Nr. 283. HNHntOMIIt&'lttdllW»*«; HBonncmcnJS- Preis jjrSnumcranio; BiertcljShrl. 8�0 SRI, mottafl. 1,10 MI.. wöchentlich 28 Pfg. frei in« HauS. einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. rammtn mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Well" 10 Psg. Post. Wonnemenl: 1.10 Marl pra Monat. «ingetragen in der Post-Zeitung«. Preisliste für 1903 unter Nr. 8303. Unter«reuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn z Marl, für da« übrig« Ausland» Marl pro Monat. Crfditlst täglUfe auBcr montags. 20* Jahrg« Vevlinev VolksblÄkk. Centralorgan der foi�al�emoKratiMen V�rier Deutscl�land-s. Sie lnlertisnz-eebilhi' betrügt für die scchSgcspastcne Kolonel- zcile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gcwerlschastliche Verein«- und BcrsammIungS-Sinzcige» 20 Psg. „Ateine Rn-eigen" jede« Wort ö Psg. (nur da« erste Wort seit). Inserate für die nächste Rümmer müssen bis 5 Uhr nachmittag« in der Expedition adgegcdcn werden. Die Expedstion ist an Wochen. tagen bi« 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtagen bi« 8 Uhr vormitttag» geöffnet. Delegranun- Adresse: „Sodaldtmokrat Berlin". Redaktion: 6CQ. 68» Lindenstraosc 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1988. Expedition: EM. 68, I-indenstPass« 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Die Thronrede des Stillstands. Am DomierStagdonnittag wurde der neue Reichstag durch den trafen B ü l o w eröffnet, indem er diese Thronrede vortrug: Geehrte Herren! � Seine Majestät der Kaiser haben mich zu beauftragen genchi, Sic in seiiiem und der verbündeten Regierungen Namen am Beginne der ersten Tagung der neuen Legislaturperiode willkommen zu heihen. Seine Majestät vereinigen sich mit seinen hohen Verbündeten in dem Wunsche, das; es Ihnen gelingen möge, die wichtigen und schwierigen Fragen, die auf den verschiedenen Gebieten der Rcichsverwaltung an Sie herantreten werde», in einmütigem Zusammenwirken mit den Regierungen zu gedeihlicher Lösung zu bringen. Auch haben Seine Atajestät mich beauftragt, von dieser Stelle ctus seinen kaiserlichen Tank auszusprechen allen, die an seinem Leiden und an seiner Heilung einen seinem Herzen wohtthnenden Anteil genommen haben. Der wirtschaftliche Druck, welcher seit mehreren Jahren auf allen Staaten mit hochentlvickcltcr Industrie lastet und auch gegenwärtig noch nicht ganz überwunden ist, hat auch ans die Finanzen de« Reiches seine nngünstigelt Einwirkungen ausgeübt. Trotz sparsamster Bemessung der Ausgaben mutz zur Herstellung des Gleichgewichts im Reichshaushalls-Etat neben der Heranziehung der Bundesstaaten zu ungedeckten Niatrikularbciträgcn wieder ii nr auf die Anleihe zurückgegriffen werden, Das Bedürfnis einer besseren Trdnung der Reichsfinanzen und des finanziellen Verhältnisses zwischen dem Reiche und den Einzel- staatcn hat sich immer mehr geltend gemacht. Wenn auch eine durch- greifende organische Reform zur Zeit noch nicht erfolgen kann, so soll sie doch einstweilen durch Beseitig tlng der best ehe«den größten Uebel stände, wenigstens an- gebahnt werden. Zu diesem Zwecke wird dem Reichstag ein Gesetzentwurf, betreffend die anderweite Ordnung des Finanz- Wesens des Reichs, zugehen. Auf dem Gebiete des Heerwesens soll zunächst die Verlängerung des mit dein 3l. März 1004 ablaufenden Gesetzes, betreffend die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres vom'25. März 1899, um ein Fahr vorgeschlagen werden. Es ist ferner allseitig als dringendes Bedürfnis anerlaimt worden, das Versorgungswesen für die Offiziere und Maiinschastcn des ReichSheercs den zeitigen Lebens- und ErwerbSvcrhältnisscn entsprechend gesetzlich neu zu regeln. Zwei Gesetzentwürfe, durch tvclche auch die Versorgung der Offiziere und Mannschaften der Marine und der Schutztruppen auf gleicher Grund- läge neu geordnet werden soll, lverden Gegenstand der Beschlußfassung des Bundesrats sein. Tie socialpolitische Gesetzgebung ans den in früheren Kund- gcbungen vorgezcichneten Grundlagen fortzuführen, den Bedürf- tigen er Iv eiterte Fürsorge, den Schwachen er- höhten Schutz zn gewähren, sind die verbündeten Regierungen — unbeirrt durch politische Strömungen— fest entschlossen. Sie geben sich der Hoffnung hin. in allen Kreisen volles Verständnis dafür zu finden, day durch das schnelle Anwachsen unsrer Bevölkerung und durch die allgemeine Entwicklung unsrer Erwerbsverhältnisse die Thätigkeit der Regierungen und die Opferfreudigkeit des deutschen Volkes noch vor große Aufgaben gestellt sind, lvenn wir den Anforderungen steigender Kultur gcrclln lverden sollen. Durch eine besondere Vorlage ist den verbündeten Regierungen vorgeschlafen, in Erfüllung eines weitverbreiteten Wunsches Streiligtriten der HandlungsgehUfen aus ihrem Dienstverhältnisse vor einem durch sachkundige Beisitzer aus den Kreisen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer verstärkten Gericht in einem schleunigen Ver- fahren zum Austrage zu bringen. Da» Börsengcsctz von: 22. Fnni 1896 verfolgt in den Aestim- nnmgen des Abschnitts IV über den Börsenter minhandel unter andern: das Bestreben, einer Ausnutzung des Börsenverkehrs zu unwirtschaftlichen, insbesondere zu reinen Spiclzwecken, entgegen- zuarbeiten. Indessen haben sich unter dem Schutze einzelner Vor- Schriften des Gesetzes Mißbräuche herausgebildet, die Treu und Glauben verletzen' und hierdurch den volkswirtschaftlich berechtigten und notlvendigen Börsenverkehr empfindlich schädigen. Um diese Er- scheinungen zu beseitigen, wird eine Aenderuug jenes Gesedabschmtts zur Beratung gestellt werden. Im Ansckluffe hieran soll versucht werden, durch eine Aenderung der ReichS-Stempel- gesetzgebung berechtigten Interessen des Börsenverkehrs ent- egen zu kommen. Dabei werden auch Unznträglichkeiten zu bc- eitigen sein, die sich im Gebiete dieser Gesetzgebung in andrer Richtung, insbesondere in Bezug auf die Ausspielungen, ergeben haben, Bedauerlicherweise sind neuerdings in einem Teile der deutschen Rebgelände Schädlinge in einem Umfange aufgetreten, der für die Zukunft unsres Weinbaues zu schwereil Besorgnissen Anlaß giebt. Die geltenden gesetzlichen Aeslimmimgen haben sich zur erfolgreichen Bekmnpfung der drohenden Gefahr in manchen Punkten als unzulänglich erwiesen. Es wird daher eine Vorlage misgearbeitet. die oen Behörden schärfere Waffen in die Hand geben soll, mn ans diese Weise jenen kostbaren Zweig der dentschen Land- Wirtschaft vor größerem Unheile zu bewahren. In Erfüllung eines Wunsches, der vom Reichstag in früheren Legislaturperioden wiederholt ausgesprockien ist, verhandelt der Bundesrat über einen Gesetzentwurf, welcher die Frage eines gesetz- licken Entschiidigungsanspruchs für tinschuldig erlittene Nntersuchnnzs- liaft zu regeln bestimmt ist. Die tvirtschaftliche Erschließung unsrer Schutzgebiete hängt davon ab, daß es gelingt, sie mit leistungsfähigen Verkehrs- Mitteln auszustatten. Besonders dringlich ist dies für die Ent- Wicklung von Deutsch-Ostafrika. ES besteht die Msichi, den schon dem letzten Reichstage vorgelegten Gesetzentwurf über die Zinsgarmitie für eine Bahn von Dar-eS-Saläm nach Mrogoro, nachdem dieser Entwurf wiederholter Prüfung unterzogen worden ist, mit einigen Aenderungcn Ihrer Beschlußfassung von neuem zu unterbreiten, Auf Grund deS im Vorjahr aufgestellten neuen Zolltarifs sind mit mehreren Staaten des europäischen Kontinents Ilmerhandlungen wegen Neugestaltung der bestehenden Handels- und Tarifverträge eingeleitet worden. Bei der gegenwärtigen Sachlage er- scheint es zweckmäßig, die bisherigen Grundlagen für die Regelung de» handelspolitischen Verhältnisses zum Britischen Reiche einstweilen beizubehalten. Es wird Ihnen deshalb der Entwurf eine» Gesetzes zugehen, welches dem Bundesrat über den 31. Dezember dieses Jahres hinaus die Befugnis zur meistbegünstigten Behandlung britischer Angehöriger und Erzeugnisse beilegt. Das Deutsche Reich unterhält zu allen fremden Mächten gute und freundliche Beziehungen: In der schwierigen macedonischen Frage, tvelche die europäische Diplomatie in der letzten Zeit am meisten beschäftigte, stehen deutsche Interessen erst in zweiter Linie. Die Regieni/vi Seiner Majestät des Kaisers hat aber an ihrem Teile mitgewirkt, mn ernsteren Verwicklungen thunlichst vorzubeugen und zum Erfolge der Bestrebungen der nächstbetciligtcn Mächte für ruhige und geordnete Zustände in Btacedonien beizutragen. Seine Majestät der Kaiser hat zu seiner Freude auch in diesem Jahre mit seinen hohen Verbündeten in Rom und in Wien und mit dem be freundeten Herrscher des russischen Reichs in persönlichen Gedanken- austausch treten können. Dabei ist der Wunsch und die Hofftrung aufs neue befestigt worden, daß der Friede, das aiwistc Gut für die Wohlfahrt der Völker, auch ferner vor gefährlichen Störungen bewahrt bleibe. Geehrte Herren! Sic stehen im Begriff. Ihre bedeutsamen und verantwortungsvollen Arbeiten aufzunehmen. Möchten Ihre Ver- Handlungen dazu beitragen, den friedlichen Ausgleich bestehender Gegensätze zu fördern, die wirtschaftliche Lage des deutschen Volkes mehr und mehr zu bessern und des Reiches Macht und Ansehen zu unsrer aller Wohl zu heben und zu stärken. Auf allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers erkläre ich im Namen der verbündeten Regierungen den Reichstag für eröffnet. Die Thronrede muß der Politik oder richtiger der Nicht- Politik der gegenwärtigen Regierung entsprechen. Sie ist der Aus druck der die jetzige Lage beherrschenden Thatsache, daß die Regierung Politik nicht betreibt, wenn Politik üben bedeutet, klare Ueberzeugung und in bestimmter Richtung ausgreifende» Willen zu haben. Die Regierung des Grasen Bülow hat weder Ueberzeugungen, noch Willen! sie war, so lange sie besteht, die Regierung, die regiert lv i r d, die sich von den Strömungen des Tages unselbständig bis zur Ratlosigkeit treiben läßt. An Begimi einer neuen Periode der gesetzgeberischen Thätigkeit sollten neuer Schwung und neues Leben einsetzen. In den Wahlen hat die Partei, welche zu neuen Thaten und grund- stürzenden Arbeiten ruft, die gewaltigste ZustimmuiigSkundgebuitg der Wähler erhalten, aber diese heutige Regierung gedenkt in alten Geleisen fortzukriechen. Sie stellt in der Thronrede ein Programm auf, das nichts ist als eine Reihenfolge von Provisorien und Unklar heiten. Eine einzige Ankündigung giebt dieser Thronrede ein winziges Licht, aber auch dieses Licht flackert unsicher und zweideutig. Es soll endlich die Frage der Entschädigung für unschuldig erlittene Unter- suchungShafl geregelt lverden. Aber— vorläufig verhandelt erst der Bundesrat über einen solchen Gesetzentwurf; wann er zu stände kommt und w i e er alsdann aussehen wird, das bleibt zunächst ver- borgen. Mil dieser geringen und unsicheren Vertröstung ist aber sogleich alleS erschöpft, was die Thronrede an Erfreulichem verheißt. Sonst allenthalben nichts als hilfloses Lavieren durch die Untiefen und Klippen, welche die Unnatur der kapitalistischen Einrichtungen und die Irrungen der Regierung selbst verursacht haben. Die Finanzlage ist jämmerlich. Die Schuld wird dem wirtschaftlichen Druck beigemessen, während die tolle Verschwendung der Reichsgelder in unproduktiven Ausgaben natürlich für die Thronrede nicht existiert. Die Abhilfe soll daher nicht durch Be- scitigung der Ueberausgaben, sondern durch„eine durchgreifende organische Reform" der Finanzen erfolgen, von deren Wesen fteilich nichts mitgeteilt wird, tveil die Regierung nicht Neigung hat, die Volks- feindlichen Pläne, mit denen sie sich trägt, eher mitzuteilen, als sie den Einfluß der künstigen Zollsätze auf die Reichseinnahmen abschätzen kann. Vorläufig sollen daher nur die„größten Uebelstände" beseitigt werden. Die dieser Absicht dienende Vor- läge wird bereits in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ver- öffentlicht. Sie befaßt sich mit äußerst gefahrvollen AuShilfSmilteln ulid zeigt, daß die Regierung keinenfalls an eine Finanzreform der VollSerleichterung denkt. Die furchtbare Finanzpolitik der indirekten Besteuerung aller Lebensbedürfnisse der arbeitenden Klassen soll fortgeführt, soll weiter gesteigert werden! Zunächst hofft die Regierung auf neue Einnahmen aus dem neuen Zolltarif. Aber gerade der Zolltarif hat die Regierung und die Parteien, die ihn durch Rechtsbruch und Gewalt geschaffen, in schwerste Verlegenheit gestürzt. Für die Durchsetzung des Wucher- tarifs wurde die Unterstützung der Nationalliberalen vor Jahresfrist nur gewonnen durch die Erregung des Glaubens an die alsbaldige Möglichkeit, neue Handelsverträge zu erreichen. Aber die gläubig Harrenden sahen sich bereits im vorigen Reichstag enttäuscht. Und jetzt muß die Regierung in der Thronrede das unsäglich blamable Geständnis ablegen, daß es noch immer nichts ist mit neuen Verträgen. Ueber diese wichtigste der Augenblicksfragen, deren schnelle und günstige Durchführung für einen erheblichen Teil der schutzzöllnerischen Reichstagsparteien die Voraussetzung für die Zu- stimmung zum Zolltarif gewesen ist, weiß die Regierung nichts zu küitden als den inhaltreichen gedankenschweren Satz: Es sind Unter- Handlungen eingeleitet worden! Gleich ratlos und trostlos ist die socialpolitische An- kündigung der Thronrede. Wir vernehmen tönende Worte von er- weiterter Fürsorge für die Bedürftigen, von erhöhtem Schutz der Schwachen, ja von„großen Ausgaben", von der Abficht, den An- forderungen der Kultur gerecht zu werden. Aber wir hören nichts, wie das schallende Wort zur That werden soll. Nur die Ansage der so lange schon versprochenen Vorlage eines Hand- lungSgehilfen- Gesetzes bietet Thatsächliches, und in dieser Frage iviedermn zeigt die Fassung der Ankündigung, daß diese Vorlage bisher erst noch als Vorschlag bei den Regierungen liegt. und daß dieser Vorschlag nicht ein Handlungsgehilfcngericht nach Vorbild der Gewcrbegenchte will, wie die Gehilfenschaft fordert. Außerdem nichts von socialpolitischen Vorschlägen: kein Maximal- Arbeitstag, kein Koalitionsrecht, keine Reform deS VersichemngS- Wesens, keine Wohnungsreform! Nichts, nichts. In gleicher Weise will die Regierung bei ihrer bisherigen Stellung zur militärischen Rüstungspolitik und zu den auswärtigen Angelegenheiten verharren. Der social- politischen Unthätigkeit gegenüber soll weiterhin der militärische Geschwindmarsch beibehalten bleiben. Zwar erscheinen neue größere RüstungSsorderungen für das Jahr 1904/05 nicht, aber lediglich wegen der Unmöglichkeit, die Mittel zu beschaffen. Die Bundesstaaten verweigern einen Augenblick die Zustimmung zu neuen Heeres- und Gcschwaderfordcrnngen, iveil sie ans direkten Steuern noch geringe Beiträge zahlen müssen. Daher soll zunächst diese Bürde von den Bundesstaaten genommen werden, dann sollen im Folgejahr, sobald die indirette Steuer- und Zollzahlung alles tragen muß, Militarismus und Marinismus, Kolonial- nnd Wclt- politil die erzwungene Bescheidenheit des jetzigen Etats gut machen. Nur aus d i e s e m G r un d e soll die Friedenspräsenzstärke nicht wiederum für stinf Jahre festgelegt lverden, sondern das ablaufende Gesetz soll noch für ein Jahr in Kraft bleiben. Die scheinbare Erfüllimg der konstiwtionellcn Forderung auf jährliche Festsetzung der Heercsstärke ist in Wirklichkeit nichts als die Verschleierung der Absicht, im nächsten Etat ein FünfjahrS-Gcsctz mit außerordentlichen Neuforderungcn zu schaffen. Der Militarismus bleibt wie er war, und unter dem Zeichen des ntilitaristischen Rüstungöwesens verbleibt dem Reiche der„Friede, das, größte Gut für die Wohlfahrt der Völker". Was die Thronrede von einer Vorlage zum Börsengcsctz sagt, bedeutet nur die Ausbesserung einiger unhaltbarer Unsinnig- leiten, zu denen agrarische Neigungen 1896 Regierung nnd Reichstags- mehrheit verlockten. Die o st a f r i k a n i s ch e Eisenbahnvorlage zeigt, daß alle kolonialpolitischen Enttäuschungen die Kolonial- interesicntcu nicht hindern, nach weiteren Geldaufwendungen auf Gesamtheitskosten zu drängen. Eine Thronrede de« politischen Stillstands, des Mangels an jedem größeren Plan! Eine Thronrede, in bereit Farblojigkeit und Kraftlosigkeit sich die Verlegenheiten und Aussichtslosigkeiten der heutigen Regierungskunst vollendet spiegeln! Eine Vorlage zur Fmanzreform. Herr v. Stengel, der neue ReichS-Schatzsekretär, hat die gescheiterten Versuche zu einer Reform des Reichs-FinanzwesenS, die seine Vorgänger im Jahre 1893/94 und 1894/95 unternahmen, wieder aufgenommen. Unter den Regierungsvorlagen, die dem Reichstage soeben zugehen, befindet sich als wichtigste und interessanteste ein „Entwurf eines Gesetzes betreffend Aenderungeu im Finanzwesen des Reiches", der den folgenden Wort- laut hat: tz l. Die Vorschriften über die Uebertveisung eines Teiles deS Ertrages der Zölle und der Tabaksteuer, dann des Ertrages der Stempelabgabcn an die Bundesstaaten(§ 8 des durch die Bekannt- machung vom 24. Mai 1885, Reichs-Gesctzbl. S. III, veröffcntlickncn Zolltaris-Gesetze», K 55 des durch Bekanntmachung vom 14. Juni 1900, RcichS-Gesetzbl. S. 275, veröffentlichten ReichS-Stempel- gesetzeS) sowie die Bestimmung§ 2 des Gesetzes, betreffend Ver- tvendung von Mehrcrträgen der Rcichseinnahmen und Ueber- wcisnngsftenern zur Schuldentilgimg. vom 28. März 1903(Reichs- Gesetzbl. S. 109) werden aufgehoben. 8 2. Artikel 70 der Verfaslung erhält folgende Fassung: „Artikel 70. Zur Bestreitung aller gemeinschaftlichen ordentlichen Ausgaben dienen zunächst die au» den Zöllen nnd gemein- same» Steuern, aus den: Eisenbahn-, Post- und Telegraphen- W Srt«« tt Sljrtvttlrt I tlieirti�i-1 CTl rt-M rtt« Xrt nge lichen DeckungSmittel nichts auf andre Weise, insbesondere durch Einführlmg weiterer ReichSstenern beschafft lverden, durch Beiträge der einzelnen Bundesstaaten nach Maßgabe ihrer Bevölkerung auf- zubringen, welche in Höhe des budgetmäßigen Betrags durch den Reichskanzler ausgeschrieben werden. Insoweit diese Beiträge in den Ucberweisungen keine Deckung finden, sind sie den Bundes- staaten am Jahresschluß in dem Maße zu erstatten, als die übrigen ordentlichen Einnahmen des Reichs dessen Bedarf über- steigen. Etwaige Uebcrschüsse ans den Borjahren dienen, insoweit durch das Gesetz über den ReichShanshalts-Etat nicht ein andres bestimmt wird, zur Deckung gemeinschaftlicher außerordentlicher Ausgaben." s 3- Der budgetmäßige Betrag der von den Bundesstaaten aufzu- bringenden Matrikularbciträge soll in der Regel den Betrag der von ihnen in den fünf Vorjahren durchschnittlich empfangenen lleberweisungen nicht übersteigen. 8 4. Diese» Gesetz tritt mit dem 1. April 1905 in Kraft. Tie beifolgende Begriindimg beschäftigt sich zunächst mit den Reforinversuchcn der neunziger Jahre und hebt wohlgefällig hervor, daß zum Unterschiede von diesen der neue Vorschlag mit keinen neuen Strurrvorlagen verknüpft ist. Es bestehe ohne Zweifel ein dringendes Bedürfnis nach neuen Steuer», doch müßte erst ab- gewartet werden, welche Erträgnisse der neue Zolltarif bringen wird. Die bestehenden Uebelstände seien in der Hauptsache auf zwei Umstände zurückzuführen, einmal auf den Umfang, welchen die ur- sprünglich in sehr bescheidenen Grenzen gehaltene sogenannte Franckensteiiischc Klausel allnmhlich angenommen hat, und darauf, daß die„Ueberschiisic der Vorjahre" nach Artikel 70 Satz 1 der Ber- fassimg als ordentliche DeckungSmittel Verwendung finden. ®o5 Anwachsen der Uekerweisungen von S&h Millionen im Jahre 1880/81 bis auf 554 Millionen im Jahre 1904 habe zu zweck- losen Hin- und Herschiebungcn ungeheuerer Summen und zu einer Verdunkelung des ReichShauShallS geführt.„Klarheit und Durch- sichtigkeit eines Haushalts bilden aber", sagt Herr v. Stengel,„das Fundament einer voraussehenden und sparsamen Wirtschaft". Eine gänzliche Beseitigung der Franckensreiuschcn Klausel sei aber nicht notwendig. Die Branntweinverbranchsobgalie samt Zu- schlag könne nach lvie vor weiter überwiesen werden, da ihre Erträge nur geringen Schwankungen ausgesetzt seien und sich im Durchschnitt auf 100 Millionen Mark jährlich beliefen. Zur besonderen Begründung des lvichtigen K 3 der Vorlage wird ausgeführt: „Das Reich ist bei seiner Errichtung zunächst durch Ueberlassung der Zölle und gemeinsamen Verbrauchssteuern, dann der Einnahmen aus den Betriebsverwaltungen finanziell ausgestattet worden. Später traten noch einzelne weitere Reichsabgaben hinzu. Die Matrikular- beitrüge waren von Anfang an nur als eine subsidiäre Einnahme- quelle, als eine Art Notbehelf gedacht, von dem nur äußerstenfalls, wenn zur Deckung der Rcichsausgaben die eignen Einnahmen des Reiches nicht mehr zureichten, Gebrauch gemacht werden sollte. Auch bei der späteren Einführung der Franckensteinschen Klausel war davon ausgegangen, daß die als beweglicher Faktor im Reichshaushalt fernerhin beizubehaltenden Matrikularbeuräge sich doch regelmäßig innerhalb der Grenzen der den Einzelstaalcir zugebilligten Ueberweisuvgen bewegen würden. Erst vom Jahre 1899 an wird die Belastung der Einzelstaaten mit ungedeckten Matrikular- beitragen zu einer jährlich wiederkehrenden. Mit Einschluß der ihnen durch den Etatentwurf von 1904 auferlegten Leistungen beziffert diese Belastung sich im ganzen aus 120 Millionen Mark. Um diesen Betrag mindern sich die Mittel, welche den Einzelstaaten außerdem zur Erfüllung wichtiger innerer Ktilturaufgaben, deren Träger sie sind, zur Verfügung ständen. Es erscheint auch im eigensten Interesse des Reiches gelegen, eine solche Belastung der Haushalte der Einzel- ftaaten nicht zur Regel werden zu lassen. Das verfassungsmäßige Recht, die Bundesstaaten mit Matrikular- beiträgen zil belasten, soll dem Reich auch nach der Vorlage grund- sächlich gewahrt bleiben. Aber einer gesunden, ziclbeivußten Finanz- Politik entspricht eö, von diesem verfassungsmäßigen Rechte mir aus- uahmsweise und unter möglichster Schonung der Haushalte der Einzelstaaten Gebralich zu machen. Eine Zusage in dieser Richtung dürfen die Bundesstaaten von dem vorliegenden Gesetzentwurf um so mehr erwarten, als er ihnen mit der vorgeschlagenen Einschränkung der Franckensteinschen Klausel ein ihnen gesetzlich zustehendes Recht und zu- gleich die Anssicht entzicht, fiir die in denletztenJahren geleisteten Zubußen in späteren Mehrüberiveisungen wiederum einigen Ersatz zu erlangen." Was nun die Behandlung der Ucberschiissc des Borjahres als ordentliche Deckmigsmittel betrifft, so habe sich diese n i cht bewährt. „Die ordentlichen Einnahmequellen des Reichs sind zum weit überwiegenden Teil schwankender Natur, und es erwachsen hieraus einer rationellen Bclvirtschaftung des Reichshaushalts ohnehin schon erhebliche Schwierigkeiten. Jene Schwankungen werden aber noch gesteigert, die Schwierigkeiten»och verschärft, wenn auch noch die wechselnden und nur zufälligcu ileberschüsse vergangener Jahre im Etat als ordentliche Deckmigsmittel Verwendung finden. Solche Ileberschüsse können zeitweise, bei günstigen Konjunkturen. eine beträchtliche Höhe erreichen. Sind dann anstatt der lieber- schüsse späterhin Fehlbeträge ans den Vorjahren zil über- nehmen, so müssen sich hieraus allein schon für die Balance des Etats die ernstesten Anstände ergeben. Tritt nun infolge ungünstiger Konjunkturen noch ein Rückgang des Ertrages der ordentlichen Emnahmcqnellcn hinzn. so gestaltet sich die Lage des Reichshaushalts noch um so bedenklicher.' Mit dem Grundsatz. auf rein zufällige vorübergehende Einnahmen ordentliche Ausgaben zu basieren, kamt aber kein Haushalt auf die Dauer bestehen. Es er- scheine daher dringend geboten, den Artikel 70 der Verfassiing in diesem Punkte zu ändern und nach dem Vorbilde andrer Vcr- sassungen etwaige ileberschüsse aus den Vorjahren künftig als Deckmigsmittel dem außerordentliche» Etat zuzuführen, wo sie, soivcit im Elatsgcsctze nichts anders bestimmt wird, zur Verminderung des Anleihebeoarfs oder zur Schuldentilgung Verwendung zu finde» hätten. Ein« ausführliche Kritik des Entwurfes behalten wir uns vor. Für heute sei nur soviel gesagt, daß durch ihn wenig gewonnen wird, wenig für die„Klarheit und Durchsichtigkeit deö Etats", ohne die eine gesunde Wirtschaft nicht bestehen kau», und schon gar nichts zur wirklichen Beseitigung vorhandener Schlvierigkeiten. Die Verwendung von„Ileberschüsse»" zur Verminderung des Anleihcbedarfs oder zur Schuldentilgung wird bis auf weiteres nur ein platonisches Verlangen bleiben müssen, da wir in einer Zeit deö Dcficits leben. Vorläufig handelt es sich nicht um die Uebernahme von Ueberschüssen, sondern von Fehlbeträgen auf den außer- ordentlichen Etat, und die Vorwegnahme dieses Grundsatzes auf den Etat von 1904 ist für dessen„Klarheit und Durchsichtigkeit" ieincs- wcgs förderlich gewesen. Den Einzelstaaten wird nicht viel genommen, weim man ihnen die Hoffmmg entzieht, ans den Erträgen der Zölle, Tabak- steuern und Stempclabgaben ein Plus der Ileberiveisungen über ihre Matrikularbeiträge zu erzielen. Es wird ihnen aber dem blanken Wortlaute»ach auch nicht viel gegeben, lvcim versichert wird, daß die Matrilularbcirräge„in der Regel" den fünsjährigen Durchschnitt der Neberweisungen nicht übersteigen sollen. Diese „Regel" ist gar nicht neu auigcsrcllt worden, sondern sie hat schon längst bestanden. Gegenwärtig befindet sich aber das Reich in einem höchst kritischen Zustande, den der Reichsschatzmcister doch schwerlich für etwas andres, denn für eine A u S n a h m e wird gelten lasten wollen. Wenn das Reich seine Ausgaben aus seinen eignen Ein- nahmen„auSnahmslveise" nicht decken kann, so haben nach der Vcr- fassung, die allerdings längst nicht mehr gehalten wird, die Einzel- ftaaten einzuspringen. Auch daran wird nichts geändert, und die Zu- schnßanlcihe, die die Bürgenpflicht der Einzelstaaten verfassungswidrig aushebt oder einschränkt, bleibt so verfassuilgSwidrig, wie sie war. Abgesehen von rechnerischen Erleichterungen bietet der neue Gesetzcntivurs den Einzelstaaten nichts als ein Versprechen. und dieses Versprechen wird ihren Finanzministern freilich ebenso angenehm in den Ohren klingen, wie es dem Volke verhängnisvoll klingt. Soll nämlich„in der Regel" das Reich nicht Kostgänger der Einzelstaaten sein, dann muß eS sich die fehlende Futterration wo anders holen, lind da nach den glaubhaften Versicherungen dcS sächsischen Finanzministers Dr. R ii g e r an eine Belastung der besitzenden Klassen durch das Reich nicht gedacht wird, bedeutet die gegenwärtige Borlage nur die Einleitung zu einer neuen Belastung des Voltes durch indirekte Steuern. Von P r e ß st i in m c n liegt vorläufig nur eine kurze Bemerkung der„Freisinnigen Zeitung" vor, lvonach der Entwurf namentlich in CentrnmSkrcisc» nicht geringes Aussehen hervorgerufen habe. Weiter nnrd die versa ssuitgsrechtliche Seite des Entwurfes be- leuchtet und darüber mil Recht gesagt: Wenn sich ein Reichstag finden sollte, der diesen Entlvurf an- nimmt, so bleibt von dem EinnavmebctvilligMNgsrecht des Reichs- lagcS so gut ivie nichts übrig. Auch die Gegner des neuen Schau- fctretärS hauen von dessen Kunst der Gesetzgebung mehr erwartet, als einen solchen Entwurf, der der Mehrheit des'RcichStaaeS geradezu ins Gesicht schlügt. DaS Verlangen nach den„konstituiionellcn Garantien", die in früheren Zeiten in den Debatten des Reichstages eine so große Rolle spielten, dürfte in der bürgerlichen Mehrheit des Reichstages freilich nicht mehr so heiß sein wie einst im Mai. politifcbe(lebersickt. Berlin, den 3. Dezember. Die erste Sitzung. Ter Reichstag ist zusammengetreten. Viele von den alten Gesichtern sind wieder erschienen, man sieht die Kardorff, die Spahn und Gröber. Aber Herr Oertcl glänzt nicht mehr durch den Sitzungs- saal, die tadellose Frisur des Herrn Basserinann ziert nicht mehr die erste Bank der Nationalliberalcn. Dafür blieb uns Herr Dr. Arendt bei den Freikonservativcn erhalten, er erstrahlt wundersam im Fest- gewand und im Heiligenschein, der von der in der evangelischen Hofkirche soeben verübten Andacht auf ihm ruht. Die Reichsboten sind sehr zahlreich erschienen, besonders die neuen Männer. Wie oft wird sich in der kommenden Session diese Fülle wiederholen? Bei weitem nicht alle Mitglieder der bürger- lichcn Parteien werden im ersten Eifer lange verbleiben, wie es von den socialdcmokratischen Abgeordnelen zu erwarten ist, die fast voll- zählig in der neuen iniposanten Fraktionsstärke erschienen sind. Das ist die auffälligste Aenderung in der Ansicht des Reichstags: Tie Socialdemokratie aus der äußersten Linken hat sich weit ausgebreitet! Herr Engen Richter bat sich lange gesträubt, freisinnige Plätze den neuen Socialdemokratcn zu überlassen, er wünschte uns in die hintersten Reihen zurückgedrängt. Doch er mußte sich fügen, nnirc Genossen haben eine von hinten nach vorn reichende Sitzreihe, die früher von Freisinnigen besetzt war, eingenommen: nur in der ersten Bank sitzt noch Herr Lenzmann und weiter hinten Herr Paper. Außerdem umfassen unsre Abgeordneten auf den hinteren Bänken den ganzen Liberalismus bis hinein in die Nationalliberalen. Herr Nichter aber ist geflüchtet, er nahm sich einen Platz auf der äußersten Rechten seiner kleinen Partei. Er wollte nicht dicht neben einem Socialdemokratcn sitzen, dessen Nachbarschaft sicherlich den hohen Flug liberalen Denkens bc- denklich gestört hätte. Das älteste Mitglied des Hauses, der konservative Abgeordnete v. Winterfeldt- Menkin betrat den Präsidentenplatz. Ter alte Herr mußte lange die noch von den Obstruktionskämpfen heisere Glocke schwingen, bis er die lebhaft sich unterhaltenden Gruppen trennte und Ruhe schaffte. Unter Beihilfe des Reichstagsdireklors vollbrachte der Alterspräsident die einleitenden Formalitäten. Schnell stellte sich auch die erste heitere Episode ein, da bei dem Aufruf von vier Schriftführern sich auch Herr Pauli- Potsdam auf die Tribüne begab, während sein Namensvetter aus dem Kreise Ober- Barnim gemeint war: sanft errötenden Hauptes mußte der rühmliche Ver- treter von Osthavelland abtreten und criitele als Trost den Hand- schlag des Grasen P o s a d o w S k y, der als Vertreter der Regierung der Eröffnungssitzung beiwohnte. Der Namensaufruf ergab die Anwesenheit von 311 Mitgliedern. Der Reichstag war konstituiert und am Freitag soll er sich sein Präsidium wählen. Tie FreitagS-Sitzung beginnt 2 Uhr.— Seniorci'-Konvent. Von seilen der socialdemokratischen Fraktion werde» von jetzt ab drei statt vieher zwei Mitglieder in den Senioren- Konvent des Reichstags entsandt. Es wurden hierzu erwählt die Genossen Bebel. Geyer und Singer. ZLahlprotcst. llnsre Parteigenossen des zweite» ostprcußischcn Wahlkreises Lubiau-Wehlau haben gegen die Wahl des Abgeordneten Herrn v. M a s s o w Protest eingelegt. Herr v. Masiow wurde nur mit 14 Stimmen Atajoritüt gewählt, außcrdeni sind in diesem Kreise eine sehr große Anzahl Ungesetzlichkeiten bei der Wahl vorgekommen, so daß der RcichSlag mit diesem Mandat nicht viel Federlesens machen dürste. Dieser Kreis schien den Konservativen sehr gefährdet zu sein, und so haben sie denn auch alles aufgeboten, um ihn zu halten. ES wurde in so manchem Lokale per Liste„geheim" gewählt. Als Wahlurnen be- nutzte man offene Cigarrenkisten, Suppenschüsseln usw. Viele Arbeiter, die das sahen, übten deöbalb nicht ihr Wahlrecht aus. aus Furcht nach der Wahl gemaßrcgelt zu werden. Rentenempfänger ließ man nicht wählen, trotzdem sie in der Liste waren.— Uelicr die Zukunft des Liberalismus verbreitet sich in einem langen Artikel im„Tag" der Reichstag?- Abgeordnete P a ch n i ck e. Herr Dr. Pachnicke führt in der ersten Halste seines Artikel? ans. daß die Ausgaben des bürgerlichen Libc- ralismus noch keincslvcgS erfüllt seien. Noch existiere kein kon- stiturionclles Regiment, noch bcrrsche Gewissensfreiheit weder aus der Kanzel noch aus dem Katheder, noch schließe das Wahlrecht, nanicnt- lich in Preußen, ganze Bevölkerungsklassen von einer parlamentari- scheu Vertretung aus. So fordere„eine Fülle unerledigter Arbeiten die bürgerliche Thaitraft heraus". Trotz dieser Ausgaben, die eS notwendig»lachten, daß der Liberalismus„jugendlich frisch sich rege", sichr Herr Pachnicke ganz und gar nicht rosig in die nächste Zukunft. Sein Credo lautet: „Der Freisinn, der sich und andre nicht täuschen will. wird somit in absehbarer Zukunft mit einem engeren Vcr- b r e i t u n g s k r e i S alsfrüher rechnen müssen. Das Menschen- Material, das ihm geblieben ist, setzt sich auf dem Lande Haupt- sächlich aus dem Kleinbauerntum, in den Städten aus den Handwerkern und Kaufleuten, an der W a s s e r- kante au? den Vertretern der Schissahr t. in den Jndustriecentren aus denjenigen ll n t e r n e h m c r n. die von der Ueberspannung des Zollschutzes Schaden fürchten, ans G e w c r k V e r c i n S l e u t e n und im übrigen aus K o p f- a r b e i t e r n, Lehrern. A e r z t e n. Rechtsanwälten. K ii n st l e r n zusammen. Das sind die S l ü tz e n des Liberalismus, und sie können es bleiben, sobald sie richtig behandelt werden." Pachnicke ist zwar so einsichtig, die„Einbuße" an liberaler „Spannkraft" bis zu einem gewissen Grade auf„eigne Schul d" des Liberalismus znriickznftihrcn, allein auch er kreidet einen Teil der Schuld der freisinnigen Verelendung der Social- d e m o k r a t i c an, gegen deren rücksichtsloses Vertreten der prolc- tarischen Klasseninteresseu die liberalen„Prediger des Gemein- sinneS"(!) natürlich nicht hätten aufkommen können. Die Klassen- Politik innerhalb der b e s i v e n d e n Schichten, die auch ihrerseits das Rckruticrniigsgebiet des Freisinns ans kleine Interessengruppen beschränkten. überhaupt die Notwendigkeit der Klasscnpolitik übergeht Herr Pachnicke natürlich. Er ist sogar so naiv, schließlich trotz alledem wieder von der großen geeinten Linken der Zukunft zu schwärmen. Einer großen liberalen Partei.. die keine Mephisto- phclische Fraktionskritik mehr kennt, deren Führer nicht mehr an „taltischcn Feinheiten" ihren„Witz erproben", sondern die mit gläubiger Verschwommenheit für„des Vaterlandes Glanz und Größe". siir„innere Gerechtigkeit, Gcisiesftcihcit. socialen Frieden, Ver- söhnung der Völker" kämpften. Mit einem Wort: He rrPack nicke erklärt als umgekehrter Desccn de nztheor etiler de» politischen Urschleim für das vollendeteste Produkt der Parteicntwicklung! Es lväre grausam, einen solch selig machenden Glauben er- erschüttern zu lvollcn!—_ Ein neuer Protest gegen dir„Freisinnige Zeitung". Ter Frei- sinnige Volksverein für Schöncbcrg und Umgegend hatte zil Mittwoch- abend„alle liberalen Männer im Westen Groß-Bcrlins" zu einer öffentlichen Versammlung nach den„Anguste Bictoria-Sälen" in der Lutherstraße enlbcrufcn. in welcher Dr. Th. Barth über das Thema: „Wn? lehren uns die preußischen Landtagswahlc»?" referierte. Zu Beginn der Versamnilnng gab der BereinSvorsitzende Salinger folgende Erklärung ab:„Die„Freisinnige Zeitung" hat eine auf dieie Zusammenkunft bezügliche hämische Notiz vervffentticht, in der sie betont, daß wir uns dazu hergegeben hätten, den Dr. Barth hier reden zu lassen. Demgegenüber stelle ich scsl, daß Dr. Barth nicht an unz herangetreten ist, sonde» daß der Gesamtvorstand des Vereins einstimmig beschlofleu Hai. Dr. Barth um Uebernahme des Vortrages zu ersuchen.(Lebhafter Beifall.) Wir begrüßen eS mit Freuden, daß Dr. Barth trotz der ihm gewordenen Anfeindungen seitens unsrer Parteileitung keinen so engherzigen Standpunkt einnimmt wie die Richtersche Richtung. Es wird höchste Zeit für alle wirklich Liberalen, offen zu bekennen, daß sie sich von der Parteileitung nicht knebeln lassen, daß sie vielmcbr ihre Redner sich selbst nach eignem Ermessen auswählen werden". (Anhaltender Beifall.) Dr. Barth legte dann in einem längeren Vortrage seine bereits in andren Versammlungen belundcten Anschauungen über die Ver- jüngung des Liberalismus dar. ohne indes wesentlich neue Gesichts- punkte aufzustellen. Zum Schluß wurde mit überwältigender Majo- rität folgende Resolution angenommen, die, wie der Vorsitzende aus- drücklich hervorhob, nicht etwa von Dr. Barth bestellt, sondern aus der Mitte der Versammlung heraus eingegangen sei: „Die heutige zahlreich besuchte öffentliche Versammlung des Freisinnigen Volksverems für Schöneberg und Umgegend erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Sie spricht die Erwartung aus, daß der Freisinnige Volksverein in den nächsten Jahren energisch liberale Grundsätze vertreten wird. Die Versamm- lung erwartet ferner vom Freisinnigen BolkSveretn, daß es ihm ge- lingcn wird, alle liberalen Männer in Schöneberg zu einigen und zu gemeinsamer, entschieden liberaler Politik zu bringen." Von einigelt anwesenden Mitgliedern des„Waldeck- Vereins" wurde versucht, den eisten Teil der Resolution durch besondere Ab- stimmtnig zu Falle zu bringen, doch scheiterte dieser Versuch. Es bleibt abzuwarten, ob der Versuch, das Regiment Eugen Richters abzuschütteln und in Berlin eine geeinte liberale Partei zu bilden. Erfolg haben wird. Uebrigens hat Herr Barth selbst in Schleswig- Holstein mit dem sraktionSlosen Liberalismus böse Erfahrungen machen müssen. Dieser Liberalismus ließ sich, ohne sich formell der Freisinnigen Vereinigung anzuschließen. Herrn Bartbs Proteknon um so lieber gefallen, als ihm, der in der Marinestadt Kiel seinen Hauptsitz hatte, die Richtersche Opposition gegen_ die Militär- und Weltpolitik unbequem war. Er trug aber andrerseits nicht die geringsten Bedenken, auch Herrn Barth in dem Augenblick die Hceresfolgc zu versagen, wo dieser für ein Zusammengehen Ntil der Socialdemokratie bei den Landtagswahlen eintrat. Wir fürchten sehr, auch ein Berliner ftaktionsloscr„Liberalismus" könnte sich ein- mal als gleich traurige Zwitterbildung entpuppen.— Wer wagt eS? Der unübertroffene, konkurrenzlose Berwandlungs- kiinstler Max Lorenz sucht in der„Äntisocialdemokratischcn Korrespondenz" die OrdnungSmente des Reichstags in folgender Weise aufzuputschen: „Auch in den parlamentarischen Kämpfen ist der Hieb immer die beste Parade. Ein solcher Hieb muß natürlich nach solchen Stellen geführt werden, an denen der Gegner wirklich schwer ver- wundbar ist. Wir m ei n cn z. B. nicht, daß durch ctn weiteres B r e i t t r c t e n der Ereignisse d e S Dresdener Parteitages große Lorbeeren zu gewinnen sind. Eö bat siib eben durch inzwischen erfolgte weitere iocialdemo- kratische Wablsiege— z. B. in Mittweida, bei den Berliner und Dresdener Stadiverordnetenwahlen— gezeigt, daß die Masse der Partei in ihrer II e b e r z e» g u n g s k r a f t durch die Dresdener Vorgänge keine E i n b n ß c er- litten hat. Die„Akademiker" haben sich allerdings gegenseitig kompromittiert, und mit Bebel Abrechnung zu halten, wäre tvohl reichlich Anlaß vor- Händen. Wer von unsren Volksvertretern wagt es und fühlt die Kraft in sich. Herrn Bebel, den„ehr- lichen Fanatiker", im Reichstag zu ft e l l e n?" Warum hat man nicht Maxl selbst in den Reichstag geschickt, um sich die verdiente Abfuhr brühwarm zu holen?— Ter fromme Lnndgcrichtsrat. Tic an sich gar nicht besonders bedeutende Rede des BrcSlauer Pro- fcssorS L adenburg ansder Natursorscherversantinliiug in Kassel bat vor einigen Tagen auch die BrcSlauer Synode in ihrer letzten Sitzung beschäftigt. Bei dieser Gelegenheit hat der Synodale. Landgerichtsrat H a a s e erklärt, er sei durch die Ladenburg'schen Attsführmtgen in seinen Gefühlen als evangelischer Christ verletzt worden. Doch nicht allein vom christlichen Standpunkte ans findet Herr Haase die Aus- führungcn LadeubttrgS bcdcntlich. sondern auch als preußischer Richter, insofern nämlich Zeugen vor Gericht sich auf Ladenvurg berufen und die Eidesformel verwerfen konnten. Die Entrüstung des Herrn Landgerichtsrats ging so weit, daß er eine Resolution empfahl, worin daö t i c s st e Bedauern über die Kasseler Rede ausgesprochen ivird. Tic Synode erklärte, daß sie sich„aufs neue zu der durch keine Wissenschaft zu erschütternde Wahrheit des Evangeliums bckennl". Erst die Erwiderung der Kollegen von der theologischen Fakultät, die betonten, daß die Angelegenheit durch dte Kirchen- gcincinde mit Ladenbtirg geregelt sei, und die Versicherung, daß die Naturforscher im nächsten Jahre in Breslau nicht ivicdcr eine so gott- lose Rede halten würden, konnten den schwerverletzten Juristen einiger- maßen beruhigen. Bezüglich der Befürchtung Haases, daß die Zeugen künftig beim Schwur Schwierigkeiten machen könnten, wollen ivir dem Herrn Landgerichtsrat verraten, daß auch vor der Ladenburaschen Rede schon recht viele Menschen weder an einen persönlichen Gott, noch an die ewige Seligkeit geglaubt und doch die Bedentung des Eide? gewürdigt haben. Es würde alio Sache des Richters sein, ihrerscnS die Ucberzeugiing dieser Ungläubigen zn berücksichtigen und für die- selben eine andre Form der Vereidigung anzuwenden. Das merkwürdigste ist aber die Erklärung, daß ans der nächst- jährigen Nattirsorscher-Versaimnlnng nickn wieder ein solcher Vor- trag, sondern vielleicht ein„gegenteiliger" gehalten iverden ivird. Um sickier zu gehen, daß nicht doch wieder Behauptungen und Sätze ausgestellt werden, die nicht im Einklang mit den Lehren der heiligen Schriften und den von Staatswegen beglaubigten kirchlichen Dogmen stehen, dürfte es wohl angebracht sein, die Teil- nehmcr an der 76. Jahresversammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Breslau polizeilich genauer zu mustern. Man könnte zum Besipiel verlangen, das: jeder Naturforscher ein Zeugnis über sittliche Führung von dem zuständigen Polizeirevier uns ein Attest seines Geistlichen, daß er im vetgangeneit Jahre die heiligen Sakramente ordnungsgemäß empfangen' hat, dem überwachenden Polizeilientcnant überreicht. Um einen Redner aber atn alle Fälle vor Ent- gleisungen-« la Ladcnbnrg zu schützen, könnte man wohl auch fordern, daß er den Bortrag vorher schriftlich einer Kommission einreicht, die aus einem Theologen, einem Juristen und einem Polizei-Offizier besieht. Das Reichsgericht gegen den„groben Unfug". In der„Deutschen Juristen-Zeiiung" lesen ivir: Die Strafkammer Halle wegen durch die Zeitung verübte» groben Unfuges in einein Falle ver- urteilt, in welchem der preußischen I u st i z der frivol crsundcne Vorwurf der B e st r a f u u g eine s Unschuldige u gemacht war. Das Reichsgericht hat freigesprochen und von neuem darauf hingewiesen, daß das Gefühl der Beunruhigung im Publikum zur Anlvendung des§ 360 Nr. 11 Str.-G.-B. nicht ausreiche, diese Vorschrift vicliiichr eine Verletzung oder Gefährdung des äniiern Be- slandcs der öffentlichen Ordnung voraussetze. An dem Reichs- gcricht liege es nicht, ivenit bei Anwendung des§ 369 Nr. 11 auf Preßcrzeugnisfe noch jetzt Mißgriffe gemacht würden.— Krupp an der Arbeit. Aus Essen erfährt die„Voss. Ztg.", daß die Kommission unter Führung dcS Kriegsministers die letzte Prüfung der Rücklauskanonen vorgetwmtnen und wieder ihre Zufriedenheit bekundet hat. Tie Kruppsche Fabrik trifft Vorbereitungen. um s ch n e l l st e n s Massen- Umänderungen vorzunehmen, woraus geschlossen wird, daß der Auftrag in allernächster Zeit erfolgt.— Mainz, 3. Dezember. Bei der gestrigen Landtags-Ersatzwahl an Stelle des verstorbenen Genossen Haas wurde Genosse Adelung, Sicdattkur der„Mainzer Böltszeitung", gewählt.« Huelaitd. Der russisch iapanische Konftitt. Der New Dorker„Associated Preß" wird aus Paris gemeldet, Japan und Rußland hätten sich jetzt über die Grundlagen eines Vertrages zur Regelung der oft asiatischen Frage geeinigt. Diese Wendung sei durch freundschaftliche Vorstellungen Frankreichs und Englands unterstützt worden. Die Grundlage des Vertrages sei folgende: Rußland werde zwei zwischen Japan und Korea genossene Vereinbarungen aus den Jahren 13S6 und 1898 anerkennen, durch welche sich Japan in Korea verschiedene Rechte sicherte, darunter die Unterhaltung einer Garnison in Söul, ivährcnd Japan den zwischen Rußland und China bezüglich der Mandschurei abgeschlossenen Bertrag anerkenne. Mau nehme auch an, obgleich dies nicht bestimmt erklärt werde, daß die„offene T h ü r" und der unversehrte Bestand Chinas und Koreas unterstützt werden. Die Meldung fügt hinzu, als Graf Lams- dorff Paris besucht habe, hätte Delcasss Gelegenheit genommen, darauf hinzuweisen, daß das Interesse Frankreichs auf eine friedliche Lösung der Schivierigkciten in Lstasicn gerichtet sei, lvenn- gleich er dem russischen Minister versicherte, daß, welches Ergebnis sich dort auch herausstellen werde, im allgemeinen in der Haltung Frankreichs gegenüber Rußland keine Aenderuug ein- treten werde. Graf Lamsdorft habe erwidert, daß die Politik der russischen Regierung auf eine friedliche Lösung gerichtet sei. Die Meldung berichtet ferner, daß England unterdessen in Tokio Vor- stellungen erhoben habe. Demgegenüber besagt ein Telegramm anS Tokio: In einer Versammlung der fortschrittlichen Mitglieder des Landtages wurde heute eine Resolution angenommen, worin mit scharfen Worten die zögernde Auslands- Politik des Kabinetts getadelt und der Meinung Aus- druck gegeben wird, daß zur Bewahrung des Friedens in Ostasien die Räumung der Mandschurei durch die Russen und die Er- öffnung der Haupt Häfen dieser Provinz erfordcr- lieh sei. Im japanischen Volke wachse das Verlangen, daß Ruß- land ein Ultimatum gestellt werde. Tie japanische Regierung bewahrt aber ihre ruhige Stellung und die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens. Ferner nieldet das„Bureau Lassan": O b e r st T a ch i b a n a. der militärische Berater des VicekönigS Auanschikai ist, wie die„Daily Mail" aus Kode meldet, dort mit vertraulichen Mitteilungen für die japani- schen Behörden eingetroffen. AuS dieser Meldung schließt die„Daily Mail", China wolle bei etwaigen Ereignissen Tu Ostasien sein Schicksal an das Japans knüpfen. An verantwortlicher amtlicher Stelle i n Petersburg hat der dortige„Daily Telegraph"-Korrespondent, Ivie er depeschiert, die Meinung vertreten gefunden, die Aussichten in Ostasien seien weit weniger hoffnungsvoll als noch vor einiger Zeit. Die Meldung, Japan und Rußland hätten sich jetzt über die Grundlagen eines Vertrages zur Regelung der ostasiatischen Frage geeinigt, wird von den L o u d o n e r Blättern s ke p t i s ch auf- genommen. Alle hier eintreffenden Nachrichten weisen auf eine kritische Lage der Dinge in Ostasien hin.— Frankreich. Tie diebischen Schwestern der Marine-Hospitäler vor der Kammer. Der Marincminister Pelletan war bekanntlich gezwungen worden, eine Anzahl Schlvc.stcrn, die im Marinc-Hospital zu Toulon als Krankenpflegerinnen thätig wären, zu entlassen, weil dieselben große Untcrfchleife begangen hatten. Der ganze Chor der Klerikalen und sonstige» Reaktionäre fielen über den energischen Marineministcr her, und infolge einer Jntervcllation des Deputierten Lockroy war der Marineminister gezwungen, der Kammer die Gründe seiner Maß- nahmen darzulegen. Pelletan erklärte: Die Anordnungen seines Vorgängers bezüglich der lleberwachung und Kontrolle des dein Staate gehörigen Materials seien niemals richtig befolgt lvorden. Bei einer Jnveuturaufuahme des gesamten im Marine-Hosvital zu Toulon vorhandenen Materials habe man bei den Schwestern, in ihren Schräutcu und Koffer» verschlossen» allerhand Utensilien, Bett- Wäsche usw.. vorgefunden. Unter ni>de»m waren 290 Stück Scisc, '■'00 Kilogramm Staniol eingeschlossen; selbst den Acrzten gehörige chirurgische Instrumente seien von den Schwestern weggenommen und ciidgcschlosscn worden. Sogar Badewannen und andre Haus- geräre sind zertrümmert worden, um das Metall zu erhalten. Ge- funden wurden ferner ganze Ballen Leinwand, die die Schwestern angeblich aus ihrem Stammhaus in Sau Rcmo zu viel erhalten haben Ivolltcn und die angeblich wieder zurückgeschickt würden. Es habe sich nun herausgestellt, daß alle diese Gegenstände, Ivo immer sie zuerst auch hingebracht wurden, schließlich alle ihren Weg nach dem Mutterhaus des Ordens zu San Remo gefunden haben. Aber nicht allein, daß der Staat durch die Schwestern um vieles Material gebracht worden sei, auch die armen Kranken seien durch sie ge- swädigt worden. So haben die Schwestern die Milch abgerahmt, um sich Butter zu machen, das rohe Fleisch, das für die Tuberkulosen bestimmt war, gekürzt und vielfach auch verderben lassen. Man habe -hm nun gesagt, er möge die schuldigen Schwestern entlassen und durch andre� ersetzen. Dieser Weg sei wohl gangbar, wenn es sich nm andre Staatsangehörige handle, die Schwestern jedoch gehorchten in erster Lüne einem voni Staate unabhängigen Willen, einer außer- halb des Staates stehenden Macht, und die Schwestern, welche die Entlassenen ersetzt haben würden, hätten dann derselben Macht ge- horcht. Deshalb sei nichts andres übrig geblieben, als die voll- ständige Beseitigung der Ordensschwester». Trotz heftiger Angriffe der Klerikalen gclangic die einfache Tagesordnung zur Annahme.— Italien. Tcpiiticrtcnkammcr. T c C e s a r e feiert das Gedächtnis MornmsenS. Er ersucht den Präsidenten, der Akademie der Wissen- schaftcn in Berlin das Beileid Italiens und der italienischen Kammer zu dem Traucrsall, von dem sie betroffen wurde, auszudrücken.(Lcb- bafter Beifall.) Ter Unterrichtsinmister Orlando führt aus, er sei stolz darauf, im Name» der Regierung sich den edlen Worten de Cesares zum Andenken Mommseus anschließen zu können, dessen grandiosen Werkes sich Rom und Italien stets erinnern werden. sAnhalrcndcr Beifall. 1 Präsident Pianchcri hebt hervor, daß die Gedanken Mommsens während seines ganzen Lebens auf die Größe Roms gerichtet gewesen seien, und fordert die Kammer aus, sich den edlen Worte», die zur Ehre Mommsens ausgesprochen seien, an- Zuschließen, l Erneuter Beifall.) Bei der weiteren Dcbatie über die R e g i c r u n g s- erklär» ng vom 1. Dezember stellen mehrere Redner An- träge auf U ebergang zur Tagesordnung unter vcr- schicdcncr Begründung. G i o l i t t i erklärt, er billige folgende, von Eao-Pinna beantragte Tagesordnung: Nach Entgegennahme der Erklärungen der Regierung bekräftigt die Kammer d c r Regierung den Ausdruck ihres Vertrauens und geht zur Tagesordnung über. Dieser Tagesordnungsantrag wird in namentlicher Abstimmung mit 281 gegen 1!1 Stimmen angciwmmen.— Türkei. Reform oder Ultimatum. Die„Ageuec Havas" meldet: Der östrcichisch-ungarische und der russische Botschafter haben den Empfang der türkischen Antwortnote auf das Reformprogramm noch nicht be- stätigt. Hier wird versichert, die beiden Ententemächte härten die vorbehältlose Annahme ihres Reform pro- gram in s verlangt, andrcnfalls würden sie ein U l t i m a t u m xäit den Sultan richten.— parlamenrarifckes. Ein natiouullibcralcr Antrag. Dr. Beumcr hat mit Unter- stützung der nationallibcralcn Fraktion folgenden Initiativantrag im Reichstag eingebracht:„Der Reichstag wolle beschließen, die ver- bündcten Regierungen zu ersuchen, den Mannschaften des stehenden HecreS im Falle der UrlaubSertcilnng alljährlich ftir eine Reise in die Heimat und für eine entsprechende Rückreise in die Garnison freie Fahrt auf den deutschen Eisenbahnen zu ermöglichen." Gegen die Aufnahme des Abgeordneten Kulcrski in die polnische Fraktion des Reichstags hat das polnische Ccntralkomitcc für West- prcußcn einen Protest au die Fraktion nach Berlin gesandt. KulerSki wurde bei der Nachwahl im KouitzerKrcise von der national- polnischen Wählcrsckiaft als Kandidat ausgestellt. Das offizielle Central- komitee, welches die Kandidaten endgültig nominiert, hat im Widerspruch zu zahlreichen uatioual-polmscheu Versammlungen die Bestätigung der .Kandidatur Kulcrskis unter deni Einfluß der Geistlich- keit abgelehnt und den Kandidaten SikorSki aufgestellt. KulerSki wurde dann entgegen dem Beschluß des Komitees trotz intensiver Agitation der polnischen Geistlichkeit gegen ihn ge- wählt, während der offizielle polnische Kandidat noch nicht 8(XX) Stimmen ans sich vereinigte. Darob die Empörung dcS Komitees und sein Antrag an die Fraktion. Kulcrski hat sich in Westpreußcn durch persönliche Agitation und durch sein Blatt ,. Gazeta Grudziadzka" lGraudeuzer Zeitung) einen weiten Anhang geschafien. Sollte die polnische Fraktion den Wünschen des Komitees nachgeben, so dürfte es in den polnischen Kreisen Westpreußens zu sehr lebhaften Ans- cinakidersetzimgen kommen.— kommunales. Stadtverordneten-Bersammlung. I'2S. Sitzung b o m Donnerstag, 3. Dezember 1903, nachmittags 5 U h r. Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung im, Uhr. In den Ausschuß zur Vorberatung der Vorlage wegen Errichtung einer städtischen Pflegerinnen schule usw. sind u. a. auch die Stadtverordneten Dr. Bernstein, Bruns, Dr. Wehl(Soc.' gewählt worden. In die S ch u l d c p u t a t i o n wählt die Versammlung als Bürgerdeputiertcn den Rektor Hellermann mit 70 Stimmen gegen den Rektor PoSner, ans welchen 20 Stimmen entfallen. Bezüglich der Petition der Vereinigung technischer Lehrcrinnen um audcrwcite Berechnung der anzurechnenden Dienstjahre empfiehlt der PetitionsauSschuß Ueverlveisung an den Magistrat mit der Maßgabe, dieselbe insoweit zu berücksichtigen, daß in geeigneten Einzel- fällen der Versammlung Vorlagen betr. Erhöhung der an sich zu billigenden Pension zugehen. Stadtv. Singer fSoc.): Der Antrag des Ansschuffcs bewegt sich meiner Meinung nach in recht allgenicincu Ausdrücken des Wohlwollens für die technischen Lchrerimicn. Die letzteren sind vrrn»öge der früheren Einrichtung des Unterrichts in so großer Anzahl bei der Stadt beschäftigt gewesen, daß ans die einzelnen nur eine ganz geringe Zahl von Stunden kam. Die Damen sind inzwischen in zestc AiistellnnaS- und Gchaltsverhältnisse gelangt. Ihr Petitum geht nun nicht auf Gehaltserhöhung; aber für die Penfionsberechmmg entsteht ihnen allerdings ein sehr großer Schade», lvenn bloß diejenigen Dienstjahre zur Anrechnung kommen sollen, in welchen sie 14 Stunden wöchentlich erteilt haben. Sie unterbreite» uns nun das durchaus billige Verlangen, daß auch die sämtlichen Stunden in den Jahren, wo die Wochenstundenzahl hinter 14 znrückblieb, durch 14 dividiert, bei der Feststellung der Dienstjahre in Anrechnnng kommen. Ich bitte den Magistrat, sich an die Worte„in geeigneten Fällen" nicht allzu ängstlich anzuklammern, zumal die Verimnmlung auf die Entscheidung der Frage, wa? ein geeigneter Fall ist, keinen Einfluß hat. Der AuSschuhantrag gelangt darauf zur Annahme. Bkit der Verlegung des Platzes l, Abt. XII deS Bebauungsplanes, an der G l e i f S to a l d e r st raße hat sich der niedergesetzte Ausschuß in drei Sitzungen beschäftigt und schließlich die Magistratsvorlagc gnigeyeißeii. Tie Durchführung der Kanalisicrung im Gebiete des Radialsystems XI ist bisher daran ge- scheitert, daß diese Platzfrage, bei der die Interessen der Kauf- mannschen und Bötzowschen Erben konkurrieren, nicht gelöst war. In den letzten Tagen find seitens der Kaufmannschen Erben neue Offerten, welche die unentgeltliche Abtretung eines Platzes ein- schließen, an den Ausschuß gelangt. Stadtv. Kämpf lA. L.) hält die Sachlage für durchaus noch nicht geklärt. Die Dilräfführimg der Kanalisation tonnne wesentlich Bötzow zu gute, während die Kaufnianm'cheil Erben 50 Proz. ihres Bauterrains hergeben sollen, um den Forderungen der Stadt zu genügen. Man solle die Sache mit der letztertvähntcn Offerte an den Ausschuß zurückverweisen. Tic Herren Bötzow würden doch wohl zu der Erkenntnis zu bringen sein, daß sie aus Rücksicht auf den cigneii Vorteil nicht starrsinnig auf ihrem Kopf bestehen sollten. Stadtv. Deutsch(N. L.) plädiert für Wlehnimg der Vorlage; inöge der Magistrat eine andre Lösung finden. Für die neue Diagonalstraße könne nian sich in seiner Fraktion auch nicht erwärmen. Stadtbaurat Krause: Die Diagoualstraßc ist längst genehmigt; es bandelt sich jetzt bloß um die Durchführung dcS Radialsystems XI. Einigen wir uns mit Bötzow nicht, so wird die Sache wieder auf die länge Bank geschoben. Eine Uebcrbelastnng der Kaustnannschcn Erben kann der Stadtbaurat nicht zugeben. Stadtv. Kyllmann sFr. Fr.) bittet aus denselben Gründen um Annahme des Ausschuhantrageö. Es handle sich um ei» Terrain, wo 140 000— löO 000 Menschen wohnen tönnen, da sei ein Er- holuugsplatz von 44 000 Quadratmetern keineswegs zu groß, da sei eine Parkanlage nokwendig. Bei einer solchen AuSdehnunq komme auch das Bedcukcii gegen die dreieckige Gestalt des Platzes nicht mehr in Betracht. Stadtv. Hoffmann fSoc.): Was soll denn der Ausschuß noch beraten? Das letzte Projekt der Kanfmauuschen Erbe» ist ja von ihm auch schon beraten und abgelehnt worden. Zwingen uns die Kaufmaimschen Erben, auf das alte Projekt des vier- eckigen Platzes an der GreifSivälderstraße zurückzugehen, so stehe» sie sehr viel ungünstiger da. Der Antrag Deutsch ist ja sehr bequem, aber er werde die Bebauung der Gegend aber- malS auf Jahre hinausschieben. Wir sind daher auch anS den Gründen des Vorredners für die Annahme der Vorlage. Stadtv. Kämpf: Man soll nicht, ivcil man mit dem einen Kontrahenten nicht fertig werden kann, dem ander» alle Lasten in einer Weise auferlegen, die gegen Recht irnd Billigkeit verstößt. Stadtv. Mommscn iZr. Fr.) erklärt, daß der größte Teil seiner Freunde mit ihm, entgegen der Anffassung des Stadtv. Kyllmami, dem Antrag Kämpf zustimmen tvird. Ern«ltc AuSschußberatung fei nach dem Eiiigang der letzten Kanstnannschen Offerte unumgänglich. Stadtv. Dentsch verteidigt nochmals seinen Vorschlag, der nicht nur bequem, sondern auch praktisch sei. Stadtv. Hoffmann: Wenn uns der Magistrat erst eine neue Vorlage machen soll, vergeht wieder Jahr und Tag und die Sache kommt nicht vom Fleck. Die Kauffmaitiischcn Erben kommen bei der Magistratsvorlage sehr gm weg. dein, sie gewinnen die Möglichkeit, an der GreisSwalderstratze zu bauen. Stadtvv. Prof. Errmer und Haberland lA. L.) treten ebenfalls lebhaft für nochmalige AuSsckiußberatung ein. Stadtv. Hoffmanii hält für ailsgeschlosscn, daß die Bötzowschen Erben durch nochmalige Verhandlungen zn einer Sinnesänderung gebracht lverdeu können. Derselben Ansicht gicbt der Referent, Stadtv. Rast, Ausdruck, der auckt den Airtcag Deutsch abzulehnen bittet. Stadtv. Deutsch zieht seinen Antrag zurück; den» Antrag Kämpf gemäß geht die Vorlage nochmals a» den Ausschuß. Die Vorlage wegen Vergebung der Gestellung der städtischen Aktenwage« auf drei Jahre an den Fuhrwerköbesitzer R i e h o f f ist von dem eingesetzten Ausschusse zur unveränderten Annahme empfohlen; die Bemühungen der socialdemokratischeu Ausschußmitglieder, den Kutschern einen Minimallohn von 24 M. und bessere Arbeits- bedingungen zu sichern, sind erfolglos geblieben. Stadtv. Zubcil(Soc): Wir könne» unsrerseits nicht zugeben, daß der Magistrat mit den Untemehmem Verträge abschlicßr auf Grund unzulänglicher Löhne. Der Magistrat hat die Pflicht, auf die Löhne der Arbeiter bei solchen Gelegenheuen Rücksicht zu nehmen. Hier wäre auch für Sie die Gelegenheit, zu zeigen, daß Sie ein warmes Herz für die Arbeiter haben; aber wie nicht anders zu erwarten, ist es gekommen. Selbst die Mehr- cinsielluitg von mehr als zwei neuen Mtenlvagcn hätte eine Verminderung der Arbeitszeit der Kutscher uickit herbeigeführt, so sehr hat sich die Arbeit vermehrt. Es ist auch unwidersprochen geblieben, daß die Arbeitszeit 10—17 Stunden täglich beträgt. Wir können daher ftir diesen Vertrag nicht ftimmcn. Die Zeit liegt nicht mehr fern, wo Sie gezwungen sein werden, auf die ArbeitSverhält- nisse Rücksicht zu itchmc». Bemerken muß ich noch, daß mir eine Einladung zu der AuSschußsitzuira nicht zugegangen war. Die Vorlage wird daraus, nachdem der Rcserent Stadtv. Wallach auch für sich und die übrigen Ausschußmitglieder das- selbe warme Herz für die Arbeiter reklamiert hat,' tvie es die Parteifreunde des letzten Redners zu haben behaupten, unverändert. ängenonuneu. Tic Arbeiten des Ausschusses, welcher unter dem Vorsitz de? Stadtv. Stadthagen die Reglements für die Fürserge-Erziehuug abermals zu beraten hatte, weil den Ministcrn die religiös- sittliche Aufgabe dieser Erziehung in den bisherigen städtischen Eni- würfen nicht hinlänglich und durchgreifend genug zum Ausdruck gebracht schien, liegen jetzt vor. Referent ist der Vorsitzende Stadtv. S t a d t h a g e n. Nach§ 1 des Reglements erfolgt die Bearbeitung sämtlicher den Gemeindcvorsiatld und dem Stadtkreise Berlin durch das Fürsorge- ErzichuitgSgcscv überwiesenen Angelegenheiten durch die Armen- direktion, Abteilung für die Waisenverwaltung. Ein Antrag, der für eine anderweite Regelung durch Beschluß der Gemeindebehörden Raum schaffen wollte, ist vom Ausschüsse abgelehnt worden, der andrerseits überwiegend den Aenderungsvorschlägen des Magistrats zugestimmt hat. So ist in dem nenen§ 9 bestimmt worden, daß die Anstalt, welcher der Zögling über». wiesen werden soll, seinem religiösen Bekenntnisse entsprechen müsse. Nach den, nenen 8 � muß dem Zögling ein den Vorschriften für die Volksschule gemäßer Unterricht gewährt werden; die Forderung, daß auf jeden Fall wenigstens sechsklassige Volksschulen gewählt würden, ist nicht zur Fommlienmg gelangt. In dem 10 ist dem ministeriellen Verlangen. entsprechend festgestellt worden, daß im Falle der Familienerziehung der mir dem Familienoberhaupt abzuschließende Vertrag dieses verpflichten muß. den Zögling im religiös- sitt- lichcn Sinne zu erziehen: ein Antrag, die Worte„vor allem gegen Heuchelei und Schembeiligkeit" zuzusetzen, wurde abgelehnt. Da- gegen ist ein Antrag, die Verwendung schulpflichtiger Zöglinge in der Hausindustrie unbedingt anSzusch ließen, wiederum wie schon bei der nrsprüitglichcn Beratung, entgegen dem neuerlichen Magistrats- vorschlage, angenommen worden. Zu§ 13, welcher von der Aussicht über die Familienerziehung handelt, war beantragt worden, die Anstalten l»id Familien ein- bis zweimal im Jahre zum Zwecke der Prüfling deS Gesundheitszustandes der Zöglinge und des sanitären ZnstandeS der Unter- bringimgoräume ärztlich untersuchen zu lassen. Ter Ausschuß hat den Antrag abgelehnt. Stadiv. Kolileuzer(Soc.) nimmt den Antrag wieder aus. Die Kontrolle der Gesundheil und der UnterbringlMg der Pfleglinge könne gar nicht oft geimg ausgeführt werden, insbesondere fei die Mit- Wirkung der Aerzte notwendig. Eine solche Einrichtung durchzuführen. würde nur ganz geringe Mühe machen. Andre Kommunen, wie Kassel, seien darin mit gutem Beispiel vorangegangen. Für das modifizierte Reglement im ganzen könne seine Fraltion nicht stimmen, da ihr einerseits defsen Bestimmungen lange nicht weit genug ginge», andrerseits aber sie die Forderung der religiös- sittlichen Erziehung nicht konzedieren könne, da sie sich auch sehr gut ein sittliches Leben ohne Religion zu denken vermöge. Der Antrag Koblenzer wird abgelehnt,§ 13„ach den Ausschuß- borschlägcu unverändert angenommen, desgleichen der Rest des Reglements, das Reglement im ganzen und die Reglements für die cinzelnen Erzichungsansialtcu. Vom Stadtv. Rast(?f. L.) liegt seit dein 19. November der Antrag vor: Die Versantmlnng ersucht den Magistrat um Mitteilung der Gründe, iveShälb der S ch» l n n t c r r i ch t am Tage der U r- Wahlen a u s g c f a l l e tt ist. Der Antragsteller führt sür seinen Autrag nochmals die Gründe an, welche er schon vor 11 Tagen angab, wonach die Wähl an sich den Ausfall des Unterrichts nicht rechtfertigen könnte. Stadtschnlrat Grrslenbcrg verweist darauf, daß der Ausfall des Unterrichts am Urwahliage seit laiigem üblich sei. Ein Ministeriäl- erlaß von 1877 ordne diesen Aussall ausdrücklich au, damit nicht den Lehrern daS Wahlrecht verkümmert werde. Diese Rücksicht konnte allerdings nicht mehr ausschlaggebend sein, wenn dieWahl uichtmehr um 9 Uhr früh, sondern erst um 2 Uhr nachmittags begann. Da aber Schulräume i» sehr großem Umfange gebraucht wurden— von 204 Gemeindeschulen 241, von 13 Rcalschnlen 12, von 20 höheren Lchraiistalteii 25— und die Gemeindeschulen biclsach erst imi 1 Uhr den Unterricht schließen, habe die Schuldcpnration einstimmig sür den Ausfall des Unterrichts votiert. Am 28. Oktober fei dann noch obendrein eine Verfügung des Probinzial-SclmltollcgiumS ergangen, wonach am Urlvahltage der Unterricht auszufallen habe. Stadtb. Hinfee(Soe.): Tie Antragsteller sind wohl schlecht orientiert gewesen, sonst hätten sie sich den Antrag sparen können. wenn nicht etwa die Absicht vorlag, unser» Paradefericn- Antrag nachznahmcit, l.Heitcrkcit und Znstimmmig.) Mindestens einige hundert Lehrer inid Rektoren sind in am 12. November mich Wahlvorsteher und-Stellvertreter gewesen. Tie wären ja um die ganze Sache herumgekommen, wenn Sic damals»nsern Antrag angeiionmien hätten, den Beginn der Wahl ans 3 Uhr nachmittags festzusetzen. Daz» konnten Sie sich damals nicht miffchwingen, heute sehen Sie die Notwendigkeit ein sLachcn). Im dritten LandtagS-Wahltreis waren es 00 Lehrer und 31 Rcltore»; mindestens die doppelte An- zahl waren als Wahlniänncr Ihrerseits aufgestellt, und Sie können doch schon a»S Dankbarkeit dafür, daß sich die Lehrer von Ihnen haben anfstelleii lassen, ihnen die Zeit nicht rauben, die sie zur Agitation brauchten. 203 Lehrer und 71 Rektoren sind in Berlin zuWahlmännern ae- wählt worden; die haben ihre Stimme nicht etwa für uns, sondern für die liberale Partei abgegeben. Es sitzen einige Herren in uusrer Rkittc, welche einzig uud allein den Stimnisn der Lehrerschaft ihr Mandat verdanken.' Ist dem Magistrat ein Vorwurf zu machen, so wäre es der. daß nicht überall mit gleichem Maße gentesseu worden ist. lZiistimmung bei den Socialdenlokraten. Zurufe: Gas- arbciter!) Wir stimmen gegen den Antrag. Stadtv. Wallach: Wem« wir uns Sie zum Muster nehmen, so müssen Sie uns doch dankbar sein und in diesem Falle auch dafür noch, daß wir Ihnen dadurch Gelegenheit geben. wieder cimnal zum Fciistcr hinauszusprcchen, loie eifrig Sie für die Arbeiter eintreten iLachen bei den Soc.). Der Hauptgrund für den Magistrat war wohl die Rücksicht aus das Wahlrecht der Lehrer; alles sonst vom Stadtschulrat Angesührre war nicht durchschlagend. Wenn wir uns entrüsten, so ifl das doch ganz natürlich; alle Augenblicke werden die Schulen geschlossen, so kann das nicht weiter gehen. Tic Kinder gehen doch nicht bloß in die Schule, um Ferien zu haben. Ich bitte den Magistrat, in Zukunft die Schill?» nicht mehr so mir nichts dir nichts zu schließen. Stadtschulrat Gerstcnberg: Mir nicht? dir nicht? schließt der Magistrat die Schulen nicht; auch ist in dem Sinne der Antragsteller aichl die geringste Anregung an mich herangetreten. Siadtv. Rast: Herr Hintze meinte, wir hätten uns den Antrag ersparen können. Ich wünschte, uns bliebe die große Menge der Anträge von jener Seite erspart. Herr Hintze hat wohl bloß seinem Aergcr über den Ausfall der Wahlen Luft machen wollen.(Lachen bei den Socialdcmokratcn.) Ja, den Eindruck mußte man von seinen Ausführungen haben. Durch die Ausreden des Stadtschulratö (Große Heiterkeit) bin ich von der Notwendigkeit des Schulausfalls nicht überzeugt worden. Stadtv.(sassel: Den Paradcferien-Antrag nachzuahmen, hatten wir gar keine Veranlassung. Damals haben w i r zuerst den Schul- ausfall in der Schuldeputation gerügt, und der tviagistrat ist ja später auch zu unsrcr Freude dem Antrage der Versammlung bei- getreten. Stadtv. Dr. Friedemann(N. 2.); Wir stehen durchaus auf dem Standpunkt des Magistrats und sind durch die Reden der Herren Wallach und Rast nicht vom Gegenteil überzeugt worden. Damit ist der Antrag erledigt. _ Durch die Novelle zum Krankenkassen-Gesetz ist auch eine Er- hohung der Beiträge zur Gemein dckranken-Ver- s i ch e r n n g notwendig geworden. Ein Antrag des Stadtv. Dr. F r i c d e m a n n(Zt. L.) auf Ausschußberatung wird abgelehnt und die bezügliche Vorlage angenommen. Die in Verfolg der Beschlüsse der gemischten Deputation zur Beratung der Finanzlage Berlins vom Magistrat eingebrachte Vorlage behufs Verdoppelung der Umsatzsteuer beantragt Stadtv. Galland(A. L.) hauptsächlich ans juristischen Bedenken einem Ausschüsse zu überweisen. Diesem Vorschlage schließen sich die Stadtvv. Wallach und Dr. Prcuß lN. L.) an. Stadtv. Cassel(A. L.) hebt hervor, daß'in feiner Fraktion die Meinungen über die Opportunität der Verdoppelung geteilt sind, ist übrigens auch für Ausschußberatung, desgleichen Stadw. Singer(Soc.), der aber feststellt, daß damit nicht aus- gesprochen sein solle, daß seine Fraktion etwa der Vorlage zustimme. Die Vorlage wird einem Ausschüsse von 15 Mitgliedern überwiesen. Schluß V.O Uhr. GewerKlcKaMicbes. Serli» und Umgegend. Tnrifvcrhaiidluugei» im Schuhmachergewerbe. In einer gut be- suchten öffentlichen Versammlung der Schoß-Schuhinacher, die am Mittwoch im Neuen Klubhause in der Kommandantenstraße tagte, berichtete He r m a n n über da? Ergebnis der Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern. Nach dem'clfwöchigen Streik in diesem Frühjahr kam bekanntlich ein Vergleich zu stände, wonach im Oktober gemeinsame Tarifbcratungcn stattfinden, und die hierbei vereinbarten Preise am 1. Januar ILM in Kraft treten sollten. Tie Kom- misfionen, die zu diesem Zweck von beiden Parteien gewählt wurden, haben bis jeht zwei gemeinsame Sitzungen abgehalten. Zu einer Einigung ist es jedoch noch nicht gekommen. Die Arbeitgeber schienen wohl geneigt zu sein, auf eine Tarif- gemcinschast von langer Dauer einzugehen, wollten aber keine nennenswerten Erhöhungen der Arcorolöhne zugestehen. Die Ver- trcter der Arbeiter wurden genötigt, bei den einzelnen Grund- Positionen nochmals ihre Forderungen zu formulieren und verlangten unter Voraussetzung einer nur dreijährigen Tarifgemeinschast eine Erhöhung des Preises für Herrenböden um 75 Pf., für Damenbödcn um 1.25 M. Die Arbeitgeber erklärten schließlich, daß sie zunächst mit ihren Mandatgebern Rücksprache nehmen müßten und dann schriftlich Antwort erteilen würden. Diese Antivort, die jetzt ein- getroffen ist, geht dahin, daß die Meister ans Herrenbödcn 25 Pf., ans hoheStiefclundDainenbödenöOPf. zulegen wollen und dazu verlangen, daß der Tarif ans 5 I a h r e festgelegt werde.- Sowohl' der Referent wie säintliche Diskussionsredner sprachen sich rntschieden gegen die Annahme diese? Angebots ans. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: „Die heute am' 2. Dezember tagende Versammlung der in den besseren Maßgeschäftcn lhätigcn Arbeiter nimmt Kenntnis da- von, daß die Arbeitgeber gewillt sind, eine Lohnerhöhung von 26 Pf. auf Herrenböden, 50 Pf. auf hohe Stiesel und 50 Pf. auf Damenböden eintreten zu lasten, wenn die Arbeiter sich bei diesen Sätzen zu einer fünfjährigen Tarifgemeinschast bereit erklären. Die Versammlung weist diese Zumutung ganz entschieden zurück und erklärt, daß der gegenwärtige Zustand unbedingt einer derartigen Tariffestlegung noch vorzuziehen ist. Die Ver- sammlung sielst an dem Verhalten der Arbeitgeber, daß sie nicht gewillt sind, in friedlichen Verhandlungen den Arbeitern durch An- erkennung ihrer gerechten Forderungen entgegenzukommen. In der Erkenntnis, daß zur vollen Durchführung der gerechten For- derungen der Arbeiter nur eine starke Organisation im stände ist, verpflichten sich die Anwesenden, unablässig dahin zu wirken, daß die Organisation nach innen»nd außen gefestigt und jeder noch fernstehende Kollege ihr zugeführt wird. Die Versammlung spricht der Tarifkonmiifsion ihre Anerkennung und ihr volles Vertrauen ans." Ein Antwortschreiben an die Arbeitgeber- Organisation, worin die Ablehnung ihres Angebots mitgeteilt und begründet wird, wurde ebenfalls von der Versannnlung gutgeheißen. Eine» Vertragsbruch schlimmster Art hat die Adressen firma Robert Teßmer, C h a r l o t t e n st r. 84, ihre» Angestellten gegenüber begangen. Bekamttlich hat diese Firma nach einem etwa dreiwöchent- lichen Streik der Adrefsenschreibcr in langwierigen Verhandlungen ein Abkommen getroffen,»ach den, die Ausständigen nach dem Maße einlaufender Arbeit wieder eingestellt werden sollen. Ferner wurden bei der Lohnrcgulicrung Erhöhungen der Accordsätze in der Art vor- genommen, daß die bisherigen Sätze am 1. November um durchschnittlich 6 Pf., am 1. Dezember um iveitere 5 Pf. gesteigert werden sollten. Tie Finna Teßmer hat diese Vcreinbarmigcn in schnödester Weise gebrochen. Es erfolgten dauernd Entlassungen der am Streik Be- teiligten, die Wicdcreinstellungen wurde» gleichfalls nicht in der verelnbarten Weise durchgeführt. In den letzten Tagen ivurde in dem„vornehmsten aller Betriebe", wie Herr Teßmer sein Geschäft zu nennen beliebt, diesen Vertragsbrüchen die Krone aufgesetzt. Nicht nur, daß die am 1. Dezember fällige Lohnaufbesserung nicht gezahlt wurde. ließ man eine„Lohn- rcgnlierung" eintreten, nach der zum Teil in Wirklichkeit eine Herabsetzung der Löhne unter die vor dem Streik gezahlten erfolgt. Als eine Entschädigung dafür soll angeblich eine„Kürzung" bestimmter Adressen stattsinden. Der Ecntralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen wird sich mit der hier offenbarten Unternehnwrmoral noch eingehender zu be- schästigen haben. Mctallarbeiterinnen! Nach eingehenden Verhandlungen des ArbeiteranSschnsseS mit dem Leiter deS Glnhlampcn-WerkeS der Firma Siemens u. Hakskc, Herrn Professor Budde, sind die Differenzen mit den Arbeiterinnen zur beiderseitigen Zu- sriedcnheit beigelegt. Die Arbeit ist gestern früh wieder aufgenommen. Näherer Bericht über diesen Streik wird am Sonntag- vormittag 10 Uhr in der Versammlung im Lokale Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/48, gegeben. Deutscher Metallarbeiter-Verband. OrtSvcrwaltung Berlin. Lohnbewegung der Billardquene Arbeiter. In den Weißenseer Billardqueue-Fabrikcn unterbreiteten am Montag säintliche dem Holzarbeiter-Verbande angehörende Arbeiter den Fabrikanten eine Lohnforderung in der Höhe von 10—15 Proz. Aufschlag gegen den bisherigen Lohn. Damit sollte gleichzeitig eine einheitliche Regulierung der bis dahin ungleichmäßigen Löhne bezweckt werden. Noch am selben Tage wurden die Forderungen von den Fabrikanten bewilligt mit Ausnahme der Firma Weiß, die sich bis Mittwoch eine Bedenkzeit auSbat. Da die Firma auch nach" Ablauf der Bedenkzeit zur Bewilligung nicht geneigt war, so traten die dortigen Arbeiter einmütig in den Ausstand.— Wcitzcnsee ist der Hauptort dieses Industriezweiges in Deutschland; die dortigen Oueue-Fabrikcn liefern fast für den ganzen europäischen Markt. Der Stand des Streits in der Stockfabrik von Schmäling u. Barta ist unverändert. Die eingeleiteten Verhandlungen sind an dem Widerspruch der Firma, auf die Bedingungen der Streikenden einzuaehen, gescheitert. Die Unterredung der Kommission mit den Inhabern dauerte kaum eine Minute, da die Kommissionsmitgliedcr nach Anhörung der ablehnenden Antwort sofort das Zimmer verließen. Streikbrecher sind nicht vorhanden, gearbeitet wird nur von einigen ungeübten Mädchen. Musikinstrumenten- Arbeiter. Eine am Mittwoch abgehaltene Vertrauensmänner- Versammlung der im Holzarbeiter- Verband organisierten Musikinstrumenten- Arbeiter besprach Angelegenheiten der verschiedenen Wcrkstälte». Dabei wurde auch erwähnt, daß die Firma Cochi Bacigaluppo Grasfigua u. Co. den in ihrem Betriebe beschäftigten Arbeitern unter Androhung der Entlassung verbietet, in einem Schanklokal zu verkehren, welches sich in demselben Hause be- findet, wo die Fabrik ist. Der Grund dieses Verbots soll in ge- schäftlichen Zwisngkeitcn liegen, welche zwischc» dein Schankwirt und der genannten Firnra bestehen. Natürlich ivtirde ein derartiger Ein- griff in die rein persönlichen Angelegenheiten der Arbeiter entschieden verurteilt.— Festgesetzt wurde, daß am 15. Dezember eine öffent- liche Versammlung abgehalten werden soll, in der die Diskussion aus der vorigen, polizeilich aufgelösten Versammlung fortgesetzt wird. oeutkches Reich. Gin„freisinniger" Oberbürgermeister als„unparteiischer" Vermittler. In Danzig, wo die Mustcrarbeiter, die mit Kartoffeln und Häringen zufrieden sind, wohnen, streiken seit einiger Zeit die Maurer bei der Firma A. R e i ch e n b e r g. Diese Firma lehnte alle Einigungsverhandlungen mit den Streikenden und auch mit dem Gauleiter des Maurerverbandes strikte mit der„Begründung" ab. daß sie mit Socialdcmokratcn nicht verhandele. Die Maurer wandten sich nun an den bekannten freisinnigen Herrn Oberbürgermeister Ehlers, damit dieser die Vermittlung in die Hand nehme. Dieser Herr hat es nun auch gethan, aber wie? Die Maurer forderten den bescheidenen Lohn von 45 Pf. pro Stunde. Eines Tages empfing nun der Oberbürgermeister einen Vertreter der Ausständigen und legte ihm eine von der Firma Reichcnberg angefertigte Lohnliste vor. Hier waren die Maurer verzeichnet, die die Firma wieder einstellen wollte; ferner waren diese Maurer nach fünf �Ähnklassen eingeteilt. Sie sollten 42, 43, 44, 45 und 46 Ps. Lohn erhalten. In den beiden letzten Lohnllasscn waren jedoch nur die Poliere vertreten. Diejenigen Maurer, die nicht auf der Liste verzeichnet waren, sollten nicht eingestellt werden. Das wurde nun von den Maurern abgelehnt. Für eine derartige Vermittlung bedankten sie sich. Nun erklärte aber der freisinnige Herr Ober- bürgermeister, daß der Vorschlag der Firma an- genommen werden müßte! Wenn das nicht geschehe, so werde er Es meldet sich niemand, ich nehme also an, dost ich zu Recht als das älteste Mitglied bezeichnet worden bin: ich eröffne hiermit die Sitzung und bitte, als Schriftführer mir zur Seite zu treten die Herren Abgeordneten Himburg(f.), türebs(G.). Pauli Lebend!"'VSZ"5" Schwestern Rosa und Josefa. Grosses Promenaden-Konzert d. Wiener Eiitekapelle Forsch- neritsoh vorm., nachm., abds. Centrai-Theater. Heute abend 71/, Uhr: 12. Freilag-Abonnements-Vorstellung. Tie Glocken von Corneville. Romant.-kom. Lpercllc o. Planguctte. Morgen nachm. 1 Uhr halbe Preise, jeder Erwachsene ei» Kind frei. Der acstiefelte Kntcr. Morgen abend: Der Rasteidinder. iesM Burleske Ausotattungspossc mit Gesang und Tanz in 4 Bildern ' von Julius Freund. Musik von Victor Holländer. In Scene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Im 4. Bilde: WM- Grosses Ballett-MW Wie damals Im Monat Mal. Anfang 8 Uhr. — Rauchen überaü gestattet.— Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Wohlthätigkcits-Vorstellunq. Gastspiele Frl. Aachoer, Frl. Wiennch, Hr. Christians und Hr. Krausneck. Romeo und Julia. Sonnabend: Der Richter von Zalamea. Somitagnachmittag: Das Käthchen von Heilbronn. Abends zum ersten- mal Alpentönig und Menschenfeind. Montag: Der Richter von Zalamea. Cirhits Schumann. Heute Freitag, den 4. Dezember, abends 7'/, Nhr: Zum drittenmal: SB Babel und Bibel oder: Die Pracht, der Untergang und die Wieder- erweckung des Weltreiches von Babylon. Eine Wanderung durch acht Jahrtausende in Form einer groben Aus- stattungs-Pantomime in U Abteilungen. Nach einer Idee von A. Moszkowski. Einstudiert vom Ballettmeister C. Pratesi und in Seene gesetzt vom Direktor Alb. Schumann. Musik vom Kapellmeister A. Baranek. Austerdem glänzendes Programm. 2S männliche Abessinier-Löwen des Herrn Sullas 8eth. Mlle. Dntrlew; Rekord sprung, 50 Fust= 15 Meter Direktion S. Lautenburg. Ansang T/-j Uhr. Ein Seitensprung. Schwank in 3 Akten von G. Berr, Dehöre und Guillemaud. Deutsch von Max Schönau. Morgen und folgende Tage: Die selbe Vorstellung. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Seine Kammerzofe. P388axe-1�heater Anfang Sonntags 3 Uhr, Uloohen- tags 5 Uhr. Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr. Berlin bat wieder eine Sensation! Rortonellos Enthauptung einer 161)6(1(1611 vSNw! Ausserdem 14 neue erstklassige Xummem. Pertina. Lucia della Sera. Hasson n. Jenny etc. etc. i\LT- CftlNft Kunst-jlusstellung LapziocR' Fagiich geöifnet 10-8. Entrce 4 R.. Sonntag 50 Pf. Trianon-Thealer. GeorgenstraHe, zwischen Friedrich- und Universitätsstrahe. Biscotie, Anfang 8 Uhr. somitagnachmittag: Die Notbrücke. ApoIto-TMl. Um S Uhr; Frühlingsluft mit dem Ballett Biiitenhochzeit. Ilm B/, Uhr: Kit grossem Orchester: Vision nach ckem Balle. Pantomime, Musik von„Drei Kronen". Um 19 Uhr: Die neuen glänzenden Specialitäten: Ivan TschernofT, ein Morgen aus dem Sport-Stallhos. Reil/ and Ashb/ X Francois-Truppe ainer. Exeentries. Equilibristen. The Passparis, Tanz-Duett. Kosinoaraph und Biophon. Deutscb-Amerikanisches Theater Köpnickerstr. 67.® tat. Jannowihbrücke. Gastspiel Adolf Philipp. Zorn|.,r EBER' 3k' GROSSE* 97. Teich." AVEAXG 8 EHR MONTAG, � Aufführung 7. Dez. 03, J U U# ELEGANTE ahds. 8 Uhr- 1 Souvenirs Carl Weiss-Theater. Grosse Frankfurter Straste 132. Abends 8 Uhr: Ter.Hüttenbesitzer. Schauspiel in 5 Atlen voii E. Rick. Sonnabendnachm. 4 Uhr: Kindervor- stellung. Hassan Abdul. Sonntag- nachm. 3Uhr:DieMaschine»b. V.Berlin. Morgen: Ter Meineidbaner. Kasino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8. Sonnt. TL. 8 Uhr: BüeihuachtSglockrn. S'U: Nuscha Melitta— Loro-Quartett. Corradlni. b/- Uhr: Der vertauschte Sohn. Sonntag 4 Uhr: Netel Klingebusch. Kleines Theater. Unter den Linden 44. N««btaszkl. Ansang 8 Uhr. Palast-Theater Bnrgstraste 22, früher Feen-Palast. Rente grosse Premiere. Elite- Vorstellung. Zaubcrposse mit Gesang und Tanz in 8 Bildern von Jacobson u. Girndl. Musik von A. Eonradi. Rentier Semmel: Dir. Rich. Winkler. Dazu das IX. Berliner Saison.■ eirkns Busch. Freilag, den 4. Dezember er., abends 7'/, Uhr: Karl Hagenbecks größte Rlmbticr-Schau. 6 ausgewachsene Königstiger, 3 Riesen-Löwen, 2 Riesen-Eisbären, 3 schwarze Bären. Die grösttc und sensationellste Raubticrgruppe, welche je ge- sehen worden ist, vorgeführt von Herrn Richard Sawade. gfrlnipt lliinterfmidtn. Humoristisches Manege-Schaustück. Mit Wer-! Wer Kastanien-Allee 7—9. Freitag, den 4. Dezember 19W: Bemlifiril Rose-Theater-Ensenilile. Die Blinde von Paris. Drama in 5 Abteil, von F. Herrmann. Anfang 8 Uhr. FröbeP Allerlei-Theater sr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Inhaber: Wilhelm ErUbcl. Somitagnachmittag 5 Uhr: Grosse Extra- VorstcIInng; der beliebten Zimmermanns MUte Sänger Nach der Vorstellung um lv Uhr: Grosser R»U. Entrce SO Pf. Sperrsitz SO Pf. Montag 8'/, Uhr: Gastspiel Bühnen- Ensemble Goethe. Dienstag 89, Uhr: Gastspiel des Städtebund-Theaters. Mittwoch 8 Uhr: Familien-Mend. Norddeutsche Sänger. Nach der Vorstellung Frci-Tanz. Sonnabend: Keine Vorstellung. Sonnntagabend 8 Uhr: Gr. Extra- Vorstellung. Wünsche und Träume. Anfang 8 Uhr. Entrce 59 Pf. Caf£ Schurig Ornnlenstr. 144, a. 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Die Lohnabzüge in dcr Strohhntfabrik von ZZiijxvI& Comp. betreffend und welche Schritte gcdenrc» ivir zu unternehmen, um den dort bestehenden Miszständen entgegenzutreten? 2S4/4 Ehrenpflicht aller Kollegen und Kolleginnen, insbesondere der Strohhut- Näherinnen ist cS, vollzählig zu erscheinen. l>o»> Vorstaml. Meiter-Sildungssehnle Berlin Sonntag, den ß. Dexcinbor, abends S'l, Chr. im Gcwcrhrchaftehaurc, Sngel vlfer 15 f8aal X): Vortrag des Genossen E. Stoboy über: „llnfcr Mollen und Mirhcn� Xach dem Vortrage: bjl* Gemütliches Beisammettsein und Tanz. Eintritt, 20 Pf. Garderobe frei. Keues Programm: Silerno Meisterjonglcur. Johnson u. Dean Cake-Walk-Tänzer. Wood u. Bates Amerik. Exoontrics. The Saphos Rccktumkünstler. OltO Reuller Humorist. Llttlo Fred Komische Hundedi essur. Kremo Familie Dcarische Spiele. Piwitt Pierrot, iuuelle Gillard esi° von der Opera Comique in Paris. 4 Schwestern Merkel Equilibristin. Bokken Lassen Strassensängerin. „Pariser Luft" Ballettdivertissem. 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Zlnträge, wcldic zur Belchluftfaffung loinnien sollen, inüssen bis späleslens Dienstag, den 8. d. M., in Hände» des Vorstandes sein. Die austcrordcnilich wichtige Taaes-Ordnuiig dieser Versammlung macht cS jedem Mitgliedc zur Pslicht, pünktlich zu erscheinen. 295/7 Der Vorstand. I. A.: G. Kosslta, Wicnerftr. 29. Treihttrger- J Bnster Selrilotterie. Ziehung schon 9., 19., 11., 12. Dez. 12 184 Geld-Gewinne zusammen 322 500 Mk. Gewinne bis Mk. 100000» Losi a Mk. 3,30£2°"k. Karl Inger, Haiiiz. Telephon 1254: Reichsbank Giroconto. r- Damen erhalten elegante Oarderoben nach Mast bei nur geringer Teilzahlung.[32632* J. Werg, Königs�W Direkt a. Alezanderpl. Album- und Lederwaren-Fabrik Oskar Qundau, OranienstrasseSO, Ecke Adalbertstr. Gr. Lager aller Arten Lederwaren u. Schmucksachen zu bill, Preisen. Ägitatlonsmalerial! Als billiges und wirksames Agitatioiisinnterial empschlen wir: 199 Exemplare zu Mk. 7, 599„„„ LZ. Georg v. Bollmar: Lehren und Felgen der letzten Reichstagswahlen. 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Ms-KrankenkM für die vtrtinIfttenKkwkrftkbetritbt sshariottenburgs. Wir bringen hierdurch zur öffent- tichen Kenntnis, daß in den Wahl- Versammlungen am 27. bezw. 39. No- vember a. c. für die in den Wahl- proiotollen näher bezeichneten Amt»« Perioden die nachstehend ausgesührten Personen in den Kassenvorstand neu« bezw. wieder gewählt worden sind: a) seitens der Arbeit g e b e r- Del«» gierten: Die Herren Schneidermeister Schulz. Uhrmacher I. Gebhardt und Restaurateur Kant: b) seitens der Delegierten der Kassen- Mitglieder: Die Herren 'Arbelter Scheel. 279/1 'Arbeiter Albert SchrSder. Rohrleger Theodor Grade und Schlosser Otto Neeck. ffharloltenburg, t. Dezember 1993. Den Itniaacn'rorstand. H. Scheel, Vorlitzender. Backereigenossenschaft Bolksbro», eingetragene Genosse(chast mit be- lchrankler Hastpstichl. Sonntag, den 13. Dezember 1093. vormittags 11 Uhr, zu Berlin im Saale des Genoffenschasis- Wirtshauses, Schreinerstr. 71; Dritte ordentliche Generalversaminlnng. Tagesordnung: t. IahreSrechnung und Geschäftsbericht für 1992/1903. 2. Beschlustfaffung über die Gewinn- und Verlustrechnung 1902/1903 und Entlastung. 3. Ergänzung de» Aus- sichtsrateS. 4. Festsetzung de§ Gesamt- betrage», den die Anleihen der Ge- nossenschast nicht überlchreiten sollen. Die Bilanz und Getvinn- und Verlust- rechnung sind ProSkauerstrafte?ir. 15 I Treppe links einzusehen. Berlin, 2. Dezember 1903. Bäckereiaenossen- schajt Volksbrot, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Hastpflicht. Der Vorstand: August Bertow, Hermann Barz, Duncker, Paul Haltens- leben, Kellahn. 295/8 pHOKOGRAph : Specialgeschäfl emaillierter jtansbalhmgs-ilrtikel «eorg Wiesner, 40 35 1,15 1,45" ca. 14 45 1,60 16 | Ovale Wannen Kasserollen mit Ring Schmortöpfe zu Gas Schmortöpfe mit Ring Gufteifernc Schmortöpfe mit Ring Sämtliche Preise verstehen sich für 50 55 60 65 70 cra 45 55 40 45 50 60 Nr. 2 1,90 2,40 3,00 3,75 4,40 pr. St. 18 20 22_ 24 cm__ 65 75 85 100 Pf. pr. St. 50 65 80 90 Pf. pr. 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Jnseraienleil oecantworlllch: Th. Gt»kittr? Der Zuzug sür StockarbeUcr aller Branchen»st streng fern» zuhalten bei Schmailng «V Harta, Thüringerslr, 18. 88/9 Die Ortsverivaltang. Ar. 383. 20. Jahrgang. 2. KilM des„ilmtiitls" Kerlisn Usldsdlslt. Freitag, 4. Dezember 1903. Berliner partei-Hngelegenbeiten» WaidmannSlust. Sonntagnachmittag>/z4 Uhr, Mitglieder-Ver- sammlung des Wahlvereins im B e r g s"ch l o h- R e st a u r a n t. Genosse Hermann Sydow referiert über:„Aerzte und Krankenkassen". Äußerdem Abrechnung vom Stiftungsfest. Es wird auf das Er- scheinen sämtlicher Mitglieder gerechnet. Schöneberg. Zur Agitation und Werbung von neuen Mtgliedern fiir den Konsulnverein findet am Sonntag früh 8 Uhr eine Flugblattvcrbrritung statt. Treffpunkt in folgenden Lokalen: Schilling, Kyffhäuserstr. 16, Krüger, Gruncwaldftt. 116, Döring, Merseburgerftt. 7. Ob st,'Meiningerstr. 8, Hörle- mann, Kaiser Friedrichstt. 8, Reimer, Hohenftiedbergstr. 26, Hoffmann, Cheruskerstt. 16. und Hofsmann, Maxstr. 2o.— Eine zahlreiche Beteiligung wird erwartet. Schöneberg. Montagabend 31/z Uhr findet im Lokale von L.Krüger, Grunewaldsttafie 116, die regelmäßige Mitglieder- Versammlung des Vereins für Frauen und Mädchen Schöne- bergs statt, in welcher Frau Dr. Wally Zepler einen Vortrag über die Frage:„Was sollen wir lesen?" halten wird. Gäste, Herren sowie Damen haben Zutritt. Der Vor st and. lokales. Aus der Stadtverordneten-Bcrsammlung. Die Stadtverordneten hatten in ihrer gesttigen Sitzung wieder diel Arbeit, aber noch vor S Uhr war die umfangreiche Tagesordnung, die ihnen vorgelegt worden war, restlos erledigt. Eine Petitton der technischen Lehrerinnen, betreffend die Anrechnung ihrer D i e n st j a h r e, wurde dem Magistrat zur Berücksichtigung„in geeigneten Einzelfällen" überwiesen. Den Bericht des PetitionSauSschusses gab Stadtv. Cassel. Genosse Singer knüpfte daran den Wunsch, der Magistrat inöge das weitgehendste Entgegenkommen üben. Von andrer Seite wurde auf diese keines Wegs überflüssige Anregung nicht weiter eingegangen. Eine lange Debatte entspann sich über die notwendig gewordene Aenderung des Bebauungsplanes für das größten- teils den Bötzowfchen Erben gehörige Ba uterrain nahe der Greifs walder st raße. Der hier projektterte Platz soll verkleinert und mehr auf BötzowschcS Terrain verschoben werden. „Alte Linke" und„Neue Linke" waren mit den Vorschlägen des zur Vorberatung dieser Vorlage eingesetzten Ausschusses nicht zu frieden. Von unsrer Seite sprach Genosse H o f f m a n n, der vor einer Verschleppung warnte, weil dadurch die Ausführung des elften Radialsystems noch länger aufgehalten werden würde. Die Vorlage wurde an den Ausschuß zurückverwiesen. Die Gestellung der st ädtischen Aktenwagen wird dem vom Magistrat ausersehenen Unternehmer unter den vom Magistrat aufgestellten Bedingungen überttagen werden. Der Ausschuß, der den Vertragsentwurf zu prüfen hatte, ist mit allem einverstanden, und das Plenum hat ihm gestern zugestimmt. Die Forderung unsrer Vertteter, den Kutschern einen Mindestlohn zu sicher», ivar vom Ausschuß abgelehnt worden, wurde aber im Plenum wieder- holt. Genosse Z u b e i l wandte sich gegen das bekannte„Princip" des Freisinns, das der städttschen Verwaltung verbietet, in ihren Verträgen mit privaten Unternehmern bestimmte Löhne aus- zubedingen. Die Freisinnigen, spottete Zubeil, behaupten sonst immer,„auch ei« warmes Herz für die Arbeiter" zu haben; hier könnten sie das„warme Herz" einmal bethätigcn. Leider ge- schah das nicht. Die Vorschläge des AusschuffeS wurden mit großer Mehrheit angenommen; dagegen stimmten außer der socialdemo- lratischen Fraktton nur wenige der Freisinnigen. Die Reglements für die Fürsorge-Erziehung, die bereits vor Jahresfrist von den städtischen Behörden beschlossen, aber von der Regierung nicht genehmigt worden waren, haben noch einmal einen Swdwerordneten-Ausschuß beschäftigt. Viel ist dabei nicht herausgekommen; der Ausschuß hat fast ausnahmslos acccptiert, was der Magistrat auf Wunsch der Minister geändert hatte. Die Vorschläge der socialdemokratischen Fraktion sind, soweit sie sich gegen die von den Ministern geforderte stärkere Betonung des„Religiös- Sittlichen" in der Erziehung wandten, abgelehnt worden. Nur eine gegen die Beschäftigung in der Hausindustrie gerichtete Bestimmung fand Annahme. Den Bericht über die Verhandlungen des Ausschusses hatte Genosse Stadthagen zu geben, obwohl er der Vertreter der Minderheit war. Von unsren im Ausschuß abgelehnten Anträgen ivurde einer ivieder aufgenommen und vom Genossen Koblenzer begründet. Auch das Plenum lehnte diesen Antrag ab. Länger als nötig ivar, wurde über die wunderliche Anftage der „Alten Linken" wegen der.Wahlferien" geredet. Die Frage- steller crtviesen sich als schlecht infornnert; der Ausfall des Unter- richts war notwendig und übrigens auch vom Provinzial- Schulkollegium vorgeschrieben. Genosse H i n tz e bedauerte nur, daß nicht den Angestellten aller städttschen Bettiebe am Wahltage ftei- gegeben worden ist._ Die Arme»- Speisungsanstalten sind am 1. Dezember eröffnet worden. Reu hinzugelomnien sind die Anstalten Lychenerstr. 166 und Sickingenstr. 40; die 15 älteren Anstalten befinden sich: Georgen- kirchstr. 64, Kleine Auguststr. 11, Annenstr. 20. RheinSbergerstr. 15, Ackerstr. 134, Langestr. 41, Schulstr. 7, Wasserthorstr. 32, Teltowcr- straße 34, Saarbrückerstr. 33, Stetttnerstr. 45, Stromsir. 43, lÄrünauerstr. 11, Licbenwaldersrr. 53 und Frankfurter Allee 110. In den einzelnen Küchen werden täglich 300 bis 700 Portionen a 1 Liter gekocht. In der Hauptsache werden Erbsen. Bohnen, Linsen, ReiS und Hirse verwendet. Die Versuche mit Dörrgemüse sollen in einer Anstalt fortgesetzt werden. In das Direktorium sind in letzter Zeit von feiten der Armendirektion die Stadtverordneten Hintze, Mertens und Bürgerdeputterter Dr. Levy deputiert worden. Den Anregungen dieser ist es namentlich zu verdanken, daß den Empfängern von Speisen zum sofortigen_ Verzehr Näpfe und Löffel verabreicht werden müssen; ebenfalls sollen die Aufenthalts- räume nach Möglichkeit vergrößert werden, um das Warten auf den Straßen zu verhindern. Die Armendftektion zahlt in diesem Jahre einen Zuschuß von 45 000 M.. welcher Betrag erforderlichenfalls er- höht wird. Behufs Erlangung von Speisen ivcnde nian sich an den Armenvorsteher seine» Bezirks, welcher AnweisungSinarlen zu ver- geben hat. Als Armenunterstützung ist die Empfangnahme nicht an- zusehen. Augenuntersuchungen. Im Austrage des Kultus, ninisterS werden gegenwärtig durch den Direktor der Universitäts-Augenklinik in der Charito, Professor Dr. Greeff, Augenuntersuchungen an den Schülern höherer Lehranstalten ausgeftihrt. Zu diesem Behuf werden gedruckte Formulare teils von den Schülern, zum Teil von dem untersuchenden Arzt ausgefüllt. Die Schüler haben Fragen zu beantworten über ihr Alter, ob und seit wann sie ein Augenglas tragen, ob für immer oder nur fiir die Nähe oder für die Ferne, von wem es verordnet ist, von einem Arzt oder Opttker; endlich darüber, ob Vater, Mutter und Geschwister kurzsichttg sind. Eine Trauung mit Hindernisicn. Nicht ungläubige Gegner d�r Kirche waren es, die am letzten Sonnabend eine Trauung in der Himmelfahrts-Kirche störten. Vielmehr sah sich der Herr Pastor selbst zum Erstaunen aller Teilnehmer zu einer störenden Unter brechung der kirchlichen Handlung veranlaßt. Am genannten Tage trat der Mechaniker K. mit seiner Braut an den Altar, un, der soeben geschlossenen Ehe die kirchliche Weihe geben zu lassen. Mitten in der Trauhandlung, als der Bräutigam eben im Begriff war, das bedeutungsvolle„Ja" auszusprechen, richtete der Pastor an ihn die Frage:„Sie sind wohl nicht ganz nüchtern?" Der Bräutigam, der infolge eines körperlichen Nebels beim Stehen etwas zu zittern pflegl und hierdurch wohl Veranlassung zu der Frage des Pastors gegeben haben mag, war cbcnio überrascht wie die übrigen Teilnehmer der Trauung. Zunächst verstand er aber den Pastor gar nicht. Dieser wurde aber deutlicher und meinte:„Sie können ja nicht gerade stehen. CS ist mir»och nicht vorgekommen, daß ich einen Bräutigam in betrunkenem Zustande getraut habe." Der so Angeredete erklärte, er sei ebenso nüchtern wie der Pastor selbst. Darauf erklärte der Pastor die noch nicht beendete Feier für geschlossen und wandte sich zum Gehe». Erst nachdem auf Veran lassung der Braut der Bräutigam um Fortsetzung der Trauung ge- beten hatte, beendete der Pastor in aller Form die Feier.— Die Zeugen des Vorfalles versichern, daß der Bräutigam durchaus nicht betrunken war und daß die durch den Pastor verursachte Störung bei den kirchlich gesinnten Angehörigen des jungen Paares peinliches Auffehen erregt hat. Der Berliner Konsumverein teilt uns mit, daß er in seinem am 27. September abgelaufenen Geschäftsjahr in den eignen Geschästeu für 629 529,65 M. Waren unigesetzt habe, in den Liefcrantengeschästen erzielte er einen Umsatz von 170 002,05 M. Im vorigen Jahr betrug der Umsatz 485 410,64 M.: es ist mithin eine Steigerung von 30 Proz. eingetreten. Der Reingewinn stellt sich auf 34 290,79 M. wovon 31 981,28 M. als Rückvergüwng an die Mitglieder ver- teilt wurden. Dem Reservefonds wurden 1459,51 M. überwiesen. Beschäfttgt wurden: 1 Geschäftsführer, 1 Buchhalter, 1 Buchhalterin, 11 Lagerhalter. 2 Verkäufer, 11 Verkäuferinnen und 11 Aufwarte frauen. An Gehälter wurden verausgabt: an das Coinptoirpersonal 5688,30 M., an die Lagerhalter 18 788,33 M. und an die Verkäufer und Verkäufermnen 10 988,85 M. Die Arbeits zeit beträgt zehn Stunden, Sonnabends elf Stunden, mit einer Mittagspause von zwei Stunden, an Sonn- und Festtagen sind die Verkaufsstellen geschlossen. Ferner gewährt der Verein seinen Angestellten nach zweijähriger Thätigkeit eine Woche und nach fünfjähriger Thätigkeit zwei Wochen Urlaub. Im letzten Sommer erhielten neun Angestellte den ihnen zustehenden Urlaub. Die Kranken- und Jnvaliden-Bersicherung wird von dem Verein für alle Angestellten voll bezahlt; es wurden dafür 1220,02 M. aufgewendet. An Steuern wurden 1011,30 M. bezahlt. Bemerkt sei noch, daß der Berliner Konsumverein ein Centralbureau und zwölf Verkaufsstellen unterhält. Der Markcnerlös der LandrS-BersicheningSanstalt Berlin belicf sich im Oktober dieses Jahres auf 697 049 M., das sind um 47 293 M. mehr als der Erlös des vorjährigen Oktobers. In den ersten zehn Nionaten des laufenden Jahres wurden im ganzen für 6 414 634 M. Beitragsmarken verkauft. Der Erlös war um 392 327 M. höher als in denselben Monaten des vorhergehenden Jahres. Bou den Anträgen auf Ueberweisimg zur Fürsorge- Erziehung iverden in Berlin nach den bisher gemachten Erfahrungen zwei Fünftel Ivieder zurückgezogen und im Vorverfahren aufgegeben, über zwei Fünftel werden durch Ucberwcisnngsbeschluß erledigt und annähernd ein Fünftel wird vom Gericht abgelehnt. Das Fürforge- ErAiehungS- Gesetz trat in Kraft am 1. April 1901. Von diesem Zeitpunkte bis zum Herst 1903 wurden hier 3129 Anträge auf Ueberweisung gestellt, von denen 2864 jetzt erledigt sind. Die Er- ledigung erfolgte in 1165 Fällen durch Zurückziehung des An- träges, in 1217 Fällen durch�Beschluß der Ueberweisung zur Für sorge- Erziehung, in 482 Fällen durch gerichtliche Ablehnung des Antrages. Maiiolesco in Freiheit. Der internationale Hochstapler mid Hoteldieb ManolcSco, gegen den, wie wir kürzlich meldeten, die vor den Wiener Strafbchörden schwebende Untersuchung eingestellt worden war, ist seinem Schicksal, nach Berlin ausgeliefert zu werden, ent gangen. Wie aus Wien berichtet wird, wurde der geriebene Hoch- stapler sofort nach Erlaß des Einstellungsbeschlusses nach Marchegg gebracht und auf freien Fuß gesetzt. Augenblicklich weilt Manolesco in Budapest. Von dort aus hat er seinem bisherigen juristischen Vertreter Dr. Victor Rosenfeld in Wien geschrieben, daß er dem- nächst nach Rumänien überzusiedeln gedenke, wo er, da er sechs Sprachen spreche, eine Stellung zu erlangen hoffe. Sollte ihm dies wieder Erwarten nicht gelingen, so wolle er nach Japan aus- wandern. Im Hotel erschossen hat sich in der Nacht zu gestern der 29 Jahre alte Kaufmann Erich Hammerstein, der eben erst von einer Reise nach Berlin zurückgekehrt war. Hammerstein war schon seit fünf Jahren nervenleidend und bereits in einer Anstalt. Gegen den Willen seiner Eltern ging er vor kurzem mit eineni Phonographen nach Haniburg, um dort Borstellungen zu geben. Gestern morgen kehrte der junge Mann zurück und besuchte gleich seine Eltern. Da er noch kränker war als bei der Abreise, so rieten ihm diese, eine Heilanstalt aufzusuchen. Davon wollte er jedoch nichts wissen, erging vielmehr in ein Hotel im Landsberger Viertel, wo er sich unter seinem richtigen Namen als Schausteller eintrug. Gestern morgen kurz nach 2 Uhr hörten Angestellte des Hotels einen Schuß fallen und fanden den Gast tot in seinem Bett liegen. Der Lcichcnstmd in Pankow, der, wie öfter berichtet wurde, Gerüchte von einem Morde veranlaßte, ist jetzt vollständig aufgeklärt. Es liegt kein Verbrechen vor, vielmehr ergab die Leichenöffnung, die am Mittwoch in der Pankower Friedhofskapelle vorgenommen wurde, daß der 56 Jahre alte wohnungsiose Maurer Ferdinand Kutzner in dem Kohlfeld am Gehirnschlag gestorben ist. 2>/z- Minntcnvcrkehr auf der Stadtbahn. Ein fahrplanmäßiger Verkehr von 2>/>, Minuten wird zum erstenmal im nächsten Frühjahr auf der Berliner Stadtbahn eingerichtet werden. Eine dichte Zug- folge ist selbstverständlich zu Zeiten ungewöhnlich starken Andranges an Sonn- und Feiertagen schon öfters dagewesen. Neu aber wird die Aufnahme dieses Betriebes in den regelmäßigen Fahrplan für die Werktage sein. Außer der Ringbahn werden auch die neu gebildeten Linien Potsdam—Grünau, Westend— Erkner und alen'see— Kaulsdorf wie schon jetzt die Vorortzüge nach deni Grunewald und nach Grünau über die Stadtbahn laufen. Das Ineinandergreifen dieser zahlreichen Linien bedingt eine Folge von 24 Zügen in der Stunde für die Zeiten des starken Verkehrs. Eine so dichte Zugfolge ist zunächst für die Zeit von 6 bis 8 Uhr morgens und von 5 bis 8 Uhr abends vorgesehen. Sonntags und Feiertags wird der 2'/-z- Minutenverkehr in den Stunden von 11 bis 4 Uhr eingerichtet werden. GaSvergfftung. Der Schlächtermeister Venske in der Lübbener- straße 5 bekam am Mitlwochnachmittag ein neues Dienstmädchen, eine 18 Jahre alte Martba Adler aus Breslau. DaS Mädchen hatte drei Jahre auf einer Stelle gedient und war Frau Venske von ihrer Mutter, die in Breslau lebt, empfohlen worden. Nachdem es nachmittags zugezogen war, erhielt eö abends als Schlafraum die Küche zugewiesen und legte sich unr 10 Uhr zur Ruhe. Gestern morgen um 6'/z Uhr fand der Meister, der das Mädchen wecken wollte und keine Antwort erhielt, es in der mit Gas angefüllten Küche tot im Bette liegen. Der Gummischlauch des Gaskochers lag an der Erde. Die Leiche wurde zur gerichtsärztlicheu Oeffnung be- schlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Mädchen von dem ausströmende» Gas erstickt ist. )ahin lautet auch das Gutachten der Aerzte, die noch längere Zeit Wiederbelebungsversuche anstellten. Da zu einem Selbstmord keine ersichtliche Veranlassung vorliegt, so ist wohl anzunehmen, daß das Mädchen in dem ihm noch fremden Räume unglücklicherweise an die Gasleitung geraten und den Schlauch abgerissen hat. Sttasieitbahiicn nach dem Nordosten. Die Große Berliner Straßen- bahn hat bei der Aufsichtsbehörde folgende Anträge gestellt, um dem Verkehrsbedürfnis des Nordostens zu genügen: 1. Die Einführung einer fahrplamnäßigen Linie Prenzlauer Allee«Ecke Danzigerftraße)— Alerauderplatz—Königstraße— Schloßplatz— Werderscher Markt— Fran« zösischestraßc—Charlotteustraße— Zimmerstraße— Königgrätzerstraße— Anhalter Bahnhof szurück im Schleifenbetricbe durch die Anhalt- und Kochstraße). 2. Die Durchführung eines Teils der Wagen der Linie Schöncberg— Alexaudcrplatz durch die Neue Königstraße bis zum Königsthor. 3. Die Bc.längerung der Linie 80. Eharlottenburg— Schlesischer Bahnhof, bis zum Baltenplatz, unter Durchführung eines Schleifenbetriebcs mit wechselnder Richtung über folgenden Weg: Holzmarktstraße— Andreasstraße— Küstriner Platz— Thaerstraße— Baltenplatz— Petersburgerstraße— Landsberger Allee— Alcranderplatz— Schloßplatz bczw. umgekehrt. lLinien80 und 81.) 4. Die Verlänge» rung der Linie 9. Moabit— Schlesischer Bahnhof, ebenfalls bis zum Baltenplatz gleichfalls in Schleifenfonn mit wechselnder Richtung über folgenden Weg: Holzmarktstraße— Andreasstraße— Küstriner Platz— Thaerstraße— Balteuplatz— Petersburgerstraße— Landsberger Allee— Landsberger Thor— Sttaußbergerstraße— Große Frankfurter- straße— Andreasstraße und zurück(Linien 9 und 6). 5. Zur Aus- gestaltung des Verlchrs zwischen Nordosten und Westen ist die Ein- richtung einer Linie Danzigersttaße— Schöncberg in Vorschlag ge» bracht, ivelche durch die Weißenburger-, Schönhauser-, Oranienbiirger-, Friedrich- und Karlstraße über den Königsplatz und das Brandenburger Thor, den Potsdamer Platz, die Potsdamer-, Lützow- und Genthinersttaße, den Nauendorf- und Winterseldtplatz nach Schöne- berg geleitet werden soll(Linie 56). Feuerbericht. Ein größerer Kellerbrand verursachte Donnerstag» mittag die Alarmierung mehrerer Löschzüge nach der Jägerstr. 33. gegenüber der Reichsbank. Durch Ueberheizung der Heizanlage hatte in der Nähe liegende Holzwolle und Packmaterial Feuer gefangen, das sehr schnell um sich griff. Brandinspektor Rohnstock fand bei seiner Ankunft schon einen ausgedehnten Brandherd vor. Er ließ daher sofort mit zwei Schlauchleitungen unter Anwendung von Rauchschutzapparaten in den vergualmtcn Kellerraum vordringen und beseitigte in verhältnismäßig kurzer Zeit die Gefahr.— Ein größeres Löschaufgebot wurde nachmittags 4 Uhr infolge mehrfacher Meldung nach der Göbenstr. 20 gerufen. Hinter einem Seifenkeller hatte sich hier ein Brand entsponnen, der indes rechtzeitig bemerkt wurde. Er konnte mit Leichtigkeit abgelöscht werden, weshalb die Löschzüge nach wenigen Minuten wieder abrücken konnten. Im wesentlichen wurden Möbel und Wäschestücke vernichtet.— Außerdem hatte die Wehr in den letzten, 24 Stunden noch an verschiedenen andern Orten Alarinieruugen zu verzeichnen, doch handelte es sich hier in allen diesen Fällen um ganz unbedeutende Anlässe. Babel und Bibel im Eirkus Schumann. Es ist mehr als die bloße Laune eines um bunte Masseneffekte verlegenen EirkuSdirettors. daß er in der Manege den Streit austragen läßt, der ob der Frage Babel und Bibel in den Köpfen ebenso gelehrter wie gesinnungs- treuer Thronstützen in letzter Zeit entbrennen durfte. Wir bewundern vielmehr den scharfen Blick des Herrn Schumann, daß er dieser von vornherein mit dein Applomb eines Ausstattungsstückes auf- getragenen Angelegenheit in feinen Räumen eine behagliche Wohnstutt bereitet hat, und wir wünschen, daß auch andre im Mantel der Ge- lehrsamkeit eingehüllte Schlagworte so ernsthaft wie nur immer mög- lich hier auf ihres Wesens Wert untersucht werden. Gar sinnig und zeitgemäß ist schon der Beginn des Stückes. Daß vor etlichen sechs- tausend Jahren die Geister des Umsturzes den Staub ihrer himmlischen Seimat von den Pantoffeln schütteln mußten und bald darauf das cchstage-Werk der Weltschöpfung begann, ist eine Wahrheit, die für preußische Gemcindeschüler und gute Katholiken immerhin Geltung behalten mag, mit deren Kurswert es aber in der übrigen Mensch- heit doch nicht mehr weit her ist. Man muß dem Zeitgeist ent- gegen komnien und so ist es im Lande des Herrenhauses und andrer Ucberbleibsel der Sündflut schon eine ganz zeitgemäße Konzession, wenn von oben die Erlaubnis erteilt wird, da» Alter der Mensch- heit um drei Jahrtausende, nämlich auf das Jahr 7000 v. Chr. zurück zu datteren. Mehr können Darwin und Häckel, wenn anders sie nicht für vollendete llmsturzgeselleu gelten wollen, wahrhaftig nicht verlangen. Nachdem so unter Berücksichtigung aller maß- gebenden Faktoren und unter Abwägung aller einschlägigen Interessen die Geburtsurkunde unsres Geschlechts berechtigten Zweifeln gegenüber so nett in Ordnung gebracht ist, wie der junge Graf Kwilecki es für seine Person nur immer verlangen kann, wird dem Zuschauer Augen- weide um Augenweide bereitet. Es hält schwer, alles aufzuzählen, was die Direktion unter Assistenz der Firma Baruch u. Co. dem lieben Publikum bietet. Semiramis und Sardanapal aus der alten Ge- schichte und Hammurabi aus der allerneueften treten auf. ebenso Adam und Eva in einem unhistorisch groß geratenen Kostüm von Feigenblättern; ferner der schwarze Walfisch zu Askalon und der feurige �Ofen des Bal zu Babel, und der Hiiumel weiß, was sonst noch für historisch beglaubigte Berühmtheiten. Eisengepanzerte Ritter, römische Equites, die drei Könige aus dem Morgenlande, polnische Jude» auf dem Zuge durchs Rote Meer und dann in den phantasievollsten Variationen ein Ballet von beinahe erdrückender Massenhaftigkeit. Nachdem wir noch den Turmbau zu Babel, die hängenden Gärten der Semiramis und die Erfindung der Keilschrift angestaunt haben, kommt am Schlüsse eine geradezu märchenhafte Apotheose aller Cirkuswissenschaft, in der die Kunst des DelorationSnialerS und des Bcleuckitungsinspektors wahre Orgien feiert. Kurz, Direktor Schumann hat der in Preußen offiziell rekommandierten Wissenschaft in seinem Ausstattungsstück neue Bahnen gewiesen, er hat gezeigt, wie man eS machen mutz, um auch di« abgrundtiefste Gelehrsamkeit dem Verständnis der Massen zu er- schließen. Möge diese Wissenschaft ihrem Föderer dankbar sein. Apollo-Theatcr. Daß berühmte Primadonnen aus Liebe zur Kunst und zum Mammon den Sprung von der Opernbühne auf» Brettl riskieren, ist ja längst nichts Neues mehr. Ob jedoch schon Herrschaften fürstlichen Geblüts von den Variötöbühne aus Künstler- rühm eingeheimst haben, dürste fraglich sein; cS sei denn, man halte eine Dame von dem Ruf der Pignatelli für voll- werttg. Dem Apollo-Theater ist es jedoch gelungen, einen wirkliche» Prinzen und dazu noch einen von Preußen aus seinem Programm zu haben. Die„Vision nach dem Balle", die an dieser Stätte allabendlich aufgeführt wird, ist vom Prinzen Albrecht von Preußen komponiert worden und zwar ganz leidlich. Robert Steidl und Klara Ktemann spielen und singen mit bekannter Bravour und thuu in unsrem trotz alledem demokratischen Zeitalter ihr Teil, um auch andre Personen aus dem Gvthaischcu Kalender zum „Vertonen" anzuregen. Neben diesem Ohrenschmaus weist das Programm in den„Passeparts" vorzügliche Verwand- lungttänzer auf und in„Kelley und Aßby" behende Excentrics, die ausgerechnet ein Billard als Operationsfeld erkoren haben. V rtreffliche Dressurkünste an Pferden, Hunden und Tauben giebt Frau Tschernoff zum besten und die aus drei Damen und einem Herrn bestehende Franeois-Truppe leistet Erstaunliches in Handständen und ähnlichen Akrobatenkünsten. Blau sieht eine bunte Gesellschaft, zu der noch die Operette„Frühlingslust" kommt, deren Melodienfülle und Ausstattuugspracht nach wie vor verdienten Bei- 'all weckt. Im Wintergarten berühren sich gar merkwürdig die Gegensätze. Otto R e u t t e r ist ein alter Bekamiter, der uns auch dann mit einen- immer witzigen Schlagern willkommen ist. wenn er die Kaiser- Insel und was drum und dran hängt, sich als Objekt seines Spottes auswählt. Sieben diesem Frechdachs, der nicht einmal vor der Polizei Respekt hat, eine Künstlerin, die geradenwegs von der Pariser Komischen Oper in den Wintergarten Annette Gillard ist fiter nicht unbekannt, sie hat eine vorzügliche Stimme, die sie mit weiser Schulung zu verwerten weiß; daß auch sie dem VarihtS verfallen ist, mag aufs neue als Beweis für desseit Entwicklung dienen. Die Stratzensängerin Bollen Lassan wirkt m niederen Regionen; ihre in allen möglichen Sprachen vorgetragenen Lieder haben aber einen guten Klang. Aus dein reichen Programm führen wir ferner den Ricsenpierrot Piwitt an, ebenso den Jongleur Salerno, die Excentrics Wood und Bates, die vier Schwestern Merkel sowie die Brenno-Familic. Schließlich seien die Reck- turnkllnstler saphos soioie der Hundedresseur Little Fred genannt. Theater. Bei der Wiederholung des vom Schiller- Theater im Bürgersaale des Rathailses veranstalteten Theodor F o n t a n e- A b e n d s ain Sonntag, den 6. Dezember, loirken als Sprecher: Gertrud Arnold, Friedrich Holthaus und Erich Ziegel vom Schiller-Theater mit. Die Gesangsvorträge hat wieder Herr Otto Rathjens, den einleitenden Vortrag der Schriftsteller Reinhold Ortmann übernommen. Treptow-Sternwarte. Am Sonntag, den 6. d. M.. spricht Direktor Archenhold nachmittags 5 Uhr aus der Treptow-Sternwarte über„Einführung in die Astronomie", abends 7 Ilhr über „Die Bewohnbarkeit der Welten". Am darauffolgenden Montag, den 7. d. M., lautet das Thema abends 7 Ilhr:„Der Mond aks Führer auf hoher See". Wie alljährlich, fallen aitch in diesem Jahre ankden letzten beiden Sonntagen vor Weihnachten sowie am ersten Feiertage selbst die Vorträge aus. Mit dem großen Fernrohr werden Jupiter und M o n d beobachtet. Huö den Nachbarorten. Die Eharlottcnburger Stadtverordneten-Bersammlung beschäftigte sich am Mittwoch noch einmal inchr als drei Stunden hindurch mit dem Fall Ströhler. Wieder wurden von den verschiedensten Seiten. insbesondere von den Liberalen und von Ströhlers bisherigem Fraktionsgenossen Ellenburg Fälle zur Sprache gebracht, die, wenn sie wahr sind, beweisen, daß unter der Herrschaft Ströhler eine Korruption eingerissen ist, die ihresgleichen sucht. Nicht nur die Wahl von Stadträten wurde von der Zeichnung von Anteilscheinen für die Ströhlerschc Zeitung abhängig gemacht, sondern auch Firmen, die sich um Lieferungen für die Stadt bewarben, mußten Anteilscheine nehmen. Die Sache wird vielleicht durch ein gerichtliches Verfahren geklärt werden. Herr Ströhler teilte nämlich mit, daß er gegen einige Stadtverordnete und einige Zeitungen die Beleidigungs- klage angestrengt habe. Seinen Vorsitz niederzulegen, dazu konnte sich der so heftig Beschuldigte nicht verstehen, er will sich nur bis aus weiteres der Ausübung der Amtsgoschäfte enthalten. Aber auch hierzu ließ er sich erst durch eine schärft Erklärung der liberalen Fraktion bewegen. Thatsächlich hat die Aera Ströhler nun ihr Ende erreicht, denn daß er in, nächsten Jahre von neuem zum Vorsteher gewählt wird, daran ist nicht zu denken. Von den zahlreichen Vorlagen, die ans der Tagesordnung standen, gelangten nur wenige zur Erledigung. Eine längere Debatte entstand über die Frage der B a u p o l i z e i- O r d n u n a f ü r den Stadtteil jenseits der Spree. Zur Beratung ckllcr Fragen, welche mit dem vom Magistrat gestellten Antrage auf Abänderung der für die Stadtteile jenseits der Spree geltenden Baupolizei-Ordnung in Verbindung stehen, war ein Ausschuß eingesetzt worden. Dieser empfahl der Stadtvcrordneten-Versammlung folgende Beschlußfassung: „1. In Erwägung, daß der Magistrat infolge der ihm aufgetragenen vertraulichen Behandlung nicht in der Lage ist, eine Auskunft über die Art der beabsichtigten Aenderung des Bebauungsplanes für das Gebiet jenseits der Spree zu erteilen, andrerseits aber die Angelegenheit_ für die Gemeinde von außerordentlich großer Tragweite ist, beschließt die Stadtvcrordneten-Versammlung, bei den zuständigen Behörden(dein Polizeipräsidmm Berlin, dem Berliner Bezirksausschuß uitd dem Minister der öffentlichen Arbeiten) vorstellig zu werden, von jeder Aenderung der Bau- Ordnung von tM8 abzusehen, zumal durch den Bebauungsplan schon eine erheb- liche Beschränkung des bcbauungsfähigcn Geländes eingetreten ist und durch eine weitere Baubeschränkung die Beschaffung von billigen und zugleich gesunden Wohnungen erschwert iverden würde. 2. Der Magistrat wird ersucht, die von dem Vorsteher vollzogene Eingabe an die beteiligten Behörden weiter zu geben." NamcnS der socialdcmokratischen Fraktion wandte sich Genosse Dr. B o r ch a r d t in einer etwa cinstündigcn Rede gegen diese An- träge; er präcisierte die socialdemokratischcn Forderungen und wies nach, daß die Ausschutzanträge lediglich den Hausagrariern zu gute lammen. Aber trotz seiner überzeugenden Gründe gelangte der Ausschußantrag mit einer unbedeutenden Aenderung zur Annahme. Angenommen wurde ferner die Magistratsvorlage betr. die Auf- nähme einer 12 Millionen-Anleihe zur Beschaffung der Mittel zur Verbreiterung und Verlängerung der BiSinarckstraße. (Döbcritzer Heerstraßen-Projekt.) Alle andren Vorlagen wurden vertagt, darunter auf Antrag unsrer Genossen, die Wert darauf legen, daß eine so bedeutende Porlage vor vollem Hause verhandelt wird, auch die über die Er- höhung der Pflcgesätze für das Krankenhans. Die Bcrnaucr Angelegenheit. Die amtliche„Beel. Korr." schreibt: „Wegen der empörenden Vorgänge, welche bei der letzten Landtags- wähl in der Kirche zu Bernau sich abgespielt haben, ist vmt den K i r ch e n b c Hörden alsbald eine eingehende Untersuch n n g eingeleitet worden." Wenn diese Untersuchung unparteiisch geführt wird, dann wird sie manchem konservativen Wahlmann recht unan- genehm werden. Groß- Lichterfeldr. Bei der Gemeinderats- Ersatzwahl, die am Mttwoch für die dritte Klasse im westlichen Teile de-Z Ortes vorgenommen wurde, erhielten unsre Genossen Wenzel und Hopf leider nur 296 und 291 Stimmen, während die vereinigten Ord- nungskandidaten.Böhme und Schulze mit je 522 Stimmen gewählt wurden. Wenn auch die Wahl nach den alten Listen vor- genommen wurde, so ist doch ganz sicher, daß recht viele Arbeiter die Erfüllung ihrer Wahlpflicht versäumt haben. EZ wird einer energischen Aufrüttelung der Gleichgültigen bedürfen, daß bei der ordentlichen Wahl im Frühjahr ein besseres Resultat erzielt werde. Todessturz von der Eisciibahu. Von einem Eisenbahnzug ab- gestürzt und tödlich verunglückt ist auf Bahnhof Stolpe an der Nordbahn der Bremser Degener aus Pankow. Degcner versuchte auf den soeben von Stralsund gekommenen Güterzug zu springen, als sich dieser bereits wieder in Bewegung gesetzt hätte. Das be- treffende Trittbrett des Wagens war jedoch durch den darauf liegenden Schnee so glatt geworden, daß der Fuß keinen Halt fand und Degcner auf die Schienen stürzte. Mehrere Güterwagen gingen über ihn hinweg, so daß der Körper völlig zermalmt wurde und der Tod sofort eintrat. Der Verunglückte hinterläßt Frau und zwei kleine Kinder. Der gesiirchtcte Wilddieb Paul Trcmpler aus Nolvawes, der vor sechs Wochen auf dem Rücktransport von Potsdam nach dem Tegeler Gefängnis bei Nenbäbelsbcrg atts einem in der Fahrt begriffenen Eisenbahnzuge sprang und sich seitdem in den ausgedehnten Waldungen zwischen Potsdam und Bclzig verborgen hält, übt jetzt als„Fafanenschwefler" eine unheilvolle Thätigkcit ans. In den Waldungen halten sich viele Fasanen auf. die auf hohen Bäumen zu nisten pflegen. Trcmpler kennt diese Schlafstätten genau und sucht sie zur Nachtzeit auf, um an einer langen Stange breimenden Schwefel zu befestigen und mit diesem die Bäume, ans denen er Fasanen ver- tautet, abzuräuchern. Die Tiere können die Schwefeldämpft nicht vertragen und fallen betäubt von den Bäumen herab, worauf sie von Trempler mühelos ergriffen und getötet werden. Es wurde durch die vorgefundenen Spuren festgestellt, daß der gefährliche Wilderer in der letzten Zeit fast jede?Iacht auf dem Fang war. Trotzdem ist es bisher nicht gelungen, feinen Schlupfwinkel auf- zufinden._ Gerichts-Zeitung. Ein Akt maßloser Roheit führte gestern den Jalousic-Fabrikantcn Emanuel H e i a e ck e unter der Anklage der schweren Körperverletzung vor die vierte Strafftmuner des Landgerichts I. Der Angeklagte nahm nach dem Tode seiner Ehefrau seine Lljährigc Konsine, die uii- verehelichte Marie Dorack, bei sich auf. Sie führte ihm nicht nur den Haushalt, sondern der Angeklagte wußte sie auch noch zu überreden, ihm die Rechte eines Ehemannes einzuräumen. Das Mädchen soll häufig schweren Mißhandlungen ausgesetzt gewesen sein; als das Paar aber eines Morgens wieder in Streit geriet und das Mädchen sich zur Wehr setzte, packte der Angeklagte cS am Halse und stieß es mit solcher Gewalt wiederholt mit dem Kopf gegen die Wand, daß es eitteit Schädelbruch erlitt. Nachdem die Schuld durch die Beweis- aufnähme festgestellt worden war, beantragte der Staatsanwalt gegen den Angeklagten 6 Monate Gefängnis. Ter Gerichtshof erkannte auf 1 Jahr Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. „Warenhaus- Würste" bildeten den Mittelpunkt einer Beleidigungsklage des Kaufmanns Wilhelm Stein gegen den verantlvortlichen Redakteur der „Deutschen Tageszeitung", Ernst Schacht, welche das hiesige Schöffengericht mehrere Stunden hindurch beschäftigte. Das Steinsche Warenhaus in der Chausseestraße besitzt eine umfangreiche Nahrungs- mittel-Abteilung und kündigte für�die sogenannten„Ausnahmetagc" so billige Preise für Würste an, daß die Schlächtermeister und Fleisch- Warenhändler darüber den Kopf schüttelten. So wurden angekündigt: Wiener Würste zum Preise von 6 Pf. pro Paar, feine Koch-Leber- Würstchen 4 Stück für 16 Pf., feine Braunschweiger Mettwurst das Pfund zu 89 Pf.— Tie„Allg. Fleischer-Zeitung" brachte über den Verkauf von Fleischwaren zu solchen Preisen einen Artikel, der darauf hinaus lief, daß solche Wurst unmöglich reelle Ware sein könne und hob auf Grund einer ihr vom Schlächtermeister Schwandt gewordenen Mitteilung hervor, daß vor dem steinschcn Warenhause wiederholt der Wagen des Schlächtermeisters Beck aus Charlottenburg, Kirch- platz 4, gehalteit habe und einmal ein ganzer Posten Würste von einem Möbelwagen abgeladen worden sei. Gegen Herrn Beck und seinen Gesellen Hennig war seiner Zeit ein Strafverfahren wegen Nahrungs- mittelverfälschung eingeleitet gewesen, weil er verdächtigt worden war, Pferdefleisch zur Wurst zu verarbeiten. Das Verfahren hat seiner Zeit mit Freisprechung geendet, weil durch die Verhandlung festgestellt wurde, daß der Geselle ohne Wissen des Meisters zweimal für sich selbst ein kleines Nebcngcschäft mit dem Verkauf von Pferdefleisch gemacht hatte. Ter Inhalt des Artikels der„Allg. Fleischer- Zeitung" war in die„Deutsche Tagcs-Zeitung" übergegangen und diese hatte noch eine kleine Bemerkung über solche Art von„Juden- Wurst" hinzugefügt.— Gegen die„Allg. Fleischer-Zcitung" ivar Herr Stein, der Inhaber des Warenhauses, mit einer Privatklage vorgegangen, aber abgewiesen worden, weil er zu svät zum Termin gekommen war. Er ist dann mit einer Civilllage gegen die„Allg. Flcischer-Zeitung" vorgegangen, die noch schwebt, aber in erster Instanz zu seinen Gunsten ausgefallen ist.— Gestern handelte es sich nun um die gegen den Redakteur Schacht erhobene Privatklage. Dieser bestritt jede Absicht der Beleidigung und versicherte, daß erden Artikel nur aus volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten auf- genommen habe. Ter Privatklägcr öenritt seinerseits, daß in den von ihm verkauften Würsten jemals sich Pferdefleisch befände und betonte, daß er seine Fleischwaren von durchaus reellen Lieferanten beziehe, die sich zur Abgabe nur reeller Ware schriftlich verpflichtet hätten. Tie billigen Preise erklären sich dadurch, daß sie eben an „Ausnahmetageit" gestellt würden; bei einzelnen dieser Fleischwaren gebe er thatsächlich Geld zu, sie dienen nur gewissermaßen als Lock- mittel. Außer dieser interessanten Tbatsache brachte die Beweis- aufnähme auch den Beweis dafür, daß sich Wurftfabritänte» en gros um solche Lieferungen an Warenhäuser bewerben und mit einem Nutzen von 1 Pf. oder gar einem Atom von 1 Pf. arbeiten. Es tourden drei Schlächtermeister geladen, welche die betreffenden Wurst- waren an das Warenhaus Stein geliefert hatten. Sie lehnten es sämtlich entschieden ab. jemals Pferdefleisch verarbeitet zu haben. Sic behaupteten, daß sie auch bei den von ihnen berechneten Minimal- preisen noch zurecht kämen, namentlich in der jetzigen Zeit der billigeren Fleischpreise, da sie an das Steinsche Geschäft oft 2999, 3999 und 4999 Paar Würste abzuliefern haben. Die Preise müßten aus Konkurrenzrücksichten bei einzelnen Posten so niedrig gestellt werden, wenn matt sich die Lieferung andrer Posten, bei denen größerer Gewinn herausschaue, sichern wolle. Im übrigen nehme Herr Stein die Fleischwaren nur ab, wenn sie tadellos feien.— Obermeister Moritz Schmidt und der gerichtliche Sachverständige für Flcischwarcn, Schlächtermeister Hermann Koch. begutachteten übereinstimmend, daß es unter normalen Verhälttüssen gar nicht möglich sei, die Wurstwaren aus gutem Material so billig herzustellen. wie sie hier auSgeboten würden.— Der als Zeuge vernommene frühere Schlächtermeister Beck und dessen früherer Geselle H e n s ch e l beschworen, daß sie niemals an das Steinsche Waren- haus Fleischwaren geliefert haben und der Privatkläger ihnen über- Haupt nicht bekannt sei.— Nachdem die Beweisaufnahme so weit gediehen loar, erklärte Rechtsanwalt II l r i ch für den Beklagten, daß er auf weitere Beweisaufnahme verzichte: Rechtsanwalt H e n n i g- s o n erklärte namens des Klägers die Bereitwilligkeit, der Beweis- erhebung völlig freien Lauf zu lassen. Es kam darauf folgender Ver- gleich zu stände: Der Angeklagte erklärt: er habe auf Grund der heutigen Beweisattfnahme keinen Anhalt dafür, daß in dett vom Warenhause Stein in den Handel gebrachten WurftwaWit Pferdefleisch mit verarbeitet ist, insbesondere halte er sich auch überzeugt, daß zwischen dem früheren Schlächtermeister Beck und dessen Angestellten keine geschäftliche Beziehung mit dem Warenhaus Stein bcslaitdeit hat. Er nimmt daher den in Nummer 518 der„Deutschen Tages-Zcitung" vom 4. November 1992 zum Ausdruck gebrachten Verdacht zurück uud trägt die Kosten des Verfahrens. Versammlungen. Tie in Luxuspopier- und Celluloidwaren-Fobriken beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen hielten am Montagabend eine össentliche Versammlung ab, in der B r i't ck n e r die vom Buchbinderverbande geführten Lohnbewegungen besprach und den in der LuxuSpapicr- brauche Beschäftigten, die bisher noch nicht gut organisiert sind, den Wert und die Bedeutung der gcwcrlschaftlichcn Organisation klar machte. Demselben Zweck dienten auch die Ausführuttgcn des folgeudcn Redners, S ch a r n o w, der eine Reihe von Mißständen zur Sprache brachte, die in den einzelnen Fabriken der Branche bc- stehen. Mißstände, die ohne erhebliche Schwierigkeiten beseitigt wcrdctt könnten, wenn die betreffenden Arbeiter und Arbeiterinnen Soli- darilätsgefühl genug besäßen, um gemeinsam auf der Herstellung menschenwürdiger Zustände zu bestehen. In den meisten Fällen handelt es sich darum, daß die betreffenden Meister ein fast un- umschränktes Regiment in ihren Ressorts führen, tittd, um sich selbst bei der Fabrikleituitg beliebt zu machen, mit den ihnen unterstellten Arbeitern und Arbeiterinnen nach Belieben und Willkür verfährcii. In vielen Fällen ist es ttur ans das Treiben der Meister zurück- zuführen, wcttn bei niedrigen Löhnen möglichst hohe Leistungen aus den Arbeitern und Arbeiterinnen herausgepreßt ivcrdcit. Unter anderm teilte der Redner mit. daß die Tircktnec in der Prägerei der Firma Hagclberg einer Arbeiterin, die mit dem niedrigen Accord- verdienst unzufrieden war, gesagt habe:„In der genannten Fabrik wären die Mädchen froh, wenn sie täglich eine Mark verdienettl" Die Direktrice stelle mit Vorliebe junge Mädchen von außerhalb ein, die zur Arbeit am Balance angelernt werden. Diese ungeübten Arbeiterinnen erlitten oft Verletzungen bei ihrer besondere Uebung und Achtsamkeit erforderitdcn Thätigkeit. Tfiatsächlich kämen in kcittcr Fabrik in solchem Maße Unfälle der am Balance beschäftigten Mädchen vor, wie bei Hagelberg.— Aussehen erregte die Verlesung der Fabrikordttung der Firma Lange u. Wunsch. Ein Passus dieser Fabrikordttung lautet:„Neucngagicrte Leute, welche nur einen Tag arbeiten, haben keinen Anspruch ans Lohn." Schlecht gelieferte Arbeit wird nicht bezahlt, und das bei solchen Arbeiten verwendete Material den Arbeitern in Abzug gebracht.— Der Prägemeisier der Firma Priester u. Eik sei bestrebt, durch Herabsetzung der Aecordpreise das Defizit hcraüszuwirtschaftcn, welches die Finna im vorigen Jahre hatte. Derselbe Prägemeister habe durch„Ueberredung" versucht, die organisierten Arbeiterinnen zum Austritt aus dem Verbände w bewegen. Bei einem Teil der Beschäftigten sei ihm das gelungen, diejenigen aber, welche dem Verbände treu blieben, seien„ivegen Mangel an Arbeit" entlassen worden. Ein bezeichnendes Gegenstück zu den von der bürgerlichen Presse verbreiteten, meist mtbeloiescnen Erzählungen vom„Tcrrorismus der Arbeiter". Eine große Reihe ähnlicher Mißstände wurden sowohl vom Referenten ittie von den Diskussionsrednern angeführt. Zmn Schluß wurde eine Resolution angenommen, in der die Versammlung ihre Entrüstung ausspricht über die geschilderten Zustände, besonders über die traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse; weiter wird gegen die Maßregelung organisierter Arbeiter und Arbeiterinnen protestiert und die Pflicht aller Bcrufsangchörigcn zum Eintritt in den Buchbindcr-Verband ausgesprochen. Der Arbeitcr-Sängerbund hielt am Sonntag, den 29. November, in der Brauerei Friedrichshain eine Ansschußsitzung ab. Zur Aufnahme in den Bund hatten sich die Vereine„Hoffnung". Dahme i. d. Mark, und„Echo", Zehlendorf, gemeldet. Dieselben wurden einstimmig aufgenommen. Verspätet hatte sich ein Verein aus Havelberg gemeldet, dessen Aufitahme bis zur nächsten Ausschuß- sitzung zurückgestellt wurde. Nach längerer Diskussion wurde ein Antrag dahingehend angenommen, daß vom nächsteit Jahre ab allen Vereiiten, die vom Sängerfest bis zur 2. Ausschutzsitzttng noch nicht abgerechnet haben, eine Mahnung zugehen sollte. Nach Erlediguttg einiger interner Bundesangelegenheiten werden den ausständigen Textilarbeitern in Crimmitschau 299 M. überwiesen. Ecntralvcrband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands, Bezirk Berlin Norden. Freitag, den 4. Dezember, abends 8'l, Uhr; Bezirksversammlung bei Paul Pfeffer, Rojenthakerstr. 57. Vortrag des Schriststellers Georg Daoidsohn über„Heinrich Heine"(anschltetzeitd Reeitationcii aus Heines Werken). BilletS zur Ausstellung der Berliner Seeession werden in dieser Sitzung statt zu 1 M. mit 19 Ps. abgegeben.— Bezirk Berlin Südwesten. Freitag, den 4. Dezember, abends 9 Uhr: BczirkSsitzung im Bellcallianec-Casino, Bcllcallianecstr. 87. 1. Vortrag des Herrn Julius Cohn über„Die dcuische Krankeugesctzgcbung". 2. Verbands- angelegenheiten. Gäste sind willkommen. Vermischtes. Der zu Zuchthausstraft verurteilte Stadtverordnete Adolf Bauer aus Köln ist in Paris verhaftet worden. Die Aus- lieferungsverhandlungen sind int Gange. Bauer stand in hohem Ansehen, war Vorsitzender des Rheinisch- Westfälischett Thonröhrett- ShndikatS, Hauptmann der Reserve und Stadtverordneter der ersten Abteilung. Seine Verurteilung zu 18 Monateit Zuchthaus erfolgte wegen Unterschlagung von 18090 M. und wegen versuchter Ver- leitung zum Memelde; wegen Unterschlagung weiterer 39999 Di. schwebte noch die Untersuchung. In dieser Sache winde Bauer öfter zum Schreibsachverständigen geführt; aber nicht wie ein gewöhnlicher Verbrecher oder wie ein focialdemolranscher oder polnischer Redakteur, sondern stets per Droschke, und der begleitende Schutzmann mußte sogar Civilkleidung tragen. Der Schutzmann ließ bei diesen Gängen den Bauer wiederholt seine Wohnung aufsuchen und sich restaurieren Während dein Schutzmann bei einer solchen Gelegenheit aufgetischt wurde, verschwand Bauer mit Hilft seiner Angehörigen, und es gelang ihm, im Automobil über die Grenze zu lomincii. Auch in der Gefangenschaft genoß Bauer eine bevorzugte Behandlung. Raubmord. Aus Leipzig wird gemeldet: Gestern nachmittag in der vierten Stunde wurde der Händler Joseph Cohn, geb. am 28. August 1846 in Namslau, in seinem Geschäftslokale. Secbnrg- straßc 23, von einem Handwerksburschen, der sich bei ihm ein Paar Stiefel kaufen Ivollte, hinter der Ladentafel in einer Blutlache liegend aufgefunden. Der Handwerksbursche holte sofort einen Schutzmann' herbei, der den Tod Cohns feststellte. Das Blut floß aus einer Wunde, die sich am Hinterkopfe befand. Nach den weiteren Ermittelungen unterliegt es keinem Zweifel, daß hier eilt Raubmord vorliegt; die Wunde hat sich, dem„Leipz. Tagebl." zufolge, als eine Schußwunde erwiesen. Wie sich weiter ergeben hat, ist eine Summe vott 700 bis 800 Di., zumeist aus Silbergeld bestehend, geraubt worden. Bon dem Thäter fehlt bis jetzt jede Spur. Sturmwarnung. Wegen eines bei den britischen Inseln er- schienenen tiefen barometrischen Minimums, das mit stürmischen Südwestwinden in nordöstlicher Richtung fortschreiten dürfte, in gestern mittag die deutsche Küste von Borkum bis Greifswalder Oie seitens der Seewarte gewarnt worden. Mord und Selbstmord. In einem Hotel in Köln ivurde vorgestern nachmittag 6 Uhr ein Mord und Selbstmord verübt. Em seingckleidctcr Herr, der dort mit einer Dame ans Berlin. Logis genoinmcn und mittags noch mit seiner Begleiterin gespeist batie, erschlug mit cincin Hammer die Dame und tötete sich dann selbst durch einen Schuß in dett Kopf. Bon der Nordenskjöldschcn Expedition wird aus Buenos Aires vom 2. Dezember gemeldet: Die„Uruguay" ist mit den Mitgliedern der Nordenskjöldschen Expedition heute nachmittag in den hiesigen Hafen eingelanfen. Die Diitglieder wurden an Bord des Schiffes von den Ministern begrüßt. Der Mimstersekretär für Marine, Kapitän Bedbeder, hielt namens des Präsidenten Roca eine An- spräche. In der Stadt, die Flaggeitschmuck angelegt hatte, wurde den Gästen von einer zahlreichen Menschenmenge ein glänzender Empfang bereitet. Der Univerfitätsbrand in Ottawa. Die Zahl der Bermiglückten beim Brande der katholischen Universität in Ottawa ist, wie von dort gemeldet wird, etwas größer, als die Angaben der ersten Bc- richte besägten. Danach wurden vier Priester, sechs Studenten und zwei Diener, als sie sich zu retten versuchten, schwer verletzt. Zwei der Priester sind bereits ihren Verletzungen erlegen. Das Universitäts- gcbäude ist vollständig zerstört worden. Marktpreise von Berlin am 2. Dezember 1903 nach Ermiltcluiigcn des kgl. Polizeipräsiditims. �Weizen, gut D.-Citr mittel gering„ »Roggen, gut mittel gering. fGerste, gut mitlcl gering fHascr, gut mittel .. gering Richlstroh Heu, Erbsen Speisebohnm Linsen • ab Bahn. I 16,10 16,00 15,00 15,05 13,01 12,07 14,30 13,10 11,00 15,70 14,40 13,20 4,16 7,10 40,00 50,00 60,00 16,05 15,05 15,85 13,03 12,99 12,05 13,20 12,00 10,80 14,50 13,30 12,10 3,82 5,00 25,00 25,00 20,00 Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 lex do. Bauch„ Schwcinejlcisch Kalbfleisch Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 60 stück 1 da per Schock •f frei Wagen und ab Bahn. 6.50 1,80 1,50 1.60 2,00 1.80 2 80 5,00 2,20 2.80 2.60 2,00 1.80 3,00 1,40 15,00 5,00 . 1,20 i 1,10 1 1,00 i 1,20 1.10 2,00 3.00 : 1,20 1,10 i 1,20 I 1,00 1 0,80 i 1,40 ' 0,80 1 3,00 Witterungsüberficht vom 3. Dezember 1903, morgens 8 Uhr. Stationen LS SS Ii I S a« Well« Swinemde. 763 WSW 2hciter Hamburg 763!SsW> 2bcdeckt Berlin 765 sW! 2 heiler Frants.a.M. 7g8 O i 2 bedeckt München 1766[D 2bcdcckt Wien f 767 NW! 1 bedeckt >-»»- c Ä all, = >M _ 2 1-2 zt i_ 2 -1 Stationen |s Ii »=• •o C i«■ 'aparanda 757 Still ietcrSburz 7i>3�SW Deller t» ss £ S. II c L» HS, Cork Stberdeen Paris ,757 767 SSW — ivokkent—23 ISchnee 1—0 ORcgctt 8 RNO I k Nebel Wetter-Prognose für Freitag, den 4. Dezember 1993. Zunächst ziemlich heiter bei lebhaften südwestlichen Winden und b». trächllich steigender Temperatur; später zuttehtnende Bewölkung und Regen., Berliner W e t t e r b u r e a u. "Perantniovtt. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin. Jnjeratcnlcll verantwortlich: Dh. Glocke tit Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci und Verlagsanstalt Paul Sing» ie Co., Berlin SW