Nr 277. Bbonncments-Bedingunstn: HSonnemcntS< Preis pränumerando i Bierteyährl. 3,30 DU., monaU. 1,10 DU., wöchentlich 28 Pfg. frei WS Hau». Einzelne Nummer 6 Pfg. SonntagS- nmnrner mit illufiriertcr Sonntags- BeUage»Die Neue Welt» 10 Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Mark Pro Monat. Eingetrogen w der Poft-geitungS- Preisliste für»»OS unter Nr. 8203. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 3 Marl, für dai übrige«uSIant» Marl pro Monat. vlchellri tZgllch auStr montags. 20* Ilchrg« Vevlinev VolKsOlcrkk. vi« snleMont-Ledllhk beträgt für die fcchSgcspaltenc Kolon«?- zeste oder deren Raum 40 Pfg., für Politische und gewertschastliche Verein»- und Bersammlungs. Anzeigen SO Pfg. „Aleine Hnztigen" jedes Wort B Pfg. (nur da» erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi« 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis L UHr vormitttags geöffnet. Zlelegramm-Norefse! „SodaWtmohrat Rtrlla". Nentralorgan der lorialdemokrattschen Partei Deutschlands. l�eclaktion: 8Al. 68» L.itittetistrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Rr. 1983. Freitag, den 27* November 190B* Bxpedition: 8M. 68, Lindcnetraoec 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1984. Genoffen! Auf zur Kommunalwahl! Beseitigt den Freisinn aus der Wählerklaffe des Volkes! Die dritte Wählerklaffe gehört der Socialdemokratie! Zur handelspolitischen Lage. Demnächst ist ein Jahr vergangen, seit der Exgründer der Laura Hütte, der Abgeordnete v. Kardorff, als Geschäftsführer einer sich in ihren heiligsten Prosttinteressen verletzt fühlenden zolllüsternen Mehr- heit im Reichstage jenen Antrag ans Erhebung der Zölle„nach Maßgabe der dem Reichstage vorgelegten endgültigen Beschlüsse der XVI. Kommission" einbrachte, der nach äußerster Gegenwehr der socialistischen Minderheit in der denkwürdigen Nacht vom 13. ans den 14. Dezember zur Annahme gelangte— unterstützt durch eine Regierung, die wiederholt durch die PosadowSky, Richthofen und Mermuth hatte erklären lassen, daß ein Hinauffchrauben der Zölle über die Sätze des Regierungscntwurfs den Abschluß neuer Handels Verträge in Frage stelle, die nun aber willig den KardoMchen Bugsierversuchen Schleppdienste leistete. Als wären alle diese Erklärungen nie gefallen, versicherte Graf Bülow am 13. Dezember der Zollwuchermehrheit das Einverständnis der Regierung mit ihren zur Durchpeitschung des Tarifs ergriffenen Maßnahmen und feierte schließlich in unfteiwilliger Selbstironie gar die Tarif reform als»großes Werk zum Segen des Bater- l an des". Und dieselbe Tonart schlug damals die konservative und teil- weise auch die nationalliberale Presse an. Der schwierigste Teil des großen Werkes sei, so hieß es, vollbracht, die Abschließung neuer Tarifverträge bei einigem Geschick der Regierung ein relativ leichtes Nachspiel; wußte doch das feudale Organ für König, Vaterland. Bigotterie und Brotwuchcr zu melden, daß Rußland, wie diplo- inatische Sondierungen ergeben haben sollten, durchaus nicht einer Acceptierung der deutschen Mindest-Getreidezöllc abgeneigt sei, wenn den Vereinigten Staaten von Amerika nicht ebenfalls der Minimal- Zollsatz für Weizen zugestanden und das russische Petroleuin dem amerikanischen gegenüber begünstigt werde. Seitdem ist ein Jahr verflossen, aber bisher hat die Regierung die von ihr übernommene Verpflichtung, auf Grund des„großen Werkes" der Kardorffschen Tarifteform neue Handelsverträge zu stände zu bringen, nicht erfüllt. Dagegen hat sich das agrarische Geschwätz von der Geneigtheit Slußlands zur Annahme der deutschen Mindestzölle als bloße Erfindung zum Zweck der politischen Stimmungsmache erwiesen. Ungeachtet der Dienstbefliffenheit der deutschen Regierung gegenüber dem Zarenreich, wie sie sich erst jüngst wieder in der sonderbaren Verhaftung deutscher Staatsbürger wegen angeblicher Beihilfe zum Hochverrat gegen das russische Reich äußerte, hat die russische Regierung sofort nach der Annahme des deutschen Zolltarifs mit der Ausstellung eines Gegentarifs geantwortet, der sich direkt gegen den deutschen Export kehrt, indem er ganz speciell die von der deutschen Industrie nach Rußland aus- geführten Erzeugnisse mit Zollcrhöhungen bedenkt und überdies für circa 80 Artikel der Eisen-, Maschinen- und Textilbranche Zoll- zuschlüge von 25 Proz. festsetzt, wenn diese Artikel zu Lande über die westliche Grenze eingefiihrt werden. Erst zu Anfang des August, fast acht Monate nach BülowS Er- klärung des Einverständnisses der Regierung mit dem Kardorffschen Antrag, ist es denn auch der preußischen Diplomatcnkunst gelungen, die russische Regierung zu Vertragsverhandlungen zu bestimmen oder vielmehr, wie die„Nordd. Allg. Ztg" mit feiner Unterscheidung ver- sicherte, nur erst zu„einleitenden Verhandlungen", einer Vor- konferenz zur Sondierung der gegenseitigen Standpunkte. Etwa drei Wochen dauerten diese Vorverhandlungen in Petersburg, bei welchen, wie die aus den: Witteschen Finanzministerium inspirierte russische Presse versicherte, keine der Parteien über das„ B e- riechen" der andern hinausgelangte; dann erklärte plötzlich Herr Witte, dem die bei dieser Procedur wahrgenommenen Gerüche nicht sonderlich behagt zu haben scheinen, er sei erholungsbedürftig. Die Unterhandlungen wurden abgebrochen und die Herren v. Körner und Mermuth reisten mit den ihnen beigegebenen Geheimräten wieder nach Hause. Vor einer Woche sind die Verhandlungen von neuem auf- genommen worden, diesmal zur Freude der Agrarier in Berlin. Nach offiziösen Nachrichten sollen sie dennaßen gefördert werden, daß sie noch vor Weihnachten beendet werden können, damit nach Neujahr mit der zweiten Lesung der deuffch-schweizerischen Vertrags- Vorschläge begonnen und dabei auf die Resultate der deutsch- russischen Beratungen Rücksicht genommen werden kann. Ein seit- samer Optimismus I Daran, daß noch vor Weihnachten die Ver- Handlungen wieder abgebrochen werden, ist kaum zu zweifeln; man wird nicht gern über Weihnachten tagen-- aber daß bis dahin irgend welche positiven Ergebnisse erreicht werden, ist recht fraglich. Das Abbrechen und Wiederaufangcn der Ve»- Handlungen wird sich wohl noch etliche Male wiederholen, bis endlich von wirklichen Resultaten gesprochen werden kann; denn dadurch, daß Witte seine Stellung als Finanzminister verloren hat, aber trotzdem durch kaiserliche Verfügung verantwortlicher Leiter der Vertragsverhandlungen mit Deutschland geblieben ist, hat sich die Lage völlig verschoben. Als wichttgstes Ziel verfolgte die Wirtschaftspolitik Wittes die Hebung der russischen Industrie, um die Kapitalkrast Rußlands zu mehren und dieses mehr und mehr zu einer geschlossenen selbständigen Wirtschaftseinheit auszugestalten, welche die von ihr erzeugten Rohstoffe selbst zu fertigen Fabrikaten verarbeitet, anstatt landwirtschaftliche Rohprodukte auszufiihren und dafür ausländische Industriewaren einzuführen. Und in diesen: Bestreben, eine russische einheimische Industrie großzuziehen, behandelte Witte, wenn die landwirtschaftlichen Interessen mit denen der Industrie differierten, die letzteren meist als die wichtigeren: eine Wirtschaftspolitik, die ihm von feiten der russischen Groß- grundbesitzer nicht wenige Anfeindungen eiirgetragen hat. Es war deshalb anzunehmen, daß, wenn der russischen Industrie bei den Vertragsverhandlungen ein erhöhter Zollschutz zugebilligt worden wäre, Herr v. Witte schließlich in Bezug auf die deutschen Agrar- zoll-Forderungen eine gewisse Nachgiebigkeit gezeigt haben würde. Diese Aussichten sind jedoch durch seine Abberufung vom Posten des Finanzministers völlig zerstört. Er kann heute nicht mehr wie einst, als mächtiger Günstling des Zaren, die Ansprüche der russischen Grundbesitzer ignorieren. Er muß. will er sich wieder eine einflutz- reiche Position verschaffen, ihnen Rechnung tragen. Thatsächlich hat denn auch die russische offiziöse Presse alsbald nach Witte Sturz begonnen, in ihren Erörterungen der russisch-deutschen Handels beziehungen einen schärferen Ton gegen den lieben westlichen Nachbarn anzuschlagen. So schrieben beispielsweise die Moskauer„Wjedomosti" in einem von der Import- und Exportrevue„Rußland und Deutsch- land" wiedergegebencn Artikel: „Ein flir Rußland vorteilhaftes Uebereinkommcn kann nur ein solches sein, das die Interessen der russischen Laudlvirtschaft voll und ganz berücksichtigt; der neuernannte russische Finanz- minister, der für die Wahrung dieser Interessen verantwortlich ist..., wird auf die Herabsetzung der Zollsätze auf russisches Getreide in: neuen deutschen Tarife b e st e h e n müssen. Deutschland, für dessen Industrie- Erzeugnisse Rußland, zumal in seinem sich rasch entwickelnden fernen Osten, den denkbar vorteilhaftesten Absatzmarkt bildet, wird von derartigen außerordentlichen Getreidezöllcn ab- sehen müssen, da es an dem Zustandekommen des Handelsvertrages ein weit größeres Interesse hat als Rußland, und, entsprechend einem gewissen deutlich ausgesprochenen Wunsche und mit einer bestinimlen Beharrlichkeit ivird die Regierung des Grafen Bülow in: Reichstage schon die nötige Mehrheit für die Durchführung solcher erniedrigten Sätze finden. „Zwar ist nach der Erläuterung eines solchen enragierten Agrariers, wie Herr Gamp es ist, die Regierung moralisch ver- pflichtet, die Durchführung der Minimalzölle wenigstens zu ver- suchen; aber sie binden die Regierung durchaus nicht, falls dieser Versuch ein Fiasko erleidet; und dieses Fiasko wird sich zweifeis- ohne einstellen, da die Annahme der vorgeschlagenen Minimalzölle seitens Rußlands durchaus keine Aussichten hat. Ihre Annahme wäre ein vernichtender Schlag für unsren ganzen Ackerbau. Alles hängt somit von der Entscheidung der Frage über die Getreidezölle a b." Und nicht viel günstiger steht es um die Vertragsverhandlungen mit den andern Staaten. Auch mit der Schweiz sind, obgleich in Bezug auf diesen Staat die Verhältnisse relativ am günstigsten liegen, die Unterhandlungen nicht über eine sogenannte„Fühlung- nähme" hinausgclangt und vorläufig wieder abgebrochen worden. Mit Oestreich- Ungarn haben sie, da dort in den wichtigsten zoll- politischen Fragen zwischen beiden Reichshälften noch immer keine Einigung erzielt ist. überhaupt noch nicht begonnen. Mit Belgien sollen sie demnächst anfangen; mit Spanien ist man bisher nach der Mitteilung dortiger Blätter über einen ersten Notenwechsel noch nicht hinausgekommen, und ebenso hat, wie kürzlich die„Süddeutsche Reichs-Korrespondenz" auf eine Wiener Meldung offiziös zu berichten wußte, mit Italien bisher nur„ein er st er Schrift toechsel" stattgefunden. Doch soll, wie hinzugesetzt wurde, sicher sein, daß auf beiden Seiten für den Abschluß eines neuen Vertrages günstige Dispositionen herrschen". Eine Versicherung, die noch weniger wert ist, als die meisten andren Erklärungen, Ver- sicherung und Beteuerungen, die seit zwei, drei Jahren die offiziöse Presse gebracht hat. Sicherlich besteht, den Aeußerungen italienischer Blätter nach zu urteilen, fast allgemein in Italien die Ansicht, daß es gelingen wird, mit Deutschland zu einem Einverständnis zu gelangen; aber diese Ansicht fußt auf dem dort fast überall verbreitetenGlauben.die im neuen deutschen Zolltarif enthaltenen Zollerhöhungen auf Süd- friichte sApfelsinen, Citronen, Pommeranzen ze.s seien ebenso wie die Weinzollsteigerungen nur zum Zweck der Einschüchterung der italie- nischen Unterhändler aufgenommen, und die deutschen Komnussare würden deshalb nach einiger Weigerung auf die Zollsätze des heute gültigen Vertragstarifs zurückgehen. Wenn diese Annahme sich nicht bestätigt, wird kaum die heutige Stimmung in Italien standhalten. Unter diesen Umständen ist es zwecklos, schon jetzt Wahrschein- lichkeitsrcchnungen über die Annahme oder Nichtannahme der bisher noch nirgends übeffdie allerbescheidensten VorbereiwngSarbeiten hinaus- gediehenen Vertragsentwürfe im Reichstag anzustellen; zweifellos ist jedoch, daß seit der Annahme deS neuen Tarifs die Haltung der liberal-fteihändlerischen Elemente sich wesentlich geändert hat und deshalb heute noch mehr alS vor einem Jahr die Ansicht eine völlig verkehrte ist. der Kampf um die Handelsverträge werde sich zwischen der rechten und linken Seite im Reichstage abspielen. Schon gleich nach der Annahme deS neuen Tarifs hat das ganze und halbe Freihändlertum der Hansestädte in: Verein mit der Hochfinanz deutlich genug verkündet, daß es die Annahme des Tarifs als ein kait accompli betrachte und willens sei für jeden Ver» trag einzutreten, der auch nur einigermaßen die Aufrechterhaltuug der bisherigen Handelsbeziehungei: zum Auslände gewährleiste. Und diese Geneigtheit, ihre frühere Opposition fahren zu lassen, ist seit- dem mehr und mehr gewachsen. Ganz erklärlich. Ihr Gerede von der Belastung der unteren Volksschichten durch die Erhöhung der Zölle auf Lebensmittel tvar von vornherein für jene Elemente nur ein rein agitatorisches Mittel; in Wirklichkeit handelte es sich für sie stets nur um die Frage, wie weit ihre besonderen Handels- und Berkehrsinteressen geschädigt werden. Finden diese Interessen einigermaßen Berücksichtigung in den neuen Handels- Verträgen, daim sind jene Herren um so mehr zur Nachgiebigkeit bereit, als sie darauf rechnen, daß nach Erledigung der heutigen Zollschwicrigkeiten die Regierung wieder unternehmungslustig in dem ivelt- und kolonialpolitischen Fahrwasser weitertreiben wird. Der Zustimmung dieser Kreise ist also der Regierung ziemlich sicher; zudem aber haben sie im Reichstage doch nur geringen Ein- fluß, und daß der Nationalliberalismus ernstlich rebelliert, ist nicht zu erwarten. Er wird für jedm Vertrag stimmen, tvie dieser auch aussehen mag. So ergiebt sich für die Regierung die Aufgabe, die Vertragsvereinbarungen so weit„agrarschutz- zöllnerisch" zu gestalten, daß aus den Reihen der Konservativen und der Centrumöftaktion so viele Abgeordnete zur nationalliberal- freisinnigen HandelSvertragSgruppe stoßen, um mit dieser eine Mehrheit zu bilden. Ob das der Regierung gelingen wird, läßt sich heute noch nicht beurteilen; jedenfalls aber erscheint es in Anbetracht deS Widerstandes, der sich in den bisherigen Vertrags- staaten gegen die deutschen Agrarzollerhöhungen geltend macht, als völlig ausgeschlossen, daß die Vertragsentwürfe auch den agrarischen rechten Flügel der Konservativen und des Centrums be- ftiedigcn, und andrerseits iverden diese Entwürfe doch wieder viel zu sehr schutzzöllnerisch ausfallen, als daß die socia- listische Arbeiterpartei für sie stimme« könnte. Die vor- aussichtliche Konstellation wird also nicht sein: Handelsvertrags- freundliche Linke gegen agrarische Rechte, sondern agrarische äußer st e Rechte(nebst rechtem Flügel deS CcntrumS) und socialistische Arbeiterpartei gegen einen sich um den schutzzöllnerischen Nationalliberalismus als Central sonne scharenden konservativ-klerikal« l i b e r a l- f r e i s i n n i g e:: M i s ch n: a s ch. Aber selbst tvenn dieser Riischmasch sich als so stark erweisen sollte, die von der Regierung eingebrachten Handelsvertrags- entwürfe glatt durch die rechts und links drohende Brandung zu bringen, iväre damit erst ein halber Erfolg errungen; denn eS bleibt dann noch immer die schwierige Arbeit, auf Grund der neuen Zoll- und Vertragstarife unser handelspolitisches Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika solvie zu Großbritannien und seinen Kolonien zu ordnen. Daß das bisherige, durch Specialabkommen von: Jahre 1000 neugeregelte sogenannte Meistbegünstigungsverhältuis zwischen Deutschland und der Union, daS der letzteren alle jenen Zollcrmäßigungen zusichert, die Deutschland seinen Vertragsstaaten: Belgien, Italien, Oestreich-Ungarn, Rumänien, Rußland und Serbien gewährt, einfach bestehen bleibt, kann als ausgeschlossen gelten, da nach diesem Abkommen die Vereinigten Staaten ohne weiteres auf alle neuen Zollreduktionen der Tarifverträge Anspruch haben, die Deutschland mit jenen Staaten abschließt, während Deutschland tveder beanspruchen kann, daß die Vereinigten Staaten die Sätze ihres Tarifs nicht ein- scitig nach ihren: Bedürfnis erhöhen, noch daß ihn: jene Zollermäßigungen eingeräumt werden, die Amerika durch besondere Reciprocitätsverträge andern Staaten zugesteht. Daraus ergiebt sich die Notwendigkeit für die deutsche Regierung, nach Abschluß neuer Ta.ifverträge das Ab- kommen mit den Vereinigten Staaten zu kündigen— die Kündigungsfrist beträgt drei Monate— und auf der veränderten Grundlage ein neues handelspolitisches Verhältnis mit ihnen herzustellen: eine Arbeit, die noch bedeutendere Hindernisse zu überwinden haben wird, als der Abschluß eines neuen Vertrages mit Rußland. Außerdem muß aber auch daS Zollverhältnis Deutschlands zu England und seinen Kolonien neugercgelt werden. Zunächst wird allerdings das zur Zeit zwischen Deutschland und England be- stehende Handelsprovisorium jedenfalls auf ein weiteres Jahr, bis zum 31. Dezember 1904, verlängert werden; aber welchen Ausgang auch immer die jetzigen Chamberlainschen Zollagitationen haben mögen, zu der Abschließung eines neuen Meistbegünstigungs-Vertrages auf der Basis des früheren, eines Vertrages, der eine gegen« seitige Einräumung voi: Differenzialzöllen zwischen England und den englischen Kolonien ausschließt, wird Großbritannien sich unter keinen Umständen verstehen. Auch mit England wird also Deutschland infolge der dort, wie überall, durch die deutsche Schutzzollpolitik aufgestachelten schutzzöllnerischen ReaktionS- bewcgung noch manchen Strauß auszufcchten haben. Ein herrlicher Erfolg»zum Segen des Vaterlandes." Politische Gcbcrficbt. Berlin, den 26. November. Schiffahrts-Abgabcn. . Die Gemeingefährlichkcit der neuesten agrarischen Wünsche, aui die wir gestern hinwiesen, lvird um so offensichtlicher, sc spccieller man sich die wirtschaftliche Bedeutung der LlbiMenfreiheit der natürlichen Wasserstraßen für das deutsche Volk ins Gedächtnis ruft- und ganz besonders gemeingefährlich wird dieser agrarische Vorstoß in dieser Hinsicht wieder für die minderbemittelten Volks- klassen, da gerade die Zufuhr der n o t w e n d i g st e n L e b e n s- mittel auf dem Wassertoege stattsindet. Erinnern lvir uns nur. daß trotz der berhältnismäßigen Mangelhaftigkeit der deutschen Wasserstraßen nach einer neueren zuverlässigen Berechnung ln der Zeit von 1894 bis 1896, und die Verhältnisse haben sich seit- dem nur wenig verschoben, 90 Pro z. der Roggen einfuhr, 83 Pro z. der Weizeneinfuhr. 82 Pro z. der Hafer- einfuhr zu Wasser einging! Diese Zahlen erst machen das agrarische neue Attentat völlig klar, das eben nur auf eine Preistreiberei agrarischer Produkte abzielt und damit auf eine neue enorme Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel des Volkes. Wie ichr ferner die Ausführung dieses neuen agrarischen Wunsches eine weitere Absperrung gegen das Ausland bedeuten würde, erhellt daraus, daß z. B. nach Berechnungen einer der ersten Autoritäten auf dcnr Gebiete deS Wasscrstraßeniveseus, de§ MajorS a. D. Victor Kurs, auf der deutschen Elbe allein 1399 Millionen Tonnenkilometer ansländischc, aber nur 399 Millionen inländische Erzeugnisse gefahren wurden! Und im Jahre 1901_ kamen von den 23 Millionen Doppelcentner Weizen- einfuhr allein 13 Millionen auf dem Rheine und 320 000 Doppelcentner auf der Elbe von der Seeseite her. Und lvie Professor Enders 1897 auf der Versammlung deutscher Forstmänner in München hervorhob, treffen von den 5 Millionen Kubikmeter Holz, die jährlich vom A u s lande eingeführt werden, mindestens 4 Millionen auf dem Wasserwege an Ort und Stelle im Binnenlande ein. während für das� inländische Holz die Eisenbahn das Hauptbeförderungs- rnittcl ist. Ja, gerade gewisse Holzarten würden wir über- Haupt nicht einführen können, wenn die Abgaben auf natürlichen Wasserstraßen die Transportkosten dafür den Eisen- bahn-Frachten näherten. So lange nämlich, um nur wieder ein Beispiel � herauszugreifen, der Effenbahntarif für Rundholz einen Streckensatz von 3 Pf. pro Tonnenkilmneter aufweist, kann russisches Rundholz überhaupt nicht nach Rheinland-Wcstfalen, 900— 1000 Kilometer von der russischen Grenze, transportiert werden, selbst wenn die Russen uns das Holz schenke n würden! Denn die Fracht Ivürde pro Waggon 282—312 M. betragen und der mögliche Ver- kaufsprcis der Ladung nur 260— 300 M.! Und genau so ergeht es vielen andren agrarischen Produkten. Schließlich lvird die Bedeutung dieser Versuche der Einengung des natürlichste» und bisher billigsten Verkehrs auch wirtschaftlich dadurch besonders groß, daß Deutschland ein wesentlich andres � � b chl t n i S z w i s ch e n seinen natürlichen u n d seinen k ü n st l i ch e n Wasserstraßen a u f w e i st lvie andre in- dustrielle Länder. Während Deutschland gegenüber 3928 Kilo- Metern natürlicher Wasserstraßen nämlich nur 6271 Kilometer kiinsi- liche aufweist, hat Frankreich fast dieselbe Länge künstlicher Wafferstraßen. nämlich 6120 Kilometer bei nur 7884 Kilo- Nieter natürlicher Wasserstraßen und England hat so- gar mehr künstliche Wasserstraßen als natürliche, nämlich 4882 � Kilometer gegenüber 4358 Kilometer natürlichen. Alle Mittel, den Verkehr auf den natürlichen Wasserstraßen noch zu beschränken, müssen selbstverständlich erst recht dazu führen, ihn auf den künstlichen Wasserstraßen zu vermindern und damit deren Aus- gestaltung verhindern. Und dies ist sjn geradeZauch der sehnlichste Wunsch unsrer Agrarier, obwohl in allen Kreisen, die nicht völlig agrarisch verseucht sind.küber die dringendes?lotwendigkcit dieser Aus- gestaltung ja kein Zweifel besteht. Aus allen diesen Gründen, und in erster Linie auS den rein wirtschaftlichen, gilt eS mit aller Macht, diesen neuesten agrarischen Vorstoß schon im allerersten Anlauf zurückzuwerfen!— Besonders in den industriellen und kommerziellen Kreisen der Rheinstädte regt sich lebhafte Opposition gegen die agrarische Strom- seindlichkeit. Die Handelskanuner für die Kreise Karlsruhe und Baden hat in ihrer Plenarversammlung vom 23. Noveniber beschlossen, gegen die eventuelle Einführung von Schiffahrtsabgaben entschieden Protest einzulegen, und spricht sich insbesondere auch gegen die Annahme aus, daß die zur Korrektion des Rheines ausgeführten Arbeiten dem Strome seinen Charakter als Wasserstraße benommen hätten. Gleichzeitig giebt die Kammer der Hoffnung Ausdruck, daß nicht allein von jeder Maßnahme zur Ein- führung von Schifffahrtsabgabcn abgesehen, sondern daß auch den beteiligten Kreisen durch eine b e st i m m t e Erklärung von berufener Seite die zur gedeihlichen Entwicklung jeder ge- schäftlichen Thäligkeit erforderliche Ruhe in Bälde wiedergegeben werden wird. Die socialdemokratische Fraktion des Straß burger Gemeinderats hat folgende Interpellation eingebracht:„Ist eS dem Herrn Bürgermeister bekannt, daß m a ß g e b e n d e r s e i t s in Preußen die Absicht besteht, die gebührenfreie Schiffahrt auf dem Rheine aufzuheben, und welche Maßregeln glaubt der Herr Bürger- meister dem Ecmeinderat vorschlagen zu sollen, die Ausführung dieser die Interessen der Stadt Straßburg so schwer in Mitleiden- schaft ziehenden Absicht zu hintertreiben?"— Die Birheinfuhr. Agrarische Organe schlagen Lärni, weil unter den russischen Handelsvertrags-Unterhändlern die Fachleute für Veterinärfragen ganz besonders stark vertreten seien. Das schlechte Gewissen der Agrarier entnimmt diesem Umstände die Befürchtung, die deutsche Regierung könnte geneigt sein, hinsichtlich� der Vieh- sperren Konzessionen zu bewilligen. Die„Deutsche Tages- zeitung" regt sich gewaltig auf: „Jede Abmilderung unsrer seuchenpolizeilichen Vorschriften würde den deutschen Viehstand aufs schwerste gefährden. Eine derartige Gefährdung könnte durch keinerlei Zugeständnisse Ruß- lands ausgeglichen werden. Die deutsche Landwirtschaft würde eine derartige Milderung geradezu als einen Schlag ins Gesicht empfinden müssen, sie würde zu der Ueberzeugung gedrängt werden, daß sie wieder einmal der Industrie geopfert werde, die auf eine Beseitigung der russischen Differentialzölle für die Landeinstchr hinarbeitet. Das muß die deutsche Regierung sich selbst sagen. Deshalb hoffen wir, daß sie aus diesem Gebiete nicht die mindesten Zugeständnisse machen werde. Die wirkschaftlichen und die politischen Folgen solcher Zugeständnisse würden in hohem Maße bedenklich sein, nicht nur für die Landwirtschaft sondern auch für die Regierung selbst." Es ist ganz selbstverständlich, daß sich kein Staat mehr den groben Beterinärschwindcl gefallen lassen wird, durch den die den Agrariern hörige deutsche Regierung das deutsche Volk sowohl wie das Ausland■ betrügt. Gesundheitliche Schutzmaßregeln sollen so wirksam sein wie möglich, die Grenzsperren für Vieh aber sind durch nichts zu rechtfertigen. Der Herd der Viehseuchen liegt zudem im I n l a n d. So vermindert sich z. B. der Schweine-Rotlauf nicht, trotz der Grenzsperren für Schweine. Gerade der Ausschluß der fremden Konkurrenz bewirkt die Verschlechterung der inländischen Viehgesundhcit, weil auch das minderwertigste Fleisch seinen Käufer findet und deshalb die inländische Durchschmuggelung kranken Viehs rentabel ist. Die Agrarier wehren sich denn auch mit aller Macht gegen die Verschärfung der gesundheitlichen Kontrolle des inländischen Viehs. Sie waren eS auch, welche die Freigabe der Haus- schlachtungen, und im preußischen Abgeordnetenhause das Verbot der nochmaligen Untersuchung in den städtischen Schlachthäusern durchsetzten. Für die Agrarier ist eben alles ausländische Vieh krank und alles inländische, und hätte es alle Krankheiten im Leibe, kerngesund. Es ist aber nicht zu verlangen, daß sich das Ausland diese agrarische Logik deS Betrugs gefallen läßt.— Gegen das Reichstags-Wahlrccht wühlt wiederum die„Post". Zwar! betreibt dieses Blatt augenblicklich den Sport, alte Tataren- Nachrichten zusammenzulesen, die in irgend welchen Liigenblättern über angebliche Roheiten der socialdemokratischen Wahlmänner sich finden. Immerhin findet es nebenbei noch Zeit und Raum zur Betreibung seiner höchsten politischen Aufgabe. Die„Post" läßt sich über„Lehren aus den Landtagswahlen" schreiben: „Aus den eben stattgehabteu Landtagswahlen ist die Lehre zuziehen, daß in denselben die politische Einsicht der gebildeten und besitzenden Klasse» zum klaren Ausdruck kommt, und daß diese Klassen jede Lieüäugelei und jedes Zusammenwirken mit der Socialdemokratie unbedingt ablehnen. An Versuchung dazu hat es wahrlich nicht gefehlt, auch ein Teil der sonst vernünftigen iiationalliberalen Kreise hat versucht, im Verein mit Barth. HaNS Delbrück, Brentano, Naumann und Ge- nossen die Geschäfte der Socialdemokraten zu besorgen. Sie haben aber nur bewiesen, daß sie Offiziere ohne Soldaten, einflußlose Schwätzer ohne Gefolgschaft im Lande sind. Daraus ist die Lehre zu ziehen, daß an dem preußischen Dreiklassen- System mit öffentlicher Ab- st i m m u n g unbedingt s e st z u h a l t e n und eine Reform des Rcichswnhlrcchts im selben Sinuc in Angriff zu nehmen ist. Der Terrorismus, welcher seitens der Socialdemokratie bei den Reichs- und Landtagswahlen geübt worden ist, die Versuche einer tiirbulenten Minderheit, das freie Wahlrecht zu unter- drücken, muß die Frage zur nahen Entscheidung bringen: ob mit dem allgemeinen gleichen Wahlrecht mit g e- he im er Abstimmung überhaupt eine monarchische Ver- fassimg und eine geordnete Verwaltung auf die Dauer ausrecht zu erhalten ist. Nach den bisherigen Erfahrungen führt dieses Wabl- recht direkt zur Anarchie und zur Pöbelherrichaft, und es dürste wohl an der Zeit sein, den e r n st e n V c r s u ch zu machen, die Elemente ohne Unterschied der Partei zu vereinigen und zu organisieren, welche willens sind, dem Staat und der bürgerlichen Gesellschaft geordnete, gesetzliche Verhältnisse zu sichern und zu erhalten. Die Ansätze dazu sind überall vorhanden, es gilt, sie zu sanimelii und zu organisieren I" Das preußische Wahlsystem, das nichts ist als ein einziger Akt brutalster Terrorisierung der Wahlfteiheit des Volkes, gefällt der „politischen Einsicht der gebildeten mid besitzenden Kläsien" vor- trefflich. Es wäre wundervoll, wenn dieses ansgezeichneie Wahl- system auch für den Reichstag gelten würde, da das Reichstags- Wahlrecht die Konservativen von Besitz und Bildung ebenso zur dürftigsten Kümmerlichkeit verurteilt, lvie das Landtags-Wahlrccht ihnen die ganze Macht im Staate ausliefert. Es sei bemerkt, daß die„Germania" dieser Aeußeriing der „Posi" bündig hinzufügt:„Die„Post" sollte doch wissen, daß alles Drängen auf den Umsturz des Wahlrechts zum Reichstage ver- geblich ist und am Centrum einen unbeugsamen Gegner findet."— In Schimpflcistungen gegen die Socialdemokratie hat die ., V o s s i s ch c Zeitung" sich durchaus auf die Höhe der ver- blödetsten Reaktionsblätter erhoben. Auf niisern Artikel„Der Kampf um das Rote Haus" erwidert sie: „Die wüsten Ausfälle gegen den Rathaus-Freisinn werden von nieniaiid ernst genommen werden, wenn man die social- demokratische..Parteimoral" kennt. Man hat gehört, wie die bedeutendsten Führer der Partei über den politischen Eid denken. Man hat vernommen, wie sie den rohcsten Terrorismus predigen und Geschäftsleuten, die nicht social- demokratisch stimmen, mit dem Boykott drohen. Auf dem Dresdener Parteitag ist den Schriftstellern der Partei zu Gemüte geführt worden, daß sie in ihren wissenschaftlicken Ausführungen die Grenzen des Partci-Jnteresses einzuhalten haben, ganz nach dem Muster, das die römische»lurie ausstellt, wenn sie die Wissenschaft' in die Fesseln des Dogmas schlägt. Und endlich ist der Grundsatz mit chnischer Offenheit erklärt worden, daß man zur Wahrheit nur der Partei, nicht dem Gegner gegenüber verpflichtet sei. Daraus erklärt sich genugsam'das Treiben des„Vorwärts" bei den Gemeindewahlen. Sind seine maßlosen, widersinnigen Bezichtigungen gegen den Rathaus- Freisinn wahrheitswidrig, was thut es? Dem Freisinn gegen- über sind die„Genossen" nicht an die Wahrheit gebunden. WaS kümmert es sie, daß die Gemeindeverwaltung die größten Opfer für die minder bemistelten Klassen gebracht hat und fortgesetzt bringt? Zwar wenn Herr Singer diese Wahlartikel liest, könnte er sich schämen; denn er weiß, daß sie nicht begründet sind. Aber im Wahlkampf scheint der Socialdemolratie jedes Mittel recht. Sie steht völlig jenseits von Gut und Böse." Ganz die Kampfesart der—„Post". Im ganzen Artikel der „Vossischen Zeitimg" nicht ein Wort sachlicher Widerlegung der von uns deutlichst und im einzelnen bezeichneten Thaffachen. Nichts als steche Lügen, ziisanmicngekehrt aus dem Rinnstein der Reaktions- presse. Die morgigen Kommunalwahlen werden der„Vossischen Zeitung" beweisen, wie sehr der Berliner Wählerschafr das Vossische Freisinnstreiben zum Ekel wurde.— Konservative Wahllngen. Zu den Wahlschwiiidelnachrichten. die in der Zeit der Reichs- tagswahl durch die konservative Presse zogen, gehörte auch die von uns früher mitgeteilte Meldung pommerscher Ämtsblätter von einer angeblichen brutalen Messersiecherei, die der socialdemokratische Flug- blattverbreitcr M i e l k e aus Polzin gegen den Gastwirt Felsch in Bolkow, iäreis Belgard-Dramburg, verübt haben sollte. Damals hieß in dem„Drambnrger Äreisblatt" und danach auch in der Haupt- städtischen Reaktionspresse: „Die Maß- und Z ü g e l l o s i g k c i t der bei der dies- maligen Reichstagswahl in unstem Wahlkreise betriebenen social- demokratischen Agitation ist, so heißt es in der„Zeitung für Bad Polzin", der wir diese AuSftihrungen entnehmen, kaum zu b e- schreiben. Mit blindem Fanatismus stürzen die willenlosen Werkzeuge der socialdemokratischen Organisation sich aus ihre Gegner, wenn sie erfahren müssen, daß man ihren Lehren kein Gehör schenktz Als am zweiten Feier- tage nachmittags ein Flugbtattverteiler, der Maurer Karl Mielke von hier, in dem Dorfe Bolkow von dem Gast- wirt Herrn Felsch in dessen Hause an seiner Arbeit gehindert werden sollte, st a ch M i e l k e m i t einem Taschenmesser auf Herrn Felsch ein und verletzte ihn so bedenklich, daß Herr Sanitätsrat Dr. Schmidt herbeigerufen werden mutzte. Wir wissen nicht, was wir in diesem Fall mehr verurteilen sollen, den gewalt- thätigen Charakter des M. oder die socialdemokratischen Hctzapostel unsreS Wahlkreises, welche sich eines solchen Werkzeuges bedienren. Soviel steht aber fest, daß diese ruchlose That einzig und allein auf das Schuldconto der socialdemokratischen Partei zu setzen ist, welche bisher zustiedenen Arbeitern die Köpfe verwirrt und sie zu jeder Handlung fähig macht. Wie das soeialdemo- statische Äfft wirkt, zeigt dieser Fall, welcher hoffentlich auch seine gerechte Sühne finden wird, aber noch ganz be- sonders." Die„gerechte Sühne", so teilt jetzt der Stettiner„Volksbote" mit, das sei nur kurz vorausgeschickt, hat dieser Fall nun vor kurzem gefunden. Und zwar hat das KöSliner Landgericht den Maurer Mielke freigesprochen. Bor Gericht wurde festgestellt, daß der Gastwirt Felsch in Bolkow der Angreifer war. Nicht Mielke hat sich auf den Gastwirt Felsch in Bolkow im „blinden Fanatismus gestürzt", sondern umgekehrt: der brave kon- servative Gastwirt Felsch halte sich vorher'mit dem Gutsverwaltcr in Bolkow vereinbart, den Maurer Mielke, der dort Verwandte be- suchte, im„blinden Fanatismus" zu bedrängen. Der Gastwirt Felsch mußte vor Gericht sogar selber zugeben, daß er der Angreifer war. daß er den Mielke bedrängte und ihm das von demselben bezahlte Bier ins Gesicht goß. Und nun die Messerstiche! Dieselben bestanden aus dem abwehrenden Hieb mit einem Spazierstock nach dem Angreifer Felsch. Aber nuch die politisch sehr interessante Ursache des konserbativen„blinden Fanatismus" wurde bor Gericht enthüllt. Felsch sagte vor dem KöSliner Landgericht aus: Vom Laiidratsamt sind wir(Die ländlichen Besitzer jeden« falls! D. Red.) anfgesordert worden, vorzubeugen, daß namentlich socialdemokratische Stimmzettel und Flugblätter im Dorfe verteilt würden und da mir mitgeteilt war, daß zwei Zettelvertciler im Orte wären, machte ich mich ans die Suche nach ihnen! Aber die konservative Presse scheute sich nicht, die Thatsachen in das Gegenteil umzulehren. Ja, diese konservativen Wahlschwindler ent- blödeten sich sogar nicht einmal, auch in ihren Wahlflugblättern diese Lügen zu verwenden. In den Flugblättern, welche die Kandidatur des Landrats z. D. v. Brockhausen empfahlen, hieß es an die „Wähler des Kreises": Dagegen haben wir im lieben Pfingstfest den Besuch einer andern Sorte von Menschen gehabt, die sich als be- sondere Freunde des Volkes aufspielen. Sie haben die heilige Fe st stille geschändet, die ärgsten Ausschreitungen begangen, den Gastwirt Felsch am 2. Juni durch Messerstiche lebensgefährlich verwundet. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! So haben die Konservativen bei der Wahl gearbeitet und— ge- logen. Schließlich sei noch erwähnt, daß die konservative Schwindelpresse noch mit keiner Silbe auf die Freisprechung des angeblichen Bolkowcr Messerstechers zurückgekommen ist.— „Die i» ihren Griiiidfcsten schwer erschütterte Vollblutziicht" be- darf erhöhter staatlicher Fürsorge; darin sind sich alle wahrhast Vaterlands- und freiheitsliebenden Parteien im Sinne der„Köln. Zeitung" einig. Zur Erreichung dieses Zieles ist zunächst vorgesehen, daß in dem preußischen Etat für 1904 eine bedeutend höhere Summe für Staatspreise eingesetzt wird. Das nationalliberale Blatt fügt gleich hinzu,„daß diese Forderung die Zusttmmuiig des Abgeordneten- und des Herrenhauses finden wird, da diese beiden Körperschaften notwendigen Aiifmenduiigeii für die LandeS-Pferdczucht niemals ihre Genehmigimg versagt haben". Auch wir sind fest davon überzeugt, daß diese beiden hohen Häuser gern einen Teil der Steuern des preußischen Volkes zu Renn- zwecken bewilligen werden, um so eher, als dasselbe gar nicht darin vertreten ist. Dagegen dürfte der Plan, durch Reichsgesetz die Totalisator-Steuer wieder herabzusetzen, doch auf Schwierigkeiten stoßen, wenn auch die Regierung, wie bei allen ihren Maßnahmen, dabei das Wohl der wirtschaftlich Schwachen im Auge hat, insofern diese vom überflüssigen Wetten abgehalten werden sollen. Der königliche Kriminalkommissar v. Manie nffel hat bereits eine Abhandlung über„Wcttbureaus und Winkelbuchmacher in Deutschland" herausgegeben, worin ans die Reformbedürftigkeit des deutschen Rennsports hingewiesen wird und die Herbei- führung geordneter Reiiiivcrhältnisse gefordert werde, wie sie eines„civilisierten" Staates würdig seien. Ter Herr Kommissar geht schneidig gegen die Buchmacher vor, aber nicht etwa aus sitt- licher Entrüstung, sondern weil sie dem Totalisator Konkurrenz machen. Nachdem in dieser Angelegenheit von hoher kultureller Bedeutung bereits geheime Sitzungen stattgefunden haben. deren Ergebnisie vorläufig nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen sind, darf man ge- spannt sein, womit die Edeln und Edelsten der Nation das Volk beglücken werden.— Dresden, 26. Nobbr. Bei den gestrigen Stadtverordneten- wählen errang unsre Partei glänzende Ergebnisse. Bei dem reaktionären Listenwahlsystem, das keine Wahlbezirke lennt, sondern der Liste, welche die Mehrheit für die ganze Stadt erreicht, die Gesamtzahl der zu erneuernden Mandate giebt, konnte ein Sieg der socialdemokrattschen Liste noch nicht ermöglicht werden. Die Partei erreichte aber eine Stimmenzahl, die außerordentlich ist gegenüber früheren Wahlen, nämlich 5900—6000. d. h. mehr als das Doppelte der Wählerzahl, die bei der vorjährigen Ergänzungswahl für uns wählte. Roch einmal konnte die konservativ-anttsemitische Clique ihre Liste retten, aber die Stimmenzahl der Socialdemokratie zeigt, daß die reaktionär- kleinbürgerliche Herrlichkeit auf kommunalem Gebiet, der letzten Positton, die sie in Dresden und Sachsen hat, ihrem Zusammenbruch entgegengeht.— HuelancL Oestreich-Ungarn. Die Frage der Handelsverträge. Aus Wien wird UNS vom 22. Noveniber geschrieben: Ende dieses Jahres laufen bekanntlich fast sämtliche inlernationale Handelsverträge ab— wenn auch, mit einer Ausnahme, für keinen die vertragsmäßige Kündigung erfolgt ist. Immerhin find sie aus dem Zustande der Gebundenheit in die Phase der Kündigiingsmöglichkeit getreten: sie können nun jeden Tag mit der Wirkung gekündigt werden, daß sie nach einem Jahre erlölchen. Für Oestreich- Ungarn ist die Sache um so kritischer, als es seinen autonomen Tarif, die Basis neuer Verhandlungen, nicht ferttg gestellt hat, und so ziemlich jede Aussicht geschwunden ist, ihn heuer noch fertig zu bringen, im Gegenteil ventiliert man schon ganz ernsthaft den Gedanken, ihn in Oestreich mir dem§ 14, also auf dem Wege einer unzweideutigen Verfassungsverletzung.„ins Leben zu rufen". Doch das sind Zukunftsverlegenheiten; was sofort nach einer Lösung verlangt, ist die Neuregelung der Vcrtragsvcrhältnisse zwischen O e st r c i ch und Italien. Dieser Vertrag ist von Oestreich-Ungarn Ende vorigen JahreS gekündigt worden und ftftt sohin Ende Dezember außer Kraft. Die Kündigung erfolgte wegen der Weinzollklansel— die es Italien ermöglichte, Wein nach Oestreich zu einer weit unter dem Zollsatz sich bewegenden Grenzbegünstigung einzufiihren. Da die Forldauer vieler Begünstigung vom 1. Januar 1904 auch für Frankreich gelten hätte müssen und da die agrarischen Kreise in Oestreich und Ungarn auf ihre Beseitigung lebhaft drängten, entschlossen sich die Regierungen zur Kündigung— wohl in der Hoffnung, daß der neue autonome Tarif rechtzeitig fertig sein werde, um auf seiner Grundlage die neuen Verhandlungen zu führen. Nun besteht aber selbst für den Abschluß eines provi- sorischcn UebereinkommenS eine Specialschwierigkeit. Das ungarische Gesetz macht nämlich für den Abschluß neuer internationaler Verträge die Gesetzwerdimg des neuen Tarifes zur Voraussetzung— so daß vorher eigentlich gar nicht verhandelt werden darf. Das ist die berüchtigte Szellsche Formel— ein Meisterstück legislativer Unge- schicklichkeit. Da beide Staaten den bertragslosen Zustand aber keineswegs wünschen, so soll dennoch ein Provisorischer Verftag Zustandekommen und zu diesem Behufe soll im Reichsrat und im Reichstag eine gesetz- mäßige Ermächtigung ausgesprochen werden, dieses Uebcrein- kommen mit Italien abzuschließen. Die bittere Frage der Weinzoll- klausel soll so gelöst werden, daß Italien wohl ein AuSnahmezoll bewilligt wird— wenn auch kein so niedriger wie jetzt und nur für eine begrenzte Oiiantität von Weißweinen— was natürlich mcht nach dem Geschmacke der Weinproduzenten in Oestreich und Ungarn ist, die einen Minimalzoll von 20 Gulden Gold begehren. Die Aussicht, daß diese Ermächttgungsgesetze parlamentarisch zu stände kommen werden, ist freilich sehr gering und so wird man sich damit abfinden, daß sich die beiden Regierungen einfach selbst bevoll- mächttgen. Mit und ohne§ 14... Wie man sieht, ist das Ver- handeln mit dem Staate des Dualismus alles nur keine einfache Sache.— Rom, 26. November. Tic Unterhändler Oestreich- Ungarns für einen vorläufigen Handelsvertrag mit Italien sind heute hier eingetroffen und werden heute vom Ministerpräsidenten Giolitti. dem Minister des Aeußern Tittoni, dem Schatzminister Luzzatti und dem Minister für Ackerbau, Industrie und Handel Rava empfangen werden.— Im ungarischen Rbgeordiictenhansc kam es am Donnerstag zu erregten Scencn. Bei Beginn erklärte Präsident Perczel. der Präsident der liberalen Partei, Baron Podmaniezky. habe schrist- lich den Anftag aus Abhaltung von Parallelsitzungen im Parlamente eingereicht: hierüber werde morgen am Schluß der Sitzung abgestimmt werden.(Ungeheuerer Lärm, Widerspruch links.) Ugron erörtert darauf in längerer Rede, daß die Erklärung des Präsidenten die Hausordnung verletze: über den Antrag müsse die Debatte eröffnet werden. Während der Rede Ugrons sind die Mitglieder der äußersten Linken sehr unruhig. Der Präsident ermahnt die Ruhestörer wiederholt zur Ordnung. Andreas Rath wird, da die Ordnungsrufe bei ihm nichts fruchten, vor den I m m u n i t ä t s- Ausschuß gestellt lverden. wo über ihn wegen s y st e m a t i s ch e r Ruhestörung abgeurteilt werden wird. Dem Präsidenten wird unter andern leidenschaftlichen Zurufen vom Abgeordneten Ho r v ath das Wort Bandit ins Gesicht geschleudert. Der Präsident rügt dieses Wort. Hierauf spricht Ministerpräsident Gras T i s z a: seine Rede ist bei dem fortdauernden Lärm nur schwer verständlich. Er kommt unter anderm darauf zu sprechen, daß gewisse Bestimmungen der Hausordnung auf einer Verständigung der Parteien beruhen. Nikolaus Bartha(Szederkenyipartei) ruft dazwischen: Die Vorteile dieser Verständigung haben Sie i n d i e T a s ch e g e st e ck l. Der Ministerpräsident erwidert: sprechen wir nicht von der Tasche!. worauf Bartha ruft: Ich bin kein verkrachter Bankdirektor! Gcza Gajary(lib.) schreit daraufhin: Man hat Sie einen Schurken genannt; widerlegen Sie das l Dadurch veranlaßt, stürzt der Oppositionelle Erkner drohend auf Gajary los. Die Abgeordneten scharen sich im Halbkreise; aus dem ungeheuren Lärm tönen hin und wieder leidenschaftliche Ausrufe hervor. Man glaubt jeden Augen- blick, es werde zu Thätlichkeiten komnien. Der Präsident suspendiert daher die Sitzung. Nach Wiederauftiahme der Sitzung setzt der Ministerpräsident(eine Rede fort. Er erklärt, es erfülle ihn mit besonderer Genugthuung, daß Ministerpräsident v. Koerber in seiner gestrigen Rede eine so präcise, dem ungarischen Staatsrechte völlig entsprechende Erklärung über die gemeinsamen Institutionen abgegeben habe; man könne weder von einem Siege noch von einer Niederlage sprechen, er gebe einfach seiner Freude Aus- druck. daß Koerber die Gelegenheit ergriffen habe, um in so befriedigender Weise zur Schlichtung der schwebenden Differenzen beizutragen.(Lebhafter Beifall rechts.) Redner appelliert dann nochmals an den Patriotismus der Opposition und bemerkt, alle, die diese unheilvolle, die Verfassung gefährdende Obstruktion trieben, würden bittere Vorwürfe treffen. Bei dem Vorschlage des Präsidenten, auf die morgige Tagesordnung auch die Abstimmung über den Antrag ans Parallclsitzungen zu setzen, schreit der zur Kossuthpartei gehörende Schriftführer Nattay: Das ist nicht gerecht. Darauf ruft die Regierungspartei: Wie können Sie es wagen, vom Sitze der Schriftführer aus dergleichen zu sagen! Unter großer Erregung wird die Sitzung geschlossen.— Frankreich. Vom Streik der Weber in St. Quentin. Die Stadt ist voll von Militär, was der Gemeinde jeden Tag ca. 1000 Fr. kostet. Die Reaktionäre freuen sich dessen, weil die Verwaltung der Gemeinde in socialistischen Händen liegt. Nach den Mitteilungen, welche die „Petite Republique" von ihrem Korrespondenten erhält, hat der Streik auch einen politischen Hintergrund. Danach wollen die Unter- nehmer, die bei den Kominunalwahlen 1000 unterlegen sind, durch die Einführung des Dreisiühle-Systems unter Herabsetzung des Lohnes um 22 Prozent etwa 1000 der ansässigen Weber überflüssig machen und zum Fortziehen zwingen. Damit würden den Socialisten die Stimmen verloren gehen. In der Lage des Streiks selbst ist eine Aenderung nicht eingetreten.— In Armcntieres ist nach Ablauf der ersten Arbeitswoche die ver- sprochene Entschädigung und Lohnerhöhung richtig an die Arbeiter zur Auszahlung gelangt. Die Fabrikanten haben sich also voll- kommen in ihre Niederlage gefügt.— Italien. Prozeß Ferri-Bettolo. Rom, den 23. November.(Fünfter Verhandlungstag.) Der heutige Tag beginnt mit der Mitteilung des Präsidenten, daß an Stelle des Tintenfaßschleuderers V e t t o r i der Anwalt G o r g o u i getreten ist. Es werden darauf die folgenden Zeugen der Civilpartei verhört: Fiorito, der sich über ein von Bettolo vorgeschlagenes Gesetz über die Handelsmarine ausspricht. Casini, ein Ministerial- beamter, der Konteradmiral de Orestis. der Oberinspektor der Marinekonstruktionen M a r t i n e z, der Börsenmann dall'Orso, der Direktor der Eisenwerke und Hochofen„Terni" B e t t i n i, der Präsident der Handelskammer von Genua Ro mairone und der Buchhalter und Konkursverwalter V i a l e. Es handelt sich im wesentlichen darum, folgende Punkte zu klären: Aus Ivelchen Gründen erklärt sich das Aufschnellen der Terni-Akticn nach BettoloS Berufung zum Minister?— welche Beziehungen bestanden zwischen einigen Bettolo nahestehenden Finanz- lcuten und einem Genueser Börsianer S c a r t a z z i n i, der Bankrott gemacht hat und dessen Bücher trotzdem nicht bei den in Betracht kommenden Behörden deponiert wurden?— war der Liefe» rungsaustrag in der Höhe von 20 Millionen, den Bettolo der Terni gab, im Interesse der Marineverwaltung? Das Aufschnellen der Aktien wollten die Zeugen auf den Um- stand zurückführen, daß gerade damals die Terni durch ein einer Marinekommission vorgeführtes Experiment die Leistungsfähigkeit ihrer Panzerplatten bewies. Von den Ursachen der Begünstigung Scartazzinis geben die Zeugen an. nichts weiter zu wissen. Sie wollen allerdings gehört haben, daß er infolge großer Zahlungen, die er den auf Hausse der Terni- Aktien spekulierenden Herren zu machen hatte, seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Auch, daß seine Register nicht veröffentlicht wurden, um niemand zu kompromittieren. Die Zeugen meinen aber, Bettolo sei nicht dabei beteiligt gewesen. Schließlich halten die darüber beftagten Zeugen dafür, daß der Staat, als die„Terni" mit den großen Lieferungsaufträgen betraut wurde, thatsächlich entweder neue Panzerschiffe brauchte oder die alten reparieren lassen mußte. Alles in allem war der Tag ruhig, die große Zurückhaltung der Zeugen machte aber einen der Civilpartei nicht günstigen Ein- druck. Der Prozeß wurde auf morgen vertagt.— Ein Advokateustreik. Rom, 23. November. Gestern sind die Rechtsanwälte des Appellhofes von Aquila(Abbruzzen) in einen regelrechten Streik eingetreten. Zu diesem Schritte sahen sie sich ge- nötigt, um Verhältnisse zu beseitigen, die ihrem Stande und der Verlvaltung der Justiz überhaupt in hohem Maße unwürdig sind. In Aquila sind nämlich seit mehreren Jahren mehrere Richter untereinander, mit den Staatsanwälten und Advokaten verwandt und verschwägert und folgen in der Erfüllung ihrer Berufspflicht mehr dem Familien- als dem Rechts- sinn. In ganz Aquila und Umgebung pflegt man seit langem zu sagen, daß der dortige Appellhof mehr Gefälligkeiten erlveise als Urteile fällt. Bereits im vorigen Sonimer war eine Standes- Vertretung der Advokaten von Aquila beim Justistizminister. um die Beseitigung des Mißstandes zu forder». Da trotz der empfangenen Versicherungen keiner aus der Verwandtcnclique versetzt wurde, be- schlössen gestern die Rechtsanwälte den schon dem Minister an- gcdrohten Streik. Sie verlangen Neubesetzung der Richterstellen und erklären, bis zur Erledigung dieser Forderung jede Thätigkeit bei Eivilprozessen zu verweigern. Wird ihrem Wunsche nicht Genüge geschehen, so werden sie den Streik auch auf die Strafsachen vor dem Appellhof und vor den Assisen ausdehnen.— Ruhland. Aus den litauischen Gcfängniffen. In Grodno ist das Gefängnis überfüllt. Es sitzen dort politische Gefangene auch aus Bialystok, Suwalli, Kiew, Odessa und den benachbarten Städtchen. Die Beköstigung der Gefangenen ist miserabel: drei russische Pfund Brot pro Tag, warmes Wasser morgens und abends und Grütze zu Mittag— das ist alles. Für 9 M. nionatlich kann man eine Suppe mit einem Stück Fleisch erhalten. Die verhafteten Arbeiter können aber 0 M. nicht be- zahlen. Ungefähr dasselbe ist im Wilnaer Gefängnis. Die Gefangenen klagen, daß das Essen schmutzig und aus Fäulnis riechend ist. Es ist nicht zu essen. Wenn ein Gefangener den Arzt in Anspruch nimmt, so erhält er die Antwort:„Trinken Sie etwas warmen Thee, da wird's schon besser." Eines Tages bekam ein Kriminalist beim Abend-Appell einen heftigen Blutsturz. Die Gefangenen wollten nach dem Arzt laufen. Der diensthabende Beamte verbot es aber; erst müsse der Appell beendet sein. Als der Arzt kam, war der Gefangene schon tot. Unter den Gefängnisärzten befindet sich auch der berüchtigte Michajlolv, der sich durch seine bestialische Roheit bei der Massen- auspeitschung der Maidcmonstranten von Wilna im vorigen Jahre ausgezeichnet hat. Letzthin wurde Michajlolv im Gefängniskorridor mit dem stürmischen Ruf:„Weg mit dem Henker" und einem Hagel von roheil Kartoffeln und Brotstücken empfangen. Er floh so schnell wie möglich. In den Gefängnissen von Wilna saßen nach der letzten Fest- stellung unsrer Genossen folgende politische Gefangene: In Nr. 11 am 20. Juni: 1. Moses Gurewicz. 2. Jan Karmazyn. 3. Adolf Karmazyn. 4. Bertha Nowicka. 5. Dwarja Pupko. 0. Jankiel Pupko. 7. Benjamin Pupko. 8. Manier Pupko. 9. Stanislaw Trusiewicz. 10. Moses Wilkomierski. Im Gefängnis Antokol am 19. Juli: 1. Fritz Steinberg, Land- mann aus Kurland, verhaftet am 24. Septenlber 1902 in Kowno mit über 300 Pfund polnischer, russischer und lettischer Schriften. Er saß vorher in Kowno in Untersuchungshaft. Am 12. Mai wurde er in Wilna zu 3 Jahren Zuchthaus und 4 Jahren Polizei-Aufficht verurteilt. 2. Wolf Sric, Maler. 3. Elias Sergin, Klempner. 4. Morbach Sapoznik, Drucker. 5. Josiel Giejlkman und 6. Motel Cznzowski, Strumpfarbeiter. 7. Szmul Szjnkman, Bildhauer. 8. Mordese Kaplan, Arzt. Alle�zu 2—8 in Untersuchung wegen der Demonstration im Wilnaer Theater vom 2. März 1903. 9. Mathias Baltysis, am kl. Oktober 1902 auf dem Wilnaer Bahnhof mit 160 Pfund Schriften verhaftet. 10. Anton Mozer, Gerber und 11. Stanislaw Mackiewicz, verhaftet am 29. Sep- tember und 6. November 1901 in der Sache des Streiks von Smorgon. 12. Israel Ryman, Handlungsgehilfe, verhaftet zum drittenmal am 2. April 1903: man fand bei ihm 10 Pftmd Schriftsatz. 13. Stefan Walukiewicz, Gerber, war 1897 auf 4 Jahre nach Sibirien verbannt; nach seiner Rückkehr unter dem Verdacht der Flugblattverbreitnng am 31. Mai 1903 verhaftet. 14. Wladyslaw Walukiewicz, Gerber, verhaftet am lö. April 1903., 15. Joseph Baltroszojtis, Maler, verhaftet am 19. Mai 1903. 16. Franz Butkiewicz, Schüler der technischen Schule in Wilna, verhaftet am 20. Mai 1903. 17. Jankiel Kaganowicz, verhaftet 10. April 1002, 18. Wulf Donskij, verhaftet 2. April 1902. 19. David Gopner, verhaftet 11. April 1903; man fand bei ihm Schriftstücke und die Photographie von dem Wahl- Attentäter Leckert vor. 20. Gabriel Kreczmer, Lehrer; Schriftstücke und Schriften loaren bei ihn,. 21. Franz Zapalski, Landmann, ver- haftet 24. April 1903. 22. Lasar Andruzewski, Klempner, verhaftet 11. April 1903; man fand bei ihm Flugblätter der P. P. S. 28. Alfons Dokalski, verhaftet 1902 beim Ankleben von Flug- blättern der P. P. S. Das Urteil lautet: 6 Monate Gefängnis, 3 Jahre Verbannung. 24. Alfons Krasowski, Schuhmacher, ver- haftet 28. Mai 1903; man fand bei ihm Flugblätter der P. P. S. 25. Abrain Giejlkmann. 26. Max Epstein. 27. Furdzik Szymel. 28. Schmidt. 20. Jankiel Zabinski. 30. Jankiel Margolis. 31. Szymel Bagelferyches. 32. Szalam Mejerow; zu 25 bis 32 verhastet im Mai 1903 bei einer Versammlung im Walde. 33. Szepsel Zetler. 34. Jojne Kagan. 35. Josel Nemzer.— Nach den Landtagswahlen. Das Eude des Freisinns. Es wird uns geschrieben: Das Wahljahr 1903 hat einen Tiefftand der Freisinnigen, namentlich in Preußen, aufgedeckt, der es fast ausgeschlossen er- scheinen läßt, daß von ihnen im Kampf gegen die Reaktion irgend etwas Nennenswertes zu erwarten ist. Dabei denken wir noch gar nicht an die politischen Sünden, sondern nur an deren äußere Symptome— die zahlenmäßig festzustellende Schwäche. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß bei einer künftigen Landtagswahl in Preußen ein etwaiges Entgegenkommen der Freisinnigen seitens der Socialdemokratie mit der Frage:„Was kannst Du armer Teufel bieten?" abgelehnt werden muß; es sei denn, daß sich die wenigen einsichtigen, wahrhaft liberalen Elemente in ihren, ach. so gelichteten Reihen zusammenschließen, dann an der Seite der Socialdemokratie im großen Kampf gegen die Reaktion mit streiten könnten. Die Freisinnigen dürfen sich für ihre Mißerfolge bei der Land- tagswahl nicht auf das elendeste aller Wahlsysteme berufen; das GeldsackSrccht ist ihnen vielfach günstig; zudem hatte die konservative Presse die Parole:„Unterstützung der Richterschen" ausgegeben, die diesen denn auch reichlich zu teil geworden ist— so darf auch die Oeffentlichkeit der Wahl für sie keine Entschuldigung abgeben. Das verbietet aber vor allen Dingen das vernichtende Urteil der geheimen Abstimmung bei der Reichstagswahl. Mit besonderer Energie ivurde diesmal der Kampf geführt; von der mächtig ge- sliegencn Zahl der Wahlberechtigten gingen in Preußen 75,5 Prozent zur Reichstagswahl gegen 68,4 Prozent im Jahre 1898. Abgesehen von der Rcichspartci, den Antisemiten und dem Bund der Land- Wirte hatten alle andren Parteien wenigstens eine Zunahme der absoluten Stimmcnzahl zu verzeichnen, wenn sie auch mit Aus- nähme der Nationalliberalen und Polen relativ mehr oder weniger zurückgegangen waren. Die Freisinnige Volkspartei da- gegen, die 1898 auf preußischem Gebiete noch 432 970 Stimmen für ihre Reichstags-Kandidaten gezählt hatte, erhielt 1903 nur 386411 Stimmen! Wir entnehmen unsre Zahlen, die sich sänitlich auf das Ergebnis der Reichstagswahlen innerhalb Preußens beziehen, dem Bericht des kaiserlichen Statistischen Amtes für 1903. Die Freisinnige Vereinigung, deren parlamentarische Vertreter sich im denkwürdigen Kampf gegen den Zollwucher den Socialdemokraten angeschlossen hatten, erhielt 154 204 Stimmen gegen 139 400 im Jahre 1898; auch relativ war sie nur wenig zurückgegangen, sie hatte 2,7 Proz. der gültig ab- gegebenen Stimmen erhalten gegen 2.9 Proz. im Jahre 1893. Da- gegen war die Freisinnige Volkspartei von 9,2 im Jahre 1898 auf 6.7 Proz. im Jahre 1903 zurückgegangen. ihre Stellung hatte sich fast um ein Drittel verschlechtert— alles das unter dem Reichstags- Wahlrecht, für das sie ja voll und unentwegt eintteten— wie sie sagen. Und wie sieht es nach der Landtagswahl aus? Vergeblich hatte der geistig bei weitem überlegenste Führer der Freisinnigen Vereinigung— Dr. Theodor Barth— zu einem kraftvollen Vorstoß gegenüber der Reaktion geraten, einem Vorstoß, der, wie er klar erkannt hatte und scharf hervorhob, in Preußen nur noch in Verbindung mit der Socialdemokratie geschehen kann. Seine Parteigenossen folgten ihm nicht; in würdigem Stolz lehnte Barth es ab. unter diesen Umständen überhaupt zu kandidieren, er hat keinen Anteil an der Schmach der übrigen. Und das Ergebnis für diese? Die Freisinnige Vereinigung hat acht Mandate behauptet— oder neun, wenn man ihr den wildliberalenWollgast in Kiel zurechnet—, und zwar mit stattlicher Majorität in Stetttn, wo alle Nichtsocial- demokraten einschließlich der Konservativen für sie eintraten, leidlich in Königsberg, wo sie neben einem Volksparteiler und einem Nattonalliberalen ein Mandat verteidigte, sehr schlvach in Danzig, wo zwei ihrer Kandidaten nebst einem Volksparteiler nach Hangen und Bangen mit wenigen Stintmen Majorität durchkamen;— be- teiligt sich in Danzig bei gleichem Wahlsystem das nächste Mal die Socialdemokratie, so genügt ihr der geringste Erfolg, um das Schicksal der Danziger Freisinnigen in Händen zu haben. Die übrigen vier Mandate verdankt die Freisinnige Vereinigung ausschließlich den nationalen Verhältnissen, unter denen die braven deutschen Bürger sich mit Außerachtlassung politischer Fragen gegen die Polen zusammenschließen. Drei der sreisinnig-vereinigten Abgeordnetenge- nießen so den Vorzug, mit je einem konservattven Abgeordneten ge- meinschastlich gewählt zu sein, während der vierte zusammen mit zwei Freikonservativen von denselben Wahlmännern erkoren wurde. Aber auch mit den„Unentwegten" um Richter sieht es traurig aus. Ihr Königsberger und Danziger Mandat haben wir bereits er- wähnt und beurteilt. Sie behaupteten ferner mit starken Majoritäten Berlin I. II. IV mit zusammen sieben Mandaten, Nordhausen und Hagen-Schwelm mit drei Mandaten und Frankfurt a.M., wo neben ihrem eigentlichen Mitglied der deutsche Volksparteiler Oeser gewählt wurde. Sehr schwach war ihr„Sieg" in Berlin III, wo sie das nächste Mal ziemlich sicher der Socialdemokratie werden weichen müssen. Die fünf neuen Sitze, die sechs Verlusten gegenüberstehen, verdanken sie den Zusammengehen mit den Nationalliberalen I Frankfurt-Lebus und Liegnitz-Haynau nahmen die vereinten Rationalliberalcn und Frei- sinnigen den Konservativen ab; in Lennep-Remscheid überließen die Nationalliberalen eins ihrer drei Mandate den Freisinnigen, während in Halle-Saalkreis und Elberfeld-Barmen je ein frei- konservatives Mandat einem Freisinnigen zufiel, indem die National- liberalen, um sich selbst das bisher mit Hilfe der Konservativen erlangte Mandat zu sichern, diesmal einen Pakt mit den Freisinnigen schloffen. Die beiden Sitze in Elberfeld und Halle verdankt die Freisinnige Volkspartei dem Vordringen der Socialdemokratie; die National- liberalen sahen sich veranlaßt, das Kartell mit den Freisinnigen zu lösen, weil sie mit diesen zusammen nicht mehr auf die Majorität der Wahlmänner rechnen durften; hatte doch schon im Jahre 1898 die Socioldcmokratie in Halle 81, in Elberfeld 177 Wahlmänner durchgebracht, während sie jetzt 120 und 219 erhielt. Außer den erwähnten 22 Mandaten verdankt die Freisinnige Volkspartei ein Mandat ebenfalls der„polnische» Wirtschaft", indem in Bromberg ein Wasserstiefler neben einem Konservativen und einem Freikonservativen dem Geschmack der deutschen Wahlmünner zusagte! Haben wir unter Hinweis auf ihre Stimmenzahl bei den Reichs- tagSwahlen mindestens der Freisinnigen Volkspartei das Recht ab« gesprochen, sich auf das Wahlsystem zu berufen, so müssen wir den Freisinnigen auch das Recht absprechen, zu behaupten, die Social- demokratie habe ihren Vorstoß gegen die Reaktion gehemmt. Wir sind so frei zu behaupten, daß es sich um einen ernstlichen Vorstoß gar nicht gehandelt hat. Das folgt nicht nur aus dem Mangel einer ernsthaften Agitation— ist doch eine freisinnige Wahlbeteiligung über- Haupt nur in verhältnismäßig wenigen Kreisen zu verzeichnen—, sondern auch aus dem Umstand, daß die ärgsten Reaktionäre an der Unterstützung der Freisinnigen nicht den geringsten Anstoß nahmen — unter der an sich schon wenig imponierenden Löwenhaut war Schnock der Schreiner zu deutlich sichtbar. Aber weiter: als 1898 die Lex Recke drohte und sich bei der noch unentschiedenen Stellung der Socialdemokratie den Freisinnigen die glänzendste Gelegenheit bot, sich als Vorkämpfer bei einem Vorstoß gegen die Reaktion zu zeigen, wo blieb 1898 der freisinnige Vor- stoß? Der Stuttgarter Parteitag hatte es den Genossen der einzelnen Kreise überlassen, ob und wie sie sich an der damals bevorstehenden Wahl beteiligen lvollten, in den wichtigsten Kreisen, so in Teliow-BecSkow und Nieder- und Oberbarnim, hatten die Parteigenossen, wie in Berlin, Wahlenthaltung beschlossen. Damals haben private Besprechungen mit Führern beider freisinnigen Gruppen stattgefunden— natürlich gesondert—, um sie zu ausgedehnterem Vorgehen zu bewegen; bei einigermaßen energischer Agitation, so wurde ihnen in Aussicht gestellt, würden unsre Parteigenossen ihnen vielfach ihre Stimmen geben, auf die ja die eigne Partei keinen Anspruch machte. Vergeblich— die Führer sahen die Richtigkeit solcher Ausführungen ein; aber der Stumpfsinn ihrer Philistcrgarden erlaubte keine ener- gischen Schritte, kleinlicher Cliquenncid lähmte selbst die Lust zu einem Versuch. Und diese Leute sollten jetzt einen Vorstoß geführt haben und nur durch die„perfide Taktik" der Socialdemokratie ge- hemmt worden sein? Ach nein, umgekehrt wird ein Schuh daraus; die kleinen Erfolge von 1898 verdankten die Freisinnigen nur dem Eingreifen der Socialdemokratie, was sie in Frankftirt a. M. mit zwei, Breslau mit drei und Görlitz-Lauban mit drei Mandaten auch dankend anerkannten. Und sollte es noch eines weiteren Beweises bedürfen. wie ivcnig die Freisinnigen ernstlich der Reaktion zu Leibe gehen wollen, so liefert ihn ein Blick auf die Stichwahltaktik der Frei- sinnigen bei der letzten Reichstagswahl. Mit vollem Recht spricht Theodor Barth es aus: Der Liberalismus hat durch sein ganzes Verhalten„den Glauben an den Ernst seines Kampfes gegen das elendeste aller Wahlsysteme erschüttert." Die preußische Socialdemokratie ist in diesem von ihr jetzt allen Ernstes aufgenommenen Kampf auf sich allein angewiesen; sie wird ihn umso entschlossener und erbitterter weiterkämpfen I Freisinnsmoral. Zur Rechtfertigung ihrer Verräterei greifen die Freisinnigen Volksparteiler zu Wahrheitswidrigkeiten aller Art. In Breslau leistet der Redakteur Dr. O e h l k e von der„Breslaucr Zeitung", ein Ricktermann unentwegt, ein Stück, um das ihn die„Freisinnige Zeitung" neiden könnte. Er verteidigt das klägliche Verhalten des Brcslauer Liberalismus: es könne kein Zweifel bestehen,„daß eine Verbrüderung mit der Socialdemokratte die Chancen des Liberalismus nur verschlechtert haben würde";„die Socialdemokratie ist eben einst- Iveilen noch nicht bündnisfähig";„zunehemendc Zügellosigkeit und Gemeinheit eines Teils der socialdemokratischen Presse"; das Bürgertum will„von einer Verbrüderung mit der Socialdemokratie. in iv elch er Form auch immer, absolut nichts wissen"; es sei gut, daß der Freisinn in Breslau die Verständigung mit der Socialdemokratie abgelehnt habe. Dr. Oehlke schließt: „Wir sind nunmehr das O d i u ni, das in Form eines Verdachtes heimlichen Paktierens auf uns lastete. endgültig los. Wir marschieren der Zukunft entgegen mit leichterem Gepäck. Die Principientteue und Festigkeit, die wir am Freitag bewährt haben, wird uns neue Sympathien im Bürger- tume eintragen." Es wäre überflüssig, das liberale Gerede von den social- demokratischen Verschuldungen nochmals als das zu kennzeichnen, was es ist, als blöden Verflich. die liberale Thätigkeit zu beschönigen. Die Breslauer„Volkswacht" ist aber in der Lage, aktenmäßig nach- zuweisen, wie durchaus verlogen das Verhalten der Liberalen in dem besonderen Breslauer Fall ist: „ES war vor zehn Jahren, 1893, als der Breslauer Freisinn den Versuch machte, der Reakrion die drei Landtagsmandate wieder ab- zuknöpfen. Er mochte sich wohl damals schon zu schwach fühlen, um das Werk aus eigner Kraft zu vollbringen. Deshalb begaben sich die freisinnigen Führer zu dem damaligen socialdeni akratischen Vertrauensmann Emil May und veranlaßten ihn und mehrere andre Genossen, ein Flugblatt„an die Brcslauer Arbeiter" loszulassen, in welchem für die Unterstützung freisinniger Wahlmänner und freisinniger Abgeordneten Stimmung gemacht wurde. Schon 1893 scheute man den Pakt mit den Social- demokraten trotz„gefährlicher Praxis" und„abschreckender Theorie" nicht, man suchte im Gegenteil die Unterstützung solch gefährlicher Patrone für die freisinnigen Wahlen zu finden. Fünf Jahre später. Wieder ging'S zur Landtagswahl. Unter Anleitung des Gcnossens Bruhns beteiligten sich 1838 die Socialdemo- Iraten Breslaus zum erstenmal offiziell und selbständig an dieser Wahl mit dem Erfolge, dast sie 88 Wahlmänner-Mandate erwarben. Der liberale Gedanke war auch diesmal nicht kräftig genug gewesen, um den Sieg sich zuzuwenden, und abermals trat der Frei- sinn an die offizielle Vertretung der Breslau er Socialdemokrarie heran mit dem Ersuchen, ein Bündnis abzuschließen. Zuerst erhoben unsre Genossen damals schon die Forderung auf Abtretung eines Mandats, ließen sich aber im Laufe der Verhandlungen von den Freisinnigen überzeugen, daß die Forderung„diesmal" noch nicht zu vcr- wirklichen sei. Gegen eine Minderheit wurde 1898 das Bündnis mit dem liberalen Bürgertum abgeschlossen. Und als der Pakt den erwarteten Erfolg gezeitigt hatte. da bedankten sich mittels Inserats in der„Volkswacht" die Freisinnigen bei ihren roten,„gefährlichen" und„abschreckenden" Bundesbrüdern für die gehaltene Treue. Durch eine auf unsrcr Seite verübte Ungeschicklichkeit erfolgte 1900 die Kassation der Breslauer Wahl laut Beschluß Abgeordnetenhauses. Zum drittenmal streckten die„Biirger" die Bruderhand aus nach der schwieligen Faust der bündnisunfähigen Socialdemokraten. Wieder schlugen wir ein, wieder siegte der Frei- sinn, wieder Lobeserhebungen der liberalen Blätter über die ver- nünftige Haltung der Bundesbrüder von der roteir Partei. Und zwischendurch laufen mancherlei Pakte sekundärer Natur... Treulich haben wir jedesmal unser Versprechen gehalten, dankbar haben die Freisinnigen das stets anerkannt und heute kommt Herr Oehlkc, um uns zu beweisen, daß wir bündnis unfähig sind. Diese Bündnisunfähigkeit trat erst in dem Augen- blick ein, als lvir ein Mandat forderten, vorher hat man sie nicht gemerkt..." Diese Erinnerungen der„Volkswacht" an einsttge Freisinns- bereitwilligkeit, sich durch die Socialdemokratie Vorteile zutragen zu lassen, beantwortete Dr. Oehlke durch Fortsetzung ebenso hochmütiger wie unwahren Darstellungen: es sei richtig und spreche für die Vorurteilslosigkeit der Liberalen, daß es„von freisinniger Seite in Breslau an wohlwollenden Versuchen, eine gewisse Verständigung mit der Socialdemokratie wenigstens in einigen Fällen herbeizuführen, in früheren Jahren nicht gefehlt hat," aber„nie hat unsre Parteileitung ein Abkommen dahin gettoffen, den Besitzstand mit der Socialdemotratie zu teilen, sie ist nicht einmal so weit gegangen, die freisinnigen Wähler in irgend einem Falle dazn aufzufordern, für einen Socialde m'o traten zu st i m m e n. Vorschläge letzterer Art sind zwar in früheren Jahren im Schöße der Parteileitung aufgetaucht, aber schließlich doch jedesmal abgelehnt worden." Die„Volkswacht" setzt diesem dreistesten Ableugnungsversuch die Veröffentlichung dieses Rundschreibens entgegen: Stadtverordneten wähl. III. Abteilung. Bezirk 26. Breslau, Dezember 1900. Sehr geehrter Herr! Die socialdemokratische Partei empfiehlt ihren Parteifreunden, in der Stichwahl im Bezirk 20 und 24 für die freisinnigen Kan- didaten Wende, Müller und Schleiffer zu stimmen. Wir empfehle» misrerscits unsre» Parteigenossen im 26. Bezirk dringendst, in der Stichwahl für die socialdrmokratischen Kandidaten, die Herren Tischler Hermann Brosig und Töpfer Hermann Neuberger zu stimme». Wer diesem uusrem Rate folgt, bekämpft die Reaktion und fördert gleichzeitig die Wahl unsrer Kandidaten im 20. und 24. Bezirk. Das Wahlbureau der vereinigten freisinnigen Parteien. Simon. Heilberg. Das freifinnige Bezirks-Wahlkomitee. Zu den Unterzeichnern dieses Rundschreibens gehörte unter andren Freiftnnsanhängern auch— Dr. Oehlke! Es ist danach unausweichlich festgestellt, daß der Freisinn stets gern die socialdemokratische Hilfe nahm, besonders wenn unmittelbare Gegenleistungen nicht gefordert wurden, daß er aber neuerdings das frühere Verhalten fortzulügen sich bemüht und die einst heiß um- worbcne Socialdemokratie unsinnig und wahrheitswidrig lästert, mir unr die liberalen Gefolgsleute für das Bündnis zu zähmen, das er mit rechtsstehenden und reaktionären Parteien abzuschließen durch seine eigne reaktionäre Entwicklung sich begeistert fühlt.— Tcrrorisniiis k Der„Hannöversche Courier" veröffentlicht Namen, Stand und Wohnort derjenigen elf„für die Kandidatur Boß ver- pflichteten Wahlmänner", die nicht zur Wahl erschienen.— Bei dieser Gelegenheit wird festgestellt, daß in der Gstadt Linden, wo 198 Wahlmänncr zu wählen waren— also in jeder Abteilung 66— die Socialdemokratie 122 Wahlmänner durchsetzte. Im Landkreis Linden mit 159 Wahlmänncrn erhielten die Socialdemokraten nur 19 lgegen18imJahre1898). Fiirungültig erklärt wurden 6 nationalliberale Mandate, oder wie der„H. E." sich ausdrückte, um den. Toben und Lärmen der Socialdemokraten ein Ende zu machen, verzichteten diese Wahlmänncr auf die Ausübung ihres Wahlrechtes! Bei einer etwaigen kommenden Wahl lvird mit besonderem Nachdruck in Linden- Land gearbeitet werden müssen, das zum großen Teil auch industriell bevölkert ist. Das Resultat von Lindcn-Stadt zeigt, lvas durch zähe Arbeit— 1898 standeil sich dort 84 socialdemokratische und 60 national- liberale Wahlmänner gegenüber— in städtischen Jndustriebezirke» erreicht werden kann. I» Stiebcrs Spuren. Zu unsrer Notiz unter dieser Aufschrist bemerkt die„Freisinnige Zeitung", daß sie die Schmach mit der „Kölnischen Zeitung" teilt. Ihre Ausrede:„Offenbar ist nicht be- achtet worden(von wem? vom Setzer?), daß die drei Worte durch- strichen waren" ist absolut haltlos; gerade die drei Worte waren ja die Hauptsache, ohne die der Hieb gegen den„Vorwärts" völlig un- möglich war._ Ein letztes Wort an die Gemeindewähler wurde gestern noch eimnal in 15 Versammlungen gerichtet. Unsre Ge- nassen thun, indem sie sich an der Wahl beteiligen, einfach ihre Pflicht, und nach vollendeter Wahl gehen sie unermüdlich wieder an die Organisationsarbeit. Solche brachte ihnen die verflossene Landtagswahl und wird ihnen auch die jetzige Stadtverordneten- wähl wieder in Hülle und Fülle bringen. Die Socialdemokratie saugt aus allen Blüten Honig, warum nicht auch aus der öffent- lichen Abstimmung, mit deren Hilfe gerade der abhängige Wähler geknebelt oder der Wahl ferngehalten werden soll? Bei der öffentlichen Abstimmung lernt man so manchen bisher unbekannten Genossen kennen, den man der Organisatton und dem man die socialisttsche Presse zuführen kann! Gegen die Socialdemokratie ist eben kein Kraut gewachsen. Das haben die Berliner Kommunal-Freisinnigen bei der Stadtverordneten- Wahl in der dritten Klasse bereits zur Genüge erfahren. Wer weiß, vielleicht kommt nach den Erfahrungen der Landtagswahl auch noch die Zeit, wo man ihnen da oder dort auch in der zweiten Klasse einmal ernsthast zu Leibe rücken wird. Die Unzufriedenheit mit dem Kommunal-Freisinn ist riesengroß; vielleicht noch größer als mit dem polittschen. Sie reicht in Kreise hinein, wo die Herren es nicht ahnen; sonst hätten sie sich bei der Aufstellung„ihrer" Wahlmänner gelegentlich der Landtagswahl nicht so oft und so arg vergriffen. Die Vorwürfe, welche gestern die Redner in den 15 social- demokratischen Komnmnalwähler-Versammlungcn der freisinnigen Stadtverordneten-Majoritnt machten, fanden nicht nur den Beifall der Versammlelten, sondern werden von der großen Mehrheit der Berliner Bevölkerung als berechtigt anerkannt. In den Arminhiillcn waren die Parteigenossen des 2. Kommunal Wahlbezirks zahlreich versammelt. Mit sichtlichem Interesse und leb- haftem Beifall nahmen die Anwesenden das Referat des Genossen Karl Liebknecht sowie die Ausführungen des Kandidaten, Ge- nassen Manasse entgegen, der in beredten Worten zum Kampf gegen das volksschädigende Regiment des Freisinns aufforderte. In ZühlkeS Salon, Dennewitzstraße, tagte die Versammlung für den 3. Kommunal- Wahlbezirk. Hier befürwortete Reichstags Abgeordneter Wurm»och einmal die Wahl des Genossen Werner mit warmen Worten, nachdem er das Kommunalprogramm der Socialdemokratie entwickelt, den Liberalismus kritisch beleuchtet und nachgewiesen hatte, wie thöricht das freisinnige Märchen von der angeblich ihrem Wesen nach unpolitischen kommunalen Verwaltung sei, wo die Interessen aller Bevölkerungsschichten gleichmäßig gewahrt würden. Das Gegenteil sei der Fall. Lebhafter Beifall folgte dem Vortrage. Tie Wähler des 8. Bezirks waren noch einmal nach Habels Brauerei-Ausschank zusammengerufen worden, wo der socialdemo- kratische Kandidat Genosse A n t r i ck das Referat hielt. Treffend kennzeichnete er das Wesen dcS Kommunalfreisinns, indem er durch eine kritische Betrachtung seiner Thaten und seiner Unterlassungs sünden den aufmerksamen Hörern unter anderm vor Augen führte, wie oft in der Kommune der Freisinn in seiner dortigen Macht- stellnng sein eignes politisches Programm verrät. Demgegenüber stellte er das Wirken der Socialdemokratie. Redner fand bei der Versammlung vielen Beifall. Einhellig war man mit ihm und dem Genossen Scholz, der nach ihm kernige Worte sprach, der Meinung, daß der Bezirk mit aller Kraft der Partei wiedcrcrobert werden müsse. Im Alten Schühenhause hatten sich die Wähler des 28. Bezirks ziemlich zahlreich versammelt und folgten mit lebhaftem Interesse dem Vortrag des Genossen Dr. Wehl, der treffend den Unterschied zwischen der Socialdemokratie, die die Kommune zu einem socialen Gemeinwesen gestalten will, und dem Freisinn, der sie gleichsam als ein kapitalistisches Unternehmen betrachtet, klarlegte und zum Schluß darauf hinwies, daß der socialdemokratische Kandidat Franz K o tz k e, der sich bereits in mehreren städtischen Ehrenämtern aufs beste bewährt hat, vortrefflich zur Thätigkeit eines Stadtverordneten vorgebildet und befähigt ist. Hierauf nahm Genosse K o tz k e das Wort zu einer kernigen Ansprache, die starken Beifall hervorrief. Im Saale der Brauerei Königstadt, wo die Versammlung für den 31. Bezirk tagte, waren etwa 500 Personen versammelt. Hier sprachen zunächst Genosse P o e r s ch und darauf der Kandidat Hermann Schubert, der unter anderm auf ein für den frei sinnigen Mischmasch-Kandidatcn Max Groß verbreitetes Flugblatt einging, das von Lügen über die Socialdemokratie strotzt, so daß es kaum von der schwärzesten Reaktion überboten werden kann. Die von gründlicher Sachkenntnis und enistem Wollen zeugenden Aus- führungcn des Referenten und des Kandidaten fanden lebhaften Beifall. In der„Urania" sprach Genosse ReichstagS-Abgeordnetcr Stadthag ei: vor zahlreichen Zuhörern, die seinen fesselnden Ausführungen mit gespannter Aufmerksamkeit folgten. Der Redner begann seine Kritik an der liberalen Kommunalpolitik mit einer Verspottung des liberalen„Männerstolzes" vor 5lönigsthroncn und erörterte die Bodenpolitik der liberalen Hausbesitzer in der Stadt- Verwaltung. Unter lebhaftem Beifall der Versammlung legte der Redner die socialdenrokratischen Forderungen an die Kommune dar. Der weite Saal der„Drachenburg" war vollständig besetzt. Der Referent, Genosse Singer, wurde von den lebhaften Zustimmungs- rufen der begeisterten Zuhörer fortwährend unterbrochen. Nach einer Darlegung des erbärmlichen Verhaltens der Freisinnigen bei den Landtagswahlcn erörterte der Redner in eingehender Weise die Mißstände in der Berliner Stadtverwaltung. für welche die steisinnige Mehrheit verantwortlich sei. Die_ Darlegung des Verhaltens der Verwaltung gegen die städtischen Gas- arbciter anläßlich der Landtagswahl rief die stürmische Entrüstung der Versammlung hervor, welche Genosse Singer mit den Worten beantwortete:„Darüber wird noch an andrer Stelle ein Wörtchen geredet werden". In der Versammlung herrschte begeisterte Kampfes- stimmung. In dem Saale der Brauerei Germania, Frankstirter Allee 53, hatten die Genossen H e i m a n n und Bruns, letzterer als Kandidat für das Stadtparlament, es übernommen, ein letztes Wort an die Wähler zu richten. Beide gaben ein erschöpfendes Resümee der Aufgaben, die unsrcr Genossen im Roten Hause noch harren, und feuerten die Versammelten an, durch recht zahlreiche Beteiligung an der Wahl den Sieg zu einem vollständigen zu machen.! 37. Kommunal- Wahlbezirk. Trotz des unangenehmen Schnee- gestöbers hatten sich die Genossen zahlreich in Hirthes Lokal ein- gesunden. Der bisherige Vertreter des Bezirks. Genosse Borg- mann, führte den Wühlern in seinem beifällig aufgenommenen Vorwage die zahlreichen Schäden und Mängel der hiesigen liberalen Kommunalpolitik vor Augen und legte ihnen nahe, auch noch die letzten paar Stunden vor der Wahl auszunutzen, damit der Bezirk nicht nur wiedererobert, sondern auch eine möglichst große Stimmen- zahl auf die socialdemokrattsche Partei vereinigt werde. Im Saale von Herzog, Mcmclerstr. 67, sprach der Stadt- verordnete Genosse Ad. H o f f m a u n vor einer sehr stark besuchten Versammlung. Seine reichen Erfahrungen aus der kommunalen Praxis verwendete er zu einem eindrucksvollen Referat. Er wurde wiederholt von lebhaftem Beifall unterbrochen. Nach Beendigung des Vortrags richtete der Kandidat Genosse Paul Schneider noch einige Worte an die Versammlung, die nach kurzer Diskussion mit Hochrufen auf den Genossen Ad. Hoffmann auseinanderging. Im Saale der Spreehalle» in der Kirchstraße referierten die Genossen Ewald und K a tz e n st e i n vor den Wählern des 42. Kommunal-Wahlbezirks. Die Ausführungen der Redner, be- anders die an den Freisinnigen geübte scharfe Kritik, fanden leb- haften Beifall. Nach den Referenten nahm der Kandidat des Bezirks, Genosse Anders, zu einer kurzen Ansprache das Wort. Auch aus den Reihen der Versammelten wurde auf die Bedeutung der Wahl hingewiesen und zur regen Beteiligung aufgefordert. Für den 47. Kommnnal-Wahlbezirk fand im Feldschlößchen, Müllcrstraße, eine Versammlung statt. Genosse Reichstags-Abgeord- neter Z ub e i l gab in seiner Rede einen historischen Rückblick auf die Entstehung der Städteordnuug, die ein Ausfluß des reaktionärsten Geistes ist. Diese Verordnung hält man noch aufrecht, daß sie das Eindringen der Arbeiterklasse in die Stadtparlamente verhindern und das Regiment des Grundbesitzes austccht erhalten soll. In weffender Weise schilderte der Redner die Rückständigkeit der Haus- besitzer und kritisierte in scharfer Weise unter der Zustimmung der Versammlung ihre kulturwidrigen Forderungen. Die Berliner Arbeiterschaft möge dafür sorgen, daß den Herren ihre Suppe ver- salzen wird. 47. Kommnnal-Wahlbezirk. Im„Marienbad" referierte Doktor Friedeberg. Nach einer gründlichen Kritik unsrer kommunalen Zustände feuerte er die Genossen an, für eine möglichst zahlreiche Wahlbeteiligung zu sorgen, damit die Gegner für immer darauf ver- zichten, uns den Bezirk'je wieder streifig zu machen. Hierauf richtete der Kandidat und bisherige Vertreter des Bezirks, Genosse Augustin. noch eine kurze Ansprache an die Erschienenen. Bisher ist noch nichts darüber bekannt geworden, ob die Gegner einen Kandidaten auf- gestellt haben oder nicht. In der in Schmidts Gesellschaftshans, Gartenstraße, statt- gefundenen Versammlung sprach Genosse Waldeck Manasse. Er legte dar, welch hohes Jntereße der Ausfall der Kommunalwahlen für die Arbeiterschaft Berlins habe. In satirischer Weise beleuchtete er das Treiben des Freisinns im Roten Hause und forderte die An« wesendcn auf, durch die Wahl der socialdemokrafischen Kandidaten dem Freisinn den Lohn für sein feiges und verräterffches Verhalten bei den Landtagswahlen zu geben. Versammlungen. Der Centralverband der Stukkateure hielt am Montag seine regelmäßige Mitgliederversammlung ab. Ueber den ersten Punkt, Anstellung eines Verbandsbeamten, referierte Rösner, welcher die Notwendigkeit einer solchen Anstellung klarlegte, und berechnete, daß bei einer Erhöhung des Wochenbeitrages um 10 Pf. eS den Mitgliedern der Filiale Berlin möglich sei, sämtliche dadurch entstehende Unkosten zu decken. Nach längerer Diskussion wurde beschlossen, eine Urabstinnnung in der Filiale darüber herbeizuführen, ob die Mitglieder gewillt sind, pro Arbeitswoche 10 Pf. Extrasteuer zu zahlen, und wenn eine Zweidrittelmehrheit der Mitglieder dasiir ist, soll ein Kollege als Beamter angestellt werden.— Hieraus wurde der letzte Leitartikel des Fachorgans einer scharfen Krittk unterzogen und wurde beschlossen, der Redattion eine Erklärung zum Abdruck zu unterbreiten, in welcher dagegen protestiert wird, daß der Berliner Vorstand, ohne im Einverständnis mit den Mit- gliedern zu sein, die Geschäfte führen soll.— Alsdann wurde mit- geteilt, daß den Arbeitgebern Cirkulare zugesandt seien, worin dieselben ersucht werden, darauf hinzuwirken, daß die Baupolizei-Verordimng vom 1. Oktober 1901 auch überall innegehalten wird und worin ferner daraus hingewiesen wird, daß die Arbeitszeit der Stukkateure sich im Winter entsprechend der der Maurer verkürzt. Hierbei soll besonders darauf geachtet werden, daß, da täglich um 4 Uhr Feierabend gemacht wird, dieses des Sonnabends um'3 Uhr geschieht. — Das Resultat der Urabstimmung in betreff der Arbeitslosen-Unter- stützung ergab stir Berlin die Ablehnung derselben mit 420 gegen 150 Slimmen.— Unter Verschiedenem teilte der Vorsitzende mit, daß der Vorstand in seiner Sitzung den streikenden Texttlarbeitcrn in Crimmitschau 100 M. als zweite Rate, deu Metallarbeitern 200 M. und den Adressenschreibern 50 M. zugebilligt habe. Die Versamm- lung erklärte sich damit einverstanden. Hierauf wurde mitgeteilt, daß der Schlichtungskommission einige Streitstagen bei der Firma E. Mielke vorliegen, und soll hierbei gleichzeitig versucht werden, durch eine besondere Definierung klar festzulegen, was ein FriesgesimS ist.— Nach Erledigung mehrerer Angelegen- Helten von geringerer Bedeutung wurden die Anwesenden noch ersucht, sich zahlreich an den demnächst stattfindenden Stadt- vervrdnctcnwahlcn zu beteiligen, damit recht viele Vertreter der Arbeiterinteressen ins rote Haus ihren Einzug halten. Teltow. In einer gut besuchten Versammlung von Männern und Frauen sprach am Sonntag im„Schweizerhäuschen" in Sechof- Teltow Genosse Dr. Maure nbrechcr über den Ausfall der preußischen Landtagswahlen. In anderthalbstündigem Vortrage geißelte der Redner das Verhalten der bürgerlichen Linken gegen- über der Socialdemokratie. Obwohl es dem Freisinn nochmals möglich war, in einigen Wahlkreisen eine Anzahl Stimmen zu cr- halten, schwände den Freisinnigen dieser Trost infolge ihrer jämmer- lichen Haltung bei den Stichwahlen für die nächsten Wahlen mehr und mehr, da für wirklich oppositionell gesinnte Wähler nur allein die Socialdemokratie als einzige Kampfpartci übrig bleibe. Haben wir auch keine Mandate erobert, so sind doch die Erfolge für uns große zu nennen und müssen bei weiterer Beteiligung sich noch ver- größer». Geradezu erbärnilich nannte der Redner das Geschrei der Gegner, angesichts der Drciklassenwahl von einer Niederlage der Socialdemokratie zu schreiben. Die fesselnden Ausführungen des Referenten wurden von den Versammelten mit lebhaftem Beifall aufgenonimen.— In der kurzen Diskussion kam die grenzenlose Wut unsrer Gegner Hierselbst zur Sprache, da in der 3. Abteilung unsre Wahlmänner mit erdrückender Mehrheit 110 gegen 30 bürger- liche) gewählt wurden. Ave kleinen Geschäftsleute, welche nicht nach dem Geschmack unsrer Philister gewählt haben, sollen bonkottimt werden.— Im zweiten Punkt der Tagesordnung erstatteten die Ge- nassen Röder und Keßler als Stadtverordnete Bericht über ihre Thätigkeit in der Stadtverordneten-Versammlung. Der Bericht fand deu Beifall der Genossen.— Alsdann erfolgte die Aufstellung eines Kandidaten für die am 30. d. Mts. stattfindende Stadtverordneten-Wahl. In Vorschlag gebracht als solcher und von der Versammlung angenommen wurde unser Parteigenosse Schneider- mcistcr Gustav Franke. Die Versammelten versprachen, mit allen Kräften dafür einzutreten, daß Genosse Franke als dritter im Bunde ins Stadtvcrordneten-Kollegium einzieht. Letzte JVachnebten und Dcpcfcbcn. Stadtverordnctenwahl in Remscheid. Remscheid, 26. November. sPrivatdepesche des„Vorwärts".) Bei der heutigen Stadtverordnetenwahl wurden 3 Sitze mit großer Mehrheit von der Socialdemokratie erobert. Abgeordnetenhaus. Wien, 26. November.(W. T. B.) In der Debatte über die Er- klärung des Ministerpräsidenten führt Abg. Forscht auS, die Czechcn seien unter Austechtcrhaltung ihres polifischen Programms jeder- zeit bereit, an den Versuchen zur Konsolidierung Oestreichs teil- zunehmen, sofern ihre Rechte, ihre politische und kulturelle Bedeutung geachtet würden. Abg. Meng er erklärt, die Ueberweisuug der der Krone bezüglich der Armee zustehenden Hoheitsrechte an die gesetzgebenden Körperschaften in Oestteich würde endlose Parteikämpfe auf die Armee übertragen. Abg. K l o f a c spricht sich dafür auS, daß der Föderalismus auch auf die Armee Anwendung finden solle. Die Weiterberatung wird sodann auf morgen vertagt. Nach Schluß der Sitzung stellten die C z e ch i s ch- R a d i k a l e n Fresl, Klofac und S e h n a l den Journalisten Mandl, welcher die Nachricht von dem angeblichen Uhrcndicbstahl Fresls im Belgrader Konak verbreitet haben'soll, in der Parlamentshalle energisch zur Rede, wobei es zu einem heftigen Wortwechsel kam, der in Thätlich- leiten ausartete._ Rom, 26. Nov.(SB. T. B.) Die Universität ist wegen der heute von den Studenten veranstalteten Kundgebungen geschlossen worden. Bochum» 26. November.(W. T. B.) Auf der Strecke Wanne- Münster wurden heute mittag zwei Streckenarbeiter von dem Schnellzuge 93. Münster-Köln. erfaßt. Der„Westfälischen Volkszeitung" zufolge war der eine Arbeiter sofort tot. während der andre kurz nach dem Unglücksfall seinen Verletzungen erlag. Lienz, 26. November.(W. T. B.) Infolge des letzten Regen- Wetters sind im Defreggerthale viele Felsstürze erfolgt. Die Straße ist zerstört; zahlreiche Felder sind verschüttet und viele Häuser in großer Gefahr. Genf, 26. November.(Meldung der Schweizerischen Depeschen- Agentur.) Auf Ersuchen der Landes-Polizeibehörde verhaftete die hiesige Polizei zwei Anarchisten Namens Stoyanoff oder Burtzeff und Krakoff. Ter Name des crstcren ist ungewiß. Er kam zum erstenmal im Jahre 1889 von Sibirien nach Genf, blieb aber nicht dauernd hier. Später wurde cr in London wegen anarchistiseljer Propaganda und Aufreizung zur Anwendung gewaltthätiger Mittel zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbühung dieser Strafe kehrte er hierher zurück, wo er vor zwei Jahren Krakosf kennen lernte. Sie gaben beide ein Blatt„Narodovoletz"(Volks- Wille) heraus. Zur Täuschung der Polizei trug das Blatt den Vermerk: Gedruckt in London. Beide Anarchisten hielten sich bald in Genf, bald in Ciarens und in Montreux auf. Voraussichtlich loerden sie ausgewiesen und an die Landesgrenze geführt werden. welche sie wählen. Bcrantwortl.Nedatteur: Julius Kaliski in Berlin. Inseratenteil verantwottl.:T?»Glocke in Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».VerlagsanstaltPaul Singer st Co., Berlin ZW. Hierzu 2 Beilage» u.llnterhaltuugsblatt Nr. 277. 20. 1. WM des JotiMttf Klllim Solbblutt. kreitag, 27. November l908. Jaurvs gegen Kritschewsky. Bereits aus dem Artikel unsres Pariser Korrespondenten, des Genossen Kritschewsky:„Wie Jaurös citiert und warum er schimpft"(Nr. 271 des„Vorwärts") erfuhren unsre Leser, daß Genosse Jaurös die Berichterstattung des Genossen Kritschewsky in der„Petite Röpublique" bemängelt, ihr„sektiererische Vorein genommenheit" und„monströse Verleumdung" vorgeworfen hat. Ge nosse Kritschewsky hat auf diesen Angriff durch obigen Artikel ein- gehend geantwortet. Er hat jedoch auch gleichzeitig der„Petite Röpubligue" eine kurzgefaßte Entgegnung eingesandt, an die dann Genosse Jaurös eine umfangreiche Replik geknüpft hat. Am Schlüsse dieser Entgegnung erklärte Jaurös, daß er es der Loyalität des„Vorwärts" überlasse, ob er diesen Artikel, wiedergeben wolle. Trotzdem der Jaurösffche Artikel, wie er selbst hinzufügt,„ziemlich heftig in seiner Form" ist. tragen wir selbstverständlich nicht das geringste Bedenken, diesen Ausfluß„einer schon lange zurückgehaltenen Entrüstung" in seinem vollen Umfange abzudrucken. Wie uns Genosse Kritschewsky mit geteilt hat, beabsichtigte er. in der„Petite Röpubligue" selbst dem Gc� nassen Jaurös abermals, diesmal ausführlich, zu entgegnen. Sobald uns diese Entgegnung unsres Korrespondenten vorliegen wird, werden wir auch sie selbstverständlich zur Kenntnis unsrer Leser bringen: Der Artikel des Genossen Jaurös lautet: Wenn KriffchewSky sagt, daß der Säbelschutz über die Unter- nehmer von Ämcntiöres auch durch mich mit herbeigeführt sei, wenn er dieser Einmischung der belvaffncten Macht swörtlich: iutsrvontion cku sablo— Dazwischenkunft des Säbels) die angebliche Niederlage des Streiks zuschreibt, so habe ich das Recht, zu sagen, daß er damit unsre ganze Politik und unser ganzes Bestreben dahin zusammen- faßt, das Proletariat des Nordens unter das Regiment des Säbels zu bringen. Und ivie kann er sagen, ich hätte die Anwendung der Gewalt gegen die Streikenden gutgeheißen? Ohne Unterlaß habe ich dem Ministerpräsidenten die Beschwerden des Streik- komitees über die militärische Besetzung übermittelt und dieser hat sofort Instruktionen gegeben, die schreiendsten Mißstände ab- zustellen. Was konnten Wirtin diesem Punkte mehr thun? Giebt es heute bei der gegenwärtigen politischen und socialen Entwicklung eine Regierung,_ von der man erwarten könnte, daß sie niemals Soldaten nach einem Streikgebiet entsendet? Soll man, bis dieser Augenblick einmal kommt, der durch nichts andres beschleunigt werden kann als durch eine starke Organisation der Arbeiterklasse, die befähigt ist, ihre Bewegungen selbständig zu regeln, soll man sich bis dahin jeden wirksamen Eingreifens zu Gunsten der streikenden Arbeiter enthalten? Und doch macht mir ini Grunde genommen der Korrespondent des„Vorwärts" gerade daraus einen Vorwurf. Es scheint, daß wir Unrecht thaten, indem wir nicht der Tagesordnung Delorys, die iveder von dem Schiedsgericht, noch von der Enquete spricht und die sich darauf beschränkte, die Zurückziehung der Truppen zu verlangen, den Vorzug gaben. Ein ohnmächtiges Votum, eine „platonische" Manifestation, in diesem entscheidenden Augenblick des Streiks, wo eS galt, zu handeln uitd etwas zu erreichen. Ich habe in meiner Rede selbst gegen die übermäßige Truppen-Zusammen- ziehung protestiert. Unsre Freunde haben der Budgetkommission, die demnächst ihren Bericht erstatten wird, einen Antrag unterbreitet, wonach den Familien der Streikenden eine staatliche Unterstützung von 100 000 Fr. bewilligt werden soll. Aber in die Resolution, ivelche ich der Kammer unterbreitete, wollte ich nur zwei Forderungen hineinbringen, Schiedsgericht und Enquete, für welche ich auf eine Majorität hoffen konnte. Dies hatte ich mit Vorbedacht gethan, im Interesse der kämpfenden Arbeiter und unter Zustimmung von zwei Delegierten der Arbeiter, den socialistischen Bürgermeistern von Armentiöres und von Houplines, die nach Paris gekommen ivaren, unr mich in der Diskussion zu unterstützen. Mir daraus einen Vorwurf zu machen und zu behaupten, daß ich damit den Unternehmern des Nordens den Säbelschutz gegenüber den Arbeitern bewilligt hätte, das ist eine unerträgliche Verleumdung, das ist eine so un- geheuerliche Entstellung der Absichten und der Thatsachen, daß ich wohl das Recht habe, dies als einen Skandal zu bezeichnen. Der Genosse Kritschewsky scheint sich auch nicht im Zweifel zu sein über die Schwere dieser Entstellung und er enthüllt damit den Grad von Gewissenlosigkeit, bis zu welchem die Sektirerei führen kann. Allzutttrkisches. Die deutsche Socialdemokratie ist nicht mehr so naiv, wie der Bürger im„Faust" zu sagen: Nichts bessers iveiß ich nur an Sonn- und Feiertagen Als ein Gespräch von Krieg und KriegSgeschrci. Wenn hinten, weit, in der Tiirkei Die Völker aufeinander schlagen. Sie Iveiß vielmehr, daß ebenso wie in China so auch in der Türkei die Interessensphären des Handels und der Gewalthaber der großen Nationen Europas zusammenstoßen, daß ein Funke dort einen Weltbrand entfachen kann. Die Socialdemokratie weiß, was ihr Karl Marx über die orientalische Frage in den fünfziger Jahren und Wilhelm Liebknecht 1877/1878 in semer Broschüre„Soll Europa kosakisch werden?" gesagt haben, daß mit Rußlands Macht über die Türkei seine Uebermacht über das übrige Europa wächst und damit die Gefahr für Freiheit»ud Kultur: daß die Socialdemokratie also für die Unabhängigkeit der Türlei von Rußland, gegen russische Annex! onsgclüstc einzutreten hat, sowie für Los- lösung und Selbständigkeitscrklärung von Macedonien und Albanien. Doch die Socialdemokratie hat ein noch weitergehendes Interesse an der Türkei als das durch die augenblickliche politische Konstellation bedingte. Sie hat die Pflicht, auf die kulturwidrigen Zustände immer von neuem hinzuweisen, unter denen ein für höhere Kultur reifes Volk seufzt, und den türkischen Revolutionären gerecht zu werden, die ihrem Vaterland die Achtung vor Menschenwürde und Menschen- recht erobern wollen, die aber entweder in ihrer Heimat geknebelt sind oder imAuSland als Flüchtlinge umherirren. So sollim folgenden wieder- gegeben werden, was türkische Freunde mir zusagen wußten, und zwar sei eine Schilderung der P r e ß v e r h ä l t n i s s e in der Türkei gegeben, weil sie ein Musterbeispiel bieten, wie es unter der uneingeschränkten Herrschaft reaktionärer Gewalten ausschaut. Es giebt selbstredend keine Oppositionspresse in der Türkei, viel- mehr nur offizielle, von der Regierung subventionierte Zeitungen, die zwar in verschiedenem Maße unterstützt, doch alle in Geist und Ausdrucksweise den gleichen Regierungsstempel tragen. Daher müssen wir uns der geheimen türkischen Presse zuwenden, die in London, Genf, Brüssel, Paris erscheint, wenn wir die revolutionären Elemente der türki- schen TageSschriftstellerei kennen lernen wollte. In Genf war in den Wer Jahren der Sammelpunkt der unbotmäßigen türkischen Intelligenz; eine Gruppe von Leuten, meist Aerzte, die ihr Studium aus politischen Gründen nicht absolviert hatten, daher kurz die Mediziner(Tybbijjo lilor) genannt, hatte den Vorsatz gefaßt, eine nationaltürkische, ent- schieden freiheitliche, aktivthätige Partei zu gründen und vertrat ihre Forderungen in einer Zeitung, dem„OSmanen". Unter diesen Flücht- lingen herrschte aber keine Einheitlichkeit der Ueberzeugunaen und der Aktion. Der eine wollte den Anarchismus, der andre den SocialismuS, wieder ein andrer erwartete alles Heil vom Atheismus. So ging jede Einheitlichkeit verloren, der Regierung mußte cs ge- lingen. mit Hilfe einer skrupellosen Spitzelwirtschast die Genfer Partei zu zersprengen. Der„Osmane" wurde später nach London .verpflanzt. Aclter als der„Osmane" ist ein andres, noch jetzt Es ist wahr, der Genosse Kritschewsky urteilt von oben herab und bemitleidet das Resultat unsrer Bemühungen. Die Unternehmer hatten das Schiedsgericht, welches der Präfekt vorgeschlagen und das von den Arbeitern acceptiert worden war, abgelehnt. Der Augen- blick war kritisch; alle Auswege waren verstopft. In diesem Moment erlangten wir von der Kammer ein einstimmiges Votum für das Schiedsgericht und die Enquete und dies bedeutete eine direkte Verleugnung und Verurteilung des unversöhnlichen Stand- Punktes der Unternehmer. Dadurch wurde das Vertrauen der Arbeiter wieder belebt und die Möglichkeit einer gerechten und billigen Lösung des Konflikts eröffnet. Aber was bedeutet das für den Genossen Kritschewsky? Nichts oder fast nichts: Ein„ein- stimmiges und platonisches" Votum. Als ob nicht schon diese Einstimmigkeit an sich, die sich infolge meiner Rede, in der ich die Täuschungen der Unternehmer kennzeichnete. ergab, die Unternehmer des Nordens in eine unangenehme Lage versetzt hätte! Als ob die Abstimmung nicht die Widerstands- kraft der Unternehmer gegen die gerechten Forderungen der Arbeiter wesentlich geschwächt hätte I Aber nein, weil die Unternehmer selbst auch unter dem Eindruck des Kammervotums noch das Schieds- gericht ablehnen, beeilt sich der Korrespondent des„Vorwärts" zu ichreiben, daß die Abstimmung der Kammer nutzlos ist, daß sie nicht zählt; und er läßt vor den Augen der Socialdemokratie Deutsch- lands nur den(mit meiner Zustimmung) über den Arbeiter» des Nordens geschwungenen Säbel erscheinen. Blindheit und Ver leumdung! Umsonst beruft sich der Genosse Kritschewsky zu seiner Ver teidigung darauf, daß er diese Korrespondenz drei Tage vor dem siegreichen Endendes Streiks abgesandt hat. Er gesteht damit selbst seinen Mangel an Scharfblick und seine radikale Unfähigkeit zu. Er verkündet und proklamiert die Niederlage der Arbeiterklasse drei Tage vor dem vollständigen Siege. Und aus dieser angeblichen Nieder- läge, welche sein Sektierergeist fieberhaft in sich aufnimmt, machte er sich eine Waffe gegen diejenigen der Socialisten, welche den Sieg herbeiführen halfen. Der Streik ist in voller Entwicklung, der Kampf dauert fort und weil die Unternehmer noch eine Geberde des Widerstandes zeigen, so beeilt sich der Genosse Kritschewsky zu erklären, daß alle unsre Anstrengungen umsonst waren, daß sie sogar eine Wendung gegen die Arbeiter genommen hätten. Er giebt nicht 24 Stunden Zeit, uni die Wirkung des Votums abzuwarten. Diese Abstimmung ist nutzlos, wiederholt er, da die Unternehmer das Schiedsgericht wiederholt abgelehnt haben. Ja, aber, indem sie nach einer solchen Debatte und nach einer solchen Abstimmung es nochmals ablehnten, setzten sich die Unternehmer in eine unhaltbare Situation. Und sie konnten das Schiedsgericht nur ablehnen, indem sie genau das zugestanden, was die Arbeiter verlangten. Somit hat die Abstimmung ihre volle Wirkung gehabt, wenn nicht eine recht- liche, so doch eine thatsächliche suu effet non de prooedure, mais de kond). Indem sich der Genosse Kritschewsky in der Abschätzung der moralischen Kräfte so schwer irrt, zeigt er, daß er unfähig ist, die Dinge klar zu sehen oder daß die wachsende Erregung der sektiererischen Polemiken seine Aufrichtigkeit beeinträchtigt hat. Jetzt vor der ins Auge springenden Offensichtlichkeit der That- fachen ist er natürlich verpflichtet, anzuerkennen, daß dieser Sieg nicht bloß eine lokale Bedeutung hat, sondern daß er den all- gemeinen Sieg der Textilbranche ankündet und vorbereitet. Noch mehr als das. Es ist der Kampf um den Zehnstundentag ohne Lohnreduktion, der dort fiir die ganze Arbeiterklasse Frankreichs ge- Wonnen wurde. Mögen wir mit unsrer propagandistischen und parlamentarischen Thätigkeit auch noch so wenig dazu beigetragen haben, so genügt es doch, uns über das Urteil des Korrespondenten des„Vorwärts" hinweg zu trösten. Es ist wahr, cs bleibt ihm noch eine Rettung, deren er sich bedient, nämlich daß der Kampf nicht gewonnen worden sei durch uns, sondern trotz unser. Darüber will ich nicht streiten. Ich weiß, daß ohne die bewundernswerte Ausdauer, ohne das Geschick und die Klugheit alle unsre Anstrengungen umsonst gewesen wären. Aber ich weiß auch, daß diese selben Arbeiter nach errungenem Siege aus Vorschlag des Streikkomitees durch ein Votuni von ISOOO Arbeiter und Arbeiterinnen„den Ausdruck ihrer Anerkennung" an diejenigen richteten, welche der Repräsentant des„Vorwärts" verleumdet. Die Arbeiterklasse ist eben weitblickenderen, klügeren und ge- ündcren Sinnes, als alle diese Sektierer l Die Arbeiter des Lysthales haben zwischen den verschiedenen Verantwortlichkeiten Wohl zu unter- cheiden gewußt; sie haben verstanden, die Fehler des Generals, welcher seine Weisungen noch verschärfte, zu konstatieren, und zu bestehendes Blatt„Meschweret", die„Beratung" sMohammed empfiehlt Beratung vor jedem Thun). Dies Organ der jungtürkischen Partei, das für Ordnung und Fortschritt eintritt, hat Riza Bey zum Be- aründer, den Sohn des English Ali Bey, früher landwirtschaftlicher Beamter in Brussa. Vergebens hatte er den, Sultan seine Dienste angeboten; strenge Bewachung war die Antwort gewesen. Etwa 1890 floh er.„um die kaiserliche Majestät über Heilmittel aufklären zu können". Er gab die„Beratung" in Paris, zeitweise in Genf, wo er sich auch mit den„Medizinern" verfeindete, später(seit 1895) in Brüssel heraus. Sobald die französische Regierung von der türkischen wirtschaftliche oder politische Konzessionen erhielt, wurde Riza Bey zum Dank angeklagt und verfolgt, endlich ausgewiesen. Seitdem erscheint die Zeitung zweiteilig, halb in französischer, halb in türkischer Sprache. Riza Bey fordert eine Konstitution und halbe Volkssouveränität, etwa nach englischem Muster, und tritt sehr schroff gegen Religion und eingebildete Moral auf. Von weiteren ausländischen Blättern wären zwei Londoner er- wähnenSwert, die für den Sturz des jetzigen Sultans agitierende „Freiheit"(„Hurisjet") und die„Zukunft"(„Istilcbal"). Nicht vorübergehen dürfen wir an den verbreiteten revolutionären Flugblättern. Ein Mediziner, zeitweise Leiter der Genfer Partei, gab sogenannte„Kanzelredcn"(Hutbe) heraus, in denen er durch Koran- spräche(in alter Druckschrift) das Volk der Regierung abspenstig zu machen suchte. Viel verbreiteter ist das in glänzenden, Stil ge- schriebene, von großen historischen Kenntnissen zeugende Mahkeme- i-kübra, das große Gericht, vorfaßt von einem Mediziner, den, Kurden Jshak„dem Schweigenden". Der Dichter träumt eine Ver- sannnlung in der Sophiamoschce, eine Versammlung der Toten, Mohammeds und der Kalifen, aller osnmnischer Herrscher. Die 32 trefflich charakterisierte» Sultane treten nacheinander auf und geben als Patrioten ihre Fehler und Schwächen zu. Endlich wird der jetzige Sultan vor Gericht geschleppt, vergebens sucht er seine Thaten zu rechtfertigen; man spricht das Verdammuugsurtcil über ihn aus und jedem Mohannncdancr wird verboten, in dieses SultanL Namen ein Gebet zu verrichten. Die ausländische Presse findet nur schwer Verbreitung in der Türkei. Die postlagernd an die Postämter der Mächte in Kon- stantinopel, Smyrna, Saloniki, Beyruth gesandten Zeitungen werden von Agenten, Schiffern, Ausländern abgeholt, welche sie heimlich ver- breiten, dabei riskieren überfallen zu werden und— wie es un- bequemen Leuten in der Türkei ergeht—-dam, zu„verschwinden". Periodisch beschlagnahmt die Regierung die ganze eintreffende Post. Dann werden alle kompronnttiertcn Familien unglücklich gemacht. Bei Protest der Mächte bittet man um Verzeihung. Wir kommen nun zur Besprechung der eigentlichen türkischen offiizellen Presse. Gute Zeitungen und gute Bücher gab es vor 18—25 Jahren, als noch eine relative Rede- und Prcßfreiheit existierte; Zeitungen Ivie die„Zeit"(„Wakyt"), der„Weg"(„Tarik"), das„Glück"(„Seädet"), kultivierte Litteratur, Wissenschaft, Sprache. sorgten für Vermehrung der Druckereien und Verbesserung des Drucks. Dichter wie Kemal Bey, Schinassi, Muallim Nadji waren als Redakteure thätig, Mitarbeiter war fast das ganze gebildete Volk, dessen bestejEinscnduiigen man mit ästhetischen und grammatikalischen Erläuterungen abdruckte. Manches Talent wurde dabei entdeckt. gleicher Zeit haben sie dem Präfekten, welcher sich im Namen der Regierung bemühte, den Konflikt zu lösen, Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie haben auch verstanden, die Anstrengungen der socia- listischen Mitkämpfer, welche inmitten der Schwierigkeiten� aller Art unermüdlich mit ihnen arbeiteten, um den Sieg zu gewinnen, anzuerkennen. Man vergleiche mit dem engherzigen und verleumderischen System des Genossen Kritschewsky die Tagesordnung, welche Taufende von Proletariern an jenem Tage des Sieges, an welchem sie die Wiederaufnahme der Arbeit feierten, angenommen haben. Das Streikkomitee schlägt den Streikenden die Annahme folgender Resolution vor: Die Generalversammlung der Streikenden dankt dem Präfektcn des Nord-Departements für sein Eingreifen und richtet den Aus- druck ihrer Anerkennung an alle diejenigen, welche die Arbeiter von Armentiöres und Houplines in ihrem Kampf unter- stützt haben, namentlich an die Zeitung„Röveil du Nord"(das socialdemokratische Organ von Lille. R. d.„V."), an die Genossen Jaurös, Delasalle, Desmons, Rivola, Sauve-Evausy und Maurice Monier, die ihnen eine dauemde Unterstützung zu teil werden ließen, an die Genossen, Bürgermeister von Armentiöres und Houplines, Daudrumez und Sohier, an die Redner, welche in den Versammlungen der Streikenden das Wort genommen, an die Organisatoren und an die freiwilligen Arbeiter der Volks- küchen von Armentiöres und Houplines, an alle, die durch Geld- Unterstützungen den Widerstand gestärkt haben und den endlichen Sieg mit herbeiführen halfen. Angesichts der gewonnenen Resultate beglückwünscht sich die Versammlung, daß es der Kaltblütigkeit der Arbeiter gelungen ist, jeden Zusammeustoß zwischen Arbeitern und den Truppen zu ver- ineiden, trotz der Provokationen des Generals Loyez, des Kom- Mandanten der Besatzungstruppen, dessen Haltung einstimmig ge- tadelt wird." Das war der richtige, gerechte und kluge politische und sociale Sinn einer Klasse, die sich organisiert und für die wachsenden Schwierigkeiten ihrer Rolle vorbereitet. Wo bleibt da die Resolution Delorys, die für den Genossen Kriffchewsky den ganzen Horizont ausfüllt? Die Proletarier haben gar nicht daran gedacht, und sie war in der That nichts andres, als eine Kinderei des Sektentums. In dieser Weise fälscht der Genosse Kriffchewsky alle Proportionen, so täuscht er das socialistische Deutschland über die Bedeutung der Bewegung in Frankreich und über die Kämpfe des ftanzösischcn Proletariats. Und die Enquete über die Verhältnisse in der Textilindustrie und der Arbeiter? Kritschewsky mißachtet ohne Zweifel auch diese. Und doch gewinnt diese eine große sociale Bedeutung durch die Debatte, der sie ihre Entstehung verdankt. Die Reaktionäre und Konser- vativen aller Gattungen fühlen es wohl, und sie suchten sich für das Votum, das sie öffentlich abgeben muhten, zu rächen, indem sie sich bei der geheimen Abstimmung bemühten, meinen Ein- tritt in die Kommission zu verhindern. Und in der ersten Sitzung der Konimission, welche Jntriguen, un: sie zu schwächen, um sie in Paris festzulegen, um sie auf ein bloßes Korrespondenzbureau, welches Dokumente in Empfang zu nehmen hätte, herabzudrücken, um sie von vornherein in ohnmächtige Unterkommissionen zu zerlegen. Glücklicherweise waren alle diese Versuche umsonst, die Kommission geht in ihrer Gesamtheit in die wichtigsten Centren der Textil- industrie, um direkt mit dem ganzen Problem in Berührung zu kommen. Und währenddem wir in dieser Weise ohne Unterlaß mit der organisierten Arbeiterklasse kämpfen, sieht der Genosse Kritschewsky nur das eine Ding und spricht nur von dem einen Ding, nämlich, daß durch uns der Schrecken des Säbels über dem Proletariate herrsche. Er(Kritschewsky) ist's, der mich zwingt, alles dies zu sagen. Die Arbeiter des Lysthales und des Nord-DepartementS werden es mir bezeugen, daß ich in dieser Periode deS Kampfes nicht einmal die Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Schulen und die Eifer- süchteleien der Sekten hineingezogen habe. Es ist mir aber un- möglich, dieses tendenziöse und skandalöse System, welches, diesmal wie immer, unsre Gedanken und Handlungen fälscht(döuature), passieren zu lassen, ohne einen Protest, ohne eine Erklärung an die Socialdemokratie Deutschlands zu richten. Diesen Protest werde ich nicht erneuern. Schon oft haben socialdemokrattsche Freunde Frankreichs oder Deutschlands mich ge- ftagt: Aber warum antworten Sie nicht auf diese falschen Dar- stellungen, auf diese gezwungenen Auslegungen und ständigen An- Zwar waren auch damals„böswillige Propaganda" und Angriffe auf die Regierung verboten, man durfte jedoch ein wenig politisieren. einheimische Angelegenheiten besprechen, auch wohl mal eine Bitte um Abhilfe aussprechen. Das ist jetzt alles erstickt. Auch die bescheidenste Bemerkung ist verboten. Die letzte Zeitung mit etwas höheren Tendenzen, der„Dolmeffcher der Wahrheit"(„Terdjumaii-i-bakikat") liegt im Sterben. Kein Wunder auch, daß sich gebildete Leute nur schwer noch zum Redakteur hergeben, weil das fast ein entehrender Stand geworden ist. Die Presse ist auf die Staatssubvention an- gewiesen, da jede Zeitung weniger als 5 Pf. kostet und pro Exemplar vom Verleger eine Steuer von 1 Pf. zu zahlen ist. Ueberflicgcn wir schnell die hauptsächlichsten Blätter.„Sabah"(der„Morgen") hat vor 3—4 Jahren nationale Novellen gesammelt; seitdem jedoch ist auch in ihm jedes höhere Element geschwunden. Unsrer„Kreuz- Zeitung" entspricht der panislamistische, lediglich von Mohammedanern gesetzte und geschriebene„Ikdam"(der„Fleiß"), den zu lesen in den„höheren" Ständen zum guten Ton gehört. Streng religiös, thut der„Ikdam" sogar principiell nichts gegen Aberglauben.„>1älmät"(„Nachrichten") in türkisch- arabikchcm Text und„Lorwet"(das„Vermögen") in türkisch-französischcni Text 'ind Gründungen des als skrupellosen Journalistcii und Spekulanten- liatur in der ganzen Türkei berüchtigten Tahir(zu deutsch: der „Saubere" I). Dieser Mann von niedrigster Gesinnung schuf zuerst zegen die übrige Presse eine gefährliche Konkurrenz durch eine llustrierte Zeitschrift, bei der lediglich Papier und Setzer bezahlt zu werden brauchten, da der Inhalt durch offenen systematischen litterarischen Diebstahl und Nachdruck zusammcngeräubcrt wurde. Die Nachrichten aus Europa beschränkte er auf Verbrechen, Selbst- morde, Elend, Parlamcnts-Skandalaffaircn und suchte durch diese gehässige Auslese alle moderne Kultur verächtlich und für den Islam untauglich zu machen. Zahlreich sind die in fremder Sprache erscheinenden Konstanti- nopcler Blätter, aber ohne größere Bedeutung, trotzdem ihnen etwas mehr Spielraum zugestanden wird. Von den Provinz-Zcitungeu ind als selbständigere Organe nur die in Smyrna, Soloniki „Assyru, das„Jahrhundert"). Beyrut zu erwähnen. Die übrige Provinzpreffe ist ein geradezu beispielloses Phänomen: Der Sekretär des Provinzialrats, der des Gouverneurs und der Direktor der öffentlichen Arbeiten sind die Hauptredakteure, Mitarbeiter sind die aufftrebenden jungen Beamten. Selbstverständlich find die Beamten zum Abonnement gezwungen, gelesen werden diese Blätter jedoch so gut wie gar nicht. Der Türkei genügt nicht nur die finanzielle Abhängigkeit der Presse; eine ungleich schlimmere Fessel ist die C e n s u r. Zwar können im Gegensatz zu Zeitschriften Tageszeitungen auf eigne Gefahr sehr viel unternehmen, jedoch geht der Herausgeber gerade deswegen vorsichtiger zu Werke als der schlimniste Censor, weil das Organ einfach verboten, der Redakteur verbannt resp. wenn er weniger angesehen ist, andern willkürlichen Mißhandlungen ausgesetzt werden kann. Die Censurbehördc ist beinahe ein Ministerium zu nennen, hat verschiedene Sprachabteilungen und zählt zu ihren Be- amten auch alle Angestellte für— öffentliche Aufklärung! Ein guter Unterthan darf natürlich ein nicht einwandsftcies Buch gar nicht erst vorlegen. Ein Spionagesystem ver- griffe des Korrespondenten deS„Vorwärts" oder der Redakteure der .Neuen Zeit"? Meine Antwort ist einfach: Die Zeit mangelt uns. Man nriltzte alle Tage berichtigen und wir haben hier alle andre Tinge zu thun. Die socialistische Partei Deutschlands wird also auch in Zukunft die Dinge in Frankreich unter dem Gesichtspunkte des Genossen KritschewSky beurteilen. Er kennt sie ohne Zweifel Niel besser als wir alle, die wir die Verantwortung der Hand- lungen zu tragen haben. Und er beurteilt die großen Arbeiter- konflikte wie denjenigen, der soeben in dein Lysthal siegreich beendet wurde, viel besser als die Arbeiter selbst, welche die Schwere des Kampfes zu tragen hatten. Ein für allemal verwahren wir uns gegen ein tendenziöses System der Berichterstattimg und Auslegung, das einen Skandal bedeutet; und wenn der Genosse Kritschewskh neue Bündigkeiten zu hören nötig hat, wenn ihm das Beispiel der Verständnislosigkeit oder Unausrichtigkeit, das er bei allen seinen Mitteilungen bezüglich des Streiks gegeben hat, nicht genügt, um sich selbst kennen und beurteilen zu lernen: wir verzichten darauf, ihn« einen noch weiteren und klareren Spiegel vorzuhalten. I e a n I a u r ö s. Partei- j�acbricbten. Gemeindewahlen. In Gera ivurden fiinf Socialdemokraten und acht Gegner gewählt. In K a t t o w i tz beteiligten sich unsre Parteigenossen zum erstenmal an den Stadtverordnetenwahlen. Sie erzielten 79 Stimmen. Auch die Polen traten zum erstenmal auf und brachten 39 Stimmen zusammen. Die bürgerlichen Parteien hatten 7öS Stimmen. polizeilichee, Gerichtliches uftv. — Durch Verbreitung von Wahlflugblättern und Stimmzetteln in einen, schlesischen Orte sollten die Parteigenossen Brieger, Riefer und Scholz die Verfrommnngs-Verordnung für Schlesien übertreten haben, indenr sie Sonntags eine„öffentlich bemerkbare Arbeit" verrichteten. Die Angeklagten bestritten, eine Arbeit im Sinne der Oberpräsidial-Verordnn'ng über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage verrichtet zu haben. Sie wurden jedoch in zweiter Instanz vom Landgericht B r i e g zu Geldstrafen ver- urteilt. Das Landgericht führte auS: Die Angeklagten hätten die Verteilung der Druckschristen systematisch besorgt. Sie hätten die Blätter und Zettel, von denen sie eine größere Anzahl bei sich führten, von Haus zu Haus und in die Häuser hineingetragen, um sie dort dann abzugeben. Diese ihre Thätigkeit hätte vom Publikum wahrgenommen werden können und sei auch wahrgenommen worden. Somit handele es sich um eine öffentlich bemerkbare Arbeit, die an Sonn- und Feiertagen nicht gestattet sei. Die Angeklagten legten Rivision ein. Rechtsanwalt Dr. Heine- mann hob in der Verhandlung vor dem Kammergericht hervor, daß das Verteilen der Schriften in den Häusern ja ohne weiteres straflos sei. Und was den Aufenthalt auf der Straße angehe, so habe das Kammergericht ständig daran festgehalten, daß es fiir die Annahme einer öffentlich bemerkbaren Arbeit im Sinne der Verordnung ge- nauer Feststellungen darüber bedürfe, in welcher Art und welcher Menge die Schriften von den einzelnen getragen wurden, ob eine gewisse Anstrengung damit verbunden gewesen sei usw. Die Fest- stellungen des Landgerichts seien in der Beziehung ungenügend, vor allem viel zu allgemein. Sie könnten die Verurteilung der An- geklagten keinesfalls stützen. Der Strafsenat des Kammergerichts verwarf indessen die Revision mit folgender Begründung: Die Feststellungen des Vorderrichters reichten vollkommen aus, um die Verurteilung auf Grund der idber- Präsidialordnnng zu rechtfertigen. Das Verteilen in den Häusern scheide allerdings aus. Aber durch die Thätigkeit des Herumlaufens mit den Druckschriften, des Jndiehänsergehens,' hätten die Angeklagten eine öffentlich bemerkbare Arbeit vollbracht, die sie Sonntags nicht hätten vornehmen dürfen. — Wegen Beleidigung eines Senators Reichenbach wurde Genosse Graeger von,„Lüneburger Volksblatt" zu 300 M. Geldstrafe ver- urteilt. Genosse G. hatte die Behauptung aufgestellt, verschiedene unwahre Behauptungen über den Streik in der Reichenbachschen Faßfabrik seien von Herrn Reichenbach in die Presse lanciert worden.—_ B Sociales. Lnndesversicherungs-Anstnlt und Schiedsgericht. Ein schwerer Kompetenzkonflikt, der sich bis aus das Zimmer- fegen und Ofenheizen ausdehnte, war zwischen dem Borsitzenden der Landesversicherungs-Anstalt Berlin. Herrn Dr. Freund," und dem Vorsitzenden des Berliner Schiedsgerichts für Arbeiterversicherung, Herrn v. Gostkowski, ausgebrochen. Der Konflikt, der im einzelnen hindert es, Bücher ohne Censur durchzuschmuggeln. Selbst viele Wörter sind von vornherein verboten: so Vaterland („Länder Seiner Majestät"), Naturalisten, Realisten, Socialisten, Verfassung, Parlament, Revolution, Dynamit, Tyrannei ec. Für„Volk" giebt es überhaupt gar kein Wort. Wie unter solchen Umständen eine türkische Zeitung aussieht, ist schwer vorzustellen I Jeden Sonnabend liest man einen Besuch über den Moscheebesuch deS Sultans, eine Anhäufung von Titeln und Phrasen im vornehmen Arabisch. Er wird mindestens genannt: Schatten Gottes auf Erden, glorreichster Nachfolger des Herrn der Propheten, der Stolz aller Herrscher, Beherrscher der beiden Kontinente und der beiden Meere, Wohlthäter der ganzen Menschheit. Die erste Spalte oder auch Seite ist angefüllt mit Ernennungen und Ordensverleihungen, dann folgen offizielle Mitteilungen. Prächtig hören sich die Telegram re der Landräte an:„Dank der Fürsorge Sr. Majestät ist eine Schule in... errichtet". Ost werden aus den Gemeinde-Gaststuben„Schulen" gemacht! Die geringste Kleinigkeit wird gemeldet; beliebt ist alles, was der Regierung nichts kostet. Der Ton ist stets hochfahrend nach außen und unten. Hündisch nach oben. Der und der Botschafter habe eine Audienz nach- gesucht, schließlich sei sie ihm bewilligt, er habe die hohe Ehre genossen, den Staub des Thrones zu küssen. Langatmige Ausführungen preisen die Wohlthätigkeit des SultanS; ein Beispiel: „Unsren heiligsten Oberfeldherrn seinen Soldaten zu preisen er- greisen wir die angenehme Gelegenheit bei dem Anlaß der aller- gnädigsten Bewilligung von 209 Piastern(49 M.) für den Bau einer Schutzbaracke für einen Soldaten in...". Minimalste Geld- bewilligungen für Witwen und Waisen werden spaltenlang ge- priesen, ebenso die Wohlthätigkeit der Verwaltungsbehörden der Privatgüter des Sultans. Von litterarischem Inhalt ist in der Zeitung wenig zu finden, allenfalls die Ueber- fetzung eines möglichst ideenarmen französischen Romans. Im allgemeinen ist die Besprechung äußerer und innerer Politik verboten. Allenfalls werden Darstellungen der Reibereien auswärtiger Mächte aus dem„Figaro" übersetzt. Bei Fürsten- besuchen beim Sultan heißt eS:. kommt, uin dem mächtigsten und klügsten Monarchen seine Verehrung auszudrücken". Gelbgen und verschwiegen wird über alle Maßen: da heißt eS beispiels- weise i„Gestern ist der König von Italien Umberto in seinen, Schloß ruhig und sanft entschlafen". Der von Kurpfuscher-Anzeigen strotzende Annoncenteil beschließt das Blatt. Zum Schluß eine kleine Scene aus dieser Atmosphäre: Man hat einen gebildeten Türken ein französisches Weltblatt lesen sehen, Grund genug, ihn zur Polizeiwache des Sultansviertels zu führen. Der dortige Sicherheitskommissar, ein roher Analphabet, herrscht ihn an: Welchen Glauben hast Du?— Ich bin Mohammedaner (— andernfalls Hiebe I).— Warum liest Du feindliche Zeitungen und nicht die Sr. Majestät V— Ich glaube als anständiger und ge- bildeter Mensch die Freiheit zu haben, Zeitungen in einer Sprache zu lesen, die ich lange gepflegt habe.— Du bist ein Ochse, wenn Du Dir dummerweise einbildest. Du habest irgend eine Freiheit. Damit Du diese Einbildung aufgiebst, sollst Du 99 Hiebe erhalten! Geschieht.—■ Der Beamten. sei, den Beamten Urlaubs Gehalts hätten. dadurch sondern einen etwas komischen Anstrich, im ganzen aber doch einen ziemlich ernsten Hintergrund hatte, war entstanden ans der Zwitterstcllung. die den Hilfsbeamten der Schiedsgerichte durch das neue Invaliden- gesetz(ß 194 Abs. 4) zugewiesen worden ist. Früher waren diese Beamten Privatbeainte des Vorsitzenden des Schiedsgerichts; um sie sicher zu stellen, machte man sie zu Beamten der Versicherungs- anstatt, also zu öffentlichen Beamten. Damit wurde der Vorsitzende der Landes-Versicherungsanstält ihr Vorgesetzter, der DiSciplinargewalt über sie" hat. Sie werden vom Vorstand der Versicherungsanstalt angestellt und in Pflicht ge nommen. Ihr Gehalt und ihre etwaigen Aufrückungsverhältnisse werden von dieser Behörde bestimmt. Aber da sie beim Schied gericht beschäftigt sind, unterstehen sie der umnittelbaren Dienstanfsicht des Schiedsgcrichts-Vorsitzenden. Beim Schiedsgericht Berlin ist dieser neue Zustand am 7. April d. I. perfekt geworden. Das Schieds- gericht ist natürlich keine der Versicherungsanstalt unter- oder bei- geordnete, sondern eine völlig selbständige Behörde, alsOrgan derRecht sprechnng ist sie Berufungsinstanz gegen Entscheidungen des Vor- standes der Versicherungsanstalt. Der Konfliktstoff liegt bei diesem seltsamen Verhältnis gewissermaßen in der Lust, namentlich wenn die Vorstände der beiden so miteinander verkuppelten Behörden nicht gerade in dicker Freundschaft leben. Das scheint nun bei den zwei Berliner Herren auch nicht der Fall zu sein und so haben sie wegen der Hilfsbeamten des Schiedsgerichts seit der kurzen Zeit des Bestehens dieses neuen Zustande eine ganze Anzahl kleiner Streitigkeiten um ihre Auto- rität gehabt, die allmählich zu immer größerer Gereiztheit führten und schließlich in einer großen Beschwerde-Aktion explodierten, mit der der Oberbürgermeister, der Polizeipräsident, das Reichs-Ver- sicherungsamt und der Ausschuß der Versicherungsanstalt beschäftigt wurden. Streit begann schon gleich bei der Verpflichtung der Herr Dr. Freund ist der Meinung, daß es seine Sache Beamten Urlaub zu erteilen; er ließ deshalb die zur Verpflichtung als Anstaltsbeamte laden zu einer Zeit, zu der sie des Urlaubs von ihrer Diensithäsigkeit bedursten, und zwar alle zu gleicher Zeit, er ordnete auch eine Art der Gehalts- zahlnng an, daß die Beamten wiederum alle zu gleicher Zeit des von ihrer Dienstthätigkeit zum Zwecke der Abholung ihres an einer entfernt gelegenen Kassenstelle bedurft Der Vorsitzende des Schiedsgerichts, der sich nicht nur in seiner Autorität verletzt fühlte, in der Maßregel auch eine Schädigung des Dienftbetriebes beim Schiedsgericht sah, verweigerte seinerseits den Beamten den Urlaub zur Gehaltserhebung. Dadurch gerieten einige Beamte, die ihr Gehalt nicht durch Mittelspersonen abholen lassen konnten, in Geldverlegenheiten. Darum wies der Vorsitzende des Schiedsgerichts diesen Beamten das Gehalt vorschußweise aus der Kasse des Schiedsgerichts an. die gespeist wird aus der Kasse der Versicherungsanstalt. Er meldete das zwar sofort dem Vorstande der Versicherungsanstalt, Dr. Freund aber erkannte diese Zahlung nicht an und ließ den Beamten das Gehalt auf ihre Kosten nochmals zu- senden. Diese Streitigkeiten um das Recht der Urlaubserteilung be zogen sich auch auf die Erteilung des Sominsrurlaubes und der Krankmeldungen. Es ist eigentlich selbstverständlich und bedarf gar keines Nachweises, daß der Vorsitzende des Schiedsgerichts, der für den ordentlichen Dienstbetrieb beim Schiedsgericht haftbar ist, auch über den Urlaub seiner Bureaubeamten in dem vorgeschriebenen Rahmen zu bestimmen haben muß; Dr. Freund wollte zwar dem Schiedsgerichts- Borsitzenden zugestehen, daß er um seine Meinung befragt, also am Ende diese auch beachtet werden würde, anordnen aber wollte durchaus Dr. Freund den Urlaub. Aus Princip! sagt er; zur Wahrung seiner Autorität. Herr Dr. Freund erwies sich in dem Kampfe um seine Autorität als ein Mann von lauter Principien. Sogar über das Ofenheizen durch einen Bureanbeamten wollte er aus Princip bestimmen. Die drei in Berlin domizilierten Schiedsgerichte, von denen aber nur eins zur Landes- Versicherungsanstalt Berlin gehört, sind in demselben Gebäude untergebracht und auch ihre Kassengeschäfte sind an einer Stelle bereinigt und werden seit je von einem Beamten verwaltet. Dieser ist als Hilfsbeamter des Berliner Schiedsgerichts jetzt Beamter der Berliner Versicherungsanstalt und verwaltet die Kassengeschäfte der beiden andern Schiedsgerichte im Nebenamte. Seit Jahren und zur Zufriedenheit und zum Borteil aller Beteiligten. Auch die Beheizung der Bureauräume aller drei Schiedsgerichte wird seit Jahren von einem Beamten des Berliner Schiedsgerichts ausgeführt. Nach der Umwandlung der Anstellungs- Verhältnisse der Beamten des Schiedsgerichts verlangte nun Dr. Freund, daß seine besondere Genehmigung zur Ausübung dieser Nebenbeschäftigungen eingeholt werde. Nur aus Princip! Versagen wollte er sie keineswegs. Und dergleichen Kleinigkeiten mehr. Allenthalben zeigte Herr Dr. Freund daS Bestreben, wie ein kleiner Autokrat, geftagt zu werden um Dinge, über die er praktisch gar nichts wissen und sagen konnte, fiir die er immer, sollten seine Anordnungen nicht oft unaus- führbar werden, auf die Wissenschaft des Schiedsgerichts-Vorfitzenden angewiesen war. Dieser leitet die Dienstgeschäfte des Schiedsgerichts, er allein weiß, wie er seine Beamten verwenden mutz und deshalb mutz auch er das Bestimmungsrecht haben, nicht aber der Vorsitzende der LandesversicherungS- Anstalt, der in die Angelegenheiten des Schiedsgerichts doch nicht das geringste drein- zureden hat. Bei alledem bediente sich Dr. Freund bei seinem vielfachen Schriftwechsel mit dem Vorsitzenden des Schiedsgerichts gewisser Wendungen, wie sie allerhöchstens dem Vorgesetzten gegen den Unter- gebenen nachgesehen werden. Es war so weit gekommen, daß Herr v. Gostkowski es ablehnte, mit Herrn Dr. Freund noch weiteren Schriftwechsel zu pflegen. Der Vorsitzende des Schiedsgerichts beschwerte sich schließlich über Herrn Dr. Freund bei den zuständigen Instanzen und bekam allent- halben in der Hauptsache recht. Der Polizeipräsident, an den die Beschwerde zunächst zu gehen hatte, stellte sich auf die Seite des Schiedsgerichts-Vorfitzenden und ebenso das ReichS-Versicherungsamt, das formell zu entscheiden hatte. Namentlich in der GehaltSzahlnngs-Angelegenheit erklärte es zwar die Vorschußzahlung aus der Kasse des Schiedsgerichts als nicht korrekt, sprach aber Herrn Dr. Freund seine„ernstliche Miß- billigung" für sein Verfahren ans. Ebenso stellte sich der Ausschuß der Versicherungs-Anstalt auf die Seite des Schiedsgerichts-Vorsitzenden. Dort wurde auch die ernsteste Seite dieses Liliputstreites hervorgehoben. Es wurde darauf hingewiesen, daß die Beamten des Schiedsgerichts von dem an allen Prozeßfachen als Partei interessierten Vorstande der Versicherungs- anstatt unabhängig sein müssen. Es dürfe in ihnen nicht die Be- fürchtnng entstehen, daß sie in ihren persönlichen Verhältnisjen abhängig seien vom Vorstände der Versicherungsanstalt. Es wurde dem zwar entgegengehalten, daß die Rechtsprechung ja nicht von den Bureau- beamten ausgeübt werde, und daß diese überdies GrundGesetzes in ihren Anstellungs-, Gehalts- und Auftücklingsverhältnissen vom Vorstande der Versicherungsanstalt abhängig seien, welcher Zustand auch nur gesetzlich geändert werden könne. Doch wurde auch darauf hingewiesen, daß thatsächlich schon der Vorsitzende des Schiedsgerichts die Abberufung eines Beamten habe verlangen müssen, der ihm von der Versicherungsanstalt Brandenburg überwiesen war; er hatte bei der Aktenbearbeitung fortgesetzt im Interesse dieser Anstalt gehandelt. Diese Gefahr ist auch in der That nicht von der Hand zu weisen. Wenn auch die Bureaubeamten an der Rechtsprechung nicht teilnehmen, so sind siebet der Aktenbearbeitung trotzdem in der Lage, in bestimmten Grenzen cinseinge Interessen wahrzunehmen zum Nachteile des rechtsuchenden Publikums und es wird deshalb auch der Gesetzgeber an diesem Kleinkriege zwischen den beiden Behörden nicht achtlos vorübergehen dürfen. Es dürfte unter Umständen doch wohl zu erwägen sein, ob die Stellung der Hilfsbeamten der Schiedsgerichte nicht geändert werden mutz. Es ist ohne Zweifel ein widerspruchsvoller Znstand, daß eine Berufungsinstanz mit ihrem ganzen Bureanpersonal abhängig ist von einer Instanz, deren Entscheidungen sie nachzuprüfen und I eventuell zu korrigieren berufen ist. Gewerdcgerichtliches. In Erfurt wurden in der Klasse der Arbeiter sämtliche Kandidaten des Gelverkschaftskartells gewählt und in der Klaffe der Unternehmer ebenso bis auf einen, der mit einer Stimme Minderheit gegen den Kandidaten der Innungen unterlag. Vollständig siegte die Liste des Gewerkschaftskartells so» wohl in der Klasse der Slrbeiter wie der der Unternehmer in E i s e n a ch. Die Arbeiterliste des Gewerkschastskartells wurde auch in Jena gewählt und zwar ohne Gegenliste. Dasselbe geschah in Hanau. In F r e i b u r g i. B. wurde zum erstenmal nach dem System der Verhältniswahl gewählt. Das Gewerkschaftskartell erhielt 759 und die christlichen Gewerkschaften 636 Stimmen; es gelten danach von jeder Partei fiinf Beisitzer als gewählt. Huö der Frauenbewegung. ArbtitkrilMtil Sellins, wahret Eure Rechte! Die Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung, die zum Schutze der Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter erlaffen sind, werden viel- fach seitens der Unternehmer nicht beachtet und die Rechte der Arbeiterinnen werden oft gekürzt. Das Gesetz bestimmt: Die Arbeitszeit dauert für Arbeiterinnen über 16 Jahre 11 Stunden täglich, mit einstündiger Mittagspause; an Vorabenden von Sonn- und Festtagen nur 19 Stunden, und es muß die Arbeitsstätte an diesen Tagen bis spätestens ö'/a Uhr verlassen sein. Jugendliche Arbeiter von' 14— 16 Jahren dürfen täglich nur 19 Stunden mit einstündiger Mittagspause sowie je■/»stüntngei Frühstücks- und Vesperpause beschäfttgt werden. Kündigungen und Entlassungen. Griinde für sofornges Ver- lassen der Arbeit sind z. B.: Unsittliche Angriffe der Unternehmer oder ihrer Vertteter, Thätlichkeiten, grobe Beleidigungen, un- regelmäßige Lohnzahlung, bei Accordarbeit nicht ausreichende Be- schäftigung usw. Die Kündigungsfrist beträgt 14 Tage; sie kann durch gegen- seittge Vereinbarung ausgeschloffen werden. Wenn Kündigungsfristen bestehen, müssen sie für beide Teile gleich sein. Ausstellung von Zeugnissen. Die Arbeiterin hat das Recht, ein Zeugnis über Art und Dauer ihrer Beschäftigung zu verlangen; be- sondere Merkmale, welche die Schädigung der Arbeiterin zur Folge haben können, sind ungesetzlich und zurückzuweisen. Strafgelder. Bestinnnungen über Lohnabzüge in Form von Strafgeldern müssen in der Fabrikordnung, die sichtbar aushängen muß. bekannt gegeben sein. Die Verhängung jeder Strafe muß der Arbeiterin ohne Verzug mitgeteilt werden. Hygienische und Schuymaßregeln. Arbeitsräume. Betriebs« Vorrichtungen, Maschinen und Gerätschaften sind so einzurichten und zu unterhalten, daß die Arbeiterinnen gegen Gefahren für Leben und Gesundheit geschützt sind. Es ist für genügend Licht, reine gute Lust, Beseittgung von Staub und Abfällen zu sorgen; ebenso sind Schutzvorrichtungen an Maschinen anzubtingen. In Anlagen, deren Betrieb es mit sich bringt, daß die Arbeiterinnen sich umkleiden und nach der Arbeit reinigen, müssen ausreichende, für beide Geschlechter getrennte Ankleide- und Waschräume vorhanden sein. Bedürfiris- anstalteir müssen in genügender Zahl vorhanden und so eingerichtet sein, daß Sitte und Anstand nicht verletzt werden. Arbeiterinnen, achtet darauf, daß diese zu Eurem Schutze er- lassenen gesetzlichen Bestinnnungen durchgeführt und innegehalten werden. Wir weisen darum von neuem darauf hin, daß nachstehende Personen bereit sind, mn es den Arbeiterinnen zu ermöglichen, ohne Nachteile für ihre Existenz auf Beseittgung der Mißstände in den Arbeitsstätten hinzuwirken, lnahrheitsgetreue Beschwerden entgegen- zunehmen und für schleunigste Abhilfe Sorge zu tragen. Die Namcn der Beschwerdeführer werden streng geheim g«- halten! Beschwerden nehmen entgegen: Fräulein Baader, Blücher� stratze 49, Hof n. Frau Bauschke, Rostockerstr. 43, Oüeraeb. t Frau Dr. Wehl, Loihringerstt. 67, I. Frau Lu», Waterloo-Ufer 9, ini Laden. Frau Mesch, Lychenerstr. 3, linker Aufg. IV. Frau Tieh, Blumenstr. 63, I rechts. Frl. Hcidcmann, Alte Jakobstr. 193, IV. Frl. Grünberg, Äöpnickerstr. 3 b. IV. Frau Jeebe, Ripdorf, Steinmetz- straße 120, Hof I. Frau Schmidt, Eyarlottenburg, Wilmersdorfer- stratze 139. Sprechzeit jeden Mittwochabend von 7— 9 Uhr. Gewerkschafts- Bureau, im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 16, im Laden. Vorm. 9—1 und nachm. 6—8 Uhr. Die Gewerbe-Jnspettions- Assistentinnen Frl. Reichert, Engel- Ufer 4, Frl. Kümmert, Georgenkirchplatz 21, Frl. v. Bennigsen-Förder, Prinzen-Allee 88, sind für Arbeiterinnen allein jeden Donnerstag von 7—8 Uhr abends und jeden ersten Sonntag im Monat von 9—10 Uhr vormittags zu sprechen. Dir Bcschwerdckommission der Arbeiterinnen Berlins. Versammlungen. In der Kronen-Braucrei tagte am Mittwoch wieder eine stark besuchte Kommunalwähler-Versaminlung. Genosse Ewald, der seit- herige Vertteter des 43. Kommunal-Wahlbezirks sprach hier zu seinen Wählern. Er begann seine Ausführungen mit der Bemerkung, daß es Freisinnige in Berlin gar nicht mehr gebe, denn die preußischen Landtagswahlen haben gezeigt. daß die, welche sich Freisinnige nennen, mit den Reaktionären ein Herz und eine Seele sind. Uns kann es nur recht sein, wenn sich die Parteigruppierung so gestaltet, daß alle bürgerliche Parteien vom Freisinn bis zur äußersten Rechten uns geschlossen gegenübertreten. Wir wissen dann mit wem wir es zu thun haben. Mit entschiedenen Gegnern ist immer noch besser fertig zu werden. wie mit falschen Freunden. Wie auf politischem so gehören die Freisinnigen auch auf kommunalem Gebiet zu denen, die weder Ver- ständnis für die Interessen deS Volkes, noch den Willen haben, diese Interessen zu vertreten. Der Redner besprach eine Reihe der be- kannten Vorkommnisse auf dem Gebiet der städttschen Verwaltung und zeigte dabei, wie sehr die Interessen der arbeitenden Be- völkerung durch die Vertteter des Freisinns geschädigt worden sind. wie diese Herren immer nur nach„oben" schielen, und auf einen Wink von hoher Stelle heute das umzustoßen bereit sind, was sie gestern erst beschlossen haben. Es kann keine Frage sein, daß die Berliner Arbeiter solche Leute nicht zu ihren Verttetern machen, eS kann auch nicht fraglich sein, daß der 43. Bezirk auch diesmal wieder für unsre Partei gewonnen wird, aber es kommt auch darauf an. daß der Sieg mit einer bedeutend größeren Stimmenzahl wie bei der vorigen Wahl erningen wird, und ferner gilt es. auch den 42. Bezirk den Freisinnigen abzunehmen. Dafür möge jeder Genosse seine Kraft einsetzen.— Nach dem mit lebhaft anfgenonmrenen Vorttage richtete der Vorsitzende. Karl Fischer, die Mahnung an die Anwesende», für rege Wahlbeteiligung und Mitarbeit Sorge zu ttagen, worauf er die Versammlung mit einem Hoch auf die Social- demokratte schloß._ Marktpreise von Berlin am 25. November 1903 nach Ermittelungen des tgl. Polizeipräsidiums. «"Weizen, gut D.-Ett. mittel gering„ «"Roggen, gut mittel, gering„ fGerste, gut mittel„ gering iHajer, gut mittel gering Richtsttoh Heu„ Erbsen Speisebohnen„ Linsen « ab Bahn. 15.90 15,84 15,78 13,00 12.95 12,92 14,50 13,20 12,00 15,60 14.60 13,60 4,16 7,20 40.00 50,00 60.00 15,87 15,81 15,75 12,98 12,94 12,90 13,30 12.10 10,90 14,70 13,70 12,70 3,66 4,90 25,00 25,00 20,00 Kartosseln, neue D.-Ctt. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch„ Schweinefleisch, Kalbfleisch Hammelfleisch mtter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 4 l-£ per Schock 6,50 1,80 1,50 1,60 2,00 1,80 2,80 5,00 2,20 2,80 2,60 2,00 1,80 3,00 1,40 15,00 5,00 1,20 1,10 1,10 1,20 1,10 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,00 0,80 1,40 0,80 3,00 ici Wagen und ab Bahn. Freitag, den 27* November, abends 9 Uhr: 11 Volksversammtungen in folüßnhen lokalen: ona/iQ* 1. Kreis: Snäustrie-Tesisale, Beuthstr. 20/21 2* Kreis: Kabels Brauerei, Bergmannstr. 5/7, 3. Kreis: dresdener Kasino, Dresöenerstr. 96 4 Kreis sSiidost): Urania-Tale, Wrangelstr. 9/10. Tagesordnung in allen Versammlungen: Zahlreichen Besuch erwarten in folgenden Lokalen: 209/13s 4 Kreis(Ost): Königsdank. Gr. Frankfurterstr. 117 3. Kreis: Teküizenkaus. Liniellstr. 5. 9. Kreis: 7rodels Allerlei- Theater, Schönhauser Allee 148. Wilhe, Brunnenstr. 188. Schmidt, Gartenstr. 9. Lehmann, Schulstr. 29. Kronen-Brauerei, Alt-Moa6it47/49 Verkündigung des WaHlresnltats. _ Nie Vertrauensleute. — Heute giebt es wieder rische Bwt- und Scki WurSt in bekannter tadelloser Qualität. »ieli. iugiizliii, „Vorwärts"- Haus. Frühstücks- und Mittagstisch. Sitzungszimmer. U 3* �TBChfabrik-Hiederlage Berlin C1., Rosiftr. 3, Koch& Seeland enorm billige Reste für Herren-Anzüge, Winter•Paletots, Hosen, Kinder-Anzüge usw. • Basnen-Tuche.• Allen Verwandten und Be- kannten zur Nachricht, datz mein lieber Mann, unser guter Bater, der Metallarbeiter »himiin Gärtner nach langen schweren Leiden«er- schieden ist. 34346 Dies zeigen tiesbetrübt an Witwe Gärtner nebst Kindern. Admiralstr. 3. Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag 3 Uhr von der Halle des neuen Aacobi- Kirchhofes, Nixdors, Hermann- stratze, aus statt. Nickel-Remont.-Uhren von 5 M. an Silb. Remont.-Uhrcn„ 8„ Gold. Remont.-Uhren„15„ Regul.-Nussb.-Uhren„ 9„ Reelle schriftliche Garantie. E. Möbis, Koppen• Strasse 3 Min. v.Sckil.Babnb. Todes-Anzeige. Den am 25. d. M., nachts 2>/, Uhr, erfolgten Tod ihrer gc- liebten Tochter 3482b Qertrud Vogt zeigen tiefbetrübt an Paul Vogt nebst Frau. Beerdigung Sonnabend S'/a Uhr vom Paul Gerhardt-Stist.__ lifttii«}! Kauanschläger! AA««!,! Der Lokalverein der Bauanschläger Berlins und Umgegend am Sonntag, den SS. November 1SOZ, vormittags lO'/a Ubr Versammlung''HW bei Franke, Sebastianftrafie Zg. 3449b Mitglieder werden aufgenommen._ Per Vorstand. Deutscher Holzarbeifer- Verband. Sonntag, den 39. November 1903, vormittags 10 Uhr, im Gcwerkschliftshausc, Engcl-Ufer 15, Saal 1: Versammlung; der Sinsefzer Berlins und Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Bortrag des Kall. Pendel. L.Wahl eines Revisors. 3. Branchenangelegenheiten. Die Kollegen werden ersucht, pünktlich zu erscheinen. Ger Gbmsrm. Tischler-Verein zu Serlin. (£. H. 89.) Sonnabend, den 28. November, abends S'/o Uhr, Melchior-Straße 15; IW" Versammlung"WD TageS-Ordnung: 1. Bortrag des Rcichstags-Nbgeordncten Herrn Gr. Südekum über:„Das Wesen des Arbeitsvertrages". 2. Diskussion. 3. Vereinsangclegcnhcitcn. OT3. Die Billets zum Weihnachts-Vergnügcn am 1. Feiertag in Herzbergs Dresdener Kafino, Dresdenerstr. SS(Soiree der Leipziger Sänger und Ball) gelangen zur Ausgabe._ 200/6 IMr Ausnahme«euer Mitglieder.-ME Gäste(auch Frauen) haben Zutritt._ Per Vorstand. Centrai-Verband der Zimmerer Deutschlands ZabUtelle Berlin u. Umgegend. _ Sonntag, den 29. November 1903: MW"' 2 Versammlungen."Wf Bezirk 4(Osten): Nachmittags 5'/� Uhr bei Keller, K oppenstrafte 39(oberer Saal). Tages-Ordnung: Die Gewerkfchattsbeweguug und was müssen die Frauen davon wift'en. Rescrenfin Genossin Frau Thiede. Bezirk 15(Kladorf): Nachmittags 3 Uhr bei SIercler, Steiumevstrafte 113. Tages-Ordnung: 1. Gewerkschaftliches. 2. Das Unfall versicherungSgeseft und seine Bedeutung für die Arbeiter. Nesercnt Arbeitcrsekretär Genosse G. l.ink. 254/17 DV Es ist Pflicht der Mitglieder, vollzählig zu erscheinen.-TDE Im Bezirk 4 findet die Versammlung mit Frauen statt. Per Vorstand. Zmpkekten unser Keiles u. dunkles Tafelbier: Gambrinusbräu(Münchener) Nepomukbräu(Pilsener) Böhmisches Brauhaus no. Faso- Abteilung: Landsberger Allee 11/13. T. VII. 5088. Flaschen-„ Frieden-Strasse 93. T. VII. 1670. Unsre Original-Äbzug-Flaschenbiere in tast allen Kolotiialwarcti-Randlungeii. Herren-Kragen,• —• reinleinen, garantiert Ifach,— verschiedene Faeons in allen Weiten, StlEk 15 PI., so lange der Vorrat reicht. Geschlossene Kragen per Dnizemi 3 Hlk. und 3 Mk. 50 Pfg. Manschetten, Prima, garant. Ifach �/z Out-encl 1.80 jVIk., vderbemdon, Gerviteurs, llranstton, in größter Auswahl, Trikotsgen, Ltrtimple, Hosentritger. Handschuhe. Detailverkauf zu Engrospreisen. Ernst Marcnse, Münzstr. SS. Restaurant?aul Scholz Barutherslr. 22, Ecke Zossenerstr. 1. 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Frankfurterstr. 133, Hos Part.— 8P.: Paul Böhm, Lausitzerplatz 14/15 (Laden).— 8eehster Wahlkreis(Moabit): Karl AnderS, Salzwedelerftr. 8, im Laden.— Weddlng und Pranienhurger Vorstadt: Emil Stoltzenburg, Wiefenstr. 41/42.— Hoseu- thaler Vorstadt, tiesumlhrunuen, Reinickendorf(Ost und West), Wilhelmsruh und Schtinholz: Hermann Raschle, Rügenerstr. 24, vorn Part, links.— Schllnhauser Vorstadt: Karl M a r s, Kastanien- Allee 95/96.— Alt-«Uenleke: W. P r i e», Rudowerslr. 68.— Chart Ottenburg: Gustav Schar uberg, Sesenheimerstr. 1, Ecke Goethestrafje, vorn IT— Peutsch- Wilmersdorf: W. Nickel, Uhlandstr. 108, Part.— Friedrichsberg- Friedrlchsfelde- Wrllhelmsberg- Hohenschönhausen: Otto Seilei, O. 112, Kronprinzenstraße 50, I.— Orünau; Fritz B u d a ck, Könistr. 1, II.— Hlxdorf: M. Heinrich, Prinz Handjerystratze 7, im Laden.— Schöneberg: Wilhelm B ä u m l e r, Martin Lutherstr. 51, im Laden.— Pher- Schöne- weide: Otto M ü n z e r, Ohmstratze 1 a, 2 Treppen.— Wieder- Schöneweide: Bonakowsky, Berlinerstr. 8.— Johannisthal: Paul Mann, Bismarckstr. 7.— Adlershof: Gustav Hitze, Hackenbergstratze 8.— Köpenick; Friedrich Woick, Grünstr. 29.— Friedenau-Steglitz: H. Bernsee, Schlotzstr. 115, Gartenhaus I, in Steglitz. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: H. M 0 h r, Düppelstr. 8, und Fr. S ch e l l h a s e, Ahornstr. 15».— Haumsehulen» weg: Stock, Ernststr. 2,11.— Treptow: R. Voigt, Elsenstr. 37, vorn III i.— Wen-Weissensee: W. R e s k e, König-Chaussee 33a, 1. — Kummclsbiirg: Forgbcrt, Prinz Albertstr. 5».— Tegel, Borsigwalde. Palldorf und Waldmannslnst: Paul Kienast, Borsigwalde, Schubarlstr. 43.— Pankow: K. Kümmert, Florastr. 43. Außerdem ist sämtliche ParteUitterawr sowie alle wissenschaftlichen Werke dort zu haben. 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Dr. Simmel, sÄ Specialarzt für[35/16* Haut- und Harnleiden. 10—2,5— 7. Sonntags 10— 12 2—4. Dr. Schünemann spccialarzt für Haut-, Harn- und itzrauenleiden, üievdelstr. v. 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II z,«x» Mk. 241 zu 3000 Mk. 357 zu WV0 Ml.£94 zu 600 Mk. IG.yieljiinn S.Klasse 209.KgI.Preuss. Lotterie. Riehunz Bora 20. NdBeuiier 1903, uachmiitazZ. Nur die Gewinne über 249 Mk.[>nd den bcise.icudcu Nummern in Mammen! bcizesüat. (Ohne Gewähr.) Nachdruck Berbolci!. 318 763 867 966 1369 412 581 607 15[1000] 820 31 53 92 2060[500] 61 434 510 11000] 650 707 931 44 3082 85 127 73 234 79 431 821 36 940 71[500] 4022 45 132[5001 77 95 328 426[5001 73 540 82 607 8[5001 767 5012 257 372 495 677 745 94 833 956 60 6168 224[30001 74 79 345 502 51 73 817 43 996[10001 7102 202 383 644 [500] 79 8085 394 95 516 663 716 63 860 904 90 9023 332 411 591 970 93 10177 212 44 309 33 641 760 946 1X029 587[5001 89 733 817 965[5001 12009 35 107 257[6001 72 76 568 93 762[5001 76[30001 870 73 1 3005 81 137 38 89 431. 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I e« 80 WO Mk. Z zu 18 000 Mt. «,» 10 000 Mi. 10 zy 8V0O KL 1QS 1U 5000 Sit.»7 11 JOOO PI, 47« zu»00'•-- t Jedes Wort: Wort fett, n gr Jß Buchsfaber Pfennig, _ Nur das erste Wort fett. Worte mit mehr als Buchstaben Sühlen doppelt. 2 /Cleine /Inzeigen. D Anzeigen in den AnnaJimesielleji für Berlin bis 2 Uhr, für die Vororte bis J Uhr, in der Ilauptexpedition Linden Str. 69, bis 4 Uhr angenommen, wte A rden M lin Ml Z» 'M Verkäufe. Restauration mit VercinSziinmer bcrkäuflich Kurstratze 22. 34596* GardinenhauS GrotzeFranksürier- stratze 9, parterre. t37' Herrenanzuge, Matzstosfeu Hochvornehme Wmterpalelots, scinsten herrührend, 18,00—38,00, Beinkleider 8—11 Mark. Deutsches Versandhaus, Jäg-rstratze 63, 1 Treppe._____ 1938a* 'Winterüberztehcr. Herrenanzüge, wenig getragene Monatsgarderobe von 6,00 an, grotze Auswahl, auch neue, zurückgesetzte, kaust man am billigsten direkt nur beim Schneider- meister Fürstenzclt, Noscuthaler- stratze 15, III. 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Der Zuzug für Stockarbeiter aller Branchen ist streng fern- zuhalten bei MclimiUlng & Barta, Thüringerstr. 18. 88/9 Die Ortaverw altnng. Achtung! Holzarbeiter! In der Möbelfabrik von Vi. Kümmel, frankfurter Allee Nr. 117», besinden sich sämtliche Arbeiter aller Branchen seitdem 13. Oltober im Streik. Zipg streng fernhalten! * Tie Ortsverwaltuug. Wims! Rohm! Ais gesperrt sind zu bcirachlen: H. Beermann, Lehrterstr. 48 u; Julius Beermann, Südendc; W.Stahl. Wollankjtr. 67; C. Jugold. Prinz Eugcnftr. 24: A. arause. SiemenSstr. 28- A. Schrödter, Gr. Hamburgerstr. 30a:(f. Weise jun.. Wilmersdors. 292/5* HI« ll/okinlrommlavlon. !M77. 20.14«. Z Keilllze des Dmjlck" KerlijM Wikshllltt. kr.iw 27 N�.-.� StaötveroräneteMahIen finden in der dritten Wählerklasse heute, am S7. November von morgens 9 bis abends 8 Uhr in den folgenden Kommunal- Wahlbezirken statt, in denen die dabei benannten Kandidaten seitens der Socialdemokratie aufgestellt find: 2. Kommunal-W ahlbezirk: Waldeck Manasse. Die Parteigenossen, welche heute helfen wollen, werden ersucht, sich an folgenden Stellen einzufinden: 1. Wahlkreis: Morgens 8 Uhr im Centtal-Wahlbureau bei Glaue, Krausenstr. 18. 2. Wahlkreis. Morgens 8 Uhr: 5. Kommunalbezirk bei Kumke, Bülowstt. 39(Ceittral- Bureau); 8. Kommunalbezirk, die Stadtbezirke 67, 70 bei Seidel, Mittenwalderstt. IS; Stadtbezirke 88. 69, 71 bei Scholz, Zossenerstr. 1 sCenttal-Bureau); Stadtbezirke 72, 73, 74 bei Wolf, Plan-Ufer 27. 3. Wahlkreis. Morgens 8 Uhr für den 17. Bezirk: Restaurant Wolf, Prinzenstr. 23; Restaurant Afimuß, Prinzenstr. 69; für den 18. Bezirk: Restaurant Wendt, Alexandrinenstr. 39; Restaurant Zessel, Sebastianstr. 38. Die Parteigenossen aus andern Wahlkreisen, welche sich uns noch zur Verfügung stellen wollen, werden ersucht, sich nach der Ceittrale, Alexandrinenstr. 39, zu begeben. Vierter und fünfter Wahlkreis. 24. Bezirk bei Paul Litfin, Warschauerstr. 61; H. Baumgarten, Äönigsbergerstr. 7; Oskar Blume, Stralauer Allee 31b. 2ö. Bezirk bei Otto Franke, Zorn- dorferstratze 8. 23. Bezirk bei Schultze, Weberstt. 40 a; Post, Fliederstr. 5, und im Centralbureau, Rosenthalerstt. 57(fünfter Kreis). Vierter Wahlkreis früh 7'/z Uhr auch bei Pitsch, Lübbenerstr. 1 (Fernsprecher Amt IV Nr. 1709). Fünfter Wahlkreis. Freiwillige Hilfskräfte für die Stadt- berordneteuivahl wollen sich ftiih von Uhr an bei Belker, Neue Königstr. 60, melden. Sechster Wahlkreis. Früh 8 Uhr: 31. Bezirk: Behrend, Chorinerstr. 7; Wernau. Schwedtcrstr. 23(Amt III. 636); Fiedler. Saarbrückerstr. 6. 37. Bezirk: Korff, Elisabethkirchstr. 18; Weig- mann. Bernauerstr. 94; Dicke, Ackerstr. 123(Amt III, 5114). 39. Bezirk: Aeissen, Gartenstr. 101; Michaelis, Eichendorffstr. 21; I. Kaiser, Pflugstr. 6(Amt HI, 5422). 42. Bezirk: K. Streit, Kirchstr. 22. 43. Bezirk: K. Fischer, Waldstr. 8(Amt II. 660). 47. Bezirk: August Doyo, Müllerstr. 32a; Herrn. Schwankt, See- straße 25; Adolf Abeirdroth, Badstr. 42/48; Joh. Frille, Maxstr. 13b (Amt II. 3157). Die Genossen, welche nicht den ganzen Tag helfen können, werden gebeten, sich wenigstens nachmittags besonders zwischen 5 und 6 Uhr in obigen Lokalen zur Verfügung zu stellen. Parteigenoffen, beteiligt Euch zahlreich an der Agitationsarbeit: Wer es irgendwie einrichten kann, übe sein Wahlrecht schon vormittags aus! Die focialdemokratifchen Wähler der ersten und zweiten Ab- teilung werden ersucht, morgen und übermorgen in allen zur Wahl stehenden Bezirken ihre Stimmen auf den Genossen Paul Singer zu vereinigen. Heute abend 8 Uhr finden zur Berkündung des Resultats der Gtadtverordnetenwahl in Berlin Volksversammlungen statt, und zwar in folgenden Lokalen: Jndustrie-Festsäle, Beuthstr. 20/21; Habels Brauerei, Bergmannstrafie 5—7; Königshof, Bülowstrafie 37; Dresdener Kasino, DreSdenerstr. 96; Urania-Säle, Wrangelstr. 9/10; Königsbank, Große Frankfurterstt. 117; Schützenhaus, Linienstt. 5; FröbelS Allerlei-Theater, Schönhauser Allee 148; Wilke, Brunnen- straße 188; Schmidt, Gartenstr. 9; Lehmann, Schulstr. 29; Kronen- Brauerei, Alt-Moabit 47—49. Zahlreichen Besuch erwarten Die Vertrauensleute. Der Prozeß Kwilecki bewegt die Gemüter der Reichshauptstadt natürlich noch lebhaft. Wenn man den in dieser Angelegenheit einlaufenden Berichten trauen darf, so ist die Gräfin als die eigentliche Hauptperson des Dramas ungefähr in der Lage des Grafen W a l d e r s e e, als dieser nach Chma zog. wobei natürlich der Unterschied zu vermerken ist, das; der Weltmarschall damals seine Lorbeeren aus offiziellen und offiziösen Kreisen auf Vorschuß erntete, wogegen die Gräfin für ein hinter ihr liegendes Martyrium von der Bevöllerung als Heldin des Tages gefeiert wird. Die Dame war für die Reportage natürlich cm fetter Bissen und mußte sich von einer Mitarbeiterin des„Berliner Tageblatt" gestern früh interviewen lassen. Das wäre an sich belanglos, beachtenswert ist aber, daß die Gräfin dem erwähnten Besuch außer 200 Glückwunsch- telegrammen den folgenden, vom 24. November, also dem Tage vor der Freisprechung datierten Brief ihres liebe» Feindes Hektor Kwilecki zeigte: Herrn Justtzrat Wronker. Hochwohlgevoren. Bevor der Richterspruch gefällt worden ist, fühle ich mich verpflichtet, folgende Erklärung abzugeben: Ich bin durch den Gang der Verhandlungen zur Einsicht gelangt, meine Verlvandte auf Grund von inir nicht zu beweisender Thatsachen beschuldigt zu haben. Nachdem ich dieses ausspreche, ersuche ich Euer Hochwohl- geboren ergcbenst, den beteiligten Personeil dieses initteilen zu lvollcn; auch hoffe ich, daß dieselben meinen Irrtum werden entschuldigen wollen. Hochachtungsvoll Hektor Kwilecki. Die Verteidigung hat bekanntlich in der Verhandlung von diesem sensationellen Brief keinen Gebrauch gemacht. Ueber ihre Behandlung in, Untersuchungsgefängnis sagte die Gräfin u. a.: „Das schlimmste für mich während der Untersuchungshaft war, daß ich bis August keinen Spiegel hatte. Denken Sie, eine Dame ohne Spiegel I Und dann noch eins. Um 6 Ilhr wurde mir das Eßbesteck fortgenommen. Wollte ich nachher noch etivas ge- nießen, so mußte ich mit den Fingern essen. Abscheulich, nicht wahr? Sehen Sie mich nicht an l Ich bin arm Ivie Hiob, habe nichts zum Anziehen. In der Haft schrieb ich viele Briefe, las alle Zeitungen, freilich nur deutsche, die polnischen waren mir vcr- boten, und sogar eine Handarbeit habe ich gemacht... In einem kleinen Koffer hatte ich meine nötigen Toilettesachen, nur der Gebrauch von Schere und Nadeln war mir untersagt. Von Januar bis Juli habe ich mit niemandem im Untersuchungs- gefängnis sprechen dürfen. Erst dann erhielt ich die Erlaubnis, mit den Oberauffehettnnen während der vorgeschriebenen Promenade zu sprechen." Der Prozeß verursachte auch gestern noch mancherlei Auf- regung iin Kriminalgerichts- Gebäude, insbesondere im Raum der Gcrichtskasse, die noch von zahlreichen Personen behufs Auszahlung der Z e u g e n g e b ü h r e n in Anspruch genommei, wurde. Daß es dabei zu vielfachen Auseinandersetzungen und Beschwerden über die Berechnung der Zeugengebühren kommt, ist selbstverständlich. Zu den Personen, die mit der für sie herausgerechneten Geldsumme nicht zuftiedei, waren. gehörte die Haupt- belastungszeugin Hedwig Aiidruszewska, bei Ivelcher als entgangener Arbeitsverdienst die Summe von 1,50 Mark pro Tag angenommen war. Sie beanspruchte einen höheren Satz, da sie in ihrer Heimat einen höheren Tagesverdienst habe, mußte sich aber mit dem Hinweise begnügen, daß sie bei Gericht s ch r i f t- li ch einkommen solle.— Auch der kleine Graf erschien in Begleitung der beiden Komtessen an der Gerichtskasse, da auch für seinen und seiner Begleiterin Aufenthalt in Berlin nicht unbedeutende Kosten entstanden waren, die nun durch die Gerichtskasse ersetzt wurden. Als die Komtessen mit der unschuldigen Hauptperson des langwierigen Prozesses das Gerichtsgebäudc verließen und eine Droschke bestiegen, Ivurde die Gruppe vom Straßen- Publikum erkannt. Im Nu war die Droschke von einer großen Menschenmenge umlagert, die dem zukünftigen Dkajoratsherrn von Wroblelvo und seinen Begleiterinnen deutlich ihre Sympathie be- kündete.— Unter der Verzögerung des Kwilecki-Prozesses durch die Hercitiernng des Zeugen Cwell und andrer Zeugen aus Warschau hat auch die gesten, begonnene neue Schwurgerichtstagung zu leiden gehabt. Sie sollte schon am Montag ihren Anfang nehmen; Hals über Kopf mußten aber die Geschworenen abbestellt und die ersten Termine aufgehoben werden, da der Schwurgerichtssaal erst gestern frei wurde. Die Entlastungszeugin Frau Wieckolvska aus Wroblewo, die, wie wir seiner Zeit berichteten, auf den Antrag des Ersten Staats- anwaltS Dr. Steinbrecht unter dem dringenden Verdacht des Meineides und der Begünstigung in, Laufe des neunten Ver- Handlungstages verhaftet loorden war, ist gestern mittag aus dem Ilntersuchungs gefängnis entlassen worden. Sie hatte im Gegensatz zu ihrer früheren vor dem Untersuchungsrichter beschworenen Auslage in der Hauptverhandlung eidlich bekundet, daß die alte Aniela Ändruszewska am Tage der Geburt des kleinen Joseph Stanislaus in Wroblewo anwesend war. Die Verhaftung dieser Zeugin hatte, wie wir seiner Zeit berichteten, dem bekannten Juristen Justizrat Staub Anlaß zu Betrachtungen über Mängel im Boruntersuchungs-Verfahren gegeben. Assessor M ü l l e r, der als Vertreter des Zweiten Staatsanwalts den Geschwornen in seiner Anklagerede so ungeschickt vor den Kopf stieß, sollte nach Elberfeld strafversetzt werden, doch hat er es, wie das„Verl. Tageblatt" ebenfalls meldet, vorgezogen, seinen Ab- schied aus dem Staatsdienst zu nehmen. In der Presse giebt sich nur eine Stimme der Befriedigung über den Ausgang des Prozesses zu erkennen. Bemerkt sei u. a. eine Mitteilung der„Voss. Ztg.": Die Gelchworenen haben mit Opferfreude ihres Amtes gewaltet; sie haben auch Verständnis für die Vorgänge und für die Personen bewiesen und sich in ihrem eigcnenUrteil durch nichts beirren lassen. Es klingt freilich wie eine Satire auf das Verfahren, Ivenn einer der Geschworenen im Gespräch auf die Bemerkung, er dürfe doch nur den Zeugen glauben, die vereidigt wurden: lächelnd antwortete:„Im Gegenteil, in diesem Prozeß glauben wir nur den Zeugen, die unbeeidigt gelassen wurden". Die Geschworenen hatten ebenso wenig wie die Zuhörer oder die öffentliche Meinung ein andres als sachliches, ideales Interesse am Ausgang des Prozesses. Das„Berliner Tageblatt" erörtert die bedenkliche Taktik des Staatsanwalts und des Untersuchungsrichters: Zeugen, die belastend aussagen, werden in der Vorunter- suchung vereidigt und sie iverdcn damit aus ihrer Aussage fest- genagelt, ivenn sie sich nicht einer Anklage wegen Meineids aus- letzen»vollen. Gegen Entlastungszeugen»vird dagegen, noch bevor der Prozeß beendet ist, ein Strafverfahren wegen Begünsttgung eingeleitet und daraufhin ihre Vereidigung abgelehnt. Diese Taktik hat Ivohl nicht zum m i n d e st e n dazu beigetragen, daß in diesem Prozeß die Geschivornen die Schuld fragen ver- «einten. Aber sie zeigt doch deutlich, daß hier etwas faul im Staate Dänemark ist, und so rufen»vir den Männern, welche über die Reforin unsres Strafprozesses zu beraten haben, ein dringendes„eaveant consules" zu. Hoffentlich sind die Lehren dieses Prozesses nicht verloren. Die„Staatsbürger Ztg." schreibt: Der Prozeß kostet dem Staat die Kleinigkeit von etlva 150000 M. Der Ausgangspunkt des Prozesses ist der Wunsch des Grafen Hektor. Mazoratsherr von Wroblewo zu»verde«. Sein Wunsch ist unerfüllt geblieben, der Spruch des Civilgerichts hat sich aus strafrechtlichenr Wege trotz er- heblicher Aufwendungen, die er gemacht hat, nicht bc- seifigen lassen; er bleibt zu Recht bestehen, und der iin „Gothaer" bereits eingetragene junge Graf Joseph Adolf Stanislaus wird nach ineilschlicher Berechnung demnächst Majorats- hcrr von Wroblelvo»verden. Wäre es nicht angezeigt, ivenn Graf Hektor nun die Kosten dieses Prozesses mif sich nähme und damit die preußischen Steuerzahler uin ein Erhebliches ent- lastete? Ueber die Fehler der Staatsanwaltschaft äußert sich auch die „National-Zeitung: Nach dein Ausgange des Prozesses fragt»nan sich erstaunt, ob ein solches Aufgebot von— Nichtbeweismaterial vor den Ge- schlvornen»virklich nötig Ivar, ob der Fall Wroblewo einen andern Erfolg haben wird, als den, die neuerdings immer häufiger »verdendcn Klage»» über staatsanivaltlichen Ueba'eifer noch erheblich zu vermehren l Nur ein Blatt, nämlich der ftonune„R ei ch s v o t e", bemitzt den Prozeß, u>n für Dunkelmäimer- Pläne Propaganda zu machen: Man hat die öffentliche n Gerichtssäle schon öfter als eine Hochschule deS Verbrechertuins, dessei» Vertreter cS Vorzugs- weise sind,»velche die Zuhörerrämne belagern, bezeichnet; hier lernen sie,„wie es gemacht wird". Aber ivenn das auch vielleicht zu viel gesagt ist, so kaim daS dort verkehrende, meiste sehr minderwertige Publikum doch nicht als kompetent für die Kontrolle der Rechtspflege, wozu doch die Oeffentlichkeit bestimint sein soll, gelten; in dem übrigen Pliblikum aber wirkt diese Oeffentlichkeit abschivächend auf das Gewissen und die sittlichen Anschauungen, zunial wenn ein solcher Sensationsprozeß den andern jagt,»vie jetzt, wo auf den Bilse-Prozeß der Oldenburger Be- amtenprozeß und der Kwilecki-Prozeß folgte. Deshalb muß man iininer lvieder sagen: Schafft Wandel. Das Blatt ble,bt eine Erklärung dafür schuldig, inwieweit das als ininderlverfig bezeichnete Publikuin durch die ihm neuerdings in öffentlicher Gerichtsverhandlung vorgeführte»» Bilder zuin Kindes- unterschiebe»», z»lm Hazardspiel oder zu den militärischen Ui»gehörig- leiten, die im Bilse-Prozeß aufgedeckt sind, angeregt werde»» soll. Andre Leute als Gräfe»», Minister und Offiziere kommen als Ber- sühr»lngsobjekte ii» den erwähnte»» Prozessen kau»» in Betracht; »verden diese Meirschenkategorien aber von dem konservativen Blatt in»noralischer Hinsicht für so haltlos gehalten, daß aus den» bösen Beispiel hera»ls noch mehr solcher Sensationsprozesse zu erwarten wären? Eue Industrie und Kandel. Saatenstand in Deutschland. Um die Mitte des Monats November tvar der Stand der Saaten in Deutschland nach der amtlichen Statistik(Nr. 1 sehr gut, Nr. 2 gut, Nr. 3 mittel(durchschnittlich), Nr. 4 gering, Nr, 5 sehr gering): Weizen Winterspelz Roggen Junger Klee November 1903 2.3 2.1 2,3 2,3 Oktober 1903 2,4 2.1 2,4 2.2 November 1902 2,6 2,» 2,8 2,4 1901 2,2 2.3 2.1 2,5 1900 2,3 2,0 2,3 2.3 Dazu heißt es in den Bemerkungen des„Reichs-AnzeigcrS": Während im nordwestlichen Deutschlai»d das schon seit Anfang Oktober herrschei»dc, überwiegend nasse Wetter noch bis Ende desselben Monats anhielt und infolgedessen die Fortsetzung»md Becndiguilg der»»»»terbrochenen Bestellungsarbeiten sehr verzögert»vurden, trat in dein übrigen Deutschland' schon Mitte Oktober ein Umschwung zun» Besseren ein;»nildes, schönes Herbstwetter, daS die ganze Berichts- Periode hindurch anhielt, förderte hier die Bcstell»li»g»»»»d begünstigte die Entwicklung der frühen, solvie das Keimen der spätere»» Wiiltcr- saatci». Nachtsröste kamen nur vereinzelt vor. A»ls allen Gegenden kainen Klagen über das zahlreiche Auftreten von Feldmäuse»», die stellenlveise schon Ai»laß zu llmpfliigui»gen oder Nachsäungen gaben. Fast ebmso verbreitet zeigt sich die Ackerschnecke. Die schon im September in die Erde gebrachten Saaten haben sich schön ei»twickelt und kräftig bestockt»»nd gehen, abgesehen von stellenweisen Schädigungen durch Mäuse oder Schnecken, gut in den Winter über. Die erst nach der langen Regenperiode gesäten Halm- fruchte, und zivar der größere Teil des Weizens, aber auch ein erheblicher Teil des Roggens, lagen am Schlüsse der Berichts- Periode teils noch in» Keime, teils»varen sie erst in den letzte»» Tagen aufgelaufei». In einigen Gegei»dei», i», de»»en der Bode»» besonders'stark durchnäßt»var, ist die Herbstaussaat noch nicht beendet. Kohlensyilditat. In der gestrigen Zechenbesitzer-Versammlung des Kohlensyndikats»vurden der„Rheinisch-Westfälischen Zeifiing" zufolge die Richtpreise für Kohlen, Coaks und Briketts unverändert »vie bisher festgesetzt. Die Abgabe und die E>»tschädig»ll»g für bei» Mehr- und Minderabsatz für das letzte Vierteljahr lvurde a»lf 1 3)1. resp. 1,50 M. angesetzt; cbeiiso»vird die Höhe des Strafgeldes für jede Tonne der an die Beteiligten nicht gelieferten Menge auf 2 M. pro Tol»ne bestiinint. Der Absatz blieb im Monat Oktober gegen die Beteiligung»«»» rund 22 Proz. zurück. Die Forden»,»g»veist gegen September eine Steigerung von 1,81 Proz. und gegen Oktober des Vorjahres eine solche von 7,93 Proz. auf. Die Förderung betrug in» Oktober 4 942 540 Tonnen ii» 27 Arbeitstagen, das ist 183 057 Taimen pro Tag und ist gegen September um 3252 Tonnen, gegen Oktober 1902 um 13 442 Toi»!»en gestiegen. Der arbeitstäglichc Versand an Kohlen, Coaks ui»d Briquetts betrug 16 739 Doppellvaggons und stieg gegen September 1903 um 138 Doppelwaggons»nid gegen Oktober 1002 um 1023 Doppelwaggons. Stahllverksverband. Auch die„Kölnische Zeifimg"»vcitz von ernsten Differenzen zlvischen den verschiedenen Gruppen zu berichte», die sich zu einem Stahllverksverband zusamn»ei»sck>licßeli»vollten. Wie sie bestätigt, ist bei den letzten Verhandlungen über den Stahl- »verksverband eine Spaltung der beteiligten Werke eingetreten. Dabei stehen sich die rheinisch-Ivestfälischen Werke und die sogenannte Frank- furter Gruppe schroff gegenüber. Zu letzterer gehören die Burbacher Hütte, die Düdelinger Eisenhütte, die Jlseder Hütte und das Peiner Walzlverk, die Maxiinilianshütte in Rosenberg, die Röchlingschen Eisen- und Stahllverke, die Rombacher Hütte, Gebr. Stumm ii» Neunkirchen und de Wandel u. Co. in Hayingcn. Diese Werke fordern eine»»m 155 000 Tonnen höhere Beteiligung und sind ent- fchlossei», im Falle der Ablehiuing ihrer Fordening die Verhandlungen abzubrechen. Sie verfüge»» über eine Rohstahlerzeugung von etwa 2l/n Millionen Tonnen. " Andrerseits besteht bei verschiedenen der größten rheinisch-west- fälischen Werke keine Neigung, die alten Verbände zu erneuern, so daß im Fall des Scheiterns des Stahlwerksverbandes eine Auflösung verschiedener Syndikate der Eisei»indllstrie erfolgen dürste. Das Blatt verweist»veiter darauf, daß sich auch aus der für den geplanten Verband vorgesehenen Verrechnungsweise Meinungsverschiedenheiten unter den Werken ergeben. Boii» Kaffcehaiidel. Brasilien»vird in immer stärkerein Maße zun, Kaffcelieferantcn der Welt. Stach dem diesjährigen Bericht des brasilianische», Finanzininisters erreichte die Kaffeeproduktion der Welt im Erntejahre 1901/02, d. h. in der Zeit von» 1. Juli 1901 bis 30. Juni 1902, mit 19,5 Millionen Sack(a 60 Kilogramm) ihren Höhepunkt. Davon entfiele», aus Brasilien allein 15,5 Mill. Sack, »vas gegen 1889/90 init 4,2 Mill. Sack eine Vermehmng der Produktion um etwa 270 Proz. bedeutet,»vährend die Produktion der andren Länder»nit 3,5 Mill. gegen 4,4 Mill. Sack um etwa 25 Proz. geringer war als im Jahre 1889/90. Die Kaffee-Ausfuhr aus den brasilianischen Kaffeehäfen Rio de Janeiro. Santos, Viktoria und Bahia gestaltete sich in den drei letzten Erntejahren(für 1902/3 ist nur die Zeit vom 1. J»lli 1902 bis 31. März 1903 berücksichtigt, eS fehlt also das letzte Viertel dieses Jahres), wie folgt: Wert(loko Hafen inkl. Exportzoll) Sack Milreis Pfd. Sterl. 1900/01.. 10 898 005 461 377 865 20 532 342 1901/02.. 15 243 178 506 859 770 24 533 791 1902/03.. 10 666 297 326 509 226 16102 303 Aus diesen Häfen»vurden außerdein noch jährlich ca. 250 000 Sack für inländstchen Konsilm nach andren brasilianischen Häfen vcr- schifft, vorzugslveise Pernambuco, Parä, Manäos und Porto Alegre. »vobei zu beinerken ist, daß die Tarifsätze des„Lloyd Brasileiro" von Rio nach Parä und Manäos viel höhere sind, als die nach Europa gezahlten. Hauptbezugsländer von brasiliairischem Kaffee waren im Jahre 1901(unter Angabe der Mengen für den eignen Konsum in Klammern): die Vereinigten Staaten mit 6 874 421(6 813 897), Deutschland mit 2 808 519(1 705 476). Frankreich mit 2183 870 (629 468), Oestreich-Ungarn»nit 689 946(601 395), Italien mit 205 107(185 665) Sack._ GewerkfdiaftUekes. Arbeiter Deutschlands! Der Kampf in Crimmitschau wird zur Zeit»nit rasender Er» bitterung geführt. Die Thatsache, daß die Konjunktur vor Weih- nachten abgeflaut hat und die Erkenntnis, daß der Kampf für sie verloren ist, Ivenn sie nicht jetzt Arbeitslvillige ftir die in, Januar neu beginnende Saison auftreiben, hat die Unter»»ehiner zu den»m- erhörtesten Anstrengungen veranlaßt. In Crimmitschau finden fie keine Arbeitswilligen. So haben fie ihre Sendlings nach Osten»»»»d Westen, nach Norden und Süden in die Welt gesandt. Die Herbergen werden nach Streikbrecher» ab- gesucht. Es sind denn in der That auch eine Anzahl von so herangeholten Leuten eingetroffen, aber später wieder abgereist. Sollte es denn wirklich noch irgend wo eine» Ort geben, in dem «an von dem Klassenkampf in Criiiimitschau nichts weiß? Arbeiter Deutschlands! Weist die Spinner und Weber im Rhein land, im Elsaß, in Bayern und anderwärts darauf hin, daß Crimmitschau die Löhne weit niedrigere sind als in ihrer Heimat! Weist sie darauf hin, daß sie ihre eigne Lebenshaltung für alle Zukunft herabsetzen helfen, wenn sie wegen vorüber gehend flauer Zeit an der bisherigen Arbeitsstelle nach Crimmitschau gehen, von wo aus man der Industrie anderwärts auf Kosten der Arbeiterschaft die schlimmste Schmutzkonkurrenz macht. Spinner und Weber! Geht nicht nach Crimmitschau! Nehmt nicht die Stellen der Leute ein. die ohne Zugeständnis von feiten der Unternehmer nie in die Fabriken gehen. Arbeiter Deutschlands! Deckt den Zehnstnnden-Kämpfern in Crimmitschau den Rücken! Haltet die Verräter fern! Tragt den Kämpfern Munition zu! Berlin und Umgegend. Der Holzarbeiterstreik bei der Firma Kiiumiel dauert unverändert fort. Am Mittwoch waren zwar Vertreter der Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Organisation zusammengekommen, um über eine eventuelle Beilegung der Differenzen zu verhandeln. Das Resultat der Verhairdlungen war jedoch ein negatives, weil die Unternehmer sich nur zu kaum uennenslverten Zugeständnissen verstehen wollten, die den berechtigten Forderungen der Abciter bei weitem nicht ent- sprachen. Bon einer Aussperrung wurden am Mittwoch die gesamten Ar beiter der Pianosortefabrik von Lehmann u. Co., Königsberger- straße 3, betroffen, weil die dort beschäftigten Polierer sHolz- arbeiter-Berband) einige Forderungen gestellt hatten. Im Laufe des gestrigen Tages sind die Differenzen aber bereits zu beider- seitiaer Zufriedenheit wieder beigelegt worden, die Aussperrung hat somit nur einen Tag gedauert. Achtung, Leistenvergolder Berlins! Die Firma Methlow Co., Berlin, Köpnickerstr. 109a, ist eifrig bemüht, unter den Leistenver- goldern einen Mann ausfindig zu inachen, welcher sich zum„Neu- anlernen" von Vergolderinnen hergiebt. Diese billigen Arbeiterinnen fallen dann gegen die männlichen Arbeiter als Preisdriickerinnen ausgespielt werden. Wir erlvarten daher, daß kein ehrenhafter Kollege sich dazu hergiebt, unsre Branche geineinsam mit den Fabri- läuten ruinieren zu helfen. Wer das unternimint, trägt die Verantwortung dafür, wenn es darüber zu erbitterten Kämpfen kommt. Der Hauptvorstand des Verbandes der Vergolder. veutkcbes Reich. Wenn die Aussperrung der Töpfer in vollem Umfange durch- geführt wird, dürste diese eine der größten Aussperrungen werden, die Deutschland bisher gesehen hat. Dem Unternehmer-Verband ge hören 102 Firmen an. Bisher haben von diesen 36 an 23 Orten gekündigt. Wird die Aussperrung perfekt, so kann die Zahl der auf die Straße geworfenen Arbeiter etwa 15 000 betragen. Die Bausperre gegen Schwindelunternehmer in Magdeburg führt anscheinend auch zu Konflikten mit den„ehrlichen" Firmen am Orte. Ein solcher Unternehmer, Herr Wille, hat es unter- nommen, einen Bau, auf dem Arbeiter um ihren Lohn geprellt worden find, weiter zu sichren und wollte nun einen Teil seiner Leute dorthin kommandieren. Diese weigerten sich, ihren nm den Lohn betrogenen Kollegen in den Rücken zu fallen. Nun werden sie mit der Motivierung fortgeschickt:„Wenn Ihr nicht auf den gesperrten Bauten arbeiten wollt, so habe ich für Euch keine Arbeit mehr und Ihr seid entlassen!"— Wer nicht um seinen ver- dienten Lohn betrogen werden will, gehe nicht nach Magdeburg. Der Bergarbeiter-Berband hat im Plauenschen Grund einen schönen Sieg davon getragen. Bei der Wahl der Berg-SchiedS- gerichts-Beisitzer wurden die Verbandsmitglieder Häuer Thomas, Drechsler und Schlotterbeck mit 210, 208 und 195 Stimmen gewählt, während es die Gegenpartei nur auf 22, 7 und 6 Stimnien gebracht hat. Es hatten von 320 Wählern 230 gewählt. Der Redakteur der„Bergarbeiter- Zeitung". Genosse Leim- peter, wurde von der Strafkammer in Bochum zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt. Er hatte behauptet, daß auf den Zechen„Graf Schwerin" und„Erin" mehrere Kündigungen vorgenommen worden seien, um die Zahlstelle Rauxel-Crohop des Bergarbeiter-Verbandes zu vernichten. Die Verhandlung ergab, daß mehreren Bergleuten nach "IVa resp. öjähriger Thätigkeit ohne äußerlich erkennbaren Grund gekündigt worden sei, darunter auch dem Vertrauens- mann der Zahlstelle.— Das Gericht erkannte an, daß die Bergleute wohl eine Berechtigung zu dem Glauben hätten, ihre Entlassung sei wegen der Verbandszugehörigkeit erfolgt. ein Beweis wäre jedoch dafür nicht erbracht. Außerdem erblickte das Gericht in der Form des Artikels eine Beleidigung. Ausland. Der Taff- Bake- Entscheid des britischen Oberhauses, nach dem die Eisenbahner-Gewerkfchast zur Zahlung von ca. 500 000 M. Ent- fchädigung verurteilt wurde, weil ihre Beamten den Streik gegen die Taff-Vale- Bahngesellschast mit„ungesetzlichen" Mitteln geführt, unter anderm die Arbeiter zur Arbeitsniederlegung ohne Kündigung „verleitet" hätten, macht in den Vereinigten Staaten Schule. So sind Schadensersatz-Klagen bei den amerikanischen Ge- richten anhängig gemacht gegen die Gewerkschaft der Buchbinder in Chicago in Höhe von 30 000 Dollar, gegen die dortigen Bau- arbeiter- Gewerkschaften in Höhe von oO 000 Dollar, gegen die Gürtler in Höhe von 30 000 Dollar und gegen die Gewerkschaft der Zuckerbäcker in Chicago in Höhe von 20000 Dollar. Die Filiale der Gewerkschaft der Maschinisten in Rutland s Vermont) ist zu 2500 Dollar Schadensersatz verurteilt worden, und jedes einzelne Mitglied mit seinem Hab und Gut für persönlich haftbar erklärt. In Danburh(Connecticut) sind die„Vereinigten Hntmacher von Nordamerika" und die„Amerikanische Arbeiter- Federation" auf 350000 Dollar Schadensersatz verurteilt wegen Boykott und sogar lvegen Gebrauchs der Kontrollmarke. ßcrluier partd-Hngdcgcnbciten. Nieder-Schöneweide. Den Mitgliedern des Wahlvereins zur Nachricht, daß am Sonnabend, den 28. November, abends S'/a Uhr, die ordnungsmäßige Vereinsversammlung bei Franz stattfindet. Es erwartet vollzähliges Erscheinen Der Vorstand. Grünau. Der Wahlverein hält morgen abend 9 Uhr in der „Grünen Ecke", Köpnickerstr. 88, seine Mitgliederversannnlnng ab. Ge- nosse Grunwald referiert über: Der Weltverkehr zu Wasser und zu Lande. Gäste willkommen. lokales. Ein Kolksgericht sei der heutige Tag! »Zum Sturm aufs Rote Haus"— das ist die Losung des 27. November! Die stille, emsige Arbeit der Agitatton zu den Stadtverordneten-Wahlen, die unsre Parteigenossen un- ermüdlich und pflichtgetreu in den letzten Wochen geleistet haben, soll heute ihren Lohn finden. Koninnmalwähler der dritten Ab- teilung, thut nun Ihr Eure Pflicht! Tretet Mann fiir Mann an die Wahlurne und stimmt für die Kandidaten der Socialdcmokratic! en Berliner Freisinnigen ist nach de» Landtags- Wahlen der Kamm geschwollen, und sie hoffen, daß sie nun auch bei den Stadtverordneten- Wahlen wieder ettvas günstiger abschneiden werden. Der„schimpfliche Sieg", den die„Freisinnige Volkspartei"(wie sie schamlos noch immer sich nennt) auf Grund des Landtags- Wahlrechtes noch einmal davon- ttagen durste, ist in den Versammlungen des Freisinns dreist und unverfroren hingestellt werden als ein Beweis, daß„der Social- dcmokratie nichts mehr gelinge". Die freisinnigen Erwählten von Geldsacks Gnaden haben kein Wort des Tadels dafür gefunden, daß durch eine Handvoll Landtagswähler erster und zweiter Abteilung, deren Verttauen sie allein noch besitzen, die in der dritten Abteilung vereinigte breite Masse des Volkes niedergestimmt worden ist. Triumphierend über die Brutalität eines solchen„Wahlrechts" haben sie gehöhnt:„Wo find denn Eure drei Millionen vom 16. Juni?!" Die Parteifteunde dieser Männer, die Mitschuldigen solcher Wahl entrechtnng der gewerbthätigen Bevölkerung, treten heute in Berlin vor Euch, 5kommunalwähler der dritten Ab- teilung, und betteln um Eure Stimmen. Am 20. November haben die Cassel, Kreitling, Rosenow und Konsorten stolz lächelnd die Frucht der Vergewaltigung des arbeitenden Volkes, ihre Berliner Landtagsmandate, in Empfang genommen. Am 27. November präsentieren sie Euch Kommunalwählern ihre Gesinnungsgenossen, ihre Kollegen im Stadtparlament, die Hamann und Frick und Drenske, die im Roten Hause den echt fteisinnigen Streich mitgemacht haben, den Beginn der Landtagswahl für die dritte Abteilung auf eine den Arbeitern ungünsttge Tageszeit zu legen? den„König von Moabit", Herrn Gericke, der an jedem arbeiterfeindlichen Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung teil- zunehmen bereit ist und bei der Wahl von den Gesinnungsgenossen eines Pretzel, den Männern der„Bürgerpartei", mit unterstützt wird; den Maurermeister Lentz, Vorsitzenden des Hausagrier-Vereins. der in Berlin-Nord zu den forschesten dieser gemeinschädlichen Vereine gehört. Aber das Kommunal-Wahlrecht. wiewohl gleichfalls ein Dreiklassen-Wahlrecht, ist weniger brutal als das Landtags- Wahlrecht und darum weniger günstig dem Freisinn. Hier gicbt es kein Niederstimmen der dritten Abteilung durch die erste und zweite, hier kann wenigstens durch die dritte Abteilung die gewerbthätige Bevölkerung sich Gehör und Geltung verschaffen. Heute, wo die dritte Abteilung wählt, haben nicht die Geldsäcke zu entscheiden, heute entscheidet das Volk. Darum gehört am 27. No- vember der Sieg nicht dem Freisinn, sondern der Socialdemo- kratie. Ein Bolksgericht sei der heutige Tag, ein Volksgericht über den volksfeindlichen Freisinn! Die HauSagrarier und ihre Beschützer bei den Stadtverordneten- Wahlen. Die Städte-Ordnung bestimmt, daß in der Stadtverordneten- Versammlung mindestens die Hälfte der von jeder der drei Wähler- abteilungen zu wählenden Stadtverordneten den Reihen der Haus- b e s i tz e r entnommen werden muß. Durch diese Vorschrift ivird gegebenenfalls die Socialdemokratie genöttgt, den Wählern einen Hausbesitzer als ihren Vertreter zu empfehlen. Wenn vor den Stadtverordneten-Wahlen bei der Auslosung der Wahlbezirke, die diesmal einen Hausbesitzer in das Stadtparlament entsenden ollen, das Los ein paar für uns günstige Bezirke getroffen hat, dann bleibt uns nur übrig, dieser lästigen Bedingung bei der Auf- Stellung der Kandidaten Rechnung zu tragen. Es versteht sich von selbst, daß die socialdcmokratischen Muß Hausbesitzer nicht mithelfen zur Stärkung des Hausagrariertums in der Stadtverordneten-Bersammlnng. Wir erfüllen notgedrungen die gesetzlich vorgeschriebene Bedingung, aber unsre Vertreter in der Stadtverordneten-Versammlung, die hausbesitzenden wie die nicht- hausbesitzenden, bekämpfen dort rücksichtslos die HauSagrarier und ihre Herrschaftsgrlüste. War jene Bedingung vom Gesetzgeber als ein Privileg des Grundbesitzes gedacht und beabsichtigt, so macht ihm die Socialdemokratie, wo sie an der Gemeindeverwaltung teilnimmt, einen Strich durch seine Rechnung. Anders handelt der Freisinn! Die Vertteter des Freisinns in der Berliner Stadtverordneten-Versammlung find, mit sehr wenigen Ausnahmen, eiftig bemüht, das Hausagrariertum zu schützen und zu stützen. Man denke an die Haltung, die die Mehrheit der reisinnigen Stadtverordneten zu der socialdeinokrattschen Forderung einer kommunalen Regelung des Wohnungswesens eingenommen hat I Die ablehnenden Beschlüsse, die damals gefaßt wurden, sind erklärlich aus den intimen Beziehungen, die zwischen Freisinn und HauSagrarirrtum bestehen. Die Berliner HauS- besitzer sorgen dafür, daß schon bei der Auswahl und Aufstellung der fteisinnigen Stadtverordneten-Kandidaten möglichst nur Männer ihrer Clique berücksichtigt werden. Wer nicht ihre Approbatton er- hält und ttotzdem als Mandatsbewerber aufzutteten wagt, dem wird es von seinen eignen, fteisinnigen Parteifreunden verteufelt schwer gemacht, in das rote Haus hineinzukommen. Der Einfluß der Hausagrarier auf den Freisinn geht so weit, daß es ihnen sogar gelingt, einen etwa ohne ihre Zusiinunung oder gar gegen ihren Willen gewählten fteisinnigen Stadtverordneten noch nachträglich zu sich hinüberzuziehen. Ein lehrreiches Beispiel hierftir ist der Stadtverordnete G o l d s ch m i d t. Er vertrat rüher einen Bezirk der dritten Abteilung, aber vor zwei Jahren entschied das Los, daß sein Bezirk einen Hausbesitzer zu wählen hatte. Herr G. war kein Hausbesitzer und— wollte auch keiner werden. Die Hausbesitzer selber zählten ihn zu ihren Gegnem, weil er manchmal ein tadelndes Wort über te gesprochen. Was nun thun?„Fatal!" sagten seine Partei- reunde, aber der Ausgeloste dachte:„Famos!" In seinem bisherigen Bezirk wäre er ja kläglich durchgefallen; so aber konnte er sich mit Anstand in die zweite Abteilung hineinretten. In die zweite Ab- eilung. die wie die erste von den Hausbesitzern als ihre Domäne betrachtet wird! Es gab hefttge Kämpfe— die Hansbesitzer stellten ihm einen eignen, ebenfalls fteisinnigen Kandidaten gegenüber— aber er schaffte es doch und kriegte sein Mandat. Nicht lange nachher machte er seinen Frieden mit den Hausagrariern. Inzwischen hat er sich weiter entwickelt und heute— agiti»rt er für die Wiederwahl deS fteisinnigen Stadtverordneten Iben. Dieser Iben, ein Kollege G. s aus der zweiten Abteilung, ist einer der schlimmsten Führer des Hausagrariertums in Berlin-Südost. Vor zwei Jahren arbeitete er heftig gegen die Wahl des„Hausbesitzerfeindes" Gold- chmidt; künstig wird er's nicht mehr thun. Eine Hand wäscht die andre. Der bekehrte„HauSbesitzerfeind" von ehedem giebt sich bei andren Gelegenheiten als„Volksmann durch und durch"; in der Stadtverordneten-Versannnlung gehört er zur„Neuen Linken", da versteht sich das ohnedies von selber. Er liefert jetzt den Beweis. daß man„Volksmann" sein und— dem Hausagrariertum dienen kann. Das Bolksgericht der Wähler dritter Abteilung braucht der Vorsichtige ja nicht mehr zu ftirchten. Aber die übrigen Beschützer deS Hausagrariertums, mit denen der Freisinn bei den diesjährigen Stadtverordnetenwahlen wieder vor die dritte Abteilung hintritt. -ollen es ain 27. November erfahren, daß auch für sie hier keine Stätte mehr ist. Hinaus mit dein Freisinn aus der dritten Ab- teilung, hinaus mit allen, die zum Hausagrariertum halten! Die dritte Abteilung darf allein der Socialdemokratie gehören! Zur Ausübung ihres Wahlrechtes erhalten heute die städtische» Arbeiter und Beamten ohne jeden Abzug für die Versäumnis eine» zweistündigen Urlaub. Die Wahlen beginnen um 9 Uhr. Zur Förderung der Berliner Koilsuiiigenossenschafts-Bewegung finden in der ersten Dezemberwoche verschiedene Volksversammlungen statt. Um fiir zahlreichen Besuch dieser Versammlungen Propaganda zu machen, findet am Sonntag, den 28. November, morgens 8 Uhr, von nachstehenden Stellen au-s Flugblatt- Verbreitung statt. Es ist Pflicht jedes Genossenschaftlers, sich an dieser Ver- breitung zu beteiligen und für regen Besuch der Versammlunge» Sorge zu ttagen. Die Verbreiter wollen sich melden bei: Bach- gänger, Swinemünderstr. 34. Abendroth, Badsttaße, Ecke Gropins- sttaße. Plath, Reinickendorferstr. 68. Wittchow, Kleine Hamburger» straße 27. Ecke Elsassersttatze. Borgfeld, Arndtstr. 35. Thomsen, Gneisenaustr. 30. Rechbach, Hagelsbergerstr. 23. Rausch, Wins- straße 12. Die Wärmehallen am Aleranderplatz sind eröffnet. Leider fehlt es den dort einkehrenden Aermften der Armen oft an den not- dürftigsten Kleidungsstücken, besonders aber an festem Schuhzeug. Die Verwaltung im Stadtbahnbogen 96, an der Dirksenstraße, gegenüber dem Polizeipräsidium, ist gern bereit, Gaben fiir die Obdachlosen und Frierenden zur Verteilung an diese entgegen- zunehmen. Angesichts des schlechten Wetters sind sie doppelt will- kommen. Eine entsetzliche Fnmilicnkatastrophe verursachte Mittwochabend gegen 11 Uhr auf dem Stadtbahnhos Sttalau-Rummelsburg ungeheuere Auftegung. Dort warf sich der 30 Jahre alte Schneider Johannes M a n k i lo i c z mit zwei Kindern vor einem Stadtbahnzug auf das Geleise. Der Vater und das eine Kind wurden auf der Stelle getötet, das zweite Kind, ein Mädchen. verstarb in der Nacht im Rummelsburger Krankenhause. Ueber den grausigen Vorfall wird uns weiter berichtet: Johannes Mankiwicz ist am 28. November 1873 in Poalttn, Kreis Schrimm, geboren und seit sechs Jahren mit einer Landse männin verheiratet. Der Ehe sind drei Kinder, ein Knabe Karl, jetzt fünf Jahre alt, und zwei Mädchen, die vier- jährige Wallt und die neun Monate alte Anna entsprossen. M. wohnte in Boxhagen-Rninmelsbnrg, Bischofstr. 15, und arbeitere für die Firma Rudolph Hertzog in der Breitenstraße; er würde ein gutes Auskommen gehabt haben, wenn seine Frau nicht krank gewesen wäre. Sie litt am Unterleibskrebs und die langwierige Krankheit verursachte bedeutende Ausgaben, infolgedessen Vi. sich in ständiger Notlage befand. Die Verhältnisse gestalteten sich noch un» günstiger, als Frau Mankiwicz vor vier Monaten nach dem St. HedwigS-Krankenhause gebracht werden mußte. Das kleinste Kind fand Unterkunft bei Verlvandten in Berlin. Mankiwicz befand sich seit dieser Zeit in einem verzweifelten Zustande. Seit zwei Monaten war er die Miete schuldig geblieben; die Möbel gehörten ihm schon längst nicht mehr, und der Unglückliche vermochte nur mit Mühe so viel zu erwerben, wie er für den not» wendigsten Unterhalt gebrauchte. Wiederholentlich äußerte er sich dahin, daß er mit seinen Kindern den Tod suchen wolle. Nachbarn bemühten sich, den Aermsten zu trösten, und erklärten sich auch bereit, den Kindern die notwendige Pflege zu teil werden zu lassen. M. lehnte jedoch jede Hilfe ab. Scheinbar besserte sich in der letzten Zeit sein Geniütszustand. Am vergangenen Sonntage erhielt der Schneider die Mitteilung von dem Tode seiner Frau. Es lvurde bei ihm eine Depesche vorgefunden des Inhalts:„Frau gestorben im Kranken- hause." Seit dieser Zeit lief Mankiwicz tteffinnig um- her, wies jeden Trost zurück und lehnte auch die Annahme neuer Arbeiten ab. Schon am Dienstag hatte er die Ab- ficht, gemeinsam mit seinen Kindern in den Tod zu gehen. Doch gelang es an diesem Tage Nachvarsleuten, ihn in seiner Wohnung zurückzuhalten. Mittwochabend verließ der Schneider mit seinen beiden Kindern unbeobachtet das Hans. Als der um 10,55 Uhr abends ans dem Bahnhof Stralau» Rummelsburg fällige Vorortzug Grunewald-Johannisthal in die Station einlies, vernahmen die Beamten plötzlich einen furcht- baren Aufschrei, der das Rasseln der Räder des an dem Bahnsteig vorfahrenden Trains übertönte. Sofort wurde die Strecke abgesucht. Unmittelbar vor der Einfahrt des Bahnhofs, etwa eine Wagenlänge hinter dem Schlußwagen des Zuges, befand sich die Unfallstelle. Den Stationsbeamten bot sich ein schauriger Anblick. Teils zwischen den Geleisen, teils neben den Schienen auf der Strecke lagen die blutigen Körper dreier Personen. Es waren Mankiwicz und seine beiden älteren Kinder. Der Schneider war durcki die Räder des Zuges buchstäblich gevierteilt worden, sein Körper völlig auseinandergeschnitten. Dem fünfjährigen Karl war der Oberleib vom Unterleib gcttennt, der vierjährigen Wallt das rechte Bein am Oberschenkel abgeschnitten. Nur das Mädchen war noch am Leben; es wurde sofort nach dem Rummelsburger Krankcnhause gebracht, wo es gestern morgen gegen 4 Uhr seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Allem Anschein nach hatte sich M. mit den Kindern zwischen Maschine und ersten Wagen auf die Schienen geworfen. Der Lokomotivführer deS Grunewald- zuges hatte von dem ganzen Vorfall nichts bemerkt. Auch fanden sich an den Rädern der Lokomotive keine Blutspuren. Ebenso wenig hatte das Bahnhofspersonal die Katastrophe verhindern können, d» sich Mankiwicz außerhalb des Bahnhofes versteckt gehakten hatte. Zur Beschaffung von Wandschmuck für die Berliner Gemeinde- schulen, der in künstlerisch ausgeführten Bildern bestehen soll, werden jetzt die ersten Schritte gethan. In der letzten Sitzung des Koinitees. das zur Förderung dieser Angelegenheit vor längerer Zeit aus Lehrerkreisen zusammengetteten' ist, konnte der anwesende Stadt» schulrat Gerstenberg mitteilen, daß ihm für einen Versuch 1200 M. überwiesen worden seien. Es wurde erwogen, in welcher Weise diese Summe verivendet werden solle, ob sie auf vier oder nur auf zwei Schulen zu verteilen sei. Eine Einigung hierüber wurde noch nicht erzielt. Auch der Vorschlag des Stadtschulrats, den letzten Schulbau des Stadtbaurats Blankenstein(Christburger-- straße)" und den ersten Schulbau des Stadtbaurats Hoffmann (Glogauerstraße) für diesen Versuch auszuwählen, wurde noch nicht zum Beschluß erhoben. Beabsichtigt ist zunächst nur eine Aus- schmückuna der Klassenzimmer, doch wurde angeregt, auch die Aulen und die Korridore zu berücksichtigen. Es wurde eine Kommission von drei Personen eingesetzt, die die Bilder auswählen soll. In der Sitzung wurde auch der Wunsch ausgesprochen, im Anschluß an diesen Versuch möglichst bald sämtlichen Schulen solchen Wand» schmuck zu geben. Man solle, mit der achten Klasse beginnend, in jeden, Jahre alle Klassenzimmer je einer Stufe mit Bildern aus» statten, so daß man bei einem jährlichen Kostenauswande von etwa 10000 Mark in acht Jahren ferttg sein würde. Stadtschulrat Gerstenberg erklärte jedech, hieran sei vorläufig nicht zu denken. Taschendiebe in Warenhäusern. Mit dem Beginn des WeihnachtS- Verkehrs in den Warenhäusern ist auch die Saison der Taschen- und Ladendiebe angebrochen, und fast täglich laufen bei der Kriminal- Polizei Meldungen ein von Personen, denen Portemonnaies aus den Taschen verschwunden sind. Die Polizei hat in Berücksichtigung dieser Thatsache einen umfangreichen Ueberwachungsdienst ein- gerichtet und eö ist ihr auch'gelungen, innerhalb der letzten acht Tage sieben Taschendiebe festzunehmen, die sämtlich in der Leipziger- straße arbeiteten. Unter den Verhafteten befand sich nur ein„frischer", während die übrigen schon mehrfach, teilweise mit Zuchthaus, vor- bestraft worden sind. DaS in den Warenhäusern Ijerrschende Gedränge wird von den Dieben ebenfalls zur Ausführung von Beute» zügen benutzt. Am gestrigen Tage allein wurden drei Ladendiebe ab- gefaßt, von denen zwei nach Feststellung ihrer Personalien wieder entlassen wurden, während der dritte, ein gewerbsmäßiger Dieb, der Polizei übergeben worden ist. Die sogenannte Hauspolizei, die von den Warenhaus-Jnhabern organisiert worden ist, wird gegemvärtig von der Kriminalpolizei unterstützt, welche eine Anzahl Beamte täglich für den Junendienst in den Warenhäusern abkommandiert. Vnternehmer-Rifiko. Fast eine halbe Million soll, dem „Konfektionär" zufolge, der junge Inhaber eines Engrosgeschäftes in der Nähe des Dönhoffplatzcs in einer einzigen Nacht in einem hiesigen vornehmen �spielklub verloren haben. Vater und Schtvieger- vater des Spielers haben gemeinsam dessen Spielschulden gedeckt. Im selben Klub hat, nach derselben Quelle, auch ein gegenwärtig in Transvaal weilender Minenbesitzer über IVO 000 M. am Spieltisch eingebüßt. schade, daß der„Konfektionär" nicht den Namen des spiel- freudigen Geschäftsinhabers nennt. Bei einem Mann, der so mit den Hunderttausenden herumwerfen kann, bedarf es gewiß nur eines Anstoßes vbn feiten seiner Arbeiter, um ihnen sagen wir eine zwanzig- prozentige Lohnerhöhung zu bewilligen. Arbeiter- Risiko. Zwischen zwei Kisten zermalmt wurde gestern abend gegen 6 Uhr der 26 Jahre alte Kutscher Albert Niese- wand, Lübbenerstr. 23 wohnhast. Er war vor dem Hause Köpenickerstr. 116 mit dem Aufladen mehrerer Kisten beschäftigt und hatte eine größere Kiste auf den Wagen hinaufgekantet. Er bemühte sich, die schwere Sendung etwas zur Seite zu schieben. Hierbei kam die Kiste ins Gleiten und so wurde ihm der Kops zwischen der auf- geladenen Kiste und einem bereits auf dem Wagen stehenden Kolli festgeklemmt. Durch den ungeheuren Druck wurde dem Aermsten der Schädel zertrümmert, so daß die Gchinimasse heraustrat. Als Niesewand aus seiner furchtbaren Lage befreit wurde, hatte er bereits die Besinnung verloren. Er wurde zunächst nach der Unfallstation in der Alexandrinenstraße und von hier aus auf Anordnung des anwesenden Arztes nach dem Krankenhause am Urban gebracht. Der Zustand des Schwerverletzten ist hoffnungslos. Theater. An dem Joh. Seb. Bach-Abend des Schiller- Theaters, der Sonntag, den 29. November, im Bllrgersaale des Rathauses stattfindet, wirken dieselben Vortragskiinstler wie am vorigen Sonntag, die Damen Auguste Götz-Lehmann und Paula Weinbaum, und die Herren Hjalmar Arlberg und Bernhard Dessau mit. Den einleitenden Vortrag hält auch wieder Herr Pfarrer Aug. Wellmer.— Im Deutschen Theater geht am nächsten Sonn- abend, den 28. November,„Chrano von Berge rac" neu ein- studiert mit teilweise neuer Besetzung in Scene; die Titelrolle spielt wieder Otto Sommerstorff, die Roxane Teresina Geßner. Die Löwenbändigerin Mist Heliot verläßt in den nächsten Tagen Berlin: am Dienstagabend ist ihre Abschiedsvorstellung. Äm Sonnabendabend findet für Miß Heliot eine Benefiz- Vorstellung mit neuen Vorführungen statt. Ausstellung von Sing- und Ziervögeln. Der„Berliner Kanarien- Züchter- und Vogelschutz-Verein", welcher alljährlich eine umfang- reiche Ausstellung von Zier- und Singvögeln veranstaltet, hat für dieses Jahr gemeinsam mit dem„Moabiter Kanarien-Züchter- und Vogelschutz-Verein" eine interessante Ausstellung für die Zeit vom 6. bis 8. Dezember vorbereitet. Die Veranstaltung findet in den geräumigen Sälen Münzstraße 20, I statt und umfaßt Kanarien- vögel, Selbstzucht- und Allgemeine Klasse, Exoten, Papageien usw. Ferner gelangen alle zur Zucht und Pflege erforderlichen Hilfsmittel, als Käfige, künstliche Nester, Futterarten sowie ausgestopfte Vögel und fachwissenschastliche Druckwerke zur Ausstellung. Hus den Nachbarorten. Die Charlottenburger Stadtverordneten-Wahlen der Arsten Ab- teilung haben gestern nachmittag mit folgendem Ergebnis geendet: Gewählt wurden: Im 1. Bezirk Theodor Markus sliv.) 70 Stimmen, Dr. Mommsen slib.) 67 Stimmen, Rudolf Kaping ilib.j 68 Stimmen. Im 2. Bezirk Dr. Frentzel(lib.) 60 Stimmen, Richard Leben(lib.) 61 Stimmen. Im 3. Bezirk Dr. Cniger slib.) 56 Stimmen, Rentier Ludwig Ruß slib.) 50 Stimmen. Im 4. Bezirk erhielten Professor Dr. v. Liszt und Gredy je 59 Stimmen. Die Wahl wurde aber für ungültig erklärt, da hier ein Hausbesitzer zu wählen ist. Der Charlottenburger Stadtverordneten-Borstcher Ströhler macht wieder einmal von sich reden. Diesmal ist die neue Skandalaffaire von einem seiner bisherigen Anhänger, Herrn Ellenburg insceniert, einem Manne ohne jede Bedeutung, dessen Wahlzeit abgelaufen ist und der sich dafür, daß er nicht wieder kandidieren darf, an Herrn Ströhler rächen will. Die kommunalen Verhältnisse Charlottenburgs sind durchaus unerfteuliche. Die Mehrheit der Stadtverordneten- Versammlung bildet die„Freie Vereinigung", an deren Spitze Herr Ströhler steht. Ströhler ist zweifellos ein Mann von hervorragenden Gaben. Schade nur, daß sein Ehrgeiz noch größer ist als seine Begabung I Der„ungekrönte König von Charlottenburg", wie er scherzweise genannt wird, hat es verstanden, die Mandate der ersten und zweiten Abteilung unter seine Getreuen zu verteilen. Dabei geht er mit großem Geschick vor. Seine Kandidatenliste ist in der That unparteiisch. Neben Erzreaktionären finden sich auf ihr Anhänger der freisinnigen Volkspartei, neben wütenden Antisemiten Nationaljuden, neben hervorragenden Männern der Wissenschaft einfache Handwerker. Das einzige Erfordernis, das an die Kandidaten gestellt wird, ist, daß sie frei von jeder Ueberzeugung sind und ihrem Chef blindlings gehorchen. Manchmal allerdings kommt es vor, daß seine Leute ihm den Gehorsam verweigern. Die Strafe folgt dann auf dem Fuße, sie werden das nächste Mal nicht tvieder aufgestellt. In der Wahl seiner Mittel ist Herr Ströhler nicht gerade wählerisch. Vor 5 Jahren kandidierte er gemeinsam mit Herrn Dr. Bernstein zum Landtag, genierte sich aber nicht, Gehlsen 500 M. zur Agitation gegen Bernstein zur Verfügung zu stellen. Angeblich hat er Herrn Gehisen nicht gekannt!I Im Frühjahr dieses Jahres richtete er, wie erinnerlich, die heftigsten Angriffe gegen die Armenverwaltung, und als sich die Haltlosigkeit der Angriffe herausstellte, als es sich zeigte, daß seine Aktenauszüge mit dem wirklichen Akteninhalt nicht übereinstimmen, da ließ er sich einfach ein Vertrauensvotum ausstellen, und seine Mhrmidonen gehorchten ihm, nachdem sie ihn schon vorher wieder„honorig gegessen" hatten. Zu diesem Festessen zu Ehren des Herrn Ströhler hatte man die Dreistigkeit, sogar die socialdemokratischen Stadtverordneten und den Magistrat einzuladen. Durch die Enthüllungen des Herrn Ellenburg wird nun dargethan, daß Herr Ströhler auch einen schwunghasten Handel mit unbesoldeten Stadtratsstellen betreibt. Ein Stadtrat wurde nicht wiedergewählt, tveil er sich weigerte, Anteilscheine ftir die„Charlottenburger Tages- zeitung", das Organ des Herrn Ströhler, zu zeichnen, zwei andre wurden erst dann auf die Kandidatenliste gesetzt, als sie sich mit 3000 bezw. 1000 Mark an diesem Blatte beteiligten. Auf diese Weise hofft Herr Ströhler allmählich auch den Magistrat sich gefügig zu machen. Die Herrschaft Ströhlers zu brechen, ist Ehrensache aller derer, denen das Wohl der Gesamtheit am Herzen liegt. In der dritten Wählerklasse muß er dem Ansturm der Social- demokratie weichen, in den ersten beiden Klassen wird er seine Herr- schaft ja wohl noch einige Zeit behaupte::. Doch scheint es, als ob allmählich seine eignen Leute sich von ihm abwenden. Schon wird offiziös fein Rücktritt„aus Gesundheitsrücksichten" angekündigt. Es wäre ein wahrer Segen, wenn der Führer der Unpolitischen endlich von seinem Posten zurücktreten würde. Denn seit- dem er in der Stadtverordneten- Versammlung schaltet und ivaltet, sind Fortschritte auf socialem Gebiete nicht mehr zu verzeichnen. Die Charlottenburger Konununalverwaltung, die einst an der Spitze der kommunalen Socialpolitik marschierte, ist heute von andern Gemeinden längst überflügelt, der gute Ruf Char- lottenburgs ist dahin. Mögen seine Anhänger noch so viel Lobes- Hymnen auf ihn fingen, mögen sie ihn bei festlichen Gelagen noch so sehr preisen, jeder unbefangene Beurteiler wird nur mit einem Gefühl des Bedauerns auf die Aera Ströhler zurückblicken. In Teltow finden am Montag die Stadtverordnctenwahlen der dritten Abteilung in der Stunde zwischen 5—6 Uhr nachmittags statt. Von socialdemolratischer Seite ist Schneidermeister Gustav Franke als Kandidat aufgestellt worden. Zwei Parteigenossen sind jetzt be- reits in der kommunalen Körperschaft. Sache der socialdemokratischen Wähler am Orte ist es, in intensiver Agitation dafür zu sorgen, daß auch diesmal die Wahlen mit einem Siege der Sorialdemokratic enden. Stadwerordneten-Wahlen in der Provinz. Bei den Stadt- verordneten-Wahlen der dritten Abteilung siegten in Potsdam mit großer Majorität die von dem tönservattven Neuen Wahlverein, den patriotischen Vereinen, dem Reformverein, dem Haus- und Grundbesitzerverein und den Bezirksvereinen gemeinsam auf- gestellten Kandidaten gegen die Kandidaten der Socialdemokratie, welche leider sogar einen Rückgang an Stimmen gegen die letzten Stadtverordneten-Wahlen zu verzeichnen hatten. Von den, liberalen Bürgerverein waren diesmal keine Kandidaten aufgestellt. In Rathenow siegten mit geringer Mehrheit die bürgerlichen Kandidaten über d:e Socialdemokraten. Einen Vorstoß gegen die Reaktion unternahmen unsre Spandauer Parteigenossen mit einem Antrage, den sie in der dortigen Stadt- verordnetcn-Versammlung einbrachten und der die Vorbereitung einer Petition an den eben gewählten Landtag fordert, in welcher um eine zeitgemäße Reform der preußischen Städtc-Ordnung durch Ab- schaffung desDreikiassen-Wahlrechts, desHausbesitzer-Privilegiums, des Bestättgungsrechts der Regierung bei Besetzung gewisser Posten in den Kommunen, Einführung des allgemeinen,' gleichen, diretten und ge- Heimen Wahlrechts usw. ersucht werden soll. Es ist allerdings sehr zweifelhaft, ob dieser Antrag bei den überwiegend konservativen Stadtverordneten die nötige Gegenliebe finden wird, für alle Fälle aber veranlaßt dieser Antrag die bürgerlichen Stadtväter, Farbe zu bekennen. Im besonderen dürfte der Antrag den—— liberalen Stadtverordneten gewiß„sehr willkommen" sein, hat doch ihr Landtagskandidat. Herr Naumann, im Verlauf des letzten Wahlkampfes sehr energisch die Notwendigkeit einer gründlichen) Reform der Städte- Ordnung im fortschrittlichen Sinne, betont Die Zustimmung zu diesem Antrage wird aber auch den Spandauer Stadt- verordneten deshalb besonders leicht gemacht, weil der neue konservative Landtags-Abgeordnete für Spandau-Osthavelland, Herr Lüdecke, welcher auch Mitglied der Stadtverordneten-Versammluug ist, dann sofort Gelegenheit bekäme, ein wirklich verdienstvolles Werk zu thun, indem er diese Petitton so thatkräftig als möglich vor dem Abgeordnetenhause vertritt. GmcKts-�eining. Bor dem Schwurgericht des Landgerichts II hatte sich gestern der Gerichtsvollzieher Hannig wegen Unterschlagung amtlicher Gelder und Fälschung amtlicher Listen zu verantworten. Er war geständig, 3300 M. Gerichtskosten, die er von verschiedenen Kostenschuldnern im Wege der Zwangsvollstreckung einzuziehen hatte, an die Gerichts- lasse nicht abgeführt und in die amtlichen Listen falsche Eintragungen gemacht zu haben. Während die Anklage davon ausging, daß der Angeklagte ein flottes Leben geführt und die fehlenden Beträge in seinem Nutzen verwendet habe, behauptete dieser, daß er im April vorigen Jahres 2300 M. in Reichsbanknoten auf unerklärliche Weise verloren habe. Um diesen Punkt drehte sich fast die ganze Beweis- aufnähme. Auf Antrag des Rechtsanwalts Leop. Meyer I als Verteidiger des Angeklagten Ivurde ein Bruder des letzteren ver- nommen, der bekundete, daß in der That der Angeklagte eines Tages im April vorigen Jahres in großer Aufregung zu ihm ge- kommen sei und ihm unter Thränen mitgeteilt habe, daß er auf seinem Dienstwege 2300 M. in Papier verloren habe. Er wolle dies seiner vorgesetzten Dienstbehörde nicht anzeigen, weil er hierdurch den Verlust seiner Stellung befürchte. Der Zeuge hatte an der Richtigkeit dieser Mitteilung seines Bruders keinen Augenblick ge- zweifelt und ihm sogleich 700 M. zur teilweisen Deckung des Ver- lustes gegeben. Der Verteidiger bat die Geschworenen, den An- geklagten durch Bewilligung mildernder Umstände vor dem Zucht- Hause zu bewahren. Die Geschwornen erkannten das Vorliegen mildernder Umstände an, woraus der Staatsanwalt ein Jahr drei Monate Gefängnis beanttagte. Der Verteidiger beantragte eine mildere Strafe unter Hinweis auf den unverschuldeten großen Ver- lust, zu dessen Deckung der Angeklagte, lediglich zur Erhalttmg seiner Stellung, einen Griff in die Amtskasse gethan habe. Das Urteil lautete auf neun Monate Gefängnis. Eine verhängnisvolle Ohrfeige. Die neue Schwurgerichtsperiode beim Landgericht I, die gestern unter dem Vorsitz des Landgerichts- rats Menz ihren Anfang nahm, verhandelte eine Anklage wegen Mißhandlung mit tätlichem Ausgang gegen den Tischler Karl Patry. Am 11. August hatte der Angeklagte mit einem Werkstatt- kollegen eine Bierreise unternommen. Sein Begleiter war der Möbelpolierer Geisler. Beide gerieten in eine streitsüchtige Stimmung, als sie dem Alkohol gehörig zugesprochen. Geisler nannte den Angeklagten einen Esel, worüber dieser so erzürnt wurde, daß er dem Beleidiger eine gewaltige Ohrfeige gab. Der Geschlagene, der ohnehin nicht mehr fest auf den Füßen stand, fiel um und schlug so heftig mit dem Kops gegen den Thürpfosten, daß er einen Schädelbruch und einen Bluterguß ins Gehirn erlitt. Er ist am-folgenden Tage verstorben. Der Staatsanwalt stellte den Geschworenen anHeim, dem Angeklagten mildernde Umstände zu- zubilligen. In diesem Sinne lautete auch der Spruch der Geschworenen, worauf der Gerichtshof den Angeklagten zu acht Monaten Ge- s ä n g n i s. wovon drei Monate durch die erlittene Untersuchungs- hast für verbüßt errachtet wurden. Bestrafter Ordnungsheld. Am Tage der Reichstagswahl voll- führte der Bauerngutsbesitzer S t o l p in dem Havelländischen Dorfe D a l g o w eine ordnnngsretterische Heldenthat ersten Ranges, indem er einen socialdemokratischen Stimm zettelvcrteilcr ohne die mindeste Veranlassung in roher Weise mit einem Knüppel niiß- handelte und ihm mehrere Kopfverletzungen zufügte. Das Spandauer Schöffengericht ahndete diese Heldenthat niit einer Geldstrafe von 30 M.; auf die von dem Vertreter des als Nebenkläger zu- gelassenen Verletzten, Rechtsanwalt Dr. Liebknecht, eingelegte Ve- rufung erhöhte die Berliner Sttafkammer die Strafe nun auf 60 Mark. Vermilcbtes. Aus Halle a. S. wird uns berichtet: Sie revoltieren Iveiter, die Halleschen Geschwornen, über deren Auftreten gegen einen Amts- richter wir gestern berichtet hatten. Heute nahmen sie es nicht bloß mit dem Staatsanwalt, sondern auch mit dem Gerichtshof des Schwurgerichts auf. Als der Gastlvirt Anton K l i m c ck, der in der Nacht zum 1. Oktober seine Sachen mit Petroleum getränkt und dann angezündet hatte, wegen Brandstiftung angeklagt lvar, be- autragte der geladene Sachverständige, Irrenarzt Prof. Ziemke, den Angeklagten auf Grund des§ 81 der Straf-Prozeß-Ordnung zur Vorbereitung eines Gutachtens sechs Wochen zur Beobachtung seines Geisteszustandes in einer Irrenanstalt unterzubringen.Der Staatsanwalt war der Ansicht, der Angeklagte sei ganz gesund und auch das Ge- richt lehnte den Antrag ab, oa es zu der Ueberzeugung gekommen war, daß der Angeklagte nicht nach Z 51 des Strafgesetzbuchs in einem Zustande von Bewußtlosigkeit gehandelt habe. Der Staats- anwalt beantragte nun das Schuldig unter Verneinung mildernder Umstände. Der Verteidiger meinte, die Geschwornen könnten es mit ihrem Gewissen Nicht vereinbaren, unter diesen Umständen ein Schuldig auszusprechen. Als man so bis'/äT Uhr abends verhandelt hatte, .ogeu sich die Geschwornen zur Beratung zurück. Sie kamen aber >ald wieder und ließen durch ihren Obmann kurz und bündig erklären: Wir lehnen die Beantwortung der Schuldfragen ab. Eine Arbeitsverweigerung, wie sie im Buche steht.— Nunmehr mußte doch dem Antrage des Sachverständigen stattgegeben werden. Amerikanische und deutsche Damen. Ein amerikanisches Kultur» bild giebt die„Kölnische Zeitung" in folgender Mitteilung: Die Vermählung der May Goelet. der reichsten amerikanischen Erbin. wie sie oft genannt wurde, mit dem Herzog von Rorburghc, rief wieder einmal den New Kforker Frauenpöbel zusammen. Die Trauung fand in der vornehmen St. Thomaskirche an der 5. Avenue und der 53. Straße statt, in der feinsten Gegend, denn an der 52. Straße stehen die Vanderbiltpaläste und gegenüber an der 51. die' St. Patrickskathedrale, das stolzeste kirchliche Bauwerk der Vereinigten Staaten. Ein Aufgebot von 200 Schutzleuten suchte die 10000 Menschen. meistens Frauen, die sich in den fünf Sttaßenvicrteln zwischen der Goeletschen Residenz und der Kirche zusanimeiidrängten, in Zucht zn halten. Mehrere Male gelang es dem Weibermob, die Postenkette zw durchbrechen. Der Wagen der Neuvermählten wurde anaehalten, die Weiber stiegen aufs Trittbrett und ließen sich halb n a ch i ch l e i f e n. nur um das herzogliche Paar von Angesicht zn schauen. Von der Kirchenthür führte ein Wandelgang aus Segelleinwand nach der Fahrstraße: einer Anznhl von Frauen geläng eS aber trotz des Polizei-Aufgebots, auf dem Boden kriechend unter die Leinwand zu gelangen und wenigstens den heißersehnten Anblick von unten zu erhalten; dabei' wurde ein Frauenzimmer von einem derben Schutzmann am Fuß gepackt und wie ein wider» strebendes Ferkel von der Hand des Metzgers weggezerrt. Fünfzehn Frauen fanden ein Kellerloch unter der Kirche, zur Aufnahme der Kohlen, und schlüpften hinein, wo sie zwar nichts sehen, aber doch hören konnten, was oben in der Kirche vorging. Nach der Trauung stürzte die Menschenmenge in die Kirche und plünderte den ganzen B l u m e n s ch m u ck. Nun, es lvar eben der Nelv Dorker Janhagel, denkt der Leser. Allerdings Janhagel und Pöbel, aber von der amerikanischen Art, nämlich nicht Leute aus den ärmsten Klassen, die sich vielleicht auch einmal in Paris solche Aus» schreitungen zu schulden kpmmen lassen, sondern Frauen aus den Mittelklassen, sagen wir sogar den bessern Mittel« klaffen. Es wird in den Berichten betont, daß die Frauen durchgchends sehr gut, vielfach ausgesucht gut ge» kleidet gewesen seien, und dies stimmt durchaus mit den Beobachtungen, die jeder Uubefangene machen kann, wo� der amerikanische Mob in Thätigkcit tritt. Die schmachvollen Auftritts vor dem Kapital in Washington bei der Einsegnung der Leiche McKinleys fielen ganz und gar einem Pöbel der besseren Mittel- klaffe zur Last. Bei den meisten Lynchereien sind die Führer sogenannte prominente Bürger. Uns will scheinen, daß man nicht erst nach Amerika zu gehen braucht, um Beispiele für ein recht bedenkliches Benehmen von Damen der„besseren Kreise" aufzustöbern. Auch bei dem jetzt beendigten Prozeß Kwilecki konnte man erleben, daß elegante Damen aus dem Berliner Westen sich ihre kostbaren Pelze vom Leibe reißen, sowie ihre nicht minder wertvollen Hüte zerdrücken ließen, um nur ja die Sensatton der Verhandlung zu genießen. Auch ist es fraglich, ob der Aufenthalt in der unreinen Stickluft des Korridors und Ver- handlungssaalxö in Moabit, wo diese sonst so peniblen Damen lvochenlaug anshielten, dem Aufenthalt im Kohlenkeller der New' Uorker Kirche vorzuziehen ist. Schiffskatastrophen. W y k a u f F ö h r, 26. November. In dev Nacht vom Dienstag zn Mittwoch strandete bei Amrum eine norwegische Bark. Die Boote dieser Bark wurden auf Amrum an- getrieben, drei Leichen wurden bisher von den Wellen ans Land gespült. Vom Schicksal der übrigen Besatzung ist bisher nichts be« iannt. Das Schiff ist bollständig aufgebrochen und verloren.— Brunsbütteler Hafen, 26. November. Der holländisch» Dampfer„Anglia", von Hamburg nach Rotterdam bestimmt, ist unterwegs untergegangen. Bei Borkum wurden Leichen und Teil» der Ladung augetrieben, wodurch der Untergang des Schiffes be- stätigt wird. Unwetter im Rheinland. Aus Düsseldorf, Essen, Siegen und andern Orten des Rheinlandcs sind Mitteilungen über gestern vor- mittag dort niedergegangene Gewitter eingelaufen. In' Dortmund herrschte starkes Schneegestöber. Der Rhein ist sei: vorgestern in raschem Steigen begriffen. Der heutige Pegelstand bettägt in Köln 3,33 Meter gegen drei Meter an» Mittwoch und 2,68 Meter am Dienstag. Versammlungen. Der Bcrdand der städtischen Arbeiter hielt am 19. November seine ordentliche Mitglieder-Versammlung ab, welche sehr stark besucht war. Schubert gab das einleitende Referat über die E n t- l a ss u n g der 93 st ä d t i sch e n G a s a r b ei t e r wegen Beteiligung an den Landtagswahlen. Er ließ die Geschehnisse der letzten Tage Revue passieren und wies nach, daß sowohl Verbandsvorstand wie Ortslcitung davon abgeraten hatte, die Arbeit nieder- zulegen. Zwar waren die Kollegen dieserhalb sehr erbittert. aber wer die Verhältnisse auch nur einigermaßen über« schaut, mußte sich sagen, daß wir dem Magistrat keinen größeren Gefallen hätten thun können, als einen allgemeinen Gasarveiterstreik lvegen der Entlassung zu proklamieren, wie ein großer Teil der Gasarbeitcr das gewünscht hätte. Gewiß konnte der Dirigent der Anstalt in der Danzigerstraße mindestens einige zur Wahl gehen lassen, aber die Arbeiter hätten sich nicht provozieren lassen sollen. denn die Folgen eines GaSarbeiter-AuSstandes seien unübersehbar und hätten zum Schaden für die ganze Organisation führen müssen. Gewerkschaftskommissioii wie Partei hätten die Unterstützung ab» gelehnt. Schubert empfiehlt eine Resolution, welche die Unterstützung der Entlassenen bezweckt. In lebhafter Diskussion sprachen eine An- zahl GaSarbeiter ihre Unzusriedenheit über das Verhalten des Dirigenten der Anstalt IV aus; man mußte aber zugeben, daß die Ortsleituug voll ihre Pflicht erfüllt und nicht anders handeln konnte. Die Versammlung billigte das Vorgehen des Kollegen Schubert und nahm einstimmig die Resolution an. Von dem Referat über die Stadtverordneten Wahlen mußte der vorgerückten Zeit halber Abstand genommen werden. D i t t m e r wies in kurzen Worten auf die Bedeutung derselben für die städttschen Arbeiter hin. Es wurde ein Schreiben an den Magistrat beschlossen behuss Frei- gäbe für die Wähler.— Eine Debatte über die Zulässigkeit von Extrasteuern und deren eventuelle Kontrolle durch den Filialvorstand erhitzte bis nach Mitternacht die Gemüter. Mit einem Hoch auf den Verband schloß der Vorsitzende Fiebig die Versammlung' Eingegangene Druckschriften. Dr. Arthur Ran». Haaraussall. Preis 75 Pf.— Professor Dr. H o s s a, Gymnastik und Massage als Heilmittel. Preis 50 Pj.— Professor Adolph Secligmüllcr, Kopsschmerz. Preis 1 M.— Sämtlich zu beziehen im Verlag O. Coblentz. Berlin IV. 30, Derflinaer» straße 22a. H. A. Bucck» Sociale Reform. 31 Seiten. I. Guitentag, Verlags- buchhandlung, G. in. b. H., Berlin 1903, Kutzow str. 107. Otto Alfred Paetz, Eine roie Regierung, Ein Beitrag ,u Lösung socialer Fragen der Gegenwart. Preis t M.— Pros. D r. G e o r a A d l e r, Franz Mehring als Historiker. Preis: 30 Pj. Beide erschienen im Verlag LipjiuS u. Tischer, Kiel und Leipzig 1903. Klarstell, mg Dclmer-Frank. Ein Beitrag zur Frage der Operation ohne Einwilligung des Patienten. Von Dr. meck. F. Eberhart. 16 Seiten. Druck A. Dauer, Köln. Protokoll der außerordentliche!, Generalversammlung des Centraivereins der Bildhauer Deutschlands zu Berlin 1903. 63 Seiten. Druck von Karl Rosen, Beuthstr. 2. Dr. Moritz Alsberg. Erbliche Entartung beding! durch sociale Ein- siüsse. Preis 80 Pf. Kassel und Leipzig 1903. Tb. G. Fischer u. Co. Katalog der Bibliothek der Korporation der Kausmannschast von Verlin. 700 Seiten. Preis 1,— M. Berlin 1903. In Kommission bei Georg Reimer. Tie freie Arztwahl und ihre Gegner. Von Dr. H. Schönhcimer. Leipzig. Ackermann u. Glaser. Tie Ursachen und die Beseitigung der Kurpfuscherei. Bon Dr. K. Beerwald. Berlin W. 30. Verlag von Oskar Eoblentz. Preis SO Pj. Neue 2taatslchre von Anton Menge r. DnZ Werk, daS wir bei seinem Erscheinen im„Vorwärts" ausführlich besprochen haben, ist soeben in einer zweiten billigen Ausgabe im Verlage von Gustav Fischer, Jena, er- schienen.— Preis 2 M., gebunden 2,60 M. Gicht, Rheumatismus uud Hüftweh.(Ischias) Ursachen, Vcr- bütung und naturgcntäße Behandlung. Von Dr. Kollegg, Verlag von Edmund Demmc, ileipzig. Preis 75 Pf. Halskrankheitcn: Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Kehlkopf- und Luft- röhrcn-Entjündung, Grippe und Influenza. Verhütung und naturgemäße Heilung. Von Dr. E. Kollegg. Verlag von Edmund Demme, Leipzig. Preis 75 Pf. Paul Louis. Les Etapes du Socialisme. 357 Seiten. Paris 1903. Bibliotheque-Charpentier-Eusene Fasquelle, Editeur, 11 Kue de Grenelle.__ Bncfhaftcti der Redaktion. Jeder Anfrage ist die LlbonncmentS- Quittung beizulegen und mit- zuteilen, unter welcher Chiffre Antwort erwartet wird. Briefliche Zlnt- wort wird nicht erteilt. Nr. 7a. 1. Majorat bedeutet das Recht des Aeltesten in der Erb- nachfolge. M. stellt außerdem einen Besitz dar, dessen Nutznießung dem Fainilicnältcstcn zusteht. Vergleichen Sie daS mit der Ihnen unter Fideioommissuiu gemachten Mitteilung und versuchen Sic sich nunmehr s c l b st zil orientieren. 2. Nein.— Was Sic übrigens„Schlagwörter" heißen, find feststchendc wissenschaftliche Begriffe und Kategorien teils ncschichtlichcr oder politischer, teils philosophischer oder nationalökonomischcr Natur. 3. Br. und M. sind beide nahezu gleich empschlenswert. Kann oder will man die neueste Auflage nicht erstehen, dann thut eine ältere zwar nicht denselben Dienst, aber bis zu einem gewissen Grade ist sie wohl brauchbar. 4. Vorläufig nicht. Vielleicht unternehmen Sic selbst eine solche Herausgabe.— Hoffentlich sind Sic nun sür einige Zeit zufriedengestellt. Bedenken Sie auch, daß der Brieskastcn wenig Rani» einnehmen soll und nicht die rechte Stelle sür weitgehende Unterhaltung und Belehrung sein kann. - Kons.-Vcr. Grfurt. 1. Kronprinzenstr. 7. 2. Nächstens im juristischen Teil.— Ä74. ,, S t u d e n t e n b c r r I i ch k c i t" erschien im Verlage von G. Birk u. Co., München, Wittclsbachcr Platz 2. Autor Hugo Egotinus.— Acquivok. Zweideutig, doppelsinnig. 'JuriHitcher Ceti. Die juristische Tprechstunde findet täglich mit VuSnahme des Tonuabends bo»?'/, bis»V, Uhr abends statt. Geöffnet: 7 Uhr. 00. 1. Wenn Sic einen Brief, der eine Kündigung enthält, nicht an- Iichmeu, so gilt die Kündigung dennoch als erfolgt. 2. Nach§ 14 Ihres Vertrages sind die 150 M. für die Dauer von nur sechs Wochen garantiert, nicht für die überschießende Zeit. 3. Ein Abzug findet nicht statt.— — Pictsch. 1. Ja. 2. Verhaftung ist keineswegs erforderlich, wenn die Strafe keine hohe ist.— Rudolf, Schulstraste. 1. Der Zahlungsbefehl ist vollstreckbar und rechtskräftig. Er kann also sofort vollstreckt ivcrdcn. 2. Falls der Vertrag nicht das Gegenteil besagt, bedürfen Sie zur After- miete der Einwilligung des Wirtes.—- R. 16. Sic müssen ein Zeugnis Ihres Heimatlandes darüber besitzen, daß Ihrer Heirat nach dortigen Gesetzen" nichts im Wege steht. Wenden Sic sich an Ihren Gesandten. — Paul R. Ob in Ihrem Falle eine Privatklage Erfolg haben wird, ist recht zweifelhaft. Wie eine Prioatklage wegen Beleidigung anzustellen ist, erfahren Sie aus dem in den öffentlichen Lesehallen ausliegendcn„Arbeiter- recht" S. 103 und 400.— ferner. Das partikularrcchtliche Taubensang- recht ist ausrecht erhalten. Ihre dies Recht betreffende Frage läßt sich nur beantlvorten, wenn Sie den Vorfall näher schildern, insbesondere angeben, lvo er sich ereignet hat und ob der Mann, dem die Tauben sortgefangen sind, Acker besaß.— C. H. Ja.— I. E. 48. Nein. —®. 300. Ob eine Klage seitens der Staatsanwallichast erhoben ist, läßt sich aus Ihren Darlegungen nicht entnehmen. Es ist unwahrscheinlich. Fragen Sie bei der Staatsanwaltschast direkt an. Die Verjährungsfrist betragt 5 Jahre.— H. K. 15. Ist vereinbart, daß die Vorschriften des alten Vertrages bestehen bleiben, so sind Sic im Recht. Ist solche Vcr- cinbarung nicht getroffen, liegt vielmehr Vereinbarung monatlicher Micts- zahlung vor, so ist der Wirt im Recht.— W. M. 30. Wenden Sic sich schleunigst an die Schuldeputation.— lOO A. Welche Rechte oder Pflichten aus einem Vertrage folgen, ist ohne Einsicht in denselben nicht zu be- antworten.— Büeigelt. Sic müssen sich an die Polizeibehörde des Ortes wenden, an dem»ie Straßenhandel treiben'wollen.— W. W. Nein. — Parteigenosse Brunner. 1. und 3. Nein. 2. Ja. 4. Polizeibehörde(in letzter Instanz Ober-Verwaltungsgericht).— K. M. Fr. Eine Kündigung zum 1. April ohne Zustimmung des Wirtes ist rechtsnnwirkfam. Es muß spätestens bis am 27. Juni zum 1. Oktober 1904 gekündigt sein, sonst verlängert sich nach Inhalt des Vertrages dieser bis zum Oktober 1905.— B. B. Ja.— Bäcker 1764. Bernsen Sie sich lediglich darauf, daß Sie nur die nach dem Vertrag Ihnen obliegenden Verbindlichkeiten zu erfüllen haben und daß zu diesen Ueberarbcit nicht gehören.— Fecaer. Scheinverträge sind ungültig und können strafbar sein. Rat zur Abfassung von Schein- oder Schiebungsverträgen zu erteilen, lehnen wir ab.— Gorges. Nein.— O. L. 77« Wenn Sie nicht sofort nach Empfang der Ware reklamiert haben, werden Sie zur Zahlung verurteilt. — Genosse 10. 1. Die Aufforderung des Bruders ist gleichgültig. Wollen Sie andre Gegenstände pfänden, so muß erst der Psändungs- und lieber- wcisungsbcschluß ausgehoben werden. 2. Gehört zu Eubin.— A. I. 160. Aus Ihrer Anfrage ist nicht ersichtlich, ob Sic die Mutter des Kindes geheiratet haben oder nicht. Ergänzen Sie Ihre Anfrage nach dieser sür die Antwort erheblichen Richtung hin.— L. ik. 1884. 1. Nein. 2. und 3. I«. — F. D. 38. 1. Sic können den ganzen Sachverhalt der Staats- anwaltichaft schildern und Bestrafung verlangen. 2. Rein und wie zu 1. — 7. 3. 68. Nein.— 777. Ihren Geburtsschein müssen Sie dem Standesbeamten mitbringen und eventuell den Sachverhalt darlegen. — F. X. 5, 1. und 2. Nein. 3. Durch mindestens zweijährigen ununter» brochenen Ausenthalt ohne Unterstützung wird Unterstützungowohnsitz erworben.— Capriviftr. 4. Hierzu sind Sic gesetzlich verpflichtet.— Lotto 37. In zwei Jahren nach Ablauf des Jahres, in dem die Schuld entstanden oder zuletzt anerkannt ist, verjährt eine Zechschulö. — G. R. Corneliusstraße 3, nur bis 9 Uhr morgens.— G..K. 1. In der Regel nicht; es hängt das vom Inhalt ab. 2. Wenn sie Erbin ohne Vorbehalt geworden ist, ja.— M. M. 41. Darüber gicbt ife keine gesetzlichen oder slatutariichen Vorschriften.— I. H. 600. In der Ucbcrnahine des Gcschästes unter den von ihnen geschilderten Umständen kann eine strafbare Handlung erblickt werden.— 3. K. 43. Im ordentlichen Verfahren muß geklagt werden. Leider erscheint aber die Klage aussichtslos. da dem Hauswirt kein Verschulden zur Last fällt.— Dessau. Wahrscheinlich ist ein Beschluß in Ihrem Sinne ergangen. Wenden Sie sich direkt an das Schiedsgericht(schriftlich oder mündlich) mit dem Ersuchen um Aus- kunft.— Märten, Rixdorf. 1. Nein. 2. Wenn die Frist noch incht vcr- säumt ist. ja.— Ghr. Gruben I. 1. Die Darlegung war damals zutreffend. Die heutige Rechtslage finden Sie in der Ausgabe von 1900, S. 137. 2. Ja. Witterungsübersicht vom 36. November 1003, morgens 8 Uhr. Stationen LL �£ S 2c c 3 Swinemdc. 753 Hamburg 750 Berlin; 753 Franlf.a.M. 760«j München 763 W Wien 762'W S 5 e.f SW SW >23 Wetter öffi tiS, til i 0 MS: »bedeckt 5 Schnee ÄSchnec 3bcdcckt 7bcdcckt »heiter Stationen SS SL §■£ "2 i i i Letter Haparanda 750, N 2Nebel Petersburg! 753 SSW, Ichedeckt 2 Cork 5 Merdeen 2 s Paris 4 i 771 WNW'»bedeckt c?■ H fs -20 — 0 8 Wetter-Prognose für Freitag, den 37. November 1003. Ein wenig kälter, zeitweise aufklarend, vorwiegend trübe mit Nieder- schlagen und frischen westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Inserate für die nächste Unmmer müssen bis 3 W/r nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Größere Inserate bitten wir vorher anzumelden und bis 4 Uhr nachmittags einzusenden.~.... �ie Q�rpev Für de» übernimmt Publikum gegenüber keinerlei Berantwortung. Inhalt der Inserate lt die Redaktion dem Zbcatcr. Freiing, 27. November, Ansang 71/» Uhr: Opernhaus. Samson und Dalila. Schauspielhaus. Wie die Zllten fungcn. Deutsches. Rose Bernd. Berliner. Ein Wintermärchcn. Lcssiug. Zapfenstreich. Weste». Zar und Zimmermann. ReueS. So ist das Leben. Residenz. Das große Geheimnis. Ventral. Das süße Mädel. Thalia. Der Hochtourist. Ansang 8 Uhr; Schiller O.(Wallner- Theater.) Liebelei. Hieraus: Litteratur. Schiller X.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Die Ehre. Bclle-Zllliance. Los vom Manne. Varl Weist. Die Schule des Lebens. Luisen. Der Widerspenstigen Zäh- mung. Kleines. Nachtashl. Trimimi. BiScottc. Deutsch- Amerikanisches. Uebcr'n großen Teich. Vasino. Berliner Nachtashl. Hotel Klingebusch. Metropol. Durchlaucht Radieschen. Apollo. Frühlingslust. Palast. Mutter und söhn. Wintcr-Garten. Specialitätcn. Paisage-Theatcr. Specialitätcn. Rcichshallcn. Stcttincr Sänger. Urania. Taubenstraste 48/40. Um 8 Uhr im Theater: An den Seen Obcritalicns. Um 8 Uhr im Hörsaal: Dr. G. Naß:„Die Metalle der Erden." Jnvalidenstraste 57/63. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr._ Neues Theater. Schiffbauerdamm 4a— 5. Zum erstenmal: So ist das Leben. Urania. Taubenstrasse 48/49. Um 8 Uhr im Theater: An den Seen Ober-Italiens. Um 8 Uhr im Hörsaal: Dr. G. Nass; „Die Metalle der Erden." Sternwarte Invalidenstrasse 67/62. CASTANS PANOPTICUM Eriedrichstr. 165. Sndianer-jttese k™. Die zusammengewachsenen Lebend. tOchwestern! Lebend. Boeren-Riese M�r, ehemal. Leibsoldat des Präsidenten Paul Krüger von Transvaal. l\LX- CKlNt\ Xunst-Jlttsstellnng LdipZIBER' Täglich geöftnet 10-8. Entree 1 Ifl., MonntagSOPf. Ansang VI, Uhr. Central-Theafer. Heute VI, Uhr: 11. Aboimcmcnts-Vorstellimg. Das sufte Mädel. Operette in 3 Stkteii von M. Reinhardt. Morgen nachmittag 4 Uhr, halbe Preise, jeder Erwachsene ein Kind srci. Der gestiefelte Kater. ?Ibeiids 7'/, Uhr: Der Rastelbinder. Kleines Theater. Unter den Linden 44. asclrlaszkl. Ansang 8 Uhr. Luisen-Theater. Ansang 8 Uhr. Der Widerspenstigen Zähmung. Sonnabend: Die Jungfrau von Orleans. Sonnlagnachmittag: Der Widerspenstigen Zähmung. Abends: Der Verschwender. Montag: Die Logenbrüder. S«liiIIvp-Th«step. Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Freitagabend 8 Uhr: I-Iehelel. Schauspiel in 3 Akten von 91. Schnitzlcr. Hieraus: I-itterutnr. Lustspiel in 1 Alt v. Arthur Schnitzler. Sonnabendabend 8 Uhr: Wilhelm Teil. Sonntagnachmittag 3Uhr: Der Talltnuan. Sonntagabend 8 Uhr: ftladame Bonivard. Schiller-Theater X. (Friedrich-Wilhelmstädtischcs Theater). Freitagabend 8 Uhr: Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten von Hermann Sudermann. Sonnabendabend 8 Uhr: Tasantaaena. Sonntag nach mittag 3 Uhr: Don Carlos. Sonntagabend 8 Uhr: Vaaantafiena. Cirkus Schumann. Heute Freitag, den 37. November 1003, abends T'/j Uhr: ■ Gr. ausserordentliche Gala-Vorstellung D zum Besten der unterzeichneten Krirger-Sanitäts- D Kolonne vom Roten Kreuz Berlin und Preusttsche» LanbeSvereins vom Roten Kreuz. BB Es ladet crgebcnst ein Der Verstand d. Krieg.-Sanil.-Kol. v. Rot. Kreuz, Berlin. Heute Freitag, den 37. November 1003. abends 7'/, llhr� Gr. ausserordentliche Gala-Vorstellung zum Besten der unterzeichneten Krieger-Sanitäts- Kolonne vom Roten Kreuz Berlin und des Preusttsche» LanbeSvereins vom Roten Kreuz. crgebcnst ein Der Verstand d. Krieg.-Sanit.-Kol.*. Rot. Kreuz, Außer dem besonders gewählten Programm um IV Uhr die größte Attraktion der Gegenwart: La Fleche Humaine"(da» original). Rekordspriing von 50 Fust— 15 Meter, ausgcs. von Mlle. BSIdne Dutricu, der Erfinderin dieses PseilsprungcS mit dem Fahrrad. 35 infinnllche Kal»erl6wen:c. » Apollo-Theater. Zum 50. Male: Frühlingsluft. Operette in 3 Akten v. weil. Jos. Strauß. Im 3. Alt: Blütenhochzelt, Ballett von Louis Gundlach. Vorher: Die glänzenden Specialitäten. Ansang 8 Uhr. RtsldkllMkM Direktion S. Lautcnbllrg. Ansang 7'l, Uhr. Das grosse Geheimnis, i Burleske Ausstattungsposso mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Holländer. In Sceno gesetzt vom Direktor ■Richard Schultz. Im 4. Bilde: Grosge* Ballett Wie damals im Monat Mai, Anfang 8 Uhr. — Rauchen überall gestattet.— Seile- Jlllianee- Theater. Bellc-Alliancestl. 7—8. Los vom Manne! Schlvank in 3 Alten von W. Jacobh und A. Lippschitz. Ansang 8 Uhr. ij Sonnabend bis Montag: Los vom> Manne! jj Sonntagnachmittag 3 Uhr zu halben Preisen: Doktor Wespe. Pnsssxe-ITieater Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags 5 Uhr. Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr. Die I Excentric-Tänzerin der Welt ?ertina Die Berliner Presse stellt sie einstimmig an die Spitze aller bisher in Berlin gcschcncn Tänzerinnen. Gas Meto-Mädchen Mensch oder Maschine? Das neue Rätsel sür Berlin. 14 glänzende Nummern. Casino-Theater. Lothrtngerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. 71/r Letzte Woche: Bepllncr Sachta.syl. Letzte Woche: Gastspiel Kapitän Martens zc. Letzte Woche: 9'/,: Botel Bllnsehuseh. Sonntagnachm. 4 Uhr: Ein edles Weib. Cari Weiss-Theater. : Graste Frankfurter Strafte 133. Wohithätigkeits-Vorstelliing, 1 1 veranstaltet von: Fahnenklub G. Lustspiel' in 3 Zilien v. Pierre Woiff. s Die Schule des Lebens Deutsch von Map Schönau.' ober: Die Köuigstocher als Bettlerin. Sonnabend zum erstenmal: Gin\ Schauspiel in 5 Akten von E. Raupach. Seitensprung. Vorher: Der Ansang 8 Uhr.— Morgen: Maria zündende Funke.> Theresia und ihr Hof. Nachm. 4 Uhr: Sonnlagnachmiltag 3 Uhr: Lutti. i Kindervorstellung." Der Watdmcistcr. Palast-Thealer fno-w. Bargntr. 33. Elite-Extra-Vorstellung. Mutter unh Sohn. Schausp.in 5 Wien v. Ch. Birch-Psciffcr. Anfang 8 Uhr. Vorher Konzert. DM- VoIknpreiHe.-MM Morgen Sonnabend: Das Liebesparahres. Soimlagnachmitlag 3 Uhr: DieTochterdes Herrn Fabricius. Solintagabeiid 7 Uhr: Das Liebesyarahies. Zum 90. Male tsdi-AmenkanftiiQ Theater l67Kopnkkerstr.6& torngrojxnleich" An fang 8 Uhr. Trianon-Theater. Gcorgcnstraßc, zwischen Friedrich» und UniversitätSstraßc. Biscotte. Ansang 8 Uhr. Sonntagnachmittag: Die Notbrücke. I Direktion; Robert Dill. Brannenstrassc 16. Hamlet, Prinz von Dänemark. Ansang 8 Uhr. Enticc 36 Ps. Sonnabend: Keine Borstellung. Sonntag: Preciosa._ Fröbel8 Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Inhaber: Wilhelm Fr« bei. Jeden Sonntag 5 Uhr: Grosse Kxtra- Vorstellung der belieble» Zimmermanns Norddeutsche Sänger. 'Nach der Vorstellung um 10 Uhr: Grosser 8xtra-3aU Eintritt 36 Pf. Sperrsitz 56 Ps. Montag 8>/, Uhr: Gastspiel Bühnen- Ensemble.Goethe".— Dienstag 81/. Uhr: Gastspiel Städtcbund- Theatcr.— Mittwoch 8 Uhr: Familien- ! Abend. Norddeutsche Sänger. Nach ■ der Vorstellung Frei-Tanz._ Königstadt-Kasino Holzmarttstr. 72, Ecke Aiexanderstraßc. Täglich: Prnni 8obunski, Geschw. Lehmann, C.Groth, L.Durand, La Traviata, Lesardo and Trepp. Zum Schluß: Ein Goldfuchs. IX. Berliner Saison, Cirkus Busch. Freitag, den 27. Novenlber, _ abends 71/, Uhr: Nur noch 5' Tage: Miß Hot, Löwenbraut. aap* Nur noch kurze Zeit: Paul Mlindners Todessprung durch den ganzen Cirkus und über eine ganze Herde Elcsantcn. Neueste Sensation Berlins!!! Mf. Eclair im Teulelsrad. Hm Gustav Coebel G� als 8chulrcltcr. Schüler des berühmten.l»mcs Plllis. berliucr Viutcrjrcudeu Humorist. Manege-Schaustück. Sonnabend, dm 28. November: Benefiz und Ehrenabend für die Löweubraut Miss Ciaire üeliot Berliner Praler- Dealer Kastanien-Allee 7—9. Freitag, dm 27. November 1903: Bernhartl Rose-Theater-Ensembie. Um Ehr� und Liebe. VolkSstück mit Gesang in 3 Akten von Frisch. Musik von Scheibenhoser. Ansang 8 Uhr. hur noch venige Tage: SahaFCt australische Tänzerin. Emil Sondermann Humorist vom Centrai-Theater, Berlin, Lucio Krall Bravoursängerin. Ida Füller in ihrer elektr. Sensal. „Feuer und Wind". Urban! u. Sohn Gymnastiker Lamberg Klavierhumorist. Little Fred Hunde-Dresseur. Les Agousts Humorist. Jongleure. Hadj Abdullah Arab. Gymnastiker. Egger Rieser Tyrol. Gesangstruppe. 0. K. Sato Komischer Jongleur. „Pariser LuU" Ballett. Der Biograph. Reichs hallen Stettiner Sänger. Cafe Sehurig Oranlenstr. 144, a. Moritzplatz Billard-Saal: 5 Billards(sMeuhusen mit Kerhau-Bande) a Stunde 40 u. 60 Pf. Kaffee 10 u. 15, Bier 10 Pf. 5 Sanssouci. Kottbuser Thor— Stai. der Hochbahn. Sonntag, Montag, Donnerstag: HotTniiinns MdeiM Sänger. Sornabend, 28. November: Woblthätigheits- Vorstellung _ zum Besten einer Weib« nachis-Beicheruiig armer Kinder. Nach der SoireeTanztränzchen. Kaffecpausc. Ansang 8 llhr. Entree 5p Ps. 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