Ur. S«. Bbonncmonts-Bcdinsungcn: AbonnciiicntS- PrciS prSimmcrmido: LicrlcljShrl. 030■SRI., tiumatl. 1,10 SKf., wüchmllich 28 Pfg. frei iilZ Haus. (jlnjcluc Nununcr 5 Pfg. Sonntag*' numm« mit iZustricrtcr Sonntag»' Scilagc„Sic Neue Welt' 10 Pfg. Posi- i'iOomtcmcnt: 1,10 iSSatl JJto Monat. eingettagen in der Post-Zeitungs- 'i'tcislifte für 1903 unter 5lt. S'JOS. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Mar! pro Monat. Cridjtint tSzIi» iußtr montags. 20* Jahrg. Die Tnkrtlons'Grtüh» betrügt für die fechsgefpaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pig., für politische und gewerkschaftliche üZercüis- und Bersanwilt:ngs-?tnzcigen 20 Pfg. „Kteint Hnzeifltn" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort scttj. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der tirvcditton abgegeben werden. Tie trrpedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abends, an Eonn. und Zefttogenbis SUhr dormiMagS geöfsnei. Devlinev Volksbl�kk. Telegramm-Adresse: „ZoiialtiemoHkai Strlin". Centratorgan der sociatdemokratiMen Varter Deutschlands. k.c6akcion: SM. 68» I.inckensN'asse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. I98Z. Sonnabend, den 3t. Januar 1303« Expedition: SM. 68» Lindenatraese 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. flbonncmcnts*eiDladung. ITlit dem t. Februar 1903 eröffnen wir ein neues Abonnement auf den„Vorwärts" mit seinem wöchentlich fünfmal erfcheinendcn Jlnterftaltungsblatt und der Sonntagsbeilage„Die lleue Welt". Für Berlin nehmen sämtliche Zeitungsspediteure sowie unsre Cxpedition, Cindenstrasse 69, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von 1)Mark 10 Pfennig frei ins Raus. Für das übrige Dcutfchland nehmen sämtliche Postanstalten Bestellungen zum Preise von 1 JNIarfc 10 Pfennig pro]>Ionat (ausldtlicsslich 19 Pfennig pro ITIonat Bestellgeld) entgegen.(Gin getragen ist der„Vorwärts" in der Post=Zcitungsliste unter Br. 8203.) 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Unter Kreuzband direkt von der Expedition bezogen kostet der „Vorwärts" pro(lionat 2 Mark innerhalb Deutschlands und seiner Kolonien, in Oestrcidi-Ungarn und Luxemburg, im Ausland 3 Mark pränumerando. Redafttion und Expedition des„Vorwärts". Ursachen der Landflucht. Vor längerer Zeit Haben wir an dieser Stelle eine bemerketts- werte Statistil aus den„Landwirtschaftlichen Jahrbüchern", die Zugleich Archiv des preußischen Landes»OekonomielollegiumS find, über preußische Landarbeiterverhältnisse besprochen. ES war dies eine Statistik der pommerschen LandwirtschaftSIänimer. welche trotz aller sorgfälligen„Bearbeitung" die elende sociale Lage, in der sich die preußischen Landarbeiter befinden, nicht verbergen konnte. Unsre Schlüsse aus dieser Statistik haben damals den Grimm der„Kreuz- Zeitung" erweckt, der natürlich die Landaröeiterverhältnissc im rosigsten Lichte erschienen. Jetzt bringen mm dieselben„Landwirtschaftlichen Jahrbücher" eine neue Statistik von Dr. Franz Heiser-Harttung über die Verhältnisse ländlicher und städtischer Arbeiter, die wiederum trotz aller agrarischer Learbeitungokunst zeigen, wie traurig die Lage der ländlichen Arbeiter ist und welches die wahren Ursachen der von den Junkern beklagten Landflucht der Arbeiter sind. Der Verfasser hat seine Fragebogen an Arbeiter geschickt, welche früher auf dem Lande arbeiteten, jetzt aber in der Stadt wohnen. Die Statistik ist auch um deswillen wertvoll, weil sie die objektiven Urteile. der befragten Arbeiter wiedergidbt. Insgesamt haben 200 Arbeiter die gestellte» Fragen beantwortet. Bon diesen waren zur Zeit der Erhebung 133 verheiratet, 67 unverheiratet. Vor ihrer Uebersiedlung waren 4ö verheiratet, lää unverheiratet. Die Fragebogen wurden ausgefüllt: in Berlin 36 von der Centraistelle für Arbeitsnachweis, 41 auf den Eisenbahn- Werkstätten, 30 an verschiedenen Plätzen; in Hamburg 12 auf dem landwirtschaftlichen Arbeitsnachweis, 27 auf dem Hafen- Arbeits- Nachweis, 8 an verschiedenen Plätzen. Tie übrigen 23 Bogen wurden in kleineren Städten ausgefüllt. Umfaßt diese Statistik somit nur eine geringe Zahl von Arbeitern, so hat sie doch als Stichprobe einen hohen soeialpolitischen Wert. Tie erste Frage, die sich bei Betrachtung der Erhebung aufdrängt, ist die nach der Ursache der Landflucht dieser Arbeiter. In- dem man die Arbeiter selbst über diese Frage Hort, gewinnt man zugleich ei» Bild über die Ursachen der Landflucht überhaupt. Das ganze Elend des ländlichen Arbeiters, der schließlich verzweiselnd der Schollensklaverei und der Quälerei des Junkers entflieht, thut sich vor unsren Augen auf. Bon den lüö landflüchtigen vor ihrer Uebersiedlung unverheirateten Arbeitern haben V6— 61,9 Proz. als Hauptgrund des Abzuges den Wunsch„mehr zu verdienen" erkennen gegeben. Sie haben sich also in unzulängliche» Lohnverhältnisseu befunden, so dag sie sich nach einer besseren Existenz drängen mutzten. 63 von diesen 96 Arbeiten: gaben als Grund um die Lohnftage. 33 aber noch andre Abwanderungsmotive an. Es handelt sich hier um un- verheiratete, also jüngere Leute, und wenn es wahr wäre, was die Agrarier stets behaupten, die Arbeiter suchten nur deshalb die größeren Städte auf, um den Vergnügungen leben zu können, müßte dies aus den Antworten hervorgehen. Aber nur vier von den drei- unddreitzig sehnten sich nach Vergnügungen und einem freieren Leben. die übrigen geben als Grund deS Abzuges vom Lande an: lange Arbeitszeit, schlechte Verpflegung. schlechte B�e Handlung. Der Verfasser, Dr. Heiser, mutz selbst zugeben: „ dennoch mutz behauptet werden, daß gerade für die unverheirateten Arbeiter, die meist als Knechte verwandt werden, die Schlafstellen auf dem Lande die alleruiigesundesten und schlechtesten sind. soweit die Knechte nicht unmittelbar bei den Pferden schlafen, ist ihnen nieist neben oder über dem Stall ein enger Raum abgeschlagen, in dem oft zehn und mehr Personen liegen. Auf vielen Gütern kommt es sogar noch vor, daß immer zwei Knechte ein Bett teilen müssen." Dem unverheirateten Arbeiter ist es. wenn er sich einiges Geld zurückgelegt hat, immer noch verhältnismäßig leicht möglich, das platte Land zu verlassen. Anders beim verheirateten Arbeiter, für den der Aufenthaltswechsel eine schwere Sorge und einen Sprung ins Ungewisse darstellt. Dessen sociale Lage mutz also schon sehr schlimm gestaltet sein, wenn er endlich den Entschlutz fatzt, mit Familie und Sack und Pack in die Stadt abzuwandern. Von den 45 befragten verheirateten Arbeitern, die das platte Land verließen, hat denn auch keiner Vergnügungssucht:e. als Grund angegeben.„Bei den ver- heirateten Arbeitern tritt das mehr berechtigte Streben nach dauernder Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, andrerseits der ideale Trieb nach einem guten, ungestörten Familienleben bedeutend mehr in den Vordergrund." Dreizehn von diesen 45 Arbeitern gaben„den niedrigen Lohn auf dem Lande" als Ursache ihrer Landflucht an. Bei zehn war der Grund die junkerliche Ausbeutung der Frauen.„Hofgänger sind nicht mehr zu bekommen", sagte einer der Arbeiter,„und nun soll die Frau den ganzen Sommer hindurch täglich und im Winter beim Dreschen auf dem herrschaftlichen Hose arbeiten; 69 Pf. verdient sie dabei täglich und die eigne Wirtschaft geht zu Grunde". Ein andrer Arbeiter:„Wenn ich jeden Tag 12 Stunden arbeite, dann mutz ich so viel verdienen, datz meine Frau nicht auch noch bei fremden Leuten zu arbeiten braucht." Wo bei den verheirateten Arbeitern schlechte Behandlung Ursache der Landflucht ist, da mutz diese natürlich schon sehr drückend sein, um den Arbeiter zum Verlassen der Scholle zu bewegen. Heiser führt als Beispiel einen Arbeiter an, der angab, datz seine Gutsherrschaft bei Kraickheitsfällen einfach den Tagelohn toegfallen lieft aber dabei sich um den Kranken nicht sin mindesten kümmerte. Bei der Entbindung seiner Frau wurde dem Arbeiter selbst daS Fuhrwerk verweigert, um die Hebamme zu holen I Erst nach vielem Bitten gab ein Bauer gegen Bezahlung sein Fuhrwerk her. Andre Arbeiter beklagen wieder, datz jegliche Gelegenheit fehlt, die Kinder etwas Tüchtiges lernen zu lassen. Die Junker handeln nämlich auch praktisch nach dem berüchtigte» Junkerwort aus dem preußischen Herrenhause:„Der dümmste Arbeiter ist der beste!" Sie suchen die Kinder ihrer Arbeiter absichtlich in Unwissenheit zu er- halten.„Die Arbeiter", sagt Heiser,„machten es den Besitzern zum Vorwurf, datz sie systematisch darauf dringen, ihren Kindern die Gelegenheit der Ausbildung zu nehmen, um eine klare Beurteilung der Ver- Hältnisse zu verhindern und sie dadurch dem Lande zu erhalten." Die schlechten Wohnungsverhältnisse loaren weiterhin vielfach Ursache der Abwanderung. Einzelne Arbeiter klagen über ihre Wohnungen: die Feuchtigkeit habe bis Mannshöhe an den Wänden gestanden. Wasser und Schnee sei durch die Decke gedrungen. Einer der Arbeiter giebt auch an, ihm sei gekündigt worden, weil er sich an soeialdemokratischen Agitationen beteiligt habe. Natürlich I In dem grauen Elend ihrer ländlichen Arbeitersklaverei patzt es den Agrariern schlecht in den Kram, unter„ihren" Arbeitern Soeialdemokraten zu haben, welche ihren Leidensgenossen die schänd- liche Ausbeutung zum Belvutztsein bringen. Die allgemeinen Ursachen der Landflucht gehen auS diesen Ant- Worten klar hervor und anstatt nach ZwangSmatzregeln zu schreien, sollten die Junker an eine Besserung der Verhältnisse denken. Die Landflucht würde sich dann ohne weiteres vermindern. Denn wenn auch die der Knute des Junkers entflohenen Arbeiter in der Stadt bessere Arbeitsverhältnisse und Existenzbedingungen, vorfinden, in andrer Form erleiden sie doch dieselbe Ausbeutung. Hier ist's der agrarische, dort der industrielle Ausbeuter, der ihnen das Mark aus den Knochen pumpt. Tie agrarische Lüge aber, datz der Arbeiter auf dem Lande bessere Verhältnisse habe als in der Stadt, sind durch die eignen agrarischen Erhebungen zerstört. politiscke(leberNckt. Berlin, den 30. Januar. Tie Germgnisienmg: Politik in den Lstmarlen wurde am Freitag im Reichstag auf die Anklagebank gezogen. Zur Verhandlung kam endlich die polnische Interpellation, die ivährend der Verhandlungen über den Zolliuucher, looran die polnische Frakrion so wacker mitgeholfen hat, bei feite geschoben war. Tie Klagen der Polen, als deren Sprecher Dr. von D z i e m b 0 w s k i und Fürst R a d z i w i l auftraten, sind die alten: die staatsrechtliche Gleichheit wird ihnen verweigert, die Militärbehörden boykottieren polnische Gastwirte und Geschäftsleute, jugendlichen Hitzköpfen wird die Be- rechtigung zum einjährigen Dienst entzogen; die Standesbeamten weigern sich, polnische Vornamen in ihre Register einzutragen; polnische DrtSnamen werden in deutsche umgetauft; die polnische Nationaltracht wird verfolgt; bis zum Nachtwächter herab ivird die Beamtenllasse von Polen„gereinigt" und polnische Journalisten werden im Gefängnis so behandelt, als wären es soeialdemokratische Pretzf ünder. Das ist das ganze Programm jeuer Polink zweckloser Gewaltmaßregeln und kleinlicher VerfolgungSsucht. wie sie seit Eapriviö Sturze wieder tu jenen Provinzen im Schwange ist, die teils Friedrich II.„erwarb", teils Friedrich Wilhelm Hl. durch die Unterstützung der in ewigen Eheirrungen lebenden Katharina II. von Rußland einsackte. Mit solchen Nucken und Tücken glmidt mau unter dem Hurrageschrei der Hakatisten die„germanische Idee" zu fördern. Graf Posado lvky erwiderte an Stelle deS nicht erschienenen B ü l 0 w mit einigen ratlosen chauvinistischen Phrasen, die sein Vor- gesetzter viel runder und glatter an den Mann zu bringen gewußt hätte. Eine Antwort ans die Beschwerde im einzelnen lehnte er ab, da hierzu nur das preußische Abgeordnetenhaus zuständig sei. Dagegen war der preußische Kriegsminister, Herr v. Gotzler, wohl oder übel gezwungen, auf Einzelheiten emzugehen. Er hatte die Militärbehörde gegen bestimmt formulierte Anklagen zu verteidigen. Besonders bedenklich war seine Auffassung, daß das Militärgesetz den Behörden das Recht in die Hand gäbe, die Berechtigung zum einjährigen Dienst auch dann zu verweigern, wenn eine nicht ehren- rührige Bestrafung erfolgt sei. Aber das ist dieselbe Praxis, die auch schon Soeialdemokraten gegenüber angewendet worden ist. Man denke nur an den Fall Wendland in Magdeburg. Das Verbot des Besuches polnischer Lokale wurde von Herrn v. Gotzler in üblicher Weise mit»nlitärisch-diSeiplinarischm Rücksichten begründet, denen gegenüber der Untcrthanenverstand zu schweigen hat. An die Seite der Regierung traten zwei Hakatisten, der national- liberale Abg. G r a tz m a n n, der als Landgerichts-Direltor de» Prozeß gegen die Thorner Gymnasiasten geleitet hat und gewisser- maßen Partei in eigner Sache ist, und Herr v. Thicdemann, der alte Polenfresser, der dies Gewerbe gleichzeitig mit der Ver- nichtung der Soeialdemolratie betreibt. Das Centrum ist durch die Rücksicht auf die polnische Konkurrenz in Tberschlesien und Westfalen gezwungen, der Regierung in dieser Frage ein böseü Gesicht zu zeigen. ES schickte deshalb Herrn R v r e n vor, der sich recht scharf gegen die offizielle Polenpolitik wandte. Auch insofern ist das Centrum interessiert, als die Polenmission hier und da auch mit den Versuchen Hand in Hand geht, den Katholizismus durch den Protestantismus zu verdrängen. Eine ganz hervorragende Rolle spielte in der Debatte der Fall Löhniug, der die Untergründe des preußischen Mandariuentums in so erbaulicher Weise ausgedeckt hat. Gestützt auf die ehren- wörtlichen Informationen Löhnings— der übrigens auf der Tribüne den Verhandlungen beiwohnte— konnte der freisinnige Redner Lenzmann einige nicht uninteressante Details aus der Geheimgeschichte des Falles geben, in denen die Rolle, die Neid, Klatsch und Jntrigue der Bureaulratie in Verbindung mit lieber- heblichkeit und Standesvorurteilen gespielt haben, deutlich genug hervortrat. Graf Posadowskh drückte sich, gestützt auf einen formalen Einwand, wieder von der Beantwortung. Herr v. Gotzler aber suchte wenigstens das Posener OffiziereorpS und den kommandierenden General aus der unangenehmen Affaire herauszuziehen. Die Debatte, an der von unsrer Seite Ledebour teilnehmen sollte, wurde der vorgerückten Zeit wegen abgebrochen. Wenn sie fortgesetzt werden wird, ist sehr ungewiß. Stellte doch Graf Balle streut heute den merkwürdigen Grundsatz auf, daß es sich nicht empfehle, Jnter- pellationen länger als einen Tag verhandeln zu lassen. Mit Ver- laub, da wird cö doch wohl auf die Wichtigkeit der Frage ankommen. Die Mehrheit stellte sich übrigens natürlich auf Seite des Präsidenten, auf dessen Vorschlag morgen die zweite Lesung des Kinderschutz- Gesetzes erfolgen soll.—_ Abgeordnetenhaus. Taö Abgeordnetenhaus hat am Freitag de» Etat der landwirtschaftlichen Lerivaltung weiter beraten. Sachliches Interesse bot nur eine Erklärung des Landwirtschaftsministers v. PvdbielSki über die Kanalvorlage. Herr v. Podbiclski ist sehr bescheiden, trotz der hohen Worte, die bei Einbringung der beiden Kanalvorlagcn geredet sind und trotz der ver- hängnisvollen Schritte, zu denen sich die Regierung gegen die Äanalrcbellcn hinreißen ließ, begnügt er sich, die Hoffnung awl'zusprechen. daß es doch mal in der Zukunft zu einer prineipiellen Verständigung kommen wird. Tie Rechte und das Centrum verstanden ihren Podbielski und freuten sich seiner Worte, die ein Zugeständnis an die Kanalgegner be- deuten. Der Schwerpunkt der Sitzung lag in der Geschäfts- 0 r d n u n g s- D c b a t t e. die sich an die Anberaumung der Tagesordnung für die nächste Sitzung knüpfte, und die schlagend beweist, wie gering das Haus den Parlamentarismus ein- schätzt. Ter Präsident b. Äröchcr schlug vor, am Sonn- abend außer der Fortsetzung der Etatsbcwtuno auch den Antrag Langcrhans betr. die Feuerbestattung auf die Tages- ordnung zu setzen. Sofort erhob sich der Vorsitzende der Budget- kommission Frhr v. Erffa(k.), um den unglaublichen Borschlag zu machen, nicht nur den Antrag Langerhans abzusetzen, sondern auch alle bereits eingebrachten und noch zu erwartenden Anträge. die nicht unmittelbar mit dem Etat zusammenhängen, so lange zurückzustellen, bis die zweite Lesung des Etats beendet ist. Vergebens ivies Abg b.Eynern(na tl.) auf das Geschäftsordnungs- widrige dieses Vorschlags hin. Die beiden konservativen Parteien und das Eentrum sind unbedingt dafür, und wenn auch Herr v. Erffa formell von seinem Antrag Abstand nahm, so ist doch kein Zweifel, daß das Haus so Verfahren wird, wie er vorgeschlagen hat. Vorläufig ist der Antrag Langerhans von der Tagesordnung abgesetzt. ES ist die Ironie der Geschichte, daß dieselben Nationalliberalen, die im Reichs- tage jeden Bruch der Geschäftsordnung mitgemacht haben, nun im Landtage, wo sie in der Minderheit sind, die Geschäftsordnung vor dem Ansturm ihrer Bundesgenossen beim Zoll- Wucher hüten müssen. Daß ein Parlament sich selbst einen Maulkorb umlegt, wie es der Vorschlag Erffa bezweckt, steht in der Geschichte wohl einzig da. Ter neue russische Zolltarif. Je genauere Einzelheiten über den russischen Tarif des Herrn Witte bekannt lverden, desto deutlicher ergiebt sich, daß er noch weit mehr als der vstreichische daraufhin zusammengestellt ist, die dentscken Ausfuhrartikel vom russischen Markt fern zu halteir Besonders zeigt sich das bei den Zollerhöhmlgen für Eisenwaren und Maschinen. Die Sätze des bisherigen Vertragstariss sind dafür vielfach um 300—500 Proz. gesteigert worden, wie der nachstehende Auszug aus dem neuen Tarif beweist: Bisheriger ........-i.rr s o c r> g e r .teuer Zell x � tr n g s t ar i j vro Pud(— 16,38 ilgj Rubel Rubel Eisen- und Stahlfabrikate: ge- schmiedete, gestanzte ec., jedoch ohne iveitcre Bearbeitung, geschmiedete Nägel über die Seegrenze.... 2,55 über die westliche Landgrenze 3,06 M0 Kessel, Reservoirs, Brücken, Röhren und dergleichen über die Seegrenze.... 2.55 über.die westliche Landgrenze 3,06 1,40 abgedrehtes, poliertes, bron- cierteö oder anderslvic be- arveitcteS: über die Seegrenze.... 4,65 über die westliche Landgrenze 5,48 1,40 ») Stücke mit einem Gelvicht von mehr als 5 Pfund Seegrenze....... Landgrenze....... d) von 5 Pfund oder weniger Seegrenze....... Landgrenze....... Draht: Eisen- und Stahldraht über die Seegrenze.... über die westliche Landgrenze Draht ans Kupfer und andren unedlen Mctalllegicrungen über die Seegrenze.... über die westliche Landgrenze Messcrwaren über die Seegrenze.... über die westliche Landgrenze Sensen und Sicheln über die Seegrenze.... über die westliche Landgrenze Maschinen, Avparate.Konstrnktions- modelle: Landwirtschaftliche Ma- schinen und Geräte über die Seegrenze.... 1,05 über die westliche Landgrenze 1,26—,50 Tynamo- elektrische. Maschinen jeder Art, elektrische Trans- formatoren über die Seegrenze.... 8.50 übce die lvestttche Landgrenze 10,20 1,40 Dampsinaschincn, Lokomobilen, Lokomotiven, Dampf- Feuerspritzen, Buchdruckcrei- u. litho- graphische Maschinen über die Seegrenze.... 3,65 über die westliche Landgrenze 4,38 1,40—1,80 Zur Erläuterung sei hinzugesiigt, dasi Deutschland im Jahre 1899 vor dem Ausbruch der russischen Eiscnkrise für 63 Millionen Eisen und Eisenwaren und für 67 Millionen Mark Maschinen nach Rnsi- land ausgeführt hat. Seitdem hat sich zwar der Export beträchtlich verringert, aber immerhin in jedem der beiden letzten Jahre— Eisenwaren und Maschinen znsannnengcrcchnct— noch mehr als 100 Millionen Mark betragen. * Dcutfcbcs Reich. Zur Sicherung des Wahlgeheimnisses. Im Reichs-Wahlgesetz 8 6 ist bestimmt, daß jeder Wahlkreis zum Zlveck der Stimntabgabe in kleinere Bezirke geteilt wird,„welche möglichst mit den Orts- gemeinden zusammenfallen sollen, sofern nicht bei volksreichen Orts- gemeinden eine Unterabteilung erforderlich wird". Seiner Zeit hat nun Pnttkamer als Minister des Innern in Preußen durch Cirkular an die Landratsämtcr dieser Bcssimmimg die Deutung gegeben, daß selbst die kleinsten Ortsgemeinden, so weit irgend angängig, selb- ständige Stimmbezirke bilden müßten. Er hatte dabei besonders die G u t s b e z i r k e im Auge, jene Reste aus' der Fcudalzeit, die rechts der Elbe noch eine große Rolle spielen. ES gicbt in den oft- lichcn Provinzen Preußens nach der Zählung von 1900 14 971 Guts- bezirke mit 1 895 409 Einwohnern, so daß im Durchschnitt auf den Bezirk 126 Einwohner entfallen. Im Durchschnitt würden also ca. 25 Wähler in solchem Wahlbezirk ihre Stimme abgeben, und es leuchtet ein, daß bei einer so geringen Wählerzahl auch die besten Methoden zur Sicherung des Wahlgeheimnisses keine Gewähr bieten. Es wäre deshalb dringend zu wünschen, daß gelegentlich der ver- sprochenen Neuregelung deS AbstimmnngSverfahrenS festgesetzt würde, daß kein Abstimmungsbezirk weniger als eine bessimmte Einivohner- zahl haben darf, daß also kleinere Ortsgemeinden zusammengelegt lverden müssen. Mit der Unbequemlichkeit für die Wähler darf man die Ablehnung eines solchen Vorschlags nicht begründen. Bestimml doch das Wahlreglemcnt für die preußischen Landtagswahlen die Größe eines llrwahlbczirks zu mindestens 750 Einwohnern— und doch besteht hier der für die Wähler sehr mißliche Zwang, zur bc- stimmten Stunde sin Wahllokale erscheinen zu müssen. Dazu kommt. daß eS sehr angebracht sein dürste, die.Herrichtung der Jsolicrräume der Ulkstimmung der geborenen Herren Gntsvorsteher zn entziehen. Uebrigens können die Herren Agrarier für nnsren Borschlag nur dankbar sein, da sich die Kosten für die Jfolierräume durch Ber- teilung über größere Kreise für den einzelnen erheblich verringern.— Reichstags- Wahlrecht. Hat schon die von der Regierung in Aussicht gestellte Sicherung des Wahlgeheimnisses die Konservativen jäh erschreckt, so würde eine erusthastere Wahlrechtsreform die Revolution der Reaktionäre herbeiführen. Der von den Frei- ssiungen zum Etat des Reichskanzlers eingebrachte Antrag ans Reueinteilung der Wahlkreise entsprechend den veränderten Bevölkerungsverhältnisscn— wird nun allerdings keines- ivegs durch cntsctzleuAusschrci der konservativen Presse beantwortet. Die Konservativen lvissen, daß einschneidende Wahlrechtsbcssernngen von dem Bülow-Posadowokyschen Bewußtsein der„sittlichen Pflicht" nicht zu befürchten sind. Deshalb bedarf eS jetzt nicht ihrer Erregung über den freisinnigen Antrag. Indem die konservative Prcsie zn dem freisinnigen Antrag verächtlich schweigt, bekundet sie dem Reichs- kanzler ihr weiteres und nur zu berechtigtes Vertrauen. Graf Bülow wird sich sicherlich dieses Vertrauens würdig be- weisen, wenn er sich'sin Reichstage zu der Frage der Neu- einteilung der Wahlkreise ausspricht. Es wird allerdings uicht ganz uninteressant sein, wie Graf Bülow, nachdem die Sicherung deS Wahlgeheimnisses als„sittliche Pflicht" erklärt worden ist, sich von der erst recht sittlichen Pflicht losschwatzen wird, die bestimmte Zusage des Wahlgesetzes auf gerechte Einteilung der Wahlkreise zur Verwirklichung zu bringen. Etlvas geschickter inuß immerhin wohl der Reichskanzler diele Aufgabe zu lösen versuchen als die„Deutsche Tageszeining". Diese Freundin des Wahlrechts meint: „ttusre Stellung zur Frage ist bekannt. Unsres Erachicns gehört die Einteilung der Wahlkreise zu den Dingen, von denen Bismarck sagte:„Quicta non movere*'(am Ruhenden soll man nicht rühren). Wenn man jede Bevvlkerungsverschiebung berück- sichtigen wollte, so müßte man in jedem Jahre oder mindestens in jeder Legislanirperiode die Wahlkreise ändern, man käme aus der Unruhe nie heraus. Außerdem muß doch beachtet werden, daß die seßhafte bodenständige Bevölkerung mehr Gewicht hat, als die heimatlos fluktuierende." Weil Gcfabr ist, daß man alle fünf Jahre Acnderungen in der Wahlkreis-Einteilimg vornehmen muß, darum soll die namenlose Ungerechtigkeit, die seit Jahrzehnten dauert und von Wahl zu Wahl abscheulicher und unerträglicher wird, fortbestehen und verewigt werden! Der Albernheit dieses„Grundes" gegen die Gerechtigkeit stellt sich die Frechheit des Schlußsatzes der ,.D. T." würdig zur Seite. Die„heimatlos fluktuierende" Bevölkerung der Städte wird durch die Bertrcibiliig deS letzten»konservativen die gebührende Antwort geben.— Die Lergewaltigungsneigungen gegen die parlamentarische Ord- nung des Zicichstages traten ant Donnerstag in der Pesisions- kommission des Reichstages in einer Art zu Tage, die nur noch lächelndes Mitleid erwecken kann. Ein Oberamtmann L. S p a m e r in Tarnistadt hat, angeregt durch die wüste Zerstörung der Reichstags- ordnung durch die„ Ordnungs"Parteien, allerlei Phantasien über sonstige Vergewalsigungsunssitnigkeiten in einer Petition an den Reichstag niedergelegt. Er meint, der Präsident des Reichs- tages solle die Vollmacht erhalten, während einer Sitzung sobald es ihm zweckmäßig erscheint, zu verkünden, daß bis zum Schluß d e r S i tz u n g die Immunität der Ab- geordneten aufgehoben s e i. Die Vcrkündung erfolgt durch drei Glockenzeichen oder bei großem Lärm durch Aufrichten eines schwarzen Fahnchens am P r ä s i d e n t e n p u l t e. Sobald das Zeichen gegeben ist, unterstehen die Abgeordneten für jedes Wort und jede Handlung dem Strafgesetze. Ein P o l i z e i k o m m i s s a r er- scheint mit z lv e i S ch u tz l c u t e n in Civil, aber„mit kleinen Ab- zeichen" versehen, im Saale, nimmt in der Nähe des Präsidenten Platz und nosiert alle Acutzerungcn, auf Grund deren die Abgeord- netcn strastechtlich belangt werden können. Also der biedere Hesse. Aber— und dies das Bezeichnende— die Petitionskommission warf den PetitionSulk des Darmstädter Oberamtmanns nicht unter den Tisch, sondern überwies ihn auf Antrag des Abgeordneten R i m p a u(natl.) und gegen den Protest der Abgg. Thiele(Soc.) und Lenzmann(sts.) ber GeschäftSordnungS-Kommisfion. Es giebt keinerlei Unfug mehr, zu dem die reaktionären Herrschaften sich nicht herabwürdigen.—_ Das Sersammlungsrecht und§ 10 II 17 deS Allgemeinen Landrechts. Am 29. Juni 1902 wollten die Polen in Posen eine öffentliche Volksversammlung abhalten, die dazu bestimmt war, Protest einzulegen gegen das Gesetz vom 1. Juni 1902. durch welches eine weitere Milliarde zu AnsiedlungSzwecken in den Landesteilen mit polnischer Bevölkerung bewilligt worden ist. Die Polizei- Verwaltung verbot jedoch die Versammlung ans Grund des ß 10 II 17 des Allgemeinen Landrechts, wonach die Polizei bestlgt ist, Vorkehrungen zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordmmg zu treffen. Der Oberpräsidcnt wies die vom Einberufer der Versammlung eingelegte Beschwerde ab. Auf die nunmehr angestrengte Klage erwiderte der Präsident, daß zu befiirchten gewesen sei, die Verhandlungen in der Volksversammlung könnten zu Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung führen. ES habe die Erregung berücksichtigt werden müssen, welche infolge planmäßiger Aufhetzung unter den Polen herrsche und z. B. in den Wreschener Schulkrawallcn und auch noch sonst sich Ausdruck verschafft habe. Dazu komme, daß in der Versammlung ein Mann der schärfften Tonart. Rechtsanwalt Chrzanowski habe sprechen sollen, der sin Landtage das Wort von der„preußischen Pest" gebraucht habe. Ferner habe der Arzt Rydlewski dort reden sollen, ein Mann, der in den Geheimbund- Prozeß der Akademiker verwickelt gewesen sei. In den letzten Jahren hätten sich die Strasprozesie gegen polnische Redakteure und Politiker ganz erheblich vermehrt. Aus allen diesen Gründen rechtfertige sich das Verbot der Versammlung, die sich gegen das damals soeben verabschiedete Gesetz richtete. Der erste Senat des Ober-Berwaltungsgerichts verhandelte am 30. Januar in der Sache. Ten Kläger vertrat der Reichstags- Abgeordnete v. Glebocki, der geltend machte, daß bei Anerkennung der Gründe de» Oberpräsidcnten das verfassungsmäßig gewährleistete Versamntlungsrecht für die Polen abgeschafft wäre. Ein Regierungsrat, als Kommissar des Ministers erschienen, suchte die Polen als schreckliche OrdnungSseinde hinzustellen, die auf- gehetzt seien durch bezahlte Agitatoren, welche von der Entrüstung der Aufgehetzten lebten. Auch die Vorkommnisse in Wreschen seien eine Folge der polisischen Erregung, und zwar schlimmster Art; selbst die Kinder würden aufgehetzt. Das Ober- Verwaltnngsgericht hob den Bescheid des Ober Präsidenten aus und setzte die Verbotsversügung der Posener Palizeidirektion ausser Kraft. Präsident Peters führte be- gründend anS: Das Verbot sei auf Grund des 8 10 II 17 Allgemeinen Landrechts wegen der Bestirchtmig ergangen, daß die Verhandlungen in der Versammlung zu Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung führen würden. Also sei die Polizei lediglich anS dem Grunde eingeschritten, weil hier durch die Ausübung des Ber- f a m m l u n g s r e ch t s Störungen der gedachten Art zu befürchten gewesen wären. Dar in sei vorliegend eine Ber- leyung des Verein sgesctzes enthalten. Nach 8 9 de» Vereinsgesetzes dürfe zwar die Genehmigung zu öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel ver- sagt werden, wenn aus der Abhaltung der Versammlung Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu be- fürchten wären. DaS gelte aber nur für öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel. Hier handele es sich indessen um eine öffentliche Versammlung in einem Lokal. Solche könnte aus jenem angeführten Grunde nicht verboten werden. Das Urteil ist von principicllcr Bedeutung und wird hoffentlich geeignet sein, endlich den Zustand vollendeter Polizeilvillkür zu beseitigen. Die grobe Verletzung de» Vcresiisrechtes, wie eS sich Polizei und Oberprüside�tt in Posen haben zu Schulden kommen lassen, beweisen aufs neue? daß es uicht die Polen sind, die im Jagd- rcvier der Germanistoren Gesetz imd Recht mißachten.— Dementi Podbielskis. Herr v. Podbielski will mit dem Fall En bell- Willich nichts zu thun haben. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" erklärt; „In verschiedenen Blättern ist behauptet worden, die aller- höchste Entscheidung in Sachen eines ehrengerichtlichen Urteils über den Major a. D. Endcll in Posen sei aus Vortrag des Ministers für Landwirtschaft v. Podbielski erfolgt. So unbegründet auch eine solche Behauvtirng für jeden erscheinen mußte, der die strengen Gepflogenheiten bei Beobachtung der Vorschriften über die mili- tärsschen Ehrengerichte und deren Instanzenweg nur einigermaßen kennt, so wollen wir doch ausdrücklich feststelle», daß der Land- wirtschaftS-Minister v. Podbielski mit dieser ganzen Sache nicht» zu thuu und niemals Gelegenheit gehabt hat, sich gegenüber' Sr. Majestät dem König über die Angelegenheit zu äußern." W e r hat also die Mildermig des Urteils erwirkt? Kann sicki vielleicht Herr v. Podbielski nur seiner Thätigkeit in der Sache nicht mehr entsinnen, wie beim Lausekanal? Oder hat er vielleicht auf dem Umwege über die„Kabinettsherren" für Endell plädiert? Jedenfalls ist mit solchen Dementis der Fall nicht erledigt. Der fromme..Reichsbote", der es nicht verschmäht, Gegnern, selbst wenn sie Landräte waren, noch ins Grab Verdächtigungen nachzuwerfen, hatte Herrn v. W t l l t ch ehrenrührige Handlungen nachgesagt. Heute widerruft er und giebt als Motiv de» Selbst- mordes auch die Verfolgungen durch den Bund der Landwirte an. Auf der andern Seite schreibt die Endellsche„Deutsche Tageszeitung" mit dem Revolver, indem sie vernehmlich knackt: Bisher übten die angegriffenen Männer Diskretion, aber man sollte sie nicht durch weitere Angriffe zwingen, daS Schweigen zu breche»: dann würden für den Verstorbenen und seine Hinterbliebenen p'ciu- liche Tinge erörtert wcrdeit. Der. Edelsinn kleidet die Endell-Leute verdammt schlecht. Im übrigen scheint die ganze Ostmarkeit-Politik auf allen Gebieten eine furchtbare Korruption gezeitigt zu haben. Ein bürger- liches Posener Blatt wies kürzlich erst darauf hin. daß der „germanisierende" Millionenseacn ein L a n d- S p e k u l a n t e n t u m gezüchtet habe, das mit Hilfe der AnsiedelungS-Kommission ernten wolle, ohne gesäet zu haben._ Eine neue agrarische Niederlage. Immer von neuem beweisen die Reichswgs-Nachwahlen, wie wenig die Mehrheit der Reichstagswähler mit der Zollwuchermchrhei: des Reichstags einverstanden ist. Auch der überwiege u d ländliche Wahlkreis Schleswig-Eckernförde hat durch seine Abstimmung bei der am Donnerstag stattgesimdenen Reichstags Ersatzwahl bewiesen, daß er von den Zollwncherern nichts wissen will. DaS ergiebt sich unwiderleglich ans der auf die einzelnen Parteien entfallenen Ssimmenzahl. Nach einem Wolfffchen Telegramm waren im dritten schleswig- holsteinschen Wahlkreise bis jetzt gezählt für Spethmann(sts. Bp.) 7611, Hofs mann(Soc.i 5508, Hansen(natl.) 4366, Gras Reventlow(B. d. L.) 3382 und Prof. L e h m a n n- Hohenberg (bei keiner Fraktion) 236 Ssimmen. DaS Ergebnis aus einigen Orten ist noch nicht bekannt. Im Jahre 1898 wurden abgegeben für den reichspartet- lichcn Misckmtasch-Kcmdidaten 6357, für den Freisinnigen 5895 und für den Socialdemokratcn 4116 Stimmen. Ver- gleicht man die Zahlen mit den obigen, die nur noch eine geringfügige Aenderung erfahren dürften, so ergiebt sich, daß sich— bei einer Mehrabgabe von insgesammi 4500 Stimmen— die Zahl der direkt ansiagrarischen Ssimmen um 3108, die der agrarischen— die nationalliberalen Stimmen eingerechnet — nur mit 1427 vermehrt haben 1 Wobei aber zu beachten ist, daß die nattonalliberalen Ssimmen keineswegs sämtlich zu Gunsten der Brotwucherer verrechnet werden dürfen. Tie Zahl der wirklich agrarischen Ssimmen beträgt nur 3382, wobei noch in Betracht zn ziehen ist, daß der bündleriiche Kandidat, Graf Reventlow, auch Mitglied der d e n t s ch- n a t i o n a l e n R e s o r m p a r t e i ist. also durch seine ansisemisische Mittelstandsretterei manchen kleinbürgerlichen Wähler gewonnen haben mag, der für das bündlcrische Programm an sich tnemals gestimmt haben würde! Aber selbst wenn man hiervon absieht, und ferner sämtliche 4366 nationalliverale Ssimmen den Zollwucherern zti- schreibt, so ergiebt sich, daß, während 1893 6857 agrarischen 10011 anttagrarische.........---------- 7748 agrarischen 13 119 Und das in einem Wahlkreise mit u verwieg, Bevölkerung. Was die Vermehrung der antiagrarischen Stimmen selbst an- langt, so haben sich die fteisinnigcn Stimmen von 5895 auf 7611, die socialdemokratischen von 4116 auf 5508 Stimmen ver- mehrt. Die Fretsinnigeit haben 1716, die Socialdemokratcn 1392 Ssimmen gewonnen. Hat sich danach die Ssimmenzahl der Freisinnigen gegen 98 noch stärker vertnehrt, als die der Social- dcmokratie, io mutz dabei docb in Betracht gezogen werden, datz der Freisinn 1893 bereits 7570, 1890 8689 und 1887 gar 9493 Stimmen erhalten hatte, während die Socialdemolratie diesmal ihre über- Haupt h ö cki st c Stiminenzahl erhalten hat. Hatte sie doch in ihrem bisher günstigsten Jahre, 1893, nur 1612 Stimmen erhalten. Also selbst gegen 1893 ergiebt sich ein social- demokratischer Stinmtcnztüvachs von 900 Stimmen. Wobei berück- sichtigt werden muß, daß der socialdemokratische Stimmenzuwachs von 1393 auf 1898 lediglich darauf zurückzuführen ist, daß 1898 viele Hundert Arbeiter, die 1893 am Bau des Nord-Ostsee- Kanals beschäftigt waren. 1898 nicht mehr im dritten schleswig- holsteinischen Wahlkreise ansässig waren, daß also lediglich daraus der vorübergehende Rückgang der socialdemokrasischen Ssimmen zurückzustihren ist. Unter Berücksichtigung dieses Umftandcs hat die socialdemokratische Partei am b e st e n abgeschnitten.—_ Die Obstruktions- Finte. Die famose Richtersche Erfindung von der„einigenden Obstruktion" hat nicht nur der Dicderich Hahn als „eitel Schwindel und Heuchelei" bezetchnet, sondeni kürzlich hat auch der zweite Vorsitzende der Landwirte, Dr. Rösicke, über die Fabel geulkt. Er erzählte nämlich in einer Versammlung, wie man den Kuhhandel perfekt machte: Es kamen verschiedene„Geister" in den Reichstag hinein und welche heraus. Ter Reichskanzler holte sich einige Geister aus dem Reichstag zu einer„Besprechung". Sie wissen doch, datz c» Krank- heilen giebt, die durch das Zaubermittcl der„Besprechung" geheilt werden. Diese Üwgeordnctcn hatten auch eine Kranfhcir, da» war ihre Festigkeit.. Der Reichskanzler„besprach" sie und die Festigkeit wich alsbald.(Stürmische Heiterkeit.) Nim kamen auch einige„Geister" in den Reichstag hinein, und die Leute dort wurden bleich und erschraken. Das Ding mutzte doch cincn Namen haben, und so sagte man: Die Obstruktion der Socialdemokraien mutz unterdrückt werden." Wird Herr Richter nicht nächstens sein blamables ABC ein- stampfen lasten?— Schnack! Tie„Deusiche Tageszeitung" renommiert heute, die Tischsiich-Rede Podbielskis— diesmal sollte das Tischtuch mit dem B n n d e der Landwirte zerschnitten werden— habe auch bei der socialdemokratischen Presse„jauchzende Zustimmung" gefunden. Da möchten wir doch sehr bitten: ein socialdemokrasisches Blair ist niemals so— harmlos, einem Podbielski zuzujauchzen, mag er selbst so grobianischc Worte erfinden wie die Aeutzerung, die er jüngst privatim über die GrotzmannScitelkeil der Bündler gethan haben soll.— Karneval und Kaisers Geburtstag. DaS„Kölner Tage- blatt" klagt beweglich über die Konkurrenz, die der Karneval der patriottschen Gevurtoiagsfeicr für Wilhelm II. gemacht habe. Das Blatt berichtet nämlich zornig über die Feier des Kreis- Krieger- Verbandes Köln(Stadt und Land): „Wenn man cincn Vergleich zieht zwischen dein Besuche des schönen Victoria- SaalcS bei einer karnevalisiischen Veranstaltung und bei der gestrigen Feier, so haben sich die Tausende von Mit- gliedern der Kriegervercine eigeniAch kein gute» Zeugnis aus- gestellt; denn bei einer Kamevalssitziing ist wohl zwei Stunden vorher schon kein Stuhl mehr zu haben, während gestern abend eine Stunde nach dem festgesetzten Beginn noch bequem uitterzu- kommen war." So geht es denn selbst im heiligen Köln mit dem Patriotismus reihend abwärts. Selbst eine ganz gewöhnliche Karnevalssitzung findet gröberen Zudrang als die Feier des„größten nasionalen Festtages" de» Jahres l— lvhn verdienten die mSnulichen Arbeiter im Sommer zwischen 1,46 und 2,59 Bk. Am niedrigsten war der Verdienst in, Regierungs- bezirk Oppeln, a», höchsten im Bezirk Arnsberg Unter 2 SW. blieb der Lohn in den Bezirken Königsberg, Gumbinnen. Danzig, Marien- Werder, Frankfurt a. O., Stettin, Köskin, Posen, Bromberg. Breslau, Liegnitz. Oppeln. Osnabrück, Kassel. Die Frauen verdienten im Tagelohn im Sommer zwischen 80 Pf. nnd 1,50 M., die jugendlichen Arbeiter zwischen 65 Pf. und t.53 M. Am niedrigsten waren die Löhne auch bei diesen Arbeitcrkategorien in den ostclbischen Gefilden. Die durchschnittliche tägliche Arbeitsdauer betrug 0—10 Stunden. Im Winter verdienten die Männer zwischen 1,22 und 2,40 M., die Frauen zwischen 70 Pf. und 1,40 M. Etwas höher war der Verdienst der im Stücklohn arbeitenden Männer: er schwankte im Sommer zwischen 1,54 und 3,27 M., im Winter Zwischen 1.40 und 2.85 M. Die Gesamtzahl der Betriebsunfälle belief sich auf 1835, davon 82 mit töldichem Ausgang. Im Bezirk Marienwerder kamen allein 6. in den Bezirken Bromberg und Oppeln je 4 Todesfälle vor. Die Aufwendungen des Forstfiskus als Betriebsunternehmer betrugen 339 000 M., die Kosten des Heilverfahrens während der crfien 13 Wochen, so weit sie den forstfiskalischen Gutsbezirken zur Last fallen, 21 600 M.; an freiwilligen Unterstützungen für Waldarbeiter und deren Hinterbliebene wurden 18 700 M., an Beiträgen des Fiskus zur Unterstützung von Waldarbeitern an Kassen, die nicht auf Grund gesetzlicher Bestimmungen errichtet sind, 30 400 M. und aus dem Gnaden-Pensionsfonds 5000 M. gezahlt. Diese Daten zeigen, wie weit wir noch von dem Zeitpunkte ent- fernt sind, wo das Wort von den staatlichen Musterbetrieben zur Wahrheit wird.— Waldcrsee Amerikarcisrnder. Zur Enthüllung des Standbildes Friedrichs des Großen in Washington, des Geschenkes des Kaisers an die nordamcrikanische Union, wird sich, wie in amerikanischen Kreisen verlautet, eine OffizierS-Dcputation nach Amerika begeben. An der Spitze der Abordnung wird Feldmarschall Graf Walde rsee stehen. Weshalb die Enthüllung des Dcukmals, das doch an einem nicht öffentlichen Platze aufgestellt werden wird, von deutscher Seite mit so offiziellem Gepränge begangen werden soll, ist völlig unverständlich. Die Prinz Hcinrich-Reisc ist von Amerika noch nicht erwidert worden, selbst Miß Alice Roosevelt hat— um mit der„Rh. Wests. Ztg." zu reden, Deutschland ostentativ„ge- schnitten". Deutschland ist also Amerika keine Revanche-Vifite schuldig, es sei denn fiir— Barnum'— Hessische WahlrechtS-Reform. Aus Darmstadt wird berichtet: Der neue Gesetzentwurf betreffend die Landstände soll in der Hauptsache bei dem Wahlrechts- Gesetz folgende Bestimmungen Platz greifen lassen. Tie Zweite Kammer wird gebildet aus 15 Abgeordneten derjenigen Städte, welchen ein besonderes Wahlrecht zusteht, das sind" Darmitadt, Mainz, Gießen, Offenbach, Worms, Friedberg, Alsfeld und Bingen, und 40 Abgeordneten. welche von den nicht mit einem besonderen Wahlrecht begabten Städten und den Land- gemeinden in den zu diesem Zwecke gebildeten Wahlkreisen gewählt Iverden. Die 2. Kammer wird in geheimer Absiiininung gewählt. Die Vorlage enthält also gegenüber dem früheren in der Kammer gescheiterten Regierungscntwurf nur unlvesentliche Acnderungen, die sich an die Beschlüsse des vorigen Landtags anschließen.— Chronik der Majestätsbeleidigmige». Aus Danzig wird berichtet: Wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse wurde der Redakteur Paiikowsti von der„Gnzcta Gdanska" zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.-- Husland. Venezuela. Washington, 20. Januar. Nach einer gestern abend statt- gehabten Besprechung zwischen Bowcn und den Vertretern der drei Mächte gelten die Gerüchte. Deutschland suche die Unter- Zeichnung des Protokolls über die Prä- > i n, i ii a r v e r h a n d l u n g e n zu verzögern, als u n- begründet.— Washington, 29. Januar. Infolge der unnachgiebigen Haltung der verbündeten Mächte bezüglich der von den Gläubigern zu be- zeichnende Borzugsforderung ersuchte Bowen den Präi-s sidenten Castro telcgraphisch um Weisungen. Bowen gab den Vertretern der Mächte zu verstehen, daß er zu Zu- geftändniffen geneigt sei. Eine Aenderung der Lage vor Eintreffen der Antwort Castros wird nicht erwartet.— Oestrcich-Nngarn. Ein zuckeragrarischeS Reben-Parlament. Vor der Frcitags-Sitzung' des?lbgcordnctciihauscS hielten Ver- treter der Rohzucker- und R a f s i n a d c- I n d u st r i c im Konferenz z i m m e r des östreichisthen Abgeordneten- Hauses eine 2 i tz u n g ab bchufS Einigung über die Konringents- aufteilung. Beim Beginn der Sitzung beschwerten sich mehrere Abgeordnete darüber, daß N i ch t v a r l a m e n t s m i t g l i e d e r in den Räumen des Hauses eine Versammlung abhalten und ein Nebenparlament im Parlament errichten. Ellenbogen(Soc.) fragt den Präsidenten, ob dies mit seiner Einwilligung geschehen sei. worauf der Präsident erwidert, er habe von der Versammlung erst kurz vor Beginn der Sitzung Kenntnis erhallen und sei nicht um Ueb er lassung der Räumlichkeiten ersucht worden, habe auch eine diesbezügliche Erlaubnis nicht erteilt. Pernerstorfcr(Soc.) beantragt Susvcndicrung der Sitzung, um die Eindringlinge aus dem Hause zu weisen. D e r s ch a t t a spricht sein t i c s st c ö Bedauern darüber aus, daß nach der Miticilung deS Präsidenten das Haus zu einer Ver- sammlung von dem Parlament nicht angehorigen Personen mißbraucht werden dürfe, und beantragt, da diese Herren sich angeb- lich noch immer im Hause besäiiden, Unterbrechung der Sitzung. Der Präsident unterbricht die Sitzung auf eine halbe Stunde. Während der ganzen Scene wurden ummterbrochen lärmende Entrüstungsrufe laut. Eine Anzahl von Abgeordneten begab sich unter Führung zweier Ordner in den Kommissionssaal, in dem die Zuckerindustriellen noch versammelt waren, und forderte dieselben zum Verlassen des Saales auf. Nach Wieder- ausnähme der Sitzung erklärte der Präsident, es hätten wiederholt Beratungen von Nichtparlamentariern in den Räumen des Hauses stattgefunden. An der heutigen Versammlung hätten sowohl Abgeordnete als auch RegierunaS- vcrtreter teilgenommen. Da der Präsident einer früheren Versammlung in der Zuckerfrage seine G e- nehmigung erteilt hatte, wurde diese für die heutige Sitzung wieder vorausgesetzt. Der Präsident gicbt seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß feine frühere Erklärung von den Ordnern vielleicht mißverstanden werden konnte, und bittet das Haus, die Verhandlungen ruhig fortzusetzen. Die Beratung der Zuckervorlage wird darauf wieder aufgenommen. Frankreich. Kartellgruppen und Regierung.— Rechts um! Paris, 29. Januar.(Eig. Ber.) Die radikale Presse setzt ihre Angriffe gegen das Ministerium fort wegen Comb es' Erklärungen in der KulwSbudget-Dcbatte. Die lmlsradikale Kammerfraktiou hat sich ihrerseits mit dem Protest und der antimimsteriellen Abstimmung in der Kammer nicht begnügt. In einer langen Kraktionsfitzung hat sie über die Situation beraten. Die dabei votierte Resolution klingt wie eine scharfe 'Warnung. Was nicht in der Resolution steht, wird parteioffiziös bekannt gemacht; der Regierung soll ein„Kredit" gewährt werden bis zur Debatte über die Genchmiguugs-Gesuche der Mönchsorden,, d. i. bis nach Erledigung deS Budgets. Es handelt sich also vor- läufig um einen Waffenstillstand. Hiirgegen sucht Jaures, wie vorher Gsrault-Richard, den Zwischenfall auf ein„Mißverständnis" zurückzuführen. Er spricht von „einer Art panischen Schreckens" seitens der Mehrheit, von ihrem„ich weiß nicht welchem krankhaften Bedürfnis, die etwas berstinimendcn Worte" des Ministerpräsidenten im„schlimmsten reaktionären Sinne zu deuten." Es istübrigens bezeichnend, datzJaureS selbst im gleichen Artikel bereits die Verantwortung seiner Partei für den eventuellen Bankrott der Kartellpolitik verringern möchte. Die antimiinsteriellcn Bourgeoisrepublikauer überschätzten nämlich den Einfluß der ministeriellen Socialisten, nicht nur um die Eifersucht der bürger- lichen Regierungstruppen zu wecken, sondern auch um„der socia- liftischc» Partei in der Stunde der Abrechnung am Schluß der Legislatur zurufen zu können:„Sie waren Herr, was haben Sie geleistet?..." Die Zeichen des Kartell-BankrottS mehren sich eben von Tag zu Tag. In der gestrigen Kammersitzung machte der Mnistcr der öffentlichen Arbeiten, M a r n s j o u l S. Erklärungen über das seit 1897 verschleppte Eisenbahner-Schutzgesetz(Zchnsmndentag und Verbesserung der Alterspcnsionen), die für die Reform nichts Gutes versprechen. Die Kammer hatte bereits zweimal jene Reform mit erdrückender Mehrheit votiert, Ende 1897 und dann, nach deren Verhunzung durch den Senat, im Jahre 1901. Jetzt schickt sich der Senat an, zum zweitenmal die Eisenbahner zu foppen. Der Minister wurde daher aufgefordert, im Senat das Votum der direkte» Volksvcrtrcwug zu verteidigen. Er lehnte aber das rundweg ab. lind die Regierungsmehrheit nebst den Urhebern der Reform ließ sich die„besonnene Mäßigkeit" und die„mäßige Besonnenheit" des Ministers ruhig gefallen. Uebrigens tritt der halbradikale ManiäjoulS in die Fußftapfcn P. BaudinS, feines linksradikalen Vorgängers vom Kabinett Waldeck-Millcrand, der feiner Zeit dieselbe Reform bor dem Senat im Stiche ge- lassen hat. Die vom Kriegsminister in der„Friedensdebatte" an- gekündigte Verfolgung des antimilitaristischcn„Neuen Handbuches für Soldaten" ist prompt eingeleitet ivorden. Gestern fand eine Haussuchung in der hiesigen Arbeits- b ö r s e statt, um einige Exemplare der Schrift zu beschlagnahmen. Nebenbei. Gsraiilt- Richard schreibt heute in der„Petite Röpublique". jene Verfolgung sei von der Gesamtheit der Kammer gebilligt worden,„ausgenommen die Socialisten". Millerand also, der mit der Gesamtheit der bürgerlichen Parteien gestimmt hat. lvirb nicht mehr zu den Socialisten gezählt, und das von der„Ptztite Rvp."? Weit gefehlt! Das Blatt hat nämlich das skandalöse Votum Millerands verschwiegen. Sein Lesepublikum weiß nichts davon.— Belgien. Tic Tcputiertenkanimer ist bereits in die Diskussion über den Einwurf des Unfallversicherungs-Gesetzes eingetreten. Der Arveits- minister Francotte begründete das Projekt. Der erste Diskussions- redner war der socialistische Deputierte Hector Denis. Dieser trat für das Obligatorium ein, wobei er vor allem auf die Erfahrungen in Deutschland verwies. Der Redner verlangt, in der nächsten Sitzung weiter sprechen zu dürfen.— Italien. Ter Prozeü Pallizzol«. Der Kajsarionshof hat dem Revisions- anirage des MafsiahäupilingS Pallizzolo stattgegeben und das Urteil des Bologneser Gerichtshofes aufgehoben und den Prozeß zu noch- maliger Verhandlung an das Schwurgericht von Florenz ver- wiesen.— Ein Monsterprozc« bat dieser Tage vor dem Gerichtshöfe in Eofenza begonnen. Angctlagt sind 89 Personen, die beschuldigt sind, einer geheimen Gesellscbatt. der„Mala Vita", anzugehören. Dieser süditalienischen Gcheiingescllschaft werden verschiedene Morde zur Last gelegt. Als Zeugen sind 440 Personen geladen; man ninimt an, daß der Prozeß drei Monate dauern wird.— Schweden. Für das allgemeine kommunale Wahlrecht. Bereits dreimal, zu- letzt im Jahre 1001, hat unser Parteigenosse B r a n t i n g in der Zweiten Kammer einen Antrag auf Einftihrung des allgemeinen kommunalen Wahlrechts nach proportionalem System gestellt. Nun hat er gemeinsam mit den drei neuen socialdcmolratischcn Abgeordneten diesen Antrag wieder aufgenommen, teils damit diese wichtige Frage im Reichstag nie zur Ruhe kommt, teils um zu prüfen, ob die neue Zweite Kammer gewillt ist, die kommunale Wahlrechtsreform mit mehr Nachdruck zu fördern als die vorige. Eine demokratische Reform des kommunalen Wahlrechts ist eine der Hauptforderungen der Arbeiterpartei. Asien. Tnng- sich- siang. Wie aus amtlichen englischen Informationen hervorgeht, giebt die Lage in den chinesischen Provinzen Kwan- t u n g und S ch a n s i Anlaß zu ernsten Besorgnissen. Bereits im Dezember forderten die fremden Konsuln die Damen der Missionen, welche sich in den Hauptstädteu der beiden Provinzen befinden, aus, diese zu verlassen, da Gefahr im Verzuge sei. General Tung soll 10 000 Mann um sich gesammelt haben und über große Mengen Proviant und Munition verfügen. Er hat sein Haupt- quartier in Ping-Li-Du aufgeschlagen und'dasselbe mit Befestignngs- werken versehen.— Afrika. Btarrokk». Madrid, 30. Januar. Eine Depesche des svanischcn Gesandten de Eologan meldet, es bestätige sich, daß der Prätendent in der Richtung auf Fez vorrücke in der?lbsicht, die Stadt anzugreifen.— Aus Tanger wird der„Frankfurter Zeitung" gemeldet: Hier traf ein französischer Dampfer ein mit der ersten Auszahlung der gemeldeten Anleihe der Bangue de Paris ct dcS Pays-BaS im Be- trage von 1 200 000 Fr., die demnächst nach Fez abgehen. Tie Londoner Anleihe ist angeblich dem Abschlüsse nahe.— Polizeistaatliches. Die Biz�getkom missio» d e S Abgeordneten- Hauses beschäftigte sich bei Beratung des Etats des Ministeriums dcS Innern mit den Ausschreitungen»er Polizeibeamten bei der Sistierung von Frauen. Der Referent machte eingehend Mitteilung von den Maßnahmen, die seitens des Ministers ergriffen worden sind, imi die Wiederkehr ähnlicher Miß- griffe zu verhüten, und teilte die erlassenen Verfügungen mit, die sich außer auf diese Frage auch aus den Transport und die Unterbringung von Gefangenen beziehen. Sie decken sich im wesentlichen mit den Angaben, die der Staats- sekrctär des Reichs-Justizamts Nieberding gemacht hat. Der Minister erkannte an, daß in den letzten Jahren leider die Uebergriffe der Polizei zahlreicher gewesen feien als je zuvor. Es werde aber auch in der Presse viel leeres Geschrei gemacht über ganz harmlose Vorgänge. Bei wirklichen Verstößen liege die Schuld häufig weniger an den ausführenden Untergebenen, als an den Borgesetzten, die dieselben nicht genügend instruierten. Aus der Kommission heraus wurde angeregt, die Polizei- beamten planmäßiger an Leib und Geist zu schulen für ihren eigen- artigen Dienst. Auch wurde betont, daß der Mißbrauch der Polizei- Organe zu politische» Spitzrleim das Publikum gegen die Polizei-Organe insgesamt einnähme. AuS der Kommission heraus wurde angefragt, ob nicht d«r Minister die öffentliche Meinung bezüglich des traurigen Endes des Landrats v. Willich beruhigen könnte; in der Presse verlaute, daß er einer feindlichen Koterie zum Opfer gefallen sei, der gegenüber die höheren Re« gicrungsbehördcn ihre schützende Hand hätten vermissen lassen. Ter Minister gab seinem schmerzlichen Bedauern Ausdruck über den tragischen Heimgang dieses erprobten, erfahrenen, überaus tüchtigen und durch und durch deutsch gesinnteu Mannes. Er bestritt, daß er(der Minister) oder seine Organe irgendwie den Land- rat v. Willich im Stiche gelassen hätten, das gerade Gegenteil sei zutreffend. Seit Monaten habe Landrat v. Willich wiederholt ihn gebeten um Berufung auf einen seinen Fähigkeiten entsprechenden Posten in einem andren Bezirk, in welchem er der Einwirkung von Einflüssen entzogen Iverde, unter denen er in Posen zu leiden habe. Landrat v. Willich habe schon lange an einer sehr hochgradigen nervösen Erregung gelitten und deshalb um eine weniger aufregende Thätigkeit nachgesucht. In vollständigem Einverständnis sowohl mit Herrn v. Willich wie mit den Vertretern der andren Ressorts habe er, der Minister, darauf hingewirkt, daß Herr v. Willich für den Posten eines landwirtschaftlichen Sachverständigen in den Donauländern designiert wurde. Diese Stellung sei gerade gegenwärtig. Ivo es sich um die Erneuerung von Handelsverträgen handle, von sehr hoher Bedeutung. Zunächst liabe Herr v. Willich aber, nachdem er in der Nähe von Berlin für sein Nervenleiden Heilung gesucht hatte, sein Amt wieder dauernd übernommen. Zum 15. Februar habe er nach dem Süden gehen wollen. Da sei plötzlich in der Nacht vor seinem Tode ein nervöser Zusammenbruch ein- getreten, der daS Schlimmste befürchten ließ. Die persönlichen Differenzen, unter denen Herr v. Willich zu leiden gehabt hatte, waren damals gerade im Begriff, gänzlich nnsgeglichen zu werden. lieber die Art. wie alles geschehen sollte, sei schon ein Einvernehmen erzielt worden. Und gerade, als dasselbe fixiert werden sollte, habe Herr v. Willich seinem Leben ein Ende gemacht. Der Minister erklärte, daß die Verwaltung keinerlei Schuld treffe, das sie alles gethan habe, um Herrn v. Willich seinen hervorragenden Fähig- leiten entsprechend dem Staatsdienst zu erhalten. Tie Darstellung des Ministers ist ebenso allgemein wie unklar. Gegenüber den bestimmt behaupteten Thatsachen bietet sie nichts als haltlose, verschwommene Versicherung. Welcher Art waren die persönlichen Differenzen? Wie war es mit dem Fall Endell, wie mit der Abschwächung des ehrengerichtlichen Urteils, wie mit dem gesellschaftlichen Boykott? €■ Aus der Kommission heraus wurde eine strengere Kontrolle der Masseusen gefordert, die unter dem Deckmantel der Massage oder Manieme gewerbsmäßige Kuvpelei trieben. Ein Regicrungs-Kom- m i s s a r weist darauf hin, daß die Annoncen, die sich auf diesen Betrieb beziehen, durch behördliches Eingreifen schon aller Anstößig- leiten entkleidet seien. Tie Sitzung tvurde Donnerstag in später Abendstunde ab- gebrochen und um den Etat deS Ministeriums des Innern zu er- lcdigen Freitag früh eine Stunde vor der Plenarsitzung fortgesetzt. Man debattierte über daö Fürsorge- ErziehungSgesetz, dessen Kosten aus 600 000 iR. gestiegen sind, während die Beiträge der kommunalen Verbände etwas zurückgegangen sind. Allgemein war man in der Kommission der Ansicht, daß die Rechtsprechung des Kammergerichts den Absichten der Gesetzgeber nicht gerecht werde. Das Kammergericht habe den Grundsatz, daß die Fürsorge-Erziehung nur im äußersten Falle. Ivcmi andre Mittel alle versagt haben, eintreten dürfe, viel zu sehr betont. Es� wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß daS Kammergcricht selbst diese Rechtsansicht korrigiere, sonst werde man nicht umhin können,«ine Aenderung des Gesetzes herbeizuführen. parlamentarilckes. Budget Kommfffion des Reichstags. In der Sitzung ain Freitag tvurde zuerst der Etat für das Auswärtige Amt erledigt. Eine längere Debatte entspann sich mir bei der Forderung von 675 000 M. für„Brief- und Pakctporto für die dienstliche Korrespondenz. Telegraphengebühren, für Estafetten, Frachtkosten und Botenlohn, Schreibmaterialien und Bureau- bedürfnisie aller Art, Zeitungen, Gesetzblätter. Druckschriften" (Kap. 5, Tit. 143). Referent Prinz v. Arenberg weist auf die große Summe hin, welche die Depeschen erfordern. Rotwendig sei es.�daß in amtlichen Depeschen jedes entbehrliche Wort fortbleibe. Der Staats- sekretär deS Auswärtigen Amts, Freiherr v. R i ch t h o f e n, ver- sichert, daß er in seiner ganzen Verwaltung die denkbar größte Sparsamkeit walten lasse. Der Depeschenverkehr jedoch gewinne bei der Erledigung der Angelegenheiten mit den andern"Regierungen eine immer größere Bedeutung. Wenn nun noch außergewöhnliche Zwischenfälle hinzukommen wie der mit China nnd jetzt der mit Venezuela, dann muß naturgemäß die Ausgabe für Depeschen weit über die im Etat vorgesehene Summe hinausgehen. Jedoch könne er versichern, daß auch in diesen Fällen unsre Ausgabe für Depeschen nicht größer sei als die andrer Rcgicrimgeii. Dagegen müsse er zugeben, daß die vielbesprochene Dankdcpesche des Lcgationssekrctärs aus Peting manches Wort enthalte, ba§_ in einer amtlichen Depesche nicht angebracht sei. Er habe daher jetzt wieder einen Beamten auf die schon früher erlassenen Vorschriften verwiesen, nach denen amtliche Depeschen nur dann, Iveint es wirklich notwendig ist. abgesandt werden sollen, und zwar stets unter Vermeidung aller unnötigen Rede- Wendungen. Zur Entschuldigung jener wortreichen Depeschen wolle er aber doch daran erinnern, daß die Depeschen unmittelbar nach der Befreiung der Gesandtschaften in Peking abgefaßt worden seien, und deshalb sei es begreiflich, daß die freudige Erregung damals mehr als sonst zum Ausdruck gekommen sei. Außerdem seien die Depeschen zur Veröffentlichung bestimmt gewesen, und dem habe doch auch der Wortlaut angepaßt sein müssen. Abgeordneter Müller- Sagau wünscht, daß in allen amtlichen Depeschen jede Bemerkung. an der der Absender nur ein persönliches Interesse habe, fortbleibe. Llbg. Dr. Hasse beantragt eine Ver- kürzung der geforderten Summe um 15 000 M., damit die be- treffenden Herren zu einer größeren Sparsamkeit gemahnt würden. Die Abgg. Frese und Prinz von Arenbcrg erklären sich gegen den Abstrich. Der Antrag Hasse, Abstrich von 15 000 M., wird mit den Stimmen der Nationalliberalen, Frcisimngcn und Socialdemo- kratcn a n g c n o m m c n. � Die weiteren Positionen werden unverändert angenommen. Ebenso die Positionen aus dem Etat der 5t o l o n i a l v e r w a l t u n g nach unlvescntlicher Debatte. Aus dem Etat für den Reichs-Jnvalidensonds war der Kommission nur die Forderung von 9 Millionen Mark zur Gewährung von Beibilkcn an hilfsbedürftige Kriegsteilnehmer aus dem Feldzuge von 1870/71 und ans den von deutschen Staaten vor 1870 ge- führten Kriegen überwiesen. Referent Graf von O r i o l a bittet um Auskunft, wieviel Geld vermutlich fiir die Beihilfen im nächsten Jahre gebraucht werden würde. Direttor T w e l e und ein Ge- hcimrat aus dem Reichs-Schatzamtc teilen mit, daß auf eine Aufrage des Reichs- Schatzamtes die Landesregierungen die Zahl derjenigen Personen, welchen bis zum Schlüsse dieses RechuungsjahrcS eine Beihilfe zuzusprechen sein wird. ans 12 485 geschätzt haben. Abg. Graf Oriola empfiehlt, nur die Summe soweit zu erhöhen, dag sie für den erwarteten Bedarf voll- ständig genügen werde. Abg. Dr. P a a s ch e ist dagegen. Je mehr Geld der Reichstag für diesen Zweck bewillige, desto mehr Ansprüche werden erhoben. Schon früher habe Abg. Richter hier- gegen protestiert und verlangt, daß hier nicht eine Armenkasse ge- bildet werde. Auch er wolle dies uicht, sondern möchte die Mittel des Invalidenfonds ihrem eigentlichen Zwecke, zur Unterstützung der Invaliden, erhalten. Abg. Graf v. R o o n schließt sich diesen Ausführungen an. Er habe viele Zuschriften solcher Letite erhalten, die empört seien, daß den Kriegsteilnehmern Geld gezahlt werde; sie hätten eine Ehre darin gesetzt, für ihr Vaterland zu käinpfen, und sehen eine Herabsetzung darin, daß jetzt für die Teilnahme am Kriege Belohnungen aus- bezahlt werden. Abg. Hoch: So weit er die Verhältnisse kenne, seien auch in Preußen die Behörden bei der Anerkennung der „Bedürftigkeit" für die Beihilfe durchaus nicht, wie Herr Paaschs behauptet habe, leichtfertig, im Gegenteil werde die.Bedürftigkeit" oft genug selbst dann uicht anerkannt, ivenn es sich in Wahrheit um sehr arme Leute handelt. Unter allen Umständen müßten der Regierung genügende Mittel zur Verfügung gestellt werden, um allen Personen die Beihilfe zu gc- währen, welche als„würdig und bedürftig" anerkannt worden seien. Freilich dürften die Invaliden dadurch nicht geschädigt, sondern es müßten die zur Unterstützung der Invaliden notwendigen Mittel reserviert werden. Abg. Liebermann von Sonnenberg und Witt sprechen sich ebenfalls für eine Erhöhung der geforderten Summe aus. Da aber Abg. Spahn im Namen des Centrums sich dagegen erklärt, verzichtet Graf von Oriola darauf, einen Antrag auf Erhöhung der Summe zu stellen, da ein solcher ja doch aus- sichtslos erscheine. Die Position wird unverändert angenommen. Nächste Sitzung Dienstag: Postetat. Aus der Petitionskommlsfion wird uns vom Donnerstag berichtet: Zur Erhöhung der Soldatenlöhimng um 10 Pf. täglich will ein Herr Ebert in Borna die Erträge der Schaumweinstcner, einer Luxussteller und einer Einkomnlensteuer der Reichstnmtittelbaren ver- wendet wissen. Die Petition wurde der Budgetkommission über- wiesen.— Derselbe Herr empfiehlt eine Acnderung des ReichstagS-Wahlgesetzes dahin, daß die Abgeordneten nach Berufsständen gewühlt werben. So sollen 60 Landwirts im Reichstage vertreten sein, nämlich je 30 große, mittlere und kleine Besitzer, Schon diese seltsame Additionswelse gab Anlaß, die Petision für ungeeignet zur Erörterung ini Plenum zu erkläreit. Der Verein für Humanität in Magdeburg verlangt, daß wie für die Strafdelikte, so auch für v e r b ü ß t e Strafen eine Verjährung eingeführt werde, so daß nach Eintritt der Verjährung weder in den Personalakten, noch in Prozessen oder bei sonstigen Gelegenheiten die verbüßten Strafen erwähnt werden dürfen. Die Petition wurde der Regierung als Material überlviesen. Frl. Anita Augspurg fordert die Vermehrung der Reichstagsmandate, Neueinteilung der Wahlkreise und zloar bereits für die Wahlen in diesem Jahre. Abg. S i t t a r t sCentr.) beantragt als Referent Uebcrweisung als Material. Ihm schloß sich Lenz mann ifreis.) an. Jacobskötter skons.) wollte die Petition als ungeeignet zur Erörterung im Plenum erklärt wissen und Schrempf skons.) empfahl Uebergang zur Tages- ordnung. Thiele, Ledebour und T u tz a u e r begründeteil die lleberweisung zur Berücksichtigung, mit Ausnahme der Bestimmtiug, daß die Neuerung schon für die nächsten Wahlen durchgeführt sein solle. Es wurde schließlich die lleberweisung als Matena! mit Mehr- heit angenonimen. Für ungeeignet zur Erörterung im Plenum werden u. a. er- klärt die Petition von H a a s e in Berlin, der sich über die Zu- stände im Arbeitshause von Rummelsburg beschwert und behauptet. ein Teil der für die Insassen der Anstalt bestimmten Nahrungs- mittel ivcrde widerrechtlich von den Aufsehern ftir sich verbraucht. femer ein Antrag auf Einführung des Befähigungs-Nach- iveises im Ga st Wirtsgewerbe. Wahlprüfungs-Kommissi-n. In der Sitzung vom SS. Januar wurde bezüglich der Wahl des Abg. v. Rautter her» eine Schiffsllassc, loclchc die Reeder lvegcu der seit einigen Monaten in den Häfen der Rordostküste herrschenden Flauheit des Fracht- Verkehrs fast nicht mehr bauen. An dem Schiffbau Schottlands waren die Wersten am Clydc mit 513 270 Reg.-Tons, am Förth mit 12 930 Reg.-Tons, am Tat) mit 24 250 Reg.-Tons und am Tee mit 12 430 Reg.-Tons bc- teiligt. DaS größte auf den Clhde-Werften erbaute Fahrzeug war ein für eine dänische Reederei bestimmter Kauffahrer„Helligolaud" von 10 000 Rcg.-TonS. Ferner sind zu erwähnen zwei erst- Vcrantwortl. Redakteur: Carl Leid tu Berlin. Inseratenteil klassige Kreuzer von je 9600 Tons Deplacement für die brirische Regierung, verschiedene große Frachtschiffe und zwei neue Rad- dampfer. Ein Zeichen dafür, wie wenig sich der Dampfschiffbctrieb in diesem Jahre lohnte, ist die große Zahl der auf den Clyde- Werften erbauten Segelschiffe. Dieselbe betrug 73 Stück mit 13 000 Reg.-Tons, wovon 16 Stahlschiffe waren. Für Irlands Schiffbau kommen nur zwei Werften in Belfast in Betracht, welche in diesem Jahre die größten Schiffe lieferten. Zu diesen gehörte der„Cedric" für die White Star-Linic mit 21 000 Reg.-TouS und 13 320 indizierten Pferdtckräftcn, der„Jonic" und „Corinthic" von je 12 200 Tons und der„Arabic" mit 12 900 Tons. Ferner wurden dort zwölf große Frachtschiffe mit 76 000 Reg.-TonS fertiggestellt. Hildesheimer Bank, Hildesheim. Der Reingewinn beträgt nach dem Geschäftsbericht 702 889 M.(im Jahr 1901— 062 459 M.); davon kommen nach Abzug von 99 536 M. für Tantiemen und 3449 auf das Bantgebäudc 7 Proz. Dividende(= 490 000 M.) zur Verteilung. Ter Rest wird als Gewinn neu vorgetragen. Mittelrheiuische Bank in Koblenz und Duisburg. Der Ge- tvinn für das abgelaufene Geschäftsjahr stellt sich mit Einschluß des Gclvimivortragcs aus dem voraufgegaugeiien Jahr auf 210 963 Mark. Nach Abschreibung von 11,144 M. bleiben 490 818 M., die wie folgt verteilt werden sollen: 24 421 M.(i. B. 19 932 M.) zum Rcscrvefouds, 10 262 M.(i. B. 6812 M.) Verzinsung des Reservefonds, 327 600 M. gleich 6'/- Proz. Dividende(r. V. 6 Proz._ 232 000 M.). 83 293 M.(i. V. 60 224 M.) Tantiemen für Aufsichtsrat und Direktion, 2110 M.(i. V. 3623 M.) Grati- fikationcn. Der Rest von 43 801 M.(i. B. 10 793 M.) wird auf neue Rechnung vorgeirage». Ter Generalversammlung soll ferner die Erhöhung des gegenwärtig 2 040 000 M. betragenden Aktien- kapitals auf 9 000 000 M. durch Ausgabe von 3300 Stück Aktien im Nominalwerte von je 1200 M. vorgeschlagen werden. Destreich-Nngarns Außenhandel im Jahre 1902. Nach der Statistik des ösireichischen Handelsministeriums betrug der Wert der Einfuhr des östreichisch-uugarischeu Zollgebietes im Jahre 1902 (ausschließlich des EdclmctallvcrkehrS) 1723,8 Millionen Kronen und der Wert der Ausfuhr 1912,2 Millionen Kronen. Im Vergleich zum vorhergehenden Jahre hat die Einfuhr um 71,2 und die Aus- fuhr um 27 Millionen Kronen zugenommen. Sociales. Mißbrauch Lungenkranker für koloniale Zwecke. Tie Abteilung Berlin-Charlottenburg der deutschen Kolonial- gesellschaft bchandelie in ihrer letzten Versammlung in Anwesenheit vieler Mediziner eine Frage, die zwar äußerlich eine social- medizinische Maske trägt, in Wirklichkeit nichts wie eine Frage der Kolonialpolitik ist: die Frage der Ausiedlung Lungen- kranker in D e u t s ch- S ü d w e st- A f r i k a. Ein Berichterstatter versendet über die Verhandlung folgenden Bericht: Der Vorsitzende Prinz von Arenbcrg betonte, daß das Vortragsihenia eine rein medizinisch-technische Frage sei, er es aber begrüße, die Versammlung zum Sprechsaal einer so wichtigen Angelegenheit machen zu können. Als Berichterstatter nahmen die Herren Dr. Katz. dann der bisherige Chefarzt der kaiserlichen Schutztruppe in Süd-West-Afrika, Dr. L ü b b e r t und Rccksts- anwalt Dr. Rhode das Wort. Während der erstere seinen Plan darlegte und die trotz der aufgeivandteu Geldmittel geringen Er- folge der Heilstätten festzustellen suchte, wieS er darauf hin, daß man bei der Behandlung der Tuberkulose in erster Reihe das Klima berücksichtigen müsse. Tics führte Oberstabsarzt Dr. L ü b b e r t näher aus und bezeichnete mehrere Punkte des südlichen Tamara- Hochlandes als geeignete Kolonisationspunkte resp. als Orte für Errichtung von.Heilstätten, während Dr. Rhode die finanzielle Frage behandelte, welche keine unüberwindliche Schwierigkcucn biete. Jedenfalls sollte die Verwirklichung des Planes uicht imver- sucht bleiben. Er meinte, daß man eine Heilstätte für 40 Kranke auf die Tauer von 2 Jahre» für 100 000 M. einrichten könnte. Geh. Rat Prof. v. Lehden steht dem Versuche nicht unsympathisch gegenüber, nur wandte er sich gegen die Kritik der heimatlichen Sanatorien, welche doch so schöne Erfolge gezeitigt haben. Sei es doch erwiesen, daß die Schtoindsucht überhaupt heilbar sei. Wenn verschiedene Kranke nicht völlig geheilt würden, so könnten sie doch ihr Leben um Jahre verlängern. Die Ausiedlung in unsrcn Kolonien könne als Anschluß an die deutschen Heilstätteubcstrebuugen nur begrüßt werden. Nicht unerwähnt ließ Redner, daß das Klima in den Vorträgen doch zu sehr überschätzt worden sei. Geh. Rat Prof. Senator trat voll für den Plan ein, der, wenn er sich verwirklichen würde, das Ideal der Tubcrlulosebehandlung darstellen würde. Weniger enthusiasmiert waren die ferneren Redner, besonders Nicht Geh. Rat Prof. B. Frankel, dem die Angriffe auf unsrc Heilstätten tiefer ins Herz gedrungen waren, als das ihnen ver- steckt gespendete Lob. Thatsache sei, daß die bisher erzielten Er- folge als enorm zu bezeichnen feien. Man möge doch nicht so in die Ferne schweifen, sondern auf den bclrelencn Bahnen fort- fahren und die Schwindsucht in Deutschland be- kämpfen. Redner wandte sich gleich dem Marincstabsarzt Dr. Sander gegen die günstigen Wirkungen der Seefahrt, namcnt- lich bei schlechtem Wetter. Ganz energisch wandte sich Prof. P a ii n w i tz gegen die erhobenen Angriffe auf die Sanatorien. Er hatte den Eindruck, daß die Herren für ihre Bestrebungen alles ihnen geeignete Material zusammentragen. ES müssen hier aber andre Gründe obwalten, wenn mau. um unter den circa l'/j Millionen Kranken eine Heilstätte für 40 Lungen- kranke in Afrika zu errichten, die bestehenden Ein- richtungen in der Heimat schlecht mache. Direktor Dr. Möller- Bclzig hob hervor, daß es kein einzige- Klima gegen die Heilung der«chwindsucht gebe, der Tuberteibazillus kümmere sich gar nicht um das Klima. Dr. Friedbcrg trat gleichfalls für die Heimat- liche Behandlung ein, unter Berücksichttgung der physischen Momente. Konsul B os s e u sprach im tolonialcn Interesse für die Besiedlung, während Oberstabsarzt Dr. Schulzen und Vice- Admiral V a l o i s die Angelegenheit vorerst einer eingehenden Prüfung unterzogen haben wolle». Herr Dr. Pannwitz scheint nach diesem Bericht der einzige unter all den hervorragenden Medizinern gewesen zu sein, der dieser feinen Gründung hinter die socialpolitische Coultsse gegmkt hat. Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, daß nickit das Interesse der Lungenkranken, sondern einzig und allein das Juter- esse der �Äolonialgesellschaften bestimmend ist für diesen kuriosen Plan. Für die Bekämpfung der Lungenschwindsucht wäre so gut wie nichts erreicht; jedenfalls stände der Aufwand dafür in gar keinem Verhältnis zu den Erfolgen. Für die Kolonialgcsellschaftcn dagegen ist es ein Versuch, mit fremdem Gelde Leute ins Land zu bringen, die festzuhalten man gewiß nicht um Mittel verlegen sein wird. UcbrigenS für den Jammer der deutschen Kolonialpolitik auch ein schönes Zeichen; sie ist wirklich bei der Schwindsucht angc- kommen. Keber die Novelle zum Krankenversicherung»'Gesetz teilt nun auch die„Nationalliberale Korrespondenz" mit, daß der Entwurf an materiellen Verbesserungen nur die Ausdehnung der Mindest- leistungen auf 26 Wochen sowie auf 6 Wochen für Wöchnerinnen bringt und die Ausschließung der Geschlechtstranken nicht mehr zuläßt. Alsdann enthalte der Entwurf noch Bestimmungen. Ivelche erforderlich seien, um Unzuträglichieiten bei der Anwendung des Krankenversicheruiigs-Gesetzes zu beseitigen. Bei der Festsetzung des Betrages des ortsüblichen Tagelohncs werden neben der Gemeinde- behörde künstig auch Vertreter der Arbeilgeber und der Versicherten zur Begutachtung herangezogen. Demirächst soll außer Zweifel ge- stellt werden, daß die Hinterbliebenen von Unfallverletzten das lermrUvortlichlTh. Glocke in Berlin. Druck u. Verlag: Donvärls Büchdruckerci Sterbegeld nicht doppelt, nämlich von der Krankenkasse und von het Berussgenosseuschaft beanspruchen können. Finanzielle Schädigungen der Kassen und der Versicherten durch willlürlia» oder unredlich handelnde Kasscnorganc soll thunlichst vorgebeugt werden. Tie Vorschriften über Ucbertragung, Vcrpfäundung, Pfändung und Aufregung der Umcrstützungsanfvrüche werden den in der reichstzesctzlicheft Invaliden- Versicherung und Unfallversicherung gellenden Beitimmungen cmge- paßt. Der Sonderstellung der bcrggcsctzlichen Knappschaftsvereine wird durch Aufnahme einiger Beftimmnngcn Rechnung getragen. Die für die Versicherten günstigeren Bcstimmu.».gcn des Entwurfs sollen auch auf die bei seinem Inkrafttreten schwebenden Ansprückie auf Grund des Kraiikcnvcrsicherungs-Gcsctzcs Anwendung finden. Daß die materiellen Aenderungen Verbesserungen bedeuten, ist ja Zuzugeben, aber sie sind durckiau- ungenügend und entsprechen nicht entfernt den berechtigten Wünschen, die aus den Kreisen der Beteiligten seit langer Zeit laut geworden sind uird stehen in einem argen Mißverhältnis zu den langen Vorbereitungen. Die Aus- dehnung der Mindestleistungen auf 26 Wochen ist ja schon deshalb erforderlicki, weil mit dem Hinweise auf diese Reform der Beginn der Jnvalidenfürsorge schon mit der 14. Woche bei der Reform der Invalidenversicherung abgewiesen worden ist. Dennoch ist damit noch keineswegs für alle Kranken eine Fürsorge über die 26. Woche hinaus erreicht, weil die Voraussetzungen für den Eintritt der Unter- stützungsvflicht nach dem Jnvalidengcsetze ganz andre find, wie nach dem KrankenvcrsichcrungS-Gcsatze. Krankenuntcritützung bekommt, wer nach dem Urteil des Arztes arbeitsunfähig ist. und bei dieser Feststellung hat der Arzt nicht bloß darauf Rücksickit zu nehmen, ob ein Kranker nach seinem augenblicklichen Zustande noch irgend welche Arbeit zu leisten vermag oder nicht, sondern auch darauf, Ivelche Wirkung die Arbeit im Augenblick auf den Verlauf des Heilungs- Prozesses haben könnte. Und es kommt für diese Feststellungen lediglich der augenblickliche Beruf des Kranken in Frage. In- validttät nach dem Jnvalidengcsetze dagegen ist vorhanden, wenn jemand nicht mehr ein Drittel dessen verdienen kann, was gesunde Personen derselben Art mit ähnlicher Ausbildung in derselben Gegend durch Arbeit zu verdienen pflegen, wobei ihr bisheriger Beruf in billiger Weise berücksichtigt werden soll. Es kann demnach jemand erwerbsunfähig krank sein im Sinne des Kranken- versicherungs-Gcsetzes, ohne invalide im Sinne des Jnvalidengesetzes zu sein; allerdings auch umgekehrt. Der Anschluß beider Ver- sichcruiigen aneinander ist also keineswegs lückenlos erreicht durch Ausdehnung der Mindestleistungen der Krankenkassen auf 26 Wochen. Außerdem aber ist sowohl die Ausdehnung der Kranlenversicherung mindestens auf alle der Invalidenversicherung unterliegenden Per- soncn dringend erforderlich und die Leistungsfähigkeit der Kassen muß erheblich gesteigert werden. Eine Reform des Gesetzes, die das nicht berücksichtigt, kann unmöglich befriedigen. Tie gepsändete Gemeindekassc. Ter Läuter der Gemeinde Melchendorf bei Erfurt erlitt vor einigen Jahren bei Aus- Übung seines Berufs einen Unfall. Der langwierige Prozeß, den der Verunglückte führte, fiel zu seinen Gunsten aus und die Gc- meinde wurde zur Zahlung von 1623 M. verurteilt. Trotz der Ver- urteilung erhielt der arme Manu sein Geld nicht, sondern mußte erst die Hilfe des Gerichtsvollziehers in Anspruch nehmen, der denn auch die Gemcindekasse pfändete. Ter Entwurf de» belgischen Arbriter-Unfallverficherung»- Gesetzes ist nunmehr der Abgeordnetenkammer unterbreitet worden. Tie Versicherung wird nicht obligatorisch; man fürchtet, daß die Industrie dadurch zu sehr belastet würde. Die Landarbeiter stich ausgeschlossen; dagegen fallen die Lehrlinge, auch wenn sie keinen Lohn erhalten, unter das Gesetz: ferner die Angestellten, soweit sie in der Industrie thätig und denselben Gefahren ausgesetzt find wie die Arbeiter und einen Gehalt beziehen, der 2100 Fr. nicht über- steigt. Tie Versicherungssumme soll 20 Proz. deS Durchschnittslohnes nicht übersteigen. Bei dauernder teilweiser Erwerbsunfähig- tcit kann die Rente kapitalisiert werden. Von der Zeit der Meldung deS Unfalles bis zum Abschluß des Ermittelungsverfahrens muß sich der Verletzte den Untersuchungen des Vertrauensarztes des Unter nehmers unterziehen. Die klerikale Partei hat einen Vortrag des Ministers Francottc über den Entwurf entgegengenommen und diesem zugestimmt, so daß der völlig ungenügende Entwurf der Regierung in der Kammer wahrscheinlich durchgehen wird. Letzte JSachridyten und vepelcken. Schiffs Zusammenstoß. Paris, 30. Januar.(W. T. B.) Der Marmemimster empfing heute eine Depesche des Geschwaderchefs aus dem Golf von Juan. in welchem es heißt, daß die Panzer„Gaulois" und„Bouvct" im Verlaufe von Uevnngcn aneinandergestoßen find. Eine vorläufige Unter- suchung ergab, daß von dem„Gaulois" eine Vorderplatte abgerissen und Steuerbord und Backbord leicht beschädigt sind. Die Beschädigungen des„Bouvet" find ohne Bedeutung. Die Havarien des„Gaulms" scheinen nicht so groß, daß das Schiff außer Dienst gestellt werden nuiß._ Zum Eisenbahner-Streik in Holland. Aus Amsterdam meldet die„Franks. Zeitung" vom 30. Januar: Seit 11 Uhr 10 Minuten stehen alle Züge der StaatS-Eisendahn still. Amsterdam» 30. Januar.(W. T. B.) Die Vorstellungen der Ver- cinigung der Eisenbahnarbeitcr bei der Direktion der Holländischen Eisenbahngesellschast, die dahin gingen, daß die Direktion keine Wagen für die Schiffsverfrachter rangieren lasse, deren Personal sich im Ausstand befinde, sind erfolglos geblieben. Eine Eompagnie Infanterie ist von Delft nach Amsterdam ab- gegangen. Nach dem„Handclsblad" verlautet in Rotterdam gerücht- weife, daß in Amersfoort der Maschinist eines Zuges, in welchem fich zwei Wagen mit berittenen Truppen befanden, die nach Amsterdam befördert werden sollten, fich geweigert habe, den Zug mit de» Truppen zu führen; die Truppen hätten darauf den Zug verlassen, um sich zu Pferde nach Amsterdam zu begeben. Amsterdam, 30. Januar.(W. T. B.) Heute abend trafen 620 Mann Infanterie und Kavallerie, die telegraphisch beordert waren, hier ein. Bis fünf Uhr nachmittags kamen die Züge der holländischen Eisenbahn- Gesellschaft an und gingen ab. jedoch mit Verspätung. Der Dienst der Staats- Eisenbahnen ist voll- ständig eingestellt. Die Weichensteller sind ebenfalls in den Ausstand getreten. Das Blatt„Telegraaf" erfährt: Die Weiter der städtischen Gasanstalten beschlossen, keine Kohlenwagen für die Anstalten heranzubringen; sie haben die Absicht, wenn der allgemeine Ausstand der Eisenbahnbediensteten proklamiert wird, cbenfall» in den Ausstand zu treten._ Venezuela. London, 29. Januar. Das„Reutersche Bureau" erfährt: E- wird erwartet, daß von den 30 Proz. der venezolanischen Zoll- einnahmen, die als Garantte gegeben werden sollen, ein Uebcrschuß zur Bezahlung der Forderungen der übrigen Mächte verbleiben werde. Man nimmt an, daß der Gesamtbetrag der Ansprüche Deutschlands, England- und Italiens in ungefähr 6 Jahren bezahlt sein werde. Die belgischen Forderungen belausen sich auf 12 Millionen Frank._ Wien, 30. Januar.(23. T. 23.) Abgeordnetenhaus.(Schluß.) Im Fortgänge der Sitzung wird der Brüsseler Zuckcrkonveution die verfassungsmäßige Genehmigung erteilt und die Zuckcrsteuer in allen Lesungen sowie das KontingenticrungSgesetz angenommen; ferner wurde» eine Reihe Beschlußanträge angenommen, darunter eine be« treffend die Vorlage eines Gesetzes über eine allmähliche Herab- jetzung der Zuckersteuer.____ nt Berlagsanstntt Paul Dinger& Co., Berlin SW. Hierzu 2 Beilagen. Ar. 36. 20. Iahrgan?. f. KtiilM i>tS„iliitmirls" Knlim llol�blstt. SonWbknd, 3t. Januar tM. Keicdstag. L�7. Sitzung. Ar ei tag, den 3V. Januar 1903. nachmittags 1 Uhr. Am BundcZratstischc: Graf PosadoWSky, v. Gabler. Aus der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation Dr. V. Dziembowski-Pomia n(Pole) und Gcnoiiinr:„Dir ungleichmätzige Behandlung der polnischen Bevölkerung innerhalb des Deutschen Reiches, die im Widerspruch steht mit der staatsrechtlichen Gleichheit bor dem Gesetz, die sich u. a. insbesondere in einem Boykott polnischer Gewerbetreibender und ölaufleutc seitens der BMtärbchvrdcil kundgiebl. iit der Entziehung der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst wegen geringfügiger Vergehen. in der Handhabung der PcrionenstandS-Gc setze, sowie in der Behandlung politischer Tagcsschristsicllrr als gemeine Bcrbrrchrr, ucranlatzt die Interpellanten zu der Anfrage au den Reichskanzler. was er zu thun gedenkt, um diesen Zuständen ein Ende zu machen." Unterzeichnet ist die Interpellation von politischen und Centrums- abgeordneten. Zur Begründung der Juierpellatimt erhält das Wort Abg. Dr.». Tzicmbowski-Pomian(Pole): Von einigen Seiten ist die Zuständigkeit des Reichstages zur Besprechung dieser Interpellation bezweifelt irordc». Aber abgesehen »nm allein andren ist doch auch die Wrcschcuer Interpellation hier von dem Reichskanzler beantwortet worden, obgleiai der Reichs- kanzler selbst damals gcivisse Bedenken an der Zuständigkeit des Reichstages äußerte. Bei einer andern Gelegenheit meinte Graf Posa- dowsky, aus Gründen der Staatsraison tonne sich das Reich in iimcrpolitische Verhältnisse eines Bundesstaates nicht einmischen. Aber Gründe dcS Slechts sprechen dafür, daß die polnische Frage hier im Reichstage zur Sprache komme. Im preußischen Ab- lau» da die iiinnpctenz des Reichstages irgendwie zweifelhaft sein? Wir verlangen lediglich unser Recht und Rechtsgleichheit. Wir hoffen dabei au? die Sympathie aller derer, für die das Recht mehr als eine leere Phrase ist. Wir wollen gar leine besonders liebenswürdige Behandlung von der Regierung, wir verlangen nichts«üßcs. im Gegen- teil, unser guter Biagcn verträgt auch den Mttcrn, den die Regierung uns vorgesetzt hat.(Heiterkeit.) Im Jahre 1867, kurz vor derGrünoung dcö Norddeutschen Bundes, versprach der Lberpräsideitt der Provinz Pose» unter Berufung auf Kundgebungen des Königs Wilhelm den Polen, daß durch die Cinverlerbung in den Norddeutschen Bund ivedcr die polnische Muttersprache, noch die Religion eine Einbuße erleiden werden.(Hört! hört! bei den Polen.) In welcher Weise aber sind diese Versprechungen gehalten worden? Es ist kein Wunder, daß dadurch Erbitterung und Unzufriedenheit in der politischen Bevölkerung cutstchen mußte. Tie Polen genießen heute in Preußen leine Rechtsgleichheit mehr. Ich erwähne ols Beweis den Fall Löhuing, auf dessen Verheiratung ich mit keinem Wort eingehen will. Löhning muhte gehen wegen seiner Stellung zur Polcnftage. Er behandelte die politischen Steuerzahler als gleichberechtigte Staatsbürger und berücksichtigte in Sleucrangelcgcnheitcu die politische Stellung eines Antragstellers nicht. Er hat einem Regierungsrat, der eine entsprechende Begründung in einem Bericht an den Minister aufnehmen wollte, diesen Passus gestrichen. Tics Verhalten wurde von oben gemißbilligt— Löhning mußte gehen. Achnlich wird es in andren Verwaltungen sein, nur daß cS nicht überall einen Löhning giebt, der treu und gewissenhaft seine Veamtenpflichten erfüllt. Ich habe die feste Ucbcrzcugnng, daß bei ollen nonzessionsgesuckien für Bauten, im Schankwesen usw. die Polen absolut diffcrenzicll gegen- über den Deutschen behandelt ivcrden. Ter M'imsterprästdent sagte im vorigen Fahre im Abgeordnetenhanse, außerhalb seines Amtes könne jedermann so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen sei. Wie stimmt das zusonmien mit einem Erlaß dcr Eisendahitdirrktio» Bromberg, worin den Brawieu auch außerhalb des Amtes das Polnisch- spreche» verboten wird?(Hört' hört!) Ein Lehrer wurde discipli- »arisch seines Amtes entsetzt, weil er die Zlurse einer polnischen Hoch- schule in Danzig besucht halte. Also selbst das Hören der polnischen Sprache ist verboten! Einem Einjährigen, der der Militärbehörde anonym angezeigt worden war, iveil er in einem Wirtshaus ans polnisch beim Kellner ein Glas Bier bestellt hatte, wurden deswegen die hestigsteu Vorhaltungen von seiner vorgesetzten Behörde gemacht. (Hört! hört!) Derselbe edle Kampf wird gcsührt gegen da? polnische Lied und die politischen Gedichte, auch gegen unsre Haffische Poesie. Ein Leierkastenspieler wurde verurteilt. iveil er ein altes polnisches Lied gespielt hatte. Wie slimint dies Verfahren mit dem stolzen Wort der preußischen Verfassung übereilt, daß jeder Preuße seine Meinung in Wort und Schrift frei äußern dürfe? Besonders rigoros nmrdcn die Ausweisungr» jetzt geHand- habt. Eiit Pole, dessen Bater vor vielen Fahren aus Rußland ein- gewandert war. sollte vom Landrat seines Bezirks ausgelvicien locrdcn, aber Rußland weigerte sich, ihn zu übcrnchinen. So wurde denn der Betreffende vorläufig ins Gefängnis grworsrn, wo er be- reits seit sechs Monaten liegt!(Hört! hört! Große Unruhe.) Der Landrat aber verzagt nicht, er lveudct sich offritbor au die höchsten Behörde». vielleicht kommt er auch noch au de» Reichstag, tun endlich doch die' Ucbernahme von fetten Rußlands zu er- zwingen. Es ist hier also eine ganz neue Ltrafr gegenüber den Polen erfmlden worden! Aber wenn einer ausgewiesen werden soll und das andre Land ihn nicht will, so kann er doch nicht zu lebenS- länglichem Gefängnis verurteilt werden! Weiterhin wurde einem Möschen, das mit 13 Jahren ein Menschenleben gerettet hatte und dem dafür für seinen 18. Geburlstag die tzkeUungsinedaille ver- sprachen worden war. diese Medaille verweigert, weil der Vater zu- sammeu mit den Polen stimmen solle!(Heiterlcit.) Redner geht weiter auf die.Handhabung des Bcreinsrcchtcs in den östlichen Provinzen mW auf den Kampf gegen die polnische Tracht ein. Der Kaiser erklärte im vorigen Jahre int Bremer Stäudehaus. an überlieferten Stamm cöeigemüinlich leiten solle nicht gerüttelt lvcrdcn. Aber alles, was ich angedeutet habe, bedeutet einen direkten Widerspruch gegen diese Worte. Auch die Umtaufung polnischer£rts- nameu in deutsche geht munter weiter. Zu Beamten werden die Polen gar nicht mehr geuomtneu, nicht einmal mehr zu Rachiwächtreii. was wenigstens bisher noch der Fall war. i Heiterkeit.) Mau spricht so viel von der deutschen Treue. Aber den Polen gegenüber bewährt sie sich wahrhastig nicht. Ein polnischer Bürger schenkt der Stadt- Verwaltung Poseits eine Bibliothek unter der Bedingung, daß der Bibliothekar in der Provinz Posen geboret: und der polnischen Sprache mächtig sein müsse. Es war auch ein geeigneter Bewerber vorhanden, der aber, weil er Pole war, den Behörden nicht genehm war. So nahm man den» entgegen den Bedingungen einen Mann, der nicht in der Provinz Posen geboren und der polnischen Sprache nur sehr wenig mächtig war. Auch die Schutzvorschriften der Strai- Prozeßordnung werden gegenüber Polen nicht beachtet.(Hört! hört!) Nach einer kürzlich veröffentlichten Statistik sehlteit in den latbo- lischcn Gemeinden in Posen und Wcstpreußen insgesamt 7000 laiho- inche Gcmeindemitglicdcr.(Hört! hört! im Centrum.) Ist es da zu verwunden:, iveim sich in der Bevölkerung der Glaube durchbricht. daß die Ansiedcltmgskommisfimt nicht imr germanisiert, sondern auch protestantificrl?(Lebhafte Zustimmung im Centrum und bei den Polen.) Auch die Bormundschaftsrichrer nehmen an dem edlen Werke teil, aus Katholiken Evangelische zu machet:. Redner führt eine Reihe von Fällen an. nt welchen katholische Waffen zwangsweise in evangelische Anstalten geschickt wurden(Hört! hört!>, noch dazu auf eine äußerst illoyale Weise. Wir verlangen weiter, daß die polnischen Namen so in das SlaiideSamts-Aegisier ein- getrogen werden, wie der Balksmund sie ausspricht.(Sehr richtig! bei den Polen.) Trotzdem der ReichSiag sich mit großer Majorität für diese Forderung ausgesprochen bar, beachtet: die preußistchen Beamten in Posen dieselbe gar nicht. Sie machen siw damit eines groben AmlSvergehctts schnidäg, da Neichsrecht bekanntlich vor Landesrecht gebt. Was die Behanbluiig politischer Redalwure, die wegen politischer Vergehen verurteilt wurden, anlangt, so haben so schwere Miß- handluttgeti wie im Falle des Redakteurs Hoffmann in Katiowitz sich allerdings noch nicht wiederholt. Aber die Vehandlnttg der Rcdaltcure innerhalb der Gcfängnismaucru ist doch schlimm gettttg. Einem Verurteilten wurde auf seine Bitte um Seldstbeschämguitg geantwortet:„Sic habe« das Maul zu halten und Ihre Zelle rein zu halten! Sonst stiegen Sie in Arrest!"(Hört! hört!) Gleich- zeitig wurde dem Gefangenen Gefäiignistleidung angelegt.(Hört! hört! und Pfui- Stufe.) Ein andrer Redakteur hat im Gefängnis während ein paar Monate 36 Pfund abgenominen.(Hört! hört! und Heiterkeit.) Tie verordnete Kraatentost wurde ihm ge° nommen, nachdem er ein Rencoitter mit dem Gesängntsötrektor gehabt hatte. Unser Verhältnis zu den Mtlitärbchörden lvar längere Zeit ein ausgezeichnetes. Man erkannte an, daß die Polen gute Soldaten seien und viele von uns haben sich gern zum frei- tmUtgen Dienst gemeldet. Da kam die Entziehung des Bcrcchtigungs- scheincs zum riujährigcn Dienst für die im Thorncr Prozeß ver- urteilten Gymnasiasten. Dies Verfahren der Militärbehörden war gesetzwidrig, weil nach der Wehrordnuttg nur in solchen Fällen die Entziehung des Bercchtiguttgsscheincs erfolgen darf, in denen wachsend der alliven Dienstzeit die Versetzung in die zweite Klasse des Soldatcitstandes erfolgen würde. Das geschieht ttttr bei gemeinen Verbrechen, während die Thomer Angeilagten sich nur mit polnischer Litteratitr und Geschichte beschäftigt hatten. Eine moralische Disqualifikation lag nicht vor. im Gegenteil. Tic Mtlitärvcrwaltmtg tonnte stolz sein aus solche Einjährigen. Auf die Frage der gewaltsamen Vorführung von Polen zur Musterung werde ich beim Militär-Etat zu sprechen kottitttett. Besonders weit ist man mit dem Boykott polnischer Gastwirte und Kauslcute gegangen. Eine anständige Gastwirtschaft in Krotoschin wurde für das Militär gesperrt, obwohl ocr Inhaber ein Ehitia- kämpfer war. Der Besuch eines WcinhanscS in Posen Wurde den Dfnziercn verboten, weil der Besitzer in den.Kaisertagen nicht illuminiert hatte. Ich ftage den Herrn Kriegsmimsler, ob er eine derartige Boykotticrung für gesetzlich zulässig und nicht für moralisch verderblich hält?— Man beruft sich zur Verteidigung der Maßregeln gegen die Polen ans den Schutz des bedrängten Teuit'chwms. Das ist ei» leeres Schlagwort, erdacht vom deutschen Lsttttarfettverein. Ich ftage den Herrn Reichstanzlcr— leider ist er nicht persönlich anwesend—. ob er bei seiner Anwesenheit in Posen irgend etwas von der Bedrängnis des Deutschtums gemerkt hat. Ich crinuere au das Wort Herrn v. Haufenmnns: Seien wir wentgstens layal, sagen lvir offen, nicht Schutz des bedrängten Deulschtiims, sondern das Staatsintercsse zwingt uns, unsre Polenpolitik zu führen. Sie können doch aber nicht verlangen, daß lvir Ihren Staatsintcressen zuliebe unsre Gesitinuiig, das Heiligste, was wir haben, aus ciuitml ändern, wie man Handschuhe wechselt. (Sehr gut! bei den Polen.) Tie Germamsation, lote sie jetzt betrieben wird, ist tmchrtstlich und unmoralisch. Man darf nicht soweit gehen, zu sagen, Staatsraison geht über Moral und über Recht. Was hat denn Ihre fflcrmanistrrungspolitit bisher genützt'{ Sie hat Fiasko gemacht und steht heute vor dem Bankrott,(sehr wahr! bei den Polen.) Sie dauert heute 100 Jahre. Stach vor 30 Jahren konnte Fürst Bismarck mit einigem Recht zur polnitchen Reichs lagö- Fraktion sagen: hinter Ihnen sieht kein polnisches Volk, Sic find lediglich die Vertreter' des Adels und der Geistlichkeit. Heute aber, das sagen simultche preußische Minister im Äbgeordueteuhause, steht das Polentum in wirtschaftlicher, sittlicher und sittattziellcr Beziehung gestärkt da. Der Reichskanzler verfährt mt ei« Spieler. Nachdem er eine Milliarde verloren hat, setzt er zwei Milliarden. Dazu sind Sie aber viel zu arm, um ans diese Weise bei uns mit Milliarden zu genuamsierett.(Sehr richtig! bei den Polen.) Durch Ihre Trangsalierungeit ist die polnische Voltsscele bis in die untersien Arbeirerschichten erwacht und wir sind jetzt start genug, um allen Versuchen der Gertnantsimutgspolitik dmiernd Widerstand entgegensetzen zu können.(Lebhafter Beisall bei den Polen.) Zur Beantwortung der Interpellation ergreift zunächst das Wort Staatssekretär Graf Posadowsky: Ilm Irrtümern vorzubeugen, bemerke ich zunächst, daß es für die preußische Regiening und für das Deutsche Reich eine polnische Frage im intentationalen Stinte nicht giebt.(Bravo! rechts.) Die polnischen LandeSteile sind für simner und imauflöslich mit der preußischen Monarchie und dem Deutschen Reicke verbunden, und so lange die preußische Regierung und das Deutsche Reich noch einen Soldaten ins Feld zu stellen hat, wird dies Äcrhälittiö bestehen bleiben.(Bravo! rechts tmd bei den Nationalliberalen.) Die vom Vorredner vorgebrachten Beschwerden betrafen lediglich innere preußische Altgelegenheiten. Der preußische Staat, der ein Großstaat war, als er in das Deutsche Reich einverleibt wurde, hat Wesentliche Rechte seiner Souveränität preisgegeben im Interesse der Schaffuitg cittcs dcntscheit Nationalstaates. Aber soweit hat sich Preußen seiner Souveränität nicht entäußert, daß es dulden lönnte. daß Fragen, die lediglich Angelegenheit der preußischen ittnereit Politik und der Landcsgesctzgebung N»d. Gegenstand der Verhandlung des Reichstages sein sollten, und daß hier der Reichstag ein Urteil über Fragen der inneren preußischen Politik abgebe. Hier muß die Rcichsrcgicrung. je mehr sich Neigungen nach dieser Richtung geltend machen, erklären:„Prineipiis obhta!'' Es ist ganz tmitiöglült. im Reichstag auf die von dem Vorredner vorgebrachten Dciailfrageit einzugehen. Do ist auch die Frage der Namensgebung Sache der Lattdrsgcsctzgebung. Was die Beschwerden gegen die Polizei anlangt. so tttetite auch ich. daß auch die untersten Organe der Behörden stets das gehörige Maß von Würde und Seivstbehcrrschung bewahren sollten. Was in jedem einzelnen Fall zu geschehen hat, ist oft eine Frage des persöitlichen Taktes. Daß dieser Takt oft zu vcnmssctt ist, ist ohne weiteres zuzugeben. Wenn die Fälle so liegen, wie der Vorredner sie dargestellt hat, wird sicher eine Rcttisizierung erfolgen. Der Borredner weiß ganz gut, daß ich die betreffenden Verhältnisse genau kenne. Trotzdem bat er vieles in einem gewiß sehr fiumoristiichctt und erheiternden Lichte dargestellt, das den That- fachen nicht entspricht. Um so größerer Wert ist daraus zti legen, daß diese Angelegenheit im preußischen Abgcordneteithause vor- gebracht wird, wo die beteiligten Renortmimster die notwendige Antwort geben werden, lieber die militärischen Angelegenheiten, die der Interpellant vorbrachte, wird der Kriegsminister dem Haufe Auskunft geben.(Beifall rechts lutd bei den Rationallibcralen.) KriegSminister v. Goßler: Ich habe auf zwei Punkte, die der Interpellant vorbrachte, Aus- kunft zu geben, ES ist zunächst richtig, daß einer Anzahl der im Thorncr Prozeß angetlagteit jungen Leute die Berechtigung zum einjährtg-freiwi lltgen Dienst entzogen worden ist. Der Interpellant hat die Sache so dargestellt, als ob die geheime Verbindung, der die lungen Leute angehörten, eine ganz harmlose Vereinigung wäre, die sich lediglich mit wissenschaftlichen Zwecken beschäftigte. Ich will Ihnen den Eid verlesen, den diejenigen leisten mußten, die diesem „Nationalverein", wie er sich iianntc. beitreten wollten:„Indem ich mit Ueberlegung und Borbedacht dem Nationalveretn beitrete, schwöre ich in Gegenwart der hier versammelten Mitglieder, daß ick von der Existenz und Wirksamkeit dieses Vereins ohne dessen Erlaribnis niemals ettons offenbaren und im Sinne seiner Statuten stets mit Eifer arbeiten will. Außerdem schwöre ich, daß ich aus dem National- verein vor Beeitdigung meiner Gynmasialstudien nicht austretet: und. so lange ich ihm angehöre, die Pflichten eines Mtglicdcs voll erfüllen will. Ferner schwöre ich, daß ich alle Kräfte zur Befteiung des unterdrückten Vaterlandes anstvenden werde.(Hört! hört! rechts und bei den Rationallibcralen.) Sollte ich je diesen Eid brechen, so möge mich die wohlverdiente Slrase treffen. Und setzt schwöre ich beim' Vaterlande, bei der liinf.'Zcn Wiedergeburt meiner Nation, daß ich alles, was ich geschworen habe, treu und vollständig halten werde.«Bei Erhebung der_ Finger): Ich schwöre beim Vaterlande I" Daß ein solcher Eid geschworen werden mußte beim Eintritt in einet: rein tvistenschasiltchcn Verein, ist kaum anzunehmen.(Heiterkeit.) Es waren im Thorncr Prozeß int ganzen 60 Angcklagie. Davon sind 13 freigesprochen, 10 haben einen Verweis erhalten. Diese LZ haben die Berechtigung zum eiiijährigen Dienst behalten. Bezitglich der übrigen 33 ist die Sache so geregelt morden, daß diejenigen jungen Leute, die mit Gefängnis bis zu einer Woche bestraft worden sind, die Berechtigung erhalten haben, Rur 11 der Angeklagten haben Gefäitguis von zivci Wochen bis zu drei Monaten erhalten. Diesen ist die Berechtigung zum einjährigen Dienst enizogeu tvordcn. Ich halte diese Entscheidung für sehr gerecht und sehr milde. Die Wehrordnung besrimmt, daß denjenigen die Berechngung zum cinjährigen Dienst entzogen werde» kamt, die die moralische Qualtnlaliou dazu nicht mehr besitzen. Tic Behörden haben vollkommen den grsetz- lichen Bcjlimmungcn entsprechend geurteilt. Bon 14 ist meines Wissens nur ein Einziger zum Dienst eingestellt worden. Er War gerade dem Alter nach zum Dienst verpflichtet und vollkommen brauchbar. Ein andrer, der sich stellte, ist zur Erstttzresorve gestellt tvordcn. Ein Teil der jungen Leute Hai sich ins Ausland begeben. Eittc dritte Gruppe hat sich dem Studium der iatholismen Theologie gewidmet. Für dieses Studium besteht die Bestimninng, daß alle, die aus inländischen Universitäten studieren, pnncipiell vorn Dienste zurückgestellt werden. Es ist also mich hier dem Gesetze vollkommen cnlsprvcheu. Tie zweite Frage ist die des sogenatuiten miluiirischen Bohtotts. ES handelt sich um das Verbot einzelner Lotale � in denen die Dettttchcnhrtze in solchem Maße betrieben Wird, daß Streitigkeiten und Äiißhclligkeiteu aller Art vorkommen oder ztt befürchten sind. garantteren)____ 11.........., I■. Hinsicht keinen Schaden erleiden. Von solchen blücksichten aus ist auch z. B. in Prenßisch- Stargard das Verbot über süns untergeordnete Kneipen verhängt tvordcn. Auf Antrag des Abg. Roerrn(C.) erfolgt Besprechimg der Interpellation. Abg. Grafiitunm(natl.) (ans der Tribüne fast ulwerständlich) hält die Ausschließung der im Thorner Geheimbundsprozeß verurteilten Gymnasiasten vom einjährig- ftcilvilligcn Dienst für gerechtfertigt. Abg. Fürst Radziwill(Pole): Es ist nicht zu bestreiten, daß ein Organismus tmd ein solcher ist doch daS Deutsche Vieich— leiden muß, wenn ein Glied desselben tmgestmd ist. Ich halte es des deutschen Reichstages nicht siir würdig, daß man sich mit einer solch' tiefgehenden Frage wie der Polenftage gegettitber immer wieder aus den reiit formalistischen Standpuntt der Zuständigkeir zurückzieht. Würdig dieses Hauses ist es, den großen politischen Hintergrund in Betracht z« ziehen, ans dem die Einzelheiten erwachsen. Die Schuld an den Zuständet: liegt mt der hundert Jahre alten preußischen Politik in den Ostmarkcn. Die Art. wie der preußische Herr Finanzmimster in seiner Etatsredc mit ganz unbeweisbaren Insinuationen gegen die von unsrer Fraktion vertretene BevöUcrnng hervortrat, bedeutete wieder eine Provo- iatioit der polnischen Bevölkerung.(Sehr richtig! bei den Polen) ES-liegt mir fern, dem Ärtegsminister irgend einen Vorwurf zu machen, wenn er gegen die Geheimbünoler an den polnischen Ghinnasien cittgeschritfa: ist. Aber trägt nicht auch die Gcrmmtisierungs- Politik ihr Teil dazu bei. solche Gcheimbttndlcreieti zu begünstigen. (Lebhafte Zustimmung bei den Polen.) Redner verliest im weiteren Verlauf seiner Rede einen Erlaß der preußischen Schulverwallimg. in welchem den jüdischen Religionslehrern anheimgcstellt wird, ob sie dem Religionsunterricht die hebräische Sprache zu Grunde leget: wollen oder nicht. J-v bin weit davon entfernt, unsren jüdischen Mitbürgern das Recht verkümmern zu wollen, welches in dem Erlaß der ilnterrichtsverwaltung ihnen hier zugestanden wird. Ich bin kein Antisemit. Aver der polnischen Be- volterung, die doch keiitc eingewanderte ist, muß dasselbe Recht zustehen wie der jiidisckten.(Lebhafte Zustimmung bei den Polen.) Wir glauben an ein königüm: voi: Gottes Gnaden: wir glauben, was unser Katechismus uns lehrt, und die Grundsätze dieses Katechismus, die ttttS bisher mit dem Centrum verbündet: haben, werdet: uns auch in Zukunft mit dem Centrum verbinden. Wenn es aber ein köntgttmt von Gottes Gnaden giebt, giebt es auch Bolls rechte von Gottes Gnade».(Stürmischer Beifall bei den Polen.) Diese Volksrechte lassen Wir uns nicht nehmen, und bei der Verteidigung dieser Vollsrcckte werden wir stets auf nusrev: Postes ztt finden fem.(Erneuter stürmischer Beifall bei den Polen.) Abg. Roeren{<£.); Tie Poleitpolitik erregt weit über die Grenzen Preußens hinaus berechtigtes Aufsehen, sie gehört«»zweifelhaft zur Kompetenz des Reiches)(Sehr richtig!) Ans eine Erörterung des Falles Lühttitti, können wir heute nicht eingehen. Der preußische Finanzministcr be- hauptct, die Entlassung LvhmngS sei nicht erfolgt tveaen feiner Verheiratung mit der Zeldivebcltochtcr, sondern wegen seiner Stellung zur Polcnpolitik. Der Obetchräsidcnt behauptet dagegen, daß nicht LöhningS politische Gesinnung. sondern die Heirat der Feldwebcltochter der Grund zur Entlasiimg gewesen wäre. (Heiterkeit links.) Wir muffen«utt tvartc«, Iiis wir wisse», wer von deidc« Herren—— die Wahrheit gesagt hat. (Uttruhe rechts.) Hat der preußische Finanzmimster recht, so müssen «vir auch erst wissen, ivas Herr Löhning für Verbrechen gegen den Hakatismus begangen hat, Tie Ilebergrisse des Polizisten gegenüber dem Redakteur Koff- mann sollten die Regierung veranlassen, allgemein hier gründliche Remedur zu schaffen. Man geiviimt den Eindruck, als tneinten die Pvltztfieti,' sie dürsten sich den polnischen Mitbürgern gegenüber mehr erlauben, als den deutschen. Sie müssen darauf hingrlviesen lvcrdcn. daß Attstmhtttebcsiiminnitgctt gegen die Polen nicht bestehen. Die Boykotttcrung polnischer Kaufleute und Gastwirte verurteilen wir als uttmoraltsch und verwerflich. Eine solche wirtschaftliche Belämpfuug zweier Rationen innerhalb eines Reiches kamt nur zur andauernden Erbitterung führen.(Sehr wahr I bei den Polen.) Fast alle Bcamtenstcllen sind der polnischen Bevöliertittg verschlossen, von der Landwirtschaft hält man sie durch den fortgesetzten Attfkatts polnischer Guter ab. da ist es ganz selbst- verständjich, daß sich die Polen auf gewerblichen: Gebiete zusatnmctt- schließen. Sie deswegen allgemein zu boykottieret:, ist eine Maßregel, die sich nie tmd nimmer rechtfertigen läßt.(Sehr wahr bei den Polen.) Wie da Hie Polen noch loyale gutgesinnte Unter- thrnzen bleiben sollen, kann ich nicht einsehen. Aas den Thorner Penniilkr- Prozeß betrifft, so will ich aus dte Frage, ob es selbst nach dem Wortlaut der Bestimmungen zulässig war, daß der einmal erteilte Berechtigungsschein wieder entzogen wurde, nicht eingehen. Dem Sinne und Geiste der Leninnntmgett widerspricht diese Entziehung jedenfalls. Ehren- rührige Handlungett lagen nicht vor, und nur sie berrchtigen zur Eni- zieymtg. ES ist ganz klar, daß der Absatz 2, den der Herr KriegSminister dtierte, sich nur auf die Fälle bezieht, daß zwar ehren- rührige Handlungett vorliegen, aber eine formale Verurteilung nicht erfolgt ist. Irgend welche Vergehen habet: sich aber die Gymnasiasten in der Verbindung, die zur Pflege der Littcraiur und Geschichte gegründet war, nicht zu Schulden komntcn lassen. Früher waren solche Verbindungen nicht verboten, das ist erst jetzt, wo der schärfere Wind weht, geschehen. Wenn feststeht, daß der Direktor des Gymnasiums de» polnischen Schüler verboten hat in der Schule und ans dem Schulpla» polnisch zu sprechen(Hört! hört!), ja sie sogar aufforderte zu Hause nur deutsch zu sprechen (Hört! hört!), so ist es sehr gut zu verstehen, daß sie sich in Verblnduugeu zusamiueuthun. Sie»uisiteu bestraft iverdcn, da die Verbindung verboten war. sie wurden sehr Kart mit der Relegation bestraft, auch keine andre preußische Universität darf sie aufnehmen(Hört! hört!), sie wurden später mit Gefängnisstrafen belegt und haben dadurch einen Makel für ihr Leben,(Lebhafte Zurufe bei den Socialdemokraten: Keinen Makel!) Und seht soll ihnen auch noch die Berechtigung zun, einjährigen Dienst entzogen werden, Inder bayerischen Kammer wurde einmal über einen Gymnasiastenverein berichtet und der Kultusminister selbst sagte, daß in der Verbindung Unsittlichkeiten unflätigster Art vorgekommen seien. Die Schüler wurden mit Relegation bestraft, sind aber an einem andren Gym- tiafium wieder aufgenoinmen, und davon, daß ihnen die moralische Qualifikation zum einjährig- freiwilligen Dienst abgesprochen wäre, ist nichts verlautet. Ich hoffe, daß der Herr Kriegs- minister wenigstens diese letzte furchtbare Strafe von den jungen Leuten noch niinmt,(Lebhaftes Bravo! bei den Polen,) Mit welch' kleinlichen Mitteln der Kampf gegen die Polen geführt wird, dafür nur noch ein Beispiel, In Bromberg führt ein Unternehmer, Peiser, die Oninibusvcrbindung zwischen Stadt und Bahnhof, welche auch von der Post zur Beförderung ihrer Pakete benutzt wurde. Als vor einiger Zeit Peiser einen neuen Omnibus anschaffte, ließ er ihn mit Rücksicht auf die gemischt sprachliche Bevölkerung auf der einen Seite deutsch„Peisers Omnibus" anmalen und auf der andren„Omnibus Peisera", Iveil im Polnischen der Genetiv durch den Buchstaben u ausgedrückt wird. Die kaiserliche Postbchördc fand hierin eine polnische Kundgebung und befahl dem Herrn, daS polnische a zu entfernen(Große Heiterkeit), andrensalls er die Beförderung der Postsachen verlieren würde. Infolgedessen ließ Paiser das staawgcfährlichc polnische a übermalen,(Heiterkeit.) Durch solche Mittel setzt man sich doch sonst nicht der Gefahr aus, sich bei allen vernüiistigen Menschen lächerlich zu mache,,,(Sehr richtig I) EL wird nicht anders werden, bis das System geändert wird und „ran von dem Gedanken läßt, daß es überhaupt möglich sei, eine ganze Nation gewaltsam zu entnationalisieren. Das kleine Häuflein Deutscher in Siebenbürgen hat seine Nationalität trotz aller An- feindungen belvahrt und so wird es uns auch nicht möglich sein, die drei bis vier Millionen Polen zu entnationalisieren.(Lebhafter Beifall im Centrum und bei den Polen.) Abg. v. Tiedemann(Rp,): Die Behauptung des Abgeordneten Roeren, daß es sich unr eine Entnationalisierung der Polen handle, beweist, wie wenig Herr Roeren die Thatsachen wirklich kennt.(Oho! im Centrum.) Tie »leisten der hier anwesenden Herren haben wahrscheinlich keine Ahnung von dem provokatorischen Vorgehen der polnischen Geistlich- keit.(Lebhafteste Oho!- Rufe in, Centritin.) Dadurch crklärei, sich zahlreiche Verfügungen der Behörden in betreff der Namengebung. Ich will nur auf die Frage des Boykotts näher eingehen, Tic Herren von der polnischen Fraktion lieben hier ja immer die Polen als Lämmer hinzustellen, die sich vor dem Ein- bruch der Wölfe schützen müssen. Draußen im Lande klingt die Musik etwas anders, da treten die Herren Polen sehr kriegerisch und kampfbereit gegen die Deutschen auf. In polni- schen Zeitungen wird zur Boykottierung deutscher Geschäfte auf- gefordert. Das Ziel der polnischen Bestrebungen ist, die Deutschen womöglich aus der Provinz Posen zu verdrängen.(Oho! bei den Polen.) Die gesamte polnische Presse arbeitet auf den Wirtschaft- lichen Ruin der deutschen Koufleute und Handwerker hin. Fürst Radziwill sprach von den Volksrechten. ES giebr aber auch Volks- pflichten, die erfüllt werden müssen(Lebhafte Zustimmung rechts), wenn man verlangt als Staatsbürger gleichberechtigt behandelt zu werden. Erklären Sie(zu den Polen) doch, daß Sie auf eine Wieder- Herstellung der polnischen Selbständigkeit verzichten und daß Sie treue preußische Staatsbürger sei» wollen,— in demselben Augenblick wird auch der Wind ein andrer werden! So lange Ihr letztes Ziel die Losreißung der einstmals polnischen Landcsteile von Preußen oder Deutschland ist, so lange werden die scharfen Gegen- sätze zwischen Polen iliid Deutschen unvermindert fortbestehen. (Bravo! rechts und bei den Nationalliberalen. Zischen bei den Polen und im Centrum.) Abg. Lenzmann(fcs. Vp.s: Wir verurteilen alle Bestrebungen, die etwa auf eine Loslösung preußischer Landesteile von der Monarchie gerichtet sein sollten. Wir bedauern die nationalen Gegensätze, die leider Gottes einmal be- stehen, und verurteilen die Politik, die geeignet ist, diese Gegen- sätze zu verschärfen anstatt sie zu vermindern. Die Polittk der Regierung und des Hakatismus ist eine Politik des Unrechts. Was hat die Ansiedelungs-Gcsctzgebung genützt? Wo ist der polnische Grundbesitz, der aus polnischen in deutsche Hände übergegangen ist? Die Politik der Regierung entsernt uns immer weiter von dem Ziel, das wir erreichen wollen. Wir sind nun einmal auf die Sympathien der Polen angewicsen, wenn wir in Frieden mit ihnen leben wollen. Selbst die barbarischten Nationen sind wenn nicht so menschlich, so doch meist so klug gewesen, anderssprachigen Landes- teilen ihre Muttersprache und ihre Religion zu lassen. Selbst Eng- land, dem man immer Krümerpolitik vorwirft, hat auf Helgoland, als es englisch� war, die deutsche Mutter- spräche in den Schulen gelassen. Frankreich hat in Elsaß- Lothringen die deuffche Sprache bestehen lassen. Selbst das barbarische Rußland unterdrückt in den Ostseeprovinzen die deutsche Sprache nicht in der Weise, wie wir in unsren östlischen Provinzen die polnische Sprache, oder wenn doch, so sollten wir uns Rußland nicht zum Muster nehmen.(Sehr gut! im Centtuin und links.) Was Du nicht ivillst, daß man Dir thu', das füg' auch keinem andern zu.(Lebhafte Zustinunung im Centrum. links und bei den Polen.) Die Maßregeln unsrer Regierung müssen bei den Polen und besonders bei den unteren Klassen Haß erzeugen nicht allein gegen da» System, sondern auch gegen diejenigen, die es anwenden. Herr Graßmann war Porsitzeuder des Thorner Gerichts- hoses, der die Gymnasiasten verurteilt hat. und sprach also in eigener Sache. Ich will das Urteil nicht krittfieren, das thue ich niemals. (Heiterkeit.) Aber die Ueberzcugung der Richter beruhte auf falschen Voraussetzungen. Wir im Westen haben, Gott sei Dank, polittsche Gerichte nicht. Bei einem lvestfälischen Gericht tömint es beispielsweise nicht vor, daß jemand härter bestraft wird, iveil er einSocialdeinottat ist. Bei uns hat auch nie ein Staatsanwalt, wie das im Osten vor- gekommen ist. gesagt, daß ein Socialdemokrat weniger wert sei als ein andrer Ehrenmann, So exorbitante Strafen, wie sie im Osten gegen Angehörige bestimmter polittscher Parteien verfügt worden sind, sind auch im Westen nie verhängt lvorden. Ilnfte Richter urteilen ohne Rücksicht auf Glauben und politische Stellung; das »vünschtc ich auch von de» östlichen Richtern!(Lebhaste Zustimmung im Centrum. bei den Polen und links.) Die Thorner Gymimsiasten haben einen recht albernen Eid geschworen. Wenn ich Ihnen aber den Eid vorlesen wollte, den ich als Burschenschafter habe schwören müssen, würden Ihnen wahr- scheinlich die Haare zu Berge stehen. Der war noch viel gruSlichcr. (Große Heiterkeit.) Leider Gottes nmßten die jungen Leute wegen der Angehörigkeit zu einer geheimen Verbindung verurteilt werden, aber sie waren zu dem Delikt, wegen dessen ihnen dies geradezu vernichtende Urteil aufgebrummt worden ist, dirett gedrängt durch die unrichttgen Maßregeln der Regierung. Nach Abs. 2 des§ 03 der Wehrordnung darf der Berechtigungs- schein mir entzogen werden, wenn die moralische Oualifikation der Betreffenden„nicht mehr" vorhanden ist. Die Erteilung de» Berechtigungsscheines war aber erfolgt, nachdem die Gymnasiasten verurteilt waren.(Hört I hört I) Die Entziehung de» Berechtigungsscheines ist auch nur erfolgt, weil schabloneiunäßig die Berechtigung verweigert wird, wenn der Betreffende zu einer Gefängnisstrafe von über eurer Woche verurteilt ist. Was nun den Fall Löhning an- langt— erschrecken Sie nicht(Heiterkeit)— so würde ich darüber lieber im preußischen Landtag reden al» hier, weil ich diesen für kompetenter erachte. Aber ich sage mir doch, daß gerade der Fall Löhning bei drr Zusammensetzung des preußischen Landtags dort doch nicht den richtigen Resoimanzboden finden würde.(Sehr richtig.' links.) Ich habe de» preußischen Finanzniinistcr ausdrücklich auf dem zuverlässigsten Wege darauf aufmerksam gemacht, daß ich diesen Fall henke hier vorbringen würde, er ist nicht hier. Wagt er vielleicht nicht meine Gründe anzuhören oder verdien! der Fall Löhning so wenig Beachttmg? Wir sind schon im Interesse unsrer Armee gezwungen, entschieden zu diesem Fall Stellung zu nehmen. Wir danken dafür, daß die Töchter von Feldwebeln minderwerttger qualifiziert werden als die Töchter andrer Beamten, und daß die Angehörigen eines großen Standes stigmati- siert werden, als wenn ihre �Produkte(Große Heiterkeit)— ihre Töchter nicht so viel wert wären wie andre. Ich kann es niemals als berechttgt zugeben, daß der Oberpräsident der Provinz sich bei dem kommandierenden General Rats erholt, wie er gegenüber einem unter ihm stehenden bürgerlichen Beamten zu verfahren hat. Das ist eine Verbeugung vor der Armee, vor der ich unsre Civilbehörden bewahrt wissen möchte. Ich halte es auch für unerhört, daß Offiziere des 6. Regiments verächtlich von der Tochter des früheren Feldwebels als ihrer zukünftigen Cheffeuse gesprochen haben. Es handelt sich darum zu entscheiden, wer recht Hot mit der Darstellung des Falles. Herr Löhning oder der Herr Finaiizmiuister. Ich kenne Herrn Löhning seit 30 Jahren, habe ihn darüber gesprochen und er ist für mich glaubwürdig. Nach ihm liegt der Fall folgendermaßen: � Löhning hat sich verlobt am 17. Februar 1902. An demselben Tage bekam er einen anonymen Brief, worin ihm geschrieben wurde, er lolle sich Wohl hüten, die Dame zu heiraten, denn sie sei die Tochter eines Feldlvebels und es könne ihm unter Um- ständen sein Amt kosten. Wer diesen Brief geschrieben hat, weiß Herr Löhning nicht. Am folgenden Tage kamen Beamte seines Ressorts zu Löhning und gratulierten ihm unter Führung eines Herrn Ober-FinanzrateS, jetzt Ober-Regiernügsrat Geich. Bei dieser Gratulation sprach Herr Löhning auch davon, daß seine Braut die Tochter eines Feldwebels sei. er habe es erst nach der Verlobung erfahren, und es wäre ehrlos von ihm, wenn er sie deswegen im Sttch ließe. Herr Geich sprach bei dieser Gelegenheit davon, daß der Finanz- minister Herrn Löhning vielleicht versetzen oder disciplinicren könne. Darauf sagte Löhning das kühne Wort: Versetzen kann er inich wohl, aber absetzen, disciplinieren kann er mich nicht. Das war am 1�. Februar. Ende Februar bat der Geheime Obcrrcgierungsrat Gesch seinen Vorgesetzten Löhning um Urlaub für drei Tage. Er reiste nach Berlin und an demselben Tage, an dem er zurückkam, kam ein Regierungskonunissar, der geheime Ober-Finanzrat Encke mit nach Posen. Es ist anzunehmen, daß der Herr Gesch den ihm von seiiiem Vorgesetzten erteilten Urlaub dazu benutzt hat, um dem Minister Vortrag zu halten und ihn über die Verlobung Löhnings auf- zukläreu.(Hört' hört I link».) Löhning hatte darauf eine Unterredung mit Gesch und Encke. Encke bemertte, der Minister ici unwillig darüber, daß Löhning ihm seine Verlobung nicht angezeigt habe, sowie über die Aeußerung Löhnings, daß der Minister ihn nicht zur Disposition stellen könne. Der Minister wußte also diese Aeußerung LöhinngS gegenüber Gesch bereits.(Hört! hört!) Encke bemerkte weiter, trotz Löhning» Stellung zur Polenpolitik Ivolle er dafür sorgen, daß Löhning den Roten Adlerorden 2. Klasse erhalte.(Hört! hört I links.) Am 24. März hatte Löhning eine Unterredung mit dem Oberpräsidenten. Ter Obcrpräsident sagte, die Frau Löhning sei vollständig ein- ivandsftei. Es sei eine gebildete Dame, deren sich keine Gesell- schaft zu schämen brauche.„Aber," setzte er hinzu,.»es ist die Tochter eines Feldwebels" und nach mehrfacher Rücksprache mit dem kommandierenden General sei der Obcrpräsident allerdings der Ansicht, daß eine derarttge Verbindung nicht passend sei. Er hat sogar hinzugefügt, ebensowenig wie der Oberst die Tochter cinc» Feldwebel» heiraten könnte, ebensowenig können Sie das. Ein Ober-Rcgierungsrat könnte es aber.(Schallende Heiterkeit.— Obcr- Finimzrat a. D. Löhning wvhnt diesen Bcrhandlungen ans einer Tribüne bei.) Wörtlich sagte der Obcrpräsident dann auch noch: DaS was Encke durch Geich über Ihre Stellung zur Polenpolitik erfahren hat, bricht Ihnen den Hals nicht. Weiterhin vernahm Herr Encke Herr Gesch und Herrn Mende außer über die Verlobungsaugelegeuheit auch über die Stellung Löhnings zur Polenpolitik, ileber die Wreschcner Vorgänge soll sich Löhning in einer regierungsfeindlichen Weise auSgelassc» haben. Er hat sie aber nur fiir eine große Ungeschicklichkeit und Thorheit erklärt und ist in dieser Beziehung ganz cTaeoorck mit dem Oberpräsidenten ge- wesen. Sehr viele kluge vreußische Beamten halten die Wreschcner Vorgänge für eine unbezahlbare Thorheit. Herr Mende erklärte, Löhning habe ihn in seiner Unterstützung derRegierungspolitik behindert. Mende, der sich mit den Gesuchen um Niederschlagung von Steuern zu befassen hatte, hatte als Grund für die Nichtberücksichttgung eine» Gesuche» unter andern» in den Bericht hineingeschricbcn:„Der Antragsteller sei Pole," Darauf hatte Löhning gesagt:„Das gehört nicht»n den Bericht. Ich prüfe die Gesuche rein sachlich." Ist das etwas andres als die Aeußerung eines intensiven Gerechtigkeitsgefühls? Ich bin stolz darauf, daß Löhning ein Westsalc ist.(Große Heiterkeit.) Wir Westfalen kennen nur.sachliche Gründe. (Erneute Heiterkeit.) Bei unS wäre so etwas unmöglich. Ferner sollte Löhning angeblich in polenfrcundlicher Weise bei der Stadtverorduetcnwah'l in Fraustadt eingegriffen haben. Dort hatte ein Stcucrbeamter Michalski das große Verbrechen begangen, den polnischen Kandidaten zu wählen. Dem Provinzial-Stcuerdirektor Löhning wurde über den Borfall berichtet»nit der Aufforderung, er solle seinen Untergebenen»vcgen dieser Wahl rektifizieren.(Hört! hört! bei den Polen.) Löhning lehnte das ab. Er sei bereit, dem betreffenden' Beamten den in Bettacht kommenden kaiser- lichen Erlaß vorlesen zu lassen— wa» auch geschehen ist—. aber mehr könne er nicht thun. Löhning hat damit durchaus al» staatSttcuer Beamter gehandelt. Aber diese Handlungsweise wird als polenfrcundliche und deutschfeindliche Politik ausgelegt, die schließlich zu seiner Entfernung aus seinem Amte geführt hat. Löhning hat nur so gehandelt, wie ein Ehrenmann handeln muß. Wenn die Heirat mit der Feldlvcbeltochter nicht ausschlaggebend gewesen ist— was ich im Juteresse der Armee wünschen möchte—, so ist seine Disciplinierung wegen seiner Stellung zur Polenpolitik noch viel schlimmer. Er hat nicht als serviler Streber gehandelt, der, um sich nach oben hin lieb Kind zu machen, sich über Verfassung und Recht hinweg- setzt.(Lebhaste Zusttmmung bei den Polen, im Centrum und links.) Ich hätte erwartet, daß der preußische Finanzniinistcr, wenn er dem ehemaligen höchsten Stenerbcamten einer Provinz so schlimme Vor- Ivürfe macht, sich nicht mit allgemeinen Redewendungen begnügte, sondern den Beweis für seine Behauptungen führte,>Sehr gut! links.) Außer den von mir vorgetragenen That- fachen»st Herrn Löhning keine einzige Aeußerung nachzusagen, die man als auf deutschfeindlicher Tendenz beruhend auslegen könnte. Mittlerweile hat ja die Presse sich des Falles bemächttgt und da haben wir leider GotteS die Thatsache verzeichnen müssen, daß hier gewisse Sykophantcn an der Arbeit find. Der Vorwurf ist auch zu un» durchgesickert. Löhning sei kein fleißiger Arbeiter gewesen. Hat die Regierung nicht das Gefühl dafür, daß sie sich selbst schlägt, wenn sie einen untüchtigen Mann zum ersten Steucrbeamten der Provinz macht?— Wie kommt nun der Herr Minister dazu, diesen Fall Löhning überhaupt zuzulassen und in so ungeschickter Weise zu behandeln. Au» reiner Liebhaberei wird er doch nicht den Pensionsetat um 8000 M, jährlich belasten, ohne rechten Grund wird hier ein noch völlig rüstiger Mann von seiner Anusthättgkeit entfernt. Die wahren Gründe liegen bei denjenigen, die sich dem Minister und dem Oberpräsidenten genaht haben als Denunzianten, al» Ankläger, als Hintcrbringcr. Weil dieser Fall diese Folie hat. deshalb dient er dazu, das ganze häßliche Bild, welches wir von der Polenpolitik uns haben vorführen lassen zu ergänzen. Der Fall Löhning wäre in einer andren Provinz nicht vorgekonunen. Das ist gerade der Fluch der bösen That. Die Polittk gegen die Polen, welche auf jede m, redliche Förderung des Deutschtums Prämie» setzt, dir Beamte befördert, wenn sie unter Beugung des Rechts eine bestimmte von oben gewünschte Politik treiben, eine solche Politik erzieht auch Denunzianten und Sykophanten, unter denen der preußische Staat weit mehr leidet als unter den Polen.(Lebhafter Beifall links.) Kriegsminister v. Goßler: Niemand wird von mir verlangen, daß ich htcr_ den Fall Löhning erörtere. Da» ist nicht meine Sache. Das ist Sache emes andern Ressorts. Nur die Anfeindungen Ivill ich zurückweise», die der Vorredner gegen die Armee gerichtet hat. Er hat e» so dargestellt, als habe der kommandierende General de» V. Armmeecorps enffcheidend in den Fall Löhning eingegriffen. Das ist keineswegs der Fall. Der Oberpräsident von Posen und der kammandierende General stehen sich sehr nahe; zwischen den beiden Herren hat nur ein Privatgcspräch stattgefunden, in dessen Verlaufe der General bemertte. es werde Herrn Löhning schwer werden, seine Frau in die Gesellschaft zu bringen, weil� er es unterlassen habe, seine Verlobung anzuzeigen. Diese Unterlassung hat in Posen Auf- sehen erregt und nur darauf bezog sich die Bemerttma des Generals. Weiter hat der Vorredner behauptet, die Offiziere des Regiment» hätten über die Heirat gespottet. Da» ist nun au sich sehr uulvahrscheinlich, denn was geht es das Offizier- corps au. wen Herr Löhning heiratet,(Hetterkeit.) Die ganze Geschichte ist auf irgend einen Scherz bei Tische zurückzuführen. Der Herr Vorredner hat nun angedeutet, daß das StandcSbcwutztseiu der Offiziere sich gegen die Feldwebeltochter gewehrt �habe. Diese Annahme begreife ich nicht,_ Tos ganze Streben der Heeresverwaltung ist darauf gerichtet, unsre ausgezeichneten Offiziere in gute Civilstclluiigcn zu bringen, weil dadurch die Garantte geschaffen wird, daß das Unteroffiziercorps den richttgen Ersatz findet. In der Armee sind eine ganze Reihe Offiziere gewesen und noch vorhanden, die früher Unteroffiziere waren. Ebenso giebt es genug Offiziere, die Unteroffizierstöchter geheiratet haben. Jw habe nicht gehört, daß jemals Zweifel darüber entsianden sind, ov solche Mädchen von Offizieren geheiratet werden können. Ich muß mein Bedauern darüber aussprechen, daß der Herr Lorrcdncr sich har dazu hinreißen lassen, Mißtrauen gegen die höheren Offiziere hier zu verbreiten. Wir stellen die Unteroffiziere so hoch, wie sie es ver- dienen. Und wir sagen uns auch, ich heirate ja schließlich nicht meinen Schwiegervater, sondern seine Tochter,(Große Heiterkeit.) Staatssekretär Graf Posndowsky: Der Vorredner hat ausdrücklich erklärt, es handle sich hier zwar um eine preußische Angelegenheit, die eigentlich vor das preußische Abgeordnetenhaus gehöre; er hat aber hinzugefügt, dort finde er nicht den richtigen Resonnanzbodcn und ziehe deshalb den Reichstag vor. Unzweifelhaft gehören mm Fragen der Beamtendisciplin zum Gebiete des p r c u ß i s ch c n A b g e o r d n e t e n h a u s e s. Reichstag und Bundesrat haben beide dringende Veranlasfimg. die Kompetenz streng zu wahren. Wohin sollte es führen, ivenn die Beamten- Maßregelungen jedes EinzelstaatcS hier erörtert würden? Ein Antrag auf Vertagung wird hierauf angenommen. Persönlich erwidert Abg. Lenzmann(fr. Vp.Y daß e» ihm ferngelegen habe, Mi);- trauen gegen die Haltung der höheren Offiziere zu verbreiten._ Er hätte im Interesse der Armee gewünscht, daß die Meinung zerstört würde, als wenn die Armee in solcher Weise eingegriffen habe. Seine Rede sei gegen die Posensche Regierung und nicht gegen die Armee gerichtet gewesen. Dem Grafen Posadoivstt, erwidere er, daß er im schlimmsten Falle ja nur dem Beispiel des AbgeordnetenhalffcS gefolgt sei, daS eine große Debatte über den Zolltarif geführt habe. Präsident Graf BaUcstrem: Im Namen de» Zolltarifs dürfen Sie keine persönliche!» Bemerkungen machen.(Heiterkeit.) Der Präsident schlägt darauf vor, die nächste Sitzimg am Sonn- abend 1 Uhr abzuhalte» mit der Tagesordnung: Dritte Lesung der Patent-Abkommcn mit Italien und der Schweiz; Fortsetzung der zweiten Berattmg der ittnderschntz-Vorlagc. Abg. Dr. v.'Dzirmbowsti(Pole) schlägt vor, morgen die heutige Debatte zu Ende zu führen, sonst lvürdc die Verhandlung aä calendus graecas vertagt. Präsident Graf Ballestrem: Unsre Geschäftsordnung giebt den Herren, die Interpellationen einbringen, ein große» Recht. Sie können, wenn sie 30 Kollegen finden, die Arbeiten de» Reichstages zu jeder Zeit unterbrechen, und wenn sie SO finden, eine Besprechung herbei- fiihren. Ich glaube äbernicht, daß es sich empfiehlt, solche Jntcrpellatioucu über einen Tag auszudehnen und dadurch unsre Arbeiten so zn ver- langsamen, daß die allgemeinen Geschäfte deS Reichstages darunter leiden. Deshalb habe ich meinen Vorschlag gemacht.(Beifall rechts.) Abg. v. Jazdzcwsti: Nach den Erfahrungen, die wir mit unfern Jnterpellattoncn im letzten Jahre gemacht haben, lvird sich der Herr Präsident nicht wundern, daß wir mit»mserm Vorschlag gc- kommen sind. Präsident Graf Bullest«»»; Ich wundere mich nicht, aber ich bleibe bei meinem Vorschlage.(Heiterkeit.) Der Vorschlag de» Präsidenten lvird hierauf gegeir die Stimme» der Polen. Socialdemokraten, der Freisinnigen Vereinigung und einiger Mitglieder der Freisinnigen Volkspartei und des Ccntrnms a n g e n o m m e n. Schluß 6'.'. Uhr._ partci-]Vacbricbten» Einen socialdemolratischen stellvertretenden Stadtverordneten-Vok- steher hat auch die Stadt W a l t c r s h a u s e n im Herzogtum Kobur�-Gotha. Im Stadwcrordneten-Kollegium verfügen wir über die Halste der Eitze und in der ersten Sitzung des neuen Jahres wurde der Landtags-Avgcordncte Genosse D c n n c r cinirimmiz zum stellvertretenden Vorsteher gewählt. Totenliste der Partei. Dr. med. Pierre Coullery in Chaux- defonds, der Nestor der schweizerischen Socialdemokratie, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Er war an den Kämpfen um die Befreiung Neuenbürgs von der preußischen Herrschaft beteiligt und mußte daher flüchten, kehrte dann aber in da» befreite Vaterland als konsequenter Republikaner wieder zurück. Die Internationale fand in ihm einen ivackern Mitstrc'wr und als im Jahre 1863 in Neuen- bürg der Kongreß der deutschen Arbeitervereine in der Schweiz stattfand, eilte er herbei, um die Delegierten in begeisterten Worten zu begrüßen. Er war unermüdlich in Wort und Schrift thätig für die Förderung unsrer Sache und hat lange Jahre an der Spitze der Arbeiterbewegung in Ehauxdefonds gestanden. Im dortigen großen Stadttat und im Neuenburgischen Kantonsrat vertrat er während einer Reihe von Iahren die socialdemokrattsche Partei. Dem eifrigen und unermüdlichen Mitkämpfer wird die schweizerische Socialdemokrattc ein ttenes und danlvares Andenken bewahren.' poliieilickiev, OerichtUcbcs ulw. Tellersammlungen. Eine Polizeivcrordnung für den Regierungsbezirk Düffel-- darf vom 16. August 1900 bestimmt: Die Veranstaltung und Ausführung von Sammlungen und freiwilligen Beittägeir aller Art ist nur mit� Genehmigung des Qberpräsidcnten gestattet, aus- genommen die Sammlungen, die kirchlichen Zwecken dienen, und in kirchlichen Räumen vorgenommen werden. Diese Verordnung sollten die Schuhmacher Haß und Marx übertreten haben. Eine öffentliche Sckmhmacher-Versammlung hatte beschlossen, für die ausständigen Arbeiter eine» bestimmten Betriebes eine Tcllcr- sammlung zu veranstalte». Tie Angeklagten stellten, als die Ver- sammlung geschlossen wurde, einen Teller vor sich auf und nahmen die freiwilligen Gaben entgegen. Das Landgericht Elberfeld als Berufungsinstanz sprach die Angeklagten frei und erklärte die Regierungsverordnung vom 16. August 1900 für ungültig. Begründend wurde ausgeführt: Mit Unrecht stütze der Rcgicrungsvräzidcnt feiiic Verordnung auf die KZ 6 und 12 de» Polizciverwaltungsgcsetzes, denn dieses unter- Iverfe nicht die Sammlungen freiwilliger Beittäge der polizeilichen Regelung. Darum wäre hier nur»och zu beachten der GesichtS- puntt der Allsschreibung öffentlicher Kollekten int«inne des Allge- meinen Landrechts.?lber auch hierdurch werde die Verordnung nicht gestützt, da das Landrecht mit den öffentlichen Kollekten, die nur mir Genehmigung der Ovrigkeit zulässig seien, nur Haus- l o l l c t t c n, ein SamlNtsngchcu vpzi Haus zu Hqutz gemeint habe. Darum sei eine Verordnung rechtsungültig, die Sammlungen aller Art verbieten und sie nur mit Genehmigung des Obervräsidenten Zulassen will. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein. der sich jedoch der Oberstaatscmwalt am Äammcrgcricht nicht anschloß. Die Ange- klagten wurden durch Rechtsanwalt W o l f g a n g Heine vertreten. TaS K a in in e r g e r i ch t wies die Revision mit folgen- der Begründung ab: Ohne Rechtsirrtum sei vom Landgericht an- genommen worden, daß das Polizeiverwaltungsgesetz die Wer- ordnung vom 16. August 1066 ebenso wenig stütze, als das All- gemeine Landrecht, und daß letzteres die behördliche Genehmigung nur für Kollekten von Haus zu Haus verlange. Auf jeden Fall sei die Verordnung vom 16. August 1066 insoweit ungültig, als sie nicht nur für Hauskollerten, sondern auck für Geldsammlungen in öffentlichen Versammlungen die Genehmigung des Ober- Präsidenten erfordere. Somit sei die Freisprechung gerechtfertigt. — Sämtliche Kosten, auch die den Angeklagten erwachsenen not- wendigen Auslagen wurden der Staatskasse auferlegt. Ter focialdemokratischc Redakteur vor Gericht. Der verantwortliche Redakteur der„Sächsischen Arbester- Zeitung", Genosse R i c in in Dresden, war im Dezember vom Reißencr Schöffengericht unter dem Vorsitz des Herrn Assessor Rotte ivegen angeblicher Beleidigung der Baufirma Otto u. Schlosser in Meißen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden, obgleich er auf das bündigste erklärte, die Firma sei nicht gemeint. In dem Urteil hatte der Herr Assessor die hohe Strafe damit zu begründen versucht, daß die Vorstraien des Angeklagten ihn geradezu als einen gewohnheitsmäßigen Ehrabschneider erscheinen lassen. In der Verhandlung vor dem Landgericht in Dresden wurde ein Vergleich abgeschlossen, nach dem die Baufirma Otto u. Schlosser den Strafantrag zurückzieht und Genosse Riem eine entsprechende Erklärung abgiebt. Gegen den Assessor Rotte will Genosse Riem Strafantrag wegen Beleidigung stellen._ Hus der frauenbeivegung. Frauen im französischen Postdienst. Fm französischen Telegraphen-, Post- und Telephondienste sind zur Zeit 7666 Frauen thätig. Ihr Gehalt schivanlt zwischen 1666 und 2666 Fr. jährlich. Nachdem in der letzten Zeit die Lage der männlichen Angestellten in vieler Beziehung aufgebessert worden ist, verlangen nunmehr auch die weiblichen eine Erhöhung ihrer Gehalt- fkäla, und zwar ein Minimum von 1666, ein Maximum von 2566 Fr. Tavei ist zu beachten, daß viele dieser Damen einer so- genannten Postagentur selbständig vorstehen. An den obigen Forde- rungen hält die Organisation principiell fest, sie hat aber angesichts des belasteten Budgets dieselben für den Augenblick herabgesetzt auf 1266 bez. 2266 Fr. Der Gehaltsdurchschnitt würde damit auf 1766 Fr. kommen, ioährcnddcm er jetzt nur 1166 Fr. beträgt; das Komitee für die Aufbesserung der Gehälter der weiblichen Post- angestellten ist kürzlich auf Verlangen des socialistischen Deputierten Sembat von der Budgetkommission der Dcputicrtenkammer empfangen lvorden, um seine Wünsche vorzutragen. Tocialdcmokrotischer Agitations-Berein für den Reichstags» Wahlkreis Ztralkuud- Franzburg- Rügen. Sitzung: Sonntag, vor» mittags vll3 Uhr.©eiste willkommen. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 1. Februar 1963, vor» mittags 8°st.1Ihr, in der Aula der 69. Gcmeindcichule, Kleine Frank- f u r t e r st raste 6: Versammlung.„Freireligiöse Vorlesung". Um ich/, Uhr vormittags ebendaselbst: Vortrag des Herrn Dr. Bruno Wille: „Wahn und Wahrheit über die Hölle". Gäste, Damen und Herren sehr willkommen. In der tmmauiftischen Gemeinde, Niederwallstr. 12, in der Aula der Friedrich- Werderschen Ober- Realschule, hält am Sonntag, vormittags 16'/., Uhr, Herr Dr. Rudolf Penzig einen Vortrag über:„Der Wert der Geselligkeit". Damen und Herren haben sreien Zutritt. Berein de« Buchdrucker und Schristgiester für Rixdorf-Britz. Sonntag, den 1. Februar, präcise 1 Uhr, in Werneckes Festsälen(srüher Zlpollo-Theater), Hermamistr. 49: Vereinsversamniluug. Stationen If II BS »— Swinemde. Hamburg Berlin Franks./M. München Wien .5 3_ 's)«|= fi Wetter laat |=% aH wa Stationen 760 WSW 763 WSW 765 W 774 SW SW W 776 71 7 bedeckt stbedeckt bbcdeckt 4!bedcÄ bvetter Ehester §aparanda 733 Still etersburg l 742 B Cork 76SsWNW Aberdeen' Paris 776 -W Wetter wölken! t.wotkenl «bedeckt llbedeckt !->K r! Ä »S!! StZ H Sj —9 — 4 9 Wetter- Prognose für Sonnabeud, den 31. Januar 1903. Ziemlich warm und veränderlich, vorwiegend ttübe mit leichten Regen» sällen und starken südwestlichen Winden. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Beranttvortung. Zhezter. Sonnabend, 31. Januar. Ansang 7>/z Uhr: Opernhaus. Hansel und Grete!. Die Puppenfee. Zchauspielhaus. König Heinrich der Fünfte. Neues Opcrn-Iheater. Geschloffen. Deutsches. Mauna Vanna. Berliner. Mt-Heidclberg. Lessing. Der blinde Passagier. Neues. Die Fliege. Residenz. Luiti. Thalia. Charleys Tante. Borher: CassiS Pascha. Weste». Nanon. «eutral. Madame Sherry. Belle-Alliauce-Theater. Am Tele- Phon. Hierauf: Cupido n. Cie. Ansang 8 Uhr: Schiller<».(Wallner- Theater.) Das Geheimnis der Gilde. Schiller IV.(Fricdrich-Wilhelmstädt. Theater.) Sappho. «arl Weih. Gefallene Mädchen. Hieraus: Sic. Luisen. Der Maschinenbauer von Berti». Buntes. System Aubcrt. Kleines. Nachtasyl. Trianon. Die Liebesschaukel. Gasino.©avallaria insticans. Apollo. Specialitäten.— Frau Luua. Palast. Berlmcr Lusr. Soecialitäten. Wintergarten. Specialitäten. ReichShallen. Stestiner Sänger. 2teidi. Steidl-Sänger. Pastagc-Thcater. specialitäten. Pasiage-Panoptikum.Specialitäten. Urania. Taubenftratze 18 19. Das Land Tirol. Im Hörsaal um 8 Uhr: Dr. Donath: Die Becquerelsttahlen (Raidiumitrahlen ic) Jnvalidenstrasie S7/KS. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Central �Theater Nachmittags 4 Uhr, halbe Preise. Jeder Besucher ein Kind frei. JcdeS Kind erhält ein Geschenk. Seirneeweissebeii und Rosenrot Weihnachtsmärchen mit Gesang und Tanz in 4 Bildern. 1. Bild: Der verzauberte Bä� L.Bild: Der böse Geist. 3. Bild: Arn Weihnachtsabend. 4. Bild: Die Erlösung. Abends 7>/z Uhr: JMadame öhen-y. Sonntagnachmittag 3 Uhr, halbe Preise: l>iö lloiska. Abends 7>/„ Uhr: Kaiiams Llioeep. Selle-Misuee-Tligster. Alle Abend Tl. Uhr: Am Telephon. Drama in zwei'Aufzügen. Gegen 81/, Uhr: Cupido& Cie. Schwank mit Ges. u. Tanz in 3 Akten. Sonntag, den l. Februar, nach- mittags 3 Uhr, bei kleinen Preisen: Tor Dornenweg. Schauspiel in 3 Akten von Felix Pdilippi. tosokine vora vom Tbalia- Tbenter als Gast. Lonuaböiicl, äon 31. llanuar 1963, »donäs 7stz llstr: Hixh Life Soiree. Erbtet» Debüt Die Canadier Ödilmctho und Dtomi in ihren phänomenal. Leistungen. Ausserdem neues Programm. Nur noch kurze Zeit. Zum 75.: Mail!« rival!! Looping the Loop Nachdem; Sie lustigen Heidelberger. Morgen in beiden Vorstellungen Looping the Loop. Nachmittags die reizende Pantomime: Pierrots Weihnachten. Die grosse Bonbonniere und der Bonbonregren. Abends neue Debüts. Urania. Taubenstrasse 48/49. , Abends 8 Uhr; Das Land Tirol. Im Hörsaal um 8 Uhr: Dr. Donath: Die Becquerel- Strahlen(Kadiumstrahlen etc.) Sternwarte Invalidenstrasse 57/62. CASTANS Panoptikum Friedrichstrasse 165. WilhelmBusch Ausstellung. Neu! r Neu! Zauberkünstler F. Roberts (d. Verschwinden einer Dame). Kasperle-Theater.— Illusionen. Gr. Promenaden-Konzert. Passage-Theater. Anfang: Sonntags 3 Ubr, W ochen tags 5 Uhr, Ende 1 1 Uhr Letater Tag! Augusta Adamovic. Willy Prager. Voranzeige: Sonntag, 1. Febr.: A A die schwebende Jungfrau. Ein mysteriös. Theaterstück. 14 neue erstklass. Nummern. Trianon-Theater. CS corge nstrs.se, zwischen Friedrich- u. Universitätsstr. Die Liebessehaukel. Lustspiel in 4 Akten v. M.Donnay. Anläng 8 Uhr. Palast-Theater Bürgstratze 22. Früher: Feen-Palast. Heute! Abends 8ll3 Uhr: Heute! Premiere!:3g Berliner Luft. Gr. Operettenposse mit Gesang und Tanz in 3 Attcn von A. Rosse. Mufik von Platzbeckcr. Zwickel, Globenfabrik.: Dir. ll. Vkinkler. Sonntag 11. Montag: Dieselbe Vorstell. Dufekweg neue Specialitäten. Dienstag, den 3. Februar: Benefiz sür den Kapellmeister A. Sonimerseld. Tie Gräfin von der Nadel. AM. 8, Sonntags 7 Uhr. Enttee 56 Pf. Apollo-Theater. Tägl. 8— 9l/4 Uhr: Specialitäten u. Robert Steidl «onnabend und Montag 9'/, Uhr: Trau Luna. Sonntagnachmittag 3 Uhr: kVau Luna. Ermäsfigte Preise. Sonntagabend Tj, Uhr: Nakiris Hochzeit. Täglich: Das elektrische Ballett. Etablissement 1 Buggenhagen 1 | am Moritxplatz.| Jeden Tag: Der schöne Mar ans Franr.-Dnchholz. Heute: Bockbierfeft. ___■ Im Kaiser-Saal:-Mg Xorckckeutsebe Slinxer und Tanz. Gobiiler- Theater Q. (Wallner-Tbeater). Sonnabendabend 8 Uhr: Das«ebSlmnis der Gilde. Schauspiel in 4 Akten von August Striudberg. DeMsch von Ernst Brausewetter. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Doktor Klaas. Sonntagabend 8 Uhr: Das Keholninis der Gilde. Montagabend 8 Uhr: Esther. Hierauf: Zwei Klsca imFeaer. Schiller-Theater ST. (Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater). Sonnabendabend 8 Uhr: Sappho. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Grillparzer. Sonntagnachmittag 3Uhr: Heimat. Sonntagabend 8 Uhr: Der Pfarrer von Kirch feld. Montagabend 8 Uhr: Der Biberpelz._ Thalia'Theater. DreSdenerstr. 72/73. Anfang 7>/„ Uhr. Charters Tante. Guido Thielscher als Liiarlexs Tante. Vorher: Lassis Pascha. Sonntagnachmittag 3 Uhr kleine Preise: lihsmont. Am 6. Februar zum erstenmal: Der Kamelieiioakel. Posse mit Gesang it. Tanz v. Leon Leipziger. Kleines Theater. Unter den Ein den 44. Anfang 8 Uhr. Nachtasyl. Luisen-Theater. Oie Masehinenhauer von Berlin. Morgen, nachmittags 3 Uhr, zu tleiiicn Preisen: Oie Maschinenbauer von Berlin. Ab. 8 Uhr: Die Tochter Belials. Montag: Oie Maschinenbauer von Berlin. Buntes Theater Köpnickerstrasse SSy Abends 8 Uhr;"WU System Anbert Die angewandte Ptiilosophie. Sonntag, den I. Februar, 3 Uhr nachmittags, bei bedeutend er- mässigten Preisen: Lore. Hera. Biene. Abergläubisch. BokkenLasson. "CarrWeiss- Thealer. Graste Frankfurter Ttraste 132. Nachmittags 4 Uhr: Kindervorstellung. Hänsel itnb Grete!. Zaubermärchen m Gesang v. W. Lang. Stficniä 8 Uhr: Gefallene Mädchen. Berliner Sittenbild in 4 Attcn von Fritz Schäfer. Hieraus: Tie. Nachtscenc in 1 Alt v. Schätzler-Perafini. Sepoharli«ose-Thealer Badftr. 5«. Sonntag, den 1. Februar 1963: Gewonnene Herjen. Bolksstück mit ütesang in 3 Akten von Hugo Müller. A n s ä u g 6stz U h r. Nach der Borstellung: Tan«. Metropol-Theater Heute: B. Metnpol-fMrM Anfang 11 übr. W. Noackä Theater. Direktion; Robert Dill. Rrannenstrasse Ifl. Heute wegen Privat Festlichkeit Geschlossen! Sonntag: I/.iiftscbI«sscr. Montag: Carmen. Steidl-� Theater Linien- Oranien- straffe 132. burger Thor. I�eues pfvxfsmm. Der vorzügliche Tenorist Kalvasni. Ferner: Riefen- Lachersolg: ?atnUie}€mnberi Ansang 8 Uhr.(Sonntags 7 Uhr. Entree SO Pf. (Vorverlaus Wochentags 40 Pf.) �aitssoncl Jeden Sonntag, Montag, Donnerstag: Hofflnanns Heutsche Sänger. Nach jeder Soiree: Tana-Krlinachcn. De Lup in Lupt. Sensationsparodie. Stile zu Festlichkeiten. Wintergarten. Residenz-Theater. Direktion: Sigmund Lautenburg. Zum zweitenmal: Llltti«(Loute.) Schwank In 4 Akten von Pierre Bcbcr. Deutsck von Max Schönau. Morgen nno folgende Tage: I.ntti. Sonntagnachmittag 3 Uhr zu bis über die Hälstc crmäffigtcu Preisen: �(ora. Relchshallen. erSto. Yvett© €>iiilbert Keine erbebten Preise. Mein- u. Kierjlaschen'S�, KoUnalt?', Krniitswaffe 26. L* I"lix bOheuer erlinerlllk-Trio. SratweilsSierhalten Cirkus Snsch. Theater u. Variew Kommandanten- Strafte 77/79. Direktion: Carl Haverland. Täglich: Gr. Vorsteilung. Das grosse amüsante 3anuar-7rogramm Nur allererste Kunstkiäfte. Ansang der Vorstellung 8 Uhr. Jed. Sonnabend, Sonntag U.Mittwoch nach der Vorstellung: IM- TAXSB."MM Sonnabend, don 31. Januar 1903, abends Ist» Uhr: ftrosse Vorstellnng. Kalifornische Seeläwen.— Tarlakoff Troupe.— Elefant und Pferd. AmafeurreUn— Dahomey mit Elaianten im Bade. Deutsehe Konzerthallen Spandauer BrückeS Theater- uud Specialitäten- Vorstellung. UV Wochentags: Sitrcc frei!"MlG 5 Künstler- C Kapellen« Special- Ausschank der Berliner Bockbrauerei. Üönigsiadt-Gasino. \ Hui.marktst. 72, Ecke Alexanüerst. 1 | Täglich erstkl. Spocialitäten-Vor- f 1 Stellung. Jed. Mittwoch, Sonnabd.! und Sonntag Tanzkränzohen. Ans. Wochenf.8, Sonntag? 6 Uhr. Kasino s Theater Lothringerstr. 37. Keine Parodie! 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Tie Konfcktiousbranche der Posamenten-Jndustrie ist seit einigen Wochen im Aufschwung begriffen, nachdem dieselbe etwa sechs Jahre fast gänzlich von der Bildfläctte bcrschwundcn war, um der Kurbel- srickerci Platz zu machen. Ein Teil der damals als Posamenten- Arbeiter thätigen Personen ging Zur Kurbelstickerci über, tvährcnd das Gros sich andren Berufen zuwandte. Jnfolgedcstcn ist der Be- darf an Arbeitern rmd Arbeiterinnen schwer zu decken, so doch einzelne Unternehmer bis 3V M. für Besorgung einer Arbeiterin bieten.— Mit Anwendung verschiedener Mittel werden die Arbeitskräfte von einem Unternehmer Zum andren gelotst. Sogar in entlegenen Bor- orten, wie Fricdrichshagcn, Bernau usw., wird für Berlins ge- arbeitet, am meisten iedoch durch die Heimarbeit. Obwohl nun für die Beschaffung der Arbeitskräfte sehr viel geboten wird, ist die Bc- Zahlung der Arbeit bei einzelnen Firmen derart, das) eine all- gemeine Unzufriedenheit herrscht. Ten Schiturdrehern. welche vor Jahren 3b M. Wochcnlohn hatten, werden bis 22 M. geboten. Tie bei den gleichen Firmen beschäftigten Kuichclstickcrimren verdienen 3b— ib M., die männlichen Stickcr bis 6b M. in der Woche. Die Posaincnten-Arbcitcr und-Arbeiterinnen sind gewillt, gegen die schlcchtzahlenden Unternehmer Stellung zu nehmen und bitten alle Kolleginnen und Kollegen, angesichts der guten Geschäftslage einer- seits und der teuren Lebenshaltungspreisc andrerseits mitzuhelfen, das) die Preise, welche früher gezahlt wurden, mindestens wieder die allgemein üblichen werden und bleiben.— Unsrc sächsischen Mitarbeiter im Erzgebirge verstehen ihre Lage und nützen die Kon- funktur folgerichtig aus. Die Männer unsrcr hcüuarbeitendcn Kolleginnen werden gleichzeitig um Aufmerksamkeit in dieser Sache gebeten. Filiake Berlin II des Tcxtilarbefter-Verbandes. Zur Gründung eines Schöiicbcrgcr btcwerkfchaftökartrlls nahm am Donnerstag eine sehr gut besuchte Versammlung im Obstschcn Saale Stellung. Mit Ausnahme der Vertreter der Metallarbeiter, Zimmerer und Maurer erklärten sich sämtliche Redner der ber- schicdenstcn Organisationen mit der Gründung des Kartells ein- verstanden. Da die Frage indes iwch nicht spruchreif schien, auch Mitglieder der letztgenannten Organisationsverbände erklärten, innerhalb derselben sei eine genügende Aussprache bisher niciit er- folgt, wurde ein Antrag angenommen, diese Frage nochmals in den einzelnen Gewerkschaften zu prüfen und sodann eine weitere Ber- sammlung einzuberufen. Das Bureau wurde beauftragt, die nötigen Schritte einzuleiten.— Für die Gründung eines Kartells in Schöne- bcrg haben sich bereits acht Organisationen ausgesprochen. An die Arbeitnehmer Beisitzer des Schöncbcrgrr Gewerbe- gerichtS. Die regelmäßigen Sitzungen finden jeden Freitag vor dem I. und IS. eincS zedm Monats statt.— Die unentgeltliche AusknnftSstelle für gcwerbcgerichtliche Angelegen- Veiten befindet sich beim Genossen G u st a b Säumig, Hauptstraße 30, Seitenflügel 1 Tr. Deutlet, cw Reich. Tie wnrttcmbergischcn Schornstein fcgergehilfcn sind in eine Lohnbewegung eingetreten. In einer Sitzung der Lohnregulierungö- Kommission erklärten sich die Arbeiter mit folgenden Vorschlägen der Meister einverstanden: 1. Der Ncbcnvcrdienit sHerdrcinigen:c.) verbleibt wie seither dem Arbeiter. 2. Kost und Wohnung hat der Arbeiter beim Meister; für Nachtessen wird pro Woche 3,Sb Vi. vergütet. Hat der Arbeiter keine Kost beim Meister, so erhält er: für Frühstück pro Woche 1,1b M., für Mittagessen pro Woche 4,00 M., für Nachtessen pro Woche 3,50 M.. zusammen 0,8b M. 3. Für Friiharbeit wird per Tag 50 Pf. vergütet. 4. Dampfkessel-, Kamin- und ähnliche Arbeiten sind an Werktagen mit V-, an Sonn- nnd Festtagen mit V. mehr der Gebühren zu vergüten. 5. Bc- züglich des Lohnes erklären die Arbeiter, daß sie mit einem Höchst- lohn von 1,50 M. pro Tag einverstanden sind, nur müßten sie ein Bcspcrgeld von 6b Pf.--- 3,20 M. pro Woche verlangen. Ob das eine nennenswerte Aufbesserung der bisherigen Löhne bedeutet, läßt sich nicht beurteilen. Jedenfalls zeigen die vorstehenden Lohnsätze, loie elend die Schornsteinfeger entlohnt werden, wenn sie nach einer Lohlcbcwcgung es nur auf einen Wochenlohn von höchstens 13,50 M. ohne Kost bringen tonnten. Tie Steinmetzen in Zeulenroda haben Differenzen mit ihren Arbeitgebern, sie ersuchen deshalb um Fernhaltung des Zuzuges. Huefend. Ter Streik der Wiener Konfektionsschncider. Den vereinbarten Tarif hatten am Mitttvoch 23 Firmen durch Unterschrift anerkannt. Bei diesen sollte am Donnerstag die Arbeit lvicdcr aufgenommen tocrden. Dadurch würden' nach einer Schätzung der„Wiener Ar- bciterzeitung" etwa die Hälfte der. Streikenden in Arbeft treten, während die andre Hälfte, also etwa 1500 Gehilfen, den Streik gegen die sogenannten Platzkonsektionäre, die Detailisten, welche den Tarif noch nicht anerkannt haben, weiter streiken müßten, bis auch diese Firmen die Forderungen bcloilligt haben.— Nach einer Meldung des Wolffschen Bureaus haben sich die Stückmeistcr, als die Ge- Hilfen sich am Donnerstag zur Wiederaufnahme der Arbeit meldeten, geweigert, die Bedingungen, welche sie bei der Einigungskonfcrenz den Gehilfen gegenüber eingegangen waren, zu erfüllen, wcShalb noch 05 Proz. der Gehilfen im Ausstände verblieben. ES kann sich nur um die Stückmeister handeln, welche bei den tariftreuen Firmen die Arbeit aufgenommen haben. Wenn diese Meldung den That- fachen entspricht, dann hätten die Stückmeistcr einen schmählichen Verrat an den Gehilfen begangen, und der Streik würde unter diesen Umständen mit erneuter Heftigkeit gegen die schamlosen Verächter der Vereinbarungen geführt werden. Ter GcneralauSstand ist, einer Wolffschen Meldung zufolge. in Rens in Spanien vcrtündct worden. Es haben etwa 10 000 Mann die Arbeit niedergelegt und gegen die noch Arbeitenden wird ein scharfer Druck ausgeübt. Die Truppen find konsigniert. Der Mangel an Lebensmitteln verschlimmert die Lage. Bisher sind die Versuche der Behörden, eine Eüngung herbeizuführen, gcscheftcrt. Kolleftivverträge zwischen Unternehmern und Arbcitcrorgani sntionen sind in Italien nichts Seltene? mehr und sie legen Zeugnis ab für die Kraft, welche die Gewerkschaften bereits erlangt babcn. So ist zwischen den Böttchern und den Faßsabrikanten von Eanelli nach längerem Streik ein solcher Vertrag auf folgender Grundlage zu stände gekommen: Für Urberstunden wird ein Zuschlag von 25 Proz. gezahlt. Die Arbetterorganisation errichtet einen Arbeitsnachweis, der bei Bedarf von Arbeitskräften seitens der Unternehmer bei Strafe von 25 Fr., im Wiederholungsfälle von 100 Fr. nicht umgangen werden darf. Nur wenn dies Bureau organisierte Arbeiter nicht zur Verftigung hat. darf der Unternehmer unorganisierte einstellen. Als Garantie für Jnnchaltung des Vcr- träges mußten die Unternehmer eine Kaution� sc nach der Zahl der beschäftigten Arbeiter hinterlegen. Alle Strcitbrecher werden«nt- lassen und die alten Arbeiter treten wieder an ihre Plätze. lokales. In Sachen der Dciikmalsschändinigcn vom 4. d. M. wirb uns gemeldet, daß man sich jetzt in Kiinstlerkreisen mit der nicht un- «richtigen Frage der Wiederherstellung der beschädigten Kunstwerke usw. beschäftigt. Soweit uns die bisher laut ge- wordenen Ansichten über die Möglichkeit einer Ausbesserung der Schäden bekannt geivorden sind, lauten dieselben nuSschließlich in bejahendem Sinne und es wird dabei betont, daß die große Mehrzahl der beschädigten Stellen so ivird repariert werden können, daß der nicht unterrichtete Beschauer die!>t e p a- r o t u r e n gar u i ch t g e>v a h r werden dürfte. Hierher gehören namcuttich die abgeschlagenen Ecken und Kanten an der Ballusttade der Kaiser- Wilhelm- Brücke und am Marstallgebände: erstere können durch passende Granit-, letztere durch Sandsteinstücke ergänzt werden. In gleicher Weise wird man das beschädigte Roß am Marstallgebände sPrometheus- Gruppe), sowie die beiden Frösche am Sockel des„springenden Rosies" sRoßstraßeil-Brücke) wieder herstellen können. Freilich wird man an den feineren Ersatzftticken, z. B. der Mähne des RosseS, die Reparatur leichter entdecken können, als an den Granitbauwerken; denn hier werden nach einem Regen die angesetzte» Sandsteinteile zuerst trocken, also Heller als die älteren Teile. Am wenigsten ist dies an der Säule der Roßstraßeii-Brücke zu befürchten, weil hier der Sandstein eine ziemlich dimkle chräunlich-graue) Farbe hat; auch ist hier die Möglichkeit zu einer durchgreifenden Reparatur gegeben, sofern man das ganze Sockclstück erneuern will."Ganz definitiv fest steht ja das springende Roß ohnehin nicht, da wie bekannt, über dessen Stellung noch gestritten wird. Große S ch iv i e r i g k e i t e n werden sich hingegen bei der Wieder- Herstellung der beiden Bronce- Reliefs am Denkmal de-5 Großen Kurfürsten ergeben. Hier ist bekanntlich an der Ostseite des Sockels(Reliefdarstellimg des Königtums) einer Figur das Schwert und an der Westseite(Darstellung de? Kurfürsten tums) einer Figur die Hand abgeschlagen worden. Das fehlende Schwert dürfte sich wohl leichter ersetzen lassen, aber um die Hand wieder kunstgerecht zu ergänzen(Fltckwerk dürfte sich hier nicht empfehlen) lvürde die Bronce-Platte aus dem Marmor- Sockel hcrausgenommeu werden müsse», was bei der Art ihrer Bc- fcftigung wohl schwerlich ohne Beschädigung(Verbiegen) der Platte bezw. der Mannorfläche abgehen dürfte. Diese Reparatur tadellos auszuführen, so versicherte uns ein Fachmann, darf allein als ein „Meisterwerk" gelten. Der Magistrat hat die Etats für das Feuerlöschwesen und die P o l i z e i io st en genehmigt. Ter Etat für das Fcuerlöschioesen bilanziert mit 1 813 547 M. Der Zuschuß des FiskuS beträgt 00 000 M.. der des Magistrats 1 683 885 M., d. h. 16 340 M. mehr als im laufenden Etat. Die gesamten Kosten des Feuerlöschwesens belaufen sich fiir 1003 auf 2110 134 M. und die für die OrtSpolizet auf 4 602 272 M., zusammen auf 6 721406 M., wovon 5 680 066 M. auf die Stadt Berlin an Zuschuß kommen und 080 000 M. auf die städtische Feuer-SorietälSkosse entfallen Tic Vorarbeiten zum Rciiban der Adalbert Brücke sind in den letzten Wochen rasch gefördert worden. Fast fertig ist jetzt die Not- brücke, an der auch während der kalten Tage des Dezembers und des Januar gearbeitet worden ist. Sie ist eine hölzerne Joch- brücke ohne Klappen und hat einen breiten Fahrdamm, der den ge- samten Wagcnverkehr der Adalbcrtsiraße aufnehmen soll, sowie zwei Bürgersteige. Für die Straßenbahn ist auf der Nachrücke nur ein Geleise vorgesehen. Auch mit der Aufschüttung der Rampen, die zu der Notbrücke hinaufführen, ist bereits begonnen worden. Zum Umbau der Stadtbahnwagen. In der Nacht zum TicnStag, den 3. d. MtS., sollen in den auf den Stationen Schlcsischer Bahnhof, Charlottenburg, Stralau-Nummelsburg inid Westend zu bildenden AagenzÜge Nr. 21 bis 30 des ZugbildnngS-Plancs bei dem Stadt- und Ringbahii-Bcrkehr(S ü d- R i n g- Z ü g e) die sämtlichen Stadtbahn-Wagen_ gegen Borortwage n ausgewechselt lverden. Da die Süd-Ring-Ziige nach jeder Fahrt über die Kopf- st a t i o n„Potsdamer Otiilgbahnhof" gedreht werden müssen, so ist die Wagenfolge insofern abzuändern, als abwechselnd drei und zwei Wagen dritter Klasse an der Spitze des ZngeS hinter der Lokomotive laufen müssen. Reue Uttfallstatiin. Auf Anregung des Vorstandes des Central- Arbeironachiveises hat das Kuratorium der Berliner Unfallstationen vom Roten Kreuz in dem neuen Gebäude des Arbeitsnachweises in der Gorinannstraße Ar. 13 eine„Hilfsstelle" seiner tu der Keibrlstraßc belegenen Unfallstakion X eingerichtet, die insbesondere der dort täglich verkehrenden großen Zahl von Arbeitnehmern bei Unfällen und plötzlichen Ertrankungen zu Gute kommen soll, Berliner Adreßbuch. Der erste Nachtrag zum diesjährigen Adretz- buch gelangt von heute ab zur Ausgabe. Derselbe enthält alle seit dem Erscheinen der HanptauSgab: angemeldeten Geschäfts- Eröff- mingen, WohmmgS- Verlegungen. Zuzüge von außerhalb je. und bildet sonnt eine wesentliche Ergänzung und Bereicherung des Haupt- bitcheS. Der Nachtrag wird in der Haupt- Erpedition des„Berliner Lokal-Anzeiger", SW., Ztmmerftr. 87—41, und in dessen sämtlichen Filial- Expeditionen an die Besitzer der HauptauSgabe 1003 un- entgeltlich verabfolgt. Der zweite Nachtrag, welcher namentlich die April-Uinzüge berücksichtigen soll, wird im Mai erscheinen, Einen guten Fang machte die Polizei bei einer Schlägerei in einer Kaschemme. Im Rodeinber b. I. entsprang aus dem Ham- burgcr Gefängnis ein schon mehrfach bestrafter gcfürchtetcr Ein- bracher Namens Karl Schulz, der wegen Körperverletzung, Ein- bruchs:c. wieder einmal eingesperrt war. Schulz kam unerkannt nach Berlin, mietete sich unter falschem Namen bei einer Frau ein und nannte sich draußen bald so, bald so, häufig Mich oder Ulrich. Er würde wohl, da er nun einmal untergetauchr war, noch weiter unangefochten gelebt haben, wenn er nicht in einer Kaschemme mit andern Gästen in Streik geraten wäre. In der Wut leistete er einem Schutzmann, der seinen Namen feststellen tvolltc. Widerstand. Nun wurde er der Kriminalpolizei zngesührt. Hier behielt er seinen Namen, unter dem cr gemietet halte, bei, aber der Erkennungsdienst entlarvte ihn bald als den entsprungenen Verbrecher. Der Ergriffene wurde gestern wieder nach Hamburg gebracht. Ucber die Bcrhaftung der Gräfin Kwilccka erfährt der„Tag" noch nachstehende Einzelheiten: Die Verhaftung ist der polnischen Gräsin selbst völlig überraschend gekommen. Sic hatte nach ihrer Besitzung eine Vorladung erhalten, am Frcitaw 23. d. Mts zu einer Ver- nchmung in Moabit zu erscheinen. Die Gräfin reiste nach Berlin und erschien zur festgesetzten Stunde bor dem lliftersuchungsrichter, Landgerichtörat Foth. Aach der Vernchinuiig, die mehrere Stunden dauerte, erklärte der Richter der Aristokratin, sie nicht entlassen zu können, sondern in Hast nehmen zu müssen, da bei der Schwere, der sie eventuell treffenden Strafe Fluchtverdacht vorliege. Außerdem aber bestehe die Gefahr, daß sie den Thatbcstand zu verdunkeln suchen könnte. Die Gräfin erhob Einspruch gegen die Verhaftung und beantragte ihre Hastentlajsung, beides jedoch ohne Erfolg.— Was die ihr zur Last gelegte Strasihat betrifft, so erklärte die Gräfin bei der Vernehmung, die Beschuldigung, daß sie int Jaimar 1806 lediglich deshalb nach Berlin gekommen fei, um in der großen Stadt den geplanten öoup besser ausführen zu können, sei falsch. Allein die Sorge um das zu erwartende Kind und um ihr eignes Wohl habe sie in der krftischen Zeit nach der Rcichshaupfftadt geführt. ES sei doch keme Kleinigkeit, wenn eine Frau von 50 Jahren einem solchen Ereignis entgegensehe, und was das Kind angehe, so habe es sich doch um die Möglichkeit gehandelt, den erichurcn Majorats erbe» zu erhalten. Die beiden Momente seien doch wichtig genug für sie gewesen, eine Stadt aufzusuchen, in der die ersten medizinischen Autoritäten zur Verfügung standen. Die Gräfin beruft sich auch darauf, daß sie zu Profeffor RenverS geschickt habe, daß sie dann aber die Berufung habe rückgängig machen können, weil sie sich als unnötig erwieS. Der einen Tag zu spät eingetroffene Arzt in der Heimat müsse bekunden, daß sie ihn in mehreren Depeschen aufgefordert habe, nach Berlin zu kommen. Wenn er diesen Slnffordcrungcn nicht rechtzeitig nachgekommen sei, so liege das an einem unglücklichen Zufall, sei aber kein Beweis gegen sie. Auch von andrer Seite wird dem Blatt bestättgt, daß die Verhaftung der Aristokratin ganz überraschend gekommen ist. Die Berliner Kriminalbehörden hatten sich, wie schon angedeutet, seit Jahr und Tag mit den Ermittelungen über die KindeLunterschiebmig befaßt, es fanden zahlreiche Vernehmungen von Zeugen statt, die in dem Poscner Cibilprozeß aufgetreten waren. So erhielt denn kürzlich auch die Gräfin Kwilccka eine Vorladung, vor dem Untersuchungs- richtet beim Landgericht I in Berlin zur Vernehmung zu erscheinen. Bei diesem Verhör verwickelte sich die Gräfin, die vor ihrer Reise nach Berlin nichts Schlimmes ahnte, in Widersprüche. Mit Rücksicht darauf, daß infolge des großen Andranges am Donnerstagabend zahlreiche Personen keinen Eintritt mehr finden konnten, wird der Vortrag des Malers Alfred Mohrbutter über „Künstlerische Besttebungen in der moderne» Fraucntracht" im Verein„Berliner Presse" im Laufe des Februar mit sämtlichen Vor- ftihrungen, Lichtbildern und Kostümen auf lebenden Modelle», noch einmal wiederholt werden. Näheres wird noch mitgeteilt werden. Einbrecher versuchten in der Stacht zu gestern dem Hause Grüner Weg Nr. 70 einen Besuch abzustatten. Sie drückten im GeschäftSkcller des dort wohnenden Malers Odcrbach eine Scheibe ein, wodurch Oderbach aus dem Schlafe geweckt wurde und die Diebe verscheuchte. Wahrscheinlich hatten sie es aus den Lagerkeller de» im selben Hause wohnenden Schlächter» abgesehen. Kindermißhandlung. In der Donnerstngnuinincr nnsreS BlatteS hatten wir eine Notiz gebracht, wonach der Kunstmaler B. in Halensce einen neunjährigen Sohn arg mißhandelt haben sollte. Auf Grund erneuter Informationen können wir jene Notiz dahin berichtigen, daß der Knabe von seinem Vater, crhebticher Unarten wegen, zwar mehrfach auf kurze Zeit in einen Keller gesperrt worden ist, im übrigen jedoch keinen, daS erlaubte Maß überschreitenden Ziich- tigungen im Elternhause ausgesetzt war. Mag auch die Einsperrung des Knaben ein etwas eigenartiges Zuchtmittcl sei», so nehme» wir doch keinen Anstand, unsre Kritik jenes Vorfalles entsprechend abzu- schwächen. Ei» Fleischmarder wurde gestern früh in der Person eines Schlächtergcsellcn Paul Sommerfeld anö Belgern fest- g e n o m m e n. Der Schlächtermeister O. Altsohn am Petersburger Platz 1 hielt mit seinem voll beladenen Schlächterwagen bor dem Hause Artillericstr. 1 und hatte sich in ein Cigarrenacschäft begeben, dort Waren einzukauft». Diesen gimstigen Augenblick hatte mm Sommerfeld benutzt, um mit dem Ei murr durchzubrenneu. Der Eigentümer wurde aber rechtzeitig aus den Diebstahl aufmerksam gemacht. Er lief hinterher und e» gelang ihm noch, sich hinten auf den Wagen zu schwingen. Nun versuchte er, daS Geschirr zum stehen zu bringen, wurde aber von dem Diebe mit Peitschcnschlägcn bearbeitet. Trotzdem gelang es ihm schließlich, die Pferde anzu- halten und den Dieb festnehmen zu lassen. Grostfcuer kam am Freitag mittag um 1 Uhr aus noch nicht ermittelter Ursache in dem Eckhause Königstr. 30 und Klostcrstr. 70 zum Ausbruch. Kurz bor 1 Uhr, als der Verwalter Schmidt mit seiner Familie bei Ti>che saß, brach das Feuer nicht Iveit von seiner Mansarden-Wohnung auf dem Boden aus. Die Flammen fanden an dem Inhalt der Bodenverschläge und der Wohnung reiche Nahrung und erfaßten, von einem heftigen Nordwind getrieben, den gesamten Tachsfiihl mit dem Eckturm. Weithin war da» Feuer zn sehen. Die Feuerwehr unter Leitung des Brandinspektors B a h r d t ging über die Trebpen und drei große mechanische Leitern mit aller Bravour vor. Leider wurden dabei mehrere Feuerwehrmänner durch Stichflammen am Kopfe verletzt und mußten sofort mit MannschastS- wagen nach dem Krankenhause geschafft lverden. Durch kräftiges Wassergebcn gelang eö, die arg gefährdeten Nachbargrnndstücke zu schützen und das Feuer ans das Eckhaus zn beschranken. Der Dach- stuhl und mehrere Wohnungen sind vernichtet. Branddirektor Gicrsberg war persönlich zur Stelle, um sich von den Maßnahmen zu überzeugen. Nach einstiindiger Thätigkcit war die Gefahr beseitigt. Die Auftäumungsarbciten nahmen noch den Nachmittag in Anspruch, der große Verkehr in der Königstraße stockte längere Zeit vollständig. Frurrbcricht. lieber ein Dutzend Brände hatte die Wehr in den letzten 24 Stunden zu verzeichnen. Freitag früh gegen 2 Uhr wurde sie nach der Wilhelmstr. 33 gerufen, Ivo in einem Keller Feuer ausgekommen war, das allerlei Gerünipcl und Verpackungsmaterial er- griffen hatte. Auch in der Tempelhcrrnstr. 13 und in der Brunnen- straße 85 mußten Kellerbrändc abgelöscht werden. In der Haupt- fache wurde in beiden Fällen alter Hausrat und Kisten eingeäschert. In der Kochstr. 55 hatte die fünfte Eompagnie kurz darauf im ersten Stock einen Brand zu beseitigen, der den Fußboden und die Balken- läge ergriffen hatte. Gardinen und Kleidungsstücke gingen abends gegen 10 Uhr in der Ackerstr. 7 in einer Wohnung in Flammen auf, während in der Lychenerstr. 6 Wäschestücke t» Brand geraten waren. Nach der Vnrgstr. Ick wurde die Wehr eine Stunde später gerufen, weil hier auf dem Boden ein kleiner Brand entstanden war. Unfug am öffentlichen Feuermelder lag einer Alarmierung zu Gruudc, die die Wehr in der Nacht zum Freitag nach der Ecke der Müller- und AurgSoorfftraße führte. Leider gelang es nicht, de» Thätcr zu ermitteln. Außerdem liefen in der Zwischenzeit noch Feuer- Meldungen von derTieckstr. 7, Mühlcnstr. 46a und noch von einigen andern Stellen ein. In allen diesen Fällen handelte rs sich indes um ganz unbedeutende Anlässe. Dem Verein Berliner Kaufleute und Jndnstricllcr ist eine Anzahl Zlnmeldungöfornmlare und Drucksachen, betreffend die Beteili- aung des Reiches an der Weltausstellung in St. LouiS 1004, vom Reichskommissar übersandt worden. Diese können von Interessenten durch das Vereinsbureau. Krauscnstr. 35, bezogen werden, woselbst sie auch(von 0—1 Uhr und 4—7 Uhr) eingesehen werden können. DaS„Deutsche Theater" wird den zur öffentlichen Aufführung nicht zugelassenen historischen Schwank von Max Dreher„Das Thal des Lebens" in einer Sonderborstellung vorgeladenen Gästen am Freitag, den 6. Februar, nachmittags' 3 Uhr. spielen. Ein Verlans von Karten zu dieser Vorstellung findet in keinerlei Form statt. Auf der Treptow- Sternwarte spricht Direktor Archen- hold am Sonntag, den 1. Februar, nachmittag» um 5 Uhr, über „Die Bewohnbarkeit der Welten" und um 7 Uhr über„Die Bc- dci.iung des Mondes für die Schiffahrt". Beide Vorträge find mit zahlreichen Lichtbildern ausgestattet. Nach dem Vortrag wird der M o n d, welcher jetzt günstig zu bcobaehtcn ist, mit dem Riesen- Refraktor den Besuchern gezeigt. Im BolkShansr zu Charlottenburg, Rosinensttaße 3. hält Dr. Alberth Sonntagabend 5 Uhr einen Vortrag über Kunst und Arbeiter. Nach dem Vortrage folgen Recuationcn;c. von bewährten Kräften. Das Programm kostet 25 Pf. Frau Dr. G. David auö Mainz wird am Montagabend 8>/„ Uhr im„Köpenicker Hof", Köpenickerstr. 174, über die Frage:„Soll der Arbeiter sich alö Konsument Rabatt-Sparvercinen oder Konsum- Genossenschaften anschließen?" einen Vortrag halten, auf den wir namentlich unsro Leserinnen hinweisen. Avette Gnilbert tritt heute abend zum erstenmal im»Winter- garten" auf. Hiiq den Nachbarorten. Mariendorf und Umgegend. Am Dienstag in der Vereins- Versammlung hält Genosse Fritz Zu b eil einen Vortrag über die letzten Vorgänge im Reichstage. Gäste sowie Frauen sind hierzu eingeladen. Der Vorstand. Weißeusce. Sonntagnachmittag 2 Uhr findet im Möllerschen ?okale. Berlinerstr. 1l, eine öffentliche Versaininliing statt, in der L a l d c ck M a n a s f e über die Frage:„Wer sind die lvahrcn Umstiirzler?" sprechen wird. Die Parteigenosien werden ersucht, zu dieser Versammlung sowie zur Handzettel-Verbreitung, die vom selben Lokal aus morgens 8 Uhr stattfindet, zahlreich zu erscheinen. Tie secialdemokri! tischen Stadtverordneten Charlottenburgs haben folgende Anträge eingereicht, welche auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung.ommen: 1. Tie Stadtverordneten-Ve-sarnm- lung wolle besch. etzen: a) für sämtliche städtische Betri.be sind Arbeiler-Aus schlisse einzu,'üb-?n, b) die tech'iche Arbeitszeit aus- schliehlich der Pau>en darf nicht länger als b Stunden dauern, c) Ueberstuuden, S�.attagS- und Fei''tagsarbeit ist nur insoweit zulässig, als sie zur A"srechterhaltung des Betriebes und zur Ab- Wendung von Gefahren gethan werden mutz und ist dann um 20 Proz. höher zu löhnen, cl) der tägliche Mindestlohn der voll be- schäftigten A bcirer ist auf 4 M. festzusetzen, e) den zu den militärischen Uebungen eingezogenen, rändige» Arbeitern ist der volle Lohn, abzüglich der Untc.stüsung aus R.ichsm'tteln, zu zahlen." 2. Die Stadlveeordnetm-Bersammlung ersucht den Magistrat, mit ihr in gerrlschtcr Deputation zu beraten: a) iwer den Erlatz von Arbeitsordnui'�en für alle städtischen Betriebe, b) über eine Reform der für die Bewilligung von Ruhelohn und Hinterbliebenen- Versorgung für städtische Arbeiter und Angestellte geltenden Grund- sätze. 3. Die Stadtverordnctcn-Versammlung ersucht den Magistrat, den Tennin für die Urwahlen bei den diesjährigen Wahlen zuni Abgeordneten'-.rufe in die späten Ztachmittagsstnnden zu legen. 4. Tic Stadtberordnctcn-Vc.sain.nlrmg ersucht den Magistrat, sobald der Ankauf des der Luise..-Kirchcngewelnde gehörigen Grund- stücks durch die kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden ge- nehmigt ist, auf ei..cm Teil dieses Grundstücks kleine und mittlere Wohnungen von 1 und 2 Zimmern zu erbauen." Nixd�.f. Ter 7. volkstümliche Kunstäbend in trnsrer Siadt findet am Sonntag, den t. Februar, abends 7 Uhr. im Saale des Kaiser Friedrich-Real--.mnash, ms statt. Er ist Arnold Boccklin gewidmet. Dr. bllsrcd Koe'-pen, welcher mit fast 100 Lichtbildern den Vor trag illustriert, Ist der einzige, welch.-, von der„Photo- graphischen Union" das Recht erworben hat, nach Dr. Trocdtners Platten farbige Lichtbilder zu projiciercn. Gedichte, die sich auf Boccklins Loben oder auf seine Werke beziehen, wird Tr. Gustav Mauz zum Vortrag bringen.— Einlatzkarten zu 30 und 50 Pf. sind m den Verkaufsstellen und an der?lbcndkasse zu haben. Trcptow-Bamirschulcnwcg. Mtte November vorigen Jahres bc- antragte der socialdemokratische Wahlverein bei der Gemeindevertretung die Verabreichung von Bädern an Schulkinder und Erwachsene in den Badcräume» des neuen Schulhauses. Etwa zur selben Zeit ging ein Antrag des konservativen Kommunalvereins ein, der die .�ergäbe mehrerer Klassenräume der Volksschule zur Errichttmg einer Privatschulc bezweckte. Dieser Antrag kam bereits am 10. Dezember zur Verhandlung und die Gemeindeverttetung beschlotz einsttmmig, nach dem Wmüch des Kommunalvercins, die verlangten Räume kostenfrei herzugeben. Der socialdemokratische Antrag kam erst am 25. Januar zur Verhandlung, und in dieser Sitzung gab der Schöffe Hofsmann seinem Erstaunen darüber Ausdruck, einen Antrag auf Tages- ordnung zu finden, der von einer Personengruppc gestellt sei, die außerhalb der Gemeindevertretung stehen. Richttg wurde denn auch der Antrag an den Gemeindcvorstand zur weiteren Prüfung zurückverwiesen. So wird mit einem Antrag umgegangen, der den minderbemittelten BevölkerunaSschichten zu gute tommen soll. Noch cm weiterer Beitrag zur Illustration des vom Minister der Gerechtigkeit gesprochenen Wortes, wonach es nicht dasselbe ist, wenn zwei dasselbe thun. Dein»iriegervercin ist kürzlich für ein von ihm veranstaltctes öffentliches Vergnügen die LristbarkeitSsteuer erlassen worden, wogegen der Arbeiter-Gesangverein für ein ganz internes Vtitglicdcr-Vergnügcn diese Steuer zu zahlen hatte. Diese Zustände sollten die Arbeiterschaft von der Norwcndigkeit über- zeugen, endlich einen ihrer Leute ins Ortsparlament zu senden. Eine folgenschwere Acetylcn-Explosion hat sich dem„Tclt. Kbl." zufolge auf dem Grundstück des Gastwirts Thiele in Telz er- eignet. Bei der Aaiscr-Gc'mrtstagsfeier bemerkte der Wirt, datz die Lampen ein unstetes Licht von sich gaben und er war im Begriff, hinaus zu gehe», und am Apparat nach der Ursache zu forschen. Kaum hatte er aber den Hof betreten, als unter donnerähnlichcm Krachen eine heftige Explosion erfolgte. Thiele ivurdc zu Boden geschlendert und durch mnheruesprc.igte Trümmer so schwer am stopfe verletzt, datz er in ein KeankenhauS gebracht werden mutzte. Auch cinjgc Personen vom Dienstpersonal erlitten leichtere Per- lctzunaen. Der Materialschaden ist ganz bedeutend, denn das Maschineichaus mit den Nebeuräumcn ist gänzlich zerstört und auch andre Baulichkeiten des Gehöfts haben gelitten. Die Lrts-Krankenkassc in Lichtenberg, die bekanntlich seit längeren» „kommissarisch" verwaltet wird, steht wieder vor einer neuen lieber- raschung. An Stelle des durch die Auffichtöbchörde zwar autzer Funktion, aber nicht abgesetzten Vorstandes ist bekanntlich der Privat- Oberförster a. D. Kauffinann mit der kommissarischen Verwaltung betraut worden. Herr Kauffmann ist aber nebenbei„auf Lebens- zeit" angestellter Rendaitt mit 5000 M. Gehalt.„Auf Lebenszeit" ist derselbe Herr Generalbevollmächtigter und Geschäftsführer der Kaffe geworden. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine der vielen Schwindelkasjen, vor denen Regierung. Landrat und Polizei fortgesetzt warnen, sondern uni eine L rts-Krankenkasse! In dein lebenslänglichen Vertrage ist die Pensionsberechtigung deö Hern» Kauffinann nicht nur für fich, sondern auch für feine Witwe vor- gesehen. Als Oberförster bezieht der Herr 3000 M. Pension. Nun hat er auch seine Pensionierung als Rcndant und Gcneralbcvoll- mächtigtcr eingereicht und wird mit 2000 M. Pension aus dem Kassendienste scheiden. Und das bei einer Kaffo, die bei 4—5000 Mitgliedern etwa 14 M. pro Kopf Vcrwaltungsnnkosten hat und den Kassenärzten 1 M. 50 Pf. pro Kopf und Jahr Honorar zahlt. Trotz seiner Dicnstnufähigkcit aber bleibt derselbe Herr bis zu seinein Ausscheiden aus dem Kassendieiist Kommissar! Sericbts-Reitling. Zum Polizeikampf gegen die Streikposten. Am 20. und 30. dieses Monats beschäftigte das Schöft-ngericht I Berlin sich mit zwei Strafsalben, die iviederum zeigten, wie lcichr Streikposten mit polizeilichen Strafbefchlen bedacht ivcrdcn. Tie Tischler Baude und Hagen erhielten vom Berliner Polizeiprä-hdium Straf- befehle", weil sie angeblich Streikposten gestanden und bei dieser Ge- legenheit der an sie ergangenen Aufforderung eines Auffichts- beamten. sich zu entfernen, keine Folge geleistet haben. Beide vc- antragte» richterliche Entscheidung. Die Beweisaufnahme ergab in beiden Fällen das gleiche Bild. Die verno.imenen Schutzleute vermochten nichts weiter zu betunden, als datz sie die Angeklagten, die ihnen von früheren Tagen her als Streikposten bekannt waren, als dieselben aus einem Lokal heraustraten, zum Verlassen der Gegend aufforderten und dann unui ittelbar darauf auch mit zur Wache nahmen. Die Aligeklagten. denen als Verteidiger der Rechtsanwalt Dr. H c i Ii e in a n n zur Seite stand, beriefen sich darauf, datz durch ihr Verhalten die öffcittliche Ordnuiig und Sicherheit und Ruhe auf der Straße nicht gefährdet wurde, auch datz. da sie sofort sistiert wurden, auf die bloße Vermutuiig hin, sie wollten wiederum Streikposten stehen, von einem Seicht folge leisten der polizeilichen Anordnung keine Rede sein kam,. Dieses letztere Moment hielt auch der Amtsanwalt in beiden Fällen für vorliegend, so datz er selbst die Freisprechung beantragte. Das Gericht erkannte demgemäß auch auf Freisprechung, indem es ausführte, daß, da das Stratzcnpolizei-Neglemcnt ein Nicht- folgeleisten der wiederholten Aufforderung eines Aufsichtsbeamtcn erfordere, hieran es aber nach den eignen Bekundungen der Schutz- leute fehle, die Freisprechung der beiden Angeklagten geboten sei. Ter Sitzungssaal der 10. Strafkammer glich gestern dem Lager eines Sattlcrgeschäfts. Eine Anzahl von Sätteln war ans dem Fuß- boden und dem Zeugeniisch niedargelegt und dienten als Heber» fnhrungsstücke in einem Diebstahls- und Hehlerprozessc. Als Dieb Ivnrde der Stallmann Rudolf R u p v e r t, als Hehler der Arbeiter Georg E r n st und der Sattlermeister Hermann B r a a ck zur Ber- antwortiing gezogen. Im Frühjahr v. I. wurden in Berlin und auf den Rennplätzen Karlshorst uno Hoppegarten, sowie auf den« Rennplatz WandSbeck bei Hamburg eine größere Anzahl Reit- sättcl und Pferdegeschirre gestohlen. Solche Diebstähle, bei denen der Dieb durch die Fenster in die Ställe eingedrungen war, sind u. a. auch bei dem Trainer Long in Hoppcgartcn. in den Ställen des Herrn v. Lertzen in Hoppegarten und Wandsbcck, bei �dem Trainer Bro.lli, zu Hoppegarten, in der Saitelkammer des Fürstenhauses zu Hoppcga.tcn usw. begangen worden. Die sämtlichen gestohlenen Gegenstände sind vom Angeklagten B r a a ck angekauft worden und zwar trat teils Ruppert, teils Ernst als Verkäufer auf. Letzterer bat nock) eine ganze Reihe von Geschirrteilen verkauft, die allen, Anscheine nach ebenfalls von Diebstählen herrührten, bei denen dies aber objekiiv nicht hat festgestellt werden können. Eriist hat hat sich bei den, Verlauf der Sachen an Braack eines Landsturmscheines auf den Namen Walter als Legitimation bedient. Er be- hanptet, die Sachen uichr selbst gestohlen, sondern von einem gewissen Walter, den er jetzt nicht mehr auffinden könne, erhalten zu haben. Riwpcrt bestreitet, dem Braack jemals eättcl oder sonstige Geschirre verkauft zu haben. Er wurde aber durch die Bc- wcisanfnahme völlig überführt, die Diebstähle in den meisten Fällen begangen zu haben. Die ganz bestimmten Aussagen des Angeklagten Braack und drei von demselben herrührende Briefe ließen keinen ZwsGl über seine Thäterschast. Er war durch seine frühere Beschäftigung bei Trainern mit den in Betracht kommenden Oertlichkeiten rwtaut, kannte die«tälle in Hoppcgarten und Karls- horst überhaupt und ist zur Zeit der Diebstähle sowohl dort, als auch in WandSbeck gesehen worden.— Der Angeklagte Braack be- stritt nicht den Ankauf der �Sättel und der Geschirrtelle, behauptete aber unter Berufung auf Sachverständige, datz solche Ankäufe auch ei andern Sattlern stattfinden, datz er angemessene Preise bezahlt und genügend nach der Legitimation gefragt habe. Ruppert habe er bereits gekannt, weil dieser in der Gegend des SchifsoauerdammcS, des Hanptaufenthalts von Pferdehändlern, viel verkehrt habe. Ruppert sei eines Tages zu ihm gekommen und habe ihm erzählt, er sei in Stellung bei einem Stallbesttzer in Ncuenhagen. der seinen Stall auflöse und verschiedene Sättcl und Geschirre zu verkaufen habe. Siaatsanwalt Beeck beantragte gegen Ernst 0 Monate Gefängnis, gegen Ruppert, der einer der gefährlichsten und frechsten Diebe sei, die es gebe, 2V- Jahre Zuchthaus, 5 Jabre Ehrverlust und Zulässigkeit von Polizeiaufsicht. Den An- geklagten Braack hielt der Staatsanwalt nicht nur der einfachen sondern der gewerbsm ätzige n Hehlerei für überführt und beantragte gegen ihn 1 Jahr 3'Monate Zuchthaus und 2 Jahre Ehrverlust.— Rechtsanwalt Tr. Schwindt beantragt dagegen die Freisprechung des Braack. dessen Ankäufe durchaus unverfänglich gewesen seien. Es sei durchaus üblich, datz die Be- sitzer von Pferden ihr altes Sattelzeug und Geschirr durch die Kürschcr und Stalllcute verkaufe., lassen. Der Gerichtshof hielt den Angeklagten Braack auch uicht für genügend belastet und sprach ihn frei, verurteilte dagegen Ernst zu 3 Monaten, Rupprecht zu 2V, Jahren Gefängnis. Ein trübes Sittenbild aus dem deutschen Osten. Aus Elbing wird uns gesch. leben: Die Angelegenheiten einer„feinen Familie" beschäftigen seit länger als einem Jahre die hiesigen Gerichtsbehörden und ein wahrer Rattenkönig von Mord-, Meineids- und sonstigen Prozessen ist die Folge der bisherigen staatsmiwalt- lichei, Bemühungeii, den polnischen Teil der Provinz Westprcutzen von einer Verbrecher-Familie ohne Gleichen zu befreien, gewesen. Im Stuhmer Kreise, der die polnische Sprachinsel Westvreutzens umfaßt, wohnten bis Mitte vorigen Jahres in nächster Nähe der deutschen Ordensfeste Maricnburg und zwar in den Ortschaften Brannswaloe und Conradswaldc zwei Familien Kaminski, von denen namenillch die in Eonradswalde residierende„jüngere Linie" der Schrecken der dortigen Gegend war. Ihr Oberhaupr, der Be- sitzer Michael Kaminski sieht gegenwärtig im Zuchthause zu Grau- denz seiner Hinrichtung entgegen, die erfolgen wird, so bald das gegen ihn im Nofmbcr v. I. vom hiesigen Schwurgericht gefällte Todesurteil wegen Anstiftung zum.Morde die Rechtskraft erlangt haben wird. In demselben Zuchthausc verbüßen auch der jüngere Bruder des Todeskandidaten, der Besitzer Johann Kaminski und der Knecht Anton Wiechowsli des Erstgenannten die ihnen wegen Beihilfe zum Morde zuerkannte Zuchthausstrafe von 15, bezw. 11 Jah.e». Alle drei waren beschuldigt, am 5. Februar v. I. die Ehefrau Justine Reimer in Eonradswalde ermordet zu baben und zivar sollte Michael KaminSki die beiden andern zu der Thal aiigc- stiftet Häven, die in der Weise zur Ausführung gelangte, daß, mährend Michael Kaminski in der Kneipe saß und sich auf diese Weise ein Alibi zu beschaffen suchte, sein Bruder und sein Knecht die Frau, welche mitten in der beleuchteten Wohnstube stand, von der Torfstratze aus durch das Fenster mit einer alten Jagdflinte er- schössen. Ten Anlaß zu der That gab einzig und allein der Um- stand, daß Michael Kaminski der Ermordeten einmal aus Schaber- nack ein paar Kühe vergiftet hatte und nun die Rache der Frau fürchtete. Aber damit ist die„Verbrecher-Galerie" der Familie Kaminski iwch nicht abgcchlossen, denn neuerdings ist auch gegen die Schwester des zun, Tode verurteilten Michael KaminSki, die gegen- wärtig mit ihre». Man» in Scheidung liegende ccchncidcrin Pauline Dobrowolski, geb. Kaminski aus Dm, zig eine Anklage wegen Bei- Hilfe zu dem vore wähnten Morde erhoben loorden und ferner schwebt gegen die Frau des Berurteilten sowie gegen seine jetzt im 17. Lebensjahre sichcnde, Ivcgen wissentlich falsckier Anschuldigung vorbestrafte linchelichc Tochter Anna Czivion eine Untersuchung lvegcn Kindesniordcs. Schließlich ist dann noch gegen eine weitere Schwester des Todeskandidaten eine Untersuchung wegen Mordes, und zwar ebenfalls wegen 5lindesmordes eingeleitet und außerdem steht der jetzt 70 Jahre alte Vater Kaminskis im dringenden Ver- dacht, gemeinsam mit seinem zweite» zu 15 Jahren Zuchthaus ver- urteilten Sohne Johann in einer Mitzhaiidlungsaffairc zu Gunsten des M'�rcl Kmninski einen wissentlichen Meineid geleistet zu haben. Daneben, sind alle drei der jahrclmtg betriebenen iWilsddieberei überführt. Ter Zusammenbruch der Familie, die ehedem ziemlich begütert war erfolgte mit dem Moment, wo die beiden Brüder in den Verdacht gerieten, die Mörder der Frau Reimer zu sein. Erst die durch den hiesigen Sraatsanivalt Päsler mit bemerkenswerter Energie durckigeführte Ilntcrsnchung deckte die langjährigen Ber- fchlui�en der einzelnen Mitglieder der Familie auf. Speciell wurde labet festgestellt, daß die Tochter des Hauptschuldigen Michael K., die Anna Ezivürn schon in ihrem 13. Lebensjahre von dem Baptisten- Prediger Woite dabei betroffen worden war, als sie mit ihrem des- wegen inzwischen mit IV- Jahren Zuchthaus vorbestraften un- natürlichen VaterS Blutschande getrieben hatte. Aus Rache denunzierte sie Motte des verbotenen Umganges mit ihr, doch konnte der 70jähr;ze Greis seine Unschuld so überzeugend darthun, daß das Mädchen schlictzlick, wegen wissentlich falscher Anschuldigung mit 5 Wochen Gefängnis bestraft wurde. Das hoffnungsvolle Mädchen kam dann bald darauf mit dem von ihrem Vater stammenden Kinde nieder und hatte nichts Eiligeres zu thun, als cS im Verein mit ihrer Mutter umzubringen. Auch der von dem Vater des Michael KaminSki, des als Oberhaupt der„älteren Linie" geltenden Alt- sitzers M. Kaminski geleistete Meineid sowie der zweite Äindcsmord und die Mitsei, nid der Pauline Dobrowolski kam erst durch diesen Prozeß ans Tageslicht. Inwieweit die Mordanklagen gegen die übrigen Familienmitglieder begründet sind, dürfte die demnächst stattfindende Schwurgerichtsverbandlung ergeben. Mit dem Verschwinden der„feinen Familie" aus dem Stuhmer Kreise ist ein Alp von den Bewohnern sowohl, als auch von den Behörden genommen worden. Ten Beruf des schlichten ManneS, der dem Scharfmachertum auf dem Verleiimdungsfeldzuge gegen die Socialdemokratie autzer- ordentlich gelegen kommt, Jchcint der 19 Jahre alte Arbeitsbursche Karl Hart rn a n n aus Spandau in sich zu fühlen, der sich gestern vor der 4. Strafkammer am Landgericht II wegen einer verbrecherischen Haiidliing zu verantworten hatte. Der Angeklagte war mit dem Sohne des Rentenempfängers Lehman n befreundet und wußte, wo der Schlüssel zur Lehmann- schen Wohilung versteckt war, wenn die Bewohner nicht zu Hause waren. Er suchte sich den Schlüssel hervor, vfnete die Wohnung und stahl ans einem verschlossenen Koffer die gesamien Erspar- nisse des arbeitsunfähigen Mannes, im Bettage von 15 M. Vor dem Untersuchungsrichter hatte der Angeklagte angegeben und blieb auch heute dabei, datz er das Geld gebraucht habe, um an einer socialdcmokratischcn Versamm- lung teilzunehmen, zu deren Besuch ihm das nötige Klein- geld fehlte. Dieses Motiv vermochte nicht, ihm besondere Milde zu erwirken, der Staatsanwalt wollte ihn denn auch, da er schon zwei- mal vorbestraft ist. ins Zuchthaus schicken, der Gerichtshof erkannte aber nur auf n e u>, M o n a t e G e s ä„ g n i s. Der edle Jüngling scheint bei dieser seiner Ausrede nicht ge- ahnt zu haben, datz er zum Besuch einer socialdemottattschen Ver- sammlung überhaupt ieiner Geldmittel bedarf. Immerhin kann der Bursche sein Geschäft machen, wem, ihm nach der?! achfolge des verflossenci, Korbmachers Fischer gelüstet.- Versammlungen. Fabrik» Land- und Hilssarbciter-Verband. Die Zahlstelle Berlin hielt am Mittwoch im Wcdding-Park ihre General-Versamn,- lung ab. B r u h n s führte im Vorstandsbericht aus, daß sämtliche Fabrik- und Mitgliedcrbesprcchungen agiratorischen Zwecken gedien i hätten; Differenzen mit Arbeitgebern scie» im letzten Quartal ni! r zu verzeichnen gewesen. Für die Bezirke Süd-Oit und Rummel. bürg find Agirations-Kommissionen gebildet lvorden. Da die im Verbände vorgenommene Urabstimmung über die einzuführende ArbeitSlosen-Unterstützung deren Ablehnung ergeben hat, so sind ans Grund eines früheren Zahlstellen-Beschlusscs die Vorarbeiten zur Einführung einer freiwilligen lokalen Arbeits- l o s e n- Ü n t c r st ü tz u n g in die Wege geleitet. Sieben Zahlstellen von Berlin und Umgegend haben an einer diesbezüglichen Besprechung teilgenommen und dann eine Kommission zwecks Ausarbeitung eines entsprechenden Regulativs eingesetzt. In nächster Zeit wird eine kombinierte Gcneral-Versammlung endgültig Beschluß hierüber fasse». Was den Streit zwischen Centtaliften und Lokalisten anbelange, so stehe die Zahlstelle wohl sachlich auf dem Boden der Gewerkschaftskommission, wegen der Form des Kampfes aber empfehle es sich, Neutralität zu bewahren._ Tagegen müsse es aufs schärfste getadelt werden, daß durch die Schuld der Gewcrk- schafts-Kommission aus der hiesigen Zahlstelle des Verbandes n u r ein Gewcrbcgerichlsbeisitzcr gewählt wurde, während ihr doch zwei Vertreter zustanden. Vier Tage vor der Wahl sei gegen cincn der benannten Kandidaten ein Protest seitens der Bauarbeiter eingegangen, über dessen Stichhaltigkeit der Arbeitersekretär Körsten in der heutigen Versammlung Aufschluß zu geben versprochen hatte, jedoch nichc erschienen sei. Als dann infolge des Protestes von den Verbandsbevollmächtigten der Kollege Bruhns an Stelle des be- anstandcten Kandidaten vorgeschlagen wurde, sei dieser von der Ge- werkschafts-Komission nicht mehr berücksichtigt worden. Vielmehr hat sie eine neue Kandidatur der Bauarbeiter anerkannt, so datz zu Gunsten dieser die Fabrikarbeiter benachteiligt worden sind.— -Den Kassenbericht gab Rühle. An Einnahmen wurden erzielt 1452,20 M., wogegen die Ausgaben 252,75 M. betrugen. Der Hauptkasse sind 451,31 M. zugeführt, so datz am Orte ein Bestand von 748,23 M. verbleibt. An Mitgliedern hat die Zahlstelle 390 männliche und 13 weibliche. Dem Kassierer wurde Decharge er- teilt.— Hierauf wurde beschlossen, die General-Versammlungen von jetzt ab nur halbjährlich abzuhalten. Zum Schluß gelangte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme: Die Versammlung mißbilligt auf das Entschiedenste das Verhalten der Gewerkschafts-Kommission, loeil durch deren Verschulden die Wahl der dem Verbände zustehenden Zahl von Gewerbcgerichts- Beisitzern vereitelt worden ist. Dieses Verbalten mutz den Eindruck erwecken, als würden die kleineren Gewerkschaften nicht als vollwertig betrachtet. Ueber die Schäden der Heimarbeit sprach am Dienstag Genosse Ritter in einer öffentlichen Konfettionsarbeiter-Versammlung zu R i r d o r f. Redner erörterte die Schwierigkeiten, mit denen die Organisierung der Heimarbeiter- und Arbeiterinnen verbunden ist. Von den meisten Arbeitern werde die Heimarbeit und deren schädliche Folgen immer noch nicht genügend gewürdigt, loeil die Beschäftigung der Frauen in diesem Fackie einfach als Stcbenerwcrb betrachtet wttd. Die Frage der Heimarbett gewinitt immer mehr an Aktualität, denn ivenn man sich vergegenwärtigt, datz in der Tertil-Konfettions- und Wäsche-Jndustrie im letzten Jahre für 112 Millionen Mark Werte erzeugt sind, so mutz man sich auch mit dem traurigen Los der Hunderttausende in dieser Industrie thätigcn Arbeiter und?lrbeitc- rinnen beschäftigen. Erst aus Kosten dieser schlecht bezahlten Arbeiter hat die deutsche 5io»fektlon ihre Bedeutung auf dem Weltmärkte er- langt. In lichter Zeit sind nun allerdings auf das permanente Drängen der Arbeiterverttcter hin auch regierungsseittg Anläufe ge- macht worden, um in der Heimarbeit ein wenig Regelung zu schaffen, so durch Einführen der Lohnbücher zum 1. April 1903. Hierdurch wird es möglich werden, einen genaueren Ueberblick über die Lohnverhältnisse der Heimarbeiter zu gewinnen, und dann dürfte sich damit auch das Interesse an der Organisation ftcigcr,,. so daß die vereinigten Arbeiter und Arbeiterinnen in nicht zu ferner Zukunft die �-ckiaffung von Tarifkommissionen ins Auge fassen können. Hat erst das gemeinsame Jntcrsie an einheitlichen Lohnsätzen genügend Pläiz gegriffen, so dürfen auch all die übrigen Schäden der Heiniarbeit schrittweise abgestellt werden.— Nach kurzer, im Sinne des Referats gehaltener Diskussion wurde die hauptsächlich von Frauen besuchte Versammlung geschlossen. Rlxdorf. Die hiesige Zahlstelle des Holzarbciter-VerbandcS hielt am 21. d. M. eine Gcncral-Versanimlung ab. Nach dem Bc- richt deö Vorstandes, der Konttoll-Kommission und des Bibliothekars erstattet Rothe den Kassenbericht. Die Neuwahl der Ortsverwaltung hatte folgendes Ergebnis: Bevollmächtigter Lusch, Kassierer Rothe, Schriftfiiyrer Winguth. Revisoren Guhsc, Boges und Rosenbaum. Beitragssammlcr Prchmke, Warnke, Satz und Lange. Für die aus- scheidenden Mitglieder der Konrroll-Kommission wurden Karle. Kralle. Fester, nann, Schade und Schilke gewählt und als Bibliothdar Weilcmd. Vermischtes. Die Feuerbestlittunge» haben im letzten Jahre im Deutsche» Reiche ganz erheblich zugenonimen. Wie„Die Flaiiune", das Organ des Vereins für Fclierbestattuna, meldet, haben im Jahre 1902 861 Leichenverbrennungen stattgeftmden, während im Jahre 1901 die Zahl derselben nur 692 betrug. Die meisten Verbreimimgen ent- ftelen auf das Krematorium in Gotha, wo 234 Leichencinäscherungcn erfolgten. Die Verstorbenen entstanimten ziun grvtzten Teil aus Gotha mid Umgebung, woselbst fast ein Siebentel aller Dahm- geschiedenen die Lelchcnverbreniiung gewählt hatten. Die übrigen Leicheneinäscherungcii erfolgten in den Krematorien in Hamburg, f eidelberg, Jena, Offenbach, Mannheim und Eisenach, woselbst d>e ahlen der Verbrennungen zwischen 164 und 17 schwanken. Zum Tode des Fürstc» von Stolbrrg-Stollirrg. Die„Sanger- hänser Zeitung" meldet, sie erfahre von zuverlässiger Seite, daß die Gerichtslommiision auf Grund des örtlichen ThatbestandeS festgestellt habe, ein gewaltsames Ende des Fürsten Wolffgang zu Stolberg- Stolberg erscheine ausgeschlossen. Stacks dem Ergebnis der gerichtS- ärztlichen Untersnchunc�sei der Tod auf einen unglückliche, i Zufall zurückzuführen. Dieser Sachvcrbalt werde durch die That'ache er- härtet, daß der fürstlichen Familie positive Unterlagen, die auf einen Selbstmord schließen ließen, gänzlich fehlen. Der schwerste Mann Deutschlands, ja vielleicht der ganzen Welt ist unstteittg der Hotelbesitzer Hans Fromm zu Willenbcrg in West- preußen. Obwohl aus einer ganz normal gebauten Familie stammend, hat sich sein Körpergewicht nach und nach auf 502 Pfund emporgeschwungen. Diesen Rekord von 5 Eentncc 2 Pfund vürfto so leicht niemand zu schlagen im stände sein. Bemerkt möge sein, daß sich das Gewicht netto versteht, also ohne jegliche Bekleidung. Orts= Krankenkasse für das Buchdruckgewerbe zu Berlin. Auf Grund des§ 63 des Kassenstatuts teilen wir mit, dass der Vorstand sich für das Jahr 1903 folgendermasseu konstituiert hat: Vorsitzender: Herr Johannes Blenz, Zossenerstr. 44. Stellvertreter:„ Oberfaktor Hermann Welten, Zir.unerstr.40/ 41. Schriftführer:„ Otto Wonitzki, Oranienstr. 29 bei Schlosshauer. Stellvertreter: Kraul. Gertrud Hanna Straussborgerstr. 45. Kassenkontrolleur: Herr F. F. Emil Schmidt, Hasemieide 48. Gustav Lehmann, Bergmannstr. 27. Buchdruckerei- Besitzer H. Mitsching, Bornauerstr. 43. Buchdruckcrei-Besitzer A. Schalem, Rossstr.5. Paul Land, Falkstr. 6 zu Kisdorf. Der Vorstand. Beisitzer: 1873b Verband der Möbelpolierer. Di« Kollege» werden ersucht. Heute abend von 8—10 Uhr in den Zahlstellen ihre Beiträge zu begleichen und die Kontrollkarten auszufüllen und abzuliefern. Tie Zahlstelle in Rixdorf ist verlegt nach der Steinmetzstr. 103. Montag, 55. Febr.. abeuds 8'/, Uhr. in Rixdorf, Ttcinmebstr. 103: MW- Versammlung.'HW Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Hr. Wollheim über„Erdbeben und Vulkanausbrüche". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Mittwoch, den 1., abends 8 Uhr: Up Sitzung der Vertrauensmänner für ven Norden: Brunnenstraste 96, für den Osten: Blumenstraste 38, für den Süd-Osten: Skalitzerstraste 39. TageS-Ordnung: 1. Bericht der Kontrollkommiiston. 2. Bericht der Vertrauens- Männer über die Lehrlingsausbildung in den einzelnen Werkstellen. 3. Ausgabe der Billets zum Maskenball am 7. März in Kellers Festsäle», Koppenftraße 29. 115.11 Kollegen, welche die Druckerei des„Vorwärts" besichtigen wollen, werden ersucht, ihre Adresse an H. Schulz, Memelerstraste 60a, zu senden. Ter Borstand. Ui Zahlstelle Charloitenburg. Sonnabend, den 31. d. M., im„Bolkshause", Rostuenstr. 3: Grosser Wiener Maskenball verbunden mit großartigen Ueberraschungen. 136/6"° Ilm 12 Nhr Demaskierung. Während der Kaffeepause humoristische Vorträge. Antang 8 Uhr. Entree 40 Pf. Ende? Freunde irni Bekannte sind herzlich willkommen. Billets sind bei samt- lichen Vorstandsmitgliedern zu haben._ Das Komitee. Vergolder. Verband der im Vergoldergewerbe befcbäftlgten Hrbeiter und Arbeiterinnen DcutfcMando. NW?" Filiale Berlin."VS Montag, de« S. Februar 1903. abenbs präe. 8 Uhr: Amewnlslitlielie Mitgyer- Versammlung in den„Armlnliallen", Kommandanterstr. 20(großer Saal). Tages-Ordnung: 1. Protest des HaupworstandeS gegen die Wahlert der Delegierie» zur Eeneral-Versammlung eventuell Neuwahl der Delegierte». 2. Bericht der Streiklisten- Prusungskommission. 3. Anträge zur General-Veilammlung. 4. Verschiedenes. 225/1 In Anbetracht der hochwichtigen Tagesordnung ist es Pflicht eweS jeden zu erscheinen._ Per Vorstand. Sonntag, den 1. Februar, nachmittags 2 Uhr: Oeffentliche Versammlung der polmfcben öocIaUften im Saale des Herm Franke, Sebastianstr. 39. TageS-Ordnung: 283/12 „Tie Gehenkten vo» Warschau�. Referent Genosse Biniszkiewicz. Der Finbernfer. Um zahlreiches Erscheinen ersucht und vmgegenä Lingetrsgene genossenscbsft mit beschränMer Baftpflicht. fr. 39, Öilldenow-Slrasse 30.— Fcrnspretljcr: Amt II, ffr. 2593. Montag, de« 9. Februar 1903, abends 8 Uhr, in Dräscls Festfälen. Neue Friedrichstr. 35: )Zusserordentlicbe Generalversammlung. TageS-Ordnung: 1 Bericht deS Vorstands und r'lussichtSrats. 2. Anstellmlg von zwei Gelchäftssührern und Wahl von drei Borstandsmilglicdern. 3. Anschluß au den Nnlerverband der Konsrmwerestte der Provinz Brandenburg, 4. Ge- ' Stellungnahme zur Umsatzsteuer. Fe- §37 des Statuts letzte Zeile äU streichen. Eventuelle Anträge zur Generalversammlung bitten wir bis zum 4. bruar einzureichen. Mitgliedsbuch legitimiert; Mitglieder, welche nach nicht in dem Beut» eines Mitgliedsbuches find, legitimieren fich durch die Postkarte vom Amtsgericht._ Für den AnfBichtsrat; Der Vorstand. C. Mücke. Grashold. Tutzauer. H. Rietz. Unsr« VerkausSstellc» befinde» sich l. Swinemüitberstr. 11 2. Chortnerstr. 46 :!. Buttmannstr. 19 4. Willdouowstr. 30 5. Garteustr. 3 6. Wiclefstr. 31 7. Ebelingttr. 11 8. Arndtstr. 5 9. Graefcstr. 40 10.«reuzbergstr. 36 Tcnipclhof: 11. Berlincrstr. 76 SchOnebery: 12. Apostel Panlusstr. 37 13. Gothenstr. I Welsaennee: 14. Friedrichstr. 13 15. Langhansstr. 60. In allen VerkausSstellen werden Mitglieder ausgenomiuen. Eintrittsgeld 50 Pf. Das„Fraueu-Genofienschaftsblatt" erscheint Anfang und Mitte jeden Monats und wird in allen Verkaussstellen den Mitgliedern gratis verabfolgt. 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Vorwärts Buchdmckerei und Veiiagsanstalt Paul Singer& Co. Am 27. d. M. verschied nach I längerem Leiden unser lieber Mit- arbeiter, der Stercotypcur iilbert Köliing. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am ! Sonntag, den t. Februar, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des i Central» FriedhoseS(Friedrichs- 1 felde) aus statt. m Persoöä! lies Jorwärts". S Verein der Stereotvpeiire nml Galvanoplastiker Berlins u. llmg. Nach langem Leiden verstarb am 27. Januar unser Kollege Albert Köliing. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. Februar, nach- mittag? 3 Uhr, von der Halle des Central-FriedhosS(Friedrichsfelde) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet Der Vorstand. Am Donnerstag den 29. Januar starb nach fünfwöchigem Krankenlager unser lieber Kollege, der Schrats etzer Franz Engel geb. 8. Dezember 1842. Die Beerdigung findet Sonntag de» 1. Februar, nachmittags 4 Uhr, aus dem St. Simeon- und Lukas- Kirchhose in Britz(Tempelhoser Weg) statt. 188Sb Dies zeigen stattjederbesondercn Meldung an Die Kollegen der Norddentsclien Buchdruckerei. A. Stippekohls Restaurant KUpenlvk, Schiwerlinderstr. 5. Arbeiter- Verkehrslokal. Für gute Speisen u. Getränke ist bestens gesorgt. Ktiponkck. Ittcn Kottbuser Korn empfiehlt 2V7L« Ahr. Taachert, Gastlotrt» Muggelheimerstr. 4. Orts-Krankenkasse d.Ziinmerergewerbes xn Berlin. Am 29. d. M. verschied nach drei wöchentlichem schwere» Kranken lagcr unser langjähriger Kassen- beamter, Herr Wilbelin Neubert im Alter von 65 Jahren. Der Verstorbene hat ftir unser Institut 21 Jahre treu und flcitzig gearbeitet; er ruhe in Frieden. Die Beerdigung findet Sonntagnachmittag 4 Uhr von der Leichen- halle des städtische» Krankenhauses am Friedrichshain aus statt. 1882b Der Vorstand. fieerdipngS'Yerein BerlinerZimmerleute. Am 29. Januar starb im Alter von 63 Jahren unser Mitglied, der Zimmerer, Herr I8S4b >Vjlkelm Neubert Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. Februar, nach- mittags' 4 Uhr, von der Leichen- halle des Krankenhauses am Fried- richshain, Birchowstraste, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Ber Vorstand. Leutral-Kraulitu-«. Aerbe- kllsse der Tischler n. andrer gewerblicher Arbeiter. (E. H. Nr. 3, Hamburg.) Ocrtlichc Verwaltting Berlin F. MilMer-fnniluiig am Sonntag. 1. Februar, vormittags 16 Uhr, beibternaii, schwedteritr. 23/21. TageS-Ordnung: 1. Abrechnimg vom 4. Quartal 1902. 2. linste Arzlsragc. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Regen Besuch erwartet 183/1 Die Ortsverwaltung. ssentral-Kraliken-».Sterbe- baffe der Tischler und andrer gewerblicher Arbeiter (E. H. Rr. 3, Hamburg.) Ocrtliche Verwaltimg Berti» II. Sonntag, t. Februar, vorm. 10 Uhr, bei DolkSdorf, GörNtzerstrahe 58: ages-Ordnnng: 1. Abrechnung vom 4. Quartal 1902. 2. Verschiedene wichtige Äassen-An- gelegcnheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. Hin zahlreiches imd püniiliches Er- scheinen ersucht 184/2 Die Ortsverwaltnug. TIsciMi Berlin E. H.>». 89. Unser Mitglied, Herr Wölk Walther (RüderSdorserstr. 63) ist am Montag gestorben, Die Beerdigung stndct am Sonntag, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Andreas- KirchhoseS in WilhelmSberg,'statt. Um rege Beteiligung bittet 198/3»er Vorstand. Deutseher Holzarbeiter- Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege, Tischler Rudolf Walther am Montag, den 26. Januar, der- starben ist. Die Beerdigung findet Sonntag- nachmittag 3 Uhr von der Leichen- Halle des Andreas-KirchhoseS i» Wsthclmsberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 78/1 vis ortsvorwaltung. Kuvststopkerei von 2982* Krön ftLoUowUy, SteinmeUstv. 18, Ouergcb. Hochpart. Orient!. Cenerai-Versaiiinilung der Kranke»- u. Ktgriibuiskaffe d. Stiftnßeder u. Kernfsgen. (E.H. Nr. 17 zu Berlin) am Sonntag. 8. Februar ISvZ, vormittags 10 Uhr, im Restaurant Vlollsohlzgor, Adalbcrtstr. 21. Tagcs-Ordnung: 1. Kassenbericht. 2. Vorstand?- wähl. 3. Statutenänderung(?§ 2, 3, C, 13, 14, 19, 25, 26, 28, 30, 33). 4. Verschiedenes. QuitluiigSbuch legitimiert. Beiträge werden angenommen. 188tb B«r Vorstand. I. A.: Carl Geisler, Köpnickcrstr. 123. Einladuttg zur Ausserordentlichen General- Versammlung der gewählten Vertreter der Orts- Krankenlasse für den Gemeinde- bezirk I-iehtenherz; zum Sonnabend, den 7. Februar d. I., abends 8 Uhr, im„Schwarzen Adler" Hierselbst, Frantsurter Chaussee 120, im Zimmer rechts vom Haupicingang. Tages-Ordnung: Beschluhsassung über Aenderung des H 31 Absatz 1 des Statuts ans Er- böhnng der wöchentlichen Kassen- beitrage von 3 Proz. aus 3'/, Proz. des durchschnittlichen Tagelohnes, in Verfolg der Verfügung des Herrn Negicrungs-Prästdenicn zu Potsdam vom 19. Januar d. J. Besondere Einladungen ergeheil nicht. Lichtenberg, den 30. Januar 1903. vor nur Viaiirnekmung der Geschäfte des Vorstandes der Orts-Krankenkasse für den Gemeindebezirk Lichtenberg bestellte Kommissar. 270/13 Kauffmann. Ostern«•' Pfingsten ist mein Lokal mit Garten noch an Vereine zu Feftlichleiten zu vergeben. Süss' Galon, 485S' Groste Frankfurter, tr. 85. „Zur Klause", Görlitzer- Strasse 43. Allen meinen Bekannten U.Freunden empfehle ich mein neu eröffnetes Eokal. Zu jeder Tageszeit Kaffee. Bouillon, selbstgeb. Kuchen, div. Viere, kalte und warme Speisen in bctannter Güte. Piauino, Billard- und VcreinSzimmcr 40— 50 Personen. Zahlreichem Besuch entgegensehend, zeichnet ergebuist lS61b- Max Pönitz. kdfcd k Original 3agerische Siersohuietnme. Linien itr. 131. dicht an der Fricdrichsttaffc. Sonnabend, den 31. Januar und Sonntag» den 1. 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