|tr. 274. flbcnncmcnfS'Bedlnaungen: «SonnemmtS- Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 MI., niona». 1,10 Mk.. wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauZ. Einzelne Nummer 5 Pfg, SonMagS- Nummer mit illufwiertcr Sonntags» Beilage„Die Neue Welt' 10 Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in der Post-Zeitung». Preisliste für ISO» unter Nr. 8803. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn z Mark, für das übrige AuSIant 1 Mark pro Monat, kkicheli» täglich außer Montag,. 20* Zlchrg, Die InlertlonS'Gebttfir beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftlicho Vereins- und VerfammIuiigS-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Hnzeigen" jedes Wort 5 Pfg. (nur daS erste Wort fett). Jnsecale für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachnisttagS in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis L Uhr vormitttags geöffnet. Devlinev VulKsOlsttt. Centralövgcm der soeia�emokrntisthen �avici Deutschlands. Telegramm-Noreff«: „Soclaldemokrat Berlin". Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Expedition: SRI. 68, Lindenetrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Genossen! Ans zur Kommnnalwahl! Säubert das Stadtparlament! Tisza und Koerber. -st- Wien, 22. November. Der Austausch von Unhöflichkeiten der beiden Ministerpräsidenten ist vorüber und so seltsam es klingt: jeder der Kämpfer hat einen stattlichen Erfolg davongetragen. Als Graf TiSza im ungarischen Abgeordnetenhause den Herrn v. Koerber eine Privatperson nannte, auf deren Meinung zu achten verfehlt wäre, klatschte ihm auch die Opposition zu, und als Herr v. Koerber Freitag in Wien antwortete, sein Platz sei kein minderwertiger und er werde ihn verteidigen wie der Soldat seine Fahne, da zerflosi die schwarzgelbe Mamelukenschar in eitel Wonne s so bejubelt wie Herr v. Koerber, zu dem sich zeit- weilig kein Mensch bekennen mag und der nur von Zufalls inchrheiten lebt, ist noch nie ein östreichischer Ministerpräsident worden. Der Jubel ist nur psychologisch zu erklären, denn sachlich hat Herr v. Koerber eigentlich gar nichts repliziert. Aber nach all den Herzkränkungen, die die armen Oestreicher diesen Soinmer hin- durch ausgestanden hatten, haben sie das Bedürfnis gehabt, sich cinnial zu freuen und auf ihr Oestreich stolz zu sein: und so waren ihnen die schwächlichen Phrasen des Ministerpräsidenten dazu der willkoinmene Anlaß. Was die Sache betrifft, so hatte Herr v. Koerber den Kampf schon vorher verloren— seine Rede in der Eröffnungssitzung wollte ja nichts mehr sein als ein geordneter Rückzug. Bei dem Streit handelt es sich eigentlich um zweierlei: um die Geltung der famosen Hcrrscherrechle in Ungarn und um den Einfluß der östreichischcn Regierung bei Ordnung der ungarischen Militärangelegenheit. Mit jenen„Herrscherrechten" steht es so, daß nach dem östreichischen Gesetz vom Jahre 18<>7„die Anordnungen in betreff der Leitung, Führung und inneren Organisation der gesamten Armee ausschließlich dem Kaiser zustehen, wogegen daS ungarische Gesetz, weniger servil aber doch im Wesen gleichartig, besagt, daß infolge der verfassungsmäßigen Hcrrscherrechte der Krone in betreff des Kriegswesens alles dasjenige, was ans die einheitliche Leitung, Führung und innere Organisation der gesamten Armee, und somit auch des ungarischen HccreS, als eines ergänzenden Teiles der gesamten Armee, Bezug hat, als der Verfügung Seiner Majestät zustehend erkannt wird." Nun hat Herr v. Koerber zu beweisen gesucht, daß nach dem ungarischen Gesetz der Reichstag ebenso wenig Rechte beanspruchen könne, als sie dem östreichischen Reichsrat zu- kommen— was ihn aber gar nichts angeht und was sich der ungarische Ministerpräsident nicht mit Unrecht ganz entschieden ver- beten hat. Die Beweisführung ist aber auch vom östreichischen Staudpunkte einfach läppisch, denn es kommt nicht darauf an, ob dem Reichstag Rechte zukommen, sondern ob er sie hat— und daß dies der Fall ist. hat der Verlauf der letzten Ministerkrisc, hat insbesondre das von der Krone feierlich bestätigte ungarische Militärprogramm überdeutlich bewiesen. Herr v. Koerber will einfach die Oestreicher trösten— die wirklich keine Rechte haben und denen er einzureden sucht, daß auch das ungarische Parlament kein Recht hat; Herr v. Koerber stellt sich eben blind»nd hofft, daß mit ihm plötzlich alle das nicht sehen werden, ivas sich so grell vor ihren Augen abgespielt hat. Nicht minder falsch war die zweite Behauptung Koerbers: daß er ein„Recht" habe, sich um die Neu- ordnung in Ungarn zu bekümmern, daß die Belvilligung jener Kon- zessionc» an seine Zustimmung geknüpft sei. Es war allerdings ganz überflüssig, daß sich der Ungar darob aufgeregt hat. denn Herr v. Koerber hat sofort zugefügt, daß er diese Konzessionen für zulässig und zweckmäßig halte und mit ihnen völlig einverstanden sei. ES war aber dennoch falsch, sich auf einen Rcchtstitcl zu be- rufen, denn was„ausschließlich" dem Kaiser vorbehalten ist, geht auch Herrn v. Koerber nichts an. Der östreichische Minister- Präsident hat sich da eine ganz krause Theorie zurecht- gelegt: der Gebrauch und die Wirksamkeit jenes Hcrrscherrechts seien absolut und dem Parlaniente stehe darüber weder ein Gesetzgebungsrecht noch der Einfluß der parlamentarischen Kontrolle zu, dagegen sei das Kronrecht unter die Kontrolle der Regierungen gestellt. Das ist aber eine krasse Thorheit: das Recht der Regierung entspringt ja geradezu aus der Pflicht ihrer Verantwortlichkeit, ist eine Erscheinung dieser Pflicht, und besteht nur als Ausfluß der Parlamentsrechte. Hat aber, wie Herr v. Koerber behauptet, das östreichische Parlament nichts dreinzureden, wenn sich der ungarische König dem Willen des ungarischen Reichstages fügt, dann auch die östreichische Regierung nicht: wenn das„ausschließlich" den Willen des Parlaments hemmt, so hebt es auch den Willen der Regierung auf. Natürlich ist die ganze Kronrechtstheorie falsch: das Par- lament, dem die jährliche Bewilligung der Rekruten zusteht, ist nicht nur mächtig, sondern, wenn es sein Recht zu handhaben versteht, allmächtig; die Krone ordnet an— aber was das Parlament will. Die Wahrheit ist also, daß sich Herr v. Koerber ebenso wenig auf einen Rechtstitel berufen kann wie das Parlament und daß Tisza ganz berechtigt war, den Paragraphenritter in seine Schranken zu weisen. Der Anspruch Oestreichs, und zwar des Parlaments ebenso gut wie der Regierung, ist ein Anspruch auf Macht: Der Anspruch des Faktors, der von den Kosten dieser Annee zlvei Drittel übernommen hat und der daher auch gehört werden muß, wenn über diese Arinee entschieden wird, und daher auch respektiert werden sollte. Aber das würde eben ein halbes Parlament voraussetzen— was der östreichische Reichsrat nicht ist. und eine starke, selbstbewußte, die Interessen Oestreichs rücksichtslos Ivahrende Regierung— was die vom Hof ernannten, dem Hofe verpflichteten Beamtenminister nie sein können. Und was anch ßherr v. Koerber nicht ist, wenn er sich auch manchmal einen Ruck giebt und den unabhängigen Mann posiert. Das hat man am besten bei seiner Antwort auf die Tiszaschen Grob- heiten gesehen, die fast mehr beflissen war, nach oben nicht an- zustoßen und Herrn Tisza zu entsprechen, als sein eignes Prestige zu wahren. Herr v. Koerber ist dem Streitgegenstande— ob die Bewilligung der ungarischen Konzessionen seiner Zustimmung unter st and— einfach ausgewichen und hat sich in den dicken Nebel allgemeiner Verwahrungen geflüchtet. Hätte Herr v. Koerber, was er Dienstag angedeutet. Freitag deutlich ge- sagt: daß er ein Recht des ungarischen Reichstages, in die„Präro- gative" der Krone zu greifen, nicht zulasse und daß die national- militärischen Forderungen der Ungarn von seiner Entscheidung ab- hängen, so wäre der Konflikt unvermeidlich gewesen und einer von den beiden Ministerpräsidenten hätte weichen müssen. Aber dann wäre freilich auch das Doppelspiel der Krone aufgedeckt gewesen, die den Ungarn zusichert, daß über ihre Forderungen nur der König entscheidet, und den Oestreichern einreden läßt, daß sie auch gefragt werden, wenn die Ungarn etwas fordern. Also begnügte sich Herr v. Koerber mit zwar ganz unanfechtbaren, aber sehr nichtssagenden „Wahrheiten". Wenn Herr v. Koerber erklärt, daß er ein öst- reichisches Interesse niemals preisgeben wird, daß die östreichische Regierung nicht minderwertig sei, daß Oestreich mit Ungarn in Sachen des Dualismus gleichberechtigt sei: wer soll und kann da widersprechen? Graf Tisza am wenigsten und die Bosheit, darauf hinzuweisen, daß mit den Kocrberschen Tiradcn über den Sachverhalt nichts gesagt ist, durste er sich leichthin versagen: die gerissenen Magyaren verstehen das schon selbst. Und da Herr v. Koerber mit seiner nichts- sagenden Rede wie gesagt den stürmischesten Jubel erregt hat. und seit zwei Tagen wie ein Held gefeiert wird, so kann sogar ihm nicht Unrecht gegeben werden: Ivenn ein Parlament zufrieden ist, daß man ihm statt der Wahrheit heuchlerische Phrasen vorsetzt, so wäre es tvohl eine überflüssige Bemühung, ihm reinen Wein ein- zuschänken. UebrigenS haben beide Ministerpräsidenten soviel heimische Sorgen, daß ihnen zu dem Schießen über die Grenze bald die Lust vergehen wird. Die ungarische Obstruktion will nicht ab- rüsten, und es ist wieder ganz unwahrscheinlich geworden, daß man in diesem Jahre die seit März fälligen Rekruten kriegen wird. Die Auflösung des Reichstages wird auch kaum zu umgehen sein— so wenig die Regierung zu ihr Lust hat und so wenig augenehm sie der Oppositton sein wird Aber ein Kampf lvie diese Obstruktion eines ganzen Jahres verlangt eben nach einem Appell an die Wähler. Was das Parlament des Herrn v. Koerber betrifft, so ist eö froh, daß es fiir ein paar Tage mit einer Debatte— über die Rede des Ministerpräsidenten— ver- sorgt ist. Schon diese rein politische Debatte ist ein Zeichen der parlamentarischen Anarchie: ein Haus, das mit seiner Zeit sparen wollte, würde einfach die erste Lesung des Etats vornehmen und die Politik mitabsolvieren. Aber die Oekonomie des östreichischen Reichs- ratcS geht dahin, die Zeit totzuschlagen. Man wird also noch zehn, vierzehn Tage hin- und herreden und dann wird der Reichsrat vertagt werden, um dem§ 14 Platz zu machen. Aus diesem Chaos führt kein Pfad hinaus.— Aus Wien wird vom 22. d. M. noch offiziös gemeldet: Der Kaiser empfing am Sonntagvormittag den ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Tisza, der früh aus Pest ein- getroffen war, in längerer Audienz. Nachmittags kehrte Graf Tisza nach Pest zurück. Bei einer Sonnabend-Audienz soll der Kaiser Koerber seines unerschütterten Vertrauens versichert haben. Er sei geneigt, alle Differenzen als ausgeglichen und alle Schwierigkeiten als behoben zu betrachten. Die Liebenswürdigkeiten, die Tisza und Koerber aus- getauscht, sieht der Kaiser also als gegenseittg kompensiert an. Die Delegationen sollen nach der Meldung vom gleichen Datum auf den 15. Dezember einberufen werden.— Nach den Landtagswahlen. „Die Blamage der Socialdcmokratie" bei den Landtagswahlen entzückt die„Konservative Korrespondenz" dennaßcn, daß sie die Socialdemokratte dringend— warnt, sich erneut einer solchen Blamage auszusetzen; sie schreibt nämlich gegen die Barth-Richtung: „Wenn jetzt die socialdemokratischc Presse sich so stellt, als sei durch die diesmalige Landtagsagitatiou bloß der Anfang ge- macht, und es werde in fünf Jahren gelingen, auch in das öffentliche Wahlsystem Bresche zu schlagen, so ist das eine Großsprecherei. die nur den Zweck haben soll, die Parteiagitatoren zu ermutigen. An dieser ermunternden Thätigkeit nehmen auch diejenigen liberalen Blätter teil, die heute Trübsal blasen, weil lein„Genosse" in das Abgeordnetenhaus gelangt und darum eine große Entrüstung der Massen gegen das preußische Wahlsystem und gegen die preußische Monarchie selbst zu befürchten sei. DaS ist gerade das richtige! Angst vor der Socialdemokratte und dem Massenschritt ihrer durch verlogene Agitationen herangezogenen Bataillone 1 Nichts kann für die socialdemokratischc Propaganda gelegener kommen als Hasen- herziges Benehmen der Gegner und Anerkennung und„llnauf- haltsamkeit" des socialdemokratischen Fortschritts. Wollen sich die Socialdcmokraten in fünf Jahren anfS neue blamieren, so haben wir nichts dagegen. Wir glauben aber, daß die„Genoffen" sich vor einer Wiederholung des wißglückten Experiments sehr hüten werden." Die„Konservative Korrespondenz" glaubt, was sie— hofft. Die rührende Fürsorge der Konservattven, daß wir uns nicht aber- nials blamieren sollen, zeigt, wie unangenehm es ihnen ist, daß die Socialdeniokratie auch die Aufklärung über Preußen mit aller Rücksichtslosigkeit und Zähigkeit betteibt. ES soll dem Junkertum nichts geschenkt bleiben, und wir sind sehr zufrieden mit der „Blamage", Hunderttausende von Arbeitern gegen das preußische Elend zu empören.— Echt nationalliberal schreibt die„Magdeburger Zeittmg" über die Verlegung des Wahlortes fiir Teltow-BecSkow von Köpenick nach Rixdorf auf dem Verordnungswege: „Man muß allerdings etwas frei auslegen, wenn man die jetzt verfügte Verlegung des WahlorteS von Köpenick nach Rixdorf als mit dem Gesetze von: 27. Juni 1360 vereinbar ansehen will. Von einer ungesetzlichen Verordnung, wie der„Vorwärts" schreibt, kann freilich auch nicht gesprochen werden. Man wird hoffentlich nicht säumen, durch eine entsprechende Abänderung des angeführten Gesetzes im Wege der Gesetzgebung alle Bedenken zu beseitigen. Im Abgeordnetenhause wird das keine Schwierigkeiten machen." Das schreibt die„Magdeburgerin" gegenüber unsrer Nottz, in der wir feststellten, daß noch im Frühjahr dieses Jahres der Regierungskommissar in der LandtagS-Konnnission in diesem Fall den Berordnungsweg für unzulässig erklärt hat I Die Schlich- sätze der„Magdcburgerin" erinnern uns an folgendes be- zeichnende Vorkommnis: Ein Professor einer preußischen Universität wird von einem Kollegen beftagt, lvarum er so schleunig heimreise. Die Antwort lautete:„Unsre Fakultät hat für die Besetzung einer Professur drei Kandidaten vorgeschlagen. Eben höre ich, daß der Minister einen Herrn ernennen wird, der nicht unter den Vorgeschlagenen ist. Da will ich sehen, daß Ivir noch schnell unsre Vorschlagsliste ändern und den vom Minister bestimmten Herrn darauf setzen können." Statt also die Oeffentlichkeit wissen zu lassen, daß der Minister sich uni das Borschlagsrecht der Fakultät den Teufel schecrt, sucht man den Schein zu wahren. Und das wundert sich über den Ucbermut der Junker, der ebensowenig vor der„Freiheit der Wissenschaft" wie vor dem Gesetz Halt macht. Schon der alte Gueist sprach von der„dem preußischen Staat eigen« tümlichen... Umkchrung der Gesetze durch die Verwaltung". Seine Epigonen dürfen sich bei ihrer Waschlappigkeit nicht wundern, daß diese„Eigentümlichkeit" immer weitere Blüten treibt. Die Arbeiter- schast aber, die darunter am schwersten leidet— ivir erinnern nur an die preußische Polizeiwillkür gegenüber den Streikposten—, wird den unerbittlichen Kampf inn den Landtag unermüdlich fortsetzen müssen.— Beautten-Wahlmäiincr. Im Wahlkreis Nordhausen-Hohenstein zeigte die Liste der III konservativen Wahlmanns-Kandidaten in der Stadt Nordhausen V3 Beamte, davon 13 der Post, 21 der Eisen- bahn ze. Im Landkreise hatten die Konservativen unter 37 Wahl- mauns-Kaudidateu aufgestellt: 13 Amtsvorstcher, 33 Schulzen, 5 Schöppcn, 8 königliche Förster:c. Zur Lnudtagswahl in Teltow-Beeskow erhalten wir folgende Zuschrift:„Ich habe den Kommissar bei der Weigerung, die Namen Hirsch und Zubeil zu protokollieren, nicht, wie Ihr Bericht angiebt, „lebhaft unterstützt". Ich habe eS lediglich fiir zulässig gehalten, daß bei der Stichwahl Stimmen, die nach dem Reglement ungültig sind, nur als solche mit einem besondren Zeichen im Protokoll ver- merkt werden, und konnte danach dem Verlangen Ihrer Genossen, durch niein Ausscheiden den Vorstand arbeitsunfähig zu machen, nicht Folge leisten. Im übrigen habe ich, als die lediglich zur Er- leichterung der äußerst anstrengenden Vorstandsarbeit beschlossene Art der Protokollierung aus so lebhaften Widerspruch stieß, alsbald den Herrn Wahlkommissar persönlich um Aendcrung gebeten. Als dann der Widerstand Ihrer Genossen solche Diineu- sionen annahm, daß der Herr Wahlkommissar polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen wollte, habe ich formell eine noch- malige Beratung des Vorstandes verlangt. Das Resultat derselben war der gleichfalls von mir beantragte Beschluß, alle Namen einzutragen. Hochachtungsvoll Dr. Leopold Spiegel, Privatdozent an der Universität." Zur Landtagswahl in Ober- und Niedrr-Barnim wird uns noch folgendes mitgeteilt: Die Auszählung der Stimmen dauerte von K'/z— 11>/S Uhr, also volle fünf Stunden. Das Wahlburcau konnte sich nicht einigen, weil die Protokolllisten nicht übereinsttmmten. Nach s'/.Mindiger, wieder- holt vorgenommener Auszählung zog nian fremde Hilfe zu Rate in Gestalt des als eiftigen Konservativen bekannten Rechnungs- rates Balzer aus Pankow. Der Herr erklärte, nachdem er unter lebhaftem Protest unsrer Parteigenossen eine' Viertel- stunde in den Protokollen herumgeschnüffelt hatte, ganz kaltblütig, er begreife es gar nicht, weshalb die Herren so lange Zeit rechneten; der konservative Kandidat Inner hätte nicht 675 solidem 633 Stimmen, es könnte von einer Stichwahl zwischen Inner und Müller sfrs.) keine Rede sein. Der Landrat v. Oppen sowohl wie die Herren vom Wahlvorstand, mit Ausnahme unsres Genossen John-Rummelburg, welcher im Wahl- borstand als Beisitzer fungierte, accepticrten seelenfroh in der Hoff- nung, bald nach Hause zu fahren, diese an und für sich schon als un- gültig zu betrachkude Auszählung durch einen Dritten. Genosse John erklärte zum Schluß zu Protololl, er erhebe zu Protest, daß nach der fünfstündigen Auszählung durch den Wahlvorstand nicht festgestellt worden sei, wer von den Kandidaten gewählt sei; seiner Ueberzeuguug nach hätte Jrmer nicht die absolute Majorität, eine Feststellung durch eine nicht zum Wahlvorstaud gehörende, auch nicht durch Handschlag verpflichtete Person sei ungesetzlich; John beantragte mithin die Ungültigkeit der Wahl. Unter Beifallsrufen unsrer Ge- nossen wurde diese Erklärung zil Protokoll genommen. Die Freisinnigen, welche auch zahlreich vertreten waren tauch im Wahl- vorstand) ließen sich diese Erdrosselung ihres eignen Kandidaten ohne ein Wort der Empörung und des Protestes gefallen. Konservative Wahlmänner. Unter den konservativen Wahl- männeni in B r e s l a u befanden sich, nach Mitteilung der„BreSl. Ztg.", 28 Polizciinannfchaften, nämlich 8 Wachtmeister, l Kommissarius, 1 Kriininalkommissarius, 28 Schutzleute und der Polizeipräsident. Im ganzen bestand der fünfte Teil der Wahl- mäuner aus Personen in abhängigen Bcamtenslellen. Die stolzeste Ziffer hat die Elite der mittleren Beamtenschast aufzuweisen: -14 Sekretäre der verschiedensten Behörden waren bei der Wahl er- schienen. Ihnen folgten Beamte, die sich nur aus Militäranwärtern rekrutieren, in einer Stärke von 2V Mann. Die Eisenbahnverwaltung stellte 2S Außenbeamte und die Postbehörde IS Mann. Die Gerichts- bchördcn beschränkten sich auf 9 Unterbeamte. Mit gebundene r Marschroute traten diese ca. ISO Mau» an d e n W a h l t i s ch und vcrhalfen der Neaktion zum Siege. So sieht die Organisation ber Regierungspartei aus._ politische Oebcrsicht. Berliit, den 23. November. Womit heute der Freisinn Eindruck zu machen sucht! In dem Kampf um da-Z Note HauS, der alle zwei Jahre bei den Berliner Stadtverordneten- Wahlen cutbrennt, haben unsre freisinnigen Gegner in»euerer Zeit mehr und mehr die früher üblich gewesenen Kampfmittel als untvirksam beiseite gelegt und zu einer andern Waffe gegriffen, von der allein sie sich noch einigen Erfolg versprechen. Früher wiesen sie in ihrer Wahl- ogitation mit Vorliebe darauf hin, wieviel die Stadt Berlin für die Erfüllung der kommunalen Aufgaben ausgebe, und großsprecherisch schilderten sie die vom Freisinn beherrschte Berliner Gemeinde- Verwaltung als das von keiner andren Stadt erreichte Muster. Heute halten sie es für angemessener, in den Wählcrvcrsammlungen darüber zu jammern, daß die Bevölkerung immer anspruchsvoller iverde, die Leistungen der Kommune immer mehr gesteigert werden müssen, und mit sorgenvoller Miene rechnen sie ihren Zuhörern vor, wie der städtische Etat gewachsen sei und immer weiter wachse. Damals suchten sie den Stolz des Berliners zu tvecken, um sich die an- gcstammte Gefolgschaft zu bewahren. Jetzt aber spekulieren sie nur noch auf die Selbstsucht der wenigen, die ihnen trm geblieben sind. Am stärksten vielleicht tritt das in den Fragen deS S ch u I> Wesens hervor. Aar das früher ein Rühmen und Preisen, wenn die Rcichsbauptstadt, die„Stadt der Schulen", sich zu ihren Kom- mnnallvahleil rüstete! Die Lobredner des Berliner Schulwesens wiirden nicht müde zu schildern,'ivie's der Freisinn hierin so Herr- lich weit gebracht. Die Schule war das Paradepferd, das jeder frei- sinnige Bersammlungsrcdner seinem Publikum vorreiten mußte. In- zwischen aber ist das alles anders geworden. Heute thrin diese „Schulfreunde" gar nicht mehr stolz. Heute beklagen sie die Höhe der Schullastcn, tvobei sie natürlich nur an die Sürfwendungen für die Volksschule, nicht an die für das höhere Schulwesen denken. Sie schreien über die Kostspieligkeit der neueren Schulbauten, uotabcne: wieder nur der Gcmeiudcschulhäuser, die sie als„Schul- Paläste" bezeichnen, nicht der Gebäude für die höheren Schulen. Sie erklären es für eine skandalöse Verschwendung, daß in den Schul- klaffen eine von Jahr zu Jahr loachscndc Zahl von Plätzen unbesetzt bleibe, und auch hier haben sie selbstverständlich wiederum nur die Gcmeiudeschulen im Sinn, aber beileibe nicht die höheren Lehr- anstaltcn. Und wenn sie dann vorrechnen, wie bei der schulgeldloscn Gemeindeschule die aus dem Stadtsäckel zu leistenden Alifwendungen pro Schüler immer weiter steigen, dann verschweigen sie vorsichtig, daß bei den höheren Schulen der trotz Schulgcldpflichtigkeit aus dem Stadtsäckel noch zu leistende Zuschuß pro Schüler noch bc- deutender steigt und daß er gegenwärtig doppelt so hoch ist wie die Aufwcndnllgcn pro Bolksschüler. Im Berliner Bolksschul Wesen hat sich im letzten Jahr- zehnt manches geändert und gebessert. Das ist eine Thatsache, die sich jcdein aufdrängen muß. Mancher wird es da für sehr thöricht halten, daß der Berliner Freisinn in seiner Wahlagitation nicht nach wie vor die alte Taktik befolgt, sicki seiner Leistungen auf dem Gebiete des Schulwesens zu rühmen. wozu er ja jetzt inchr Grund habe als früher. Aber die freisinnigen Redner loissen, warunr es heute für sie empfehlenswerter ist, die neuere Entwicklung deS Berliner Volksschulwescns möglichst nicht dem Freisinn aufs Conto zu schreiben. Den Wählern könnte dabei leicht einfallen, wie der Freisinn sich sogar diese geringen Fortschritte unter hartnäckigstem Widerstand erst hat abringen laffcn— abringen durch die Socialdcmokratie, deren Vertreter in der Stadtverordneten- Versammlung seit zehn, seit zwanzig Jahren unermüdlich thätig gewesen sind, der Volksschule zu dienen und ihre äußere und innere Entwicklung zu fördern. Als im Jahre 1883 die Socialdcmokratie Berlins ihren ersten Sturm auf das Rote HauS unternahm, sagte das Ecntral-Wahl- komitee der Liberalen m einem das Schulwesen behandelnden Flug- blatt:„Wenn man unbefangenen Sinnes und mit Gerechtigkeit die Summe dessen zu ziehen sucht, was die städtische Verivaltung Berlins in den letzten Jahrzehnten geleistet hat. wenn inan an der Hand einer derartigen Prüfung den Wert oder Uuwcrt der bis- herigrn Vertreter der Bürgerschaft bemessen will, so bietet die Entwicklung unsreS Schulwesens hierfür einen Maßstab, dessen Bedeutsamkeit von keinem andren übcrtroffen wird." Der Satz war damals richtig, und er ist es noch heute. Der damalige Zustand des Berliner Volksschulwesens zeigte den Unwert des Liberalismus, der heutige Zustand zeigt, ivelcher Gewinn dem Bolksschulwesen daraus erwachsen ist, daß die Socialdcmokratie sich den Zutritt zum Roten Hause erzwungen hat. Unsre Genossen denken nicht daran, sich dessen zu rühmen, was sie durch ihre Mit- arbeit an der Berliner Gemeindeverwaltung im Schulwesen uicd auf verschiedenen andern Gebieten erreicht haben. Wir alle wissen, daß da noch sehr viel zu thun bleibt. Aber die Gerechtigkeit erfordert es. einmal festzustellen, wie sich seit dein Eintritt unsrer Genossen in das Stadtparlamcut gerade dasjenige Gebiet kommunaler Arbeit gestaltet hat, das der Liberalismus so lange für sein Lieblingsgebiet ausgegeben hatte. Die Zeiten, Ivo man uns vorzutvcrfen pflegte, daß wir„alles vrrruiigcnicrcn" wollen, sind vorbei. Zwar griff noch vor den dies- jährigen Reichstagswahlen ein Berliner Schulinspektor�und freisinniger Reichstagskandidat zu dem Mittel, die Berliner Socialdenwkratie verächtlich als„rohe Masse" zu bezeichnen. Gerade die Einsicht, die er aus seiner beruflichen Thätigkeit geschöpft haben muß, hätte ihn vor diesem abgeschmackten Urteil bewahren sollen. Andre, die schlauer sind als er. agitieren nicht mehr mit solchem Schtvatz. In der Agitation für die S t a d t v e r o r d n c t e n tv a h l e n wäre hiermit vollends nichts zu erreichen. Soll schon daran festgehalten werden, daß wir Social- dcmokraten„alles verrungenieren" wollen, so wird ein Freisinniger — in der Erkenntnis, daß dem Freisinn der Geldbeutel sein „alles" ist— heute seinen Anhängern den Stadtsäckcl als das Objekt socialdcmolratischer VerriiugenicrungSgelüste hinstellen. Zmii Teufel mit den alten Idealen, mit der Ausgestaltung des Schulwesens, mit der kommunalen Förderung auch der andern Kulturaufgaben, wenn die Sache so viel Geld kosten soll! Das zieht vielleicht noch am meisten, von einem solchen „Programm" ist vielleicht noch am ehesten zu erwarten, daß es dem einen und dem andern der Freisinnigen noch einmal sein Mandat rettet— falls nicht die Berliner Arbeiterschaft dazwischen tritt und entscheidet:„Zum Teufel mit dem Freisinn!"— Tie Jeu-riste». Der K 284 deS Strafgesetzbuches bedroht mit Gefängnis bis zu zwei Jahren, neben welchem auf Geldstrafe von dreihundert bis zu sechstausend Mark sowie auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden kann— Personen, die„aus dem Glücksspiele ein Gewerbe" machen. Im Civilkasiuo zu Oldenburg, dessen Gcheimnisie dieser Tage der Prozeß gegen den Oberlehrer Dr. Ries und den Redakteur Bier- mann bloßlegte, wurde eifrig das Glücksspiel betrieben, um hohe Summen und unter Verlusten, die den einen zum Selbstmord, den andren zur Auswanderung über den Ocean trieben. Der Staats- nnwalt Ruhstrat, der mit Eifer dem Spiele huldigte, scheint im wesentlichen vom Glück begünstigt gewesen zu sein; denn er endete weder durch Herzschlag noch in Amerika, sondern als oldeuburgischer Justizminister. Mit der schonen, verzeihenden Humanität, die Staatsanwälte bisweilen auszeichnet, hat der Ankläger gegen Dr. Ries und Bier- mann erklärt, es werde überall gejeut, und wenn die Stützen der Gesellschaft, den späteren Justizminister an der Spitze, im Eivil- kasino auch gejeut hätten, so sei das nicht weiter erheblich. Fraglich ist nur. wozu man dann den ß 284 im Strafgesetzbuch beläßt, wenn die Juristen sich derart als Jeuristen bekennen dürfen. Freilich zur juristischen Strafbarkeit gehört der Begriff der Gewerbsmäßigkeit, und es ist das Glück der v o r n e h m c u Spieler, daß der Begriff der Gewerbsmäßigkeit äußerst dunkel ist. Jemand jeut gewerbsmäßig und wird strafbar, wenn festgestellt wird, daß der Wille des Spielers darauf gerichtet ist, bei dem Be- triebe des Glücksspiels zu gewinnen, da er durch das Glücks- spiel nur erwerben kann, falls er gewinnt. Wird aber festgestellt, daß der Spieler ohne Rücksicht auf Gewinn oder Verlust nur um seiner Spiclleidcnschaft willen, gespielt habe, so wird die Gctverbs- Mäßigkeit verneint. Referendare, Staatsanwälte, Offiziere, Minister gewinnen natürlich nur aus Leidenschaft, auch wenn sie noch so hoch spielen, andre Sterbliche geraten leicht in den Verdacht, daß ihr plebejischer Willen auf den Gewinn, nicht auf die Leidenschaft gerichtet ist. Aber gleichgültig, ob strafbar oder nicht. daS Hazard spiel gehört zu den sittlich verwerslichsten Bcthätigungen, und es sind eigenartige Führer der Nation, die ihre Zeit nicht besser anzuwenden wissen, wie die Jeuristen im Civilkasiuo der Residenzstadt Oldenburg. Immerhin„gejeut wird überall", dagegen ist eS ein todeS- würdigcS Verbrechen, Respektspersonen„in beleidigender Absicht" diese und ähnliche harmlose Vergnügungen vorzuwerfen. Der Oberlehrer Ries und der Redakteur Bicrmann haben eS einsehen müssen, daß eS tausendmal verzeihlicher ist, zu hazardieren als über Hazardieren zu schreiben. Die nicht erweislich wahre Thatsache wird gar so leicht gefunden, aus der der Strick gedreht werden kann, und der Wahrheitsbeweis glückt nach richterlichem Empfinden so gut wie niemals. So sind denn die beiden Verbrecher schwer bestraft worden, zur Moral für alle, daß man spielen, aber nicht in die Zeitung schreiben soll. Der Oberlehrer Ries macht den Eindruck eines wildgcwordcnen Philisters. Ein gutmütiger, nicht sehr fester Mensch, der zärtlich au seiner Familie hängt und die Jungens pflichttreu drillt. Eine Vcr- setzung empfindet er— trotz aller Ableugnungcn und Ausreden mit Recht— als ungerechte Strafversetzung und nun geht er mit all der blinden Leidenschaft des aufgeregten Dilettanten der Oeffent- lichleit gegen den los, den er für den Urheber seines Unglücks hält. Dr. Ries hat seinen publizistischen Husarenritt hart gebüßt. Die Kränkung eines StaatSininisterS erfordert Sühne, wenn er auch dereinst nachweislich mit Erfolg gejeut hat. Aber die Ocffeutlichkeit tritt doch wenigstens auf die Seite des Verurteilten. Dagegen findet der Redakteur Biermann nirgends Freunde. Alle fallen über den Mann her, der mit seinem Blättchcn ans dem Skandal ein Gewerbe gemacht habe: nur um Geld zu verdienen, habe er die Ehre hochgestellter Persönlichkeiten— durch Aufdeckung wahrer Geschichten notabcne!— in den Kot gezogen. So schelten der Staatsanwalt, die Richter, der gegnerische Advokat und selbst die eignen Verteidiger. Wir kennen Herrn Biermann und sein Blatt nicht. Aber selbst wenn alles wahr wäre, was mau über ihn behauptet— wie rechtfertigte das die Bestrafung! Und auch die moralische Entrüstung ist vom Uebel. Herr Bicrmaun soll Skandale aufgedeckt haben, um Geld zu verdienen. Die bürgerliche Presse selbst verhehlt die Skandale, um es mit keinem Kunden zu verderben und dadurch erst recht Geld zu verdienen. Uns scheint dieser Gelderwerb der anstän- d i g e n Presse noch weit unanständiger und gemeingefährlicher als das Untcrnchmcn, durch Enthüllung von Skandalosa Geschäfte zu machen. Die bürgerlich-feudale Moral wandelt wundersame Wege. Ein Ehrenmann ist, wer durch Glücksspiel Geld gewinnt, auch wenn sich die Ausgeplünderten die Köpfe mit Blei füllen. Ebenso ehrenhaft ist es, durch Verschweigen aller Korruption aus Inserenten und Abonnenten reichlichen Ertrag zu wirtschaften. Ein Lump aber ist, wer die Blößen der Gesellschaft zeigt und auf diese Weise sein Dasein im— Gefängnis fristet. Die Moral des Civilkasinos in Oldenburg. die Moral des Militärkasinos in Forbach. die Moral, die überall gilt, wo die bürgerliche Gesellschaft das Bedürfnis empfindet, ihre Ehre zu wahren!— * Veutlcde» Reich. Tie Einberufung des Reichstages erfolgt iiock, immer nicht. Offiziöse Meldungen begründen dieses ärgerliche Verhalten des Reichskanzlers damit, daß die Fertigstellung des Etats noch im Rück- stände sei. Der Bundesrat Hai am Montag eine größere Anzahl von Etatslapitclu nach den Beschlüssen seiner Ausschllsie genehmigt und nach einer Blättermeldung befindet sich der neue Militär-Etat zur Zeit im Druck und bringt als Steilheit nur die Erhöhung der O b c r st l i c u t e n a n t s- G e h ä l t e r und eine Auf- besser un g der Unteroffiziere. Das neue Militär- PensionSgesetz ist im Bundesrat nocki nicht zur Vorlage ge- kommen. Es liegt vielmehr noch dem preußischen Staatsministerium vor und es werden noch etwa 14 Tage vergehen, bis eS an den Bundesrat gelaugt.—_ Das Urteil im Kniscriiisel-Prozesi, 70 Seiten stark, ist den Angeklagten zugestellt, die RcvisionSbcgründung eingereicht. In dem langen Urteil sucht man vergeblich nach Gründen, aus denen erhellen könnte, weshalb in den unter Anklage gestellten Artikeln eine Majestätsbeleidigung liege, cS sei denn, man erachtet die Wendung„ e S kann nicht zweifelhaft fein, daß die Artikel den THatbcstand der Majestätsbelcidiguug erfüllen" für eine Begründiiug. Die Anforderungen, welche unsre Strafprozcß-Ordnuug insbesondere nach ihrer Interpretation durch das Reichsgericht an die„Begründung" eines Urteils stellen, sind so unzureichende, daß der Mangel an Gründen für das Vorliegen einer Majestätsbelcidiguug in den inkriminierten Artikeln— ihr Inhalt ist ein andrer als der im Wege„thatsächlicher Feststellung" den Artikeln beigelegter Inhalt — nicht zu überraschen vermag. Anders steht es mit einigen selbst für politische Urteile überraschenden Verstößen gegen das klare Gesetz. Unter Anklage gestellt ist der Genosse Leid bekanntlich wegen einer einheitlichen, durch Zeichnung für d r e i Ariikel begangenen That. Verurteilt ist Leid aber wegen einer ein- hcillichen durch Zeichnung für f ü n f Artikel begangenen That. Das Urteil giebt selbst zu, daß nur drei Artikel inkriminiert waren, daß das Gericht aber wegen fünf Artikeln verurteilt habe. Aber, meint es, das schade nicht. Angeklagter hätte sich ja auch wegen der nicht unter Anklage g e st c l l t e n Artikel verteidigen können, denn er hätte sich ja denken können, daß er auch wegen der nicht in- kriminierten Artikel verurteilt werden würde, da diese zwecks Be- weises verlesen sind. Das Zutrauen zur Hellseherei entschuldigt den Angeklagten nicht für den groben Verstoß gegen den strafprozessualen Grundsatz aller Kulturländer, daß niemand wegen einer That ver- urteilt werden dürfe, bevor wegen dieser That Anklage gegen ihn erhoben war. Freilich sucht das Urteil einer Aufhebung des Urteils durch die Zusicherung zu begegnen: wenn Leid nur wegen der drei und nicht wie geschehen wegen der fünf Artikel verurteilt worden wäre, hätte er dieselbe Strafe erhalten. Läßt die Strafprozeß-Ordunng eine solche Prophezeiung über Dinge zu, die in der Vergangcnheii nicht geschehen sind, aber hätten eintreten können, wenn der Richter nicht zufälligerweise seinem Urteil eine andre That zur Grundlage gemacht hätte, als die ihm zur Last gelegte und in der öffentlichen Verhandlung verhandelte? Ist solche Behauptung über ungeschehene Dinge eine Urteilsbegründung? Oder versucht sie lediglich einen groben Verstoß gegen die Grundlagen jedes Strafprozesses in durchaus unzureichender Weise zu verhüllen? Das sind Fragen, die das Reichsgericht bislaug mit einem entschiedenen Nein beantwortet hat. Eine weitere Eigentümlichkeit des Urteils liegt darin, daß zur Konstruktion der Beziehung einer Stelle ans den Landeöherrn die in der Hauptvcrhaudluug nicht erörterte Behauptung verwendet wird: e s sei a l l g e m c i n b e k a n n t, daß der Kaiser ein besonderes Interesse für die Döberitzer Heerstraße und ihre schleunige Aus- sührung bekundet habe. Die politische Tendenz des „ V o r w ä r t s" und der Socialdcmokratie— natürlich nicht die thatjächliche. sondern eine vom Gericht als notorisch er- achtete— muß gleichfalls zur Begründung des Urteils herhalten. Nach der oft beteuerten Behauptung selbst von staatsanwaltlicher Seite giebt c s freilich keine Tendenzprozcsse und darf solche nicht geben. Man ersieht schon aus dieftn Mitteilungen, daß das Urteil vor dcni Richterstuhle objektiver Prüfung nicht standhalten kann. Auf dem Dach des Leipziger Reichsgerichts ist die Göttin der Gerechtigkeit versinnbildlicht. Hoffen wir. daß sie in die Räume des Reichsgerichts Eingang finden wird. Dem Angeklagten Leid wird im Urteil übrigens bezeugt, daß er ein gebildeter und unterrichteter Leser i st— der Staatsanwalt hielt sich bekanntlich zu einem andren von Leid sofort zurückgewiesenen, vcr- letzenden Ilrtcil für befugt. Das günstigere Urteil des Gerichts über Leid hat allerdings den Erfolg, den Dolus mit allen Finessen des Eventualdolus bei nnserin Leid für vorhanden zu konstruieren. Die Konstruktion des Eventualdolus im Urteil ist ein schätzenswerter Beitrag für die Jurisprudenz unsrer Tage.— Ein Kurator der Socialresorm. Der Kurator der Universität B o n ii, Freiherr v. Rotten bürg, ehemaliger Uiiterstaatssekretär der Berlepsch-Episode, hielt am Sonntag beim RektoratSessen eine Rede, die in der Presse Beachtung findet, weil das Telegraphen- bureau sie verbreitet. Bedeutendes ist es nicht, ivas der Freiherr sagte, und nur reaktionärste Reaktionäre können Anstoß an feinen Acußerungcn nehmen. Er sprach zunäckist gegen den konfessionellen Schulunterricht, verherrlichte dann gar Bismarck und trcdenzte schließlich matteste Limonade des socialen Königtums: „Bezüglich der Bekämpfung der Socialdcmokratie berufen sich die Freunde des Polizeilnüppels mit Unrecht(?) auf Bismarck, der über viele Formeln in der Behandlung der Menschen verfügte und für die Kniittelformel nie Vorliebe hatte. Die heute zunächst an- Ivendbare Formel ist die Abhilfe der Sckädeu und die Erhöhung der Bildung. Die besitzlosen Klassen müssen zum Verständnis der Grundlagen unsrer wirtschaftlichen Ordnung erzogen werden. Nachahmenswert für uns ist in dieser Beziehung das Beispiel Frankreichs mit seinen Volks- wirtschaftlichen Bortragschklen und-Kursen und den societes d'economie populairc. Tie Besitzenden müssen belehrt werden, daß unsre wirtschaftlichen Institutionen in den Fluß der Zeiten gestellt sind, und daß die Strömung in diesem Fluß dahin geht, die Be- sitzenden zu Gmisten der Besitzlosen noch höher zu belasten, als es heilte geschieht. Wir, die wir Reformen anstreben, sind die über- zcilgtesten Anhänger des Königtums: das sitzt nicht nur im Herzen, sondern auch im Kopf: denn wir erkennen die Möglichkeit einer Durch- führung von Reformen als dadurch bedingt an, daß es im Staat eine Macht giebt. die, über den sich scheinbar kreuzenden und ein- ander widerstreitenden Interessen der Gesellschaft stehend, dieselben dem gegenseitigen Verständnis entgegen zu führen vermag. Wenn heute noch so viele Besitzenden uns anscchtcn, so erklärt sich das daraus, daß sie eben jede ihnen vorteilhafte Institution für eine Institution von absolutem Wert ausgeben möchten. Diese Kurz- sichtigen empfehle ich den deutschen Professoren zur Behandlung." Durch den erhabenen Grundsatz, daß die Besitzenden„noch höher" belastet Ivcrdcn müssen als es heute geschehe,� und durch Erziehung zu gegenseitigem Verständnis löst der socialrcformerische Univcrsiiäts- rektor das sociale Problem und die Klassenkämpfe unsrer Zeit, lind daS Königtum sei die Macht, die über den Parteien schwebend diese' gewaltigen Aufgaben vermittele I Es beweist die Vorfintflutlichleit unsrer Zustände, daß solcher „Kathcdersocialisl" von den konservativen Stumm-Epigonen vb seiner „socialen Tendenzen" wütend gehaßt wird.— Laudrätliche Wahlbeeinflussung. Vor der Strafkammer in Stade wurde am 17. d. Bits, die Beleidigungsklage des Landrats D u m r a t h gegen den wclfischcn Agitator Meter verhandelt. In Nr. 1488 des in Zeven erscheinenden„Landcsboten" hatte der Angcllagte cincii mit der Spitzmarke„An die Wähler des 18. hau- noverschen Wahlkreises" versehenen Artikel hinemlanciert, der seine Unterschrift trägt, und worin über„unerhörte" Wahlbecinflussungcn Klage geführt wird, lliitcr andcrm heißt es darin: In einem Orte— Frcdenvcck ist damit gemeint— erklärte der königlich preußische Landrat in einer Versammlung: Ihr dürft jeden wählen. nur nicht den Welsen v. Mcdiug. Dieser Passus wird von der Anklagebehördc als beleidigend für den Landrat des Kreises Stavc, Dr. Dumrath, angesehen, der dieserhalb Strafantrag gegen den Angeklagten gestellt hat. Das Gericht hat nun aus Grund der Verhandlung als bcloiefcn angesehen, daß der Landrat eine derartige Acußernng nicht gcthan hat. R i ch t i g a b c r i st. daß var Beginn der Reichstagswahl die Gemeindevorsteher des Kreises Stade zu- sainmenbcrufen wurden, wo ihnen die einzelnen Bestimmungen des Wahlgesetzes erläutert worden sind. Bei dieser Gelegenheit hat der Landrat Veranlassung genommen, die Gemeindevorsteher darüber zu belehren, daß ein Eintreten für den wclfischcn oder socialdcnwkralischcn Kandidaten sich mit dem von ihnen bc- tleidctcn Amte nicht vereinbaren lasse, da er diese Parteien als slaatscrhaltcnd nicht anerkennen könne und andern- falls diSciplinarisch vorgehen müsse. Der Staatsanwalt beantragte trotzdem eine Gefängnisstrafe von drei Monaten. Das Gericht er- kannte auf 00 M. Geldstrafe.— Der sächsische Etat. Aus Sachsen wird uns geschrieben: Dreiklasscnlandtag und Deficitwirtschast geben der offiziellen Politik in Sachsen das Gepräge der Rückständi gleit und der Protektionistischen Willkür So wenig der Dreiklasscnlandtag gute Gesetze schnffen kann, so wenig ist er auch beflissen und befähigt, die -sinaiizloirtschaft des Landes auf eine gesunde Basis zu bringen, Bor zivei Jahren gab er dem Finanzmimster b, Watzdorf wegen einiger unebener Ueberschreitungen von Voranschlägen fiir Eisenbahn- bautcn den Abschied, aber sein als Finanzmann hochgcpriesencr Nach- folger, Dr, Rüg er, hat dem Landtag einen Etat"auf die Finanz- Periode 190t/S vorgelegt, der sich ganz in den ausgetretenen Geleisen der bisherigen Deficitwirtschast hält, Mit Ach und Krach hat der Finanzminister die Bilanzierung des ordentlichen Etats mit fast beinahe gleicher Endsumme herzu- stellen vermocht, wie sie der letzte Watzdorfsche Etat aufwies— 333 810 180 M. gegen 333 309 017 M. im Jahre 1901. Also Ziffern- mätzig bestätigter Stillstand der Staatsgeschäfte in dein Wirtschast- lich fortgeschrittensten Lande! Das Deficit des letzten ordentlichen Etats betrug lös',, Millionen Mark, Im neuen Etat ist es scheinbar ausgeglichen durch die zu erwartenden höheren Erträgnisse der veränderten Einkommensteuer — 8' o Millionen—, durch die ErgänzungSffVermögens-sSteuer mit 3Vz Millionen und durch krampfhaft erzwungene„Ersparnisse" bei den Eisenbahnen— Verminderung der Stellen und Löhne, sowie Er- höhung der Fahrpreise. Aber alles das reicht nicht aus, um die Bedürfnisse der Landcsvcrwaltung zu decken, überall mutzte„der Aufwand bei den einzelnen staatlichen Verwaltungen beschränkt" werden, ivie es in den„Allgemeinen Erläuterungen" zum Etat heitzt, Im Etat für 1902 03 hatte man ca. 20 Millionen für Staats- bauten aus dein ordentlichen Etat in den autzerordentlichen Etat lanciert, wo sie durch Anleihen gedeckt wurden. Aus Not hatte man damals autzerdcm gegen frühere Perioden die Ausgaben für not- wendige Bauten um beinahe eben dieselbe Summe eingeschränkt, so datz das Deficit des damaligen Etats in Wirklichkeit sich auf mindestens 00 Millionen Mark belief. Im vorliegenden Staats- Haushalt für 190103 beträgt die in den autzerordentlichen Etat lancierte Summe für derartige Bauten nur über 10 Millionen Mark— alles letzte Raten für begonnene Bauten— neue Bauten sind gar nicht vorgesehen._ Diese Unterlassung wirkt schlimmer. als die spätere Verzinsung etwa notivendiger Anleihen ivirkcn würde. denn sie hemmt den Fortschritt in den Ttaatsgeschäftcn, die, wie die Regierung selbst zugegeben hat, mit der Bevölkerungszunahme sich fortwährend criveitern. Nur um das Deficit geringer erscheinen z>l lassen, uuterlictz der Finanzminister die Einstellung von Summen fiir nötige Staatsbautcn, die, an den Verhältnissen früherer Etats gemessen, 25 bis 30 Millionen Mark betragen würden. In Wirklichkeit bcläuft sich also das Deficit dieses Etats auf mindestens 10 Millionen Mark, für das künftige Generationen iverden blitzen müssen, Tic Geldnot ist verschuldet worden durch die protcktionistische Wirtschaft der herrschenden Parteien im Landtage, die früher dem Königshause Dotarioncn— in verflossener Session noch eine Er- höhung der Eivillistc—, den Ministern, Geistlichen und höheren Beamten höhere Gehälter, agrarischen Institutionen Millionen- Subventionen usw. usw. bewilligten, ohne dein Staate höhere Einnahmen zuzuführen. Stets stemmten sie sich gegen eine griindliche Reform der direkten Steuern, wie sie von social- demokratischer Seite angeregt winde, und schonten die besitzenden Klassen. So haben sie die Finanzkalamität verschuldet, an der das Land noch lange Jahre schwer zu tragen haben wird. Kein Finanz- minister kann sie beseitigen, ohnesmit der ganzen bisherigen Wirtschaft zu brechen: keiner bringt dies jedoch fertig, da der Dreiklassen- Landtag jeden daran hindert. lind so schreitet das Verhängnis weiter. Die Staatsvcrschuldung nimmt zu, die konservative Herrschaft ruiniert das Land. Dem Finanzminister werden die Berschleierungs- versuche hinsichtlich der Finanzkalamität bei der Beratung des Etats sehr schwer fallen. Findet er auch bei dem Treillasjen-Parlamcnt Gnade, das Volk wird ihm um so schärfer auf die Finger gucken. AuS dem Grosiherzogtuni Sachsen- Weimar.(Eig. Ber.) Die Adgcordnetcnwahlen zuni Landtage sind im Laufe der vcr- gangenen Woche von den Höchstbesteuerten und den Grotzgrund- bcjitzer» vollzogen worden. Die Höchstbesteuerten wählten in jedem der fünf Verwaltungsbezirke einen Abgeordneten direkt, eine Aende- rung trat nur im Neustädter Bezirk ein, Ivo an die Stelle des bis- herigen nationallibcralen Abgeordneten ein andrer Nationalliberaler gewählt wurde. Am 20. November kamen in Weimar 119 Grotz- grundbesitzcr aus dem ganzen Lande zusammen und wählten in einem Wahlgange direkt fünf Abgeordnete, ivelche die Bündlcr vorgeschlagen hatten. Die Abgeordnetenwahlen dnrcli die gewählten Wahlmänner finden bezirksweise innerhalb der nächsten Woche statt und erreichen erst am 30. November ihren Abschluß.— Arbeiterbewegung. Aus Hessen wird»ms geschrieben: Eine direkte Vertretung der Arbeiter im Ministerium hatte die social- demokratische Fraktion dcS hessischen Landtages wiederholt gefordert, Die Regierung verhält sich aber fortdauernd ablehnend, Sie beruft sich auf Antworten, die sie schon vor Jahren gegeben hat: die Gewerbe- Aufsicht sei in Hessen derart ausgebaut, datz die Arbeiter durch Vermittelung der Gewerbe- Inspektoren, aber auch sehr wohl ohne diese, ihre Wünsche und An- liegen der Regierung jederzeit unterbreiten könnten. Die social- demokratische Forderung sei an die falsche Adresse gerichtet. Die in Frage stehende Angelegenheit sei nicht Sache der einzelnen Bundes- staaten, sondern dcS Reichs. Entsprechende Anträge wären ja auch wiederholt eingebracht worden unter Hinweis auf die kaiserliche Botschaft vom Februar 1890. Der letztere Hinweis klingt in der Rcgicrungsantwort wie feine Ironie. Der Kammerausschutz, der den socioldemokratischen Antrag zu beraten hatte, stimmt der Regierung zu. In seinem Bericht heitzt es wörtlich:„Immerhin erscheint es im Interesse der friedlichen Entwicklung unsrer socialen Vcr- bältnisse äutzcrst wünschenswert, datz die Frage der beruf- lichcn Organisation der Arbeiter eine baldige befriedigende Lösung finde. Der berichtende Ausschutz glaubt daher, datz der Landtag gerade bei Behandlung dcS gegenwärtigen Antrages die Gelegenheit wahrnehmen sollte, um die im Reiche herrschenden diesbezüglichen Bestrebungen nach Möglichkeit zu fördem. Der hierzu geeignete Weg ist aber der, datz hohe Zweite Kammer der grotzherzoglichen Regierung ernstlich nahe legt, im Bundesrat auf baldige gesetzliche Regelung hinzuwirken. Der Ausschutz beantragt daher: „Hohe Zweite Kaminer wolle an grotzherzogliche Regierung das Ersuchen richten, dieselbe möge im Bundesrat ihren Einflutz dahin geltend machen, datz die Frage der berufsständigcu Organi- sation und Vertretung der Arbeiter(Arbeitskammer») baldigst rcichsgcsctzlich geregelt werde". ES ist mit Bestimmtheit vorauszusehen, datz dieser Antrag mit großer Mehrheit angenommen und damit der socialdcmolratische Antrag für erledigt erklärt wird.— Husland. Ein«nncrikanischcs Urteil über den Dresdener Parteitag. Die in Chicago herausgegebene„International Socialist Review" bringt im Novembcrheft einen Bericht über den Dresdener Parteitag, von dem gesagt wird:„Seit vielen Jahren hat keine socialistische Versammlung stattgcsuuden. die von so großer Wichtigkeit ivar. wie dcrDreSdcncrKongretzdcrdcutschcnSocialdcmokratic, Dickapitalistischc Presse war in letzter Zeit voll von Geschichten über die Abnahme des revolutionären Geistes der socialistischen Bewegung Deutschlands. Diese Nachrichten wurden mit solcher Beständigkeit und Sicherheit nicht nur von der kapitalistischen Presse, sondern atzch von sogenannten Socialisten vcr- breitet, datz die Meinung allgemein acceptiert wurde: der Erfolg habe die deutsche Socialdemokratie demoralisiert." Der Verfasser zeigt sodann den Ursprung und die Entfallung des Revisionismus in Teutschland, Frankreich und Italien und gicbt eine» längeren Bericht über die Debatten betreffs Resolution 130. Letztere wird wörtlich abgedruckt, und von ihrer Annahme wird gesagt:„Die Wirkung dieser Resolution auf die Stärkung des revolutionären Flügels der socialistischen Bewegung ist ungemein lveitreichcnd."-- Frankreich. Tie Humbert-Papicre. Paris, 18, November.(Eig. Ber.) Das Ehepaar Humpcrt ist dieser Tage nach Verwerfung seines Kassationsgesuches ins Central- gefängnis überführt Ivorden. Gleichzeitig aber ist die gerichtlich endgiiltig erledigte Humbert-Affaire in politischer Gestalt wieder auferstanden, Deni Kammervotum betreffs der Einsetzung einer parla- mentarischen Untersuchungskommission über das sogenannte„geheime Aktenbündel" der Hnmberts folgte auf dem Fuße die übliche indiskrete Enthüllung in der Presse. Das vom„Figaro" veröffentlichte, alphabetisch geordnete N a in e n S- V e r z e i ch n i s des Humbertschen Verkehrskreises lvar vom Untersuchungsrichter Leydet zusammengestellt worden. Die Briefschaften und die sonstigen Papiere selbst, die der Zusammen- stellung zu Grunde liegen, blieben— bis auf etwaige weitere„Indiskretionen"— der parlamentarischen Kommission vorbehalten. Doch läßt sich bereits jetzt sagen, datz die nationalistische Spekulation auf einen parteipolitisch auszuschlachtenden Skandal mißglückt ist. Das Gannergeschäft der Hnmberts stand sozusagen über den Parteien, war ebenso verständig wie selbstverständlich politisch neutral. Nur mit der gleichfalls selbstverständlichen Einschränkung, datz die Humberts ans den Verkehr mit socialistischen Kreisen nichts gaben. Sonst stehen auf der„Figaro"-Liste die bekanntesten Namen aller bürgcr- licheu Parteien von rechts und links. Klerikalen und Antiklerikalen, General Boulanger und Henri Brisson, der Bischof von Versailles und das Ehepaar Goblet, Melius nebst Gemahlin und Sarrien dito, Paul Dechanel und Paul Doumer, ferner drei Präsidenten der Republik, Felix Faure, Casimir Perier und Loubet, zahlreiche weitere Deputierte und Senatoren, einflußreiche richterliche Würdenträger und Präfekt Schrine. Wenn die republikanischen Namen aller Schattiernngen entschieden vorherrschen, so erklärt sich das einfach aus dem größeren Nutzen, den die Gaunerfamilie sich ans dem Verkehr mit den Vertretern der regierenden Parteien der- sprechen durften, Ilebrigeiis handelt es sich bis auf wenige Aus- nahmen um oberflächliche„weltmännische" Beziehungen, die gar nichts besagen, insbesondere wenn man bedenkt, daß der Vater Frederic Humberts Justizmiuister war. Und dann dieser archivalische Eifer der Hnmberts im Sammeln und Aufbewahren von einfachen Nisitcnkartcn und gleichgültigen Zetteln, die 15 und 20 Fahre zurück- datieren! Das gehörte auch zu ihrem Gauner-Handwcrk, Etwas heikel scheinen nur vereinzelte Fälle zu liegen, Dechanel, früherer melinistischer Kammerpräsident, soll noch 1898 um die Hand der ewigen Braut der Crawford sich beworben haben, was durch zahlreiche Briefe bewiesen wird. Er hatte schon während des Humbert-Prozesses den bezüglichen Enthüllungen der Advokaten ein Dementi entgegengesetzt, Sache der parlamentarischen Kommission lvird es sein, die vorliegenden Briefe auf ihre Echtheit zu prüfen. Desgleichen wird sie in die unzweifelhaft intimen Be- Ziehungen des Präfekten L e p i n e zu den Humberts hineinzuleuchten haben. In der Kammersitzuug, in der die Untersuchung beschlossen wurde. hat übrigens Genosse S e m b a t diese Bcziehuugeu mit der s e l t- ja m leichten Flucht der H u m b e r t s in schlüssige Ber- bindung gebracht. Seiner Zeit hatte Lepinc im Pariser Gcineinderat zu seiner Rechtfertigung ausgeführt, ein ihm von den Gaunern zur Hochzeit seiner Tochter verehrtes wertvolles Geschenk zurückgeschickt zu haben. Gegenüber den im Aktenbündel aufgefundenen Photo- graphien seiner Angehörigen erklärt er setzt, die Hnmberts müßten sich dieselben irgendwie aus dritter Hand verschafft haben. Sonst bestätigen die Papiere, was man schon bisher wußte— den weitreichenden Einfluß der social so hochstcheuden Gauner. So spielten sie die empfehlenden Vermittler bei Gesuchen um Ver- leiyuugcn des Ordens der ,. E h r e n l e g i o n". Ii, einigen Fällen wurde» sie selber von Politikern angepumpt, so namentlich, wie be- reits vor dem Prozeß enthüllt wurde, von Flourens, einem ehemaligen Minister des Auswärtigen und derzeitigen n a t i o n a l i st i- s ch e n Deputierten von Port«. Jedenfalls war Justizmiuister V alle sehr schlecht beraten, als er in der Kammer, ohne freilich die Vertrauensfrage zu stellen, gegen die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungs-Kom- Mission sprach. Damit hat er den Verdachtslvcrt der Humbert- Papiere nur erhöht.—_ Der Streik der Weber von Saint Queutin dauert fort. Die Unternehmer bleiben auf ihren Vorschlägen bestehen: diese gingen dahin, datz der Mann in Zukunft drei Stühle zu bedienen hat und autzerdcm soll eine Lohureduklion von 2 Proz. eintreten. Der socialistische Deputierte Colliard und der Bürgermeister Vinguier versuchten vergeblich eine Verständigung herbeizuführen, lieber das Fehlschlagen der Verhandlungen gcrictcu die Arbeiter so in Wut, datz sie versuchten, in die Fabriken ein- zudringen. Die Anwesenheit großer Massen von Gendarmen steigerte die Erregung. Später wurden auch noch Truppen mobil gemacht und eS gelang den Vorgenannten nur mit Mühe, einen blutigen Zusammenstob zu verhindern. Colliard ist nach Paris zurückgekehrt und will den Ministerpräsidenten iuterpclliercii. Der Präfekt von Saint Oucntin hat mit dem Handelsminister über die Lage ver- handelt.— Italien. Der Prozeß Ferri Vettolo hat nun bereits mehrere Tage ge- dauert. Bis jetzt sind nur einige von Bettolo geladene Entlastungs- zeugen vernommen, unter diesen der jetzige Marinemiuister Morin. Tic vernommenen Zeugen haben doch eine Reihe von llnregel- Mäßigkeiten des Exministcrs Bettolo zugeben müssen. Am Sonn- abend kam es zu sehr erregten Scencii zwischen den Verteidigern der beiden Gegner. Der Advokat Bettori, Verteidiger des Bettolo, schleuderte einem der Verteidiger Ferris, den, Deputierten Comandini, das Tintenfaß ins Gesicht. Es kam zu einer rcgcl- rechten Prügelei, wobei mit der Faust, Stuhlbeinen und andern Gegenständen zugeschlagen wurde. Die Carabinicri trennten schließ- lich die Kämpfenden und die Sitzung mutzte aufgehoben werden.— England. Die Zollplänc Chambcrlains und Indiens. Nach Meldungen indischer Zeitungen verfaßte die indische Verwaltung auf den besonderen Wunsch der englischen Ne- giernug ein ausführliches, statistisch reich belegtes M e m o r a u d u m über die Bedeutung der zollpolitischen Wünsche Chambcrlains für Indien. Die Tendenz� � des Memorandums soll nun dahin gehen, datz das Int e r e s s e I n d i c ns an einer Veränderung der gegenwärtigen zollpolitischcn Verhältnisse gering sei. Der indische Export habe sicki. lvenn man von Rußland absehe, über eine ungünstige Behandlung nicht zu beklagen. Auch seien die wichtigeren indischen Exportartikel in, Auslande zuineist nicht über- mätzig durch Zölle belastet mit Ausnahme von Reis, Thee und Kaffee. Der gesamte Export Indiens habe im Durchschnitt der letzten zwei Fiskaljahre»iigefähr 800 Millionen Rupien umfaßt: hiervon habe aber die K a f f e e- A u s f n h r im Jahre 1902/03 nur 13,21, die größtenteils nach England gehende Thee- Ausfuhr 73,02 und der R e i s e x p o r t im Jahre 1902/03 187,88 Millionen Rupien betragen. Der Reisexport im letzten Jahre war aber ganz autzergcwöhnlich hoch, der dem Durchschnitt besser entsprechende fiir 1901/02 betrug nur 138,17 Mill. Rupien.— Dänemark. „Socialdcmokraten" verurteilt wegen Gotteslästerung. Rais- mann P. K n u d s e n, der im Monat August, während der Re- dakteur Wiiublad verreist lvar,„Socialdcmokraten" redigierte, lvurdc am Son Habend vom Kriminal- und Polizcigcricht in Kopenhagen zu 500 Kr. Geldstrafe verurteilt, weil das Gericht in einem von ihm aufgenommenen Artikel„Himmclsbricf" eine Verhöhnung der Gitzubcn sichren der christlichen Kirche erblickte. Die Verhöhnung wurde in der Art und Weise gefunden, wie in dem Artikel über Gott und den heiligen Geist gesprochen wird. Wie Knudscn vor Gericht darlegte, hatte der Artitcl den Zweck, den schwülstigen Zcitungs- berichten über die Papstwahl entgegenzuwirken und zu zeigen, daß diese und die damit verbundenen Cercmonien nichts niit den cigenk- lichcn Grundsätzen dcS Christentunis zu thiin haben, diese Grundsätze in lvcit höheren» Maße in dem Bestreben der Arbeiter, Gerechtigkeit und Glück unter den Menschen zu verbreiten, zum AuS« druck kommen.— Die Anklage und Verurteilung unsres Partei» genossen Knudsci, ist ivicdcr mal ein Bclveis dafür, datz das so- geiiaimte liberale Regime in vieler Hinsicht mehr zur Förderung als zur Niederwerfung der Reaktion gedient hat. Würde der JnAiz- minister Alvern einmal die moderne dänische Litteratur nach der- artigen„Gotteslästen>"gen" durchsuche», er würde reichlich Stoff zu solchen Prozessen finden.— Der Priigclgcsctz-Eittwurf des Jnstizministers stand am Donnerstag und Freitag zur Beratung im Folkething. Für die Prügelstrafe sprachen sich nur zivei Konservative und ein Moderater aus, die live- raten Redner äußerten sich mehr oder minder scharf gegen den Vorschlag. Ganz entschieden sprachen die Socialdemolraten Borgbjerg, Sabro und Martin Olsen gegen die Prügelstrafe. Der Entwurf, der außer- dem noch eine Erweiterung des Rechts dcr°Notwehr Vorsicht, tvurde einem Ausschuß von 15 Mitgliedern überwiesen.— Asien. Die sapanischci, Sveialisiei, nnd der Krieg mit Rußland. In Tokio fand, wie"'ir der neuesten Nummer des„Socialist" entnehmen, am 8. Oktober eine Versammlung der dortigen Social- demokraten statt, die sich mit der Frage des Krieges gegen Rußland beschäftigte. Zu derselben»varen auch viele Bürgerliche erschienen, die ihren iingoistischcn Standpunkt zu vertreten suchten. Von den Socialisten nahmen Katagama, Abe und andre das Wort nnd schließlich wurde eine Resolution angenommen, die sich offen gegen den Krieg mit Rußland ausspricht. Mit Recht bemerkt das japanische Parteiblatt hierzu, es sei ein großer Erfolg fiir die Partei und ein bedeutsames Zeichen, datz die Socialisten„inmitten eines extremen Kriegsfiebers" den Mut zum Proteste gefunden haben.—-_ Ein amerikanischer Sieg über die Moros. Nach einem Tele» granun aus Manila hat General Leonard Wood einer Truppe von über 2000 Moros ans Jolo eine vernichtende Niederlage beigebracht. 300 Moros sind gefallen. General Wood verfolgt nunmehr die Aufständischen in die Berge. Auf amerikanischer Seite wurden sechs Mann verwundet.— Amerika. Die Entstchiiiig der Revolution in Panama stellt eine Washingtonei Meldimg der„World" folgendermaßen dar: Die revolutionäre Be- wegung wurde vom Beginn im August an durch N c w U o r k e r und Pariser Finanzlente dirigiert, sobald diese er- kannten, datz der kolumbische Senat den Panamakanal-Vertrag vcr- werfen»vürde. Die leitenden Persönlichkeiten der Bewegung in Panama wurden unterrichtet, falls sie einen Aufstand ins Werk setzten, würden sie m o r a l i s ch e II n t e r st ü tz u>, g durch den P r ä s i- deuten Rooscvelt sind en. Die Führer der Verschwörung kamen dann im August in New Uork zusammen, nnd einer von ihnen hatte eine Beratung mit den, Staatssekretär des Aus- w ä r t i g e n H a y, der dabei andeutete, die Vereinigten Staaten würden die Revolution unterstützen, falls ihr Ausbruch bis nach den Wahlen in den amerikanischen Einzelstaatcn am 3. November ver- zögert würde. Der kolumbische Gesandte in Washington erfuhr von diesen Vorgängen und warnte die kolumbische Regierung, mit dem Anraten, die Garnisonen in Colon nnd Panama zu verstärken, man schenkte aber seinen Warnungen leine Beachtung.— Gcwerkfcbaftllcbcs. Wo Ttrcitpostcn unbehelligt bleiben miisscu! Eine Entscheidung von größter Bedeutung ist vom Kammergerich, gefällt worden. In Posen streikten im Mai die Tischler. Der Tischler Blaczyk hielt sich am 5. Mai vor einer Tischlerei als Streik- Posten ans. Ein Polizeibeamter forderte ihn ans, sich zu entfernen, und zlvar bemerkte der Beamte, B. habe nicht nur ein Stück weiter zu gehen, sondern die ganze Gegend zu verlassen. B. be- gab sich daraus i n eine gegenüber liegende S ch a n k- Wirtschaft, von wo ans durch die Fensterscheiben die Tischlerei beobachtet werden konnte. Obwohl nun B. so die Straße verlassen hatte, wurde er doch auf Grund der berüchtigten Bestirmnung aller Stratzen-Polizeiverördnungen angeklagt, welche mit Strafe bedroht, wer de» zur Erhaltung der Ordnung, Sicherheit und Bequemlichkeit dcS Verkehrs auf der öffentlichen Straße er- gehenden polizeilichen Aufforderungen nicht Folge leistet. Das Land- gericht Posen als Bernsungsinstanz verurteilte ihn auch zu einer Geldstrafe und führte aus: Hier sei die Aufforderung, eine bestimmte Stratzengcgend zu verbessern, im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnimg ergangen. B/s Vcr- weilen in der Nähe der Tischlereiwerkstätte habe befürchten lassen, datz er die Arbeitswilligen belästigen würde und datz eS zu Störungen kommen könnte. Die Wegweisung aus der Gegend sei deshalb berechtigt gewesen. B. hätte folgen müssen. Dadurch, datz er in eine Schänle ging, sei er aber der polizeilichen Aufforderung nicht nachgekommen. Er sei deshalb zu bestrafen. Der Angeklagte legte Revision ein nnd machte geltend, die Stratzenpolizeiverordmmg sei zu Unrecht angewendet ivorden. Die Polizei sei nicht berechtigt, ihm den Aufenthalt im gcschlossciicn Raum zu verbieten. Die Stratzenpolizeiverordiumg beziehe sich nur ans die Straße. Der Aufforderung, die S t r a tz c n g e g c n d zu verlaffen, sei er dadurch gefolgt, datz er in die Kneipe ging. Der Oberstaatsamvalt am Kammergericht legte sich dagegen für die Auffassung seines Posener Kollegen nnd des posenschcn Gerichts ins Zeug. Im Interesse der öffentlichen Sicherheit sei der Polizei auch die Befugnis zuzugestehen, den Aufenthalt in derartigen Gast- räumen zu untersagen, wenn die Polizei befürchte, datz durch den Aufenthalt in der Schänle die Ordnung gefährdet sei. Das Kammergericht unter dem Vorsitz des Präsidenten Lindenberg hob jedoch die Vorentscheidung ans und sprach den An- geklagten mit folgender Begründung frei: Der Schutzmann habe nur die Berechtigung, die Ruhe, Ordnung nnd Sicherheit auf der Stratze durch Anordnungen in, Sinne der Stratzen-Polizeiverord- nung aufrecht zu erhalten bczw. herzustellen. Wenn nun der Angeklagie i n e i n R e st a u r a n t g i n g und s o m i t d i e S t r a tz c v e r- lietz, so habe er eben die Ordnung der Stratze nicht mehr gefährdet. Die Aufforderung des Beamten, weg- zugehen, könne sich allerdings ans eine ganze Stratzcngegcnd er- trecken, aber über das Stratzenbild hinaus dürfe sie nicht gehen. In dem Lokal habe B. bleiben dürfen, wenn auch die Werkstatt nahe war. Nach dieser Entscheidung dürfen also auch Streikposten nicht auf Ansuchen von Unternehmer-Angestellten aus einer Wirtschaft heraus verhaftet werden, lediglich weil sie Streikposten sind. Es wäre gut, wenn das Berliner Polizeipräsidium seinen in der Alcxanderstratze postierten Beamten dies zur Kenntnis brächte, damit dieselben dahin- gehenden Anforderungen von gewisser Seite gegenüber sich ablehnend zu verhalten vermögen. Lerlin und Qmgegencl. Zu der Lohndcwrgiiiig der Musilinstrnmenten-Arbcitcr hat nun in einer autzerordentlichen Generalversammlung die Freie Vereinigung der Berliner Pianofortcfabrikantcn Stellung genommen. Man war selbst- verständlich der Ansicht, datz gegen eine Lohnbewegung energisch Stellung genommen werden müsse. Es»vurde einstimmig folgendes beschlossen:„Falls ein Mitglied der Vereinigung von einem Streik oder einer Sperre betroffen»vird, hat die Freie Vercinigiuig der Berliner Pianoforte- Fabrikanten mit allen ihr zu GeKote stehenden Mitteln für den kestreikten Betrieb einzutreten."—„Eine Verkürzung der im allgemeinen bestehenden Arbeitszeit wird unter keinen Umständen zugestanden." lieber die in einzelnen zur Vereinigung gehörenden Betriebe bc- stehenden Arbeitszeiten soll sofort eine Erhebung veranstaltet werden.— Da die Beschlüsse nichts enthalten, was nicht die Arbeiter bei Eintritt in die Bewegung vorausgesetzt haben, dürsten sie auf die Haltung derselben keinen Einfluß ausüben. Achtung! Gürtler und Drücker. Im„Vorwärts" vom Sonnabend, den 21. d. Mts., ist eine Bekanntmachung des Gewerbegerichts betreffend den Tarifvertrag der Gürtler und Drücker enthalten, die, was die Zahl der Firmen anbetrifft, durchaus unvollständig ist. Seit Wochen bereits haben wir um Einberufung der Schlichtunqs- kommission zum Zweck der Konstitution ersucht, ohne daß dies seitens des Gewerbegerichts bis heute geschehen ist. Auch die wirkliche Zahl der dem Tarif angeschlossenen Betriebe hätte das Gewcrbegericht veröffentlichen können, wenn dasselbe vor der Veröffentlichung an uns herangetreten wäre. Warum beides nicht geschehen ist, wissen »vir nicht. Jedenfalls thun die Kollegen gut, sich in Sachen des Tarifs ausschließlich au unser Bureau, Eugel-Ufer 12, zu wenden. Deutscher Metallarbeiter-Verband, Ortsverwaltung Berlin. I. A.: Cohen. Achtung, Zmkgießer und Stürzer. Wegen Differenzen ist die Werkstatt von Borsch, Alerandrinenstr. 07, gesperrt.— Zuzug ist fern zu halten. OeutTcKe» Reich. Der Streik bei der Firma Rickmerö in Bremen dauert fort. Die streikenden Arbeiter hatten ihre Angelegenheit dem Einigungsamt unterbreitet. Herr Rickmers hat aber diesen Versuch einer friedlichen Einigung rücksichtslos abgelehnt. Der Zehnstundcnknmpf in Crimmitschau dauert fort. Die Unternehmer haben abermals Flugblätter verbreiten lassen. Sie locken jetzt Arbeitswillige mit dem Versprechen an,„daß die Arbeitswilligen bei Beendigung des Streiks uZn t e r keinen Umständen eine Entlassung zu g e- lo ä r t i g e n haben". Die Herren sollten init ihren Ver- sprechungen sparsam sein; denn nicht von ihnen, sondern von dem Ausgange des Kampfes wird es abhängen, Ivie sie sich zu den zurückkehrenden und den„treu gebliebenen" Arbeitern zu stellen haben. UebrigenS ist es ja eine alte Erfahrung, die man nach jeden» Streik macht, daß die Herren Unternehmer sich ihrer Arbeitswilligen baldmöglichst unter irgend welchen Vorwänden eirtledigen. Es handelt sich ja bei diesen meist um Leute von geringer technischer Fertigkeit, die sich ihres Unvermögens auch Beimißt sind und vielfach gerade deswegen sich Lohnbewegungen nicht anschließen Sie fürchten einmal, nicht »nchr zu verdienen, als man ihnen eben giebt, und dann daß ihr Austritt aus einen» Betriebe den Anlaß zur dauernden Ausstoßung aus demselben geben könnte. Solche Leute behält aber jeder Arbeit- geber nur im Falle äußerster Not. Jetzt machen in Crimmitschau auch die HauspaschaS inobil und drängen die Leute, welche mit der Miete im Rückstände geblieben sind, entweder auszuziehen oder Streikbrecher zu werden. Zu gleicher Zeit gehen Beamte bei den Geschäftsleuten herum und fragen, ob jemand bei ihnen Unterstützungsgeldcr gesammelt hat. Den Leuten »vird dann noch erklärt, daß das unerlaubte Sammeln eine st r a f- bare Handlung sei. Arbeiter Deutschlands! Das alles kann nicht dazu beitrage»», die wackeren Crimmitschauer Kämpfer zu entmutigen, wenn sie wissen, daß Ihr hinter Ihnen steht! Der Gesangverein„Vorwärts" in Dessau veranstaltet einen Uuterhaltungsabend, um von dem Ueberschuß den Kindern der Ausgesperrten eine Weih nachtsbescherung zu teil werden zu lassen. Greift Ihr alle tiefer noch in Eure Taschen, als Ihr es schon thut, nm den Ausgesperrten über den Mietstermin hinweg- zuhelfen! Nach diesen, Termin beginnt die Saison wieder, dann müsse» die Fabrikanten nachgeben! Die Spinnerei-Arbeiter und-Arbeiterinnen der Kammgarn- spinncrei Liebschwitz bei Gera sind seit zwölf Wochen ausgesperrt. Die Spinnerei sucht nun durch die Agenten Paul Walter, Johann Schmidt u. a. Arbeitswillige anzuwerbei», wobei sich einige der Agenten der falschen Vorspiegelung bedienen, in Gera lei eine neue Spinnerei eröffnet worden.— Da ohne Zuzug die Sache für die Ausgesperrten günstig steht, bitten dieselben die Spinner und Weber allerorts, ihnen nicht in den Rücken zu fallen. Versammlungen. Ter Metallarbeiter-Verband(Verwaltungsstelle Berlin) hielt am Sonntag iin„Feenpalast" seine ordentliche General- Versammlung für das dritte Quartal d. F. ab. Sehr auf- fällig war auch diesinal wieder das Verhalten der Polizei. So wurde der Saal bereits abgesperrt, obwohl noch einige hundert Personen hätten Platz finden können. Dafür aber suchten sich Kriminalbeamte durch Seitenthürcn einzuschleichen. Jedenfalls waren sie der Meinung, daß, wenn auch den rechtmäßigen Besuchern der Versammlung hundertweise der Eintritt verwehrt wurde, für s i e noch immer der nötige Platz vorhanden sei, um als„Auch- Metallarbeiter" auf Ihre Art„mitzuraten und mitzuthaten". Als diese verdächtigen Gestalte» aber in der Versammlung bemerkt und nach ihrem Verbandsbuch gefragt wurden, da zeigten sie in be- lannter edler Dreistigkeit ihre— Blcchmarke. Natürlich wurden sie nunmehr schleunigst hinauskomplimentiert. Auch das Benehmen des überwachenden Polizeilicutenants war nichts weniger wie korrekt. Mitten in den Verhandlungen setzte er plötzlich seinen Helm�auf und verlangte in einer regelrechten Ansprache,„unbedingt" die Frei- Haltung der Treppen nach den Gallerten zu; nebenbei bemerkt war es das erste Mal, daß derartiges im Fccnpalast polizeilich gefordert wurde. Der Herr Lieutenant muhte sich denn auch vom Vorsitzenden Cohen belehren lassen, daß er keinerlei Recht habe. Ansprachen an die Versammlung zu halten, sondern es ihm nur zustehe, sich in Bezug auf die Erfüllung sicherhcitspolizeilicher Wünsche lediglich an den Vorsitzenden der Versammlung zu wenden, der dann schon die nötigen Anordnungen treffen werde. Charakteristisch war das Ver- halten der polizeilichen Organe bei folgendem Vorfall. Als nämlich nach erfolgter Rcchnungsablage wie üblich die Revisoren das Wort zur eventuellen Dcchargccrteiluug des Kassierers nehmen sollten, stellte es sich heraus, daß keiner von ihnen in der Versamm- lung war. Sie befanden sich noch unter den nicht eingelassenen Drautzenstcheudcn. Um nun aber dem Wunsche der Versainmluug nachzukommen und die Revisoren sich zum Kassenbericht mündlich äußern zn lassen, ging der zweite Bevollmächtigte Wiesenthal zu dem Führer des auf der Straße stehenden Polizeiaufgebots, stellte den» die Sachlage vor und bat ihn. wenigstens einen der Revisoren noch in den Saal hineinzulassen. Als er wieder»n der Versamm- lung erschien, konnte er jedoch nur mitteilen, daß ihm diese Bitte schroff abgeschlagen und er nur mit knapper Not e»ner Verhaftung entgangen sei.— � In Erledigung der Tagesordnung erläuterte Rendant P c tz o I d den gedruckt vorliegenden Kassenbericht. Einnahmen und Ausgaben der Hauptkasse balancieren in der Suimne voi» 103 920,70 Mark. Das Bcitragsgeld entspricht einer Mitgliederzahl von 08 000. ES wurden gezahlt: für Rechtsschutz 7374.97 M.. welche Summe aus den gerichtlichen Erledigungen der enormen Anzahl polizeilicher Strafmandate gegen Streikposten resultiert; an Orts- Unterstützung 19 232,62 M.. an Reisegeld 2093,10 M.. an S t r e i k- und M a ß r e g e I u n g s u n t e r st ü tz u n g insgesamt 142 622,60 Mark._ Ter Bestand der Lokalkasse betrug am 30. Scptenibcr 114 222,29 M. Dem Rendanten wurde auch ohne Anwesenheit der polizeilich ausgesperrten Revisoren einstimmig Techarge erteilt.— Auf Beschluß der Versammlung war die Tagesordnung dahin abgeändert worden, den Bericht über den Verlauf des jung st beendeten Streiks und der Aus- sperrung in der Berliner Metallindustrie entgegenzunehmen und zu besprechen. Cohen führte dazu aus: Dieser neunwöchige Streik sei zweifellos der ge- waltigste LoHnkcnnpf gewesen, den die Berliner Metallarbeiter seit 13 Jahren geführt haben. Wenn der Erfolg auch nicht den ge- hegten Erwartungen entsprochen habe, so könne der Verband dennoch stolz sein auf eine solche Bewegung und vor allem auf die Haltung der Kollegen während derselben. Hier habe es sich gezeigt, daß die Metallwarenfabrikanten allein dem Verbände in keiner Hinsicht mehr gewachsen waren, sie waren deshalb auf anderweitige Hilfe an- gewiesen. Und das»nüsse gesagt werden: Diese Hilfe ist den Unter- nehmern denn aiich in weitgehendstem Maße zu teil geworden. Nicht allein die Berliner Großeisen-Jndustriellen der Ahtcilung l des Kühnemänner-Verbandes, sondern die Metallindustriellen ganz Deutschlands, von den Werftbesitzern der nordischen Wasserkante bis zu den Inhabern der rheinisch-westfälischen Eisenwerke haben die vom Streik betroffenen Fabrikanten sowohl durch Geldmittel als auch durch Anfertigung von Streikarbcit in nicht zu erwartender Weise unterstützt. Bekannt sei ja auch, daß sämtliche Arbeits- nachweise Teutschlands während der Dauer des Kampfes für jeden Berliner Metallarbeiter gesperrt worden seien. Die Metallarbeiter haben es deswegen nicht allein mit den Berliner Metallwarcn- fabrikanten sondern mit dem Großunternehmertum der gesamten deutschen Metallindustrie zu thun gehabt, und angesichts dessen müsse der negative Ausgang des Streiks erklärlich erscheinen. In Anbetracht der ganzen Situation mußte der Kampf auf der Höhe abgebrochen werden. Schon bei Beginn des Streiks sei es klar aus- gesprochen worden, daß, wenn nach einem gewissen Zeitraum kein Erfolg in Aussicht stünde, dann der Kampf abzuhrechen und zu ge- lcgenerer Zeit wieder erneut aufzunehmen sein werde, denn heutigen Tags könne ein Streik nicht mehr bis zum Weißbluten geführt werden. Es lväre ein Frevel gewesen, den Kampf noch weiter zu führen nachdem feststand, daß die Unternehmer, gestützt auf �die Solidarität der gesamten Kühnemänner, lieber auf das ganze dies- jährige Geschäft verzichten als nachgeben würden. Die günstige Kon- junktur in der Branche ging zu Ende, dazu kam die Notlage eines Teils der Streikenden nach neunwöchentlicher Dauer des Streiks, und schließlich zwang auch die Rücksicht auf die Kassenverhältnisse dazu, den Kampf zu heenden und ihn nicht bis zur völligen Erschöpfung weiter zu führen. Trotz alledem sei der Streik nicht gänzlich er- gebnislos verlaufen, denn der mit einem Teil der Unternehmer abgeschlossene Tarifvertrag sichere rund lOvOZGürtleri» und Drückern. abgesehen von den»ibrigen Arbeitern, Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu den neuen Bedingungen. Wenn nun von den Unternehmern gesagt werde, die Gürtler und Drücker würden einen solchen Kampf so leicht nicht wieder wagen, so brauche nur auf das Vorkommnis bei der Firma N i e m a n n u. Co. hingewiesen zu werden, denn dort hätten die Kollegen schon nach IV- Stunden die Arbeit wieder niedergelegt, als ihnen Verschlechterungen aufgezwungen werden sollten, sicher ein Beweis, das; die Arbeiter keineswegs bis zur Mutlosigkeit geschlagen seien. Redner führte sodann die in Bezug auf die Streikleirung cirkulierenden übelwollenden Gerüchte, als nach jedem verlorenen Streik neu entstehend, auf ihre völlige Haltlosigkeit zurück und schloß niit dem Ersuchen, sich einer objektiven Kritik zu befleißigen, denn wenn auch einzelne Fehler seitens der Leitung vor- gekommen sein mögen, in der Hauptsache habe sich diese keine Vor- würfe zu machen.— In der äußerst regen Debatte machte L i t f i n geltend, die Streikleitung' sei bei Jnscenierung deS Streiks nicht mit dein erforderlichen Weitblick vorgegangen, sie habe den Gegner einfach unterschätzt. Richtiger wäre es gewesen, wenn anstatt beider Branchen nur die Gruppe der Drücker allein in den Kampf gezogen wäre, dann hätte sich die Aussperrung vielleicht vermeiden lassen. Nachdem aber der Karnpf solche Dimensionen angenommen hatte und keine Aussicht auf Erfolg mehr bestand, so hätte die Streikleitung »nindestenS vier Wochen früher auf Beendigung des Streiks dringen müssen, dann hätte man auch sagen können, der Kampf wäre auf der Höhe abgebrochen worden. Redner verlangte sodann Auskunft über die Zahl der noch nicht wieder eingestellten Arbeiter und bemängelt ferner die Uneinheitlichkeit in der Leitung der Verwaltungsstelle. Heute dürfe ein Streik, der Tauscnde von Arbeitern in Mitleidenschaft ziehe, nicht»nehr in einem kleinen Cirkel beschlossen werden, dann würde es auch nicht mehr vorkommen, daß Lohnbewegungen wie diese und der Mehlichsche Streik weniger mit Verstand und kühler Be- rechnung als vorwiegend aus dem bloßen Gefühl heraus eingeleitet und geführt würden. Auch müsse er es als einen taktischen Fehler bezeichnen, daß die Streikleitung mit irgendwelchen Neuigkeiten, die sie über das Vorgehen der Unternehmer erfahren habe, gleich immer in Form von Prehberichtcn auf den öffentlichen Markt gezogen sei. Er schließt mit der dringlichen Ermahnung, die notwendigen Lehren aus diesem Lohnkampfe zu ziehen, denn es müsse jedermann schmerz- lich berühren, zu sehen, wie gerade die besten Kollegen wieder auf der Strecke geblieben seien. Im Sinne Litfins sprachen noch Benisch und Kassner, während Wu schick, Eggert. N ö s k e und P a w l o w i t s ch die Haltung der Streikleitung im wesentlichen rechtfertigten. Cohen bemerkte in seinem Schlußwort, man habe de» Gegner keineswegs unterschätzt, jedoch nicht voraus- sehen können, daß ihm so unerschöpfliche Hilfsmittel zur Verfügung gestanden hätten. Vei einer zukünftigen Lohnbewegung werde dies Moment von vornherein genügend in Betracht gezogen werden. Außer Arbeit seien noch 92 Drücker und 340 Gürtler.— Damit war die Debatte beendet; Anträge lagen nicht vor. infolgedessen er- übrigte sich auch eine Beschlußfassung. Di««nrnHotkriilnir-icr Stadtxcroidnrte»- Wahle der dritten Abteilung, die gestern stattfanden, haben niit einem glänzenden Siege unsrcr Parteigenossen geendet. Von acht zur Ersatzwahl stehenden Bezirken haben unsre Genossen sechs ge- Wonnen; in einem Bezirk findet Stichwahl statt. Nachstehend geben wir die Resultate wieder: 1. Wahlbezirk: Schriftsteller Paul Hirsch(Soc.) 673, Rentier Tinius(lib.) 228, RentiechOpitz(unpol.) 302. Gewählt Hirsch(Soc.) 2. Wahlbezirk: Apotheker Bogel(Soc.) 760, Tischlermeister Winkel(lib.) 190, die Unpolitischen brachten es auf 262 Sttmmen. Gewählt Vogel(Soc.). 3. Wahlbezirk: Dr. med. Zepler(Soc.) 744, Tischlermeister Winkel(lib.) 177; der Kandidat der Unpolittschcn, Rentier Przwobfki erhielt 122 Stimmen, gewählt: vr. med. Zepler(Soc.) 4. Wahlbezirk: Gastwirt Dörre(Soc.) gewählt. 2. Wahlbezirk: Gastwirt Pasche(Soc.) 827, Töpfer Knöfel(lib.) 211, SanitätSrat Dr. Henninger(unpol.) 236 Sttmmen, gewählt Pasche(Soc.). 6. Wahlbezirk: Cigarrenhändler Sellin(Soc.) 222, SanitätSrat Dr. Landsberger(lib.) 331, der unpolitische Kandidat Rcchnungsrat Franken erhielt 217 Stimmen; gewählt Sellin(Soc.). 7. Wahlbezirk: Stichwahl zwischen Kaufmann Rosen- thal(Soc.) 411 und Dr. Spiegel(lib.) 412 Stimmen. Zersplittert 2 Stimmen. 8. Wahlbezirk: Rentter Friedrich Richter(lib.) 388, Architekt Fink(unpol.) 399; Stichwahl zwischen Richter(lib.) und Fink (unpolitisch)._ Letzte]Vachricbten und Depefeben. Der Etat vor der sächsischen Kammer. Dresden, 23. November.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Die Zweite Kammer des sächsischen Landtags hat in heutiger Sitzung entgegen bisheriger Gepflogenheit und entgegen den Anträgen der beiden Referenten Abg. Dr. Schulze (nationalliberal) und Abg. Günther(Freisinnige Volkspartei) nach dem Anttage des konservativen Abgeordneten Dr. Schill (erster Vicepräsident) das Steuer-Provisorium pro 1904, das bis zun» Erlaß des Finanzgesetzes Gültigkeit hätte, noch nicht bewilligt, sondern zur Prüfung einer Reihe angeregter rechtlicher und finanztechnischer Fragen an die Finanzdeputation A verwiesen._ Minister Möller vor den Grubenbaronen. Bonn, 23. November.(W. T. B.) Bei der Einweihung eines neuen Obcr-Bergamtsgcbäudes, zu dessen Ausschmückung die Berg- Werksbesitzer zwei Gemälde und verschiedene Bronzcmedaillons ge- stiftet haben, ergriff Minister Möller die nicht seltene Ge- legeuhcit zu einer Rede. Er dankte für die übcrg ebenen Geschenke. Sie sprächen dafür, führte der Minister der „Bonner Zeitung" zufolge aus, daß zwischen der Behörde und der Industrie ein erfreuliches Einvcr- nehmen herrsche, das nirgends so notwendig sei als im Bergbau. Der Bergbau habe von jeher in seinen K n a p p s ch a f t s k a s s e n in u st e r g ü l t i g e E i>» r i ch- tungen zum Wohle der Arbeiter besessen. Diese Kassen seien der Ausgangspunkt für einen Teil der socialpolitischei» Gesetze Teutschlands, wie des Krankcnvcrsicherungs-Gesetzes, ge- worden. Wenn auch das Oberbergamt nicht mehr so energisch in die Privatbetriebe eingreifen könne wie früher, so habe es doch noch große Aufgaben zu erfüllen. Der Minister wies sodann auf ver- schiedene Reviere im Siegerland, bei Saarbrücken und Aachen hin und bemerkt, es scheine, als ob sich am Niederrhein ein neues großes Revier erschließe, wo die Zeche Rheinpreußcn schon gewaltige Auf- schlüsse gemacht habe und noch größere Aufschlüsse zu erwarten seien. An Arbeit werde es dem Oberbergamt nichr fehlen. Der prächtige Bau lege zugleich ein Zeugnis ab von geschickter Anpassung an ver- gangene Zeiten, an den Geist des Ortes. Der Minister erklärte, daß auch die allerhöchste Stelle des Reichs ein warmes Interesse für den Vau bekunde, gab die verliehenen Ordensauszeichnungen be- kannt und schloß mit einem dreimaligen Glückauf auf den obersten Bergherrn._ Frankreichs auswärtige Politik. Paris, 23. November.(W. T. B.) Deputicrtcnkammcr. Das Haus setzt die Generaldistüssion des Etats des Auswärttgen fort. C a i l l a u x, der frühere Finanzminister, kommt auf die Frage der Bagdadbahn zu sprechen, für welche im Jahre 1893 der Deutschen Bank eine Konzession erteilt wurde, wirft der Regierung vor, daß sie in dieser Frage eine Doppel-Politik getrieben habe. Darauf spricht S e m b a t(Soc.): Wir hoffen, daß der französisch-englische Vertrag noch größer? Bedeutung gewinnen und daß man nicht zögern wird, mit einer Beschränkung der Rüstungen den Anfang zu machen. Man hat gesagt, das werde die Äcfestigung der Ueberlegenheit Englands zur See bedeuten, und es wird auch zweifellos nicht anders sein können. Man muß den Status guo eben hinnehmen, wenn man zu einer Politik des Friedens gelangen will. Wir wollen also eine aktive Friedcnpolitik. Redner spricht die Hoffnung aus. daß, wenn eine Zergliederung Chinas stattfinde, dies nicht zu sehr den Welt- frieden stören werde. Sembat drückt zun, Schluß seiner Rede seine Verwunderung darüber aus, daß man nicht versuche, in Armenien neue Blutbade für die Zukunft zu verhindern. Hierauf ergreist Minister Telcasse das Wort. Minister Delcasse beincrkt zunächst, daß er die Erklänmgen, die er im Namen der Regierung abgebe, mit der Reserve abgebe, die ihm seine Stellung auferlege, und fährt dann fort, alle Nationen seien wie Frankreich entschieden für die Freiheit der Meerenge von Gibraltar. Die Republik Panama hat sich, so führt der Minister weiter auS, von Kolumbien getrennt. Da sie die Bedingungen, weiche einer Regierung obliegen, die imstande ist, die Ordnung auf- rechtzuerhalten. erfüllt hat. so hatte die ftanzösische Regierung lediglich zu prüfen, ob die neue Republik ihr die besonderen Garantien biete, auf welche Frankreich Anspruch hat. und war bc- rechtigt. von der neuen Regierung zu verlangen, daß die ftanzösische»» Interessen mit Einschluß derjenigen der Kanalgesellschaft nicht ver- letzt würden. Wir haben diese Zusicherung in aller Form und völlig ausreichend erhalten. Was Marokko betrifft, beinerkt Delcassb, so hat man niemals an eine Expedition gedacht, welche die Regierung auch nur vor- schlagen könnte, indem sie sich an das Parlament wendet. Man kann die Ereignisse in Marokko nicht so bettachten wie diejenigen in Europa. Delcasse hebt weiter hervor, daß sich die politische Lage dank der Politik der Regierling gebessert habe, vor der alle Sonder- wünsche schweigen müßten. Zur Balkanfrage übergehend legt Delcasse dar, Frankreich habe nicht als letztes Land auf die Mißstände hingewiesen, welche zu einer Empörung in Macedonien führen müßten. Er erinnert an das Reformprogramm Oestreich-Ungarns und Rußlands, das die Pforte sofort angenommen habe. Aber die Pforte sei außer stände ge- wesen. dieses Prograinn» durchzuführen angesichts des vereinten Widerstandes der türkischen Beamten, der Bevölkerung»md der Revolutionäre, deren Grausamkeiten die Einwohner zum Aufstand gezwungen hätten._ Panama an Frankreich. Paris, 23. November.(W. T. B.) Die heute in der Kammer von dem Minister Delcasse verlesene Erklärung der neuen Regierring von Panama lautet folgendermaßen: Die Republik Panama ver- pflichtet sich feierlich, ausdrücklich und definitiv, mit Achtsamkeit die französischen Interesse» zu schützen und die Verträge, indem sie die- selben im weitesten Sinne auslegt, aufrecht zu erhalten, welche mit dem 3. Noveinber vereinbart worden sind und die. soweit sie sich auf den Isthmus beziehen, der Uebertragung der Souveränität von Koluinbicn auf Panama folgen und die Republik Panama binden. Alle diese Vereinbarungen bleiben aufrecht erhalten, besonders das Abkommen über die Verlängerung der Konzession bis zum Jahre 1910. Für 20 Millionen Lire unbrauchbare Geschütze. Rom, 23. November.(B. H.) Der socialisttsche„Avant»' bc- hauptet, von den» neuen Artilleriematerial seien 420 Feld« und 130 Bcrggeschütze durch einen Fehler ai» der Laffette mibrauchbar. Der Schaden hieraus belaufe sich auf 20 Millionen Lire. Hollands Kolonien. „ 23. November.(W. T. B.) In der Zweiten Kammer gab der Kolonialminister auf eine Anfrage eines socialiftifchen Ab- geordneten die Erklärung ab, er könne die von diesem Deputierten angeregte Idee, einen bestimmten Teil der niederländischen Kolonien an eine andre Macht zu verkaufen, um mit dem Gelde die Not. welche unter einem Teil der eingeborene»» Bevölkerung Javas herrsche, zu lindem, nicht in Erwäg»mg ziehen. Frankftirt a. M., 23. Noveinber.(B. H.) Vor der Sttafkammer in Hanau stand der ftühere Kaplan Knipp aus Aachen unter der Anklage, in der Zeit von 1901—1902 als Erzieher in der Knaben- Zwangserziehungsanstalt ,n Sannerz eine Re»he von Sittlichkeitsverbrechen an Zöglingen der Anstalt begangen zu haben. Der„Frankfurter Ztg." zufolge lautete das Urteil unter Ein- Beziehung der dem Angeklagten am 4. Marz d. I.»n Dresden wegen gleicher Vergehen zudiktierten zweijährigen Gefängnisstrafe auf sechs Jahre Gefängnis.__ Verantworll.Redaktem: Julius KaliSli in Berlin. JnIcratciiteiIverant!vortl.:TH.Glocke in Berlin. Druck». Verlag: BorwärtsBuchdruckereiu.VerlagSanItaltPaulSingerötCo..BerlmSVi. Hierzu L Beilagen u.Uiiterhaltungsblatt. Nr. 274. 20. Jahrgang. 1. Irildjf iw„ilotniärle" Kerlimr lilWUtl. Dienstag, 24. November IM. partci-JNfachricbtcn» Socialdcmokratischer Parteitag für den Nicderrhein. Am Sonntag fand in Remscheid der aus zahlreichen Kreisen stattlich beschickte Parteitag für den Niedcrrhein statt. Gewehr erstattete den Bericht des Agitationskomitees. Der Parteitag sei heute ein solcher, der sich jetzt nach den Wahlen nur mit dem Ausbau der inneren Organisation befassen müsse. Im Borjahre waren wir uns einig über die Anstellung eines besoldeten Parteisekretärs, aber der Parteivorstand hat die von uns erstrebte Unterstützung mit der im Grunde nicht ganz unberechtigten Motivierung abgelehnt, dast dann auch andre Kreise mit denselben Wünschen kommen werden. Es ist dieser Standpunkt de Parteivorstands uns gegenüber sehr zu bedauern. Unsre Erfolge am Niederrhein sind so rapide, dah wir mit Stolz vor ganz Deutschland treten können. Aber einen solchen Partei Sekretär haben wir infolge des gewaltigen Steigens unsrer Partei gcschäfte dringend nötig. Redner konstatiert, dost die Parteiprcsse im Bezirk stark an Abonnenten gewonnen habe und geht auf die Wahlen näher ein und insbesondere auf die LandtagSwahlen. So stolz wir aus unsre Reichstagswahlen sein können, so sehr wußten wir, daß es mit den LandtagSwahlen hapern werde. Krefeld und Altena-Jserlohn haben gar nicht gewählt, die Genossen im letzteren Kreise sogar auf den Vorschlag des Agitationskomitees hin. Acht Kreise indes haben sich an den Landtagswahlen beteiligt, zum Teil mit ganz schönen Erfolgen Leider haben die Genossen in H a g e u- S ch w e l m sehr versagt. Die Agitation daselbst mutz eine intensivere und die Organisation eine weit bessere werden. Die Verfolgungen unsrer Partei, Saalabtreibereien und Chikanierungen sind in unsrem Bezirk einfach himinelschreiende. Noch immer haben Polizei und Gendarmerie vielfach sehr wenig Ahnung von den bestehenden Gesetzen und müssen dann auf juristischem Wege eines Besseren belehrt werden. Das Centrum hält noch immer an seiner berüchtigten Knüppeb taktik fest, so in dem Düsseldorf benachbarten Nenß-Grevenbroich und in Kleve-Geldern. Roheit und Barbarei sind beim Centrum»och immer vorhanden und die dümmsten Arbeiter sind ihm die liebsten. Dazu fällen die Gerichte bei uns die seltsamsten Urteile, Arbeiter sind von den Knüppelbrüdern des Centrums brutal verhauen worden und die Thäter wurden mit gelinden Geldstrafen belegt. Andrerseits wurden andre Arbeiter zu erheblichen Strafen verurteilt. Aber das wird uns nicht abhalten, in unsrem Kampf auszuhalten. Ullenbaum giebt den Stand des„Morgenrot" bekannt, das es auf 15 000 Abonnenten gebracht habe. Leider verbreiten diese Agitationsschrift noch viele Kreise nicht. D i t t m a n n- Solingen begründet eingehend einen vom Agitationskomitee vorgelegten OrganisationS- Entwurf. Dieser Entwurf ist auf Beschlutz des vorjährigen Parteitages von einer Kommission ausgearbeitet und fordert im wesentlichen d i straffe C e ntr a l i sa ti o n im ganzen Kreise, weist indessen auch für die Kreise, wo keine Versammlungslokale zu haben sind, Be- stimmungen auf, die es den Genosten ermöglichen, in der so- genannten losen Organisation unter dem Vertrauensmann-System der Partei sich dienstbar zu machen. Das nach lebhafter Diskussion sodann beschlosiene Statut be stimmt im wesentlichen: Die Organisation ist eine centralistische mit einen: Wahlkreis Vertrauensmann an der Spitze. Die Grundlage der Organisation soll der Socialdemokratische Verein sein, dessen Mitglieder feste Monatsbeiträge mit einer Einheitsmarke für' den ganzen Kreis zu zahlen haben. Als das Erstrebenswerteste gilt der über den ganzen Wahlkreis verbreitete Centralverein dem die Genossen in den einzelnen Orten als Mitgliedschaften bcziv als Einzelmitglieder anzugehören haben. Aus der Mitte des Haupt- Vorstandes ist der Wahlkrcis-Vertrauensmann zu wählen. In den Wahlkreisen, in welchen sich die Bildung eines Centralkomitces ans wichtigen Gründen verbietet, ist ein Kreiskomitee einzusetzen, das aus Vertrauensleuten der einzelnen Orte besteht. Die Zahl der Mit- glieder bestimmt die Wahlkreis-Konferenz. Der Vorsitzende des Kreiskomitees ist zugleich der Kreisvertraucnsmann. Für jeden Ort, in dem sich Parteigenossen befinden, ist möglichst ein Vertrauens- niann zu ernennen. In den Orten, in welchen socialdemokratische Vereine bezw. Filialvereine bestehen, ist der Vertrauensmann aus der Mitte des Vereins bezw. des Filialvorstandcs zu wählen. Zur besseren Erledigung der agitatorischen und organisatorischen Arbeiten sind die Wahlkreise bezw. die Orte und die Bezirke in Reviere einzuteilen. Die höchste Instanz des Wahlkreises ist die Kreiskonferenz. Die Wahl der Delegierten zur Kreiskonferenz erfolgt in den einzelnen Orten nach Maßgabe der in denselben wohnenden organisierten bei- tragzahlcndcn Genossen. Die Beiträge der Wahlkreise an das Agitationskomitee betragen 16 Proz. der Gesamteinnahmen, auch sind die Wahlkreise sämtlich verpflichtet, an die Hanptkasse rcgcl- mäßig Gelder abzuschicken. Das neue Statut tritt am 1. Januar 1904 in Kraft. Zum internationalen Kongreß wurde Geuosse Gelvehr delegiert. Verlag und Prcßkommission der Erfurter„Tribüne" erlassen folgende Erklärung: „In letzter Zeit ist die Verwaltung der„Tribüne" in ver- schiedenen Parteizeitungen angegriffen worden, weil sie dem in Haft befindlichen Redakteur Sommer nicht die Mittel gewährte, um Selbst beschäftigung zu erlangen. Die Angriffe, soweit sie die unterzeichneten Verwaltungskörper schaften betreffen, sind vollständig unberechtigt. Zur Klarstellung diene folgendes: Laut Vertrag mit sämtlichen Redakteuren ist die Verwaltung nur zur Zahlung des vollen Gehaltes verpflichtet, die Tragung der Kosten für Selbstbeschäftigung oder-Beköstigung während einer eventuell zu verbüßenden Gefängnisstrafe ist ausgeschlossen. Es hat selbstverständlich jeder Redakteur nach Verbützung einer Gefängnis strafe einen entsprechenden Erholungsurlaub erhalten, ohne daß dies im Kontrakt festgelegt ist. Gelegentlich eines Gesprächs mit dem Geschäftsführer Stegmann sagte Sominer auf eine Frage, wie es mit seiner Selbstbeschäftigung stehe: er solle 3 Mark zahlen: die könne er nicht zahlen, er habe sich ober an die Oberstaatsanwaltschaft gewandt, um zu erreichen, daß der Betrag auf 1,50 M. herabgeletzt iverde. Er sei aber auch viel zu viel Genosse, un, den Partei- genossen zuzumuten, die viel zu hohe Forderung der Staatsanwalt- schaft zu zahlen. Hätte also Sommer nicht freiwillig darauf verzichtet, so hätten wir Mittel und Wege gefunden, auch noch dieses ihm zu gewähren. Unserm Bedauern müssen wir darüber Ausdruck geben, daß cinzlne Parteiblätter(siehe Königsberg) ohne nähere Kenntnis der Sachlage sich die häßlichsten Angriffe aus Verlag und Prcßkommission leisteten. Es würde unsrer Sache ganz sicher mehr gedient worden sein, wenn sich die Angriffe gegen die Behörden, welche diese hohe Forderung stellten, gerichtet hätten, als gegen die eignen Parteigenossen." Wenn die Ersurtcr Genossen sich darauf berufen, daß die Gc- Währung der Kosten für Selbstbeschäftigung und Selbstbeköstigung durch Vertrag ausgeschlossen ist. so würde das die Veriveigernng dieser Mittel keineswegs rechtfertigen, sondern nur die Unzulänglichkeit des Vertrages beweisen. Anders steht es natürlich damit, daß Ge° nosse Sommer freiwillig auf diese Mittel der Hafterleichterung ver- zichtet hat und daß die Erfurter Genoffen erklären, sie hätten ihm die Mittel gewährt, wenn er darauf bestanden hätte. Unter diesen Umständen trifft die Erfurter Genossen kein Vorwurf. Sie werden denn auch sicher bereit sein, bei paffender Gelegenheit eine ent- sprechende Vorschrift in die Verträge aufzunehmen. Von häßlichen Angriffen auf die Geiiossen in Erfurt wissen wir uns frei; wir haben das Verfahren der dortigen Staatsanwaltschaft scharf kritisiert, haben es aber auch für unsre Pflicht gehalten, darauf aufmerksam zu machen, daß es wohl recht und billig sei, dem im Parteidicnste ins Gefängnis geratenen Parteigenossen alles zn ge währen, was nach Lage der Sache möglich ist, um ihm die Haft zu erleichtern. Das Grabmal für Bruno Schoenlank wurde, wie die„Leipziger Volkszeitnng" berichtet, am Sonntag enthüllt. Vor einer kleinen Schaar Parteigenossen hielt Genosse Kleemann eine kurze Ansprache. Das Denkmal besteht aus roh behauenem Granit. Eine Bronze- tafel trägt oben Schocnlanks Bildnis, umgeben von einem Lorbeer- kränze; darunter befindet sich eine Arbcitergestalt. Die Tafel trägt die Strophe, die Schoenlank einst selber für sein Grab wählte: Mich reut die Stunde, die nicht Harnisch trug, Mich reut der Tag, der keine Wunden schlug, Mich reut, ich sag es mit zerknirschtem Sinn, Daß ich nicht dreifach kühn gewesen bin. Ein neues Wahlrechts-Manifest der schwedischen Socialdeinokratic. Als das von der schwedischen Regierung eingesetzte Wahlrechts- komitee kürzlich das Ergebnis seiner Untersuchungen veröffentlichte und sich namentlich für Einführung eines Proportionalsystems bei den Wahlen zur Zweiten Kammer aussprach, entstand sofort eine entschiedene Opposition gegen die Anwendung dieses Systems, das, wenn die Erste Kammer in ihrer jetzigen Form beibehalten wird eine weitere Verstärkung der Vertretung der besitzenden Minderheit darstellen würde, und durch eine derartige Reform der Reaktion um so mehr gedient wäre, als auch nach dem Vorschlage das jetzt be� stehende Vorrecht der Städte auf eine stärkere Vertretung zu Gunsten des Landes wegfallen würde. Nun hat der socialdemokratische Parteivorstand ein Manifest an die Parteigenossen erlassen, worin die von der Negierung gewünschten„Garantien" für das allgemeine Wahlrecht scharf kritisiert werden, hauptsächlich auch die einieitigc Anwendung eines Proportionalsystems, das, an sich gerecht, unter diesen Umständen aber nur eine der sogenannten„Garantien" gegen die Wirkung des allgemeinen Wahlrechts bilden soll. In dem Manifest wird hervorgehoben, daß eine Lösung der Wahlrechtsfrage nur möglich ist unter dem Feldruf: Nieder mit den Garantien! Ehrliches allgemeines Wahlrecht Die Parteigenossen werden aufgefordert, überall im Lande in Ver- sammlungen und Diskussionen ihren Standpunkt zur Wahlrechts- frage klarzulegen und jeden Versuch, die Angelegenheit durch eine Scheinreform zu verpfuschen, entschieden zu bekämpfen. )Zus Industrie und Handel. Börscngesctz- Reform. Ueber den Jnhett der Vorlage zur Ab- Lnderung des Börscngcsctzcs, die der Bundesrat bereits angenommen hat und die sofort nach seinem Zusammentritt dem Reichstage zu gehen soll, macht der„Lokal-Anzeiger" folgende Mitteilungen: „Zunächst wird bestimmt. daß ein ausdrücklich abgegebenes Anerkenntnis einer Schuld auch bei Börsen- Termin- geschäften(§ 66 Absatz 3 des Börscngesetzes) sowie die bestellten Sicherheiten"»7� ehemal. Leibsoldat des Präsi- denten Paul Krüger von Transvaal. i\LX- Kunst-Ausstellung L£ipZlB£R' STRStSSe 12 10-8. Entrcc 1 Tl.. 8oniitas50 Pf. ROknMkatkr Direktion S. Lautenburg. Anfang?>/z Uhr. Oss gsosse lZekeieink. Lustspiel in 3 Allen v. Pierre Wolfs. Mittwoch zum ersten Mal: Gin Seitensprung sR.» Carotte). Schwank in 3 Akten von Georges Burdehin-Guillemaud. Vorher: Ter zündende ftzunkc. Lustspiel in t Akt von Ed. Paillcron. Zum 87. Male ulsdiAfflentedies Theater l67Köpnitkerstr.68. JeberngrojjeriTeich" Anfana 8 Uhr. Trianon-Theater. Georgenstraßc, zwischen Friedrich- und Univcrsitätsstraße. Ansang 8 Uhr. Sonntagnachmittag: Die Notbrücke. Passaxe-Theater Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags 5 Uhr. Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr. Die 1. Excentric-Tänzerin der Welt f�rtina Die Berliner Presse stellt sie ein- stimmig an die Spitze aller bisher in Berlin gesehenen Tänzerinnen. ßA8 Moto- Mädchen Mensch oder Maschine? Das neue Rätsel sür Berlin. gläimndt Uummern. Stadt-Tlieater Moabit Alt-Moabit 47/19. Dienstag, den 24. November 1903: Bernhard Rose-Theater-Ensenitile. Der Glöckner von Notre Dame. Romantisches Drama in sechs Akten von Chart. Birch-Psciffcr. 'Ansang 8 Uhr. Mittwoch, den 25. November 1903, imBernhard Hose-Theater, Badstr. 58: Graste Jubiläums Vorstellung: HVllhelns Teil. Feldschlösschen. Müllcrstraßc 142. Dienstag, den 24. November 1903: Bernhanl Rose-Ileatep-Eiiseinlile. Ein ehrliDher Makler. Voltsstück mit Gesang in 4 Alte» von L. Treptow. Musik v. Hübncr-Trams. Mittwoch, den 25. November 1903, im Bernhard Kose- Theater. Badstr. 58: Graste Jubiläums Vorstellung: Wilhelm Teil. I » iiwitw«»» itivuiVA« Direktion: Robert Dill. Brunnenstrasse 16. Eiger von»» Leun Ansang 8 Uhr. Eutree 30 Pf Mittwoch: Prcclosa. Donnerstag: Extra-EIitcvorstclluilg. Hamlet. Schlller-Theater. Schiller-Theater O. (Wallner-Thcatcr). Dienstagabend 8 Uhr: liiebclci. Schauspiel in 3 Slltcn von Arthur Schindler. Hieraus: Iditeratnr. Lustipicl in 1 Akt v. Arthur Schnitzlcr. :N i t t w o ch a b e n d 8 Uhr: Die Stützen der Gesellschaft. Donnerstagabend 8 U h r: lilehelel..-öi�aut: l�itteratnr. Schiller-Theater M. (Fricdrich-WilHclmstädtisches Theater). Dienstagabend 8 Uhr: vie Stützen der Gesellschait. Schauspiel in 4 Aufzügen von Henrik Ibsen. Deutsch von Wilhelm Lange. M i t t lv o ch a b c n d 8 Uhr: l-lehelel. Hieraus: l-ltteratnr. Donnerstagabend 8 Uhr: Zum crstcninalc: l'asantasen«. Cirkus Sehumantu Heute, Dienstag, den 24. November, abends 7'/. 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Viililer-Verzsmmlungen 1. in Zühlkes Salon, Dennewitzstraße 13, Rcsercnt: ReichstagS-Abgcordiicter t'i'it« Xuheii, 2. in Habels Srauerei-Ausschank, Bergmannstraße 5/7, Referent: Ott« 3. im Victoria. Park(Inhaber Sitzenstock).""� Referent: II. GtrSVvI. Die Stadtverordneten-Wahlen und die Tages-Ordnung: Socialdemotratie. _'Zalilreichcn Besuch erwartet Freie Diskussion. Las sociatdciliokratische Waliltomitce. 210/17 s. AeielltagL-VfsmKrsis. Kommunalmahl im 17. und 18. Bezirk. Dienstag, den 24. November, abends 8 Uhr, im Dresdener Garten, Dresdenerstr. 45 Volks'Versammlung. Tagesordnung: l Vortrag über: Der Freisinn im Rote» Hause. Referenten die Genossen Stadtvv. Gottfr. Schulz und Ferd. Ewald. 2. Diskussion. 212/is» Regen Besuch erwarten__'~' Die Bcrtrauenslcutr. vierter Aahlkreis§ud-05t. XommunslwäMer des 13. n. 14. Bezirks! Dienstag, den 24. November, abends 8 Uhr: Oeffentl. Wähler-Versammlung im Lokale„ 1. Süd-Ost", Waldemarstraße 75. 21; TageS-Ordnung: JBie Kommunalpolitik des Freisinns-. 2. Diskussion. Referent: Reichstags- Abgeordneter.A.l.hl.11 Kwd'lSCll» Alle Wähler sind hiermit freundlichst eingeladen._ Da« Wahlkoinitcc. Seehster Wahlkreis! Dienstag, den 24. November, abends 8V2 Uhr: vier öffentl. AHIer-verlammlungen bei Kehrnann, Schulstr. 29, I bei Wiike, Brunnenstr. 188, „ Lilhller, Chausseestr. 113,(„ Wernau, Schmedterstr. 23. Referenten: Genossen Äuguslin, Gründe!, Singer, Schuberl. Tages-Ordnung: i Die bevorstehenden Stadtverordneten-Wahlen. 2. Freie Diskussion. Zahlreichen Besuck, erivarten � Die Vei-trancnslentc. M- VI. Wahlkreis. Mittwoch, den 25. November, abends 8V« Uhr: Oeffentl. Wähler-Versammlung in der Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/49. Tages-Ordnung: l. Vortrag des Genossen lKwald:„Tie Socialdemokratie und ihre Forderungen an die Stadtverwaltung". 2. Freie Diskussion. 220/ig' Zn recht zahlreichem Besuch ladet ein Der Vertrauensmann. €chtß atzenho|er Ziere Kell t s'/» T. M. 3.0 Marine J,» V«'l'- dl. 3.2 Dunkel) 3 M- l Vs T. M. 3.5 3.00 1.25 Dunkel f 0 l Vs T. M. 3.50 Crystall 28 FI. 3 M. Va Hl. M, 3.00 Schutzmarke GefSUige Bestellungen an atzenhofer atzenhofer atzenhofer atzenhofer Patzenhofer Brauerei NO. Landsberger Allee 24'27 Idephon VII, 2200 u. 5535, NW. Strom-Strasse 11/16 Telephon II, 127 und 676. Plansl pro Flasche 10 Pf. AgUationsmaterial! Als billiges und wirksames Agitationsmatcrial empfehlen wir: 100 Srcmplarc zu Mk. 7, 500„„„ 25. Georg u.«ollmar: Lehren und Folgen der letzten Reichstagswahlen. Robert Zllbert: Kaiser-Adressen! ncbft einem Anhang: Kruppseher «ehlihäilgkeiissehwindel. JoH. Timm: Secialdemekraiie und Centrun). Thoifachcn- Material zur Arbcilcrvcrsicherung und Ccnlrumspoliiik. Lieferung kann nur erfolgen, soweit der Borrai reicht. ö. M& Co., München. KopfläuseÄÄo� Unschädlich. Erfolg überraschend. In Drogerien 30 Pfg ..puffi' Mium- Gewttbts zu Berlin. Donnerstag, den Sk. November, abends 8 Uhr, findet Gngel-llfer 15(GewerkschafiS- Haus, Saal 1) die D r«I r n t I i c Ii c General-Versammlung der Vertreter der Kasscnmitglicdcr und der Arbeitgeber statt. T a g c s o r d n u n g: 1. Bericht über die Thätigkeit des Vorstandes. 2. Ergänzungswahl des Vorstandes für die Jahre 1004 und>905 für die ausscheidenden Mitglieder: a) Dun den Arbeitgebern die Herren Linke und Bäsell, b) uvii den Kassenmitglied er» die Herren Kclpin, Schlösser, Linde und Buchbolz. 3. Wahl des Rcchnungs- Prüfungs- Ausschusscs. 4. Beratung und Bcschlusjsassung über ..tüllgcmeiuc Borschristen und Pflichten aller Mitglieder in Krank- hcitssällcn" und Abänderung der bisherigen höchsten Ordnungssirasc »on 20 Mail in Ordnungsstrafe bis zum dreifachen Betrage des täglichen Krankengeldes für jeden einzelnen UebcrtrctungSsall. Ferner Erneuerung der Mahngebühren. 5. Mitteilung des Vorstandes über den Stand des neuen Statuts, eventuell weitere Beschlusisassuiig über dasselbe. 3180b' 6. Verschiedene Mitteilungen. Berlin, den 6. November 1003, Dvr Vorstaucl. A. Daehne, Zl. Kelpin. Vorsitzender. Schristsührer. Orts-Krankenkasse der Sciiiossep und verwandten Gewerbe. Die Mitglieder obiger Kasse werden aus Grund des ij 43 des Kassenstatuts vom 42. Juni 1803 aus- gefordert, am 3284b Freitag. 4. Dez., abends 8 Uhr. in G ohns Festsälen. Beuthstr. LI bchusS Wahl von Ä76 Delegierten sich einzufinden. Wahlberechtigt sind nur diejenigen Mitglieder, welche das 21. Lebensjahr zurückgelegt und im Besitz der hürgcrlichcn Ehrenrechte sind. Die Wähler haben sich durch daS Kranken- Legitimations- und Ouiltungsbuch zu legitimieren.— Die Wahl ist eine geheime. Die Herren Arbeitgeber, welche aus ihren eignen Mitteln ein Drittel zu den Beiträgen der bei ihnen beschäj tigten Mitglieder der Orts- Krankcnkaise der Schlosser und verwandten Gewerbe zahlen, werden ersucht, am Ä. Dezember, abends 8 Uhr, im Bcrciiishausc. Niedcrwallstr. II behufs Wahl von 133 Delegierten zu erscheinen.— Als Legitimalion dient die zuletzt gezahllc Bciiragsquittung. — Die Wahl ist eine geheime. Berlin, im Noocnibcr 1003. Der Vortstand. P. Heinrich, Vorsitzender. DkuisciKi! Holzarbeiter-Verband. Heute Dienstag, abends 8'/. Uhr. im Gewcrlschastshause, Engel-Uscr 15: Sitzung der Ortsverwaltung« Mittwoch, den 23. November 1903, abends 81/. Uhr, im Gewerkschastshause, Saal 8: 89/20 Sranehenversammlung d. Sadentisohler. Tages- Ordnung: 1. Vortrag über Lohn- und Arbeitsbedingungen in unfrer Branche. 2. Diskussion. 3. Brancheiiangelcgcnhciten. 4. Verschiedenes. Krumljt der Modell-»od FodrilltiMer. Mittwoch, den 23. November, abends 8»/., Uhr, in Schmidts GcscllschasiShaus, Gartcnstr. 13: Branchen- Versammlung.""WH agcS- Ordnung: I.Vortrag. Rcscrentin: Frau Itte««I. 2. Dis- kussion. 3. VerbandSangclcgcuhcileii. 4. Verschiedenes. __ Die Kommiiiion. Sonntag, den 6. Dezember, abends 6 Uhr:„ Kaiumefiniisik- Abend im GcwcreichaftShansr. Pilleis n 30 Pf. Gngel-ttfer 15,.KimmcrlL_ Deutscher Holzarbeiter- Verband. X ahlstelle Rixdorf. Mittwoch, den 35. d. M., abends 8>/,.UHr bei Dliiol, Bergstr. 151—152: Mitglirder-Uersalmmlung. Tagesordnung: 1. Bortrag. 2. Diskussion. 3, Bericht der Ecniralkommission. 4. Ver- bandSangelcgcnhciten. 89/13 ZMU- Die Wichtigkeit der Tagesordnung gcbicicl jedem Kollege», in dieser Versammlung zu erscheine,,. Die Ortdrverwaltang. )(ansarztkasse„Vo!kswohlH Moabit-llharlottcnbiirg. Morgen, Mittwoch, den Ä5. November 1003. abends 8'/. Uhr» in AhrcnS Brauerei. Turm- und Siromstrasicn-Ecke: Thema: Die Anstaltsbehandlung '��TT' 1■vDUUOQ. der Geisteskranken, ihre Licht- und Schattenseiten. Rcscrcnl: Dr. Burchard. BV Gintritt für Mitglieder frei, Gäste Ä« Pfennig."WG Gäste, welche sich diesen Abend zur Mitglicdschast melden, brauchen kein Ginschrcibegcld zu zahlen I Wochcnbcilrag ganze Familie 20 Ps. Freie ärztliche Behandlung für die ganze Familie in gesunden und kranken Tagen. Keine Ärbciiersamilie sollte versäumen, der Kasse beizutreten. Anfragen und 'Auslunst erteilt der Vorsitzende O. Hagen, Rostockcrstr. 21, III. 292/13 Der Verstand. Plüiyü Gelegenheilskauf! Soweit Vorrat reicht: | in Wolle, extra schwer a 350' 45« SO«, 0O« iklltrlNrbrto (federleicht) , 750, g«o, J200, jgo« Ullklllnldtckkii (buntfarbig) 1 200' B00' 4°°' 5"« püifrijiiüüs I aparte getigerte Ruister 45«, goo, goo, jqoo Pftrdkww £50, 35«. 45O, g SO Versand per Nachnahme. lEmil Lefevre ' Be£"n Oranienstr, 158. fehlerhafte Dechen NirnttUillig! 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November hon morgens 9 bis abends 8 Uhr in den folgenden Komnmnal- Wahlbezirken statt, in denen die dabei benannten Kandidaten seitens der Socialdemokratie aufgestellt find: Mängel im S ch u l>v e f e n, in der Kranken- u n d G e- fundheitspflege, in socialer Fürsorge für die städtischen Arbeiter, die Wohnungsnot, der Mangel an anSrcichender Beschränkung der Kinderarbeit, Bcr- sagen ausreichender Matznahmcn gegen die Arbeitslosigkeit, die kurzsichtige Politik des Freisinns, der die Eingemeindung im rechten Moment unterließ, die Ausnutzung der städtischen Straßen durch die Aktionäre der Straßen bahn- Gesellschaften und ElektricitätS-Gescllsch asten, der Servilismus und Byzantinismus des Freisinns, eine Steuerpolitik zu Ungunsten der erwerböthätigen Bevölkerung — das sind von Tag zu Tag wieder in die Augen fallende Früchte der kapitalistischen Klasse»Politik, die der Kommunalfreisinn im Roten Hause treibt. Einer kleinen Minderheit von Besitzenden räumt das Dreiklassen-Wahl- systcm die Herrschaft in der Stadtverwaltung ein. Und diese sucht sie bis aufs Tipfelchen über dem i auszunützen. Diesem Bestreben tri;t nicht ohne Erfolg allein die Socialdemokratie auf allen Ge- bieten entgegen. Die Socialdemokratie wirkt jeder geistigen und körperlichen Berelendung der er- werbSthätigen Bevölkerung entgegen. Gelindert kaim die Not auf allen Gebieten, die wir nannten, auch im Rahmen der heutigen Gesellschaftsordnung werden, wenn die Stadtverwaltung wollte. Beseitigt werden kaut sie nur dadurch, daß die heutige AnsbeutuitgSordnung beseitigt wird. Das kann nur erreicht werden durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die in den Händen der jetzigen Eigentümer cls Mittel der Ausbeutung der großen Menge auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete dienen. Auf, Wähler! Beschleunigt dieses Ziel der arbeitenden Mensöb- heit dadurch, daß Ihr im gerechten Kampf gegen die jetzige Mehrheit der Stadtverorditeten nicht nur am Freitag einhellig Eure Stimme den socialdemokratischen Kandidaten gebt, nein— agitiert vorher, werbt Rekruten, klärt auf, revolutioniert die Köpfe der Indifferenten, Halben, Lauen, Zaghasten. ES gilt nicht mir. den Sieg an die Fahne der Socialdemokratie zu heften, sondern neue Anhänger der Socialdemokratie zu werben. Vielfach herrscht noch Lauheit, weil zu große Sieges- Zuversicht vorhanden ist. Sich in Siegeshoffnungen zu wiegen, ist aber falsch— ohne Kampf kein Sieg! Darum auf zum Kampf! Auf zum Tieg! Der Kampf ums Majorat. Achtzehnter Tag. Der heutigen Sitzung, die Landgcrichtsdirektor Leuschner um ll'/z Uhr eröffnet. wohnt in einer Loge der Justizminifter Dr. S ch ö n st e d t bei. Die neuerdings von der Staatsanwaltschaft geladenen Zeugen, das Ehepaar Cwell aus Warschan sc., sind zur Stelle. Der gleich- falls neu vorgeladene Hauptmann v. Ziegler auö Krakau ist nicht erschienen. Er hat dem Gericht geschrieben, daß er das erste Mal schlechte Erfahrungen mit den Zeugengebühren gemacht habe; er habe aus eigner Tasche zulegen müssen und finde die Sache für ihn zu teuer. Als erster Zeuge wird der Mechaniker Thomas Cwell auö Warschau vernommen. Er ist der 43 Jahre alte Sohn der ver- storbenen Hebamme Cwell: da er nicht deutsch spricht, muß der Dolmetscher Rcgierungsrat Brandt seine Aussage über- tragen. Er sagt folgendes auö: Im Jahre 1897— dasl Jahr wisse er. loeil er damals bei der Eisenbahn arbeitete, sei seine Mutter zu einer Entbindung nach Berlin gefahren und etwa zwei bis drei Wochen abwesend gewesen. Räch ihrer Rückkehr habe er sie gefragt: „Na, Mutter, wie ist es Dir ergangen in Berlin?" Darauf habe sie erwidert:„Ach ich wünschte, ich hätte Berlin gar nicht gesehen, denn ich bin infolge Erkältung so krank geworden, daß ich die Eni- bindtmg nicht vornehmen konnte, sondern eine andre Hebamme in Thätigkeit treten mußte. Wen» ich nicht krank geworden wäre, würde ich viel mehr verdient haben!" Ob die Mutter bei der Entbindung überhaupt nicht zugegen gewesen, weiß der Zeuge nicht. ES set aber sehr wohl möglich, daß die Mutter eine Ausrede gemacht habe, daß sie viel Geld vcrdieut und dicS auf diese Weise ihren Angehörigen habe verheimlichen wollen.(Bewegung im Publikum.) Der Zeuge überreicht eine ältere Photographie seiner Mutter und erklärt, daß sie eine große, starke Person gewesen sei. Weiter bekundet er auf Befragen: Richtig sei es, daß seine Mutter auf dem Sterbebette noch nach ihm geschickt und ihre Umgebung gebeten habe, ihn schleunigst herbeizuholen, da sie ihm noch etwas zu sagen habe. Nicht richtig sei es, daß die Mutter dabei von einem„wichtigen Geheimnis" gesprochen habe. Sciue Mutter habe etwa zwei Monate nach ihrer Rücklehr zu kränkeln angefangen und als sie starb, habe er nicht recht- zeitig zu ihr eilen können, sondern als er ankam, sie schon tot vorgeftmdeii. Vor etwa einem Jahre sei ein Mann, der sich Nittel nannte, zu ihm gekommen und habe ihm gesagt. daß in Berlin eine Erbschaft fiir die Brüder Clvell und deren Schwester flüssig werde. Er habe sofort gesehen, daß dies nicht wahr sein könne und ungläubig gelächelt, und als dann der Mann ihn über die von seiner Mutter in Berlin vorgenommene Ent- bindung aushorchen wollte, habe er ihm geantwortet: er würde event. in Berlin vor Gericht Zeugnis ablegen, sonst aber nichts sagen. Bestimmte Geldversprechungen habe ihm der Mann nicht gemacht. Seine Verbindung mit dem Ehepaar v. Koszorowski beschranke sich auf folgende Thatiachc: Er habe in den Zeitungen über diese Prozeß- fache gelesen und gesehen, daß dabei behauptet wurde, seine Mutter habe die Entbindung vorgenommen. Da dies mit den Mitteilungen seiner Mutter nicht übereinstimmte, habe er mehrere Versuche gemacht, mit dem Ehepaar v. Koszorolvski zusammen zu kommen, um ihm seine Wissenschaft zu unterbreiten. Im Frühjahr dieses Jahres sei ein ihm unbekannter, in den besten Jahren stehender, mittelgroßer und blonder Mann bei ihm erschienen und Hab« ihm 3t o l z ist. Unser Gewährsinaiur schreibt: ... doch hat sich bei ihm(dem Studenten) ein gewisser Geschlechtskrankheitcu-Stolz herausgebildet, der ihn die einzelnen Erkrankungen so aufzählen läßt wie seine Mensuren. Und dieses betonte Heldentum ist cynisch, verächtlich und erbärmlich durch seinen Ursprung und seine Wirkungen, die mit dem in Widerspruch stehen, was der deutsche Student so oft im Munde führt: Ehre und die Liebe zu seiner Nation. Er ist Kommunist, soweit es die Gemeinschaft der Weiber betrifft und gern stellt er seine Dirne andern zur Verfügung, wenn er sie inficicrt weiß, und weil er sich von der Ansteckung andrer Männer Spaß verspricht. Diese Gewissenlosigkeit ist weit verbreitet und wird nicht einmal übel genommen. Die Korporationen haben„Gcschlechtsabeudc" ein- gerichtet, die mit einer Kneiperei beginnen und mit Unzucht endigen... Der Kampf gegen den Alkoholismus ist auch in der Socialdcmokratie eine der vornehmsten Kulwranfgabcn und ivir geben unserm Parteigenossen Bandcrvelde im gewissen Sinne Recht, wenn er sagt: „Der Alkohol ist es, der das Proletariat hindert, seinen Kriegsschatz zu vergrößern; um wirksam zu sein, muß die socialistische Propaganda gegen den Alkohol sich organisieren, gegen den Alkohol austreten, nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch die That." Wir leugnen auch nicht im geringsten, daß der Alkohol heute noch vielfach in Arbeiterkreiscn ungeheure wirtschaftliche und sittliche Verloüstungcn anrichtete. Aber in ein System haben auch die politisch rückständigsten Arbeiter den Alkoholgenuß noch nicht gc- bracht, das blieb den studentischen Corps vorbehalten, die dem jungen Manne bekanntlich die beste Erziehung geben sollen, die er für sein späteres Leben braucht. Wenn es den braven Leuten von der„Post" wieder einmal gefallen sollte, über Alkoholismus und Sittenlosigkeit in socialdcmokratischen Arbeiterkreisen zu zetern, dann seien sie höflichst cnnahnt, zunächst einmal vor der näher liegenden Thür der deutschen Corps zu kehren, sintemalen die Regierung sich gelvohntermaßcn aus deren Kreisen die zum Kampf für Ordnung, Religion und Sitte vorbereiteten Staatsstützen zu holen pflegt. Wie heißt es noch in Reinecke Fuchs: Oheim, sagte der Dachs, ich find' es besonders, Ihr beichtet Fremde Sünden. Was will es Euch helfen, mich dünket, es lvärcn Eurer eignen genugl Biel Geschrei und wenig Sinn— daraus läuft es bei unfern Gegnern gewöhnlich hinaus, wenn sie das so sehr beliebte Thema von den Roheiten und A usschreitungen unsrcr Partei- genossen anscklagc». War das am Sonnabend ein Lärm in der gegnerischen Presse, als das Unerhörte bekannt wurde, daß die Socialdemokrarie des Wahlkreises Teltow dem Philister die Nacht- ruhe geraubt hatte. Roheiten, Geschmacklosigkeiten, Excesse, lln- geberdigkeit, knabenhafte Schabernackstreiche— mit diesen Titulaturen wurde unser Vorgehen in der rechtsfreisinnigen Presse belegt und diese war noch die anständigste. Und nun die Wirklichkeit? Herr- Trojan, der Plauderer der„National-Zeitung" ist anscheinend dabei gewesen und giebt folgendes Bild von der Wahlhandlung in Rirdorf: Mit einer Schlacht konnte das Ganze verglichen werden, eS hatte aber mehr noch von einem Volksfest an sich. Dazu trug bei, daß im ganzen ein ungezwungener, an das Feuchtfröhliche grenzender Ton herrschte, und daß für das Leibes Nahrung reich- iich gesorgt war. Die vorher geäußerte Besorgnis, es könnte sich Mangel an Lebensmitteln bemerkbar machen und Hunger die Streitenden bedrohen, erwies sich als gänzlich un- begründet. Die Gastwirte hatten sich wohl vorgesehen. wärme Würstchen schienen in immer neuen Mengen aus dem Boden hervorzuwachsen, und es war so, als regnete es belegte Brötchen vom Himmel herunter. Dazu war vieles Eßbare in Papier eingeschlagen von Teltow. Köpenick, Trebbin, Britz, Zossen und andern Orten mitgebracht worden. Es soll vorgekommen sein, daß in vorgerückter Stunde von zweien, die einander als Feinde g e g c n ü b e r st a n d c n, der eine dem andern von seiner Stulle abgab und ihm seine Flasche zum Trinken reichte. Ein schönes Zeichen der Macht des guten menschlichen Herzens. Und weiter: Tie Socialdcmokraten hatten das, was man das Parkett nennen konnte, nämlich die der Bühne zunächst befindlichen Stuhl- reihen in Besitz genommen und erhielten sich in dieser Stellung. Wo sie dann mit Andersgesinnten in Berührung gerieten, kam cS manchmal zu einem kleinen Geplänkel und zu Auseinander- sctzungcn, die in einem etwas erregten Ton gehalten waren. Aber stets trat eine friedliche Losung ein, und auch dort zeigte es sich, daß eilt gutes Wort, zumal wenn es lustiger A r t ist, stets eine gute Statt findet. Zweimal erschien der Friede ernstlich bedroht, einmal am Vormittag, als sehr heftig von roter Seite die Gerechtigkeit des Wahlburcaüs angefochten wurde, und dann bei Beginn der Stichwahl, als die Protokolliemng der uu- gültigen Stimmen erzwimgeu ward.... Von Zeit zu Zeit begab man sich auch in den großen Klicinschcn Fest- und Tanzsaal, wo ein auf der Bühne vor einem langen Tisch einsam sitzender Herr eine Versammlung„markierte", stärkte sich dort und bewunderte die großen Wandgemälde, die in dem von der alten und der modernen Malerei gleich weit entfernten Gc- schmack der Hasenheider Malerschule ausgeführt sind. Einige sollen sich auch nach einem Barivto-Theater verirrt haben, wo drei Grazien mit etwas belegten Stimmen— es fiel der erste Schnee draußen— Gesänge zum besten gaben, die mit dein Wahlakt in keiner Verbindung standen. Von Tanzlokalen war nichts offen zu finden, und ein Frühkonzert fand leider nicht statt. So verlief alles, bis auf die Hauptsache, in einer ziemlich b e- friedige»de n Weise und von der eimindzwanzigstündigeu Wahlschlacht in der Hasenheide werden späte Geschlechter noch sagen und singen. Und wenn nun noch von der agrarischen„Deutschen Tages- zeitung" konstatiert wird, daß am Schluß der denkwürdigen Wahl- Handlung die Socialdcmokraten dem Landrat v. Stubenrauch in einem dreimaligen st ü r m i s ch e n H o ch ftir seine fast Übermensch- liche Ansttengung gedankt haben, so sieht das doch nach etwas andern, aus als nach Mord und Todschlag. Wir gehen wohl nicht fehl mit der Behauptting, daß die Rixdorser Wahlhandlung eines der wenigen erhebenden Momente in der ganzen, dem elendesten, verächtlich» stcn aller Wahlsysteme zum Trotz unternommenen Wahlcampagne gewesen ist. Die Behandlung Kranker mit Sauerstoff bürgert sich immer mehr in Berlin ein, besonders seitdem bekannt geworden ist, daß jede Feuerwache in dringenden Fällen einen ausgebildeten Samariter mit einem Sauerstoff-Apparat zur Hilfeleistung entsendet. Gestern wurden Sauerstoff-Apparate auf Anordnung von Aerzten in der Seydclstr. 14, Blücherstr. 64, Jmmanuelkirchstr. 14 u. a. Orten benutzt. Totensonntag. Trotz des stürinischen, naßkalten Wetters ivarci� gestern am Totensonntag die Kirchhöfe von Tausenden besucht. Mit der Stadtbahn, Straßenbahn, Droschken, eignen Wagen, Kremsern. Brcaks, zu Fuß und sogar mit Automobil und per Rad kamen die Trauernden, um die Gräber ihrer Angehörigen zu schmücken. Wie bei allen solchen Anlässen, versagten zeitweise die Verkehrsmittel vollständig. Eine Nachmittagsfahrt nach den Kirchhöfen in und bei Britz mit der sogenannten Wüsteiibahn nahm mehr Zeit in Anspruch und war unbequemer, als eine Fahrt nach Brandenburg a. d. Havel. Am Bahnhof Ebcrsstraßc mußte umgestiegen werden und in der Nähe des Tempclhoser Friedhofes blieb der Straßenbahnwagen zehn Minuten in der Weiche liegen, weil der entgegenkommende Wagen ausblieb. Auf der Rückfahrt über Rirdorf passierte es, daß sich zwei Straßenbahnwagen in der Nähe des Britzer Krankenhauses auf eingleisiger Strecke cntgegeff fuhren. Natürlich mußte der eine Wagen zurückfahren. Die Wagen waren schon an den Endhaltestellen über- füllt, und an den Zwischenhaltestellen harrte die Menge vergeblich auf Beförderung. ES sollen Sonntag 275 000 Traktätchcn aus dm Friedhöfen verteilt worden sein. Wem zu Nutzen? Mord und Selbstmord. Eine Licbestragödie hat sich gestern früh in Pankow abgespielt. An der Ecke der Spandancr- und Schmidt- straße, hinter der neuen Schule, erschoß der 22jährige Arbeiter Bartsckk aus der Wollankftraße in Pankow seine 18 jährige Geliebte A. W. aus der Grlinthalcrstraße in Berlin. Ucbcr den blutigen Vorgang wird folgendes mitgeteilt: Die bezeichnete Ecke, aus' der sich die Tragödie abspielte, ist noch unbebaut. Früh gegen 6 Uhr wurde» nun die Hunde aus dem angrenzenden Fabrikgrundstück sehr laut, was den Portter veranlaßte, nach der Ursache zu forschen. Soweit es die Dunkelheit zuließ, beobachtete er ein Mädchen, das am Wege auf einem Bretterzaun saß und weinte. Ein junger Mann stand in der Nähe und redete auf das Mädchen ein. mn es zu beruhigen. Der Portier legte dem Vorgänge keine Bc- dcutimg bei und zog sich wieder zurück. Später wurden dann in der Nachbarschaft zwei kurz hintereinander fallende Schüsse gehört und nach einiger Zeit noch ein dritter. Da jedoch in jenem Winkel häufig geschosien wird, hatte niemand einen Argwohn. Als dann gegen 7 Uhr Arbeiter vorübergingen, sahen sie in der Mitte des unbebauten Rasenplatzes zwei Leichen am Boden liegen. Das junge Mädchen hatte zwei Schüsse in die Stirn und in die Schläfe er- halten und war zuerst getötet worden. Dann hatte der Bursche seinen Kopf auf die Brust der Geliebten gelegt und sich selbst eine jgugel in die Schläfe gejagt. Den Revolver hielt er noch in der Hand. Aus einen, bei ihm vorgefundenen Zettel konnten die Leichen bald rekognoSciert werden. Was die jungen Leute in den Tod getrieben hat, ist noch nicht festgestellt. Ehchinderniffe können es nicht sein, da die beiderseitigen Eltern von dem Liebesverhältnis keine Ahnung hatten und den jungen Leuten auch nichts in den Weg gelegt hätten. Das Mädchen war Sonntagiiachmittag 3 Uhr von Hauke weggegangen unter dem Vorwand, einen Spaziergang machen zu wollen, war dann aber nicht zurückgekehrt. Noch im Laufe des Vormittags ivurdcn die Leichen in einem gemeinschaftlichen Sarge nach der Leichenhalle gebracht. Ein gutes Versteck hatte lange Zeit der 39 Jahre alte Kunst- schlosfermeister Adolf Schallhammcr, der wegen Betruges, Urkunden- fälschung und Körperverletzung seit drei Jahren von mehreren Staatsanwaltschaften verfolgt und von der hiesigen Kriminal- Polizei gesucht wurde. Die Berliner Kriminalpolizei ermittelte endlich, daß der Gesuchte öfter bei seinen Angehörigen in der Freicnwaldcrstraße 30 verkehrte. Mehrere Beamte beobachteten nun wiederholt das Haus und glaubten auch öfter, daß Schallhammcr hiiieiiigegaiigcn sei. Sobald sie es dann aber absuchten, fanden sie ihn niemals, auch in der Wohnung seiner Angehörigen nicht, und nahmen dam, au, daß sie sich doch getäuscht hätten. So ging die Suche lauge Zeil. Neulich sqh ein Kriminalkommissar, daß die Hiitterwand der Speisekammer einen etwas helleren Anstrich hatte als die Umgebung. Er klopfte an und es gab einen hohlen Klang. und docy war nicht recht daran zu denken, daß hier noch ein Ler- steck sein sollte, da die Wand-mit einem Regal, das schwere Töpfe mit ringeinochtcm Obst und dergleichen enthielt, abgestellt war. Man untersuchte aber alles auf das genaueste, und als man nun an einem anscheinend gan� bedeutungslosen Stifte �zog, öffnete fich eine Thür, und hinter ihr stand in einem Räume, der ihn gerade fechte, wenn er sich aufrecht hielt, der lange gesuchte Kunstschlosser Ganz ruhig und gutwillig ging er nun mit, nachdem er, wie er selbst sagte, nie geglaubt hatte, daß man ihn in seinem Versteck finden würde. — Wenn man bei nnsern noch frei umherlaufenden Mördern doch auch so findig lväre. Juwelendiebc. Reiche Beute machten Juwelendiebc, die in der Nacht das Geschäft von H. DclfS in der Belle-Alliancestr. 5 heim- suchten. Neben dem Laden und der Werkstatt dieser Juloelen- und Uhrenhandlung steht im ersten Stock eine Wohnung leer. Diese er- brachen die Diebe und versuchten nun erst, nach amerikanischem Muster durch die Decke zu den Vorräten zu gelangen. Nachdem sie einen Teil des Stabfußbodens abgehoben hatten, entfernten sie die Füllung und bohrten ein mannsbrcitcs Loch aus der Verschalung heraus. Dann aber stießen sie auf einen Balken. Um nicht noch einmal an einer andren Stelle vergeblich zu arbeiten, gaben sie diesen Weg auf. gingen in den Hausflur hinab und brachen hier die eiserne Thür der hinter dem Laden gelegenen Werkstalt heraus. Darauf erbrachen sie mit den Werkzeugen des Juweliers die Vorlege- schlösser der Zwischenthür und gelangten so in den Laden. Nach- dem sie sich für den Fall einer Ueberraschung den Rückzug gesickiert hatten, indem sie ein Wcrtstattfcnster am Hofe öffneten, räumten sie das Schaufenster und einen Teil des Ladens aus. packten für 15 000 M. Armbänder und Ringe mit Brillanten, goldenen Uhren usiv. ein und verschwanden mit der Beute, indem sie die Hausthiir mit einem Nachschlüssel öffneten. Zwei schwere Zusammenstöße im Straßenbahiibetriehc, bei denen 4 Personen verletzt lvurden, fanden am gestrigen Sonntage statt. Gegen 9 Uhr vormittags fuhr der Straßenbahnwagen der Linie 34(Gesundbrunnen— Ärcuzbcrg) an der Weichzunge am Wcddingplatz, Ecke Schulze ndorfcrstraße seitlich gegen den Motor- wageil 4522 der Linie 25(Tegel— Charlottenstraße) mit solcher Gcivalt, daß dieser aus den Schienen geschleudert wurde. Die Perronwand wurde eingedrückt, das Trittbrett verbogen und der Puffer abgebrochen. Der Gclbgicßer Albert Scharm, Müller- straße 107 wohnhaft, wurde von, Perron heruntcrgcschlcudert und erlitt innere Verletzungen, die in der Köslinerstraße 10 wohnende Frau Pieper. Verletzungen am Kopf.— Siegen V-4 Uhr nachmittags fuhr in der Müllcrstraße vor dem Domkirchhof ein Straßenbahnzug der Linie 20(Tegel— Oranienburgerthor) auf einen an der Halte- stelle stehenden Zug derselben Linie, auf. Bei dem Zusammenstoß wurde die Hintcrvlattform des Anhängewagcns vom Vorzuge zer- trümmcrt; die Thürscheibc und mehrere Scitcnscheiben zerbrochen, ebenso die Vorderplattform des anfahrenden Wagens stark beschädigt. Durch umherfliegende Glassplitter wurde die Frau des Kaufmanns Fabisch, Sellcrstraße 1, erheblich im Gesicht verletzt. Ter Musiker Heinrich Meyer aus Tegel, der im Moment des Zusammenstoßes den Wagen verlassen wollte, wurde zu Boden geschleudert und erlitt eine Gehirnerschütterung. Er wurde»ach dem Paul Gerhardt-Stift gebracht. Die Hotcl-Wäschc. Eine seltsame Aufklärung hat der große Wäschcdiebstahl erfahren, der in dem Eassclschen Hotel hier, wie wir bereits mitteilten,»ach einer der Kriminalpolizei zugegangenen Mcl- düng. Verübt sein sollte. Wie festgestellt worden ist, hat die Speditionsfirma Licht u. Patzenhofer keinerlei Waren lombardiert. Tie angeblich gestohlene Wäsche ist vor nunmehr 4'/., Jahren in dein Seebad HeringSdorf, woselbst das obengenannte Hotel eine Filiale unterhielt, zur Besördcrung nach Berlin aufgegeben ivorden. Die Sendung wie der Frachtbrief waren mangelhaft adressiert, so daß sich die Zustellung in Berlin als unmöglich erwies, ebensowenig konnte nachher der Absender ermittelt werden. So lagerten die Waren über drei Jahre auf dem SpcditionShofc und wurden dann, da sie von niemand reklamiert worden waren, in der üblichen Weise mcistbietcnd verkauft._ Symphonie-Konzert in der Reuen Welt. „Norddeutsche Schleife" und.Kreuzberger H a r m o n i e", diese beiden dem Arbcitcr-Sängcrbunde angc- hörenden Gesangvereine, pflegen seit Jahren, wenn wir recht unter- richtet sind, am Totensoniuag der Ocffentlichkeit Proben ihrer Tüchtigkeit zu gebcn� Auch am verflossenen Sonntag haben diese beiden Vereine ein Symphonie-Kouzcrt veranstaltet und zwar nicht wie früher bei Lipps, sondern in der„Neuen Welt" zu Ripdorf. An dieser Stätte hatten am Tage vorher noch unter der vortrefflichen Leitung des Landrats v. Stubcnrauch die untergehende und die auf- steigende Ordnung mit einander gekämpft, und dieser Kauipf hatte sich, lvie es historische Bestimmung aller für die Menschheit bedcut- samen Kämpfe ist. in eine schöne Harmonie aufgelöst. Ist es nicht ein Triumph edelster Ordnung, wenn dem Manne, der den Roten schon von amtöwcgcn bisher spiuncfcind ivar, glühende Kohlen aufs Haupt geschüttet werden, wen» ein leibhaftiger preußischer Landrat in finsterer Mitternacht eine gewichtige Stimme nach der andern aus den Reihen der Umstürzler auf seinen Namen überantwortet erhält? Nach solchem Finale der denkwürdigen Wahlnacht sollte es an dieser Stätte eigentlich schwer halten, ein Arbeiterpublikuin für die Symphonie der Musik zu begeistern. Aber der vergangene Tag hatre im guten Sinne vorbereitend gewirkt und die Veranstaltung der beiden Arbcitcrgcsangvcreine nahm einen Verlauf, über den der Landrat v. Stubenrauch sich ebenfalls gefreut hätte, wenn er am Sonntag an der ihm lieb und traut gewordenen Slättc in begreiflicher Sehnsucht wieder erschienen wäre. Bis auf den letzten Platz war der Saal am Totensonntag gefüllt und es hielt schwer für die Nach- zügler. noch einen Stuhl zu ergattern. Aber das Konzert verlohnte fich auch. Beethoven, Wagner, Weber, Händel und Mozart standen auf dem instrumentalen Teil des Programms, der vom Neuen Ton- lünstler-Orchestcr unter Leitung des Herrn Franz Hollfelder vorzüg- lich ausgeführt wurde. Besonders fei des Vortrages der fünften Symphonie Beethovens gedacht. Und auch der gesangliche Teil war mit Geschmack zusammengestellt. Die beiden Gesangvereine, welche sich zu dem Konzerte vereinigt haben, sind in der Arbeiterschaft wegen ihrer Tüchtigkeit bekannt, und in der„Neuen Welt" zeigten sie, daß ihr Ruf wohlbegründet ist. Besonders die beiden zu Beginn vor- getragenen Lieder„Am Rhein" von Bruch und„Waldftiedcn" von Schulz konnten sich hören lassen. Aus einem andern Grunde wollten wir bei dieser Gelegen- hcit der vorgestrigen Veranstaltung noch rühmend gedenken. Viel- fach herrscht in Arbeiterkonzerten noch der Brauch, es mit der Pünktlichkeit nicht so�gcnau zu nehmen; es ist nichts Seltenes, daß so ein Konzert eine Stunde später beginnt, als es angekündigt ist. Mit dieser Gepflogenheit war am Sonntag energisch aufgeräumt worden; Punkt sieben, lvie angesetzt, begann das Konzert und das war gut so. Mögen andre Arbeitervereine sich hieran ei» Bei- spiel nehmen._ Die Ausstellung empfehlenswerter Jugendschriftcn wird nicht, wie in der Sonntag-Nnmmer angegeben ist, von 10—10 Uhr, sondern von 12—10 Uhr geöffnet sein. Die Kostiimfragc für die weiblichen Bühnenmitglieder erörterte Dr. Raphael L ö w e n f e l d am Sonntagmittag in einer Bersamm- lung der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur, die im Bürger- saale des Rathauses stattfand. Der Vortragende bezeichnete die Frage als eine der vielen social-ethischen, welche die Gegenwart beivcgen. Sie sei leider viel zu spät aufgetaucht und zwar erst auf Anregung von außen her. So freudig nun auch der vor einigen Togen gefaßte Beschluß des Bühneiwereins sei, so bestehe dessen wesentliche Bedeutung doch nur darin, daß seitens des Vereins an- erkannt sei, es liege für die Theaterleiter eine moralische V e r- p f l i ch l u n g zur Lieferung der Kostüme an die weiblichen Mit- gliedcr vor. Unsre Hofbühnen— führt der Vortragende weiter ans— liefern die Kostüme in gleichem Umfange an Damen und Herren. Leider herrscht dieser Gebrauch nicht bei allen Hofbühnen, weshalb man es den Direktoren kleiner Theater auch nicht verargen kann, wenn sie sich bisher gegen die bedeutende Belastung ihres Etats, die durch die Lieferung von Damenkostümen entstehen mußte, sträubten. Für die Schauspielerin kommt nun be- sonders neben der Kostüm- auch die T o i l c tt e n f r a g e in Betracht. Daß diese Toiletten aber fo große Summen verschlingen, verschulden hauptsächlich die hohen Ansprüche des Publikums, teil- weise auch die Rivalität der Bühnenkünstlerinnen gegen einander. Um hier Abhilfe zu schaffen, muß beim Abschluß der Engagements- Verträge neben der Gagesordcrung auch der Toilettenanfwand mit berücksichtigt werden. Am schwierigsten ist ja die Frage für die tleincn Theater zu lösen. Von diesen Instituten verlange man viel- fach dieselben Leistungen, wie von einem großstädtischen Theater, ohne aber andrerseits die materiellen Grundlagen für den Fortbcstand des Unternehmens zu gewährleisten. Viel- fach wissen Städte, die ihr Aufblühen zum- Teil dem Theater ver- danken, dessen Bedeutung für die Bürgerschaft nicht zu würdigen. Es kommt ihnen oft nicht darauf an, Theatcrdircktoren zu gewinnen, die künstlerisch und»loralisch auf der Höhe stehen, als vielmehr darauf, eine möglichst hohe Pachtsmmne aus dem Unternehmen heranszuschlagcn. Hierin liegt der Krebsschaden der ganzen Sache, (Lebhafter Beifall.) Wo nun aber in dieser Hinsicht die Städte ver- sagen, sollten gemeinnützige Gesellschaften einspringen wie beim Schiller-Theatcr, Hier ist die Lieferung der weiblichen Kostüme von vornherein statutarisch festgelegt, Was nun die Lösung der Kostümfrage anlangt, so ist Haupt- erfordernis, daß Bühnenvcrein und Bühnengcnossenschaft Hand in Hand gehen. Es muß eine gemischte Kommission eingesetzt werden, die die Bedeutung einer„Kammer" erhält und auch die Verhandlung mit den Behörden leitet. Sodaim lväre eine Denkschrift aus- zuarbeiten, die als Unterlage für ein zu erlassendes Thcatergesetz zu dienen hätte. Der jetzige Zustand, der die Theater der polizeilichen Willkür unterstellt, muß beseitigt werden. Jene Kommission hätte dann die besondere Änfgabc, bei Streitigkeiten über die Kostüm- und Toilcttensrage vermittelnd einzugreifen, um schließlich einen Zustand zu schaffen, in welchem für die Bühnenangehvrigen überhaupt solche Fragen nicht mehr existieren. Theater. In dem Drama., V a s a n t a s e n a", nach einer altindischcn Dichtung des Königs Sudrala, frei bearbeitet von Emil Pohl, das Donnerstag, den 20, d, Mts., zum erstenmal im Schiller-Theatcr N.(Friedrich Wilhmstädtifches Theater) zur Aufführung gelangt, werden die Hauptrollen von den Damen Dora Wolfframm(Vasantascna), Gusti Becker(Mandanika). und den Herren Rudolf Lettinger(Tscharudatta). Albert Hübener (Maitreja), Albert Steinrück(Samsthanaka), Otto Rembe (Ariaka), Max Äirschner(ein Bader), Gustav Rickelt(Ober- richter) dargestellt. Die Regie führt Waldemar Runge.— In dem am Mittwoch, den 25, Nvvcmber, im R e s i d e nz- Theater erstmalig zur Aufführung gelangenden drciaktigcn Schwant„ E i n Seitensprung"(La Carot.te) von Berr, Dehsre und Guillcmaud sind in den Hauptrollen beschäftigt die Damen Alice Hetsey a. G, vom Raimund-Theatcr in Wien und Angelika Drcsp sowie die Herren Richard Alexander, Hans Pagay, Ernst Bach, Hermann Seldcneck, Richard Georg.— Der vorangehende Einakter„Der zündende F unke" von Eduard Pailleron wird von Marie Leuchtiilann, Josefine Sorger und Ernst Bach dargestellt.— Im E a r l Weiß- Theater gelangt am Mittwoch und Donnerstag das Schauspiel „Der Fehltritt einer Frau" zur Aufführung.— Am Sonnabend geht zum erstenmal das Arthur Müllersche Lustspiel„Maria Theresia" oder„Gute Nacht, Häuschen!" in Scene. Hua den Nachbarorten. „Ein betrügerischer Kasscnvorstcher"! Das„Berliner Tageblatt" und nach ihm die Vororts- und Kreispresse brachten vor einigen Wochen unter obiger Spitzmarke eine Notiz, nach welcher der Vor- sitzende der Orts-Krankenkasse Lichtenberg, Tischler Paul Levyn, wegen Betruges gegen die Kasse angeklagt war. Erst nach Erscheinen dieser Notiz stellte sich heraus, daß auf Betreiben derjenigen Vorstandsmitglieder, die dem frühereit Rendanten Kauffmann um jeden Preis zu einer Pension von 2000 M. pro Jahr verhalfen, ein Er- niitteliingsverfahren eingeleitet sei, um zu ergründen, ob die Angabe dieser Leute, Levhn habe sich nicht gehabte Auslagen von der Kasse ersetzen lassen, auf Wahrheit beruhe. Herr Kauffmann hielt eS für notwendig, in einer besonderen Eingabe an die Untersuchungsbehörde diese zu einer recht„energischen" und„eingehenden" Behandlung der Sache aufzufordern! Die Untersuchung ist auch wirklich recht„energisch" betrieben worden. Neben den„amtlichen" Organen waren auch die des Herrn Kauffmann rege thätig. Nunmehr teilt der Staatsanwalt mit, daß das Verfahren—„wegen Mangels Be- weises" eingestellt sei und von einer„betrügerischen" Handlung nicht geredet werden könne. Welche Mittel wird man nun anwenden, um den verschiedenen Herren verhaßten Vorsitzenden, dem die Generalversammlung ihr volles Vertranen ausgesprochen hat, endlich zu beseitigen? Wird das„Tageblatt" von der Einstellung des Ver- sahrcns Notiz nehmen, um einen durch einen gemeinen Rache-Akt Verdächtigten zu rehabilitieren? Pankow. Die zwölfjährige Amtsperiode des Gemeinde-Vor- stehcrs Herrn Gotftchalk geht zu Ende, am Dienstag, den 24. d. Mts., soll die Wiederwahl vorgenommen werden, welche gleich- zeitig mit einer„angemessenen" Erhöhung des Gehaltes verknüpft sein wird. Das Gehalt, welches bisher 0000 Vi. betrug, soll auf 12 000 M. erhöht werden. Herr Gottschalk, welcher früher in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte, ist mittlerweile zum siebenfachen Hausbesitzer avanciert und baut gegenwärtig zwei herrschaftliche Häuser mit allem Komfort der Neuzeit. Die Gemeindevertretung fürchtet weniger, daß die Verwaltung des 25 000 Einwohner zählenden Vorortes Pankow durch die außerordentliche Bauluft ihres Orts- obcrhauptes leiden würde, sondern daß die„Sparsamkeit", durch welche er jene Anzahl von Grundstücken im Werte von einigen hnnderttausend Mark erwerben konnte, bei der doppelten Gehalts- zutage dazu führt, die Zahl der Grundstücke ins Ungemessene zu erhöhen und ein großer Teil Pankows dem Gemeindevorsteher ge- hört. Die Bauunternehmer, welche der Gemeindevertretung an- gehören, haben bereits beschlossen, Herrn Gottscktalk nicht wieder zu wählen, weil sie die große Konkurrenz des Vorstehers fürchten. VrnniscKtes. Sturm und Unwetter. Aus allen Teilen des Reiches kommen Nachrichten über das Ilnlvctter am Sonnabend und Sonntag, das schwere Schäden an- gerichtet hat. So sind die telegraphischcn Verbindungen westlich von Hannover zum größten Teil uitterbrochcn worden. Insbesondere können die Verbindungen� von Berlin nach England. Holland, Belgien, Frankreich, der Schweiz und Italien nur auf Umwegen hergestellt werden. Im einzelnen liegen folgende Meldungen vor: Halle, 23. November. Das fttrchtbare Unwetter am Sonnabend hat nach einer Meldung der„Saalezeitmig" auch in der Halleschen Gegend schwere Verheermigeii angerichtet. So wurde» schwere Kupferplatten des alten historischen roten Turms abgehoben und weit ivcggeschleudert. Die neue Paulus-Kirche, welche kürzlich im Beisein der Kaiserin eingeweiht ivyrdcn ist, erlitt schtvere Beschädigungen. Ans der. Grube von der Heydt wurde ein Schornstein mngclvorsen und eilt Steiger von diesem erschlagen. In Freiburg a. d. Unstrut wistoe der Schornstein einer Brauerei zertrümmert und der Dach- stuhl vollständig zerstört, lvobci viele Maschinen beschädigt wurden. Fn Schkeuditz ivurde die Turmspitze des Rathauses vom Sturm um- geknickt und außerdem viele Dächer abgedeckt. Das„Leipziger Tageblatt" berichte! aus allen Gegenden des Königreichs und der Provinz Sachsen über zahlreiche Sturmschäden. In Narsdors und Markranstädt sind große Schornsteine niedergelegt und Dächer abgedeckt worden. In Miltitz wurde in der Fabrik von Schimmel u. Co. das umfangreiche Dach über dem Wasserbehälter gehoben und ans das Kesselhaus geschleudert. Die bedeuteudeu Holzmassen flogen zum Teil ans das EisettbahngcleiS und hemmten zeitweilig den Verkehr. Mehrere Centner schMn Stücke flogen 100 Schritte über den Bahnkörper weg. In Döbeln wurde in einem tutter der Burgstraße belegenen Teiche ein Mann ertrnitkcit atisgefunden, von dem man glaubt, daß er vom Sturm in den Abgrund geweht worden ist. Ehemnitz. Sonnabend gegen Mitternacht wurde am Roßmarkt daS vier Stockwerke.hohe Baugerüst eines Neubaues von einem orkanartigen Sturm umgerissen und eine im selben Augenblick jene Stelle passierende Frau durch herabfallende Balken schwer verletzt. An einem Warcnhcyise drückte der Sturnx eine große Spiegelscheibe ein und zertrümmerte den ganzen Inhalt des mit Porzellan dekorierten Schaufensters. Auch an andren Gebäuden und in den Gartenattlagen richtete das Umvetter beträchtlichen Schaden an. Aus Magdeburg wird uns geschrieben. Ein orkanartiger Stur m richtete hier in der Nacht zum Sonntag ungeheuren Schaden an. Schemtendächer lvurden abgedeckt. Zäune auf weite Strecken umgerisseit, Firmenschilder fortgeschleudert, Feusterscheibeit zu tausenden zertrümmert(die Splitter flogen bis auf die Wagen der Straßenbahn), Bäume in den Anlagen geknickt und viele Tclcgraphcndrähte zerrissen I Der elektrische Straßenbahn-Verkehr tonnte nur mit längeren Unterbrechmtgen anstecht erhalten Iverdcn. In den Außenbezirken ist der Schaden ttullberschbar, In den Dörfern Ncnendorf, Karritz und Schönebeck wurden, lvie der„Altmärker" meldet, vom Sturm die Windmühlen niedcr- gerisien; in Schönebeck wurde dabei der Besitzer der Mühle tödlich verletzt. Brautlschmeig. Auf der Grube„Fürst Bismarck" bei Völplc deckte der Sturm das Dach einer Arbeitcrkascrne ab. Die Kaserne geriet in Brand. Die 70 dort schlafenden Arbeiter konnten sich nur init größter Mühe notdürftig bekleidet retten. Viele erlitten schwere Brandwunden. Ein Arbeiter ist bereits gestorben. Bielefeld. Durch Sturnt wurde in der Ortschaft Spenge eine Giebel- wand uutgeworfeit. Vier Maurer wurden unter ihren Trümmern begraben und von ihnen zwei lebensgefährlich verletzt. Die beiden andern Arbeiter erlitten Arm- und Beinbrüche.— Auf dem Peiner Walzwerk in Peine wurde am Sottttabettd durch den Sturm ein Schorn- stein umgeworfen. Fünf Personen sind verunglückt, eine Person tödlich. Der Turm der katholischen Kirche ist zur Hälfte eingestürzt, das Dach arg beschädigt. Stuttgart, 23. November. Infolge des gestrigen Sturmes ist die telephonischc Verbindung mit einer Reihe von Orten im Schwarz- wald und am oberen Neckar mit Basel gestört. Auch aus dem Auslände kommen Nachrichten über das Unwetter. Aus Lottdo» wird berichtet: Sonntag wütete in ganz England ein furchtbarer Sturm, welcher zahlreiche littfälle im Gefolge hatte; der Verkehr in den Straßen war mit Lebensgefahr verbunden, viele Personen wurden durch herabfallende Dachziegel verletzt. Auch aus der Provinz lausen Nachrichten über durch das Unwetter»er- ursachte Schäden ein._- Eiseitbahn- Unfälle. Von dem Personenzug Nc. 445(Wittenberge— Stendal— Magdeburg) sind am Sotmtag zwischen Osterburg und Seehausen Tender- achse der zweiten Maschine und drei Personenwagen entgleist. Sieben Personen sind verletzt, zum Teil schwer; von diesen sind zwei Rcisendc im Krcinketthatise zu Seehausen und einer im Krankenhause zu Osterburg untergebracht. Die Attgehörigett sind benachrichtigt. Das Fahrgelcise ist' voraussichtlich bis gegen Abend gesperrt. Der Persottettverkehr an der Unfallstelle Ivtrd durch Umsteigen vermittelt. Die Ursache des Unfalls ist noch nicht ermittelt. Hagen(Westfalen), 23. November. Heute morgen kurz nach 3 Uhr nberfuhr der Uebergabezug(Rangierzng) Nr. 8221 in Gleis 04 des Güterbahnhofs Hagen einen Prellbock, wodurch ein dahinter stehender Wagen mit dem Bremshäuschen beschädigt wurde. Der in dem Bremshäuschen sitzende Bremser ivurde hierbei erdrückt. Die Beschädigungen des Geleises und des Materials sind sehr gering, jedoch ist das Verbittduttgsgeleis für Güterzüge von Hagen— Eckesey nach Hengstei ans mehrere Stunden gesperrt. Der Betrieb ist inzwischen in vollem Umfang wieder aufgenommen Ivorden. Ein schweres Eisettbahtt-Ntiglück hat sich am Sonnabend in Palezieux(im Schweizer Kanton Waadt) ereignet; sechs Personen lvurden getötet, eine Anzahl schwer verletzt. Sämtliche Toten und Verwundeten befanden sich int ersten Personett- wagen. Die sechs Toten sind zwei Kinder Olga und Georg Gratschoff ans Petersburg und ihre russische Wärterin Anna Kouzmina, ferner die beiden Schweizerinnen Joscphine Sterkh und Luise Bcrtschy, die eine gelähmte Dame, Frau v. Zablocka aus Berlin, an den Genfer See begleiten sollten; beide Mädchen wurden sofort getötet, während die gelähmte Dame in einem Rollstuhl ganz unversehrt blieb. Auch ein Herr Blumenthal, der mit ihr reiste, blieb unverletzt. Der sechste Tote, Herr Gruenenwald, Schwieger- söhn des Bundesrichters Monnier in Lausanne, war erst seit drei Monaten verheiratet. Die meisten Leichen waren fürchterlich zer- rissen, die der Kinder Gratschoff überdies verbrüht.— Von den Insassen des deutschen Wagens Berlin-Genf ist niemand verletzt. Ein Heizer erlitt leichte Ouetschungen. Ein deutscher Reisender sowie eilt schweizerischer Offizier, die sich in dem zertrümmerten Wagen befanden, retteten sich durchs Fettster. Die Ursache des Unglücks ist noch nicht bekannt; es sind viele Lesarten hierüber im Umlauf. Eingegangene Druckschriften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Dictz' Verlag) ist soeben das 8. Hcst des 22. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des HestcS heben wir hervor: Die preußischen Landtagswahlcn. Von Karl Kautsly.— Der wisscnschastlichc Socialismus mid I. Dietzgens Erkenntnistheorie. Von Eugen Diebgcn.— Zum Prozeß Bilse. Von Rudolf Strafst.— Socialdemokralie und Liberalismus in Dänemark. Von Gustav Vang.— Der Niedergang der britischen Industrie. Vvn Th. Rathsiciii- London.(Fortsetzung.)— Staatslrhrwcrkstättett. Von Julius Deutsch, Wien.— Notizen: Ein Rück» gang des Münchener BierlonsttmS. Von W. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch« Handlungen, Postanstallktt und Kolporteure zum Preise von 3,25 Vi. pro Quartal zu beziehen. In der ZeitutigSpreiSliste der Postanstalten ist die „Neue Zeit" unter Nr. 5575 cingcttagen, jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal aboimiert werden. Das einzelne Heft lostet 25 Pf. Probenummern stehen jederzeit zur Verfügung.' jECl[6tt'AnZU�6, 1- u. grclhlg, aus guten halt-.. baren Stoffen mit graden oder schrägen Taschen von Rock- und Geliroek-Anzüge« bester aus-..» führung......... von ffl« 5 Herbst- und Winter-Paletots w modernster.a„ Ausführung........ von lö ffl. Haus- UDd Jagdj Oppen in allen Ausführungen ß.. an. an. von u i«L. Gegründet 1878« Specialität der Firma: Paletot nach Mass von 30 M. an. Anzug nach Mass von 33 M. an. > Streng feste Pr Al. Sehnlmeisfer,| Sehneidermeister, BERLISi S0.9 O�esdener Strasse 4, Hochbalmstation Kottbuser Thor. 3047L* Special-Haus für Herren- und Knaben-Konfektion. 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