Nr. 100. Gricheint tägftd) außer Montags. Abonnements-Preis für Berlin: Biertefjährlich 8,80 Mt., monatlich 1,10 mt, wöchentlich 28 Stg fret tn's Haus. Einzelne Nummer 5 Pig. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags- Betlage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mt.pro Quartal. Unter Kreuzband: Deutschland u. DefterreichUngarn 2 Mr., für das übrige Ausland 3 Mr.pr.Monat. Eingetr. in der Boft- Beitungs- Preisliste für 1892 unter Nr. 6652. Norwärts 9. Jahrg Suferttons- Gebühr beträgt für bis fünfgelpaltene Betitzette eber beren Raum 40 Big., für Bereine und Bersammlungs- Anzeigen 20 Pia Snferate für die nächte Nummer müffen bis 4 Uhr Nachmittags in ber Expedition abgegeben werden. Die Expedition tft an Wochen tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn und gefttagen bis 9 Uhr Bor mittags geöffnet. Tore- fin But I, s. 4186, Berliner Bolksblatt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Benth- Straße 2. Abonnements- Einladung. Vorwärts" Freitag, den 29. April 1892. Expedition: SW. 19, Benth- Straße 3. tonfervativ- ultramontane Fronde, ift fie auch erbittert über das über die Haft der Regierung, die eine Ueberwindung der Gegen Scheitern des Zedligischen Schulgesetz- Entwurfs, will eine Er- fäße" unmöglich gemacht habe. örterung über Ursache, Wesen und Endziel der Ministerkrisis ver- Der Edle von Huene begrub bie Streitagt mit einer Rebe, Mit dem 1. Mai eröffnen wir ein neues Abonnement meiden, sie scheut sich wenigstens vorläufig vor einem Eflat. Eine die zwar länger, aber um fein Haar beffer war, als die des auf den Kritik der Ereignisse könnte, da das persönliche Regiment in Herrn von Rauchhaupt. Getreu der kaufmännischen Politik des Preußen eine Tebendig wirkende Thatsache ist, dem Träger Zentrums stellte er seine Partei als zuverlässige Stüge einer und Vertreter dieses Regimes nicht vorübergehen..... Vor zuverlässigen Mehrheit" zur Verfügung, natürlich in der stilldem Rührmichnichtan des persönlichen Regiments empfinden die schweigenden Voraussicht, daß bei den Handelsgeschäften die Landräthe, die Junker, deren Nachgeborene in die Verwaltung Ultramontanen nicht zu furz tommen. Denn in der Politik wie oder in die Armee eintreten, eine heilige Scheu, sobald sie auf-| beim Pferdehandel ist Tauschen und Zäuschen nur Ein Bort. hören, im vertrauten Zirkel über die Zeit zu medisiren, als die und der Roßkamm Huene ist nicht so pfiffig wie der alte Händler Hohenzollern zu uns in die Mart tamen" oder hinter den Panzer- Windthorst. platten der Zeitungs- Anonymität nach den Schloßfenstern Papier- Drei Minister fprachen. Miquel hielt die Eröffnungsrede Berliner Dolksblaff. Der Bezugspreis des ,, Vorwärts" Berliner Volksblatt mit der ,, Neuen Welt" als Gratisbeilage beträgt Mark 10 Pfennige monatlich frei ins Haus, pfeile zu senden. Was für die Konservativen, das gilt auch und erklärte, die jest geforderte Summe( Gehalt 36 000, Repräsen wöchentlich 28 Pfennige. Für außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Abonnements zum Preise von für das Zentrum, in welchem die Feudalherren den Ausschlag tationstoften 18 000, Dienstwohnungsmiethe 18 000 m., vorläufige geben." Ausstattung der Dienstwohnung 60 000 M.) würde vielleicht nicht Die Montmorency's der Udermart nehmen in verbiffenem ausreichen, fodaß eine Nachforderung für Meublement 2c. den Steuers Ingrimm die reinliche Scheidung" zwischen sich und dem Kartell- zahlern noch blühen kann. Die beiden neuen Männer" des 2,20 M. für die Monate Mai- Juni schwärmer Helldorff vor, sie schlagen zielsicher ihre Zerzen und Rabinets, der Ministerpräsident Graf zu Gulenburg und ber entgegen. Quarten auf das Haupt dessen, der das Ohr des Königs" hat, Kultusminister Bosse sprachen nach einander. Bor ihnen aber dann versagt ihr Muth. Sie wissen warum. Der höfifche hatten außer Rauchhaupt und Huene und zwar als Erster unter den Mechanismus, in dessen Räderwerk die Feudalen, mögen sie zum Landboten der Deutschfreifinnige Ridert gesprochen. Diefer Die Redaktion und Expedition des „ Vorwärts" Berliner Volksblatt. Roben- oder zum Degen- Abel zählen, nur Schräubchen, Stifte und übte, gleich anderen Rednern, Kritik an der Vertheilung der Der Poffe Ausgang. Der Landtagskomödie zweiter Alt hat sich so abgespielt, wie vorauszusehen war. Die Kaltschmiede hämmerten auf dem Eisen herum, das in dem Ferienwasser fürsichtig geschreckt war. Statt großer Gesichtspunkte Kleinliche Häfeleien, statt touragirten Borstoßes eine Tapferkeit, die vor den Steifleinenen sich vorsichtig zurückzog! liberalen Brüder, die viel Berwandtes und Gemeinsames haben und die nur durch die Bismarck'sche Politik" von ihrer Seite„ geriffen" worden seien. Er plädirte für ein Schuldotations- Geset das, wie die Regierung erklärt, diesem. Landtag nicht zugehen wird, und sagte im Uebrigen nichts Neues. Rädchen sind, ist ein gefährlicher Betrieb; für den, der darin zu höchften Gewalten im Reich und in Preußen( Trennung des Schaden kommt, giebt es vorderhand noch keine Unfallversicherung. Kanzleramts und des preußischen Ministerpräsidiums) und Sie raunen und lispeln, ste spinnen Ränke und üben Schwänke, schwärmte für die ach! immer noch so heißgeliebten national aber sie fürchten das„ Ohr des Dionys". Die Steinbrüche des Herrschers von Syrakus, in denen die Gefangenen ihre Strafarbeit verrichteten, waren so eingerichtet, daß Dionys von einem bestimmten Punkt, einem guten Schallfänger, aus jedes Wort vernahm, das die Sträflinge unter einander wechselten. Für die Graf zu Eulenburg hatte leichte Arbeit. Er rechtfertigte die oftelbischen Granden ist die Tribüne des Parlaments nicht angenehmer, als die Latumien, die Steinbrüche Siziliens. Zurückziehung der Schußgefeh- Novelle, die nach dem Abgang des Was für eine lägliche Erklärung hat Herr von Rauch- Grafen Bedlig, des einzigen Staatsmannes übrigens, der seinen haupt, der Führer und dank seiner Eigenart deshalb auch der Peter politischen Charakter höher schätzte als feinen Amtscharakter, Schlemihl der konservativen Fraktion, abgegeben! Gie befürchteten, nicht zu halten gewesen wäre. Der fonziliante Herr Boffe, der daß die erfolgte Trennung der obersten Gewalten sich nicht be- neue Ehrendoktor, welcher es versteht, nirgends anzustoßen tros währen werde; seine Partei halte sich aber verpflichtet, nachdem seines„ pofitiv- evangelischen" Bekenntnisses, erklärte kurzer Hand, die Ernennung des Grafen Eulenburg bereits erfolgt sei, das er gebe teine programmatischen Erklärungen über seine Schul Gehalt zu bewilligen, und beantrage die Verweisung der Vorlage politit ab, da er noch zu furze Zeit im Amte sei, was auch eine an die Budgetkommission. Herr von Rauchhaupt erklärte dann schöne Gegend ift. Nur dazu ließ er sich herbei au sagen:„ Ge Aber als die urwüchfige Kritit, die wurmstichiges Obst weiter, daß die Partei auf die Gründe der legten wissenszwang auf religiösem Gebiete verwerfe ich durchaus." Nun, als Rezensentenwerkzeug gebraucht, ersetzt werden sollte durch die Ministerkrisis nicht eingehen wolle, aber das so hebe er sofort das Zelitische Reskript in Sachen der gefittete, zivilifirte, parlamentarische ritit, entpuppten sich die Bedauern darüber nicht unterdrücken tönne, daß ihr nicht die Diffidentenkinder auf, wenn sein Thun nicht in Klaffendem Wider Helden des Landtags- Olymps als ein Kollektiv- Falstaff, der von Beit gelaffen sei, die sich bei der Berathung des Volksschul- Gefeßes spruch zu seinen Reden stehen soll! Interessant war das Rededuell zwischen Stöder und seinem Urbild sich nur durch Eins unterscheidet, durch seinen gegenüberstehenden Gegenfäße zu überwinden. Der Kern der vollkommenen Mangel an Wig und Humor. Was wir damals Frage, die Ursachen der Ministerkrisis loszuschälen aus dem Eugen Richter. Letterer kennzeichnete die Situation treffend, ( Nr. 82 vom 6. April) schrieben, bewahrheitete sich: Tandelkram der Hüllen und Mäntelchen, ist für die Junker als er die Bedeutung des persönlichen Regiments für " So mannigfach verknotet auch die Fäden dieses Satyr- tabu", gebannt und unnahbar. Und sie, die kein Kompromiß die Minifterkrifts, wie für den Gang der Dinge überhaupt scharf dramas erscheinen, sie sind mit Einem Schlage zu lösen. Die mit den Kartellbrüdern der Schulgesetzgebung tannten, pfalmodiren betonte, und er traf das Richtige, wenn er den jezigen Zustand Als die Herren von der Rechten, bie doch die Nächsten dazu" waren, Farbe bekennen sollten, da„ kniffen" sie, um den ihnen ja geläufigen Mensurausdruck zu gebrauchen. Zu schrillem Pfeifen und feindseligem Bischen waren die edlen Junker bereit: nie ist ein Minister im zahmen Abgeordnetenhause durch solch eine Katophonie gellender Pfiffe und scharfer Zischlaute begrüßt worden, wie Graf Botho zu Eulenburg bei seinem ersten Debut am 5. April. Feuilleton. Nagbrud verboten.) [ 100 Am Webstuhl der Zeit. Beitgenössischer Roman in 3 Büchern Herr Nollmann sieht sie das Haus verlassen, er ist und könnte ihre Vernehmung ohne Weiteres vor sich gehen. ihr auf der Treppe begegnet. Die einzige Person, Alles nun zusammengefaßt, ergiebt das Resultat: meine welche außer ihm in der Wohnung zugegen, die Klientin ist rein und unschuldig, wie flares Quellwasser; Köchin, schickt er einen weiten Gang aus zu einer Zeit, da Rollmann hat sie durch ein niederträchtiges Gaunerstückchen sie wegen des Effens eigentlich gar nicht abkommen fann. ins Unglück stürzen wollen; gegen ihn mag der Staatss Rollmann bleibt eine Stunde lang allein im Hause, anwalt den Angriff richten, und wer noch etwas zu lernen und in dieser Stunde sind die Spigen in den Koffer ge- Stande ist, der lerne aus diesem Falle." tommen. 48 Diese lezten Worte waren mit großem Nachdrud und Es tönnte nun noch in Bezug auf die Thäterschaft mit einem Seitenblick auf den Staatsanwalt gesprochen von A. Otto Walster. ein Zweifel insofern entstehen, als man sich fragen möchte: worden, der sich aber nicht rührte. Die Verhandlung wurde nunmehr von dem Präsidenten Schon beim letzten Weihnachtsfeste beschenkte er sie fonnte Rollmann in dieser einen Stunde die Thür des so reichlich, daß sie Bedenken frug, Alles anzunehmen; Mädchens, sowie ihren Koffer öffnen und schließen? Meinen wie folgt aufgenommen: Präsident:" Ich möchte zunächst die Staatsanwaltschaft besgleichen gab er ihr regelmäßig und ohne daß sie ihn Bemühungen in dieser Richtung ist es gelungen, zwei darum angegangen, Bulagen, während die übrigen An- Thatsachen zu ermitteln, welche hinreichende Antwort auch fragen, ob sie besondere Anträge zu stellen hat?" Staatsanwalt: Die Enthüllungen des Vertheidigers gestellten trotz langer Dienstzeit und vielfachen Anhaltens auf diese Frage zu geben geeignet scheinen. Rollmann's nie etwas von ihm erlangen fonnten, weshalb die Meisten Rammerschlüssel paßt nämlich zum Deffnen der Thür, find so inhaltsvoller Natur, daß ich zur Aufklärung des die ehemalige Wohnung meiner Klientin ganzen Falles zunächst die Vernehmung des Herrn Roll auch mit der Zeit abgingen. Nebenbei beehrte er das Mäd- welche in chen aber auch mit Anträgen und Aufmerksamkeiten, welche führt, und außerdem hat Rollmann einen Rofferschlüssel, mann wünschen muß." Präsident: Diese werde ich auch zunächst vornehmen, entschieden abgelehnt und trotzdem immer wieder erneuert mit dem ich selbst den Koffer meiner Klientin geöffnet tor jenem verhängniß habe. Sollte aber trotzdem noch ein Zweifel darüber ent- Man führe den Zeugen Rollmann vor." Bier Wochen nun die stehen, ob Rollmann davon gewußt habe, daß sein Kammer- Rollmann erschien und blickte fich mit unftäten Sonntag hört Schneidersfrau, die ein Laute Schreien auf der schlüssel das Schloß an jener Thüre zu öffnen vermag, so Augen um. im Hause wohnt, Präsident:„ Es find, Herr Rollmann, zur Aufklärung Treppe, welches sie veranlaßt, herunter zu laufen. verweise ich auf den Umstand, daß ungefähr 14 Tage vor Dort sieht sie, wie meine Klientin hochroth und mit etwas dem vermeintlichen Diebstahl der Lohukellner, welcher in des jetzt zur Verhandlung vorliegenden Kriminalfalles noch in Unordnung gerathener Toilette sich nach dem Korridor Rollmann's Hauſe wohnt, diesen Herren mit einigen Schlüsseln einige Erörterungen nothwendig geworden. Wollen Sie uns flüchtet und dabei noch die unwiligen Worte ruft:" Sie vor eben jener Thür betroffen hat, was ihm wahrschein zunächst noch einmal sagen, wo die Spigen gelegen haben, sind unverschämt, Herr Rollmann, ich bleibe unter feinen lich nicht passirt wäre, wenn der zufällig in seine als sie Ihnen gestohlen worden?" Rollmann: In meinem Verkaufslokal." Umständen in Ihrem Hause." Dacauf erfolgte die Kündi- Wohnung Zurückkehrende nicht Gummischuhe getragen Präsident: Und wo denn da besonders?" gung von ihrer Seite, und vier Wochen später padt die und sich deshalb wenig in seinem Nahen bemerk Rollmann: Auf der rechten Seite vom Straßeneingang, Angeklagte ihre Sachen, um abzuziehen. Mittags verläßt lich gemacht hätte. Rollmann hat bei dieser Gelegenheit sie das Zimmer, um die Freundin, zu der sie ziehen will, eine große Berwirrung gezeigt. Die Schneidersfrau, den in der dritten Brettlage von oben, wo die feinste Waare zu benachrichtigen und einen Kofferträger zu bestellen. Kellner und die Köchin habe ich gebeten, hier zu erscheinen, liegt." wurden. vollen 31 für ein Provisorium, für eine Stoppe in der Krisenreihe de- zeichnete. Seine bürgerliche Beengtheit aber trat in den Partien seiner Rede zu Tage, die den Stöcker'schen Konfessionalismusmit dem — kurz gesagt, protestantenvereinlichen Christenthum kontrastirten. Das ist die Sackgasse, in welche der Liberalismus gerathen ist dadurch, daß er für die Mnhleriade sich festlegte, um der Zedlitziade ledig zu werden. Und welche optimistische Auffassung, wenn Herr Richter von dem neuen, auf Grund des»elendesten aller Wahlsysteme" gewählten Abgeordnetenhause eine freiheit- lichere Politik erhofft! So lange das Dreiklassen- Wahlsystem besteht, wird der preußische Landtag das bleiben, was er ist, ein Organ bürgerlicher und vor allem feudal- klerikaler Interessen. Im Uebrigen aber sei anerkannt, daß die Richter'sche Rede die beste war, die am 2S. April gehalten worden ist. Und das bisherige Ergebniß der Debatten? Ein Turnier mit stumpfen Waffen, eine Redeübung, die ängstlich die Substanz der Angelegenheit todtschweigt, um anszuklingen in ein: Ja und Amen! zu Gunsten der Regierung. Diese hat einen Erfolg zu verzeichnen. Die frondirenden Parteien der Rechten haben sich muthig nach rückwärts kon- zentrirt. Mit einem Worte! Es war die parlamentarische Man- teuffelei in höchster Potenz. Die Posse ist zu Ende. polifträje Itclreistrfjt. Berlin, den 28. April. Keine neue Reichsanleihe? Der„Reichs-Anzeiger" (Nr. 101 vom 28. April) schreibt:„Der in Nr. 2ö des „Reichs-Gesetzblatts" veröffentlichte Erlaß vom 10. April d. I. hat, wie Aeußerungen der Presse zeigen, das Miß- verständniß hervorgerufen, als stehe die Auflegung einer neuen Reiehsanleihe bevor. Eine dahin gehende Ab- ficht besteht nicht. Die Einzahlungen auf den am V. Februar d. I. zur öffentlichen Zeichnung aufgelegten Anleihebetrag, für welche die Frist bis zum Herbste bemessen war, sind bereits jetzt nahezu vollständig bewirkt; ein Be- dürfniß, die Bestände der Reichskasse zu vermehren, liegt in keiner Weise vor." Jedenfalls aber ist die Genehmigung zur Aufnahme einer neuen Anleihe im Gesammtbetrage von 148 706 995 Mark ertheilt worden. Und das Be- dürfniß, die Bestände des Reichssäckels zu mehren, mag ja augenblicklich nicht vorhanden sein. In Bälde wird es sich fühlbar machen— wozu hätscheln wir den Nimmersatt Militarismus?— und dann wird die genehmigte drei- prozentige Anleihe aufgelegt. Daß der dreiprozentige Typus wiedergewählt ist, berührt übrigens unsere bürgerlichen Blätter, deren Patriotisnms erst bei vier Prozent sich regt, sehr schmerzlich.— Schloßlotterie. Der Hauptmacher bei der Schloß- lotterie, Ober- Benvaltungsgerichts- Rath Kunze, hat, so schreibt die„Freisinnige Zeitung",„schon zweimal mit Um- gehung der Minister in der Sache dem Kaiser persönlich Bortrag gehalten. Der Kaiser will nach seiner Rückkehr von der Reise Herrn Kunze nochmals empfangen. Hierauf will Kunze eventuell das Projekt fonnell beim Ministerium einreichen. Es hat mit der Andeutung der„National- Zeitung" sejne Richtigkeit. Herr Kunze glaubt Ursache zu haben, anzunehmen, daß ihm zur Belohnung für das zwei- malige Zustandekommen einer Schloßlotterie der Ober- bürgermeister-Posten in Berlin nach dem Abgang Forckenbeck's zu Theil werden wird." Und was thnt das Ministerium gegenüber dem Projekt?— Em in Pascha. Eine überraschende Nachricht kommt ans Afrika. Emin Pascha kommt zurück. Nach in Sansibar eingetroffenen Nachrichten ist Dr. Stuhlmann am 15. Februar mit dem größeren Theil der Emin Pascha-Expedition in Bueoba angelangt, nachdem in Undnssuma westlieh vom Albert Nyanza iVe Grad N. Hunger und Krankheit den Vormarsch vereitelt hatten. Emin Pascha selbst ist erkrankt und folgt langsam nach.— Der„Münchener Allgemeinen Zeitung" wird aus Berlin telegraphirt:„Das Schreiben, durch welches Emin Pascha aufgefordert wurde, in den Reichs- dienst zu treten, ist an die Küste zurückgelangt. Emin hat Präsident:„Hatten Sie die Spitzen selbst dorthin hin- gelegt?" Nollmann:„Eigenhändig." Präsident:„Und die Waare eintragen lassen in's Ver- zeichniß?" Rollinann:„Ja." Präsident:„Berstehen Sie mich wohl: ich frage, ob Sie die Waare haben in das Jnventnrbuch eintragen lassen?" Rollmann:„Ja." Präsident:„So werde ich das Buch holen lassen." Rollmann:„Es ist auch möglich, daß dies vergessen wurde." Präsident:„Pflegt dies öfterer zu geschehen?" Rollmann:„Nein." Präsident:„Zn welcher Zeit bekamen Sie diese Waare zugeschickt?" Rollmann:„Ich weiß nicht genau; ich bekomme zu viel; sie mögen wohl vierzehn Tage im Karton gelegen haben." Präsident: Und wie waren sie eingepackt?" Rollmann:„In lila Papier, wie die feinste Sorte allgemein." Präsident:„Wissen Sie das gewiß?" Rollmann:„Ganz gewiß." Präsident:„Dann liegt ein Jrrthum vor; die Spitzen, welche man im Koffer sand, waren in silbergranes Papier eingeschlagen." Rollmann wurde hier etwas unruhiger, als gewöhnlich; er sah den Staatsanwalt und den Bertheidiger an, wandte aber die Augen von dem durchdringenden Blick des Letzteren ab und meinte:„Dann ist der echte Umschlag abgerissen und ein anderer darum gemacht worden." Präsident: Sie haben aber selbst laut Protokoll an- erkannt, daß Sie das Packet zunächst an jenem Umschlage erkannt hätten?" Rollmann:„Ich habe... es ist möglich... ich be- kam ein ähnliches Packet um dieselbe Zeit zugeschickt." Präsident:„Ein in silbergraues Papier eingeschlagenes Packetchen?" also von dieser Aufforderung nie Kenntnkß gehabt." Warten wir ab, wie diese räthselhafte Geschichte sich aufklärt!»- Noch eine Abfuhr. Die konservative Land- tags-Fraktion hat am 23. April eine starkbesuchte Sitzung abgehalten und, wie die„Kreuz-Zeitung"(Nr. 193 vom 23. April) meldet, folgenden Beschluß gefaßt: „In Erwägung, daß Herr v. Helldorff-Bedra in seiner öffentlichen Erklärung vom 4. April 1892 erklärt hat, daß das „Konservative Wochenblatt" unter seiner Oberleitung ge- schrieben werde, in fernerer Erwägung, daß in diesem Wochen» blatte demnächst wiederholt Artikel erschienen sind, welche offen den Zweck verfolgen, eine Spaltung innerhalb der konservativen Partei herbeizuführen, in weiterer Erwägung, daß ein solches Vorgehen unverträglich erscheint mit der leitenden Stellung, welche Herr v. Helldorff im Elfer-Ausschuß, d. h. der Gesammt- Vertretung der konservativen Partei, einnimmt, billigt die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses die Schritte, welche ihre Delegirten im Elfer- Ausschuß behufs einer ander- weiten Zusammensetzung der geschäftsführenden Leitung dieses Ausschusses gethan haben." Von den anwesenden 97 Mitgliedern stimmten 95 für, 1 gegen den Antrag; 1 enthielt sich der Abstimmung. Herr v. Helldorff ist somit auch hier endgiltig abgesägt. Seine letzte Hoffnung ist die konservative Reichstags- Fraktion. Auch sie wird reißen. Und der edle Junker wird traurig am Ufer stehen gleich dem Lohgerber, dem die Felle davon- geschwommen sind. Er ist nun einmal abgethan.— Ein bürgerliches Urtheil.„Freundliche Bilder", so schreibt der Rundschauer der„F r a n k fu rter Zeitung" (Nr. 118 Abendblatt vom 27. April)„beinahe an Fourier's Phalansterien erinnernd, waren es, die Hitze in der zweiten und Schluß- Sitzung der„Zentralstelle für Arbeiter- Wohlsahrts-Einrichtungen' an dem geistigen Auge der Zuschauer vorüberziehen ließ. Eine freundliche Wohnung, eine tüchtige, sorgsame Hausfrau— Kaplan Hitze ist es, der dem Arbeiter diese Wohlthat zu- weisen will—„Kinder, die in Kleidung und Benehmen das Bild der Ordnung und guter Erziehung bieten"HGarten- arbeiten, Spaziergänge in Wald und Flur, edle Geselligkeit, Jugend- und Volksspiele, Unterhaltungs-Abende,„Volksheime" und noch manche andere schöne und freundliche Gaben ergossen sich aus dem Rede-Füllhorn auf die Arbeiter herab. Wer wollte zweifeln, daß die Spender alle vom besten Willen beseelt sind, ihre wohlgemeinten Ideen auch in Wirklichkeit umzusetzen, allein, nachdem erst am Tage vor- her aus der Konferenz konstatirt worden war, daß sich die Unternehmer bisher wenigstens den Wohlsahrtsbestrebungen gegenüber sehr kühl verhalten, werden es die Herren vom Kongreß Niemandem verübeln können, wenn er sich bei aller Anerkennung ihres guten Willens doch Angesichts dieser Zu- kunftsbilder vor Allem der rauhen Wirklichkeit erinnert, welche dringend genug mahnt, den Laus der Phantasie zu hemmen und Erwägungen des Verstandes und den Diktaten ans der Logik eine Existenzberechtigung zuzugestehen. Vor diesen aber erscheint, um nur Eines herauszugreifen, das liebliche Familienbild, welches Herr Hitze entwirft, erscheinen die sorgsame Hausfrau und die„Kinder, die in Kleidung und Benehmen oas Bild der Ordnung und guten Erziehung bieten" leider für einen großen und nach den neuesten Be- richten der Fabrikinspektoren, wie nach der amtlichen„Stat. Korr." immer größer werdenden Theil der Arbeiter lediglich als ein Phantasiegemälde, so lange die„sorgsame Hausfrau" sich gezwungen sieht, in die Fabrik zu gehen, um durch ihrer Hände Arbeit den nothdürstigen Lebensunterhalt mit zu erwerben, zu dessen Beschaffung der Lohn des Mannes allem nicht ausreicht." Diese Kritik ist sachlich durchaus zu- treffend, nur sieht sie die Absichten der Post, Böhmert(und Genoffen in viel zu rosigem Lichte.— „Bürgerkrieg." Es giebt gewisse Dinge, die Jeder- mann thut, von denen man aber nicht spricht,— That- fachen die Jedermann kennt, von denen aber Niemand zu reden wagt. So ist z. B. der Bürgerkrieg ein recht häßliches Ding, und ein Ding, welches sehr häufig die Welt verwüstet hat. Während eines Bürgerkrieges darf aber Niemand das Ding nennen, wenigstens nicht beim richtigen Namen. In der Vergangenheit— ja, da hat es Bürger- krieg gegeben, doch in der Gegenwart, nimmermehr. Wir erinnern uns noch der sittlichen Entrüstung, die uns unter dem Sozialistengesetz entgegentrat, als wir sagten:„wir leben im Bürgerkrieg." Daß eine Klasse die andere ächtet, Rollmann:„Ja." Präsident:„Woher?" Rollmann:„Von Wheatstone in Manchester." Präsident:„Was haben Sie mit diesem Packet gemacht?" Nollmann:„Ich habe eS ins Geschäft gegeben." Präsident:„Und eintragen lassen?" Rollmann:„Ich glaube wohl." Streit:„Ich habe nachsehen lassen; eS ist nichts Derartiges eingetragen worden." Rollmann:„Wer hat Sie dazu berechtigt? Ich werde den Schuldigen fortjagen lassen." Streit:„Thun Sie das, wie Sie wollen; jedenfalls ist es sonderbar, daß sich weder jenes werthvolle Packet, noch dieses, welches die Fabrik Wheatstone ans 120 Thaler schätzt, eingetragen findet, während sonst Alles bei Ihnen in Ordnung ist." Rollmann:„Ich habe Ihnen darauf nichts zu er- widern." Streit:„Das scheint so." Staatsanwalt:„Können Sie angeben, Herr Rollmann, wie es möglich gewesen, daß jenes silbergraue Papier um jene gestohlenen Spitzen gekommen ist?" Rollmann:„Allerdings; ich werde wahrscheinlich den Umschlag von jenem Packete abgerissen und weggeworfen haben, worauf es gefunden und zum Umschlag für jenes andere Packet benutzt worden ist." Der Staatsanwalt warf hier dem Vertheidiger einen höhnischen Blick zu und setzte sich. Streit:„Wollen Sie mir sagen, Herr Nollmann, ob dieser Schlüssel Ihr Kammerschlüssel oder der zur ehemaligen Wohnung Ihrer Verkäuferin gehörige ist?" Rollmann:„Wie kommen Sie zu diesem Schlüssel, Herr Advokat?" Streit:„Das werde ich Ihnen vielleicht sagen, wenn Sie meine Frage beantwortet haben." Rollmann:„Ich kann das nicht sagen, weil Beide gleichmäßig konstruirt sind und ans beide Schlösser passen." Streit:„Aha! und nun sagen Sie mir noch, was machten Sie denn in der Stube Ihrer Verkäuferin, als Sie imterd rückt, politisch rechtlos macht und wirthschaftlich zu Grunde richtet— das ist kein Bürgerkrieg, antwortete man, was bei uns geschieht, das ist alles gesetzlich, alles in der Ordnung. Nun— in den Zeiten des anerkannten, d. h. der Vergangenheit angehörigen Bürgerkrieges ging auch alles nach dem Gesetz und geschah alles„von Rechts- wegen". Zum Beispiel im römischen �Bürgerkrieg" p»r sxoellouoo, dem bellum civile, den Cäsar beschrieben hat und in dem ebenfalls Alles verteufelt gesetzlich und ordnungsmäßig verlief'— gerade wie heutzutage. Wer das Buch liest, fühlt sich unwillkürlich in die Gegenwart versetzt und zu Vergleichen gezwungen— sogar wen« man noch auf der Schulbank sitzt. Und das mag wohl der Grund sein, daß Cäsars„Bürgerkrieg", der bisher aus allen preußischen Gymnasien gelesen ward, plötzlich auf den Index gesetzt worden ist. Im Haus des Gehängte» spricht man nicht vom Strick, und in Zeiten des Boykotts, der wirth- schaftlichen Acht, der Verfolgung, spricht pian nicht gern vom Bürgerkrieg.— „Judenflinten". Ein offiziöser Mitarbeiter des konser- vativen„Hamburger Korrespondenten" theilt mit, daß die Staatsanwaltschaft sich bis heute noch nicht mit der Ahlwardt- schen Streitschrist befaßt habe; dann wäre die kürzlich auch von uns mitgetheilte Nachricht der„Norddeutschen All- gemeinen Zeitung" unrichtig. Aber auch die Angegriffenen, der technische Direktor Oberst-Lieutenant a. D. Kühne und der Vertreter der Kommanditgesellschaft auf Aktien, Ludwig Löwe u. Co., Herr Isidor Löwe, haben nach demselben Gewährsmann den Klageweg noch nicht beschritten. Es heißt in dem Bericht: „Oberstlieutenant a. D. Kühne, der technisch« Leiter der Löwe'schen Fabriken, der insofern noch im Militärverhältniß steht, als er die Erlaubniß des Tragens der Uniform besitzt, hat die ehrengerichtliche Untersuchung der gegen ihn von Ahl- warbt erhobenen schweren Vorwürfe beantragt. ES braucht wohl kaum im Besonderen betont zu werden, daß Löwe selbst, sowie die Direktoren der Fabrik die geradezu ungeheuerlichen Anschuldigungen, welche Ahlwardt gegen sie erhebt, weit von sich abweisen. Der Gewährsmann Ahlwardt's, der Schreiber Noack, habe sich, bevor er an Ahlwardl fem Material lieferte, wiederholt mündlich und schriftlich an Löwe mit der Bitte um Unterstützungen gewandt, wobei er sehr unverblümt durchblicken ließ, daß er manches zu wissen glaube, dessen Bekanntwerden für Löwe unangenehm sein würde. Alle diese Bitten sind stets kurzer Hand abgewiesen worden. Isidor Löwe beabsichtigt, zunächst nicht selbständig llägerisch gegen Ahlwardt vorzugehen, sondern das Ergebniß der Untersuchung abzuwarten, die zweifellos vom Kriegsministerium eingeleitet werden wird. Löwe hat diese seine Absicht auch unmittelbar nach dem Erscheinen der Bro- schüre dem ftriegsministerium mitgetheilt, indem er gleichzeitig ein Exemplar an dasselbe einsandte. Daß sich daS Kriegsministerium der Verpflichtung nicht entziehen kann und wird, die denkbar eingehendste Untersuchung einzuleiten, liegt auf der Hand." Sowohl die Regierung, als die von Ahlwardt der schwersten Delikte beschuldigten Leiter der Waffenfabrik haben die Pflicht, daß der Thatbestand möglichst schnell und gründlich klargelegt werde. Es handelt sich um eiueössent- liche Angelegenheit von höchster Wichtigkeit, bei der Alle interesstrt sind. Mag der Ankläger auch eine noch so brüchige Existenz sein— und die neueste persönliche Ab- rechnung, die sein früherer Vertheidiger, Rechtsanwalt Dr. Stein, in dem Schriftchen:„Der große Prophet." (Berlin 1892. Verlag von I. van Groningen u. Ko.) mit ihm hält, trägt sicher nicht dazu bei, daS Werthurtheil über den Menschen Ahlwirdt günstiger zu gestalten— trotz- alledem thut hier eine bündige, schnelle Erklärung von Amtswegen Roth.— Aus dem Reich des Herrn Baare. Der Redakteur Fusangel ist aus der Haft entlassen worden. Der Stempelprozeß wird Ende Mai stattfinden.— In der am 28. April stattgehabten zweiten Reichsgerichts-Vcrhandlung über den Bochumer Steuerprozeß verwarf das Reichsgericht die von Redakteur Fusangel und Lünemann eingelegte Revision gegen das Urtheil des Essener Land- gerichts, das auf Guind der Reichsgerichts-Entscheidung vom 27, November 1891 die Sache erneut verhandelt und die beiden Angeklagten in zwei Fällen freigesprochen hatte.— Dem Verdienste seine Krone. Herr v. Stumm hat anläßlich des Kaiserbesuchs den rpthen Adlerorden sich dieses Schlüssels bedienten, um an jenem Sonntage, wie deutlich gesehen wurde, in ihrer Abwesenheit hinein zu gehen?" Rollmann wurde todtenblcich und stammelte:„Ich wollte.... ich traute richt, ich hatte zuzusehen, ob sie mir nicht etwas mitnehmen wollte." Streit:„Aha, und deshalb bedienten Sie sich wohl auch dieses Kosserschlüssels, um ihren Koffer zu unter- suchen?" Nollmann:„Allerdirgs, denn ich traute ihr schon lange nicht und war mir das schuldig." Streit:„Und haben Sie nicht damals schon die Spitzen entdeckt?" Rottmann: Nein, denn ich fürchtete, sie würde zu schnell wiederkommen, und ich wollte sie nicht durch mein trauen beleidigen." Streit:„Viel Zartgefühl von Ihrer Seite, Herr Roll- mann; aber wie kamen Sie denn so schnell zur Entdeckung, daß in jenem Karton die, Spitzen fehlten?" Rollmann:„Ich suchte etwas in meinem Geschäfts- lokal, um ein Geschenk zu machen, und da vermißte ich die Spitzen." Streit:„Nachdem das Mädchen bereits von Ihnen weg- gezogen war?" Rollmann:„Ja, nach dem Mittagessen." Streit:„Merkwürdig; und in Gegenwart deS Herrn Colbrecht, der bei Ihnen zu Tische war, haben Sic schon erzählt, daß Jlnen Spitzen fehlten, und daß Sie deshalb zur Polizei schicken müßten?" Rollmann:„Danr ist es jedenfalls vor Tische gewesen." Streit:„Merkwürdig; denn die Köchin, welche keine ganze Stunde ausgewesen, hat Sie bei der Dollendung eines zienilich langen Briefes betroffen, und doch haben Sie in der Zwischenzeit oben oie Untersuchung vorgenommen und unten gleich den Diebstahl entdeckt? Das Alles ist so schnell gegangen, daß die Viktiulienhändlerin, welche in dem Haus- flur bei Ihnen sitzt, L-ie weder hat hinein- noch heraus- gehen sehen, obwohl sie ihren Stuhl dicht an Ihrer Thür hat." Eortsctznng folgt.) zweiter Klasse erhalten. Wird er über diese Dekoration gleichfalls einen Erlaß:„An meine Arbeiter" richten?— Gemischte Gesellschaft. Die sozialdemokratische Opposition in Oesterreich, die„Unabhängigen"— aeben eine Maifestschrist heraus mit Beiträgen von'Gladstone, Clemenceau, Rosegger, Hola, NieuwenhuiS, Spielhagen— Politiker und NichtPolitiker, Radikale, Liberale, Bismärcker, Anarchisten in brüderlicher Eintracht. Mehr kann man nicht verlangen.— Zum Prozeß Ravachol. Einer der Zeugen in dem Prozeß— ebenfalls ein„Anarchist"— stellt dem Angeklagten ein glänzendes Sittenzeugniß aus:„Ravachol ist ein vor- trefflicher Mensch, ein Wohlthäter der Elenden, er hat nie für sich selbst Verbrechen begangen, sondern nur um Anderen zu helfen!" betheuerte er; und warum sollten wir nicht glauben, daß es ihm damit ernst war? Unsere katholischen Blätter, welche sich vor der Firma Ravachol und Comp. entsetzt bekreuzigen und den„Atheismus" für Alles ver- antwortlich machen, haben am Wenigsten Grund, die sittlich Entrüsteten zu spielem Kennen sie nicht jene Räuber der Apeneinen, die gewissenhaft vor dem Kruzifix oder dem Madonnenbild beten, ehe sie einem Reisenden die Taschen leeren oder die Gurgel abschneiden, und die dann nach voll- brachter That ebenso gewissenhaft ihren Rosenkranz herunter- leiern und sich Vergebung ihrer Sünden bei der Mutter Kirche holen? Wenn der Freund Ravachol's mit seiner Charakteristik Recht hat, dann kann die Kirche vielleicht noch eine Eroberung machen. Kennzeichnend ist die Wuth, mit der ein Theil der Bourgeoispresse— auch in Deutschland— über die „feigen" Geschwornen herfällt, weil diese Ravachol nicht deS Mords schuldig befunden, und die Richter ver- hindert haben, das Todesurtheil zu fällen. Bei solcher Gelegenheit zeigt sich so recht deutlich der Blut- dürft des Angstbürgers. Der tollgewordene Hammel ist bekanntlich ein sebr gefährlicher Bursche. Die Geschworenen haben im Gegentheil Muth bewiesen, daß sie dem Drängen der tollgewordenen Hammel nicht nachgaben und sich einfach an die Sache hielten. Ravachol war nur wegen der Dynamit-Attentate angeklagt, durch die kein Mensch das Leben verloren hat, und die deshalb nach dem Gesetze des Landes nicht mit dem Tod zu bestrasen waren. Wohl hatte die französische Kammer in aller Eile ein Gesetz fabrizirt, das die Verhängung der Todesstrafe für derartige Attentate vorschrieb, allein dieses Gesetz war erst nach den Handlungen, um derentwillen Ravachol vor Gericht stand, angefertigt worden, konnte also auf den Wahrspruch der Geschworeneu keinen Einfluß haben. UebrigenS muß zugestanden werden, daß die französische Presse, mit Ausnahme der monarchistischen und klerikalen Organe, den Versuchen politischer Fruklifizirung— denen auch die Regierung nicht fernsteht(siehe unten)— sehr kräftig entgegentritt. Daß die sozialistische Bewegung mit diesen„anarchistischen" Streichen nichts zu thun hat, und daß diese überhaupt nicht als politische Handlungen auf- gefaßt werden können, das ist auch dem französischen Bürger- thum klar geworden. Die Dynamiterei ist Sache der Polizei, nicht der Politik.—..... Die Reaktion und die Dynamiterei. Wie die Kommis der Kapitalisteyklasse hü Dynamitgeschichte ausbeuten, ergiebt sich aus einer Unterredung, die der französische Ministerpräsident Loubet mit einem Redakteur des „Figaro" gehabt hat. Danach erklärte Loubet,„jetzt ernte man die Früchte der seit einer Reihe von Jahren geduldeten uneingeschränkten Freiheit der Rede und der Feder; diesem Mißbrauch wolle er entgegentreten und sei entschlossen, ven Kampf fortzusetzen, dies sei daS einzige Mittel, mit dem Anarchismus ein Ende zu machen. Für den 1. Mai besorge er nichts, Frankreich werde an diesem Tage sicherlich das ruhigste Land Europas sein; im Uebrigen seien alle Vor- sichtsmaßregeln getroffen, um Persönlichkeiten, welchen Droh- bliese zugegangen, zu beschützen. Die Regierung sei fest entschlossen, ohne Schwächt ihre volle Pflicht zu thun." Das demokratische Frankreich, repräsentirt durch die Arbeiterschaft, pnrd den Machenschaften des kurzathmigen Ministeriums Loubet einen dicken Strich durch die unfeine Rechnung machen. Die französischen Proletarier dulden nicht, daß ihr Gemeinwesen russisch werde.— Gladstone triumphirt. DaS öde Philisterthum, das die Weiberarbeit profitgierig ausbeutet und die Frau in alle Nöthe des Daseinskampfs hineinstößt, ihr aber in seines Stumpfsinns Uederlegenheit jedes politische Recht versagt, hat im englischen lknterhäuse noch einmal gesiegt. Das gegen das Frauen- Stimmrecht erlassene greisenhafte Manifest des„großen alten Mannes", des Liberalen Glad- stone, des Kapitalisten- Idols, wirkte. Nach fünfstündiger Debatte hat das Haus der Gemeinen am 27. April mit 175 gegen 152 Stimmen die zweite Lesung der Bill, durch welche den unverehelichten weiblichen Personen das legis- lative Wahlrecht verliehen werden sollte, abgelehnt. Die konservative Regierung behandelte den Gegenstand als offene Frage, der erste Lord des Schatzes Balsour unter- stützte jedoch die Bill sehr energisch.— Wahl-„Reform" in Schweden. Die zweite Kammer hat wie aus Stockholm gemeldet wird, mit 134 gegen 79 Stimmen beschlossen, jedem volljährigen Mann, welcher ein Einkommen von mindestens 500 Kronen versteuert, das Wahlrecht zur zweiten Kammer zuzugestehen. Bisher «var das Wahlrecht an die Versteuerung eines Einkommens von 800 Kronen geknüpft. Und die erste Kammer lehnte mit 65 gegen 51 Stimmen den von der zweiten Kammer angenommenen Beschluß ab. So scheiterte dieser Awach- liche Versuch, das Wahlrecht zu erweitern. Em Versuch, der nur aus Furcht vor der stetig fortschreitenden Sozial- demokratie gemacht worden ist.— Russisches.„Väterchen" ist unwillig über das Urtheil der Pariser Geschworenen in Sachen Ravachol. Die Peters- burger„Nowoje Wremja", ein Regierungsblatt, drückt ihr Befremden darüber aus, daß die Pariser Geschworenen nicht den Muth gehabt hätten, Ravachol zum Tode zu ver- urtheilen. Dieses Verhalten der Geschworenen dürfte die in Freiheit befindlichen Gesinnungsgenossen Ravachols nur zu neuen Unthatcn aneifern. Für die französische Regierung sei das Urtheil um so bedauerlicher, weil es abfällige Kritiken über die Ordnung in Frankreich zur Folg« haben werde. Die französischen Gewalthaber sind trotz ihrer Unterwürfigkeit, die sich z. B. in der schmählichen BeHand- lung der russischen Flüchtlinge so herrlich offenbaret, den blutrünstigen Gelüsten des Zarismus gegenüber noch immer zu human. Aber Ravachol hat nur im Geiste des russischen Despotismus gehandelt, der mit Meuchelmord und Ver- schwörungen operirt. Er verdient von Rechts wegen den höchsten russischen Orden.— Vor jeder Organisation hat das offizielle Russenthum eine heilige Scheu. Das Gesuch der Journalisten von Helsingfors(Finnland), einen Verein bilden zu dürfen, ist nach Anhörung der Oberdirektion der Preßangelegenheiten und des Gouverneurs in Nyland Lau von dem Zaren selbst abschlägig beschieden worden. Der finnische Journalisten-Klub hätte den Thron umstürzen können, �uatbewa s!t, er sei verflucht!— Maifeier in Afrika. Die Jntemationalität der Arbeiterbewegung offenbart sich in der Allgemeinheit und Ueberallheit des Maifestes der Arbeit. Aus allen Ländern und Erdtheilen hören wir von Vorbereitungen für die Feier einerseits, von Versuchen, sie zu hintertreiben, ander- seits. Jetzt erfahren wir, daß auch Afrika, der„dunkle Erdtheil", seine Maifeier haben wird— freilich noch nicht das Afrika, welches durch die sogenannte Kolonialpolitik der sogenannten zivilisirten Völker durch Vivisektion mit obligater Mordbrennerei und Räuberei für die sation" gewonnen werden soll, sondern der Norden Ä wo es den Europäern zum Glück nicht gelungen ist, die alte Kultur zu vernichten. Aus Algerien, wo der Sozialismus viele Anhänger hat, wird uns geschrieben, daß in verschiedenen Städten, namentlich in Algier und Constantinah, Maifeiern stattfinden werden, und zwar hier wie dort unter Leitung der Arbeitcrbörsen. Auch der äußerste Süden von Afrika, die Kapkolonie, wird seine Maifeier haben. Wo Kulwr ist, da ist auch der Sozialismus.— ZtarkeinaiftrMjtfen. Hans Blum, welchem erst dieser Tage vor dem Landgericht in Halberstadt Unzuverlässigkeit hinsichtlich sozialdemokratischer Dinge in weitestem Umfange nachgewiesen wurde, sucht nun mit Hilfe von Gerichten und Slaatsanwälten der Sozialdemokratie beizukommen, an deren blankem Ehrenschild die Unwahrheiten dieses kleinen Sohnes eines großen Vaters so schmählich ab- geprallt sind. Unter anderem hat der Verfasser der Sudelschrift: „Die Lügen der Sozialdemokratie" auch Klage gegen das Hamburger „Echo" erhoben, in welchem ein Artikel aus dem„Wähler" Aufnahme gesunden hat, in dem jener Bismarckverhimmler in seiner Eigenschaft als„sächsischer Patnot" vorgeführt wird. Diesen Artikel vermnthct nun Blum als aus der Feder Liebknecht's geflossen und durch die Vermittelung Auer's soll er in das„Echo" gekommen sein. Letzterer wurde deshalb in der Angelegenheit auch auf kommissa« rischem Wege eidlich ßvernommen. Daß Hans Blum, dem, wenn- er an die Sozialdemokratie denkt, in seinem Oberstübchen alles wie Kraut und Rüben durcheinander geht, zu der kon- fusen Vorstellung kam, ein Artikel aus dem Leipziger„Wähler", welchen Liebknecht im„Echo" abgedruckt haben wolle, bedürfe dazu der Vermittelung Auer's, wundert uns nicht weiter. Daß aber Staatsanwalt und Gerichte sich auf eine umfangreiche Beweis- erhebung einlassen, von der man, auch ohne mit zuristischem Scharfsinn gesegnet zu sein, im Voraus wissen muß, daß nichts dabei herauskommen wird, das darf billig verwundern. Und zwar um so mehr, als es sich in der ganzen Angelegenheit, schlimmsten Falles nur um die Beleidigung eines Privatmannes handelt, der selbst, nieder durch- Jahre lang fortgesetzte unqualifizirbare An- griffe seinen Gegner gereizt hat. Rother Sieg im schwarzen Köln. Bei den Wahlen zum Gewerbegericht haben bei den zehn Abtheilungen der Arbeiter- beisitzer die Sozialdemokraten in neun Abtheilungen gesiegt. Bei den zehn Abtheilungen der Unternehmer siegten die Sozial- demokraten in einer Abtheilung, in einer zweiten Pbtheilung ist eine Entscheidung durch das Loos erforderlich. -— Zu drei Monaten Gefängniß verurtheilte am 25. April das Landgericht zu Meiningen unseren Genossen Hugo aus Schmalkalden wegen angeblicher Beleidigung des Bürgermeisters Sterying aus Klein-Schmalkalden. Die Be- leidigung soll durch einen Zeitungsartikel erfolgt sein. Der Staatsanwalt hatte 6 Wochen, die Äertheidigung Freisprechung beantragt. Das überraschend Hohe Strafmaß wurde— wie uns geschrieben wird— vom Richter damit motivirt, daß der Artikel dazu angethan sei, andere Parteien lächerlich zu machen. Nrmummcrles. Stadtverordneten• Versammlung. Oeffentliche Sitzung vom Donnerstag, den 23. April, Nachmittags 5 Uhr. Der in der zweiten Abtheilung, 14. Wahlbezirk, neugewählte Stadtverordnete Buchow wird in der üblichen Weise eingeführt und auf die Städte-Ordnung verpflichtet. In die gemischte Deputation behufs Ankaufs u. s. w. der zur Verbreiterung der Gertraudtenstraße und der Straße Am Spittel- markt erforderlichen Grundstücke sind seitens der Versammlung 4 Mitglieder zu wählen. Es erhalten Stqdtv. Franke 73 Stimmen, Meyer I 73, Wagner 30, Namslau 73. Die übrigen � Stimmen sind zersplittert, auch der vom Stadlv. Pltschke vorgeschlqgenc Stadtv. Singer bleibt in der Minderheit. Bezüglich der Vorlage, betr. die Festsetzung von Bauflucht- linien für die Verlängerung der Gormannstraße zwischen Linien- und Lothringerstraße empfiehlt der Ausschuß mit 11 gegen 2 Stimmen folgende Beschlußfassung: „Die Versammlung ist einverstanden damit, daß Flucht- linien für die Verlängerung der genannten Straße zur Feststellung gebracht iverden und die Straßenanlage binnen 2 Jahren nach der Feststellung ausgeführt werde. Gleich- zeitig ersucht die Versammlung den Magistrat für die Verlängerung der Gormannstraße über die Lothringer- straße hinaus bis zur Zehdenickerstraße im Treffpunkte der , letzteren mit der Chorinerstraße Fluchtlinien zur Festsetzung zu bringen. Ohne Debatte tritt die Versammlung dem Ausschußantrage bei. lieber die Ausschußberathung bezüglich der Vorlage, welche die Bewilligung der nöthigen Mittel für den Neubau eines Ver- waltungsgebäudes, eines Beamtenwohnhauses, eines Operations- Hauses und eines Badehauses aus dem Grundstück des Kranken- Hauses Moabit berichtet Stadtv. Langerhans. Der Ausschuß beantragt die Genehmigung des Neubaues der Beamten- Wohn- Hauses und des Operationshauses(letzteres jedoch ohne Unter- kellerung), lehnt aber die Genehmigung zum Bau des Badehauses ab. Bezüglich des Verwaltungsgebäudes soll der Magistrat um eine anderweite Vorlage ersucht werden. Die Versammlung giebl ohne Debatte diesen Anträgen ihre Zustimmung. Das neue Regulativ für die Erhebung der Gemeinde-Ein» komniensteuer ist am 15. April er. vom Oberpräsidenten ge- nehmigt worden. Beanstandet worden ist nur tz 9, Abs. 1, wonach die besondere Meldepflicht von physischen Personen, welche im Laufe deS Steuerjahres anziehen, bei der städti- schen Steuerbehörde nicht nur dann fortfallen soll, wenn sie von letzterer«ine Steuerbenachrichtiguna erhalten haben. sondern auch in dem Falle,„wenn sie ihrer Meldepflicht bei dem Gemeindevorstande bereits anderweitig genügt haben". Der Magistrat hat dieser Aenderung eine große materielle Bedeutung nicht beimessen können und die Aenderung in Voraussetzung des Einverständnisses der Versammlung vorgenommen. Die Publikation des Regulativs ist inzwischen erfolgt. Stadtv. Sachs II beanstandet diese? Vorgehen des Magistrats und wünscht zum mindestens nach erkheilter Zu- stunmung der Versammlung die nochmalige Publikation, um eine Anfechtung der Rechtsbeständigkeit des Regulativs zu ver- hindern.. Sladtrath Hagen rechtfertigt das Verfahren mit Hinweis auf die Geringfügigkeit der Aenderung und die Dringlichkeit der Bestätigung des Regulativs. Die Versammlung heißt die Maßnahmen des Magistrats gut. Der Ankauf eines dem Rentier Allmann in Bernau gehörigen, im Gemeindebezirk Blankenfelde belegenen Grundstücks zur Erweiterung bezw. Abrundung des städtischen Rieselfeldes Blankenfelde- Rosenthal für 3199 Mark wird ohne Diskussion beschlossen. Die Vorlage, betr. die Errichtung eines Dienstgebäudes für das Märkische Provinzialmuseum und für städtische Bibliotheken geht auf Antrag des Stadtv. Gerstenberg an einen Aus- schuß; die Vorlage. betr. den Ankauf des Grundstücks August- straße 21 zum Bau einer höheren Bürgerschule wird dagegen auf Wunsch des Stadtraths de N ö v e von der heutigen Tages- ordnung abgesetzt. Am 23. Anril 1891 hat die Versammlung auf Antrag Kalisch u. Gen. beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, mit ihr in gemischter Deputation darüber zu berathen, auf welche Wesse von der städtischen Verwaltung das Projekt einer Industrie- Ausstellung in Berlin am besten gefördert werde. Die aus Grund dieses Beschlusses zusammengetretene Kom- Mission, bestehend aus 20 Stadtverordneten und 10 Magistrats- Mitgliedern, hat am 13. April getagt und folgenden Antrag mit allen gegen eine Stimme angenommen: Die Gemeindebehörden werden ersucht, zu beschließen: Magistrat und Stadtverordneten-Versammlung begrüßen das Prozekt einer Weltausstellung in Berlin mit großer Sympathie und erklären sich bereit, das Unternehmen thatkräftig zu unterstützen. Von diesem Beschlüsse ist dem Präsidium des deutschen Handelstages Mittheilung zu machen. Der deutsche Handelstag hat schon im Januar d. I. sich für das Projekt einer Weltausstellung in Berlin ausgesprochen und sein Präsidium dem Magistrat im Februar die Geneigtheit zu weiteren Berathungen mit den Gemeindebehörden zu erkennen gegeben. Der Magisttat hat sich dem Beschlüsse der gemischten Deputation angeschlossen und ersucht die Versammlung um eine entsprechende Befchlußsassung. Stadtv. Kalisch ist erfreut, daß durch die seit der An- nähme seines Antrages erfolgten umfassenden Erörterungen die Anschauungen über die Frage einer Weltausstellung in Berlin sich sehr bedeutend geklärt haben. Er ist für den Anttag der Deputation, der zwar etwas platonisch erscheine, aber doch der beste Ausdruck des für den Augenblick Möglichen sei. Nicht ganz passend fei freilich der Hinweis des Magistrats auf die Erfolge der Pariser Weltausstellung von 1839. Paris nahm in Frankreich eine ganz andere Stellung ein als Berlin in Deutschland, außerdem hätten die französische Regierung und die Stadt Paris für die Aus- stellung ä fonds perdu Summen hergegeben, wie sie von dem Deutschen Reiche und namentlich von der Stadl Berlin nicht zu erwarten seien. Auch sei die Pariser Weltausstellung an sich keine Jndustrie-Ausstellung gewesen. Mit dem Gedanken eines Defizits müsse nian flch schon vertraut machen. Dennoch empfiehlt Redner die Annahme des Vorschlages der gemischten Deputation und des Magistrats; es werde jedenfalls eine der Stadt Berlin wür- dige Ausstellung zu Stande gebracht werden.(Bravo!) Stadtv. Singer: Ich bin mit Vielem, was der Vorredner gesagt hat, einverstanden, habe aber doch die eigenthümliche Empfin- dung, daß der Ansang seiner Ausführungen mit den späteren sich einigermaßen im Widerspruch befindet. Zuerst beklagt er, daß der Beschluß der Deputation ihm zu platonisch erscheint, wünscht aber, daß die Stadt mit viel größerer Energie die Frage in die Hand nehme und das Interesse der Industrie für das Unter- nehmen wachrufe, und dann gießt er Wasser in seinen Wein, indem er meint, die Stadt werde die von ihr zu verlangenden Opfer wahrscheinlich nicht bringen. Die Verwahrung dagegen, daß von Berlin mehr gefordert wird, als die Kommune leisten kann,, war insofern nicht angebracht, als nicht das geringste An- zeichen dafür vorliegt, daß von irgend einer Seite eine das Maß seiner Kräfte übersteigende Betheiligung von Berlin verlangt wird. Auch der Hinweis auf Paris ist nicht ganz richtig, denn dann müßte auch das bedeutsame Moment berücksichtigt werden, daß Paris durch das Oktroi außerordentliche Einnahmen von der Ausstellung gehabt hat. Die Meinung, daß wir uns mit den Veranstaltungen in Paris nicht werden messen können, halte ich auch nicht für berechtigt, behaupte außerdem, daß die Ansicht, die Pariser Ausstellung sei keine Jndustrie-Ausstellung gewesen. durchaus falsch ist. Wer sie gesehen hat, wer sie mit Augen ge- sehen hat, die das beurtheilen können, kann zu solchem Urtheil nicht gelangen. Was ihr fehlte, um eine Weltausstellung zu sein, war die Betheiligung der deutschen Jndusttie; aber das war nicht die Schuld der Pariser Ausstellung, sondern derjenigen Kreise, welche in der Meinung, aus übertriebenem Ehauvinis- nms(Oho!) von der Pariser Ausstellung fern bleiben zu müssen, sich nicht betheiligt haben. Ich hätte das Wort über- Haupt nid)t genommen, wenn der Vorredner sich darauf beschränkt hätte, die einstimmige Annahme der Resolution z» empfehlen. Auch wir werden dafür stimmen, auch wir glauben, daß nichts Besseres geschehen kann zur Erhaltung des Friedens, zur Ver- brüdcrung der Völker, als Weltausstellungen, daß die deutsche Industrie sich keineswegs irgendwie zu schänien braucht, sich irgend einer andern an die Seite zu stellen. Alle diese Momente bringen uns zu der Ucberzengung, daß Berlin, wenn es die Völker zu einem Rendezvous eiuladet, die Probe mit Ehre be- stehen wird, daß die Berliner Weltausstellung sich den früheren würdig anreihen wird. Die Kritik, welche der Vorredner an der Pariser Ausstellung geübt hat, ist am allerwenigsten geeignet, das lebendige Interesse bei den zivilisirten Völkern wachzurufen, dessen es zum Gelingen der unserigen bedarf. Ich habe deshalb dagegen protestiren wollen, damit nicht im Auslande der Glaube entstehe, als werde der Standpunkt des Vorredners durchweg getheilt. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Kalisch bestreitet, daß Paris durch daS Oktroi so besonders hohe Einnahmen von der Ausstellung gehabt habe. Der Magistratsantrag wird daraus einstimmig an» genommen. Schluß 6»/e Uhr. Vermipckzkes: In Ruhrort hat sich das schätzungsweise Erträgniß der Einkommensteuer von 73 000 M. vorher auf 240 043 M. diesmal gesteigert. Die Gemeindesteuer konnte deshalb von 214 pCt. auf 95 pCt. herabgesetzt werden. Auch 3000 M. hat nunmehr das Bankhaus Rothschild auf die Ergreifung des flüchtigen Kassirers Jäger ausgesetzt.— Merkwürdig spät! Ein merkwürdiges Testament,«stin reicher Grundbesitzer aus Fucecchio hat den König Humbert ztim Universalerben seines eine Million betragenden Vermögens gemacht.— Die armen Leute irgend einer Provinz Italiens wären des Vermächtnisses bedürftiger gewesen. Theater. Freitag, den 29. April. Opernhans. Boabdil, der letzte Maurentönig. Schauspielhans. Wohlthätige Frauen. Deutsches Theater. Der Obolus. Die Neuvermählten. Ein Hut. Leffing- Theater. Morphium. Berliner Theater. König Richard III. Wallner Theater. Der Löwe des Tages. Residenz- Theater. Bater und Sohn. Friedrich- Wilhelmstädt. Theater. Das Sonntagskind. Chomas Theater. Geschloffen. Adolph Ernst- Theater. Fräulein Feldwebel. Bellealliance Theater. Schulze. BO Bech Kroll's Theater. Hans Heiling. Oftend Theater. Der Fall Cle menceau. Teenpalaßt. Spezialitäten- Vorftellung. Gebrüder Richter's Variété. Spezialitäten- Borstellung. Winter- Garten. Spezialitäten- Bor ftellung. Sanfmann's Variété. SpezialitätenBorstellung. American- Theater. SpezialitätenBorstellung. Theater der Reichshallen. Spezialitäten- Borftellung. Castan's Panopticum Riesin und Friedrichstr. 165a, Ecke Behrenstr. Preisliste des Waaren- Verkaufs- Verein D. LUBLINSKI Berlin S., Nr. 50, Oranienstraße Nr. 50, zwischen Oranien- und Moritz- Platz. Bur Beachtung. Mit der britten Auflage unserer Preislifte vor die Deffentlichkeit tretend, find wir im Stande, wesentlich herabgefegte Breife su ftellen. Troß aller Anfeindungen der Ronkurrenz und hauptsächlich der Berliner Engros- Geschäfte hält der Verein an den bei Begründung des Unternehmens ge faßten Grundsägen, seinen Abnehmern alle nur möglichen Vortheile zu bieten, feft. Trotz aller Tadel der Berliner Grossisten werden wir unsere Preise nach wie vor bei Entnahme eines Pfundes so billig ftellen, als diese selbst bei Entnahme eines Gentners nicht verkaufen. Der Waaren- Berkaufs.Verein hat den 8wed, den Unfitten in der Kaufmannschaft, für 1/2 und 1/4 Pfund im Berhältniß mehr zu berechnen, als für ein ganzes Pfund, entgegenzutreten. Daß für 2 Pfund eines Artikels ein billigerer Preis eintritt( wenn z. B. 1 Bfund 40 Pf. toftet und 2 Pfund mit 75 Pf. berechnet werden), läuft ebenso den Grundsätzen des Vereins entgegen, denn wir erbliden hierin einen Zwang, der auf den Räufer ausgeübt wird, und eine Uebervortheilung des Käufers, der sich nicht in der glücklichen Lage befindet, 2 Pfund oder 1 Pfund zu kaufen. Wir betrachten deshalb alle Käufer als gleichberechtigt, und berechnen bei Entnahme größerer Quantitäten feine billigeren Preise. Dagegen be Puppen- Fee rechnen wir für halbe und viertel Pfunde genau den Pfundpreis, wenn z. B. das Pfund 35 Pf. toftet, ſo toftet nicht 18 ober gar 20 31., fonbern mur Aama größte Riefin, 16 J. alt, 9 F. groß. Prinzeß Pauline, 16 Jahre alt, 40 Bentimeter groß. Entree 50 Pf. Rinder 25 Bf. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 10 Uhr ab. Passage172 und 14 nicht 9 oder 10 Pf. sondern 834 Pf. Die entstehenden Bruchpfennige werden dem Käufer in Münzen des Waaren- Verkaufs- Vereins herausgezahlt, welche jederzeit wieder in Bahlung gegeben, oder in Deutsche Reichsmünzen umgewechselt werden können. Dividende. Am legten Tage eines jeden Monats wird berechnet, welcher Reingewinn erzielt worden ist, worauf in den ersten Tagen des folgenden Monats ein Maffen- Ronfum- Artikel zu besonders billigem Preise verkauft wird, um dem Käufer hierdurch eine Dividende zu ertheilen. Kaffee, roh Kaffee, fein geröstet Feigenkaffee Malzkaffee nach Art des Pfarrers Geb. Kneipp mit Gebrauchs- Anm. 1/1 1/2 Pfd.- Packet 30 15 Pfg. Harzoberschalseife, beste Scheuer Waschpulver oder Seifenpulver, gr. Badet mit Gebrauchsanweisung Chlorkalk • Stren- oder Kochzucker, fein gefiebt fb. 28/4 fg. Feinstes Ultramarinwaschblan in Pottasche Panopticum. Stückenzucker in Würfeln Kolonial- u. Materialwaaren. Artikel zur Wäsche. • " 12 OF 84 42 feife Pfund von 1. an. Oberschalseife, allerb. ferntrodene, gr. Stüd 16 Pfg. Condensirte Milch 1,15 Prima Wachskernseife 1/1 1½ 1/4 fb. 21 Pfg. Kindermehl, vorzügliche Nahrung für Säuglinge • · • 14 BO BO Grosse Gummisauger( fropfen) Patent( Pfropfen) Büchſe 55 Pfb. 80 Pfg. B St. 72 " • " 121/2 12 00 Kleine Patent- Gummisauger 5 • . " 15 Für Brunnenkuren. Pfd. 12% Pfg. 80 Bitterwasser, Garlehner .. 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Berantwortlicher Redakteur: Auguft Enders in Berlin. Druck und Verlag von Mag Bading in Berlin SW... Beuthstraße 2. Hierzu zwei Beilagen 1. Beilage zum„Vorwärts" Berliner VoWIatt. Nr. 100. Freitag, den 29. April 1892. 9. Jahrg. VovlnmenksveviSike. Abgeordnetenhaus. S2. Sitzung v o m 28. A p r i l, 11 N h r. Am Ministertische: Graf zu Eulenburg» von Bötticher, Herrfurth, v. Schelling. v. Berlepsch, Miquel, von Heyden, Thielen, Bosse. Der Abg. Spangenberg- Hameln(fk.) ist verstorben. DaZ HauZ ehrt sein Andenken in der üblichen Weise. Zur ersten Berathung des Nachtragsetats ergreift zu- nächst das Wort Finanzminister Miqnel: Der Nachtragsetat soll die finan- ziellen Verhältnisse regeln, welche die Einsetzung eines besonderen Ministerpräsidenten nothwendig gemacht. Für den Minister- Präsidenten ist dasselbe Gehalt wie für die anderen Minister ein- gesetzt; er hat, wie alle übrigen Minister, Anspruch aus freie Dienstwohnung, für welche ein fiskalisches Gebäude nicht zur Verfügung steht. Ob mit den ausgeworfenen Geldmitteln aus- zukommen sein wird, hängt von den Verhältnissen ab. Eventuell wird«ine Ueberschrritung der Forderung eintreten müssen. Abg. Rickert(dfr.): Die Situation, unter welcher die Be- rathung erfolgt, ist eine eigenthümliche. Daran ist unsere Geschäftsordnung schuld, welche mich verhinderte, da- mals dem Ministerpräsidenten sofort zu antworten, als er seine ersten Bemerkungen machte. Di« Herren von der Rechten haben den neuen Ministerpräfidenten mit lebhaftem Zischen begrüßt, wie ich noch niemals einen Minister habe empfangen sehen, der doch an den Vorgängen ziemlich unschuldig war. Die Herren hätten doch auch das Be- dürfniß haben müssen, ihr Zischen in gutes Deutsch zu über- tragen. Vor den Ferien wurde von Herrn Hobrecht die Ver- tagung der Debatte über den Nachtrags- Etat beantragt und es wurde nachher so dargestellt, als ob die Vertagung von den Nationalliberalen oder den Freifinnigen angeregt sei. Die erste Besprechung darüber fand statt auf Anregung der Mehrheits- Parteien; man muthcte uns zu, ohne Diskusston den Nachtrags- Etat an die Kommission zu verweisen. Herr Hobrecht war schließlich so gutmüthig, den Antrag auf Vertagung zu stellen und wurde bloßgestellt, als wenn er die Diskussion scheute. Er wird wohl in Zukunst bei solchen Verhandlungen hinter den Koulissen etwas vorsichtiger sein. Es ist jvon der rechten Seite niemand zum Wort gemeldet(Widerspruch rechts), vorhin war das nicht der Fall. Warum haben denn die Herren so lange gewartet? Das Schulgesetz ist zurückgezogen, das erfüllt uns nicht mit Trauer, aber auch nicht mit besonderem Jubel. Wenn wir im Partei- Interesse hätten Wünsche äußern können, wären es die gewesen, daß das Schulgesetz noch eine Reihe von Wochen auf der Tagesordnung gestanden hätte. Das Schulgesetz hat die Schläfer im Lande aufgerüttelt und die Vertrauensseligkeit beseitigt; es hat gezeigt, daß bei uns noch Elemente vorhanden sind, welche das Staatsschiff auf gefährliche Klippen bringen können. Es hat aber auch gezeigt, daß Parteien vorhanden sind, welch« nur durch die Politik Bismarck's getrennt sind.(Aha! im Zentrum). Wir waren entschlossen, Schritt für Schritt, bis in den Sommer hinein die Opposition gegen das Schulgesetz zu führen. Es wäre Ihnen nicht gelungen, d,e Sache versumpfen zu lassen; hätte die Session bis zum Herbste ge- dauert, durchgekommen wäre das Schulgesetz wohl doch nicht. Ob das Schulgesetz eine Mehrheit gefunden hätte, weiß ich über- Haupt noch nicht; ich kenne die Stimmung der Konservativen nicht, denn sie haben eine bedenkliche Schwenkung gemacht, welche jede Verständigung mit ihnen aussichtslos machte. Bei aller schroffen sachlichen Opposition, die wir dem Grafen Zedlitz machen mußten, erkennen wir seine staatsmännische Begabung an; er sah auch in dem politischen Gegner den Mann. Im Ver- kehr mit den Abgeordneten konnte der Graf Zedlitz manchem seiner früheren und....(Heiterkeit) seiner früheren Kollegen zum Muster dienen. Dies offen auszusprechen, war mir ein Be- dürfniß. Das Schulgesetz ist für die nächste Zeit beseitigt. Ob die gegenwärtige Einrichtung eines besonderen Ministerpräsidenten uns vor derartigen Schwankungen und Schwenkungen bewahren wird, müssen wir der Zukunft anheimstellen. Aber ein« Frage steht noch auf der Tagesordnung, welche auch die Minderheits- Parteien immer erörtert haben. Das Haus hat wenigstens die Regelung der Dotationsfrage verlangt.(Unruhe rechts.) Die Herren von der Rechten und dem Zentrum haben auch dabei mitgewirkt. Ob bei den Konservativen die reinliche Scheidung schon staltgefunden hat, weiß ich nicht. Herr Stöcker sieht so vergnügt aus, daß ich annehme, er hofft zu siegen. Das Pro- gramm soll ja wohl jetzt beralhen werden; für die Juden» und Börsenfrage sind ja 2 Referenten bestellt. Das Hauptoraan des neuen Programms, die„Kreuz-Zeitung�, hatte die Geschmack- losigkeit, den Lehrern vorzuhalten, daß jetzt die Schuldotations- frage nicht geregelt werde.(Zustimmung recht?.) Hält man die Lehrer wnkuch für so dumm, daß sie das glauben? Wir sind besonders erfreut darüber gewesen, daß 9 Millionen von der Ein- kommensteuer für die Schule verwendet werden sollen. Uebrigens wo sind denn die 9 Millionen, Herr Finanzminister? In Ihrem neuen Steuerplan find sie verduftet.(Heiterkeit.) Jetzt könnte allerdings der Ingrimm der Herren vom Zentrum und rechts zur Ablehnung eines Dotationsgesetzes führen. Aber ich hoffe, daß der Ingrimm nicht allzu lange dauern wird. Das Haus ist engagirt durch mehrfache Beschlüsse für den baldigen Erlaß eines Schuldotations-Gesetzes. Ob die neue Organisation uns vor den Schwankungen bewahren wird, wissen wir noch nicht. Wenn man im Auslande befürchtet, daß die auswärtig« Politik be- einflußt werden könnte, so weiß in Deutschland Jedermann, daß die Friedenspolitik des Reichskanzlers Grafen Caprivi von allen Parteien gebilligt wird, trotzdem die Trennung .t'.....-x-.— dem Mlnisterprasidium wird. Die Erfahrungen im Herrenhause sprach nur um eine Ueber- das Schulgesetz von welches auch den des Reichskanzler- Amtes von allseitig nicht günstig beurtheilt von 1872 sprechen dagegen und man auch davon, daß es sich leitung handelt. Wie war es möglich, daß demselben Ministerium eingebra tv RRHR_________|t wurde, Goßler'schen Entwurf eingebracht hat! Ich will annehmen, daß die Minister bei der großen Arbeit in ihrem eigenen Ressort nicht im Stande waren, die Tragweite der einzelnen Vorschriften zu beurthetlen. Ich kann mir nicht denken, daß ein Minister- Präsident ohne besonderes Ressort genügende Beschäftigung hat Daß wir über diese Organisationsfrage mitzureden haben, folgt aus unserm Bewilligungsrecht; das ist auch von der Regierung anerkannt worden. Ob Graf Caprivi oder Graf Eulenburg dem Ministerium präsidirt ist, nebensächlich Es handelt sich nur darum, ob Gras Caprivi seinen Einfluß im Interesse Deutschlands wird geltend machen können. Wir haben jetzt von 11 Mitgliedern vier ohne eigentliches Ressort. Den Präsidenten, den Vize- Präsidenten, den Kriegsminister, und den Minister drs Aus- wärtigen. Die Einrichtung eines besonderen Ministerpräsidiums neben dem Reichskanzleramt wurde in den siebziger Jahren bald wieder aufgehoben; Fürst Bismarck übernahm das Präsidium wieder und der Finanzminister wurde Vizepräsident. Als Camphausen ging, wurde dem Hause erst ein Etat vorgelegt, der lebhafte Debatten hervorrief und dann wurde Gras Stolberg erst ernannt. Wie steht der neue Ministerpräsident zu den deutschen Einrichtungen? Wird der Ministerpräsident Mitglied Kampfe, in welchem das erzwingen will. reichen konnte. Jetzt die Vorkämpfer für deZ BnndeSrathes werden, wird er die Stimme des Reichs» kanzlers und auswärtigen Ministers im Bundesrath« beeinflussen durch das Gewicht der Stimme des preußischen Ministeriums? Fürst Bismarck war der Meinung, daß er als preußischer Minister des Auswärtigen den Reichskanzler instruiren könnte, ohne erst mit dem Ministerium zu berathen; er setzte aber immer dabei voraus, daß er mit dem Ministerium übereinstimmte. In dieser Beziehung muß volle Klarheit geschaffen werden, auch wenn man von der Anficht ausgeht, daß es sich nur um eine provisorische Einrichtung handelt. Ob das Entlassungsgesuch des Herrn von Bötticher mit diesen Kompetenzfragen zusammenhängt, weiß ich nicht. Ich nehme an, daß er der Stellvertreter des Reichskanzlers bleibt und in dem Bundesrath den Vorsitz führt. Wir sind danach bereit, die etalniäßigen Konsequenzen zu ziehen aus der Ernennung eines besonderen Ministerpräsidenten. Wir werden in Ruhe abwarten, wie sich die Dinge jetzt entwickeln. Das Schulgesetz ist allerdings jetzt zurückgezogen. Es wäre aber eine große Thorheit, wenn die Leute im Lande sich der Illusion hingeben wollten, daß die Gefahr nun auch beseitigt ist. Sie wird erst beseitigt sein, wenn hinter der bisherigen Minorität sich ein starkes Volk befindet. Wir können mit Ruhe der Zukunft entgegensehen, trotzdem die kirchliche Reaktion sich rüstet zum sie auf dem Wege der Verwaltung was sie durch das Gesetz nicht er- ist der Zeitpunkt gekommen, wo die freiheitliche Entwickelung des deutschen Volkes' sich fest zusammenschaaren müssen. Dann wird die Parteikombination, welche jetzt das Haus be- herrscht, als der letzte Niederschlag der Bismarck'schen Politik verschwinden.(Lachen rechts.) Es ist die Pflicht Derjenigen, welche eine freiheitliche Entwickelung wollen, ernstlich die Streit- zu begraben und zum gemeinsamen Handeln vorzugehen. eifall links. Widerspruch rechts.) Abg. v. Rauchhaupt(k.): Meine Frmnde können sich nicht befreunden mit der Einrichtung, daß das Reichskanzleramt und das Ministerprästdium, wenn auch nur provisorisch, getrennt werden soll. Im Hinblick aber auf die bereits erfolgte Er- nennung des Ministerpräsidenten können sie sich der Bewilligung nicht entziehen und bitten um Verweisung an die Budgetkommission, wo sich die Form der Bewilligung wird finden lassen. Ich muß dabei unser Bedauern darüber a»ssprechen, daß man uns beim Schulgesetze nicht Zeit gelassen, diejenigen Gegensätze, welche sich gegenüberstanden, zu uberwinden(Lachen links) und eine Ver- ständigung herbeizuführen, welche ein befriedigendes Ergebniß hätten erwarten lassen.(Heiterkeit links.) Ich bin von meinen Freunden einstimmig beaustragt worden, diese Erklärung ab» zugeben. Abg. v. Huene(Z.).: So kurz können wir die Sache doch nicht abmachen. In Bezug auf die Vorgeschichte will ich bemerken, daß die erste Anregung, vor Osten» den Nach- tragsetat nicht zu beralhen, von Herrn von Kardorff ausging. Alle Parteien waren schließlich damit einverstanden, daß die Be- rathung vertagt würde und ich bedauerte, daß durch Mißver- ständniss« Herr Hobrecht iu die Lag« kam, von seinen Freunden verleugnet zu werden. Herr Rickert jubelt nicht, er empfindet auch keine Trauer. Wenn er abwartet, dann wird er sehen, daß er sich auf dem falschen Wege befindet; er wird nicht siegen, denn wenn die Prinzipien der Liberalen in der Gesetzgebung zur Geltung kommen, dann wird das Vaterland«nteraehen und daS wird das Volk nicht dulden. Auf die liberale Gesetzgebung und aus den Kulturkamps brauchen die Herren nicht besonders stolz zu sein.(Widerspruch links.) Das Schulgesetz hat immerhin die Bedeutung, daß es ein Bollwerk gewesen wäre zum Schutze der christlichen Anschauungen im Volke, in der Gesellschaft und im Staate.(Zustimmung rechts.) Deshalb bedauern wir, daß es nicht errichtet ist. Wenn ich dem abgetretenen Herrn Minister den Ausdruck unseres Vertrauens nachgerufen habe, so soll man daraus nicht schließen, daß wir den neuen Ministern Mißtrauen entgegenbringen. Der neue Kultusminister hat bereits im Herren- hause seinen Standpunkt charakterisirt. Die Anerkennung, dir er im Herrenhause gesunden, ist ihm in weiten Kreisen im Lande zu theil geworden. Seine Worte haben wirklich beruhigend ge- wirkt bei allen Freunden des Schulgesetzes.(Zustimmung rechts.) Der Ministerpräsident hat keine Gelegenheit genommen, sich über das Schulgesetz zu äußern. Er hat sich blos negativ bei uns eingeführt. Ich möchte aber indirekt das Vertrauen, was i> auch ihm entgegenbringen möchte, rechtfertigen dadurch, daß i mir sage: Die beiden Herren, der Kultusminister und der Ministerpräsident sind zusammen in das Ministerium eingetreten. Das wäre nicht möglich, wenn sie nicht in ihren Ansichten über- einstimmten. Der Ministerpräsident hat von den Gegensätzen welche im Lande sich bemerkbar gemacht hätten !aubt man die Gegensätze zu beseitigen durch die Zurückziehung einer Vorlag«? Glaubt man dieS in dem jetzigen Augenblicke, wo der Unglaube, die sogenannte Kultur(Lachen links) sich breit macht? Kampf gegen den Unglauben muß der Staat führen, wenn er sich nicht selbst aufgeben will.(Zustimmung rechtS. äuruf links: Lösen Sie doch auf!) Ich habe nicht auszulösen. tir kommen wieder, was aber rechts und links wiederkommt, daS wissen wir nicht. Die Kommission soll nicht zur Ver- ständigung geführt haben.(Zuruf links: Sehr richtig!) Sehr unrichtig! Was gehört zur Verständigung? Eine Ve oder Ve Mehrheit? Die Landgemeinde-Ordnung ist gegen die Stimmen der Konservativen angenommen worden mit einer nicht erheblichen Mehrheit. Auch das Einkommensteuergesetz ist in vielen Be- siimmungen mit geringer Mehrheit angenommen. Man bekommt eben den Eindruck, daß es bei manchen Vorlagen heißt: Wenn ich nur überhaupt die Mehrheit habe, bei anderen Vorlagen aber: Ich muß eine gewisse Mehrheit haben... mit den Mittel- Parteien, nicht wahr?(Heiterkeit.) Wer uns die Verständigung mit den Mittelparteien zumuthet, muthet uns zu, unsere eigenen Grundsätze aufzugeben. Bezüglich der Zustimmung deS Zentrums war man sonst nicht so schwierig. Die Land- gemeinde-Ordnung, die Handelsverträge sind nur durch daS Zentrum zur Annahme gebracht.(Zustimmung rechts.) Trotz mancher Bedenken war daS Zentrum bereit, alles zu thun, um das Schulgesetz zu Stande zu bringen; und die Konser- vativen hatten wohl dieselbe Absicht.(Widerspruch bei den Frei- konservativen.) Ich hätte allerdings die Erklärung des Herrn v. Rauchhaupt etwas schärfer gewünscht. Das Bedenken bezüg- lich der Privatschulen härten wir wohl zu beseitigen vermocht; auch an den neun Millionen wäre das Gefetz nicht gescheitert. Die einzige Differenz war bezüglich der Dissidentenkinder, wo die Konservativen von der Vorlage abwichen; das kann doch aber nicht der Grund der Nichtverständigung sein. Wenn man lediglich dahin trachtet, daß den Kindern nur möglichst wenig Religion beigebracht wird, dann ist allerdings eine Verständigung nicht möglich. Ohne Religion ist keine Kultur möglich. Die Vorgänge in Paris sind die höchste Unkultur, Was der Minister- Präsident gesagt hat, steht also mit de» Thatsachen in vollstem Widerspruch. Wir werden das Recht auf den religiösen Unter- richt in der Schule immer weiter verlangen im Interesse des katholischen Volkes.(Zustimmung im Zentrum.) Ministerprüsident Gras Enlcnburg: Ich wollte dem Kultus- minister in Bezug auf das Schulgesetz nicht vorgreifen: die eben gehörte Rede nöthigt mich, darauf zurückzukommen. Als der Kultusminister und ich ins Amt traten, war das Schiilgesetz 1? in ein« Lag« grrakhrn, daß wn«wer»eNere» Brrukhung desselben kaum mehr die Red« fem konnte.(Widerspruch im Zentrum und rechts.) Sie können nicht erwarten, daß irgend ein Kultusminister, und wenn er dem Grafen Zedlitz noch so nahe stand in allen seinen Ansichten, auf die Berathung sich ein- ließ. Wir zogen also nur das Fazit aus den Thatsachen.(Zu» stimmung bei den Freikonservativen.) Bei großen Gesetze» wird die Frage, ob ein« Verständigung erzielt ist, nur durch Adstim- mung erzielt. Es giebt aber Fälle, wo man sich die Frag« vor- legen muß, od ein Ergebniß erzielt wird, mit dem man zufrieden sein kann. Die Memungsverschiedenhetten im Lande werden durch Abstimmungen nicht beseitigt. Der Kampf mrd weiter geführt werden müssen, so lange ein politisches Leben besteht. Aber es ist etwaS anderes, ob ein Gesetz eingeführt wird, mit dem auch der unterliegende Theil sich wenigstens zur Zeit zu- frieden geben kann. Unsere größten Gesetze sind auf diese Weise zu Stande gekommen.(Widerspruch im Zentrum.) Sie können da? bestreiten, aber Sie können mir meine Ansicht darüber nicht nehmen. Es war die Befürchtung, daß wir auf dem Boden des gerade vorliegenden Entwurfes nicht zu einem Ergebniß kommen würden, welches m diesem Sinn« ein befriedigendes genannt werden konnte. Das ist ein Fall, der jeder Parteigruppirung gegenüber angewendet werden kann. Wir werden ohne Hast, aber auch ohne Rast die Vorberathung weiterführen. Eine materielle Bemängelung des Nachtragsetats ist kaum ausgesprochen; ich glaube deshalb nichts weiteres darüber sagen zu sollen. Von der Ansicht möchte ich abzugehen bitten, daß die neue Organisation eine nur provisorische sein wird; die Einrichtung trägt nicht den Keim in sich, eine besonders vorübergehende zu sein, sie trägt die Voraussetzung der Dauer in sich. Es wurde immer darüber geklagt, daß alle Einrichtungen des Reiches und Preußens aus den Fürsten Bismarck zugeschnitten seien. Diese Klagen hatten in der That ihre Berechtigung. Sie können nicht erstaunen, wenn, sobald ein Anlaß zur Erörterung dieser Frage vorliegt, die Entscheidung dahin fällt, daß eine Trennung der Aemter des Reichskanzlers und des Ministerpräsidenten vor- enommen wird. Es ist allerdings zum Theil eine Personen- age. Aber ich glaube, der Zustimmung sicher zu sein. Die Zahl der Personen, welche beide Aemter zusammen übernehmen wollen, ist nicht groß. Es liegt ferner der Wunsch nahe, daß in der Person des Reichskanzlers kein allzu häufiger Wechsel eintritt. Um das Verbleiben des Herrn Reichs- kanzlers zu erleichtern, habe ich mein Amt übernommen. Der Reichskanzler und sein Stellvertreter sind und bleiben Mit- glieder des preußischen Staatsministeriums; das ist auch nicht zu unterschätzen. Ich halte es für ausgeschlossen, daß eine Politik getrieben werden könnte im Reich, welche den Interessen eines Einzelstaates widerspricht. Wenn man überzeugt ist. daß ersprieß- liehe Ergebnisse nur aus einem vertrauensvollen Zusammenwirken hervorgehen, dann wird man die Hoffnung nicht aufgeben, daß ein solches Zusammenwirken möglich und gedeihlich sein wird. Wenn eine Differenz eintreten sollte, so braucht nicht der Reich?- kanzler und der Ministerpräsident, sondern nur einer von beiden zu«eichen. Ueber die Vertretung Preußens im Bundesrath de» stehen keine Reglements. Die preußischen Stimme« werde« mstrutrt durch de« auswärtigen Minister; als solcher fungirt der Reichskanzler auch heute noch. In allen wichtigen Ang«- legenheite« hält sich der Reichskanzler natürlich in Uederem- stimmung mit dem preußischen CtaatSministermm. Daß der Ministerpräsident kein Ressort hat. ist eine Ziveckmäßigteitsfrage. Kultusminister Bosse: Zwischen dem Ministerpräsidenten und mir besteht über die Frage des Schulgesetzes die voll- kommenste Uebereinstimmung. Auch ohne die ausdrückliche Auf- forderung aus dem Hause hätte ich mich im Allgemeinen über die Gedanken ausgelassen, welche mich beim Eintritt ins Mini- sterium geleitet haben. Programmatisch« Erklärungen über die Einzelheiren der Ressortverwaltung werden Sie schwerlich er- warten. WaS würden solche Erklärungen auch der Landes- Vertretung nützen. Wenn ich mich auf Grund der ersten flüchtigen Eindrücke zu Erklärungen hinreißen lassen würde, könnten sie mir später parlamentarisch unbequem werden, aber der Landes- Vertretung würde damit auch nicht gedient sein; ich könnte dann heute nur meine ersten falschen Ansichten korrigiren. Etwas anderes ist es aber, wenn der Wunsch besteht, daß die Unterrichts- Verwaltung ihre nächsten Aufgaben kundgiebt. Die Vorlegung eines neuen Schulgesetz- Entwurfes kann von mir in diesem Augenblicke und zunächst nicht erwartet werden. Wir kommen eben aus einem erregten Kampf, der wichtige Fragen unentschieden zurückgelassen hat. Jeder Unterrichtsminister wird auf den Wunsch zurückkommen müssen, gewisse wichtige Zweifel ,n sder Unterrichtsverwaltung durch eine klare gesetzliche Ausgestaltung gelöst zu sehen. Indessen, das wird mir jeder zugeben müssen, daß es nach einer Verwaltung von wenigen Wochen unmöglich ist, über diese entscheidenden Fragen die Information zu ge- winnen, welche gerade auf diesem Gebiet, nothwendig ist. Solch« Vorlagen lassen sich nicht in wenige» Tagen zusammenstoppeln. Ein Dotationsgesetz, wenn eS feinen Zweck erfüllen soll, wenn es einen geebneten Weg für die Verwaltung schaffen soll, muß die Frage entscheiden, wer soll in Zukunft der Träger der Schul- unterhaltungslast sein, welchen Einfluß soll er haben auf die Verwaltung des SchulvermögenS und der Externa der Schule. Damit kommen wir mit einem Schritt wieder in den Bannknis des Gegensatzes, der zu heftigen Kämpfen Anlaß gegeben hat. Es liegt auf der Hand, daß die Frage der Dotation der Schule. mag man sie so eng oder so weit fassen, wie man sie will, in engem Zusammenhang steht mit dem voraussichtlich für die nächste Session des Landtages bevorstehendem Abschlüsse unserer Steuer- reform. Erst daraus werden sich die Voraussetzungen für das Schuldotations-Gesetz ergeben. Es bleibt mir nur übrig bezüglich de, Frage, wie und wann die Staatsregierung in der Lag« sein wird, ein Schuldotattons-Gesetz vorzulegen, der Regierung voll- ständig freie Hand vorzubehalten. Ich verkenne nicht die großen oas noch eine Zeit lang möglich fein wird. Die Unterrichts- Verwaltung wird auch ferner auf dem Verwaltungswege die Be- verbessern suchen. Wir werden suchen. die Beschlußbehörden wieder vorzuspannen und ich hoffe, daß es ohne neues Gesetz möglich sein wird, manches zu erreichen. Dieser Weg ist allerdings der bescheidener«, aber ich scheue mich Nicht, diesen Weg zu gehen, wenn es durch die Umstände ge- boten ist und wenn die Aussicht ist, vorwärts zu kommen. So hoffe ich. die zukünftige Gesetzgebung vorbereiten zu können. An der von mir im Herrenhause gegebenen Erklärung habe ich nichts zu ändern, nichts zurückzunehmen und nichts hinzllzusctzen. Sie entspricht der Wirklichkeit. Ich bin mir meiner Verantmort- lichkeit wohl bewußt. Ich weiß, es sind die idealsten Interessen des Volkes, welche die Unterrichtsverwaltung zu wahren hat. Hat die bisherige Verwaltung es verstanden, weitherzig und gerecht auch den konfessionellen Interessen gerecht zu werden, dann werden Sie auch in dieser Beziehung die Kontinuität mit der bisherigen Verwaliung nicht vermissen. Gewissenszwang ist das letzte, was ich wünsche, ich glaube auch nicht, daß irgend eine Partei Gewissenszwang fühlt. Er führt nicht zu brauch- baren Ergebnissen. Abg. Hobrecht(ntl.): Bezüglich der Vorgänge vor Ostern Hab« ich zu bemerken, daß meine Lage damals nur pein» lich war, weil meine Freunde mich im Stich ließen. Daß die konservative Partei sich damals ebenso ausgiebig wie heute an der Debatte hätte betheiligen können(Heiterkeit), bezweifle ich nicht: es giebt ja in derselben wohl auch Redner, die ohne er- sichtliche Ermüdung einige Viertelstunden über diese Dinge reden können, wie über manche andere Dinge. Gegen den Nachtrags- etat haben wir nichts einzuwenden, lieber die Trennung des Reichskanzleramts von dem Ministerpräsidium ist im Reichstage schon vergandelt worden; man gab allgemein der Ansicht Aus- druck, daß man abwarten müsse. Vom preußischen Standpunkt aus liegt kein Bedenken vor; man könnte vielleicht fragen, ob in der Trennung nicht ein Vortheil für Preußen liegt. Ich habe auch das Bedürfniß, dem früheren Kultusminister Graf Zedlitz nachzusagen, daß er nicht nur seine eigene Sache vertrat, sondern auch die Motive der Gegner zu erkennen suchte. Das Bedauern über den Fall des Volksschul- Gesetzes ist aber nur von einer kleinen Minderheit im Volke und selbst unter den Konservativen «zetheilt worden. Wir hätten in der Kommission und im Plenum gegen das Schulgesetz gekämpft und wir hätten wohl dem Volke klar gemacht, daß wir die idealen Interessen vertreten. Aber im Interesse des Landes war es besser, daß der Kampf aufhörte. Wir sind dem König dankbar dafür, daß er den Kampf beendigt hat. Denn wir waren auf ein Gebiet gekommen, wo alle Disputationen die Menschen immer weiter entfernen und sie nicht zusammen bringen. Abg. von Kardorss(fk.): Die Erklärung des Herrn von Rauchhaupt läßt manches zu wünschen übrig. Er bedauert, daß den Konservativen nicht Zeit gelassen sei, die Gesehe zu über- winden und eine Verständigung herbeizuführen. Mit wem sollte die Verständigung herbeigeführt werden? Die Verständigung wurde doch nur ausschließlich mit dem Zentrum versucht und nicht mit uns. Uns will es so vorkommen, als wenn eine schärfere Tonart in der konservativen Partei die Oberhand gewonnen hat; es>vird als eine Art Spott betrieben, die Mittelparteien an die Wand zu drücken; nur das in Acht und Bann gethane Organ deS Herrn von Helldorff führte eine andere Sprache. Herr von Rauchhaupt nahm vielleicht zum Volksschul-Gesetz eine andere Stellung ein als die Herren von Hammerstein und Ge- »offen. Sein Standpunkt näherte sich vielleicht mehr dem unserigen. Aber von Seiten der Konservativen ist eine Ver- ständigung mit uns nicht angebahnt worden; sobald Herr v. Huene sich gegen unsere Anträge erklärte, waren dieselben ab- gethan. Wäre Herr v. Rauchhaupt hier gewesen, so wäre es vielleicht etwas' anders geworden. Jetzt könnte er an dem Schicksal des Schulgesetzes nichts mehr ändern; es wäre ihm vielleicht dasselbe Schicksal wie Herrn v. Helldorff zu Theil ge- »'orden.(Widerspruch rechts.) Noch niemals ist ein Führer von einer Partei so schroff behandelt worden, wie Herr v. Helldorff. Die Konservativen wollten mit dem Zentrum zusammen im Gegensatz zu den Mittelparteien das Schulgesetz machen; sie wollten keine Verständigung mit uns. Danach mußten wir die Hoffnungen auf eine Verständigung aufgeben, namentlich als der Reichskanzler die Christen und die Atheisten in Gegensatz gestellt hatte. Ich habe die Vorlage wie alle großen Vorlagen, welche die Stagnation der Gesetzgebung beseitigen sollten, für einen Jehler gehalten. Fürst Bismarck würde das Goßler'sche Schulgesetz, die Landgemeinde-Ordnung und auch das Einkommensteuer- Gesetz wohl nicht in dieser Form eingebracht haben; er hätte sich gehütet, bei den verschiedenen Parteien damit Anstoß zu erregen. Abg. Stöcker(k.): Herr von Kardorss hat in die uns be- schäftigende Angelegenheit eine Menge von Persönlichem hinein- getragen, was beweist, daß er die Sache nicht recht klar ver- steht. Ich bin in Sachsen für einen konservativen Antisemiten, »icht gegen einen nationalliberalen, sondern gegen einen national- liberalen Antisemiten— solche Eremplare giebt es nämlich (Heiterkeit)— eingetreten. Gegen"den Vorwurf hierarchischer Bestrebungen muß ich mich verwahren. Die evan- gelische Kirche kennt solche Bestrebungen nicht. Wer sich Ihnen hingeben würde, würde vom evangelischen Volke verlassen werden.(Unruhe links.) Die ganzen Ausführungen beweisen, daß die ganze Bewegung nicht gegen da? Schulgesetz an sich ginge, sondern daß es sich dabei um die nächsten Wahlen handelte.(Widerspruch links und bei den Freikonservativen.) Zu ernsthasten Versuchen der Verständigung ist es überhaupt nicht gekommen und aus der andern Seite war man auch gar nicht geneigt, eine Verständigung herbeizuführen. Wir haben zu An- sang der Verhandlungen dem Antrage Rickert zugestimmt. «Lachen links) und damit den staatlichen Charakter der Volks- schule anerkannt. Bei den Privatschnlen und bei dem Veto wäre auch eine Verständigung zu ermöglichen gewesen. Die katholische Kirche bestreitet dem Staate das Recht, den Religionsunterricht zu ertheilen und zu beaufsichtigen; durch die kleinen Konzessionen des Schulgesetzes hätte man diese Streitsrage beseitigen können. Diese Tragweite hat aber die linke Seite des Hauses nicht er- lanut. Die Unmöglichkeit der Verständigung ist nur eine Koulifle; was wir hinter uns haben, ist eine Tragödie der Irrungen Wenn eine Mehrheit im Lande sich gegen die Beschlüsse des Hauses gesträubt hätte, so wäre die Zurückziehung verständlich gewesen. Aver der Gegensatz draußen im Lande wurde künstlich geschürt. Die Entwickelung hat dem Ministerpräsidenten Recht gegeben, daß es sich dabei um einen Kampf zwischen Christenthum und Antichristenthum handelte.(Lebhafter Widerspruch links.) Das Anti- christenthum wurde namentlich von nationalliberalen Blättern ver- treten. Soweit kann ich nicht gehen, daß bei dem Gesetz auch für den unterliegenden Tbeil noch eine gewisse Befriedigung vorhanden �ein muß. Wohm sollen wir kommen, wenn solche Momente »für die Gesetzgebung ausschlaggebend sein sollen? Die erregte öffentliche Meinung war auf dem Holzwege.(Lachen links). Was uns die Furcht vor der gegenwärtigen Situation einflößt, ist der Umstand, daß wir auf ein Schwanken der Regierung vor der öffentlichen Meinung gestoßen sind. Ich habe die Furcht, daß eS uns schaden wird, daß die öffentliche Meinung zu stark auf die Regierung eingewirkt hat. Wir brauchen eine Regierung und parlamentarische Körperschaften, welche mit vollster Energie auf ihrem Posten stehen. Für mich ist der erste Parteigegensatz: Gentleman oder keiner.(Gelächter links.) Tie Herren vom Fortschritt verstehen das leider nicht.(Heiterkeit rechts). Ich kann ja den beiden Ministern, die unter uns sind, nur mein Vertrauen für die Zukunft entgegenbringen. Aber das glaube ich doch, wenn der Kultusminister sich mehr auf die Verwaltung seines Ressorts beschränken zu sollen geglaubt hat, als auf die Weiterbildung der Gesetzgebung, so versteht er die Situation »icht. An Gewissenszwang denkt Niemand.(Widerspruch links). Das ist ein Agitationsmittel, welches man nicht gebrauchen sollte. Friedrich der Große trat, trotz seiner Ausklärung, für die christliche Schule ein. Gott. Tugend und Unsterblickkeit wurde da- mals anerkannt; heute leugnet man alle überirdischen Dinge. Die Waffen zum Kampfe gegen das Ueberirdische werden aus dem Arsenal des Liberalismus genommen. Ich verkenne die Be- deutung des Bürgerthums nicht: aber wenn ich es ans dem Wege der Bekämpfung des Christenthums finde, dann beruhigt es mich nicht, daß es sich um ein liberales Bürgerthnm handelt. Warum spricht man nicht immer so heftig gegen Anarchie, wie gegen die Hierarchie?(Widerspruch.) Darum glaube ich. daß es die Aufgäbe des Kultusministers ist, der Anarchie eine starke Kirche auch im Schulleben entgegenzusetzen. Womit wollen Sie gegen den Umsturz und die Entsittlichung arbeiten? Wir sind auf einer schiefen Ebene und es ist Alles nöthig, um uns vor dem Herab- rollen zu bewahren. Graf von Zedlitz hat sich als politischer Geist gezeigt, als er den Muth hatte, dieses Gesetz vorzulegen. (Beisall rechts.) Wir müssen bald etwas thun, denn wir haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren, sonst machen wir den Eindruck der Unfähigkeit vor dem Umsturz. Darum kann ich den Worten des Abg. Hobrecht keine Bedeutung beilegen. Die Früchte der nationalliberalen Arbeit genießen die Rothen und die Jnter- nationalen. Wenn wir solche Theaterdirektoren wären wie Sie(links), dann hätte es uns leicht werden sollen, einen Sturm von Zustimmungserklärungen für das Schulgesetz beizubringen. Sie reden immer von unserem rechten und linken Flügel, wir haben gar keinen Flügel.(Große Heiterkeit.) Ein konservatives Zentrum können und wollen wir garnicht gründen, das würde den Prinzipien der Reformation wider- sprechen. Wenn Herr Rickert von unserem Programm u. s. w. gesprochen hat, so sind das agitatorische Rede», die nicht hierher gehören. Wenn er auch dem nächsten Volksschulgesetz den Kampf bis auf das Messer angekündigt hat, so glaube ich das auch: Das Messer wird dasselbe bleiben und das Aufschneiden auch. (Große Heiterkeit; Beifall rechts.) Abg. Richter: Herr Stöcker hat es bedauert, daß Fürst Bismarck die Indemnität beantragt hat. Die Regierung hat nach vierjährigem, eidbrüchigem Regiment selbst das Gefühl ge- habt, daß sie von der Volksvertretung eine Indemnität haben müsse. Haben Sie nicht dasselbe Gefühl vor dem Eid, Herr Stöcker,'wie andere Leute? Heute kennt man die Gefahr, in welcher sich Preußen 1866 befand. Geradezu unverantwortlich würde Fürst Bismarck gehandelt haben, wenn er nicht die In- demnität nachgesucht hätte. Unserer Ansicht nach hätte er da- mals mehr thun müssen als er gethan. Herr Stöcker hält es für unchristlich, über die natürliche Moral im Zu- sammenhang mit religiösen Dingen zu sprechen. Kennt Herr Stöcker die Bekenntnisse des Feldmarschalls Moltke nicht? Graf Moltke sprach von Geistlichen, die die Leute mehr aus der Kirche herauspredigen als hinein. Herr Stöcker sollte sich prüfen, ob er nicht zu diesen Geistlichen gehört. Die Berliner sind nicht blos groß im Verweigern der Steuern, sie wollen das Geld nur nicht bezahlen für orthodoxe Geistliche, die das Geld nicht werth sind. Herr Stöcker hat nach dem Vorbild von Komikern, um einen guten Abgang zu haben, mit einem Kalauer geschlossen, nicht nach dem Vorbilde der klassischen Theaterdirektoren, sondern wie die Theaterunternehmer, welche ihr Gewerbe im Umherziehen betreiben. Herr Stöcker arbeilet ja nicht hier in den Kommissionen, sondern zieht im Lande umher und hält Reden. Wie kann er dann davon reden, daß die öffentliche Meinung gar nichts werth fei? Sind die parlamentarischen Körperschaften nicht der geordnete Ausdruck der öffentlichen Meinung? Wenn die Welt jetzt so schlecht ist, ist der Liberalismus daran schuld? Sind die Minister nicht alle konservativ? Ein Freisinniger kann ja höch- stens Landgerichtsdirektor werden. Sind die schlechten Verhält- nisse nicht daher gekommen, daß zu viel konservativ regiert worden ist? Aus den anarchistischen Vorgängen, die sich in katho- lischen Ländern bemerkbar gemacht haben, sollte weder Herr von Huene, noch Herr Stöcker Kapital zu schlagen suchen. Daß der Ministerpräsident bereits ernannt ist, zwingt uns nicht zur Annahme des Nachtragsetats; wenn die politische Situation danach angethan wäre, könnten wir trotzdem das geforderte Geld ablehnen. Herr v. Huene hat von der„sogenannten Kultur" ge< sprachen. Das Wort verdiente ein geflügeltes zu werden; das Christenthum hat sich mit der Kultur vertragen; seine wahre Natur wird dadurch nicht geändert, höchstens einige Aeußerlich- leiten. Das Schulgesetz wäre kein Bollwerk des Christeuthums gewesen, sondern nur der geistlichen Herrschast und des die Nation zerreißenden Confessionalismus. Mir ist es sehr zweifelhaft, ob selbst innerhalb des konservativ- klerikalen Bundes eine Verstän- dignng erfolgt wäre: die Frage der Privatschulen und einige andere Dinge wurde zurückgestellt, weil man die Verständigung darüber für schwierig hielt. Das Gesetz wäre überhaupt nicht zu Stande gekommen. Wie kam es denn, daß Gras Zedlitz seine Entlassung nahm? Man hat in der Presse von den unverant- wörtlichen Rathgebern der Krone gesprochen. Ich bin der Meinung, daß es dem Träger der Krone unbenommen sein muß, seine Politik in jedem Augenblick zu ändern, auch auf Grund von Rathschlägen, die er erhalten hat von anderen Personen als von seinen Ministern; denn sonst wurde er ja unter der Vormundschaft seines Ministeriums stehen. Wenn ein solcher Wechsel der Politik erfolgt, dann müssen die Minister und die Landesvertretung die Konsequenzen ziehen. Graf Zedlitz hat sie gezogen, und ich wünsche nur, daß alle Minister so handeln, daß sie mit ihrer Politik stehen und fallen. Ich hätte eS für konstitutioneller gehalten, daß die sämmtlichen Minister so ehandelt hätten: denn es ist mir unverständlich, wie man ein Schulgesetz einbringen kann und es nachher ablehnt, dafür ein- zutreten. Aber wie werden die einzelnen Minister ausgewählt? Nach der Werthschätzung ihrer Person für das betreffende Ressort, aber es wird nicht danach gesehen, daß sie in ihrer politischen Ueberzeugung zusammenpassen. Der Wechsel der Politik würde vielleicht nicht eingetreten sein, wenn nachher mit der Mehrheit nicht mehr auszukommen wäre. Aber die Mehrheit läßt sich alles oefallen; die Opposition ist über das bischen Zischen bei der ersten Rede des Ministerpräsidenten nicht hinausgetommen. Herr von Huene ist für das Zentrum sehr tapser eingetreten; aber er ist leider ans die Bundesgenossenschaft der Konservativen angewiesen, und für deren Wiederkehren nach den Wahlen kann er keine Sicherheit übernehmen. Alle Parteien haben dem Grafen Zedlitz ihre Anerkennung ge- zollt; nur die Konservativen nicht. Sie haben den betreffenden Aeußerungen des Zentrums Beifall gezollt; aber über die un- artikulirten Laute sind sie nicht hinausgekommen. Wie man oben will, wir halten still! Das ist die Parole der Konservativen. Sie haben sich den Goßler'schen Entwurf gefallen lassen und de» Zedlitz'schen. Wozu soll man auf die Konservativen Rücksicht nehmen? Die Konservativen sind nun einmal eine gouvernementale Partei, abhängig von der Regierung bei den Wahlen. Im Herrenhause erlaubte man sich schon mehr. I» der konservativen Partei des Abgeordnetenhauses ist ein gemischter Charakter vor- handen, Abhängigkeit und Selbständigkeit ist gemischt. Ich wünschte, daß die Herren etwas unabhängiger werden; fassen Sie nur Muth, es wird schon gehen!(Heilerkeit.) Ich bin>»>- besorgt, allzu weit werden Sie in der Selbständigkeit nicht kommen.(Heiterkeit.) Die heutigen Ausführungen des Minister- Präsidenten haben unsere Bedenken über die Trennung der Remter des Reichskanzlers und des Ministerpräsidenten nicht bc- seitigt; jeder der Träger der beiden Aemter hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Aus der Rede des Kultusministers können weder die Konservativen, noch die Liberalen eine Schlußfolgerung ziehen. Die Rede war sehr gefällig und konnte keinen Anstoß erregen. Eines hat mir gefallen. Die Verwahrung gegen die Ausübung des Gewissenszwanges. Da müßte der Kultusminister das Reskript des Grafen Zedlitz über den Religionsunterricht der Dissidenten wieder aufbeben, er würde sich dabei mit der Mehrheit des Hauses zusammenfinden. Das Unterrichtsgesetz ist durch einen einzigen legislatorischen Akt nicht geschassen. Man sollte die Berfassungs- bestimmung beseitigen und in einzelnen Abschnitten des Unter- richtswesen gesetzlich regeln. Bezüglich der Schuldotationsfrage stehen die.Herren von der Rechten in ihrer Erregung feindlicher als früher. Ich resumire mich dahin: Wir befinden uns in provisorischen Zuständen; die j�zige Krisis ist nicht die letzte und schwerste gewesen, wir befinden uns im Uebergangsstadium, wo ein übermächtiger Wille alles diktirt, in einem Stadium/ wo die staatlichen Machtfaktoren sich eine gewisse Selbständigkeit er- ringen werden. Wir können nur wünsche», daß die nächsten Wahlen uns Bürgschaften geben, daß eine Mehrheit im Hause ist. welche Neigungen zur liberalen Gesetzgebung hat.(Beifall links.) Ministerpräsident Graf Eulenburg: Ich muß aufs Eni- schiedenste Verwahrung dagegen einlegen, daß hier einer früheren Regierung der Vorwurf gsmacht wird, daß sie sich des Eidbruchs schuldig gemacht hätte. Tie Verhältnisse sind mir bekannt wie Herrn Richter, aber ein Eidbruch liegt nicht vor. Nach einigen persönlichen Bemerkungen wird die weitere Debatte gegen 4 Uhr bis Freitag 11 Uhr vertagt. Ooltnles; f; A« die Arbeiterschaft BerlinS! Einem lange gefühlten Bedürfnisse entsprechend, find nun- mehr die Sammelbons für den Nnterstützungsfonds der sozial- demokratischen Partei für alle 6 Berliner Reichstags-Wahlkreise gleichmäßig hergestellt. Diese Bons gelangen vom 1. M a i an zur Ausgabe. Alle bisher gebräuchlichen sind daher ungiltig und aus diesem Grunde zurückzuweisen. Der neue Bon enthält in schwarzer Schrift We Worte: Für den sozialdemokratischen Unterstützungsfonds 10 Pfennige. Es befinden sich ferner auf den BoNs die rothen Buchstaben 3. P. D. B., welche bedeuten: Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Berlin. Als besondere Erkennungszeichen befinden sich im Papier der Bons 2 schräge Striche, ein sogenanntes Wasserzeichen, um unbefugtem Nachahmen vorzubeugen. Die Parteigenossen werden ersucht, die in ihrem Besitz be- findlichen alten Bons bei den Vertrauensmännern sofort um- tauschen zu wollen. Vertrauensmann der sozialdemokratischen Partei, Berlin I. Die Adressen der Vertrauensleute sind: August Täterow, Mauerstr. S. vorn M. Ferd. Kleinert, Lützowstr. IIS. Wilhelm Börner, Ritterstr. 108, Zigarrengeschäft. St. Fritz, Simeonstr. 22, Hof II. Fritz Zubeil, Naunynstr. 86. obert Wenzels, Koppenstr. 41. einrich Baum garten, Posenerstr. 4, III. „udwig Möller, Sophienstr. 12, III. W. Gi es h o it, Boyenstr. 40, pari. Wilhelm Grunwaldt, Chorinerstr. 80, vorn IV. Gustav W i tze l, Elisabethkirchstr. 18. Johann Pfarr, Wilsnackerstr. 40. Schnljnstiz. Am 22. März d. I. fand vor einer hiesigen Gemeindeschule ein kleiner Auflauf statt, deren Mittelpunkt zwei Knaben waren, die weinend einer Anzahl theilnehmender Passanten ihr Leid klagten. Die Knaben erzählten, und ihr Körperzustand bewies die Richtigkeit ihrer Mittheilung, daß der Rektor Bondick sie wegen verspäteten Eintreffens, und weil ihre Füße mit Pantoffeln bekleidet gewesen, erst geschlagen und dann aus der Schule entfernt habe. Nun standen die Aermsten, welche eine sehr bedeutende körperliche Züchtigung erhallen haben mußten, denn das Blut rann ihnen über das Gesicht, und ihre Strümpfe waren bei der Züchtigung zerrissen werden, auf der Straße darüber klagend, daß ihnen wegen der mangelhaften Fußbekleidung der Schulbesuch vom Rektor verwehrt war, während doch ihr Vater zu arm sei, um ihnen Lederschuhe oder Stiefel zu kaufen. Der Vorfall wurde zur Kenntniß des in jenem Bezirk ge- wählten Stadtverordneten gebracht und von diesem mit der Bitte um Untersuchung an die städtische Echuldeputation weitergegeben. Bon Letzterer ist folgend« Antwort eingegangen: Berlin, den 26. April 1392. Auf Ihre Beschwerde vom 31. März d. I. über dm Rektor Bondick erwidern wir ergebenst nach Vernehmung des Rektors und des Drechslers Balzer durch den zustän- digen Kreis-Schulinspektor, daß nach Angabe des Rektors die Knaben Balzer bestraft worden sind, weil sie wiederum, wie schon oft, zu spät und in unsauberen Pantoffeln zur Schule gekommen waren. Auch sollen die Strümpfe bereits zerrissen gewesen sein. Mit der Art der Bestrafung sind wir nicht einverstanden und haben in dieser Hinsicht das Erforderliche veranlaßt Es versteht sich, daß Pantoffeln als Fußbekleidung nicht verboten sind. Städtische Schul-Deputation. Schreiner. Hoffentlich wird nun in den Gemeindeschulen nicht mehr gehauen, wenn die Kinder der Arbeiter nicht im Stande sind sich in elegantem Schuhwerk zu präsentiren. Eine Zierde deS echtpreusiischen alte» Beamten- standeS, bei dessen Nennung jeber Richter'sche Freisinnige ebenso den Hut zieht, als wenn von den„Friedericianischen Traditionen" die Rede ist, starb am I. Januar d. I. mit dem königlichen Rech- nungsrath Prädickow, dem Verwalter der Huseland'schen Stiftung, eines zum Besten der nothleidenden Aerzle und deren Wittwen gegründeten Instituts. Nach seinem Tode, und zwar schon am ü. Januar, entdeckte man, daß der Ehrenmann von den ihm an- vertrauten Geldern die Summe von ca. 12 000 M. veruntreut hat. Durch den soeben vom Direktorium der Stiftung veröffent- lichten(61.) Jabresbericht kommt dieser Diebstahl zu allgemeinerer Kenntniß. Christlich-patriotische Gesinnung zur Schau tragen und Wittwen und Waisen bestehlen, das geht heute recht bequem neben einander— es gehört neben der Schneidigkeit mit zum neu-deutschen La äu sisclo. Er kaust die Katze im Tack nicht, nämlich der Herr Gutsbesitzer G. Mendt in Alt-Bleyen bei Küstrin. Er suchte durch eitungsannonee einen Kutscher, woraufhin sich ein solcher aus erlin meldete. Dieser erhielt darauf folgenden Zettel: Mittheilung von G. Mendt, Gutsbesitzer, an Kutscher Schreiber, Berlin. Alt-Bleyen bei Küstrin, den 23. April 1392. Wenn man einen Kutscher annimmt, will man doch erst sehen, wie er sich in den Vordiensten geführt hat, wie alt cr ist, welcher Religion, wie alt die Frau und Kinder, wozu die Frau zu gebrauchen, denn hier auf dem Lande muß die Kutscherfrau im Garten, im Hause und wenn Roth am Mann in dcr Ernte auch Getreide wegbringen helfen. Reichen Sie also Zeugnisse ein. wenn nach vorstehend Gesagtem Sie z» der Stelle, die erst I»" vakant wird, Lust haben sollten.— Auch ist nicht einmal»'j sehen, ob Sie Soldat gewesen und wobei gedient, es sind die--- doch selbstverständlich Sachen, die man wissen muß, man kaust doch nicht die Katze im Sack, sondern man sieht sich dieselbe erst an. Der Guisbesitzer G. Mendt. Vielleicht besinnt sich Herr Gutsbesitzer Mendt noch, ob er nicht noch einiges, was man„selbstverständlich" wissen muß, zu fragen vergessen hat. Uebrigens mag Herr Mendt, wenn cr Arbeiter durch Annoncen sucht, doch gleich mittheilen, was er von ihnen verlangt, damit sie sich nicht unnütz bemühen; das würde freilich die Jnsertionskosten etwas steigern. Großartige Großmuth. Wir erhnlten folgende Zuschrift: „Die Redaktion des„Vorwärts" hat immer der Regierung was ans Zeug zu flicken und die Leute aufzuhetzen. Auf der einen Seite sagt sie, daß die Regierung, wenn es für die reichen Leute geht, das Geld man so zum Fenster hinauswirft, auf der anderen s-eite aber bei den Arbeitern und Unterbeamten knausert. Da raisonniren Sie, daß die Regierung einem ver- wirthschafteten Dömäuinpächtec unter die Arme greift. Soll sie ihn etwa mit dem weißen Stab in der Hand aus seiner Pachtung gehen lassen? Oder soll sie einen Mann, der sein Lebelang täg- lich an seinen Champagner und Braten und Hummer und was es sonst Gutes giebt gewöhnt ist, auf die Wärmestuben und das Asyl für Obdachlose verweisen? Das steht doch jedes 5kind ein, daß das nicht geht, und daß so ein zehntausend Thälerchen doch das wenigste sind, was sie ihm als verschämtes Almosen geben kann. Daß der Staat aber ebenso großherzig auch gegen die niedrig gestellten Beamten und Arbeiter seiner Verwaltung verfährt, dafür kann ich Ihnen ein deutliches Beispiel geben. Im „Amtsblatt der königlichen Eisenbahndirektion zu Magdeburg' können Sie folgende Bekanntmachung lesen: " " Am Abend des 15. Februar b. J. wurden die Geleise auf| Haufe- der Vater ist Sandwerker und Grundeigenthümer- wofür das Ehrengericht einen Verweis und eine Geldstrafe von der Ueberfahrt am westlichen Ende des Bahnhofes Frellstedt durch verstoßen worden, weil sie eine Liebschaft mit einem jungen 2000 M. über den Angeschuldigten verhängt habe. Der vom ein führerloses Fuhrwerk, dessen Pferde in den Bahngraben ge- Ravalier unterhielt. Die alten ehrenhaften Leute drangen auf Angeklagten angebotene Beweis für die Wahrheit seiner Be rathen waren und aus demselben durch den allein anwesenden eine schleunige Heirath, und der junge Mann reiste auf das Gut hauptungen wurde als unerheblich abgelehnt. Weichensteller nicht entfernt werden konnten, gesperrt, als sich seines Vaters, um dessen Erlaubniß dazu zu erlangen. Bald Gegen das Urtheil ist von beiden Seiten Berufung eingelegt ein Güterzug von Königslutter der Station näherte. Das Fahr- barauf erhielt Augufte einen Brief von dem Bräutigam, worin worden. fignal am Abschlußtelegraphen fonnte nicht in das Haltefignal dieser ihr mittheilte, daß, da sein Vater ihn zu enterben drohe, umgewandelt werden, da die Pferde auf den vom Signal- Stell- er von der Heirath absehen müsse. Von den Eltern aus dem stand gestern wegen Beleidigung des verantwortlichen Redakteurs Der Herausgeber des Spottvogel", Karl Schneidt, werk nach dem Abschlußtelegraphen führenden Drahtzügen lagen. Hause gewiesen, begab sich das Mädchen nach Berlin, weil es Die dem Zuge drohende Gefahr wurde durch den erfahren, daß der Bräutigam Luftveränderung" halber nach Dorf, vor dem hiesigen Schöffengericht. Eine gegen die Antider antisemitischen Deutschen sozialen Blätter", Erdmanns. Hilfsweichensteller Gölter, der, ohne sich zwecklos bei Berlin gereift sei, und suchte, nachdem es sich bei Frau A. ein- semiten gerichtete Broschüre des Dr. Frank war in den Deutschen Dorf, vor dem hiesigen Schöffengericht. Eine gegen die Antiden Pferden aufzuhalten, dem 3uge entgegenlief und logirt, den Geliebten in einem Hotel auf. Mit verweinten Augen demfelben mit der Handlaterne das Haltefignal gab, noch fehrte es gestern Mittag in fein Quartier zurück. Es ist Ades fozialen Blättern" mitgenommen werden und gegen diese Kritik rechtzeitig abgewendet. Dem p. Sölter ist in An- aus", sagte es zu Frau A., er hat mich wie eine" ehrlose Dirne 30g, der Beklagte in seinem„ Spottvogel" zu Felde. Eine Anerkennung der hierbei bewiesenen Umsicht und Ent- behandelt und mir die Thür gewiesen." zahl heftiger Ausdrücke, wie Lügenpeter, lächerlich und der schlossenheit eine Belohnung von drei Mark be Ob bie Unglückliche für ihre Rettung dankbar sein wird? gleichen, hat die Klage veranlaßt. Der Verklagte gab zu, willigt worden. Rönigliche Eisenbahn- Direktion." Wir glauben faum; denn zu welch' einem Leben ist sie wieder daß er die Macher" des antisemitischen Organs beleidigt habe, zurückgeführt! Der elende Verführer wird seine That zu den wollte aber den Kläger nicht zu denselben gerechnet wissen. Er übrigen Jugendthorheiten" rechnen und ein sehr hochgeachteter bestritt auch, daß die am Ende des Blattes angebrachten Worte ehrbarer Bertheidiger der Sittlichkeit, der Ehe und der Familie welche die Angaben eines persönlichen Redakteurs und nicht einer ,, Schriftleitung: Erdmannsdorf" den preßgefeßlichen Vorschriften, werden. schemenhaften Schriftleitung" verlangen, entsprechen. Der Rummelsburg. Von dem Rummelsburger Arbeiterverein Gerichtshof schloß sich dieser Bemängelung nicht an und ver war zum 1. Mai ein Umzug mit Vereinsbanner und Mufit durch urtheilte den Angeklagten zu 150 M. Geldbuße event. 15 Zagen mehrere Straßen Rummelburgs und dann nach der Gräflich Gefängniß. Reischach'schen Brauerei zu Stralau bei der Behörde angemeldet. Da bis Montag nun noch kein Bescheid zurück war, begab sich der Vorsitzende des Vereins, Genoffe Rosenkranz, nach dem Amtsbureau, und da wurde ihm gesagt, es wäre ja noch Beit; als er aber darauf erklärte, daß man doch bis auf den legten Tag nicht warten könnte, wurde erwidert, er werde in den nächsten Tagen Bescheid erhalten. Noch am selben Abende erschien ein Polizeibeamter in der Wohnung des Genossen und bestellte, er möge doch einmal zum Herrn Amtsvorsteher tommen. Da nun aber der Genosse nicht zu Hause war, so konnte dem keine Folge gegeben werden. Am nächsten Tage erhielt er nun folgendes Schreiben: Na, ist das noch gar nichts? Ueber so was schweigen Sie! Und dann thun Sie fo, als ob Sie gar nicht wissen, wozu das viele Geld, was die Regierung braucht, aufgeht. Wenn in allen Verwaltungen solche Verschwendung geübt wird, wie bei der Fönigl. Eisenbahn= Direktion zu Magdeburg, dann kann ja das Defizit gar nicht aufhören. Was helfen da die Milliarden Mart, welche die Steuerzahler zusammenbringen, wenn sie so thaler weise aus purem Großmuth verschenkt werden? Da muß denn der Miquel wieder sich den Kopf zerbrechen, um eine neue Steuer auszutüfteln oder eine neue Anleihe aufzunehmen find einzig und allein die verfluchten Sozialdemokraten schuld." Der Mann hat vielleicht Recht- wir können nichts darauf erwidern. und daran Zur Hebung des Wohlstandes und um dem allgemeinen Nothstande abzuhelfen", mit diesen Worten leitet das Welthaus"" Zum Prophet" auf dem Dönhoffsplat feine Reflame, die es in hunderttausenden Exemplaren verbreitet, etn. Nur aus den genannten Motiven hat das Welthaus" sein Geschäft. Damit es die Welt erfahre, sind eine Anzahl Leute gemiethet, die auf bestimmten Plähen den Tag über zu stehen und den Vorübergehenden die Reflamezettel einzuhändigen haben. Für diefen von Morgens bis Abends währenden Dienst erhielten die hierzu Angestellten 2 Mark; der Dienst selbst wurde stark kontrollirt, und wurde ein Zettelvertreiber nicht an dem angewiesenen Platz vorgefunden, büßte er den Lohn ein. Vorgestern wurde ihnen angekündigt, daß der geringe Lohn noch herabgesetzt und nur noch 1,50 M. gezahlt werde. Und das prahlt das marftschreierische Welthaus noch aus als zur Hebung des Wohlstandes und um dem allgemeinen Nothstande abzuhelfen." Die neue Omnibus- Gesellschaft, welche zur weiteren Bewältigung des Berliner Verkehrs begründet worden ist, wird bereits im Auguft ihren Betrieb eröffnen. Der Gesellschaft find vom Polizeipräsidium sechs neue Linien tonzessionirt worden, auf denen sie viele von der Verkehrsvermittelung bisher gänzlich ausgeschlossene Straßen berührt. Die Gesellschaft will für diese Linien insgesammt den Zehnpfennig- Tarif einführen. Rummelsburg, den 26. April 1892. Auf die Eingabe vom 19. d. Mts., betreffend den Umzug durch die Straßen von Borhagen- Rummelsburg und den Weitermarsch nach Stralau, gereicht Ihnen hierdurch zum Bescheide, daß der beabsichtigte, am 1. Mai abzuhaltende Umzug, welcher vom Lokal des Schantwirths Borchmann ausgehen und in der Gräflich Reischach'schen Brauerei enden soll, hierdurch verboten wird. Der Amtsvorsteher. Schlicht. • An den Vorstand des Arbeitervereins Rummelsburg, zu Händen des Vorsitzenden Herrn A. Rosenkranz au Rummelsburg. Versammlungen: Landsmannschaft der Schleswig- Holsteiner zu Berlin. Sente bend s uhr, Sigung mit Damen im Bereinslokal Souisenstädtisches klub= haus, Annenfir. 16. Landsleute willkommen. Lese- und Diskutirklubs. Freitag. Karl Mart. Abends 8% Uhr, bet Grube, Mariendorferstr. 10. eften, bei F. Rizing, Bülowftr. 52. Arbeiter- Sängerbund Berlins und Umgegend. Freitag. Uebungss Stunde Abends 9 Uhr. Aufnahme von Mitgliedern. Raifer'fcher Männerchor, Schönhauser Allee 28, bet Kuhlmey. Nord, Brunnenstraße 38, bei Gnadt. Borwärts 1, S.D. Adalbertstraße 21, bet Roll. Rummer's cher Gesangverein, Landsbergerstraße 31, bet Musehold. Buchbinder Männerchor Berlins, Alte Jakobstraße 75, bei Feuers teit( Buger), Seydelstraße 30. stein.- Maiglöckchen, Hochstraße 32a, bei Wilte." Gemüthlich= Jugendfreuden, Gartenstr. 162, bet Meißner. Fris, Röpnickerstr. 127a, bei Rüfter.- Gollegia, Reichenbergerstraße 16, bei Bagold. Johanni, Südersdorferfir. 45, Gesell Palme, in Belten, bei Schröder.- Blaue Schleife, schaftshaus Ostend. Borwärts6,( Gem. Chor), Nieders in Pantow, Mühlenstr. 24, bet Stöhr. Schönweide, bei Siebenbaum. Gänger Freiheit, Naunynstr. 43, bei Fröhlich. Morgenroth 4, Stopnic bei Wiedemann in Adlershof.. Wahrheit, An der Zwölf- Apostelfirche 7b, bet Framte.- Brüderschaft ( Hausdiener), Fischerstr. 41.- Karthaus'scher Gesangverein, Sichtenbergerstr. 21, bei Heife., Moabit", Wilhelmshavenerstr. 28, bei Brosch. Sund der geselligen Arbeitervereine Berlins und Umgegend. Ver= Freitag: Verein Grüne Tanne, bei Kayser, Markusstr. 8. gnügungsverein Alpenveilchen, bei Wenzel, Gr. Frantfurterstr. 99. Tambourverein Borussia bei Feldhahn, Weibenweg 12( Uebungsstunde). Ruf Sommer, Grünftr. 21:( lebungsstunde). Wirbel- Müller, Gartenstr. 62:( Uebungsstunde). -# Gesang-, Turn- und gesellige Vereine. Freitag. Männer- GesangQuartettverein verein union, Abends 9 Uhr, Berliner Bockbrauerei Wedding, Abends 8 Uhr, bei König, Gerichtsstraße 35. Männerchor albesrauschen, Abend 9 Uhr, bei etgt, Martgrafenftr. 87. PrivatTheaterverein Crescendo, Abends 9 Uhr, bei Schulz, Buttbuferstr. 35. Musttveretu Fusch", Freitag Abend 9 Uhr, Restaurant Rebeltn, Langestraße 108. " Achtung, Berufsmusiker! Da die Berufsmusiker wegen Ausübung ihrer Berufspflichten nicht in der Lage sind, ben 1. Mai in würdiger Weise festlich zu begehen, hat die unter zeichnete Kommission beschlossen, eine besondere Feier für die Berufsmusiker zu veranstalten. Dieselbe soll bestehen in einer Extrablatt- Schwindel. Am Mittwoch Abend gegen 9 Uhr wurde wieder ein von dem Herausgeber" Dstar Sauer, Große öffentlichen Musikerversammlung, in welcher ein Redner über die Bedeutung des 1. Mai sprechen wird. Nach dem Vortrage wird Frankfurterstr. 111, verfaßtes,& ytra blatt" in den Straßen ein gemüthliches Beisammensein stattfinden. Kollegen! Erscheint Berlins laut ausgeschrien. Es handelte sich um einen scheuß- möglichst zahlreich, denn auch für Euch hat der Arbeiter- Acht- St. Männer- Abtheilung turnt heute Abend von 8%-10% Uhr in der Zurn= lichen Mädchenmord" in Steinbach, worüber die Morgenblätter stundentag seine Bedeutung. Die Agitationskommission der halle des Lessing- Gymnasiums, Pantstr. 9-10. desselben Tages bereits berichteten, was aber den Extrablatt- Berliner Berufsmusiker. Schwindler gar nicht genirte, denn derfelbe läßt sich die NachBerliner Turngenossenschaft. Die erfte Männerabtheilung Leffing- Gymnastums Pantsir. 9-10. Turnverein Gesundbrunnen turnt Freitag und Dienstag Abend von 8-10% Uhr in der Zurnhalle bes Vergnügungsverein fperance, Abends 9 Uhr, Rosenthalerstr. 11-12, im Restaurant. Bergnügungsverein Beilchen, Abend 9X Uhr, bet Brauns, Drantenstr. 183 p. Geselliger Arbeiterverein Graphia, Abends 8 Uhr, Abend s úhr im Steftaurant Holzbächer, Dreiseftr. 8. bet Ritter, Mauerstr. 86. Unterhaltungsflub Schiller, jeden Freitag Vermischkes: richt, als Mittwoch Nachmittag um 6 Uhr geschehen telegraphiren! Polizeibericht. Am 27. d. M., Vormittags, wurde eine Und wie der Herr, so das Gescherr! Unverfroren brüllten die Frau vor dem Hause Wallstr. 78 von einer Droschke überfahren Extrablatt- Verkäufer die Nachricht als neuesten Mord" und erlitt einen Armbruch. Vor dem Hause Kronenstr. 19 aus, so daß die Käufer vermuthen mußten, das Verbrechen sei bestieg ein Herr in der Trunkenheit eine Droschte, fiel jedoch auf foeben in Berlin geschehen. Recht treffend bemerkte einer der der anderen Seite wieder heraus und zog sich dadurch so beBurschen, als er gegen 10 Uhr von einem Herrn an der Gollnow deutende Berlegungen am Stopfe zu, daß seine Ueberführung nach und Neue Königstraßen- Ece angehalten und gefragt wurde, ob der Charitee erforderlich wurde. An der Ecke der Borhagener sich der Mord in Berlin oder anderswo ereignet habe, bet und Warschauerstraße fand Nachmittags ein Zusammenstoß zwischen Theaterbrand. In Philadelphia brach am Mittwoch möchten Sie wohl wissen, wenn ich Ihnen det sagen würde, toofen einem Geschäftswagen und einem Handwagen statt, wobei der im Grand Centraltheater furz vor Beginn der Vorstellung auf Sie et ja doch nich!" Führer des letzteren, ein 11jähriger Knabe, zur Seite geschleudert der Bühne Feuer aus, welches rasch um sich griff. Die Dar wurde und außer einem Schädelbruch schwere innere Berlegungen steller und das Publikum wurden von einer förmlichen Banit er erlitt. Er wurde nach dem Krankenhause am Friedrichshain ge- griffen und stürzten den Ausgängen zu, wobei sich unter der bracht.- Abends sprang eine unbekannte, etwa 30jährige Menge ein förmlicher Kampf ums Leben entspann Ein Frauensperson am Luftgarten in den Schleusen Ranal, wurde Mann zog fein Taschenmesser und und bahnte sich den indem er alle vor ihm Stehenden niederschlug. jedoch wieder aus dem Wasser gezogen und bewußtlos nach der Weg, Charitee gebracht.- Nachmittags und Abends fanden drei Go viel bis jetzt verlautet, sollen 6 Schauspieler todt, Brände statt. gegen 70 Männer und Knaben, darunter viele schwer, verlegt sein. Mehrere Personen sollen infolge der Brandwunden erblindet sein. Die benachbarten Bureaus der„ Times" find mitabgebrannt, der Brandschaden wird auf nahezu eine Million Dollars geschäßt. Zu dem Unglücksfall, der den Tod eines Lehrlings in der Bantischlerei von Harms in der Schönhauserstraße herbeiführte und fiber den wir in der Mittwochsnummer berichteten, macht uns Herr Harms einige berichtigende und ergänzende Mittheilungen. Der Holzstapel, aus welchem der Lehrling ein eingetlemmtes Brett hervorziehen wollte, reichte nicht bis an die Decke, sondern war nur 1,40 Meter hoch. Der Lehrling hatte daher auch nicht behufs feiner Hantirung eine Leiter bestiegen, sondern stand auf ebener Erde, als die Bretter auf ihn stürzten. Zwei Aerzte waren auch nach wenigen Minuten bereits um den Berunglückten beschäftigt, und erst auf dem Transport nach dem Lazarus Krankenhaufe trat der Tod ein. Die Leiche des seit dem vorjährigen Dezember verschwundenen Grenadiers Hermsdorf von der 7. Rompagnie des Ersten GardeRegiments zu Fuß in Potsdam ist in der Havel bei der untersten Blanis angeschwemmt worden. Der Hauptmann und der Feldwebel haben sie festgestellt. Der Vater des Selbstmörders, ein alter Mann, hat viel Unglück mit seinen Kindern. Im vorigen Jahre wurde ein Sohn bei den Kanalisationsarbeiten in Potsdam verschüttet und fand dabei seinen Zod, dann nahm sich der jetzt aufgefundene Sohn das Leben, und vor etwa vier Wochen er tränfte sich im Griebnitzsee ein dritter Sohn des alten Mannes. Was aber die Veranlassung dieser Selbstmorde bildet, davon schweigen die Berichterstatter. In der Mittheilung über das am Montag von einem Bierwagen übergefahrene 21/2 jährige Mädchen hieß es von dessen älterer Schwester, in deren Begleitung das Kind war, dieselbe sei gleich nach dem Unfall entlaufen und bis Abend noch nicht zurückgekehrt. Der letztere Theil der Nachricht beruht auf einem Irrthum des Berichterstatters; die ältere Schwester war nach dem Unglücksfall nur zu ihrem Vater geeilt, um ihn von der Arbeit herbeizuholen. Gerichts- Beifung. Rechtsanwalt Stadthagen vor dem Ehrengericht. In der am Mittwoch stattgehabten Sigung des Ehrengerichts der Anwaltskammer wurde in dem Disziplinarverfahren gegen den Reichstags- Abgeordneten Rechtsanwalt Stadthagen verhandelt. Derselbe wurde von der Ober- Staatsanwaltschaft beschuldigt: Depeschen: ( Wolff's Telegraphen- Bureau.) 1. sich einer regierungsfeindlichen Partei angeschlossen, für Hamburg, 28. April. Für Venezuela bestimmte 50 Riften dieselbe agitirt und zwar so agitirt zu haben, daß Ver- Pulver, welche hier verschifft werden sollten, wurden auf Berfammlungen wiederholt wegen seiner Reden auf Grund anlassung des Konsuls Dr. Gonzalez beschlagnahmt. Das Bulver bes Sozialistengefeges aufgelöst wurden, ferner die wird nach dem hiesigen Pulvermagazin geschafft werden. Agitation benutzt zu haben, um das Vertrauen zu den ( Depeschen des Bureau Herold.) Richtern zu erschüttern und ferner auch zu Hohen- Neuendorf Kopenhagen, 28. April. Eine gestern Abend abgehaltene ein Hoch auf die Sozialdemokratie ausgebracht zu haben, Versammlung von Vertretern der Fuhrherrn, der Maurer- und 2. gegen den Landgerichts- Direktor Brausewetter und die Bimmermeister- Innung, der Kaltwerts- und Ziegeleibefizer, soBeisiger der zweiten Straffammer wiederholt Ablehnungs- wie der Entrepreneure und Kohlenimporteure beschloß einstimmig, anträge gestellt und zur Begründung derfelben Thatsachen den Kampf gegen die sozialdemokratischen Fachvereine fortzusehen angeführt zu haben, welche nicht seinem Mandanten, son- und nur Arbeiter anzunehmen, welche den Fachvereinen nicht dern nur ihm bekannt sein konnten: angehören, um so die bezahlten sozialistischen Führer zu ver 3. einen Klienten bei dessen Bemühungen, einen Gläubiger zu bindern, in Zukunft solche Arbeiterniederlegungen wieder erzwingen schädigen, in unerhörter Weise unterstützt zu haben. zu fönnen. Der Vertreter der Anklagebehörde hielt nach stattgehabter Kopenhagen, 28. April. Den Bemühungen von vier un Vernehmung des Angeklagten sämmtliche Beschuldigungen auf- betheiligten Bürgern ist es gelungen, eine Bermittelung zwischen recht und stellte den Antrag, den Angeklagten aus dem Rechts- den ausständigen und entlassenen Arbeitern und den Fuhrherrn Zu den noblen Paffionen des ,, Kavaliers" gehört es anwaltsstande auszuschließen. anzubahnen. Die Arbeiter wünschen jetzt ein Schiedsgericht, nicht nur, ein junges Mädchen mit allen möglichen Vorspiege Das Ehrengericht sprach den Angeklagten wegen des Punktes 3 in welchem der Oberpräsident von Kopenhagen, Geheimrath lungen zu verführen, sondern es dann auch dem Elend und der frei, da in dieser Beziehung nichts für die Schulb des Angeklagten Klein, eventuell den Vorsitz zu übernehmen bereit ift. Verzweiflung preiszugeben. Wie oft hat sich wohl schon ein spreche. Auch von der Anklage zu 1 fei der Angeklagte Verein der Fuhrherrn hält heute eine Sitzung ab, um den Antrag Drama wie das nachstehend erzählte abgespielt. Am Mittwoch freizusprechen, weil er nicht als Anwalt agitirt habe und seine der Arbeiter in Erwägung au ziehen. Abend sprang in der Nähe der Oberbaumbrücke ein junges Absicht nur gewesen sei, für seine politische Ueberzeugung ein- Wien, 28. April. Die Landeschefs erhielten die Weisung, Mädchen in die Spree, wurde aber, obschon bereits bewußtlos, zutreten. Hierin könnten einem Anwalte aber Beschränkungen daß die Staats- und Privatindustrien, deren Betriebe am Sonntag von einem Fischer gerettet und nach dem Krankenhause gebracht, nicht auferlegt werden. Dagegen sei der Ehrengerichtshof von gestattet sind, durch die Maifeier nicht gestört werden. Die wo der„ Nordd. Allg. 3tg." zufolge festgestellt wurde, daß die Lebens- der Ansicht ausgegangen, daß der Angeklagte bei den Ab- jenigen Arbeiter, welche auch am 2. Mai feiern würden, seien au müde die 28jährige Auguste Larisch aus Breslau sei. Dieselbe lehnungen nicht nur den Zweck der Wahrnehmung der Rechte entlaffen. wohnte seit einigen Tagen bei einer Frau A. in der Mariannen- feiner Klienten, sondern auch den Zweck verfolgt habe, die Richter Lemberg, 28. April. Der Staatsanwalt tonfiszirte eine für straße. Wie sie ihrer Wirthin erzählte, war sie aus dem elterlichen zu beleidigen. Hierin liege eine Verlegung der Berufspflichten, die Maifeier vorbereitete Arbeiterzeitung. Drucksachen jeder Art liefern gut u. zu ſoliden Preisen Böllhoff& Schumann, Teltowerst.17. Achtung! Südweßten. Händler( Parte noffen) gesucht!| Friedrichshagen. Soeben erschiene. Empfehle den Genoffen mein[ 2283L Mai- Fest- Album f.- Artikel, Cigarren- Geschäft. M. zahlr. Illustrationen ni pCt. Verd. M. Wartmann, Friedrichstraße 122. Probe- Exemplar für Bertin und auswärts gratis. Zu beziehen durch die Für Nieter! Die besten PorteDruckerei von 2727b monnaiestifte fauft man à Back M. 0,10, Hübner, SW. 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Reichstags- Wahlkreis Fadjuerein der Tischler. tung! Gürtlere, decher! Freitag, den 29. April, Abends 8 Uhr, in Brochnow's Salon( früher Drschel), Sebastianstr. 39: Versammlung der Parteigenossen. 330/12 Zages Ordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Vogtherr 2. Diskussion. 3. Wahl von Delegirten zur Parteifonferenz für die Provinz Brandenburg. 4. Wahl eines Mitgliedes zur Preßkommission der Berl. Voltstribüne". 5. Verschiedenes. " Das Erscheinen der Parteigenoffen des Wahlkreises ist erwünscht. Der Vertrauensmann. Achtung! Achtung! Genorren des 4. Berl. Reichstags- Wahlkreises Osten. Die diesjährige Maifeier findet Sonntag, den 1. Mai, in folgenden Lokalen statt: Brauerei Friedrichshain( Lips). ,, Elysium", Landsberger Allee 39-41. Konzert- Park ,, Viktoria", Frankfurter Allee 72-73. Die offizielle Feier findet von 4 Uhr an statt; jedoch find die Lokalitäten von 1 Uhr an geöffnet. Wir bitten die Genossen und Genossinnen sich recht frühzeitig mit Billets zu versehen, um den Komitees die Arbeit zu erleichtern. Billets find in allen bekannten Lokalen und bei den Vertrauensleuten H. Baumgarten, Bosenerstraße Nr. 4, b. 3 Tr.; R. Wengels, Stoppenstr. 41, vorn part. zu haben. Festzeitungen und Festzeichen werden an der Kaffe gratis vertheilt. 391/18 Das Komitee. Verein d. Bauanschläger Berlins u. 1. Versammlung am Sonntag, den 1. Mai, Nachm. 2 Uhr, bei Pyrtek, Gipsstr. 3. Tages- Ordnung: 1. General- Prüfungsbericht des Vorstandes über die Abrechnungen der Bergnügen 1891/92. 2. Aufnahme neuer Mitglieder. 3. Verschiedenes, Fragetaften. Maifeier. Bon 4 Uhr ab: Gemüthliches Seisammensein mit Familie, ver bunden mit Zanz und Vortrag. Die regelmäßigen Versammlungen des Bereins finden am ersten Sonntag nach dem 1. jeden Monats statt und werden daselbst neue Mitglieder aufgenommen. Auch Kollegen über 50 Jahr können sich melden. Der Arbeits- Nachweis des Vereins befindet sich bei Herrn Restaurateur G. Opatz, Sebastianstr. 50. 181/5 Fachv. d. Musikinstrumenten- Arbeiter. Sonnabend, den 30. April, Abends 8% Uhr, bei Keller, Berg- Straße 68: Vereins- Versammlung. E = Tages Ordnung: 436/2 1. Die Geschichte der Ehe und die Stellung der Frau in der Vergangenheit, Referent: Bahnarzt Wolf. 2. Distuffion. 3. Verschiedenes. Die Kollegen, die noch im Besik von Kommers- Billets sind, werden ersucht, so schnell wie möglich abzurechnen, da die Abrechnung am 9. Mai ftattfindet. Der Vorstand. Maifeier in Teltow Sonntag, den 1. Mai, Nachm. 4 Uhr, Ruim Schützenhaus- Saale Sonnabend, den 30. April, Abends 8% Uhr, in Norbert's Salon, Beuthstr. 21-22: General- Versammlung. Zages Ordnung: Die meisten Streifenden der Firma H. Krüger, Fabrit chirurg. Inftrumente, Artillerieftr. 23, find anderweitig unter gebracht. Nur wenn die früheren Arbeitsbedingungen, 9 Stunden Arbeitszeit und 10 pet. Zuschlag, bewilligt werden, wird die Arbeit dort wieder Die Kommission. 1. Raffenbericht des Rendanten, Bericht des Borstandes, der Bevoll aufgenommen. mächtigten, der Werkstatt- Kontrollkommission und des Arbeitsvermittlers. 2. Die Haltung des Verbandes zu der vom Fachverein geHellten Resolution. 8. Ersaywahlen des Vorstandes. In Anbetracht der am Sonntag stattfindenden Maifeler werden die Mitglieder ersucht, pünktlich zu erscheinen, um die Versammlung frühzeitig zu beenden. Mitgliedsbuch legitimirt. 412/14 Der Vorstand. Schmöckwitz. Gasthaus zur Palme. mitzumachen gebenken, theile ich ganz Allen Arbeitern, welche die Maifeier ergebenst mit, daß mein 2otal am 1. Mai gänzlich frei ist, ich bitte um werthen Besuch. Karl Kurras. Verein der Einsetzer( Tischler). Friedrichshagen. 146/13 Sonntag, den 1. Mai, Vorm. 9 Uhr, Neue Friedrichstr. 44, Mitglieder- Versammlung Zages Ordnung: 1. Die Bedeutung des 1. Mai. Referent: Herr Dr. Lütgenau, 2. Diskussion. NB. Den 1. Mai feiert der Verein im Jägerhaus, Schönhauser Allee. Der Vorstand. Maler u. Anstreicher. Am Sonntag, den 1. Mai, Bormittags 10 Uhr, bei Mundt, Röpniderstr. 100. 222/12 Große öffentliche Versammlung Tages- Ordnung: 1. Die Bedeutung des 1. Mai. Referent: Genosse Jul. Appelt. 2. Verschiedenes. Um das Erscheinen Aller ersucht Der Vertrauensmann. Aufforderung. der Allen Besuchern Friedrichshagens empf. mein Gartenlokal mit Kegelbahn. A. Blanke, Friedrichstr. 58. Allen Genoffen u. Bekannten empfehle mein Weiß und Bairisch Bier Lokal. Bereinszimmer mit Pianino, auch als Zahlstelle zu vergeben. 27856 A. Siebke, Briherstr. 40. 1882L Sophabezüge! Reste in Rips, Damast, Granit, Blüsch u. bunt. Stoff, pottbillig. Emil Lefèvre, Oranienstr. 158. Proben franko! Bitte lesen Sie! 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