Nr. S8S. RbonntmfntS'Bedingunfltn: Abonnements, Preis pränumerando: Bicrtcljährl. z.Z0 Mk, llionatl. l,10 Mk., »vöcheiUIich 2» Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags. nunimer niit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt' 10 Psg. Post- «tonneinent: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in der Post-geitungs- Preisliste für»»«» unter Nr.««Vit. Unter Kreuzband für Deutschland und vesterrcich. Ungarn- Mark, sür das übrige«usiand L Mark pro Monat. «Nchtsal täglich iiScr Rlontagi. 20* Iahrg* Nevlinev Volksvl�kk* Die InfertionS'GebflBr beträgt für die sechsgespaltcne Kolonel- zeile oder deren Rain»»0 Pfg., sür politische und gewerkschaftliche Vereins. und Lersammlungs-ZIuzeigen 20 Pfg. „Uleine Hnzeigcn" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort sclt>. Inserate sür die nächste Nunimer müssen bis 5 Uhr »achniiltags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und gesttagen bis S Uhr vormitttags geöffnet. Telegramm-blorcsse: ..Soildliltllblii'ltt««r»»". Centralorgan der socialdemokrtttischen Vavter Deutschlands. l�eclaktion: SM. 68» �inclensu-asse 69. Ferufprecher: Amt IV. Nr.»»«». Sxpcdition: SM. 68» Ltndenstraese 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Was wird ans den Banernkindern? Heber die berufliche und sociale Gliederung des deutschen Volles liegen seit 1882 und 1893 in den rcichsaintlichen Berufs- und Geiverbczählungcn höchst wertvolle Materialien vor. die in Politik und Wissenschaft äußerst fruchtbringend gelvirkt haben. Solche um- fassenden Untersuchungen aber bedürfen einer Ergänzung gerade weiterhin insofern, als spcciclle Berufsgruppen und individuelle Verhältnisse, zeitlich und örtlich genau begrenzt, auf ihre sociale und berufliche Entwicklung untersucht werden. Es war vor zwanzig und mehr Jahren wenigstens das Verdienst der bürgerlichen Ockonomic, im besonderen der sogen. historischen Schule, hier helfend einzugreifen, seit Jahren aber liegt dies Feld wirtschastswissenschaftlicher Forschung wieder brach, und nur vereinzelt tauchen einmal wieder halbwegS brauchbare Unter- filchungen dieser Art auf. Diese Untersuchungen werden um so brauchbarer für die Ocfscntlichkcit, je mehr sie sich darauf bc- schränken, darzustellen und zu sagen, was i st. Hieran gemessen ist eine Untersuchung dcS Herrn Heiser-Harttung über die B e r u f s- Wahl der ländlichen Jugend immerhin wertvoll, so sehr der Verfasser, der Stipendiat des Landwirtschaftsministers, auch in ihnen noch öfters jene Fehler zeigt, die wir neulich hier bei einer Mnlik seiner„Untersuchungen" über die Gründe der Landflucht fest- stellen mußten. Diese Untersuchungen nämlich über die BerufStvahl des ländlichen Nachwuchses lassen sich zunächst kontrollieren, denn Herr Heiser-Harttung veröffentlicht auch das Material der Erörterungen, ohne uns nur sein Urteil vorzusetzen: und diese Untersuchungen sind ganz konkreter, örtlich und zeitlich begrenzter Art, aber anerkennenswerter- weise so verteilt, daß sie allgemeine Urteile nicht ausschließen. Sie haben also über ihre selbstgesctzten Grenzen hinaus maßgebenden Wert. Dieser Wert aber ist— höchst bezeichnenderweise, wie ivir sehen werden— von dem Verfasser nur sehr wenig erkannt, weil seine Urteile und Schlüsse' MM. den erhobenen Thatsachcn beschränkt und eingeengt werden durch vorgefaßte Meinungen, von denen wir ja früher hinlänglich deutliche Proben gegeben haben. Ohne solche Vorurteile gelangt man nämlich auch auf Grund dieser neuen Er- Hebungen zu Ergebnissen, die durchaus zu den Entwicklungstendenzen passen, Ivic sie sonst schon in der socialen Struktur auch der land- wirtschaftlichen Berufe gerade von socialistischer Seite längst fest- gestellt wurden. Herr Heiser-Harttung hat fiir die Feststellung der Berufswahl der ländlichen Jugend drei nach landwirtschaftlichen, industriellen nid geographischen Verhältnissen verschiedene Kreise gewählt: sie Kreise S t e i n b u r g. Jütcrbog-Lucken walde und G u ni b i n n e n. Der an der Westseite der Provinz SchlcSwig-Holsiein gelegene Kreis Stein bürg liegt zum Teil in der Kremper Marsch, zum Teil in der Wilster Marsch und zum Teil in einem ftuchtbaren Teile .»er Geest. Die Bevölkerung ist zum größten Teil in landwirtschaft- .ichcn Betrieben beschäftigt; nur in Itzehoe und in dem Dorfe Lägcr- dorf befinden sich einige größere Ccmentfabrikcn. Für die sociale Struktur der Landwirtschaft ist hier das charakteristische, daß, >vie ja in SchleSivig-Holstein im wesentlichen überhaupt, der Groß- grnndbesitz ziemlich zurücktritt, dafür aber ein leidlich wohlhabender Bauernstand stark vertreten ist. In dem zweiten für die Untersuchungen ausgewählten Kreise Jüterbog-Lucken walde sind dagegen Großgrundbesitz und Bauernbesitz schon in fast gleicher Fläche vorhanden, und die in dem Kreise gelegenen Städte Jüterbog und Luckenwalde weisen eine ansgcdchntc und social einflußreiche Industrie auf. Der Kreis G n m b i n n e n endlich wird vorwiegend und ausschlaggebend vom Großgrundbesitz beherrscht, und die Industrie ist so gilt Ivic gar nicht vertreten. Und nun findet sich, daß in diesen drei Kreisen, förmlich mathematisch feststellbar, mit dem Steigen des groß- g r u n d b c s i tz l i ch c n Einflusses auch die P r 0 l e t a r i- sierung steigt, daß die Berufswahl dcS Nachwuchses der Bauern und Landarbeiter auf immer tiefere sociale Stufen herab- zugehen gezwungen ist, je mehr der Großgrundbesitz vorherrscht; daß im Gegensatz dazu sich der Nachwuchs noch eine gewisse Zeit auf gleicher Stufe hält, wo ein wohlhabender Bauernstand maßgebend vorwiegt und hohe Löhne gezahlt iverden. Um mit dieser letzten Erscheinung zu beginnen, so ist der Kreis Stein bürg dafür beweiskräftig. Herr Heiser-Harttung selbst berichtet, daß dort für einen Knecht neben freier Beköstigung und Schlafstelle 430 M. und darüber hinaus au Jahreslohn gezahlt werden; das ist in der That, wie der Verfasser sagt, gegenüber den ungeheuerlich jämmerlichen Löhnen unsrer Landprolctaricr in andeni Kreisen ein„außerordentlich hoher Lohn." Deswegen herrscht dort auch auch kein A r b e i t s m a n g e l. der Verfasser erfuhr von Gemeindevorstehern,„daß die Landwirte in den letzten Jahren stets genügend Arbeitskräfte hätten herbeischaffen können." Ja, er berichtet sogar, daß selbst in den Erntezeiten öfters ein Ueberau gebot vorhanden gewesen sei. Die Laudarbeiter sind hier sogar in der Lage. ihre Kinder zum Teil ein Handwerk erlernen zu lassen, berichtet der Verfasser weiter, von 910 erwachsenen männlichen Arbeiterkindern sind 284 gleich 81 Proz. als gelernte Arbeiter nach den Städten ab- gewandert. Daß sie damit noch nicht social gerade höher steigen, sondern Proletarier bleiben, wenn auch öfter mit höherem Ber- dienst, vergißt Herr Heiser-Harttung freilich; wie er denn überhaupt mit den socialen Kategorien eine arge Spielerei treibt. So B. auch, wenn er iinS für diesen Kreis das„Aufsteigen in höhere Klassen" beweisen will. Er belehrt uns da nämlich, daß von den 910 männliche» Landarbeiterkiiidern ganze 46 gleich 3 Proz.„selbständige" Landwirte geworden seien. Er selbst aber muß das also erläutern:„Von ihnen sind sieben als Farmer in Amerika, drei haben durch Heiraten von Bauern- töchtcrn einen größeren Hof erworben, die übrigen salso von 910 noch 36) haben sich kleinere oder größere Kätner- oder Baucrnsiellcn von ihren Ersparnissen gekauft." Was es aber mit diesen letzteren des näheren auf sich hat, ergiebt sich daraus, daß wir über sie er- fahren:„Einige von ihnen bearbeiten nur ihr eignes Besitztum, die andren, deren Besitz kleiner ist(!!), nehmen nebenher noch bei den größeren Besitzern Lohnarbeit an." Das ist deutlich genug: sieht man von den 7 Aincrikafahrcrn und den 3 Eingchciratctcn ab, so bleibt von den andren„Aufgerückten" nichts weiter übrig als ganz elend gestellte Landproletarier mit „eigenem Besitz", die sich, wie bekannt, oft noch weit schlechter stehen als die reinen Lohnarbeiter. Die Berufswahl der übrigen männ- lichcn Landarbeitcrjngcnd verteilt sich so: 311— 34 Proz. sind wieder landwirtschaftliche Lohnarbeiter geworden und 219— 24 Proz. sind als ungelernte Arbeiter in die Städte abgewandert; schließlich sollen die restlichen 30— 6 Proz.„selbstständige" Gewerbetreibende geworden sein. Sehr lehrreich, meist aber auch wieder in ganz anderm Sinne als der Verfasser uns glauben machen möchte, sind die Ergebnisse über die B c r u fs w a hl der Bauernkindcr des Kreises Steinburg. I» 70 untersuchten Landgemeinden des Kreises wohnen 873 Bauern- familien mit 1073 erwachsenen Söhnen. Von diesen erwachsenen 1073 Söhnen sind 873 81 Proz. auf dem Lande geblieben, aber 200— 29 Proz. in die Städte a b g c iv a n d e r t. Von diesen letzteren sind 47 teils gelernte, teils ungelernte Arbeiter, 94 sind Handwerker, Gastwirte oder Kaufleute und 39 gehören, wie Herr Heiser-Harttung ohne jede weitere Erklärung berichtet,„den höheren socialen Schichten" an. Von den auf dem Lande Gebliebenen sind 333 ivicder selbständige Landwirte, sie haben zum Teil schon den väterlichen Besitz übernommen oder einen Banernhof gekauft; nur 63 sollen landwirtschaftliche Tagelöhner gc worden sei». Bedenkt man, daß man hier einen Kreis vor sich hat, der, wie gesagt, zu den durch Natur und sociale Struktur noch bestgestelltesten gehört, so sieht diese EntWickelung des bäuerlichen NOchlvuchseS und erst recht die des ArbeitcrnachwuchseS in keiner Weise nach irgendwelcher socialen Stabilität aus, wenn auch eben die Proletari- sierung nicht so rapide vor sich geht wie in den nicht so be- vorzugten Kreisen. Zu diesen letzten Kreisen gehören nun die beiden Kreise Jüterbog- Luckenwalde und Gum binnen. Des Raumes ivcgen soll nur aus den Ergebnissen des letzten Kreises genaueres mitgeteilt werden, weil dieser Kreis sich zu dem Stcinburgcr besonders augenfällig gegensätzlich verhält. Aus den Verhältnissen des Kreises Jüterbog-Lucken walde möchten wir nur die Berufs- entwicklung der Bauernsöhne hersetzen; Heiser-Harttung unter- suchte sie bei 1081 und fand nur 440 als selbständige Land Wirte, 200 als Handwerker oder Gastwirte und beim Vater thätig, 186 aber waren schon als landwirtschaftliche Arbeiter in fremden Wirtschaften thätig und 255— 24 Proz. haben ihr Heil in den Städten gesucht. Herr Heiser-Harttung selbst muß hier das vorwiegende„Herabsteigen aus der Gesellschaftsklasse der Bauern in die der Lohnarbeiter" zugeben. Am dcutlickisten und einhelligsten sprechen dann wieder die Ver Hältnisse des Kreises Gumbinnen, eines ostelbischen Muster- beispicls. Charakteristisch für ihn ist schon, daß hier sofort dem Ver fasser bei seinen Untersuchungen böse Hemmnisse bereitet wurden. Der Landrat sagte ihm schon im voraus, daß die Besitzer seines KrciscS„derartigen wissenschaftlichen Untersuchungen sehr wenig geneigt seien" und gab ihm deshalb schon eine Auslese von Besitzern, von denen er allenfalls noch Antworten bekommen würde; aber, berichtet der Verfasser,„auch von diesen noch haben tvunderbarcrwcise mehrere mit ihren Aussagen hinter dem Berge gehalten". Dies„wunderbarerweise" ist für die eigen- artige— Naivität des Stipendiaten des preußischen LandwirtschastS- Ministers höchst bezeichnend. Nur 7 Gutsbezirke und 13 Landgemeinden konnte er deshalb im älreise Gumbinnen untersuchen. Für das Schicksal der Kinder der Landarbeiter fand er: von 338 männlichen sind nur 183— 51 Proz. ans dem Lande ge- blieben, 4 von ihnen soll es gelungen sein,„eignen Gnmdbesitz" zu erwerben; die übrigen sind geblieben, was ihre Väter waren; 173— 49 Proz. aber sind abgewandert, 113 als ungelernte, 60 als gelernte Arbeiter. Bis nach Berlin, Hamburg. Essen er- streckte sich diese Ablvandcrung. Eine fast genau gleiche Abwanderung zeigt sich im Kreise Gumbinnen aber auch bei den Söhnen der Bauer n. Von 183 sind nur 102--- 35 Proz. in landwirtschaft- lichcn Betrieben thätig geblieben, während 83= 45 Proz. ein Unter» kommen in den Städten gesucht haben. Nur 17 von diesen letzteren gehören selbst nach Herrn Heiser- Harttung nur noch„den höheren socialen Schichten" an, 43 sind Hand- werker und 23 Lohnarbeiter; auch von den auf dem Lande gc- bliebencn sind nur 33„selbständige Landwirte". Die Proteiarisierung ist hier also so offensichtlich, wie es bei einer einzelnen Erhebung, die sich nach Ort und Zeitraum so beschränkt, überhaupt festzustellen nur möglich ist. Nicht unerwähnt darf schließlich bleiben, daß der Verfasser diese hier skizzierten Entwicklungstendenzen nicht nur sür den männlichen. ondern auch für den iv e i b l i ch c n Nachwuchs ausweist. Hier ist die Entwicklung sogar noch schroffer und gegensätzlicher. Mag nun an der Methode auch dieser Untersuchungen noch vieles auszusetzen sein, so, daß keine durchgehenden genauen Lohn- Verhältnisse angegeben werden, daß die sociale Stellung innerhalb derselben Berufsklasse nicht noch specicllcr differenziert wird, daß der Verfasser sich nicht die Ergebnisse der letzten Berufs- und Gewerbe- Zählung für seine Kreise zu beschaffen gewußt hat,— mag dies alles tadelnd anzumerken bleiben, diese Untersuchungen haben doch wesent- liche unzweideutige Ergebnisse, die, wie wir hier nur in knappen Umrissen zeigen konnten, zu denselben Urteilen zwingen, wie sie gerade von socialdemokratischer Seite für die agrarische Entwicklung schon so oft erwiesen wurden. Der Stipendiat des preußischen Landwirtschafts- Ministers aber ist hieran so unschuldig, wie er an den Urteilen und„Ergebnissen" seiner ersten Untersuchung schuldig war; ohne Publikation deS Materials kann man ins Blaue hinein urteilen, wenn man Gläubige findet (und wenn's auch nur einer ist wie Herr v. Podbielski), veröffent- licht man aber auch die Thatsachcn, so reden die Tinge selbst und zwar je deutlicher, je mehr sie etwa fiir die Interessen einer be- stimmten Klasse zugeschnitten sein sollen. Wir können deshalb von Herrn v. Podbielski nur wünschen, daß cr weitere Stipendien ver- leiht zu ähnlichen Untersuchungen, vorausgesetzt immer, daß die Oeffcntlichkeit die Methode und das Material n a ch p r ü f e n und somit selbst urteilen kann.— Wir erhalten folgende Zuschrift, die lvir nach der Vorschrift deS Prcßgcsctzes an dieser Stelle veröffentlichen: „Zu Ihrem Leitartikel vom 23. November d. I. in Nr. 273 deS „Vorwärts" teilen wir Ihnen berichtigend mit, daß die Abteilung Lippstadt der Deutschen Koloiiialgcscllschaft bis zum 23. November d. I. den im„Vorwärts" besprochenen Brief nicht erhalten hat, folglich auch den Brief weder veröffentlichen, noch an alle Mit- glicder des Reichstags senden konnte. Wir ersuchen um Veröffentlichung dieser Berichtigung ans Grund des 8 11 des Prcßgesetzes an derselben Stelle, an welcher besagter Leitartikel abgedruckt war. Berlin, den 29. November 1903. Abteilung Lippstadt der Deutschen Kokonialgcsellschaft, i. A.: Eichholtz." Dazu bemerkt der Verfasser unsrcS Leitartikels„Kiautschou" in der Nr. 273 des„Vorwärts": „Mif die Berichtigung des Herrn Eichholtz teile ich Ihnen mit: Mitte November erhielte» die NeichStagS-Abgeordnctcn eine Zuschrift der Abteilung Lippstadt der Deutschen Kolonialgesellschaft, in der Bezug genommen wurde auf den in jenem Leitartikel verwendeten Brief aus Tsingtau. Der Brief der„Vereinigung der Grund- eigentümer" in Tsingtau(gez.: H. Krippcndorf. Behrens) beginnt: Tsingtau, den 15. September 1903. „Abteilung Lippstadt der Deutschen Kolonialgesellschaft L i p p st a d t. Endesunterfertigte Vereinigung erhielt durch eines ihrer Mit- glicder Ihre geschätzte Zuschrist vom 19. Juni 1903 und hat mit um so größerer Freude von den in demselben sich offenbarenden Bestrebungen der Deutschen zu Hause zum Besten der Kolonien Kenntnis genommen, als sie selbst ähnliche, wenn nicht gleiche Ziele zu verfolgen sick als vornehmste Aufgabe gestellt hat. Sie ist daher sehr gerne bereit, in der gewünschten Weise thunlichst erschöpfend die gestellten Fragen in Folgendem zu beantworten":c. Daraus geht deutlich hervor, daß es sich um eine Art Enquete handelt, die die Abteilung Lippstadt der Deutscheu Kolonial» Gesellschaft unternonnnen hat. Warum die Antwort nicht in die Hände der Abteilung Lippstadt gelangt ist, wisse» w i r natürlich nicht. Den NeichStags-Abgeordneten ist sie im Namen der Lippstädtischen Ortsgruppe zugesandt worden. Gedruckt war die Zuschrift in der Verlagsanstalt und Druckerei A.-G.(vorm. I. F. Richter) in Hamburg. Dort mag Herr Eichholtz nachfragen. wer den Druckaustrag erteilt und die Verschickung vorgenommen hat. Uns interessiert das gar nicht. Denn uns kommt es allein auf die Sache an; und dazu hat sich der Staatssekretär des Reichs-Marine» amts zu äußern." potttifcke deberlickt. Berlin, den 2. Dezember. Die neue Ziischusiaulcihe. Die Lage der Reichsfinanzen ist so jämmerlich, daß selbst die Militaristen und Marinisten in diesem Jahre ihre neuen Wünsche zurückstellen müssen. Nicht als ob sie durch daS Finanzelend zur Umkehr von den heillosen Pfaden, die gerade in dieses Elend hinein» geführt haben, sich ermahnt fühlten. Keineswegs. Sie müssen nur im Augenblick sich dem übermächtigen Zwange beugen und ihr Trachten ist nun zunächst darauf gerichtet, tvie eine Vermehrung der Reich?» einnahmen zu erzielen ist, damit dann in den folgenden Jahren neue Molochopfer in vermehrtem Umfange gefordert werden können. Der Entwurf des Etatsgesetzes spricht ausdrücklich von den„steigenden Bedürfnissen" des Reiches und man weiß, daß Kulturbedürfnisse dabei am wenigsten gemeint sind. Die nächste Aufgabe der im Dienste deS Militarismus arbeitenden Reichs-Finanzberwaltung wird also sein, e.eue Einnahmen zu er- öffnen. Die Darlegungen des sächsischen Finanzministers, die wir gestern mitteilten, zeigen, in welcher Richtung die Regierungen die neuen Quellen suchen. Vielleicht wird bereits die Thronrede. die am Donnerstag der Reichskanzler verlesen wird, weitere Auf- schlüsic bringen. Thatsächlich ist der Stand der Reichsfinanzen in dem soeben bekannt werdenden Etat für 1904/03 noch schlimmer als der vor- jährige. Die Ungeheuerlichkeit des Znstandes zeigt sich auf das ein- dringlichste in der Wiederkehr einer großen Zuschuß» a n l e i h e. Diese Zuschußanleihc wird, wie von unsrer Seite schon im Vorjahre vorausgesetzt wurde, zur ständigen Einrichtung des Reichshaushalts. Und die diesjährige Zuschußanleihe ist nur scheinbar niedriger als die vorjährige, in Wahrheit ist sie bedeutend größer. Wobei nicht zu vergessen, daß diese Art der Etatsgestaltung verfassungswidrig ist, da Anleihen nur fiir einmalige Ausgaben, nicht aber zur Deckung fortdauernder, jedes Jahr wiederkohrcilder Aufgaben aufgenommen werden dürfen. Die „Not" der Rcichskafie ist aber so gros;, daß man wiederholt dcr Bcr- sassungswidrigleit verfällt und selbst lausende Ausgaben durch„In- schutzanleihen" deckt. Im Vorjahre betrug die Zuschnszanlcihc 72 Millioiic», im jetzigen Etat ist sie nur mit 59'/g Millionen angesetzt. Dieser Schein einer ctlvas besseren Situation beruht jedoch nur aus einem hübschen Finanzkunststiick des neuen Staatssekretärs der Reichsfinanzen. Dieser beweist seine Fähigkeit im Zahlenspiel, indem er entgegen aller bisherigen Hebung die Deckung des Dcfieits von 1902 nicht als eine einmalige ordentliche Ausgabe verrechnet, sondern in die öiubrik der außerordentlichen Ausgaben schiebt. Im Borjahre er- reichte die Zuschußanleihe die Höhe von 72 Millionen nur. weil ca. ck8 Millionen Mark Deficit von lOOljin dieselbe einbezogen erschienen. Die Zuschußanleihe hatte also im Vorjahre nach der Rechnung, die jetzt Herr v. Stengel macht, nur 24 Millionen betragen, und in Wahrheit übersteigt die urnr Zuschiißaulrihc die vorjährige»m 35>/z Millionen Mark! Jedenfalls dürfte es alsbald im Reichstage über die Finanzlage des Reichs, über die Unhaltbarkci t deS Zustandes fortgesetzter Zuschuß- anleihcn sowie über die Mittel der Aenderung des unsäglichen Zu- standes zu schärfsten Auseinandersetzungen kommen. Bor allem muß sich entscheiden, ob sich eine. Reichstagsmehrheit für den Regierungs- Plan findet, neue indirekte Stenern zu schaffen, oder ob endlich das einzig aussichtsvolle inid dos Volksinteresse wahrende Mittel der Einsührung direkter Reichssteuern ans die Ivohlhabcnden Massen ergriffen werden soll.— Stimmiiiigsmachc für eine Kavallcricvcrmchrung. Die„Berliner Neueste Nachrichten" brachten jüngst ein paar mit v. B. sBoguslawski?l gezeichnete Aufsätze, in denen die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der jetzt so beliebten großen Äavallerie-Attacken gewissermaßen„kriegs- wissenschaftlich" bewiesen lverdcn sollte. TaS ganze Geschreibsel charakterisiert sich als eine ebenso dreiste wie ungeschickte von Trugschlüssen bedenk- lichster Art iviinmelnde S t i m m n n g s m a ch e für eine Bcr- mehrung der stavalleric. Ein ehemaliger skavallcrist schreibt uns dazu: Rein militärtechnisch betrachtet aber kommt in den Aufsätzen eine Geringschätzung der Infanterie- und Artilleriewaffe zmn Ausdruck, wie sie eben nur ein„Wir von der Kavallerie" hegen und empfinden kann. Die Infanterie sei— nun ja, vielleicht recht gc- fährlich, w c n n sie ihr Magazingelvehr ruhig und sicher gebrauche; doch lverdc vor allem die überall verkürzte D i e n st- zeit auf die Haltung der Infanterie eine ungünstige Wirkung ausüben, ein Umstand, der Kavallerie-Angriffe auf Infanterie un- dedingt begünstige. Und Artillerie? Pah, deren Neigung, innner mehr hinter Deckungen zu kriechen, die Einführung von Schutzschildcn, die den Ausblick begrenzten, ferner Auffahren von Munitionswagen in die Geschutzlime zum Schutz der Bedienungsmannschaften, wodurch Flanken- fcucr gegen anstürmende Kavallerie fast völlig ausgeschlossen(!) sei, gestatten der Kavallerie schneidige Ueberraschungcn, sogar in der Front! Deshalb solle man nicht über Masscnattacken raisonnieren, sondern diese noch mehr wie bisher üben, damit die Kavallerie iin Ernstfalle tvieder zu früherem Ruhm gelange. Anno 70 und 71 habe die deutsche Kavallerie auch nicht genug geleistet, ihr habe Schulung und Vertrauen auf eigne Kraft gefehlt, die Führer glaubten selbst an keinen Erfolg mehr. Doch die 1. Gardc-Dragoner und Brigade Bredow hätten bei MarS la Tour bewiesen, lvas die Kavallerie könne. Freilich hätten die einen ein Drittel, die andern die Hälfte der Mannschaft verloren, aber das schadet nichts, die Waffe sei zu kostbar, um nichts zu leisten. Resümee: Man könne die Behaup- tung mit vollem Recht aufstellen, daß die Kavallerie in Schlachten der Zukunft Erfolge erringen könne, man müsse nur nach Mitteln suchen, den „etwa" größeren Schwierigkeiten zu begegnen. Die einzige Mög- lichkeit dazu böten Kavallerie-Angriffe großen Stils, wie sie in deutschen Kaisermanövern geübt lverdcn. Deshalb müsse man mit Boigts-Rhetz sprechen: Deutsche Reiter haben„ihren Auftrag und Beruf zu erfüllen, wenn sie auch fallen bis auf den letzten Man n." In der That, recht schneidig. Lb der Verfasser jener Artikel wohl schon jemals so etwas wie ein Verantwortlichkeitsgefühl in sich verspürt hat? Fast könnte man cS bezweifeln. Gerade der 70 er Feldzug hat zur Evidenz bewiesen, lvie unendlich lvenig die Kavallerie als geschlossene Angriffstruppe in der Neuzeit zu leisten vermag. Das hindert den Autor aber keineswegs, die damaligen Reiter- führer, die doch jedenfalls auch etwas von der Sache verstanden haben, von oben herab zu schulmeisterir, als wären es hasenherzige Feiglinge gewesen. Wir behaupten schlankweg: Die große Mehrheit der Kavallerie-Offiziere gesetzten Alters steht noch genau auf dein- selben Standpunkt wie ihre Kameraden vom Jahre 1870—71. Sie lvisscn sehr wohl, daß ein mäßig starker Äavalleriekörper bei ge- schickter Ausnutzung dc-s Terrains und einer gegebenen günstigen Gefechtssituation unter Umständen einen Erfolg zu erzielen ver- mag. In der Hauptsache aber weisen sie der Kavallerie mehr denn je den AnfklärungSdieNft zu. Gewaltattacken aber, Massenangriffe, wie sie'jetzt Mode gclvordcn sind, reitet man eben— weil sie befohlen werden!„Was befohlen wird, wird gemacht; was geblasen wird, wird geritten." Man riskiert ja nichts weiter als höchstens einen gewöhnlichen Sturz und— eine halbe Schwadron lahmer Pferde. Im übrigen denkt man sich eben sein Teil. Wie könnte man auch ernsthaft annehmen, daß bei der heutigen Technik der Feuerwaffen eine so gut wie wehr- lose Reitcrmasse die feuerspeienden Linien intakter Infanterie und Artillerie in nennenswertem Maße zu schädigen vermöchte, selbst wenn sie den denkbar schneidigsten Galopp reitet. Gewiß sind ein paar tausend Meter rasch durchritten, doch noch schneller ist das dazwischen liegende Feld mit einein vernichtenden Hagel von Geschossen bestrichen. Das absolute Vertrauen auf die verderben- bringende Wirkung des modernen Mehrladers giebt der Infanterie eben eine ungleich größere Ruhe und Sicherheit beim Schießen wie früher, so daß sie der Kavallerie gegenüber die Bildung von Ouarräs schon gar nicht mehr ftir nötig hält. Gänzlich aus- sichtslos aber ist eine Attacke ans Artillerie, weil diese stets aus größerer Entfernung geritten werden muß, die Pferde also schon in total erschöpftem Zustande bei den Batterien anlangen— wenn sie überhaupt soweit kommen. Ohne leistungsfähiges Pferd aber kann auch der beste Kavallerist nicht mehr cinhancn. Da die Artillerie nun durchweg aus Anhöhen postiert ist, so überblickt sie auch ivcit und breit das Terrain und weiß anreitender Kavallerie infolgedessen von vornherein auch wirksam zu begegnen. Jedoch selbst wenn die Artillerie wirklich von der Kavallerie überrascht würde, so genügte ein äußerst minimaler Zeitraum, um die Geschütze zu wenden und die armen Reiter einfach vom Erdboden hinwegzublascn. Es bleibt also dabei: Die Gcwaltattacken en inasss sind heutzutage ohne jeden praktischen Wert; sie bilden eben nichts iveiter als ein prächtiges Manöverspiel. An solcher effektvollen Hünmelstürmerei mag man sich vielleicht begeistern, so lange keine blauen Bohnen fliegen. Im Ernstfalle aber würde es kein Heerführer ver- antworten können, die Kavallerie-Regimenter dutzendweise in den Tod zu jagen. Eine unglaubliche Zumutung aber ist es, dem ohnehin durch den Militarismus ausgepowerten Volke für die Ver- mehrung einer Paradclvaffe gewaltige Mehrausgaben zuzumuten J— Die Socialisten und das italienische Ministerium. Rom, 00. November.(Eig. Bcr.) Gestern ist die Parteisraktion zusammengetreten, um sich über die Stellung, die dem Kabinett G i o l i t t i gegenüber bei der bevorstehenden KnMmercröffnung ein- gehalten werden soll, schlüssig zu werden. Zugegen waren die Abgeordneten Bcrenini. Bissolati, Bossi, Ciccotti, Ehiesa, Ferri, Gatti, Lollini, Majno, Morgari, Monte- martini, Nofri, Noö, Pcscetti, Prampolini, Todeschini, Tnrati, Barazani. Vigna. An der Diskussion, die bis gegen Mitternacht dauerte, nahmen fast alle Anwesenden teil. Bercnini trat für die Notwendigkeit ein, den Transformismus, die politische Farblosigkeit des Kabinetts, anzunageln; Turati riet, eine„sehr kritische, aber sehr gemäßigte" Rede zu halten und zu betonen, daß die Socialisten heute oppo- sitionell vorgehen, weil ihnen eine andre Handlungsweise durch die tlnreifheit der äußersten Linken zur Teilnahme an der Regierung unmöglich tväre. Sie wollten aber abwarten und Giolittis Pro- gramiil hören. E i c c o t t i trat diesen Ausführungen entgegen. Die Fraktion dürfe nickt ihr Verhallen von der Erklärung des Kabinetts abhängig machen, denn Gioliiti hätte natürlich gleich einen Haufen Versprechen bei der Hand. Man müßte ihn nach seiner Vergangenheit bis nach den von ihm gewählten Mitarbeitern einschätzen. Ilnrcif- hcit, an der Regierung teilzunehmen, könnte man der Partei nicht vortvcrfcn. Ans ihrem Programm selbst ergäbe sich die vollständige Unmöglichkeit, mit den Radikalen zusammenzuarbeiten. Diesen Ans- sührungen trat aucki F e r r i bei, der betonte, besonders im Hinblick auf die von Giolitii wieder in den Vordergrund gerückte„moralische Frage" müsse man das Kabinett bekämpfen. Die heutige politische Lage sei nicht der äußersten Linken und ihrer„Unreife" zuzuschreiben, auch nicht Giolittis Gewissenlosigkeit, sondern der ganzen politischen Eigenheit der herrschenden Cliquen, die keine gerade und recht- schaffenc Politik wollen. Der Redner schlägt energische Opposition vor, ohne Rücksicht auf die Mitteilungen des Kabinetts. Bissolati erklärt, es stünden sich bei der Diskussion zwei Strömungen gegen- über: die einen hielten die Zeit einer dem Ministerinnr günstigen socialistischcn Fraktion ein für allenial für vorbei, die andern glaubten dagegen, daß es Pflicht der Partei sei, einer demolratisch-reformfstischcn Partei den Weg zur Regierung zu bahnen. Er glaube daher, daß e i n Redner nicht die Ansichten der Gefaintfraktion dem Ministerium gegenüber zum Ausdruck bringen könne. Was ihn betrifft, so ist er für eine energische Opposition, auch wegen der Jminoralität des Ministeriums Gioliiti. In der Abendsitzung sprach nochmals Ciccotti, der Bissolati als Fraktionsredner bezeichnet sehen möchte; ihm folgte Bcrenini, der hervorhebt, es sei notwendig, den Ilcbergang zur Opposition klar zu begründen. Es müßte gesagt werden, daß der Ausschluß der Radikalen aus dem Kabinett deutlich vorhersehen lasse, daß das neue Ministerium»fit Unfruchtbarkeit geschlageil sein werde und dem .Lande die notwendigen Reformen nicht geben könne. Turati meint, man solle zwei Fraktionsrcdner wählen, da die drei wesentlichen Gründe des licbergangcs zur Opposition von den verschiedenen Tendenzen verschieden bewertet würden: die politische Farblosigkeit. die moralische Minderwertigkeit und die der Forderung der Mitarbeit der Radikalen. Turati selbst hält die politische Färb- losigkeit für den Hauptgrund der oppositionellen Haltung der Fraktion. Für die Aufstellung eines einzigen Fraktionsredners sprachen noch Ciccotti, Bercnini, Gatti, Morgari, Nofri und Majno, die alle darin übereinstimmen, daß die Fraktion im wesentlichen eines SinneS ist und der Moment für theoretische Haarspaltereien jetzt nicht günstig sei. M a j n o will die politische Schwenkung Giolittis als Grund der Opposition angegeben sehen, da man sonst dies Eintreten für das Kabinett Zanardelli- Gioliiti desavouiert. Dagegen sprechen Lollini und Ehiesa, die die moralische Frage für ausschlaggebend halten, ebenso Bossi und Todcschini. Alle sind einig, Bissolati mit der Rede zu beauftragen. Dieser Einmütigkeit gegenüber übernimmt dieser nach einigen Erklärungen über die Fnnttion der demokratisch-radikalen Partei den Auftrag. Die Fraktion beschließt ferner, ein politisches Votum über die Erklärungen Giolittis herbeizuführen, falls dies nicht von andrer Seite geschieht, auch durch Einbringung einer eignen Tages- ordnung.— veutlcden Reick. Die socialdeiuokratischc Rcichstogs-Frattion versammelte sich am Mittwoch zum erstenmal in ihrem Fraktionösaal. Die Fraktion tvar fast vollzählig erschienen. Der zur Leitung erwählte Genosse Singer hielt eine Ansprache, in der er insbesondere die neu gewählten Mitglieder herzlich bewillkommnete. Der Fr a kti o n s v o rst a n d soll, so ivurdc sodann be- schlössen, wiederum wie bisher aus fünf Mitgliedern bestehen. Es wurden für dieses Amt erwählt: Auer, Bebel, Meister, Pfannkuch, Singer. Für die am Freitag zu erwartende Wahl des Präsidiums wurde beschlossen, ein Mitglied der Fraktion für den Posten des e r st e n V i c c p r ä s i d c n t c n vorzuschlagen, und zwar den Ge- »osscn Singer. Als Schriftführer sollen die Mitglieder der Fraktion Fischer- Verlin und S ch i p p e l vorgeschlagen werden. Weiter wurde ausführlich über die ziuiärvst bevorstehenden Arbeiten im Reichstage diskutiert, lieber die einzubringenden Initiativanträge soll in einer alsbald folgenden Fraktionssitznng Beschluß gefaßt werden. Beschlossen wurde, zwei Jiiterpcllntionc» einzubringen, deren eine sich auf die W u r m k r a n k h e i t unter den Bergarbeitern, die andre sich auf das gegen unsrc Parteigenossen in Ostpreußen eingeleitete Strafverfahren wegen „Beihilfe zum Hochverrat gegen Rußland und zur Beleidigung des Zaren" bezieht. Zur Prüfung der Wünsche, welche die Kommission für Bau- arbeiter schütz eingereicht hat, wurde eine Kömmissiott von sieben Mitgliedern erwählt.— Eine in die Lust gesprengte Anklage. An andrer Stelle nnsrcs Blattes finden unsre Leser eine ausführliche Darstellung einer Prozeßverhandlung, die sich gegen unser Redaliionsmitglied, den Reichstags- Abgeordneten K u n e r t, richtete. Kunert war angeklagt, eine Auf- r e i z u n g zu G e w a l t t h ä t i g k c i t c n begangen zu haben, und zwar dadurch, daß er während der Reichstags-Wahlcampague in einer Versammlung in EberSioalde geäußert habe, die Reichstags- Wahl 1903 werde den Beweis erbringen, daß die Hälfte der deutschen Reichstags- Wähler der Socialdemokratie angehöre; dieser Erfolg könne aber nicht genüge»:„Wir bekommen noch eine» weitere» Man», und wenn dies bei oberirdischer Arbeit nicht gelingt, wird es unterirdisch versucht werden. Beim Rest, der sich dann nicht aufklären läßt, werden sich Milte! finden, ihn einfach in die Luft zu sprengen." Diese unerhört blödsinnigen Aenßeningcn sollte Kunert nach dem Bericht der„Eberswalder Zeitung", der von einem in der Versammlung in Civilanwesenden Polizcibeamtcn geliefert worden war, wenn nicht ganz wörtlich, so doch dem Sinne nach gemacht haben! ' Infolge der Einsendung der betreffenden Nummer der„Ebers» ivalder Zeitung" an den Regierungspräsidenten beschäftigte sich die Staatsanwaltschaft mit der Angelegenheit. Sie beantragte aber nicht ciiva die Einleitung des Entmündig ungs- Ver» f a h r e n s gegen Kunert oder— den Ver'fasser des B c- r i cht e s, sondern sie erhob Anklage g e g e n K u n e r t wegen A n f r e i z n n g zur G e w a I t t h ä t i g k e i t! Ten Verlans der Verhandlung lese man in dem Bericht nach. Kunert ivnrde selbstverständlich freigesprochen, da alle urteilsfähigen Zeugen, darunter ein gegnerischer Tis- kussionSredner, der Eberswalder Stadtverordneten-Vorsteher G r o ß m a n n, zeugeneidlich aussagten, daß Kunert den ihm unterstellten beispiellosen Blödsinn natürlich nicht gesagt habe. Ganz unbcgrcfflich bleibt nur, wie auf eine so unglaublich lächerliche Bezichtigung hin überhaupt die Anklagt hat erhoben werde» könne»! Haben denn Staatsanwalt und Richter einen socialdenro- kratischen Reichstags- Abgeordneten von vornherein für einen kompletten Idioten halten zu müssen geglaubt? Freilich könnten sie sich zur Entschuldigung darauf berufen, daß auch die—„Frei- sinnige Zeitung" des Herrn Eugen Richter den Bericht der Eberswalder Parteitöllegin nachgcdrnckr hat, und nicht etwa in der„Humoristischen Ecke". Vermutlich hat aber der Prozeß doch noch ein kleines Nachspiel. DaS nämlich. daß man die Fähigkeiten des Polizei- beamten, der den famosen Bcrickit geliefert, noch einer ein» gehenden Prüfung unterzieht. Denn sollte der betreffende Polizei» sckrctär in seinen amtlichen Rapporten ähnliche Proben einer überraschenden Anffassungsgabe ablegen, so könnte das zu den heitersten Zuständen führen!— Professoralc Manscningshoffnuugin. Man hat Herrn Dr. Barth wegen seines Eintretens für ein ftcisinnig-socialdemokratisches Landtagswahl-Bündnis vielfach als den im Gegensatz zu Herrn Engen Richter liberaleren und ein- sichtigeren Politiker gelobt. Ter Kontrastwirkung wegen hat man dabei vielleicht nicht genügend hervorgehoben, daß Herr Barth mit seiner Unterstützung socialdeniokratischer Kandidaten der Social- dcmokratie keineswegs selbstlose Liebesdienste hat leisten wollen. Hat doch Herr Dr. Barth immer wieder hervorgehoben, daß er deshalb die Socialdemokratie im preußischen Landtag vertreten zu sehen wünsche. weil dann die Socialdemokratie vor„praktische Aufgaben" gestellt und der ilir noch anhaftenden u t o p i st i s ch e n Prineipien- r e i t e r c i mehr und mehr verlustig gehen werde. Die gleichen Hoffnungen veranlaßten auch eine Anzahl Pro- fessorcn, den Gedanken einer liberalen Wahlnntcrsilltzung der«ocial- demotratie in Erwägung zu ziehen. Nicht irgend ein politischer Rcchtsfanatismus, sondern ein vermeintlich listiges Kalkül legte ihnen den Gedanken nahe. Sie gedachten die „Mauserung" der Socialdemokratie künstlich beschleunigen zu können. Diese ja ohnehin keinem Einsichtigen verborgenen Hinter- absichten setzt zum Nebcrfluß der nationalliberale Professor Pfleidcrcr ausführlich auseinander. Er schreibt: „Schon im August diese? Jahres hatte ich in einer Sitzung umrcö nationallibcralcn Zweigvereins den Gedanken verfochten, daß die liberalen Parteien der verschiedenen Schattierungen bei den bevorstehenden LandtagSwahken zusammengehen und u. a. auch mit den Socialdemokratcn eine Verständigung suchen sollten... Da nun aber die liberalen Parteien ftir sich allein ohne die Socialdemokratcn noch nicht im stände wären, die gegnerische Majorität zu brechen, so schien mir der Versuch einer Verständigung mit dieser äußersten Linken schon durch das einfache Selbst- crhaltungsintercsse deS Liberalismus geboten zu sein. Dazu kam aber noch die weitere Erwägung, daß der Eintritt einiger socialdeniokratischer Abgeordneter in den Landtag nicht nur ganz ungefährlich, sondern sogar in mehrfacher Hinsicht nützlich wäre. Denn für eine Verfolgung ihrer radikalen Utopien hätten die- selben bei ihrer Minderheit gar keine Aussichten. Es bliebe ihnen also, um überhaupt etwas zu erreichen, nichts andres übrig, als sich der Arbeit der liberalen Parteien für zeitgemäße Reformen anzuschließen. Die gemeinsame. Arbeit an praktischer Politik ist aber für jede Partei daö beste Mittel der Erziehung zu gesunder p o l i t i s ch e r� G e s i n n u n g und d c r U e b e r- iv i n d u n g u t o p i s ch e r S ch w ä r m c r e i---- Mit dieser Auffassung stand ich auch unter meinen politischen Freunden keines- wcgs allein. Inzwischen kam nun der socialdemokratische Parteitag in Dresden, dessen wüste Secnen freilich für jeden anständigen Menschen einen äußerst abstoßenden Eindruck machten. Es ließ sich voraussehen, daß durch diese Vorgänge die Geneigtheit der liberalen Wähler zum Paktieren mit solchen Genossen stark er- schüttcrt werden würde. Andrerseits durfte man aber auch mit der Möglichkeit rechnen. daß gerade der brutale Terrorismus eines Bebel die besonneneren Elemente seiner Parteigenossen so zurück- stoßen und empören werde, daß sie zu einer Lossagung von dieser Tyrannei und zum Anschluß an den bürgerlichen Liberalismus geneigter tocrden könnten. Darum hielt ich auch noch i m Oktober den Versuch einer Verständigung mit dem g e- mäßigten, r e v i s i o n i st i s cki gesinnten Teil der Socialdemokraten nicht für ganz aussichtslos und begrüßte daher den dahin gehenden Plan einer Kundgebung einiger meiner Kollegen als ein zeitgemäßes Vorgehen... Woran die Sache scheiterte, das hat Professor Delbrück, der die Verhandlungen führte— ich selbst konnte mich nicht persönlich dabei beteiligen— im neuesten Heft seiner„Preußischen Jahr- bücher" einleuchtend auseinandergesetzt. Die große Masse nnsrer liberalen Wähler ist noch zu sehr in der Gefühls- Politik befangen, als daß sie jetzt schon im stände wäre, ihre Wahltaktik den Forderungen einer nüchternen Verstandes- mäßigen Realpolitik anzn passe n." An der realpolitischen Einsichtslosigkeit der Massen scheiterte also der profcssorale Versuch, die Socialdemokratie an die Leimruten principienloser Schacherpolitik zu heften I Oder ob die Masse der liberalen Wähler in dieser Beziehung nicht doch den besseren Jnstinkr bekundete?— Freisinniges Heldentum. Die..Vossische Zeitung" beweist in einem langatmigen Artikel zum zehnten Male, daß eS dein Freisinn gar nicht möglich gewesen wäre, die Socialdemokratie aus Grund eines Wahlbündnisses bei den Landtagswahlen zu unter- stützen. Für viele Wahlmänner habe die„Zumutung", social- demokratisch zu stimmen, nichts andres bedeutet, als sie zu Märtyrern zu machen, eine solche Zumutung mache die Social- dcmokratie aber nicht einmal ihren eignen Parteigenossen. „Weshalb haben die Professoren, von denen Herr Delbrück, selbst Professor, berichtet, von ihrem Aufruf Abstand genommen?... Schade, sehr schade, daß Schmoller und seine GesiimungS- genössen Herrn A l t h o f f und die S t a a t S r c g i e r u u a n i ch t in die Lage gebracht haben, darüber zu entscheiden, ob ein preußischer Professor für einen S o c i a l d e m o- trat e n st i in m c n darf. Es hätte epochemachend für das politische Leben werden kömten. wenn 20 Lehrer Berliner Hochschulen, vielleicht Träger berühmter Namen, wegen ihrer Ab- stiminuitg und der Empfehlung des Bündnisses mit der„Umsturz- Partei" dem Disciplinarvcr fahren verfallen wären oder, falls sie frei anSgmacn, damit zugleich de m ganzen Beamtentum die Freiheit erkämpft hätten, sich mit den-Genossen" zu verbrüdern nach Wohl- gefallen. Weshalb haben sie die Gelegenheit zu dieser mutigen That ungenützt gelassen?" Das Organ des manncsinntigcn freisinnigen BürgertuinS er- wartete also von— dculschen Professoren, das; sie der bürgerlichen Freiheit eine Bresche brächen! Vielleicht ist auch die Frage gestattet, weshalb denn der Freisinn statt unabhängiger Leute so viele Beamte, Lehrer:c. als Wahl- niänner aufgestellt hat?! lim nachher eine Ausrede zu haben? Im übrigen verlohnt sich eine Auseinandersetznng mit der „Boss. Ztg." über tünstigc Wahlbündnisse schon deshalb nicht, weil das Blatt zum guten Ende crtlürl, dax erst dann überhaupt eine Unterstützung der Socialdcinolratic in Frage kommen könne, w e n n die S o c i a l'd e m o k r a t i e sich in eine»bürgerliche Demokratie" umgebildet habe!— Flcischeinsuhr ans dem Anstände. Der Bundesrat hat. wie die ..Allgemeine Fleischer-Zeitung" aus zuverlässiger Ouclle erfährt, beschlossen, von einer Neuregelung der Vorschriften über die Fleisch- einfuhr, ivie sie für die Zeit nach dem 31. Dezember 1vb3 im§ 12, Absatz 3, des Fleischbeschau- Gesetzes vorgesehen ist. Abstand zu nehmen, da das Gesetz erst kurze Zeit in Kraft sei und es nicht angezeigt erscheine, es schon jetzt zn andern. Dem Reichstag wird eine entsprechende Vorlage zugehen. Es bleibt also bei den jetzt geltenden Bestimmungen, nach denen frisches Fleisch nur in ganzen Tierkörpern, die bei Rindern und Schweinen in Hälften zerlegt sein können, eingeführt werden darf, wenn mit diesen noch das Brust- und Bauchfell, Lunge, Herz, Nieren ec. in natürlichem Zusammenhange verbunden sind. Zu- bereitetes Fleisch aber darf nur dann importiert werden, lvcnn eine Gefährdung für die menschliche Gesundheit ausgeschlossen ist oder die Ilnsckiädlichleit sich in zuverlässiger Weise bn der Einfuhr feststellen läßt, was dann als unausführbar gilt, wenn bei Sendungen, besonders bei Pökelfleisch, auch nur einige Stücke weniger als 8 Pfund wiegen.— Ei» eigenartiges Diseiplinarverfahren soll nach der„Zeitung für Pommern" gegen einen Landrichter eingeleitet worden sein. Das Blatt meldet: „Vor beinahe Jahresfrist gerieten in einem Restaurant in Stettin ein dortiger Landrichter und ein zur Aushilfe beim Amtsrichter beschäftigter A s s e s s o r. der inzwischen in einer Provinz angestellt worden ist, derart aufeinander, dast der letztere— der jüngere— den älteren Herrn z u in Duell h e r a u s f o r d e r t e. Dieser lehnte dies unter der Erklärung ab, daß er ein Gegner des Zweikampfes sei, woraus sich der Gegner zn Handlungen verstieg, die hier nicht weiter hergehören und die der Heißsporn gesühnt hat. Damit ist die Sache nun aber keineswegs zu Ende, vielmehr ist gegen den Gegner des Duells, der doch auf dem Boden des Gesetzes steht, das Diseiplinarverfahren von dem Ober- Landes- aerichtS- Präsidenten in Stettin eingeleitet. Es sollen schon mehrfache Vernehmungen stattgefunden haben." Das Blatt behauptet also, daß gegen den Landrichter das Tis- ciplinarvcrfahren eingeleitet worden sei. weil er— das Gesetz respektierte, das den Zweikampf verbietet. Die Nachricht klingt so un- glaublich, daß sie— eines Dementis dringend bedarf!— DaS Tintenfaß des Handlangers. Der Egidhancr Wilhelm Schwaner, Herausgeber des„Volks- trzicher", veröffentlicht in der Roscggerschen Monatsschrift„Heim- garten" einen Aufsatz„Ter deutsche Kaiser", in dem er die Ent- iassung Bismarcks auf eine zwischen dem Reichskanzler und dem jungen Kaiser sich abspielende Scene zurückführt, über die er folgendes erzählt: „Es kam zu erregten AuSeinandersetzmigen, derart, daß es als unmöglich erscheinen mußte, Bismarck ferner in der Rc- gicrnng zu behalten. Hatte' er sich doch hinreißen lassen, das TintenglaS im Zorn gegen seinen kaiserlichen Herrn zu erheben! Wenn Maximilian Harden iu seinen Intimitäten aus den kritischen Tagen von damals hierüber nichts erzählt und auch Bismarck in seinen„Denkwürdigkeiten" davon schweigt, so hat doch der Kai s e r selbst seinem Freunde, dem König Albert V o n S a ch s e n. darüber berichtet, der seinerseits u'nsrcn M o r i tz V. E g i d y einweihte, von dem ich es einst in einer vertrauten Winterabendstundc erfahren habe. Ich sage das hiermit zum crstcnmale öffentlich, um alle Legenden über die«ungerechtfertigte und undankbare" Behandlung dcS Reichsschmiedes endlich einmal ins rechte Licht zn rücken, und nenne dazu die Namen, um allen Zweifeln an der Echtheit dieser Scene von vornherein die Spitze abzubrechen." Die„Berliner Neueste Nachrichten" erklären diese Darstellung für die Ailfwärmnilg einer Ränbergeschichle, die bereits 1890 ans- getaucht sei, und auch die„Vossische Zeitung" glaubt an eine Acr- ivechselung mit einer andren Scene, wo Bismarck so heftig mit einer Aktenmappe aufgestoßen habe, daß die Tinte umhergespritzt sei. Demgegenüber steht aber fest, daß Egidh mit dem König von Sachicn ans vertrautem Fuße stand und mit Schwancr intim be- freundet war. Für die Weltgeschichte ist cö ja freilich herzlich gleichgültig, ob der alte Junker sich einmal so weil vergessen har. Nicht sei» jähes Temperament dem neuen Herrn gegenüber hat ihm das Genick ge- brachen, sondern sein politisches FiaSko, die Erfolglosigkeit dcS SocialisrengesctzcS usw. Aber für das Charakterbild deS alten Berserkers, der sich seine Strafanträge wegen Hausmeier- Beleidigung zum Zwecke rascheren Massenvertriebs gleich hatte drucken lassen, wäre die an sich belanglose Episode doch nicht un- interessant.—_ Ter Hemmschuh. Wenn wirklich einmal in den Einzelstaaten die gesetzgeberische Körperschaft, bei deren Wahl das Volk nicht völlig ausgeschlossen blieb, einen leidlichen Beschluß faßt, flugs kommt die„Erste Kammer", das„Herrenhaus", die„Kammer der Reichs- räie" oder wie die Privilcgien-Parlamcnte sich nennen und schütten reichlich Wasser in noch so milden Wein. So wird auch der vom bayrischen Abgeordnctcnhause einstimmig angenommene Antrag, die Regierung solle, um die S o l d a t c n m i ß h a n d l u n g e n wirksam zu bekämpfen, Offiziere und Untcroffizicre aus dein Heere entfernen, welche ihre llcberwachungSpflicht vcrnachsässigten, gehörig in der Kammer d e r A e i ch s r ä t e verwässert. Der Ausschuß dieser Kammer beantragt, es sei in der Erwägung erstens, daß der Herr Kriegsminister erklärte, er werde den Soldatcnmißhandlnngen mit aller Strenge entgegentreten und in den dazu geeigneten Fällen die Entfernung der beteiligten Offiziere aus dem aktiven Dienst be- antragen, die'�achtulation der Unteroffiziere aber, welche solcher Verfehlungen sich schuldig machen, lösen, zweitens das; gegen den Beschluß der Abgeordnetenkammer solvohl gewichtige rechlliche als fonnclle Bedenken bestehen, über diesen zur Tagesordnung überzugehen.— ReichStags-Ersatzwahl. Bei der Ersatzlvahl, die durch den Tod de? Abg. v. Sperber im Wahlkreise G o l d a p- Stallupönen- Darkchmen nötig wurde, ist, wie vorauszusehen war, RegicrungSrat K r e t h(kons.) mit großer Stimmcnmehrheir gewählt worden.— Der Hottentotten- Anfstinid in Tcutsch-Siidwest-Afrika scheint bereits seinem Ende cirtgegenzugehen. Hauptmann v. Koppy er- stürmte am 20. und 21, November die Stellung der Bondelzwarts bei Sandfontein südlich von Warmbad. Die Auff'ländischen. die schwere Verluste erlitten haben sollen, zogen sich ans die im britischen Gebiete belegenen Inseln der Oranjeslüssc zurück. Die erbeutercir Frachtwagen wurden ihnen abgenommen.— Hiidland. Die ostasiatischc Krisis scheint wieder äußerst bedenkliche Formen anzunehmen. So wird den„Times" auS Tokio gemeldet, die Lage sei drohender c n n je zuvor. Sämtliche Blätter aller Parteien, sogar die Geschäftskreise seien einig in der Befürwortung einer entschlossenen Politik gegen Rußland, da dessen Schweigen nicht länger ertragen werden iönnc. Der„Daily Mail" wird ans Tokio telegraphiert, daß Fcldmarschall S)amagata ans Oiso zurückkehrte und mit dem Minister des Aeußcrn Baron Kmnura konferierte. Eine weitere Nachricht aus Tokio besagt: Die Verhandlungen zwischen Japan und Rußland sind seit ettva 10 Tagen wegen der Krankheit der Kaiserin von Rußland, die der Kaiser nicht verläßt, iiuterbrochen. Diese Verzögerung erregt die öffentliche Meinung, die eine rasche Lös n n g fordert. Der„Köln. Ztg." wird aus Petersburg gemeldet: Die Feindseligkeit der Koreaner gegen die Japaner nimmt in schroffster Weise zu, da die japanische Ne- gierung fortfährt, in der südlichen Provinz Koreas Japaner anzusiedeln und Truppen nach koreanischen Häfen zu bringen.— Einein Gerücht zufolge steht die ileberfiihrung von acht Infanterie- Regimentern. einer Artillerie- Brigade und einem Kavallerie-Regiment ans Rußland nach der Halbinsel Kwantmig bevor: die dortigen Befestigungsarbeiten werden energisch betrieben. Die Chinesen in der Mandschurei zeigen gegen d i c R u s s c n e i n e s c h r feindselige Haltung; eS wird berichtet, daß russischen Offizieren und Soldaten von Chinesen ins Gesicht gespien, den Truppen der Weg versperrt und ihren Pferden Sprenggeschosse unter die Füße geworfen wurden. Dem„Rnss. Invaliden" zufolge kam es in der Mandschurei iviedcrmn zn Z n s a m m e n st ö ß e n zwischen de n r u s s i s ch c n T r u p p e n und C h u n ch u s c n. Infolge einer Meldung über die Zusammenrottung bedeutender Chunchusenbanden und von ihnen im Thale des Liau-FlusscS verübte Räubereien wurde am ö. November eine aus zwei Compagnien und sieben Schwadronen mit vier Ge- schützen bestehende Erpedition gegen sie ausgesandt. Diese stieß ans mehrere hundert Chuuchusen. denen es gelang, ans de», zwischen den Flüssen Linn und Taitsiche gelegenen Rayon, wo die russischen Truppen sie einzuschließen beabsichtigten, zn entkommen. In der Nacht vom 11. d. M. schlugen die Kosaken die Chnnchusen an der mongolischen Grenze und verfolgten sie. Die E h n n ch n s c n hatten große Verluste un d wurde» vollständig zerstreut. Auf russischer Seite wurden vier Tote gezählt. New Aork, 2. Dezember.„New Uork Herald" meldet ans Valparaiso, von zuverlässiger Seite werde berichtet, daß Japan die zwei chilenische» Kriegsschiffe, welche in Eng- l a n d im Bau sind, angekauft habe.— Schweiz. Liebesdienste rcbcii Rußland. Aus Genf wird gemeldet: In einer von 300 russischen, a r in e» i f ch e» und jüdischen Studenten besuchten Vcr- sammlung wurde wegen der Verhaftung u n d A n s w e i s u n g der beiden russischen Studenten B U r tz e w und E r a c o w beschlossen, an das schweizerische Volk einen Aufruf zu richten. I» der gefaßten Resolution heißt es, diese Vcrhaftnngen seien der E i n w i r k u n g der russischen Regierung z u- z u s ch r c i b c n.— Frankreich. Zur Revision des Drcyfiis-Prozcsscö. Mehrere Pariser Blätter wollen wissen, daß die französische Regierung im Gegensatz zn der von dem Senator Clömcnccau und einigen andern Gönnern von Dreyfus ausgesprochenen Forderung den W u n s ch habe, daß der K a s s a t i o n s h o s über die Dreyfus- An gelegen- h e i t c n d g ü l t i g a b n r r c i l c. ohne sie v o r c i n n e u e s Kriegsgericht zu verweisen. Ter Justizministcr werde, sobald die Revisioirskonunisfion der Deputiertenkammer ihre Ansicht geäußert habe, dem Generalprolurator beim»affationshof die Weisung erteilen, die Kassation des Urteils ohne Verweisung an ein neues Kriegsgericht zu beantragen. Eavaignac wird morgen die nationalistischen Gruppen der Kammer zusammcnbcrnfcii, da- mit sie sich über die Haltimg zur Revision des Prozesses schlüssig machen.— Italien. Der Prozeß Fern- Bcttolo. R o m, 30. November.« Eig. Bcr.) Die vier letzten Verhandluilgstage— sechster bis neunter Tag— gehörten weiter den Zeugen der Eivilpartei und verliefen ohne große Erregung und effektvolle Enthüllungen. Trotzdem aber kommt eins zum andern; die scheinbar harmlosen Aussagen, die die Anwälte der Verteidigung und auch der sehr unparteiisch vorgehende Präsident den Zeugen ablocken, ergänzen sich zu einem Bilde, das schon jetzt ziemlich scharfe Linien und deutliche Umrisse ausweist und für den Eivillläger und die Marineverwaltmig nicht erfreulich ist. Im heutigen„Avanti" sind die bisherigen Ergebnisse des Zeugen- Verhörs zusammengefaßt nnd kommentiert. Unser Partciblatt hebt 12 Resultate hervor, von denen wir die wichtigsten hier wiedergeben. Zunächst haben die Zeugenaussagen b e st ä t i g t, daß an dem Tage, wo der 20 Millivncn-Kontrakt— der bedeutendste, der je zwischen der Regierung und der Terni abgeschlossen wurde— unter- zeichnet war, der P ri v a t se kr etä r Bettolos einem Gcnncscr Börfisten, der gleichzeitig ein Freund des Civilklägers war. dies tclcgraphisch mitteilte. Daun zeigten uns die Verhandlnngeii— nnd dies scheint uns am allerernstcstcn—, daß der Schwager BettoloS— Sbertoli— ein Vertreter der F i r m a H arme y w a r und als Vermittler fungierte bei dem internationalen Ab- kommen der Panzer platte»-Fabrikanten, durch das sich die ausländischen Fabrikanten der Terni gegenüber verpflichten, der italienischen Regierung keine Panzer- platten zu liefern. Für die Vermittelnng dieses Abkommens, das der frühere Marineministcr Morin ausdrücklich als cincii Nach- teil für den italienischen Staat beklagte, erhielt Sbertoli allein von der Terni 2ö 000 Lire. Ferner ergaben die bisherigen Verhandlungen— wie wir in früheren Berichten schon andeuteten—, daß ein höherer Offizier nnd AbteilungSchef, Bnono, seine Stellung am Ministerium niederlegte, um nicht eine Lieferung von 80 000 Granaten(zu 12,50 Lire das Stücks in Empfang zu nehmen, nachdem die Lieferung sich bei den Probe- experimenten als fehlerhafr erwiesen hatte. Zu Gimstcn dieser auch glücklich angcnomincucir und bezahlten Lieferung trar damals ein Kapitän Anovazzi ein, ein Freund Bettolos, der bei nächster Ge- legenheit außerhalb der dienstlichen Reihenfolge zum K o n t e r- a d m i r a l avancierte, als Bcttolo Mini st e r war. Dann hebt der„Avanti" noch die bekannte Sache der 0000 Lire jährlicher Zulage hervor, die gegen einen Parlamentsbeschluß dem Präsidenten des Consipflio superiore dclla Marina.bezahlt wurden, betont, daß die Verhandlungen deutlich dargcthan haben, daß das den Großindustriellen verhaßte Gesetz gegen die Prämien für die Handelsmarine— aus die sich Bcttolo viel zu gute that— nicht von diesem, sondern vom Parlament vorgeschlagen wurde, und be- schäftigr sich schließlich mit der Hausse der Terni-Aklic» unter dem Minister Bcttolo. Nach dem Zcugcnverhör läßt sich diese in Verbindung bringen mit gewissen in die Welt hinausposaunten Experimenten, die gleich nach BettoloS Berufung zum Minister genehmigt wurden. Diese Experimente sollten die ungeheuere Leistungsfähigkeit einer Sorte Panzerplatten der Terni— der coTazze special! Terni— dargcthan haben, und man setzte daranshin ihren Preis um 20 Proz. höher an als den jeder ander» Sorte Panzerplatten. Merkwürdiger- weise wurden aber diese allervorzüglichsten Platten nie von der italienischen Regierung bestellt. War all der Sunrs, den man um sie gemacht hatte, cttvaS andres als Reklame für die Terni!— England. Liberalismus und Arbeiterpartei. London, 30. November.(Eig. Bcr.) Ilm den Bestrebungen der Gewerkschastcn nacki einer unabhängigen parlamcniarischen Arbeiter- Vertretung entgegenzuwirken, begründeten die Liberalen eine„Liberal Labour Leaguo"(Vereinigung für liberale Arbeitervertretrmg), zu deren Vorsitzenden der alte Owenist und Genossenschaftler Georg Jacob Holhoake gewählt worden ist. Der bekannte Bergarbeiter- Abgeordnete Mr. Thomas Burt gab seinen Segen dazu. Die Liga macht es sich zur Aufgabe,„eine Zersplitterung der progressiven Kräfte zn vereiteln und Frieden zn schaffen zwischen der Arbeiterpartei nnd den Liberalen".—__ England uiid die Vereinigten Staaten. London, 30. November.(Eig. Bcr.) Das intime Verhältnis zwischen den beiden ciiglischsprechenden Ländern zeigt sich auch dann, daß die verbissensten anrerikanischen Gegner Englands jetzt nach London kommen nnd mit herzlicher Freundschaft empfangen werden. Gegen- wärtig hält sich Air. Bryan, der im Jahre 1896 und 1900 im Interesse der demokratischen Partei für den Präsidenten kandidierte. in England auf und studiert den Mnnizsiialsocialismus. Bryan hat früher England als den Erzfeind der Menschheit und als die Kultusstätte des goldenen Kalbes mit großer Bitterkeit gehaßt. Er ist jetzt ganz bekehrt und wird tvohl als ein Bewunderer des englischen Lebens in seine Heimat zurückkehren.— Rnszland. Die Warschauer Stndcnirn versammelten sicki vorgestern in der Universität, um dagegen Protest zu erheben, daß bei der Beerdigung des ehemaligen Kurators de» Warschauer Sludenten- LehrbeKrks, Apnchtüi, ohne Benachrichiigimg der Studenten im Rainen der Universität ein Kranz niedergelegt»vordcn war. Da die Stud«ttvir der Aufforderung, auSciiiandcrzugehen, nicht folgten und die Scherben in den Hörsälen einschlugen, wurde schließlich die Polizei herbei- gerufen, die einige Verhafimigen vornahm.— Ein Stndrntrnprozcß. Zur Aburteilung von 29 Teilnehmern an den Unrnhen vom 10. v. Akts, war in Kiew ein Gericht von Universitätsprofessoren eingesetzt. Einige Tage vor dessen Zusammen- tritt erschienen Proklamationen mit der Aufforderung, das Gericht nicht anznerkennen und nicht zn erscheinen. Am 29. November war die erste Sitzung des Gerichts, zu der 16 Studenten zitiert waren. Nenn waren erschienen, machten jedoch keine Aussagen. Am andern Tage war der Eintritt zur Universität mir gegen Vorweisung von Billets gestattet. Eine Gruppe von Studenten verweigerte die Vorweisung, erbrach trotz der Anwesenheit der Polizei die Hauptthür und drang in das Gebäude ein. 100 Kosaken und zwei Abteilungen Polizisten zerstreuten schließlich die Studenten. Gegen ein Uhr war die Ruhe wiederhergestellt. Zu den Vorlesungen kamen jedoch nur wenig Studenten. Mehrere Professoren ließen wegen Krankheit die Vorlesungen absage». Wegen der Unruhen ist eine ans heute angesetzte Dottorpromolion abgesagt. Auf Befehl des Kurators sind die Vorlesungen an der Universität, den Lehr- und Hilfsaiistaltcn außer an den Kliniken bis zum 3. Januar unter'- brochen.—_ Die Lohnbücher der LTonfettion. Bislang hat tvohl keine Untcrnchmcrgruppc mit solchem Erfolg gegen jeglichen Arbeiterschutz angekämpft, wie die Unternehmer der Kleider- und W ä s ch c- I n d U st r i e. Und dabei ist es alt- gemein bekannt, daß die Ausirutzurrg der menschlichen Arbeitskraft in Verbindung mit der denkbar niedrigsten Entlohnring in keinem Industriezweig so empörend schamlos betrieben wird, wie in der Konfektion. Man denke nur an die Unftmime von Elend, das durch de» großen Konfektiousarbeiter-Strcik des Jahres 1390 auf- gedeckt wurde. Die schier unbegrenzte Arbeitszeit, die Jammer- löhne, die Praktiken des parasitischen ZtvischcnMeistertniiiö und— die Schaden der Heimarbeit mit ihren eminenten Gefahren für das allgemeine Bolkstvohl und die VolkSgesimdheit. Man sollte meinen, angesichts solcher Zustände müßte auch dem hartherzigsten Unter- nchmer das Gewissen schlagen, auch iu dem verstocktesten Unter- nchmergemiit müßte sich so etwas wie ein menschliches Mitgefühl gegenüber den Hrmdcrttauscnden der von ihnen maßlos aus- gebenteten Arbeiter und Arbeiterinnen regen. Doch weit gefehlt! Gewissen nnd Mitgefühl sind den Herren Konfektionären osscnvar unbekannte Begrifft. Sie kennen eben nur ein Princip, und das ist: Rücksichtslose Ausnutzung ihrer Arbeiter nnd äußerster Wider- stand gegen jeden gesetzlichen Arbciterschutz. Am markantesten kommt dieser Standpunkt gegenwärtig bei der Agitation zum Ausdruck, der von den Konfektionären gegen die Einführung der L o h n b ü ch c r entfaltet wird. Bekanntlich sah sich der Bundesrat, gestützt auf die Ergebnisse der Erhebungen der Reichskomimssion für Arbeiterstatistik, veranlaßt, die Einführung von Lohnbüchern für die gesamte.Kleider- nnd Wäschekonfektion zum 1. April d. I. anzuordnen. Damit war nun zwar in keiner Hinsicht irgend eine Einwirkung auf die Lohnhöhe verbunden, sondern ei sollte lediglich bezweckt werden, daß die Arbeiter»nd Arbeiterinnen schon bei der A n n a h m c der Arbeit den dafür zu zahlenden Preis erfahren, und nicht erst, tvic bisher, bei Ablieferung derselben, tvenn jeder Einspruch gegen den vielleicht willkürlich zu niedrig ve- messeilen Stücklohn nutzlos ist. Es sollte ihnen also bei der lieber- nähme der Arbeit von vornherein ei» bestimmter Lohn für dieselbe gewissermaßen schriftlich garantiert werde». Erschien den Arbeitern dieser Lohn dann zu gering, so hatten sie es tvohl in der Hand, für die zu überiiehmende Arbeit einen höheren Lohn zu fordern, eventuell die Anfertigung der Arbeit abzulehnen, doch bei dem starken lftverangebot von Arbeitskräften dürfte ein derartiges Vorgehen nur sehr vereinzelt vorkommen. Also, die Ausbcutnngsinöglichkcft ist den Herren Konfektionären in keiner Weise beschnitten worden; höchstens kann von einer geringfügigen Einengung ihrer sprichwört lich gewordenen Lohntnciferei insofern gesprochen iverdeu, als sie nun nicht mehr zu den Arbeitern sagen könne»:„Na, fertigen Sie die Arbeit nur an, über den Lohn> verde» wir. uns hernach schon einigen," um hernach einfach zu zahlen, was ihnen paßte. So minimal nun auch der durch die Einfiihriing der Lohnbücher zum Ausdruck gekommene„Arbeiterschutz" an sich ist, so wenig behagte er den Konfektionären. Ja sie stimmten— ganz nach dem Muster der„armen" 200 Pfund schweren Bäckermeister— ein Wehgeschrci an, als hinge von den harmlosen Lohnbüchern geradezu die ganze Existenz der gesamten Konfektions- und Wäsche-Jndnstrie ab. lind sonderbar— diese lvehmütigen Klagelieder übten ans die Polizei einen derartigen Einfluß ans, daß sie, die doch Über die pünktliche Aus- fichrmig der bundesrätkichen Verordnung zu wachen' batie, den Kon- fektionärnr und Zivischenmeistern gcgcnühe» eine wahrhaft rührende Nachsicht an den Tag legte. Man bedenke: Mit dem k. April sollten die Lohnbücher in jedem Betriebe eingeführt werden; und heute, nach reichlich einem halben Jahr haben siep kaum 50 Proz. der in Betracht kommenden Unternehmer zn der Einführimg bequemt! Ja der Berliner Polizeipräsident war so liebenswürdig, kürzlich eine Kommission von Vertretern der verschiedenen Konfektionsbranchen zn empfangen nnd nur ihnen über die„Lohnvücherfragc" zu ton- ferieren. Nach einem Bericht des„Confekrionär" darüber, äußerte sich der Wäsckcfabrikant Hauff dort n. a. folgendermaßen:„In der Wäschefabrikatiou sei cs als geradezu immöglich zn betrachten, diese verlangten Lohnbücher im Sinne der AnSführungsbestimmungeir richtig zn führen. Bei der Art des Wäschefabriftttionsbetriebes stünden den Vorschriften so viel praktische und technische Fragen entgegen, daß die Fabrikanten lieber die härtesten(Ii Strafen für Unterlassung der Führung der Lohnbücher aus sich nähmen, als diese Einrichtung bei sicki vorzunehmen, ilud schließlich träfe bei dem cvcnlncllen inwcrureidlich großen Zeitverlust, der mir der Führung der Lohnbücher in den Wäschefabrikationsbctrirbcn verbunden sei. Nachteil hieraus die Arbeiter selbst empfindlich, indem sie bei weitem nicht so flott abgefertigt werden könnten, und indem den intelligenteren Kräften unter den Arbeitern die Möglichkeit entzogen werde, auf Posten als Vorsteherinnen gestellt zu werden, denen sie nicht gewachsen sei» würden, wenn sie gezwungen sein sollten, die �-uhrung von Büchern zu übernehmen; denn hierzu fehle ihnen die erforderliche Vorbildung und Gcwandhcit/'(Köstlich. Erst die praktischen und technischen Schwierigkeiten, die sich der einfachen Eintragung von wenigen Zahlen in das Lohnbuch entgegenstellen, und dann die„Sorge um das Wohl der Arbeiterinnen", die samt und sonders die Lohnbücher wünschen, aber nicht imstande sein sollen, GewerKfcbaftttclKS. Berlin und Qmqegend. Der Centralvcrband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen hat in letzlcr Zeit derartige Fortschritte gemacht, das; die Filiale Berlin desselben ein eignes Bureau eröffnen konnte. Dasselbe bc- findet sich in der Neuen Friedrichstr. 20, in der ersten Etage, und ist täglich von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr abends geöffnet.— Der Streik der Adressenschreiber soll dem Verbände ....................... IW„ �_____ nicht so bald aus dem Gedächtnis entschwinden; dafür sorgt die als Vorsteherinnen ein paar Zahlen zu schreiben I) Herr Hanff � Polizei. Bischer sind den bei dem Streik Beteiligten nicht weniger empfahl alsdann die Einführung von?l r b e i t s z e t t c l n sechs Strafmandate wegen Streikpostcnstehens zugegangen. Da fallen in Moabit wieder die Freisprechungen für die Streikposten und die Verurteilungen der unverbesserlichen Polizei. Tie Drahtarbeitrr hatten im Frühjahr mit ihren Arbeitgebern eine» bis zum t. April 1901 gültigen Lohntarif vereinbart, dessen Abs. 2 dahin lautete, dah des Sonnabends eine Stunde und an den Tagen vor den großen Festen zwei Stunden früher Feierabend zu machen sei ohne L o h n a b z u g. Da aus der Bestimmung nicht klar hervorging, ob sie sich nur auf die Lohnarbeiter oder auch auf die Arcordgrbeiter bezog, so kam es bei einer Firma wegen der von den Accordarbeitcrn ebenfalls geforderten Lohnstunde zu Differenzen Tic Angelegenheit beschäftigte das Gcwcrbegericht. Zu einem Urteilsspruch kam es indessen nicht, viclinebr riet das Gcwcrbcgcricht beiden Parteien, eine paritätische Kommission einzusetzen, die dem fraglichen Passus deS Tarifs eine präcisere Fassung geben solle. Die Konunifsion hat auch unter dem Vorsitz des Gcwerbcgcrichts-Tircktors von Schulz getagt mit dem Ergebnis, dah sie den Accordarbeitcrn empfahl, auf die Lohnstunde des Sonnabends, die bis dahin von den übrigen Arbeitgebern gezahlt worden war, fernerhin zu verzichte» Dagegen solle die Kommission, vorbehaltlich der Zustimmung der beiderseitigen Versammlungen, als Schlichtungskommission für das Gewerbe bis auf weiteres bestehen bleiben und bis zum 1. April 1904 einen regulären Tarifvertrag ausarbeiten. Kommt die Kom- Mission betreffs des neuen Vertrages zu keiner Verständigung, so ist das Einigungsamt anzurufen und beiderseitig anzuerkennen. Vorstehende Abmachung der Kommission ist nun in einer Versamm- lung des Verbandes Berliner Drahtindustrieller acccpticrt worden Eine gut besuchte Versammlung der Drahtarbeitcr(Sektion des Metallarbeiter-Vcrbandes) gab diesen Vereinbarungen am Dienstag ebenfalls ihre einmütige Zustimmung durch Annahme folgender Resolution:„Die am 1. Dezember tagende Versammlung der Draht arbcitcr von Berlin und Umgegend beschließt: Dem am 10. November unter dem Vorsitz des Gciverberats v. Schulz aufgenommenen Protokoll geben wir unsre Zustimmung mit der Maßgabe, daß die vier Kollege», tvelche diesen Verhandlungen beigewohnt haben, al Schlichtungskommissions-Mitglieder zur Uebcrwachung des Tarifs gelten."— Außerdem war die Versammlung allgemein der Ansicht, daß die Accordarbeitcr für den kommenden Sonnabend die fragliche Lohnstunde noch zu bcmispruchen haben. a n S t e l l e d c r L o h n b ü ch e r. falls nicht die Neigung bestehen sollte, die Wäschefabrikation überhaupt von jegliäien Bestimmungen dicier Art zu befreien. Als ob bei der Ausfüllung der Arbcitszettel nicht ebenfalls dieselben„praktischen und technischen Schwierigkeiten" zu uberwinden wären, wie bei den Lohnbüchern. Nur sind sie für die Arbeiterinnen von ungleich geringerem Wert, weil sie leicht vcr- wren gehen und dadurch bei Lohnkürzungen eine Feststellung der früher für dieselbe Arbeit gezahlten Löhne unmöglich wird. Den schoß in jener Konferenz aber niizivcifclhaft der Kommerzien- rat Ma n n h e i m c r ab, der die„pure Unmöglichkeit" der Führung von Lohnbüchern in der M u st e r- jt o n f e k t i o n zu beweisen suchte. Die Arbeiter suchen den bisherigen Schwierigkeiten in dieser Branche dadurch abzuhelfen, daß sie an Stelle des heutige» Eichätzungssiistcms ein regelrechtes Lohnsystem bei der Anfertigung von Mustern befürworten. Es wäre dies um so leichter möglich, als die Muster-Konfektion nur einen verhältnismäßig geringen Teil der Gcsamtkonfektion umfaßt und ein vernünftiges Lohnverhältnis mit geringer Mühe durch einen Tarifvertrag geschaffen werden könnte, wenn die Unternehmer ihren protzigen Herrenstandpunkt nur auf- geben möchten. Herr Mannheimer aber sagte:„In solchen Fällen einen Lohn vorher festsetzen, hieße diesen direkt ans der Luft greifen und würde alsdann natürlich der denkbar niedrigste Lohnsatz sicher- hcitShalber notiert werden, indem man sich sagte, die Erhöhung könne nach späterer Vereinbarung je nach Beschaffenheit des fertigen Stücks erfolgen.... Es ergäbe sich die natürliche Konsequenz, daß nach Ablieferung des Gegenstandes und»ach Abwägung der Arbeit ein Hernnihnndeln und Henimfeilschen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einträte, um den willkürlich niedrigst bemeffcncn Lohnsati auf das richtige angemessene Niveau zu bringen. Welches Maß von Beunruhigung dies für den Arbeitnehmer(I) nach sich ziehen würde, wird jeder Klarsehende begreifen können, ebenso daß auf solche Weise ein für den Arbeitgeber unwürdiger Zustand ge- schaffen wird." Leider ist das„Hcrumfeilschcn" um den Arbeitslohn bisher gerade wegen des Fehlens der Arbeitsbücher gang und gäbe gewesen, und es entsprach dem Charakter der Herren Arbeitgeber so sehr, daß sie bislang noch nie einen„unwürdigen Zustand" darin erblickt haben. Erst jetzt, da sie den Lohn vorher eintragen sollen, wollen sie jedem„Klarsehenden" etwas von dem»eugeschasfcncn„unwürdigen Zustand" vorfabcln. Uebrigens sind es nach Herrn Mannheimers Eingeständnis ja gerade die Arbeitgeber selbst, die mit Fleiß den unwürdigen Zustand herbeiführen, indem sie sicherheitshalber den „denkbar niedrigsten Lohnsatz willkürlich bemessen und notieren". So spotten die Herren ihrer selbst und wissen nicht wie. Das Berliner Polizeipräsidium aber war durch die„Argumente" der Herren Kon- fektionäre einfach gerührt. Es sicherte zu: In Verfolg der ge- pflogcnen Besprechung mit den Vertretern der Damcnmäntcl-, Herren- und Knabcn-Konfcktion sowie der Wäschefabrikation, beim Ministerium zu befiirwortcn, daß, falls die Wäschcbranche nicht ganz aus der Lohnbüchcr-Vcrordnung herausgelassen werden könne, sie berechtigt sein soll, behördlich genehmigte Arbcitszettel zu führen. Zur Führung solcher Arbeitszcttcl soll auch die Damenmäntel- Konfektion berechtigt sein, der außerdem die vorherige Lohn- beslimmung für Musterherstellung zu erlassen ist.— Jetzt wird man verstehen, weshalb erst etwa die Hälfte der Arbeitgeber die Lohn bücher eingeführt haben. DaS ist deutscher Arbeiterschutz unter Polizeiaufsicht! Bei einem so weitgehenden behördlichen Entgegenkommen gegen die Wünsche des Unternehmertums schwoll diesem noch mehr der Kamm. Nicht allein, daß der„Verband süddeutscher Kleiderfabrikcn" und der„Rheinische Dctaillistcnverband" bei dem Minister um Ab- schaffung der Lohnbücher petitionierten, weil u. a.„der Verkehr mit den Arbeitern furchtbar(!) erschwert" werde— auch die Berliner Konfektionäre thatcn ein Aehnliches. In seiner Nr. 9 veröffentlicht nämlich das„Neichs-Arbeitsblatt" folgenden Antrag, der beim Berliner Gewcrbegcricht, von 32 Gewcrbegcrichtsbcisitzern unter- zeichnet, eingegangen ist: Tie unterzeichneten Gelverbcgerichtsbcisitzer beantragen, daß die nachstehend bezeichneten Fragen zum Gegenstand eines An- träges des Gewerbegcrichts-Ausschusses an die gesetzgebenden Körperschaften gemacht werden: 1. Äenderung des§ 114 a Abs. 3 G.-O. dahingehend, daß nur 8 4l1 Abs. 3 n. 4 cutsprechende Anwendung findet. 2. Äenderung des Beschlusses des Bundesrats, dahingehend, daß neben den Lohnbüchern auch Arbeitszcttcl zuzulassen sind. - Beschränkung der Verwendung derselben nur auf die zur An- fcrtigung von Kleidern und Wäsche im großen gehörende Arbeiter und Arbeiterinnen. 3. Äenderung der jetzigen Einrichtung der Lohnbücher dahin, daß dieselben gleichzeitig Vermerke für die BetricbSzweckc erhalten dürfen. In der Begründung bedauern die Herren die ihnen durch Aus- füllung der Lohnbücher erwachsenden Arbeiten, die doch der Gesetz- gcber im 8 114 a zweifellos nicht gewollt habe; sie bemängeln auch die Vorschrift, nur Tinte bei den Eintragungen zu verwenden, und beschweren sich bitter über die vielen Schreibereien, die sogar eine Vermehrung ihres Personals erforderlich machen. Zum Schluß heißt es dann: „Es ließen sich noch mancherlei Mißstände bei der Einführung der Lohnbücher anführen, doch dürften die oben erwähnten ge- nügen, um es im Interesse der genannten Branchen als dringend wünschenswert erscheinen zu lassen, Erleichterungen bezw. Ilm- änderungen in der Einrichtung der Lohnbücher zu schaffen, oder was noch vorteilhafter wäre, deren Einführung gänzlich zurück- zuziehen. Man sieht, die Herren gehen aufs Ganze. Ihre„Gründe" sind aber nach Meinung der Arbcitcr absolut nicht ausreichend genug, um die Einführung der Lohnbücher wieder rückgängig zu machen. Das bißchen Mehrarbeit, was den Herren aus der Einrichtung er- tvächst, ist kaum der Rede wert im Vergleich zu den kolossalen Vor- teilen, die sie aus den Arbeitern herausziehen. Die Konfektionäre aber sind es seither gewöhnt, von der Gesetzgebung so gut wie gar nicht behelligt zu werden. Sogar das bißchen Arbcitcrschutz, das den Unternehmern der übrigen ErwerbSgruppen gesetzlich auferlegt morden ist, kennen die Konfektionäre kaum dem Namen nach— und wollen es auch nicht kennen lernen. Deshalb auch das Lamento gegen die Einführung der Lohnbücher. Mit richtigem Instinkt sehen sie in dieser Einrichtung den ersten kleinen Schritt auf dem Wege des den .Konfcktionsarbcitern und-Arbeiterinnen zu gewährenden gesetzlichen Schutzes. Sie fürchten, daß. wenn einmal A gesagt ist. auch B gesagt werden wird, und deshalb wollen sie jeden weiteren Schritt auf diesem ihnen so bedenklich erscheinenden Wege von vornherein verhindern. Unter keinen Umständen auch nur die geringste Einschränkung ihrer Ausbeutungspraltilen I das ist ihre Losung. Ob ihnen der Vorstoß ganz gelingen wird, bleibt abzuwarten; halb ist er ihnen ja schon gelungen, wie das Verhalten der Polizeibehörde beweist. Die Kon- fettionsarbeiter aber werden sich in ihren gerechten Forderungen nicht beirren lassen. Auch sie sind für eine Äenderung der Lohnbücher— aber nur im Sinne einer den Arbeiterwünschen entsprechenden besseren Ausgestaltung derselben. Der paritätische Arbeitsnachweis der Stukkateure wurde durch eine Knratoriumssitzung unter Leitung des Gewerberichterö Dr. W ö l b i n g zu einer dauernden Einrichtung gemacht. Die sogenannte„Freie Vereinigung", für die der Tarif und damit auch der Arbeitsnachweis mitgeltcn sollten, entzog sich jedoch der Veinbarung dadurch, daß sie den Namen des Vereins änderte. Dadurch wird der Schlußpassus des Tarifs unanwendbar, daß er für die Mitglieder der„Freien Vereinigung" mitgelten soll, weil nun ja eine solche dem Namen nach nicht mehr existiert. Die Unternehmer haben ja versprochen, ihre Leute vom paritätischen Nachweis zu beziehen; es wird aber auch nötig sein, daß die Stukkateure selbst ihn benutzen, wenn derselbe sich ein- bürgern soll.— Die Berliner Filiale des Stnkkatcur- Verbandes nimmt zur Zeit eine Urabstimmung über die Frage vor, ob der Beitrag hier um 10 Pf. erhöht werden soll oder nicht. Achtung, Vergolder. In der Goldlcistenfabrik von M. de Barr u. Co. sind Lohndifferenzen ausgebrochen und ist diese Werkstatt bis auf weiteres zu meiden. Der Vorstand der Filiale Berlin. Köpenick. Die Liste Nr. 1933 für die ausgesperrten Textilarbeiter in Crimmitschau, worauf 1,60 M. gezeichnet ivaren, ist verloren gegangen. ES wird dringend gebeten, dieselbe abzugeben bei C. B e w a r t, Köpenick, Lindenstr. Ib. Deutscher Textilarbeiter- und Arbeiterinnen- Verband. Filiale Köpenick. veutkebes Keicb. Der Klassenkampf in Crimmitschau lvird mit äußerster Heftigkeit weiter geführt. Was alles von den Unternehmern und ihren bezahlten und nichtbezahlten Helfern gethan wird, um Arbeitswillige hcranzuschaffen, kann die regste Phantasie kaum ausdenken. Mau geht bei der Aufspürung und Präparicrung von Streikbrechern mit einem Raffinement zu Wege als gälte es die Unterschiebung von ebenso vielen Majoratscrben. Die Unternehmer zwingen die bei ihnen beschäftigten Meister und Kutscher, ihre Frauen und Kinder zur Arbeitsleistung mit in die Fabrik zu bringen. Der HauSreinigcr einer Firma sollte Arbeits- willigeudicnstc verrichten und zugleich seine Wohnung den ein- treffenden Polen einräumen. Er weige.te sich dessen und wurde entlassen. Ein Armenpflcger stellte einer Almosenempfängerin die Erhöhung der Unterstützung in Aussicht, wenu sie in die Fabrik gehe; im andern Falle solle ihr die bisherige Unterstützung entzogen werden. Die„Leipziger Voltszcitung" meldet, daß die Spinnerei von Wagner Söhne in Naunhof ihre Arbeiter maßregelte. Die Gcmnßrcgelten suchten am Montag beim Bürgermeister in Naunhof um Regelung der Differenzen nach, denn die Firma hatte auch Lohn auf Vorschuß in Anrechnung gebracht, womit die Entlassenen natür- lich nicht einverstanden waren. Die Firma läßt sich aber auf keine Verhandlungen beim Bürgermeister ein, sie weiß, jdaß für die Ar- beiter eine Klage am Amtsgericht mit nicht geringen Schwierigkeiten verknüpft ist. Man will auf jeden Fall die Organisation der Arbeiter vernichten und sucht die Arbeiter zu veranlassen, dem Ver- bände den Rücken zu kehren. Aber nicht nur ihres Rechts will man die Arbeiter berauben, sondern auch zum Treubruch ihren Berufs- genossen gegenüber will man sie verleiten. So ist den Gemaßregelten am 30. November folgendes Telegramm aus Crimmitschau zugegangen: „Fahrt heute abend 6,9 Uhr ab Naunhof nach Leipzig. Meldet Euch 8 Uhr am Bierausschank im Wartesaal vierter Klasse Bayrischen Bahnhof. Buntweberei." Das Telegramm wird um so verständlicher, wenn man bc- rücksichtigt, daß die Inhaber der Firma in Naunhof, bei der die Arbeiter gcmaßrcgelt worden sind, Söhne eines Crimmit- schauer Textilfabrikanten sind. Es ist jedenfalls ein starkes Stück, die Arbeiter erst aufs Pflaster zu werfen und dann anzunehmen, daß dieselben Arbeiter, durch Hunger getrieben. ihren ausgesperrten Kollegen in Crimmitschau in den Rücken fallen. Die Crimmitschauer Fabrikanten müssen sich doch in einer ganz verzweifelten Situation befinden, wenn sie zu solchen Mitteln greifen. Aber selbst in der Not können sie dem Herren- standpunkt nicht entsagen.„Ihr" und„Euch", das ist die Anrede, die die Unternehmer anständigen Arbeitern gegenüber gebrauchen, die ihnen als Rauöreißer dienen sollen. Selbstverständlich denken die Arbeiter gar nicht daran, den Crimmitschauer Agenten im Warte- saale des Bayrischen Bahnhofs aufzusuchen. Das schofelste Stückchen ist aber doch wohl das, welches unser Essener Parteiblatt zu melden weiß. Danach benutzt ein Agent des Unternehmertums seine unfreiwillige Muße auf der Eisenbahn, um den Mitreisenden zum Zwecke der Weiterberbreitung das Märchen aufzubinden, daß der Streikleiter in Crimmitschau mit 180000 Mark durchgebrannt sei. Diese Lüge hat den doppelten Zweck, die Streikenden zu entnmtigen und zu gleicher Zeit die Zufuhr der Streikuntersttitzung zu unterbinden. Streikbrecher sucht man jetzt namentlich auch in der Lausitz. So lockte ein Agent sechs Forster Weber nach dem Bahnhof unter der Vorspiegelung, er wolle ihnen lohnende Beschäftigung in Hof (Bayern) verschaffen. Auf dem Bahnhof löste er dann Fahrkarten nach Leite! S Hain bei Crimmitschau! Die Weber ver- zichtetcn natürlich dankend. Das Gewerkschaftskartell in Leipzig erläßt in Genreinschaft mit dem Agitationskomitee der social- demokratischen Partei dortselbst einen Aufruf, in dem es heißt: Das Weihnachtsfest steht bevor, und voraussichtlich tobt in Crimmitschall der Kampf noch weiter, wenn die Weihnachtsglocken klingen und in den Tempeln das Wort gepredigt wird: Friede auf Erden! Bar der Möglichkeit, aus eignen Mitteln sich selbst oder den Kindern auch nur die kleinste Weihnachtsfreude bereiten zu können, sehen die Crimmitschauer Ausgesperrten dem Fest der Sonnenwende entgegen. Sollen die so heldenmütig kämpfenden Textilproletarier Crimmitschaus ein so bitterannes Weihnachtsfest erleben? Nein, und tausendmal nein! Wir rufen daher die organisierte Arbeiterschaft auf, den kämpfenden Brüder» und Schwestern in Crimmitschau eine Weihnachtsbescherung zu bereiten. Sie haben es reichlich verdient, die Crimmiffchauer Texttl- arbcitcr und sind es auch bedürftig. Von Anbeginn der Arbeiter- bewegung standen die Crimmitschauer Textilarbeiter im Vordertrcffen, sie schlugen die Schlachten des Proletariats mit, noch nie hat ihre Solidarität versagt; aufgerufen, gaben sie stets von dem wenigen, das sie besaßen, das mögliche. Die Nnternehmerpresse schickt sich schon an, den Ausgesperrten vorzuhalten, daß sie an Weihnachten vor leere» Tischen ständen, wenn sie nicht auf Gnade und Ungnade schnellstens in die Betriebe zurückkehrten, aus denen sie llnternehmcrfrivolität geworfen hat. Sie frohlockt aber zu früh, die Presse der Arbeiterfeinde; die klassenbewußte Arbeiterschaft wird sicherlich dafür Sorge tragen, daß die Ausgesperrten keinen leeren Weihnachtstisch finden. Mitten in diese langen Wochen der Sorge, des bitteren Kampfes, der Ver- folgungen, Schmähungen und Chikancn wollen wir den Ausgesperrten einen Tag der Freude verschaffen Arbeiter, Arbeiterinnen! Gedenket daher zum Wcihnachtsfest der 7000 Crimmitschaurr Ausgesperrten; gedenket deren Kinder! Der Streik bei Rickmers in Bremen ist, nachdem die Reismühl«»- arbcitcr in den übrigen Betrieben die Arbeit schon aufgenommen hatten, beendet worden. Von 338 ursprünglich Streikenden standen zuletzt nur noch 187 im Ausstände. Herr Rickmers erklärte, er wolle die Ausständigen bei Bedarf der Reihe nach wieder einstellen. Augenblicklich könne er keine Arbeiter gebrauchen. Für die Weiter- führung des Streiks stimmten nur 14, für Aufhebung desselben 123 Streikende. Die Verurteilung des Klempner Schied« wegen Vergehens gegen den Z 193 der Gewerbe-Ordnung, die wir vor einigen Tagen meldeten und irrtümlich nach Erfurt verlegten, ist nicht dort, sondern in M a g d e b u r g vor sich gegangen. Die Magdeburger„Volks- 'timme" nennt die Verurteilung sogar„spccifisch" magdeburgisch. Busland. Ein Streik der Juwelier-«ud Bijouteriegchilfen ist in Paris ausgebrochen. Die Streikenden, in der Zahl von etwa 2900, die choü seit Jahren den 9'/z stündigen Arbeitstag hatten, fordern jetzt die Einführung des Skeunstundentags. Eine Anzahl Unternehmer hat bewilligt._ Letzte Nachrichten und Dcpcfchen« Obstruktion im östreichischcn Abgcordnctenhause. Gl Wien, 2. Dez.(W.T.B.) Nachdem Dvorak(Klub der czechischeu Abgeordnete») die Dringlichkeit des Antrages auf Abänderung des § 14 begründet hat, ergreift kurz vor 4 Uhr Abgeordneter Baxa (ivild) das Wort und hält eine längere Obstruttionsrcdc, die er um Uhr noch nicht beendet hat._ Depiitiertenkammer. Paris, 2. Dezember.vir: Wir haben einmal gewählt, wir müssen auch das zweitemal wählen!" partcl-JVacbncbten. Eine patriotische Weihiiachtsgabc empfiehlt„Der Proletarier auS dem Enlengebirge" durch folgende Rcklmnenottz: Die Grastszngabe zweier großer Bilder von Kaiser Friedrich und Königin Luise, die, in vorzüglichen, Buntdruck ausgeführt, einen wirklich künstlerischen Wandschmuck bilden, kündigt der durch seine billigen Bücherangebote weit bekannte Verlag von C. A. Weller. Berlin, Tempclhofer Ufer 8, in seinem diesjährigen Weihnachts- Prospekt an. Derselbe liegt unsrer heutigen Nummer bei und be- sagt alles Nähere; lvir erlauben uns, ihn der Beachtung unsrer Leser bestens zu empfehlen. Der Prospekt, der hier erwähnt ist, enthält eine sehr un- angenehm marktschreierische Ankündigung eines Werkes über den Boercn krieg, das angeblich reell 10 M. kostet, jetzt aber— offenbar aus purer Liebe zu den, Käufer— für 0 M. gegeben wird einschließlich der zwei patriotischen„Kunstblätter". Es handelt sich zwar nur um ein Inserat, aber abgesehen davon, daß mit den. Buche samt Bilden, den Lesern auf keinen Fall etwas geschenkt wird und die Proletarier ans den, Eulen- gebirge, falls sie wirklich in der Lage sind. Geld für Bücher auszugeben, sich für ö M. etliche nützliche Bücher anschaffen könnten, sollte wohl ein Parteiblatt auch bei der Annahme der Inserate die Grenze einhalten, die durch unsre Stellung zu den bestehenden Institutionen geboten ist. Die patriotische Legende zu fördern, wem, auch nur mit Hilfe des Inseratenteils, ist nicht die Aufgabe eines socialdcmokratischen Blattes. Bei der Gmemdeumhl in Martinroda in Thüringen wurden die Vertreter der Arbeiter gewählt und erlangten damit die Mehrheit im Gemeinderat. In den Kreistag für den Kreis Schleusingen wurde vom Bezirk Goldlauter- Heidersbach der Genosse Eh. Weiß aus Goldlauter gewählt. psUxeiliebes, SericbtUcbcs ukw. DaS unfchii» gewordene MitglicdcrverzcichniS. Der Vorstand des socialdemokratischen Vereins zu Streckan(Land- gerichtsbezirk Naumburg) hatte gleich nach der Gründung des Vereins im Jahre 1001 der Polizei die Statuten und ein Mitgliederverzeichnis ein- gereicht und hatte dann auch fortlaufend der Polizei die Ab- und Zugänge in, Mitgliederbestand gemäß 8 2 des preußische» VcrcinsgesetzeS angezeigt. Trotzdem forderte der Amtsvorsteher Thcißen im April 1903 auf Grund des § 2 des VcreinsgesetzeS den Vorstand auf, ihn, wieder ein vollständiges Mitgliedcrvcrzeichnis einzureichen, auS dem Vor- und Zunamen, Stand nnd Wohnung der Mitglieder ersichtlich seien. Gleichzeitig wurde die Mtteilnng der Namen der Vorstandsmitglieder verlangt. Der Aintsvorstchcr meinte, die vorhandene Liste sei infolge der vielen Nenm, Meldungen n»d Abmeldungen»»übersichtlich geworden nnd er könne deshalb ein neues, vollständiges Ver« zeichnis fordern, zumal der 8 2 des Bercinsgcsctzcs den Vor- stehen, von Vereinen, die eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken, außer der EinreichungSp flicht auch noch die Verpflichtung auferlege, der Polizei auf Erfordern über Statuten und Mitglieder jede Auskunft zu erteilen.— Der Vorsitzende nannte darauf der Polizei zivar die Namen der Vorstandsmitglieder, ver- Ivciaertc ihr aber die Einreichnng des Mitglieder- Verzeichnisses, weil die Polizei ja ein solches erhalten habe und ihr jedesmal über das Ausscheiden oder Eintreten von Mitgliedern Mitteilung gemacht worden sei,— Die Vorstands- Mitglieder Rutsch nnd Herrmann erhielten dann Anklagen wegen Ilebertrctimg des§ 2 des Vereinsgesetzes und wurden auch von, Landgericht Naumburg in zweiter Instanz zu Geldstrafen ver» urteilt. Das Gericht nahm an, daß mit der Einreichnng eines neuen Mitgliederverzeichnisses hier lediglich eine Auskunft im Sinne des 8 2 des preußischen Vcreinsgesetzcs erfordert worden sei, so daß die Vorstandsmitglieder verpflichtet gewesen wären, dem Verlangen nachzukommen.', Die Angeklagten legten Revision ein. Vor de», Kammergericht vertrat sie der Justizrat Kähne aus Halle. Er wandte sich ausführlich dagegen, daß man hier von einer AnSlunft sprechen könnte, Mit der ÄuSkunftSbestimmung habe der Gesetzgeber auf keinen Fall sagen wollen, daß nun die Polizei„ach Belieben die Einreichnng voll» ständiger Mitgliederverzeichnisse fordern könne, wenn schon ein Ver- zeichins eingereicht worden und auch die Nen-Aufnahmen und Ab- gänge von Mitgliedern regelmäßig gemeldet worden seien. Wenn inau dem Borderrichter folgte, würde man zu den merkwürdigsten Konsequenzen kommen. Der Ober-StaatSonlvalt beantragte die Verwerfung der Revision, billigte die Vorentscheidung und berief sich hierfür aus ein Urteil dcS Kammergerichts. Der Strafsenat des K a in n, e r g e r i ch t S, unter dem Vorsitz des Herrn Linde»berg, hob jedoch die Vorentscheidung auf und sprach die Angellagtc» mit folgender Begründung frei: Zwar sei vom Kammergcricht in einem Urteil ausgesprochen worden, daß ein Verein gemäß§ 2 verpflichtet sei, der Polizei über seine Statuten Auskunft zu geben, ivenn er auch schon feit Jahren bestehe und schon einmal Satzungen eingereicht habe. DaS sei doch aber etwas andres als hier, wo die Polizei sage:„Ich habe zwar ein Mitgliederverzcichnis, es ist aber nicht mehr schön genug. nicht mehr übersichtlich genug, Ihr müßt mir deshalb ein neues ein- reichen." Hier werde keine„Auskunft" verlangt, sondern die L e i st u n g einer Art von S ch r e i b h i l f e, und dazu sei die Polizei nicht berechtigt. Möge sie die Uebersichtlichkeit selber herstellen.—_ — DaS Druckerciperfonal als Zeugen im Preßprozrs;. Gegen Genossen W i t t r i s ch in Forst ist einer Bagatelle wegen ein Strafverfahren im Gange. Die„Märkische Vollsstimme" hatte in wenigen Zeilen ein in' hyperloyalem Stil abgefaßtes Telegramm kritisiert, in dem die Jäger-Compagnic der Schlltzengilde zu Forst i. L. dein Kaiser Wilhelm kl. Dank sagt für Verleihung eines Schützen- adlers nnd„Treue bis in den Tod" gelobt. Die„Volksstimme" nannte dieses servile Bauchrntscherei. Sämtliche circa hundert S ch ü tz c n b r ü d e r haben Strafantrag gestellt und die Staats- anwaltschaft hat dem stattgegeben. SO Strafantragsteller haben sich anßerden, dem Verfahren als Nebenkläger angetchlosien, In der Verhandlung am Montag vor der Soraner Strafkammer sagte der als Zeuge vernommene Korrektor an«, Wittrisch sei am Erscheimings- tage der betreffenden Nummer der„Mark. Volksst." gar nicht im Ge- ■chrift gewesen, er habe am Tage vorher(8. Juli) seine Ferien angetreten. Dieser Zeuge genügte den, Gericht nicht und auf Antrag des Angeklagten wurde beschlossen, darüber noch, einen RcdakttonSkollegen, Genossen P e r n e r. zu vernehmen. Darauf stellte der Vertreter der Nebenkläger. Justizrat Ncuinann-Sorau, den Antrag, das ge» amte Sctzerpersonal zu vernehmen, um den Verfasser zu ermitteln. Den, Antrage wurde von, Gericht tattgcgeben; neuer Ter», in ist„och nicht angesetzt. Herr Neumann, »er hier als Anwalt dem unsittlichen Zeugniszwange in Preßsachen ro weit entgegenkommt, ist als Politiker Engenianer. Huq Induftrie und Handel Zum Projekt der Erhebung von SchiffahrtSabgqbrn auf den natürlichen Wasserstraßen wird der„Bossischen Zeitung" auö München gemeldet, daß thatsächlich ein solcher Plan innerhalb einzelner zu- tän diaer Ressorts der preußischen Staatsregierung erwogen worden ist. Insbesondere ist man ihn, im Ministermn, der öffcnt- lichen Arbeiten näher getreten. Der Gedanke soll zuerst in unmittel- barer Verbindung mit den Kanalprojekten von Herrn v. Miqnel an- Keregt und Bereit? Dom früheren Eisenbahnmimster b. Thielen einer näheren Prüfung unterzogen worden sein. I in Handels- Ministerium begegnete aber der Plan von vorn- h e r e i n e i n e r entschiedenen Abneigung. Dazu kommt, dost man matzgebenderseits der Ansicht ist, das; Preutzen gar nicht in der Lage sei, diese Frage zu lösen, da sie daS gesamte Reich gemein- sani angeht und nur durch eine Aenderung der Reichsverfassnng gelöst werden könne. Die Lage des amerikanische» Eisenmarktes gestaltet sich immer trüber. Nach einem New Dorker Bericht der„Frankfurter Zeirung" ist die Produktion der Anthraeit- und Koaks-Hochöfe», die am 1. Oktober mit lvöchentlich 353142 Tonnen beziffert wurde, bis I.November auf 273 712 Tonnen zurückgegangen. Der Umstand aber, das; trotzdem die Lagerbestände im Oklober um beinahe V0 00V Tonnen sich vermehrt haben, beweist, das; die Einschränkung noch ungenügend war. Das Hauptinteresse hat sich gegenwärtig fertigem Material zugewendet. Es ist ein bedeutender Preisrückgang in verschiedenen Branchen zu verzeichnen, während in andern Branchen die Preise sestgeblieben sind, obwohl die Verhältnisse die gleichen scheinen. Stahlstäbe z. B. sind um 6 Dollar pro Tonne zurückgegangen, um eben soviel Bandeisen. Bleche um 3,80 Dollar. Es scheint fcic_ Absicht der Produzenten, festzustellen, zu welchem Preise die Konsumenten sich bereit finden, abzuschließen. Das Scheitern des Stahlsyndikatsplanes scheint den Leitern der großen Stahlwerke heftiges Bauchgrimmen zu verursachen, denn in der ganzen ihrem Einfluß zugänglichen Presse, voran natürlich in der„Kölnischen Leitung", der Rheinisch-Westfälischen Zeitung" und der Fachzeitschrist„Stahl und Eisen" wird mit aller Wucht au die kapitalistischen Profitinstinkte der Werlsbesitzer appelliert, nur ja nicht das Projekt einer Vereinigung der Stahl- werke fallen zu lassen. Nachdem erst vor einigen Tagen die Fachzeit- schrist„Stahl und Eisen" aus die infolge der vieleit Betriebserweiterungen eingetretenen vermehrten Produkiionsfähigleit hingewiesen und als Abhilssinulel für die Unterbringung des Erzeugungs-UebcrschusseS den Stahlwerksverband angepriesen hat, folgt jetzt wieder die „Kölnische Zeitung" init einer Agitationsleistung. Der Konzen- trations-Prozeß in der deutschen Eisenindustrie, so führt sie aus, mache gewaltige Fortschritte. Angesichts der Verflauuug des anieri- kanischen Marktes und der von dort angekündigten Massenausfuhr gewänne daher die gestiegene Leistungsfähigkeit der deutschen Hütten- lvertc bei Behauptung und Erweiterung der ausländischen Absatzgebiete gerade jetzt eine erhöhte Bedeutung. Deshalb mahnt sie dringend, den Stahlwerksverbänd zu stände zu bringen, um den deutschen Eisenmarkt vor schweren Erschütterungen zu bewahren. Nur durch Regelung der Erzeugung und Regelung de? übermäßigen AusdehnungSdranges sowie bei geschlossenem Auftreten auf dem inländischen wie auf dem ausländischen Markte, könne mit einer stetigen Weiterentwicklung der Eisenindustrie, allerdings auch mit fortschreitender Konzentration, aber ohne tiesgehende Erschütterungen des Wirtschaftslebens gerechnet werden. Amerikanisches Petroleum. Die Standard Oil Co. hat den mehrfachen Preiserhöhungen um je 30 Cents pro Barrel Rohöl, die sie im Oktober vorgenommen hat, jetzt eine weitere Preissteigerung folgen lassen. Wie dem„Berk. Börseu-Conrier" aus New Dort ge- meldet wird, hat sie wiederum den Preis des Rohpetroleums um ö Cenis pro Barrel für die höheren Sorten und um 3 Cents für die minderen Sorten erhöht, so daß das Barrel des feinsten Penn- shlvania-Oeles nunmehr 1,85 Dollar kostet gegen 1,53 Dollar im September dieses Jahres. Diese sensationelle Erhöhung wird von Mitteilungen begleitet, welche die amerikanische Erdöl-Situation als bedrohlich hinstellen. Die alten Ouellen sind, heißt es darin, sichtlich und teilweise in alarmierender Weise in Abnahme begriffen, und die durch die Preis- erhöhungen veranlaßten eifrigen Bohrversuche haben bisher keine nennenswerten Resultate gezeitigt. Die pessimistischen Mit- teilungen gehen vielfach von dem Standard Oil-Truste nahestehender Seite aus, daher sie vielfach als tendenziös angesehen werden. Es wird in Fachkreisen behauptet, diese Manipulationen erfolgten im Einverständnis mit dem öslreichischen Petroleumkartell, um die Preise gleichzeitig hier und in Europa zu„boomen". Diese Auffassung dürfte keineswegs ganz unbegründet sein. Nachdem die früheren Konkurrenzstreitigkeiten beigelegt sind, geht es gemeinsam an das Ausbeuten des lieben Konsumentenpnblikums. Vom belgischen Eisenmarkt meldet der„Man. des int. rnat.", das; die deutsche Konkurrenz auf die Preise drückt. Der Schienenmarkt sei völlig desorganisiert. Die letzte Vergebung von Tendern, die nicht nur niedrige Preise an sich, sondern auch starke Abweichungen in den Geboten gezeigt habe, spreche für die ungünstige Loge des Marktes für Walzwerksprodukte._ Sociales. Die Hausindustrie in der Schweiz. AuS dem litterarischen Nachlas; des in diesem Jahre verstorbenen Fabrikinspektors Dr. S ch u l e r hat jüngst, wie uns aus der Schweiz geschrieben wird, das eidgenössische statistische Bureau in Bern die Arbeit über die schweizerische Hausindustrie veröffentlicht, die zwar keine erschöpfende Darstellung derselben giebt, aber immer- hin das Material bietet, das zu erlangen war und für die man daher dem Verfasser trotz ihrer Mängel und Lücken dankbar sein muß. Im einzelnen werden die vielen Zweige der Textilindustrie, die Stroh- iudustrie, die Wäsche- und Kleiderkonsektion, der Mützen-, Krawatten-, Handschuh-, Schuh- und Bürftenfabrikatiou, die Cigarrenindustrie, die Holzschnitzerei, die Korbwaren-, Zündholz- und Nhrenindustrie, die Fabrikation von Spieldosen, von Rosenkränzen und die Thon- waren-Jndustrie dargestellt. Mit diesen Industrien sind aber nur die hauptsächlichsten Zweige der Heimarbeit angesührt, daneben werden noch viele Heimarbeiter mit verschiedenen andren Arbeiten beschäftigt, so mit dem Teppichknüpfen, Spitzenklöppeln, mit der Korsettfabrikation i Zeugdruckereien beschäftigen Männer zu Hause als Modellstecher, Frauen als Franserinnen; Gummiwarenfabriken geben Arbeit ins Haus; Buchdruckereien lassen Zeitungen und Druckbogen durch Kinder in ihren Wohnungen falzen, die Herstellung von Gestechten für Sessel ist gewöhnlich Heimarbeit für Frauen usw. Dr. Schuler betont sehr richtig, daß zur Gewinnung eines vollständigen Bildes, amtliche Erhebungen veranstaltet werden mußten. Ueber den lkmfang der schweizerischen Haus- i n d u st r i e werden folgende Angaben gemacht: 4500 Plattstich- Weber, 2500 Buntweber. 31 570 Personen in der Seidenindustrie. 336 arbeiten für die Wollwarenindustrie, 1600 Leiueweberei, 3000 Handstickerei, 18 550 Maschinenstickerei, 4343 Kettenstichstickerei und Verwandtes, 20 000 Strohindustrie, 2400 Strickerei, 8000 gesamte Konfektion, 1500 Schuhmacherei, 700 Tabakindustrie, 1300 Schnitzler, 700 in der Fabrikation von Zündholzschachteln, 30 000 Uhrenindustrie, 1000 Musikdosen, 1000 zusammen in den erwähnten übrigen Industrien, total 133000, welche Zahl aber eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist. Auf 100 Fabrikarbeiter kommen 54—55 Heimarbeiter, in Deutschland 10,5, so daß hier, trotz der absolut viel größeren Zahl von Heimarbeitern, das Verhältnis der Fabrik- zur Hausindustrie erheblich günstiger ist. Die große Mehrzahl der Heimarbeiter in der Schweiz sind Frauen und Töchter, an zweiter Stelle stehen die Kinder, während die Männer in der Minderheit sind.� Jedoch weichen diese Verhältnisse bei den verschiedenen Hausindustrien stark von einander ab. Der geographischen Verbreitung nach stehen die ge- birgigen Teile des Landes in erster Linie, da hier die Landwirtschaft wesentlich aus die Viehzucht beschränkt ist, welche nicht so viele Ar- beitskräft erforderte wie der Ackerbau. Die Arbeitszeit der Heimarbeiter in der Schweiz ist ebenso wie der in andern Ländern eine endlose, von fünf Ilhr morgens bis elf und zwölf Uhr nachts währende, also eine 18- bis lOstündige täglich. Selten kommt dagegen die Sonntagsarbeit vor. Die Beschäftigung ist nicht nur für jene, welche die Heim- rbeit als Nebenerwerb betreiben, vielfach eine schwankende und un- stchere, sondern mich für solche Heimarbeiter, denen die Hausindustrie die Grundlage ihrer Existenz ist. In manchen Zweigen der Hau?- iudustrie dagegen, wie z. B. in der Handstickerei, ist die Beschäftigung eine stetige und kommt Arbeitslosigkeit nur ganz selten vor. Für die Seidenweber wird die Zahl der jährlichen Arbeitstage auf 240 geschätzt. Nach den Angaben über die Lohn verhält nisse verdienen die Plattstichweber im Durchschnitt 1,50, die Frauen 1 bis 1,50 Fr., die tüchtigsten Männer bringen es bei 11- bis 13stLndiger Arbeitszeit auf 2,72 Fr., die Frauen bei effektiver 12stiindiger Arbeitszeit auf 1,47 Fr. Speeialitäten- Arbeiter bringen es auf 4 bis 5 Fr. Pro Tag, alte Leute und Kinder auf 50 bis 00 Cts. Seidenspinner bringen es auf 70 Cts. bis 1 Fr., Seiden- winderinnen auf 70 CtS., 1, 1,25, 1,70, 2 bis 2,40 Fr., Zwirnerinnen auf 1 Fr., Seidenweberinnen auf 1, 2. 2,45 bis 2,05 Fr., die Leineweber kommen auf 2 bis 3 Fr., die Arbeiterinnen auf 1 bis 1,50 Fr., die Sticker auf 1, 2 bis 5 Fr., die Stickerinnen auf 50 Cts., 1, 1,50 bis 2 Fr., die Arbeiterinnen der Strohindustrie aus 1, 1,20, 1,50 bis 2 Fr., die Stücklöhne in dieser Industrie sind heute viel geringer als sie früher waren und zwar infolge der italienischen und ostasiatischen Konkurrenz. Die Arbeiterinnen der Wäschekonfektion bringen eS höchstens auf 1 bis 1,50 Fr., die Konsektionsschneider in Zürich auf 4 bis 4,50 Fr., mit Hilfe der Frau auf 7 bis 8 Fr. per Tag. Die Heimarbeiterinnen der Schuhindustrie ans 1 bis 2 Fr., die Heim- arbeiter nicht über 3,30 Fr., die Lederhandschuh-Näherinnen auf 1 bis 2,50 Fr., die Cigarrenarbeiterinnen auf 70 Cts.. die Kinder auf 30 Cts.. die Holzschnitzler auf 3 bis 5 Fr., die Korbmacher auf 2 Fr., die Heimarbeiter der Uhrenindustrie auf 3,75 bis 5,55 Fr., die Frauen 2,05 bis 2,85 Fr., junge Leute 1,70 bis 3,25 Fr., wovon aber 3 bis 5 Proz. für Fourniiuren abgehen. Tie Spieldosen-Arbeiter verdienen 3,80 bis 4,50" Fr., die Frauen 1,80 bis 2 Fr., die jungen Leute 1,50 bis 2 Fr., die Rosenkranzarbeiter Bei 12 bis 13 ständiger Arbeitszeit 1,20 Fr. pro Tag iin Maximmn, die Frauen 1 Fr. Hier wirkt die Kon- k u r r e n z der Klöster lohndrückend. Dr. Schuler anerkennt und würdigt die in der Hausindustrie bestehenden Mißstände vollauf, aber er erblickt in ihr trotz- dem auch Vorteile und so will er sie nicht grund- sätzlich bekämpfen, sondern nur die schlimmsten' Aus- wüchse beseitigen, zu welchem Zwecke er folgende Maß- nahmen fordert: Verbot der Kinderarbeit vor den Schul- stunden und in der Mittagspause sowie Festsetzung eines Termins für de» Arbeitsschluß am Abend. Verbot des MitnachhausegebenS von Arbeit nach dem in der Fabrik oder Werkstatt vollbrachten Tage- werk, das die bestehenden kantonalen Arbeiterinnenschntz-Gesetze bereits enthalten. Verbot der Sonntagsarbeit, Einführung der schichtlichen Lohnabrechnung, Anwendung der Bestimmungen des Fabrikgesetzes über die Lohnzahlung auf die Hausindustrie, Unterstellung derselben unter die Gewerbegerichte, die allgemein einzuführen wären. Für die Durchsührung dieses Schutzes der Heimarbeiter bringt Dr. Schuler die Geistlichen. Lehrer, Aerzte und die Arbeiter nebst ihren Organisationen in Vorschlag. Zweifellos müssen aber auch amtliche Organe zur Ucbcrloachung Bestellt werden. Da die Frage der Bekämpfung der Hausindustrie beziehungsweise ihrer Auswüchse aufgerollt ist, dürften ihr nunmehr auch die Gewerkschaften, die Ar- beiterpreffe und die Arbeitervertreter in den Behörden größere Auf- merksamleit widmen._ Die Arbeiterschuy-Gesehc in Algier. Tie Arbeiterschaft von Algier hat jahrelang kämpfen müssen, um die Anwendung der in Frankreich geltende» Arbeiterschutz-Gefetze auch in der Kolonie durch- zusetzen. Endlich scheint ihnen das gelingen zu sollen. Nachdem schon im Vorjahre ein Teil des Gesetzes von 1802, betreffend die Arbeit der Frauen und Kinder, sowie ein Teil der UnfallverhütungS-Vor- schriften in der Kolonie, eingeführt worden ist, wird jetzt ein Entwurf vorbereitet, nach welchem in Algier auch das UnfallversichemngS- Gesetz und das Gesetz Millerand-Colliard. welches bekanntlich die Arbeitszeit für Frauen und jugendliche Arbeiter in den Fabriken regelt, zur Einführung gelangen sollen. Ferner beabsichtigt der neue Gouverneur, eine aus Arbeitern bestehende Kommission zu bilden, welche die Ausführung der Gesetze zu überwachen hat. Die gestörte Geburtstagsfeier. In der Werkstatt des Fabrikanten Meinert wurde eines Tages Bier getrunken. Man feierte den Geburts- tag eines Kollegen. Das ärgerte den Chef, erschien ihin als gröbliche Verletzung seines HauSrechts, denn er hatte geruht, in seinem Betriebe Gebnrtstagsfeierlichkeiten. Einstände, das Rauchen und das Singen zu verbieten. Der Werkmeister mußte dazwischen fahren. Er befahl einem Arbeiter, einen Korb mit gefüllten Bierflaschen hinaus- zutragen. Da erklärte ein andrer Arbeiter L., das Bier gehöre ihm, es bleibe da. Sofort wurde er entlassen. L. hatte nun einen Aeeord begonnen, den verlangte er im Klagewege voll bezahlt. Nach Abzug dessen, was man ihm für geleistete Arbeit gegeben, blieben 48 M. gut, die er beim Gewerbegericht Berlin einklagte.— Der Beklagte berief sich auf verschiedene Bestimmungen seiner Arbeitsordnung, auch darauf, daß ja die Kündigung ausgeschlossen sei, während der Kläger feststellte, daß es sich in Wirklichkeit gar nicht um sein Bier handelte. Der Angeklagte meinte, dann käme in Betracht die Vestimmung seiner Arbeitsordnung, wonach entlassen werden könne, werdieMitarbeilerzum Ungehorsam aufreize. Das Gewerbegericht verurteilte den Beklagten zur Zahlung der 48 M. und führte begründend aus: Der Aeeordverirag sei durch den Kündiguugsausschluß nicht berührt worden. Es frage sich nun, ob ein gesetzlicher oder vertraglicher Grund vorgelegen habe, den Kläger vor Beendigung des Aeeords zu entlassen. Diese Frage»nisse verneint werden. Kläger selber habe weder eine Einstands- noch eiuc Geburtötags- feierlichkeit veranstaltet. Thatsächlich sei er ja auch nur entlassen worden, weil er dem Gebot des Werkmeisters zuwider erklärte: Der Korb bleibt hier. Nach 8 123 der Gewerbe- Ordnung sei nun Ilugeharsam nur ein Grund zur Entlassung, wenn er ein„beharrlicher", ein andauernder sei. Das stehe hier nicht fest, denn die Entlassung sei sofort ans die erste Widersetzlichkeit hin erfolgt. Nun die Fabrilordiumg! Sie sehe, nachdem sie Geburtstagsfeiern te. verboten habe, für den Fall der Zuwiderhandlung vor, erstens eine Strafe von 20 Pfennig und erst im WiederholungS falle die Entlassung. Hier liege ein Wiederholungsfall in diesem Sinne nicht vor, auch diese Bestimmung finde somit keine Anwendung. Und eine Aufreizung der Mitarbeiter zum Ungehorsam sei im Ver- halten des Klägers ebenfalls nicht zu sehen. Da Kläger nun trotz des Kündigungsausschlusses ein Recht hatte, den Accord fertig zu machen, so siehe ihm die volle Aeeordsumme zu. Gerichts-Zeitung. Abermals eine Meincidsiragödie. Daß die meisten Meineide in Ehcfcheidungsprozessen geleistet werden, beweist die Thatsache, daß das Schwurgericht des Land- gerichts I sich an drei aufeinander folgenden Tagen mit derartigen Anklagen zu beschäftigen hatte. Durch allerlei Nebcnumstände interessant gestaltete sich die Verhandlung, welche gestern gegen den 20jährigen Arbeiter Paul Goldach stattfand. Im verflossenen Jahre hatte der Angeklagte bei den Arbeiter Heuerschcn Eheleuten eine Schlafstelle inne. Ter Ehemann Heuer schöpfte gegen seine Ehe- frau bald den Verdacht, daß sie zu Goldach in einem unerlaubten Verhältnis stand. Er setzte es durch, daß Goldach seine Wohnung verlassen mußte. Dieser ging nach Duisburg, wo er in einer Fabrik Arbeit fand. Es währte nicht lange, bis Frau Heuer ebenfalls nach Duisburg reiste, um Goldach zu besuchen. Als sie nach Berlin zurück- kehrte, versagte ihr Manu, welcher glaubte Beweise ihrer Untreue in Händen zu haben, ihr die Aufnahme. Er strengte die EhescheidungS- klage gegen sie an und ließ Goldach als Zeugen vernehmen. Dieser bestritt vor dem Landgericht unter seinem Eide, daß er zur Frau Heuer in einem intimen Verhältinsse gestanden. Der Kläger wurde darauf mit seiner Klage abgewiesen. Heuer legte Berufung ein. Auch vor dem Kammergericht trat Goldach zu Gunsten der beklagten Ehefrau auf, es wurde aber trotzdem auf Scheidung erkannt, da noch hinreichend Belastungsmaterial vorhanden war, um die lieber- zeugung von der Schuld der Ehefrau Heuer zu gewinnen. Goldach wurde bald daraus wegen Verdachts des Meineides in zwei Fällen in Haft genommen.?lts sin Juli die TchwurgerichtZverhandlung gegen ihn stattfand, wurde die inzwischen geschiedene Frau Heuer als Zeugin vernommen. Auch sie bestritt, verbotenen Umgang mit dem Angeklagten gepflogen zu haben. Von ihrer Bereidung wurde Ab- stand genommen. Goldach wurde von den Geschworenen schuldig gesprochen und darauf zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren sechs Monaten verurteilt. Auf die von ihm eingelegte Revision bob das Reichsgericht das Urteil aus und verimes die Sacke zur noch- maligen Verhandlung an das Schwurgericht zurück. Gerügt wurde, daß die Zeugin Heuer in der früheren Verhandlung nicht vereidet worden war. In der gestrigen erneuten Verhandlung beharrte der Angetlagte bei seinem Leugnen. Als der Vorsitzende ihm vorhielt, daß ei» Protokoll vorliege mit einem vor dem Untersuchungsrichter abgegebenen Geständnisse, daß er geschlechtlich mit der Frau Heuer verlehrt habe, erwiderte der Angeklagte, daß hier ein Mißverständnis vorliege. Er habe den Untersuchungsrichter dahin verstanden, daß es sich um einen„geschäftlichen" und nicht um einen„geschlechtlichen" Verkehr handeln sollte. Es mußte der Untersuchungsrichter ver- nommen werden. Dieser belundete, daß er dem Angeklagten gegen- über landläufige Ausdrücke gebraucht habe, welche ein Mißverständnis, wie der Angeklagte es hinzustellen beliebte, gar nicht aufkommen ließ. Tie Zeugin Heuer bestritt wiederum jeden nnlauteren Berkehr mit dem Angeklagten und legte trotz aller Ermahnungen des Bor- sitzenden einen dahingehenden Eid ab. Ter Staatsanwalt beaniragie ihre sofortige Verhaftung. Tie Geschworenen kamen wiederum zu einem Schuldigsvruch gegen den Angellagteu, welcher wiederum wegen Meineides in zwei Fällen zu zwei Jahren sechs Monaten Zuchthaus und dreijährigem Ehrverlust verurteilt wurde. Tie Zeugin Heuer wurde in Hast genommen; jetzt wird sie sich noch wegen Meineides zu verantworten haben. Tie Tratchner Schulzuitände, die im Oktober v. I. zu so um- fassenden, gerichtlichen Perhaudlungeu geführt haben und auch im Landtage Gegenstand lebhafter Erörterungen geworden, sind, sollen nun am Freitag noch einmal vor der siebenten Straflammer des Landgerichts aufgerollt werden. Wie noch erinnerlich sein dürste, erschien anfangs Februar 1000 in der Fachzeituug„Der Pferde- freund", Organ für Pferdezüchtcr und Pferdeliebhaber, ein von dein Sanitätsrat Dr. P a a l z o w- Berlin verfaßter Artikel, der die Schulzustände in Trakehnen und die Mäßnahmen des Landstall- Meisters v. O e 1 1 i n g e n, dem im Gebiete der königlichen Gestüts- Verwaltung die Schulen uutersiehen. in höchst abfälliger Weise ve- sprach. Es wurde u. a. ausgeführt, daß die Lehrer von Herrn v. Oellingen aufs unglaublichste chikaniert und in einer ihrer Amts- stelluug durchaus nicht entspreckieudeu Weise behandelt würden, daß die Schutgebäude und Lehrerlvohnungen sieh in menschenunwürdigem Zustande befänden, während auf der andren Seite kostspielige Ställe gebaut, Gärten, Karpfen- und Forellenteiche und ein Law»--veiuus- Platz angelegt worden seien uslv. Dazu wurde Herrn U. Lettingen Uebertretung der Sonntagsheiligungs-Vorschriften, Borenthaltuug der den Lehrern zu gewährenden Fahrgelegenheit und mehr der» gleichen vorgeworfen. Da sich Herr v. Oellingen durch diesen Artitel beleidigt fühlte, stellte er Strafantrag und zwar nicht nur gegen Herrn Sanitätsrat 7. Paalzoiv, sondern auch gegen den Lehrer Otto Nickel aus Trakehnen, der der Gewährsmann für Dr. P. ge- Wesen war, diesem aber die Formgebung seiner Mitteilungen über» lassen hatte. Die Angelegenheit beschäftigte in der Zeit vom 17. bis SL Ottober 1902 die siebente Strafkammer, die Verhandlung endete mit der Verurteilung des Sanitätsrats Dr. Paalzoiv zu 300 Mark. des Lehrers Nickel zu 200 Mark Geldstrafe. Staatsanwalt Beeck hatte damals 1000 Mark bezw. 000 Marl Geldstrafe beantragt. Der Gerichtshof hatte angenommen, daß für die dem Herrn v. Oct- lingen gemachten Vorwürfe betr. die Chikauieruug der Lehrer. Bevorzugung seiner eignen Person, Verschwendung und Uebertretung der Gesetze der Wahrheitsbeweis nicht gelungen sei, daß sich aber bezüglich der Chikanierungcn die Angeklagten in gutem Glauben befunden haben und ihnen in diesem Punkte der Schutz des 8 St.-G.-B. zur Seite stehe.— Gegen dieses Urteil hatten die An- geklagten das Rechtsmittel der Revision eingelegt, die erst am 20. Mai dieses Jahres den zloeitcn Strafsenat des Reichsgerichts beschäftigte. Bezüglich des Sanitätsrats Dr. Paalzoiv ist die Revision hinfällig geworden, da dieser bereits am 5. April d. I. verstorben ist. Be- züglich des Angeklagten Nickel beschloß der Senat, das Urteil auf- zuheben und nebst den ihm zu Grunde liegenden Feststellungen zur aitderweiteu Verhandlung und Entsckjeidung an die Vorinstanz zurück zu verweisen. Grund zur Aufhebung des Urteils war die Feststellung des ersten Richters, daß der Angeklagte Nickel, bevor die Ttraslhac des Dr. Paalzow vollendet war. diese gefördert und die Förderung bezweckt habe. Dies hat das Reichsgericht für rechtsirrig erachtet. Die im Urteil festgestellten Mitteilungen Nickels beträfen Thatsachen, wegen deren Veröffentlichung Dr. Paalzow nicht verurteilt worden sei. Der Umstand, daß Nickel den unter Anklage gestellten Artikel vor der Veröffentlichuna gekannt und gebilligt habe, spreche noch nicht dafür, das; er die strafbare Handlung des Dr. P. gefördert habe. Infolge dieses Urteils des Reichsgerichts wird sich die siebente Straf- kämme r am Freitag nochmals mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen haben. Die Verteidigung ivird wieder Rechtsanwalt H. Sonnen» seid führe«. Anscheinend wird die neue Verhandlung nur von kurzer Dauer sein. Es wird sich, dem Vernehmen nach, zunächst nur darum handeln, festzustellen, wie viel Zeugen zur mündlichen Ver- Handlung vorgeladen und wie viel tomntissarisch vernommen werden sollen. Der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht! Ein famose». Hüter des Gesetzes war der Polizeikommissar Johann Hindzbowsbi aus BraunSberg. Er hatte in seiner anttlichen Eigenschaft in Braunsberg die Sittenkontrolle auszuüben. Gelegenheit mackt Diebe, und der Herr Polizeikommissar benutzte sein Amt, um selbst unsitlliche Handlungen zu verüben. Wagte jeinaud derartige Sachen zur Sprache zu bringen, flugs ging der Herr gerichtlich gegen den llebellhäter vor, leistete auf seine Aussagen einen Eid und der Bc- leidiger wurde verurteilt, während der Herr Kommissar stets rein und unbescholten aus solchen Affairen hervorging. Doch das Ver- hängnis sollte auch ihn bald holen. In der letzten Zeit wollten ihm auch die Richter nicht mehr glauben, und so suchte er denn die Zeugen zum Meineide zu verleiten. Doch daö brach ihm den Hals. Er wurde angeklagt und vout Schwurgericht wegen lv i s s c n t- l i ch c n und fahrlässige» Meineids in je zwei Fällen zu zwei Jahren Gefängnis und zwei Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Statsanwalt hatte drei Jahre Zuchthaus beantragt. Die Aerzte gaben ihr Gutachten dahin ab, daß Hindzbowsli geistig voll- ständig gesund sei. Da ist der Herr von der Polizei ja noch sehr billig weggekommen, ein Zeichen, daß es in Preußen doch immer noch recht milde Richter giebt. Unglaublich leichtsinnig war der Drogist Friedrich Eschert aus Ripdorf vorgegangen, welcher gestern wegen fahrlässiger Körper- Verletzung vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II stand. Der Angeklagte stellte in seinem Geschäft verschiedene Verkaufs- arkikel selbst her, n. a. auch eine Anstrichfarbe für Zündhölzerständer. Diese Masse besteht aus einem Gemisch von amorphem Phosphor und chlorsaurem Kali und ist außerordentlich leicht entzündbar. Jeder Fachmann pflegt daher die beiden Chemikalien getrennt und in feuchtem Zustande in einem Mörser zu zerpiilvern. Diese Vorsichtsmaßregel ließ unbegreiflicherweise der"Angeklagte außer acht, als er am 8. April eine derartige Zündmasse anfertigen ivollte. Kaum hatte er mit dem Zerreiben der beiden Chemikalien in einem Por- zellaumörser begonnen, als eine gewaltige Detonation erfolgte. Ter Porzellanntörser war in Atome zersplittert, der Marmortisch, auf dem dieser gestanden hatte, war ebenfalls zertrümmert. Dem Ange- klagten wurde die linke Hand förmlich zerfetzt; wenn sie auch nicht hat abgenommen werden müssen, ist sie doch jeder Bewegungsfähigkeit beraubt worden. Der arnvesende Lehrling erlitt verschiedene Brand» Wunden und ein gerade den Laden betretender Schüler kleine Ver- letzungen am Auge. Der Sachverständige, Gerichtschemiker Dr. Jeserich, begutachtete, daß der Angeklagte grob fahrlässig ge» handelt. Der letztere kam dennoch mit einer Geldstrafe von nur Ig Mark davon.' Mr den Jnftnlt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Piibliknin gegenüber keinerlei Verantwortung. Zhcatcr. Donnerstag, 3. Dezember. Nnsang 7>/z Uhr: Opernhaus. Manon. Tchanspielhaus. Tic Luitzows. Deutsches. Johannes. Berliner. Ein Winlermärchen. Lcssing. Aapscnslreich. SLeste». Der Bcltelstudcnt. Neues. Salome. Borher: Logil des Herzens. Residenz". Ein Seitensprung. Bor- her: Der zündende Funke. lkcntral. Ter Nastcltmidcr. Thalia. Der Hochtourist. Zlnsang 8 Uhr: Schiller v. lWallner- Theater.): Wilhelm Tcll. Schiller iFricdrich-Wilhclmslädt.) Hedda kSabler. Bcllc-Zllliancc. Los vom Manne blarl Weist. Maria Theresia und ihr Hol. Luisen. Die Logenbrüder. »leincs. Elcllra. Trianon. Biscottc. Deutsch- Amerikanisches. Uebcr'n grohcn Teich. Easino. Berliner Nachtasyl. Hotel Klingebusch. Llietropol. Durchlaucht Radieschen. Apollo. shrühIingSlust. Palast. Mutter imd Sohn. Winter-Garten. Spccialitätcn. Paisage-Thcater. Spccialitätcn. Reichohalleu. Stcttincr Sänger. Urania. Tanbcnstrasic iSl'iO. Um 8 Uhr im Theater: An den Seen Lbcrilaliens. Jnvalidenstraste 57/<»a. Stern warte. Täglich geöffnet von' bis kl Uhr. Neues Theater. Schissbaucrdamm la— 5. Salome. Vorher: l.osrik«Ick Herzens. Zlnsang 7>h, Uhr. Freitag:!�«» iKt'»l»K I.el»en. Central-TKester. Abends 7'/, Uhr: vn!!l>liclbllli>er. Operette in 3 Akten v. Franz Lehar. I.uiZsn-7Ile»!es. Abends 8 Uhr: Die Logenbrüder. Freitag: Kohllhätigkeitsvorstellnug. Roinco und Julia. Sonnabend: Der Richter von Lalaincn. SoinNagnachmittag: Das btätbchen von.ideilbronn. Abends zum ersten- mal: Zllpcntönig und Mcnschcnseüid. Montag: Der Richter von Zalamea. ri EM Burleske Ausstattunssposse mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Holländer. In Sceno gesetzt vom Direktor Bichard Schultz. _ Im 4. Bilde: tUF" Grosses Biillctt Wie damals im Monat Mal. Anfang 8 Uhr. — Rauchen überall gestattet.— Apollo-Theater. Um 8 Uhr:. kruküngslutt mit dein Ballett Blütenhochzeit. Ilm!)'/. Uhr: Mit grossem Orchester: Vision nnch dem BSalle. Bantomimc.Mnsik von..Drei zlroncn". Um 1V Uhr: Die neuen gtänzeniten Lpecialitaten: Svan TschepnofT. ein Morgen aus dem Sport-Stallhos. Kelty ahd Ashby X Francois-Truppe amcr. Excentrics. Eguilibristcn. Die Passparts. 7anz-0>iett. liosmosrnpli und I!I»pI»«»». Kleines Theater. Unter den Linden 44. Elektro. Anfang 8 Uhr. Freitag: Vachtnsyl._ Schiller-Theater. «. u h r: 8eI»iIIer- DUester (Wallncr-Thcatcr). Doillicrstagabcnd 8 �VIIlBelm Teil. Schauspiel in säns Auszügen von Friedrich Schiller. Freitagabend 8 Uhr: 8nn Jlarcos Tochter. Sonnabendabend 8 Uhr: Die Stützen der lresellsciiakt. Schiller-Theater X. (Friedrich-Wilhelmstädtisches Thealer). Donnerstagabend 8 Uhr: Hedd» Gabler. Schauspiel in 4 Auszügen von Henrik Absen. Deutsch von M. v. Borch. Freitagabend 8 U h r: Vasantasena. S on n a b e n d a b e n d'8 Uhr: liiebelel. Hieraus: Litteratnr. freie Vollvlmlml!. Sonntag, den 6. Dezember, Uhr: Mctropol-Thcatcr. Liessing-Thcatcr. 1I./12 Ahtcilmig. ' Der Wiiterspenstip Zähniwiig. 4./5. Abteilung. Ein Verbrecher. (Kunstabend) Liliencron- Sonntag, den 13. Dezember, abends 7 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engol-Ufcr 13. Billets a 25 Pf. in den bekannten acht Zahlstellen; C. Beyer, Pfarr, Kumko, Böttger, Gr. Schulz, Horsch, Vogel II, Löwenherg. Kostüm-Fest am 9. Januar 1904 in der\'eiien Welt(Hasenheide). Kestmarken a 5« Pf. in allen Zahlstellen. 230/11 Der Vorstand. I.A.: G. Winkler. Cirkus Sehumantt Scnte Donnerstag, den:i. Dezember, abends 7't., Uhr: IV 4Z»nt zwcttcninat:-VE iW Zum zweitenmal:-V® 3B Babel und Bibel K oder: Die Pracht, der Untergang und die Wieder- erlveckung des Weltreiches von Babylon. Eine Wanderung durch acht Jahrtausende in Form einer großen Aus siaitnngS-Pantoinime in 2 Abteilungen. Nach einer Idee von A, Moszkowski. Einstudiert vom Ballettmeister G. Pratesi und in Sccnc gesetzt vom Direktor A!b. Schumann. Musik vom tgapellmeistcr A. Saränek. Ansterdem glänzendes Programm. 25 männliche Abrssinier Löwen des.Herrn dullus 8eth. Mllc. Dutrieu: Rekord sprnng.S» Inst— 13 Meter. Urania, Taubensfrasse 48/49. Um 8 Uhr im Theator; An den Seen Ober-Italiens. Sternwarte Invalidenstrasse 57/62, CASTANS IPANOPTICUM Friedrichstr. 165. Der Sisdiauer-Riese 1 Mianko Karoo vom Stamm der Eioux-Indianer. f flllQiir« f Nie zusammenge- llaeUmiU! rvachsenen Schwestern Rosa und Josefa. Grosses Promenaden-Konzert 1 d. Wiener Elitekapelle Forsch» neritsch vorm., nachm.. abds. {{LT- CHlNF Xunst-Jlnsstellttng tflpZlKR' Ücutsch-Amerikaniscbes Theater Köpnickerstr. 67. istnt. Jannowitzbrücke. Gastspiel Adolf Philipp. Zum>..PPDPH'X Teich." IM- ASPANG 8 UHR"TRi M 0 N T A G,-s« Aufführun 7. Oez. 03, J ELEGANT! abds. 8 Uhr 1 Souvenirs! Trianon-Theater. (Lcorgenstraßc, zivischen Friedrich« und Universitätsstragc. Biscctts. Anfang 8 Uhr. Sonnlagnachinittag: Die Notbrücke. SIBSSLiS Tsglivh geöftnet 10-8. Entrec 1 Zl.» Sonntag 50 Pf. Palast-Theater Purgfiraste SÄ, früher Feen-Palast. Donnerstag, den 3. Dezember: Letzte Aufführung: Der Gsldbiiuer. Echanspicl in 4 Akten von Charlotte Birch-Psciffcr. Freitag, den 4. Dezember: Premiere und Elile-Extra-Verstellung. Zanbcrpoffe mit Gesang und Tanz in 8 Bildern von Jacobson n. Girndt. Musik von A. Conrad!. Rentier Semmel: Dir. Rich. Wmller. Sonnabend: Herne Vorstellung. Sonnnlagabcnd 8 Uhr: Wunsche und Träume. Ansang 8 Uhr. Entrec 50 Pf. Reßdeilj-Tlieatkl Direktion S. Lauienburg. 'Ansang Tl2 Uhr. Ein Seitensprung. Schwank in 3 Akten von G. Berr, Dchere und Guillcmaud. Deutsch von Atax Schönau. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Seine Kammerzofe. Neu« Welt Arnold Scholz Hasenheidc><». 108,11-4.| Jeden Donnerstag: Mi Rose-fheater-Eiisetniile. i Der Stabstrompeter.] Posse mit Gesang in 4 Akten. Nach der Vorstellung: familien- Kall. Tanz srci l Anfang 8 Uhr. Entree 39 Pk. Vorzugskarten gelten. Passage-Theater Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags 5 Uhr. Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr. Berlin bat wieder eine Sensalion! Mortoncllos Enthauptung einer lebenden Dame! Ausserdem 14 neue erstklassige Niunmern. Pertina. Lucia della Sera. Ila�Mon n. Jcnuy etc. etc. Caslno-Theater. LotHringerstr. 37. Ans. 8. Somit. 71/o. 8 Uhr: Wcihnachtsglocken. 8>/.: Nusoha Melitta— Loro-QuarletL Corra dilti. !>'/- Uhr: Der vertauschte SoHtl. Sonntag 4 Uhr: Hoie!!, Rcst.,Rittcrstr. lÄ!i •■.■im IX. Berliner Saison. Ctrhns Buseh. Donnerstag, den 3. Dezember er., abends l'l., Uhr: Xoch nie dagctvescu! Karl Hagenbecks größte Raubtier- Zcha» vorgcs. v. Herrn Riehard Sawade. Il�- Zum erstenmal:-ME 0 aiisgcwachienc Königstiger, 3 Riefenlöwe», mehrere Riesen-Eisbären und Kragenbären:e.:c. Die grösttc und sensationellste Raubtier-Gruppe, Ivclche je gesehen worden ist. �bel�üöslöi-lliesles sr. Puhlmann. Schönhauser Allee 148. Inhaber: Wilhelm Probe!. Sonntagnachmittag 5 Uhr: Grosse Extra- Vorstellung der beliebten Zimmermanns Norddeutsclisn Sänger Nach der Vorstellung»m 10 Uhr: Grosser Ball. Entrec SO Pf. Sperrsitz SO Pf. Moniag S'lt Uhr: Gastspiel Bühnen- Ensemble Goethe. Dienstag 8';, Uhr: Gastspiel dcS Städtebund-Theaiors. Mittwoch 8 Uhr: Familien-Abend. Norddeutsehe Sänger. Nach der Vor- stellung Frc i-Tan z.__ Carl Weiss-Theater. Greste Frankfurter Strasie 133. 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IahrgWg. 2 Skilqe des Dwöck" Knlm AldsM Donntrstllg, 3. Dezember IM. „Ginfach in die Lnft sprengen!" E i n f r e i s i« n i g e r R e p o r t c r s ch!v i n d e l. Am 6. Mai dieses Jahres, während der Reichstaqs- Wahl- vclveaung, hielt der Abgeordnete K n n e r t in einer Versammluna zu Eberswalde cmen Vortrag. In der Diskussion nahm der Vor- ol>.>.ct ��ivalder Stadtverordneten, Herr Großniann, das L-ort, der sich als Liberaler insofern gegen die Ausführungen -UlnertS wandte, als er die Durchführung der socialdemokratischen Endziele lvemgstcns für die nächsten tausend Jahre als unmöglich bezeichnete. In seiner Entgegnung auf diese Ansicht des Herrn Grosimann soll Kunert. wie die freisinnige„EberSwalder Zeitung" berichtete, folgende unsinnigeil Sätze ausgesprochen haben: „Jeder vierte Mann im Reiche sei schon heute Socialdemokrat. Die diesjährige Wahl wird sicher den Beweis bringen, das; die Hälfte . im Deutschen Reiche der Socialdemokratie angehört. Wir stehen aber nicht damit stille, wir bekomme» noch einen weitere» Mann, und wenn dies bei oberirdischer Arbeit nicht gelingt, ivird es unter- üblich versucht werden. Beim Rest, der sich dann nicht aufklären lägt, werden sich Mittel finden, ihn einfach in d i e L u f t r u sprengen." Obwohl für jeden halbtvegs vernünftigen Menschen von vorn- verein feststehen müßte. daß dieser Unsinn nur in dem Kopse eines Reporters entstanden sein kann, der entweder bodenlos unfähig ist oder eine böswillige Entstellung in die Welt gesetzt bat. wurde die angebliche Aeußernng Kunert» von der bürgerlichen Presse begierig aufgegriffen und gegen die Socialdemokratie ausgenutzt. Allen voran war es die„Freisinnige Zeitung", ivelche die Eberswalder Reporteichhantasie übernahm. und ihr folgten' in trautem Ein- Verständnis die„Post", die„Saale- Zeitimg". die„Hnlleschc Zcitnng" usw., usw. Den plumpen Entstellungen der bürgerlichen Blätter gegenüber bemerkte Kunert in Nr. 110 des„Vorwärts", er habe dem Stadt- verordneten- Vorsteher in jener Versammlung entgegnet, das; die Wahlen von 18Ü8 bereits gezeigt hätten. dciß der vierte Teil der Neichstagswähler für die Socialdemokratie votiere. Die diesjährige Wahl aber werde imsrer Partei eine Vermehrung ihrer Mandate um ctlva ein Dutzend und eine Abrundung ihrer Stimincnzahl von 21 j0 auf SV» Millionen bringen usw. Man wüßte, das; das Reichs- Stimmrecht gefährdet fei; wenn das allgemeine Wahlrecht fasle. breche damit nicht die Socialdemokratie zusammen, sondern sie ivcrdc auch ohne dieses Recht ihren Sieges- marsch fortsetzen: das Volk geistig revolutionieren und die überwältigende Majorität in demselben erobern. Sollte in kommender Zeit einer solchen Majorität sich eine verschwindende, polizeilich- burcaukratisch organisierte Minderheit in den Weg stellen, so lvürde man sie auf die eine oder andre Art, jedenfalls mit leichter Mühe beseitigen. Mit diesen Preßerörternngen hätte die kleine Episode aus dem großen Wahlkampf beendet sein können, wciin es nicht patriotische Denunzianten und pflichteifrige Staatsanivalte gäbe. Irgend ein anonymer Socialistentöter machte den Regierungspräsidenten auf den von dem Reporter der„Eberswalder Zeitung" erfundenen Blöd- sinn aufmerksam. Die Staatsanwaltschaft erhielt von jener Stelle einen Wink, und ging nun mit einer Anklage gegen den Genossen Kunert vor, der dem Staatsanwalt„hinreichend verdächtig" er- scheint,„in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise ver- schiedcne Klaffen der Bevölkerung zu Gcwaltthätigkeiten gegen ein-, ander öffentlich angereizt" und sich dadurch gegen 8 130 des Straf- gcsctzbuches vergangen z» haben. Am Mittwoch hatte sich.Kunert vor der Strafkammer in EbcrSIvalde auf die Anklage zu verantworten. Er bestritt, daß er die inkriminierte Aeußernng gebraucht habe, legte den Gedaiikengaiig seiner Ausführungen, die er in jener Versammlung gemacht hat, dar, um zu zeigen, daß er so tolles Zeug, lvie ihm der Zeitungs- bcricht in den Mund legt, gar nicht gesagt haben kann, schon des- halb nicht, weil die Errcichling der socialdemokratischen Ziele durch Anwendung von Geivaltmitteln dem Programm nnd der Taktik der Socialdemokratie widersprechen. Er müßte sich ja vor seinen Ebers- walder Parteigenossen schämen, wenn er solchen Unsinn gesagt Hütte, wie der Zeitungsbericht ihn sagen läßt.— Kunert fuhr fort: Was behauptet eigentlich die freisinnige„Eberswalder Zeitung", auf deren Berballhornisierung meiner Rede sich Anklage und Staatsanwalt stützen? Sie unterschiebt mir dieBegehnng einer großartigen Gasconade Danach hätte ich versprochen, das; von 9 Millionen Wählern 4h/z Millionen„und noch ein weiterer Manu" 1903 für die Social- dcmokratie votieren würden. Warum nicht gleich 8 Millionen nnd einige hunderttausend Neichstagswähler? Könnten die Social- dcinokraten— immer nach dein Bericht der„Eberswalder Zeitung"— den einen weiteren Mann bei oberirdischer Arbeit nicht gc- Winnen, dann müsse es„unterirdisch" versucht werden. Dann müßte durch eine unerhörte Buddclci unterhalb der gesamten Bodcnsläche des Deutschen Reiches alles unterminiert werden. Die Minen und Gänge aber wären mit Pulver, Dynamit. Nitroglycerin, Sprengbaumwolle usw. anzufüllen nnd die 4'/z Millionen nicht- socialistische Wähler weniger einen Mann mit ihrem ganzen nichtsocialistischen Anhang, etwa noch 24'/» Millionen"Reichs- angchöriae, genau 29 Millionen lvcniger einen Mann, sodann, nach- dem sie in passender Weise gruppiert lvären, auf ein gegebenes Signal bei einer ungeheueren Detonation„einfach in die Luft zu sprengen".-- Ter Vorsitzende unterbrach hier ctlvas nervös die Aus- führnngcn Kunerts mit dem Bemerken, daß der Angeklagte sich darüber äußern" möchte, ob er die nntcr Anklage stehenden Sätze ausgesprochen habe oder nicht. K n n c r t erklärte demgegenüber, daß er auf eine Anfrage hin in der Diskussion von dem endgültigen Siege der Socialdemokratie über ihre Widersacher gesprochen habe, daß er der llcberzcngiing Ausdruck gegeben habe, die Socialdemokratie lvcrde fort und fort ivachseu, die Köpfe revolutionieren nnd schließlich über eine gewaltige Majorität im Volke verfügen. Wenn dann die kollektivistische und die antisociale Weltanschauung auf einander prallen ivürdcn, so wäre es naturnotwendig, das; die rcstiercnde- Macht der herrschenden Minder- heit erdrückt, atomisicrt und in alle Winde zersprengt werden würde. In dem Sinne habe er sich bildlich und abstrakt, also parlainentarisch und gesetzlich unanfechtbar geäußert, nicht aber in der grob sinn- lichen und gefälschten Art des Schmockbcrichtcs der Eberswalder freisinnigen Zeitung. .Hierauf begann die Beweiserhebung. Der erste Zeuge war Polizeikommissar M ü n ch o w. der die betreffende Versammlung überwacht hat. Seiner Erinnerung nach soll Kunert sich geäußert haben, wie die„Eberswalder Zeitung" be- richtet hat. Auf Fragen des Verteidigers, Rechtsanwalt Heinemann und des Angeklagten, gab der Zeuge jedoch zu, die Aeußernng könne auch anders gelautet und den Sinn gehabt haben, den der Augeklagte angicbt, nämlich: Ein Rest antikollektivistischen, antisociaustischen Denkens, der schließlich noch übrig bliebe, werde mit leichter Mühe überwunden, zersprengt, in alle Winde zerstreut werden. Der Zeuge hat nicht den Eindruck gehabt, daß der Angeklagte die Anwendung von Getvaltmitteln empfohlen hätte. Als zweiter Zeuge wurde Polizeisekretär Prodehlm ver- nomine». Er hat. lvie er angab, die Versammlung nicht in amt- lichein Auftrage, sondern als Privatperson besucht. Im weiteren Verlauf der Vernehmung stellte sich jedoch heraus, daß der Polizei- sekrctär nicht als einfacher Zuhörer, sondern als Bericht- e r st a t t e r der„ E b e r s Iv a l d e r Zeitung" in der Ver- sammlung anwesend war. Er hat Kunerts Ausführungen an- geblich stenographiert und nach seinen stenographischen Aufzeichnungen hat er jenen unsinnigen Bericht für die„Eberswalder Zeitung" ver- faßt, der die Grundlage dieser Anklage bildet. Der Zeuge be- hanptct: Was er über die Versammlung geschrieben hat, sei richtig, aber er wisse nicht, ob sein Bcricht so in die Zeitung aufgenommen worden sei, wie er ihn abgefaßt hat. Der Zeuge bleibt dabei, daß Kunert empfohlen habe,„den Rest einfach in die Luft zu sprengen". Den Eindruck, daß das„Jn-die-Lnft-sprengen" schon in naheliegender Zeit vor sich gehen solle, hat der Zeuge nicht gehabt. � Hierauf wurden weitere sechs Zeugen vcrnonnnen, die über- einstimmend bekundeten, daß Kunert das nicht gesagt habe, was die „Eberswalder Zeitung" über seine Ausführnngen geschrieben. Am bestimmtesten lautete nach dieser Richtung die Allssage des Stadt- verordnete n- V o r st e h e r s G r o ß m a n n. Er gab an, daß er sich der betreffenden Ausführungen Kunerts noch sehr genau er- innere, weil sie gegen seine sdes Zcilgeii) eigne Ausführnngen ge- richtet waren. Als_ er den Bericht-der„Eberswalder Zcitnng" las, habe er sogleich im Kreise seiner Familie gesagt, daß Kunert so thörichtes Zeug, wie ihn der Berichterstatter sagen ließ, nicht ge- sprachen habe. Namentlich sei von„In die Luft sprengen" in dem «iiiiie. wie es im Bcricht steht, gar leine Rede gewesen. Wenn der Angeklagte ähnliche Worte vielleicht gebraucht haben sollte, so sei es M durchaus erlaubtem Sinne geschebcn. Jedenfalls habe niemand dabei an eine Empfehlung von Gewaltmitteln denken können. Er, Zeuge, habe sich jedenfalls nicht beängstigt gefühlt, obgleich die be- treffende Aeußernng ja auch gegen ihn gerichtet war. Er sei als langjähriger Vorsteher der Stadtverordneten-Bersammlniig gewöhnt, genau zil höre», was ein Redner sagt, er würde eine solche Rede- ivendiing, ivie sie dem Angeklagten zur Last gelegt wird, nicht über- hört haben, wenn sie gebraucht ivorden wäre.'Ter Berichterstatter der„Eberswalder Zeitung" sei übrigens sehr oft höchst unzuverlässig nnd mangelhaft. Der Bcricht über die Rede Kunerts vom 0. Mai enthalte noch mehrere grobe und sinnentstellende Irrtümer. So habe z. B. der Berichterstatter an einer Stelle Millionen mit Milliarden vcrlocchsclt»stv. Die Zeugen W ü u s ch, F e l l w o ck, G o l d b a ch, M a t t h e S und Herl i ch haben ebenfalls nichts von dem gehört, was die „EberSwalder Zeitung" den Angeklagten sagen läßt. Es wurde noch festgestellt, daß der Polizeikommissar M ü n ch o w einen Bcricht über jene Versamnilmig an seine Bebörde neacbcn bat. c jene VersamnillMg an seine Behörde gegeben hat, der aber den unter Anklage stehenden Passus nicht enthält. Der Kommissar hat auch nicht Veranlassung genomuleu, eine Anzeige gegen Knnert aus Anlaß seiner Rede einzureichen. Polizcisekretär Prodehlm, darüber befragt, warum er denn keine Anzeige erstattet habe, sagte: Wenn er als Beamter die Ver- sammlung besucht hätte, lvürde er eine Anzeige eingereicht haben! da er aber als Privatmann anwesend war, fühlte er sich zu einer Anzeige nicht verpflichtet. Der Staatsanwalt beantragte vierzehn Tage Gefängnis. Er meinte, die Aeußernng vom„In die Lust sprengen" sei durch die Zeugen Müilcholv und Prodehlm erwiesen. Es wäre ja gar nicht denkbar, daß solche Worte in die Zeitung kommen kömiten, wenn sie nicht ausgesprochen ivorden wären. Wenn auch der Angeklagte nicht an Gewalt gedacht habe, so konnte doch bei den Zuhörern der Glaube erweckt werde», daß Gewaltmittel zur Erreichung der social- demokratischen Ziele angewandt werden sollen. Der Verteidiger R e ch t S a>nv a l t D r. Heinemann beantragte Freisprechung aus Rechtsgrüiideii. Selbst wenn man an- nehmen wollte, daß der Angellagte die ihm zur Last gelegten Worte ausgesprochen hat, so träfen doch nach der Praxis des Reichsgerichts die Voraussetzungen des§ 130 Str.-G.-B. nicht zu. Es sei aber nicht erwiesen, daß der Angeklagte die inkriminierte Aeußernng ge than hat. Wenn man, wie der Staatsanwalt es thue, nur die Aussagen der beiden Polizeibeamten gelten lasse, die entlastenden Bekundungen der übrigen Zeugen aber einfach ignoriere, so bedeute das eine Mißachtung des Rechtsgrundsatzes, wonach in zweifelhasteil Fällen zu Gunsten des Angeklagten zu entscheiden ist. Außer den entlastenden Zeugenanssagen spreche auch der Umstand für de» An- geklagten, daß der Polizeikonmusfar keine Anzeige machte, also nicht den Eindruck hatte, daß der Angeklagte eine strafbare Handlung beging, für welche doch Polizeibcamte naturgemäß ein feines Empfinden haben. Der Polizeisekretär Prodehlm könne die Unterlassung einer Anzeige nicht damit begründen, daß er nicht in amtlicher Eigenschaft in der Ver- sammlung war. Als Beamter der Polizei habe er nach tz 101 der Strafprozeß-Ordliung die Pflicht, strafbare Handstuigen. die zu seiner Kenntiiis lommen, zu verfolgen. Diese Pflicht lvcrde dadurch nicht aufgehoben, das; der Polizeisekretär als Reporter einer frei- s innige n Zeitung in die Versammlung geht. Von größtem Gewicht sei die Aussage des Stadtverordilelen-Vorstehers, und nach dessen sowie nach den Bekundmigen der andren Eiitlastungszrugeii rechtfertige sich der Antrag ans Freisprechung. Hierauf legte K n n c r t in längeren Ansführnilgen dar. daß er die ihm zur Last gelegten Aelißernngcn schon deshalb nicht gemacht haben könne, ivcil sie ihn gewisiermaßen außerhalb der von ihm seit langen Jahren vertretenen socialdemokratischen Partei stellen lvürde», die nicht durch rohe Gelvaltmittel ihr Ziel erreichen lvvlle, sondern in erster Linie von der ökonomischen Entivicklmig'nnd von gesetzlicher Propaganda die Verwirklichung ihrer Ideale erwarte. Er beantrage seine Freisprechung, und zwar nicht in seinem Interesse, sondern a n S Achtung vor dem Recht. Nach kurzer Beratung erkannte das Gericht ans Freisprechung, da nicht erwiesen ist, daß der Angeklagte die in krimin ierte Aciißermig gemacht habe. Auf die rechtlichen Erwägimgen des Verteidigers branchc deshalb nicht eingegangen werden. Die Anträge der Staats» anwaltschaft seien abzulehnen, die Kosten dcS Strafverfahrens fallen zu Lasten der Staatskasse. in der Berliner Stadtverordiieten-Vcrsammlnng vor Jahren ein social- demokratischer Stadtverordneter ein Wort gegen den Religionsunterricht sagte, erhob sich ans den Bänken des Freisinns ein Entrüstungsstnrm. Religion nniß sein, der Religionsimterricht muß bleibe», die religiösen Memoriersroffe müssen den Kindern nach wie vor eingetrichtert werden, besonders den Gemeindcschulkindern— sonst wird das „niedere Volk" noch„begehrlicher", als es schon ist. Von diesem Standplnilt aus erscheint es begreiflich, daß die Berliner Gemeindeverwaltung auch da, wo ihr keine staatliche Aufsichtsbehörde etwas vorzuschreiben hat, zuerst an die Religion denkt. Die Blindenschule ist, wie jede andre Schule, an die Vorschrift gebunden, Religionsunterricht in ihren Lchrplan aufzlmehnien und de» Kindern einen bestimmten Lehrstoff zu übermitteln. Wenn aber die Gemeindeverwaltung über das gesetzliche Mindestmaß ihrer Ver- pflichtungcn hinausgeht und den blinden Kindern besondere llebiings- hefte für häusliche Repetitionen herstellt nnd einhändigt, so kann sie von keiner Anfsichtsbchörde gezwungen werden, den Religions- Unterricht zuerst zu berücksichtigen. Es kennzeichnet sie, daß trotzdem auch hier die Rcliglvu ihr erster Gedanke war. lokales. ist eine unterricht- Verwaltnngsbericht Der erste Gedanke! In der städtischen Blinde n a n st a l t liche Neucrmig eingeführt worden, über die der der Deputation für die städtische Blindenpflege nähere Mitteilungen macht. Ilm den Kindern der Blindenschule geeignete Hilfsmittel für häusliches Nacharbeiten in die Hände geben zu können, ist in der Anstaltsdruckerei mit der Hcrslclliiilg von Ucbungsheften in Bliiideii- schrift begonnen worden. Das erste min, was man beschaffen zu sollen geglaubt hat, sind Hefte für die—„religiöse» Mcmorierftoffe". Im Anschluß au den Lchrplan der Schule sind zunächst die biblischen Geschichten des Alten nnd des Neuen Testaments, der Luthersche Katechismus, eine Auswahl von Psalmen sowie eine Auswahl evangelischer Kirchen- lieber ui Blindenschrift gedruckt worden. Erst nachdem diesem Be- dürfnis genügt war, hat man an die andren Lehrfächer gedacht. Wir gönnen jedem seinen Glanben und seine Kirchlichkeit, wenn er ohne sie nicht auskommen zu können meint. Wir müssen es uns einstweilen auch gefallen lassen, daß mau in der Schule nnsre Kinder mit biblischen Geschichten, Gesangbuchversen usw. vollstopft. Aber das will unS nicht einleuchten, daß diese religiösen Memorier- stoffe das driilgcndste und wichtigste sein sollen, was die Schule eincin Kinde in das Leben mitzugeben hat. Bei blinden Kindern wäre es doppelt nörig, sie zuerst mit dem auszurüsten, lvaS sie in dein für sie doppelt schweren Kampf ilnis Dasein brauchen. In einer Blinden- schule sollte noch weniger als in einer Schule für Vollsinnige die Religionsstuildc als wichtigster Lehrgegenstand gelten. Die Gemeinden haben zivar keinen nennenswerten Einfluß auf pie Lehrpläne ihrer Schulen. Sie können nicht den ReligionS- Unterricht aus der Schule ausschließen und dem Belieben der Familie überlassen, sie können nicht einmal den Lehrstoff des Rcligions-Unter- richtS nach eignen Wünschen einschränken. Das wollen sie aber auch gar nicht, das will auch die Gemcindrverwaltnng Berlins nicht. Als Die städtische VerkehrSdeputation beschloß am Mittwoch unter Vorsitz dcS Oberbürgermeisters Kirschner auf Antrag der zur Prüfung der in Aussicht genommeiien städtischen Straßciibahl'.liiiicn im Süden der Stadt eingesetzten Subkommission dem Magistrat nnd der Stadtverordneten- Versaminluilg die Aus- führung folgender Südlinien vorzuschlagen: Linie I Großgörschenstraße— Dönhoffplatz, Linie II Kreuzberg— Dönhoffplatz, Linie III Hermannplatz iRixdorsi— Dönhoffplatz. Die Linie I wird auch eine wesentliche Entlastung der Potsdamer« und Leipzigerstraße herbeiführen. In der Diskussion stellte sich volle Einniiitigkeit für die im Interesse des Verkehrs notwendige Einrichtung dieser Linien sowie über die voraussichtiiche Rentabilität derselben heraus. Die staatliche Genehmigung zur Ansführung dieser Linien wird, nachdem die beiden städtischen Körperschaften die Zustimmung zum Bau erteilt haben, nachgesucht und, wie die Berkehrsdeputation zuversichtlich annimmt, anstandslos beivilligt tverden. Das Mit- benutzlmgsrecht der ans den Strecken liegenden Geleise einiger Privatgesellschaften ist durch die bestehenden Verträge gesichert. Die Kosten werden sich auf etwa 3 Millionen Mark bclanfcn. In den Bereich der Diskussion wurde auch das Projekt der vom Magistrat abgelehnten Nordlinie sStettiner Bahnhof— Viehhos) ge- zogen und beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, bei der jetzt ver- änderten Sachlage— gleichzeitige Anlegung von Südlinicn, deren ErtragSfähigkcit gesichert erscheint— die Anlegung der nach Meinung des Magistrats sinmiziell nicht günstig stehenden Nordlinie noch einmal in Erwägung zu nehmen, da nach Ansicht der Deputation diese Linie sowohl im VerkthrSinteresse als auch für die Entwicklung der nördlichen Stadtteile dringend nonvendig ist. Die Deputation beschloß ferner, die Berlin- Charlottenburger Straßenbahn aufzufordern, ihre Vertragoverpflichtung zu erfüllen nnd ciile Straßenbahn durch die Nene Friedrichstraße und Straße an der Stadtbahn sVerbindung Kilpfergraben— Aleyanderplatz) herzu« stellen, widrigenfalls die im Vertrage erteilte städtische Zustimmung zurückgezogen wird._ Rrlieiterinnenschut; in der Praxis. Die„Tägliche Rundschau" veröffentlicht folgende Zuschrift einer Dame:„Ich finde es wunder« schön, daß jetzt auch in den größten Geschäften hinter den Laden» tischen Stühle für die Bediensteten stehen, weil eS zur Kenntnis der Geschäftsinhaber gekommen ist, daß viele Damen nur in Läden kaufen wollen, die genügende Sitzgelegenheiten für das Personal auf- weisen. Aber lonntnt verineiden die Verkäuferinnen es, die Stühle zu benutzen? so fragte ich« mich, als ich heilte zu ganz stiller Geschäftsstunde einen der größten Läden im Centrmil Berlins durchpilgerte. Ueberall leere Stühle. Daneben stehen die blassen Mädel an den Wänden. Zu thnn hatten augenblicklich die wenigsten.„Warum sitzen Sic nicht, mein Fräulein?" so fragte ich im ersten Stockwerk.— „Ach, das kann man doch nicht gut.' Das wird doch nicht gern ge« sehen."—„Also es ist Ihnen verboten?— Rein, nein, durchaus nicht verboten.— aber es ist doch immer besser, man sitzt nicht."... Ich ging in den zweiten Stock und fragte die herumstehenden Damen: „Ist denn niemand von Ihnen müde? Hat keine den Wunsch sich zu setzen?"— O ja, das wohl. Aber man müßte ja doch gleich wieder aufstehen. Es kann doch jemand kommen, der's nicht gern steht." Endlich im dritten Stock, da sah ich ein Mädel sitzen. �„Sie sind die erste", sag' ich,„die icki sitzend antreffe". Das nahm sie als Vorivnrf und antwortete:„Die Damen sollten doch bedenken, daß Weihnachten vor der Thür ist, Ivo wir den ganzen Tag nicht zur Ruhe kommen; da erlaubt man sich vorher schon so was!"—„Und wenn der Chef kommt?"—„O, man paßt ans und erhebt sich, wenn man ihn kommen sieht,— ist er vorbei, setz' ich mich wieder hin."—„Also, mein liebes Kind, niemand erklärt ihnen, daß Sie das Recht haben, sich zu setzen?"— „Ja. ja doch! Das; wir das Recht haben, daS wissen wir alle, aber mml thut es nicht gern, wenn'S wer sieht!" Auch ans dieser Mitteilimg ist zu erkennen, das; der Arbeiterinnen- schütz vielfach mir auf dein P agier steht und es den Verkäuferinnen auch blutweiiig nützt, wenn eine der wenigen Damen aus bürgcr- lichen Kreisen, die Verstand und Gefühl genug haben, um über die Leiden ihrer Mitschwcstern iiachzudenken, sich einmal für sie ins Zeug legt. Auch hier wird es nicht eher besser werden, als bis die Ver- käilferinnen g e w e r l s ch a f t l i ch organisiert sind nnd dann durch die Macht der Vereinigung die Geschäftsinhaber zwingen können. welligstenS so human zu sein als das Gesetz es ihnen vorschreibt. Ter Wert des freisinnigen WahlprotesteS. Bekanntlich soll gegen die Wahl des socialdemokratischen Stadtverordneten K e r f i u im 17. Wahlbezirk III. Abteilung Protest eryoben werden, weil Stimmen, die ans Korsin, Karwin usw., abgegeben wurden, als gültig mit- gezählt wurden. Dergleichen Borkommnisse sind bei jeder öffentlichen Wahl zu verzeichnen, können aber die Ungültigteitserkläruiig der Wahl nicht begründen. Nach einem Urteil des Ober- Vcrivaltmigsgerichts ist es Sache des Wahlvorsteher?, den Willen dcS Wählers zu erforschen. Wen» kein Zweifel darüber herrscht, welchem Kandidaten der Wähler scine Stimme geben wollte, hat sie als für den betreffenden Kandidaten ab- gegeben zu gelten, auch wenn dessen Name ungenau genannt worden ist. Es könnten sonst Wähler, die mit einem Sprachfehler behaftet sind und gewisse Buchstaben nicht aussprechen kölmcn, niemals für bestimmte Kandidaten ihre Stimmen abgeben, ebenso wäre bei Kandidaten mit fremdsprachigen Namen ein wesentlicher Teil der Stimmen niigültig. Dies Obcr-BerwaltnngSgerichtS-ErkenntniS hat bereits wiederholt in zweifelhaften Fällen die Richtschnur gebildet, bei der letzten Wahl ist von einzelnen Wahlvorstehern ausdrücklich darauf Bezug genommen worden. Bon der Duplicität der Ereignisse. Auch den Gegner soll man verstehen lernen nnd ihm mit einer gewissen Toleranz begegnen. In dieser Erwägung verdenken wir es den Parteien der„Ordnung" gar nicht, wenn sie von der Sehnsucht erfüllt sind, die Differenzen in der Socialdemokratie prolongiert zu sehen, und von den Borgängen. die sich an den Dresdener Parteitag knüpften, eine neue Auflage zu erleben. Auch mag der Grundsatz des seligen Riceaut, daß man das Geschick korrigieren müsse, wenn es sich einem nicht willig zeigt, im �anlpf für Ordnung, Religion und Sitle Wider die Parteien des UmsturzcZ feinen Ehrenplatz verdienen. Ob aber die Methode, die gestern abend von der„Tägl. Rundschau" unsreZ Wissens zum ersten- mal erprobt worden ist, zum löblichen Ziele führt, erscheint uns doch zweifelhaft. Das Blatt behandelt mit aller wünschenswerten Lebendig- kcit in seinem Leitartikel eine socialdeinokratische Versammlung, die seiner Versicherung zufolge am Dienstag im tmiHim«jwtinrr Reichstags-Wahlkreise aetaat"lu ,,... nn dritten Berliner ,......Wahlkreise getagt hat. Eine Versammlung in diesem Wahlkreise, wo die ReichStags-Abgcordncten Heine und I u b c i l vor Wochen scharf aneinander geraten sind, hat selbstverständlich stürmisch zu verlaufen und diese Voraussetzung erfüllt sich bereits in einer der ersten Zeilen des wonnestrahlendeu Artikels. Wir lesen weiter, und da begegnet uns immer mehr, was an die berühmte Duplieität der Ereignisse erinnert. Kurz und gut, die„Tägliche Rundschan" gicbt als Neuigkeit einen Bericht über jene Ver saminlung vom 20. September dieses Jahres wieder, in der unser Genosse Heine nach stürmischen Auseinandersetzungen wie be- kannt mit überaus starker Mehrheit ein Vertrauensvotum ausgestellt erhielt. Ein Spaßvogel mag das Blatt auf eine unanständige Weise hineingelegt haben. Vor einem solchen Unglück ist schließlich leine Zeitung sicher. Aber wenn man den Kampf gegen den Umsturz derart intensiv führt, wie die„Tägl. Rundschau", sollte man im Anblick so leckerer Bissen, ivie sie in dem ehrwürdigen Versammlungsbericht aufgetischt werden, doch ein wenig das Gedächtnis schärfen. Blinder Eifer verdirbt auch hier das Renomince. Wie man Gcwohiihcitsvcrdrcchcr wird. � Gewiß ist nichts vollkommen auf der Welt und auch unser» polizeilichen Einrichtungen haften Mängel an. In einem Stück muß man jedoch anerkennen, daß der polizeiliche Apparat mit erstaunlicher Sicherheit funktioniert. Wir haben die Ans w ei su n gs- b e f u g n i s im Äuge, die sich die Polizei auf Grund des Gesetzes vom Fl. Dezember 1>al2 zubilligt; mit Hilfe dieser Be sugniS ist beinahe absolute Sicherheit gegeben. daß jemand, der einmal wegen eines Vergehens oder Verbrechens im Gefängnis war, daran gehindert wird, wieder ein anständiger Mensch zu iverden, daß er in der Not von neuem Gesetzwidrigkeiten begeht und so zum Gewohnheitsverbrecher wird. Es kommt sa vor. daß ein Vorbestrafter sich mit Leibeölräften da- gegen tpehrt, iviedcr gegen die Staatsgesetze zu verstoßen, aber die AuswcisungsbcfugniS bricht den Geist der Widersetzlichkeit und gar bald erhalten Staatsauwalt und Gericht neue Arbeit. Fälle dieser Art sind mehrfach in der Presse ver- öst'cntlicht worden und einen neuen Beitrag bringt Hans L c n ß in der„Morgenpost". Er teilt mit, daß der Handlungsgehilfe Sch., durch schlechte Gesellschaft verführt, in jugendlicheln Alter gestohlen bat. wofür er fünf Monate Gefängnis erhielt. Nach seiner Entlassung ging er nach Berlin, wo er eine Stellung bei einer Firma Unter den Linden fand. Drei Wochen darauf ivieS ihn die Polizei ans. Er hatte kein Geld zur Heimreise und blieb unangemeldet in Berlin. Als er sich dann so viel Geld verdient hatte, daß er in die Heimat reisen konnte, that er dies. Hier fand er teilte Arbeit. Er stahl aufs neue und lvurde mit drei Monaten bestraft. Entlassen, ohne Mittel, stahl er abermals und fuhr mit dem Erlös— 6 M.— nach Berlin, Ivo er wieder Stellung fand. Wieder kam die Polizei, und Otto Sch. flüchtete sich lvicdcr in die Anonymität. Er hielt sich unangemeldet hier auf. Nun war er„fertig". Gefängnis und Aus- Weisung kalten diien thörichtcn Jungen glücklich zum„Verbrecher" erzogen. Das Ende war eine Gefängnisstrafe von vier Jahren, die iil Plötzcnsce verbüßt wurde. Olto Sch. ist eine von jenen jüngeren Gcfängnistypen. die nach der erste» schivercn Bestrafnng„in sich gehen". Tic reifende Bcr- nullst giebt ihren sittlichen Regungen, ihren Vorsätzen Rückhalt. Solche jungen Leute entwinden sich erfahrungsgemäß manchmal der Umklammerung der Krimiiialttät. Als Otto Sch. i>n Frühjahr dieses JahreS ans Plötzcnsce cnt- kassen wurde, halte er das Glück, einem barmherzigen Manne aus seiner Heimat zu begegnen. Der brachte ihn bei einer hiesigen Finna unter, welcher ganz reiner Wein über das Vorleben des jungen Menschen eingeschenkt war. Vor mir liegen die Originale von zwei Zeugnissen dieser Finna, die ausgestellt worden sind, um der an- gedrohtcu Auslvcismig des jungen Mannes entgegenzuwirken. Ich drucke hier das eine ab c es lautet: „Wir bescheinigen hiermit gerne, daß der Handlungsgehilfe Otto Sch.... bei uns seit dem li. April in Diensten steht und hat sich derselbe während dzeser Zeit musterhaft benommen. Sch. ist einer der fleißigsten imd tüchtigsten Arbeiter und scheut sich nicht, jede Arbeit zu thuu, die er seinen Vorgesetzten au den Augen ablesen kann. Wir lvürden ihn sehr ungern scheiden lassen und wünschen, daß er noch recht lauge bei uns bleiben möge." Trotzdem Otto Sch. zu solcher Zufriedenheit seiner Chefs von Anfang April bis heute in dieser Stellung ist, lvill der Polizei- Präsident von Berlin die vor fünf Jahren gegen Sch. verhängte Ätlsweisung nicht aufheben. Auch der Minister und der Ober- Präsident haben es abgelehnt, im Aussichtswege die Ausweismig aufzuheben. Bis Mittwoch dieser Woche soll Otto Sch. Berlin inid Lororte verlassen. Er hat kein Geld, er hat keine Heimat. Wohin er in Preußen wandern würde, überall müßte er zudem wieder die Ausweisung erwarten. Was soll der Mann nun thuu? fragt Leuß. Ei nun, der Mann wird eben von neuem stehlen müsse». Das wäre die Antwort, ivcim man bei Betrachtung der Strafpraxis und der Behandlung von Verbrechern überhaupt so anspruchsvoll sein und nach Logil suchen ivollte. Tic Ausweisuugsbcfugnis ist ja schon zu viel schlimmeren Dingen ausgeübt worden! hat die Polizei doch sogar Leute, die wegen politischer„Vergehen", z. B. wegen Majestätsbelcidigulig bestraft waren, von einem Ort zum andern gejagt. Im Verein zur Besserung der Strafgefangenen sitzen.cinfluß- reiche Leute. Wenn dieser Verein seine Thärigkeit überhaupt ernst nimmt, so muß er zu der Erkenntnis kommen, daß sein Wirken für die Katz ist. so lange die Polizei noch wie bisher mit dem vor- märzlichen Answeisungsgesetz hantieren kann. Ein schwerer Vetriclisunsall ereignete sich in der Hutsabrit von Silbcrschmidt». Brandt in der Pavvel-Allec 3/4. Als der Wert- meiswr Franz R a ck o w ans der Kaiser Friedrichstr. 23 zu Pankow mit beiden.Händen einen Treibriemen ans die Welle legen ivollte, geriet er mit dem linken Arm in das Getriebe. Bevor ihm seine Arbeitsgenosscn beispringcn konnten, war der Arm von untei' vis oben zerquetscht»nd dicht unter der Schulter fast abgerissen. Beinahe bätte der Verunglückte den rechten Arm ebenso verloren. Vier Acrzre, darunter einer von der Rettuiigswache in der Kastanien-Allce, waren alsbald an der Unfallstelle und leisteten die erste Hilfe. Tic Rcttungsgescllschaft sandte einen Liickschen Wagen, mit dem Rackow nach dem Krankenhaus Am Friedrichshain gebracht wurde. Einen gräßlichen Selbstmord beging i n d e in K ö l n- Berliner Schnell z u g auf der Lehrter Eisenbahn eine in Seide gekleidete etwa 30jährigc Frau. Sie war schon lange durch ihr aufgeregtes Wesen den Mitreisenden aufgefallen, so daß man. als sie plötzlich einen Revolver hervor langte, schnell zufaßte und ihr denselben abnahm. Nun verhielt sie sich ruhiger und begab sich, als der Zug die Station Vorsfelde in schnellster Gangart vassicrt hatte, nach dein Abort, um von dort nicht wieder zurückzukehren. Nachforschungen, die noch in der Nacht angestellt wurden, ergaben nur. daß sich die Frau zum Fenster des Abortcs hinausgestürzt hatte und mit zerschmettertem Schädel tot neben dem Geleise liegen geblieben war. Bei der Leiche fand man eine Portemonnaie mit einer größeren Geldsumme solvie Papiere, aus welchen hervorzugehen scheint, daß die Selbstmörderin die Ehe- srau eines Großkaucmanns aus Bonn oder Eckernförde ist. Zur Frage des nächtlichen Konzertierens in den Kaffeehäusern ist eine neue Bestimmung ergangen. Während bisher ein allge- meines Verbot der Ausdehnung von Konzerten in Cafes über 1 1 Uhr bestand und lediglich für einige Lokale das nächtliche Zitherspiclen durch sogenannte„Case-Tiroler" gestartet war, Hai die Polizei in den letzten Tagen mehreren großen Cafes die Genehmigung erteilt, ihre Hauslapellen bis 1 Uhr nachts spielen zu lassen. Diese Cafes liegen sämtlich im Westen. Angesichts dieser Bestimmung wollen sich nunmehr die FamiliencafeS in andren Stadtgegenden vom Polizeipräsidium die Erlaubnis erbitten, ihre Konzerte bis 1 Uhr ausdehnen zu dürfen. Das Gesuch des Verbandes deutscher Cafctiers um eine einheitliche Regelung der Frage ist bisher unbeantwortet geblieben. Der eingesperrte Geschästsreisendc. Aus einciii ganz eigenartigen Grunde wurde gestern abend 0 Uhr die große mcchanlsche Leiter des 17. Löschzuges ans der Lindcnstraße nach dem Industrie- gcbäude in der Kommandautenstr. 77 70 gerufen. Dort war der Reisende Rcinhold K. von seinem Prinzipal in den im dritten Stock- werk belegenen Geschäftsräumen aus Bsrschc» cingeschiojscu worden. Laut jammernd rief nun der„Eingesperrte" um Hilfe und Befreiung. Ein Mitleidiger alarmierte kurz entschlossen die Feuerwehr. Diese brauchte indes nicht mehr in Aktion zu treten, da die Thüre bei der Ailkimfl schon geöffnet war. Herr K. mußte sich dann nach dem Polizeirevier 28 begeben, Ivo der eigentümliche Vorfall zu Protokoll genommen lvurde. Wcim ein Feuerwehrmann pensioniert wird. Der Feuerwehrinann Ferdinand Johannes von der Wache Reiche nb crger st raße hat sich c r hängt, nachdem er kurz vorher um seine Pcuffonicrung halte cinkonuncn Müssen. Die Gründe, ans denen er zum Strick gegriffen, sollen nicht bekannt sein. Johannes diente bei der Fener- wehr im 33. Jahre und hatte den Rang eines SpritzenmaimeS. Er war einer von den letzten der alten Spritzennränner, die bei der Feuerwehr noch vorhanden smd._ Am Mittwochnachmittag wurde er ans dem Emmaus- Friedhof bei Britz beerdigt. Seine Kameraden— Abordnungen aller fünf Compagnien, Mann- schaften. Chargierte und Offfzicre unter Vorantritt der Spiel- lente— crwicwn ihm, der durch Selbstmord geendet, die letzte Ehre. Auch ein Geistlicher ivar zugegen und sprach am Sarge. Er wies darauf hin, daß Johannes selber Hand an sich gelegt, aber wohl in einem Anfall von Schwermut gehandelt habe. Lenke, die das Los eines pensionierten Feuerwehrmannes keimen, vermuten einen andern Grund. Man nimmt an. es sei dem Johannes nahe gegangen, daß er nickit mehr bei der Feuerwehr bleiben konnte; deutlicher ausgedrückt c im Hinblick auf die Sorgen, denen er bei seiner geringen Pension ciiigegenging, habe er dem „Ruhestand" den Tod vorgezogen. Auch im Lcichcngefolge wurde diese Vermutung geäußert. Als unter den Klängen des Liedes„Ich half einen Kameraden" Mannschaften der Wache Reichcnbergcrstraße den Sarg zu Grabe trugen, wurde manchem der älteren Kameraden das Auge feucht. Wie lange noch, dann wird man auch Euch in de» Ruhestand versetzen! Denn einem Feuerwehrmann geht's nicht viel anders, als dem Arbeiter c beide werden rasch anfgebrancht. Einer der gcsöhrlichstcn„wilden Männer" macht, wie eine Zeitungskorrcspondcnz meldet, jetzt wieder einmal als Einbrecher Berlin unsicher. Vor längerer Zeit wurde in einem Gold- und Juwclengcschäft von Wolf u. Co., An der Spandancr Brücke, ein gewisser Wicnlc, der sich auch Ende iiamitc, festgenonimen. Der Mann, der damals»och unbekannt war, sollte mit einer Droschke Vach dem Polizeipräsidium gebracht werden. Unterwegs, in der Dircksenstratze, machte er sich plötzlich von dem Kriminalbeamten, der ihn gefaßt hatte und neben ihm saß, los. zerschnitt und zerstach ihm' mit einem haarscharfen Dolch die Hände, wälzte sich im Kampfe mit ihm aus der Droschke hinaus imd ergriff die Flucht. gefolgt von dem vlutenden Beamten. Ein Schlächtermeister, der des Weges kam, versetzte dem gefährlichen Burschen einige Schläge ins Genick und ermöglichte so seine Wiederergrcifuiig. Der Verhaftete, der von ihm gestohlene Juwelen in dem von ihm gegründeten Geschäft von Wots». Co. mit der größten Frechheit öffentlich zum Verkauf stellte, wollte mit seinem Namen durchaus nicht heraus. Als eine Frau Wicnke in Wilmers- dorf ihn als ihren Sohn erkannte, der sich mehrere Jahre in Amerika umhcrgctriebcn hatte, nannte er seine Mutter ein verrücktes Weib, dem es nur darum zu thuu sei, einen Sohn zu haben. Endlich aber gestand er dock, daß er Wicnke sei. Er war mit Hilfe von Freundest, die er durch Kassiber von seinem Fluchtplan in Kenntnis gesetzt hatte, aus dem Gefängnis, in dem er noch 21 3 Jahre zubringen sollte, ausgebrochen und yatte deshalb seinen Rainen nicht angeben wollen. Wegen der Einbrüche bei Juwelieren lvurde Wicnke zu einer Zuchthausstrafe von sieben Jahren verurteilt. Er trat die Strafe in, sogenannten Zellcngesängnis in der Lchrterstrahe an. Dort wurde er ärztlich für verrückt erklärt; der Berichterstatter lvill wissen, daß er vorsätzlich den wilden Mann spielte. Nach Dalldorf gebracht, brach er dort am 25. vorigen Monats ans und seitdem sind in Berlin wieder die Einbrüche in Juwelierlädeu verübt worden. TodcSsturz aus dem� Bodenfenster. Als der Arbeiter Kallies, der im vierten Stock des Seitenflügels auf dem Grundstück Stralauer Platz 8/0 wohnt, gestern abend um 0V. Uhr nach Hause kam, hörte er über sich auf dem Boden ein Geräusch und traf beün Nachsehen eine fremde Frau, die sich verirrt zu haben behauptete. Kallies ver- mutete, daß sie nächtigen wollte, ging in seine Wohnung hinab, legte sich ins Fenster und bcobachietc, ob sie das Haus wohl wieder verlassen werde. Plötzlich sauste die Fremde aus dem Flurfcnftcr der Bodentreppe, ihm am Kopse vorbei, aus den gepflasterten Hof hinab, wo sie mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen blieb. Da sie sich noch regte, so bemühten sich mehrere Aerzte, die Schwcrverivundcte am Leben zu erhalten, sie starb aber schon nach zehn Minuten. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Die Tote ist auch jetzt »och unbekannt. ES ist eine Iran von etwa 30 bis 33 Jahren, die, wie die Nachbarn sich später erinnerten, schon den ganzen Nachmittag ans dem Stralaucr Platze umhergegangen war. Die Frau ist ctiva 1,00 Meter groß und schlank gewachsen, hat rolbtondcs Haar, hell- graue Augen und ei» längliches Gesicht und trug einen Umhang von braunschwarzer Mischfarbe, ein schwarzes Kleid, zwei schwarze Unterröcke, von denen der eine eine rote Borte hat. ein weißes einen- und ein graucö Flaue llhcmd, schwarze Strümpfe und Zug- sticfel. Ihr weißes Taschentuch ist K. B. gezeichnet. Für die Fest- siellung der Persönlichkeit ist noch bemerkenswert, daß das rechte Bein der Toten etwas kürzer ist als das linke. Die Aiisbreituliq der Warenhäuser. Das dem Warenhaus Hermann Tietz angrenzende Grundstück Leipzigerstraße 50 ist gestern in den Besitz obiger Firma übergegangen und wird die dritte Etage von Jamiar ab schon für Offertenräume eingerichtet. Znsammenstoß zweier Güterzüge. Auf dem Potsdamer Rangier- bahnhof kollidierte gestern ein Güterzug, der aus dem Hauptbahnhof ausgefahren war, mit einem leeren Güterzug, der umrangiert werden sollte. Infolge des Zusammcnpralles, der ziemlich heftig war, wurden mehrere Wagen und die Lokomotiven beider Züge nicht unerheblich beschädigt. Der Unfall erfolgte, soweit bisher festgestellt werden konnte, durch falsche Wcichcnstellung. Personen sind nicht verletzt. Boic der Inspektion des Potsdamer Bahnhofs wurden sofort Bcanite entsandt, die für die Aufrechterhaltung des Verkehrs Sorge tragen sollten. Da indessen die beiden ans den Geleisen liegenden Züge erst durch.Hilfsmaschinen ans freies Gelände geschafft werden mußte», so trat eine 40 Minuten währende Störung des Potsdamer Fernverkehrs ein. Der Materialschaden iil sehr erheblich, da der Güterzug dem nmraiigicrtcn Zug direkt in die Flanke fuhr, bevor noch der Lokomotiv- führer im stände war, zu bremsen. Fcucrbcricht. Mittwochnachmiliag wurde die Wehr nach der Friedrichsiraßc 202 gerufen, weil hier aus dem Boden des Ohler- gebäildcs auf nicht ermittelte Weise Feuer ausgekommen ivar. Es muß hier schon längere Zeit gcschwält haben, denn es wurde erst bemerlt, als cS die Decke zum vierten Stock durchschlagen und hier iil einer Kabuse Möbel, Kleidungsstücke und allerlei Hausrat ergriffen hatte. Die Ablöschung dauerte geraume Zeit, da ein Teil des ZwischengcbMs freigelegt werden mnßte. Mehrere Bodenverschläge mit Inhalt wurden vernichtet. Vormittags mußte in der Pückler- traße 16 in einer Äiichc ein Brand beseitigt iverden, der neben Möbeln auch den Fußboden beschädigte. Die übrigen Alarmierungen, die noch im Laufe des Mittwochs erfolgten, betrafen Brände, die schon vor Ankunft der Wehr beseitigt waren und ein Eingreifen nicht mehr erforderten.— Bei dem gestrigen Brande iu der Jalobstraße 171 scheint Brandstiftung vorzuliegen. Der Eeulrallierband zur Bekämpfung des Alkoholismus veranstaltet in der Woche»ach Ostern 1004 js.— 10. April) in Berlin„Wissen- schaftliche Kurse zum Studium des Alkoholismus". Hervorragende Gelehrte sind bereits als Vortragende geivonncu worden. Es wird über folgende Themen gelesen werden: Geschichte des Kampfes gegen den SllkoholiSmus; Alkohol und Volkswirtschaft; Alkohol und Ver- brechen: Wirkungen des Alkohols auf die Nachkommenschaft; Alkoholismus und Prostitution; Der AlkohoiismuS und die Arbeiterfrage; Schule und häusliche Erziehung im Kampfe gegen den Alkoholismus; Die Eiiiwirkungen des Alkohols auf Körper und Geist. In der Einladung heißt es: Männer und Frauen aller Stände. welche in amtlicher Stellung oder in freier Wohlfahrtspflege aus dem Gebiete socialer Reform arbeiten und sich über den Feind unsrcs Volkstums unterrichten wollen, werden hierdurch zur Teil- nähme aufgefordert. Teilnehmerkarten 0 Mark. Meldungen an: Senatspräsident Dr. v. Strauß und Tornes, Berlin W., Bayrcuthcr- siraße 40. Theater. C c n t r a l- T kj e a t e r.„Die Glocken von Eorneville", romantische Operette in 3 Akten pou Rob. Planquetre geht morgen Freitag als 12. Freitags-Aboiniementsvorstellung in Seena.— Von Victor Holländers trefflichen Kompositionen ans dem AussiattungS- Baudeville des Metropol-Theaters„Durchlaucht Radieschen" sind im Aiilsilllerlage„Apollo"(Rühle u. Lincke) nunmehr noch vier weitere Gcsangsnummern erschienen, und zwar der von Frl. Frid- Frid gesungene Slvantogeur-Marsch, Benders Couplet, der Radieschen- Walzer, mit welchen Grete Meyer allabendlich größten Beifall erntet. sowie Josef Joscphis pilanter humoristischer Vortrag„Braun und blau".— Im Karl W e i ß- T h e a t e r gastiert von Sonnabend. 5. Dezember, das Oberbayrische Baucrntheater, Schlierscer und Tegernscer(40 Personen), unter der künstlerischen Leitung von Michael Dengg. Die Gesellschaft bringt ihre eignen Dekorationen, Kostüme und Requisiten mit, sowie Lriginal-Schuhplattler-Tänzcl und ein Original- Tegernscer- Zither-Lirtuosen- Terzett. Das erste Gastspiel ist„Der Meineidbaucr" von Ludwig Anzengruber. Bue äen Nachbarorten. Vom Bahnzug übersahrcn. Gestern früh 5 Uhr wurde au, dem Geleise der Eisenbahn Tegel— Schulzendorf aus Tegeler Ge- biet eine männliche überfahrene Leiche aufgefunden � dieselbe wird nachstehend beschrieben: Alter 20 bis 23 Jahre. 1,62 Meter groß, Haare dunkelblond, Stirn hoch, Augenbraue» blond. Augen graublau, Nase und Mund gewöhnlich, ohne Bart Zähne vollständig. Gesichtsbildung länglich, Farbe blaß, Gestall mittel, auf linker Hand zwischen Zeige- und Mittelsinger kleine Warze. schwarzer Cheviot-Jackettauzug. rötlich wollene Unterhosen, blau ge- streistes Parchendhemd, gez. 14. H., graue Strümpfe, Schnürstiefel leinenes Chemisett mit Stehkragen, schwarzer mit orange. farbcnen Blumen versehener Schlips, lederner Leibriemen, Taschen- tnch mit weißen Streifen, 1 Taschenmesser, 1 Notizbuch.— Rc- lognoscentcn wollen sich auf dem Amt Tegel melden oder Nachricht zu 1527 IV. Dsp. J. 03. au ein Polizei-Revier oder die Kriminalpolizei, Zimmer 331 II, gelangen lassen. FricdrichSscldr. Begehrenswert ist ein Nachtwächter» Posten, den der Gcmcindevorstand ausschreibt. Der Beamte dar, nicht unter 23 und nicht über 40 Jahre alt und muß körperlich rüstig sein. Das Aiifangsgehalt beträgt jährlich 400 M. und steigt von drei zu drei Jahren um 100 M. bis 600 M.; die tägliche Dienst- zeit beginnt um 10 Uhr abends und endigt um 4 Uhr morgens die icaisstiindige Arbeitszeit wird also mit 1 M. 10 Pf. bezahlt Pensionsberechligt ist der Nachtwächter nicht. Schade eigentlich, daß diese Lebensstellung nicht für Militäranwärtcr reserviert ist. Eue der Frauenbewegung. Weißeusce. Der Frauen- und ivkädchcnverein der Arbeiterklasse hielt Ende November seine erste halbjährliche Generalversammlunc ab. Nachdem die Protokolle verlesen, erstattete die Kassicrerii. Bericht, die Revisorinnen bestätigten die Richtigkeit desselben, hier. durch wurde die Kassiererin entlastet. Es folgte Ersatzwahl einer Beisitzerin, gewählt: Frau Rostin, und Neuwahl der Revisorimien gewählt: Frau Ncumaim und Frau Brandenburg. Dem Vereii, gehören 86 Mitglieder an. ES wurden 20 M. zur Fraucnagitatior. und 10 M. für die streikenden Weber in Crimmitschau bewilligt.— Am 6. Dezember veranstaltet der Verein für seine Mitglieder und Angehörigen ein Bereinsvergiiiigen mit Tanz im Lokale dcS Herr». Schmutz, Köliig-Chausjee 38. Mitgliedsbuch legitimiert. Versammlungen. Ueber die Arbeitslosen Ullterstiitzung, deren Einführung durch die Vereinigung der Maler, Lackierer:c. gcgcnwäriig in Frage steht. disluticrtcti am Dienstag die zu der genannten Vereinigung ge- hörenden Lackierer Berlins. Die Versammlung loar der fast ein- stiminigcn Meinung, daß die Arbeitsiosenuntcrsiützung an sich eine durchaus erstrebenswerte Einrichtung ist. Die Vorschläge des Vorstandes der Vereinigung könne man aber nicht gutheißen, denn sie seien gänzlich ungenügend und böten den Mitgliedern so wenig, daß von einer wirklichen Unterstützung der Arbeitslosen keine Rede sein lömic. Vereinzelt wurde auch die Meinung ausgesprochen, daß man wohl höhere Beiträge bezahlen möchte, um eine Arbeitslosen- lmtcrstützimg. die dielen Namen verdient, zu erhalten. Für die Bor- läge des Vorstandes könne man aber nicht stimmen. Marktpreise von Berlin noch Erinittcluiigcn des "Weizen, gut D.-Ctr „ mittel gering„ "Roggen, gut „ mittel gering„ ßGcrite, gut , mittel gering sHoser, gut mittel gering Richistroh Heu Erbsen �peiiebohne» Linsen * ab Bahn. am 1. Dezember 1903 kgl. Polizeipräsidiums.. Kartoffeln, neue D.-Etr. Rindilcisch, Keule 1 Ks do. Bauch.. Schlveinefleisch„ Kalbfleisch„ ssalmnelflcijch Butter Eier 60 Stück Karpfen 1 kcx Aale Zander Hechte Barsche. Schleie Bleie Krebse per Schock 4 frei Wagen und ab Bahn. 6.50; 1,80 1,50 1,60 2,00 I 1,80 1 2,80! 5.oo; 2,20 I 2,80| 2,60 2,00 1,80 3,00 1,40 15,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,10 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,00 0,60 1,40 0,80 3,00 Witterungsübcrsicht vom 2. Dezember 1903, morgens 8 Uhr. Stationen s>— winemde. 731 Hamburg Berlin Franls.a.M. München Wien i I i f ZW NW 753 SW 756,�oW 754 NB 752 MNW Letter 3 bedeckt Lbcdcckt 3'bcdeckt l wollig Lbcdcckt 2'Schnce »x b � H f- Stalionen Haparanda Petersburg Cork ülberdeen Paris Ii 753 N 750 SSW 755:91 75? NNO Weiter »sc -» l! k--i Mfb I| 2 bedeckt i— 9 2 bedeckt| 4 AivoUenl! 1 Zbedeckt 1 1 Wetter-Prognose für Donnerstag, de» 3. Dezember 1903. Etwas kälter, teilweise aufklarend bei schwachen nordwestlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Aettcrburcan. Eingegangene Druckfcbriftcn. »Das Gewcrbegericht". Monatsschrift des Perbandes Deutscher Gc- werbcgcrichtc. Herausgeber: Dr� �aftrow. Ckarlottcnbur-,-BcrI!n. Dr. Klesch. ,?ranksurt a. M.(Verlag von Georg Reimer i» Berlin). Die Zeitschrift eutbält in Nr.!Z des!t. Jahrganges anszer der Rechtsprechung in deutschcil «Selverde- und BcrusuiigSgcrichtc»(Kiel,«vnstanz, Hamburg, Breslau!, andren deutschen Gerichten«Reichsgericht, 6. Civilscnat) u. a.: Die Gut- achten der Gcivcrbcgcrichlc und die ordcnllichcn Gerichte. L Bon Rechtsanwalt Dr. Baum. II. Von Mag.-Zlsf. Walger.— Vcrsassung und Verfahren: Verhältniswahl. Gewerlschastsresolution in Mainz.-- Recht des Arbeitsvertrages: Vergütung iür die Aahrt zur Arbeitsstelle? Von Amts- luchter Dr. Mayer.—'Allgemeines: Amtliche deutsche Gewerbcgcrichts- Dlatlftik.— Der Gesctzcntwurs betr. KaiifniailnSgcrichlc. „Der Arbeitsmarlt", Haibinonalsschrist der Ccntralstclle sür Arbeits- niartt-Bcrichte(Herausgeber Dr. Oaflrotv, Berlin, Verlag von G. Reimer). Die als Organ des„Verbandes deutscher Arbeitsnachweise" crschcuicndt Zeitschrift ciithäli itt Ar. n dcS 7. Jahrganges mitcr anderm: Die Stellenvermittlung in r-raiitreich. Von Löon de Seilbae.— Allgemeines.' .'Autcrnatioiialcr Slrbeilomarkt.— Statistik der Arbeilslölme in Japan.— Slrbeitsmarkt-Politik: Arbeiterfrage in Transvaal.— Ditumionsbcrichtc auS einzelnen Gewerben: Metalle und Maschinen(Beschäftigungsgrad in Rhein» iaiid-Wcstfalcn und Sachsen): Textilgetverbe iErmattung des GeschäslS- ganges. Knie in der englischen Baumwollindustrie): Nnhrungs- nnd Genug- mittel(Die sinanzicllen Ergebnisse der Grotzbrauercien 1902/10»!. Bc- tchästignngsgrad in den Rünchencr Brauereien): Verkehr«Wassermangel in den sZiiduttricgcbicten. VcrlehrSzunnhmc m den tiohlciireoicrc». Bcr- inchrung des Wagenparkes).— Dtatislilches MonatSmatcrral.— Anker- nationale Streikslalistik.— Börsenkurse.— Haushaltungskostctl. Konsum: "ebcnsmittelpreise im November.— Verwaltung der Arbeitsnachweise: ArbettsoermitirungSinstitulc in llngarn.— Arbeitsvermittlung sür Schwach- begabte und geistig Zuriickgeblicbcnc.— Ccnk'alstelle jür Kraulenpjlegcriiiiicn in Wiesbaden. Bmfkaften dir Redaktion. Jeder Anfrage ist die Abonnements- Quittung beizulegen und mit- zuteilen, unter welcher Chisjre Antwort erwartet wird. Bricsliche Zlnt- wort wird nicht erteilt. B. K. Bezugsquelle: Stephan u. Co., SaarlouiS. Juriltilciier Qeii. Tie juristische Tprcchstuudc findet täqlia, mit szliisiiahmc des«ouliabcuds von 7ll, bis"J'/a Uhr abcudS ftatt. Geoftlict: 7 Uhr. G. B. Nein, nur gegen Zahlung der 18 M.— A. 2. C, 1. Nein. 2. Ja. 3. Nein.— F. 30. 1. Bei der prenmichen Stadwervrdnctciitvakl find nur Preußen wahlberechtigt, bei der Laudgctuciliöcivahl auch Nicht- Preußen. 2. Der Betressciidc müßie Preuße t Verden.— G.(5. 3 und Note Nelke. Beispiele sür eigenhändige Testamente findcti Sic S. 233 und 239 des dem Arbciterrccht beigcsügten Führers. Das Buch liegt in den össent- lichen Lescballcir aus. Die Eintragung in das Familienbuch genügt iiilr wciui die Form bcvbachict ist.— 52. Nach Ansicht des QbervcrivailnilgS- gcrichls: Nciu.— jroburg. Keineswegs. Das polizeiliche..Aubcimstclleu" atiS dem Geburtsort auszuscheideil, ist eine inhaltslose, gleichgültige Phrase, die Sie nicht zu bcachicu brauchet?.— BP. 2. 131. Wird ansgelioininen. — H. F. 3. 1. Fa. 2. äO Mark. 3. Fa.— F. 2« WO. ttciüer ist nach dem Gescb in bei rluaclegenheit sür die Frau nichts mit Erfolg zu uuicr- nchmcii.— T. 00. Nein, die betressende Familie könnte gegen den Wirt dann llagcn.— Krankheit. Fa. sechs Wochen.— G.«0. t. Zur Per- bilegung. 2. Sechs Monate lang kann fem and zwecks Erzwingung des OsieubaruiigScidcS in Hait genommen werden. 3. Etwa 1Ä) Marl.— A. ZS. 10. I. u. 2. Fa.— Andien. Nein.— Paul Dechmu. Die MictSsordcrung geht vor.— Zi. K. 10. l. Rein. 2-t. Alles kann als Bcwcistiiillcl erachtet werden. Wie in einem Einzelfalle entschieden werden wird,»crmüacn wir nicht zu prophezeien.— T. F. 30. Nein. — Gädickc.'Auch für die vor 199«) Geborenen.— F.K. 1000. Der Pslichtleil kann nur nach dem Vermögen des Verstorbenen berechnet«verdcn. Er betrügt in Ihrem Fall'1, des Vermögens des Perswrbcncn(also nicht des GesainiverinögcnS).— Zlrker Ho. Sie müßten die Anci'fcnmtiig 1 verkangen und gegen einen ablehnenden Bescheid der Genossenschaft beim Schiedsgericht klagen.—(g. 2. Sie müssen Hundesteuer zahlen. — Pleep. Wenn Sw noch nicht 2l Fahre alt sind, so teilen Sie der-Firma kurzerhand mit, daß Sie Rückgabe des Geldes gegen Rücknahme der Bücher verlangen. Haben Sie jedoch»ach vollendetem 21. Lebensjahre den Kaus- vertrag durch Ratenzahlung oder in andrer Weise anerkannt, so müssen Sie den Betrag des Kaufpreises, nicht aber die..ErmittelungSgebühren" bezahlen. — Lpbg. K. Die Frau hastet nicht.— 30k. M. 1. Nein. 2. und 3. Fa. — F. T. G. Welche Papiere Sie in Ihrem Lande zur Heirat ersordertich haben, ersahrcii«ie bei den dortigen Bebördeet. Die erforderlichen Papiere erhalten Sic aus Fhren'Antrag von den Behörden. Ihren falschen Namen müsse« Sie ablegen: wenn Sie unter diesem die Ehe schließen, so machen «ic sich der Urluiidensülschuiig schuldig. Wollen Sie Ihrer Braut Ihre Vor» strascn verichtveigen, so ist das Fhrc Privatsache, aber weder klug noch ehrlich. — Dr. Zt. Winter. Fm'Arbeiterrecht S. 291, 293 und wörtlich im Gäbe. Schindler Tascheiikalendcr zum Gebrauch bei Handhabung der Arbeiter- B'crsicherungSgcsche siudeu Sic die Vorschristen über Versicherungspslicht der Heimarbeiter.— Patt. Nelten. Die deutschen.Gindiverker- und Arbeiter» schul! Gesetze mid Sladtbagcn,'Arbciterrccht.— R. Ebel. Klagen gegen eine Kasse wegen Skichtaujnahme sind an die Gewcrbcdcpntatiozi, Stralaucr- siraßc 3—3. zii richten. Ob das Mädchen der Kasse angehört, ist ohne Einsicht in die Kasscuslatuten und Angabe des Sachverhalts nichtznbeantworleu. — K. 2. 13. Verlangen Sic unter Fristsetzung'Beteiligung der Mängel, drohen Sic, da«) Sic nach Ablaus der Frist cvcniuell die Mängel aus Kosten des Wirts beseitigen lassen ivürden, und handeln Sie dementsprechend.— G. T. öH..Mit der Annahme, das Gesetz stelle eine Unterstützmigsslala aus, sind Sic im Irrtum. Kinder sind gegenüber ihren Ellern dann und soweit uuIerstütziiugSpslichlig. als daS Kind ohne Beeinträchtigung seines slandeSmäßigen Unterhalts sowie seiner sonstigen wSliesondere gegen Frau und Kind bestehenden Verpslichtungen den Unterhalt getuährcn kann. — F. 10. Ter Zoll sür Phonographen beträgt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika 13 Proz. des Wertes.— 2. G. 50. Etwa 00 bis 70 M. monatlich. Die Alimentationspflicht fällt nur dann fort, wenn die Ehcsrau sür schuldig erachtet wird.— K.'?)?. 00. Die Unterstützungspflicht dauert ohne Rücksicht au! den Wandel der Mutter fort; maßgebend allein ist die Unterstützungsbcdürsliglcit. llöllt8�e �öt3llZsbelkks-lZk«öfI(8l!ksfi Orlsvenrnltuux Berlin. Todes-Anzeige. De» Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser �nxust Schnell am 20. November verstorben ist. Ghre seinem Andenken l Tic Beerdigung fludct Doniiers- lag, den 3. Dezember, uachmiltags Uhr. vom Traucrhause, Gcrichtsiroße 01, aus ftoii. Um rege Beteiligung bittet It9b Die Ortsvcrwaltung. mtag. den 29. Novbr..> I verstarb unser lieber.Freund und Z | Kollege Eduard Klinge im 43. Lebensjahre in Hcrzberge. Die Beerdigung iindet aml Donnerstag, den 3. Dezember, nachmittags 3 Uhr, am dem Ccntral-Fricdhos in FriedrichSsctdc I statt. t18b Ein ehrendes'Andeiiken bewahrt I ihm I'onKion»! ilee Buchdruckerei H. S. Hermann. I Billigste, beste PELZE Dnrcli�reg mit Pelz gefüttert. Bezug aus gutem Düffel oder Loden. 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MluslUbcstcllungcn bitten nach dorthin in der Geschäftszeit von II— 1 Uhr vormittags rosp. zu jeder TagesEeit richten zu wollen. central Verband der Civilmusiker Deutsch!. Ortsvcrwaltung Berlin. Brunnenstp. 138 im Restaurant Wil!bIcd.,3 Ludwig, in Halbledcr, 2 Bd. Novalis ausgewählte Werke in Leinen. 1 Band „ in Halblcd., 1 Reuter, billige Volksausgabe, in Leinen, 4 Bände 10,— „ in Leinen, 8, 12,— Rückert, in Leinen, 3 Bände 6,— Schiller, in Leinen, 4 Bände 6,— „ in Halblcd., 4„ 9,50 Shakesoearo.inLcincn.lBd. 6,— inHaIblcd..4Bd. 9.50 Stifter, �in Leihen, 4 Bände 6,— Storni, in Leinen, 4 Bände 24,— Uhland, in Leinen, 1 Band 1,75 inHalbleder, 1. 2,70 M. Waremilhaij: A»Werth Piappen etc. T äufling Ämdh00cphf45, Äbue";65 pr, /"� a I. I a J r».. � u~ ra l~\ f-n f» A lss. Hut 48 Pf. Gekleid. Puppe�ohcm 237 Laufpuppe 43 pf Hans und Grete!m 1.20™. Puppen-Ausstattung 50u.90pf. Wickelkommode Au..tatt2.90b.1 1 Mk. Kleiderschrank!K,8SÄgun<1 4mic. 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Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdrucker«! und Verlags an stall Paul Singer 6c Co., Berlin SW