Ur. 187. RtwniKmentS'lkdlngongen: WtmnemmtS• Preis pränumerando; «ierteljährl. 3,30 Hilf, monatl. 1,10 Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus, einzelne Nummer ö Psg, EonntagS- nummer mit illustrierter EonntagS- Beilage.Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in der Post-geitungS- PreiSIiste für»»OS unter Nr. 8803. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn a Mark, für da» übrige Ausland 3 Mark pro Monat. SO. Jahrg. Vit InleMons-Sedaht betrögt für die sechSgespaltsne Kolon» zeile oder deren Baum 40 Pfg., für politische und getverkschaslliche Vereins- und BersammlungS-ilnzeigen 20 Pfg. „Itlefn«»ureigen" jedes Wort 5 Psg. snur daS erste Wort fett). Inserate fü. die nüchst« Nummer müssen biS Ii Uhr nachmittag» in der Expedition abgegeden werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bi» SUhr vormitttagS geöAnet. Crldjcint täglich auBcr montags. Vevltnev VolktsblAtt. Telegramm-Aoresfe: „Soclaldtnoknt Rtflin". Centralorgan der sociaidemokratisthen Partei Deutschlands. K-eäaktisn: Svll. 68, I-inäenstrasse 69. Ferusprcchcr: Amt IV, Rr. 1983. 6xpeditton: 8M. 68, Lindcnatraasc 69. psernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Ein Reichsamt für Bolkserziehnng. Es wird uns geschrieben: In dem vorsichtigen Wenn- und Aberstil eines Beamten, der durch höfliche Bitten und mit dem Hute in der Hand eher zum Ziele zu gelangen hofft als durch energischen Hinweis auf die Not- wendigkeit des Zieles, hat vor kurzem der Charlottenburger Ober- Studiendirektor Dr. Z i e h e n in den Vorttägen und Aufsätzen der Armeniusgesellschast einige Vorschläge zur Organisatton der Volks- erziehung veröffentlicht. Dreierlei verlangt er, richtiger erbittet er zaghaft: ein Hand in Handarbeiten der.volkserzieherischen Ver- eine", staatliche Einwirkung— ausgehend von einer Reichsbehörde— auf diese Vereine und eine»ihres Einfluffes auf das prakttsche Leben wohlbewußte" wissenschaftliche Forschung. Da die Schaffung eines Reichsamts für Volkserziehung Sache des Reichstags wäre, so verlohnt es sich angesichts unsrer 81 Sitze schon, den Plan näher zu erörtern. Hinzu kommt, daß wir grund- sätzlich jeder Vermehrung des Einflusses des Reichstages auf das Erziehungswesen Deutschlands sympathisch gegenüberstehen. Leider ist aber mit den Ziehenschen Vorschlägen nichts anzu- fangen. Er experimenttert an der äußeren Schale der Volks- erziehung und an zufälligen Erscheinungen herum, in den Kern ist er nicht eingedrungen. Wir stimmen ihm zu, wenn er mit Nachdruck darauf hinweist, daß der Erziehung in unserm Staatsleben weit über den Kreis der Schule und der eigentlichen»ErziehnngS"- Ein- richtlingen hinaus eine weittragende Bedeutung zukommt. Aber wir halten mit unserm Beifall erschreckt tnne, wenn wir hören, daß Herr Ziehen»der einzigen planmäßig organisierten und daher vortrefflich wirksamen erzieherischen Behandlung des erwachsenen Staatsbürgers, die wir bisher haben, der durch den Militärdienst nämlich", noch andre fester geregelte»Volks- erzieherische Beeinflussungen' zur Seite stellen will. Der Mili- tarisinus mit seiner brutalen Verachtung der Menschenwürde als VolkSerzieher I Was ist volkSerzieherffch in dem Ziehenschen Sinne? Als Losungsworte für seine Bestrebungen führt Ziehen an: Kunst- erziehung, Volkskonzerte, Volksbibliothelen und Lesehallen, Volkshochschulen, Volks-Theatervorstellungen, Anti-Alkoholbewegung. Veredlung der Volkserholung. Auch Bestrebungen wie die der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten hat er mit im Auge. Man möge sich daraus einen Begriff machen von dem Sammelsurium von Vereinen, die nach Ziehen mit einander arbeiten und deren Bestrebungen in eiiiem Reichsamt für VolkS- erziehung eine Art Reichs-Centralstelle finden sollen. Dabei haben fast alle diese Bestrebungen gar nicht das.Volk" im engeren Sinne hinter sich. Die breiten Massen der Arbeiterschaft haben ihre eignen Organisattonen für Bildung und für Vermittelung von Kunstgenüssen. Die bürgerlichen Vereine aber, die in ihrem Namen gern mit dem Worte.Volk" prunken, find meistens Veranstaltungen einiger.Offiziere", denen die Truppen fehlen. UeberdieS läßt Ziehen auch gar keinen Zweifel darüber, daß er den Begriff«Volt" durchaus nur in der gefühlvoll-unklaren Auf- fassung bürgerlicher Ideologen meint. Nach seiner Meinung ist der Gedanke der allgemeinen Gleichhett der Menschen, wie sie der socialistische Zukunstsstaat verwirklichen solle, gewiß eine Utopie, keine Utopie aber sei der Gedanke eines heil- fanien Zusammenwirkens aller verschiedenen Stände und Volks- klaffen im Sinne seiner BolkSerziehung. In Wirklichkeit liegt eS natürlich anders. Erst.durch Schaffung gleicher Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten für alle Menschen ist auch die Basis eines„heilsamen Zusammenwirken« aller" gegeben. Bis dahin wird das eigentliche.Volk", also die organisierte Arbeiterschaft, den bürgerlichen.Volks'erziehungSbestrebungen kühl und abweisend gegenüberstehen. ES ist bezeichnend, daß Ziehen bei der Schaffung eine« Reichs- amts den Hauptwert auf die Erziehung Erwachsener legt. Ueber den schulmähigen Teil der Volkserziehung geht er flüchtig hinweg. Hier gelte eS nur vorwiegend auszubauen, wat bereits in leidlich festen Formen vorhanden sei. Darin liegt der Hauptirrtum Ziehens. Unser heutiges Bolls- schulwesen soll sich in leidlich festen Formen befinden? Und die Schule der Zukunft wird erreicht, indem wir da« morsche Gebälk der heutigen Volksschule„ausbauen"? Rein, gerade mit der gründlichen Umgestaltung des Volksschulwesens von heute leistet man die erste und wichtigste Vorarbeit für die Volkserziehung, für die Erziehung der Erwachsenen. Sehr viele der von Ziehen in den Plan seiner Volks- erziehung aufgenommenen Besttebungen und Vereine find doch nur eine Folge der Lücken unsrer gegenwärtigen Schulerziehung. bei der engen kausalen Zusammengehörigkeit der jeweiligen Schule mit den jeweiligen socialen Zuständen also auch nur eine Folge der heuttgen socialen Zustände. Man� denke an Bestrebungen so negattver Art wie Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und des Alkohol». Weit mehr als auf diesen und ähnlichen Gebieten in negattvem Sinne auf Erwachsene eingewirkt werden kann, vermag eine den ganzen Menschen erfassende Jugenderziehung im Sinne der freilich von Ziehen etwas von oben herab behandelten modernen Socialpädagogik eines Natorp. Rißmann u. a. durch positive Mittel. Und ähnlich ist es zum Teil mit den Volkshochschulen. Volksbibliotheken, die erst dann volle Bedeutung haben werden, wenn sie nicht mehr Haupt- sächlich dem Zwecke dienen, einem kleinen Bruchteil strebsamer Arbeiter zur regellosen Ausfüllung der Lücken ihrer ungenügenden Volksschulbildung behilflich zu sein. DaS ist fteilich erst möglich. wenn wir bessere Volksschulen haben. Und bessere Volksschulen werden wir erst mit dem steigenden Einfluß der Arbeiterschaft auf »ie Gesetzgebung und Verwaltung in Reich. Staat und Gemeinde erhalten, da nur die Arbeiter ein wirkliches Jntereffe an der Hebung der Volksschule haben. Für ein Reichsamt für Volkserziehung sind auch wir. Aber das hätte nicht in erster Linie seine Kräfte an eine Organisierung der unklaren, durcheinanderlaufenden, aus den oft genug fragwürdigsten Mottven heraus entstandenen bürgerlichen„Volks"bildungS- besttebungen zu verzetteln. sondern es hätte mit weit- schauendem Blick der deutschen Jugenderziehung Ziele zu weisen und neue Wege zu eröffnen. Der unglaublichen Rückständigkeit des Schulwesens in den verschiedenen Bundes- staaten, besonders in Preußen, der hilflosen Zerfahrenheit in der Organisation der deutschen Bildungsanstalten vom Kinder- garten bis zur Hochschule gilt es entgegenzuarbeiten. Wie frucht- bringend in dieser Beziehung eine ihres Weges sich bewußte Re- gierung wirken kann, zeigt das französische Schulwesen, das dem deutschen weit, weit voraus ist an Einheitlichkeit, Zielklarheit und Uebersichtlichkeit. Bei der Schaffung eines ReichS-ErzichungSamtcs in diesem Sinne würde es freilich nicht ohne harte Kämpfe nnt realen Machtfaktoren abgehen. Weder die konservativen Junker, noch die nationalliberalen Kommerzienräte, noch die liberalen Fabrikanten werden dafür zu haben sein. Und auch mit den Regierungen der Bundesstaaten würde es harte Auseinandersetzungen geben. Vielleicht bat Dr. Ziehen mit den junkerlichen und sonstigen Machthabern in Preußen nicht gern etwas zu thun, es ist für preußische Beamte mit jenen hohen Herren ja auch nicht gut Kirschen essen. Aber die Socialdenwkratie fürchtet reaktionäre Widerstände nicht. Sie wird auch für gründliche Umgestalttmg des BildungSwesens sorgen und alle darauf gerichteten pädagogischen Besttebungen werden in ihr eine energische Fürsprecherin finden. poUttfeke dcbcrficbt. Berlin, den 12. August. Monarchismus im Treibhaus. Die Eisenbahndirektion Berlin vollbringt diese Bekanntmachung im Amtsblatt: Nr. 1322. Bildnisse Ihrer Majestäten de« Kaisers und der Kaiserin. In den nächsten Tagen wird den Dienststellen ein Prospekt nebst Subskriptionsliste betreffend das Angebot von guten, farbigen und wohlfeilen Bildnissen Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin zugchen. Jedes Bild kostet ohne Rahmeit 80 Pf., weil bereits mehr als 1000 Stück verwaltungsseitig bestellt sind Die Preise von verschiedenartigen Rahmen einschließlich GlaS sind im Prospett aufgeführt. In dem Nahmen, welcher für die ver- waltungsseitig beschafften Bildnisse verwendet worden ist, kostet eS einschließlich 15 Pf. für Verpackung 2 M. 65 Pf. pro Stück. Die Subskriptionslisten find mit riner Abschrift dieser Amt«- bkatt-Berfügung bei sämtlichen Beamte» und Arbeiter» alsbald iu Umlauf zu sehen. Auf der Umlaufverfügung ist zu vermerken, wo die verwalttmgsscitig beschafften Bilder, sofern solche einer dortigen Dienststelle überiviesen sind, besichttgt werden können. Die Liste ist auch den Bahnhofswirten mit dem An- h e i m st e l l e» vorzulegen, die Kaiserbildnisse zur Ausschmückung der Warteräume zu beschaffen. Die Bestellung der Bilder mit dem verwaltungsseitig beschafften Rahmen zum Preise von 2 M. 65 Pf. ist m einer be- sonderen Liste nachzuweisen, weil deren Lieferung von einem andern Lieferanten erfolgt. Die Subskriptionslisten find, auch wenn Bildnisse nicht bestellt sind, bis zum 25. August d. I. den vorgesehten In- spektioncn vorzulegen. Diejenigen Dienststellen, welchen Bildnisse Ihrer Majestäten verwaltungsseitig überwiesen werden, haben die im Begleitschein bezeichneten Diensttäume. sofern diese darauf an- gegeben find, damit zu schmücken. Im übrigen wird die Auswahl der Räume dem StattonS- bezw. JnspektionSvorstand überlassen. Die Bildnisse find zu inventarisieren. Die Jnven« tarisatton ist auf dem Begleitschein, welcher an die vett. Gepäck- AbferttgungSstelle alsbald zurückzuleiten ist, zu beschemigen.(83, R. 27/103 vom 31. Juli 1008). An die Inspektionen und Dienststellen. SS ist zuzugestehen, daß die ausgebotenen Bildnisse preiswert find. Di» Massenherstellung ermöglicht da». Es ist auch mit Freudigkeit festzustellen, daß die Eisenbahn-Direktionen nicht gleich den untern Beamten und den Arbeitern der Gisenbahn-Berwaltung mit Berufsarbeiten überlastet sind, haben fie doch Zeit, ihre amtlichen Gedanken auf Angelegenheiten zu richten, die nicht unmittelbar mit dem Eisenbahn-Bettiebe zusammenhängen. Zweifelhaft aber dürste sein, ob die Staatsbehörden, die also sich ereifern für die Ausbreitung des monarchistischen Kultu», ihren Zweck erreichen. Sie können wohl erreichen, daß in jedem Warte- saal und in jedem Dienstzimmer die Monarchenbildnisse aufgehängt werden, sie können auch erreichen, daß in den Privatwohnungen der Beamten diese Bildnisse unfehlbar anzutreffen sind. I« mehr sie aber dieses erreichen können, um so weniger können sie die monarchistische Gesinnung fördern. Die Beamten und Arbeiter, denen die„Verfügung" der vor- gesetzten Behörde samt der Subskriptionsliste vorgelegt wird, werden bei dieser«nbietung der Monarchenporträts sich der Freiheit ihrer Wahl benommen und zum Ankauf genötigt fühlen. Sie werden sich der Befürchtung nicht entschlagen können, daß eine Ab- lehnung leicht zu der peinlichen Folgerung Anlaß geben könne, daß ihr Monarchismus nicht einmal wenige Mark wert sei. Gerade aber wenn die Beamten und Arbeiter, was ja vorkommen kann, nicht bloß verpflichtete, sondern überzeugte Monarchisten find, werden sie diese seltsame Erziehung zum Monarchismus durch die über ihr Amt und Brot entscheidenden Vorgesetzten als unwürdige Zumutung zurückweisen. In dieser bösartig demokratisierenden Zeit, da immer weiter die Anschauung um sich greift, daß auch die Anerkennung von Autoritäten und die Ehrsiircht vor ihnen auf fteier Ueberzeugungs- bildung beruhen soll, wird die tteibhauSmäßige Aufzucht des monarchisttschen Gedankens nicht die gewünschten Erfolge bringen. Vielmehr ist zu besorgen, daß die zarte Pflanze in der Hitze der Treibhauskultur matt dahinwelkt.... Invalidenversicherung der Handwerksmeister. Der Handwerkskammer-Kongreß, der im September in München stattfindet, wird sich mit der Frage der Einbeziehung der Handwerks- meister in die Invalidenversicherung beschästigen. Der vorbereitende Ausschuß hat sich schon mit der Angelegenheit beschäftigt und tritt für die Versichertliig ein. Wie die„Nattonal-Zeitung" erfährt, hat auf eine vertrauliche Anftage jenes Ausschusses das Reichsamt des Innern erklärt, die Regierung sei, wenn die Handwerker selbst Ivollten, mit der Einführung einer obligatorischen Versicherung ein« verstanden, und zwar unter der Bedingung, daß die Einkommen unter 2000 M. in die allgemeine Invalidenversicherung eingereiht und für die höheren Einkommen zwei Extraklasscn auf die bestehende Invalidenversicherung aufgebaut würden. Die Aussichten der all- gemeinen Handwerkerversicherung erscheinen demnach sehr günstig. Die obligatorische Versicherung der kleinen Unternehmer ent- spricht einer alten socialdcmokratischen Forderung. Bei der Be- ratung des Invaliden- und Altersversicherungsgesetzes beantragte die socialdemokrattsche Reichstagsftaktion die Ausdehnung der Ver« sicherungspflicht auf alle Unternehmer, deren Einkommen 2000 M nicht übersteigt. Die Handwerker werden, wenn sie jetzt selbst ähn» liche Forderungen stellen, zugeben müssen, daß auch die Sociatdemo- kratte handwerkerfteundliche Forderungen erhebt. Bis jetzt besteht nur das Recht fteiwilliger Versicherung für Unternehmer, die regelmäßig nichr mehr wie zwei versicherungs- pflichttge Arbeiter beschäftigen. Der Unterschied zwischen dem socialdemokrattsche» Antrage wie ebenso dem gesetzlichen Zustaudt und den Wünschen der Handwerker bezw. der Zusage des Reichs» amts des Innern ist allerdings zu beachten in Hinsicht der Höh» der Versicherung, der Art ihrer Gestaltung. Gegenwärtig besteht VersichcrungSpflicht für Arbeiter, gleichviel wie hoch ihr Einkommen ist. Es besteht eine solche für Betriebsbeamte und verschiedene Kategorien von Angestellten, wenn sie nicht mehr wie 2000 M Einkommen haben, trnd es besteht ein Recht freiwilliger Versicherung für diese letzteren sowie für die erwähnten Unternehmer, wenn sie nicht mehr wie 3000 M. Einkommen haben. Für alle aber ist das höchste, der Rentenberechnung zu Grunde zu legend« Einkommen 1150 M. Wenn die Einrichtung neuer höherer VerficherungSklassen nur für die Handwerker geplant wird, dann wird sehr sorgfälttg zu prüfen sein, wieweit davon die Interessen der andren Versicherten berührt werden. Auf keinen Fall scheint eS uns der Gerechttgkeit zu entsprechen, solche höheren Klassen allein für Unternehmer zuzu- lassen, versicherungspsiichtige Arbeiter und Angestellte aber, die höheres Einkommen haben, von diesen höheren Klaffen auszuschließen. Ebensowenig würde sich, falls man die Vcrsicherungspfiicht von Unternehmern mit mehr als 2000 M. einführt, die Ausschließung Angestellter in diesen höheren Einkommensklassen von der Ber« sicherungspflicht rechtferttgen. Ganz im allgemeinen aber ist es entschieden näherliegend, die Versicherung der Arbeiter zu vervollständigen und zu verbessern, ehe man an eine obligatorische Versicherung der Unternehmer mit Ein« kommen über 2000 M. herantritt. Solange noch erhebliche Teile der Arbeiterschaft von der Versicherung ausgeschlossen sind und die Renteil gerade der Mehrzahl der versicherten Arbeiter so kläglich sind wie heute, ist die Versicherung von Unternehmern mit mehr als 2000 M. Einkommen nicht die dringendste Aufgab«.— MajrstätSbeleidiguugS.Prozeß gegen Tslstoj. Aus Leipzig wird vom 12. August berichtet: Bor der Feriensttastammer deS hiesigen Landgerichts fand heute vorinittag die Verhandlung in dem MajestätsbeleidiguugS-Prozeß gegen den Grafen Lee Tolstoj und gegen den deutschen Verleger der zahlreichen Werke des russischen Dichters, den Verlagsbuchhändler Eugen DiedrichS in Leipzig statt. Da sich Tolstoj jedoch im Auslände befindet und DiedrichS in glaubhafter Weise nachweisen konnte, daß er die lediglich in russischer Sprache erschienene Broschüre, um welche eS sich in diesem Falle handelt, nicht gelesen hat, weil er der russischen Sprache nicht mächtig ist, so kommt bei dem Straf- verfahren nur die Einziehung der Schrift gemäß Z 42 des Reichs-Strafgesetzbuchs in Frage. Die zur Anklage stehende Schrift Tolstoj« betttelt sich: Du sollst nicht töten! und ist im Verlage von Tschertkow in Petersburg er- schienen. Tschertkow hatte die Generalvertretung des Werkes dem Verleger DiedrichS mit Rücksicht darauf überttagen, daß zahlreiche Russen in Deutschland leben, welche das Werk in russischer Sprache verlangen würden. In der Schrift wendet sich Graf Tolstoj anknüpfend an die Ermordung König Humberts II. gegen die Ausschreitungen des Militarismus, dem er die Schuld beimißt, daß der Haupt- grundsatz der christlichen Religion: Du sollst nicht töten!, fort« gesetzt mit Füßen getteten werde und zwar nicht nur von konigs« mordenden Anarchisten, sondern auch von den Mächtigen dieser Erde, die durch ihre Krirgsführung erst daS sociale Elend verursachten, das den Anarchismus gebäre. In diesem Zusammenhange erörtert er dannl dir WilhelmShavener Rede de« Kaisers an die nach China gshenden Freiwilligen, in der Wilhelm K. irkanntlich beu Satz aussprach: Pardon wird nicht gegeben. Ge- fangcne werde» nicht gemacht! Ferner kritisierte er die Ansprache des Kaisers, die dieser im Herbst 1S96 im Berliner Lustgarten an die zur Vereidigung erschienenen Rekruten der Berliner Garde-Negimenter hielt und in der er den jungen Soldaten erklärte, daß sie durch ihren soeben abgeleisteten Fahneneid verpflichtet seien, ans Befehl ihres obersten jtricgshcrrn im gegebenen Falle auf Bater und Bruder zu schießen. Die Form dieser kritischen Besprechung gab der Leipziger Staatsanwaltschaft Veranlassung, die Schrift mit Beschlag zu belegen, nachdem Diedrichs schon kurze Zeit vorher wegen einer andren Schrift Tolstojs:„Eine Antwort an den Heiligen Synod" unter Anklage gestellt worden war. Diese hatte ihm der Direktor des Schiller-Theaters in Berlin Dr. Raphael Löwenfeld ins Deutsche übertragen und beide wurden deshalb wegen Religionsvergehen unter Anklage gestellt, jedoch am v. Juli 1902 freigesprochen. Nach Eröffnung der heutigen Sitzung beantragte Staatsanwalt Schlegel ftir die Dauer der ganzen Verhandlung de» Ausschluß der Oeffentlichkcit, da bei einer öffentlichen Verhandlung der Sache eine Gefährdung der Sicherheit des Staates zu befürchten sei. Der Gerichtshof trat diesem Antrage bei und ließ sich darauf unter Ausschluß der Ocffentlichkeit von dem Dolmetscher Dr. Armhaus die von der Staatsanwaltschaft beanstandeten Stellen der Schrift ins Deutsche übertragen. Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde sogar eine bollständige Uebertragung der Schrift erforderlich, so daß erst nach Vel2 Uhr das Urteil ergehen konnte. Dasselbe lautete auf Einziehung der Schrift und Unbrauchbarmachung der zu ihrer Herstellung benutzten Platten. Landgerichtsrat Gringmuth führte zur Begründung dieser Entscheidung aus: Den Gegenstand der heutigen Hauptverhandlung bildete die im Verlage von Tschertkow in Peters- bürg erschienene Druckschrift des Grafen Leo Tolstoj:„Du sollst nicht töten!", in welcher auf Seite 17 von den Worten ab: Aus Anlaß der Ermordung König Humberts II. von Italien uslv. eine Majestäts- beleidigung seitens der königlichen Staatsanwaltschaft gefunden worden ist. Im Sinne eines Antrages der Staatsanwaltschaft bedarf ihre dahingehende Behauptung keiner näheren Begründung, denn die Beleidigung des Kaisers liegt gar zu klar zu Tage. Eine Verfolgung einer bestimmten Person auf Grund dieses Deliktes ist nicht möglich und mußte sich die Thätig- keit der Staatsanwaltschaft daher auf die Unbrauchbarmachung der inkriminierten Stelle der Schrift gemäß 8§ 40 und 42 des Straf- gesetzbuchcs beschränken. Das Gericht hat erwogen, ob nicht eine Ausschaltung der inkriminierten Stelle möglich sei. Es hat infolge- dessen eine Prüfung des gesamten Inhalts stattfinden lassen und ist auf Grund derselben zu der Ucberzeugung ge- langt, daß die Schrift als ein Ganzes anzusehen sei, daß durch die Ausschaltung der betreffenden Stelle ihre ganze Integrität leiden und sie alsdann etwas andres darstellen würde, als was sie sein sollte. Deshalb erging das Urteil des Ge- richts dahin: Alle Exemplare der Druckschrift„Du sollst nicht töten!" find unbrauchbar zn machen und die zu ihrer Herstellung benutzten Platten, Formen zc. je. zu vernichten. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse. Und die moralischen Kosten dieser Anklage gegen den großen Dichter und Hnmanitätskündiger trägt— die deutsche Justizl— Deutsches Reich. Kronrat. Der Kaiser ist von der Nordlandreise zurück. Graf Bülow eilt von Norderney herbei. Die preußischen Minister versammeln sich und auch Herr v. Hammerstein konimt aus dem langen Urlaub, Herr v. Hammerstein, dessen Ministertage gezählt sein sollen, weil der Unbeholfene geeignet gilt, alle alte Sünde der Regierung und des Landtages in der Hochwasserftage als Priigelminister zn tragen. Es soll Kronrat gehalten werden. Der Kaiser will sich mit den Ministerin aussprechen. Die Presse ist übervoll von Mutinaßungen aller Art. Liberale Blätter schwanken wieder zwischen Hoffnung und Furcht; einige hoffen ein Donnerwetter, das der kaiserliche Jupiter auf die Häupter der pflichtvergessenen Minister schleudert, ja sie er- götzen sich gar an der Möglichkeit, daß eine Wahlparole gegen die Reaktion für die Landtagswahlen geschaffen werden könne; andre wieder fürchten umgekehrt konservative Erfolge. Die „Bossische Zeitung" erzählt von Wühlereien gegen den Grafen Bülow; da sei ein portefeuillelüsterner Gcheimrat, der vorläufig noch in Finanzgeschäften mache, aber bald nach der Leitung des Staates und des Reiches begehre, anscheinend ein„gefährlicher Mann" nach dem Herzen der Konservativen. Die Konservativen andrerseits haben auch ihre Hoffnungen. Sie versuchen die Regierung zu einem möglich st frühen Landtags wahl-Termin zu überreden. Sie geben mit gut gespielter Sorge um wichtige Volksinteressen vor, daß der Landtag recht früh, nicht erst im neuen Jahre, zusammentreten müsse, damit er schnell und gründlich Hilfe und Vorbeugung gegen das Hachwasser schaffen solle. Der Hintergedanke der Herrschaften ist, sich eine an- nehmere Wahlparole zu verschaffen; die Kanalvorlage, die Kultur- fragen, die Schulftagen, die Wahlrechtsftagen sollen aus dem Wahl- kämpfe schwinden und der konservative Eifer für die durch das Hoch- Wasser geschädigten Landesteile soll der konservativen Partei neuen Nimbus geben. All diese? Hoffen und Befürchten ist begründet in der Sehnsucht der bürgerlichen Parteien, Hilfe der Regierung für die Landtags- Wahlen zu erwerben. Für diese mögen daher die Ergebnisse des Kronrats von Bedeutung sein. Wir erwarten nicht nur nichts von etwaigen Aenderungen im Ministerium, deren Eintreten noch dazu überaus zweifelhaft ist, wir wissen recht gut. daß die Regierung nicht den Versuch machen wird, der konservativen Herrschaft zu ent- fliehen. Dieser Herrschaft ist nur zu entrinnen durch des V o l k e s K r a f t. Der angekündigte Kronrat wird, wie ein ParlamentS-Bcricht- erstatter meldet, am 13. August mittags unter dein Vorsitz des Kaisers zusammentreten. Es wird dies der v i e r t e unter der Regierung des jetzigen Monarchen sein. Der erste wurde am 16. März 1802 einberufen, nachdem der Volksschul-Gesetzentwurf vom Kllltilsmimfter Grafen Zedlitz-Trützschler dem Abgeordnetenhause vorgelegt worden war. Das Ergebnis war bekanntlich die Zurückziehung des Volksschul-Gesetzentwurfs und die Deinission des damaligen Kultusministers. Außerdem legte der Reichskanzler Graf Caprivi das Präsidium im preußischen Staatsministeriilm nieder. Graf Botho Eulenburg übernahm später die Leitung des Staatsministcriums. Nach dem Falle beider Staats- männer wurden beide Armier in der Person des Fürsten Hohen- lohe wieder vereinigt, zugleich aber im Finanzminister Dr. v. Miguel ein Vicepräsident des Staatsmiiiisteriiims bestellt. Der zweite Kronrat wurde Mitte September 1896 auf Schloß Hubertusstock, wo der Kaiser weilte, abgehalten. Es handelte sich damals um die Herab- Minderung des Zinsfußes der Reichs- und Staatsanleihen. Am 22. August 1899 fand der dritte Kronrat statt. Die Ablehnung der Kanalvorlage durch das Abgeordnetenhaus Mitte August hatte die politische Situation sehr verschärft. Auf Betreiben des Fürsten Hohenlohe wurde der Beschluß gefaßt, die konservativen Gegner der Kanalvorlage, welche zugleich Staatsbeanite waren, zu maßregeln. Es wurden damals zwei Regierungspräsidenten svon Jagow- Posen und von Colniar-Lüneburg) und eine Reihe von Landräten su. a. von Dallwitz, von Brockhauscn, Lewald, Dr. Wolff(Mogilno), von Bockelberg) zur Disposition gestellt. Die morgen stattfindende vierte Sitzung des Kronrats ist die erste unter dein Regiment des Grafen Bülow._ Ein Veteran des Reichstages. Einer von den wenigen, die schon dem Reichstage des Norddeutschen Bundes angehörten, ist v e r st o r b e n. Der konservative Parteiführer v. Levetzow kränkelte bereits seit einigen Jahren, er verzichtete deshalb auch auf eine Kandidatur bei den letzten Wahlen. Iii der letzten Nacht ist er auf seinem Gute Gossow bei Königsberg in der Neumark gestorben. v. Levetzow war 1827 zu Gossow geboren, studierte Juris- prudenz, war Landrat seines heimatlichen Kreises und Landes- direktor der Provinz Brandenburg von 1876—1896, Vorsitzender des Brandenburger Proviiizial-Landtages seit 1896, erbliches Mitglied des preußischen Herrenhanses, Mitglied des Reichstages von 1367—71, 1377— 84, 1887— 1993. Er war Präsident des Reichstages von 1831—84 und von 1883— 1895. Mit Herrn v. Levetzow stirbt einer der besten Männer der Kon- servativen, deren sie nicht viele haben. Er war zwar keineswegs ein überragender Kopf, aber ein pflichteifriger, ernsthafter Vertreter der konservativen Sache und ftei von den persönlichen Unarten, die den konservativen Feudalherren anhaften. Er war auch niemals einer von der Fronde gegen die Regierung, sondern da? Muster eines Regierungskonservativcn. Durch einfaches, schlichtes Wesen gewann er in seiner Heimat, wie in weiten Kreisen viel Zuneigung und als Präsident des Reichstages bewies er in hohem Maße Takt und Un- Parteilichkeit. Seine Präsidenffchaft nahm ein freiwilliges Ende; als die Mehrheit des Reichstages 1895 es ablehnte, eine Demonstration für Bismark bei Gelegenheit seines 80jährigen Geburtstages zu be- schließen, legte v. Levetzow, gleich dem nationalliberalen Vice- Präsidenten Bürklin, das Ehrenamt unter dem Beifall der Rechten des Hauses nieder. Noch in den ersten Jahren der letzten Legislaturperiode nahm Levetzow häufiger das Wort zu kurzen Er- klärungen für seine Partei. In den letzten Jahren hinderte sein Gesundheitszustand die Anwesenheit im Reichstage.— Das Hochwasser soll den Kanal mit fortschwemmen. Die„Post" erörtert sehr eifrig die Frage der Landtaaseinbernfung im Zusammen- hange mit der Bekämpfung der Hochwassergefahr. Nachdem sie aus- geführt, daß der Landtag, wenn erst wie sonst Mitte Januar zu- sammenberufen wird, die ersten beiden Monate seiner Tagung auf den Etat verwenden müßte, so daß andre größere Vorlagen erst nach Ostern in Angriff genommen und erst im Sommer verabschiedet werden können, sagt sie: „Das bedeutet aber, wo es sich um Bauausführungen handelt, den Verlust eines ganzen Baujahres, während es doch bei Maß- nahmen zur Verhütung von Hochwasserschäden unerläßlich ist, keine Zeit zu verlieren, sondern so rasch als irgend möglich die betreffenden Arbeiten in Angriff zu nehmen. In parlamentarischen Kreisen hat man daher erwogen, ob es sich nicht empfehlen möchte, behufs möglichst schneller Erledigung der die Hochwasserschäden betreffenden Vorlagen den Landtag bereits im November einzuberufen, und die Landtagswahlen entiprechend ftüh vorzunehmen. Man würde dann namentlich auch in der Lage fein, die völlig spruchreifen Pläne wegen Ver- besserung der Vor fluten an der unteren Oder, der unteren Havel und der Spree so schleunig zu erledigen, wie dies»ach Lage der Dinge möglich und angesichts der jüngsten Erfahrungen auf diesem Gebiete geradezu geboten ist. Freilich müßte dann auf die Verbindung dieser FlußrcgulicrnngSpläne mit der großen wasserwirtschaftlichen Vorlage verzichtet werden." Die Pläne zur Verbesserung der Vorfluten sind schon lange spruchreif und auch des jüngsten Hochwassers hat es nicht erst bedurft, um die Erfahrung zu zeitigen, daß die Hochwasserbekämpfung dringlich ist. Jahrzehntelang hat man in rücksichtsloser Selbftfucht und mit der bei Kulturarbeiten bekannten Kinckerei griind- liche Maßregeln zur Verhütung der Hochlvassergefahren hinter- trieben. Wer glaubt daran, daß jetzt mit einem Male die Sorge um die Kulturarbeit zur Eile treibt. Aber eine schöne Gelegenheit wäre es, das Hochwasser gegen den Kanal auszuspielen. Die„Vor- flutverbcsserungen" sind überdies die unzulänglichste Maßregel gegen das Hochwasser und sie sind geradezu gcmeinfchädlich, wenn sie allein und ohne die vor allen Dingen notwendigen umfangreichen Stauanlagen in den Oucllgebietcn vorgenommen werden. Eile hat die Sache gewiß, die Eile der„Post" läuft aber im Grunde ge- nonnnen auf eine neue Hintertreibung gründlicher Kulturarbeiten hinaus.— Absolut zuverlässige bürgerliche Parteien sind nach der„Post" nur solche, welche absolut reaktionär sind. Die„National-Zeitung" hatte jüngst in einem Artikel über den Jungliberalismus im Hinblick auf die Landtagswahlen die„rücksichtslose Bekämpfung der klerikal- konservativen Alliance" gefordert, da es kein größeres Uebel gäbe, wie die reaktionären Parteien. Die„Post" droht sofort mit dem Aufhören der„Bündnisfähigkeit" der Nationalliberalen für die Konfervativen. Die Nationalliberalen, sagt sie, würden aus der Reihe der„absolut zuverlässigen bürgerlichen Parteien" ausscheiden und es bliebe nur noch die Freisinnige Volkspartei, die noch nie um eines Fußes Breite von dem Wege, der bürgerlichen Parteien abgewichen sei.—_ Agitationsschulcn für Centriimsagitatorcn. Die„Kölnische Volkszeitung" teilt mit: „Eine Agitationsschule der Centruntspartei tritt im Septentber in Frankfurt a. M. als äußerst zeitgemäße und dringend notwendige Einrichtung ins Leben. Die Vorberciter dazu find die Herren Redakteure Schönwiese und Heil, die im Wahlkreise Höchst-Hom- bürg bei der verflossenen Wahlcampagne Unglaubliches an Abhalten von Versammlungen, Reden und Agitation gelei st et haben, sowie die Herren Buchdrucker Heil und Kaufmann Geis. Mit Recht weisen die Veranstalter in einem Rundschreiben darauf hin, daß der Mangel geschulter, rednerisch bcsähigtcr Kräfte a»S dem Arbeiter- und Bauernstände bei der Centrumspartei bei den verflossenen Wahlen sehr u n- l i e b s a m sich geltend gemacht habe. Die Agitasions- arbeit habe im Gegensatze zur Socialdemokratie auf den Schultern von wenigen geruht._ Hoffentlich wird der Appell der verdienten Herren in den be- treffenden Kreisen nach Gebühr gewürdigt. Die Reisekosten dürften sich von den Vereinen unschwer aufbringen lassen, und fast in jedem Orte mit stärkerer Centrumswählerichaft ist gewiß der eine oder andre junge Mann auf eine Anregung hin bereit, dem Kursus beizuwohnen. Dieser findet jeden ersten Sonntag im Monat, nachmittags 1—5 Uhr statt und weist etwa folgende Einteilung auf: 1—2 Uhr Dispositionen von Vorträgen, 2—3 Uhr Referat und Diskussion, 3— 3ftz Uhr Organisation und Agitation, 3>/z— 5 Uhr praktische Veranstaltung einer Volksversammlung unter den Teilnehmern des Kursus. Eröffnung durch den Einverufer. Bureauwahl. Viertelstündiger Vortrag eines auf der vorher- gegangenen Verfammlnng beauftragten Herrn nebst Diskussion. Der Unterricht wird von polittsch erfahrenen Herren un- entgeltlich erteilt. Bekanntlich haben die Windthorst-Bunde eine ähnliche Einrichtung eingeführt. Nach dem vorliegenden Plane soll diese Einrichtung auf möglichst alle Ort- schaften der Wahlkreise ausgedehnt, verallgemeinert, popularisiert, und mehr systemasisch geordnet werden. Wenn das Centrum feine bei de» Wahle» ernmgcne Stellung behaupten will, so i st ein Vorgehen gerade in dieser Richtung hierfür daS allcrnotwcndigste. Hoffentlich wird das Unternehmen gelingen und für recht viele Städte und Jndustriecentren den Antrieb zu gleichem bezw. ähnlichem Vorgehen geben." Die Mitteilung der„Köln. Volksztg." zeigt, daß im Centrum auch nach der Wahl der polisische Eifer nicht verloren geht. Vielleicht wirken diese Agitationsschulen des CentrumS dahin, daß die Centrumsvertreter in Versammlungen die Furcht vor freier Diskussion mit Socialdemokraten ein wenig ablegen. Dann könnte der neue Versuch ganz günstige Folgen für die Austragung der politischen Kämpfe haben.—_ Uneinigkeit in der Freisinnigen Vereinigung. Wir citierten aus Dr. Barths Artikel in der„Nation" über die Stellungnahme seiner Partei zur Socialdemokratie, besonders bei den Landtags- ivahlen. Aber selbst innerhalb seiner Partei findet Dr. Barth Widerstand. Dr. Barih hatte in der„Nation" den Kampf zwischen Frei- sinnigen und Socialdemokratie eine Kraftvergeudung genannt. Dem gegenüber schreibt die„W e s e r z e i t u n g" offenbar in Ueber- einstimnnmg mit den führenden Kreisen der Freisinnigen Vereinigung in Bremen:„Dr. Barth ist diesem Gedanken schon bei den Reichstagswahlen nachgegangen. Schon damals haben ivir ihn gewarnt. Was ivir in Aussicht gestellt haben, nämlich daß das liberale Bürgert» in dieser Parole nicht folgen würde, das ist nur zu sehr eingetreten. Zu unserm Bedauern scheint die schmerzliche Lehre der Reichstagswahl noch nicht ein- dringlich genug gewesen zu sein. Herr Dr. Barth wird an- scheinend ganz fasciniert von der Heftigkeit des Kampfes der Socialdemokratie gegen den Zolltarif. So tief nun auch wir von dessen Verderblichkeit durchdrungen sind, so ntacht uns das doch gegen verschiedene Thatfachen nicht blind. Die Obstruktion hat nicht nur nichts genützt, sondern sie hat empfindlich geschadet, indem sie die Mehrheitsparteien unter sich und mit der Regierung zusammengebracht und indem sie die Nationalliberalen verleitet hat, einer Verschlechterung des Tarifs zuzustimmen.(Die„Weser-Zeitung" glaubt also die Märchen des Herrn Eugen Richter I Red.) Zum Schluß erteilt die „Weser-Zeitnng" dem Abg. Barth folgende Absage:„Wir hoffen ernstlich, daß unsre kleine Partei dem Fehler der Obstruktion nicht den größeren folgen läßt, dein Kampfe der Socialdemokratie gegen die be- ftehende staatliche und gesellschaftliche Ordnung Gewehr bei Fuß zu- zuschauen, weil die Abivehr nur eine Kraftvergeudung sei und den Reaktionären Freude mache. Noch viel mehr würden sich letztere entzückt fühlen, wenn' eine freiheitliche bürgerliche Partei bei solcher Abwehr versagte. Die Aufgabe der Freisinnigen dabei ist, die Wendung des Kampfes im reaktionären Sinne zu ver- hindern. Wenn der Liberalismus dabei versagte, so würde man auf der Rechten rufen:„desto besser, dann sind wir allein die Retter". Weite Schichten des liberalen Bürgertums verlangen die Beteiligung ihrer Partei daran. Bremen ist freilich nur ein einzelner Wahlkreis, aber er hat der Freisinnigen Vereinigung doppelt so viel Ssimmen zugeführt wie irgend ein andrer. Wir wollen Herrn Barth doch warnend mitteilen, daß, soweit unsre Fühlung reicht, niemand auf seinen Ruf eingehen will, nämlich den Kampf gegen die Socialdemokratie wegen Kraftvergeudung einzustellen. Wtr glauben auch, daß man nicht nur in Bremer frei- sinnigen Kreisen so denkt, sondern daß solche Ansichten weit ver- breitet sind. Mit einer Parole wie der Barthschen würde man auf der Linken unsrer Partei auch nicht eine Ssimme gewinnen, auf der Rechten aber einen Verlust erleiden, den der entschiedene Liberalts- mus nicht mehr tragen kaim."— Zuviel Patriotismus haben die Veranstalter der Kaiferparade den Kriegervereinen von Weißenfels zugetraut. Die Vereine von Weißenfcls Stadt und Land haben die Beteiligung an der Kaiser- Parade abgelehnt, weil jeder Teilnehmer 50 Pf. Eintrittsgeld be- zahlen soll. Wir können daZ den Kriegern nicht verdenken; in ihrem Interesse liegt doch die Teilnahine an der Parade ganz und gar nicht.— Wegen Wahlbetrugcs wurde, wie der„Volksztg." aus Erfurt gemeldet wird, von der dortigen Strafkammer der Maurer Banfe zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Er hatte bei der letzten ReichStagswahl nicht nur für sich, sondern auch für seinen abwesenden Schwager gewählt.— Antisemitismus im Heere. Durch die Presse ging kürzlich die Mitteilung, daß der Hauptmann der 10. Coinpagnie des 2. Schlesischen Grenadier-Regiments Nr. 11 die Einstellung eines Zwei- jährig-Freiwilligen wegen seines jüdischen Glaubens bean st anbete. Der.Vossischen Zeitung" liegt jetzt der Wortlaut der Antwort vor, die das Kriegs- Ministerium auf eine erhobene Beschwerde erteilt hat. Der Bescheid lautet: „Auf die Eingabe vom 19. Mai d. I. wird dem Centralverein ergebenst erwidert, daß das Verfahren der 10. Coinpagnie Grenadier-Regiments König Friedrich III.(2. Schlesischen) Nr. 11 bezüglich Abweisung des Handlungskoinmis Ludwig Hans Haupt- mann als Freiwilliger durchaus nicht gebilligt werden kann. Das Generalkommando VI. Arnteecorps hat das Erforder- liche veranlaßt. Eine von hier ausgehende allgemeine Verfügung ist nicht erforderlich. Allerhöchst mit der Vertretung des Kriegsministers beauftragt gez.: v. Einem.— An den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hier."— Zum Köller-KnrS in Nordschleswig wird der„Weser-Zeitung" im Anschluß an die Nachricht, daß das dänische Blatt„Det gamle Danncvirke" mitten im Ouartal sein Erscheinen einstellt, geschrieben: Frau v. Wildenradt-Krabbe hatte es unternommen, in„Det gamle Dannevirke" die dänische Protestpartei in Nordschleswig zu be- kämpfen.„Als Ziel ihrer Politik stellte sie zwar die Bewahrung der dänischen Sitte und Sprache in Nordschlcswig hin, aber da sie in dem Kainpfe die Front lediglich gegen„Flensborg Avis" und„Hejmdall" richtete, fand sie in der dänisch gesinnten Be- völkerung selbst sehr wenig Anschluß und Unterstützung. Es ist manchem Kenner der nordschleswigschen Verhältnisse ein Rätsel geblieben, wie dieses Blatt so lange über� Wasser gehalten werden konnte. In letzter Zeit ist aber von dänischer Seite die Be- hanptung aufgetaucht, daß es von der preußischen'Regierung subveutioiiiert sei. Diese Behauptung hat kürzlich den Gegenstand einer gerichtlichen Verhandlung gebildet, und ein neuer Termin ist anberaumt, in welchem Frau v. Wildenradt-Krabbe den Beweis an- treten sollte, daß diese Behauptung der Wahrheit entbehre. Mit dem Verschwinden von„Det gamle Dannevirke" ist auch der letzte Schein beseitigt, als ob die Kollcrsche Politik in Nordschleswig irgend etwas zur Milderung der Gegensätze beigetragen und insbesondere irgend ein Bruchteil der dänischen Bevölkerung den alten Führern entfremdet hätte."— Sächsische Ministerweisheit. Der sächsische Finanzminister Dr. N ü g e r hat am Geburtstage des Königs Georg bei dem Fest- mahl der Behörden eine Rede gehalten, in der es unter anderm heißt: „Unsre Staatsform ist monarchisch, und ein rechter Bürger und Diener des Staates kann und darf nicht anders gesinnt sein als monarchisch. Dies mit allem Nachdruck zu betonen ist zu heutiger Zeit wohl von nöten. Nicht ohne schwere Besorgnisse kann der VaterlandSfteund in die Zukunft blicken. Eine politische Partei, die den Umsturz aller bestehenden staatlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen „ud Verhältnisse auf ihre Fahne geschrieben hat, eine Partei, die fast allein, was dein deutschen Sinne, dem deutschen Herzen und Gemüt von jeher lieb und teuer gewesen ist, nicht nur kein Verständnis entgegenbringt, sondern nur Spott und Hohn dafiir besitzt, strebt nach Alleinherr- s ch a f t. Sie hat es verstanden, sich auch in unsrem engeren Vaterlande eine, wenn vielleicht auch nur der Zahl nach bedeutende Anhängerschaft zu verschaffen. Gegenüber d i e s e r b e d r o h l i ch e n Entwicklung ist es Pflicht eines jeden, der sein Voll liebt und an eine gluckliche Zukunft des sächsischen Staates und des Deutschen Reiches glaubt, die Fahne der Monarchie hoch zu halten, sich mit Gleichgesinnten zu scharen um unfern König und bei ihm auszuharren m guten und bösen Tagen." Der Miltister gestattet sich die große Mehrheit des Volks, die sich zur Socialdemokratie bekennt, zu beleidigen, indem er sie„nur d e r Z a h l»ach bedeutend" schilt. Zugleich leistet er die erheiternde Behauptung, die an Zahl so bedeutende Partei strebe„nach Allein- Herrschaft"; wenn eine Handvoll Großgeldsäcke und Bureaukraten- fainilieir das Land beherrschen und die Mehrheit schmählich entrechtet ist, so ist das gewiß nicht„Alleinherrschaft", nur wenn die Mehrheit auch Einflutz fordert, so ist das Streben nach Alleinherrschaft und — natürlich—„Umsturz aller staatlichen und wirtschaftlichen Ver- hältnisfe". Das ist die Art der sächsischen Granden, durch welche gerade der schmähliche Zusammenbruch der„Ordnungsherrlichkeit" herbei- geführt wurde. Durch diese Politik ist die„bedrohliche Entwicklung" — bedrohlich dem Unrecht!— entstanden und sind derer allerdings wenige gelvorden, die dem Rufe des FinanzminifterS folgend, bei dem Könige, der solche Minister hat, ausharren mögen.— Die sächsische Wahlrechts-„Rcforlu". Von der Handelskammer Plauen als Vorort ist im Namen sämtlicher sächsischen Handels' kammern an das Ministerium des Innern das Ersuchen gerichtet worden, es wolle zu der geplanten Vorberatung einer Wahlrcchts-Veränderung von jeder Handelskammer einen Vertreter zuziehen. Das Ministerium hat hierauf, wie das „Dresdner Journal" mitteilt, erwidert. „Bei der bevorstehenden Beratung der von der königlichen Staatsregierung ins Auge gefatzteu Aenderung des Landtags- Wahlrechts handelt es sich nicht, wie die Handelskammern anzu- nehmen� scheinen, um eine nach parlamentarischer Art tagende und beschlietzende Versammlung; vielmehr ist die Absicht der königlichen Staatsregierung nur auf eine vertrauliche und unverbindliche Besprechung mit einer Anzahl von Vertrauensniännern gerichtet, mit denen vor der Beschlutzfassung wegen Einbringung einer Vor- läge an die Stände Fühlung genommen werden soll. Darüber, wer zu dieser Besprechung berufen werden soll, liegt noch keine endgültige Entschlietzung vor; doch wird der Kreis der Einzuladenden keinesfalls sehr weit gezogen werden können." Die sächsische Wahlrechts-„Reform" gestaltet sich, ehe sie nur recht begonnen, zu einer wahrhaften Lächerlichkeit und zu einer neuen Blamage für die Metzsch-Regierung.— „Der Staat ist in Gefahr.. Vor grotzer Gefahr wurde der„liberale Musterstaat" Boden wieder einmal geretteet. Wie der Karlsruher„Volksfreund" berichtet, ist der in Konstanz ansässig gewesene Mechaniker Paul Schlesinger aus Baden ausgewiesen worden. Was hatte er verbrochen? Der Ausgewiesene gehörte vor neun Jahre" den östreichischen unabhängigen Socialisten an, und wurde damals in Ungarn wegen politischer Vergehen bestraft. Seit jener Zeit arbeitete er in Norddeutschland, Bayern usw., hielt sich vom politischen Kampfe fern, verkehrte als ehrenwerter und persönlich liebenswürdiger Mensch in Bürgerkreiscn, und ist deshalb nichts weniger als„staots gefährlich." lieber seine Arbeitsleistungen stehen ihm die besten Zeug' nisse zur Verfügung. Weshalb wird er nun von Land zu Land gehetzt? Weil die Polizei ihn f ü r e i n e n A n a r ch i st e n hält. Ein hoher Beamter hat es dem Arbeitgeber verraten, als dieser um Zurücknahme der Ausweisung bat:„Ja, wenn er uns aber den Großherzog erschießt!" Weshalb die kluge badische Polizei aber die Ausweisung um einige Tage verschoben hat, erklärt der Konstanzer Korrespondent der „Franks. Ztg." folgendermatzen: „Schlesinger hatte offen angegeben, er reise nicht nach Oesweich, sondern in die Schweiz. Und in der Schweiz war um jene Zeit noch der Grotzherzog. Jetzt, wo dieser in Karlsruhe oder Heidelberg weilt, jetzt rasch mit dein gefährlichen Schlesinger in die Schweiz, bevor der Grotzherzog auf die Mainau kommt." Wie, wenn aber der„gefährliche Anarchist" sich in der Schweiz einen Bart und eine Perücke kauft und zurückfährt?— Ein Gesetz gegen Verkehr und VolkSernährung. Ueber die Schwierigkeiten, die das F l e i s ch b c s ch a u- G e s e tz bereitet, schreibt die„Frankfurter Zeitung": „DaS Fleischbeschau-Gcsetz, auch eine„Errungenschaft" der agrarischen Politik, ist ein wahrer Exerzierplatz für bureaukratischc Auslegungskunst geworden. Die Bestiinmungen dieses Gesetzes sind nämlich so unbestimmt, datz viel Scharfsinn dazu gehört, ihren Sinn zu ergründen. Der Handelsminister hat nach einer Bekanntmachung im„Ministerialblatt" neuerlich auf Grund des Gesetzes entschieden, datz Blut nur in ganzen Tierkörpern eingeftihrt werden darf. Wie da? zu machen ist, erscheint einigermahen unklar. Denn geschlachteten Tieren wird in der Regel das Blut entzogen Es scheint also, datz man nach Meinung des Handelsministers das Blut zwecks Einfuhr wieder in ganze Tierkörpcr einfüllen muh. Aber richttg ist seine Entscheidung auf Grund der Herr- lichen Gesetzesbestimmungen ohne Zweifel. Nun erhebt sich freilich die weitere Frage, wie es mit gesalzenem Blut gehalten werden soll? Ist gesalzenes Blut zubereitetes Fleisch oder gilt eS als frisches Blut? Diese Frage ist so kitzlich, datz sie mcht einmal der Herr Handelsniinister mitsamt seinen Räten, zweifellos lauter gescheite Herren, zu entscheiden wagt. Das ist aber auch gleichgülttg, denn man hilft sich damit, datz eben die Einfuhr von gesalzenem Blut verboten wird. Das ist einfacher, als wenn man cS erst zur Einfuhr in ganze Tierkörper einfüllen mühte. Die Einfuhr von gekochten Lebern bleibt ebenso wie die ftischer verboten. Aber ein Ausweg zeigt sich hier. Wenn man z. B. die inneren Organe mit andren Fleischteilen(Lunge, Leber, Herz mit Kopsteilen, Zunge-c.) so verbunden lätzt, datz sich Stücke von 4 Kilogramm Gewicht ergeben und diese pökelt, so können sie kraft des Fleifchbeschau-Gesetzes eingeführt werden. Der Handelsminister bestättgt das ausdrücklich, nur müssen die Stücke auch durch- gepökelt sein, d. h. die Eigenschaft von ftischem Fleisch verloren haben. Es ist, wie gesagt, ein herrliches Gesetz, dieses Fleisch beschau-Gesetz. Es illustriert wahrhast glänzend das Zeitalter des Verkehrs, in dem wir leben. Hätte ein Satiriker solche Bc- stimmungen erdacht, man würde sie für unmöglich halten. Hier aber sind sie Wirklichkeit, wie die Bekanntmachungen eines königlich preuhischen Ministers beweisen. Wir haben es freilich weit gebracht!"— Wegen Majestätsbeleidigung wurde in Planen i. V. nach dem „Berk. Tagebl." ein Geschäftsreisender aus Dresden zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Es handelte sich um eine Aeutzerung über den König von Sachsen, die an einem Stammtisch gefallen war.— HueUmcL Das Veto gegen RampollaS Wahl. Gleich nach der Wahl Sartos zum Papst wurde in italienischen Blättern berichtet, datz als die Abstimmungen des Conclave zeigten. Rampolla werde schlietzsich als Sieger aus dem Wahlkampf der Kardinäle hervorgehen, von feiten der östreichischen Kardinäle erklärt worden sei, in diesem Falle würde Oestreich-Ungarn von seinem Vetorecht Gebrauch inachen. Erst nach dieser Ankündigung hätten sich bei der fünften, sechsten und siebenten Abstimmung die Chancen Sartos mehr und mehr gebessert. Die Angaben wurden damals vielfach besttitten. Jetzt kommt die„Germania" selbst und bestätigt sie.„Kardinal Rampolla stand", berichtet sie,„bis zum Sonntagabend an der Spitze der Liste und würde aller Voraussicht nach die zur Zweidrittel-Majorität noch fehlenden zwölf Stimmen erlangt haben, wenn nicht seitens Oestreichs gegen seine Wahl ein entscheidender Schritt geschehen wäre. Die Zahl seiner Anhänger ging infolgedessen von Sonntagabend bis Dienstagmorgen von 30 auf ein Drittel dieser Ziffer zurück." Zugleich giebt sie die Stimmenzahlcn an, welche die Hauptreflektanten in den verschiedenen Wahlgängen erhielten. Danach fieken bei der ersten Abstimmung auf Rampolla 24, Gotti 17, Sarto 5 Sttmmen. Die folgenden Wahlgänge ergaben: Rampolla 29. Gotti 16, Sarto 10— Rampolla 29. Sarto 21, Gotti 9— Rampolla 30. Sarto 24, Gotti 3 Sttmmen. Dann trat infolge des Vetos, das .Inangriffnahme der Alterspensionen für nach dieser Abstimmung im Namen Oestreich- Ungarns gegen Ram- polla eingelegt wurde, ein Umschwung ein. Am folgenden Tage erhielten Sarto 27, Rampolla 24, Gotti 6, dann Sarto 3S, Rampolla 16, Gotti 7, und bei der siebenten Abstimmung Sarto 50, Rampolla 10, Gotti 2 Sttmmen. Natürlich hindert das Wissen um diese Vorgänge die klerikalen Blätter nicht, salbungsvoll zu behaupten, der„heilige Geist" habe die Wahl der Kardinäle auf Sarto gelenkt.— Frankreich. Charles LonguctS Bestattung. Paris, 10. August.(Eig. Ber.) Ch. Longuets Bestattung fand gestern auf dem Pere-Lachaise- Friedhof unter zahlreicher Beteiligung statt. Auch Mitglieder der Revolutionär-Socialistischen Einigkeit gaben dem Kommunekämpfer das letzte Geleit. Unter den vielen gespendeten Kränzen seien er- wähnt die des hiesigen socialdemokratischen deutschen Leseklubs und der Londoner Socialisten. Ani Grabe sprachen der alte Kommunard M a r t e l l e t, der Sekretär des jaurösistischen Jnterföderalen Komitees O rr h, das revolutionär-socialistische Mitglied des Pariser Gemeinderats Lau drin, ebenfalls ein Kommunekämpfer, im Namen der socialistischen Gemeinderatsgruppe Anatole France, Mitglied der Fran- zösischen Akademie(der 40„Unsterblichen"), als alter Jugendfreund des Verstorbenen, ferner Fourniere, Clouzel, G. Bertrond namens der„Pettte Rspublique" und Romme namens der Föde- ration der unteren Normandie.— Aus der Ansprache von Anatole France seien folgende Sätze angeführt, die ebenso für den Ver- storbenen wie für den in den letzten Jahren zum Socialismus be- kehrten Schriftsteller Anatole France charakteristisch sind:„.. Man darf sagen, datz ep trotz seiner sechzig Jahre jung gestorben ist, so wenig hatten die Jahre die Wärme seines Herzens und die Klarheit seines Gedankens angetastet... Er war ein hartgestählter Charakter. Die Leiden, die glorreichen und schrecklichen Niederlagen, die schwere Arbeit der Propaganda hatten ihn nicht ermüdet. Er hatte den Opttmismus der Arbeitsamen und der Tapferen. Er hat nie an der Sache des Volkes, nie am Fortschritt der socialen Ge- rechtigkeit gezweifelt... In der That, man darf, wie es scheint. ohne sich dem Reize gefährlicher Illusionen hinzugeben, hehre Hoff- nungen fassen, wenn man sieht, wie das Proletariat in Frankreich, Deutschland, England und den Vereinigten Staaten trotz der ihm von allen regierenden und besitzenden Mächten entgegengestellten Hindernisse, in der organischen Entwicklung seiner Energieen fort« schreitet und langsam aber sicher die Eroberung der Macht in der ftiedlich gewordenen Welt vorbereitet. Dies der Gedanke, der diesem Grabe entsteigt..."— CombeS' Programmrcde. Paris, 10. August.(Eig. Ber.) Die Rede, die der Ministerpräsident vorgestern auf dem Lehrerkongretz zu Marseille gehalten hat. ist vor allem deshalb von Interesse, weil sie die neuesten tendenziösen Gerüchte über den bevorstehenden Rücktritt des Kabinetts nachdrücklich als ein politisches Manöver entlarvt: Die Regierung werde der Mehrheit nicht untreu werden, sondern mit allen Fraktionen des„Blocs" ihr ganzes Programm zu ver- wirklichen suchen. Sie werde erst dann demissionieren, wenn irgend eine Gruppe der Mehrheit den„Bloc" verließe. Mit einer neuen Mehrheit wolle Combes auf keinen Fall forttegieren. Was das Programm bettäfe, so läge dessen Schwerpunkt nach wie vor im anttklerikalen Kampfe. Dabei wiederholte CombeS seine bereits im Senat ausgesprochene Drohung, der Trennung zwischen Kirche und Staat näherzutreten, da die Regierung sonst gegenüber der„herausfordernden" Haltung des hohen Klerus ohn- , nächtig sei. Ferner erwartet er vom„Bloc" das baldige endgültige Votum der zweijährigen Dienstzeit(durch die Kammer) und der Altersunter st ützungs-Reform(durch den Senat). Im Hintergrunde stehen die altersgrauen demokratischen Forderungen, die Einkommensteuer und die ungeheueren(redoutablen) Frage der Arbeiter".— Italien Italienische Camorristen. Rom, 10. August.(Eig. Ber.) Mit der Verurteilung einer Gaunerbande, die seit vielen Jahren den öffentlichen Geldern der Stadt und Provinz Neapel gefährlich war, hat am 6. August ein seit vielen Monaten dauernder Prozeß vor dem Neapolitaner Strafgericht seinen Abschluß gefunden. Auf der Anklagebank saßen der frühere Abgeordnete eines neapolitanischen Wahlkreises, Alberto Casale, der ftühere Bürgermeister Neapels, S u m m o n t e, ein Stadtrat de S i e n a, der Sekretär Casales, d' A m e l i o, ein Stadtschrciber d'Orlanda, der frühere Direktor der Beleuchttmgsgesellschaft Neapels Victor Kraft und viele andre. Daß diese großen Fische schließlich im Netz der Justiz stecken blieben, ist der Thätigkeit der Neapolitaner Socia- listen zu verdanken, die zuerst gewagt haben, Casale und Genossen anzugreifen. Damals— vor 2Vg Jahren— war Easale eine macht- volle Persönlichkeit, der populärste und einflußreichste Mann in ganz Neapel. Wer eine Stellung in der Stadtverwaltung, in den Wohl- thätigkeitsanstalten, in den städtischen Schulen und Museen haben wollte, der wendete sich an ihn— direkt oder durch Vermittler—, er brauchte mir etwas draufgehen zu lassen und die Bewerbung glückte. Casale war der Manu der alles kannte, er hatte seine Hände überall, der Bürgermeister Suni monte tanzte nach seiner Pfeife und viele andre hohe Herren, die mit ihm gemeinsam auf Raub ausgingen und mit ihm die Beute teilten, warteten nur auf den Wink des Abgeordneten Casale. Sogar auf die Justtzbehörden hatte Casale Einflutz, und man ging auch zu ihm, um die Entlassung eines Verhafteten oder die Freisprechung eines Verbrechers zu erbitten. In der Fülle seiner Macht wurde Casale von den Socialisten in der Wochenzeitung„Propaganda" angegriffen und aller möglichen Gaunereien überftihrt. Der Beschuldigte— ein kühner, aber nicht sehr intelligenter Mann— erhob die Verleumdungsklage und gestand der„Propaganda" das Recht zu, den Wahrheitsbeweis ihrer Behauptungen zu erbringen. Casale vertraute Ivohl auf seine Allmacht, aber er hatte sich verrechnet. Die„Propaganda" erbrachte den Wahrheitsbeweis, wurde freigesprochen und es folgte ein ungeheurer Skandal, der zur Auflösung dcs Stadtrats von Neapel, zu der Demission Casales als Parlamentsmitglied und zu einer Regierungs enquete über die Stadtverwaltung Neapels durch den Senator G a r e d o ftihrte. Die Enthüllungen dieser Enquete sind noch in aller Gedächtnis. Sie hat gezeigt, datz sich in sämtliche Verwaltungskörper Neapels eine Räuberbande eingenistet hatte, die ganz offenkundig und schamlos votz. öffentlichen Geldern lebte, Aemter verschacherte. Submissionsverträge verkaufte und sich jeden der Stadt und ihren Finanzen zugefügten Schaden von den Jnter- essenten reich bezahlen ließ. Aus der Enquete folgte der jetzt beendigte Prozeß. Er endet nicht mit einer furchtbaren Verurteilung, wie sie vielleicht die Schwere der Verbrechen voraussehen ließ. Immerhin be seitigt das Urteil für allezeit die Camorristenbande Casale und Genossen, die fiir das bürgerliche Leben tot und begraben sind. Verurteilt wurden Casale und Summonte zu je drei Jahren ein Monat Gefängnis, d'Amelio zu zwei Jahren neun Monaten, Stadtrat deSiena und der ftühere Direktor der BeleuchtungS- aesellschaft, Victor Kraft zu 21l2 Jahren, der jetzige Direktor der selben Gesellschaft, Perouse, zu einem Jahr drei Monaten, die städtische Lehrerin Errico zu einem Jahr neun Monaten, Orlando zu 14 Monaten, vier andre Angeklagte zu Strafen von einem zu Ve Jahr; 15 Angeklagte wurden freigesprochen.— Abschaffung der Zwangsjacke. Rom. den 10. A u g u st. Die ministerielle Kommission, die das italienische Gcfängniswcsen prüfen und Reformvorschläge machen soll, hat beschlossen, die Abschaffung der Zwangsjacke, dieses beliebten Strafmittels unsrer Gefängnisse, zu fordern. Diese Abschaffung wird demnächst durch königlichen Erlatz erfolgen. Veranlaßt ist diese Maßnahme durch den Tod des unglücklichen Matrosen d' A n g e l o, den man in Regina Coeli durch Anlegung der Zwangsjacke— freilich in einem Matze, das auch das bisherige Reglement nicht billigte— grausam zu Tode ge bracht hat.— England. Die Arbeiterabgeordneten und der Zollverein. London, 10. August.(Eig. Ber.) Der Widerstand gegen Mr. Chamberlain» Pläne wächst in dem Matze, als wir uns der Parlamentsauflösung und dem Wahlkampfe nähern. Die Hauptgegner zollpolittscher Aenderungen sind die Finanzleute, Reeder. Textilfabrikanten und die Gewerkschaften. Alle werden sie vom Cobden-Klub mit der nötigen Freihandelslitteratur versehen. In dieser Centtale wurde auch für die Arbeiterabgeordneten ein Manifest an die freien brittschen Kolonien Australien. Neuseeland und Kanada entworfen, in dem gegen den Zollverein protesttert wird. Das Manifest ist unterschrieben von W. Abraham, Bell, Broadhurst, Burns, Burt, Cremer, Crooks, Fenwick, Keir Hardie, Henderson, Pickard, Shackleton und John Wilson. In dem Manifest heitzt es:„aller rhetorischen Verzierungen ent- kleidet, geht Mr. Chamberlains Plan dahin, unsre Nahrungsmittel zu Euren Gunsten zu besteuern. Wir in der alten Heimat wissen aus Erfahrung, datz die Besteuerung der Nahrungsmittel viel Elend unter der ärmeren Bevölkerung erzeugt, von dem Ihr mit Euren bedeutenden Hilfsquellen und geringerer Bevölkerung keine richttge Vorstellung haben könnt. Unsre Väter haben darunter gelitten, und es ist möglich, datz die ältere Generation unter Euch sich noch an jene bitteren Zeiten erinnert. Wir haben hier in der Heimat eine Bevölkerung, die die heimische Nahrungsmittelzufuhr weit übersteigt. Diese Bevölkerung wurde in den letzten fünfzig Jahren unterhalten durch eine stettg zunehmende Nahrungsmittel-Einfuhr auS allen Gegenden der Welt. Bei Euch ist dies anders: Ihr erzeugt mehr Nahrungsmittel als Ihr braucht und seid ans die Ausfuhr derselben angewiesen. Wir führen so viel ein, um ein Defizit zu decken, das auf drei Viertel unsrer Konsumtton geschätzt wird. Schon diese einfache Thaffache zeigt die enorme Bedeutung, die eine Aenderung in unsrer bisherigen Politik der fteien Einfuhr für England haben kann.� Der Unterschied zwischen verzollter und zollfreier Nahrung bedeutet für die Massen unsres Volkes einen Unterschied zwischen blotzer Existenz und wirklichem Mangel. Wir glauben deshalb, datz Ihr nie begriffen habt, was Nahrungs« mittelsteuern bedeuten, oder aber Mr. Chamberlain thut Euch Un» recht, wenn er uns sagt, datz Ihr danach verlangt. Wir haben im 13. Jahrhundert die Hälfte unsres Reiches verloren, da wir das Recht beanspruchten, die Kolonien zu unsren Gunsten zu besteuern: jetzt aber sagt man uns, wir würden Euch verlieren, wenn wir uns nicht zu Euren Gunsten besteuerten. Unser Verlangen im 18. Jahr- hundert war ungerecht gegen die Kolonien und die Sttafe blieb nicht aus. Soll nun das umgekehrte Verfahren gerechter und von glück- sicheren Folgen begleitet sein? Allein wir glauben nicht, datz Ihr ein derartiges Verlangen gestellt habt. ES wäre ja auch nicht im Sinne der charakteristischen Ueberlieferungen unsrer Rasse, wie sie in den Kolonien und in der alten Heimat zu finden sind. Ebensowenig wäre ein derartiges Verlangen in Einklang zu bringen mit den großen Grundsätzen gleicher Frei- heit und Gerechtigkeit.... Wir richten daher diesen ernsten Auftuf an Euch und bitten, uns im Kampfe gegen diese schädlichen Pläne zu helfen."— Vorschläge zur Beschränkung der Einwanderung in England. Die Kommission für Frcnrdeneinwanderung empfiehlt, datz die Ein- Wanderung gewisser Klassen von Fremden unter staatliche Ueber- wachung gestellt werde. Ein Einwanderungsamt soll errichtet werden, um den Zutritt von Personen mit schlechtem Leumund, die dem Staate lästig werden konnten, sowie von solchen, die an ekel« erregenden und ansteckenden Krankheiten leiden, zu verhindern. Die Kommission stellt fest, datz die letzte Zunahme der Ein- Wanderung hauptsächlich dem Zufluß russischerund polnischer Juden zuzuschreiben sei irnd empfiehlt besonders die Ueberwachung der aus dem öst- lichen Europa kommenden Einwanderer. Die Schiffseigentümer sollen gehalten sein, Einwanderer gegebenenfalls nach dem Einschiffungshafen zurückzubringen. Der Richter soll befugt sein, einen Einwanderer zum Ver- lassen des Landes air zuhalten, und wenn dieser nicht gehorcht, soll er als Landstreicher bestraft werden. Türkei. Konstantinopel, 11. August.(Meldung des Wiener K. K. Telegr.-Korrcsp.-Bureaus.) Die von der Türkei an die Witwe des ermordeten Konsuls Rostkowski zu zahlende Entschädigung wurde auf 200 000 Fr. festgesetzt. Die Empfangnahme der Entschädigung russischerseits ist noch nicht erfolgt. Der abgesetzte Mali von Monastir wird von einer Eskorte nach Tripolis in Aftika gebracht werden. Es verlautet, datz bei Ncvrekop im Sandschak SereS ein drei Tage dauernder Kampf zwischen türkischen Truppen und einer Komiteebande stattgefunden hat; Einzelheiten über den Kampf fehlen noch.— Serbien. Ministerkrise. In Serbien kriselt es schon wieder. Wie da? Wiener K. K. Telcgr.-Korresp.-Bureau aus Belgrad meldet, ist dort heute infolge von Differenzen zwischen dem Kviegsminister Atanazkowitsch und den übrigen Ministern eine Ministerkrisis aus- gebrochen.—_ Landtagswahlbewegung. Nationalliberale Worte. Die„Nationalliberale Korrespondenz" äußert sich wie folgt übet die Lage in Preußen:„Für den voraussichtlich am 27. September stattfindenden Delegiertcntag der preußischen nationalliberalen Partei in Hannover zerbrechen sich sowohl die Konservativen wie das Centrum bereits seit einigen Tagen die Köpfe um das Wohl und Wehe des künftigen Geschickes der Nattonalliberalen und um die Einigkeit und Einheit in deren Reihen. Diese unnütze Sorge entspringt der Befürchtung der bisherigen konservativ» klerikalen Mehrheit, ihre Phalanx durch die bevorstehenden Landtags- wählen arg erschüttert zu sehen. Mutz der Gedanke und das Ziel einer großen liberalen Partei auch für manches Jahr noch in das Gebiet polittfcher Träume verwiesen werden, so finden sich doch die verschiedenen Gruppen des Liberalismus auf dem gemeinsamen Boden zur Einschränkung der reaktionären Macht des agrarischen Konservativismus und des Centrums zusammen. In diesem Kampfe steht die nationasiiberale Partei Preußens in vollster Geschlossenheit als Vorkämpferin des Liberalismus den beiden großen reattionären Parteien des Abgeordnetenhauses gegenüber. Mit um so schärferem Rüstzeug mutz sich aber diesmal die nationasiiberale Partei versehen, als zu befürchten steht, datz die Regierung in Rücksicht aus die Handelsverträge den Konservativen und dem Centrum wiederum weitere Zugeständnisse zu machen sich genötigt fühlt. Ein grotzer Teil der Konservativen hat sich bereits gegen die HandelSverttäge erklärt: das Centtum bewilligt sie nicht ohne„Aequivalente". deren Werte aber in Preutzen liegen. So werden sich die eigentlichen Kämpfe um die Handelsverträge auf dem Boden des preutzischen Land- tages abspielen, und in den Fragen um die Kanal- Vorlage und das Schulgesetz zum Austtag gelangen. In diesen grundlegenden Fragen besteht innerhalb der nattonalliberalen Partei auch nicht die leiseste Differenz, und jedes Parteimitglied ist sich der ihm zufallenden Aufgaben in dem bevorste�mdm� der klerikal- wie in der parlamentarischen Arena... voll bewußt: datz es in erster Linff S'».,> reakttonären Vorherrschaft im preußischen �bgeordneienhawe wirksamen Damm entgegen zu bauen.?on duwm Geiste wud de Delegiertentag in Hannover beseelt ftn und einm mtjpi ech enden Ausdruck in dem dort zu beschließende. Wahlauftuf finden. Eue Indurtric und Handel. Zur Geschäftslage der Gcr.naniawerft. Die Be�Migung�er bekanntlich der Attiengesellschast Krupp zugehörigen Germamawersl In fttcl läßt, wie der„Wes.-Ztg." geschrieben wird, gegenwärtig sehr viel zu wünschen übrig. Die Vcrwalwng bemühte sich aber schon seit Monaten mit bemerkenswertem Erfolg, den bewährten Stamm von Arbeitern festzuhalten und nehmen nur in dringenden Fällen vereinzelt Entlassungen vor. Allerdings sei es schon seit längerer Zeit erforderlich geworden, die Arbeitszeit einzuschränken; auch in den nächsten Wochen werde noch eine beschränkte Arbeitszeit beibehalten werden müssen. Bei den meisten mittelgroßen Werften sei der Beschäftigungsgrad besser als bei den größten Unternehmen dieser Art, denn jene Betriebe, die auch kleinere Arbeiten wie Re- paraturen nicht verschmähen, begnügen sich gern mit bescheidenem Nutzen, nur um nicht unthätig bleiben zu müssen: der sogenannte Tagesbedarf, den sie in erster Reihe zu befriedigen haben, sichere ihnen auch zu Zeiten, in denen die Geschäftslage der Reedereien im allgemeinen wenig befriedigend ist, verhältnismäßig gute Be- schäftigung. Indiens Außenhandel. Verglichen mit dem Vorjahr zeigt das am 31. März 1903 abgeschlossene Fiskaljahr nur geringe Unterschiede im Außenhandel. Die Ein- und Ausfuhr Indiens tn den letzten fünf Jahren stellte sich wie folgt: 1902/3 1901/2 1900/01 1899/1900 1898/9 Pfund Sterling Einfuhr 62 525 300 54 340 000 60 851 900 47141200 45 586 900 Ausfuhr 83 920 500 80 803 400 09 440 000 70 455 800 72 900 200 Einfuhr 1902/3 1899/1900 1893/9 Jnsges. 130 445 800 135149 400 120 291900 117 597 000 118 480 100 Der Rückgang in der Einfuhr entfällt zum größten.Teil auf Textilwaren und Rübenzucker. Zwei Drittel der Einfuhr nach Indien stammt aus dem Vereinigten Königreich. Die folgende Tabelle zeigt den prozenwalen Anteil der verschiedenen Länder an der indischen Einfuhr: in Prozent: 1901/2 1900/1 Vereinigtes Königreich Belgien..... Rußland..... Oestreich-Ungaru,. Straits Scttlcincut. China...... Deutschland.... Mauritius.... Frankreich.... Vereinigte Staaten. Der Rückgang der Einfuhr a»S Deutschland und Oestreich Niigctrn entfälltvauf Zucker und ist die Folge der erhöhten Ausgleichs� zölle, die fast die ganze Znckereinsilhr aus Deutschland und Oestreich verhinderten. Außenhandel Frankreichs in 1902. Nach der endgültigen amt- lichen Statistik der Zolldirektion über den Außenhandel Frankreichs im Jahre 1902 betrug der Wert der Einfuhr 4 394 019 000 Frank gegen 4 369 194 000 Frank im Vorjahre, der Wert der Ausfuhr 4 252 131 000 Frank gegen 4 012 941 000 Frank im Vorjahre. Zwei Klagende. Herr Schottlaender, Verleger des„Kon- fektionärs", fühlt sich durch einen Artikel des„Handlungsgehilfen- Blattes" beleidigt und will klagen. Herr Dr. Max Wittenberg, Gutachter uvd litterarischer Vertreter verkrachter Hypothekenbanken, der als Fabrikant„wissen- schaftlicher Arbeiten" im Pommernbank-Prozeh in so hohem Maße unfreiwillig hervortrat, hat wegen der Kritik seines Verhaltens gegen den Handclsredakteur Georg Bernhard eme Beleidigungsklage angestrengt._ Partei- l�acbncbten. Zur Marburger Stichwahl-Angelegenheit erhalten wir folgendes Schreiben: Auf Ihre Notiz in Nr. 184, auf die ich erst verspätet von Partei- genossen aufmerksam gemacht worden bin, bemerke ich folgendes: Ich kam am Abend des 23. Juni von einer viertägigen Reise zurück und wußte nichts über die Entwicklung der Marburger Stichwahl-Angelegenheit. Als ich am folgenden Morgen im„Vor- wärts" den Artikel las, dessen Inhalt ich vollständig billigte, telegraphierte ich ihn an den mir persönlich bekannten Herrn von Gerlach. Wen» die„Mitteldeutsche Sonntagszeitung" eine solche ganz spontane und einseitige Mitteilung als Paktieren mit dem Gegner bezeichnet, so ist das eine Entstellung der Thatsachen. Ich wüßte nicht, weshalb ich das Telegrannn hätte unterlassen sollen, da die Artikel des„Vorwärts" doch wohl nicht als Staats- geheimnis der Partei zu behandeln sind. Auf den Gedanken, daß ich zur Weiterverbreitung einer jeder- mann offenkundigen Zeitungsnotiz erst die Erlaubnis des Marburger Wahlkomitees einholen müßte, konnte ich um so weniger kommen, als ich von dem Beschluß auf Wahlcnthaltung meiner Reise wegen nichts in den Zeitungen gelesen hatte und es für unglaublich halten mußte, daß Genossen indirekt eineii Anhänger der Hiingerpolitik und Gegner des bestehenden Reichstags-Wahlrechts unterstützeii köimteii. Uebrigcns durste ich annehmen, daß die Notiz im„Vorwärts" schon von ihrem Verfasser den Marburger Parteigenossen direkt übermittelt worden wäre, weil sie ja sonst verspätet und ohne jeden praktischen Einfluß gewesen wäre. Der Grund des LärmS ist einfach, daß die Marburger Genossen, die für Stimmenthaltung votiert haben, fühlen, daß sie sich blamiert haben. Ich begreife, daß sie das ärgert, aber sie sollten anstatt krampfhaft nach einem Sündenbock zu suchen, die Schuld an ihrer peinlichen Lage bei sich selber finden und dankbar sein, wenn man sie davor belvahrt haben sollte, sich und die ganze Partei in noch weit höherem Grade dadurch zu blamieren, daß sie einem Reaktionär wirklich zu einem Reichstagssitz verholfen hätten. Berlin. 12. August 1903. Wolfgavg Heine. poU»Uld»eo» 0erid)tUehta ukw. EineS schweren Bergrhens gegen die Pflichten, die sein Amt ihm auferlegt, hat sich der Vertreter der Halleschen Polizei, Herr v. H o l l y, schuldig gemacht. Noch vor wenigen Monaten erklärte der Herr es eines Polizeibeamten ftir unwürdig, mit einem social- demokratischen Stadtverordneten in Verbindung zu treten; jetzt wendet er sich selber mit einem„Ersuchen" an den in seinen Augen doch zweifellos„socialistischen" Arbeiter-Sängerbund. Noch merkwürdiger als diese Dhatsache ist der Anlaß, der Herrn v. H o l l y zu seinem Anliegen an die Arbeitersänger veranlaßte. In Halle wird nämlich in nächster Zeit der Kaiser erwartet, und Herr v. H o l l y ersucht nun den Arbeiter-Sängerbund, sich— an der S p a l i e r b i I d u n g zu beteiligen I— Hat Herr v. H o l l y vielleicht aus der Diskilsston über das Zu- Hofe» gehen schon Konsequenzen gezogen, oder ist seinem scharfen Auge bei der Unter- schrift der Lapsus des betreffenden Unterbeamten entgangen, der— offenbar nach der polizeilichen Vereinslffte— die Schriftstücke in Massen ausferttgte? Das Hallesche„Volksblatt" scheint das letztere anzunehmen, denn zu den zahllosen Kommissionen, die aus Anlaß des Kaiserbcsuches in Halle bereits gebildet sind, schlägt es als r'»ette vor eine: >poun,a)eoegrsfsverwechselungSverhinderungs-Kommission. m wf? ln„'�chlagnahmte Heft der„Dokumente des «oeiolismus" wurde unse-m Genossen Garbe dortselvst durch die HHon tme&et zugesullt. Von der polittschen Reife bürger- ' Zeugt es, daß dieselben ihren Lesern aus Anlaß uach einen, Flugblatt-Manuskript eine Grusel- vorsetzt Beschlagnahme„verbotener" socialistischer Schriften Der Prozeß Humbert. Paris, 11. August. Als erster Zeuge wird der Advokat Parmentter aufgerufen, der feit dem Jahre 1834 die sagenhasten Crawfords vor Gericht vertreten hat. Das Verhör dieses Zeugen gestaltet sich von vornherein dadurch recht interessant, daß er sich in die lebhaftesten Widersprüche verwickelt. Zunächst erklärt er, daß die Crawfords wiederholt bei ihm gewesen wären und durchaus keine Aehnlichkeit mit den Brüdern Daurignac gehabt hätten. Der Präsident, der heute jede Ironie beiseite läßt und schneidig die Verhandlung führt, macht zur Abschwächung der Aussage Parmentiers die Geschworenen sofort darauf aufmerksam, daß gegen jenen lange Zeit ein Ber fahren wegen Mitschuld an dem Crawford-Schwindel geschivebt habe und daß man sich auch heute noch nicht recht über die Rolle des Advokaten Parmentier klar sei. Entrüstet erklärt dieser, daß er stets korreft gehandelt habe, daß es schließlich nicht seine Sache gewesen wäre, die Existenz der Erbschaft zu erforschen, sondern Sache der Justtzbehörden, daß ferner bei allen Dokumenten und Akten, die ihm übergeben worden seien, niemals irgend jemand hätte Zweifel hegen können. Seine Phrasen machen wenig Eindruck im Saale, denn alsbald wird Parmentier von dem Präsidenten derart in die Enge getrieben, daß er gestehen muß. die Cralvfords niemals persönlich gesehen und nur mit ihnen durch postlagernde Briefe verkehrt zu haben. Dieses Fevlen einer jeden Adresse bei einer Korrespondenz zwischen Anwalt und Klienten, das doch zum mindesten— so sagt Präsident Bonnet—„unge- wöhnlich" ist, sucht Parmentier durch„eine Laune" zu erklären,„wie sie reichen Leuten zuweilen zu eigen zu sein pflegt". Der ungünstige Eindruck dieser Zeugenaussage wird noch dadurch vermehrt, daß der Präsident schließlich am Ende des Verhörs seftstellt, Parmentter habe nicht weniger als 360000 Frank Honorar erhalten. Der Vorfitzende gefällt sich nun darin, wieder einen kleinen Zwischenfall zu provozieren, indem er Frau Therese ironisch an den Vorsitzenden des Kassationshofes Forichon erinnert, dem eigentlich in erster Linie die Aufdeckung des ganzen Schwindels zu verdanken sei. Therese geht bereitwillig auf den Ton des Präsidenten ein, indem sie nicht minder ironisch bemerkt, daß auch sie selbst erst durch Forichon auf„einige llnwahrscheinlichkeiten" aufmerksam gemacht sei. Dann aber giebt sie sich auch heute wieder eine Blöße, denn ohne daß man sie danach fragt, gesteht sie, daß sie die echten Crawfords che n Testamente überhaupt niemals gesehen oder in Händen gehabt habe. „Ja, ich vertraute meinem Vater, der mir damals, bevor er starb. die Abschriften der Testamente gegeben hat. Ich hielt sie für echt und habe erst weit später dann entdecken können, daß ich selbst mich getäuscht. O, wenn mein armer Vater noch leben würde, der könnte jeden Auffchluß geben!" Mit diesem Ausruf schließt Mme. Humbert. Nunmehr werden die Zeugenvernehmungen fortgesetzt. Advokat Anzoux, ebenfalls einer der Rechtsbeistände der Crawfords, tritt in den Saal. Auch er weiß nichts besonderes zu sagen, nur daß auch er, wie Parmentter, durchaus in gutem Glauben gehandelt und niemals an der Existenz der Cralvfords gezweifelt habe. Er hat die Crawford- scheu Testamente auch nur in Abschrift und nicht im Original gesehen und weiß daher nichts näheres darüber anzugeben. Dann schreitet der Vorsitzende zur Vernehmung des Huissiers Leconte, dessen Aus- sagen jedoch in wenigen Minuten entgegengenommen sind und nichts von Belang enthalten; doch war während dieser Zeugenaussagen das Verhalten Laboris interessant, der sich in den ersten Verhandlungstagen völlig auf das Abwarten verlegt hatte. Mit der Aenderung, die im Benehmen des Präsidenten, das übrigens von der Presse aller Schattierungen ziemlich streng als„unverantwortlich ironisch" getadelt wird, eingetreten ist, hat auch der Verteidiger der Huniberts seine Taktik geändert. Jetzt ist er es, der in seiner vom Dreyfus- Prozeß her bekannten Art und Weise in die Verhandlung eingreift, und zwar indem er nicht nur seine Klienten scharfsinnig verteidigt, sondern in erster Linie durch scharfe Kreuzfragen die Zeugen zu verwirren und unsicher zu machen sucht. Auch Therese Humbert unterstützt ihn. trotz der wiederholten energischen Verbote des Präsidenten dadurch, daß sie mit der ihr eignen südftanzösischen Lebendigkeit durch Zwischen- rufe die Zeugen aus ihrem Gedankengang zu bringen flicht. Stach einer kurzen Pause, die durch die überaus schwüle und drückende Temperatur im Saale bedingt ist, wird die Zeugen- Vernehmung weiter fortgesetzt, und jetzt spielen sich eine Reihe dramatischer Scenen ab, die den Höhepuntt des heutigen Verhandlungstages bilden. Advokat Labat wird vernommen, dessen Aussagen zuerst belanglos erscheinen, denn er weiß nur zu sagen, daß Therese Humbert dem Liquidator der Girardschen Bank fünf Millionen und andren Gläubigern vier Millionen Frank zurückerstattet hat. Doch Frsdsric Humbert benutzt das Erscheinen dieses Zeugen, um ganz plötzlich, wie er cS auch seiner Zeit schon im Cattaui- Prozeh gethan hat, in Aktion zu treten. Frsdöric hat augenscheinlich das Bestreben, sich wieder »als Mann seiner Frau, wenigstens in geschäftlichen Dingen, aufzu- spielen. Er verwickelt den Zeugen in eine Debatte darüber, ob und wie oft er mit ihm. Frodsric Humbert, überhaupt zusammen- gekommen sei. Advokat Labat muß zugestehen, daß er alles Geschäftliche mit Therese allein abgeschlossen und deren Gatten im Verlaufe von vierzehn Jahren höchstens zehnmal gesehen habe. Beftiedigt konstatiert Frädäric. die Aussage Wort für Wort wiederholend, diese Thatsache, um daraus sofort den Schluß aufzustellen:„Hier haben Sie wieder den Beweis dafür, meine Herren Geschworenen, wie wenig ich mich um die Geschäfte meiner Frau gekümmert habe und wie man meine sogenannte Geschäfts- thättgkeit übertrieben hat." Man hält diesen Zivischenfall für erledigt, als Frödbric Humbcrt plötzlich zu einem heftigen Angriff gegen Balls den Justtzminister und früheren Advokaten des Wucherers Eattam, übergeht. Und Labori sekundiert seinem Klienten in auffallend energischer Weise dabei.„Balls ist eine Null im AuwaltSswnde", ruft Frsdsric in lebhaftester Erregung aus,„und jedermann weih, daß Cattaui. dieser Wucherer, der sich jetzt vor den Gerichten unsichtbar , nacht, daß er, der uns in« Verderben gestürzt, nur in Balis den Mann gesucht hat, der ihn auS der Schlinge ziehen sollte. Wie hätte Cattaui auch sonst einem derart unfähigen Advokaten jenes Riesen- Honorar von einer Viertelmillion Frank gezahlt I" Der Präsident versucht mehrfach FrsdsricS Redeschwall zu unterbrechen, doch Labori wie Therese, anscheinend auch Romain Daurignac, verlangen durch dringende Zurufe Redcfteiheit für Frsdsric. Auch der Generalprokurator mischt sich hinein in dieses Durcheinander der verschiedenen Stiimncir Endlich gelingt es dem Präsidenten. Ruhe zu verschaffen, und Frsdsric fährt in seiner Philippika gegen Balls und Cattaui fort:„Ich stehe hier nur auf Veranlassung unsres größten Feindes, jenes Cattaui, und Valls, der uns ins Unglück stürzen will— er hat ihn dazu gehetzt, uns zu verderben. Nicht die Staatsanwalt- schaft, nicht unsre Gläubiger haben uns hierher- cittert,— einzig und allein Valls ist es und seine Gesinnungsgenossen." Und als der Präsident einwirft, jene große Leere des vollgewähnten Geld- schrankeS sei die eigentliche Ursache, daß die HumbertS heute sich vor dem Richter zu verantwortet haben, da greift in heftiger Weise Labori ein. Nicht der Geldschrank sei es gewesen, denn jedermann habe gewußt, daß dieser leer sei.„Warumhaben denn"— so etwa ruft Labori auS—„die Behörden nichts gethan, um die Abreise der HumbertS zu verhindern?" Warum hat Waldcck-Roussenu durch seine Unthätigkeit die HumbertS entschlüpfen lasten? Er, der er doch, wie er selbst gesagt, niemals an die Millionen geglaubt hat. Er sagte, er halte die Humberts für die„größten Hoch« stapler des Jahrhunderts", und doch legte er ihrer Flucht nichts in den Weg. Warum that er das, wenn er in Wirklichkeit nicht an die Millionen glaubte? Und schließlich hört man nur die Angeklagten wirr durcheinander sprechen:„Wo ist Valls? Wir müssen ihn hier als Zeugen haben. Er hat als oberster Justizbeamter sich den An- forderungen des Gerichts zu unterwerfen. Sein Zeugnis ist. was wir wollen." Es ist kein Zweifel, daß Labori mit diesen seinen Worten Ein- druck im Saale macht, denn allseits ertönt befälliges Murmeln und halblaut- Ausrufe:„Ja. das könnten die Humberts eigentlich ver- langen", kann man selbst unter den zahlreichen im Saale an- wesenden Advokaten vernehmen. Labori schließt seine Interventionen mit der Behauptung, daß der französische Botschafter in Madrid, Patenötre, der von der An- Wesenheit der Humberts angeblich nichts wissen wollte, sogar beinahe Maria Daurignac. die„ewige Braut" Henri Crawfords. geheiratet hätte, eine Behauptung, die allgemein nur verwundertes Schütteln des Kopfes zur Folge hat. Als letzter Zeuge wird schließlich noch der Anwalt der HumbertS, der ehemalige Batonnier des Anwaltordens, Tu Buit, vernommen, ein älterer Herr, dessen Aussage ohne Belang ist. Dann wird die Sitzung abgebrochen und auf morgen, Mittwoch, vertagt. Paris. 12. August.(W. T. B.) Prozeß Humbert. Der heutigen Verhandlung wohnt wieder ein zahlreiches Publikum bei. Polizei- kommissar Hennion erzählt zunächst die Vorgänge bei der Ver- Haftung der Humberts in Madrid. Der Notar Dupuy in Bohonne und seine Angestellten erkennen in Romain Daurignac eine der P ersönlichkeiten wieder, welche in Prokura mit dem Namen Crawford ge- zeichnet haben. In Bezug auf Emil Daurignac lauten ihre Aussagen weniger bestimmt. Während dieser Veenehmunden ver- sichert Labori, daß die Crawfords existierten, aber einen andern Namen trügen.(Bewegung.) Die drei Schreibsachverständigen erklären, daß die Prokura- Zeichnung mit dem Namen Crawford von Romain und Emil Daurignac mit verstellter Handschrift gegeben seien. Die Angeklagten und die Verteidiger wider- sprechen diesen Behauptungen der Sachverständigen in längeren Aus- führungen. Drei Postbeamte erkennen gleichfalls Romain Daurignac wieder; er habe postlagernde, auf die Initialen der Brüder Crawford lautende Briefe abgeholt. Romain bestreitet auch diese Thatsache. Der Zeuge Jacquin, früher Mitglied des Staatsrats, sagt aus, er habe zwanzig Jahre hindurch an die Freundschaft und Ehrenhastig- keit der Humberts geglaubt, habe jedoch nie sein Amt zu ihren Gunsten ausgenutzt. Als er die Wahrheit erkannt habe, habe er sein Amt niedergelegt. Der frühere Notar LangloiS bekundet, er habe den Humbert« ein Darlehen von etwa 10 Millionen Francs beschafft, da er an- gesichts der Gerichtsbeschlüsse und gerichtlichen Dokumente an daS Vorhandensein der Crawfordschcn Erbschaft geglaubt �habe. Delachsrie, der den Humberts 25 Millionen Francs verlchafste, äußert sich in demselben Sinne wie Langlois. Nachdem einige von den Geldgebern vernommen sind, wird die Sitzung vertagt. GewerKseKaftlicKes. (Siebe auch 1. Beilage.) Die Arbeiter der Firma Ludwig Löwe u. Co.. Werkzeug- Maschinenfabrik, nahmen in ihrer gestrigen Bettiebsversammlung folgende Resolution an: In Erwägung, daß bei der heutigen Pro- dukttonsweise in der Metallindustrie eine zehnstündige Arbeitszeit schon das Höchstmaß ist, das an die Leistungsfähigkeit eines Arbeiters gestellt werdon kann, beschließt die Versammlung, von morgen den 13. August ab, falls die Direktton jede Verhandlung ablehnt, die verlangten lieber stunden nicht mehr zu machen und diesen Beschluß durch eine Kommission der Direktion mitzuteilen. Erklärt sich die Direttion zn Verhandlungen bereit, so kann die Verweigerung der Ueberstunden brs zur Beendigung der Verhandlungen auszusetzen.— Bemerkt sei, daß der Vertreter der Hirsch-Dunckerschen namens seiner Organisation die Erklärung abgab, die Mitglieder des Gcwcrkvcreins würden sich an nichts beteiligen, die Versammlung möge beschließen, waS sie wolle. Die Gteiiiarbeiter(Sektion der Marmorarbeiter) faßten in ihrer gestrigen Mitgliederversammlung mtt 136 gegen 27 Sttmmen den Beschluß, am heutigen Donnerstag früh in den Streik einzutreten. Anlaß zu dem Streik gab lediglich das protzige Verhalten der Arbeitgeber, die, um Lohnredukttonen vornehmen zu können, den am 1. September d. I. ablaufenden Tarif gekündigt hatten und jede Verhandlung über einen neuen Tarif ablehnten, obwohl die alten Tarifbestimmungen solche Verhandlungen dirett vorsahen. Cassel. 12. August.(Privatdepesche des„Vorwärts"). Zum Schrcinrrftrrik. Die bürgerliche Presse meldet wiederum fälschlich die Beendigung des Schreinerstreiks. Die letzte Verfanunlung der Schreiner beschloß mit Dreiviertel-Majorität nur die Forderung der Arbeitszeitverkürzung auch fallen zu lassen. �et2te]Sachnchtcn und Depefchen. Hannover, 12. August.(B. H.) Auf dem Bahnhofe in Lein- hausen entgleiste heute nachmittag gegen 5 Uhr ein Güterzug, der auf ein totes Geleise fuhr. Die Maschine fuhr gegen den Prell- bock und wühlte sich ttef in das Erdreich ein. Die sechs nachfolgenden Wagen wurden total zerstört. Ein Bremser ist ums Leben gekommen; auch 10 Pferde wurden getötet. Der Verkehr war nach beiden Strecken gesperrt. Frankfurt a. M., 12. August.(B. H.).NuS Sofia wird gemeldet: Ein heute aus dem Lager der Aufständischen eingetroffener Bericht meldet: Die Ebene von Florin ist in den Händen der Aufständischen, denen sich Griechen und Kutzo-Wallachen an- schließen; die zersprengten türkischen Truppen hielten nicht stand. Die Aufständischen zerstörten daS türttsche Dorf Bukowo. Sie ver« fügen über reichlichen Proviant. Wien. 12. August.(W.T.B.) Einer Mtteilung der Nordbahn zufolge fuhr ein heute vormittag von hier abgegangener Personenzug auf der Statton Napageth um 2Vi Uhr nachmittags auf einen Lastzug: 21 Reisende wurden leichtverletzt, einige Wagen entgleisten. Paris, 12. August.(W. T. B.) Der Vorsitzestde des Verwalwngs- rats der Stadtbahn teilte dem Seincpräfekten mit, daß er ihm zur schleunigen Unterstützung der hilfsbedürftigen Familien, die durch das Unglück betroffen sind, eine Summe von 10 000 Fr. zur Verfügung stelle. Heute nachmittag wurden 30 Opfer der Katastrophe einzeln beerdigt. Der Munizipalrat hat beschlossen, die Toten, die nicht von ihren Familien reklamiert sind, morgen beerdigen zu lassen. Die Stadt bereitet für morgen in dem Hofe der Kaserne de la citS eine Trauerfeierlichkeit vor. Ministerpräsident Combes wird eine Rede halten. London, 12. August. Das Amtsblatt veröffentlicht eine Ver- fügung, nach welcher vom 1. September ab die Einfuhr von Zucker auS Dänemark, Rußland und Argentinien, mit Ausnahme von Melassezucker und durch Zucker versüßten Erzeugnissen verboten wird, soweit es sich nicht um Transitverkehr handelt. Belgrad, 12. August.b»»g»er»ritte««laste der 209. aiiilg»» Vre». bttai'n astenlottrrl« findet statt am 6 und 9. Eeptembe» 1903, Kleine finzeigen. P5 y 16 Buchstaben zählen doppelt._____.___ �- Inzefyen itien Amm/imestaUen für Berlin bisffhr.fürdie Vororte bis t Uhr, in derfattptejrpvdition Lindenstr. 69. bi4 Vkr angenommen. A Verkäufe. RummelSburg. schöne Sikrestau- ralion, zwei VereinSzimmcr, mehrere Vereine, äußerst billig zu verlausen. John, Prinz Albertstrahe Sa._* Obst-, Gemülegeschäst wegen Krankheit meine» Mannes für jeden Preis zu verkaufen, eventuell die Einrichtung auch einzeln verkäuflich. Näheres Wrangelstrasic 86, Clgarren- geschalt._ t20* Bahuliof Sildau, bei Zeuthen, Hoherlehme, Schwartzkopslabrlk, Gör« Iiher, hochgelegene prachtvolle Bau- stellen, Rute 20 Mark, ohne An- zahlung. nur Zinsen 10 Jahre seit. Vermittler erhallen 29 Mark Abschlug- Prämie. Dornblalt, Gastwirt, Hoher- lehmc i Restaurant Carl, Prinzessinnen- strafte 4; Kabermann, Jnsterourger- strafte 19._ 177SK« WardiuenhauS Große Franksurter- strafte 9, parterre. Herrcnanziige. 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W. Nix, Barnimstr. 41a. J. Heilbrunn, Neue Königstr. 16 Peltzer, Rykestr. 7. Doutschmann, Frieden str. 57. E. Gtdioke, JmmanueMrchstr. 8. Wir ersuchen die Kolleginnen und Kollegen dringend, nur durch unsren Arbeitsnachweis(Rcstanr. Marquardt MendelSsohnstv.O) Arbeit nachzusuchen. Der Vorstand de» Verbandes der Kürschner Berlin» und Umgegend. 102/7» I. A.: Grandel, Vorsitzender. Kr. 187. 20. Iahrgiwg. 2. SfilojE des Jotniittls" ßctlintt NoldsM Donnerstas, IS. A«g«st IM. kerlmer partei-)Zngelegendeiren. Erster Wahlkreis. Am Freitag, den ii. b. Tl., findet in DräselS Festsälen, Neue Friebrichstr. 35, eine Versammlung statt, in welcher Genosse Dr. Friebeberg referieren wirb über das Thema:.Ueber welche Machtmittel verfügt das Proletariat zur Nieberiverfung der Klassenherrschaft l"— 5iege Teilnahme erwartet Der Vorstand. in. Wahlkreis. Donnerstag, den 18. August, abends 8l/2 Uhr, findet in den Apollo-Sälen, Sebastianstr. 89, eine Versammlung des Wahlvereins statt. Der Reichstags-Abgeordnete Dr. Sü dekum wird über das Thema„Der preußische Staat und die Wohnungs- frage' sprechen. Da diese Frage aktuell und für die Arbeiter von großer Wichfigkeit ist. ist ein zahlreicher Besuch erwünscht.— Sonntag. benlS. b. M.: Ausflug des Wahlvereins nach Hirschgarten. Treffpunkt mittags Restaurant Wagner. Der Vorstand. Charlottenburg. Heute. Donnerstag, abends S'/a Uhr, findet im Volkshaus, Rosinenstratze 3, eine General-Versammlung deS Socialdemokratischen Wahlvereins statt mit der Tagesordnung: 1. Wahl eines zweiten Vorsitzenden und Schrift- führers. 2. Anträge zur Brandenburger Provinzialkonferenz und zum Parteitag. 3. Wahl der Delegierten zur Generalversammlung de« Kreises. 4. Vereinsangelegenheiten.— Neue Mitglieder werden aufgenommen. Der Vor st and. Schoueberg. Parteigenossen! Auch in unsrem Orte finden im November die Ergänzungswahlen zur Stadtverordneten-Versammlung statt. Um den vor zwei Jahren erfochtenen Siegen weitere hinzu- zufügen, ist es erforderlich, schon jetzt mit den Vorbereitungen zu diesen Wahlen zu beginnen. Da gilt es nun zunächst Einsicht in die Wählerlisten zu nehmen, die vom 16. bis 39. August im Rathause, am Kaiser Wilhelmplatz. Zimmer I des Ouergebäudes, Hof parterre, zu jedermanns Einsicht öffentlich ausliegen und zwar an den Wochentagen von 9 bis 2 Uhr, Sonntags von 11 bis 1 Uhr mittags. Wer nicht verzeichnet steht, der verlange sofort seine Nachtragung.— Um nun die Einwohnerschaft Schvnebergs auf die Wichtigkeit des Einsehens der Wählerlisten aufmerksam zu machen, findet am kommenden Freitag, abends von 7 Uhr ab, eine Flugblattverbreiwng für sämtliche Bezirke statt. Treff. Punkt in folgenden Lokalen: Ständer, Hvhenstaufenstr. 79 Schilling, Kyffhäuserstr. 16; Ä rüget, Grunewaldstr. 110 Döring, Merscburgerstr. 7; Obst. Meiningerstr. 8; Hörle- mann, Kaiser Friedrichstr. 8; Reimer. Hohenftiedbergstr. 26; Hoffmann, Cheruskerstr. 16; Ruthenberg, Fritz Rcuterstr. 3; Moll. Sponholzstr. 34.— Pflicht eines jeden Parteigenossen ist es, sich hieran zu beteiligen! Britz. Der Wahlverein Britz hält morgen, Freitag, 14. August, abends 8ll2 Uhr, bei Genoffen Weniger, Werderstr. 27, seine Vereins- Versammlung ab. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Aufnahme neuer Mitglieder. 3. Anträge und Verschiedenes.— Um zahlreiches Er- scheinen ersucht Der Vorstand. AriedrichShagen. Die Mitgliederversammlung des social. demokratischen Arbeiter-BildungsvereinS findet am Sonnabend, den 16. August, abends 9 Uhr, im Vereinslokal von Kasubke, Friedrich- strahe 61, statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Grüne- w a l d- Friedenau über: Weltwirtschast und Weltpolitik. 2. Diskussion. 8. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. 4. Wahl von Dele- gierten zur Krerskonferenz. Gäste und Frauen sind eingeladen. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kassierer Richter in der Bictoriastr. 4 wohnt. Um zahlreichen Besuch bittet _ Der Vorstand. Lokalee* Di« Pariser Brandkatastrophe und die Berliner Untergrundbahn. DaS furchtbare Unglück auf der Pariser Untergrundbahn hat begreiflicherweise die besorgte Frage auftauchen laffcn, ob nicht auch auf der Berliner Untergrundbahn infolge Kurzschlusses eine ähn- liche Katastrophe eintreten könnte. Die Betriebsverwaltung der Hoch- und Untergrundbahn glaubt diese Frage v e r- n e i n e n zu können, indem sie in einem an die Presse versandten Schriftstück ausfiihrt: „Wenn in Paris von den Bahnsteigen aus Ausgangstreppen direkt ins Freie geführt hätten, wie auf unsrer hiesigen Unter- arundbahn, so würden die in dem Zuge und aus den Bahnsteigen befindlichen Personen zweifellos die Haltestelle haben Verlasien können, auch wenn die elekttische Beleuchtung nicht mehr in Funktion war, da bei unsrer Untergrundbahn durch die direkt am Ende der Bahnsteige belegenen Treppenöffmingen das einfallende Tageslicht ein sicherer Wegweiser ist; auch bei Nacht würde die Straßen. beleuchtung diesen Zweck in ausreichendem Maße erfüllt haben. Bei der Pariser Untergrundbahn liegen aber die Verhältnisse für das Verlassen der Haltestellen, namentlich wenn diese unbeleuchtet sind, ganz außerordentlich ungünstta und dürste hierauf in erster Linie die Katastrophe zurückzuführen sein. Denn die Pariser Untergrundbahn liegt nicht nur erheblich tiefer unter der Sttaßendecke als die hiesige, sondern es ist auch auf den Haltestellen für die zu- und abgehenden Fahrgäste für beide Bahnsteige nur ein einziger Eingang von der Straße aus vorhanden, welcher demgemäß seitlich von der Statton angelegt werden mußte. Man gelangt daher von den Bahnsteigen aus nicht direkt ins Freie, sondern zuerst über eine Treppe in sogenannte PasserelleS sdas sind unterirdische geschlossene Uebergnnge über die Geleise), von diesen in Couloirs(schmale Verbindungsgänge), dann in Vorräume und jetzt erst zu der ins Freie fiihrenden Treppe. Bei dieser Anordnung der Ab- und Zugänge kann natürlich Tageslicht oder Straßenbeleuchtung nicht nur nicht in die vorgenannten Gänge und Uebergänge, sondem viel weniger noch auf die Bahiffteige fallen. Bei dem Brande deS Zuges müssen sich nun diese oberhalb der Bahnsteige liegenden und erheblich langen Gänge sehr bald mit Rauch gefüllt haben, der den bei vollständiger Dunkelheit ins Freie strebenden gcängstigten Leuten das Vorwärtskommen erschivert und schließlich durch Betäubung unmöglich gemacht hat. Wie aus der Depesche ersichtlich, soll die Veranlaffung zu der Katastrophe ein brennender unbesetzter Zug gewesen und soll der Brand durch einen Kurzschluß entstanden sein, der zuerst die in Guttapercha gehüllten eleltrischen Leitungen deS Zuges und darauf den hölzernen Fußboden desselben entzündete. Hiernach ist zu ver- muten, daß das zur Umhüllung und Jsolatton der Leitungen verwendete Material bei den Pariser Wagen nicht feuersicher genug war, welche Eigenschaft Guttapercha bekanntlich auch nicht besitzt. Da man Guttapercha in Anbetracht seiner hohen Isolierfähigkeit bei elektrischen Leitungen nicht entbehren kann, wäre es notwendig ge- wesen, zur Erzielung einer Sicherheit gegen Feuersgefahr an ge- fährdeten Stellen geeignete Vorsichtsmaßregeln zu treffen, was bei dem in Brand geratenen Zuge nicht der Fall gewesen zu sein scheint. Zur Erzielung einer derartigen Feuer- sicherheit sind daher auch in den Wagen unsrer Hoch- und Unter- grundbahn die elektrischen Leitungen nicht nur mit underbrennbarer Asbest-Belleidung versehen, sondern dieselben sind außerdem, sofern sie sich am äußeren Wagen befinden, in besonderen Stahlrohren ein- geschloffen, welche gleichzeitig auch als Panzer gegen Beschädigungen ,on außen her dienen. Ferner sind auch in unsren Untergrund- «ahnlvageu die Fahrerstände, in denen sich die Schaltapparate be- finden, aus feuersicher imprägniertem Holz hergestellt und außerdem -sämtliche Innenwände dieser Räume mit feuersicherem AsbeftsSiescr bekleidet. Diese Vorsichtsmaßregeln, sowie die Anlage der Halte- stellen, welche den ungehinderten Zu- und Abgang der Fahr- gäste ermöglicht, dürsten Gewähr dafür bieten, daß derartige Katasttophen wie bei der Pariser Bahn bei unsrer Untergrundbahn nicht eintteten." Zu dieser Erklärung äußert sich eine Lokalkorrespondenz wie folgt: „Die Katasttophe auf der Untergrundbahn in Paris hat bereits die Verwaltung der hiesigen Hoch- und Untergrundbahn veranlaßt, in Zuschriften an die Presse und die zuständigen Behörden auf die größere Sicherheit hinzuweisen, welche die Berliner Untergrundbahn besitzt. Dennoch wird die hiesige AuffichtSbehörde in eine Prüfung der Untergrundbahn-Berhältnisse eintteten und nötigenfalls die An- bringung weiterer Vorsichtsmaßregeln anordnen. Es ist zweifellos, daß bei der geschickten, sicheren und einfacheren Anlage der hiesigen Untergrundbahn ein derartiges Unglück wie in Paris ausgeschlossen ist; dennoch ist die Möglichkeit der Entstehung eines Wagenbrandes immerhin nicht ausgeschlossen. So lange es keine Mittel giebt, den Kurzschluß zu ver- hindern, werden die Gefahren der Elektricität nicht beseitigt werden können. Entwickelt doch die durch Kurzschluß hervorgerufene Stichflamme eine so gewaltige Hitze, daß eine augenblickliche Berührung genügt, um Blei flüssig zu machen. Eisen zu schmelzen und Stahl zu durchbrechen. Bei den von den hiesigen Bettiebs. gesellschaften verwendeten Kraftwagen hat man diese Thatsache da. durch besonders berücksichtigt, daß nach Möglichkeit die Verwendung von verbrennbarem Material in unmittelbarer Nähe der Sttom- leitungcn, insbesondere aber der Versicherungen vermieden worden ist. Die so gewonnene Sicherheit ist eine derartig bedeutende, daß Wagenbrände im Berliner Verkehrsleben jetzt nur noch zu großen Aus- nahmen gehören. Die Verwendung von Asbest- Bekleidungen ver- hindern die Entwicklung eines etwa entstehenden Feuers auch insoweit, als sich die Flammen nicht mit solch' elementarer Gewalt verbreiten können, wie dies in Paris geschehen fem muß. Wenn. gleich die Erklärung der Untergrundbahn, wie die hier angeführten Thatsachen beweisen, daß die Gefahren bei den Berliner Verkehrs- Verhältnissen bei weitem geringer sind, erscheint es doch Wünschens- wert, daß nach den Erfahrungen bei der Katastrophe in der franzö- fischen Metropole Abzugsleitungen für Rauch in den hiesigen Tunnels angebracht werden. Bei der Neuanlage von Unter- grundbahnen wird auch zweifellos diesen Umständen Rechnung ge- ttagen werden. Die etwaigen Gefahren durch Zusammenstöße, welche gerade bei Untergrundbahnen verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen müßten, erscheinen für die Berliner Untergrundbahn- Anlagen vollständig ausgeschlossen, da das elekttische Signal-System eine zweifellose Sicherung gegen die zu große Annäherung zweier hinter. einander fahrender Züge verhindert. Durch die Vermeidung des Weichenshstems, welches nur an den Endstationen, wo es für das Rangieren der Züge unumgänglich notwendig ist, vorhanden ist, wird auch das Aneinanderfahren zweier Züge aus verschiedenen Richtungen unmöglich. Bei dem eingleisigen Spreetunnel in Treptoiv wird die Zusammenstoßgcsahr dadurch verhindert, daß der in den Tunnel einfahrende Zug eine„SicherungSstange' erhält, die der Wagenführer nach seiner Ausfahrt auf der Gegenseite dem Führer des nächsten entgegenkommenden Wagens giebt. Dieser darf nur, wenn er sich im Besitz der SicherungSstange, die nur in einem Exemplar vorhanden ist, befindet, in den Tunnel einfahren.' Die Kindersterblichkeit hat in Berlin in diesem Jahre erst gegen Ende des Monats Juli eine bedeutende Höhe erreicht. Die Zahl der Sterbefälle von Kindern des ersten Lebensjahres war in den Monaten Mai und Juni und noch bis Mitte Juli fast in jeder Woche unter 200 und vielfach sogar unter 160 zurückgeblieben; nur in einer Woche deS Mai und in einer des Juni war sie vorübergehend bis ans 204 bezw. 203 gestiegen. Noch aus der Woche des 28. Juni bis 4. Juli sowie aus der Woche des 6. bis 11. Juli kanien nur 172 bezw. 163 zur Meldung, dann aber begann eine rasche Zunahme der Kindersterblichkeit. Aus der Woche des 12. bis 18. Juli wurden 214, aus der Woche des 19. bis 26. Juli schon 279 Kinder des ersten Lebensjahres als gestorben gemeldet.(Die Zusammenstellungen des Statistischen Amtes reichen erst bis 26. Juli.) Diese Steigerung ist hauptsächlich zurückzuführen auf die starke Zunahme der Erkrankungen der Verdauungsorgane, die gegen Ende Juli eingetteten ist. Von der Woche des 12.— 18. Juli bis zu der Woche des 19.-26. Juli vermehrten sich bei den Kindern deS ersten Lebensjahres die tätlich verlaufenen Fälle von Magen- und Darmkatarrh von 24 auf 28, die von Diarrhöe von 24 auf 66, die von Brechdurchfall von 61 auf 83, die tätlich verlaufenen Fälle dieser drei Krankheiten zusammen von 99 auf 167. Die Zahl aller durch Magen- und Darmkatarrh, Diarrhöe und Brechdurchfall verursachten Sterbefälle ist nur wenig höher; es sind fast nur Kinder deS ersten Lebensjahres daran zu Grunde gegangen. Die Beziehungen zwischen Kinder st erblichkeit und Gesamt st erblich- keit tteten in dieser Zeit wieder recht deutlich hervor. In denselben drei Juli-Wochen, in denen die Kindersterblichkeit von 163 auf 214 auf 279 stieg, erhöhte sich auch die Gesamtsterblichkeit von 671 auf 617 auf 663. Dir Bahnwärter der„Großen Berliner Straßenbahn" sind eine Kategorie von Arbeitern, die mit am stiefmütterlichsten von allen in jenem Bettiebe beschäftigten Leuten behandelt werden; besonders trifft dies auf die der Inspektion Telsch unterstellten Wärter zu. Bei Regen, Kälte oder Sonnenbrand müssen sie ihre Arbeit auf den Strecken versehen, Geleise reinigen. Schienen ölen oder begießen rc. Dafür erhalten sie den fürstlichen Lohn von 2,80 bis höchstens 3 M. pro Tag bei fast unbegrenzter Arbeitszeit. Ueberstunden müssen sie natürlich auch machen, jedoch ohne Bezahlung, denn die Ueberstunden dürfen der„zu hohen Kosten wegen" nicht eingeschrieben werden. Dafür aber schreibt man ihnen um so häusiger 60 Pf. Sttafe an, sobald sie sich irgend eine geringfügige dienstliche Unregelmäßigkeit zu schulden kommen lassen. Beschwerde über erlittene Unbill zu führen, getrauen sich die Leute meistens schon gar nicht aus Furcht vor Eni- lassung. Vielleicht entschließt sich Herr Direktor Marhold gelcgent- lich einmal zu einer Jnspicierung des Bahnhofs 21. Seit fünf Wochen ist die Roseitthalerstraße zwischen Rosenthaler Thor und Neue Schönhausersttaße gesperrt, und seit Montag ist auch die Sperrung auf die Sttecke zwischen der Neuen Schönhausersttaße und dem Hackeschen Markt ausgedehnt worden, weil der Straßcnzug aSphalttert wttd. Die Rosenthalerstraße ist eine der wichtigsten Verkehrsstraßen deS Centrums, welche den gesamten Durchgangs- verkehr von den nördlichen Vororten und fast dem gesamten Norden Berlins aufzunehmen hat. Die durch die Sperrung hervorgerufenen Verkehrsstörungen werden um so unangenehmer empfunden, als die Rosenthalersttaße eigentliche Parallelsttatzen nicht besitzt und die Fuhr- werke infolgedessen nur auf großen Umwegen ihre Ziele erreichen können. Es ist daher eine derarttge Ueberlastung der Alten Schönhausersttaße herbeigeführt, daß zur Sicherung des Verkehrs ein größeres SchutzmannS-Aufgcbot erforderlich ist und die Uebcrschreiwng des Fahrdamms durch Paffanten mit größter Lebensgefahr verbunden ift. Die Entrüstung des durch diese Zustände in Mitleidenschast ge- zogenen Publikums ist um so größer und gerechtferttgter, als es wohl möglich wäre, die Arbeiten in kürzerer Zeit durchzuführen. Die RegulicrungSarbeiten der Straße Unter den Linden und die ae- walttgen und fchwierigen Arbeiten bei dem Bau des NotanSlaffeS in der Kaiser Wilhelm- und Münzsttatze haben zur Genüge be- wiesen, was geleistet werde» kann, wenn eine genügende Zahl von Arbeitern in Tag- und Nachtschichten beschäftigt wird. Es wäre doch dringend wünschenswert, daß bei so wichtigen VerkehrSsttaßen die Regulierungsarbeiten nicht unnötigerlveise monatelang ausgedehnt werden. Achtung, Grabowseer! Den Patienten aus Grabowsee, welche am Tage der Reichstagswahl ihr Wahlrecht ausgeübt und für die Sttecke von Fichtengrund nach Berlin 70 Pf: gezahlt haben, sei hiermit mitgeteilt, daß der Unterzeichnete jetzt 16M M. zurück erhalten hat, somit auf jeden Patienten 20 Pf. zurückvcrgütet wurde. � Der Unterzeichnete fordert deshalb jeden der Beteiligten auf, sich bis zum 20. August das Geld von ihm abzuholen. Das Geld, welches nicht abgehoben wird, fällt der Parteikasse zu. Hugo Anke, Berlin, Swinemünderstr. 122, 1 Treppe. Berichtigung. In unsrem Bericht über das Sängerfest des Arbeiter-Sängerbundes hatten wir irrtümlich auch die Thättgkett einer Arbeiter- S a n i t ä t s- Kolonne erwähnt. In Wirklichkeit war es die„Arbeiter- S a m a r i t e r- Kolonne', was wir auf Wunsch dieser Vereinigung hiermit richtig stellen. Nicht gelyncht. Am Donnerstag voriger Woche wurde der 38 Jahre alte Tischler Karl Werner aus der Skalitzerstraße Nr. 106 bei einem Einbruch in der Mauersttaße Nr. 3 überrascht, von einer großen Menschenmenge verfolgt und auf der Treppe des Hauses Friedrichsttaße Nr. 62/63 festgenommen und nach einer Tracht Prügel einigen Schutzmännern übergeben, die ihn mit einer Droschke nach der Nevierwache in der Wilhelmstraße Nr. 29 brachten. Hier starb Werner nach wenigen Minuten. Obwohl man, wie schon berichtet wurde, äußere Verletzungen an W. nicht wahrnahm, so entstand doch das Gerücht, daß der Einbrecher von seinen Verfolgern tot- geschlagen worden sei. Die Leiche ist nun gestern nach- mittag auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft gerichts- ärztlich geöffnet worden und die Obducktton hat die Ge- rächte von einem Toffchlag widerlegt, indem sie als Todesursache Cyankali- Vergiftung als unzivcifelhast feststellte. Der Einbrecher hatte sich mit dem Gifte jedenfalls versehen, weil er nach seinen vielen und schweren Vorfttafen genau wußte, ivas ihm bevorstand, wenn man ihn ertappte. Daß er da« Gift nahm, hatte niemand gesehen. Den Tod im Wasser suchte und fand i» der vorvergangenen Nacht die 26 Jahre alte Kellnerin Bertha Nosvitzki, die kurz nach Mitternacht voin ReichstagS-Ufer hinter dem Bahnhof Friedrichsttaße in die Spree sprang. Die LebenSniüde ging bald unter und kam nicht mehr zum Vorschein. Ihre Leiche ist noch nicht gefimden. Das Mädchen stammt ans Danzig und wohnte feit dem 2. d. Mts. bei einem Kaufmann in der Linienstt. 126. WaS eS in den Tod trieb, ist noch nicht bekannt. Zwischen zwei Wagen gequetscht wurde in der Nacht zum Mittwoch auf dem Hofe der Paketfahrt-Gesellschast in der Rittersttaße der 26 Jahre alte Arbeiter Hugo Tepper. Mit eingedrucktem Brustlasten wurde der Verunglückte in einem Rünzelsche» Rettungswagen nach dem Krankenhause am Urban gebracht. Rrbcitslofigkeit hat den 26 Jahre alten Arbeiter Paul Kerker- Laskowski, Parochialstt. 27, in den Tod gettieben. Als die Wirtsleute ihn heute ftiih wecken wollten, war er nicht in seinem Bette. In der ftühen Morgenstunde wurde er an einem Balken deS HauS« bodens hängend vorgefunden. Die Leiche wurde nach dem Leiche»» schauhaufe gebracht. Robl-Contenet. DaS Zusammentteffen der beiden Weltrekord« brechet im Großen Preise von Berlin, der bekanntlich am Sonntag, den 23. August, im Sportpark Friedenau zur Entscheidung gelangt, wird das größte Ereignis der Saison für Berlin werden. Der Franzose beabsichtigt nämlich, den Stunden-Welttckord, den er mit 78 km 360 m gehalten und der ihm von Robl am Sonnabend in Hannover mit 30 km 663 m enttissen wurde, von neuem anzu- greifen, und zwar entweder auf der Prinzenpark-Bahn zu Paris oder ebenfalls in Hannover. Vor den nächsten 14 Tagen kann er leider nicht daran denken, da seine Schrittmacher-Maschinen fchon auf dem Wege nach Kopenhagen sind, wo er am nächsten Sonntag gegen Robl, Dickentmann und Görnemann. die ihm alle am 23. August auch in Friedenau gegenübertreten, die Weltmeisterschaft bestteitetu Von Dienstag, den 18. August, an sind sämtliche Fahrer. die am Großen Preis von Berlin teilnehmen, verpflichtet, im Sport- park Friedenau zu ttainieren. )Ziis den Nachbarorten. Rixdorf. lieber völlig unzulänglichen polizeilichen SicherheitS» dienst zur Nachtzeit wird in allen Kreisen unsrer Einwohnerfchast lebhaste Klage geführt. Die Zahl der Schutzleute, welche den nücht- lichen Sicherheitsdienst versehen, ist eine so geringe, daß eS absolut unmöglich ist, in Notfällen einen Schutzmann zu finden. Diesen Umstand nutzt ein sich immer mehr breit machender Janhagel weidlich aus, um nachts Skandalscenen, Prügeleien usw. auf der Straße zu veranstalten, und wehe dem harmlosen Passanten, der dieser Gesell- schaft in die Hände läuft; Prügel und gemeine Schimpsworte sind ihm sicher. So wurde in einer der letzten Nächte ein jimger Mann in der Hermannstraße von einer Rotte Rowdies überfallen und mit Messerstichen arg zugerichtet. Als der Bedauerns- werte seinen Peinigern entkommen und in ein HauS der Knesebecksttaße geflüchtet war, wurde der Thorweg des letzteren von den Rowdies mit Mauersteinen, die sie von einem benachbarten Neubau holten, bombardiert und arg beschädigt. Obwohl der Skandal lange Zeit währte und ein Polizeirevier m nächster Nähe liegt, blieben die Thäter unbehelligt. Jetzt ist die Kriminalpolizei bemüht, dieselben zu ermitteln. Jedenfalls ist es die höchste Zeit, daß der nächtliche Sicherheitsdienst eine gründliche Reform erfährt, soll unter den jetzigen Zuständen nicht der Ruf unsrer Stadt leiden.— Eine interessante Arbeit ist der hiesigen Glasmosaik-Anstalt überttagen worden. Vor kurzem wurden bei Auftäumungsarbeiten im Keller des Nattonal-MuseumS die Teile eines jahrhundertealten Mosaikbildes verpackt vorgefunden, die längst in Vergessenheit geraten waren. Es handelt sich um eme Arbeit italieni- scher Künstler, welche viele Jahrhunderte eine alte Kirche in Ravenna geschmückt hatte und seiner Zeit von Friedrich Wilhelm IV. für das Berliner Museum erworben worden war. Da das Mosaikbild jedoch bei der Abnahme erheblich gelitten hatte und wohl auch vorher schon nicht mehr vollständig war, eS damals aber fii Deutschland an musivischen Künstlern fehlte, welche die Wiederherstellung des Mosaiks hätten bewirken können, so blieb dasselbe eingepackt, vis eS jetzt ein Zufall ans Tageslicht brachte. Da eine Photographie des Originals vorhanden ist, wurde nun die hiesige GlaSmofaik-Gesell- schaft Pohl u. Wagner mit der originalgetteuen Wiederherstellung deS alten Mosaiks bettaut. Nach erfolgter Restaurierung soll das letztere im Kaiser Friedrich-Museum einen Ehrenplatz erhalten. Britz. Anläßlich des Brandes der Stohmieten in der Sonntag- nacht verhaftete auf der Brandstätte der Gendarm Kruppe den geistesschwachen Fiebing als der That dringend verdächttg. Gegen r/»9 Uhr hatte F. die Bahnhofswirtschaft in Britz verlassen, um sich nach Mariendorf zu begeben und ging über den Wardeschen Acker, wo die Meten standen. Bei der Feuerwehr meldeten sich zwei Rad- fahret, welche den Beginn des Feuers beobachtet hatten. Dieselben wollten das Feuer in Brusthöhe haben aufflammen sehen und im Moment standen beide Meten in Flammen. Beim Schein des FeuerS entfernte sich ein Mann nach Mariendorf z». Fiebing war schon zweimal wegen Brandstiftung in Hast, aber wegen Mangel an Beweisen fteigelaffen Ivorden. SchSneberger Kommunalwahlen. Nach§ 18 der Städte-Ordnuna scheidet in diesem Jahre ein Drittel der Stadtverordneten-Bersamm- lung aus und muß durch Neuwahlen ersetzt werden. Ist schon das Uebergewicht der„besitzenden' bürgerlichen Mtglieder dieser Körper» schaft durch ein miserables Wahlgesetz, wie eS die Städte- Ordnung vom 30. Mai 1863 vorschreibt, von vornherein gesichert, so haben unsre Parteigenossen am hiesigen Orte immer noch genug zu thun, um daS geringe Recht, das ihnen die Städte-Ordnung übrig gelassen hat, auszunutzen. Von unsren bisherigen sechs Vertretern der dritten Klasse scheiden, da ihre Wahlperiode am 1. Januar 1004 abgelaufen ist, aus die Partei genossen H o f f m a n n im 3. Bezirk und P a n s e r im 4. Bezirk. welch' letzterer am 17. März 1902 als Ersatzmann eingetreten ist. Von bürgerlichen Stadtverordneten in der III. Abteilung scheiden ferner aus Zimmermeister D. F r ö h l i ch im 8. Bezirk(Hausbesitzer), Tischler- meister Knorr im 7. Bezirk(Hansbesitzer), Apothekenbesitzer Porsch im 3. Bezirk(Hausbesitzer) und Rechnungsrat Waßmannsdor: im 2. Bezirk(Mieter). Stadtv. O b st. der im 4. Bezirk der IH. Abteilung als Hausbesitzer gewählt ist, unterliegt der Auslosung zum 1. Januar 1994 bezw. 1996, ebenso die der III. Abteilung an- gehörenden Stadtvv. Presch(9. Bezirk), Dr. Maurenbrecher (19. Bezirk) und Schneider(2. Bezirk). Außerdem gelangen zur Auslosung vier Stadtverordnete der I.(neben 6 Neuwahle») und drei der II. Abteilung(neben 3 Neuwahlen). Die Auslosung selbst soll in der ersten Sitzung im September stattfinden. Ein Notar, der von der Klciststraßc nichts weiß, ist gewiß eine bemerkenswerte Lokalgröße; wir würden indes seinen Ruhm kaum zu stören versuchen, wenn dieser sein Ruhm nicht andre Leute höchst unnötig in Kosten gestürzt hätte. Hat da ein Herr in der Kleiststraße einen Wechsel bei der Reichsbank um 19 Uhr vormittags einzulösen, verspätet sich aber um eine Stunde, so daß der Wechsel von der Reichsbauk an einen königlichpreußischen Notar zum Protest geht, dieser sucht den Wechsel vorzulegen, findet aber,— daß es in Berlin keine Kleiststraße giebt, pilgert dann sogar nach dem hiesigen Einwohner-Melde-Amt, allwo ihm gleichfalls bescheinigt toird:„eine K l e i st st r a ß e e x i st i e r t n i ch t i n B c r l i n Resultat: als der Herr dann wieder zur Reichsbank geht und den Wechsel einlöst, hat er erhöhte Kosten zu tragen. Die Lösung aber liegt darin, daß die Kleiststraße politisch zu Charlottenburg gehört, postalisch aber zu Berlin und vom Berliner Postamt 62 bestellt wird. So etlvaS braucht natürlich ein königlich preußischer Notar nicht zu wissen. In Köpenick ist gestern nachmittag die elektrische Bahn feierlichst eröffnet worden. Nachdem die landespolizeiliche Abnahme erfolgt, ist die Bahn dem Betrieb übergebe» worden. Die elektrische Bahn fährt vom Bahnhof Köpenick durch die Altstadt am östlichen User der Dahme entlang bis zur Grünau gegenüberliegenden Villcnkolouie Wendenschloß. Als Fahrpreis wird eine Einheitsgebühr von 19 Pf. erhoben werden. Handgepäck kann im Gegensatz zur„Großen Ber- liuer" mitgefiihrt werden; ein Stück ist frei, für jedes weitere Gepäckstück, welches mitgeführt wird, werden 19 Pf. erhoben. Die Auschlußstrecke Schloßplatz— Bahnhof Köpenick— Spindlersfeld wird binnen Monatsfrist fertiggestellt und dem Betrieb übergeben werden. Smcbts-Deining. Ter große Skandalprozeß, in welchem auch die bor kurzem aus dem Magdalencnstift entflohene und wieder ergriffene Frieda Sittel eine Rolle spielt, ist nunmehr so weit gediehen, daß den Beteiligten die Anklageschrist zugestelll werden wird. Die Anklage richtet sich gegen folgende neun Personen: 1. den landlvirtschaft- lichen Taxator und Oberlieutenant Franz S t e l d t zu Wilmersdorf, 2. die verwitwete Marie Remme, 3. die verehelichte Alwine Küsel, 4. die verehelichte Luise P r o tz e I l, 5. die Handclsfrau Auguste Z e h b e, 6. die unverehelichte Marie Martin, 7. die verehelichte Anna M a t h e s, 8. die unverehelichte Lina Prötzel! und 9. die Hausbesitzerin Margarethe H o f f m e i st e r. Dem ersten Angeklagten loird Vornahme unzüchtiger Handlungen mit Personen unter 14 Jahren, den übrigen Beihilfe und gewcrbs- und gewohnheitS- mäßige Kuppelei zur Last gelegt. Die Angeklagten Steldt, Remme. Küsel und Zehbe befinden sich in Unter- suchungshaft. Die Akten in dieier Sache sind bereits auf sechs starke Bände angewachsen. Die Verhandlung dürfte ein abstoßendes Bild sittlicher und moralischer Vcrirrungen vor Augen führen, deren sich Personen sowohl der höheren wie der unteren Kreise schuldig gemacht haben sollen. Seitens der Staatsanwaltschaft sind gegen 59 Zeugen geladen, es werden voraussichtlich aber noch ebenso viele Entlastungszeugen hinzukommen. Die Verteidigung liegt in den Händen der Rechtsanwälte Dr. Schwindt, Justizrat Wronker, Schwarz, Dr. Werthauer und Dr. Löwenthal. Die Ver- Handlung dürste erst im November stattfinden. Nur Obcrdrucker, nicht Betriebsleiter. Unter dieser Spitzmarke berichteten wir über einen Gewerbegerichtsstreit, in dem die Kammer 8 des Gewerbegcrichts den Oberdrucker einer Steindruckerei nicht als Betriebsleiter beziehungsweise Werkmeister mit festen Be- zügen anerkannte, obwohl sich Kläger darauf berief, daß in Stein- druckereien stets der Oberdrucker der Werkmeister sei. Der Kläger hatte damals, indem er auf die sechswöchentliche Kiindiguugs- srist der Werkmeister, Betriebsleiter zc. Anspruch erhob, einen Teil der Entschädigung für unberechtigte Ent- lassmig gefordert und war nur mit dieser Teil forderung rechtskräftig abgewiesen worden. Das Gewerbegericht mußte des- halb von neuem der Werkmeister- bezw. Betriebsleiterstage näher- treten, als der Oberdrucker S. weitere Entschädigungsansprüche beim Gewerbegericht erhob. Es wurde durch die Beweiserhebung festgestellt: S. führte im Steindrucksaale des Beklagten Orth die Aussicht und engagierte auch Arbeiter, wenngleich er, da es sich nur um einen kleineren Betrieb handelte, über die Einstellung� der Leute gewöhnlich mit dem Chef Rücksprache nahm. Kläger durfte auch in Abwesenheit des Chefs Geschäftsbriefe öffnen. Er besuchte zuweilen die Kundschaft, wenn ihn der Betrieb nicht festhielt, kalkulierte und besprach mit Orth die Preisfestsetzung. S. arbeitete aber auch selber mit, und zwar hatte er die Umdrucke zu machen, wobei er öfter halbe Tage und länger beschäftigt war. Ueberstunden erhielt S. besonders bezahlt, im übrigen hatte er Wochenlohn. Das Gericht, unter dem Vorsitz des Gewerberichters le Viseur, wies den Kläger abermals ab. Es nahm wieder an, S. sei, wenn auch Oberdrucker, so doch nicht Werkmeister oder Betriebsleiter mit festen Bezügen und habe deshalb keine» Anspruch aus die Kündigungs- srist von sechs Wochen zum Quartalserste». Er sei nur als Gclverbe- gchilfe anzusehen. Entscheidend sei, daß Kläger den Chef nur vor- übergehend vertreten habe, daß die Ueberstunden besonders bezahlt worden seien, also von„festen Bezügen" nicht gesprochen werden könnte, daß S. selber einen großen Teil des Tages an der Druck- presse beschäftigt gewesen sei und der Chef bei den Engagements mitgesprochen habe. Auch habe S. nur die Aufficht bei dem Druck- personal gehabt und habe mit den andern auf derselben Lohnliste ge- standen. DaS Kammergericht ist in einem Straffalle wider die Arbeiter S. und R., die Streikposten gestanden hatten, bei seiner in letzter Zeit verttetenen Auffassung verblieben, daß die Gerichte bei Ueber- tretungen der Straßenpolizei-Vorschriften nachzuprüfen haben, ob die WegweisungS-Anordnungen der Polizeibeamten o b i e kt i v zur Erhaltung der Ruhe, Ordnung, Sicherheit und Leichtigkeit des Ver- kehrs auf der öffentlichen Straße erfolgt sei beziehungsweise not- wendig gewesen sei. Gleichwohl hob das Kammergericht das stei- sprechende Urteil des Landgerichts Berlin auf und verwies die Sache in die Vorinstanz zurück, indem eS dazu ausführte: Die Straftammer sage, die Ruhe, Ordnung und Sicherheit des öffentlichen Verkehrs sei nicht durch das Streikpostenstehen ge- stört worden; es genüge jedoch zur Anwendung der Straßen- Polizei- Verordnung schon eine Gefährdung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit, eine Störung selber brauche noch nicht vorliegen. Das Landgericht, das nur mit einer Störung oder Nicht st örung operierte, müsse nachprüfen, ob die Ruhe, Ordnung und Sicherheit nicht gefährdet gewesen sei, beziehungsweise ob mit Recht eine Störung der Ruhe. Ordnung nnd Sicherheit hätte befürchtet werden können, weil sie Streikposten standen._ Verantwortlicher Redakteur: Julius Kaliskt in Berlin. ! In der Berusting freigesprochen! Der Delegierte der Weißenseer Orts-Krankenkasse, Arbeiter Paul Hintze, war kürzlich wegen Be- leidigung des praktischen Arztes Dr. Grünau vom Schöffengericht am Amtsgericht II zu 29 M a r k G e l d st r a f e verurteilt worden. Das Schöffengericht hatte für erwiesen erachtet, daß der Angeklagte in einer Delegiertcn-Versammlnng der Orts-Krankenkaffe von dem Dr. Gruna» behauptet habe, derselbe suche sich auf der Straße alte Weiber auf, die er zu sich bestelle, ihnen ohne Unter' suchung auf 14 Tage Milch verschreibe und wenn sie wieder kämen, wieder von neuem Milch verschreibe. Schon damals hatten andre Delegierte zeugcneidlich bekundet, daß die Aeußerung nicht so ge- lautet, es sich vielmehr nur um eine Anstage gehandelt habe. Das Schöffengericht verließ sich aber auf das Zeugnis eines Stenographen, der die Aeußerung in dem inkriminierten Sinne wiedergegeben hatte. Im Princip war Z 193(Wahrung berechtigter Interessen) als vor- liegend angenommen worden, aber die Form wurde ftir beleidigend gehalten. Heute verhandelte die zweite Ferien- Strafkammer am Landgericht II in der Berufung. Diesmal hielt der Stenograph sein Stenogramm nicht aufrecht, durch völlig einwandsfreie Zeugen wurde aber festgestellt, daß die Aeußerung des Angeklagten dahin gelautet habe, ob es dem Vorstande bekannt sei, daß Dr. Gruna» — wie ihm mitgeteilt worden sei— ohne Untersuchung den Frauen Milch verschreibe und wenn sie Ivicder kämen, wieder ohne weiteres Milch verschreibe. Nach dieser Feststellung mußte der Gerichtshof nicht allein den Schutz des tz 193 zubilligen, er mußte auch die Form als nicht verletzend anerkennen. Das Urteil lautete daher auf Freisprechung._ Huö der frauenbeweefung. Der Frauen- und Mädchen-Bildungsvrrein von Ober-Schöneweidc hielt am 3. August eine außerordentliche Generalversamnilung ab, in welcher die Vorstandswahlen vorgenommen wurden. Als erste Vorsitzende wurde Frau E m m a R e i m a n n, als zweite Frau D i e s i n g, als Kassiererin Frau Pfeiffer gewählt. Als Bei- sitzerinnen wurden gewählt Frau Stephan und Frau Schneider. Unter Verschiedenem wurden noch einige Bereinsangelegeuheiten er- ledigt. Die nächste Versammlung findet am Montag, den 17. August, im„Wilhelnunenhof-Kasino", Wilhelminenhofftr. 42, statt. Gäste ivillkoinnrcn. Vermischtes. Zur Pariser Braudkataftroph« liegen noch folgende Meldungen vor: Paris, 11. August. Von dem Unglück auf der Untergrundbahn giebt ein Reisender, der sich mit seiner Frau retten konnte, folgende Schilderung: In der Nähe der Station Boulevard Barbes brach in dem Motorwagen des von uns benutzten Zuges ein Fußboden- brand aus, dessen man mit Löschgranaten rasch Herr wurde. Die Reisenden mußten jedoch aussteige» und der leere Zug Nummer 11 etzte dann die Fahrt langsam fort. Wir stiegen in de» nächsten Zug, doch mußten wir in der Nähe der Station Belleville abermals aussteigen, da man den Zug brauchte, um den ersten leeren Zug vorwärts zu schieben. Wir stiegen nun in einen dritten Zug, der bald darauf eingettoffen war. Es war eine verhängnisvolle Unvorsichtigkeit von der Bahnvcrwaltung, diesen Zug hinter dem brennenden Zug abgehen zu lassen. Auf der Statton Couronnes blieb der' Zug etwas länger als gewöhnlich stehen. Die Reisenden wurden ungeduldig, niemand aber hatte eine Ahnung von der drohenden Gefahr. Der Stattonschef wollte schon dem Zuge das Abfahrtszeichen geben. als zwei Bahnbedienstcte herbeistürzten und riefen:„Rette sich, wer kann I" Noch aber glaubte niemand an eine ernste Gefahr. Die Reisenden stürzten die Stiege hinauf. Viele von ihnen blieben beim Schalter stehen und verlangten den Fahrpreis von 15 Centimes zurück. Das Gedränge wurde immer furchtbarer, so daß zahlreiche Personen, welche von dem Unfall noch nichts wußten, die Treppe hinablicfen, um den Zug zu erreichen. Die ganze Menge staute sich nun unterhalb der Treppe. In demselben Augenblicke kam von der Station Mcnilmontant eine dichte Rauchwolke; an ein Vorwärts« kommen war nicht mehr zu denken. Ich eilte nun mit nieiner Frau und zehn andren Personen unter dem Tunnel iu der Richtung nach der Statton Belleville; ein Bahnbcdienstetcr zeigte uns mit einer roten Laterne den Weg. Mühsam erreichten wir die Station, aber auch hier war die Halle trotz des Rauches von Leuten angefüllt, welche ihr Fahrgeld zurückverlangten. Wir mußte» uns mit Fäusten den Ausweg erkämpfen. Paris, 12. August. Im Auftrage der Staatsanwaltschaft ist von dem Untersuchungsrichter Jolliot die strafrechtliche Unter- üchung gegen vorläufig„Unbekannt" wegen fahrlässiger Töttmg eingeleitet worden. Bis zur Stunde ist es unmöglich festzustellen, wer die Verantwortung für das Unglück auf der Stadtbahn trägt. Die Bahnbehördcn haben jedoch bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß das Unglück niemals einen solchen Umfang hätte annehmen können, wenn die Bahnbediensteten nicht den Kopf ver« loren hätten.(Natürlich, einer muß doch Schuld haben!) Einer der Direktoren der Untergrundbahn äußerte einem Berichterstatter gegenüber, die von der Bahnverwaltung eingeleiteten Nach- Forschungen hätten ergeben, daß die Verantwortung auö- chließlich den Maschinisten Chauvin, einen der ältesten und zuverlässigsten Beamten der Untergrundbahn, treffe. Dieser habe die Vorschriften, die für den Fall eines durch Kurz- schluß enfftehenden Brandes erlassen seien, vollständig außer Acht gelassen. Die Untergrundbahn habe bisher etwa 299 Millionen Menschen ohne ernsten Unfall befördert. Der Maschinist Chauvin hat dem Polizcikommissariat erklärt, daß der in Brand geratene Zug schon vorgestern nicht mehr hätte verwendet werden dürfen, da die Bremsvorrichtung bereits am Mittag einmal versagt habe.— Nun- mehr sind sämtliche Leichen bis auf zwei rekognosziert; eS sind dies zwei Frauen, von denen die eine eine Bäuerin aus der Provinz zu sein scheint. Bei der andren ist eine Rückfahrkarte nach Edinburg in Schottland gefunden worden. Paris, 12. August. Drei Mitglieder deS Gemeinderats be- absichttgen, den Präsetten in der nächsten Gemeinderatssitzung über die Katastrophe auf der Metropolitain-Bahn zu interpellieren.— Die Bahngesellschaft wird veranlaßt werden, um weitere derartige Un- fälle zu verhüten, eine doppelte, von einander unabhängige Be- leuchtungSanlage herzustellen, ihre Wagen aus feuerfestem Material bauen zu lassen, doppelte Ausgänge auf jeder Statton zu errichten, Feuerwehrposten auf allen Stattonen zu etablieren und für bessere Luftznführung Sorge zu tragen. Die Thiitigkeit deS BesuvS. Neapel. 12. August. Der Eruptionskegel des Vesuvs hat sich gespalten und neue Lavamassen ausgeworfen, die jedoch nicht über das Kratergcbiet hinausgehen. Die Ausbrüche sind sehr heftig.— Durch die letzten Erdstöße in Sizilien ist die Bevölkerung der bettoffenen Ortschaften in große Auftegung versetzt. In Mineo sind mehrere Gebäude eingestürzt, andre zeigen Risse, darunter die Kirche und der Glockenturm. Monarchische Geistesbildung im 29. Jahrhundert. Von Nikolaus II. von Rußland wird berichtet, daß er persönlich mit seiner Gemahlin, seiner Mutter, seinen Kindern, Schwestern und andern Familienangehörigen der Heiligsprechung des Mönches Seraphim beigewohnt hat. Da sich das Kloster S s a w a r o, allwo der heilige Vorgang sich abspielte, in einer unwirtlichen Gegend befindet, und die Reise dorthin teilweise zu Wagen zurückgelegt werden mußte, ist es klar, daß der Zar aus den sonst gewohnten Komfort hat verzichten und seinem Glauben Opfer bringen müssen. Wie der.Tag" verrät, ist der Kaiser aller Reußen jedoch nicht allein von religiösen Empfindungen bei seiner Wallfahrt in die Wüste geleitet worden, sondern die Hoffnungen auf einen männlichen Thronerben sollen mit die Veranlassung Wenn diese Vermutung richttg ist, so geht daraus hervor, dich der Kaiser von Rußland wenigstens mit einer lobenswerten Energie sein Ziel verfolgt. Der Umstand, daß die heuttge Embryologie an keinen übernatürlichen Einfluß bei der Geschlechtsbildung glaubt, brauchte Nikolaus II. in seinen Maßnahmen zur Erlangung eines Thronfolgers nicht weiter zu kümmern, nachdem er eingesehen hat, daß auch die Wissenschast selbst seinen sehnlichsten Wunsch nicht zu erfüllen vermocht hatte. Es ist daher menschlich wohl begreiflich, daß der Zar mit Hilfe des heiligen Seraphim zu erreichen sucht. was er mit dem seligen Professor Schenk aus Wien nicht erlangen konnte. Daß auch die Kaiserin Maria Feodorowna, eine ursprünglich protestantische Fürsttn, sich viel von der Einwirkung des heiligen Seraphim zu versprechen scheint, geht ans folgendem Dank- schreiben derselben an den Großfürsten Sergius Alexandrowitsch, den Generalgonverneur von Moskau, hervor: „Erfüllt von den tieferquickenden Erinnerungen an die lichten Tage der Verherrlichung des großen Gottgefälligen und Wunderthäters Seraphim von Ssawaro, empfange ich mit dem Gefühle herzlichen Dankes die Gebet- und Segenswünsche der ersten Residenzstadt Moskau, die genieinsam mit uns und dem ganzen russischen Lande den hohen Aufschwung geistigen Gefühls an diesen für mich bedeutungsvollen und unvergeßlichen Tagen durchlebt hat." Man kann hieraus ersehen, daß die Ansichten über geistigen Aufschwung recht verschieden sind. Ceutralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Deutschlands, Bezirk Berlin. Mittwochabend 9 Uhr: Sitzung in den .Arminhallen", Kommaudantenstr. 26. Gaste sind willkommen. Verband der Friscurgchilfen Deutschlands, Z w eigv erzen Rixdors. Donnerstag, den 13. August, abends 19 Uhr: Versammlung bei Thiel(Hosfmamis Festsäle), Bergstt. 151/52. zu _ dieser Reise gewesen sein._____ Für den Inseratenteil verantwortlich: Dh. Glocke in Berlin. Druck und Vertag: Vonvärts Buchdruckerei und Verlagsanstait Paul Singer& Co., Berlin SV. Marktpreise von Berlin nach Ermittelungen des Weizen, gut D.-Ctt. . mittel gering„ Roggen, gut mittel gering. 'Gerste, gut , mittel„ gering„ "Haser, gut , mittel . gering Richtsttoh Heu Erbsen Speisebohnen„ Linsen ' klamin und Geruch. " frei Wagen und ab Bahn. am II. August 1993 kgk. Polizeipräsidiums. Kartoffeln, neue D.-Ctt. Rindfleisch, Keule 1 ig do. Bauch„ Schweinefleisch, Kalbfleisch 60 Stück 1 kg utter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse per Schock 8,00 1,80 1,40 1.60 1,80 1,80 2,60 4,00 2,40 2,80 3,00 2,40 1,80 2,60 1,40 18,00 5,00 1,20 1,00 1,20 1,20 1.20 2,00 2,40 2,00 1,40 1,20 1,20 80 1,20 70 3,00 Briefkasten cler Redaktion. W. 100. Nein.—<ä?. W. 100. Um als Hebamme zugelassen zu werden, beantragen Sie zunächst beim Polizeipräsidium Zulassung zum nächsten Hebammcn-Kursus. Von_dort erhalten Sie Nachricht, mit welchen Papieren und wann Sie sich beim Stadtphysikus Schulz, Tempclhoser User 29, zur Vorprüfung znjnelden haben. Diese Vorprüfung besteht im Rechnen, Lesen, Schreiben, Sehen und Hören. Nach bestandener Vorprüfung be- antragen Sic unter Ucberscndung des Zeugnisses hierüber und der andre» Papiere beim Polizeipräsidium Zulassung zur Ausbildung als Hebamme. Sodann erhalten Sie Bescheid, ob Sic angenommen sind oder nicht, und werden im crftercn Fall zu dem Kursus einberufen, der jährlich vom 1. Oktober bi» 31. März in der Charitö abgehalten wird. Während ihrer Zeit der Aus- bildung müssen die Frauen in der Charitö wohnen. Die Kosten sür Aus- bildung, Wohnung, Perpsicgung und Jnsttumente stellen sich aus etwa 300 M. Frauen im Alter von über 30 Jahren werden in der Regel zur Ausbildung nicht zugelassen. Da der Andrang außerordentlich stark ist, ist eine Meldung etwa süns Jahre vor der Zulassung, also wätestcns im 25. Lebensjahre, ratsam. Vier Jahre liegen fast stets zwischen der Vor- Prüfung und der Zulassung zur Ausbildung.— Berufswechsel. 1. Sehr wahrscheinlich. 2. Weitere Erkundigungen ziehen sie am besten ein in der Fachschule, Markusstt. 49, nicht Webersttaße.— P. T. 1. Verein gegen Verarmung, Deutscher Dom, Gcndarmcnmarkt. Frauenvcrein, Frau Ida salomonsohn, Vorsitzende, Charlottenburg, Hardcnbergstt. 18. Ferner: Bürger- RettungSiiistitut, Friedrich Wilhelms-Anstalt sür Arbeltsame, und Biedevsee-vitisturig, die letzten drei im Rathaus. 2. Dagegen ist n»s ein wirklich geeignetes Mittel nicht bekannt.— Ripdorf 78. DaS käme einer Empschlung gleich und läßt sich deshalb nicht thun. "Junttildhtr Cell. Die juristische Sprechstunde findet täglich mit Ausnahm« de» Sonnabend» von 7'lt bis O'/i Uhr abends statt. Geiiffnet: 7 Uhr. M. St. 99, 1 u. 2. Liegt kein Testament vor, so richtet sich da« Srb- recht des überlebenden Ehegatten danach, ob nahe Verwandte seiner verstorbenen Ehehälfte vorhanden sind. Sind weder Abkömmlinge, noch Vorsahren, noch Geschwister, Geschwisterkinder oder weitere Ab- kömmlinge von Geschwistern vorhanden, so erbt der überlebende Ehegatte den gesamten Nachlaß allein. Hinterläßt der Verstorbene Abkömmlinge, so erbt der verwitwete Ehegatte� cm Viertel des Nachlasses, der Nest fällt den Kindern, Enkeln usw. zu. Sind keine Abkömmlinge vorhanden, aber Eitern, Großeltern, Geschwister oder'Nachkommen von Geschwistern, so erhält der überlebende Ehegatte die Hülste de» Nachlasses: überdies erhält er als voraus alle Gegenstände, die zum ehelichen Haushalt gehört haben, und die HochzcitSgcschenkc. 3. Zwecks Ausnahme in einen Wahlverein wendet man sich an eine der durch Plakate bekannt gemachten Ausnahmcstellcn oder an den Vorsitzenden des WablvereinS. Namen und Adressen der Vorfitzenden werden von Zeit zu Zeit im„Vorwärts" bekannt gemacht. Vorsitzender für Südost ist der Genosse Paul Hossmann, Oppelnerstraße 21. — Michelmann. Eine Klage aus Entschädigung wegen Nichtgewährung der nach dem Vcrttage nicht vermieteten Kammer ist nach 2'/, jähriger MietSzeit aussichtslos Ans demselben Grunde ist von einer Einbehaltung der Miete abzuraten.— I. BS. 133. Sie leben auch ohne Verttag außer Gütergemeinschaft. Ratsam ist eS, zur größeren Sicherung der Frau einen Eheverttag zu schließen. Ein Beispiel und eine Anleitung zu einem solchen finden Sie Seite 225 Nr. 22 deS dem„Arbeiterrechl" beigefügten Führers. Das Buch liegt in den öffentlichen Lesehallen aus. — P. W. Nein.— F. V. 40. 1. Ist Ihr Freund volljährig, so ist er zur Zahlung der Raten verpflichtet; unendlich ost haben wir davor g e- warnt, teure Konversationslexika oder andre teure Bücher, die sür den Arbeiter einen dem Preise bei weitem nicht entsprechenden Wert haben, aus Ab» zahlung zu kaufe n und sich durch die scheinbar niedrigen, thatsächlich immens hohen Raten locken zu lassen, oder irgend eine Bestellung zu unterschreiben, deren In- halt nach seiner rechtlichen und wirtschaftlichen Folge hin von dem Unterschreibenden nicht zuvor sorgsam g e p r ü j t I st. 2. Der Lohn, der 1500 M. jährlich übersteigt, ist in Höhe eines Drittels des MehrbettagcS pfändbar, der weniger als 1500 M. jähr- sich bettagcnde Lohn ist wegen Kaussordcrungen und dergleichen nicht psänd- bar.— Belsortcrftr. 1. und 2. Ja. 3. Nein. 4. Wegen Unglückssällen, Jtrankheit können Sie nachträgliche Herabsetzung der Steuerswse beim Magistrat beantragen: die sür Krankheit verauslagten Kosten sind bei der Einschätzung nicht in Abzug zu bringen.—®. i«0. Leider müssen Sie in vollem Umsange Zahlung leisten, well Sie den Bestellzettel unterschrieben haben, es sei denn: Sic weisen durch Zeugen nach, daß die Verabredung eine ganz andre war. Solcher Beweis ist ungcmcm schwierig.— O. Ja. WitternngSüberficht vom 18. August 1993, morgen» 8 Uhr. Stationen Swinemde. Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien 'S£ B §■2 S5 »— .5 S 762 SSO 758 CSD 761 OSO 759 S 765 SW 764 Still Settel 3 bald bd 3, Regen "bedeckt ilwolkig 3'wolkig -Nebel »K i ,l- M S- Stationcn §2 n 5 »=■ Haparanda Petersburg Cork Aberdeen Pari« B .5- 8« 754 NO 750 W 160 761 Still Settel 2'bedeckt 2Rcgen —bedeckt 3p c deckt «•85 9" H3> Wetter- Prognose für Donnerstag, den 13. August 1903. Etwa« kühler, vielfach wolkig, zeitweise heiter mit Regenschauern mäßigen Westwinden. Berliner Wetterbureau. 14 14 13 16 und