Nr. AS. Bbonncments-Bf dingungen: wonnementS- Prei» pränumerando: LierteljShrl. S20 TOI., monoH. 1,10 TOI, «vöchentlich 28 Pfg. frei in« Hau». Ewzelne Nummer S Pfg. Sonntags. nummer mit Muftrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Weit' 10 Pfg. Post- «bonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in der Post-ZeitungS- Preisliste für 1»«» unter Nr.«SV». Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn» TOarl, für daS übrige«uSIa»» S Marl pro Monat. SO. Jahrg. (rfdldot tjgllch außer montag«, Devliner Volksbl�kk. Centralorgan der locialdemokratisthen Martei Deutschlands. VIe Iniertionß-eebllhf betrügt für die fechSgefpaltene kolonel. zeUe oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewcrkschaftNchc Bcrein«. und PersammlungS-Anzeigen 20 Pfg. „Klein« Hnieigen" jede! Wort 5 Pfg. (nur daS erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen di« S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition Ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen biS SUhr vormitttags gciftnet. Telegramm.«orefs«! „SMUldtmolirat steril»-. Redaktion: 831. 68. Lindenetraese 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Expedition: 831. 68, Lindenstraaae 69. Fernsprecher: Amt IT, Rr. 1984. Der britische Gewerkschafts- Kongreß. London, 11. September. Der 36. JahreSkongreh der britischen Gewerschaften tagt,, diese Woche in Leicester. Er war von 460 Delegierten besucht, die rund 1 500 VOll organisierte Arbeiter bertraten. Von den größeren Ge- werkschaften fehlten nur zwei: die der Mechaniker und Eisengießer, die zusammen etwa 100 000 Mitglieder zählen. Der Kongreß wurde vom Oberbürgermeister von Leicester begrüßt, ebenso von Mr. Henry Broadhurst, dem liberalen Arbciterabgeordneten für Leicester. Auf der Tribüne sahen auch die Gräfin v. Marwick und Lady Dilke, die Frau von Sir Charles Dilke. Die Geschichtsschreiber des britischen Trades-Unionismus, Mr. und Mrs. Sidney Webb, waren nicht eingeladen. Nachdem die Begrüßungsreden zu Ende waren, wurde der Jahresbericht ausgegeben, dem wir folgendes entnehmen: „Als unser Kongreß vor 26 Jahren in Leicester tagte, waren nur 141 Delegierte anwesend, die 112 Verbände mit 691 000 Mit- gliedern vertraten. Jetzt sind wir 460 Delegierte und vertreten 220 Gewerkschaftsverbände mit anderthalb Millionen Mitgliedern, so daß wir einen sehr bedeutenden Fortschritt zu verzeichnen haben.— Im Laufe der letzten zwölf Monate sind viele neue Entwicklungen im parlamentarischen Leben vorgekommen; Fragen von großer Bedeutimg wurden im Unterhause besprochen und teils erledigt, wie z. B. Er- ziehung, Steuerwcscn, das Verhältnis Englands zu den Kolonien, und vielleicht die wichtigste aller Fragen: die vorgeschlagene Aenderung unsrer Zollpolitik. Vom gewerkschaftlichen Standpunkte ist jedoch keine Frage so wichtig wie die der Verwirrung des Gewerkschafts- rechts durch den Taff-Vale-Entscheid und durch die verschiedenen richterlichen Auslegungen des Gesetzes, betreffend Picketing(Streik- postenstehen) und Verschwörung. Vergeblich hat sich das Parka- mentarische Komitee des TradeS-Unions-KongrefseS bemüht, die Schulvorlagc zu beseitigen. Dagegen waren wir erfolgreich in unsren Bemühungen, den Kornzoll abzuschaffen; ebenso thaten wir unser bestes, den Streikenden in Lord Penrhyns Schiefergruben beizustehen. Ferner gelang cS uns, die Schutzgesetzgebung auf die Hafenarbeiter auszu- dehnen. Aber die wichtigste aller Fragen ist: wie können wir den Taff-Vale-Entscheid vernichten, der unsre Kassen und überhaupt die ganze gewerkschaftliche Stellimg gefährdet. Dieser Gegenstand hat bereits drei Kongresse aufs ernsteste beschäftigt, und die Bewegungs- freiheit der Trades-Unions bedeutend gehemmt. Dem Mandate ge- mätz, daS wir von Euch erhalten haben, stellten wir an das Parlament das Verlangen, das alte Gewerkschaftsrecht wieder herzustellen, das friedliche Picketing zu legalisieren und den' Begriff der Verschwörung klar festzustellen. Wir entwarfen eine Gcwerkschastsnovelle, die vom Arbeiter-Abgeordneten Nkr. Shackleton dem Parlamente vorgelegt wurde. Die Vorlage wurde jedoch abgelehnt; dafür ernannte die Regierung eine Kommission, um alle Seiten der gewerkschaftlichen Bewegung zu untersuchen. Wir protestieren gegen die Ernennung der Kommission, da sie erstens geeignet ist. die ganze Angelegenheit zu verschleppen: sodann ist die Mehrheit der Kommission geWerk- schaftsfeindlich, und schließlich ist Ivohl das Kapital in ihr vertreten, aber nicht die Arbeiterschaft. Wir ersuchten deshalb die Gewerk- schaften, keine Aussagen vor der Kommission zu machen, bis der Kongreß zu dieser Frage Stellung genommen hat." Ueber die politische Haltung des Komitees für Arbeitervertretung sagt der Bericht nichts. Eine Erklärung darüber abzugeben, wurde dem Präsidenten des Kongresses Mr. Hornidge(Sekretär der Stiefel- und Schuharbeiter von Leicester) sowie den Delegierten überlassen. Wie wir in unsrer Mitteilung vom 6. d. M. ausein- andersetzten, handelt es sich in dieser Frage um den politischen Klassenkampf der Arbeiter, d. h. um ihre vollständige Los- lösung von den bürgerlichen Parteien, wie dies auf dem Kongresse des Komitees in Ncivcastle(20. Februar 1903) nieder- gelegt wurde. Ueber diesen Punkt besteht aber noch viel Uneinigkeit. Tie älteren Arbeiterführer wollen ein Zusammengehen mit den Liberalen, während die jüngeren, die mit den Socialisten in Berührung sind, vollständige Unabhängigkeit verlangen. Dem Tradcs-Unions- Kongresse lagen verschiedene Resolutionen über diesen Punkt vor. Der Präsident Hornidge sagte in dieser Beziehung: „Das Komitee für Arbeitervertretung wurde vom Trades- Unions-Kongreh(im Jahre 1899) geschaffen. Die Resolutionen, die uns darüber vorliegen, bedürfen der schärfsten Aufmerksamkeit. Ich bin der Ansicht, daß das Konntec nur aus Arbeitern und Ar- beiterorganisationen bestehen soll. Unsre Arbeiterpartei soll nicht von Leuten der Mittelklasse beherrscht werden(d. h. Sozialisten, die nicht aus der Arbeiterschaft hervorgingen; sollen vom Komitee fern gehalten werden). Dann bin ich gegen strenge Unabhängig beit von den übrigenpolitischenParteien. Ich kann wohl begreisen. was Unabhängigkeit und Zusammengehen mit andren Parteien be- deutet, aber Unabhängigkeit und Isolierung kann ich nicht begreifen. Wir müssen weitherzig sein. JchbingegenKlassenkampf; wahres Menschentum kennt keine Klassen; alle Menschen sind Brüder." Diese Ansicht von Mr. Hornidge werden ohne Zweifel von den älteren Arbeiterführern geteilt. Sie sind Nachklänge der liberalen Periode GladstoneS. Zum Schluß sprach sich der Präsident gegen Mr. Chamberlains Pläne aus und für den Freihandel,„der die Gedanken und Gefühle der Menschheit erweitert und vertieft." Er meinte, die Kolonien hätten keine besondere Liebe zum Mutterland«: Canada sollte sich an die Vereinigten Staaten enger anschließen. Auf die Versprechungen Chamberlains sei nichts zu geben. Die Delegierten traten sodann in die Diskussion der verschiedenen Resolutionen ein. Zuerst kam die Zollpolitik. Der Kongreß war sich darüber einig, daß der Freihandel aufrecht zu erhalten sei. In der Diskussion dieser Frage wurde auch der deutschen Arbeiter gedacht, die sich am 16. Jum gegen den Zolltarif ausgesprochen haben. Mit allen gegen zwei Stimmen wurde folgende Resolution angenommen: „Der Kongreß verurteilt aufs schärfste die vorgeschlagene Aenderung der Zollpolitik, da sie die besten Interessen des Landes gefährdet. Wir verpflichten uns, keine Mühe zu scheuen, um die zollpolitische Aenderung zu verhindern." Diese Resolution wurde auf Verlangen des Kongresses tele- graphisch an Vir. Chamberlain abgeschickt. Hierauf kam es zur Be- sprechung der politischen Arbeitervertretung. Das Interesse der Delegierten an dieser Frage war merkwürdigerweise nicht so stark wie an der Zollpolitik. Genosse Pete Curran, der an den Kongretzverhandlungen einen sehr lebhaften Anteil nahm, legte folgende Resolution vor: „Der Kongreß giebt seine herzliche Zustimmung zur Politik de? Komitees für Arbeitervertretung, wie sie auf dem letzten Kongreß in Neivcastle niedergelegt wurde, und fordert die Gewerk- schaften auf, dem Komitee beizutreten." Bis jetzt gehören dem Komitee 127 Gewerkschaften mit 847 000 Mitgliedern an, ebenso die Unabhängige Arbeiterpartei und die Fabier-Gesellschaft mit zusammen 14 000 Mitgliedern. Die größte Arbeiterorganisation Großbritanniens, der Verband der Bergleute, steht noch dem Komitee fern. Genosse Curran wurde von den übrigen socialistischen Gewerkschaften tüchtig unterstützt. Sie sprachen mit vielem Takte über den Nutzen einer selbständigen Politik der Ar- beiterklasse. Dagegen legten die Delegierten der Maurer folgenden Zusatzantrag vor: „Und der Kongreß ist der Ansicht, daß nur Arbeiter dem Komitee angehören sollen." Der Zusatzantrag ist, wie man sieht, im Sinne der Präsidenten- rede, d. h. gegen die Socialisten gehalten. Für den Znsatzantrag sprach auch der Arbeiterabgeordnete und Sekretär der Eisenbahner, Mr. Bell. Zur Abstimmung gelangte zuerst der Zusatzantrag, der mit 209 gegen 53 Stimmen abgelehnt wurde. Sodann wurde über die Resolution des Genossen Curran abgestimmt. Die R e s 0- lution wurde mit 606 000 gegen 285 000 Stimmen angenommen. Wir haben also auf eine unabhängige Politik des Komitees zu rechnen. Die Gewerkschaften, die dem Komitee angehören, haben sich hiermit von den bürgerlichen Parteien los- gelöst und den Beschlutz von Newcastle gutgeheißen. Dieser Be- schluß lautete: „Der Kongreß betrachtet cS als absolut notwendig, daß das Komitee und die Führer der ihm angehörenden Gewerkschaften sich aller Verbindung mit den bürgerlichen Parteien strengstens enthalten, da wir den socialen und wirtschaftlichen Bedürfnissen der industriellen Klasse nur dann gerecht werden können, wenn wir ohne Rücksicht auf die anderen Parteien unsre Politik aufbauen." Wie weit diese Resolution in Fleisch und Blut der Gewerkschaften übergegangen ist, wird die Praxis zeigen. Im allgemeinen darf man sagen, daß sich durch Beschlüsse eine revolutionäre Politik nicht her- stellen läßt. Jeder großen Politik liegt eine gewisse Theorie zu Grunde. Wird die Theorie nicht angenommen oder nicht begriffen, so kann selbstredend die Resolution, die nur der Theorie praktischen Ausdruck verleihen will, nicht viel helfen. Neben der Zollpolitik und der politischen Arbeitervertretung nahm daS Gewcrkfchaftsrecht die Aufmerksamkeit des Kongresses stark in Anspruch. Die Leser des„Vorwärts" wissen bereits, daß die Lage der britischen Gewerkschaften dadurch gefährdet ist, daß man sie seit dem Jahre 1901 kollektiv verantwortlich machen kann für Ungeschicklichkeiten, die während eines Streiks vorkommen. Früher waren nur diejenigen Gewerkschaftler verantwortlich, die sich Ungesctz- lichkeiten zu Schulden kommen ließen. Jetzt kann der Unternehmer die Kassen der Gewerkschaft angreifen. Dazu wurden die Gesetze über Streikpostenstchen und Verschwörung schärfer gefaßt, so daß es den Arbeitern kaum möglich ist, einen erfolgreichen Streik zu führen. Die Gewerkschaften arbeiteten eine Vorlage aus, die das alte Arbeiter- recht wieder herstellen sollte. Aber die Vorlage wurde am 3. Mai 1903 vom Parlament abgelehnt. Dem Kongreß lag nun über diesen Punkt folgende Resolution vor: „Die kollektive Verantwortlichkeit der Gewerkschaften in Schcidensersatz-Prozessen ist eine Gefahr für die Gewerkschaften Wir betrachten die neuen richterlichen Entscheide als nicht im Geiste der Trades-Unionsgesetze von 1871 bis 1876. Wir beauftragen das Parlamentarische Komitee deS TradeS-UnionS-Kongresses, eine Vorlage zu entwerfen, die die kollektive Verantwortlichkeit beseitigt und die Gewerkschaften sichert. Ferner soll das Komitee die Gewerkschaftler auffordern, nur für diejenigen Parlaments-Kandidaten zu stimmen, die die Vorlage zu unter- stützen bereit sind." Der Kongreß war einstimmig der Ansicht, daß die jetzige Lage unerträglich sei, da die Gewerkschaften nicht mehr wüßten, was sie thun oder lassen dürften. Die Resolution wurde mit 234 gegen 5 Stimmen angenommen. In Verbindung mit dieser Debatte stellte Genosse Hodge, der Sekretär der Stahlschmelzer, folgenden Antrag: „Der Kongreß protestiert gegen die Ernennung einer Kommission zur Untersuchung der Gewerkschaftslage. Wir be- trachten die Zusammensetzung der Kommission als eine Be- leidigung der Arbeiterklasse. Eine Kommission, die das Gewerk- schaftsleben untersucht und dennoch keinen einzigen Arbeiter zum Mitgliede hat, ist ungerecht und kann deshalb auf die Achtung der Arbeiter nicht rechnen. Der Kongreß fordert die Arbeiter- Vertreter auf. keine Aussaget vor der Kommission zu machen, so lange ihre Zusammensetzung nicht geändert wird." Die Resolution fand einstimmige Annahme.— Sodann sprach auf Antrag der Holzarbeiter von Belfast(Irland) der Kongreß ein- stimmig seien Abscheu aus gegen die Niedermetzelung von 30 000 Bulgaren durch die Türken in Macedonien, und forderte die Regierung auf, Schritte zu thun, um den Wirren auf dem Balkan ein Ende zu machen. Die Resolution wurde dem Premierminister und dem Staatssekretär des Aeuheren zugeschickt. Der Antrag Ben TillettS auf Einführung von obligatorischen Schiedsgerichten nach australischem Muster wurde mit 899 000 gegen 259 000 Stimmen abgelehnt. Tagegen wurde eine Resolution angenommen, die einen weiteren Ausbau des im Jahre 1896 eingeführten Gesetzes betreffend Versöhnungsämter für nötig hält. Nach jenem Gesetze darf die Regierung nur dann in gewerbliche Streitigkeiten eingreifen und ein Versöhnungsamt einsetzen, wenn beide Parteien dies wünschen. Die jetzt angenommene Resolution will der Regierung das Recht geben, eine gewerbliche Streitigkeit zu unterstützen und zu diesem Zwecke Zeugen zu vernehmen und einen Bericht zu veröffentlichen, sobald eine Partei das Eingreifen der Regierung wünscht. Ferner wurden Resolutionen angenommen betreffs Gewährung von Pensionen von mindestens 5 M. wöchentlich an alle Bürger und Bürgerinnen des Königreichs, die das 60. Lebensjahr erreicht haben, über den Ausbau des Arbeitsamtes und die Ernennung eines Arbeits- Ministers, über Einführung einer demokratischen Schulreform und Errichtung internationaler Schiedsgerichte. Damit war die Hauptarbeit des Kongresses erledigt. Die Ver- Handlungen und die Beschlüsse zeugten von einer tiefen Gärung unter den fortgeschritteneren Elementen der britischen Arbeiterbewegung. Die liberale Presse blickt mit Sorge auf diese Vorgänge, denn Eng- land wird im nächsten Jahre ohne Zweifel eine liberale Regierung erhalten, die an die Einlösung ihrer Versprechungen von den Arbeitern erinnert werden wird. Nur die„Daily News" sind etwas mutiger und suchen Trost in den d e u t s ch e n Parteiverhältnissen. Das frei- sinnige Organ Londons sagt:„Wenn wir durch den Aufstieg den Arbeiterpartei in England etwas von dem, was man als Liberalismus bezeichnet, verlieren sollten, so wird uns dieS nicht besonders be- trüben, denn wir sehen, daß vieles, was am Liberalismus wertvoll ist. in Deutschland von der Arkre-rterpartei hochgehalten wird; wir stimmen zwar mit der ökonomischen Grundlage der deutschen Arbeiterpartei nicht überein, aber ihr Geist ist es, der die menschliche Freiheit lebendig erhält."_ poUtifcbc aebcrficht. Berlin, den 14. September. Abermals Zeugniszwang. Aus Bochum wird uns gemeldet, daß dort der Genosse LeimpeterS, Redakteur der„Deutschen Bergarbeiter-Zeiwng", wegen ZengniSverweigerung in einer Angelegenheit des BezirkSkommissarS Krohn verhaftet worden ist. Bei Erörterung des Zwangsverfahrens gegen unsren Bericht- erstatter Rehbein und gegen den Redakteur Hildebrand, äußerte ein Blatt, man könnte nur wünschen, daß bald noch etliche solche Aktionen erfolgen möchten, um daS Unmoralische deS Zeugnis- Zwanges aller Welt fiihlbar zu machen. Dieser Wunsch erfüllt sich rasch genug, und man kann sich in der That keine bessere Agitation gegen den Zeugniszwang der Redakteure denken wie diese allgemeine Razzia auf ehrenhafte Männer, die den nicht verraten mögen und bei Strafe des Ehrverlustes nicht verraten dürfen, der ihnen im Vertrauen etwas mitteilte. Es ist nur eine Stimme darüber, daß der Zeugniszwang für Redakteure aufgehoben werden muß.— Ostelbische Agrarier als— Kuppler! Man schreibt uns: Tie Idylle, welche der„Vorwärts" gestern von den Zuständen auf einem ostpreußischen Gute machte, und in welcher geschildert wird, wie ein Ehepaar, eine verheiratete Frau ohne Mann, ein verheirateter Mann ohne Frau, drei unverheiratete junge Männer und zwei Mädchen zusammen in einer acht Quadratmeter großen Kammer logieren, ver« dient sicher aus dem Zusammenhange herausgenommen und noch einmal für sich betrachtet zu werden. Bekanntlich handelt es sich bei dieser Schilderung um„nichts Neues", und das ist leider das Schlimme an der Sache. Solche Fälle sind in Oftelbien keine Aus- nahmen, sondern die Regell Diese gegenwartsstaatliche Karnickel- Wirtschaft ist auch in Ost- und Westpreutzen keineswegs nur der minderwertig angesehenen polnischen Bevölkerung gegenüber beliebt, sondern die Herren Agrarier bringen in dieser Weise zur Erntezeit unparteiisch ihre Arbeiter und Arbeiterinnen jeder Nationalität und jeder Sprache unter.— Was schiert es sie, daß sie dadurch den jungen und unerfahrenen Leuten Gelegenheit geben. die Unzucht kennen zu lernen und sie auch auszuüben; was schiert es sie, daß sie in den Verheirateten die Scham ersticken, daß schlüpfrige Redensarten so in der Bevölkerung zum Gemeingut werden, daß selbst die Kinder sie schon ohne Erröten anwenden. Vor Jahren lagerten einmal auf den Böden eines westpreußischen Gutshofcs die beim Rübenziehen beschäftigten Arbeiter und Arbeite« rinnen auf Strohschütten, die Männer auf der einen, die Frauen auf der andren Seite. Vor dem Schlafengehen fingen die jungen Leute(im Alter zwischen 16 und 30 Jahren) sich oft im Scherz noch an zu balgen und es kam dabei zu allerhand zarten und unzarten Griffen. Eines der Mädchen wollte sich dies, sei es im Widerwillen gegen die Sache, sei es aus Widerwillen gegen die beteiligte Person, nicht gefallen lassen. Trotz dieses Widerstandes berührte der ab- gewiesene junge Mann das Mädchen unter Anwendung von Gewalt dennoch in unziemlicher Weise. Ohne selbst wohl die Folgen dieses Schrittes in ganzem Umfange vorauszuahnen, machte das Mädchen dem Gendarmen von dem Vorfalle Mitteilung. Der junge Mann, der leichtsinnig, lediglich um seinen Willen durchzusetzen, gehandelt hatte, wurde auf Grund des§ 176, Absatz 1, des Strafgesetzbuches zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt! Noch vor seiner Ueberführung ins Zuchthaus erhängte sich der Mann im Untersuchungsgefängnis. In diesem Fall mutzte auch der Herr GutZbesitzer, der d!c Leute Auch das, was ich Ihnen eben vorgelesen habe, war mir zu der Zeit, als ich mit Singer und Bebel über die Thätigkeit des Franz Mehring in der„Volks-Zeitung" sprach und mich für ihn einsetzte vollkonimen neu und unbekannt; ich weiß das erst seit ganz kurzer Zeit. Nun komme ich zum Schlutz. Betrachten Sie einmal die Situation in unsrer Partei und die Thätigkeit dieses Franz Mehring. Nach den ungeheuren Erfolgen, die wir erzielt haben, haben die Gegner außer dem Vabanque- Spiel eines Staatsstreichs nur eine einzige Hoffnung, die Spaltung»«frer Partei. An diesem Uraebimsstock, den die Socialdemokratte darstellt, prallen alle Angriffe ab, wie Flintenkugeln von einem Felsen abprallen. Nur von innen heraus kann dieser Felsen zersprengt werden. Was aber ist die Thätigkeit Franz Mehrings seit Jahren? Ist ffe etwas andres als die Verhetzung aller Parteigenossen untereinander (Sehr richttg I). ist sie etwas andres, als die Verhetzung unsrer Partei mit den Bruderparteicn im Auslände? Denken Sie an die Lage in Belgien im vorigen Jahre! Damals herrschte die Revolution in Belgien, und jeden Tag stellten die belglichen Genossen ihr Leben aufs Spiel. Und wie benahm sich Franz Mehring? Wie ein Hetzer, wie ein Schürer! Ganz ebenso verhält er sich der größten socialdemokrattschen Partei Frankreichs gegenüber. Ueber dies Verhalten Franz Mehrings herrscht eine sehr weit ver- breitete Unzufriedenheit in unsrer Partei. Auch die ihm Nahestehenden empfinden, wie ich überzeugt bin, ein sehr lebhaftes Unbehagen darüber. Einen einzigen Mann mag eS vielleicht in Deutschland geben, der an dieser hetzerischen, parteizerstörerischen Thatigkeit Franz Mehrings seine Freude haben könnte, das ist der preußische Polizeiminister.(Unnche.) Deshalb sage ich; als Feind waren Sie(zu Mehring) uns ungefährlich, und ungefährlich würden Sie uns sein, Ivenn Sie wieder einmal unser Feind würden. < Zuruf: Sie auch!— Heiterkeit.) Aber vor Ihnen als einen gefähr- lichen, den inneren Bestand unsrer Partei gefährdenden Freund lvollen wir uns schützen!(Beifall und Zischen.) Bebel(zur Geschäftsordnung): Der Herr Vorsitzende hat sich vorhin veranlaßt gesehen, auf mehrere Zurufe aus der Mitte des Saales, darunter auch einige sehr laute von mir, zu erklären, daß er diese Zurufe fiir unstatthaft halte, eine Bemerkung, zu der er selbstverständlich ein Recht hat nach der bisherigen Praxis. Er Hai aber weiter hinzugefügt, man solle es unterlassen, sich wie Schulbuben mit Beschimpfungen zu traktieren. Er hat nicht den Namen oder die Namen derjenigen genannt, die er unter dieser Bezeichnung„Schulbuben" gemeint hat. Aber wenn der Vorsitzende einer solchen Vemmmlung wie diese einen derartigen Ausdruck gebraucht, so ist es ganz natürlich, daß die Kombinattonsgabe der Hörer in Bezug auf die Deuttmg dieses Wortes in Bezug auf die Person oder die Personen, die unter dem Ausdruck„Schulbuben" genieint sein können, einen sehr weiten Spielraum zuläßt, und ich glaube, eine solche Freiheit in der Deutting eines Ausdrucks des Vorsitzenden sollte der Vorsitzende selbst vermeiden. Aus dieseni Grunde bitte ich den Vorsitzenden nachdrücklich, seine Be- merkung dahin deklarieren zu wollen, wen er unter dem Ausdruck „Schulbuben" gemeint hat.(Große Unruhe.) Singer: Ich hatte mir, auch ohne daß die Aufforderung des Genossen Bebel erforderlich gewesen wäre, bereits vorgenommen, n, einerseits zu erklären, daß ich, wenn ich den Ausdruck gebraucht habe, selbstverständlich nur damit meinen konnte, daß es nach außen hin den Eindruck erwecken könnte, als ob es eine so, wie ich es bezeichnet habe, zusammengesetzte Versammlung wäre. Ich gebe ohne weiteres zu und will vor allen Dingen hervorheben, daß dieser Ausdruck besser unterblieben wäre.(Sehr wahr!) Ich gehöre durchaus nicht zu den Menschen, die nicht einmal ein Wort sagen können, das sie lieber als nicht gesagt ansehen würden.(Bravo I) Aber in der Sache möchte ich meine Auf- forderung wiederholen, unsre Verhandlungen nicht durch Zwischenrufe und persönliche Apostrophierung der Redner untereinander auf- zuhalten. Der Stoff, den wir behandeln, bietet genug Veranlassung zur Erregung; wir brauchen durch eine derartige Erörterungsart diese Erregung nicht noch zu steigern. Ich hoffe, daß dieser kleine Zwischenfall damit erledigt ist und daß jeder für sich an seiner Stelle die Wiederholung solcher Vorgänge vermeidet. Gerisch: Ich habe keine Lust, mich für meine Person in den von Braun angeschnittenen Streit zu mischen. Ich habe an diesem Abendessen nicht teilgenommen.(Heiterkeit.— Bebel: Das war sehr gut!) Ich habe ums Wort gebeten, um die Gründe darzulegen, die den Parteivorstand zu seiner Kundgebung veranlaßt haben. Es wäre gewiß viel wünschenswerter gewesen, wenn eine solche Kund- gebung gar nicht erst nötig gewesen wäre, wenn die Parteigenossen aus ihrem Taktgefühl selbst das Nichtige träfen. Es schien aber, als wenn gerade in der letzten Zeit dies Taktgefühl doch bei verschiedenen Parteigenossen versagt hätte. Ganz besonders wurde die Frage aktuell durch das Schiedsgericht gegenüber dem Genossen Dr. Berthold. Da standen die Schieds- richter vor der Frage, ob Parteigenossen, die in dieser Weise für die gegnerische Presse thätig sind, noch zur Partei gehören können. Nach der bisherigen Praxis konnte der Vorstand diese Frage nicht verneinen. Insofern hat Braun den Sach- verhalt ganz richttg dargestellt. Bis in unsre Tage haben eine(Reihe hervorragender Parteigenossen an gegnerischen Organen mitgearbeitet. Ich gebe auch zu, daß der Vorstand keine einwandsfteie Form für seine Entscheidung gefunden hat. Wenn der Parteitag eine bessere Form findet, so werden wir das mit Freuden begrüßen.— Ich möchte noch einige Irrtümer richtig stellen, die Meister heute unterlaufen sind. Singer: Ich möchte bitten, das jetzt nicht zu thun. Es findet sich vielleicht dazu noch eine Gelegenheit. Hoffmann-Hamburg: Die Ausführungen des Genossen Braun sind in zwei Teile zu trennen. Der eine Teil, der als sachlich gelten kann, beschäftigte sich mit unsrem Thema, der andre aber gehörte gar nicht hierher.(Sehr richttg!) Braun hat es in ganz geschickter Weise verstanden, den Spieß umzukehren, so daß er nicht als Angeklagter, sondern als Ankläger aufgetreten ist. Er hat Ausgrabungen veranstaltet und uns Geschichten hier erzählt, die ich nicht gekannt habe, die aber ein Teil der alteren Genossen längst schon gekanut haben.(Sehr richtig I) Wenn wir aber im Vorleben eines jeden Einzelnen vor 26 Jahren nach- graben wollten, wohin kommen wir dann? Ich habe hier im Auftrag der Hamburger Parteigenossen Protest dagegen einzulegen, daß so viel Parteigenossen fortwährend die Streitaxt führen, daß vor jedem Parteitag ein Zankapfel hineingerollt wird.(Bravo I) Die Genossen in Hamburg haben das endlich satt I Sir wollen endlich einmal, daß diese Streitereien aufhören.(Bravo!) Aus dem Grunde haben wir einen bestimmten Antrag angenommen, nicht auf Grund des Mehringschen Artikels. Unter unseren Hamburger Parteigenossen giebt es einzelne, die die„Zukunft" lasen. Auf Grund dieser Kenntnis wurden nrir_ angeregt, zu dem Artikel „Parteimoral" Stellung zu nehmen. Ist denn wirklich für unsre Schriftsteller kein andrer Platz vorhanden, wenn sie über Partei- fragen schreiben wollen, als ein gegnerisches Blatt?(Sehr wahr!) Auch uns Hamburgern hat die„Zukunft" einmal einen Stein in den Weg gerollt. Als die Wogen wegen der Genossenschafts- bewegung hoch gingen, da hat die„Zukunft" einen Artikel von dem Großkaustnann May gebracht unter dem Titel:„Die redakttonäre Partei", der Zwietracht in unsre Reihen tragen sollte. Wenn man das Bedürfnis hat, seine Meinung kundzugeben, dann soll man vor die Parteigenossen treten und nicht vor Franktireure, die mit uns liebäugeln. Deshalb stehen wir ganz auf dem Stand- Punkt des Vorstandes. Wir haben ja mit der Zeit verschiedene Er- fahrungen gemacht. Wir bekommen immer mehr Zulauf aus andren Kreisen(Zuruf:"„Salon-Socialisten">i während das Gros der Partei- genossen von der Picke auf gedient und so den Socialismus in sich aufgenommen hat, fangen diese Elemente ihre Partcithätigkeit damit an. daß sie Führerrollen übernehmen.(Lebhaste Zustimmung.) Das ist verkehrt: sie wollen führen, und sollten selbst noch geführt werden (Lebhafte Zustimmung); sie suchen in der Partei unterzukonimen, werden als Redakteure untergebracht, das gefällt ihnen nicht, sie werden dann freie Schriftsteller. Wir verlangen aber, daß die Leute, die zu uns kommen, die Brücken zur bürgerlichen Gesellschaft hinter sich abbrechen, damit sie mit uns und für uns wirken.(Leb- haftcr Beifall.) Mit Vorliebe bringt die sogenannte parteilose Presse Artikel bekannter Socialdemokraten, dadurch aber wird unsre Presse geschädigt. So können wir nicht Abonnenten gewinnen und schädigen uns selbst. Ich bitte Sie deshalb, die These des Vorstandes an- zunehmen.(Lebhafter Beifall.) KantSky: Braun hat mit dem Bedauern darüber begonnen, daß es sich hier um ein Litteratengezänk handelt. Auch ich bedaure das, aber ich glaube, daß Brauu selbst dazu Ursache gegeben und auch mich zu einigen persönlichen Ausführungen gezwungen hat. Vor allen, muß ich dagegen protestteren, daß man die Sache so hinstellt, als ob es sich um einen Privatstreik zwischen Mehring und Haiden handelt. Davon kann gar keine Rede sein. Der Bcrnhardsche Artikel, der die Ursache zu der Anregung wurde, war mir früher bekannt als Mehring, ich las ihn und war ganz entfetzt darüber.(Sehr richtig I) Ich sagte mir: Das wird ja von Tag zu Tag toller, jetzt fangen die Herren noch an. unsre Partei- moral zu kritisieren und alles auf den Kopf zu stellen.(Sehr richttg!) In dem Artikel wurde gesagt, daß die Führer der Partei privattm ganz anders denken und sprechen, als sie öffentlich reden. Beruhard sagt darin, die Führer haben das Recht, vor den Massen, die ja nur Herdentiere, nur unreife Kinder sind, anders zu sprechen als sie denke», weil sie die Massen führen müssen, also gewissermaßen ihre Schul- meister sind.(Hört! hört!) Gegen diese Moral wandte ich mich, ich forderte Mehring auf, dagegen zu schreiben. Ich also bin der Urheber dieses ganzen Litteratengezäukes, und nicht Mehring. Es wird mir vorgeworfen, die„Neue Zeit" hätte sich dadurch vergangen, daß sie die Frage vor den Wahlen aufgriff und Genossen während des Wahlkampfes angriff. Ich bin mir der Verantwortlichkeit voll bewußt, die ein solcher Posten mit sich bringt, ich weiß sehr wohl, daß man die Partei sehr schädigen kann, wenn man einen Genosien vor der Wahl angreift, aber gerade die Nähe des Wahlkampfes war für mich entscheidend. Wenn diese Moral von Bernhard unwidersprochen in die Welt gegangen wäre, dann hätten unsre Gegner das Recht, vor die Massen zu treten und zu sagen:„Was wollt Ihr denn? Hier steht es ja, daß die Führer das selbst nicht glauben, was sie Euch vorerzählenj! Niemand hat sich dagegen ausgesprochen, das ist eine unwidersprochene Wahrheit."(Sehr richtig!) Gerade wegen der Nähe des Wahlkampfes mußte dagegen pro- testtert, es mußte gezeigt werden, daß die Partei nicht so über Moral denkt, wie Bernhard es dargestellt. Es wird ge- sagt, die Meinungsfreiheit sei gefährdet(Zustimmung), wenn man den Genossen bestimmte Blätter verbietet, ftir die sie schreiben dürfen. Nein, hier handelt es sich nicht um eine Frage der Meinungs- freiheit, sondern um eine Frage der öffentlichen Reinlichkeit, und da hat die persönliche Freiheit gewisse Grenzen. Stellen Sie sich vor, ein Genosse hätte den Geschmack, auf einen Misthaufen zu steigen und von hier auS zum Publikum reden zu wollen: hätten wir da nicht das Recht, zu sagen, suche dir eine reinlichere Tribüne aus? Wäre dadurch die Meinungsfteiheit gefährdet? Sicherlich nicht.(Heiterkeit, Beifall und Ruf: Sehr geistreich!) Dann wird gesagt, die„Zukunft" schreibe auch nicht anders als andre bürger- liche Blätter, für die Liebknecht, Marx, Engels und meine Wenigkeit geschrieben haben. Ich bin andrer Meinung. Die„Zukunft" hat eine Reihe von Artikeln gebracht, die weitaus das überschreiten, was andre bürgerliche Blätter über die Socialdemokratie bringen. Ich erinnere nur an den Artikel von Professor Jöst aus dem Jahre 1894 über russische Gefängnisse, in dem Jöst gegen Kennan polemisiert und diesem seine Sympathie für die russischen Socialisten vorwirft. In diesem Artikel werden die russischen Socialisten als gemeine Ver- brecher bezeichnet; es wird gesagt, unsre Genossinnen sind gemeine Dirnen, Prostituierte, die Kassen erbrechen und Geld stehlen, um damit ihre Zuhälter bezahlen zu können.(Lebhaftes Hört! hört!) Als ich diesen Arttkel las, wurde ich von einer Empörung ergriffen, die sich nicht beschreiben läßt. Wir haben viele Anfechtungen seitens der bürgerlichen Presse erfahren, aber ich kenne keinen Artikel, der so niedrig und pöbelhaft ist wie dieser. Und da kommt Edmund Fischer und sagt: Was da steht, steht wo anders auch I Er sieht keinen Grund ein, warum Socialdemokraten nicht für das Blatt des Herrn Harden schreiben sollen. Ich bin andrer Meinung, ich habe das als eine tätliche Beleidigung empfunden für die Partei; nach meiner Ansicht kann mit einem Blatt, welches uns so beleidigt, kein Socialdemokrat Gemeinschaft haben.(Sehr richtig I) Wenn solche Auffassungen in der Partei vorhanden sind über das, was die Würde eines Socialdemokraten erheischt, dann ist es wohl Aufgabe des Parteitages, hier ein Wort zu reden und denjenigen Genossen, die es nicht wissen, deutlich zum Ausdruck zu bringen, wie die Masse denkt.(Sehr richtig!) Nun hatt Heinrich Braun noch Mehring auf daS bitterste angegriffen, er hat geglaubt, ihm einen tätlichen Schlag zu versetzen. Er hat uns Dinge vorgelesen, über die wir alle seiner Zeit sehr empört waren, ja, wenn es jemals einen Mann in der deutschen Socialdemokratie gegeben hat, der gehaßt war, so war es Franz Riehring. Merkwürdig aber ist es, daß gerade Heinrich Braun heute so erbittert gegen ihn ist; das. was er vorgelesen hat, er- innert mich lebhaft an die Nummern der„Zukunft", in denen noch Harden vor ganz k"'-zer Zeit die Socialdemokratie angegiffen hat, als sie den Kampf gegen den Brotwucher führte. Wie Braun zu denr Schluß kommt, daß die Genossen das Recht haben, für Herrn Harden zu schreibe», das verstehe ich nicht.(Sehr gut!) Wenn damals, als Mehring uns so angriff, ein Genosse es gelvagt hätte, anzudeuten, er habe Lust, für ein von Mehring redigiertes Blatt zu schreiben, er hätte nicht etwa eine leise Rüge vom Vor- stand erhalten, nein, er wäre unter einstimmigem Zuruf der Genossen ohne jede Diskussion aus der Partei hinausgeworfen worden.(Leb- haste Zustimmung.) Nun will es das Schicklal, daß gerade Heinrich Braun es war, der Mehring in die Partei gebracht hat, und nicht nur in die Partei, sondern auch in Verbindung mit der„Neuen Zeit", was Braun vergessen zu haben scheint. Er war es, der mir damals Mehring aus das dringendste empfahl und mich für einen Philister hielt, weil ich Bedenken hatte, einen Mann, der uns so scharf angegriffen hatte, wieder zu uns kommen zu lassen.(Hört! hört!) Braun hat uns Dinge vor- gelesen, die sicher beleidigend für die Partei sind, aber es ist doch merkwürdig, daß gerade der Mann, der sich so dafür eingelegt hat, Mehring für die Partei zu gewinnen, der einzige war, der nicht wußte, was damals ganz Berlin von den Dächern pfiff,(Sehr gut.) der einzige, der nicht wußte, daß Mehring seinen alten Standpunkt noch in den ersten Jahren des Socialistengesetzes behauptet hatte. Heinrich Braun, dieser naive Mensch(Heiterkeit). der nichts sieht und hört, wußte von nichts und konnte sich daher den Luxus erlauben, Mehring in die Partei zu bringen.(Sehr gut I) Ich stand damals Mehring sehr mißtrauisch gegenüber, es ist ein Princip von mir, dem auch Sie etwas mehr huldigen sollten, das Mißtrauen gegen jeden, der von den bürgerlichen Parteien zu uns kommt und früher gegen uns gekämpft hat.(Sehr richtig!) Ich bin nicht dafür, daß man unbesehen jeden Dottor, der zu uns komnit, mit Hosianna begrüßt(Sehr gut I> und ihn vorzieht alten erfahrenen Genossen, die seit Jahrzehnten mit Einsetzung ihrer Persönlichkeit für uns gekänipft haben, aber den Fehler haben, daß sie Proletarier sind.(Beifall. Bebel ruft: Metzner!) Ich bin der Meinung, daß die Akademiker, die zu uns kommen, eine Karrenzzeit durchmachen sollten.(Sehr gut!) Wir haben principiell nichts gegen die Akademiker, aber ein ge- sundes Mißtrauen wäre gegen sie am Platze und das hatte ich auch Mehring gegenüber. Braun dagegen ist ihm sofort um den Hals gefallen und hat ihn zu uns herübergebracht. Andrerseits aber glaube ich, daß�wir demjenigen, der sich zehn Jahre lang bewährt und Schulter an Schulter mit uns gekämpft hat, auch die Treue bewahren müssen, die wir einem Kriegskameraden schulden. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir ihm dann, sobald er uns einmal unbequem ist, das vorwerfen, was er früher gethan hat, so ist das eine Treulosigkeit.(Erneute lebhafte Zustimmung.) Mehring hat sich um die Partei wohl verdient gemacht, das kann niemand leugnen. Er ist einer der ersten Vertreter des wissenschaftlichen Socialismus, es giebt unter den heute Lebenden keinen, der ihn darin überragt. Er ist ein hervorragender Historiker, das erkennen auch seine bürgerlichen Gegner an. Mehring kennt die Parteigeschichte wie kein zweiter, namentlich die Anfänge der Bewegung: darin ist er unübertroffen. Seine„Lessing-Legende". seine „Geschichte des Socialismus", sein Nachlaß von Marx und Engels sind Werke von klassischer Bedeutung, sie sind eine Zierde für unsre Partei und werden es immer bleiben.(Sehr richtig!) Wie kommt es, daß so plötzlich das Gewissen von denjenigen erwacht ist. die jetzt gegen Mehring so losziehen und ihm seine Jugendfehler so hart vorhalten, während dieselben Leute für die heutigen Fehler des Herrn Harden nichts weiter übrig haben als einen christlichen Mantel zum Zudecken? Das kommt daher, daß Mehring zu denen gehört, die sich durchgerungen haben zur Erkenntnis des wissenschaftlichen Socialismus und für die das Parteiprogramm nicht eine bloße Formalität ist, die sie hinnehmen, um in der Partei bleiben zu können, sondern eine lebendige Wahrheit, für die sie eintreten.(Lebhafte Zustimmung.) Gerade darum, weil er das Programm verficht auch gegen die- jenigen, die unsre Taktik angreifen, hat er sich den Haß einer Reihe von Leuten erworben und wird von ihnen angegriffen, und zwar von denselben Leuten, die ihn, wenn er heute mit ihnen das Pro- gramm angreifen würde, wie einen Geistesheros feiern würden. (Stürmischer Beifall.) Für die Oualifizierung dieser Art Angriffe fällt mir nur ein Vergleich ein: Mit jenen Leuten, die, wenn sie mit einem Nachbarn Streit gehabt haben, zum Staatsanwalt laufen und den Nachbarn wegen Majestätsbeleidigung anzeigen, die er vor längerer Zeit begangen haben soll. So ist es hier. Mehring ist diesen Leuten unbequem, und nun plötzlich graben sie alte Geschichten aus und kommen damit zuin Parteitag. Ich glaube. daß diese Denunziantentaklik vom Parteitag mit jener Achtung behandelt wird, die sie ver- dient." Nun noch ein Wort von mir! Braun hat darauf hingewiesen, daß auch ich für bürgerliche Blätter, namentlich die „Frankfurter Zeitung" geschrieben habe. Ich unterschreibe voll- kommen das Urteil Bebels über die„Frankfurter Zeitung": trotzdem fühle ich mich gegenüber Braun nicht schuldig, denn meine Mit- arbeiterschast an der„Frankfurter Zeitung" fällt in eine Zeit, wo wir keine Parteipresse hatten. Den letzten Arttkel für die „Frankfurter Zeitung" habe ich 1884 geschrieben.(Hört! hört!) Das ist doch etwas andres, wenn man sich der bürgerlichen Presse zu einer Zeit bedient, wo noch keine Parteilitterawr existtert, wo inan sonst gar nicht an das Publikum heran- kommt. Ebenso steht es mit Marx und Engels.(Bebel ruft: Damals war die„Frankfurterin" anständig I) Allerdings hat Liebknecht für die „Fackel" geschrieben. Ich weiß nicht, inwiefern das die andren Genossen rechtfertigen soll. Ich stimme Braun zu, daß Liebknecht da einen Fehler begangen hat, ich glaube aber, Braun thäte besser, lvenn er Liebknecht in dem nachahmte, was er Großes geleistet hat, in seinem revolutionären Eifer und nicht in gelegentlichen Entgleisungen l(Bravo I) Das scheint aber für ihn das wichttgste zu sein; der revolutionäre Geist ist ihm Nebensache. Ich kann mir die Entgleisung Liebknechts nur dadurch erklären, daß die „Fackel" in Wien erscheint und Liebknecht den dortigen Verhältnissen fremd gegenüber stand. Hätte die„Fackel" Liebknecht ebenso nahe gestanden, wie die„Zukunft" Braun, Liebknecht hättesnie eine Zeile für die„Fackel" geschrieben.(Sehr richttg I) Ich muß mich wundern. daß es noch Genossen giebt, denen niau noch den Schwindel mit der sog. parteilosen Presse auseinandersetzen muß, und daß gerade so ge- riebeneLeute wie Braunund Bernhard solcheKindersind und sich durch den Gedanken einer parteilosen Presse blenden lassen. Eine parteilose Presse giebt es überhaupt nicht. Heute, wo die polittschen Gegen- sähe so groß sind, muß jeder Partei nehmen. Die parteilose Presse ist die charakterlose Presse, die politische Heuchelei; eine Presse, welche wohl Partei nimmt, aber nicht offen, sondern unter dem Schein der Parteilosigkeit die Dummen, die nicht alle werden, einfangen will. Nun meint Braun, diese Artikel wirkten propagandistisch. Wie ein Arttkel wirkt, hängt nicht von dem Artikel allein, sondern von der Umgebung ab, in der er erscheint. Nach Braun wird ein Kuchen, der vergiftet ist und in den man ein paar socialistische Rosinen steckt, dadurch sofort zur gesunden und wohlschmeckenden Speise(Große Heiterkeit); er tröstet sich damit, daß die Rosinen ja nicht zerschnitten werden.(Heiterkeit.) Sehen Sie sich doch einmal diese propagandisttschen Arttkel an. Wenn jemand vorher noch nicht wußte, was die Socialdemokratte ist, dann hat er es durch diese Arttkel sicher nicht erfahren.(Zustimmung.) An loen wendet sich denn die„Zukunft"? An die Bourgeoisie, und es ist außerordentlich schwer, ach die Bourgeoisie zu wirken. ES ist durchaus nicht immer böser Wille, wenn wir da nicht verstanden werden; es liegt das oft einfach an der Un» fähigkeit, sich in unsre Vorstellungen hineinzudenken. Für ein bürgerliches Hirn bedarf es einer ungeheuren Anstrengung, um sich in den socialistischen Gedankengängen zurechtzufinden. Das kann durch einen Artikel nicht erreicht werden. Ein Proletarier kann durch solch einen Artikel beeinflußt werden, iveil bei ihm das Klassenbewußtsein vorhanden ist, und selbst beim Proletarier muß die unablässige Erziehung in der Werkstatt dazu kommen. Nun soll ein Bourgeois, der uns ganz verständnislos gegenübersteht. plötzlich durch einen Artikel in unsre Gedankenwelt eingeführt werden I Aus den bürgerlichen Kreisen können Socialisten nur durch systematische Arbeiten, durch wissenschaftliche Werke, die Werke von Marx, Engels, Lassalle usw. gewonnen werden, aber nicht durch einzelne Arttkel, besonders nicht durch so oberflächliche Arttkel, wie sie einzig und allein Harden für seine„Zukunft" aufnimmt. Einen Nutzen kann ich mir also von solchen Arbeiten nicht ver- sprechen. Der Schaden aber, den sie anrichten, ist sehr groß, wenn daS Empfinden für die Würde der Partei dabei verloren geht. Ich hoffe daher, daß die große Mehrheit des Parteitages dem Vor- schlage des Vorstandes zustimmen wird.(Lebhafter Beifall.) Edmund Fischer: Ich bin kein Litterat und habe mit dem„Litteratengezänk" gar nichts zu thun. Für bürgerliche Blätter habe ich nie eine Zeile ge- schrieben, ja ich habe mich schon jahrelang darüber aufgehalten, daß hervorragende Genossen von uns so oft für bürgerliche Zeitungen schreiben. Die Resolution des Vorstandes hat auch meinem Gefühl zum Teil Ausdruck gegeben. Ich bin aber empört— und habe daraus nie einen Hehl gemacht— daß dies«: ganze Borstoß lediglichaus einer per- sönlichen Differenz des Genossen Mehring entstanden ist. Kautskhthat so, als wenn dieFrage jetztplötzlich brennend geworden wäre. Dasistnichtder Fall. Ich habe vor zehn Jahren schon in der„Bossischen Zeitung" in der sogenannten wissenschaftlichen Beilage manchmal Artikel ge- funden von Genossen, die gleichzeittg an der„Reuen Zeit" mit« arbeiteten. Da hat sich KautSky nicht gerührt.(Zuruf Bebels: Für die wissenschaftliche Beilage!) Ja, die gehört aber doch auch zur„Vossischen Zeitung". Nach dem Genossen Bebel ist es also zu- lässig, für den wissenschaftlichen Teil der„Vossischen Zeitung" zu schreiben. Warum denn nicht ftir den wissenschaftlichen Teil der „Zukunft"?(Lachen.) In derselben„Vosfischen Zeitung" wird im Hauptblatte die Socialdemokratie auf das»iedecträchiigste beschimpft: für die Beilage dürfen aber Genossen schreiben I Warum sollen denn nicht, wenn Harden uns im Leitartikel angreist, im späteren Teil des Blattes wissenschaftliche Artikel von Genossen erscheinen�»(Lachen.) Dann der Fall Hans Leuß. Leuß war anti- semitischer Abgeordneter, der zu Zuchthaus verurteilt wurde wegen eines Meineides, den er. wie Mehring angiebt, aus edlen Motiven geleistet hatte. Mag sein, aber die Frau seines Freundes hatte er nicht aus edlen Motiven verführt. Jedenfalls hatte er abgewirtschaftet und kam dann zu Mehring, der ihm ein Loblied sang, daß er-ine starke demokratische Ader habe usw. Leuß durfte für die„Neue Zeit" schreiben. Zu gleicher Zeit schrieb er Artikel für den„Zeitgeist" des„Berliner Tageblatts"(Zuruf: Auch für die„Welt am Montag"), da hat man absolut nicht von„Reinlichkeit" gesprochen, Genosse Kautsky I(Sehr gut l) Da mußte die ReichstagSftaktton einschreiten, un, diesem Empfinden für Reinlichkeit Rechnung zu tragen. Ich war entrüstet über die Sache, besonders aber waren es die Revi» sionisten, die sich dafür ins Zeug legten, daß reinliche Verhältnisse hergestellt wurden.(Zuruf: Heine!) Jawohl, Heine hat am allenent- schiedensten gegen Leuß gesprochen. Die Genossen haben sich übrigens damals nicht nach Revisionisten und alter Richtung geschieden, sondern ganz unabhängig von dieser Gruppierung. Also Veranlassung zum Eingreifen hätte für den Vorstand früher schon vorgelegen, aber da geschah nichts. Wahrscheinlich schrieb Leuß nicht revisionistisch und so wurde er mit Freuden aufgenommen und Kautsky hat ihm kerne Karrenzzeit auferlegt. Das ist der Grund, weshalb ich mich empörte, als dann Mehring seine Angriffe auf di« „Zukunft" unternahm. Ich habe niit der Person Bernhards nichts zu thun, ich hätte gewünscht, daß er nicht Genosse wäre, wie mir das von manchen Genossen vielleicht lieber wäre. Ich war aber empört, daß seit dem Artikel von Adler in der„Zu- kunst" der Kampf gegen die„Zukunft" geführt wurde. Vor- her durfte man für die„Zukunft" schreiben, da hat man nichts gesagt.(Zuruf: Wer hat denn damals dafür geschrieben?) Ich nenne Paul Ernst.(Zuruf: Ist nicht Socialdemokrat!) Er war es aber damals.(Zuruf: Außerdem Sttöbel!) Das weiß ich nicht; ich weiß aber, daß Sttöbel ebenso wie Schönlauk für die Wiener „Zeit" geschrieben hat. Mag sein, daß die„Zeit" anständiger ist als die„Zukunft", aber in der Polemik gegen die Socialdemokratte war sie ebenso gehässig wie die„Zukunft". Die ganze Sache datiert von dem Arttkel Adlers in der„Zukunft" gegen Mehring. Als dieser Artikel erschien, fragte mich ein Arbeiter: Haben Sie die Arttkel gelesen? Wie ist das beim mög» lich l Das müßte die ganze Parteipresse abdrucken!" Daß Berthold die„Zukunft" verantwortlich gezeichnet hat. will ich nicht billigen; es wäre mir lieber gewesen, wenn er ausgeschlossen worden wäre. Ich bin vielleicht etwas voreingenommen gegen Mehring; das rührt von der Zeit her, wo er 1891 die Broschüre„Kapital und Presse" schrieb. Daß derselbe Genosse bald darauf beauftragt wurde, die Geschichte der Eocialdemokratie zu schreiben, das habe ich nie verstanden. Ich bin überzeugt, wenn die Arbeiter die Laufbahn von Mehring kennten, dann würden sie meine Entrüstung teilen. Kantskn schrieb, ich trete dafür ein, das man für die„Zukunft" nicht schreiben dürfe Das thue ich nicht; ich sage nur: wenn man für die „Zukunft" nicht schreiben darf, dann soll man es für kein bürgerliches Blatt dürfen. Man kann diese Frage nicht durch einen solchen Beschlutz festlegen. Hier mutz von Fall zu Fall eut schieden werden, wie es in dem Fall Berthold geschah, dann kann Serechter verfahren werden. Wenn Sie jetzt diese Frage auf einmal ir so wichtig halten und die Verdienste des Genossen Mehring so feiern, dann würde ich— mit diesen Worten will ich schlietzeir— nichts dagegen haben, wenn nach sechs oder sieben Jahren Max Lorenz wieder zu uns käme und dann sofort Redatteur der„Neuen Zeit" würde.(Beifall und Zischen.) Beyer-Leipzig: Wenn irgend jemand die Sache auf das persönliche Gebiet hinübergespielt hat, so war es Edmund Fischer. Er hat aus ganz bestimmten Gründen auch den zweiten Redakteur der„Leipziger Volksl zeitnng" in die Sache hineingezogen. Mit einem Max Lorenz, der in die Partei gekommen ist in der Absicht, sie auszunutzen und das, was er erfährt im Sinne der Gegner zu verwenden, kann man weder Mehring noch unsren zweiten Redakteur vergleichen. Es war em grotzer Demagogenhieb von Mischer, zu erklären, er sei nur so hineingezogen in die Affaire, er sei empört gewesen. Spielt denn die Geschichte seit heute und gestern, datz Mischer den Artikel im„Annen Teufel" noch gerade in der letzten Mmute bringen mutzte, jenen Artikel, in dem er vom Parteitag den AuSschlutz von Mehring— denn dieser ist mit Max Lorenz gemeint— verlangt? Warum war denn Fischer nicht gleich damals empört, als die„Nene Zeit" gegen den Artikel„Partei- moral" in der„Zukunft" polemisierte? Als der Artikel in der „Neuen Zeit" erschien, war es Pflicht von Fischer, sich zu empören (Heiterkeit) und das, was er heute sagt, aufs Tapet zn bringen. (Sehr richtig I) Dem Genossen Heinrich Braun kam eS von Anfang an lediglich darauf an, Mehring von dem Blatt zu beseitigen, das immer noch auf unser Princip gehalten hat. Er wollte seiner Zeit die Leipziger absolut zwingen, nicht etwa Mehring zu entlassen. wohl aber ihn zur unveränderten Aufnahme der Braunschen Er- klärung zu veranlassen. Dann aber wäre Mehring gegangen, und das lag einzig und allem im Wunsche derjenigen, denen er im Wege ist. Wenn hier geschimpft wird, datz Mehring ftüher das Buch über die Socialdemokratte und den Artikel in der „Gartenlaube" geschrieben hat, so kann ich nur sagen. datz wir uns diese Dinge genau besehen haben, ehe Mehring zu unS kam. Die Arbeiter, die mit Mehring zu thun hatten, wutzten, was los war? sie haben sich aber gesagt, datz bei Mehring eine ganz naturgemätze Entwicklung stattfand.(Ruf: Zwei- mal gemausert l) Sehnlich steht es nnt Jäckh. Ich lobe mir die Leute, die sich von rechts nach links entwickeln, mehr al« diejenige«, die sich umgekehrt entwickeln.(Sehr richtig!) Wir kennen ja die Leute, die ftüher nicht radikal genug thun konnten und schlietzlich beim Genossenschaftswesen endeten.(Sehr richttg l) Wir können nur wünschen, datz der Borschlag des Parteivorstandes allseitig anerkannt wird, vor allem aber, datz das Proletariat in Zukunft stets nach dem dritten Satz der Erklärung handelt. Haben ftüher die Dinge bei verschiedenen Parteigenossen vielleicht ähnlich gelegen wie heute, so kann es doch jetzt nicht mehr so weiter gehe». Der Arttkel über Parteimoral stellt die Arbeiter als eine Hammelherde hin.(Sehr richtig I Bebel ruft: Las ist das ärgste, was geschrieben ist l) das mutz verschwinden, selbst auf die Gefahr hin. datz einer Anzahl von Litteraten in unsrer Partei der -Brotkorb höher gehängt werden mützte.(Beifall.) Klara Zettl«: ES ist gesagt worden, die Resolutton deS ParteivorstandeS über 'die Mitarbeiterschaft einzelner Genossen an der„Zukunft" habe eine ttef- gehende Erregung in Parteikreisen hervorgerufen. Eine Erregung ge- witz, es ftagtfich nur, in welchem SinneundinwellhenKrcisen.(Sehr gut!) Wenn man davon spricht, datz diese Resolutton in den weitesten Kreisen Entrüstung erregt habe, so verwechselt man den breiten Ocean unsreS ParteilebenS mit dem Glase Wasser einer kleinen Anzahl von schriftstellerisch thättgen Genossen.(Lebhaste Zustimmung.) In jenem kleinen Glase Wasser nur hat sich ein Sturm der Entrüstung ob bedrohter MeinungSfteiheit erhoben, im grohen Ocean unftes Parteilebens haben sich auch Wellen der Eni- rüstling gekräuselt, aber nur darüber, datz überhaupt eine solche Resolution notwendig wurde.(Sehr richtig!) Man war darüber empört, datz der Parteivorstand es nöttg hatte, in der mildesten und schonendsten Form, die er wählen konnte einzelne Genossen darauf aufmerksam zu machen, datz eS für ihre schnst- stellerische Thätigkeit Grenzen giebt. die sie kraft der Moral, kraft des polittschen Reinlichkcitsempstndens als Partergenossen nrcht über- schrerten dürfen.(Sehr wahr!) Nun hat man hrer meiner Ansicht nach den Versuch unternommen, den wahren Kernpunkt der Strertfrage vollkommen zu verschieben(Sehr richtig 1); man hat es so dargestellt, als ob es sich lediglich um ein Litteratengezänk zwischen Mehring und Harden handele. Das ist durchaus unzutreffend. Wenn aber irgend jemand dazu beigetragen hat, diese ganze Diskussion von der Höhe einer grundsätzlichen Auseinandersetzung auf das Niveau von Litteratengezänk herunterzudrücken, dann waren es die Ge- nossen, die mit allerlei kleinlichem, persönlichem— ich möchte fast sagen Altweibergerede(Heiterkeit) hierher gekommen sind und alte Erinnerungen von Soupers usw. ausgegraben haben, dw mit der Sache nichts zu thun haben.(Sehr gut!) Für im» liegt die Frage nicht so: Wie steht Harden zu Mehring, sondern wie steht Harden und seine„Zukimst" zur Partei? Unter diesem Gesichtswinkel haben wir zu prüfen, ob eS Parteigenossen erlaubt sein kann, an der„Zukunft" mitzuarbeiten.(Sehr richtig!) Bei der Behandlung der Sache muß einmal berücksichtigt werden der konkrete Einzelfall der Mitarbeiterschaft an Haidens„Zukunft" und dann die all- gemeine Frage, ob eS im Parteiinteresse wünschenswert ist, datz hervor ragend schriftstellerisch thättge Genossen einen Teil ihrer Kraft der gegnerischen Presse widmen köniien. Ich habe nicht nöttg, alle jene Beschuldigungen gehässigster Art zurückzn weisen, die gegen Mehring erhoben find, das hat KantSky in der glänzeiidsten Weise gethan. Ich will nur sagen, datz die Genossen, die uns hier unterhalten haben mit jenen, den älteren Parteigenossen wohlbekannten Auszügen aus alten Mehringschen Schriften von 1879 und 1880, viel besser thun würden, uns zu unterhalten mit den glänzenden Ausführungen über die socialifttsche Gedankenwelt, die Mehring in seinem Vor wort zum Nachlatz von Marx und Engels gemacht hat. (Lebhafte Zustimmung.) Dann würden die Genossen ganz anders urteilen und auch begreifen, datz niemand, der das liest, die Aus fassung von Braun teilen kann, als sei Mehring zu uns gekommen als ein abscheulicher Lügner, dessen Bekehrung nicht ernst gewesen sei. Nein, daraus gewinnen wir die Ueberzeugnng, daß der socialifttsche Gedanke in Mehring eine solche lebende Kraft gewonnen hat, datz er durchaus als einer unsrer berufensten und wiir digsten Kämpfer in Reih und Glied mit uns steht und datz wir nicht das Recht haben, seine jetzige Gesinnungstrene zu bezlveifeln.(Sehr richtig I, Wag den konkreten Fall der Mitarbeiterschaft an der„Zukunft" betrifft, so kann kein Zweifel daran bestehen, datz es für Genossen unzulässig ist, für die Hardensche„Zukunft" auch nur eine Zeile zu schreiben. Kautsky hat schon darauf hingewiesen, in welch bubenhafter Weise die rufst schen Freiheitskämpfer da geschildert sind. Wenn es je in der Geschichte der BefreinngskämpfeallerLänderMännernnd Frauen gegeben hat, die es verstanden haben, die Grötze des antiken Helden mit der Selbstlosigkeit des christlichen Märtyrers zu vereinigen, dann sind es die russischen Revoluttonäre gewesen.(Smnnischer Beifall.) In einemOrgan.das diese Männer und Frauen, die zu den Edelsten und Besten aller Länder und Zeiten gehören, deren Wirken gegenüber wir alle das Gefühl haben müssen: Zieh' deine Schuhe aus, der Boden, wo du stehst, ist heilig.— In einein Organ, wo diese Leute so beschimpft werden, mutz es nicht nur für einen Socialisten, sondern für jeden an- ständigen Menschen unmöglich sein, zu schreibe».(Stürmischer Beifall.) Nun ist gesagt, datz trotz alledem die Mitarbeite rschast an der„Zu fünft" von erheblicher Bedeutung sei im Hinblick aus die Aufklärung der bürgerlichen Gesellschaft über die socialifttsche Ideenwelt. Wie unbegründet diese Auffassung ist, beweist die eine Thaffache, datz in Genosse Hardens„Zukunft"(Grotze Heiterkeit.) ich nehme diesen Ausdruck selbstverständlich als eine Realinjurie gegen den Parteitag feierlichst mit dem Ausdruck deS Bedauerns zurück(Erneute Heiterkeit) was ich sagen wollte, war das Folgende: Wie unbegründet die Auffassung ist, datz wir durch die Mitarbeit an der„Zukunft" eine Umwälzung in der Auffassung bürgerlicher Kreise herbeiführen können.bezengt die„Zukunft" elbst, die sich seit langen Jahren der Mitarbeiterschaft hervorragender Parteigenossen erfteut(Bebel: Und Genossinnen!) Dies Blatt konnte nach den grotzen Kämpfen inn den Zolltarif erklären, datz sie 'ocialdemokratische Fraktion das Parlament in eine Kutscher- chwemme verwandelt hätte.(Hört! hört!) Sie sehen also, wie erzieherisch die Mitarbeit von Genoffen(Bebel: Und Genossinnen!) an der„Zukunft" gewirkt hat. Und ist es möglich, durch die Arttkel in der„Zukunft" in unsre Gedanken- Welt einzuführen? Ich verneine das, denn alle jene Arttkel. die dort erschienen sind. führen im grotzen und ganzen nicht in unsre Gedankenwelt hinein(Sehr richttg!), sie machen vielmehr die Leser nur mit den Liebhabereien einzelner schreibenden Genossen bekannt.(Zustimmung.) Es ist nicht eine Parteimeimmg, ondern eine Beleidigung der Partei, wenn Bernhard dort lie Auffassung verttitt, wir hätten eine Wissenschaft mit doppeltem Boden, eine für den blinden Hödur und eine fiir die Wissenden, die sie sich beim Bier sagen.(Zuruf: Oder beim Wein!) Und der Arttkel über die Religion des Kaisers steht meiner Ansicht nach in direktem Gegensatz zu unsrer Klus- assung der Religion als Privatsache. Auch eine Reihe andrer Arttkel der„Zukunft" sind nicht geeignet, in die socialistische Jdeenwett einzuführen. Die„Zukunft" des Herrn Harden teht uns direkt gegensätzlich gegenüber, sie steht in Bezug auf ihre Tendenz nicht höher als die„Woche" oder der„Lokal- Anzeiger", sie ist genau so ein parteiloses, d. h. charakterloses, dem Geschäft gewidmetes Unternehmen wie jene Blätter.(Sehr richttg I> Wir haben diese sogenannte parteilose Presse zu bewerten unter dem Gesichtswinkel, auf den schon Lassalle hingewiesen hat, indem er sagte, sie sind Geldschlagmaschinen für den Bourgeois; wenn jemand Geld verdienen wolle, so möge er Kattun fabri- zieren oder Tuche oder an der Börse spekulieren, nicht aber das Volk vergiften, das sei das größte Verbrechen. Lassalle hat auch bereits auf eine andre Seite dieser parteilosen Presse hingewiesen. In dem Jahrhundert DarlvinS geht es nicht mehr an, die Masse der Sklaven des Kapitals, die Ausgebeuteten und Enterbten. lediglich durch das Wort des Priesters in der Kirche in geistiger Verdummung und Vergiftung zu erhalten. Die parteilose Presse aber hat genau dieselbe Rttssion wie die Kirche im Dienste der Bourgeoisie zu erflillen, näm- lich das Klaffenbcwutzffein des wcrkthättgen Volkes zu vergiften. Sehr wahr!) Unter diesem Gesichtswinkel bettachtet, ist jene Presse noch viel gefährlicher für unsere Bestrebungen als die Presse bestimmter feindlicher Parteirichttmgen. Gegen die Gedankengänge, die der Geistliche im Talar ihnen beibringen will, können sich die Massen sehr leicht schützen, aber die parteilose Presse kommt unter der MaSke des falschen Freundes in die Kreise der Arbeiter. Wir erklären eS und die ganze Partei- presse erklärt es wieder und wieder fiir eine unsrer wichtigsten Aufgaben, die bürgerliche Presse jeder Schattierung, insbesondere die parteilose, aus jedem Arbeiterheim hinauszubringen, und wir rechnen eS dem einzelnen Genossen als Schimpf an, wenn er durch ein Abonnement jene Presse unterstützt. Können wir da den chreibenden Genossen die Ausnahmestellung zubilligen, datz sie durch ihre Mitarbeiterschaft die parteilose Presse interessant und bekannt machen und dazu beittagen, sie in manche Kreise einzuschmuggeln, wohin sie ohne die Mitarbeiterschast der Genossen nicht gelangen würde?(Sehr gut!) Auch unter diesem Gesichtspunkt können wir uns nur der Resolution des Parteivorstandes anschließen, es scheint, datz in den Kreisen, die die Mitarbeiterschaft befürworten, eine eigenartige Auffassung vorhanden ist über das Verhältnis der Genossen zur bürgerlichen Welt überhaupt. Das Ganze läuft im Grunde ge- nommen auf die Frage hinaus: Können wir uns mft der bürgerlichen Welt vertragen, können wir sie durch Ueberrednng und gute Manieren zu uns herüberziehen oder müssen wir die bürgerliche Welt überwinden? Dieser Punkt wird ja bei der Frage der Takttk eingehend erörtert werden. Ich will hier nur darauf hinweisen, datz ich diese Auffassung fiir irrig halte und datz meiner Meinung nach alles aus dem Wesen des Klassenkampfes resulttert. Wenn die gleiche Zeit, die gleiche Kraft, das gleiche Talmi, das man auftvendet, um vielleicht mal diesen oder enen Bourgeois übrrredm zu können, datz wir nicht so schlimme Gesellen sind, wie man ftüher annahm, ans die Revolutionierung der Massen verwendet würde, so würde man statt anderthalb flauen Genossen aus der Bourgeoisie Hunderttausende von wirklichen Kämpfern gewinnen.(Stürmischer Beifall; Händellatschen.) Adolf Hosfinann- Berlin: Nach den Ausführungen von Edmund Fischer und Heinrich Braun mützte man annehmen, datz auf unsrer Tagesordnung stände: Die Sünden von Mehring, Braun und Genossen. Das eigentliche Thema ist vollständig verschoben. Sie sind ans den Kern der Sache nicht eingegangen, und Sie können eS wirklich dem Parteitag nicht ver- Übeln, wenn er annimmt, man hat die Ausgrabungen aus Mehrings Schriften nur gemacht, um seine eigne Sache zu bemänteln und das, was eigentlich in Frage steht, nicht zumAustrag kommen zulassen. Es wird kein einziges Mitglied des Parteitages geben, das nicht das. was Mehring rüher geschrieben hat, tief bedauert und verurteilt, aber als Social- demoftatcn, die wir doch die Menschen erziehen wollen, dürfen wir nicht einem Sünder, der Buße gethan hat, den Weg versperren. Und datz Mehring Buße gethan hat, beweist doch wahrlich seine Geschichte der Socialdemokratte. Noch weniger können wir sagen: weil Mehring und andre gesündigt haben, deshalb haben auch wir das Recht, für alle Zeit zu sündigen. Es besteht doch ein Unterschied zwischen damals und heute. Unsrer Partei stehen heute eine ganze Reihe von Blättern zur Verfiigung. Wir brauchen heute nicht so zu verfahren, wie ftüher in diesem oder jenem Fall. Es handelt sich nicht nur um die Mitarbeiterschast, sondern auch um die Frage, ob ein Genosse Redakteur an einem gegnerischen Blatte sein kann und ob er als solcher berechttgt ist, Ehrenämter in der Partei zu bekleiden. Wir wissen ja, daß Bernhard nicht nur Mitarbeiter der „Zukunft", sondern auch Redakteur der„Berliner Morgenpost' ist. (Bernhard: Handelsredakteur I> Das weiß ich, das hätte ich auch selbst gesagt. Bernhard hat in Berlin versucht, als Redner für die Partei auszutteten; ich glaube ihm, daß er dazu aufgefordert war, aber umso notwendiger war das Vorgehen des Vorstandes. Wohin soll es denn sonst kommen? Bernhard ttitt als Redner auf und bei der Unvernunft eines grotzen Teiles unsrer Genossen, die leider sehr schnell bei der Hand sind mit der Ver- gebnng von Mandaten, würde er vielleicht bald auch Reichstags« Kandidat, vielleicht sogar ReichstagS-Abgeordneter werden und das wäre für die„Morgenpost" ein vorzügliches Geschäft.(Sehr gut!) Die arbeitenden Genossen, die von ftiih bis spät in Fabrik und Werkstatt zu thun haben, um ihre Familie zu ernähren, agitieren nach Feierabend und des Sonntags für unsre Presse. Sie suchen neue Abonnenten zu gewinnen, aber da wird ihnen entgegengehalten, das ist in Berlin thatsächlich passiert— ich kann die Zeugen dafür beibringen— es handelt sich um einen Genossen, der an einenr Sonntag ein Flugblatt verteilt hatte und am nächsten Sonntag die Leute zum Abonnement ver- anlassen wollte, und diesem sagte man:„Die„Morgenpost" ist dilliger als der„Vorwärts" und dafür schreiben ja auch Socialdemokraten wie Göhre u. a., wir haben also nicht nöttg, den„Vorwärts" zu halten.(Hört! hört!) Das ist durchaus logisch, wenn ein Redakteur der„Morgenpost", sei es auch nur ein Handels- redaktcur, öffentlich fiir die Socialdemottatie aufttitt, ohne datz die geschästlicheLeitung der„Morgenpost" etwas dagegen hat, so sagt sich die grotze Masse: das ist ein Beweis dafiir, datz die„Morgenpost" der Social- demokratte recht fteundlich gegenüber steht. Das erschwert unsre Agitatton ungeheuer, es erschwert die Verbreitung unsrer Presse, und wenn ein Parteitag das länger duldet, so versündigt er sich an den Arbeitern, die für unsre Presse agitieren.(Sehr richtig!) Bernhard ist ja hier. Ich begrüße es mit Freuden, datz er auch ein Mandat hat, ich glaube von Breslau-Land. Durch welche Verwandtschast er es erhalten hat, entzieht sich meiner Kenntnis.(Heiterkeit und Sehr gut!) Berlin hat es abgelehnt, ihn als Delegierten hierher zu entsenden. Gerisch hat gezeigt, ivie unsre Part'eipresse zugenonimen hat, aber wenn die Quertreibereien von dieser Seite in den letzten Jahren nicht gewesen wären. dann hätten wir noch größere Fortschritte gemacht. Welche Artikel sind es denn, die von der bürgerlichen Presse aufgenommen werden? Ich gebe zu, auch wenn Genosse Bebel sich zu einem solchen Arttkel verftehen würde, so würde der Arttkel wohl hin und wieder einmal als Reklame aufgenommen werden. Aber im allgemeinen nimmt die bürgerliche Presse vor allem solche Arttkel auf, mittels deren man der Socialdemottatie Knüppel zwischen die Beine werfen kann. DaS ist der Kernpunkt. Durch diese Thättgkeit gewisser Auch-Genossen wird uns die Agitatton ganz außerordentlich erschwert. Denken Sie mal darüber nach, wieviel Zeit Sie in Agitationsversammlungen verschwenden müssen mit der Widerlegung der Verdrehungen, die uns mittels dieser Arttkel entgegengehalten werden. Was bringen da die Gegner immer zuerst vor? Die Arttkel der Genossen Göhre. Heine, v. Vollmar usw. Die werden uns vorgehalten. Und statt datz lvir unsre principiellen Ideen gegenüber dem Gegner verttcten könnten, müssen wir uns mit der Abwehr dieser Arttkel beschästigen. Das schadet unS ungemein. Braun sprach von seinem„tiefen Empfinden". Ich bin auch der Meinung: wenn wir dieses Vorgehen sehen, dann überkommt einem ein ttefes Empfinden des Ekels(Lebhafte'Zustimmung) gegen dies Treiben, mit dem man sich immer wieder beschästigen mutz. Die freien Schriftsteller schreien über Beeinträchtigung der MeinungSfteiheit. wenn sie sich dem Rahmen deS Parteiprogramms einstigen sollen. Wie geht es denn bei diesen Arttkeln meist zu? Die Genossen wollen ihre Artikel los werden; weil sie in der Parteipresse vielleicht keinen genügenden Absatz finden, wenden sie sich an die gegnerische Presse. Wenn man dann einen vermögenden Gönner findet, so gründet man eine neue Zeitung.(Sehr gut!) Da holt man nun Liebknecht hervor, um uns zu beweisen, daß er auch mal Thorheiten gemacht hat. Aber Liebknecht nahm ja nicht in Anspruch. unfehlbar zu sein. Wenn Braun doch endlich mal. statt den Fehlern des alten Liebknecht nachzuspüren, etwas von seinem Geist profitieren wollte l Das thut ihm not I Braun sprach von den, Index, der die Konsequenz des Vorstandsantrages sei. und nieinte, dann mützte man auch das Lesen gegnerischer Blätter verbieten. DaS ist aber doch etwas ganz andres l Bürgerliche Blätter lesen wir zu dem Zwecke, um Material gegen unsre Feinde zu sammeln. Das ist nicht nur unser Recht, sondern unsre Pflicht. � Recht kurios fand ich die Souper-Geichichte, die Braun hier erzählt hat. Es wäre von großem Vorteil, wenn er noch nachtragen wollte, was eS bei diesem Souper gegeben hat. (Heiterkeit.) In der Probinz werde» wir jetzt schon in wenigen Tagen von Soupers lesen, die die Führer abhalten.(Sehr richtig! Unruhe.) Da werden diese Dinge alle aufgeführt werden, die man hier— die Genossin Zetkin sagte ganz richttg: als alter Weiberklatsch— in die Debatte geworfen hat.(Beifall.) Damit werden wir uns lange herumzuschlagen haben. Es ist durchaus be» rechtigt, davon zu sprechen, wie schnell manche Leute, die zu uns kommen. Führerrollen übernehmen. Ich bin der Meinung, daß es höchste Zeit ist, datz der Parteitag da einmal eine Grenze zieht ür die Aufstellung von ReichStags-Kandidaten. Es ist gar nicht lange her, da hatte sich der Parteitag mit einem Anttage— ich glaube ans Teltow-Becskow— zu beschäftigen, datz mehr Arbeiter als Kandidaten aufgestellt Iverdeli sollten. Der Anttag wurde auf meinen Vorschlag den Wahlkreisen zur Bcrücksichttgnng über- wiesen. Leider haben die Wahlkreise ihn sehr wenig berücksichttgt. ondern sie waren nur zu geneigt, alte, verdiente, ein Menscheir« alter kämpfende Genossen herauszubringen und dafür Dottoren hineinzubringen.(Lebhafter Beifall und Widerspruch.) ES wird mir jetzt wieder gesagt werden, ich ginge gegen die Akademiker los. Die Akademiker achte ich hoch— Liebknecht war auch einer— die zu uns kommen, um mit uns zu arbeiten, aber nicht, um uns fortwährend Knüppel zwischen die Beine zu werfen und den Kommandeur bei uns zu spielen.(Beifall.) Wenn wir eine Karenzzeit einführten, so würde das gar nichts schaden' sie wäre im Gegenteil sehr am Platze. Es ist Zeit, datz wir diesen Genosseil endlich einmal sagen: Wendet Euer Gehirnschmalz doch einmal dazu an, den Gegner zu kritisieren. Dann sollten Sie mal schen, wie schnell ihnen die Presse der Gegner ver- schloffen würde. Aber wenn sie so fortgesetzt indireft der Partei am Zeuge flicken.(Zuruf Bernhards: Wer thut das?) Regen Sie(zu Bernhard) sich doch nicht auf, Sie haben am allerwenigsten Ursache dazu: ich erinnere nur an ihren„Zukunst'-Arttkel, und da ftagen Sie noch, wer daS gethan hat? Also wenden Sie Ihr Gehirnschmalz dazu an. die Gcaner zu bekämpfen; wenn sie da? nicht köimen, dann ist es besser— ich spreche das ganz offen aus— Sie verschonen uns mit Ihrer Gegenwart.(Lebhafter Beifall und Hände klaffchen. Zischen). Merkivürdig war es, datz Braun von„Spaltung" sprach, gehen Sie doch mal hin zu den arbeitenden Genoffen und fragen Sie mal, wie es mit der„Spaltung" steht I(Grotze Heiterkeit.) Meinen Sie, datz die Socialdemokratte sich spalten wird, wenn ein paar Genossen von ihren Rockschöße» abgeschüttelt werden?(Langanhaltcnder stürmischer Beifall.) Zu solchen Vermutungen kann man nur kommen, wenn man keine Ahnung davon hat, wie man in den Kreisen der Arbeiter denkt (Lebhafter Beifall.) (Durch et« unterbrochenes Einlaufen der Telegramme mußt» fe* Bericht geschloffen werde») Verantworti-Redakteur: Julius Kaliskt in Berlin. Inseratenteil verantwortsich:�H.Vl?ökc in BkW. Druj u. Perlag: Vorwärts Buchdruck««)«.Veriggsanstalt Paul Singer ä To., SftrlinSW. Hiert"» Seilage«».UuterhaltungSdlut» Nr. 215. 20. Jahrgang. 1. KMgc des Jorrairts" Kcrlim WksdIM Dienstag, 15. September 1903. Parteitag der focialdemokratifchen Partei Deutschlands. Dresden, den 13. September. Borversammlung. Seit Halle ist noch kein Parteitag so zahlreich beschickt worden Wie dieser, der heute abend zusammentritt: an 400 Teilnehmer sind angemeldet. Der große Saal des„Trianon" erweist sich beinahe als zu klein für die Masse der Erschienenen. An sechs großen Längs- tafeln und zahlreichen Nebentischen haben die Delegierten Platz ge- nommen. Im Hintergrunde und an den Seiten des Saales drängt sich die Menge der Zuhörer; Hunderte von einlaßbegehrenden Partei- genossen mußten wegen Ueberfullung des Raumes zurückgewiesen werden. Vor dem Podium sitzen an zwei langen Tafeln die Ver- treter der Presse, von der einige öll Anmeldungen vorliegen, darunter auch solche von der ausländischen Presse. Die Gewerkschaft der Tapezierer hatte in Stunden, die die Arbeit frei ließ, den Saal auf das reichste und geschmackvollste geschmückt. An der Hinterwand der Bühne, auf der sich der Vorstandstisch be- findet, wird die Statue der Freiheit von den Büsten unsrer Bor- kämpfer Marx, Lassalle, Engels und Liebknecht flankiert. Ein Hain von Lorbeer und Palmen umgiebt die Standbilder, über denen das Bild der aufgehenden Sonne den Bölkerfrieden verkündet. Tannen- reisig und Tanncnguirlanden schmücken vereint mit Fahnen, Ein- blemen und Schilden die Wände und Säulen des Saales. Marx, St. Simon und Hutten lieferten ien Text für die mahnenden und anspornenden Inschriften: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! — Erinnere Dich, daß man begeistert sein muß, um Großes zu vollbringen.— Die Geister sind erwacht z es ist eine wahre Lust zu leben!— Pünktlich um 7 Uhr beginnen die Verhandlungen. Namens des Dresdener Lokalkomitecs begrüßt Kaden die Delegierten mit folgender Ansprache: Ich eröffne die Versamm- lung. Auf Grund des sächsischen Vereinsgesctzes ersuche ich die Minder- jährigen, das Lokal zu verlassen.(Große Heiterkeit.) Parteigenossen und-Genossinnen! Im Namen des Lokalkomitees habe ich mich der ehrenvollen Aufgabe zu entledigen, Sie herzlich willkommen zu heißen, willkommen zu heißen auf einem Boden, auf dem die deutsche Socialdemokratie für immer heimatberechtigt ist. Jubel erregte es unter den Genossen Sachsens, als der Parteitag in München beschloß, das nächste Mal nach Dresden zu gehen. Die sächsischen Genossen haben sich der Ehre, daß Sie hier in Dresden tagen wollen, würdig gezeigt, sie haben gezeigt, daß sie zu kämpfen wissen und sich würdig einem jeden an die Seite stellen dürfen, in- dem sie von den 23 sächsischen Reichstags-Mandaten 22 als Morgengabe dem Parteitage entgegenbringen.(Lebhaftes Bravo I) Sie sind jetzt in einem roten Lande, Sie sind in einer roten Stadt. Ich heiße Sie nochmals herzlich, herzlich willkommen.(Beifall.) Mit stolzer Freude blickt der Genosse der Ebene von Leipzig, vom Lausitzer und Erzgebirge, vom Vogtland und der in harter Fron schaffende Sandsteinarbeiter auf das Arbeiterparlanient in Dresden, sie erwarten, daß Mittel und Wege gefunden werden, um den Vormarsch zu beschleunigen zur Beseifigung der politischen Unterdrückung und der wirtschaftlichen Ausbeutung. Es ist das zweite Mal, daß in Dresden ein socialistischer Kongreß tagt— das erste Mal im Jahre 1871. 32 Jahre sind seitdem vergangen. Der damalige Kongreß war aber nur ein Numpfparlanient der deutschen Arbeiter, die Arbeiterklasse, soweit sie zum Bewußtsein erwacht war, war gespalten, und der Gedanke der Notwendigkeit des Zusammenhaltens, des einheitlichen Vorgehens war noch nicht zum Durchbruch gekommen. Es war eine kleine Anzahl von Männern, die sich damals hier zusammengefunden hatten 56 Delegierte hatten sich in dem Saale zum Münchener Hof eingeftinden. Gewiß eine kleine Schar, aber eine mutige Schar. Mutig blickte sie in die Zukunft, und trotz aller Verfolgungen, die über sie hereinstürmten, war und blieb ihr Wahlspruch: Unser die Welt trotz alledem I Welche Fortschritte hat die Bewegung gemacht? Was wurde in den 32 Jahren geschaffen? 1871 hatten wir bei der Reichstagswahl nur etwas über 100 OOV Stimmen, und das klassenbewußte Proletariat jubelte damals schon ob der Erfolge, daß es zwei Vertreter in den Reichstag senden konnte, wovon der eine noch nicht einmal direkt der Socialdemokrafie angehörte. Und heute? Heute nach 32 Jahren braust der Jubel des Proletariats durch die gesamte civilisierte Welt über unsre Erfolge bei den letzten Wahlen. Ueber drei Millionen Stimmeir und 81 Mandate waren der Ertrag der Agitation in diesen 32 Jahren. Sachsen, auch Dresden, hat an diesen Erfolgen regen Anteil genommen. 1871 hatten wir in Sachsen 31 000 Eisenacher und 2200 Lassaleische Stimmen, in Summa 33V«tausend Stimmen: heute zählen wir in Sachsen ziemlich 442 000 und haben von 23 Mandaten 22 erobert. Sachsen ist somit socialdemokratisch, und das wird und muß es bleiben� Unsre ganzen wirtschaftlichen und politischen Zustände haben unS auf diese Bahn gedrängt, und auf dieser Bahn müssen wir ständig fortschreiten.(Lebhafter Beifall.) Die herrschenden Gewalten wurden unterstützt durch den Unverstand der Masseil i es war unsre erste Pflicht, diesen Unverstand zu beseitigen. damit jene Massen Schulter an Schulter mit uns kämpften. Ausnahmegesetze wurden über uns ver- hängt, aber trotz alledem gelang es nicht, uns in unfrem Vor- inarsch aufzuhalten. Die alte Garde kämpfte mit dem Feuer der Jugend, die Jugend folgte der alten Garde und schlug sich genau so tapfer wie diese. Den Einfluß und die Macht, die wir errilngen haben, die haben wir errungen durch iniiere Kraft. Daruin, Ge- Nossen und Genossinnen, möge auch auf diesem Parteitag das Bestreben obwalten, die Partei nach innen zu festigen und zu stärken. Unsre Gegner setzen ihre Hoffnung lediglich auf einen Zwiespalt in uniren Reihen. Sie müssen sich täuschen. Wir haben die Ver- pflichtung übernonimen, thatkräftig für die Wohlfahrt des Volkes zu wirken; das Volk hat uns sein Vertrauen bekundet und diesem Vertrauen müssen wir durch Einigkeit und innere Kraft genügen.(Lebhafter Beifall.) Ich bin überzeugt, daß Sie alle in diesem Punkte mit mir überein- stiminen und sich der Verantwortlichkeit bewußt sind. Möge daher auch der Streit der Meinungen auf diesem Parteitage entbrennen— wenn er getragen wird von dem guten SBillen, der Partei zu nützen, dann wird er auch seine Früchte tragen. Dessen wollen wir ein- gedenk sein. Wir wollen neue Waffen fchmieden auf diesem Partei- tage, um den Kampf gegen die Reaktton siegreich zu führen. Wir müssen kämpfen und streiten, wir dürfen nach diesem glänzenden Siege nicht stille stehen, sondern wollen überall den Feind verfolgen, ihn zerschmettern und niederschmettern I Unsre Parole muß danenid und immer die alte bleiben wie seit fast 40 Jahren:.Auf zum Kampf, auf zum Sieg I"(Stürmischer Beifall.) Darauf nimmt, von der Versammlung mit lang anhaltendem Beifall und Händeklatschen begrüßt, Bebel das Wort. Parteigenossen l Ich glaube im Sinne und Geiste aller, die hier zum Parteitag zusammengekommen sind, zu handeln, wenn ich unsrem alten Vorkämpfer August Kaden— denn auch er gehört bereits zu den Alten— unsren herzlichsten Dank ausspreche für die ebenso schwungvollen wie gutgemeinten Grüße und Beglück- wünschungen, die er soeben ausgesprochen hat. Wenn irgend jemand, so haben gerade die Dresdener Genossen und speciell wieder August Kaden das Recht, hier jubelnd zu verkünden die großen Siege, die unS der Wahlkampf in den Schoß geworfen hat. Wohl waren wir auf große Erfolge gqaßf wohl hat auch der eine oder der andre schüchtern gewagt, auszusprechen: Wir werden das an Stimmen und Mandaten be- kominen, was wir thatsächlich erreicht haben; aber es offen zu sagen hat keiner gewagt, weil es doch immer eine bedenkliche Sache ist, in solchen Monienten Behauptungen aufzustelleii, die vielleicht von den einen mit Jubel begrüßt, von den andern aber kopfschüttelnd auf- genommen werden und von denen immer zweifelhaft ist, wieweit sie in Erftillung gehen. Aber die kühnsten Erwartimgen sind nicht nur erfüllt, sondern noch übertroffen worden(Sehr richtig!), und ganz speciell bat Sachsen aber auch die allerkühnstcn Erwartungen weit übertroffen.(Zustimmung.) Der Sieg, den Sachsen davongetragen hat, steht einzig da in der Geschichte der Wahlen aller Länder, soweit ich sie kenne. In Sachsen hat das Volksgericht es ausgesprochen: „Die da regieren, sind nicht die, von denen wir regiert sein wollen!", in Sachsen hat man ausgesprochen die moralische Depossedierung derjenigen, die heute in Sachsen das Heft in der Hand haben. In Sachsen ist endlich das Volksgericht mit elementarer Gewalt auf die Häupter derjenigen herniedergefahren, die uns seit Jahrzehnten gehobelt und gebüttelt haben, wie niemals eine Partei gehobelt und gebüttelt worden ist. Ich habe deshalb bereits in dem Arttkel, der sich in Ihren Händen befindet, ausgesprochen, daß ich mir manchmal gesagt habe: Wann endlich wird das sächsische Proletariat den Geduldsfaden verlieren und seinen Unterdrückern eiiimal eine Antwort geben, wie sie sie hundert- und tausendfach verdient haben. Ich war vor zwei Jahrzehnten Zeuge dessen, was man sich in Sachsen an der alleroffiziellsten Stelle des Landes gegen die Socialdemokratie herausgenommen hat, jenes Wortes, das der Minister des Innern frei heraus sagte:„Die Gesetze des Landes gelten zwar für alle, aber bei gewissen Gesetzen mutz die Social- ocmokratte besonders behandelt werden!"(Pfui!) Das heißt: Alle Grundanschauungen der Gerechtigkeit, auf denen ein modernes Staatswesen beruhen soll, mit Füßen treten! Da habe ich mir immer gesagt: Wann wird endlich die Stunde kommen, wo das Volk von seinem einzigen wirklichen Rechte, dem Wahlrecht, Gebrauch macht, um denen da oben zu sagen:„Nehmt Euch in Acht! Jetzt ist das Maß unsres Unmuts voll l" Als 1897 die Wahlentrechtung verhängt wurde, sagte ich mir:„Die Wahlen des Jahres 1893 werden wohl beweisen, daß das Maß der Geduld zum Ueberlaufen gebracht worden ist." Die da- maligen Wahlen sind glänzend ausgefallen, aber ich sage Euch ganz offen: ich war noch nicht zufrieden damit.(Heiterkeit.) Ich sagte mir: das ist noch lange nicht genug, das nmß noch ganz anders kommen. Als ich hier in Sachsen arbeitete und mit diesem oder jenem Parteifreunde redete, sagte ich:„Ihr Sachsen seid famose Kerle(Heiterkeit), aber Ihr seid noch viel zu gemietlich(große Heiter- keit), Ihr müßt endlich einmal Galle in den Leib bekommen, Ihr müßt endlich einnial Zorn und Leidenschaft bckommeii und dem Ausdruck geben I" Als dann der 16. und als Nachspiel der 25. Juni kam, da sagte ich mir: Bravo I Bravo I Jetzt endlich haben sie gethan, was du längst erwartet hast! So war es schön, so war es brav! Die Herren da oben werden diesen Denkzettel so rasch nicht wieder vergessen(Bravo), mnsoweniger, da wir ja weder in Sachsen noch im übrigen Deutschland geneigt sind, auf unsren Lorbeeren aus- zuruhen. Wir haben viel erreicht, wir müssen noch mehr erreichen, und wenn man glaubt, uns in irgend einer Weise daran hindern zu können, so möge man bedenken, daß die drei Millionen über 23 Jahre alten Männer, die für imS gestimmt haben, ganz genau wußten, wen sie wählten. Wenn sie es nicht gewußt hätten, wenn unsre Agitatoren und Kandidaten vergessen hätten, es ihnen zu sagen, so hätten die Gegner es ihnen gesagt.(Sehr richtig I> Die Gegner haben es in übertriebenstem Maße in die Ohren aller Wähler hinausgeschrien, was»vir für eine fürchterliche, von Gott und Teufel verlassene Gesellschaft sind.(Große Heiterkeit.) Man wußte also, wer wir waren, und alle die Angriffe, die Verleumdungen, der moralische Unrat, der in der Wahlagitation in noch viel größerem Maße als je zuvor über uns ausgegossen ist. hat unser Kleid nicht nur reinlich gelassen, er hat auch gezeigt, daß die Masse des Volkes sich von derartigen Anklagen und Beschimpfungen auch nicht eine Sekunde mehr betrügen und betäuben läßt, daß sie ganz genau weiß, was sie will, und die Entscheidung des 16. Juni lvar in allen Ecken und Gauen Deutschlands die schönste. die großartigste, die wir erwarten durften. Wir stehen ja hier in Dresden und in Sachsen auf altem Kultur- boden, und insofern sind eigentlich die Ereignisse der letzten Zeit ganz natürlich. Man mag das Sachsenvolk beurteilen, wie man will, das eine muß man ihm zugeben, es marschiert bereits seit Jahrhunderten in kultureller Beziehung an der Spitze Deutschlands, weit mehr als das Westkalmückentum, das zuletzt die Herr- schast in Deutschland bekommen hat. Bereits gegen Ende des Mittelalters war Sachsen, soweit daS unter den damaligen Ver- Hältnissen möglich war, in wirtschaftlicher und ökonomischer Beziehung eines der fortgeschrittensten Länder Deutschlands. Die Leipziger Messe lvar die bedeutendste der Welt, Leipzig war die größte Handelsstadt, die Centtale, in der damals die ganze Handelswclt sich zu bestimmten Zeiten des Jahres einstellte. Und wie heute, so war schon damals besonders das obere Erzgebirge die Blüte des Erzbergbaues und die Blüte der Hausindustrie. Es lvar also nur ganz natürlich, daß, als zu Anfang des 16. Jahr- Hunderts im Deutschen Reich der große Geisteskampf ausbrach, der mehr oder weniger die ganze Kulturwelt ergriff. Reformation ge- nannt, ein so vorgeschrittenes Volk auch in diesem Kampfe Partei nahm und in seiner großen Mehrheit auf die Seite der Neuerer, der Resormatoren, ttat. Und nicht allein das! Gerade in jenen Gegenden, die damals die Hauptsitze der industriellen Entwicklung waren, im Erzgebirge und der Zlvickauer Gegend, war es, Ivo die am weitesten vorgeschrittene Richtung der Reformation, die Thomas Münzer leitete, ihren Hauptanhang fand. Die Marienkirche zu Zwickau war es, wo Münzer seine revoluttonären Brandreden an die Bergknappen und die Hauslveber hielt, an alle die Leute, die von jeher in religiöser Beziehung auf einem freieren Standpunkt ge- standen haben, als sonst irgendwo in Deutschland. Und so ist es in Sachsen die ganzen Jahrhunderte ttotz der schauderhasten Miß- Wirtschaft seiner Regierungen gegangen. Als zu Anfang des vorigen Jahrhunderts Napoleon kam und mit eisernem Besen den Schutt aus Deutschland hinauSfegte, der sonst nur auf revolutionärem Wege hätte beseittgt werden können, da war es vielleicht nicht so ganz zufällig, daß der damalige König von Sachsen es für angemessen erachtete, sich auf die Seite Napoleons zu schlagen. Ich will meine historische Exkursion nach dieser Richtung hin nicht weiter ausdehnen, aber Thatsache ist, daß jenes ftanzösische Element, so sehr man es vom deuisch-nationalem Standpunkt aus verurteilte. im Deutschland jener Zeit die Rolle einer revoluttonären Be- wegung gespielt hat. Ebenso natürlich war es, daß, als 1831 in Frankreich, wo im vorigen Jahrhundert so oftmals das Banner der Freiheit und Gleichheit erhoben wurde, die Juni-Revolution ausbrach, auch in Sachsen die Bewegung losging. Die sächsische Regierung wurde gezwungen, dem Volke eine Verfassung im modernen Geiste der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhundert zu gewähren, die in ihren Grundlagen bis aus den heutigen Tag leider noch besteht. Das Jahr 1848 freilich fegte auch jene Verfassung hinweg, die Regierung war genötigt, das denkbar freieste Wahlrecht zu geben, aber nur sich fügend dem Druck von unten, der Gewalt von unten. Und sobald man glaubte, es wieder wagen zu können, da entriß man dem Volke alle Errungen- schasten deS tollen Jahres und das Volk bekam die alte Stände- Verfassung von 1831 in unverkürztem Maße und nach verschiedenen Richtungen hier verschlechtert wieder. Aber 1849 war eS neben Baden speciell auch wieder Sachsen, das sich für die Reichsverfaffung in die Schanze schlug. Hier in Dresden wurden bekanntlich die schweren Kämpfe gegen die preußische Soldateska, die ins Land kam, weil man sich auf die eignen Landeslinder nicht mehr verlassen konnte, geführt, die mit einer vollständigen Niederlage der damaligen Volkscmpörer endeten. Ich war bekanntlich 1372— wenn man sich wie ich zu der alten Garde rechnen darf, so ist es ja natürlich, daß man gern solche kleinen Erinnerungen aufleben läßt— ich war bekanntlich 1872 mit unserm alten, leider verstorbenen Liebknecht wegen Vorbereitung zum Hochverrat— das Deutsche Reich steht heute noch(Heiterkeit)— zu zwei Jahren Festung verurteilt. Diese genossen wir in Hubertusburg, sehr zu meiner persönlichen Gesundheit.(Heiterkeit.) Da wurde in den letzten Wochen— Liebknecht, der früher eingezogen war als ich, war be- reits ausgerückt— Hubertusburg als Civilfestung aufgehoben, und der schöne Königstein hier oben wurde Civilfestung. So führte mich denn am 23. April— ich vergesse den Tag nicht: es war gerade Königs Geburtstag(Große Heiterkeit); ganz Dresden prangte im Fahnenschmuck— ein Aufseher auf den Königstein. Dort habe ich die letzten drei Wochen meiner Haft verbüßt. Der FestungS- gefangene hat das Recht— natürlich gegen Entschädigung, denn der Staat giebt nie etwas umsonst(Heiterkeit)— einen Wärter zu verlangen, der ihm gewisse Dienste leistet, das Zimmer reinigt, das Bett macht und so weiter. Der Mann, den ich hatte, war 71 Jahre alt; es war derselbe, der ftüher Bakunin und Tot zu bedienen gehabt hatte. Natürlich war das für mich ganz außerordentlich interessant. Das lvar vorüber» gegangen, aber das preußische Regiment blieb in Sachsen. Natur- gemäß, als Ende der fünfziger Jahre die große polittsche Bewegung ivieder einsetzt mit der Gründung des Nationalvereins usw., faßte diese Bewegung in Sachsen festen Boden, und sofort wurden an allen Ecken und Enden anknüpfend, an die achtundvierziger Tradittonen, Volks- und Arbeitervereine gebildet. Allerdings sollten nach einem Bundesratsbeschluß von 1355 Arbeitervereine nicht existieren. Aber es ging da, wie es so manchmal geht; es giebt Perioden, wo alle gesetzlichen Bestimmungen nicht aufrechterhalten werden können, man mag wollen oder nicht. 1361 waren in Leipzig und Dresden Arbeitervereine gegründet worden. Da ttat 1863 Lassalle auf; Sie wissen, es wareil im Mai dieses Jahres 30 Jahre verflossen seit der Begründung der socialdemokrattschen Partei, repräsenttert durch deil Allgemeinen deutschen Arbeiterverein. Unter der großen Zahl der hier Anwesenden befindet sich, soviel ich lveiß, kein einziger, der an jener Gründung des Allgemeinen Arbeitervereins teilgenommen hätte. Ich selbst und ich glaube, auch Genosse Motteler waren ja damals entschiedene Gegner der Lassalleschen Richtung und be» kämpstell sie eifrig. In Dresden erklärte sich Försterling, der an der Spitze des Arbeitervereins stand, sofort für Lassalle und machte Propaganda für ihn, aber ohne nennenswerten Erfolg. Da kam das Jahr 1863. Wir hatten damals die Sitte, gegenseitig zu unsren Stiftungsfesten Delegierte zu entsenden. In Leipzig waren im Jahre 1863 zwei Vereine, einer von der Lassalleschen Richtung und einer von der Richttmg, der ich angehörte. Zu dem Sttftnngsfest des Dresdener Vereins wurde von meinem Verein ich als Delegierter entsandt, und da kam es denn zu einem ganz gehörigen Aufeinanderplatzen der Gegensätze. Försterling gelang es nicht, den Verein auf seine Seite zu bringen und er trat aus. 1867 fanden die Wahlen zum koilstituierenden Reichstag statt. Selbstverständlich standen wir. auch bei diesen Wahlen gegen einander. Wir hatten in Chemnitz� unmittelbar vor der Schlacht bei Königgrätz Versammlungen veran- staltet, auf denen die Lassalleaner ebenfalls vertreten waren, in denen wir ein, wie mir scheint, durchaus socialistisch-demokrattsches Programm entwarfen. Die anwesenden Lassalleaner stimmten zu, die entscheidende Stelle vermertte das dann aber übel und so mutzte die Zustimmung zurückgezogen werden. Bei den Wahlen bekämpften wir uns, wie gesagt, überall, aber schon damals zeigte sich, daß wir, Ivem, auch nicht offiziell Socialisten, so doch thatsächlich socialistisch kämpften. So allein lvar es möglich, daß z. B. im 17. sächsischen Wahlkreise auf mich über 4000, auf den Lassalleschen Kandidaten kaum 400 Stimmen entfielen. Vom Jahre 1871 hat schon Kaden gesprochen; ich möchte dazu noch eine kleine Episode mitteilen. Nach der Gefangennahme des Braunschweiger Ausschusses lvar es ja nötig, den Ausschuß nach Dresden zu ver- legen. Wir wußten ganz genau, daß der Braunschweiger Ausschuß das ganze Partei-Archiv in die Hände der Polizei hatte fallen lasfen mit allen möglichen Briefen von Marx, Engels, mir u. o. Ich setzte mich also hin und schrieb nach Dresden: Seid so gut und nehmt euch das Brauiischweiger Beispiel zu Herzen und hebt nicht etwa unsre Briefe aus! Das half aber nichts; als nachher die Polizei HanSsuchungen vornahm, fand sie alles und meinen Brief mit. (Heiterkeit.) Natürlich, als nachher die Untersuchung wegen Hoch- Verrats gegen mich geführt wurde, kam eines Tages der Untersuchungsrichter mit diesem Briefe und sagte mir:„Das ist ja sehr verdächtig l Sie haben da ja gewarnt!" So lvar man ttotz aller Verfolgungen doch von einem Ver- trauenSdusel beseelt, wie er später nicht mehr vor- Händen war.— Dann gelang es uns 1877 hier in Dresden zum erstenmal, den socialdemottatischen Kandidaten durchzubnugen. Die Freude dauerte nicht lange; 1878 nach der Auflösung behaupteten wir das Mandat noch, aber dann kam das bitterböse Jahr 1881, wo wir in Dresden unter dem Belagerungszustand wählten, und da lvar es mit den Siegeii zu Ende. Aber endlich haben wir auch Sachsens Hauptstadt wieder erobert, zum erstenmal 1898, glänzender und großarttgcr in diesem Jahre, und lvir dürfen hoffen, daß unter dem heutigen Wahlrecht niemals mehr daran zu denken ist, daß uns Sachsens Hauptstadt oder einer der andren Bezirke Sachsens genommen wird. Ich glaube also, lvir haben alle Ursache, uns nicht nur dieses Sieges, sondern auch speciell darüber zu freuen, daß wir Gelegen- heit haben, diesen Parteitag in den Dresdener Mauern zu begehen. Wir lvaren von vornherein überzeugt, daß die Dresdener Genossen alles aufbieten würden, um unS die Tage hier so angenehm als möglich zu machen. Im übrigen schließe ich mich voll und ganz den Schlußworten meines verehrten Vorredners an und damit will ich meine offizielle Begrüßung schließen. Ich erkläre hiermit in, Namen de» Parteiborstandes den Partei- tag für eröffnet. Ich bitte Sie. nunmehr die Vorsitzenden zur Leitung der Verhandlungen zu ivählen. Wie üblich tvählen wir nicht einen ersttn und zweiten Präsidenten, sondern zwei Präsidenten mit gleichen Rechten... Lienau-Neumünster: Ich schlafe Singer und Kaden vor. Beide werden einstimmig gewählt. Bebel bittet die beiden Gewählten, die Geschäfte in die Hand zu nehmen. Meine Aufgabe ist damit erledigt.(Lebhafter Beifall.) Singer, mit stürmischem Beifall begrüßt, dankt zugleich in Kaden» Namen für das Verttauen, das tue Wahl ihnen beweise. Wir werden be- müht sein, die Geschäfte so zu führen, daß wir den Aufgaben, die dieser Parteitag hat, voll gerecht werden zum Nutzen der Partei. (Bravo!) Ich will die ttefflichen Ausführungen, die wir eben gehört haben, nicht vermehren. Aber daran möchte ich doch erinnern in dem Augenblick, wo dieser Parteitag zusammenttftt nach einer glorreichen Wahlschlacht, wo die Augen der ganzen Welt auf uns gerichtet lvaren, wo die Bruderparteien aller Länder uns ihre Sympathie für unsre Wahlerfolge ausdrückten, daß wir dem Tage entgegen- gehen, wo vor 25 Jahren das Socialistengesetz erlassen wurde, das ein Ausnahmerecht schuf für die Partei, die die Befreiung aller Unterdrückten auf ihre Fahne geschrieben hat. Jenes Gesetz, das die Socialdemokrafie vernichten sollte, es hat auch in Sachsen gewütet. Wenn es ein Land giebt, in dem die Schergen dieses brutalen Gesetzes auf das eiftigste bemüht waren, die Socialdemokratie als Partei und in ihren Mitgliedern zu schädigen, dann war es auch Sachsen.(Lebhafte Zu- stimmung.) Wollen wir uns doch nicht verhehlen, das? unbeschadet der Vorzüge, die Bebel mit vollem Recht dem sächsischen Volke zu- geschrieben hat, seine politischen und wirtschaftlichen Leiter den trau- rigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen dürfen, Sachsen an die Spitze der Reaktion geführt zu haben,(Lebhafte Zustimmung,) Gedenken wir aber des Tages, der uns das Socialistengesetz brachte, so können wir auch rühmend gedenken der sächsischen Genossen, die der Parteileitung im Verein mit der Kontrollkommission gemacht worden sind, und zwar haben wir uns dazu verstanden im Interesse der möglichsten Abkürzung der Verhandlungen auf der einen und größtmöglicher Klarheit auf der andern Seite, Wenn Timm be- fürchtet, daß bei irgend wem die Absicht bestehe, die Erörterung der Differenzen, wie sie in den letzten Wochen in der Presse und in zahl- reichen Versammlungen diskutiert worden sind, auf dem Parteitag zu grüßen, so nröchte ich eigentlich in ein Wort zusanrmenfasien, was wir in den letzten Monaten mit Euch und für Euch empfunden haben. Sie wissen ja längst, daß die östreichische Socialdemokratie mit der deutschen eins ist durch Geschichte, durch Sprache, in einer vielleicht noch engeren Weise als jede andre. Aber Sie können sich unmöglich eine Vorstellung davon machen, was die Wirkung Ihres Sieges bei den Reichstaaswahlen bei uns in Oestreich lvar, Ihre unsere Vorhut im Kampfe gegen dieses Gesetz waren, die trotz Regie- kurz kommen zulassen, so befindet er sich in vollständigem Irrtum. Im Wahlerfolge und, ich darf sagen, auch die Art, wie Sie sie errungen Vllttft Ittth'Dsflftapt t firo vr>H nTi if i rmrtrn. I fli i...__ n___•___ � r: � n....." j*-.. nv.. orv___ j-,. n...ri„; I_____ C.*;«.... �..»» rung und Polizei ihre revolutionäre Ueberzeugung bethätigten,(Leb- hafter Beifall.) So wollen wir denn unsre Verhandlungen beginnen, indem wir unfern Dank an die sächsischen Genossen und an die Gesamtpartei Deutschlands für ihre mutvolle, erfolggekrönte Arbeit ausdrücken in dem Ruf: Die deutsche Socialdemokratie, sie lebe hoch, hoch, für immer hoch!(Die Delegierten erheben sich von den Plätzen und stimmen begeistert in den Ruf mit ein.) Zu Schriftfiihrern werden auf Vorschlag von Schulz-Bremen gewählt: Oppel-Berlin, Frl. Baader-Berlin, Lohrberg-Hannover, Keil-Stuttgart, Weidner-Frankfurt a, M,. Stengele-Hnmburg. Feld mann-Langenbielau, Stücklen-Altenburg und Meist-Köln. Zu Mitgliedern der Mandatsprüfungs-Kom Mission, die zugleich Kommission zur Vorberatung der dem Parteitag zu Gegenteil, wir wollen eine griindliche, sehr gründliche Aussprache herbei- 1 haben, waren für uns ein politisches Ereignis ersten Ranges weit führen. In dem Bericht des Parteivorstands ist die Frage derMitarbeit an über die persönlichen Shmpathien innerhalb unsrer Partei hinaus. bürgerlichen Blättern bereits aufgeworfen, ebenso die Polenftage und eine Reihe andrer Fragen. Wir sagten uns. wenn wir den ganzen Vorstandsbericht in extenso mit all diesen speciellen Fragen zugleich zur Debatte stellen, und der eine redet über das, der andere über jenes, der dritte wieder über etwas andres, so haben wir eine ganz zerfahrene Debatte. Und deshalb schlagen wir vor, diejenigen Punkte, die eine zusammenhängende Erörterung erheischen, besonders zu behandeln. Dann kommen alle teiligten zu ihrem Recht und wir haben eine klare Sachlage. Es würde sich höchstens noch um die Erörterung der Differenz zwischen dem„Vorwärts" und mir handeln können. Wir haben uns aber gesagt, die Frage wird nach der gegenseitigen Aussprache, gehenden Beschwerden und Wahlkommission ist, werden auf Vorschlag die erfolgt ist und nachdem hüben und drüben Aufklärung gegeben von Schmidt-Miinchen gewählt: Wels-Berlin, Frau Zietz-Hambüra Brey-Hannover, Frank-Mannheim, BuShold-Friedberg, Grünwald- Hamburg, Stolp- Grünberg, Rappe- Nürnberg und Pickelmann- München. Singer bittet die Kommission, sich heute zu konstituieren und morgen die Mandate beim Eintritt in den Saal von den Delegierten in Empfang zu nehmen. Als tägliche Tagungsdauer de§ Parteitags schlägt Singer die Zeit von 9 bis 1 und von 3 bis 7 vor. Ledcbour-Berlin bittet, die Mittagspause auf die Zeit von 1 bis 4 Uhr auszudehnen und die Nachmittagssitzung lieber bis 8 Uhr währen zu lassen. Dauert die Mittagspause nur zwei Stunden, so können die Delegierten die Kunstanstalten, Bildergalerien u.s. w. nicht besuchen. Auch erleichtert es die Arbeit, wenn eine längere Erholungspause eingeschoben wird. . Singer wendet sich gegen diesen Vorschlag. Es sei zu beftirchten, dag die Pause doch länger werde. Auch die Rücksicht auf die Ver- tteter der Presse, besonders unsrer Presse, läßt es dringend Wünschens- wert erscheinen, um sieben zu schließen, damit die Genossen in den Parteicentten die Verhandllliigen schon am nächsten Morgen im vollen Umfange lesen können. Der Parteitag lehnt den Antrag Ledebour ab und nimmt den Vorschlag Singers an. Der Parteitag giebt sich hierauf eine Ge- schäftsordnung. Der vorliegende Entwurf der Geschäftsordnung, der derselbe ist wie bei allen bisherigen Parteitagen, wird debattelos angenommen. Der Parteitag geht hierauf zur Festsetzung der Tagesordnung über. Singer: Hierzu liegen vor die Anträge 1. 2. 3 und 6. Ich möchte Ihnen meinerseits Vorschläge für die Abänderung der Tagesordnung machen, wie ich sie nach dem Studium der be- treffenden Anttäge und der Verhandlungen, die an vielen Orten darüber stattgefunden haben, für thunlich und praktisch halte. Ich kann diese Modistkatton der Tagesordnung, die ich ja selbst mit be- schlössen habe, um so ruhiger vorschlagen, als die Parteileitung selbst die Ihnen vorgeschlagene Tagesordnung ja immer nur als einen Entwurf bezeichnet hat. Viele Wünsche beziehen sich darauf, daß ein besonderes Referat eingesetzt werden soll für die Reichstags- Wahl, andre wollen, daß die sogenannten revisionistischen Bestrebungen besonders auf die Tagesordnung gebracht tverden. die dritten wollen, daß die Viccpräsidenten- frage, die in der letzten Zeit die Diskussion in der Partei lebhaft beherrscht hat, ebenfalls auf die Tagesordnung kommt. Ich bin der Meinung und weiß mich mit einer größeren Anzahl von Parteigenossen darin einig, daß der Wunsch, diese Fragen hier auf dem Parteitage in aller Ruhe und Gründlichkeit zu verhandeln, durchaus berechtigt ist. Das können wir jedoch auch, wenn wir diese Punkte zwar nicht als besondere Gegenstände mit Referenten und Korreferenten auf die Tagesordnuug setzen, aber diese Punkte inner- halb der vorgeschlagenen Gegenstände der Tagesordnung ge- sondert fiir sich behandeln und, um auch dem Wunsche nach Referenten und Korreferenten gerecht zu werden, für diese Puntte die Beschränkung der Redezeit ausheben. Dadurch wird keiner in seinen Ausführungen eingeschränkt. ES wird unsre Ver Handlungen fördern, wenn wir in dieser Weise verfahren. Gestatten Sie, daß ich Ihnen über diesen Punkt meinerseits einen Vorschlag mache. Wir würden mit der Diskussion des Vorstandsberichts be- ginnen. Diese Diskussion würde sich auf alles das erstrecken, was Ihnen der Vorstand schriftlich berichtet hat und was der Referent noch hinzufügt. Es würde namentlich der Vorstandsbericht dabei mit diskutiert werden, und im Anschluß daran würden als gesondert zu behandelnde Punkte zur Verhandlung gestellt werden: die Frage der Mitarbeit von Parteigenossen an der bürgerlichen Presse, die Frage der Differenzen zwischen dem Genossen Bebel und der Redaktion des „Vorwärts" und die Polenftage, die wir namentlich infolge des Um« standeS, daß die polnische Bruderpartei an den Parteitag einen offenen Brief gerichtet hat, verhandeln müssen. Das Iväre der erste Punkt der Tagesordnung. Es lvürde folgen der Bericht der Kontrolleure und der Bericht über die parlamentarische Thättgkeit in der letzten Session, und als ein gesonderter Punkt würde dann auf die Tages- ordnung konimen unter der Rubrik„Takttk" die Erörterung der Frage der Reichstagswahl, der Vicepräsidentenftage und der, wie die Anträge sie hier bezeichnen,„revisionistischen" Besttebungen in der Partei. Ich glaube, daß wir auf diese Weise, ohne in ein allgemeines Durcheinander zu kommen, jede dieser Fragen ihrer Wichtigkeit end sprechend behandeln können. Anttag 1*) wird genügend unterstützt. Nicht genügend unter- stützt werden die Anttage 2, 3 und 6. Antrag 5*) wird genügend unterstützt. Singer teilt dazu mit, daß die Abficht bestehe, nach den Verhandlungen des Parteitags eine Konferenz der preußischen Delegierten zusammenzuberufen zur Besprechung über das. was bezüglich der preußischen Landtagswahlen noch zu besprechen ist. Timm-München: Der Vorschlag Singers, �so gut er geineint ist, dürfte geschäftlich ist, vielleicht viel kürzere Zeit den Parteitag beschäftigen, als die meisten meinen.(Hört! hört!) Die Sache wird ziemlich schnell er- lcdigt, aber es ist bei der eigenartigen Natur des Falles doch er- wünscht, ihn speciell zu erörtern. Ich bitte Sie also dringend, den Vorschlag von Singer anzunehmen. Nun ist ja meines Erachtens eigentlich keine weitere Meinungsverschiedenheit zwischen Timm und Singer, als daß Timm bei der Reichstagswahl die Vicepräsidentenftage und die Taktik im allgemeinen mit erörtert wissen will. Wir haben lange darüber beraten, es wurde der Vorschlag gemacht, die Reichs- tagswahl an sich, ihre Einwirkung auf die künstige Taktik und Hal- lung der Fraktion zu erörtern. Aber wir sagten uns,- daß das gar nicht möglich ist, ohne daß man gleichzeitig auf die Vicepräsidenten- frage zu sprechen kommt. Nun ist ja bei mir und vielen anderen Am Morgen nach der Wahl haben wir in Wien die Arbeiterschaft in einer Aufregung, einer Freude, einem Jubel gesehen, wie wir es nicht größer hätten haben können, wenn wir so glücklich wären, solche Siege zu erringen. Ich will von Oestreich nicht lange sprechen, um nicht mir und Ihnen die Freude zu verderben, aber das muß ich Ihnen doch anführen: Wir leben in Oestreich in so schwierigen und komplizierten Verhältnissen, daß wir genötigt sind, den eigentlichen Inhalt unsrer Arbeit, den proletarischen Kampf fortwährend zu unterbrechen, um den Boden flicken zu helfen, auf dem sich alles vollzieht. Wir leben in einem Lande, dessen Existenz fort- während in Frage gestellt ist, wo alle Verhältnisse� schwankend und unsicher sind und wo nichts sicher ist als eben diese Unsicherheit, in einem Staate, der, man könnte meinen, in Liquidation begriffen ist: aber niemand ist da, der Liquidator sein möchte, und wenn Oestreich einmal stirbt: lachende Erben wird es nicht haben. Das ist die ungeheuere Schwierigkeit, in der wir stehen, daß bei uns der Klassenkampf durchaus nicht klare Form haben kann, durchaus nicht die klassische Form, die er in Deutschland hat. Aber gerade in diesen Wirrnissen ist es uns ein Trost, eine Hoffnung und, ich kann sagen, eine Richtschnur, wenn wir sehen, wie in Deutschland das Proletariat und seine Vertretung, die Socialdemokratie, in gerader Linie, ohne zu weichen und zu wanken, den Weg geht, den ihm die Geschichte vorzeichnet und der zum Siege fiihrt. Das ist für uns ein Trost und sehr oft ein Bei- Ipiel, denn es ist für uns notwendig, daß wir davor bewahrt bleiben, über den Fragen des Tages, die für den Staat Lebens- die Auffassung vorhanden, daß die Vicepräsidentenftage eine Frage fragen, für uns aber nur mittelbar von Bedeutung sind, unsre eigentliche der allgemeinen Taktik der Partei ist, und so lag es auf der Hand, nachdem ivir den parlamentarischen Bericht der Fraktion erledigt haben, auf die Reichstagswahl, ihre Ergebniffe, ihre Folgen und Wirkungen überzugehen und bei dieser Gelegenheit die Viccpräsidentenfrage zu erörtern. Das ist durchaus logisch und gerecht. Bezüglich der Referenten habe ich bereits öffentlich erklärt, daß ich der Meinung bin, wir brauchen keinen Referenten zu ernennen. Ich weiß nicht, wie Vollmar darüber denkt, aber ich bin auch jetzt noch der Meinung, und wenn ich nicht irre, waren wir auch bei der heutigen Be sprechung alle der Ansicht, daß es nicht notwendig sein wird, speciclle Referenten zu ernennen. Es kann ja vielleicht sein, daß man, um einen Abschluß herbeizuführen, im gegebenen Moment dazu übergeht, zu bestimmen, daß von jeder Seite»nr noch einer redet. Das weiß ich nicht. Dagegen werden wir die einleitenden Referate dadurch sparen können, daß wir bei diesem Punkt die Zeitbeschränkung aufheben. DaS ist dringend nötig. Also ich glaube, Sie thun gut, wenn Sie die Vorschläge Singers auch nach dieser Richtung hin annehmen. Hiermit schließt die Debatte. Antrag 1 wird abgelehnt. Der Parteitag erhebt die Vorschläge Singers zum Beschluß. Zum Antrag 5 bemerkt Singer: Ich weiß nicht, ob der Antragsteller wünscht, daß das Resultat der Konferenz der preußischen Delegierten wieder dem Parteitag mitgeteilt werden soll. Ist das nicht der Fall, so ist der Antrag gegenstandslos durch die Mitteilung, daß diese Konferenz im Anschluß an den Parteitag stattfinden soll. Dr. Quarck-Frankfurt a. M.: Im Namen der Frankfurter Ge- nosscn kann ich erklären, daß wir mit dem Vorschlag Singers ein- verstanden sind. Singer: Dann ist auch dieser Antrag erledigt. Die Tagesordnung lautet also: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes.(Allgemeines und Kassenangelegenheiten.) Besonders daraus zu verhandelnde Gegenstände: Die Mitarbeit von Genossen an der bürgerlichen Presse: die Differenz zwischen Bebel und der„Vorwärts"-Rcdaktion: die Polenfrage. 2. Bericht der Kon- trollenre. 3. Bericht über die parlamentarische Thättgkeit! 4. Takttk (die Ergebnisse der Reichstagswahl, die Bicepräsidialftage, die rcvi sionistischen Bestrebungen). 6. Maifeier. 3. Der internattonale Kongreß in Amsterdam 1994. 7. Anträge zum Programin und Organisation. 8. Sonstige Anträge. 9. Wahl des Vorstandes und der Kontrolleure. Damit ist die Tagesordnung der Versammlung erledigt. Schluß 8% Uhr. Erster BcrhandlungStag. Montag, den 14. September.— Vormittags-Sitz un g. Um Qt/j Uhr eröffnet der Vorsitzende Singer die Verhandlungen. Singer: Nach den Bestimmungen des sächsischen VereinSgcsetzeS fordere ich die Minderjährigen auf, den Saal zu verlassen.(Heiterkeit.) In Uebereinsttmmung mit dem überwachenden Beamten erkläre ich, daß geschichtliche Aufgabe zu vergessen. Wir kommen hierher nicht allein iim Sie zu beglückwünschen, sondern auch um zu lernen. Wir konimen hierher, um von der deutschen Soc ialdemokratte zu lernen, wie man realpolitische socialdemokrattsche Politik macht— Realpolitik in jenem großen Sinne, der nicht nur die kleinen vorüber- gehenden Erscheinungen des Tages als real ansieht, sondern als wichiigsten Realismus die Wurzeln bettachtet, aus der die ganze Bewegung entsprungen ist. Ich kann hier nicht sprechen, ohne an den gestrigen Vorttag Bebels zu erinnern, der die Zeit unmittelbar nach der Aufhebung des Socialistengcsetzes gestteist hat._ Damals haben wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in Oestreich an die Aufhebung des Socialistengesetzes die Hoffnung, die Meinung, die Phantasie— können wir heute sagen— geknüpft, daß eine durch- greifende Aenderung der Politik der herrschenden Klassen sich anbahne. Wir erinnern uns an diesen Irrtum. Wenn wir nicht ernstlich fiir ihn büßen mußten, so nur deshalb, weil wir an der principiellen Grundlage der Partei, an der Grunderkenntnis für jede proletarische Politik festgehalten haben, weil wir zurückgegangen sind auf diesen Gedanken und hinter dem Schein der Tagespolittk das Wesen des Klassenkampfes erkamtt haben.(Bravo I) Sie sind in Dresden, das vorige Mal waren Sie in München, so kommen Sie uns immer näher.(Heiterkeit.) Sie werden be- greifen, daß sehr viel Oestreicher sehr gern hier wären, und ich wundere mich nur, daß nicht Extrazüge aus Nordböhrnen eingelegt worden sind.(Heiterkeit.) Wenn Sie so in unsrer Nähe sind, dann kommt es am allerersten uns zum Bewußtsein, wie glücklich Sie hier sind, obgleich Sie in Sachsen sind(Heiterkeit), wie leicht Sie es haben und wie schwer wir, wie kümmerlich, wie undankbar der Boden ist, den lvir bearbeiten. Ihre wertthätige Sympathie hat uns immer begleitet. Hoffentlich bleibt sie uns. Für uns können Sie nichts mehr thun, als wenn die deutsche Socialdemokratie bleibt, was sie ist, sich selbst getreu und für immer.(Stürmischer Beifall.) In diesem Sinne begrüße ich den deutschen Parteitag und die deutsche Socialdemokratte I(Bravo I> N e m e c z überbringt die Grüße der czechisch-böhmischen Partei und drückt seine Freude aus über den Wahlsieg der deutschen Socialdemokratie, der auch für die ausländischen Genossen eine Stärkung und Kräftigung des Selbstbewußtseins bedeute.(Beifall.) Tak: Im Auftrage des Parteivorstandes und im Namen der hollän- bischen Socialdemokratte begrüße ich Sie herzlichst. Wir gratulieren Ihnen zu Ihrem glänzenden Siege, der nicht nur für Deutschland. sondern für das gesamte internationale Proletariat, an dessen Spitze Ihr, deutsche Brüder, marschiert, einen Sieg bedeutet und der zugleich der beste Beweis ist nicht nur für die Kraft unsres Princips, sondern auch für die Richtigkeit Ihrer jetzt so vorzüglich bewährten Taktik. Hoffentlich werden auch wir in Holland bald sagen können, daß nicht nur das Ziel gut war— das wissen wir alle—, sondern daß auch die Mittel und Wege gut gewesen sind. Wir in Holland stehen vor einer sehr kräftigen Reaktion, der Prozeß hat sich bei uns sehr schnell vollzogen. Kaum zwei wiederholt werden wird Bevor wir in die Tagesordnung eintreten, habe ich die Aufgabe, namens des Parteitages die zu unsren Verhandlungen erschienenen Freunde der ausländiichen Bruderparteien zu begrüßen. Wir haben auf allen unsren Parteitagen die Ehre und die Freude, so liebe Gäste anwesend zu sehen. Ich heiße sie, wie stets, so auch hier in Dresden herzlich und brüderlich willkommen. Wir sind stolz darauf, daß unsre� Parteitage so zahlreich von den Parteigenossen der aus ländischen Bruderpartcien besucht werden, und ich weiß mich einig mit jedem Mitglied des Parteitages, wenn ich von dieser Stelle aus und an den Tagen, wo die Vertreter der deutschen Partei zum erstenmal nach den Wahlen versammelt sind sämtlichen Bruderparteien unsren wärmsten Dank aus- spreche für die vielfachen Beweise der Solidarität, die sie uns im letzten Wahlkampf bewiesen haben.(Bravo I) Die socialdemokratischen Parteien der ganzen Welt haben uns in diesem schweren Kampf nicht nur materiell unterstützt, nein: noch wertvoller und fteudiger sind von uns empfunden worden die Be der Solidarität, der Sympathie, der Freude, die sich doch nicht praktifch sein. Wenn nach"Singers' Vorschlag' schon bei I- �°�arität, der Sympathie, der Freude, die sich aus- '---'>aesordnuna Unterabteilnnn.., gedruckt haben m den Zuschriften, die wir nach unsrem Siege | erhalten chaben. Diese Bewege der Solidarität zeigen aufS neue, dem ersten Punkt der Tagesordnung Unterabteilungen eingerichtet tverden sollen— die Affaire Bebel-„Vorwärts",die Mtarbeit von Parteigenossen an der bürgerlichen Presse, die Polensrage—, so können wir dabei zu einer derartig ausgedehnten Debatte kommen, daß meiner| Einpfindung nach die wichttgften Fragen, die die Parteigenossen interessieren, entschieden zu kurz kommen würden. Ich würde es für viel zweckmäßiger halten, wenn man zunächst den Geschäftsbericht des Vorstands diskutiert und dann als einen besonderen Punkt„Das Ergebnis der Reichstagswahlen" auf die Tagesordnung setzt. Nach Feinde sehr zufrieden. So vereinigt sich die Bourgeoisie sehr rasch zu einer reaktionären Masse. Der Massenstreik dieses Jahres hat diesen Prozeß stark gefördert, wenn auch der Streik sonst nicht in allen Teilen erfteulich war. Wir standen vor einer Aufgabe, der wir nicht gewachsen waren. Und jetzt? Die Regierung und die Eisen» bahnkompagnien haben nach ihrer Angst während des Streiks den Sieg gefeiert mit harte» Maßregelungen, und noch jetzt laufen die christlichen Leute mit der Hungerpeitsche durchs Land, sie peitschen den Fanttlienvater aus der Werlstatt und lassen ihn mit Frau und Kind verhungern.(Bewegung.) Diese Opfer des bürgerlichen Hasses haben Sie, deutsche Brüder, mit reichen Spenden aus Ihrer schon so in Anspruch genommenen Kasse unterstützt. Dafür unseren besten und verbindlichsten Dank! Die Jnterimttonalität ist fiir uns kein leeres Wort. Das nächste Jahr werden wir in Amsterdam die Ehre und die Freude haben, das internationale Proletariat zu empfangen. Unsre Stadt ist kein Paris oder London, aber unsre Herzen werden sich nicht weniger den ausländischen Genossen öffnen. So mögen Sie denn, wenn auch nicht zu drei Millionen— das wäre uns wohl zu viel(Heiterkeit)— aber doch in großer Zahl nach Ainsterdam kommen. Wir werden unser bestes thun. eS Ihnen dort angenehm und be- quem zu machen.(Bravo!) Doch genug! Ich bin hierher ge- kommen, um einen Brudergrug auszusprechen, und wenn auch unser den so verschiedenarttgen Auseinandersetzungen über diese Frage er- J0•?' warten die Parteiaenoiien eine Klärnnc, der Meinunaen. Desbnsf, Ipreiye icy warten die Parteigenössen eine Klärung der Meinungen. Deshalb I}pie>j'e lt? tm Parteitags, der Gefaintpartei Deutsch bitte ich um Annahme des Anttags 1. Bebel und Wollmar werden' unfern wärmsten Dank aus. Die auslandischen Genossen wohl bereit sein, die Referate zu übernehmen. Bebel: daß der Kampf, den wir in Deutschland führen, von unsren Bruder- Parteien angesehen wird als ein Kampf, der geführt wird fiir den iresse aller socialistischen Parteien, gleichgültig,"welchem Lande sie angehören. Dies Gefühl| der Zusammengehörigkeit ,» der Solidarität hat die' Partei immer beseelt, und dafür, daß dies Gefühl seitens> der ausländischen Parteien gelegentlich unsres Wahlkampfes!, �. iu so vollendeter Weise zum Ausdruck gekommen ist, dafür|(£ � 0 u: Ich komme zu diesem Kongreß SonalÄnms der ganzen 7� im�teMVr so�listisch� Zter und �« internattonale Proletariat ist, so Parteien, gleichgültig, welchem Lande sie angehören. Dies Gefühl �"! ,rÄ d-r socialdem�" der Zusammengehörigkeit., der Solidarität hat � die � deutsche| � Wall)'ocialdemokrattschen Parte. Deutschlands. (Leb- Jones-England im Auftrage der englischen Socialdemokratie. Es"ist allerdings ein ................______________ nationaler Kongreß, aber er hat eine internationale Bedeutung für werden, wie immer, so auch den diesjährigen Verhandlungen mit � kämpfende Proletariat der ganzen Welt. Aus England habe ich Interesse folgen. Wir sind sicher, daß ihre Wünsche sich mit den i? keine guten.mchnchten zu bringen: wir in England sind noch ,.,..,> unsrigen einen, daß diese Verhandlungen zum Wohle der deutschen eine kleine Parte.. Die Engländer gehen langsam vorwärts, aber verraten, wenn �ich ftge, �daß f p�ci geführt werden mögen.(Lebhafter Beifall.�( wenn sie einmal vorwärts gehen, so weichen sie auch kernen Schntt die Vorschläge Singers auf Grund einer sehr eingehenden Beratung| •) 1. Parteigenossen in Hannover, Berlin I. II, HI und IV. Chemnitz. Wunsiedel, Frankfurt a.O.. Mann- heim, Wahlkreis Greifswald- Grimmen, Nürnberg und München: Auf die Tagesordnung zu setzen:„Die Ergebnisse der diesjährigen Reichstagswahlen. Als Referenten die Genossen Bebel und v. Vollmar zu bestimmen.' 5. Parteigenossen in Frankfurt a. M.: Während der Tagung de? Parteitages eine Konferenz der preußischen Delegierten zu ver- anlassen, welche einen Meinungsaustausch über die bevorstehenden -LandtagSwahlen vermitteln soll. Anwesend sind die Genossen Adler und Skaret von der 1 wieder zurück. Die englische' Arbeiterbewegung' befindet sich Parteileitung der östteichischcn Gesamtpartei, Genosse P e r n e r-! stf. einem llebergangsstadium. Mehr undj mehr dringen st o r f e r als Vertreter des' parlamentarischen Verbandes der vir L"? revolutionären Socialdemokratte m die östreichffchen Rcichsratsftaktton,' Genosse N e m e? als Vertreter der I Gcwcrkichastsbewcgung Englands hinein. Von 3° he zu Jahr czechisch-slavischen Parteileitung, Genosse T a k vom Parteivorstand � verswrn�ttc� innetholB� der großen. Gewersichaftsbewegung der der holländischen Partei, die Genossen A s k e w und Jones als Vertteter der Socialdemokratischen Föderation Englands, der Genosse i l f h i r e als Vertteter der focialdemokratischen Partei Amerikas. A»ler-Wien: Werte Genossen und Genossinnen! Wenn ich hier im Aufttage der östreichischen Socialdemokratte die Aufgabe habe, Sie zu be- socialistische Gedanke, und bei den nächsten Wahlen hoffen die eng» fischen Socialdemokraten zusammen mit den ihnen nahestehenden Arbeitcrorganisattonen 70 bis 30 Arbeiterkandidaten aufzustellen. darunter eine große Zahl ausgesprochener Socialdemoftaten. Bei einem großen Teil die, er Kandidaten dürfen wir auf den Sieg hoffen. Es wird hoffentlich einmal die Zeit kommen, wo die englischen Arbeiter, die bisher auf ökonomischem Gebiet im Vordergrund ge» standen haben, auch politisch die Vorhut der Arbeiterbewegung in der ganzen Welt bilden werden. Wir in England haben zu kämpfen mit den sogen,„respektablen" Klassen, und der große Mangel der englischen Arbeiterbewegung ist, daß diese Sucht nach„Respektabilität" in den früheren Jahrzehnten auch vielfach in die Arbeiterklasse eingedrungen ist, und sie zu gefügigen Werkzeugen der Kapitalisten und ihrer politischen Handlanger gemacht hat. Die angebliche Regierung ist klug genug, die Arbeiter nicht, wie es aus dem Kontinent und be- sonders in Deutsckland geschieht, zu behandeln, zu strafen mit aller Hand kleinlichen Vexationen; sie glaubt, daß es nicht notwendig ist, Schafe zu morden, zu quälen und zu töten, die Schafe gehorchen ooch dein Kommando des Schäfers, aber die revolutionären Social- dcmokraten Englands hoffen doch, aus den Schafen mit der Zeit wirkliche Menschen zu machen. Es war ein großer Tag, als die Siegesnachricht aus Deutschland nach England drang und in einer gewaltigen Volks- Versammlung die Londoner Arbeiter ihrem Jubel über diesen Sieg Ausdruck gaben. Ich hoffe, daß noch einmal die deutschen Social- oemokraten in Berlin oder einer andren Stadt Deutschlands einen gleichen Sieg der englischen Socialdemokratie werden feiern können. Die größte Ehre für England ist es, daß es jahrzehntelang Männern wie Marx und Engels ein Asyl gewährt hat.(Bravo I) Was auch späterhin für Verbrechen, stir schamlose Vergewaltigungen auf internationalem Gebiete von der englischen Regierung be- gangen worden sind, dieser LichMick in der Geschichte Englands soll dem Lande nie vergessen werden.(Bravo!) Wir hatten in den letzten Jahren den verbrecherischen Krieg in Südafrika, and jetzt erleben wir, daß" der ramponierte Erzengel � Luzifer II., Jos Chamberlain(Heiterkeit), auf dem die Hauptschuld an diesem Kriege lastet, den englischen Arbeitern einzureden versucht, daß es keine Jnteressenunterschiede zwischen Kapital und Arbeit gebe, und oaß er die kommunistische Bewegung durch seine schutzzöllnerischen Versuche einzudämmen sucht. Gerade in den Kämpfen gegen diese Bestrebungen wird die socialdemokratische Bewegung in England neue Kräfte gewinnen. Ich bin gekommen, um die Grüße dieser jungen social oeinokrattschen Bewegung Englands zu bringen: wir sind keine Reform Partei, wir sind ein Flügel der revolutionären, internattonalen Socialdemokrane, und wir hoffen, daß unsrer großen Sache schließlich der Sieg in der ganzen Welt zu teil werden wird!(Leb hafter Beifall.) Wilshire-Amerika (Ledebour giebt die Uebersetzung) überbringt die Grüße der Partei- genossen ans den Vereinigten Staaten und aus Kanada, Die ökonomischen Verhältnisse in Amerika bedingen eine langsamere Entwicklung des socialisttschen Gedankens, Aber auch darin bereitet sich ein Wandel vor. Die industrielle Entwicklung ist eine derartige, daß die kapitalistische Methode die neuen Schwierigkeiten und Probleme nicht niehr zu bewälttgen vermag: es wird deshalb über kurz oder lang nötig ein, den Socialismus in Amerika zu adoptieren. Jetzt schon sieht man. wie die socialistische Bewegung bei uns Fortschritte macht: wir hoffen, bei den nächsten Wahlen auf unsren Präsidentschastskandidaten eine Million Sttmmen zu vereinigen(Beifall): bei der letzten Wahl waren es nur 300 000, Den deutschen Parteigenossen möchte ich den Rat geben, den amerikanischen Verhälttnssen besondere Aufmerksam- keit zu schenken. Die Deutschen sind es ja gewöhnt— ich erinnere nur an Kautsky— scharfe kritische Sonde an die ökonomische und politische Entwicklung alles Länder zu legen. Wir stehen in Amerika vor einer Krise, die sich u. a. auch darin äußern wird, daß Amerika, statt wie bisher Eisen aus Deutschland zu beziehen, ungeheure Massen von Eisen und Eisenprodukten nach Europa verschicken wird, DaS wird dann auch wieder die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa, besonders in Deutschland erschüttern, Genau wie in andren Ländern wird auch in Amerika die persönliche Freiheit durch den Kapitalismus zerstört, Amerika gilt als ein freies Land, aber es hat nicht einmal eine vollkommen freie Presse; nur die Methode ist etivaS raffinierter, nnt der man gegen die Presse vorgeht. Zum Beispiel gebe ich eine Monatsschrift heraus, für die plötzlich der Zeiwngsstempel, der in Amerika von allen Zeitungen erhoben wird, unter nichtigem Vorwande verachtfacht wurde; daS hätte für mich eine monatliche Mehrausgabe von 30 000 M. be- deutet. Um daS zu vermeiden muß ich jetzt die Zeiffchrift, die nach wie vor in New Uork geschrieben wird, in Kanada drucken mid dann von dort in die Vereinigten Staaten verschicken lassen. So wird bei uns die Presse vom Kapitalismus und seinen Handlangern bekämpft. Ich überbringe also den deutschen Genossen unsre herzlichsten Grüße und Glückwünsche.(Beifall). Singer: Es sind Telegramme eingelaufen von den Genossen des nörd- lichsten Böhmens, der?artis socialisto kranqais, der Independent .Labour Party London, dem Leicester Zweigvcrein der unabhängigen Arbeiterpartei, dem Zweigverein der unabhängigen Arbeiterpartei in Newcastle, dem Bureau socialiste international, der Socialdemokratie Federation London, von dem Genossen Friedrich Leßner, London,(Leb- hafter Beisall.) Genosse Leßner läßt es sich nie nehmen, dem Partei- tag Grüße zu übersenden; wir haben den aufrichtigen Wunsch, daß die Parteitage noch recht lange in der Lage sind, die Grüße dieses Parteiveteranen in Empfang zu nehmen.(Beifall.) Weiten sind Glückwünsche eingelaufen von der russische» revolutionären Partei, von armenischen Genossen aus London, von 35 000 für das all- gemeine Wahlrecht in Budapest versammelten Arbeitern(Beifall), von derRedaktton des„Jskra" im Namen der russischen Socialdemokratie, den Parteigenossen in Würzburg, dem Arbeiter-Sängerbund Hamburg und Umgegend, dem Bezirk 136 Hamburg, dem Socialdemokratische» Verein Herford, den Parteigenossen von Netzschkau, von Dametz aus Linz, von den Parteigenossen von Bremerhaven, vom Socialdemokratische» Verein in Miindenheim, vom Genossen Baumgarten-Miinchen, von den Hafenarbeitern in Bremerhaven, von einer polnisch-socialdemo- kratischcn Versammlung in Altona, von Stralsunder Parteigenossen. vom Wahlverein Johanngeorgenstadt, von Oskar Behr-Jlmenau, von mehreren Genossen in Langenbielau und in München, von Rad- fahrern in Arnstadt. Erfurt und Ichtershausen, von den radikalen Pforzheimer Parteigenossen.(Heiterkeit.) Die Straßburger Genossen haben uns das Resultat der dort stattgehabten Bezirkstagswahlen mitgeteilt. Es sind abgegeben worden 2833 Stimmen und zwar stir PeyroteS 1342 Stimmen, für die klerikale Partei 856 Stimmen, für die deinokrattsche Partei 626 Sttmmen. Es hat also eine Nachwahl stattzufinden. Die Mitteilung schließt mit den Worten:„Es geht vorwärts trotz Köller." (Beifall.) Der Parteitag tritt sodann in die Tagesordnung. Erster Punkt derselben ist der Geschäftsbericht des Vorstandes. Ueber den allgemeinen Teil referiert Pfnmikuch: Die allgemeinen Aufgaben deS Parteitages bestehen in dem Ausbau der Organisation und der Betteibung einer plan- mäßigen Agitation. Im verflossenen Jabre hatten wir hauptsächlich den Kampf gegen den Zolltarif zu führen und die Agitation für die Reichstagswahlen zu betreiben. In dem Kampf gegen den Zolltarif hat Berlin die erste Stelle eingenommen, aber auch die Genossen im Lande haben Außerordentliches in diesem Kampfe geleistet. Die Vorarbeiten für die Reichstagswahl und die planmäßige Leitung der Agitation war unsre Aufgabe, Zur Unterstützung der Agitation hat sich in allen Provinzen des Reiches die Einrichtung eingebürgert, im Herbst jedes Jahres einen Agitationskalender heraus- zugeben Derselbe wird in immer steigender Auflage von den Provinzialkomitees verbreitet, aber die Parteileitung empfindet meist den metallischen Nachgeschmack,(Heiterkeit.) Das gilt namentlich für Ost- und Wcstpreußen. Pommern. Mecklenburg, Posen, aber auch für die Rheinprovinz, von der man schließlich doch annehme» sollte. daß sie auf eignen Füßen stehen und die Kosten für die Herausgabe eines ÄgitattonskalenderS tragen könnte und müßte. Es ist in vielen Provinzen ja bereits eine Besserung eingetreten, die Parteileitung braucht nicht mehr wie bisher die sämtlichen Kosten stir die Her- stellnng und Verbreitung zu übernehmen, sondern die Genossen haben es dahin gebracht, daß sie einen Teil der Kosten selbst bestreiten können. Die Reichstagswahlen sind von der Parteileitung bereits seit Ende vorigen Jahres vorbereitet worden. Im März rüsteten wir unS schon, um dem Bedürfnis nach Rednern gerecht zu werden, Viele Genossen waren der Ansicht, daß die 53 bisherigen Reichstags Abgeordneten als die eigentlichen Träger der Wahlagitation auch über ihre heimatlichen Bezirke hinaus anzusehen seien. Diese An ficht, so begreiflich sie ist, kann doch nicht als allgemein stichhaltig gelten, und die in dieser Beziehung gegen die Parteileitung erhobenen Vorwürfe sind nicht berechtigt. Bereits im März richtete die Partei leitnng eine Rundfrage an alle Fraktiousmitglieder, ob sie im stände seien, die Wahlagitatton über ihren heimatlichen Kreis und ihre Provinz hinaus zu betreiben. Darauf sind nur acht Ant Worten eingelaufen,(Hört, hört!) Die übrigen Frakttonsmitgliedcr haben es wohl als selbstverständlich betrachtet, daß sie über den Rahmen ihrer Heimat hinaus nicht thätig sein könnten, da die Agitation in ihrcni eignen Kreise resp, Provinz ihre ganzen Kräfte beanspruchte. Rückhaltlos, ohne Einschränkung, haben sich nur Bebel und Singer der Parteileitung zur Verfiigung gestellt, in etwas be- dinater Weise auch Ledebour und Kunert. Diejenigen, die sich zur Verfügung gestellt haben, haben für ihre Person fast Uebermensch- licheS geleistet. Gegenüber manchen Klagen von Genossen bemerke ich, daß die von der Parteileitung gettoffencn Agitationsdispositionen natürlich nicht jeder Zeit beliebig geändert werden konnten. Wenn die Genossen immer wieder' an uns herangetreten sind, manchmal in Ausdrücken, die die Höflichkeit weit hinter sich ließen (Heiterkeit), so haben wir uns dadurch zwar nicht beleidigt gefühlt, aber es beweist das doch, daß wir nicht alles leisten können, was von uns verlangt wurde. Verschiedene Anttäge suchen ja diesen Mängeln abzuhelfen. So gut diese Anträge gemeint sind, fo werden sie doch kaum viel an den bestehenden Zuständen ändern können. So verlangen die Parteigenossen in Düsseldorf die Einrichtung einer Centraistelle, von der aus planmäßig die Aufklärungsarbeit „über alles Wissenswerte" organisiert werden soll. Schon die allgemeine Form dieses Antrages weist darauf hin, daß hier der Parteileitung eine unausführbare Aufgabe, zugemutet wird In Fürth ist Genosse Scgitz ein vortrefflicher Organisator und Agitator. Er wird sich gleich gesagt haben, daß der Parteivorstand die ihm hier überwiesenen Aufgaben nicht lösen kann. Es wird des halb vorgeschlagen, eine Agitattonskommission zu bilden, die dafür zu sorgen hat, daß der praktische Teil unsres Programms den Ge nossen zum Bewußtsein gebracht und in parlamentarische Anträge gegossen wird. Ja, wenn diese Agitattonskommission gebildet werden sollte, so wäre sie ein Teil des Parteivorstandes, und da entsteht die Frage: Ist seine Ausführung möglich? Und diese Ausführung ist nur dann möglich, wenn die geeigneten Personen vorhanden sind. Die Berliner Genossen sollen sie wählen, selbstverständlich ohne au' Berlin beschränkt zu sein. Die Mitglieder der Agitationskommission , nützten nattirlich bezahlte Parteibeamte sein. Jedenfalls geht aus allen diesen Erwägungen hervor, daß die soforttge Durchführung des Fürther Antrages ein verfrühtes Experiment wäre. Ans dem Handgelenk läßt sich dieser Antrag nicht durchführen; erst sind be deutende Vorarbeiten erforderlich. Der Antrag kann nur als Direkttve, als Anregung für die Parteileitung bettachtet werden. (Glocke des Vorsitzenden.) Vorsitzender Singer: Ich möchte den Redner doch darauf auf merksam machen, daß die Anttäge jetzt nicht zur Diskussion stehen, Erst müssen die Antragsteller die Anträge begründen, damit wir wissen, was sie wollen. Nur der allgemeine Teil des Vorstands berichtes steht jetzt zur Debatte. Pfannkuch(fortfahrend): Der zweite Teil unsrer Agitatton richtete sich auf die Betreibung der Reichstagswahl. Wir haben Flugblätter den Genossen zur Verfügung gestellt, so viel als verlangt wurden. Ich möchte aber bei dieser Gelegenheit bitten, daß die Parteileitung mehr als bisher unterstützt wird; die Parteileitung hat von vielen Genossen, speciell Fraktionsmitgliedern, an die sie sich um Einsendung von Manuskripten für allgemein gehaltene Flugblätter wandte, einen ablehnenden Bescheid bekommen, und es hat erst ein- dringlicher Mahnungen bedurft, um die Aufgabe zu lösen. Doch sie ist gelöst worden. Daß die Parteigenossen aus den Lehren der Reichstags- wähl das Gefühl haben, es müsse noch mehr geschehen, dafür sprechen ja viele Anttäge, namentlich diejenigen, die sich auf die Besorgung von Referenten beziehen. Diese Frage ist ja nicht neu, aber die Aufgabe ist schwer zu lösen. Selbstredend wird jede Parteileitung, lvie auch immer sie zusammengesetzt ist, dieser Frage ihre Allfmerksamkeit widmen. Die Einrichtung der Arbeitersekretariate, die vornehmlich den Gewerkschaften vorbehalten ist, hat auch auf das politische Gebiet übergegriffen. Es gingen unS Anttäge zu, in verschiedenen Gegenden des Reichs Parteisekretariate ein- zurichten, namentlich an Orten mit alter Organisatton. Wenn eine solche Einrichtung notwendig ist, so unsrer Meinung nach dort, wo die Bewegung noch jungen Datums ist und noch nicht festen Fuß gefaßt hat. Aber da, wo die Organisatton alten Datums ist, haben Agitationskomitees diese Arbeit zu verrichten. Da, wo wir es für nötig halten, z. B. in Königsberg, Posen und Oberschlesien, haben ivir Beittäge zu den Kosten der Agitationsleitung hergegeben, und ich glaube, daß der Parteitag hier keine Aenderung eintreten lassen Ivird. Auf gleicher Höhe wie diese Anttäge bewegen sich die Forderungen, bezahlte Kolporteure in einzelnen Gegenden anzustellen, das notwendig war, haben daS die Zeittmgsverleger bereits gethan, teilweise mit Unterstützung der Partei. Unsre Presse hat einen außerordentlichen Aufschwung genommen, nicht etwa, daß neue Zeitungen gegründet sind, was nach unsrer Meinung kein Fehler ist, aber das Verbreitungsgebiet der Presse hat zugenommen und die Auflage unsrer Blätter hat einen gewalttgen Aufschwung zu verzeichnen. Der gedruckte Bericht bringt für verschiedene Zeitungen Ziffern. Dadurch fühlen sich einzelne Parteiorte, die ebenfalls ein Steigen der Abonnentenzahlen aufweisen, zurückgesetzt, weil nicht auch sie besonders im Vorstandsbericht aufgeführt find. Ja, das liegt meistens an unsren Genossen selbst, die ganz von der Gepflogenheit ab- gekommen sind, der Parteileitung regelmäßige Situationsberichte einzusenden. Der Genosse Gerisch, der ja diese Berichte zu be« arbeiten hat, wird Ihnen nachher wohl noch sein Leid darüber klagen, Ich will aber nachträglich hier feststellen, daß alle diejenigen, die sich über Nichtausführung beschwert haben, von uns in gleicher Weise anerkannt werden und daß sich alles Lob auch auf sie erstreckt. Hätte nicht jeder seine Schuldigkeit gethan, lvie hätten wir dann einen so glänzenden Sieg erringen können! Wir haben diesmal die Abrechnung der„Gleichheit", der„Skeuen Zeit" und des„Wahren Jacob" im Vorstandsbericht gegeben und damit die in München laut gewordenen Wünsche erfüllt. Es geht daraus hervor, daß sich die Hoffmmge» auf eine Minderung des DeficitS der„Gleichheit" und der„Neuen Zeit" in erfreulicher erfüllt haben.(Bravo!) Das Deficit der„Gleich- heit" hat sich gegen daS vorige Jahr um 1470 M. ver- ringert. Die beiden letzten März-Nummern hatten eine 7000 über- steigende Auflage, und in den beiden anschließenden Monaten ist eine weitere Steigerung auf 8000 Abonnenten eingetreten.(Bravo I) Im nächsten Gelchäftsbericht werden wir hoffentlich in der an- genehmen Lage sein, dem Parteitag mitzuteilen: die„Gleichheit" deckt sich. Eine gleiche Wandlung zum bessern ist bei der„Neuen Zeit" eingetreten. Das Deficit gegen das Borjahr ist um 3000 M. kleiner geworden, einmal durch die Abnahme der Remittenden und dann durch die steigende Auflage.(Bravo!) Im Oktober v. I. wurde eine rührige Thättgkeit für die„Neue Zeit" entfaltet; 700 neue Abonnenten wurden gewonnen, so daß sich die Auflage auf 3350 Abonnenten steigerte und sich dort auch gehalten hat. Hoffen wir, daß im laufenden Jahre eine neue Steigerung der Abonnentenziffer eintreten wird. Um dasselbe herbeizuführen, haben die Frankfurter Genossen beantragt, alle wissenschaftlichen Organe der Partei zu einem einzigen zu verschmelzen. Ich glaube aber kaum, daß es gelingen wird, Vom Münchener Parteitag wurde die Parteileitung aufgefordert, ß 2 des OrganisattonsstatutS zu ändern. Aus Anlaß von Vor- koinmnissen in Bayern mußte ausgesprochen werden, daß der AuS- chluß ans einem Wahlverein bezw, aus Jicr örtlichen Organisation einer solchen örtlichen Organisation Ausgeschlossenen die Gelegenheit gegeben zu haben, die Partei-Jnstanzen anzurufen. Ein iveiterer Wunsch, die Organisatton zu ändern, ist in verschiedenen Anträgen zum Ausdruck gekommen. Der Vorsitzende wird mir wohl gestatten, darüber jetzt einige Worte zu sagen, Singer: Es ist mir sehr fatal(Heiterkeit), auch hier meine Meinung dabei aussprechen zu müssen, daß augenblicklich nur der Vorstandsbericht zur Diskussion steht. Die Anttäge werden später zur Verhandlung kommen. Wenn der Kollege jetzt schon darüber spricht, so kann ich niemand daran hindern, darauf ebenfalls ein- zugehen. Pfannkuch: Ich werde mich den Anordnungen de? Vorsitzenden selbstverständlich fügen; dazu bin ich ein zu disciplinierter Genosse. (Heiterkeit) und ich will mich nicht der Gefahr aussetzen, noch einmal unterbrochen zu werden. Wir haben im§ 2 unsres Orgauisationsstatuts ja die Ein- richtung des Schiedsgerichts, Dieses wird ja nach unserm Antrag, daß es auch auf den Ausschluß aus den örtlichen Organisattonen Anwendung finden soll, in Zukunft noch öfter von den Parteigenossen angerufen werden als bisher. Die Parteileitung wird selbst- verständlich je eher je lieber die Streitigkeiten unter den Parteigenossen aus der Welt zu schaffen suchen. Wir sind aber auch der Meinung ge« Wesen, daß durch die gemeinsame Thättgkeit im Wahlkampfe die Streitfragen an den einzelnen Parteiorten überbrückt werden würden, so daß es unmöglich sein würde, ein Schiedsgericht abzuhalten. Darin haben wir uns ja nun geirrt.— Sie können versichert sein, daß die Parteileitung glaubt, auch im vergangenen Berichtsjahre»ach bestem Ermessen und Gewissen die ihr obliegenden Aufgaben erfüllt und ihre Schuldigkeit gethan zu haben.(Beifall.) Gcrisch-Berlin erstattet den Kassenbericht: Wenn in früheren Jahren, in denen die Kasie mit einem Deficit abschloß, meine mündlichen Erläuterungen zu dem Kassenbericht vielfach auf die Warnung hinausliefen: So kann es nicht mehr weiter gehen, so bin ich diesmal in der außer- ordentlich angenehmen Lage, versichern zu können: Sowie im verflossenen Jahre, so sollte es immer weiter gehen!(Heiterkeit und Beifall.) Die ungeheuere Opferfreudigkeit, die die Genossen be- wiesen haben, kommt in dem Kassenbericht durchaus nicht voll zum Ausdruck; es ist viel mehr geleistet worden, als wir hier von seilen der Centralkasse nachzuweisen in der Lage sind. Ich war bemüht, eine vollständige Zusammenstellung aller dieser Leistungen bei den letzten Wahlen herzustellen. Es war mir das bis zur Stunde nicht möglich, da mir noch verschiedene Landesteile fehlen. Ich will nur anführen, daß allein in Schleswig-Holstein in den einzelnen Wahl- kreisen 85 000 M. für die Wahlen aufgebracht worden sind(Bravo I). die nicht durch die Centralkasse gegangen sind und infolgedessen nicht im Kassenbericht zum Vorschein kommen, Nun einige Richtigstellungen zum Kassenbericht! Auf Seite 33 des gedruckten Berichts befindet sich ein Druckfehler, die Unter- stiitzungen betragen nicht 6252, sondern 16 252 Mark, Im speciali- siertcn Bericht über die Ausgaben für die Parteipresse befinden sich 1000 Mark für die„Oberfränkische Volkszeitung". Die Genossen in Hof, wo das Blatt erscheint, erklären übereinstimmend, daß niemand von ihnen die 1000 Mark bekommen habe, sie seien verschwunden. Die Sache ist durch die Presse gegangen und bedarf deshalb der Aufklärung, Die„Oberfränkische Volkszeitung" ist ftiiher in Nürn- berg gedruckt worden, und als die Hofer Genossen das Verhältnis mit Nürnberg lösten, haben sie, lvie das im Leben so oft vorkommt, vergessen, einige Verbindlichkeiten zu regeln, sie standen auf dem Standpunkt, daß Schulden nicht weglaufen,(Heiterkeit.) Die Leittmg des Nürnberger Geschäfts ersuchte den Parteivorstand, 1000 M. von den Schulden zu übernehmen. Zu derselben Zeit stand aber auch das Nürnberger Geschäft mit den Hofer Genossen in Unterhandlungen über die Regulierung des Abzahlungsmodus, und da meinte die Leitung des Nürnberger Geschäfts, es sei vielleicht nicht angebracht, wenn die Hofer Genossen schon vorher wüßten, daß die Centralleittmg dahinter steckt, das würde ihren Eifer, abzuzahlen, nicht erhöhen, sie würden sich aber hinterher um so mehr freuen, wenn sie hören, daß schon 1000 M. abgezahlt sind. So kam cs denn. daß die Hofer Genossen erst durch den Geschäftsbericht davon Kenntnis erhielten, daß sich über Nacht ihre Schuldenlast um 1000 M. verringert hatte,(Zuruf: Die Glücklichen!— Heiterkeit!( Die Bochumer Genossen beschweren sich init Fug und Recht darüber', daß die Ausgaben für das„Volksblatt" in Bochum und den„Weck- ruf" in Essen zusainmengeworfen sind. Es ist nicht klar zu ersehen, wie viel von den 5000 M, Subvention auf jedes dieler Blätter kommt. Auch niir lvar es fatal, in dieser Form berichten zu müssen. aber mir lägen die Bücher nicht vor. Von den 5900 M. entfallen etwa 3000 M. auf den Verkauf in Essen allein, während an dem Restbetrage beide Blätter beteiligt sind. Noch einige Angaben über das Wachstum der Presse im Bericht?» jähre! Leider bin ich da wieder von sehr vielen unsrer Partei- gefchäften im Stich gelassen.(Hört! hört I> Es haben keine Berichte eingesandt das Banter Geschäft— Genosse Hug sagt mir allerdings. der Bericht müsse nach»neiner Abreise aus Berlin eingegangen sein— ferner Kassel, Elberfeld, Erfurt, Karlsruhe. München, Solingen, Haar- bürg. Ich mußte die Zahlen dieser Geschäfte schätzungsweise einstellen. Wenn ich auch glaube, daß ich mit meinen Schätzungen nicht weit von der Wahrheit entfernt bin, so bedauere ich doch, daß wir nicht mit be- stimmten Zahlen aufwarten können.(Sehr richtig!> Unsre Tages- presse— und diese ist ja fast nur noch ausschlaggebend, die kleinere Presse verschwindet fast gänzlich— ist gegenwärtig auf rund 520000 Abonnenten gekommen,»vir haben also die halbe Million stark überschritten. Rechnen wir dazu noch ettva 30 000 Abonnenten der kleineren Presse, so haben»vir im ganzen 550 000 Abonnenten, eine ganz respektable Zahl, indes z»» den drei Millionen Wählern inimer noch nicht das richtige Verhältnis. Ganz besonders müssen wir berücksichtigen, daß wir diese Höhe der Abonnentenziffer dein Wahljahr verdanken. Das zeigt, tvie sehr wir vorwärts kommen können, wenn immer so gearbeitet wird. 130 000 neue Abonnenten I Ein solcher Erfolg ist noch nicht vor- gekommen. Wir sehen daran, lvie tief der Pflug der Wahlagitation eingedrungen ist. Entsprechend dem Anwachsen der Abonnentenziffer ist auch der sinanzichle Ertrag der Partcipresse gestiegen. In runder Summe betrilgen die Einnahnien der Parteipresse aus Abonnements 3 Millionen Mark, aus Inseraten 1 700 000 M. Auch hier zeigt sich also ein sehr erfreulicher Fortschritt. Nun ist es unsre Aufgabe, das Gewonnene festzuhalten und neue Gebiete zu erobern. Was die Parteikasse anlangt, so ist nach der Hochflut ja die Ebbe eingetreten. Ich kann nur wünschen, daß die Ebbe nicht zu lange anhält. Stehen uns doch beträchtliche Ausgaben bevor. Be- sonders möchte ich an die Genossen der Kreise, die bei der letzten Wahl siegreich geblieben sind und einen Abgeordneten nach Berlin entsenden, die Bitte richten, ihrerseits dafür zu sorgen, daß ihr Kreis im nächsten Jahr nicht in der tabellarischen Aufftellung fehlt. Die Genossen brauchen sich nicht zu wundern, wenn im nächsten ' ahre die Rubrik der Kosten für den Reichstag erheblich wächst. Genosse Meister schmunzelt schon,(Heiterkeit.) Sorgen wir also dafür, daß wir dem Gewonnenen neue Gewinne beifügen.(Bravo I) De» Bericht der Kontrolleure erstattet Meist«: Die Kontrollkommission hat zunächst die Revision der Kasse und der Geschäftsführung des„Vorwärts" vorzunehmen. Nirgends waren Monika zu ziehen. Der Kasten- und Buch- 'ührung kann»»ur die vollste Anerkennung ausgesprochen »verde». Auch alle Wünsche bezüglich der Geschäftsführung Vorwärts" haben volle Berücksichtigung gefunden. Außer der regelmäßigen Revision der Kasse und Geschäftsführung des„Vorwärts" hatten die Kontrolleure noch einige andre Aufgaben zu lösen. Zunächst lag ein Antrag des Genossen Mehring vor. den Ausschluß des Genossen Berthold zu veranlassen. In dieser An- »elegenheil hatte bereits ein Schiedsgericht getagt, dessen VerHand- Klingen nicht zu diesem gewünschten Resultat geführt hatten,»venu- V/t*--«.jr« Sk�.v.1.�•___ k..c. sUikk-f(» i>f S der Partei gleichbedeutend ist init dem Ausschluß aus der Gesanit- gleich der Schiedsspruch dahin ging, daß sich Berthold große Ver- Partei, Wir glauben mit der Fassung des Antrages 18 den bisher sehlungen hat zu schulden kommen lassen. Berthold hat als zeich- aufgettetenen MißHelligkeiten begegnen zil können und dem aus inender Redakteur der„Zukunft" die Verantwortung für Sachen Kernommen, fck zu üBcvite�men man von einem Parteigenossen rücht hätte erwarten sollen.(Lebhafte Zustimmung.) In einer Reihe von Heften sind namhafte Parteigenossen, denen wir jederzeit die größte Hochachtung entgegengebracht haben und entgegenbringen, in einer so pöbelhaften Weise heruntergerissen worden, daß wir sie, wenn sie von Gegnern kommen, als Ausdruck ihrer Wut verlachen. Wenn aber jemand, der sich Parteigenosse nennt, die Kühnheit hat und solche pöbelhasten Verunglimpfungen mit seinein Raulen zeichnet, so wareil alle Kontrolleure darin einig, daß eine solche Handlung mit der Ehre eines Parteigenossen nicht ver- einbar ist.(Lebhafte Zustimmung.) Nur auf einen Artikel der„Zu- kunft" will ich aufmerksam machen:„Die Primadonna der Social- demokratie".(Hört I hört I> In diesem Tone waren alle uns vor- gelegten Artikel der„Zukunft" gehalten. Die Kontrolleure waren einig darin, daß eigentlich eine Person, die die Kühnheit hat, sich Parteigenosse zu nennen und solche Artikel zu zeichnen, nicht wert ist, der Partei anzugehören.(Hört! hört! und Zustimmung.) Das war die einstimmige Ansicht der Kontrolleure. Wenn trotzdem der Antrag auf Ausschluß des Genossen Berthold mit Stimmengleichheit abgelehnt wurde, so war das nur deshalb möglich, weil ein Mitglied der Kontrollkommission fehlte, weil es krank war. Auch die vier Kontrolleure, die gegen den Ausschluß stimmten, waren mit den andern einig darin, daß die Handlungsweise Bertholds unqualifizierbar sei und daß es bedauerlich sei, daß ein Genosse sich zu solchen Handlungen hergegeben hat.(Beifall.) Die Beschwerde eines Bergmanns gegen die Ablehnung eines Unterstütznngsgesuchs durch den Vorstand wurde zurückgewiesen, weil der Beschwerdeführer in reichlicher Weise bereits unterstiitzt worden war. Genosse Steininghaus in Solingen beschwerte sich, daß die Buchhandlung Vorwärts eine Broschüre, die er geschrieben, nicht verlegen will. Wir haben der Beschwerde nicht stattgegeben, weil die Entscheidung über solche Fragen der Leitung der Vorwärts- Buchhandlung überlassen bleiben muß. Der Beschwerdeführer meinte den Genossen Fischer dann noch persönlich verdächtigen zu sollen; die Broschüre bekämpfe die Evolutionstheorie und Fischer sei da zu sehr Partei.(Heiterkeit.) Es scheint, daß die Broschüre ebenso ge- schrieben ist wie der Brief, den er an uns gerichtet hat, und daß der Genosse es vielleicht sehr gut meint, aber zum Broschürenschreiben doch nicht qualifiziert ist. Eine weitere Beschwerde ist uns von unsren lieben, altbekannten Freunden aus Mülhausen und Straßburg zugekommen.(Heiterkeit.) So gern die Parteileitung, Vorstand und Kontrolleure stets bereit ist, den Beschwerden der Presse in Elsaß-Lothringen jedwede Rücksicht entgegen zu bringen, so haben wir uns doch bezüglich dieser Be- schwerden noch nicht völlig entscheiden können, weil die Kontrolleure erst noch eine Rücksprache mit den dortigen Vertrauensleuten Bühle und Emmel nehmen wollen. Wir werden aber unsre Entscheidung noch während der Tagung des Parteitages treffen. Im übrigen habe ich bezüglich der Geschäftsführung den Austrag, im Namen der Kontrolleure von neuem die Decharge für die Parteileitung und die bei der Geschäftsleitung beteiligten Personen zu beantragen.(Bravo I) In der Diskussion über dieerstattetenBerichtenimmt zunächst dasWort Lehmann-Mannheim: Nur einige Bemerkungen zu dem Bericht bezüglich der Agitation. Gerisch hat uns gesagt, daß es um die Parteikasse sehr gut bestellt sei. Man kann also gegenüber unsren Anforderungen nicht mehr einwenden, daß kein Geld da sei. Wir haben in den Jndustriebezirken jahrzehntelang erfolgreiche Arbeit verrichtet und neue Siege errungen. Aber in den Kreisen Saar- brücken und Ottweiler- St. Wendel ist seit langem nichts geschehen. Es mutz dort eine andere Organisation geschaffen werden. 1891 waren diese Bezirke die Hochburg der Bergarbeiter-Bewegung, die damals mit brutaler Gewalt vom preußischen Handelsministerium niedergedrückt worden ist. Als dann ani 1. Januar 1893 ein Ukas des Herrn von Berlepsch, der jetzt als„Minister der Social- Politik" gilt, kam, durch den die Bergleute noch mehr niedergedrückt werden sollte, da flammte die Empörung hoch auf. Seitdem aber liegt die Bewegung im ganzen Kreis Saarbrücken vollständig brach. Wir haben dort nur 1000 oder 2000 Stimmen bekommen, im Wahlkreise Ottweiler-St. Wendel haben wir nicht ganz 100 Stimmen erhalten. Wenn dorthin ein unabhängiger, befähigter Parteigenosse kommt, so wird seine Arbeit gewiß von Erfolg gekrönt sein. Singer: Auch hier mache ich darauf aufmerksam, daß Anträge, bie nicht zur Diskussion stehen, jetzt nicht behandelt werden. Walther-Koburg: Auf jedem Parteitag kommen besonders aus den„schwarzen Winkeln", den rückständigen Bezirken, Beschwerden, daß ihnen von der Parteileitung nicht in genügendem Maße Redner zur Verfiigung gestellt werden. So geht es auch uns in Koburg. Wir gehören ja nicht zu Süddeutschland, die Norddeutschen wollen auch nichts von uns wissen(Heiterkeit), das kleine Koburger Ländchen weiß eigentlich gar nicht, wo es hin soll. (Heiterkeit.) 1396 haben Ivir Bebel und Liebknecht dringend gebeten, doch auf diesem historischen Boden als Redner zu erscheinen. ES war Bebel nicht möglich, und Liebknecht ging später leider dahin, wo es kein Wiedersehen giebt. Die bürgerlichen Parteien haben gerade bei uns hervorragende Redner gehabt, während wir völlig im Stich gelassen werden. In Nürnberg haben sich die Redner nur so verfolgt.(Heiterkeit.) Man darf wohl den Schluß ziehen, daß gewisse freundschaftliche Beziehungen notwendig sind, nm diesen oder jenen Parteigenossen zu bestimmen, in einem Wahlkreise zu sprechen. (Oho!) Genosse Singer ist schlank durch Koburg durchgefahren. (Rufe: Schlank!?— Lebhafter Widerspruch und große Heiterkeit.) Wir hätten den ganzen Wahlkampf von höherer Warte führen können, wenn wir einmal emen hervorragenden Redner bei uns gesehen hätten. Gewehr-Elberfeld: Es scheint, daß alle Redner in dasselbe Lied einstimmen, daß der Vorstand nicht genug Redner geschickt hat. Ich glaube, daß allerdings eine andere Organisation nötig wäre, da die jetzige Parteileitung das ganze Gebiet nicht so übersehen kann wie es notwendig wäre. Wenn ein Bezirk klagen könnte, so ist es Rhein- land-Westfalen. Das liegt gewiß zum Teil an der geographischen Lage; es wird aber doch nötig sein, dort mehr zu thun. Bei den letzten Wahlen hatten wir ja eine gewaltige Stimmenzunahme zu ver- zeichnen; zum großen Teil rührt diese Zunahme übrigens von der Bevölkerungszunahme durch Zuwandenmg aus dem Osten her. Wir können aber weitere Fortschritte erwarten; ich habe mir immer ge- sagt: Wenn es bei uns einmal vorlvärtS geht, dann wird es schnell gehen. Was die Leistungen der Centralkasse für Rheinland-Westfalen anlangt, so kann sich der Borstand diesmal nicht über uns beklagen. Für den Agitationskalender werden wir. denke ich, diesmal die Unterstützung der Centralkasse nicht mehr in Anspruch zu nehmen brauchen. Richard Fischer-Berlin: Npr ein paar Worte über die Beschwerde von Steininahaus! Der Genosse hatte eine Broschüre geschrieben, um die Schrift von Kautsky über sociale Revolution zu widerlegen. Ein Genosse, der dazu fährg ist, hat sie durchgelesen und ist zu der Ansicht gekommen, daß der gute Wille wohl vorhanden war, daß aber der Wille im Widerspruch steht zu dem Können. Deshalb er- folgte die Ablehnung. Der Genosse Steininghaus beschwert sich lveiter, daß ihm die Gründe der Ablehnung nicht mitgeteilt sind. Früher habe ich das immer gethan und die Folge davon war, daß ich dann lange Briefe bekam, die darin gipfelten, daß ich ein Esel sei.(Heiterkeit.) Nachdem mir das so und so oft gesagt war, habe ich gesagt, daß es nicht mehr notwendig sei.(Heiterkeit.) Deshalb habe ich auf die Angabe der Gründe verzichtet. Adolf Braun-Nürnberg: Von den Genossen, welche die Koburger so gern in ihrem Wahlkreise gesehen hätten, hat in Nürnberg einzig und allein Singer gesprochen; dieser hatte einen notariellen Akt in Nürnberg zu unterzeichnen, er hätte an dem betreffenden Abend gar nicht an einem andren Orte sein können, und ich glaube, Sie können ihm danken, daß er auch diesen Abend für die Partei ausgenutzt hat. Wir in Nürnberg haben den größten Teil unsrer Arbeiten selbst aus- geführt. Ja, Segitz hat nicht nur die Agitation in Nordbahern wirksam gefördert, sondern auch mindestens sechs Versammlunge» außerhalb Nordbayerns abgehalten, und Südekum hat, was man ihm in Nürnberg sogar zum Vorwurf machte, in Baden, Sachsen und Schlesien gesprochen und selbst die Berliner haben ihn not- wendig gebraucht. Sie sehen, daß wir Bayern mehr abgegeben als wir erhalten haben. Reuter-Solingen: Daß das Manuskript der Steminghausschen Broschüre ohne Kommentar zurückgewiesen ist, war nicht angebracht. Es war nicht zu befürchten, daß wir zurückschreiben würden. Fischer ist ein Esel. Auer und Gerisch wissen ja, daß wir in Solingen sehr höflich sind(Heiterkeit), und wir haben uns in letzter Zeit noch ge- bessert.(Erneute Heiterkeit.) Hiermit schließt die Debatte. Das Schlußwort erhält Pfanukuch: Die Parteileitung ist sich bewußt, daß es notwendig ist, auch in Saarabien etwas für die Entwicklung der Partei zu thun. Das wird geschehen, sobald es möglich ist, aber die Ausführung dieser Möglichkeit ist eine Personenfrage. Man muß in der Auswahl derjenigen, die ein so schwieriges Gebiet zu beackern haben, recht vorsichtig sein. Weiter wurde die Notwendigkeit betont, Oberschlesien, Posen, Ost- und Westpreußen zu erobern. Wir sind jähre- lang in diesen Provinzen an der Arbeit. In Königsberg haben wir eine gute Organisation und tüchtige Genosse», die sich der Aufgabe der Verbreitung focialdemokratischer Ideen mit Liebe und Hingabe unterziehen. Aber selbst schon in Westpreußen hapert es. Ich will die Verdienste unsrer Genossen in Danzig, Elbing usw. nicht herabmindern, im Gegenteil, ich zolle den Leuten, die unter den schwierigsten Verhältnissen dort arbeiten, meine vollste Anerkennung, aber sie können über das Maß dessen, was sie leisten, nicht hinauskommen. Und wer wollte leugnen, daß eine intensivere Arbeit auch da größere Erfolge zeitigen würde? In Posen haben wir einen die Bewegung leitenden Genossen angestellt, er hat geleistet, was er leisten konnte, ja er hat sich sogar mehr zu- gemutet, als er zu leisten im stände war, und gerade daraus sind lehr viel Unzuträglichkeiten entstanden. In Oberschlesien hatten wir jahrelang den Genossen Winter, es war ein heroischer Entschluß, das auszuhalten, wir haben es ihm hoch angerechnet und ihn bewundert, er hat seine Kräfte so aufgerieben, daß er— auf wie lange, das steht dahin— echer Erholung bedarf. Man kann nicht befehlen, daß dieser oder jener nach Oberschlesien geht. Wir haben jetzt Ersatz gefunden, Bruhns hat sich erboten, die vom Winter eingeleitete Arbeit fortzuführen und sobald er seine Gefängnisstrafe hinter sich hat, wird er sofort die Agitation aufnehmen. Wenn man solche An- regungen giebt, so mutz man auch so freundlich sein, jemand nach- zuweisen, der die für einen solchen Posten erforderlichen Eigenschaften besitzt. Solche Genossen müssen den höchsten Anforderungen ge- wachsen sein. Wird der Parteileitung eine geeignete Persönlichkeit nachgewiesen, so besitzt sie Verständnis genug, die Mittel zur Ver- fügung zu stellen. Genosse Walther hat ganz recht, daß hinter jedem Dorf noch eins liegt. Es ist Sitte, daß so- bald die Genossen eines OrteS hören, daß bekannte Redner in der Nähe eine Versammlung abhalten, sie diese sofort bitten, auch bei ihnen zu reden. Die Genossen müßten doch ein- sehen, daß die Tour der Agitatoren von vornherein festgelegt ist. Bebel tvar vom Tage der Ausschreibung der Wahl an bis zum Stichwahlabend vollständig für jeden Tag besetzt, für Singer war die Tour in drei Perioden in ganz derselben Weise vor- gesehen, er hatte in der ganzen Zeit vielleicht eine Ruhe- pause von fünf bis sechs Tagen. Dazu kam, daß ihm aus Gesundheitsrücksichten Ruhe ganz besonders nötig war. Ich habe auch den Kollegen in der Fraktion, die auf das Eirkular des Vorstandes nicht geantwortet haben, nicht etwa irgendwie den Vorwurf machen wollen, sie hätten sich drücken wolle». Im Gegen- teil, es ist der Parteileitung bekannt, daß jeder an seinem Platze das geleistet hat, was er nur leisten konnte. Im großen und ganzen glaube ich daraus, daß weitere Beschwerden nicht vorgebracht worden sind, schließen zu können, daß Sie im großen und ganzen mit unsrer Thätigkeit zuftieden sind. Gerisch(Schlußwort). Es ist mir inzwischen von Michaelis- Erfurt mitgeteilt worden, daß der Bericht für Thüringen eingeschickt ist. Er muß also offenbar unter andre Sachen geraten sein, und ich nehme den Vorwurf gegen die Erfurter natürlich zurück. Was die Geldbewilligungen des Vorstandes anlangt, so haben wir im Rahmen unfrer Mittel wirklich nicht gegeizt, so wenig, daß wir jetzt aus vielen Orten Gelder zurückerhalten, die nickt gebraucht worden sind. Sehr oft habe ich ja auch im letzten Wahlkampf Tele- gramme verschickt:„Anbei der gewünschte Betrag; wenn es nicht reicht, folgt mehr." Also in der Beziehung werden Beschwerden nicht erhoben werden können. Entsprechend dem Antrage der Kontrolleure wird hierauf dem Parteivorstand einstimmig Entlastung erteilt. Damit ist die Diskussion über den allgemeinen Geschäfts- bericht und die Kasse erledigt. Es folgt der Punkt„Mitarbeit von Genossen an der bürgerliche» Presse". Hierzu gehören die Anttäge 7 bis 16*). die genügend unterstützt werden. •) 7. Der Parteivorstand unterbreitet dem Parteitag folgenden Vorschlag zur Entscheidung: 1. Kann eS mit den Interessen der Partei für vereinbar erachtet werden, daß Parteigenossen als Redakteure und Mitarbeiter an bürgerlichen Preßunternehmungen thätig sind, in denen an der social- demokrattschen Partei gehässige oder hämische Krittk geübt wird? Antwort: Nein! 2. Kann ein Parteigenosse Redakteur oder Mitarbeiter eines bürgerlichen Blattes sein, auf welches obige Voraussetzung nicht zutrifft? Diese Frage ist zu bejahen, soweit Stellungen in Betracht kommen, in denen der Parteigenosse nicht genötigt wird, gegen die socialdemokratische Partei zu schreiben oder gegen dieselbe gerichtete Angriffe aufzunehmen. Im Interesse der Parei sowohl wie im Interesse der in solchen Stellungen befindlichen Parteigenossen liegt eS jedoch, daß den letzteren keine Vertrauensstellungen übertragen werden, weil solche sie früher oder später in Konflikt mit sich und der Partei bringen müssen. 8. Parteigenossen Berlin II: Die Frage der Mitarbeit von Parteigenossen an nichtsocialdemokrattschen refp. nicht von Social- demokraten herausgegebenen Pretzorganen ist durch die Kundgebung des Parteivorstandes nicht erschöpfend geregelt. Ob Redakteure oder Mitarbeiter an solchen Blättern Parteigenossen werden oder bleiben können und inwieweit sie in der Arbeiterbewegung Verttauensposten bekleiden können, darüber haben die Organisattonen je nach der Lage des einzelnen vorliegenden Falles zu entscheiden. 9. Parteigenossen im XII. s a ch sif ch en W a h lkreise und Genosse Paul Scholz und 191 Genossen des II. Berliner Wahlkreises schließen sich der Meinungsäußerung des Parteivorstandes vom 2. März 1903 im„Vorwärts" betreffend die Mitarbeiterschast parteigenössischer Schriftsteller an bürgerlichen Blättern voll und ganz an und erwarten vom Parteitage in Dresden, daß derselbe die Meinung des Parteivorstandes zu der seinigen macht. 19. Parteigenossen in Hamburg II halten es für notwendig, daß die Frage der Mitarbeit von Socialdemokraten an politischen Pretzorganen der Bourgeoisie vom Parteitag einer eingehenden Besprechung unterzogen wird und erwarten, daß durch Parteitags- beschluß eine Norm geschaffen wird, welche Vorfälle, wie sie in diesem Frühjahr zu lebhaften Debatten Anlaß gaben, für die Zukunft verhindert. 11. Parteigenossen in Hamm(Hamburg IH): Den Partei- genossen ist die litterarische und journalistische Mitarbeit an bürger- lichen Preßorganen ohne die Genehmigung des Parteivorstandes nicht gestattet. 12. Parteigenossen des elften hannoverschen Wahl- k r e i s e s: Der Parteitag möge entschieden Stellung nehmen gegen diejenigen Genossen, welche als Mitarbeiter an gegnerischen politischen und sogenannten unparteiischen Zeitungen das Ansehen der Partei schädigen und fortgesetzt der Propaganda unsrer Ideen und der Verbreitung unsrer Parteizeitungen schwere Hindernisse in den Weg legen. 13. Parteigenossen in Essen: Parteigenossen ist eS untersagt, Parteipolemiken in bürgerlichen Blättern und Zeitschriften zu führen. Pfannkuch: Ich brauche wohl die Beschwerde, die, von Dr. Heinrich Braun, Lily Braun, Heine, Göhre und Berthold unterzeichnet, bei dem Parteivorstand eingegangen ist, nicht zu verlesen; sie liegt Ihnen str der Broschüre des Genossen Heinrich Braun gedruckt vor, ebenso die Antwort des Parteivorstandes im Ai�zug und die aus diesem Anlaß veröffentlichte Deklaratton des Parteivorstandes im Bericht des Parteivorstandes. Zum besseren Verständnis mutz ich Ihnen den auch im Vorstandsbericht bereits avisierten Briefwechsel, der sich an die Deklaratton des Parteivorstandes angeschlossen hat, zur Kenntnis bringen. Es ist an den Parteivorstand ein weiterer Brief der Ge- Nossen Braun sc. eingegangen folgenden Inhalts: „An den Bor st and der soeialdemokratischen Partei Deutschlands. Werte Genossen! Das Schreiben des Parteivorstandes vom 28. Februar 1903 erinnert uns an die Praxis bürgerlicher Ministerien, indem es sich über Punkte äußert, über die ivir ihn nicht gefragt hatten, die Beschwerde aber, die wir wirklich erhoben haben, UN- beantwortet läßt. Wir haben uns lediglich beschwert, weil in Kautskys Arttkel in Nummer 19 von Parteigenossen, die unter Namensnennung in nichtsoeialdemokratischen Blätter schreiben, behauptet wird, daß sie dadurch gegnerischen Zwecken und Mächte» dienten, und weil es so dargestellt wird, als ob sie sich dadurch mit Angriffen gegen die Partei identtfizierten, die von andrer Seite in diesen Blättern erhoben worden sind. Die in dem Artikel„Konzessionsschulzes" von Franz Mehring in Nr. 16 enthaltenen beleidigenden Insinuationen haben wir in unsrer Beschwerde nicht erwähnt, weil wir Injurien von dieser Seite keine Bedeutung beimessen, so lange sie nicht die Interessen der Partei als solcher gefährden. Wir haben dem Parteivorstand geschrieben, daß wir in den be- zeichneten Stellen des Kautskyschen Artikels eine beleidigende und w a h rh e i t s w i d r i g e Unterstellung erblickten, über die wir Beschwerde führten. Der Parteivorstand gehl nach ministeriellem Vorbilde über diese einzige Frage, die wir ihm wirklich vorgelegt hatten, mit Stillschweige» hinweg. Die uns angekündigte und inzwischen veröffentlichte Meinungs- äußernug des Vorstandes über die Frage, ob und wann ein Soeialdemokrat in nichffocialdenrokratffche Blätter schreiben dürfte, haben w i r keinen Anlaß gehabt zu erbitten. Wir hatten schon vorher unsre eigne Meinung darüber, an der wir auch so frei sind, festhalten zu wollen. Berlin, den 3. März 1903. Dr. Heinrich Braun. Lily Braun. Wolfgang Heine. Paul Göhre. A. Berthold, Dr."(Lachen.) Auf dieseZuschrift hat der Parteivorstand folgende Antwort gegeben: Herrn Dr. Heinrich Braun und Genossen, Berlin. Werte Genossen! In Ihrem Schreiben vom 3. März d. I. beschweren Sie sich darüber, daß der Parteivorstand in seiner Zuschrift vom 23. Februar d. I. über die einzige Frage, die ihm vorgelegt wurde, mit Sttll- schweigen hinweggegangen sei. Nicht weil wir die„Praxis bürgerlicher Ministerien" nach- ahmen— solche Unterstellung hatten wir wirklich nicht erwartet— sondern weil dem, was Sie jetzt als Extrakt Ihrer Beschwerde bettachtet wissen wollen, jedwede Unterlage fehlte, haben wir nicht besonders darauf Bezug genommen. Sie erklären jetzt: Unsere Beschwerde hat sich hauptsächlich gerichtet gegen die Beschwerde Kautskys, daß Parteigenossen, die unter Namensnennung in nichtsocialdcmokratische Blätter schreiben,„dadurch gegnerischen Zwecken und Mächten dienten", und in zweiter Linie gegen die Darstellung, daß die Betteffenden sich dadurch mit den von andrer Seite in diesen Blättern gegen die Partei erhobenen Angriffen identtfizierten. Weder hat Kautsky das eine behauptet, noch das andre dargestellt. Um mit dem letzteren zuerst zu beginnen, so hat Kautsky an der Stelle, die einzig in Bettacht kommen kann, lediglich erklärt, daß ein Soeialdemokrat, der nach Angriffen, wie sie von Horden gegen unsre Partei geschleudert wurden, noch für Horden schreibt, sich dadurch den Verdacht zuzieht usw. Und bezüglich Ihrer Hauptbeschweroe hat Kautsky nicht, wie Sie schreiben, be- hauptet, daß die...„gegnerischen Zwecken und Mächten dienten", sondern der Satz lautet:„Aber etwas andres ist es bei Parteigenossen, die offen als Wortführer und Vertreter unsrer Partei auftreten. Wenn sie in der bürgerlichen Presse arbeiten, so thun sie es auch dort als Ver- tteter der Socialdemottatte, und es kann uns keineswegs gleich- gülttg sein, welchen Zwecken und Mächten sie dort dienen." Diese Darlegung enthält so Selbstverständliches, daß sie von jedem Socialdemokraten bedingungslos vom ersten bis zum letzten Worte gebilligt werden muß.(Lebhafte Zusttmmung.) Auch Ihre näher begründete Beschwerde erweist sich mithin als völlig gegenstands- los. Was unsre in der Sache veröffentlichte Meinungsäußerung anbelangt, ist es durchaus gleichgültig, ob Sie eine solche wünschten. Entscheidend war fiir uns die Frage, ob die Kundgebung ge- wissen Vorgängen und Erschemungen gegenüber im Partei- Interesse notwendig sei.(Sehr richtig l Lebhaste Zu- stimmung.) Dies die Antwort darauf. Sie haben nun Kenntnis von dem vollständigen Material in dieser Sache. Daß wir richtig verstanden sind, geht ja aus verschiedenen Preßstimmen der Parteipresse hervor. Beispielsweise kommt das„Hamburger Echo" in einer längeren B«- ttachwng zu dem Schluß: „Wir wenigstens lvürden uns schön hüten, einem Menschen, von dem wir wissen, daß er für ein gegnerisches Blatt schreibt, verttauliche Mitteilungen über die Partei zu machen.(Sehr richtig!) Wir sind auch der Meinung, daß Parteigenossen nicht für bürger- liche politische Zeitungen schreiben sollen. Mag auch die Erklärung des Parteivorstandes nicht ganz befriedigen, so wird sie wohl von denjenigen ver st an den worden sein, die es angeht."(Sehr richtig!) Dieser Meinung sind wir auch. Ein Parteigenosse kam nun zu uns, der glaubte, es solle jede Mitarbeiterschaft an der gegnerischen Presse unterdrück: iverden. Der Vollständigkeit halber bringe ich auch diesen Briefwechsel zur Verlesung. Der Parteigenosse Richard Calwer wandte sich unter dem 3. März 1903 an den Parteivorstand: „Die Erklärung des Parteivorstandes vom 2. März 1903 ver- anlaßt mich zu folgender Anfrage und Bitte: Wie dem Parteivorstand bekannt sein dürfte, bin ich seit 1897 Mitarbeiter an der von Dr. Jastrow herausgegebenen Zeitschrift „Der Arbeitsmarkt", ebenso bin ich Mitarbeiter an der in Ver- bindung damit erscheinenden Korrespondenz. Da nun die Erklärung des Parteivorstandes nur von der Mitarbeit an„bürgerlichen Preß- Unternehmungen" und„bürgerlichen Blättern" spricht und keine weiteren Unterscheidungen macht, so dürfte daraus in Parteikreisen der Schluß gezogen werden, daß der Parteivorstand sämtliche nicht- socialdemokrattsche Organe unter dem Ausdruck bürgerliche Preß- Unternehmungen zusammengefaßt wissen, daß er also auch die Mitarbeit an wissenschaftliche Zeitschristen und Organen mit semer Erklärung gettoffen haben wolle. (Fortsetzung in der 2. Beilage.) 14. Parteigenossen Berlin IV: Es ist Stell, mg zunehmen gegen diejenigen Genossen, welche als Mitarbeiter an gegnerischen polittschen und sogenannten unparteiischen Zeitungen das Ansehen der Partei schädigen und fortgesetzt der Propaganda unsrer Ideen und der Verbreitung unsrer Parteizeitungen schwere Hindeniisse j» den Weg legen. 15. Parteigenossen in Stettin halten eS mit der Ehre eines Parteigenossen nicht vereinbar, wenn er an bürgerlichen Blättern als Schriftsteller mitarbeitet, die in ihren Spalten gehässige Artikel gegen die Socialdemokratie anfnehnien; wissenschaftliche oder hochwissen- schaftliche Abhandlungen für Zeitschriften zu liefern, dagegen ist nichts einzuwenden. 16. Parteigenossen in Bremen: Parteigenossen dürfen als Redakteure und Mitarbeiter an nichtsoeialdemokratischen Zeitungen und Zeitschriften nur dann thätig sein, wenn es sich um Wissenschaft- liche, fachtechnische oder belletristitche Journale handelt, die den Kampf gegen die Socialdemokrarie vermeiden. "Perantwortlicher Redaclcur: Kalwki in Berlin. Für den Inseratenteil veraittioortlich:«h.<9(«fe in Berlin. Druck und Verlag: Vorwärts B-H�ruckerei und Vertag?,»', statt Paul Singer& Berstu SV. Hr. 215. 2«. ntm. 2. Keilaßt des„potniärts"|f iliiie e Pollislilult. � 15 1903 Parteitag der foeialdemokratifchen Partei Deutschlands. Fortsetzung aus der 1. Beilage.) Ich nehme an, daß es nicht in der Absicht des Parteivorstnndes lag, eine solche Deutung zulassen zu wollen. Da aber der Wort- laut der Erklärung dehnbar ist, so möchte ich den Parteivorstand bitten, nicht nur mir gegenüber zu erklären, daß die Mitarbeit an wissenschaftlichen Organen durch seine Stellungnahme vom 2. März nicht getroffen werden soll, sondern diese seine Auffassung auch nach außen hin zu dokumentieren, da sonst in denjenigen Partei- kreisen, welche die Absicht haben, die Stellungnahme des Partei- Vorstandes sich zur ausschließlichen Richtschnur zu machen, die Erklärung zu großen Mißverständnissen Anlaß geben würde." Sie sehen also: Calwer wollte sich die Deklaration des Partei- borstandes zur Richtschnur nehmen, während die Beschwerdeführer selber ja erklären, daß sie ihre eigne Meinung haben und sich durch die Deklaration des Parteivorstandes nicht beirren lassen. Der Parteivorstand hat dem Genossen Calwer folgende Antwort gegeben: „Werter Genosse I Ihre Annahme trifft zu. Der Vorstand hat mit seiner Erklärung die Mitarbeit an wissenschaftlichen Zeitschriften und Organen nicht treffen wollen. Von einer speciellen Namhaft- machung ist indessen abgesehen, da mich der Fall eintreten kann, daß wissenschaftliche oder der Unterhaltung dienende Organe und Zeit- schriften die Partei in einer Art und Weise schmähen können, daß es sich für einen Parteigenossen nicht geziemt, an solchen Organen mitzuarbeiten. sSehr richtig I) Da derartige Fälle eintreten können, sind wir des Weiteren nicht in der Lage, Ihren Wunsch zu erfüllen, nach außen hm die von Ihnen gewünschte Deklaration zu geben. Dagegen bestätigen wir Ihnen gern, daß Ihre Mitarbeit an der Zeitschrift„Der Arbeits- markt" und der damit verbundenen„Korrespondenz" zur Zeil völlig einwandsftei ist imb ermächtige Sie, nötigenfalls von dieser Bestätigung geeigneten Gebrauch zu machen." Ich bitte Sie also, dem Anttag � zuzustimmen und damit die übrigen Anttäge zu erledigen.(Lebhafter Beifall.) Zur Geschäftsordnung beantragt Segitz-Fürth, die Beschränkung der Redezeit für die Diskussion über diesen Punkt aufzuheben. Der Parteitag soll bestehende Differenzen feststellen, eventuell aufhellen und besettigeil, aus diesem Grunde hat der Parteitag aus dem Bericht des Vorstandes vcrschie- dene Punkte ausgeschieden, die speciell zur Diskussion gestellt und wofür die Beschränkung der Redefreiheit aufgehoben werden soll. Ob der uns jetzt beschäftigende Gegenstand zu diesen Punkten ge- hört, darüber bestehen Zweifel: nach meiner Auffassung gehört er dazu. (Sehr richtig!) Um die Frage klarzustellen, habe ich meinen Antrag gestellt. Ich bitte Sie, ihn anzunehmen; gerade hier sind die Differenzen ebenso ttefgehend und wichttg wie bei den andren Punkten.(Beifall.) Der Antrag S e g i tz wird angenommen. Singer teilt mit, daß Telegramme von ungarischen Social- demokraten in Berlin und von Genossen aus Westerland einge- laufen sind. Um 1 Uhr beginnt die Mittagspause. Nachmittags-Sitzung. S'/i Uhr. Den Vorsitz führt Singer. Begrüßungs-Telegranime einer von 20lX) Arbeitern besuchten Versammlung in Rotterdam, der Parteileitung der Luxemburgischen Socialdemokraten, des Socialdemokratischen Leseklubs Paris, deS 6. Kongresses der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften zu Berlin, der Gräfenthaler Genossen werden verlesen. Die Diskussion über den Punkt„Mitarbeit von Genossen an der bürgerlichen Presse" wird eröffnet. Heinrich Braun-Berlin: Ich bin Litterat; für die Würde und Bedeuttmg des schrist- stellcrischen Berufs habe ich eine ttefe Empfindung, trotzdem, oder richtiger vielleicht gerade deshalb, sind mir litterarische Streitig- leiten, Litte raten gezänk und Litteratcuvolitik aufs äußerste verhaßt. Nicht meine Sckmld ist es, daß die kostbare Zeit des Parteitages mit dergleichen in Anspruch genommen wird. Zu dreivierteln ist der Gegenstand dieses Punttes der Tagesordnung Litteratengezänk und zwar Litteratengezänk der allergehässigsten Art. Es ist aber un- umgänglich, daß wir uns jetzt mit der Sache beschästigen, da es im hohen Rat des Vorstandes nun einmal unwiderruflich so be- schlössen ist. Nachträglich scheint allerdings der Vorstand über die ganze Sache ein etwas beklemmendes Gefühl zu haben.(Lachen und Widerspruch. Bebel ruft: In keiner Weise I) Ich will Ihnen einen Hinweis geben, der diese Behauptung etwas überzeugender macht. Wäre eS anders, dann hätte der Vorstand den Briefwechsel, den ich und einige Genossen mit ihm geführt haben, in den wirklich ent- scheidenden Punkten in seinem Parteibericht mitgeteilt. Der Partei- bericht sagt ausdrücklich:„Die entscheidende Stelle der Beschwerde- schrist lautet"— und fährt dann fort mit Anführung einer Stelle. Ich glaube, daß folgendes zweifellos zu den enffcheidenden Stellen gehört und das findet sich im Bericht nicht:„Die Unterzeichneten möchten wünschen, daß die Angegriffenen nicht genöttgt werden, in unvermeidlicher Notwehr zur öffentlichen Antwort zu greifen." Unsre Absicht war es, diese Angelegenheit rm Rahmen der Kompetenz des Parteivorstandes entscheiden zu lassen, dem die Aufsicht über die Presse zusteht. Ich glaube, es war in keinem Falle notwendig, daß der Vorstand diese Angelegenheit zu einer öffentlichen gemacht hat. Die Frage der Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Blättern ist außerordentlich verwickelt und es ist unmöglich, sie mit einem ein- fachen Ja oder Nein zu beantworten. Es spielen da unzählige Nuancen mit, Imponderabilien, ganz unberechenbare Dinge erschweren das Urteil. Eins ist sicher, daß wir niemals eine Zeit gehabt haben, seit mehr als 40 Jahren, in der Socialdemokraten an nichtsocialdemokrattschen Blättern nicht mitgearbeitet haben. Und die besten und hervorragendsten nnsrer Genossen, Marx und Engels, Liebknecht und Vollinar, Bernstein ganz ebenso wie Kautsky haben an nichtsocialdemokrattschen Blättern mitgearbeitet.(Hört, hört!) Aber freilich wird mir eingewandt— und Kautsky hat es ja bereits gethan—: Bei den Blättern, an denen diese mitgearbeitet haben, durste dasgeschehen. Ebenso hat der Parteivorstand und in Uebereinstimmung mit ihm Herr Dr. Franz Mehring.(Bebel rnft:„Herr Dr. Franz Mehring!") Jawohl, Genosse Bebel: Herr Dr. Franz Mehring! (Bebel ruft: Herr Dr. Heinrich Braun! Großer Lärm.) Singer: Es ist nicht üblich, Parteigenossen anders als bei ihren» Ehrentitel„Genosse" anzureden.(Lebhafter Beifall; große Unruhe.) Was Genossen im Privatberuf sind, wissen wir; aber diese Kenn- Zeichnung gehört nicht hierher und war bisher nicht üblich. Ich bitte, auch auf diesem Parteitag es bei der guten alten Gepflogenheit zu belassen.(Lebhafter Beifall.) Dr. Heinrich Braun(fortfahrend): Ich gestehe dem Vorsitzenden zu, daß es eine alte, gute Gepflogenheit ist, von den Mitgliedern unsrer Partei als„Genossen" zu sprechen. Aber es giebt Aus- nahmen von jeder Regel, und ich gestatte mir hier eine Ausnahme I (Unruhe.) Singer: Und ich gestatte dem einzelnen Redner nicht, solche Ausnahmen zu niachen!(Lebhafte Rufe: Sehr richtig!) Wenn solche Ausnahmen gemacht werden sollen, so hat der Parteitag darüber zu bestimmen. Vorläufig stehen wir auf dem Boden der gefaßten Parteitags- beschlüsse, wonach wir uns gegenwärtig mit„Genossen" anzureden haben. Die Redner haben allerdings die Freiheit, einfach den Namen zu nennen. Voraussetzung auf unsren Parteitagen ist aber, daß sämtliche Mitglieder Genossen sind.(Lebhafte Zustinunung.) Heinrich Brau»(fortfahrend): Ich werde von der mir ein- geräumten Freiheit Gebrauch machen und nur den Namen nennen. — Genosse Kautsky ist der Meinung, daß diejenigen bürgerlichen Blätter, an denen er mitarbeitet, einen andren Charakter haben als andre Blätter, an denen andre Parteigenossen mitgearbeitet haben. Diese Blätter sind nämlich keineswegs „hämisch" und„gehässig". Er beruft sich da insbesondere auf die „Frankfurter Zeitung". Ich halte die„Franksiirter Zeitung", neben- bei gesagt, für das beste deutsche Blatt, aber das ist ja gleichgültig. Ich will nur sagen, daß diese Auffassung des Genossen Kautsky in Bezug aus die„Frankfurter Zeitung" in den Kreisen der Partei- genossen durchaus keine unbestrittene ist. Ein Parteigenosse, den Kautsky gewiß sehr respektiert, sagt über die„Frankfurter Zeitung" folgendes— er spricht über die Bekanntmachung des Vor- standes und sagt:„Diese Bekanntmachung läßt sich meines Erachtens kurz dahin zusammenfassen, daß es bei uns in Deutsch- land für einen ehrlichen Genossen überhaupt keine lKöglichkeit giebt, an einem politischen bürgerlichen Blatte mitzuarbeiten, da sie alle— von der„Frankfurter Zeitung" bis zur„Kreuz-Zcitung"— in ge- hässiger und hämischer Krittk an unsrer Partei Erkleckliches leisten." Der Genosse fügt dann hinzu, daß ihm vielleicht mit Ausnahme der Berliner„Volks-Zeitung" kein Blatt bekannt fei, auf das obige Voraussetzung nicht im reichsten Maße zuttäfe. Man sieht schon daraus, wie außerordentlich schwankend und unsicher die Begriffsbestimniungen eines Blattes sind, an dem man mitarbeiten darf oder nicht. Die Begriffe„gehässig" und, hämisch" sind eben Kautschukbegriffe. Ein andrer Parteigenosse, dem ich die allergrößte Verehrung zolle, hat an einem bürgerlichen Blatte mitgearbeitet, obwohl es ohne allen Zweifel gehässig uiid hämisch gegen unsre Partei aufgetreten ist, und zwar mitgearbeitet unter Umständen, die die Sache noch sehr komplizierten. Es handelt sich um die Mitarbeit des Genossen Lieb- knecht an der„Fackel". Genosse Dr. Vittor Adler aus Wien hat an seinem eignen Leibe erfahren, daß die„Fackel" so ziemlich das niederträchtigste und unverschämteste Blatt ist in Angriffen auf unsre Partei und auf meinen Freund Dr. Adler ganz besonders. Nichtsdestoweniger hat Liebknecht an der„Fackel" mitgearbeitet, und zwar nicht etwa mit einem Harn, losen bellettistischen Aufsatz, londern mit einem sehr wichtigen politischen Aufsatz, obwohl er sich sagen mußte, daß er mit diesem Artikel einer Bruderpartei die allergrößten Verlegenheiten bereiten konnte.(Hört I hört!> Er hat eiuen Artikel über die Dreyfus- Affaire veröffentlicht, dessen Stellungnahme der ftanzösischen Partei damals und noch auf Jahre hinaus ganz außerordentliche Schwierigkeiten bereitete. Das zeigt Ihnen auch, wie vorsichtig und zurückhaltend man in dieser Beziehung urteilen muß. Wie es sicher ist, daß es seit 40 Jahren niemals eine Zeit gegeben hat, in der Socialdeinokraten nicht an bürgerlichen Blättern mitgearbeitet haben, so ist eS noch viel sicherer, daß es keine Zeit gegeben hat, in der Socialdemokraten weniger an bürgerlichen Blättern initgearbeitet haben, als in den letzten Jahren. So gingen seit 40 Jahren die Dinge ihren Gang, uitd es war wirklich kein dringender Anlaß, gerade mitten im Wahlkanipf diese Frage aufzugreifen.(Sehr richtig! und Widerspruch.) Und hier kann ich, so leid es niir thut, dem Parteivorstand einen Vorjvurf nicht ersparen. Wenn diese Diskussion und die Erklärung des Parteivorstandes im September erschienen wäre statt im Frühjahr, ich glaube, es wäre auch noch Zeit genug gewesen, und jedenfalls hätte der Parteivorstaud eines ver« hütet daß Kandidaten mitten im schwierigsten Wahlkanipfe wegen ihrer höchst harmlosen und gleichgültigen Mitarbeit an bürgerlichen Blättern in der niederttächttgsten Weise angegriffen wurden. (Sehr wahr I und Widerspruch.) Das ist ein Fall, der in der Geschichte der Socialdemottatte einzig dasteht.(Gelächter; Ruf: Wirklich einzig!) Ja, es ist wirklich einzig, daß Kandidaten mitten im Wahlkanipfe in so unerhörter Weise kompromittiert worden vor ihren Wählern. Ganz besonders kompromittiert wurde Göhre, von mir will ich nicht reden.(Ruf: Natürlich nicht!) Nach meiner Meinung ist eS richtig, daß wie seit 40 Jahren diese Dinge dem Takt und dem persönlichen Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen überlassen ge- blieben sind, ohne daß die Partei einen nennenswerten Schaden davon genommen hat, wir eS auch künftighin so halten. Und zwar giebt es dafür einen recht guten Grund. Sie können nämlich in Wirklichkeit nichts andres thun. Alles, was Sie ausklügeln an Kundgebungen in dieser Frage, wie sie beispielsweise der Partei« vorstand erlassen hat, trifft daneben. Es ist nicht möglich, dies komplizierte und viel verschlungene Problem begrifflich zu fassen und festzustellen: das ist erlaubt und das ist verboten I Das ist ganz und gar nicht möglich, eS giebt nur einen Weg, vielleicht werden wir den noch beschreiten, einen Index aufzustellen! Der Partei- vorstand könnte eine Index- Kongregation etablieren und dann alle Vierteljahr neben dein Verzeichnis der Parteiblätter auch ein Verzeichnis derjenigen Blätter veröffentlichen, an denen Socialdemokraten nicht inehr mitarbeiten dürfen. Vielleicht kommen wir auch noch weiter, er veröffentlicht alle Vierteljahre ein Ver- zeichnis von bürgerlichen Blättern, die wir nicht mehr lesen dürfen. (Lathen und Zustimmung.) Wir wollen es abwarten. Jedenfalls trifft diese Kundgebung des Parteivorstandes zum größten Teil da- neben. Nach seinen Vorschriften ist es durchaus ge- stattet, im„Lokal-Anzeiger", der„Woche" und dergleichen vortrefflichen Organen mitzuarbeiten; die sind niemals hämisch und gehässig gegen unsre Partei.(Sehr gut! und Gelächter.) Ich bin nun ganz im Gegensatz zu der Ansicht mancher Genossen der Meinung, daß es durchaus unvermeidlich ist, wie es 40 Jahre lang hervorragende Genossen gethan haben, sich der bürgerlichen Presse gelegentlich zu bedienen. Bedienen, nicht ihr dienen! Das ist selbstverständlich. Aber das Anmutige bei allen diesen Dis- kussionen ist ja leider, daß alles wie Kraut und Rüben durcheinander ge- mengt wird, daß man sich den Anschein giebt, als handle es sich darum, ob ein Socialdemokrat im Sinne der bürgerlichen Blätter an bürgerlichen Blättern mitarbeiten darf. Das ist selbstverständlich ausgeschlossen. Um Lumpereien kümmern wir uns nicht. Immer nur lautet die Frage, dürfen wir uns der bürgerlichen Presse bedienen, um diejenigen aufzuklären, zu denen sonst das socialistische Wort nicht dringt? Dieses Problem beantworte ich dahin, daß wir, soweit es unsre Pflicht gegen die Partei gestattet, auch dieses Programm erfüllen müssen. Freilich� die„Neue Zeit" denkt in dieser Beziehung anders. Nach meiner Ueberzeugung besteht kein Unter- schied zwischen einer solchen Mitarbeit und dem Vorkommnis, wenn xemand in eine feindliche Versammlung geht und in dieser Versaininluug zu Gegnern spricht. Es ist für mich kein Unter- schied, ob ich rückhaltlos vor Zweitausenden meine Meinuung zum Ausdruck bringe, oder ob ich ebenso rückhaltlos in einem gegnerischen Blatte zu Zehn- oder Hunderttausenden spreche(Lachen)... Ach, lachen Sie nicht... Es ist da gar nichts zu lachen... In Nr. 47 der„Neuen Zeit" vom 22. August 1903 wird nun gesagt:„Deshalb ist es ein, nicht nur auf einem, sonder» auf beiden Füßen hinkender Vergleich, wenn gesagt wird: a, ein socialdemokratischer Redner, der in einer gegnerischen Ver- ammlung das Wort ergreift, eriitet großes Lob, aber wir Unglück- lichen werden getadelt, wenn wir in gegnerischen Blättern die Partei» principien vertreten. Dieser Vergleich würde erst zutreffen, wenn ein socialdemokratischer Redner in einer gegnerischen Versammlung auf die Bedingung hin spräche, daß er das Konzept seiner Rede erst dem gegnerischen Vorsitzenden zur Prüfung einreichte. Ein Parteigenosse. Redner, der sich auf diese Bedingung ein- ließe, würde unsres Erachtens alles eher in der Partei ernten als großes Lob." Hier supponiert die„Neue Zeit" wie sie eS liebt, irgend einen natürlich ganz unmöglichen Fall. Wenn ein Social- demokrat in einem bürgerlichen Blatt arbeitet und ihm Artikel zur Veröffentlichung zusendet, so ist es für jeden Socialdemokraten selbstverständlich unbedingte Voraussetzung, daß der Artikel, so wie er geschrieben wird, gedruckt oder unveröffentlicht zurückgegeben wird. (Sehr richtig!) Es giebt in ganz Deutschland kein so unanständiges Blatt, das anders verfahren würde;— ich habe zu viel gesagt: außer der „Leipziger Volkszeitung" I(Große Unruhe I> Außer der„Leipziger Bolkszcitiing"... Wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, meine Broschüre zu lesen, so finden Sie darin den aktenmäßigen Beweis für die Unanständigkeit der„Leipziger Volkszeitung". Ich habe Ihnen kurz nieine» sachlichen Standpunkt dargelegt. Die Angelegenheit hat aber auch eine persönliche Seite. Wie ist denn der ganze Streit entstanden? Der ganze Streit nahm seinen Ausgang von dem Artikel Franz Mehrings gegen den Genossen Bernhard in der„Neuen Zeit". Ohne Franz Mehring hätte nach dem Artikel von Bernhard kein Hahn gekräht.(Sehr richtig I) Ge- nosse Bernhard hatte den Vorzug, ein ganz unbekannter Genosse zu sein und die„Zukunft" dringt nicht in Arbeiterkreise.(H offmann- Hamburg: Doch!)'Ei, kommt doch ein Exemplar in Arbeiter- kreise I...(Meister: Das sind ja nur faule Witze, die Sie da machen!) Singer: Ich bitte die Zwischenrufe zu unterlassen. (Meister: Es ist aber doch wahr!) Heinrich Braun(fortfahrend): Franz Mehring hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Chamäleon; aber er unterscheidet sich wieder in ganz bestimmter Weise von ihm. Wenn das Chamäleon wütend wird, dann wechselt es die Farbe. Wenn aber Franz Mehring die Farbe wechselt, dann wird er wütend gegen seine ftühcren Freunde. Einer dieser zärtlich geliebten Freunde war Horden. Kein Wunder, daß Mehring nach der eigentümlichen Manier des Chamäleons jede Gelegenheit, auch die unpassendste benutzt, um sich an Haiden zu rächen.(Bebel: Der Vergleich macht Ihnen Ehre!) lieber meine Ehre seien Sie ganz unbesorgt.(Bebel: Und Sie ebenso über meine!) Lassen Sie mir mir meine Ehre und ich Ihnen die Ihrige! — Wenn die Sache eine komische Seite hat, so hat sie auch eine sehr ernste Seite. Sie zu behandeln bin ich herausgefordert durch Franz Mehring und seinen Artikel in der letzten Nummer der„Leipz. Vollsztg." In diesem Artikel der„Leipziger Volkszeitimg" wird mir— auch Genosse Auer ist dabei erwähnt worden, obwohl er mir versichert hat, er wisse nicht, wie das zuginge; es könne ja sein, daß er bei den, Verbot der Volkszeitung ein paar fteundliche Zeilen an die Redaktion geschrieben habe— entgegengehalten, daß ich ja Mehring der Partei zugeführt habe. Ich will den Sachverhalt klarstellen. Es thut mir leid, daß ich Sie mit diesen Angelegenheiten beschäftigen muß(Unruhe); es ist aber unvermeidlich, nach dem letzten Arttkel Mehrings in der„Leipziger Volkszeitung". Wie kam ich denn dazu, meine Hand dazu zu bieten, daß Mehring wiederum in Be- ziehungen zur Partei gelangte?-*Jch gehöre zu den älteren Partei- genossen, und es werden im nächsten Jahre 25 Jahre sein. daß ich wegen Verbreitung verbotener Schriften auf Grund des Socialistengesetzes als Student in Straßburg in Untersuchung kam, Ich habe deshalb wenige Monate nach Erlaß des Socialistengesetzes die ganze Niederttächttgkeit und Büberei, mit der die bürgerlichen Parteien und ihre Presse in den ersten Jahren des Socialistengesetzes uns verfolgten und wie Mörder und Strolche behandelten, selbst durchlebt und erfahren. Sie können sich demnach vorstellen, wie es auf mich gewirtt hat, daß in den Jahren 1886 niid 1887 die„Volks- Zeitung" für uns eingetreten ist. Ich kann, da ich durchaus gerecht zu sein mich bemühe, nichts andressagen, als daß injenen Jahren die„Bolks- Zeitung" mit einer ganz unvergleichlichen journalistischen Verve und außerordentlichen Energie für uns eingetreten ist, und, soweit ich übersehe, war die„Volks-Zeitung" das einzige Blatt in Deutsch- !a»d. das mit dieser Energie, mit dieser Rücksichtslosigkeit für die verfolgte Partei eingetreten ist, Kautsky erlaube ich mir zu sagen, daß die„Volks-Zeitung" damals viel entschiedener sich unsrer annahm, als die„Frankfurter Zeitung", an der er damals mitgearbeitet hat. Ich hatte gar keine Beziehungen zur„Volks-Zeitung", aber mich interessierten diese Artikel ganz ungemein. Ich erkundigte mich nach dein Verfasser und hörte zu meinem Erstaunen, daß daS Franz Mehring sei, von dein ich nichts wußte, als daß er die schäm lose Geschichte gegen die Socialdemokratie geschrieben hatte. Ich hatte aus der Lektüre der„Volks-Zeitung" das Gefühl, daß dieser Mann ernstlich bemüht sei, das an uns begangene Unrecht gut zu machen. Wenn ich mit den Genossen Bebel und Singer damals zu- sammenkam, kam natürlich auch die Rede auf die„VolkS-Zeitung" und ich sagte dann beiläufig in Gesprächen..,(Bebel ruft: Gar nicht bei- läufig, Herr Braun I> Ihnen gegenüber, Genosse Bebel, werde ich stets„Genosse" sagen, auch wenn Sie mich„Herr Braun" nennen, (Unruhe. Bebel ruft: Das gehört sich auch so!) Aber von Ihnen gehört es sich nicht, daß Sie mich„Herr Braun" nennen.(Unruhe.) DaS Wort„beiläufig" war wirklich nur beiläufig gebraucht. Also: ich habe oft und eindringlich mit Bebel und Singer darüber ge- sprochen und habe lviederholt— nicht beiläufig— gesagt: Gewiß ist diese Geschichte der Socialdemokratie ein niederträchtiges Werk, aber Mehring bemüht sich, das vergessen zu inachen, indem er jetzt fast als der einzige bürgerliche Journalist für die verfolgte Socialdemokratie eintritt. Ist es nicht, sagte ich, Pharisäismus, nicht vergessen zu wollen? Nun besuchte ich 1887 mit andren Genossen den geheimen Kongreß von St. Gallen, wo ich zum Schriftführer gewählt wurde. Auf diesem Kongreß wurde be- schlössen, daß künftighin unter keinen Umständen die Socialdemo- kraten bei Stichwahlen fiir Freisinnige stimmen sollten, wegen ihres schnöden Verhaltens bei der letzten Wahl. Im Hinblick auf diesen Beschluß sagte Singer in seiner Art höhnisch zu mir:„Nun, was' wird denn Mehring dazu sagen; der wird nicht übel schimpfen." Ich sagte, so weit ich die„Volks- zeitung" und Mehring kenne, sei ich überzeugt, daß er nichts andres«verde sagen können als: Unter den gegebenen Umständen konnten die Socialdemokraten keinen andren Beschluß fassen. Darauf wettete Singer mit mir, daß Mehring das nicht schreiben würde. Nach drei oder vier Tagen bestätigte sich meine Voraussage. Im November, Bebel und Singer waren damals aus Berlin ausgewiesen...(Bebel ruft: Ich nicht, das ist ein Irrtum I) Genosse Bebel, das ist doch höchst gleichgültig I(Bebel: Ich sage ja auch, das ist ein Irrtum!) Afto die beiden Genossen waren nicht in Berlin; als sie zurückkamen zun, Reichstag, trafen wir wieder zusammen. Bebel stellte sich damals etwas freundlicher zu mir als jetzt.(Bebel: Sehr richtig!) Wir kamen aus die Wette zu sprechen und wir verabredeten das Souper— um ein Scuiper ging die Wette— für einen bestimmten Abend. Als die Verab redung getroffen war, hatte ich die beispiellose Don Ouixoterie, vor- zuschlagen, Mehring zu diesem Souper einzuladen. Diese Don Ouixoterie beging ich, ohne Mehring je gesehen zu haben, und Bebel und Singer waren so unvorsichtig, ja zu sagen.(Vollmar ruft: Ein teures Solcher!) Ich gebe dem Genossen Vollmar recht. (Bebel ruft: Vollmar hat nie solche Soupers, scheints, gegessen. Heiterkeit.) Ich habe daraufhin Mehring besucht und zu dem Souper eingeladen, an dem er denn auch teilnahm. Nun muß ich noch eins lagen: Niemals würde ich Mehring aus der tiefen Verachtung, in die er damals vor der ganzen Partei versunken war, herausgezogen haben(Lachen), hätte ich seine Vergangen- heit ganz genau gekannt. Niemals würden die Genossen das terroristische Regiment, das Mehring in unsrer Partei sich anmaßt, dulden, wenn sie seine Vergangenheit kennten.(Sehr wahr!) lind nur, weil Sie (zu Mehring!> wie ein Fuchs die Spuren Ihrer Thätigkeit verwischen, ist es möglich, daß Sie sich behaupten; und Ihr TerroriSmuS thut das übrige dazu. Als litterarische Persönlichkeit gleichen Sie einem in Erz gelvappneteil Ritter, der unverwundbar scheint, an dem alle Fechterlnnftstücke vergeblich abprallten, lind doch ist diese Rüstung, in die Sie sich einhüllen, nicht aus Eisen, sondern aus Pappe, und mit Eisenpappe bloß überstrichen. Ein paar wuchtige Hiebe, und hinter dieser Rüstung erscheint nicht der reuige Sünder, den sie jetzt vorspielen, sondern in schlotternder Angst(Lachen und Lärm) ein gar nicht bußferttger Sünder. Sie leben allein von der Lüge.(Große Unruhe.) (Schluß im Hauptblatt.) Hue InduFtne und f)andcU Die Erneuerung des KohlensyudikatS ist nach den neuesten Mel- düngen aus dem Ruhrrevicr keineswegs mehr so unwahrscheinlich, wie es noch vor wenigen Tagen allgemein behauptet wurde. Mehrere der widerspenstigen Zechen haben sich nun, wo die Entscheidung über die Erneuerung des Syndikats vor der Thür steht, doch noch im letzten Augenblick bereit erklärt, die von der Syndikatsleitung ge- stellten Bedingungen zu acceptieren und sich dem Kohlensyndikat an- zuschließen, darunter die Zeche„Graf Bismarck" und, wie der „Bochumer Anzeiger" berichtet, auch die„Concordia" und die „Magdeburger BergwerkSgesellschast". Ferner hat eine am Sonn- abend in Köln abgehaltene außerordentliche Gewcrkenversammlung der Zeche„Kaiser Friedrich" in Barop den Beitritt dieser Zeche beschlossen. Zu den Kartellbesttebungen in der Zuckcrindusttic. Die Be- mühungen der Zuckerfabriken, eine feste Verkaufsvereinigung zu gründen, können, wie die„N. Hamb. Börsenh." meldet, keine nam- haften Fortschritte machen, weil eine Reihe von Unternehmungen die Beteiligung an den Kartellbestrebungen grundsätzlich ablehnt. Am nächste» Mittwoch soll diese Angelegenheit in einer Versammlung der Rohzuckerfabriken weiterberaten werden. Eine neue Herabsetzung der AnslandSpreise seitens der Kartell» raffiuerien sei durch das Eindringen ausländischen Zuckers nach Deutschland sowie durch die große Konkurrenz, die einige Weißzucker- fabriken den Kartellmitgliedern bereiten, geboten, und gehe noch über die bereits ftüher beschlossene vom 15. September ab eintretende Preisermäßigung hinaus. Die preußischen Sparkasse» im Jahre 1902. Das königlich preußische Statisttsche Bureau wird in dem demnächst erscheinenden Hefte seiner Zeitschrift eine Uebersicht über den Geschäftsbetrieb und die Ergebnisse der preußischen Sparkassen im Rechnungsjahre 1901 veröffentlichen. Danach gab es am Schlüsse des Bettiebsjahres 1901 im preußischen Staate insgesamt 1508 Sparkassen gegen 1490 im Jahre 1900. In diesen Kaisen bettugen die Gesamteinlagen beim Beginn des Jahres... 5 746 924 642,73 M. am Schlüsse des JahreS.... 6 236 458 932,18, mithin Zugang....... 489 534 289,45. Dieser Zugang fiir 1901 ergiebt sich aus den gutgeschriebenen Zinsen mit.. 175 863 722,07 M. neue Einlagen mit..... 1651218 974,13„ zusammen Davon ab Rückzahlungen mit 1 827 082 696,20 M. 1337 548 406,75 ,. verbleiben wie oben 489 534 289,45 M. Dieses Ergebnis, bemerkt dazu die«Verl. Korr.", stellt sich alS ein außerordentlich günstiges dar. denn das Berichtsjahr übertrifft danach seine sämtlichen Vorgänger sowohl bei dem Gesamtzuwachs der Einlagen, wie auch bei dem Ueberschusse der Neuanlagen über die Rückzahlungen. Am günstigsten standen bisher die Jahre 1895, 1898, 1897, 1396 und 1899. Auf jeden Kopf der Bevölkerung Preußens von 35 082 875 Orts- anwesenden entfielen an Spareinlagen 177,76 M. gegen 166,46 M. im Vorjahre. Es stellte sich der Anteil an je 100 M. Einlage in den Provinzen Hohcnzollern auf 0,26, Ostpreußen 1,81, Posen 1,83, Westpreußen 1,91, Stadtkreis Berlin 4,49, Pommern 4,79, Hessen- Nassau 4,85, Schleswig-Holstein 7,73, Brandenburg 8,16, Schlesien 8,72, Sachsen 10,39, Hannover 12,25, Westfalen 16,04, Rheinland 16,78. Der Morgansche Schiffahrtstriift. Der Direktor der Jnter- nationalen Handelsmarine-Gesellschast erklärt die Nachricht für un- begründet, daß die White Star Line sich von dem Trust trennen «volle. Er behauptet, daß die Vertreter der einzelnen Gesellschaften des Trusts in vollständiger Eintrackt zusammenarbeiten. Der größte Teil des Vermögens der Gesellschaften, welche den Trust bilden, sei bei der Internationalen Handelsmarine-Gesellschast angelegt und mithin der letzteren eine vollständige Konttolle gegeben. Inserate für die nächste Uummer müssen bis 5 Inserate bitten wir vorher anzumelden Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Größere und bis 4 Uhr nachmittags einzusenden. � Expedition. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zhcatcr. Dienstag, 15. September. Ansang 7'/, Uhr- Opernhaus. Die weiße Dame. Schauspielhaus. Die Welt, in der man sich langweilt. Westen. Boccaccio. Lesfing. Auferstehung. Berliner. Geographie und Liebe. Residenz. Das beste Mittel. Neues. Eine Frau ohne Be deutung. Deutsches. Der Puppenspieler. Trug bild. Central. Boccacio. Thalia. Der Hochtourist. Anfang 8 Uhr: Ltederspielhaus(Kroll.) Lieder spiele und Idyllen. Vifion nach dem Balle. Schiller O.(Wallner-Theater.) Der Talismann. Schiller X.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Was ihr wollt. Kleines. Nachtasyl. Trianon. Die Notbrücke. Deutsch> Amerikanisches. Ueber'n ?roben Teich. Weist. Amor in Wichs. Luisen. Mönch und Soldat. Belle-Alliance. Speeialitäten. Apollo. Die Liebesinsel. Speciali- täten. Winter-Garten. Speeialitäten. Metropol. Neuestes! Allerneuestes I Bassage-Theater. Speeialitäten. ReichShallen. Stettiner Sänger. Urania. Tanbenstraste 48/4S. Von der Zugspitze zun» Watz- mann. Jnbalidenstraste 57/63. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. �iis8 Theater. Schiffbauerdamm 4a— 5. Ansang 7'l, Uhr. im. Trianon-Theater. Georgensttaße, zwischen Friedrich- und Universitätsstraße. Dienstag■ Die Kotbrücke. Urania. Taubenstrasse 48/49. Abends 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzmann. Sternwarte Invalidenstrasse 57/62. CASTANS Panoptikumj Friedrichstr. 165, Die zusammengewachsenen Schwestern! 20 Jahre alt, spielen Vlolincii OOlflCISCHER GARTEN H Täglich ab 5 Uhr nachmittags: Gr. Militär- Konzert. Entree 1 M., ab 6 Uhr 50 Pf. I Kinder unter 10 J. die Hälfte. "TiT�er�reiTa�- Kanbtier-Spielsehule. 6 Löwen, 1 Leopard, 1 Hyäne, 1 Bär.— Vorstellungen: Wochentags 4-5, 6-7 Uhr, Sonnt. 12-i, 4-5 u. 6-7 Uhr. Eintritt: Sperrsit.z.1 M., Stehplatz 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte, Luisen-Theater. Abends 8 Uhr. Mönch and Soldat. Mittwoch• Kabale und Liebe. Donnerstag: Mönch und Soldat. Freitag zum erstenmal: Einer von Misere Leul'. Gesangs- Posse von D. Kaiisch. Sonnabend: DaS neue Gebot. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Kabale und Liebe. 8 Uhr- Einer von unsere Leut'. Casino-Theater. Lothringerstraßc 37. Ansang 8, Sonntags 71/. Uhr. Groger Sensations-Ersolg! Tolle Kadetten. Vorher da? glänz. Eröffnungsprogr, Sonntagnachm, 4 Ubr: Ein edles Weib, CarfWeiss- Thealer. Graste frankfurter Ttraste 132. Die größte AuSstattungs-Operette Berlins in 7 Bildern. Amor in Wichs. 200 Mitwirkendr. Glänzend. Ballelt, las, 8 Uhr, Morgen: Dies, Vorst, C. nntagnnchm. 3 Uhr: Wilhelm Teil. fr, Puhlmanns Vaudeville-Theater, Schönhauser Allee 148. Inhaber: Wilhelm Frtfbel. Mittwoch, den 16. September er,: Ahsehieds- Elite-forstellung des gesamten, Schauspiel- u. Künstleppersoflals. Im Saale: mr Grofter Ball.'•8 Anfang 5 Uhr. Enlree 30 Pf.• Sonntag, den 20. September er. Austreten der beliebten, ZlorälieutZehkn Langer; und darauffolgenden Extra-Ball. Schiller-Theater. Schiller- Theater O. (Wallner-Theater). Dienstagabend 8 Uhr: Der Talisman. Dramatisches Märchen in 4 Auszügen von Ludwig Fulda. Wittwochabend 8 Uhr: Was Ihr wollt. Donnerstagabend 8 Uhr: Was Ihr wollt. Schiller-Theater K. (Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater), Dienstagabend 8 Uhr: Was Ihr wollt. Lufy'piel in 5 Alten v, W. Shakespeare, Mittwochabend 8 Uhr: Der Bibliothekar. Donnerstagabend 8 Uhr: Der Talisman. Kleines Theater. Unter den Uinden 44. Nachtasyl. Anfang 8 Uhr. Deutsch-Amerikaniseiies Theater (fr. Buntes Theat,), Köpnickerftt, 67/6«, decken Abend Anf. 8 Uhr. Gastspiel Adolf Philipp. Der Sknsations-Erfolg eitere Bilder mit Gesang aus dem Leben der Deutsch-Amenkaner in 5 Abt. Killets 4 Wochen im voraus. ROm-Theattt Direktion S, Lautenburg. Anfang 7»/, Uhr. Das bellt MIM Schwank in 3 Akten von 91. Biffon. Bearbeitet von B. Jaeobsohn. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Seine Kammerzofe. in Der grSssle Erfolg dieser Saison I Ödicdcrauftrcten Emil Thomas a. G. Jose! Joseph!. Henry Bender. Frid Frid. Rosa Marten. Grete Meyer. X Müller Linke. DM- Zum 247. Male:-M> Neuestes! Allerneuestes! Dramatisch© Revue in 5 Bildern. Glänzende Balletts. 300 Mitwirkende. Anfang 8 Uhr. -• Rauchen überall gestattet.— Sanssouci. Täglich: HofTmanns Norddeutsche Sänger Sonntag, Montag, Donnerstag nach der Soiree: sSMltfanieden. teuie Dienstag, den 13. September, er Theaterabend. Tie Lieder des Alusikanten. Volksstück mit Gesang in 5 Akten von Rud. Knetjel. Apollo-Theater. i38.uMaie:flie£ieljes-3nsel mit dem grandiosen Post-Ballett. Miss Mildred de Grey Original- Barfuss- Tänzerin. Monfrel.— Clermonts Cirkus. Pöttingers Schwed. Damen- Quintett. MesstersBiophon.pt.VraS Frilhllngsluft. Neul Noul In Vorbereitung: I. In. Direktion; Robert Dill. Bpnnnenstrasse 10. Der ftolze Heinrich. Anfang 8 Uhr. Entrec 30 Pf. Mittwoch: DaS Forsthaus. Donnerstag: Extra- Vorstelluttg. r' Speeialitäten-Theater Landsberger Allee 76-77 (Ringbahn-Station). Ob schön! Ob Kegen! DV Täglich vollständig neues konkurrenzloses Riesen-Programm. Orig. Robert«t. Bertram sind wieder da. Ong.-Elown Fredott. Orig. Tom Bryarl/. Fred u. Lille Alfons. Eugen Freiberg. Clalre Wegener. Mlle. Friedrich. Grosser Ringkampf. Emil Nitschke— G. Enge. Zurück von der Tournee aus Ruß» land, fordere ich Ringkämpfer und starke Leute auf, sich mit mir im Ringkamps zu messen und zahle 50 M. 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Eintrittskarlen sind im Vereinslokal(„Arminhallen"), im Verein»- Bureau(Ritterstr. 88). in der Musikalienhandlung von Richard Kaun, Grüner Wag 17; im Restaurant Augustin, Druckerei des„Vorwärts", Lindenstr. 69; m den Cigarrengeschäften von Paul Ihm, Wrangelstrasse 58; Gottfried Schulz, Admiralstr. 40 a; Emil Schulz, Mittenwalder- strasse 2; Gustav Sohlt rer, Lindenstr. 97/98; H. Pätz, Mnskauerstr. 31; Udo Stangenberg, Manteuffelstr. 109; J. Wolff, Lehninerstr. 1, sowie in den mit Plakaten belegten Handlungen erhältlich. Der Vorstand. Heute Dienstag, 15. September er., abends 71/, Uhr: Parade-Vorstellung. Das Tagesgespräch von Kerlin bleibtHcrrJlnllns Seeth mitscinen nicht im Zoologischen Garten gezogenen 25 männlichen Löwen Geschenk Sr. Majestät des Kaisers von Abessynicn und Dir. Alb. Schumann mit seinen ganz neuen hervorragenden Original-Dressuren sowie das loologiseliö potpoum. Monstredressur des Herrn Leb. 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Herr Panl Jlündner, der volkstümliche Berliner Radfahrer m. seinen noch nie in Berlin gesehenen toll- fühnen Produktionen, u. a, der Todes- sprung über eine ca. 50 Fuß breite Kluft mit dem Rad. Exotischer Monstte- Dressur- Akt mit 12 Elefanten, 3 Zebras u. 50 Pserdeu. ! l Elae Hirschjagd! t Stadt-Theater Moabit Alt-Moabit 47/49. Dienstag, den 15. September 1903; Eröffnungs- Vorstellung des Berah. Rosf- Theater- Ensembles, Mensch, ärgere dieb nicht Poffe mit Äesang in 4 Allen von Treptow.— Musik von Steffen». Ansang 8 Uhr. Donnerstag: Die Löwcnbraut. Ostlmim-I'srii. Am KOslrinerplatz. RQdersdorferst.71, Hermann Imbs. Täglich; Gr. Konzert, Theater und Specialitäten- Korstellung. -Kasino. Holzmarksstt. 72, Ecke Alexanderftr. Täglich: W'eaaiB Sobanskl und das vollständig neue Artistenpersonal. Außerdem: Die weihe Dame. Mittw., Sonnab.. Sonntag: Tanz. Ans.'/,8 Uhr, Sonntags 5 Uhr. lerlinerBIlk-Tno. Preise* beliebige Teilzahlung. Felix Sotieuer Slrslmltritr. I. 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Der Vorstand. A. Bühne, A. Kelpln, Vorsitzender, Schriftführer, Pslugstraße 17. Demmmerstr. 25. Wobifchrts- GelcULotterie. Hanptgewlnne: lOOOOO Mark 50000 Mark ÄS OOO Mark Ziehung 28. Sept. bis 2. Oktober. Originallose a Mk. 3,50. Porto und Liste 30 Pf. J. Eisenhardt, Neustrelitz. Nur bestellte Lose, kein Ersatz, werden versandt.[24/11* Achtung! 24702* Handverkern, Arbeitern empfehle noch zu alten billigen Preisen trotz enormer Wollgarn- Preissteigerung meine Kammgarn-Sweater Plattiert Kammgarn a 3,25 u. 3,50. Keinwoll. Kammgarn a 4,80 u. 5,30. Doppelstarke do. a 5,80 u. 6,30. rheoäor friebe 1. Geschäft: Oranienstr. 174. 2. Geschäft: Oranienstr. 198. Vcrwaltnngsstellc Berlin. Bureau: Engel-Ufer IS, Zimmer 1— S. Fernsprecher: Amt VII, 353. Mittwoch, den 16. September, abends 7 Uhr, im Lokal von Kauittold, Wilhelmiuenhof-Straße Nr. 18: Ktfirksmsiiii»iilu«g f. Ober-Kchöeewtidt Tages-Ordnung: 1. Vorhag:»Die Bedeutung der Gewerbegerichte". Referent: Max Bohrend. 2. Diskussion. 3. VcrbandsangelegenHeitcn und Verschiedenes. Mittwoch, den 16. September, abends 8'/» Uhr, bei Wilke, Brunnen-Straße Nr. 188": Hktfnimtiliiitg der chiriirgischen Kmchk. TageS.- Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Max Schütte über:»Die Todesstrafe«. 2. Diskussion. 3. Verbands-LlngelegenHeiten. Die Bandagisten sind zu dieser Versammlung besonders eingeladen. 121/11_ Die Ortsverwaltung. Uerband der Fabrik-, Fand-, Hilfsarbeiter «ad-Arbeiterinnen Deutschlands. Zahlstelle Berlin. Mittwoch, 16. September, abends 8>/z Uhr, im„Englischen Garten", Alexander-Straße Nr. 27 o: Ausserordentliche Mitglieder-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Ritter über:„Die Entwicklung der Arbeitgeber-Berbände und die Aufgaben der Gewerkschaften". 2. Diskusston. 3. Stellungnahme zur Gaukonserenz: a) Anträge; b) Wahl der Delegierten. 4. Verbandsangelegenheiten und Verschiedenes. Pflicht eines jeden Mitgliedes ist es, pünktlich zu erscheinen. 64/12_ Bie Ortsverwaltnng. Centraloerband der Töpfer. Filiale Berlin. Freitag, den 18. d. Mts., präeise 7 Uhr: 196/11 VertraueusmÄnaer- 8it?unx im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 13(Saal VII). Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert das Erscheinen sämtlicher mit diesem Amte Beauftragten._ Der Filialvorstand. w»»! Portef euillep I Achtung! WM der Weier id Mergaliene-Wter und Arbelterinnen.— Zahlstelle Berlin. Mittwoch, den 16. September, abends 8 Uhr: ISP Mitglieder1-Versammlung IFJ in Graumaans Festsälen, Naunynstr. 27. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Saffenbach über: „Die Entwicklung und der jetzige Stand der englischen Gewerkschassbewegung". 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenhetten und Abrechnung der Billets vom Sommersest. 4. Verschiedenes. 109/10 Gäste. Dame» und Herren, find freundlichst eingeladen. IM- Da das pünktliche Eröffnen der Versammlung unbedingt notwendig ist, so erwartet Pünktliches und zahlreiches Erscheinen _ Bie Ortsverwaltnng. Charlottenburg. F. Kunstmann Läden und Geschäftsräume. Nord-West. 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Werkstattstreiks und Differenzen. Die Kollegen werden ersucht, aus jeder Werkstatt Delegierte zu entsenden. Mitgliedsbuch nebst VertrauensmSnner-Karte legitimiert. �VA Vi« Ortsverwaltnng. Verwaltung Berlin. Herrenkommeps zu Ehren der auswärtigen Delegierten zur General-Bersammlnng am Sonntag, den 2«. September, abends 7 Uhr. im großen Saale des Gewerkschaftshauses, Engcl-User 15. Billets sür Mitglieder 60 Ps.(nur gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches), ür Gäste 75 Pf., sind bei den Kollegen P. Greier, LG. Köpnickerstr. 21, II. Ausgang 4 Treppen und O. Mtsbach, Engel-llser 15, 3 Treppen im Bureau zu haben. 20/13 Zahlreichen Besuch erwartet_ DaS BergnügungSkomitee. Grussfischerei-s Ernst Napp Nachf. MM- /JW" Swlnemflnde Ar. 56, Ostsee."MW MW Prämiiert: Paris, Baden mit goldener Medaille. Fraphtffoi SeSon Nachnahme nur echte, wirkliche riAUIUI C1 Original-Fettheringe"MW V, Fass ailerfeinste neue Milch- u. 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Lebensjahre. 163/7 Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung ersolgtDienstag- nachmittag 4 Uhr von der Leichen» Halle der FriedenSgemcinde aus. Die Ortsverwaltnng. Unterstützungs- Verein der Kupferschmiede Dentschlanits Filiale Berlin. Am 12. d. Mts. verstarb in- folge einer Lungenentzündung unser langjähriges Mitglied, der Kollege Eimstb Adam im Mter von 63 Jahren. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am DienStag, den 15. d. MtS., nach- mittags 4 Uhr, vom Trauerhause, Pasewalkerstraße 8, nach dem Nazarcth- Kirchhos. Dalldorscr- Chaussee, statt. Ig50b Um eine rege Beteiligung bittet Ber Vorstand. Slm Sonntag, den 13. Septem- ber, vormittags 9 Uhr, verstarb unser lieber Kollege, der Gürtler üenmumlfreiileveiLS Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet am Mitt- woch, den 16. September, nach- mtttagS 5 Uhr, von der Leichenhalle des Neuen Jakobikirchhoses aus statt. 1632b Die Kollegen der Firma Klinke A Co., Nannynstr. 69. Danksaanna. Für die herzliche Teilnahme und die reichen Kranzspenden bei der Be« erdigung meines unvergeßliche» Mannes sage ich den Mtgliedern de» Vereins zur Wahrung der Interesse» der Maurer Berlins und Umgegend. -dem Wahlvercin des 6. Wahlkreises, sowie den Miteinwohnern des Hause» Cremmcncrftt. 6 meinen herzlichster» Dank. igzbb Agatha Aetzhand, geborene Alckcl, nebst Eltern u. Geschwister. Orts-Krankenkasse" der Buchbinder und verwandter Gewerbe. AussvrnrdeiKtliel»« General-Versammlung am Mittwoch, de» 2Z. Sept., abends 8 Uhr, im Gcwerkschafts» haus, Engel-Ufer 13, Saal I. Tagesordnung: 1. Beratung und Beschlußfassung über die Abänderung des Kassen- statuts aus Grund der Novelle zum Krankenversicherungs- Ge» setz vom 25. Mai 1903. 2. Abänderung der VerhaltungS- regeln sür erkrankte Mitglieder. 3. Verschiedenes. 276/10 Der Vorstand. Bernd, lest, Georg Bässler, Vorsitzender._ Schrifisührer. Orts-Krankenkasse der Uhrmacher zn Berlin. Dienstag, den 22. September er., abends 9 Uhr, bei Schulthelss, Neue Jakobstraße 25: Ausserordentliche General-Versammlung der Vertreter der'Rasse. TaaeS-Ordnung: 1. Abänderung des Statuts nach Maßgabe der neuen Krankengesetz- Novelle vom 25. Mai 1903. 2. Verschiedenes. IvöSb Der Vorstand. C. F-tttsch, Vorsitzender. S: Wnststiimi 60 Pf. pr.�Osund(gröbere zum Reißen) pr.->pfund �___ Schlachtfedern, wie sie fallen, mit allen Daune ...ien). d. Gans .l. t.50. 2.00, fällfertiger Gänferupf. oessere Gänsehalbdaunen ZTI. iälSÖ! 3.00. beste schneeweiße M. 3.50, russische Tannen M. 3.50, weiße böhm. Daunen M. 5.00, ge. rissen» Aedern M. 1.50, 2.00, 2.50. Prima gerissene M. 3.00, 3.50« Versand gegen Nachnahme. iktav Lustig, «rsse Bettfedcrnfabrik m. electr. Letriebe�viel» Anerkennungsschreib. Nach Magiger Prove Retournahme! & Wettfremtd& Einfachste, bequemste und praktischeste Gelabörle cler Äelt. Kein langes Suchen mehr. Kein Heraus« > fallen d. Geldes. 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Der Kongreß der unter obiger Bezeichnung vereinigten lokalen beziehungsweise durch Vertrauensmänner centralisierten GeWerk- schaften begann am Montagvornnttag seine Verhandlungen zu Berlin in Dräsels Festsälen. Vertreten sind 25 Berufe durch 58 Delegierte mit 65 Mandaten aus 76 Orten, welche 16 334 Personen vertreten. Ms Vorsitzende wurden Hinrichsen und Kater, als Schrift- führer Herrfurth gewählt. Es wurde beschlossen, dem social- demokratischen Parteitag ein Begriißungstelegramm zu senden. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung:„Geschäfts- und Kaffen- bericht der Geschäftskommission und Bericht über die Presse" wurden Hinrichsen und T h i e m e zu Referenten bestellt. Der Geschäfts- und Rechenschaftsbericht umfaßt die Zeit vom 1. September 1901 bis 1. September 1903. Hinrichsen läßt sich über Agitation und Organisasion aus. Die Agitation habe unter den Wirtschaft- lichen Schwierigkeiten und unter den Anfeindungen, u. a. den der großen Verbände, zu leiden gehabt. Für Agitationszwecke wurden in den zwei Jahren 3109,28 M. ausgegeben, welche sich ver- teilen wie folgt: Für Delegasionen 311,20 M., für neu- gegründete Organisasionen 1495.83 M., zu Gunsten be- stehender Organisattonen 484,95 M.. fiir Darlehen 203,20 M., für verschiedene Zwecke 614,10 M. Die Ausgaben wurden aus dem Agitasionsfonds bestrisien. Auch soll der Ueberschuß des Preßfonds dazu verwandt werden. Der Mitgliederbestand betrug 1901.... 18010 In der Berichtszeit gewonnen...... 3 430 Summa 21 44>i In der Berichtszeit ausgeschieden..... 7 196 Somit Mitgliederbestand für 1903..... 14 244 Eine Anzahl der der„Freien Vereinigung" angeschlossenen Berufsorganisationen hätten sich seit dem vorigen Kongresse Centra- lisasionen gegeben. Redner ging näher auf die Schwierigkeiten ein, welche der Geschäftskommission anläßlich der Gründung des gewerb- lichen Frauenvereins und der Holz- und Ziegeleiarbeiter- Vereinigungen aus der Gegend von Oderberg jc. erwuchsen. Redner erklärt es für verfehlt, daß die Generalkommission der Verbände sich von deren Vorständen Misieilungen über die Zahl der Lokal- organisierten erbeten habe, statt sich an die„Freie Vereinigung" zu wenden. So habe die Generalkommission nur 10 000 festgestellt, während allein der Freien Vereinigung 14 244 angeschlossen seien und sicherlich noch 6000 hinzukämen, die nicht angeschlossen seien, aber ihr sympattsch gegenüberständen.— Die Einigungsbestrebungen des Parteivorstandes hätten die Agitation und Organisation der„Freien Vereinigung" auch geschädigt. In der Gründung neuer Vereine seien manche sonst im Vordertreffen stehende Genossen erlahmt. Bedauerlich sei das Verlorengehen von 4900 Mitgliedern des Weberverbandcs und der auf Einigungs- bestrebungen zurückzuführende Verlust von 1600 Maurern. Redner schließt: Solange die Diktatur in den Censi'alverbänden fortdauere. werde die in der„Freien Vereinigung" ihren Ausdruck findende Be- wegung nicht verschwinden. Man sei gegen jede Zersplitterung, aber für freie Bewegung im Interesse der Arbeiterschaft. T h i e m e gab verschiedene Kassenberichte, die die Zeit vom 1. Juli 1901 bis 31. August 1903 umfassen. Die Einnahmen der „Einigkeit" betrugen 53 967,49 M., die Ausgaben 53 855,22 M. Es ergab sich ein Gewinn von 112,27 M. Im 2. Quartal 1903 hatte die„Einigkeit" 10 398 Abonnenten.— Reste vom alten Umlage- verfahren gingen ein 4379,47 M., davon wurden 3700 M. aus- gegeben zur Erledigung von Darlehnen und zur Streikunterstützung. Von verschiedenen Gewerkschaften stehen noch Reste aus. Andre Gewerkschaften haben wieder mehr geleistet, als sie verpflichtet waren. — Für den Agitationsfonds wurden einschließlich eines Bestandes von 4756 lvk. insgesamt 5166,76 M. eingenonimen. Aus- gegeben wurden 3445,98 M.— Für den Garantiefonds wurden 14 729,45 M. eingenommen, wovon 13 363,65 M., meist an Streik- Unterstützungen, ausgegeben wurden, so daß 1365,80 M. im Garantie- fonds verblieben snebst Zinsen 1408,80 M.j. Für die Ausgesperrten und Inhaftierten in Oderbcrg kamen an freiwilligen Beiträgen der Gewerkschaften und an auf Listen gesammelten Geldern 2780,50 M. zusammen, wovon 2562,35 M. ausgegeben wurden. Die Richtigkeit der Abrechnung wurde von den Revisoren be- stäsigt. Zur Diskussion nahm zunächst Jannaskens, Vorsitzender des Weberverbandes in Krefeld, das Wort. Er ging auf die bekannten Vorgänge, betreffend die Verschmelzung des vornials Niederrheinischen Weberverbandes mit dem deutschen Textilarbeiter-Verbande, näher ein, nm darzulegen, weshalb der jetzt noch bestehende, der„Freien Vereinigung angeschlossene lokale Weberverband seine Verpflichtungen der Vereinigung gegenüber noch nicht erfüllen konnte. Fallens und Baer hätten damals, ohne daß der Uebertritt des Niederrheinischen Verbandes rechtmäßig zu stände gekommen wäre, das Vermögen des Verbandes dem deutschen Textilarbeiter-Verband zugeführt. Prozesse wegen Rückerlangung w. schweben noch.— Kater(Maurer) und Schlenker(Metallarbeiter-Gewerkschast) erörtern einige internere Fragen der Agitation. Jn der Nachmittags-Sitzung wies Hinrichsen einen Vorwurf Katers zurück, der ihm, den, Beamten der„Freien Ver- einigung", dem Mitgliede der Geschäftskommission, Verräterei vor- geworfen habe, weil er seiner Zeit eine Einigung der lokalen Zimmerervereinigung mit dem Verbände nicht stritte ablehnte. Redner sei selbstverständlich, als er die Möglichkeit eines Zusammenschlusses zugab, davon ausgegangen, daß der Verband accepsiere, was verlangt werde, um die Einigung zu ermöglichen. Auch den Vorwurf unge- schickter Agitation im Gebiete von Oderberg wies Redner zurück. Gewisse uitleidliche Reibereien in der Geschäftskommission, die die Revi- foren gerügt hatten, bedauerte er und führte sie darauf zurück, daß eine gutgeregelte Geschäftsverteilung fehle.— Nachdem Th ieme einige ge« schäftliche Maßnahmen der Geschäftskommission gerechtferttgt hatte, er- klärte H ü r t l e r(Tischler), daß auch er an den Arbeiten der Geschäfts- tommifsion einiges auszusetzen babe. An der„Einigkeit", dem Preß- organ der„Freien Vereinigung", bemängelte er die Redaktion des gewerkschaftlichen Teils. Er fei für die Wahl einer Preßkoinmission lind für den Anttag der Töpfer, die„Einigkeit" obligatorisch einzu- führen.— M e-tz l e(Maurer) kann der Geschäftskommission bezüglich der bekannten Vorgänge in Oderberg(Stteiks und Aus- sperrung der Holzarbeiter und Ziegelei-Arbeiter) keinen Vorwurf machen. Auf die beim Kassenberichr angeregte Frage, ob die Gewerk- schaften mit Guthaben gegenüber der Geschäftskommission beziehungs- weise der„Freien Vereinigung" darauf verzichten könnten, kann Metzle keine bestimmte Erklärung mit Bezug auf seine Organisation ab- geben, die ein Guthaben von 8400 M. habe. Wenn die aus ihren Verpflichtungen in Gesamthöhe von etwa 15 000 M. rück- ständigen Gewerkschaften zahlten, dann könnten ja die Guthaben gedeckt werden. Für den Fall, daß dies unmöglich sei, könne er nur versprechen, bei seinen Berufsgenossen auf eine Streichung hin- zuwirken. Klarheit müsse darüber geschaffen werden, ob dem Genossen Keßler in der„Einigkeit" nicht eine jüngere Kraft zur Bearbeitung dcS gewerkschaftlichen Teils zur Sette zu stellen fei-— H a f f n e r wünscht namens der Musikinstrumenten-Arbeiter, daß diese hinsichtlich der Beitragspflicht aus der ersten in die zweite Lohn- klaffe versetzt würden. Dann könnten sie auch ihre Pflichten ganz erfüllen.— Hammer- Nürnberg(Tischler) wendet sich gegen einen vorliegenden Anttag auf Verbilligung der„Einigkeit". Besser wäre ihre Verbesserung und wenn man was drauflegte.— Hinrichsen: Die Anregung, ein billigeres 14tägigeS Organ noch herauszugeben. habe die Geschäftskommission beschäftigt, könne ihre Billigung aber picht finden. Nach einer Geschäftsordnungs- Debatte wurde beschlossen, die Erledigung der Anttäge zu Agitation und Presse bis zum 5. Punkt der Tagesordnung zu vertagen. Die Debatte über die Berichte d-r Geschäftskommission wurde dann fortgesetzt. Strasser findetdie Entwicklung der Stellung der„Einigkeit" zu be- stimmten principiellen Fragen(Tarifverttäge, Generalstreik zc.) gut. Bezugnehmend auf Oderberg führte er näher aus, daß die Geschäfts- kommission richtig gehandelt habe und das brutale Vorgehen des dortigen Unternehmerttims und der Behörden gegen die Organisation und die kämpfenden Arbeiter die Verluste allein verschuldet habe. Namentlich treffe die Beisitzer in der Geschästskomniission kein Vor- Wurf.— K ü h n i ck e- Oderberg: Die Tattik in Oderberg sei doch falsch gewesen. Man habe einerseits mit Geld renommiert, andrer- seits sei aber beim Kampf das Geld ausgeblieben. Zum Beispiel wäre es in der Kiesgrube nie zum Stteik gekommen, wenn von vornherein den Leuten die Wahrheit gesagt worden wäre. Die Geldausstände von Oderberg möge man niederschlagen, die wenigen dort organisierten Arbeiter könnten das Geld nicht aufbringen.— Klein lein, Beisitzer und Revisor der Geschäftskommission, kam auch auf den Gewerkschaftlichen Frauenverein zu sprechen und stellte fest, daß man Frau Gubela habe fallen lassen müssen, weil die Kassenfllhrung nicht in Ordnung war. Es wäre schwer, eine Frauenorganisation hochzuhalten, indessen müsse es versucht werden. Von'den Webern in Krefeld wünschte er, daß sie bald der Geschäftskommission Mittel zufließen ließen, wenn die Organisation auch noch schwach sei. Die meiste Schuld an dem Gegensatz zwischen den leitenden beiden Personen in der Geschäftskommission, zwischen Hinrichsen und Thieme, glaubt Redner bei Thieme gefunden zu haben. Die weitere Debatte, an der sich u. a. Schulz, Wegner, Härtung, Noraen, Wernau, Gehl, Kater beteiligten, bewegte sich zumeist in den Bahnen der bisherigen. Um 7 Uhr wurde die Fortsetzung der Debatte auf Dienstag früh vertagt. lokales. Die Agitation für die Landtagswahlen ist vorgestern durch Verbreitung eines Flugblattes in die weitesten Volksschichten hineingettagen worden. In der achten Morgenstunde des Sonntags fanden sich die Parteigenossen und Genossinnen in stattlicher Zahl an den ihnen bekanntgegebenen Orten ein, und mit gewohnter Pünktlichkeit ging sodann die Verbreitung vor sich. Alles ging glatt, wir würden sagen, geschäftsmäßig von statten, tvenn nicht die Begeisterung für die Sache, der sich das organisierte Prole- tariat hingiebt, oft in die Schranken spränge und an gebührender Stätte gerade bei dieser Arbeit manches wirksame Wort spräche. Gewiß zeugen die Erfolge, die wir bei den letzten Wahlen errungen haben, mit gewalsiger Stimme für uns, aber dennoch ist, wie jeder Parteigenosse weiß, auch in Berlin und seiner nächsten Umgebung noch manches Feld zu bestellen, noch manches Wort der Aufklärung in die Massen hineinzutragen. Die von früher her gewohnten Polizeischcrereien fehlten bei der diesmaligen Flugblatt-Verbreitung gänzlich: wemgstenS ist uns über solche Eingriffe keine Mitteilung zugegangen. Was es heißt, in Groß-Berlin eine Thätigkeit wie die vorgestrige zu entfalten, mögen einige Zahlen darthun. In den sechs Berliner Wahlkreisen kamen im ganzen 632 000 Exemplare des Flugblattes zur Verteilung, im Wahlkreise Teltow-Beeskow- Charlottenburg 173 350 und in Nieder-Barnim 93 500. Das sind in, ganzen 903 650 Exemplare. Wer macht uns das nach? Die Ausstellung der Lnubenkolonisten. Saure Wochen— frohe Feste I Dies Wort im bescheidenen Sinne genommen machen sich zur jetzigen Jahreszeit die Berliner Laubenkolonistcn zu eigen. Die Erntefeste an sich sind zwar größten- teils vorüber, aber in der Ernte ist man noch mitten drin, und ge- rechter Stolz erfüllt im Monat September jeden, der sich an den Grenzen der Weltstadt das Jahr über mit Schippe und Hacke ab- gemüht hat. Denn saure Wochen, deren Lohn jetzt eingeheimst wird, gab es wirklich, und ach, nur selten leuchtete dieser Arbeit die sagen- haste Poesie des Landlebens. Sorge, schwere Sorge machte schon die Beschaffung des Kuhdungs. Zwei Fuhren brauchte man zum wenigsten, und wohl dem, der die Fuhre für 3 Mark erhalten hat. Oft muß man mehr zahlen, oft ist dies für das Gedeihen der Menschheit so nützliche Material überhaupt nicht in der Nähe einer Laubenkolonie zu haben. Das Umgraben des Landes, die Ver- nichtung der vielgehaßten Peeden läßt man sich immerhin gefallen, wenn es auch um die Osterzeit herum manchen Schweißttopfen kostet. Wehe dem aber, dessen Land dicht am Wege liegt! Jeder der die Straße daher kommt, bleibt eine Weile stehen, bettachtet teilnehmend die Arbeit seines lieben Mitmenschen und giebt dann sinnige Ratschläge. Kein Mensch ist fehlerfrei, aber der Lauben- kolonist kommt sich bei seiner Arbeit vor»vie ein Schuljunge. Bald wird ihm gesagt, daß er nicht tief genug grabe, bald, daß er den Humus, die oberste Erdschicht, ganz unter unfruchtbaren Sand verbuddele, bald liegt der Dünger gar zu sehr in Klumpen, bald sind die Peeden nicht sachgemäß vernichtet. ES preise sich, wer in solchem Wirrwarr der Meinungen seine sieben Sinne beisammen hält. Aussaat und erste Pflege sind beendet, die Pflanzen heben ihre Köpfchen in die Höhe und nun fällt abermals in den Freudenkelch mancher Wermutsttopfen. Unter Freudenkelch verstehe man den sachte emporschießenden Kohlkopf, die Wermutsttopfen aber sind die Raupen und das Ungeziefer, das von den Kindern der Kolonisten abgelesen wird und doch mit wahrer Wollust immer und immer wieder die Blätter zerfrißt. Kann der Mann, der nach solchen und mannigfachen andem Nöten zur Hcrbstzeit dennoch wahre Prachtexemplare von Kohlköpfen, Kürbissen, Mohrrüben und Kartoffeln erntet, nicht erhobenen Hauptes einherschreiten? Muß er sich nicht als Sieger vorkommen im Kampf gegen die Bestte und die Elemente? Nur wer selber mit vom Ba>l ist. versteht das stolze Behagen, mit dem der Bund der Pflanzervereine Berlins gestern bei Buggenhagen die Ausstellung seiner Feldprodukte eröffnet hat. Aus alle« Rich- tungen der weiten Welt waren die schwer errungenen Gaben der Natur zusammengebracht. Südost und Ostwacht, Neu-Kolifornien und Kiautschau, Nordkap und Transvaal begegneten sich am Moritz- platz in den Räumen der Kegelbahn und rangen im Wettbewerb mit einander um den Preis ftir die besten Landesprodukte. Nicht gering war die Mühe des Preisrichteramtes; aber unter gerechter Be- rücksichtigung aller Umstände kommen laut offizieller Mtteilung fol- gende Auszeichnungen an den Mann: Für Blumen, Gemüse und Feldfrüchte erhielten: Papenbrock (Transvaal) zwei I. Preise und zwei Ehrenpreise. Schneider(Ost- wacht) I. und einen Ehrenpreis, Erdmann(Ostwacht) I. imd einen Ehrenpreis, Heuser(Alt-Berlin) I. und einen Ehrenpreis; Schulz (Transvaal) II., Metzgen(Transvaal) II. und einen Ehrenpreis, Dumke(Ostwacht) II., Ringmann(Ostwacht) II., Lamprecht(Ost- wacht) II. und einen Ehrenpreis, Zugfeld(Ostwachtl IL. Feltzsch (Feldblume) n.; Görz(Nordstern) m., Roß(Ostwacht) Ül, Kranich(Ostwacht) III., Bartholdh(Ostwacht) HL, Valdeck(Ostwacht) III., Mahlow(Neu-Kalifornien) III., Koch(Kiautschou, (Koloniestraße) HL; außerdem Verein Nordkap drei Ehrenpreise. Für Tauben: Zinnow(Feldblume) L, Zschiesche(Feldblume) II., Wagner(Nordkap) HL Für Hühner: Baehr(Bauers Ruh, Südost) L, Tannhäuser (Neu-Kalifornien) Hl., Vogel Hl. Für Kaninchen: Matzkow(Neu-Kakfornien) I., Kreutzfeldt (Kiautschou, Koloniestraße) H, Koch(Kiautschou, Koloniestraße) Hl. Ferner erhielten noch verschiedene Aussteller in allen Ab« teilungen den IV., V. und VI. Preis für Ihre Gegenstände. Nur zwei Tage. Sonntag und gestern, war die Ausstellung geöffnet. An Besuchern fehlte es nicht, trotzdem zur Deckung der Un« kosten ein kleines Entree erhoben wurde. Von der Bedeutung, der Ausdehnung der Laubenkolonien erhält man einen Begriff auch durch die Mtteilung, daß der Bund der Pflanzervereine eine eigene Zeit- schrift herausgiebt. Sie heißt«Der Laubenkolonist" und erscheint zweimal im Monat. Neben manchen andren Zeichen spricht auch diese Thatsache dafür, daß der Bauwut zum Trotz den Berliner Laubenkolonien noch ein langes Leben, daß ihnen unter schwerer Arbeit ein fröhliches Gedeihen beschieden ist! Die leidige Krankenwärterfrage spielte in einen Prozeß hinein, der gegen den jetzigen Bäcker Wilhelm Thiele vor der 7. Sttaf- kammer zum Austrag kam. Der Angeklagte, der früher als Hilfs- krankenwarter im Krankenhause Moabit beschäftigt war, war über- führt, einem seiner Obhut anvertrauten Kranken, der an der Wasser- sucht litt und schließlich im Krankenhause verstorben ist, in einem Moment der Aufwallung eine Ohrfeige und einen Stoß vor die Brust gegeben zu haben. Der Angeklagte gab dies zu und ent- schuldigte sich damit, daß ihm der Kranke atlßerordentlich viel zu schaffen gemacht und ihn dadurch sehr gereizt habe, daß er den Fuß« boden des Zimmers stark beschmutzte. Der Staatsanwalt beanttagte eine Gefängnisstrafe von drei Wochen, der Gerichtshof hielt aber eine Geldstrafe von 30 M. für eine ausreichende Sühne, da die Verfehlung des Angeklagten keine besonders schwere ge- Wesen seil Wir nehmen an, daß die in dieser Kammer fungierenden Richter. die sich in politischen Prozessen durch besondere Forsche auszeichnen, auch dann dabei bleiben, daß eine derartige Behandlung nicht be- sonders schwer ins Gewicht falle, wenn sie selber oder nahe Ver« wandte von ihnen im schwerkranken Zustande eine Ohrfeige ein« stecken müssen. Der Krankenhausverwaltung, die über eine solche Behandlung von Kranken hoffentlich weniger milde denkt, geben wir von neuem zu bedenken, daß nur durch anständige Entlohnung sich ein brauchbares Wärterpersonal für die Krankenhäuser heran- ziehen läßt. Der frühere ReichStagsadgeordnete Dr. Böckcl hat sich vollständig aus dem politischen Leben zurückgezogen. Wie ein ihm nahestehendes Blatt erklärt, hat er diesen Schritt gethan,„verärgert durch die ewige Zersplitterung und Eifersüchtelei in der antisemitischen Bewegung und körperlich aufgerieben in jahrzehntelangem Kmnpfe". Böckcl hat seit Mitte der achtziger Jahre eine der vielen antisemitischen Richtungen gebildet. Sein größter Tag im Reichstage war der 13. Mai 1887. An diesem Tage zersprang nämlich im Kampfe gegen ihn die Präsidcntenglockc. Später wurden ihm allerhand private Unerquicklichteiten im öffentlichen Leben zum Vorwurf ge- inacht, eii'e der sinnigsten Angriffe gegen ihn kam aus den Reihen seiner Parteigenossen deshalb, weil er— das Brautkleid seiner Frau bei einem Juden gekauft haben sollte. Dieser Vorwurf charakterisiert einigermaßen die geistige Höhe des antisemitischen Parteilebens. Daß Böckel dem polittschen Leben Valct sagt, ist das Verständigste, was er unter den heutigen Umständen thun kann. Bei der Polizeilichen Suche nach einem Bermisjtc», über die wir kürzlich berichteten, ist also wirklich alles mit rechten Dingen zu- gegangen. Der Polizeipräsident, i. V. Friedheim, schickt uns unterm 12. September das folgende Schreiben, das uns am 1>4. September zugestellt worden ist: „Auf Grund des§ 11 des Reichsgesetzes über die Presse vom 7. Mai 1874 ersuche ich um Abdruck nachstehender Berichtigung. Die in Nr. 207 und 213 des„Vorwärts" vom 5. bezw. 12. d. MtS. aufgestellte Behauptung, daß die am 6. August erstattete Vermißt- anzeige betteffend den Schlosser E. erst am 29. August ihre Erledigung gefunden habe, ist unrichtig. Nachdem die Mutter des E. am 7. August bei dem Polizeirevier Diebstahlsanzeige gegen ihren Sohn erstattet und angezeigt hatte, daß dieser sich aus Furcht vor Sttafe verborgen halte, handelte es sich für die Polizei nur noch um die Verfolgung einer Sttafthat. Den wegen strafbarer Handlungen festgenommenen großjährigen und verfüguiigsfähigcn Personen muß es grundsätzlich und im eignen Interesse überlassen bleiben, ihre Angehörigen selbst von ihrem Ver- bleib in Kenntnis zu setzen. Die Benachrichttgnng der Mutter deS E. am 29. August ist nur dem Umstände zuzuschreiben, daß ihr an diesem Tage das bei der Polizei niedergelegte Bild ihres Sohnes zurückgegeben wurde." Nun weiß maifls I Die Vermißtanzeige vom 6. August war für die Polizei deshalb schon am 7. August erledigt, weil an diesem Tage eine Diebstahlsanzeige gegen den Vermißten erstattet wurde, sodaß die Polizei nur noch eine Sttafthat zu verfolgen hatte. Daß die Mutter mit ihren auf dem Polizeibureau gemachten Angaben über den Diebstahl ihres Sohnes in aller Form Anzeige gegen diesen erstattete ilud damit die Vermißtanzeige„erledigte",'davon wird sie selber am meisten überrascht sein. Offenbar ist sie über diesen Punkt von der Polizei nicht genügend aufgeklärt worden. Frau E. und ihre Familie find noch den ganzen Monat August hindurch der Ansicht gewesen, daß der Sohn als vermißt gelte. Sie find in diesem Jrrttim von der Polizei selber bestärkt worden. Als Frau E. am 10. August auf dem Bureau erneut nach ihrem Sohne fragte, als sie ihn am 15. August schriftlich als„vermißt" abmeldete und die Polizei ihr diese Abnieldung u»>terstempelte, als der Bruder des E. noch am 25. August auf dem Präsidium nach dem Vermißten fragte, mußte die ganze Familie E. aus dem Verhalten aller Beamten den Schluß ziehen, der Vermißte werde immer noch von der Polizei als solcher behandelt und gesucht. Daß er bereits seit dem 5. August in polizeilichem Gewahrsam war, seit dem 14. August in Tegel saß, wurde den Fragenden nirgends mitgeteilt. Nur durch einen zufalligen Untstand, bei Gelegenheit der Bild- ablieferung, die am 29. August erfolgte(nicht schon am 7. August, wie das„Berliner Tageblatt" wahrheitswidrig behauptet hatte), erfuhren ffe, daß der Gesuchte gefunden sei. Da ist es noch ein wahres Glück, daß der Polizei ein Bild übergeben worden war und daß der Vermißte nur vier Wochen und nicht vier Monate oder vier Jahre gekriegt hat. Andernfalls hätte die bedauernswerte Polizei vielleicht vier Monate oder vier Jahre hindurch den immer erneuten Anftagen der Familie standhalten müssen. Denn wenn eine großjährige und verfügungsfähige Person wegen einer Sttafthat verhaftet ist. wird von der Polizei, wie wir jetzt aus dem oben mitgeteilten Schreiben er- sehen, den Angehörigen„gninbsätzlich" nichts über den Verbleib gesagt. Das überläßt sie der betteffenden Person selber, in deren„eignem Interesse". Das sind in der That merkwürdige Zustände! Die Schoßhund-Interessenten. Zu erregten Aufttitten, die noch ein gerichtliches Nachspiel haben werden, kam eS am Sonntag an der Kasse der Internationalen Schoßhund-Ansstellnng, die gegenwärtig im Kistenmacherschen Restaurant, Hinter den Zelten, abgehalten wird. Durch Säulenanschlag war am Sonnabend und Sonntag darauf auf- merksam gemacht worden, daß am Sonntagnachmittag der Eintrittspreis zur Ausstellung nur 30 Pf. bettagc. Das billige Entree hatte einen Massenandrang an Interessenten zur Folge, und bald waren die Ausstellungsräume überfüllt, während noch fortgesetzt neue Menschenmasscn hinzuströmten. Dieser Massenverkehr bewirkte, daß der Eintrittspreis urplötzlich auf 50 Pf. wieder erhöht wurde, und die zunächst an der Kasse Stehenden waren unter allen Umständen gezwungen, diesen Betrag zu entrichten, da bei dem Andrang an dem Billetverkausschalter ein Zurückgehen unmöglich war. Kam- es schon Hker zu lärnienden SceneU, so gestalteten sich die Auftritte an dem unteren Eingang noch viel lebhafter. Hier hatten einige Vorstands- Mitglieder der Ausstellung sich hinpostiert und riefen dem Publikum zu, daß jetzt wegen Ueberfüllung SO Pf. Entree erhoben werde. Auf Hinweise der Hinzukommenden, daß man bei einer Ueberfüllung die Kasse einfach schließen möge, wurde in brüsker Weise von einem Vorstandsmitgliede dahin geantwortet, daß das niemand etwas an- ginge, die Ausstellung mache das, wie sie wolle, und Ivein das nicht passe, der brauche nicht hineinzugehen. Hundertc folgten dieser Weisung, während andre, welche extra weite Wege machten, um die Ausstellung zu besuchen, unter Protest den erhöhten Eintritt be- zahlten. Da in dem Verhalten der Ausstellungsleitung ein Vergehen gegen daS Gesetz des unlauteren Wettbewerbs gesehen wird, wollen einige Geschädigte Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstatten, andre beabsichtigen, auf civilrechtlichem Wege die zu viel gezahlten 20 Pf. resp. die durch die unnötige Fahrt entstandenen Kosten einzuklagen. Bon dem Stand eines Rechtsanwalts und Notars hat die Mit- welt� offenbar nicht die richtigen Begriffe. Denn anders ist ein komischer Streit nicht recht zn verstehen, der zur Zeit die Gemeinde- Vertretung von W e i sz e n s e e beschäftigt. Wohnt dort ein Rechts- anwalt und Notar, der die Absicht hat, seine Wohnung am Ort auf- zugeben. Das sei eine Sache, sollte man meinen, die die Oeffent- lichkeit wenig anginge. Anders aber denkt der Grundbesitzer- Verein von Weitzeirsee. Dieser verlangt in einer Beschwerde an die Justizbehörde, daß dem Rechtsanwalt aufgegeben werde, seine Wohnung am Orte zn behalten oder daß das Notariat einem andern Rechtsanwalt übertragen werde. Die Gemeindevertretung unterstützte diese Beschwerde, wobei sie in Betracht zog, dah durch den Umzug des Rechts- anwaltS dem Ort eine gute Steuerkraft verloren geht. So leicht will dieser Herr sich seine Freizügigkeit aber nicht beschränken lassen. Zwar stellt er aicher Frage, daß er seine Bureaus am Orte belasse, doch müsse er seine Wohnung auf jeden Fall nach Berlin verlegen, da er in Weißensee„keine für ihn passende standcs- gemäße Wohnung finden könne". Wie die Justizbehörde diesen Fall entscheiden wird, steht noch dahin. Der Bau der Handwerkerschulr in der AndreaSstrnfje wird dieser Tage vollendet werden, nur der innere Ausbau der Aula wird noch einige Wochen Zeit erfordern. Das Schulgebäude, welches über die Schillingsbrücke weithin sichtbar ist, zeigt an der dorthin liegenden Ecke einen Turin, während im übrigen die Fassaden bescheiden aus- gebildet worden sind. Das Gebäude mußte in zwei Teilen hinter einander ausgeführt werden, da das auf einem Teil der Baustelle befindliche alte Schulgebäude erst nach Vollendung der ersten Hälfte des Neubaues abgebrochen werden konnte. Während der zweiten Bauperiode mußte sich die Schulverwaltung mit der Hälfte des neuen Gebäudes begnügen. Eisenbahnmiuister Budde, der in der letzten Zeit von Wilhelmshöhe, seinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte, aus auf den verschiedensten Stationen die Bahnhofsgebäude, die Werkstätten und die Verkehrs anlagen der Bahnhöfe besichtigte, Pflegte, wie die Blätter melden. bei dieser Gelegenheit des öfteren die vierte Wagenklasse zu benutzen. Dieser Tage wurde der Minister in Kassel erwartet. Aus diesem Anlasse hatten sich die Mitglieder der dortigen Eisenbahndirektion zum Empfange des Ministers in oorxors auf dem Bahnhofe ein- gefunden. Als nun der Zug auf der Station ein- gelaufen war, glaubten natürlich die Herren der Direktion, ihren höchsten Vorgesetzten aus einem Abteil erster Klasse steigen zu sehen. Da gab es denn sehr erstaunte Gesichter, als Seine Excellenz nach allen Seiten hin freundlich grüßend, einem Wagen vierter Klasse entstieg und sich den ihn erwartenden Herren näherte. Die hübsche Geschichte ist, wie wir annehmen wollen, kein Märchen, und trägt in diesem Falle Herrn Budde hoffentlich keine Unannehmlichkeiten ein. Der Herr ist nämlich auch noch Offizier, und ein solcher darf unsres Wissens sich nur bis in die zweite Klasse versteigen, wie er ebenfalls einp Omnibus nicht benutzen darf. Welche militärischen Interessen fikr diese erzwungene Abstinenz maß- gebend sind, ist allerdings nicht ersichtlich. Das Mittelalter. Die Berliner Innungen wollen gegen alle die, welche den Meistertitel unbeftlgt führen und Lehrlinge halten, mit allen gesetzlichen Mitteln vorgehen. Nach 8 133 der Reichs- Gewerbe-Ordnung dürfen nur die Handwerker den Meistertitel in Verbindung mit der Bezeichnung eines Handwerks führen. die in ihrem Gewerbe die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen erworben und die Meisterprüfung bestanden haben. Auf Grund dieser Bestimmungen haben alle die Mitglieder der Innungen, die nach dem 1. Oktober 1901 selbständig geworden sind, bis zum 1. Oktober 1903 zu erklären, ob sie sich der Prüfung unterziehen oder auf die Führung des Meistertitels verzichten wollen. Die Regierung beabsichtigt für die Handwerkslammer-Bezirke Berlin und Stettin einen gemeinsamen Meisterkursus in Berlin einzurichten und denselben zu einem Meisterkiirfus für das ganze Reich aus- zugestalten. Der Wasserstand der Spree ist im rapiden Steigen begriffen. Seit Jahren hat die Spree keinen solchen hohen Wasserstand gehabt, wie augenblicklich. An niedrigen Stellen ist sie aus ihren Ufern getreten und haben die Wehre an den Schleusen zum Teil herab- gelassen werden müssen. Eine Folge des hohen Wassers ist das Steigen des Grundwassers, das sich vielfach unliebsam bemerkbar macht. Niedrig gelegene Wiesen stehen in großer Zahl unter Wasser, Kartoffel- und Nübenfclder sind nicht zu betreten und das Bestellen der Felder ist sehr erschwert. Aus der Nationalgalerie ist jetzt die Raczhnskische Gemälde- galerie entfernt und nach Posen gebracht worden, wo sie im neuen Provinzialniuseum eine Stätte finden wird. Diese Galerie befand sich ursprünglich im gräflich Raczynskischen Palais KönigSplatz 2. Die Sammlung ist reich an Werken der französischen, italienischen und der deutschen Schule der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die ftci gewordenen Räume in der Nationalgalerie werden in stand gesetzt, um dann einen neuen künstlerischen Inhalt zu be- lammen. Eine Revolver-Affaire, die sich gestern mittag im Friedrichs- Hain, in der Nähe des Teiches, abspielte, rief dortselbst große Auf- regung hervor. An dem nach dem Landsberger Thor führenden Hauptwege stand ein junges Liebespaar, ein Mädchen von etwa 19 und ein junger Mann von etwa 22 Jahren, lebhaft miteinander diskutierend. Schließlich lief das Mädchen mit dem Rufe:„Ach, laß müh in Ruhel" fort. Im nächsten Augenblick zog der Lieb- Haber einen Revolver aus der Tasche und gab einen Schuh auf die Fliehende ab. Ehe der Attentäter zum zweitenmal abdrücken konnte, wurde ihm der Revolver abgenommen, das Publikum hielt ihn so lange fest, bis Schutzleute zur Stelle waren. Der Revolverheld wurde nach der Polizeiwache am Landsberger Platz gebracht. Das Mädchen war glücklicherweise unverletzt geblieben. Motogirl contra Motomädchrn. Vor dem Feriencivilsenat des Kammergerichts fand heute eine interessante Verhandlung statt. Der Impresario Melville aus Newyork, der zur Zeit im Wintergarten die Zugnummer des„Motogirl" vorführt, klagte gegen den Direttor Nosenfeld vom Passage-Theater auf Unterlassung der Bezeichnung „Motomädchen" für eine ähnliche Schaunummer, die zu gleicher Zeit im Passage-Theater aufgeführt wird. Seitens des Gerichts war die Vor- führung des„Motogirl" zum Termin angeordnet worden. Dieses wurde denn auch in einem großen Rohrkoffer nach dem Sitzungssaale getragen, dort herausgenommen und an die Wand gestellt, nachdem ein unter den Kleidern verborgener Mechanismus aufgezogen war. Die Mutter der lebenden Puppe— denn thatsächlich handelt es sich hierbei uni ein hübsches 16 jähriges Mädchen— wohnte der Verhandlung bei. Der klägerische Anwalt machte in seinem Antrage geltend, daß die Schau- nummer„Motogirl" seit fast zwei Jahren in Amerika und England mit größtem Erfolge aufgeführt sei, weshalb sie auch der Wintergarten iür die hohe Monatsgage von 3500 M. erworben habe. Die Zugkraft 'er Nummer liege in ihrem Namen; und da das Passage-Theater unter dem ähnlich klingenden Namen„Motomädchen" eine Nummer aufftihrte, die in der Hauptsache eine Nachbildung des Motogirl sei, so liege hier eine Täuschung des Publikums und ein Verstoß gegen das Gesetz über den unlauteren Wettbewerb vor. Er beantrage daher, das Gericht wolle den Beklagten verurteilen, künftig in seinen An- kündigungen sich der Bezeichnung„Motomädchen" zu enthalten bei Vermeidung von je 1000 Mark Strafe für jeden einzelnen Fall Das Urteil ging auf Abweisung der Klage ans dem formellen Grunde, da zwischen Deutschland und Amerika keine Gegenseitigkeit bezüglich des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb bestehe. So Ivauderte denn die Puppe wieder in ihren Rohrkoffer, ohne daß sie in die Lage gekommen wäre, vor dem Richterkollegium eine kleine Vorstellung geben zu können. Ein schwerer Unfall hat sich gestern auf dem Bahnhof Westend der Berlin-Charlottenburger Straßenbahn-Gesellschaft zugetragen. Dort sollte der Anhängcwagen Nr. 40 aus dem Wagcnschuppen nach dein Vorhofe gebracht werden. Zu diesem Zweck wurde der Wagen mit einem Pserd bespannt. In dem Augenblick, in welchem der Tier anzog, sprang der Schaffner Stelter auf das Trittbrett der Hinterplattform und geriet hierbei gegen einen die Halle stützenden Eisenträger. St. wurde zwischen diesen und die Seitenwand der Plattform gequetscht und erlitt einen Beckenbruch sowie erhebliche innere Verletzungen. Der Verunglückte wurde auf Veranlassung eines hinzugerufenen Arztes mittels Transportwagens nach dem städtischen Krankenhause in Charlottenburg gebracht. Wahnsinnig geworden ist gestern vormittag der Kellner K. aus der Wollinerstraße. Er hatte den Verlust seines kleinen Vermögens sich derart zu Herzen genommen, daß er seit längerer Zeit an Trüb- sinn litt. Gestern verfiel er in seiner Wohnung plötzlich in Tob sucht, so daß er von Schutzleuten festgenommen und vorläufig auf die Polizeiwache gebracht werden mußte. Von dort wurde er in eine Heilanstalt geschafft. Oleum. Der 37 Jahre alte Arbeiter Christian Wedell lebte mit seiner 33 Jahre alten Frau seit 13 Jahren in einer unglücklichen Ehe, aus der vier Kinder von 12 bis 2 Jahren hervorgingen. Vor einem halben Jahre trennten sich die Eheleute, die damals in der Völkerstratze wohnten. Die Kinder kamen in das Waisenhaus, die Frau zog nach der Grünthalerstr. 19 in Schlafstelle und arbeitete seitdem in einer Plätterei in der Swinemünderstr. 60. Wedell vcr- folgte seine Frau, die er erst schwer mißhandelt hatte, mit Annähe rungsversuchen, hatte damit aber keinen Erfolg. Wieder holt lauerte er ihr vor ihrer Wohnung auf, ohne sie zu treffen. Am Sonntag Mittag, kurz nach 12 Uhr, hatte er sich vor dem Plättkeller in der Swinemünderstratze aufgestellt. Als nun seine Frau herauskam, um zum Kaufmann zu gehen, goß er ihr Oleum ins Gesicht, so daß sie schwer verbrannt nach der Charits gebracht werden mußte. Nach der Uebelthat ergriff Wedell die Flucht, wurde aber später festgenommen. Radrennbahn Friedenau. Der Kampf um daS goldene Motorrad von Berlin gestaltete sich außerordentlich hartnäckig und endete damit, daß Dickcntmann seinen Rivalen Robl im Stundenrennen besiegte. Um 430 Meter blieb dieser hinter dem Holländer zurück, der bis zum 30. Kilometer die Führung hatte, sie dann an Robl verlor, um vom 60. Kilometer ab abermals die Führung zu übernehmen. Als Dritter endete Görnmanu, der trotz seines Sturzes vom vorigen Sonntag ausgezeichnet fuhr. Im 20 Kilometcr-Rennen behauptete Robl sich mit großer Mühe gegen Dickentmann. Die einzelnen Rennen verliefen wie folgt: 1. Hauptfahren für Herrenfahrer. 1000 Meter. 1. Martens 1: 49,4. 2. Andr. Hansen. 3. Bruno Schmidt.— 2. 20 Kilonieter- Rennen. 500, 400, 300, 200, 100 M. 1. Robl 16: 10. 2. Dickend mann, 4 Meter. 3. Bruni, 1020 Meter. 4. Käser, 1290 Meter. 5. Görnemann, 2070 Meter. 3. Meisterschaft für Motorräder. 20 Kilometer. 1. Haacke 19: 23,3. 2. Progreß- Motor, 150 Meter. 3. Progreß- Motor, 320 Meter. 4. Das Goldene Motorrad von Berlin. Stundenrennen. 1000, 600, 400, 300, 200 M. 1. Dickent mann 72 Kilometer 910 Meter. 2. Robl 72 Kilometer 480 Meter. 3. Görnemann 69 Kilometer 645 Meter. 4. Käser 69 Kilometer 640 Meter. 5. Bruni 67 Kilometer 290 Meter. 5. Tandem-Hanpt fahren für Herrenfahrer. 2000 Meter. 1. Hansen-Schmidt 2:53,4. 2. Martens- Kadagics. 3. Tadewald- Schumann. 6. Schrittmacher- Meisterschaft. 10 Kilometer. 1. Thormann- Wolf sDickentmann) 7: 40,1. 2. Borchardt- Kunze(Görnemann), dichtauf. 3. d. Regt- Dunkel(Dickentmann), dichtauf. 4. Käser, weit zurück. Wolf(Görne- mann), Motordefekt. Den Großen Preis der Republik gewann am Sonntag auf der Pariser Prinzenparkbahn der Erwartung entsprechend Ellegard; Zweiter wurde van den Born, Dritter Jenkins. In der Weltmeister schaft der Schrittmacher über 10 Kilometer siegte M. Fournier in 5 Minuten 55,1 Sekunden(neuer Weltrekord) vor Anzani(300 Meter zurück) und Marius Tho(weitere 10 Nieter zurück). Das Stunden- rennen ergab einen neuen Stundenweltrekord, den Hall als Sieger mit 84 Kilometer 140 Meter aufstellte. Contenet wurde Zweiter, Dangla Dritter, Bouhours Vierter. Zus clen I�ackbarorten. Treptow-Baumschulenweg. Morgen Mittwoch, abends S'/s Uhr, un Restaurant Ackermann, Baumschulenstr. 87: Wahlvereins-Ver sammlung. Die Broschüre„Die preußischen LandtagSwahlen" gelangt zur unentgeltlichen Ausgabe. Schreckliche Schauergeschichtenbringenhiesige Blätter über angebliche Prügeleien im Charlottenburger Volkshause. So teilt der konservative„Lokal-Anzeiger" folgendes mit: Eine große Schlägerei gab es nachts wieder im Volkshause Charlottenburg in der Rosinenstratze. Der„Charlottenburger Bühnenklub" feierte dort sein Stiftungsfest, bei dem in der fünften Morgenstunde ein so furchtbarer Spektakel entstand, daß die Wache des zweiten Reviers einschreiten mußte. Das war aber erst ein Vor- spiel. Noch viel toller»vurde es um b'/z Uhr. Die Fe st t e i l- n e h m e r, Vereiusmstgliedcr und Gäste hatten sich in zwei Parteien gespalten, die sich gegenseitig mit allen Werkzeugen. derer sie habhaft werden konnten, bearbeiteten. Gegen 5>/z Uhr pflanzte sich die unterlegene Partei, die hinausgeworfen worden war, am Ausgang in einer Stärke von 50 bis 60 Mann auf und fiel über jeden her, der herauskam. Es gab ein wüstes Handgemenge mit unzähligen blusigen Köpfen. Einem der Festteilnehmer sollen sogar vier Rippen mit den Füßen eingetreten sein. Wieder mußte die ganze Wache des zweiten Reviers ausrücken, um den Skandal und Blut- vergießen ein Ende zu machen. So soll es nun schon drei- mal hintereinander vom Sonnabend auf den Sonntag gegangen sein. Einzelne Schutzmänner können gegen diesen Unfug, der zahllose Anwohner um die Nachtruhe bringt, nichts ausrichten. Jetzt wollen die betroffenen Bürger mit einer Bittschrift die Polizeidirektion um Abhilfe angehen. Hierzu wird uns von authentischer Seite gemeldet, daß eS von allen Charlottenburger Lokalen wohl im Voltshause am ruhigsten zugeht und lärmende Vorgänge gerade hier zu den größten Seltenheiten gehören. Was nun im besonderen der Fall vom Sonntag bettifft, so trug sich dieser wie folgt zu. Ein Athleteuklub hatte im Charlottenburger Gesellschastshause, einem für die Arbeiter- jchaft gesperrten Lokale, ein Vergnügen abgehalten. Mitglieder dieses Vereins, meist halbwüchsige Burschen, suchten auf dem Nach- Hausewege ins Volkshaus einzudringen, jedoch mutzte ihnen schon wegen des unzurechnungsfähigen ZustandeS, in dem sie sich befanden, der Zuttitt zu der vom Bühnenklub gemieteten Vergnügungsstätte untersagt werden. Als sie dennoch sich Eingang zu erzwingen suchten, blieb dem Wirt und seinen Gästen nichts übrig, als ihr Hausrecht geltend zu machen und die Eindringlinge nachdrücklich hinaus zu komplimentieren. Diese notgedrungeue Abwehr eines Hausfriedensbruchs wird nun von dem konservativen Blatte in nicht mißzuverstehcnder Absicht zu einer Prügelei umgedichtet, die sich unter den Vereinsmitgliedern im Volkshause selber entsponnen hat: und wo man einmal beim Fabulieren dabei ist, dichtet man auch noch etliche Bürger hinzu, welche der Bersammluuasstätte der organisierten Arbeiterschaft die Polizei aus den Hals schicken w ollen. Traurig, daß auch noch Arbeiter zu den Lesern des konservative» Blattes gehören und sich solche tendenziöse Märchen vorsetzen lassen. Wcißensce. Unter dem Titel„Feldsinann kontta Martens" hat ein Herr Martens hier am Orte eine Broschüre herausgegeben, welche recht gehässige Angrisse gegen den Amtsversteher und die Ge- meindevertretung enthält. Die Gemeindevertretung beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit dieser Angelegenheit, und es ging ein Antrag ein, gegen den Verfasser der Schmähschrift Strafantrag zn stellen. Demgegenüber gaben unsre Parteigenossen die Erklärung ab, daß sie sich durch die Angriffe des Herrn Martens nicht beleidigt fühlten und sich daher in der Angelegenheit der Stimme enthalten würden. Da sich herausstellte, daß den meisten Mitgliedern der Ge- meindeverttetung der Inhalt der Broschüre unbekannt ist, wurde be- schlössen, sich in einer neuen geheimen Sitzung weiter mit dem Fall zu beschäftigen. Ucbcr die Versetzung eines Schutzmannes, welche unter merk- würdigen Umständen erfolgte, meldet die„Potsd. Corr.": Als Nach- Wirkung der Steinbombardements, tvelche im Frühjahr wiederholt gegen die Wohnung des Potsdamer Polizci-Jnspektors, Hauptmanns Freiherr von Kleist, zur Nachtzeit stattfanden, ohne daß es bisher gelang, die Thäter zu ermitteln, ist jetzt die von der Regierung vcr- fügte Versetzung des Schutzmanns Geue nach Hannover zu bettachten. Nach dem zweiten Steinattentat war Geue, der nicht weit von der v. Kleistschen Wohnung seine Wohnung hat, bei der Kriminalpolizei in Verdacht geraten, mit dem Steinattentat in Verbindung zu stehen, weil er mir einem Vorgesetzten vorher Strett gehabt hatte. Es wurde deshalb bei Geue eine Haussuchung abgehalten, wobei man die in der v. Kleistschen Wohnung vorgefundene Steine verglich. Geue konnte aber sein Alibi nachweisen, auch fand man bei ihm nichts, waS ihn irgendwie verdächtig hätte. Er fühlte sich deshalb durch die Haus- suchung schwer gekränkt und beschwerte sich darüber bei dem Re- gierungs-Präsidentcn und, als er abgewiesen wurde, auch beim Minister des Innern, der seine Beschlvcrdc gleichfalls als unbegründet zurückwies. Nunmehr hat man seine Versetzung verfügt, nachdem schon vor einiger Zeit der Vorsteher des IV. Polizeireviers, in welchem die v. Kleistsche Wohnung belegen ist, Lieutenant Kratz, nach Königs- bcrg i. Pr. versetzt wurde, lim lveitere Ruchlosigkeiten gegen die Wohnung des Polizei-Jnspektors zu verhüten, wird dieselbe zur Nacht- zeit besonders polizeilich bewacht. Kaufmännische Kranken- und Sterbekasse von 188»(E. H. 7t) 80. IS. Ncanderslr. 4. Dienstag, 13� September er., abends 9 Uhr, im Restaurant Frädrich, Alte Jakobstr. 89: Sitzung. Deutscher Arbeiter-Zlbstinenten-Brnd, Ortsgruppe Berlin. Mttwoch, den 15. September, abends 8ili Uhr, im„Englischen Host, Reue Roßstr. 3: Vortrag dcS Genossen Georg Daoidsohn über: Alkohol und Dichtkunst. Diskussion. Gruppcnangelegcnhciten. Gäste willkommen. Unterstützungsvercin der Bierabzieher Berlins und Umgegend. Mittwoch nach dem 15. eines jeden Monats, abends 9 Uhr, Kommandanten- straßc 65: Versammlung. Ausnahme neuer Mitglieder. Singegangene Druchfcbriften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben daS 50. Hest des 21. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des HefteS heben wir hervor: Eine Politik der Verzweiflung.— Noch ein Wort zum Partei- tag. Von Karl Kautskh.— Zur Eisenbahnstagc. Eine Aufgabe unsrer ReichStags-Fraktion. Von Wilhelm Keil.— Der Arbeitsnachweis als Kampfmittel der Arbeitgeber-Vcrbnndc. Von Emil Fischer.— Der deusiche Städtc- tag und die deutsche«tädtc-AuSstclluug. Von Emanuel Wurm.— Jugend- litterasilr und SocialisinuS. Von Richard Lcvy.— Litterarische Rundschau: Dr. Theodor Spick ermann. Der Teilbau in Theorie und Praxis. Von Ludwig Oucssel. Die genossenschastliche Brotproduktion. Dr. msä. Heberlü». Der habituelle Schwachsinn des Mannes. Von Ferdinand Frey. Die„Neue Zeit" erscheint wöchenttich einmal und ist durch alle Buch- handlmigcn, Postanstaltcn und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen. In der Zeitungspreisliste der Postanstalten ist die „Reue Zeit" unter Nr. 5575 eingetragen, jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. DaS einzelne Hest kostet 25 Pf. Probcnummcrn stehen jederzeit zur Vcrsügung. Vermiscktes. Der Sonntag früh 7>/. Uhr von Amsterdam«ach Berlin abgegangene Schnellzug ist bei Barneveld(zwischen Amersfoort und Apeldoorn) entgleist. Drei Schwerletzte wurden in das Kranken- Haus zu Apeldoorn gebracht: etwa 15 Personen sollen leicht verletzt sein. Nach Auskunft der Bahnverwaltung befindet sich unter den Verletzten kein Deutscher. Neber ein beklagenswertes Bergwerksunglück wird aus Köln ge- drahtet: Auf einem zur Grube„Von der Heydt" gehörenden Schacht stürzte am Sonnabendnachmittag infolge Reißens des Förderkoro- feiles eine Förderschale mit vier Bergleuten in die Tiefe. Sämtliche vier Arbeiter sind tot. Bierkwürdige elektrische Schläge. In einem Bergwerk der Roschall Coal Company wurden fünf Bergleute in verschiedenen Teilen der Grube von heftige» elektrischen Schlägen gettoffem Zwei von ihnen blieben tot. Ein Teil des Bergwerks ist elektrisch be» leuchtet, aber gerade in dem Teil, wo das Unglück vorkam, ist keine einzige elektrische Leitung, und es erscheint vollständig unerklärlich, wie die Elekttizität dorthin kam. Ein Raubmord wurde in H e r m S d o r f bei Braunau verübt. Nachts drang ein Mann ins Schlafgemach der Wirtschafterin Teuber, die in tiefftem Schlafe lag. Der Verbrecher zertrümmerte mit einer Axt der Wirsichafterin den Kopf, so daß deren Tod sofort eintrat. Hierauf raubte der Verbrecher Geld und verschiedene Schmucksachen. Der Mörder ist noch nicht ermittelt. In Bukarest und in dessen Umgebung wurden Sonntagvormittag starke 17 Sekunden dauernde Erdstöße verspürt. In Constantza wurde gegen 10 Uhr vormittags ein leichtes Erdbeben, das etwa eine Minute anhielt, wahrgenommen. Schaden wurde nicht an» gerichtet. Aus Siedler in Russisch-Polen wird vom Sonntag berichtet: Heute Nacht wurde die Elschbeter Zuckerfabrik durch eine Feuers» bruust zerstört; der Schaden ist sehr beträchtlich. Marktpreise von Berlin am 12. September 1903 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. 'Weizen, gut D.-Ctt. mittel gering„ 'Roggen, gut mittel„ gering. siGerste, gut Nüttel gering fHaser, gut mittel„ gering Richtstroh iSIl vßfen„ Speisebohnen» Linsen • ab Bahn. f frei Wagen und ab Bahn. Kartoffeln, neue D.-Ctt. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch, Schweinefleisch Kalbfleisch, Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schlei« Bleie Krebs« 60 Stück 1 kg per Schock 7.00 1,80 1,50 1,60 1,80 1,80 2,60 4,50 2,40 2,60 3,00 2,40 1,80 3.00 1,40 18.00 4,00 1,20 1,10 1,20 1,20 1,20 2,00 2,60 1,40 1,60 1.20 1,20 80 1,40 80 3,00 Stationen L e |g c a Z .5 B m«■ Wetter winemde. Hamburg Berlin Franks.a.M. 760'N ___ r.„ m Hill 759 NNO 762 NNO 756jNNO ! 7Rcgen 2Regen 4 Regen tzbcdcckt 5Regen 1 bedeckt c-i« H Z- Stationen taparanda etcrsburg Cork Wcrdeen Paris sü a c 701 767 774 764 ja§ £ B 63«■ -SW Better 2bedeckt 1 wollig l'wolkenl 3>wolkig bis c% S» gbi H 3s München|757,J3 5Reacn 8 Paris 764 NRW Wien Wetter-Prognose für Dienstag, den 1». September ISvZ. Etwas wärmer, zeitweise aujklarcnd, vorwiegend ttübe und regnerisch bei mäßigen östlichen Winden. Beranlworllicher Nedaltem- Julius Kaltsti in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin, Druck und Verlag: Vorwärts Suchdruckerei und Verlagsairstall Paul Singer& Co., Berlin SV.