Mr. W. Btonnem« ntS'Btdlnflunfl« n: HBonnemontS- Preis pränumerando: Vierteljihrl. 3,30 SRI., mono«. UO SRI., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pig. SomiiagS- »ununer mit illufiriertcr Eomiiags- Beilage.Die Sieue Welt' lO Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in der Post-Zeitungs» Preisliste für ISV» unter Nr. 8Ü03. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland S Marl pro Monat, «rfchtll« täglich»Bei montags. 20, Jahrs« Vevlinev VolksblAkt. vle fnIertlong-Ledilh? betrügt für die fechSgefpaltene Kolonel- zeste oder deren Raum 40 Pfg., für politifche und gewerlfchaftliche Vereins. und Versammlung«. Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Snreigen" jedes Wort 5 Pfg, (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis« Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen» tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr donnitttag« geöffnet. Telegramm- Aoreffe: „SodalgtBoknit Btrtii". Centralorgan der joeialdemokratiMen V�rtei Deutschlands. k.eäaktion: GM. 68» �.inäensreagge 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. IS8Z. Expedition: SM. 68, �.indenstrasoe 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. ,»»4. Rüstet zur Maifeier! Der Maifeier folgt die Mahlschlacht! „Jeiftije Arbeeter." Wir arbceten jeifiich; fctt is noch an- strengend. Frhr. v. d. Bottlemberg- Schirp, in der Berliner Bockbrauerci am 23. April 1903. Eine„unabhängige Zeitung für nationale Politik", die in Berlin erscheint, hat dieser Tage Betrachtungen über den zukünftigen Reichs- tag angestellt, in denen bittere äUage geführt wird, dah die Reichs- haiiplsiadt im Reichstage nicht vertreten werde von„großen und ausgezeichneten Männern der Kunst und der Wissenschaft, hervor- ragenden Professoren oder Anwälten. Spitzen des Handels und der Industrie", sondern von ganz unbedeutenden Persönlichkeiten.„Warum Herr Fischer den zweiten Wahlkreis Berlins"— so hieß es in der unabhängig-nationalen Klage—„den Westen, vertritt, weiß ich nicht, vielleicht kennen seine Wähler seine hervorragenden Eigen- schaftc», im Reichstage sind diese nie aiiS Licht gekommen." Nun, über dem Westen Berlins ist inzwischen das Licht eines ausgezeichnete» Mannes der Wissenschaft aufgegangen, der es auf sich genommen hat, diesen Herrn Fischer aus dem Reichstag zu ver- drängen. In der denkwiirdigen Bock-Versammlung am Donnerstag hat die Zierde der Wissenschast sich mit dem Herrn Fischer gemesicn. und Berlin kann auch nach den gefälschtesten Berichten ermessen, durch wen Intelligenz. Wissen und Kultur lvürdiger vertreten wird, durch die Rasse derer v. Wenckstern mid v. d. Bottlcmberg— Vertreter konservativer Wisienschast und des zur nationalen Er- Ziehung berufenen Junkerttmis— oder durch den Herrn Fischer, den socialdemokratischcn Agitator ohne Rang und Titel, ohne Von und Prof. Es wäre eine Beleidigung für unsren Reichstags-Abgeordneten deS zweiten Berliner Wahlkreises, wenn wir ihm nachrühmten, er habe über den Vertreter der akademischen Zunft„gesiegt". Nein, das ivar kein Sieg: denn es war kein Gegner da, mit dem es einen Wasicngang verlohnte. Herr Prof. v. Wenckstern. der Privatdocent mit dem voller klingenden Profesiortttel. war intellektuell und nach seiner „Bildung" gar nicht sattsfakttonSfähig. Einen Sieg aber haben die Tallseirde von Berliner Arbeitern errungen, die es über sich gc- wannen, diesen geistigen Führer der konservativen Nation und Wissenschast ruhig ausreden zu lassen, und die natürlichen Ausbrüche der Ungeduld und des Widerwillens immer wieder unter frei- williger Disciplin zügelten. Denn das Auftreten der beiden Herren v. Wenckstern und v. d. Bottlemberg. obwohl sie bis zur Feigheit sich„höflich" aufführten, war gleichwohl eine dreiste Provokation der Berliner Arbeiterschaft. Die Herren bemühten sich noch unter ihr eignes natürliches geistiges Niveau herabzusteigen. sie wagten es. der Berliner Socialdemokratte ein Gewäsch vor- zutragen. daS auf Idioten berechnet war; sie glaubten sich noch ein- faltiger stellen zu müssen, als ihrer Fähigkeit entsprach, um ja recht gemein mit dem„gemeinen" Volke zu thun. Für diesen künstlichen Idiotismus der Herablassung, der sich zu der natürlichen Minderwertigkeit gesellte, hatten unsre Arbeiter ein seines Gefühl. Sie empfanden die Verachtimg. die in diesem Verhalten lag. und wenn die Riesenversammlung trotzdem ohne nennenswerte Störungen Ruhe bewahrte— die anttsemitisch-konservattven Radaubcrichte sind Fälschungen—, so war das eine Meisterschaftsleistung der DiSciplin. Die ganze hochmütige Verachtung der Plebs zeigte sich in dieser niedrigen, demagogischen Umschmeichlmig. wie sie die beiden Edlen versuchten, und zugleich verriet das Verhalten die unglaubliche U»- wisienheit der Herren über die geistigen Bedürfnisse und Ansprüche des Proletariats, denen wahrlich ein Wenckstern noch bei weitem nicht genügen würde, wenn er etn socialdemokratischer Agitator und ehrlicher Mann wäre, Dennoch war das Auftreten der beiden erlauchten Volkserzieher in gewissem Sinne lehrreich. Die konservative Weltanschaimng beruht auf der Behallptung, daß die notwendige Herrenthätigkeit der Leitung des Volkes und der Produktion die materielle Bevorrechtung der herrschenden Klassen rechtfertigt. Da hatte der Berliner Arbeiter zwei dieser Herrenmenschen vor sich, zwei Mnster-Exemplare der Schicht, die den Anspruch erhebt, Leuler des nationalen Geschicks zu stellen. Welcher Arbeiter würde auch nur einen Pfennig aufwenden. um solche„geistige Arbeit" zu gewinnen! Die Herren haben keinen Beruf zu der von ihnen eingestandenen Anstrengung, die ihnen geistige Thätigkeit bereitet I Was wollte der Professor v. Wenckstern? Der junge Mann, mit den: inilitärischen Kommandoton und dem glatten Dntzendkopf, hat es selbst verraten. Er ist nämlich ein höchst naiver Streber. Er erschien als der schlichte Mann aus der geistigen Weristatt,»n, die deutsch empfindende Arbeiterschaft von der Socialdemokratte loS- zulösen. Solch ein Streben wird in hohen Kreisen äußerst angenehm empfunden, und da er unbeschwert durch geistige und Charaktcr-Gabcn ist, wird der erwartete Lohn sicher nicht ausbleiben. Er mag ordent- licher Professor, auch Minister werden. Dazu langt'S durchaus angesichts der guten Gesinnmig. wenn Herr v. Wenckstern mich in der Versammlung da« begründete Gefühl äußerte, der Herr Fischer habe ihn so behandelt, als ob er tWenckstern)„ein ganz duinmer Kerl, gewissermaßen ein Ochs" sei. Herr v. Wenckstern ist aber auch ein nicht uninteressanter Typ jener äußerlichen Schneidigkeit, die eine innere Feigheit bedeutet. Gewiß, der Mann wagte sich in eine vieltausendköpfige gegnerische Versammlung, ober nicht um seine Meinungen auszusprechen, sondern um sie elend zu verstecken und falsche Vorstellungen zu verbreiten. Der Herr Professor und sein Manager, der Freiherr v. d. Bottleni- berg-Schirp— die Schirps gehören wohl zu der Familie des Mannes, der„alles machte"— nannte kein Sterbenswort vom konservativen Programm, nichts von Zuchthansvorlage und Umsturz- gesehen, nichts von Gcsinde-Ordnmig und Beschränkung der Frei- zügigkeit, nichts von dein Streben, die Lebensmittel zu verteuern, Beide kamen lediglich als gute Freunde der Arbeiter. Professor v. Wenckstern, der sich als städtischer Konservativer vorstellte, hat in das„gute, treue Auge" des starken Mannes, des Herrn v. Kröcher geblickt, und da ist cS ihm klar geworden, daß die konservative Partei keine größere Sehnsucht habe, als den Arbeitern die Friedenshand zu reichen in christlicher Barmherzigkeit, „Wäre es nicht prachtvoll", rief er ans,„wenn Sie mal da§ Experiment machten und mich in deit Reichstag wählten? Dann würden Sie ja sehen, was ich alles für Sie thun würde." Worin das„was" bestünde, Hai er nicht verraten! Etwa in der Belehrung daß es ein furchtbarer Widerspruch wäre, wenn die Socialdemolratie im Innern den Klassenkanipf verkündete und zugleich den inter nationalen Frieden? Der ungelchrteste Arbeiter würde auf diese Bemerkung antworten: Der Grundsatz des internattonalen Friedens ist kein Widerspruch, sondern die zwingende Konsequenz des PrincipS deS Klassenkampfes; die zwei feindlichen Nattonen sind die Besitzenden und die Besitzlosen, und darum muß das Proletariat sich mit dem Proletariat aller andern Länder, d. h. mit den fremden Völlern friedlich verständigen. Oder wird Herr v, Wenckstern die Entdeckung seines Unternehiners, deS Freiherrn v, Bottlemberg vortragen, daß es das Verdienst des Junkertums gewesen, wenn wir 1806(!) uns von der französischen Fremdherrschaft befreiten? Jeder„Hand arbeiter" würde dem„jeistigen Arbeeter" klar zu machen suchen, daß eS die Junker waren, welche die preußischen Festungen, eine nach der andern, an die Franzosen verraten haben, Es ist gar nicht nottvendig, daS Experiment mit der kon- scrvattvcn Herrschast erst zu beginnen. Dieses Experiment ist seit einem halben Jahrhundert in Preußen-Deutschland furchtbare Thatsache, Wir brauchen nicht erst zu erproben, wir wissen es schon, waS die Konservativen dem Proletariat zu bieten haben. Die Wunden und Leiden deS Proletariats sind die Bethättgung der Herr schaft konservattver Bruderliebe. Oder hätte uns Herr v. Wenckstern noch etwas Besonderes, Ueberkonservattves zu bieten? Das mag sein. In der Versammlung freilich qualmte er vorsichtigerweise lediglich seine Friedenspfeife. WaS der Herr aber in seines Herzens Edelsinn wirklich erstrebt, das hat„der Herr Fischer" dem Professor aus seinen Broschüren reichlich nachgewiesen. Herr v. Wenckstern wird die Ansicht vertreten, daß „volle KoalitionS-, GewcrkvercinS- und Streikftciheit die ganze Ge- sellschast in das Belieben der von socialdemokrattschen Tendenzen beherrschten arbeitenden Klasien" ausliefert. Er wird deshalb eine Verschärfung der Znchthaus-Vorlage fordern mtd eine Abänderung des Vereinsrechts in dem Sinne, daß die Leiter und Gründer von Vereinen, die nicht auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung und der deutschen Verfassung stehen, wegen Hochverrats prozessiert würden, Alles das hat der friedfertige Herr v, Wenckstern, der geistige Arbeiter, in seinen Bcrsainmlnngsansprachen verschwiegen. Es Iväre interessant, zu erfahren, ob er auch seine Sdldenten in ähnlicher Weise behandelt, vielleicht mit Rücksicht auf den von ihm gleichfalls vertretenen Grundsatz akademischer Freiheit, daß der Staat sich„darüber zu orientieren habe, was denn die Herren Professoren in ihren Kollegien den jugendlichen Studenten mitzuteilen haben", und der Staat dann habe„imter Umständen an dicserStelle mit seiner ganzen Autorität einzugreifen". Der Wencksternsche ZukunftS-ZuchthauSstaat!— Sinkende Klassen verlieren alle Kulturkraft. WaS noch gesund an Geist und Charalter ist. leiht seine Fähigkeit der aufsteigenden Klasie, welche die Zu fünft pflügt. Die geistigen Arbeiter des Kon- servattvismuS, wie sie Herr v. Wenckstern vertritt, sind verkörpert« Verfallserscheinungen. DaS Proletariat aber hat nichts für sie übrig als Gelächter.__ politifche debcrficbt. Berlin, den 24. April. Reichstag. Die Blutthat in Essen wurde am Freitag vor dem Förmn der deutschen VolkSvertretmig verhandelt. Die Erregung der Bevölkentng in Essen ist so ungeheuer groß, daß daS Eenttum eS schon den Wahlaussichten des Herrn Stötzel schuldig war, eine Interpellation über den Fall Hüssener einzubringen. Es handelt sich dabei wieder einmal nm Blendwerk für die Wahlagitation, von einem energische» Widerstand gegen das System des Militarismus ist bei den bürgerlichen Parteien nichts zu spüren, am allerwenigsten bei dein betvilligungsfrohen Centrum, das Jahr um Jahr den Moloch mit ungezählten Millionen speist. Rur in geziemender Ehr- stircht und mit allergrößter Bescheidenheit wagt man sich an eine Krittk heran, wenn in einem besonders tollen Geschehnis die Schäden des Militarismus allzu offenkundig werden. Aas wollte die Jnterpellatton des CcntrumS? Sie verlangte eine offizielle Darlegung des Thatbeswndes und schloß daran die bescheidene Anregung, den Kadetten und Mannschaften— beileibe nicht den Offizieren— das Waffentragen, und zwar nur während des Urlaubs, zu untersagen. Ebenso zurückhaltend und vorsichtig war auch die Begründungsrede, mit der Herr Stötzel die Jnter» pellation einleitete. Er hütete sich sorgfälttg, eine eigne Meinung miSzuspreche», sondern berichtete nur von der ungeheuren Aufregung seiner Wählerschaft und teilte mit, was die Volksfttmme spricht. So bescheiden das Verlangen der Eenttlmisinterpellation war. so wenig Gnade fand es vor Herrn v. T i r p i tz. Es scheint ein Grundsatz der Militär- und Marineverwaltung zu sein, auch nicht in einem Titclchen nachzugeben. Die Forderung ans Einschränkung des Waffentragens wurde von Herrn Tirpitz rundweg abgelehnt. Es genüge, meinte der Staatssekretär, wenn die bestehenden Borschriften eindringlich eingeschärft würden, um derartige Vorfälle zu verhindern. DaS Verhalten der Freistnigen Volkspartei unterschied sich nicht allzusehr von dein deS Centrums, Herr L e n z m a n n donnerte zwar in den heftigsten Ausdrücken gegen den Thäter und fand treffende Bezcichmutgen für den Charakter deS rohen Pattons, aber auch in seiner Rede war kein Wort gegen das System enthalten, das der Effener Blutthat zu Grunde liegt. Rur unsre Partei steht in grundsätzlicher Gegnerschaft dem Militarismus gegenüber. DaS trat in der Rede Bebels scharf und entschieden hervor. Unser Redner erinnerte daran, wie die Dinge in ähnlichen Fällen immer verlaufet,. Zuerst flammt die Empörung gewaltig hoch, dann gehen einige Wochen ins Land, alles bleibt beim alten. der Thäter wird begnadigt und die Duelle, die Militärmißhandlungen. die Ittedersäbclnngen von Civilisten nehmen ihren Fortgang. Treffend erinnerte Bebel an den Fall deS Gefreiten Lück, der einen Civilisten, weil er ihn gefoppt hatte, bei der Flucht einfach niederschoß Das System des Militarismus, das dem Borgesetzten eine linerhörte Ausnahmestellung einräumt und dem jüngsten Offizier außerordentliche Machtbesiignisse in die Hand legt, das dem Soldaten im Urlaub die Waffen läßt und ihn mit allen Mitteln von dem Einfluß deö bürgerlichen Lebens fernhält, läuft darauf hinaus, die Armee zu einem Werkzeug zu machen, das weniger gegen den äußern und mehr gegen den inneren Feind bestimmt ist. Diese klaren Schlußfolgerungen waren natürlich nicht nach dem Geschmack des heiligen Paaschs, der den Einzelfall»ur preisgab, um das System selber zu retten. In der gleichen Richnmg bemühte sich Herr Tirpitz. Hierbei teilte er mit, daß der Charakter des Hüssener seinen Vorgesetzten schon lange keine Rätsel mehr aufgegeben habe. Er Ivar bekannt als leicht erregbarer Mensch, der sehr schroff gegen Untergebene verfuhr und keine Spur kameradschaftlichen Geistes besaß. Er sollte auch schon früher aus der Manne entfernt werden, aus ivelchen Gründen diese Entfernung nicht erfolgt ist, blieb unklar. Die in der Presse aufgetauchte Behallptung gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, daß Hüssener der Liebling einer sehr einflnß- reichen Persönlichkeit gewesen ist, die ihn mit ihrer schützenden Hand gedeckt hat. Kit der weitereit Debatte nahm noch Genosse Drees- b a ch teil, der das Gerede von dem Einzelfall gründlich widerlegte. Die Sttmmung der Konservativen fand in einer Rede deS Herrn v. Rormann ihren Ausdruck, der sich keinen Vorteil von der Erörterung der ganzen Angelegenheit im Reichstag verspricht— leinen Vorteil«lämlich für die Juiikerkaste und den versippten Militäradel. Der zweite Teil des Tages galt der ersten Beratung de» Marine-NachtragsetatS. Herr v. Tirpitz will durchaus seinen neuen Palast in der Bellevuestraße haben und hat eine geringfügige Ermäßigung deS Kaufpreises erreicht. Nach der heutigen Verhandlung scheinen aber die Aussichten für ihn nicht besonders günstig zu stehen. Genosse Singer wies eingehend nach, daß die finanziellen Verbesserungen gegen da« erste Projekt sehr geringfügig sind und nahm die Gelegenheit wahr, die Ausdehnung deS Monopols zu besprechen, daS den großen Berkehrsgesellschafttn zum Rachteile der Stadt Berlin gewährt wird. Vicepräsident Graf Stolberg flicht« zu verhindern, daß die Stellung des Monarchen in dieser Frage des näheren erörtert wurde. Aber das Notwendige hatte Singer durch- aus gesagt. Für die Vorlage traten nur die Natioualliberalen mit dem Grafen O r i 0 l a und die Reichsparteiler durch Herrn v. Tiedemann ein. Die Konservativen haben Bedenken und wünschen Kommissionöberatnng. Auch die regierende Partei scheint ivenig geneigt zu sein, die Fordenmg zu bewilligen; die Wahlen sind 0 nahe, daß das Centrum Wert darauf legen»mß. als Partei der Sparsamkeit aufzutreten. Herr Müller- Fulda erklärte sich sehr entschieden gegen das Projekt, mußte sich aber von Singer daran erinnern lassen, daß die Anforderungen der Marine nur desivegm jedes Maß jetzt übersteigen, weil daS Centrum die Flottenborlage bewilligt hat. In die Diskussion mischte sich auch Herr Binde- waldt mit einer antisemitischen Harlekinade. Der Nachtragsctat wurde schließlich der Budgetkonunission zur Prüfung überwiesen. Am Sonnabend wird die Krankcnkassen-Nnvelle weiter beraten werden.— Abgeordnetenhaus. Ten„Vertretern" des preußischen Volkes scheint die Lust am Arbeiten nun überhaupt vergangen zu sein. Das bewies die Sitzung vom Freitag. in der der-Präsident der Reihe nach alle zu den Anträgen auf Aenderung des Emkommon- stcner-Gesetzcs gemeldeten Redner aufrief, um zu konstatieren, daß niemand von. denen, die auf der Rednerliste standen, an- tvcscnd war. Und dabei verlangen die Herren noch, daß man ihren Anträgen Bedeutung beimessen soll. Im übrigen beriet das Haus die inhaltlich von uns be- rcits mitgeteilte Denkschrift über den Stand der Gewerbe- f ö r d e r u n g in Preußen, in der das wenige, was bisher für die Gewerbefördening geschehen ist, übersichtlich dargestellt wird. Die Denkschrift wurde durch Äenntnisnahme für erledigt erklärt, ebenso die Denkschrift über die auf Grund des Gesetzes vom 12. Juli 1900 zum Zweck der Errichtung von R e n t c n g ü t e r n aus dem Reservefonds der Rentenbanken gewährten Zivischenkredite. Der Unterrichtskommission über- wiesen wurde ein Antrag Dr. I d c r h o f f(fk.) betreffend die Regelung der Schulpflicht. Eine Debatte beliebten die Herren auch über diese wichtige Frage nicht. Sonnabend: Interpellation Lctocha über das Grubenunglück auf der Königin Luisen- Grube und kleinere Vorlagen.—___ Wahlvorbereitungen. Der Bettelgang der Millionäre. Die Matadore des junkerlichcu und induslriellen Großkapitals fahren fort in dem ebenso eifrigen wie aussichtslosen Versuch, der Socialdcmokratie im Wahlkampfc durch die Täuschungen und Fälschungen der unter dem Namen H. Bürger gehenden Broschüre „Sociale Thatsachcn und socialdemokratische Lehren" entgegen zu wirken. Ans den Inhalt der Broschüre ist es nötig nochmals zurück- zukonnnen. An der Spitze ihrer ncuereir Auflage prangt, um sofort die Lügenhaftigkeit des Ganzen zu kennzeichnen, die vernichtende Mitteilung, daß der„Vorwärts" noch nicht den Versuch gemacht habe,„irgend eine niciner thatsächlichcn Angaben zu widerlegen". „Damit— heißt es weiter— i st bewiesen, daß alle meine Angaben richtig sind. denn daß der„Vorwärts" sich die größte Mühe gegeben hat. einen wenn auch noch so kleinen Fehler zu finden, wird niemand bezweifeln." Der ehrliche Beauftragte des Großkapitals verschweigt klug, daß im Austrage des socialdcmokratischen Parteivorstandcs ans der Feder KautskhS längst eine Gegeirbroschüre erschienen ist, in der in aller Gründlich- keit der Unsinn, die Fälschungen und Verleumdungen, aus denen sich der Bürger-Schmarren zusammensetzt, aufgedeckt und widerlegt sind. Das Vettelcirkular, von dem wir sogleich zu sprechen haben, erwähnt die Gegenschrift, aber die Bürgersche Broschüre erscheint nach wie vor, ohne von dieser Entgegnung Notiz z»»ehwen. Wir können daher mit Recht gegenüber der Bürgerschen Lügenhaftigkeit sagen:„Damit ist bewiesen, daß alle unsre Widerlegungen des Bürger richtig sind." Freilich wundert es uns keinesivegs, daß Bürger lügt, es sei nicht einmal versucht worden, ihm Fehler nach- zuweisen,- denn würde er aus die Kantskysche Widerlegung ernst- Haft einzugehen versuchen, so hieße das den Bankrott des ganzen socialistentöterischen Untemehmens herbeiführen. Das darf man weder von Bürger noch von seinen Hintermännern fordern. ?! e n ist nun, daß diese Hintermänner trotz allen bisherigen Gebettels noch keinesivegs genug Geld erlangt haben, um den famosen„Bürger" an alle Wähler zu bringen, wie sie es wünschen. Darum wird jetzt ein weiteres B e t t e l c i r k u l a r versendet. Das uns vorliegende datiert vom 22. April. Darin wird zunächst an das Wachstum der socialdemokratifchcn Stimmen- zahl erinnert nnd die„Gefahr" geschildert, welche damit ver- bundcu wäre,„wenn etwa die Socialdcmokratie im deutschen Reichs- tage eine uiaßgebende Stellung erlangen würde". Es gilt also, dieser Gefahr entgegenzutreten durch die Verbreitung der Bürger-Broschüre an alle Wahlberechtigten in den Kreisen, wo mit der Socialdemolratie gekämpst wird. Darüber wird mm ausgeführt: „Die Zahl der in Betracht kommenden Wahlkreise beträgt 2G3 mit 87� Millionen Wahlberechtigten. Die Kosten für etwa zwei Millionen Exemplare sind bereits gedeckt. Es handelt sich also noch um die Aufbringung der Mittel für den Druck nnd zum Teil auch für die Verteilung von li'Z Millionen Exemplare», wofür naturgemäß sehr erhebliche Beträge erforderlich sind. Um diese decken zu könne», gelangt vorliegendes öiundschreiben au die für die betreffenden Städte, Bezirke, Arbeitszweige usw. maß- gebenden Herren, die hierdurch crgcbcnst gcbcteu werden, sc 50—200 M. bezw. unter Mitwirkung der ihnen nahestehenden Kreise je 300—500 M. aufzubringen nnd zur Verwendung für den bezeichneten Zweck an die Brrliiier Bank, Berlin W. 8, Charlottenstrasie 47, mit dem Vermerk „Für die Massenverbreitung der Bürgerschen Schrift" unter Benutzung inliegender Postanweisung einzusenden." Um den Sammeleifer anzuspornen, wird die Tollheit behauptet, „daß die deutschen Anhänger der Soctaldemokratie für ihre Partei nachgcwiescncnnntzen nlljährl ich b— 6 Millionen Mark an Beiträgen aller Art zahlen." Weiter werden die„marligen Worte des Kaisers zum thatkräfrigen Kampfe gegen die Socialdemokratic hcransbeschworen.„Wir hoffen deshalb, daß die Herren Empfänger dieses Rundschreibens unsrer ergebenen Bitte ausnahmslos zu cnt- sprechen die Güte haben werde." Schließlich wird erklärt, daß Eile not thut: der durchschnittliche Wähler brauche mindestens 14 Tage,„um eine inhaltsreiche Broschüre geistig zu verarbeiten", die Wähler sollen daher sämtlich schon Mitte Mai im Besitz des Bürger sein. Die Unterzeichner des Bettelbriefes sind keine„durch- s ch n i t t l i ch e n Wähler". Es sind Wähler und Gewählte bc- sondrer Art. Gleich an der Spitze marschiert Generaldirektor Kommerzicnrat B a a r e- Bochum, ein naher Verwandter des Schicnenfl ickers berüchtigten Angedenkens. Es folgt Dr. Ben in e r- Düsseldorf, ReichStagS-Abgeordneter für Verteuerung des industriellen Rohmaterials. Dann findet sich als besonders Sachverständiger in socialen Fragen Polizeipräsident Dr. v. Borries- Berlin. Weiter Freiherr v. Durant, Mitglied des Herrenhauses, der jüngst die Säuberung der Universitäten von Professoren forderte, welche nicht an alle Wunder glauben. Dann findet sich da zum holden semitisch-antisemitischen Bunde Kommerzienrat Fritz Fried- l ä n d e r neben K a n itz, Schwerin- Läwitz, Limburg- Stirum und andre Führer des Brotwuchers; ferner Bergwerks- direktor H i l b ck nnd Krupps einstiger Generaldirektor I c n ck e, als Vertreter der Schlotbaronie und des ZuchthauSknrses, neben FacobScötter, dem konservativen Mittelstaiidsrealtipnär u.s.f. n.s.s. Eine erlauchte Schar! Die schwere Not der Zeil treibt sie voran. Sie, die sonst stolz dem Bettelnden einen Almosen zuiverfen, werden selbst zu Bettlern und bitten um milde Gaben zur Ber- breitung einer Sudelei, in der ihre kapitalistische Herrlichkeit ver- teidigt wird gegen arme Arbeiter, lvelche in der Socialdemokratic die Bcrttetung ihrer Wünsche nach materieller und geistiger Erhebung gefunden haben. Wahrlich es muß bereits jämmerlich mit dem Kapitalismus gediehen sein, daß seine schwersten Berttetcr zu arm find, um selbst die nötige Summe zum Betriebe der Lügen sabrik zu steuern. Man bettelt an den Thüren! Die Angebettelten aber werden sich überlegen, ob sie nicht wenigstens ihr Geld besser anlegen sollen als in den Thorheiten nnd Unwahrheiten der Bürgeret, durch die kein denkender Wähler ge- täuscht wird.— Eine ZlflitatioiiStoiir auf Tod und Leben war die, welche Genossin Kähler mit Genossen Grumbt letzten Sonntag im 2l. Wahlkreise zu bestehen hatte. Des schlechten Wetters und Weges wegen wurde, wie der„Leipziger VolkSzcitnng" berichtet wird, um KönigSwalde zu erreichen, ein Wagen genommen. In Geyersdorf angelangt, hatte sich vor den ersten Häusern eine drei Melsr hohe Schncemcmcr gebildet, in der sich die Pferde vollständig festftihrcn. An ein Fort- kommen von dieser Stelle mit dein Wagen war gar nicht zu denken. Einige Bauern kamen, nachdem in den ersten Hänsern Lärm ge- schlagen war, mit Schaufeln zu Hilfe. Mit größter Mühe und?!ot und nach furchtbarster Anstrengung bei schrecklichstem Schneesturm gelang es. die Pferde aus dem Schnee zu holen, in dem die- selben mit der Zeit buchstäblich eingebettet waren. Doch nun galt es. die Frau Köhler ans dem Wagen herauszubringen, und das war auch kein kleines Stück?lrbeit. Aber auch diese Arbeit gelang, der Schncewall wurde durchbrochen und beim nächsten Bauer die Ober- kleider der Frau Kähler getrocknet. Bon einer Weiterreise nach Königswalde wurde augenblicklich, da alles erschöpft war. abgesehen. Nach einer Weile kamen zwei Genossen aus Annaberg.?!ach langer Beratung wurde beschlossen, den Weg auf Tod und Leben zu Fuß anzutreten. Es ging von neuem durch Schneewehen und über Glatteis- flächen, die Slugcn waren kann, aufzumachen. Um 4 Uhr nachmittags erreichten die Wanderer glücklich Königswalds zu dem Zeitpunkte, wo die Versammlung beginnen sollte. Frau Kähler war jedoch so erschöpft und abgcftännt, daß cS sich notwendig machte, die Ver- sammlung eine halbe Stunde zu vertagen. Das Lokal war bis auf den letzten Platz gefüllt nnd zloar zu einem Drittel mit Frauen. Alle Anwesenden lauschten mit Aufmerksamkeit der Referentiii, die eö verstand, in ihren Ausführungen so recht den Frauen klar zu legen, wie sie heute noch politisch rechtlos sind. Nicht endenwollender Beifall lohnte Frau Kähler für die Ausführungen und ihre An- strengnngcii. Auch unsre Genossen in Oranienburg hatten an dem Sturmsonntage eine Versammlung in dem Nachbarorte Sandhaufen. Trotz des Unwetters waren über 300 Personen erschienen, die der Rcfercnttn, Genossin Ihrer, lebhaften Beifall spendeten mid sich zum Schlüsse in einer Resolution verpflichteten, dein socialdcmo- lratischen Kandidaten ihre Stimme zu geben. veutlckes Reich. „Ich werde es nicht sehen".?sus der Pfalz wird uns ge- schrieben: Vor dem Landauer Kriegsgericht stand dieser Tage ein Lientenniit vom 3. bayrischen Chcvaiirleger-Regimeut, das in Dienze sLothringen) in Garnison liegt, unter der Anklage. Unter- gebene zur Begehung strafbarer Handlniigeii aiifgrssrdcrt zu babcn. Der Herr Lieutenant, Sohn eines Bankiers in Berlin, Namens Richter, hatte den Drill der Rekruten zu leiten. Um den Burschen das nötige militärische Ehrgefühl beizubringen, instruierte er die Unteroffiziere:„Wenn einer der Kerls nicht ziehen will, so schlagt nur draus, ich werde es nicht sehen." Vier Uitterofsizierc, die sub im Stalle befanden, gab er tlcichsalls den Rat, nur drauf zu schlagen, weim's inchl tlappe. tiefe Aufträge ließen die Unteroffiziere unbeachtet, ja sie beschlossen sogar, ans den Rat eines derselben, keine Hand wider die Leute auf- zuheben, denn so argnmentterten sie. wenn der Rittmeister von Mißhandlungen hört, so läßt uns der Lieutenant doch im Stich. Das Gericht kam nach einigem Ueberlegen zu einem Freispruch, indem es annahm, das was der Lieutenant gesagt, sei kein direkter Befehl gewesen!??ebcnbci sei hier noch bemerkt, daß Lieutenant Richter unlängst erst vor demselben Gerichte stand und wegen vorschriftS- widriger Behandlung Untergebener 12 Tage Stubenarrest davontrug. Begnadigtes Bürgertum. AnS Königsberg wird der„B. Z." gemeldet:„Die Königsberger Börsen garte naffaire ist bei- gelegt. Sie hat seiner Zeil viel Staub ansgewirbelt. Zwischen der Königsberger Bürgerschaft nnd den militärischen nnd staatlichen Be- Hörden kam es vor sechs Jahren zu einem Konflikt, weil ein Reserve- Offizier in einer von angeschenen Bürgerkreiselt veranstalteten Feier im Börsengarten angeblich nicht gebührend behandelt lvordcn sei. Infolge dieses Konflikts, bei welchen! auch der damalige Ober- Präsident Graf Wilhelm Bismarck eine euzennrtigc Rolle spielte, wurde der Börsengarten vom Militär boykottiert. Sieben Jahre lang hat dieser Boykott gedauert. Jetzt ist durch Ver- fügung des Gencralkontmandos den Militärkapellen wieder das Konzertieren im Börsengarten erlaubt und der Boykott für Offiziere und Beamte ausgehoben worden. Anscheinend haben die bürgerlichen Börsengartenkreis» im uu- erträglichen Schmerz der Entbehrung des doppelten Tuches die Versöhnlichkeit der Militärbehörde erfleht. Sieben Jahre mußte man dienen, um endlich der Begnadigung teilhaftig zu werden.— Eine echt ftrisiniiige Ableiignung bringt daS Organ Eugen Sit cht er S. Die„Freisinnige Zeitung" behauptet, der Berliner Kommunalfreisinn habe sich niemals für die Censuswahl aus- gesprochen. Das ist eine wissentliche Unwahrheit. Der Freisinn in der Berliner Stadtverordneten-Versammlung hat sich nicht einmal, sondern wiederholt mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gegen das allgemeine für ein Census-Wahlrecht entschieden. Erst in der Sitzimg vom 30. Januar v. I. hat der Stadtverordnete Cassel zugestanden, daß diese sStadtverordneten») Versammlung sich in ihrer großen Mehrheit für ein an cüier gewissen Seßhaftigkeit und Steuer- leisttnig gebundenes Wahlrecht erklärt habe. Hat Engen Richters Organ keinen andern Berus mehr, als seine Parteigenossen herauszulügen und über den Gegner Lügen zu erfinden! Hueland. England nnd die Bagdadbahn. London, 22. April.(Eig. Ber.) Mr. BalfourS Erklärung über den internationalen Charakter der Bagdadbahn findet hier keinen Glauben. Mau betrachtet die Bahn nach wie vor als ein deutsches Unternehmen, von dem England fern bleiben müßte. Die Agitation gegen die Regierung wird deshalb eine sehr bittere. Balsonr wird von der Presse einfach als Lügner hingestellt, der im Interesse Deutschlands die britische Ration irreführe. Stände nicht die irische Agrarvorlage zur Beratung, das jetzige Kabinett würde schon in den nächsten Wochen hinwcggesegt sein, denn es hat das Berttauen des Landes vollständig eingebüßt. Von den englischen Urteilen sei hier mir das der„Times" er- wähnt:„Während die Eisenbahn-Gesellschaft die Hilie des intcr- nationalen KaptralS sticht, ist sie vorsichtig genug, die Hertschast über das Unternehmen in deutschen Händen zu belassen. Wir beklagen uns nicht darüber. Dies ist nur natürlich und patriottsch, wenn auch mehr lüstern als klug. Aber darüber glaube» wir das Recht zu haben uns zu beklagen, daß eine britische Regierung so vorschnell sein könne, ein Unternehmen zu unterstützen, ohne es genau imtcrsncht zu haben, oder aber gegen unsre Interessen im Oriente so blind zu sein und dort ein deutsches Unternehmen mit bestem Wissen zu fördern.... Den Gewinn von der Bagdadbahn werden die Deutschen und vielleicht auch die Türken haben. Es kann deshalb nicht unsre Aufgabe sein, eine Politik zu unterstützen, die unsre Interessen ge» fährden oder gar positiv schädigen könnte." So weit unser Korrespondent. Inzwischen hat die Agitation der Presse Erfolg gehabt. Die englische Regierung hat die deutschen Bedingungen über den Beitritt englischer Kapitalisten zu dein Unter- nehmen abgelehnt. Damit wird sich englisches Kapital fern- halten. Die englische Presse jubelt über ihren Sieg. Die„Boss. Ztg.* übermittelt folgende Urteile: Der Abbruch der Unterhandlungen über die Beteiligung Eng- lands an der Bagdadbahn wird von allen Morgenblättern ohne Partei- Unterschied mit höchster Befriedigung begrüßt.„Times* beglückwünscht die Regierung auf das herzlichste zu ihrem Entschluß, indem sie sagt, der stürmische Beifall, der den Mit- teilnngen Balfours folgte, spiegele unzweifelhaft die Meinung des Landes wieder. Das Blatt hofft, die Regierung, welche weise genug gewesen sei, die„hinterhältigen gefährlichen Vorschläge der deutschen Gründer" zu verwerfen. werde sich auch weiterhin freie Hand vorbehalten.„Daily 3!ews" meinen, nicht?lntipathie gegen Deuffchland habe die Regierung zu ihrem Entschlüsse bestimmt, jedenfalls aber habe die britische Station nach der venezolanischen Episode beschlossen, nicht länger mit Deutschland zu liebäugeln, und in diesem Entschlüsse sei sie bestärkt worden, als Vorschläge gemacht wurden, wonach England sich in ein Unternehmen hätte einlassen sollen, welches zu Berwickelunge« mit Rußland, dem England den Weg nach dem P e r f i s ch eSt Golf versperrt, führen konnte. So sehr uns auch— sagt da? Blatt— t t antideutsche Feldzug eines Teiles oer britiichen Presse mißfällt, so brachte er doch indirekt den Gewinn, dem Publikum klar zu machen, daß Englands Zukunft in Asien von einer Ber- stand ig u ng mit Rußland abhängt.— Frankreich. Der Koiigregatiousstre'tt. AnS verschiedenen französischen Provinzpädten komm«, Nachrichten von Kintdgebnngen ans Anlaß der Schließung der Kongregattonen. Aus Gre noble wird gemeldet: Infolge des Gerüchtes, daß Truppen einschreiten sollten, im, die Kartäuser auszutteibeu, ver- sammelten sich am Donnerstag etwa 2000 Landleute vor dem Kloster und verharrten dort den ganzen Tag. Die Truppen erschienen aber nicht, nnd die Menge begnügte sich damit, von Zeit zu Zeit zu rufen „eö lebe die Freiheit, es leben die Kartäuser". Am Abend kehrten die ineisten heim, doch ließen sie eine Art Posten von 30V Mann zurück. Ans?! a tt c y wird telegraphiert: Bischof T n r i n a z erklärt in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten in scharfen Worten, daß Combes ihn durch seine Gewaltthätigkeit nicht einschüchtere, und dast er fortfahren werde, die Kongregationen zu beschützen. ?! i m e S. Die Ausweisung der hiesigen Franziskaner gab Anlaß zu einer Kundgebung: die Menge mußte von berittelMN Militär auseinandergetrieben werden. H a v r e. Hier kam es zu lärmenden Kttitdgebttitgen für und wider die ansgeiviesenen Kongreganisten, die schltetzltch in Raufereien ausarteten: 21 Verhaftungen mußten vorgenommen werden. Le- Man?, 23. April. In der heutigen Sitzung des General- rates des Departements Sarthe, in welcher Cavaignac den Vorsitz führte, kam es zu einem erregten Zwischenfall. Als der Generalrat in die Beratung eines Antrages betreffend die von der Rcgiermtg gegenüber den Kongregationen befolgte Politik eintreten wollte, ver- ließen der Präfett und die repnblikantschen Mitglieder den Saal. Das im Saale anwesende Publikum brach in stürmische Hochrufe auf die Republik aus. Die Sitzung mußte aufgehoben werden. Als Cavaignac da? Gebäude verließ, veranstaltete die vor dem Gebäude versammelte Menge eine lärmende Kundgebung.— Paris, 24. Slpril. Jaures veröffentlicht einen längeren Artikel über die DrcyfiiS-Affaire. Er erklärt darin, die Revision des Prozesses sei unvermeidlich und stellt an den Obersten Stoffel die Frage, von wem letzterem der Wortlaut des Borderemis mitgeteilt worden fei. Ferner fragt er den General Mercier, ob er es wage, schriftlich oder mündlich zu erklären, daß er, Mercier, niemals von der Photo- graphie des BordereanS mit der Randbemerkung des deutschen Kaisers Kenntnis gehabt habe. Die falsche Zeugenaussage Ecrunschis sei nunmehr augenscheinlich. Der Artikel jchließt mit den Worten: Der Zeitpunkt der legalen Justiz kommt heran, die Lüge liegt in den letzten Zügen._ LoubetS persönliche Politik. Paris, 22. April.cn ist. bcstimnit die Partei-Organi- sation des Wahlkreises._ Tie Gründung der deutsche» Socialdemokratie. Am 23. Mai 1803 traten in Leipzig 11 Personen zusammen und gründeten de» Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Ilnser Leipziger Partcigeschäft hat die 40jährige Wiederkehr dieses Tages zum Anlaß einer Festschrift genommen,»velchc die Parteilitterati, r iinr einen wertvollen Beitrag zur Parteigcschichte bereichert. Es cnt- spricht den« Eharakter der Festschrift, daß zwei chcmaligc Mitglieder des Leipziger Eentralkomitces zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbcitcrkongrcsscs, August Bebel und Julius Vahltcich, ihre persönlichen Erinnerungen aus den ersten im- sicheren Anfänge!, der deutsche» Arbeiterbetvegmig gegeben und dabei insbesondere da» sociale und geistige Milieu der damalige» Arbeiicr- Bilduiigsvereine gezeichnet haben. F r'a n z Mehring, der Ge- schichtsschrcibcr der deutschen Socialdemokratie. hat darin auf Grund neuer, bisher noch nicht benutzter Dokumente das Werk der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und die ersten Jahre seines Wirkens beleuchtet und im Zusmnmenhaiigc mit den politffchen Perhältnissen des damaligen Deutschlands geivürdigt. Eine Darstellung der Leipziger Parteigeschichte, die bis zum Gothaer Eini- gungslongreß mit der allgemeinen Parteigcschichte lvcscntlich zu- sainmenfällt, aus der Feder von Gustav I a e ck h sucht der Ent- ivicklung des Verbandes deutscher Arbeitervereine zur socialdcmo- kratischen Partei Eisenacher Richtung und der inneren Auseinander- sctzung zwischen Lassallcanerl' und Eiscnachcrn bis zu ihrer Per- schmclzuiig gerecht zu werden, mit ivelcher die Gründungszeit der deutschen Socialdemokratie als abgeschlossen gelten kann. Tie Bro- schüre bietet in vier Druckbogen reiches lind vielfach neues Material zur Parteigeschichte und ist auch künstlerisch gut ausgestattet; ins- besondere dürften sich die Parteigenossen für die zahlreichen Porträts der Vorkämpfer der Arbefterbewegimg und die Ausnahmen der historischen Lokale interessieren, in denen sich das Partcilcbc» damals abgespielt hat. Auch mit der Wiedergabe eines Oclgcmöldcs, das Lassallc mit dem bekannten historische» Spazierstock, einem Erbstück RobcspicrreS, zeigt, glaubt die Broschüre etwas Neues und Wert- volles gebotei, zu haben. Die bekannte Dichterin Klara Müller bat die Festschrift mit einem glänzenden Lcitgcdicht ausgezeichnet.— Der Preis der Schrift beträgt 40 Pf. polizeiliches, Genchtliches ufw. Da« Verfahren gegen den Genossen Gogowsti»vcgen angtbNckier Majestätsbelcidigung, begangen gelegentlich einer freisinnigen Ver- samoilung in Birnbaum durch Nichterhcbeu vom Platze dein, Aus- bringen des Kaiscrhochs ist, wie ihm von der Sraar-anwaltschaft in Meseritz jetzt mitgeteilt wird, eingestellt worden. — Ten staatsgesährlichen Tanz am 1. Mai hat der Polizei- Verwalter von Uetersen verboten mit der Begründung, daß die in Uetersen regelmäßig stattfindenden Tanzlustbarkeiten dem Bedürfnis vollauf genügten.— Da werden also vcriinitlich in Zu- kunft auch die patriotischen Schützen-, Tnri,- und Kriegervereine von Uetersen sich die außergewöhnliche Tanzlust verkneifen müssen. Oder nicht?_ Huö Induftrle und fjandd. Zur wirtschaftlichen Lage der Werkzengmaschinen- Fabriken. In einer jüngst unter dem Borsitz des Geh. Koinnierzienrats Schieß- Düsseldorf zu Frankfurt a. M. abgehaltenen Ausschußsitzung des Vereins dcuftcher Werkzeugmaschinen-Fabriken fand nach der„Rhein.- Wests. Ztg." ein Meinungsaustausch über die Geschäftslage statt. Es wurde festgestellt, daß die auf verschiedeuest Gebieteü des Wirt- schaftslebeiis seit einiger Zeit»vahrnchmbare Besserung lieuerdiiigs auch auf den Werkzeugmaschinenbau zurückzulvirke» beginnt. Die Arbcitsmenge ist freilich der Leistungsfähigkeit der Werke noch lange nicht entsprechend, die Preise sind sehr schlecht, aber das Geschäft zieht an; die Hütten- inft) Walzwerke beginne» wieder, neue Bc- stellungen zu machen und auch in midren Industriebetrieben tritt wieder mehr Bedarf für Werkzeugmaschiiien hervor, so daß die im Laufe der laugen inländischen Absatzstockung stark nngewachsencu Vorräte an Marttlvare< leichte Drehbänke n. dergl.» sich zu lichten ansaugen. Vermißt werden noch umfangreichere BestelllMgen für die Staatseisenbahiien, Marine- und Militäriverkstätken, die in dem neuen Etatsjahr bisher in sehr geringem?Naßc erfolgt sind. Tie betrefseudell Verwaltungen hätten, so heißt es in de», Berichte, gerade jetzt Gelegenheit, den von ihren technische» Beamten vielfach als sehr nötig erachteten Bedarf an Werkzeugmaschinen zu den heute so incdrigen Preisen zn decken und so ans billige Weise sich die technischen Errungenschaften der Neuzeil im Van von Werkzeug- Maschinen durch Auswechselung der stelleiilvelse veralteten und wenig leistungsfähigen Maschinen in manchen ihrer Werkstätten zu mitze zu machen. Allgemeine Lokal-«nd Straßeniahu- Gesellschaft, Berlin. Nach dem Geschäftsbericht für das Jahr 1002 erbrachte der Bahnbetrieb bei sämtlichen Beftiebsverwaltnngen eine Eimiahme von 5 070180 Mark, 75 579 M. mehr als im Vorjahre, während die Stromlieferung für Licht und Kraft der ElcklricitätSwerkc zu Bromberg und Frankfurt 231 190 M. an BctriebSeiililahmen ergab(7750 M. mehr als in 1001); doch kommt bei der Beurieilmig des Betriebs- rcstiltats in Betracht, daß belanutlich im Mai vorigen Jahres das Aktientapital von 15 auf 17 Millionen Mark erhöht worden ist. und außerdem durch Begebung einer neuen An- leihe das Obligatioileneonto von 20,30 ans 32,06 Millionen Mark stieg. Mit Eimchkiltz des EffektcuerwngeS, der sich auf 1 178 073 M. gegen 586 952 M. im Vorjahre stellt ihaupisächlich infolge des beim Verkauf der Karlsruher Straßenbahn-Aktien erzielten GelvimleZ), und andrer kleinerer Eiunahmen beträgt die Gesamteinnahnic 7 251 M5 M. (in 1001— 6 506 010 M.). Nach Abzug der Gehälter. Unkosten, Zinse»«, Abschreibungen ee, bleibt ein Neingewiim von 1200 60t M., von dem eine Dividende von 7 Proz. ans das alte Kapital»nd 4 Proz. ans die 2 Millionen Mark neue Aktien verteilt werden soll. Stettiuer„Vulkan". Räch dem Rechenschaftsbericht erzielte im letzten Geschäftsjahr die Gesellschaft einen Fäbrilationsgelviiin von 3 001 134 M.(im Vorjahre 3 233340 M.l, zu dem noch 120 684 M. an Sieuer-Rückerstatümg und 430 843 M.. an Zinsen hinznkommeu. Nach Abschreibungeii von 2 533 098 M.(1910 050 M) verbleibt ein Reingeivinn von 1 027 387 M.(1 914 875 M), der folgende Vcr- wciidimg finden soll: Garantiefonds 210000 M.(100000 M.), Rcserve-Baufoiids 06 013 M.(201511 M.), Pensionsfoilds 50 000 2N. (wie im Vorjahre), AnSstelliingS- und Versuchscouto 16 000 M. (30 000 M.). Dc>i«ioneii 44 262 M.(22 253 M). Tanticiiien III III M.(»vie im Vorjohre), ferner 14 Proz. Dividende 1 400 000 M. lwie im Vorjahre) Ueber die Lage de? Unternehmens während des letzten Jahres heißt es im Geschäftsbericht: „Die Beschäftigllilg des Werke? war im allgemeinen eine befriedigende. wenn mich gegenüber der sehr ongespamilen Thätigkeit des Vorjahres um eine etwa lO Proz, heraibgeminderte. Im- Vergleich iiilt den cmdeni Industriell des Landes ist der Schiffban bei der rückgäugigeil Belvegung bisher nicht so sehr i» Mitleidenschaft gezogen worden und ist der Gesellschaft miS de» älteren Verträgen für das laiifeiidc Jahr noch ein ArbeitsgUautiim verblieben,»vclcheS einen regelmäßigen Betrieb in Aussicht nehmen läßt. Dabei muß aber doch damit g e r e ch n c t lv e r d c n, d a ß e i n e t e i l w c i s e R e d n k t i o n d e r A r b e i t e r s ch a f t eintreten >v i r d,>v c il n der Gesellschaft nicht größere neue Aufträge ans Kriegs- und Handelsschiffe z n- fallen. Im Lokomotivban war die Beschäftigullg während des ganze» Jahres eine gute, die AuSfchreibiingri» seitens der ptcnßischen Staatsbahiicn erfolgten in gewohnter Weise und war dies für die Beschäftigniig aller Lokomotivfabrikcn wie auch für die Stahl- und Eiscnindnstric von größtem Werte. Die höchste Arbeiterzahl ivährcnd des GefchgstsjahrcS betrug 6717, die niedrigste 5668. A» Löhnen wurden imfganzcii 6 640 040 M. bezahlt. Attieli-Gefellschaft Friedrich Krupp. Vorgestern hat hier in aller Stille die Koustitiiiernilg der Attien-Gesellschast Friedrich Krupp statt- gesunden. Das Aktienkapital beträgt 160 Millioneit Mark. Es lvird angenommen, daß alle für die Eiiilragimg der Gesellschaft i»S Handelsregister noilvendigen Formalitäten in den nächsten Monaten erledigt werden, so daß die Gesellschaft am 30. Jmti V.J., mit welchem Tage daS Geschäftsjahr der Firma Krupp zn Ende geht, ihre Thätigkeit beginneil kann. Der Vorstand lvird aus dem Landrat a. D. Rötger als Vorsitzenden und den übrigen bisherigen Mitglieder» des Direktoriinn« der Firma Kmpp mit Ausnahme des Herrn bestehen, der aus Ge- jluidheitsrückfichten m diesem Sommer sich von den Geschäften zlwückziehen wird. Der AnssichtSrat lvird besleheit ans dem Geb. K o m in e r z i e n r a t H a r i m a n»»- D r e S d e n als Vorsitzenden, dem S t a a t S m i n i st e r v. T h i e l e n als stellvcrtreienden Bor- sitzenden. Geh. Jllstizrat v. Simson und dem Bankier Ludwig D e l b r ü ck- B e r l i n. Die Aktien sollen, wie schon früher bekaimt geworden ist, geschlossen in Kruppschem Besitz bleiben.— Ackiimiilatoreu- nni» Elcktrieilätswcike. Akiicugcscllschasi, vor»,-als W. A. Boese u. Co., Berlin. Das Geschäftsjahr 1002 schließt mit einem Verlust von 316 206 M., der ans dem Reservefonds gedeckt iverden mutz. Zumeist ist der Ausfall durch den Rückgang des FabrikationSgewimieS verschuldet, der von 766 373 M. im Borjahre ans 403170 M.. gesnnlcn ist. Zur Sanierung schlägt die Verwaltung die Zuzahluug von 400 M. pro Aktie vor(das Aktienkapital betrügt 4 500 000 M.), und zwar gilt die TrauSakrion als perfekt, wenn bis zu einer vom AuffichtS- rat zu bestimmenden Frist die Zuzahluug von mindestens l Million Mark in bar stattgefimden hat. Für diese Zahlung von 400 M. erhält der Aktionär einen ans den Namen lantendeil übertragbaren Gewinn-Anteilscheiil, unter gleichzeitiger Umwandlmig seiner Aktie in eine AorzngSaltie. Die Gewimwerteilung soll in der Weise stattfinden, daß nach Doticrinig der Reserven und der Ab- schreibuiigen die Gewiilnanteilscheinc eine Zahlung bis zu 6 Proz, 24 M. pro Anteilschein und die Vorzugsaktien eine solche bis zu 6 Proz, Borzugsdivideiide erhalten. Die Gewinn-Rnteilscheiile sind-jii amortisieren. und zwar derart, daß mindestens l'i des mich vollständiger Dotiermig der Gelvinn-Aiiteilscheine und Vorzugsaktien verbleibenden Reingewinnes zn diesem Zwecke verwendet lvird. Alsdann erhalten die Stammaktien bis zu 4 Proz. Dividende, und der hierans sich ergebende Rest wird zwischen Vorzugsaktien und Stammaktien im Verhältnis geteilt. Neue Berliner Omnibus Nklieugescllschaft, Berlin. In der gestrigen außerordeiitlichen Geileralversammlniig wurde nach längerer Debatte der Verwaltung die Ermächtigung zur läuflichen Ucber- lassnng einzelner Zlltiva und Uebergabe des Betriebes an die Allgemeine Berliner OmnibuS-Akticngcscllichaft erteilt und die hierzu erforderliche Statuleuänderimg genehmigt.' � Sociales. Tos V-lkSzählungswerk 1900. Soeben veröffentlicht, wie tvir der„Berliner Korrespondenz" eninehmen. das kaiserliche Statistische Amt ein umfassendes Werk über die Volkszählung vom 1. Dezember R900 in den Bänden 150 und 151 der„Statistik des Deutschen Reiches", nachdem einzelne Ergebnisse dieser Zählung schon im Februar 1901 nn„Deutschen Reichs-Anzeiger" und weitere in den„Viertcljahreshcftcn zur Stattsti! des Teutfthen Reiches". Jahrgang 1901 und 1902, zur all- gcmcilicn Kenntnis gebracht worden sind. Bei der nunmehrigen Veröffentlichung handelt cö sich um die ausführliche Tarstellung der Zählungselgebnisse füt das Reich und die Biiudcsstäaten, zu der«» besseren Würdigung auch Vergleiche mit früheren und mit au?» ländischen Zählungsergcbnissen beigefügt sind. Das Werk gliedert sub in drei Teile, cincn tcxtlich-wissenschaft« lichen, einen graphischen und einen tabellarischen Teil. Bei der text- lichen Tarstelluilg werden cinleitungsweise die Entwicklung und die gegenwärtige Bedeutung der deutschen Volkszählung, ferner die Ein- richttuig und Durchführung der Volkszählung 1900 sowie der im Auslände, an der Jahrhundertwende veranstalteten Zähinngen gc- schildert. Die Ergebnisse selbst sind in 14 Abschnitten behandelt,»nd zwar haben diese zum Gegenstände: 1. Größe und Wackstiinx der Bevölkerung; 2. die Bevölkermig nach dem Geschlecht; 3. Dichtigkeit der Bevölkerung; 4. die Bevölkerung in Stadt und Land; 5. die Be- völkernug nach Haushaltungen; 6. Alter und Familienstand der Be- Völkerimg; 7. Religio» der Bevölkerung; 8. die Bevölkerung nach der Muttersprache; 0. Reichsangebörige und Reick,»ausländer; 10. Ge- bürtigkcit der Bevölkerung(Binnenwanderungen); 11. Wohngcbäude im Reickc; 12. die Bevölkerung nach Gerichts-, Reichsiagsivaht-, Zoll- und kirchlichen Bezirken; 13. die Bevölkerimg aus de» deutschen Schissen im Auslande; 14 die Bevölkerung des Reiches nnd des Auslandes im 10. Jahrhundert Zur Vermischaulichung der be- merkenswerteren Ergebnisse sind dem Text 16 Karten(Karto- und Diagramme) beigegeben. Das Tabellcnwcrk umfaßt 20 Tabellen, die teils in Band 150, teils in Band 151 der„Statistik des Deutschei, Reiches" ent- halten sind. Das Gesamtlverk(1400 Seiten gr. 4", Verlag bei Puttkammer u. Mühlbrcchi, Berlin, 8 M. für Band 150, 4 M. für Band 151)j hat nicht bloß die an sich vielseitige Bedeutung dci Darstellung einer gewöhnlichen Volkszählung, sondern bietet mit Rücksicht auf den Charakter der Zählung 1000 als Säkularzählung und Teil einer in allen Kulturstaatcii um die Jahrhundertwende vorgenommenen Welt- Zählung ein ganz besonderes Interesse, für Zwecke der Verwaltung sowohl wie der Wissenschaft,__ Reichs Arziieftiixe. Die Ortsbeankeukasse Leipzig hatte, wie wir der„Leipziger Bolkszeittuig" entnehmen, in ihrer Eigenschaft als gcschäsrönihrende Kasse dcS Ccntral-VcrbandeS der OrtS-Krankeiikassen im Deutschen Reich an da-? Reichsamt des Innern den Vorschlag aus Schaffung einer allgenicincii Reichs,-Arzneitaxe gelange» lassen. Die Eingabe ivar ans eincii Beschluß des erwähnten Central- Verbandes zurückziiführeu. Nach einer Mitteilung des Reichsamts ist die Eingabe cm das Reichs- Gesundheitsamt weitergegeben worden. da? sich rückhaltlos dem Vorschlag angeschlossen hat. Hierauf hat jdcr Reichskanzler den Vorschlag den' einzelnen Bllirdesregierililgcn mit dem Hinzufügen mitgeteilt, er halte die Anreguiig für beachtenswert, da es nur erwünscht sein könne, wenn auf diesem Wege einheitliche und soweit möglich, billige Arzneipreise eingeführt würden. Das preußische KultttSministerium hat sich grundsätzlich mit den Vorschlägen einverstanden erklärt unter der BorauSsetznng, daß die wesentlichen Grundzüge der geltenden preußischen Taxe zu Grunde gelegt iverden. Das sächsische Ministerium verhält sich ebenfalls nicht ablehnend. Im tveitereu sei noch mitgeteilt,, daß auf Antrag des ärzt- lichen Bezirlüvereins Leipzig-Laud der am 26. nnd 27. Jimi in' Köln stattsiildende XXXI. deutsche Aerztetag sich eben- falls init der Schaffimg einer allgemeiuen Ncichs-Arzneitaxe befaßt. Der von genaimtcm Verein zur Verhandlung eingebrachte und auch auf die Tagesordiiuug gesetzte Antrag lautet:„Der Vmidesrat Ivollc beschließen, daß die laut§ 80 der Gclverbe-Ordmmg zu erlassenden Arzneitaxen unter Bernlittelmig des ReichS-Gesnndhefts- anlts für alle Bundesstaaten gleichlautend'festgesetzt werden." ES wäre nur zu wüusche», iveuu endlich einmal die vielen, mitutlker recht sehr verschiedeneu Taxen ciumal verschwinden würden. Die sächsische Arzneitaxe lvird alle fünf Jahre neu aufgestellt; jedes Jahr erscheint jedoch ein Nachtrag zu derselben. GewcrkrchaftUcbes. Berlin und klmgegend. Zur Lolnibeweguiig der Baiiklempilcr, Ans Wunsch deS Jnnungs- borstandes fanden am Donuerstagabend Verhandluiigen zur event. Vcileginig des Streiks mit der Tarifkonnniffioil der Stteikendcn stall. In der etiva dreistüiidigeil Sitzung kam es nl»i zn eincr lebhaften gegenseitigen Aussprache. Während die Arbeitervertreter mit Entschiedenheit die gänzliche Beseitigung der Accord- arbeit in diesem Benife forderten und auch für möglich hielten, erklärten die Unteniehnier, ans dieselbe nicht vollständig verzichten zu können. Die AnSstihrnugeii der Arbeiter in diesem Plmkte aber mußten doch nicht ohne Eindrnck ans die Meister geblieben sein, denn bei der AbstimmilNg votierten die Inhaber von drei der größten Firn, eil fiir die Abschaffung der Aceordarbcit, die übrigen silminten allerdings dagegen, lieber die anderweitigen Forde- rnngen der Arbeiter bezüglich der Fahrzeit- Entschädigung. Arbeitsschluß am Somiabend usw. winde bald eine Einigung erzielt. Ander? jcdock, bei der Lohnfrage. Die Unternchmer wollten 45, 50 nnd 55 Pf. Stimdenlohn bewilligen. Von den KoimiiissioiiSmitgliederll der Arbeiter lag uilisoweniger ein Anlaß. von ihrer Forderung des 60 Pfeimig-Löhnes abzilgehen, vor. als dieser Satz bereits von der erdrückenden Mehrheit der Arbeitgeber bewilligt ist. Als letztes Zugeständnis schlugen die Meister vor, vom 1. Jnni d. I. resp.»ach Beciidignug des Streiks 57>/z Pfemiig pro Stuildc zu zahlen und„später", vielleicht zinn 1. April 1905, die jetzt geforderten 60 Pf. Auf dieses Angebot ko>, Ilten sich die Arbeiter ohne ZustimnlUllg der Streikende» natürlich nicht euilasieu, und so imißten die Vcrbandluugen abgebrochen weiden, ohne ein end- gültiges Resultat zu zcittgcu. In der gestrigen Versammlnug der Streikenden wurde der Bor- schlag der Meister einstimmig abgelehnt. Er war Vor- sorge gctroffeu, daß kein Nichtstreilender über dieseu Pimkl mitreden oder initstimmc» konnte. Sämtliche Anwesende waren der Meinung. daß mir nach Vewillignng de? geforderten Minimallohnes von 60 Pf. die Arbeit wieder aufgenommen werden könne. Zum Streik der Kutscher von der Milchcentrale ist zn berichten, daß die Streikenden nach wie vor einig zusammenhalten. Streikbrecher sind aus deren Reihen nicht zu verzeichucn. Die Centrale hat heute wiederum die Wagen mit Schweizer und Hofleuten bc- setzen lassen. Der Umsatz von Milch ujlv, ist bedeutend gesnnlcn, da das Publikum auf scitcn der Kutscher steht. Am Freitag hatten die Streitenden durch ein Flugblatt die Bevölkerung von der Ursache des Streiks Mitteilung gemacht. Außerdem ist zu berichten, daß Herr Ring-Tüppcl etliche Kutscher in der Nahe de? StreitlokalS zur Rede stellte und sich bereit erklärte, einen von den Gcmaßregelten Ivisder einzustellen. Tie Kutscher gaben aber die Erklärung, nur wenn beide Entlassene eingestellt würden, solle die Arbeit sofort auf- gciiommen werden.— In der Pcrsainmlimg, welche die Streikenden abhielten, wurde ebenfalls beschlossen, die Arbeit nicht eher auf- zunehmen, bis nicht die ztvei entlassenen Kollegen wieder ein- gestellt sind. Achtunz, Schneider; Aus Lausanne, wo die Schneider streiken, wird uns telegraphiert, daß daselbst Schneider aus Berlin angekommen sind. Es wird ersucht, den Zuzug fern- zuhalten. Zur Lohiibewegiiiig der HStzbearbeitt-ngsmaschiileii- Arbeiter. Wie beute festgestellt werden tonnte, kennzeichnet sich die gestrige Annoncengeschichte in der„Volks-Zcitung" als ein vollendeter Schildbürgerstreich des ArvcitSnachwcis-Burcaiis in der Alexander- straße, welches bekanntlich unter der Leitung des Obermeisters R a h a r d t steht. Am Freitag voriger Woche nämlich, als die Einigiingsverhandlungen zwischen den Streikenden und deren Ar- bcitgebcrn vor dem Gewcrbcgcricht gescheitert Ivgrcn, hatten die Fabrikanten noch eine Bersannuluiig, woselbst, lote erinnerlich sein dürfte, unter den» Einflüsse des Herrn Rahardt jede weitere Ver- handln, ig mit tzcn Ansstäiidigen resp. Ausgesperrten avgclchnt wurde. In dieser Vcrjnunuluug ist min auch beschlossen worden, im Name» sämtlicher in Betracht kommender Unternehmer nach neu an- zulernende» Arbeitskräften zu annöncieren. Jene Beschlüsse wurden damnls gegen eine starke Minderheit gefaßt, die sich dann über Nacht plätzlich in eine Mehrheit verwandelte und gleich am nächsten Tage(am Sonnabend voriger Woche) die gefaßten Be- schlüsse wieder umstieß. Unter Ausschaltung der Herren Rahardt und Plothen ttniröc eine neue Kommission gewählt, die denn auch mit den Streikenden in neue Verhandlungen«intrat. Natürlich war es Herrn Rahardt keineswegs angenehm, von dem größten Teil der Fräsereibesitzer in dieser unsanften Weise beiseite geschoben zu werden. Er hielt sich noch immer an den Freitagsbeschlutz ge- dunden, obgleich sich schon eine ganze Anzahl Arbeitgeber mit ihre» Arbeitern geeinigt hatten, und die Folge war. daß von„seinem" Machweisburean aus jene allarmierende Annonce um diverse Post- tage verspätet in die„Volks-Zestung" eingerückt wurde. Die LZ Arbeitgeber, bei denen bereits eine Einigung erzielt war, lheute sind es schon L9), waren bei dem Anblick der Annonce selbst wie aus den Wolken gefalle», an den darauf Bezug habenden Beschlutz hatten sie gar nicht mehr gedacht. So klärt sich denn diese Ge- schichte als ein verhältnismäßig harmloses Zwischenspiel auf. das aber dennoch seine Folgen hat. Durch die Annonce haben die bock- beniigen Arbeitgeber nämlich die Aussperrung für ihre Betriebe auf- gehoben, deshalb sind sie jetzt von den Arbeitern gesperrt worden. Diese Betriebe sollen nun so lange gemieden werde», bis jene Annonce widerrufen ist. Das GenierschaftSkartell für Berlin und Umgegend hat dieser Tage seinen Jahresbericht für 1902 herausgegeben. Derselbe enthält nach einer Nebersicht über die Thätigkeit des Kartells Berichte der einzelnen Organisationen. Dem Kartell sind 24 Gewerkschaften angeschlossen. Sie hatten zusannnen 1901 10 137, Ende 1902 9917 Mitglieder. Die Mitgliederzahl der einzelne» Organisationen am Schluß des Jahres 1902 ist: Maurer 2035. Zimmerer 1548. Möbelpolierer 930, Metallarbeiter 895. Bauarbeiter 000, Portefcnillcr 494, Musik- instrumenten-Arbeiter 451, Tischler 325. Hansdiener 280, Kisten- niacher 253, Maler 250, Holz- imd Brettertrnger 180, Töpfer 163, gewerkschaftlicher Fraueuvcrcin 152, Kürschner 127, Bleiglaser 100, Fliesenleger 90. KonfektionSarbeiter 84. Isolierer 84. Rohrer 80. Kleber 04. Schirmmacher 00. Zinkgießer 47. Bäcker 25.— Im Berichtsjahre waren 15 Orgamsationen an 44 Abwehr-, 6 Angriffstreiks und 7 Aussperrungen init zusanunen 2000 Per- sonen beteiligt. Für Streiks und Sperren im eignen Beruf haben die Gewerkschaften insgesamt 74 413 M. ausgegeben.(Die Möbelpolicrer 19 845 M.. Maurer 13 925 M.. Bleigläser 11957 M Zin, nierer 5828 M.. Metallarbeiter 5020 M.. Tischler 4720 M.. Bau- orbeiter 3590 M., Kistenmacher 3470 M., Musikinstrumenten-Arbeiter 3041 M., Kleber 2172 M. usw.)— Für Streiks in andren Berufen find im ganzen 8426 M. ausgegeben worden. Der Kassenbericht des Kartells weist folgende Summen auf: Einnahme 20 742.40 M.. Ausgabe 20 550,47 M.. Bestand 191,93 M. Von den Ausgaben entfallen auf Streikunterstützungen 14185 M. vcutlcbes Reich. Die Aussperrung in Pirmasens. Obgleich die Arbeiter, die sich schon bei den Verhandlungen mit den Fabrikanten im höchsten Grade entgegenkomliiend gezeigt haben, .sich auch nach der Aussperrung der größten Ruhe und Ordnung be- fleißigen, hielten es die staatlichen Behörden— wie bereits mit- gcteilt— doch für nötig, ein Aufgebot von Gendarmen nach Pirmasens zu senden. Ohne Polizei und Gendarmen geht es nun mal nicht, wenn irgendwo ein Konflikt zwischen Unternehmern und Arbeitern ausgebrochen ist. Wenn an jenen Stellen, wo derartige Matznahmen verfügt werde», die wünschenswerte Einsicht vorhanden wäre, dann unterließe man die ganz unnötige Entsendung von Gendarmen. Die Erfahrung hat ja gelehrt, daß fast immer, wenn Ausschreitungen bei Streiks oder Aussperrungen vorkamen, Polizei- licher Uebereifer den Anstoß dazu gab, und daß Ruhe und Ordnung dami am wenigsten gestört werden, wenn sich die Polizei gar nickst um die Dinge kümmert. Das Unternehinertum fühlt sich natürlich auch gegenüber den Ausgesperrten in Pirmasens solidarisch. Einige Fabriken haben nicht ausgesperrt. Diese sollten dadurch zur Beteiligung an der brutalen Niederwerfung der Arbeiter gezwungen werden, daß die Fabrikauten-Vereinigung die Lederhändler zu bestimmen fiuhtm, den weiterarbeitenden Fabriken kein Lcder zu liefern. Dies Ver- langen wurde zwar nicht erfüllt, dagegen sind andre Matzregeln gegen die Ausgesperrten gelungen. Die Druckereien und Zeitungen in Pirmasens sind den Ausgesperrten verschlossen. Ein in Be- stellung gegebenes Flugblatt wurde, obgleich eS schon geseht war, nicht gedruckt. So haben es die Unternehmer verstanden, die Ar- beiter, denen das Koalitionsrccht geraubt werden soll, auch mundtot zu machen. Auch der Stadtrat, der grösstenteils aus Schuh- fabrikanten besteht, sorgt für den Schutz der Unternehmerinteressen. Er hat Mittel betvilligt, damit erforderliche nfalles Militär »ach Pirmasens entsandt werden kann! Ein kleiner Krawall, der ihre Pläne unterstützt, lvürde den Fabrikanten schon recht sein, aber die Arbeiter werden ihnen keine Gelegenheit zur Erfüllung dieses Wunsches geben. Die ledigen Arbeiter verlassen die Stadt, es sind schon etwa 800 abgereist._ Fabrik- und Hilfsarbeiter. In der Deubener Filiale der Velvet- fabrik von Mengers u. Söhne haben 80 Mädchen und Frauen die Arbeit wegen erheblicher Lohnkürzung eingestellt. Metallarbeiter. Die Former, Kernmacher und Gießereiarbeiter der Harzer Werke in Blankenburg und Zorge stehen noch immer im Streik. Die Drücker, Klempner und Schlosser der Blech- und Küchenwaren-Fabrik von Dammann u. StrahNnann in Ouedlin- bürg stehen vor einer Lohnbewegimg. Die Metallarbeiter allerorts werden um solidarisches Verhalten ersucht. Uerbandstag der Seeleute. In der Sitzung am Mittwochnachmittag wurde, nachdem die borgeschlagene Essektenversicherung keine Annahme gefunden hatte, eine Resolution angenommen, wonach die Frage der UnterstützungS- einrichtnngen zur eingehenden Besprechung an die Mitgliedschaften zurückverwiesen werden, das so erzielte Material an den Vorstand geschickt und dieser beauftragt Iverden soll, der nächsten General- Versammlung neue Borschläge zu machen. Es folgte die Stahitenberatung. die ein allgemeines Interesse nicht haben. In der Sitzung am Donnerstag wurde eine Resolution angenommen. wonach von Zeit zu Feit S e e m a n n n s s ch u tz- Kongresse in Berlin abzuhalten sind, damit die zahllosen Miß- stände im Schiffahrtsgewerbe der breitesten Oeffentlichkeit klargelegt »verde». Es sollen dazu die Reichsregieruiig, die Reichstags- Abgeordneten aller Parteien und fäintliche in der Seeschiffahrt, Hochseefischerei und am Schiffbau thätigen Personen eingeladen »verde». Die Rottvendigkeit des Kongresses begründete u. a. H o f f m a n n- Hamburg damit, daß nicht wieder der Bock zuin Gärtner gesetzt »verden dürfe, wie es 1894 bei der Umfrage Posadowskys betr. die Ueberwachung des Schiffsbaues»c. geschehen sei. Müll e r»vies dar- auf hin, daß die Socialreformer Berlepschschcr Färbung sich mit der Lage der Seeleute beschästigen»vürden. Das bisher vor- liegende Material zeige, daß sie ein falsches Bild geben und rosig färben würden. Da bedürfe es demonstroliver Zurückweisung. In der Diskussion behauptete ein Delegierter, die Partcipresse beschäftige sich absolut nicht mit de»» Mtzstänoen iin Seemannsbcrus. Diese Aeußerung winde allseitig auf das allerentschiedenste zurück- gewiesen. Unter andern, konstatierte S ch m a l f e l d t- Bremerhaven. daß die Parteipresse sich der Seeleute mit einer Energie angenommen habe, welche rühmlich anerkannt werden»nüsse. Er spreche ihr dafür öffentlich den Dank der Seeleute aus. Auch Müller erklärte, daß die socialdemokratische Preffe jederzeit in bester Weise alle Wünsche des ersten SeeinannS-Kongresses berücksichtigt habe. Dieses Zeugnis ward auch der insbesondere angegriffenen„Schlesw.-Holst. Volksztg." von dem Kieler Delegierten ausgestellt._ PerantNwrtst Sfttzakttitr: Carl Leid ü» Verl!,,. Snserateuteil verautwer. Ueber„JnternationaleBewegung und Kongresse' referierte Müller. Augeuonnnen wurde ein Antrag, das Ver- hältnis zum internationalen TranSportarbeiter-Verbande aufrecht- zuerhalten und die 1904 in Amsterdam stattfindenden Kongresse durch einen. Delegierten zu beschicken. Ueber„die Lage der seemännischen Arbeiter unter der gegen- »värtigen Soeialgesetzgebung" hielt Verbandsv orsi tzender Müller einen längeren Vortrag, in»velchem er u. a. die Stellungnahme der socialdenlokratischen Fraktion zur Seemaimsordnnng als korrekt be- zeichnete. Einem Gesetzentlvurf, der so viele Irrtümer und Un- gerechtigkeiten enthalte, wie die verabschiedete Novelle zur Seemaims- ordnnng, werde die socialdemokratische Fraktion auch Wohl in Zu- kunst nicht zusiiminen.(Lebhafter Beifall.) Redner ließ die Haupt- sächlichsten Bestimmungen der Seemannsordnung Revue passieren und empfahl nach eingehender Erläuterung eine die Forderungen der Seeleute enthaltende Resolution zur Annahme. Verlangt wird die gesetzliche Festlegung der Mitwirkung der unteren Chargen bei den Seemannsämtern, die schrist- liche Abfassung des Henerverirages. die weitere Einschränkung der freien Vereinbarung, die Erweiterung des Rechts vom Rücktritt des Hcuervertrages, die Aufhebung der Berechtigung zur Zwangs- weisen oder polizeilichen AnHaltung zur Verrichtung des Dienstes, die Negelung der Arbeitszeit und des Wachdienstes in präciserer Form und die Erweiterung der Sonntagsruhe, die Beseitigung der Vorschußnoten, die Abmilderung der drakonischen Strafbestintmungen, die Gewährung des Koalitionsrechts usw. usw. Die Resolution fand einstimmige Annahme. Damit lvaren die Hauptarbeiten des Verbandstages erledigt. Der Sitz des Verbandes bleibt in Hamburg, der des Ausschusses in Bremerhaven.— Als Verbandsvorsitzender wurde Paul Müller, als Vorsitzeuder des Ausschusses Schmalseldt- Bremerhaven, als Vorsitzender der Revisionskommission Krüger ivicdergclvählt.— Der nächste Verbandstag findet aus praktischen Gründen Ivieder in Hamburg statt.— Kurz vor Schluß lief ein Telegramm ein, wonach es den Flensburger Seeleuten gelungen ist, mit den Reedern einen neuen Tarifvertrag abzuschließen. Die Mit- teilung wurde beifällig aufgenommen. Mit einen» kräftigen Hoch auf den Verbund wird der Verbands- tag nach viertägiger Dauer geschloffe»». Stehend singen die Dele- gierten den ersten Vers der Arbeiter-Marsailleise. Versammlungen. Eine Vertraucusmänncr- Versammlung des Holzarbeiter- Ver- bandes beschäftigte sich am Mittwoch mit der Stellungnahme zur Maifeier. Hierzu wurde folgende Resolution einstiniinig angenommen:„Die Versammlung ist der Meinung, daß nur durch stritte Arbeitsruhe die Feier des 1. Mai würdig gestaltet wird. Sic»nacht eS deshalb jedem Lertraucusnimm zur Pflicht, darauf hinzutvirken, daß alle Kollegen am 1. Mai die Arbeit ruhen lassen." Allen Mit- gliedern des Holzarbeiter-Verbandes, die länger wie einen Tag aus- gesperrt werden, wird vom ersten Tage der Aussperrung an die üb- liche Streikunterstützung gezahlt. Wer nur einen Tag ausgesperrt wird und cnn Montag, den 4. Mai, weiterarbeiten kam», bekommt keine Unterstützung. Arbeitslosen- Unterstützung und Streikunter- stützung wird für den 1. Mai nicht gezahlt. Sollte eine große Anzahl Mitglieder nach dem 1. Mai ausgesperrt werden, dann findet am 2. Mai eine Vertranensmänner-Persanmilung im Gewerkschafts- Hause statt, die dann über irgendwelche weitere Schritte beschließen wird. Zur Kontrolle über den Besuch der Vorinittags-Versamm- lung am 1. Mai wird eine rote Marke ausgegeben. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung referierte Genosse Jaek über die Aussperrung der Holzbearbeitungsmaschinen-Arbcitcr.— Im Anschluß hieran berichtet Glocke, daß infolge des Beschlusses der Unternehmer, 25 Proz. aller Tischlergesellen auszusperren, wenn die Maschinenarbeiter die Arbeit nicht bedingungslos aufnehmen, im ganzen 299 Mann als ausgesperrt gemeldet worden sind. Außerdem sind ea. 90 Tischler entlassen worden, die wegen Mangel an Maschinenarbeit nicht weiter arbeiten konnten. Aus diesem Resultat ist zu ersehen, daß sich Herr Rahardt und die übrigen Scharfmacher mit ihrem Aussperrungsbeschluß lächerlich gemacht haben. Nachdem noch der Arbciisvermittler Maß über Werkstattstreiks und-Differenzen berichtet hatte, giebt Engmann auf Verlangen der Versammlung Auskunft über die letzten Vorgänge in der Tischler- Jnnungs-Krankenkasse. Diese Angelegenheit ist von verschiedenen arbeiterfeindlichen Blättern aufgegriffen worden, um daraus An- griffe gegen die Arbeiterschaft herleiten zu könne». Tie 14 Beamten der Jnnungs-Krankenkasse, von denen 0 nicht wiedergewählt wurden, sind vom Vorstande der Tischlerinnung angestellt worden. Nachdem das von der Dclegicrtenversammlung beschloffene und von der Auf- sichtSbehördc genehmigte Statut in Kraft getreten ivnr, wählte die Delegiertenversammlimg, ebenso wie in der Oris-Krankenkasse, die Beamten selbst. Es ist deshalb ganz selbstverständlich, daß dann nur solche Beamte gewählt lr>erden, die das Vertrauen der Mitglieder genießen. Dieses Vcrtraiwn haben sich die Beamten verscherzt. Ein Teil von ihnen war früher bei der Orts-Krankeirkasse angestellt. Als der Jnnungsvorstand die Jnnunas-Krankenkasse gründete, wodurch viele Kaffenmitgliedcr schwer benachteiligt wurden, waren eS diese Beamten, die sich sofort den» Jnnmigsvorftande zur Verfügung stellten und ihm bei Errichtung der Kaffe behilflich wäre». Beim Kampfe um den Arbeiisnachiveis im vergangenen Jahre benutzte der Jnnungsvorstand die Kaffe dazu, um gegen die Gesellen sowie gegen solche Meister vorgehen zu können, die sich den Diktatnrbeschlüffen der Scharfmacher nicht fügen wollten. Gegen eine»» solchen grober» Miß- brauch der Kassenemrichtungen hätten die Beamten Emspnich erheben sollen. Auch aus ihrem sonstigen Verhalten gegen die Kaffen-Mit- glieder erklärt sich das Mißtrauen zu den Beamten. Zu verwerfen ist aber ganz entschieden die Meinung der Kaffenbeamten, daß sie von dem einmal besetzten Posten überhaupt nicht mehr entfernt werden dürften. Eine Bolksveria»nmlu»li für den sechsten Wahlkreis tagte am Donnerstag im„Feldschlößchen", Müllerstratze, in der Genosse Ströbcl über:„Welche A>»t!vort giebt das deutsche Volk de»» Zoll- Wucherern?" referierte. Der Referent, der»»amentlich die in Deutsch- land beliebte Steuerpolitik in treffender Weise kennzeichnete und die ungeheure Belastung der arbeitenden Bevölkerung durch die indirekte Besteuerung der Lebensmittel nachwies soivie die riesigen und immer noch mehr steigenden Auswendunaeu für den Militarismus und MarmisiuuS auf Kosten der Arbeiterklasse einer eingehende» Kritik unterzog, forderte schließlich die Versammelten auf. eine recht rege Agitation iin Jntereffe der Socialdemokratie zu entfalten, damit eine möglichst hohe Stimmenzahl auf den Kandidatc»» unsrer Partei ver- einigt und dadurch den Genoffei» im Lande ein glänzci»des Beispie! gegeben wird.— Eine Diskussion über den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde nicht beliebt. Centralverband der Glaser. Die Zahlstelle Berlin hielt am Montag eine Mitgliederversammlung ab. Fanerbach und Rochow erstatteten Bericht über den Vcrbandstag. Nachdem den Delegierten Decharge erteilt war, gab der Kassierer Thilo den Kassenbericht über das erste Quartal 1903. Dem Kassierer wurde Techarge erteilt. Nachdem Fauerbach Bericht über die Thätigkeit der Schlichwngs- kommission erstattet hatte, wurde an Stelle des erkrankten Kollegen Starke Rochow in die SchkichtlingSkommission gcivählt.— Nach einer Debatte über die Maifeier wurde einstimmig beschlossen: Der 1. Mai soll durch ArbeitSruhe in den Werkstätten gefeiert werden, in welchen keine größere finanzielle Schädigung der Kollegen zu erivartc» ist. — Hierauf wurde beschlossen, der socialdemokratischen Parteikasse 50 M., dcn streikenden Holzbearbeitungsmaschinen-Arbeitern 30 M. zu überweisen. Ferner wurde beschlossen, sämtliche Drticksachcn in der Druckerei des„Vorwärts" anfertigen zu lassen. Ter Verband der Möbelpolierer hielt am 20. April seilte Ge- neraloersamnilung ab. Der Vorsitzende Schulz gab den Vorstands- berichi. Die Kassenverhältnisse gestalteten sich solgcndemaßen: Einnahme und Bestand vom vorigen Quartal 10 831.51 M.. Ausgaben 9468,70 M.. so daß ein Bestand von 0802.31 M. verbleibt. Da das Unterstützungswesen(Arbeitslosen- und Kraulenunterstützung) jetzt llich: Th. Glocke in Perlin. Driul». Verlag- Vorwärts Buchdruckerei und mehr ausgebaut worden ist, wird auf Antrag des Vorstandes daS freie Enttee zu den vom Verbände arrangierten Vergnügungen und lvissenschastlichen Vorträgen aufgehoben. Ebenso erhalten Arbeits- lose in der Generalversammlung keine 50 Pf. mehr. Ein Antrag, den ausständigen Maschinenarbeitern 500 M. zu überweise»», wurde einstimmig«»genommen. Beschlossen wurde ferner, die Feier des 1. Mai wieder» wie alljährlich, durch vollstmidige Arbeitsruhe zu bc- gehen. Vormittags findet eine öffentliche Versammlung statt und nachmittags wird es allen Kollegen zur Pflich» gemacht, die von der Parte» arrangierten Festlichkesten zu besuchen. Des ferneren erklärten sich die anwesenden Mitglieder der Tlschler-Jnn»»ngs-Krankenkasse mit dem Vorgehen des Vorstandes»md der Delegierten in betreff der Anstellung der Beamte»» einverstanden. Schöneberg. In der an» 21. April abgehaltenen General- Versammlung des Socialdemokratische» Wahlvereins erstattete der Kassierer Gollmick den Kassenbericht für das erste Vierteljahr, dem zu entnehmen ist, daß gegenüber einer Einnahme von 1113,33 M. eine Ausgabe von 538,40 M. zu verzeichnen war. Die Entlastung des Kassierers wurde veschlosscn. Aus dem Bericht des Partei- soediieurs Bäumler geht hervor, daß die Spedition, bei einer durch- schi»ittlichei»„Vorwärts"-Abonnentenzahl von 1593, im ersten Vierteljahr eine Einnahme von 5838.00 M. erzielte, der eine Ausgabe von 5058,19 Ri. gegenüberstand. Die Entlastung wurde ein- stimmig erteilt. Alsdann hielt Küter einen Vortrag über:„Die Parteien des Reichstags". Alsdaim wurde folgei»der Antrag des Vorstandes einsttmmig angenomme»»:„Diejenigen Mitglieder, tvelche bis zum 1. Jum d. I. ihre Beiträge aus dem Jahre 1902 nicht be- zahlt haben, sind verpflichtet, für jeden Restmonat 25 Pf. Beitrag, anstatt 20 Pf., zu zahlen." Ferner wies Wollermani» auf die an» 1. Mai vormittags stattfindende öffentliche Gewcrkschastsversamm- lui»g hin und ersuchte um zahlreiche Beteiligung. Gleichzeitig wurden die Mitglieder auf die am Abend stattfiirdendc Maiseier»»ochmals hin- gewiesen. Zur Aufnahme gelangten 120 Mitglieder. Im Schmnrgendorfer Wahlverein sprach Stübling über„Jnter- essenwirtschaft und Polstst". Dem Borstandsbericht ist zu eistnehmen, daß der Mstgliedcrbcstand 39 beträgt. Gerügt wurde, daß Scherl- Blätter von einem Teile der Mitglieder gehalten toerden»ind Ivuröe die Verbreitung des„Vorwärts" dringend gefordert. Der Kassierer wurde ei»tlastet. Die Lokalkommission berichtete, daß das neu- erbaute Saallokal des Bäckermeisters Schilling m Domäne Dahlem angeblich unter behördlichein Druck in den drei nächste»» Jahren zu keiner Versammlung vergeben werden darf. Das Lokal wird ge- sperrt. Das Restaurant„Sanssouci" steht jetzt wieder der Arbester- schaft zur Verfugung. Beschlösse»» wurde, die Versammlungen ab- wechselnd im„Wirtshaus Schmargendorf" und im Restaurant „Sanssouci" abzuhalten. Die Maifcst-Bersammlung findet um 7 Uhr sin„Wirtshaus Schmargendorf" statt. Tie Charlottenburger Gewcrkschafts-Kommission beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit der Maifeier. Beschlossen wurde, am 1. Mai. vormittags 10 Uhr. zwei Versammlungen für fäintliche Ge- werkschaftcn im Volkshause abzuhalten. Jeder Versanrmlungs- besucher erhält die Matmarke der Kommission gratis. Für die- jcnigen Geiverkschaftcn, die besondere Marken oder Karten zur Aus- gäbe gelangen lassen, sind im Büffettsaal Tische reserviert. Bei der Ergänzungslvahl zum Ausschutz wurde Buchdrucker Paul Schulze gewählt. Hierauf gab Steiuigk den Kassenbericht vom 1. Quartal. Ulster Gewerkschaftlichem bestimmte die Versammlung, daß der An- kauf von Büchern zur Bibliothek nur dann stattfinde»» soll, wem» die Kommission hierüber Beschluß gefaßt hat. Des weiteren wurde beschlossen, auf die nächste Tagesordnung dcn Punkt„Frauen- agitätion" zu setzen. Als Vertreter zu den Sitzungen der Berliner Gewerkschaftskommission wurden Jost, Grise und W. Schulze gewählt. Der Bibliothekar»nachte bekannt, daß die Bibliothek Die>»s- tags und Donnerstags, abends von 8— 10, und Sonntags, vormittags voi» 8— 10 Uhr. geöffnet sei. Entschnkdigt fehlten die Ver- treter der Plätterinnen. Tie Zahlstelle Eliarlottenburg des Deutschen Holzarbeiter. Verbandes hielt am Montag ihre Gcneralverscnmnlung ab. Be- züglich der Maifeier Ivnrde folgende Resolution einstimmig angc- nmnmcn:„Die Generalversammlung beschließt, dcn 1. Mai durch strikte Arbeitsruhe zu feiern. Die anwesenden Kollegen verpflichten sich, dahin zu Ivirken. daß in allen Betrieben die vollständige Arbeits- ruhe durchgeführt wird."— Hierauf verlas Hasse die Abrechnung vom 1. Quartal. Auf Antrag deS Revisors erteilte die Versammlung dem Kassierer Decharge. Ter Wahlverein für Reinickendorf und Umgegend hielt am 22. April eine Mitgliederversammlung ab, in der Conrad über: „Schulhygiene" referierte. Nach dem Vortrage, der eine rege Dis- kussioi» hervorrief, wurden Vorkommnisse in hiesigen Schulen einer herben Kritik unterzogen und uns rem anwesenden Eemeindcvertreter aufgegeben, Abhilfe zu schaffe»».— In das Wahlkomitee wurde»» folgende zehn Genossen gcivählt: Schumacher, Max Leonhard, Otto. Eufe. Schüler. Kolmctz und Eichncr für den Osten, Hermes und Fei für den Westen. Hasche! für Wilhelmsruh. Letzte JVaebnehten und Depefchen, Jena, 24. April.(Privat-Depesche des„Vorwärts".) Die Freisinnigen int dritten tvcimarischen Wahlkreise stellten den Rechtsanwalt Dr. Harmening-Jma als ReichstagS-Kandidaten auf. Unternehmer und 1. Mai. Magdeburg, 24. April.°.. Serlin 8W. Hier»» 2 Beilage«. Nr. 96. 20. Jahrgang. 1. ßfilsjc des Jorantts" Mim fflolWliilt Sonnabend, 25. April 19öS. Reichstag 295. Sitzung. Freitag, den 24. April 1903, nachmittags 1 ll h r. Am Bundesratstische: v. T i r p i tz, Frhr. v. T h i e l m a n n. Auf der Tagesordnung steht zunächst die folgende Interpellation Gröber und S t ö tz e I: An den Herrn Reichskanzler erlauben wir uns die Anfrage zu richten: 1. Was dem Herrn Reichskanzler über die Tötung des Fuß- artilleristen Harwiann vom ivestfälischen Fußartillerie- Regiment Nr. 7 in Köln durch den Kadetten zur See Hüssener in Essen be kamt ist: 2. ob der Herr Reichskanzler bereit ist, dahin zu wirken, daß durch Abänderung der bestehenden Vorschriften über das Waffen- tragen beurlaubter Kadetten und Mannschaften der Begehung solcher uwd ähnlicher Verbrechen mehr als bisher vorgebeugt wird. Staatssekretär des Marine-Amts v. T irp i tz erklärt sich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten. Das Wort zur Begründung der Interpellation erhält Abg. StStzel(®.): Der Vorfall, um den es sich handelt, hat sich in meiner Heimat- stadt Essen zugettagen und bedarf notwendigerweise der Erörterung im Reichstag. Harttnann war mit zwei Kameraden dabei, ein Restaurant zu betteten, nachdem sie schon vorher ein andres Restaurant besucht hatten. Beim Einttitt in das Restaurant wurde Hartmann von dem Fähnrich zur See Hüssener aufgefordert, ihm zur Wache zu folgen. Einen Grimd gab der Fähnrich damals nicht an. Auf das Zureden seiner Begleiter ging Harttnann auch mit zur Wache, auf dem Wege aber entlief er Hüssener und wurde dann von diesem durch einen Stich in die Lunge so verletzt, daß er in wenigen Minuten tot war. Hüssener stellte sich dann unter den Schutz der Begleiter Hartmanns und ließ sich von ihnen zur Wache abftihren. Hier gab er an, er habe Hartmann, der angetrunken war, zu semer eignen Sicherheit verhasten wollen. Dieser Gnind kann nicht als stichhaltig anerkannt werden, denn wenn auch Harttnann etwas angetrunken war, so konnte er doch zumal in Begleitting seiner Freunde sehr gut allein den Weg fort- setzen. Daß vorher irgend ei» Streit zwischen Hartman» und Hüssener stattgefunden habe, wird von den Begleitern Hartmauns auf das enffchi ebenste bestritten. Als der Borfall am Ostermontag bekannt ivurde, bemächtigte sich ein?.ungeheure Aufregung der Bevölkerung Essens, die bis zum Tage des Begräbnisses immer mehr zunahm. Trotz des Schnee- gestöbers beteiligten sich Hunderte an der Veisetzuug Hartmanns. Wian sagte sich, nun ist ein Menschenleben vernichtet, aber den, Thäter wird wenig geschehen. Es gab Leute, die bedauerten, daß ihnen der Hüssener eittwischt sei, denn er habe auf der Stelle eine Sttafe verdient. Hartmann wird von allen, die ihn kennen, als ein äußerst ruhiger Mensch geschildert, während Hüssener dafür bekannt war, daß er aggressiver Natt« war und schon manchen Stteit verursacht hatte. Hüssener mag ja seine Instruktion falsch aufgefaßt haben, aber in der Bevölkerung ist die Meinung verbreitet, ein derartiges Vorgehe» würde de» Leuten direkt an erzogen, fHört! hört!) sie würden nicht genügend darüber belehrt, wie sie sich dein Publikum gegenüber zu verhalten hätten. Das monarchische Gefühl wird durch solche Fälle nicht gesteigert werden Man fragt sich im Publikum,' warum denen, die in Urlaub gehen, die Waffen mitgegeben locrden, man ließe dieselben besser in der Garnison zurück. Ich hoffe, daß Ihrerseits und von feiten der Marineverwalttuig das notwendige geschieht, um ähnliche Fälle für die Zukunft zu vermeiden.(Bravo!) Zur Beaittwortung der Interpellation erhält das Wort Staatssekretär des Reichs-Marineaints v. Tirpitz: Auf die erste Frage der Interpellation werde ich die mir von den, zuständigen Gericht der ersten Marine-Jnspektton zugegangene Meldung verlesen. Am 14. April lief folgende Meldung ein:„Vom Garnisonkommando Essen folgendes Telegranim erhalten:KanoiiicrHart mann ist vergangene Nacht vom Fähnrich Hüssener durch Stich in die linke Brustseite getötet worden, letzterer verhaftet, Leichenschau und Ob- duktton durch Amtsgericht veranlaßt. Marinestation der Ostsee benachrichtigt." Auf eine weitere Anfrage hat das Garnisonkommando noch gemeldet:„That in Essen auf der Sttaße geschehen infolge Gehorsamsverweigerung des Hartmann.(Lachen links.) Zeugen der That vorhanden." Ich habe, nachdem mir die Interpellation bekannt geworden ist, nochmals um telegraphischen Bescheid ersucht und heute folgendes Telegraimn von dem zuständigen Gericht in Kiel bekommen: «Fähnrich Hüssener stellte Harttnann wegen auffälliger Trunkenheit und befahl ihn,, zur Wache zu folgen. Hartmann folgte ihm erst zwanzig Schritt, riß sich dann los und floh. Hüssener folgte ihm, rief.Halt!", stieß Harttnann in die Lunge.(Große Unruhe.) Hart- niann war dem Hüssener sehr wahrscheinlich unbekannt, sie haben nicht dieselbe Schule besucht. Ein Notizbuch mit Namen von Sol- daten, die er aiigchalten hatte und melden wollte, ist bei Hüssener nicht gefunden worden. Weitere Erhebungen schweben noch. Hüfsener war nüchtern und giebt an, im guten Glauben gehandelt zu haben. (Lachen links.) Er bestreitet die Tötungsabsicht." Die weiteren gerichtlichen Verhandlungen werden ja Klarheit geben. Sollte es dann noch erforderlich sein, so bin ich gern bereit, auf Grund des gesamten Aktenmaterials dem hohen Haufe eine ein- gehende Darlegung zu geben. Was die zweite Frage anlangt, so sind die Bestimmungen über den Waffengebrauch des Militärs und die über die Behandlung Bc- trunkener ganz präcis. Die neuen Krirgsartikel schreiben vor: «Jeder Vorgesetzte ist berechtigt, die Waffen zu gebrauchen, um thät- liche Angriffe eines Untergebenen abzmvehren oder um seinen Befehlen in äußerster Not und dringender Gefahr Gehorsam zu verschaffen." In den früheren Artikeln stand zwischen den Worte»«äußerster Not" und«dringender Gefahr' das Wort«oder". ES müssen also jetzt beide Fälle zutreffen, wenn der Vorgesetzte berechtigt fein soll, von der Waffe Gebrauch zu machen. So weit der Fall zu übersehen ist, ist ja direkt gegen die bestehenden Bestimmungen verstoßen worden. Ich werde dahin wirken, daß die Bestimmungen auf das eiudrina- lichste in den Instruktionen dem betreffenden Personal eingeschärft und häufig wiederholt werden. Uebrigens war Hüssener nicht Kadett zur See, sondern Fähnrich, das heißt ein Unteroffizier mit Portepee. Er befand sich im dritten Dienstjahre und 21. Lebensjahre. Das entschuldigt ihn nicht, im Gegenteil, es verschärft den Fall. Der Vorredner hat geglaubt sagen zu sollen, daß im Publikum die Auffassung verbreitet wäre, daß den betreffenden Chargen ein un- richtiges Verfahren gegen die Untergebenen anerzogen wird. Ich möchte dagegen doch auf das allerschärffte protesttcrcn. Für niemand sind solche Vorfälle unangenehmer als für die Vor- gesetzten felbst. Man kann diesen ganz exccpttonellen Fall, der ja auch noch gar nicht vollständig zu übersehen ist, nicht generalisieren. Was das Verbot des WaffentragenS auf Urlaub anlangt, wo wären da die Grenzen? Soll da der Garnison- Urlaub auch noch eingeschlossen sein? Das könnte ja dahin führen, überhaupt das Waffenttagen in der ganzen Armee zu verbiete!,. Das liegt wohl nicht in der Absicht der Interpellanten. Die Marine be- dauert dieses unglückliche Vorkommnis aufs tiefste und ich kann nur fagen, daß in der Beurteilung, die dieser Fall in der Marine selbst gefunden hat, die stärkste Sicherung gegen eine Wiederholung der- artiger Fälle liegt, fo iveit überhaupt ein solcher Schutz absolut ge- geben werden kann. Auf Antrag des Abg. Dr. Schädler(C.) erfolgt die B e- s p r e ch u n g der Interpellation. Abg. Lenzmaun(st. Vp.): Während es sich in dem Fall Brfisewitz um einen Einzelsall handelte, kommen hieiz symptomatische Erscheinungen in Betracht. Brüsewitz hat damals seine That gesühnt und nachher seinen Tod gefunden, der gelvissermaßen auch eine moralische Sühne darstellte Dem gegenüber berührt das Auftreten Hüsseners recht unsymparhifch Der junge Herr, der noch nicht einmal Offizier ist, deckt sich mit seiner angeblichen Offiziersehre und ist bei den gerichtlichen Untersuchungen in mehr als einer Beziehung der Umvahrheit überführt worden.(Hört l hört! links.) Es belveist das Gegenteil von Mut, wenn mau sich durch Verunglimpstmgeil des Opfers und Unwahrheiten aus der Schlinge zu ziehen sucht. (Zustimmung links.) Hüssener giebt selbst zu, nüchtern gewesen zu fein, Harttnann dagegen soll bettunken gewesen sein. Da wäre es doch erst recht die Pflicht des jungen Fähnrichs gewesen, den be trunkenen Kaineraden einfach in sicherer Begleitung nach Hause bc sorgen zu lassen, anstatt ihn zum Ungehorsam zu provoziereil. Dieser einfache Ausweg wäre sehr bequem gewesen: ein ganz kurzer Weg war vom Restaurant bis zu dem Hotel, wo Harttnann ivohnte, zurückzulegen. Hartmauns Vater besitzt das erste Hotel der Stadt, wo die Offiziere verkehren. Der Verstorbene war mir persönlich be kmmt; er war ein ruhiger, nüchterner Mensch, der einer Zurede ohne weiteres zugänglich war. Nach den Angaben eines Zeugen ist Hartmann ganz rnhig mitgegangen und hat nur in einem gegebeneu Moment instinktiv die Freiheit zu gewinnen gesucht und sich losgerissen. Das ist keine Gehorsamsverweigerung, und Hüssener erscheint gar nicht berechtigt, zum Dolch zu greifen. Auch eine Verdunkelung des Thatbestandes war nicht zu befürchten, auch die Feststellung der Persönlichkeit war überflüffig. Nichts entschuldigt also die brutale That des Hüffener. Jetzt beruft er sich auf seine Offiziers� ehre und ipricht in einen, Briefe von der harten, harten Soldaten Pflicht. Der Mann hat gar keine Ahnung von Ehre. Er Ivar auch gar nicht Offizier, sondern simpler Unteroffizier. Jetzt versteckt er sich aus Mangel an Mut hinter dieser Ausrede, die ein reines Phmitasiegebilde ist. Der Gedanke der Ehre war nicht maßgebend bei ihm, sondern der Jnstintt brutaler Ueberhebung eines albernen Burschen, eines unreifen Tertianers oder Sekundaners, der noch nichts gelernt hat. Nach der That hat er auf der Wache dem Unter- offizicr eine Cigarctte angeboten und sich selber eine angesteckt. Ein Mensch, der noch einen Funken Gefühl besitzt, ist einer solchen Handlung nicht fähig. Der alberne Brief des Hüssener zeigt eine so große sittliche Unreife, daß ich ihn nicht von der Tertia nach der Sekunda versetzen würde.. Sein Charakter ist ein Konglomerat von Dummheit. Gefühls- roheit und protziger Selbstüberhebung. Nur durch die Protektion einer sehr einflußreichen Persönlichkeit ist er in die Armee gekommen, die dieses cdlst-'Jndividuum verunziert hat. Wenn er als Straßen- feger in Amerika enden sollte, würde ich es nicht bedauern. Jeden falls ist es notwendig, Garantien zu schaffen, damit diese Lehrlinge in der Armee nicht init gefährlichen Waffen spielen. Das Waffen- tragen außer Dienst ist nichts loeiter als eine Konzession an die Eitelkeit, es hat mit den eigentlichen Zwecken der Armee nichts zu thun. Wir sind überhaupt dafür, daß außer Dienst auch keine Uniform getragen wird, wie das in England der Fall ist. Auf jeden Fall aber muß jenen jungen Leuten, die die Waffe noch als Spielzeug betrachten, das Trageil der Waffen außerhalb des Dienstes verboten werden. Es kann vorkommen, daß der thörichte Streich eines solchen Knaben die Bevölkerung noch viel mehr auf- reizt als in Essen und zu großen Tumulten führt. Wir müssen im Juteresse der Armee und des Vaterlandes verlangen, daß derartige alberne Jungcnstteiche in Zilttmft vermieden werden.(Bravo! links.) Abg. Bebel(Soc.): Daß die Interpellation im Hause einen großen Anklang findet, betvies ja die Unterstützung, die ihre Besprechung fand, und auch die Rede des Herrn Vorredners. Aber darauf kommt es nicht so sehr an als vielmehr darauf, daß das, was die Interpellation verlangt, auch wirklich durchgeführt wird.(Sehr richtig I bei den Social- demokraten.) Ich' fürchte aber. daß es auch hier so gehen wird wie bei vielen andren Interpellationen, wir werden hier stundenlang die heftigsten Anklagereden hören, die Empörung wird auch noch einige Wochen andauern, dann aber geht alles seinen Gang weiter und die Dinge sind vergessen, bis zum nächsten Mal und dann wiederholt sich dasselbe Spiel. Nachdem wir aber hier Jahr für Jahr immer erneute Debatten über den Duellunfug, über Miliiärntißhandlungen und Tötung von Personen durch Mitglieder der Armee gehabt haben, ist klar, daß wir es hier nicht mit einer vorübergehenden Erscheinung zu thim haben, sondern mit den Auswüchsen eines Systems, die immer wieder vorkommen werden, so lange dies System existiert. Darin unterscheiden wir uns von den bürgerlichen Parteien, daß«vir dem System zu Leibe gehen, während jene mal ein bißchen tadeln, daß dies und jenes nicht in Ordnung ist, aber die Grundursache unberührt lassen. Der Vorredner hat Herrn Stötzel ganz falsch verstanden, wenn er behauptete, die Essener Bevölkerung hatte sich verhältnismäßig ruhig benominen. Herr Stötzel hat das Gegenteil auSgestihrt. Die Aufregung in Essen war so groß, daß wenn die Bevölkerung den Hüssener nicht nur am Tage der That, sondern noch als er zur Eisenbahn geschafft ivurde. in ihre Hände bekommen hätte, sie ihn ohne Zweifel nicht nur durchgeprügelt andern totgeschlagen hätte. Das ist ganz erklärlich und entspricht der Sttnmlung, wie sie in weiten Kreisen des deutschen Volkes vor- herrscht. Unter diesen Umständen wird man es im Volke auch nicht verstehen, daß der Fall hier so zart behandelt wird, wie es leider auch der Herr Interpellant gethan hat. Er hat uns lediglich ein sehr rührseliges Bild von den Vorgängen gegeben, aber zur Verurteilung des Thäters nicht die genügenden Worte gefnnden. Wenn Hüssener auch kein Mörder ist— ich glaube nicht, daß er den Tod Harwiauns gewollt hat, so hat er sich doch eines Totschlags schuldig gemacht und ich erwarte, daß die Strafe dem entsprechend ausfallen ivird. Wenn nur dann nicht wieder sehr bald die Bcgnadigu»» eintritt wie im Fall Brüseivitz, der einen Civilisten meuchlings von hinten nieder- stach, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt aber nach kaum zwei Jahren begnadigt wurde. Ich glaube allerdings leider schon jetzt agen zu können, daß, Ivenn den jungen Mann die verdiente Strafe trifft, er nach einiger Zeit begnadigt wird. Wir wissen ja, wie der- arttge Fälle behandelt werden. Vor zehn Jahren hatten wir den Fall des Gefreiten Lück. Er hatte auf Posten gestanden, war von einem Civilisten gefoppt, hatte ihn verhaften wollen und ihn, als er ausriß, niedergeichossen. Auch über diese That wurde ein hohes Maß von Entrüstung laut, das Wochen und Monate in den Zeitungen seinen Ausdruck fano. Das Ende vom Liebe war, daß der Gefreite Lück mit eine« Orden dekoriert wurde, wie Polizeibcamte, die sich Uebergriffe gegen Leute auZ dem Volke zu Schulden kommen lassen. Der Staatssekretär hat versprochen, daß die in Bettacht kommenden Borschriften von neuem eingeschärft werden sollen. Das mag fiir den Augenblick helfen, aber nicht für die Daner.(Sehr richtig! bei bell Socialdenmkraten.) Es liegt in der menschlichen Natur begründet, daß jemand, dem seine bevorzugte Stellung das Recht giebt, in jedem Augenblicke zum Schutze seiner Ehre und einer amtlichen Würde die Waffe zu gebrauchen, sie in der Auf- regtmg auch mißbrauchen kann. In der Erlaubnis, von der Waffe Gebrauch zu machen, liegt der Mißbrauch!(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Da muß es mich im höchsten Grade lvunder- nehmen, daß die Interpellanten nur den Kadetten und Mannschaften das Waffentragen außerhalb des Dienstes untersagen wollen. Auch der Vorredner hat diesen Vorschlag gewissermaßen entschuldigt. Er hat gemeint, mindestens müsse den jungen und unmündigen Leuten daö Recht des Waffcnttagens genommen Iverden. Aber Mißbrauch mit den Waffen kommt auch bei älteren Leuten vor.(Sehr richtig�! bei den Socialdemokraten.) Ich erinnere nur an den Fall Brüsewitz. Während der Konfliktszeit in den sechziger Jahren zwischen Re- gierung und Fortschrittspartei um die Frage der Militär-Reorgmiu sation war die Zahl der Konflikte zwischen Militär und Bürgerschaft außerordentlich zahlreich. Bekannt ist besonders der Fall der Lieutenants Sobbe und Putzki in Magdeburg, die in der Nacht den Portier eines Hotels niederstießen. Achnliche Fälle kamen in Masse vor. Damals verlangten alle bürgerlichen Parteien, von den Konservativen abgesehen, das grundsätzliche Verbot des Waffen- ttagens außerhalb des Dienstes. An der Spitze der Blätter stand ein entsprechender Ausruf. Jetzt hat sich die Stellung der bürger- lichen Parteien geändert, jetzt erscheint jeder Eingriff in das Recht des Waffcnttagens schon als eine schwere Beleidigung für die Armee, und da ist es charakteristisch, daß angesichts des Falles Hüssener die stärkste Partei des Reichstages nur für die Kadetten und Mann- schaften das Verbot des Waffcnttagens fordert. Die Mann- schaften der Marine aber tragen schon jetzt keine Waffen und auch die Unteroffiziere der Marine nicht, ohne daß es ihrer Würde schadet. Bei der Land-Armce aber ist es anders und da kommen auch die ärgsten Mißbränche vor. Regelmäßig lesen wir, daß bei Festlichkeiten'während der Feiertage Beurlaubte mit der Waffe Mißbrauch getrieben haben. Auf den Tanzböden werden förmliche Schlachten zwischen Militär und Civilisten geschlagen. Auch Schlachten zwischen den Truppengattungen untereinander kommen vor.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Was dem vor- liegenden Falle ein besonderes Gepräge giebt, ist die Thatsache, daß in derselben Zeit eine ganze Reihe ähnlicher Fälle in andern Städten sich zugetragen haben, wo es sich immer lim Wtarinekadctten handelte. So wird aus Düsseldorf berichtet, daß wiederholt beobachtet worden sei, wie beurlaubte Seekadcttcn Soldaten wegen nicht vorschriftsmäßigen Griißens angehalten haben. Aus einer andren Stadt wird berichtet, daß ein Scekadett einen Soldaten das vor- geschriebene Honneur zwanzigmal auf offener Sttaße ain ersten Oster- feiertag hat wiederholen lasten. Das beweist, daß hier ein System vorliegt. Ich habe den Eindruck, als wenn die jungen Herren in Kiel die Meiimug gehabt hätten, fie würden zu wenig von der übrigen Armee nud den Landratten respektiert(Heiterkeit lmd Zustimmung), und daß sie sich geschworen hätten, diesem Zustande ein Ende zu machen. Sie scheinen nach einer gemeinsamen Parole gehandelt zu haben, die in Essen dann zu einem so ttaurigen Ausgänge führte. Der Herr Staatssekretär thäte gut, einmal Nachforschungen anzustellen, ob ein solches Uebereinkoimnen zwischen den Seekadetten nicht in der That abgefchlossen ist. Der Fall in Essen, der ein Aus- wuchs des militärischen Systems ist, hat die öffentliche Meinung erregt. Viele andre Fälle aber, die ganz ähnlich liegen, werden nicht bekannt. Der Grund zn allen diesen Erscheinungen liegt eben iin System, das den Vorgesetzten eine exceptionelle Stellung und unglaubliche Machtbefugnis verleiht. Ein solche Stellung mutz bei unreifen Leuten das Gefühl des Größenwahns erwecken.(Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten.) Sie müssen glauben, sie seien aus besserem Thon geknetet, als die übrige Menschheit, sie seien, was der Centrilms-Abgeordnete Lingen? einmal von den Unteroffizieren sagte, die Stellvertreter Gottes. Das System ist bemiiht, durch Verleihung von Putz und Glanz an den beurlaubten Soldaten die Scheidewand zwischen ihm und dem Bürger auch während des Urlaubs aufrecht zn erhalten, damit er nur ja nicht während einiger Wochen Bürgergefft einattnet.(Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Dieses System läuft eben darauf hinaus, die Armee weit mehr als Waffe gegen das eigne Volk, den» als Waffe gegen einen auswärtigen Feind auszubilden.(Lebhafte Zu- stimmung bei den Socialdemokraten.) Solange Sie(zu den andren Parteien) einem solchen System Ihre Zustimmung geben, dürfen Sie sich über die Auswüchse des Systems nicht beklagen, denn Sie selbst sind die Mitschuldigen des Systems I(Lebhafter Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Pansche(natl.): Wir sind ivohl alle einig im Mitleid mit dem von der llnthnt Betroffenen. Wir begrüßen die Interpellation mit Freude, weil sie uns die Möglichkeit einer ausführlichen Aussprache über den ttaurigen Fall gewährt, besonders aber, weil sie dem Herrn StaatSscttetär Gelegenheit gegeben hat, hier klar und unzweideutig zu erklären. daß der Seekadctt Hüssener gegen die Instruktion und Vorschriften gehandelt hat. Bedauert habe ich manche Wendungen der Äbgg. Lenzmann und Bebel. Beide Herren haben von einem System ge- sprachen, während es sich doch nur um eine» Ausiiahmesall handelt.(Lebhafter Widerspruch links.) Gott sei Dank nur um einem Ausnahmefall.(Wiederholter Widerspruch bei den Socialdemokraten.) Sie können doch als Seitenstück nur den Fall Brüsewitz nennen. Wenn Sie bedenken, daß jährlich Hunderttausende von Soldaten mit der Waffe an der Seite in Urlaub gehen, so müssen Sie doch den Ausnahmefall zugeben. Im Fall Hüssener handelt es sich sicher nicht um den Ausfluß eines Systems, fondern um die That eines stark unzurechnungsfähigen jungen Mannes. Im allgemeinen sind die Seeladetten keine unreifen Burschen. Sie haben die Kadetten- anstatt absolviert: während aber ihre Kameraden von der Land- armee gleich als Portepcefähnriche in die Armee eintreten, müssen sie als Gemeine cintteten und auf den Schiffen allen schtveren Dienst verrichten. Sie verbleiben dann noch Lftg Jahre Unteroffizier. während die Kameraden von der Landarmee 13 Monate nach dem Einttitt ins Heer schon Offiziere werden. Es ist erklärlich, daß sich die jungen Herrn etwas zurückgesetzt fühlen und auf die Wabrmig ihrer Stellung besonders Bedacht nehmen. Herr Lenzmann sprach von dem Uebermut erzeugenden Putz und bunten Tand. Davon ist aber bei der Marine am wenigsten die Rede.(Lachen b. d. Sociald.) Die Marine braucht nicht einmal zweierlei Tuch, sondern einen dunklen Rock mir blankelt Knöpfen.(Ruf bei den Sociald.: Schreck- lich!) Weshalb unterbrechen Sie mich fortlvährend? Ist Ihnen meine Ausführung unbequem.(Rufe: Nein! nein! bei den Socialdemokr.) Ich habe gar keine Lust, mich mit Jhneir über den Wert unsrer Armee auseinanderzusetzen. Da werden wir doch nicht einig.(Sehr richtig! links.) Ich habe nur das Bedürsnis, hier auszusprechen, daß hier ein Einzelfall vorliegt, der nicht typisch ist. Bei den Schlägereien spielt das Messer des Bauernburschen eine viel größere Rolle, als der Soldatcnsäbcl. Dies Bauernmesser ist auch eine Waffe. Den Soldaten kann ich mir ohne Waffe nicht gut denken. Mit Recht spotten wir über die waffenlosen Offiziere in England. (Lachen links.) Ich wiederhole, es handelt sich im Fall Hüssener nicht un: das Syniptom eines Systems.(Beifall rechts und bei den Nattonalliberalen.) Abg. Gröber(C.): Es ist behauptet ivorden, Hüssener habe„in Erfüllung einer harten Soldatenpflicht" gehandelt. Ich hätte erwartet, daß die Marineverwaltung auf solche Behauptungen sofort mit einer offiziellen Darlegung des Falles geantwortet hätte. Wie ist die Ausbildung deö Hüssener erfolgt? Wie konnte ein junger Mann in diesem Atter ich überhaupt zu einem so schauderhaften Verbrechen hinreiheu lassen? Ist dies das Produkt einer so sorgfältigen Erziehung und Ueberivachung, wie sie in den betteffenden Vorschriften für die Seekadetten vorgesehen ist? Es ist ja sogar von einem Komplott der Seeladetten die Rede gewesen, wonach sie während ihres Urlaubes alle diejenigen Soldaten„stellen" ivollten, die fie nicht vorschriftsmäßig grüßen würden! Die Kriegsartitel sind keines- Wegs so auszulegen, daß die Vorgesetzten in jedem Falle von ihrer Waffe Gebrauch'machen dürfen, tvo ein Uiüergcbeuer ihrem Befehl nicht sofort gehorcht, Ivo also die«Gefahr" einer Disciplin- losigkeit vorliegt. Wie denkt der Staatssekretär über diese Be- timmunge» der Kriegsartikcl und den betreffenden PassuS des Nilitär-Sttafgesetzbuches? Es müssen auf jeden Fall bestimmte In- 'ttukti onen gegeben werden, die dcrSBiederkehr solcher Vorkommnisse vorbeugen. Zunächst muß einmal den Zkadetten das Waffenttagen auf Urlaub verboten iverden. Da sind sie ohne Ueberivachung, trinken gewöhnlich zu viel, sind in„UrlaubSlaune", und die Gefahr zu Ausschreitungen ist groß. Etwas andres ist das Waffenttagen während des Urlaubs in der Garnison.(Beifall im Centtum.) Staatssekretär von Tirpitz: Ich habe kein Wort der Qmtschuldigung für Hüssener ausgesprochen, sondern die That auf das nllerentschiedenste verdammt, Ich habe nur unter Vorbehalt der Ergebnisse der gerichtlichen Untersuchung gesprochen. Wenn der Vorredner ineinte, dasj man die Ungeeignetheit Hüsseners zum Dienste in der Marine vorher hätte erkennen und ihn von einer weiteren Carriere hätte ausschließen müssen, so ist es doch immerhin ein gewisser Entschluß, einem jungen Manne seine Carriere vollständig zu unterbinden. In einem Tele- gramm, da-Z ich von der betreffenden Behörde noch weiter erhalten habe, wird Hüssener als leicht erregbar und gegen Untergebene sehr schroff bezeichnet: dabei hatte er keine strenge Selbst- zucht und war wenig beliebt bei seinen Kameraden, Während seiner Marincschuljahre wurde ernstlich seine Entlassung erwogen.(Hört! hört I) Jedoch wurde noch einmal beschlossen, einen letzten Versuch mit ihm zu machen. Fernerhin sind die Fähnriche niehrmals instruiert worden, gerade ans Urlaub Militär nicht an- zuhalten, sondern zu melden. Von einem„System", einem An- erzogensein kann also ganz gewiß keine Rede sein. Also auch in dieser Beziehung hat Hüssener durchaus gegen die Instruktion gehandelt, ebenso wie gegen die Instruktion über die Behandlung Betrunkener. In den Ausführungen, nach denen instruiert wird, tvird Iviederholt hervorgehoben, daß die Vorgesetzten sich durch ein kluges Benehmen von der unmittelbaren Berührung mit betrunkenen Untergebenen werden fernhalten können. Zwar könnten auch Fälle vorkommen, in denen mildere Mittel nicht ausreichen und die Vor- gesetzten ihren Befehlen mit Gewalt Geltung verschaffen müssen. Aber auch in den meisten solchen Fällen werde ein besonnener Vor- gesetzter durch ein behutsames Benehmen Insubordinationen der Untergebenen vermeiden können. Das ist also das direkte Gegenteil von dem, was vorhin von socialdemokratischer Seite ausgeführt worden ist. Diese ungeheuerliche That ist gewiß in hohem Maße zu bedauern, aber ich muß im Namen der Marine und der Armee auf das eutschiedeuste dagegen protestteren, daß solche Fälle generalisiert werden.(Beifall rechts.) Abg. v. Normann(k.) protestiert dagegen, daß der Fall Hüssener verallgemeinert werde. Hüssener kann sich weder auf seine Instruktion noch auf seine militärische Erziehung zur Entschuldigung seiner That berufen, ihn wird die volle Strenge des Gesetzes treffen. Ich kann mir aber keinen Vorteil davon versprechen, wenn der Fall hier aus- führlich erörtert wird. Abg. Drecsbach(Soc.): Eine Nacht nach der Tötung Hartmanns durch Hüssener wurde in Mannheim ein junger Mann durch einen Infanteristen mit dem Säbel bearbeitet und niedergestochen. Der junge Mann erlag einige Tage darauf seinen Verletzungen. Sie sehen also, Marine und Landhcer sind einander wert, was die Excesse betrifft. Man sagt, es ist ein vereinzelter Fall. Allerdings: hunderte und dutzende solcher Fälle an einem Tage passiereir heute noch nicht, wenn man aber alle einzelnen Fälle, die der Oeffentlichkeit bekannt geworden sind, zu- sainmenstellt, so zeigt sich, daß es sich nicht um Einzelfälle sondern um eine große Summe von Totschlägen handelt. Und ich bin überzeugt, wenn nicht die Vernunft bei den Civilisten.immer obsiegte, wenn nicht jeder, der weiß, wie leicht mau mit den Herren von zweierlei Tuch in Konflikt kommt, diesen Leuten von vornherein aus dem Wege gehen würde, dann würden noch viel mehr derartige Fälle borkommen.(Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.)— Daß im Dienstreglement den Leuten nicht vorgeschrieben wird, sofort mit dem Säbel dreinzuhauen. davon bin ich auch überzeugt, aber ich glaube doch, daß die exklusive Stellung, welche die Soldaten in nnsrem Vaterlande gegenüber dem Volke einnehmen, sie zur Ueberhcbung verleitet.(Sehr richtig I) Wenn immer auf das besondere Ehrgefühl des Militärs hin- gewiesen wird, so fühlen sich diese jungen Leute verpflichtet, gegen jeden, der ihnen nicht die schuldige Ehrfurcht erweist, im Namen des Königs mit dem Säbel vorzugehen. Solche Fälle können nur vermieden werden, wenn das Wafsentragen außerhalb des Dienstes überhaupt verboten wird.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Bachem(C.): Es wird mir versichert, daß heute schon bielfach die Vorschrift besteht, daß außer dem' Dienst das Waffen- tragen verboten ist. Wenn das ollgemein auch wirklich durchgeführt würde, so würden solche Fälle kaum mehr vorkommen. Es sollte auch dafür gesorgt werden, daß ungeeignete junge Leute schon in der Vorbereitungszeit aus der Armee entfernt werden. In diesem Falle ist es nach dem, was wir gehört haben, wohl klar, daß es sich nicht unr einen sogenannten hoffnungsvollen jungen Mann handelte. (Sehr richtig!) Damit schließt die Besprechung der Interpellation. Es folgt die erste Beratung des Nachtrags-Etats, durch den zum Bau eines neuen Reichs-Marineamts 5 633 400 M. gefordert werden. Abg. v. Waldow-Reitzenstein(k.): Ich habe im Namen meiner Freunde zu erklären, daß wir gegen diese Forderung auch jetzt noch sehr schwere Bedenken haben, die sich für die Erörterung im Plenum nicht eignen. Wir halten eine eingehende Kommissionsberatung für notwendig und ich beantrage die Ueberweisung der Vorlage an die Budgetkommisston. Abg. Singer(Soc.): Dem Antrage auf Kommissionsberatung schließe ich mich namens meiner Freunde an. halte aber doch eine Erörterung der Angelegenheit im Pleimm für sehr angebracht. Ich bin zunächst der Ansicht, daß die Regienmg die„wesentlich günstigere Finanzierung" des Projektes. von der die Begründung spricht, bei energischem Vorgehen von vorn- herein hätte erreichen köimen, andrerseits aber kann ich nicht finden. daß es sich in der That mn eine wesentlich günstigere Finanzierung handelt, die den Reichstag veranlassen könnte, nun sofort zuzugreifen. Die Ermäßigung des Kaufpreises für das Grundstück i» der Bellevue- straße um 387 500 Mark kann bei einem Objekt von fast sechs Millionen doch nicht als besonderer Erfolg bezeichnet werden. Es ist auch ganz verkehrt, den Kauf in der Bellevuestraße mit dem Verkauf der marinefiskalischen Grundstücke in der Leipziger- und Voßstraße an Siemens u. Halske zu verkoppeln und auf der einen Seite zu viel zu zahlen, weil angeblich der Verkauf dieser Grundstücke ein besonders günstiger sei. Auch diese Behauptung ist aber keineswegs zutreffend. Wenn auch das Angebot von Siemens u. Halske von 3 520 000 M. auf 4 533 400 M. erhöht ist, so müssen wir andrer- seits für die bis jetzt mietfreien Dienstgebäude bis zum 30. April 1907 eine jährliche Miete von 180 000 M. zahlen. Ich habe noch einen besonderen Grund, der es mir wünschenswert erscheinen läßt, die Sache in der Budgetkommission eingehend zu be- raten. Ich möchte den Inhalt der in dieser Sache abgeschlossenen Verträge kennen lernen und zwar bin ich dazu geführt durch folgende Umstände. Die offiziöse„Norddeutsche Allgemeine Ztg." hat sich in einem angeblichen Dementi gegen Aeußemngen gewandt. die ich gelegentlich der Etatsforderung für den Neubau des Reichs- Marine-Amts gethan habe. Ich hatte darauf hingewiesen, daß der Stadt Berlin durch kaiserliche Order die Genehmigung zum Bau von Untergrund-Bahnlinicn versagt worden wäre, die der Firma Siemens u. Halske zugedacht worden seien. Vielleicht wäre an Stelle des Ausdruckes kaiserliche Order das Wort kaiserliche Zusage noch korrekter gewesen, aber in der Sache halte � ich alle meine Behaup- tungen aufrecht. Es hat sich ja später anläßlich des Dementis eine Zeitungspolemik zwischen dem„Vorwärts" und der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" entwickelt, aus der ich bitte, einige Sätze ver- lesen zu dürfen zum Beweise dafür, daft BerkehrSunternehmuilge», die dir Stadt Berlin im öffentlichen Interesse mache» wollte, durch das Polizeipräsidium, den Minister fiir öffentliche Arbeiten und durch direktes kaiserliches Eingreifen im Interesse von privaten Aktien- gescllschaftrn verhindert worden find.(Hört! hört I bei den Social- demokraten.) Der„Vorwärts" hat die amtlichen Aktenstücke ver- öffentlicht, die seitens des Polizeipräsidiums an den Magistrat in Berlin ergangen sind: Ein Erlaß des Polizeipräsidiums an den Magistrat vom 18. Juli 1900, Unterzeichner v. Windheim, lehnt die Zustimmung zu dem vom Magistrat in Aussicht genommenen Projekt einer Unterpflasterbahn vom Potsdamer Platz nach dem Innern der Stadt af mit der Motivierung, daß diese Linie im Anschluß an die Siemenssche Hochbahn gebaut werden müsse. Darin spricht sich klar und deurlich aus, daß von der entscheidenden Stelle zuliebe der Gesellschaft Siemens u. Halske die städtische Konkurrenz aus dem Felde geschlagen worden ist. Meine damaligen Andeutungen werden durch das amtliche Aktenstück auf das deutlichste erwiesen. Dieser Erlaß ist ergangen auf Anordnung der höheren Instanz und wie ich überzeugt bin, durch das persönliche Eingreifen des Kaisers. Es ist auch in Berlin ein offenes Geheimnis, daß der Kaiser, als er in Budapest die Siemens n. Halskcsche Untergrundbahn besichtigte, dem dortigen Vertreter die Zusage gegeben hat, für Berlin die Konzession z» einer Untergrundbahn zu erteilen.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten) In einem weiteren Erlasse bezeichnet der Polizeipräsident es als dringend erwünscht, daß die Firma Siemens u. Halske die Unterpflasterbahn vom Potsdamer Platz so- wohl nach dem Spittelmarkt wie nach dem Bahnhof Friedrichstraße und nach dem Stettiner Bahnhof baut, und daß die seitens der Stadt geplanten Linien vertagt würden. Nicht nur diese Gesellschaft, sondern auch die Große Berliner Straßenbahn erfreut sich ja des besonderen Wohlwollens der staat- lichen Aufsichtsbehörden. Der Polizeipräsident von Berlin hat. ohne die städtischen Behörden auch nur mit einem Worte in Kenntnis zu setzen, den Vertrag der Große» Berliner Straßenbahn-Gesellschaft mit der Stadt, soweit die staatliche Konzession in Frage kommt, um dreißig Jahre verlängert! In einen» Schreiben an den Magistrat vom 17. Mai 1900 teilte dann das Polizeipräsidium ganz einfach mit, daß die betreffenden Zeitungsnachrichten zutreffend seien.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Weiterhin wurde die Stadt Berlin überrascht durch ein Schreiben des Polizei- Präsidenten(Zuruf bei den Nationalliberalen: Das gehört nicht hier- her!)— das gehört schon deswegen hierher, weil ich aus Anlaß einer Rede, die ich zu diesem Gegenstand gehalten habe, von einem offiziösen Organ in der heftigsten Weise angegriffen worden bin—, durch ein Schreiben des Polizeipräsidenten, wonach der Kaiser für die Große Berliner Straßenbahn den un- wirtschaftlichen Accumulatoren-Betrieb durch die unmittelbare Stromzuführung zu ersetzen angeordnet hat. Für eine solche Aktiengesellschaft mag ja diese kaiserliche Fürsorge für ihre wirt- schaftliche Existenz sehr erfreulich sein. Wir wissen ja auch weiter. daß die Große Berliner Sttaßenbahn dafür, daß sie im Tiergarten überall die Erlaubnis zur Stronizuführung durch Oberleitung be- kommen hat, eine Anzahl von Marmorgruppe» am Großen Stern errichten will-- Vicepräsident Graf Stolberg(unterbrechend): Herr Abgeordneter, ich möchte bitten, die Person Sr. Majestät des Kaisers nicht in diese Frage hineinzuziehen, soweit es sich nicht um amtlich konstatierte Thatsachen handelt.(Bravo! rechts.) Sobald es sich um solche handelt, würde ich Ihnen dies erlauben können, über ich muß bitten, nicht auf Vermutungen, nicht auf indirekte Beweisführungen hin die Person des Kaisers in die Debatte zu ziehe».(Beifall rechts.) Abg. Singer(fortfahrend): Ich bin gern bereit, diesem Wunsche zu folgeir. Es ist aber amtlich festgestellt, daß die G/oße Berliner Straßenbahn-Gesellschaft, dem Wunsche des Kaisers folgend, den Großen Stern mit Marmorfigurrn ausschmückt, weil' sie dort Ober- leitnng bekommen hat. Nach allem, tvas ich ausgeführt habe, werden Sie meinen Wunsch begreiflich finden, daß wir die in dieser Sache abgeschlosieiten Berttäge in der Richtung prüfen können, ob nicht Dinge darin stehen, die zu Bedenken Anlaß geben, die öffentliche Institutionen schädigen. Deswegen halte ich die Beratung dieser Vorlage in der Budget- kommission fiir notwendig. Die Gründe, die früher gegen den Ankauf des Grundstückes in der Bellevuestraße angeführt worden sind, sind in der Vorlage mit keinem Worte erwähnt worden. Ein großer Teil der Kommission hielt ja einen Platz am Nollendorfplatz für sehr geeignet. Auch an der Königgrätzerstraße, wo jetzt in außer- ordentlich verschwenderischer Weise große Gärten fiir die Reichsämter vorhanden sind, kämen Bauplätze in Frage. Jedenfalls aber darf man den Nutzen, den man aus dem guten Verkauf der bisherigen Dienstgebäude des Reichs-Ntarine-AmteS erzielt, nicht nur so verwenden, daß man noch eine Million hinzuzahlen muß, sondern man muß den Neubau einschließlich des Bauplatzes aus dem Erlös der beiden Häuser bestreiten. Es ist ja auch bereits auf das Terrain der bisherigen Hochschule für Musik an der Potsdamerstraße hingewiesen worden. Ich ersuche die Herren dringend, sich nicht durch den an sich guten Verkaufspreis blenden zu lassen und nun au andrer Stelle einen 'ehr teueren Bauplatz zu erwerben, ein Verfahren, das allen wirtschaftlichen Grundsätzen ins Gesicht schlagen und bei der jetzigen Finanzlage besonders bedenklich sein würde. Ich hoffe, daß die Budgetkommission möglichst einstimmig die Ablehnung dieses Projektes vorschlagen wird. Das Reichs-Marineamt ist eine Reihe von Jahren noch sicher in seinen bisherigen Gebäuden. Es bleibt ihm noch viel Zeit, sich nach einem passenden Bauplatz umzusehen. Man braucht keine Million wegzuwerfen, um an der Bellevuestraße auf dem teuersten Terrain Berlins einen Marinepalast zu erbaueit.(Lebhafter Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Bindewald(Antts.): Die Bellevuestraße ist ungefähr die teuerste in ganz Berlin, und es besteht kein Grund, den Bau gerade dort zu errichten. Daß das neue Projekt finanziell günstiger für uns sein soll, ist ganz ohne Beweis geblieben. Das, was die Gesellschaft mehr an uns zahlt, müssen wir auf der andern Seite mehr bezahlen. Das Terrain ist um zwei Millionen zu teuer. Ein Haus, das in der Bellevuestraße gekauft werden soll, gehört dem Bankier Cohn, der vor sechs Jahren eine halbe Million dafür zahlte. Vor drei Jahren wurden ihm bereits 900 000 M. dafür geboten. Das Hans steht leer; cS wirft keinen Pfennig Miete ab und doch scheint es ein gutes Geschäft zu sein. Ich sehe nicht ein, weshalb wir daS Reichsgcld den Juden in der Bellevuestraße an den Hals werfen sollen.(Gelächter links.) Da sollten wir doch lieber unsre deutschen Stammesbrüder damit unterstützen.(Erneutes Gelächter.) Die Juden stecken alle unter einer Decke.(Erneutes Gelächter.) Die„Staatsbürger-Ztg."(Gelächter)— die„Staatsbürger-Ztg." ist ein ebenso gutes Blatt wie der„Vorwärts"—(Erneutes Gelächter) behauptet, daß zwischen der Firma Siemens n. Halske und der Firma Werthcim ein geheimes Abkommen besteht, daß Siemens u. Halske nur als Vorkänfer fiir den Vampyr Wertheim fungiert, der auch auf den stillen Leipziger Platz kommen will. Wertheim ruiniert jährlich Tausende von selbständigen Existenzen, sollen wir ihn noch mit Reichsmitteln unterstützen? Ich bitte den Staatssekretär, in dem Vertrag mit Siemens u. Halske ausdrücklich zu bestimmen, daß das alte Reichs- Marine- Amt nicht an Wertheim verkauft werden darf. DaS Reich darf nicht dazu beitragen, daß Wertheim seine Fanganne noch weiter ausstreckt. Das Centrum und die Konservattven wollen den Mittelstand schützen. Ich warne sie, dem Projekt des Reichs- Marineamts ihre Zustimmung zu geben. Eine Kommissionsberattmg st ganz überflüssig: die Vorlage sollte ohne weiteres vom Plenum abgelehnt werden.(Beifall bei den Anttsemiten.) Staatssekretär v. Tirpiü: Die Meinung der Abgg. Singer und Bindewald, daß das jetzige Projekt nicht günstiger sei als das vorige, st unrichttg. Die Bellevuestraße gehört keineswegs zu den teuersten Gegenden. Die Kontrakte länger hinauszuschieben, war uns nicht möglich. Fällt das Projekt, so ivird der Reichstag iin nächsten Jahr mehr bezahlen müssen, denn unser altes Dienstgebäude werden wir zu dem jetzt angebotenen hohen Preise nicht mehr verkaufen können. Abg. Graf v. Oriola(nall.): Da eine nochmalige Beratung in der Budgetkonimission gewünscht wird, wollen wir nichts dagegen einwenden. Im Gegensatz zu dem Vorredner stehen wir dem Projekt günstig gegenüber. Reichs-Schatzsekretär Freiherr v. Thirlman» empfiehlt die Vor- läge zur Annahme. Wird sie abgelehnt, so kann sich die Untergrund- bahn einen Weg rechts oder links wählen. Hat aber die Unter- grundbahn einen andren Weg gewählt, dann ist von einem so hohen Verkaufspreis des alten Dienstgebäudcs nicht mehr die Rede. Das müssen Sie bei Ihrer Entscheidung berücksichtigen. Abg. Müller-Fulda(C.j: Der Nachtragsetat erscheint uns sehr überflüssig. Die Mnrinevcrwaltnng scheint zu glauben, die Millionen seien fiir sie allein da. Wir haben auch gegen das neue Projett die schwersten Bedenken. Die Vorschläge der Budgetkommisfion sind in keiner Weise berücksichtigt worden. Dort ist angeregt worden, die beiden Grundstücke gegeneinander auszutauschen oder fiskalische Grundstücke für den Bau auszumltzen. Ganz besonders bedenklich erscheint es mir, die noch fehlenden 1 100 000 Mark aus einer besonderen Anleihe zu decken. Wir köimen doch zu den vielen Anleihen nicht noch einen besonderen Marinefonds häufen. Wenn ich mich auch den Gründen des Abg. Bindewald nicht anschließe, so halte ich auch eine Kommissionsberatung für unnötig. Im Interesse des diätenloscn Reichstages liegt das abgekürzte Verfahren. Aber da die Kommission von den Konservattven und Socialdemottaten verlangt worden ist, will ich mich nicht widersetzen.(Beifall.) Abg. Tiedemann(Rp.): Der jetzige Zustand für die Reichs- Marineverwaltung ist absolut nnerttäglich, und nachdem die Differenz zwischen den Verkaufen an die Untergrundbahn und dem Kauf in der Bellevuestraße auf 1 Million ermäßigt ist, sollte man dem Projekte zustimmen. Abg. Singer(Soc.): Die Budgetkommission kann die Vorlage morgen beraten, und Montag kann dann bereits der Reichstag seinen Beschluß fassen. Ich fteue mich, daß Herr Müller-Fulda mit mir in der Beurteilung der Vorlage einverstanden ist; wenn aber das Reichs-Marine-Aml überhaupt mit so hohen Forderungen kommt, so ist das wesentlich Schuld des Ccntrums, das früher allen marinistischen Forderungen so außerordentlich ent- gegengekommen ist.(Sehr wahr I bei den Socialdemo- traten.) Ich hoffe, daß die entschiedene Haltung, die Herr Müller-Fulda soeben gegen die Forderung des Marine-Amts eingenommen hat, bei semen Freunden auch nach den Wahlen vor- halten wird.— Die Behauptung des Herrn v. Thielmann, daß Siemens n. Halske nicht gezwungen wären, die marinefiskalischen Grundstücke zu kaufen, beruht auf einem Irrtum. Der Besitzer des einen Hauses hat es rundweg abgelehnt, sein Grund- stück zu verkaufen und das Grundstück auf der andern Seite ist bereits von der Finna Wertheim angekauft. Die Gesell- schast für Untergrundbahnen ist gewiß sehr pattiottsch, aber soweit geht ihr Patriotismus sicher nicht, daß sie nur um der schönen Augen des Reichs-Marineamts willen den hohen Preis zahlt, sie thut das eben nur, weil sie es mutz.(Sehr richtig! bei den Socialdemo- Katen.) Abg. Bindewald(Antts.) richtet erneut die Anftage an den StaatsseKetär, ob die Behaupttmg der„Staatsbürger- Zeitung" richtig sei, daß das Reichs-Marineamt von dem geheimen Vertrage, der zwischen der Firma Siemens u. Halske und der Firma Werthenn abgeschlossen sein soll, Kenntnis habe. Gebe der Staatssekretär keine Antwort, so müsse er z» seinem Bedauern annehmen, daß das Reichs-Marineamt vielleicht gegen seinen Willen, aber thatsächlich der Ausbreitung des Warenhauses Wertheim Lorschub leiste und den Mittelstand dadurch schädige. StaatsseKetär v. Tirpitz: Ich habe heute da? erste Mal von diesem angeblichen GeheimverKage gehört. Dem Reichs-Marineamt ist davon absolut nichts bekannt. Abg. Müller- Fulda.: am Montag, den 27. April, abends 8'/, Uhr bei Giinzel, Rosenthalcrstr. 57. TagcS-Ordnung: 1. GeschäjtlichcS. 2. Vierlcljähriger Kassenbericht vom I. Quartal 1903. S. Verschiedenes. 286,8 SV Die Zahlstellen, in denen an jedem Sonnabendabend neue Mit- glicder(bis 43 Jahre) mitgenommen werden, befinden sich: Raunhnttr. 78 bei Grundmann, Kleine Andreassir. 15 im Restaurant, Rcichenbcrgcrslr. 29 bei Schmidt, Skalitzerstr. 69 bei Liebrandt, Zofscnerstr. 45 bei Städler, Alte Jalobsw. 69 bei Lenz. Elsafferstr. 41 bei Raddatz, Gcorgentirchstr. 25 bei Radle, Sickingcnstr. 43 be! Trach. Die Ortsverwaltungen. Deuttcher INetallarbeiter-verband. Verwaltungsstelle Berlin. Dnrean: Üngel-Ufer 15, Zimmer 1—5.— Fernsprecher Amt VII. 353. 118/2 Somitag, den 26. April 1903, vormittags 10 Uhr, bei KoHsr, Koppenstraße 29: m- Qrosse Klemtmer-Versammlung.'OK Tages-Ordnung: Tie Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Die Vorschläge der Arbeitgeber und uusre Stellungnahme hierzu. Referent: Folien. Kollegen! Es haben am Donnerstagabend Verhandlungen der beiden Kommissionen stattgefunden. Es ist notlvendtg, das Resultat dieser Verhandlungen den Kollegen zu unterbreiten und die Meinung der Kollegen zu hören. Wir erwarten auf das bestimmteste, dast jeder Kollege znr Stelle ist. Die Meister sind zu dieser Versammlung schriftlich eingeladen. 115/is» Die Ortsvcrwaltung. Deutscher IKetallarbeiter-Derbanl Vcrwaltnugsstelle Berlin. Bnrean: Eng-el-lJfer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher Amt VII. 353. Die Stichwahl Kerbeiidsteg findet am Sonntag, den 26. April, statt und zwar in der Zeit von vormittags Uhr bis nachmittags 1 Uhr. Gewählt wird in folgeuden Lokalen: 8. 80.: Gewerkschajtshaus, Saal i. W.(Schöncberg): D. Kumte, Bülowstr. 59. Ä1V.(Moabit): Kronenbrauerei,?llt-Moabit 47. O.: F. Kienitz, Gr. Franksurtcrstr. 133. V.: Ä. Abcndroih, Badsir. 42/43; I. Wernau, Schwedtcr straffe 23; B. Raabe, Kolbergerjtr. 23. 115/17» O.(Schönewcide): E. Kaushold, Wilhclmincnhosstr. 18. Weisieusee: W. Schmutz, König-Chaussee 38. Charlottcnburg: Volishaus, Rosinenftr. 3. Steglitz: F. Schcllhase, Ahornsir. 15a. Ripdorf: E. Mercicr, Stemmctzsir. 113. Tpanda«: F. Böhlc(vorm. Radtkc), Ncumcistcrstr. 5. Die Itimmlisten werden an den Eingängen zu de» Wahllokalen verteilt. Ohne Ditglieclsbnch hann niemand wählen. Die Vertrauensleute Haben unter allen Umständen de» Mitgliedern die Bücher aus- zuhändigen._ Die Ortsvorwaltang. Stukkateure! Die Sammlung zur Füllung unsres Streikfonds, für welchen jeder arbeitende Stukkateur 20 Pfennig pro Tag beizutragen Hat, wird in der Weise erfolgen, daß von jeder Werkstellc resp. jedem Bau ein Delegierter Listen empfängt, auf welche die Beiträge verzeichnet werden. Es muß die Ablieferung des Geldes am Sonnabend, spätestens am Montagabend erfolgen, wofür dcr Ueberbringcr die Anzahl dcr zu klebenden Strcikmarkcn empfängt und dieselben zum Einkleben ins Verbandsbuch an jeden abliefert. Kollegen I Zeigt, daß es Euch ernst mit unsrcm Vorgehen ist, indem Ihr Euch regelmäßig an den Sammlungen beteiligt. 17Ü/15 Die Streikkommission. WW! Säiiafbsiisr. �««s! Die Rabitz- Spanner stehen seit Montag, den 6. d. Mts., in einer Lohnbelvegung. Die Ver Handlungen mit den Arbeitgebern haben zu keinem Resultat geführt, ja man mutete uns sogar eine beträchtliche Lohnrcduzierung zu. Wir haben zur Kontrolle rote Legitimationskarten ausgegeben. Jeder Rabitz-Spanner, der zu den neuen Bedingungen arbeitet, muh im Besitz einer solchen Karte sein. Wir ersuchen unsre übrigen Kollegen im Baugewerbe, uns zu unterstützen und auf jeder Arbeits- statte, Ivo Rabitz-Spanner beschäftigt sind, diese zu kontrollieren und sie nach der roten Karte zu fragen. In Fälle», wo Rabitz-Spanner ohne diese Karte angetroffen werden, wolle man uns unverzüglich Mitteilung davon zugehen lassen. Bewilligt haben folgende Firmen: C. Schnitze. A. Kranss. Bräner. P. Zöllner& Co. Wagenknecht. Ehlert. Schmidt& Weimar. Czarikow. Wittenbecher. Usengcbaner& Schybilski. Hoffmann. Fischer, littnzel. Haner. I-iebig. Weissgerber& Bettig. Günther& Sollwcdcl.; Knaner. Düsing& Knaner. Die Firma Barth& Schade hat ihre Bewilligung zurückgezogen, mithin für organisierte Spanner gesperrt. Hoch die Solidarität! Nerbllttd der Stnt-, Erd- liltd gmerblichen Hilfsarbeittr Dentslhlnnds. 34/7 Die VcrbandslciNmg Berlins und Umgegend. Erkllirtltig. Athtttitg. StOrulkkr! ErKliitmg. Ich suhle mich veranlafft, um weiteren Umvalnhelteii vorzubeugen, Nachstehendes zu erklären. Zunächst bemerke ich ausdrücklich, daff bei mir nach wie vor nur Berbandsmitglieder und organisierte Arbeiter bcschäsligi werden. Die Entlassung eines bei mir beschäjtigt gewesenen Hilfsarbeiters ist erstens nicht plötzlich ersolgi, denn ich habe mich über dessen Betragen bei dem Vorstande dcr Buchdruckerci-Hilssarbciler nicht nur öfter persönlich, sondern sogar am 12. Zcbruar 1903 bei demselbc» schriftlich beschwert und in meinem Schreiben bemerkt, daff in Zukunst solche Ungcbörigkciten sofortige Entlassung zur lvolge haben. Fürs zweite hat derselbe sich nicht nur die gröfflen llngchöriglcitcn zu Schulden komme» lassen, sondern hat auch seine eignen Kollegen gegeneinander aus- geredet. An her dem hat der Betreffende an demEntlassungstagc seinen Lohn sür 14 T a g c i m voraus bekommen, s o d a ff c r a n d c m T a g e 79,10 M. sür drei Wochen aus- gezahlt bekam. Aiifferdem ist nicht der Centralvorstand, sondern nur ein Mitglied des Vorstandes der Buch- druckerei-Hilssarbciter bei mir gewesen. " Die Hilfsarbeiter haben b e i m i r e i n e n W o ch e n l o h n v o n 25 b i s 30 M. u n d 23, 33>/„ 50 u n d 75 P r o z. A u s s ch l a g sür U c b e r st n n d c n. aufferdcm einen anständigen Weihnachten und andre Vergünstigungen. Ferner teile ich mit, daß dcr V o r st a n d e i n c r a n d r e n st r c n g organisierten Vereinigung bei mir gewesen, die?lngclegenhcit geprüft und keine Maffregelung, sondern eine voll- kommen gcrechttertigtc Entlassung gesunden hat und mich daraus sogar gebeten, bei Gebranch von ArbeitSwäslen seine Organisation zu berücksichtigen. Ich habe meinen werten Kunden gegenüber Verpflichtungen, tadellose Ware zu liefern, toenn ich. mich aber aus jemand nicht verlassen kann, so kann ich ihn nicht gebrauchen, denn ein jeder Mensch hat seine Siechte. aber auch scmc Pflichten. 865b Psaial fisaamn Berliner Vuchdruckwalzcn-Gietzanstalt und a�SUaa �sauery Walzenmaftefabri». Oranicnstr. 172. Robert Spremberg, Georg Schulze, VerbandSmitgl.; Bruno Herzberg, Willy Spremberg, Mitgl. d. organ. Hausdiener Hiermit bestätige ich nach genauer Prüfung, daff bei Herrn Pank Saner keine Maffregelung' sondern eine gerechtfertigte Entlassung vorliegt. lob. Schmidt. 2. Vors. der Hnusdieiier.. Packer- n. GefchästSkutschcr-VercinIguiig Verl. u. Ilmgcgcnd, Kl. Kurstr. 10, 1 �"Ztetunüchwitl Caslliaus �ur Palme" Mvueuw viv"*»«(End8tatj0nderjiStern�Dampfer) Inhaber: Hermann Peter. gÄ�m. I Empschlc mein allbekanntes, herrlich am Wald und Wasser belegenes W Lokal den geehrten Vereinen und Gcscllschasicn zu Ausslügen. Ausspannung Und Dampsersiegc, Kegelbahnen, groffc Kasseküchc. I Säle. Hallen, grostcr schattiger Garte». 3000 Personen sasscnd. S K O n i» sl219L' Verwertung, Finanzierung, An- meld. v.Pal. n. Gchrauchsmust. p W zum Selbslkoslenpreis bei Ans � trag z. Vcrwert. Slnfertig. von Zeichnungen. Wolters& C'o,, W Potsdamer Straffe 133. AnSkünste und Ratschläge kostenlos. Neiter-RÄrervereiii „Berlin". _ Sonntagmittag 1 Uhr: Tempclhoscr Feld, Allee, Steuerhaus, nach Maricnscldc bei Dittmann. s12/2 spottbillig sür clcgaiitc Herrenanzüge, Ralsiete, Kinder-Anzüge usw.* Mfabrik-Hieilerlaße Koch& Seeland, Berlin C, Roßftr. 2. Dr. Schünemaim, Spccialarzi für Haut-, Harn- und Frauenleiden. Serdelstr. O. '/jI«-'/,8, Sonnt. 9-11. Allen Bekannten die traurige I Nachricht, daff mein lieber Mann, | der Tischler iugust Krosche 1 am 23. April am Herzschlag gc- | starben ist. Die Beerdigung findet am i Sonntag, den 26. April, nach- I mittags 5 Uhr, aus dem Emmans- I Kirchhos statt. 1345L Um stille Teilnahme bittet Frau Augnste Krosche. TisMnziiBeri E. H. Ko. 88. Unser Mitglied 198/18 iugust Kroselie ist am Donnerstag nach längcrem Leiden gestorben. Dle Beerdigung sindet Sonntag- nachmittag 5 Uhr, aus dem Emmaus-Friedhos statt. Um zahlreiche Beteiligung er- sucht Der Vorstand. 198/14_ liir den 6. Berliner Beiciistags- Waiilkreis. Todcs-Aazclge. Am Mittwoch, den 22. d. Mts., verstarb unser langjähriges Mit- glicd, dcr Gasarbcitcr 247/9 Adolf Guhn. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag um 3'/, Uhr vom Trauerhansc, Pankstr. 45a, nach dem neuen Pauls-Kirchhose (Seestraffe) statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vorstand. Danksagung. Sage für die aroffe imiige Teilnahme bei dcr Beerdigung meines Mannesallen Bekannten und Kollegen, dem Hntmacher-Gcsanguerein„Einigkeit", sowie den Genossen des 6. Ber- liitcr Reichstags- WahllrciseS meinen innigsten Dank. lZenti'al-lti'anItkii- mi Sterbete rier Dachdecker OBUtseblaofts „Einigkeit". Versammlung am Sonntag, den 26. April 1903, vormittags ,11 Uhr, bei Feind, Weinftr. 11. Tagesordnung: t.?lbrcchiiung vom I. Quartal 1903. 2. Verschiedenes inKasseii-Angelengm- heilen. 54/7_ Der Borstand. Cential-KrunItetl-n.Stkrlte- kaffe der Tischler u. andrer gewerblicher Arbeiter. (Orisvorwaliung Berlin C.) am Montag, den 27. April 1903, abends S'/j Uhr, bei Habel, Beramannstraßc 5—',. TngcS-Ordnung: 1. Kassenbericht vom 1. Quart. 1903. 3, Verschiedene Kassen- Angelegen- heiten. 182/5 Es ist Pflicht eines jeden Mit- gliedcs in dcr Versammlung zu er- scheinen _ Die Ortsverwaltuug. Gigarren 819B. W Sturm und itnmfttrt gelittcn.vcrtaufe bedeutend unter Preis Wichtig für Händler! S. Glaser.1"1*11•5te' Ol UiaOUl f Eichendorff-Str. Dampfer in jeder Gröffc stehen den geehrten Vereinen. Gesellschaften usw. zu coulanien Preisen zur Bcrsügung ködert lismer, 1�iedev-8chönevmcle. Näheres bei H. MarteHel. Berlin, Mühlenstr. 67a, und Bei G. Barcinz, Brandenburger Ufer. Telephon 7a, 6376. 6892» taen-Saeeos, Capes, Sinsen, billige 1' als in jeder Fabrik? 13392* WM' Keftc-WW zu Koiütüiuen. Rnmen- aiäntcln, zu Mä«leben- u. Knaben-Maclien. Oskar Bäsch, ioo km-lVIcistcrschaft der Kielt 0rand Prix de l» Re'pubUque l�letstcrsehaft von RussUnd JSleistcrscbaft von Bayern ♦ und andre grrosse Rennen wurden auf ioo km-yVIeisterechaft von Europa io km-jvieisterscbaft von Europa Grosser preis von Deutschland Meisterschaft von Rolland ßretinabor gewonnen. ♦——— Zweiggeschäft: BERLIN WM Kronenstrasse 11. Clrobi . cißhi eren geht über Studieren. 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Alle drei Angellagten wurden wegen Ermordung des Trödlers Lazarus Burgheimer zum Tode und zum dauernden Verlrst der bürgerlichen Ehrenrechte und ferner wegen des bei der Firma Rumöller unternommenen schweren Einbruch- diebstahls zu j: drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Des weiteren wurde der Anzeklagte Weißer schuldig befunden, sich an seiner Geliebten, der Fabrikarbeiterin Mana Josepha Kirchhofer des Totschlags schuldig gemacht zu haben und dieserhalb noch zu zwölf Jahren Zuchthais verurteilt. Die Verhandlungen der beiden letzten Sitznngstage d.'ehten sich um den bei Rumöller u. Co. verübten Einbruchsdiebstrhl und die Ermordung des Trödlers Burgheimer. ES wuroe dabc festgestellt, daß nicht sowohl der Hauptangeklagte Weißer, sondere der Metzger Ziegler den Anstoß zu der Ermordung des alten Maines gegeben hat, indem er seine Spießgesellen unter der Angabe, Burgheimer habe inehrere Tausend Mark in bar in seinem Geschäjtslokale zu liegen, zur Ausführung der grausigen That besinn mle. Dieselbe ging in der Weise vor sich, daß am Slberd des 15. Januar die Angeklagten in das Wohnzimmer des Burgheimer eindrangen und hier, hinter einem Vorhan, verborgen, die Heimkehr des alten Mannes abwarteten. Dmn wurde dieser von hinten überfallen, zur Erde geworfen und mnmehr würgte ihn Weißer so lange, bis er keinen Laut mehr von sich gab. Zur größeren Sicherheit trat ihm dann Weißer noch der Brustkasten entzwei und hierauf«rächten sich beide im Verein mit Ziegler, der während der That„Schmiere" gestanden hatte, an die Beraubung der Wohnung, die aber nur ein sehr klag- kiches Resultat e-gab. In der Hauptsache erbeuteten die Angeklagten alte Tabakdosen und wertlose Ringe. Dieser Mißerfolg scheint sie zu der dritten ihnen zur Last gelegten That: dem Einbruchsdiebstahl bei der Firma Rumöller u Co. getrieben zu haben, die sie wenige Tage später, am Morgen des 23. Jaruar d. I. zur Ausführung brachten. Der kurz zuvor wegen eines Dichstahls aus seiner Vorarbeiterstellnng bei der Papierfabrik von schwickert entlassene Weißer hatte die Schlüssel zu dem Rumöllerschei Geschäft, bei dem er dann als Hausbursche ein- gestellt worden ivar, am Vorabend des Einbruchs seinen Komplicen ausgehändigt und fand dieselben, als er um 6 llhr früh auf der Bild fläche erschien, in vollster Thätigkeit. Sie sagten ihm, daß sie in der Ladcnkaffe nur zwei Fünfmark-Scheine gefunden hätten, und thatsächlich Halle der Firmeninhaber, wie er gestern als Zeuge angab, muh nur diesen Betrag hinterlassen, weil ihm das scheue Wesen seines Hausburschen verdächtig vorgekommen war. Dieser Zeuge war es auch, der alsbald den Verdacht äußerte, daß die Stiche, dieWeißer bei dem angeblichen Einbruch von den Thätern erhalten Haber wollte, in Wahrheit von ihm selbst herrührten. Be- kanntlich bezchtigte dann Weißer seine Komplicen der Thäterschast bei dem Embuch, weil sie ihn nach seiner Meinung bei der Verteilung der Beute beiachteiligt hatten und die in die Enge getriebenen Metzger gestcnden darauf den ganzen Hergang, wodurch Weißer schließlich aus seiner andren Thaten überführt wurde. Eue Saronesse als Kindtsmörderin. Unter grißem Andränge des Publikums wurde vor dem Hanauer Schwurgericht wegen vorsätzlicher Kindestötung gegen die 20jährige Baronesse Emilie v. Seckendorfs ver- handelt. Di, Angeklagte wurde seiner Zeit unter dem dringenden Verdacht vcrhftet, ihr mit einem Diener gezeugtes Kind gleich nach der Geburt geötet zu haben. Die Angeklagte heißt Emilie v. Sellen- dorff. Ihr Bater, Ernst v. Seckendorfs, ist in Rüsselshcim ansässig: sie wohnt ebeifalls dort. Sie ist am 20. Juni 1382 geboren, von katholischer RJigion und besitzt kein eignes Vermögen. Ihre Er- ziehung hat sic teils zu Hause, teils in Kassel und in einer Pension genossen. Raa dem Eröffnungsbeschlusse lvird die Angeklagte be- schuldigt, in dr Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1901 in Fulda ihr uneheliches Kind gleich nach der Geburt vorsätzlich getötet zu haben. Nach Vclcsung des Anklagebeschluffes stellt der Erste Staats- anwalt wegen Sefährdung der Sittlichkeit den Antrag aus Aus- schluß der Lefscntlichkeit. dem vom Gericht stattgegeben wurde. Auf Aitrag des Verrreters der„Frankfurrer Zeitung", im Gerichtssaale vableiben zu dürfen, beschloß das Gericht, ihn als alleinigen Aertvter der Presse zuzulassen. Weitere Anträge der nicht ausgelosten Geschworenen, der Hanauer Presse und andrer Personen, im Saale lerbleiben zu dürfen, wurden zurückgewiesen. Fräulein v. Seckendorfs giebt zu, in der fraglichen Nacht einem Kinde das Leben icgeben zu haben und dieses Kind nach der Geburt aus dem Fenster hrcs Mansardcnzimmers geworfen zu haben. Sie war sich damals, o sagt sic, nicht bcioußt gewesen, was sie gethan, und leugnet ganz entschieden, ihr Kind vorsätzlich getötet zu haben. Tie Angckagte hatte es zu Hause nicht besonders gM. ins- besondere bestand hin herzliches Verhältnis zu ihrem Vater, der oft sehr leidend und reizbar und zu ihr oft schroff war. Sie bcschäfiigie sich vielfach im Harten und in der Landwirtschaft. Auch trieb sie englische und frmzösische Sprachstudien. Sie ließ sich verleiten, niit dem Diener ihrS Vaters, Karl Lude, in intimen Verkehr zu treten, der nicht ohne Folgen blieb. Im Juni 1991 merkte sie. daß sie in andern Umständn sich befand. Sie fühlte sich jedoch nicht veran- laßt, sich irgendjemand anzuvertrauen, in, Gegenteil als die Mutier ihren Zustand merkte, stritt sie eL entschieden ab. Verschiedene Reibereien mit ihrem Vater führten dazu, daß sie auf Wunsch ihrer Mutter, wie sieauSdrücklich behauptet, gegen ihren(der Angeklagten) Willen am 1. Oktober auf vierzehn Tage zu ihrer Tante Schödde nach Fulda fulr. die im zweiten Stock des Horascrweges eine Art Manfardenwohiung inne hat. Als sie hinkam, glaubte sie nicht, daß sie vor iher Entbindung stehe, die indessen in der Frühe des 8. Oktober in dm Fremdenzimmer, das sie allein bewohnte, erfolgen sollte. Kurz vc 12 Uhr nachts am 7. Oktober wachte sie unter großen Schmerzen auf die um V-l Uhr derart wurden, daß sie das Bett verließ. Da c folgte bereits die Geburt des Kindes, das zu Boden fiel und weint.. In der Verzweiflung nahm sie das Kind. öffnete da! Fenster und warf eS zwei Stockwerke hinunter ir den Vorgarten. Als es auf den Erdboden aufschlug, hört sie es noch weinen, dann schloß sie das Fenster. legte sich nieder hin und schlief bis V,7 Uhr. Am 8. Oktober besuhtc sie nur von 9 b i s V-19 Uhr die Messe, im übrigen bl eb sie zu Hause. Am folgenden Tage ging sie bereits wieder aus. Die Lundeslciche lvurde� in der Frühe des 8. Oktober gefuidcn, indessen nahm man an, daß irgend ein Passant der vorüberziehnden Straße, des Breiten Weges, die Leiche über den Zaun in de, Garten geworfen hätte. In dieser Richtung stellte auch die Staatimwaltschaft zunäckist ihre Ermittelungen an. Bon den Aussagen der Zeugen interessieren vor allem die der Lousine der Angellagten. Fräulein Schöddcr. Die Zeugin schildert die Anftklagte als sehr häuslich und freundlichen Charakters. Von den Verhälnisscn im Hanse Seckendorfs erzählt die Zeugin, daß dort eine gewiss« Steifheit zwischen den Kindern und den Eltern ge- herrscht habe. Sie minder waren sich fast ganz selbst überlassen. Emilie kam mit IS Jahren in ein Pensionat nach London. Nach ihrer Rückkehr leite sie ganz zurückgezogen. Sie habe keine Vorliebe für elegante Toiltten gehabt, sondern ging möglichst einfach gekleidet. — Zeugin Frau Pfarrer Frank war seit dem vierten Lebensjahre der Angellagten siele Jahre Erzieherin im Scckcndorffschen Hause. Sie erzählte, Eailie sei ein sehr schwer zu leitendes und ver- fchlossenes Kind gwesen. Sie habe eine besondere Vorliebe für ihren Bruder gehabt. Von den Aussagen der Zeugen ist>uxh hervor- zuheben, daß die Angeklagte sich ihrer Cousine, Fräulein Schödder, des Lsmdits" gegenüber offenbaren wollte, bevor sie nach Fulda reiste, doch wurde sie daran gehindert, da die Geburt nach ihrer Rechnung um 14 Tage zu früh erfolgte. Aus den Verhandlungen geht weiter hervor, daß die Ermittelungen nach der Äindesrnörderin anfangs ohne Erfolg geblieben seien, und erst im Anfang des vorigen Jahres sei die Staaisanwaltschaft durch einen anonymen Brief auf die Angeklagte aufnierksam geworden.. Die ärztlichen Sachverständigen bekundeten einhellig, daß sich die Angeklagte bei Begehung der That in einem Geisteszustände be- fand, der als nicht normal zu bezeichnen sei. Das Urteil lautete auf Freisprechung._ Lokalcd. Der Berliner Magistrat in Nöten. Vom R i e s e l l a n d des Berliner Magistrats bei Blankenfelde aus werden gegenwärtig die Abwässer in einen der Gemeinde Rosenthal gehörende» Graben ge- leitet, der in die Panke mündet. Obgleich diese Abwässer schon ge- klärt sind, ist gegen das jetzige Verfahren doch verschiedentlich mit Erfolg protestiert worden, so daß der Magistrat auf den Rosenthaler Kirchenwiesen an dem Ziegelaraben noch eine besondere Klär- anlage zu schaffen beschloß. Die Stadtverordneten-Versammlung genehmigte denn auch seiner Zeit einen Vertrag, nach welchem der Magistrat zur Herstellung der Kläranlage die Rosenthaler Kirchen- wiesen auf 29 Jahre zu 1399 bezw. 1399 M. pro Jahr pachtet. Trotz dieser hohen Pachtsnmme hat es gestern die Kirchen- gemeinde abgelehnt, dem Magistrat die Wiesen zu ver- pachten. Im wesentlichen ist die Ablehnung, die den Magistrat in eine unangenehme Lage bringt, auf die Konflikte zwischen Rosenthal mid Berlin zurückzuführen. Die au der Schönholzer Heide gelegene Kolonie Wilhelmsruh, welche zur Gemeinde Rosenthal gehört, bedarf für die kommenden Jahre dringend der Kanalisation. Zwischen Rosenthal und Berlin schwebt ein Verwaltungs- Streitverfahren wegen eines Kostcnbeitragcs zu den Schul- und'Straßenbaulasten, den der Vorort von der Stadt als Eigentümerin des Gutes Rosenthal, bisher allerdings vergeblich, verlangt hat. Berlin mar bereit, den Wünschen Rosenthals teilweise zu entspreche», wenn ihm erlaubt würde, durch Rosenthaler Gebiet ein neues Druckrohr zu legen. Da jedoch der Vorort an diese Genehmigung die Bedingung fnüpfte, später an die Berliner Kanalisation angeschlossen zu werden, zerschlugen sich die Verhandlungen, so daß nun die Verwaltungsstreitsache ihren Fort- gang nimmt. Da die Vertreter der politstchen Gemeinde auch in der kirchlichen Gemeindevertretung entscheidenden Einfluß haben, wurde von diestr jetzt auch die Verpachtung der Kirchenwiesen ab- gelehnt. Die Mrchengenieinde kann allerdings auf das Pachtgeld unschwer verzsijhtliii, da sie eine der reichsten in Deutschland ist. Postbeförderung Berlin-Wien. Einer Anregung auS Interessentenkreisen folgend harte die Handelskammer beim Herrn Staatssekretär des Reichspostamtes beantragt, die Postverbindung nach Wie» so zu regeln, d«-'; alle am Abend in Berlin aufgegebenen Briefe zeitig genug in die Hände der Wiener Empfänger gelangen, um noch am Eingangstage beantwortet werden zu können. Nach dein vom Staatssekretär ergangenen Bescheide wird die Briefpost Berlin— Wien bereits jetzt mit dein S Uhr 43 Minuten abends vom Anhalter Bahn- hose abgehenden Schnellzuge 52 befördert, der am nächsten Morgen 7 Uhr 33 Minuten in Wien eintrifft. Die Schlußzeit ftir diesen Zug ist beim Postamt 11(Anhalter Bahnhof) auf 6 Uhr 23 Minuten abends festgesetzt. Zu beachten ist, daß dem stark belasteten Zug 2/196/819 nur Briefe, Postkarten, Postanweisungen mid politische Tageszeitungen zugeführt werden; Drucksachen und Warenproben gehen von Prag über Jglau lveiter und erreichen Wien erst 7 Uhr 42 Min. abends.— Den Berliner Versendern lvird daher empfohlen, die Briefe nach Wien, die am folgenden Morgen den Empfängern ausgehändigt werden sollen, so zeitig znr Post zu geben, daß sie Berlin mit dem 6 Uhr 45 Min. abends vom Anhalter Bahnhof ab- fahrenden Zuge verlassen können. Deutscher Arbeitcr-Aöstincntcubiiiid(Sitz Berlin). Laut Beschluß der Konferenz der abstinenten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutsch- lands am 13. und 14. April er. in Bremen haben sich sämtliche abstinenten Arbeitervereine Deutschlands zu einem Centralverband verschmolzen, welcher obigen Namen führt. Zuschriften, Anfragen zc. sind zu richten an den Bundes- vorfitzenden W. Miethe, Berlin dl IV. 87, Roftockerstr. 14. Alle Geldsendungen an den BundeSlafsierer W. G i e h m, Berlin SO. 33, Wcangelstr. 46. Ungcwöhuliche Fundolijcktc find in den letzten Tage» bei den Amtsbehörden in den Ortschaften der Oberspree und Dahme ge- meldet worden. Nicht weniger als 23 Schiffsfahrzeuge, Rettungs- boote von Zillen, Ruderboote, Seelenverkäufer und Segler sind an den Ufern der beiden Flüsse herrenlos angetrieben worden. Die Fahrzeuge die jedenfalls durch den Sturm am Sonntag und Montag von den Ankerplätzen losgerissen wurden, haben bisher nur zum Teil ihre Herren geftmden. Die Bogelschwindler scheinen ffcki in Berlin zu einer neuen „Specialität" anSzuwachsen. Jetzt tritt in Berlin und Charlotten- bürg ein»euer Schwindler mit einem andren Kniff ans, der es er- möglicht, den Schwindel vor den Augen des Verkäufers auszuführen. Der Mann hat zwei ganz gleiche Beutel. In der Nähe einer Vogelhandlung nimmt er sich irgend einen Jungen von der Straße und verspricht ihm ein paar Groschen, wenn er ihm einige Vögel, die er kaufen ivolle, nach Hause trage. Hat er sich nun einige gute Kaliarienhähne ausgesucht, so steckt er sie in einen Beutel, ivährend der Junge den andren hält, in dem sich ein mitgebrachtes Weibchen befindet. Nun fängt er an, über dieses und jenes zu reden, alles, was im Laden ist. anzufassen, um die Aufmerksamkeit von den Beuteln abzuwenden. Während der Verkäufer glaubt, daß der Kunde immer noch den Beutel mit den Hähnen in der Hand habe, hat er längst den mit den Weibchen. Plötzlich fällt dann dem Käufer ein, daß er in der Nachbarschaft noch etlvas zu besorgen habe, übcrgiebt den Beutel mit dem Weibchen dem Jungen, dantit er ihn bis zu seiner Rückkehr und Bezahlung aufhebe, und geht mit dem andern Beutel weg. um gleich wieder zuriickzukommeu. Vergeblich wartet der GeschäftSmau», der den Jungen für den Sohn des Knuden hält, bis sich endlich der Schwindel anfklärt. Zu spät sieht er, daß er geprellt ist. Durch eiue» Sturz vom Gerüst verunglückte gestern nachmittag der 33 Jahre alte, kinderlos verheiratete Arbeiter Ernst Bremer aus der Sttaßbnrgerstr. 33 auf einem Neubau in der Kuesebeckstraße. Er fiel aus eiuer Höhe von vier Metern herab und brach sich beide Unterarme. Nachdem er auf der Unfallstation am Zoologischen Garten einen Verband erhalten hatte, lvurde der Veiunglückte mit einer Droschke nach seiner Wohnung gebracht. Hier ver» schlimmerte sich sein Zustand, so daß er abends der Charitö zu- geführt werden mußte. Auf eiue Liedesttogödie ist der bereits vorgestern gemeldete Selbst- mord des russischen Studenten Josef Aschkennsy-Rewicz zurück- zuführen. Der junge Smdent, der Sohn eines Rabbiners, wohnte mit einer jungen Russin zusammen in einer hiesigen Pension und zwischen den beiden Landsleuten entspann sich ein Liebesverhältnis. A, welcher die ernste Absicht hatte, die Geliebte, eine strenggläubige Russin, zu heiraten, drang in dieselbe, aus der griechisch-katholischen ReligionS-Gemeinde auszutreten. Die junge Dame richtete nun eine Anfrage an ihre Eltern dieserhalb und erhielt als Antwort die Aufforderung, jede Verbindung mit A. abzubrechen und sofort in die Heimat zurückzukehren. Dieser Anordnung leistete das Mädchen Folge und bat ihren nichtsahnenden Geliebten, sie bis zur Grenze zu begleiten. Dort hat die junge Russin ihren Freund von der Aussichtslosigkeit iheS LiebeSbundcs unterrichtet und denselben Sonullbend, 23. April IM. dann verlassen. Der Student hat sich diese Trennung derartig zu Herzen genommen, daß er in geistige Umnachtung verfiel und in diesem Zustand den Selbstmord ausführte. Schließlich werden wir noch gebeten mitzuteilen, daß A. keine Schulden gemacht hat, viel- mehr ans seinen Mitteln hier studierende Landslente unterstützte. Die tiefgebeugten Eltern sind am heutigen Tage in Berlin ein-' getroffen, um der Besrattmig ihres Sohnes hier beizuwohnen. Im Brttc tot aufgefunden wurden der 24 Jahre alte Buchbinder- gehilse Paul Richter ans der Wilhelmstr. 141 und der 48 jährige Schuhmacher OzarSki aus der Münchebergerstr. 16. Richter, der mit seinem Bruder zusammenwohnte, schien zu schlafen, als der Bruder morgens die Wohnung verließ; in Wirklichkeit war er tot, im Laufe der Nacht einem Herzschlage erlegen.— Ozarski wohnte für sich allein im Hofe im Keller, nachdem er vor zwei Jahren seine Frau verloren hatte. Seit drei Tagen hatte man ihn nicht mehr gesehen, und als nun der Hausverwalter, der die Zeitungen noch vor der Thür fand, die Wohnung öffnen ließ, lag er tot und bereits erstarrt in seinem Bette. Beim Nangicre» schwer venmgliickt ist in der Nacht vom Donners- tag zum Freitag der auf dem Anhalter Güterbahnhof beschäftigte Bahnarbeiter August Müller. Müller kam bei semer Thätigkeit derart unglücklich zu Fall, daß ihm beide Beine, eins oberhalb, eins unterhalb des Knies, abgefahren wurden. Der Bedauernswerte, der erst jung verheiratet ist, ivar nach dem Unfall trotz fürchterlicher Schmerzen bei vollem Beivußtsein. Einen guten Fang machte die Polizei mit der Festnahme eines mehrfach besttaften Menschen Namens Paul Sachs, der in die Kellcrräume des Gnmdstückes Prenzlauerstr. 1 einzudringen ver- suchte und durch das elektrische Läutewerk verraten wurde. Die Kriminalpolizei, der Sachs zugeführt wurde, schrieb niehrere Ein- brüche, die in der letzten Zeit verübt lvnrden, nach der Art der „Arbeit" auf seine Rechnung, sagte ihm aber auch ans den Kopf zu, daß er dabetz Helfer gehabt habe. Nach längerem Sträuben räumte der Einbrecher beides ein, nachdem man in seiner Wohnung Beutestücke aus den verschiedensten Einbrüchen gefunden hatte. Seine Helfershelfer wurde» nun auch ermittelt und festgenommen. Es sind ein gewerbsmäßiger wiederholt bestrafter Einbrecher Willy Morgenstern und ein bisher unbescholtener stellungsloser Hausdiener Willy Weßnitz. Sachs und Morgenstern verübten Einbrüche in Schankwirtschaften und Bäckereien in verschiedenen Stadtviertel», u. a. auch in der Zimmerstraße. Veßnitz war nur bei einem einzigen Einbruch in Wilmersdorf be- teiligt. Die beiden andern, die dort ohne einen dritten Mann nicht fertig werden konnten, setzten dem Arbeitslosen so lange zu, bis er nachgab. Gestern Freitag führte die Kriminalpolizei alle drei dem Untersuchungsrichter vor. Vorläufige BesuchSordiimig für de» neuen botanischen Garten in Dahlem. Der neue botanische Garten in Dahlem ivar am zweiten Osterfeiertage nachmittags zum erstenmal dem größeren Publikum geöffnet und wurde von 2399 Personen besucht. Der nächste all- gemeine Vesuckisrag ist Sonntag, den 26. April(von 2 bis 7 Uhr). Auch wird in den sollenden Sonimcrnionaten der Garten mit Aus- nähme der Gewächshäuser und Bauplätze au zwei Sonn- oder Feier- tagen jeden MoiiatS zugänglich sein, so daß jedermann Gelegen- hcit hat, die in den verschiedenen Jahreszeiten blühenden Pflanzen zu sehen; Kinder unter zehn Jahren dürfen jedoch nicht eingeführt>v e r d e n. Auch ist an andren Sonntagen der Zutritt nicht gestattet. Dagegen können Interessenten durch Kauf der über einzelne Teile der Anlagen erschienenen Schriften(Preis 1 M.) einige Eintrittskarten erhalten, welche zum Besuch an den Wochentagen(8 bis 6 Uhr) be- rcchtigen; die Pförtner an den Thoren des neuen und alten bota- nischen Gartens geben htoiiber Auskunft. Dies gilt auch für Vereine, bezüglich deren noch zu bemerken ist, daß ihre Mitglieder nur in kleineren Gruppen von höchstens 29 Personen nach ver- schiedenen Richtungen hin den Gatten durchwandern dürfen. Führung wird an Wochentagen nicht gewährt, an den Sonntagen als außer- dienstliche Leistung gegen besondere Bezahlung unter den im Bureau des neuen botanischen Gartens zu erfahrenden Bedingungen. Den Orgelvortrag in der Marien-Kirche am Montag, den 27. April, abends 7'/, Uhr, führen aus: Musikdirektor Otto Dienel, Fräulein Gertr. Richter, Fräulein Marg. Hänsch, Fräulein Käte und Marie Heumaim, der Cellist Herr Otto Torniin und Herr Paul Schnyder. Es kommen Terzette, Duette, Arien, Violin- und Orgel- konipositionen von Bach, Händel. Tartini, Mendelssohn, R. Gchu- mann, Alb. Becker, Alexis Holländer. Gounod, Widor, Dienel ec. zur Aufführung. Der Eintritt ist frei. Berliner Hundc-AuSstellung. Am Sonnabend beginnt in den Gesamtränmeii der„Neuen Welt", Haseuheide 193—114, die große vom Deutschen Doggenklub und vom Verein„Hektor, Gesellschaft der Hundesrennde", veranstaltete Ausstellung von Hunden aller Rassen. Ueber 659 Hunde sind gemeldet, darunter 129 Teckel, 73 Doggen, 46 Bernhardiner, 41 Barsois, 69 Collies ze. je. lieber 159 Ehrenpreise stehen zur Verteilung bereit. Die Prämiierimg be- ginnt am Sonnabendvormittag 9 Uhr. Fenerbencht. Durch die Explosion einer Spiritusflasche kam Donnerstagnachmittag in der Mmitmffelstr. 194 in einem Laden Feuer ans, das schnell an Ausdehnung gewann, so daß bei Ankunft der Wehr bereits ein größerer Teil des Ladens vollständig in Flammen stand. Es� mußte daher tüchtig Wasser gegeben werden, bevor die Gefahr beseitigt war. Der entstandene Schaden beziffett sich aimähernd auf 2999 M. Außerdem erfolgten noch Alarmiernngen nach einigen andern Stellen, die aber auf geringfügige Ursawen zurückzuführen waren._ Huq den Nachbarorten. Schmargendorf. Am Sonntag findet eine Flugblatt-Verbreitung außerhalb unsreS Ortes statt. Da der Bezirk ein großer ist, werden die Genossen dringend ersucht, sich z a h l r e i ch morgens 7 Uhr im WirtShauS Schmargendorf einzufinden. Schöncberg. Die staatliche Genehmigung zur projektierten N e u k a ii a l i s a t i o» uusrer Stadt ist endlich erteilt worden. Die umfangceichen Vorarbeiten sind beendet, so daß mit der Ausführung des große» Werkes begonnen werden kann. Die 23 Kilometer von hier entfernten Rieselfelder liegen in der Gemarkung Ragow bei Deutsch-Wusterhausen. Die Verhandlungen wegen Anlage eines Regenauslaßkanals nach dem Landwehrlanal, welche auf Veranlassung der«nssichtöbehörde kürzlich stattfanden, haben zwischen den Parteien, der Berliner und der Schönebergcr Stadtverwaltung, zu keiner Verständigung gefühtt.— Der Kartograph Filcher, der unter dem Verdacht, an seiner Frau einen Giftmord- versuch unteniommeii zu haben, vor einigen Wochen verhastet wurde, ist ans Antrag seines Verteidigers aus der Haft entlassen worden. Ueber das Schnl-Eleud in R i x d o r f wird in Lehrerkreisen fort- wahrend Klage geführt. Zlvar ist die Errichtung eines neuen Doppel-Schulhauses bis zum Herbst 1903 beschlossen, doch ist es kaum möglich, bis dahin mit den vorhandenen Klaffenräumen aus- zukomme». Die Schülerzahl ist von 2809 auf 3926 gestiegen und hat am l. Apnl d. I. eine iveiterc Zunahme um einige hundert Schüler erfahren, i o daß in aller Eile Parallelklaffen unter Streickiung einzelner Unterrichtsstunden eingerichtet werden mutzten. Auch die Lehrer sind m Bezug auf die Anzahl der Unterrichtsstunden an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt; die von der Regierung vorgeschriebene Anzahl der Maxinialstimden ist schon teilweise überichriiien worden. Nach dem Gemeinde-Etat beträgt die Zahl der Lehrkräfte in Rix- dorf 31. so daß ans jede Lehrkraft 69«chüler kommen. Wohl find nun am 1. April drei neue Lehrkräfte in den Rirdocfcr Gemeinde- schulen angestellt worden, da sich aber auch die Schülerzahl sehr erheblich vermehrte, hat sich das Verhältnis eher verschlechtert, als gebessert. Rixdorf. Bei dem letzten Aprilumzug sind lvieder 1ZS9 Familien in unsrer Stadt neu zugezogen, davon 1104 Familien allein aus Berlin.— Eine Ein brecherbau de macht seit kurz ein wieder unsre Stadt unsicher und hat es besonders auf Geschäftsleute ab- gesehen. In der Ziethenstr. 79 statteten die Einbrecher dem Schank- wirt Bracht einen Besuch ab und stahlen, was sie fort- schleppen konnten. In vorletzter Nacht verübten sie in der Witzmannstratze sogar zwei Einbrüche. Zuerst drangen die Diebe vom Keller aus in das Schanklolal von Karl Roh, Witzmannstr. 24, und entwendeten hier Wurst, Speck, Liqueur, Cigarrcn, Priemtabak, eine braune Handtasche und einen kleinen Geldbetrag. Am Thatort liehen sie aus Verschen ein aus Lcder gefertigtes Schlaginstrument zurück. Bei dem Schlächtermeister.Hugo Hausmann, Wihmannstr. 5, brachen sie das in die Ladenthür eingesetzte Eisengitter heraus und drangen so in den Laden ein, wo sie 4 Schinken, 10 Pfund Pökel fleisch und 3 M. Wechselgeld entwendeten. Als die mit Paketen be ladenen drei Einbrecher nach Berlin zugingen, wurden sie am Reuter . platz von einem Schutzmann angehalten, den sie infolgedessen mit den Schinken bombardierten. Einer der Thäter warf dem Beamten auch sein Jackett ins Gesicht. Alle drei Einbrecher suchten alsdann ihr Heil in der Flucht, entkamen auch im Dunkel der Nacht. Drei Schinken und das Pökelfleisch hatten sie zurückgelassen, so daß der Bestohleuc nur einen verhältnismäßig geringen Schaden erlitten I Steglitz. Ein typischer Vertreter jener Klasse von Unternehmern welche nach außen so gerne mit den in ihren Betrieben geschaffenen WohlfahrtScinrichwngen glänzen und von Humanität gegen„ihre" Arbeiter triefen, in der Fabrik selbst aber ein geradezu absolutistisches Regiment führen, erschien am letzten Montag vor dem Gewerbe gerlcht Steglitz, nämlich der Direktor Schwarz von der Neuen photo graphischen Gesellschaft hiersclbst. Der Packer B. klagte gegen die genannte Firma auf Zahlung eines halben Monatslohnes im Ve trage von S0 Mark wegen unberechtigter plötzlicher Entlassung Direktor Schwarz als Vertreter der Firma inachte geltend, daß die sofortige Entlassung berechtigt sei, weil der Kläger in der Fabrik Einladungen zu einer Betriebsversammlung verteilt habe. Nun bestand aber die ganze Zettelverteilerei des Klägers darin, daß er in der Mittagspause auf der Treppe einein Mitarbeiter eine Einladung überreichte und ein zweite seinem Nebemnann übergab. Jedoch selbst das war dem Herri» Direktor, welcher die Ansicht vertrat, daß überhaupt kein Arbeiter einen Zettel in seiner Fabrik zu verteilen habe, zuviel. Das Gewerbcgcricht konnte den Entlassungsgrund nicht anerkennen und verurteilte die Firma zur Zahlung der öv M., nachdem ein Vergleich von beiden Seiten abgelehnt war: Direktor Schwarz meinte, bei ihm handle es sich nicht um das Geld, er vertrete nur sein Princip. Befremdend war das Verhalten des Vorsitzenden, Bürgermeisters Buhrow, bei der Verhandlung dieser Sache. Er verlangte von dem Kläger Auskunft über die Höhe der„ S t r e i k u n t e r st ü tz u n g" tvclche letzterer während der 14 Tage bezogen habe. Trotzdenr sowohl der Kläger als auch ein Beisitzer darauf hinwiesen, daß dieses mit der Klage nicht das geringste zu thun habe, bestand der Vorsitzende auf Beantwortung der Frage. Als Kläger schließlich an- gab, daß er 12 M. Arbeitslosen-Unter st ützung bezogen habe, meinte Herr Buhrow. daß er dann statt 50 nur noch 38 M. zu fordern habe, da er sich die andcrweitc Einnahme während der fraglichen 14 Tage anrechnen lassen müsse. Auch war der Eifer auf- fallend, mit welchem der Vorsitzende aus dem Inhalt deS verteilten Zettels, hauptsächlich aus dem in demselban vorkommenden Worte„Maßregelung" einen Grund zur sofortigen Entlassung her leiten wollte, tvährcnd der Direktor selbst darauf gar keinen Wert legte, sondern sich nur auf die Verteilung überhaupt stützte.— Versammlungen. Die Arveiter-Bildungsschnle hielt ihre Generalversanunlung am tS. April ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde das An- denken der verstorbenen Mitglieder Herwanger und Kuhring in der üblichen Weise geehrt.— Da der Jahresbericht den Mitgliedern ge- druckt vorlag, ist der mündlich gegebene Vorstandsbericht nur kurz und erschöpft sich in folgendem: Im verflossenen Quartal lehrte Schriftsteller Georg Bernhardt in Nationalökonomie vor 100 ringe- schriebcnen Schülern, Dr. Steiner in Naturerkenntnis vor 113 und in Redeübung vor 149 Teilnehmern, während in dem von Max Schütte geleiteten Kursus in Geschichte 70 Mitglieder eingeschrieben waren. Zu dein SonntagskursuS für Rcdeübung waren 15 Mitglieder zugelassen. Der Besuch der einzelnen Ilnterrichtsabende war ein besonders guter. Von sonsttgcn Veranstaltungen der Schule fanden im verflossenen Vierteljahr 3 Sonntagsversammlungen, ein Heine- Abend und am 25. Januar das 12. Sttttungsfest statt. Nach dem vom Kassierer Königs gegebenen Kassenbericht betrugen die Gesamt. Ein- nahmen 1220,91, die Gesamtausgaben 1024,56 M, sodaß von einem Bestand von 2625,93 M. am 1. Januar ein Bestand von 2822,28 M. am 1. April verbleibt. Die Bibliothek war nach dem Bericht deS Bibliothekars Niedliuger im verflossenen Quartal an 45 Abenden geöffnet, an denen insgesamt aus der 1556 Bände umfassenden Bibliothek 564 Bände verliehen wurden. In der Vorstandswahl wurde H. Lamms als erster Vorsitzeuder, E. Balzer als zweiter Borsitzeuder. Rob. Krumnow als erster Schrift- führcr, Johanna Mücke als zweite Schriftführerin. H. Königs als erster Kassierer und P. Elsncr als zweiter Kassierer gewählt. Für das Amt der Bibliothekare wurde» für das neue Geschäftsjahr Riedlingcr, Rothe und Lück gewählt, loährend Schmidt und Aßmann die Revisorenposten für die statutenmäßig ausscheidenden Revisoren übertragen wurden. Ein Antrag des Vorstandes: Im laufenden Geschäftsjahre bis 300 M. für Neuanschaffungen in der Bibliothek ausgeben zu dürfen, wurde ohne Debatte angenommen. Tie Celliiloid- Arbeiter hielten am Mittwoch in Cohns Saal eine öffentliche Versammlung ab. H i l d c b r a n d t erstattete daselbst Bericht über die Verhandlungen mit den Fabrikanten. Er führte auS: In der Versammlung am 25. Februar, an der sich auch die Arbeitgeber beteiligt hatten, war eine Resolution angenommen worden, die sich für größere Feucrsicherheit in den Betrieben aus- sprach und der Erwartung Raum gab. daß die Hausindustrie, das Ilcberfeicrabend-Arbciten sowie das Mitnehmen von Arbeit nach Hause durch Verhandlungen zwischen Unternehmern und den Arbeiter-Or- ganisatioucn beseitigt iverdc. Nach mehrfachen Aufschiebungen haben die Verhandlungen endlich am 15. April stattgefunden, deren Resultat ein für die Arbeiter gänzlich negatives war. Die Unternehmer machten den Arbeiten, den Vorwurf, durch ihre öffentlich« Agitation zur Beseitigung von Mißständen unnötig d,e Presse alarmiert und dadurch die Industrie geschädigt zu habe». Auch die Polizei habe sich erst seit dieser Zeit um die Eelluloid-Betriebc bekümmert. Nun fei nach Besprechungen zwischen Unternehmern und de» Polizei-Or- ganen, zu denen Arbeiter allerdings nicht hinzugezogen waren, eine neue Polizcivcrordnung betr. Feuersicherheit, Löscheinrichtungcn und Aufbewahrung des Rohmaterials herausgegeben worden, und damit sei allen berechtigten Wünschen der Arbeiter und der Allge- meinhcit vollkonuncn Rechnung getragen. Auf eine gründliche Er- örteruug der übrigen Forderungen, betreffend Heim- und Uebcr- arbeit sowie die Lohiwerhältnisse, ließen sich die Unternehmer über- Haupt nicht ein. Sie erklärten die Heimarbeit im Interesse der Ar- heiter selbst für durchaus notwendig und betonten, auch die Behörden würden den Heimarbeitern betreffs des Umganges mit feuergefähr- lichcm Rohmaterial keinerlei Beschränkung auferlegen, sondern sie im Gegenteil davor bewahren, daß sie»ich, unter den Zwang der or- aanisiertcn Fabrikarbeiter und deren bezahlte„Hetzer" kämen. Natür- lich wurden die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Arbeiter von den Unternehmern als glänzend bezeichnet, obwohl nachgewiesen ist. daß etwa 84 Proz. der Arbeiter unter 30 M. pro Woche verdienen. Ein drittel der Arbeiter bleiben unter 20 M.. und die tveiblichen Arbeits- kräfte werden mit 15 bis herunter zu 3 M. Wochenlohn abgespeist. Das Facit der ganzen Verhandlungen sei weiter nichts gewesen als eine schlecht verhehlte Verhöhnung der Arbeiterschaft.— In der Diskussion wurde das rücksichtsvolle Verhalten der Behörden den Unter- nehmern gegenüber kritisiert. Folgende Resolution fand Annahme: Tie Versammlung beauftragt die Vcrhandlungskommission, bei der Polizeibehörde den Antrag zu stellen, mit Rücksicht auf die Feuer- gcsährlichkeit die Herstellung von Eelluloidwarcu durch die Haus- iudustrie zu verbieten. Ter Verband der Sattler lQrtöverwaltung Berlin) hielt am Mittwoch in den Arminhallen seine Generalversammlung ab. Dem Jahresbericht, den der Vorsitzende � e in I c erstattete, ist zu cnt- nehmen, daß die im Februar vorigen Jahres durchgeführte Centrali- sation der verschiedenen Branchen und die damit zusammenhängende Einrichtung des Bureaus im Gewerkschaftshause sehr günstig auf die Organisation gewirkt haben. Im Mitgliederbestände hat sich eine größere Stabilität geltend gemacht. Arbeitslos meldeten sich im Laufe des Jahres 1068 Kollegen. Demgegenüber Ivurden 473 Stellen gemeldet, wovon 363 besetzt werden konnten. Die Bibliothek wurde rege benutzt.— Tor Kassenbericht der Ortsvcrwaltuug für die Zeit vom 1. April 1902 bis zum'31. März 1903 schließt mit der Bilanzsumme von 11 953,80 M. Die Einnahmen der Berliner Ver waltung beliefen sich auf 3954,77 M., die Ausgaben auf 3890,69 M Mitglieder wurden am Schlüsse des Berichtsjahres 1153 gezählt. darunter 38 weibliche. Der Kassierer Weyher gab in, Anschluß an den Kassenbericht eine Uebcrsicht über die Bewegung in den ver schiedenen Branchen, ans der hervorging, daß eine sehr rege Thätig keit entfaltet worden ist und eine Anzahl Differenzen mit Unter- nchmcrn stattfanden, die zu einem großen Teil zu Gunsten der Mit- glieder erledigt werden konnten.— Dem Kassierer wurde einstimmig Decharge erteilt. Darauf wurden die Wahlen vorgenommen. Als Kassierer wurde Weyher, als Vorsitzender S c»r l e einstimmig wiedergewählt und als Revisoren Butterschön, Haupt und P i z i g gewählt. In den Centralvorstan d wurden gewählt Werner, Schcy, Jenncr, Stcmdke und Lange; in den Aus schuh Butterschön, Franz Lehmann, Unger und Roscnthal. Ii, die Branden- burgcr Agitationskommission wurden Voß und Starke gewählt.— Hinsichtlich der Maifeier wurde beschlossen, den Tag, wie bisher, durch Arbeitsruhe zu feiern. Für diejenigen, die nicht feiern, werden Bons zu 50 Pf. ausgegeben. Ter Bercii, zur Wahrung der Interessen der Maurer Berlins und llmgcgend hielt am Mittwoch in den„Borussia-Sälci," eine stark besuchte Generalversammlung ab, um u. a. auch zu den statt gefundenen Eiuiguugsverhandlungei, Stellung zu nehmen. Das Protokoll über die Verhandlungen mit dem Partcivorstaud, den Acr- treten, der Verbände und den der durch Vertrauensmänner centrali- sierteu Gewerkschaften wurde verlesen und dabei festgestellt, daß der Verein nur infolge einer Unterlassung des Kartcllvorsitzendeu in dieser Sitzung nicht vertreten war. Sodann wurde berichtet, daß die Kartclldclcgiertcn Herforth und Puttlitz in den Dclcgierten-Sitzungcn für die Einigung eingetreten sind und daß sich ferner zwei sehr stark besuchte kombinierte Sitzungen der Vercinsfunkturnüre: Vereinsvorstand, Ausschuß, Bezirkskassierer und Qblcute'fliit übergroßer Majorität für die Verschmelzung ausgesprochen haben.— Nach einer sehr regen Debatte für und gegen die Einigung bczw. den Anschluß au den Verband wurde ein Antrag angenommen, wonach das bis hcrige Verhalten der Delegierten gntgchcitzci, wird und sich die Ver- sammlung damit einverstanden erklärt, daß die Einigungsvcrhand- lungen weiter geführt werden. Ter Verein der Zimmerer Berlins und Umgegend hielt am 19. April eine Gciicralversammlung ab. Tie Abrechnung vom ersten Quartal 1903 ergab eine Einnahme von 7849,85 M.. eine Ausgabe von 6000,06 M. Der Gesamtbestand beträgt 30 061,05 M. Der Kassierer wurde entlastet. Die Wahl der Achtzehucr-Kommission er- gab folgendes Resultat: Ständige Mitglieder: Fischer. Schäfer, Webers und Wilh. Schmidt. Stellvertreter: Hoff, Hoffmani,, Schimmelpfennig. Lau und Klingcr.— Nunmehr hielt Genosse Dr. Alfred Bernstein einen Vortrag über die bevorstehenden Wahlen. Ter Vortrag zeitigte einen anregende Debatte und wurde allseitig zur regen Beteiligung bei den Wahlen aufgefordert.— Jerucr wurde beschlossen, am 3. Mai eine Versammlung abzuhalten, in welcher das Resultat über die Aussperrungen bekannt gemacht wird. Kameraden, welche wegen der Feier des 1. Mai ausgesperrt werden, haben sich bis zum 2. Mai auf dem Bureau zu melden. Eine sehr stark besuchte Versammlung der Krankenkaffen-Beamten „ahn, am 20. d. M. Stellung zu der Maßregelung von sechs in der „nuiigs-Krankcnlassc der Tischler beschäftigten Kollegen. Der Referent jul. Lohn führte aus, daß die Regierung vor Einbringung der Novelle zum KranlcnversichernngS-Gcsctz durch Rundschreiben usw. ver 'ucht habe, über Aintsinißbräuche socialdemokratischer Kassenvorstände Material gegen die Selbstverwaltung beizubringen. Dies sei ihr nicht gelungen! Nun, da die Novelle zur Beratung stehe, werde au- cheiuend von den arbcitnehmenden Vorstandsmitgliedern und Tele- gierten genannter Kasse, welche sämtlich dem Holzarbeitcr-Verband angehören und auch polittsch organisiert sein sollen, darin eine Ehre gesucht, diesen, Bedürfnis abzuhelfen, indem man die sechs Kollegen ohne jeden sachlichen Grund, sondern nur. weil sie mit den Tele- gierten nicht sympathisieren, nicht wiedergewählt habe und sie Damit zum 1. Juli aufs Straßenpflaster setze. Ursprünglich hätten acht Beamte nicht wiedergewählt werden sollen;— Redner verweist hierzu auf den Artikel in Nr. 80 de»„Vorwärts"— dies sei jedoch nur deshalb nicht zu stände gekommen, weil zwei in der Vorbesprechung normierte Vorstandsmitglieder die Annahme der Wahl abgelehnt hätten, es wären sonst auf keinen Fall auch die beiden andren vorgemerkten Kollegen wiedergewählt worden. Die NichtWiederwahl des Kollegen, der auch Mitglied des Holzarbeiter-Verbandes ist, und die dazu von den beiden Vorstandsmitgliedern auf unsre Arttlel gebrachte Erklärung sei das frivolste, was man sich„Ixt denken könne. Der Kollege solle mit der Aussichtsbehörde„gedroht" haben! Nein, er stelle fest, daß derselbe seine Kollegen vom Holzarbeiter- Verband nur darauf hingewiesen habe, daß durch eine derartige Handlung die kommiu'arische Verwaltung herbeigeführt werden könne. Und seine Kollegen vom Holz- arbeitcrverband darauf auffnerksan, zu inachen, se, nicht nur sein Recht, sonden, seine Pflicht gewesen, zumal es den Kassenbeaniten bekannt ist, daß Ihatsächlich ein Erlaß des Magistratskommissars besteht, nach welchem in, Fall von Maßregelungen kommsifarische Verwaltung augedroht wird. Nachdem die Verhandlungen des Verbandes gescheitert, habe die Centralkoiiimissioi, der Krankenkassen vermittelnd eingegriffen. Diese werde wohl in einer engeren Sitzung nnt dem Äassenvorstand und Verttetern des Beamte, werbandeS die Ueberzeugung gewonnen haben, daß die Kaffeuvertreter ein Un- recht begangen, aber sie habe in einer mit den Delegierten statt- gefundenen Versammlung an dem Beschluß derselben nichts zu ändern vermocht. In allen Besprechungen seien die Kaffeuvertreter um An- gäbe der Entlassungsgründe gefragt, und stets sei ohne Widerspruch von denselben erklärt, daß die nicht wiedergelvähltcn Kollegen imier- halb der Kasscnthätigkcit ihre Schuldigkeit thun. Der Entlassungs- gruiid sei nach den Reden sämtlicher Delegierten nur darin zu suchen, Daß die Kollegen ihnen nicht sympathisch seien, nicht in ihren Kreisen ver- kehren, einige nicht Tischler und nicht Mitglieder des Holzarbeiterverbandes iiid. Wenn man eine Wiederwahl von einer Sympathie der jcloeiligcn Mehrheit der Delegierten abhängig mache, so bedeute das eine De- moralisierung der Kassenbeamteii, gegen bie_ nicht energisch genug Protest erhoben werden könne. Merkwürdig fei, daß am Tage„ach der Geueralversammlimg der JnnungS-Krankenlasse der Tischler, bevor die Oeffentlichkeit von der Sache Kenntnis erhalten habe, in der Kommission zur Beratung der Krankenkassen-Rovelle von dem Abgeordneten Herrn v. Savigny plötzlich ein Antrag eingebracht und von der Mehrheit angenommen sei, welcher, wem, er Gesetz werden solle. die Annullierung der Selbst- Verwaltung bedeute. Hierauf wird von, Versanimlnngsleiter mit- geteilt, daß der Vorstand der Jnnluigs-Krankeiikaffe der Tischler per Einschreibebrief eingeladen sei und festgestellt, daß� von demselben niemand erschien. In der äußerst regen Diskussion werden die mit dem Kasienvorstand und Delegierten gepflogenen Verhandlungen noch des näheren geschildert und vor allem das Verhalten der genannten Vorstandsmitglieder kritisiert, die in den engeren Sitzungen immer eingesehen, daß den Beamten Unrecht ge- schehen. aber in den Versamn, lungen mit den Delegierten sich keinerlei Mühe gegeben, letzteren mit von dem Unrecht zu über- zeugen, sondern das gerade Gegenteil gethan hätten. Die Ver- sammlung hält es für unmöglich, daß die Delegierten der JnnunaS- Krankenkasse der Tischler Leute sind, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen und sich irgend eine Kassen- Vertretung mit denselben identifizieren wird. Die Kündigung der sechs Beamten wird von allen Rednern als eine Maßregelung bezeichnet und auf das entschiedenste gegen die Handlungsweise der arbeittiehmendei, Delegierten der JnmingS-Krankei, lasse der Tischler protestiert. Ein Borschlag, welcher den Vorstand de- Verbandes der Beamten beaufttagt, in der Sache„och mal offiziell mit dem Holzarbeiter-Vcrbaude in Verbindung zu treten, um eine gütliche Regelung herbeizuführen, wird gutgeheißen und folcende Resolution einstinnnig aiiaenonmwn: '„Die Versammlung verurteilt auf das entschiedenste das Bor- gehen der GeneralversammlungS-Vertteter der Jnnuags-Kcankenkaffe der Tischler, welche ohne jeden eine Entlaffung rechtferttgenden Grund sechs Beamte nicht wieder gewählt haben.— Da vom Kassen- vorstand ohne Widerspruch festgestellt ist, daß die betreffenden Beamten innerhalb derKasseilverwaltungzurZufriedenheitarbuten und andrer- seitö für die Kündigung nur das nicht zufriedenstellewe Verhalten der Betreffenden außerhalb der Kaste als Grund a, geführt wurde, erachtet die heutige Versammlung die bevorstehende Entlassung als eine Maßregelung der Kollegen. Die Thatsache daß sich die Delegierten gegenüber den Beamten ein AufichtSrecht über deren Verhalten außerhalb der Kaste anmaßen u>d deren Nichr- Verkehren in ihren Kreisen und ihr Fembleiben von der GeWerk- schaft der Delegierten als einzigen Grund der Entlasung ausspielen, beiveist. daß die Arbeitnehnwr-Delegiertei, der JnnmgS-Krankenkasse der Tischler zu denselben Praktiken gegriffen haben wie bestimmte Unternehmer, indem sie ihnen politisch mcht geneime Leute maßregeln. Die Versammlung erblickt hierin einen schneren Mißbrauch des SelbftvcrwalttmgsrechtS, der für die gesamte Arbeiterschaft schäd- lich wirken mutz." Areircligiöse Gemeinde. Sonntag, 26. April, virmittags 8'/, Uhr, in der Aula der 69. Gemeindeschule, Kleine Franksixrterstr 6: Versammlung. Freireligiöse Vorlesung. Um 10'/. Uhr vonnittags ebe, daselbst: Vortrag des Herm Pros. Dr. Albert Gchrle:„EhrisUichsocial". Gäste, Dame» Mio Herren, sehr willkommen._ Vermißtes. Zweiimdsiinfzig Opfer des Sturmes. Nach einer Zusammen- stellung der„Ostdeutschen Rundschau" sind infolge des letzten Un- Wetters in den östlichen Provinzen zweiundfünfzig Menschen um- gekommen. Hallen-Einstnrz. Von einem Hallen-Neubau dir Körttngschen Fabrik in Linden stürzte heute morgen eine Seitenward M. Sieocn Arbeiter wurden verletzt. Kindesmord. In Linden bei Hannover wurden heute vormittag die Eheleute Kahle wegen KindeöinordeS verhastet. Die im Alter zwischen 40 und 50 Jahren stehenden Eheleute haten ihr neu- geborenes Kind in den Abort geworfen, weil sie Szöttereien seitens ihrerHausgenossen wegen dieser späten Geburt befürchteten! Bremen, 24. April. Die Rettungsstation HeiingSdorf der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schissbrüchiger inädet nachträglich: Am 19. April von den, hier gesttandeten deutshen Dampfer „Pommerama", Kapitän Tesch, mit Petroleum von Stettin„ach Memel bestimmt, 11 Personen durch den Raketenapparck der Statton gerettet. Vom Schlachtfelde der Arbeit. Lippach(Württembeg), 24. April. Bei Reinigung eines Brunnens fanden heute morgen vier Arbeiter den Tod durch Ersticken. Schiffbrüchige. Durch den Flensburger Damper„Silvia" wurden die von dem gekenterten schwedischen Schffe„Avant". Kapitän Ljunggreen aus Dpurmvik gerettete Mannschgt eingebracht. Das Schiff war von Kolmar mit einer Ladung Spanen nach FlenS- bürg unterwegs und hatte sich in der Ostfee infolg des schlechten Wetters bei Nordweststurm mit Schneeböen leck gnrbeitet. Am onntag ist das Schiff bei hohem Seegang zwischen Bon, Holm und Rügen gekentert, wobei eS Masten und Deckshaus verlor. Die Mannschaft, Kapitän und drei Mann, konnte ich durch An- klammern an den Seiten des Schiffes Halen und fand, als das Schiff sich später wieder aufnchWe, auf den, Hinterdeck einen Raum zum Aufenthalt. Sämtliche Bor- rätc waren jedoch mit dem Deckhaus weggeffült. In der Nacht versuchten die Schiffbrüchigen, sich durch Rufe nchreren vorbei- fahrenden Schiffen bemerkbar zu machen, jedoch xergeblich. Der Koch starb infolge der Kälte und Entkräftung. An, Montag passierten 5 Dampfer und 4 Segler das Frack, welche„ach Aussage der Mannschaft alle die in Seenot Beindlichen gesehen haben müssen, aber niemand traf Anstalten zun Retten der hilfs- bedürftigen Mannschaft, so daß dieselbe fast die Hifffrung aufgegeben hatte. Am Montagnachmittag kam dann der Oampser„Silvia". Kapt. Kasten, in Sicht, der auf das Wrack zustelerte und die völlig erschöpften Leute mittelst Leinen an Bord zog. Bon de» geretteten Leuten hatte einer eine Quetschung des Brustkasters davongetragen, während dem andern ein Finger erfroren war. Brutale Polizeibeamte. Die Düsseldorfer Srafkammer ver- urteilte die Polizeibeamten Adolf Walter und Arwld Heinrichs zu je einem Jahre drei Monaten Gefängnis und ordnite ihre sofortige Verhaftung an. Zwei andre Polizisten wurden zx vier respettive ieben Monaten Gefängnis verurteilt. Die Angeklagten hatten am 28. Dezember v. I. in einer Wirtschaft in Gerreshim eine Reihe von Personen ohne jeglichen Grund xnit der Waff. schwer miß- handelt. Es wurden den Angeklagten insgesamt über ünfxmdzwanzig Fälle nachgewiesen. Ein uneigennütziger Stadtvater. Aus LandSiut wird der „Mllnchener Post" geschrieben; Ein Kunstmüller. Bickermeister und Magistratsrat betreibt von hier aus einen großeix 6rotcxport nach München. Augsburg-c. Bor cirka sieben Jahren>at dieser Herr im Rathause Beschlüsse zu stände gebracht, laut derex ihm der Getreide- und Mehlaufschlag für ausgeführtes Brot rülvergütet wird. wenn die Aussiihr in Onaittitäten von mindestens!0 Centnern iix einer Sendung an ein und denselben Abnehmer sattfindct. Nim aber wurde entdeckt, daß dieser Herr seit Jahren dii Rückvergütung nicht mir von dem ausgeführten Brote, sondern auch von der Emballage, Kisten, Säcke ic.) liguidierte und bezahl erhielt. Auch mit der Auslegung der Bestimmung„an ein und denseben Abnehmer" öll es hapern. Die von der Stadtgemeinde zu Unreht rückvergütete Summe soll mehrere tausend Mark betrajen. Naturlich ist der Manu eine gewichtige CentrumS größe. Welche Stellung wohl der Magistrat gegen diesen uncigciuützigen„Kolga" nun nehmen wird. Petroleum-Explofion. MinneapoliS, 28. SCril. Hier hat in den Anlagen der„Northwestern Star Oil Company" eine Explosion stattgeftnidcn. 11 Personen werd n vermißt; man nimmt an, daß sie umgekommen seien. Eine lnzahl Personen ist leicht verletzt. Die Anlagen sind vollständig zerfört. Lawinenstürze. Im Tiroler Hochgebirge sind gr«e Lawinenstürze niedergegangen. Am Borkolapaß. südlich von Revexdo, wurden zwei Bäuerinnen verschüttet. Italienische Greuzwächter fanden die eine tot, die andre schwer verletzt auf. Eingegangene Druckfckriften. Tie Krankenpflege. 2. Jahrg. Heft?. ScrauSgegöm von Dr. med. Mendeisohn. Preis halbzehrl. 6 R. Einzelnummer 1,5029. Verlag Georg Reimer, Berlm. «rnst Freimut. FrischcZ Blut in den Reichstag l 32 Seiten Dresdens 1003. Perlag Oskar Damm. Dr. med. Georg Bonne, tlusre Trinksitten in ihrer Bedeutung für die Eisenbahner und das reisende Publikum. 2i Seiten. Preis 25 Pf Verlag von P. Jcpsen, Flensburg. LereinSstraße 27. Tic Bewegung der städtischen Zlrdeitcr liMM) biS ultimo lSv». Gcschäsisbcricht. Ersiatlet vom Verbandssclrctär Bruno Pörsch. Preis 50 Pf. Berlin 1003. Verlag Bruno Pörsch, Bülowstr. 2t. Weltall und Menschheit. Hcst 20 und 30. Von Sans Krämer 100 Lhescrungen a 60 Pf. Deutsches VerlaaShaus Bong u. Co., Berlin Bulletin des Internationalen Arbeitsamts. I. Band. Januar bis Dezember 1002. Jena 1903. Verlag von Gustav Fischer. Preis 7,00 M. KriefKaften der Redaktion. Rr. 102. Die in der bctresscnden Nummer angegebene Adresse aeniigt E. St. 5 Onadrat-Mctcr, 61 Ouadrat-Dccimeter, 51 Luadrat-Cenli- Meter. K. W. 15. Wahrscheinlich, aber es ist sehr schwer nachweisbar.— — T. o. Harnt Ihnen nur ein Zlrzt sagen.— Filou. Listiger Betrüger I ou wie u.— Grab. 36, Ein Uniocrsalmittcl dafür uns nicht bekannt— Bölltngcr. Wir können Ihnen über eine solche Wasserheilanstalt nicht die gewünschte Auskunst geben: jedenfalls ist grotze Vorsicht anzuwenden.— Machnow. Die Angabc stimmt.— F. 59. Nicht ganz unbedenklich; Arzt konsultieren.— M. B. 30. Frage wiederholen.— Sch. 10. Wird in einigen Tagen erledigt werden.— Jmpfgcseti. Zlnkrag aus Ausbebunq im Etatsjahre 1895/96.— E. R. 100. Stistungsdeputalion Poststr. 16 IT tNcldungcn zum Schlich des Jahres. Zuwendungen erfolgen kurz nach Neujahr.— Tenunziantc». 22. Januar.-(5. T. 110. Dicke, Acker- , trabe 123. FurikttkeKer Seil. Tie juristische Tbrechstunde findet täglich mit AiiSnahmedcs sonnabends von?-/- bis»>/- Uhr abends statt. Geöffnet:? Uhr. G. S. 73. Gcringsüoige Körperjehler, welche möglicherweise zur daiiernden Unbrallchbarkeitserklärung führen.— H. Z. Q. 100. Soweit ersichtlich, können die Erben jetzt nur noch Nachlaijiiiocntur u. dgl. beim Rachlastgericht beantragen, um nur in Höhe des Zkachlasscs zu hasten. Die Erbentiagungsfrist ist längst verstrichen.— N. 37. Sie bedürfen der Zu- stinunimg der Militärbehörde. Antrag ist an das BczirkSkommando zu richten.—/, Uhr: Dpernhaus. Feuersnot. Cnval- Icria rusticana.(Baucrnchrc.) Schauspielhaus. Die Räuber, Teutsches. Monna Bauna. Berliner. Die Verleumdung. Lesfing. Fritzchen. Tartüss. Oicucs. Pcllcas und Mclisande. Residenz. Luit:. Westen. Die Fledennaus. (central. Chinesische Flitterwoche». Thalia. Der Posaunenengel. Ansang 8 Uhr: Schiller Q.(Wallner« Theater.) Die guten Freunde. Schiller X. sFriedrich-Wilhelmstädt. Theater.)"Der ledige Hos. Bclle-Alliance. Pick und Pocket. Earl Weift. Der Liebe Gebot. Buntes. D'Wcanerin. Mcicrchc». Freigesprochen. Luisen. Die Geier-Wally. Kleines. Nachtasyl. Triauo». Die Notbrücke. Easino. Elternlos. Fritzchcn und Lieschen. Spccialitaten. Metropol. NcucstcS! 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Somitagnachmittag 3 Uhr: Am Altar. Abends: Ter Liebe Gebot. Zentral=Theater linier Leitung des Hrn. Dir. Fcrcnczy. Heute abend 7'/. Uhr: Zum erstenmal: llhinösisvhu Flitterwochen. (A chineso HoneymoonJ Vaudcville in 3 Allen von G. Dance. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Halbe Preise! Die Fledermaus. Operette in 3 Akten von Joh. Stranh. Abends 7�/zUhr: Ehincsische Flitterwochen. Montag und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Kleines Theater. Hilter den I/indcn 44. Anfang 8 Uhr. Nachtasyl. Neues Theater SchllTbaiierdamin 4 a— 5. Anfang 71/, Uhr: PelleasundMelisande. Sonntagnachra. 3 Uhr, zu halb. Preisen: Die Kreutelschrelber. Selle-Miro-TheäterT Allabendlich 8 Ukw: „SHck und focket". schwank m. Ges. n. Tanz in 3 Akten. Schlager des 2. Aktes: Im Sonnenbad, vor Duncancan. Cip. Cip. Donna luana. Cake Walk. _ Massage-Terzett._ Buntes Theater. Köpnickerstrasse 68. Zum erstenmal: Freigesprochen v. Häfker.— O'Weanerln v. Froi- horrn von Stonglin.— Mayerchen von Dr. Jon Lehmann. 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