Kr. 5. Hbonncmcnts-Bedingungen; MmmcmentZ. Preis pränumerand»: Weiteljährl. SPS MI., mono». 1,10 MI., wöchentlich W Pfg. frei WS HauS, Einzelne Rümmer K Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags« Beilage«Die Reue Welt' 10 Pfg. Post, Monncment: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen w die Post-Zeitung S- PreiSIiste. Unter Kreuzband fSr Deutschland und Oesterreich« Ungarn i Marl, für das übrige Ausland g Marl pro Monat. 31. Jahrg. VIchellit UzIIch»uStl lNoolZg». Vevlinev Volksblskk. Sie snleftisnz-Sebllhi' delrSgt für die fechSgespaltene Kolonel- zeste oder deren Raum«0 Pfg., für politische und gewerlschaftliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen 25 Psg. „Klrinc Hnzeiecn". das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer inüflen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition Ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis S Uhr bormsttagS geöffnet. Telegramm-Adresse: „SozUldcoiokrit Rtrlln" Zentralorgan der foztaldemokrattfchen Partei Deutfchlande. Der Pfarrer von Crimmitschau. Nun hat auch die Crimmitschauer Geistlichkeit zum Klaffen- kämpfe, der dort wütet, öffentlich Stellung genommen. In der soeben zur Ausgabe gelangenden Nr. 2 der„Christlichen Welt" veröffentlicht der Ortspfarrcr S ch i n k aus Crim?nitschau auf Ver- anlafsung des Herausgebers jenes Blattes einen offenen Brief, der vom 27. Dezember datiert und geeignet ist, die anscheinend schon wieder im Einschlafen begriffene Bewegung der Crimmitschau er Arbeiter zum Austritt a u S der sächsischen Landeskirche von neuem zu cnt- fachen. Ilm so mehr, da dieser Brief des Pfarrers die ausdrückliche Sanktion von dessen vier Amtsbrüdcrn, die neben ihm in Crimmitschau thätig sind, erhalten hat. Da dieser Brief auch sonst von der Ocffentlichkeit und vor allein von unsren Scharfmachern aller Schattierungen gegen die Ausgesperrten und die Arbeiterbewegung ausgenutzt werden wird, so lohnt eS sich schon, ihn gleich jetzt cnt- sprechend niedriger zu hängen. Pfarrer Schink mitsamt seinen Kollegen bringt es fettig, alle S ch u l d an den gegenwärtigen bitteren Zuständen ausschliestlich auf feiten der Arbeiter, alle Entschuldigung aus feiten der Arbeitgeber zu finden. Und das, obwohl er sich selbst als„eines Fabrikarbeiters Kind" bekennt,„das in seiner Jugend aus eigenster Anschauung und am eignen Leibe Armut, Niedrigkeit und Dienstbarkeit kennen lernte" 1 Er erklärt trotzdem schlankweg, daß er„ans feiten der streikenden Arbeiter weder in materieller noch in formeller Beziehung ein Recht finden könne, das die Entfesselung eines so auherordentlichen, ein grohes, blühen- des(soll) Gemeinwesen in die schlimmsten Ge- fahren st ürz ende„Kampfes zu rechtfertigen ver- möchte". Der„Streik" sei von den Arbeitern freventlich vom Zaune gebrochen worden. Dabei hätten sich die Textilarbeiter„in guten wirtschaftlichen Verhältnissen" befunden, und auch„während des nun schon so lange andauernden Streiks hätten die Arbeiter sich nichts abgehen zu lassen brauchen".„Wie nianchem Arbeiter drausten, der seine sauer verdienten Unterstützungs- groschen beisteuert, mag es viel schlimmer ergehen als den hiesigen Streikenden/' ruft der hochwürdige Herr aus. Er hat also nur Hohn und Spott für die geradezu bewundernswerte Opferwilligkeit des gesamten deutschen Proletariats! Und er gerät in die höchste Entrüstung, daß die Mehrzahl der deutschen Zeitungen, obwohl „ihre Referenten von kundigen und ehrlichen Leuten an Ott und Stelle über die Wahrheit belehrt worden sind, doch in sensattoneller Form das Gegenteil über die Arbeiterzustände in Crimmitschau schreiben".„Wie verrottet der gröstte Teil der gewöhn- lichen Presse sei. sei ivohl selten offenkundiger geworden, als im Verlaufe dieses unglückseligen Streiks". Dem Planne und seinen Herren Amtbrüdcrn kommt offenbar auch nicht einmal von Ferne der Gedanke, daß diese„verrotteten Zeitungsreferenten" sich bei ihren Recherchen„an Ort und Stelle" nicht mit den Auskünften des Herrn Pfarrers und einiger Fabttkanten begnügt, sondern sich mit eignen Augen umgesehen und gefunden haben könnten, daß die Zu- stände in der Arbeiterbevölkerung in der That das Gegenteil von dem bezeugten, was ihnen der Herr Pfarrer versichctt hatte. Dabei bringt dieser selber auch nicht einen einzigen Thatsachen- oder Zahlen beweis") für die angeblich so guten wirtschaftlichen Ver- Hältnisse der Crimmitschauer Arbeiterbevölkerung vor! Ein Hinweis auf das„verhälwismätzig gering belastete städtische Armcnbudget' und die„Erfahrungen der fünf städtischen Geistlichen" ist alles I Keine Lohnliste, kein HauShaltsbudget, nicht einmal eine Aufstellung aus einem Unternehnierbureau, geschweige " Lebensmittel» aber nicht beiden dortigen Geschäftsgang auf radikal gefährdet hat? Aber ii mitwirkst, wmv(ituiuiy uuv cuiv»*k s-v j ite t lvui. wu denn irgendwelche allgemeinere Angaben über Wohn-, und Kleiderpreife in Crimmitschau! So lange die a gebracht werden, behalten die von unsrer Seite zusammengetragenen thatsächlichen Angaben ihre Kraft und die Behauptungen des Herrn Pfarrers wirken nur als horrende, von Patteilichkett eingegebene Uebertreibungcn. Das zeigt sich auch sonst in seinen weiteren Urteilen über die Crimmitschauer Arbeiter. Er gesteht ja freilich an einer Stelle zu, daß„unsre" Arbeiter„zum größten Teil fleißige, ruhige, nüchterne und gut gesinnte Leute" sind. Trotzdem beschuldigt er sie an einer andern Stelle des unerhöttesten Streikterrorismus: «Nicht aus innerer Begeisterung, sondern aus reiner Furcht vor dem Terrorismus bleiben Tausende der Arbeit fern". Trotzdem erklätt er, daß der„Streik" aus keinem andern Grunde als um „Herr in der Fabttk zu werden", von ihnen begonnen worden sei. Trotzdem bestreitet er ihnen so viel„Bildung", um die„Berechttgung und Notwendigkeit" der großen Aussperrungsaktion seitens der Herren Unternehmer„zu verstehen". Und von der Arbeiterjugend schreibt er gar:„Ungehöttg ist vielfach das Auftreten der jungen Burschen und der jungen Mädchen, und wenn unser Schiller während dieses Streiks unter einem gelvissen Teile des streikenden weiblichen Geschlechts sich hätte umsehen können, würde er lvahrscheinlich sein schauS— aber auch für diese sch. Beleidigungen bringt der Herr Pfarrer nicht den Schatten eines thatsächlichen Beweises! Andrerseits sind die Arbeitgeber in seinen Augen Engel der Unschuld und„Gerechttgkeit". Sie konnten nur„aus Gründe- oer Konturrenz" und„weil die ganze hiesige Jndusttte durch fahre- ' r-t«. j-.i—----— nr. r*— geschwächt "' aber WD,,„_.___________■______ Verhältnissen" der Arbeiter'zusammen? Un? weiß der Herr Pfarrer #) Nur an einer Stelle giebt er sich mit Zahlen ab, da, wo er sich über den Auswitt aus der Landeskirche beschäftigt. Er macht da folgende thatsächliche Mitteilungen: Am Sonnabend vor Weihnachten erschienen ca. 200 Menschen in der PfarramtS-Expedition, um ihren AuSttttt zu erklären. Des Andrangs wegen wurden die 7 ersten auf Sonntag, den 20., die nächsten 15 auf Montag, den 21., weitere 15 auf Dienstag, den 22. Dezember, alle andern nach Weinachten wiederbestellt. Von den 37 zuerst bestellten hatten dann bis zum 27. Dezember IS ihren AuSttttt vollzogen. nicht einmal, daß eine Einschränkung der Arbeitszeit keineswegs eine Verschlechterung deS Geschäftsganges bedeutet? Daß ander- wärtS sin seiner Nachbarschaft, z.B. in Meerane) der Zehnstundentag auch in der Textilindustrie besteht und die Geschäfte dennoch gehen? Daß die brutale AuSsperrungstaktik der Crimmitschauer Unternehmer " eine lange Zukunft ganz anders und in den Augen dieses Geistlichen sind die Fabrikanten in Crimmitschau allein die eigentlichen Notleidenden: „Mit der viclbencidcten Fabrikantenherrlichkeit ist eS ja überhaupt nicht lveit her," sie ist„hinfällig" und„vergänglich", schafft„Schiffbruch" oder doch„ein sorgenvolles Dasein". Die Arbeiter aber hätten auch auS sanitären Gründen keinen Anlaß, den Zehnslundcntag zu wünschen: „Auch nicht sanitäre llebclstände konnten bei der Planung des Aus- standes maßgebend sein, denn die hiesige Fabnkthättgkeit ist bei weitem nicht io gesundheitswidrig, als dies vielfach in Zeitungen und zwar selbst von auswärtigen medizinischen Größen dargestellt wird. Geradezu auffällig ist die geringe Zahl der Lungenschwind- süchtigen in unsrer Gemeinde, und sowohl unsre Acrzte als auch unsre Gemeindeschwestern finden die gesundheitlichen Verhältnisse wie auch die allgemeine Sterblichkeit in hiesigem Orte schlechterdings nicht schlimmer als anderwärts." Wiederum auch hier nicht der Schatten eines durchschlagenden Beweises für diese über die Maßen wie von einem Unfehlbaren ge- fällten Urteile. Denn was er als Beweis anfühtt, zerfließt vor der Fülle von sanitären Gründen, die auch nur der Socialhygieniker sür den Zehnstnndcntag anzuführen gezwungen ist. Aber es kommt' noch viel schlimmer mit diesem Pfarrer von Crimmitschau. Auch für die allgemein vcruttcilten Polizei- maßregeln der s ä ch s i s ch e n' B e h ö r d e n hat der Mann nur Worte h ö ch st e r Anerkennung, und wieder, auch in diesem Zusammenhange, für die Ausgesperrten nur Worte schärf st er An klage und Beleidigung:„Nachdem, was wir damals erlebten, als noch keine Gendarmerie hier weilte, empfanden es alle Verständigen als einen großen Segen und auch als eine(jroße Verwaltung s Weisheit, daß die Polizeikräfte verstärkt wurden.... Wer beobachtet hat, wie in den ersten Tagen die Arbeitswilligen drangsaliett worden sind..., wie weiter besonders das junge Volk den Polizei-Organen begegnete, mußte die Lammesgeduld. Besonnenheit und Würde unsrer sächsischen Polizei-Organe bewundern! Und nach diesem Lobeshymnus auf die Gendarmen, so uneingeschränkt, wie ihn nicht einmal der sächsische BundesratSbcvollmächtigtc im Reichs tage anzustimmen wagt und wie er nur ans verwandtschaftlichsten Empfindungen heraus möglich erscheint, stehen dann gleich Sätze wie diese:„Um so zielbewußter, energischer und rücksichtsloser bc- trieben nun die Streikenden ihren Kampf in den Häusern, von Stube zu Stube... Wie man da die Arbeitswilligen beleidigte und ängstete, wie die Freiheit der andern frech mit Fußen getreten wurde, spottet jeder Beschreibung." Aber auch für diese ungeheuerlichen Anschuldigungen, in denen auf jeder Zeile eine neue Beleidigung steht, bringt der Pfarrer keinen, auch nicht den gering st en Thatsachen- beweis. So niedrig schätzt dieser Scelenhirte den größten Teil seiner„Herde" ein, so verachtungsvoll glaubt er sie behandeln zu dürfen! Aber noch mehr! Auch„in Bezug auf die unglückseligen C h r i st b e s ch e r u n g e n muß er— die Behörden in Schutz nehmen"!„Sie konnten gar nichts andres thun, als was sie gethan haben." Und er thut sich, scheint's, etwas Besonderes darauf zu gute, daß die Geistlichkeit in dieser Angelegenheit zu vermitteln geneigt und— ihrerseits bereit war,„in den geplanten Arbeilcr- Christbescherungcn Ansprachen zu halten und alles zu fördern, wodurch diese Feiern zu christlichen und für die Behörden zu erlaubenden Feiern geworden wären". Wie gnädig! Aber es hat „niemand darauf reagiert," fügt der Mann bedauernd dazu und stellt damit, ohne eS zu wollen, der tausendköpfigen Arbeiterschaft von Crinnnitschau, ihrer Charakterfestigkeit und Ueberzeugungstreue selbst das höchste Ehrenzeugnis anS. Es wäre in der That auch eine tolle Feier für die Ausgesperrten geworden, denn auch das verrät der Bttefschreiber, was die fünf geistlichen Herren jetzt sonn- täglich in den Kirchen predigen:„Jeoe Gelegenheit wird benutzt, um dem Frieden(!) zu dienen. Das Wichtigste dabei ist, die immer mehr s i ch verwirrenden sittlichen Begriffe der Masse nur einigermaßen wieder z u r e ch t zu rücken. Alle Bergehungen gegen die zehn Gebote, selbst Mord und Vaterlandsuerrat, werden niedriger eingeschätzt als Streikbruch. Durch solche Umwertung von Gut und Böse will man natürlich die Arbeitswilligen schrecken". Diese letzten Sätze, die wir citieren, enthüllen zugleich die innerste Gesinnung der fünf Geistlichen und ihr gegenwärtig vornehmstes Be- streben. Es geht auf nichtsmehr undnichts weniger hinaus, als die Autotttät ihrer Stellung, der Bibel, der Kirche und Kanzel Sonntag für Sonntag zu benutzen, um Streikbrecher zn machen. Die fünf Geistlichen von Crimmitschau entpuppen sich hier mit beneidenswerter Naivetät als die Helfershelfer der Fabrikanten, genau wie die behelmte Polizei daselbst. Damit aber wird der Brief des Crimmitschauer Ortspfarrers .u einem neuen wertvollen Agitationsmittel für die kämpfenden elden von Crimmitschau, zu einem neuen Anstoß siir alle denkenden Arbeiter, mit ihren Sammlungen nicht nachzulassen, und zu einem neuen Mittel, noch stärker wie bisher in den weitesten nichtproletattschen Kreisen die Sympathie für die Ausgesperrten zu erwecken. Noch mehr, dieser Brief wird zu einem neuen, dauernden zeitgeschichtlichen Dokument, zum Beweis für die völlige Verwirrung aller sittlichen Begriffe in den Kreisen derer, die an- geblich und vornehmlich zu sittlichen„Führern des Volkes" berufen sind. Und mit Grausen ivendet sich jeder freiheitlich und gerecht Empfindende von einer Kirche, deren Vertreter einstimmig in so ernster Zeit zu einem solchen Bekenntnis fähig sind. Wir wollen um der Gerechttgkeit willen nicht verhehlen, daß der Herausgeber der„Chttstlichen Welt". auch ein Theolog«, klar und deutlich das Tischtuch zwischen sich und Herrn Schink zerschneidet und alles moralische und öffentliche Recht auf feiten der Ausgesperrten sieht, ihnen allein Sieg und Glück wünfckt. Aber wir wissen auch, daß er und seine Gefinnungs- genossen in ihren Kreisen nur eine schwache Minderheit sind. U n d darum bleibt auch trotz ihrer das oben gefällte Urteil in seinem ganzen Umfange bestehen. Politische Gcberficbt. Berlin, den 6. Januar. Der Opfermut der Ausbeuter. Unter die Geschäftsspesen der Textilindustriellen sind neuerdings auch Summen zur Vernichtung ihrer Konkurrenz in Crimmitschau aufgenommen. Diese Aufreizung zum Selbstmord kleidet sich bos- hafter Weise in die Forin einer Wohlthättgkeits- und Solidaritäts- aktion. Man sammelt für die bedrängten Cttmmitschaner Fabttkanten, um sie zum Ausharren gegenüber den Webern zu verlocken und damit in den eignen Untergang zu treiben. Während die Arbeiter ihre Sammlungen sür die Ausgesperrten von Cttmmitschan in aller Oeffentlichkeit unternehmen und in der Presse quittieren, sammeln die Jndustttellen„streng verttaulich", und in ebenso„streng vertraulichen" Cirkularen wird der Empfang der Gelder bestättgt. Bergleicht man aber die Summen, welche die Arbeiter zusammenbringen, mit den Beihilfen der Unternehmer für die Cttmmitschauer Kollegen, so erscheint dieser kapitalistische „Opfermut" als äußerst geringfügig. Die Herren können sich nur schwer entschließen, von dem ihren Arbeitern erpreßten Mehrwert einen irgendwie beträchtlichen Teil für allgemeine Zwecke zu„opfern", obwohl dieses Opfer schließlich doch nur siir persönliche Geschäfts- intereffen aufgewandt wird. Vor uns liegt de?„streng vertraulich" mitgeteilte Ergebnis der Sanimlung des„Verbandes schlefifcher Textil- I n d u st r i e I l e r" vom 16. Dezember 1603 bis zum 5. Januar 1904; in dieser Zeit ist nur etwas mehr als 30 000 M. zusammengekommen, nicht viel mehr als die Berliner Arbeiter an einem Tage aufgebracht haben. In dem Cirkular vom 4. Januar werden diejenigen Firmen, „welche bisher einen Beitrag nicht gezahlt haben", dringend gebeten, „die Entrichtung eines solchen baldthunlichst in Erwägung ziehen zu «vollen. Es scheint nicht"— so wird bemerkt—«daß der Crimmitschauer Ausstand in Kürze beendet sein wird. Weitere Stärkung der dorttgen Arbeitgeber ist deshalb unerläßlich und eine Ehrenpflicht der gesamten Tcxttlindustttc." Die Erfüllung dieser„Ehrenpflicht" aus Geschäftsinteresse wird, wie gesagt, so billig geleistet, daß nur 30 000 M. in drei Wochen beigesteuert worden sind. Unter den Schürern des Crimmitschauer Fabttkantenwahns befinden sich natürlich zahl- reiche freisinnige Firmen. Ein guter Witz und kennzeichnend für das Wesen unsrer Sottalreformer ist. daß die Firma I. Schwerin u. Söhne, Breslau, 300 M. gezeichnet hat; diese Firma ist Mtglied der Berlepsch'schen Gründung, der„Gesellschaft für sociale Reform". Von historischem Interesse ist, daß die in Gerhard Hauptmanns „Webern" verewigte Firma des Weberaufftandes, E. F. Zwanziger ». Söhne in Pctcrswaldan 500 M. gestiftet hat. Eine in Wohl- thäterci machende Firma, die„Akttengesellschaft für Schlesische Leinen- industrie, vorm. L. G. firamsta u. Söhne" hat einen der höchsten Beiträge für Arbcitertrntz sich abgerungen. 2300 Mark. Die durch ihre im Reichstag durch Bebel wegen ihrer Hunger- löhne gekennzeichnete„ErdmannSdorfcr Aktiengesellschaft für Flachsgarn- Maschinen- Spinnerei und Weberei Zillcrthal" beteiligt sich mit 300 M. an der guten Sache. Besonders interessiert ist nattirlich auch eine englische Firma, die Cttmmitschauer Konkurrenz zu Grunde zu ttchten: die„Englische Wollwaren-Manufaktur vorm. Oldrohd u. Blakelch in Grünberg giebt 1380 M. Die Mehrzahl der milden Spenden ist geringfügig. Heinrich Heller in Grünberg begnügt sich mit baren 9 M.. I. Ad. Eckarth in Grünberg leistet sich 10 M., andre Firmen springen mit 15, 20, 30 M. ins Feuer, so das Riesenunternehmen von F. M. Schulz in Liegnitz(30 M.). An den gegenwärttgcn preußischen Kttegsminister erinnern die 30 M., die Franz v. Einem, Reichenbach, gezeichnet hat. Auch die verschiedenen dem Centralvcrband folgenden Ver- einigungen„opfern" in glänzender Weise. Der kapitalkräftige „Verein deutscher Schiffswerften' hat an den Central- verband ganze 3000 M. überwiesen. Nebenbei fordert der Verein aber noch verttaulich seine Mtglieder auf, einzeln sich an der Samm- lung zu beteiligen:„Wenn nicht... eine imponierende Beteiligung der Arbeitgeber hervortritt, so wäre dies den enormen Summen gegen- über, welche die Socialdemokratie für ihre Zwecke zusammenbringt, eine sehr deprimierende Erscheinung. Soll mit der beabsichttgten Kundgebung ein durchschlagender Erfolg erzielt werden, dann muß die Jndusttte geschlossen austreten und Summen ausbringen, die einen gewaltigen Eindruck machen!" So heißt es in dem Cirkular des Vereins deutscher Schiffswerften. Ob die 30 000 M. der schlesischen Textilausbeuter diesen ge- waltigen Eindruck machen? Allerdings zwei Haupthetzer in Chemnitz sollen tiefer in die Tasche gegriffen haben. Ein Maschinenfabrikant und ein Großstädter wollen von den Millionen ihrer Unternehmer- intelligenzarbeit je 100 000 M. ablassen. Was aber bedeutet selbst dieser„Opfermut" gegenüber der Handlungsweise des Schuh- macherS Paasch in Neustadt(Schleswig-Holstttn), der von einem Erbteil in der Höhe von 1200 M. 100 M. sofort an die Crimmitschauer Weber abfühtte. So opfert das Proletattat, weil seine gute und große Sache zum Opfern begeistert!— Vor der Entscheidung steht min offenbar die ostasiatische Krise. Wahrscheinlich wird der Beginn der Landung der japanischen Tnippen in Korea die diploma- ttschen Verzögerungsmanöver jäh beenden. Kann doch Rußland im- möglich in aller Ruhe zusehen, wie sich Japan ans dem Festland eine Operati onsbasis schafft. Noch zwar verstummen nicht die Sttnnncn, die eine Erhaltung des Fttcdens nicht aus dem Bereich der Möglichkeit verweisen wollen, wenn auch nur eines vorläufigen Friedens. Allein Japan hat gerade alle? Interesse daran, sovald als möglich loszuschlagen. Denn seine militärischen Kräfte sind auch in ein oder zwei Jahren noch die gleichen, während Rusiland bis dahin seine Land- und Sec-Streitkräftc in Ostasicn verdoppelt und verdreifacht haben konnte. Japan kann also, wenn es anders nicht auf Korea und seine Großmachtstellung verzichten will, die jetzige relativ giinstige Situation gar nicht mi- gewitzt verstreichen lassen. Seine Verhandlungen mit Rußland konnten nur dann zu einem für ihn annehmbaren Ergebnis fähren, wenn Rußland ihm Korea bedingungslos ausliefert. Erhält Japan nicht das Recht. Korea ge- wissermaßen in eine japanische Provinz zu verwandeln und an allen strategisch wichtigen Punkten mit starken militärischen Besatzungen zu belegen, so ist ihm nicht genützt. Rußland würde sich im andern Falle den Teufel um allejAbinachungcn kümmern und, sobald es sich stark genug dazu fühlte, ebenso skrupellos in Korea einmarschieren, wie es sich der Mandschurei bemächtigt hat. Wenn also russische Zeitungen erklären, in Korea konnten ohne Verletzung der Hoheits rechte des Landes, die Jnteresien Rußlands sehr wohl gewahrt werden, so ist das eine Flunkerei, die auf Japan nicht den geringsten Eindruck machen kann. Andrerseits kann Rußland, will es scinc''ostasiatischcn Projekte, die auf eine Beherrschung Nordchinas und Koreas und die Jn-Schach- Haltung Japans hinauslaufen, nicht zu Wasser werden lassen, auch unmöglich in die Abtretung Koreas an Japan willigen. Was nützten Rußland seine beiden Häfen Wladiwostok und Port Arthur, wenn Japan durch die Nnnektion Koreas die Straße von Korea völlig beherrschte und dadurch dem russischen Geschwader im Norden und Süden der Halbinsel jede gemeinsame Operation unmöglich inachte I Es handelt sich also darum, ob Japan oder Rußland Korea annektieren darf— alle andern Tiftercnzpunkte spielen dieser Kardinalfrage gegenüber keine Rolle. Nach einer„Lasfan"-Meldu>ig soll König Eduard in Peters- bürg lebhafte Vorstellungen erhoben haben. Japans berechtigten Forderungen doch nachzugeben und einen Weltkrieg zu verhüten. Ein englischer Diplomat habe geäußert, daß die große Schwierigkeit der Frage jetzt Nordkorea bilde. Rußland verlange eine Neutralisierung Rordkoreas, während Japan Korea als Ganzes bebandelt wissen wolle. So wenig Japan Nordkorea„neutralisiert", d. h. Rußland aus- geliefert sehen mag, so wenig kann Rußland dulden wollen, da auch nur Südkorea Japan überlassen bleibt. Etwaige diplomatische Verhandlungen über solche Teilfragen dienen jedenfalls nur dem Zweck, die Zeit bis zum Losschlagen auszufiillen. lieber die drohenden Unruhe» in Korea und die Maßnahmen Japans und der Mächte zur Begegnung der- selben wird gemeldet: Port Arthur, ö. Januar.(Meldung der„Russischen Telegraphen- Agentur".) In Bezug auf die Arbeiterunruhcn in Molpho verlautet gerüchtweise, daß die I a v a n e r in Korea Unruhen hervor- rufen wollen, mn einen V o r w a n d zu haben, Truppen nach T s ch e m u l p o zu schicken. In T s ch e m u l p o ist ein englischer Kreuzer eingetroffen, derTr Uppen nach Söul zu senden gedenkt. Washington, 5. Januar. Ter heutige Ministerrat beschäftigte sich ausschließlich mit der Lage im fernen Osten. Der Kapitän des amerikanischen Kriegsschisfes„Vicksburg" tele- graphierte heute aus T s ck e m u l p o: Ich hatte eine B e s p r e'ch u n g mit dem amerikanischen Gesandten; wir sind übereinstimmend zu der Ansicht gelangt, daß die Lage in Söul sehr ernst ist. Es besteht � dort die Gefahr einer Revolte der koreanischen Soldaten. Im habe 40 Mann Marine- Infanterie dorthin abgesandt. Der Rest der Marine- Infanterie ist marschbereit. New jyork, 6. Januar.(Meldung des„Neuterschen Bureaus".) Wie aus Söul gemeldet lvird, sind die zum Schutze der amerika- nischcn Gesandtschaft aus Tschemulpo abgesandten tö Secsoldatcn des amerikanischen Kricgoschisies„Vicksburg" in Söul eingetroffen. Weitere 70 Scesoldateii werden morgen dort anlangen. Das amerikanische Transportschiff„Zaphiro" liegt in Tsche- inulpo. wo Rußland, Japan und Großbritannien Kriegsschiffe liegen haben. In Söul herrscht Ruhe; der Palast des Kaisers steht jedoch unter dem Schutze einer starken Wache. Söul, 0. Januar.(Meldung der„Agence HavaS".) Auf der Reede von Tschemulpo liegen zwei russische, zwei englische und ein amerikanischer Kreuzer. Ihre Offiziere erklären, daß die Schiffe bis zum Ende der Krise dort bleiben werden. Die koreanischen Behörden übernehmen für die Loyalität und die Manneszucht der koreanischen Truppen keine Ver- a n t w o r t u n g. Die Rüstungen Japans. Eardiff,!i. Januar.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) An der Kohlcnbörse herrschte heute außerordentliche Nach- frage nach Kohlen schiffen für O st a s i e n. Sechs große Schiffe sind bereits von einer Firma für Japan ge- chartert worden, vier andre wurden gelt er«gechartert und jetzt verlangt die Admiralität Kohlenschiffe zur Fahrt nach Hongkong und andren Kohlendepots im Osten. Man versichert, daß die Agenten der Admiralität für 5000 Tonnen-«chisfe, die zur Fahrt nach Hongkong fertig sind, 20 Schilling vro Tonne bezahlt haben, während man Sonnabend nur lO1,'* Schilling zahlte. Die Admiralität hat weiterhin zwei Kohlenschrffe zu je 5000 Tonnen für 20 Schilling pro Tonne zu Verladimgeu im Januar gechartert. Der Frachtsatz für Verschiffungen nach Japan hat sich gegen die Vorwoche um 7i/z Schilling erhöht. London, S.Januar.„Standard" meldet aus Tokio: Halb- amtliche Blätter betrachten den Bruch mit Rußland als bereits voll- zogenc Thatsache. Die Vorbereitungen für den Krieg werden in W l a d i lv o st o k eifrig betrieben. „Daily Telegraph" wird aus Tokio telegraphiert: Für den Fall eines Krieges werden, wie es auch im letzten Kriege der Fall war. die Regierung sowie der General- und Admiralstab nach Hiroshima verlegt werden, das eine außerordentlich günstige Lage hat. Die Ab- Wesenheit des Barons von Rosen bei den Feierlichkeiten in Tokio während der beiden letzten Tage wird viel besprochen. London, S. Januar. 120 englische pensionierte Seesoldaten und Reservisten und 10 Offiziere gingen heute nach Genua ab. uni aus den von Japan angekauften Kriegsschiffen„Moreno" und.Riva da Via" Dienst zu nehmen. DeutTcKen Reich. Zu den deutsch-russischen Bcrtragövcrhinldlmigen meldet der Handelsvertragsverein, daß die Nachricht des„Berliner Tageblatt". die Verhandlungen seien bis auf weiteres vertagt und auf diplomatischem Wege eine„Verständigungsaktion" eingeleitet, in unterrichteten Kreisen auf starke Zweifel stößt, wenigstens werde aus das bestimmteste oersichert. daß von einem Ab- bruch der Verhandlungen nicht die Rede sei. Man rechne vielmehr mit der baldigen Fortsetzung der Verhandlungen in Petersburg.„Allerdings hat die russische Regierung", heißt es weiter,„bisher keine Einladung für die dritte Lesung ergchen lassen. Doch wird angenommen, daß die Konferenzen nach den russischen Festen Ende Januar oder Anfang Februar wieder aufgenommen werden." ES ist also nicht eine„Vertagung bis auf weiteres" oder ein „Abbruch" der Verhandlungen, sondern nur eine Stockung ein- getreten— vielleicht auch„bis auf lveiteres". Fast scheint es. als wenn wirklich diesmal das„Berliner Tageblatt" mit einigem Recht seine übliche Phrase verwenden kam,: vnsre Meldung be- «stätigt sich."— Graf Könitz, der. wie wir gestern erzählten, dem Reichskanzler den Ncujahrswunsch eines Zuchthausgesctzes vortrug, hat soeben auch in einem Vortrag einige weitere koiiservätive Gesinnungstüchtigkeiten offenbart. Graf Kanitz lobt die Reden dcS Grafen Bülow gegen die Socialdcmokratie, aber er erklärt sich mit der vom Reichskanzler angekündigten Fortführung der socialpolitischcn Gesetzgebung— die in Wahrheit nur den Stillstand der Socialrezorm bedeutet— nicht einverstanden. Insbesondere den vom Kanzler für ferne Zeit und durchaus unsicher angedenteten Plan einer Arbcitöloscnversichcrung bc- kämpft er„wegen der unausbleiblichen Belastung der Arbeitgeber"; da iverde nicht mir die Landwirtschaft, sondern anch die Industrie nicht mehr mitgehen können. Wir sollten endlich einmal, crklärr Graf Kanitz, iiinchaltcn mit dem Ausbau unsrer socialpolitischcn Gesetze. Natürlich berief sich der Herr Graf zur Begründung dieser dreisten Herausforderung auf die irreführende Annahme, daß es im Auslände noch schlechter damit aussehe: will Herr Graf Kanitz nicht vielmehr endlich mit der Brotverteuerung innehalten. da im Auslände nirgends das Brot so teuer ist wie im Lande der Kanitze? Weiter bedauerte Graf Kanitz. daß ein Teil der Mehr- einnahmen, die durch den neuen Zolltarif aufgebracht werden sollen, für Begründung der Witwen- und Woiscnversicherung„in Beschlag genommen" sei: er hofft, daß es noch gelingen werde, diese Vorschrift aus dem Gesetze wieder zu beseitigen. Die Hauptsache ist natürlich für den Agraricr-Obcrsten, daß der Wuchertarif schleunigst in Kraft gesetzt und die Handels- Verträge gekündigt werden. Er werde die Interpellation seiner Partei über diesen Punkt im Reichstage begründen und cS dabei an der gehörigen Deutlichkeit nicht fehlen lassen.— Zur Immunität der Abgeordneten. Halle, 5. Januar. In Konsliki mit der Verfassung geriet heute die Strafkammer, wie wir bereits telegravhisch berichteten, in dem Pretzprozeß gegen den Reichstags-Abgeordncten, Redakteur Genossen Ad. Thiele vom Halle scheu„Volksblatt". Nach dem Artikel 01 der Verfassung kann ein Mitglied des Reichstages ohne Genehmigung desselben während der Sitzungsperiode lvegen einer mit Strafe bedrohten Handlung nicht zur Untersuchung gezogen oder verhaftet werden. Redakteur Thiele hatte es abgelehnt, zur Verhandlung zu erscheinen, und seinem Ver- leidiger Rechtsanwalt Hcrzfeld mitgeteilt, daß er sich Ivedcr ver- pflichtet noch berechtigt fühle, zu dem heute anberaumten Termin zu kommen. Als Thiele aber zur angesetzten Tcrminszeit nicht au- Ivcscnd war. beschloß das Gericht, auf Antrag des Etaatsaiüvalts, Thielcs zwangsweise Vorführung durch einen Kriminal- beamten. Im Gericht protestierte Thiele gegen die Termins- auberaumung und bezeichnete die Vorführung als eine verfaffungs- widrige Maßnahme. Auch der Verteidiger betonte, daß die Vorführung ein Eingriff in die persönliche Freiheit des Abgeordneten sei. Tie Vorführung sei ungesetzlich. Der Staatsanwalt hielt die Verhandlung für gesetzlich zuläisig und berief sich darauf, daß der Reichstag in diesem Falle eine Einstellung des Verfahrens nicht beschlossen habe, lvas nach Abs. 0 des Artikels 01 hätte geschehen müssen, um die Immunität zu sichern. Der Angeklagte entgegnet darauf: als er die Termins-Vorladung erhalten habe, sei der Reichstag bereits in den Weihnacksisferien gewesen, also habe er als Abgeordneter gar keine Gelegenheit gehabt, die Einstellung des Verfahrens zu beantragen. Vorher habe er gar nicht mit der Möglichkcü gerechnet, daß eine TerminS-Vorladung fonupen könne. Er beantrage Vertagung. Das Gericht beschloß nach langer Beratung, den Bertagungs- antrag abzulehnen und in der Verhandlung fortzufahren. Vc- gründet wurde der Gerichtsbeschluß mit den im 27. Bande festgelegten Reichsgerichts-Entscheidungen, nach denen Artikel 01 der Verfassung auf solche Verfahren, die vor dem Zusammentritt des Reichstages schwebten, keine Anwendung finde. Das Gericht könne „nicht darunter leiden", wurde dann weiter ausgeführt, daß der An- geklagte im Reichstage nicht rechtzeitig einen Antrag auf Einstellung des Verfahrens gestellt habe. Thiele protestierte nochmals auf Grund dcS Artikel? 01 der Verfassung gegen die Fortsetzung der Verhandlung und ließ seinen Antrag zu Protokoll nehmen. War das Verhalten dcS Gerichts bis hierher schon auffällig, so wurde es im weiteren Verlaufe der Verhandlung durch die Ab- lchnung dringender Beweisanträge noch auffälliger. Zur Anklage stand ei» am 21. Juni 1902 unter der Spitzmarke:„Da� verbotene Morgenständche»" veröffentlichter Artikel, in dem mitgeteilt ivordcn war/ daß der Kastellan Meißner in einer gegen ihn stattgehabten Gerichtsverhandlung gesagt hatte, der Ober-Polizei-Juspektor Weyde- mann habe den Kriegerverein Germania bei der Nichtgcnchniigung eines Morgenständchens für einen alten Krieger zurückgesetzt. Meißner wurde seiner Zeit wegen Nichtanmcldnng des Ständchens mit 1 M. bestraft. Genosse Thiele beantragte nun, da er zu dem Termin doch nicht vorbereitet gewesen sei, den Kastellan Meißner als Zeugen zu laden, u m feststellen zu k ö n neu, daß seitens des Herrn Weydemann der Kriegerverein Germania, dessen Ehrenmitglied W. früher gelvesen, nicht korrekt behandelt worden sei. Das Gericht lehnte aber diesen, wie auch andre BeweiSanträge ab. Nur der Bc- lastnngSzenge Wehdemann, der durch den Artikel beleidigt sein sollte. wurde vernommen. Er sagte natürlich, die Polizei habe immer objcltib und korrekt gehandelt. Ter Staatsanwalt beantragte dann gegen Thiele 11 Taoe Gefängnis und das Gericht erkannte auf einen Monat, sijcgcn das Urteil wird, hoffentlich nicht ohne Erfolg, Revision eingelegt._ Der Eutrüstungssturm gegen die neue» Offiziersmäntel. Nachdem der Entrüstungslärm gegen die neueste Aenderung der Offiziersuniform, als deren Objekt diesmal die Mäntel dienten, eine geradezu groteske Farm angenommen hat, beginnen jetzt etliche konservative Blätrer sacht abzuwiegeln. Man beginnt offenbar ein- zusehen, daß die bisherige Art der Kritik an jenen Anordnungen des obersten Kriegsherrn, deren Form nach der gestern gewürdigten Leistung der„Deutschen Tageszeitung" an Schärfe nicht mehr zu überbieten war, den ernsthaften Bekämpfern unsres Militarismus nur Wasser auf die Mühle liefert, während sie die Kritiker ielbst. die der ftondenden Masse des Volkes kaltblütig die uncr- härtesten Opfer für den Militarismus zumuten, in der schlimmsten Weise bloßstellt. So suchen denn heute die„Münchner Allgemeine" und die„Kreuz-Zeitung" einzulenken. Freilich, das edle Zeitungsgcschwister, das sich gegenüber einer solchen Kritik, wenn sie von s o c i a! d e m o k r a t i s ch c r Seite käme, in EntrüstungS- krämpfcn winden und gar nach dem Staatsanwalt schreien würde, weist die konservativen Kritiker nur sehr sanft zur Ordnung. Die„Münchner Allgemeine" warnt nur vor einet„Uebertreibung" der Kritik, deren Berechtigung im allgemeinen sie nicht bestreitet. Zwar müsse man sich nicht nur in der Form, sondern in der Sache vor Uebertreibung hüten. So dürfe anch nur nicht über- ehe« werdeii, daß von oben her nicht nur neue Offiziers- moden befohlen würden, sondern daß einem üppig wuchernden„groben Unfug" der Mode bei den Ossi- zierS- Uniformen auch von oben Einhalt gethan worden sei. Im übrigen weist das Münchener Blatt mit gut ge- heucheltem Ernst darauf hin, daß es doch ungerecht sei, den K r i e g s m i n i st e r für Anordnungen verantwortlich zu machen, die doch vom Kaiser ausgegangen seien. Als ob Centrum und Agrarier daS nicht ebenso gut wüßten, wie die Münchuerin selbst. In einem ähnlichen Gedankengange bewegt sich auch die Aus- laffung der„Äreuz-Zeitung". Auch sie mahnt zur Mäßigung der Kritik, die sich doch gegen den Kaiser selbst richte. Ueber die Not- wendigkeit gerade der angeordneten Unifonnänderung lasse sich ja (rreiten. Mein:„Der Schaden, der mit allzurascher Kritik angerichtet werden kann, ist viel größer, als die vielleicht an einer bedeutungslosen Stelle erreichbare Verbesserung." Die Llbwicgelung kommt zu spät. Centrum und Junker haben der Oefsentlichkeit bereits zu deutlich gezeigt, welche Töne sie an- schlagen, sobald einmal einem Teil der privilegierten Kaste eine relativ winzige materielle Schädigung droht. Die„Kölnische Volks zeitung" hat— wegen der Offiziersmäntel!— mit der Berweigerimg des Militäretats gedroht und die„Deutsche Tageszeitung" hat den Veranlasser der lliuformänderung in einem Stile apostrophiert, der ungefähr das Gegenteil Berliner Magistrats- adresstn darstellt. Wie würden diese„besonnensten, loyalsten Kreise" erst toben, wenn ihnen auch nur der zehnte Teil dessen widerführe, was man dem Volke bietet!—_ Allerneueste Uniformändcriingcn küngigt die„Kölnische Zeitung" an. Diesem Blatt zufolge verlautet in militärischen Kreisen auf daS bestimmteste, daß mit dem 27. Ja- nuar als neue Grundfarbe für die Waffenröcke der ganzen Armee annähernd diejenige der Jäger zu Pferde befohlen werden solle. Ferner herrsche die Ansicht vor, die Feldbinde durch eine Ueber- schnallkoppel von schwarzem Lackleder, wie sie die Marine-Offiziere tragen, zu ersetzen. Jetzt lvird das Centrum doch unbedingt den Militär-Etat ab- lehnen müssen!—_ Vier Schläge gegen den Untergebenen— zwei Wochen gelinden Arrest; ein Schlag gegen den Borgesetitcn— ein Jahr einen Monat sieben Tage Okfängnis! Zwei auffällige Urteile fällten in dieser Woche die Kriegsgerichte in Breslau. Am Montag hatte sich der Unteroffizier Helbing zil verantworten, welcher einen Rekruten, der öfter seine Sachen beschmutzte, weil er offenbar krankhaft veranlagt war. zloeimal mit der Klopfpeitsche geschlagen, dann geohrfeizt und ihm schließlich einen Tritt versetzt hatte, daß er mit dem Kopf an das Spind anprallte. Diese Mißhandlungen genügten ihm jedoch noch nicht, er forderte auch einen Kameraden des Geschlagenen direkt auf, er solle„kameradschaftlich nachhelfen". Der Musketier Boidol. an den diese Aufforderung ge- richtet war, kam ihr auch nach, er stieß den Rekruten mit den- Gewehrkolben in den Bauch und ohrfeigte ihn eben- falls. Das Urteil gegen die beiden Mißhandelnden lautet wie folgt: Der Unteroffizier erhält 2 Wochen gelinden Arrest, der Musketier Boidol 1 Tag Gefängnis und 0 Mark Geldstrafe. Der Lerhandlungs- führer meinte zu dem Unteroffizier, er habe einen Temperaments- fehler, ganz besonders bezeichnend aber ist eine Bemerkung des KriegsgerichtSrates zu dem mißhandelten Rekruten Zimscha. Sie lautet: Den Kameraden könne man es nicht verdenken, wenn sie ihn verhauen. Wer beim Militär„gute Behandlung" haben wolle, müsse erst seine Pflicht thun, und eS sei nicht kameradschaftlich, daß Zimscha Strasantrag gestellt habe! Ob nach diesem Ausspruch die Mißhandlungen des Zimscha aufhören werden? Wir möchten jedenfalls in seiner Haut nicht stecken! Einen Tag später verhandelte daS Brcslauer Ober-Kriegsgericht gegen einen N e i s s e r Musketier, der betrunken nach Hause gekommen Ivar und denr loachhabenden Gefteiten, der nach seinem Namen fragte, einen Schlag mit der Faust auf den Kops gegeben hatte. Vorher überbrachte er ihn« die bekannte Einladung, die noch niemals befolgt wurde, und auch zu einem zweiten Schlage hatte er ausgeholt. In erster Instanz war dieser Musketier wegen sinnloser Trunkenheit, die eine geistige Störung herbeigeführt habe, freigesprochen Ivordcn. Der Gerichtsherr legte Beruftmg ein mit der Begründung, daß durch die Trunkenheitdic freie Willen?- bestimmuug nicht ausgeschlossen gewesen sei, da der Angeklagte die Treppe hinaufsteigen konnte! Dieser Ansicht schloß sich das Gericht an und verurteilte den Wider- spenstigen wegen einfachen thätlichen Angriffes gegen einen Vorgesetzten in Verbindung mit Beleidigung zu einem Jahre, eine» Monat und sieben Tagen Gefängnis. Er wurde sofort abgeführt. Am 21. September vorigen JahrcS sollte er schon vom Militär entlassen werden, und so wurden ihm ein Monat und sieben Tage auf die Untersuchungshaft angerechnet. Wäre thätlicher Angriff vor versammelter Mannschaft angenommen worden, damr mußte das Urteil nach dem Antrage des Anklagevertreters auf zwei Jahre Gefängnis lauten, der Betrunkene ist also noch milde davon- gekommen! Nach militärischer Ansicht natürlich. Die civile Menschheit wird den Fall natürlich ein wenig anders beurteilen I— Ein Offizierscxccß. Aus Münster(Westfalen) wird gemeldet: Ein häßlicher Borfall spielte sich, wie der„Münsterische Anzeiger" schreibt, am Montag- abend zwischen 11 und 12 Uhr vor der Aegidii-Kaserne ab. Ein j u n g c r L i e u t e n a n t, der des Guten anscheinend zu viel gethan hatte, monierte das Honneur des Postens vor Gewehr, und zwar griff er dabei den Mann an die Brust und schüttelte i h n h e f t i g hin und her. Einige vorübergehende Civilisten tadelten entrüstet das Verhalten dcS jungen Offiziers, und die Folge davon war, daß letzterer hinter einem Civilisten hereilcnd ausrief: „Ich steche Sie Schwein über de» Haufen!" Nach kurzer Zeit sammelten sich circa 50 Personen au. meist junge Leute, die den Offizier verhöhnten. Später hielt der Lieutenant die heimkehrenden Unteroffiziere an, revidierte die Urlaubskarte» und ließ sie dabei annähernd 20 Minuten st r a m m st e h e u usw. Nachdem der Auftritt bis gegen 12 Uhr gedauert hatte, zog sich der Offizier in die Kaserne zurück und ließ das Thor von innen verschließen.— Ein Wahlsieg und eine Ersatzwahl. Nach dem jetzt vorliegenden Gesamtrcsultat erhielt bei der gestrigen Ersatzwahl im 22. sächsischen Wahlkreis Graf H o e n S- b r o e ch(natl.) 10 108, Hoffmaun(Toc.) 16 195 Stimmen. Beide Parteien haben gegen die Wahl des 16. Juni 1903 um einige Tausend Stimmen abgenommen, wie es bei Nachwahlen leicht geschieht, besonders wenn der Sieg einer Partei so gut wie gesichert erscheint. So sehr dies nun auch im 22. Kreise der Fall gewesen ist, so bedeutet das Wahlergebnis dennoch das vollständige Fehl- schlagen der gegnerischen Hoffnungen. Vielfach nahm inan in ,. ordiiungsparteilichen"»kreisen an, daß die inneren Kämpfe in der Socialdemolratie den Abfall vieler Anhänger der Socialdemokratie zur Folge haben müßten. Wie in Mittweida, so ist im Kreise Reichelibach- Auerbach der Beweis erbracht, daß solche Hofsnungen nur auf völliger Uiikeuiitiiis der wirklichen Ucbcrzeugüngcn der Arbeiterschaft beruhen. Unsre Parteigenossen in den armen Bezirken des 22. Wahl- kreiseS, die in so kurzer Zeit nach der allgemeinen Wahl nochmals in den niühereichcn Kampf treten mußten, haben sich durch den trefflichen Verlauf und den günstigen Ausgang dieses Kampfes um die Gesamtpartei wiederum wohlverdient gemacht. Im Wahlkreise E s ch w e g e- S ch m a l k a l d e n. der durch den moralischen Zusammenbruch des freisinnigen VolkSpartcilcrS Seyboth vor die Ersatzwahl gestellt ist, ist bereits von unfern Parteigenossen der bisherige Kandidat Genosse Wilhelm Hugo in Kassel wieder aufgestellt worden. Ter Kreis ist vorwiegend ländlich und zählt zu denjenigen ländlichen Kreisen, in denen sich unsre Partei sicher und schnell ent- wickelt hat. Im Jahre 1881 wurden 51 Stimmen für Bock-Gotha abgegeben; 1887, wo zum ersteimial eine Agitation entfaltet wurde. 1175 für Genossen Pfaniikuch, 1890 für denselben 3213 Stimmen; im Jahre 1393 für Huhn-Äasiel 3765 und bei der Nachlvahl 1895 5605 Stimmen; im Jahre 1893 entfiele» auf Hugo 5216 und 1903 flüf bciife'flkit fiiS5 Stimmcit. Cclt 1S95 Iiimcit wir in Slichlvaül und wurden jedcsinal von den Gegner», welche sich dann zusammen- schlugen, niedergestinnnt. Mit welcher Partei wir in Stichwahl dunen, war dabei gleichgültig, 189ö war es der Antisemit Jskraut, 1898 der freikonservative Baron v. Christen und 1903 Scyboth von der Freisinnigen Volkspartei. Es gilt jetzt alle Kräfte einzusetzen, um trotz der Zusammen- scharung aller Gegner der Arbeiterklasse den Sieg zu erringen.— Gin WahlsälschungZ- Prozeß wurde am Dienstag vor der Königsberger Strafkammer gegen den Maurer Emil Duddo verhandelt. D. war bei der letzten ReichStagowahl in zwei ver- schiedenen Wahlbezirken in die Wählerlisten eingetragen. Er erhielt auch vom Magistrat für jeden Bezirk eine gedruckte Wahleinladung zugeschickt. Auf Grund dieser beiden Einladungen hat D. sowohl bei der Hauptivahl als auch bei der Stichwahl zweimal in verschiedenen Bezirken gewählt. D. gab zu. zweimal gewählt zu haben, weil er sich dazu berechtigt glaubte. Er habe nicht gewusit, das; er sich dadurch strafbar mache. Der Staatsanwalt hielt es für unglaubwürdig,� das; heutzutage jemand politisch so un- wissend sei, das; er nicht wisse, das; man nur einmal bei jeder Wahl tvähleu dürfe.� Er meinte, der Angeklagte sei überführt, absichtlich in zwei Fällen eine Fälschung des Wahlresultats herbeigeführt zu haben. Er beantragte eine Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis. Nach- dem der Verteidiger des Angeklagten darauf hingewiesen hatte, daß das Gesetz für diesen Fall gar keine Handhabe zur Bestrafung biete und das; auch das Reichsgericht auf dem Stand- punkte stehe, das; keine Bestrafung erfolgen könne, wenn jemand auf Grund falscher Eintragungen in die Wählerlisten, wozu er nicht bei- getragen habe, unberechtigt oder doppelt wähle, stellte sich auch das Gericht auf diesen schon von ihm früher eingenommenen Standpunkt und sprach den Angeklagten frei. Bemerkt sei noch, daß erst infolge Beschwerde der Staatsanwaltschaft auf Beschluß des Oberlandes- gcrichts die Anklage erhoben wurde, unchdem die Strafkammer dieselbe abgelehnt hatte.— Piifflcr spukt in der famosen„Staatsbürger-Ztg." über das Thema„Regierung und«oeialdenwkratie* also: „Es wäre ein gründlicher Trugschluß, wollte man aus der Ver- ncinuug der soeialdcmotratischen Zukunft nun. wie der Katheder- socialismus in Deutschland es thur, dem sich bekanntlich auch unsre modernen Staatsmänner älaPosadowstp verschrieben haben, nun die„Ungefährlichkeit der Soeialdemokratie" folgern. Gerade in der Unfähigkeit der Soeialdemokratie, den breiten Massen die Herrlichkeiten des ihnen vorgegaukelten Zulunftsslaatcs zu verschaffen, liegt die revolutionäre Gefahr. Eines schönen Tages lvird die mit leeren Versprechungen hingehaltene Menge Thatcn fordern und zu Thaten drängen, und die heutigen, von den Arbcitergroschen gemästeten Führer werden, sie mögen wollen oder nicht, die Begucmlickikeii abstreifen und zur Gewalt übergehen müssen. Ob das Militär standhalten wird, ist keineswegs sicher, die iinmer lveitcr um sich greifende soeialdemokratische Verseuchung aller BolkSklassen, auch des HeercS, muß jeden Einsichtigen nötigen, mit Ernstfällen zu rechnen. Die neueir und alten Grafen iverden dann aber mit Grausen ein- sehen, daß die wild gewordene Menge auch vor den edelsten Herrscher- tugcndcn, vor dem„höchsten socialpolitischcn Rekord" nicht Halt macht, und die Mitläufer find vielleicht die ersten, die auf die Barrikaden klettern und den Regierenden zurufen: Fort mit euch, Platz für uns! Vielleicht denkt ein Mann Ivie Graf PosadowSky, der sich immer mehr ans der wirklichen Welt in fein ideologisches Kartenhaus zurück- zieht und der im Reichstag bei scharfen Reden gegen die Social- dcmokratie stets nervös wird, einmal hierüber nach." Graf Pofadowsktz ist vielleicht ideologisch genug, um die Staats- burger-Pücklers auf Reichslosten in Kaltwasserkur zu geben.— Majcstiitöbelcidigungs-Prozcst. Aus Koburg wird uns über die Verhandlung gegen unsren Parteigenossen Z i e t s ch- Charlotten- bürg ein näherer Acrickit gesandt, der diesen Prozeß als würdiges Glied in der endlosen Reihe deutscher MajestätSbeleidigungS-Prozesse erscheinen läßt. Die Verhandlung ergab folgendes: Der Genosse Fritz Zictsch hielt anläßlich der Reichstagswahl am Lt. Mai v. I. in dem meiningischcn Orte Ncucnbau, Bezirk Sonncbera, einen Vortrag über„Deutschland als Bundesstaat". Dieses Referat war von demselben Redner schon vordem in mindestens acht öffentlichen Versammlungen gehalten worden, ohne irgend eine Beanstandung zu finden. In dem Vortrag lvurdcn das Entstehen der Verfassung, die Obliegenheiten des Bundesrats und des Reichstags geschilderl, auch die Pflichten und Rechte des Kaisers, die dem- selben durch die Verfassung zustehen, skizziert. Ein im allgemeinen zum„Hetzen" völlig ungeeigneter Vortrag.— Nun war aber in der Versammlung in Neuenbau auch der dortige Torfschul- Meister, Scebor, anwesend. S. ist 92 Jahre alt und besuchte an jenem Tage zum erstenmal in seinem Leben eine politische Versammlung. Ihm waren die gehörten Ausführungen etwas ganz Neues, Unerwartetes. Namentlich die Ausführungen über die Rechte des Kaisers gingen dem Dorfschulmeisterlein so im Kopfe rum, daß er gleich nach der Versammlung den überwachenden Gendarm ans einige„MajestätSbelcidigungen" des Redners aufmerksam machte. Der Eendarin ivar sich, trotz Aufzeichnung eines ans dem Zusammen- hange gerissenen Satzes, seiner Sache nicht recht sicher. Er holte sich bei einigen Kollegen und dann nochmals bei dem Lehrer Seebor Rat. Erst dann lvurde, nachdem einige Wochen vergangen waren, die Anzeige erstattet und noch einige Zeit danach der Lehrer das erste Mal ordentlich vernommen. Hier wie später gab der Zeuge ausdrück- lich zu, sich nicht einen Satz ans der Rede aufgeschrieben zu haben: auch waren in der Houptverhandlimg seine Aussagen in den entscheidenden Punkten ungemein unsicher. Die von dem Angeklagten geladenen vier Entlastungozengcn bestritten ganz entschieden die An- gaben des Lehrers, wonach der Redner die Arbeit und die Einkünfte des Kaisers in einen beleidigenden Zusammenhang gebracht haben sollte. So erklärten die Entlastungszeugen ganz bestimmt, daß eS in dem Vortrage geheißen habe: der Kaiser empfängt als Kaiser keine Vergütung, doch als König von Preußen so und so viel. Der Lehrer glaubte behaupten zu können, der Redner hätte von 40 090 M. Tageseinkünsten des Kaisers gesprochen! Das Gericht legte merkwürdigerweise den Aussagen des Lehrers, der nie vordem eine Versammlung besuchte, mehr Beweiskraft bei, als den festen Bekundungen von vier Gegenzeugen, die nicht allein schon mehrfach Versammlungen besucht, sondern von denen einer ein Landtags-Abgeordneter, der andre ein Schiedsmann ist. Diese im Hören und Erfassen einer Rede doch nicht minder gewandten Leute kamen gegen den von keiner politischen Erfahrung angekränkelten Dorfschulmei'ster nicht in Betracht. Auf Grund der Aussagen dieses Mannes kam das Gericht zu einer Verurteilung des Angetlagten, über den 3 Monate Gefängnis verhängt wurden I Nun, auch diese 3 Monate werden, wenn die einzulegende Revision leinen Erfolg haben sollte, zu den übrigen gelegt werden. Ebenso wie dieses Urteil sich denen anreihen kann, die in so zahlreicher Menge schon ergangen, den Laien erstaunt aufsehen ließen, wenn die Fachjuristen eine„That" entdeckten, die bis dahin jedem andren ver- borgen war. selbst dem Thäter I Einen alt-nationalsocialen Sport übernimmt Herr v. Gier lach in seinen neuen liberalvereinigten Arbeitsplan. Er erreicht die zum Chefredakteur der„Berliner Zeitung" befähigende Intelligenz. indem er bald wohlwollende, bald tadelnde Noten an diesen oder jenen Vertreter der Soeialdemokratie austeilt. Gegen den„Zehn- Gebote- Hoffmann" wird der „verdiente und sympathische Auer" aufgeboten. Es ist die alte, ewig fruchtlose Methode, in der Soeialdemokratie. die ein Ganzes ist und deren Anhänger demselben Ideal leben, durch Aufrührung von Personalien� einigen Unfrieden stiften zu wollen. Wer eine gegnerische Partcisache mit persönlichen Nebensächlichkeiten verwechselt, beweist dadurch nur die eigne Unzulänglichkeit, ernsthafte Politik zu betreiben.—__ HudlatkL Frankreich. Gilt Mißtrauensvotum gegen Milleraud. Der socialistische Verband des Seine-Departements hat den Deputierten Millerand ausgeschlossen, weil er in der Kammerfitzung vom 23. November gegen den Ll b r ü st n n g s a n t r a g H u b b a r d gestimmt hat. Da jedoch das Wahlkomitee Millerands mit diesem solidarisch ist, glaubt man nicht, daß der Beschluß des socia- listischen Verbandes irgendwelche Folgen für Millerand haben wird. Millerand selbst erklärte, er bedauere den Beschluß nur, weil der- selbe den Soeialisteu„eine vergiftete Waffe iit die Hand drücke". Er persönlich fühle sich durch den Beschluß in keiner Weise berührt uitd bleibe seiner Ueberzeugnug nach wie vor treu.— England. Gilt SchicdSgerichtsvcrtrag wird in den nächsten Tagen zwischen England und Italien zum Abschluß kommen. Danach werden, wie baS durch den gleichen Vertrag zwischen Italien und Frankreich geschehen, Differenzen, die zwischen den beiden Staaten entstehen könnten, vor das Haagcr internationale Schiedsgericht verwiesen. Die englischen Blätter bemerken mit'Genugthuung, daß damit ein Dreibund der Westmächte geschaffen fei. der die Isolierung Deutschlands vervollständige und die französisch-russische Lllliauce beseitige.('.)— Rußland. Die russische Tyrannei in Finnland. Ueber die zuletzt statt- gcfuudenen Deportationen wird durch„Ritzaus Bureau" ein Bericht aus HelsingforS verbreitet, aus dem zu ersehen ist, in welch un- erhört brutaler Weise die russischen Gewalthaber vorgehen. Am Sonntag, den 27. Dezember, hatten sich einige Gäste bei dem Aax. phil. Meinandcr im Kommunalgebäude des Perno-Kirch- spicls versammelt, als abends 81'., Uhr das Haus plötzlich von Gendarmen und Polizeibeamten in Civil unter Koni- mando des LenSmannes umringt wurde. Der Lensmann drang ins Haus ein, nahm Meinander fest sowie den Assessor Segerstrale, bei dein Hausuntersuchung vorgenommen wurde. Lille lokalen Telephoudrähte waren zerschnitten. Später bc- gaben sich drei der Gendarmen und Polizeibeamten nach dem zlvci Meilen entfernten Hause SegerstraleS, wo sie nachts 2 Uhr ein- drangen und eine Zeitung sowie ein Buch, RunebergS Erzählungen, mit Beschlag belegten. Früh am Morgen wurden die beiden Ver- hafteten im Wagen in östlicher Richtung abgeführt, später von Wiborg nach Petersburg per Eisenbahn transportiert. Segerstrale wurde nicht einmal gestattet, sein Heim zu betreten und sich mit Kleidern zu versehen. Ueber das weitere Schicksal der Gefangenen ist vorläufig nichts bekannt geworden; sie sind dem„Minister des Innern zur Verfügung g c st e l l t".— Keiner der beiden hat aktiv am politischen Lebcii teilgenommen oder fich� über seinen Wohnort hinaus Geltung zu verschaffen gesucht. Es sollen jedoch einige Konflikte der Kommune- Verwaltung, in der Meinandcr vor sieben Jahren zum Vorsitzenden gewählt wurde, mit der Regierung vorliegen, weswegen man die leitenden Personen in der Kommune einfach beseitigt. Segerstrale gilt als ein hervorragender Statistiker. Er stand früher im Staatsdienst.— In Sibirien macht die socialistische Agitation ständig Fortschritte. Darauf weist auch ein Geheim cirkular aus der Kanzlei des Gcneralgouvcrnciirs von Jrkutst, welches jetzt vom„Oswobozdenie" vcröffcntticht wird. Der Erlaß ist an die Gouverneure gerichtet und lautet: „Ans den erhaltenen Berichten, betreffend die Beaufsichtigung der politischen Verbrecher, welche zur Ansiedelung beziehungs- weise unter Polizei-Aufsicht verbannt sind, ersehe ich, daß die öfter eingetretenen Fälle von Flucht und Abfahrt der Verbannten aus Sibirien die Folge der schwachen Kontrolle sind. Die Kontrolle über die Verbannten besteht hauptsächlich aus papierncr Schreiberei. Inzwischen sehe ich ans den vorhandenen Informationen, daß die politischen Verbannten direkte Beziehungen mit den Arbeitern eingehen, mit den Mitgliedern des Komitees des revolutionären Verbandes und selbst an der verbrecherischen Thätigkeit der vorstehenden .Komitees rege teilnehmen. Auf diese Weise verfehlt die Ver- bannimg dieicr Personen nach Sibirien ihr Ziel. Ich bringe dies zur Mitteilung und fordere alle Organe der öffentlichen Polizei auf. das Leben jeder dieser Personen— zwecks Verhinderung der verbrecherischen Thätigkeit— unaufhörlich zu beaufsichtigen und zu diesem Zweck an allen Orten, wo politische Verbannte untergebracht sind, polizeitiche Ueberwachungs- Abteilungen zu bilden, welche alltäglich Nachrichten über die poli- tischen Verbannten liefern sollen. Davon abgesehen, sollen bei Personen, welche durch ihre Lebensweise oder auf Grund andrer Thatsachcn den Verdacht aufkommen lassen, daß sie mit einem verbrecherischen Kreise thätig sind oder Beziehungen unter- halten— so soll eine unvorhergesehene HauSsuchiing im Beisein eines Gliedes des Gcndarmeriecorps stattfinden. Die Wohnungen der Verbannten sollen möglichst oft von der Polizei besucht werden. Ihre ganze Korrespondenz muß unbedingt durchgesehen werden. Der Aufenthalt politisch verdäcbtigcr Personen in den Wohnungen der Verbannten ist verboten. Deshalb sollen solche Personen aus Orten, in denen politische Verbannte sich befinden, entfernt werden." Die arme Regierung! Selbst in dem großen Gefängnis kann man sich der„Politischen" nicht erwehren.— Amerika. Eine Probe auf's Exempel wird gegenwärtig, so schreibt man uns aus New Jork, auf das Sinti» Anarchistengesev gemacht. Der„philosophische Anarchist" Turner aus England ist bekanntlich auf Grund desselben in einer hiesigen Ber- sammlung von Clerks und Lagerhaus- Arbeitern, zu deren Organisierung(Anarchismus und Orgainsatiou reimen sich übrigens sehr schlecht zusammen!) er im Auftrage der eng- lischen organisierten Kollegen herübergekommen war, auf Anweisung von Washington verhaftet und nach ElliS Jskand gebracht worden, um nach seiner Heimat abgeschoben zu werden. Das letztere wurde aber durch von„bürgerlichen Ideologen", die es „mit der amerikanischen Freiheit ernst meinen", ciageleitete gcricht- liche Schritte vorläufig verhindert. Die kapitalistische Presse hatte die Sache erst so dargestellt, als ob Turner wegen in jener Versammlung gethanen aufreizenden anarchistischen Aeuße- rungen verhaftet worden sei; es stellte sich aber sehr bald heraus, daß einerseits dies durchaus unbegründet war und andrerseits die Weisung zu seiner Verhaftung sich schon seit mehreren Tagen vorher in den Händen der hiesigen Bundesbeamten befand. Jene„Ideologen", unter denen sich ein Richter, ein Pastor, ein Bundeskongreß-Mitglied, ein Ex-Kollege desselben und sonstige „prominente" Personen befinden(die bezeichnenderweise sämtlich demokratischer Couleur sind, von denen aber keiner seine Stimme erhoben hat, als die„amerikanische Freiheit" seitens ihres Partei- g e n o s s e'n, des Gouverneurs von Idaho, vor mehreren Jahren mit Fiißcu getreten ward), hatten, um Mittel zur Betreibung des Falles vor den Gerichten aufzubringen, hier eine Aolksversammlung einberufen, die auch ihren Zweck erfüllte und in ihrer Weise verliest SllS sie aber vorige Woche eine gleiche Versammlung in der benachbarten „Seidcnstadt" Paterson abhalten wollten, wurde dieselbe vom dortigen Bürgermeister verboten. Alle Vorstellungen über das Verfassungswidrige seiner Handlungsweise waren vergebens.— ES ist die Befürchtung ausgesprochen worden, daß die herrschende Klasse das Gesetz später ausdehnen und auf alle Personen anwendbar machen werde, welche der bestehenden„Gesellschafts-Ordnung" feindlich gesonnen sind. Wenn dies aber auch wirtlich eintreten sollte, so hätte es auf die Entwicklung der hiesigen socialistischen Bcwegimg absolut keinen Einfluß; deim von einer solchen Entwicklung kann nur dann die Rede sein, wenn sie von dem einheimischen, resp. das Bürgerrecht besitzenden Elemente getragen wird. Und dieses muß zweifelsohne noch eine Reihe bitterer Erfahrungen am„eignen Leibe" durchmachen, ehe es für die socialistischen Ideen zugänglich wird,— parlameMArilcbes. Im Abgeordnetenhaus soll nach den„Berl. Polit. Nachr." der im vorigen Jabre nicht zu stände gekommene Entlvurs eines Llus« führungS-GcsetzeS zum Reich S-Sc u ch c n g c f c tz wieder vorgelegt' werden. Die Regierung hat einige Veränderungen vor- genommen und hofft nun auf Zustimnlung des Landtags. Ferner soll außer den andern wasserwirtschaftlichen Vorlagen ein Gesetz bc- treffend F r c i l e g u n g des U e b e r s ch w e m m u n g s g e b l e t s der Oder eingebracht iverden. Für die nächstfolgende Tagung des Landtages ist dann cm für das gesamte Staatsgebiet geltendes Gesetz über die Jreihaliung der UeberschwcmmungSgebietc be- absichtigt.— Das älteste Mitglied des SlbgeordnetcnhanseS, Dr. Heinrich Szurnann, wird dem„Dziennik" zufolge auf die ihm als Alters- Präsidenten zustehenden Rechte bcrzichtcist An seine Stelle würde dann der Nationalliberable Schattier als zweitältestes Mitglied treten. Frankreich an der Jahreswende. Paris, Ende Dezember.(Eig. Ber) Ein weiteres Jahr des bürgerlich- socialistischen Kartells liegt hinter Frankreich. Ein weiteres Jahr der Enttäuschung ftir d i e socialistischen Anhänger der Kartellpolitil. die noch etwa mit nüchternem Auge die Früchte derselben abzuschätzen vermögen,— ein weiteres Jahr der Bekräftigung der Anschammgen der proletarischen Socialistcn, die die Kartellpolitil principiell verwerfen. Das Parlament bat im ganzen sieben bis acht Monate getagt. Eine schöne Frist, innerhalb deren bei einigem guten Willen schon etwas Ansehnliches hätte geleistet werden können. Umsomehr, als das verflossene Jahr in Fortsetzung der ftühcren Parteigruppiernngen wohl von Zeit zu Zeit Kriselcien innerhalb des„Blocs", aber keine Ministerkrise aufweist. Die Kontinuität der Entwicklung wurde also nicht gestört. Zudem hat sich das Kabinett CombeS ini Laufe des Jahres anS einem bloßen treuen Fortsetzcr des Kabinetts Waldeck- Rousscau zu einer schärferen, radikaleren Auflage desselben gc« mausert. Von alledem aber profitierte einzig der antiklerikale Kampf, dieses einzige Bindemittel der heterogenen Mehrheit. Sonst hat das Parlament an Reformen so gut wie nichts vor sich gebracht. Aber auch seine antiklerikalen Leistimgen sind teils fragwürdiger Nattir, teils stehen sie noch im Stadium der Entwürfe, d. i. der mehr oder minder guten Slbfichtcir Zunächst die antiklerikale Hauptleistuiig. Es wurden aufgehoben von der Kammer S4 Männer- und 81 Fraiieiikoiigregationen, vom Senat der„wohlthätige" Orden der Salesiens de Dom BoLeo. Das ist gewiß ein herber Schlag für die betreffenden Orden. Ob aber dadurch die klerikale Macht ebenso sehr getroffen ist, das ist füglich zu bezweifeln. Denn die genehmigten, d. h. also auch in der bisherigen EombeSschcn Anwendung der lex WaldecriRousseau von 1901 unantastbaren Orden' verfügen noch über ein Personal von rund 7S000 Mitgliedern, darunter 24 000 Nonnen und 21 000 Mönche. Dieser Mitgliederbestand übersteigt noch immer die Zahl der Koiigreganiften vor der großen Revolution. Was liegt mm näher als die Annahme, daß die fortbestehenden Orden in dem Maße erstarken müssen, wie sie von der Konkurrenz der aufgehobenen Orden befreit werden? Was spcciell den k o n g r e g a n i st i f ch c n Unterricht be- trifft, so will ihn zwar der neueste Gesetzentwurf gänzlich bc- seitigen, ohne Rücksicht ans die Geuehmigungsiirkunde der betreffenden Orden, was deren Aufhebung nach sich ziehen würde. Aber selbst treu-mliiistcrielle Antiklerikale stellen die Frage, ob dadurch viel gewonnen werden würde. Ja, CombeS selbst erklärte neulich im Senat, er hoffe nicht darauf, sämtliche Schüler der abzuschaffenden Ordensschulen für die Staatsschule gewinnen zu können. Die bis- herigen Erfahrungen baben nämlich gezeigt, daß die weltlich umgekleideten Mönche und Nonnen ihre soeben geschlossenen Schulen massenhaft unter weltlichem SluShängeschild wieder eröffnen. Der gegen diese„säkularisierten" Kongreganisten gerichtete Entwurf, der übrigeits ebenso chikauöS wie unzulänglich war. ist aber auf dem Wege zwischen der Kammer und dem Senat stecken geblieben, die Regierung mußte ihn im iscuat fallen lassen, um eine krisenschwangere Schlappe zu vermeiden. Das wichtigste Ergebnis der bisherigen antiklerikalen Mtion sind die Entwürfe betreffend Treu n u n g zwischen Kirche und Staat. Eine Kammerkommission hat' bereits die Beratung dieser Frage begonnen auf Grundlage eines„vorläufigen Entwurfs" des miilifteriell-iocialistifchen Abg. Briand, nachdem übrigens der viel strengere, der Kirche ungünstigere Entwurf des gleichfalls ministeriell» socialistischen Abg. de Presiciis« beiseite geschoben worden war. Es gehört jedoch ein iibersckttvänglicher miiiisterialistischer Optimismus dazu, um das Zustandekommen jener Reform in der laufenden Legislatur auch nur für wahrscheinlich zu halten. Nicht mir wegen der mangelnden Zeit, sondern auch und ganz besonders wegen Mangels an einer tteimimgösreundlichen Mehrheit. Schon die bisherigen Anlänfe CombeS zur Verschärfung der antiklerikalen Aktion haben ja innerhalb der Mehrheit Kriseleien hervorgerufen. Die Haiiptiirsacho davon ist der rechte Flügel des „Blocs", der mit sichtlicher Ungeduld und wachsendem Widerstand sich vorwärts schleppen läßt. ES sei nur erinnert, daß die letzte Kriselei wegen der Mitteluntcrrichtsvorlage im Senat mit knapper Not überwunden wurde, indem das von der Regierung gebilligte Amcnde- mcnt Dclpcch, betreffend das Unterrichtsvcrbot zu Ungunsten der ge- nehmigten Orden, gegenüber der scharfen Opposition Waldeck-Rousseaus bloß elf Stimmen Mehrheit erlangte. Unterdessen stockt— wegen des alles beherrschenden Anti- klerikalismus— jede sonstige Reformarbcit. Der Senat hat die zweijährige Dienstzeit votiert, die Kammer aber hat für diese Reform noch leine Zeit gefunden. Umgelehrt wird vom Senat selbst die harmlose von der Kammer votierte Reform der Armenpflege ver- schleppt, ebenso wie er sich anschickt, die in der Kammer zu stände gekommene Reform des Arbeitsnachweises zu verhunzen und damit weiter zu verschleppen, ein Reförmchen, das seit 15 Jahren„auf der Tagesordnung" steht und bereits wiederholt von der Kammer votiert wurde. Ueberhaupt kommt unter dem viclgeriihmtcn Linkskartell die Socialrcform so schlimm wie nur je weg. Im abgelaufenen Jahre ist auf socialpolittschem Gebiete eine einzige definitive Leistung zu verzeichnen— die bescheidene Novelle zum hygienischen Slrbcitcr- Schutzgesetz von 1893. Die Ausdehnung der GewerbeschicdS- gerichte auf die HandelSangestellten wurde vom Senat abgelehnt. Das' von der Kammer wiederholt votterte Eisenbahnerschutzgcsetz (Zehnstlindcntag und Verbesserung der Pensionen) wird vom Senat seit Ende 1897 durchkreuzt und verschleppt. Die in der Kammer. Februar 1902, noch unter Waldeck- Rousseau votierte Achtstunden-Vorlage für Bergarbeiter wird vom Senat des- gleichen bisher verschleppt.... Man sieht, wie wenig die demo- tratische Slera, wie wenig die der Linken wiederum günstigen Drittels- Erneuerungswahlen zum Senat vom Januar 1003 an dessen bourgeois-konservativer Gesinnung geändert haben. Ferner befindet sich die Altersversicherung"-Vorlage, deren Plenarberatung schon in der voraufgegangenen Legislatur' begonnen wurde, bisher erst im Beginn der kommissarischen Beratung in der Kammer. Was gar die— übrigens gänzlich verballhornte— Einkommensteuer-Vorlage betrifft, die Roiivicr vor etwa einem Jahre eingebracht hat, so hört man nichts auch mir von den Arbeiten der betreffenden Kammerkommission!, Eine wahre Bankrott-Bilanz, wohin man blicken mag,— wenn man sich den Blick nicht durch antiklerikale Schculeder verengert und nicht den Lärm der antiklerikalen Aktion mit ihrer wirklichen Gewalt verwechselt. Die Ministeriellen körnten freilich die Bilanz verbessern durch kühne Wechsel auf die Zukiliist, deren Verfallzett von den Ausstellern großmütig immer wieder verlängert wird. Im streng ccnttalisttschen Frankreich kommt bekanntlich sehr diel auf die tägliche Handhabung der Exekutivgewalt an. In dieser Beziehung hat nun das Kabinett"Combcs gewiß sehr viel für einzelne Schützlinge und Wähler der nsimsteriellen Socialisten und atlch einiges fiir einzelne Arbeiterschichten gethan. Dadurch aber wird das Proletariat, wird seine aufrechte Klasscnaktion am schlimmsten geschädigt. Andrerseits hat CombeS bei aller unzweifel- hast demokratischer und arbeitersteundlicher Gesinnung gegenüber jeder proletarischen Aktion noch stets die übliche ordnungs- retterische Taktik der militärisch-polizeilichen Einschüchterung und Provokation geübt. Die objektive Notwendigkeit seiner Lage als eines Oberhauptes des bourgeoisen Klassen- staates hat eben seine persönlichen Wünsche und Absichten gebieterisch beiseite geschoben. So hat er denn ans sich die Ver- antwortung geladen selbst für den bestialischen bewaffneten Ueberfall der Polizei ans die Pariser Arbeitsbörse. Es ist wahr, er hat es gethan in der Gesellschaft der Hälfte der ministeriell-socialischen Fraktion mit Jaurös an der Spitze... Die Einleitung der Dreyfus- Revision, die ohne den guten Willen der Regierung unmöglich ge- Wesen wäre, ist dafür jawohl eine sehr magere Entschädigung. Die socialistische Bewegung bietet auch im ab- gelmifenen Jahr nichts weniger als ein tröstliches Bild. Die Fortdauer des bürgcrlich-socialistischcn Kartells hat die immer tiefere Verbürgerlichung der ministeriellen Socialisten bewirkt. Die Erscheinungsformen dieser Verbürgerlichung sind noch in zu frischer Erinnerung, um hier nochmals rekapituliert zu werden. Trotzdem aber hält der MinisterialiSmuS noch immer weite Schichten der Arbeiterschaft im Banne seines Einflusses,— wohlgemerkt. eines Einflusses, wie ihn jede bürgerlich- demokratische Partei befitzen kann. Denn als organisierte Partei existiert der ministerielle SocialiSmuS nur dem Namen nach, von seiner inneren Zerklüftung selbst ganz abgesehen. Der Bordeaux-Kongreß bezw. die Rettung MillerandS durch Jaurös und die neuesten Thatcn der jaurösistischcn Kammerfraktion haben die innere Zersetzung der ministeriellen Partei weiter gefördert. Ab- gefallen find von ihr freilich— im Gefolge deS Bordeaux- Kongresses— nur zwei DepartementS-Föderattonen lDonne und Somme) und einige einzelne Gruppen, aber der links Flügel der Partei steht auf dem Kriegsfüße mit dem ministerialistischen Generalstabe. und er schickt sich an, dem letzteren auf dem devorstehenden Saint- Etienne- Kongreß eine neue Generalschlacht anzubieten. Einen günstigen Wendepunkt in der socialistischcn Bewegung scheint der Reimser Kongreß der.Socialistischcn Partei Frankreichs" einleiten zu sollen. Die endgültige Verschmelzung der alten Sonder- organisationen(Guesdisten und Blanquisten) dürste die AnziehungS- kraft der geeinigten Partei auf das Proletariat verstärken. Die ersten Anzeichen davon beginnen sich bereits zu zeigen in der Fonn des Anschlusses einiger neuer Föderationen lDonne. Haute- Riarne und Ariöge) imd mehrerer Gruppen an die P. S. de F. Ein wichtiges Hindernis steht allerdings»och immer dem Wachstum der Partei entgegen— eine Tageszeitung besitzt sie noch nicht. Das Haupthindernis bleibt freilich nach wie vor die allgemeine politische Situation, die einer proletarischen Klassenpolitik ebenso ungünstig ist wie sie die ministerialistische Vertuschung der Klassen- gegensätze und damit die Verwirrung breiter proletarischer Schichten begünstigt. Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik tritt Frank- reich in das neue Jahr erheblich gestärkt ein. Die Besuche des englischen und des italienischen Königs m Paris, der Gegenbesuch Loubets in London und dessen bevorstehender Gegenbesuch in Rom, der Aus- tausch von Besuchen zwischen ftanzösischen und englischen Parlamen- tarier» und Vertretern von Industrie und Handel— das sind eben» soviele Merkzeichen einer Annäherung zwischen Frankreich einer-, Italien und England andrerseits. Das gleiche markieren die an sich harmlosen Schiedsgerichtsverträge, die Frankreich im Oktober mit England, zu Weihnachten mit Italien für die Dauer von fünf Jahren abgeschlossen hat. Damit gewinnt erst Frankreich einige Bewegungsfreiheit im Rahmen der seit zehn Jahren es um- klammernden ruffischen Alliance, ohne daß diese freilich darüber ge- lockert zu werden braucht. Das jüngste Expose Delcasses im Senat hat vielmehr die Wohlthaten der Alllance mit besonderem Nachdruck herausgestrichen. Man weiß übrigens, daß diese im radikalen und niinisteriell- socialistischcn Lager keine Gegner mehr zählt.— Die Stärkung seiner internationalen Position ermöglicht eS Frankreich, in aller Seelenruhe mählig eine„friedliche" Eroberungsaktion in Marokko vorznberesten.— SexverKfcKaMicKes. Crimmitschau. Hilfe für die Unternehmer. ES sieht böse aus mit den Unterstützungen, welche den Erimniitschauer Unternehmern seitens ihrer Älasiengenossen werden. Wenn man den Worten der Scharsinacherpresse glauben soll, kämen Millionen durch sie zusammen, die Thatsachen, welche wir an andrer Stelle reden lassen, sprechen von etwas anderm, als von übergroßem Opfermut. Haben aber die Unternehmer in ihren Klasscngenossen schlechte Freunde, so besitzen sie dafür doch in den verschiedenen Behörden treue Helfer. Eine Versammlung, die nach W e r d a u einberufen war, wurde ganz nach Crimmitschauer und Altenburger Muster verboten. Der Einberufer erhielt solgendeS amtliche Schriftstück: Werdau, am 2. Januar 190S. Wie aus den Berichten über die in den letzten Monaten hier abgehaltenen öffentlichen Versammlungen, in welchen der Streik der Crimmitschauer Textilarbeiter behandelt worden ist, hervor- geht, haben diese Versammlungen keinen andern Zweck gehabt, als die Bevölkerung zu beunruhigen, zivischeu Arbeitern und Arbeitgebern Unfrieden und Haß zu säen, die in Sachen deS Crimmitschauer Textilarbeiterstreiks von den städtischen und staatlichen Behörden ge- troffenen Maßregeln in mißfälliger Weise zu kritisieren, die Anordnungen der Obrigkeiten herabzuwürdigen und den Begriff von Recht und Unrecht bei den Zuhörern so zu ver- kehren und zu v e r w i r r e n. daß Mißachtung gegen die Gebote der Gesetze und der Moral entsteht. Auch die am 2. Januar von Anton Solich für den 3. Januar 1004 angemeldete öffentliche Versammlung kann keinen andren Zweck als diesen haben, wie aus dem Thema„Der Heldenkampf der Crimmitschauer Textilproletarier vorm Reichs- und Land- tag und die famose Rede des Herrn Teichmaim-Werdau im Landtag" zur Genüge hervorgeht. Sie ist auch weniger für die Arbeiterschaft Werdaus, als diejenige der Stadt Crimmitschau bestimmt, loie aus dem in den bisherigen hiesigen Versamm- lungen beobachteten zahlreichen Zuspruch aus Crimmitschau und aus den jüngsten Vorkommnissen in Schmölln und Gößnitz zu schließen ist, soll also mit dazu beitragen, die in Crimmitschau getroffenen behördlichen Maßnahmen illusorisch und zum Gespött zu machen. Stach alledem verfolgt die am 3. Januar, nachmittags'/zS Uhr, im Saale des„BcrgkellerS" hier einberufene Versammlung den Z weck, Gesetzesübertretungen und unsittliche Hand- lungen zu begehen, dazu aufzufordern oder doch dazu ge- neigt zu machen. Diese Versammlung wird daher auf Grund des§ 3 des VercinsgesetzcS vom 22. November 13S0 in der Fassung vom 21. Juni 1S08 verboten. Der Stadtrat. Seidel, Stadtrat. Das Betrübendste für uns an diesem Versammlungsverbot ist, daß wir an dasselbe nicht einmal mit der Aetzlauge unsrer Kritik heran können. Ter Herr Stadtrat hat recht damit, daß die Ver- BLrantiv. Redakteur: Jnlins Kaliski. Berlin. Inseratenteil vcrantw.: 5 sammlung geeignet gewesen wäre, Begriffe zu verwirren; allein ihre Einberufung schon hat den Herrn so außer Fassung gebracht, daß er bereits zwei Tage nach Silvester das wichtigste Ereignis der ver- gangenen Woche vergessen hat und noch vom 2. Januar 1903 datiert.— Die 2000 Personen, welche sich zur Versammlung eingefunden hatten, antworteten auf die Verlesung des Verbots mit einem„Pstii!" Aber auch auf andre Weise treten die Behörden den Unter- nehmern zur Seite. Ein wahres SchreckenSrcgiment gegen Nicht-Arbcitswillige herrscht zur Zeit in Crimmitschau. In der städtischen Gasfabrik wurden, nach der„Sachs. Arbeiterzeitung", zwei Arbeiter entlassen, weil sie sich weigerten, ihre Frauen. die auch bisher nicht in der Textilbranche gearbeitet hatten, als Arbeitswillige in die Fabrik zu schicken. Ein Expedient, der über 30 Jahre in seiner Vertrauensstellung war, wurde mit Herauszahlung eines Monatslohnes sofort entlaffen, weil er sich außer stände erklärte, seine erwachsenen Söhne, die in den Reihen der Zehnftundenkämpfer stehen, zu Arbeitswilligen zu machen. Neben der Leitung des städtischen Gaswerks ist auch da-Z Armenamt bemüht, den Fabrikanten Arbeitswillige zuzutreiben. Eine Frau, die mit den übrigen 7000 brotlos auf die Straße ge- warfen war und dann die Stadt unter Zurücklassung ihres Kindes verlasien mußte, hatte sich um eine Unterstützung für ihr Kind an das Armenamt gewandt. Sie erhielt folgenden Bescheid: HI 801. 1903. Crimmitschau, den 10. Dezember 1903. An Frau Ernstine verw. Möckel, AscherSIeben. Auf Ihr Gesuch vom 16. November 1903 um Gewährung einer Erziehungsbeihilfe für Ihren hier bei Ihrem Bruder in Pflege befindlichen Sohn werden Sie hiermit absällig beschicden. Der unterzeichnete Stadtrat geht hierbei von der Ansicht aus. daß sich, nachdem die hiesigen Fabriken für Arbeitswillige geöffnet süid, auch für Sie ausreichende Gelegenheit zur Wieder- aufnähme der Arbeit und somit auch zur Uebcrnahme Ihres Kindes in eigne Pflege bietet. Der Stadtrat. Armenamt. Dr. Schneider. Herr Stadtrat Dr. Schneider, der diese Abfertigung unter- schrieben hat, ist auch der Vorsitzende des Gewerbegerichts, derselbe Herr, dem cS nicht gelingen will, die Herren Arbeitgeber mit Hilfe der ihm gesetzlich zustehenden Zwangsmittel vor das EinignngSamt zu laden. Bis ans bittere Ende. Die Ueverschrist über unsren gesttigen Leitartikel hat dem Scharfmacherblatt, den„Berliner Neuesten Nachrichten", nicht ge- fallen. Die Redaktion desselben findet die Ueberschrist„halb weh- miiffg"; sie braucht natürlich nicht zu wissen, daß der„halb weh- mutige" Ausdruck von einem Fabrikanten stammt, den der Terrorismus seiner Klassengenossen(Wechselverpflichtungen usw.) zwangen, die Verhandlungen mit den Arbeitern abzulehnen. ES gicbt den„Neuesten Nachrichten" einen Stich ins Herz, daß wir«die perfide Politik" verfolgen,„die Crimmilschauer Fabrikanten gegen ihre Kollegen in andern deutschen Textilcentren scharf zu machen." Wir sind boshaft genug, uiisre„perfide Politik" weiter fortzusetzen! Die„Leipziger Monatsschrift für Textilindustrie", ein Unter- nehmerblatt, läßt sich aus M.-Gladbach schreiben: „Die im hiesigen Bezirke gelegeneu JmitatSspiimereien werden, besonders im zweiten Semester 1903, glänzende Gewinne erzielt haben, wozu tu erster Linie der Crimmitschauer Streik beigetragen hat. Da die Bettiebe sich zeitig und zu niedrigen Preisen in Roh- stoff gedeckt haben, sind die Aussichten für 1904 durchaus zufrieden- stellend." Inzwischen ist der Bau weiterer Spinnereien für Jmitatgarne, die früher aus Crimmitschau geliefert wurden, im Rheinland be- schlössen worden. Aus sicherer Quelle hören wir noch, daß auch die Strumpfwarenfabrikanten in Berlin, Breslau usw., die viel Jmitatgarne gebrauchen, sich von der Crimmitschauer Spinnerei emancipieren wollen. Man hofft ebenfalls diese Garne in besserer Qualität und vor allen Dingen reeller von rheinischen Spinnereien geliefert zu erhalten. Wir besitzen nicht die Bosheit, welche die Herren von der Scharf- macherzunft auszeichnet, die sich über alles Schlechte freuen, das den Gegner trifft. Wir stellen deshalb abermals mit Wehmut fest, daß die Sache ein bitteres Ende nimmt für die Crimmitschauer Fabrikanten I Dir Streikposten und das Obrrlandesgericht. Das Schöffengericht Crimmitschau batte zwei Arbeiterinnen wegen Streikpostenstehens zu je einem Tage Haft verurteilt, weil sie die Aufforderung eines Schutzmannes, den Platz zu verlassen, nicht befolgt hatten. Das Landgericht faßte die Sacke etwas milder auf. denn es erkannte in erster Linie auf eine Geldsttafe von je S Mark. Die Berusungsinstanz ist bei der Verurteilung von der Ansicht ausgegangen, daß die Gendarmen im Interesse der Auftechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit auf den Straßen zu ihrem Vorgehen berechtigt Ivaren, die Angeklagten aber sich durch ihre Handlungsweise einer Uebertretung deö ß 146 der Straßenpolizei-Verordnung für Crimmitschau und des§ 366, Ziffer 10 deö Strafgesetzbuchs ickuldig gemacht hätten. Es sei eine alte Erfahrung, daß es bei Streiks auf feiten der Streikenden sehr leicht zu AuS- schreitunqen komme(!!!). so daß auch in den vorliegenden Fällen eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung befürchtet(!!> werden mußte. Eine Verkümmerung des Koalitionsrechts, das nach S 162 der Reichs-Gewerbe-Ordnung den Arbeitern gewährleistet sei, komme gar nicht in Frage, da dieses i a n i ch t G e g e n st a n d der Polizeiverordnung sei. Die Angeklagten koimten diese Gesetzesauslegung nicht verstehen und wandten sich an das LberlandeSgericht. In der Revision wurde Verletzung des§ 146 der Crimmitschaner Straßen-Polizeiverordnung und des ß 162 der Gewerbe- Ordnung gerügt und zur Begründung ausgeführt, das Streikpostenstehen jei nach einer Reichsgerichts- Entscheidung, eine an und für sich erlaubte Handlung. Von einer Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung könne keine Rede sein, du zu der fraglichen Zeit die Straße ziemlich leer und still war. StaatSanwalr Dr. Wulffen beanttaate kurzerhand die Ver- werfung der Revision mit dem Bemerken, die Einwände der Revision seien unbeachtlich, wobei er auf eine frühere Entscheidung des Oberlandesgerichts verwies. Der. Strafsenat verwarf die Revision und verurteilte die Angeklagten zur Tragung der Kosten. Zur Urteilsbegründung führte der Vorsitzende Scnatspräsidcnt Kurtz aus, daß. was die angebliche Verletzung des Koalittonsrechts anlange, insowett der Einwand der Revisionen bereits durch eine frühere Entscheidung desselben Gerichts widerlegt worden sei. Das Streik- postenstehen sei wohl an sich erlaubt, dürfe aber nicht unter Ver- letzung andrer Gesetzesbestimmungen geschehen. Es komme gar nicht darauf an, ob die Straßen im fraglichen Augenblicke belebt waren oder nicht, da sich das Sttaßenbild sehr schnell und auch ohne Zuthun der Angeklagten habe ändern können. Das Oberlandesgericht erledigte die Sache in zehn Mututen. Jmmerbin eine erhebliche Spanne Zeit. Der Schutzmann brauchte zur Feststellung der Gesetzesilberttewng nur zehn Sekunden. Warum benutzte das Oberlandesgericht nicht die einfache Formel: DaS Koalitionsrecht darf den Ausgesperrten nicht genommen werden, nur ch. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u.Verlagsanskalt seine Ausübung wird bestrast. Wie kann daS hohe Gericht sich«m Fixigkeit bei der Feststellung einer Strafthat von einem Schutzman» schlagen lassen. Hoffentlich wird der Rekord in der Streikposten- Verurteilung bald verbessert. Berlin und Umgegenck. Der Vergleich im Droschkenknffcher-Stteik. Die Fuhrherrcn haben gestern vormittag dem vor dem Einigungsamt geschlossenen Vergleich zugestimmt. Folgender Beschluß wurde gegen eine Stimme gefaßt: „Die Versammlung stimmt den gestrigen Abmachungen vor dem Gcwerbegericht unter der Bedingung zu, daß auch die Kutscher sich damit einverstanden erklären. Geschieht dies seitens der Kutscher nicht, so halten wir das Angebot von 40 Proz. der Brutto-Eiimahme aufrecht." Der Beschliißfassiing ging eine sehr lebhaste Debatte voraus. Von einem Redner wurde der Antrag gestellt, auf den 40 Proz. bestehen zu bleiben und dieses Angebot als ein„Schreck- gespenst" fiir die Kutscher anstecht zu erhalten. Ein andrer Redner nteinte, es müsse gestattet sein, einem Kutscher, der ein von den andern Kutschern zurückgewiesenes, schwer zu behandelndes Pferd in Gebrauch nimmt, eine Extravergütung zu gewähren. Diese Aeußerung erregte stürmischen Widerspruch. Es wurde dagegen geltend gemacht, daß es schon gegen die Polizeiverordnung verstößt, wonach dergleichen Pferde überhaupt nicht im öffeittliche« Berkehr verwandt werden dürfen. Ferner wurde in der Diskussion großes Gewicht darauf gelegt, daß kein dem Verbände angehörender Fuhrherr seinen Kutschern mehr bezahlen, soll, als im Vertrag fest- gelegt wurde. Es wurde beschlosien, daß Mitglieder, welche einen ändern als den Lohnsatz von 1 M. und 30 Prozent der Brutto-Ein» nähme bezahlen, per Tag und Droschke eine Konventionalstrafe von 60 M. zu zahlen haben. In die Schlichtungskommission wurden gewählt: Haase, Streu. Rohnke, Ehlert, Karl Schmidt und Grasiow; als Ersatzmämter Hermann und Kumbier. In i"r von ca. 2500 Personen besuchten Versammlung der Kutscher wurde der Vergleich ebenfalls angenommen. Ein Streik der Töpsrrträger ist gestern ausgebrochen. Die Töpferträger hatten den alten Lohntarif, der am 1. Januar d. I. sein Ende erreicht hat, rechtzeitig gekündigt und den Meistern zu- gleich einen neuen erhöhten Lohntarif zur Annahme unterbreitet. Wiederholte Vorstellungen haben die Meister unberücksichtigt gelassen. Eine stark besuchte Veriammlung, die gestern abend im Rosenthaler Hof tagte, beschloß, heute stiih auf allen Werkstellen den neuen Lohn- tarif zur Annahme mit der Maßgabe zu unterbreiten, daß bis Mittag eine zustimmende Antwort erfolgt sein mutz; wo diese nicht gegeben wird, erfolgt die sofortige"Niederlegung der Arbeit. Infolge Ausführung dieses Beschlusses ruht auf zahlreichen Arbeits- stellen die Arbeit, wodurch auch die Ofensetzer an der Arbeit be- hindert und diese ruhen lassen. Feilenhnucr! Bei der Firma Witte. Stratzbnrgerstt. 32, wo die Arbeiter auch über schlechte Behandlung klagen, sind in den letzten Wochen an jedem Sonnabend bei der Lohnzahlung Schwierig- leiten entstanden. Wir ersuchen deshalb unsre Mitglieder, ehe sie dort Arbeit nehmen, sich Garantien für ihren Lohn geben zu lassen. Die beiden Kollegen, welche wegen dieser Verhältniffe dort die Arbeit niederlegten, haben öfter bis 9, ja bis 10 Uhr Sonn- abendabends vergeblich auf ihren wohlverdiente» Lohn gewartet. Orts ver waltung Berti it des Deutschen Metallarbeiter-VerbandeS. DeutWies Reidi. Zur allgemeine» Töpferausspernnig. Obgleich am 2. Januar seitens der Ofcitfabrikanteu offiziell die allgemeine Aussperrung als beendet erklärt wurde, stößt die Einstellung der Ausgesperrten auf unerwartet große Schwierigkeiten. Ein großer Teil der Unternehmer scheinl de» Altweisungen ihres Verbandsvorstandes nicht Folge leisten zu wollen. So verlangen die Unternehmer in Schweidnitz i. Schl. noch jetzt Austritt aus der Organisation und machen die Wiedereinstellung davon abhängig, daß die Töpfer dem Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine beitreten sollen. In Lauf bei Wrnbery weigert sich der Fabrikant Benkel ebenfalls, die Töpfer wieder einzustellen, ebenso in Mügeln bei Oschatz. Aus vielen Orten, wie Meißen. Fürstenwaldc, Norlorf, Niederwiesa, Breslau uslv. kommt die Nachricht, daß ein TeU der Ausgesperrten nicht wieder eingestellt werden soll. Damit beweisen die Unternehmer, daß sie zum großen Teil nicht im stände sind, Vertragstreue zu halten. Die Töpfer werden durch ihren Ver- band im stände sein, auch den Schluß der Aussperrung in günstigem Sinne herbeiführen zu können, wenn ihnen durch die Solidarität der andern Gewerkschaften noch weiterhin der Rücken gesteift wird. So weit bis jetzt zu übersehen ist, dürsten ca. 600 Töpfer ausgesperrt bleiben. Pflicht der Gewerkschaften ist es, den Töpfern in ihrem so opserretcheu Principienlampfe auch weiterhin hilfreich zur Seite zu stehen._ Ter Textilarbeiter-Verband hält seine siebente ordentliche Ge« neralversammlung am 2. und 3. April in Hannover ab. RusUnd. Der Ausstand der Schiffsarbeitcr i» Barcelona mmmt an Aus- dehnung immer mehr zu. Die neu ankommenden Schiffe werden gleich nach ihrer Ankunft von dem Personal verlassen. Indes haben die Ausständigen beschlossen, den auf ftemden Schiffen angestellten Mannschaften völlige Freiheit int Handeln zu lassen. Von den Arbeitern aus andern spanischen Häfen, besonders Cadix, haben die Ausständigen aus ihre Aufforderung, ebenfalls in den Ausstund zu treten, eine zusagende Antwort erhalten. In Sevilla hat das Personal von drei Schiffen die Arbeit niedergelegt. Letzte]Vacbrichtcn und Depefcben. Zur Krisis in Ostasien. Peking, 6. Januar.(Meldung des Reuterfchen Bureaus.) Ein Tele- gramm aus Niutschwang meldet, japanische Handelshäuser hätten ihre Vertreter angewiesen, ihre Familien aus der Mandschurei fori- zusenden. In dem Telegramm wird weiter gemeldet, der stell- vertretende brittsche Konsul in Niutschwang reise nach Peking ab, um mit dem dortigen britischen Gesandten die Lage zu besprechen. Hamburg, 6. Januar.(W. T. SB.) Die Nordenskjöldfche Südpolar-Expedition ist heute nachmittag 6'/� Uhr aus dem Dampfer„Tijuca" der Hamburg-Südamerikanischeu Dampf- schiffahrts-Gesellfchaft im Hamburger Hafen eingetroffen. Auf der„Tijuca" wurden die Mitglieder der Erpedition von Direktor Beselin und den Auffichtsratsmitgliedern Ruperii und Baron v. Ohlendorf von der Hamburg-Südamerikanischen Dampffchiffahrts- Gesellschaft, den Mitgliedern des hiesigen schwedisch- norwegischen Generalkonsulats und dem Vorstand des hiesigen skandinavischen Vereins feierlich begrüßt. Der schwedisch- norwegische General- konsul Bödtker hielt eine Ansprache, in der er die Verdienste feierte. die sich Nordenskjöld und seine Expedition im Interesse der Wissen- schaft erworben. Nordenskjöld dankte herzlich in deutscher Sprache. Athen, 6. Januar. m a l a aus, der gestern wegen Sittlichkeitsverbrechcns von der siebenten trafkammcr des Landgerichts I abgeurteilt wurde. Der Angeklagte ist sittlich völlig verkommen. Er ist schon einmal zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus, ein zweites Mal zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil cr SittlichkeitSverbrcchsn an minderjährigen Mädchen verübt hat. Jetzt hatte cr sich wieder wegen eines gleichen Verbrechens zu verantworten. Er wurde überführt, sich an der zwölfjährigen Tochter einer Frau, mit der cr zusammen lebte, in schändlicher Weise vergangen zu haben. Das Gericht verurteilte ihn zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus und Ehrverlust auf die Dauer von 5 Jahren. Kricgcrvcreiusbrüdrr. Im Karls Hörster Kriegerverein fand am 14. Juli v. I. eine Sitzung statt, in welcher über die Auf- nähme neuer Mitglieder verhandelt wurde, nachdem auf Aufforderung des Vorsitzenden die anwesenden Gäste das Äereinslokal ver lassen hatten. Die an der Beratung teilnehmenden Kameraden waren vom Vorsitzenden aufgefordert worden, sich zu den Aufnahme- Anträgen zu äußern und dies that denn auch der Schmiedemcister Fischer zu dem Antrage deS Kammerjägergchilfcn Oskar Schuster. Er erklärte: Er könnte den Sch. als Kameraden und Mitglied nicht empfehlen, da dieser gern denunziere und andre Leute dazu aufhetze. Diese Aeußerung war Herrn Schuster hinterbracht worden und dieser lief zum Schiedsmann und leitete die Privatklage gegen Herrn Fischer ein. Dieser machte im Termin den Schutz des§ 193 für sich geltend, da cr nur auf Aufforderung des Vorstandes die fragliche Auskunft gegeben und es als sein gutes Recht betrachtet habe, Zwietracht säende Elemente aus einem Kriegerverein möglichst fernzuhalten. Er erhob außerdem Widerklage gcgcu Schuster, der ihn durch mehrere Schimpfworte be leidigt habe. Da dies erwiesen wurde, wurde der Privatkläger Schuster zu 25 M. Geldstrafe verurteilt, Fischer dagegen unter Zu- billigung des§ 193 freigesprochen. Im Fluchtbcgunstiguiigsprozrß Bauer, der am Dienstag in Köln begonnen hat, bestritten sämtliche Angeklagte ihre Schuld. In der Verhandlung kam es mehrfach zu Zusammenstößen zwischen dem Staatsanwalt und der Verteidigung. Die Verhandlung wurde schließ- lich auf Freitag vormittag vertagt. Versammlungen. Die Bäcker hielten am Dienstagnachmittag in Kellers Saal eine öffentliche Versammlung ab. Aus der Tagesordnung stand ein Vortrag des Genossen Bartels über das Thema: Der Klassen- kämpf m Crimmitschau und welche Lehren ziehen wir ans demselben. Der Redner besprach die Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung im allgemeinen und des Kampfes in Crimmitschau im besonderen. Er kam zu dem Schluß, daß es Pflicht aller Arbeiter ist, die Criminitschaucr Ausgesperrten zu unterstützen, und ihnen zum Siege zu verhelfen, denn der Sieg in Criinmitschau bedeutet einen Erfolg für die gesamte deutsche Arbeiterschaft. Im übrigen müsse der Kampf, welcher sich in Crimmitschau ab- hielt für die Bäcker eine Mahnung sein, ihre gewcrk- chaftliche Organisation zu stärken und auch für politische Aui- klärung zu sorgen.— Die Anregungen des Vortragenden hinsichtlich der Organisation der Bäcker wurden von den Diskussionsrednern noch weiter ausgeführt. Schneider erinnerte an den Streik, den die Berliner Bäcker im vorigen Jahre in dem Goldackerschcn Geschäft geführt haben. Goldackcr sei von den Bäckcrinnungen mit scheelen Augen betrachtet worden, weil er der bedeutendste Vertreter des Großbetriebes in der Berliner Bäckerei sei: früher hätten Vertreter der Innungen zu verstehen gegeben, daß cS ihnen erwünscht sei, wenn die organisierten Bäcker gegen' Goldackcr vorgehen würden. Als aber der Streik, der der Verteidigung des KoalitionsrechtcS galt, ausbrach, da stellten sich die Innungen auf die feiten Gold- ackerS und sorgten für Streikbrecher. Aus diesem Beispiel müßten die Bäcker die Lehre ziehen, daß sie bei ihrem Vorgehen immer das ge- ämte llnternehmcrtum gegen sich haben. In den letzten Jahren habe der Verband der Bäcker gute Fortschritte gemacht. In Berlin sei die Mitgliederzahl von 150 auf 800 gestiegen. Das sei den llntcrnehniern natürlich zuwider, und sie hätten deshalb Maßnahmen zegen die Bewegung der Bäckerei- Arbeiter getroffen. Nach icm verunglückten Versuch der Innungen, einen Streikabwchr- onds zu schaffen, sei jetzt von den Unternehmern der Central- Arbeitsnachweis geschaffen, der keine andre Aufgabe habe als die Vcrmittclung von Streikbrechern nach allen Orten Deutschlands. Alles das müsse den Bäckergesellen zeigen, daß sie nicht säumen dürfen, ihre Organisation für den Kampf zu stärken, aber auch innerhalb der Organisation müsse jeder einzelne seine Pflicht und Schuldigkeit thun.— Ferner wurde daran erinnert, daß >ie gcgcnwäriig cirkulicrendcn, vom Verband herausgegebenen tatiftischen Fragebogen sorgfältig auszufüllen und im Verbands- bureau abzuliefern find.— Als Beispiel für die Un- ' saubcrkeitcn, die in manchen Bäckereien noch vorkomme», erzählte ein Redner: Bei seinem Meister— dessen Namen und Adresse cr angab— sollte ein Sack Mehl verarbeitet werden, welches s o st a rk mit Mehlwürmern durchsetzt war, daß auf 10 Pfund Mehl 2 Pfund Würmer kamen. Infolge der Weigerung des Gesellen wurde dieses Mehl allerdings nicht verarbeitet, sondern der Meister verkaufte es zu andren Zwecken. Später fand sich auf dem Boden noch ein Sack Mehl, in dem ebenso viele Würmer hausten. Wieder protestierte der Geselle gegen die Verwendung dieses Mehls. Der Meister meinte aber, der Verkauf des verdorbenen Mehls bringe ihm zu großen Schaden. Er verlangte, daß das wurmhaltige Mehl durchgesiebt und verbacken werde, w a S denn auch geschehen i st. Diese Mit- teilung erregte allgemeines Aufsehen. Tie Marmorarbeitcr hielten am Dienstag im„Englischen Garten" ihre ordentliche G e n e r a l v e r s a in m l u n g ab. Im Vorstandsbericht gab M u r i s e t außer den rein geschäftlichen Mit- teilungen nochmals einen gedrängten Ueberblick über die vorjährige Lohnbewegung und deren Resultate. Hierauf verlas Wolff die Kasscnabrechnung vom Jahre 1903. Die Einnahmen beliefcn sich auf 3951,75 M., die Ausgaben auf 3601,75 M., sodaß ein Bestand von 350 M. verblieb. In der Kranlenzuschußkasse betrug die Einnahme 1135,34 M., die Ausgabe 999,05 M. inkl. eines Sparkassenguthabens von 800 M.— Die Vorstands- und Tclegicrtenwahlen hatten nach- stehendes Ergebnis: erster Vorsitzender: Z unk: zweite� Vorsitzender: G a l i tz k i: erster Kassierer: Wolff: erster Schriftführeer: E. G a l i tz k i: zweiter Kassierer resp. Schriftführer: T i b b e ck e; Revisoren: Langkabel und T i l l a ck; SchlichtungSkommission: Zunk, M u r i s e t und Viriler. In die Gauleitung wurde M u r i s e t und als Delegierter zum Leipziger Verbandstoge wurde Wolff gewählt. Die Lackierer �Filiale II der Vereinigung der Maler:c.) hielten am Dienstag eine Generalversammlung ab, wo zunächst der Kassierer den Kassenbericht für das IV. Ouartal 1903 erstattete. Einschließlich eines Bestandes von 192,40 Rk. wurden eingenommen 1127,40 M. Die Ausgaben betrugen 848,89 M.(darunter 144,60 M. Kranken- Unterstützung, 20 M. für Gemaßrcgelte, 461,13 M. an den Hauptvorstand.> Im vergangenen Jahre sind insgesamt eingenommen 3320,27 M., an die Hauptkasse abgeliefert 3041,78 M., bleibt am Jahresschluß ein Bestand von 278,51 M.— Nachdem der Kassierer enilastcl war, erstattete der Bevollmächtigte Höst den Ge» schäftsbericht deS Vorstandes für das abgelaufene Jahr. Die Filiale bat einen beftiedigenden Fortschritt gemacht, sie hat um 50 Mitglieder zugenommen und zählte am Jahresschluß etwas mehr als 300 Mitglieder, wovon aber nur etwa 250 ihre Beiträge rcgel» mätzig bezahlt haben. Der Vorstand hat sich besonders die Werkstatt- agitation angelegen sein lassen und zwar mit dem Erfolge, daß die Organisation in mehreren größeren Betrieben Fuß gefaßt hat. Streiks wurden nicht geführt, es kamen aber zwei Maßregelungen vor. die jedoch keinen großen Ilmfang annahmen.— Hierauf berichteten der Delegierte zur Gcwerkschaftskommission und der Bibliothekar über ihre Thätigkcit. Dann wurde beschlossen, dem Bevollmächtigten sowie dem Kassierer eine Entschädigung von je 15 M. und dem Schriftführer eine solche von 5 M. vierteljährlich zu gewähren.— Hierauf erfolgten die Neuwahlen: sie hatten folgendes Resultat: Bevollmächtigter Höft; Kassierer Linde; Schriftführer Trennert; Beisitzer Brendel und S ch e d l i n s Ii; Revisoren Witsch und Hille: Hilfslassierer Groß; Bibliothekare Saft und Düring. Delegierter zur Gewerkschaftskommission Höft.— Hierauf wurde über eine vom Hauptvorstande ausgehende Anregung diskutiert, welche dahin geht, daß die in Berlin und den Vororten bestehenden Filialen der Vereinigung der Maler zc. ver- schmolzen und unter eine einheitliche Verwaltung gestellt werden. Außer der Filiale der Berliner Lackierer würden dabei in Frage kommen die Maler-Filialen in Berlin. Ripdorf und Charlottenburg. Ueber die Zweckmäßigkeit einer solchen Maßnahme waren die Meinungen in der Versammlung geteilt. Gegen die Verschmelzung wurde geltend gemacht, daß die Lackierer wegen der Besonderheit ihres Berufes die Selbständigkeit ihrer Organffation aufrechterhalten müßten. Andrerseits wurde die Verschmelzung lebhaft befürwortet mit dem Hinweis auf die großen Verbände, in denen die verschiedenen Branchen eines Berufes zum Nutzen aller vereinigt sind. Die Selbständigkeit der Lackierer werde auch nach der Verschmelzung dadurch gewahrt werden, daß sie eine besondere Sektion in der Vereinigung bilden. Schließlich wurde beschlossen, am 21. Januar eine Versammlung abzuhalten, in der die Verschmelzungsstage gründlich erörtert werden soll. Die ordentliche Generalversanimluiig der Freien Volksbühne vom 29. Dezember begann mit einem Lortrage dcS Herrn Eduard Fuchs über„Die Bedeutung der Karikatur für das öffentliche Leben". Darauf gab der Vorsitzende Conrad Schmidt den Geschäftsbericht über das letzte Ouartal. Die Vergleichs- Verhandlungen in dem Prozesse mit der Theater-Agentur Felix Bloch Erben sind gescheitert, weil die Firma eine feste Begrenzung ihrer Tanttemeforderungen, wie sie der Verein als Mindestmaß des Entgegenkommens verlangen inußte, abgelehnt habe. Die gerichtlichen Instanzen, in letzter Linie das Reichsgericht, werden nun die Streit- frage, die einen principiellcn Charakter hat— es handelt sich um Anerkennung des Vereinscharakters des VolkS-Bühnenvereins— zu entscheiden haben. Dann nach einem Ucberblicke über die bisher veranstalteten Kniistabende, kam Redner auf das ablehnende Ver- halten der Direktoren und Behörden gegenüber dem Verein zu sprechen. Nicht nur die Aulen der Gymnasien und der Saal der Singakademie, deren lleberlassung für die Kunstabende der Vorstand nachgesucht habe, sondern auch die Säle der Gemeindeschulen und der Bürgersaal des Rathauses seien nunmehr dem Verein von der städtischen Schuldeputatiou ohne Angabc von Gründen verloeigert worden. Der Vorstand wird jetzt an die Stadtverordneten- Versammlung appellieren. Zu den Festen übergehend, teilte der Vorsitzende mit. daß das Märzfcst eine Aufführung der neunten Sinfonie bringen werde. Der bedauerliche teilweise Miß- erfolg des Offenbach-Programms beim letzten Winterfeste erkläre sich daraus, daß einige der Künstler, die ihre Mitwirkung in Haupt- rollen zugesagt hätten, im letzten Augenblicke abgesprungen seien. Die Lereinsleitung werde ,so weit als irgend möglich sich gegen solche Eventualitäten in Zukunft durch schriftliche Verträge und Fest- setzung der Konventionalstrafen zu schützen suchen. Hinsichtlich des Kostümfestes wurde noch besonders bemerkt, daß selbstverständlich kein Kostümzwang bestehe: auch könne jeder nach Belieben mit und ohne Maske kommen. Als nächstes Stück wird Anzengrubers „Meincidbauer" gespielt. Den Kassenbericht erstattete der Kassierer Winkler. Danach betrugen im zweiten Ouartal 1903,04 die Einnahmen 21 326,53 M., die Ausgaben 7455,79 M., der Kaffenbeftand bei Abschluß der Bücher 13 870,74 M. Auf Antrag des Revisors Jonas wurde einstimmig Dccharge erteilt. An Stelle eines ausgeschiedenen Revisors wählte die Versammlung Herrn S ch e i c r. In der Diskussion wurde über den gemischten Chor, zu dem sich bis jetzt.200 Mitglieder aus dem Verein gemeldet haben, gesprochen. Herr H i r s ch wicS auf die Schwierigkeiten des lliiternchmens hin. Herr Sch ei er äußerte den Wunsch, daß der Verein die Kosten des ChorS auf sein Conto übernehme, ein Vor- 'chlag. der von den Ausschußmitgliedern B u s ch o l d und Robert Schmidt, sowie von Dr. Alberty entschieden bekämpft wurde. Der Verein habe keinen Grund, für Zwecke, die außerhalb seine« ursprünglichen Programms lägen, Verpflichtungen einzugehen. Auf Vaakes Anraten, man möge abwarten wie die Sache läuft, wurde von einer Beschlußfassung Abstand genommen. Central-Kranken- und Ttcrbekassc der Tischler und andrer ge- werblicher Arbeiter.(E. H. Nr. 3, Hamburg.) Die Mitglieder der OriS- verwaltungcn Berlins und der Vororte versammeln sich am Freitag, den 8. Januar, abends 8'/, Uhr, im EcwerkschastShause, Saal 7. Berliner Tanzlchrer Bcrband. Freitagabend 0 Uhr Alte Jakob- straßc 75: Ecneralverjammlung. eingegangene Druchrcbriftcn. C. von Barr. Was lehrt der„Fall Silfc"? Ein Beitrag zur Hebung der Grenzgarnisoncn. Preis: 1 M. Verlag Richard Saitler, Braun- schweig, 190-1. Tr. Franz Heiner, DcZ Grafen Paul v. HoenSbroech neuer Beweis dcZ jesuitischen Grundsatzes. Der Zweck heiligt die Mittel. Zweite Auslage. S4 Seiten. Frciburg i. Br. Charitasucrbaiid sür daS katholische Deutsch- land. 1901. Immerwährender Jahreskalender nebst Schlüssel. G. Franzschcr Verlag, Jos. Roth, Hojbuchhändlcr in München und Leipzig. Deutscher Arbciter-Abstincnten-Bund, Ortsgruppe Berlin. Mitt- woch, den K. Januar, abends 8'/, llhr, Generalversammlung im Englischen Hos, Neue Roßstr. 3. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. blaffen- bcricht. 3. Neuwahl des Lorslandes. 4. Gruppcnangclcgenheitcn. Tr. Adolf Neumann-Hofer. Die Entwicklung der Socialdeinokratic bei den Wahlen zum Deutschen Reichstage 1871—1903. Statistisch dar- gestellt. Dritte Ausgabe. Berlin NW. 7, Verlag Konrad Skopnik. 1903. Witterungsübersicht vom«. Januar 1904, morgens 8 Uhr. Stationen Swinemde. Hamburg Berlin a a N— 5 H S S 770 SO 769 ONO 768 SO Franks.a.M. 769 N München! 766 sStill Wien>771 jSSO Wetter 2 heiter 1 Dunst 2 wolkcnl 1 bedeckt — Nebel 3 bedeckt !-»« c S, -8 — 1 -7 — 1 -5 Stationen L E SH §S c 5 N— S« Haparanda�768MW Petersburg' 77.7 WSW Cork Zlberdeen Paris 76b S 769, NNO WeUer -ss: s« Z& H& I 1 2 bedeckt—5 1 Regens— 5 ö bedeckt 2 wölken! -3 Wetter-Prognose sür Donnerstag, den?. Januar 1904. Zeitweise nebeliger, sonst meist heiteres, trocknes Frostwetter mit schwachen südöstlichen Winden. Berliner W e t t e r b u r e a u. Marktpreise von Verlin am 5. Januar 1904 > kgl. Polizeipräsidiums. " Kartoficln, neue D.-Ctr. Rindsleisch, Keule 1 kg do. Bauch„ Schweinefleisch Kalbfleisch, Hammelfleisch Butter • ab Bahn. t srei Wagen und ab Bahn. Eier Karpfen 'Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 dg per Schock 7.00 1,80 1,50 1,60 1,80 1,80 2,80 5,00 2,40 2,80 2,80 2,20 1,80 3,00 1,40 15,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,10 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 Briefhaften der Redahtion. Ballestrein. Die halb vergessene Komödie der präsidialen Amts- nicdcrlcgung datiert nicht vom 23. Januar 1902, sondern vom 22. Januar 1903. Arn 23. Januar wurde dem Reichstage die Demission bekannt, am 29. Januar 1903 erhielt die Ballestrem-Posse ihren programuirnäszigen Ab- schlug: Der oberschlesische Llgrar- und Grubenonkel wurde mit 195 Stimmen wiedergewählt und nahm die Wahl dankergcbenft an, obschon die sür ihn abgegebenen Stimmen nicht einmal die absolute Mehrheit des Hauses bc- deuteten. Die entgegenstehende Angabe im„Historischen Kalender" ist un- richtig. R. H. Tchwiebus. Züchten Sie Ihr Schreiben an den Arbeiter- Turncrbund oder an den Turnverein„Jichte", Berlin, Fricdenstr. 37. Alhambra. Die rote Burg und frühere Citadelle von Granada. Sie darf wohl mit Recht als berühmtestes Denkmal der maurischen Architektur gelten. R.-2. 10. Das betresscnde Münzstück ist kein Thaler, sonder» eine sogenannte Denkmünze. Sie dürfen sie incht als Geld verausgaben. P. F. 104. Die größte Kälte seit 15 Jahren kam hier im Jahre 1893 vor. Arn 19. Januar 1893 früh sank nämlich die Temperatur in» Innern der Stadt Berlin bis aus—23,1 Grad Celsius("gleich—18,5 Grad Rsaumur), an einer andern Stelle bis—23,3 Grad Celsius(—18,6 Grad Röaumur), am nordwestlichen Rande der Stadt bis— 31,0 Grad Celsius (— 21,8 Grad Roaumur), in Spandan bis— 31,3 Grad Celsius (—25,0 Grad Roaumur), in Blankenburg bei Berlin bis—31,9 Grad Celsius(—25,5 Grad Rsaumur). Juriltilcber Cell. Sic juristische Tprechstuiidc findet täglich mit Ausnahme des SounabeudS bo»?-/- bis 0'/2 im abends statt. Geöffnet: 7 Uhr. M. P« Rixdorf. 1 und 2: Nein.— H. SU. Ein Prozeß hätte keine Aussicht aus Erfolg.— Solan. Der Ehemann kann aus eignem Recht wegen Beleidigung seiner Frau klagen. Eine Widerklage wegen Beleidigung durch seine Frau ist in diesem Prozeß unstatthaft. Auch der Ehemann der beleidigenden und beleidigten Frau kann klagen.— H. N. 10. Die Kinder, gleichviel ob Söhne oder Töchter und ob ledig oder verheiratet, sind gcsctz- lich verpflichtet, sür ihre hsissbcdürstigen Eltern soweit zu sorgen, als dies ohne Beeinträchtigung des standcsmäßigen Unterhalts ihrer Person und ihrer Familie möglich ist.— K. IS. 1. Ja. 2., 3. und 4.: Der 1500 M. jährlich übersteigende Lohnbetrag ist durch Gerichtsbeschluß psändbar.— Schlegelstr. S7. Die Erbin kann ihre.Hastung aus die Höhe des Nachlasses beschränken. Wo nichts ist, ist nichts zu holen.— — F. B. IS. 1. Wenn Sie der Erbschaft nicht entsagen: ja. 2. Nur zum Ersten.— M. B. 1. und 2. Nein.— G. 0. Die Kündigung ist gültig, wenn Ihr Vertrag nicht längere als vierteljährliche Kündigungsfrist vor- schreibt.— G. E. 81. 1. ES würde Abweisung erfolgen. 2. Die Höhe einer Absindung sür Alimente unterliegt freier Vereinbarung, ohne Zu» stimmung des Vormunds und des VormundschaslSgerichts ist die Ver- cinbarung nicht gültig.— K. M. 13. Ob Jpre Frnu versicherungspflichtig war, erhellt aus Ihrer Darlegung nicht. Nachgeklebt kann nur für zwei Jahre werden. Wenden Sie sich an die Versicherungsanstalt. Breitestr. 21».— R. V. Bürgel. Sic würden mit einer Klage aus Rückerstattung des Kauf- Preises durchdringen, lvenn Sie die Vereinbarung beweisen.— F. D. Ja. � f mv!"■% nächste Nummer müssen his 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Größere Inserate bitten wir vorher anzumelden und bis 4 Uhr nachmittags einzusenden. � Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publiknui gegenüber keinerlei Beranttvortung. Zhcatcr. Donnerstag, den 6. Januar. Schauspielhaus. Egmoui. Ansang 7 Uhr. Anfang T'/j Uhr: Neues Königl. Opern- Theater. Figaros Hochzeit. Deutsches. Ein Volkssemd. Berliner. Maria Theresia. Lessing. Familie Schierke. Weste«. Die Jüdin. Oteues. Der Strom. Residenz. Der keusche Casimir. Central. Der Raftelbindcr. Thalia. Der Hochtourist. Bellc-Alliancc. Der reichste Bcr- lincr. Anfang 8 Uhr: Schiller O.(Wallncr- Theater.): Der Compagnon. Schiller lV. kFriedrich-Wilhelmstädt.) Kollege Crampton. Luisen. Der Akticnbudiker. Kleines. Clektra. Trianon. BiScottc. Deutsch-Amerikanisches. Ueber'n großen Teich. Carl Weih. Der Meineidbaucr. Metropol. Durchlaucht Radieschen. Casino. Weihnachtsglocken. Der vertauschte Sohn. Apollo. Frühlingslust. Vision nach dem Balle, spccialitätcu. Winter- Garten. Otvro. Otto Rcutter. SPecialitätcn. Passage- Theater. Enthauptung. Specialitäten. Anfang 5 Uhr. Gebr. Herrnfeld. Papa Noä.' Reichshallen. Stettiner Sänger. Urania. Taubcnstraste 48/49. Der Erdball als Träger des Lebens. Um 4 Uhr im Theater: An den Seen Oberitaliens. Jnvalidenstrafte S7/KS. Sternwarte. Täglich geöfsncl von 7 bis 11 Uhr. Neues Theater. Schsssbanerdamm 4a— 5. DerStrom. Anfang 7'/. Uhr. Freitag: Salome. DerKammersänfler. ThaliasTheater. Täglich abends 71/s Uhr: Der Hochtourist. Guido Vliielscher spielt die _ Titelrolle._ "Central-Theater. Abends 7'/, Uhr: Zum letztenmal: Oer Rastelbinder. Operette in 3'Akten v. Franz Lehör. Freitag: Iiis lieisba._ Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Berliner Kinder. Freitag zum erstenmal: Der Veilchensresser Sonnabend: Der Veilchensresser. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Alpen- könig und Menscheuseind. Abends 8 Uhr: Der Veilchensresser. Montag: Berliner blinder. Apollo-Theater. üm 8 Uhr: Frühlingsluft mit dem reizvollen Ballett Blütonhochzclt. Skleue gläozemle SpeeialitHten U. Messters Biophon u. Kosmograph. Kafseneröfinung 7 Utur. Anfang 8 Uhr. Schilier-Theater. Schiller-Theater O. (Wallucr-Theatcr). Donner Stagabcnd 8 Uhr: Der Compagnon. Lustspiel in 4 Akten v. Ad. L'Arronge. Freitagabend 8 Uhr: Der Compaxnon. Sonnabendabend 8 Uhr: Der Compag/non. IX. Berliner Saison. Schiller-Theater Bl. (Friednch-WilhelmslödtijchcS Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: Kolleg/e Crampton. Komödie in 5 Akten von Gerhart Hauptmann. Freitagabend 8 Uhr: Tasantasena. Sonnabendabend 8 Uhr: Kollege Crampton. Cirkus Busch. Donnerstag, den 7. Januar, abends 7,l2 Ä, Hus den Mr. Richard Sa.rade mit seiner berühmten Tigei'-�üMeii-u.häi'eli-lli'Wii!' Uhr: TJ t«A /.vt Original-Pantomime b.Clrkns Bäsch. Die außergewöhnlichen Zebra-Dressuren des Herrn Schumann. Die besten Clowns der Welt Gobcrt Bclling, Alfred Daniela und Gebrüder Fratellini. Herr Burkhardt-Foottit als Schulreitcr. Urania. Taubenstrasse 48/49. Ilm 4 Uhr: An den Seen Oder Italiens. Um 8 Uhr; Der Erdball als Träger des Lebens. Sternwarte Invalidenstrasse 57,62. CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Ein Naturwunder: Die SKefkuIesbrüders 10 u. 11 Jahre alt, Athleten, Sänger, Balalaika-Virtuosen! IndianeF-Riese" Die wunderbare Illusion: Der Weihnachtstraum d. Matrosen in den Tropen. 4 ilk. Direktion; Robert Dill. Brnnnenstraa.e 16. Grosse Extra-Vorstellung: Dos bmssße Haupt oder: Der lange Israel. Ansang 8 Uhr. Nach der Vorstellung� mr Bau.-ME i\LT- CiflNfl Kunst-JlKsstulinng LeipZlBER- Täglich geöffnet 10-8. Entrec 1 Tl., Sonntag SOPfr WwiMIjrllttt Direktion S. Lautenburg. Heute und folgende Tage: 'ir. Ansang 7'/, Uhr. SiM-Iiisglöl lilaulisi Alt-Moabit 47/49. Donnerstag, den 7. Januar 1904: Bernharil Hose-Theater-Ensemble. Die Rosa-Dominos Posse in 3 Auszügen von Dclacour und Hcnnequin. Anfang 8 Chr. Metropl-Theater ilaucm MmM Burleske Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Holländer. In Scene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Im 4. Bilde: GroHHCS Ballett-MD Wie damals im Monat Mai. Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Sonnabend, den 9. Januar 1904: Erster grosser Tletropol-Theater- IS all. Kleines Theater. Unter de» Linden 44. LiskKes. Anfang 8 Uhr. Morgen: Nachtasyl._ Belle-Älliance-Theater. Dir.: Ären u. Schönscld(Thalia-Theat.) Heute und täglich 7'/, Uhr: Der reichste Derliner. Große AusstattungS-Posse mit Gesang und Tanz in 4 Akten. Prags-TMl. Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags 5 Uhr. Anfang der Abendvorstellung S Uhr. Enthauptung einer lebenden Dame! Willy Prager mit seinem Schlager: Die kleine Garnison. 14 neue erstklassige Nummern. Reichs hallen Stettiner Sänger. stosliimfest Sonnabend, den 9. Januar, 9 Uhr, Nene Veit(Hasenheide) —————— mit ramilieuangehörigen. Der Eintritt Ist auch ohne Kostüm gestattet.— Festmarken in allen Zahlstellen a 50 Pf. zu haben.— Garderobe 15 Pfennig. Prnaratnm* Festspiel X Solotänze X Gesang X Zithervorträge, Schuhplattler a111111- Ballett X Internationale Kunstarena X Kulturhistorisches Museum Martin Kettner X Schlierseer Bauerntbeater. Verlosung von Kunstgegonstündon und Bildern.— Prämiierung der schönsten Maske. Die Mitglieder werden um zahlreichen Besuch des Festes mit ihren Familienangehörigen gebeten. Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. Sonntag, den 10. Janaar: Letsing- Theater: 16. Abteilung; Der Verbrecher. 228/2 Metropol-Theater: 9.fl0.„ Mercadct. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine liebe Tochter 821b Gertrud Michaelis im Alter von 15 Jahren durch den Tod von ihren Leiden erlöst wurde. Die Beerdigung findet Freitag- nachmittag 2 Uhr vom Trauer- hause. Teltowerstr. 12, aus, nach dem Eentral-Friedhos in Friedrichs- selbe statt. Die tiefbetrübten Eltern und Schwester. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen 5lranz- spenden bei der Beerdigung unsres sieben Vaters Emil Hcrins sagen wir allen Freunden, Bekannten und besonders seinen Kollegen und Kolle- ginnen, sowie dem Verband der Buch- binder unsren herzlichsten Dank. Berlin, den 5. Januar 1904. 816b Paul tierms. Minna Herms. Hermann Brandt. Trianon-Theater. Keorgenstraße, zwischen Friedrich» und Universitätsstraße. Biscotte. Anfang 8 Uhr. Freitag zum erstenmal: Madame X. Lasiii o-Theater. Lothringerslr. 37. Ans. 8, Sonnt. 7'/,. Zum letztenmal: VeihMühfcglulM Vertsiizchle Sohn Freitag Premieren-Abend. Sonnlagnachm. 4 Uhr: Diebesfalle. Weihnaehtsglocken. Carl Weiss-Theater. töroftc Frankfurter Strafte US. Abends 8 Uhr: Gasijpicl des Oberbayrischen Bauern-Theaters. Der Meineidbauer. Volksstück in 4 Akten v. L. Anzengruber. Morgen: Der Gewtssenswurm. Sonnabendnachm.: Der Waldmeister. Abends: Die Lern von Oberammergau. Heute Donnerstag, den 7. Januar er., abends 7'/„ Uhr: Vom Neuen das Neueste. Immer d. Neueste, immer d. Original. vis Crcateur Mr. Aneilletti. Die Lieblinge der Berliner: Clown Adolf u. Coro. Phänomenale l.ü«endres8ur des Herrn Seeth mit 25 männlichen Löwen. Die Prachi- Pantomime: Eine Wanderung durch acht Jahr- tausende in 11 Abteilungen. BsKsI. Pelzwaren-Fabrik Gegründet 1864 Biene Kttnigcttr. 81, II verkauft noch einige Tage ihre Reisemuster bestehend aus Pelzsfolas, Kolliers, Muffen, Herrenkragen etc. zu billigstem Engrospreis. Es gelangt nur reelle[49/2* Kürschnerware zum iVerkauf. SoeialdemokratisehJahlverein für den Todes-Anzeige. Am 5. d. Mts. verstarb unser Mitglied, der Maler kränz kadrzf, Schwedtcrstr. 46. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigung findet am Freitag, den 3. Januar,»ach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- balle des Central- Friedhofes in Friedrichsselde aus statt. Um zahlreiche Betelligung ersucht 246/ t Ter Vorstand. Socialtlem. Lese- uJiskutierklub „Johann Jacoby". Unsren Mitgliebern hiermit die traurige Nachricht, daß unfer Mitglied 824b krsn- Fabry am 5. d. M. plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Frei- tag. den 8. Januar, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Städttschen Friedhofs in Friedrichs- selbe aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ter Vorstand. Todes» Anzeige. Alle» Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß nnsre liebe Mutter und Schwiegermutter. Witwe Karoiine Schüft geb. Schmeling am 5. d. M. verstorben ist. Die Beerdigimg findet am Freitag, den 8. d. M., nachmittags 2 Uhr, vom Kranlenhause am Fricdrichshain aus»ach dem Gethsemane- Kirchhof« in Nieder- Schonhausen statt. 823b Bie trauernden Söhne Wilhelm, Fritz und Paul Schutt. Verein zur Wahrung d. Interessen] der Maurer Berlins u. Ilnig. I Den Mitglieder» zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied kell Schlösser (Zahlstelle Norden) am 5. Januar gestorben ist. Die Beerdigung findet am Frei» tag, den 8. Januar, vormittags II1/, Uhr, aus dem CcMral-Fried- hol' in Friedrichsselde von der Leichenhalle aus statt. Um zahlreiche Betelligung ersucht 129/2 Der Vorstand. Deutseher Holzarbeiter-Verband. Den Mitgliedern zur Kenntnis. daß der Kollege, der Tischler Franz Schmidt am 5, Januar plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Freitag, den 8. Januar, nach- mittags 2 Uhr, in Anshagen der Greisswald statt. 77/6 Die Ortsverwaltung. A. JANDORF& CO Spittelmarkt 16/17 Ecke Leipziger Strasse 9 Flaschen Belle Alliance-Stpasse 1/2 Am BlUcherplatz Grosse Frankfurter Strasse 113 Ecke Andreas*Strasse 25 M. flaschen-Biere Jandorls Versand- BiEt on O Flaschen | 30 Flaschen Märzen u. Versand-Bier sor»tier»t 2 m5| Jandorfs Versand-Weissbier 30 Flaschen ddites jutättdiener Bier Flaschen 25 M. 60 M. €diies flümberger Bier 30 Flaschen� 3� €d!t. Mmbttdier Bier 30 Flascher� 3a� AnFlaschenpfand wird nur 5 Pf. pro Flasche erhoben. Trotz der enorm billigen Preise vergüten wir wie auf die meisten anderen Waren [30 Flaschen echte Biere sor»tieirt 3�P{ Sämtliche Biere sind von erstklassigen Brauereien. Rabatt-Marken idiies Pilsener Bier qn q \ß\ß Flaschen 60 M. und berechtigt die Quittung über geleistete Zahlung zur Erhebung der entsprechenden Anzahl Rabatt- Marken in allen unseren Geschäften. Versand erfolgt frei Hau auch nach den Vororten. Fröbel8 Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Inhaber: Wilhelm Fröbcl. Donnerstag, den 7. Januar: Gastspiel des tgl. Hofschauspierers Emil Richard mit feinem erstklassige» Tchau- spiel-Ensemble. Slnfang 8 Uhr. Eintritt 40 Pf. GabiisskMkiit Kliggruhligen llI«I>It«I»ll»tl!. Im Kaisersaal: Künstler- Oeusemble unter Leitung d. Herrn Rudolf Schauss. i Kassen erösfn. 6'/, Uhr, Ansang 71/, Uhr. Entree 50, Vorvf.40Pf. . BonS haben Gültigfett. ' Frvltsiiz. In den unteren Sälen: Bockbier- Anstich und Przywarski-Konzert. Königstadt-Kasino Holzmarttstr. 72, Ecke Alexanderstratze. Täglich: Fran« hlvhuilisltl. Kita Roseiii. X Geschwister Baneia. The Teklys usw. Ein praktisches Geschenk. Nach der Vorstellung: Mittwochs, Sonnabends u. ConntagS: Tan,!. Qebriider Kermfeld Anfang Thootor Sonntags 8 Uhr. iilödlCll? Uhr. �fnr noch wenige Tasc die erfolgreiche Herrnfeld-Poste Papa Koa mit den Autoren in den Hauptrollen. Ferner: MZlleT'i'TÜgTWIR. Hanny Luxa. Ferry u. Perry. Longonells. Bendix. In Vorbereitung: „Nur eine Nacht". 2 Akte aus einer Ehe von Anton nnd Donat Herrnfeld. Billetvorverkanf täglich 11-2 Uhr. �ans�onci. Kottbufer Thor— Stat. der Hochbahn. Jede» Donnerstag, Sonntag und Montag: HoHmaims Nordd. Sänger. Nach jeder Soiree: TanzkrUnschen. Jeden Dienstag: Cheater-Hbend. Palast-Theater Burgftraste'i!t. früher Feen-Palast. Heute und folgende Tage: 8 Uhr: 8 Uhr: Berlin, wie es weint um! laelit. Volksstück mit Gesang in 9 Bildern von Kaiisch. Musil von Eonradi. Freitag, den 8. Januar, ab. 8 Uhr: Flite-Vorstclliing. Medea Das golößne Vliess. Trauerspiel in 3 Allen v. Grillparzer. In Vorbereitung: vi« RiiaboF. Wilhelm Teil. Zwischen zwei Herzen. I>er Verschwcmler. Neue Welt Arnold Scholz Hasenheide X«. 108/114. Jeden Donnerstag: Bernh. Rose-Tlieater-Enseoilile. Heute: Der Pfarrer von Kirchfeld. Stach der Vorstellung: fain!IIön-Iaii?ItszRtt!lleli. Tanz frei I Anlang S Uhr. Enlrea 30 Pf. VorzugSfarte» gelten. Arbeiter- RgdfahrerverEiD „Berlinds Sonutagiuitrag'/./.! Uhr: Koppe»plaü� und) Tegel. Restaurant„Sccfdilönchen-. Schlittschuhe mitbringen."WUS Heute Abend: 11/3 Bersanimlung. Andrcasstr. 26. vr. Simmel, z,�. Spcetalarzt sür s41/lv� Hant» nnd Harnleiden. 10—2, 5—7. sonntags 10—12. 2—4 UjL Neues Programm: Harry Rochez Hundedresseur. Wood u. Bates Amcrik. Ezcentrics. Lorrame's Lebende Bilder. Die beiden Freydos Gymnastiker. Cook u. Clinton Amerik. Kunstschützinnen. Meers u. Omo Drahtseilkünstlcr. Otto Rentter Humorist. 8alerno Meister-Jongleur. Annette Gitlard Pariser Opemsäng. Mlle. Otlro in ihrer Pantom.„Opiumrausch". Theroses Komischer Hypnotiseur. ..Karnevalsgeister" Wiener Ballett. Biograph. Lotteriespiel mit grässter Gew.-Chance.— Streng reell.— Anteil an 30 verschiedenen Nummern! Beitrag pr. Ziehung 4 Mk. Vereinigung». Spielern der Kgl. Pr. KI. Lolt, Bertin SW. 29.— Ausgabe und Prospekte bei: A.Thomas, W., Göbenstr. 15, Ecke Mansteinstrasse. A. Tietz, N., Invalidenstr. 124, vis- A-vis Stett.Bahnh. C.Tietz. S..AIexan- drinensir. 34, Ecke Mathieustrasse. Landparzellen (ßaustellen). Vorortverkehr(Bahnhof), bequem gelegen, landschaftlich hervorragende biegend, steigende Grundpreise in schnell ausblühender Kolonie, In jeder Preislage und Größe zu verlausen. Offerten unter 6. R. 315 an Rudolf Mosso, Leipzigerstr. 103. 49)1* von 3824S* Carl Ernst, Köpnickcrstr. 126, 1 Tr. Gröstte Auswahl! Billigste Preise l Vorzeiger dieser Annonce erhält KP/o PreiSermästlg. Dr. Sctiünemann Speeialarzt für Haut-, Harn-»»d Franenfeiden. 8cydcl»tr. v. -/,1»-'/,».'/.«--/K. Sonnt. 0-11 Orts- Krankenkaffe der Weder n. vew. Geio. zu Btrlin. Bekanntmachung. Die in der außerordentlichen Generalversammlung am 4. Ottober 1903 aus Grund des Gesetzes vom 25. Mal 1903 beschlossenen Ab- änderungen der KK 2, 10, 12, 13, 17, 18. 20, 21. 23, 27, 28. 38, 40. 45 und 54 deS Kassenstatuts haben unterm 15. Dezember 1903 die Gc- nehmigung der Aussichtsbehörde er» halten und treten mit dem 1. Ja» «mar 1904 in Kraft. Die ivescntllchcn Bestimmungen find, daß Kranlenmilerstützmig sür 26 Wochen, die Wöchnerinnen'Unter- stützung für 6 Wochen gewährt wird. Diese achte Abänderung zum Statut steht den Mitgliedern bei den Arbeitgebern und im Kassenlokal. Jtruchtstraste 45. in den Kassen- stunden von 71/j bis 12 Uhr vormittags zur Verfügung. Berlin, den 6. Januar 1904. Her Vorstand, 8226 Emil Last, Gustav Borndt, Vorsitzender. Schriftführer. Liege mit einer Ladung 7536» Presskohleu Marke.Ida", an der Köpntckcr Brücke, Mariannen-Ufer. 7" 7 M., 6" 5 M. Pro 1000. Schiffer Lookc. Kleine Anzeiaen. W ■r Wort 10 Ptr. Worte mit mehr J/BSBä m Bl mj* VHT W mm. m rntl MM M mm MM 9 in der V als IS Buchstaben zählen doppelt. AI y Strosse 6! Anrficrpn Sür A" nichstt S\nzcigcn jVummrr verdet den Annahmestellen für Berlin (st Vort 10 Ptr. Worte mit mehr ; 15 Ouchstabi bis Whr, für die Vororte biSllUhr, der Hauptexpedition tindr/i- strasse69 bis 5 Uhr angenommen. ichste A werden Berlin M ErßerMaschiiiiß. der mit Dampfmaschinen und GaS- motoren vollloinmen vertraut ist, so- fort gesucht. ES werden nur solche Maschinisten berücksichtigt, die bereits in größeren industriellen Betrieben eine derartige Stellung bekleidet haben. Meldungen 7—8 Uhr abends int Hauptcomptoir. 3316L K. dandorf&Co., Bellealliancestr. I S. WWg.Mlkarbtiter! Der Zuzug sür Stockarbeitcr aller Branchen ist streng fern- zuhalte» bei 8chmdllne dt Barta, Thüringerstr. 18. 88/9 Hie OrtsvcrwaUnng. Achtung, Hokarbeiter! In der Möbeltischlerei von 3. Kraus, iOeificuicc, LanghanS- straße 22, sind Differenzen ausgebrochen. Zuzug ist streng sernzu- halten. 77/1 Gesperrt ist ferner Hahn M Metzkow. König-Chaussee 71. Die Ortsverwaltung. Achtung l Achtung! iiolzarbeiter und Kistenmaeoer! In der Kistensabrif von Fnnke, Dieffenbachstraße, sind sämtliche Kollegen ausgesperrt worden. Die Fabrik ist sür Kreislägenschneidcr und Kistenmacher bis auf weiteres gesperrt. 103/11* Die Lohnkommissto«. Berantw. Nedaktcur: Julius Kalisfi, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. PerlagSanstalt PaulSingcr 6t Co.. Berlm L)V. it. 5. 21. z-htM«. 2. Villip P0 J§mMf lerliner floliioiilott �imstag. 7. Zmm IM. Berliner partel-Hngelcgcnbeitcn. Erster Wahlkreis„Hansavicrtcl". Versammlung am Donnerstag, den 7. d. M., abends 8*/, Uhr, in den„Spreehallen", Äirchstr. 13. Genosse Leo A ronS spricht über:„Das Wahljahr und die Socialdemolratie". Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vor st and. Für Tegel und Waidmannslust findet am Sonntagnachmittag g'/z Uhr im Bergschloß, Waidmannslust, eine kombinierte Wahl- verein s-Versammlung statt, in der Neuwahlen sowie die Gemeindewahlen auf Tagesordnung stehen. Brist. Die Generalversammlung des Wahlverems Britz findet nicht am 8., sondern am Ib. Januar bei Weniger statt. lokales. Staatserhaltender Umsturz. Eine amüsante Katzbalgerei spielt fich zwischen dem Scharf- macher-Hetzblatt„Die Post" und dem.Teltower Kreisblatt", dem Sprachrohr des Landrats v. S t u b e n r a u ch, ab. Die Ab- geordnetenwahl, welche am 20. November vorigen Jahres in der .Neuen Welt" zu Ripdorf vollzogen wurde, muß dem Hetzblatt in Ermangelung andern Stoffes von neuem herhalten. Das ist abgestandener Kohl, wird mancher denken? aber in der Not frißt der Teufel bekanntlich Fliegen. Von dem Aufruf der.Post" an die Staatsanwaltschaft, gegen die Gesetzmäßigkeiten der socialdemokratischen Wahlmänner, wenn nicht mit andern Wehr und Waffen, so doch wenigstens mit dem Groben Unfug-Paragraphen einzuschreiten, haben wir vor einigen Tagen berichtet. Auch darüber, daß, wahrscheinlich aus Ver- anlassung des Landrats, das.Teltower Kreisblatt" für das ihm von der„Post" servierte faule Obst höflich aber entschieden gedankt hat. An maßgebender Stelle mochte man fich eben sagen, daß die Staatsanwaltschaft neuerdings gerade Niederlagen genug er- litten hat, und bei aller Lust und Liebe, der verhaßten Socialdenio- kratie eins anzuhängen, die Erfüllung des Wunsches der„Post" der Tolpaffchigkeiten größte sein würde. In seiner blinden Wut keift daS Scharfmacherblatt aber immer wieder von neuem darauf loS. Es läßt sich mit„Zuschriften" über die Wahlvorgänge füttern, worin der alte Sing« fang, das blöde Verlangen nach Massakrierung des dritten Teils des deutschen Volkes, von neuem abgeleiert wird. Zu diesen Zuschriften giebt dann die„Post" regelmäßig ihren Senf. In der letzten Nummer des Blattes wird gar forsch dem Philister zugesetzt: Ein Wahlmann aber ist seinen Wählern gegenüber ver- pflichtet, zur Wahl zu gehen. Er darf daher erwarten, daß er vor Pöbeleien in der Ausübung seiner staatsbürgerlichen Pflicht geschützt wird, gerade so, wie der Zeuge vor Gericht geschützt wird und geschützt werden muß vor dem Zornesausbruch jener, gegen die er Zeugnis ablegt. Fehlt dieser Schutz, können Skandalinacher und berufsmäßige Radaubrüder ungestraft schimpfen, toben, schreien, drohen und lärmen, vermögen sie gewissermaßen mit Gewalt ihren Wünschen Geltung zu verschaffen, dann triumphiert eben die Anarchie, die Gesetzlosigkeit. Aber auch die Regierung erhält ihren Wischer: Wenn einzelne Wahlkommissare gegenüber der Radaugenossen- schast nicht so energisch und schneidig vorgingen, wie es hätte ge« fchehen können und auch von uns gewünscht wäre, so verkennen ivir dabei nicht daS Schwierige der Siwation, in der sie fich be- fanden angesichts des UmstandeS, daß von oben her ein recht linder Wind für die Socialdemolratie wehte. Zweifellos wird ihnen mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben sein, daß sie dem Umstürze gegenüber möglichst mit schonender Rücksicht verfahren möchten. Das ist horrender Blödsinn, mag man sagen, der vom kon- scrvaliben Standpunkt aus betrachtet mit so perfiden Verdächtigungen der Regierung untermischt ist, daß staatserhaltende Leute auf den Gedanken kommen müssen, man habe es in den Lohnschreibern der »Post" mit verkappten Umstürzlern zu thun. Denn die.Pöbeleien", welche die Socialdemokraten begangen haben sollen, bestanden in der streng gesetzlichen Wahrnehmung ihrer gesetzlichen Befugnisse und darin, daß sie mit Erfolg Ungesetzlichkeiten des Wahlleiter» zu verhindern suchten, also in Handlungen, für die die Organe der Regierung unfern Parteigenossen nur dankbar sein können. Und wenn die dank der Socialdemolratie buchstabengetreu geübte Be- folgting des Wahlreglements das entsetzliche Unglück heraufbeschworen hat, daß der Philister auch einmal einer ernsten Angelegenheit seine Nachtruhe opfern mußte— wenn diese Thatsach« den Kämpfern für Ordnung, Religion und Sitte so schwer im Magen liegt, dann müssen sie sich eben bei denen bedanken, die daS Wahlgesetz und die Wahlvorschristen geschaffen haben, nicht damit die Bevölkerung Preußens ihre politischen Rechte wahrnehme, sondern damit sie ihr verekelt werden. Darin liegt aber eben der Grund deS ScharfmachergehenlS. Die volksfeindlichen Brüder wissen, daß die Unbeguemlichkeiten, die dem Philister bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhause bereitet worden sind, im Gesetze selber liegen und daß es das hohe Verdienst der Social- dcinokratie ist, die verabschcuenswürdige Unsittlichkeit des Dreiklassen- wahl-UnrcchteS auch dem Blödesten pflichtgemäß vor Augen geführt zu haben. Auf dieser Unsittlichkeit beruht aber die unerträgliche Allmacht der Schlot- und Krautjunker in Preußen, Wer diese Allmacht antastet, wer ihre gräuliche Unvernimst der Welt offenbart, dem ge- bühren von Rechtswegen Galgen und Rad. Geht eS aber gar nicht anders, so soll er wenigstens mit Hilfe des groben Unfug- Paragraphen ins Gefängnis gebracht werden; und die Organe des Staates, die Bedenken tragen, das Gesetz zu prostituieren, sind— Begünstiger der Socialdemolratie. Und ein Stubenrauch, ein Socialistenhasser, wie er im Buche steht, ist eS, der sich von angeblich ftaatserhaltenden Leuten derartiges bieten lassen muß I Ueber die Abstinenz-Bewegung in der Arbeiterschaft giebt die Zeitschrift„Der abstinente Ar- b e i t er""> in ihrer neuesten Nummer, der ersten deS zweiten Jahrganges, recht beachtenswerte Aufschlüsse. Unser Parteigenosse W. M ü l l e r in Cannstatt zählt in einem Artikel die Fortschritte ans, welche die Enlhaltsamkeitsbcwegung in verschiedenen Ländern gemacht hat. Die f i n n l ä n d i s ch e Socialdemolratie hat die Be- iämpsung des Alkohols in ihr Programm aufgenommen und zwar lautet die Forderung:„Verbot der Zubereitung und des Verkaufs alkoholischer Gertränle überhaupt". Von Finnland nach— Brasilien. Dort heitzt es im Programm der soeialistischeu Partei:.Ermahnung der Arbeiter zur Mäßigkeit, Bekämpfung des Alkoholismus und des Müßigganges". In England sind heute die Leiter der poli- tischen und der wirtschaftlichen Arbeiterbewegung zumeist voll- kommene Abstinenten, die keine Gelegenheit versäumen, ihren Genossen Mäßigkeit und Abstinenz einzuschärfen. Bei Massenstreiks #)„Der abstinente Arbeiter." Organ des deuffchen Arbeiter- Abstinenten- Bundes. Erscheint am 1. und IS. jeden Monats. Rc« 'sion: Georg Davidi'obn, Berlin NO, Heinersdorferstr. 8. wird durch Anweisung auf Nahrungsmittel meist dafür gesorgt, daß die Unterstützungen nicht vertrunken werden können. Das ist eine Vorsichtsmaßregel, die sich in Deutschland unsreS WisicnS bis jetzt zum Glück erübrigt hat und die dank der fortschreitenden Erkenntnis der deutschen Arbeiterschaft in der Zukunft erst recht nicht nötig sein wird. Im Anfang des verflossenen Jahrhunderts war es Sitte unter den britischen Gewerkvereinen, von den eintretenden Lehrlingen ein außerordentlich hohes E i n st a n d S g e l d zu verlangen und dies zu vertrinken. Im Gewerkverein der Kattundrucker zu Glasgow hatte jeder Lehrling zu diesem Zweck 140 M. zu opfern. Besonders ausgebreitet ist die Abstinenzbewcgung in der n o r- wegischen Arbeiterschaft. Der große Abstinenten-Orden .Gegenwart", der 19 Logen zählt, hat auf seiner letzten Landes- versammlmig zu Christiania beschlossen, sich der norwegischen Ar- beiterpartei anzuschließen und die Zeitung»Socialdemokraten" als Organ deS Bundes zu erklären. In Deutschland ist die Abstinenzbewegung weder im Pro- letariat noch im Bürgertum zu der ivünschenswerten Entwicklung gediehen. Dies mag verschiedene Ursachen haben. In den nordischen Ländern und in England war die Branntweinpest bis weit in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein eine Volk.Zkranlhcit. die grauenhafte Verwüstungen anrichtete. Ein scharfer Schnitt, die Propaganda für die absolute Enthaltsamkeit, war da begreiflich und notwendig; auch der Volkscharatter mochte dort zu diesem Extrem neigen. Ohne Zweifel hatte auch in Deutschland der Branntwein- genuß eine weite Verbrcittmg in der Arbeiterschaft und auch heute richtet er noch Verwüstungen genug an. Aber es ist nicht zu leugnen, daß daS minder schädliche Bier den Branntwein mehr und'mehr verdrängt und so die Alkoholfrage weniger.brennend" gemacht hat. Dieser Umstand soll als Erklärung für die relativ geringen Fort- schritte der Abstinenzbcwegung dienen und keinesfalls ihre lieber- flüssigkeit darthun. Daß bei alkohol kranken Personen in der Gewöhnung zur Enthaltsamkeit die einzige Rettung liegt, steht wohl fest. Beim Kranken aber darf die Propaganda selbstverständlich nickt aufhören. Notwendig ist es vor allem ans hygienischen und moralischen Gründen, den Alkoholgenuß bei der Arbeit ein- z u st e l l e n. An diesem Punkte sollte namentlich die Propaganda mit Geschick einsetzen. Im„Correspondent für Deutschlands Buchdrucker" wird da eine recht beachtenswerte Polemik für und wider den Alkohol geführt, bei der es leider auch auf feiten der Alkoholgegner nicht an Entgleisungen fehlt. In einer alkoholfeindlichen Einsendung beißt es: Was stellt denn das Höchste in der Menschheitwesenheit dar? Ist'S das materielle Leben; ist's der tterische Leib, der uns an den Staub der Erde fesselt, uns zur Gemeinheit herabzieht, uns dem Tiere gleichmacht? Oder ist's nicht vielmehr der ätherische, nnfaß- bare und unbegrenzte Geist, der uns zu Stcrnensphärcn empor- zieht, nach dessen Aufwärtsentwicklung und Vervollkommnung die Sianze Menschheitscntwicklung tendiert? Nicht zuin Tiere herab, ondern zur Gottheit empor geht des Menschentums Lebensbahn I Das ist in der Form Prosa, dem Sinne nach aber ein Ausbruch schlvärmerischer Verzückung, dem der poetische Gehalt nicht ab- gesprochen werden kann. Aber wo haben wir ganz ähnliches sckon einmal gelesen und zwar in noch schönerer poetischer Form? Richtig: Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmlisches Behagen, Will mick'S etwa gar hinauf Zu den Sternen tragen? Der alte Goethe, der von uns allen als der vollkommensten Einer gepriesen wird, konnte auf den Titel eines Abstinenten so recht eigentlich in keiner Richtung Anspruch erheben und hat vor allem das der abstinenzfreundlichen Einsendung ähnliche Lied nicht in alkoholfeind- sicher Stimmung geschrieben. Insofern unterscheidet er sich wesentlich von dem von uns citierten Einsender. Indem wir aber die poetischen Buchdruckergedanken bei dieser Gelegenheit abdrucken, wollen wir zeigen, wie vorsichtig und überlegt die Propaganda für die Enthalt- samkeit einsetzen muß. Die Leitung des Arbeiter-Abstinentcn-Bundes identifiziert sich nicht mit der Einsendung und soll auch von unS selbstverständlich in keiner Weise dafür verantwortlich gemacht werden. Wir wünschen dem Bunde vielmehr den besten Erfolg und werden sein Wirken, wo es unö nur möglich ist, gern unterstützen. Im Kampfe um die Befreiung der Menschheit wird er uns ein treuer Bundesgenosse sein und ist auch seine Arbeit notwendig. In diesem Sinne darf der Bund von sich sagen: Von der Ouellc bis ans Meer Mahlet manche Mühle, Und das Wohl der ganzen Welt Ist'S, worauf ich ziele. Die mageren Jahre. Nun hat auch die städtische Steuerverwaltung ihren Bericht über das Etatsjahr 1902/03 veröffentlicht. Auch sie stimmt, gleich andren Verwaltungen der Stadtgemcinde, das Klagelied an. daß die ungünstigen Erwerbsverhältniffe der letzte» Jahre ihr viel zu schaffen gemacht haben. Als es sich vor zwei Wintern darum handelte, den Berliner Arbeitern von Gemeinde wegen Arbeitsgelegenheit zu schaffe», um ihnen die Not dieser Jahre zu mildern, da wollte man im Magisttat und in der Stadtverordneten-Versammlung nicht viel davon hören, daß ein wirklicher Notstand in Berlin herrsche. Die socialdemo- kratischen Stadtverordneten predigten tauben Ohren, und die Stadt Berlin that gegenüber der Arbeitslosigkeit— nichts. Nachher kam dann in den Berichten der einzelnen Verwaltungen, vor allem der Armenverwaltung, das kleinlaute Eingeständnis, daß man doch eine recht schlimme Zeit durchgemacht habe. Auch die Steuerverwaltung muß sich jetzt zu diesem Geständnis bequemen, um die Thatsachc zu erklären, daß ihr im Jahre 1902/03 die Stcuergroschen viel weniger reichlich zugeflossen sind, als ihr lieb gclvesen wäre. Die Gemeinde-Ein kommen st euer hat im Jahre 190203 zum erstenmal seit der Kommunalsteuer-Refonn einen Rück- gang des Ertrages gehabt. Der Bericht kommt an mehreren Stellen auf diesen Umstand zurück und weist auf seine Ursachen hin. Immer wieder wird gesprochen von den„mißlichen Wirtschaft- lichen Verhältnissen der letzten Jahre", von den„ungünstiger gewordenen Erwerbsverhältnissen", und so weiter. Die Gewerbe st euer hatte schon im vorhergehenden Jahre einen Rückgang gehabt; er ist diesmal noch bedeutender geworden. In solchen Zeiten ist eS ein undankbarer Beruf, Stcuererheber zu sein. Der Bericht hebt hervor, daß der„Rückgang der Wirt- schaftlichen Lage zahlreicher Steuerpflichtiger" eine Berniehning der Mahnungen und der Pfändungen und eine Zunahme des Betrages der Stcuerniederschläge und der Steuerreste zur Folge gehabt hat. Auch die Erscheinung, daß die Einsprüche und Berufungen gegen die Steuerveranlagung sowie die Erlaßgesuche fich vermehrt haben, wird auf die„ungünstigen ErwerbSverhältnissc" zurückgeführt. So schlägt der Magistrat mit seinen VerwaltuiigSberichten sich selber in» Gesicht. Wenn die wirtschaftliche Lage sich verschlechtert, wenn die Arbeitsgelegenheit knapp wird, dann wird die Forderung einer kommunalen Notslandsaktion vom Magistrat und von der frei- sinnigen Mehrheit der Stadtverordneten-Versammlung mit der kühlen Antwort zurückgewiesen, daß dazu kein Anlaß vorliege. Wenn aber nachher das Steueraufkommen sich verringert und gleichzeitig der Armenetat anschwillt, dann erhebt sich ini Rathaus ein großes Lamento. Merkwürdige Leute sind sie, diese freisinnigen Kommunalpolitiker; doch sie sind nicht so blind, wie sie sich stellen. Auch sie sehen die Not. auch sie brauchen, um die Verschlechterung der Erwerbsverhält» nisse zu erkennen, nicht erst zu warten, bis die Folgen sich einstellen, bis es im Stadtsäckel leer und leerer wird. Aber es fehlt ihnen m> socialem Empfinden, an Verständnis fiir die socialpoiitischen Pflichten und Aufgaben der Kommune._ Die Stadtvcrordncten-Vcrsammlmig hat sich in ihrer Sitzung heute nachmittag 5 Uhr u. a. mit folgenden Gegenständen der Tagesordnung zu befassen: Einführung der wieder- bezw. ncugewählten Mitglieder der Versammlung.— Wahl des Vorstehers und des Vorsteher-Stellvertreters.— Wahl von drei Beisitzern und drei Stellvertretern derselben.— Verlosung der Mitglieder in die Abteilimgen.— Beschlußfassung darüber, an welchem'Tage und zu welcher Stunde die ordentlichen Sitzungen der Versammlung im Jahre 1904 stattfinden sollen.— Beschlußfassung über die Neuwahl von Ausschüssen rc.— Berichterstattung über die Vorlage betreffend die Abänderung der U m s a tz st e u c r- O r d nu n g.— Vorlagen betreffend: die Etats des von Schevcschen StiftungSfonds und der Reuter- Ssiftung fiir das Etatsjahr 1904,— die Ferien- Ordnung an den höheren Lehranstalten für das Etatsjahr 1904,— die Bildung einer gemischten Deputation zur Beratung von Maßnahmen behufs Hcrabminderung der Säuglings st erblichkeit in Berlin,— die Errichtung von Bauten auf den städttschen Rieselgütcrn— die Erweiterung der Anlage fiir die Bereitung des KälberttankS— die Verhandlung in der Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung am 5. November v. I. über die Station fiir G e s ch l e ch t s k r a n k e im städtischen Obdach— und die Ansgemeindung des Gutsbezirks Plötzensee aus dem Forstgutsbezirl Tegel und seine Eingemeindung nach Berlin.— Berichterstattung über die Anttäge des Stadtverordneten Dr. Nathan und Genossen und des Stadtverordneten Dr. Landau und Genossen, beide betreffend die Erweiterung des Kaiser Friedrich-Kinder» Krankenhauses und die Errichtung einer Station für G e« schlechtskranke in dem Krankenhaus e Moabit.— Antrag von Mitgliedern der Versammlung betreffend die Ausführung der Fußböden in den Krankensälen des Rudolf Virchow- Kranken« Hauses.— Vorlagen bett. die ersolgte außerordentliche Revision der städtischen Kassen im Jahre 1903,— den Tarif für Wiedereinziehung entstandener Fürsorgeerziehungskosten,— die Rachweisung der der öffentlichen Beleuchtung dienenden Flammen, sowie des UmfangeS der Gaserzeugung und des Gasverbrauchs während des Vierteljahres Juli— September 1903,— die Ueberlassung deS RathausfestiaaleS an die Philosophische Gesellschaft zu einer Kant- Gedächtnisfeier— und die Beigabe wissenschaftlicher Abhandlungen zu den Jahresberichten der höheren Lehranstalten und höheren Mädchenschulen.— Fortsetzung der Beratung über die Wahl eiizeS Blirgerdeputierten für die Schuldeputation. Ter jetzt verSffcntlichlen Dienstanweisulig für dir Schulärzte an den Gemeindeschulen zu Berlin entnehmen wir folgendes: Dem Schularzte liegt ob, bei der Einschulung die Kinder auf ihre Schul- fähigkeit zu untersuchen. Zu diesem Zweck werden ihm von dem Schulkommissions-Vorsteher bei der Anmeldung der Kinder und von dem Rettor beim Eintritt der Kinder in die Schule die zugesandt, deren Schulfähigkeit zweifelhast erscheint. Außerdem hat er möglichst bald nach Beginn der Schule die Reuaufgenommenen zu untersuchen. Die Untersuchungen müssen innerhalb der ersten sechs Wochen de» Schuljahres beendet fein. Die in der Regel in Gegemvart der Eltern beziehungsweise der Erziehnngsverpflichteten vorzunehmende Untersuchung erstreckt fich auf die körperliche und geistige Entwicklung und auf die Sinnesorgane, Atmnngsorgane, Herz, Gliedmaßen, Wirbelsäule, Mundhöhle, bei Knaben auch auf den Bauch sBrnch- Pforten). Die als nicht schulfähig erkannten Kinder sollen zunächst auf ein halbes Jahr, nötigenfalls auf längere Zeit zurückgestellt und nach Ablauf dieser Zeit von neuem untersucht werden.' lieber die Kinder, welche als schulfähig, aber nicht als völlig gesund ermittelt werden und welche beim Unterricht besonders berücksichtigt werden sollen(beim Turnen, beim Gesang) oder eines besonderen Sitzplatzes bedürfen iwegen Gesichts- oder Gehörfehler zc.), ist ein lieber- wachungsschein auszustellen, welcher vom Klassenlehrer des Kindes auf- zubewahren ist. Diese Kinder sollen vom Schularzt fortlaufend beobachtet werden. Der Schularzt hat die Prüfung der für den Ncbenunterricht und für den Swttcrunterricht vorgeschlagenen Kinder vorzunehmen. Auf Ersuchen der Schullommisfion hat er die Unter- suchung von angeblich durch Krankheit am Schulbesuch verhinderte« Kindern, wenn Verdacht auf ungerechtfertigtes Fernbleiben beste dt, vorzunehmen. Sind ärztliche Atteste vorhanden, so sollen solche Prüfungen auf Veranlassung der Schulkommission nur dann vor- genommen werden, wenn beiondere Umstände vorliegen, welche eine solche Prüfung erforderlich erscheinen lassen. Der Schularzt ist verpflichtet zur Abgabe von schriftlichen von der Schuldeputation erforderten Gutachten über den Gesundheitszustand einzelner Kinder, das Vorhandensein von ansteckenden Krankheiten, über vermutete, die Gesundheit der Lehrer oder Schüler benachteiligende Einrichttingen des SchulhauscS und seiner Geräte. Der Schularzt har die Schule mindestens zweimal halbjährlich zu besuchen und daS Schulhaus und die Klaffenräume bezüglich der hygienischen Verhältnisse zu unter- suchen, den Rettor bezüglich der Ausführung hygienischer Maßregeln zn beraten, und die Kinder bezüglich ihres Gesunoheitszustandes zu be- obachtcn. Außer den Gemeindeschulen kann dem Schulärzte der Besuch der Nebenklassen und der Stottcrerkurse sowie auch der ein- mal jährlich vorzunehmende Bestich der höheren Mädchenschulen, Realschulen, Fortbildungsschulen ic. übertragen werden. Der Schularzt ist verpflichtet, bei auftretenden Infektionskrankheiten und in sonstigen dringenden Fällen auf Ersuchen des Rektors in der Schule zn er- scheinen. Die ärztliche Behandlung erkrankter, von ihm imterfiichter Kinder ist ihm nicht gestattet. Die Schulärzte werden periodisch zu Beratungen berufe», welche von einem dazu vom Vorsitzenden der Schuldeputation bestimmten Mitglied« der Schuldeputation geleitet werden. Die in amtlicher Eigenschaft gemachten Beobachtungen dürfen nur nach Genehmigung des Vorsitzenden der Schuldeputation veröffentlicht werden. Die Schulärzte sollen in der Nähe der Schulen wohnen, für die sie bestellt sind. Sie haben nicht die Eigenschaft von Gemeindebeamten im Sinne des Kvmniunalbcainten-Gesctzcs vom 30. Juli 1899. Die Altcrszusnmmcusctzunq der Berliner Bevölkerung hat sich im Laufe des letzten Jahrzehnts immer mehr dahin verschoben, daß der Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkernng zurückging. Diese Be- wcgung hat seit der letzten Volkszählung, aus deren Ergebnis sie recht deutlich zu ersehen war. noch fortgedauert. Für die Jahre ztvischen den Volkszählungen läßt sie sich mir an den Personenstand- Aufnahmen messen, die alljährlich zum Zweck der Steuerveranlagung vorgenommen werden. ES wird dabei unterschieden zwischen Personen, die bis 14 Jahre alt bezw. die über 14 Jahre alt sind. Bei der Aufnahme für das Stcuerjahr 1902/03 hat sich nun ergeben, daß die Zahl der bis 14 Jahre alten Personen, also der Kmder, sogar an sich zurückgegangen ist. In der Liste fiir 1901/02 hatten 437 854 Kinder und 1 407 040 über 14 Jahre alle Personen ge- standen. In der Liste fiir 1902 03 standen 1419 469 über 14 Jahre alte Personen, aber nur noch 436 791 Kinder. Der Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung stellt sich hiernach fiir 1902/03 mir noch auf 235 vom Tausend, während er im vorhergehenden Jahre 237 v. T. gewesen war. Fünf Jahre vorher war er noch 247 v.T., zehn Jahre vorher noch 256 v. T, gewesen. Die Direktion der Großen Berliner Straßeiibahn-Gesellschast schreibt uns: In der Morgenausgabe einer größeren Anzahl von Tagesblättern— darunter auch Ihre geschätzte Zeitung— wird die Ursache der gestern nachmittag zwischen 1 und lr/8 Uhr stattgehabten Betriebsstörung auf einigen unjrer im Westen und Norden bclegenm GtreFen auf einen Drahtbruch zurückgeführt. Dies ist unzutreffend; ein Draktbruch hat überhauvt nicht stattgefunden. Die Betriebs- störuilg ist vielmehr durch einen Maschincndesckt in einer der Kraft- stationen der Berliner Elektricitätswerke, die uns den Strain zu liefern verpflichtet find, entstanden. tLs gelang dem Eleltricitätswerk, durch Heranziehung von Refervemafchinen und geeignete Uin- fchaltungeii die Störung innerhalb einer hawen Stunde zu be- feitigen. Der Polizeipräsident giebt bekannt: Im Interesse der deutschen Arbeiter, die sich nach Mexiko begeben wollen, weise ich daraus hin, daß Engagementsverträge jeglicher Art in Mexiko nur dann Gültigkeit haben, wenn sie vor einem Notar abgeschlossen und durch einen mexikanischen Konsul beglaubigt sind. Der Verwaltungsdirektor der Eharitö, Geheimer RegicruugSrat Müller, geht als Konsistorialpräsident nach Kiel, nachdem er noch nicht ganz drei Jahre an der Spitze der grotzen Heilanstalt gestanden hat. Ein von Raserei gepackter Angeklagter verursachte gesten, iin KrimmalgerichtSgebäude einen argen Auftritt. Der Schlachtergeselle Julius B i e s o l d war im November v. I. bei einem Einbruchs- diebstahl in der Central-Markthalle ertappt worden. Er setzte sich damals gegen seine Verhaftung zur Wehre und entwickelte dabei solche Riesenkräfte, das; es den vereinten Anstrengungen von sechs Schlächtcrgesellen bedurfte, um ihn zu überwältigen. Gestern sollte vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I gegen ihn ver- handelt werden. Es kam aber nicht dazu, da Biefold den„wilden Mann' spielte. Auf Beftagen nach seinen Personalien gab der Angeklagte die verworrensten Antworten, er erzählte, dast er Reini Pferde laufen habe und nach Hoppegarten hinaus müsse, seine Diener schaft halte vor der Thür mit der Equipage, er müsse jetzt gehen Dabei drehte er sich um und schickte sich an, den Anklagcraum in anscheinend größter Gemütsruhe zu verlassen. Jetzt warf sich ihm der Schutzmann, der als Zeuge gegen ihn auftreten sollte, entgegen. Es kam zu einem schweren Ringen, Biesold entwickelte wiederum Kräfte wie ein Herkules, schließlich hatten sechs Beamte zu thuir ihn so weit zu bändigen, daß ihm starke Fesseln angelegt tocrdcn konnten. In der Zelle brüllte er dann, daß es durchs ganze Haus schallte. Bon einer Verhandlung gegen ihn konnte unter diesen Umständen keine Rede sein. Eine Rcvolverschiesierri, die erst vor fünf Wochen sich ereignete, wird schon heute Donnerstag, in Form einer Anklage wegen ver- suchten Brudermordes das Schwurgericht beschäftigen.' Der 27 Jahre alte Bügler Scheel, der infolge von Familienzwistigkeiten mit seinem Bruder in Streit geraten war, zog bei einem Zusammen- treffen mit diesem am 28. November in der Eberswalderstratze plötzlich einen Revolver aus der Tasche und gab auf seinen Bruder einen Schutz ab, der jedoch nur geringes Unheil anrichtete. Ehe er zun: zweitenmal schießen konnte, stürmten Passanten auf ihn ein und er entfloh, verfolgt von einer größeren Menschenmenge. Während der Flucht gab er kurz hintereinander noch zwei scharfe Schüsse auf feine Verfolger ab. die jedoch ihr Ziel verfehlten. Er hat sich nun wegen Mordversuchs zu verantworten. Seine Ver teidigung führt Rechtsanwalt Victor Fränkl. Schwer veninglückt ist gestern, Mittwochnachmittag, der Privat docent Dr. Hirsch Hildesheimer. Schriftleiter der„Jüdischen Presse" der in der Friedrichstraße l3l) wohnt. Herr Dr. H. docicrt am jüdischen Rabbincr-Seininar und kehrte nachmittags nach beendetem Kolleg gegen 2 Uhr nach seiner Wohnuirg zurück. Er benutzte zur Fahrt einen Omnibus der Linie Kurfürstenstraße— Stettincr Bahnhof und stieg gegenüber seiner Wohnung vor dem Hause Friedrich straße III ab. Bei dem in jener Gegend herrschenden starken Wagenverkehr wollte Herr Dr. Hildesheimer schnell den Fahrdamm kreuzen und bemerkte dabei nicht, daß der Straßenbahnwagen 2332 der Linie I fStadtring) herangesaust kam. Der Führer des Wagens bemühte sich vergeblich, das mit einem Anhänger versehene Gefährt noch rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Herr Dr. H. wurde von der Plattformwaudung erfaßt und zu Boden gerissen. Er geriet unter den Perron und mit dem linken Arm unter dem Schutzrahmen. Um den Unglücklichen auS der schrecklichen Lage zu befreien,»nutzte der Waggon mittels Winden angehoben werden. Inzwischen kam auch die Feuerwehr, die von Passanten alarmiert worden war, zur Stelle, trat jedoch nicht mehr in Thätigkeit. Herr Dr. HildeSheim, der nach feiner Wohnung gebracht wurde, hat einen linksseitigen Schlüsselbein bruch und Quetschung der Weichteile des Rückens erlitten. Eine gestern nachmittag uin S Uhr nochmals vorgenommene ärztliche Untersuchung des Verunglückten ergab, daß schwere innere Ver- letzungen nicht vorliegen. Zeuge» gesucht. Am 23. Dezember v. I.. abends zwischen 5 und 6 Uhr. ist in Treptolo, vor dem Restaurant Regelin. Neue Krug- Allee, der Bierkutscher August Reicr, Chorinerstr. 53. v. H, von einem Automobilwagen überfahren worden. Der Führer des Wagens suchte mit seinem Gefährt schleunigst das Weite und entkam auch leider. Der Vorgang ist aber von drei Mörtclkutschcrn beobachtet worden, die vielleicht im stände sind, über die Person, welche in roher Fahrlässigkeit daS Unglück angerichtet hat. näheres mitzuteilen. Herr Rcier bittet diese Kutscher, zu ihm zu kommen; Unkosten werden vergütet. Unter der Maske eines Doktors aus London treibt seit einiger Zeit ein Schwindler im Studentenviertel sein Unwesen. Der junge Mann mietet sich ein Zimmer unter dem Vorwande, die Universität zur weiteren Ausbildung noch einmal besuchen zu wollen. Am nächsten Morgen geht er weg und schwindelt der Wirtin vor, daß er 5000 M., die für ihn angekommen seien, von der Bank holen wolle. Sollte unterdessen ein Bote mit einer Rechnung für Bücher, die er gekauft habe, kommen, so möge sie so freundlich sein, den Betrag bis zu seiner Rückkehr auszulegen. Bald kommt denn auch der Bote, und die Wirtin legt gern aus, da es ja bei einem Manne, der 5000 M. auf einmal von der Bank holt, keine Gefahr hat. Der Bote verschwindet mit dein Gcldc und der Mieter läßt sich nicht wieder sehen. Er mietet schon wieder eine neue Wohnung, um den nächsten Tag mit seinem Helfershelfer den Schwindel zu wiederholen. Schon viele Wirtinnen find auf diese Weise um 25 bis 30 M. geprellt worden. Feuerbericht. An» Mittwochinittag kam ein sehr gefährliches Feuer aus unbekannter Ursache in der chemischen Fabrik von Dr. I. Perl u. Co.. Berlin, Scharnhorststraße 7, nähe der Kaserne der Garde-Füsiliere, zum Ausbruch. Es brannte bei Ankunft der Feuer- wehr ein Fabrikraum auf dem letzten Hofe in einem einstöckigen Fabrikgebäude. Dadurch, daß die Flammen Lacke und Firnisse er- mßt hatten, Ivar die Ausdehnung des Feuers befördert und die Ge- fabr vergrößert worden. Um diese zu beseitigen, mutzten über die außergewöhnlich tiefen Höfe von den Dampfspritzcn aus lange Schlauchleirnngen gelegt werden. Räch mehrstündiger Thätigkeit gc- lang es, die Flammen zu löschen und den Brand aus die Fabrik zu beschränken. Bermisit wird seit dem 2. Januar die 16 Jahre alte Tochter de* Tischlers Joseph Tölzcr aus Rirdorf, Kaiser Friedrichstr. 175. DaS junge Mädchcir lvar als Lehrling im Geschäft von Martin, Linden- straße u. beschäftigt. Tie Eltern haben, wahrscheinlich von ihr selbst, das Monatsgehalt durch die Post zugesandt erhalten und seitdem nichts wieder von ihrer Tochter erfahren. ES wird vermutet, daß das Mädchen. welches aus dem Geschäft entlassen worden war, sich aus verletztem Ehrgeiz ein Leid angethan hat. Wer etwas über den Verbleib der Verschwundene» weiß, wird gebeten, den Elter» Mitteilung zu machcir. Namentlich werden die Personen, welche das Mädchen in der Nähe des Postamts Friedrichstr. 227 gesehen haben, unl Nachricht gebeten. Die Ver- jchwundene trug ein dunkelgraues Jackett, blaues Kleid, einfachen schwarzen Hut, schwarzen Muff und Boa. Sie ist sehr entwickelt, hat eine gesunde Gesichtsfarbe und blondes Haar. Die Direktion des Instituts für Meereskunde, Gcorgenstr. 34 3b, bittet uns. unsren Lesern«nitzuteilen, daß der Dortrag des Prof. "'Rodenberg- Kiel über daS Thema„Der Indische Ocean in der Ge- schichte deS Mittelalters und der Neuzeit", welcher am 6. und 7. d. M. stattfinden sollte, wegen Erkrankung des Vortragenden aus- fallen muß. Eine Matinee zum Besten der ausgesperrten Weber in Crimmitschau veranstalten die im sechsten Wahlkreise wohlbetämiten Liedertafeln „Nord",„Nordivacht" und„Weddinger Harmonie" am Sonntag- mittag 12 Uhr in Ballschmieders Fcstsälcn, Ladstraße 16. Es wirken unentgeltlich mir die Hauskapelle unter Leitung des Herrn Blume und das Berliner lllk-Trio. Der Preis einer Eintrittskarte beträgt nur 20 Pfennig. Da überdies das Programm vorzüglich zusammengestellt ist, so wird ein volles Haus zu erwarten sein. Tie Inhaber von Eintrittskarten zur Ausstellunii der Sccesston werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Ausstellung nur noch bis einschließlich Sonntag, den 10. Januar, geöffnet bleibt.— Zu dem heute abend 8>/z Uhr stattfindenden Vortrage sind noch einige Karten im G e w e r k s ch a f t S h a u s e, Cigarrengeschäst von Horsch, zu haben. Ucbcr„Littcratur in und aus der Äinberstube" sprach am Dienstag in der V c r ei n i gun g„D i e K u nst im L e b e n des KindeS" Herr Dr. O s b o r n. Die Bestrebungen dieses Vereins. die Kunst zu einem Mittel der Erziehung zu machen, der Kunst Einfluß schon auf das Leben des KindeS zu gewähren, sind� bekannt. Von dem neuen Weg, den im Hause und auch in der Schule die Pädagogik hier einschlagen soll, wird erwartet, daß man auf ihm allmählich zu einem„neuen Typus des Menschen" gelängen werde, der einen Gegensatz bildet zum einseitigen Verstandes- und NützlichkcitSmenschen. Alle Künste sollen in den Dienst dieser Sache gestellt werden. Die Auf- gäbe, die dabei der Poesie zufällt, kann nur gelöst werden, wenn eine geeignete Litteratur für die Kindcrwclt vorhanden ist. Die Gedankengänge, die OSborn hierüber vortrug, dürfen auf das Interesse der Eltern und Erzieher rechnen. Die deutsche Lehrerschaft hat bereits vor einer Reihe von Jahren mit der Prüfung und Sichtung der Jugendschriften be gönnen. ES ist jedoch wichtig, schon für die allerersten Lebensjahre des KindeS eine„Litteratur" zu haben. Wer da eine richtige Aus- wähl aus Vorhandenem treffen, wer daneben auch Neues, das für »linder geeignet wäre, schaffen will, der muß. so führte der Vor- tragende aus. vor allem das Wesen der Kinder verstehen, ihre besondere Art zu denken und zu sprechen. Tie wissenschaftliche Forschung sucht das zu erreichen durch Beobachtung der Kinder, in neuester Zeit auch durch exakte Feststellung der„Mundart" deS ÄindesalterS. Aber einen nicht minder wertvollen Fingerzeig zum Verständnis des Wesens der Kinder giebt uns der reiche Schab an alter, volkstümlicher Kinderpocsie, den wir besitzen. Und diese ttilteratur a u S der Kinderstube", die sich durch die Jahrhunderte hindurch erbalten hat, ist auch heute noch die geeignetste„Litteratur i n der Kinderstube". ES sind die schlichten Äinderfprüchc, Kinder- reime, Kinderliedchen usw., die wir alle in unscrn ersten Lebensjahren aus dem Munde unsrer Mutter gehört, alle bei unsren ersten Sprach- versuchen nachgelqllt, alle in unsren ersten Reigenspiclcn mitgesungen haben. Die meisten davon sind, vor Jahrhunderten schon, wohl von Müttern und Kinderwärterinnen gereimt worden, manche mögen auch von Kindern selber gemacht worden sein, einige gehen in ihrem Ursprung zurück bis aus die Gesänge der religiösen Feste unsrer heidnischen Vorfahren, ans die Zaubersprüche des Gernianenttlnis Diese aus alter Zeit überlieferte Ktndcrpoesie fängt heute an, zu verschwinden. Die„Bildung" spült sie' hinweg. Mehrfach ist der Versuch gemacht worden, sie zu sammeln, vor einem halben Jahrhundert zuerst von Simrock. zuletzt vor zwei Jahren von Heinrich Wolgast. Solche„Litteratur aus der Kinderstube" verdient Beachtung. Sie giebt, wie gesagt, Ausschluß darüber, welche Litteratur i n der Kinderstube die geeignetste ist. In all diesen Reimen und Liedern finden wir das, was kennzeichnend ist für das Tenkru und Spreche» des Kindes: das Bunte und Phan tastische, die tollen Gedankcnsprünge, die das Unmöglichste möglich machen, das Sinnlose, dem oft doch ein tiefer Sinn innewohnt. Wer Kunstpoesie für Kinder schaffen will— neben dein vielen Albernen, das auf diesem Gebiete produziert wird, zeigen sich bereits Anfänge zum Besseren— der muß sich in jene uralte, naive Volkspoesie für Kinder verttcfen, muß vou den Kindern selber zu lernen suchen. Hebbel-Abend in Schöneberg. Dem Vorbilde der Charlotten burger Volkskunstkommission und der Leitung des Vereins zur Förderung der Kunst folgend wird auch die Volksknustkommission der Stadt Schöneberg am 10. Januar abends 7 Uhr in der Hohen- zollern-Schule. Eisenacherstratze, einen Hebbel-Abend veranstalten. Dieser Abend wird einen Vorttag über Friedrich Hebbel. Vor- lcsungen ans seinen Briefen und Jilgend-Eriunernngen, Recirationen von Gedichten und größeren Bruchstücken aus den Dramen„Die Nibelungen".„Maria Magdalene" und„Judith" bringen. Karten 30 Pf. auf allen Plätzen sind in den größeren Schöneberger Buch- Handlungen sowie bei Roseuberg u. Stahl, Potsdamerstraße. Bloch, Briiderstr. 1, und im Verein zur Förderung der Kunst, Albrecht- tratze 11, zu haben. Im Thalia- Theater wird die Barfußtänzerin I s a d o r a D u n c a n am 25., 27. und 29. Januar auftreten. nachgewiesen wurde 181 Personen. Dabo» waren nach b« Rubrizierung des StelleuvcrmittlcrS 24 Handwerker, 27 Fabrikarbeiter, 90„gewöhnliche" Arbeiter, 4 Dienstmädchen, 7 Fabrikarbeiterinnen. 3„gewöhnliche" Arbeiterinnen sowie 13 jugendliche Arbeiter unter 16 Jahren.— Bei dein städtischen W o h n u n g ö n a ch w e i S wurden im Dezember insgesamt 50 Wohnungen angemelder, wovon 33 kleine waren, d. h. solche bis zu zwei Zinimern und Küche. Mit Hilfe des WohmliigSiiachweiscs vermietet wurden 13 Wohnungen. Rixdvrf. Wie leicht cm Unglück geschehen kann, beweist folgender Vorfall. Die Arbeiterfrau M., Stcinmetzstr. 119 wohnhaft, hatte auf dem Sims über dem Küchenherde eine Flasche mit Spiritus zu stehen. Durch die dem Herde entströmende Hitze bildeten sich in der Spiritusslasche Gase, welche unter lautem Knall explodierten. Da die Küchenthür offen war, wurde durch den bei der Explosion entstandenen Lustdruck die gegenüberliegende Thür einer Kachbar- Wohnung mit der Füllung aus dem Mauerwerk gerissen, glücklicher- weise aber niemand verletzt. Die herbeigerufene Feuerwehr brauchte nicht in Thätigkeit zu treten. Vermilebtes. Hua den NaebbaroKen. In der Charlotwttburgrr Stadwcrordnetcn-Bcrsammlung erfolgte am Mittwoch die Einführung der neu- bczw. wiedergewählten Stadt- verordneten. In seiner Begrüßungsrede hob Oberbürgenneister S ch u st e h r u s die Notwendigkeit einer kommunalen Socialpolitik hervor, er wies auf die Aufgaben hin, die der Stadt auf kommunal- politischem Gebiete bevorstehen, und gab die Erklärung ab, daß diese Aufgaben in nächster Zeit ohne Erhöhung der Steuern erfüllt werden können. Die Konstituierung der Versamm- lung hatte folgendes Ergebnis: Zum Vorsteher wurde Stadtv. Justizrat Roscnberg gewählt, zum stellvertretenden Vorsitzenden Stadw. Kaufmann, zu Beisitzern die Stadtvv. Stein, Gredy, Mittag und Vogel(Soc.l. Die Sitzung schloß mit den Wahlen der Mitglieder für die täudigen Ausschüsse und fiir eine Anzahl nichtständiger Ausschüsse. Die Socialdemokratcn habeil zwei Interpellationen eingebracht; die eine bezieht sich auf den letzten Unfall beim Neubau des»Irankenhauses, die andre auf eine Verfügung, ivonach gerichtlich vorbestrafte Arbeiter im Dienste der Stadt mcht beschäftigt werden dürfen. Beide Interpellationen werden in der nächsten Sitzung zur Besprechung kommen. Zehlendorf. Nach dein..Teltower Kreisbkatt' treten in der hiesigen Volksschule verschiedene Veränderungen ein. Der auch schon von uns genannte Lehrer Röichkc von der cinkkassigen Schule im Qrtstcil Schönow tritt am 1. April an die hiesige Schule über inid soll die fünfte Klasse übernehmen.—— Bisher wurden Schüler nur zu Ostern ausgenommen, obwohl eine zweimalige Entlassung stattfand: hinfort erfolgen zu Ostern und zu Michaelis Aus- nahmen. Bier' neue Lehrer werden deshalb in diesen! Jahre neu- angestellt, wovon zwei zu Ostern schon der Regiermtg präsentiert ind. Der OrtStxil Schlachtenfee soll nun auch bald mit einer ein- klassigcn Volksschule bedacht werde», die jedoch nur Schüler im Alter von KchS bis sieben Jahren auftiehmcn soll. Vom städtischen Arbeitsnachweis in Rixborf verlangten ItZ Ar- beitgeber im Dezember 178 männliche und 24 weibliche Personen zur Arbeit, während Hein» Nachweis Arbeitsgelegenheit von 313 männlichen und 37 weiblichen Personen gesucht wurde. Ber- langt wurden zumeist sogenannte„gewöhnliche" Arbeiter, nämlich 107, und auch unter den Arbeitslosen, die sim an den städtischen Nachweis wandten, überwiegen die Arbeiter ohne bestimmte Qualifikation, denn von 3l3 gehören 203 zu ihnen. Gelernte Arbeiter Handwerker) wurden beim Arbeitsnachweis der«ladt nur31 verlangt und nur 50 von diesen nahmen ihrerseits ihn in Anspruch. Unter den weiblichen Personen, die verlangt wurden, befanden sich 7 Dienstmädchen, denen 8 stcllungsllchende Dienstmädchen gegenüberstanden. Beschäftigung Ueber ein LiebcSdrama wird aus Hamburg berichtet: In dem Edelschen Hotel in der Spaldingstraße stiegen vor drei Tagen ein Herr und eine Dame ab, die sich als Kauftnann F. Hennings und Frau aus Breslau bezw. Wien in das Fremden- buch eintrugen. Das angebliche Ehepaar erklärte, billig leben zu wollen und nahm mit einem kleinen Hinterzimmer vorlicb. In diesem Zimmer sielen heute nachmittag plötzlich mehrere Schüsse. Als die Angestellten des Hotels in das Zimmer drangen, lag die Dame i» einer Blutlache vor der Thür und rief um Hilfe. Sie war durch zwei Revolverschüsse in den Hals ziem- lich schwer verletzt worden. Gleich nach der That hatte der Mann durch zwei weitere Schüsse, die ihm in die rechte und linke Schläse gedrungen Ivaren, seinem eignen Leben ei» Ende gemacht. Als die Leute das Zimmer betraten, fanden sie ihn bereits tot auf dem Bette liegend. Nach den vorgefundenen Papieren ist der Getötete, wie auch bereits anderweitig festgestellt wurde, der etwa dreißig- jährige Eisenbahn- Diätar Friedrich Haltke aus Kättowitz: die schwervorletzte Dame, die in hoffnungslosem Zustande nach dein Krankenhause gebracht wurde, ist seine Geliebte, ein Fräulein Emma Harm sei? ans der Sophicnallcc in Hamburg-Eims- büttel. Die beiden jungen Leute kannten sich bereits seit dem Jähre 1900. da Haltke ftüher in Hamburg-Altona, Flensburg und andren Städten Schlesivig-HolsteinS beschäftigt war. Jil letzter Zeit war Haltke in seiner Heimat Kättowitz in Stellung. Der Beweggrund der Blutthat ist wahrscheinlich auf ein Zerwürfnis der beiden Liebcsleute zurückzuführen. Als die Harmsen gegen Abend auf einige Augenblicke daS Bewußtsein wiedererlangte, gab sie an, ihr Geliebter habe etwas bon ihr verlangt, das sie ihm aber nicht habe erstillen können. DaS junge Mädchen wird wahrscheinlich am Leben erhalten bleiben. Zum Thcateriraud in Chicago. Aus New Bork wird gemeldet: Die Zeugenvernehmung in Chicago zeigte, daß kurz vor dem Brand- unglück schon einmal ein Bühnxnbrand ausgebrochen war und daß schon damals der Asbestvorhang festsaß. Eine Masienvcrgiftung durch Kartoffelsalat besprach Dr. Dicudome v?r der Phpsikalisch-Mcdizinischen Gcfellschast in Würzburg. Eines Tages crkanktcn dort zwei Stunden nach den» Genuß von»iartosfcl- salar 150 Personen. Die Krankheitserscheinungen waren Kopftveh. Sck?ivindclgefühl. Uebelkeit, heftiges Erbrechen, mehr oder weniger große Mattigkeit, starte Leibschmerzen, bei manche» außerdem »lrämpfe in den Beinen, namentlich in den Waden, und Schüttelfrost. Die Körpertemperatur zeigte keine Steigerung, der Puls schlug schwach und ein wenig zu schnell, die Empfindlichkeit der Pupillen gegen tlichtrcizc war verlangsamt. Zunächst kam es darauf an. die Art des Gifts festzustellen, das im»iartosfelsalat gesucht! verde» mußte. Metallische Gifte fanden sich weder in den Kartoffeln selbst noch in den bei der Zubereitung des Salats Verivandren Zuthatcn. Eine Wirkung von eigentlichem Kartoffelgift(Solanin) war gleichfalls ausgeschlossen, da die für den Salat gebrauchten neuen Kartoffeln nur eine sehr geringe Mpnge dieses Giftstoffs enthielten. Schließlich entdeckte man in dem Salat eine Batterienari, die als Proteus vulgaris erkcnmt wurde. Diese Batterien waren freilich an sich Ivcder für Mäuse noch für Meerschweincheu gefährlich; wenn sie jedoch erst auf Kartoffeln übertragen und dann nach 18 bis 24 Stunden an die Tiere verfüttert wurden, so starben diese unter Erscheinungen eines heftigen Tarmkartarrhö. Da in den Organen der Versuchs- tiete der Bazillus selbst nur ganz vereinzelt nachzuweisen war, sa mußte angenommen ivcrdcn, daß der'Proteus in den Kartoffeln die Bildung giftiger Stoffe veranlaßt. Es entsteht nun die Frage. warum solche Fälle glücklicherweise selten vorkommen. Vermutlich war die Vergiftung des Salats in dem beschriebenen Fall dadurch erfolgt, daß die Kartoffeln schon am Tage vorher gekockit, geschält und zerschnitten waren und somit fast einen Tag gelegen hatten, ehe der Salat bereitet wurde. Gleichzeitig waren sie einer recht großen Wärme ausgesetzt gewesen, und diese Umstände müssen ihre Zer- syung befördert haben. Wichtig ist das Ergebnis noch insofern. als die Gefährlichkeit des Proteus-Bazillus auf Kartoffeln nunmehr nachgewiesen worden ist, während man bisher Vergiftungen durch Kartoffel» ausschließlich dem Solanin zuzuschreiben geneigt gewesen ist Fleischvergiftungen al» Folge der Thätigkeit dieses Bazillus sind freilich schon früher beobachtet worden. Ein furchtbares Eisenbahnunglück wird aus Amerika gemeldet: Topeka(Kansas), 6. Januar. Heute vormittag ist bei Willard auf der Chicago- Rockisland- Eisenbahn ein Personenzug mit einem in entgegengesetzter Richtung fahrenden Arbeitszuge zusammengestoßen. Die Reisenden berichten, es seien 30 Personen getötet worden. Norwegische Goldfelder. Wie norwegische Blätter vor einiger Zeit berichteten, hat ein deutscher Bergingenieur, der sich längere Zeit in Norwegen aufgehalten hat, im Mailranger Fjord(einem Ausläufer des Hardanger Fjord) überaus reiche Goldfelder entdeckt, die sich auf weite Strecken ausdehnen. Der Betreffende hat sich die Erlaubnis zur Ausbeutung auf 30 Geviert-Kilometcr gesichert. Nach der Unter- uchung haben die Golderze durchschnittlich nahezu ein Prozent Gold. Wie wir erfahren, ist der glückliche Entdecker ein Herr Dr. Christiansen aus SchleSlvig-Holstein, der vor nicht langer Zeit von Transvaal zurückgekehrt ist und seine Erholungszeit in Norwegen recht er- spricßliä, ausgenutzt zu haben scheint. Als erfahrener Bergingenieur hat er sich sofort eine ausgezeichnete frostfteie Wasserkraft in nächster Nähe zu sichern gewußt, aus der sick mehr als 1000 Pferdekräfte lverdeu erzielen lasten. Er hat bereits verschiedene Kaufangebote erhalten, die er aber alle ablehnte, da er beabsichtigt, bei dem hohen Goldgehalte der Erze den Betticb auS eignen Mitteln aufzunehmen. Ein kaum glaublicher Fall von Schmutz und Elend ist in dem Torfe Elxleben bei Erfurt zu Tage gefördert worden. Dort wohne» in einem Häuschen seit mehreren Jahren zwei Leute(Bruder und Schwester) im Älter von 45 und 50 Jahren, die thaffächlich wie das Vieh leben. Ihre Lagerstätte besieht aus eine»,.Hausen stinkender Lumpen. Verendetes Vieh, tote Mäuse, Küchenabfällc u. dgl. bilden ihre Nahrung. Wiederholt wurde beobachtet, daß sie Hühner, die in Miststätten ertrunken waren, an sich nahnren und verzehrten. Da die Verrohung und Verwahrlosung der beiden immer mehr zunahm und sie Über und über von Ungeziefer wimmelten, auch das Häuschen immer mehr verstel,. so beschloß der Gcmcindevorstand. der Sache durch Exmission der beiden Insassen ein Ende zu machen. Da der Mann als gewaltthättgcr Mensch bekannt war, mußte man eine List an- wenden. Unter irgend einer Vorspiegelung wurden die Geschwister nach Erfurt gefahren und dort im städtischen odcr� katholischen Krankenhause untergebracht. Unterdes wurde der„Augiasstall" von zahlreichen Personen gesäubert. Mit langen Haken wurden Lumpen, Küchengeräte, Kleidungsstücke usw. herausgezogen verbrannt.____ die und �rantw. Redakteur: Inlins Knliskit Berlin. Für den Jnjeratentest verantw.: Tb. Vl»