Nr. 816. HbonncmenfS'Bedingungen: vdonnemcnts- PrciZ pränumerando! Bierteljährl. 3,30 Ml. monofl. 1,10 Ml. wöchemiich 28 Pfg. frei ins HauZ. Einzelne Nuuimer K Pfg. EonntagZ. uummer mit illustrierter Sonntags» BeUage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in der Post.ZeiwngS. Preisliste für Ivo» unter Nr. 8803. Unter Kreuzband für Deutschland mid Oesterreich-Ungarn s Marl, für das übrige Ausland t Marl pro Monat. krlcheliit laglich außer montags. 20. Jahrg. Dlt Insertion!-Lebaht deträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zcile oder deren Raum 40 Pfg. für politische und gewertschaftlichc Vereins- und Vcrsammlungs-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Snreigen" jedes Wort S Pfg. snur daS erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis e Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Woche»- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis SUhr vormitttags geöffnet. Vevlinev Volksdlcrkk. relegramm-Noreffe: „ßoclaltiemoßlat SerU»- Centralorgan der focraldemokratiMen Partei Deutschlands. Redaktion: 8Äl. 68» Lindcnatrasac 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Expedition: SWl. 68» Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Aus der gestrigen Nummer mußten in letzter Stunde verschiedene wichtige Mtteilungen herausgenommen werden, da der Parteitags- bericht einen nicht vorherzusehenden Umfang annahm. Wir bitten das zu entschuldigen. Das Preußische Herrenhaus im „großen" Jahr. Die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen werden für unsre Partei in der nächsten Zeit die innerpreußischen Verhältnisse in den Vordergrund des Interesses rücken. Haben wir dabei das Auge vor- wiegend auf das Abgeordnetenhaus zu richten, dem ja in erster Linie mit das bekannte, im Austrage des Parteivorftandes verfaßte Handbuch für die Landtagswahlen gewidmet ist, so darf doch auch das Herrenhaus in Anspruch nehmen, wenigstens in etwas bor den, Schicksal der Vergessenheit gerettet zu werden. Dies um so mehr, als sich stmerhalb seiner f eignoralen Mauern von Parteischattierungen im land- läufigen Sinne nicht reden läßt und hier die nackten Interessen in jenem hoffähig wattterten und würdevoll polierten Gesellschaftstone sich breit machen konnten und können, der sich mit den.Staats- geschästen" in wenig Sitzungen im Jahre abzufinden und sie jeweils bis zur Dinerzeit im tradittonellen Ramsch zu erledigen weiß. Mochten die Dienste, die das Herrenhaus während der Konfliktszeit Bismarck gegen die fortschrittspartciliche Mehrheit des der- zeitigen Abgeordnetenhauses geleistet, in der Hoffnung des Junkertums eine weitere und größere polittsche Nolle zunächst zu begründen und zu verbürgen scheinen, so sah das Herrenhaus sich nach 1866 und dem Erstehen des Norddeutschen Bundes, als Bismarck sich entschieden den Liberalen näherte, bitter enttäuscht. Wederholt trifft man in den Sitzungsberichten jener Zeit auf Auslassungen, die dem Gefühl der Mißstimmung unverhohlen Ausdruck gaben. Einsichttgere Köpfe konnten sich zwar der Notwendigkeit einer Er- Weiterung des Zoll- und Handelsgebietes nicht verschließen. So folgte man der Entwicklung polternd und mit verbissenem Ingrimm. Noch unmittelbar vor dem.großen" Jahr, das Deutschland die Einheit bringen sollte, im November des Jahres 1869, als sich anläßlich eines für den Norddeutschen Bund zu schaffenden obersten Handelsgerichts eine Debatte über den Einheitsstaat entsponnen hatte, sttmmte einer der einflußreichsten Junker, Graf zur Lippe, die bewegliche Klage an:.Fehlt es zur Zeit noch an einer ausdrück- fcchen Desavouierung des Herrenhauses, die ganze Entwicklung führt zur Schwächung und Vernichtung derjenigen Körperschaft, von der, dessen bin ich gewiß, einst in den Büchern der Geschichte zu lesen sein wird, daß sie in den Zeiten der Gefahr und des inneren Konflikts eine feste und zuverlässige Stütze der königlich preußischen Regierung gewesen ist." Es ist dieselbe Gelegenheit, bei der eben jene junker- liche Seele den geflügelten Ausspruch that, der das Stigma unsrcs ganzen späteren BerfassungSlebens geworden ist und heute mehr als je Geltung besitzt, daß die Bedeutung einer Verfassungsurkunde und ihrer Wirkung viel weniger von ihrem Wortlaut als von der Uebung und Handhabung des Gebrauchs abhängig fei. Leute wie Graf Münster verhehlten sich zwar nicht, daß bei einer Fortentwicklung des preußischen Königtums zur Kaiser würde»jetzt, da Preußen Deutschland in der Gewalt hat", die Junkerclique in Armee und Verwaltung wohl auf ihre Kosten kommen möchte. Andrerseits aber befürchtete man— und das ist der Kernpunkt, der die Erklärung für die damalige Haltung der Herrenhäusler abgiebt— von einer Erweiterung deS Zollgebiets und von Zugeständniffen an Handel und Industrie eine Schädigung der heiligen Interessen der Großgrund- besttter. In der unverblümtesten Weise sprach dies eben jener Graf Münster aus, als 1369 das Gerücht austauchte, die preußische Re- gierung beabsichttge zur Förderung des Eisenbahnbaues eine Prämien- anleihe von 1«) Millionen Thalern aufzunehmen, und dicserhalb im Herrenhause eine Interpellation eingebracht ward. Hier sagte er u. a.: „Es hat in allen Kreisen der Bevölkerung diese Nachricht eine große Bc- forgnis erregt, namentlich beim Grundbesitz, der ftirchtet, daß die Kredit- Verhältnisse erheblich dadurch tangiert und zu seinem Nachteile alteriert werden würden. Der Grundbesitz glaubt, daß er das Recht habe, als Lieblingskind der königlichen Staatsregierimg behandelt zu werden, und fürchtet, daß er sehr leicht durch Vorgehen dieser Art zum Sttef- kinde werde". Ist dieser Ausspruch mit Recht zum geflügelten Wort geworden, so ward die darin enthaltene Befürchtung, wie die ganze mehr als dreißigjährige Geschichte des Deutschen Reiches lehrt, niemals Wahr- heit. Großgrundbesitz und Großindustrie hatten sich bald genug gefunden, und wie man heute den Beutezug auf die Taschen des Volkes gemeinsam inspiriert, so haben in der Gründerperiode die Kardorff Profite und Aemter mit gleicher Virttiosität wie die Miquel einzuheimsen verstanden. Vor dem„großen" Jahr freilich schwamm das Junkertum in eitel sittlicher Enttüstung ötT jeden mühelosen Verdienstes. So that in der Diskussion über vorerwähnte Anleihe ein Herr von Below den famosen Ausspruch, der sich heute der gesamten Junkersippe zur Beherzigung ins Stamwbuch schreiben ließe:„Der Mensch ist dazu bestimmt, im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu verdienen, und jedes Verdienst, das nicht daran geknüpft ist, ruiniert den nattonalen Charakter. Und nun sollte die konigl. preußische Regierung selbst diese Ursache des Ruins des öffentlich-sittlichen Charatters proklamieren? Das bloße moralische Gefiihl— ich spreche von dem Christentum und seinen Forderungen noch gar nicht— widerstreitet dem I Es ist in der That erfahrungsmäßig deprimierend flir den Menschen, einen Gewinn ohne Arbeit zu suchen.. So sehen wir, wie der preußische Partikularismus des Junker- tums, derselben Leute, die heute Reichstreue und PatriottsmuS in Erbpacht zu besitzen vorgeben, der sich anbahnenden Reichsgründung gegenüber durchaus mißtrauisch verhält, wie die immerhin in jenem Vorgang zum Ausdruck gelangenden wirtschaftlichen Bedürf- nisse des Volkes hinter das eigene materielle Interesse zurückgestellt werden. Unzweideuttg kam dieser Standpunkt noch zur Geltung, als während der Belagerung von Paris und nach der Kaiserproklamatton das Herrenhaus eine Adresse an Wilhelm I. beriet. Schon die Begründung konnte es sich nicht versagen, die Animosität, die gegen den Reichstag des Norddeutschen Bundes vorgeherrscht hatte, in zlvar lächerlicher, aber um so verstärkter Weise auf den neuen Reichstag zu überttagen. „Indem wir," heißt es in derselben,„die Erweiterung der Kompetenz derReichs-Gesetzgebnng heute willig anerkennen, drücken wir indirekt damit ans, daß wir einen Rechtsanspruch haben, dieser Erweiterung der Kompetenz widersprechen zu können, von der wir in diesem Augenblick einen Gebrauch zu machen absehen."„Das Herrenhaus und die konservative Partei," sagte damals ein andrer Redner aus dem edlen Stamme derer v. Kröcher,„haben in einem großen Teile ihrer Mitglieder sich nicht mit jugendlichem Elan an den deutschen Einheitsbestrebungen beteiligt, sondern mit besonnener Prüftmg, mit einer gewissen Reserve: nicht weil wir kein Herz hätten für die Macht und die Größe Deutschlands, sondern weil wir vor allen Dingen Preußen sind und die Besorgnis hegten, daß der Einheit andre größere Güter zum Opfer fallen könnten. Und ich füge hinzu, diese Be- forgnis ist auch jetzt noch nicht völlig beseitigt." Diese größeren Güter, die man nicht opfern wollte, umfaßten eben in erster Linie die materiellen Interessen des Junkertums, dann aber auch die instinkttve Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und ge- Heime Wahlrecht, das man gar zu gern neben dem Bundesrat noch durch eine Kammer nach dem Muster des englischen Hauses der Lords korrigiert gesehen hätte. In resignierten Worten gab der alte von Kleist-Retzow diesem Verlangen Ausdruck:„Das Deutsche Reich besteht! Wir werden es nicht ändern, niemand wird es so leicht ändern. Besteht es einmal, dann, meine Herren, müssen wir auch als Herrenhaus irgend eine bestimmte Stellung dazu gewinnen und uns über diese Stellung offen aussprechen. Dann miissen wir gleichzeitig die Be- denken aussprechen, die wir in seiner gegenwärtigen Organisation noch empfinden... Nur durch(die Bildung eines) Staatenhauses werden wir die Gefahren beseittgen können, die ein einheitlicher Reichstag, aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen, fiir die Betvahrung der föderattven Natur des Reiches und damit der deutschen Mannig- faltigkeit und Freiheit hat. Er wird notwendig auf einen Einheits- ftaat drängen und dannt einen fortgesetzten Krieg gegen die be- Ivahrten einzelnen Staatswesen ftihren, wenn diese nicht in der Vertretung durch ein Staatcnhaus selber ihre Garantte finden." Schon damals lief ein Herr v. Gruner gegen das allgemeine Wahl- recht zu Gunsten des preußischen Dreiklassensystems Sturm. Siur wenige vermochten damals zu ahnen, bis zu welchem Grade es der Socialdemokratte gelingen würde, auf Grund des allgemeinen Wahlrechts das Proletariat zur Einsicht zu erziehen und seine Re- Präsentanten der deutschen Einheit selber zu machen. Die Frage ist heute nicht mehr, wie es dies noch für den Liberalismus eine Zeit lang war, ob Deutschland ein centralistischer Staat werden solle, es handelt sich um den monarchischen Charakter Deutschlands über Haupt. Als das Centtum noch der Reichsfeindschast bezichttgt ward, konnte Ketteler im Reichstage einen Antrag, der für Mecklenburg eine Censusverfassung vorschlug, mit der Begründung zurückweisen: „Wenn der Reichstag diese Vorlage annehmen will, so könnte ich nur für dieselbe stimmen unter der Bedingung, daß es so hieße: In jedem Bundesstaat muß eine aus direkten, allgemeinen und geheimen Wahlen hervorgehende Volksverttettmg hergestellt werden. So sehr der heuttge Klerikalismus aus der Person Kcttelers Kapital zu schlagen sucht, keinem Centrumsmanne würde es noch einfallen, eine derarttge socialdemoftatische Forderung im Reichstag zu erheben. In diesem Puntte haben sich die Konservattven, die vor 1870 die Klerikalen trotz ihrer demokratischen Allüren für den Konservattsmus in Anspruch nahmen, nicht getäuscht, ebenso wenig wie in dem andren, den der vorerwähnte Kleist-Retzow hervorhob, daß die der- bündeten Armeen und damit das Volk die Einheit Deutschlands re- präsenttcrten und daß hierin die Gewähr des allgemeinen Wahl- rechts lag. Schon dieser geschichtliche Zusammenhang läßt er- kennen, wie jeder Versuch, dem Volke das bestehende Wahlrecht zu nehmen, auf die Dauer scheitern muß. Die Beratung der Adresse an Wlhelm I. fft die markanteste Episode, deren das preußische Herrenhaus im„großen" Jahr sich rühmen kann. Seine ganze übrige gesetzgeberische Thätigkeit spielt sich ab mit jener feudalen Nonchalance, die auf das Mittagessen wartet, hin und wieder gewürzt mit einigen Ausbrüchen junkerlicher Profitgier. Es braucht nicht wunder zu nehmen, daß ein edles Mitglied derer v. Belolv, als das Tabaksmonopol Ende 1869 zur Sprache kam, in seinem Kommissionsreferat den Konsumenten ganz vergaß, um dann in einem Epilog das Versäumnis wie folgt nachzuholen: „Ich möchte doch ergänzend erwähnen, daß ich vergessen habe hervor- znheben, wie natürlich beim Monopol dirett und allein der Konsument die Steuer trägt." Ist diese Begründung einer indiretten Steuer ob ihrer klassischen Form und Einfachheit schon der konservattven Nacheiferung im kommenden Reichstag würdig, so nicht minder die Logik eines Herrn von Senfft-Pilsach. der sich folgende Bemerkung erlaubt":„E§ ist zur Sprache gebracht worden, daß die indirekten Steuern gefördert toerden möchten. Ich stimme dem vollständig bei und will nur darauf aufmerksam machen, daß die indirekten Steuern eigentlich viel weniger fühlbar sind als die direkten und größtenteils freiwillig. Wem eine Weinsteuer zu hoch ist, der kann sich helfen! Er ttintt wenig oder keinen, er läßt sich keine feinen Weine kommen; sind ihm importierte Cigarren zu teuer, so raucht er vielleicht inländische oder gewöhnt sich, was noch besser ist, daS Rauchen völlig ab. Ich weise nur darauf hin, baß bei dieser Gelegenheit manches au machen ist." Diese tür die Arbeiterflaift gewiß sehr nachahmenswerte, nützliche und einfache Methode, die indirekten Steuern loszuwerden, wird noch überboten von dem Herrn v. Kleist-Retzow, der es für„eine einseittge, unlebendige Auffassung" der Staatsregierung erklärt,„die Steuern überhaupt allein auf das Einkommen aufzulegen. Die Staatsregierung hat den ganzen Menschen, das ganze Leben, die Lebensäutzerungen der ganzen Natton ins Auge zu fassen." So empfiehlt auch er die indirekten Steuern,„weil man nicht merkt, daß man Abgaben giebt, vielmehr nur die Bedürfnisse, die man braucht, so viel teurer bezahlt". Hervorgerufen aber ist das Ge« schrei nach indiretten Steuern durch die sogenannten Matrikular» Umlagen, die Zuschüsse der Einzelstaaten zu den Reichsverwaltungs» kosten.»Die Einzelstaaten bekommen ungewollte Ausgaben zu tragen, die sie nicht beschlossen haben. Der Finanzpolittk derselben sind trotzdem die lebendigsten Quellen in den Zöllen durch deren Neber- Weisung an das Reich entzogen, die Ausgaben müßten daher durch Mittel, die den Einzelstaaten übrig gelassen sind, gedeckt werden, und kaum ist das anders möglich als durch Erhöhung der direkten Steuern." Eine Aenderung ist„nur möglich durch Herstellung entsprechender umfangreicher indirekter Einnahmen für das Reich". Man sieht, als die Frage der indirekten Abgaben zuerst auf« tauchte und die proletarische Bewegung noch in ihren Anfängen stand, sprach das Junkertum es offen aus, wie damit eine Abwälzung der Reichslasten von den Besitzenden auf die Nichtbesitzenden bezweckt war. Die gleiche menschenfteundliche und staatserhaltende Ge- sinnung offenbart es auf allen andern Gebieten. Da soll ein mit vielen Kindern gesegneter, arbeitsamer Familienvater, lediglich weil er mit Schulgeld im Rückstände ist, der Freizügigkeit verlustig gehen, da man einer Gemeinde nicht zumuten könne, einem in der Ver- armung Begriffenen ihre Thore zu öffnen, da steift man sich gegen die Aufhebung der Abgabe auf Gesindebücher, weil die Dienstboten doch Nahrung, Wohnung und Kleidung haben und deshalb füglich zu den wohlhabenden Klassen zählen, die Vergünstt- gung auch nur jenen vagabondierenden Dienstboten zu gute kommen würde, die alle paar Monate weiter ziehen." Daneben kommt dann der Haß gegen die moderne Schule und den modernen Staat zum Ausdruck, welcksi letzterer nach der geschmack- vollen Aeußerung des Herrn v. Kleist- Retzow an Stelle des Christentums den Humanismus setzt,„allerdings gegenwärtig noch zehrend vom Christentum und von ihm plattiert, aber je mehr er das Christentum abstteift, in voller Besttalität dastehend". Dieser „Racker von Staat" fteilich, den bei andrer Gelegenheit Graf Galen unter leiser Heiterkeit als persönliche Erinnerung an Friedrich Wilhelm IV. anzog, trug diesem feudalen Herrn eine Rüge des Vorsitzenden ein, weil man offenbar in hochgesippter Gesellschaft beim Namen des Königs nicht lachen darf.— Gerade die Verhandlungen des„großen" Jahres zeige« uns die herrenhäuslerische Clique in ihrer ganzen politischen und mensch- lichen Kleinheit, die nichts kennt außer ihren Titeln und ihrem Interesse. Der Ansturm des Proletariats wird über kurz oder lang auch diesem Leichnam zu seinem Sarge verhelfen.— ipoUttoke Qcbcrficbt. Berlin, den 15. September. DaS Apothekengcschiift. Für den Besitz und den Betrieb der Apotheken bestehen in Preußen und den meisten andren deutschen Staaten zweierlei Rechts« formen: das Privilegium und die Konzession. Die Besitzer der privilegierten Apotheken, deren Privilegien meist aus älterer Zeit stammen, können ihre Privilegien und Apotheken zu jeder Zeit durch Verkauf ic. an andre approbierte Apotheker abtreten. Die älteren Konzessionäre können ihre Apotheken ebenfalls zu jeder Zeit an andre Apotheker verkaufen und die Regierung ist dann verpflichtet, die Konzession an den ihr präsentierten einwandsfreien Käufer zu übertragen. Vor mehreren Jahren wurde aber diese Verkäuflichkeit der konzessionierten Apotheken infofern etwas eingeschränkt, als die von da an erteilten Konzessionen erst nach zehnjährigem Besitz von dem Konzessionsempfänger weiter ver- kauft werden dursten. Neuere Verordnungen, bestimmen ferner, daß die seit ihrem Erlaß erteilten Konzessionen beim Tode des Inhabers oder bei Aufgabe desjBetriebes seitens dieses an den Staat zurückfallen, der sie dann seinerseits anderweitig vergeben kann. Die Modalitäten, unter denen die Geschäftseinrichtung f�von dem Nenkonzessionar zu übernehmen ist, sind dabei nach besttmmten Grundsätzen geregelt. Durch alle diese Verordnungen glaubte die Regierung den Wucher mit den Slpotheker-Privilegien und-Konzessionen und die hohen Preise für Apotheken bei Verkäufen zu verhüten oder einzuschränken. That« sächlich ist dieser Erfolg aber nicht eingetreten, vielmehr sind, wie genugsam bekannt, bis in die neueste Zeit die ungeheuer- lichsten Preise für Apotheken bezahlt worden, die natür» lich die Arzneikonsumenten wieder aufbringen sollten.— Deshalb beschäftigt sich das preußische Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten seit einiger Zeit mit einer anderweitigen Regelung des Apothekenwesens. Der Borstand des deutschen Apothekervereins hat nun, besorgt um daS Fortbestehen der schönen Jdealwerte der Apothekenprivilegien und-Konzessionen, der Regierung einstimmig folgende fünf Leitsätze zur Beachtung unter- breitet: 1. Die Verpflichtung eines Apothekers, der die Erlaubnis zur Neuerrichtung einer Apotheke erhält, zu einer angemessenen Abgabe an den Staat, erscheint gerechtfertigt. 2. Die Aufhebung der Veräußerlichkeit der Apotheken bedeutet keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt für die Pharmacie. Läßt man dabei den Privilegien die freie Verkäuflichkeit und Vererblichkeit, ko bekeitwt man nicht einmal dieungesundePreissteiaeruna der Apotheken, sondern man fördert sie. Zur Beseitigung der vorhandenen Mißstände und zur HcrLeifühnnig eines einheit- lichen Systems muß die Vcräußerlichkeit aller Apotheken anerkannt und rechtlich festgelegt werden. Insbesondere darf die freie Ver- Äußerlichkeit und Vererblichkeit der von 1811 bis 1894 konzessionierten Apotheken nicht in Frage gezogen werden. 3. Es ist dringend zu wünschen, daß solche Apotheken entschuldet werden, welche durch übermäßig hohe Preise über Gebühr belastet erscheinen. Für eine Reform in diesem Sinne ist die Zuhilfenahme des Staats keedits unentbehrlich. 4. Apotheken, denen gegen eine Abgabe an den Staat die Ver- Äußerlichkeit eingeräumt worden ist, sowie diejenigen, welche den im Satz 3 vorgesehenen Staatskredit in Anspruch nehmen, sind nur mit jedesmaliger Genehmigung verkäuflich. Die Genehmigung erfolgt nach gesetzlich festzulegenden Grundsätzen und nach Anhörung von dazu berufenen Fachmännern. 5 Die Erteilung von Konzessionen zur Anlage neuer Apotheken ist gesetzlich zu regeln und unterliegt dem vcrwaltnngsgerichtlichen Verfahren. Die Bestimmung 1 entspricht einem Schutzzoll zu Gunsten der be- stehenden Apotheken; denndie dann zu erlassende Arzneitaxesoll eine solche Höhe haben, daß diese Neukonzessionare auch bei dieser„angemessenen Abgabe"„standesgemäß" bestehen können. Diese erhöhte Taxe kommt aber auch den schon bestehenden Apotheken zu gute, denn sie gilt auch für sie. Die Aufhebung der Veräutzerlichkeit der erteilten persönlichen Konzessionen wird allerdings die ungesunde Preis- steigerung der Apotheken allein nicht beseitigen, so lange nicht auch die Veräußerlichkeit der älteren Konzessionen und der Privilegien aufgehoben werden. Erst die gleich- zeitige Aufhebung dieser und die freie Errichtung von Ge- ineinde» Apotheken wird die ungesunden Apotheken- und Apotheker- preise herabsetzen. Das stärkste aber ist, daß der Vorstand des Deutschen Apothekervereins ganz ungeniert Staatshilfe verlangt, um die in unsinniger Weise zu hoch bezahlten Apotheken zu„ent- schulden", wohl durch Ausgabe von Hypothekenccrtifikaten zu aus- nahmsweise niedrigem Zinsfüße. Dafür sollen diese entschuldeten Apotheken auch nur mit Genehmigung der Regierung verkauft werden dürfen, die aber nach„festzulegenden Grundsätzen" erteilt werden muß. So soll, nachdem die Vorbesitzer ihren fetten Rebbach, den sie beim Verkauf gemacht, in Sicherheit gebracht, der Staat helfen, die armen Hineingefallenen zu„entschulden". Die Apothekenbesitzer sind ja fast alle auch Hauseigentümer; aber sie sind Hc�usagrarier mit protenzierter Unverschämtheit, und es ist dringend nötig, daß im preußischen Landtage einige Social- dcmokraten diesem Treiben gebührend entgegentreten.— Deutrcbcs Reich. Handelsvertrags> Verhandlungen mit der Schweiz. In wenigen Tagen werden, wie der„Hamb. Korresp." erfährt, auch mit der Schweiz mündliche Vorbesprechungen betreffs eines neuen Handelsvertrages eingeleitet werden. Die Besprechungen, für die ähnlich wie bei Rußland, einige Wochen in Aussicht genommen sind. sollen diesmal air einem Orte Süddeutschlands stattfinden, Da der neue schweizerische Zolltarif, ebenso wie der deutsche, bereits im Anfange dieses Jahres bekannt geworden ist, so Ivar es den beider- seitigen Regierungen möglich, sich über die hinsichtlich eines neuen Vertragstarifs bestehenden Wünsche genau zu informieren. Es ist daher anzunehmen, daß sowohl die deutschen wie die schweizerischen Delegierten vorbereitet in die Verhandlungen eintreten werden. Für den deutschen Ausstihrhandel ist die Schweiz ein sehr wichtiger Markt. Trotz ihrer nur 3'/« Millionen betragenden Be- völkeruugsziffer hat sie im vergangenen Jahre ftir 903 Millionen Mark Waren aus dem Auslande bezogen, so daß auf den Kopf der Bevölkerung eine Einfuhr von annähernd 300 Mark Wert kommt. Deutschland ist mehr als irgend ein andres Land an dieser Einfuhr beteiligt, im Durchschnitt der letzten Jahre belief sich sein Anteil auf rund 30 Prozent. Im Jahre 1902 führte Deutschland für 278 Millionen Mark Waren nach der Schweiz aus. Von dieser Ausfuhr entfallen annähernd 70 Millionen Mark ans Textil- und Konfektionswaren, etwa 44 Millionen Mark auf Erzeugnisse der Eisen- und Maschinenindustrie, 34 Millionen Mark auf Kohlen. 18 Millionen Mark auf Droguen, Farbwaren u. dergl., je zwölf Millionen Mark auf Leder und Lederwaren sowie auf landwirtschaft- liche Erzeugnisse, annähernd 10 Millionen Mark auf Metalle und Metallwaren.— Die Geiieralversanimlung des Vereins für Socialpolitik ist Montagvormittag durch Professor Schmoller-Berlin in Hamburg er- öffnet worden. Das Präsidium wurde aus Professor Schmoller, Staatsminister Dr. Freiherr von Berlepsch, Gymnasialdirektor Dr. Thiel und Professor v. Philippovich gebildet; zu Schrift- führern wurden gewählt Professor Francke-Berliu, Rechtsanwalt Dr. Heckscher, Verlagsbuchhändler Geibel- Berlin«nd Rechts- anivalt Dr. Bitter. Bürgermeister Dr. Burchard begrüßte die Versammlung in längerer Ansprache. Professor Schmoller dankte namens der Versammlung. Hierauf referierte Pro- fessor Francke-Berlin über die Lage der in der See- schiffahrt beschäftigten Arbeiter. Er konunt in seinen Ausführungen zu dein Schluß, daß die Verhältnisse der Seeleute sich in den letzten Jahren gebessert haben; wenn die Seeleute noch manche? weitere er- streben, lo sei dies keineswegs der übergroßen Begehrlichkeit der See- leute zuzumessen. Es sei noch manches zu bessern und Sorge dafür tragen, daß ftir die besten Schiffe auch die beste Mannschaft ge- äffen werde. Einen andren Ton schlug der Korreferent Inspektor P o h l i s von der Amerika-Linie an, der ein prächtiges Loblied von der Fürsorge der großen deutschen Reedereien für ihre Angestellten zu singen verstand. Nach ihm dient die foeialdemofratische Seemannspresse nur der Hetze. Ter von ihr geforderten staatsseitigen Ueberwachung der See- schiffahrt bedürfe es, meint er, gar nicht, da es nachgewiesen sei, daß in den letzten Jahren, mehr als 1000 Ueberholungen von Schiffen von den Organen der See-Berufsgenossenschaft und des Ger- manischen Lloyd stattgeftmden haben, die also eine wichtige Kontrolle böten. Nach einem friedlich auslaufenden kleinen Zwischen-Rededuell zwischen dem anscheinend ebenso empfindlichen als selbstbewußten Vorsitzenden der Seebernssgenossenschaft, Reeder Krogmann, und Professor Tön nies sprachen dann noch Dr. Heckscher, Direktor Schauseil von der Seeberufsgenossenschaft, Kapitän Freyer und Dr. Böhmert- Bremen.— Bei der ReichStagswahl in Dessau sind nach amtlicher Fest- siellung bei der Reichstags-Stichwahl am 11. d. M. für Schräder �Freisinnige Vereinigung) 14 456 Stimmen, für Käppler(Soc.) 13 048 Stimmen abgegeben worden. Bei der Ersatzwahl am 3. September wurden 12 715 socialdemokratische, 11033 freisinnige und 3494 konservativ-bündlerische Stimmen abgegeben. Ein Ver- gleich beider Abstimmungen ergiebt, daß Schräder diesmal auch beinahe sämtliche konservative Stimmen zugefallen sind. Seine Stimmenzunahme(3373) erreicht fast die Zahl der ftllheren kon- servativen Wähler.— Die Nationallibcralen und das sächsische Wahlrecht. Die sächsischen Nationalliberalen berieten am Sonntag unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit über die sogenannte Reform des Landtags-Wahlrechts. Es wird berichtet, daß der von uns mitgeteilte Antrag des Landes- auSschusses„mit größeren redaktionellen Aenderuugen" an- genonimen wurde.— Die Wahrheit über den Chinakrieg soll nun in nächster Zeit gerichtskundig gemacht werden; das Landgericht in Halle nimmt an, unser Genosse Kunert habe behauptet:„Deutsche Soldaten haben China verwüstet, geplündert und Frauen geschändet", und es blieb dein in diese Zwangslage Versetzten nichts weiter übrig, als sich auf den Boden dieser Behauptung zu stellen und zu erklären: Ich werde den Beweis führen, daß das ge- schehen ist, ivaS ich zwar nicht behauptet habe, aber behauptet haben soll. Genosse Kunert wird auf Grund des in seinen Händen befind- lichen umfangreichen Materials einen umfassenden Wahrheitsbeweis antreten. Da es sich hierbei jedoch uin eine Angelegenheit von poli- tischer Bedeutung handelt, so wäre es außerordentlich ivertboll, wenn alles zusammengetragen werden könnte, ivaS an Beiveismaterial noch sonst irgendwo vorhanden ist. � Genosse Kunert hat deshalb den Wunsch, daß man ihm in der Sammlung dieses weiteren Bewcis- inaterials nach Möglichkeit behilflich sein möge. In Betracht kämen: 1. Eidliche Zeugenaussagen von ehemaligen Mitgliedern des ostasiatischen Expeditionscorps über Zerstörungen, Pliinde- rungen oder Schändungen durch deutsche Soldaten. Die Zeugen müssen eigne Wahrnehmungen zu bekunden vermögen und militärisch vollkommen frei und unabhängig sein. Genaue Adressen solcher Zeugen sind deshalb wichtig. 2. Briefe von Chinakriegern, welche Angaben über die an- gedeuteten Vorkommnisse enthalten. Es können jedoch solche Briefe nur gebraucht werden, wenn Name und jetzige Adresse des Schreibers beigefügt werden kann. Der Name kanir genannt werden, wenn er bei Veröffentlichung des Briefes bereits niil veröffentlicht wurde, oder wenn der Brieffchreiber mit der Nennung seines Namens vor Gericht einverstanden ist. 3. Korrespondenz der Kriegsberichter st atter des In- und Auslandes über die Chinacnmpagne von 1900/1901. Präcise Angaben hierzu und ausreichende Adressen sehr wichtig. Genosse Kunert wird außerdem Gutachten von China-Sach- verständigen über den Fcldzug vorlegen. Auch hier wäre ihm zur Vervollständigung seines Materials die Angabe genauer Adressen von China-Kennern erwünscht. Schließlich wird die Herbeiziehung der Strafakten des ehemaligen ostasiatischen Expeditionscorps beantragt werden. Auch hier wären von großem Werte Mitteilungen darüber, daß und gegen welche Personen(genaue jetzige Adresse) Urteile in der angedeuteten Richtung gefällt wurden. Zweckdienliche, aber nur ganz präcise Mtteilungen dieser Art erbittet sich Genosse Kunert unser seiner persönlichen Adresse bis zum 28. September nach Berlin, Lindenstraße 69. Die Presse wird um Abdruck ersucht. Die Oeffentlichkeit hat ein erhebliches Interesse an der Stuf- klärung über die Vorgänge in China und deshalb darf auch die Mit- Wirkung der Oeffentlichkeit erwartet werden.— Bestrafung von Unterlassungen der Bauschutz-Einrichtimgen. Nach einer Anweisung des preußischen Justizministers sollen die Staats- anwalte in Zukunft bei Anzeigen, die wegen Nichtbefolguirg von Vorschriften zur Verhütung von Bauunfällen erstattet werden, auf Grund des§ 367" des Strafgesetzbuches einschreiten. Als Vor- schriften, deren Nichtbefolgung hierbei in Frage kommt, sollen im allgemeinen die von den Baugewerks-Berufsgenossenschaften auf Grund der Nnfallversicherungs-Gesetze erlassenen Vorschriften an- gesehen werden.— Die BezirkstagSwahlen in Elsaß-Loihringcn, die am Sonntag statt- fanden, brachten uns im Straßbnrger Südkanton einen schönen Er- folg. Genosse P e i r o t e s erhielt 1342 Stimmen, der Centrums- mann P e h l 856 und der Demokrat F r e y ß 626 Stimmen. Es muß deshalb eine nochmalige Wahl stattfinden. Die Bezirkstage haben außer ihrer Verwaltuugsthätigkeit noch die Aufgabe, den größeren Teil der Landesausschußmitglieder zu wählen.— Auch in einigen andren Wahlkreisen erzielten wir gute Er- gebnisse. In der Stadt Thann erhielt z. B. Fabrikant Köchlin- Weiler, bisheriger Vertreter(parteilos), von der klerikalen Landes- Partei unterstützt, 497, Genosse G s e l l- Mülhausen 479 Stimmen. Jnr Kanton Sulz erhielt Justizrat Krafft(klerikale Landespartei) 1260, Schreinermeister S i e s- Gebweiler(Soc.) 377 Stimmen. Im Kanton Mülhausen-No rd erhielt der Landwirt Buber(De- mokrat 462, Bürgermeister Gegauf-Wittenheim(gemeinsamer Kau- didat der Klerikalen und Rechtsliberalen) 1476, der Geschäftsagent Fries(unabhängiger Klerikaler) 713, Redakteur Martin(Socialist) 1662 Stimmen. Es ist also eine Nachwahl erforderlich.— Stachspiel zu den ReichstagSwahlen. Bekanntlich hat Liebermann von Sonnenberg gegen 14 Parteigenossen in Kassel Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. In dieser Sache ist die Untersuchung jetzt geschlossen nnd die Akten dem Ersten Staatsanwalt zugestellt. Als Antwort haben die Genossen Garbe und Karl Thiel ihrerseits jetzt Strafantrag gestellt gegen Liebermann v. Sonnenberg und den Amtsrichter Lattmann. sowie gegen den Vorstand des„nationalen" Wahlverbandes, Buchdrnckereibesitzer Thiele, gestellt, da sie erst durch die von den Genannten veröffenlichten Flugblätter zu ihren an- geblich beleidigenden Veröffentlichungen provoziert worden sind.— Kriegervercinliches. In Fürth war kürzlich bei der Beerdigung deS Mitgliedes eines Kriegervereins, das zu unsrer Partei gehörte, von dem Vereinsvorstand die Niederlegung eines Kranzes nnt roter Schleife beanstandet worden. Aus diesem Anlaß entspann sich eine heftige Polemik, die jetzt von feiten des Vorstandes der Fürther Kriegergenossenschaft mit folgender, ftir die feine Bildung ihrer Verfasser zeugenden letzten Erklärung ge- schlössen wird:„Ein Kriegerverein ler, der zuglerch Socialdemokrat ist, ist entweder ein Spion oder ein Gauner. Als Spion will er die Vereinsthätigkeit an die socialistischen Reichsfeinde verraten, als Gauner die Unterstützungs- gelder erschleichen, welche die Kriegervereine an bedürftige krauke Kameraden hinausgeben. In beiden Fällen verdient ein solch falscher Mensch die größte Verachtung in Kriegervereins- kreisen(bei der Socialdemokratie mag es anders sein) und gehört von der Vereinigung ausgestoßen, ja erst recht dann, wenn es ihm geglückt ist, bis zu seinem Tode unerkannt den Verräter an der Kriegervereinssache zu spielen." Wir wollen den kriegervereinlichen feinen Jargon dieser schönen Erklärung nicht entschuldigen, sind aber sonst ebenfalls der Ansicht, daß ein Socialdemokrat nicht in einen Kriegerverein gehört.— Der neue ReichSgerichts-Prüsideut. Der bisherige Reichsgerichts- Präsident v. Oehlschläger beabsichtigt in den Nuhestaud zu treten. Als sein Nachfolger wird mit Bestimmtheit der Ober-Reichsanwalt Olshausen genannt.— Ein tapferer Gcmcinderat. Der Stadtgemeinderat in Mylau in Sachsen, der die Einführung der Städte-Ordnung für große Städte beschlossen hatte, soll durchaus gezwungen werden, bei dieser Ge- legenheit das Dreiklassensystem einzuführen. Der Bezirksausschuß als Äuffichtsinstanz gab das neue Statut zurück mit der Weisung, das Wahlrecht nach drei Klassen abzustufen. Der Ge- meinderat hat darauf e i n st i m in i g beschlossen, gegen den Bezirksausschuß Beschwerde beim Ministerium zu führen. Es wird ihm nichts nützen, denn die gegenwärtigen Machthaber in Sachsen siehen nun einmal auf dem Standpunkte, daß sie das Volk zur Reaktion zwingen dürfen, so lange das Volk es sich gefallen läßt, aber anerkennenswert ist der Beschluß dennoch.— Die Nationalliberale» und daS sächsische Wahlrecht. Die achsischen Nationalliberalen berieten am Sonntag unter Ausschluß der Oeffentlichkeit über die sogenannte Reform des Landtags-Wahl- rechts. Die bereits mitgeteilte Resolution des Landesausschusses der Partei wurde in folgender Form angenommen: Wie wir bereits vor Jahren einmütig für eine Reform des Landtags-Wahlrechts eingetreten sind, so begrüßen wir jetzt lebhaft die Absicht der Regierung, eine Vorlage für eine solche Reform zu machen. Die Refonn darf sich nicht auf einige Abänderungen des be- »den Gesetzes beschränken, sondern muß das gesamte Wahlrecht von Grund aus, ohne Scheu vor Verfassungsänderungen, in freiheitlichem Geiste neu gestalten. Insbesondere fordem und per- treten wir: i. direkte und geheime Wahlen; 2. neue Einteilung der Wahlkreise unter Beseitigimg der Scheidung zwischen städtischen und ländlichen, womöglich mit geographischer Abruudung; 3. Abstufung des Wahlrechts, fei es nach Klassen auf Grund der Einkommensteuer, sei es nach dem Pluralsystem oder durch Ver- bindung beider; 4.'Abänderung der in der Ersten Kammer bestehenden berufs- ständischen Vertretung nach der gegenwärtigen wirtschaftlichen Be- dcutnng der verschiedenen Gruppen. Für selbstverständlich halten wir, daß beim Inkrafttreten der Reform die Zweite Kammer vollständig erneuert wird. Bei dem Klasseu-Wahlrecht wollen also die Nattonalliberalen unter allen Umständen bleiben.— Ein scherzhafter Svldatcnschinder ist der Sergeant Gg. Gunder- mann vom 2. bayrischen Feld-Artillerie-Regiment. Er wollte dem Kriegsgericht, das über seine an Soldaten verübten Mißhandlungen abzuurteilen hatte, weiß machen, daß alles nur ein„Scherz" ge- Wesen sei. Er ließ mehrere Soldaten, teils mit gefüllten, teils mit leeren Tränkeimern, circa zwanzigmal über einen an der Kaserne vorbeifließenden ziemlich breiten Bach springen, wobei die Leute, die nicht Iveit genug springen konnten, in das Wasser stürzten. Einen Artilleristen zwang er, Cigarren zu rauchen, obwohl der Mann kein Raucher war; ein andrer nmßte auf Kommaudo dazu ausspucken. Ferner befahl er zwei Soldaten, aus der Zeitung vorzulesen, und einige andre, die sich darüber lussig machten, ließ er die Kniebeuge machen und das Vorgelesene laut nachsprechen. Bei den geringfügiaslen Anlässen mußten die Soldaten mit gesttecktem Tränkeimer mehrere Minuten lang in der Kniebeuge verharren, mit den Armen rollen und im Dauermarsch um die Reitbahn laufen. Gelegentlich ver- griff er sich auch thätlich an den Artilleristen. Ein Fahrer, der ein Pferd nicht rechtzeittg gesattelt hatte, erhielt von dem Stellvertreter Gottes einen Fausffchlag auf den Mund, daß das Blut floß, ein andrer wurde von ihm als„lahme Sau" betttelt. Das Kriegsgericht Würzburg belegte ihn mit der milden Sttafe von 42 Tagen Mtttelarrest und sah von der Degradatton ab, da seine Vergehen nicht der Ausfluß bös- williger Gesinnung seien und er nur beabsichtigt habe, den Unter- gebenen Bewegung zu verschaffen." Wenn das Gericht erklärt hätte, der Mann sei nicht zurechnungs- fähig, so hätten wir das eher verstanden.— HuelancL Um Renaus Denkmal. Paris, 12. September. Seit Wochen bildet Renans Denkmal den Gegenstand einer leiden» schaftlichen Polemik zwischen den Klerikalen und Antiklerikalen. Die über„Unduldsamkeit" klagenden Klerikalen können schon den Ge- danken nicht ertragen, den Verfasser des„Lebens Jesu" überhaupt durch ein Denkmal verherrlicht zu sehen. Und gar erst der Umstand, daß das Denkmal in Treguier, der bretonischen Vaterstadt Renaus, errichtet wird, hat sie aus aller Fassung gebracht. Die Ortsgeistlichkeit aller Grade ging mit der Hetzarbeit voran, und ihr folgten die klerikalen Schriftsteller und Zeitungsschreiber von Paris mit dem Akademiker Brune st iöre und D r u m o n t an der Spitze. Während diese mit klerikaler Gelehrsamkeit Renans Lebensarbeit zu vernichten suchen, zetert jene über den„Apostaten", den„Leugner der Gottheit Jesu" und hetzt die frommen Bretonen zu einem that- kräftigen Protest gegen die ihnen und der Kirche angethane „Schmach" auf. Das Denkmal wird am 13. September unter Beteiligung der Regierung feierlich enthüllt. Es wird sich nun zeigen, inwiefern die fromme Hätz Anklang gefunden hat. Bisher äußern sich ihre Früchte darin, daß ein Teil der Gastwirte ihre Lokale und Gerät- schaften für das an die Dcnkmalsfeicr sich anschließende Bankett ver- weigert haben. Die Einwohner der Stadt Treguier selbst sind in ihrer Mehrheit freilich republikanisch. Der dortige Gemeinderat hatte den Platz für das Denkmal mit 11 gegen 5 Stimmen bewilligt. Aber die Klerikalen haben ihre Truppen aus der Ilmgegend nach Treguier aufgeboten. Gleichzeitig mit der Denkmalsfeier sollen in der Stadtkirche sühnettde Messen und„Buhgebete" abgehalten werden. Der Denkmalsplatz befindet sich aber in der nächsten Nähe der Kirche, so daß man kein Wort von den Denkmalsreden ver- nehmen würde. Die Behörden haben daher das Glockenläuten während der Feier verboten, genauer, den Zugang zum Glockenturm für die Zeit der Feier durch Gendarmen zu versperren beschlossen. Daneben befürchtet man aber gewaltsame Ausschreitungen seitens der fanatisierten bretonischen Bauern, die ihren größten Lands- mann als den„Antichrist" verabscheuen. Bei der Gelegenheit wollen die Klerikalen auch an dem regierenden„Antichrist", dem Mmister- Präsidenten C o m b e s. ihr Mütchen kühlen. Ueber die klerikalen Vorbereitungen wird noch bekannt, daß seit mehreren Tagen in Treguier sämtliche Pfeifen ausverkauft worden sind. Und die bretonischen Adligen drohen ihre häuslichen— riechenden Flüssigkeiten gegen den offiziellen Zug und gegen das Denkmal zu spritzen, wie sie es im Vorjahre bei der Verteidigung der Klöster gethan haben. Endlich noch eine Nachricht, die die Auf- regung der Gemüter drastisch kennzeichnet: die Antiklerikalen be- fürchten die Sprengung des Denkmals und drohen ihrerseits, zur Vergeltung die Kathedrale in Brand zu stecken.... So hat denn der unerbittliche klerikale Haß den sanften Philo- sophen der Duldsamkeit zum Probegegenstanid der ärgsten Unduld- samkeit gemacht, den echt religiösen Verherrlicher Jesu, der in einem so scharfen Gegensatz steht zu den deutschen Jesus-Kritikern, Bauer und Strauß, zum Sinnbild der Anttreligiösen umgelogen, den Namen des partcifremden und kampfscheuen Skeptikers in den niedrigsten Parteikampf gezerrt. Inzwischen ist Sonntag in Treguier bei strömendem Regen die Einweihung des Denkmals erfolgt. Ueber die Festfeier und die dabei von den Klerikalen versuchten Ruhestörungen berichtet der Telegraph, daß Rlinisterpräsident Combes Sonntagmorgen 9V, Uhr zu Wagen von Pontrieux, wo er die Nacht verbracht hatte, in Treguier mit einer Eskorte Dragonern und Gendarmen anlangte. Trotz des ununterbrochenen Regens harte sich überall eine große Zu» schauermenge angesammelt, welche den Ministerpräsidenten mit Beifallskundgebungen empfing. Einige vereinzelte Gruppen pfiffen beim Vorbeifahren Combes', das Pfejfen wurde jedoch durch laute Hochrufe auf Combes und die Republik übettönt. In Gegenwart des Ministerpräsidenten fand sodann unter an- haltendem Regen die Einweihung von Renans Denkmal auf dem Platze vor der Kathedrale statt. Während der Festrede traten Katholiken, welche der Messe beigewohnt hatten, aus der Kirche heraus und versuchten unter Pfeifen die Reihen der Truppen, welche den Festplatz umgaben, zu durchbrechen. Auf Befehl des Unter- präfekten drängte eine Jnfanterie-Abteilung nach der gesetzlichen Aufforderung zum Auseinandergehen die Teilnehmer an der Kund- gebung in die Kirche zurück. Nachdem die Ruhe wieder hergestellt war, wurde die Feier unter anhaltenden Hochrufen auf CombcS und die Republik zu Ende geführt. Während das Festmahl stattfand, wohnten die Klerikalen dem Vespergottesdienste bei. Danach begaben sie sich von der Kathedrale aus, mit Stöcken bewaffnet, unter Pfeifen und heftige Rufe aus- stoßend in dicht geschlossenem Zuge durch die Straßen der Stadt vor das Gebäude, in dem das Festmahl abgehalten wurde. Hier stießen sie mit den Republikanern zusammen und cs kam zu einer großen Schlägerei. Ein Offizier, der von einem Haufen Ruhestörer unter feindlichen Rufen umzingelt wurde, zog seinen Säbel. Die Menge wurde schließlich, nachdem die Gendarmerie in starker Anzahl eingeschritten war, auseinan/dergetricben. Bei dem der Einweihung folgenden Festmahle hielt der Ministerpräsident Combes eine Rede, in der er ausführte, in der heutigen Feier erblicke er ein Vorzeichen des nicht sehr fernen Augen- blickes, in dem die Bretagne das Joch der Junker und der Priester abschütteln und auf den Trümmern der alten Vorurteile die be- fteienden Grundsätze der republikanischen Staatsform aufrichte« werde. Die Religion habe das Recht auf Freiheit, aber unter der Bedingung, daß sie nicht aus ihrem Bereich, der das Gewissen sei, heraustrete und sich nicht in das bürgerliche Gebiet der Politik ein- menge. Combes kam dann weiter auf den Widerstand gegen das Kon- gregationsgesetz zu sprechen und sagte, die Mehrheit der Kammer werde das letzte Wort sprechen. Er bekämpfte die Behauptung seiner Gegner, daß er ein Gefangener dieser Mehrheit sei. Dabei äußerte er sich folgendermaßen über das Verhältnis des Kabinetts zu den Socialisten: Die Opposition hofft freilich, daß sie die öffentliche Meinung bezüglich meiner Be- strebungen beunruhigen würde, indem sie mich als G e- fange nen der facialis chen Gruppe hin st eilt, aber anstatt irgend einen Beweis für diese Behauptung zu liefern, citiert sie den Namen eines Deputierten(Jaures), den sie als An- führer des Ministeriums bezeichnet. Wenn die Opposition glaubt, daß ich die freundschaftlichen Beziehungen, die mich mit diesem Manne verbinden, oder die parlamentarischen Beziehungen, welche mich mit seiner Gruppe verbinden, ableugnen würde, dann irrt sie. Ich bewundere übrigens wie die gesanite Kammer, ohne linterschied der Parteien, die außerordentlichen Talente dieses Deputierten und ich erkenne seine unleugbare Selblosigkeit an. Seine Gruppe ist eines der Elemente der Majorität. Ich unterhalte dieselben herzlichen Beziehungen zu den Mitgliedern dieser Gruppe wie zu den Mit- gliedern der andren Gruppen. Ich bin ebensowenig ihr Gefangener wie sie meine Gefangenen sind. Zuletzt berührte der Ministerpräsident in seiner Rede die Stellung Frankreichs zum Auslande.„Das Bündnis mit Ruß- land," schloß der Minister,„trägt einen mehr und mehr aus- gesprochenen Charakter des Vertrauens und der Intimität; die Freunidschaft mit Italien knüpft sich enger durch gegenseitige Zeichen aufrichtiger Herzlichkeit; die Besserung der Beziehungen zu England nimmt zu. Wir sehen jenseits der Grenze nur lächelnde Gesichter. Der Horizont gehört dem Frieden. Die Republik wird sich be- mühen, ihn zu bewahren. Sie hat sich von der ersten Stunde an dem edlen Gedanken angeschlossen, die Lösung internationaler Streitigkeiten schiedsgerichtlicher Entscheidung zu übertragen. Der so erreichte Friede wird niemand demütigen. Ich hoffe, wir werden bald das Morgenrot des allgemeinen Friedens anbrechen sehen."— Ocftreich-Nngarn. Antisemitische Ausschreitungen. In Zablotow sGalizicn) der- breitete sich Sonntagnachmittag während eines Jahrmarktes das Gerücht, daß in dem Hause eines Juden eine Frau aus Balince, die den Kaufpreis für einen Ochsen erhalten hatte, ermordet sei. Obgleich die Ortsbehörden sich bemühten, die Grundlosigkeit des Gerüchtes nachzuweisen, griff eine Anzahl Bauern mehrere Juden an, von denen drei schwer und mehrere andre leicht verletzt wurden. Auch wurden in Häufern von Juden zahlreiche Fensterscheiben zer- trümmert.— Frankreich. Dir Pest in Marseille. Die Marseiller Blätter bemühen sich im Verein mit der Behörde die Pestgefahr als beseitigt hinzu- stellen. Nach ihren Meldungen ist der Epidemie endgiiltig Einhalt geboten. Wie das„Echo de Paris" meldet, hätten jedoch die fremden Konsuln die Behörden benachrichtigt, daß sie für die nach ihren Ländern bestimmten Schiffe keine reinen Gesundheitspässe mehr aus- stellen.— Italien. Der Zar und die Socialisten. Der„Avanti" begründet die Haltung der italienischen Socialisten gegenüber dem russischen Zaren. Der Zar sei der unumschränkte Herrscher des russischen Reiches und sei als solcher verantwortlich für die Gewaltthätigkeiten und Ver- brechen, die in seinem Reiche von seinen Beamten und Kreaturen begangen werden. Mit dem Protest, der in der Kammer, in den Gemeinden und in allen Körperfchaften und Vereinigungen, in denen Socialisten vertreten sind, zum Austrag gebracht werden soll, müsse dem russischen Autokraten ins Bewußtsein gerufen werden, daß die europäische Civilisation mit den Barbareien der russischen Gewalt- Haber nicht einverstanden sei. Die italienischen Socialisten protestieren gegen die Unterdrückung Finnlands und Polens, gegen die Greuel in Kischeneff, Kiew usw., gegen die sibirischen Grausam- keilen, wie gegen die Unterdrückung jeder Meinungsäußening und die Maßregelung der Gelehrten und Vergewaltigung der Arbeiter. Das Pfeifen der italienischen Socialisten werde' in den Berg- werken Sibiriens und den Kerkern Rußlands ein dankbares Echo finden.—' Spanien. Zur Frage der republikanisch-socialistischen Alliance. Die bisher in den Ortsgruppen der socialiftischen Arbeiterpartei stattgesundenen Abstimmungen über den vom Madrider Ortsvcrband gestellten An- trag, mit den Republikanern bei den nächsten Munizipalratswahlen zusammenzugehen, zeigen, daß die Mehrheit der spanischen Partei- genossen von einer Alliance mit den Republikanern nichts wissen will. Bis letzten Donnerstag hatten in den Ortsverbänden 43 Ab- stimmungen stattgefunden; davon sind 15 für und 28 gegen die Alliance ausgefallen. Eine Reihe kleinerer Sektionen hat noch nicht abgestimmt, doch ist kaum anzunehmen, daß der Antrag der Orts- gruppe von Madrid die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit finden wird.- Endiz, 15. September. Die Besatzung eine? aus Fernando Po kommenden Dampfers berichtet, die Eingeborenen hätten einen deutschen Kaufmann getötet und aufgefressen. Die spanische Be- satzung von Bata habe die Eingeborenen gezüchtigt, 7 getötet und 25 von ihnen verwundet, ferner seien 5 Dörfer niedergebrannt worden. Die Spanier hätten bei dem Zusammenstoß mehrere Ver- wundete gehabt.— Holland. Die Generalstaaten wurden gestern durch eine Thronrede eröffnet. Darin wird hervorgehoben: Die Regierimg wolle durch eine in ge- sundem Fortschritt weitergebildete sociale Gesetzgebung die Arbeiter- bewegung unterstützen und dann werden Gesetzentwürfe angekündigt be- treffend die Sonntagsruhe, Ausdehnung des Versicherungswesens, namentlich für alte und invalide Arbeiter, Feststellung der Vater- schaft, Revision der Zolltarife, Regelung des Oktroiwesens. sowie der Beziehungen zwischen den Civil- und den Militärbehörden, Erneuerung der Artillerie- Ausrüstung, finanzielle Unierstützung für Indien und Maßregeln zur Verbesserung der Landwirtschaft in Java.— England. Tic Stimmung in England. L o n d o n, 12. September.(Eig. Ver.) Eine eigenartige gespannte Stimmung beherrscht gegenwärtig die britische Nation. Man erwartet etwas, worüber man sich nicht klar ist; man erwartet irgend einen Mann, der England zur Tüchtig- keit, zur Organisation und zu wissenschaftlichem, systematischem Denken erziehen soll. Das Gefühl der Krise steckt der Nation in den Gliedern. Der Bericht über den Krieg hat einen viel tieferen Eindruck auf die denkenden Schichten der Nation gemacht, als wir dachten. Die statistischen Tafeln der Negierung werden langsam verdaut. Die Selbstgefälligkeit der Engländer weicht der Zweifel- sucht und mehr denn je blickt man auf die Vereinigten Staaten und Deutschland als nachahmenswerte Muster. Die Vertreter der britischen Wissenschaft, die diese Woche in Southport zu ihrem Jahreskongresse zusammentraten, verlangen mehr Universitäten. mehr Staatshilfe, und vor allem mehr Enfft und weniger Pferde- rennen, mehr Studium und weniger Cricket- und Fußballspiele. Man klagt über die Vergnügungssucht des Volkes, über das Fort- wursteln in der Politik und im ganzen öffentlichen Leben. Lord Rosebery fordert heute die ganz« Nation auf. im Jntereffe der Sicherheit Englands Lord Kitchener nach London zu berufen und ihm das Kriegsministerium zu übergeben. In einigen Tagen(Montag) findet ein Kabinettsrat statt, von dem irgend eine bedeutungsvolle Erklärung erwartet wird. Das englische Kabinett hält oft Sitzungen ab, allein diesmal werden ganz außerordentliche Erwartungen an sie geknüpft. Wir zweifeln indes att der Fähigkeit Englands, neue Wege einzuschlagen. England verehrt den common scnse, den„gesunden Menschen- verstau d", und mit diesem läßt sich eine neue Politik nicht be- gründen. Die neue Politik ist stets gegen den gesunden Menschen- verstand. Das einzige Resultat der Stimmungskrise wird wohl die Auslösung des Parlaments sein und der große Sieg der liberalen Partei. Und dann wird alles beim alten bleiben. Denn die einzige Klasse, die England ein neues Princip geben könnte, ist die Arbeiter- klaffe. Diese steckt aber— dank der korrumpierenden Arbeit der liberalen Politiker und Schriftsteller— im Sumpfe des Liberalismus.— Ueber das Resultat des Kabincttsrats, der, wie in obiger Korrespondenz erwähnt wird, am Montag in London stattgefunden hat, ist noch nichts Genaues bekannt. Dem Vernehmen des „Standard" zufolge wird die Regierung bei dem Entschlüsse bleiben, keine Erneuerimg der Finanzpolitik(Zollpolitik) vorzunehmen, bis ein Appell an das Land gerichtet worden sei. Während oer Dauer des jetzigen Parlaments'solle die Thätigkeit der Minister auf die Erörterung der Untersuchungscrgebnisse beschränkt sein. Der Vor- schlag, Vorzugstarife innerhalb des Reiches einzuführen, solle auf unbestimmte Zeit verschoben werden und keinen Bestandteil der Gesamtpolitik der Regierung bilden. Andrerseits sei die Regierung bereit, das Wiedervergeltungsrecht zu beanspruchen gegenüber den fremden Mächten, deren Zolltarife ausdrücklich darauf gerichtet seien, den englischen Handel zu vernichten oder zu beeinträchtigen.— Rnfsland. Unruhen der Armenier in Tiflis. Wie die Zeitung„Kawkas" meldet, versammelten sich gestern niittag in Tiflis gegen 2000 Menschen bei der Kathedrale. Nach dem Gottesdienst wurden Pro- klamationen in armenischer Sprache an die Menge verteilt, die zu- gleich die anwesenden Schutzleute thätlich angriff. Polizeisoldaten, welche alsbald den Schutzleuten zu Hilfe kamen, wurden von der Menge mit Steinwürfen und Revolverschüssen empfangen, worauf diese ebenfalls mehrere Schüsse abgaben. Die Ruhe wurde schließ- lich durch den Tisliser Polizeimeister, der mit berittenen Schutzleuten erschienen lvar, und mit Hilfe hinzugekommener Kosaken wieder her- gestellt. Von den Polizeisoldaten erlitten einige Verletzungen, von der Menge wurde eine Person tödlich verletzt. Zur Erläuterung sei bemerkt, daß die Unruhen durch einen Ukas des Zaren hervorgerufen sind, der dem armenischen Klerus und den Gemeinden die Verwaltung des Kirchenvermögens entzieht und sie den Staatsbehörden überweist.— Serbien. Die Anklageschrift gegen die in Nisch verhafteten Offiziere gründet sich darauf, daß in dem bekannten Aufruf folgende Anträge' gestellt wurden: 1. alle Verschwörer vom 11. Juni zu töten, welchem An- trage drei Offiziere zugestimmt hatten, 2. die Erfüllung der von den: Offiziercorps an maßgebender Stelle korporativ zu stellenden Forderung auf Entlassung der Verschwörer vom 11. Juni nötigenfalls zu erzwingen. Die Anklageschrift bezeichnet als Leiter der Bewegung die Hauptleute Novakowitsch und Protitfch, den Oberlieutenant Lugumerski und den Lieutenant Drudarewitsch. Auf das in Frage kommende Vorgehen ist in Z 53 de§ serbischen Militär-Strafgesetzes Festungshaft bis zu einem Jahre gesetzt. Für die Anstifter z» diesem Vergehen ist in demselben Paragraphen im Zusammenhang mit§ 47 des Bürgerlichen Strafgesetzes mehrjährige Festungshast, in beiden Fällen ohne Verlust des Ranges vorgesehen. Das Kriegsgericht tritt wahrscheinlich am 15. d. Mts. zu- sammen.— Die Meuterei im serbischen Offizicrcorps dauert fort. Die Offiziere der Garnison Pozarewatz erklärten sich mit ihren Kameraden in Nisch solidarisch. Ooerstlieutenant Brankowitsch wurde mit 16 Offizieren verhaftet und nach Belgrad gebracht. Die Offiziere der Garnison Nisch erließen eine neue Proklamation, die mit dem Satze schließt: „Will der König sich von den Königsmördern nicht trennen, so legen wir ihm unsre Säbel zu Füßen und verzichten auf den Dienst." Andrerseits behaupten die Königsmörder, die Verschworenen von Nisch wollten König Peter zwingen, das Land zu verlassen, und hätten die Absicht, den Fürsten Nikita von Montenegro auf den Thron zu erheben.— Vom Balkan. Tie bulgarische Regierung hat es für angezeigt gehalten, den Vorstellungen der Großmächte über ihre Förderung des macedonischen Aufstandes durch eine Drohnote zuvorzukommen. Wie dem„Lokal- Anzeiger" aus Sofia gemeldet wird, richtet sie an die Mächte eine Zuschrift, worin sie erklärt, daß, falls der Ausrottung des bulgarischen Elementes nicht Einhalt geboten würde, Bulgarien sich gezwungen sehen werde, seinerseits geeignete Maßregeln zu treffen. Noch vor Erlaß dieser Note ist eine Einberufung von sechs tahrgängen der Reserve bei der Sofioter, Philippopler und Sliwener ivision, angeblich zu dreiwöchigen Hebungen, angeordnet worden. Die einberufenen Reserven dürften eine Verstärkung der betreffenden Divisionen um 26 600 Mann repräsentieren.— Türkische Rüstungen. Nach Meldungen aus Konstantinopel be- trägt zur Zeit die Stärke der regulären türkischen Truppen in den aufständischen Bezirken Macedomens 256 660 Mann. Außerdem stehen an Reserven zur Verfügung: zwei mobile Redifbrigaden der Division Panderma mit 8 Bataillonen, welche bisher nicht heran- gezogen wurden, und die 8 Redifbataillone des Gardecorps(Kon- stantinopel), des kleinasiatischen Küstengebietes und des Schwarzen Meeres, welche nach Ausbruch des Bandenunwesens im Sandscha? Äirk-Kiliffe mobilisiert wurden, aber bisher in ihrem Bezirk ver- blieben.— Landtagswahl. Spccialitiiten des preußischen DreiklassensystemS. Immer interessantere Ungerechtigkeiten treten zu Tage, wenn man sich eingehend mit dem preußischen Dreiklassen-Wahlsystem be- schästigt. Die Stadt Gnesen hat Konfessionsschulen, zu deren Unter- halt drei Schultzemeinden gebildet sind. In diesen zahlen, wie man uns berichtet, die Katholiken 156 Proz., die Evangelischen 60 Proz., die Jüdischen 36 Proz. der Einkommensteuer. Diese Summe, die für die zum großen Teil arme katholische Bevölkerung 43 666 M, beträgt, kommt nun bei der Abteilungsbildung nicht in Anrechnung, da nur die Steuern für die politischen Gemeinden gerechnet werden. Bei dem so verschiedenen Prozentsatz, aus dem bereits auf die große Anzahl der armen Katholiken geschlossen werden kann, liegt hierin eine besondere Ungerechtigkeit gegen diese. Die Ungerechtigkeit erscheint um so größer, wenn man bedenkt, daß den Wohlhabenden oder ganz reichen Besitzern der Gutsbezirke, deren es im Wahlkreis Gnesen-Wittkowo nicht weniger als 113 giebt, die vom Staat zwar veranlagte, aber nicht zur Hebung gebrachte Grund- und Gebäudesteuer in Anrechnung gebracht wird. Den Reichen werden hier also Steuern gut gerechnet, die sie nicht bezahlen, während die Aermsten SteueM zahlen müssen, die nicht in An- rechnung kommen! Vielleicht nimmt sich in diesem Fall einmal das Centrum der Kritik des„elendesten aller Wahlsysteme" an. Die Freisinnige Bolkspartei in Schleswig- Holstein hat am Sonntag in Elmshorn einen Parteitag abgehalten und dabei Kandi- baten für die Landtagswahl aufgestellt für die Kreise Pinneberg. Steinburg. Tondern, Eckernförde. Süderdithmarschen, Stormarn und Plön. Für Schleswig und Altona sollen die Kandidaten demnächst nominiert werden. Die demokratische Richtung der Polenpartei soll beschlossen haben, für die Landtagswahlen eigne Kandidaten aufznstellcn und die bis- herigen polnisch-konservativen Abgeordneten, vor allem Jazdzewski und Cegielski, fallen zu lassen. An ihrer Stelle sollen Franz Mo- rawski(?) und Graf Mielzynski-Köbnitz aufgestellt werden. Im Wahlkreise Lcimep-Remscheid-Solingen kandidieren auf Grund eines Kompromisses die beiden Nationalliberalen v. Ehnern und Dr. Friedberg, und auf feiten der Freisinnigen Reichstags-Abgeordneter Dr. Eickhoff-Remscheid. Aus dem Wahlkreise Czarnikau-Kolmar-Filehue wird der„Pos. Ztg." initgeteilt, daß die Nachricht, nach der in dem dortigen Wahl- kreise ein Zusammengehen der Liberalen, Deutschkatholiken und Polen in Vorbereitimg sei, nicht den Thatsachen entspricht. Die Liberalm werden auch bei der Landtagswahl selbständig vorgehen. Parteitag der soeialdemokratischen Partei Deutschlands. (Schluß aus der 2. Beilage.) Nun, die Presse war unterdrückt, alle Versuche, in Deutsch« land Blätter zu gründen, die ja nur vollständig farblos sein konnten, scheiterten. Alles wurde unterdrückt und zerschmettert, keine Or- ganisation, fast kein Geld, zahllose Existenzen auf dem Pflaster, darunter unsre bcsteir Leute. Ich gehörte ja nicht dazu, � denn ich hatte für mein Geschäft damals einen Associ«. Da kamen die Wahlen von 1831. Keine Presse, keine Organisation. In den meisten Wahl- kreisen bestand kaum die Möglichkeit, Flugblätter zu verteilen, ja in sehr vielen Kreisen nicht einmal die Möglichkeit, Stimmzettel zu ver- teilen, aber trotz alledem— und das ist das Großartigste von allem, was je die Socialdemokratie geleistet hat, da sind selbst die drei Millionen Stimmen der letzten Wahl nichts dagegen— trotzdem 312 666 Stimmen und neun Mandate! Der 26. Oktober 1881 war der Tag der Zerschmetterung des Socialistengesetzes. Wenn das Socialistengesetz auch noch neun Jahre danach gelebt hat, das war der Tag, wo sich sein Schicksal entschied. Das Gesetz war vernichtet, mitten in feinem Siegeslauf zerbrochen, alle Gewalt gegen uns war überflüssig und unnütz gewesen. Sie hatte nichts geholfen. Die Socialdemokratie lebte und siegte! So war damals die Situation und diesem Ein- druck konnten sich auch die Gegner nicht verschließen. Die sagten sich schon damals: Ja, mit der Bande werden lvir nicht fertig. (Heiterkeit.) Die nächste Wirkung war die, daß die Zügel etwas gelockert wurden. Auch im Reichstag selbst wurden Stimmen lailt, daß das Gesetz anders angewandt werden müsse. Der Reichstag mußte sich zu Jnterpretattonen entschließen, die die Handhabung des Gesetzes abschwächten. Es war in der Folgezeit möglich, hier und da farblose Parteiblätter zu gründen, aber sie dursten keinen selbständigen Gedanken aussprechen,.der auch nur entfernt an den Socialismus erinnerte, sonst waren sie verloren. In diesen Jahren 1881, 1882 erschienen in der nattonalliberalen „Weserzeitung" Berliner Korrespondenzen, in denen mit merkwürdiger Sachkunde üöer die Partei gesprochen wurde, und in denen sie gegen die größten Mitzbräuche der Polizei in Schutz genommen wurde. Als wir das lasen, waren wir sehr erstaunt. Die Arttkel erregten großes Auffehen und wurden balo in der ganzen Parteipresse ab- gedruckt. Wir fragten uns natürlich: Wer ist denn der Schriftsteller, der diese Korrespondenzen schreibt? Und da kam es heraus, daß es derselbe Franz Mehring sei, der vor zwei, drei Jahren diese schauderhafte Broschüre gegen uns veröffentlicht hatte. Da stand ich wieder vor einem psychologischen Rätsel. Wir sagten uns, den Wandel können wir uns ja gefallen lassen. Es scheint, daß Mehriilg bereut. Er empfindet, daß er gegen uns zu weit gegangen ist, und hat das Bedürfnis, soweit wie möglich uns Ver- folgte jetzt zu unterstützen. Das nahmen wir selbstverständlich an. 1833/84 kam Mehring als Mitarbeiter an die Berliner„Volks- Zeitung" und in dieser schrieb er noch mehr zu unfern Gunsten. Natürlich war es für uns sehr wertvoll, daß das in einem Blatte geschah, das wie die„Volks-Zeittmg" in der bürgerlichen Presse einen großen Einfluß hatte. So ging das die ganzen nächsten Jahre hin- durch. Persönliche Beziehungen zu Mehring hatte damals niemand von uns. Dann kam im Jahre 1887 der St. Gallener Kongreß, von dem sie gestern gehört haben. Die Darstellung, die Braun gestern von den Vorgängen in St. Gallen gegeben hat, ist ja wohl richtig. Erstaunt>var ich aber über die Behauptung Brauns, er habe damals Mehring noch nicht persönlich gekannt. Wenn das nicht eine Vergeßlichkeit der allergröbsten Art sein sollte, dann ist es die voll- kommenste Unwahrheit.(Braun ruft: Ich habe die Wahrheit gesagt!) Warten Sie ab!(Braun: Da bin ich neugierig!) Die Wette ging auf ein Souper, ein Abendessen. Der Preis und das Menu wurde nicht ausgemacht. Um die Neugier Vollmars zu befriedigen(Heiterkeit): ich weiß auch heute noch nicht, was es gekostet hat. Es lvar ein gutes Souper, aber etwas Außerordent- lichcs, eine Schlemmerei war es nicht. Ich kannte Braun damals schon einige Jahre. Wir waren öfter zusammengekommen und in ziemlich lebhasten persönlichen, meinetwegen fteundschast- lichen Beziehungen, er war auch Genosse, gar kein Zweifel. Kurz vor diesem berühmten oder berüchtigten Souper, je nach dem Stand- Punkt, den man einnimmt, kam Braun in den Reichstag und ließ mich rufen. Ich bemerke vorweg, daß mir der Vorgang noch im Gedächtnis ist, als wäre er gestern passiert, und zwar aus dem Grunde, weil ich damals naturgemäß sehr oft geftagt wurde, wie kamt ihr denn eigentlich mit Mehring zusammen, und weil der Vorgang ja auch an sich bei mir sehr lebhaste Gefühle erwecken mußte. Den Mann, den ich erst so kennen gelernt hatte, der dann zehn Jahre später die Partei wütend angegriffen hatte, der dann wieder sich wandelte, sollte ich nun wiedersehen: das war selbstverständlich für mich keine gleichgülttge Sache. Gestern nach der Sitzung hat Braun Gelegenheit genommen, noch- nmls mit mir über die Sache zu sprechen. Er sagte. meine Behauptung, daß er den von ihm verlesenen Mehringschcn Artikel bereits ftüher gekannt habe, sei un- richtig. Run, ob Braun der Wortlaut bekannt war oder ob er ihn vergessen hatte, weiß ich nicht, ist auch gleichgülttg. Entscheidend ist, daß Braun zu mir kam, um mich zu bestimmen, Mehring am Souper teilnehmen zu lassen. Und da sagte er: Ich weiß, was Mehring an uns verbrochen. lvaS er geschrieben und wie schwer er uns geschädigt hat. Er hat uns beschimpft, aber Sie wissen ja, daß der Mann seitdem anders geworden ist, was er alles.gethan hat, um seinen Fehler gut zu niachen, und ich meine, Sic sollten ihm verzeihen! Mehring würde sich sehr freuen, wenn er mit Ihnen zusammen kommen und eine Aussprache stattfinden könnte.(Heinrich Braun: st das Ihr ganzer Beweis?) Ich sage das im Gegensatz zu hnen, Sie kannten Mehring bereits damals.(Heimich Braun: Ich kannte ihn nicht l) Sie kannten ihn persön- lich. DaS lag in Ihren Worten, in der Art Ihrer Aus- führungen. Ich ging zu Mehring und ftagte ihn: Seit wann kennen Sie Braun? Ach. sagte er, seit 1887, ich glaube schon seit 188ß, er war bei mir eine Anzahl von Malen(Hört! hört!), er war in meiner Familie, er war bei mir zu Gaste.(Hört! hört! Heinrich Braun ruft: Das war später!) Nein, damals, 1887, und Ihre Worte haben in mir bis heute denEindruck auftecht erhalten. Sie haben Mehring damals persönlich gekannt und alles �gewußt, was er gethan hat. Von Heinrich Braun zu glauben, daß er das nicht gelvußt hätte, wäre eine Beleidigung an der Intelligenz und dem Wissensdrang von Braun.(Sehr gut!) Braun hat neben andren Eigenschaften auch die eines Hans Dampf in allen Gassen (Heiterkeit und Zusttmmung), er kümmert sich, wie man zu sagen Pflegt, um alle Hühner und Gänse und seihst um deren ungelegte Äer(Große Heiterkeit). Braun war 1878, ivie er sagt, Partei- genösse, er war damals Sttldent der Nattonalökononne. Die Mehring- Artikel und das Mehring- Buch gingen durch die ganze deutsche Presse, in der ganzen Partei entstand ein Schrei der Entrüstung, und davon hat nur Heinrich Braun, der intelligente, eiftige Heinrich Braun(Sehr gut!), der eigentlich alles wußte, der sich noch später um so vieles kümmerte, was ihn eigentlich gar nichts anging, nichts gewußt?(Sehr gut!) Nein, Ge- nosse Braun, Sie haben eS gewußt, Sie kannten Mehrings Arttkel, Sie kannten seine Broschüre. Sie wußten ganz genau, was der Mann gethan hatte, und es spricht zu Ihren Gunsten— das rechne ich Ihnen hoch an— daß Sie ihn trotzdem zu uns gebracht haben. Wie konnten Sie sich auch unterstehen, Mehring zum Souper einzuladen, ohne daß Sie sich vergewissert hatten, daß «t dazu Bereit war! sSehr gut I) Wie konnten Sie da kommen und mir diese Frage stellen? Das beschwöre ■ ich, was ich hier gesagt habe. Ich überlasse Ihnen und den Genossen draußen das Urteil über Heinrich Braun und mich. sBraun:� Doch erst, nachdem ich gesprochen habe!) So waren also die Dinge gegangen. Da kamen wir in einem Restaurant Unter den Linden zu dem berühmten Souper zusammen und da wurde der persönliche Verkehr zwischen Mehring und mir hergestellt und später auch mit Liebknecht. Und nicht allein, daß Heinrich Braun es war, der uns danials zusammenführte, nicht etwa als dununer und unwissender Mann, der die Tragweite seiner Handlungen nicht gekannt hätte, sondern als ein einsichtiger Genosse. Es war eine gute That. Derselbe Heinrich Braun hat dann an Kautskh geschrieben und ihn aufgefordert, Mehring zu ersuchen, für die„Neue Zeit" zu arbeiten (Hört! hört I)._ Kautskh saß danials fern von Berlin. Er hatte in der Hauptsache nur in Erinnerung, was Mehring 1878 bis 138O gegen die Partei geschrieben hatte, und er antwortete seinein Freunde Braun: Ich schreibe nicht an Mehring. Das fällt mir nicht ein. Das ist mir bedenklich. Da war es wieder Braun, der dem Kautskh sagte: dann schreibe Du an Bebel und frage da an. Ich antlvortete Kautskh das, waS ich Ihnen eben mit geteilt habe. Ich schrieb ihm: Nachdem Mehring sich in dieser Weise zu Gunsten der Partei seit sechs Jahren bekehrt hat, nachdem er, wie ich inich überzeugt habe, selbst bereut. Ivas er einmal gegen uns gethan hat, da huldige auch Du dem schönen Grundsatz der Bibel: Ueber einen Sünder, der Buße thilt, ist mehr Freude als über 99 Gerechte. (Sehr wahr!) Du kannst, schrieb ich ihm, Mehrings Artikel wohl aufnehmen, denn an der nötigen Intelligenz, der Fähigkeit und dem richtigen Standpunkt wird er es nicht fehlen lassen. So ist denn Mehring, wenn ich nicht irre, vom Februar 1883 ab Mitarbeiter der„Neuen Zeit". Nachher kam dann die Aussöhnung Mehrings mit Liebknecht zu stände. Sie haben sich später aller- dings wieder_ gezankt.(Heiterkeit.) Wer schuld war, lveiß ich nicht. Mag lein, das psychologische Moment in Mehrings Charakter, das ja leider noch in der neuesten Zeit zum Ausdruck gekommen ist. Ich wünschte, er hätte in seinen Artikeln das Persönliche unterdrücken. können. Aber seine Leidenschaft hat ihm wieder den schlimmsten Streich gespielt.(Sehr richtig!) Es hat für Mehring niemals einen(chlimmeren Feind gegeben, als Mehring selbst. (Lebhaste. Zustimnumg.) Stets hat er sich von seiner Leidenschaft hinreißen lassen, und denen, mit denen er vorher in dickster Freundschaft lebte, die Freundschaft gekündigt. Nach dem Fall des Socialistengesetzes niachte ich Dietz den Vorschlag, eine Partei- geschichte zu schreiben. Ich setzte ihn meinen Plan auseinander. Ich wollte mit der Bewegung der vierziger Jahre anfangen. Genau wie Mehring es später machte. ES war gerade, als hätten ivir uns verabredet. Aber wer die Verhältnisse kannte, der mußte von dieser Bewegung ausgehen. Dietz sagte: Ganz famos, ganz mit einverstanden, ich helfe, was ich kann, um Dir Materialien zu ver- schaffen. Also ich raffte zusammen, was nur an Litteratur zugänglich war und machte mich an die Arbeit. Nu» nahm aber meine Thätigkeit als Reichstags-Wgeordneter sechs Monate im Jahre in Anspruch, ich Ivar Parteikassierer, hatte wöchentlich mehrere LorstairdSsitzungen, ich war Agitator der Partei, Sie können sich also denken, Ivelche Zeit mir da für wissenschaftliche Arbeiten blieb. Ich ochste was ich konnte exeerpierte, häufte Manuskripte auf Manuskripte, aber nach zloei Jahren mußte ich Dietz mehr als einmal klagen: Ich bringe die Geschichte nicht zu Ende, mir fehlt die Zeit oder aber ich müßte mich drei Jahre von allem zurückziehen. Ich ivar, offen gestanden, in Verzweiflung. Da kommt eines Tages Mehring: Er hatte Dietz die Proposition gemacht, eine Geschichte der Partei zu schreiben, Dietz hatte ihm gemgt. daß ich bereits daran arbeite, daß ich aber auch schon wiederholt darüber geklagt Hütte, daß ich nicht vorwärts komme, sondern die Arbeit so oft unterbrechen müßte. Ja, sage ich, das ist wahr. Nun, meinte Mehring. wie wäre es denn? Würden Sie sich dannt einverstanden erklären, daß ich die Arbeit mache? Ach, antwortete ich, mit Vergnügen; wenn Sie das thun, wird die Arbeit fertig, ich bekomme sie nie fertig. Ich packte also meinen ganzen Kram von Manuskripten ein, sie liegen heule noch in deniselben Paket bei meinen Akten und Mehring begann die Arbeit. Er hat sie fertig gestellt; eine großartige Arbeit, die aber an zwei schweren Mängeln leidet. Einmal konnte eS Mehring ebenso wenig, wie in der„Lesfing-Legende", unterlassen, seiner persönlichen Feindschaft gegen bestimmtePersonenin einer Weise Ausdruck zugeben. die mich ausrichtig schmerzte.(Zustimnumg.) Ich erinnere an das, was er in seiner Parteigeschichte über Leopold Sonnemann sagte.(Zuruf.) Ja, lieber Qunrck, ich weiß ja. wie Sie dazu stehen,(Ouarck: ich habe nichts gesagt), na, ich weiß, ivenn man an Sonnemann tippt, dann zuckt jÜuarck.(Große Heiterkeit.) In ähnlicher Weise wurde der Redakteur Stephany behandelt. Mehring hat sich selbst geschadet, daß er solche persönlichen Dinge hineinbrachte. (Sehr richtig!) Zweitens hat Mehring nach meiner Auf- fassuna auch Schweitzer durchaus falsch beurteilt. Indes da« ist Auffassungssache, Mehring ist noch heute der Meinung, er habe recht und ich unrecht, und ich habe mich ja auch schon zu einer Erklärung dagegen veranlaßt gesehen. Ich werde keine Parteigeschichte schreiben, tvohl aber ein Buch über nieine Erinnerungen, ich habe dieses Jahr damit angefangen. Das ist eine der Arbeiten, die ich in Küßnacht vorhabe, wo ich nicht schlafe.(Heiterkeit!) Also ich habe angefangen; ich weiß nicht, wann das Kapitel kommt, aber es kommt. Ach. so lange halten wir noch aus.(Lebhafter Beifall.) Ans Sterben denken wir nicht(Ernepter lebhafter faul werden wir auch nicht.(Stürmischer, Beifall.) Ich hoffe, meinen verehrten Freunden notwendig ist, noch manche (Große Heiterkeit und leb- sage: Mehrings Urteil über es handelt sich um eine Mehring, und als ich in der Beifall), und langanhaltender und Feinden, wann es böse Stunde zu bereiten. haster Beifall.) Also ich Schweitzer ist falsch, aber wissenschaftliche Ueberzeugung von vorigen Woche bei Dietz ivar, legte dieser mir die ersten Bände der neuen Auflage der„Geschichte des Soeialismus" vor und sagte: Du wirst Deine helle Freude daran haben; abgesehen von dem Urteil über Schweitzer ist alles, was Du mrd andre mit Reckt an der ersten Auflage getadelt haben, ausgemerzt, und das wird auch mit der„Lessing-Legende" passieren. Ich sagte: Bravo I DaS ist vorzüglich, dann wird die„Geschichte" ein großartiges Werk. Auch unter Mehrings Artikeln in der„Neuen Zeit", die natürlich nicht alle von gleicher Qualität sein können, sind viele wahre Perlen der deutschen Litteratur(Sehr richtig I), neben andren, von denen ich mir sage, wenn sie nicht geschrieben wären, wäre es auch kein Fehler. Dann kommt die Herausgabe des Nachlasses von Marx, ein großartiges Werk.(Lebhafte Zustimmung.) Da ist alles vermieden, was an den andern Werken zu tadeln ist(Sehr richtig!), das ist eine hochwissenschaftliche Arbeit, und wenn Braun, Edinund Fischer, Benchard usiv. längst vergessen sein werden, dann werden die Werke eines Mehring in der deutschen Litteratur noch als eine große That angesehen werden.(Lebhafte Zustimmung.) Das ist meine ehrliche, aumchtige Ueberzeugung, die ich vor aller Welt vertrete. Mehring ist auch Mitarbeiter der„Leipziger Volks- zeitung", die eine Menge brillanter Artikel enthält, von denen ich nur das eine bedaure, daß sie in der„Leipziger Volkszeitnng" stehen und nicht im„Vorwärts"(Sehr wahr!), das soll kein Vor- Wurf gegen die Redaltion des„Vorwärts" sein, denn ich will auch erklären, daß mit Ausnahme eines gewissen Teils, über den wir uns später unterhalten werden, ich mit der Redaktion des „Vorwärts" sehr zufrieden bin, und namentlich den politischen Teil teilweise für ausgezeichnet halte.(Zustimmung.) Nun kommt heute Bernhard mit dem Brief an Horden aus dem Jahre 1391/1392. Daß Mehring mit Haiden zu die, er Zeit freundschaftlich verkehrte und auf ferne Freundschaft rechnete, nehme ich ihm nicht übel; ob schon damals die„Zukunft" erschien, weiß ich nicht, (Zumf: Nein I), jedenfalls hatte sie noch nichts gegen uns geschrieben. Nun ist der Brief, den Bernhard heute hier zu großer und un- angenehmer Ueberraschung des Parteitages verlesen hat, von Harden ,elbst bereits veröffentlicht worden(Zuruf: Nur angederttet.) Er soll, wie mir gesagt ist, bereits vor 6 Jahren in der„Zukunft" erschienen sein; selbst gelesen habe ich sie nicht. Als heute der Brief verlesen war, habe ich mir gesagt: potztausend, das ist doch eine fatale und höchst unangenehme Geschichte.(Sehr richtig!) Ich weiß ja, Schoen- lank und Mehring waren erst die intimsten Freunde der Welt, un- ttennbar wie die siamesischen Zwillinge, dann aus einmal ein jäher Riß und schließlich dieser furchtbare Angriff auf Schoenlank. Das ist auch wieder das psychologische Moment(Heiterkeit), von dem ich gesprochen habe. Man mißverstehe mich nicht; Ein sehr, sehr mumgenchmes psychologische!.. Moment, eine That, die ich Mehring, wenn er nicht im Laufe der Verhandlungen in der Lage ist, genügende Aufklärung zu geben, nicht verzeihe(Lebhafte Zu- stinlinung), das sage ich rund heraus. Ich verteidige Mehring, wo ich glaube, ihn mit gutem Gelvissen verteidigen zu können, der Brief über Schoenlank aberftst etwas, das meinen: innersten Gefühl aufs ärgste widerspricht und mich aufs tiefste verletzt und wofür das psycho- logische Moment vielleicht eine Erklärung, aber keine Entschuldigung ist.(Zustimmung.) Der Schluß des Berichts war bei Redaktionsschluß noch nicht eingetroffen und muß morgen nachgetragen werden. parte!- aebr lebten. Eine Festschrift zum Parteitage hat die parteigenössische Ver- lagsanstalt von Kaden u. Comp, herausgegeben. Tie Schrift ist zum Preise von 39 Pf. zu haben. In Anbetracht ihres gediegenen Inhalts, ihrer guten Ausstattung und eines künstlerischen Bilder- schmucks ein recht mäßiger Preis. Vorzüglich gelungen und von lvahrhaftem Kunstsinn zeugend ist das Titelbild: Die nackte Gestalt eines Mannes, auf hartem Fels sitzend, schaut sehnsuchtsvoll und hoffnungsfreudig über das weite Meer der aufgehenden Sonne cnt- gegen. Ter Inhalt der Schrift bringt unS ein Stück Parteigeschichte, so weit sie sich auf Dresdener Boden abgespielt hat. Georg Gradnauer giebt einen Rückblick auf den Kongreß der social- demokratischen Arbeiterpartei Deutschlands, der vom 12. bis IS. August 1371 in Dresden stattfand. Dem Aufsatz ist ein Gruppen- bild der Teilnehmer des Kongresses beigegeben. Hermann G o l d st e i n widmet den toten Vorkämpfern Dresdens einen Artikel. In einem andren Aufsatz bespricht derselbe Verfasser den Dresdener Volks-Bildungsverein, der während des Socialistengesetzes als eine„Notstandsgründung" unsrer Parteigenossen ins Leben ge- rufen wurde. I g n a z Auer schildert unter der Ueberschrift: „Wie ich in Dresden„Bürger" wurde" eine Episode aus seiner Parteithätigkeit. Die erste Dresdener Reichstagswahl unter dem Soeialistengesetz behandelt ein Aufsatz aus der Feder Bebels. In einem Briefe aus New Vork erzählt uns Hermann Schlüter einiges über seine Wirksamkeit in Dresden. Georg v. Voll mar ist gleichfalls mit eurem Aufsatz vertreten, der uns die Zeit seiner Parteithätigkeit inDresden vor Augen führt. Ferner bringt die Festschrift Grüße an den Parteitag von B r a n t i n g in Stockholm, K n u d s e n in Kopenhagen und Troelstra im Haag. Drei Kunstbeilagen bieten uns die Porträts einiger bekannter, nicht mehr unter den Lebenden weilenden Parteigenossen. Wenn sie auch als Gelegenheits arbeit anläßlich des gegenwärtigen Parteitages erschienen ist, so hat die Festschrift doch einen bleibenden Wert. Ihr Inhalt erinnert die älteren Parteigenossen an vergangene Zeiten harten Kampfes und giebt den jüngeren Genossen Einblicke in die Jugendzeit unsrer Partei, sie wird deshalb vielen als eine angenehme Gabe will- kommen sein. Wer nach harter, ernster Partei-Arbeit sich gern ein Stündchen gutem Humor hingiebt, der wird ein« zweite, ebenfalls anläßlich des Parteitages im Verlage von Kaden u. Comp, erschienene Schrift mit Freuden begrüßen. Eine Nlkzeitung ist es, und zum Preise von 29 Pf. kann man sie kaufen. Sie präsentiert sich unter dem Titel: Das große Mißverständnis!"„Centrakisierte neu- zeitliche Tag-, Wochen- und Monatshefte für echten, revidierten und gemischten Socialismus. Herausgegeben von Karl Kaumarx, I. Blech und Bruder Heinrich unter unaufhörlicher Mitarbeiterschaft von Prof. Talmu-d'Ede." Redakteure und Mitarbeiter des„Großen Mißverständnisses" behandeln, wie nicht anders zu erwarten, die Fragen, welche in den letzten Wochen die Gemüter vieler Partei- genossen erregten, mit übermütigem, aber nie verletzendem Hnmor. Dabei kommte keine„Richtung" zu kurz. Hoffentlich nehmen die Parteigenossen auch diese litterarische Neuheit gern auf und er- freuen sich an ihrem witzigen Inhalt. potfceUicKes, GenehtHehee uCw. — Vom Polizeikampf gegen die Socialdemokratie. Im ganzen Erfurter Landkreise bekommen und bekamen die Socialdemokraten während der Wahlbewegung infolge der bekannten Einflüsse keinen Saal. Die socialdemokratische Parteileitung verfiel deshalb auf den Plan, politische Sprechstunden einzurichten, um so den Reichstags- .Kandidaten mit den Wählern bekannt zu machen. Der Reden de- durfte es bei diesen Angelegenheiten nicht; es genügte vielmehr der einfache Hinweis, daß man den Socialdemokraten die Säle ver- weigere und den andren Parteien überlasse, um das Gerechtigkeits- gefühl der Wähler wachzurufen und sie für den Socialdemokraten stimmen zu lassen. Deshalb wurde bei den Sprechstunden die Form der Versammlung ausdrücklich vermieden. Der Kandidat setzte sich einfach unter die andren Gäste, ließ sich mit diesen in ein Gespräch ein und gab auf gestellte Fragen Antwort. So geschah es in Möbisburg und in Schmira. Wer da aber glaubt, daß dem Gesetz genügend Rechnung getragen, der irrt sich. Unser Genosse Schulz und die bezüglichen Wirte erhielten Strafmandate von 29 bezw. 39 M. Elfterer weil er als Redner in einer nicht angemeldeten Versammlung aufgetreten sei, die Wirte, weil sie nicht angemeldete Versammlungen geduldet haben sollten. Alle Beteiligten riefen richterliche Entscheidung an. Erfolg hatten aber nur die Wirte. Das Schöffengericht, vor welchem die Sache verhandelt wurde, glaubte ihnen, wie das ja auch der Fall war. daß sie nicht gewußt haben, daß die Anwesenden zu einer Versammlung zusammen- gekommen seien. Sfttders wurde jedoch mit Genossen Schulz ver- ahren. Sein Einspruch wurde in dem einen Falle verworfen und der Strafbefehl aufrecht erhalten. In der zweiten Sache wurde darauf der Widerspruch zurückgezogen, doch wird der«rstere Fall bis zur höchsten Instanz durchgefochten werden. Sociales. In dee Jnnungs-Krankenkaffe der Schneider zu Berlin wurde am Dienstagabend die Wahl der Delegierten vollzogen. Dieselbe brachte einen glänzenden Sieg der von gewerkschaftlicher Seite auf- gestellten Kandidaten, welche mit 245 Stimmen gegen 99 für die nnnngsfteundliche Liste abgegebenen Sttmmen gewählt wurden. De» Halbachtnhr-Ladenschluß wollten während der Sommer- monate die Dresdener Warenhäuser und großen Manufakturgeschäfte einführen. Dreißig der größten Firmen verpflichteten sich durch Unterschrift und öffentlich dazu in den Zeittmgen. Aber schon nach einem Monat waren die meisten Geschäfte dem Versprechen untreu geworden— wie sie sagen, aus Furcht vor der Konknrrer». Es geht der Plan nm, die Stadtverwaltung für die gesetzliche Einfiih- rung des Halbachtnhr-Ladenschlusses im Sommer zu gewinnen. Der gesetzliche Ladenschluß ist in Dresden um 9 Uhr. Die großen Laden- gefchäste schließen aber meistens schon um 3 Uhr. Wie man die Eisenliahnunfälle»erhindert. Die königliche Eisen- bahndirektion Köln hat eine Verfügung ergehen lassen, wonach auf der ohnehin überlasteten Strecke Troisdorf-Niederlahnstein-Koblenz der Dienst der Streckenblockstattonen, die eine große Verantwortung tragen, von zehn ans zwölf Stunden täglich erhöht worden ist. Der Dienst auf diesen Blockstationen Ivar vor einigen Jahren, eben wegen der großen Verantwortung der Beamten, von zwölf auf zehn Stunden herabgesetzt worden. Zwölf volle Stunden muß sich nun wieder der Blockwärter auf der genannten Strecke dem Dienst widmen, und zwar ohne Ruhepause. Das Vorgehen der Kölner Eisenbahndirektton ist unerhört angesichts der bekannten Thatsache, daß ein großer Teil der Eisenbahnuufälle durch die Ueberlastung der Beamten verursacht wird. Wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß. Vor etwa einem Jahre veranstalteten die Mitglieder der Dresdener Zahlstelle der Bäckergewerkschaft eine Erhebung über die Zustände in den Dresdener Backstuben. Es kamen hierbei zum Teil abscheuliche Schweinereien zu Tage. Da die socialdemokratischen Zeitungen einiges aus der Erhebung veröffentlichten, sah sich die Bäcker- Innung genöttgt, etwas zu thun. Sie lud die Gewerk- schaftSvorsitzenden zur Vernehmung und Rechtfertigung vor, da diese aber nicht kamen, ließ man die peinliche Sache auf sich beliihen. Jetzt bekam der Dresdener Stadttat vvn der Regierung die Weisung, sich mit den Dresdener Backstuben-Mißständen zu befassen. Der Stadtrat arbeitete Bestimimingen über die Reinlichkeit in den Backstuben aus und legte sie am vorigen Donnerstag den Dresdener Stadtverordneten vor._ Der Berichterstatter, der antiscmittsche Stadtv. Bankdirektor G l ö ß, teilte mit, die Konditor-Jnming habe die sanitären Bestimmungen als selbstverständlich bezeichnet, auch die Bäcker-Jmumg habe sich im Princip einverstanden erklärt. Kaufmann Uhlmann empfand den Erlaß dieser Bäckerei- Ordnung peinlich, weil dadurch die irrige Meinung aufkommen könnte, daß die Dresdener Bäckereien unfanber wäre». Die Privatbäckereieu seien sicherlich ebenso sauber wie Konsnmvereins-Bäckereien. In diesem Stadiunt der Verhandlung griff der nattonalsoeiale Stadtv. Dr. Scheven ein. Er bemerkte, es genüge doch nicht, daß solche sanitären Bestimmungen beschlossen würden und auf dem Papier ständen, man müsse auch für ihre Befolgung sorgen. Er schlage deshalb vor, die Wohlfahrtspolizei mit der Backstuben- Kontrolle zu beauftragen. Vorher sollten die Polizisten an der Konsnmvereins-Bäckerei studieren, wie ein Musterbetrieb aussehe. Nun aber ging der Spektakel los. Eine ganze Reihe von Hand« Werksmeistern gefielen sich in Ausfällen gegen Dr. Scheven und den Konsumverein. Sie erklärten, man dürfe den Bäckermeistern kein solches Mißtrauensvotum erteilen. Nicht der Polizei, sondern aus- schließlich der Innung selbst stehe die Konttolle zu. Der Antrag Schevens wurde überhaupt nicht zur Abstimmung gebracht. Welche Erfolge haben also die Dresdener Bäckergehilfen mit ihrer statisttschen Arbeit erreicht? Sie haben die Innung, die Re« gierung und den Stadttat in Bewegung gesetzt. ES sind sanitäre Bestimmungen fiir Dresden erlassen worden, die Ausführung der bestimmungen wird aber dem Belieben der Meister überlassen. Es Bleibt also alles beim alten. Gerichts-Reitling. Ter Unglücksfall, dem Frau Professor Anna Schultzcn- 0. Asten von der königlichen Hochschule fiir' Musik zum Opfer gefallen, be- schäftigte gestern die Ferienstrafkammer des Landgerichts II. Wegen schwerer Körperverletzung mit tödlichem Erfolge war der Kraft- droschkenführer Otto Butt angeklagt. Der schwere Unfall, der ihm zur Last gelegt wurde, ereignete sich am 21. März d. I. Der An- geklagte war Kutscher bei dem Fuhrherrn Laubasch und fuhr am 21. März abends eine diesem gehörige Automobildroschke. Kurz vor 19 Uhr nahm er hier in der Friedrichsttaße eine Dame als Fahrgast auf, welche nach Charlottenburg gefahren sein wollte. Er stlhr durch die Hitzigstraße über die Corneliusbrücke nach dem Kurfürstendamm zunächst auf der rechten Seite des Sttaßendammes. Auf derselben Seite fuhr in gleicher Fahrrichttmg vor dem Angeklagten ein elekttischcr Straßenbahnwagen. Dieser hielt in der Nähe des Einganges des Zoologischen Gartens an, um neue Fahrgäste aufzunehmen. Der Angeklagte, dessen Automobil sich in kurzer Entfernung hinter dem Straßenbahnwagen befand, bog nun nach links ab, um zwischen letzterem und dem Bürgersteige vorbeizufahren. Der Sttaßenbahn- wagen hatte sich aber inzwischen wieder in Bewegung gesetzt und aus der entgegengesetzten Richtung kam von der Kaiser Wilhelm- Gedächtttiskirche' her ein andrer Sttaßenbahuwagen, auf welchen vor dem Hause Kurfürstendamm 245 mehrere Per- sonen, darunter Frau Professor Schnitzen- von Asten. warteten. In dem Augenblick, als letztere sich auf den Sttaßendamm begab, machte der Angeklagte eine Wendung nach links, so daß sein Auto- mobil dicht au den linken Bürgersteig heran« und direkt auf Frau Schultzeu-v. Asten losfuhr. Die unglückliche Frau wurde umgerissen und die Räder gingen über sie hinweg. Auch ein Herr, der an der Haltestelle wartete, wurde von dem Automobilwagen gegen den rechten Ellbogen gestoßen. Frau Schultzen- v. Asten wurde einige Schritte mit fortgeschleift und erlitt sehr schwere Verletzungen, insbesondere mehrere Rippenbrüche und einen Bruch des linken Beines. Sie ist infolge dieser Verletzungen am 25. März gestorben. Der Angeklagte hat von Anfang an bestritten, den Unglücksfall ver- schuldet zu haben und bestritt dies auch im gestrigen Termin. Er behauptete, daß er. als der Sttaßenbahuwagen hielt, auch habe halten wollen, daß ihm dies aber nicht möglich gewesen sei, da die Fußbremse des Automobils versagt habe und er den Wagen nicht habe zum Stehen bringen können. Deshalb sei er nach links ein- gebogen, um um den Sttaßenbahuwagen herum zu fahren. Die Handbremse habe er nicht benutzen können, da der Kutschersitz vorgerückt war. Er habe alles gethan, um im krittschen Moment ein Unglück zu verhüten, habe die Kraft abgestellt und außerdem laute Warnungssignale gegeben und die Verunglückte durch Zurufe gewarnt. Von Augenzeugen war dieser Darstellung widersprochen worden, außerdem hatte der Angeklagte sich in seinen Angaben über das angebliche Versagen der Fußbremse selbst widersprochen, die Staatsanwalffchaft hielt die letztere Be- bauptung für eine leere Ausrede, sie warf ihm vor, daß er in un- zulässiger Weise auf der linken Seite gefahren sei, überdies eine zu schnelle Gangart inne gehalten und durch sein ganzes Verhalten nach dem Unglück sein Schuldbewußtsein bekundet habe. Aus An- ttag des Rechtsanwalts Dr. Schwindt hatte im Vorverfahren eine Augenscheinnahme de? verhängnisvollen Automobils auf dem Hofe des Kriminalgerichtsgebäudes stattgefunden. Ein Gutachten des Civilingemeurs Z e ch li n ging dahin, daß der Unfall auf einen Konstruktionsfehler des Wagens zurückzuführen sei, für welchen der Angeklagte nicht verantwortlich gemacht werden könne, und auch der von der Verteidigung angerufene Ingenieur Altmann gab sein Gutachten dahin ab, daß hier in der That ein dem Angeklagten nicht zur Last zu legendes Versagen der Bremse vorgelegen zu haben scheine und daß der Angeklagte bei der ganzen Siwatton den Versuch habe machen müssen, links um den Straßenbahnwagen herumzukommen, da im andren Falle noch größeres Unglück hätte ein« treten können. Ans Grund einer umfangreichen Beweisaufnahme, in welcher die Erörterung technischer Fragen einen breiten Raum einnahm, beanttagte der Staatsanwalt gegen den Angeklagten eine Gefängnisstrafe von drei Jahren. Trotzdem die Gutachten der Sachverständigen nicht gerade zu Ungunsten des Angeklagten »elautet hätten, sei er doch der Ansicht, daß eine grobe Fahrlässigkeit vorliege. Der Fall habe wegen der Persönlich- eit der Verletzten großes Aufsehen erregt. Den Auto- mobilisten müsse klar gemacht werden, daß das Publikum sich nicht nach ihnen zu richten habe, sondern umgekehrt. Aus diesen Gründen beantrage er/die hohe Strafe. Der Verteidiger, R.-A. Dr: Schwind. trat für Freisprechung des Angeklagten ein, der so gehandelt habe, wie es unter den obwaltenden Umständen Vernunft und Logik ge- boten. Dieser Anschauung trat der Gerichtshof bei. e« wurde ein freisprechendes Urteil gefällt. Letzte I�acbncbten und Oepefcben. Nizza, 15. September.(B. H.) Die Aufforderung der französischen Mittelmeer-Gesellschaft an ihre Angestellten, sich der italienischen Gesellschaft für die Dauer des Ausstandes zur Verfügung zu stellen, ist von diesen einstimmig abgelehnt worden.> Belgrad, 15. September. Es ist ganz richtig, Genosse Bebel...(Bebel: In diesem Falle, leider!) Ich bin lange genug in der Partei, um das zu wissen und Du weißt das so gut wie ich. Aber ich lehne den Vorwurf ab, daß ich mich derarttg jemals irgendwie vergangen habe. Diesen Rat habe ich Bernhard gegeben; also das gerade Gegenteil von dem, was behauptet wurde, ist wahr. Genosse Gerisch hat Bernhard genau dasselbe gesagt; ich glaube, auch Genosse Pfannkuch war anwesend. So stehen die Dinge. Ich kenne Bernhard weiter gar nicht, wer ist Bernhard? Ich habe die ganze Kanonade gegen ihn als eine Kanonade gegen Spatzen von der ersten Stunde an bezeichnet, als ich erstlhr, das etwas derarttges im Gange war. Ich halte die ganze Diskussion um den Namen Bernhard für sehr überflüssig. Aber sie ist da, aber nicht als Ausslutz der Bernhardschen Thätigkeit, sondern sie geht aus ganz andren Motiven und Stimmungen hervor(Sehr richtig!), die mir wohl bekannt sind, die mich aber weiter nicht rühren. So sind die Thatsachen. Wenn von Berlin aus, wie be- hauptet wurde, die Delegation von Bernhard angeregt worden ist, dann geschah das jedenfalls nicht von uns. Nicht ein Federstrich ist von uns gemacht worden, von den andren Vorstandsmitgliedern, so- weit ich unterrichtet bin, ebenso wenig. Ich kann also auch dies Gerücht wieder in die Rubrik jener Gerüchte einreihen, die durch die ganze Partei gehen und die das Ergebnis einer nun seit Jahren fortgesetzten— um mich kurz auszudrücken— Hetze sind.(Zustimmung.) Ich begegne dieser Hetze ganz ruhig damit, daß ich ehrlich und offen erkläre: Ich habe mit der Sache nichts zu thun. (Beifall.) Bernhard-Berlin: Ich erkläre, daß sich die Angelegenheit ganz genau so verhält, wie Auer sagt; ich glaube sogar, doß er seine Worte teilweise wörtlich cittert hat. Wenn ich diesen Rat nicht be« folgt habe, so thut mir das jetzt leid, nicht um meinetwillen, sondern weil dadurch Auer gezwungen wurde, sich gegen einen so schmählichen Verdacht zu verteidigen. Hofmann-Nowawes: Ich möchte Verwahrung dagegen einlegen, daß solche Sachen immer auf das persönliche Gebiet hinübergespielt werden. Es handelt sich hier nicht um die Person Bernhards— er ist uns als Person vollständig Luft—, sondern darum, zu verhindern. daß auf solche Weise Mandate zu stände konmren. Es ist das ein ganz vereinzelt dastehender Fall; daß es anständig ist, auf solche Weise sich cur Mandat zu verschaffen, wage ich zu bezweifeln. Die Diskussion wird hierauf mit großer Mehrheit geschlossen. Persönlich bemerkt Werner-Berlin: Ich habe zu erklären, daß nicht ich oder die Genossen des zweiten Berliner Wahlkreises den Verdacht gegen den Genossen Auer ausgesprochen haben, sondern Genosse Bernhard. Nach der Erklärung Auer? werden>vir uns zuftieden geben. Bernhard-Berlin(persönlich): Ich habe zu der Entstehung dieses Verdachts nicht den geringsten Anlaß gegeben. Ich habe gesagt: Ich gehe zu Auer, und ich tbat das. um mich bei dem Vorstand zu er- kundigen, ob es statthaft ist, eventuell an jemand wegen eines Man- dates zu schreiben.(Lachen.) Das Schlußwort hat Griinwald: Die Person Bernhards war der Kommission gleich- gülttg. Die nachttägliche Zustimnumg, von der Löbe sprach, kann uns auch nicht ausreichend erscheinen, um das Mandat zu recht- ferttgen. Die Kommission ging im übrigen ebenfalls von der Ansicht aus, daß der Parteitag in dieser Sache Bernhard das Wort verstatten werde. Das Mandat Bernhards wird mit großer Mehrheit für un- gülttg erklärt. Singer: Ich will bei der Gelegenheit erklären, daß auch ich es als selbstverständlich betrachte, daß in dieser Diskussion dem Genossen Bernhard das Wort gewährt wird.(Zustimmung.) Das Mandat des Genossen Huhn-Kassel, gegen das nachttäg- sich Protest eingelegt worden war, weil die Wahl nicht in einer all- gemeinen, sondern in einer Vereinsversammlung vorgenommen ist. wird auf Antrag der Kommission für gülttg erklärt; desgleichen das inzwischen eingelaufene unangefochtene Mandat des Genossen Dr. Georg Wagner in Hanau. Weiter einlaufende Mandate sollen der Kommission überwiesen werden. Darauf ttitt der Parteitag in die Tagesordnung ein. Die Dis- kussion über den Punkt„Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Blättern" wird fortgesetzt. Der inzwischen hierzu eingegangene Antrag 120 wird mit zur Debatte gestellt. Ulrich-Offenbach: Die Frage der Mtarbeiterschaft von Genossen an bürger- lichen Blättern ist nicht neu, wir haben früher von Fall zu Fall dazu Stellung genommen. Diesmal ist die Debatte hervorgerufen durch das, was einige Genossen in gegnerischen Blättern veröffentlicht haben. Man spricht allerdings von einer parteilosen Presse, aber ich halte diese für viel gefährlicher als die gegnerische.(Sehr richttg!> Wenn es sich bloß um ein Litteratengezänk handelte, brauchten wir uns nicht damit zu befassen, aber es handelt sich nicht um ein Litteratengezänk, sondern um eine Unsitte, die sich herausgebildet hat. (Sehr richtig I> Gestern sind zwei Fragen in die Debatte geworfen, einmal die Frage der Mitarbeit an bürgerlichen Blättern und zweitens ist schmutzige Wäsche hier gewaschen worden. Die Frage, ob es möglich ist, daß Genoffen an Blättern mit- arbeiten, die die Partei verdächttgen und beleidigen, mutz ich entschieden verneinen, eine solche Thättgkeit ist gefährlich und korrumpierend.(Sehr wahr!) Man sagt sich, wenn ein solcher Genosse mit seinem Namen ein Blatt verantwortlich zeichnet: Was, der Mann ist Socialdemoftat und läßt es sich gefallen, daß in dem Blatt, für das er zeichnet, die socialdcmokrattschen Principien in so unglaublicher Weise verhöhnt und verlästert werden?(Sehr richttg I) Das ist eine Moral mit doppeltem Boden. Mit Recht wird gesagt, daß damit eine Gesinnungslosigkeit groß gezogen wird, die weder innerhalb der Partei noch nach außen hin einen guten Eindruck machen kann. Gegen diese Art der Be- thätigung der Parteigenossenschaft müssen wir uns entschieden verwahren... Was den zweiten Teil der Debatte anlangt, so war er eme Fort- setzung von Diskussionen und Polemiken, die in verschiedenen Partei- Organen während des ganzen abgelaufenen Jahres und schon früher stattgehabt haben. Eigentlich ttagen die berufenen Vertreter der Partei mit Schuld daran, daß wir die gesttigen Scenen erlebt haben. Wie aber die Dinge jetzt liegen, müssen wir eine Entscheidung treffen. Ich bedaure es stets, wenn irgend ein junger Mademiker, ein Doktor, den man in der Partei noch gar nicht kennt, irgendlvo als Kandidat auf- gestellt wird. Das bedeutet einen Mangel an Selbstbeivußtsein der Genossen.(Zustimmung.) Jene, die solche Leute aufftellen, kennen vielfach ihren Charatter gar nicht, wissen nicht, ob ihre Vergangen- heit Garantten dafür bietet, od der Mann derjenige ist, für den man ihn gehalten hat. Das, Genossen, ist es, was wir im Auge Halten und wonach wir unsre Entscheidung treffen müssen. Der Parteivorstand sucht den tvtißlichkeiten. die sich im Laufe der Jahre verausgebildet haben— denn es ist falsch, daß erst im letzten ■vZghre solche Zustände hervorgetreten find— beizukommen durch fernen Ihnen unterbreiteten Borschlag. Ich glaube nicht, daß da- durch die Mitzstände beseitigt werden, ich fürchte, wir werden uns damit noch öfter beschäftigen müssen und hätte deshalb lieber eine schärfere Fassung gewünscht, durch die wirklich das erreicht wird, was der Parteivorstand zu erreichen für notwendig hält. Ich habe mir alle Anträge daraufhin durchgesehen, aber höchstens der Antrag 16 hat vielleicht eine schärfere, präzisere Form. So außerordentlich viel Wert lege ich allerdings darauf, ob wir den Antrag 7 oder den Antrag 16 annehmen, nicht. Es kommt darauf an. daß dem Parteivorstand Gelegenheit gegeben wird, das Auffichtsrecht über die Presse in wirksamer Weise auszuüben. Insofern sollten wir meiner Meinung nach dem Antrag 16 den Vorzug geben. Ich will mich auf die Einzelherten nicht einlassen, ich will nicht die gestrigen Debatten fortsetzen. Die Soupergeschichte wäre besser nicht erzählt worden. Sie stand gar nicht im Zusammenhang mit der Sache. Warum wirft man solche Dinge in die Oeffentlichkeit, über die die Gegner allerlei Variationen iratürlich nicht unterlassen werden? Unser alter, bewährter Genosse wird manchmal mit schwerem Undank gelohnt; wir haben alle Ursache, uns gegen das Eindringen von Leuten zu wehren, deren Cha- rakter wir nicht kennen.(Sehr richtig I) Man hat scherzweise gesagt, man wolle eine Zeit lang warten nut der Verwendung von Akademikern zu Vertrauensposten. Aber die meisten Parteigenossen warten eben damit nicht, sie nehmen solche Leute zu Kandidaten, weil sie glauben, mit ihnen mehr Stimmen zu be- kommen usw. Ich erinnere nur an unsren alten Freund Metzner(Sehr richtig!), der zu den verdienstvollsten der Partei gehört und der während des SocialistengesetzeS mit in der vordersten Reihe gestanden hat. Gegen ihn haben Dinge hinter den Koulissen gespielt, die geradezu unverant- Ivortlich waren. Aehnliches erleben wir häufig in andren Kreisen (Ruf: Pens!) altbewährte Genossen, die von der Pike auf gedient haben, werden beiseite gesetzt(Bebel: Sehr wahr I) wegen außer- ordentlich fraglichen Personen, deren Charakter man nicht kennt. Das muß einmal gründlich ausgesprochen werden. Solche Leute können unter Umständen besser reden, als die bewährten Genossen, wenn aber die Sache ernst wird, so stellen sie nicht ihren Mann. Es wird ja unvermeidlich sein, bei der Vicepräsidenten-Frage noch einmal auf die Besetzung der höchsten Vertrauensposten der Partei zurück- zukommen. Wir müssen dahin wirken, daß der Parteivorstand die Möglichkeit hat, solche Genossen, deren Charakter unbekannt und ichwankend ist, von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Natürlich großer die Partei wird, desto schwerer wird es sein, alle Partei- genössischen Litteraten bei uns zu beschäfttgen. Dagegen, daß sie sich wo anders ihr Brot suchen, ist nichts einzuwenden, wohl aber da- tegen, daß sie in die vordersten Reihen gestellt werden.(Sehr richttg l) Üese Zweiseelen- Theorie ist unmöglich(Sehr wahr!), man kann nicht auf der einen Seite Socialdemokrat sein, auf der andren Seite ein Blatt verantwortlich zeichnen, das uns angreift.(Sehr richttg!) Offen gesagt, sehe ich das als Geftihlssache an. ich begreife nicht, wie jemand, der Socialdemokrat sein will, Artikel zeichnen kann, in denen wir angegriffen werden.(Lebhaste Zustimmung.) Aus Achttmg vor sich selbst(Sehr richtig!), aus Taktgefühl(Sehr richtig I) sollte man so etwas unterlassen. Will jemand ein solches Blatt zeichnen, so mag er es thun, aber nicht als Parteigenosse.(Zustimmung.) Es ist gar nicht abzusehen, wohin solche Zustände führen sollen. Wenn die Kontrolleure mit Stimmengleichheit den Ausschluß Bertholds ab- gelehnt haben, so ist das schon ein Beweis dafür, daß wir es nicht bloß mit einer Tattlosigkeit zu thun haben, sondern daß man das Gefühl hatte, daß hier eine direkte Schädigung der Partei vorlag, gegen die wir uns wehren müssen.(Sehr richttg!) Nehmen wir deshalb den Antrag 16 an, zum mindesten aber die Nesolutton des Parteivorstandes. Ich glaube ja nicht, daß dadurch die Mßhellig- keilen beseitigt werden, im Gegenteil, wir werden dadurch zu neuen Konflikten kommen, aber immerhin bedeutet diese Resolution doch einen Anfang. Es wird sich ja zeigen, inwieweit dieses Instrument geeignet und brauchbar ist, um Borgänge a la Berthold und Bernhard zu vermeiden.(Lebhafter Beifall.) Dr. Qnarck-Frankfurt a. M.: Einen wie traurigen Eindruck muß doch die gestrige Debatte auf die Zuhörer gemacht haben! Nach dem Dreimillionensieg hatten wir nichts andres zu thun, als die unglaublichen Ungeschicklichkeiten von. Heinrich Braun und andren anzuhören.(Sehr richtig!> Wenn irgend jemand diese Debatte gründlich verfahren hat, so war es Heinrich Braun.(Sehr richttg!> Ich unterschreibe noch nicht einmal das, was die Genossin Zetkin, der ich im übrigen beipflichte, über den Sturm im Glase Waffer gesagt hat: nein, es handelt sich nicht einmal um einen Sturm im Glase Wasser, sondern um viel weniger, um eine Berliner Pfütze, möchte ich beinahe sagen.(Zustimmung und Wider- spruch.) Die Arbeiter in Mitteldeutschland, in Süddeutschland und West- dcutschland kümmern sich, soweit ich das übersehen kann, so lvenig darum, daß sie die Angelegenheit nicht einmal der Erörterung in emer einfachen Parteiverl ammlung für wert hielten(Sehr richttg I), geschweige denn, daß man es für möglich gehalten hätte, daß diese Frage hier in dieser Art den Beginn unsrer Verhandlungen nach dem glänzenden Erfolg vom 16. Juni bilden könnte.(Sehr wahr I) Das Wort vom Litteratengezänk trifft mindestens der Form nach zu. Ich möchte sagen, es ist ein elendes Berliner Litteratengezänk, dem man aus dem übrigen Deutschland nichts Aehnliches an die Seite stellen kann. Was KautSkh gestern zur Kennzeichnung der Braunfchen Polemik gesagt hat, ist ja richtig, aber auch noch nicht scharf genug. Er meint, der Zank erinnere an Majestätsbeleidigungsanzeigen, die feindliche Nach- varn nach Jahren einbringen. Unlautere Absichten will ich dem Ge- nassen nicht vorwerfen, aber die Sache ist schlimmer, sie erinnert an die berüchttgte Polizei-Anfficht, man geht einem Genossen, der einmal Fehler begangen hat, nach bis in seine ersten Lebensjahre. Achnlich wie die Polizei, so kommen auch hier die Genossen mit langst veralteten Dingen. (Sehr richttg!) Daß man einen solchen Weg einschlägt, hätte ich allerdings nicht für möglich gehalten, gerade von der Seite, von der es geschehen ist. Daß man nicht scharf genug Stellung gegen die Mitarbeit von Genossen an der bürgerlichen Presse nehmen kann, darin sind wir in unsrer großen Mehrheit einig, und daß wir die Analogien mit früheren Fällen auszuschalten haben, ergiebt sich schon daraus, daß wir jetzt unter ganz andren Verhältnissen leben als in jener Zeit. Wenn auf die Mitarbeiterschaft von Kautsky und Liebknecht an bürgerlichen Blättern Bezug genommen wird, so über- sieht man, daß damals Ausnahmeverhältnisse bestanden, und man ver- gißt, daß heute auch die liberale Presse nur das Spiegelbild der Reaktton ist.(Sehrrichttgl) Braun sagte: Mr müssen uns der gegnerischen Presse bedienen, aber wir dürfen ihr nicht dienen. Wenn ich mich aber in denSold einer gegnerischenMachtorganisatton begebe, so bediene ich mich nicht ihrer, sondern ich diene ihr.(Bebel: Sehr richttg I) Des- wegen trifft auch der Vergleich mit Reden von Parteigenossen in gegnerischen Versammlungen nicht zu. Was die„Zukunft" anlangt, so begreife ich nicht einmal, wie ein bürgerlicher Liberaler, geschweige denn ein Socialdemokrat, an diesem Organ mitarbeiten kaim. Als Harden die„Zukunft" begründete, bekam auch ich eine Aufforderung zur Mitarbeit. Ich schrieb Harden ganz einfach zurück:«So lange Sie Sttefellecker von Bismarck sind, bedanke ich mich für die Mit- arbeiterschaft!"(Heiterkeit und lebhaste Zustimmung.) Ich habe darauf nie eine Antwort von Harden erhalten, auch keine erwartet. (Heiterkeit.) ES läuft bei dieser ganzen Frage auch eine unbegreifliche Ueber- schätzung der bürgerlichen Presse mit unter. Wenn Braun seine Meinung, daß die„Frankfurter Zeitung' das beste deutsche Blatt sei, einmal m einer Frankfurter Parteiversammlung wiederholen wollte, so würde er wohl eine sehr wenig höfliche Antwort bekommen.(Heiter- keit und Sehr gut!) Auch ich würde kein Bedenken tragen, die„Frank- furter Zeitung" unter uns Journalisten technisch als eine gut organisierte bürgerliche Zeitung zu bezeichnen. Sachlich aber ist die„Frankfurter Zeitung" aufs eifrigste bestrebt, mit einer Verständnislosigkcit sondergleichen das Auseinander- loben der Socialdcmokratie zu betteiben(Sehr richttg I). ganz ge- schweige von der unsäglich gewöhnlichen Haltung, die die.Frankfurter Zeitung" in den Frankfurter socialistischen Lokalangelegenheiten ein- nimmt. Wir in Frankfurt haben es auch als einen Schlag ins Gesicht empfunden, daß zur Zeit der belgischen Revolution Van- dervelde sich dazu hergab, zwei Feuilletons in der„Frankfurter Zeitung" über diese Bewegung zu veröffentlichen. Noch ein Wort über die Frage der Akademiker. Wenn gesagt wird, die Akademiker wollen Karriere machen, so gehören dock dazu zwei: der Akademiker, der sich hinstellen läßt, und die Genossen, die ihn hinstellen. Es muß doch wohl gesagt werden, daß letztere vielfach noch einer demokratischen Erziehung bedürftig sind.(Sehr gut!) Wenn ein Socialdemokrat bei uns von vornherein auftritt mit großen Arttkeln: „Wie ich Socialdemokrat wurde"(Sehr gut!) oder wenn er gleich seine ganze Lebensgeschichte veröffentlicht und mit dieser Prätention zu uns kommt, so ist für mich eigentlich der Fall von vornherein er- ledigt.(Sehr richtig I) Ein Akademiker, der zu uns kommt, hat sich zunächst ganz still in Reih' und Glied zu stellen und in den schwierig- sten Positionen mitzukämpfen.(Bravo!> Hier ist sogar der Partei- vorstand von gewissen Unterlassungssünden nicht freizusprechen. Warum giebt er solchen Leuten nicht mehr Gelegenheit zu Arbeits- stellen statt zu Ehrenstellen? Warum fordern die Parteigenossen- schasten solche Akademiker nicht auf, allerlei notwendige litterarische Parteiarbeiten zu machen? Es machte zum Beispiel einen eigen- tümlichen Eindruck, wenn Pfannkuch sagte, sie hatten Not gehabt, Manuskript für die Wahlflugblätter zu bekommen. Ei der Tausend! Warum giebt man nicht den Leuten, die so zu uns stehen, in dieser Richtung zu arbeiten?(Heiterkeit und Sehr gut I) Warum hat man nicht z. B. einen Genossen sämtliche Kommunal- Programme unsrer Parteigenossenschasten in ganz Deutschland zusammenstellen lassen? Die Art und Weise, wie der Vorstand die Sache erledigen will, gefällt mir allerdings auch nicht. Diese Kautschukparagraphen, die er formuliert hat, sind vor dem demokrattschen Princip absolut nicht haltbar. Es ist ganz dehnbar, was„gehässige und hämische Krittk" ist. Bei der Formulierung dieser Paragraphen scheint dem Vorstande die bewährte Kraft des Genossen Auer gefehlt zuhaben. Wenn Pfannkuch mit einem gewissen Stolz den Brief CalwerS erwähnt hat, so frage ich dock: Hat etwa Calwer damit den Vorstand ein wenig frozzeln wollen?(Heiterkeit.) Der Partei- Schriftsteller muß sich aI|o beim Vorstande das Placet dafür holen, daß seine Mitar beitam„Arbeitsmartt" nicht anstößig ist! Damit befindet man sich auf einem abschüssigen Wege: man gelangt damit thatsächlich zu einer Art Inquisition und einer Index- Liste. Uebrigens stehe ich den Jasttowschen Unternehmungen gar nicht so gegenüber wie der Parteivorstand: ich halte diese Zuckerwasser- Socialpolitik für eine gefährliche Geschichte, für eine Entmannung und Verweichlichung unsrer Gewerkschaftsbewegung. Mir scheint der Antrag Berlin II weit den Vorzug zu verdienen vor dem Antrag Bremen und vor der Resolution des Parteivorstandes. Warum hat man sich in Berlin beschränkt zu sagen: Der Genosse kann nicht länger Referent sein? Warum haben die Genossen ihn nicht vor ihr Forum gefordert und die Sache gleich dort erledigt? Dann hätten wir den ganzen Knatsch hier in Dresden nicht gehabt; es wäre dann höchstens eine Beschwerde übrig geblieben. Der neu ein- gegangene Antrag, der eine zweijährige Karenzzeit für Akademiker fordert, ist ja direkter Unsinn; aber der Parteivorstand hat mit seinen Käutschukbestimmungen bis zu einem gewissen Grade dazu mit An- laß gegeben. Die ganze Frage ist eine Frage des demokrattschen Instinkts— der von uns nicht von oben herab gepflegt werden kann, sondern von unten herauf. Aufgerichtete neue Gesetzestafeln haben nur einen vorübergehenden Erfolg und verwirren nur die Sache. Ich bitte um Annahme des Antrages Berlin II vorbehaltlich redaktioneller Aenderungen. Zudeil-Berlin: Genosse Ouarck sprach von einer Berliner Pfütze. Er wird aber doch wissen, daß diese Frage nicht eine Berliner Frage ist, es handelt sich nicht um Bernhard uno Braun, sondern um ein Symptom, um eine Sttömung, die seit Jahren schon darauf ausgeht, die Partei von dem traditionellen Boden, auf dem sie ihre großen Erfolge errungen hat, abzubringen, sie zu einer bürgerlichen Reformpartei zu machen. (Sehr wahr!) Es ist unsre Pflicht, rechtzeitig unsre Stimme zu erheben und die Gefahr abzuwenden, bevor es zu spät ist.(Sehr richtig!) Daß es sich nicht nur um eine Berliner Pfütze Handell, beweisen die vielen aus den verschiedensten Teilen Deutschlands gestellten Anträge. Die Antragsteller waten doch nicht alle in der Berliner Pfütze herum. (Heiterkeit.) Wenn Ouarck die Annahme des Antrags Berlin II empfiehlt, so beweist er damit, daß er die Entstehungsgeschichte des Antrags nicht kennt.(Sehr richtig!> Dieser Antrag müßte in Wirklichkeit Antrag Bernhard heißen.(Sehr wahr!) Wenn der Antrag Berlin II angenommen würde, so würde damit der Boden für das geschaffen sein, was wir in erster Linie bekämpfen. (Sehr richtig I) Es kommt dabei nur ans den Einfluß an. den be- stimmte Parteigenossen in einer Organisation einnehmen. Das haben wir ja selbst in Berlin erlebt. Deshalb muß der Antrag aufs äußerste bekämpft werden. Die Parteigenossen Berlins sind weit entfernt, die Meinnngsfteiheit beschränken zu wollen. Es kommt nur darauf au, auf welchem Platze man die Mcinungsfteiheit für sich in Anspruch nimmt. In welche Aufregung ist doch Edmund Fischer sowohl in seinem„Armen Teufel" als gestern hier über den Genossen Mehring geraten! In der„Münchner Post" erschien im vorigen Jahre ein Artikel über den Münchner Parteitag; in diesem Arttkel kam die„Neue Zeit" sehr schlecht weg, sie wurde außerordentlich heruntergerissen. Nur mit der Mitarbeit Mehrings an der„Neuen Zeit" wurde eine Ausnahme gemacht(Hört! hört!), es wurde gesagt, seine Arttkel machten die«Neue Zeit" schmackhaft. DaS schrieb die„Münchner Post", an der die hervorragendsten Genossen mitarbeiten und der auch Wollmar nicht fern steht. Im vorigen Jahre war die Vergangenheit Mehrings vergessen, ich kann nicht annehmen, daß Wollmar seine Vergangenheit nicht kannte. Eigenarttg ist es, daß Braun Mehring in die Partei bringt und sich dann hierher stellt und sagt, er habe ihn nicht gekannt. Aus Wollmar dürste das doch uicht zutreffen. Ich erinnere ferner daran, daß gerade Wollmar es war, der Mehring das beste Material für seine Geschichte der Socialdemokratie geliefert hat. Da kommt man doch unwillkürlich auf den Gedanken, daß, wenn Mehring der von uns bekämpften Richttmg angehörte, niemand den Spaten genommen hätte, um das auszugraben, was vor 25 Jahren geschehen ist.(Sehr richttg I) Braun giebt an, seit 25 Jahren Partei- genösse zu sein, er muß also auch wisfen, daß den Berliner Genossen die Vergangenheit von Mehring bekannt war. Noch eine Richtigstellung gegenüber Edmund Fischer über die Frattionssitzung, die sich mit Leuß beschäftigte. Es ist nicht richttg, daß diese Frage von Heine angeschnitten wurde(Ruf: Hat Fischer auch nicht gesagt 1), sondern es war Meister, dem erst m der Dis- kussion Heine und andre beittaten. Bernhard hätte seinen Arttkel in der„Zukunft" statt„Parteimoral" lieber„Socialdemokratische Jesuitenmoral" überschreiben sollen, dann wäre der Artikel besser gekennzeichnet gewesen. Man muß sich wundern, daß ein Genosse, der in der Bewegung noch nichts geleistet hat, den Mut finden kann, über die Moral der Partei zu schreiben, ein Genosse, der selbst, wie vorher zur Deutlichkeit bewiesen wurde, nicht die geringste Moral im Leibe hat. Bernhard hat den Arttkel in Berliner Versammlungen als unschuldig hingestellt. Wenn er ein bißchen Objektivität hätte, so hätte er in dem Flugblatt, das er uns gestern unterbreitet: Dr. Franz Mehring, der Citterkünstler. doch auch seinen Artikel mit abdrucken sollen.(Sehr gut!) So aber ist sein ganzer Arttkel nur eine ausgiebige Verteidigung des Redakteurs Harden.(Bebel: Sehr richtig!) Dann würden die Delegierten des Parteitages heute vielleicht noch ein andres Verdikt fällen.(Bebel: Sehr gut!), als wie in UnkennttttS des Arttkels es heute gefällt werden wird. Man that so entrüstet über den Ukas des Parteivorstandes, der in so„schmählicher" Weise mitten in den Wahlkampf hineingefallen sei. Ich frage die Delegierten aus allen Kreiseitz ob dieser Ukas ihnen auch nur die geringsten Schwierigkeiten in der Agitatton bereitet hat. Wenn uns nicht ganz andre Knüppel zwischen die Beine geworfen worden wären, so wäre der Wahlkampf ein leichterer gewesen.(Heinrich Braun ruft: Es ist unwahr, daß ich die Erklärung„schmählich" genannt habe.) Ihre Mitarbeit an der bürgerlichen Presse(zu Braun) und Ihre nicht allein war es, die uns im Wahlkampf draußen das Leben so sauer gemacht hat.(Sehrrichttgl) Und wenn nicht Einhalt geschieht, so wird das in Zukunft noch schlimmer werden. Kindlich ist die Auffassung Brauns, es sei ganz dasselbe, ob ich in gegnerischen Versammlungen spreche, oder für 10 oder 20 000 Leser in gegnerischen Zeitungen schreibe. Man muß sich darüber wundern, daß ein 25 Jahre in der Partei thättg sein wollender Genosse(Heiterkeit) solche Ausführungen machen kann. In gegnerische Versammlungen gehen wir doch nur dann, wenn wir, wie in ländlichen Bezirken, keine Säle erhalten, dann wird versucht, in gegnerische Versammlungen einzubrechen und dort Propaganda für unsre Ideen zu machen. Genosse Braun, glauben Sie, daß Sie durch die Artikel, die auch Sie in der„Zukunft" ablegen, auch nur einen Gegner zu uns ziehen? Der einzige Erfolg ist, daß solche Arttkel von der Landratspresse abgedruckt werden, um zu zeigen, weß Geistes Kinder bei uns führende Rollen einnehmen. Dadurch wird uns der Kampf nur erschwert.(Sehr richttg!) Des- halb dürfen wir nicht pflaumenweiche Resoluttonen fassen, sondern deutlich zeigen, daß für die, die sich nicht unterordnen können, kein Platz bei uns ist.(Sehr richttg!) Es ist schon gesagt, daß es für einen Teil der Genossen nicht darauf ankommt, was sie gethan haben für die Partei, sondern ob sie den Doktortitel besitzen oder wenigstens Schriftsteller sind. Ist das der Fall, dann können sie die höchsten Ehrenstellen in der Partei erhalten.(Sehr richtig!) Dem muß ein Ende gemacht werden. Ein großes Teil Schuld daran trägt der Verlag des Vorwärts... Singer: Wir könnest jetzt nicht über die Buchhandlung Vorwärts sprechen. Das gehört zu Punkt IV der Tagesordnung. Zubeil(fortfahrend): Dann wird die Frage später erörtert werden. Ouarck wies darauf hin, man könnte die Genossen, die aus bürgerlichen Kreisen zu uns kommen, zunächst mit Abfassen von Flug- blättern beschäftigen. Aber dam: könnten wir es erleben, daß wir Flugblätter erhalten, in denen die ExistenzGottes nachgewiesen wird. (Sehr gut!) Nein, es bleibt mir ein Weg übrig: die Genosse« einzureihen in die Reihen der thättgen Genossen, sie zu prüfen. Laßt Euch nicht bestechen durch einige schöne Artikel, sondern prüft, ob die Genossen auch würdig sind.(Zustimmung.) Heute stößt man die Schuster, Schneider und Tischler ab, und die Folge ist, daß das, waS aufgebaut ist, wieder umgestoßen wird und daß wir von vorn an- fangen müssen. Die Resolutton des Vorstandes beseitigt den jetzigen Zustand nicht, es muß gründliche Arbeit verrichtet werden, damit uns in Zukunft unsre Zeit nicht wieder durch solche Debatten fort- genommen wird. Deshalb stehe ich auf dem Boden der Bremer Resolution. Es ist ein sonderbares Symptom, daß die Gegenseite, mit Ausnahme von Braun, sich ausschweigt.(Zuruf: Kommt noch! Edmund Fischer!) Edmund Fischer stand nicht ganz auf dem Boden Brauns, er sprach aus dem Gefühl heraus, aber das muß gesagt werden: Kein Redner, der von unten herauf gedient hat, könnte so ungeschickt sein wie Braun in seinen gestrigen Ausführungen.(Zu- sttmmung.) Ich kann Sie nur bitten, die Bremer Resolution anzu- nehmen.(Lebhafter Beifall.) Bernhard-Berlin: Kautsky hat es so dargestellt, als ob es die hergelaufenen Akademiker wären, die in einemfort die Partei dadurch in Ver- wirrung bringen, daß sie in ihren Ueberzeugungen noch nicht recht fest sind. Würde ich Gewicht darauf legen, so würde ich bestreiten, daß ich den Namen eines Akademikers führen darf, ich könnte mich Ihnen ja als langjährigen Handlungsgehilfen vorstellen. Aber ich nehme den Vorwurf hin. Dagegen muß ich mich gegen einen andren Vorwurf verwahren; ich komme nicht aus einer andren Partei zu Euch, sondern es sind Leute hier, die bezeugen können, daß ich seit langen Jahren auf dem Boden der Partei stehe, daß ich niemals einer andren Partei angehört habe und seit einigen Jahren als organisierter Genosse meine Pflicht in vollem Umfange erfüllt' habe.(Ruf: Um so schlimmer!) Ich will mich durchaus nicht in irgend einer Weise hervorthun, ich habe auch den niedrigsten Parteidienst nicht gescheut und werde das auch ferner thun. Ich bin genau so wie jeder andre mit Flugblättern Trepp auf Trepp ab gelaufen, ich habe im Wahlkampf als ftellverttetender Bezirksführer genau so gearbeitet wie jeder andre. Auf die Sache selbst übergehend, möchte ich zunächst mit Bezug auf den Arttkel über Parteimoral eine Erklärung ab- geben, die Ihnen auch sagen wird, weshalb ich darauf verzichtet habe, diesen Arttkel im Abdruck dem Partei- tag vorzulegen. Das, was ich darin sagen wollte, ist weit entfernt von dem, was herausgelesen ist, und ich sage ganz offen: Der Artikel muß wohl sehr ungeschickt gewesen sein, wenn man so etwas herauslesen konnte. Deshalb erkläre ich rund heraus, daß ich auf dem Standpunkt stehe, der Artikel wäre besser nicht ge- schrieben worden, ich werde einen solchen Artikel nie wieder schreiben. (Bravo I und Gelächter.) Hoffentlich kommt man mir nun nicht wieder mit diesem Artikel. Im übrigen, Genosse Bebel, glaube ich nicht, daß Ihnen jemals auf einer Agitation der Artikel vorgehalten ist.(Bebel: Nein, nein!) Denn darin hat Auer recht: Wer ist denn Bernhard? Er ist einer von den vielen Soldaten, einer, den man vielleicht in Berlin kennt, der aber sonst ganz unbekannt ist. Diesen Artikel hat man uns in der Agitation nicht zwischen die Beine geworfen. Bei einigem guten Willen wäre es wohl möglich gewesen, sowohl über meinen Artikel als auch über die Frage der Beteiligung von Socialdemokraten an bürgerlichen Pretzorgancu etwas ruhiger zu diskutteren, denn wer den Artikel liest, der weiß, daß es sich darum handelte, Angriffe gegen die Partei abzuwehren. (Lachen.) Man mag das ja lächerlich finden, aber den guten Willen hatte ich, und deshalb wäre wohl eine loyalere Auffassung am Platze. Ich lasse mir gern jede scharfe Zurückweisung gefallen, aber das eine kann ich, weil ich so lange der Partei angehöre, verlangen, daß man mir gegenüber so verfährt, daß man den Arttkel wenigstens so wiedergiebt, daß die Genossen sich auch ein Bild darüber machen können. Das ist ja das Gefährliche bei uns. Unsre Leser können in der Regel die Gegenschriften nicht lesen. Handelt es sich nun um von Parteigenossen geschriebene Bücher oder Artikel, so sollte man bei der Krittk wenigstens auch diejenigen Stellen mit abdrucken, die entlastend für den Verfasser ivirken können. Aber wie gesagt: den Arttkel gebe ich heute auftichtig und gern preis, und ich fteue mich, das hier offen erklären zu können. Nach der Kritik von Mehring in der„Neuen Zeit" schrieb ich eine kurze Erklärung, in der ich mich lediglich gegen die falsche Darstellung wandte, die man meinem Artikel gab. Ich that das einmal, weil ich in eine Polemik über die Frage der Parteimoral mit Mehring nicht eintreten wollte, dann aber auch, weil ich es für ganz unangebracht hielt, daß ich als junger Genosse jetzt im Wahlkampfe eine Sache aufrühre, deren Tragweite ich nicht kannte. Deshalb warf ich die principielle Frage der Mitarbeit an bürgerlichen Blättern nicht auf. Nun erschien in derselben Nummer der„Neuen Zeit", in der die Entgegnung von mir stand, der Artikel von Kautsky; und da wurde mir erst klar. daß aus meinem Artikel eine Haupt- und Staatsaktton gemacht werden sollte. Wenn ich darauf nicht erwiderte, so geschah es mit Rücksicht auf die Wahl. Ich habe mich deshalb auch nicht beschwert, weil ich mir sagte: geht die Sache bis zum Parteitag nicht zu Ende, so wirst du dich eben auf dem Parteitag verteidigen müssen. Ich bleibe dabei: es ist aus diesem einen Fall eine Haupt- und Staats- aktion künstlich gemacht worden. Jetzt thut man freilich so. als ob die Frage der Mitarbeit an bürgerlichen Blättern schon lange. in Arbciterkreisen als eine brennende empftinden worden wäre. Wenn Ulrich zum Beweis dafür die Thatsache anftihrt, daß viele Kreise sich mit der Materie beschäftigt haben, so vergißt er, daß sie sich erst nach der Erflärung des BorffandeS damit beschäftigten. Ich habe bisher stets gefunden, daß gerade die Arbeiter dieser Frage so gegenüberstehen, daß sie eine Entscheidung von Fall zu Fall wünschen, und die Arbeiter sind doch sicher nicht diejenigen, die im gegebenen Fall nicht scharf zugreifen würden. Als ich mich seiner Zeit organisieren ließ, wandte ich mich an den Vorsitzenden meines Wahlkreises; ich sagte ihm:„Ich bin Mit- arbeiter und Redafteur der„Morgenpost" und beabsichtige. mich orgamsieren zu lassen, um meine Zugehörigkeit zur Partei auch äußerlich zu dokumentteren. Finden Sie etwas dabei?" Er erwiderte:„Absolut mchts. Wenn sonst nichts gegen Ihre Person vorliegt, so können Sie in einem bürgerlichen Geschäft arbeiten wie seder andre auch, boranSgesetzt, daß Sie nicht gegen das Interesse der Partei schreiben." sL e d e b o u r: In welchem Wahlkreise war das?) Im dritten_ Berliner Wahlkreise! Der betreffende Genosse hat sich, wie ich erst später erfahren habe, sehr genau nach meiner Person erkundigt, und ich nehme an, er hat nichts Nachteiliges über mich gehört. Nun hat Stadthagcn den Fall der Agitationskommission dargestellt in einer Weise, die den Eindruck erwecken könnte, als ob ich von der überwiegenden Mehrzahl der Arbeiter als Agitator einfach abgelehnt wäre. So liegt die Sache nicht, die Darstellung von Stadthagen ist nicht erschöpfend. Vor etwa zwei Jahren bekam ich von der Agitatioiiskommission die gedruckte Anfrage, ob ich bereit sei, in Parteiversainmlnngen zu sprechen, es sei beabsichtigt, eine Referenten- liste herauszugeben. Ich habe es mir sehr überlegt, ob ich zusagen sollte, ich habe es gethan aus der Erwägung heraus, daß man sonst sagen würde: Aha! das ist solch fauler Kantonist sowie er Farbe bekennen soll, ist er nicht Socialdemokrat 1 sZnruf: Man scheint Sie in Berlin zu kennen!) Also, ich schrieb zu und nun wlirde mir eines Tages mitgeteilt, daß die Kommission mich nicht auf die Rednerliste setzen wolle. Ich sagte mir: dann mriß ich aus der Organisation austreten, denn ich kann unmöglich organisierter Genosse sein und mir so etwas gefallen lassen. Ich wandte mich an meine Organisation mit dem Ersuchen, zu ent- scheiden, ob ich vollberechtigter Genosse bin oder nicht. Es fand eine eriveiterte Vorstandssitzung statt und nach langen Beratungen wurde gegen eine Stimme entschieden, daß meine journalistische Bethätigung kein Grund sei, mich nicht als vollberechtigten Genossen anzuerkennen. (Bebel: Welcher Vorstand?) Der des dritten Wahlkreises. ( S t a d t h a g e n: Aber nicht die Agitationskommission!) Nein, die Agitationskommission blieb bei ihrem Beschlutz. Die Sache hatte aber für mich keine praktische Bedeutung, denn ich wurde nach wie bor aufgefordert, zu referieren, und deshalb sagte ich mir: Wenn Du nicht in der Liste stehst, ersparst Du es Dir, jeden Sonntag in die Nachbarschaft von Berlin fahren zu müssen, um zu reden. Ich habe deshalb nichts dagegen unternommen. sich der Wahlvercins-Vorstand dazu verhalten hat, weiß ich nicht. Einige Zeit darauf verzog ich in den zweiten Wahlkreis. Nun er- schien in diesem Jahre der Beschluß des Vorstandes, der mich ja wieder zum Genossen 2. Klasse erklärte, oder— um nicht persönlich zu werden—(Bebel: Das war nicht persönlich!) also, der alle Genossen in meiner Lage als Genossen 2. Klasse hinstellt. Der Beschluß war unnötig; der Fall Verthold zeigt ja, daß solche Fälle auch so schon zur Sprache gebracht werden konnten. Ich will mich übrigens mit Berthold nicht identifizieren: es ist gar keine Frage, daß ein Genosse so nicht handeln darf. Ich hielt den Vorstands- beschluß aber auch fiir schädlich, weil er gerade vor den Wahlen erschien; ich habe auch vor den Wahlen keine Schritte dagegen gethan. Trotz allem Vorgefallenen bin ich aber dann doch während des Wahlkampfes wochenlang Tag ftir Tag in Berlin und Umgebung auf Agitation gewesen; auch ans Dresden hat man mehrercmal an mich telegraphiert, daß ich reden solle, und Genosse Walfisch hat mich autorisiert zu erklären, daß er dabei im Austrage des hiesigen Wahlkomitees gehandelt hat. Auch der Genosse*Z»beil hat sich diese Agitation in seinem Wahlfteise ruhig gefallen lassen.(Heiterkeit. Z u b e i l: Daran bin ich unschuldig ff Ja, aber wenn ich wirklich ein Mensch bin, der die Partei unterminiert, dann hätten Sie da- gegen protestteren müssen. Daß ich gegen den Arttkel der„Leipziger Volkszeitung" diesen Ton angeschlagen habe, lag daran, daß der Verfasser dieses Arttkels Franz Mehring ist. Ich hatte doch gewünscht, daß man zu scharfen Angriffen auf Ehre und Moral von Parteigenossen jemand anders verwandt hätte als den Genossen Mehring. ES ist ja richtig, Mehring hat sich zu diesen Artikeln nicht gedrängt, sonderst ist von Kautsky beauftragt worden. Nun hat es gestern Kautsky so dargestellt, als ob jemand Mehring das Recht, in der Partei zu wirken, irgendwie hätte streittg niachen wollen. Das glaube ich nicht, und ich wäre der letzte, der das wollte. Es ist aber etwas andres, ob jemand sich äußert, oder ob er für die Partei das moralische Wort zu führen, über Moral zu urteilen hat.(Lebhaste Zustimmung.) Und wenn ich nicht befugt war, über Moral zu reden, dann war es Genosse Mehring sicher tausendmal weniger als ich.(Sehr richtig I) In der Verteidigung Mehrings durch Kautsky ist die Thatsache doch zu kurz weggekomnien, daß Mehring sich zweimal gewandelt hat. Zunächst ließ er 1875 eine Broschüre erscheinen, vorsichtigerweise anonym, die den Titel hat:„Herr v. Treitschke, der Socialistentöter". In dieser Broschüre spricht er in einem fort„uns Socialdcmokraten" und im Namen der socialdemokrattschen Partei. 1876 erfolgten die Verhandlungen wegen der„Neuen Welt" und 1877, also ein Jahr später, erschien dann die neue Broschüre. Genosse Mehring ist übrigens gar nicht be- rechtigt, gerade über die Frage der Mttarbeit an bürger- lichen Blättern zu schreiben, da er noch im Sommer 1891 an Harden einen Brief schrieb, in dem er ihn bat, Schoenlank Mit- arbeit an bürgerlichen Blättern zu verschaffen, weil die socialdemo- kratische Presse so schlecht bezahle!(Hört! hört!) Gerade Mehring darf.meines ErachtenS nicht gegen mich schreiben, weil der Charakter dieses Mannes, wie er in allen seinen Arttkeln hervortritt, sich stets gleich geblieben ist. Am 11. September 1892 hat Mehring an Harden eine Karte gerichtet, dessen Original ich gesehen habe. In dieser Karte heißt es:„Sollten Sie einmal eine besondere Abrechnung mit Schoenlank für angemessen oder notwendig halten, so wenden Sie sich mir vertrauensvoll an mich. Ich weiß diesen Lümmel schon zahm zu machen."(Hört! hört! Lebhaste Bewegung. Zurufe: Wo haben Sie das her?) Wo ich das her habe, kann Ihnen egal sein. Ich habe sehr lange geschwankt, ob ich von diesen Dingen Gebrauch machen solle oder nicht. Ich befinde mich aber hier in meiner Verteidigung.(Sehr richttg I) Die allerschwersten Vorwürfe sind gegen mich erhoben worden und werden wohl weiter erhoben werden, und deshalb halte ich es jetzt für meine Pflicht, alles das zu sagen, was ich für notwendig halte. (Lebhafte Zustimmung; Unruhe.) Und dazu gehört dies. Das war 1892, kurz bevor Mehring in die Redaktion der„Neuen Zeit" einttat; oder war er damals schon darin eingetreten, ich weiß den Zeitpunkt nicht genau.(Bebel: Mitgearbeitet für die„Neue Zeit" schon seit 1883.) Das ist ja sehr interessant. (Zurufe: Was ist demi gesagt worden?) Genosse Bebel teilt mit, daß Mehring schon seit 1888 für die„Neue Zeit" geschrieben habe (Hört! hört!), also zu einer Zeit, wo er noch Korrespondent der „Saale-Zeitung" war!(Zuruf: Schöner Genosse!) Der unwahre Charakter Mehrings ist sich ganz gleich geblieben; dafiir hat auch der eine Reihe von Beweisen, oer nicht zufällig im Besitz dieser Briefe ist. Braun hat schon auf die„Gartenlauben"-Arttkel hingewiesen, die 1879 und 1380 erschienen. Aber nicht nur das, sondern 1882 erschien die Schrift gegen Stöcker, in der ungefähr gesagt wird, die socialpolitische Gesetzgebung würde noch im Dornröschenschlaf liegen, wenn nicht der geniale Staatsmann Bismarck sie aufgeweckt hatte. (Hört! hört I) Damals war also der„Sttefellecker" Bismarcks jemand anders, als der Mann, dem Mehring das jetzt vorwirst. � Mehring behauptet, er sei infolge der Anwendung des Socialistengesetzes andrer Meinung geworden. In der„Gartenlaube" von 1879 findet sich in einem Arttkel Mehrings folgende Stelle: »Die geisttgen Waffen der Socialdemokratie waren die alten ........ cynischer säst noch denn früher war die Sprache ihrer Redner und Zeitungen........ es war, als ob sie die Geduld der Natton auf die äußerste und letzte Probe stellen wollten.... ................................. treffend, wenn auch hart, sagte der Fürst Bismarck im Reichstage, daß jede Existenz ihren Wert verliere, wenn sie in solcher Weise unter der Tyrannei einer Gesellschaft von Banditen leben solle. Auch die fortschrittliche Presse scheint sich allmählich in die für sie anscheinend sehr unbcqueine Thatsache zu finden, daß das (Socialiftcu-jGesetz da ist, um ausgeführt zu werden und nicht bloß die Gesetzsamiulung um einige Makulaturblätter zu be- reichern." (Hört! hört!) Und dieser Mann stellt sich hin und sagt, die Anwen- dilng des Socialistengesetzes habe ihn zu einer andren Meinung ge- bracht l In der„Gartenlaube" von 1880 schrieb Mehring: „Unter den unermeßlich reichen Gaben, mit welchen das un vergleichliche Jahr 1876 unser Vaterland begnadete, war nicht die geringste die gänzliche Zerschmetterung der deutschen Social- demokratte— nicht die geringste, aber leider die am wenigsten beachtete. Statt die letzten Keime des Uebels besonnen und vor- sichtig auszurotten, ließ man sie ungestört sich erholen und wieder in üppiges Unkraut schießen." (Hört! hört!) Daß Mehring im„Kapital und Presse" sagt, daß er erst 1389 Chefredakteur der„VoUs-Zeitung" geworden sei, während er jetzt so thut, als ob er schon 1885, vor dem Verbot der„Volks- Zeittuig", die Chestedaktton gehabt hat, mag ein Gedächtnisfehler sein, auf den ich weiter kein Gewicht lege. Ich will hier einschieben, daß ich mit meiner Erklärung gegen Mehring nicht Harden ver- teidigen wollte; das hat er nicht nötig, das kann er selbst. Ich wollte nur zeigen, daß man auch anders citieren kann und daß die Sache dann ein andres Gesicht hat. Mehring stellt es jetzt weiter so dar, als habe er Harden von vornherein„richttg eingeschätzt" und die Mitarbeiterschaft an der„Zukunft" abgelehnt. Schon der — von Mehring nicht widerlegte— Artikel der„Zukunft" vom 4. März 1899 ergießt, daß das falsch ist. Danach hat z. V. Mehring im September 1892 an Harden geschrieben:„Das Bedenken, das ich gegen meine Mitarbeiterschaft hatte, habe ich Ihnen ganz offen angegeben; es war mein böser Ruf in der bürgerlichen Welt, an die sich die„Zukunft" doch wendet. Abgesehen von diesem Bedenken war ich bereit und gern bereit. Sie brachen aber, ebenso wie im Frühjahr, aus mir völlig unbekannten Gründen den persönlichen Verkehr ab."(Hört I hört I) Dann weiter: „Was meine Mitarbeiterschaft an der„Zukunft" betrifft, so bin ich mir bisher nicht klar, ob Ihre Aufforderung von persönlicher Freund- schaft und Höflichkeit oder von einem redaktionellen Bedürfnis diktiert war. Da Sie wochenlang nicht einmal eine halbe Stunde für mich übrig hatten, um event. über Thema, Unifang usw. eines von mir zu liefernden Beitrages zu sprechen, so neigte sich meine Vermutung zu den: ersten Teil jener Altemattve, und Ihre fteundlichen Zeilen von gestern haben mich vollends darin bestärkt. Ich wünsche Ihnen herzlich den besten Erfolg, danke Ihnen für Ihre freundliche Auf- forderung und hoffe im übrigen, daß«ie endlich ein- mal von nieiner Freundschaft für Sie sich überzeugen mögen." (Hört! hört!) Nun liegt die Sache so, daß schon 1891 die Apostata-Arttkel Hördens erschienen, in denen in der schärfften Weise für Bismarck Partei ergriffen wurde und in denen auch schon in der deutlichsten Form die Lust Hardeus hervorgetteten war, unsre Partei anzuulken, in einer nach meiner Ansicht ganz ungehörigen Weise. Zum Beispiel befindet sich darunter der Artikel„Erfurt und Nicäa", in dem der Erfurter Parteitag mit dem Konzil zu Nicäa verglichen wurde. Diese Thatsachen mache ich Mehring an sich nicht zum Vorwurf, was ich ihm vorwerfe, ist, daß er sich heute noch aufs Lügen verlegt, und ich bitte Sie, seine Angriffe gegen mich auch danach zu bewerten. (Sehr gut!) Es handelt sich hier nicht um olle Kamellen, sondern er ist sich darin immer gleich geblieben. Und wenn die Genossin Zetkin gestern mit flammender Begeisterung sagte, die Wunderkraft des Socialistengesetzes habe sich an Mehring bewährt, das ließen sine von diesem heiligen socialistischen Geist durchtränkten Bücher erkennen, so habe ich tvirklich lächeln müssen, denn nieine Animosität gegen Mehring rührt weniger aus dem her. was er früher gethan hat, als aus der Schrift, die er für die Socialdemokratie geschrieben hat, und zwar deshalb, weil der Mann, der jetzt über Takt und Moral reden will, so taktlos war, einzelne Stellen aus seiner allen Schrift ast wörtlich in die neue zu übernehmen, indem er nur ein Wort änderte, zum Beispiel aus„wahr"„unwahr" machte.(Hört! hört!) Daher rührt ja der ganze Haß gegen die„Zukunft", weil in einem darin veröffentlichten Arttkel, den ich, wenn ich Berthold wäre, nicht verantworttich gezeichnet hätte, der Beweis hierftir geliefert ist. Ich führe einige Stellen an. Mehring spricht von der Thätigkeit der ocialdcmokratischen Reichstags-Abgeordneten. Da heißt es in der allen Schrift: „Positiv blieb es nach wie vor eine und dieselbe Rede, wer immer und worüber er sie hielt; in dieser tötenden Gleichförmig- keit spielt sich treffend das geistige Leben des ZukunftsstaateS." In der neuen Schrift heißt es: „Es ist nicht wahr, daß die socialdemokrattschen Abgeordneten immer nur die eine„socialdemokratische Rede" gehalten hätten. (Hört! hört! und Bewegung.) Ohne nach den zweifelhaften Lorbeeren parlamentarischer Geschwätzigkeit zu trachten, sprachen sie einfach und klar und sachlich über jede Frage, bei der sie zum Worte kamen".(Hört! hört!) So speit sich Mehring selbst mit diesen Dingen ins Gesicht. Ueber den Hochverratsprozeß heißt es in der alten Schrift: „Hepner faselte wie ein dummer Junge." In der neuen Darstellung heißt es: „Hepner begnügte sich, mit gutem Takte durch drastischen Witz die gegen ihn gerichtete Anklage zu verspotten."(Hört! hört!) Ueber die Verhaftung des Redakteurs Denkler heißt es in der allen Schrift: „Wenige Wochen später lvurde dieser AgitattonScouP wieder- holt bei der Bestattung Dentlcrs, eines Sttohredakteurs des Berliner Partei-Organs. Er befand sich in den letzten Stadien der Schwind- sucht, als man ihn auf den verantwortlichen Posten stellte und die Auer, Most, Rackow, welche thatfächlich die„Berliner Freie Presse" leiteten, ihr Lügen- und Verlcumdungs- system auf das Conto des totkranken Mannes fortsetzten. Entweder blieb er ungeschoren mit Rücksicht auf seinen körper- lichen Zustand,— und dann war dem Preß- und Strafgesetz die schönste Nase gedreht, oder er wurde verfolgt wegen der Ver- gehen, für welche sein Name haftete, dann war ein neuer Märtyrer geschaffen. Polizei und Staatsanwalt entschieden sich für den minder humanen Weg; Dentler wurde verhaftet und starb im GcfängniSlazarett, noch ehe die Untersuchung gegen ihn geschloffen war. Wieder geleiteten ihn Tausende zur Gruft, aber immer glückte diese Demonstratio» nicht in gewünschtem Maße. Die Be- teiligung der Arbeiter selber war viel geringer als in den ftühercn Fällen; auch in ihren Kreisen brach sich endlich eine lebhaste Entrüstung Bahn gegen die namenlose Frivolität dieses Demagogeutums." Wie heißt eS nun in der späteren Schrift: „In ähnlich feierlicher Weise(wie Heinsch) wurde am 28. April 1378 Paul Dentler bestattet, ein Redakteur der„Berliner Freien Presse", der, gleichfalls im hohen Grade schwindsüchttg, in der Untersuchungshaft gestorben war. obgleich der Gefängnisarzt seine Freilassung beantragt hatte. Enr Heer, das seine gefallenen Kämpfer so zu ehren wußte, war nicht zu foppen, wie etwa die biedere Bourgeoisie: so viel begriffen Bismarck und die mit ihm auf die Plünderung der Massen sannen."(Hört! hört!) Man kann ihm auch aus andren Schriften ganz ähnliche Sachen nachweisen, die in der neuen Bearbeitung der Geschichte der Social- demokratte ganz anders dargestellt werden. In der Schrift gegen Herrn Stöcker aus 1832 findet sich folgende Stelle: „Der ttefe und weise Sinn unsrer Städte-Ordnung, die, wie Fürst Bismarck einmal im Reichstage sehr treffend sagte, den bessere Kommunards als unbewußtes Ideal vorschwebte, hat tausendfälttge Frucht getragen und ttägt sie noch heute." In der neuen Darstellung heißt eS: „Bismarck trug dem Reichstage die verblüffende Entdeckung vor, der bcrechttgte Kern der Pariser Kommune sei bei Sehnsucht nach der preußischen Städte-Ordnung gewesen, dieser verhunzten Parodie auf unabhängige Verwaltung der Gemeinden. (Hört I hört I Der Bebelschen Antwort glaubte die hohe Ver- sammlung die unbändige Heiterkeit spenden zu sollen, welche sie dem skurrilen Einfalle Bismarcks versagt hatte."(Hört! hört!) So liegt also die Sache in Bezug auf die Erklärung, die ich damals abzugeben genüttgt war. Nun zur Resolutton des ParteiborstandeS. Ich habe die Cttate aus der„Zukunft" deshalb verteilen lassen, um zu zeigen, daß jemand, der dies Blatt regelmäßig liest, sich nicht darüber schlüssig werden kann, ob er daran mitarbeiten darf oder nicht. Ich gestehe offen, daß ich von dem Arttkel von Joesi in der„Zukunft" erst durch die Diskussion in der Parteipresse erfahren habe, aber dieser Artikel ist bereits vor 10 Jahren geschrieben und er rührt nicht von Harden, sondern von einem Mitarbeiter her. An der„Zukunft" aber arbeiten Leute der verschiedensten Richtungen mit, auch auswärtige Ge» Nossen wie Ferri und Vandervelde. Ich glaube also, daß die Fassung der Worte:„gehässige oder hämische Kritik" in der Resolution des Vorstandes eine unglückliche ist. Bebel ist übrigens.im Jrrttim, wenn er meint, an der wissenschaftlichen Beilage zur„Vossischen Zeitung" könnten Parteigenossen mitarbeiten, denn die„Voss. Ztg." hat ja auch oft dunime und hämische Bemerkungen über die Social- demokratte gebracht.(Bebel: Ja, dumme!) Durch diesen Zuruf beweist Bebel, daß es eine Art von Angriffen giebt, über die man einfach lacht, und als in der„Zukunft" die Geschichte von dem„allen Herrn Bebel" stand, da habe auch ich darüber gelacht und gesagt: Wie kann man nur so dummes Zeug schreiben! Bisher toar es nicht verboten, an der„Zukunft" mitzuarbeiten, und mein polittscher Takt hat mir allerdings in meinem Fall nicht ohne weiteres gesagt, daß ich keine handelspolittschen Artikel mehr für die„Zukunft" schreiben soll; und das ist der Kern der Sache. Denn dieser einzige Arttkel, der nun ineine Entgleisung darstellt, ist der einzige seiner Art. (Zuruf: Gerade genug!) Sonst habe ich wesentlich handelspolitische Arttkel geschrieben. Viel wichtiger aber ist der zweite Teil der Resolutton, denn dadurch werden die Genossen in wiche erster und zweiter Klasse ge- teilt. Nun würde ich dagegen gar nichts haben, wenn mir zum Beispiel vom Parteivorstaud gesagt würde: Es wird nicht gern gesehen, wenn Genossen in dieser Stellung das und das rhun. Ich hätte dann natürlich nicht einen Moment gezögert, so lange ich die Positton, in der ich mich befinde, nicht ändern kaim, zu sagen:„Ich bleibe ein guter Genosse, ziehe mich aber zurück." Aber alle Genossen, die mir mir in gleicher Lage sind, als solche hinzustellen, die keine Verttaueusstellungen bekleiden dürfen, das halte ich für eine Deklassierung dieser Genossen. Was ist denn eine Vertrauensstellung? Ich habe in der Partei bisher noch keine Verttaueusstellungen innegehabt, oder will man etwa einen Referenten ohne weiteres als einen Verttauensmann bezeichnen?(Zuruf: Jawohl!) Nun, denn inache ich auf die Erklärung von Pfamiknch auftnerksam, daß ein großer Referentcnmangel, namentlich zur Wahlzeit, besteht. Dieser Mangel wird doch noch größer, wenn einer Anzahl von Ge- nassen das Referieren von vornherein abgeschnitten wird. Dann kännte ja niemand, der mal einen Arttkel für ein nichtsocialdemo- krattschcs Blatt geschrieben hat, mehr referieren. Ich habe von der Partei niemals etwas gefordert, sondern lediglich aus reiner Hin- gäbe an die Ideale, denen ich seit frühen Tagen anhänge, mich der Partei gewidmet. Nun mag man ja sagen: ivas ich that, war in dem und dem Fall nicht richtig, aber ich glaube doch, daß ich kein allgemeines Verdammungsurtcil verdiene. Ouarck sagt, es giebt zwei Arten von Akademikern, die einen stellen sich hin und die andern werden hingestellt. Nun, daim gehöre ich zu denen, die hingestellt sind. Der Leipziger Genosse sagt, ich hätte in einer öffentlichen Versammlung über Krach und Krisis gesprochen. Ich bin dazu auf- gefordert worden, und lvas ist denn eigentlich für ein Unterschied zwischen einer Parteiversammlung und einer öffentlichen, von Social- demokraten veranstalteten, in der ich in meiner Eigenschaft als Socialdemokrat zu referieren aufgefordert werde?(Bebel: Das hätte man verbieten müssen!) Verbieten nicht, aber lauben Sie mir, Genosse Bebel, Ihrem Rat wäre ich bei er Verehrung, die ich fiir Sie hege, gefolgt. Im Wahlkampf wurde ich aufgefordert, zu reden, und ich sagte mir, wenn ich ab- lehne, so verstoße ich gegen die Interessen der Partei.(Zu- stimmung.) Run ist gesagt, die Leute, die unter den zweiten Absatz der Re- solution des Vorstandes fallen, sind eigentlich noch viel schlimmer als die, die unter den ersten Satz fallen, denn diejenigen, die für Zeitschriften schreiben, in denen die Partei gehässig oder hämisch augegriffen wird, können wir ohne weiteres ausschließen, die andren können lvir nicht ausschließen, wir können ihnen aber keine Vertrauens- Posten übertragen, weil sie sonst früher oder später in Konflikt mit sich und der Partei kommen. Geht man konsequent vor, so darf man einem Arbeiter in Staatswerkstätten oder in Werken mit ganz besonders scharfer Konttolle nicht raten, sich zu organisieren (Lebhafter Widerspruch), denn in dem Moment, wo das heraus- kommt, würde er in Konflikt mit sich und der Partei resp. der Ge- lverkschaft geraten.(Erneuter Widerspruch.) Man warte ab, bis ein Konflikt entsteht! Hat man einen solchen Konflill in meinem Arttkel gesehen, so war es recht, mich dafür zur Verantwortung zu ziehen, aber ein- ftir alle- mal anzunehmen, daß die Betteffenden den Konflikt zum Schaden der Partei lösen würden, das ist ein Vorwurf, der sich gegen alle die Genossen richtet, die sich schriftstellerisch außerhalb der Partei- presse bethättgeu. Gewiß, wir haben eine reich entwickelte Presse, aber vergessen wir doch eines nicht! In dieser Presse bleibt für schriftstellerische Bethätigung deshalb nicht viel Platz, weil wir ja leider infolge unsrer Verhältnisse so und soviel Leute als Redakteure anstellen müssen, um für sie Posten zu schaffen. Das ist nicht mehr als recht und billig, aber dadurch wird die Zahl der Stellen sehr cingeschräntt. Wenn etwas noch im stände ist, die Furcht, sich in der socialdemokrattschen Presse zu bethätigen, zu vermehren, so ist es gerade das diktatorische Verhalten Mehrings in der Presse. Wir wissen doch alle, daß, kaum nachdem der Wechsel in der Redaktton der„Leipziger Volkszeitung" stattgefunden hatte— ich weiß nicht einmal, ob in diesem Falle Mehring daran beteiligt war— Calwer, der die wirtschaftlichen Berichte schrieb, auf Knall und Fall entlassen wurde und daß meines Wissens noch ein andrer Parteigenosse seine Mitarbeit verlor. Das sind doch Sachen, die man auch beleuchten müßte. Wenn man verlangt, daß alle Schriftsteller sich in der Partei bethätigen ollen, so sollte man doch auch dafür sorgen, nicht, daß sie irgend- velche fetten Pfründen bekommen, aber doch daß die Verhältnisse so sind, daß sie sich nicht zu fürchten brauchen. Ich habe mich in neinem Specialgebiet, der Handelspolitik, dem Dienste der Partei- oresse niemals versagt, wenn sie an mich herangetreten ist. Ich habe in der„Leipziger Volkszeittmg", aufgefordert noch durch Briefe vom Juli 1902— der letzte ist vom 21. Juli 1902—, zwei, drei oder vier Arttkel veröffentlicht über die Bankkatasttophen und alle diese Dinge, solveit sie die Arbeiterschaft interessierten. Wenn die Arbeiter- chafl ein Interesse hatte an solchen Fragen, so habe ich mich dem Verlangen, inich in den Dienst der Partei zu stellen, stets genau ebenso gefügt, wie wenn man an mich herangetteten ist, um mich zu Agitationen aufzufordern, denn ich glaubte, nicht widersprechen zu dürfen im Interesse der Partei, der ich angehöre.(Beifall.) Darauf wird die Diskussion vertagt. Singer teilt mit, daß die Dresdener Genossen den Parteitag für Donnerstag zu einer Dampferfahrt eingeladen haben. Tiirnu glaubt, daß man auf Grund der Geschäftslage dieser Einladung nicht werde folgen können. Nachdem man bis jetzt schon IVz Tage nicht über proletarische Interessen, sondern über die Interessen einzelner Personen gesprochen habe, könne man es nicht verantworten, wenn die rein proletarischen Interessen zu kurz kommen 'Otiten. Sindermann-Dresden: Das Dresdener Parteikomitee glaubte, daß es nach dem Ausfall der letzten Reichstagswahlen nicht not- wendig sein werde, so viel Worte zu machen für nichts und wieder nichts und daß eine Dampfcrpartte am Donnerstag weit angenehmer 'ein würde als solche Debatten.(Heiterkeit.) (Fortsetzung in der 2. Beilage.) Verantwortlicher Redactenr: Julius Kaliskt in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke w Berlin Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Swger& Co., Berlin 3W. 9t. 216. 20. 2. f tilnjt Ks Jimirtf Kerlim Oollisliliiil Mittwoch, 16. Zeptember 1903. Parteitag der focialdemokratischen Partei Deutschlands. Fortsetzung aus der 1. Beilage.) Bebel: Diese Debatten haben allerdings einen Umfang an- genommen, der nicht vorauszusehen war. Wir könnten es danach vor uns selbst und vor der Partei nicht veraniworten, am Donnerstag einen ganzen Tag zu opfern.(Sehr richtig I) So sehr ich die Für- sorge der Dresdener Genossen anerkenne und nach diesen Tagen schwerer Arbeit auch einmal einen Tag der Ruhe und Erholung für wünschenswert halte, so halte ich es doch für unmöglich, diesem Wunsche zu willfahren. Möglicherweise könnten wir ja am Donnerstagnachmittag einen Ausflug in die Umgebung inachen. Singer: Auch ich hatte von Anfang an Bedenken gegen die Dainpferfahrt am Donnerstag. Andrerseits haben die Dresdener Genosseil bereits fix und fertig arrangiert, und ich sagte mir, man könnte die verlorene Zeit evenwell durch eine Abendsitzung ersetzen. Vielleicht könnten wir die Dampferpartte auch am Sonntag oder Sonnabendnachmittag machen. Pens schlägt vor, lieber heute abend auf den beabsichttgten Kommers zu verzichten und heute nachmittag länger zu tagen. Bebel wendet sich dagegen und weist darauf hin, daß nach dem Parteitag noch eine preußische Landtagswahl-Konferenz stattfinden solle. Auf dieser müsse man sich vor allem auch über die Folgen unsrer Takttk klar werden, um vollbewicht und klar in den Kampf hineingehen zu können. Diese Konferenz werde möglicherweise nicht so rasch verlaufen wie die erste. Auf Vorschlag Singers wird die definitive Entscheidung über diese Disposittonen verschoben. Schluß V-U Uhr. NachmittagSsitzung. 81/« Uhr. Den Vorsitz führt Singer. Zahlreiche Begrüßungsschreiben sind eingelaufen, darunter von den veriammelten Parteigenossen in Wien und vom Landesausschuß der deutschen und französischen Genossen der Schweiz. Es ist noch nachttäglich eine Mandatsprüfung borzunehmen, vorüber Grünwald- Hamburg referiert: Es hat sich nachttäglich herausgestellt, daß aus Mülhausen im Elsaß zwei Mandate vorliegen. Es besteht dort ein Parteistteit, eine Anzahl Mitglieder sind ausgeschlossen worden aus dem Wahlverem. Diese Einzelmitglieder haben sich nun zusammengethan, einen Vorsitzenden und Schriftführer zu diesem Zwecke gemacht und em Mandat für Nußbaumer ausgestellt als Vertteter„einzelner Parteigenossen und der Wähler Mülhausens". Der wirkliche Dele- gierte der Mülhauser Genossen ist der Genosse Emmel, der die Mandatsliste geprüft und uns auf den Fall aufmerksam gemacht hat. Die Kommission beanttagt, das Mülhauser Mandat Nußbaumers für nicht rechtsgültig zu erklären und es abzuerkennen. Nichbauwer-Mülhaussn: So wie die Verhältnisse in Mülhausen liegen, ist mein Erscheinen hier möglich. Es ist für uns nicht nur nicht möglich, ein Mandat von dem organisierten Arbeiterwahlverein zu erhalten, eS ist uns auch unmöglich, in Mülhausen irgendwie an die Oeffentlichkeit zu tteten. Wir sind durch zu radikales Vorgehen hinausgettieben worden. Nicht einmal bezahtte Inserate haben die Herren Dittatoren aufgenommen. Emmcl'Mülhausen: Nußbaumer hat sich freiwillig außerhalb der Organisation gestellt. Was wir gezwungen waren auszuschließen, das waren dre Reste der Protestler: Dahinter stehen Bueb und Hickel. Dagegen waren Radikalmittel notwendig. Ich konnte es nicht ruhig hingehen lassen, daß diese Einzelmitglieder hier für den Parteitag ein Mandat ausstellten.(Sehr richtig I> Der Parteitag erklärt das Mandat Nußbaumers für ungültig. ES wird m die Tagesordnung eingetteten. Zur Beratung steht die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern. Die Diskussion wird fortgesetzt. Eingelaufen ist noch folgender Anttag 128: Anttag Paeplow- Hamburg und 22 Genossen: Der ii. Parteitag in Dresden 1903 beschließt: Die litterarische*) Mitarbeit von Parteigenosien an lapi- Wlisttschen(bürgerlichen) Zeitungen und Zeitschriften ist mit den Partei-Jnteressen unvereinbar. Ausnahmen von dieser Regel sind nur zulässig, wenn es sich um Zeitschristen handelt, die ausschließlich künstlerische oder fachtechnische Fragen behandeln. Der Parteivorstand hat den stritten Auftrag, über die Durch- führung der vorstehenden Grundsätze zu wachen und etwaige Bcr- stöße in der schärfsten Weise zu rügen, evenwell den Ausschluß der hiergegen verstoßenden Parteimitglieder zu beantragen. Bebel: Heute am Schlüsse der Vormittags-Sitzimg haben zwei Redner wieder ihrem Mißmut Ausdruck gegeben, daß der Parteitag genöttgt sei, mit einer Sache, die nach ihrer Meinung eine höchst unbedeutende, die allgemeine Pattei kaum interessierende sei, seine kostbare Zeit totzuschlagen. Aehnliche Stimmen sind gestern und heute aus dem Munde emer Anzahl Redner laut geworden. Mehrfach, nicht nur einmal hat es gestern geheißen, es handle sich nur um ein elendes Litteratengezänk, es sei eine Berliner Pfütze, die hier gewisser maßen aufgeditscht werden solle, es handle sich um Dinge, die die Gesamtpartei eigentlich nur wenig oder gar nicht? angehen und es sei deshalb gar nicht nötig gewesen. Verhandlungen von solcher Dauer und solchem lim- fange hier eintreten zu lasten. Genossen l Ich begreife Ihre Gefühle vollkommen, ich begreife, daß Sie während gewisier Momente dieser Verhandlungen ein gewisses Gefühl des Widerwillens(Sehr richttg l), zeitweise des Ekels erfaßt hat(Sehr richttg I), daß Sie sich gesagt haben: müssen wir denn m der That diesen bitteren Kelch über uns ergehen lassen? Nicht allein, daß unsre kostbareZeitinAnspruchgenommen wird, nein, welchen Eindruck wird das wieder nach außen machen? Nun sind wir ja leider in den letzten zehn, zwölf Jahren nur gar zu oft in die Lage gekommen, solche und ähnliche Debatten führen zu müssen, und ich fürchte leider, der Kelch wird auch in Zukunft nicht an uns vorübergehen. Es werden noch manchmal Momente kommen, wo wir genöttgt sind, vor dem ganzen Volk, vor der Oeffentlichkeit Fragen zu eröttern, von denen wir alle wünschten, sie brauchten nicht erörtert zu werden. Dies gilt nicht nur von den, Punkte, der uns jetzt beschäftigt, sondern in noch höherem Maße von der Angelegenheit, welche uns in den nächsten Tagen beschästigen wird. (Sehr richttgl) Es ist nur ganz natürlich, daß in einer großen, ja man kann jetzt sagen, gewaltigen Pattei, wie die deutsche Socialdeniokratie es ist. auch bier und da Krankheitserscheinungen austreten, daß hier und da ein kleiner Fäulnisprozeß sich entwickelt, ein Geschwür zu Tage tritt. So wenig es der Arzt als eine angenehme Aufgabe empfindet, eine Eiterbeule zu opetteren und die mephittschen Gerüche, die dieser Eiterbeule entfliehen, sich in die Nase ziehen zu lassen, wie ihn da der Ekel packt und er sich vielleicht vor einer Ohnmacht hüten muß, so kommt es auch bei uns vor, daß ähn- liche Operattonen zwar unangenehm empfunden werden, aber dennoch vorgenommen werden müssen. Mancher, der heute glaubt, es war doch zu viel. waS wir hier gehört haben, möge es sich zum Trost gesagt sein lasten, daß wir uns von allen übttgen Parteien auch nach dieser Richtung hin außerordentlich vorteilhast unterscheiden: wenn bei uns ein Eitergeschwür auftritt, dann opetteren wir vor aller Welt; wenn wir schwarze Wäsche zu waschen haben, dann waschen wir *) Unter litterattsche Mitarbeit fällt Berichterstattung über Ver- sammlungen und Gerichtsverhandlungen nicht. sie vor aller Welt. Unsre Gegner aber in allen bürgerlichen Patteien haben so viel schwarze Wäsche zu waschen und so viel Eiterbeulen am Leibe, daß sie gar nicht ttstteren können, die schwarze Wäsche öffentlich zu waschen oder eine Eiterbeule offen zu operieren, sie gehen in geheime Kammern und Hinterstübchen, damit nur ja nichts in die Oeffentlichkeit dringt.(Sehr ttchttgl) Das ist ja gerade das Großarttge in unsrer Partei, daß wir oiese schwarze Wäsche vor der ganzen Welt waschen und doch keinen Schaden dadurch erleiden, sondern nach erfolgter Wäsche größer dastehen als je zuvor. (Lebhafte Zustimmung.) Das ist meine Auffassung, und wenn nun gesagt wird, es sei klägliches Gezänk einiger weniger Leute, ja, Genossen, da muß ich sagen: wie kann man nur so unendlich kurzsichtig sein I Da ist es allmählich in allen Parteien Sitte geworden, zu sagen, man müsse die Volksseele be- achten; viele Fehler der Partei kämen daher, weil man die Volks- seele nicht beachte. Ach sage Euch, Genossen, wir müssen hier als Vertteter der Pattei die Parteiseele beachten.(Sehr wahr I) Die vorliegende Frage wird von vielen unter uns als gleichgülttg und kleinlich hingestellt, aber die Parteileitung hat sich ein- mal nahezu zwei volle Sitzungen mit dieser Frage be- fassen müsten, um zu einem Urteil zu kommen; der Artikel von Bernhard war nur der letzte Anlaß, der einen bereits als allgemeinen Uebelstand erkannten Zustand im Vor stand zur Erörterung brachte und endlich zu der Erkenntnis führte: jetzt ist das Maß voll, zum Ueberlaufen voll, jetzt muß eingegriffen werden. Es handelt sich nicht um einen einzelnen Fall, sondern um eine ganze Reihe von Fällen, um ein bereits weit eingeftessenes Uebel, das mit den gewöhnlichen steinen Mitteln nicht mehr zu beseittgen war. und es war notwendig, die oberste Instanz der Partei zur Entscheidung aufzurufen. Das war die Auffassung, die der Parteivorstand, dessen Be- ratung Auer infolge seiner Krankheit nicht beiwohnen konnte, ein- stimmig teilte. Ob die Einstimmigkeit vorhanden gewesen wäre— das bemerke ich Bernhard und andern gegenüber—, wenn Auer dagewesen wäre, das weiß ich nicht, er hat ja seinen ab- weichenden Standpuntt vertteten, und er hat ein Recht dazu, da er den Beratungen nicht beiwohnen konnte. Wenn aber mit Rücksicht darauf, daß Auer verhindert war, der Beratung beizuwohnen, der Genosse Ouarck meinte, man sehe an der Resolution des Vorstandes, daß die geschickte Hand von Auer gefehlt habe, so erwidere ich ihm: ich glaube, Atter hätte vielleicht— ich weiß es nicht— auch keine geschicktere Fassimg gefunden oder vielleicht eine, die nicht die Zustimmung der übrigen Kollegen gefunden hätte. Pfannkuch hat Ihnen bereits in seinem Referat gesagt: Findet Ihr eine bessere Fassung, eine Fassung, die besser als die des Vorstandes den Zweck und das Ziel erreicht, das wir, und ich glaube mit uns die ungeheure Mehrheit der Genossen, erreichen wollen, so wird es uns ganz an- genehm sein; und auch ich kann Ouarck erklären: Hätte er den Scharfsinn, den er in seiner Rede nach dieser Richtung entwickelt hat, in die That umgesetzt und eine bessere Fassung gefunden, so würde ich dieser meine Zustimmung geben und meine Kollegen im Vorstande bewegen, zu Gunsten dieser Fassung unsre eigene zurückzuziehen. Bis jetzt ist aber keine bessere gefunden, weder durch die Genofsen von Berlin n in ihrem Anttag 8 noch durch den Anttag 16. Was den Anttag 8 bettifft, daß in solchem Falle in erster Linie die lokale Organisation oder die Organisatton des betreffenden WahltteiseS zu entscheiden haben soll, so wird ja eine solche Prozedur durch die Resoltition des Vorstandes in keiner Weise ausgeschlossen, es liegt sogar in der Natur der Sache, daß man in dem Wahlkreise, dem der Betteffende angehött, in erster Linie die Frage eröttett und Entscheidungen faßt; wenn dann die eine Pattei mit dieser Ent- scheidung nicht einverstanden ist, so kann sie den instanzcnmäßigen Weg ergreifen und sich beschweren beim Parteivorstand, bei der Konttollkommisston und in letzter Instanz beim Parteitag. Mso von diesem Gesichtspunkt aus ändert es nichts an der Sache, ob Sie den Antrag 3 annehmen oder ablehnen. Da es aber überflufsig ist, etwas Selbstverständliches auszusprechen, so bitte ich Sie, um keine falschen Meinungen und Deuwngen aufkommen zu lassen, den Antrag 8 ab- zulehnen, und ebenso bitte ich Sie, dem Anttag 16 ihre Zustunmung zu versagen. Ich gebe zu, daß die Form dieses Antrags scharf, schneidend und bündig ist, da giebt es keinen Streit und keine Meinungsverschiedenheit mehr, aber eine andre Frage ist, ob Sie mit der Annahme einer solchen Formel alle Fälle treffen, und zweitens, ob Sie durch eine scharfe, schneidende und bündige Formel nicht eine Ungerechtigkeit begehen, die Sie nicht begehen wollen.(Sehr richttg!) Ich ettnnere an bei: Fall Calwer. Man kann ja darüber verschieden urteilen, ob es geschickt war, daß Calwer die Frage an den Pattei- vorstand richtete— loir haben uns auch gewimdert, aber andrerseits sagten wir tinZ, Calwer ist ein außerordentlich gewissenhafter Mann, er will volle Klarheit und wünscht nichts weiter zu hören, als ob seine Thättgkeit imter die Resolutton des Vorstandes stibsumiert werden kamt oder nicht. Und wenn ein Genoste an uns eine Anfrage richtet, so ist es unsre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, zu antlvorten. Das haben wir gethan imd auf seine stare Änftage geantwortet: Nein, darunter fällt, so weit wir bis jetzt die Blätter, für die Sie arbeiten, über- fehen können, Ihre Thättgkeit nicht. Nun sagt fteilich Ouarck— und da haben wir schon die Differenz: ja, gerade das sind gefähr- liche Blätter, wo Herr Dr. Jastrow das Zuckerwasser der Social- reform eintränkt und namentlich unter den Gewerkschaftlern und Gewerbegerichts-Beisitzern schon großes Unheil angerichtet hat. Ja, das wäre dann eine Specialfrage, die er- örtett werden muß.(Sehr richttg!) Damit kommen wir wieder auf ein neues Gebiet, und deshalb wäre es ttchttg, daß Sie nicht die Specialfrage in die Specialftage einschachteln, sondern sich die Dinge noch eine Weile ansehen und ivenn sie wirklich so ge- fährlich sind, auf dem Instanzenwege der Partei sagen: Hört mal, auch diese Dinge kann man unter euren: Beschluß verstehen I Wie steht ihr dazu? Aber weiter I Wir haben ja gewußt, daß Bernhard— nebenbei bemerkt handelt es sich gar nicht um eine Staatsaktion gegen Bernhard, seine Artikel sind nur der äußere Anlaß ftir uns, vor- zugehen, ein kleines Symptomchen unter den allgemeinen Symptomen — ich sage, wir wußten, daß Benthard Redakteur an der„Dkorgen- post" ist und wir ftagten uns, ob wir ihm das verbieten follten. Ich kann Sie versichern: im ganzen Parteivorstand, einschließlich von Auer, besteht keine Syntpathie ftir die„Berliner Morgenpost". Es ist ähnlich wie die„Zukunft" ein kapitalistisches Unternehmen, dessen Verleger, indem er in geschickter Weise die Situatton aus- imtzt, Kapital aus dem Leserkreise herauszupressen wachtet. Nebenbei ist die„Berliner Morgenpost" infolge ihrer eigenarttgen und ge- schickten Redaktton, die sie veranlaßt, alles, was an'Socialdemo- ttatie streift, möglichst fernzuhalten und keine Stellung gegen uns zu nehmen, auf der andern Seite polittsch radikal zu schreiben und in Socialreform zu machen, soweit der Kapitalismus das verträgt, ein gewalttges Konkurrcnzorgan gegen den„Vorwärts".(Sehr richttgl) Würde dies Blatt nicht existteren. so würde von den 200 000 Abonnenten der„Berliner Morgcnpost" ein großer Teil auf den„Vorwärts" abonnieren.(Lebhafte Zustimmung. Gerisch: 1000001) Gerisch sagt sogar: 100000. Nun konnten Sie ja von diesem Gesichtspunkt aus fragen, ob wir dulden sollten, daß ein Genosse an einem Blatte mitarbeitet, das uns infolge seiner bürgerlich-demokratischen, etwas socialreformerischen Haltung einen solchen Leserkreis abfängt und die Arbeiter den Bestrebungen der Socialdemokratte entftemdet. Wollen Sie von diesem Gesichtspunkt aus die Frage behandeln, so können wir uns auch darüber ver- ständigen; aber wir sagten uns, vorläufig können wir uns nicht entschließen, soweit zu gehen, obwohl die„Morgenpost" ein Hattpttonkurrenzblatt gegen den„Vorwärts" ist und ob- wohl es diese eigenartige Redattion besitzt, an der auch Bernhard mithilft. Wir konnten uns nicht zu der Ansicht auf- schwingen, daß die Thättgkeit von Bernhard an der„Morgeupost" gemeingefährlich ist. Es kann ja sein, daß eines Tages auch nach dieser Richtung hin die Frage aufttitt, aber in diesem Augenblick ist sie meiner Meinung nach nicht zu stellen und der Parteivorstand hat einmütig ausgesprochen, daß die Stellung Bernhards bei der „Morgenpost" uns vorläufig keine Veranlassung giebt, zu verlangen, daß er seilte Thättgkeit einstellt. Wer ganz anders, wenn es sich um ein Blatt wie die„Zukunft" handelt, ein Blatt, das von Anfang ihres Bestehens an, so weit ich das verfolgen konnte, eine der Partei direkt feindliche Haltung eingenommen hat. Und nicht genug damit, daß die„Zukunft" eine feindliche Haltung einnimmt— das thut mehr oder weniger die gesamte bürgerliche Presse—, die„Zukunft" ist ein Blatt, das dirett unanständig, gemein und niederttächtig gegen die Partei ivar. Wir mutzten uns sagen: Wenn es Genossen giebt, die es mit ihrer Ehre nicht bloß als Männer und Frauen, sondern auch speciell als Parteigenossen vereinbaren können, an einem Blatt mitzuarbeiten, das durch-ctne_ ganze Reihe von Arttkeln bis in die letzten Monate des Verflossenen Jahres hinein die Partei beschimpft, geschmäht und mit Füßen getreten hat, so ist das ein Zustand in der Partei, der unmöglich auch nur einen Tag länger andauern darf.(Lebhafter Beifall.) Und das ist das entscheidende in der ganzen Frage. Mehring, Bernhard, Braun und tutti quanti, all das sind nur einzelne Personen, sind Momente, sind Beweismaterial, um diesen oder jenen Beschlutz des Patteitags herbeizuführen. Es muß endlich einmal reiner Tisch gemacht werden. Als einer der Aeltesten unter Ihnen erkläre ich Ihnen: Ich hätte eS vor einigen Jahren nicht für möglich gehaltet:, daß es Elemente giebt, die moralisch so ttef ge- funken sind(Sttirntischer Beifall), daß sie für ein Blatt wie die „Zukunft" bis in die letzten Tage hinein mitarbeiteten und mit Hern: Maximilian Wittkowsky-Harden noch gewisse freund- schaftliche Beziehungen unterhalten.(Wiederholter stürmischer Beifall.) Um es einmal kurz hier zu erörtern, Herr Maximilian Wittkowski- Harden ist mir ja persönlich und selbst in seinen Rontanen ver- gleichswcise noch nicht lauge bekannt, aber den Vater von Wittkowski- Harden habe ich die Ehre gehabt, zu keimen. Den Sohn kennen zu lernen, würde ich nicht ftir eine Ehre ansehen.(Bravo I) Der alte Wittkowstt, das ivar ein guter Demottat, ein Ver- ehrer von Joham: Jacoby, und in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo Liebknecht und ich als Abgeordnete des Norddeuftchen Bundes und als Zollparlaments-Mitglieder von 1866/67 bis 1870/71 so oft in Berlin waren, haben wir, mein Freund Singer und eine Reihe andrer hochangesehener Männer wie William Spindler, Guido Weiß, Dr. Stephany, der spätere Redatteur, mit diesem ehrbaren Manne, den Vater von Harden, manchen vergnügten Abend, aber auch manche ernste Nacht zusammengefesten und bis zum hellen Morgen Probleme diskuttert. Ich erinnere mich noch heute mit Vergnügen der Unterhaltungen mit dem Vater von Witttowsst-Harden. Außer Bernhard, der übrigens nicht nur gelegentlicher, sondern ständiger Mitarbeiter der„Zukunft" war, kommen für uns auch in Bettacht Lüh Braun, Göhre, Borchardt. Letzterer leistete sich in einem Arttkel über Socialdemottatte und Genossenschaft in dem Hardenschen Blatte, der nach der Erklärung des Parteivorstandes erschien, folgenden Ausspruch. Ich will vorattsschicken, daß es sich nur um eine Meinungsäußerung des Vorstandes gehandelt hat und daß niemand gezwungen war, sich danach zu richten, denn wir haben nicht diese Autorität und wollen sie auch nicht haben. Wir haben unsre Meinungsäußerung mir verkündet, damit die Genossen wissen. wie wir denken. Nun, Borchardt hat sich daran nicht gekehrt, er hat ein Recht dazu. Er schreibt also: „Gerade als warmer Anhänger der socialdemokrattschen Partei, der ich angehöre, kann ich diesen Beschluß als Ausflttß einer steinlichen Gesinnung nur mit einem Gefühl der Be- schämung lesen. D:e Gcnoffenschaften werden hier nicht nach ihrem eignen Wesen als wirtschaftliche Gebilde beutteilt, sondern die Stellungnahme der Patteigcnossen soll nach der überaus stein- lichen Erwägung erfolgen, ob für Agitatoren der Pattei sichere Brotstellen geschaffen werden können."(Hött l hört!) Zu dieser Aeußerung wählt Borchardt die„Zukunft" des Herrn Harden. Haben wir nicht eine große Patteipresse, Ivo jeder der- arttge Arttkel aufgenommen würde, aber er würde nicht so gut be- zahlt werden wie von Wittkowski-Harden.(Sehr richttg I Grad- n a u e r macht eine abwehrende Handbewegung.) Das ist meine persönliche Auffassung, Genosse Gradnauer, Sie können ja vielleicht mehr wissen, können andre Gefühle voraussetzen, aber das ist, wie gesagt, meine Auffassung, denn nur von diesem Gefichtspuntte aus ist manches zu erklären, was andernfalls iveder zu erklären, noch zu entschtildigen wäre. ES handelt sich um eine ganze Reihe voi: Genossen, allerdings uttsren ausländischen; es wurden Fern und Vandervelde genannt, die beide Artikel für die„Zukunft" geschtteben haben sollen. Ich lese die„Zukunft" außerordentlich selten, auch aus die Attikel gegen unsre Partei bin ich teilweise erst später aufmerksam gemacht worden. Ich vermute, daß die Genossen Fern und Vandervelde ebenfalls keine regelmäßigen Leser der„Zukunst" sind; darauf wird es wohl zurück- zuführen sein, daß sie sich für die„Zukunft" haben einfangen lassen. Was war denn bei der Gründung der„Zukunft" ihr Zweck? Etwa für die Oppositton, die Socialdemokratte, die freie Meinung in Deutschland eilte neue, bisher nicht vorhandene Tnbüne zu schaffen? Nein, die Gründung war nichts als eine Spekulatton auf das ganz gemeine Scnsattonsbedürfnis gewisser Lesertteise. Er wollte Geld aus dem Unternehmen schlagen, und da er unleugbar ein geschickter Mann ist, der die Mache aus dem ff versteht, obgleich ich allerdings sagen muß, daß ich kaum etwas Oberflächlicheres gegei: unsre Patte: gelesen habe als dieHardenschen Arttkel. Harden hatfich vor derGründung der„Zukunft" an Krethi und Plethi gewandt— ich will damit nicht beleidigen, denn ich bin selbst darunter—, an alle Welt, von der„Kreuz- Zeitung" bis zum„Vorwärts", und sie aufgefordert, der„Zukunft" Mitarbeiterdienste zu leisten. Und begreiflicherweise, ivenn man dem Publikum sagen kann:„Ich, Maximilian Wittkowstt-Harden, Rattenfänger von Hameln, habe sie alle eingefangen, da marschieren sie hinter mir aus allen Parteien, der große Schwanz der Mitarbeiter I(Heiterkeit und stürmischer Beifall.) Da giebt es natürlich einen großen Teil von Leuten, die wöchentlich b0 Pf. für solche Broschüre opfern kännen und die nun die„Zukunft" mit Behagen lesen. Dazu kam, daß Harden mit der feinen Nase, die ihn als Journalisten un- zweifelhaft auszeichnet, sich sagte, daß an dem alten Berserker, der damals den Abschiedsbrief bekam, ja Hunderttausende zu verdienen seien. Wenn er den noch einfinge, dann mußte er ein gemachter Mann fein I So kam zu den verschiedenen Socialdcmottaten auch der Bismarck als Mitarbeiter hinzu.(Sehr gut!) Und wenn er nicht gestorben wäre, dam: schriebe er noch heute dafür,— oder dikttette seine Arttkel und ließe sie Maximilian Wittkowski-Harden als ausgezeichnetes Sprechrohr schreiben. So kam die„Zukunst" zu stände und. Genossen, es gehött in der That ein ungeheurer Mangel an Tattgefühl dazu, auch an parteigenössischem Gefühl Sehr ttchttg I), wenn sich ein Genosse von diesem Harden, dessen Vergangenhett der gewisser'Damen gleicht(Zuruf: Oho l) — Wer sagt Oho?— einsangen läßt, um hinter diesem Ratten- fänger von Hameln in dem großen Schwanz seiner Mitarbeiter hcrzutrollen I Harden verschickte 1892 und mich eii: Cirkular, in dem ein Blatt zu schreiben. Ich war der„Zukunft" noch so gut wie Namen Harden hatte ich nur in Zeitungen gelesen. Ich schwieg, Liebknecht ebenfalls, Engels, der von England aus die Dinge ja nicht beutteilen komtte, schrieb einen höflichen Brief und erklärte als höflicher Mann, er bedauere, daß er den: Wunsche nicht ent- sprechen könne. Darauf machte bei irgend einer Gelegenheit Harden in der„Zukunft" die Bemerkung: Ja, der alte Engels, der Generalissimus der Pattei, der hatte die Höflichkeit zu u. a. an Eitgels, Liebknecht er uns aufforderte, für damals mit Harden und gar nicht bekannt; dm antworten; Bebel und Liebknecht hielten es nicht für der Mühe wert, ans eine höfliche Anfrage zu antworten. Mittlerweile aber hatte ich auch andres gelesen, nämlich zwei Artikel, die im Jahre 1S93 in der„Zuknnft" erschienen waren, der eine über- schrieben:„Das Scchseläuten", der andere:„Die roten Prima- donnen". Nun sagte ich mir:„Na, das ist doch eine Unverfrorenheit und Unverschämtheit>ondergleichen von diesem Horden, jetzt noch zusagen: Ihr seid aber unhöfliche Leute I Ich setze mich also hin und schreibe ihm ungefähr:„Was bilden Sie sich denn ein? Sie beschimpfen �ie Partei in zwei Artikeln, die von Ihnen geschrieben sind, und muten »ur dann zu, dcch ich für ein solches Vlatt schreiben soll? Ja, der Teufel! Wie können Sie mich so elend niedrig einschätzen.(Sehr gut!) Für Ihr Blatt existiere ich nicht. Darauf antwortete er: er begreife gar nicht meinen Zorn und meine Entrüstlmg, er habe geglaubt, mir einen Gefallen zu erweisen(Große Heiterkeit), indem er mich zur Mitarbeit aufforderte. Er habe mir dadurch eine Tribüne zur Verfügung gestellt, von der aus ich nieine Lehre hätte propagieren dürfen. Ich habe ihn dann zum zweitenmal gründlich heim- geschickt; damit waren unsre Beziehungen zu Ende. Aber vielleicht begreifen Sie nun, warmn in der„Zukunft" von Zeit zu Zeit die Hiebe auf mich niederfallen(Sehr richtig!), denn diese Sorte von Menschen ist auf einer Seite feig und auf der andern rachsüchtig. (Sehr richtig I) So bekomme ich also bei jeder Gelegenheit meine Hiebe weg. Ich habe sie ruhig eingesteckt. wie ich das immer gethan habe, nicht bloß dem Maximilian Wittkowsky-Harden gegenüber, sondern auch allen andern gegnerischen Blättern gegen- über. Und was hat man mir nicht in der letzten Zeit wieder alles eingebrockt und aufgebrummt(Sehr richtig I und Heiterkeit), wie hat man von dem senilen Bebel gesprochen, von dem alten Kerl, der unfähig ist, noch einen gescheidtcn Gedanken zu fassen(Heiterkeit), der in der Partei zum Kindergespött geworden ist.(Große Heiterkeit.) Das habe ich mit Lachen aufgenommen.(Sehr gut!) Ich will Ihnen ein Familien- geheimnis verraten: Es kommt häufig vor, daß ich solche Artikel zu- geschickt bekomme und daß ich sie dann morgens, wenn ich mit meiner Frau beim Kaffee sitze, lese. Ich sage dann wohl: Ach, Julie, da ist wieder ein wütender Schimpfartikel! großartig, das macht mir Wirkich Spaß! Meine Frau wird dann neugierig— wir Männer sind ja auch neu- gierig— sie will den Artikel lesen und ärgert sich dann.(Stürmische Heiterkeit.) Dann sage ich ihr:„Sei doch keine Thörin! Ich amüsiere mich ja darüber", nur macht das einen Hauptspaß, dann weiß ich allemal, daß ich Recht habe.(Lebhafter Beifall.) Wenn ich aber Lob bekomme, dann kraue ich mir hinterin Kopf. Das ist nieine Auffassung. Es wird nächster Tage ein Airtrag von mir kommen! ich will nämlich, daß der„Vorwärts" uns alle diese schönen Preßerzengnisse künftig serviert.(Heiterkeit.) Nun, das Sechseläuten ist in Zürich ein Volksfest, oder besser ein Maskenzug, der im April von den Zünften veranstaltet wird. Haiden, der in seinem Leben gar manche Wairdlungeir auch in seiner Stellung ge- macht hat, woraus ich ihm keinen Vorwurf mache, war einst Schau- fpieler(Adolf Hoffmann: Ist er noch I) in Zürich und hat da das Scchseläuten— kennen gelernt. In dem erwähnten Artikel vergleicht er den internafionalen Arbeiterkongreß mit diesem Maskenzug. Das soll die Ucberschrist bedeuten. Was die Ueberschrist die„socialistischen Primadonnen" bedeuten soll, will ich Ihnen später sagen. Vorher einige Worte zur Affaire Mehring. die gestern Braun in so höchst merkwürdiger Weise zur Erörterung gebracht hat. Ich glaube, sagen zu dürfen, daß ich hier derjenige bin, der Mehring ain längsten kennt und ich glaube auch, daß ich ihn am gründlichsten kennen gelernt habe. Ich machte seine Bekanntschaft in jener Periode Ende der 60c t Jahre, wo ich in der Gesellschaft von Guido Weiß, Stephany, Wittkowsky uslv. auch mit Mehring zusainmen kam. Er war damals ein junger Mann anfangs der zwanziger Jahre, der wohl eben die Universität verlassen hatte und sich der journalistischen Laufbahn widniete. Er war damals Demokrat, Mitarbeiter der von Weiß, Jakobh, Spindler usw. gegründeten demokratischen„Zukunft". Diese Leute standen mrS sehr nahe, wie denn überhaupt damals andre Parteiverhältnisse waren, als heute. Wir kamen häufig zu- sammen, haben uns über alles Mögliche unterhalten und jeder gab sich, wie er war. Ich glaube bestimmt sagen zu können, daß die spätteren Charakteristiken, die Mehring in seiner Schrift gegen die Socialdemokratie von einer Anzahl Genossen gegeben hat. ganz wesentlich auf die Informationen zurückzuführen sind, die er damals durch den persönlichen Verkehr mit uns bekam. Nach einiger Zeit war Mehring für mich verschwunden, ich hatte keine Ahnung, wo er war; so viel ich weiß, war er eine Zeitlang Berichterstatter in einem parlamentarischen Bureau. Ich selbst hatte ja ansang? der 70 er Jahre meine Festungshaft zu ver- büßen und kam erst im Frühjahr 187S wieder in die Frei- hcit. In der ersten Zeit mußte ich mich natürlich ineinen geschäftlichen Beziehungen widmen, es war mittlerweile die schwere Krise eingebrochen und ich kann sagen, ich stand vor dem Untergang. Um die Partei konnte ich mich nicht viel kümmern, die Verhandlungen, die damals mit Mehring wegen Uebernahme der Redaktion der„Neuen Welt" geführt wurden, kenne ich nur vom Hörensagen; ich weiß nur, daß sie sich zerschlugen und daß dabei die Honorarfrage eine Rolle spielte. Weiter weiß ich nichts. Dann kam das Jahr 1878. Ans einmal erschien da diese Broschüre von Mehring, in der er in der aller- heftigsten und kaum für möglich gehaltenen Weise die Partei im allgemeinen und unsre Personen im speciellen angriff. Ich sagte mir: Da stehst du in der That vor einem psychologischen Rätsel, und ich habe bis zu dieser Stunde bei Mehring psychologische Rätsel gefunden. Ich sagte mir: So hat Mehring nie gestanden bei seinen eminenten unleugbaren Fähigkeiten, daß er aus rein materiellen Gründen den Gesimnmas- wechiel vorgenommen hätte. Das ist nicht möglich, da sind psycho- logische Momente im Spiel, die in seinem Wesen liegen. In den schwersten Stunden der Partei war der Angriff Mehrings das bitterste und fürchterlichste, was uns passieren konnte(Sehr richtig I), einmal wegen der außerordentlich gewandten Form, die Genolsen Mehring zu Gebote steht,— er ist in dieser Richtung einer der glänzendsten, wenn nicht der glänzendste Schriftsteller Deutsch- lands bis zu dieser Stunde,— dann aber auch und hauptsächlich des- halb, weil jeder, der die Broschüre las, sich sagen mußte, potztausend, da spricht einer, der die Verhältnisse und Personen genau kennt, und wenn das Bild ja mich sehr verzerrt war, so enthält es auch manches Wahre. Mehring hatte vor 1876 für die Partei die Broschüre:„Herr v. Treitschke, der Socialistentöter" geschrieben, eine glänzende Broschüre, die ich ihnen heute noch als historisches Aktenstück empfehle, indessen hatte er nie weitere Beziehungen zur Partei ge- habt. Organisiert war er nie gewesen. Er stand der Partei nahe und hat unendlich mehr Verständnis für sie gehabt, als irgend ein andrer bürgerlicher Schriftsteller: das gab seinen Erzeugnissen gegen uns besonderen Wert. Der Rede von Hasenclever ent- sinne ich mich nicht mehr, aber das sage ich Ihnen: Ein bis zwei Jahre später würde seine Rede anders gelautet haben. Das Socialistengesetz kam mit all seinen furchtbaren Wirkungen, die Schlage fielen hageldicht, alles wurde zertrümmert, eine Großstadt nach der andern mit ihrem Gebiet wurde unter Belagerungszustand erklärt, hunderte und lvieder hunderte von Genossen lvurden brotlos, wir Führer, alle mit wenigen Aus- nahmen, wurden getreten, zerstört, wie räudige Hunde hinaus- getrieben. Auch heute noch, nachdem alle diese Verfolgungen vor- über sind, ohne daß sie mir geschadet haben, wenn da meine Gedanken auf den kleinen Belagerungszustand zurückkommen und ich mir vergegenwärttge, wie wir anfs Polizeibnreau komniandiert, dort wie Verbrecher unters Metermaß gestellt und �abgemessen wurden, wie wir photographiert wurden und unser Signalement aufgenommen wurde und wie es dann hieß, binnen drei Tagen macht ihr, daß ihr zum Tempel hinauskommt. Das vergesse ich mein Leben nicht. Und wenn ich es je erleben sollte, daß der Tag käme, daß ich denen, die dann noch leben, sagen könnte: Jetzt will ich euch einmal zeigen, was ihr damals gethan— ich thäts!(Stürnnscher Beifall und langanhaltendes Händeklatschen.) (Schluß im Hauptblatt.) Em Induftric und Kandel. Tie Zechenbesiher-Bersammluiig des Rheinisch-Westfälischen Kohlcnsyndikats, die heute(Dienstag) in Essen stattgefunden hat, war, wie die„Kölnische Zeitung" meldet, von sämtlichen Zechen, mit Ausnahme der Gewerkschaft„Ewald" und des Magdeburger Berg- wcrkvereins, beschickt. Die Anwesenden sollen den neuen Vertrag unterschreiben, wobei die Unterschriften bis zum 30. d. Mis. abends binden sollen und der Bertrag zu stände gekommen ist, wenn sich bis zu diesem Zeitpunkt alle unterschrieben haben. Es wollen heute nicht unterschreiben„Freier Vogel" und„Unverhofft", Mühlheimcr Bcrgwerksvercin,„Konkordia",„Bismarck".„Gute Hoffnungshütte", „Banker Mulde",„Rosenblumendelle" und„Friedrich der Große". „Baaker Mulde" erklärt, bis zum 30. d. Mts. unterschreiben zu wollen.„Konkordia" will den schwebenden Prozeß durch ein Schieds- gericht entschieden wissen, womit sich die Versammlung einverstanden erklärt.(Die Verhandlungen dauern fort.) Die Erklärung, heute noch nicht unterschreiben zu wollen, bc- sagt nicht, daß man sich dem Syndikat nicht anschließen will. Die betreffenden Zechen, die diese Erklärung abgaben, möchten sich nur nicht binden, ehe sie nicht die feste Beitrittszusage der bisher wider- spcnstigen Zechen in Händen haben. Mehrere der Gesellschaften und Ge- werkschaftcn, die erst in den letzten Tagen sich zum Anschluß bereit erklärten, müssen auch dazu noch erst die formelle Zustimmung der General- rcsp. der Gewerkenversammlungen oder des Aufsichtsrats einholen. So meldet die„Rheinisch-Westfälische Zeitung": Die Ge- werkschaft der Zeche„Friedrich der Große" beruft auf den 30. Sep- tember eine Gcwcrkenversammlung nach Essen ein, auf deren Tages- ordnung der Beschluß über den Beitritt zum neuen Kohlensyndikat und zu andren Verkaufsvereinigungen steht. Diese Gewerkschaft will demnach den Beschlutz ihrer Gcwerkenversammlung abwarten, bevor sie den Vertrag unterzeichnet. Ferner hat der„Magdeburger Berg- wcrksverein" auf morgen den Aufsichtsrat einberufen, um über den Beitritt endgültig zu beschließen. Uebcr die Lage im sächsisch-thüringischen Brannkohlcn-Bergban schreibt die„Arbcitsmark-Korrespondenz": Lange hat cZ gedauert, bis die Depression im Braunkohlen-Bergbau beendigt war: äugen- blicklich kann man mit gewissem Recht von einem erneuten Aufschwung reden. Wohl hat sich im ersten Halbjahr 1903 die Zahl der Braunkohlenarbeiter im Oberbergamtsbezirk Halle gegen das erste Halbjahr 1902 wieder um 1186 Köpfe aus 34 456 Köpfe verringert. Aber die Förderung ssieg wieder von 13,5 auf 14,4 Tonnen. Seit dem Ende des ersten Quartals dieses Jahres sind die ftüher häufig auftretenden Feier- schichten fast ganz verschwunden. Zur Zeit beginnen wieder die lleberstunden und Sonntagsschichten einzusetzen. Die„Campagne" hat begonnen, d. h. die Zuckerfabriken rufen größere Mengen Kohlen ab. Mit den Lohnvcrhälttnssen der Braunkohlenarbcirer sieht es jedoch immer noch trübe ans. In der besten Geschäftszeit, 1900, stand der Durchschnittslohn für alle Arbeiterkategorien auf 900 bis 1000 M.: 1901 war er schon unl 30— 50 M. gefallen, 1902 stand er 100— 150 M. niedriger wie 1900. Obwohl jetzt von einer schlechten Konjunktur nicht geredet werden kann, erfolgen doch noch immer Lohnabzüge. Aelteren Häuern und Förder- leuten werden Accordlöhne unter 3 M. für 9— llstiindige Arbeit ausgezahlt. Accordlöhne von 2,50—3,00 M. werden als„gut" und „sehr gut" bezeichnet. Am schlechtesten ist die Bezahlung im Leipziger Braunkohlenbecken, wo Tagesverdienste von 2,50—3,00 M. im Accord die Regel sind. Im Meusclwitzer Revier sind die Wochen- Verdienste seit der Hochkonjunktur für bestbezahlte Arbeiter von 30 auf 22 M. gefallen. Zur wirtschaftlichen Lage in den Bereinigten Staaten von Amerika. Während von der amerikanischen Handelspresse und in ihrer Gefolg- ichaft von verschiedenen deutschen Unternehmerblättern behauptet Ivird, daß der amerikanische Eisenmarkt sich bereits wieder günstiger zu gestalten beginne, komnit von New Dork eine Nachricht, die deutlich beweist, daß die amerikanische Montanindustrie sich aus Mangel an Absatz ihrer Produkte zu nicht unbettächtlichen Betriebseinschränlungen und Ärbeiterentlassungen gezwungen sieht. Das Haus Morgan u. Co.. so wird telegraphisch berichtet. hat die Mitglieder des Stahltrutest, welche sich am Syndikat beteiligten, darum er- sucht, ihre Beteiligung auf neun Monate zu verlängern, und sie zu einer weiteren Kapitaleinlage auf- gefordert, um ein Kapital von nahezu fünf Millionen Dollar anzusammeln. Den Mitgliedern, welche sich zu einer Verlängerung nicht entschließen wollen, soll der Austritt gegen Zahlung ihrer Ver- bindlichkeiten gegenüber dem Syndikat gestattet werden. Fünftausend Arbeiter der Trustbergwerke ind wegen Mangels an Verschiffungen der Vor- räte aus dem letzten Winter entlassen worden. Dies wirkte abschwächend auf den Markt ein. Der Erntebcricht der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika übertrifft die höchsten Erwartungen. Der Ertrag an Mais, Weizen, Hafer und Baumwolle wird darin auf 2 477 000 000 Dollar geschätzt, ungefähr eine halbe Milliarde mehr als im vorigen Jahre. Man erwartet, daß in Mais die zweitgrößte mid in Weizen die drittgrößte Ernte hereinkommen wird, welche die Vereinigten Staaten bisher jemals gehabt haben. Unter Zugrundelegung der gegen- wärtigen Preise würde die Ernte einen höheren Erlös erzielen als jede vorhergegangene. Sechster Kongreß der Freien Vereinigung deutscher Gklverkschasten. In der VormittagSsitznng vom Dienstag wurde die Debatte über den Geschäftsbericht fortgesetzt, aber bald geschlossen. H i n r i ch s e n rechtfertigte in seinem Schlußwort noch einmal seine Thätigkeit als Funktionär der Gcschäftskommission und bestritt, daß er die von Künike behauptete Taktik im Oderbergcr Organisationsgebiet geübt habe.— T h i e m e als zweiter Funktionär wies ebenfalls ver- schiedene Einwürfe gegen seine Geschäftsleitung zurück. Auch lehnte er jedes Verschulden an dem Gegensatz zwischen Hinrichsen und ihm ab. „Die Stellung der Freien Bereinigung deutscher Gewerkschaften zu den Einigungsbestrebungen des Parteivorstandes", lautete der nächste Punft der Tagesordnung. Referent war K l e i n l e i n. Dieser ging ausführlich auf die bekannten Kämpfe zwischen den „Verbändlern" und den„Lokalisten" ein, insbesondere auch auf die Vorgänge der letzten Berliner Gewerbegerichtswahlcn sowie aus die Verhandlungen in verschiedenen Versammlungen der Äewerkschafts- kommission und auf die Gewerkschaftsdebatte im„Vortvärts". Der Parteivorstand habe bei Anbahnung der Einigungsverhandlungen Vergleichsvorschläge machen wollen, sich dann aber den Verbänden gegenüber nicht getraut, es zu thun. Dadurch sei Mißtrauen cnt- standen. Redner geht dann auf die damaligen Verhandlungen ein, die dem Kongreß im gedruckten Geschäftsbericht vorlagen und kritisiert, daß selbst Bebel das Aufgehen in die Verbände als Lösung der Einigungsftage erklärt habe. Alle Hochachtung vor den ergrauten Häuptern in der Parteileitung, aber sie wüßten nicht mehr, wie schwer es sei, Arbeiterorganisationen aufzubauen. Dem Genossen Hinrichsen müsse thatsächlich vorgeworfen werden, daß er damals als Vertreter der„Freien Vereinigung" bei den Verhandlungen nicht deren Stand- Punkt gewahrt, und nicht die Gegensätze hervorgehoben habe, welche die beiden gewerkschaftlichen Richtungen trennten. Die Fortsetzung der Einigungsverhandlungen seien seitens des Parteivorstandes für die Zeit nach dem Parteitag in Aussicht gestellt worden. Jetzt sei nun die Frage: Ist es dienlich, wenn wir mit fliegenden Fahnen in die Reihen der Verbände eintreten? In allen Kulturländern gebe es in der Arbeiterbewegung Gegensätze. In Teutschland sähen wir im politischen Leben ein Bild, das eine Spaltung der Socialdemokratie für die nächsten Tage erwarten lasse. Und wenn das geschehe, dann schade es nichts. Die Richtung Bernstein. Heine, Wollmar gebe zu denken. Bernstein und Genossen wären nicht so weit ge- lomMsi, lv.eM sie nicht eine gewisse Deckung in den Eenkaiverbäi'deG hätten. Der Klassenkampf werde von den Bersteinianern und den Anhängern der Verbände immer mehr verpönt. Die revolutionäre Begeisterung fehle. Man sei abgekommen von dem Grundsatz, den Bebel einmal ausgesprochen: Friede den Hütten. Krieg den Palästen. Auf diesem Standpunkt ständen aber noch die der„Freien Ver- einigung" angeschlossenen Gewerkschaften. Sie verlangten, daß. wer zu ihnen komme, ausgesprochener Socialist sei, wogegen die Ver- bändler den Klassenkampf verkleistern wollen. Dem Kongreß könne nur empfohlen werden, an dem alten Programm festzuhalten, wie es die früheren Kongresse in ihren Resoluttonen aufgestellt hätten. und sich ini übrigen für die Einigungsbedingungen auszusprechen, die schon dem Parteivorstand für die neuen Verhandlungen unter- breitet worden seien. Diese dem Parteivorstand zugegangenen, von Kleinlein befütz- warteten Einigungsbedingungen(genannt„Resolution de» G e s ch ä f t S k o m in i s s i o n") gehen aus von der Voraussetzung, daß den bestehenden, der„Freien Vereinigung" angeschlossenen Ge- werkschasten ihre selbständige Existenz gewährt bleibe, und die eventuelle Einigung ist gedacht als ein Zusammenschluß im großen. Die erste Einigungsbedingung ist die Forderung einer bindenden Erklärung, daß die Centralorganisationen. mit welchen eine Vereinigung stattfinden soll, auf dem Boden des mehrfach auf Kongressen in Resolutionen ausgesprochenen Programms der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften" stehen. Ferner soll Voraussetzung für ein Zusammengehen mit den sogenannten„modernen Verbanden" die Anerkennung folgender vier Bedingungen sein: 1. Es bleibt unsren Vereinen, wie jeden andren, die vollkommene organisatorische Selbständigkeit und das Recht, sich nach speciellen Berufen über ganz Deutschland centralisiert, zu organisieren, ihre eigne Verwaltung, eigne Kasse und nach ihrem Gutdünken eigne Presse zu haben. Sie haben für den Gesamtverband natürlich fest» gestellte Leistungen zn«lachen und dafiir das Recht, zu den Kon- gressen, Ausschüssen, Kommissionen und Körperschaften Mitglieder zu delegieren ihrer Stärke entsprechend nach durch Vereinbarung festzustellenden Grundsätzen. 2. An den Unterstützungskassen, die in den modernen Verbänden überwuchern, sind sie nicht gezwungen, aber berechttgt, Anteil zu nehmen nach besonderen Festsetzungen. Konsum- und Produktiv- genosicnschaften sind nicht Zweck der gewerkschaftlichen Organisattonen. 3. Korporative Arbeitsverträge sind nur als notwendiges Uebel zu betrachten, die nnt vieler Vorsicht zu behandeln und nur auf sehr kurze Fristen abzuschließen sind. 4. Die Arbeitsnachweise sind den örtlichen Organisattonen zu überlassen und ihre Centralisatton innerhalb der Gewerkschaften ist anzustreben. Es entspann sich eine lange Debatte, die nach der Mittags- pause fortgesetzt wurde. Die Redner gingen vielfach auf die Kämpfe ein, die» sie in ihren Berufen mit den in Verbänden organisierten Kollegen ausfochten. Dabei wurde auch mehrfach betont, daß die Verbände den Waffenstillstand nicht gewahrt hätten, der bis zur endgültigen Erledigung der Einigungsverhandlungen dauern sollte. Zur Einigungssache selber wurde von W e g n e r für sich und die Berliner Sektton des Fliesenleger-Verbandes erklärt, daß sie auf jeden Fall an der Programm-Resolution der„Freien Vereinigung" festhielten. Der Verband als solcher müßte seine Stellung erst fest» legen. Weise(Zimmerer) ist für eine Einigung, aber gegen eine strikte Unterlverfung unter die Verbände.— Janeskens- Krefeld (Weber) erklärt sich für ein Handinhandgehen seines Verbandes mit dem Textilarbeiter-Verband unter der Voraussetzung, daß der Weber- Verband ausdrücklich anerkannt wird.— Kniestedt- Hannover (Bürstenmacher): Ein Aufgeben seines Verbandes würde be- deuten, daß seine Berutsgenossen unorganisiert herumlaufen würden.— Schien ker(Metallarbeiter-Gewerkschaft) führt aus: Er verweigere jedes Untertauchen im Sumpf der Verbände. Der Metallarbeiter-Verband sei zur Stteikbrecher-Organisatton herab- gesunken, dem« er dulde, wenn bei Streiks die Kühnemänner in Frage kämen, daß in andere Betriebe verschobene Streikarbeit ruhig gemacht werden könne. Er meine: Gegen eine Vereinigung, aber fiir eine Einigung! Hürtler(Tischler) ist für die Einigung bei Wahrung voll- ständigster Selbständigkeit der bestehenden Organisation. Die Töpfer beantragen, über die Einigungsverhandlungen unter Leitung des Parteivorftandes zur Tagesordnung überzugehen, zu- gleich aber die Bereitschaft zum ftiedlichen Zusammenarbeiten mit den Verbänden in besttmmten Fällen zu erklären.— W e st p h a l(Isolierer) erklärte diese» Antrag für den vernünfttgsten.— Puttlitz ist für den Ver- such einer Einigung. Der Gegensatz sei heute: polittsche oder un- polittsche Gewerkschaft. Manche Verbände seien aber schon polittsch. Bei ihnen wäre noch zu beanstanden die Stellung zu Tarifverträgen, die Bevormundung durch die Centralvorständc je.— Hoffmann ist nur dafür, daß man bei Lohnkänipfen mit den anders Organisierten Hand in Hand gehe.— ll e s s e m(Kleber) ist der Meinung, der Parteivorstand habe parteiisch gehandelt, und bemängelt das Protokoll über die Einigungsverhandlungen vom 22. März. An den Partei- vorstand habe man sich in gewerkschaftlichen Dingen zuletzt zu wenden.— S i e v e r t- Hannover(Metallarbeiter) ist für den Antrag der Töpfer und rügt es als tattische Unllugheit Kleinleins, daß er eine Spaltung in der Partei voraussagte. In der weiteren Debatte wurde von fast allen Rednern die Reso- ttition der Geschäftskommission(die oben wiedergegebenen EinigungS- bedingungen) befürwortet.— H e rfor th(Maurer) und Gehl(Maurer) wandten sich gegen die abfälligen Bemerkungen über einzelne Partei- Vorstands- Mitglieder. H e r s o r t h hob hervor, daß ihn persönlich von den Verbandskollegen des Maurerberufs n u r n o ch das mangelnde Selbstbestimmungsrecht der Filialen trenne. Er empfindet es als eine große Belastung für die größeren zur„Freien Ver- einigung" gehörenden Gewerkschaften, daß dieser eme Anzahl Gewerkschaften mit weniger als je 100 Mitgliedern angeschlossen seien, welche sehr viel kosteten. Würden weitere Etnigungsverhand- lungen abgelehnt, dann würde er auf eine Absägung dieser minderwertigen Vereine hinwirken. Redner wandte sich auch gegen die Vermengung der politischen sogen. Revisionisten mit den Berbändlern und_ gegen die Prophezeiung einer Spaltung der socialdemottattschen Partei.— T h. Fischer und Keßler erachten eine Vereinheitlichung der deuffchen Gewerkschafts- bewegung bezw. gewerkschaftlichen Organisatton in Deutschland für ausgeschlossen.— Wie T h. Fischer so trat auch Kleinlein im Schlußwort daftir ein, daß die Prineipien der„Freien Bereinigung" aufrechtzuerhalten seien, selbst auf die Gefahr hin, daß ein Aus- schlutz aus der Partei erfolgen sollte. Kleinlein meinte, daß. wenn dies geschähe, eine neue unabhängige polittsche Arbeiterpartei begründet wäre. Wenn es zu einer Spaltung auf dem Parteitag käme, könnte man sich freuen: es müsse in der socialdemottattschen Partei mal reiner Tisch gemacht werden. Der Anttag der Töpfer wurde gegen 4 Sttmmen abgelehnt und e i n st i m m i g gemäß einem Anttage der Maurer die Res olution der Geschäftskommission(die Einigungsbedingungen) a n- genommen._ ßnefhaften der Redabtion. I. 9t. Setzen Sie die Polizeibehörde Ihres Ortes von den Mlhstinden in Kenntnis, ev ent. machen Sie vorher Herrn O. Allmann, Vorsitzenden der BSckerorganisation. Marktstr. 27, Hamburg-Eiweck, Mitteilung. L., Dresden. Ist sofort gesetzt worden, aber seitdem im Uebcrsatz ge- blieben. ■Jimftrlfchrr Cell. ®ie juristische Sprechstunde finde»»«glich mit Zlusnahme de« Evnnabend« von 7,k bis st'/ä Uhr abends statt. Geöffnet:? Uhr. I. K. 88, Karl Schwarz, Zlpoftel- Kirche 8, 347S. Nein.— A. H>. Velten. Der durch Etuwersen einer Fensterscheibe von dem Knabe» verursachte Schaden ist in vollem Matze vom Vater zu ersetzen.— Tismcr. Ist nichts andres vereinbart, so kann an jedem Tage«in gewerbliches Arbeitsverhältnis unter Einhaltung einer vierzchntägigen Frist gekündigt werden.— R. Berg. t. Ob und inwieweit Hausrciniaer ver- sicherungspslichtig sind, ist aussübrlich im„Vorwärts" vom 1. Rovcmher 1902 dargelegt. 2. sie können mit Ausficht aus Ersolg den Wirt verklage». Jyüt den Jndalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Mittwoch, IS. September. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Der Evangelimann. Schauspielhaus. Einilia Galotti. Westen. Dalibor. Hessing. 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Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher üemtiolll Sprung am 13. d, M. gestorben ist. 121/13 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 16. September cr., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Auferstehungs- Kirchhofes in Weitzensee aus, statt. Rege Beteiligung erwartet Die Ortsberlvaltung. Allen Verwandten und Be- kannten die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau Lmilie Sdiablin durch den Tod erlöst ist. Die Beerdigung findet am Frei- tagnachmittag 3 Uhr von der Leichenhalle des Emmans-Kirch- hoses aus statt. Um stilles Beileid bittet Albert Schablln nebst Kindern. Waldemarstr. 74. Danksagung. Für die vielen Beiveise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des Gastwirts Samuel Karge sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten meinen tiesgesühlten Dank, lv75b Zllnii» Karze nebst Kindern. Von der Heise-«urück flr Grotjalin. Arzt 1069b Alexacdrinenstr. 90. 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Knabenblufcn-, Rolljackcn-, Leib- rn-Arbeiterinnen verlangt Stachetzky, appcl-Allee 14, II,_+71 Arbeiterin aus feste Blusen verlangt Hmz, Mariannensttatze 31, IV recht?, 1673b Zftchttge Plätterin Wilhelm Stolzesttatze 43, verlangt 1648b* Geübte Kartoiwrbciterirr verlangt I. Günther. Feilnersttatze 2. 1611b* Jm ArbeitSmartt durch besonderen Druck hervorgehobene Anzeigen koste»»« Pf. pro Zeile. MotomilgMhrer,| der zugleich tüchtiger Repa- ratenr ift. fürBenz.-Wagen gesucht. Vorstellung mit Zeugnissen mittags 1— S oder abends 8— S Uhr. s2630L ! L Jandorf& Ca., Belle-Alliaucestr. 1-2- Achtnnc! Achtnngl Musikinstrumuntea-Arteiter! Die Pianofabrik von Xlebe? A Co., Alcxanderftr. 2Z und Wallner- Dheaterstr. L«,S7. ist wegen Differenzen für sämtliche Branchen gesperrt. 142/2* Fsvdvsrelo ier Musikinstrumenten.Arbefaf. nl Singer& Es., Berlin SW. Nr. 216. 20. Jahrgang. 3. KW iltt JongjjK" Ktlintr KlksM Mitwoch, 16. September 1903. GcwerkfchaftUd�cö. Berlin und Umgegend. Der Streik der Gürtler hat einen über Erwarten großen Umfang angenommen Die Gürtlervers ammlung, die Montagabend im Gewerkschaftshause stattfand, war so zahlreich besucht, daß der große Saal bereits um 8 Uhr überfüllt war und polizeilich abgeiperrt wurde. Nachdem dann die Gürtler derjenigen Betriebe, wo die Forderungen schon bewilligt sind, aufgefordert wurden, sich nach dem Saal I zu begeben, war auch dieser samt dem Saal Hl bald überfüllt. Dem Berichte, den Cohen über den Stand der Bewegung gab, ist zu enwehm en, daß bereits 40 Firmen, die 246 Gürtler beschästigen, die Forderungen durch ihre Unterschrift bedingungslos anerkannt haben. In den Streik getreten sind bei 133 Firmen 1540 Kollegen, jedenfalls wird noch eine große Anzahl hinzukommen, so daß die Zahl der Streikenden auf circa 2000 wächst. Die Situation wurde als sehr günstig für die Streikenden bezeichnet. Viele Firmen möchten gern alles, ja noch mehr als verlangt wird, bewilligen, scheuen stch aber, ihre Unterschrist zu geben.— Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen:.Die Versammlung beschließt, daß unter allen Umständen überall da, wo die Forderungen nicht schriftlich anerkannt sind, die Arbeit am 15. September früh nicht wieder aufgenommen werden darf." Diejenigen, die zu den neuen Bedingungen arbeiten, werden ver- pflichtet, zur besseren Unterstiitzung der noch nicht vollberechtigten Streikenden wöchentlich 1 M. Extrasteuer zu zahlen. In der Versammlung am Dienstagvormittag wurde berichtet, daß bis dahin 43 Firmen, die 281 Kollegen beschäftigen, bewilligt haben. Eine große Anzahl andrer Firmen verlangt dringend, mit einem Vertreter der Organisation zu verhandeln. Auch der Hirsch- Dunckersche Gewerkverein hat sich mit den Forderungen der Streikenden einverstanden erklärt. Es bleibt abzuwarten, inwieweit dementsprechend gehandelt wird.— In den Berichten der Ver- trauensleute der verschiedenen Werkstuben wurde wiederholt verlangt, daß auch die Schleifer, Dreher und Schlosser der in Betracht kommenden Werkstätten die Arbeit niederlegen. Nach einem Vor- schlage Cohens, der von der Versammlung gutgeheißen wurde, soll das jedoch mir in dem Umfange, wie es zur Durchführung der Forderungen notwendig erscheint, geschehen.— Die nächste Streik- Versammlung wird Donnerstagvormittag S Uhr stattfinden. Der Streik der Metalldrücker. In der Versammlung der Streikenden, die Montagvormittag im großen Saal des Gewerkschasts- Hauses tagte, waren, wie die Auszählung ergab, 603 Streikende von 121 Firmen anwesend. Die wirklich in Betracht kommenden Zahlen werden noch etwas höher sein, da zur selben Zeit bei einigen Firmen mit den Streikenden verhandelt wurde. Wie Cohen berichtete, hat seit Sonnabend noch eine Firma bewilligt. Im Verlauf der Versammlung kamen jedoch noch außerdem 2 Bewilligungen hinzu, so daß jetzt 22 Firmen die Forderungen untcrschriftlich anerkannt haben. 8 Firmen, die unter allerlei Vorbchaltungen bewilligen wollten, mußten zurückgewiesen werden, weil von den Streikenden grundsätzlich unbedingte Anerkennung der Forderungen verlangt wird. Die Situation wurde vom Referenten als äußerst günstig für die Streikenden bezeichnet. Ein nennenswerter Zuzug von Streik- brecheru sei wegen der Eigenart der in Betracht kommenden Arbeiten ausgeschlossen. Die Streikenden könnten mit Zuversicht die weitere Entwicklung der Dinge abwarten.— Die gleiche Ansicht trat in der Diskussion hervor. Die nächste Versammlung der streikenden Metall- drücker soll am Mitstoochvormittag stattfinden. Die Agitations- kommission wurde beauftragt, als Lohnkommission zu fungieren. Die Putzerträger hielten am Sonntag eine öffentliche Versammlung in Wernaus Festsälen ab. um zur diesjährige» Lohn- bewegung Stellung zu nehmen. Nach dem einleitenden Referat WendeS wurden folgende Forderungen aufgestellt: Einen Tagelohn von 8 Mark. In der dritten und vierten Etage Stellung eines Wafferträgers seitens des Unternehmers. Neunstündige Arbeitszeit und Zahlung des Lohnes vom Unternehmer. Die Diskussion, an der sich u. a. auch Neumann als Vertreter der centralorganisierten Putzer in zustimmendem Sinne beteiligte, war eine äußerst lebhaste und wurde beschlossen, am Dienstag, den 15. d. Mts. vor» stehende Forderungen auf sämtlichen Bauten zu stellen und dort, wo dieselben nicht bewilligt werden, sofortdieArbeitnieder zulegen. Lohnbewegung in der Kartonindustrie. Am Montag befaßte stch eine sehr zahlreich besuchte Versammlung der Kartonarbeiter und Arbeiterinnen init der Antwort der Prinzipale auf die vor ungefähr acht Tagen eingereichten Forderungen. Es handelt sich hierbei Haupt- sächlich um Festsetzung der neunstündigen Arbeitszeit, eines Mimmal- lohnes von 24 M. pro Woche, Zuschläge für Ueberstunden von 25 und 33'/? Prozent und um Einführung eines Tarifs für Accordarbeit. Zwei Firmen haben bewilligt, mehrere andre wünschen zu verhandeln. Vom Vorfitzenden der Vereinigung der Berliner Kartonfabrikanten lag ein Schreiben vor, worin er mitteilt, daß wegen der Kürze der Zeit noch nicht alle Mit- glieder der Vereinigung sich über die Forderungen äußern konnten. Die Versammlung beschloß, daß bis zum Mittwoch, den 16. September, eine bindende Erklärung von den Fabrikanten verlangt werden soll. Am Abend desselben Tages wird wiederum im Englischen Garten eine öffentliche Kartonarbeiter- Versammlung stattfinden, wo weitere Beschlüsse gefaßt werden. Achtung, Buchbinder und Buchbiuderei-Rrbeiterinnen! In N e u- Ruppin bei der Firma Lange befinden sich unsre Kollegen und Kolleginnen noch im Ausstand. Die Finna versucht jetzt die Arbeiten in Berlin herstellen zu laffen. Es handelt sich um Schietzbücher f ü r d a S M i l i t ä r. Die Formulare tragen die Firma G u st a v Kühn. Wir ersuchen dringend, alle Arbeiten aus Neu-Ruppin streng zurückzuweisen, andernfalls Nachricht an unser Bureau, Engel- Ufer 15 gelangen zu laffen. Ortsverwaltung des Buchbinder-Berbandes. Mit dem Anschluß der Bauanschläger an den Metallardeiter- Berband befaßte sich am Sonntag eine außerordentliche General- Versammlung sämtlicher Ortsgruppen des Verbandes der Bau- anschläger Deutschlands. Wie der Vorsitzende K a s s u b e ck berichtete, haben sich bei der Urabstimmung 99 Mitglieder für und nur 7 gegen den Anschluß an den Metallarbeiter-Verband erklärt. Im Verein der Vauanschläger, der lokalen Organisation, stimmten 162 für und 80 gegen den Anschluß. Zwischen den Vorständen beider Organi- sationen haben Verhandlungen stattgefunden, um den Anschluß an den Metallarbeiter-Verband gemeinsam zu vollziehen; der Verein hat trotzdem schließlich allein gehandelt. Bei den Versammlungen, die in der vorigen Woche mit dem Bevollmächtigten Cohen vom Metall- arbeiter-Verband gepflogen wurden, waren jedoch Vertteter beider Bauanschläger-Organisattoneii anwesend. Für den Anschluß wurden sehr günstige Bedingungen gestellt. Tie Bauanschläger werden eine eigne Branche im Metallarbeiter-Verband bilden. Die Mitglied- schaft in ihrer früheren Organisation soll den Bauanschlägern beim Uebcrtritt soll angerechnet werden. Die Zahlstellen und Arbeitsnach- weise des Verbandes der Bau-Anschläger bleiben bis auf weiteres bestehen. In der Diskussion sprachen mehrere Redner den Wunsch aus. daß der Anschluß wenn möglich b,s zum 1. Oktober vollzogen wird. und daß Differenzen, die jetzt zwischen dem Verband und dem Verein der Bauanschläger obwalten, dann aus der Welt geschafft werden.— Von einer Neuwahl des Vorstandes wurde aus Rücksicht auf den bevorstehenden Anschluß an den Metallarbeiter-Verband Abstand gc- nommen. Für die Crimmitschaucr Textilarbeiter bewilligte die Generalversammlung 50 M. Tie Badeanstalt von Benster, Chausseestraße 81, über welche die gewerkschaftliche Organisation des Badeanstaltspersonals die Sperre verhängt hat, erfreut sich zur Zeit einer besonderen Aufmerksamkeit der Polizei. Ein Schutzmannsposten scheint eigens zu dem Zweck aufgestellt zu sein, um jedem, in dem man einen Streikposten vermutet, den Aufenthalt vor dem Hause Chausseesttatze 81, ja sogar das wieder- holte Vorübergehen an dem Hause zu untersagen. Die Sperre ist bekanntlich oerhängt worden wegen Maßregelung zweier Bademeister. lieber die Ursachen der Maßregelung wird uns berichtet: Am Sonn- abend verlangte der Besitzer der Badeanstalt, daß die beiden im Dampfbade beschäftigten Bademeister ein auf dem Boden befindliches Wasserreservoir reinigen sollten. Diese Arbeit, für die es keine Ent- schädigung geben sollte, hätte am Sonntagnachmittag verrichtet wer- den müssen. Unter diesen Umständen lehnten natürlich die beiden Bademeister die Arbeit ab. Sie nahmen übrigens an, daß sie durch die Sonntagnachmittagarbeit am Besuch einer von ihrer Organi- sation veranstalteten Versammlung gehindert werden sollten. Am Montagabend, als die betreffenden ihre Tagesarbeit beendet hatten, erklärte ihnen Herr Beuster unter nichtigen Gründen, daß sie ent- lassen seien. Am Mittwoch erklärten sich der noch dort arbeitende sowie ein als Ersatz eingestellter Bademeister mit den Entlassenen solidarisch und legten die Arbeit nieder. Inzwischen hatte auch eine weibliche Angestellte die Arbeit niedergelegt. Als Ersatz für die Gemäß- regelten bczw. Streikenden ist ein Friseur und Raseur, der noch nie in einem Dampfbade gearbeitet hat, eingestellt worden.— Diese Differenzen zwischen dem Badeanstaltsbesitzer und den Angestellten sind es, welche die Polizei veranlaßten, einen Schutzmannsposten mit der Beobachtung des betreffenden Hauses zu beauftragen, der jedem mit Sistterung droht, welcher als Streikposten auf der Bildfläche erscheint. Deutkchce Reich. Zum Ausstand in Crimmitschau. Kürzlich habe« die Aus- gesperrten wieder einmal ihre Bereitwilligkeit zu Verhandlungen und zur Beilegung des Konfliktes unter annehmbaren Bedingungen bekundet. Das Antwortschreiben, welches die Fabrikanten darauf erteilten, stellt an die Arbeiter Anforderungen, welche einer be- dingungslosen Unterwerfung gleichkommen. Eine Beendigung des Kampfes unter solchen Bedingungen lehnten die Ausgesperrten natürlich ab. Fünf große Versammlungen, die sich mit dieser An- gelegenheit beschäftigten, nahmen nachstehende Resolution an: „Die Versammlung nimmt mit Entrüstung Kenntnis von der Zuschrift des Fabrikantenvereins, die derselbe als Antwort auf das Ersuchen der Filiale des Deutschen Texttlarbeiter-Verbandes um Einleitung gemeinsamer Verhandlungen an diesen gerichtet hat. Die Arbeiter protestieren gegen die Zumutung, die Arbeit bedingungslos wieder aufzunehmen. Sie protestieren weiter gegen die Anmaßung der Fabrikanten, bei eventueller Beendigung der Aussperrung unter der Arbeiterschaft eine Auslese halten zu wollen. Die Versammlung erblickt in dem Antwortschreiben des Fabrikantenvereins eine dreiste Verhöhnung der Arbeiterforderungen, die sie nicht anders als durch unentwegtes Ausharren in dem den Arbeitern aufgezwungenen Kampfe beantworten können. Gleichzeitig protestiert die Ver- sammlung dagegen, daß den Arbeitern das Recht des Streikposten- stchens durch die Maßnahmen der Behörden illusorisch gemacht wird." Hu«tand. Ter Streik der Kürschner Wiens hat an Ausdehnung gewonnen. Am Sonnabendabend war die Kündigungsfrist abgelaufen, die Ar- heiter und Arbeiterinnen traten in den Ausstand. Eisenbahnerausstand. Aus Mailand wird gemeldet: Das Personal der Südbahn-Gescllschaft ist in den Ausstand getreten. Der Tapeziererstreik in Stockholm ist nach achtägiger Dauer zu Gunsten der Arbeiter beendet worden. Die Sttindenlöhne sowie die Akkordlöhne wurden um ca. 10 Proz. erhöht. ßcrUmr parte!-Hngckcfcnbclten. Dritter Berliner Reichstags-Wahlkreis. Morgen, Donnerstag, den 17. September, 8'/z Uhr, in den bekannten Lokalen Zahl- abend und Besprechung über die Landtagswahlen. Um voll- zähligcs Erscheinen der Mitglieder ersucht Der Vorstand. Charlottenburg. Die Parteigenossen des 7. Bezirks halten Donnerstagabend 8'/z Uhr bei Graffunder, Wielandstr. 4, eine Ve- zirks-Besprechung ab, in der die Wahlmänner zur Landtagswahl nominiert werden._ Lokales. Bor 25 Jahren. In diesen Tagen sind es 25 Jahre her. daß auf dem St. Nikolai- und Marien-Kirchhofe in der Prenzlauer Allee 7 ein Mann begraben wurde, dessen wahnsinnige That der bismärckischen Reaftion für ein ungeheures �Attentat gegen die deutschen Volkse rechte zum Vorwand dienen mußte. Wir reden von dem Socialisteir gegncr Dr. Nobiling, der am 2. Juni 1878 aus Gründen, die wohl ewig ein Geheimnis bleiben, auf Wilhelm I. seine Schrotflinte ab feuerte und dann nach VerÜbung dieses Verbrechens sich selber eine Kugel in den Kopf schoß. An dieser Wunde starb Nobiling am 10. September: die Wunde aber, die mittelbar durch das Attentat den an sich schon spärlichen Bolksrechten beigebracht wurde, sollte zwölf lange Jahre offen stehen. In den 26 Jahren, die seitdem verflossen sind, hat sich die Zahl der socialdemokrattschen Rcichstagswähler in Deutschland verzehn- facht. Damals galt es als ein gewaltiger Erfolg, daß Fritzsche im vierten Berliner Reichstags- Wahlkreise mit 22 OOO Stimmen zum Abgeordneten gewählt wurde; am 16. Juni ds. Js. erhielt Genosse Singer in diesem Wahlkreise 63 758 Stimmen! Eine andre Erinnerung. Heute vor 25 Jahren, am 16. Sep- tember, begann der Reichstag die Verhandlungen über das Socialisten- gesetz, das zwölf Jahre lang den deuffchen Namen mit Schimpf und Schande bedecken sollte und das der Partei, zu deren Vernichtung es erlassen war, zum höchsten Ruhm gereichte, das die Social- demokratte unter unerhörten Opfern einzelner zur stärksten, an- gesehensten Partei Deutschlands machte. Manches hat sich seitdem geändert in deutschen Landen. Die verhaßte, mit allen Mitteln der Verleumdung bekämpfte Partei hält zur Stunde in Dresden Rat, wie sie das Vertrauen, das ihr drei Millionen Männer in diesem Jahre entgegenbrachten, von neuem rechtfertige, wie sie zum Besten des deutschen Volkes hinfort ihre Kraft nütze. Und die einsichttgsten unter unsren Gegnern gestehen offen, daß angesichts der Versumpfung des Bürgertums ohne die Socialdemokratie ein polittsches Leben in Deutschland gar nicht möglich sei. Die Gruppe unsrer Feinde aber, die damals als Fort- fchrittspartei am gehässigsten die Socialdemokratie bekämpfte, die in Verleumdungen allen andren Parteien den Rang ablief und an die Spitze ihre? Wahlaufrufs das dreiste Wort stellte.fort mit der Socialdemokratie aus dem Reichstag", diese Partei ist dank der selbstmörderischen Taftik ihrer Führer fast zur Bedeutungs- losigkeit herabgedrückt und von der Gnade ihres verhaßten Gegners abhängig. Dieser Wandel der Dinge darf uns aber nicht über die That- fache hinwegtäuschen, daß unsre Feinde in ihres Wesens Kern die- selben geblieben sind; und die Parallele zwischen damals und heute wird offenbar, wenn wir uns das Wirken der Scharfmacher, den Staat eingeschlossen, und der Gerichte von damals bewachten. Auch heute noch glaubt der Staat als Arbeitgeber wunder was zu thun, wenn er in Dekreten, deren Ausführung schon infolge der Thatsache, daß mindestens der dritte Teil des deutschen Volkes socialdemokrattsch ist. zur Unmöglichkeit wird— weim er in solchen Anordnungen social- demokrattsche Arbeiter in seinen Betrieben ihrer Gesinnung Ivegen dem Verhungern überantworten will. Vor 25 Jahre» begann eigentlich diese Verfolgungs-Politik, deren Ergebnis im besten Falle ist, daß die Werkstätten von den intelligentesten Arbeitern entblößt werden. Der damalige Minister Maybach boykottierte nicht allein selbst in den staatlichen Bettieben die socialdemokrattschen Arbeiter, sondern empfahl auch den Unternehmern, die bekannten Socialdemokraten aus der Arbeit zu jagen! Bürgerliche Blätter aber veröffentlichten Aufrufe an die Arbeitgeber, alle als Socialdenwttaten bekannten Arbeiter zu entlassen und von den in Arbeit verbleibenden eine Erklärung zu verlangen, daß sie nicht zur socialdemokrattschen Partei gehörten. keine Beisteuern zu socialdemokratischen Zwecke leisteten und socialdemo- krattschen Kandidaten keine Stimmen gäben. Die fortschrittlichen Blätter waren nicht die letzten, die sich durch solche Schimpflichkeiten befleckten. Es fand sich beim auch eine große Anzahl von Arbeitgebern, die dieser Aufforderung zur Terrorisierung ihrer Arbeiter nachkamen und bald konnten die Blätter lange Listen von Firmen veröffentlichen, welche erklärten, in Zukunft keine Socialdeuiokraten mehr beschäftigen zu wollen. An gutem Willen hierzu gebricht es auch heute dem Unter- nehmertum nicht, nur die Kraft fehlt ihm. Und die erwähnte Parallele in der Praxis der Gerichte? Wie damals so leben wir auch heute in einer Periode der Majestätsbeleidigungsrazzia. Der preußische Justtzminister hatte bald nach den Attentaten ein Cirkular an die Gerichte und Staatsanwälte erlassen, worin das schärffte Vorgehen gegen die Majestütsbeleidiger empfohlen wurde, und die Richter ließen sich das nicht zweimal sagen. Die bekannte siebente Deputatton in Berlin erkannte an einem Tage gegen sieben Personen, Ivelche der Majestäts- beleidigung angeklagt Ivaren, auf 22 Jahre und 6 Monate Gefängnis; gegen zwei der Angeklagten war das höchste Sttafmaß, fünf Jahre Gefängnis, ausgesprochen worden. Und warum wurden solche ent- setzliche Sttafen erkannt? Gegen einen Schneider Bock verhängte der Gerichtshof zwei Jahre sechs Monate Gefängnis, weil er in angetrunkenem Zustande auf der Straße die Worte vor sich hingebrummt hatte: Wilhelm ist tot, er lebt nicht mehr. Eine Frau in Brandenburg a. H. wurde zu l'/z Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie nach dem Bekannttverden des Atten- tats sich äußerte: Sinn, der Kaiser ist wenigstens nicht arm, er kann sich pflegen! Man vergleiche mit diesen Fällen die Majestätsbeleidignngs- Akttonen von heute, und man wird finden, daß in der Findigkeit die damalige Zeit uns nicht besonders über war. Und wenn die Thaten der Gegner, so sehr sie den Einzelnen ttafen, an der socialdemottattschen Partei als solcher zu Schanden wurden, so konnte dies nur geschehen, weil wir in festgeschlossener Phalanx kämpften und so an der siegreichen Macht unsrer Ideen sich die Gewalt brechen mußte. Nur in der Einigkeit werden wir zu weiteren Siegen gelangen und der uns von der Geschichte ge- stellten Aufgabe gerecht werden I Die Direktion der Großen Berliner Straßenbahn-Gcsellschast schreibt uns: Die Obmänner des Vereins der Angestellten der Großen Bersiner Sttaßenbahn sind bei uns wegen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Bediensteten vorstellig geworden. Nach gemeinsamer münd- lichcr Erörterung der gestellten Anträge haben wir uns ent- schlössen> vom 1. Oktober d. Js. ab Gehaltsaufbesserungen in der Weise zu gewähren, daß die einzelnen z..Z. bestehenden Gehaltsstufen schon in wesentlich kürzerer Zeit, das Höchstgehalt nach 16 Jahren— statt wie bisher nach 20 Jahren— erreicht und den über 20 Jahre im Dienste befindlichen Schaffnern und Fahrern be» sondere AlterSzulagen gewährt werden. Außerdem haben wir die Zusicherung erteilt, für den Fall der in Aussicht genommenen Gründung einer Hinterbliebenenkasse des Vereins der Angestellten der Großen Berliner Sttaßenbahn einen jährlichen Beitrag in voller Höhe der gesamten Kassenbeittäge der Mitglieder zu zahlen. Die Direktton der Großen Berliner handelt klug und im eignen Interesse, wenn sie die Versündigungen früherer Jahre wieder gut zu machen sucht und ihren Angestellten den schweren Dienst besser als bisher entlohnt. Bedenklich will es uns jedoch erscheinen, daß die Gesellschaft ihre besonderen Zuwendungen einzig den Angehörigen des Aschervereins zu teil werden läßt und diejenigen Beamten, die an dieser Organisatton keinen Geschmack finden, ohne Unter- stützung läßt. Ans der städtischen Armenpflege wird uns ein Vorkommnis mitgeteilt, das wir der Armendirettion zur Beachtung empfehlen. Im Hause Gipsstraße 1 wohnte bisher ein jetzt im 47. Lebensjahre stehender Herr Eugen von P e r b a n d t. der sich als Schreiber bezeichnete, ein Verwandter des Gcnerallicutenants von Perbandt zu sein behauptete und in der Hauptsache von Unterstützungen sein Leben fristete. Obwohl er von verschiedenen Seiten, von der städtischen Armenverwaltung und von Prioarpcrsonen, regelmäßig und gelegeut- lich sogar recht erhebliche Gcldbettäge erhielt, soll er doch zeitweilig bittere Not gelitten haben. In der letzten Zeit war er krank und wohl auch durch Entbehrungen geschwächt. In der vorigen Woche nun entzündete dieser Mann, anscheinend in einem Anfall von Geistes- störung. in seiner dürftigen Wohnung, in der er allein hauste, einen Haufen Papier, so daß ein Brandstiftungsversuch angenommen werden mußte. Die Vicewirtin des Hauses, Frau Gutschow, die dem v. P. mehrfach und besonders in seiner Krankheit mit Nahrungsmttteln unterstützt hatte, lief nach dem Polizeibureau und bat um Hilfe. Aber hier wurde ihr geantwortet, so lange v. P. sich nicht gemein- gefährlich zeige, könne die Polizei nicht eingreifen. Das geschilderte Verhalten des Kranken erschien dem betreffenden Beamten offenbar noch nicht als gemeingefährlich. Es blieb also nur noch übrig, die Organe der städtischen Armenpflege um Hilfe und Beistand anzugehen. Der zuständige Armenkommisstons-Vorstcher, Herr Gottschalk, konnte allerdings nichts andres thun, als Frau Gutschow an den Armenarzt des Bezirks. Herrn SanitätSrat Dr. Peikert, Neue Schönhauser- stratze 16, zu weisen. Frau G. begab sich mit dem ihr ausgestellten Schein sofort zu Herrn Dr. Peikert und trug ihm den Fall vor. Dr. P. forderte zunächst, der Kranke solle zu ihm kommen. Als ihm Frau G. bemerkte, das sei unmöglich, der Mann sei hilflos und müsse in ein Krankenhaus gebracht werden, erwiderte der Arzt:„Nun, das werden wir schon sehen, wenn ich komme." Und der Arzt kam und sah— aber nicht etwa an demselben Tage, sondern erst am nächsten! Bis zum Mittag dieses nächsten Tages mußte der Kranke auf Dr. P. warten, nachdem er inzwischen so schwach geworden war, daß er wiederholt aus dem Bette fiel und von Frau G. schließlich auf den Dielen gebettet lverden mußte. Frau G., die noch einmal beim Armenkommissions-Vorsteher und auf der Polizei gewesen war, ohne Hilfe zu finden, hatte eS abgelehnt, den Armenarzt erneut um seinen Besuch zu bitten, weil dieser ihr zu grob sei. Als Herr Dr. Peikert endlich eintraf, entschuldigte er seine Verspättmg mit den Motten: „Ja, ich wollte schon gestern kommen, aber ich habe eS vergessen." Er trat dann tm das Lager des v. P. heran, hob mit seinem Schirm die Decke auf, richtete ein paar Fragen an den Kranken und bestimmte darauf, daß dieser in ein Krankenhaus gebracht werde. Das ist inzwischen auch geschehen. Bon der Verspätung deZ ArzteS wurde nachher dem Armenkommissions-Vorsteher berichtet, aber sie setzte diesen Herrn gar nicht in Erstaunen. Herr Gottschalk gab eine Antwort, aus der hervorging, daß das nicht das erste Mal war. Trifft das zu, dann muß man sich freilich wundern, daß die Armen- direktion nicht schon längst von der.Langsamkeit des Armenarztes Dr. Peikert in Kenntnis gesetzt worden ist. Der Kvmmcrzienrnt Louis Simon, der Chef der Weltfirma Gebrüder Simon, ist gestern beinahe 75 Jahre alt in Bad Wildungen gestorben. Vor einem Jahre feierte Simon daS 50 jährige Jubiläum seines Manufakturwarenhauses. In der neuerrichtcten staatlichen Desinfektorenschnle zu Potsdam wurden bisher 30 Schüler ausgebildet. Von Mitte Oktober ab bc ginnen neue Kurse, zu denen die Stadt- und Landgemeinden aus der Provinz Brandenburg geeignete Personen entsenden können. Die Schüler rekrutieren sich meistens aus Barbieren, Heilgehilfen, Feuerwehrleuten, Lazarettwärtern, Bauhandwerkern, kleinen Bc- amten usw. und werden durch den eine Woche dauernden Unterricht so weit gebracht, daß sie eine Prüfung ablegen können, um später als Desinfektoren angestellt zu werden. Bisher bestanden in Preußen nur in Breslau, Danzig und Posen Desinfektorenschulen, zu welchen sich nun Potsdam gesellt. JSs soll aber von Staats wegen für jede Provinz eine derartige Schule eingerichtet werden. In Potsdam ist dies in Verbindung mit der städtischen Dampf- Desinfektionsanstalt, welche von dem Ober-Desinfektor Packhciser geleitet wird, geschehen. Letzterer erteilt den Schülern, die eine voll- ständige Ausrüstung, bestehend aus grauen Leinwandkitteln und Mützen, welche nur die Augen sichtbar lassen, erhalten, den praktischen Unterricht, während der theoretische Unterricht in einem Saale der königlichen Regierung von dem Medizinalrat Dr. Behla und dem Kreis-Assistenzarzt Dr. Schicholdt erteilt wird, und zwar unter Vor- führung von bakteriologischen Wandtafeln und Präparaten. Tie Vorgänge in der Väckerinnung Germania, die zur Zeit die Gewerbedcputation beschäftigen, kamen in einer außerordentlichen Jiniungsversammlung am Montag zur Erörterung. Bei der Auf- fichtsbehörde sind Beschwerden eingegangen, die sich auf die Ge- schüftsführung des Vorstandes beziehen, es sollen bei der Zeitungs- lasse Unterschlagungen vorgekommen sein, die der Vor- stand gedeckt habe, das gleiche Verfahren soll er bei Verfehlungen von Jnnungsbcamten in früherer Zeit schon beobachtet habe». In der mehrstündigen, zum Teil erregten Debatte wurde festaestellt, daß gewisse Unregelmäßigkeiten seitens des früheren Altmeisters P., dem die Zeitung unterstellt war, er- folgten. Die Gelder sind von andrer Seite gedeckt, der genannte Meister ist seiner Aemter enthoben worden. Obermeister Bernard betonte demgegenüber, daß eine Schädigung der Innung in allen genannten Fällen nicht vorgekommen sei, bei Verfehlungen dieser Art habe er eS stets für seine Pflicht gehalten, die schuldigen Beamten zu entfernen und die Jnnungsmitglieder vor Verlusten zu bewahren. Die meisten Redner stimmten dem Obermeister zu und sprachen ihm ihr Vertrauen aus. Der Hauptgcgner des Vorstandes, Bäckermeister Habild, wurde von verschiedenen Seiten aufs heftigste angegriffen, weil er den Gesellen-Fachblättern Material gegen die Innung geliefert haben soll, ebenso wurde ihm vorgeworfen, daß er von Jnnungslieferanten sich habe Prozente geben lassen. Diesen Anschuldigungen gegenüber will Habild nun den Weg der Klage beschretten, die ganze Sache wird deshalb noch vor Gericht erörtert werden. Festgenommen wurde gestern die Mictsschwindleriu, die w,e wir kürzlich mitteilten, unter dem Vorwandc, sich demnächst mit einem Post- oder Bahnbeamten verheiraten zu Ivollen, zum Vermieten an§- geschriebene Wohnungen besichtigte und dann aus den noch belvohnten Räumen stahl, was ihr in die Finger fiel. Gestern hatte die Schwindlerin und Diebin in der Tilsiterstratze Pech, als sie eine Frau Türk heimsuchen wollte. Dieser hatte nämlich eine ihr befteundete Frau Fechner erst vor einigen Tagen ihr Leid geklagt, wie sie beschwindelt und bestohlen worden sei. Bei der Frau Fechner war die„Mieterin" mehr als dreist gewesen und hatte doch Glück gehabt. Nachdem sie ein Fünfmark- stück, daS auf dem Tische lag. emgesteckt hatte, wunderte sie sich zu Frau Fechner, daß sie so viele Röcke habe, und schlug ihr vor, ihr einen zu verkaufen. Dieser Vorschlag fand Anklang. Nachdem man sich auf eines der vielen Exemplare, das 3 M. kosten sollte, geeinigt hatte, nahm die Käuferin, weil sie kein kleines Geld hatte, Frau fechner mit in den nächsten Grünkramladen, ließ das gestohlene ünftnarkstück wechseln, zahlte der Verkäuferin den Thaler und ging mit dem Rest und dem Rocke von bannen. Gestern aber ließ Frau Türk ihre Freundin rasch holen und nun saß die Schwindlerin in der Falle. Die Verhaftete"'"...... geständig. Unter den Krankenkassen, denen im ministerielle Bescheinigung erteilt worden forderungen des§ 75 des Krankenversicher gehört auch die Kranken- und Sterbekasse Vereins fE. H.) Mehrere zum Teil schwere Straßen-Unfälle werden gemeldet: Gestern nachmittag versuchte eine etwa 40 jährige Dame vor dem Hause Gerichtsstt. 23 am Nettelbeckplatz den Fahrdamm zu über- schreiten, und zwar vor dem Straßenbahnwagen Nr. 18S3 der Linie 80, der in ziemlich schneller Fahrt herannahte. Sie rannte hastig dem Straßenbahngeleise zu und lief blindlings gegen die rechte Ecke der Vorderplattform des Waggons, stürzte zu Boden und blieb neben den Schienen liegen. Mit einem komplizierten Schädelbruch und schwerer Gehirnerschütterung wurde die Verunglückte nach der Charitä gebracht, wo sie in völlig hoffnungslosem Znstande danieder- liegt. Die Verunglückte wurde als die verehelichte, von ihrem Mann getrennt lebende Bertha Pietsch, Liebenwaldcrstr. 41, festgestellt. Ein zweiter ähnlicher Unsall ereignete sich in der Wilmersdorfer- sttaße in Charlottenburg, woselbst der 12jährige Schüler Hennig unter den Straßenbahnwagen Nr. 231 der Verlin-Charlottenburger Straßenbahngesellschaft geriet. Der Knabe kam mit einer Verletzung am Hinterkops davon; er wurde nach der elterlichen Wohnung gebracht. — Beim Ueberschreiten des Fahrdammcs an der Ecke der Oranien- und Alexandrinenstraße wurde der in der Mariannenstraße wohnende Kaufmann Max Jacoby. als er im Begriff war, den Bürgersteig zu betreten, von der vorbeifahrenden Droschke I. Klasse Nr. 9421 erfaßt und niedergerissen. Er erlitt eine Quetschung des Unterschenkels und anscheinend innere Verletzungen und wurde nach der Unfall/- statton in der Alexandrinenstraße gebracht. DaS Schicksal des Kirchendieners MatheS von der Kaiser- Friedrich-Gedächtniskirche, welcher kürzlich wegen wissentlich falscher Anschuldigung und Beleidigung des Predigers Hagenau zu einem Jahre Gefängnis verurteilt wurde, erregt in der betreffenden Gemeinde wie auch in außerhalb derselben stehenden Kreisen Mit- gefühl. Es hat sich eine Gruppe angesehener Herren zusammen- gethan, welche die Rechtsanwälte Morris und Wolfgang Heine be- auftragt haben, gegen das Urteil Revision einzulegen, eventuell das Wiederaufnahme-Verfahren zu bewirken und in erster Linie die Haft- entlafsung des Verurteilten zu beanttagen. Tie Schuldeputatton macht im„Gemeindeblatt" bekannt, daß die Ausnahme in der städtischen Taubstummenschule anfangs April und Oktober stallfindet, und Eltern und Vormünder taubstummer, schulfähiger und noch nicht eingeschulter.Kinder die Anmeldung zum bevorstehenden Winter-Semester bei Herrn Direttor Gutzmann, Markusstrahe 49, anzubringen haben.— Laut Magistratsbeschlutz toird die unterste Klasse anr 1. Oktober d. I. geteilt, so daß dann im ganzen 17 Klassen vorhmiden sein werden. Dadurch wird eine .Klassenorganisation erhalten, welche nicht allein die auf die spätere selbständige Erwerbsfähigkeit gerichtete Ausbildung der Taubstummen, besonders in der Lautsprache, vorsieht, sondern auch für die Kinder mit Hör. und S p r a ch r e st c n, wie auch für die schwachbefähigten Kinder die erforderlichen Verhältnisse zu ihrer speciellen Berück- sichtigung sichert.— An die Taubstummenschule schließt sich die städtische Fortbildungsschule für Taubstumme, welche z. B. S Kurse, 4 für Jünglinge und 2 für junge Mädchen, zählt. Der Unterricht ist unentgeltlich. ist bereits in sechs Fällen überführt und laufenden Monat die ist, daß sie den An- .mgs-Gcsetzes genügen, des Berliner Kellner- Kus clen I�ackbsrorten. Tic Tchöneberger Stadtverordnetcn-Bersammlung beschäftigte sich am Montag beinahe IV, Stunden mit den bereits von uns mit- geteilten Anträgen um Verlängerung des Wahlaktes bis 8 Uhr zu den Stadwerordneten-Wahlen. Wie immer, wenn von der äußersten Linken Forderungen im Interesse der arbeitenden Bevölkerung ge- stellt werden, konnte es sich aus diesmal der Stadtv. v. Franken- b c r g nicht versagen, berechtigte Wünsche mit Gründen zu be- kämpfen, die so recht den Gedankengang eines waschechten Kon- servativen, wie er sich nennt, offenbaren. Nachdem Genosse Panser die Notwendigkeit der Verlängerung der Wahlzeit in überzeugender Weise dargethan hatte und die für die meisten Wähler der dritten Abteilung verbundenen Nachteile und Ungerechtigkeiten schilderte, die nut der Ausübung dieses Klassenwahlrechts verbunden sind, warnte Stadtv. v. Frankenberg vor den Konsequenzen.„Es könnte die Zeit kommen, wo wir i damit meinte er jedenfalls die bürgerliche Mehrheit) das Entgegenkommen bedauern würden," rief er pathetisch aus,„wir würden der socialdemokratischen Partei noch mehr Macht geben. Auch er hätte(als Geometer a. D.l D. B.) wenig Zeit, die er bei der Wahl auch opfern müßtet" usw.— Eine eigenartige Gegnerschaft begründete der Stadtv. Hecht, welcher befürchtet, die Wahlvorstände müßten hierbei zu lange„arbeiten" und durch die Verlängerung der Wahlzeit um eine Stunde könnte seine Nachtruhe geschmälert werden.— Trotzdem verschiedene Redner, z. B. die Stadtvv. Reinbachcr, Richter, Gremler— letzterer in Rücksicht auf den Friedenauer OrtSteil, wo für den 10. Bezirk an Stelle Mauren- brechcrs eine Nachwahl stattzufinden habe— der Verlängerung sympathisch gegenüberstehen, wurde ein Abänderungsantrag v. Gordon angenommen:„Den Magistrat zu ersuchen, bei Festsetzung der Wahl- zeir für die bevorstehenden Stadtverordneten-Wahlen thunlichst auf die Verhältnisse der Wähler der einzelnen Abteilungen Bedacht nehmen zu wollen." Nicht Fleisch, nicht Fisch.— Hatte sich nun bei der Gelegenheit eine oft erregte Debatte gezeigt, so war hiervon über unfern Antrag betreffend die Landtagswahlen kein Laut zu vernehmen. Nach eingehender Begründung durch Genossen Kntcr und Befürwortung settens des Stadtv. v. Gordon stimmte die Ver- samlung der Auslegung der Wählerlisten bis 9 Uhr abends und der Zustellung der Benachrichtigung der«ingetragenen Wähler über Zeit, Bezirk und Ort der Wahlhandlung einstimmig zu. Mit 29 gegen 14 Stimmen wurde dagegen der zugleich gestellte Antrag, die Ur- Wahlen abends 6 Uhr beginnen zu lassen, abgelehnt.— Ferner gab die Versammlung einem wichtigen Antrage statt, wonach in Er- gänzung der Ausführungsbestimmungen über die Organisation der Armenkommissionen Frauen als Armenvfleger in allen Armen bezirken thätig sein sollen.— Wie in verschiedenen Nachbarstädten, so hatte auch für Schöneberg der„Verein zur Förderung der Kunst zur Veranstaltung von Volks-Nuterhaltungsabenden die kostenfreie Hergabe der Aula der Hohenzollernschule und eine eventuelle Sub- vention in Höhe von 200 M. beantragt. Hoffmann lSoc.) be gründete nnsre Zustimmung zu diesen Veranstaltungen, die nur zu begrüßen seien, sofern ein gleichmäßiger geringer Eintrittspreis fest- gesetzt werde. Der Antrag wurde jedoch einem Ausschuß über- wiesen. Fortgesetzte gemeine Betrügereien gegen die Stadtgemeinde Rathenow hat ein Angestellter derselben, der Jnstallationsmeister der städtischen Gasanstalt, Namens Nauendorff, verübt. Außer seinem Gehalt von 1800 M. pro Jahr bezog er noch Tantiemen, konnte aber trotzdem nicht mit seinem Gelde auskommen und suchte nun aus den ihm unterstellten Arbeitern Kapital herauszuschlagen. Er hatte für diese allwöchentlich die Lohnliste auf Grund der ihm von den Arbeitern überreichten Arbeitszettel anzufertigen, welche er als- dann an den Direktor abgab,>der sie unterschrieb und dem Buch- Halter zur Verrechnung und Auszahlung der Lohnbeträge überwies. Nauendorff hat nun seit Jahresfrist die Lohnlisten gefälscht, indem er in dieselben höhere Beträge, als die Arbeiter zu fordern hatten, eintrug. Den Ueberschutz steckte er dann in seine Tasche, was ihm dadurch erleichtert wurde, daß der Buchhalter jeden einzelnen Lohn- betrag in eine Tüte that, auf welcher er die Summe vermerkte. Nauendorff hatte diese Düten dann den Arbeitern zu wergeben, entnahm denselben aber zuvor den erhöhten Betrag und steckte die geringere Summe in eine neue, von ihm mit dem richtigen Betrag bezeichnete Tüte, die er sich gleich in großer Anzahl extra für seine Betrügereien beschafft hatte. Auf'diese Weise hat Nauendorff die Stadt Rathenow um ca. 1000 M. betrogen. Er wurde sofort ent- lassen und wird wegen Betruges und Urkundenfälschung zur Ver- antwortnng gezogen werden. Ueber einen Orkan, der kürzlich in Süd-FIorida großtz Verheerungen angerichtet hat, sind erst jetzt, da der Telegraphen« verkehr dorthin unterbrochen ist, Nachrichten nach Jacksonville (Florida) gelangt. Die Eisenbahnzüge treffen mit großen Verspätungen aus dem betreffenden Gebiet ein: die Passagiere erzählen. daß viele Menschen bei dem Orkan umgekommen und bei Miami sieben Schiffe gescheitert sind. Der Schaden an Eigentum, der in Tampa angerichtet ist, belaufe sich auf eine Million Dollar. Der Sturm wütet jetzt in Alabama und Louisiana. Marktpreise von Berlin am 14. September 1903 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. -Weizen, gut D.-Ctt. mittel gering. »Roggen, gut mittel, gering, fGerste, gut mittel gering fHaser, gut mittel„ gering Richtstroh Scu„ rbsen Speisebohnen Linsen » ab Bahn. T frei Wagen und ab Bahn. 16,00 15.92 15,84 13.00 12.96 12,92 14,50 13,50 12,60 16,00 14,90 13,80 4,00 7,00 40,00 50,00 60,00 15,90 15,88 15,80 12,98 12,94 12,90 13,60 12,70 11,80 15,00 13,90 12,90 3.66 4,80 25,00 25,00 20,00 Kartoffeln, neue D.-Ctt. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch„ Schweinefleisch Kalbfleisch. Hammelfleisch mtter Eier Karpsen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 kg Per Schock 7,00 1,80 1,50 1,60 1,80 1,80 2,60 4,50 2,40 2,60 3,00 2,40 1,80 3,00 1,60 18,00 4.00 1,20 1,10 1,20 1,20 1,20 2,00 2,60 1,40 1,60 1,20 1,20 1,00 1.40 80 3,00 Verband der Friseurgehilfen DentschlandS, Zweigverein Berlin. Mittwoch, den 16. September, abends 10 Uhr bei Pseffer, Rosen- thalersttaße 57: Versammlung. Vorttag. Vermifcktes. Nachrichten über Sturm und Hochwasser laufen beinahe von allen Enden der Welt ein. Eine Hochwaffer-Katafttophe hat die öftteichi- fchen Alpenländer heimgesucht und ungeheure Verwüstungen sowie große Verkehrsstörungen angerichtet. Die Wiener und hiesigen Blätter bringen Meldungen, die ein erschütterndes Bild von diesem neuen elenientaren Unglück geben. Zell am Ziller steht unter Wasser; der Wasser- stand ist seit 1833 nicht so hoch gewesen. Der Bahn- körper ist an vielen Stellen durchrissen, oft bis 50 Meter. Der Bahnverkehr ist eingestellt und der Wagenverkehr un- möglich. Zwischen Lendgastein und Tarenbach erfolgte ein 60 Meter langer Dammbruch. Für die Wiederherstellung sind acht Tage nöttg. Auch beit Sankt Veit und Bischosshosen entstanden Verkehrsstörungen: die Wiener Schnellzüge werden über Rosenheim— Kufftein geleitet. Auf der Pusterthalbahn fand ein großer Dammbruch bei Nikolsdorf statt, sowie Erdrittschmigen bei Lienz: der Bahnverkehr ist eingestellt, die telegraphische Verbindung ist vielfach unterbrochen. Bei Fügen im Zillcrthal ist fast die ganze Thalsohle überschwemmt und der Bahnverkehr unterbrochen. Die Strecke zwischen Oblarn und Gröb- ming auf der Linie Selzthal— Bischofshofen ist gestört, ebenso ist Pontafel, Tarvis, das Gailthal, Kanalthal und Draitthal über» schwemmt: Feisttitz, Rötsch und Rattendorf sind in Gefahr. Aus Salzburg wird weiter gemeldet: Das Gasteiner Thal und das Böcksteiner Thal stehen unter Wasser. Die Klammstein- Brücke über die Gasteiner Ache ist weggerissen, der Bahnverkehr bei Lend unterbrochen. Große Sttccken der Giselabahn und sämtliche Telegraphenleitungen sind zerstört. Der Markt von Mittersill ist innerhalb sieben Wochen zum zweitenmal überschwemmt. Die Not ist grenzenlos, der Schaden ist groß. Die Neubauten der Tauern- bahn im Gasteiner Thale sind teilweise vernichtet. Die Gasteiner Ache hat sich teilweise ein neues Bett geschaffen und alle Kulturen im Thale vernichtet. Der Ort, in dem noch viele Kurgäste weilen, ist von jeder Verbindung, selbst mit der nächsten Umgebung, ab- geschnitten. Militär ist zur Hilfeleistung abgegangen. Und aus Mailand wird gemeldet: In ganz Obcr-Jtalien hat da? Unwetter großen Schaden angerichtet. Der Telegraphen- und Telephon-Verkehr ist teilweise gestört. Auch die Ostseeküste ist vom Siurni heimgesucht. So wird aus S w i n e m ii n d e gemeldet: Seit gestern abend wütet hier ein efttger Nordostwind mit schwerem Unwetter. Der Sturm hat die jiolzstege der Bade-Anstalten fortgerissen. Bäume entwurzelt und auch sonst großen Schaden angerichtet. Wegen Hochwasser konnten die Gäste des Restaurant Secbrücke dasselbe am Abend nicht ver- lassen. An der Ostmole ist die Schaluppe„Wilhelmine" aus Wolgast ;esttandet und zerschlagen. Der Kapitän des Schiffes, Schröder. önnte gerettet werden; der Bootsmann Krüger dagegen ist er- trunken. Witterungsüberficht vom 45. September 1903, morgen? 8 Uhe. Stationen L S ■56 i-g C= »■= ss m t «-winemde. Hamburg Berlin Frankj.a.M.'768,N 765 NW 768 NW 765 NNW >769N 766 NNW Wetter nranq.a.� München Wien 7hedeckt 3wolkig 3bcdeckt 1 bedeckt 2 Regen 3 bedeckt «s s, --5> » II i? w S- stationen Haparanda Petersburg Cork Werdce» Paris LS 5 6 ia *5 771 766 777 772 i I N NO NNW NNO Wetter 2wollenl 1 bedeckt Icheiter 2 bedeckt »K C 5. S« 5? 6 10 9 Wetter. Prognose für Mittwoch, den 16. September 4993. Kühl und vorwiegend ttübc mit leichten Regensällen und ziemlich frischen nordöstlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Nkttl» socisliiclilokr. GM-«.Schaiikmrte Berlins und Umgegend. Freitag, den 48. September, beim Kollegen Zl«4vr, Wilmersdorf, WilhelmSaue 442 t Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Vorttag. 2. Diskussion. 3. Ausnahme neuer Mitglieder. 4. Vereins» angelegenheiten, u. a. Agitation für eine einheilliche Polizeistunde. 69/18 Der Vorniand. NB. Die Mitglieder werden ersucht, beim Bezahlen der Beittäge da« Wahlvereinsbuch vorzuzeigen. Verrva4tiing:«»te44v Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt VII, SS». Donnerstag, den 47. September, abends 8'/, Uhr, im BolkshauS. Rosinenstratze Nr. 3: DSr* ßczirhsvcröammlung für Cbarlottenburg. Tages-Ordnung: 1. Christliche und moderne Weltanschauung. Referent: Herr Dp. Alberty. 2. Diskussion. 3. VerbandsangelegenheUen. 121/12 Zahlreichen Besuch ermattet Die Ortsverwaltung. Mittwoch, den 16. September, abends 8� OeMI. Versammlung bei Werna«, Schwedterstrahe ÄS. TageS-Ordnung: Die Konsum-Genoffenschasten und deren Nutzen für die arbeitend« ve» völkerung. Referent: Genosse Hetzschold. Um zahlreiches Erscheinen, namentlich der Frauen, ersucht 132/2 Der Einbernfer. Is-, Deutschlands,- Verwaltungsstelle Berlin I. Crewerkschaftahans, Engel-llfcr 15, 11. Zimmer 16. iiÄÄii von allen Depots der Allgemeinen Berliner Omnibus-Gesellschast. Mittwoch, den 46. September 4963, abends 44 Uhr: Lnossv Versammlung im großen Saale von Baggenhagea, am Moritzplatz. Tagesordnung: 1. Welche Schritte haben die OmntbuS-Ange- stellten zu unternehmen, um ihre Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu verbessern? Referent: Kollege A. Werne r. 2. Diskussion. 3. Bericht der Lohnkommission und Vorlegung eines von derselben ausgearbeiteten LohmattsS. Bei der wichtigen und für einen jeden Kollegen hochinteressanten Tages- ordnung ist es Ehrensache cineS jeden Einzelnen, in dieser Versammlung anwesend zu sein. DieS um so mehr, als in derselben Beschlüsse gefaßt werden, die sür alle Kollegen von weitgehendster Bedeutung sind. NB. Beittäge können in dieser Versammlung entrichtet werden und sind zu diesem Zweck auch die Mitgliedsbücher mitzuottngen. Letztere dienen gleichzeitig als Legitimation. Diejenigen Kollegen, welche noch nicht Mitglied nnsreS Verbände« find, können ihre Einttagung beim Einttin bewttken. 68/13 Die Ortnverrvaltans I. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute, Mittwoch, abends Hllä Uhr, im Gewerkschaftshause. Engel-User 15: Vertrauensmänner- Versammlung sämtlicher Bezirke und Branchen. TageS-Ordnung: 1. Aufnahme einer Statistik über Lohn- und Arbeitsverhältnisse untres Gewerbes in Berlin. 2. Wcrkstattstreiks und Differenzen. DI« Kollegen werden ersucht, aus jeder Werkstatt Delegierte zu entsenden. Mitgliedsbuch nebst Vettrauensmänner-Karte legitimiett.-WWW »le<>rt»Ter>vaUaii«. Verantwortlicher Redakteur: Julius Kaliski in Berlin. Für den Jnseratenl-il veraiilwortlich: Dh. Glocke in Berlin. Druck und Verlag: Vor>vmls Buchdruckerei und BerlagSausiult Paiil Singer iL Co., Berlin SV.