbezirks-Konferenz erklärt, dah das einzige social- demokrattsche Bartei-Organ des Regierungsbezirks Magdeburg die in Magdeburg erscheinende„Volkssttmme" ist und weist das kursierende Gerücht, das„Halberstädter Tageblatt" als zukünftiges Partciblatt zu betrachten, zurück." Der Kongreß der socialistischen Gemeinderäte Belgiens tagte mn 20. Ottober m Brüssel. Der Kongreß verlangt in einer Resolutton die Abschaffting des stur die Gemeinden gültigen) Vierstimmen- Systems. Weiter eine Altersversicherung für d,e Gemeinde-Angestellten Ferner wurden d,e Gemeinderäte verpflichtet, bei Neu- An- stellungen von Lehrern nur für solche ,u stimmen, welche das staat- licbe Seminar(Ecolo normale officielle) besucht haben und sich bei Anstellungen von Lehrern, welche aus den Priesterseminaren kommen, ablehnend zu verhalten m Anbettacht ihrer notorischen Minder- Wertigkeit; ferner bei der Wahl her Schulbucher nur solche zu wählen, die keine religioie» oder militärischen Tendenzen verfolgen. Der nächste Kongreh findet am 1o. August 1903 statt. 92 Delegierte waren anwesend. � Ein zweiter S-eialdemokrat im Magistrat Kopruhagen». Die Gemeindeverttewng Kopenhagens wählte am Montag mit 38 von 34 abgegebenen Sttmmen unfern Parte, genosien P. Knudfen zum Mitglied des Magistrats an Stelle eines verstorbenen komervattven RatSmannes. Knndsen wird in die dritte Abteilung dc� MagsitratS eintreten, die besonders mit der Arnlen pflege und der Alters- Versorgung zu thui, hat. Bon dem Magistrat, der aus den 4 Bürger- meistern, 4 Ratsmännern»md dem Oberpräsidkliten besieht, jino fetzt L Rgtsmänner Socioldemolraten.--- Huö Induftrie und Handel Helios-Elektricitätsgesellschaft, Köln. In der gestrigen General- Versammlung wurde nach heftigen Angriffen verschiedener Aktionäre gegen die Direttion und den Verwaltungsrat, der kürzlich mitgeteilte Rckonsttliktionsplan mit großer Stimmenmehrheit angenommen, jedoch mit einigen kleinen für die Aktionäre günstigen Abänderungen. So sollen ans jede Vorzugsaktie von 2000 M. je zwei Genuhscheine und auf jede solche Aktie von 1000 M. ein Gemißschein ausgegeben werde». Diese Genuhschein- sollen von dem Gewinn, der nach AuS- Zahlung von 6 Proz. Dividende an die Vorzugsaktien und der Gewinnanteile des Aufsichtsrats verbleibt, ein Viertel dergestalt er- halten, dah auf jede» Genuhschein ein Betrag bis zu 10 M. entfällt. Verbleibt dann von diesem Viertel des Gewinns noch ein Rest, so soll derselbe zur Auslosung von Gcnuhschcinen zum Betrage von 100 M. für das Stück benutzt werden. Die nach Abzug des erwähnten Viertels verbleibenden drei Viertel des Gewinns werden zwischen Vorzugs- Aktien und Stamm-Aktien geteilt. Die S Prozent. Vorzugs-Attien mit dem Rechte auf Nachzahlung werden auhcrdem noch mit dem Rechte der vorzugsweisen Berücksichtigung im Falle der Liquidation ausgestattet. Ferner wurde der Autrag, S Millionen Mark neue Vorzugs- aktien zum Zweck der Einziehung von Schuldverschreibungen aus- zugeben, dahin abgeändert, dah nur für 3V. Millionen Mark Vorzugs- aktien ausgegeben und das Recht auf den Bezug dieser Aktien nur jene Attionäre haben sollen, die ihre alten Aktien unter Zuzahlung in Vorzugsaktien umgewandelt haben. Als Mindestsunnne. deren die Gesellschaft zur Durchführung des Rekonftruktionsplaiics bedarf, wurde von der Verwaltung der Betrag von 3 Millionen Mark bezeichnet. Sie rechnet also darauf, dah etwa vier Fünftel der Aktionäre die Zuzahlung leisten werden. Ob diese Rechnung stimmt, erscheint recht fraglich. Deutschet Eiseuverbrauch. Dr. H. Rentzsch, der Stattstiker des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustriellen, hat für 1901 die Ein- und Ausfuhr von Eisen, Stahlwaren und Maschinen der wichttgsten eisenproduzierenden Länder zusammengestellt. Danach wurden im vorigen Jahre in Deutschland 7 801 000 Tonnen Roheisen erzeugt. Werden sämtliche Eisenwaren und Maschinen auf Roheisen umgerechnet, so betrug für Deutschland die Einfuhr 526000 Tonnen, die Ausfuhr 3 304 000 Tonnen, der inländische Verbrauch 5 083 000 Tonnen, das ist pro Kopf der Bevölkerung 89,2 Kilogramm. Da- gegen belief sich in den voraufgegangenen 10 Jahren: der Eiseuverfirauch a. d. Roheisen- Kops der Bevölkerung erzeugung 1891 09,7 kg. 93,8 kg. 1892 74,3„ 98,8, 1893 72,3 98,7„ 1894 73,9„ 105,5„ 1895 71.0„ 105,1 Noch bedeutend geringer der Eisenverbrauch pro Kopf der Nsenverbrnnch u. d. Kops der Bevölkerung 1890 00,1 kg. 1897 104,1„ 1898 105,8„ 1899 128,4„ 1900 131,7„ Roheiseli- erzcugung 121,4 kg. 129,8„ 136,0 ,. 130,8„ 152,1 als im Jahre 1901 wird sich für 1902 der Bevölkerung stellen. Er berechnet sich unter Zugrundelegung des Verbrauches der ersten acht Monate und bei Annahyw der gleichen Bevölkerungsziffer wie 1901 auf mir 66,6 Kilogramm für den Kopf der Bevölkerung und geht damit auf de» Stand des Jahres 1888 zurück, der tiefer liegt als irgend einer der letzten zwölf Jahre. Genau geben diese Zahlen nattirlich den Verbrauch nicht a», da bei der Berechnung nicht die vorhandenen Vorräte mit in Betracht gezogen werden können. In Wirklichkeit wird der Verbrauch pro Kopf in 1899 und 1900 nicht 123,4 bezw. 131,7 Kilogramm erreicht haben und dafür in 1901 und 190-2 hoher sein, als die oben be- rechneten Zahlen ihn erscheinen lassen. Immerhin zeigt die Zu- fammenstcllung, wie enorm der Bedarf des eiuheiinischen Marktes zusammengeschrumpft ist. Riebeckfche Montanwerke, Halle. In der heute abgehaltenen Sitzung des AufstchlsrateS der A. Riebeckschen Montanwerke, Aktiengesellschaft in Halle a. S., wurde vom Vorstande über die Geschäfts- läge und das Ergebnis des ersten Semesters des Geschäftsjahres 1902/03 berichtet.' Danach ist die Kohlenförderung mit 19 Millionen um'/g Millionen Hettoliter höher als im Vorjahre und auch der Absatz der Produkte recht beftiedigeud gewesen. Die ermäßigten Verkaufspreise für Kohlenprodukte und die Folgen der unerfreulichen Lage des Parafstnmarktes tonnten durch verbesserte Bettiebseinrichtungen, größeren Absatz und billigere Ein- lanfspreife für Materialien nahezu ausgeglichen lverden, so daß sich das Gewinnergebnis von dem der Vergleichsperiode des Vorjahres nicht wesentlich entfernt. Die Kreditanstalt für Industrie und Haudtk in Liquidation in Dresden schließt die Bilanz ftir das erste Liquidationsjahr pro 12. Juli 1902 mit einem Verlust von 17 519 505 M. ab. GewerhrchaftUcbes. Berlin und Umgegend. Lohnforderungen der städtischen Parkardeiter. Eine sehr gut bei uchte Versammlung der städtischen Parkarbeiter tagte am Montag- abend, um Stellung zu ihrer Lohnforderung zu nehmen. Schubert gab in seinem Referat ein Bild der jetzigen Lohnhöhe, die auch nicht im entferntesten genügen könne, um bei den heurigen Verhältnisien eine Familie zu crnäbren. Denn während in andern Betrieben der Stadt zumeist Minimallöhne von 3,50 M. gezahlt werden, gilt dieser Satz in der Parkverwaltung schon als ein hober und mir für die Gäriner berechneter. Die Arbeiter erhalten noch weniger mid daher erscheine eine Anfbefferung für dieselben als äußerst notwendig. Der Einwand, daß sich unter den Arbeitern Leute befänden, die Armenunterstützung beziehen, könne doch nicht stichhaltig sein, um die andern Arbeiter von der in andern Bettiebcn gewährten Lohnerhöhung und andern Einrichtungen— z. B. Errichtung eines ArbeitevausschusseS — auszuschließen. Deshalb halte er ein Vorgehen um Erhöhung des Lohnes für durchaus berechtigt.— Sämtliche Diskussionsredner sprachen sich in diesem Sinne aus und wurde beschlossen, folgende Petition an die Parkdeputation zu senden: -Ssisgazz qnn nchng ziq»vom ucnjmnttas ohsilgozihoaiipoh oi t e r bei H e i n tz e dauert eben- falls fort. Auch diese Firma versucht, von außerhalb Stteikbrecher herauzuziehen; den sich Meldenden wird obendrein noch die Bedingung gestellt, nicht Mitglied des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes zu sein. Bis jetzt sind die Bemühungen des Herrn Heintze vergeblich gewesen, denn es arbeiten bei ihm weder Verbändler noch Nicht- verbändler. Zum Streik der Bleigläser wird uns geschrieben: Es scheint, daß den vom Stteik betroffenen Unternehmern durch die Firma Vttalli-Schell iu Offenburg(Baden) thatttäftige Hilfe geleistet wird. Wie verlautet, wird daselbst in der That Berliner Streikarbeit ver- richtet. In der Schellschen Abteilung am Bahnhof werden alle Kräfte übermäßig angestrengt, besonders in der Bleiglaserei, so daß auch von den Mousselinarbeftern des oberen Geschäfts(Vitalli) etliche zur Aushilfe herangezogen wurden. Dort ist auch in neuester Zeit die Konttolluhr eingeführt worden und jede Mimite Verspätung führt zu Schuriegeleien. Eine Organisatton besteht nicht, meistens werden Schuttervälder Banern als Lohndrücker Verlvendet. Was die Berliner Firma Bitalli betrifft, so beftättgt diese durch Thaisachen, daß die Arbeitgeber— wie diese selbst sagten— die Forderungen der Arbeiter lvohl bewilligen können, aber nicht wollen. Die Familie Vitalli führt nämlich ein so luxuriöses Leben, daß es der Firma ein leichtes wäre, den Arbeiten« etwas zuzulegen, ohne(ich selbst dadurch zu benachteiligen. Deutsches Reich. Der Weberstreik in Meeraue. Gestern teilten»vir mit, daß Einigungsverhandlunge» angebahnt seien. Die Hoffnung, welcher unser Chemnitzer Partei-Orgmr an diese Mitteilung knüpfte, hat sich nicht erfüllt. Die Fabrikanten nehmen eine so schroffe Haltting ein, daß die Aussichten auf einen Friedensschluß wieder in weite Ferne gerückt sind. Aus Meerane wird uns unter dem 29. Ottober telegraphiert: Die vereinigten Webereibesitzer haben das vom hiesigen Stadt- rat vorgeschlagene Einigungsamt heute abgelehnt. In einem Schreiben erklären dieselbe», daß von ihrer Seite Zugeftändinsie ans keinen Fall gemacht werden köimcn, und sollte der Generalstreik Monate dauern. Die Fabrikanten beharren darauf, daß die Stteikcuden den von ihnen— den Fabrikanten— aufgestellten Lohn- tarif unbedingt annehmen._ Der deutsche Bergarbeiter-Verband hat in seiner letzten Vorstands- sitzung beschlossen, den streikenden f r a n z ö s i s ch e n B e r g l e u t e n als erste Rate 5000 M. Unterstützung zn senden.— Der Vorstand erneuerte den Aufruf an die deutschen Bergarbeiter, l e i n« U e b e r- schichten zu machen, damit nicht noch mehr deutsche Kohle nach Frankreich geschafft werde. Trotz aller Ableugming der Unternehmer- Orgaue werden auf sehr vielen, namentlich auf westfälischen Zechen — wir wollen hier nur nennen die Zechen„FrieMictyn Nachbar" und „Baaker-Mulde", Zeche„Hagenbeck" bei Essen,„ M o n t C o n i s" b e i H e r ii e.„Tannenbaum" bei Bochimi— allwocheiitlichmehrere Tage, namentlich die letzten 3 Tage in der Woche. Ueberschichten erzwungen. Der Zwang wird ganz rücksichtslos ausgeübt. Aus einigen der ge- nannten Zechen hat man den organisierten Bergleuten ganz einfach mit Entlasiiing gedroht, wenn sie nicht mitmachen oder etwas in die Zeittmg bringen würden. Unter den Bergleuten herrscht deshalb große Erregung. Jhn- Führer sind von ihnen schon wiederholt bestürmt worden, ob es nicht besser sei, ebenfalls zu itreiken. Wenn die eindringlichen Abrattmgen der Verbandsleiter nicht mehr befolgt werden ntzd die Bergleute durch die bezeichnete Aufreizung seitens der Werksverwaltmigeii noch in den Stteik getrieben lverden, so weiß dann alle Welt, wer die Schuld ttägt. Am gl. d. W. findet eine internationale K o» s e r e n z der Bergleute statt, um zu dem französischen Stteik, zu der belgischen Bewegung und zu dem Verhalten der deutschen Bergleule und der deutschen Grubenverwaltuiigen Stellung zu nehmen, Die entlassenen Cigarrcuarbeiter der Kratzerschen Fabrik in Offenburg(Baden) köiinen— wie uns von dort geschrieben wird— nicht wieder arbeiten. Der Fabrikinspettor, der vermittelnd ein- gegriffen hat, riet den Arbeitern, daß sie wegen der ungünsttgeu Konjunktur auf ihre Forderiuigen verzichten. Nur für Licht wurde durch das Fabrikiiispektorat gesorgt. Sociales. Mit der Frage der Arbeitslaseu-Versicheriiug beschäftigte sich die Freie Vereinigung badischer Orts-, Bettiebs-, Bau- und Jiuuuigs- trankenkassen ans ihrer Jahresversamuckung am Sonntag in Offen- bürg. Sie beschloß dazu folgende Resolution: „Die heuttge Geiieralversaiiimlmig erachtet die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit als unumgänglich notwendig. Dieselbe muß auf der Basis einer öffentlich rechtlichen Institution mit Zwang für alle Arbeiter eingeführt werden, zu deren Lasten Reich, Unternehmer und Versicherte beizutragen haben. Als Träger dieser Versicherung werden die Krankeiilassen bestellt, in Verbindung damit der Arbeits- Nachweis, Beide Jnstttuttonen müssen einer gründlichen Ausgestaltung unterzogen werden. Die Unterstützmig müßte in gleicher Hohe zu bemessen und von gleicher Dauer sein, wie bei den Krankenkassen." Arbelterstatistik in Ocstreich. Der vstreichische Arbeitsbeirat, eine ähnliche Institution wie der dem deutschen reichSstatisttschen Amt beigegebene Beirat, jedoch besser ziisaimuengesetzt, nahm folgenden Antrag der socialdemokrattschen Mitglieder an: „das k. k. arbeitSstattstische Amt zu ersuchen, Einrichtungen für eine A r b e i t s l o s e n- S t a t i st i k zu treffen, um eine genauere Kenntnis über den Umfang und die Bedeutung der Arbeitslosigkeit zu ermöglichen." Ebenso wurde ein Antrag auf Eiickeitung von Erhebungen Über die Lage der landwirtschaftlichen Arbeiter an- genommen._ Huö der frauenbewegung. Verein für Frauen und Mädchen. Montag, den 3. November-, abends 8>/z Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstr. 20: Vortrag von Lily Braun über:„Entwicklungstendenzen der Frauen» arbeit." Gäste willkomnien. Der Vorstand. Gerickts-�eitung. Ein arger Reinfall der Polizei. Vor der 145. Abteilung de» Schöffengerichts stand am Montag abermals Termin an gegen den Schuhmacher Ranft. Selbiger sollte sich am 1. Mai d. I. des groben Unfugs und eines Vergehens gegen A132 der Straße»- Ordnung— AerkehrSbehinderung, hergeleitet ans der Teil- nähme an einem unerlaubten öffentlichen Aufzuge— schuldig gemacht haben. Bon der Polizei war ihm deswegen ein Strafinändat m Höhe.von 30 M. zugegangen, wogegen er durch den Rechtsanwalt Wolfgang Heine Berufung eingelegt hatte. In dieser Sache fand bereits vor mehreren Wochen ein Termin statt, der aber auf Antrag der Staatsanwaltschaft vertagt wurde, weil noch zwei Polizeioffizirre als Zeugen geladen werden sollten. Der Thatbestand ist kurz folgender: Am 1. Mai d. I. hielt die Berliner Zahlstelle des Vereins deutscher Schuhmacher ihre von ca. 2000 Personen besuchte Mai- f est- V er s amm l u n g bei Lipps im„Friedrichshain" ab. Siach beendeter Versammlung wollten sich die Teilnehmer nach dem Schlesischen Bahnhof begeben, um einen gemeinschaftlichen Ausflug nach Friedrichshagen zu imternehmen. Sie verließen also das Lokal inid gingen in zwanglosen Gruppen auf dem erhöhten Promenadenwege der Friedeiisttaße nach dem Landsberger Thor. Währenddessen war aber die Absicht der Versammelten, sich an dem AuSflng zu beteiligen, von dem überwachenden Polizeilientenant G o l tz e mif Grund erhaltener Jnsttiiktton an den Neviervorstcmd telephonisch gemeldet worden. Polizeihauplinarm Heisch ko hatte bereits vorher in Erwartung einer großen, vielleicht revoluttonären Mai-Demonsttatton die Sckuch- mcmisichaft des Reviers bedeutend sierstärtt und zusammengezogen und rückte nach erhaltener Meldung sofort an oer Spitz« seiner Polizeitruppe nach dem Landsberger Thor ab. um die angeblichen Demonstranten zu zerstreuen und so einen möglicherweise geplanten revolutionären Gewaltatt noch im Keime zu ersticken. Alser der harmlosen Spaziergänger ansichttg wurde, tommandierte er vom Pferde herimrer: „Schwärmen"! Die Schutzleute bildeten hierauf eine Kette und drangen im Swrmfchritte in die Masse ein, diese iu wenig rücksichts- voller Weise fortwährend zum Auseinandergehen auffordernd. Sie hatten laut früherer eidlicher Bekundung des SchutzniauirS chSmidtS ben strikten Befehl, unter allen Umständen den „Zug" auseinanderzutreiben, weis sie denn auch so gründlich besorgten, daß einige der Ausflügler über die Umzäunung des PronienadenwegeS gestoßen wurden und auf den Aahrdauun und auch in den FnedrichSham hineinfielen. Das ganze Ergebnis dieser Polizeiattagne war— das eine Strafmandat gegen Rauft. Letzterer war nämlich, um nur nicht mit der Polizei in Konflikt zu kommen. mit einigen andren Kollegen vom Premenadeuwege heruntergegangen, um sich Wer den Fahrdaunn nach dem Trottoir zu begeben: er hatte sich also den Aufforderungeii der Schutzleute gemäß aus dem.Zuge" ent- fernt. Trotzdem forderte ihn der Schutzmann Schmidts noch extra auf, „auseinanderzugehen". Ranft soll dem Schntzmaim hierauf eine „unziemliche" Antwort gegeben haben, was jener aber bestreitet. Er will nur gesagt haben:„Was wollen Sie denn von mir, ich gehe ja schon meiner Wege." Infolgedessen wurde Rauft zur Wache sistiert. Polizeihauptmann H e t s ch k o kann als Zeuge über diesen Special- fall nichts bekunden, ist jedoch der Ansicht, daß es sich hier um eine Denroustrasion, um einen öffentlichen Aufzug gehandelt habe, den zu zerftreuen er Befehl habe. Polizei- liculenant G o l tz e sagt ans, der Vorsitzende der Mai-Verfammlung habe die Anwesenden allerdings nicht aufgefordert, in geschlossenem Zuge zu marschieren: auch sei der Weg, den die Ausflügler gingen, der nach st e nach dem Schlesischen Bahnhof geloesen. Schutzmann Schmidts leistet den Zeugeneid in dem bekalmten„militä- rischei»" Tone und macht seine Aussage im Sinne der Anklage. Von den Entlastungszeugen wurden nur die Schiihmacher Herrmann und Ebel vernommen. Nach beendeter Beweisauf- nähme beantragte der Staatsanwalt selbst die kostenlose Freisprechung. Es sei keineswegs erwiesen, daß es sich bei dem geplanten Ausfhig um eine Demonstration oder gar um einen geschlossenen öffenllichen Aufzug gehandelt habe. Infolgedessen könne auch keine Verletzung der Straßenordnung stattgefunden haben: ebenfalls fei die VerÜbung groben Unfugs aus- geschlossen. Rechtsanwalt Heine schließt sich dem An- trage des Staatsanwalts an und in der Hauptfache auch dessen Begründung. Eine Beunruhigung des Publikums sei weder vom Angeklagten, noch von den übrigen Ausflüglern erfolgt, vielmehr s ei diese auf einer ganz andern Seite zu finden gewesen. UebrigenS müsse das Polizeipräsidium selbst der Meinung gewesen fem, daß es sich hier um keinen öffentliche» Aufzug handle, andernfalls wäre wohl sicher Strafanirag bei der Staatsanlvaltschaft wegen Verletzung des Vereinsgesetzes gestellt worden. Entgegen der Ansicht des Staats- anlvalts müsse er ausdrücklich betonen, daß die Polizei keines- weg» das Recht habe, rechts- oder zwecklvidrige An« ordnungen zu erlassen, mithin habe für den Angeklagten auch gar nicht einmal eine Pflicht vorgelegen, der Aufforderung des Schutzmanns nachzukommen. Dieser Ausfassung trat auch das Gericht bei, gestützt auf ein Urteil des Kannnergericht» vom 2>, Februar 1902, wonach die Richtbesolgung einer polizeilichen Anordnung nur dann strafbar ist, wenn letztere sich auch im Rahinen und den Voraussetzungen des K 132 der Straßenordnimg hält. Im übrigen schloß sich das Gericht sämtlichen Argumenten des Staatsanwalts und des Verteidigers an. Der Vorsitzende hob hierbei noch ausdrücklich hervor, daß die Beurteilung einer fttafbaren Handlung nicht von politischen Gesichtspunkten aus erfolgen könne: ob der An- geklagte zur socialdemokratischen Partei gehöre oder nicht, das sei ganz gleichgültig. Nach Lage der Sache nliisse auf k o st e n l o s e Freisprechung erkannt werden. I» dem Prozeß wegen des LaudratSliedes ist gestern vor der Strafkammer zu Greifswald folgendes Urteil gefällt worden: ES ist erkannt, daß die Angeklagten Dr. Wendorsf, Stechcrt und Brandt der Beleidigung schuldig und deshalb Dr. Wendorff mit 60 M. eventl 4 Tagen Gefängnis, Stechcrt mit 300 M. eventl. 20 Tagen Gefängnis, Brandt mit 1 Monat Gefängnis zu bestrafen seien. Dem beleidigten Landrat Freiherr« von Malyahn ist die Publikationsbefngnis im„Grimmer KreiS-Wochenblatt". der„Greifswalder Zeitung", dem„GreifSwalder Tageblatt", der„National-Zeitung" und dem„Berliner Tageblatt" zuerkannt. Aus dem zehnten Verse des LiedeS geht die Absicht der Beleidigung hervor. Wenn die Angeklagten es auch nicht bcabsichtiateu, so konnte doch der zehnte VerS dahin verstanden werden, als stände Landrat Freiherr v. Maltzahn auf demselben sittlichen Standpunkt wie sein Amtsvorgängcr. Die Voraussetzung des§ 193 ist daher hier nicht vorhanden. Bei der Sttafzumessung find bei Brandt und Stechert die Borstrafen, bei Brandt außerdem noch der Umstand berücksichttgt worden, daß er der Verfasser des LiedeS war. ES ist ferner die Schwere der Beleidigung in einer so großen Versammlung gegen einen auf sehr.exponiertem Posten stehenden Landrat in Betracht gezogen werden. Ueberschreitung deS ZüchtigungSrechtS gegenüber seinen Schülern in vier Fällen wurde dem Gemeindeschullehrer Johannes Krüger zur Last gelegt, welcher gestern vor der dritten Strafkaimner des Landgerichts I stand. Der Angeklagte befindet sich seit dem 1. Ja- nuar 1875 in städtischen Diensten und unterrichtete an der 125. Gc- meindeschule. Es wird nun üi der Anklage behailptet, daß er eine besondere Neigung zu körperlichen Züchtigungen gehabt hat. ES sind folgende Fälle zur Kenntnis seiner vorgesetzten Behörde gelangt: Am 22. April 1901 soll der Angeklagte dem llinhrigen Schüler Willy Bär eine so heftige Ohrfeige versetzt haben, daß dieser angeblich noch heute an Ohrensausen leidet. Zu derselben Zeit wurde der 11jährige Schüler Wilhelm Kling- sporn einer Züchtigung ausgesetzt, welche das Maß des Erlaubten weit überschritten haben soll. Weil der Schüler eine an ihn gerichtete Frage in der Geographie nicht beantworten konnte, züchttgte der Angeklagte ihn in der Werse, daß er den Kopf des Knaben so fest zwischen seine Knie klemmte, daß das Kind Schmerzen empfand. In dieser Stellung bearbeitete der Angeklagte das Gesäß des Knaben mit einem Rohrftock. In einem andren Fall foll der Lehrer den damals zehnjährigen Schüler Hans Helwig zehn bis zwölf Schläge mit dem Rohrftock über«opf und Hände gegeben haben, weil er beim Diktat einen Fehler machte. Der Kopf soll Striemen gezeigt haben. Endlich soll Krüger am 21. Mai 1891 dem Schüler Graf einen Schlag mit dem Rohrstock über den Kopf gegeben haben, daß eine längere Zeit schmerzende Beule entstand. Der Beschuldigte bestritt, baß er das ihm zustehende Züchtigungsrecht überschritten habe. Er sei von dem Gefühle der Liebe zu seinem Berufe beseelt, verfüge über viel Geduld und Laugmut, doch bisweilen würden in dieser Beziehung zu hohe Ansprüche an einen Lehrer gestellt und das Einschreiten mittels körperlicher Züchtigung sei mierläßlich. Der Staatsanwalt beantragte eine Geldstrafe von insgesamt 60 M. — Der Verteidiger beantragte die Freisprechung, da alle Fälle von Mißhandlungen, die für die Gesundheit nachteilige Folgen haben, mir diseiplinarisch laut Kabinettsorder bestraft werden könnten.— Der Gerichtshof ging über den Anttag des Staatsanwalts hinaus und verurteilte den Angeklagten wegen Mißhandlung im Amte in zwei Fällen zu 130 M. Geldstrafe. Im Heliosprozeß wurde gestern abend VjlO Uhr das Urteil vcr- kündet, llutcr Aufhebung deS ersten Urteils wurden sämtliche Angeklagten freigesprochen und die Koste» der Staats- lasse auferlegt.— Die gegen den Angckl. Rietz vorbehallene Un- gebührstrafe wurde auf 30 M. festgesetzt. Versammlungen. Eentrum und Gocialdemokrotie. Ueöer dies Thema referierte Genosse v. Volkmar in einer imposanten Vollsversammlung für den dritten Berliner Reichstags- Wahltreis, die den großen Saal des Bnggenhogcttschen Etablissements bis auf den letzten Platz füllte. Redner geht— nach seinen einleitenden Worten— davon aus, daß alle gegnerischen Parteien zu bekämpfen seien,»r habe deshalb auch zugestimmt, daß der letzte Parteitag die Stellung der Partei zum Eenttmn nicht besonder» de- handle. Selbstverständlich sei er weit davon entfernt gewesen, die Lerantwottl. Redakteur! Carl Leid in Berlin. Inseratenteil verantwortlich:% klerikale Partei irgendwie zu unterschätzen, wie eS ja im politischen Leben überhaupt nichts schädlicheres gebe, als eine Uuterschätzung der Gegner. Die jetzige hervorragende, wohl einzig« Stellung einer katholische» Partei im wesentlich mcht katholische» Deutschland verdanke das Centrinn der Thorheit jenes vielgenannten„KnltnrkampfeS". Gerade im katholischen Bayern habe damals eine CeiitruniSpartei im heutigen Umfange auch nicht in, entfenitesten bestanden. Soweit man Politik tneb, habe man sich wenig oder nicht von religiösen Gefühlen leite,! lasten. Das sei anders geworden, als das Volk sah, daß der Gendarm in der Sakristei der Kirchen gebieten sollt«. Da sei da» katholische Volk aufgerüttelt worden, und die Partei, die oben keine Neigungen fand, habe sich an das Volk geivandt und ihm demokratische Konzessionen gemacht. Da Hab« ein ivkallinckrodt, da?„Een'issen" des Centruins", in den berühmt gelvordencii poli- tischen Reden gesprochen von„der Freiheit, die vorlänsig auf den Spitzen der Bajonette fitze", von der Gefahr des JmpcratorentumS, zu den, der Militarisnms führe. Die heftigste» Angriffe gegen den alles ver- schlingenden MilitariSmue feie» allenthalben von Ceiittumsleutei, ge- »lach, worden.— Redner schilderte dann die später« Entwickelung deS Centrums mit Bezug aus Dkilitansmus, Kolonialpolitik und Rärin ismuS und zeigte in schlüssiger Darstellimg, wie die veränderte Stellung der Regierung zur katholischen Kirche zur Aeuderung der Ceutrimispolitik fiibrte, bis es schließlich aus einer mehr demotra- tischen militärfeindlichen, die militärsrommste Partei geworden sei. Einige seiner Leute, so der Pfarrer nnd eheinalige Redakteur Majuuke, hätten schlankweg ausgesprochen oder geschrieben, die .Handlungen des Ceuttnms wären durch kirchliche Jntereffen bestimmt worden. Genau so, wie da? Ceiitrnui früher gegen das Septeimat. gegen de» Militarismus gestimmt habe. weil eine kirchenfeindliche Regieriiug nicht zu stärken sei, so habe es nach Aenderung der Verhältnisse die Pflicht gehabt, umzukehren und für das Militär zu stimmen. Das Centrum sei eine konfessionelle Partei.— Genoffe Bollmar wies weiter nach, daß das Centrum in de» letzten Fahren enisig bemüht sei. ans die Wünsche des Reichs- oberhaupteS Rücksicht zu nehmen. Man sehe sich immer mehr die Politik breit machen, die darauf ausgeht, sich„nach oben ranzuwerfen". Die Centrumspartei spiele sich auf als die eigent- liche Kaiserpartei. Gröber habe sich dazu verstiegen, sie als festestes Bollwerk deS Thrones hinzustellen. ohne da§ die christliche Gesellschaft vernichtet wäre. Mit solchen Zwei- deutigkeite» nach oben wolle man ein außerordentlickies Gc- schäst machen. WaS dies„festeste Bollwerk des Thrones" auf sich habe, beweise die Thatsache, daß der Papst selber die Katholiken Frankreichs seiner Zeit von der Monarchie zur Republik befohlen habe. Für die katholische Kirche sei eben(nach ihren Grundsätzen) jede Gewalt legitim von dem Augenblick an, wo sie bestehe.— Eine solche Partei, die die kirchlichen Interessen über das Volkswohl stelle, habe na rurgemäß ihre früheren freiheitlichen An- schauungen verlieren müssen. Daß das Eentrun, jeder Aeußerung deö fteien Geistes der Wissenschaft und der Kunst abhold sei. zeigte sich beim Umsturzgesetz und der lex Heinze.— Nachdem Redner weitere Beispiele dafür angeführt hatte, daß das Centrun, fteiheitsfeindlich und keine Volkspartei sei, zog er in den Kreis seiner Bettachtimgen auch daS Wahlbündnis, welches Socialdemokratie und Centtum bei den Landtags- Wahlen in Bayern abschlössen. Dieses allerdings heroische Mittel habe der bayrischen Socialdemokrasie nicht nur einen Zu- wachs der Landtags-Mandate von 5 auf 11 gebracht, sondern auch das mehrheitslüsterne Centtum kompromittert und— die seit neun Jahren von der Socialdeniottatie in, Landtag betriebene Sache der Wahlreforn» gegen den Willen des Centtums nunmehr zu einer endgülttgen gemacht. Wir hätten die Herren in der Hand. Wollten sie nicht' die Reform durchführen, dann verlören sie bei den nächsten Wahlen die Mehrheit, die sie nur durch uns hätten. Wenn man auch nicht da? volle gleiche Wahlrecht erlangen werde, so doch ein besseres als jetzt, und Redner sei der Ueberzeugung, daß. wenn erst ein Resultat vorliege, niemand mehr daran denken werde, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die Genossen mit dem ftaglichen Wahlbündnis recht gehandelt hätten oder nicht. Im zweiten Teil seines zweistündigen Vortrages wandte sich Redner der �.hätigkeit des Centtums auf socialem Gebiete zu. Wie eine Partei des Kaisers, des Papstes, des Mittelstandes, der Bauern und die „irdische Vcrttctung GotteS" wolle das Centtum auch eine Arbeittr- Partei sein. Alles was in Deutschland auf dem Gebiete der Social- Politik geschehen sei, will das Centtum gemacht haben. Da brüste es sich damit, daß der erste Arbeiterschntz-Anttag im Reichstag(dem wenige Wochen später ein socialdeinottatischer folgte) ein CcnlrumS- anttag gewesen sei. Bezeichnend für das Centtum seien die Vorgänge auf dem internattonaleu katholischen Socialkongreß zu Lüttich vom Jahre 1890. Namentlich die romanischen Vertreter, und besonders Kirchenlichter, hätten sich dort auf einen Standpunkt gestellt, der an Beschränktheit den des seligen Stumm und Gen. noch iiberttaf. In einer gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit erblickten verschiedene der Herren eine Beeinträchtigung der Freiheit der Arbeit, andre meinten, eine kürzere Arbeitszeit würden die Arbeiter zun, Bummeln und Saufen benutzen. Wegen der Vorschläge einiger deutscher katholischer Socialpolitiker sei eS zu wahren Rauferciei, in der Debatte gekommen. Am ärgsten wäre eS gewesen, als der Oestreicher Graf v. Kufstein für einen so ailskönimlichen Lohn eingetreten sei, daß der Arbeiter auch noch der Erholung und dem Vergnügen etwas widmen könne, und als derselbe Herr meinte, die Gesellschaft müsse für alle das Notwendige und auch Angeuehiue nach Möglichkeit produzieren und einem größtmöglichsten Mitgliederlreise zugänglich zu machen. Den Eindruck dieser Ausführungen aus die Ver- lainineltcii kenuzeichnele der Bischof Korm» von Trier mit den Worten, sie hätten auf den Kongreß gewirkt wie Dvnmliit. Be- sonders eine große Anzahl Theologen zogen wütend gegen den Grafen Kuffsteiu los. Sie stellten sich auf den Staiidpnnkt, der Lohnverttag sei und müsse bleiben ein reiner Arbeitsvertrag von Person zu Person: der einmal vereinbarte Lohn genüge. Und ein französischer Advokat erklärte, wenn jemand bei einem so ver- cinbarten bestimniten Lohn Gefahr laufe zu verhungern, dann sei ei Sache der christlichen Nächstenliebe, ihm zu helfen. Was das Centtum überhaupt zur Erörterung socialpolitischer Fragen drängt, habe übrigens Bischof Komm deutlich gesagt:„Wir müssen eilmreifen und Socialpolitik treiben, sonst falle» die Arbeiter ganz der Socialdeniottatie in die Hände." Also lediglich um ein erbärmliches Konkurrenzbesttebeii handele eS sich. Seit dem Kongreß habe sich das Centrum jeder principiellen Äerttefung in social- politische Fragen ferngehalten. Kleine Maßregeln habe in Deutsch- land seitdem das Cenirum durchführen helfen, und man habe es in möglichst schlechter Form gemacht. Auf dem wichligsten Gebiet, dem der gesetzlichen Festlegung eines Maximal-Arbeitstages, sei nichts geschehen. Die hauptsächlichste Thätigkeit des Centtums auf socialpolitischem Gebiet sei. daß eS gegen die Socialdemottalie schimpfte und dieser, wenn sie unzulängliche Gesetze ablehnte, vor- warf, sie hätten das Gesetz niedergestimmt. So auch beim Invaliden- versicherungs-Gesetz. obwohl das Centrum selbst dagegen gestimmt habe und in der zweiten Lesung nur 13 C entnmlSftnnmen dafür, aber 75 Centrumsstimmen dagegen gewesen seien. Und das mache der Socialdemokratie einen Vorwnrs und blähe sich wie ein Ochsen- ftosch großmächtig aus. als ob eS Wunder was für Verdienste um dieses Gesetz habe. Cetittumsvertteter seien übrigens dafür ein- gelreten, daß die Rentenfestfetzung fiir Ilnfallverletzie erschwer! wurde, imd hätten behauplet. eS liefen zu viel Rentenempfänger herum, die eigentlich kein Anrecht darauf hätten. Während> 869 Bischof Ketteler von Mainz unser» damaligen Paettigenosieu Fritzsche den Tabakarbeitern aller religiösen RicbNmgen als ein Muster hingestellt und den An- schliitz an die von ihm geleitete Gernnfschaft empf echten habe, gründe jetzt das Centtum konfessionelle Orgaiiisatioueii, natürlich immer erst dann, wenn die SocialdemOttaleu varmigcgangen seien. Die Früchte werde es allerdings nicht kange tragen, aber zunächst wirke doch diese ganze Thätigkeit dahin» daß die Arbeiterbewegung gc- spalten und geschwächt werde» was wieder die Social- Politik hintenan halte. Diese eine Sunde des Centtums wiege alles auf, was die Partei«i der Doeialpoliti! bisher gethau habe.— Zun, Schluß noch etwas über die Behandlung >. Glocke in Berlin. Druck u. BerlagiVörwärts Buchdnickerei u. VerlagSanstall des rekjgösen Motivs. ES sei erfreulich, wie der Münchener Partei« tag einmütig die Anregungen des freireligiösen Genossen Welcker abgethan habe. Mit dem von ihm gewünschten energischen Kampf gegen die Religion, wären wir zurückgefallen in die Kiiiderlraiikheiten imsrer Partei. Die Scheidung zwischen Politik und Religion sei sestziihalten. Wir hätten ein politisches und ökonomisches Programm, nicht aber eine Kirchenlehre. Der Satz:„Religio» ist Primnsache", könne nichts andres bedeuten als: Volle Neutralität gegenüber der kirchlichen und rcligiösenLehre. soweitsiesichalssolchegiebtundnichtetwa zu politischen Machtzwecke» benutzt wird. Er schließe damit, daß es eine Notwendigkeit sei, die Ceutruinsvartei mit aller Macht zu be- kämpfen. Es sei gegen sie mit voller, ungebrochener Kraft vor- zugehen, aber alles beiseite zu lassen, was irgendwie schwächend wirken könnte, also auch das religiöse Gebiet. Dann würden wir auch die Kämpfe, die uns bevorstehen und die heftiger und größer Werden könnten wie seit langem, so durchführen, daß sie unsre Partei zur ausschlaggebenden machen, um eine Besserung der Ber» hältuiss« für das deutsche Volk zu ermöglichen.(Stürmischer, anhaltender Beifall.) In der furzen Debatte trat der Genosse Schäfer dafür ein, daß wenigstens jeder einzelne Genosse in der Familie für religiöse Aufklärung sorgen sollte.— In seinem Schlußwort betonte Genosse Bollmar, daß der einzelne als Privatperson das Aecht habe, in religiöser Beziehung zu mackcn was er wolle: er dürfe aber nicht die Partei damit behelligen. Die religiöse Ueberzeugung der Paaeigeiivsseii gehe inemaud etwas an, und er. Redner, würde es sich verbitten, danach gefragt zu iverden. Ein Socialdemokrat braucye noch kein Freidenker sein.— Die Per- saimnlung gab durch lebhaften Beifall ihre Zustimuuuig zu erkennen. — Nachdem der Vorsitzende Hoch die Auwel enden auf ihre Partei« pflichten aufmerksam gemacht hatte, trennte man sich mit einem begeisterten Hoch auf die Socialdemokratie. Köpenick. Mit den GewerbegerichtS-Wahlen beschäftigte sich am 24. d. M. eine im„Wilhelmsgarten" tagende Volksversammlung. Nach einem Vortrage des Gewerbegerichts-Beisitzers Behrend-Berlin winden folgende Kandidaten aufgestellt: Adolf Sonntag Tischler; All'ert Linke. Maurer; Friedrich Woik, Textilarbeiter. Edward L i<> t s ch e, Arbeiter. Als Stellvertreter: Karl Sehne, Zimmerer; Wilhelm Pölchen, Heizer; Marlin Klose, Maurer; Eduard Becher, Bau- und Erdarbeiter. Zrt der gestrigen Erklärung des Genoffen Hinrichsen erwidere ich mir krnz. uin den Raum des„Vorwärts" mit der unerquicklichen Sache Gubela nicht über Gebühr in Anspruch zu nehmen. Das Gewerlschaftskartcll lud die Vertrauensleute Berlins und Umgebur.« zu einer Sitzung ei», um unsre Erklärung in der Gubelaschen Ailgelcgei.hcit„nachzuprüfen". Eine Teilnahme an solcher Sitzung wurde von uns abgelehnt, da wir, als Beauftragte der politischen Partei, nicht der Kontrolle des Kartells untersteheii.'Dagegen wurde der Unterzeichnete beaustragt. dcmKartelldie Gründe der Vertrancnsleutc schriftlich mitzuteilen und wenn ver- langt, noch miit mündlichen Jnformattonen an Hand zu gehen, da sich die Einzelheiten in dieser Affaire schriftlich nicht wieder- geben ließen. Schließlich wiesen wir noch darauf hin. daß Frau Gubela ja der � 2 des Organisati onsstatiits der P a r t e i zu Gebote stände, wenn sie die einstin, mig beschlossene Erklärung der Ber- trauensleute für uvigerechl halte. Hierauf schrtnbt Genosse Hinrichsen am 17. Oktober:„Die Jnterventton zwischen Kartell und Berliner VerttauenSlenten ist demnach hiermit erledigt. Der Hinweis auf§ 2 des LrganisationSstatukS war nieinerseitS schon vordem der Frau Gubela nahe gelegt und empfohlen worden, sie verzichtet darauf mit'Rücksicht auf früher gemachte Er» fahrungen. Für Ihre Bemühungen sagen besten Dank." Ich überlaste es hiernach den Berliner Genossen, selbst zu ur- teilen, ob meine Berichterstattung im fünften Kreise den Thatsachen entsprach.— Meine Privertanschauung, daß auch das Kartell sich der Frau Gubela entledigen werde, ist wohl nach der Erklärung deS Genossen Hinrichsen doch-die allzu verttauenSselige. Leopold Liepman«. Zur Richtigstellung. Bezugnehmend ans den in Skr. 250 deS „Vorwärts" enthaltenen Versa, nnilnngsbericht per Charlottenburger Zahlstelle deS Holzarbeiter-VerbandeS, erlaube ich mir als Verfasser des in Nr. 215 des„Vorwärts" veröffentlichten VersammlungS- berichts der Charlottenburger Gewerkschastskonnnission folgendes richtig zu stellen: Wenn der Bericht der Holzarbeiter sagt, daß der Bericht der GeiverkschastSkonimissionj em- seitig und parteiisch abgefaßt ist, weil in demselben lein Wort von der Rechtferttgung deS Drechsler Benscheck erwähnt ist, so muß ich sagen, daß aus den AuSführnngen des Genossen Benscheck, in welchen er sich.gegen den Vorwurf eines Streilbmchs resp. Verrats an der Arbeitersache(weil er während der Differenzen in der Allgemeinen OrtS-Krankenkasse dort als Angestellter eingetteten ist) wandte, sich nichts herausschälen ließ, welches als eine Rechtfertigung angesehen werden konnte. Schon die Thatsache, daß ich als einziger Redner der Versaminlnng riet, mit dein Genossen Benscheck nicht so scharf ins Gericht zu gehen, beweist, daß persönliche und parteiische Momente mir bei der Berichterstattung gänzlich ferngelegen haben. _ Otto F l e m m i n g. Letzte J�acbnebten und Depefcben. Zu den LandtogSwahlen in Hessen ist noch nachzuttagen, daß wir auch Offenbach uud Land mit 32 gegen 22 Wahlniännern glänzend behaupteten. Der franzSsische Bergarbciter-AuSstand. Paris, 29. Oktober.(W. T. B.) Ministerpräsident CombcS empfing heute nachmittag das Ncttionakkomitee der Bergarbeiter, mit dem zusammen Jaures, Briand und einige andre sodalistische Deputierte erschienen. CombeS erklärte, die Unterhandlungen mit den Grubengesellschaften seien gut im Gange und es bestehe Grund, eine befriedigende Lösung zu erhoffen; die socialistischen Teputierten teilten iiidessen dem Ministerpräsidenten mit, sie würden morgen eine Anfrage an ihn richten, um ihm Gelegeicheit zu geben, den Ttand der Angelegenheit offiziell bckann' zu geben. Unzuverlässige Stcuererheber. Christiania, 29. Ottober.(W. T. B.) Wie„Morgenbladct" mit- teilt, ist im hiesigen Steuererhebiings-Bureau das ganze Personal wegen Unzuverlässigkeit i» Geldsachen verabschiedet worden. Der neulich zurückgekehrte Bmccmches, den selbst keine Schuld tteffe, habe die Veraittwortilug für die Fehlbeträge zu tragen, die sich auf einige tausend Kronen beziffern. Eine gerichtliche Untersuchung scheine nicht eingelettet zu werden._ Lulkan-AnSbruch. Guatemala, 29. Oktober.(W. T. B.) Am heutigen Tage er- folgte wiederum ein schwerer Ausbruch deS Vulkans Santa Maria. Das Getöse war 150 Meilen weit hörbar; ein großer Kaffeedistrikt ist verwüstet worden. Durch die vulkanischen Ausbrüche sollen die blühendsten Tisttikte der Kaffeezone schweren Schaden genommen haben. Ter Umfang deS entstandenen Schadens ist aber wegen der strengen Zensur der einlaufenden Nachrichten noch nicht genau zu erkennen. Die mit Erdbeben verbundenen Ausbrüche dauern fort. Oldenburg, 29. Oktober.(W.T.B) Der wegen Tötung des Ober- amtsrichtcrs Becker zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilte Bankier v. Baden-Brnns wurde heute vom Schwurgericht noch wegen Depot« Unterschlagung zu 2 Jahren Gefängnis und uuter Umwaudlung der Strafe in Zuchthaus, inSgesmut zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt, sein Vater, der Prokurist der Bank war, wurde wegen Beihilfe zu einem Jahre Gefängnis verurteilt uuter Annahme mildernder Um« stände.____ Scuil Sinoer& Co.. Berlin S1V. Hierzu% Beilaqcu u.Nnterhaltungsblntt. — N-- 254. i9. m** i Mm des JoriDürtö" Ktllim NslliMM. v�d» MS. k�eickstag. 20S. Sitzunq. Mittwoch, den 29. Oktober 1902, mittags 12 11 Hr. Am Bundesratstisch: Graf Posadowsky, b. PodbielSki. Vor der Tagesordnung erhält das Wort Mg. Dr. Müller- Sagau(frf. 23p.). Im Namen meines Fraltionsgenossen Ritter. der verhindert ist, hier zu erscheinen, habe ich zu erklären, dast Herr Ritter am 23. Oktober d. I. überhauptnichtim Parlament gewesen ist, daß also die amtliche Feststellung des Herrn Schrift- fiihrerS. er habe bei der namentlichen Abstünmung über den Antrag §eim betr. Mindestzoll für Gerste mit Ja geantwortet, auf einen, rrtum beruht. Wäre Herr Abg. Ritter anwesend gewesen, so hätte er mit seinen politischen Freunden gegen diesen Antrag gestin,>nt. Hierauf wird die zweite Lesung des Zolltarif-Gesetzes bei den Minimal- und Maximalzöllen für Rindvieh fortgesetzt. Mg. Dr. Müllcr-Meiningen sfrs. Vp.): Auf die Wahlrede des Herrn Abg. Triinborn von gestern ein- zugehen habe ich keine Veranlassung. Herr Triinborn hat in Köln als Kölner, hier aber als Zöllner gesprochen.(Große Heiterkeit links, Unruhe im Centrum.) Graf Posadowsky hat gestern in Wirklichkeit nicht für die Regierungsvorlage, sondern für die Kommissionsbeschlüsse gesprochen. Er hat zwar gegen die Linke seine Lusthiebe gemacht und ist gegen den Kollegen Bebel angerannt, aber es wäre doch auch seine Auf- gäbe gewesen, gegen die Kommissionsanträge F r o n t zu machen. Bei seiner Bezugnahme auf England hat Graf Posadowsky die historische Seite der Sache nicht berücksichtigt. Gerade unter der Herrschast der hohen Agrarzölle hat sich in Eng- land die Latifundienwirtschaft entwickelt. Dieselbe unselige Politik, die in England den Bauen, stand vernichtet hat, wollen Sie(nach rechts) jetzt auch in Deutschland durchführen! Weiter n, einte Graf Posa- dowsky, Dänemark sei anS klimatischen Gründen nicht mit Deutschlcuw zu vergleichen. Welche großen klimatischen Unter- schiede besteben denn zwischen I ü t l a n d und Schleswig- Holstein? In Jütland hat kürzlich eine große Anzahl von Bauern gegen jede Erhöhung der Getreide- und Viehzölle protestiert. Auch zwischen Holland einerseits ,md Ostfriesland und Oldenburg andrerseits bestehen keine großen klimati- schen Unterschiede. Alles, was in dieser Beziehung für Hol- land gilt, hat ancb für Nordwest-Deutschland Gültigkeit. Bei den Ausführungen des Grafen Posadowsky. daß die Landwirtschaft nur dann höhere Löhne zahlen könne, wenn sie höhere Zölle habe, daß fie also die Zölle nickt fiir sich, sondern für die Arbeiter wolle, ist mir eine�lleine Episode aus einem Wienxr Kaffeehaus eingefallen. Dort passierte einen, Kellner das Malheur, eine Masse Tassen, Teller und Gläser fallen zu lassen. Als der Wirt klagend die Hände über dem Kopfe zusammenschlug, meinte ein Gast, der Wirt sei ja doch xin reicher Mann, der den Verlust verschmerzen könne. Da sagte der Cafätier:„Es ist nicht meinetwegen, sondern wegen des armen Kellners, der mir alles auf Heller und Pfennig ersetzen muß." Daß eine Fleischnot besteht, wird selbst vom Bayrischen Land- wirtschastsrat und andren extrem agrarischen Körperschaften zugegeben. Die„Germania" koastatiert, daß die Klagen aus allen Teilen deS Deutschen Reiches kommen. Daraus geht doch aber her- vor, daß es sich nicht um Machinationen der Viehhändler handeln kann. Die Fleischnot verursacht besonders den kleinen Bauern großen Schaden, da vielfach, um von den hohen Preisen zu pro- fitieren, Zuchtschweine verkauft werden. Graf Posadowsky wies gestern darauf hin. daß das Gewicht des Stückes Vieh sich gehoben habe. Nach der Statistik aber hat das Schlachtgewicht abgenommen. Das heißt die Qualität des Viehes hat sich verschlechtert. �Bei der von den Agrariern beliebten Schnellmästung ist das auch gar nicht wunderbar. Diese Herren thäten besser, rhre Kartoffeln statt zur Schnapsbereitung zur Vieh- mästung zu verwenden.(Sehr richtig! links.) Eine Fleischteuerung besteht zweifellos. Das Volk aber kann doch nicht von den Hoff- nungen und Wünschen des Herrn v. Oldenburg leben.(Sehr gut! links.) Es ist höchste Zeit, daß die Regierung gegen diese Kalamität ernste Maßregeln ergreist.— Graf Kanitz sprach von den Preisen und Zöllen in, Auslande. In der That würde nach den, vor- liegenden Zolltarif Deutschland in Zukunft den höchsten Zoll- siitz für Schweine und Schafe haben.(Hört l Höst! links.) Was die Preise anlangt, so haben wir bereits vor der Teuerung, abgesehen von Paris, die höchsten Schweinepreise von der ganzen Welt gezahlt.(Hört! hört! links.) In Rußland und Holland sind die Fleischpreise um mehr als den Zoll niedriger als bei uns.— Was das Borsäureverbot anlangt, so hat Graf Posadowsky selbst zugegeben, daß es auf einer wissenschaftlichen Hypothese beruht. Ein allgemeines Borsäureverbot besieht weder m Frankreich, noch in Belgien,„och in der Schweiz. Belgien hat siir Fleisch gar kein Borsäureverbot. Die mit Hunden beim ReichS-Gesundhe,tsamt angestellten Versuche sind absolut ui, wissenschaftlich. Einen Hund ließ man erst vier Tage hungern, gab ihin daim am fünften und sechsten Tage einige'Granu,, Borsäure ein und wunderte sich dann, daß das arine Tier verreckte. Ebenso lächerlich waren die Bestriche mit dem eigentlicken Reicks-Soda-Hund. Diese Bestriche sind dem Spott der ganzen loisseuschaftlicheu Welt verfallen. Ein Hilfsarbeiter im Reichs-Gesundheitsanrt, der sogenannte„ R e i Ä s- P l a S m o n- Doktor"(Heiterkeit), nahm zum Frühstück Plasmon, Kochsalz, Fleischextrakt nnd heißes Waffer, darauf als Zuspeise 2—3 Grainm Borsäure. Als er sich darauf e r b r e ch e n»nißte, glaubte er die Schädlichkeit der Borsäure erwiesen zu haben. (Heiterkeit� Wenn der arme Mann noch hundert Pflaumen gegessen hätte, wäre er wahrscheinlich ein Kind des Todes aeweseu.(Große Heiterkeit.) Daraus hätte er dann auf die Gesnndheitsschädllchkeit der Pslainnen geschlossen.(Erneute Heiterkeit.) xn den gesüiidesten Obstsorten, sogar in den Erdbeeren, ist Bostänre vorhanden.(Hört! hört I links.) Nach diesen neueren Wissenschaft- lichen Untersuchlmgen hätten da? Reichs-Gesundheitsamt und die Regierung die Pflicht und Sckuldigkeit, ihre Versuche auf besserer Grundlage zu revidleren. lSehr richtig I links.) Das Borsäure- verbot trifft incht mirdic Fleischeinfuhr, sondern auch ganz besonders den inländischen Fleischverkehr. Die geben nun zwar daS Vorhandensein einer gewissen Fs.�I ch t e u e r u n g zu, leugnen aber das Bestehen einer Fl e, Ichnot In der„Augsb. Poslzlg.", die dem Vertreter der trockenen Schaschen-Theorie(Heiterkeit)' hier im Reichstag wohl nicht gwiz sstnileht, sind eme Anzahl Artikel erschienen, die von einem Mttglicde des Reichstags herzurühren scheinen. Vielleicht giebt uns einer der bahstschen Kollegen darüber Auskunft. In diesen Arsikeln wird das Besteht« em«S BiehmangelS in den Städten zu- gegeben und weiter ausgeführt, von einer entsprechenden Mebrznfuhr vom Lande sei keine Rede. Au f d e m Lande rühre sich nichts, un, eine genügende rstMeriorgimg der Städte in die Wege zu leiten. Der eme UNilel ichließt:„Des Bauern größter Feind ist der Bauer."(Zuruf in, Centrnm: Ein freisinniges Blatt I) Rem, es ist �, n freisinniges Blatt I Die agrarische Genossenschaftsbewegung hat be, den, Vestuch. die Viehversorg,»ig in die Hand ö""stmen. vollständig versagt. Eine genane Statistik über diese Verhältnisse»st dringend erforderlich Die Konservativen schaden den kleinen Bauern mu ihrer Schupzoll- Politik. Wer den Bauern die F u t t e r m, t t e l verteuert, treibt Antibauern Politik!(Sehr richtig I lniks.) Sie(nach rechts) werfen uns immer vor, es sei uns nicht ernst irn der Herabsetzung der Zölle. Nu», wir werden ja.sehen wenn nur noch zu den Jndustriezöllen kommen, was ich mcht glaube, ob wir dann nicht Hand in Hand mit Ihnen an die Herabietzung dieser Zolle herangehen. Ihre unheilvolle Politik werden ww beiamvsen nicht „Ja" Ich bloß im Interesse der Konnnnenten, sondern auch der kleineu büuer- lichen produzierenden Bevölkerung.(Beifall links.) Vicepräsideni Büsing teilt mit, daß von den Abg. Rettich(k.) und v. Grand-Ry(C.) ein Antrag auf Schluß der Debatte ein- gegangen ist.(Große Unruhe links.) Der Antrag wird gemigend(von den beiden konservativen Parteien und dem Centrum) unterstützt. Abg. Singer(Soc.) beantragt namentliche Abstimmung über diesen Schliißantrag. Der Antrag ans namentliche Msnmminig wird von den Social- demokraten und den fteisinnigen Parteien, mithin ebenfalls genügend imterstützt. An der Abstimnmng beteiligen sich 263 Abgeordnete, mit stimmen 189, mit„Nein" 85, der Abstimmung enthalten sich 3. Der Antrag auf Schluß der Debntte ist also angenommc». Abg. Dr. Bliiller-Sagan(frs. Vp., zur GeschKftSordnu»,g): möchte nur feststellen, daß mir durch die Annahme des Schluß mitrages die Möglichkeit genonrinei» ist, auf die Angriffe der Herren Kollegen v. O l d e n b u r g und Graf K a n i tz zu erwidern. Ich behalte mir diese Erwiderung für die nächste Gelegenheit vor. Abg. Sittart(C.): Ich möchte ebenfalls konstatieren, daß mir durch den Schluß der Debatte unmöglich gemacht ist, näher miSzu- führen, wie der preußische Landwirtschaftsmiiilster Herr von P o d- b i e l s k i durch seine ivenig wohl>v ollende Behandlung dringender und wohlbegriindeter Gesuche aus meinem Wahlkreise um Zulassimg eines bestimmten Kontingents Schweine über die Grenze es fertig gebracht hat, daß ich ans einem Freunde der Bichzölle ein Gegner geworden bin.(Hört j hört! links. Bewegung.) In seinem Schlußwort wendet sich der Abg. Herold(C.) als Berichterstatter der Kommission gegen den Vorwurf des Abg. Bebel, er habe einen zu kurzen Bericht erstattet. Er halte es für besser, in wenig Worten möglichst viel, als in langen Reden wenig zu sagen.(Lebh. Beifall im Centrum und rechts. Unruhe links.) In der iiumnehr folgenden Abstimmung wird zunächst der Antrag Wangen heim(f.), den Minimalzoll fiir Rindvieh auf 18 M. pro Doppelceiitner Lebendgewicht festzusetzen, abgelehnt. Dafür stimmt die Mehrheit der Konservativen und die Antisemitkn. Ein Antrag A l b r e ch t(Soc), in den Kommissionsbeschliissen statt„Lebendgewicht" zu setzen„Schlachtgewicht" wird gegen die Stimmen der Socialdemokraten, der beiden freisinnigen Parteien uiii des Abg. Schwarz-München(wildlib.) abgelehnt. Die Abstimmung über die Kommissonsfassung(14,49 M Mimnialzoll für Rindvieh pro Doppelceiitner Lebendgewicht) ist au Antrag Singer(Soc.) eine namentliche. Es nestmen an der Abstimmung teil 284 Abgeordnete. Davon stimmen mit„Ja" 161, mit„Nein" 120 Abgeordnete, der Stimme enthalten sich 3. Die Konimissionsfassung ist somit angenommen. Für den Antrag der Koinmissio» stimmen die Konservativen, die Reichsparteiler, das Centrum, die Antisemiten, Polen und die Nationaliberalen Börner-Greutzen, Haas-Erbach und v. Kaufmann Helmstedt i gegen den Antrag das Gros der Nationallibcralen, die Freisinnigen, Welsen, Elsässer und Socialdemokraten, außerdem vom Centrum die Abgg. Letocha, Müller-Fulda, Sittart und Fusangel. Von den Nationalliberalen fehlten u. a. die Abgg. Deinhard und Frhr. Heyl v. Herrnsheim. Es folgt nunmehr die Mstimmung über den Minimal- Zollsatz für Schafe.(Position 103 des Tarifs.) Der hierzu vorliegende Antrag Frhr. v. Wangenheim(k.). den Minimalzoll für Schafe ans 13 M. zu normieren, ist in Kon- sequenz der Abstimmung. für Rindvieh zurückgezogen, ebenso der Eventiialantrag A l b r e ch t u. Gen.(Soc.), der in dem Kom- missionSbeschlutz statt„Lebendgewicht"„Schlachtgewicht" fetzen wollte. Die Abstimmung erstreck» sich daher nur auf den KommissionS- antra g, fiir Schafe einen Minimalzoll von 14,49 M. festzusetzen. Auch diese Abstimmung ist eine namentliche. Ihr Resultat ist das folgende: Es beteiligen sich 294 Abgeordnete, davon sttmmen für den Kommissionsanttag 161 Abgeordnete, dagegen 129, der Abstimmung enthalten sich 4. Der Anttag ist somit a n g e n o m m e n. Von den Nationalliberalen stimmen diesmal mit Ja die Haas- Erbach, H i s ch e und Graf v. O r i o l a. Die Abstimmung über den Minimalzoll fiir Schweine (Position 195)— auch hier sind die entsprechenden Anträge v. Wangenheim(k.) und A l b r e ch t(Soc.) zurückgezogen— ist ebenfalls eine namentliche. Es beteiligen sich cm der Mstinmning 301 Abgeordnete, davon stimmen mit„Ja" 162, mit„Nein" 136 Abgeordnete, der Mstimmung enthalten sich vier. Der Anttag der Kommission(14,49 M. pro Doppclcenwer) ist somit angenommen. Es folgt die namentliche Abstimmung über den Kommt ss', ons a n trag für Fleisch(ausschließlich Schweinespeck)— Position 197 des Tarifs-- folgende M i n d e st z ö l l e einzusetzen: Fleisch, frisch, auch geftoren..... 36 M. pro Doppelcenttier „ einfach zubereitet...... 48„. „ zum feineren Tafelgenuß zubereitet 96,„ (Auch hier sind die entsprechenden Anträge v. Wangenheim(k.) und Albrecht(Soc.) zurückgezogen worden.) An der Abstimmung über den Konmiissionsanttag beteiligen sich 298 Abgeordnete; davon stimmen 162 für den Antrag, 132 gegen den Antrag, der Abstimmung enthalten sich 4. Der Anttag ist somit angenommen. Damit sind die Mindestzölle fiir Bich und Fleisch in 8 1 Absatz 2 erledigt. Es folgen die Wsttminungen über die ent- sprechenden Posittonen des G e n e r a l t a r i f s. Der Kommissionsantrag zu Position 192 deS Tarifs Rindvieh, 18 M. für 1 Doppelccutner Lebendgewicht, wird in einfacher Abstimmung angenommen.(Der socialdemo- kratische Antrag aus Zollfreiheit war durch die An- nähme des Mindestzollsatzes der Kommission erledigt worden.) Eine Anmerkung zu dieser Positton besagt in der Kommissions- fasiung. daß für Bewohner des GrenzbezirkeS nach näherer Bestimmung des Bundesrates Zugochsen für den eignen WirtschaftS- betrieb im Alter von 2l/3—5 Jahren für 30 M. das Stück eingelassen werden dürfen. Dazu liegt vor ein Eventualantrag A l b r e ch t und Gen.(Soc.), statt der Worte„nach näherer Bestimmung des Bundesrats" zu setzen„unter den vom Bimdesrat festzusetzenden besonderen Kon« trollen", und statt.39 M." zu setzen.29 M.". Dieser E v e n t u a l- a n l r a g wird gegen die Stimmen der Socialdemokraten. Frei- sinnigen und einiger Nationalliberaler abgelehnt und die An- e r k e n n u n g in der Fassung der Kommission an- genommen. Bei Position 193, Schafe, ist der s o c i a l d e m o k r a t i s ch e Antrag auf Zollfrei heit ebenfalls durch die Abstimmung über die Mindestzölle erledigt. Der K o m m i s s i o n s a n t r a g. jür Schafe im Geiiernltarif einen Zollsatz von 18 M. pro Doppel- centtier einzusetzen, wird in einfacher Mstimmung angenommen. Ein Antrag Albrech l und Gen.(Soc.). dieser Positton die Anmerkung hinzuzufügen:„Lämmer ftei", wird gegen die Stimmen der Socialdemokraten und Freisinnigen abgelehnt. Ein weiterer Antrag A l b r e ch t>Soc.j. die Anmerkung hinzuzufügen:„Lämmer im Gewicht bis zu 8 Kilogramm frei", wird ebenfalls abgelehnt gegeir die Stimmen derselben Parteien, einiger Nationalliberaler und des CenttumSabge ordneten Fusangel.(Heiterkeit.) In Position 195„Schweine" wird ebenfalls derKommissionS- antrag(18 M. pro Doppelcentner) angenommen.(Auch hier ist der social demokratische Antrag ans Zollfreihett hinfällig geivorde n.) Es folgt Position 197 des Tarifs, der dre K o m m i s s i o n folgende Fassung gegeben hat: Fleisch, ausschließlich des Schweinespecks und gemeßbare Eist« geweide von Vieh(ausgenomiucn Federvieh): frisch, auch gefroren... 45 M. pro Doppekcenttier einfach zubereitet.... 60„» zum feineren Tafelgenuß zu- bereitet..... 120„„ Die Kommissionssätze werden in einfacher Abstimmung an« genommen.(Auch hier war der sociaidemottatische Antrag auf Zollfreiheit durch die Annahme der Minimalzölle erledigt.) Abgg. A l b r e ch t u. Gen.(Soc.) beantragen, der Positton 197 folgende Anmerliing(die im bestehenden Zolltarif enthalten ist) hinzuzusetzen:„Einzelne Stücke von ftischem oder einfach zubereitetem Fleisch in Mengen von nicht mehr als zwei Kilogramm, nicht mit der Post eingehend, für Bewohner des Grenzbezirks, vor- behaVtlich der im Falle eines MißbrauchS örtlich anzuordnenden Aufhebung oder Beschränkung dieser Begünstigung:„frei." Die Abstimmung über diesen Antrag ist eine namentliche. Es nehmen an ihr teil 296 Abgeordnete; dafür sttmmen 105, dagegen 190 Abgeordnete. Der Abstimmung enthielt sich 1 Abgeordneter. Der Anttag ist somit abgelehnt.(Für den Slnttag stimmen die Socialdemokraten und die fteisinnigen Parteien; vom Centtum nur die Abg. Graf B a l l e st r e m und Letocha.) Hierauf wird Positton 197a,„Schweinespeck",(36 Mark für 1 Doppelceiitner) in ber Kommissionsfasslmg a n g e n o m m e n. Damit sind die Zölle für Vieh und Fleisch er- l e d i g t. Präs. Graf Ballestrern: Wir kommen mimnehr zur Beratung der »roch vorliegenden Anträge Wangen heim ans Mindest- z ö l le. Herr von Wangenheim hat eine Reihe von Anträgen schon früher zurückgezogen und heute im Laufe der Sitzung einige weitere. Ich schlage Ihnen vor. für die Beratung zu verbinden d-i e Positionen 33(Küchengewächse), 37(lebende Pflanzen), 40(Blumen), 41(Blätter). 42(Cycaswedel), 44(Weiitttauben) und 46(Obst) im Antrage Wangenheim. Abg. Singer(Soc.) (zilr Geschäftsordnung): Herr Präsident, ich erlaube nur, Wider« s v r u ch gegen diesen Vorschlag zu erheben. Nach dem Verlauf der Debatte lind nach verschiedenen Mitteilungen konnte man annehmen, daß die Positionen des Anttages Wangenheiin, die zum Absatz 2 des 8 1 gestellt sind, heute'nicht mehr zur Diskussion gelangen würden. Die Diskussion darüber wird schon um deswegen außerordentlich erschwert, da wir über den Z u st a n d des Antrages Wangen- heim ja gar nicht unterrichtet sind. Welcher Teil der Anträge heute zurückgezogen ist, wissen wir nicht. Die Diskussion über die vom Herrn Präsidenten verlesenen Posittonen ist außer« ordentlich wichtig und es muß unS die Möglichkeit gegeben werden, die einzelnen Positionen eingehend zu be- raten. Eine Zusainmenziehung, wie der Herr Präsident sie vorschlägt, wird der Diskussion ungemein abträglich sein. Ein treffliches Beispiel dafür hat die Dlskllssion gegeben, die wir eben abgeschlossen haben. Hier waren eine ganze Reihe von Anträgen zu den Posittonen und den Anmerkungen gestellt. Durch den vorzeitigen Schluß der Debatte ist eö den Auttagstellern dieser Anträge nicht einmal möglich gewesen, dieselben zu begründe».(Hört! hört! links.) Das nennen die Herren dort drüben sachliche Beratung der Tarifvorlage.(Sehr gut! links. Unruhe rechts.) Es wird auch hier geradezu unmöglich sein, wie es der Herr Präsident vorgeschlagen hat, so heterogene Dinge zusammen zu diskutieren. Ich meine doch, Sie sollten gegenüber dem Verhalten der Opposition, das sich auf rein sachlich eGründe stützt, derartige Anträge nicht stellen. Ich glaube, daß wir uns mit der heutigen Diskussion begnügen können und die Anträge Wangenheim, gegen deren Bcrhandlnng an dieser Stelle ich selbstverständlich gar keinen Einspnich erhebe, morgen zu verhandeln, aber gettenut und nicht zusammen. Sie scheinen ja letzt Abstimmungstage einrichten zu wollen.(Große Heiterkeit und lebhafte Zustimmung links.) Die Woche über find Sie nicht da, aber an einem bestimmten Tage komme» Sie, um, verzeihe» Sie das Wort, so im Ramsch die Positionen zu erledigen.(Große Unruhe rechts: Sehr richttg I links). Wenn das die Absicht der Majorität sein sollte, so wird sie damit nicht zur Verkürzung der Vcr- Handlung, die ihr Ziel ist, beittagen. Was hat' denn bis- her für die Oeffentlichkeit in dieser Frage geschehen kömlen? Es hat eine Generaldiskussion stattgesunde», in der selbstverständlich die einzelnen Posittonen nicht entsernt entsprechend ihrer Wichttgkeit behandelt werden konnten. Eine Kommission hat getagt, aus der allerdings Berichte bekannt geworden find, die aber bei weitem nicht der Bedeutung der Sache gerecht werden konnten. Wir fangen also jetzt erst an, auf die Gründe einzugehen, aus denen wir Gegner der Zölle find. Wollen Sie wirklich, obgleich Sie öffentlich tagen, den Zolltarif unter Ausschluß der Oeffentlichkeit beraten?(Großer Lärm rechts.) Ich bitte Sie. mir zu sagen, wie Sie die Diskussion gründlich stihrcn wollen, wenn Sie alle diese Gegenstände zusammenfassen. Heute haben Sie ja die Majorität. Nach Ihren Intentionen werden Sie etwa eine Sttinde reden, dann Schluß der Debatte beantragen und dann haben Sie eine Reihe Artikel, die außerordentlich wichtig find für die Ernährung der breiten Massen, in einer halben Stunde abgeschlachtet, ohne daß das Boll weiß, anS welchen Gründen die Zölle erhöht worden find, es sei denn, daß kein andrer Gnind vorliegt, als in die Taschen der Agrarier zu arbeiten. Ich beantrage also hiermit Vertagung der Sitzung bis morgen und gettennte Beratniig der einzelnen Positionen des Antrages Wangenheim.(Lebhafte Zilstniiinniig lmks.) Präsident Graf Ballestrern: Bevor ich daS Wort weiter erteile, muß ich doch sagen, daß die Gegenstände, deren gemeinsame Beratung ich Ihnen vorgeschlagen habe, nicht so heterogener Natur find(Sehr richtig I rechts), wie Abg. Singer gemeint hat. Wcim Abg. Singer sagte, kein Mensch und er am tvenigsten hätte geglaubt, daß heute noch die weiteren Anträge Wangenheim zu§ 1, Abs. 2 des Zolltarif-Gesetzes zur Vor- Handlung kommen würden, so ist es merkwürdig, daß der Herr Abgeordnete mir einen Anttag auf nameiitliche Abstinimung über den ganzen Absatz 2 des Tarifgesetzeö übergeben hat.(Anhaltendes Gelächter rechts und im Centrnm.) Ich halte meinen Vorschlag für ganz acceptabel. und ich werde weiter abwarten, ivas das HauS beschließt. Abg. Singer hat zwei Anträge gestellt, den einen auf Vertagung. Dieser ist präjudizieller Natur. Wenn er angenommen wird, wird der zweite nicht mehr zur Abstimmung kommen, daß nämlich zunächst nur über die Tarifstelle 33 ver« handelt wird. Abg. Dr. Barth(frs. Vg.) sznr Geschaftsordtiung): Ich möchte den Ausführungen de? Kollegen Singer noch etwas hinzufügen. Wir waren daranf gefaßt, daß. wenn die Diskussion weiterginge, dies an der Hand der An- träge Wangen he im geschähe, aber niemand konnte daraus gefaßt sein, daß von den Positionen des AnttageS Wangenheim heute noch iv eitere zurückgezogen werden würden. Wir mußten annehmen, daß die Diskussion zunächst die Positionen Kartosseln, Tabak, Flachs betteffen würde. Wenn Sie geneigt sind, über Kartoffeln heute noch in eine Diskussion einzutreten— diese Diskussion würde ja voraussichtlich bei der Wichttgkcn des Gegenstandes mehrere Tage dauern(Stünnische Oho!- Rufe rechts und im Centtrun)—. so(sind auch wir bereit, die Dis- kussion zu beginnen. Der erste Redner würde voraussichtlich in zwei Stunden leicht das bewältigen können, was er zu sagen hat.(Große Heiterkeit lmks, anhaltende Unnche rechts.) Aber daß diese Artikel zurückgezogen werden würden, konnte kein Mensch wissen. Wir haben uns deshalb auch nicht mit dem erforderlichen Material ausrüsten können, das erforderlich ist, nm nachzuweisen, welche Grunde gegen Diinimalzölle für Cycaslvedel und Weintrauben sprechen. Es würde daher höchst unzlveckiuäßig und sachwidrig sein, wollten wir jetzt in überstürzter Weise in die Diskussion dieser Mindestzölle eintreten. Im übrigen möchte ich bei allem Respekt gegenüber dem Herrn Präsidenten doch meinen Zweifel darüber äußern, ob in der That Dinge wie CycaS wedel und Weintrauben mit einander fo sehr nahe verwandt sind, daß sie zusammen beraten werden können. Ich meine deshalb, daß wir über die verschiedenen Artikel einzeln diskutieren und einzeln darüber ab- stimmen müssen. Im übrigen liegt es in der Natur der Sache, daß wir uns jetzt zunächst vertagen. Abg. Stadthngen: Ich bin etwas überrascht, daß man uns einen Vorwurf daraus macht, daß wir eine Reihe von Posittonen zurückgezogen haben. Es war ganz einfach ein Gebot der Logik, daß meine Anttäge z. B. zu den Fleischprodukten zurückgezogen wurden, nachdem die Haupt- positivileu abgelehnt waren. Wir haben aber ein ganz besonderes Interesse daran, daß das Haus und die verbündeten Regierungen über die Gärttiereizölle ihre Meinungen äußern. Kein Ziveig der landwirtschaftlichen Produktto» ist in der Kommission von den ver- bündeten Regierungen so schlecht behandelt worden wie die Gärwerei. Nach den Erklärungen in derKommission müssen wir annehmen, daß man die Absicht hat, bei etwaigen Handelsverttagsverhandlungen die Gärtner wieder gänzlich ausfalle» zu lassen. Deswegen blieb uns nichts übrig, als für diese Produkte Mindestzölle zu beanttagen. Es handelt sich ftir uns ganz einfach darum, jetzt eine Gcneraldiskussion zu haben über die Gärtnereizölle, es kann dann die Absttimnung über die Mindestzölle kommen; lehnen Sie die ersten Mindestzölle ab und sehen wir, daß Sie auch die weiteren ablehnen werden, so werden wir die übrigen Anttäge zurückziehen. Der Vorschlag des Präsidenten fördert am besten die Geschäfte des Hauses,(Sehr gut! rechts.) Abg. Dr. Sattler(natl.): Wenn Freiherr v. Wangeuheim nach der ersten Ablehnung alle übrigen Anttäge zurückziehen will, so ge- nügte ja überhaupt die Diskussion über den ersten Punkt, dann würden die übrigen wegfallen. Abg. Frhr. v. Waiigenheim(k.): Uns könnte das ja recht sein, Der Präsident wird aber kaum geneigt sein, bei der Positton „Küchengewächse" auch schon über Blumen diskutteren zu lassen. Abg. Richter(fr. Vp.): Damit pich solche Diskussion nicht wieder- hole, möchte ich in Bezug auf die geschäftliche Behandlung des Tarifs folgenden Vorschlag machen: der Reichstag wolle demnächst die Weiterverhaudlung nach Mastgabe der Reihenfolge der Tarif- numniern vornehmen und. soweit zu den Tarifuminern Anträge auf Mindestsätze gestellt werden, die Verhandlung darüber mit den be- treffenden Tarifnunimern verbinden. Abg. Dr. Barth(fr. Vga.): Bei dieser Art der Verhandlung würde es eine offene Frage bleiben, wie viel Anttäge auf Einführung von Mindestzöllen im Laufe der nächsten Monate etwa noch gestellt werden. In jedem Stadium könnten ja neue Anttäge auf Mindest- zölle eingebracht werden. Zu jeder Positton könnten neue derarttge Anträge kommen. Ich glaube kaum, daß diese VerHandlungsweise eine besondere Beschleunigung unsrer Arbeit bedeutet. Wir müssen deshalb die Frage der Mindestzölle zunächst ein für allemal er- ledigen im Zuiammenhang mit den korrespondierenden Nummern des Zolltarifs. Abg. Stolle(Soc.): Frhr. v. Wangeuheim meint, die Gärtnerei- Produkte seien in der Konimission sehr schlecht behandelt worden. Wohin soll es führen, weim solche subjektive» Anschauungen eines einzelnen Abgeordneten für unsre Behandlung der einzelnen Posittonen maßgebend sein sollen? Wir würden dann gar nicht mehr zum Ziel gelangen. Aber auch sachlich hat Abg. v. Wangen- heim durchaus Unrecht. Wohl zu keiner Positton des Tarifs sind in der Kommission so viel Erklärungen seitens der Regierungsvertreter gegeben worden, wie gerade zu den Gärtnereiprodukten. Die Re- gieruna hat wiederholt ihren ablehnenden Standpunkt gegenüber Mindestzöllen für diese Produtte präcisiert.(Wiederholte Rufe rechts: Zur Geschäftsordnung!i Abg. Stadthagr»(Soc.)(von der Rechten und den, Centrum mit großer Unruhe empfangen, die sich im Laufe seiner Ausführungen zu andauerndem Lärm steigert. Die meisten Darlegungen des Redners bleiben infolgedesten auf der Tribüne unverständlich!: Herr v. Wanaenheim hat soeben erklärt, er hätte die- jcnigen Teile seines Antrages zurückgezogen, die durch die Abstimmungen über die Getteidearten und über die Vieh- zölle erledigt seien. Er scheint sich in einer bedauerlichen Unkenntnis über seinen eignen Antrag zu befinden. Er sagte, nach der Ablehnung seiner Anttäge für Getteide und Vieh seien seine Anttäge für die Produtte aus diesen Positionen hinfällig geworden. Unter den zurückgezogenen Sätzen befindet sich aber auch der Minimalsatz auf Kartoffeln. Ich setze doch so viel Kenntnis der Landwirtschaft bei Herrn v. Wangenheim voraus, daß er nicht der Ansicht ist. Kartoffeln seien ein Produkt des Viehes oder gedeihen auf Getteidehalmen.(Große Heiterkeit.) Es liegt also ein neuer Grund vor,.Herrn v. Wangenheim zur nochmaligen Prüfung seines eignen Anttages Gelegenheit geben.(Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Abg. Richter(frs. Vp.) ftihrt aus. daß sein Vorschlag die Bildung von Gruppen einzelner Tarifposittonen nicht präjudiziere. Selbst- verständlich sei. daß über§ 1 nicht eher abgestimmt werden könne, als bis der ganze Tarif erledigt sei. Der Präsident stellt zunächst die UnterstütznngSfrage für den Anttag Singer auf Vertagung der Sitzung.(Die Uiiterstütznng genügt, da sich außer den Socialdemokraten beide freisinnige Parteien dafür erheben.) Der Präsident stellt hierauf die Unterstützungsfrage ftir den Anttag Singer aus namentliche Abstimmung über den Vertagungs- anttag.(Die Untersttitzimg genügt, da sich auch hierftir mit den Socialdemottaten die beiden freisinnigen Parteien erheben.) Der Anttag Singer auf Vertagung wird hierauf in nament- sicher Abstimmung mit 2i0 Stimmen gegen 87 Stimmen abgelehnt. Zwei Abgeordnete haben sich der Abstimmung enthalten. Mg. Herold/2 Uhr. berliner partei-Hngelcgcnbeitcn. Zweiter Wahlkreis. 4. Komnninal-Wahlbezirk. Freitagabend S'/j Uhr findet bei Gründer, Schwerin st raße 13, eine Wählerversammlung statt. Der Stadtv. Genosse Z u b e i l hat das Referat übernommen. Es ist Pflicht der Gcnosten und Ge- nossinnen, für zahlreichen Besuch zu agitteren. Die Vertrauensleute. Achtuug, Parteigenossen des dritten und vierten Wahlkreises (Südost). Am heutigen Donnerstagabend 8 Uhr findet im Lokale von Graumann, Naunynstt. 27, eine Volksversammlung zwecks Agitation ftir die Ersatzwahl im 11. Kommunal- Wahlbezirk statt. Das Referat hat der Genosse Stadtv. Dr. Alfred Bernstein übernommen. Außerdem Diskussion. Mit Rücksicht aus die intensive Agitatton der Gegner ist es Pflicht der Partei- genossen, für regen Besuch dieser Versammlung zu agitieren. Das WahUomitee. Die Parteigenossen im elften Wahldezirk werden darauf auf» merksam gemacht, daß die W ä h l e r l i st e n in der Parteispeditton, Lausitzer Platz 14/15, eingesehen werden können. An die am ersten Oktober nach auswärts verzogenen sowie an die zur persönlichen Einsichttiahme verhinderten Wähler wird sofort auch schriftlicher Bescheid erteilt. Da festgestellt ist, daß die Namen einer Anzahl verzogener und zugezogener Wähler nicht in der Liste stehen, ist doppelte Aufmerksamkeit erforderlich. Fünfter Wahlkreis. Heute, Donnerstagabend 8'/2 Uhr, findet im Rosenthaler Hof. Rosenthalerstraße 11/12, die General- Versammlung des Wahlvereins statt. Neben Berichten steht die Neuwahl des gesamten Vorstandes und aller Funk- ttonäre auf der Tagesordnung. DaS Erscheinen der Mtglieder ist Pflicht. Das Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Die Parteigenossen der Schönhauser Borstadt werden darauf auf- merksam gemacht, daß am Sonntagabend 5 Uhr im Lokal von Wernau, Schwedterstt. 23, eine Volksversammlung stattfindet, in welcher Genosse Georg D a v i d s o h n über„Drei wichttge Fragen der Socialdemokratie" sprechen wird. Da der Vortrag ein- gehend die Besteuerung der Arbeiter behandelt, so ist es Pflicht, di« Versammlung recht zahlreich zu besuchen. Der Verttauensmann. Die Parteigenossen von Teltow-BeeSkow.Storkow.Charlottciibnrg werden auf die heute abend in Schöneberg bei Obst, Meininger- straße 8, stattfindende Kreisversammluna anffnerksam ge- macht. Außer einem Referat des Abg. Förster über die Aussichten des Zolltarifs steht die Berichterstattung und Neuwahl der Ver- ttauenspersonen auf der Tagesordnung. BnefKalten der Redaktion. Die turistiiche Sprechstunde findet.äglich mit Slusnahme des Sonnabends von 7'l, bis g'/,«hr abends statt. R. BS. Köpe»ilk. Die Mühlcndamm-Brücke in Berlin ist stüher«IS die Lange Brücke massiv gebaut worden. Düsseldorf. Wir haben Ihre Anregung der ReichStagSstaktton über- mittelt. Brandenburg 206. t. Die häufig gestellte Frage, ob die Vernichtung oder Entwertung eines Geldstücks(ttafbar sei, ist ebenso ost dahin be- antwortet: nein, aber in der Regel eine Dummheit. 2. In der König- suafie.— W. N. Administration heißt Verwaltung. In Norddeusschland versteht man in der Regel unter A. gerichtliche Sldministtation(Zwangs- Verwaltung Schulden- ober ErbteilungShalber.j In Oestrcich wird das Wort besonders für Verwaltung, Verlag einer Zeitung gebraucht.— L. L. Die Frage, ob die entwendeten Sachen eines Schlasbnrschen vom Schlasvater zu ersetzen sind, ist davon abhängig, ob dem Schlasvater ein Versehen zur Last fällt, z. B. mangelnde Aussicht. Mängel der Möglichkeii, die Sachen zu ver- Schließen. Ob ein Versehen vorliegt, ist von Fall zu Fall unter Berück- sichtigung aller Umstände zu entscheiden. Zu dem von Ihnen vorgettagenen Fall ist anzunehmen, daß die Entscheidung zu Ungunsten des«chlasvaters auSsällt. Suchen Sie sich zu einigen.— Alte Jakobstr. 69. 3. 0., H. P. 1902: Ja— G. B. Gnbenerftraste. Die Bewilligung de» Armenrechts hat keinertei Einfluß aus da» Wahlrecht. Der Be» ttessende bleibt wahlberechtigt.— M. M., Drcsdcnerstraße. Rein. — SP. 8. Leider ist der Anspruch hinsällig geworden, weil der Verstorben« eS unterlassen hatte, nach Ausscheiden auS der Versicherungsoflicht wenigstens 40 Marken inncrhaw 2 Jahren zu kleben.— A. B. 199. Der von Ihnen erwähnte Umstand ist in der Regel ohne Einfluß.—(g. zzz. Nein. — 101. Ihre Forderung ist nicht verjährt: sie verjährt srühcstens im Jahre tg2S. — 191. Die Slaats-Eintommensteucr bettägt bei einem Einkonimen von 4200 bis 4500 Mark 104. bei 4500 biS 5000 Mark U8 Mark. Die Gcmeinde- ftem: beträgt in Berlin 100 Proz., also nochmals 104 oder 118 Mark, Mr den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keiuerlei _ Berantwortnug._ Ubeatcr. Donneeetag, 30. Oktober. Ansang 7'/, Uhr: Opernhanö. Margarete. Schauspielhaus. Hamlet. Neues Opern-Theater.(Kroll.) Wallensteins Tod. Deutsches. Monna Vanna. Berliner. Zllt'Heidelberg. Lessing. Das Zheaterdors. Neues. Ledige Leute. Residenz. Seine Ziammerzose. SSeften. Nanon. Thalia, llharleys Tante. Vorher: EassiS Pascha. Slnsang 8 Uhr: Ventral. Die Geisha. Schiller. O.(Wallner-Theater.) Dr. Klaus. Schiller, hl.(Friedrich. Dllhelm- städtisches Theater). Der Biber- pelz. Varl Weih. Ilse Römer. Luise». Hamlet, Prinz von Däne- mark. Egsino. Chambregarnie.— Ein Sohn des Volkes. Specialitäten. Kleines. Ackermann. Wilhelm. Der Goldimkel. Buntes Theater. Tochter zu ver- beiraten. Der Hund. Bunter TeU. Tiny Senders. Metropol. Berlin bleibt Berlin. Trianon. Die Liebesschaukel.(La Bascule.) Apollo. Lysisirata. Spccialitätcn- Vorftellung. Winrergartcn. Specialitäten. Passage- Theater. Specialitäten- Vorstellung. Passagc-Panoptikum. Specialitäten- Vorstellung. Palast. Berliner in Steglitz. Steidl. Specialitäten. ReichShallen. Stettiner Sänger. Urania. Taubenstr. 48/40. Frühlingstage an der Riviera. Jnvalidenstrahe 57(68. Täglich: Sternwarte. Central»Theater Donnerstag, 30. Oktober, abdS. k'/zUhr: Ofe Oelsha. Operette in 3?llten o. Sidney Jones. (Mimosa: Mia Werber.) Freitag wegen Vorbereitung ge- schlössen. Die morgigen Freitags- Abonnements haben zu der heutigen Geisha-Vorstellung wie auch an einem beliebigen Wochentage der nächsten Woche Gültigkeit. Sonnabend, den 1. Novenrber, zum erstenmal: lÄsilame Sherry.___ thalia- Theater. Dresdenerstrasse 72— 73. sesÄ: Charleys Tante. 6uido Thielscher als Charleys Tante. Ansang: Charleys Tante. S'/j Uhr. Vorher: Cassis Pascha. Ans. T/, Uhr. Morgen und solgcnde Tage: Die- selbe Vorstellung. 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Für den Inseratenteil verantwortlich: Th.«locke in Berlin. Druck und»erlagt BorwörlS Buchdruckerei mid BerlagSan statt Paul Finger& Co.. Berlin 8W, Hr. 254. 19. Jahrgang. 2. WIM des Jmiick" Sttlim KÄMM Donnerstag, 30. Oktober 1902. lokales. Die Schulnot ist in Berlin so gut wie beseitigt. So ähnlich ungefähr steht es zu lesen in der offiziellen Darstellung über den Stand des Berliner VolksschultvesenS, die die Schuldeputation in ihrem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht fiir 1901/02 giebt. Leider liegen aber die Verhältnisse in Wirklichkeit viel weniger günstig. Nach wie vor besteht in Berlin ein Mangel an Schulen und Schul- Häusern und die Folgeerscheinungen dieses Mangels werden von der Bevölkerung so drückend wiese empfunden. Die fliegenden Klassen, auf deren Verminderung der Bericht hin weist, sind in der letzten Zeit weniger zahlreich geworden, das ist wahr— dafür ist aber jetzt das Uebel der Mietsschulen um so ärger. Augenblicklich hat die Schulverwaltung 25 gemietete H ä u s e r in Benutzung, in denen sie Genicindeschulen(oder Filialen von solchen) untergebracht hat. Etwa der zehnte Teil aller Gemeinde- schulen(einschließlich Filialen) ist ohne eignes SchulhmiS. Wer die Zustände in diesen Mietsschulen kennt— nur zwei davon befinden sich in einem gemieteten Schulhause, alle übrigen in gemieteten Wohnhäusern oder Fabrikgebäuden— der wird sich, licht wundem, wenn er hört, daß in den betreffenden Stadtbezirken und Stadtteilen sich bei der für ihre Kinder aus die Gemeindeschule an gewiesene Bevölkerimg eine steigende Erregung geltend macht, kleber die zu Beginn dieses Winterhalbjahrs neu eröffneten Mietsschulen — drei itcitc Schulen und eine Filiale— sind lebhafte Be- schwerden bei uns vorgebracht lvoroen. Besonders wird über die Schule in der Löwe st raste und die Filiale in der W a r s ch a n e r- st r a st e geklagt, die in Fabrikräumen untergebracht sind. Ein modernes, geräumiges und gut beleuchtetes Fabrikgebäude ist zwar immer noch eher zur Verwendung als Schulhaus geeignet, als eine enge dunkle Mietskaserne. Aber bei den erwähnten beiden Schnlen ist die Um- Wandlung der gemieteten Fabriksäle in Schulzimmcr zu spät fertig geworden, so dast in den ersten Tagen die Lehrer wie die Kinder in den kaum von den Malern verlassenen Rätmten von Unwohlsein be fallen wurden. Besonders zahlreich sind die MietSfchnlen gegenwärtig wieder im Osten der Stadt. Berlin O. ist ja ohne dies seit einer langen Reihe von Jahren das klassische Land der Schulnot. In dem Stadtteil vom Viehhof südwärts bis zur Spree befinden sich jetzt neun M i e t s s ch u l e n. Hier haben zu Beginn des Winter- semesters auch die berüchtigten U m s ch u kto ngen wieder in so großem Umfange vorgenonnnen werden muffen, dast mancher Familie schwerer Attger bereitet worden ist. Uuter anderm wird uns ein Fall mitgeteilt, in welchem ein eben erst schulpflichtig gewordenes Kind in den ersten Tagen nach einander drei ver- schiedenen Schulen zugewiesen Ivorden ist. Ein schöner Anfang für ein Kind, das seine Schullaufbahn beginnt! Der Bericht der Schnldcputasion versichert, der Bedarf an Schulräumen lasse sich nicht mit Bestimmtheit voraussehen, die Bevölkerimg der Stadt ziehe zu sehr hin und her. Das sind abgeleierte Redensarten, mit denen sich schon der frühere Stadtschulrat Bertram zu helfen suchte. Gerade im Osten der Stadt war der Bedarf sehr wohl vorauszusehen. Oder sollte der stetige Fortschritt der baulichen Entwicklung dieses Stadtteils, der jedem andren Beobachter sofort aufsiel, nur unsren städtischen Behörden entgangen sein? Die Ursachen, aus denen man in städtischen Kreisen die Schulnot zu erklären sucht, erweisen sich bei näherer Betrachtung immer wieder als leere Ausflüchte. Gelegentlich wird selbst zu dem Unmöglichsten gegriffen, wie der Ertrinkende hilflos nach den, Stroh- Halm hascht. Vor Jahren, als von socialdentokratischer Seite die schon dantals in Berlin O. herrschende Schulnot zur Sprache gebracht wurde, versuchte ein Führer der„Reuen Fraktion der Linken" gar den Sachverhalt so darzustellen, als sei die Schulnot das Ergebnis einer Mache, die sich wiederhole, so oft Stadt- verordneten wählen bevorständen. Mit solchen Mitteln sucht der Berliner Freisinn, der sich so gern seiner„Volksschulfreundlichkeit" rühmt, die Verantwortung für die Miststände im Voltsschultvesen Berlins von sich abzuwälzen i Höhere Löhne befördern die Trimksucht? Mit dieser social- politischen Erkenntnis hat in der letzten Sitzung des Kuratoriums für das städtische Obdach der Anstaltsarzt Prof. Dr. Behrendt !pe Mitwelt überrascht. Es handelte sich um den von unsrem Partei- offen Adolf H osfmann gestellten Antrag, die Löhne für das Wärterpersonal, die jetzt für den Monat 80—45 M. betragen, auf 35—60 M. zu erhöhen. Hiergegen wandte der Herr Professor sich mit aller Emsäiiedeicheit. Er habe ein Jahrzehnt hindurch die Er- fahrung gemacht, dast er bei niedrigen Löhnen ein gutes, brauchbares Wärtcrpersonal gehabt habe, dast die Leute aber, so wie ihnen Gehaltserhöhung zugebilligt worden sei, sich dem Trünke ergeben hätten. So lauteten wörtlich die Aeustcrungen dieses Herrn- Genosse H o f f m a n n antwortete darauf, dast dieser Ausspruch von einem großen Mangel an socialem Verständnis Zeugnis ablege. Im Gegensatz zu den angeblichen Erfahrungen des Herrn Proseffors habe sich immer>wch gezeigt, dast beffere Lohn- und Arbeitsbedingungen das beste Mittel zur Bekämpfung des Alkohols sind. Wenn jetzt nach Meinung des Arztes ein gutes Wärterpersonal ün Obdach vor- banden fei, dann thue ntmt wohl daran, die Leute durch beffere Entlohnung an die Anstalt zu fesseln. Herr Proseffor Dr. Behrendt wandte sich nochmals gegen den Antrag Hoffmann mit der Be- hauptnng. dast er jetzt das beste Personal von der Welt habe, dast eine Erhöhung der..ohne aber den Verlust dieses guten Personals befürchten liests. Won einem andern Standpunkt behandelte Stadtv. Frideric, die Angelegenheit. Echt manchesterlich meinte dieser Herr, dast die Stadt keine Ursache habe, die Löhne zu erhöhen, iveil sie ihre Arbeitskräfte so billig wie möglich engagieren müffe. Hoffmann wandte sich auch hiergegen m,t aller Entfchiedenheit und ftagte Herrn Friderici, ob er dem von ihm vertretenen Standpunkt auch bei der Anstellung befoldeter Stadtrate Geltung verschaffen wolle. Mit allen gegen drei Stimmen wurde daraus der Antrag Hoff- mann abgelehnt: em andrer Antrag, wenigstens die Anfangs- löhne der Wärter wie bei den Hausdienern des Obdachs auf 3ö M. festzulegen, fiel mit Sttmmengleichheit. Friderici erklärte noch, wenn jetzt noch einmal die Gehälter der Hausdiener zur Erörterung ständen, würde er auch hier gegen eine Erhöhung stimmen. Einige Ziffern mögen noch Lehren, wie die Stadt fiir einige ihrer Angestellten sorgt.-5"? das Gehalt des zweiten Assistenzarztes am Obdach auf IWO Mark ßcmefsen; die städtischen Kutscher erhalten 1450 Mark. Sei dies Gehalt durchaus nicht zu hoch, so müffe man, wie Ho ffmann""führte, das Gehalt des hat. Man beschlotz—.......„.„ wie die übrigen im D.enste der Stadt beschäftigten.lerzte. Die Stromzuführuiig bei der geplanten städtische« Unteryflaster. bahn soll nicht wie bei der Hochbahn durch die Schienen, sondern durch Oberleitung vermittelst Stromabnehmer erfolgen. Der für den Zugbetrieb erforderliche Gleichstrom wird eme«pannung von 600 Volt haben. Die Stromrückleilung erfolgt durch die Schienen. die an den Stösten durch kupferne Verbindungen von 11 Millimeter Durchmesser mit einander verbunden werden. Die L e i st n u g s- fähig teit der Bahn wird eine ganz enorme sein. Die ans 7 Wagen bestehenden Züge werden 282 Sitzplätze und 203 Stehplätze aufweise», also 485 Personen befördern können. Nach den bei ahn- lichen Bahnen gemachten Erfahrungen kann der von jedem Reisenden zurückgelegte Weg zu durchschnittlich vier Kilometer angenommen werden. Hiernach würde jeder Platz Ivährend einer Fahrt etwa 2Vä mal besetzt werden können. Da nun in einer Stunde in beiden Richtungen 40 Züge fahren sollen, so kann die Bahn stündlich rund 51 000 Personen befördern. Bon dem Bau der Bahn würde der Norden den gröhten Vorteil haben, weil eine direkte Verbindung mit dem Stetriner Bahnhof und dem Bahnhof Wedding, der fiir die Bewohner der nördlichen Vororte leicht zu erreichen ist, geschaffen würde. Für die neue Stadtbiblistyet, die Volksbibliotheken und Lese- hallen ist jetzt der Etatsentivlirf pro 1903 fertiggestellt worden. Danach sind die Einnahmen aus dem Verkauf von Katalogen w. auf 5830 M. und die Ausgaben auf 168 325 M. veranschlagt: die letzte Etatssumme der Ausgabe betrug 178 600 M., nnthin will man diesmal mit 9 865 Mark weniger auszukonimen versuchen. Für die S t a d t b i b l i o t h e k ist ein Beirag von 20 000 M., Ausgaben für Bücher und Bnchbinder-Arbeiten, ausgeworfen, fiir die 28 Volks- bibliotheken zusammen gedenkt die Verwaltung neue Werke ze. im Werte von 70 100 M. anzuschaffen. Die Abonnements auf Zeitungen und Zeitschriften werden diesmal 12700 M. betrage», d. i. 600 M. mehr als im Vorjahre, eine Mehrausgabe, die sich aber lediglich aus der schon erwähnten Rabatlkürzung erklärt. Die Eni- schäoianngen für die Verwalter der Volksbibliotheken, die im einzelnen je nach der Betriebsdauer verschieden ist, beziffern sich auf 18 675 M., der 11 Lesehallen auf 9900 Mark. Neu ausgestattet sollen die Volksbibliotheken 5. 8. 10. 13, 21.24 und 27 werde»; hierfür ist ein Gesamtbetvag von 21 000 Mark ausgeworfen worden (gegen 24 000 Mark im Vorjahre). Neue Nachschlagewerke ioerdeu im nächsten EtatSjahre nicht beschafft werden: für solche wurden im Vorjahre 8000 Mark ausgegeben. Es wurde ferner beschlossen, für die 1. Lesehalle in der Mohrenstrahe einen im Vorderhanse des Grundstücks befindlichen Laden für 3200 Mark jährlicher Miele ein- zurichten und die jetzt von der Lesehalle benutzten Räume noch für die Volksbibliothek zu benutzen. Damit wird eine notwendige Er- Weiterung geschaffen, die wenigstens vorläufig� dem vorhandenen Be- dürfnis genügen dürste. Wenn bei den g r o st e n E t a t S ebenso gespart ivird, dürfte sich die Finanzlage der Stadt Berlin bald wieder günstiger g e st a l t e n. Die Stadtverordneten-Lersammliing hat sich in ihrer Sitziing heute nachmittag 3 Uhr u. a. mit folgenden Gegenständen der Tagesordnung zu befassen: Einführung einer neuen B e s o l d u n g S- ordnnng für die Oberlehrer an den städtischen Gymnasien, Realgymnasien, Oberrealschuleti, Realschulen und höheren Mädchen- schulen vom 1. Juli 1902 ab, sowie die Erhöhung des Schulgeldes an diesen Anstallen.— Vorlagen betreffend die durch den neuer- lichen Sqnodalbeschlust hervorgetretene Gefahr einer zweistündigen Sch liehung der Gaststätten an den Voriinttagen der Sonn- und Feiertage.— Berichterstattung deö zur Vorbereitung der Neuwahl eines besoldeten Stadtrats eingesetzten Ausschusses.— Berichterstaituiisi betreffend die Wahl von 10 Beisitzern und 18 Beisitzer-Stellvertretern fiir die Wahlvorstände zu den ain 5. November dieses Jahres im 4. und 11. Gemeinde- Wahlbezirk der III. Abteilung und im 9. Gemeinde-Wahlbezirk der I. Abteilung stattfindenden Stadtverordneten-Ersatzwahlen� Unter der Berliner Feuerwehr erregt ein in diesen Tagen er- gangener Abteilungs beseht viel böses Blut. Es ist nämlich verordnet worden, daß die Feuerwehrleute, weim sie in der Nacht von einem Brande ans die Wache zurückkehren, sich unverzüglich an das Reinigen und Putzen der Fahrzeuge und Geräte heran- zumachen haben. Wenn man erwägt, wie anstrengend die Thättgkeit bei einem gröberen Brande ist. ivie oft sie die braven Wehrmäuiier auf das äusterste erschöpft, so begreift man. Ivenn die Leute sich fragen, warum es notwendig ist, dast ein Zustand geändert ivird, der Jahrzehnte bestanden hat, ohne, die überall anerkannte Tüchtigkeit der Wehr irgendwie zu beeinträchtigen. Anr Arretierung des Frimlems Dr. jur. Anita Augspurg in Weimar teilt uns die Redaktion der„Frauenbewegung" folgendes mit: AIS Fräulein Dr. Augspurg sich in dieser Stadt auf dem Wege zum Bahnhofe befand und in völlig unauffälliger Weise die Slrahe hinaufschritt. sah sie sich zu ihrem Erstaunen Plötzlich von ein em Polizisten angehalten, der ihr eine lange Strecke zuvor begegnet war, sie demimch schon etwa 3—5 Mimten lang verfolgt hatte. In herrischem Ton forderte er Auskunft über den Zweck ihrer Anwesenheit in Weimar. Die toahr- heitögemäst erteilte Anttvort erwiderte er mit einem imgläubigen Lächeln. daL sich noch verstärkte, als er auf die weitere Frage,„was sind Sie denn?" die Auskunft erhielt:„Doktor juris". Nun begaim Fräulein Dr. Augspurg zu fragen. Sie ftagte:„Ist Ihnen etwas an meiner Person nicht recht?"„Wünschen Sie micb etwa zu ver- haften?" Der Polizist erklärte, dast er allerdings die Absicht habe uild Fräulein Dr. Augspurg kehrte sofort mit einem entgegen- kommenden„bitte I" mit ihm nach der Stadt um, nicht ohne ihn jedoch aufmerksam zu machen, daß die Sache, da er sich in einem Irrtum befinde, für ihn unangenehme Folgen haben könne. Er beharrte jedoch auf seiueni ihni aus Paragraph 361 6 erwachsenden Rechtstticl und der Marsch zur Wache wurde angetreten, natürlich nicht ohne dast sich auf dem etwa viertelstündigen Wege ein Schwärm von 40—50 Schaulustigen, Kindern und Erivachsenen. angeschlossen hätte. Im Wachzimmer meinte der Polizist wieder in barschen» Tone:«So, nun legitimieren Sie sich." Die Antwort lautete:„Nicht vor Ihnen, sondern vor Ihrem Vorgesetzten, und nicht, ohne dast meine Aussagen zu Protokoll genommen werden." So wurde deun auf wiederholtes bestinuntes Verlangen von Fräulein Dr. Augspurg endlich ein höherer Beamter von ihrer Anwesenheit in Kenntnis gesetzt, der nattirlich binnen einer halben Minute das völlig Unhaltbare dieser Verhaftung ein- sah. Gr war aber von einein andren Ressort und empfahl Fräulein Dr. Augspurg, doch am andren Tage in der Amtsstunde des zu- ständigen Inspektors zu erscheinen, um die Sache vollends zur Klärung zu bringen: sie erklärte jedoch, ihrerseits kein Interesse zu haben, sich in dieser Sache weiter zu bemühen, vielmehr� crtvarte sie, daß man sich bei ihr wegen des Borkoinmnisses entschuldige. Es ist danach ein amtliches Schreiben bei ihr eingelaufen, welches das Vorkommnis bedauert und bestättgt, dast der Schutzmann un- vorsichttg gehandelt habe und entsprechend„rektifiziert" sei. Ei» tödlicher Banviifall bat sich auf dem Neubau des Telegraphen- Zeugamts in der Pallisadenstraste ereignet. Gestern nachmittag 5 Uhr stürzte der 28 Jahre alte Bauarbeiter R e i m a n n aus Treptow fo unglücklich vom zweiten Stock ins Parterre hinab, dast er nach einer Stunde im Krankenhaus ain Friedrichshain, wohin man ihn gebracht hatte, infolge schwerer innerlicher Verletzungen starb. Der Ver- unglückte, der bei der Firma Czarnikow in Beschäftigung stand, war verheiratet und Bater zweier Kinder. Ein andres Bauunglück mit tödlichem Ausgang ereignete sich Mittwochnachmittag 2 Uhr auf dem Neubau Ecke der Meininger- und Marttn Luthersttaste in Schvnebcrg. Auf den» von der Firma Ernecke u. Pieffch ausgeführten Bau war der Maurer Adolf P a g e l an der Rüswug eines Balkon- an der dritten Etage beschäftigt. Aus bisher noch unaufgeklärte Weise stürzte Paget m die Tiefe und war sofort tot. Der Verunglückte war 45 Jahre alt und wohnt in der PotSdamerstt. 14 zu Eharlottenbnrg. Zu einem schwere« Zusammenstoß zwischen zwei Eisenbahnziigeu führte der dichte Nebel gestern, Mittwoch, morgen um 7 Uhr auf den« Bahnhof Westend. Der Arbeiterzug, der nur morgens und abendö verkehrt, must jedesmal»ach der Fahrt bis zur Weichenbude de» Bahnhof durchlaufen, um dann nach der Jungfernheide zu nach seinem Schuppen zu gelangen. Als er sich gestern morgen rückwärts dorthin bewegte, verlor man ihn bei dem starken Nebel bald aus den Augen. Jnfolgedeffeii wurde einem Güterzuge des Zugführers Hcnschel, der vorivärtö fuhr, vorzeitig die Ausfahrt nach Halensce freigegeben. Der Güterzug sastte den leeren Arbeiterzng in die Flanke und zertrümmerte ihm sechs Wagen. Ihm selbst wurde die Maschine und vier Wagen stark beschädigt. Da der Maschineiiführcr und der Heizer zeitig absprangen, so kamen Menschen nicht zu Schaden, während der Materialschaden bedeutend ist. Die Auf- räiimung wurde so schnell besorgt, dast keine erhebliche Verkehrs- störnng entstand. Durch einen Bestellschein-Schwiiidler ist die Butter-Engros» Handlung von Zander, welche in Berlin zahlreiche Filialen unter- hält, geschädigt worden. Bei der Finna ist die Einrichtung getroffen, dast sich die Filialen im Notsall untereinander mishelsen, indem ans Grund uon Bestellscheinen, die mit Firmenjtempel versehen sind, den Nebensilialen Waren überlassen werden. In der Filiale in derLinden- strahe lfolte dieser Tage ein Laiifbursche im Auftrage der Filiale Friedrichstraste einen Posten Butter und Schweizer Käse. Als der Filialinhaber am folgenden Tage die gelieheiien Waren zurückhaben wollte, stellte sich heraus, dast er einem Schlvindkr in die Hände ge- fallen. Der Betrüger, der vermutlich ein ehemaliger Angestellter der Firma ist, hat sich jedenfalls eine Anzahl Bestellscheine angeeignet. Obivoht der Kriminalpolizei der Vorfall gemeldet ist, fehlt von dem Schwindler bisher noch jede Spur. Gegen eine Frau v. Lehel ist die Untersnchung wegen angeblicher Betrügereien in der Höhe von 600—700 000 M. eröffnet worden. Die Frnn soll geistesgestört sein und sich in einer Nervenheilanstalt aufhalten. Schlechte Geschiiste und Aerger haben den 54 Jahre alten Droschkenkutscher Karl Noack ans der Brunnenstr. 102, der bei einem Fuhrherrn in der Rügenerstraste beschäftigt war, in den Tod gc- rrieöcn. Er verdiente sehr wenig und mußte gerade in dieser schlechten Zeit mehrmals Strafen wegen Ziiwiderhaiidlnng gegen die Fahr- ordiiung bezahlen. Das griff ihn so sehr an, dast er von der Frei-' archcn-Brücke ins Wasser sprang. Der Lebensmüde ivnrde zwar bald herausgeholt und nach dem Moabiter Kranlenhause gebracht, starb dort aber schon bald nach der Aufnahme: Die neue B»dcn-Aktic»gcscllschaft schreibt iins zu einer am 14. d. M. gebrachten Rtitteilung über eine Unterschlagung, dast nicht ein Knssenbote den fraglichen Gcldbries unterschlug, sondern ein 18 jähriger Kanzlistengehilse, dem durch den zuständigen, mit 1500 M. jährlich angeftellten Postexpcdicnten instruktionSwidrig der Geldbrief zur Besorgung zur Post ausgehändigt wurde. Der junge Mensch, der mit dem Heften von Akten, Schrcibhilfe, Boten- gängen usw. beschäftigt wurde und seit etwa 4 Wochen bei der Gesellschaft in Stellimg sich befand, hatte das AnfangSgehalt von 50 M. moimtiich. Ei» Gelöstiick ist am Sonnabendabend vor acht Tagen von eine»! Arbeiter in einem Wagen der Strastenbahnlinie Turm- ftraste— Gotzkowskystraste verloren worden. Nachträglich hat eine Dame das Geldstück gefunden. Der Verlierer wolle sich in der Sache an Frau Aron, Ritterstr. 59, I, wenden. Feuerbericht. Die Brandchronik der letzten 24 Stundeii ist eine ungewöhnlich reichhalrige. In der Nacht zum Mittwoch Ivnrde die Wehr nach der Jerusalemerstr. CO, Ecke der Lindenstraste gerufen. Hier war kurz nach 10 Uhr im dritten Stock des dritte» Quer- gebäudeS in einer Drechslerwerkstatt Feuer ausgekommen, das Holzvorräte ze. ergriffen hatte. Die Wehr mußte längere Zeit mit einer Schlauchleitung Wasser geben, um die Flammen zu ersticken. 5ileidungsstücke, Möbel und Gardienen hatten kurz vorher in der Urbanstr. 173 Feuer gefangen, dessen Ablöschnug indes bald erfolgen konnte. In der Hagenauerstr. 15 war gegen Abend in einem Keller ein Brand ausgekommen, der in derHauptfache Verpackungsmaterial und allerlei Gerümpel einäscherte. Eineti zweiten Kcllerbrand hatte die Wehr abends 8 Uhr in der Gollnowstr. 3 abzulöschen. Nach der Greisswalderstr. 33 wurde die Wehr qeriisc», weil hier eine Holzbude in Flainineu stand. Durch Umfallen einer Pettoleunilainpe war in der Dieffcit« bachstraste 56 in einer Wohnung ein Freuer entstanden, das im wesentlichen Decken und Möbel beschädigte. Längere Zeit hatte die Wehr in der Rykestt. 28 zu thun. Hier iuar ans nicht ermittelte Weise auf dem Boden ein Brand ausgekomine», der, wie er bemerkt wurde, auch schon auf den Dachstuhl übergesprungen wär. Es mutzte daher tüchtig Wasser gegeben werden, um die Gefahr zu beseitigen. In der Bernburgerstr. 3 hatte die dritte Compagnie einen Brand abzulöschen, der in einer Badestube entstanden war. Gegen 9 Uhr waren in der Prenzlauerstr. 18 Weidentörbe, der Podest der Treppe ze. in Brand geraten, der jedoch in kurzer Zeit beseitigt werdet» konnte. Eine Stunde später mußte in der Liescnstr. 5 Ti7< Feuer abgelöscht werden, das unter anderm Thnren, Fenster und Decken ersaßt hatte. Austerdem hatte die Wehr in der Zwischenzeit noch in der Liegmtzerstr. 18 zu thun. Atter Hansrat hatte hier auf einem Kor- ridor Feuer gefangen. Am Mittwochnachmittag wurde die Wehr wegen eines Schornsteiiibrandes von zwei Seiten uach der Langestr. 58 gerufen. Die Feuerwehr, die mit sechs Zügen zur Stelle war, rüSte nach Zurücklassimg eines Beobachtungspofteus sofort wieder ab. Gleichzeitig hatte die 3. Compagnie im Tiergarten zu thun. Dort staiiden am sogenannten Großen Weg Reiterschirme in Flammen. Um diese zu löschen, mutzte die Feuerwehr mit mehreren Schlauch- leitungen kräftig Wasser geben und zwei Steckleitergänge zur völligen Ablöschung benutzen. Die Ursache des Feuers tonnte nicht ermittelt werden. Madame Sarah Bernhardt hat sich entschlossen, Donnerstag, den 6. November, mit ihrer Truppe noch einmal von Hamburg zurückzu- kehren, mn eine Wohlthätigkeits-Vorstcllung zu geben, deren Ertrag zwischen dem Deutschen Verein für Volköhygiene mit besonderer Be- rücksichttguna von dessen praktischen Matznahnien gegen de» Alkohol- mistbrauch, sowie zwischen einer ähnlichen Bestrebung in Frankreich zu gleichen Teilen geteilt ioerdeu soll. Ans die große Bedeutung dieser kochherzigen Entschließung hinzuiveisen, dürfte wohl unnötig sein. Madame Bernhardt wird zu dieser Vorstellung ein Stück von Suderniann und zwar wahrscheinlich die„Heimat" wählen. „Ein Sohn des BolkeS." Abseits von den großen Bühnen liegen im weiten Berlin eine Reihe kleiner Theater, die allerdings in der Kunstkritik nicht recht mitzählen, aber für die Lebensanschaunngen der großen Masse keineswegs ohne Bedeutung find. Das Streben dieser Unternehmuiigen ist verschiede». Die eine Bühne bringt heute Shakespeare, morgen Hauptmann und übermorgen eine Possen- schnurre. Ein andres Theater fristet sein Leben damit, dast es reget- mästig die SeusationSromane eines großen Berliner Lokalblattes drmiiattsiert. Unter den Hunderttausenden Leserinnen dieses Blattes, so rechnet man. mag sich immer eine erkleckliche Anzahl mit dem Verlangen finden, die bei der Uiiterhaltungslektüre im Geiste ge- schanteii Gestalten auch einmal leibhaftig umherspaziereu zu sehen. Won derartigen GeschästSunternehmnngen hebt sich recht vorteilhast das kleine K a s i n o- T h e a t e r in der Lothringersttaste ab. Dort wird jetzt das BolkSstück„Ein Sohn des Volkes" aufgeführt, das den Direktor des Theaters, Herr» Hans Berg und einen Herrn Hans Müller zum Verfasser hat. Man will mit diesem Stück nicht hoch hinaus, es ist schlichte Lebensmoral, die es darbietet, aber dadurch. eben, dast diese schlichte Auffassung sich an schlichte Leute wende», kommt etwas Erfreuliches zu stände. Der Sohn des Volks ist ein biederer Kistenmacher, der sich mit Hilfe seines früheren Prinzipals selbständig gemachr hat. In der Fabrik dieses Herrn kommt es zu einem Konflilt: an dein harten Schädel de» Unternehmers prallen, alle Forderungen der Arbeiter ab. Nun soll der frühere Werkmeister Streikbrecherdienste verrichten und dieser schimpflichen Zumutung »veigert er sich standhaft, obgleich er weiß, daß er rniniert ist. wenn er dem Großunternehmer nicht zu Gefallen lebt. Schließlich wird aber auch dies Muster eines Scharstnachers weich, als er sieht, daß Äistenmacher Schäfer ein über alle Maßen ehrlicher und braver Kerl ist. Btag es nun auch richtig sein, daß die socialen Konflikte in der rauhen Wirklichkeit selten eine so glückliche Losung finden, wie hier auf der Bühne des Kasino-Theaters, so heimelt die gesunde Lebens- anschauung doch an und bringt das anderswo mit plumpen Schnurren gefütterte Publikum auf ernste Gedanken. Eine durckiweg tüchtige Darstellung vervollständigt die Wirkung des kleinen Volksstücks. Johannisthal. Weil man von der Regierung nichts fordern, sondern erbitten soll, wurde die von unsren Vertretern beantragte Petition gegen die Verteuerung d e r L e b e n s m i t t e l von der Gemeindevertretung abgelehnt. Ein von den, Vertreter v. Triitzschler gestellter Antrag, die Regierung zu bitten, für die Verbilligung der Lebensmittel Sorge zu tragen, fand dann einstimmige Annahme. Dafür stimmten auch die beide» Landwirte in der Verttetung.— Gegen die beschlossene Einkommunalisierung forstfiskalischen Terrains ist von dem Vertreter v. Triitzschler Protest eingelegt worden mit der Begründung, daß seine Ländereien, welche abseits der Görlitzer Bahn liegen, durch diese Einkomnnmalisierung an Wert verlieren würden.— Wie bereits berichtet, ist die Gemeinde Niedcr-Schvneweide mit ihrer auf das gesamte Terrain zwischen der Görlitzer Bahn und der Gemeinde Johannisthal gerichteten Forderung abgewiesen worden; sie soll nur einen Teil zwischen der Canner CTHaussee und Baumschulenweg und ein Stück an der Oberspree erhalten. Die Gemeinde- Vertretung beabsichtigt nunmehr, die Annahme dieser beiden Terrains abzulehnen, wodurch für die Gemeinde Johannisthal die Aussicht entsteht, auch dies Gebiet»och zu erhalten. Infolge dieser Ent- Wicklung der Eingemeindungsfrage wird in Interessentenkreisen die Zusammenlegung der Gemeinden Johannisthal und Nieder-Schöne- weide wieder erörtert, nur mit den, Unterschiede, daß diese Anregung jetzt von Nieder-Schöneweide ausgeht. Witternngsiibersicht vom 39. Oktober 1903. morgen? 8 Uhr« Stationen Swinemde. t amburg erlin Franks./M. München Wien LL o 5 £ c = c Ä 5 i«■ K 770'Still 769 CSD 769 Still 767 NO 765 1D 767.Still Wetter — wolkig t wolkig —.Nebel t.wolkcnl öbcdcckt —!lvolkig es« c v -Z- M& Stationen zavaranda Mersburg Cork Werde« Paris Zß 2£ H L£ 753 765 763 766 SSW W SSW NO Wetter LNegen Ichedeckt 36edeckt S.m olkenl e-izt s" fi« A?, 2 4 18 Wetter-Prognose für Donnerstag, den 39. Oktober 1993. Zeitweise nebelig, sonst ziemlich heiter und trocken, am Tage etwa? wärmer bei mäjjigen südlichen Minden. Berliner Wetterbureau. IIB. ii. IM. Wahlkreis Wälilsr des II. Kornmiinalil-Wahlbezirlts. Donnerstag, den 3«. Oktober 1003, abends 8 Uhr: Volks- Versammlung im liOkal von Grannmnn, Xnnnynstr. 37. TageS-Ordnung: 1. Bortrag des Stadtverordneten Dr. Alfred Bernstein über: Die Berliner Kommunalverwaltung. 2. Diskussion. 215/3 Zahlreichen Besuch erwartet DaS Wahltomitce. ! Achtung! Schster Wahlkrris(Sdiöiili. Dorß.) Sonntag, den 2. November, abends 5 Uhr, Im Lokale Schwedterstr. 23: Bolksverfammlnng. 1. Vortrag TageS-Ordnung: des Genossen Georg Davidsohn über: «vlehtlge Uordernngen der Soelaldemokratle". ' Dir- „Drei dislussion. Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein und Tanz. Zahlreichen Besuch erwartet 220/2 Der Bertrauensmann. Cenlral-Krankenkasse der Maurer etc. Sonntag, den 3. November, vormittags 19 Uhr: Mitglieder-Versammlung un Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 15. TageS-Ordnung: 1. Kassen- und Revisionsbericht. 2. Kassenangelegenheiten. NS" Mitgliedsbuch legitimiert. IUI NB. Den Mitgliedern zur Kenntnis, dasi die Zahlstelle Norde» von der Schwedterswaße nach der Oderbergerstr. 39 bei Beier verlegt worden ist. 149/8 _ Bie artliche Vea'waltnns. Oentseher Metallarbeiter- Verband. Bertvaltungsstelle Berlin. Barcan: Engel-Ufer 15, Ximmer 1—5. Fernsprecher Amt TU, 353. Donnerstag, den 30. Oktober 1902, abends 8 Uhr, Allgfememe Versammlong _ der Rohrleger und Helfer Berlins und Umgegend im Lokal der Brauerei Friedrichshain(vormals Lipps) TageS-Ordnung: 1. Bericht der Lohnkommission über den Stand unsreS Streiks. 2. Die Antwort der Berliner Rohrleger und Helfer aus die Bermuwng der Unternehmer. 164/14 Sämtliche Unternehmer unsres Bernfes sind hiermit zn dieser Versammlung eingeladen. Wir garantiereu volle Redefreiheit. _ Zahlreiches Erscheinen der Kollegen und ihrer Frauen erwartet_ Die Ortsvenvaltung. Orts-Krankenkasse der PaijsMn öftlhis. Am 3. November 1993 Im Lokalo von Köhler, Wionerstr. 60 HurscvordentUche General-Versammiung. Die Wahl der Delegierten findet in getrennten Wahlhandlungen aus zwei Jahre statt. 1. Um 1» Uhr vormittags sür Arbeitgeber. 2. Um 10'/ 2 Uhr vormittags sür Arbeitnehmer. Der Vorstand. Ang. Stiller. MMtiseklern verkaust zu Fabrikpreisen]49082* Bich. Karnack, Tischlermeister, 134 Dresdenerstrasse 134. Kanarbetter Derlins und Umgegend. Wir geben hiermit bekannt, daß am Donnerstag, den 1i>. Oktober 190�, die Rohrleger und Helfer Berlins und Umgegend in den Streik getreten sind. Jeder Rohrleger und Helfer, welcher zu neuen Bedingungen arbeitet, hat eine vom Deutschen Metallarbeiter- Verband ausgestellte Legitimationskarte erhalten. Wir ersuchen alle Rohrleger, Helfer, Kupferschmiede, Klempner usw., welche Rohrlegerarbeiten machen, von unsrem Streik zu benachrichtigen. 164/iö _ Deutfchcr JMetaUarbdter-Verband(Ortsvcrwaltung Bcrltn). I. A.: cari roierentbau 10. Ziehung 4. Masse 207. Sgl. Pre»ß. Lotterie. Z>ehu»i- vom 2». 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Jür den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke in Berlin Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.