Kr. 266. RtontKmenlS'Bedlngungen: NbomiemcntS- PrciZ pränumerando i Bierteljährl. S.Z0 Mk.. monatl. 1.10 MI.. wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags« nummer mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- «bonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in der Post-ZeitungS« Preisliste für 1003 unter Nr. 8203. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn- Marl, sür das übrige AuSIanl. t Marl pro Monat, Vichelst täglich außer Montag». Devliner Volksblstk. 20* Ilchrge Die InfertionS'Gebüffr beträgt für die sech-gefpaltenc Kolonel« zcile oder deren Raum 40 Pfg. sür politische und gcwerlschnftliche Vereins- und BersammlungS-Anzeigen 20 Pfg. „Klein- anzeigen" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Jnsccatc sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abend?, an Tonn- und Festtagen bis»Uhr vormitttugs geöffnet. Sclcgramm-Norcsse: „Sodaldemokrat Berlin". Cenirawrgan der sorialdemokratischen Partei Deutschlands. R.e«l»krion: 8Al. 68. LCndenstrasee 69. Fernsprecher- Amt IV, Nr. 1983. Freitag, den IB. November 190B* expcdition: SM. 68, Lindcnstraeoc 69. Fernivrecher: Amt IV. Nr. 1981. Mahl• Ergebnisse. Berlin. Erster Landtags-Wahlkreis. Zu wählen 1209 Wahl- nlänner; gewählt sind: 183 Socialdc.nokraten, 850 Freis., 171 Kons. Zweiter Landtags-Waytt'reis. Zu wählen 1127 T ihl- männcr. Davon bisher bekannt: 498 Soeialdemokraten, 831 Frcis., 9 Kons.. Dritter Landtags-Wahlkreis. Zu wählen 2761. Davon bisher bekannt: 919 Soeialdemokrateu, 1189 Frcis., 222 Kons., 32 zersplittert. Vierter Landtags-Wahlkreis. Zu wählen 1525. Da- von bisher bekannt: 488 Socialdemokraten, 867 Frcis., 29 Kons. Die geringen Wahlniännerzahlcn geben natürlich kein Bild von unsrer Wahlbeteiligung. So haben in den UrWahlbezirken des vierten Reichstags-Wahlkreises Süd-Ost in der dritten Abteilung gestimmt 21 089 Socialdemokraten, und nur 1.653 Freisinnige,'47 Konservative!!! Näheres bringen wir morgen. Bei Schluß der Redaktion gehen uns noch zwei Meldungen aus dem dritten Landtags- Wahlkreise zu, die beide die volle Wahlniännerzahl unifassen, aber weit von einander abweichen. Nach der Meldung eines Storrespondenzburcaus wurden gewählt: 1098 Socialdemokraten, 1399 Freisinnige, 261 Konservative, nach Angaben unsrer Parteigenossen 1121 Socialdemokraten, 1187 Freisinnige, 358 Konservative; nach der crstcren Nachricht hätten die Freisinnigen die absolute Majorität; nach der zweiten würde bei der Abgeordnetenwahl Stichwahl erforderlich iverden. l. Kreise, in denen die Sorinldemokrntie beteiligt ist: Magdeburg: Gewählt 153 Socialdemokraten(13ö in der IH.. 16 in der II, 2 in der I. Abteilung). 65« Kartell(kons., nationall.. freis.).— Bisher vertreten durch 2 Nationalliaberale. jetzt 1 Freis., 1 Nationalliberalen. Abgegeben wurden ca. 6009 socialdcmokratischr Stimmen gegen nur 4006 des Kartells. �. Halle a. S.: sBishcr vertreten durch 1 Nationalliberalen, 1 Frei- konservativen): gewählt 120 socialdemokratische Wahlmäimer. 130 für das ilationalliberal-freisiniiige Kartell, 250 konservative. lklbcrseld> Barme». Bisher vertreten durch 1 Nationallibcralen und 1 Freikonservativen iWctierbusch. Matador der Giesebrechterei!>; gewählt 210 socialdemokratische Wahlmäimer. 571 des national- libcral-frcisinnigen Kartells. 397 konservative<1898 hatten wir 177 Wahlmänner). Breslau. Die Socialdemokratie ist mit 222 Wahlmäniirrn aus- schlaggcbeiid<1898 hatten wir nur 88 Wahlmänner). Kiel(in Vollresultaten): 152 socialdemokratische Wahlmänner, 269 sreisimuge, 211 nationalliberale. Jiitcrbogl- Luckenwalde: 18 socialdemokratische Wahlmänner, 113 konservative, 70 freisinnige.. Lbcrtauimskrcis. Es wurden gewählt 142 Konservattve, 18 Wild- liberale, 18 Centrum und 29 socialdemokratische Wahlmäimer, zehn Orte fehlen. Wahl v. Bülowldl>b.) gewühlt. Snihm- Marieuwrrder 371, Die Wahl von AmtSgerichtSrat Eichstädt 450. Die Wahl des Kandidaten der vereinigten deutschen Parteien Kindler tFrs. Vp.) erscheint gesichert. Provinz Sachse». Nordhause» 275. Für Wiemer ist gesichert. Mausfeldcr See-»»d Gebirgskreis. Sämtliche 665 Wahlmänner wurden für bisherige Vertreter Reinicke und WicrSdorff gewählt. Lippstadt-Brilo». Die Wahl von Dinslage, Graf v. Spceiatl.) 296 Wahlmänner ge- wählt. Göttinge» 315. Die Wiederwahl von Dr. Eckels Uhr wählte. Der interessanteste UrWahlbezirk in diesem LandtagS-Wahlkreise war der M ini st er- Ur Wahlbezirk, der 4t. Urwählerbezirk, welcher die Kaiserhosstraße, Königgrätzcrstr. t 35— 139, Mauerstr. 52 bis 60, Mohrcnstr. 1—5 und 65—66 mit Einschluß des Zictcnplatzes, Boßstr. 1— 18 und 25—35, Wilhelmplatz, Wilhelmstr. 61— 67 und 71— 81 umfaßt. Hier wählen fast sämtliche Minister und Staatssekretäre, sowie unsre bedeutendsten Bankiers. Die letzteren freilich in der ersten und zweiten Klasse, die zusammen 11 Stimmen abzugeben haben, während die hohen Staatsbeamten mit ihren Portiers ge- meinschaftlich an den Wahltisch traten. Einer der ersten Wähler der dritten Klasse des 4l. Wahlbezirks war der Reichskanzler. Graf Bülow fuhr pünktlich um zwei Uhr vor der Thür der Hauß- mannschen Weinhandlmig, Jägcrstr. 5, vor, hatte jedoch das Pech, sich zu verlaufen. In demselben Restaurant wählte auch die dritte Klasse des 37. Urwahlbezirks, freilich an andrer Stelle im Parterregeschoß. Ter Herr Reichskanzler begab sich an den Wahltisch dcS 37. Urwahlbezirkcs, und wurde hier über seinen Irr- tum aufgeklärt. Er genügte dann seiner Wahlpflicht an der richtigen Stelle, ehrfurchtsvoll von den Herren des Wahlvorstandcs des 41. Urwahlbezirkes begrüßt. Nach ihm erschienen der Herr Budde, Jnstizininister Schönstedt, die Staatssekretäre v. P o. s a d o w s k y- Mehner, Freiherr v. R i ch t- hosen und v. Seckendorf. Ferner der Hausminister v. Wedel und der Obcrst-Gewandkämmerer General Graf v. P e r p o n ch e r. Die Minister wählten sämtlich die Kandidaten der konser- vativen Partei, die Wahlmänner Freiherr v. Thielemann, den früheren Staatssekretär des Reichs-Schatzamtcs, und den Haupt-RitterschaftS- sckretär Waltor. Die Portiers thaten ehrfurchtsvoll desgleichen. So erhielten die Konservativen 90 Stimmen, während die freisinnigen Kandidaten es nur aus 20 Stimmen brachten. Im zweite» Berliner Landtags- Wahlkreise setzte die Wahl- betciliguna in fast sämtlichen Bezirken recht stark ein. Zumeist schwankte die Zahl der abgegebenen Stimmmcn in der dritten Abteilung zwischen 20 und 50 Proz. der eingeschriebenen Wähler. So kam es, daß in mehreren Lokalen der Wahlakt bereits vor drei Uhr nachmittags g-schlosscii werden konnte. Doch waren die in diesem Wahlkreis zur Verfügung gestellten Räumlich- ketten der Wahllokale zum Teil derartig beschränkt, daß die sich stets mehrende Zahl der Wähler zusammengepftrcht Bus zur Verkündung des Resultats in drangvoller Enge ausharren mußte. In den größeren Wahllokalen dagegen hatten die Protokollführer aste ihre Stiinnimuskeln aus das äußerste anzustrengen, um beim Namensaufruf sich auch nur einigermaßen verständlich zu machen. Ebenso kamen viel- fach dadurch Irrtümer bor, daß in ein und dem- selben Restaurant mehrere UrWahlbezirke in verschiedenen Sälen zur Wahl etabliert waren. So kam es, daß viele Wähler erst nach großen Schwierigkeiten ihr Wahlrecht ausüben konnten. Der Verlans der Wahlen ging ziemlich flott von statten, trotzdem in diesem Wahlkreis 1427 Wahlmänner zu wählen waren. Mit den Wahlen der 2. Abteilung konnte in fast allen Bezirken um 5 Uhr pünktlich begonnen werden. Ter dritte Landtngs-Wahlkreis, der sich von der Prenzlauer Allee aus über den gesamten Norden Berlins erstreckt, den Stadtteil Moabit und Teile des Hansa-Viertels und deS Centrnms umfaßt, bntte 2761 Wahlmänner zu wählen.— Eine besondere Schwierigkeit bildete für den Magistrat die Auswahl der Wahllokale, imd so kam es, daß in einzelnen Gebäuden sich zwei bis vier Wahlbezirke ber- einigen mutzten. Hierdurch wurden bei den Wählern zahlreiche Irr- tüiner hervorgerufen und das Wahlgeschäft wesentlich erschwert,«o befanden sich in dein Schulgebäude Ackerstraße 67 und in der Brauerei Königstadt drei und in der Brauerei Pfefferberg sogar vier Ur- Wahlbezirke. Die Beteiligung war in den einzelnen Bezirken recht verschieden und schwankte in der dritten Wählerabteilung zwischen 23 bis 70 Prozent, während bei den früheren Wahlen nur. bis höchstens 30 Prozent Wähler ihre Stimmabgabe vollzogen. In einzelnen Bezirken war der Andrang so stark, daß, wie beispiels- weise iir dem 915. Urwahlbezirke, die Nebenräume und Korridore von Wahlberechtigten besetzt waren. Jeder Namensaufruf mußte durch freiwillige„Helfer" in den Seitenräumen wiederholt werden und so kam es, daß bis 4 Uhr nachmittags noch nicht ein Drittel der eingeschriebenen Wähler aufgerufen worden war. Ein merkwürdiges Pech hat der Magistrat mit seinen Wahllokalen in dein Bollnowschen Etablissement in der Schönhauser Allee 72, woselbst die UrWahlbezirke 932 und 983 sich befinden sollten. Die Gastwirtschaft ist anfangs dieses Monats geschlossen worden und da andre geeignete Räume in der Gegend nickit zu beschaffen waren, mußten die Urwähler den Nachbar-Wnhlbezirken angegliedert werden.— In den Außenbezirken siegte die Socialdcinokratc» fast ohne jeden Kampf. In den Jnnenbezirken des Wahlkreises fanden vielfach Stich- wählen statt. Im vierten Wahlbezirk war die Beteiligung der Wähler der dritten Klasse sehr rege. In diesem Bezirk, der die Industrieviertel des Südostens und Ostens umfaßt, trat die Wahlbeteiligung der Socialdemokraten am prägnantesten in Erscheiiumg. Der socialdcmokrarische Agitationsapparat funktionierte ebenso wie der Schleppdienst tadellos. Wenn sich trotzdem das Wahlbild mit dein der Reichstagswahl nicht vergleichen ließ, so lag das daran, daß zahlreichen Arbeitern doch die Zeit des Wahlanfanges unbequem war. Die Wahllokale jener Gegend dürften zur Laudtagswahl ein derartiges Gepräge noch nicht gehabt habe». Gegen ljiä Uhr waren in den meisten Urtvahlbezirken die Wähler der dritten Abteilung ab- gefertigt. Um 5 Uhr, als bereits die Mahlzeit der zweiten Abteilung begonnen hatte, kamen noch einzelne Nachzügler bezlo. solche, die nicht Bescheid Ivnßten und dann mit enttäuschter Miene abziehen mußten. In der dritten Abteilung dürften etwa 50 Proz. der ein- geschriebenen Wähler ihr Recht ausgeübt haben. Aus einer kleineu Garnison. Mittlvochabend ist ein SensationSprozeß beendet worden, der wie kaum ein anderer seit vielen Jahren überall Verblüffung und peinlichstes Aufsehen erregt haben dürfte: die KricgSgerichtsverhandlnng gegen den Lieutenant B i l se, den Verfasser des Offizicrs-Romans „Aus einer kleinen Garnison". Als die wundersame Mitteilung zuerst in der Presse auftauchte, daß Lieutenant Bilse sich wegen der Autorschaft eines Romans vor dem Kriegsgericht zu vcranttvorten haben werde, fand sie die wider- spruchsvollste Beurteilung. Während man auf der einen Seite den Roman für ein bösartiges und böswilliges Pamphlet erklärte, für einen litterarisch schlecht maskierten Racheakt an einer Anzahl Ofstzicrskollcgcn, fanden sich auf der anderen Seite Personen, und zwar gerade ehemalige Militärs, die erklärten, daß der Autor sich trotz seiner tendenziösen Art, Grau in Grau zu schildern, doch tvohl von dem Motiv habe leiten lassen, wirkliche Schäden des Grenz- garnisou-Lebens aufzudecken und beseitigen zu helfen. So vcr- schieden man aber auch den litterarischen Wert und die schrift- stellerischen Absichten des Verfassers beurteilte: in einer Auf- f a s s u n g stimmten alle Urteile ü b.e rein: daß die Schilderung, die Bilse von dem Offiziersleben in kleinen Garnisonen entworfen habe, eine arge Karikatur sein müsse, da soviel moralischer Schmutz sich in Wirklichkeit nnmöglich unter dem Offizierscorps anhäufen iönnc. Und lvie die Kritiker dcSjBnches, wie zweifellos der größte Teil der Leser, so mutz auch die Anklagebchvrde dieser Meinung gewesen sein. Sie muß so felsenfest von den krassesten Uebertreibungcn Bilses überzeugt gewesen sein, daß sie die Voruntersuchung nur aus das Allcrnotwcndigste beschränkte, in der unerschütterlichen Gewißheit, daß die Verhandlung eine eklatante Reinigung der Offiziere ergeben werde, die zu den Roman- figuren des Lieutenants Bilse Modell gestanden hatten. Anklagebchörde, Kritiker und Publikum erlebten nun aber durch die Gerichtsverhandlung die geradezu verblüffende Enttäuschung, daß der Roman„Ans einer kleinen Garnison" in allen wesent- l i ch e n Z ü g e n d e r C h a r a k t e r- u n d M i l i c u- S ch i l d e- r u n g— romanhafte Zuthaten der Handlung kamen für den Wahr- hcitsbcweis ja überhaupt nicht in Betracht— ein geradezu erschreckendes Bild der real st en Wirklichkeit ent- rollte! Auf das Treiben in Grenzgarnisoncn war ja durch aller- Hand Skandale— z. B. den Mörchinger Fall— und kritische Glossen militärischer Schriftsteller schon so manches bedenkliche Streiflicht gefallen; Zustände aber, lvie sie die Verhandlungen in Metz ent- hüllten, hätte auch der eingefleischteste, schwarzgalligste Gegner des Militarismus, für eine platte Unmöglichkeit gehalten l Es ist schlechterdings unmöglich, die durch die Verhandlung ent- hüllten Zustände einer Grenzgarnison auch nur in den schärfsten Konturen nachzuzeichnen. Man müßte einfach den Verhandlungs- bericht nochmals loiedcrgebcn. Was hat sich unter der Handvoll Offiziere der kleinen Garnison nicht alles an Unglaublichkeiten ab- gespielt! Ein Bataillonskommandeur, der von den civilcn Honoratioren„geschnitten" wird, dem das aber gar nicht zum Be- wußtsciu kommt, weil er ja trotz alledem noch mit diesen Honoratioren auf dem Fuße des„Zutrinkens" steht— und das Trinken spielte in Forbach ja eine hervorragende Rolle; ein Bataillons-Kommandcnr, der duldet, daß eine Rittmeistersgattin Diensipferdc vorschriftswidrig in ausgedehntem Maße zu Privatzweckcn benntzt, der aber einen andren Offizier rüffelt, der nur einmal seinen Jungen auf ein Dienstpfcrd gesetzt hat; dem von einem andren Offizierskollcgen gegenüber nachgesagt wird, daß er dem unfähigen Gemahl der Ritt- meistersgattin gute Konduiten ausstellt, weil die besagte Dame ihm sonst die Augen auskratzen zu wollen erklärt habe. Ein Regiments- Kommandeur, der trotz der ständigen hohen Kasinoschulden der Offiziere einen Stolz"darcin setzt, im Kasino Boivlen anzusetzen, aus dem Grunde, weil unter den Herren Offizieren sein Talent, Bowlen zu brauen, ungewöhnlich einmütige Anerkennung gefunden hat. Und dann diese Offiziere selbst.. Diverse gegenseitige Ehebruchs- Affairen sind noch das Mindeste. Uebcr diesen Punkt denkt man offenbar äußerst tolerant. Ein Offizier erhält dafür, daß er mit der Frau eines Kollegen Ehebruch getrieben, einen„Verweis"; dafür, daß er den Gemahl der Dame dann im Duell zum Krüppel geschossen, erhält er sechs Monate Festung. Man spricht zwar unter- einander allerhand über das auffällige Courschneiden einzelner Kollegen den Damen andrer Kollegen gegenüber, man hört sog«; einen Barvier skandalöse Geschichten verbreiten, aber man nimmt' dergleichen Menschliches— Allzumenschliches nicht allzu tragisch. Nim hat eS ja auch berühmte Feldherren und Staatsmänner gegeben, die ähnlich frei über sexuelle Moral dachten— wir erinnern nur an Napoleon l. und den Fürsten Metternich—, allein im all- gemeinen entrüstet man sich doch stets in den Kreisen der Edelsten und Besten, zu denen doch auch die Offiziere gehören. so hochsittlich über die freie Liebe der— Social- demokratie! Daß das S ch u l d e n»r a ch e n an der Tages- ordnung war, nicht nur bei den jugendlichen Lieutenants, sondern auch bei den gercifteren Rittmeistern, wäre auck noch der geringsten Mäkel einer. Aber eine weit minder harmlose Affaire war ent- schieden die zweier bis über die Haare verschuldeter Offiziere, die sich gegenseitig Wechsel über Taufende aus- stellten, Wechsel, die begreiflicherweise bis heute noch nicht ein- gelöst sind— eine geschäftliche Manipulation der allerbedenklichsten Art. Die nämlichen beiden Offiziere suchten auch einen dritten Offizier zu einem Griff in die SchwadronS- lasse zu verleiten. Als dieser Offizier das unter dem Vorwand ablehnte, daß er bereits ein solches„Darlehn" entnommen habe und deshalb außer stände sei, ihrem Wunsche zu willfahren, erfolgte kurz daraus die Denunziation dieses Offiziers, die dieser. als�Zeuge vernommen, aus das abgewiesene FreundeSpaar zurückführte! Ein andrer Offizier soll nicht nur bc- schwipst zum Exerzieren gekommen, er soll nicht nur ein berüchtigter Schürzenjäger, sondern auch—»ach dem unter den Offizieren kurfierenden Gerücht— ein Schürzenstipendiat gewesen sein! Es würde zu lveit führen, nochmals auch»ur die markantesten Einzclzüge auszuweisen. Bezüglich der Dämmerschoppen, der häuslichen Scenen einzelner Offiziere, der Soldatenmißhandlungen und falschen Beschuldigungen Untergebener, verweisen wir einfach auf unsren gestrigen Gerichtsbericht. Es genügt, zu konstatiere», daß das Kriegsgericht den WahrhcitZ- beweis— den ungewollt die A n k l a g e b e h ö r d e, nicht der A n- geklagte selb st führte— für die Richtigkeit der allgemeinen Darstellung des Romans für erbracht ansah, daß es von einer Verurteilung wegen verleumderischer Beleidigung vollständig absah und lediglich den Thatbcstand der eiusachen, also formalen Beleidigung als vorliegend erachtete! Wegen dieser einfachen Beleidigung und wegen Ucbertretung der kaiserlichen Verordnung, welche Offizieren publizistische Thättg- teil nur unter der Bedingung der vorher eingeholten Erlaubnis ge- stattet, erfolgte die Verurteilung zu 6 Monaten Gefängnis und Ver- tust der Offizierscharge. DaS Gericht nahm zu Gunsten des Angeklagten an, daß er kein Pamphlet habe schreiben, sondern nur vorhandene Mißstände habe aufdecken und beseitigen wollen. Auch zu dieser Auffassung konnte es logischcrweise nur gelangen, wenn es überzeugt war, daß der Angeklagte nicht übertrieben hatte, daß die Zustände in Forbach so furchtbare waren, daß sie ihm die Feder zu seiner vernichtenden Anklageschrift gewissermaßen gewaltsam in die Hände gedrückt hatten. Kam das Kriegsgericht einmal zu dieser Auffassung, so konnte es freilich auch ans kein höheres Strafmaß erkennen, umsowemger, als fast alle Zeugen, sogar mehrere der von Bilse an den Pranger Gestellten, dem Verfasser das Zeugnis eines liebcnS- würdigen, hochanständigen Kameraden und Menschen ausstellen mußten. U»verständlich ist nur die kriegsgerichtliche Motivierung des erschwerenden Moments: Straferschwcrend für den Angeklagten kommeWn Betracht, daß er in taktloser und roher Weise gegen Vorgesetzte vorgegangen sei und sich in grober Weise gegen die Disciplin ver- gangen habe. so daß mehrfache Verabschiedungen und V e r s e tz n n g e» in F o r b a ch nötig>v ü r d e n. Daß mehrere der bloßgestellten Offiziere verabschiedet und versetzt werden müssen, ist doch nicht Bilses Schuld, sondern Schuld der durch eigne Handlungen kompromittierten O f f i z i e r e s e l b st! Im Gegenteil: das Kriegsgericht hätte dem Verfasser des Romans den Dank des ganzen OffizicrcorpS dafiir aussprechen sollen, daß er durch seine Kritik zur Ausstoßung dieser unwürdigen Glieder beigetragen hat! Ja, vielleicht giebt cS noch mehr solch'„kleiner Garnisonen", auf die die Aufmerksamkeit der obersten Militärbehörde gelenkt zu haben das nicht leicht zu überschätzende Verdienst des Lieutenams Bilse gewesen ist. Aber mag dem sein, wie ihm will, der Militarismus an s i ch ist bei dem Prozeß allerdings nicht allzu günstig gefahren. Hat der Prozeß doch bewiesen, daß dem Militarismus an sich so wenig idealer Gehalt innclv oh nt, daß das Milieu einer kleinen Garnison schon ausreicht, fast das ganze Offiziercorps eines Bataillons zu demoralisieren! Für die kompromittierten Offiziere in Forbach genügte der Mangel äußerer Anregung und des Zwanges einer äußerlichen Etikette, um sie hoffnungslos geistiger Verblöduiig und moralischer Entartung verfallen zu lassen. Spiel, Suff und gröbste Erotik füllten ihr Dasein aus, einzelne von ihnen sanken sogar noch beträckitlich tiefer. Höhere geistige Interessen kannten nur zwei von ihnen: der Angeklagte und sein Freund Rittmeister Bändel. der„verbitterte" Offizier, der sich im Sumpf seiner Umgebung nicht wohl fühlte. Mag man die Oede und Langeweile eines weltentlegenen Grenz- nestes noch so stark in Rechnung ziehen— in solchen Resten leben auch noch andre Beamte: Richter, Geistliche, Lehrer usw. Würde man auch bei ihnen ein etwaiges Schuldconio dem tristen Milieu in so hohem Maße zur Last legen? ES muß also schon an einem Mangel an moralischem Halt liegen, daß gerade Offiziere dem Milieu der Grenzorte so leicht erliegen. An einem Mangel an moralischem Halt, den weniger das einzelne Individuum, als der Militarismus verschuldet. Jeder Un- befangene wird ja auch zugeben müssen, daß der Militarismus, dessen Idole Drill und bedingungslose Subordination sind, an ethischen und intellektuell erhebenden Momenten wenig aufzuweisen hat. Die'B e k ä m p s n n g d e S Militarismus ist deshalb, das beweist auch der Metzcr SensationSprozeß wieder, das erste Gebot der fortschreitenden Kultur! potttilcbe CUbcrftcbt. Berlin, den 12. November Das kosakische Preuße». Unser Königsbcrgcr Partciblatt bringt über das„Geheim- bündclei"-herfahren, das die Königsberger Justiz eingeleitet hat. eine längere Betrachtung, der das Folgende entnommen sei: „Genosse Nowagrotzki wurde vor einiger Zeit von einer in der Schweiz lebenden Person durch Vcrmittclung eines Freundes gebeten, eine Postsendung für sie zu empfangen. Er sagte das zu. Tie Sendung, die aus mehreren Paketen bestand—«- war aber nur eine Sendling— kam an und lag ein paar Wochen bei Nowagrotzki. Dann wurde er gebeten, sie an Genossen Klein nach Memel zu schicken, was auch geschah, und damit fertig. Das ist alles. T r e p t a u hatte mit der Sache überhaupt nichts zu thnn, und Braun auch nichts. Er ist nur einmal, als er in Memel war, von Klein gebeten worden, dem Nowagrotzki zu sagen, Sicfc Bestellung hat er arglos aus- 1 Schriften bemächtigt hat, um dieselben an den Meistbietenden der Gegner Rosanos zu ucrtaufcit. Dies soll.mit die Hauptursache zum Selbstmorde Rosanos gewesen sein.— DeiitfcKe» Rdcb. Preßstimiurn zum Prozeß Lilse. Das»Berliner Tageblatt" urteilt über das Ergebnis der Zeugen- Uernehmung folgendermasten: Der Roman weist w o h I g e t r o f s e n e P o r t r ä t s der Mitglieder der Forbachcr Garnison aust Dast diese Porträts nicht schmeichelhaft sind, dafür ist der Verfasser nicht verantwortlich. Die Verhandlung hat den Beweis erbracht, daß Bilse naturgetreu porträtiert hatte. Selbst wenn er es nicht gethau hätte, so Iväre das kein Vorwurf für einen Romanschreibcr. Der Verfasser hat die einzelnen von ihm geschilderten Typen nicht mit ihren wirklichen Namen in den Romail eingeführt; nur ans der getreuen Zeichnung ihrer Persönlichkeit haben sich die Beteiligten wiedererkannt. Wenn sie sich durch eine solche getreue Zeichnung beleidigt fühlen, an wem liegt die Schuld? Am Schilderer oder am Geschilderten? Das Blatt findet demgemäß das Urteil viel z u hart. E-. erklärt; Straferschwerend darf auch nicht sein, was die B c' gründnng als erschwerend hinstellt: die Thatsachc, daß die Ver- vffentlichung Bilses Verabschiedungen in der Forbacher Garnison zur Folge gehabt hat. Im Gegenteil, Bilse verdiente da- für Anerkennung, daß seine Veröffentlichung dazn diente, un- geeignete Elemente aus dein Offizierscorps zu entfernen. Sonst ist es ja Pflicht der Offiziere, unwürdiges Treiben ihrer Kameraden zu melden. Warum soll, ivas d i e n st l i ch Pflicht ist, eine Schuld werden, tvenn eS a u ß e r d i e n st l i ch geschieht? Dieser letzteren Meinung ist die„Vossische Ztg." nun nicht. Sic heulmeiert sogar ein Weniges darüber, daß Bilse die Zustände öffentlich' gegeißelt hat, statt die Behörden aufmerksanl zu machen. Auch findet sie es unschön, daß der Verfasser seinen Kollegen bis ins„Schlafzimmer nachgeleuchtet" habe. Auch gehe es doch die Oeffentlichkeit nichts an, wenn ein Offizier eS einmal„mit einem hübschen Mädchen gehalten" oder„ein Glas über den Durst getrunken habe". Und diese Sentimentalitäten leistet sich das Blatt, trotzdem es andrerseits zugeben muß:„Daß die Zustände, wie sie der Dichter zeichnet, in Wirklichkeit irgendwo b e- standen hätten oder bestehen könnten,>v i r d kaum irgend jemand angenommen haben..." „Er ist nicht überführt, falsche Anschuldigungen, geschweige wider besseres Wissen erhoben zu haben. stm Roman liest man allerlei tolle, unglaubliche Dinge, über die man den Kopf schüttelt: man hält sie der Neigung des noch jugendlichen Autors zu krassen lieber- t r e i b n ng e n zu gute. Und dann l i e st nmn die Prozeß- berichte und schüttelt wiederum den Kopf, weil die m e i st e n und w i ch t i g st e n Abenteuerlichkeiten nicht erfunden, s o n d e r n d e r W i r k l i ch k e i t abgeschrieben sind. Das Buch ist kein Pamphlet, sagt der Gerichtshof: es enthält„vieles Wahre und Beachtenstoerte". Man fühlt aus der Begründung heraus, wie die Militärrichter seufzen, wie sie in der Sache dem Angeklagten recht geben und nur bedauern, ihn wegen seiner Mittel zum Zweck bestrafen z u m ii s s e n." Die„Post" hinwiederum findet das Urteil viel z u m i l d e, trotz des gelungenen Wahrheitsbeweises! Immerhin muß sie sich zu dem heuchlerischen Stoßseufzer verstehen: „Der e h e b r e ch e r i s ch e U in g a n g einiger Offiziere mit den Frauen von Kameradrn wirft ein schauerlich d ü st eres Licht auf die Verhältnisse i nr Forbacher Offizier- c o r p s. Kaiser Wilhelm I. hat in seinem grundlegenden Erlasse zur Regelung von Ehrenhändeln ausgesprochen:„Einen Offizier, der fähig ist, die Ehre eines Kameraden leicht- fertig anzutasten, werde ich unter keinen II in stäuben in der Armee dulde n." Einer dieser Ehebrecher erhielt bekanntlich einen„Verweis".— 9t möge die Pakete absenden geführt. Dies ist der ganze T h a t b e st a n d, und es fehlen ihm einfach alle Erfordernisse des§ 128. Wenn ein paar Per- soneir Briefe wechseln, um eine Paketsendung irgend wohin zu dirigieren, so ist das keine„Verbindung"; dazu würde eine dauernde Organisation gehören. Wäre aber auch eine solche vor- Händen— was nicht der Fall ist— und würde sie sich damit beschäftigen, regelmäßig Pakete aus der Schweiz über Königs- berg nach Memel und selbst naeb Rußland zu erpcdieren. so hat sie doch nichts geheim gehalten; die Pakete sind ja ganz offen mit der kaiserlichen Post befördert worden und an die zuständigen Zoll- ömtcr gegangen, wo sie� geöffnet wurden, wie man das vorher wußte. Doch weiter. Selbst wenn die ganze Sache im geheimen betrieben worden wäre, so kann das nichts Strafbares sein; denn sonst müßten wir erwarten, daß morgen alle Kaufleute Königs- bergs verhaftet werden. Sie alle stehen in dauernder, wohl organisierter Verbindung mit ihren Geschäftsfreunden zu dem Zweck, regelmäßige Warensendungen zu erpedieren, und sie alle hüten mit ängstlicher Sorgfalt das Geschäftsgeheimnis. Das kann also der 8 128 unmöglich meinen, und etwas andres ist auch im vorliegenden Fall nicht geschehen, nur daß sich's hier nicht einmal um einen dauernden, sondern nur um einen einmaligen Briefwechsel handelt. lind desivegen werden nun vier Familienväter kurzer Hand verhaftet.... Genosse Braun ist einer der angesehensten Bürger unsrcr Stadt, er ist Rendant einer großen Krankenkasse, die seine Arbeitskraft nicht ciilbchrcn kann; er ist Stadtverordneter und dieser Mann wird von der Straße weg verhaftet, wie der erste beste Vagabund, er kann seiner Familie nicht einmal Lcbcivohl sagen. Die Strafprozeß- Ordnung§ 112 bestimmt: „Der Angeschuldigte darf nur dann in Untersuchungshaft genommen werden, wenn dringende Verdachtsgründe gegen ihn vorliegen und... Tliatsachen vorliegen, aus denen zu schließen ist, daß er Spuren der That vernichten oder daß er Zeugen oder Mitschuldige zu einer falschen Aussage oder Zeugen dazn verleiten werde, sich der Zeugnispflicht zu entziehen. Diese Thatsachen sind aktenkundig zu machen." Also Thatsachen müssen vorliegen, ganz bestimmte Thatsachen, daß die Angeschuldigten einen jener oben genannten Versuche unternehmen werden. Was sind das für Thatsachen? Wir glauben, der Staatsanwalt wird keine einzige benennen können. lind wenn er sie selbst hätte, so würde das auch noch nicht genügen. Denn es müssen außerdem noch„dringende Verdachtsgründe" vor- liegen. Tie Verdachtsgründe... sind so„dringend", daß daraufhin Die Verdachtsgründe sind so„dringend", daß daraufhin morgen die Hälfte aller Königsberger Einwohner hinter Schloß und Riegel sitzen müßte. Nein, die Sache hängt anders zusammen. Nicht die Thatsachc, daß die Beschuldigten dabei beteiligt waren, civ paar Pakete zu expedieren, gab den Anlaß zum Vorgehen der Behörde, sondern der Inhalt der Pakete. Das ersieht man ja auch aus dem was in die Presse durchgesickert ist. Liberale,„demokratische" Zeitungen waren es ja, die der Welt schaudernd mitteilten, daß „ganze Stöße revolutionärer und nihilistischer Schriften" gc- funden worden seien. Wir haben die Schriften nicht gesehen Nihilistisch sind sie sicher nicht, aus dem einfachen Grunde, weil es schon längst keinen Nihilismus mehr giebt. Das ist eine blöde Erfindung der l i b e r a l c n„Hartungschen Zeitung", zu dem Zweck, den Spießer zu schrecken, ihm ein Gruseln einzujagen ob der Gefährlichkeit jener„geheimen Verbindung".— Aber revolutionär werden die Schriften sein, die man„fand", weil sie nicinand versteckt halte. Es lag gar kein Anlaß vor, sie zu ver- stecken. Es hat ja in Deutschland jedermann das gute Recht, revolutionäre Schriften zu besitzen und zu verbreiten, so viel er Lust hat. wenn ihr Inhalt nur nicht strafbar ist. Aber dies sind russische Schriften, und hier steckt des Pudels Kern Wir haben uns die Mühe genommen, in den Prozessen nach- zublättern. die während der Zeit des Socialisiengesetzes geführt worden sind. Kein einziger war so kraß wie dieser Fall. Damals handelte sich's immer nur um die Verbreitung verbotener Schriften in Deuts ch l a n d. Hier aber selbst angenommen, alle Verdachtsgründe der Staatsanwaltschaft wären wahr— würde nichts weiter vorliegen, als die Verbreitung von Schriften, die in Deutschland nicht verboten sind, von der Schweiz nach Rußland. Hat man je gehört, daß in einem civilisierten Staat deswegen Leute angeklagt und in Haft genommen werden, Familien ihrer Ernährer beraubt werden?— Der Tod des Ministers Rosau». Rom, N. November. lEig. Ber.) Die Nachricht vom Selbstmord Rosanos hat in Rom enormen Eindruck gemacht und ruft in politischen Kreisen das Gefühl wach, als stünde man vor einer Katastrophe des gesamten Ministeriums Keine Zeitung bezweifelt, daß die Enthüllungen der socialistischen Presse über Rosanos Vergangenheit, namentlich über den Fall Bergamasco, die direkte Veranlassung zum Selbstmord waren. Natürlich ist von hier nur noäi ein Schritt bis zur Beschuldigung der Sodalisten, die nacki der„Tribuna" einen moralischen Mord begangen haben. Der„Mattino" von Neapel behandelt den Tod in einem Artikel:„Ein zweiter Mord", kurz, man geht mit den in solchen Fällen üblichen Methoden vor. In Wirklichkeit hat allerdings jemand eine schwere Schuld an dem Tod Rosanos. aber das sind nicht die Socialistcn, sondern es ist niemand anders als G i o l i t t i selbst. Gewiß ist jeder durch den blutigen Ausgang erschüttert, schuldbewußt kann aber nur der sein, der in der Lage war, so zu handeln, daß diese Lösung nicht eintrat, Die'Socialisten lvarcn nicht in dieser Lage. Es war ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, gegen die Berufung Rosanos zu dem höchsten Amt Protest zu erheben, und die That- fachen vorzubringen, die die moralische Jnkompetibilität des neuen Ministers bewiesen. Sic haben gcthan, was sie mußten imd sie haben es rechtzeitig gcthan. Denn als der Name Rosano auf der Liste erschien, hat B i s s o l a t i Giolitti Vorstellungen gemacht und deutlich gesagt, daß seine Ernennung zur Bcröffentlichiing des Falles BcrgamaSco und andern Geschichten führen würde. Als die Ernennung trotzdem erfolgte, haben die socialistischen Blätter die öffentliche Meinung aufgeklärt und den Mann an den Pranger gestellt, der heute durch einen Pistolenschuß den einzigen Ausweg suchte und fand vor der allgemeinen öffentlichen Verackitnng. Die Sodalisten konnten und durften ihm diese Verachtung nicht ersparen, Wohl aber hätte Giolitti ihm den Pranger und den Tod er- sparen können. Mit frevelhaftem CynismuS hat der Ministerpräsident Rosano ins Ministerium berufen, er hat die Achseln gezuckt über den hervorbrechenden Volksunwillen, er, der Streber und Skeptiker hat geglaubt, dem Lande alles bieten zu können. Von seinem Stand- pimkt aus hat er sich verrechnet; der Tod Rosanos ist ein Mißerfolg. Vom Standpunkt der politischen Rcchtschaffcnheit aus hat Giolitti sich an dem Wohle, a» der sitUichen Gesundheit des Landes ver gangen, als er den anrüchigen Politiker ins Kabinett rief: der Tod Rosanos ist seine Schuld. Der„Avanti" fordert die sofortige Demission des Kabinetts. „Wird die Schamlosigleit und der Unverstand dieses Ministeriums. das am Allcrseclcntag das Licht der Welt erblickte, soweit gehen, daß es seine eigne Schande überlebt und seine elementare Pflicht vergißt. jetzt zu demissionieren? Wird es soweit gehen? Run, das Volk hat ihm schon den Laufpaß gegeben, vor dem Richterstuhl der Rechtlich- keil und Gesittung." In allen Kreisen herrscht die lleberzeugung, daß das Ministerium diesen Schlag nicht lange überleben wird. Giolitti hatte sich im Laufe dreier Wochen langsam aber sicher um jede politische Existcnzmöglichkcit gebracht. All seine Geschicklichkeit dürfte ihm nichts mehr helfen. ** * Eine seine Familie. Rom, 12. November.� Der Minister des Innern Freiherr von F e i l i tz s ch spricht sich in demselben Sinne aus und fügt hinzu, daß alle deutschen Rc- gicrimgcii und das ganze deutsche Volk ebenso cmpfmdcn, soweit sie sich vom Gefühl leiten lassen dürften. Dr. Sckädlcr(Ccntr.) übt scharfe Kritik an den Offiziers- pcnsionierilngcn in Bahern und bcmevkt iintcr anderm, man spreche sogar davon, daß insbesondere solche höheren Offiziere pensioniert würden, welche den preußischen Wünschen nicht genügend entgegen- kämen. Der Kriegsminister Freiherr v o n A s ch Ivcist die Vorwürfe be- züglich des Peiisionicrungssystcnis energisch zurück und bezeichnet das, was Dr. Schädlcr in dieser Hinsicht zugetragen worden sei, als Geschwätz. Nach weiterer Debatte werden der Antrag Nitzler und der Znsatz- antrag Baumann einstimmig angenommen. Aus Südwrstafrika liegen folgende Nachrichten vor: Kapstadt, l2, November.(Meldung des„Rcuterschen Bureaus".) Ans S lv a k o p m n n d ivird von gestern gemeldet: 30V M a n n m i t fünf G e s ch Ätzen sind u n t c r de r F ü h r n n g des Haupt- m a n n s v o n F i e d l e r auf dem Marsche von Keetinminshop, Gibcon, Rehoboth und Windhuk nach Warmbad. Die Truppen- abtcilung schließt 115 Witbois und Bastards ein. Eine andre Ab- tcilimg, die sich auS Boerenfreiwilligen zusammensetzt, nähert sich Warmbad von Ukamas aus. Der Sammelpunkt der Feinde ist u n b e l a n n t.— London, 12. November.(„Bureau Lassan",) Oberst W a r r e n bot der deutschen Regierung durch Kabel, wie„Standard" aus Johannesburg meldet. die Stellung 1000 britischer Söldner zum Dienst in Damaraland an. Sein A n e r b i e t e n wird in I o- h a n n c s b u r g als unbesonnen betrachtet und von den Engländern wie von den Eingeborenen st a r l g c- mißbilligt,— HuoUnd. Zur Lage in Ostasien. «Daily Telegraph" meldet aus Tokio, gestern nachmittag habe eine Unterredung zwischen B a r o n K o m u r a und Baron Rosen staitgcfimden, die aber nur sehr kurze Zeit währte. Nach einer Meldung desselben Blattes aus Shanghai sollen Vuanschikai und General Ma dem Throne erklärt haben, sie würden am nächsten Sonntag bereit sein, gegen die Russen in der Mandschurei zu marschiere». Wie„Daily Mail" aus TieNtsin meldet, benachrichtigte Auan- schikai die chinesische Regierung, er habe 4i« 000 Mnini, die in Bereit- schaft stände», die Maudschnrci zu besetzen.(?) Die im übrigen als friedlicher geschilderte Situation zwischen Rußland und Japan dürfte vielleicht durch einen Zusammenstoß zwischen japanischen Hafenarbeitern und russischen Matrosen verschärft werden. Es wird darüber ans Port Arthur gekabelt: Wie„ N o w y K ratz" aus T s ch e m ulp o meldet, überfielen dort 300 japanische Hafenarbeiter 20 ans der Stadt zurückkehrende Matrosen des russischen Kanonenbootes„Bohr". Die Angreifer hatten verschiedene Waffen; die Matrosen verteidigten sich mit den Fäuste», ivarfen die Angreifer zurück und er- reichten ihren Kutter; ein Steinhagel folgte ihnen. Viele M a t r o s e n wurden v e r w u n d e t. Da den Japanern schien, daß einige Russen in der'Stadt zurückgeblieben seien, drangen zweihundert mit Beilen und Säbeln belvaffnete Japaner in die europäische Niederlassimg ein, durchsuchten die russischen H ä n s e r n n d u in l a g e r t c n sie die ganze Nacht. Tie Konsuln leiteten eine Untersuchung ein. Die Japaner, die darüber erbittert waren, daß zwei von ihnen bei dem Ilöverfall tödlich verwundet nnd andre übel zugerichtet Ware», versagten der Obrigkeit den Gehorsam nnd machen, wie es heißt, stark bewaffnet den Quai unsicher, indem sie jeden Russen zu erschlagen drohen. Die Matrosen nahmen bei dem Ueberfall den Japanern verschiedene Waffen ab. Zur Anfrechterhaltung der Ord- nnng gingen nach Tschemnlpo das Panzerschiff„Poltawa" und einige Minenboote ab,—__ Panama. Der amerikanische Botschafter in Berlin Tower kabelte, wie die „TimcS" aus New Dork melden nach Washington an den Staats- sekretär des Aeuhern Hah, er habe von dem deutschen Staats- s e k r e t ä r des Au wärt igen Fr ei He rrn b. Richthofen die Versicherung erhalten, Deutschland habe nicht die Absicht, gegen die amerikanische Aktion auf d e r L a n d e n g e v o n P a n a in a zu protestieren oder sich in die amerikanische Politik einzumischen, Botschafter Tower Ivurdc gleichzeitig gebeten, dem Staatssekretär Hah miizntcilcn. daß Deutschland mit dem Bestreben der Bereinigten Staaten, die Ordnung aus der Landenge von Panama aufrecht zu erhallen, stzmpathisicrc. Gleiche Versicherungen erhielt das Staatsdepartement ans Paris und Rom durch die dortigen Botschafter. Diese freund- schafklichen Erllärungcn»verde» von der amerikanische» Regierung ansvichtig gewürdigt/- Frankreich. Eiffe, 12. Nvbember. Die Fabrikautei» von ArmcntiereS lehnten den Vorschlag eines Schiedsgerichts ab erklärten sich jedoch bereit, den Arbeitern sieben Tage nach Wieder� aufnähme der Arbeit eine Summe von 300 000 Fr. zu zahlen, was ungefähr dem Lohne einer Woche entspricht,»m hierdurch ihren „guten Willen" zu bezeugen. Vom April nächsten Jahres ab wollen die Fabrikanten eine Verständigung über den zehn- siündigen Arbeitstag zu erzielen suchen. Die Arbeiter haben diese Vorschläge bisher abgelehnt.— Amerika. Die Revolution auf San Domingo. Die Aufständischen haben, wie„Daily Mail" aus Washington meldet, amtlichen Tele- grammen zufolge San Domingo eingenommen. Ein Kriegsschiff der dominikanischen' Negierung beschoß am 10. d. M. Marcoris ohne vorherige Ankündigung, wodurch die Stadt teilweise zerstört wurde. Die amerikanischen Interessen in der Stadt wurden schwer geschädigt. Der Kapitän des ainerikanischen Kriegsschiffes„Baltimore" erhielt Weisung, weitere Beschießungen von Häfen, in denen amerikanische Interessen in Frage komnien, zu verhindern, falls nicht 24 Stunden vorher eine Ankündigung der Beschießung erfolgt.— Partei-�ladmcbten. Zur Beachtung! In der Jubilänmsschrift„23 Jahre Kampf und Sieg" veröffentlichte ich unter der Uebcrschrift„Rückblicke und Erinnerungen" einen Artikel, in dem ich unter anderm auf die Ver- hängung des sog. kleinen Belagerungszustandes über Leipzig und Um- gcgeud im Sommer 1381 zu sprechen kam. Ich führte hierbei aus, daß am 27. Juni— dem Tage vor der verhängung des kleinen Belagerungszustandes— auf dem Comptoir des von meinem Associö und mir geleitet Geschäfts ein Delegierter der Berliner Genossen, Namens Wölfel, von Herkunft Bayer und seines Zeichens Schlosser, erschienen sei, der von mir kategorisch einen Kassenbericht verlangte, damit die Berliner Genossen wüßten, wie die für ihre Ausgewiesenen und deren Familien gesammelten Gelder verwendet würden. Diese Forderung, Ivie die Art, Ivie sie gestellt wurde, habe damals bei mir den Verdacht erregt, Wölfel solle für die Polizei Material beschaffen für die Begründung des in Aussicht stehenden Belagerungs- zustandes, von dessen unmittelbar bevorstehender Verkündigung mir am Bormittag desselben Tages eine vertrauliche Mitteilung zu- gegangen war. Ich bezeichnete deshalb in meinem Artikel Wölfel als verkappten Polizeispion. Gegen diese Anschuldigung erhob der noch in Berlin lebende Herr Georg Wölfel entschieden Einspruch und rief die Intervention des Schiedsmannes an. Vor diesem einigten wir uns dahin, daß in einer Zusammenkunft, zu der die aus jener Zeit noch vorhandenen Personen, von denen man erwarten durste, daß sie Kenntnis von jenen Vorgängen hatten, geladen werden sollten, eine Klarstellung herbeizuführen versucht werde. Diese Zusammenkunft fand letzten Sonnabend statt. Es wurde in derselben festgestellt, daß Herr Georg Wölfel damals nicht als Vertrauensmann der Berliner Genossen, sondern im Auftrage des Vergolders Paul Goldberg, der zu jener Zeit Genosse war, dessen gegenwärttger Aufenthalt aber nicht er- mittelt werden konnte, das ertvähnte Ansinnen an mich stellte. Eine weitere Klarstellung konnte nicht erzielt werden. Da ich nun von dem Grundsatz ausgehe, daß wenn ein Beweis für eine Anschuldigung nicht striugent geführt wird, eine Anklage nicht aufrecht erhalten werden darf, so halte ich mich für verpflichtet, die gegen Herrn Georg Wülfel erhobene Anschuldigung hiermit aus- drücklich zurückzunehmen. Auch ersuche ich die Parteigenossen, die- selbe als nicht geschehen zu betrachten und keinerlei Vorwürfe mehr gegen Herrn Georg Wörfel zu erheben. A. Bebel. Mecklenburgische Justiz. Wir berichteten schon kurz, daß Genosse H o l st in Wismar vom dortigen Schöffengericht wegen Schutzmannsbelcidigung zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden ist und daß das Gericht die Er- Hebung des angebotenen Wahrheitsbeweises abgelehnt hat. Tie Einzelvorgänge in diesem Prozeßwirrwar und zuletzt in der Schöffengerichtsverhandlung, mit der die Angelegenheit noch nicht erledigt sein wird, sind für deutsch- Rechtszustände charakteristisch genug, um sie nochmals im Zusammenhange darzustellen. Bei Gelegenheit eines Festes des Holzarbeiter-Verbandes in Wismar sollen zwei Teilnehmer des Festes durch Rufe auf der Straß« vor der Thür des Festlvkals den Polizisten Schutt beleidigt haben. Als Zeugen sagten die beleidigten Polizisten in diesem Prozeß unter Eid aus. daß solche Rufe auch der Tischler W o l l e n b e r g aus- gestoßen habe und daß der Stadtverordnete H o l st. der dem iumultuarischcn Vorgange beigewohnt, diese Rufe gehört habe. Holst beeidet als Zeuge, er habe solche Rufe von Wollenberg nicht gehört, während er zugiebt, von den mit Wollenberg zugleich angeklagten andern allerdings den strittigen Ruf gehört zu haben. Auf Grund dieses Vorganges wird Holst, ein angesehener Mann, unter der Fiktion, er habe seinen Parteigenossen Wollenberg vor einer Strafe retten wollen, des Meineids bezichtigt und zu drei Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Dabei mutz man sich vergegenwärtigen, daß er nicht etwa behauptet hat, Wollenberg habe nicht gerufen, sondern daß er nur gesagt hat, er habe von Wollenberg keinen Ruf gehört. Eine solche Behauptung kann eigentlich, da sich der Vorgang in einem großen Tumult abgespielt. hat, gar nicht widerlegt werden. Dazu kommt, daß Wolleicherg. wie jetzt Holsts Verteidiger unter Beweis stellt, gar nicht Socialdeinokrat ist und die Fiktion, Holst habe einen Partei- genossen heraushauen ivollen, ganz haltlos war. Alle Versuche Holsts, die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen, wurden abgewiesen. Endlich entschloß er sich nach der Rück- kehr aus dem Zuchthause, die Feststellung der ihm zum Nachweise seiner Unschuld bekannt gewordenen neuen Thatsachen dadurch herbei- zuführen, daß er die beiden beteiligten Polizisten öffentlich des Mein- eids bezichtige und in dem daraus jetzt entstandenen Belcidigungs- verfahren erbietet er sich, durch Zeugen zu beweisen, daß die Bc- amtcn in der That etwas Unwahres beeidet, er somit jetzt nur eine wahre Behauptung aufgestellt hat und diese Bew-'sführung wird ihm verwehrt. Der Sachverhalt wird recht deutlich durch die Ausführungen, die Holsts Verteidiger, Rechtsanlvalt Löwenstein, vor dem jetzigen Gericht zur Begründung der Notwendigkeit der Beweiserhebung machte. Er sagte nach dem Bericht der„Mecklenburgischen Volkszeitung": „Es ist dem Angeklagten zur Last gelegt, daß er die Schutzleute Kremer und Schütt beschuldigte, einen falsche» Eid geleistet zu haben. Dieser Vorwurf enthält unzweifelhaft die Behauptung einer That- fache, welche geeignet ist. Kremer und Schütt in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. Eine solche Behauptung an und für sich ist nicht strafbar; sie lvird erst strafbar, wenn sie nicht bewiesen Iverden kann. Infolgedessen muß einem jeden wegen eines solchen Deliktes Angeklagten die Möglichkeit gegeben werden, den Beweis für das von ihm Behauptete zu erbringen. Ich will aber beweisen, daß Schütt und Kremer etwaS objektiv Unwahres beschworen haben. Schütt hat behauptet, die ersten, ihn verhöhnenden Rufe an jenem Abend des 8. August 18S9 seien von Wollenbcrg ausgestoßen. Holst habe sie gehört. Holst erklärt, sie nicht gehört zu haben. Ich will unter Beweis stellen, daß Wollenberg in der That die Rufe nicht a u s g e st o ß c n hat, daß die ganze Situation eine solche war, daß Schütt den Wollenberg nicht sehen konnte. Schütt will nicht nur das Gesicht des Wollenbcrg gesehen, sondern auch dessen Stimme gehört haben. Er motiviert seine Kenntnis des Stimm- klanges des Wollenbergschcn Organs damit, daß er Wollenberg, der hervorragendes Mitglied der socialdemokratischen Partei sei, oft als .Hauptsprecher in den Versammlungen jener Partei gehört habe. Diese Aussage ist objektiv unrichtig: Wollenberg hat niemals in socialdemokratischen Versa Nim tun gen ge- redet, hat sich an den Versammlungen nicht be- teiligt. weil er kein Socialdemokrat war. Bc- züglich des Kremer muß ich zugeben, daß der Wahrheitsbeweis außer- ordentlich dürftig ist. Das schreckliche Mißgeschick, unter dem der Angeklagte Holst gelitten, hat ihn beeinflußt. Kremers Aussagen nicht genau abzuwägen. Krcmcr hat etwas ivesentlich Unrichtiges nicht ausgesagt. Hätte Kremer behauptet, es hätten zwei Perscncn ge- rufen, dann würde ich heute nachweisen, daß Krcmcr mindestens objektiv die Unwahrheit beschworen hat. Ist es aber richtig, daß Wollenberg an jenem Abend nicht gerufen hat, daß Holst also die Wahrheit sagte, so ist Holst unschuldig verurteilt. Ist Holst unschuldig verurteilt, dann giebt es kein berechtigteres Jntereye, als es das seinige war, alles zu versuchen, um seinen geschändeten Namen, die Ehre seiner Familie, wieder reinzuwaschen." Wichtig zur Beurteilung der maßgebenden Nechtsauffaffungen ist auch die Entgegnung des Amtsanwalts auf diese Ausführungen, die wir nach derselben Quelle citiercn: „Es hmidclt sich hier nicht darum: hat Holst einen Meineid ge- leistet? Haben Schütt und Kremer einen Meineid geleistet? Es handelt sich hier darum, mußten Schütt und Kremer dadurch bc- lcidigt werden, daß ihnen von Holst der Vorwurf in jener Form ge- macht wurde. Der Vorwurf ist so schwer, daß es eines Wahrheits- bcwciscs nicht bedarf. Es ist auch vollkommen unmöglich, den Nach- weis zu führen. Die Zeugenaussagen vor dem Schwurgericht werden nicht und sind nicht protokolliert. Schütt und Kremer haben ihre subjektive Ueberzengung beschworen. Der Arbeiter- schaff stehen wirksamere Mittel zur Verfügung, so in Verbindung nit den Konsumvereinen der wirtschaftliche Boykott der Gegner. Schrammel-Aussig hält es fiir verfehlt, die Frage des General- 'treiks auf dem Parteitage zur Erörterung zu bringen. Auch sei die Zeit sehr schlecht gewühlt, jetzt im Parlament eine Aktion fiir das Wahlrecht zu beginnen. Gefordert wird das allgemeine Wahlrecht la fast in jeder Rede unsrer Abgeordneten. Leibfricd-Dornbirn: Die Abgeordneten sollen mehr zum Fenster hinausreden, um die Massen fiir eine Wahlrcchtsaktion zu begeistern. Wir sind für das Wahlrecht der Frauen, aber bei uns sind die Frauen ganz in den Händen der Pfaffen. Das ist das lieble daran. (Frau Schlesinger: Giebt es nicht auch klerikale Männer?) iM Joraiiitte" Skarrt-Wien: Die Kenntnisnahme der Beschlüsse der Frauen- konferenz durch den Parteitag genügt bollständig. Aber eine Diskulsion hierüber die dort verhandelten(Fragen ist überflüssig. Redner erklärt es für unmöglich, das überall hervortretende Verlange»»ach hervorragenden Referenten zu befriedigen. Dr. Adler: Das Wahlrecht ist die brennende, grundlegende Frage für die ganze östreichische Politik. Unser ganzer politischer Kampf ist im ivcscntlichen ein Kampf ums allgemeine Wahlrecht. Aber es ist nicht möglich, irgend eine Bewegung auf längere Zeit in einer Hitze zu erhalren, daß sie die Leidenschaften der Massen entsianunt. Das ist nmssenpiychologisch ausgeschlossen. Wir müssen uns genügen lassen, das Bewußtsein in den Massen lebendig zu ervalten, daß daS Wablunrecyt die Grundlage unsres politischen Elends ist und es auch den bürgerlichen Parteien und der Regierung bis zu einem gewissen Grade als die Wurzel alles llebels zum Bewußtsein zu bringen. Es ist aber unmöglich, fortivährend den Kampf in jener Siedehitze>vie bei günstigen Gelegenheiten aufrecht zu erhalten. Ich bin der Ansicht, daß lvir für den Wnhlrcchtskampf thun, was wir thun können. Ich beanstande auch jenen Hinweis in der Resolution, daß den» Proletariat im Wahlrechtskampf schließ- lich noch andre Mittel zur Verfügung stehen, und daß es in die Lage komme« kann, sie Anzuwenden. Andre Redner haben diesen sehr entfernten Hintveis auf den Generalstreik als nicht opportun bezeichnet. Ich meine nun: Wir wissen allerdings nicht, ob das Proletariat zum Generalstreik kommen wird, aber wir wissen ebenso Ivenig, ob er ihm erspart bleiben wird. sLebhafte Zustimmung.) So gewissenlos es wäre, den Generalstreik'als ein politisches Ziel für die nächste Zeit anzukündigen, so unverantwortlich Iväre es, den Generalstreik abzuschwören.(Sehr richtig!) Die Erfahrungen der letzten Jahre im Auslande geben keinen Anlaß dazu. Der letzte Generalstreik in Belgien ist für mich nicht ein Beweis, daß der Generalstreik nichts taugt, nein, dieser angeblich mißglückte General- streik hat gezeigt, daß es bei tüchtiger Organisatton möglich ist, den Generalstreik eintreten zu lassen, und was ich bis dahin immer für ganz unmöglich gehalten hatte, ihn auch abbrechen zu können. tLebhafte Zustimmung.) Ich habe den Abschluß des Generalstreiks und den glorreichen Rückzug der belgischen Genossen für den größten Erfolg ihrer Organisation gehalten. Nur diejenigen politischen Mittel sind anwendbar, die man in der Hand behält, was man beginnen, ivas man aber auch beenden kann. Gerade beim Generalstreik habe ich bis zum belgischen Beispiel immer gemeint, man verliere die Massen dabei aus der Hand. Die Belgier aber haben uns gezeigt, daß auch ein Generalstreik in bewußter und klarer Weise zu Ende gebracht iverdcn kann. Deshalb bin ich nicht dafür, unsre Gegner dahin zu beruhigen, daß sie bei uns der Nichtanwendung dieses Mittels sicher sein können.(Bravo I) Wenn die politische Lage danach ist, wenn die Arbeitermassen geistig disponiert und die notwendige Organisation vorhanden ist dann jsind wir bereit, zu thunj,'was wir können. Wann—>v i e und ob. das steht dahin. Aber dagegen bin ich entschieden, daß der Parteitag den General- st r e i k abschwört!(Bravo l) Die Genossinnen haben uns die Produkte ihrer Thätigkeit auf der Frauenkonfcrenz hierher gebracht, um zu zeigen, daß sie tüchtig sind. Das sind sie gewiß, aber sie sollten uns, die wir eine aktuelle Tagesordnung zu erledigen haben, nicht zumuten, uns von ihnen eine Diskussion über das Frauenivahlrecht aufdrängen zu lassen. (Heiterkeit.) Nachdem noch zwei czechische Genossen, JohaniS- Prag und Prokcsch-Mährisch-Ostran, ihr Einverständnis mit der Resolution ausgesprochen, wird die Debatte geschlossen und nach dem Schluß- wort des Referenten die Resolution angenommen. Es folgt Punkt 3 der Tagesordnung: Ter Dualismus uud die Sorialdemokratir in Oestreich. Hierzu liegt folgende Resvlution vor: Der Parteitag der Socialdemokratie Oestreichs erklärt: Die staatsrechtliche Gemeinschaft mit Ungarn ist für Oest- reich uncrttäglich. Sie ist wertlos: tveil die durch sie angeblich erzielte Großmachtstellnng der Monarchie ausschließlich Ungarn zu gute kommt, das die Vorteile einheimst, während Oestreich die Lasten trägt. Sie ist unnütz: weil ihr ursprünglicher Sinn, die Verteidiglmg des europäischen Oestreichs gegen die Babarenflut des Ostens, erschöpft ist und die künstlich aufrechterhaltene Großmacht nur allein dem Zweck dient, der regierenden Dynastie Ansehen und Glanz zu schaffen. Sie ist schädlich: denn unter den Ursachen der inneren Wirren Oestreichs steht der Dualismus in erster Reihe. Indem er die Parteien für ein volksfremdes, nur dynastisches Interesse in Anspruch nimmt, ist er für Oestreich ein Element der Zersetzung geworden— der Korniption und des Verfalles aller parlamentarischen Institutionen. Die Socialdeniokratie Oestreichs, als die Wvrtführerin aller werkthätigcn Klassen, lehnt diese st aats rechtliche Ge- mein schaft ab: rundweg, vollständig und für immer. Der Dualismus ist die Form, in der sich die dynastische Hausmachts- Politik in die Zeiten der Volkssonveränität hinübergerettet hat und durch den sie die Entwicklung aller in Oestreich lebenden Völker bedrängt und ihr Recht auf Selbstbestimmung und Entfaltung vergewaltigt. Die Socialdemokratie, die Partei der Zukunft, fühlt sich aber frei von jenem verlogenen Patriotisinus, der den Völkern nimmt, um der Hansniacht zu geben, ihr ist die Entwicklung der breiten Massen der Völker der gewichttgste Zweck der Staaten— dem sich jeder andre unterzuordnen hat, dem sich keiner hindernd cntgegcilstellen darf. Der Dualismus ist ein solches Hindernis— und deshalb verwerfen wir ihn. Ganz abgesehen von unsrer principiellen Ablehnung des Militarismus als Produkt und Werk- zeug der kapitalistischen Ordnung, sind wir gegen die sogenannte gemeinsame Armee— aus der sich nun ein' selbständiges un- garisches Heer bilden will, für dessen Aufzucht Oestreich roboten soll. Wir verwerfen jede staatsrechtliche Gemeinschaft— aus- nahmslos und vorbehaltlos. Die Socialdemokratie will jedem dieser zusammengekoppelten Teile Freiheit und Selbständigkeit schaffen— damit sie sich, des harten Druckes und der becinträchti- genden Fessel frei, nach Maßgabe ihrer Kraft und Einsicht ent- wickeln können. Anders ist die wirtschaftliche Gemeinschaft zu beurteilen, die keinen überlebten Großniachtsborstellungen entsprungen ist, sondern auch realen Bedürfnissen dient und sie auch weiterhin zu erfüllen geeignet ist. Die Socialdemokratie Oestreichs ist sich nicht im Unklaren darüber, daß zwischen der wirtschaftlichen, auf der freien Entschließung der beiden Staaten beruhenden Einheit und den als dauernd und unabänderlich proklamierten pragmatischen An- aelegenheitcn ein derartiger Zusammenhang besteht, daß die Be- scitigung der staatsrechtlichen Gemeinschaft die wirtschaftliche Ber- bindnng zu beeinträchtigen, ja aufzuheben vermag. Aber die Störungen des wirtschaftlichen Bandes, die in dem periodisch ab- zuschließenden Ausgleich so empfindlich auftreten, ist eben die Folge der aufgezwungenen staatlichen Verbindung, in der Ungarn eine Minderung seiner staatlichen Souveränität empfindet und für tvclche eS sich durch wirtschaftliche Konzessionen aus dem wirtschaftlichen Gut Oestteichs bezahlt macht. Selbständig und unabhängig geworden, werden sich beide Staaten ungleich leichter verständigen und auseinandersetzen; von dem vergiftenden Einfluß der dualistischen Staatsfvrm befreit, werden die Völker beider Staaten ihre Interessen ftei und unverfälscht zu erkennen vermögen und sich zum wirtschaftlichen Bündnis zusammenfinden, in dem ihre Bedürfnisse gerecht und zweckmäßig erfüllt sein werden, der Vorteil des einen nicht zum Nachteil des andern ausschlagen wird. Auch dieses Bündnis muß die Freiheit jedes Teiles unversehrt lassen, jedem Teile die Möglichkeit geben, die seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entivicklung entsprechenden Tatsachen zu fchaffen: tvas es bezwecken und erhalten soll, ist nicht mehr als die Einheit d e s Z o I l g e b i e t e s— an der beide Staaten gleichmäßig be- Freitag, 13. November 1903. teiligt sind und zu der sie sich im Stande der Selbständigkeit, in Erkenntnis der Interessen aller ihrer Völker, ftrei zusammenfinden werden. Der Parteitag erklärt also, getreu dem im Jahre 1392 auf dem Parteitag der deutschen Genössen in Aussig gefaßten Beschlüsse, nur in der vollen und freien Selbstbestimmung Oestreichs den Weg zu sehen, auf welchem der Aufbau einer das autonome Recht aller feiner Nationen verbürgenden staatlichen Gemeinschaft möglich ist, erklärt die Beseitigung'des Dualismus als die unerläßliche Voraussetzung zur Erkämpfnng eines Oestreichs, in dem die Klasse der Arbeiter den ihr zukommenden, aber bisher schnöde vorent- haltenen Einfluß erlangt und die Bahn ftei macht für die Erfüllung ihrer geschichtlichen Aufgaben. Der Berichterstatter, Genosse Austerlitz giebt eine eingehende Be« gründung. Er sagt: Die östreichische Socialdemokratie ist wie keine andre von der Geschichte dazu verurteilt, die Grundlagen des staatlichen Lebens zu prüfen und wenn sie sie als mangelhaft erkannt, Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu machen. Die Frage des Dualis- mus ist in zwei Worten folgende: Die Ungarn toollen weg und die Ocstreichcr sind verpflichtet, sie fiir das Dableiben mit allen Mitteln des staatlichen Lebens zu entschädigen. Nach einem interessanten geschichtlichen Rückblick, in dem die Bemerlung fällt, daß die parlamen- tarischen Einrichtungen Europas zu einem Schutzwnll des MonarchiS« mus geworden sind, betont der Redner, daß seit 1867 alle staatlichen Elemente Oestreichs in Anspruch genommen tvorden sind, um die Ungarn in der Treue zum Kaiser zu erhalten. Die Völker Oestreichs werden schwach und kraftlos erhalten, um in ihnen gefügige In- strumente für die Prestiaepolitik der Krone zu erhalten. Das Ansehen der regierenden Dynastie ist zum Mittelpunkt der österreichischen Politik geworden. Diese ganze Ausglcichspoletik arbeitet bewußt da- rauf hin, die Parteien Oestreichs durch irgend tvelche Konzessionen in der Verwaltungen und durch dürftige Konzessionen in der Gesetz- gebung zu dienstwilligen Werkzeugen der Großmachtpolitik der Krone zu machen. Dieser Zusammenhang der inneren Wirren Oestreichs mit dem Dualismus ist für unser Urteil entscheidend. Wer den Hader der Völker Oestreichs zu einem Wettbewerb der Kulturen machen will, muß den vergiftenden Fremdkörper des Dualismus entfernen, der es bedingt, daß wir die Kriterien des Hasses und der Verachtung gegen den östreichischen Staat gleichsam mit der Muttermilch einsaugen. Redner weist nach, wie der Dualismus nach der östreichischen Seite hin ein schwaches zerklüftetes Staatstvesen, ohne Einfluß auf die äußere Politik, in der Oestreich übrigens seine europäische Rolle ausgespielt hat, ohne eigentliches Budget- bcwilligungsrccht zur Bedingung hat und es fortdauernd erzeugt. Man kann den Ungarn nachweisen, daß sie bei dem Dualismus außerordenlich profitable Geschäfte gemacht haben. Trotzdem steht es fest, daß jetzt der Zug zur Loslösung von Oestreich in Ungarn übermächtig geworden ist. Redner bekämpft die Ansicht, daß der Dualismus ein Vertrag zwischen der der deutschen und der ungari- scheu Bougeoisie tvar, er ist nur ein Vertrag zwischen der Krone und Ungarn. Während die Ungarn 1867 im Dualismus das letzte Wort ihrer staatlichen und nationalen Entwicklung sahen, denken sie jetzt nicht mehr an seine Erhaltung, sondern an seine Liquidation, erscheint er ihnen nicht mehr als eine Errungenschaft, sondern als ein Abbruch ihres Rechtes. Redner untersucht nunmehr die Macht« mittel derPolitikderHofburg gegen Uilgarn. Der wichtigste Posten dieser Politik sind die Nationalitäten in Ungarn. Wenn dem Oestreicher das Wasser bis an den Mund reicht, so greift er nach der Statistik und beweist, daß die Hälfte der in Ungarn lebenden Völker nicht magyarisch sei. So lange die Ungarn treue Stützen der Monarchie Ivnrcn, ist es keinem eingefallen, von ihrem Unrecht gegen die andren Völker zu sprechen. Erst in der Not erinnert man sich an das Recht. Aber man soll immer fürchten, wenn Oestreich Gcrechttgkeit bringt, da steckt immer eine Absicht dahinter.(Große Heiterkeit.! Ich glaube eben nicht, daß die nicht magyarischen Nationalitäten Ungarns eine besondere Sehnsucht»ach Oestreich empfinden. Es ist sehr un- wahrscheinlich, daß sie ihre besondere Rechnung mit den Ungarn via Wien begleichen werden.(Heiterkeit.) Es ist auch nicht wahr, daß die Ungarn nicht eine vernünftige Nationalitätenpolitik machen können, ohne befürchten zu müssen, in die Gefangenschaft der andern Nationen zu geraten. Die nicht magyarischen Nationalitäten sind für Oestteich außerordentlich dürftige Hoffnungen. Weiter mag die Hofburg auf den Haß der ungarischen Arbetter gegen das Privi- lcgienparlcment in Budapest rechnen. Aber der Haß der ungarischen Arbeiter ist von dem Haß der Hofburg grundverschieden und die Herren irren, wenn sie die ungarischen Arbeiter als Posten in ihre Rechnung stellen. Die Privilegien des Feudeladels und der reichen Budapestcr Juden werden sicher einmal von den Arbeitern gebrochen werden, aber das sind innere Sorgen, und es tväre falsch, ans der Tatsache, daß in Ungarn so viel Rückständigkeit vorhanden ist, die Möglichkeit abzuleiten, diese Rückständigkeiten zu einem Element der Wiener Politik zu mache». Und selbst wenn es möglich wäre, die östreichischen Wirren nach Ungarn zu verpflanzen, wäre das ein Grund für uns, zum Compagnon dieses Geschäfts zu werden? (Heiterkeit.) Wenn die Industrialisierung Ungarns fortschreitet, werden. die andern Nattonen aufwachen. Die Jnduftrialisirung eines Landes nationalisiert die Arbeiter. Und der Zustand der absoluten Ober- Herrschaft der Magyaren ist zweifellos nicht dauernd zu erhalten. Ist man doch unvermögend, die Nationen zu magyarisieren. Ungarn wird dadurch in den Zustand der Unbcweglichkeit wie Oestreich geraten, wo das Parlament durch die gegen emander streitende» nationalen Kräfte totgemacht ist. Jedenfalls sehe ich nicht das Be- dürfnis und schlvärme nicht dafür, die Schlvierigkeiten der nationalen Verbältnisse Oestreichs durch die Schwierigkeiten der nationalen Verhältnisse Ungarns zu vermehren. Es ist keine Kleinigkeit, daß sich verschiedene Nationalitäten Oestreichs vertragen und es ist nicht einzusehen, weshalb auch noch die Erziehung der Rumänen und Slovaken von Wien aus besorgt werden muß. Wir müssen loszukommen trachten, wenn wir nicht vom Völkerchaos begraben Iverdcn wollen Oestreich lebt nicht vom Patriotismus, sondern vom Jrredcntismus seiner Völker.(Heiterkeit). Keine Nation gönnt der andern, daß sie etwas von Oestreich bekommt. Wir denken immer: warum sollens die andern besser haben?(Große Heiterkeit.) Der staatsrechtliche Dualismus ist also ohne Nutzen für Oest- reich. Man spricht von der Notwendigkeit einer Großmachtpolitik für Oesterreich. Worauf rednciert sich unsere Großmochtpolitik? Auf die Thatsache einer militärischen und wirtschaftlichen Verteidigung. Wozu braucht man also in Oestreich Soldaten? lim die Grenzen zu bewachen? Deutschland, demgegenüber manche Oestreicher die Nichtbewachung unsrer Grenzen vorziehen würden(Heiterkeit), ist saturiert. Bleibt nur Rußland. Aber dieses Reich ist in einem so ge- wältigen socialen Umformuiigsprozeß begriffen, daß kriegerische Mag« lichkeitcn für es aus der Reihe der Thatsachen geschwunden sind. lind die Bewachung der Balkangrenzen, die Polizei dort zu spielen, ist eine Aufgabe, die die. Geographie den Ungarn anferlegt hat. Wenn Ungarn und Oestreich selbständige Staaten wären, brauchten sie ja keine Eroberungen an einander zu machen, sondern könnten ein militärisches Bündnis schließen. Wir schwärmen nicht für den Mili- tariSmus und sehen die Notwendigkeit von Soldaten überhaupt nicht ein, am allerwenigsten aber, daß man die Söhne unsreS Volkes assentieren soll zur Bewachung der ungarischen Grenzen.(Zu- stimmung.) Nun sagt man, der Dualismus ist eine europäische Not- wendigkeit. Wenn die Ungarn Rcvolntion machten, würden Ruß- land und Deutschland Soldaten ausrücken lassen, um diese Störung des europäischen Gleichgewichtes zu verhindern? Aber Ungarn hat nicht nötig, heute Revolutionen im 48 er Sinne zu machen: das geht mit parlamentarischen Abstimmungen. Habsburg kann seine Politik von 1348—51 nicht ivicderholen; die heutige Revolution Ungarns voll- zieht sich ungeheuer nüchtern. Wenn die Magyaren Zollschranken gegen Oestreich errichten, wird kein europäischer Staat deshalb mobil machen. Das heutige politische Leben ist in den Massen ver- ankert, und die Aenßerimge» de» politischen Lebens sind ein Be- standteil der europäischen Kultur, wogegen Armeen nicht marschieren können. Die dauernde Obstruktion in Ungarn ist ein ebenso revolu tionäres Mittel wie die früheren Aufstände. Für die Socialdemokratie handelt es sich danach nur noch um folgende Frage: Ist der staatsrechtliche Dualismus als Last ans uns zzu nehmen, um die Erhaltung des wirtschaftlichen Dualismus zu sichern? Sollen wir die Kosten für das ungarische Heer bezahlen, um in Ungarn auch ferner ein zollfreies Wirtschaftsgebiet zu haben? Redner beantwortet diese Frage in längeren Ausführungen im Sinne seiner Resolution. Selbst die Gefahr eines wirtschaftlichen Krieges mit Ungarn kann uns nicht hindern, die Lösung zu fordern. Die östreichische Industrie hat in Ungarn einen geschätzten Markt von großer Bedeutung. Im freien Wettbewerb wäre sie der euro- päischen Konkurrenz vielleicht nicht in allen Punkten gewachsen. Aber cS wäre ja merkwürdig, wenn sie unfähig sein sollte, einen Markt zu behaupten, den sie 30 Jahre lang gehabt hat. Die ungarische Bonr- gcoisie mit ihrem starken� jüdischen Einschlag ist eine fast reine Händlerbourgeoisie. Die östreichische Industrie herrscht beinahe un- umschränkt in Ungarn. Europa kennt den ungarischen Markt gar nicht. Wir beherrschen Ungarn kommerziell vollständig, industriell fast ausschließlich. Darin liegt übrigens der Grund für den Still- stand der vstrcichischen Jndusiric.(Sehr richtig.) Durch den Zoll- schütz in Ungarn sind wir zu einem viel langsameren Tempo der ivirtschaftlickien Entwicklung gelangt. Wenn unsere Industriellen soviel Flausen von ihrem Export nach China machen, so werden sie doch wohl noch Preßburg und Stnhlweitzenburg besetzen können. lHeiterkeit.) Die Dinge brauchen sich ja auch nicht in vollständige Unvernunft umzusetzen. Wäre das Verhältnis zwischen Oestreich und Ungarn das ziveier freier Staaten, etwa zweier föderativer Republiken, dann würde ihr wirtschaftliches Verhältnis sich ordnen nach dem Grundsatz wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit. Kein Zweifel, der erste Akt. init dem Ungarn seine Sonveränetät beweisen würde, Iväre die Errichtung von Zollschranken gegen uns. Aber da diese Auftichtung den Bedürfnissen beider Staaten widerstreitet, würde es sich nur um ein kurzes Ucbergangsstadium handeln. Dazu kommt, daß die ungarische Industrie sich allmählich entwickelt und es ein wirtschaftliches Gesetz ist, daß zwei Industrieländer noch mehr auf einander angewiesen sind, als Länder, deren Produktion sich ergänzt. Redner schließt: Eine durch die Natur aufgelöste Gemeinschaft staatsrechtlich zu verknüpfen ist nnmöglich. Eine' solche Aufgabe kann auch die Demokratie nicht lösen. Nirgends ist das Vertrauen zn einer cäsaristischen Politik mit demokratischem Aufputz weniger empfehlenswert als in Oestreich.(Lebhafte Zustimmung.) Eine cäsaristische Politik, die den Interessen der Großmacht dienen und dabei die Interessen des Proletariats erfüllen soll, zeigt hinter der demokratischen Maske nur das alte schwarzgelbe Gespenst. Nur die wirklichen Kräfte der Nation können, befteit von jedem Drucke nach außen, eine Entwicklung schaffen. Die Ungarn mögen sich einrichten, wir wollen unser Feld frei haben. Der Dualismus hemmt die Ent- Wicklung. Frei und selbständig sollen sich die Völker zusammen finden zn einer besseren Aenderung der Dinge.(Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) In der Debatte vertritt Dr. Stark-Karlsbad die Anschauung. daß der Ausgleich zwar erneut, aber die wirtschaftliche Einheit durch einen Handelsvertrag ersetzt werden könnte. Winarski) glaubt, die Trennung von Ungarn werde nur die separatistischen Tendenzen in Cislatanien begünstigen und namentlich die Bestrebungen zur Trennung von Galizien fördern. Die Beseitigung des Dualismus ist der Beginn der Auflösung OestrcichS, nicht der Anfang eines einheitlichen Staates. Die Auflösung Oestreichs, könnte man glauben, werde den russischen Absolutismus stärken, aber ich glaube, die aus den Trünimern des alten Oestreich entstehenden nationalen Staaten werden ein besserer Schutzwall gegen die Barbarei des Zarismus sein. Dr. Ellenbogen fürchtet von der Aufhebung des Dualismus eine schwere wirtschaftliche Schädigung, ja eine Katastrophe, die mit der Aufrichwng von Zollschranken vollendet wird. Im Interesse, der mit der wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängenden Entwicklung des Proletariats müßte der Dualismus aufrecht erhalten werden. In- dessen sind die Verhältnisse so weit gediehen, daß wir die unvermeidlich gewordene Liquidasion möglichst rasch durchführen müssen. Der Schlußpassus der Resolution über die künftige Zolleinheit möge wegbleiben, da wir principielle Freihändler sind. Reumanu teilt eine Verfügung der niedcröftreichischen Statthalterei mit, der die vom Wiener christlichsocialen Magistrat vollzogene Schließung der Krankenkasse der Schuhmacher aufhebt.(Stür- Mischer Beifall). Danlit schließen die heutigen Verhandlungen. Der Kampf ums Majorat. l3. Vcrhandlungstag. Nachdem Landgerichtsdirektor Leuschner die Sitzung um 0 Uhr eröffnet, nimmt der Erste Staatsanwalt Steinbrecht das Wort zu folgender Bemerkung: Gestern hat die Kommission zur Prüfung der Aehnlichkeitsfrage ihre Untersuchung vorgenommen. Bcdaucr- licherweise haben bereits mehrere Blätter, obgleich die Untersuchung unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, über das angebliche Resultat berichtet, aber in einer Weise, daß nur dasjenige mitgeteilt wurde, was zu Giinsteil der Gräfin spricht, Während alles übrige, was zu ihrem Nachteile ausgelegt werden kann, fortgelassen ist. Ich wiederhole, es ist diese einseitige Wiedergabe bedauerlich, den» die Herren Geschworenen könnten sich dadurch beeinflussen lassen. Selbstverständlich wird das Ergebnis der Untersuchung den Herren Geschworenen unterbreitet werden und sie werden aus eigner Anschauung ein Urteil' zu fällen haben, ich bitte aber die Herren Geschworenen, sich nicht vorher durch derartige Zeitungsnachrichten beeinflussen zu lassen." Der Präsident crmahnt die Geschworenen ebenfalls, sich durch nichts, was von außen an sie herantritt, beeinflussen zu lassen, sondern sich nur ein Urteil auf Grund des in der Verhandlung Gesehenen und Gehörten zu bilden. Justizrat W r o n k e r iveist darauf hin, daß keineswegs die gc- samtc Presse Stellung zu Gunsten der Gräfin genommen habe, es lvürde auch der entgegengesetzte Standpunkt vertreten.— Erster Staatsanwalt: Außerdem will ich bemerken, daß gestern in den Straßen Berlins ein Extra-Blatt unter der Bezeichnung„Lokal- Anzeiger" verbreitet worden ist, worin mitgeteilt worden ist, daß Gräfin Ktvilecki zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wird. Das Ganze ist eine Reklame eines hiesigen Schuhivarengeschäfts. Gegen diesen groben Unfug wird die Staatsanwaltschaft natürlich einschreiten. Justizrat W r o n k e r erklärt hierauf, daß er aus der Fülle des ihm zugehenden Materials noch einige Beweisanträge zu stellen habe. Der Gerichtshof beschließt die Vorladung des einen der vorgeschlagenen Zeugen. Hierauf wird Rechnungsrat Junge als Schreibsachvcrständiger vernommen. Er hat einen' von der verstorbenen alten Andruszewska herrührenden Brief mit dein mehrfach erwähnten Meldezettel der Aunczkowska in Krakau verglichen. Er kommt nach langem Bortrage zu dem Schluß: daß mit einer an Ueberzeugung grenzenden hohen Wahrscheinlichkeit die Schriften identisch sind.— Der Vorsitzende überreicht dem Sachverständigen noch mehrere Briefe, die von der Hedwig Andruszewska als von ihrer Mutter geschrieben, anerkannt werden. Ein Geschworener hält es nicht für ausreichend, daß die Hedwig diese Briefe anerkannt und erachtet es für notwendig, daß auch andre Personen darüber befragt werden, ob die Briefe wirk- lich von der Mutter herrühren. D:e darüber befragten Personen, ein- schließlick der angeklagten Gräfin, haben keinen Ztveifcl daran. Justizrat W r o u k e r beantragt, dem Sachverständigen drei Zettxl vorzulegen, die den Inhalt des Meldezettels in Krakau wieder- geben und seilt Gutachten darüber abzugeben, ob die Handschrift auf den Zetteln mit der Handschrift der Andruszewska Aehnlichkeit hat.— Der Gerichtshof lehnt diesen Antrag als unmotiviert ab. Ter zweite Sachverständige für Handschriftenvergleichung Dr. med. Georg Meher kommt zu dem Schluß, daß nach seiner Ueber- zeugung Meldezettel und Brief von derselben Person herrühren. Mit mathematischer Gewißheit könne man darüber nichts angeben, denn solches sachverständige Gutachten beruhe auf Erfahrung und jede Erfahrung sei Stückwerk. Hierauf wird Professor Dr. Brückner, Professor der slavischen Sprachen an der Universität Berlin über die Frage vernommen, ob dem Namen„v. ThomaszewSki" das Wappen„Boncza" zugehört. Er bejaht dies. Bekanntlich trug die alte Andruszewska den Ge- burtsnamcn„v. Thomaszcwski" und die Anklage behauptete, daß der angeklagte Graf Kwilecli es gewesen sei, der die alte Andruszewska darauf hingewiesen habe, daß sie das Wappen„Boncza" führe und sich doch in Krakau B o n c z k o iv s k a nennen solle. Der Sachver- ständige setzt auseinander, daß dies ziemlich unwahrscheinlich sei. Professor Dr. Brückner macht u. a. darauf aufmerksam, daß der auf dem Meldezettel enthaltene Name„Emila Bnnczkowska" nach zwei Richtungen hin anfechtbar erscheine. Der Vorname„Emila sei fehlerhaft. Das würde etwa so sein, als wenn im Deutschen eine Frau, die„Emilie" heißt, sich als„Emile" eintragen würde. Ebenso fehlerhaft sei der Name Bnnczkowska. Einen solchen Namen gebe es überhaupt nicht. Mau habe nun gesagt, daß hier wohl nur ein orthographischer Fehler unterlaufen sei und der Name in Wahrheit „Bonczkoivska" heißen solle. Dies sei aber ebenso ein Märchen, wie die behauptete Beteiligung des angeklagten Grafen an dieser Namens- gebung auf Grund des Wappens„Boncza".— Staatsanwalt Dr. Müller bittet den Sachverständigen, derartige Ausführungen zn unterlassen und sich darauf zu beschränken, ob zu dem Namen von Thomaszcwski das Wappen„Boncza" gehört. Der Sachverständige bejaht dies zwar, bestreitet aber, daß ein Mann, wie der angeklagte Graf ans Grund des Wappens Boncza die Anweisung geben könnte, sich„Bonczkoivska" zn nennen. Das wäre ebenso, als ob jemand, der ein Roß im Wappen führt, sich„Roser" nennen würde.— Staatsanwalt Dr. Müller: Ihm genüge es, daß die Z u gehörig- keit des Wappens Boncza zu dem Namen v. Thomaszewski zugegeben wird. Ilebrigens habe ja der Polizeirat S!v o l l i c e bekundet, daß er auch ans dem Meldezettel„Bonczlowska" und nicht„Buiiczkowska" lese.— Rechtsanwalt Chodziesner: Dann bitte ich doch, den Reg.- Rat Brandt auch darüber zu hören, daß thasiächlich ein„n" und nicht ein„o" im Namen steht.— Staatsanwalt Dr. Müller: Das wird nicht bestritten: ich lese auch„Bnnczkowska". Dcr Zeuge Agent Max Andriiszewski, der Sohn der verstorbenen Frau Andruszewska, bekundet auf Befragen dcr Verteidiger, daß er gehört habe, seine Schwester Hedwig habe gelegentlich eines Aufent- Halts in Posen, wo sie ISdll M. geerbt habe, viele Geschenke, besonders an Soldaten gemacht. Daß sie sich auch einen Revolver angeschafft habe, weiß der Zeuge nicht. Das ganze Geld sei in 6 Monaten alle gewesen. Rechtsanwalt ChodzieSner richtet an den Grafen Hcclor noch einmal die Frage, wie viel er wohl im ganzen für diese Sache geopfert habe. Als der Zeuge erklärt, „etwa 7 bis 800(1 Mark". fragt der Verteidiger, ob E a s p a r i Roth-Roffi nicht allein L000 M. erhalten habe. Graf Hector erwidert, das sei nur für den Civilprozeß gewesen. Vcrt.: Sie sollen selbst einer andren Person gegenüber geäußert haben:„Die Geschichte kostet mich schon gegen 50 000 Mark."— Zeuge: Ich wüßte nicht, wie ich dergleichen hätte sagen können.— Es folgen dann einige Zeugen, welche sich über den Leumund des Zeugen Hechelski äußern sollen. Darunter befindet sich auch der Privat-Baumeister Mankictoicz aus Warschan, dcr seiner wenig günstigen Kennzeichnung des Hcchclski hinzufügt, daß dieser ans dem Korridor des Gcrichtsgebäudes an ihn herangetreten sei und zu ihm gesagt habe'„Wenn Sie etwas II n g ü n st i g e s über mich aussagen, packe ich auch über Sie etwas ausl" Dcr Zeuge Hechelski muß zugeben, diese Aens-erung gethan zu haben. Verteidiger Justizrat Wronker: Dann will ich nur darauf hin- Iveisen, daß Hechclsli gegen das ausdrückliche Verbot des Präsidenten gehandelt hat. Es ist den Zeugen dringend ans Herz gelegt worden, nicht miteinander zu sprechen. Nach kurzer Pause wird über die Geschäftslage verhandelt. Eerichtsarzt Dr. S t ö r m e r erklärt auf Befragen, daß die Sach- verständigen mit ihrem Gutachten über die Aehnlichkeitsfrage noch nicht fertig seien und erst Sonnabend in der Lage iväre», Bericht zu erstatten. Der Vorsitzende schlägt vor, am nächsten Sonnabend wenigstens ein paar Stunden zu verhandeln. Nunmehr wird allseitig auf eine ganze Reihe von Zeugen vor- zichtet. Dcr alsdann als Zeuge aufgerufene Propst Jastulsti in Wronke erklärt, daß er über Dinge, die in das Gebiet des Bcichtgcheimnisies fallen, sowie über Sachen, die er bei Gelegenheit der Ausübung der Seelsorge erfahren, die Aussage v e r- weigere.— Rechtsanwalt Dr. v. R h ch l o w s k i: Herr Prälat, Sie kennen wohl die Frau Gräfin schon lange?— Zeuge: Seit 1836 als ihr Ortspfarrer.— Bert.: Haben Sic die Bekannt- chaft bis in die letzte Zeit hinein gepflegt, bis zur Perhaftung der Frau Gräfin, oder haben Sie die Bekanntschaft abgebrochen?— Zeuge: Nein!— Vcrt.: Haben Sie einmal gesprächsweise in Gesellschaft geäußert, daß Sie die Frau Gräfin für unschuldig halten?— Tie Staatsanwaltschaft erhebt Einspruch gegen diese Frage, da sie auf ein Urteil hinauslaufe.— Verl.: Nein, ich wünsche Auskunft über die T h a t s a ch c. ob der Herr Propst nicht seine Ueberzeugung dahin ausgedrückt hat. daß die Gräsin unschuldig sei?— Zeuge: Jawohl, ich habe diese Ansicht gehabt.— Rechtsanwalt v. R tz ch l o w s k i: Hat dcr Herr Zeuge nicht noch im Sommer dieses Jahres bei Gesvrächen denselben Staudpunkt eingenommen, daß der Knabe ihr richtiger Sohn sei?— Zeuge: Das ist meine A n s i ch t.— Vcrt.: Hat nicht dcr Herr Prälat auch einen Brief an die Frau Gräfin hier ins Untersuchungsgefängnis gerichtet und sie getröstet?— Zeuge: Das ist richtig, ich habe die Hoffnung ausgesprochen, daß Gott ihr Beistand und Gnade erweisen und ihre Unschuld an den Tag bringen werde.— Staatsanwalt Dr. Müller: Hat der Herr Zeuge nicht einmal in einem andern Briefe sich in andrem Sinne geäußert?— Dcr Zeuge glaubt es nicht, will aber die Möglichkeit nicht bestteiten.— Rechtsanwalt v. Rychlowski: Ist dem Herrn Propst die Hedwig Andruszewska näher bekannt?— Zeuge: Nein.— Rechtsanwalt Chodziesner: Hat dem Zeugen nicht der Graf Hektar Kwilecki Vcrdachtsgründe gegen die Gräfin geäußert?— Zeuge: Ja, es war bei Gelegenheit eines Diners.— Bert.: Das hat Sie aber in Ihrer Ansicht, daß die Gräfin die Mutter des streitigen Knaben sei. nicht beeinflußt?— Zeuge: Nein, denn mir hatte seiner Zeit eine Dame als ganz bestimmt die Versicherung abgegeben, daß die Frau Gräfin in diesen Umständen gewesen ist.— Rechtsanwalt Dr. E g c r: Kennt der Herr Zeuge die Angeklagte Ossowska?— Zeuge: Ja. auS der Beichte, ich habe aber wenig mit ihr gesprochen.— Rechtsanwalt Sborowski: Kennt der Herr Zeuge die zwei letzten Angctlagten Kuvska und Chwiatkowska?— Zeuge: Ja, beide sind ehrliche und arbeitsame Frauen. Der Propst H e n n i g aus Z i r k e bestätigt auf Befragen, daß ihm die Ossowska gelegentlich einmal Mitteilung über eine früher einmal von ihr ausgeführte Kindesunterschiebung gemacht und dabei gesagt habe: so etwas mache sich sehr leicht. Nachdem noch mehrere Zeugen bekundet, daß die Augeklagte Ossowska seiner Zeit davon gesprochen, daß sie aufs Schloß gehe, um die Gräfin zu massieren(die Ossowska bestteitet dies), wird die Perhandlung um 1 Uhr auf Freitag 9'/, Uhr vertagt. Sociales. Die deutsche Socialreform marschiert. Auf Wunsch der Fischräuchereien hatte der preußische Haildelsminister von den Regierungen Berichte eingefordert, mit deren Hilfe Ausnahmen von den Vorschriften über die Arbeitszeit der Arbeiterinnen für diese Betriebe erreicht werden sollten. Jetzt macht der Handelsminister bekannt, daß der Reichskanzler von den Berichten Kenntnis genommen, aber keinen Anlaß gefunden habe, ans die Wünsche dcr Fischräuchereien einzugehen. Durch Bekanntmachung des Bundesrats vom 8. Dezember 1893 ist den Spinnereien nachgelassen, an Sonnabenden und den Nor- abenden von Festtagen die für jugendliche Arbeiter durch die Gewerbe- ordnung vorgeschriebenen Nachmittagspansen wegfallen zu lassen. Diese Bekanntmachung ist gültig bis zum 31. Dezember dieses Jahres. Wie jetzt der preußische Handelsminijter mitteilt, wird die Bekannt- machung nicht wieder erneuert werden. Vom Gcsindc-Unrccht. Nach Z 168 der Gesinde-Ordnung vom 8. November 1810 kann die„Herrschaft", wenn sie ein vorzeitig ohne gesetzlichen Grund aus dem Dienst gettetenes Gesinde sich nicht wieder zwangsweise zuführen lassen will, ein andres an seine Stelle mieten und„der ausgetretene Dienstbote ist nicht allein schuldig, die dadurch der- ursachten Mehrkosten zn erstatten, sondern verfallt überdies in eine Strafe, die nach Maßgabe des Grades der Verschuldung au' 2 bis 10 Thaler oder bei Unvermögen auf verhältnismäßige- Gefängnis(Haft) festzusetzen ist". Das Dienstmädchen Koner: aus Magdeburg war wegen Vergehens gegen diese Bc- stimmung angellagt worden, weil sie ihren Dienst ohm Jnnehaltung der ausbedungenen sechswöchentlichen Kündigungsfrist verlassen hatte. Das Landgericht als Berufungsinstanz st e l l t e jedoch das Verfahren mit folgender Begründung ein: Zweifellos liege eine gesindepolizeiliche Uebertretung vor, aber sie wäre strafrechtlich nicht aus§ 168 der Gesinde- Ordnung, sondern nur aus§ l des Gesetzes vom 24. April 1854 zu ahnden. ES könne dahingestellt bleiben, ob dieses„Gesetz, be- treffend die Verletz ungdn der Dienstpflichten des Gesindes und der ländlichen Arbeiter" den 8 168 dcr Gesinde-Ordnung direkt aufgehoben habe: ans jeden Fall sei aber§ 163 durch den§ 1 des Gesetzes von 1854 in strafrechtlicher Bc- Ziehung modifiziert worden. DaS Gesetz von 1854 habe die Sttasvorschristen für Dienstvergehen ans einen weiteren Kreis von Personen ausdehnen wollen, deshalb bedrohe§ 1 des Gesetzes nicht bloß die Verletzungen der Dienstpflichten des gewöhnlichen Gesindes mit Strafen, sondern auch von Schifferkncchten, landwirtschaftlichen Arbeitern-c. Und er treffe nicht bloß das direkte Verlassen des Dienstes, sondern auch schon„hartnäckigen Ungehorsam" und„Wider- spenstigkeit". Ferner habe das Gesetz den damals neuen Grundsatz aufgenommen und auch auf das Gesinde ausdehnen wollen, daß bei gewissen Vergehen eine Strafverfolgung nur auf Antrag eintreten solle. Bei gesindepolizeilichen Uebertretungen komme strafrechtlick) nur noch Z 1 des Gesetzes vom 24. April 1854 zur Anwendung und die entsprechenden Straf bestimniungen der Gesinde-Ordmmgcn kämen daneben nicht mehr strafrechtlich in Betracht, also auch nicht 8 168 der Gesinde- Ordnung vom 8. Noveniber 1810. Das Gesetz von 1854 mache nun aber die Strafverfolgung von einem Strafantrag der Herr- s ch a f t abhängig, der innerhalb 14 Tagen seit der Uebertretung gestellt werden müsse.(Die Gesinde-Ordnung schreibe einen Straf- antrag nicht vor.) Bei dcr ausschließlichen Anwendbarkeit des 8 1 des Gesetzes von 1834 müsse hier aber mangels eines der- arsigen Strafäntragcs das Verfahren eingestellt werden. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein und gab sich große Mühe, aus den Motivot zum Gesetz von 1854 nachzuweisen, daß dadurch 8 168 der Gesinde-Ordnung selbst in strafrechtlicher Hinsicht nicht berührt worden sei. DaS Kammergericht verwarf indessen die staatSanwaltliche Revision und führte begründend aus: ES sei ja richtig, daß die Ge- sindc-Ordnung sich aus eine» andren Kreis von Personen beziehe, als das genannte Gesetz. Das Gesetz von 1854 umfasse einen weiteren Kreis, aber es umfasse den dcr Gesinde-Ordnung mit. Wenn mm die Motive zum Gesetz von 1854 die strengere Strafe im 8 163 der Gesinde-Ordnung erwähnen, so nehme das Kammergericht im Gegensatz z'n r Staatsanwaltschaft an, daß dort ge- meint sei, der 8 168 dcr Gesinde-Ordnung habe allerdings die strengere Höchststrafe von 30 M. im Auge, es sei aber jetzt bei Schaffung des neuen, das Gesinde mit umfassenden Strafgesetzes von 1854 die Herabsetzung auf eine Höchststrafe von 15 M. geboten. Mit dem Landgericht sei anzunehmen, daß nur 8 1 des Gesetzes von 1854 zur Anwendung kommen könne und hier jede strafrechtliche Verfolgung der Angeklagten mangels eines rechtzeitigen Straf- antrages ausgeschlossen sei. Witterungsübcrsicht vom IL. November 1903. morgens 8 Uhr Wetter-Prognose für Freitag, den 13. November 1903. Ein wenig wärmer, vorherrschend wolkig mit leichten Regcnsällen und mäßigen nordwestlichen Winden. � Berliner Welle rbureau. 'rotiLS-.A.MelirS. Allen Kollegen, Freunden und Bekannten hiermit zur Nachricht, daß unser lieber Kollege und Mit- arbeitet, dcr Steindrucker 3172b Alfred Darsow am Montag, den 9. d. Mts. im Alter von 23 Jahren plötzlich durch einen schrecklichen Tod aus unsrcr Mitte gerissen worden ist. Wir verlieren in ihm einen treuen und opferwilligen Kollegen, dcr auch in ernsten Sachen stets brav seine Pflicht gethan hat. Ehre seinem'Andenken! vis KoMcgen und Mitarbeiter der Firma W. Hagelberg Act.-Ges. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 15, d, Mts,, nachmittags 3 Uhr von ver Leichen- halle des DrcisaltigkeitS-Kirchhofs in Mattendorf aus statt. Um rege Teilnahme wird ge- beten. Danksagung. Für die zahlreichen Beweise herz- licher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unsres guten VaterS jage ich meinen herzlichsten Dank. üVlt«'« Wachtcp nebst Angehörigen. HF* Koh-Tabak._ Demplincrftr. 3 « JXaUetlt n. d. Schwedterstraße. Neilei'-Kzilkslii'ei'vel'eis BeHin". Sonntagmittag 2 Uhr: Victoria- Park(Äreuzberg» nach Wilmersdorr, Witte» Volkwffarten, Berlinerstr. 40. Bilsttag,»cnlS.b., mittags i llhr: Teinpelhofer Feld(Steuer Haus» nach Veltotv-Sleetaof bei Belins;. 18/3 NB Dienstag, den 17. d. M.: Versammlung im BOhmiHchen Brauhaus, Landsberger Einladung zur ordeiitlielieiiGeneralifersaiiiiiiliing der 6rts-Krankenkasse der Tabakfakrik- Arbeiter zu Berlin am Montag, den 23. November 1903, abends 81/. Uhr, im Lokale des Herrn Gastwirt Falnd, Weinstr. 11. Tages-Ordnung:� 1. Neuwahl für zwei laut Statut ausscheidende Vorstandsmitglieder. 2. Wahl eines Allsschusses zur Prüsung der Rechnung des lausenden Jahres. 3, Verschiedenes. 978/9 Berlin, den 11. November 1903. 9er Vorstand der/z Uhr. nzz glliZLö eelieiimiiZ. Lustspiel in 3 Alten v. Pierre Wulff. Deutsch von May Schönau. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Soiintngnachni.3 Uhr: Wtiteracdlat. Seile-JUliance-fheater. In Vertretung. Ein sotdalenschwank in 3 Zllten von Heinz Gordon. Morgen und solgende Tage: In Bcrtrctung. Sonntagnachmittag 3 Uhr zu halben Preisen: Doktor Wespe. Ijelilseh-Sliiei'ikaMLhez sheatel' 67/68 Köpnickersie. 67/68. Jeden Abend Anfang 8 Uhr: Gastspiel.Advir Philipp. Nrbtt'iigrHcllTeilh Heitere Bilder mit Gesang auS dem Leben derDeulsch-Amerikancr in ö Abt. von' Adols Phllipv. Lasino Lothringcrstr. 37. Ans. 8, Sonnt. 7>/,. 8 Uhr: Kerl. Nachtasyl. S'l, Uhr: Verch- WoXIT. Gastspiel Kapit. Marlens. s'/- uhr- Wki jUingebusch. Sonntagnachm. 4 Uhr: Elternlos. Apollo-Theater. Zum 38. Male: Frühlingsluft. 3. Akt: Blütenhochzeit. Ballett von Louis Gundlach. Femer: Glttnzende Spccialitliten. Mim. Cehr.Wi. lMadeaps, Tbe Bucefats.»« Kosmogrnph. Anfacg 8 Ukr. Schiller-Theater. 8cbillcr- Theater O. (Wallner-Theatcr). Freitagabend 8 Uhr: Wilhelm Teil. Schauspiel in ö Slusz. v. Fr. Schiller. Sonnabendabend 8 Uhr: I-iehelel. Hieraus: lilttcratnr. San n tagnach mittag 3 U h r: Her Pfarrer vvn li/lrehkeld. Sonntagabend 8 Uhr: Im weissen Iliissl. Schiller-Theater X. (Fricdrich-Wilhelmstädtischcs Theater). Freitagabend 8 U h r: Hedda Gahler. Schauspiel in 4 Auszügen von Henrik Ibsen. Deutsch von M. v. Lorch. Sonnabendabend 8 U h r: vle Dhre. S o Ii ii t a g ii a ch m i t t a g 3 U H r: Itahaie und Liehe. Sonntagabend 8 Uhr: Hedda Gahler. Cirktts Schumann. Heute, Freitag, den 13. November, abends T"/« Uhr: Zum Beste» der durch das Hochwasser in Schlesien geschädigten Bewohner: Cr.MMligkeit8-Vor8tellung Ter Reinertrag wird an das hierfür gebildete nnt. d. Protektorat Sr. tais. u. kgl. Höh. d. Kronprinzen stehenden Reichskomitec abgeliefert werden. Passevarionts ungüllig.— Preise der Plätte wie gewöhnlich. Urania. Taubenstrasse 48/49. Um 8 Uhr im Theater: An den Seen Ober-italiens. 8 Uhr im Hörsaal: Dr. G. UTass:„Der Urstoff des Diamanten." Sternwarte Invalidenstrasse 57/62. CASTANS PANOPTICUM Friodriolistr. 1G5. Indianer-Eiese ZH«! miank» Karoo Die zusammeu/z Uhr: Nur noch kurzes Auftreten der Miss Ciaire Heliol, Löwenbraut. Paul Miindners 8 tÄÄ.u' Direktor Bosch: NglllifßSSlifE!!. 2 Pcrscrhengste. Klefanten- Tahlcau: 12 Elcsante», 3 Zebras, 50 Pferde. Der Elefant als Ehaulfeur. Eine Hirschsagd, geritten mit 20 Voll- und Halbblutpserden. Serlinsr Mlerfrsutien Humorist. Manege-Schaustück. Clowns Vlhanc&, Balc mit ihrer urkomischen Dogge. Die unübertrefflichen psLtöllm!, HölljgLwtt'Kasjllo. Holzmarltstr. 72, Ecke Alexaiiderstr. Täglich: Bas glänz. November- Programm mit Pranz Sobnnskl. Des kolossalen Erfolges wegen nod) einige Tage: Llo ist die Brille? Nach der Vorstellung: Miitw., Sonnab., Sonnt.: Tanz. Kattbuscr Thor— Siat. der Hochbahn. Sonntag, Montag und Donnerstag: Huffmann» Uoriltetsche Sauger. Nach jeder Soiree: Tanzkränzchen. Jeden Dienstag: Theater-Abend. Keieli$ lialien Stcttincr Sänger. Dr. Schünefnann Spccialarzt für Haut-, Harn- und Franenleidc», 8«xdcl»tr. S. /zK»-'/,».'/iO— VaS.Sumit.O-ll Ukrcin focidroriiiiikr. Gast- tt.S'dj«iiIii»itt( Berlins und Umgegend. Heute, Freitag, den 13. November, nachm. 5'/, Uhr, beim Kollegen Wllkc, Brunnenstr. 188: GW" Versammlung.-WD Tag es-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Vereins- aiigclcgenhcileii und cuciit. Beratung über ünsre Weihnächtsbescherung. Iix- Die Mitglieder werden ganz besonders aus§ 4 unsres Statuts aujmerksam gemacht. 70/4 B«r Vorstami. I. A.: Ferdinand Ewald. Konsumgenossenschaft von Adlershof u. Umg. (CS. 0). tu. b. H.) Sonnabend, den 28. November li»t)3. abends 8'/., Uhr, in Arthur Laus„Gesellschaftsbaus". Adlershof, Bismarckstr. 10: General-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. GCschästsbericht des Vorstandes für das Geschäjtsjahr 4903. 2. Bericht des Alifsichtsratcs. 132/18 8. Genehmigung der Bilanz und Entlastung des Vorstandes. 4. Verteilung des Reingewinnes. 5. Neuwahl und Ergäiizungswahlcn des AussichtsrateS und Vorstandes.� 6. Antrag der Verwaltung betreffend Erwerbung eines zweiten Gcschästs- Anteiles der Großeinkaufs- Gesellschaft Deutscher Konsumvereine in Hamburg. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Ueruianu Uildchraad. Wilhelm Kohl. August ftjüske. Montag, den 16. November, abends S1/- Uhr, Englischer Kol', Neue Noslstr. 3. Dienstag, den 17. Nov., abends S'l, Uhr, Engl. Garten, Alexanderstr. 27 c. Verband der Sattler. Orts Verwaltung Berlin. Bureau: GewerkschaftshauS, Engel-Ufer 15, Zimmer 28. gemstw.: Amt VH Nr. 1959. Kranchen Uersammlnugeu. Gkschirr-Kraltthe: Treibrirmen-Kranfhe: Achtimg! Tascheu- und Koffer-Sranche. Achtung! Dienstag, den 17. November 1»V3. abends S'l, Uhr, im Gewcrk- schaftshansc, Engel-Ufer 15, Saal 7: Die Lohnbewegung deo Musterkoffer-Arbeiter. Achtung! Militär-Branche. Achtung! Sonnabend, de» 11. November iav3, im Gewerkschaftshausc. Engel-Ufer 15. Saal 7- Wahl des zweiten Obmanns. Vortrag über: „Arbeitszeit und Arbeitslohn." Die Freiburger Militärarbeit. Achtung! Fmolenmleger und Teppichuüher. Achtung! Montag, den 16. November li>63. abends S'l, Uhr, bei Ladewig, Koiiunandanteilstrahe 65: Wahl eines ersten Obmanns. Unser Arbeits- Nachweis. Maai'N'NrgNtZkl'' Donnerstag, den 1». Nov.. abends 8'/, Uhr, �INgkN'praNNjr. bei Augnstln, Lindenstr. 69. eisknM!>bkl.Kninchk: SSÄÄ JSÄÄ. W"' $'f htioil(f Ijurluitf llbui'3 1 M E5Bör»�e"charlottenljürg, Wal� Wir richten an die Kollege» und Kollcginiicn das dringende Ersuchen, diese Branchen-Versamiiilungcu zahlreich und pünktlich zu besuche». 158/7 Bi« Brt«vcmaltnng, I Sonntag, den 15. November, vormittags 11 Uhr: AKZerortartMe(taml-Versaftmbng in« Gewerkschaftshausc, Engel-Ufer 15. Tages-Ordnung: 1. VorstandSbcricht- 2. tüaffenbericht. Bericht der Revisorcii. 3. Beschluftfassnng über die Verwendung des Vereins» Vermögens und der Utensilien. 4. Verschiedenes. 33/19 Der Vorntand. Verein der Bretterträger sowie Brettsehneider Herlins und Eingcgcnd. Sonntag, den 15. November, vormittags 10 Uhr: jitisserordentlieheteral-Versainmlnng im Kilnigstadt-Kasino, Holzmarktstr. 72. T a g c S- O r d n u n g: t- Bericht der Kommission über die EiniguiigS» versuche mit dem Hamburger Hasciiarbeitcr-Bcrband. 2. VercinSaiigelcgen- heiten und Verschiedenes. � � 19/15 Die Versammlung lviid pünktlich eröffnet. Es ist Pflicht eines jeden Kollege», in dieser GeNeral-Versammluiig zu erscheinen. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Borstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute Freitag, abends S'l, Uhr, GewerlschaftShanS, Engel-User 1v: Slt-ung dler Ortsverwaltung, Sonntag, den 15. d. Mts., vorinitt. 10 Uhr, bei Ichöstler. Slromstr. 28: vezelrlTS-Versammlung Für Moabit. TagcS-Ordliung: 1. Vortrag des Kollegen Klingner über..Cenlralisation der Kranken- kassenfl. 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiteii und Verschiedenes. 89/10 Nur neueste Moden. in groster Auswahl Dieser steife, schwarze Hut mitFutter, moderne Form, hlüstkl 4,� M. 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Jeder Rohrer ist verpflichtet, mir durch den Arbeitsnachweis Arbeit anzunehmen. Hlc Hohnkommlsslon. R. S. Ehrenpflicht jedes Rohrers ist eS, nur bei den erstgenannten Firmen zu arbeiten. 292/5» Achtung! Holzarbeiter! In der Möbelfabrik von W. Kümmel, Frankfurter Allee Mr. 117», efinden sich sämtliche Arbeiter alle: Branchen seit dem 13. Oktoberim streit Ztijtig streng feruhnttt»! Die Qrtsverwaltung. Berantwortl. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin. Inseratenteil verantwortlich: Ty. Glocke in Berlin. Druck u. Bcclag: Bor.oäris Suchdrackere! und Berlagsanstalt Paul Singer ch Co., Berlin 3 iV. Nr. 366. 20. Jahrgang. 2. KilU ks„öotrairls" lifrlinet ftlfeiilutt lreitag, 13. Navmber IM. Hua Induftrie und Handel. Der Verband deutscher Fcinblechwalzwerke setzt seinen Kamp� gehen die außenstehenden Werke, die sich ihm nicht anschließen lvollcn� fort. Er hat seine Preise abermals um o M., nämlich auf 118 bezlv 115 M. inklusive Rabatt, herabgesetzt. Gasmotorenfabrit Deutz. Tie heutige Generalversammlung der Gasmotorcnfabrik Deutz genehmigte, wie die„kölnische Voltszeitung" meldet, folgende Anträge der Verwaltung einstimmig: Zur voll- ständigen Durchführung deS Beschlusses der Hauptversammlung vom 7. Dezember 1899 werden die restlichen 1 008 000 M. Aktien mit Dividendenberechtigung ab 1. Juli 1903 ausgegeben, das Grund- kapital wird dann um weitere 3 360 000 Di. durch Ausgabe neuer Aktien mit Dividende ab 1. Juli 1903 erhöht. Das Angebot des Schaaffhausenschey Bankvereins wird angenommen. Dieser über- nimmt 4 368 000 M. neuer Aktien zu 120 Proz. und bietet sie den alten Aktionären zu 125 Proz. an. Auf 3600 M. alte Aktien kann eine neue zu 1200 M. bezogen werden. Zur Erneuerung des�Kohlcnfyndikatö. Der Widerstand der bis her noch außerhalb des Syndikatsverbandes stehenden Zechen gegen den Anschluß wird immer schwächer. Nachdem in letzter Zeit mehrere große Hüttenzechen ihren Beitritt erklärt haben, kann, wie die„Köln. Ztg." meldet, nun auch der Anschluß der Haniclschen Zechen als gc- sichert gelten. Die Znckerstcuer hat im September einen unerwartet hohen Be- trag erbracht. Bis zum Ende August belief sich der Steuercrtrag auf 43,6 Millionen Mark. Mit dem 1. September, dem Tage des In- krafttretcns der internationalen Zuckcrkonvcntioir, kamen die er- mäßigten Steuersätze zur Geltung. Trotzdem hat nun im September die Zuckerstcuer nicht weniger als 9,9 Millionen Mark oder 2 Mill. Mark mehr als im gleichen Monat des Vorjahres an Jsteinnahme ergeben, so daß die Gesamte innahmc aus dieser Steuer für das erste Halbjahr des laufenden Etatsjahres 53,5 Millionen Mark ausmachte. Die Zuckersteuer ist im Etat 1903 schon in Rücksicht auf die für den 1. September zu erwartenden Aenderungen gegenüber dem Etat für 1902 um 16 Millionen Mark niedriger und zwar auf 93,6 Millionen Mark bemessen worden. Ter erste Monat, der in die Zeit der neuen Besteuerung fiel, hat demgemäß mehr erbracht, als für den Durch schnitt im Etat erwartet worden ist. Ter zollfreie Veredelungsverkehr ist bekanntlich zwar rcichsgesctz lich geregelt, aber seine praktische Anwendung leidet vielfach unter der Willkür der bundesstaatlichcn Behörden, die seine Ausführung überwachen und im einzelnen die Bestimmungen höchst ungleichmäßig handhaben. Auf diese Mißstände ist bei den Zolldebatten im Reichstage nachdrücklichst hingewiesen worden, aber gefruchtet bat auch dies nicht. Jetzt hat sich die Kommission des Deutschen Handels- t a g e s für Steuern, Zölle und Außenhandel auf Antrag der Ärcfelder Handelskammer erneut mit der Angelegenheit beschäftigt und am 4. November beschlossen, der Vollversammlung des Handels- tages die Abgabe folgender Erklärung zu empfehlen:„Von der großen Bedeutung des zollfreien autonomen Veredelungsverkehrs überzeugt, beklagt der Deutsche Handelstag die Schädigungen, welche die ungleichmäßige Handhabung der Bewilligung dieses Verkehrs durch die einzelnen Bundesstaaten für Industrie und Handel des Deutschen Reiches herbeiführt. Er erklärt es deshalb für dringend erforderlich, daß das Recht der Gewährung dieses Verkehrs gesetzlich einer Reichs- behestdc überwiesen wird, und setzt hierbei voraus, daß deren Ent- scheidungcn auf Grund einer angemessenen Würdigung der in den verschiedenen Teilen des Reiches vorhandenen Interessen und mit der ipotivendigcn Schnelligkeit erfolgen." Ter Beschluß zu Gunsten dieser Erklärung erfolgte mit allen gegen die drei sächsischen Stimmen der Kommission. Amerikanische Maisernte. Das Ackerbaubureau gicbt das Durch- schnittsergebnis der diesjährigen Maisernte am 1. d. M. auf 25,8 Bushels per Acre an gegen 26,8 am 1. Novmeber 1902. Auf Grund dieser Angaben schätzt der Statistiker der New Dorker Börse, Brown, den Ertrag auf 2 313 000 000 Bushels gegen 2 523 648 000 Bushels endgültiger Ernte im Vorjahre. Von der alten Ernte be- finden sich noch in den Händen der Fanner 5,2 Proz. gegen 1,9 Proz. am 1. November 1902, also ungefähr 131 229 500 Bushels. zu denen noch etwa 10 350 000 Bushels, die sich in den Händen der Händler befinden, hinzugerechnet werden müssen, so daß der amerikanische Gesamtbestand sich auf etwa 2454,5 Millionen Bushels(1 Bushcl gleich 35.24 Liter) stellt. lokales. Die Gewerbe-Deputation des Magistrats verhandelte am Mittwochabend über eine Beschwerde deS Klemp- uermeisterS Schumann gegen den Vorstand der Klenipnerinnung. Während des letzten Klcmpnerstreiks hatte der Beschwerdeführer am 31. März einen neuen Arbeitsvertrag mit seinen Gesellen vereinbart, der vom I.April ab Geltung haben sollte. Während er so einen friedlichen Ausgleich mit den von ihm beschäftigten Arbeiter herbeigeführt hatte, beschloß die Klempnerinnung am 3. April, also 3 Tage nach der Beilegung de« Streites in der Schumann'schcn Werlstatt, die Forderungen der streikenden Arbeiter strikte abzulehnen, und legte den Jnunngsmitgliedern die Pflicht auf. diesem Beschlüsse gemäß sich in Verhandlungen mit de» Streikenden nicht einzulassen. Herr Schumann aber, welcher sich mit seinen Arbeitern geeinigt hatte, schon bevor die Innung ihren, die Arbeitern abweisenden Beschluß gefaßt hatte, wurde von der Innung mit einer„Ordnungsstrafe" von 20 Mark belegt, der höchsten Strafe, welche die Innung auf Grund ihres Statuts verhängen kann. Meister Schumann wurde ferner, weil er durch Abschluß des neuen Arbeitsvertrages mit seinen Gesellen das„Ansehen und die Ehre der Innung" verletzt haben sollte, von den JnnungSgewaltigen geladen, um sich ob seiner„Frevel- that" zu verantworten. Er leistete dieser Einladung keine Folge und zeigte auch wenig Lust, seinen Arbeitern gegenüber wortbrüchig zu werden. Wegen seines Nichterscheinens vor dem„Jimungstribunal" verdonnerte ihn dieses zu der für solche Fälle wieder höchst zulässigen Strafe in Höhe von 6 Mark, so daß er also für seine sämtliche» „Missethatcn" zusammen 26 Mark Strafgelder an die Innung zahlen sollte, um das„ramponierte Ansehen und die verletzte Ehre" der lieben Innung wieder herzustellen. Gegen diese Strafverhängungen richtete sich nun die Beschlverde des Hern« Schumann. Die Gewerbe-Deputation war einstinunig der Meinung, daß die Innung lein Recht habe. Herrn Schumann wegen seines Verhaltens seinen Gesellen gegenüber in Strafe zu nehmen. Bezüglich der « Mark Strafe wegen Nichtbefolgung der Einladung des Jnmmgs- Vorstandes gingen die Ansichten auseinander. Einige Mitglieder der Dcpntntion hielten diese Strafe für gerechtfertigt, andre wollten sie «ms drei, noch andre auf eine Mark ermäßigen. Die Mehrheit hielt jedoch auch bezüglich dieser Strafe die Beschwerde für gerechtfertigt, und so braucht Herr Schumann somit die ihm von der Innung bezw. von ihrem Borstande zudiktierte Strafe nicht zu berappen. Ein Protest richtet sich gegen die am 20. April erfolgte Wahl zweier Vorstandsmitglieder der Korbmacher-Jnnuiig. Die Depu- ation beschloß, die Wahl des Schriftführers für gültig zu erklären, die de» gewählten Beisitzers aber zu kassieren. Ferner erklärte sich die Deputation damit einverstanden, daß für das Jahr 1004 die Bestimmungen des§ 139 o der Gewerbe- Ordnung über die den Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern in offenen Bcrkaufsstellon-c. zu gelvährende Mindcstruhezeit und Mittagspause für die Blumen- und Kranzgeschäfte an 17, für alle andren Geschäfte nur an 15 Tagen außer Anwendung gesetzt werden sollen; die offenen Verkaufsstellen sollen im allgemeinen an 15 Tagen, für die Spielwarengeschäfte an 22 Tagen bis 10 Uhr abends geöffnet sein dürfen. Aus der Praxis eines Feuerwehr-ArzteS. Der Feuerwehr- manu Dorband, der im August bei einer Uebung auf der Fcuerwehr-Haupllvache in der Lindenstraße abstürzte, ist nach ncunwöchigem Krankenlager aus der Charits entlassen worden und hat nach einigen weiteren Wochen der Ruhe nun seinen Dien st wieder angetreten. Die Behandlung, die dem Verunglückten nach dem Unfall vom F e u e r w e h r a r z t D r. L e u zu teil wurde, ist damals mehrfach von uns erörtert worden. Dorband wurde auf Anordnung dieses Arztes nach vorläufiger Untersuchung in die elterliche Wohnung gebracht und mußte dort bis zum Abend des nächsten Tages auf eine» Besuch des Dr. Leu warten. Am darauffolgenden Tage wurde er dann auf An- Ordnung desselben Dr. Leu»ach der Charits geschafft. Zwölf Tage nach unsrcr ersten Besprechung dieser Einzelheiten schickte uns das Polizeipräsidium eine Zuschrift, in der der Unfall so dar gestellt wurde, daß er als nicht sehr erheblich erschien. Dorband habe„eine Beschädigung des einen Fersenbeines und des einen Schienbeines" erlitten. Die Verbringung in die elterliche Wohnung sei angeordnet worden,„weil, bevor über die Notwenoigreit einer Krankenhausbehandlung entschieden werden konnte, weitere Krankheil erscheinungen abgewartet werden mußten". Die Ucbersührnng in die Charits sei erfolgt,„weil eine Untersuchung mit Röntgenstrahlen notwendig war". Warum es vom Tage des Unfalles bis zum Abend des nächsten Tages dauerte, ehe�Dr. Leu den Verunglückten wieder aufsuchte und nach„weiteren Krankheitserscheinungen" ausschaute, darüber schwieg das Polizeipräsidium. Jenes polizeipräsidiale Schreiben ist seiner Zeit von uns in das richtige Licht gerückt worden. Wie schwer der Unfall war. ergiebt sich jetzt aus der Thatsache, daß der Verunglückte, wie gesagt, neun Wochen in der Charite hat zubringen müssen, daß die Heilung un vollkommen geblieben ist(wofür wir— nebenbei bemerkt— nicht die Aerzte der Charits verantwortlich machen möchten), daß D. noch heute den einen Fuß nicht sicher gebrauchen kann und nur halben Dienst thut. Der Feuerwehrarzt Dr. Leu wird den lebhaften Wunsch haben, daß der Mann auch noch dazu gebracht wird, schließlich wieder vollen Dienst zu thun, damit es vermieden werden kann, den noch ziemlich jungen Dorband im unmittelbaren Anschluß an diese Ver unglückung zu pensionieren. Warten wir» ab. ob es gelingt. In den Kreisen der Fenerwehrnuimischasten dürfte dieser Fall Dorband, der viel besprochen worden ist, noch mehr als bisher den Wunsch rege gemacht haben, daß in den Beziehungen des Feuerwehr arztes zu den Mannschaften manches anders wird, lieber Personen wollen wir schweigen: aber auch das System bedarf sehr der Aendcrnng. Man sollte erwäge», ob nicht gewisse Bestimmungen über das Recht der Mannschaften ans ärztliche Hilfe unhaltbar sind. iveil sie einschüchternd wirken. Wer einen Privatarzt holen läßt, hat ihn selber zu bezahlen, wenn der Feuerwehrarzt hinterher findet, daß die Gefahr„nicht dringend" war. Wer den Feuerwehrarzt „unnötig" ruft, wird bestraft. Kann man es da der Familie des Verunglückten verdenken, daß sie es vorzog, zu warten bis zum nächsten Abend— bis der Herr Fcuerwehrarzt wieder da war? Die Benutzung gemeinsamer Trinkgcfäße und ihre gesundheitlichen Bedenken behandelt ein Artikel der„Deutschen medizinischen Wochen- schrift." Es heißt darin: Der Polizeipräsident von Potsdam hat vor kurzem durch eine besondere Bekanntmachung in Erinnerung gebracht, daß Kinder, die an Diphtherie erkrankt waren, nach ihrem Wiedereintritt in die Schule— mit Rücksicht darauf, daß erfahrungs stcmäß bisweilen Diphtherickeime auch nach der Genesung noch lange nn Munde der Kinder verbleiben,— zur Verhütung der Erpansion der Diphtherie sorstsältig zu überwachen und namentlich von der Benutzung der gemeinsamen Trinkgefäße und anderer Gebrauchsgegcn stände abzuhalten seien. Mit dieser Verordnung ist wieder einmal die Aufmerksamkeit auf die noch ganz allgemein verbreitete, aber hygienisch nicht unbedenkliche Sitte, sämtliche Kinder einer Schulklasse nur aus einem oder wenigen Trinkgefäßcn trinken zu lassen, gelenkt worden. Es könnte doch nicht schwer sein, in den Schnlgcbäudcn Vorkehrung dafür zu treffen, daß das Trinkwasser den Kindern von einer er- wachsenen Person in jedesmal gespülten Gefäßen ausgeschenkt würde, oder, wo dieses nicht angängig, die Kinder— namentlich bemittelter Familien— zum Mitbringen eigner Gefäße anzuhalten. Die sich langsam, aber nnaufhaltsa», durchsetzende Institution der Schulärzte wird ja hoffentlich auch hierin bald Wandel schaffen. Die Unsitte des gemeinsamen Gebrauches schlecht gereinigter Gläser oder Becher findet sich übrigens nicht nur in den Gemcindeschulen. sondern auch in den höheren Staatsanstalten und Privatschulen. Neben manchen andren hygienischen Mißständen enthält sie eine dringliche Mahnung, mit der Aiistellilllg von Schulärzten endlich auch in den staatlichen und Privatschulen vorzugehen. Ilnsrcs Erachten? spielt die Trinkbecher-Frage auch im Eisenbahn verkehr eine bedeutsame Rolle. Mancher Reisende würde auf alkoholische Getränke verzichten, wenn» er auf der Aufenthaltsstation seinen Durst am Brunnen bedeiikensm löschen könnte. Vielleicht, daß die Eiscnbahn-Verwaltnng in der Lage ist. in irgend einer Weise für Abhilfe zu sorgen. Zur Zeit werden z. B. die vielen Reklaineschriftcn, mit denen man die Reisenden beglückt, zumeist achtlos beiseite geworfen. Wie wenn die eine oder andre Firma sich veranlaßt fühlte, es mit Anpreisungen auf papiernen Trinkbechern zu versuchen? Sie wären des Dankes vieler Fahrgäste sicher. Die katholisch- Kirchciigemcinde St. Michael scheint in dem Be streben, die Kirchenkasse zu fülle», zu eigenartigen Mitteln zu greifen. Uns liegt eine Veranlagung zur Kirchensteuer in Höhe von 19,80 Bi. vor. welche ein Parteigenosse erhielt, der nie der katholischen Kirche angehört hat und 1887 auch aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist. Müßte ein solches Vorkommnis bei korrekter Führung der Gemeindelisten schon unmöglich sein, so wird die Sache um so chlimnier, wenn man erfährt, daß der Ungläubige bereits im Vor- jähre in gleicher Weise behelligt worden ist. Wir kamen damals schon in die Lage, dies Verfahren kritisch zu würdigen und möchten heute fragen, wie oft sich beim diese Belästigung noch toiederholen soll? Eine nichtswürdige Reklame bringt eine Schuhwarenfirma in Anwendung, welche gestern in der Königstraße große Reklamezettel verteilen ließ. Die Zettel zeigten den Kopf der Extrablätter deS „Berliner Lokal-Anzeiger" mit einer nur geringfügigen Acnderuiig des Berliner Wappens und Fortlassnug des Buchstaben K in dem Worte Anzeiger. Die geringen Aenderungen wurden natürlich vom Publikum nicht beachtet, welches thatsächlich glaubte, daß es sich um ein Extrablatt des genannten Blattes handelt. In dem Text wurden durch besonders großen Druck die Worte hervorgehoben:„Gräfin K'oilccka verurteilt zu 10 Jahren". Diese Art Reklame verursachte bei dem Publikum natürlich die größte Empörung, umsoinehr als der Name der Gräfin Kwilecka nicht einmal in einem Zusammen- hange mit dem eigentliche» Rellametext sich befand, sondern ganz willkürlich in diese Schundanpreisiing hineingezogen worden war. Zu der SchrcckcnSthat in drr Landsbrrgerstraße, über die wir gestern berichtet haben, wird weiter gemeldet, daß die 32jährige Schriftsetzersfrau Anna Winterstein, die ihre Söhne durch Erhängen getötet hat. noch gestern nach der Charitee geschafft wurde: dort wird sie in der Jrrenabteilung auf ihren geistigen Zustand unter- sucht werden. Schon jetzt besteht nach dem Gutachten der hinzu- gezogenen Polizeiätzte kein Zweifel mehr daran, daß die unglück- liehe Frau vom Wahnsinn ergriffen war. als sie die unselige That verübte. Auch den Eindruck, den sie während der lange» Polizei» liche» Vemehnumgen machte, war der einer geistig nicht znrechmmgs» fähigen Person. Sie blieb völlig apathisch und schien sogar mit einer gewissen GenugHstunig von der Vollendung der That zu sprechen. Als sie kurz vor Beendigung ihres Verhörs noch einmal von dem Kriminalbeamten gefragt wurde, ob sie denn gar keine Reue über den so entsetzlichen Tod ihrer drei Kinder empfinde, erwiderte sie mit ruhiger Stimme:„Warum sollte ich es bereuen? Ich habe doch ein gutes Werk gethan." Dem Ehemann Alexander Winterstein, der sich, wie berichtet, zur Zeit in der Lungenheilstätte in Beelitz aufhält, wurde im Laufe des gestrigen Abends die Trauerkunde in möglichster Schonung mitgeteilt. Die Direktion der Anstalt war von der hiesigen Kriminalpolizei in Kenntnis gesetzt worden. Falls sein Zu- stand es erlaubt, wird Winterstein nach Berlin kommen, um an der Beisetzung seiner Kinder teilzunehmen. Ter Polizeipräsident teilt mit: Nach einer Meldung deS Steuermannes Eduard Scheibe! hat der am 20. Juni 1884 zu Milzig, Kreis Grünberg, geborene Schiffsjunge Otto Tietze am 20. Ollober dieses Jahres, nachmittags um 8 Uhr, den damals unterhalb der Schleuse am Mühlendamm besindlichcn Kahn„Glogau 40" verlassen und wird seitdem vermißt. Tietze ist sehr klein, hat dunkelblonde Haare, hohe Stirn, blonde Augenbrauen, blaue, schielende Augen, Zähne vollständig, kleines Kinn, längliches Gesicht, ist bartlos und hat gesunde Gesichtsfarbe, untersetzte Gestalt, gerade Körperhaltung, spricht deutsch. Er war bekleidet mit schwarzem Hut, dunkelblauer Tnchjacke und Weste, dunkler Hose. Schifferschuhen und karriertem Hemd. Unglücksfall beziehungsweise Verbrechen wird vermutet. Auf jedem Polizeirevier kann Nachricht zu J.-Nr. 7342 IV/30 03. erstattet lverden. Grösicre Unterschlagungen hat sich der Prokurist Paul R o g g'e zu Schulden kommen lassen. Er war seit mehreren Jahren bei dem AuSkunstsbureau für Geschäfts- und Kreditverhältnisse, Inhaber Rudolf N i t s ch a l k, in der Charlottenstraße 32 angestellt und hat bereits seit längerer Zeit eigenartige Manipulationen � betrieben. Da er als Prokurist zu allen Abteilungen deS Geschäfts Zutritt hatte, nahm er ohne Wissen Nitschalks und ohne Auftrag des Kassierers Quittungen und kassierte sie bei Banken und Geschäfts- leuten ein. Das Geld lieferte er aber nicht ab, sondern behielt es für sich und machte sich vergnügte Abende. Da der Inhaber Niischalk aber erst mittags nach dem Geschäfte zu kommen pflegt, so kam Rogge auch nicht viel früher. Obgleich nun Nitschalk wußte, daß sein Prokurist früher schon in seinem Geschäfte Unterschlagungen begangen hatte, behielt er ihn doch in Stellung. In der letzten Zeit bat Rogge wieder größere Beträge einkassiert und für sich behalte», so daß ihn Nitschalk vor die Alternative stellte, ent- weder die unterschlagenen Summen sofort zu decken oder das Geschäft für immer zu verlassen. Rogge wählte das Letztere. Durch die Saumseligkeit Nitschalks und die Untreue des Prokuristen ist das Geschäft empfindlich geschädigt worden. Die Unterschlagungen wurden entdeckt, da der Kassierer die Kunden mahnte, und diese voller Entrüstung zurückschrieben, die Beträge habe der„Prokurist" bereits selbst abgeholt. Die»rihcrrn Untcrsuchniigcn über die angeblichen Gasexplosionen in der Andreasstraße am vergangenen Sonnabend haben ergeben, daß die wirkliche Veranlassung der Explosion nicht auf die Leucht- gasleitung zurückgeführt werden konnte. Die Kabel der Berliner EleltricitätSwerke hatten sich vor dem Hause Andrcasstraße 65 durch Kurzschluß entzündet. Infolge des Kabclbrandes entwickelten sich dann aus der starken Umspinnunas- und JsolationSmasse bedeutende Mengen explosiver Gase inid Dämpfe in Gestalt eines braunen Qualmes. Die brennenden Kabel lagen unmittelbar auf dem sieben Telephonkabel enthaltenden 12 zölligen Rohr der Postverwaltung auf. Die Wand dieses Rohres schmolz durch. Die aus den Kabclumhüllungen sich entwickelnden Dämpfe zogen sich durch die Leitungen und Kabel- kästen, Ivo sie sich entznndelen und Explosionen verursachten. Bereits um 7 Uhr abends ist die StSrnng— der Kurzschluß— auf dem Tclcphonamt bemerkt worden, und erst 20 bis 25 Minuten später traten die Explosionen ein. Aehnliche Explosionen sind hier in Berlin schon mehrfach au der Ecke des Spittelmarktcs nnd der Niederwallstraße, aus der Mtthlendamm-Brücke?c. zu verschiedenen Zeiten beobachtet nnd festgestellt worden. Ein gemütvolles Liebespaar. Durch einen Sturz von der Treppe ist der 22 Jahre alte Steindrucker Alfred Darsow nuS der Wihelm- straße 30/31 tödlich verunglückt. Der junge Mann wurde am Man- tagmorgen um 5 Uhr von seiner Tante, bei der er wohnte, im Hausflur am Fuße der Treppe bewußtlos aufgefunden und starb an den Folgen eines Schädelbruchs im Krankenhaus am Urban. Eine silberne Uhr mit goldener Kette, die vermißt wurde, hat sich wieder- gesunden. Ein Liebespaar, die Fabrikarbeiterin Else Schröder aus demselben Hause und ein Schreiber Hermann Wegener, fand den Verunglückten un, 3 Uhr morgens daliegen, nahm ihm Uhr und Kette weg und ließ ihn h i l f l o S l ic g e n. Die Kriminalpolizei ermittelte das nnd zog die beiden auf dem Polizeipräsidiuni gestern inS Verhör. Zu diesem brachte Wegener Uhr und Kette mit. Cr entschuldigte sich damit, daß er angeheitert gewesen sei und sich dabei nichts gedacht habe. Eine größere BerlehrSstocknng gab cS Donnerstagmittag in der Lindcnstraße. An der Ecke der Junkerstraße sind seit einigen Tagen städtische Gasarbeiter damit beschäftigt, quer über die Lindenstraße hinweg nach der Ritterstraße einen Rohrstrang zu legen. Zu diesem Zweck haben sie nun aus der rechten Straßenseite einen Graben aufgeworfen, der bis zu den Straßenbahngeleisen reicht. Als nun gestern ein vollbeladener Mehlwagen durch den Graben fahren wollte, blieb er mit dem rechten Hinterrad in demselben stecken nnd sperrte dadurch beide Straßenbahngeleise. Alle Bemühungen, de» Wagen wieder herauszubekommen, mißlangen. Es mußten erst die Säcke abgeladen werden, lvas längere Zeit in Anspruch»ahm. Die Straßenbahnwagen wurden während dieser Zeit teils durch die Koch- straße, teils durch die Oranienstratze abgelenkt. Theater. Im Schiller-Theater 0.(Wallncr-Theater) findet am Sonnabciidnachmittag die erste Volksschüler- Vorstellung in diesem Winter statt. Bekanntlich beruhen diese Schülervorstellnngen auf einer Vereinbarung, die zwischen den Stadt- Verwaltungen von Berlin und Charlottenburg und der Direktion des Schiller-TheaterS getroffen worden ist. Die Stadt Berlin wendet das Ergebnis einer Stiftung dazu auf. die Oberklassen der ge- samten Volksschulen(Btädchen und Knaben) an bcstin, inten Tagen ins Schiller-Theater zu führen. In Charlottenburg ist durch Be- schluß der Stadtgemeinde zu gleichem Zweck eine bestimmte Summe bewilligt worden. Aus Berlin kommen ca. 13 000, aus Charlotten- bnrg ca. 2500 Schüler und Schülerinnen in Betracht. Das Schiller- Theater bietet allen diesen Kindern an 12 Nachmittagen in der Zeit vom 14. November bis 23. März eine Vorstellung von Schillers „Jungfrau van Orleans". Zur ersten Bolksschüler-Vox- tcllung am nächsten Sonnabend hat die Schuldcputation Ein- ladungcn an die städtischen Behörden ergehen laffcn.— „Der Richter von Z a l a rn e a", Schauspiel in fünf Aufzügen von Calderon de la Barca, übersetzt von S. D. Gries, welches heute Freitag im L u i s e n- T h e a t c r erstmalig in Scene geht, ist in den Hauptrollen mit den Damen Tony Sylva, Eva Bottsiein, Margarete Schmidt und den Herren Wilhelm Ruff. Willi Kruszynski. Hermann Bartels, Georg Wald und Arthur Toussaint besetzt.— Central-Theater. Heute Freitag wird die beliebte Operette„Madame Sherry" als Abonnement-Vorstellung ge- geben. Frl. Weiß als Gast singt die. C o r a l i e". Die andren Rollen sind mit den Damen Mia Werber, I o se p h i n e Vettori, Fritzi Siedcr und den Herren Martin Klein. Rudolf Ander, Emil Albes und H ans Horsten besetzt Morgen Sonnabend findet das erste Gastspiel des früheren könig- lichcn Operndirektors Ferdinand ü. S t r a n tz als„Hans Styx"in„OrphenS in der Unterwelt" statt. Beginn der Vorstellung TVa U h r. Trcptow-Stcrinvarte. Ta sich ans der Sonne wieder graste Flecken gr Uppen m i t F a ck e I u gebildet haben, die jetzt täglich den Besuchern den T r e p t o lv- S t c r n iv a r t e gezeigt werden, spricht Direktor A r ch e n h o l d Sonntag den 15., nachmittags 5 Uhr über den„Zusammenhang von Sonnenflecken, Erdströmen und Nordlichtern", abends 7 Uhr über„das Geheimnis des Welten- baueS". Mit dein grasten Fernrohr lverden auster dm Sonnenflecken die beiden Planeten Jupiter, Saturn und ans Wunsch der n e u e veränderliche Stern im Schwan gezeigt. Zur Beobachtung der November-Stcrnschuppcn bleibt das Institut bei klarem Wetter vom 14.-16. November bis abends 11 Uhr geöffnet. Wer sich am Photographicren der Sternschuppen beteiligen will, wende sich an die Direktion. Huq ckn Nachbarorten. Ciitcu Ncinfall erlebten noch vor der Wahl von Wahlmännern zur Abgeordnetcnwahl die Potsdamer Liberalen Engen Richterscher Richtung. Die„Potsdamer Korrespondenz" schreibt: Obgleich absolut leine Aussicht auf nur irgend einen Achtungserfolg in Potsdam vor- Händen ist, wurde von einigen Parteifanatikern doch der Reichstags- Abgeordnete Dr. Mugdan(Berlin) als Kandidat aufgestellt. Nachdem dies geschehen war, stellte es sich aber heraus,'dast man in den einzelnen Wahlbezirken keine geeigneten Männer hatte, welche als Wahlmannskandidatcn aufgestellt lverden konnten. Man wnstte sich aber zu helfen und publizierte eine lange Liste von liberalen Wahl- mannskandidaten, darunter Personen, die als konservativ oder social- demokratisch bekannt waren. Der hinkende Bote kam alsbald nach, denn nicht weniger lvic 17 dieser aufgestellten angeblichen liberalen Wahlmannskandidaten haben in öffentlichen Bekanntmachungen er- Ilärt, dast ihre Namen imbcrechtigt genannt wurden. Dast sich durch diese Geschichte die Anhänger des Eugen Nichterschen Freisinns in Potsdam um den letzten Rest ihres einstigen Ansehens bringen, ist klar. Johannisthal. Zum Kapitel der unpolitischen Kriegerbereins- Agitation dürfte folgendes einen interessanten Beitrag liefern: Sorgen da seit langem ungestört und friedlich zlvei Barbiere im Ort für die Verschönerung des äußeren Menschen. Doch erstreckt sich ihre Fürsorge auch auf den geistigen Gehalt des lieben Nachbarn, indem beide das Organ der staatSerhaltendcn Parteien, den„Berliner Lokal-Anzeigcr", und auch das Organ der Umstürzler, den„Bor- wärtS", der eine auch noch das„Teltower Kreisblatt" den Kunden zur Verfügung stellen. So weit— so gut. Da kam die RcichstagSwahl und mit ihr der Rückgang der„nationalen" Stimmen und die abermalige Zunahme der socialdcmokratischen Stimmen um 45 Proz. im Orte. Was log nun näher, als dast sich der Kriegerverein das hehre Ziel steckte, die rote Gefahr zu beseitigen. Die beiden Barbiere als Mitglieder des Kricgervereins lvnrdcn von diesem auf- gefordert, das Vcreinsorgan, die Scherlsche„Parole" zu abonnieren. um es ebenfalls ihren Kunden zur Berfiignng zu stellen. Dies Verlangen wurde jedoch von den Barbieren wiederholt ganz entschieden abgelehnt. Jetzt aber hat sich ein Landwehroffizier erboten, die Kosten für Anschaffung einer patriotischen Zeitschrift ans seiner Privatschatnlle zu bestreiten. Wenn die Barbiere diese Gabe der Nächstenliebe annehmen, dann ist das Ende der Socialdcmokratie besiegelt. Schöncbcrg. Zu Stadtverordneten der ersten Abteilung wurden noch gewählt die Herren Dr. v. Gordon, H. Müller. Julius Fröhlich. Kaufmann, Mette, Knorr, Pullich! in der zweiten Abteilung erfolgte durchweg die Wiederwahl der bisherigen Herren Bartclt, Jafter, v. Glasenapp, Mellmann, Moniac und Dr. Hehl. Es scheiden aus der Korperschaft zum 1. Januar somit ans neben unserm Genossen P a n s e r, an dessen Stelle Genosse W o l l e r m a n n tritt, von den Burgerlickien die Herren Valentin, Fröhlich, der unserm Genossen O b st im 8. Bezirk weichen mußte, Waßmannsdorf und Zobel. Der im 7. Bezirk von uns verdrängte Stadtverordnete Knorr ist in der ersten Abteilung gewählt worden. j'Zus der frauenbewegung. Ein neues Arbeitcrinnenschutzgesetz. Zürich, 9. November.(Eig. Bcr.) Im Kanton A a r g a u ist gestern in der V o l t S a b st i m m u n g das neue Arbeiterinnengcsetz mit 22653 gegen 7668 Stimmen, also mit einer überaus erfreulichen großen Mehrheit, drei Viertel sämtlicher abgegebenen Stimmen, a n g e n o m m c n worden. Das Gesetz schließt sich den meisten der in der Schweiz bestehenden Arbeiter- und Arbeiterinnen- schutz-Gesetze an, bleibt aber leider mit seinem Elfstundentag hinter dem Zehnstundentag des Zürcher Gesetzes zurück. Einen Fortschritt bringt es mit der Festsetzung des Feierabends an den Vorabenden von Sonn- und Festtagen auf 4 Uhr, womit es an der Spitze der schweizerischen Arbeitcrschutz-Gesctzgcbiing steht und weiter geht, als die den cid- genössischen Parlamenten vom Bundesrat gemachte Vorlage, die für die Fabriken den Feierabend auf 5 Uhr festsetzt. Im übrigen sind die Hauptbestimmnngen des Gesetzes: Gültigtcit für alle Betriebe, in denen auch nur eine Person gegen Lohn oder zur Erlernung des Berufes beschäftigt ist, Bezahlung der in die Arbeitszeit fallenden Unter- richtsstunden, Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen, Verbot des MitnachhauscgebenS von Arbeit an Arbeiterinnen über die gesetzliche Arbeitszeit hinaus, sechswöchige Schutzzcit für Wöchnerinnen, Maximum der Ueberzeitarbeit von 2 Monaten innerhalb eines Jahres, Ausschluß der Mädchen unter 18 Jahren und der Schwangeren von der Ueberzeitarbeit, Lohnzuschlag von 25 Proz. für Ueberzeit- orbait, zweiwöchige Probezeit mit dreitägiger Kündigung, sonst biegzehntägige. schriftlicher Lehrvertrag, vierzehntägige Lohnzahlung und zwar an einem der fünf ersten Tage der Woche, vierzehn- tägige Wartefrist für Lohnrcduktionen, Verbot der Bußen und dafür Schadensersatz bei vorsätzlicher oder grober Pflicht- Vernachlässigung. Verbot der Kennzeichnung des Arbeitszeugnisses; einstündige Ruhezeit während des Tages, mindestens zehn- stündige Nachtruhe und Sitzgelegenheit für die weiblichen An- gestellten der Ladengeschäfte! mindestens achtstündige Nachtruhe sür das weibliche Personal in Wirtschaften, mindestens ei» freier Sonntag im Monat und ein freier Halbtag für jeden entgangenen Sonntag in der Wollte(auch für die Ladcngehilfinncn). Die Zuwider- Handlungen werden mit Bußen von 5 bis zu 206 Fr.; im Wieder- holungsfalle mit Geldbuße und Gefängnis bis zu zwei Monaten bestrast. In der dem Gesetze von der Regierung bcigegebcncn kurzen Begründung wird auf die schonungsloseste Ausbeutung der Ar- bei'terinnen in den dem Fabrikgesctz nicht unterstellten Betrieben, z. B. Aussteuergeschäften, Dainenschneidereien, Modcgcschäftcn, Blumenbiiidcrcien, Wäschereien, Papierwaren- und Posamcntier-Gc- fchäftcn, sowie in den Berkaufsmagazincn, Wirtschaften und in der Hausindustrie hingewiesen, wo Arbeiterinnen von früh bis spät in die Nacht hinein in unzweckmäßigen Lokalen zusaimnengcpfercht arbeiten müssen, ohne genügende Pausen zur Erholung und Stacht- ruhe, bei geringem Lohn und oft noch unter ungerechtfertigten Lohn- abzügen.„ES werden oft selbst Kinder schonungslos in Anspruch genommen und den verheirateten Frauen vor und nach der Nieder- Imift zu große Anstrengungen zugemutet." Mit diesen Thatsachen konnte auch die Einführung des Zchnstundcntages begründet werden, der auch von der Re- gierung vorgeschlagen und vom Kantonsrat in der ersten Lesung angenommen worden war, in der zweiten Lesung aber leider durch den Elfstundentag ersetzt wurde. Dasür wurde in daS Gesetz die Bestimmung aufgenommen, dast eine Herabsetzung der elfstündigen Arbeitszeit im eidgenösischen Fabrikgesetz auch für dieses Arbeiterinnen- schutz-Gesetz gilt. Unsre Fraktion hat im Nationalrat bereits die Revision des FabrikgesetzcS beantragt._ Verantwortlicher Redakteur: Julius Kaliski in Berlin. Für den Ins Tie im Bergoldergcwcrbc beschäfriglen Frauen und Mädchen hörten am 16. November in öffentlicher Versammlung einen Vor- trag von Frau Paula T i e d e über den Wert der Organisation. Nach deni Bortrage, der eine lebhafte Diskussion hervorgerufen hatte, lvnrde eine Resolution angenomme», nach der sich die An- wesciidcn verpflichten,„in Zukunft für ihre gewerkschaftlichen In- teressen für die bestehende Organisation des Verbandes der im Vcrgoldcrgcivcrbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutsch- lands thatkräftig zu werben und zu agitieren, um Hand in Hand mit ihren männlichen Kollegen für beide bessere Lebensbedingiingen" zu erkämpfen". Es ließen sich eine große Anzahl neuer Mitglieder in den Verband aufnehmen. Die Stadlvcrordiictcii in Dresden beschlossen den Rat zu er- suchen, ein Mädcheii-Gynmasium zu gründen. Versammlungen. Im Arbeitervertreter-Verein hielt Albert K.o h n einen Vortrag über die Stellung der Krankenkassen zur Aohiimigsfrage. Nach einer Darstellung der durch die Baugciiossciischaftcn betriebenen Be- strebungeii zur Milderung deS Wohnungsclends, unter dem die groß- städtischen Proletarier zu leiden haben, führte der Redner aus: Tic ganze Größe und Ausdehnung des durch schlechte, ungesunde und mangelhafte Wohiiungsvcrhältuisse bedingten Elends sei noch gar nicht allgemein bekannt, ja, die in erbärmlichen Wohnungen hausenden Proletarier seien sich oft selber nicht bewußt, daß sie ihr Leben in gesuiidheitschädlichcn Räumen zubringen. Da das Wohiiimgsclend ganz besonders schädlich wirkt, wenn sich Kranke in iiiigccigiictcn Räunicn aufhalten müssen, so sei die Ortskranlenkasse der Kauslcmc im Jahre 1661 daran gegangen, durch ihre Krankenbesiichcr die Wohmmgsvcrhältnisse der Kassenpatienten feststellen zu lassen. Diese Erhebungen, die gute Erfolge hatten und deshalb fortgesetzt werden, decken nicht nur die herrschenden Mißstände auf, sondern sie bringen auch die Kranken dem Kontrolleur näher, da dieser eine sociale Auf- gäbe zu erfüllen hat, und nicht nur als ein die Patienten kontrollieren- der Beamter erscheint. Wenn die Bestrebungen, welche die Orts- Iraiileiikasse der Kaufleute mit ihrer Wohiiungsenquete verfolgt, bc- günstigt, mif) ihre Zwecke erreicht werden solle», dann sei es notwendig, daß sämtliche Krankenkasscii in derselben Weise Verfahren. Wenn sich sämtliche Krankenkassen an der Wohniingseiiguete beteiligen, dann würde dadurch ein Teil der Aufgaben gelöst werden, die der bis jetzt Vergehens geforderten amtlichen Wohnungs-Jnspetlioii zufallen. Das Elend lönntc sestgcsiellt und für Abstellung der schlimmsten Miß- stände durch Mitteilung an die Behörden gesorgt werden. Unter„Verschiedchics" brachte Utheß verschiedene Klagen der in der Heilanstalt Beelitz beschäftigten 25 Hausdiener vor. Ticfelbcii gehören dem Verbände der Handels-, Transport- und Verkehrs- arbeitcr an. Sie erhalten neben freier Station 65 M. Monatslohii. Neuerdings seien unorganisierte Leute mit 56 M. monatlich eingestellt worden, wie man annimmt, sollen auf diese Weise die alten organi- sicrten Hausdiener nach und nach verdrängt lverden. Ferner Ilagen die Hausdiener über unpassende Behandlung durch die Vorgesetzten, Ueberlastung mit Arbeit und andres. Eine Besprechung mit den Arbeitervertrctern im Vorstände der Laiidesversicherungs-Anstalt hat bereits früher stattgefunden. Tie Organisation hat die Beschwerden der Hausdiener dem Vorsitzenden der Landcsversicherungs. Anstalt, Dr. Freund, unterbreitet, dieser gab den Hansdiener» anheim. sie sollten sich zunächst an die zuständigen Chefärzte wenden. DaS ist geschehen, die Chefärzte wollen aber nicht mit der Organisation in Verbindung treten. Eine nochmalige Mitteilung dieser Angelegenheit an Dr. Freund ist bis jetzt unbeantwortet geblieben.— In der lebhaften TiSkusswii, die sich hierüber in der Versammlung entivickclle. bemerkte Wolderski. daß sich die Arbcitcrvcctreter im Vorstand der Landesversicherungs-Anstalt selbstverständlich der Beschwerden der Hausdiener annehmen werden, wie sie es bereits gcihan haben, man möge aber nicht vergessen, daß die Arbcitervertreter im Bor- stände in der Minderheit sind und deshalb nicht die Macht habe», ihre Wünsche durchzusetzen. Den Vertretern der Hausdiener wurde geraten, ihre Beschiocrdcn auch dem Ausschuß der Landes- Anstalt zu unterbreiten. Verband der Kürschner Berlins und llingcgcnd. In der Rfitglieder- bcrsaüimliing am Mittwoch, den 28. Oktober, im alten Schützenhause erstattete Grandel den Bericht vom sechsten Kongreß der Freien Verciniginig deutscher Gewerkschaften. Die Versammlung erklärte sich mit den Beschlüssen des Kongresses einverstanden: nur kämen für die Kürschner die Einigiiiigsverhaiidlmigm weniger in Betracht, da deren Differenzen mit der hiesigen Zahlstelle des Centralverbandes andre Ursachen haben. Michaelis erstattete den Kassenbericht vom I. und II. Quartal und zugleich die Abrechnung von der Neun- stmidenbewcguiig. Die Einnahmen betrugen in den beiden Ouartalcn 2254,46 Marl und die Ausgaben 2527,65 Mark einschließlich 1526,52 Mark, die für die Neunstunden- bcwcgiing bcrausgabt wurden. Es wurden 131 männliche und 315 weibliche Mitglieder aufgenommen. Die Einnahmen zur Neuiistundcn-Bewcguiig betrugen 3 168,73 M. ES wurden für die- selbe auf Listen gesammelt in den einzelnen Werkstätten 2166,61 M., die Tellersammlwigen bei. den öffentlichen Versammlungen brachten 261,60 M. ein; von ausländischen Kollegen gingen folgende Bc- tröge ein: Kollegen von Brüssel 266 M., Wien 176,25 M., Paris 246,77 M., New Jork 100 M.. Kopenhagen 56,04 M.. Malmö 10 M., Graz 7,10 M. und von Herrn Restauratmr Kuhn(Altes Schützenhaus) 16 M. Die Ausgaben betrugen 4716,25 M.: der Kassenbestand beträgt jetzt 3363,64 M. Es jind dieses 272,65 M. weniger wie vor der Bewegung. Dem Kassierer wurde einstimmig Entlastung erteilt. Eine Anzahl Kollegen wurden, da sie. obgleich sie Mitglieder des Verbandes waren, in frivoler Weise Streikbrecherdienste geleistet haben, einstimmig aus dem Verbände ausgeschlossen. In die Schlichtungskommission für die Mützcnbranche wurden gewählt: Grandel. Regge, Schäfer, Fritze, Jägers, Stork mann und Bitter, davon zwei Kollegen als Ersatz. Den ausgesperrten Webern in Crimmitschau wurden 56 M. überwiesen. Johiimiisthal. In der letzten Generalversammlung deS Social- demokratischen Vereins erstattete der Vorstand einen Bericht über seine Thatigkeit im letzten Quartal. Danach haben stattgefunden 7 Mitgliederversaniinluiigcn und 8 Vorslaiidssitzungen. Die Zahl der Mitglieder beträgt zur Zeit 168. Ter Kassenbericht mußte wegen noch ausstehender Gelder bis zur nächsten Versammlung zurück- gestellt werden. Die hierauf vorgenommene Neuwahl des Vor- standes hatte folgendes Resultats Bruntzel, 1. Vorsitzender; Düring. 2. Vorsitzender: Schirmhoff. Kassierer für Johannisthal: Knebel, Kassierer für Rudow; Slviatkowskn, Schriftführer für Johannisthal: Weber, Schriftführer für Rudow. Zum Beisitzer wurde W e g n e r. zu Revisoren wurden L u b a n, Beiersdorf und«s ch u st c r bestimmt. Die Lokal- kommission bilden M a n n, Schuster und Beiersdorf. Zum Bibliothekar wurde M a r t i ns wiedergewählt, ebenso Vi a n n zum Zeituligsspcditeur. In der am 3. November abgehaltenen Mit- glictzerversammlung erstattete dann der Kassierer zunäckist seinen Bericht. Hiernach belauft sich die Einnahme auf 252,12 M. Nach Abzug der Ausgaben imd der an den Hauptvorstand abzuliefernden zwei Drittel bleibt ein Bestand von 32,69 M. am Orte. Dem Kassierer wurde einstimmig Dccharge erteilt. Der Borsitzeiidc Bruntzel unjerwarf darauf das von den Konservativen des Kreises herausgegebene Flugblatt cincr tritischcn Betrachtung. Es lnüpftc sich hieran eine kurze Diskussion. Vermischtes. Ein trauriger Unfall hat sich, wie der„Konigsberger Allgemeinen Zeitung" gemeldet wird, bei der 6. Compagiüe des Fuß-Ärtilleric- Regiments Nr. 2 in Pillan ereignet. Beim Zielen mit Platzpatronen schoß ein Mann einem andern, der Hülsen auflas, in de» Hinterkopf. Der Getroffene wurde sofort in das Lazarett geschafft, woselbst er hoffnungslos daniederliegt. Der unglückliche Schütze wurde gegen ratenteil veraniworllich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag: Vorwä Abend ebenfalls in das Lazarett überführt, weil sich bei ihm Geistes» störungcn zeigten. Noch tragischer ist der Unfall insofern, als der so unglücklich Getroffene die Nachricht von dem Tode seines VaterS am Mittag erhielt. Beide Artilleristen dienen im zweiten Jahre. Brand in einem russischen Postznge. Aus Petersburg lvird tele« graphicrt: In der Nacht vom 16. zum 11. d. Mts. hatte in dein Postwagen des zwischen Petersburg und Moskau verkehrenden Post- zuges ein Brand statigestmden, bei dem nach den umlaufenden Ge- rächten Wcrtgcgenstände im Betrage von 7 Millionen verbrannt sein sollten. Hierzu teilt die Oberverwaltung der Posten und Telegraphen mit, das Feuer sei durch Selbstentzündung de-s Inhalts einiger ans dem Auslände stammender Sendungen entstanden. Vernichtet wurden 437 internationale Pakete, 1 l Säcke, darunter 2 mit Zeitungen und 6 mir Korrespondenzen, 3 Ballen mit Paketen, 1 Baven mit Zeitungen und außerdem 13 Posttaschen, deren Inhalt, Wert- papicre und Kreditbillets, zum größten Teil unversehrt blieb. Vom Feuer beschädigl wurden 56 Posttaschen, der Inhalt blieb aber UN- verletzt. 52 Posttaschen und 28 Säcke wurden durchnäßt. Grnbeiinngliick. Der„Westfälischen Volkszeitung" znfosge wurden auf der Zeche„Prinz von Preußen" zlvei Bergleute vcr- schüttet. Einer war sofort tot; der andre ist so schwer verletzt, daß an seinem Aufkommen gezweifelt lvird. Der Nachlaß der Königin Draga im Werte von 586 660 Fr. wurde in Belgrad vom Gericht dem Rechtsanwalt Welitschkowitsch zur Verfügung gestellt. Die Verlassenschaft umfaßt eiuHaus im Werte von 50 066 Fr.. Schmuck im Werte von 166 366 Fr., Aktien im Nenn- werte von 166 666 Fr. mit den Abschnitten, ferner 155 666 Fr. Bargeld und 64 666 Fr., die bei Gericht hinterlegt sind, die Hälfte des Wertes der Uackst„Draga" von 26 66)1 Fr., zusammen ungefähr 536 660 Fr. Voni Gerichte sind die Scklvestern der Königin als erb- berechtigt anerkannt worden. Die Geschwister Luiijevieza verlangten im Wege des Gerichtes jedoch von der Regierung noch Schadens- ersatz für die ihnen gestohlenen Gegenstände. Das Kriegsminisierium leitete eine Untersuchung ein. Es wurden schon mehrere Gegen- stände ermittelt, darimtor eine kostbare Uhr, ein Geschenk des Königs. Auch zwei Brillautrüige wurden gefunden. Es fehlen noch unter andern, ein teuerer Brillantring, ein Gescheul des Königs im Werte von 5660 Fr., und die Barschaft. Die Untersuchung wird fortgesetzt. DaS gelbe Fieber. Ein New Dorkcr Telegramm aus San Antonio(Teras) besagt, daß in Texas das gelbe Fieber ans- gebrochen ist" ES sind bisher 733 Erkrankungen gemeldet worden, von denen 70 mit dem Tode endeten. Die größte Zahl von Er- krankiingen wird aus Laredo gemeldet. Amerikanisches. Ans Nelv Aork wird berichtet: Ein Sondcrzug mit Bclvaffnetcn und einer Meute Bluthunden ging am gestrigen Sonntagabend von DeS Moines(Iowa) nach Texter ab, wo die Verfolgung einer Räuberbande, die Erpressungen gegen die_ Rock Island-Bahn versuchte, misgenowmen werden sollte. Die Verfolger brachten die ganze Nacht in den Wäldern zu, kamen aber mit den Räubern nichr zusammen. Diese hatten vor zehn Tagen an die Vcr- waltung der Bahn einen Brief geschrieben, worin sie unter Drohungen verlangten, es sollte eine größere Summe Sonnabend- abend ans dem Denver-Eilzug an cincr bestimmten Stelle heraus- geworfen werden. Die Bnhnverwaltimg ging auch scheinbar ans die Forderung ein. ließ aber wenige Minuten hinter dem Eilzug einen andren Zug mit Bewaffneten' und Bluthunden folgen. Durch ein Verschen wurde scdoch das Geld an einer falschen Stelle aus dem Zuge geworfen, so daß die ganze Expedition gegen die Räuberbande fruchtlos verlief.__ Brief haften der Redahtlcn. C. L. 100. Den Mormonen in den Vereinigten Staaten ist die Biel- weibcrei verboten: jene aber, die in Einehe leben, crsreuen sich der vollen ilaaiöbürgerUchen Rechte. Rübeland. Bellen Dank. Dieses Verjähren der Behörden gegen- über NaturalisaiionSgcsuchcn von Ausländern ist icbt leider allgemein üblich. Leipzig. In der Buchhandlung der„Leipziger Lollszeiiuiig" wird man Ihnen Lilteratmverzeichnffse vorlegen. "juriftifther Ccil. Sit iurlftischt Sprechstunde findet täglich mit'ZluSliahmc de? Sonnabend» von?)/, bis n'/j Ufr* avends statt. Geöffnet: 7 Nhr. »:>..H., Walditrasie. Ja. VorailSsebung der Krankenversicherung»- Pflicht iit eine Bcschästigiuig gegen Gehalt oder Lohn.— O. B. 78. Ein Anspruch steht Ihrer' Mutter nichl zu, vielleicht hat aber eine Eingabe an das Kriegs- Ministerium Erfolg.— — 95)9. 1. Die Kosten einer Quittung hat, salls nichts andres vereinbart ist, der Schuldner(in Ihrem Falle also die Erben) zu tragen. 2. Armen- uiitcrslützling erhall ohne Rücksicht ans etwaige Verpslichtungen Dritter jemand, wenn er t h a t s ä ch l i ch hilssbcdürstia ist. Die Armenverwaltung kann gegen den Verpflichteten klagen.— Schräder, H. N. 429: Nein.— Eltpen. Nach Ihren Ziffern angaben haben die drei Erstgenannten die absolute Mehrheit der Wählenden, sind also gewählt. Eine Stichwahl bat nicht stattzusinden.— M. W. 1000. Verjährt am 1. Januar 1901. — F. 29. Haststrasc bis zu 6 Wochen oder Gcldstrase bis zu 150 M.— Wette 1909. 6—20 M. sür die Entbindung, 1—3 M. sür jeden Gang werden als angemessen erachtet.— Atheist. Das können Sie als Aus- ländcr nicht in Preußen.— W. P. II. Die Behörde kümmert sich nicht um die Privatjchuldcn. Ein ehelicher Vater ist verpflichtel. sür den not- >v e n d i g c n Unterhalt seines minderjährigen KindcS auszukommen. Soweit Ihre Frage von einem Vormund spricht, ist sie nicht verständlich: ehe- lichc Kinder, deren Eltern leben, haben keinen Vormund. Sic thun besser, statt allgemeiner Fragen den Sie betreffenden Fast darzulegen. Abonnent 19. Der Beselfl entspricht den Gesehen, er ist richtig.— Eutzen. Die Vorschriften der«tädte-Ordnung sind maßgebend. Eine Anscchtung der Wahl des K. wäre nudlos, da kein Zioeiscl darüber obwaltet, welcher von vielen K/s gemeint ist, ivcnn nur cincr als.Kandidat ausgeslellt itt.— W. B. 1709. Seit dem l. April 1901 steht die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen, abgesehen von älteren Lehrberrcn, nur denjenigen Personen zu, die das 24. Lebensjahr vollendet und in ihrem Handwerk siins Jahre hindurch persönlich daS Handwerk selbständig ausgeübt oder als Werk- Meister oder in ähnlicher Stellung thätig gewesen sind oder die Gesellen- prüsnng bestanden haben und die olwa von der Handwerkskammer vor- geschriebene Lehrzeit zurückgelegt haben. Tressen diese Voraussetzungen aus Sie nicht zu, so wenden Sic sich unter Darleamig Ihrer Verhältnisse an den Regierungspräsidentcii mit dem Antrage, Ihnen die Besugnis zur Anleitung von Lehrlingen zu verleihen.— 1850. 1. und 2. Ja. 3. Nein. — A. W. 1. Ja. 2. Ja, es sei denn, aus besonderer Abrede oder aus den Umständen des Falles(frühere Gewohnheit u. dergl.) folgt, daß die Abstcht der Mitspieler dahin gegangen ist, derjenige, der nicht rechtzeitig zahlt, solle ausscheiden.— 61. A. 1. Nein. 2. Psandbar wohl; auf Ihre Klage hin sind aber die Sachen srcizugcbcn.— Simon St. f. Nein; auch ein eigenhändig ge- und untcrichriebencs sowie datiertes Testament isl gültig. 2. Die Teilung des Nachlasses crsolgt durch außergerichtliche lleberemkunst der großjährigen Erben. Können oder tvollcn sie sich nicht einige», so steht es ibnen srei, den kostspieligen gerichtliche,! Weg zu be- schreiten. 3. Kinder können in einem Testament ungleichmäßig behandelt werden, nur muß der Pslichttcil(d. i. die Hälfte der gesetzlichen Erbportion) jedem.Kinde verbleiben.— Peter Blau. t. Schwerlich 2. Ja; Ihre Frau ist zur Zahlung vcrpjlichtct, da Sie als ibr GcschästSführer gehandelt haben. 3. Zahlen Sie und unterlassen Sic in Zukunst derartige Vereinbarungen ohne schristliche Bestätigung.— W. P. 48. Nein. — W. L. 9. 1. Der Erfolg einer Klage beim Gcwcrbegcricht ist ein zwclsckhastcr, weil 6 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches besagt: Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs aus die Vergütung mcht dadurch verlustig, daß er sür eine verhältnismäßig nicht er» h e b l i ch c Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. Vierzehn Tage können bei cincr dreijährigen Vertragszcit als nicht erheblich erachtet werden. 2. Wenn angenommen wird, es liege Notwehr vor, so erfolgt Freisprechung. Dieser Fall würde die Ziegel bilden. Sonst kann Verurteilung zu Geld- oder Freihcitssttase erfolgen.— A. L. 90. Wenn Sie im Mictsocrtraa nicht vereinbart haben, daß ein ähnliches Geschäft im Mietshause nicht bc- trieben werden darf, so können Sie leider weder aus SchadenSerfatz noch aus Ausbebung des Vertrages mit Erfolg klagen.— X. Z). Ist zu spät. — 20.'VI. K. 1. Ja: die Einkommensteuern �sind in der ersten Halste des zweiten Quartalsmonats zu zahlem die Juli— Scptcmbcr-Sleuerm waren also bis am IS. August fällig. 2.-iic find im Irrtum. Dargelegt ist, daß eine Beschlagnahme des Lohnes nur wegen der nicht länger als ein Vierteljahr rückständigen Steuerraten erfolgen kann. Es kann also wcgctt der Juli— September-Raten eine Beschlagnahme deS Lohnes nur bis zum 15. November verfolgen. Eine Verjährung der veranlagte», aber nicht erhobenen Steuern tritt erst nach vier Jahren nach Ablauf des Per- anlagmigsjahres ein. Die Steuerverhältnisse sind durch die Steuer- gesctzc, nicht durch das Bürgerliche Gesetzbuch, geregelt. 3. Das ist möglich ts Buchdruckcrci und VerlagSanslalt Paul Singer& Eo,, Berlin SW.