Nr. 177. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 M., monatl. 1,10 M., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. Bost Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in der Post- Zeitungs. Preisliste für 1903 unter Nr. 8203. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn z Mart, für das übrige Auslans& Mark pro Monat. Ericheint täglich außer Montags. d Vorwärts Berliner Volksblatt. 20. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonelgeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereinsund Versammlungs- Anzeigen 20 Bfg. ,, Kleine Anzeigen" jedes Wort 5 Pfg. ( nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 1hr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormitttags geöffnet. Telegramm Noresse: ,, Socialdemokrat Berlin". Centralorgan der socialdemokratischen Partet Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Die Interne gegen das Wahlrecht. Als man in der Wahlbewegung von einer geheimnisvollen focialdemokratischen Interne unsinnig schwazte, begab es sich bereits, daß Anzeichen einer wirklichen Interne, aber nicht einer focialdemokratischen, aufgewiesen wurden. Es giebt eine Interne, eine Organisation, die sich im Verborgenen hält und tückische Pläne spinnt. Es ist das eine Interne von Leuten, die sich Hüter der„ Ordnung" nennen und auf den Umsturz der Grundlagen des Deutschen Reiches, auf Beseitigung des Reichstags- Wahlrechts konspirieren. Wir sind in der Lage, die lichtscheuen Maulwürfe der UmsturzInterne an die Helligkeit des Tages zu bringen. Wenn man die Farbe dieser im Dunklen Schleichenden bei Licht erblickt siehe da: Ehrenwerte konservative und nationalliberale Mannen! Schon vor den Wahlen erging an eine Anzahl Vertreter des Großkapitals folgendes Rundschreiben: Hochgeehrter Herr! " Politik ist die Kunst, die Massen zu führen, nicht wohin sie wollen, wohin sie sollen." ( Les Correspondants de Joubert 1785-1823.) Auf Anregung und unter Befürwortung der mitunterzeichneten Herren gestatte ich mir im Verfolg meiner früheren ergebenen Mitteilungen über die, für den Ausbau des allgermeinen Wahlrechts eingeleitete Bewegung diese ver= trauliche Mitteilung und Bitte im Interesse der Sache, deren rasche und günstige Fortentwicklung durch die eingetretenen Verhältnisse eben jetzt zu warten steht. er= Sonnabend, den 1. August 1903. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Aufruf an das deutfche Bürgertum. er sich, freilich auch unter furchtsamer Namensverbergung, in den Dr. A. Giesebrechts Abhandlungen: ,, Der Ausbau des Reichswahlrechts". Leipziger Grenzboten" derart aus. Immerhin ist er in der Deffentlichkeit bisher fast unbekannt geblieben und sein Rundschreiben könnte lediglich als Versuch eines Beliebigen gelten, der die Befehdung des Reichstags- Wahlrechts als Erwerbsquelle betrachtet. Doch er stützt sich auf die Anregung und Befürwortung der mitunterzeichneten Herren" und er beruft sich auf die folgenden Namen: Reichswahlreform. (( Erste Million Exemplare.), Vor der Entscheidung. Kommerzienrat Heinrich Albert, Biebrich- Wiesbaden. Erfahrung heißt die große Lehrmeisterin im Leben; sie ist es Geheimrat Wilh. Boeddinghaus, Präsident der Handelskammer auch, die durch das Ergebnis der eben vollzogenen Wahlen die ( in Firma W. Boeddinghaus u. Co.), Elberfeld. Auguſt berhängnisbolle Bedeutsamkeit des Reichswahlrechts Bowinkel, Düsseldorf. Fabrikbefizer Friedr. Dierig, tgl. Kom- 3ur allgemeinen Erkenntnis brachte. Was bisher nur Theorie und mergienrat, Ober- Langenbielau bei Reichenbach in Schlesien. auf die ungebildete Menge mit ihrer bedeutenden Ueberzahl von Kritik war, die Ansicht, daß die Wahlgleichheit, die das nebergewicht Dr. Theod. Fleitmann, tgl. Kommerzienrat, Iserlohn. Biesold, wählern legt, den Keim zu einer einstigen Staatsumbildung in fich u. Locke, Meißen in Sachsen. F. W. Röhrig, i. Firma D. F. Klein- trage, tritt plöblich als Thatsache in die Gr= Schlatter, Barmen. Kommerzienrat Wilh. Kollmann, Bismarck- scheinung; mit unheimlicher Deutlichkeit und Sicherheit verschiebt hütte, Oberschlesien. Hans und Richard Zanders, Bergisch- fich die politische Vormacht von den jezigen Trägern der staatlichen Gladbach. Fabrikdirektor C. J. Langen, kgl. Kommerzienrat, Ordnung und unsrer Kultur auf die niederen Volksschichten, vom Grevenbroich. Otto Bestehorn, Aschersleben. Kommerzienrat Bürgertum auf das Proletariat. Der Versuch, den neuen massen= Heinrich Schniewind, Elberfeld. M. H. Göring, Honnef a. Rhein. haften Zuwachs der Socialdemokratie, ein Mehr von 45 Broz. gegen Kommerzienrat Georg v. Cölln, Hannover. Bau- Unternehmer und Unzufriedenheit in manchen bürgerlichen Streifen zu erklären, ist die Vorwahl, durch eine augenblickliche, vorübergehende Mißstimmung Jos. Kiefer, tgl. Kommerzienrat, Duisburg. Kommerzienrat schon darum hinfällig, weil die ganze Reihe der voraufgegangenen H. N. Bland, Neumünster, Reg.- Bez. Kiel. Beigeordneter Wahlen unter den verschiedenartigsten günstigen und ungünstigen Reinhold Biermann, Barmen. Emil Weherbusch, Mitglied des inneren und äußeren politischen Verhältnissen und Tagesfragen un Abgeordnetenhauses, Elberfeld. Gustav Hilgenstock, Geschäfts- entivegt die analoge, stetige Steigerung, im Jahre 1890 sogar eine führer der Firma Dr. C. Otto u. Co., G. m. b. H., Dahlhausen a. Ruhr. Generaldirektor Hubert Claus, kgl. Kommerzieńrat, Thale i. Harz u. Berlin. Kommerzienrat Edmund Schmidt, Altenburg( S.-A.) solche von nahezu 100 Proz. aufgewiesen hat. Es ist nicht mehr zu leugnen, Schritt um Schritt nähert sich die Socialdemokratie der planmäßig erstrebten parlamentarischen Herrschaft, wozu es bei unsrer Parteizersplitterung einer absoluten Majorität durchaus nicht bedarf; dabei ist ohnedies mit äußerster Borsicht zu beachten, daß die Machtsphäre des Reichstages, unfres gesetzgebenden Körpers, nicht wie in andren konstitutionellen Staaten durch einen Senat oder ein OberEine Verschwörung gegen das gleiche Wahlrecht! haus begrenzt und eingeschränkt ist; selbst die französische Republik Seit jeher gab es Aeußerungen in der konservativen Preffe und und das freie England mit seinem parlamentarischen Regime befizen Mit seltener Beharrlichkeit fordern die Mehrheits- Parteien in einem Teil der scharfmacherisch- nationalliberalen Beitungen, die diesen sicheren Schuhwall gegen Demokratie und Demagogie, den nur die Einführung von Diäten oder Anwesenheitsgeldern; dem sich gegen das bestehende Wahlrecht kehrten. Auch sehr deutliche Er- das Deutsche Reich enbehrt. Ist nun die Statistik dieser ununtergegenüber hat der Reichskanzler in der Sitzung vom flärungen konservativer Parlamentarier sind genugsam bekannt; wo- brochenen Aufwärtsbewegung schon an und für sich lehrreich, so ist 22. Januar v. J. erklärt, daß mit dem Diätenantrag gleichzeitig bei zu bemerken ist, daß Parlamentarier des Nationalliberalismus sie es in noch höherem Grade durch den Nachweis, daß lediglich das bie übrigen reformbedürftigen Punkte des Reichswahlrechts er- sich vor unvorsichtigen Aeußerungen einigermaßen gehütet haben. geschaffen hat, weil seine Gleichheitsbestimmung dadurch, Reichstagswahlrecht die Socialdemokratie als politischen Machtfaktor ledigt werden müssen, und ich bin von kompetenter Seite in- Jezt aber zeigt sich etwas andres als Aeußerungen und Er- daß sie den breiten Massen erst die Möglichkeit gab und den Weg formiert, daß die verbündeten Regierungen den willkommenen flärungen, die etwa aus Augenblickssituationen entsprangen, jest zeigte, mit der parlamentarischen die Regierungsgewalt an sich zu Anstoß zu der unabweislich gewordenen Revision des zeigt sich eine seit langen Jahren angezettelte und systematisch auf Reichswahlrechts nützen wollen, daß es dazu der Vor- ihr Ziel zugehende Verschwörung gegen das Reichstags- Wahlrecht. bereitung der öffentlichen Meinung bedarf und somit die Ms Mitglieder dieser Verschwörung erscheinen vorwiegend Verschleunige Aufnahme der allgemeinen Propaganda ge- treter der Großindustrie und des Großhandelskapitals, denen es, je boten erscheint. Diese erfreuliche Wendung zur Entschiedenheit mehr die Socialdemokratie wächst, um so unerträglicher erscheint, wie die erwähnten Intentionen der Reichsregierung sind auch daß der besiglose Arbeiter das gleiche politische Recht haben soll wie noch durch die spätere Rede des Reichstantzlers, in welcher er den der kapitalistische Krösus, der aus hundert und tausend Arbeitskräften Reichstag mahnte, nicht selber Hand an die Wurzeln des Parla- Kapital aufhäuft. Natürlich ist die Liste der Minierer nicht durch mentarismus zu legen, dessen Macht bei uns eine Grenze an der die obige Aufzählung erschöpft und eine größere Anzahl ähnlicher stärkeren Macht des Monarchismus finde", und der Diäten mit fapitaler Leute haben ihre Neigung für die große und wichtige den Worten gedachte, daß die Zeit dafür noch nicht" gekommen Aufgabe" bekundet, aber gefordert, daß ihre Namen vorläufig in der sei, vor der Oeffentlichkeit bestätigt worden. Reserve bleiben. Diese Vorsicht üben insbesondere die parlamentarischen Vertreter des Großkapitals. Es ist aber festzustellen, eine Anzahl Abgeordneter Die Vorarbeit der Reform ist durch die nunmehr daß sechsjährigen Bestrebungen soweit gethan, daß man von einem Umschwung in der liberalen Anschauung von der Wahlgleichheit sprechen kann, und es ist gewiß bezeichnend, daß die Ideen der betr. dem Dr. A. Giesebrecht Unterstügung bereits gewährt oder zugesagt Leitartikel, Abhandlungen usw. gerade in der freisinnigen und hat. Unter die Unterzeichner des Propagandacirkulars hat sich vordemokratischen Preffe Verbreitung und Zustimmung gefunden läufig nur das eine Mitglied der freikonservativen Partei verirrt: haben; hier wirken Erkenntnis und Erfahrung gemeinsam und nur die Rücksicht auf die Gunst der unteren Wählermassen hält noch das freie Eingeständnis zurück. Wäre die Gleichheitskorrektur nicht auch eine Forderung der Konservativen, sie wäre heute schon ein Programmpunkt der Liberalen. Emil Weherbusch, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, Vertreter für Elberfeld. Das Girkular des Dr. A. Giesebrecht ist vor den Wahlen ausgefandt. Es beruht aber auf der weitschauenden Voraussicht, daß gerade der bei den Wahlen zu erwartende Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien und ein dennoch für die Socialdemokratie günstiger Wahlausfall die geeigneten Borbedingungen für die eigentliche Aktion der Wahlrechtsfeinde geben werden. Diese Aktion ist nun in folgender Art geplant. Bunächst sollen zwei Abhandlungen unter dem anmutenden Obertitel " Von weiterer Dringlichkeit und entscheidender Bedeutung ist auch der Umstand, daß das voraussichtliche neue Anschwellen der socialistischen Stimmen bei den nächsten Wahlen das Bürgertum zum Zusammenschluß gegen das, die politische Vormacht an sich reißende Proletariat über den Parteien weg treiben wird, und wir dann schon fertig gerüstet da stehen. Unter diesen verheißenden Verhältnissen und Anzeichen Der Ausbau des Reichstags- Wahlrechts" folge ich gern dem mir unterbreiteten Vorschlag, zur Verbreitung gelangen. Mit diesen Abhandlungen soll an ein den Freunden und Bekennern der Reformidee die Sammlung und demselben Tage das ganze Reich überfallen werden. Millionen eines Agitationsfonds in der Höhe nahezulegen, die eine Maffen- von Exemplaren sind vorgesehen. Die Abhandlungen sollen, außer verbreitung der Schriften über das ganze Reich, die Beeinfluffung der allgemeinen Berteilung, auch den größeren Blättern der Presse, Wandervorträge usw. usw. ermöglicht. als Beilagen beigelegt werden. In furzen Zwischenräumen Die Abwehr der Socialdemokratie wird ewig follen weitere Veröffentlichungen ähnlicher Art folgen. vergeblich bleiben, folange wir nicht aus unserm Staatsgrund- So soll die Frage der Reichswahlrechts- Reform" plöslich recht das Gleichheitsprincip ansmerzen, das den socialistisch- und schneidig auf die Tagesordnung der deutschen Politit tommunistischen Staat von selber aufbaut. Dazu givingt uns die genötigt werden! Selbsterhaltung- der stärkste Trieb im Leben; das Notwendige aber ist immer durchführbar, wenn es zugleich das Logische und Natürliche ist. Dr. A. Giesebrecht. Wir erlauben uns, den vorstehenden Aufruf Ihrem Wohlwollen, insbesondere den zu Ihrer gefl. Bedienung beigefügten Auszug aus den Giesebrechtschen Schriften Ihrer Aufmerksamkeit zu empfehlen, in der Gewißheit, daß deren Folgerichtigkeit und Ueberzeugungskraft auch Sie veranlassen wird, die Propaganda zu unterstüßen und weiter zu fördern. Das Rundschreiben bitten wir an Herrn Dr. A. Giesebrecht, Das vorläufige Ziel der Umsturz- Interne kommt in dem Sage zum Ausdruck: " reißen, den früher ausschließlich wirtschaftlichen Stampf auf das politische Gebiet übertragen hat. Nach den verschwindend kleinen Anfängen der Partei im ersten Jahrzehnt des Reichs vereinigte sie auf sich 1881 312 000 1884 550 000 1887 753 000 1890 1 417 000 1893 1 787 000 2 112 000 1898 1903 3 008 000 Wählerstimmen, eine rapide Steigerung, die um so bedrohlicher erscheint, als sie das jedesmalige Mehr zum größten Teile der Gegenseite entzieht, dort das einer einzelnen Voltsklasse, der lekten, ber also entsprechend mindert. Diese Wirkung des Wahlgefeßes aber, dienenden, ein solch ungeheuerliches Vorrecht, in strikter Durchführung sogar die Alleinherrschaft im Staate gubilligt; das den Schwerpunkt nach unten verrüdt, muß sich aus innerer Naturnotwendigkeit fort und fort bethätigen, bis die geistige und wirtschaftliche Ueberlegenheit völlig auf die rein giffern= mäßige der rohen Kräfte übergegangen ist. Das zu verhüten, ist die nächste und wichtigste Aufgabe der angegriffenen bürgerlichen Gesellschaft, im allgemeinen Interesse wie im besonderen der Arbeiterschaft und der agitatorisch aufgeregten ebenso unfähig sind, wie ohne den Intellekt, die Thatkraft Menge, die zur Staats- und Selbstregierung und das Emporstreben der höheren Streise zum Lebenserwerb. Kann das in verfassungsmäßiger Weise selbstverständlich nur durch die Baralysierung der ihnen im Wahlrecht eingeräumten Uebermacht erzielt werden, so wollen wir vor allem konstatieren, daß wir auch in berechtigung, wie sie sich seit der französischen Revolution im dieser Reformbestrebung die staatsbürgerliche Gleich modernen Bölkerleben entwickelt hat, als die einzig mögliche Grundlage eines Kulturstaates ohne jeden Vorbehalt anerkennen und diese fegensreiche Institution, die mit den Standesunterschieden, Privilegien und Böpfen mittelalterlicher Zeiten aufgeräumt und dadurch jeden und Begabung angemessenen Blak in Staat und Geſellſchaft zu erStaatsangehörigen berechtigt und angewiesen hat, den seiner Neigung ringen, als die sicherste Gewähr der individuellen Freiheit für unantastbar erklären. Im direkten und schroffen Gegenfas dazu steht aber das ureigne Princip, die treibende Kraft des Reichswahlrechts die persönliche Gleichwertung; im Gegensage weil diese die Qualität des Wählers, seine Vorzüge in geistiger, moralischer und wirtschaftlicher Hinsicht, die jene befreit, zur Entfaltung und zur Errungenschaft idealer und materieller Güter gebracht hat, für nichtig erklärt und außer Geltung fest; im Gegensaß, weil fie, die den fieben Millionen Wahlberechtigten des gemeinen Volkes die Vorherrschaft zuwirft und alle übrigen Klaffen und Stände bes Einflusses auf die Gefeßgebung und Staatsleitung beraubt, die Verneinung und Aufhebung der GleichEs muß ein allgemeiner Vorstoß von solcher Wucht und Ausdauer werden, daß die Reform beim Zusammentritt des Reichstages das ganze inner- heit bedeutet. Wahrlich, sie, die persönliche Gleichwertung, die es politische Interesse in Anspruch nimmt." Welches nun immer die Aussichten dieses Vorstoßes gegen das Wahlrecht sein mögen, jedenfalle werden seine Urheber der Ueberzeugung sein, daß viel Zeit zu diesem löblichen Werke nicht zu verlieren ist. Sie werden uns darum ihr gütiges Wohlwollen nicht Landgut Maghofen bei Deggendorf( Bayern) zurüdgelangen zu lassen und Ihren ev. Beitrag an die gleiche entziehen, wenn wir die möglichst zeitige Stundgabe ihrer Pläne befördern. Wir unterbreiten der Deffentlichkeit die erfte und grundlegende Der Dr. A. Giesebrecht hat schon früher in der litterarischen der beiden Abhandlungen, mit denen der Kampf gegen das WahlBekämpfung des„ Gleichheitsprincips" gearbeitet. Schon 1898 ließ recht eingeleitet werden soll: Adresse zu senden. sonst in feinem Gefeß und keiner Einrichtung, die es nirgends im Leben und in der Wirklichkeit giebt, ist nichts als ein abstrakter Gedanke, der an Absurdität in der ganzen Völker- und Kulturgeschichte nicht seinesgleichen hat. Widersinn und Unnatur zugleich, ist sie eine Anomalie und eben darum hat sie den abnormen Zustand über uns verhängt, aus dem uns nur ihre Ausrottung mir Stumpf und Stiel wieder befreien kann. Das ist die stürmische Forderung der Vernunft, des Rechts und der beleidigten Menschenwürde. Da ist Aufklärung gleichbedeutend mit Erfolg; schon die erste, die ihm das Resultat der neuen Wahlen gab, hat das Bürgertum aus seiner Lethargie geweckt und aufgerüttelt. Aeußert fich freilich sein Zurückdrängen durch die Socialdemokratie jetzt noch mehr in der Zahl der Stimmen als der Mandate, so ist doch un verkennbar. daß die fernere Zunahme der ersteren gerade in dieser Beziehung das Verhältnis umkehren muß, denn ein abermaliges An- schwellen um 45 Proz., wie das diesjährige, würde ihr schon die absolute Majorität in der Gesammtzahl der Stimmenabgabe erbringen. Jede Berechnung wirkt da fast beklemmend; 81 Mandate sind heute ihr eigen; zur Stichwahl stand sie in ferneren SS Bezirken, die ihr teils nur mit kleinen Mehrheiten und letzter Anstrengung der vereinigten Gegner noch entwunden werden konnten, so daß sich mit mathematischer Gewißheit die Prognose ergiebt, in einem nach Ablauf dieser Legis- laturperiode neugewählten Reichstag nimmt die Socialdemokratie eine Stellung ein, die das konstitutionelle Regiment unmöglich macht. Was uns also die Zukunft bringt, wenn wir nicht vorbeugen', ist kein Hirngespinst mehr, es ist greifbare Wirklichkeit. Was aber dann? Appell an die Gewalt? Sollen wir in nicht zu verantwortender Sorg- losigkeit die letzte Stunde versäumen, die uns das Recht und die Macht läßt, den unheilvollen Lauf der Dinge aufzuhalten, der Volk und Reich in Elend und Verderben stürzt? Nur keinen Zweifel an der Kraft des Bürgertums, wenn es erst den Willen zur Abwehr hatl Einig in dem einen, ob liberal, klerikal oder konservativ, ob Republi- kaner, Monarchist oder Partikularist,— über der kläglichen Zerijsen- heit und dem wüsten Parteihader steht uns die Erhaltung der geltenden Gesellschafts- und W ir t s ch a f t s o r d- n u n g, wie sie mit der natürlichen Autorität und der persönlichen Freiheit unsrer Entwicklung, unsrem Wesen und unsrer deutschen Eigenart entspricht; einig in dem andren— keinen kommunissischen Zwangsstaat, keine Herrschaft der Gasse und der skrupellosen Demagogen, die nur der aufge- wühlte Schlamm an die Oberfläche trägt; das ist die Gemeinschaft der Ideen und der Interessen des gesamten Volkes, das der Socialdemokratie gegenübersteht. Vernichtung dieser als politische Bormacht oder Untergang des Rechtsstaates und der Geistes- kultur,— über Nacht sind wir vor die Entscheidung gestellt; es ist uns keine Zeit gelassen, die Verhältnisse sind stärker als wir und die Parole drängt sich uns aus ihnen wie ein Gebot der Selbsterhaltung auf— Anpassung des Staatsgrundrechtes an unsre Lebensbedingungen, die es in seiner Tendenz der persönlichen Gleichwertung verkennt, verleugnet und bedroht. Was wir wollen, ist der Ausbau, nicht die Abschaffung des Reichswahlrechts und die Initiative dazu aus dem Volke heraus; Auf- rechtcrhaltung des allgemeinen und direkten Systems mit Abstufungen im Wert der Wahlstimme, die kein neues Vorrecht schaffen dürfen, wo es gilt, ein bestehendes zu beseitigen; Einführung von Diäten, freie Entschließung des Reichstages ohne Einmischung der Regierungen, kurz, auf demokratischer Grundlage eine Reform, welche die zur Ber- gewaltigung der Oberen, der Besten und der Ernährer der Nation entstellte und mißbrauchte Gleichheitsidee in ihrem großen, versöhnen- den Geiste der allgemeinen Freiheit und Gerechtigkeit wiederherstellt und uns dadurch für jetzt und immer vor dem Staatsstreich bewahrt. Die zweite Whandlung spinnt denselben Faden fort. Es wird darin die Beseittgung der Gleichheit im Wahlrecht als„ein Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit" angegeben und folgender Vorschlag gemacht: b) „Nach den Ergebnissen aus dem zugänglichen statistischen Material, unter Benützung der Erfahrungen an den ausländischen, parlamentarischen Zuständen dürfte sich etwa die folgende Gliederung im Wsrt des Wahlvotums zur Erreichung des erstrebten Gleichgewichts eignen: a) Eine Wahlstimme hat jeder Rcichsangehörige nach den jetzigen Bestimmungen des Reichswahlgesetzes; eine zweite wird jedem wirtschaftlich Selbständigen zuge- billigt, um dadurch beispielsweise den Meister über den Ge- sellen, den Bauern über den Knecht usw. zu stellen. Diese Kategorie müßte möglichst weit, auch auf Werksührer, Paliere, kurz auf alle ausgedehnt werden, die sich aus der Menge emporarbeiten; c) eine dritte Stimme für die höhere Schulbildung, deren untere Grenze in unsrem Staat der allgemeinen Wehrpflicht mit der Berechtigung für den einjährig freiwilligen Dienst gezogen werden könnte. Endlich d) der Lebensreife entsprechend, noch eine Wahlstimme jedem Wähler unterschiedslos, der das 36. Lebensjahr erreicht hat. Es kann selbstverständlich nur Sache des Reichstags sein, die Abstufungen zu regeln und so festzusetzen, daß sie die breiten Volks- massen nicht mundtot machen, vielmehr uns nur vor deren politischer Vormundschaft bewahren. Für eine derartige Ausgestaltung des Reichswahlrechts sprechen alle Gründe der Billigkeit und der Ver- nunft und es wird nicht möglich sein, auch nur einen stichhaltigen dagegen ausfindig zu machen, weil sie das Logische und das Natür- liche zugleich ist." Und weiter heißt es in dieser Abhandlung: „Ein Wahlsystem, das— um seine brutalsten Ergebnisse heraus- zugreifen— die führenden Geister und die gebildete Bevölkerung, kurz die Gesamtheit derer, von denen das Leben mehr als den mechanischen Handgriff verlangt, in einem Lande wie Sachsen, einem ganzen Königreich und in allen unsren Hansastädten zusammen im vornehmsten Volksrecht, dem Einfluß auf Gesetzgebung und Regierung durch seine Haufenwirkung einfach ausstreicht, ist nichts andres als ein Faustrecht. Es ist gerichtet, es hat sich selber gerichtet; seine !Zeit ist um; das Volkstum bricht den>Äab über ihm, dem die persönliche Freiheit die Grundbedingung seiner Existenz und Wohl- � fahrt bedeutet. Die Freiheit aber besteht nur in der Gerechtigkeit und stellt an den Menschen gerade die höheren Ansprüche, die das gleiche Wahlrecht entwertet und mit Füßen tritt. Wohin es uns führt, sehen heute die Blinden, in die socialistisch- kommunistische Nivellierung durch Behinderung des Einzelnen, Unterbindung des Fleißes und der Strehsamkcit, durch Verkümmerung der Selbst- bestimmung und der Selbständigkeit, durch Schablonisierung, Ernie- drigung und Zwang. Dagegen lehnt sich der liberale Gedanke und die gesunde Volkskraft des werkthätigen Bürgertums auf. Die politische Gleichberechtigung hat uns die Freiheit gebracht, die per- sönliche Gleichwertung wirft uns in die 5mechtschaft zurück." Wir erwarten zuversichtlich den glühenden Dank der Kommerzien- rate, Fabrikdirektoren und Abgeordneten, die sich zu diesen An- schauungen und Absichten bekennen, daß wir denselben frühzeitige Verbreitung geben. So kann denn der erlösende Gedanke hinaus- ziehen und Begeisterung für die„Reichs-Wahlreform" entfachen. Es sei uns fern, bei diesem Anlaß eine ernstere Beachtung auf all die Unrichsigkeiten und all das gauklerische Gerede zu verwenden, unter dem die Wahlrechtsfeinde die Brutalität ihrer Pläne zu ver- schleiern versuchen. Politisch beachtenswert erscheint nur zweierlei. Einmal istdaraufhinzuweisen, wie diese Wahlrechtsfeinde sich hervor- ragender Aufmerksamkeit gegenüber der freisinnigen und demokratischen Presse befleißigen. Sie wissen, daß die Reaktionsparteien allein das„hohe Ziel" nicht erreichen könnten und bemühen sich, die mehr links stehenden Parteien zu spalten; diese Erhalter der heutigen Staatsordnung drücken sogar— Republikaner an die wahlrechtsfeindliche Brust I Wichtiger ist, was das Cirkular des Dr. Giesebrecht über die angebliche Stellung der verbündeten Regierungen sagt. Zunächst ist da allerdings, zu Gunsten der Wünsche der Wahlrechts- feinde, eine Aeußerung des Reichskanzlers falsch wiedergegeben. Graf Bülow hat am 22. Januar 1902 nicht gesagt,„daß mit dem Diätenantrag gleichzeitig die übrigen reformbedürftigen Punkte des Reichswahlrechts erledigt werden müssen", sondern er hat gesagt:„Es liegt auf der Hand, daß, wenn die ver- bündeten Regierungen auf eine Abänderung des Wahlgesetzes und des Wahlverfahrens eingingen, doch zweifellos noch sehr viele andre Wünsche hervortreten würden." Wenn aber weiterhin in dem Cirkular, ; für das zahlreiche an hervorragender Stelle des öffentlichen Lebens stehende Personen die Verantwortung tragen, gesagt ist: man sei„von kompetenter Seite informiert, daß die verbündeten R* gicrungcn den willkommenen Anstoß zu der unvermeidlich gewordenen Revision des Reichstags-Wahlrcchts nützen wollen" und daß sie nur noch auf die nötige Vorbearbeitung der öffentlichen Meinung warten, so ist eine klare Aussprache des Reichskanzlers als des Vertreters der verbündeten Regierungen über diese außer- gewöhnliche Unterstellung erforderlich. Die Frage des gleichen Wahlrechts ist selbst nicht eine solche, über die diskutiert werden müßte, und der Versuch, die Ungleichheit des Wahlrechts als Forderung der Gerechtigkeit vorzutäuschen, ist allzu waghalsig albern, als daß es nötig wäre, darüber ausführlicher zu sprechen. Das Problem ist sehr klar: Die kapitalistische Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Gegensatz der junkerlich- kapitalistischen Gruppen und der arbeitenden Klassen; sie läßt das gleiche Recht für alle nicht über den formalen Schein hinaus sich verwirklichen; sie ist eine Gesellschaftsordnung der Ungleichheit nicht aus natür- lichen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen und politischen Vorrechten. aus den Privilegien des Besitzes der Pro duksionSmittel und, damit im unmittelbarsten Zusammen- hange, aus den Privilegien besonderer Erziehungs- und Bildungsgelegenheit. Das gleiche Wahlrecht ist ein Mittel, die Ver- gewaltigung der mühselig Arbeitenden zu mildeni, die Privilegien abzutragen und einen Zustand herbeizuführen, in dem alle.Menschen sich ftei und stark entwickeln können. Die Feinde des gleichen Wahb rechts aber sind diejenigen, welche Ausbeutung und Vorrechte zu er- halten und zu verschärfen trachten, welche es vorziehen, das Volk in Verzweiflung und das Vaterland in Katastrophen zustürzen, ehe daß sie den Fortschritt der Gerechtigkeit und der allgemeinen Wohlfahrt dulden. Das allein ist der Sinn der Wahlrechtsfrage und all das Ge- rede von dem„ungeheuerlichen Vorrecht" der Massen über„alle übrigen Klassen und Stände", ist unsägliches Geschwätz, nur ge- eignet, die zügellose Anmaßung der Volksfeinde erkennen zu lassen. Ueberhaupt darf den Abhandlungen, die Herr Dr. Gie brecht im Verein mit den kommerzienrätlichen und groß- industriellen Umsturzkonspiratoren der Welt bescheeren will, der Wert zeitgenössischer Dokumente nicht abgestritten werden insofern, als sie eine Sprache fiihreu, die den größenwahn- sinnigen Dünkel des feudalistischen Kapitalismus unübcr- trefflich offenbart.„Niedere Volksschichten",„die letzten, die dienenden Klassen",«die rohen räfte", die„unfähige Menge",„die sieben Millionen Wahl berechtigte des gemeinen Volkes"! Wenn die Aktion der WahlrechtS-Umstürzler weiter in diesen Offenbarungen großbourgeoiser Hoffährsigkeit betrieben wird, so darf die Socialdemokratie für diese ganz außer- ordentliche Agitation, die für sie geleistet wird, höchst dankbar sein. Das wird der erste, wirkliche und. wie wir erwarten, einzige Erfolg der Interne gegen das Reichs-Wahl- recht sein. Es wäre verfehlt, die Aktion, die wir enthüllt haben, in ihrer Bedeutung zu überschätzen. Daß das Reichstags-Wahlrecht zahlreiche und mächttge Feinde hat, ist ohnehin längst gewiß, aber es ist ebenso gewiß, daß nur völlige Besinnungslosigkeit die Regierung und die bürgerlichen Parteien zu Unternehmungen veranlassen könnte, die das Reich in endlose Wirren stürzen würden. Immerhin ist es gut, daß das deutsche Volk rechtzeitig die dunklen Gestalten erkennt, die in der Heimlichkeit daherschleichen und unterirdisch Minen legen, um die deutsche Zukunft in die Lust zu sprengen! poUrifcKe(Icberlicbt. Berlin, den 31. Juli. Die deutsche Binnenwandening. Mit besonderer Aufmerksamkeit und Ausführlichkeit sind in dem großen Tabellenwerk der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 die Geburtsnachweise der Bevölkerung bearbeitet, um aus ihnen ein möglichst zutreffendes Bild über die Verschiebung der Bevölkerung zu gewinnen. HVon der mehr als 56l/2 Millionen Köpfe betragenden orts- anwesenden Bevölkerimg im Reickie kommen hier etwa 830 000 im Ausland geborene nicht in Betracht; es ist nur die reichsgebürtige Bevölkerung von do'/z Millionen Seelen(genau: 66 629 199) von Interesse. Teilt man das Reich in drei große Gebiete, den Osten, Westen und Süden, wobei die Elbe als Grenzlinie zwischen Osten und Westen, der Main als Grenze gegen den Süden genommen ist, o ergiebt sich folgendes: Gebiete Osten.. Westen.. Süden Von der ortsanweienden Bevölkerung der in der Borspalte genannten Reichsteile sind geboren im Osten I Westen Süden 18 746 416 1 082 141 79 336 63 626 349 866 12 617 343 zusammen 19 472 966 23 167 664 12 883 680 664 014 21 736 668 __ 291 861,_ Geburtsbevölkerung 19 906 942| 22 691 533| 12 930 724 55 529 199 Am lebhaftesten zeigt sich also der WanderungSverkchr zwischen Osten und Westen, und zwar ist er stärker nach dem Westen als um- gekehrt; westlich der Elbe wohnen über eine Million östlich Geborene, st Osten nur 664 014 westlich der Elbe Geborene. Geringfügiger ist der Verkehr zwischen Westen und Süden(rund 360 000 und 290 000 Personen) und am schwächsten zwischen Süden und Osten, die nur 79 386 gegen 63 526 Personen einander abgeben. Der gesamte Zu- und Wegzug stellt sich nach den obigen Zahlen ür die drei Gebiete in folgender Weise dar, wobei in Klammern darunter die entsprechenden Zahlen der Zählung von 1890 an- geführt sind: Man sieht aus dieser Tabelle, daß der Verkehr in allen drei großen Gebieten gelvachsen ist, an, geringsten im Süden, das einer- eits die seßhafteste Bevölkerung hat, und wo andrerseits Verlust und Gewinn sich fast ausgleichen, am stärksten im Westen und Osten, wo der Verkehr auf über 10 und fast 10 Proz. der gesamten Be- völkerung angewachsen ist, aber mit dem Unterschiede, daß im Westen der Zuzug, in, Osten der Wegzug erheblich überwiegt. Die angeführten Zahlen und llebersichten können aber ein ganz ungefähres Bild in groben Umrissen geben, die Wanderungen innerhalb der großen Gebiete gehen hierbei ganz verloren; auck> ist keines derselben in der Weise einheitlich, daß es etwa gleichmäßig an, Verlust und Gewinn durch Wanderungen beteiligt ist. Zum Ge- biete östlich der Elbe gehören z. B. die Großstädte Berlin und Hamburg, durch deren Einbegreifen das Bild wesentlich ver- ändert wird, haben diese beiden doch von den 664 000 Personen, die von Westen nach Osten gewandert sind, allein mehr als eine halbe Million aufgenommen. Um ein klares Bild zu gewinnen und nan, entlich auch, um die Nah Wanderungen mit hervortreten zu sehen, muß man möglich st kleine Gebiete ins Auge fassen. Für die einzelnen Provinzen des Ostens und Westens ergeben sich folgende Zahlen: Ostpreußen..... Westpreutzen..... Posen....... Schlesien...... Pommern...... Beide Mecklenburg... Schleswig-Holstein, Lübeck Hamburg...... Brandenburg mit Berlin Im ganzen Ueberwanderung nach dem Westen von vom Westen nach den folgenden Gebiets- teilen des Ostens 223 924 93 783 166 793 276 229 63120 27 206 47114 27 349 166 624 13 099 17110 22 430 66 011 17 013 13 722 79 910 106 863 338 801 Bei diesem Austausch gewannen oder verloren — 210 826 — 76 673 — 144 313 — 221 213 — 36102 — 13 433 4- 32 796 4- 79 514 + 172 177 1082141 664 014— 418127 Beachtet man also, daß Brandenburg mit Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein mit Lübeck beim Menschenaustausch mit dem Westen gewonnen haben, so stellt sich der Mcnschenverlust des Ostens noch ungeheurer dar, er steigt dadurch auf über 700 000 Köpfe, woran am stärksten Schlesien(221 218), Ostpreußen(210 826) und Posen(144 313), also die am meisten östlich gelegenen Teile des Reiches beteiligt sind. Wohin sich dieser Menschenstrom gewandt hat, ersieht man aus der gleichartigen für den Westen aufzustellenden Tabelle. Hannover, beide Lippe... Oldenburg........ Bremen......... Prov. Sachsen, Braunschweig, Anhalt....... Königreich Sachsen..... Thüringen........ Hessen-Nassau, Waldeck... Westfalen........ Rheinland........ Im ganzen.. Ueberwanderung vom Osten' nach dem nach Osten von den folgenden Gebietsteilen des We tens 124 726 20 227 16 662 226 131 186 296 29 036 34 728 261 243 185 102 i 1 082 141 123 738 24 847 7 718 262 770 84 418 37 812 29 056 42 406 51 189 664 014 Bei diesem Austausch gewonnen oder verloren + 988 — 4 620 + 7 934 — 37 639 + 101 878 — 8 776 4- 5 672 4-218 777 4- 133 913 + 418 127 Also die ferner gelegenen Teile, R h e i l a n d und West- f a l e n. und die näheren, Provinz und Königreich Sachsen sowie Hannover haben die von Osten st a m m e n d e Million aufgenommen, während a n der Abgabe n a ch d e m O st e n, d. h. vornehmlich nach Berlin und H a in- bürg, die angrenzenden Provinzen Sachsen und Hannover beteiligt sind, erstere so stark, daß sie bei diesen, Menschenaustausch sogar noch verliert. Haben die östlichen Provinzen mit Ausnahme der drei, die im Menschenaustausch mit dem Westen gewinnen, bereits nach dem Westen über 700 000 Menschen verloren, so ist der Verlust, den sie nach den gewinnenden Teilen des Ostens haben, ein noch kolossalerer. Betrachten wir nämlich den gesamten Gewinn, den die genannten drei Teile, Brandenburg mit Berlin. Hamburg, Schleswig-Holstein mit Lübeck haben, der über l'/« Million Köpfe beträgt, auf seine Herkunft, so stammen nur 23 988 ans dem Süden, 284 487 aus dem Westen und 976 216, fast eine Million, aus den andern Provinzen des Ostens. Der Verlust dieser östlichen Provinzen stellt sich in, ganzen auf 39 848 Köpfe an den Süden, 702 614 an den Westen und 976 216 an die gewinnenden Teile des Ostens; die östlichsten Provinzen haben also 1 718 678 Köpfe, fast i9/t Million verloren, davon aber mehr als die Hälfte an die näher gelegenen gewinnenden östlichen Teile. In Ostelbien erhalten also die gewinnenden Bezirke drei Viertel ihres Gewinnes aus dem Osten selbst, der Verlust der ein- büßenden Bezirke verbUibt zur Hälfte im Osten. Im Westen da- gegen zeigen die genaueren Zahlen, daß der Gewinn aus de», inneren Verkehr kleiner ist, als der aus dem Osten, nämlich rund 400 000 aus den andren Teilen des Westens gegen 462 000 aus dem Osten. Der„Zug nach dem Westen" ist also ganz u n- v e r k e n n b a r. Einen noch deutlicheren Einblick in die Wanderungsverhältnisse kann man gewinnen, wen» man jeden einzelnen Gebietsteil des Reiches mit jedem andren vergleicht, um seinen Gewinn oder Verlust an Menschen festzustellen. Hierbe, zeigt sich, daß Ostpreußen der einzige Gebietsteil ist, der an Bevölkerung lediglich a b g i e b t und gar nichts im Verkehr von auswärts gelvinnt; auch West- Preußen gewinnt nur von Ostpreußen 41919 Personen, sonst giebt es lediglich Menschen ab, mit Ausnahme von Waldeck, von wo es 6 Personen erhalten hat. Ebenso haben Posen, Pommern und Schlesien recht geringe Anziehungskraft, und ihr Zuzug stammt nur aus den nächst- gelegenen Provinzen, aus den beiden Preußen und aus ihre», Ver- kehr unter einander, so gewinnt Pommern von Posen und Schlesien, Schlesien von Posen; nur Posen gewinnt noch die geringe Zahl von 170 Köpfen aus Württemberg. Im übrigen geben d«e genannten fünf preußischen Ost-Provinzen_ an sämtliche Teile des Reiches Menschen ab, mit ihrem Gelamtverlust von über l'/z Millonen(1 619 248) erscheinen sie als förmliche„Produktions- tätten für Massenabsatz von Menschen." Das Gegenstück dazu bilden die Großstädte Berlin und Hamburg; letzteres gewinnt von allen Teilen des Reiches. Berlin von allen außer Hamburg, an das es 329 Personen abgiebt; doch ist der Gesamtgewinn Berlins, über 800 000, dreimal so groß als der Hamburgs, der 267 000 beträgt. Ueberhaupt zeigt die besondere Betrachtung der Bevölkerung der Großstädte(33 Städte mit mehr 100 000 Einwohnern), daß nur ihr kleinerer Teil, 3,9 Millionen oder 43,3 Proz. dort geboren ist; 6.2 Millionen oder 66.7 Proz. haben sie durch Zuzug erhalten, davon kommen nur 0,4 Millionen aus andren Großstädten, die Mehrzahl. 2.8 Millionen, stainint aus der näheren Umgebung der Großstädte, und 2 Millionen sind ans ent« scrnteren Gegenden dorthin gezogen. Außer den 0,4 Millionen. welche die Großstädte nach andren Großstädten abgeben, ist noch eine Million aus ihnen Iveggezogen. von denen aber"U sich in der Umgegend niedergelassen haben. Besonders seßhaft sind die in den Großstädten Geborenen; von ihnen sind'U(genauer 73,3 Proz.) in ihrer Geburtsstadt geblieben. Die Bewegung der Bevölkerung durch Wanderungen zeigt also durchaus die Richtung nach der Großstadt, nicht v o n der Groß- 'tadt. Von Interesse wäre es ferner, festzustellen, wie stark das männliche und weibliche Geschlecht an den Vinnen-Wande- rungen beteiligt ist. Doch genüge hier die Angabe, daß die Be- teiligung des männlichen Geschlechts die stärkere ist, auch wandern die Männer im allge», einen weiter als die Frauen. Nur in Bezug auf die Wanderung nach den Großstädten ist das weibliche Geschlecht, besonders allerdings an den Nahwanderungen stärker beteiligt. Stadtverordneter Genosse Hoffmann erklärte, die dem Maurer an- beiden socialistischen Richtungen gleich feindlich gegenüber, den Beispielsweise erhält Berlin Ostpreußen Westpreußen. Brandenburg Pommern. · an an Frauen im Verkehr mit Männern 37 773 29 846 49 915 39 063 62 940 87 543 46 434 64 269 Posen 41 253 49 742 • Schlesien 62 267 64752 Provinz Sachsen 34 064 35 268 Schleswig- Holstein 1 712 Hannover. 5-292 1 619 3 403 3 940 1 604 3 271 1 488 6.489 2735 3 206 2169 8562 5 114 1971 1510 Westfalen Hessen- Nassau Rheinland Bayern • Sachsen Württemberg Elsaß- Lothringen Stellen 803 283 Monarchistische Auseinandersetzungen. Weil die Krieger zu Mardorf am Steinhuder Meer nicht von ihrem Königshause lassen wollen, haben sie mit den preußischen Behörden bei den letzten Reichstagswahlen üble Erfahrungen machen müssen. Darüber berichtet die in Hannover erscheinende„ Deutsche Volkszeitung": " " im Sinne ums gedrohte Strafe auf sich zu nehmen und dies dem Manne schriftlich sein principieller Standpunkt ist die socialrevolutionäre Nur gab, wurde die Scheune von ihm zum Entsetzen der, Gutgesinnten" in Gewerkschaftlerei, die Verwerfung der politischen Aktion in jeder Northeim freigegeben, die Versammlung selbst aber nach kurzer Dauer von Form und die Proklamierung des Generalstreits als des einzigen dem Polizeikommissar aufgelöst und zwar ohne Angabe irgend eines und ausschließlichen Mittels der socialen Revolution. Daraus erklärt geseglichen Grundes. Genossen Hoffmann gelang es dann am Tage sich auch seine Gegnerschaft gegen die Beteiligung am Höheren Arbeitsvor der Stichwahl bei einem andren Einwohner, der auch nicht rat, der auf dem Gebiete der socialpolitischen Gesetzgebung vorParteigenosse, aber über die Unterdrückung der freien Aussprache bereitende und vorberatende Arbeit zu leisten hat. empört war, in der Scheune eine Versammlung abzuhalten und das Ein regelrechter Sturmlauf gegen diese Institution begann auf Resultat war: die Stimmen in Northeim stiegen zum Entsetzen dem allgemeinen Gewerkschaftskongreß von Lyon 1901. Die antider nationalliberalen Staatsstüßen" von 295 Stimmen der parlamentarischen Nur- Gewerkschaftler, die principiellen Gegner des ersten Wahl auf 420. Das mußte natürlich gerochen" Arbeitsrates, sind damals nur mit 23 Stimmen( bei 468 Abwerden. Dem zweiten Sünder" konnte man nichts anhaben, er stimmenden) hinter der absoluten Mehrheit zurückgeblieben. Der war unabhängig, aber dem ersten, gegen diesen wurde die moderne Kongreß votierte aber schließlich mit allen gegen 7 Stimmen die heilige Vehme" ins Werk gefeßt: er wurde gesellschaftlich geächtet Forderung, daß künftighin der Arbeitsrat ausschließlich aus in einer Weise, die nur der begreift, der die maßgebenden Persön- Arbeiter- und Unternehmervertretern zu gleichen Teilen zulichkeiten von Northeim kennt, man suchte ihm zum guten Teil das ſammengesezt sein soll. Im Falle der Nichterfüllung dieser Brot zu nehmen, aber δας stärkste Stückchen sollte noch Forderung sollten die Arbeitervertreter ihre kollektive Demission kommen. Grube ist seit 19 Jahren Mitglied des Northeimer einreichen. Handwerker- Bildungsvereins, der sein Emporkommen Der Arbeitsrat, ursprünglich( seit 1891) zusammengesetzt aus Insgesamt hat Berlin nur 370 779 Männer gewonnen gegenüber zum großen Teil der unermüdlichen Thätigkeit dieses Mitgliedes mit 60 Mitgliedern, von denen 10 auf Grund ihres Amtes und 50 vom 430 170 Frauen; und ähnlich liegen die Verhältnisse in andern Groß- verdankt. Hier wurde an demselben eine bürgerliche„ Hinrichtung" Handelsminister ernannt wurden, hatte seit Millerands Dekret städten. Der Grund für diese Erscheinung ist wohl darin zu suchen, vollzogen, die dem National, Liberalismus" das Brandmal von 1899 folgende Zusammensetzung: 22 gewählte Unternehmerdaß sich hier in besonderem Maße Arbeitsgelegenheit für das weib- der Schande aufdrückt. Nicht das geringste lag gegen das dem vertreter, 22 gewählte Arbeitervertreter, davon 15 Vertreter liche Geschlecht, und Gewerkschaften für Dienstmädchen, Verkäuferinnen, Verein seit 19 Jahren angehörende Mitglied vor, der beste Beweis der 7 Vertreter der Arbeiterbeifizer Comptoiristinnen 2c. darbieten. dafür ist der Bericht, welcher unter dem 27. Juli in der national- bei den Gewerbegerichten, 1 Vertreter der Produktivgenossenschaften liberalen Göttinger Grubenhagenschen Zeitung" und 17 amtsberechtigte Mitglieder, darunter drei vom Senat und erschienen ist. Derselbe lautet wörtlich: fünf von der Deputiertenkammer gewählte und endlich vier vom „ Der Maurer Grube, in dessen Räumlichkeiten in der Kirchstraße Handelsminister ernannte Mitglieder. Der Lhoner Beschluß zielte vor der Reichstagswahl eine socialdemokratische Volksversammlung also ab auf die Entfernung der 17 Mitglieder, die keine direkten stattgefunden hatte, ist dieserhalb auf einstimmigen Beschluß des Vertreter der Arbeiter oder der Unternehmer sind. Seither hat der Vorstandes des hiesigen Handwerker- Bildungsvereins aus dem gegenwärtige Handelsminister Trouillot( Dekret vom 26. März Verein ausgeschlossen worden. die Eine auf Sonnabendabend ein- 1903) des Zusammensetzung Arbeitsrates Der Landrat des Kreises Neustadt a. Rbge. Herr v. Wohna der Verstärkung direkten hatte zwischen Haupt- und Stichwahl am 19. Juni d. J. den berufene und zahlreich besuchte außerordentliche Generalversammlung einer Interessenvertretung Der Rat besteht nun aus Schriftführer des Kriegervereins zu Mardorf am Steinhuder Meer, des Vereins, an welche Grube dieserhalb appellierte, bestätigte mit gestaltet. 65 Mitgliedern, darden Haussohn Friedrich Kahle, der in Vertretung feines 44 gegen 11 Stimmen( zwei unbeschriebene Bettel waren ab- unter 26 gewählte Unternehmervertreter, 26 gewählte Arbeitererkrankten Vaters den Vertrauensmann- Posten der deutsch gegeben) den obigen Beschluß. Das Vorgehen des Vereinsvorstandes vertreter( 18 von den Gewerkschaften und 8 von den gewerbegerichtHannoverschen Partei allein in seinem Orte verfah, durch eine Ver- dürfte in der Bürgerschaft mit Sympathie aufgenommen werden." lichen Arbeiterbeisigern), 3 Senatoren, 5 Deputierte, 1 gewählter fügung vorgeladen. Bei dieser Gelegenheit hat der Landrat den Echt National, Liberal." Die Veröffentlichung geschah zu Vertreter der Pariser Handelskammer, 1 gewählter Vertreter der Genannten wie folgt angelassen:„ Wer als Mitglied des Krieger- öffentlicher Kennzeichnung mit vollem Namen und Wohnung. Der Arbeitsbörsen, 1 gewählter Vertreter der Produktivgenossenschaften vereins der welfischen Partei angehört, ist ein niederträchtiger, Macher dieser Zeitung war in der Versammlung selbst mit thätig, und 2 vom Minister ernannte Mitglieder aus den Reihen des abscheulicher Lumpenhund vor meinen Augen, er kann jeder andren in welcher diese" liberale" That vollbracht wurde. Die Instituts( den fünf Akademien) und der Pariser Universitätsprofessoren. Partei angehören, nur nicht der welfischen Partei; denn was das Sache wird aber nach zwei Seiten hin ein Nachspie! haben; Diese Umgestaltung, ein Zugeständnis an die Gewerkschaften, wurde für Menschen sind, kann ich gar nicht aussprechen und der Mar- erstens wird der Maurer Grube, da er ohne statuarischen Grund aus von den leitenden Gewerkschaftlern als ungenügend mit aller Schärfe dorfer Kriegerverein besteht aus lauter Welfen, also ist das ein geschlossen ist, auf Herausgabe der seit 19 Jahren gezahlten Beiträge zurückgewiesen. Lumpenhunds- Verein, mit dem ich kurz fertig werden will." Nach- flagen und er hat die Sache bereits einem Rechtsanwalt übergeben, Es ist nun klar, daß die strikte Durchführung des Lhoner Bes dem der Vorgang zur Kenntnis des inzwischen zum Reichstags- zweitens wird Northeim demnächst einen Bildungsverein ohne Sezer schlusses nicht geeignet wäre, die socialreformerische Thätigkeit des Abgeordneten gewählten Freiherrn v. Schele- Wunstorf gekommen richter haben. Und so ist wieder einmal wahr geworden: Das Arbeitsrates zu fördern. Und jedenfalls ist von den Parlamentariern war, dem der Haussohn Friedrich Kahle bereits seit zehn Böse gewollt und das Gute geschaffen". Ehrliche und den Professoren, die ja nach dem Lyoner Beschluß zur Hälfte Jahren als ruhiger gewissenhafter Mann bekannt war, führte Menschen aber, die sich noch eine Spur von Gerechtigkeitsliebe durch Unternehmer zu ersehen wären, eher eine socialreformerische Frhr. v. Schele- Wunstorf bei dem nächsten Vorgesezten des Land- bewahrt haben, mögen an Vorstehendem erkennen, wie ernst es den Gesinnung zu erwarten, als von den direkten" Unternehmerrats, dem Präsidenten des Regierungsbezirks Hannover Herrn Nationalliberalen mit der Wahrung der Vereins- und vertreteru. Doch der eigentliche Sinn des Lhoner Beschlusses ist eben v. Philipsborn, Beschwerde mittels Eingabe vom 10. d. M., Versammlungsfreiheit" ist, von der sie vor der Wahl in in der antiparlamentarischen Tendenz der revolutionären Rur worin am Schluß der Regierungspräsident ersucht wurde, dieselbe allen Versammlungen schwagten, als sie den einen elenden Verleumder Gewerkschaftler zu suchen, die den Arbeitsrat als eine politische zur Kenntnis der vorgesezten Behörden zu bringen mit dem nannten, der es wagte, die Ehrlichkeit dieser Behauptungen in Frage Institution principiell verwerfen und im Lhoner Beschluß ein Mittel Bemerken, daß der Beschwerdeführer sich vorbehalte, auf zu ziehen. Jedenfalls ist eine solche brutale Niedertrampelung des erblickten, die Gewerkschaften vom Arbeitsrat fernzuhalten. den Gegenstand im Reichstage zurüdzukommen. Darauf ist Vereins- und Versammlungsrechts für die Verbreitung der Socialihm folgender Bescheid zugegangen:" Hannover, den 24. Juli demokratie von großem Nutzen und wird auch in Northeim Früchte 1903. Guerer Hochwohlgeboren beehre ich mich auf die Vor- tragen. stellungen vom 30. v. M. und 10. d. M. zu erwidern, daß ich, nachdem die fraglichen Vorgänge durch Euere Hochwohlgeboren zu meiner Kenntnis gebracht worden sind, eine Prüfung angeordnet habe. Die Auffassung des königl. Landrats zu Neustadt a. R., wonach Agitationen für die deutsch- hannoversche Partei mit den Pflichten eines Kriegervereins- Mitgliedes nicht verträglich sind, tann ich nur teilen. Hingegen vermag ich die Art und Weise, wie der königl. Landrat zu Neustadt a. R. vorgegangen ist, insbesondere seine Aeußerungen gegenüber dem Haussohn Friedrich Kahle zu Mardorf, nicht zu billigen. Ich habe dieserhalb das Erforderliche veranlaßt. Die Anlage der Eingabe vom 30. v. M. schließe ich wieder an. v. Philipsborn." " Koftspielige Religion. Es wird uns geschrieben: " " Daher ihre Agitation für die Wahlenthaltung unter Berufung auf den Lhoner Beschluß. Offiziell wurde diese Agitation vom Föderalausschuß der Arbeitsbörsen betrieben, die einen Vertreter in den Arbeitsrat zu wählen haben. Der Ausschuß veranstaltete eine Urabstimmung, die jedoch eine Mehrheit für die Wahlbeteiligung ergab. Nun begingen die leitenden Elemente die Inkonsequenz, Die Mitwirkung der Geistlichkeit bei Begräb troß ihres Enthaltungs" princips einen Protesttandidaten" aufnissen ist für die Hinterbliebenen, die auf diese Buthat Wert zustellen in der Person des Sekretärs des Föderalausschusses, legen, keine ganz billige Sache. In der letzten Zeit hat man uns vetot, der im Fall seiner Wahl sofort zu demissionieren hätte. wiederholt geklagt, daß Ueberteuerungen dabei vorgekommen seien. Der Kandidat des reformistischen" Flügels war Briat, das bisDie Prüfung hat jedoch abermals ergeben, daß zwar recht hohe herige Mitglied des Arbeitsrates. Das Ergebnis war die Wahl Preise berechnet worden waren, aber keine höheren, als nach den Briats, aber freilich nur mit 37 gegen 32 auf den Protestkandidaten Bestimmungen des Tarifs berechnet werden dürften. Eine Leichen- gefallene Stimmen bei einer zersplitterten und drei ungültigen predigt ist nun mal ein tostspieliger Genuß, das wird kaum Stimmen, während die Gesamtzahl der Arbeitsbörsen 92 beträgt. zu ändern sein. Unter den sich der Wahl enthaltenden Arbeitsbörsen befinden sich die Bor 1866 find die Großpreußen in Hannover Lumpenhunde geEinem gläubigen Gemüt will es freilich schlecht einleuchten, daß von Paris, Lyon und Marseille. wesen, jetzt sind es die Welfen. Vor und nach 1866 hat man aber es so fein müsse. Von vielen Leuten wird es nicht verstanden Aehnlich steht es um die Wahlen der nach Industrien gruppierten die Treue zum angestammten Herrscherhause als die hervor- und es scheint ihnen wenig zu den von der Kirche ge- Gewerkschaften. Die Freunde der Wahlbeteiligung bezw. des ragendste Eigenschaft eines guten Soldaten gepriesen. Und predigten Grundsäßen zu passen, daß zwar die Arbeitsrates haben ihre Kandidaten durchgebracht oder werden sie treu ist ja bekanntlich der Mond, den Geistlichen bezw. ihre Agenten sich unaufgefordert fast die Beine in der Stichwahl durchbringen. Aber die Mehrheit der Gewert sieht, wenn die Sonne des Glücks untergegangen ist. Herr ablaufen, wenn es gilt, ein Ehepaar zur Nachholung der unter- schaften ist der Wahl ferngeblieben. Und das Organ der„ KonFriedrich Kahle eignet sich darum vorzüglich zum Helden einer lassenen kirchlichen Trauung oder der unterlassenen Taufe eines föderation der Arbeit"( allgemeine gewerkschaftliche Landespatriotischen Erzählung für die reifere Jugend. Man braucht die Kindes zu bewegen, daß aber andrerseits bei Beerdigungen und bei organisation) verzeichnet mit Freude, daß die gewählten Geschichte vom abscheulichen Lumpenhund nur z. B. ungefähr der freiwillig ausgesprochenen Bitte um eine Leichenpredigt die Kirche Kandidaten nur 30 Prozent der organisierten Arbeiterschaft vertreten. hundert Jahre früher spielen zu lassen, sie nach dem Rheinlande zu sich sehr viel weniger entgegenkommend zeigt, und übrigens nicht Die Kraftprobe ist also zur Zufriedenheit der beiden Lager ausberlegen und aus dem preußischen Landrat einen Schergen des bloß in Bezug auf die Kosten. gefallen. Thatsächlich aber hat sie immerhin den bisherigen Eindruck Bonaparte" zu machen. Man wird dann auch die Heuchelei richtig von dem überwältigenden Einfluß der revolutionären Nurzu würdigen wissen, die darin liegt, daß man von Mitgliedern eines Gewerkschaftler abgeschwächt. angeblich unpolitischen Vereins die Enthaltung von bestimmten Parteiagitationen fordert. # Deutfches Reich. man nur Bom goldenen Fahrstuhl. Der Vorschlag, das unlündbare und unberzinsliche Darlehen von 25 000 Mart, das der Preffeflub von der Pommernbank erhalten hat, mit 3000 Mark einmaliger Abfindung zu begleichen, ist, wie das Berliner Tageblatt" jezt mitteilt, nicht vom Vorstande des Presseklubs ausgegangen. Der ehrliche Makler, der es so billig machen wollte, ist nicht bekannt. Oestreich- Ungarn. " Kürzlich hat einmal jemand die Entscheidung der oberen Kirchenbehörden angerufen, weil er sich bei einer Beerdigung nebst Leichenpredigt überteuert glaubte; es hat Eine weitere Eigentümlichkeit der diesjährigen Wahlen ist das ihm aber nichts genügt. Er hatte seine Frau in Elbing beerdigen erstmalige Auftreten von Kandidaten der gelben und am Grabe einen der dortigen Pfarrer sprechen lassen. Für diese Gewerkschaften, der schoflen Werkzeuge des Unternehmertums. Leistung präsentierte ihm die Kirchengemeinde eine Rechnung Sie haben ein schmähliches Fiasko erlitten. Wäre es aber nach dem über 53,60 m. Die Summe ſetzte sich aus folgenden Posten Wunsche der Nurgewerkschaftler gegangen, wäre die Wahlenthaltung zusammen: 1. Kirchenfasse 10,60 m., 2. Drei Geistliche 12 M., von sämtlichen proletarischen Organisationen geübt worden, dann 3. Kantor 6 M., 4. Küfter 3,50 M., 5. Unterglöckner 1,90 m., hätten die" Gelben", die Verräter der Arbeiterklasse, in den Ar6. Kirchhofsinspektor 4,60 m., 7. Parentation 9,00 M., 8. Grabrede beiterrat ihren Einzug gehalten. 6,00 M. Der Mann scheint nun diese Rechnung mit den Augen eines Hotelgaftes angesehen zu haben, der auf der ihm überreichten Rechnung verschiedene Posten entdeckt, deren Grund und Bedeutung ihm nicht ganz zweifelsohne ist. Der Elbinger Bürger, der übrigens Die Bestechungsangelegenheit Dienes- Papp hat sich zu einem jezt nach einem Berliner Vorort übergesiedelt ist, beanstandete politischen Standal ersten Ranges entwickelt, der die Existenz des Sächsische Toleranz. Aus Jena wird uns geschrieben: An- bie Posten 2, 3, 4, 5, 8. Was den Kantor, den Küster und den Unter- Kabinetts Khuen- Hedervary aufs schwerste gefährdet. Der Urheber gesichts der Boykottierung der socialdemokratischen Litteratur seitens glödner angeht, so war er der Ansicht, sie hätten keine Hand gerührt. der Bestechungsversuche, in dessen Auftrag Dienes handelte, ist Der Verwaltung der Dresdener Lesehalle, entbehrt es nicht des Von dem Kirchhofsinspektor gab er zu, daß er wenigstens der nämlich kein Geringerer als der Gouverneur von Fiume, Interesses, welche Grundsäge für die Verwaltung der mustergültigen Beerdigung beigewohnt habe. Den Pfarrer hielt er für zu hoch Graf Ladislaus Szapary, der Busenfreund und Vertraute Jenaer gefehalle in Geltung sind. In dem Statut des bezahlt in Anbetracht des Umstandes, daß er in der Leichenhalle und des Ministerpräsidenten Khuen- Hedervary. Dem„ Berliner. Tageblatt" Jenaer Lesehalle- Vereins heißt es: § 2. In der öffentlichen Lesehalle und in der Volksbibliothek nicht Lust, den Pfarrer mehrfach zu bezahlen. Als das Aergste eram Grabe nur je eine furze Rede gehalten hatte. Er hatte auch wird darüber telegraphisch gemeldet: find Beitungen, Zeitschriften und Bücher der öffentlichen Benutzung schien ihm der Bosten 2. Er hatte nur einen Geistlichen bestellt, zugänglich zu machen, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und und es war auch nur einer gekommen. Trotzdem sezte man ihm Interessen der verschiedensten Stände und Berufsklassen. „ Die größte Sensation erregte die gestern abend erfolgte De mission des Gouverneurs von Fiume, Grafen Ladislaus Szapary, welcher dem Redakteur Dienes das Geld zur Bestechung des Abauf die Rechnung drei Geistliche 12,00 M." Daß hieran der eine geordneten Papp gegeben hat. Von Szapary befreundeter Seite Insbesondere sollen die größeren deutschen politischen Tages- Geistliche, der ja schon bezahlt war, noch einmal mit 4,00 m. be- wird die Sache so dargestellt, daß Szapary den Intriguen einiger blätter, Wochen- und Monatsschriften, Lokalzeitungen des ost thüringischen Bezirks, unterhaltende und belehrende Schriften, teiligt sei, das erschien dem Beschwerdeführer ganz besonders un politischer Glücksritter, die ihm vorgespiegelt hatten, man könne ber thüringischen Bezirks, unterhaltende und belehrende Schriften, namentlich auch gewerbliche und wirtschaftliche Fachlitteratur, an gerecht. Er kannte aber noch nicht die Wunderlichkeiten kirchlicher Obstruktion mit Geld beikommen, zum Opfer gefallen sei. Er habe Tarife; er wußte nicht, daß da noch allerlei Berechtigungen aus übrigens ohne Vorwissen des Ministerpräsidenten alter Zeit mitsprechen. ganz auf eigne Faust gehandelt. § 3. Bei Auswahl des anzuschaffenden und Annahme des an- Der Betroffene wandte sich nach Danzig an das Kon= gebotenen Lesestoffes ist strenge Neutralität gegenüber allen poli- fistorium der Provinz. In oppofitionellen Kreisen wird aber dem fein Glauben beiWestpreußen, aber man gemessen, sondern man meint viel eher, daß gewisse Kreise die fischen, wirtschaftlichen und religiösen Parteien einzuhalten, unter antwortete ihm, die Rechnung stimme. Er schrieb nach Berlin an gutgläubige Naivetät Szaparys ausgespielt haben, um ihn im Falle Abwehr mißbräuchlicher Ausnutzung der Einrichtungen des Vereins den Evangelischen Oberkirchenrat, aber auch von hier bes Mißlingens als Sündenbock zu opfern. Verwickelt wird die Abwehr mißbräuchlicher Ausnutzung der Einrichtungen des Vereins zu Gunsten einzelner Parteien. bekam er die Antwort, daß die ihm angerechneten Gebühren der Affaire dadurch, daß Szapary mit dem Grafen Khuen Ausschluß von litterarischen Erzeugnissen ihres Inhalts wegen Tare entsprechen. Er weiß nun, daß alles mit rechten Dingen zu sehr befreundet ist, und auch ein zweiter Hocharistokrat, der ist nur aus Gründen guter Sitte zulässig. Zeitungen und Schriftwerke dürfen in mehr als einem Eremplar gegangen ist, und daß gegen teure Begräbnis und Oberthürsteher Graf Georg Banffy, ebenso wie Graf nur nach Feststellung eines Bedürfnisses durch den Vorstand angeschaffteichen predigt.Rechnungen tein konsistorium Szapary mit den Vermittlern der Bestechungsversuche in den letzten fein Obertirchenrat helfen kann. Man wird sich Tagen viel verkehrte. oder angenommen werden. also gewöhnen müssen, daß die Kirche, wenn ihre Dienstleistungen Neben Dienes, welcher, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahre, in Anspruch genommen werden, recht gehörigen weltlichen Entgelt sich nach Berlin gewendet hat, waren noch mehrere Vermittler bei fordert. den Bestechungen beteiligt, die aber bis auf den Redakteur Singer alle flüchtig sind." Mit diesen Bestimmungen, die streng durchgeführt werden, sind die besten Erfahrungen gemacht worden. Infolge erhöhter Nachfrage ist der„ Vorwärts"- als einziges Blatt!- schon seit längerer Zeit in zwei Exemplaren vorhanden. Ausland. Gewerkschaften und Höherer Arbeitsrat. Paris, den 30. Juli. Ministerpräsident Graf Khuen- Hederbarh erklärte darauf mit, Bezug auf die Aeußerung Kossuths, er werde vor dem Untersuchungsausschuß erscheinen.( Allgemeine Zustimmung.) Der Ministerpräsident fährt dann fort: Kossuth hat erklärt, mich wegen der Bestechungsangelegenheit nicht verdächtigen zu wollen, fordert mich aber auf, meinen Plaz zu verlassen.( Beifall links.) Meiner Ansicht nach würde ich mich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen das Land verfündigen, wenn ich dieser Aufforderung Folge leisten würde. Frankreich. Nationalliberale Versammlungsfreiheit. Unfre Leser werden sich des Berichts aus Northeim vor der Stichwahl entfinnen, in welchem über den ersten Versuch berichtet wurde, in dieser national- Die diesjährigen Wahlen zum Höheren Arbeitsrat, deren erster liberalen Hochburg eine socialdemokratische Versammlung abzuhalten. Wahlgang bereits abgeschlossen ist, bieten ein allgemeines Intereffe, Ein Saal war dank der Einschüchterung, die besonders da sie sich zu einer Kraftprobe zwischen dem linken und dem rechten bon nationalliberalen Helden betrieben wurde, nicht zu Flügel der französischen Gewerkschaften gestaltet haben. bekommen. Die Wirte erklärten schlant heraus: wir ver- Einleitend ist vor allem zu bemerken, daß die Spaltungen dienen gern und würden unsern Saal gern geben, aber innerhalb der Gewerkschaften sich nur teilweise mit den Spaltungen wir werden dann von den Bürgern boykottiert. Endlich fand sich ein innerhalb der socialistischen Parteibewegung decken. Wenn der rechte mutiger Mann, der Maurer Grube, der seine Scheune hergab, aber oder reformatorische" Flügel der Gewerkschaften principiell und Klerikale Demonstrationen. Die Mitglieder der Marianistensofort eingeschüchtert wurde, daß er sein Wort im letzten Augenblick persönlich dem ministeriellen Socialismus mehr oder minder nahe Kongregation, die gestern vom Zuchtpolizeigericht wegen Uebertretung zurücknahm; erst als der Kandidat der Socialdemokratie des Kreises steht, so steht der linke oder revolutionäre" Flügel principiell des Vereinsgesetzes zu je 16 Francs Geldstrafe verurteilt worden sind, zogen über ihrem Kloster eine mit Tr-nierflor verhüllte Fahne auf. Der Aufforderung der Polizei, sie zu entfernen, wurde vom Prior Folge geleistet.— Rußland. TaS Drama von Tichorezk hält die ganze russische Oeffentlichkeit noch immer in äußerster Spannung. Es handelt sich um die Vergewaltigung und Ermordung eines jungen Mädchens auf einer Station der Wladikaukafischcn Eisenbahn im Mai vorigen Jahres Als damals die näheren Verhältnisse der scheußlichen Mordthat bc kannt wurden, war es für niemand ein Geheimnis, daß die Schuldigen nicht gewöhnliche Sterbliche gewesen sind. Es wurden verschiedene Namen genannt, unter ihnen hauptsächlich Beamte des Justiz- Ministeriums. Die Negierung verlegte sich aber aufs Dementieren; es wurde eine Untersuchung eingeleitet, die natürlich nichts Be- lastendes für die Beamten ergab, und die Regierung glaubte nun Ruhe zu haben. Sie hatte sich aber geirrt. Im Januar erschienen in de>i„Petersburgskija Wjedomosti" zwei Artikel, die den Fall von neuem behandelten und außerdem cirkulierten in allen Händen Flug- blätter, die die schärfsten Anschuldigungen gegen die Regierung er- hoben. Sie mußte sich bequemen, eine neue Untersuchung einzuleiten. Wie zu erwarten war, ist auch diese resultatlos verlaufen. Der„Rc- gierungbote" publiciert einen Auszug aus den Untersuchungsaktcn und das nächste Heft des„Journals des Justizministeriums" soll als Beilage die Zeugenaussagen bringen. Man ist allgemein auf diese gespannt, denn der vorläufige Auszug beweist eigentlich das Umgekehrte dessen, was die Regierung beweisen will. Der Fall wird noch lange nicht zur Ruhe kommen. Die Blätter berichten soeben über einen neuen Fall derselben Art aus Kiew. Dort ist am IS. Juli in einem Arrestlokal de'r Polizei eine Paulina Primakow« tot aufgefunden worden. Die Polizei will glauben machen, daß das Mädchen sich erhängt hat. Die Obduktion der Leiche hat aber ergeben, daß es ermordet worden ist. Der Fall hat die Stadt in größte Aufregung versetzt, und nun beschäftigt sich damit die ganze Presse. Trotz dieser Ereignisse, die deutlich genug für das sittliche Niveau des Beamtentums sprechen, denkt man aber in den Regierungskreisen nicht an eine wirksamere Kontrolle der Ver- waltung, sondern nur an ihre Verstärkung. Es ist ein Gesetz publiciert worden, das die Landpolizei um eine Zahl von 40 000 Gendarmen verstärkt. Diese Verstärkung der Polizei wird dem Staat mehr als dö Millionen Rubel jährlich kosten, sie dürfte aber nur den Anfang bilden. Das neue Kontingent der Polizei ist hauptfächlich für die Gouvernements bestimmt, in denen die Bauern sich unruhig zeigen.<— Serbien. Schreckensherrschaft der Offiziers-Revolutionäre. Aus Belgrad ist in letzter Zeit bereits mehrfach berichtet worden, daß die an der Verschwörung gegen den letzten Obrenowitsch beteiligten Offiziere sich völlig als Herren der Lage fühlen und in übermütigster Weise ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz im Lande schalten. Einen neuen Beitrag dazu liefert ein soeben von der„Voss. Ztg." veröffentlichter Belgrader Bericht, in dem es heißt: Trotzdem bereits fast zwei Monate seit der Ermordung des letzten Obrenowitsch verstrichen sind, scheinen die„n a ti o n a l e n Helden" noch immer zu glauben, daß sie die Herren im Lande sind. Das Ausbleiben der erwarteten Belohnungen und Auszeich- uungcn für das von ihnen durchgeführte„große patriotische Werk", wie sie den Mord an dem Königspaar nennen, hat sie zwar etwas enttäuscht, aber sie gleichzeitig noch mehr herausgefordert. Und so steht noch heute alles unter dem Terrorismus der Ver- schwör er, ja man kann sagen, daß der Terrorismus heute stärker ist, als je und sich auch in jeder Weise und überall fühlbar macht. Diesem Terrorismus ist auch die ganz merkwürdige Haltung der serbischen Presse zuzuschreiben, die sich, sei sie jetzt liberal oder konser- vativ, fortschrittlich oder reaktionär, ganz im Fahrwasser der Ver- schwörer befindet. Nur ein Blatt fand den Mut, offen gegen den Königsmord und gegen die Königsmörder, sowie gegen alles, was damit in Zusammenhang steht, Stellung zu nehmen. Es ist dies der radikale„Narodni List". Aber Herr Schibalin, der Herausgeber dieses Blattes, hat sich dadurch bereits nicht nur den Zorn der Vater- landsretter zugezogen, die ihn wiederholt mit dem Tode bedrohten, sondern auch sogar den Unwillen der regierenden Herren, und so erlebte man dieser Tage das gewiß seltsame Schauspiel, daß das Organ des Ministerpräsidenten Avakumowitsch die„Sepska Zastawa" mit Drohungen gegen den Herausgeber des„Narodni List" operierte. Es ist nur natürlich, daß gegen ein solches Auftteten der Königs- Mörder sich das Gefühl der Empörung nicht nur unter einem Teile der Bevölkerung, sondern auch unter jenen Offizieren zu regen bc- ginnt, die an der Verschwörung nicht teilgenommen haben. Freilich sind die im Auslande verbeiteten Gerüchte von einer angeblichen Verschwörung dieser Offiziere gegen ihre Kameraden weit über- trieben, aber daß es unter den nicht betelligten Offizieren gegen die Verschwörer gärt, ist eine bereits allgemein bekannte Thatsache. Und so kann man jetzt in Serbien von zwei Parteien im Offizierkorps sprechen: die eine der Verschwörer unter Anführung des berühmten Oberstlieutenant Mischitfch, die andre der AntiVerschwörer mit dem Kriegsminister General Manazhovitsch an der Spitze— zwei Parteien, die sich gegenseitig heftig befehden.— Griechenland. Berfafsungsrevision. Im griechischen Volk macht sich, wie die „Agence Havas" meldet, eine Bewegung bemerkbar, die eine Revision der Verfassung anstrebt. Mehrere Vereinigungen sind zu diesem Zweck gegründet worden; eine derselben ist beim König vorstellig geworden, er möge die verfaffunggÄiende Versammlung einberufen. Der König hat, wie es heißt, das Verlangen mit dem Hinweis abgelehnt, daß die gegenwärtige Verfassung ihm eine solche Maßnahme nicht gestatte; eine Revision der Verfassung müßte durch Willens- äußerung des Volkes verlangt werden. Die Vereinigungen für Ver- fassungsrevisionen haben daraufhin in den Provinzen eine Kund- gebung in Gestalt einer Bittschrift an den König vorbereitet, die ein düsteres Bild von der Lage im Lande entwirft und die Revision für unumgänglich erklärt. Die Bittschrift füllt sich mit Unterschriften. Die Revisionsbewegung hat ihre Quelle besonders im Bürgertum, und es ist angesichts der allgemeinen Unzufriedenheit nicht unmöglich, daß sie sich rasch ausbreitet.— Asien. Russische Kosaken in Tibet. Die„Kölnische Zeitung' meldet «US Petersburg: Nach chinesischen Meldungen erhielt die Regierung in Peking Mitteilungen aus Tibet, daß die Russen nach geheimen Verhandlungen über die Erlaubnis zu geologischen Untersuchungen jetzt einige hundert Kosaken nach Tibet geschickt haben, indem sie be- haupten, die chinesische Erlaubnis zum Durchzug zu besitzen. Die chinesische Regierung benachrichtigte ihren Vertteter in Tibet, sie habe den Russen keine Erlaubnis erteilt; er solle deren Bewegungen genau beobachten, sich aber jeder gewaltsamen Maßnahmen gegen sie ent- halten.— Amerika. Aufstand auf Kuba. Mehrere Tailsend kubanische Veteranen im Bezirk Santiago haben einem Telegramm aus Havanna zufolge die Revolution verkündet und der kubanischen Regierung den Krieg er- klärt, weil diese die Zahlung des Soldes ablehnt, auf den die Veteranen aus ihren Diensten im Kriege gegen Spanien Anspruch zu haben glauben. Die Behörden von Havanna machen in Ost-Kuba die Miliz mobil und stellen Freiwillige ein. Die Lage auf der Insel wird als ernst betrachtet. Aus Washington wird dazu gemeldet, daß die amerikanische Regierung Vorbereitungen zur Entsendung von Truppen nach Kuba für den Fall trifft, daß die Albanische Regierung nicht im stände sein sollte, den Aufruhr zu unterdrücken.—• Hue Induftm und Handel fremden Ländern in dem am 30. Juni abgelaufenen Fiskaljahre eine noch nie dagewesene Höhe. Einfuhr und Ausfuhr beliefen sich zusammen auf 2 44S61.0 417 Dollar gegen 2 310 937156 Dollar im Fiskaljahre 1900. Innerhalb eines halben Jahrhunderts hat sich die Einfuhr der Vereinigten Staaten fast vervierfacht, die Ausfuhr aber versiebenfacht. Sehr interessant ist folgende Zusammenstellung, lvelche das Anwachsen des amerikanischen Handels. von Jahrzehnt zu Jahrzehnt veranschaulicht: Fiskaljahr 1853 1863 1873 1883 1893 1903 Einfuhr Doll. 263 777 265 243 335 815 642 136 210 723 180 914 866 400 922 1 025 619 127 Ausfuhr Doll. 203 489 282 203 964 447 522479 922 823 839 402 847 665 194 1 419 991 290 Zusammen Doll. 467 266 547 447 300 262 1 164 616 132 1547 020 316 1714 066116 2 445 610 417 den Der Ausfuhrhandel der Bereinigten Staate» von Amerika. Nach revidierten statistischen Mitteilungen des Handelsamts in Washington erreichte der Handel der Vereinigten Staaten mit___ ~~-CcvantU)orti, Redakteur: Julius Kaliski i» Berlin. Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Flunkereien der Zcchcuprcsse. Noch bis vor wenigen Tagen wilßte die„Rhein.-Wests. Ztg." vom Coaks- und Kohlenmartte zu melden, daß der Absatz ein äußerst günstiger sei. Jetzt, nachdem das CoakSsyndikat infolge des verringerten Coaksabsatzes eine Produktions- Einschränkung von 10 Proz. festsetzt, schreibt sie plötzlich: Die Einschränkung kommt nicht unerwartet; in den letzten Tagen ging bereits das Gerücht, daß eine solche beschlossen werden solle. da auf den Zechen, welche bekanntlich seit März ihre Kokereien in Höhe ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigten, die Vorräte sich an- zusammeln anfingen. Anscheinend hat der Abruf aus der Eisen- iildustrie etwas nachgelassen. Die Einschränkung, die allerdings höher ausgefallen ist, als man angenommen hat, wird hoffentlich nur für die Sommermonate nötig sein. Man giebt sich in silier- essierten Kreisen der Hoffnung hin, daß der Coaksbcdarf für die Dauer nicht uachlasseu, sondern eher noch zunehmen wird. Darauf- hin haben, wie wir dies mitteilten, eine große Anzahl von Zechen CoakSanlagen angelegt und die bereits bestehenden nicht unerheblich vergrößert. Die Absatzziffcrn für Juli sind noch nicht bekannt. Es ist aber wohl anzunehmen, daß diefelben hinter der Produktion und Beteiligung zurückbleiben. Cktverksckaftlidxs. Berlin und Umgegend. Hebet den Konflikt bei der Firma Rudolf Mosse wird uns von zuständiger Seite folgendes mitgeteilt: In der Setzerei fAbteilung Deutsches ReichS-Adreßbuch) waren seit Mitte April diefes Jahres ca. 50 Schriftsetzer gegen den vereinbarten Pauschalpreis von 2,30 M. für Neusatz und 1,70 M. für sogen, stehenden Satz mit der Geschäftsleitung überein gekommen zu arbeiten. Bis zu Ende des Monats Juni er. ist diese Vereinbarung von beiden Teilen innegehalten worden. Von da ab ergaben sich drei Konfliktsfälle, von denen der erste vom Geschäft be hoben wurde dadurch, daß dessen Ansinnen zurückgezogen worden ist; der zweite Fall durch das Tarif-Schiedsgericht im Einigungsverfahren ge schlichtet ward und im dritten Fall(dem jetzigen konkreten) handelt es sich darum, daß die Firma zur Erzieluug gewisser Ersparnisse an eit und Arbeitslöhnen einen größeren Teil des Satzes vom vorigen ahre„stehen" ließ. ES war die Arbeit im großen und ganzen nahezu erledigt, und nunmehr, hart vor Beginn der Schlußarbeit, versuchte die Geschäftsleitung, die getroffenen Vereinbarungen insofern zu durchbrechen, als sie statt weiter für„stehenden" Satz vereinbarte 1,70 Mark zu zahlen, neue Vor- 'chläge hören wollte, beziehungsweise solche schriftlich in petto hatte. Der Verttauensmann der Gehilfen sieht schon angesichts dieser versuchten Durchbrechung der einmal getroffenen Vereinbarung den Konflikt als gegeben; umsomehr in den Proposittonen der Ge- schäftsleiter, die darin gipfeln, für„stehenden" Satz höchstens 7,5 Proz. den Setzern zu gewähren; wiewohl zur Klärung der Laienauffassung hervorgehoben sei, daß im ähnlichsten derartigen Betriebe fAügust Scherls„Berliner Adreßbuch") teilweise 50, bezw. 100 Proz, des„stehenden" Satzes den Setzern zugebilligt werden, und zwar seit Jahren. Der erste technische Leiter von Rudolf MosseS Buchdruckerei, Herr Philipp Messeuzehl fand nunmehr, nachdem der Ge- Hilfen-Verttauensmann auf vorerwähntes Ansinnen keine Einigung herbeizuführen für möglich erachtete, sich nach ca. zweitägiger Vermittelung der berufenen Organisationsorgane bereit, sein wohl« wollendes Herz zu offenbaren, dahingehend, daß er pausosialitor tir den„stehenden" Satz inkl. Aenderungen und Neusatz 1,25 M. für 100 Zeilen zu zahlen beabsichtigte. Alle Versuche, Herrn M e s s e n z e h l dieses wortbrüchige und tarifwidrige An- innen vor Augen zu führen, scheiterten an dem Starrsinn dieses Herrn, der sowohl die Organisation als solche für eine Nebeninstanz erklärte, als auch das Tarif- Schiedsgericht jdessen Beisitzer als Prinzipalsvertteter er ist) nicht mehr anzurufen vorgab. Im Einvernehmen aller Betriebs-Aertrauensleute(Arbeiter- ausschuß) wurde daher als provozierte Antwort die Arbeit im ganzen Betriebe am Donnerstagnachmittag für so lange niedergelegt, als die Firma nicht Taristteue zusichere und das Tarif-Schiedsgericht und den Gauvorstand unsrer Organisation anerkenne. Nachdem dies durch den Gehilfenvertreter im Tarifamt von der Geschäftsleitung erreicht war, ist die Arbeit wieder aufgenommen und bezüglich des noch schwebenden Konfliktspreises betteffend den„stehenden" Satz ist eine Kommission bemüht, Einigung herbeizuführen. Die Setzer der Zeitung erklärten durch ihren Verttauensmann sich mit allen Ab- teilungen solidarisch, nur war leider die Abendausgabe bereits erledigt. Verwunderung und Erregung ruft es hervor, daß ein derartiges „Welthaus" so wenig Wert auf ruhiges Erledigen der Arbeit legt, und stets gezwungenermaßen den Tarif aufrecht erhält. Es wäre dies um so weniger in diesem monumentalen Hause nötig, da sowohl Vergangenheit und Gegenwart der Firma das kordiale«Leben und leben lassen" zum Leitfaktor dienen müßte. Die höchste Instanz einer Beschwerde ist Herr Philipp Messeuzehl und dieser ist schwerhörig für die gerechten Wünsche der Arbeiter, wenn sie nicht süddeutscher Mundart und katholischen Bekenntnisses sind, wie männiglich allen Mosseschen Arbeitern zur Geniige bekannt ist. Solche Zustände, verbunden mit größter Protekttonsimwirtschast herrschen in der Beste freisinnig-nattonal- 'ocialer GestnnungStüchttgkeit. Die Bewegung der Gärtner scheint vor einer bedeutsamen Wen- dung zu stehen. Man schreibt uns: In einer zahlreich besuchten öffentlichen Versammlung der Gärtnergehilfen und Garten- arbeiter Berlins und Umgegend, veranstaltet von der Deutschen Gärttiervereinigung, die der Generalkommission der Gewerkschaften angeschlossen ist, verhandelte man über den Zwist zwischen der obigen Vereinigung und dem Allgemeinen deutschen Gärtnerverein, dessen Leiter der Gewerkschaftssekretär und Reichstagskandidat der Christlichsocialen, Behrens, ist. Die Haupttedner in der gegen fünf Stunden währenden Versammlung waren I a n s o n- Hamburg und der Vorsitzende der Generalkommission, Genosse Legten. Es kam zu äußerst lebhaften Auseinandersetzungen. Die große Mehrzahl der Versammelten gehörte dem„Allgemeinen Verein" an und gelangte auch eine Resolutton gegen die Vereinigung zur Annahme, in der jedoch erklärt wurde, daß man im all- gemeinen mit Legten einverstanden sei. Die Leiter des Allgemeinen deutschen Gärtnervereins gaben auch bekannt, daß die Hauptgruppe dieser Organisation, der Gau Mark Brandenburg, sich entschlossen habe, der Generalkommission der Gewerkschaften DeuschlandS beizutreten. Dem- gemäß würde dann auch der hiesige Zweigberein der Berliner Ge- werlschastsorganisation beitreten. Achtting, Metallarbeiter! In dem Bettiebe von Piechatzeck, Fabrik für Aufzüge, Seestraße 21, sind fünf Dreher gemaßregelt worden. Der Betrieb ist für Dreher bis auf weiteres gesperrt. Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiter-VerbandeS Der Streit bei der Firma Schöning ist seitens der Stteikende« mit Ausnahme der Handfonner aufgegeben. Ursache dazu war die eingerissene Mutlosigkeit, die daher resultierte, daß anderwärts für die Firma Streikarbeit hergestellt wurde. Für Handformer ist Zuzug nach der Firma Schöning A.-G., Reinickendorf, nach wie vor fem- zuhalten. Deutsche Metallarbeiter-Gewerkschast. Deutfebes Reich. Die Manier in Elberfeld haben den Vorstand des dortigen Zweigvereins beauftragt, einen Lohntarif auszuarbeiten, der dem« nächst den Arbeitgebern unterbreitet werden soll. Der bisher in Elberfeld übliche, in vielen Fällen aber noch nicht erreichte Lohn be- ttägt 46 Pf. pro Stunde. Für ersttebenswert erachten die Maurer einen Lohn von 50 Pf. Die Dresdener Straßenbahner waren in eine Bewegung zur Erlangung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen eingetreten. Bei der Hartnäckigkeit der Direktion den Forderungen der Angestellten gegenüber erichien es zunächst, als solle es zu einem Stteik kommen. Schließlich kam es aber dennoch zu einer Einigung auf folgender Grundlage: „Die Beschäftigung von Angestellten_ und Bediensteten als Motorwagensiihrer und Sigualwärtcr darf während eines Zeit- ranmes von drei Wochen nicht mehr als 200 Stunden, während ein und desselben Tages, ohne mindestens zweistündiger Zwischen- pause, nicht m e h r a ls 10 S t un d e n, bei Gewährung einer derartigen Pause aber auch nicht mehr a l s 1 2 S t u n d e n betragen. Nur einmal innerhalb 7 Tagen ist die Erhöhung der Dien st zeit ans 14 Stunden zulässig. Der ganze Tagesdienst soll nur von einer Pause unterbrochen werden; auch muß ihm eine geschlossene Ruhepause von mindestens 8 Stunden folgen. Im Dienstplan sind die Zeiten vor und nach dem eigentlichen Fahrdienst, während denen das Personal zur Stelle sein muß, mit aufzuführen. Pausen von einer halben Sttinde und weniger sind als Dienstzeit zu rechnen. Den Führem und Signalwärtern sind innerhalb drei Wochen drei Dienstpausen von mindestens je 28 Sttmden zu gewähren. Vorschnften über die Beschäftigungsdauer des übrigen Bettiebs- Personals bleiben vorbehalten." Die Straßenbahner erklärten sich durch dieses Zugeständnis für zuftiedcngestellt. Man kann daran ermessen, was für Zustände bisher im Straßenbahnbetriebe zu Dresden geherrscht haben müssen. Achtung! Bilderrahmenmacher, Glaser, Bergoldcr, Buchbinder und Stcindrnckcr. Bei Grosz in Leipzig sind nun sämlliche Branchen in eine Lohnbewegung getteten. Gefordert wird ein Stundenlohn von 44 Pf. bei Ostiindiger Arbeitszeit. Obige Branchen mögen den Zuzug nach Leipzig fernhalten. Arbeiterfreundliche Blätter werden um Abdruck ersucht._ Versammlungen. Die Straßenhiindler, Hausierer und Marktfahrer sowie die in diesen Berufen thätigen Frauen hielten am Donnerstag im Gewerk- schastshause eine öffentliche Versammlung ab, die sich mit dem Thema:„Die schamlose Agitation deS Central- verbandes selbständiger Gewerbetreibender" be- faßte. Das Referat hatte Franz K o tz k e an Stelle des zuerst ausersehenen, aber verhinderten Referenten übernommen. Der Redner keimzeichnete die rücksichtslose Art und Weise, wie die seß- haften Handel- und Gewerbetreibenden und ihr Central- verband die.Existenz der Straßenhändler, die doch auch leben und sich anständig und ehrlich ernähren wollen, zu untergraben suchen, und wie sie hierbei von den Haus- agrariern, die von der Ausrottung des Straßenhandels eine weitere Steigerung der Ladenmieten erwarten, eifrigst unterstützt werden. Wie bereits in der Straßenhändler-Versammlniig vor drei Wochen erwähnt wurde, hat der Centralverband selbständiger Gewerbe- treibender eine Deputatton an den Polizeipräsidenten gesandt, um von ihm die Durchführung der geplanten Beschränkung des Sttaßen- Handels zu verlangen. Der Führer der Deputation, der reiche ommerzienrat Li s sauer, würde, so fühtte der Redner aus, wohl kaum geneigt sein, gegen die eigentlichen Ver« nichter der kleinen Geschäfte, gegen die großkapitalisttschen Warenhäuser so vorzugehen wie gegen die arnien Straßen« Händler. Zum Schluß wies der Redner darauf hin, daß nur eine einheitliche Organisation der Sttaßenhändler in diesem Kampf, der ja auch ein Kampf um die Gewerbefreiheit ist, etwas ausrichten kann.— In der Diskussion, die bis in die späte Nacht dauerte, kam die Erbitterung über die chikanöse Behandlung und Verfolgung, der die Sttaßenhändler in ihrem Daseinskampf ausgesetzt sind, lebhast zum Ausdruck. Namentlich wurde auch das Verhalten der Polizei krittstert, die den Wünschen der Seßhaften entsprechend, den Händler von Ort zu Ort vertteibt und ihn mit Strafmandaten bedentt. Folgende Resolutton wurde einstimmig angenommen: „Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen deS Referenten einverstanden, beschließt, gegen die unverschämte Agitation des Bundes der Handel- und Gewerbetreibenden energisch Front zu machen und erwattet von der Arbeiterschaft Berlins, daß sie nicht gewillt ist, sich den unverschämten Wünschen unsrer Gegner anzu» ichließen, da sonst Tausende von Existenzen brotlos gemacht werden. Die Versammlung erklärt ferner, daß die Sttaßenhändler, soweit sie noch nicht dem Verein angehören, sich organisieren sollten, damit wir energisch Front machen können gegen diejenigen, die unS unsre Existenzberechtigung mit aller Gewalt absprechen wollen." mit dem in der Serafino bei- Aus dem Vatikan. Beginn des Konklave. Heute vormittag 10 Uhr fand, als Einleitung der Konklave in Zusammenhang stehenden Feierlichkeiten, Paulinischen Kapelle des Vatikans eine vom Kardinal Vannutelli celebrierte feierliche Meffe statt, der 61 Kardinäle wohnten. Gegen 12 Uhr war die Ceremonie zu Ende. Um 5 Uhr werden die Kardinäle wieder in den Vatikan kommen und dann in das Konklave eintreten. In allen Kirchen Roms ist bis nach erfolgter Papstwahl das Allerheiligste ausgestellt. Rom, 31. Juli, abends 5 Uhr. Seit 3 Uhr nachmittags zeigt sich in der Umgebung des Vatikans, in dem das Konklave heute abend zusammentritt, reges Leben. Die Begleiter der am Konklave teilnehmenden Kardinäle trafen zu Wagen mit den den letzteren gehörigen Gegenstände ein. An allen Fenstern des Vatikans sind die Läden geschlossen. Um 4 Uhr wurde das in der Nähe des Vatikans aufgestellte Militär verstärkt, eine starke Abteilung berittener Kara- binieri verteilte sich über die Zugänge zu den päpstlichen Palästen. Der Konklave-Marschall Fürst Chigi traf im Vatikan um 4 Uhr ein, dem auch die Kardinäle seit 4 Uhr nach einander ankommen. m Letzte JVaebnehten und DcpcFcbcn. Frankfurt a. M., 31. Juli.(B. H.) Aus Kastel wird gemeldet: Es wird jetzt offiziell bekannt gemacht, daß die nervöse Er- regung deS Landrats Steffens in Fulda, aus die die be- kannten Vorgänge am 26. d. M.(Erklärung des Belagerungszustandes) zurückgeführt werden, sich als schwere Erkrankung des genannten Beamten herausgestellt hat, die seine leberführung in eine Heilanstalt in Heidelberg not« wendig macht. Petersburg, 31. Juli.(Meldung deS.Russischen Handels« Telegraphen-BureauS".) Die Sitzungen der Kommission zur Revision des deutsch-russischen Handelsvertrages beginnen in Petersburg am __ Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret und VerlliqSanftalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu 2 Beilagen. It. 177. 20. 1. Inlogr ks Jorairts" ßtrlintt WksM Sonnabend, 1. August 1903. Lokales» Die Rauitier-Spiclschule des Zoolsgischen Garten?. Eine„Raubtier-Spielschule"— das ist das Allerneueste! Sie besteht im Berliner Zoologischen Garten, und zwar eigentlich schon seit längerer Zeit; aber weiteren Kreisen war bisher noch nichts daritber bekannt geworden. ES handelt sich um eine Art Kinder- garten, einen„Kindergarten" für junge Löwen, Leoparden, Hyänen usw. Diese Einrichtung hat sich, wie Direktor Dr. L. Heck mitteilt, aus kleinen Anfängen sozusagen von selber entwickelt. Sie ist zurück- zuführen auf die neuere Methode der Freiaufzucht junger Raubtiere, die man«nicht mehr im Raubtierhause einsperrt, sondern in größeren, dazu hergerichteten Räumen auf dem WirtschastShofe in Gemeinschaft mit ihresgleichen und mit Hunden in stetem freundlichen, liebevollen Verkehr mit dem Menschen möglichst ungehindert sich bewegen und aufwachsen läßt". Die Tiere, die im Zoologischen Garten in dieser Weise aufgezogen worden sind, haben sich nicht nur körperlich sehr gut entwickelt, sondern sind auch ganz überraschend gutartig und anhänglich geworden und haben sich schließlich auch als gelehrige Schüler erwiesen, die sich ohne die üblichen Mittel gewöhnlicher Dresseure manches hübsche Kunststück beibringen ließen. Was durch diese Behandlung erreicht worden ist, soll nun in der nächsten Zeit auch den Besuchern des Zoologischen Gartens in öffentlichen Schau st ellungen gezeigt werden. Am Freitag hat die Direktion zunächst vor einem geladenen Publikum eine Abschlußprüfung veranstaltet. Neun Zöglinge nahmen daran teil: sechs Löwen, ein Leopard, eine Hyäne, ein Bär; als zehnter war ihnen ein Hnnd beigesellt. Sogenannte„Wunder der Dressur" bekam man nicht zu sehen; es war aber auch gar nicht beabsichtigt, solche borgeführt wurde, war schlichter eines berufsmäßigen„Tierbändigers" als diese. Das Bild, das die vermochte mehr als bloße Schaulust war ein wertvoller Beitrag zur zu zeigen. WaS hier als die Produktionen und dennoch größer Raubtier-Spielschule bot, zu befriedigen; es Tierpsychologie. Inspektor Havemann, der die Tiere mit großer Hingabe auf gezogen hat, ist offensichtlich ein guter Kenner der Tierseele. Jede der als blutgierig und mordlustig verschrieenen Bestien wurde von ihm nach ihrer Eigenart behandelt, und jede folgte ihm. Die Spiele, die er sie vorführen ließ, waren, wie gesagt, keine sensationell wirkenden Dressurkunststücke, obwohl mit manchem davon auch ein eigentlicher Dresseur sich sehen lassen könnte. Aber es kam mehr nur darauf an, zu zeigen, wie tveit sich die Tiere an ihren Pfleger gewöhnt haben, wie verschieden ihre Individualität dem Pfleger gegenüber zum Ausdruck konimt, und mit welchem Ver ständnis der Pfleger der Individualität jedes einzelnen Tieres Rechnung ttägt. Interessant sind die Charakteristiken, die Direktor Heck von den Zöglingen entwirst. Hier sind einige: Turnidu, der große, schloere, aus Deutsch-Südwestafrika importierte Löwe, gutmütig und nicht unbegabt, aber auffallend ttäge und schwerfällig; nur dann rasch zur Hand, wenn ihn etwas Besonderes reizt. Felix, der erste westafrikanische Löwe aus Deutsch-Bornu im Tschadseegebiet, klug und folgsam, aber auch furchtsam, durch veränderte Umgebung leicht zu stören. Abdullah, importierter Senegallöwe, der gutmütigste und fügsamste von allen, aber nicht sehr begabt. Mahdi, importierter Abessynierlöwe, der klügste und gelehrigste, hält aber in Einzelheiten seine» Willen aufrecht. Fatime, unsre selbstgezogene Löwin, sehr nervös und nachttagend, dabei gegen ihre Genossen mit- llnter etwas heimtückisch. Suleika, indische Leopardin, sehr klug und eiftig, drängt sich geradezu zur„Arbeit". Kaukasusbär, der geborene Clown, hat immer Nebendinge im Kopf und stöhnt jämmerlich, wenn er zeigen muß, ivas er gelernt hat. Die Vorführung der so charakterisierten Zöglinge wurde durch Inspektor Havemann, der auf der umgitterten Bühne zwischen den Tieren umherspazierte wie im Kindergarten die„Tante" zwischen ihren Kleinen, durch witzige und humorvolle Zuthaten zu einer recht unterhaltenden gestaltet. Mit einzelnen Tieren, die besonders gutmütig waren, erlaubte er sich manchen derben Spaß. Drollig war der Bär, mit dem Herr Havemann fast ein bißchen zu sehr „Schindluder spielte". Die Gäste spendeten den eigenartigen Leistungen dieser Raubtier-Spielschule und ihres Leiters den ver- dienten Beifall._ Die Entwicklung des inneren Personenverkehrs der Berliner Stadt- und Ringcisenbahn. Im Anschluß an die im Jahrgang 1898 des„Archivs für Eisenbahnwesen" enthaltenen Angaben über die Ent- Wicklung des inneren Personenverkehrs, d. i. des Verkehrs der Stadt- und Ringbahnstationen untereinander(einschließlich der beiden Vor- ortstationen Grunewald und Eichkamp, aber ausschließlich des sonstigen Vorort- und des Fernverkehrs) bis Ende 1397. werden im neuesten Heft des„Archivs" die gleichen Ergebnisse für die fünf Jahre 1898 und 1902 veröffentlicht. Unter Ausschluß des Äusstellungsjahres 1396 ergab sich seit Eröffnung der Stadt- und Ringbahn bis zum Jahre 1900 eine un- unterbrochene erhebliche Verkehrs- und Einnahmesteigerung, obgleich der Wettbewerb der Berliner Straßen- und Vorortbahnen seit ihrer elekttischen Bettiebsführung in den letzten Jahren mehr als früher bemerklich war. Ganz besonders trat die? hervor, als die Große Berlmer Sttaßenbahn am 1. Oktober 1900 auf einer größeren Anzahl ihrer Linien den Einheitstarif von 10 Pf. für jede Fahrt— unter gleichzeitiger Herabsetzung ihrer Zeitkartenpreise— einführte und diese erheblichen Tarifermätzigungen am 1. Januar 1901 auf ihr gesamtes Bahnnetz ausdehnte. Hauptsächlich infolge dieser Maß- nahmen stieg die Anzahl der von der genannten Sttaßenbahn be- förderten Personen von 236 Millionen im Jahre 1900 auf 282 Millionen im Jahre 1901, d. i. 19,6 Proz. Bei dem starken Wettbewerb der Straßenbahnen mit der Stadt- und Ringeisenbahn in vielen verkehrsreichen Stationsverbindungen war sonach der erhebliche Rückgang des Verkehrs auf der Stadt- und Ringbahn, der im Jahre 1901 eintrat, nicht überraschend; er betrug 8,9 Millionen Fahrten:= 9 Proz. und 916 000 M. an Einnahmen gleich 10 Proz.; überwiegend waren die einfachen Fahrkarten an diesem Ausfall beteiligt. Das Jahr 1902 ergab jedoch gegen 1901 bereits wieder eine Steigerung von 3.1 Millionen Fahrten= 3,5 Proz. und 115 000 M. Einnahme= 1,4 Proz., obgleich die am 18. Februar 1902 eröffnete Berliner Hoch- und Untergrundbahn gleichfalls— wenn auch nur in einigen Stattonsverbindungen— in den Wettbewerb mit ein- getreten ist. Leider wird die Eisenbahnverwaltung be, diesem relativ günstigen Verkehrsstand erst recht nicht an eine Herabsetzung des Fahrpreises denken. Der Magistrat hat 15 Gemeinde-Wahlbezirke ausgelost, in denen bei den bevorstehenden Stadtverordneten-Wahlen nach der Städte- Ordnung nur je ein Hausbesitzer gewählt werden kann. Diese Bezirke wurden bisher vertreten: In der HI. Abteilung der 13. durch S t a d t h a g e n, der 17. durch Hausbesitzer Schern, der 24. durch Gastwirt I. Wernau, der 37. durch Hutfabrikant Borg- mann, der 39. durch Hausbesitzer Th. Raaz, der 43. durch Gastwirt Ewald und der 47. durch Gastwirt A u g u st i n. Fünf von diesen müssen danach Hausbesitzer werden, falls sie in den bisherigen Wahlbezirken wieder aufgestellt werden sollen. In der II. Abteilung sind ausgelost: der 6. Wahlbezirk, durch Geh. Sanitätsrat Dr. Rüge(Hauswirt) vertreten, der 9., bisher durch Renwer Iben(Hausbesitzer), der 10., bisher durch Kaufmann Klaar(Hausbesitzer), der 11., bisher durch Obermeister Gemeinhardt und Kaufmann Ouednow(Hausbesitzer), der 15., bisher durch Justiz- rat Cassel, und der 16., bisher durch Apotheker Fritsch(Hausbesitzer) Vertreten. Justizrat Cassel zählt nicht zu den Hausbesitzern. In der I. Abteilung müffen in den beiden Wahlbezirken 10 und 14, die bisher durch Justizrat Dr. Fricdemann und Architett Baumann ver- treten werden, Hausbesitzer gewählt werden. Von diesen beiden ist Justizrat Dr. Friedemann kein Hausbesitzer. Auch ein geistiger Kampf gegen die Socialdemottatie. Aus dem Norden Berlins schreibt uns ein Parteigenosse: Hier zieht gegen- wärtig ein Händler von Hof zu Hof, der Briefpapier feilbietet. Um nun das Publikum und vor allem die Arbeiterschaft auf sich und seine Ware besonders aufmerksam zu machen, ruft er mit lauter Stimme: Wer von mir kauft, erhält noch gratis ein Buch über„Die Bedeutung des 1. Mai und die Zukunft der Socialdemottatie". Bald aber merken die Käufer dann, daß ihnen auf diese Weise eine — Sudelbroschüre desKorbmachersFi scher angedreht worden ist. Es dürfte wohl mit einiger Sicherheit anzunehmen sein, daß der Händler das Geistesprodutt des edlen Korbmachers im Aufttage irgend eines„Ordnungs"-Konsorttums vertteibt. Run, die Arbeiter erhalten auf diese Weise schlimmstenfalls ein Stück Klosett- papier mehr. Die neue Sttaßcnbahnlinic. Unsre gestrige einer Lokal- korrespondenz entnommene Nachricht wird von der«Großen Berliner Sttaßenbahn" wie folgt dementitert: In der heutigen Morgen- ausgäbe Ihres geschätzten Blattes befindet sich eine Notiz, gemäß der am 1. August d. I. eine neue Straßenbahnlinie Alexaudcrplatz— Tempelhof— Südende— Lankwitz— Groß-Lichterfelde zur Eröffnung gelangen soll. Diese Nachricht, der wir vollständig fem stehen, ist imrichttg. Die Einführung einer solchen Linie ist von uns nicht beab- s i ch t i g t. Die neuen Notaußläffe, die für die Weinmeistersttaße, für die Schönhauser und Rosenthaler Vorstadt in diesem Jahre angelegt worden sind, haben sich nach den Feststellungen der Kanalisations- Verwaltung bereits ganz vorzüglich bewährt. Die in den letzten Tagen hernicdergegangenen Regenmassen, besonders die Niederschläge am Mittwochnachmittag waren so bedeutend, daß nach den bisherigen Er- fahrungcn an den bekannten Ueberflutungsstellen Hochwasser erwartet werden mußte. Obwohl die Niederschläge an einzelnen Stellen eine Höhe bis zu 28 Millimeter in einem Zeittaume von einer halben Stunde erreichten, ging der Wasser-Abfluß glatt von statten. Es ttat nicht einmal eine vorübergehende Stauung der Fluten in den Sammelkanälen ein. Nach diesen Erfahrungen ist anzunehmen, daß bei für Berlin normalen Regen-Verhältnissen in dem erwähnten Stadtteil Ueberschwemmungen ausgeschlossen sind. Bei einer Regen- katastrophe, wie am 14. April vorigen JahreS, würde diese Anlage natürlich nicht genügen. Abflußlcitungen für derartige Wassermengen zu schaffen, ist ganz unmöglich, doch sind auch solche Wasser- Katastrophen außerordentlich selten. Einen alten Trick erfolgreich zur Anwendung gebracht hat eine Diebesbande, welche in der gestrigen Nacht einen Einbruch in dem Konsektionsgeschäft von Cohn, Neue Schönhauserstraße 1. ausübte Die Bande bestand aus vier Personen. Um die Aufmerksamkeit der an der Ecke der Weinmeister und Neuen Schönhauserstraße mit ihren Gefährten haltenden Droschkenkutscher, sowie auch der Nachtpassanten von dem Thatorte abzulenken, entrierteu zwei Mitglieder der Bande eine Schlägerei, bei welcher sie sich natürlich nicht allzu wehe thaten. Während sich die beiden zankten und prügelten und eine größere Zu- schauermenge um sich vcrsr.nmelten, zertrümmerten die beiden Ge- Nossen einen großen Schaukasten, dessen aus wertvollen Kostümen be stehenden Inhalt sie sich aneigneten, nachdem der Raub in Sicherheit gebracht worden war, versöhnten sich die beiden Gegner und entfernten sich unbelästigt. Es ist übrigens bereits das vierte Mal, daß die oben genannte Firma durch derartige Schankästendiebstühle geschädigt wurde „Die Indianer". Eine ganze Schar Jungen im Alter von 9— 12r Jahren lagen gestern abend in der Schönholzer Heide dem Jndianerspiel ob. Sie begingen u. a. den bodenlose« Leichtsinn, Raketen und sog. Schlangen einzubuddeln nnd mit Steinen zu belegen. Durch ungeschickte Hantterung explodierte die eine Rakete und brachte dem 10jährigen Sohn des Schneiders Güntzel so schwere Brandwunden im Gesicht und an den Händen bei, daß er sofort zur Charitö geschafft werden muhte. Der unglückliche Knabe ist zeitlebens zum Krüppel geworden. Auch an der Erhaltung seines Augenlichtes wird go zweifelt. In der Zahl der tlnfiitfe im Straßenverkehr im Monat Juli ist zwar ein kleiner Rückgang zu verzeichnen, doch ist sie immerhin noch erschreckend groß. Es wurden 53 schwere Unfälle gegen 62 im Vor- monat festgestellt. Die Zahl der Getöteten ist von 9 auf 10 gestiegen. Zwei Personen lourden im Betriebe der Straßenbahn Siemens u Halske, je eine Person auf der Stadtbahn und durch ein Automobil getötet. Unter den 48 Schwerverletzten befinden sich 15 Personen, die im Bettiebe der verschiedenen Stratzcnbahn-Gesellschaften, davon nicht weniger als neun durch Besteigen resp. Verlassen in der Fahrt befindlicher Wagen zu Schaden kamen. Unter den Verunglückten be finden sich 35 Männer, 17 Frauen und 6 Kinder. Bei 23 Fällen konnte ein Selbstverschulden der Verunglückten festgestellt werden, während nur in sechs Fällen die Schuld der Kutscher erwiesen werden konnte. In allen übrigen Fällen lagen besondere Umstände vor, wie sie der starke Verkehr in der Großstadt häufig herbeiführt. Auf einem Eisenbahnübergang schwer verunglückt ist vorgestern abend der 52 Jahre alte Kutscher Adolf Hoffert, der bei seinem Bruder in Kremmen wohnt. Hosfert war mit seinem Fuhrwerk unter- Wegs und fand abends um 10 Uhr bei dem Ort Schwante die Schranke am Eisenbahnübergang nicht geschlossen. Daher fuhr er ohne Bedenken weiter. Als aber die Pferde eben das Geleise überschritten hatten, faßte ein Zug den Wagen und zertrümmerte ihn. Hoffert wurde am Kopfe schwer verletzt und heute morgen nach Berlin in ein Krankenhaus gc- bracht. Ob er vom Eisenbahnzug überfahren oder ob die Verletzung von den Wagenttümmern herrührt, ist noch nicht festgestellt; der Ver- unglückte weiß es nicht. Die Pferde blieben unverletzt. Der Staats- anwaltschaft ist von dem Unfall Anzeige erstattet worden. Ob die Behauptung Hofferts, daß die Schranke offen gewesen sei, der Wahr- heit entspricht, bedarf noch der Untersuchung. Zn dem Drama in der Lützowstraße wird noch berichtet, daß die beiden Schwestern Hedwig und Marie Guttknecht aus Stetttn ge- bürttg sind. Jene war ungefähr 48, diese 44 Jahre alt. Ihr Auf- enthalt seit dem Selbstmordversuch in der Putbusersttaße ist jetzt für die ganze Zeit festgestellt; noch unklar ist dagegen, wovon sie gelebt haben. Hedwig Guttknecht bezog als wissenschaftliche Lehrerin, die unfreiwillig den Dienst hatte verlassen müssen, nur eine kleine Pension, Marie nannte sich Mal- und Zeichenlehrerin, gab aber keinen Unterricht. Trotzdem haben beide monatelang Wohnung und Unter- halt regelmäßig bezahlt. Nach dem Selbstmordversuch in der Putbuser- straße lagen die beiden Schwestern sieben Monate lang im Lazarus- krankcnhause. Nach ihrer Entlassung zögen sie zu einem Vcnnieter Niebuhr am Hasenplatz Nr. 4. Dort wohnten sie neun Monate und bezahlten alles. Ihre Lebensführung war hier bescheiden, ihr Wesen sehr scheu. Den Pförtner des Hauses baten sie wiederholt, wenn eine Droschke vorfahre, ja nachzufragen, ob nicht ein Kriminalbeamter darin sei. Denn die Polizei verfolge sie, um ihnen Dokumente weg- zunehmen. Die Damen erzählten auch, daß sie aus Stettin und Amerika von Verwandten unterstützt würden. Daran glaubte man in Hause nicht recht, da man nie einen Geldbriefttäger bei ihnen sah. Die Zweifel wurden bestätigt durch einen Brief, den man im Hause fand und las. Hiettn antworteten zwei in Amerika lebende Schwestern der Verstorbenen auf eine Bitte um Unterstützung, ihnen geht es selbst schlecht, sie mutzten selbst arbeiten, waschen und nähen. Daher müßten auch sie in Berlin arbeiten, um leben zu können. Als Niebuhr nach Pankow verzog, mieteten die Damen bei der Witwe Kleber in der Köthenerstrahe, der sie, wie wir mitteilten, schließlich 400 M. schuldig waren. Während sie hier wohnten, versuchten sie bei einem Geschäftsmann unter Berufung auf reiche Verwandte in Amerika Kredit zu bekommen, hatten aber damit keinen Erfolg. Es wird vermutet, daß die Schwestern im wesentlichen von Schwindeleien gelebt haben, die noch nicht angezeigt und aufgeklärt sind. Durch ein Stück Mauerputz fand den Tod der 8 Jahre alte Sohn Franz des Tischlers Lamprecht ans der Grünauerstr. 6. Der Knabe begann vor drei Wochen über Kopsschmerzen zu klagen und zeigte eine auffallende Müdigkeit. Zlvei Tage später entdeckte sein Vater auf dem Kopfe eine kleine Wunde, die aber ganz belangslos zu sein schien. Auf Befragen erzählte nun der Knabe, daß ihm kurz vorher, als das Hans abgeputzt wurde,. beim Ueberschreiten des Hofes ein Stück Kalk auf den Kopf gefallen sei. Der Verletzte, der nun in ärztliche Behandlung gegeben wurde, bekam zu den andern Erscheinungen auch noch Erbrechen und starb schließlich unter allen Zeichen einer GeHirnverletzung. Die Leiche wurde beschlagnahmt und die Obduktion ergab in der That, daß das herabfallende Putzstück die Gehirnhaut verletzt und eine Entzündung hervorgerufen hatte. Der ttaurige Ausgang des Unfalls mahnt insbesondere die Kinder, sich irgendwelchen Bauarbeiten möglichst fernzuhalten. Um sich das Leben zu nehmen, hat sich der 53 Jahre alte Gast- Witt Heinrich Hjldcbrandt aus der Friedelstr. 16 zu Rixdorf heimlich aus seiner Wohnung entfernt. Hildcbrandt war früher in Stettin ansässig und hatte die Gastwirtschaft in Rixdorf erst seit April dieses Jahres. Es gefiel ihm hier so schlecht, daß er nervös wurde und sich vor einigen Tagen entfernte, um sich das Leben zu nehmen. Bisher hat man nichts mehr von ihm gehört inld auch seine Leiche noch nicht gefunden. Wahrscheinlich hat er seine Absicht irgendwo zwischen hier und Stettin ausgeführt. Der Vermißte ist mittelgroß und dunkelblond, hat blaue Augen nnd einen dunkelblonden Schnurr- bart nnd ttägt einen graugrünen Jackettanzug mit schlvarzer Schirmmütze und Zugstiefel. Sein weißes Hemd ist H. H. gezeichnet. Kinderspiele. Heute Sonntagvormittag von 9—12 Uhr Fort- sctzung der vom Turnverein„Fichte" arrangierten und ge- leiteten Kinderspiele. Versammlungsort für den Nordost« Bezirk: Landsberger Platz am Kneger-Denlinal; Spielplatz: Sport- platz Fricdrichshain.— Versammlungsort für den Sühost-Bezirk: Ober-Freiarchenbrncke am Schlesischen Busch; Spielplatz: Treptower Park.— Versammlungsort für den Nord-Bezirk: Bahnhof Benssel- straße; Spielplatz: Jimgfernheide.— Versammlungsort für Schön- hanser Vorstadt am Ringbahnbof Schönhauser Allee.' Vcrsnmmttmgs- ort für Rosenthaler Vorstadt und Wedding: Bahnhof Gesund- bnmnen, Eingang Fernbahnhof. Spielplatz für letztere beiden Ver- sammlnngSorte: Spottplatz Norden, Behmstraße. Abmarsch von allen Plätzen: pünktlich 8>/« Uhr. Die Beteiligung an den Spielen ist mit keinerlei Kosten seitens der Kinder oder deren Eltern ver« bnnden und ist jedes Kind ivillkommen. Das Erscheinen der Eltern ist nicht rmbedinat erforderlich. Wer sich aber für die Neubelebüng der Volks- und Kinderspiele interessiert, ist gern gesehen. flue den Nachbarorten. Borfigwalde. Die Mitglieder des Wahlvereins inachen mit Familie am Sonntag, den 2. August, eine» Ausflug nach Stolpe zu Bergemann. Abmarsch von Uhlmann pünktlich 2 Uhr nachmittags. Abfahrt mit der Nordbahn 3 Uhr 8 Min. von Waidmannslust. Wir bitten die Genossen, sich zahlreich zu be- teiligen. Die Genossen der andren Ortschaften bitten tvir, gleich nach dem Bahnhof WaidinannSlust zu gehen. Charlottcnvnrg. In der Charlottenburger„Neuen Zeit' lesen wir: Der Meldedienst in Krankenhäusern ist bekanntlich noch sehr verbesserungsbedürftig, eine Thatsache, die auch schon zu Erörterungen in den Parlamenten Anlaß gegeben hat. Einen neuen Beweis daflir, daß auf diesen» Gebiete eine Reform notwendig ist, liefert folgendes Vorkommnis: Im hiesigen städtischen Krankcnhause befand sich die Eheftau des Schloßstr. 13 wohnhasten Herrn Wilhelm Pankow, Frau Hedwig Pankow geb. Pritsch. Am Dienstag in der vorigen Woche hatte noch der Schwager des Herrn Pankow eine Unterredung mit dem die betreffende Abteilung leitenden Arzte; er bat, die Angehörigen von einer etwa im Zu- stände der Patientin eintretenden Verschlimmerung sofort in Kennt- nis zu setzen, ihnen auch besondere Wünsche, welche die Kranke äußere, mttzuteilen. Gleichwohl lief bei der Familie nicht die geringste Nachricht ein. Am Freitagabend 8'/. Uhr wurde Herr Pankoiv von einigen Bekannten gefragt, ob er denn noch nicht wisse, daß seine Frau gestorben sei. Herr Pankow erklärte, das sei ganz unmöglich, va er doch dann sicherlich eine Meldung erhalten hätte. Er begab sich hierauf nach dein Krankenhanse, wo man ihm b e st ä t i g t e, daß seine Frau plötzlich verstorben sei, und zwar bereits in der Nacht vom Donners- tag zum Freitag um l'/z Uhr. Das Vorkommnis wird noch ein Nachspiel in der 5ttankenhaus> Deputatton haben. a Schöneberg. lieber die Verwendung der kürzlich von den städtischen Körperschaften beschlossenen 26 Millionen- An- leihe, die je nach Wahl mit 3. 3V, oder 4 Proz. verzinst werden soll, liegt folgender Plan vor: Zur Tilgung der anläßlich des AuS- scheidens aus dem Kreise Teltow gezahlten Abfindungssumme 1 779 900 M., zum NcubaudesKrankenhauses4 352 400 Mark(inkl. 1 029 000 M. der aus der Anleihe von 1902 zur Ver- fügung stehenden Mittel), zum Neubau des Rathauses 2 570 000 M.. zum Neubau der höheren Mädchenschule 368 000 M.. zum Neubau je eines Real-Ghmnasiums im Berliner Ottsteil 990 000 M. und im Friedenauer Ortsteil 785 000 M., zum Neubau einer Realschule in Alt-Schöneberg 630 000 M., zum Neubau einer Gemeinde-Doppel- schule am Tempelhofer Weg 723 000 M., zum Neubau einer katholischen Gemeindeschnle cm der Straße K 503 000 M, zum Neubau eines Armen- und Siechenhauses 600 000 M., zum Neubau eines Sttaßenreinigungs-Depots 186 000 M., zum Neubau eines Ver- waltungsgebäudes für die Kanalisattons-Verwaltung mit Feuerwehr- Depot in der Speyererstraße 270 000 M., zum Neubau einer kleinen Feuerwache im Friedenauer Ottsteil 50 000 M., zum Neubau einer Polksbadeanstalt 240 000 M., zum Neubau der Kanalisation ür die ersten 6 Baujahre 11 500 000 M.(inkl. 2 480 000 M. der bei der vorjährigen Anleihe zur Verfügung gestellten Mittel), zur Her- tellung neuer und Umbau und Erweiterung alter Wegcunter- nhrungen unter den Eisenbahnanlagen abzüglich der Interessenten- beitrage 708 500 M.(inkl. 220 000 M. ans der vorjährigen Anleihe), zur Errichtung eines Stadtparkes im sogenannten Fennterrain(an der Erfurtersttaße) 1 002 500 M.. zur Bereit- tellung von BetttebSmitteln für einen Grunderwcrbsfonds 1 500 OOO Mark, für.Kursverlufte und sonstige einmalige Unkosten bei Ans- nähme und Begebung dieser Anleihe 465 000 M.— Neben dem bereits in Angttfs genommenen Krankenhause, deffen endlicher Erttchtung erst eine jahrelange Agitation vorausgehen mußte, imd der Kanali- 'atton, erscheint uns die Herstellung der Volksbadcanstolt als eine der wichtigsten Forderungen in hygienischer Beziehung. Stellt doch diese Position in der großen Millionen-Anlcihe gerade die ßetmgste Summe dar. Und liegen doch seit Jahren für die Anstalt die Entwürfe, in die auch noch andre kulturelle Institute einbezogen sind, bereits vor. Bei dem bekannten Schneckengang der meist »liberal" beherrschten Kommunen in Punkto Kulturaufgaben ist natür- lich an eine absehbare Verwirklichung dieser gerechtesten Forderung nicht zu denken; nur eine unablässige Agitation der Arbeiterschaft kann dieses Ziel, wie seiner Zeit in der Krankenhcnisftage, in eine greifbare Nähe rücken. Nach den Erhebungen des Statistischen Amtes unsrer Stadt, welche bis Niai 1903 durchgeführt sind, beträgt die Zahl der bebauten Grund- stücke, wobei 68 Grundstücke, die als öffentliche Gebäude, Kasernen, Schulensund Fabrikanlagen gelten, nicht einbezogen sind, im ganzen 1572. von denen 487 leerstehende Wohnungen enthalten. Am stärksten daran beteiligt ist der erste Bezirk mit 287 in 87 Gebäuden(wo es sich vornehmlich um größere Wohnungen handeln dürfte). Die Gesamt zahl der Wohnungen unsrer Stadt beläuft sich auf 29 179, so daß durchschnittlich auf jedes bewohnte Grundstück 19 Wohnungen ent fallen würden. Da aber hierbei die Villen und„herrschaftlichen' Wohnungen mit bis 16 Zimmern eingerechnet sind(besonders im ersten und zweiten Bezirk), so erklärt es sich, daß viele Gebäude bis weit über das Doppelte der Durchschnittszahl enthalten. Der Durchs schnittsmietswert der leerstehenden Wohnungen beträgt bei einem Zimmer im Vorderhaus 291 M., im Hinterhaus 266 M., bei zwei Zimmern im Vorderhaus 589 M., im Hinterhaus 441 M.. bei drei Zimmern im Borderhaus 739 M., im Hinterhaus 617 M., bei vier Zimmern im Vorderhaus 999 M., im Hinterhaus 1984 M., bei fünf Zimmern im Vorderhaus 1391 M., bei 6 Zimmern 1323 M., bei sieben Zimmern 2429 M., bei acht Zimmern 2732 M., bei 9 Zimmern 8750 M. und bei 10 Zimmern 3900 M.— In der Zeit vom 1. Januar 1902 bis Ende Dezember 1902 sind hier 136 Neubauten mit 2102 Wohnungen ausgeführt und als gebrauchsfähig abgenommen worden. Von diesen umfassen 207 ein Zimmer. 604 zwei, 373 drei bis vier, 320 fünf bis sechs, 76 sieben bis acht, 13 neun bis zehn, 3 elf bis fünfzehn, 1 über sechzehn Zimmer.— Ende Juni betrug die Ein- Wohnerzahl Schönebergs 115 114 Personen. Gesundheitliches aus Schöneberg. Die DesinfektionS- a n st a l t mußte im Monat Juni 22 mal in Anspruch genommen werden; in 6 Fällen erfolgte die Thätigkeit derselben unentgeltlich. Die Desinfektion wurde in 13 Fällen in der Anstalt, einmal außer- halb in der Wohnung und 8 mal gleichzeitig in der Anstalt und außerhalb in der Wohnung vorgenommen.— Die Hilfeleistung durch oie Rettungswache in der Nollendorfstr. 28 wurde im Monat Juni bei 57 Verletzungen, 27 Erkrankungen und 4 Geburtshilfen in Anspruch genommen, mi ganzen 88 mal, und zwar ftir 38 Männer, 44 Frauen und 16 Kinder unter 12 Jahren.— Die Unfall- st a t i o n in der Bahnstr. 45 trat 167 mal in Thätigkeit, und zwar bei 152 Verletzungen, 14 Erkrankungen und einer Geburtshilfe; im ganzen wurden 131 Männer. 21 Frauen und 15 Kinder unter 12 Jahren behandelt. Bauthätigkrit und Grundbesitzwechsel in Schöneberg. Im Monat Juni wurden nach den Feststellungen des statistischen Amtes wiederum 26 Bauerlaubnisse für Neubauten erteilt, während im genannten Monat 6 Neubauten fertiggestellt wurden. In denselben sind 162 Wohnungen mit 353 heizbaren Zimmern enthalten. Durch den Besitzwechsel von 24 bebauten Grundstücken wurde ein Umsatz von 6 002 400 M. und durch einen solchen von 12 unbebauten ein Umsatz von 1 076 873 M. erzielt._ Arbeiterinnenschutz in Berlin und Bororten. Die amtlichen Erhebungen über die Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiterinnen in Preußen, die wir in den letzten Tagen an leitender Stelle allgemein besprachen, bieten gerade auch für Berlin und seine nähere industrielle Umgebung höchst beachtenswertes Material zu Gunsten einer energischen und eingreifenden V e r- kürzung der Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen. Dank der enormen industriellen Entwicklung Berlins in den letzten Jahrzehnten und dank der so außerordentlich erfreulich auf seinem Boden er- stärkten gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung zeigen die vorliegenden Erhebungen bezüglich der weniger als elf Stunden betragenden Arbeitszeik erwachsener Fabrikarbeiterinnen ein höchst günstiges Bild, vielleicht das günstigste ganz Preußens. Die Erhebungen für Berlin, Charlottenburg, Rixdorf und Schöneberg erstreckten sich auf 4712 B e t ri eb e mit 63 264 A r» beiterinnen. Während nun in 489 Betrieben, das sind 10 Proz. der Betriebe, mit 7001 Arbeiterinnen(—11 Proz. der Arbeiterinnen) die tägliche Arbeitszeit mehr als zehn Stunden, meist i(r/t oder lO1/«, selten volle 11 Stunden, betrug, wurde in 2391 Betrieben(— 51 Proz.) mit 30 413 Arbeiterinnen(= 48 Proz.) 9 bis 10 Stunden und in 1332 Betrieben(— 39 Proz.) mit 25 350 Arbeiterinnen(— 41 Proz.) nur 9 Stunden und weniger gearbeitet. In 364 Betrieben(-�- 8 Proz.) mit 3755 Arbeiterinnen(— 6 Proz.) dauert die tägliche Arbeitszeit nur 8 und weniger Stunde n. Bedenkt man noch, daß diese Er- Hebungen am 1. Oktober stattfanden, zu einer Zeit also, wo wegen der Weihnachtssaison gerade in Berlin und Umgegend meist schon erhöhte Arbeitszeiten eingeführt werden, so dürfte der Berichterstatter zweifellos im Recht sein, daß im Jahresdurchschnitt etwa 95 Proz. aller Berliner Fabrikarbeiterinnen eine tägliche Arbeitszeit von zehn und weniger Stunden haben. Wie übrigens anderseitig ermittelt ist, beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit 9>/.z Stunden. Bei diesen, Ergebnis kommt der amtliche Bericht denn auch zu dem Resultat, jdaß„die gesetzliche Fe st legung derzehn- stündigen Arbeitszeit als Maximal-Arbeitszeit besonderen Schwierigkeiten nicht begegnen würde". Das ist in der That das mindeste, was man sagen kaim. man wird damit aber diesen Ergebnissen noch keineswegs gerecht. Gerecht würde man iljhen erst halbwegs, wenn man aus ihnen schließen würde, daß Berlin und Unigegend s ch o n l ä n g st für einen weit kürzeren als lOstiindigen Maximal-Arbeitstag reif ist. Auch was den Arbeitsschluß an den Abenden bor S o iu,- und Festtagen betrifft, ans den die Erhebungen sich in zlRiter Reihe erstreckten, zeigt Berlin und Umgegend em recht günstiges Bild. In 1097 Betrieben(23 Proz.) mit 18 256 Ar- beiterinnen<29 Proz.) schließt die Arbeitszeit an diesen Abenden vor 5'/„ Uhr. Bei etwa 15 Proz. aller Betriebe mit etwa 20 Proz. aller Arbeiterinnen wird um 5 Uhr Schluß gemacht. In ver- einzelten Betrieben mit geringen Arbeiterzahlen wird schon um 3 Uhr, auch schon um 1 2 U h r aufgehört. Die verhältnismäßig größte Zahl der Bettiebe, welche vor 5'/, Uhr schließen, findet ,nan in den polygraphische!, Gewerben, ferner in Buchdruckereien, in der Metallverarbeitung und in der Luxuswarenindustrie. Eine „über das normale weit hinausgehende" Arbeitszeit gerade an den Sonnabenden konstattert der amtliche Bericht wieder für die Konfektionsindustrie, weil die Unternehmer das ihnen nach 8« der Verordnung vom 31. Mai 1897 leider noch- zustehende Recht, an 60 Tagen des Jahres die erwachsenen Arbeiterinnen zur Ueberarbeit heranziehen zu dürfen, so anwenden, daß sie diese Tage auf die Sonnabende legen,„so daß", wie es im amtlichen Bericht selbst zutteffend heißt,„die vom Gesetzgeber gewollten Bor- teile des früheren Arbeitsschlusses illusorisch werden". Der Berichterstatter kommt gerade dieses Thatbestandes wegen denn auch zu dem Schluß, daß der angestrebte frühere Arbeitsschluß an den Abenden vor Sonn- und Festtagen keinen rechten Sinn und Zweck bekommt, so lange diese genannte Ver- ordnung besteht. Auch betont er dann ohne Umschweife, daß die bisherige Kürzung am Sonnabend überhaupt ohne rechten Nutzen in Berlin und Vororten war, sie war ihm zu gering;„deshalb", so sagt er wörtlich,„kann ein noch früherer Schluß, etwa um 4 Uhr, befürwortet werden". Mit Recht aber knüpft er daran noch die Forderung für eine solche Regelung, daß der Beginn der Arbeitszeit am Morgen nicht früher gelegt werden darf wie an den andern Wochentagen, oder daß die Gesamtarbeitszeit an den Sonn- abenden vor Festtagen die Dauer von 8 Stunden nicht überschreiten darf, serner, daß etwa mif diese Tage fallende Lohnzahlungen inner- halb der Arbeitszeit vorgenommen und beendet sein müssen— lauter Forderungen, wie sie von der organisierten Arbeiterschaft freilich schon längst gestellt worden find. Auch bezüglich des früheren Arbeitsschlusses an den Abenden vor Sonn- und Festtagen zeigt sich also gerade für Berlin und Vororte auch in besonderem Matze, wie die Gesetzggebung sozusagen nur ihr Amen zu längst durch die ökonomische und gewerkschaftlich- politische Entwicklung geschaffenen Einrichtungen zu sagen braucht; und wie im übrigen Deutschen Reiche und im übrigen Preußen, so beweisen die für Berlin und Vororte jetzt erneut wieder amtlich festgestellten Dhatsachen, daß die wirklichen Forffchritte im Arbeiterschntz nicht mit, sondern trotz der Regierung zu stände ge kommen sind._ Gerlcbts-Zeitung. Ein Reinfall der Knhnemänner. Wegen Unterdrückung von Urkunden hatte sich gestern der zweite Bevollmächttgte der Berliner Ortsverwaltung des deutschen Metallarbeiter-Verbandes, K a r l W i e s e n t h a I, vor der Ferien- Sttafkammer des Landgerichts II zu verantworten. Die Angelegen heit hatte schon einmal im Juni das Gericht beschäftigt, war da mals aber vertagt worden. Dem Angeklagten war zur Last gelegt, im Dezember 1902 und März 1903 anläßlich des Streiks bei den Firmen I a ch m a n n und Härtung mehreren organisierten Arbeitern, denen als Arbeitsuchenden vom Arbeitsnachweis des Metallindustriellen-Verbandes Beschäftigung bei jenen beiden Firmen zugewiesen war. die dazu verausgabten Handscheine widerrechtlich abgenommen und dieselben vernichtet resp. unterdrückt zu haben. Strafantrag hatte der Metallindustriellen- V erb an d gestellt, der sich durch die Handlungen Wiesenthals besonders geschädigt fühlte und dem es gewisser», aßen um eine principielle Entscheidung in dieser Sache zu thun war. Eigenarttg muß es nun berühren, daß die Staatsanwaltschaft anfänglich ein straftechtliches Vorgehen gegen den Angeklagten für aussichtslos hielt, schließlich aber doch das Verfahren gegen ihn einleitete. Die gestrige Verhandlung ergab im wesentlichen dasselbe Resultat wie früher. Sämtliche als Zeugen vernommene Arbeiter erklärten, daß sie wegen des Stteiks unter keinen Umständen die ihnen nach gewiesene Arbeit angetteten haben würden. Als sie von den Streik Posten darauf aufmerksam gemacht worden seien, daß in jenen Be- trieben gestteikt würde— was ihnen auf dem Arbeitsnachweis in der Gartenstraße wohlweislich verschwiegen worden war da haben sie sich auch um den Verbleib der Handscheine nicht sonderlich beunruhigt, die sie dem Angeklagten auf dessen Wunsch übergeben hatten. Der ebenfalls wieder als Zeuge anwesende Leiter jenes berüchttgten Arbeitsnachweises, der bekannte Haupt mann a. D. Klefsel, suchte auch diesmal in längeren Aus führungen nachzuweisen, welch' bedeutenden Wert solcher Schein für den Kühnemännerverband als auch für die Arbeiter habe. Er ver- stieg sich sogar zu der mindestens sehr auffallenden Behauptung, solch ein Schein diene den Arbeitern so'gar als Ausweis den Polizeibehörden gegenüber.(Das läßt allerdings tief blicken, obwohl hinlänglich bekannt ist, daß der Wert des Scheines für die Kühnemänner hauptsächlich in der Kon- trolle besteht, die sie dadurch auf die Arbeiter ausüben, um Leute, die sich etwa nicht als Streikbrecher gebrauchen lassen wollen, monatelang von der Arbeitsvernnttelung auszuschließen.) Trotz des äußerst harmlosen Ergebnisses der Beweisaufnahme sah der Staats anwalt die Merkmale der Urkundenunterdrückung als gegeben an und beanttagte, weil der Angeklagte mala tiäos gehandelt babe, eine Gefängnisstrafe von drei Wochen. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. L ö w e n st e i n als Vertteter Dr. Heine manns, bestritt, daß die Scheine als Urkunden im Sinne des Gesetzes anzusehen seien. Doch selbst wenn solches der Fall wäre, dann hätten die Arbeiter ihre Rechte an der Urkunde an Wiesenthal abgetreten, als sie diesem die Scheine übergaben und nicht wieder zurückforderten. Uebrigens könne eine Urkunde nicht unterdrückt werden, wenn der Ausgeber einer solchen den gedankt lichen Inhalt derselben jederzeit auf einem neuen Formular wieder- geben könne. Letzteres geschehe mit diesen Scheinen tagtäglich. Ferner sei es Thaffache, daß die Metallindustriellen sich für gewöhnlich überhaupt nicht um den Verbleib solcher„Urkunden" kümmern, wenn die Arbeiter ihren Nachweis nicht wieder besuchen. Aus allen diesen Gründen beantrage er die Freisprechung. Der An geklagte selbst betonte noch, daß er nur aus durchaus an- ständigen Motiven heraus gehandelt habe, um die Arbeiter vor einer Aussperrung von dem Arbeitsnachweis zu bewahren. DaS Gericht unter Vorsitz des Landgerichtsrats Busch schloß sich im wesentlichen den Deduktionen des Verteidigers an und fügte noch hinzu: ES sei Thatsache, daß die Metallindusttiellen die Arbeits scheine als Machtmittel gebrauchten, um eine Pression auf die Arbeiter auszuüben, damit diese bei Stteiks arbeiten sollten. Der Angeklagte habe dies zu vereiteln gesucht, habe dabei aber keinerlei Absicht und auch nicht das Bewußtsein gehabt, einen rechtswidrigen Eingriff in ftemdes Eigentum zu begehen. Es sei deshalb auf kostenlose Freisprechung erkannt worden. Der Herr Armenpflcgcr. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde gestern vor der Ferien-Strafkammer des Landgerichts I gegen den Molkereibesitzer Julius G ö t h l i n g verhandelt, welcher In seiner Eigenschaft als Mitglied der Armenkommission dies Ehrenamt zu einem unsittlichen Angriff gegen eine Bittstellerin gemitzbraucht haben sollte. In einer früheren Verhandlung war Göthling zu einer Gefängnisstrafe von sechs Wochen verurteilt worden, das Erkenntnis war aber eines Formfehlers wegen vom Reichsgericht aufgehoben und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Borinstanz zurückgewiesen worden. Die erneute Verhandlung endete wiederum mit der Verurteilung des Angeklagten zu sechs Wochen Gefängnis und erfuhr noch insofern eine Verschärfung, als dem Angeklagten die Fähigkeit zur Bekleidung eines öffentlichen Amtes auf die Dauer von zwei Jahren abgesprochen wurde. Eine fidele Fahrt ans der Hochbahn unternahm an einem Februar- Sonntag dieses JahreS in angeheitertem Zustande der Maurer Max Kaiser. Er fuhr in einem Abteil zweiter Klasse. Als Zugbegleiter fungierte ein bei der Hochbahn angestellter Neger, dem auch die Fahrkarten- Kontrolle der zweiten Wagenklasse oblag. Als dieser auch bei Kaiser seines Amtes walten wollte, ftlhr ihn dieser seiner ungewöhnlichen Erscheinung wegen in grober Weise an, nannte ihn Menschenfteffer und schwarzes A... Erst nach längeren Auseinandersetzungen be- quemte er sich, eine Karte vorzuzeigen, es war aber eine Konsum- karte. Am Bahnhof Kottbuser Thor angelangt, wurde der unlieb- same Fahrgast aufgefordert, den Zug zu verlassen. Kaiser weigerte sich und mußte durch den schwarzen Schaffner und den Bahnbeamten Gorny. welcher als Bahnpolizeibeamter vereidigt ist, mit Gewalt enffernt werden. Kaiser setzte seiner zwangsweisen Entfernung heftigen Widerstand entgegen, klammerte sich fest und schlug sowohl den weißen wie den schwarzen Beamten mit der Faust ins Gesicht. Wegen Beleidigung. Körperverletzung und Widerstands gegen die Staatsgewalt wurde der Angeklagte vom Schöffengericht zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Die eingelegte Berufung hatte insofern Erfolg, als lestern die fünfte Sttafkammer das Strafmaß auf drei Wochen Ge- ängnis herabsetzte, indem dieselbe nicht für erwiesen erachtete, daß ,em Angeklagten die Beamteneigenschast des Gorny bekannt gewesen ei. Wenn auch entsprechende Plakate aus den Bahnhöfen aus- hingen, so würden diese doch vielfach vom Publikum nicht gelesen. Durch äußere Abzeichen seien die als Polizeibeamte vereidigten Angestellttn der Hochbahn aber nicht kenntlich. Auch habe sich der Zeuge Gorny als solcher dem Angeklagten nicht zu erkennen ge- geben. Bei der Strafabmessung mußte daher das Vergehen deS Widerstandes gegen die Staatsgewalt aus der Anklage forffallen. Sociales. lieber den Berliner Arbeitsmarkt im Monat Juni meldet der Centtalverein für Arbeitsnachweis: Ein allgemeiner Aufschwung auf dem Berliner Arbeitsmarkte im Monat Juni ist nicht zu verzeichnen, wenn auch die BeittagS- einnahmen der LandeS-Versicherungsanstalt Berlin ganz bettächtkich von 574 auf 622 Tausend Mark gestiegen sind. DaS Baugewerbe und einzelne Zweige der Konfekttonsindusttie sind gut beschäftigt, bei den Gärtnern und Kellnern war die Nachftage nach Arbeitskrästen lebhast und weibliche Dienstboten sind, wie ftüher, sehr gesucht, dagegen herrscht in der Metallindusttie, besonders in der Maschinen- industrie, noch immer Arbeitsmangel und im Buchdnlckgewerbe ist, wie immer in den Sommermonaten, der Geschäftsgang ein schleppender. Daß im allgemeinen die Tendenz auf dem Berliner Arbeitsmartte dieselbe geblieben ist, wie im Vormonat, zeigen auch die Ergebnisse der Arbeitsnachweise, nach denen, wie im Mai, auf 100 offene Stellen 142 Arbeitskräfte bei den Männern kamen, auch die Mitgliederzahl der Kassen hat sich gegen den Vormonat ganz unerheblich vermehrt. bei den Frauen ist sie sogar um 1,5 Proz. gesunken. Die Nachftage nach Eisen- und Maschinenarbeitern ist immer noch schlecht. In den Großbetrieben herrscht Arbeitsmangel. In der Beleuchwngsindusttie wird zum Teil bei verkürzter Arbeitszeit ge- arbeitet. Ebenso war die Nachftage nach Klempnern sehr schwach. Nur nach Bauschlossern war etwas rege Nachftage, die Maschinisten melden noch 20 Arbeitslose, von den Kupferschmieden wird sehr un- günstig gemeldet, infolgedessen die Löhne gedrückt sind. Der Verband der deut>chen Gewerkvereine(Metallbranche) meldet, daß die Zahl der Arbeiffuchenden, durch Zuzug von außerhalb ganz besonders in diesem Jahre, sich vermehrt. Im übrigen ist die Lage gegen den Vormonat nicht ver- ändert.— Lebhaste Nachftage war nach Lederfärbern, so daß Kräfte aus der Provinz herangezogen werden mußten, wogegen nach Gerbern und Zurichtern wenig Nachfrage war. Die Arbeitsgelegen- heit bei den Sattlern ist gleich dem Vormonat ungünstig, die schlechte Geschäftslage wird seitens der Arbeitgeber zur Reducierung der Löhne und Lehrlingsausbildung benutzt. Bei den Tapezierern wurden besonders Kleber verlangt, Polsterer größtenteils nur zur Aushilfe. Im Buchbindergewerbe ist die schlechteste Zeit im Juni bis Mitte August, was auch der Rückgang der Kassenmitglieder um 1,7 bis 1,8 Proz. anzeigt.— Die Lage des Arbeitsmarktes im Schneidergewerbe ist die- selbe wie im Vormonat. Die Schuhmacher melden für Schoßarbeiter, mechanische Schuhfabriken und Filzschuh- Fabriken gut, Ballschnh-Fabriken still. Hands chuhmacher und H u t m a ch e r melden sehr schlecht, eine Anzahl mußte abreisen. Die Nachfrage nach Arbeitskrästen für die Wäschefabrikation ist immer sehr lebhast, Arbeitsttäfte sind nicht vorhanden. Ein Mangel an Plätterinnen macht sich immer noch fühlbar, ganz besonders jetzt zur Saison, wo wieder ein Teil der Plätterinnen in den Bädern Beschäftigung gefunden hat. Nachftage nach Barbier- gehilfen ist lebhaft, deshalb konnten 30 Stellen nach außerhalb nicht besetzt werden.— Die Besserung im Baugewerbe hat im wesentlichen angehalten, dieses zeigt auch die Zunahme der Kranken- kassen-Mitglieder an. Die Maurer, Bauarbeiter, Rabitzspanner melden sehr günsttg. Größere Nachftage nach Steinttägern, Putzern, Rabitz- spannern. Bei den Töpfern und Stuccateuren ist die Nachfrage be- deutend gegenüber dem Angebot gestiegen. Wenn auch nicht gut, so melden doch eine Besserung die Steinsetzer, Rammer, Dachdecker und Zimmerer. Bei den Bleiglasern wurde sehr flott vermittelt, dagegen bei den Bauglasern war die Nachfrage sehr mäßig. Gegen das Vorjahr ist der Andrang der Arbeitsuchenden im Malergewerbe bedeutend gesttegen, dieses dürste hier auf den starken Zuzug aus der Provinz zurückzuführen sein. Von den Steinarbeitern wird flau gemeldet.— Die Arbeitslosigkeit im Buchdruckgewerbe dürste im Laufe dieses und der nächsten Monate noch eine weitere Steigerung er- fahren. Von den Hilfsarbeitern und Hilfsarbeiterinnen wird günstig gemeldet. Bei den Lithographen, Steindruckern und Chemigraphen ist der Geschäftsgang schlapp; dagegen bei den Lichtdruckern flott. — Die Lage im H a n d e l ist unverändert flau.— Die Lage de? Arbeitsmarktes hat für industrielleArbeiter dasselbe Gepräge beibehalten wie im Vormonat und ist un allgemeinen ruhig. Im Ver. gleich zum Vorjahre aber hatsie sich verschlechtert, denn es meldete» sich auf 100 offene Stellen 142 männliche Arbeitsuchende gegen 127 im Vorjahre. Die Nachfrage im Centtal-Arbeitsnachweis steigert» sich gegen den Vormonat um 200 Stellen, doch auch das Anaeboi erhöhte sich um 400 Personen. Der größte Teil der erhöhten Nach- frage entfiel auf jugendliche Arbeiter, und zwar für die Nahrungs- und Genußmittelbranche, für Druckereien und im Handelsgewerbe, auch hier oft nur aushilfsweise. Dagegen war für die Metall- und Holzbranche nur wenig Begehr. In der weiblichen Abteilung deS Centtalvcreins war die Vermittelung nicht gut; es vermehrte sich die Zahl der Arbeiffuchenden gegen den Vormonat, dagegen ging die Zahl der offenen Stellen zurück, auch konnten die offenen Stellen nicht immer besetzt werden, weil einerseits den Arbeiterinnen der ge- botene Lohn zu gering war, andrerseits das gewünschte Personal nicht immer vorhanden war. Die Central-Kranken- und Sterbekasse der Tischler hält in dieser in Würzburg ihre Generalversammlung ab. Die erste Sitzung wurde fast ganz durch die Wahl des Bureaus und der ver- schiedenen Kommissionen sowie durch die Berichte des Vorstandes. des Kassierers und des Schiedsgerichts und durch die Diskussion hierüber in Anspruch genommen. Ein großer Teil der Erörterungen bezog sich auf die Verhältnisse in den Berliner Zahlstellen. In seinem Referat über die Anttäge auf Abänderung deS Statuts sprach sich der Vorsitzende Blume-Hamburg entschieden für die Beibehaltung der Kasse in ihrer jetzigen Ge- statt und gegen die Umwandlung in eine Zuschußkasse aus. Der Delegierte Derbe-Hannover erklärte sich ebenfalls in längeren Ausführungen für Beibehaltung der gegenwärtigen Betriebssorm, während Exner-Berlin energisch für die Umwandlung in eine Zuschuß- lasse einttitt. Zwei Redner erklären sich für Vornahme einer Ur- abstimmung über diese Frage, zwei andre Delegierte bemerken, sie seien für Fortbestehung der Kasse in der bisherigen Gestalt, aber die Majorität ihrer Wähler habe sich für die Umwandlung in eine Zuschußkasse erklärt. Die Debatte über diese Frage wurde auch am Mittwoch noch fortgesetzt. Von 69 Delegierten sprachen 58 zu diesem Punkte. Nach beendigter Diskussion folgten die Schlußreferate der Anttagsteller. Für Umwandlung in eine Zuschußkasse sprachen Uhlig- Chemnitz, für Urabstimmung Fröhlich-Berlin, für den Fortbestand der Kasse in der bisherigen Form Derbe-Hannover. Blume-Hannover, der als Berichtefftatter des Vorstandes zuletzt das Schlußwort erhielt, führte noch einmal alle die Gründe ins Feld, die ihm für die Beibehaltung der etzigen Kassenform zu sprechen scheinen, und bemerkte, die Gründer der Kasse hätten jedenfalls keine bloße Zuschußkasse im Auge gehabt. Die Delegierten möchten sich die Sache vor der Abstimmung noch recht reiflich überlegen. Die Abstimmung war namentlich. Für Um- Wandlung in eine Zuschußkasse stimmten 47 Delegierte, dagegen 22; die Umwandlung ist also mit großer Mehrheit beschlossen. Ein Bild von der ttaurigen socialen Lage der Kellner wurde in der letzten Gewerbegerichtssitzung zu Halle aufgerollt in der Sache des Zahlkellners Ballhausen, der gegen den Wirt Z o l I e i s vom Cafs Moltke auf Zahlung eines Betrages von 61,65 M. klagte. In der Nacht zum 12. Juli Ivaren mehrere Mitglieder des Vereins ehemaliger Dragoner in jenes Wiener Cafs gegangen und von dem Kellner B. bei dem Abkassieren um ein Trinkgeld gebeten worden. Als die Gäste sich diese angebliche Dreistigkeit verbaten, bat der Kellner mit dem Hinweise, er müsse leider von den Trinkgeldern leben, um Entschuldigung. Dies hörte zufällig der Wirt, der den Kellner wütend zur Rede setzte, daß letzterer Prügel defürchtete und die lucht ergriff, während der größte Teil der Mitglieder des Zragoner- Vereins unter Führung des Wirtes dem Kellner nacheilten. Der Flüchtling zerschlug in seiner Angst in den» hinteren immer des Restaurants eine große Fensterscheibe und eilte in den >of. stürzte jedoch, beschädigte sich das eine Bein und zerriß sich noch seine neue Frackhose. Der bedauernswerte Kellner bekundete nun in der Verhandlung, daß er kein Gehalt, keine Beköstigung be- kommen, nur von Trinkgeldern gelebt und dem Chef noch 2 Prozent von dem Umsatz habe abgeben müssen. Abends bei dem Abrechnen habe eS manchmal traurig ausgesehen. ES sei schrecklich Zahlkellner zu sein; in vielen andren Cafss sehe es ebenso traurig aus. Das Gericht sprach dem Kläger zunächst einen Bettag von 14,50 M. zu und vertagte im übrigen die Sache. ES wird sich fünftig damit zu beschäftigen haben, ob das Vertragsverhältnis ungewöhnlich zahlreiche Besuch seitens der Gehilfen wie auch der wählt werden. Köpenid und Adlershof haben sich dieser Kaffe noch zwischen Wirt und Kellner nicht nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch Meister zeigte, welch großes Interesse diese der Angelegenheit ent- nachträglich angeschlossen. Von den Kollegen der A. E.-G. wurde, gegen die guten Sitten verstößt. gegen brachten. Das einleitende Referat hielt Wermfe. Er ging jetzt, nachdem sie Zulage erhalten haben, über die schlechte Bes ausführlich auf die Schäden der jezigen ungeregelten und zersplitterten handlung seitens der Meister geklagt. In der nächsten FabrilArbeitsvermittelung im Berufe ein und befürwortete die besprechung wird über die geeigneten Schritte beschlossen werden. Aus der Frauenbewegung. Gründung eines einheitlichen paritätischen Arbeits- Rummelsburg. Am 28. Juli hielt der Wahlverein seine ordent nachweises für Berlin und die Vororte. Gegenwärtig liche Generalversammlung im Lokal von Weigel ab. Dem Kassenim Zotale bes Herun Thiel, Bergstr. 151/52, eine öffentliche bief teils in den Händen ber den meisten bieſer Arbeitsnachweiſe Rigdorf. Am Dienstag, den 4. August, abends 8 Uhr, findet bestehen hier nicht weniger wie zehn Arbeitsnachweise, bericht sei folgendes entnommen: Einnahme inklusive des alten Bes Innungen, der Gehilfen oder auch Versammlung statt. Tagesordnung: Einiges aus dem Kinder- von Privatagenten liegen. In den meisten dieser Arbeitsnachweise Bestand 158 M. 75 Pf. Die Mitgliederzahl stieg von 478 auf stands 740 M. 29 Pf., Ausgabe 581 M. 54 schutzgesetz. Die Genossen und Genoffinnen werden ersucht, für regen und besonders in dem der großen Innung bei Schade in der Besuch dieser Versammlung Sorge zu tragen. 516. Hierauf hielt Genosse John einen kurzen Vortrag Alten Jakobstraße sollen die stellenlosen Gehilfen nach den DarDie Vertrauensperson. ſtellungen mehrerer Redner in der ärgsten Weise ausgenutzt werden. über:" Unfre Erfolge und was nun weiter". Dem reichen Beifall Adlershof. Die Voltsversammlung, welche am Donnerstag hier Man läßt sie häufig so lange auf Arbeit warten, bis sie faft die folgte eine außerordentlich lebhafte Diskussion, in welcher u. a. ganz stattfand, war bon 350-400 Personen besucht. Genosse Bernstein letzten Groschen daselbst verzehrt haben. Den Gehilfen das Geld besonders die Verbilligung des Vorwärts" gefordert wurde, um behandelte in intereffanter und leichtverständlicher Weise das Thema: aus der Tasche zu loden fällt den Arbeitsvermittlern meistens um endlich der großen Masse socialistischer Wähler die Möglichkeit zu Kommunale Gesundheitspflege. Eine eingehende Besprechung widmete so leichter, als mit den Arbeitsnachweisen gleichzeitig Herbergen geben, ihre Ueberzeugung zu festigen. and der Referent der Tuberkulose, der Wohnungsinspektion und der Schul- und Schanträume verbunden sind. Diesem Unwesen hat die arztfrage. Die Diskussion war eine sehr lebhafte und zeigte, daß die organisierte Gehilfenschaft bisher nicht zu steuern vermocht. Um aber Briefkaften der Redaktion. Ausführungen des Referenten auf fruchtbaren Boden gefallen waren. Abhilfe zu schaffen, hat sie sich vor einiger Zeit schriftlich an die verWissensdurst. Bebel, Die Frau, 35. Auflage, nach der 34. unber Unter Verschiedenem teilte die Lokalkommission mit, daß es der schiedenen Meisterkorporationen mit dem Vorschlage der Errichtung eines ändert. Mary Kapital, 4. Auflage. Alle drei Bände 35 Mt. Lassen Sie sich Einigkeit der Adlershofer Genossen gelungen sei, zu veranlassen, daß einheitlichen paritätischen Arbeitsnachweises gewandt; die Antworten ein Verzeichnis der Buchhandlung Vorwärts tommen. Ihre erste Frage ist das Meißnersche Lokal wieder zu Bersammlungen hergegeben wird. lauteten jedoch direkt ablehnend oder ausweichend. Infolgedessen ist in Nr. 158 unter Natur" beantwortet und wahrscheinlich von Ihnen überGenoffe 2 a win teilte mit, daß die Stelle einer Zeitungsbotin zu die Angelegenheit nunmehr einer öffentlichen Versammlung unter- sehen worden. besetzen sei; es wäre erwünscht, daß sich Parteigenoffinnen um breitet worden, um für eine durchgreifende Reform der ArbeitsJuriftifcher Teil. Bropaganda zu regen die größtenteils von Frauen besuchte Versammlung. 2. B. Nein. wählen. Esta Ust. Nein. Witterungsübersicht vom 31. Juli 1903, morgens 8 Uhr. haften Debatte erklärten außer den Gehilfen auch eine Anzahl Antrag auf Aufnahme in den preußischen Staatsverband ist an das BolizeiMeister ihr Einverständnis mit den vom Referenten gemachten Re- präsidium zu richten. Fechner, Schöneberg. Soweit sich ohne Einsicht In Friedenau fand am Montag, den 27. Juli, eine gutbesuchte formvorschlägen. öffentliche Frauenversammlung, die von der Kreis- Vertrauensperson Bur weiteren Bearbeitung und Propagierung der Sache wurde eine n. n. 100. Die Schwestern sind ebenfalls erbberechtigt. M. 3. 204. Eine entsprechende Resolution fand Annahme. in die Statuten ersehen läßt, fann der Betreffende nicht Mitglied Ihrer Kaffe fein. 5. S. 1000. Strafbarkeit liegt nicht mehr vor. einberufen war, statt. Genosse Bartels, der als Referent er- aus zwei Gehilfen und drei Meistern bestehende Kommission gewählt. Berbieten Sie das fernere Bleiben von einem bestimmten Datum ab. schienen war, legte in seinem Vortrage die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen an der Politik dar und forderte die anwesenden Der Fabrikhilfsarbeiter- Verband( Filiale Berlin) hielt am Mitt- Uebertritt der Betreffende das Verbot, fo macht er sich des Hausfriedens. Frauen auf, sich an dem Kampf der Männer zur Erreichung befferer woch, den 29. Juli, im Englischen Garten seine Mitglieder- bruchs schuldig. Außerdem können Sie auf Ermission flagen. Lebensbedingungen zu beteiligen. Dem beifällig aufgenommenen versammlung ab, in welcher Genosse Barthels über das Koalitions Vortrag folgte eine furze Diskussion, in der Frau Bäumler im recht der Arbeiter" sprach. Nach einem geschichtlichen Rückblick auf die Sinne des Referenten sprach. Als Vertrauensperson für Friedenau wirtschaftliche und die hierdurch bedingte rechtliche Lage des Arbeiters wurde Frau Stollt, Rönnebergstraße 14 wohnhaft, gewählt. im 18. und 19. Jahrhundert übte er eine scharfe Kritik an der heutigen Frau Thiel forderte die Anwesenden auf, die Vertrauensperson Rechtsprechung. Das Koalitionsrecht bestände für den Arbeiter mur Stationen mit allen Kräften zu unterstüßen und schloß mit einem Hoch auf die auf dem Papier. An Beispielen aus erst jüngster Zeit bewies nun internationale, bölferbefreiende Socialdemokratie, in welches die An- der Referent, daß der Arbeiter, wenn er sein Koalitionsrecht ausübt, wesenden begeistert einstimmten. durch die Auslegung der§§ 152 und 153 sehr oft wegen Erpressung bestraft werde, während die Unternehmer in ähnlichen Fällen straf Swinemde. 755 S 15 Haparanda 750D 19 bronto og ella frei ausgingen oder mit ganz geringen Geldstrafen belegt würden. Hamburg 754 SSW 4Regen 14 Petersburg Berlin 757 S 3molten! 15 Cort Nach der Abrechnung des Kollegen Rühle betrug die Einnahme Frankj.a.M. 759 3Regen 13 Aberdeen 2198,67 M., die Ausgabe 1129,01 m., bleibt Bestand 1069,66 m. München 763 S 6 Regen 12 Paris 762 2323 2bedeckt 14 Auf Antrag der Revisoren wurde dem Kassierer Decharge erteilt. Bruhns berichtete, die Zahlstelle Tegel habe in einer Resolution Wetter- Prognose für Sonnabend, den 1. August 1903. beschlossen, sich Berlin anzuschließen. Im nächsten Vierteljahr Ziemlich fühl und veränderlich, vielfach wolfig mit leichten Regenfällen müssen die Revisoren zur Kasse der Arbeitslosen- Unterstügung ge- und mäßigen westlichen Winden. ற sid mist Verfammlungen. 10 001 bd 19 Die Arbeitsvermittelung im Barbiergewerbe bildete in einer öffentlichen Interessen- Versammlung am Donnerstag den Gegenstand lebhafter Besprechung. Einberufen war die Versammlung vom Verband der Barbier- und Friseurgehilfen und der ien Barometer Wind richtung Windstärke Better 4 heiter n. T. 5°. 4° R. Temp. Stationen Barometer Wind. richtung Windstärke Better Temp. n. T. 5° 4° N. 2Regen 18 766 N 2bededt 14 für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Größere Inserate auferate bitten wir Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Nedaktion dem Publikum gegenüber feinerlei Verantwortung. Theater. Sonnabend, den 1. Auguft. Anfang 7, Uhr: station Menes Operntheater. Der Kellermeister. Westen. Alt- Heidelberg. Leffing. Johannisfeuer. Deutsches. Der arme Heinrich. Urania. Taubenstrasse 48/49. Abends 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzmann. Sternwarte Invalidenstrasse 57/62. CASTANS Anfang 8 Uhr: 919 Panoptikum Berliner. Feodora. Kleines. Nachtasyl. Thalia. Das Alter. in ding Belle Alliance. Bayerwald- Theater: Bruder Martin. Carl Weiß. Frau. Friedrichstr. 165. Die Der Fehltritt einer Zusammengewachsenen Apollo. Die Liebesinsel. Speciali täten. Metropol. Neuestes! Allerneuestes! Reichshallen. Stettiner Sänger. Baffage Theater. Specialitäten. Urania. Taubenstraße 48/49. Bon der Zugspige zum Wak mann.is moito Invalidenstraße 57/62. Stern warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Kleines Theater. Unter den Linden 44. Nachtasyl. 43 Anfang 8 Uhr. Carl Weiss- Theater. Große Frankfurter Straße 132. Zum erstenmal: Der fehltritt einer Frau. Anfang 8 Uhr. Morgen, nachmittags 3 Uhr: Maria Stuart. Abends: Der Fehltritt einer Frau. Im Garten: Vollständig neues August Programm. Anfang 5 Uhr. 5 Belle- Alliance- Theater. Bayerwald- Theater. Bruder Martin. Im Garten: Specialitäten- Vorstellung, Konzert. Entree 50 Pf. Schwestern zwanzig Jahre alt, spielen Geige! Passage- Theater. Anf. Sonntags 3 Uhr, Wochentags 5 Uhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Die Tritons, die besten Taucher der Welt, 5 Minuten unter Wasser ohne zu atmen. Tilly Verdier, Soubrette. Kapitain Martens, Kunstschütze. Ganz Berlin zerbricht sich schon den siebenten Monat den Kopf über AGA! 14 neue erstklassige Nummern. Sanssouci. 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Bureau: Engel- Ufer 15, Zimmer 1-5. Fernsprecher: Amt VII, 353. Sonntag, den 2. August 1903, vormittags 9 Uhr: asfalt mod Philipp Bernstein und Frau Charlotte, geb. Singer. Berlin, Schönhauser Allee 166, sinden 30. Juli 1903. 2215L Deutscher d Holzarbeiter- Verband. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Tischler m Albert Zander am Mitwoch, den 29. Juli, an Lungenentzündung verstorben ist. Die Beerdigung findet Sonnabend, den 1. August, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Friedhofes in Friedrichsfelde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 85/11 Die Ortsverwaltung. Central- Verband der Maurer Deutschlands Zweigverein Berlin.lis Am 29. Juli starb nach langem Strantenlager unser treues Mitglied Versammlung aller Feilenarbeiter Hermann Meinert, shine mooid( nil olmilk) von Berlin und Umgegend som morb im Lokale Gesellschaftshaus Wedding, Müllerstr. 7. Tages- Ordnung: 1. Berichterstattung über den Stand unsrer Lohnbewegung und welche Schritte unternehmen wir zur Durchführung unsres Tarifs. 2. Diskussion. Das Erscheinen aller Kollegen erfordert die wichtige Tagesordnung, da es gilt, Anordnungen zu treffen über die Führung unsres Streits. Die Arbeitgeber der Feilenbranche sind hiermit zu dieser Versammlung eingeladen. 119/ 16* aduenit Die Ortsverwaltung. Orts- Krankenkassee Verband der Möbelpolierer. Bei der Dampferpartie iſt eine Eigarrentasche mit dem Mono- der Kürschner u. verw. Gewerbe gramm V. L. berloren gegangen. Der Finder wird gebeten, diese bei Herrn aloofzu Berlin. log Mig, Staligerstr. 59, abzugeben. Die Zahlstelle Koppenstr. 42 ist verlegt nach der Zorndorfer strasse 8 bei Genosse Frante 146/18 Montag, den 3. Auguft, abends 8% Uhr, in Rixdorf, Steinmetz straße 103: Versammlung. W Zages Ordnung: 1. Bortrag des Genossen Albrecht Fülle. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Die Kollegen werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. Mittwoch, den 5. August, abends 8 Uhr, Engel- Ufer 15: Versammlung sämtlicher Vertrauensmänner. Jede Werkstatt muss vertreten sein. 1 Die Mitglieder, welche einem Gesangverein angehören und gewillt find, werden gebeten, am Montag, den 3. August, abends 8, Uhr, 38, zu erscheinen. Der Vorstand Bei der Gejang- Aufführung zu unfren 20 jährigen Stiftungsfest antisumpteten, Nationale Krankenkasse d. deutsch. Gold- u. Silberarbeiter u. verw. Berufsgenossen( E. H.) zu Schw.- Gmünd. ebnerable Montag, 3. Auguft, abends präc. 8, Uhr, im Gewerkschaftshaus, Saal I, Engel- Ufer 15: General- Versammlung. Zages Drdnung: 1. Anträge betreffend Statutenänderung. 2. Wahl von drei Abgeordneten zur 10. ordentlichen General Bersammlung, welche am 21. September b. und folgende Lage in Hanau a. M. stattfindet. 3. Verschiedenes. d. J. Das Kaffenbuch legitimiert. Minderjährige haben feinen Zutritt. In Anbetracht der Wichtigkeit der Berhandlungen, da es fich u. a. um die Erhöhung der Beiträge oder Herabminderung der Leistungen handelt, ist recht zahlreiches wie pünktliches Erscheinen notwendig. A co 29706 Der Vorstand. 3. A. C. Holtkamp, Borsigender, Admiralstr. 18 E. food s Verband der Tapezierer. ( Filiale Berlin.) dominableW Bureau: Engel- Ufer 15. Amt 7 a, 6672. vi Sonnabend, den 1. August 1903: Gr. Sommer- Fest im ,, Schweizergarten" am Friedrichshain. Konzert. Specialitäten- Vorstellung. Ball. Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach. Kinder- Belustigungen. Fackelpolonaise etc. Die Kaffeeküche ist den geehrten Damen von 2 Uhr ab geöffnet. 177/13 Anfang 4 Uhr. Entree 80 Pf. Das Komitee. Achtung! Billets, welche bis Sonnabend, den 1. August 1903, nicht zurückgegeben sind, werden als verkauft angesehen. A Sonntag, den 2. August: Dampfer- Extrafahrten. 1. Nach Neue Mühle. Abfahrt vorm. 9%, Uhr. Hin- und Rückfahrt 1 Mt. 1. Nach Schloß Woltersdorf. Abfahrt nachm. 2½ Uhr. Einfache Fahrt 50 Pf. Abfahrt in Berlin an der Stralauer Brüde, Ede Waisen- Brücke, Station Kahnt& Hertzer. 22082 Dampfer sind noch an Sonn- u. Wochentagen billig zu vermieten. Stralau, Tunnelstr. 34. L. Kahnt. Amt VII 580. Kurpark- Restaurant Fichtenau. Grösstes und schönstes Etablissement von Fichtenau. Grosser Saal, Zimmer für Gesellschaften, Kegelbahnen, Kaffeeküche, franz. Billard, Schaufeln, Turngeräte und Boltsbeluftigungen aller Art, borzügliche Speisen, gut gepflegte Biere, Ausspannung. Gewerkschaften, Vereinen, Fabriken empfohlen unter Otto Burckhardt. günstigen Bedingungen( einziges freies Lotal am Drt). 20322* Paul Hilperts Restaurant u. Garten Bekanntmachung. Die von der Generalversammlung Abänderung des Statuts ist vom am 15. April 1903 befchloffene dritte Bezirksausschuß am 17. Juni cr. ge nehmigt worden. 275/5 Ein Exemplar der Abänderung erStimmungen des§ 67 des Statuts halten die Mitglieder gemäß den Beeingehändigt. Der Vorstand. Rathenowerstr. 43, im Alter von 42 Jahren. 143/8 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 2. b. M., nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhause aus nach dem St. Johannis- Kirchhofe ( Plößensee) statt. Um zahlreiche Beteiligung der Kollegen ersucht Die Verbandsleitung. Dr. Simmel, Prinzen 00 690 Specialarzt für Haut- und [ 13/ 19* 10-2,5-7. Sonntags 10-12 2-4 Bekanntmachung. postre end do odst Vorwärts- Buchhandlung SW., Lindenstrasse 69. ஆப்பம் Für Radfahrer! Hod girl sid 19098 Jeder Arbeiter, Jeder Handwerker Radfahrerpläne von Berlin mit Angabe der Art des Straßen- follte zur Arbeit pflasters, der für Radfahrer verbotenen Straßen 2c. die Lederhose Herkules tragen. 50 Bf. Allein- Berkauf. Sehr starke Ware in Radfahrerkarten von Berlin praktischen grauen u. braunen Streifen, und weiterer Umgebung( von auch einfarbig. Am Bund aus einem Joachimsthal bis Jüterbog, bon Stück gearbeitet. Sehr feste Sapp Genthin bis Frankfurt a. D.) auf nähte. Haltbarste Pilot Taschen. 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Jvitteravitdtz Rundfcbau. Rcid�stagsrccbt. DaS autonome ReichstagZrecht. Die Geschäftsordnung und die Ob- servanz des Reichstags in systematischer Darstellung. Von Dr. Kurt P e r e l s, Privatdocent an der Universität Kiel. Berlin 1903. Verlag von Ernst Siegfried Mittler u. Sohn. 136 S. Preis 3 Mark. Eine parlamentarische Geschäftsordnung hat die Aufgabe, dem Parlament und seinen Mitgliedern eine Ausübung der ihnen ob- liegenden Rechte und Pflichten zu ennöglichen. Der Inhalt der Geschäftsordnung hängt aufs engste mit der Machtbefugnis des Parlaments und der Achtung vor parlamentarischer Entwicklung und damit mit der Berücksichtigung der Rechte der Minderheit zusammen. So viele Parlamente es giebt, so viele Geschäftsordnungen giebt es. Es giebt nicht zwei Länder, für die dieselben parlamentarischen Regeln bestehen, so wie es nicht zwei Länder giebt, die dieselbe Verfassung besitzen. Die Geschäftsordnung stellt ein Stück, und nicht das»nwichtigste, Verfassungsleben dar. Rein äußer- lich betrachtet lassen sich zwei Systeme Geschäftsordnungen unter- scheiden. Das eine System kennt nur Beschlüsse, die aus Anlaß be- stimmter Fälle gefaßt werden. Die so gefaßten Beschlüsse werden sinngemäß auf ähnliche Fälle angewendet; ungeschriebenes Her- kommen ist maßgebend. Dies System befolgen die Parlamente von England, die englischen Kolonien und Amerika. Eine andre Gruppe Geschäftsordnungen suckit möglichst alle Fälle, die etwa vorkommen könnten, systematisch im voraus zu regeln, stellt allgemeine Regeln auf, aus denen die Entscheidung für Einzelfälle zu entnehmen ist. Die Mutter dieser Art Geschäftsordnungen ist Frankreich, die meisten Parlamente des europäischen Kontinents, auch das deutsche, sind diesem System gefolgt. Es giebt innerhalb dieser Gruppe Geschäftsordnungen, die ein für alle Mal durch die Verfassung oder durch Gesetze festgelegt sind, und solche, die allein von Parlament zu Parlament, von Legislaturperiode zu Legislaturperiode gefaßt werden. Die Geschäfts- ordnung sür den deutschen Reichstag beruht auf folgenden Vor- schristen der Verfassung des Deutschen Reiches. Es schreibt die Reichsverfassung im Artikel 22 vor:„Alle Verhandlungen des Reichstags sind öffentlich". Im Artikel 27 bestinnnt sie ferner: »Der Reichstag prüft die Legitimation seiner Mitglieder und entscheidet darüber. Er regelt seinen Geschäftsgang und seine Disziplin durch eine Geschäftsordnung und er wählt seinen Präsidenten, seine Vice- Präsidenten und Schriftführer". Artikel 23 endlich schreibt vor:„Der Reichstag beschließt nach absoluter Stimmenmehrheit. Zur Gültigkeit der Beschlußfassung ist die Anwesenheit der Mehrheit der gesetzlichen Anzahl der Mitglieder erforderlich." Auf Grund der Reichsverfassuna und innerhalb der durch sie gezogenen Grenzen ist also der Reichstag souverän. Die Geschäftsordnung, die sich ein Reichstag giebt, gilt nur für ihn, nicht fiir seinen Nachfolger. Der konstituierende Reichstag vom Jahre 1867 nahm die preußische Geschäftsordnung zur provisorischen Grundlage semer Verhandlungen. Mit einigen, insbesondere am 16. Juni 1863 beschlossenen Aenderungen wurde diese Geschäftsordnung von Legislaturperiode zu Legislaturperiode (am 21. März 1871, 6. Februar 1874, 22. Februar 1877, 9. September 1373, 17. November 1381) ohne Widerspruch auf Vorschlag des Alterspräfidenten debattelos zur Geschäftsordnung des Reichstages erhoben. Von der sechsten Legislaturperiode, die 1884 begann, ab wurde kein Beschluß über die Gültigkeit der Geschäftsordnung mehr gefaßt: sie wurde t h a t- sächlich als zu Recht bestehend von allen Parteien anerkannt. Freilich sind über ihre Auslegung gerade in der letzten Zeit die lebhaftesten Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck gebracht. Neben der geschriebenen Geschäftsordnung hat sich für den Geschäftsgang des Reichstages ein Brauch entwickelt, der teilweise in direktem Gegensatz zu den Vorschriften der Geschäfts- ordnung steht. Dieser Brauch kann als für die Mit- glieder des Reichstages rechtsverbindlich nur erachtet werden, wenn er längere Zeit hindurch ohne Widerspruch in gleichförmiger Wiederholung als äußere Richtschnur des Handelns beobachtet ist. Dies Gewohnheitsrecht hat sich insbesondere seit der präsidialen Stellung des Centrums nach zwei Richtungen hin im schärfsten Gegensatz zu der Uebung in Ländern mit parlamentarischer Ver- fassung rücklvärtsrevolutionierend entwickelt: nach der Richtung der Herabdrückung des Reichstags unter das Niveau mittelalterlicher Ständevertretungen, sowie der Volksvertreter zu„allerunterthänigsten, treu gehorsamsten Dienern" des deutschen Kaisers mit unvcrant- wortlichem Ministerium und nach der Richtung der Entrechtung der Minderheit, der verfassungswidrigen Behinderung ihrer Mitglieder an der Ausübung ihrer Rechte und Pflichten. Für die Entwicklung des politischen Lebens wäre eine ein- gehende Darstellung des Reichstagsrechts von hoher Bedeutung. Eine solche fehlt für Deutschland völlig. Aehnliche zusammenfassende Darstellungen, wie sie May und Jefserson für englischen. Cushing für amerikanischen Parlamentsbrauch gegeben haben, entbehrt Deutschland. Seit den Aufsätzen, die Robert v. Mohl im Jahre 187ö über Ordnung und Gewohnheit des deutschen Reichstages geschrieben hat und die auch einen Anspruch auf Vollständigkeit keineswegs er- heben, find nur wenige mit der Geschäftsordnung in Zusammenhang stehende Abhandlungen erschienen. Das Perelssche Buch ist geeignet, einen Baustein für eine um- fastende, kritische, staatsrechtliche Darstellung des Reichstagsrechts zu liefern. In 136 Seiten sucht Verfasser auf Grundlage des Materials, welches vornehmlich die stenographischen Berichte und die Drucksachen des Reichstages darbieten, die geschriebene und ungeschriebene Ordnung des autonomen Reichstagsrechtes darzustellen. Das Buch ist eine außerordentlich fleißige Arbeit. Gegen 600 Anmerkungen, Gespickt mit Hinweisen auf Tausende von Vorgängen in den Reichs- tags-Debatten, beweisen die Gründlichkeit, mit der der Verfasser zu Werke gegangen ist, um die Anwendung der Geschäftsordnung� und den Brauch des Reichstages neben der und gegen die von ihm selbst geschaffene Geschäftsordnung zu registrieren. Leider beschränkt sich das Buch hierauf. Insbesondere fehlt jegliches Eingehen auf die Ent stehungsgeschicht? der preußischen Geschäftsordnung, auf denZweck der einzelnen Vorschriften, auf den Grund der Einzelvorschriften, cuf ihren Zusammenhang mit der staatsrechtlichen Gestaltung der politischen Verhältniste Deutschlands und des parlamentarischen Werdegangs. Aber auch in dem beschränkten Umfang, den Verfasser seiner m knappster Form geschriebenen Darlegung gesetzt hat, bietet feine Arbeit für Politiker und Staatsrechtler aller Parteien eine höchst dankenswerte Zusammenfassung, wie wir sie in auch nur an- nähernd ähnlicher Gründlichkeit noch nicht besitzen. Wiewohl Verfasser kein Freund des parlamentarischen Lebens zu sein scheint, decken sich seine Ansichten in vielen Punktcn mit den bei den verschiedensten Gelegenheiten entwickelten Ansichten entschiedener Anhänger des parlamentarischen Lebens und seiner Ausgestaltung. Aus der reichen Fülle des gerade jetzt sehr aktuellen Stoffes feien einige Punkte herausgegriffen. Mit der Reichsverfassnng in Widerspruch und deshalb auch nach Perels Ansicht ungültig sind imtcr anderm sp�ende Vorschriften der Geschäftsordnung und des Reichstags- branchs: Die Zulassung geheimer ReichStags-Verhandlungen, denn Art. 22 der Verfassung schreibt Oeffentlichkeit der Ver- Handlungen vor, ferner die Ausschließung eines Mit- gliedes ivegen„gröblicher Ordnungsverletzung", denn„das Mitglied ist auf Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes berechtigt und verpflichtet, an den gesamten Verhandlungen des Reichstages teilzunehmen." Ebenso widersprichtderReichsverfassung (siehe den oben citierten Art. 28) eine Beschlußfassung des Reichstages, wenn weniger als die Mehrheit der gesetzlichen Anzahl (also 199) anwesend sind. Die bei geringerer Anzahl gefaßten Beschlüsse sind, wie PerelS in Uebereinstimmung mit Labaud und dem größten Teil der Staatsrechtslehrer zugiebt, verfassungswidrig und nichtig. Nur will Perels im Gegensatz zu Scydcl die Nichtigkeit auf solche Beschlüsse beschränkt wissen, welche bei der Gcsamtabstimmung von einem nicht beschlußfähigen Hause gefaßt sind. Denn nur diesen Beschlüssen komme eine RechtSwirlung nach außen zu, vor der ungültigen Beschlutzfassung erfolgte Ab- stimmungen seien lediglich Formen der Beratung, die nur der Norm des Artikel 27 der Reichsverfassung unterliegen. Diese Beschränkung dürste nicht zutreffen: Artikel 28 setzt der Autonomie des Reichtags eine verfassungsmäßige Schranke, an der die Fiktion eines nicht beschlußfähigen Reichstages als eines beschlußfähigen in allen Stadien der Beratung zerschellt. Wie steht es mit dem Verkehr des Reichstages mit dem Kaiser, der Erwähnung von Aeußcrungen des Kaisers und der Kritik kaiserlicher Maßnahmen? Ueber den Verkehr des Reichstages mit dem Kaiser enthält die Geschäftsordnung nur zwei Vor« schristen:§ 12 schreibt vor: die Konstituierung des Reichstages und das Ergebnis der Wahlen zu den Vorstandsämtern wird durch den Präsidenten(nicht durch das Präsidium) dem Kaiser angezeigt.§ 68 bestimmt; soll eine Adresse durch eine Deputation überreicht werden, so bestimmt der Reichstag auf den Vorschlag des Präsidenten die Zahl ihrer Mitglieder: das Los bezeichnet sie. Der Präsident ist jedesmal Mitglied der Deputation und führt allein das Wort." Perels registriert lediglich diese Behandlung der ceremoniellen Beziehungen des Reichstages zum Kaiser ohne weitere Kritik oder Ergänzung, lind doch stellen sie nicht vollständig den Reichstagsbrauch dar und sind bezüglich ihrer konstitutionellen Zulässigkeit nicht ohne Einspruch ge- blieben. Nicht vollständig: seit einer langen Reihe von Jahren ist es üblich, daß das Präsidium nach der amtlichen An durch den Präsidenten um die persönliche Vorstellung beim Kaiser nachsucht. Vom konstitutionellen Standpunkt aus ver- tritt hierbei das Präsidium keineswegs den Reichstag. Sogar gegen die Zulässigkeit einer Thronadreste sind bei der Beratung über die erste im Jahre 1867 an das Bundespräsidium(den König von Preußen) gerichtete Adresse gewichtige Bedenken geäußert, weil in einem konstitutionellen Staatswesen das Parlament lediglich an ein ver- antwortliches Ministerium sich zu wenden habe. Von der geschäfts- ordnungsmäßig vorgeschriebenen Form der lleberreichung einer Adresse ist in dem Jahre 1883(Thronbesteigung des Kaisers Friedrich und des jetzigen Kaisers) insofern abgewichen, als nicht durch das Los gewählte Mitglieder, sondern die Präsidenten die Adressen über- reichen sollten. Wichtiger als diese, immerhin vom staatsrechtlichen Gesichtspunkt aus nicht völlig unerheblichen Regeln über den Verkehr mit dem Kaiser, ist die Frage der Zulässigkeit der Erwähnung von Aeusierungen des Kaisers oder deuffcher Bundesfürsten. Mit Recht hebt Perels hervor: eine derartige Erörterung ist weder durch eine gesetzte Rechtsnorm noch durch die Observanz ausgeschlossen und deshalb nicht als unzulässig anzusehen. Irrig ist seine Annahme, es widerspreche das Eingehen auf kaiserliche Aeußerungen dem konstitutionellen Brauch und dem Reichstagsbrauch. Perels selbst weist auf auf eine Reihe Begebenheiten hin, m denen von diesem Brauche abgewichen und gegen die Einführung solchen Brauchs unter Berufung auf die Verfassung und die Geschäfts- ordnung protestiert ist. Interessant ist die Erinnerung daran, daß Für st Bismarck zuerst das Recht, kaiserliche Aeußerungen in die Debatte zu ziehen, hervorgehoben und betont hat. Im Jahre 1871, bei Gelegenheit des Dotationsgesetzcs, bat Bismarck um Nach- ficht für die Abweichung von der„konstitutionellen Tradition, die Personen der Souveräne nicht zu erwähnen". Er wolle aber nicht von den„Souveränen im eigentlichen Sinne des Wortes", vielmehr von dem„kaiserlichen Feldherrn" reden, geht dann ausführlich auf die vermeintlichen Verdienste des Königs von Preußen um das Zustandekommen der Einheit Deutschlands ein und bittet, das„Herzensbedürfnis Seiner Majestät des Kaisers" zu befriedigen. Am 11. Dezember 1874 betonte Bismarck bei Beratung des Gesetzentwurfes über die Löhnung der Soldaten gegenüber v. Haverbeck und Richter die Not- wendigkeit für Regierungsvertreter und das Recht der Ab- g e o rd n e.ten,„von der Person Seiner Majestät da, wo sie so wesentlich beteiligt ist, zu reden". Perels mißt demnach auch dem Grundsätze des Grafen von Ballestrem, nur über authentisch bekannt gewordene kaiserliche Reden sich zu äußern, keine Rechtswirksamkeit bei. In der That ist ja auch von diesem Grundsatze oft abgewichen Speciell die Frage der Zulässigkeit einer Besprechung von Begnadigungsakten bejaht Perels(S. 11) zutreffend durchaus, da die Begnadigung ein Regierungsakt ist, für welchen gemäß Artikel 17 der Reichskanzler verantwortlich ist. Dieses klare Recht einzuengen, ist im Widerspruch mit der sonst befolgten Praxis von dem freisinnigen Präsidenten Dr. Baunibach am 10. März 1893, dem konservativen v. Lcvctzow am 21. Mai 1893 und dem centrumskonservaftven Grafen v. Ballestrem am 11. März 1901 versucht worden. Billigt man die mit der Ausübung des Rechts und der Pflicht der Abgeordneten unvereinbare, und deshalb vcrfassungS- und ge- schästsordnungswidrige Ansicht, die Person des Kaisers nicht zu er- wähnen oder seine Handlungen nicht zu besprechen, so gelangt man folgerichtig dazu, auch beifällige Kundgebungen, die sich auf des Kaisers Person beziehen, als unzulässig anzuerkenne». Dahingehört das weder in der Verfassung noch in der Geschäftsordnung vor- geschriebene Kaiserhoch am Schluß einer Reichtagssession. Aus dem neben der geschriebenen Geschäftsordnung geübten Brauch des Reichstages sei in erster Linie der Seniorenkonvent hervorgehoben. Diesem Brauch gehört auch an die Uebung, nach Ermessen des Präsidenten das Wort vor der Tagesordnung zu verstatten. Ab- geordnete nicht mit ihren Titeln zu bezeichnen, ihre private oder amtliche Thätigkeit unerwähnt zu lassen, bei Anführungen aus Kom- Missionen den Namen des Kommissionsmitgliedes nicht zu nennen, den Präsidenten um Genehmigung zu Verlesungen von Citaten zu ersuchen usw. Wichtiger als diese neben der Geschäftsordnung einher- gehenden Gewohnheiten des Reichstages sind einige gegen die Geschäftsordnung verstoßende Gcpflogcnhriteu. Sie üben mit Notwendigkeit allmählich ihre Wirkung� gegen die Minderheit des Reichstags, deren Schutz die Geschäfts- ordnung im Interesse einer sachgemäßen Erledigung der Aufgaben des Reichstages dfciwn soll. Nach§ 47 der Geschäftsordnung ist„dem» jenigen Mitglied�as Wort zu erteilen, welches nach Eröffnung der Diskussion oder nach Beendigung der vorhergehenden Rede zuerst darum nachsucht". Die Praxis ist eine andre: der Präsident erteilt ohne Rücksicht auf die Zeit der Wortmeldung das Wort nach Zweck- mäßigkeitsgründen im Interesse einer gedeihlichen Diskussion. Diese seit vielen Jahren geübte Abweichung von der Geschäftsordnung ist erträglich und zweckdienlich, so lange sie unparteiisch lediglich im Interesse einer gedeihlichen Diskussion ausgeübt wird. Sie wird zu einer Strangulierung der Minderheit, wenn die Unparteilichkeit aufhört. Das war gegen wiederholte Proteste der Linken bei der Beratung über die Zolltarif- Vorlage und die unzulässige Kardorfferei der Fall. Perels unterläßt es leider, hierauf einzugehen: da eine Redner» liste nicht aufbewahrt wird, so ist die Behandlung dieser Frage, die Verfasser S. 93, Anm. S21 streift, durch Darlegung von Beispielen ungemein schwierig, insbesondere dann, wenn man wie Verfasser jeder politischen Erwägung ängstlich aus dem Wege geht und wohl deshalb selbst die Nennung der Namen der Präsidenten oder Abgeordneten, auf deren Aeußerungen hingewiesen wird, überall vermeidet. In jenen untev gröblichster Verletzung der Geschäftsordnung durch die Mehrheit des Reichstages und ihrer Präsidenten geführten Verhandlungen sind ja auch eine Reihe des„Uebersehens" von Wortmeldungen durch Präsidenten vorgekommen: einer der den: Grafen zu Stolbcrg zur Last fallenden erwähnt Perels S. 87 Anm. 477 in charakte- ristischer Gegenüberstellung zu einem früheren Vorgang, bei dem der Präsident die Diskussion wieder eröffnete, weil der Schriftführer es unterlassen hatte, von einer erfolgten Wortmeldung ihn in Kenntnis zu setzen. PerelS' Ansicht über die geschäftsordnnngswidrige Auslegung und Handhabung der Geschäftsordnung durch die Dezember männer deckt sich fast durchweg mit der Ansicht der damals verfassungswidrig vergewaltigten Minderheit. Die Frage, ob, wenn Zweifel über die Auslegung von Bc st immun gen der Geschäftsordnung ent- stehen(wie im Fall Kardorfs), der Präsident oder die Mehrheit des Reichstags zu entscheiden hat, entscheidet Perels auf Seite 17 und Anm. 31 und 82 im ersteren Sinne und erklärt: eine Beschlußfassung des Hauses erscheint unzulässig. Detaillierter spricht sich Thudichum in seinem„Verfassungsrecht"(S. 167), auf das Perels hinweist, aus. Es heißt dort zutreffend:„Der Schutz der Minorität wird dadurch hergestellt, daß die Frage, wie im konkreten Fall die Geschäftsordnung auszulegen sei, allein durch den Präsidenten endgültig entschieden wird, ein M e h r h e i t s- b e s ch l u ß darüber nicht zulässig ist." In gleicher Weise sprachen sich am 19. März 1867 im konstituierenden Reichstag der langjährige Vorsitzende des Abgeordnetenhauses Abg. Dr. Graf v. Schwerin und der Präsident S i m s o n aus. Schwerin hatte bemerkt: wie im konkreten Falle die Geschäftsordnung auszulegen ist, darüber hat der Präsident aus seiner Machtvollkommenheit heraus allein zu ent- scheiden. Lasker meinte dem entgegen: über Zweifel der Geschäfts- ordnung hat in letzter Instanz das Hans zu beschließen. Darauf erwiderte Simson:„Ich glaube, es giebt kaum einen gefährlicheren Satz als den, welchen der Abg. Lasker soeben ausgesprochen hat. Die Geschäftsordnung ist der natürliche Schutz der Minorität: wenn die Majorität im einzelnen Falle sich die Ge- schäftsordnung auslegen kann, so ist die Minorität dadurch in ihre Hände geliefert. Wenn Sie zu dem Präsidenten nicht das Vertrauen haben, daß er v o rz n g s w e i s e seine Aufgabe darin finden wird, j e d e Minorität zu schützen, dann müssen Sie ihn von dieser Stelle entfernen, und die leiseste Andeutung der Art würde auch innerhalb der vier Wochen(des Provisoriums) diesen Erfolg in Ansehung meiner Person herbeiführen. Im Interesse des Hauses liegt es aber gewiß, daß Sie einem Präsidenten, dem Sie vertrauen, die Handhabung der Geschäftsordnung nach seinem Gewissen und nach seiner Ueberzeugung geben." Lebhafte Zustimmung folgte diesen Worten. Auch Lasker korrigierte seine vorher ausgesprochene unrichtige Ansicht. Das entgegen- gesetzte Vorgehen des Grafen Ballestrem hätte Perels noch schärfer charakterisieren können, wenn er die 2>/z Jahre zuvor, am 18. Mai 1900, von demselben Präsidenten Herrn v. Kardorff gegenüber abgegebene Er- klärung citiert hätte: die Mehrheit sei Herr über die Geschäftsordnung nur„innerhalb der Geschäftsordnung". Der Verfasser geht aber jeder Anführung aus dem Wege, die über eine trockene Interpretation der Gefchästsordnungs-Vorschriften hinausgeht. Desto mehr Gewicht hat seine II eberein st im mung mit den von der ver» gewaltigten Minderheit bei der Beratung der Kardorfferei verfochten en Ansichten. Und diese Uebereinstimmung findet sich auch bei der Bc- jahung der Frage, ob der Antrag v. Kardorff mit 8 19 Abs. 2 der Geschäftsordnung unvereinbar sei. Die Geschäfts- ordnungs-Vorschrift verlangt:„Ueber jeden einzelnen Artikel wird der Reihenfolge nach die Diskussion eröffnet und geschlossen und die Abstimniung herbeigeführt". Seite 61 Anm. 273 citiert Perels aus der Verhandlung vom 14. Mai 1879 als damals allseitige Ansicht des Reichstags, daß„nach dem Sinn der Geschäftsordnung incht nur die einzelnen Nummern des Tarifs, sonder» auch die Unterposisionen besonders diS» kutiert und einer besonderen Abstimmung unterworfen werden müssen". Im flagrantesten Bruch mit dieser Vorschrift, ohne die eine geregelte parlamentarische Verhandlung undenkbar ist. verstieß die Zulassung des Antrages v. Kardorff durch einen von der Mehrheit gegen ihre eigne Ueberzeugung gefaßten Beschluß. Am 7. November 1902 wollte der Vicepräsident B ü s i n g den Antrag Brömel nicht zulassen, der verlangte, die TagS zuvor be- schloffene Verbindung der 14 Nummern des§ 6 des Tarifaesetzes wieder aufzuheben. Die Mehrheit überwies die Frage der Geschäfts- ordnungs-Kommission. Diese schloß sich der Auffassung Büsings entgegen den Darlegungen der Minderheit au. Perels zeigt Seite 61 (Anm. 276), daß dieser Beschluß der Geschäftsordnung und ihrer früheren Handhabung widersprach. Der konservative Präsident v. Wedcll-Piesdorf hatte am 11. Januar 1887 einen solchen Antrag zugelassen. Auch einen Antrag auf Uebergang zur TageS» ordnung nach Schluß der Diskussion, wie er von der Mehrheit z. B. am 13. November zur Abwendung von 22 nanient- lichen Abstimmungen beschlossen und von dem Justizminister des Centrums. Dr. Spahn, verteidigt wurde, erachtet Perels(S. 68, Anm. 88) als nicht im Einklang mit der Geschäftsordnung stehend. Anträge auf Tagesordnung über Amendements hält hingegen Perels für zulässig, weil er hier im Gegensatz zu den allgemein anerkannten Grundsätzen juristischer Hermeneutik von der Entstehungsgeschichte und den Folgerungen absieht, die ich bei eingehender Untersuchung aus dem System des Gefetzcs und daraus ergeben können, daß in demselben Ge>etz verschiedene Worte für ähnliche Begriffe gebraucht sind. Sonst würde er zu der Fol» gerung haben gelangen müssen, daß Anträge auf Tagesordnung nur gegenüber einem Gegenstande zulässig sind, der einen selb» tändigen Gegenstand der Tagesordnung bildet. Die Auslegung der lex Gröber(„Das Wort zur Geschäftsordnung wird nur nach freiem Ermessen des Präsidenten erteilt. Eine von demselben zugelassene Bemerkung zur Geschäfts- ordnung darf die Dauer von fünf Minuten nicht übersteigen."), beschäftigt den Verfasser auf Seite 93, 94, Er kommt zu dem Ergebais, daß sich die Beschränkung der Redezeit für Be-| überweisung am 10. und 11. Dezember und für die Der neue Reichstag wird sich unter andrem mit der Frage zu merkungen zur Geschäftsordnung nur auf solche bezieht, die der Reden auf Uebergang zur einfachen Tagesordnung in der Advents- befassen haben, welche Geschäftsordnung er sich zu geben gewillt ist. Präsident gemäß§ 44 nach seinem Ermessen zugelassen nacht vom 13. zum 14. Dezember 1902 für einen Verstoß gegen Die führenden Elemente scheinen, nach ihren Preßorganen zu hat. Mithin unterliegen Ausführungen, welche sich zwar auf die Geschäftsordnung selbst mit dem Antrag Gröher. schließen, die Absicht zu haben, der Minderheit den Schuß der eine Geschäftsordnungsfrage beziehen, aber auf Grund einer Perels gehört zu den Staatsrechtslehrern, denen selbst Ausübung ihrer Rechte auch fernerhin vorzuenthalten und den Reichsandren Vorschrift als der des§ 44 stattfinden und zu denen unsre absolutistische Reichsverfassung mit tonstitutioneller Ver- tag zu einem ausführenden Organ einer verantwortungslosen das Wort erteilt werden muß, wie z. B. gemäß§ 53 brämung noch zu freiheitlich ist. Um so beachtenswerter ist das Regierung zu degradieren. Wie jeder reaktionäre Anschlag wird auch Abs. 2 Reden für oder gegen einen Antrag auf einfache in seinen Darlegungen liegende Zugeständnis, daß der dieser am Ende sich gegen seine Väter wenden. Es giebt eben Leute, Tagesordnung, der gedachten Einschränkung nicht." verflossene Reichstag durch gröblichst e Verfür die die Erfahrung eine Geliebte ist, auf die sie sich erst bes Deshalb erachtet Perels mit Recht( Anm. 525) die Verkürzung der legung der Geschäftsordnung und der Bersinnen, wenn es zum Lieben zu spät geworden ist. Redezeit für die Redner zu den Anträgen auf Kommissions- fassung das Zolltarif- Gesez berabschiedet hat. In den nächſten Tagen erscheint im Verlage RIGINAL von G. Birk& Co., München: Georg v. Vollmar: Lehren und Folgen des Reichstagswahl- Ergebnisses. SINGER NAHMASCH Alle Kolportenre und Parteigeschäfte nehmen schon jetzt Veftellungen an. 21992* ca. 2 Bogen 20 Pf. Heber Land und Meer herrscht frei das Auge, wenn es durch ein gutes Fernglas unterstützt wird. Jedermann, der sich ein solches anschaffen will, sollte nicht versäumen, die grosse Auswahl von Perspektiven von Theater in dem für Reise und Institut für Präcisions- Optik Carl Buttendorff, Berlin N. 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