Dr. U. RbonnmentS'Bedinsungcn: NbonnkmentS- PrciS pränumerando Z Bierteljährl. 3,00 M5, nwnatl. 1,10 2®., wöchentlich 28 Pfg, frei inZ HauZ. Einzelne Siummer 5 Pfg. EonntagS- nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Well" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitung-?- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn L Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. 21. Jahrg. Sie Iniei'tionz-Ledülil' beträgt für die scch-?gcspaltellc Kolonel» zcllc oder deren Raum 10 Pfg.. für politische und gewerlschastllchc BcrrinS- und Vcrsainmlinigs-Anzeigen 2S Pfg. „bllelne?noeigen", das erste ssett- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer niüjscn bis s Uhr nachmittag? in der Erpeditio» abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Cridfcint tjgllld außer tnontagt. Sevlinev VolktSblAkk. Telegramm- Adresse: „Zoüzltleuiolirai steril»". Zcntndorgnn der rozialdcmokrati fehen parte! Deutfchlands. Redaktion: SM. 68, Ltndenstrasse 69. Kernspreckier: Amt IV, Nr. 1983. Rußland und Japan. i. Wenn man zu einem Urteil über die Lage in Ostasien gelaugen will, das sich auf mehr stützt, als die tendenziös gefärbten, uu- zitverlässigen und schwankenden Nachrichten über den Stand der diplomatischen Verhandlungen zwischen den beiden Mächten, so ist es nötig, sich des Charakters der Politik belvußt zu werden, die Rutzland und Japan in Ostasien den politischen Traditionen und den politischen und ökonomischen Interessen gemäß zu beobachten gezwungen sind. Wir haben neulich in einem Artikel namentlich die militärischen Kräfte, die uoran-Zsichtlich für den Anfang eines ausbrechenden Krieges zur Verlvendung gelangen würden. gegen einander ab- gelvogen. Wir kamen dabei zu dein Resultat, daß Japan Rußland wahrscheinlich sowohl zu Wasser wie zu Lande überlegen sein würde. Allerdings nur für das erste Stadium des Krieges, da das Kräfte- Verhältnis sich im Verlaufe des Krieges voraussichtlich zu Gunsten Rußlands verschieben toürde. Angesichts einer solchen Situation kann keiner der beiden Mächte der Entschluß leicht iverden, den Krieg heraufzubeschwören. Umsoweniger, als auch das finanzielle Elend bei den Rivalen gleich groß ist. Alles das macht es nur zu begreiflich, daß keine der Mächte sich mit besonderer Begeisterung in einen Krieg stürzen wird, dessen Verlauf ein äußerst hartnäckiger, opferreicher und blutiger werden und dessen Ausgang ein höchst un- sicherer sein würde. Sofern es also auf die subjektive und individuelle Entscheidung der beiden Regierungen ankäme, könnte man den naiven Optimismus unsrer FriedenSschlvärmer auf friedliche Schlichtung selbst dann teile», wenn man die von jener Seite so nachdrücklich beteuerte Friedensliebe deS Zaren für eine völlig unverbürgte Legende hielte. Aber über Krieg und Frieden entscheiden in einer Situation, wie sie in Ostasien vorliegt, ganz andre Momente, als das persönliche Empfinden gekrönter Häupter. In Ostasien handelt es sich im Augenblick um nichts Geringeres, als unr die Herrschaft über Korea und Nordchina, als um die Frage, ob Rußland oder Japan die herrschende Vonnacht in den umstrittenen Gebieten sein soll. Auf die Eroberung dieser Vonnacht in Nordchina und Korea, auf die Beherrschung ganz Nordasiens, ja möglicheriveise fast des gesamten Riesenkontinents, ist aber seit Geraumem Rußlands ErpansionSpolitik gerichtet gewesen. Man mag diese Politik phan- tastisch, größenwahnsinnig finden— es ist nun einmal die Politik, die daS Zarenreich seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr- Hunderts mit erstaunlicher Energie und Konsequenz verfolgt hat. Und namentlich seit der Zeit verfolgt hat, seit der ihm auf seinem Wege nach Konstantinopel einstweilen unüberwindliche Hindernisse in den Weg traten. Fest entschlossen, bis zum offenen Meere vorzudringen und dainit auch einen Stützpunkt für Flottenaktionen zu gewinnen, drang Rußland quer durch Asien zum Großen Oeean vor. Der Krimkrieg war die Folge des russischen Versuchs, die Türkei zu zertrümmern und sich am Bosporus festzusetzen. Damals machte der Zar England in allem Ernste den Vorschlag, mit Hilfe OestreichS und Preußens die Türkei aufzuteilen. England war klug genug, auf das Compagniegeschäft zu verzichten. Als trotzdem 1853 Rußland der Türkei den Krieg erklärte, eilten ihr im Frühjahr 1854 die Engländer und Franzosen zu Hilfe und zwangen durch ihre Truppenlandungen auf der Halbinsel Krim nach der Erstürmung von Sewastopol Rußland zum Verzicht auf seine Annektionspläne. Den deutsch-französischen Krieg verstand Rußland dergestalt zu fruktifizieren, daß es gegen Wahrung der Neutralität und Einwirkung auf Oestreich im gleichen Sinne die Aufhebung jener Bestimmung des Pariser Friedens vom Jahre 1856 durchsetzte, die Rußland verbot, im Schwarzen Meer seine Flotte zu vergrößern und KriegShäfen anzulegen. Als sich dagegen 1877/78 Rußland abermals auf die Türkei stürzte und sie nach blutigem Ringen auch schließlich niederwarf, da verhinderte Englands Intervention aber- mals die erhoffte Realisierung der alten zarischen Pläne aus der Balkanhalbinsel. Seit jener Zeit setzte Rußland seine Expansionspolitik in Asien nach Süden und Osten hin mit verdoppelter Energie fort. 1881 unter- warf es die Teke-Turkmenen, 1884 stieß es gegen Meriv vor und unterwarf sich auch diese Stämme. 1886 annektierte es ein Stück von Afghanistan, den Distrikt Pendschdeh, 1892 bemächtigte es sich des Pamir-PlateauS. Daß es Emissäre in Afghanistan und Tibet unterhält, deren Wühlarbeit England im letzteren Lande durch einen militärischen Vorstoß gegen die Hauptstadt entgegenwirken zu müssen glaubte, ist bekannt. Mit dem Vorrücken gegen Indien ging daS Vordringen gegen China Hand in Hand. Seit Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts begann der Generalgouverneur von Sibirien. Murawiew, das zarische Interesse auf die Mandschurei zu lenken. Im Jahre 1860 brachte er den Vertrag zu stände, durch den China das Land am linken Ufer des Amur an Rußland abtrat. Im Jahre 1891 begann der Bau der großen sibirischen Bahn, die den fernsten Osten Asiens durch den Schienenstrang mit dem europäischen Rußland in engste Verbindung bringen sollte. Durch das Vorgehen Rußlands und die Haltung der europäischen Mächte überhaupt beunruhigt, begann Japan 1894 den Krieg mit China, um sich der Halbinsel Korea oder, was ihm noch wichtiger erschien, des südlichen Teils der Mandschurei selbst, namentlich der den Golf von Petschili beherrschenden Halbinsel L i a o- t u n g zu bemächtigen. Der Krieg endete bekanntlich mit der Niederlage Chinas, und Japan erlebte die Genugthuung, von China im Frieden von Schimonoseki den ersehnten Südteil der mandschurischen Provinz Schiu'king einschließlich NiutschwangS abgetreten zu erhalten. Seine Freude lvar freilich nur von kurzer Dauer. Rußland be- hagte die Festsetzung Japans auf mandschurischem Boden ganz und gar nicht. Es gelang seiner verschlagenen Diplomatie denn auch, nicht nur Frankreich, sondern auch Deutschland zu einer Protest- aktion gegen die vereinbarten chinesisch- japanischen Friedens bedingungen zu gewinnen. Das Vorgehen der drei Mächte zwang Japan, auf jeden kontinentalen Landerwerb zu verzichten und sich durch eine hohe Kriegsentschädigung abfinden zu lassen, eine Kriegs- entschädigung, die Japan bekanntlich ausschließlich zu militärischen und namentlich auch niarinistischen Rüstungen verwendete, um später crzlvingen zu können. waS es 1895 zu erzwingen zu schwach lvar. Zunächst fteilich nutzte Rußland als lachender Dritter die Schwäche Chinas und Japans ans. Als Deutschland im November 1897 Kiautschou �gepachtet" hatte, besetzte Rußland noch im Dezember desselben Jahres den Hafen Port Arthur auf derselben Halb- insel Liao-mng, die eS zwei Jahre zuvor mit Hilfe Frankreichs und Deutschlands der gepanzerten Faust Japans wieder abgerungen hatte. Und als dann die Raub- und BrüskicrungSpolitik der Mächte 1900 zur Erhebung Chinas und dem berüchtigten Borerkrieg führte, war es wiederum Rußland, daS dreist Zugriff und die ganze Mandschurei in seinen Besitz brachte, die Ivieder herauszugeben ihm trotz aller vertragsmäßigen Abmachungen nicht im Traume einfällt. Im Gegenteil, Rußlands ostasiatische Annektionspolitik zwingt es dazu, zur Sicherung seiner inzwischen erlangten Machtstellung noch weiter zu gehen und sich zum mindesten einiger beherrschender Land- und Küstenplätze Koreas zu bemächtigen, auch wenn es diesem Lande den Schatten der nationalen Souveränität noch einige Zeit lang gönnen zu sollen glaubte. Man vergegenwärtige sich; Endlich ist es Rußland gelungen, zur offenen See vorzudringen. In der Ostsee, im Schwarzen Meer befindet sich seine Flotte in Binnengewässern, deren enge Zugangs- straßen durch fremde Mächte beherrscht werden. Wladi wostock und Port Arthur sind freie Häfen und ihre strategische Be- deutung für Ostasien ist eine außerordentliche, wenn es gelingt, eine Cooperation der in ihnen stationierten Flotten jederzeit zu ermög lichen. Nun liegt aber Wladiwostock nördlich, Port Arthur südlich von der bis 600 Kilometer iveit ins Meer �hineinragenden Halb- insel Korea und die einzige enge Verbindungsstraße kann durch Japan leicht gesperrt werden, falls es Rußland nicht gelingt, an der koreanischen Küste Stütz- und Schutzpunkte für seine Flotte an- zulegen. Eine derartige Festsetzung Rußlands an der koreanischen Küste kann aber Japan unter keinen Umständen dulden. Wenn man diese Situation erwägt und sich vergegenwärtigt, daß sich Rußland mehrmals in einen blutigen, erschöpfenden Krieg mit der Türkei und, tvie im Krimkrieg, sogar mit zwei ihr verbündeten Westmächten gestürzt hat, um den Bosporus zu be- herrschen, so wird man auch die Möglichkeit nicht leugnen, daß eS Rußland wegen des ostasialischen Bosporus und seiner Vormacht- stellung in Ostasien auf einen Krieg ankommen läßt. Welche Be- deutung Rußland dieser Stellung beimißt, beweist die ungeheuere Truppenansammlung in Ostasien, beweist der fieberhaft beschleunigte Bau der großen sibirischen Eisenbahn, der Hunderte von Millionen verschlungen hat, belveist die Anlage gewaltiger Befestigungen in Wladiwostock mrd Port Arthur. Die Mandschurei mit ihren zwölf Millionen Einwohnern und ihrem im nördlichen Teil unwirtlichen Klima kann trotz ihrer mäßigen Metall- und Kohlen- schätze Rußland schwerlich zu solcher Machteutfaltung ver- leitet haben. Auch Korea mit seinen sechs Millionen Einwohnern wäre an sich kaum des Einsetzens so gewaltiger materieller und militärischer Mittel wert. ES ist eben nicht das, was Rußland in Ostasien bereits besitzt, tvaS den Einsatz dieser und täglich sich steigernder Kräfte veranlaßt, sondern die Spekulatton auf Iveitere Provinzen des Reiches der Mitte, auf einen ganz Nord-China be- herrschenden ökonomischen und militärischen Einfluß. Zur Sicherung dieses Einflusses fehlt Rußland aber noch Korea als strategische Basis, von der aus eS auch seinem Rivalen Japan Schach bieten könnte. Japan aber will und kann nicht dulden, daß Rußland seiner ostasiatischen Macht auch noch diesen Schluß- und Eckstein einfügt— es müßte denn auf all seine kühnen Zukunftspläne auf politischem, kolonialem und handelspolitischem Gebiete resigniert verzichten. Mit diesen Interessen Japans soll sich unser zweiter und Schluß- artikcl beschäftigen. poUtifche Qcberficbt. Berlin, den 13. Januar. Reichstag. Die Besprechung unserer Interpellation wegen der Maßnahmen, die die Regierung zur Bekämpfung der Wurm- k r a n k h e i t d c r B e r g l e u t e zu ergreifen gedenkt, nahm eine ausgedehnte Sitzung in Anspruch. Zuerst sprach Herr S t ö tz e l vom Centrum. Er lvar selber Bergmann und dankt seine Wahl den katholisch organisierten Bergarbeitern. Es lvar demnach selbstverständlich, daß er nicht für die national- liberalen Zechenbarone Partei ergriff. Er erkannte an, daß die Belastung der Arbeiter mit den Untersuchungskosten schwer genug sei und daß sie während der Kur durch den Lohnausfall starke Einbußen erlitten, die durch das Krankengeld durchaus nicht gedeckt werden. Und so forderte er denn die volle Entschädigung auS Reichsmitteln für die Betroffenen. Hoffentlich hält das Pentrum Wort, wenn bei der Beratung des Etats für das Reichsamt des Innern ein entsprechender Antrag von uns Expedition: 8Nl. 68» Ltndenstrasdc 69. Ferniprecher: Amt IV. Nr. 1984. gestellt tvird. Damit würde es am besten beweisen, daß es im vorigen Jahre nur auS einem Mißverständnis heraus gegen den socialdemokratischen Antrag auf Bereitstellung von Reichsmittcln zu diesem Zwecke gestinunt hat. Wie wenig es sich für die klassenbewußte Organisation der Bergarbeiter bei ihrer Aufklärungsarbeit zur Bekämpfung der Seuche um parteipolitische Zwecke handelt, und wie groß noch immer die Opfer sind, die die Krankheit den Arbeitern auferlegt, das lvies in einer vortrefflichen Rede Genosse H u ö nach. Er räumte mit den BcschönigungS- und VertuschungS- versuchen des Ministers Möller unbarmherzig auf und stellte die zahlreichen Widersprüche in dessen gestriger Rede fest. Es steht fest, daß die„Bergarbeitcr-Zeittmg" den ersten WarnungS- ruf 1897 erhoben hat. Fünf Jahre lang ist so gut>vie nichts geschehen, und auch in der Ausführung der zweiten energischeren Verordnung voin Jahre 1902 hapert es an allen Ecken und Enden. Dabei werden der Bergarbeiter Organisation die Hände gebunden, wenn sie aufklärend Unrken will. Die Säle werden ihr abgetrieben, die Knappschafts-Acrzte dürfen nicht in ihren Versammlungen sprechen. Auch die Maßregeln, die den Zechcubesitzcru vorgeschrieben sind, werden vielfach nicht erfiillt. und die Bergbehörden sind in ihrer jetzigen Organisation unfähig, eine wirksame Kontrolle der Gruben vorzunehmen. Dazu kommen die tiefen lvirtschaftlichen Schädigungen, die eine Erkrankung den Arbeitern bringt. Genosse Hus entwickelte eine Reihe positiver Vorschläge zur wirksamen Bekär ipfung der Gefahr. Es ist geradezu empörend. daß die Zcchenbesitzcr nicht für Trinkwasser für die unter Tag arbeitenden Bergleute sorgen. Dabei dringen die Schächte immer tiefer in die Erde ein und die Arbeiter müssen ihre gefährliche Arbeit bei einer Temperatur bis zu 30 Grad Rcaumur verrichten. Eine Verkürzung der Arbeitszeit auf acht Stunden, eine Beseitigung der Ucbcrschichten, eine Heber- ivachung der Accordbcdingungen und eine größere Kontrolle durch Arbeiter selbst könnte hier allein gründlich helfen. Statt dessen wird die Einführung fremder Bergleute aus Polen, Galizien und Ungarn, die den Keim der Krankheit mit sich bringen, ruhig geduldet und der hakatisttsche Chauvinismus macht sich nur dadurch bemerkbar, daß den polnischen Arbeitern in Westfalen die Vorschriften zur Bekämpfung der Seuche nicht in ihrer Muttersprache, also für manche geradezu unverständlich, angezeigt iverdcn. Die Erregung im Ruhrrevior über die Schädigungen durch die Seuche>var so groß, daß es im vorigen Jahre der größten Anstrengungen der besonnenen Führer des Verbandes bedurfte, um einen Streik zu ver- hindern. Geschieht jetzt nichts, so müssen sie freilich jede Ver- antwortung für die Folgen ablehnen. Diese durch gründliche Sachlichkeit ausgezeichneten Er- örterungen Huos fand Herr Möller natürlich agitatorisch. Agitatorisch heißt alle?, was daran erinnert, daß die Jntcr- essen der Arbeiter hinter den Interessen der Grubenbesitzer zurückstehen müssen. Der Handelsministcr suchte die Arbeiter durch die fünfmal wiederholte Versicherung zu beruhigen, daß Deutschland in der Socialpolitik allen Ländern der Welt mit Sicbeumeilenstiefcln voran eilt. Seine Redensart wirkte um so hohler, als gerade in der Frage der Anstellung von Arbeiter» kontrollcurcn für die Gruben eine Reihe andrer Länder uns bedeutend voran sind. Die weitere Debatte wurde hauptsächlich von den Acrztcn geführt. Räch dem ärztlichen Sachverständigen der Regierung, Professor Dr. Kirchner, sprachen nacheinander die Doktoren Möller, Höffcl, Mugdan, Rügenberg und Dr. Becker. Herr Dr. Mugdan von der Freisinnigen Volkspartei hielt sich dabei am verständigsten. Er erkannte an, daß die Abwehrmaßrcgcln viel zu spät ergriffen worden seien und daß die Regierung nicht bloß durch Verordnungen, sondern auch mit klingender Münze zur Bekämpfung der Krankheit einspringen müsse. Er und ebenso Dr. Rügcnberg vom Centrum forderten, daß die Vorschriften für polnische Arbeiter in polnischer Sprache erlassen würden. Eine arge Blamage holte sich Herr Dr. Becker, der Hospitant der Rationalliberalen, der in Offenbach über Genossen Ulrich gesiegt hat. Seine absolute Unkenntnis der Bergarbeiter- Verhältnisse suchte er durch allerhand thörichtc Angriffe gegen die Socialdemokraten zu verstecken. Die Arbeiter seien schuld an der Ausbreitung der Krankheit; die Soeialdcmoki'aten hetzten sie auf; die Soeialdcmokraten seien Gegner der Freizügigkeit, denn in den Gcwcrkschafts- blättern sei täglich zu lesen: Zuzug fernzuhalten; Herr Huö solle doch ein wirksames Heilmittel gegen die Wurnikrankheit angeben; die Aerzte müßten sich gegen den socialdemokratischen Terrorismus zusammenschließen. Dieses krause und zusammen- hanglose Zeug begeisterte die Nationalliberalen so. daß sie diese frisch gewonnene Kraft mit lautem Händeklatschen begrüßten. Ihr Fraktionsführer Dr. Sattler, der einen solchen Erfolg noch nie errungen, winkte mißbilligend ab, und Herr Dr. Paaschc, der gerade den Vorsitz führte, mußte tadelnd bemerken, daß eine solche Beifallsart den parlamentarischen Sitten nicht entspreche. Genosse Sachse erwiderte Herrn Dr. Becker, soweit es sich überhaupt verlohnte, auf seine putzigen Behauptungen einzugehen. Äin Donnerstag werden die weiteren Interpellationen (Handwerkerversichcrnng und Zeugniszwang) beraten.— Gilt itcucr WclfcusondS. Die Schcrlsche Sparlottcrie ist beschlossene Sache, lind wenn dieser Niesenschwindcl nicht unverzüglich ins Werk gesetzt werden soll, so ist daran nicht die Regierung. sondern Herr Augnst Scherl schuld, der durch die Prcszangriffe ans seine Erfindung nervös geworden ist und vorläufig den Spröden spielt. Tos Organ der preußischen Regierung, die„Norddeut s ch c Allgemeine Zeitung", gießt heute mit geradezu verblüffender Offenheit den bereits zum Abschluß gediehenen Plan zu, und die Auslassungen des Blattes bedeuten obendrein noch eine denniiige Bitte an den allmächtigen Zcitungsindnstriellen, der Regierung doch das Spiel nicht zu verderben. Die Mitteilungen der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" lauten wörtlich: „Gegenüber den Anfeindungen, die das S ch c r l s ch c P r ü m i e n- S p a r s y st e m in einem Teil der Presse gefunden hat, möchten Ivir darauf hinweisen, daß das Sparsystem in den beteiligten Ministerien eingehend geprüft worden ist. DaS Er- gcbnis dieser Prüfung bestand in einer Reihe von Abänderungen, durch die bisher vorhandene Bedenken beseitigt wurden. Im Ein- vernehmen mit Herr» Scherl hatte sich das königliche Staats- Ministerium insbesondere dahin schlüssig gemacht, dasi die Konzession zur Lornahme der mit dem Schcrlschcn Sparsystcm verbundenen Prömienverlosung einem vom Vorstand des deutschen Sparkassen- Verbandes vorgeschlagenen Komitee erteilt werden sollte. Der Vorstand des deutschen Sparkassenvcrbandcö hatte sich zu dem Schcrlschen Sparsystenr gutachtlich geäußert und in einer außerordentlichen Tagung zu Berlin am 27. Juli t003 mit Einstimmigkeit die Billigung des Systems und seine Nützlichkeit für die deutschen Sparkassen ausgesprochen. Was schließlich die geplante Verbands- Zeitschrift„Die Sprcchstcllc im Dienste des öffentlichen Lebens" anbetrifft, so war durch die bestehenden Vereinbarungen dafür Sorge getragen worden, daß diese Wochenschrift zu einer Konkurrenz mit bestehenden ZcitungS- Unternehmungen nicht ausgebildet werden konnte. Obwohl die königliche Staatsrcgicrung von der llneigcn- «iitzigteit und den vom Interesse des Gemeinwohls geleiteten Motiven des Erfinders des Systems, Herrn Scherl, überzeugt ist— Herr Scherl hatte als zukünftiger Begründer der Spar- vermittelungS-Änstalt freiwillig eine Reihe von Verpflichtungen auf sich genommen. durch die ihm die Möglichkeit eignen Gewinnes abgeschnitten wurde, ohne ihn von dem Risiko des UntenrehmerS zn befreie«—, hat Herr Scherl lvcgen der gegen seinen Plan und seine Person gerichteten Preß- angriffe doch gebeten, mit seiner Person bei der Verwirklichung des Sparsystents ausscheiden zu dürfen. Ungeachtet der Bc- denken, die dieser Bitte im gegenwärtigen Stadium der An- gelegenhcit eiitgegenstaiiden, wo die erforderlichen Verträge zur Sichcruiig der rechtlichen Grundlagen des Systems bereits ab- geschlossen waren, ist Herr Scherl bei seiner Weigerung verbliebe», hat aber gleichzeitig Mittel und Wege niigcgcbcn, wie auch nach Ausscheiden seiner Person das Prämie»- Sparsystcm verwirklicht werden könne. Wie weit dies möglich sein wird, darüber schweben zur Zeit noch Verhandlungen, die jedenfalls einen Aufschub der zum t. Januar 1905 geplant gewesenen Einführung dcS Prämien- Sparsystems verursachen werden." Wir haben demnach mit dem sesistehenden Entschluß des gegenwärtig amtierenden Ministeriums zn rechnen, die Scherlsche Erfindung zu verwirklichen. Zwar will mminehr Herr Scherl selbst bescheiden im Hintergründe bleiben, aber er hat doch zugleich als Uebcnninister seine iseuw in den Ministerien erleuchtet, wie sie auch ohne seine Person seine Idee durchführen könnten,— ein ivahrhafter Wohlthätcr der Menschheit, ivcise, gerecht, der Rat und Hilfe an Minister in dcii diskretesten Lebenslagen zu erteilen weiß. Die Regierung wimmert förmlich um Scherls hochherzigen Beistand; er solle sie nicht i»r Stiche lassen, seien doch alle Borbereitnitgen getroffen und Verträge bereits abgeschlossen. Durch die Auslassung der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" gewinnt die Angelegenheit eine erhebliche politische Bedeutung. Die Zrage taucht ans: Welches brennende Interesse hat die preußische Regierung daran, ein Nnternchmcn vfsiztcll zn begünstigen, das nicht nur die Spielwut organisiert und ausbeutet— Monaco weit übertrumpfend— sondern auch. die Dummheit und Hoffnungs- seligkcit derart ausbeutet, daß die kleinen Sparer um die Zinsen geprellt werden und zugleich in der Form von Abhvlungsgcbühren bares Geld zuzahlen müssen. Für alle diese Einbußen erhalten dann die Bcthörten Anweisungen auf das Himmelswunder eines Anteils am großen Lose. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" sucht die Kritik— sie kennt die edlen Beweggründe ihrer Pappenheimer— der bürgerlichen Presse, die natürlich nur ans Konknrrenzangst gegen Scherl Sturm lief und die die Sorge um den Profit ins„Gemeinnützige" entrüstet idcolisiertc, dadurch zu entwaffnen, daß sie erstens vcr- sichert Scherl wolle bei seiner gemeinnützigen Erfindung nichts verdienen; zlveiteiiS aber solle das geplante Journal, die„Sprech- stelle" der Sparspiclcr den bestehenden Zeitungen keinen Wettbewerb machen. Mit diesen Versicherungen werden die gewitzten Profitjäger der bürgerlichen ZeitungSiniternehmnngen sich schwerlich zufrieden geben. Sie wittern mit Recht Verderben für das eigne Geschüft. Aber die Sorge der bürgerlichen Presse braucht uns nicht zn kümmern. Die Oeffentlichkeit hat die Frage zu stellen: Was steckt hinter dieser kompromittierenden Geheimbündelei der Regierung mit einem durch seine SensationS- und Verdummungsblättcr anrüchigen Emporkönnnling? lieber die materiellen Schönheiten deZ Sparsystems ist das Not- wendige gesagt. Ob ctioa die Regierung aus den Spargelderu eine ötasse zu gründen wünscht, über deren Millionen sie unkontrolliert in bestimmten Fällen zu verfügen vermag, läßt sich ohne Kenntnis der Einzelheiten des Planes nicht erkennen. Wohl aber ist eines llar: Es handelt sich ganz offenbar um eine Neubcledmig des Welsen- sonds, der diesmal aus den Mitteln dcS Volkes selbst gespeist wird. In der That ein Unternehmen, dem man eine gewisse sinnreiche Bosheit nicht bestreiten kann. Als Eaprivi Ministerpräsident wurde, gelangte der WelfenfondS zur Aushebung; teils aus dem ReinlichkeitsbedürfniS CapriviS, teils weil der Fonds ohnehin erschöpft war. MttelS des aus dem Krön- vermögen des entthronten Königs von Hannover gebildeten Fonds ivurde seit 1866 Preußen mit einem Netz bestochener Preßorganc überschwemmt, die gegen Bar die jetveiligen politischen Melodien Bismarcks zu pfeifen hatten. Journalisten wurden bestochen, Kreis- blättcr ansgehaltcn, gutgesinnten Verlegern in kleinen Orten selbst leistungsfähige Maschinen gekauft, damit sie eine unabhängige Konkurrenz durch technische Ileberlcgcnheit niederwerfen konnten. Die„Ration der Schwachköpfe", von der der„Reichsbote" neulich in Scherl Empörung sprach, wurde damals mit Hilfe des WelfenfondS nach Kräften gezüchtet. Seit der Aufhebung des WelfenfondS nun verfügt die preußische Regierung nicht mehr über einen unerschöpflichen Quell solcher ebenso dunklen wie energischen Korruption. Zloar ist fast die ganze bürger- liche'Prcsse offiziösen Einflüssen zugänglich, aber Ivo Jnteresseit der von ihr vertretenen GeselljchgstSschichteil auf dem Spiel stehen, gc- stattet sie sich auch Opposition gegen die Regienntg, die niederzuhalten die Regierung. kein genügend einflußreiches und vertrautes Organ hat. Dazu kommt die freie Aufklärungsarbeit der Social- dcmokratie, gegen die die Regiernng ganz und gar ohnmächtig ist. In dieser Not kam der Regienntg der rettende Gedanke der Scherlsche» Sparlotterie gerade gelegen. In dieser umfafsettdeit Organisation fand sich zugleich ein Mitte! zur unentgeltlichen ntilltmteit- fachen Verbreitung eines Preßorgans, das ein geftigigeS Werkzeug der Regierung wäre. Zuerst als Wochenblatt gedacht, würde eS bald in eine Tageszeitung umgewandelt werden. lind der Witz war, daß diese verführerische Itncutgeltlichkcit nur scheinbar war; denn in Wirklichkeit würde das Organ— abgesehen von den Inseraten— durch die hohen„AbholungSgebühren" und den den Sparern entzogenen ZinSgewinn aiiSgehalten. Ein ganz verteufeltes Projekt! Man fördert und beutet die Spiclwnt aus, und was man damit nicht an Verblödung leistet, verrichtet die„un- entgeltliche" Sprcchstelle. Kein Zweifel, daß ans diesem Wege in Bälde die Teile der Nation, die der socioldemokratischen Aufklärung noch nicht zugänglich, rettungslos die Pegelhöhe preußisch-ministerieller Intelligenz erreichen würden. Es bedarf leüter Vernunft zn regieren, wenn die Regierten zuvor um die Vernunft gebracht sind. Oben- drein müssen die Scherlspiclcr die Kosten ihrer eignen Verblödung tragen. Die Verseuchung des Landes durch Scherlsche Preßerzeugnisse mit Hilfe der Sparlottcrie wäre noch weit gefährlicher als das Un- Wesen der alten WelsensondSreptile. DaS waren durchweg kümmerliche elende Preßerzeugniffe, die schon ans rein quantitativen Gründen keinen Vergleich mit den großen, leidlich nnabhängigeit Preßvrganen aushalten konnten. Das neue Sparspielblatt aber wird ohne Zweifel äußerlich mit all der Splendidirät— in sensationellemKlatsch, Aktualität, Bildern usw.— ausgestattet werden, welche der vorgeschrittene Kapitalismus ermöglicht. Die Spekulation der Regierung ist also gar nicht so aussichtslos, in dem journalistischen Instrument der Sparlotterie eine Vernunstblcnde großen Stils zu gewinnen. Und diese Hoffnung hat das Blatt der Regterung bis zn dem flehenden Fnßfall vor August Scherl gebracht. Freilich, das eigentliche Ziel wird auch dieser große Korniptions- Plan nicht erreichen."7 Es kann gelingen, die Bourgeoisie und das Kleinbürgertum geistig und moralisch noch mehr zu verkrüppeln. Damit aber wird das socialdemokratisch erzogene Proletariat, das auch mit einer Sparlottcrie und einer idiotisch lallenden„Sprechstelle" nicht überwunden werden wird, in steigendem Maße die Zuflucht aller gesunden, intellektuell und sittlich anspruchsvollen Elenientc. Der neue Welfensonds wird nicht die Socialdcmokratie korrumpieren, sondern lediglich den Niedergang der herrschenden Klassen bc- schleunigen.—_ Der Aufstand der Hercrc?, den ein gestriges offiziöses Telegramm aus Deutsch- Südtvestafrika als möglich hinstellte, ist inzwischen wirklich auSgcbrochc». Das „Wölfische Bureau" meldet heute: Nach gesternt abend spät und heute eingetroffenen Telegrammen haben die H c r e r o s durch Einschließung von Okahaudja und durch Zerstörung der Eisen- bahnbrückc bei Osona, etwa fünf Kilometer östlich von Olahandja, sowie durch Unterbrechung der Telegraphruverbiitdimg mit Windhuk die Feindseligkeiten eröffnet. Während ein letztes, aus Okahaudja hier eingegangenes Telegramm auch die Telegraphen- Verbindung mit Swakopmund als gefährdet hinstellt, wird nn- iniitelbar darauf ans Swalopinund gemeldet, daß diese Verbindung ebenfalls unterbrochen ist. Ein V e r st är k u n g s t r a n s p o r t von 56 Mann R e s e r v t st e n aus Swakopmund mit zwei Offizieren, e i n e m A r z t i st sofort v o u S Iv a k o p in un d n a ch Olahandja i n st r a d i e rt, bei der Station Waldau aber ander Wcitcrsahrt verhindert worden, worauf ein Angriff«nf die Station Waldau erfolgt ist. Wegen der durch den Ernst der Lage sofort gebotenen Maßnahmen schwebe» zwischen de» beteiligten Ressorts Verhandlungen. Der am 6. Januar von Curhavcn abgegangene Ersatztransport wird voraussichtlich am 3. Februar in Swakopmund eintreffen. Die Hereros zählen insgesamt 65 000 Köpfe. Treten alle Herero-Stämme in den Kamps ein, so werden sich auch weitere Hottentotten-Stämme an der Erhebung beteiligen. Wie ja die offiziöse Meldung selbst verrät, rechnet man an amt- lichcr Stelle bereits mit einem ernsten Kriege und der Not- wendigkeit eines außerordentlichen Truppen- Ans- geboteS!—__ Ostasien. Der Berliner„Standard"- Korrespondent erfährt, daß im j ü n g st e n russischen Staatsrat unter Vorsitz des Zaren nach scharfen Auseinandersetzungen ztvischen den Anhängern der Friedens- und denen der Kriegspartei die dein Frieden günstigen Vorschläge des Zaren a n g e n o in m e u wurde n. Die Unabhängigkeit Koreas werde gewahrt und die russische Interessensphäre ans den Norden, die japanische auf den Süden der Halbinsel bc- schränkt werden. Ter Zar habe danach sofort an den Statthalter Admiral Alexejcw ein in diesem Sinne gehaltenes Telegramm gesandt, das der Statthalter der japanischen Regiernng mitteilen sollte, und ihm gleichzeitig eingeschärft, mir seinen, des Zaren, direkten Weisungen zu gehorchen. Die Mandschureifrage wurde in dem Staatsrat nicht nach allen Richtungen hin erörtert, doch kann der„Standard"- Korrespondent verbürgt mitteilen, daß auch in Bezug daraus Rußland einige geringere Zugeständnisse machen dürfte. Diese russischen Vorschläge, die ja nichts Neues enthalten, sind vor Jahren schon verschiedentlich als unzureichend bezeichnet worden. Canen, 12. Januar.(Meldung der„Agenzia Stcfani".) DaS russische Panzerschiff, welches am 7. d. MtS. mit 5 Torpedobooten in der Suda-Bni angekommen war, ist gestern nach Port Said abgegangen. Ein andres russisches, von einem Kontre-Admiral befehligtes Schiff, das heute von Ostasien hier eingetroffen ist, kehrt dorthin zurück. Weitere russische Torpedoboote werden erwartet. lieber die japanischen Strcittröstr, deren Stärke und Schwäche äußert sich der Engländer Nor m a n, welcher mehrere Jahre als Instrukteur in der japanischen Marine gedient hat und der jetzt»ach England zurückgekehrt ist, in der „Daily News": Nach ihm war noch niemals eine Nation so gut für den Krieg vorbereitet, als zur Zeit Japan. Die Armierung der Marine sei perfekt. Die Fourage- und MimitionSlagcr seien gc- nügend gefüllt für einen langen Krieg, und daS Transportsystem sei gut organisiert. Trotzdem hat Norman große Bedenken wegen des Ausganges dcS Krieges. Die japanische Armee habe vor acht Jahren nur*0 000 Mann gezählt, die Marine 60 000 Tonnen; jetzt zähle di! Armee 180 000 Mann. und die Marine sei auf einen Tomiengehalt von 280 000 gestiegen. Bei dieser schnellen Vermehrung dcS Heeres habe man auf physisch weniger tüchtige Mannschaften zurückgreifen müssen. Mehrere Klassen der Bevölkerung seien früher ganz vom Kriegsdienst als nngccignet ausgeschlossen geblieben; die jetzige Heranziehung dieser Schichten zum Mlitärdienst löime nicht so schnell eine während vieler Gc- schlechter geübte Tradition au-Zlöschen. Die Offiziere seien früher mir aus dem Elan der Sumurci genommen worden, die sich allein für fähig hielten, Kriegsdienst zu treiben und die sich auch für zu gut dünken, irgend eine andre Beschäftigung alS Kriegs- und Staatsdienst zu thuit. Jetzt habe man auch hier zu weniger ge- schulten Kräften greifen müsse». Diese privilegierte Kricgertaste sei es auch, die namentlich in Japan zum Kriege dränge.— * DcutfclKO Reich, Zum deutsch-kanadischen Zollkonflikt. Nach tclcgraphischcr Meldung aus London berichtet der häufig aus dem cnglischeii Kabinett inspirierte„Daily Graphic", daß die deutsche Regienntg ihre Haltung gegenüber der kanadischen Zollpolitik geändert habe und die Gewährung von Vorzugszöllen an England seitens Kanadas nicht mehr als dem Rkeistbegünstigungsrccht wider- sprechend betrachte.„Die deutsche Regierung", heißt es in der Meldung. „hat daS britische Ministerium des Auswärtigen am 30. Dezember v. I. mit Hinsicht auf die öffentliche Mitteilung, Großbritannien betrachte seine Tarisvcrcinbarungeit mit seinen Kolonien als eine ausschließlich inncrpolitische Angelegenheit, amtlich benachrichtigt, der deutsche Bundesrat erhebe keine Einwendungen mehr gegen d i e B c v o r- z u g u n g e n, welche Großbritannien und die Kolonien in ihren Tarifen einander gewähren. Der deutsch-britifche mockus vivendi sei demgemäß erneuert und der Kap-Kolonie und Neu-Seeland seien dieselben Vorteile wie bisher z u g e st a n d e n worden. Deutschland habe indes ausbedungen, daß ihm außerhalb des britischen Reiches das Mcistbegünstigungsrecht gewährt werde, und den ernstlichen Wunsch nach einer Vereinbarung ausgedrückt, wodurch die Handels- bcziehungen zwischen Deutschland und Kanada denen zu dein übrigen Teil dcS britischen Reiches ausgeglichen werden. Infolge des französisch-kaimdifchen Vertrages sei dafür ein besonderer Vertrag mit Deutschland nötig. Deutschland sei bereit, einen Kommissar zur Verhandlung darüber zu ernennen, und habe Groß- britannien angefragt, ob die Verhandlungen von Deutschland mit dem Auswärtigen Amt in London oder direkt mit der kanadischen Regierung geführt werden sollen. Das Kolonialamt habe sich in der Angelegenheit mit dem kanadischen Premierminister Sir Wilfried Laurier in Verbindung gesetzt. Die Meldung, der deutsche Konsul B o p p habe bereits Verhandlungen darüber eingeleitet, sei ungenau, er habe sich ans eine halbamtliche Darlegung im obigen Sinne an Premierminister Laurier beschränkt." Bestätigt sich die Mitteilung des„Graphic"— und an ihrer Richtigkeit bestehen in der Hauptsache kaum Zweifel— so bedeutet die jetzige Stellungnahme der deutschen Regierung eine völlige Aus« gavc der bisher von ihr vertretenen Auffassung des handelspolitischen Verhältnisses Englands zu seinen Kolonien, eine gehorsamste An- beqnemung an die britischen Ansprüche, die um so bcftcmdender wirkt, je sicgessicherer noch vor etwa einem halben Jahre das deutsche Auswärtige Amt indem von ihm veröffentlichten Notenwechsel mit dem englischen Ministeriinn die entgegengesetzte Ansicht vertreten hat. Wenn die deutsche Regierung sich nicht im stände fühlte, gegenüber etwaigen ciigltschen Drohungen mit späteren Regressivmaßregeln ans ihrem zollpolitischen Standpunkt zu beharren, dann hätte sie nicht, als Kanada England Vorzugszölle cinräutnte, dagegen mit sc«fielen Aplomb Protest einlegen und Kanada das Meistbegünst'gungSrecht entziehen sollen. Durch ihr jetziges Zurückweichen vor tsr« englisch- kanadischen Ansprüchen erweckt sie nicht nur in England, sondern auch in den andren Ländern den Eindnick, daß es nur energischer Zurückweisung der Forderungen der deutschen Rc- gienmg bedarf, um diese schließlich zu einem völligen Verzicht zu bewegen: ein Eindruck, der ihr gerade bei den jetzige» HandelSvertrags-Berhandlungen nicht angenehm sein dürfte. Die erste Niederlage nach Annahme deS neueit Zolltarifs im Reichstage hat sich die deutsche Regierung in der Vertretung deutscher Zollinteressen gegenüber dem Auslände geholt; weitere werden bald folgen.—_ Die socialdemokr,«tische Fraktion des Reichstags bringt die nach- folgende Interpellation ein: Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß die russische Regierung im deutschen Reichsgebiet Polizei- Agenten zur llebcrwachung russischer und deutscher Staats- aiigehöriger unterhält; daß zu diesem Zweck russische Polizei- Agenten Verbrechen verübt und auch versucht haben, andre Personen zu Verbrechen zu b esti m m c n? Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu thun, um diesen Zu- stand zu beseitigen? Der Herr Reichskanzler wird ferner mn Auskunft über folgende Fragen ersticht: Wie kommt es. daß in Königsberg gegen RcichSangchörige wegen angeblicher Beihilfe zum Hochverrat gegen das russische Reith und zur Beleidigung des russischen Kaisers ein Verfahren ein- geleitet worden ist, bevor der die Strafbarkcit bedingende Strafnntrag der russischen Regierung vorlag? Auf wessen Veranlassung und auf welchem Wege ist die russische Regierung zur Stellung des Strafantrags veranlaßt worden? Dns Auswärtige Amt in der Budgctkommission. Die Budgetkommissioit begann am Mittwoch ihre Thätigkeit mit der Beratung der ihr überwiesenen Positionen aus dein Etat des Auswärtigen Amte?. Entsprechend dem wachsenden llmfange der Aufgaben dieser Behörde hat auch die Zahl seiner Beamten und Hilfsbeamten in den letzten Jahren erheblich zugenommen, und auch jetzt hat eS dem Reichstage wiederum einen langen Wunschzettel unterbreitet. Wenn auch die Budgetkontmission die Notwendigkeit einer Beamtenvcrmehrung bei wachsender Arbeitslast nicht bestritt, so wurde doch die Frage aufgeworfen, ob die Vermehrung der Ar» beiten nicht hauptsächlich durch die Vorbercitiing der neuen Handels» Verträge bedingt, also vorübergehender Natur sei. Der Staatssekretär bestritt das lebhaft. Die Vernzehrung deS Personals und Hilfspersonals wurde schließlich bewilligt. Weniger Glück hatte Herr v. Richthofen mit dem Vorsckilagc, in La Paz, der Hauptstadt der südamcrikanischcit Republik Bolivia, einen Minister» residenten, d. y. ciiicn diplomatischen Vertreter zu stationieren; er wies zwar darauf hin, daß die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Bolivia inid Dentschland verhältnismäßig rege seien und daß deutsche Firmen den ersten Rang unter den Geschäftshäusern in La Paz einitehmen, die Mehrheit der Komnnssion war aber der Ansicht, daß die jetzige Finanzlage des Reiches den kost- spieligen Lurus einer diplomatischen Vertretung in Bolivia nicht gestatte. Die Forderung wurde abgelehnt. Eine gewisse Psennigfuchscrei wollte das Centrum bei der Forderung einer Verstärkung des deutschen Konsularkorps in Amerika treiben; vier neue B c r n f s k o n s u l n wurden für die B e r» einigten Staaten gefordert, das Eeittrnm wollte davon— einen streichen. Die Mehrheit der Kommission, darunter unsere Ver- treler, machte aber diese absonderliche Politik nicht mit, sondern bewilligte die Forderung, weil sie sachlich durchaus gerechtfertigt erschien. Eine interessante Erörterung knüpfte sich an einen Titel, in dem Gelder ftir die Unterhaltung von Dienstgebäudeu und fi!t die Beschaffung boit Inbentarienstücke» ausgeworfen werden. Die Fonds dieses Titels sind„übertragbar", d. h. die Verwaltring kann in einem Jahre Ersparnisse machen und den Rest späterhin verwenden. Da die Möglichkeit besteht, daß ans diese Weise größere Mittel angesammelt und damit LlnSgaben gemacht werden, die der Reichstag sonst nicht bewilligen würde, so wurde das Verlangen laut, die vorhandenen Restsummen jedes- mal auszuweisen. Der Staatssekretär des Reichsschatzamts und sein gehcimrätlicher Bnchsenspanner suchten dies Verlangen dadurch als überflüssig hinzustellen, daß sie sagten, in den Rechnungsiibersichten abgeschlossener Finanzjahre werde ja dem Reichs- tag auch der Nachweis über solche Reste geliefert: die Kommission aber schloß sich in ihrer übergroßen Mehrheit dem Vorschlage Singers an, daß in Zukunft die Summen in den Anmerkungen oder in einer bc- sonderen Spalte ausdrücklich aufgeführt werden sollen. Zugleich wiesGe- nosseSinger darauf hin, daß die Trennung der Budget- nndRechnungs- kommission mancherlei Unzuträglichkeitcn im Gefolge habe und einer Kontinuität in der RechnungSprüfimg entschieden abträglich sei. Diese Ausführungen wurden von verschiedenen Seiten als berechtigt anerkannt, die Budgetkommission konnte ihnen aber natürlich nur eine theoretische Ancrkemmng zollen. Jedenfalls wird diese wichtige Anregung an andrer Stelle noch weiter verfolgt werden.— DieKousislaiiondcrEeutruiuSuummer dcS„2 i m p l i c i f f irnnS" wird von der socialdeinvkratifchcn Fraktion des bayrischen Landtages zum Gegenstand einer Interpellation gemacht, die bereits am heutigen Mittwoch zur Beratung steht. Tie Angelegenheit erregt in München großes Aufsehen. Man vermutet, daß die Gerichtsbehörde nur durch Vcrtrauensbruch in den vorzeitigen Besitz der noch nicht vcröffcnt- lichten Nummer gelangt ist. Dabei ist die ganze Mnnchcncr Auf- läge, circa 12 000 Exemplare, der Beschlagnahme durch die Polizei durch teuflische List entgangen, und zum Leid des Eentrums geht die erschreckliche Nummer heimlich von Hand zu Hand. Thalsächlich soll der Inhalt der Nummer für das Centrnm sehr unangenehm sein, weil sie die innere Wahrheitswidrigkeit der Partei vortrefflich spottet, aber juristisch soll auch der im Ecntntmsschutz eifrigste Staatsanwalt keine Aussicht ans die Durchführung des Konfiskations-NntcrnehmenS haben. Der Münchcner Korrespondent der„B. Ztg." teilt über den Inhalt folgendes mit:„Die Titelzeichnung ist von Wilhelm Schulz„der Heiland", der den christkntholischcn Priestern erscheint: ihm sind die Worte in den Mund gelegt:„lind die heißen sich heute meine Jünger". Zeichnung II.„Ziver bayrische Mnister von Olaf Gulbransson in der Barbierstube eines Ccntrninsmannes: Soo — eingeseift wären sie schon Es folgt eine wuchtige Fastenpredigt „lieber die sittliche Erziehung" von Abraham a Santa Clara IL, der die christkatholischen Erziehungsmethoden der ultrnmontanen „Lügenväter" geißelt: es ist vielleicht das beste, was Ludwig Thoma jemals geschrieben hat. Zu einer Zeichnung von Eduard Thöny lautet die Unterschrift:„Schau. Nandl, mit der elvigen Seligkeit is akurat so als wie mit der Kirchcnbau- Lotterie. Ma sieht bloß die Lcut', die d'rauf setzen, aber loan, der was gewinnt." Es folgt eine vor- tressliche Zeichnung vonTH.TH.Heine„Die Engel wandern aus, weil die Guten es im Himmel nicht mehr aushalten können; da herrscht jetzt ein ultramontanes Ministerium". Die Unterschrift unter Reznicecks Zeichnung lautet:„Hoheit haben gegen Gottes Gebot gesündigt. Gewiß. Aber ich sehe den Fall so an: Hoheit haben in der Sorge für dt? Sittlichkeit des gemeinen Volkes auf die eigne vergessen. Solche Dinge beurteilt unsre Kirche sehr niildc." Der Minister gegen die Rinnstcinkunst. Die„Norddeutsche All- gemeine Zeitung" behauptet, daß die Weimarer Reise des Kultus- Ministers nicht wegen des geplanten Zusammenschlusses der EeSessionen unternommen worden sei, daß über diesen Gegenstand eingehende Verhandlungen nicht mit den maßgebenden Kreisen in Weimar gepflogen worden seien. Zu ivelchem Zwecke ist denn nun eigentlich Herr Studt plötzlich nach Weimar gereist?— Tic ReichstagS-Erstitzwahl in Eschwege-Schmalkaldcn ist nach einer Blättermeldung auf den 1. März anberaumt worden.— Zur Lage der Untcroffiziere. Man schreibt uns: Bielen stellt es sich so dar. als müßten Unteroffiziere und Social- demokratie die erbittertsten Gegner sein. Man meint, daß die Socialdemokratic als Vertreterin der Unterdrückten und die Unter- osfiziere als ausführende Drgaue einer volksgegnerischen HecrcS- discipliu in schroffem Gegensatz zu einander stehen. Diese Auffassung ist jedoch nicht berechtigt und, sofern wirklich olescr Gegensatz besteht, ist er beklagenswert. Selbstverständlich wäre es ganz oberflächlich, die Unteroffiziere einfach deshalb scheel anzublicken, weil sie den bunten Rock länger als zwei Jahre tragen. Der Unteroffizier„an sich" ist eine Not- wendigleit in jedem Heer, auch eine socialdemokratische Voltswehr hat Kräfte nötig, die durch längere Ausbildung größere Schulung bc- sitzen und die Führung der kleinsten Abteilungen besorgen. Der Widerwille gegen die Unteroffiziere in der Arbeiter- bevölkerung richtet sich vielmehr gegen die Stellung, die heute den Unteroffizieren im Drillheer angewiesen ist. Gewiß bringt die ganze heutige Heereseinrichtung es mit sich, daß häufig solche Leute über ihre aktive Dienstpflicht hinaus kapitulieren, welche für andre bürgerliche Berufe sich wenig eignen. Es wäre aber falscki, diese Thatsache ein- fach zu verallgemeinern und daraufhin geringschätzig über den Unter- offizicr im allgemeinen zu denken. Gerade die Arbeiterklasse weiß doch, daß das heutige Wirtschaftssystem die Berufswahl für viele ungemein erschwert. Alle Berufe sind überfüllt, alle Stellen besetzt, da entschließt sich mauchcr. bei der Truppe zu bleiben, um nicht der schlimmsten Not anheimzufallen. Ja, man muß sagen: Giebt es Besitzlosere als die Unteroffiziere? Der Arbeiter hat doch wenigstens einen Rock, der ihm gehört, die Unteroffiziere stehen nach jahrelange»» Dienste da. ohne eine Unter- Hose aus den Beinen zu haben, die ihnen gehört, denn alles, was sie auf dem Leibe haben gehört dem Staat: sie müßten denn von ihrer geringen Löhnung Ersparnisse gemacht haben. Auch die'Nahrung ist nicht genügend, sie besteht täglich m der Hauptsache aus Kartoffeln und Kommißbrot: 00 Gramm Fleisch inkl. Sehnen, Fett und Knochen sind für einen nnsgewachsenen Männcrmagcn nach einem Dienst fast nur in frischer Luft für vierund- zwanzig Stunden doch wirklich etwas zu lueuig. Das bare Geld, 72 Pf. pro Tag. bleibt hinter der Eutlöhnung in den entlegensten Gegenden zurück: davon gehen 10 Pf. zwangsweise in die Sparkasse. 2 Pf. in die Verguüguiigs-Percinslasse des Bataillons, bleiben 00 Pf. Und wie wohnt der Unteroffizier? Mit vielen in einem Raum zusammengepfercht viele Jahre hindurch, wie die polnischen Ernte-Arbeiter es während weniger Monate oft nicht schlechter haben.. �. Abgesondert von der ganzen übrigen Welff leben die Unter- offiziere dahin, hier unter eiserner Befehlsmacht stehend, dort zu den schlechtesten Elementen der Menschheit gerechnet. In wie vielen lcot die Elnpsindung ihrer schrecklichen Lage, ans der sie sich hinauSsehnen, ohne dazu die Möglichkeit zu hoben I~ r Man glaubt im Volke, die Unteroffiziere seien eine Art Zubehör der herrschenden Klasse, ja ihr schlimmster Abhub. Es ist aber un- gerecht, die Zwangslage, in der sich viele dieser Leute um ihrer Existenz willen befinden, zu verkennen. Allerdings die Mißhandlungen! Kein Wort ist scharf genug, um sie zu verdamme». Aber gerade die Socialdcmo- kratie unterscheidet sich auch in der Beurteilung dieser Skandalosa von der Beurteilung.� wie sie die Vertreter des heutigen Heersystems, beispielsweise der K r i e g s m i n i st e r, vorzubringen Pflegen. Die Vertreter des heutigen HeeressystcmS verurteilen stets die Individuen, die sich Mißhandlungen zu Schulden kommen lassen: die Socialdemokratic erkennt, daß das System selbst die Schuld trägt und daß die Individuen auch hier die Opfer des S y st e m s sind. Den Unteroffizieren fehlen meist alle pädagogischen Fähigkeiten und die Menschenkenntnis, die zu ihrer Ausgabe nötig wäre. Es werden ihnen ein Anzahl von jungen Leuten übergeben, die in Charakter und an Fähigkeiten ganz ver- schieden veranlagt sind, mn aus ihnen in stetem engsten Beisammenleben völlig und gleichmäßig ausgebildete Soldaten zu gestalten. Die Anforderungen aber, die an die Aus- bildung gestellt iverden, sind übermäßige. Eine unsägliche Arbeit wird ans die Vorstellungen, Paraden ec. verwendet. Die Offiziere stellen unerfüllbare Anforderungen an die Unteroffiziere, weil sie wiederum bei ihren höheren Vorgesetzten„gut abschneiden" wollen. Ein schwerer Druck lastet von oben aus den Unteroffizieren. Schwache Charaktere unterliegen dem Druck. Mit den kleinen Chikanen bei den Turn-Hilssstellmigen fängt cS an, dann kommen Knüffe, Stöße, Ohrfeigen. Es gehört im heutigen System eine wahre Kunst dazu, sich vor jeder Thätlichkeit zu hüten: würde alles bekannt, Ivos im Kasernenbercich geschieht, bei 75 Proz. der Unteroffiziere ließen sich zahlreiche Uebertretmigen des Gesetzes feststellen. Trotz aller Klagen und trotz aller Zusagen der höheren Armee- führer wird dieser Zustand nicht besser, lveil man das Uebcl nicht an der richtigen Stelle faßt, lveil das Unteroffizicrmaterial sich nicht bessert, weil die Voraussetzungen für gründliche Aenderung fehlen. Die Socialdcniokratie kann nicht dabei stehen bleiben, die Ausschreitungen der Unteroffiziere zu brandmarken, sondern soll in, Auge behalten. durch welche sociale und im Militär- systein beruhende Ursachen der Ituicroffizicrstand heute in die denkbar unerquicklichste Lage gekommen ist. Der Versuch ge- wisser Leute, gerade die Unteroffiziere zu brutal verständnislosen Bekämpfem der großen Freiheitsbewegung des Volkes auszunutzen, muß dann vollends scheitern. Wenn durch Gewalt verhindert wird, daß der Bürger im„gemeinen" Soldatenrock politische Anschaniingen hegt, so muß auch die unberechtigte Ausnutzung der Unteroffiziere zu politischen Zwecken mehr und mehr beseitigt werden. Die fach- liche Beurteilung der Lage der Unteroffiziere wird diese ebenso un- empfindlich gegenüber den socialistenfrcsserischcn Reden der Offiziere machen wie die„gemeinen Soldaten" unempfindlich sind gegen den Versuch, reaktionäre Politik im Heere zu betreiben.— Der badische Landtag und die ReichStagS-Diätcn. AuS Karlsruhe wird uns geschrieben: Die Frage der Gewährung von Reichstags-Diüten war am Dienstag Gegenstand der Verhandlung in der Zweiten badischen Kammer. Von Mitgliedern aller Parteien war ein Antrag eingebracht worden, in welchem die Regierung ersucht wurde, im Bundesrat für endliche Gewährung von Reichstags- Diäten zu wirken. Der nalionalliberale Abgeordnete Blanken- Horn, zugleich Reichstags-Abgcordneter, begründete den Antrag und seinen im großen ganzen zutreffenden Ausführungen schlössen sich Redner aller Parteien, vom Centrnm, Socialdeniokratcn, Demo- kraten und auch der einzige Antisemit des Hauses an. Man hatte nun erwartet, daß die Regierung angesichts dieser Stimmung eine sehr entgegenkommende Haltung zeigen würde. Da hatte man sich indes getäuscht. Der Minister des Innern K. Scheu k e l gab eine sehr geschraubte Erklärung ab, des Inhalts, daß die badische Regierung nicht gegen Gewährung von Diäten sei, daß sie im Bundesrat voraussichtlich auch, wenn die Frage einmal an sie herantrete, dafür stimmen iverde, daß sie sich aber ihre definitive Stellinignahme vorbehalten müsse, bis ein Gesetzentwurs über die Materie den verbündeten Regierungen unterbreitet werde. Mit dieser mehr als dürftigen Antwort war leine Partei zufrieden, und erst nach sehr scharfen Erwiderungen der Redner von der socialdemokratischen, der nationalliberalen und der Centrumspartei entschloß sich der Minister, in zwei Reden je etwas mehr zuzugeben und zu versprechen, daß die badischc Regierung jedenfalls den Diäten zustimme, da auch sie die Not- ivcndigkcil derselben anerkenne. Dagegen ivcigerte er sich entschieden, die insbesondere von unsern Rednern verlangte Initiative der badischen Ztegicrnng zu unternehmen oder zu befürworten. Die Kammer nahm nach circa dreistündiger Debatte den Antrag e i n st i m m i g ait. Alls Anregung der socialdemokratischen Fraktion versprach der Minister dcS Innern noch, die freie Fahrt für die Landtags- Abgeordneten, die jetzt nur vom Wohnort nach Karlsruhe gewährt wird, auf alle Bahnen Badens anSzudehnen.-- Die Weltausstellung in St. Louis wird von Arbeitern und Hand- wcrkern nicht besucht werden können, da Staatsunterstütznngcn für solche Zwecke nicht in Aussicht genommen sind. Wie kürzlich im badischen Landtage mitgeteilt wurde, beabsichtigte das Reich wie die Einzelstaaten, nur Zuschüsse an Aussteller zur Erleichterung der Be- fchickung zu gewähren: in Baden werden außer einem Reichszuschuß 10 000 M. dafür aufgewendet. Die Kosten des Bcsilchcs iverden für eine Person auf ca. 8000 M. veranschlagt, deshalb will man sich darauf beschränken, einzelne Staatsbeamte, Ingenieure, Professoren:c. auf Kosten ihres vorgesetzten Mimsterinins nach St. Louis zu senden. Trotz der erheblichen Kosten wäre natürlich eine umfangreiche Tele- gation von Arbeitern und Gewerbetreibenden möglich, wenn man die lnlturwidrigen Ausgaben einschränken und das Geld für solche nützliche Zwecke verwenden wollte.— Hudland. Frankreich. Eine neue Pnrtcizcrsplittcning hat sich tu Frankreich vollzogen. Ungefähr fünfzig Mitglieder der s v c i a l i st i s ch- r a d i k a l e n Gruppe der Deputierten!: onimer haben ihren Austritt ans der Fraktion erklärt, weil diese die Kandidatur D u b i e f S zur V i c e p r ä s i d e n t s ck> a f t aufrecht erhalten habe entgegen der Ansicht der vier Gruppen der Linken, welche sich gegen die Aufrechterhaltniig dieser Kandidatur aus- geivrochen hätten, da sie Uneinigkeit unter die Mehrheit im Parlament bringen könne. Durch diesen Austritt aus der socialistisch-radikalen Gruppe, die im ganzen 1l5 Deputierte umfaßt, verliert diese wesentlich an Bedeutung, um so mehr als noch zahlreiche andre AnStrittserklärungen zu erwarten sind. Es heißt, daß die Aus- geschiedenen eine neue P a r t c i unter de»i N a m e n S o c i a l i st i s ch- r e f o r in i st i s ch e Gruppe bilden und in i t den eigentlichen S o c i a l i st c n in enge Fühlung treten wollen. Man hält es für m ö g- l i ch, daß der jüngst vom socialistischen Verbände des Seine- Departements ausgeschlossene M i l l e r a n d an die Spitze der neu zu b i l d e n d e n G r n p p e t r e t e n w i r d. Die oppositionelle Presse erblickt in der geringen Mehrheit für Brisson und in der Niederlage Jaurös Anzeichen für die beginnende Zersetzung der Regierungsmehrheit, �ie fügt übrigens selbst hinzu, daß es der Mehrheit zweifellos gelingen werde, das Miiiisterium noch eine Zeit lang zu halten. Tic radikalen Organe äußern sich sehr scharf über diejenigen Mitglieder der Mehrheit, die die geheime Abstiinnuliig bei den gestrigen Wahlen nur dazu benutzt hätten, ihren Groll gegen Brisson und Jaurös zu bekunden. Die focialistische „ P e t i'r e Republique" erklärt, daß die S o c i a l i st e n troff der gestrigen Haltung eines Teiles der Radikalen dem B l o c t r c u° b l e i b c n werden. England. Die Ersichwahl in Rorwich. London, 10. Januar. In wenigen Tagen wird das Resultat der parlamentarischen Nachwahl in Norwich bclamit sein. An Stelle des verstorbenen konservativen Abgeordneten kandidieren Mr. Wild für die Konservativen, d. h. für die Zollpläne Mr. Ehambcrlains: Mr. Louis Tille« für die Libe- raten, die den Arbeitern alles mögliche versprechen: Genosse Roberts für die Arbeiter. Der socialisUfche Kandidat erfreut sich eines großen Rufes in den fortgeschrittenctcn Arbeiterkrciscn. Er hat bereits in Norwich einige Lokalämter zur Zufriedenheit des Proletariats bc- kleidet, jedoch wird aus dessen Sieg nicht gerechnet.— Nusjland. Die politischen Prozesse der letzten Zeit beginnen der Regierung imangenehm zu werden, denn trotz llnöffentlichkeit der Verhand- langen dringen Nachrichten über diese doch in die cntfernicsicn Winkel des Reiches und weit über die Grenzen des russischen Staate? hinaus. Die Reden der Angeklagten und ihrer Verteidiger schallen durch die verschlossensten Feilster des Gerichtssaals ans die Straße hinaus und tragen zu der allgemeinen Agitation sehr wesentlich bei. Tie Reden der R o st o w e r D c m o n st r a n t c n, die PlaidoyerS der bekannten russischen Anwälte vor den Gerichtsschrankcn in K i s ch i n e w, Odessa, N i s ch n i- St o lv g o r o d und andren Städten bilden die besten Flugschriften der revolutionären M a s s e n l i t t e r a t u r. Tie Regierung scheint nunmehr beschlossen zu haben, gegen die Anwälte in den politischen Prozessen R e p r e s s i v in a ß r e g e l n zu ergreifen. In ll f a wurden zlvci Advokaten, die freiwillig den wegen des Streiks im vorigen Früh- jähr angeklagten Arbeitern der Slatouster Waffcnfabriken ihre Unter- stützungcn' angeboten hatten, wegen Verdachts der Sympathie für die revolutionäre Bewegung verhaftet und nach einem entfernten G o n- v e r n e in e n t im Norden verbann t. Viel gemeiner noch ist das Vorgehen des P o l i z e i m i n i st e r s P l e h w e gegen einen Verteidiger der Kischinewer Juden, den in Äischinew wohnenden Rechtsanwalt S o k o l o w, der in dem Prozeß durch sein mutvolleS Auftreten sehr viel zu der Entschleierung der wirklichen Schuldigen an den Greueln beigetragen hat. Plehwe will sich nun rächen und er besorgt es auf dein kürzesten Wege. In der Nacht vom 22. auf den 28. Dezember wurde S o k o I o w auf ein Telegramm von Petersburg aus verhaftet. Man glaubt, daß er seinen Kollegen in Ufa ivird folgen m ü s s e n. Ein andrer ähnlicher Fall hat sich auch in Petersburg ereignet, wo der bekannte Verteidiger in niehreren politischen Prozessen der letzten Monate F. A. W o l t e n- st e i n kurzerhand dieser Tage auf fünf Jahre nach de m G o n ll e r n e in e n t O l o n e z verschickt worden ist. Wolkenstcin hatte ans dem Ballabcnd der Studenten des Techno- logischen Instituts eine Rede über die gesellschaftliche Bedeuttmg der Advokatur gehalten, was Plehwe den Vorwand gab. gegen ihn einzuschreiten und Reiche zu üben. Die Meinung ist verbreitet, daß Plehwe gegen die Anwälte, die durch ihre Plaidoyers in den Riff gekommen sind. Freunde der Opposition zu sein, auf gleiche Art und und Weise vorgehen ivird,— Amerika. Eine Geschichte des Socialismiiö in Amerika. In der Comradc Publishing Co. in Chicago ist kürzlich ein Werl des Genossen Hilquit erschienen, in welchem die geschichtliche Ent- Wicklung des Socialismus in Amerika beschrieben wird. Die letzte Nummer der„International Socialist Review" bringt einen längeren Auszug des Genossen Simon über dieses Buch, in welchem dasselbe in uneingeschränkter Weise als eine fleißige Arbeit gepriesen wird. Da deutsche Socialistcn die Entwicklung des Socialismus in Amerika in hohem Grade beeinflußt haben, so dürfte dieses Werk auch für die deutschen Genossen viel Interessantes enthalten. Wir bringen des- halb in nachstehendem einen kurzen Auszug aus dem oben bezeichneten Artikel. Einen sehr breiten Raum in Hilqniis Buch nimmt die Ve- schrcibnng des„utopischen Socialismus und kommunistische Expcri- mcnte" ein. Die Vorläufer des wissenschaftlichen Socialismus sind klassifiziert in Scktaricr, Owenitcn, Fouricristcn und Jcaricr. Dieser Teil enthält interessante Einzelheiten über die verschiedenen Experi- mcnte, die in Amerika mit kommunistischen Gemeinwesen gemacht Ivordcn sind, die aber selbstverständlich alle fehlschlagen mußten.— Die erste wirkliche Bewegung aber, aus der die heutige sich ent- wickelt hat. beginnt mit der Arbeit Wilhelm Weitlings, der in den Jahren 1819/50 eine energische Thätigkcit entfaltete. Nach Weitling war für lange Zeit wenig von einer socialistischen Bc- wegung zu spüren, bis die„Internationale" nach'Amerika kam, die aber auch nur geringen Einfluß auf die amerikanischen Arbeiter aus- übte; wurde.sie doch nur uack? Amerika verpflanzt, um dort zu sterben. Am 15. Juli 1870 wurde sie zu Grabe getragen, um später ihre Wiederaufersrehimg zu finden auf kräftigerer, weiterer Grund- läge der gegenwärtigen Internationalen socialistischen Organisation, Neben der Internationalen bestand in den Jahren 1807— 00 ein Nationaler Arbeiterbund, der gerade noch lange genug lebte, um im Jahre 1809 ciiicu Delegierten nach der Baseler Konvention der Internationalen zu entsenden. Tic Ritglieder der Internationalen in Amerika waren fast nur Deutsche.— Die nächste Phase war die der„ Socialdemokratischen Arbeiterpartei von Nord-Amcrika", die 1871 von einigen Sektionen der Internationalen idic sieh losgelöst hatten) gegründet worden war. Im Jahre 1877 änderte diese ihren Namen in„Socialistische Arbeiterpartei von Nord, Amerika". Diese Bewegung erreichte ihren Höhepuittt im Jahre 1877, zu welcher Zeit sie über 21 Blätter verfügte: sie flaute ab und verschwand fast ganz mit der kommenden kapitalistischen Prosperität in den 80cr Jahren. Ende der 80cr Jahre, als die wirtschaftliche Depression einsetzte. kamen die Arbeiter auch wieder zum Socialismus: diese Periode fand aber ihren baldigen tragischen Abschluß in der Hay market» Katastrophe und der Hinrichtung der Anarchisten in Elsicago.— Das Wiedererwachcn der socialistischen Bewegung läßt aber nicht lange auf sich warten: langsam, aber solider denn je. und mehr in Ilebcrcinstimmnng mit den wissenschaftlichen Principien Ivird das Werk aufgebaut. Es folgen die Kämpfe mit den Populisten, der Henry Gcorgc-Bcwcgung, den Rittern der Arbeit usw., anS denen der socialistische Gedanke aber immer gestärkt hervorgeht. Hiermit bricht die Arbeit ab. Die neuesten Vorgänge werden noch nicht in Betracht gezogen._ Huö Incwltrie und ftandcl. Syiidikatsplöue. Wie die Leitung des Rheinisch- westfälischen Kohlensyndikats, nachdem sie der Erneuerung der Syndikatöveriräge sicher war, mit Eifer darauf hinsteuerte, den Kohlcngrvßhandcl völlig unter ihre Aussicht zu bringen und zu diesem Zweck das so- genannte„Kohlencomptoir" gründete, so trägt sich nun auch das Roheisen-Syndikat, das sich bekanntlich jüngst in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht umgewandelt hat. mit dem Plan, den Roheisen- Handel unter seine Botmäßigkeit zu stellen und die bis» herigcn Großeisenhändler gewissermaßen nur als Agenten weiter fungieren zu lassen. Die über die Absichten der großen rheinisch- westfälischen Kartelle meist am besten unter» richtete„Kölnische Zeitung" weiß nämlich zu berichten:„Nachdem das Roheisen-Syndikat durch die Umwandlung in eine Gesellschaft mit beschränkter.Haftpflicht neue und festere Formen angenommen hat, iv i r d auch das Verhältnis z n in N o h e i s c n h a n d e eine andre Zi c g e l u n g erfahren müssen. Bisher hatten sich auf diesem Gebiet mancherlei Mißstände herausgebildet, deren Beseitigung wohl im Interesse aller Beteiligten gelegen sein dürfte. Insbesondere Halle sich ergebe», daß die Händler, die das Roy- eisen vom Syndikat etwas billiger als dessen andre Abnehmer erhielten, dem S y n d i k a t m i t seinem eignen Roheisen durch U n t c r b i e t u n g e n empfindlichen Wettbewerb bereiteten. Das wird nunmehr für die Folge dadurch unmög- lich gemacht werden, daß das Verhältnis der Händler zu dem Syndikat künftig mehr den Charakter einer Ver» tretung des Syndikats erhalten wird, so daß Unter» bietuiigcn der vom Syndikat festgesetzten Preise ausgeschlossen Iverden. Es handelt sich also um ganz ähnliche Maßnahmen, wie sie das K o h l e n- S Y n d i k a t bei Regelung seines Verhält- n i s s e s zum Kohlenhandel mit beste m Erfolg bereits durchgeführt hat, und man darf hoffen, daß sie auch auf den Royeisenmarkt einen förderlichen Einfluß ausüben werden. Eine einheitliche Preispolitik erscheint auf diesem Gebiet uamcittlich auch unter dem Gesichtspunkte der Bekämpfung des aus- ländischen Wettbewerbes geboten, und es wäre erwünscht, Iveun aus demselben Grunde das Kohlcnsyndikat mit den Hüttenwerken Hand « Hand gehen Ivolltc, da es ja mit Niicksicht auf seinen Coaks- absah ein ganz besonderes Interesse daran hat, daß die inländische Roheisenerzeugung nicht durch ausländischen Wettbewerb beeinträchtigt wird." An sich hätten wir sicherlich nichts dagegen, wenn ein Teil des �.ivischeuhandelS von den Syndikaten ausgeschaltet und dadurch eine Berbilligung der Produkte ermöglicht würde. Aber um diesen Zweck handelt es sich weder beim Kohlen-, noch beim Roheisen-Syndikat; im Gegenteil ihre Bestrebungen gehen, wie in der obigen Notiz offen eingestanden wird, dahin, den durch gelegentliche Preisunterbietungen der Eisenhändlcr ans dem Markt hervorgerufenen„empfind- l i ch e n W e t t b e iv e r b" zu unterdrücken, d. h. die Markt- preise so hoch zu halten, als es die Konkurrenz des Auslandes und die Zollsätze irgend gestatten. Das; die Syndikatspolitik, sobald es die Verhältnisse ermöglichen würden, sich auf die Preistreiberei zur Erhöhung des Unternehmer- Profits richten werde, lvar jedem klar, der nur einige Kenntnis des Charakters der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Tendenzen besitzt. Trotzdem fanden sich bekanntlich bis in die neueste Zeit weise Thebancr, die in dicken Schriften zu beweisen suchten, daß nicht mir die Kartelle oder Syndikate eine Regelung der Produktion, eine Verhinderung der Absatzkrisen usw. bringen tvürden, sondern infolge der Verminderung der Produktionskosten und der Ausschaltung des Zwischenhandels auch eine allgemeine Verbilliguug der Produkte, lind wer diesen Unsinn nicht glauben wollte, der verstand nach der kuriosen Logik jener Herren nichts von den angeblich im modernen Kapitalismus steckenden Rcinigungs- und Verjiingungstendcnzen. Die jetzt nicht nur im Kohlen- und Roheisen-Syndikat, sondern auch in andern Kartellen hervortretenden Bestrebungen, das Preisniveau der Produkte hinaufzuschrauben, bietet zu dieser volkswirtschaftlichen Weisheit eine treffende Illustration. Vereinigung der süddeutschen Ceiuentfabriken. Die„Franks. Zeitung" meldet aus Heidelberg, das; dort gestern in einer Ver- sammlung der süddeutschen Portland-Cemcntfabriken beschlossen wurde, am 21. d. M. das Süddeutsche Cement-Sylrdikat mit dem Hauptsitz i» Heidelberg zu konstituieren. Die Verständigung mit den nordwesr-mittel-dcutschcn Fabriken sei in der Hauptsache erreicht. Mechanische Buntweberei am Stadtbach in Göppingen, lieber das Privatvermögen des geflüchteten, aber hier verhafteten Direktors des obigen Unternehmens ist jetzt der Konkurs eröffnet worden. Zu diesem Vermögen gehört nach der„Neckar-Zeitung" neben dem Cementwcrke Rcchtenstein auch eine vor einigen Jahren erbaute Villa, die auf 108 000 Mi. bewertet ist, ein kleineres Wirtschafts- anwcscn, in dem sich die Fabrik-Kantine der Buntweberei befindet, eine von der Fabrik getrennt liegende Färberei und ein Bauplatz. Alle vier Vermögenswerte bilden eine zusammenhängende Fläche. Sie stellen einen Wert von 170— ISO 000 M. dar; die hypothekarische Belastung stellt sich aber allein auf 175 000 M. Es ist demnach bei den gegenwärtig sehr gedrückten Grundstückspreisen als sicher anzu- nehmen, daß der Vcrkmif dieser Vermögenswerte nicht einmal die Hypotheken ganz decken wird. Auf dem Cementwerke Rechtenstein stehen Hypotheken im Gesamtbeträge von 770 000 M. Bekanntlich ist das Werk zu 1 150 000 M. bis 31. d. Akts, einer Gruppe von Cementindustriellcn fest angestellt ivorden; doch hält man jetzt für sehr zweifelhast, ob der Verkauf auf dieser Grundlage zu stände kommt. Die Aktien der Mechanischen Buntweberei werden als völlig wertlos angesehen, da die Buntweberei mit 000 000 M. Hypotheken belastet ist und es sehr gut gehen muß, wenn aus dem Verkauf der Fabrik auch nur diese Summe erzielt wird. Berbrauch von Tabaksurrogaten. Die Preissteigerungen der guten Tabaksorten haben besonders feit Ende der siebziger Jahre eine sehr starke Zunahme des Verbrauchs von Tabaksurrogaten hervorgerufen. Den gröbsten Fälschungen mit Surrogaten und den Gefahren für die menschliche Gesundheit, die einige Tabaksurrogate in sich schließen, hat das letzte Tabaksteuer-Gesetz entgegenzuarbeiten vcrstlcht, indem es die Verwendung von Tabaksurrogaten im all- gemeinen ganz verbietet und nur besondere Ausnahmen ausdrücklich zuläßt. ES sind das: Kirschblätter, Akelilothenblüten sSteinklce), ein- gesalzeneRosenblätter, Veilchenwurzclpulver, Vanilleroots, Brennesseln, Baldrianwurzeln undAltheeblätter. Melilothenbliiten, Roscnblättcrund Veilchenwurzelpulver werden ausschließlich bei der Herstellung von Schnupftabak, Weichselkirschblätter und gewöhnliche Kirschblütter vor- wiegend bei der Bereitung geringerer Rauchtabake als Zusatz ver- wendet. Die Steuer von diesen Tabaksurrogaten beträgt 65 M. auf 100 Kilogramm, und die Einnahmen aus ihr haben mit dem steigenden Verbrauch enorm zugenommen. So hat im Jahre 1880/31 diese Surrogatsteuer einen Ertrag von nur 15 365 M. geliefert, 1885/86 aber schon 22 507 M.. 1890/01 27153 M.. 1805/96 31966 M.. 1308/00 47 443 M.. 1901 aber dann 60 635 M. und 1902, wofür eben die amtlichen Zahlen publiziert werden, «7 015 M. Bezeichnend ist. daß sich der Verbrauch vorwiegend auf einzelne ärmere Bezirke beschränkt. Der weitaus größte Vc- trag der erhobenen Surrogatstcuern entfällt auf Preußen: 1880/81 11323 M., 1808/00 33 065 M. und 1002 42 024 M. Namentlich in den Provinzen Schlesien, Westpreuhen und Posen scheint ein stärkerer Konsum von Tabaksurrogatcn stattzufinden. Dem Gewicht nach wurden in den Jahren'1001 und 1902 im Deutschen Reiche ver- wendet: Weichselkirschblätter 1002: 6112 Kg. slOOl: 7017 Kg.), gewöhnliche Kirschblätter 40 264 5tg.<38 822), Melilothenblüten 25 058(24 873), ei»gesalzene Rosenblätter 1267(1154), Veilchen Wurzelpulver 2015(1802), Vanilleroots 26 710(18 720), Brennesseln 2307(820), Baldrianwurzeln 720(55), Alth eeblätter 50(20). Eine besonders auffallende Zunahme zeigen also Brennesseln und Baldrianwurzeln, beide konnnen ausschließlich in Preußen zur Ver- Wendung. Weichselkirschblätter kommen hauptsächlich zur Ver- Wendung in Schleswig-Holstein, Westfalen und der Provinz Sachsen; gewöhnliche Kirschblätter in Anhalt und im Rheinland; Melilothen- Blüten(Steinklee! in Westpreußen. Posen und Schlesien; eingesalzene Rosenblätter in Thüringen und Württemberg; Veilchenwurzelpulver fast nur in Schlesien' Vanilleroots, die zur Parfümierung von fein- geschnittenen Rauchtabaken dienen, überall, besonders aber in Rhein- land und in Hamburg; Altheeblätter kommen nur im Königreich Sachsen zur Verwendung. Oestreichischer Petroleum-Export. Im Eisenbahn-Ministerium fanden heute Besprechungen über die Lage des Petroleumhandels statt, die durch die Absickit der Lstreichischen Privatbahnen, die Petroleum- tarife zu erhöhen, veranlaßt Imren. Die Vertreter der Privatbahnen erteilten die Zusicherung, daß vorerst für das Jahr 1004 von einer Erhöhung der Tarife für die Petroleum-Aussuhr Umgang ge- nommen werde. Nur die seit dem 1. Januar 1904 bereits be- stehende Erhöhung der Elbc-Umschlagstarife um 5 bis 10 Ps. für 100 Kilogramm soll aufrecht erhalten werden. Bezüglich des in- ländischen Verkehrs verhielten sich die Vertreter der Privatbahnen ablehnend gegenüber dem Verlangen, eine Erhöhung der Tarife zu unterlassen oder aufzuschieben. Uns der fraucnbewe�ung. Perein für Frauen«üb Mädchen der Arbeiterklasse. Montag, den 18. Januar, abends 8'/. Uhr, in den Arminhallen. KgM- mandantenstr. 20: Vortrag des Herrn Dr. Zadek über:„Arbeits- dauer und Gesundheit". Gäste willkommen.— Die noch nicht ver- lauften Urania-Billets müssen spätestens am 18. Januar zurück- gegeben werden, oder sie gelten als verkauft. Ter Vorstand. Rixdorf. Verein gewerblich thätiger Frauen und Mädchen von Rixdorf und Umgegend. Sonntag, dcir 17. Januar, nachmittags 3 Uhr: Generalversammlung im Lvkal von Thiel, Bcrgstr. 151. Tagesordnung: 1. Vortrag. Referent: P. Bernstein. 2. Diskussion. 3. Bericht des Vorstandes. 4. Verschiedenes. Der Ivichtigen Tages- ordnung wegen ist das Erscheinen aller Mitglieder notlvcndig und wird gebeten zwecks Legitimation das Mitgliedsbuch vorzuzeigen. Nach der Versammlung im großen Saal gemütliches Beisammensein. Eintrittskarten dazu sind vorher bei den Vorstandsmitgliedern zu haben. Auch hierzu bittet um zahlreiche Beteiligung Der Vorstand. Schöneberg. Ter Bildungsvcrcin für Frauen und Mädchen zu Schöncberg und Umgegend hielt am 11. Januar 1004 seine regcl- mäßige Vcrcinsversammlung im Lokale des Herrn Krüger, Grüne- ivaldstraße 110, ab. Herr Dr. Ehajes hielt einen sehr lehrreichen Vortrag über„Innere und äußere Blutungen". Unter Vereins- angelcgenhcitcn machte die Vorsitzende bekannt, daß der diesjährige Maskenball Sonnabend, den 16. Januar, in Wittes Volksgartcn zu Wilmersdorf stattfindet. Tic Vorsitzende bat um recht rege Be- teiligung an demselben. Außerdem wurde bekannt gemacht, daß am 25. Januar eine Wanderve rsammluug nn Lokal„Wilhclmshof", Ebersstr. 80, stattfindet, in welcher Herr Dr. Maurenbrechcr einen Vortrag über„Die Liebe" halten wird. Hierauf folgte Schluß der gut besuchten Versammlung. 6 Mitglieder wurden neu auf- genommen._ Versammlungen. Die Arbeiter der städtischen Gaswerke hielten am Dienstag in den Arminhallen eine P r o t c st v e r s a m m l u n g ab."Der Grund des Protestes ist die Ablehnung der Arbcitcrfordcrungcn durch die Direktion der Gaswerke. Wie der Rcfcrcut, Verbandssckrctär D i t t m e r, ausführte, haben die Arbeiter im September vorigen Jahres an die Direttion das Ersuchen gestellt, die Löhne ein wenig aufzubessern. Die Forderungen waren äußerst bescheiden, namentlich wenn man in Bewacht zieht, daß die Arbeit in den Gasanstalte» nicht nur sehr anstrengend, sondern auch in hohem Grade gesundheits- schädlich ist. Tic Direktion hat wohl ein ivenig von den Forderungen der Arbeiter bewilligt, nämlich die Abschaffung des achten Stoßes, die Entlassung nach dem Dienstalter und die Einrichtung eines Waschraumes für Maschinisten und Heizer; die Hauprforderung: die be- schcidcne Aufbesscrung des Lohnes, ist dagegen mit lakonischer Kürze und ohne jede Begründung abgelehnt worden. Wenn auch die Ar- bcitcr die geringen Zugeständnisse, welche ihnen die Direktion machte, annehmen, so können sie doch damit allein nicht zufrieden sein; sie beharren vielmehr darauf, daß ihnen auch die bis jetzt noch nicht erfüllten Forderungen bewilligt werden und wenden sich nunmehr an die Deputation der Gas- und Wasserwerke, in der Hoffnung, hier mehr Entgegenkommen zu finden wie bei der Direktion.— Ter Redakteur des Vcrbandsorgans, Bürger, führte u. a. aus: Sollte vielleicht die ungünstige Finanzlage der Stadt die Direktion ver- anlaßt haben, die Forderungen der Arbeiter abzulehnen, so könne das selbst vom Standpunkt der Steuerzahler nicht gebilligt werden, denn das sei unter allen Umständen zu verurteilen, wenn man die Finanzlage auf Kosten der Arbeiter verbessern wolle. Uebrigcns sei ja auch das Objekt so gering, daß es im Haushaitsctat der Stadt gar nicht ins Gewicht falle. Für die Bewilligung der Forderung spreche vor allem der Umstand, daß die Löhne der GasanstaliSarbeiter nicht auskömmlich sind. Es sei vorgekommen, daß Arbeiter lange Zeit hindurch nicht mehr wie 20 M. wöchentlich verdient haben. Solche Löhne seien keine angemessene Enffchädigung für die schwere und aufreibende Arbeit in den Gasanstalten. Es sei eine socialpolitischc Pflicht der Gemeinde, die äußerst bescheidenen Forderungen der Gas- arbeiter zu erfüllen.— Nachdem sich noch verschiedene Arbeiter in demselben Sinne ausgesprochen hatten, wurde die nachstehende Rc- solutio» einstimmig angenommen: Die zahlreich versauunelteu Arbeiter der städtischen Gaswerke Berlins haben von der Ablehnung ihrer im September 1003 auf- gestellten Forderungen betreffend Festsetzung der Löhne Kenntnis ge- nommen. Tic Versammelten bedauern aufs ticffte, daß die Direktion so wenig Entgegenkommen zeigte und auf die diesbezüglichen Be- gründungen nicht näher eingegangen ist. Die Versammelten pro- testieren energisch dagegen, daß die Slblehnung dieser bescheidenen Forderungen ohne jede nähere Begründnng erfolgte; sie verpflichten sich, nach wie vor an den aufgestellten Forderungen festzuhalten und beantragen die Festsetzung der Löhne auf folgender Grundlage: 1. Tie Hofarbcitcr sangen mit einem Tagelohn von 4 M. an und steigen von zwei zu zwei Jahren um 20 Pf. bis zum Höchst- betrage von 5 M. 2. Die Betriebsarbcitcr fangen mit einem Tagelohn von 5,50 M. an und steigen von zwei zu zwei Jahren um 20 Pf. bis zum Höchsrbetrage von 6.50 M.— Werden Betriebsarbcitcr nach dem Hofe oder Hofarbeiter in den Betrieb versetzt, so ist die bisherige Dienstzeit anzurechnen. 3. Die Accordarbeit ist zu beseitigen. Wo das nicht geschieht. sind folgende Grundsätze zu beachten: Bei Accordarbeit müssen in regelrechter Arbeitszeit die betreffenden Arbeiter 50 Prozent mehr verdienen, als bei gewöhnlicher Lohnarbeit. 4. Für Rcinigungsarbcitcr einen Anfangslohn von 4,50 M., steigend bis 5,50 M. 5. Für Steigcrrohrrcinigcr einen Anfangslohn von 5 M, steigend bis zu 6 M. Die Arbcitcr-Ausschüsse sämtlicher Gasanstalten werden be- auftragt, die vorstchenden Forderungen der Gas- Deputation zu unterbreiten. Die Versammelten erwarten nunmehr, daß ihren berechtigten Wünschen Rechnung getragen wird und die minimalen Forderungen alsbald anerkannt werden. Tie Mühlenarbeiter hatten am Sonntag ihre regelmäßige Mit- gliederversammlung, tvelche äußerst zahlreich besucht war. Zunächst erstattete Prüfer den Bericht von der am dritten Weihnachts- feicrtage stattgefundencn Ganlonferenz. Er konnte als Ergebnis derselben konstatieren, daß überall in dem großen Gau ein er- sreulicher Fortschritt in der weiteren Entwicklung der Organisation zu verzeichnen sei. Beim 2. Punkt der Tagesordnung: Anträge zu dem Ostern in Berlin stattfindenden Verbandstage, lagen eine Reihe Anträge von Prüfer und O st w a l d vor. Beschlossen wird, dem allgemeinen Wunsche auf Erhöhung des Wochenbeitrages von 30 Pf. auf 40 Pf. zuzustimmen. Dafür soll jedoch die monatliche Zuschlags- marke von 10 Pf. fortfallen. Weiter wird der geplanten Anstellung eines zweiten Beamten, der in der Hauptsache sich der Agitation widmen soll, zugestimmt. Eine Neuregelung der prozentualen Ver- teilung der Einnahmen wird gewünscht dergestalt, daß die Gau- lassen erheblich gestärkt und dadurch aktionsfähigcr gemacht werden sollen. Die Unterstützungssätze bei Arbeitslosigkeit und Krankheit sollen bestehen blcivcn, aber noch eine 4. Klaffe angefügt werden. Ebenso wird beantragt, die Stveikuntcrstützung ans l.50 M. für Ledige und 2,00 M. für Verheiratete festzusetzen. Die jetzt be- stehende Sterbe-IInterstützung, wonach an die Hinterbliebenen ein Sterbegeld nach der Höhe der Mitgliederzahl gezahlt wird, und Ivofür jedes Mitglied im Umlage verfahren 10 Pf. pro Fall zu zahlen hat, soll dahin abgeändert werden, daß auch beim Tode der Frau dem Mitglicde diese Unterstützung gezahlt werden und das Geld in der gleichen Form eingezogen werden soll. Einige weitere Anträge sind nicht von allgenleinem Interesse. Es wird darauf auf Antrag S a u c r- 0i ö t h i g beschlossen, von Berlin zwei Delegierte zu stellen. Die Wahl mußte jedoch vertagt werden, da die Versammlung sich anscheinend auf den jetzigen Vorsitzenden Ostwald und den früheren Sauer versteift, beide jedoch ablehnten. Die Charlottenburger Gewerkschaftskommission harte zum Mittwoch, de» 6. d. Mts., eine öffentliche Gewerkschaftsversammlung cinberusen, in der über die am 25. d. Mts. stattfindenden Gewerbe- gerichts-Wahlen sowie über die Aufstellung der Beisitzer-Kaiididaten Beschluß gefaßt werden sollte. Genosse M i e l i tz erstattete zunächst den Thätigkeitsbericht des hiesigen Gcwcrbegerichts. Diesem Bericht, der sich ans die Zeit vom 1. April 1002 bis 31. März 1003 erstreckt, ist zu entnehmen, daß die Gesamtzahl der Klagen im Berichtsjahr« 024 betrug. Hiervon wurden 24 Klagen aus dem Jahre 1001 über» nommen. Die Steigerung der Anzahl der Klagen gegen das Jahr 1001 beträgt 138 gleich 18,4 Proz. Von den Streitsachen entfallen auf das gesamte Baugewerbe 325 Klagen oder 35,2 Proz., auf Fabriken aller Art 57 Klagen oder 6,2 Proz. und auf das übrige Haudiocrk 521 Klagen oder 56,3 Proz. Außcrdeur sind 21 nicht unter die Zuständigkeit des Gcwerbegcrichts fallende Streitsachen erledigt worden. Bemerkenswert ist an dem Bericht die außer« ordentlich hohe Anzahl der Vergleiche, deren Zahl in diesem Jahre 506 gegen 304 des Vorjahres betrug. Diese enorm hohe Zahl der abgeschlossenen Vergleiche ist zu begreifen, wenn man bedenkt, daß von dem Vorsitzenden des Gerichts allein an einem Berichtstage 27 Klagen erledigt worden sind. Da bei diesen Vergleichen den Arbeitern sehr oft ihr volles Recht nicht wird, ist ihnen zu empfehlen, den Vergleichsvorschlag im Sühnetennin abzulehnen und den Rechts- spruch nur vom vollbesetzten Gcwerbcgericht zu verlangen. Weiter sagt der Bericht, daß Berufungen gegen Endurteilc des Gelvcrbc- gerichtS iii�15 Fällen eingelegt wurden. Von diese» Fällen waren bis zum techlufic des Berichtsjahres drei Fälle erledigt, und zwar zwei Fälle durch Bestätigung des Gcwcrbegerichts- Urteils und ein Fall durch ein Urteil des Berufungsgerichts. Das Charlottenburger Gewcrdcgericht ist auch in einigen Fällen zur Erstattung eines Gut, achtens von andren Gerichten aufgefordert worden. Auch haben außer den 39 Tcrminstagen eine Reihe andrer wichtiger Sitzungen stattgefunden, in denen über Tarif- und Arbeiisverhältnisse einzelner Berufe diskutiert und beraten wurde. Soweit der allgemeine Thätigkciisbericht. Bcmcrtt muß noch werden, daß nach der unter dem 16. Juli 1902 erfolgten Genehmigung des Ortsstatuts statt der bisherigen 24 Beisitzer 36 gewählt werden. Der zweite Teil dcS Berichts, in welchem Genosse M i e l i tz die Praxis in der Recht» sprcchung vor dem hiesigen Gcwcrbegcricht cräricrtc, klang aus in einer bewegten Klage über das Verhältnis zwischen den Arbeitnehmer- Beisitzern und dem Vorsitzenden des Geivcrbcgcrichts, Herr» Assessor v. Walger, das sich im Laufe''.er Zeit zu eiuenl recht gespannten und unerquicklichen herausgebildet hat. Grund zu diesen Ver- stimmungen gaben einige unter Vorsitz des Herrn v. Walger gefällte Urteile des Gewerbegerichts, die nicht nur dem RechtSgcfühl des Arbeiters gröblichst widersprachen, sondern auch lvcit über die Arbeiterkreise hinaus bei einigen hervorragenden Juristen Kopf- schütteln erregten Redner erinnert an den krassesten Fall dieser Art, in welchem rnige Steinträger, als ihnen eine Lohnentschädigimg nicht bewilligt wurde, die Arbeit niederlegten und kurz darauf Klage beim Gelverbegericht anstrc-gte». Das Gewcrbcgericht verurteile den Beklagten zur Zahlung der. Summe, gab aber auch gleichzeitig einer Widerklage des Arbeitgebers statt, auf Schadens- ersah für die Zeit, lvährcnd ivelcher es den Arbeitern durch ihre ausgcssellten Streikposten gelang, fremde Arbeitskräfte von der Ar- bcitsstelle fcrnzuhallen. Die Arbeiter wurden zu diesem Schadens- ersah verurteilt mit der Begründung, daß Streikpostenstehen wobl erlaubt sei; erwächst dem Arbeitgeber jedoch hieraus Schaden, so sind die Streikposten schadcnscrsatzpflichtig.— Abgesehen davon, daß eine solche Klage gar nicht zur Kompetenz des Gewcrbegcrichts ge- hört, ist doch wohl eine solche Rechtsprechung wenig geeignet, das Vertrauen der Arbeiter zu den Gelvcrbegcrichtc» zu erhöhen. Ebenso ist von den Arbeitnehmer-Beifitzern Klage geführt worden darüber, daß an einem Sitzungstage eine außerordentlich höhe Zahl von Klagen zu erledigen sind. Sie bcmitragten, die Zahl aus höchstens 10 fest- zusetzen. Leider haben die Arbeitnehmer aus diesen Antrag, der schon am 23. Juli v. I. eingereicht ist, leine Antwort erhalte». Redner betont, daß durch diese Borkommnisse sich eine große Miß- stimmung zwischen beiden Parteien breit gemacht habe. Aber nickt genug damit, es wird sich auch bei der Wiederholung solcher Urteile das Mißtrauen der Charlottenburger Arbeiterschaft gegenüber der Rechtsprechung des hiesigen Gcwerbegcricyts um ein Erhebliches steigern.— Von den Genossen Pößnecker und Busse wurde in der recht lebhaften Diskussion den Beisitzern ein Vorwurf daraus gemacht, daß sie mit ihren Klagen bis zum Schluß des Berichtsjahres gemattet haben. Sie hätten sich sofott an den Ausschutz der Chor- lottenburgcr(sscwcrkschaftstöminisjion wenden müssen, der doch dann wohl sofort das Weitere veranlaßt hätte. Beide Redner gehen gleich- falls mit dem Verhalten des Vorsitzenden des Gcwcrbegerichts scharf ins Gericht und verlangen, daß hier einmal c7» energisches Velo eingelegt wird. Hauptsächlich müssen die neuen Beisitzer in dieser Beziehung auf dem Posten seil? und derattige Fälle sofort zur Sprach« bringen. Die Beisitzer L ü d t k c und M a tz k e verwahren sich gegen den Vorwurf, irgend etwas verschleppt zu haben. Sie glaubten mir. ihre Klagen am besten in dieser Versammlung der Oesfcntlichkeit kund gebe» zu können.— Als Kandidaten werden dann cmfgcstclli: im 1. Bezirk: die Genossen Anschläger Ed. Pohl und Maler Joost, im 2. Bezirk: Maurer Lüdtke, Maurer Rcnndorf und Maler Matzke. im 3. Bezirk: Porzcllanarbeitcr Paulkc, Schlosser Ladcnthin und Schlosser Höhle, im 4. Bezirk: Zimmerer Thiel. Zimmerer Frendenberg und Putzer Wilde, im 5. Bezirk: Tischler Mackenzy, Bauarbeiter Haustein und Bauarbeiter Gräber, i m 6. Bezirk: Tischler Pfefferkorn und Kutscher Reumami, t in 7. Bezirk: Hausdiener Bollentin und im 8. Bezirk: Kellner Hannemann.— Am 17. t>. M. wird eine Flugblattvcrbreitnng und am 22. Januar noch eine Versammlung mit Referenten zur Agitation für die Wahlen stattfinde». Allgemeitte Kranken- und Tterbckasse der Metallarbeiter (E. H. 29. Hamburg). Filiale Gummelsburg. Sonnabend, den 1«. Januar, abends 81/, Uhr, bei Gast. Tempel, Boxhagen, Ecke der Bahnhosstraße: Mil- gliederversammlung. Berliner Tanzlehrer- Berel«(Freie Vereinigung). Sitzung sowie Uebungsstuiiden jeden Freitag 9'/, Uhr, im Englischen Hos, Neue Roßstr. 3. Tanzlehrer als Gäste willkommen. l�et2te I�acbricdten und Depelcden. Nach Preußen folgt Bayer». München, 13. Januar.(W. T. B.) DaS VerordiumgSblatt dcS KttegSminifteriumS veröffentlicht heute eine allerhöchste Entschließung, durch welche das Tragen der Achselstücke auf den Offiziersmänteln und die jüngst in der preußischen Armee eingeführten Acnderungen der Gencralsmäntql auch für die bayttsche Armee angeordnet werden. Patteiungen in Frankreich. Paris. 13. Januar.r Leute einzustellen. Abg. Stötzel hat schon auf das Unfallgesetz hingewiesen. Ich habe die Krankheit schon vor zwei Jahren als eine Berufskrank- heit bezeichnet. Wenn man sich von autoritativer Stelle zu derselben Ansicht bekennt, so wird es auf die e i n f a ch st e Weise ni ö g l i ch sein, den Leuten eine Unfnllrcnte zu g e lv ä h r e ir. Es' gießt ober auch, wie der HandelSminister gestern bestätigte, eine Reihe von Wurmkranken, die nicht gerade sterbenskrank sind, sondern nur wurm- behaftet: waS hindert denn, diese halbverscuchten Arbeiter auf Grund deS Reichs-Jnvalidengefetzes einer Heilanstalt zu über- weisen, sie wieder erwerbsfähig zu machen, genau wie es bei der Tuberkulose und andren Krankheiten auch geschieht. ES handelt sich um Tausende von Arbeitskräften, deren Verlust für den Bergbau zweifellos von großem Schaden ist. Wenn wir nur einen kleinen Teil dieser Kräfte ivicdcr arbeitsfähig machen, so be- deutet das außer dem Gewinn für die Betreffenden selbst auch einen großen Gewinn für unsre ganze Volkswirtschaft. Daß auch die An- gehörigen der wegen Wurmkrankheit Behandelten unterstützt lverdcn müssen, versteht sich am Rande. Wenn wir aber dieser Krankheit, dieser schweren Bedrohung der Bergindustrie, dieser außerordentlicheil Gefährdung unsrer Konkurrenz- fähigkcit wirksam an den Leib gehen wollen, so ist eS nicht mehr stattqaft, in 600, 700. ja 800 Meter tiefen Stollen, wo vielfach eine Temperatur von über 30 Grad herrscht,»och Arbeitszeiten von 10 bis 12 Stunden e i n z u- halten.(Lebhafte Zustiimnung bei den Soeialdemokraten.) Dadurch werden die Bergleute körperlich geschwächt, prädisponiert für alle möglichen Krankheiten: Tuberkulose, Wurmkrankheit usw. Wollen wir also socialpolitisch handeln und nicht nur die Wurm- krankheit, sondern das ganze fortschreitende körperliche Elend der Bergarbeiter bekämpfen, so müssen wir ihre Arbeitszeit wesentlich verkürzen. Daher ist jetzt die Zahl der Erkrankungen i m Bergarbeiter beruf erschreckend hoch. Im gesegneten Sachsen steigt die durchschnittliche Krankenziffer auf 80—90 Proz. (Hört! hört! b. d. Soeialdemokraten.) Gerade das fiskalische Werk Zeulenroda zeichnet sich durch hohe Krankenziffer ans. Wenn die Herabsetzung der Arbeitszeit auf acht Stunden nicht plötzlich vorzunehmeil ist— und als Sachverständiger halte ich das für ausgeschlossen, besonders in Oberschlesien mit seiner zwölf- stündigen Arbeitszeit, nun so gehe man allmählich vor. Aber einmal muß doch der Anfang gemacht werden!(Sehr richtig! bei den Soeialdemokraten.) Schon auf Grund der jetzigen Gesetzgebung ließe sich die übermäßige Ausnutzung der Bergarbeiter einschränken. Der Herr Minister brauchte blaß die Behörden anzuweisen, die grandiosen Uebcrschichten nicht zu genehmigen, die im Ruhrrevier üblich sind: 35 bis 40 Schichten werden gefahren, während doch der Monat nur 30 Tage hat.(Hört! hört! bei den Social- demokraten.) Die lleberarbeit aber disponiert besonders zur Austrahine aller möglicheir Krankheiten. Die Behörden sollten auch endlich eimnal den bureaukratischen Zopf aufgeben., Be- stimmungen und Vorschriften zu erlassen, ohne zu fragen, ob sie auch durchführbar sind. Die Verordnung gegen die Wurmkrankheit ist in ihrem wesentlichen Teile durchaus acccptabel, sie leidet aber an dem kapitalen Fehler, daß es einem großen Teile der Berg- arbciter nicht möglich ist, sie zu befolgen und die Abortkübcl zu erreichen. DaS Gedinge, derAccordlohn, wird immer weiter herabgesetzt. Wenn die Bergbehörde Wert darauf legt, daß die Anorderungen, die sie zur Bekänipfung der Wurmkrankheit erläßt, auch befolgt werden, dann muß sie sich, was sie nach dem Bergrecht kann, um die Fest- setzung des Gedinges kümmern, damit den Bergarbeitern gestattet ist, ihre Arbeit vorschriftsmäßig auszuführen. Sonst treibt sie den Annen ins Elend hinein und läßt ihn schuldig werden. Wir haben die wunderschönen Theorien ziir Verhütung von Unfällen, aber sie gleichen dem Rindfleisch mit Pflaumen, von denen Onkel Bräsig spricht: Wir bekommen sie n i ch t z u k o st e n. Wir haben Vorschriften, die stilistisch wirklich manchmal sehr hübsch sind. Es kümmert sich aber niemand um ihre Durch- f ü h r u n g. Warum ist es bei unS nicht möglich, Kontrollcure aus Arbeiter- kreisen einzustellen? Herr Möller sagt in der Begründung deS Gesetzes zur Abänderung deS preußischen Berggesetzes selber, daß die geistige Ausbildung der Bergarbeiter zunimmt und daß sie fähig sind, den Posten von Vorstandsmitgliedern in den Knappschafiskassen auszuüben. Wir haben eine sehr intelligente Arbeiterschaft, und es liegt kein Grund vor, sie von der Konttolle ihres Lebensschutzcs in den Gruben auszuschließen. Ich p r o t e st i e r e mit aller Energie dagegen, daß wir die Absicht haben, eine solche Einrichtung etwa parteipolitisch auszunutzen, wie im preußischen Abgeordnetenhause behauptet ist und behauptet werden wird. Hier handelt es sich um den Schutz von H u n d e r t t a u s e n d e n. Wer daran denkt, eine solche Einrichtung parteipolitisch auszubeuten, ist eine verworfene Natur. Ich bitte den Minister weiter, seit Augenmerk zu richten auf die fortdauerndeHeranschleppung ausländischer Bergarbeiter aus wurmverseuchten Gegenden nach Deutschland. In Schlesien, an der Ruhr, an der Saar sind Bergarbeiter genug vorhanden. Das hindert aber nicht, daß die Zechmagnaten fort- während in Böhmen, Mähren, Steiermark, Ungarn usw. Bergarbeiter werben. Woche um Woche kommen ganze Waggons fremdländischer Arbeiter ins Ruhrgebiet hinein. Gewiß werden sie untersucht. Sind sie aber wurmttank, dann werden sie über Tag beschäftigt und als Mitglieder der Knappschaftskasse kommen diese angelegten Leute in die Krankenhäuser und werden dort auf Grund des von den Ein- heimischen zusammengetragenen Geldes kuriert. Dann werden sie tvieder in den Gruben unter Tag beschäftigt. Bei den Einheimischen aber ist eS anders. Werden sie wurmkrank, so tvcrdcn sie auch nicht obertags beschäftigt. Die Arbeitslosen kommen dann in unsre Sekretariate und fragen, was sie thun sollen. Wir haben unter solchen Verhältnissen allen Grund, gegen die weitere Einschlcppung wurmverdächtiger fremdländischer Arbeiter zu protestieren. Möchten die Staatsbehörden doch jene Aufmerksamkeit, die sie dem verseuchten Vieh schenken, auch dem verseuchten Arbeiter zuwenden. Hätte man diese Aufgabe ernst genommen, so wäre es nie so schlimm gekommen. Die Wurm krankheit ist eine Frage allgemeiner Natur. Sie betrifft nicht nur die Bergarbeiter, obwohl diese doch auch ein wertvolles Objekt für den Staat sind. Wir meinen eS sehr redlich, wenn wir die Bekämpfung der Seuche fordern. Gilt rs doch eine Gefahr von der Arbeiterklasse abzuwenden. Wenn sich aber der deutsche Reichstag auf den Standpunkt des vorigen Jahres stellt, wo unsre Resolution aus Versehen abgelehnt worden ist, so würde ein nochmaliges Versehen üble Folgen haben. Einmal haben wir das Ruhrgebiet vor einem Streik bewahrt, einmal haben wir die er- regten Gemüter beruhigt, wenn aber jetzt nichts geschieht, da»» können wir keine Lerantwortuilg weiter übernehmen, keine Bürgschaft für das was kommt. Alle Schuld würde dann auf diejenigen zurültfallen, die nichts gegen die Seuche unternommen haben.(Lebhafter Beifall bei den Soeialdemokraten.) Preußischer HandelSminister Möller: Der Vorredner hat wiederholt versichert, daß er nicht agitatorisch reden wolle; ich rufe aber die Mehrheit des Hauses zum Zeugen auf, daß er mehrfach, namentlich gegen das Ende seiner Ausführungen in erheblicher Weise agitatorisch geredet hat. Ich will mich an die Tagesordnung halten und kann deshalb nicht ans all die vielen Anfragen und Wiiiische des Vorredners eingehen. Herr Hus hat bestritten, daß eine Abnahme der Krankheit eingetreten sei. Ich verstehe nicht, daß er das fertig bringen kann, das zu bestreiten. In sieben bis acht Monaten sind von 17 000 Mann 60 Prozent wurmfrei geworden. Das ist doch ein ganz erheblicher Rückgang. Ich habe ihm gestern schon erklärt, wenn er etwas Besseres vorzubringen hat, so soll er mir sein Rezept geben. In seiner heutigen Rede aber habe ich von einem solchen Rezept nichts verspürt. Ich behaupte, daß nirgends anders energischer vorgegangen ist, wie bei uns. Sogar im Auslände hat man das anerkannt. Herr Hue behauptete, ich hätte von einer ernsten Gefahr gesprochen, dann aber ausgeführt, daß bisher kein Todesfall und keine Jnvalidisiernng vorgekommen sei. Amtlich sind mir auch keine Todesfälle und nur 3 Jnbalidisierungs- fälle bekannt geworden. Wenn man diese Zahlen mit der enormen Zahl der Erkrankungen vergleicht, muß man das Sterblichkcits- und Jnvalidisierungsverhälttns als sehr günstig bezeichnen. Nichtsdesto- weniger liegt eine ernste Gefahr vor, die geeignet ist, die Leistungs- fähigkeit unsrer Bergleute erheblich herabzudrücken. Wenn wir nicht mit äußerster Energie vorgegangen wären, so iväre binnen Jahresftist die Belegschaft aller heißen und fettigen Gruben ergriffen worden. Daß die„Bergarbeiter-Zeitung" erheblich zur Bekämpfung der Krankheit beigetragen hat, will ich heute ebenso wie ich es früher gethan habe, gern anerkennen. Aber wie es Herrn Hus ging, der heute gemeint hat, er habe ganz unschuldig und nicht agitatorisch geredet, so geht cS auch seinem Blatte, es sind darin auch Artikel erschienen, in denen die Wurmkrankheit zu agitatorischen Zwecken ausgenutzt worden ist. Herr Hus sagt, er habe ini Jahre 1807 zuerst auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Die e r st c oberbergamtlichc Verordnung stammt aber aus dem Jahre 1800. Im Jahre 1002 ist eine erheblich verschärfte Verordnung erlassen worden. Der Vorredner hat ein gräßliches Bild über den ansteckenden Schmutz entrollt. Ein englischer Arzt, der das Rnhrrevier zur Erforschung der Wnrmkrankheit bereist hat, hat aber seinem Erstaunen über die vorzügliche in England nirgendwo existierende B a d e- E i n r i ch t u n g bei uns Ausdruck gegeben.(Hört! hört! rechts.) Unsre Maß- regeln waren tief einschneidend, es sind Untersuchmigen in großem Umfange erfolgt. Diese waren für die Arbciter vielfach unbequem, haben aber auch den Werkbcsitzern ganz enorme Kosten verursacht. Ich bin gestern, um nicht zu weitläufig zu werden, auf die Kosten, die den Bergwerksbesitzern aus der Bekämpfung der Wnrinkraukheit erwachsen sind, nicht näher eingegangen. Nach der bisher bis zum November 1003 reickienden Statistik sind aufgewendet worden für Einrichtung, Verwaltung und Bedienung der Kot-Untersuchungs- stationen, für etwaige Einrichtung und Unterhaltung von Baracken 781 053 M., für U n t e r st ü tz u n g e n Erkrankter und deren Familien— das Nähere darüber habe ich gestern gesagt— 372 830 M., für Wurmfreiheitsatteste usw. 43 770 M., in Silumia als» etwa 1 200 000 M. Die Behauptung des Herrn Hilbck im vorigen Jahre, auf die Herr Hus verwies, daß die Bergwcrksbesitzcr nicht Ausgaben von Hunderttausenden scheuen würden, um der Seuche Herr zu werden, ist also vollkommen gerechtfertigt worden. In einer Ausstellung von einer der größten unserer Bcrgivcrksgescllschasten sind neben den Leistungen für die eben an- geführten Zwecke noch die Ausgaben spcciell gebucht, die entstanden sind durch Vorschriften des Oberbergamts in Bezug auf Aborte und Desinfektion. Dieselben betragen bei dieser Gesellschaft 207 22S M., der Anteil der Gesellschaften an den obigen 1 200 000 M. beträgt 114 300 M., ihre Gefamtunkosten durch die Wurmkrankheit also 411 024 M. DaS sind Leistungen, wie sie in keinem anderen Lande vorkommen, wie wir ja bekanntlich überhaupt in der Socialpolitik allen Ländern der Welt mit Siebenmcilcnsticfcln vorauseilen.(Lachen bei den Socialdemokratcn.) Daher liegt kein Grund zu den Angriffen des Herrn Hus vor, ich fühle mich voll- ständig ruhig in dein Bewußtsein, meine Pflicht und Schuldigkeit in vollem Umfange gethan zu haben.— Herr Sachse hat sich darüber beschwert, daß eS den Aerzten verboten sei, den Arbeitern Vorttäge über die Wurmkrankheit zu halten. Mir ist das Verbot nicht be- kamtt, ich kann mir aber vorstellen, daß es ergangen ist, weil in früheren Versammlungen im Beisein der Aerzte nicht sachlich, sondern höchstwahrscheinlich in agitatorischer Weise diskutiert worden ist. Herr Huö hat sich dann darüber beklagt, daß vielfach Aborte nicht vorhanden seien und er hat es so geschickt darzustellen gewußt, daß der Unkundige den Eindruck gewinnen muhte, als ob sich alle seine Angaben auf Westfalen bezogen. Thatsache ist aber, daß in Westfalen auf je 12 Arbeiter, manchmal sogar auf je 4 ein Abort kommt. Das sind Leistungen, lo i c sie sonst nirgend- wo in der Welt vorkommen. Hus verlangte auch wieder Arbeitervertreter zur Kontrolle in den Gruben. Ich bestreite, daß Arbeiter zur Konttolle der Aborte notwendig sind: seitdem lvir vor einigen Jahren das Institut der Einfahrer gerade in Westfalen ein- geführt haben, haben wir ein Material für diese Kontrolle bekommen, was sich ganz vorzüglich bewährt hat. Weiter hat Herr Hus gesagt, die Geheilten würden bald wieder infiziert. Nach dem. was ich gestern gesagt habe, mußte Herr Hus wissen, daß durch die Eier an sich eine Fortpflanzung der Krankheit nicht möglich ist. Dies kann nur geschehen durch die Larven.(Abg. Hus: Habe ich auch gesagt!) Diese Larven können sich nur ent- loickeln in einer Wärme von mindestens 22 Grad. Dann ist der Abg. Hus aus die Weigerung zu sprechen gelammen, die bergpolizei- liche Verordnung in fremden Sprachen zu erlassen. Ich frage Sie, in welchem Lande der Welt würde man auf den Einfall lammen, polizeiliche Verordnungen in andrer als der Landessprache zu erlassen?(Lebhafte Zurufe bei den Soeialdemokraten.) Ich behaupte, daß das nirgendwo sonst vorkommt. Herr Hus hat dann in ungehöriger Weise die BcrglverkSbesitzcr angegriffen, indem er behauptete, sie mißachteten in frivoler Weise ungestraft die bcrgpolizeilichen Vorschriften. Er unterschätzt doch in erheblichem Maße unsre Bcrgwerlsverwalttmg in Preußen. Diese sitzt den Bcrgwerkseigentiimcrn in einer Weise auf dem Nacken mit Vcrordmingcil und energischer Durchführung derselben, wie das sonst nirgends in der Welt geschieht.(Lebhafte Unruhe bei den Soeialdemokraten.) Herr Hus hat einen Ober-Bergrat einen unverschämteil Gesellen genannt. Das sind Ausdrücke, die wir bisher nicht gewohnt waren im deutschen Parlament über eine» kömglichen Beamten zu hören.(Sehr gut I rechts.) Es ist uns der Vorwurf gemacht, wir sorgten nicht für Trinklvasser. Mir ist versichert worden, daß in Westfalen die Bergleute mit Flaschen voll Kaffee in die Gruben gehen, dort brauchen sie also kein Trinkwasser. In Schlesien haben die Leute nicht diese Gewohnheit. deshalb wird ihnen Wasser in Fässern nachgefahren. Ucberall Wasserleitungen in den Zechen einzuführen, würde undurchführbar sein. Schließlich behauptet Herr Huv, die Arbeitszeit sei zu lange und die Ar- bciter würden durch die lleberarbeit empfänglicher sür die Wurmkrankheit. Ich glaube, daß dieses Argument gerade für die Wunnkrankhcit am loenigsten zutrifft. Im übrigen ist durch den letzten monatlichen Nachweis des Ober-Bergamtes Dortmund festgestellt, daß wenig über anderthalb Schichten pro Monat und Kopf an Ucberschichten gefallen ist. DaS schließt nicht aus, daß einzelne Arbeiter erheblich mehr Ucberschichten machen. Fest steht jedenfalls, daß 20 Prozent der Arbeiter in Wcstsalen mir sechs Stunden arbeiten. Mit dieser Arbeitszeit marschieren wir an der Spitze, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Ich weiß nicht, ob in Australien die Arbeiter vielleicht noch etwas mehr erreicht haben—. in Deutschland nirgends. Sie(zu den Soeialdemokraten! haben also teure Ursache, sich zu beschweren. In ihren schwersten Folgen haben wir die Krankheit gebrochen, aber wir werden noch mehrere Jahre gebrauchen, bis wir sie vollständig ausgerottet haben. Jetzt existieren vorwiegend nur noch Wurmbehaftete, die nicht eigentlich krank sind, die aber für ihre Mitmenschen eine Gefahr bilden und die wir deshalb, so leid es uns thut, von der unterirdischen Arbeit ausschließen müssen.— Die Frage der Pensionsberechtigung und der civilrecht- rechtlichen Ansprüche ivill ich jetzt nicht erörtern. Geheimer Ober-Medizinalrat Professor Dr. Kirschncr: Vom medizinischen Standpunkt aus kommt es in erster Linie daraus an, festzustellen, ob es sich um eine Pollsseuche oder eine Berufskrankheit handelt. Die Wurmkrankheft stellt sich als eine Berufskrankheit dar; die Erhebungen haben bisher nur einen einzigen Fall ergeben, wo ein Kind aus einer gesunden Familie erkrankt ist. Redner bestreitet im weiteren, daß Eier, die sechs Tage im Eisschrank gelegen haben, noch lebensfähig sein können.(Abg. Huv widerspricht.) Im Anfang hat man bei der Beobachtung der Krankheit fast nur auf die Schwer« kranken geachtet, die durch hochgradige Blutarmut charakterisiert sind. Tie Leichtkranken aber verbreiten die Krankheit viel mehr, weil' sie sich überall ftei bewegen und nicht gezwungen werden können, in ein Krankenhaus zu gehen. Die Untersuchung bei den Neuanlegungen ist für die Bergleute zweifellos keine Annehmlichkeit, aber eine Notwendigkeit. Ich bin vor einiger Zeit in Dortmund gewesen und habe mir die Sache selbst mit angesehen. auch mit einer großen Anzahl von Bergleuten gesprochen und sie nach ihren Beschwerden gefragt, aber nie gefunden, daß die Leute durch die Untersuchung beunruhigt wären. Die Behandlung der Wurmkraukheit ist sehr schwierig, denn die Würmer, die sich im Körper ansiedeln, saugen sich all der Dannhaut fest. Da lvir kein besseres Mittel als das Farren- krauterttakt kennen, so müssen wir es wohl oder übel an- wenden. Die Desillsekiion als Vorbeugungsmatzregel gegen die Wurmkrankheit kommt gar nicht in Bettacht; der Wurm wider- steht allen Desinfektionsstoffen. Die Aufftellung von Trinkwasser- tonnen in deil Gruben kann insofern gefährlich werden, als die Arbeiter das Wasser mit Gefäßen ausschöpfen, die sie vielleicht vorher in den Schmutz gestellt haben und die infolge dessen mit Larven behaftet sind. Die schlimmen Folgen der Krank- heit für die Arbeiter sind gewiß enorm; aber man soll die Erregung nicht unnütz vergrößern. Heute ist die Zahl der Ivirklich Kranken nur noch sehr gering; schreiten wir auf dem bettetenen Wege fort, so werden die Kranken hoffentlich ganz verschlvinden. Verzichten Sie(zu den Soeialdemokraten) darauf, uns Vorwürfe zu machen, kommen Sie unsren Maßnahmen mit Berttauen entgegen und lassen Sie uns Schulter an Schulter vorgehen.(Beifall rechts und im Ceutrum.) Abg. Dr. Höffe!(Rp.): Die Wurmkraukheit ist ia nicht neu; sie hat sich nur in den letzten Jahren stark ausgebreitet. Ihr Ursprungsland ist Brasilien mit seiner ungesunden Feldarbeit, von wo Ungarn sie übernommen hat. Ich bestreite, daß die Gefahren der Behandlung so groß sind, wie der Abg. Sachse behauplet. Es wäre klüger, er hätte sich an einen Arzt gewandt. Die Gefahren des Farrenkrauts sind ja schon seit Jahren bekaiint. Für die notwendigen Unter- suchungen sollten die Betriebs- Krankenkassen aufkommeil. Dafür daß die Unternehmer sie bezahlten, fehlt jeder Grund. Die Aerzte nehmen weder zu hohe Honorare, noch ihre Art der Behandlung leichtfertig. Abg. Sachse thäte besser, nicht so beweislose Be- schuldigungen in' die Welt zu setzen. Sie(zu den Socialdemokraten) haben ja viel Gelegenheit, die Arbeiter aukzuklären. Thun Sie es, machen Sie ihnen klar, daß alles zu ihrem Besten geschieht, und wirken Sie mit uns dahin, daß diese gefährliche Krankheit möglichst bald zurückgedrängt wird.(Bravo! beim Ceutrum und rechts.) HandelSminister Möller: Ich möchte mich dagegen verwahren, daß auch ich die Aerzte» Honorare als zu hoch bezeichnet habe; ich habe nur gesagt, daß ich dahin geioirtt habe, daß das UntcrsuchungShonorar auf zwei Mark ermäßigt wird unter der Bedingung, daß die Zechen alle Apparate und Räume zur Verfügung stellen. Wenn man das berücksichtigt, so kann man mir meines ErachtenS keinen Vorwurf machen. Abg. Westermann(natl.) Ich kaim auf eine ausführliche Widerlegung deS Abg. Hnö der» zichten, weil der Vorredner überzeugend nachgewiesen hat, wie sehr er unrecht hat. Die Abgeordneten Hus und Sachse haben von der hochgradigen Erregung der Arbeiter gesprochen. Eine gewisse Er- regung bei den Bergarbeitern ist nur natürlich und leicht damit zu erklären, daß im vorigen Jahre ein neues Verfahren eingeführt tvurde: die Untersuchung bei jeder Neuanlegung statt häufiger Unter- suchuug der ganzen wurmverdächtigcn Belegschaft. Daß die Er- regung aber hochgradig war, ist nur zurückzuführen auf Partei- politische Treibereien, und wenn der Abgeordnete Hus in den Versammlungen nach dem Muster seiner heutigen Rede der- fahren ist, wird er beim besten Willen' die Erregung nicht gedämpft haben.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Die social- demokratischen Redner haben hier die Werksbesitzer sehr scharf an- gegriffen, insbesondere die früheren Abgg. Hilbck und Franken. Trotz ihrer Versprechungen sei nichts geschehen. Ich stehe diesen beiden Herren wie der ganzen Frage nicht sehr nahe, aber als Vertteter eines Wahlkreises, in dem der Bergbau sehr bedeutend vertreten ist, sehe ich mich doch veranlaßt, gegen derarttge einseitige Ueber- treibungcn entschieden Protest einzulegen.(Bravo! bei den Rational- liberalen und rechts.) Heute erst hat uns der Minister gesagt, welche Mittel von den Werksbesitzern freiwillig aufgeboten worden sind. Redner giebt dann eine ausführliche Schilde- rung der historischen Entwicklung der Krankheit in Deutsch- land, insbesondere der medizinischen Studien deutscher Aerzte in den Jahren 1803— 06 in Ungarn. Es ist unmöglich, den WerlSbesitzern die LluSbreitung der Seuche in die Schuhe zu schieben. Man hat eben allgemein erst 1001 erkannt, daß das damalige System der Bekämpfung der Wurmkrankheit unzulänglich war. Man hat dann eine Untersuchmigskommission ein- gesetzt, in der auch die Arbeiter zahlreich vertreten waren. Eine gewisse Schuld an der Verbrcittmg der Seuche trifft auch die Bergbehörde deshalb, weil sie im Anfang nicht genügend für die Durchführung der Polizeiverordmmg von 1000 gesorgt hat.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Das liegt aber jetzt hinter uns. Die Heranziehung der Arbeiter zur Kontrolle in den Gruben wünschten weder die Bergwerksbesitzer, noch auch ein großer Teil der Arbeiter selbst. Die Arbeiter haben sich mehrfach dahin ausgesprochen, daß sie durchaus leine Vermehrung der Gruben- aufsicht wünschen.(Ruf bei den Socialdemokratcn: Durch Polizei- beamte I) Bon einer Beschränkung der Freizügigkeit dadurcki, daß die Arbeiter die Gesundheitsatteste selbst bezahlen müssen, kann leine Rede sein. Thatsache ist vielmehr, daß der Belcgschaftswechsel in der letzten Zeit genau so groß gewesen ist wie früher. Ein Erlaß der Verordnungen in polnischer Sprache ist überflüssig; die polnischen Arbeiter verstehen die deutsche Sprache in den allermeisten Fällen sehr gut. Wir verlangen auch gleiches Recht für polnische und deutsche Arbeiter, aber lvir können nicht zugeben, daß in einer durchaus deutschen Gegend gewissermaßen ein polnischer Staat im Staate er- richtet wird.(Bravo! bei den Nationalliberalcn.) Abg. Dr. Mugdan(frs. Vp.): Herr Sachse hat cS bedauert, daß die Vcläinpfung der Wurm- krankheit nicht nach den Bestimmungen des Reichs- Seuchengesetzes vor sich gegangen ist. Ich will die Einwendungen deS Herrn Staatssekretärs Grafen Pofadowsky gegen diese Forderung uncrörtert lassen, sicher ist aber, daß bei Anwendung derBestimmungen des ReichS-Seuchen- gesctzes die Beschränkung der persönlichen Freiheit der Arbeiter und ihre finanzielle Belastung noch locit größer sein würde als heute. Die Herren haben cS ja jetzt schon eine Freiheitsbeschränkung genannt, daß die Arbeiter beim Wechsel der Arbeitsstelle die Kosten der ärzt- lichcn Untersuchung tragen müssen. Wie soll man dann aber über- Haupt der Krankheit Herr werden, wenn man nicht dagegen Vorsorge trägt, daß die gesunden Arbciter nicht durch die kranken infiziert lverdcn.— Man kann anerkennen, daß die hauptsächlich beteiligte preußische Regierung seit einigen Jahren mit aller Ent- chicdenheit bemüht gelvcsen ist, die Krankheit zu bekämpfen. Jltz muß auch zugeben, daß die Erfolge dieser Anstrengungen nicht geringe gewesen sind. Aber zlvcifellos hätten die Abwehr- matzregeln weit früher eintreten müssen.(Sehr richttg! links.) Man hat fünf bis sechs Jahre verstreichen lassen, che man energisch vorgegangen ist. Das Ende der Wurmkrankheit ist in den allernächsten Jahren jedenfalls nicht zu erwarten.— Vor allem erforderlich zur Bckäinpstuig der Seuche ist die vollkommenste Einrichtung der Bergwerte nach den neuesten Erfahrungen der Technik. Der Herr Handels- minister hat darauf hiugelviefen, daß bei einigen Zechen ausgezeichnete llbortanlagen über Tage vorhaiidm seien. Dies Lob wäre gefährlich, wenn die betreffenden Zechen daraus die Folgerung ziehen würden, daß sie für Abortanlagcn unter Tage weniger zu sorgen hätten. Was die Desinfektion anlangt, so haben sich ja alle Versuche als zwecklos erwiesen, und eS wäre zwecklose Geldverschwendung, jetzt noch große DesinfektionSapvarate in den Bergwerken einzuführen. Etwas wunderbar aber erscheint mir die Zurücklveisung des Bor- schlages, Trinkwasser rmter Tage zu schaffen, weil das Wasser in den Tonnen durch die Gefäße infiziert werden könne. Muß eS denn immer eine Tonne sein? Kann man nicht verschließbare, große Trinkbehältcr aufftellen? Sehr seltsam berührt auch die Art, wie sich einige Herren, darunter auch der Handelsminister, gewissennaßen aus nationalen Gründen, gegen Schutzvorschriften in polnischer Sprache ausgesprochen haben. Ist es denn national, mit dazu bei- zutragen, daß durch Verschleppung der Wurmkrankheit der polnischen Arbeiter schließlich auch deutsche Arbeiter angesteckt werden? Hätte man frühzeitig Vertrauensmänner der Arbeiter hinzugezogen, so wäre jedenfalls ein großer Teil der Unruhe unter der Bergarbciler- Bevölkerung vermieden worden.(Sehr richtig! links.) Außerdem wollen wir nicht vergessen, daß die behördlichen Maßnahmen gerade zu einer Zeit einsetzten, in der die Bergarbeiter durch den Rückgang der Industrie ohnedies große finanzielle Einbuße erlitten haben. Hier liegt ein allgemeines Interesse vor, für das einzig und allein der Staat Mittel bewilligen kann. Was die Personen anlangt, die nicht geheilt sind, sich aber doch gesund fühlen, so sind diese als Bergleute arbeitsunfähig, invalide. Jemand, der 20 Jahre Berg- mann gewesen ist, kann nicht ohne weiteres ein anderes Gewerbe ergreifen. Es muß auch hier der Staat neue Mittel flüssig machen, um solchen Arbeitern in absehbarer Zeit eine andere, zusagende Beschäftigung zu ermöglichen. Die den Aerzten durch die Verordnungen auferlegten Pflichten sind sehr groß, das Entgelt dafür sehr gering und es gehört ein großes Pflichtbewußtsein dazu, alle Anforderungen zu erfüllen. Klagen gegen die beteiligten Aerzte aber sind aus den Kreisen der Berg- arbeiter nur nicht bekannt geworden. Die Gefahr der Uebcrtragung des Wurms unter die nicht im Bergbau beschäftigte Bevölkerung halte ich nicht für groß. Die Haupftache ist, daß der durchaus be- rechtigte Wuitfch der Arbeiter nach einer durch Arbeiter, die selbst von ihnen gewählt sind, ausgeübten Kontrolle erfüllt wird.(Lebhafter Beifall links.) HandclSminister Möller: Ich muß zwei Mißverständnisse des Abg. Dr. Mugdan ve- richtigen. Er hat daraus, daß ich die oberirdische Abortanlage empfohlen habe, Befürchtungen wegen Vernachlässigung der unter- irdischen gezogen. Diese Befürchtungen sind unberechtigt. Ebenso unberechtigt sind seine Klagen über die schlechten Wascheiurichwngen. Seit dem Jahre 1893 sind sie bedeutend verbessert worden. Abg. Brcjski(Pole): Ich fürchte, daß die Regierung der Wurmgefahr in Oberschlesien nicht scharf genug entgegengetreten ist, wenn ich natürlich auch nicht wünsche, daß sanitäre Maßnahmen in Polizeichikanen ausarten. Meine Beobachtung deckt sich mit dem, was von der äußersten Linken hier vorgebracht worden ist. Ich bedaure es besonders, daß gerade jetzt die Löhne der Bergarbeiter so tief gesunken sind und durch übermäßige Lohnabzüge noch verringert iverdcn. Ein durch Hunger geschwächter Darm ist wenig widerstandsfähig gegen die Wurmkrankhcit. Gerade der preußische Bergfiskus zieht am meisten die verseuchten ausländischen Arbeiter heran, dagegen beschäftigt er die polnischen Preußen nicht; lieber sind ihm Holländer. Italiener und Ungarn. Wieviel Schaden dadurch entsteht, daß die polnischen Arbeiter die Verordnungen nicht lesen können, ist gar nicht abzusehen. Die unteren Behörden setzen sich einfach über die Verfassung hinweg und verbieten die Versammlungen in polnischer Sprache. Erst die Ge- richte müssen dann Remcdur schaffen. So wird den Arbeitern ihr Recht genommen. Handelsministcr Aiöllcr: Gegenüber dem Herrn Vorredner will ich nur konstatieren, daß wir in Öberschlesien genau so vorgegangen sind, wie er es wünschte: .mit genügender schärfe ohne polizeiliche Chikane". Staatssekretär Graf Posadowsky: Der Herr Vorredner hat gesagt, daß ein preußischer Landrat da? Gesetz mit Füßen getreten habe. Ich kenne den betreffenden Fall nicht, aber daraus, daß eine richterliche Instanz die Entscheidung eines Landrats aufhebt, zu folgern, daß der nachgeordnete Beamte wissentlich gegen das Gesetz gehandelt habe, das geht absolut nicht am sSehr richtig! rechts.) Abg. Dr. Rügenberg(C.) polemisiert gegen einzelne Ausführungen der Abgg. Sachse und Huö. Mai« sollte die Aerzte nicht als Schinder und Peiniger der Arbeiter bezeichnen. Pferdekureil scicir vorgekommen und auf den Uebereifer gewisser Aerzte zurückzuführen. Abg. Dr. Bcckcr-Hessen snatl.) ist der Meinung, daß vielfach die Arbeiter selbst an der Ausbreitung der Krankheit schuld seien, da sie die gebotene Reinlichkeit vermissen lassen und die Rciulichkeitsanlagen nicht benutzen. Er protestiert gegen die von den socialdemokraftschcu Abgeordneten erhobenen Angriffe gegen die Aerzte. Eine gewisse Beschränkung der Frei- zügigkeit liegt in der Ratur der Sache. Wie soll nian denn anders einen Heilerfolg erzielen, als daß man sagt, du bleibst so lairge im Krankeuhauje oder in Quarantäne. Aber regen Sie sich doch nicht über Beschränkung der Freizügigkeit auf. jLautcS Lachen bei den Socialdemoftaten.) Ich lese mit Vor- liebe den„Grundstein", das Organ des Abg. Bömelburg. Wie oft steht da bei Streiks drin„Zuzug fernhalten"(Lachen bei den Social- dcmokratcn). Meine Herren, Sie wissen doch, wen man am Lachen erkennt.(Große Heiterkeit.) Die Aerzte seien es ja gewohnt, von socialdemolratischcr Seite zugegriffen zu werden.(Widerspruch bei den Socialdcmokraten.) Sie werden sich hoffentlich gegen social- demokratischen Terrorismns zusammenschließen.(Lachen bei den Socialdemokraten.) Den agitatorischen Zweck, den Sie(zu den Socialdemokraten) mit diesen Verhandlungen bezwecken(Lauter Widerspruch bei den Socialdemokraten, lebhafte Zustiininung rechts und bei den National- liberalen), werden Sie nicht erreichen. Herr Huö, geben Sie uns doch ein Mittel gegen die Wurmkrankheit an die Hand I(Lachen bei den Socialdemokraten.) Werden Sie(zu den Socialdemokraten) in der Kritik schwächer und werden Sie in andrer Be- ziehung etwas stärker, das ist besser für Sic und für das gesammte deutsche Volk I(Lebhafter Beifall rechts, im Centrum und bei den Nationalliberalen; einige Nationallibcrale klatschen in die Hände. Abg. Dr. Sattler wendet sich nach ihnen um und hebt be- schwichtigend die Hand hoch.) Viccpräsident Dr. Pansche: Es ist jetzt eben als Zeichen des Beifalls von einigen Herren gcklaffcht worden. Das ist im Hause nicht Sitte. Geh. Ober-Medizinalrat Dr. Kirchner macht einige kurze Be- Merklingen, die vollkommen unverständlich bleiben. Abg. Sachse(Soc.): Gegenüber Herrn Becker bemerke ich, daß ich von„wurmfreien Zeugnissen" nicht gesprochen habe. Wäre mir aber auch ein der- artiger Lapsus passiert, so hätte Herr Becker keinen Anlaß gehabt, dies anzumerken. Denn er als Arzt hat von.nervenähnlichen Er- scheimmgen" gesprochen.(Große Heiterkeit.) Weiter hat Herr Becker uns den Vorwurf gemacht, daß wir nur kritisierten,»vir hätten auch kein besseres Heilmittel vorgeschlagen. Von ihm als Arzt hätte ich einen solchen Vorwurf am allerwenigsten erwartet(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten). wie können wir als Laien leisten, was nicht einmal den Aerzten gelungen ist. Freilich wenn wir die Verwaltung der preußischen oder der Reichsregicrung in der Hand gehabt hätten, dann hätten wir sicher Mittel und Wege gefunden» um die Wurm- krankheit prakttsch zu bekämpfen.(Lachen rechts, sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Vor allem hätten wir Mittel zur Verfügung gestellt, um die Aerzte genügend auszubilden. Wenn wir die Sache agitatorisch ausnützen wollten, so brauchten wir nur darauf hinwirken, daß die Regierung nichts thut. In Wahrheit warnen wir vor aufregender llnthätigkeit. Ich habe gar nicht daran gedacht, der Regierung den Vorwurf zu machen, sie wolle die Freizügigkeit unter dem Schein der Bekämpfung der Wurmkrankhcit aufheben. Ich habe gesagt, das sei Memung der Arbeiter, vor der Ivir sie gewarnt haben. Ebenso haben wir den Arbeitern geraten, den Farrenexttakt weiter zu nehmen. Und wir hätten den Arbeitern mehr geraten, wenn die Behörden uns nicht selbst den Weg verrammelt hätten. Die Herren vom Centrum Iverdcn uns bestätigen, daß wir durch die Organisation und durch die so ruhige und besonnene„Bcrgarbeiter-Zeitung" (Lachen rechts) Ruhe uird Ordnung ins Bergrevier gebracht haben. Die Ausgaben der Zechen habe ich in meiner Rede nicht getadelt, sondern geradezu gepriesen. Aber daß es erst im August geschah, daß ein so großer Teil des Geldes für Baracken ausgegeben worden, das bleibt eine Schmach, das halte ich nach jeder Richtung hin aufrecht. Und die Dividenden der Zechen sind nicht nur auf ihrer Höhe geblieben, sondern trotz dieser Ausgaben ge- stiegen. Sehen Sie sich nur die endgültigen Rechnungsabschlüsse an. Herr Möller hat behauptet, in keinem Lande kämen Verordnungen in andrer als der Landessprache vor. In der That ist dies in Belgien, in Amerika, in England, sogar in Böhmen der Fall. Es ist eine Pflicht der Unternehmer auch ihre polnischen Arbeiter vor Schaden zu beivahren.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Die Aerzte im allgemeinen habe ich nicht angegriffen, wie Herr Becker be- hauptete, sondern nur einen einzelnen Arzt unter Anführung des Materials im einzelnen. Daß unsre Interpellation nicht nur ein Ausfluß der Partei- Politik sein kann, beweist die Thatsache, daß auch aus andren Parteien vemünsttge Leute uns beigetreten sind.(Heiterkeit.) Die Beruhigung der Arbeiter, die unsre Interpellation bezweckte, kann nur eintreten, wenn das Reich den Änappschaftskasscn ihre Auslagen zurück- erstattet. Geschieht das nicht, so werden wir beim Eiat die Ein- stellung der betreffenden Summe fordern.(Bravo! bei den Social- demokraten.) Handelsministcr Möller: Auf die nochmalige Anfrage des Herrn Sachse kann ich nur erklären, daß die Regierung gedenkt so fortzufahren, wie in letzter Zeit gehandelt worden ist, nur soll eine allzu häufige Wiederholung allzu schwerer Kuren vermieden werden; nach dreimaliger Kur soll mindestens eine Pause von sechs Wochen eintreten. Damit schließt die Besprechung der Interpellation. Persönlich bemerkt Abg. Huö(Soc.): Der Ausdruck Pferdekur sei nicht wie Abg. Becker angenommen habe, von ihm zuerst gebraucht worden. Abg. Stötzcl habe ihn als von einem Bergarbeiter gebraucht weiter- gegeben. Wenn Herr Becker die Verhältnisse unter den Bergarbeitern kennen würde, würde er nicht eine Rede gehalten haben, die noch über den Minister hinausging. Er habe den Aerzte- stand im allgemeinen keineswegs angegriffen/ sondern nur einige wenige Aerzte. Im übrigen sei Herr Abg. Becker von' der Regierung widerlegt worden, denn diese habe die zu schweren Kuren verboten.(Sehr gut! bei den Socialdemo- traten.) Hierauf vertagt sich das Haus.— Nächste Sitzung: Donnerstag 1 Uhr. 1. Schleuniger Antrag Auer(Soc.) auf Einstellung eines gegen den Abg. Thiele-Halle schwebenden Strafverfahrens. 2. Jnter- pellation Becker(natl.) betr. die obligatorische Versicherung der Handwerker. 3. Interpellation betr. den Zeugniszivang. 4. Jnter- pellation betr. Kündigung der Handelsverträge. 5. Erste Lesung des Gesetzentwurfs betr. die Errichtung von Kaufmannsgerichten.— Schluß 7>/« Uhr._ partei-J�aebnebtm Ein Stück Zukunftsstaat. Von Bülow angefangen, stellt sich alles, was sich staatserhaltcnd nennt, immer ungeheuer dumm, wenn von den Zielen der Social- demokratie die Rede ist. Wie lvird der Zukunftsstaat aussehen? Das ist ihr Haupttrumpf. In Wahrheit sind die Braven gar nicht so dumm, wie sie aussehen. So wissen sie z. B. ganz genau, daß eine der Einrichtungen des Zukunftsstaates eine volkstümliche Rechts- pflege sein wird und davor haben sie eine höllische Angst. Durch die konservative Presse macht jetzt eine Notiz der„Kons. Korrcsp." die Runde, darin es heißt: „Mit dem gleichen Rechte wie die Handlungsangestelltcu könnten nach Sckiaffung dieses Präccdenzfalles auch andre Berufs- stände die Niedcrsetzung eigner Gerichte zur Enffcheidung ihrer Streitfälle verlangen und das Recht in Anspruch nehmen, die Beisitzer— also einen Teil der Richter— aus ihrer Mitte zu wählen. Wie wollte man solche Forderungen zurückweisen, ohne sich den Vorwurf einseitiger Bevorzugung einzelner Berufe auf- zuladen? Wenn aber mit der Einsetzung solcher Specialgerichte fortgefahren würde, so tväre das Ende, daß wir zur Durchführung desjenigen socialdemokratischen Programmpunktes gelangen, in welchem die Forderung ausgesprochen wird, daß das Volk sich s c i n e R i ch t c r s c l b st wähle. Der erste Schritt auf diesem Wege— die Schaffung von Kaufmannsgcrichtcn— muß daher von diesen Gesichtspunkten aus loohl überlegt werden." Daß das Volk sich seine Richter selbst Ivählt, das würde natürlich auch in einem kapitalistischen Staatswesen noch möglich sein, und daß der Kapitalismus darem noch nicht zu Grunde geht, lehrt die Er- fahrung; der feudale Polizcistaat der preußisch-dcutschcu Gegenwart hat aber von einer volkstümlichen Rechtspflege allzuviel zu fürchten; für s e i n e Existenz ist allerdings eine Rechtspflege, auf die das Voll keinen Einfluß hat, eine uncntbehrliche Einrichtung. Berge von Unrecht würden beseitigt, wenn das Volk sich seine Richter selbst wählte; weil das die herrschende Clique nicht vertragen kann, deshalb tvird die Wahl der Richter durch das Volk als allgemeine Einrichtung in Deutschland eine Zutunftsstaatsfordcrung bleiben. Totcnlistc der Partei. In Magdeburg starb im Alter von öl Jahren der Kolporteur der„Volksstimme", Andreas Z i e r a u, am Herzschlage. Ter Verstorbene gehörte zu den be- kanntesten Parteigenossen Magdeburgs. Die Parteigenosicn in B ö h l i tz- E h r e n b e r g bei Leipzig bcllagen den Tod des Lagerhalters Moritz Wieder, eines früheren Tischlers. Mieder vertrat die Partei im Gcmeinderat feines Wohnortes und loar auch längere Zeit Beisitzer am Gewerbe gcrickst. Im Alter von 60 Jahren starb in Stuttgart der Maurer Göttlich Weiler. Er gehörte von Anfang an zu den Mit- gliedern des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und ist der Sache der Arbeiter bis zum Tode treu geblieben. Bier Monate Gefängnis wurden ihm als Ehrenzcuguis für seine Partcithätigkcit zu teil. Einer von denen, die das Socialistcngesetz zwang, sich eine neue Heimat in Amerika zu suchen, der Schuhmacher 5rarl Kürschner. ist kürzlich in New?1 o r k gestorben. Im Jahre 184» geboren, kmn er 1879 nach Hamburg-Altona. Dort war er in der socialisti- schen Bewegung sehr tliätig, auch nach der Vereinigung der „Eiscnachcr" mit dein Allgemeinen deutschen Arbeiterverein, und ebenso eifrig wirkte er für die socialdcmokratische Partei nach dem Erlaß des Ausnahmegesetzes. In den schweren Tagen, die dem Schandgesetz folgten, lvar Karl Kürschner einer von den Männern, die keine Gefahr scheuten, wenn cs sich darum handelte, die Beschlüsse der Partei auszuführen. Dafür wurde er mehrere Male in.Haft geuonuncn. Am 2. November 1889 wurde er aus Hamburg-Altona ausgewiesen. Er kam nach Amerika, entschlossen, für dieselben Principien, für die er„drüben" gelitten, auch hier zu kämpfen, und er hat es im vollen Maße gcthan. Treu hat er bis zu seinem Lebensende dieser Pflicht Genüge geleistet. In Kattowitz, O.-S., beschloß eine sehr stark besuchte Volks- Versammlung die Gründung McZ polnisch- socialdemokratischen Vereins. paUzeilichcs, Gerichtliches ukw. Oeffentlichcr Aufzug aus Anlast eines Leichenbegängnisse?. Von einer Zeche zu Lütgendortmund aus wurde eines Tage» ein Bergmann beerdigt. Ter Dortmunder Knappenvercin„Glückauf". dem der Verstorbene angehörte, wollte sich au dem Leick>enbegängnis beteiligen. Er zog in. geschlossenem Zuge unter den Klängen lustiger Musik nach der etwa eine Stunde entfernten Zeche. Unterwegs stießen die von Oestel kommenden Mitglieder der dortigen Zahlstelle des Deutschen Bcrgarbciter-Verbandes, dessen Mitglied der Tote ebenfalls gewesen war, auf den Zug und gingen dann hinter ihm her. Es'»tzte dann später Strafmandate wegen Teilnahme an einem nicht genehmigten öffentlichen Aufzuge, zu dem cs nach 8 10 des preußischen Vcreinsgesetzcs einer polizeilichen Geuchpiigung be- dürfe. Ter Bergmann Vahle, einer der von Oestel Gekommenen. beantragte richterliche Eutscheidung. Das Landgericht als Be- rufuugsinstanz beließ es jedoch bei der Strafe und führte aus: Wenn die Verbandsmitglieder aus Oestel sich dem Zuge des Knappen- Vereins anschlössen, dann„beteiligten" sie sich im Sinne der§§ 10 und 17 des Vereinsgesetzes an einem öffentlichen Aufzuge. Nun sei allerdings zu einem solchen eine Erlaubnis �aun nicht erforderlich, wenn cs sich um ein„gewöhnliches" Leichenbegängnis handele. Das sei hier nicht der Fall. Zwar sei in der Gegend eine Beerdigung mit Musik etwas Gewöhnliches, und es sei auch nicht außergewöhn- lich, daß die Rückkehr unter den Klängen heiterer Musik vollzogen werde. Bei dem Hinmarsch zur Traucrstätte, aus den cs hier nur ankomme, handele es sich aber überhaupt nicht um einen. Teil des Leichenbegängnisses, sondern um einen öffentlichen Aufzug für sich. Das Leichenbegängnis beginne erst am Trauerhause, hier habe cs begonnen an der Zeche, von wo aus der Verstorbeue be- crdigt wurde. Das Kammergericht verwarf die hiergegen eingelegte Revision des Angeklagten und erklärte die Auffassung des Landgerichts für rechtlich zutreffend._ — Ten Borstand des Arbcitgeber-VerbandeS für daS Bau- gcwerbc soll Genosse L e i n e r t in Hannover. Redaitcur unsrcs dortigen Parteiblattes, beleidigt haben. Er hatte die Darstellung dieser Herren über einen Streit mit den dortigen organisierten Zimmerern mit sckmrfen Ausdrücken iritisicrt, und oblvohl vor Gericht nachgewiesen wurde, daß die kritisierte Darstellung der beleidigten Herren tlsatsäcklich in wesentlichen Punkten Unrichtiges enthielt, wurde Leinert dock» ivcgcu formaler Beleidigung zu 150 M, Geldstrafe verurteilt. Die Anklage war von der Statsanwaltschast erhoben worden._ Witterungsübersicht vom 13. Januar 1904, morgens« Uhr. Stationen v 3 Swinemdc. Hamburg Berlin Franls.a.M. München Wien Ä S .5 c S« 750 SsW 746[S 752 SSW 754 3 759 13 764|3 vetler 0 05 zf w& JRegen 4Rcgen 2 Regen 31» e gen 2�wolkig 2 Nebel Stationen Saparanba etersburg Cork Abcrdecn Parts Z«• 741332 756)330 739383® 755,8338 Wetter 2bcdeckt �bedeckt K.heiter 4bedcckt >--« c% *11 hi io -9 10 ii Wetter-Prognose für Donnerstag» den 14. Januar 1904. Ziemlich warm, zeitweise aufklarend, vorwiegend trübe mit Regensällm und lebhaften südwestlichen Winden. Berliner Wettcrbureau. Lrlekkaften der Redaktion. CS. G. Wir bitten um Ihre Adresse.—•f>. Z. 77. Nicht ungünstig. — B. M. 29. Der Wert beider Münzen ist nur 3 Mark. Sammler zahlen jedoch einen höheren Preis.— Z. 10. Die Fahrt im Zwischendeck oon Hamburg �nach Bucnos-AireS kostet 170—180 M. Adressieren Sic an die Hamburg.-Südamerika n. DampsschiffahrtS-Gcsellsch., Passägicr-Abteilung, Hamburg.— Nach Auweiler. Taugt was. Fragt sich nur, ob Sie die Zahlungen aushalten können. Steglitz. Bahnunglück am 2. September 1883.— K. W. 44. 1. Ja. 2. Fragen Sic an bei dem Architekten H. Frcudcmann, Stallschrclbcr- strajze 54 a. 3. Nein.— H. W. 13. Wenden isie sich bricslich an den ?lrbcitersckrctär Herrn Timm in München, Baaderstt. 1.— Lindcnstraste. Versuchen Sic es mit dem Einträuseln von verdünntem Salmiakgeist in die Dielcnritzen, die dann am besten sorgsäitig zu verkitten sind. Außerdem tägliches zweimaliges Auswischen und peinlichste Reinlichkeit.— Wissensdurst. Ihre Ailssassuiig ist in allen wesentlichen Punkten richtig.— Posadowsky. Der geheime Strcikcrlaß dieses ArbcitcrsrcundcS wurde vor sechs Jahren durch den„Vorwärts" veröffentlicht. Er bildete die Einleitung zur ZuchthauSvorlage von 1899.— Jacta est alea. Der Würfel ist geworscu. Ulrich von Huttens Wahlspruch.— G. Nein. Juriktikcster Heil. Tic juristische«prcchftimdc findet täglich mit Ausnahme deS Sonnabend? von T'h bis»'tz Uhr abend» statt. Gciiffnet: 7 Uhr. H. 2. 91. Sie müssen beim'Amtsgericht aus Zahlung Nagen.— Otto B. So lange daS Urteil nicht umgestoßen wird, sind Sic zur Zahlung Zicrpslichtct. Aus Ihren Darlegungen ist ein Grund, auf dem süßend«ic mit'Aussicht aus Erfolg auf Acndcrung des Urteils klagen tönnicli, nicht zu entnehmen.— G. H. 100. Das Spielen in auswärtigen Lotterien ist strasbar. Widerspruch gegen einen Strasbeschl iväre zwecklos, 'vcuii Ihnen das Spielen nachgewiesen iverdcn kann.— P. Z. 100. 1. Ja. 2. u. 3. Das können Sic halten wie Sie«vollen.— Aussig. Nein.— I. Z. Sie können mit dem abgelaufenen Paß tbu», was Sie wollen.— 3. 20. 1. Sechs Wochen zum Quartalsersten. 2. Die»assengeidcr sind aus den Loh» anzurechnen.— Josef Bnchal. Soweit ersichtlich, ist di-r Post im Recht.— A. W., Luis: ustrastc. Die Schwägerin erbt nicht mit. — H. Krüger. Die Höhe der Alters- und der Jiivalidenrcntc richtet sich nach der Anzabl und Höhe der geklebten Marlen. Das Nähere finden Sie S. 3l8 und 326 des in den öffentlichen Lesehallen aufliegenden„Arbeiter» rechts".— P. H. 70. Die Forderimg ist leider berechtigt.—<£. W. 5k. Offenbachcr Krankenkasse: Vorsitzender Hintz, Prinzenftr. 66.— L. B. Einen Anspruch aus Entschädigiiug haben Sic uichl. Sie sind berechtigt, die Ausstellung des Sammelkastens zn vcrlversen. Ebenso berechtigt ist die Post, für Ihr Haus dam« Telcphvnaiischluß abzulehnen.— I. B. 14. t. Beide Gcburiourkuiiden und Ihre Militärpapierc werden verlangt. 2. Ja. 3. Wie Sic wollen. 4. Ja.— Wolss. Wenn sich am dem Inhalt Ihres Vertrages nicht das Gegenteil craicbt, nein. — K. M. 100. Die ältere Vereinbarung des Ausschluffcs einer Kündigungsfrist besteht auch jetzt zu recht.— F. Neumann. Sie find im Irrtum. Ihnen und Ihrer Frau sind je 3 Marl berechnet. Noch je 3 Mark ivürde» hinzutreten, ivcnn Sic eine Ausfertigung verlangen würden. Das ist wiederholt dargelegt.— Paul Winter. Ein Anspruch ans Mckerstattung steht Ihnen nicht zu. Sic können aber die Versicherung und damit den cboaigcn Anspruch aus Alters- und Jnvalidenrcnlc dadurch ausrechterhaltcu, daß Sie innerhalb je zwei Jahren mindestens 20 Marken kleben.— Miete. Dem Hauswirt steht das Zurückbehaltungsrecht zu. Seine Forderung geht allen andren, auch Ihrer aus Vollzug des Kaufvertrages. vor.— Ein Gtiefkind. 1. und 2. In der Regel nein. 3. Die Kosten» höhe hängt von der Höhe des Objekts ab. ES ist ratsamer, statt allgemeiner Fragen den Sachverhalt mitzuteilen, und an diese Darlegung die Fragen anzuschließen.— A. Z. 100. Im vorigen Jahrhundert nicht vorgekommen. — Reinickendorf 40. 100. Sie müssen Ihre Rechte gegen die Kasse selbst geltend machen, fluch wenn der Meister Sie nicht angeineldet hat, so «verde» Sie Mitglied der Kasse,«v c« n Sie krankenversicherungSpslichtiz find. Ob Sie lrankenversicheruiigspflichtig«varcn, läßt sich aus Ihrer Dar» lcgung nicht entnehmen. Sic«varen Kaffeumilglied, wem« Sie entivcder i« ach Ihrer ersten Abmeldung von der Kasse der Kasse innerhalb einer Woche selbst die Beiträge ciitrichtetc» oder sonst erklärten. Kassenmitglied bleiben zu wollen oder«vcnn Ihre zweite Beschäftigung nicht im voraus durch Vcr» trag aus einen Zeitraum von weniger als einer Woche beschränkt war. Ihre Ansprüche gegen die Kasse machen Sie bei der Aufsichtsbehörde geltend. Aiissichisbehördc sür die Berliner Kassen ist die Gewcrbedcputation Berlin. Stralaucrstraße 3—6. Ida 3ch. G. Sic können nicht einseitig von dem geschlossenen Vertrag zurücktreten. Wir habe» deshalb häufig zur Borsicht vor dem Abschlug von Vcrttägen, insbesondere vor Rateiikaus-Verträgen und Versicherung-?. Verträgen gewarnt. Sind Sie minderjährig, io ijt der Vertrag ohne weiteres migültig.— R. M. 1. Ja: Sie können aber Außerbebung. stellen beantragen. 2. Nein.— I. R. 20. 1. Wenn in der Thai durch» weg II. Lohnklaffe geklebt war, so wäre die Mtersrente 140 M. und könnte nachträglich versucht werden ciuc Aenderung deS an sich irrigen Bescheides hcrbcizusührcn. Wahrscheinlich bcsiudcn Sie sich aber im Irrtum: es wird tcilivcise I. Lohnkiasse sür Ihren Vater geklebt sein. Denn ein Irrtum der VersicherunaSaiistail in derartig einsach gelagerten Fällen ist kaum anzunehmen. Wie die Altersrente berechnet wird, finden Sie in dem m den vjjent» Hdjcn Lesehallen auSllcgcndcn„Arveiterrecht" S. 326. 2. Die Altersrente kommt in Fortfall, sobald dem Altersrentner Invalidenrente gewährt wird. Ihr Vater mutz, um Invalidenrente zu erhalten, mindestens 20 Wochen hindurch in je zwei Jahren geklebt haben. Wie hoch die Invalidenrente in Ihrem Falle sein würde, wie sie eventuell geltend zu machen ist, ersehen Sie aus S. 318 bis 322 des„TlrbeiterrcchtS", die Invalidenrente wäre in dem Ihren Vater betreffenden Fall höher als seine Altersrente. Ob Invalidität vorliegt, können wir nicht entscheiden.— G. Krusum. Die Vorschriften über Handwerkskammern finden Sie in den KK 103, 103a bis 103q und den dazu angezogenen Paragraphen der Gewerbe-Ordmmg. Danach sind die Kosten(§§ 103a, 89) von den Mitgliedern auszubringen, Nichtmitgliedcr können daher nicht zu den Kosten herangezogen werden. Anders liegt es, wenn etwa dort landcSgesctzliche Organisationen bestehen, denen aus Grund dcS ß 103g die Ausgaben der Handelskammern über- tragen sind. Dann sind die landcsgcsctzlichen Vorschriften matzgcbend.— H. St. 17. Sie mühten angeben, zu welchem Zwecke Sie einen Kommentar gebrauchen wollen, um ihnen einen zivcckinätzigen eventuell empsehlen zu können. Langjähriger Abonnent Ivo. R. K. Ja.— I. I. Ausgeklagte Forderungen verjähren in 30 Jahren. Diesen gleichgestellt sind mit Voll streckungSklausel versehene zu einem Konkurs Nicht vollstreckbar erklärte Forderungen unterliegen"der angemeldete Forderungen. gewöhnlichen SBcr* ... Diese ist nach Art der Forderung eine verschiedene.»» £. 400. Sie könnten nur beantragen, datz Sie lediglich gegen Ucbcrgabe der Waren zahlen sollen.— I. N. 10. Soweit ersichtlich ist die Steuer« sorderung berechtigt. Reklamieren Sie eventuell unter Darlegung des Sach- Verhalts bei der Steuerdeputation.— Gustav Müller. Die Zchür können Sie mitnehmen, müssen aber die Wohnung in den alten Stand sehen lassen. — A. Pr. Sie müssen zahlen.— G. L. Sie sind zur Zahlung des Mietsstempels nach dem Vertrag verpflichtet. Der Mietsstempel wird nicht durch Stempelmarken entrichtet: die Mieten werden in einem Mietsbuch vom Vermieter eingetragen, der Stempelbetrag direkt an die Steinpel- bchörde von ihm entrichtet. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zhcatcr. Donners tag, den 14. Januar.. Anfang 71/, Uhr: Schauspielhaus. Der grüne Zweig. Neues Königl. Opern. Theater. Geschlossen. Deutsches. Der Meister. Berliner. Maria Theresia. Lessing. Zapfenstreich. Westen. Der Barbier von Sevilla. Neues. Minna von Barnhelm. Residenz. Der keusche Casimir. Central. DaS Schwalbennest. Thalia. Der Hochtourist. Bclle-Alliaiice. Der reichste Ber- lincr. Ansang 8 Uhr- Schiller v« iWallner< Theater.): Ein Sonnenstrahl. Ein Duell. Schiller X. lFriedrich-Wilhelmstädt.) Der Compagnon. Luise». Romeo und Julia. Kleines. Elcktra. Triano». Madame Z. Deutsch- Amerikanisches. Ueber'n arotzen Teich. Carl Weist. Die Leni von Ober- ammergau. Metropol. Durchlaucht Radieschen. Casino. Wie einst im Mai. Die Wenzel. Apollo. FrühlinaSlust. Vision nach dem Balle. Specialitätcn. Winter- Garten. Otöro. Otto Rcutter. Spccialitäten. Passage- Theater. Enthauptung. Specialitälen. Ansang 3 Uhr. Gebr. Herrnfeld. Papa Noa. Neichshallcn. Stettiner Sänger. Uraitia. Tnubenstraste 48/49. Der Erdball als Träger des Lebens.. Jnbalidenstraste 67/08. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Mm Theater. Unter den Linden 44. Ansang 8 Uhr. Morgen: Hiachtasyl.._ Neues Theater. ässbauerdamm 4a— 5. cu einstudiert: Minna von Barnhelm. Ansang 71/, Uhr. Morgen: Der Strom._ Centel-Theatcr. Abends VI, Uhr: Das Schwalbennest. Operette in 3 Alten von Maurice Ordonneau. Musik von Henry Herblay. Morgen und solgende Tage all- «bendlich 7'/, Uhr: Das Sod�albonno»«. ' Sonnabendnachm. 4 Uhr: Kinder- Vorstellung: Der gestiefelte Kater. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Rlmel» und Inlin. Freitag zum erstenmal: Der Sohn der Wildnis. Sonnabend: Der Veilchenfresscr. Sonntagnachm.: Der Älkticiibiidiker. Abends: Der Sohn der Wildnis. Montag: Der Veilchensresser. Rrßdeilz-Thkllter Direktion S. Lautcnburg. H c n t e und solgende Tage: M He Caiir. Ansang 7'/, Uhr. Melropol-Theater »MM MnM Burleske Ausstattungsposae mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Holländer. In Scene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Im 4, Bilde: DM. ClrosNes Ballett"MW Wie damals im Monat Mai. Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. I l, uwttwuw tuviiivit Direktion; Robert Dill. Brnancnstrasse 16. Extra-Elite-Borstellung: Der Glöckner von Notre Dame. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Nach der Vorstellung: Familien-Ball. Schiller-Theater. Schiller-Theater O. (Wallncr-Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: Zum erstenmal: Bin Dnell. Schauspiel in 3 Akten v. Franz Wolff. Vorher: Bin Sonnenstrahl. Schauspiel in 1 Akt von Robert Wach. Freitagabend 8 Uhr: lüollege Crampton. Son nabendabend 8 U h r: Ein Duell. Vorher: Ein Sonnenstrahl. Schiller-Theater V. (Fricdrich-WilhelmstüdtischeS Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: Der Compagnon. Lustspiel in 4 Alten v. Ad. L'Arronge. Freitagabend 8 Uhr: Zum erstenmal: Uricl Acosta. Sonnabendabend 8 Uhr: Wilhelm Teil. Thalia-Theater. Belle-Ällianee-Thealer. DreZdenerstr. 72/73. Amt IV 4440. Direktion Jean Kren Heute und folgende Tage 7>/z Uhr: Der Hochtourist. lluido Thielscher in der Titelrolle. Sonntagnachmittag VI, Uhr: Gharleys Tante. Bcllc-Allianccslr. 7/8. und Alfred SchSnfeld. Amt VI 283. Ocute und folgende Tage 7'/, Uhr: Der reichste Derliner. Grotze Zlusstattungs-Posse in 4 Akten. Sonntagnachm. 3 Uhr bei kl. Preisen: Bin toller Blnfall. sOSWikO Freie Volksbühne. Sonntag, den 17. Januar, nachm. 2'/. Uhr: liCSNing- Theater Idetropol- Theater 1. Abteilung: 9er KteineMbauer von L. Anzengruber. 11./12. Abteilung: Iföercadet von Balzac. Der Torstand. I. A.: G. Winkler. Oeffnung 6 Meter. Cirkus Schumattn. Immer das Xeneste— Immer das Original! Möns. Anglllottis phänomenale Unterbrochene Loop. Herrn dnl. Seeths «5 liöwen. Die größte Ausstatt.-Pantomimc der Gegenwart: 0°»■■ Eine Wanderung durch tulexItRKlS» acht Jahrtausende � eis Abteilungen. Unanis. Taudonstr. 43/49. Um 8 Ubr: DerEriall alsTräp des Lehens. Sternwarte"e": CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Ten! Die phänomenalen Herkules Brüder und 11 Jahre alt, 226 resp. 256 Pfund schwer. Athleten, Sänger, Musikvirtuosen! SW' Der Indianer Diese iS!£- Hianko Karoo. {{LT- CKiNZ Kunst-lnsstetlnng CflpZECR* giwssstt Täglich geöffnet 10-8. E n tree I U., Sonntag 50 Pf. Apollo-Theater. Um 8 Uhr; Frühlingsluft mit dem reizenden Ballett Bltttcnhochzcit. Sensaliooelle Speeiaiilten u. Messters Kosmograph u. Biophon. Sonntagnachm. 3 Uhr, kleine Preise:(ücsindeball, Gesangsburleske von L. Herrmann, und die sensationollen Specialitälen. Trianon-Theater. Gcorgcnftratze. zwischen Friedrich» und Universitätsstratze. Madame K. Anfang 3 Uhr. Casino-Theater. Lothringcrstr. 37. Ans. 8, Sonnt. VI,. Wie einst im Mai. Schauspiel mit Gesang in 2 Akten. Dazu neu: Die Wenzel nnd daS brillante Januar-Programm. Sonntagnachm. 4 Uhr: Der vertauschte Sohn. (Zebrüäer Herrilfeld- Anfang Thoolor Sonntags: 8 Uhr. Illuaicil 7 Uhr. Heute und solgende Tage die interessante Zlerrnlelä-Kovilät: Zwei Akte aus einer Ehe mit den Autoren in den Haupt- rollen. Ferner: Das neue Küngtlerprogramm. Hanny Luxa. X X Longonelle. Forry u. Perry. M artin Bendix. Billetvorvert. tägl. 11—8 mittags. iernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstratze 58. Donnerstag, den 14. Januar 1904: Einmalige Soiree des weltbekannten Zanberkunftlers Büssnrr mit seinen grotzarttgen Neuheiten. S!al!!-Thea!el hleadil Alt-Moadit 47/4V. Donnerstag, den 14. Januar 1904: kiW Rose-flieater-Eiiseinlile. Der Manu int Monde. Posse mit Gesang in 3 Akt. v. Jacobson. Ansang 8 Uhr. Oalasl-Tdeater Burgstraste 28, früher Feen-Palast. Heute und folgende Tage: 3'/, Uhr: H'l, Uhr: Berlin, wie es weint nnd lacht. Volksstück mit Gesang in 9 Bildern von Kaiisch. Musik von Conrad!. Ouiscnow, Stadtv.: Dir. ll. Winkler. Freitag, den 15. Januar, ab. 8 Uhr: Elite-Vorstellnng. Die Schule des Lebens. Schauspiel in 5 Akten von Raupach. Rtesen-Schaunummern. Th« Itasingf Brothers. Die Todeslalirt im Hexenkessel. 3 Brothers Itellmas Musikalischer Exentrique-Balance-Akt. Kötrigstadt-Kasino Holzm.rllstr. 72, Ecke Alcxandersttatzc. Täglich: Fron« Sobanskl. Mita Roselli. X Geschwister Banola. The Teklys usw. Ein praktisches Geschenk. Nach der Vorstellung: Mittwochs, Sonnabends u. Sonntags: Tons. Arbeiter-Biidungssehuie Berlin. Sonntag, 17. d. M., in Kellers Festsälen, Koppenstr. 29: 13. Stiftung:s>Fest."TS Mitwirkende: Konzortsängcrin Frau Helene Löffler-Hintze(Mezzo-Sopran), Prof. Waldemar Meyer- Quartett, Prof. Waldemar Meyer(I. Violine), Max Hemicke(II. Violjne), Berthold Heinze(Viola), Aibrecht Lfiffler(Violoncello), Karl Henckell(Prolog u. Recitationen). Aus dem sorgfältig zusammengestellten Programm ist besonders hervorzuheben: Streichquartett G-dur, op. 54. Jos. Haydn Streichquartett F-dur, op. 18. L. v. Beethoven (Meyer-Qnartctt.) Solo für Violine: a) Legende, h) Airs savoyard, c) Le Cygne, d) Larghette religiös». (Herr Prof. Meyer.) Scene und Arie(Er schläft) aus der Oper „Der Waffenschmied" für Sopran von A. Lortzing. Wiegenlied von Brahms, Der kleine Fritz an seine jungen Freunde von C. M. v. Weber. V ergebliohes Ständchen(Niedorrhoinisohos Volkslied) von Brahms, (Frau Helene LiUll'lcr-Hintze.) Prolog sowie verschiedene von Karl Henckell verfasste und vorgetragene Gedichte. Begleitung des Gesanges und der Solo-Piecen Herr Max Heinicke. Konzert• Flügel Blüthner aus der Filiale Potsdamerstr. 27. Nachher: Grosses* Ball. Billets a 50 Pf.(inkl. Programm) sind in den Zahlstollen der Schule, der„Freien Volksbühne", im Schullokal Engel-Ufer 15 sowie abends an der Kasse zu haben. Rauchen nicht gestattet.-TB© Fxühzeitiges Erscheinen dringend nötig. Während der\ orträge bleiben die Sadithüren geschlossen und darf nicht serviert werden. Jede Störung muss vermieden werden. Eröffnung 6 Uhr. Beginn 7 Uhr. Zu recht zahlreichem Besuch ladet ein Der Vorstand. Reue freie Volksbühne, r lontag, den 18. Januar, abends 8 üiir, im Börgersaale des Rathauses:|| LillencrosisAbend. Einführender Vortrag: Dr. Paul stiemet. Recitation: Herr Ferd. Bonn. tgl. Schauspieler. Gesang: Frau Adeke Otto-Morano. Am Klavier: Kapellmeister Frist Otto. Eintrittskarten a 30 Ps. für Mitglieder, a 50 Pf. sür Gäste sind in allen Zahlstellen zu haben. Abendkasse findet nicht statt._ Die ordentlichen Vereinsvorstellungen sür Januar finden im TtlSStstV statt. Zur Aufführung gelangt: Dtjk Drama von Max Halbe. I�ikgliecker zur 5. HbteUuncj werden noch in allen Zahlstellen aufgenommen. Das Einschreibegeld beträgt 1 Mark, der monatliche Vorstellungsbeitrag 80 Ps. Der Borftand. I. A.: Heinrich Nett, Veteranenstr. 6. Zahlstellen: H. Nest, Veteranenstr. 6. A. K n a p p, Grünthalerftr. 5. P e t r i ch, Prenzlauer Allee 2l5. R. K a n n a p k e, Brunneustr. 122. K. K l e i n a u, Gerichtstr. 4. W. S ch r 0 1 l e, Landwehrslr. 3. Hermann Becker, GotzlowSkystr. 9. H. L a n d g r a s, Neuen- burgerslr. 15. I. P e ch, MSckernstr. 120. Karl M a r t i e n s e n, Belleallianeestr. 7. H. B 0 b s i e n, Kommandantenilr. 62. O. G r a d h a n d t, Potsdamerstr. 26. H. K ö h n. Naunynstr. 83. K a u s h 0 l d. Wrangelstr. 52 HI. Alfred S t r a n g s e l d, Britzerstr. 24a. Udo Stangen- b erg, Köpenickerstr. 20a, prt. W. Ta b ert, Marlusstr. 14. Hermann H i? s ch, Matternstr. 3, Stfl. IH. A. Gern, Franffurter Allee 119. L. Grub er t, Jruchtstr. 55. S. Glaser, Weinmeisterstr. 18. Max K a s b a u m, Rotzstr. 12. Schöneberg: Arendt, Cheruskerstr. 2. Friedenau: D a n z, Kirchstr. 15, Stsl. HI. Rixdors: C. Heinrich, Münchcnerstr. 19. Charlottenburg: Emil Schäfer, Cigarrengeschäji, Schillerstr. 102 und Osnabrückerstr. 5. Köpenick: Franz Weber, Kictzerstr. 40. 150/1 Deutsch-Ameriksnisclies Theater. Anfang 8 Uhr! Zum m Köpnickerstr. 67. GASTSPIEL AD. PHILIPP Ueber'n GROSSEN TEICH MALE: Sonnabend, den 16. Januar: 1. Deutsch-Amerikanischer Subslvräption»- Ball. „Eine Nacnt in Louisiana". IPBT* IOO ünMlker. Mt) eallorchester unter persönlicher Leitung von Jnllno Elnüdshofer. Mandolinen- u. Banjo-Orchest. Balltoilette! Anfang 11 Uhr. Fröbels Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Inhaber: Wilhelm Frttbel. Jeden Sonntag 5 Uhr: Grosso Extra- Vorstellung der beliebten Zimmermanns Norddeuischen Sänger Nach der Vorstellung um 10 Uhr: Grotzer Ball. Entree 30 Ps. Sperrsitz 80 Ps. Neiie8 Programm: Harry Rochez Hundedresseur. Wood u. Bates Amerik. Excentrics. Lorraino'» Lebende Bilder. Die beiden Freydos Gymnastiker. Cook u. Clinton Amerik. Kunstschützinnon. Moers u. Omo Drahtseilkünstler. Otto Reuttcr Humorist. 8alerno Meister-Jongleux-. Annette Gillard Pariser Opornsäng. Oltro Mlle. Thereses Komischer Hypnotiseur. „Karnevalsgelstepu Wiener Ballett. Biograph. Cirkus Busch. Donnerstag, den 14. Januar er., abends VI, Uhr: Aus den Alpen. Besonders hervorzuheben: ÜLi'TlldöMggMilVlllfgMjzi!. Hr. Riehar«! 8awado mit seiner berühmten Tiger-, Löwen- und Bären-Dressur. „Neapolitano Soja", echt Lippizaner Hengst, acr. v. Hrn. Burkhardt-Foottit. Modemoiselle de Holstein mit ihrem irländ. Springpferd„Milton". Die besten Clowns der Welt: Gebert Bölling, Gebr. Fratellini, A. Daniels. Carl Weiss-Theater. ©toste Frankfurter Strafte 132. Abends 8 Uhr: Gastspiel des Oberbayrischen Baucrn-TheaterS. Die Leni von Obcrammcrgau. Oberbayrisches Voltsstück mit Gesang und Tanz in 4 Sitten v. Chr. Flüggen. Morgen: Die Leni von Oberammer- gau. Sonnab. 4 Uhr: Max u. Moritz. IS Täglich 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. »k teiSI-IIiester teidl-Sänger. Neues gressartiges Programm. Ifelclis hallen Stettiner Sänger. Passage-Thester. Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags S Uhr. Anfang dor Abendvorstellung 8 Uhr. Llithauptung einer lebenden vgrns! Willy Prager mit seinem Schlager; Die kleine Garnison. 14 neue erstklassige Nummern. Etndiiffement Knggenhageu Iloritzplatz. Im Jaisersaal: Künstler< Ensemble „Voi-ckritoi-il«� unter Leitung d. Herr» Ikudolt Gctiauss. Kasten rröffn. 5 Uhr, Ansang"1,1 Uhr, Entree 50 Ps. Nach der Vorstellung: Tanzkränzchcu. In den unteren Sälen: Görisch-Konzert und Bettbicrfcst. Gai»880?RVl. Kotlbuser Thor— Stat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag: HoZTinaaa-i Norddeutsche Sänger. Neu! Gränebergs: Neu! Geh n Sie mit nach'S Eierhaus'i Nach jeder Soiree: Tanzkränzchen. Jeden Dienstag: Theater-Abend. Kranz- nnd Klninendinderei von Bovert Ke�er,. nur Manannen-Straße Z. VereinS-Kränze, Palmen- n. Blumen- Arrangements. Bouquets, Guirlanden usw. werden fein u. preiswert geliefert I-rel«e- beliebige Teilzahlung. Olga Jacobson,.ÄJk SSejantß?. Redakteur: Julius Zaliski, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagscinstalt Paul Singer L- Co., Berlin LW. #t. ü. 2L Jahrgang. 2. Mime Ks.Hmiirts" Knlim WksdlÄ Donnerstag, iL lamifttlöOi Die Bereinigten Staaten im Jahre 1903. mb. London, 29. Dezember. _ Wirtschaftlich und politisch zeigte das Jahr 1903 in den Ver einigten Staaten im wesentlichen dieselben Inge wie in den kapitw listischen Ländern Europas: Krise; Verschärfung des Kampfes gegen das Proletariat; fieberhafter Drang nach Weltpolitik. Die Krise setzte schon gegen Ende des Jahres 1902 ein und zog sich konvulsivisch das ganze Berichtsjahr hindurch. Abgesehen von den in den letzten Wochen vorgenommenen Arbeiterentlassungen und Lohicherabsetzungen, auf die wir noch zurückkommen, fand die Krise vorläufig ihren prägnantesten Ausdruck in der scharfen Eni- Wertung der industriellen Wertpapiere. Die Neugründungen und Nc- organisationen wurden auf Grund der hohen Profite von 1900 und 1901 kapitalisiert, die im Berichtsjahre nicht mehr realisiert werden konnten. Die Entwertung schwankt zwischen 20 und 60 Proz. gegen die Kurse von 1901 oder gegen die Nominalwerte der Gründungen im Jahre 1902. In seinem am 8. Dezember dem Kongresse zugesandten Jahresbericht schätzt der Finanz; ekrctär Mr. Shaw diese Entwertung„auf eine viel höhere Summe als die der Gesamtkosten des ver- heerenden amerikanischen Bürgerkrieges vom Jahre 1801 bis 1805". Am empfindlichsten wurde die Eisen- und Stahl- industrie in Mitleidenschaft gezogen, aber auch alle andren Industriezweige sind der Krise nicht entgangen. Leder, Tabak, Kupfer, Zucker, Gummi hatten große Verluste zu verzeichnen, und der Sturz der Eisenbahnpapiere war fast allgemein. Die Kredit- erschütterung erstreckte sich auf eine Anzahl der ersten Geschäfts- Häuser und das Mißtrauen, die unvermeidliche Begleit- erscheinung der Krise, nahm einen immer weiteren Umfang an. Die Wirkung im Produktionsprozesse machte sich erst in den letzten Monaten bemerkbar; die Eisenausbeute wird geringer, und Arbeiter- entlassungen und Lohnherabsetzungen sind auf der Tagesordnung. Daß die Krises dieses Jahres vorläufig nicht so viele Opfer forderte wie im Kriscnjahr 1893, ist erstens dem aufgehäuften enormen Reich- tum zuzuschreiben, den die moderne Arbeit in der letzten Dekade ge- schafft hat. Die Verwaltung dieses Reichtums ist nicht weiser geworden als früher; die Organisation der Industrie in Trusts hat die Ucberproduktion und die Ueberspekulation nicht nur nicht ge- hemmt, sondern verstärkt; die amerikanischen Wirtschaftsfurscher finden jetzt im wesentlichen dieselben Ursachen und dieselben Kenn- zeichen wie in den Krisen, die der Trustperiode vorhergingen. Aber die Konzentration der Industrie in Verbindung mit den Wundern der modernen Technik haben den Reichtum so vermehrt, daß er unter den Erschütterungen, die die kapitalistische Wirtschasts- weise naturnotivendig mit sich bringt, nicht so tief leidet wie früher. Dann kommt hinzu, daß die Bereinigt«! Staaten über einen um- sangreichen inneren Markt verfügen und eine schier unerschöpfliche Fülle von Rohstoffen und Ackerbauprodukten besitzen. Der Außenhandel im Fiskaljahre 1902/1903 war größer als je zuvor. Die Einfuhr betrug 1 025 719 237 Dollar, die Ausfuhr 1 420 141 079 Dollar. Die Einstlhr war zum erstenmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten höher als eine Milliarde. Dagegen zeigte die Aussuhr eine Abnahme um 07,6 Millionen gegen das Jahr 1901. Wie der natürliche Reich- tum des Landes mildernd auf manche Krisenepisode des Berichts- jahreS gewirkt hat, möge folgendes Ereignis zeigen. Am 9. April hatten die Richter in Minnesota über die Legalität oder Illegalität des Rorthern-SecuritieS-Trusts zu entscheiden. Wider alle Erwartung machten sie vom Anti-Trustgesetz vom Jahre 1890 Gebrauch und entschieden gegen den Trust. Die Folge war. daß die Börsen, die bereits durch die Krise geschwächt waren, von einer heftigen Panik ergriffen wurden. Aber am folgenden Morgen stv. April) erschien die offizielle Ernteschätzung, die die günstigste seit dein Jahre 1882 war. Die Aussicht auf eine überaus reiche Getreide-Ausfuhr schwächte die Wirkung einer Nachricht ab, die in krisenhaften Zeiten zu einer ver- heerendcn Episode führen kann. Ebenso hat einige Monate später die rapide Preiserhöhung der Rohbaumwolle die Spekulation belebt. Dieser Naturreichtum, verbunden mit dem industriellen, solvie mit dem umfangreichen inneren Handel, haben auch dazu beigetragen, einigermaßen das Mißtrauen ab- zuschivächen, das sonst in Krisenzeiten die latastrophenartige Ab- wärtsbcwcgung beschleunigt. Dieser rasch aufgehäufte Reichtum— so z. B. beträgt die Kapitalisierung des Stahltrusts soviel wie der ganze Nationalrcichtum der Vereinigten Staaten im Ccnsus 1801— beherrscht die ganze äußere Politik der Washingtoner Verlvaltung. Ab- gesehen von der alten Monroedoktrin, die zu diplomatischem Dogma geworden, ist die Washingtoner Politik ganz auf den Großen Ocean gerichtet. Die vier lvichtigsten Ereignisse des Jahres: der Alaska« Ausgleich, der Vertrag mit China, die Geburt der Panama- Republik und die Errichtung eines Kriegs- Hafens in den Philippinen, sind Etappen dieser Politik, die Amerika in die ostasiatischen Wirren hineinrcißt und es an England kettet, wie die Monroedoltrin Amerika von Deutsch- land ftharf trennt. Die Erledigung des Alaska-Grenzstreits zu Gunsten der Vereinigten Staaten verstopfte die letzte Quelle der Mißverständnisse zwischen den beiden englischsprechcnden Mächten, die nunmehr in allen wichtigen iveltpolitischen Fragen zusammengehen werden; besonders in China, an dessen Schicksal die Vereinigten Staaten sich seit dem 1. Mai 1898, dem Siegcstage des Admirals Dewep bei Cavite, beteiligen. Die Washingtoner Verwaltung ivar es, die gegen Ende 1399 die Politik der„offenen Thür" in China formulierte. Sie war eS auch, die— während der Belagerung Pekings im Jahre 1900— im Verein mit Japan eine Aufteilung Chinas verhinderte. Am 8. Oktober 1903, just an dem Tage, als Rußland die Räumung der Mandschurei ablehnte, einen Vertrag mit der chinesischen Regierung schloß, der die Integrität Chinas voraussetzt und die Lcffuung zweier Häfen in der Mandschurei stipulierte. Mr. Roosevelt in seiner Botschaft am 7. Dezember hebt diesen Punkt besonders hervor, indem er sagte: „Es ist eine unerläßliche Bedingung des Fortschritts und der Eni- tvicklung unsreS Handels in der Mandschurei, daß China die Stadt Mulden und den Hafen Antung, an der ftalumündung und auf der Straße nach Korea, dem internationalen Handel eröffnet. Die volle Entwicklung des dortigen Handels kann unter den gegenwärtigen abnormen Zuständen kaum erwartet werden, aber der Grundstein zu einer solck)cn Entlvicklung wurde endlich gelegt." Ties bedeutet, daß die Vereinigten Staaten im Verein mit England und Japan daran interessiert sind, daß Rußland die Mandschurei räumt. Von dieser Politik der Beherrschung des Großen Occans war die Washingtoner Verlvaltung auch in ihrer Stellungnahme zu den Vor- gängcn in Panama geleitet. Der seit einem halben Jahrhundert gehegte Plan eines iutcroccanischcn Kanals wurde durch den Krieg gegei, Spanien(1893) besonders gefördert. Der Krieg zeigte in drastischer Weise die Schwierigkeiten, die einer Vereinigung der Ost- und West- flotte entgegen stehen. Dann brachte er Potorico unter die amerikanische Flagge und Kuba unter den amerikanische» Einfluß. Das Caraibische Meer erhielt eine neue Bedeutung für die Vereinigten Staaten; es wurde zu einem ihrer Ausfallsthore, und mußten es deshalb vor fremden Eingriffen sichern. Dies tonnten sie ober nur thun, wenn sie den intcroceanischcn Kanal beherrschen. Nachdem der Plan eines Nicaragiakanals aufgegeben wurde, wandten sich die Vereinigten Staaten dem Panamakanal zu, auf dessen Bau sie schon seit dem Jahre 1840 ein Recht hatten. Dieses Recht erhielten sie in einem Vertrage mit Neu-Granada, dem jetzigen Kolumbien, dessen Regierung den Vertrag erneuerte. Da die kolumbische Regierung sich vor einigen Monaten gegen den Bau des Panamakanals aus- sprach, brach Ende Oktober in Panama eine Revolution aus, die mit der Loslösung Panamas von Kolumbien endigte. Die neue Republik wurde mit Hilfe der Vereinigten Staaten geboren und von ihnen sofort unter Schich genommen. Ob die Vereinigten Staaten die Revolution insccniert oder nur anerkannt hahen, ist gleichgültig. Es ist Heuchelei, wenn sich die bürgerliche Presse über die unmoralische Politik Amerikas entrüstet, ebenso ist es Heuchelei, wenn die amerikanischen Patrioten ihre Unschuld beteuern. In der intcr- nationalen Politik hat die Ethik noch keinen Platz gefunden. Wirt- schaftliche und politische Gründe sind hier einzig und allein maß- gebend. Und diese waren in den Vereinigten Staaten und in Panama stark genug, um die Revolution zu vollziehen, und sie wurde ganz im Interesse Amerikas vollzogen. Hervorzuheben ist noch die scharfe Kritik, die der alte Senator Hoar, der letzte Puritaner Ncu-Englands, im Bundcssenat an der Regierung geübt hat. Er hat auch im Jahre 1899 und 1900 gegen den philippinischen Krieg gedonnert, aber er kennt seine Zeit nicht mehr. Tie Philippinen sind in den Besitz Amerikas übergegangen, dem sie als Thür zu Ostasien dienen. In seiner Botschaft vom 7. Dezember sagte Mr. Roosevelt:„Die Er- richtung einer Flottcnstation in den Philippinen darf nicht länger verschoben werden. Eine solche Station ist wünschenswert in Zeiten des Friedens. Aber ihr Mangel in Zeiten des Krieges wäre ver- dcrblich. Ohne sie wäre unsre Flotte hilflos. Unsre maritimen Sachverständigen haben sich für die Subigbucht ausgesprochen." Dieser grohoceanischcn Politik entsprechen die Flottenrüstungen, die die bisherigen Budgctüberschüfie verschlingen und zu Deficiten führen. Wie der Finanzsekrctär Mr. Sbaw am 8. Dezember v. I. dem Kongresse mitteilte, brachte der Etat 1902/3 einen Ucberschutz von 54 Millionen; der Etat 1903/4 wird einen Uebcrschuß von nur 14 Millionen bringen,„und es wird angenommen, daß der Etat 1904/5 mit einem Deficit von 23 Millionen Dollar abgeschlossen wird." Die Krise und die Weltpolitik haben die Abneigung des Kapitals gegen die Arbeiterorganisationen noch verstärkt. Mr. Roosevelt, der das Zeug zum socialen Königtum besitzt, hat sich das Mißfallen des Großkapitals dadurch zugezogen, daß er sich in den Kohlen- arbeiterstreik der Wintermonate des Jahres 1902 mischte und eine Kommission zur Untersuchung der Lage der Streikenden einsetzte. Am 21. März 1903 veröffentlichte die Kommission ihren Bericht und ihren Entscheid, der den Arbeitern eine Lohnerhöhung von 10 Prozent gewährte. Dieselbe Bcrgarbeitcr-Gcwerkschaft wird jetzt in der Person ihres Vorsitzenden, Mr. Mitchell, mit einer Schadens- crsatzklage auf 85 000 Dollar verfolgt. Die Klage stützt sich auf den bekannten Taff-Vale-Entschcid der englischen Lordrichtcr, wie über- Haupt in mehreren amerikanischen Staaten dieser Entscheid als Nicht schnür in Gewerkschaftsprozesscn genommen wird. Es schweben dort mehrere derartige Prozesse; am 4. Dezember v. I. wurde eine Ge- werkschaft in Chicago bereits zu Schadensersatz wegen Streikposten- stehens verurteilt. Gleichzeitig haben sich die Untcrnehmerverbände auf einer im September v. I. stattgefundenen 5ronfercnz in Chicago zu einem Verein zusammengeschlossen, um die Arbcitcr-Organisationen zu bekämpfen. Die Krise ist einem derartigen Fcldzuge günstig. In den letzten Wochen wurden in den verschiedensten Staaten und Industrien ungefähr 100 000 Arbeiter entlassen. Lohnherabsetzungen sind allgemein, besonders aber in der Textil- und Metallindustrie. Das merkwürdigste ist. daß diese socialpolitischen Vorgänge die amerikanischen Wahlen vom 9. November v. I. und den drei Wochen später stattgefundenen Gewerkschaftskongreß der American Fedcration of Labor in Boston eher im reaktionären als im revolutionären Sinne beeinflußt haben. Die wirtschaftliche Depression hat auch eine geistige Depression innerhalb der Arbeiterschaft herbeigeführt. Die socialistische Agitation, die loährend des Kohlenstreiks in den letzten Monaten des Jahres 1902 zu bedeutenden Erfolgen führte, erlitt in den letzten Monaten des Jahres 1903 einen empfindlichen Rück- schlag. Wie bekannt, bestehen in den Vereinigten Staaten zwei socialistische Parteien: die Socialistische Arbeiter- Partei(Locialist Labor Party= S. L. P.), die die ältere Organisation ist. aber den Marxismus nicht verdaut hat und an dieser Berdauungsschwäche zu Grunde geht; dann die Socialistische Partei(Socialist Party= S. P.), die noch eine junge Organi- sation ist und in Princip und Taktik mit der deutschen Social- denrokratie übereinstimmt. Im vorigen Jahre zeigten beide Organi- sationen einen Aufschwung, besonders die 8. P.. die in Massachusetts, dem civilisiertcsten Staate Amerikas, drei Genossen in den Landtag wählte. Jetzt verlor sie dort etwa 25 Prozent Stimmen und zwei Abgeordnete. Dagegen hat sie im Staate New shork und Ohio an Stimmenzahl gewonnen, aber zum großen Teile auf Kosten der 8. L. P., die überall verloren hat. Ebenso war die Stimmung des Kongresses der American Federation of Labor entschieden anti- socialistisch. Die Stimmenzahl, die auf die socialistische Resolution vereinigt wurde, ist viel geringer als früher. Die Gewerkschafts- sichrer Gompcrs, Mitchell und Duncan sprachen sich besonders heftig gegen die Resolution aus. die dann mit einem Stimmenverhältnis von 6 zu 1 abgelehnt wurde.— GewcrfcrcbaftUcbeös Crimmitschau. Ein parierter Hieb ans dem Hinterhalt. Der evangelische„Arbeitcr"-Vcrcin zu Charlottcnburg hatte die christliche Absicht, den wackeren Crimmitschauern Kämpfern einen Genickstoß zu versetzen, indem er den Totengräber Reinhard über ihren Kamps reden ließ. Etwa 200 Personen, darunter die große Hälfte socialistisch organisierte Arbeiter, waren erschienen, um den Ausführungen Rein- h a r d s zu lauschen. Wenn der Vorsitzende, Pfarrer A n d r e a e, in der Einleitung sagte, Herr R. sei gerade der rechte Mann, um eilten Vortrag über den Streik in Crimmitschau zu halten, so gönnen wir ihm diesen Sachverständigen; denn was da siir Weisheit aufgetischt wurde von feiten Reinhards, das spottet jeder Beschreibung. In dem Vertrage trat weiter nichts als die Wut gegen die Socialdemokratie und speeiell gegen den„Vorwärts" zu Tage. Wenn eine gewerkschaftliche Verhandlung ein Thema>vic der Streik in Crimmitschau und der Tcrrorisnms der Fabrikanten auf die TageSordmmg setzen würde, so wäre hundert gegen eins zu wetten, daß mehr wie zu viel Schtitzmaniischaft zugegen sein würde. Und wenn bei uns eincj solche Redeweise, wie dieselbe Herr Reinhard gebrauchte und wie speeiell sie dann der Salon- arbeitcr von den Nationalsocialcn, Herr Weißborn-Bcrlin, führte, so würde die betreffende Versammlung sicher aufgelöst und die Gewcrl- schaft sicher unter das Vereinsgesetz gestellt wurden. Wenn man mit der Hoffnung in die Versammlung gegangen war, um etwas Positives über den Weberstreik zu hören, da hatte man sich gründ- lich getäuscht. Nichts als Schimpfereien wußte Herr Reinhard vor- zubringen. Das einzig Sachliche war. daß er anführte, er fei auch 18 Jahre organisiert und habe fünfmal im Streik gestanden. Förmliche Begeisterung entfesselte Herr R., als er sagte, das; er zweimal Streikführcr gewesen sei. Alle Schuld in Crimmitschau schob Redner den Arbeitern zu, die von den kurzsichtigen Führern ins Unglück gestürzt seien. Ja, er sagte wörtlich:„Warum sind denn die Arbeiter nun in den Streik getreten? Rachdem die Weberei jahrelang nicht gelohnt hatte, konnte man bei dem beginnenden Aufschwung den Verdienst sehr wohl den Fabrikanten gönnen." Die Ausführungen endeten, wie ja nicht anders zu erwarten war, in einer schwülstigen Anpreisung des evangelischen Arbeitervereins. War bei Beginn und während des Referates keine Polizei dagewesen, so konnte man da- gegen bei Beginn der Diskussion dieselbe sofort bemerken. Jeden- falls fühlten sich die Herren Evangelischen nicht sehr sicher in ihren vier Wänden. Als erster Redner in der Diskussion trat Herr Erich Mühsam als Vertreter des Anarchismus auf. Er beteuerte hoch und heilig, daß er kein Socialdemokrat sei; dafür wurde er dann von den Herren Christen„jüdisch-anarchistischer Lümmel" geschimpft. Herr Mühsam stellte den Streik der Crimmitschauer als vollberechtigt hin. Als zweiter Dislussionsredner trat Herr Weißborn-Berlin auf. War bis dahin bei den Aus» fllhrungen der Redner immerhin noch der Anstand gewahrt worden, so fiel Herr W. vollständig aus der Rolle. Was dieser Herr, der, wie er selbst gesteht, zu Recht von Berliner Arbeitern in jeder Art gekränkt wird, im Schimpfen leistete, das geht noch über Dresch- Pückler. Alle beiden Redner hatten bis jetzt unbeschränkte Redezeit gehabt; aber in der Voraussicht, daß nun noch eine Abrechnung folgen »verde, die nicht zu Gunsten der Evangelischen ausfallen würde, wurde kurzerhand vom Vorsitzenden eine Redezeit von nur 5 Minuten angesetzt. Als dritter Redner trat dann Genosse Hertel ans. Derselbe konnte als Sachse die Ausführungen der Herren am besten annageln. In kurzen kräftigen Worten forderte er die anwesenden Arbeiter auf, die Sache der Crimmitschauer unter allen Umständen hochzuhalten, ihre Organisationen zu stärken und dem SoeialiSinuS zum Siege zu verhelfen. Brausender Beifall bewies, daß der Redner zum Aerger der Herren Reinhard und Genossen aus dem Herzen der anwesenden Arbeiter gesprochen hatte. Nach Hertel traten noch vier verschiedene Redner auf, bis auf einen alle für die Crimmitschauer Weber sprechend. Besondere Berücksichsignng verdient noch Herr Pfarrer K ö t s ch k e. Sachlich und ruhig im Gegensatz zu Weißborn trat er für die Weber ein. Er war selbst nach Crimmitschau gefahren, um sich über die Lage des Streiks zu orientieren. Auch Herr Roscher trat für die Atisgesperrten warm ein. Als dann eine Sammlung zu Gunsten der Weber veranstaltet werden sollte. brauchte der Herr Vorsitzende sein Hausrecht und verbot dieselbe. Um der Sache die Krone aufzusetzen, verloics er alle nicht königs- treuen Männer und Frauen aus dem Saal. Eine im Hofraum vor» genommene Sammlung ergab eine ganz nette Summe. Eine widerliche Heuchelei, die es verdient, gebrandmarkt zu werden, betreiben die Crimmitschaner Jmitatspinner. Um ihr eigensinniges Verhalten gegenüber den Ar» beitern zu verteidigen und ihre niedrigen Löhne zu beschönigen. muß die ihnen nahestehende Presse folgendes schreiben: „Die sogenannte Ligognespiimerei hat nämlich seit Jahren unter einer sehr erheblichen Konkurrenz, namentlich Belgiens zu leiden gehabt, wozu seit einigen Jahren noch die Konkurrenz von Oestretch und Italien gekommen ist. Diese Konkurrenz ist inzwischen so stark gelvorden, daß sich die Ausfuhr an Vigognegarnen, die in Werdau übrigens in höherem Maße als in Crimmitichau hergestellt werden, nach der Neichsstattstik von 33 360 Doppelcentner im Jahre 1380 ans 6720 Doppelcentner im Jahre 1901 zurückgegangen ist. Als fast einziges ausländisches Absatzgebiet kommt gegenwärtig für Vigognegarne nur England in Betracht. Die Verdrängung der Bigoanegarne von den aus- läudischen Märkten, insbesondre von Oestretch und Italien, ist nun aber ganz wesentlich darauf zurückzuführen, daß die dort inzwischen erstarkte Industrie mit ganz Ivesentlich niedrigen Löhnen arbeiten kann. Nach neuerlichen Untersuchungen stellen sich beispielsweise die Wochenlöhne in der Vigognespinnerei in Oestreich und Sachsen folgendermaßen: Oestreich Sachsen in Sachsen höher Andreher 5,10 8,00 74.5 Ausleger 5,80 9.54«4,5 Kremplerin 0,25 10,20 03,2 Ausputzer 10,20 16,— 56.0 Die Konkurrenz der östreichischen und italienischen Vigogne« spinnerci wird aber der sächsischen um so gefährlicher, als beide Länder sehr günstige VcrkehrSverhältnisse nach Süddcutschland und dem Rheinlande, den beiden hauptsächlichsten inländischen Absatz- gebieten der sächsischen Industrie, haben. Die Vigognespinnem von Crimmitschau arbeitet demnach allerdings unter sehr ungünstigen Verhältnissen und ist ivohl kaum in der Lage, die von den Arbeitern geforderte verkürzte Arbeitszeit in Verbindung mit erhöhten Löhnen zu gewähren". Wir wissen nicht, ob die oben angeführten Zahlen stimmen, daS eine wissen wir aber, daß die Besitzer der bedeutendsten Jnritatspinnereien in Oe st reich, wo so erheblich niedrigere Löhne als in Sachsen gezahlt werden sollen, die HerrenKürzel, Neumann, Limburger, Göldnerusw. sind, die zu gleicher Zeit in Crim» mitschau-Werdau Jmitatspinnercien betreiben- Auch in Schweden, Italien und Rußland ist die dortige Imitat- spinnerei sehr erstarkt, und zwar ebenfalls dadurch, daß die „nationalen" Crim mitschau- Werdau er Imitat» spinn er Göldner, Schmelzer, Schön usw. in diesen drei Ländern Spinnereien errichtet haben. Ob sie dort noch schlechtere Löhne als in Oestreich bezahlen, wissen wir nicht! BerUn und Umgegend. Gegen den Achtstundentag der Nestes-, Buntdruck- und Golddrnck-Grnveurc, der iin November vorigen Jahres itach einer kurzen Bewegung in den meisten Werkstätten dieser Branchen durchgeführt wurde, ver- suchen die Prinzipale jetzt Sturm zu laufen und sie haben zu diesem Zweck eine neue Organisation nach dem Muster dcrKühnemänner ge» gründet. In der Versammlung, die den Gründnngsbeschluß faßte, unterzeichneten 53 Arbeitgeber ein Schriftstück, das folgende Be« ffimnumgen enthält: „Die Mitglieder verpflichten sich, alle an sie herantretenden For- dcrungen durch Rkehrhcitsbeschlüsse zu regeln. Die grundsätzliche Forderung dcS Achtstundentages wird abgelehnt; cS bleibt bet der Arbeitszeit, welche bis zum 12. November 1903 bestanden hat. jedoch soll die tägliche Arbeitszeit von neun Stunden nicht überschritten werden. Der Minimallohn soll im Princip 20 M. für Aus» gelernte betragen."(Im November wurde als Minimallohn ftir AnSgelcrnte 2t M. festgesetzt.)„lleberstunden werden nach den bestehenden Lohnsätzen mit 25 Proz. Aufschlag bezahlt. Den Arbeits» Nachweis führt Kollege Hoffmann. Gehilfen werden nur dessen durch Vermittelmig eingestellt. Sind keine geeigneten Kräfte zu finde», so sind die Zeitungen zu benutzen. Obige Bestimmungen sind von mir angenommen, ich verpflichte mich nnterschriftlich zur strengsten Einhaltung derselben. Sie treten vom 1. Januar 1904 ab in Kraft." sFolgcn die Unterschriften.) Diesem Beschluß gemäß haben denn eine Anzahl Firmen ver» sucht, den Achtstundentag, zu dessen Jnnchaltung sie sich November der Gchilfenorganisastoii gegenüber u n t e r s ch r i f t l i ch verpflichteten, wieder abzuschaffen und somit einen Vertragsbruch begangen. Die Gehilfen ließen sich das selbstverständlich nicht gefallen und traten in den Ausstand, der sich nun ans folgende Firmen erstreckt und zusammen 28 Arbeiter umfaßt: Kreibich, Haack u. Co., Renaud, Jacob. Grieb, Scholz. Meißel, Paal, M ü h l in a n n und H o l l st e i n. Einige dieser Firmen suchen die Arbeitgeber- Beschlüsse und zugleich auch den im November ge- schlosscnen Vertrag zu umgehen, indem sie zwar die ftühcre Arbeits» zeit wieder einführen, jedoch die Zeit, die über acht Stunden gearbeitet wird, als Ueberstunden bezahlen wollen. Mit diesen Vorkommnissen befaßte sich an, Dienstag eine gut- besuchte Versammlung der Gehilfen der genannten Branchen, die im Gcwerkschaftshause tagte. Der Referent E.Brückner, der über »die wahren Absichten der neuen Prinzipalsvcreinigung" sprach, ver- urteilte scharf da? Verhalten der bertragSbrüchig gewordenen Arbeit- geber und ermahnte seine Kollegen, das, was Ende vorigen Jahres errungen Ivurde, mit aller Kraft zu verteidigen. Das Verhalten der- jenigen Kollegen, die sich durch die Ueberstunden-Bezahlung für die Zeit, die über acht Sjundcn gearbeitet wird, verleiten liehen, wieder in die betreffenden Werkstätten zu gehen, wurde solvohl vom Refe- reuten als auch von den Diskussionsrednern als durchaus verwerflich bezeichnet. Der Referent berichtete ferner mehreres über die letzte Versammlung der Arbeitgeber, die am Freitag voriger Woche statt- gefunden hat. Hier haben einige der Herren recht grohe Worte ge- braucht, einzelne aber auch zur Mäßigung lind Besonnenheit ge- mahnt. Man redete, wie das bei solchen Gelegenheiten üblich ist, davon, daß man Herr im Hause bleiben müsse; auch wurde die Mei- uung laut, man müsse sich der Vereinigung der Metallindustriellen, dem Kühnemänner-Verbaiid, anschließen, und einer befürchtete sogar, daß der Zukunftsstaat hereinbräche, wenn man die Forde- rungen der Gehilfen bewillige. Auch schwarze L i st e n haben die Arbeitgeber bereits hergestellt und darin die besonders gefährlichen Elemente durch fetten Druck besonders gekennzeichnet. Alle diese bedrohlichen Reden und Maßnahmen vermögen jedoch den Ausständigen keine Furcht einzuflößen. Die Arbeitgeber bedenken offenbar nicht, daß sie es jetzt nicht mehr mit dem früheren Lokal- verein, der 100—200 Mitglieder zählte, zu thun haben, sondern mit dem über ganz Deutschland verzweigten Verband der Graveure, der in Berlin allein 700 Mitglieder hat und über einen wohl organi- sierten Arbeitsnachweis verfügt, gegen den ihr eigner Nachweis nicht aufzukommen vermag, so lange die Gehilfen ihn streng meiden, wozu der Referent die Anwesenden aufforderte. Arbeitslose Kollegen sollen sich, und zwar sofort bei Eintritt der Arbeitslosigkeit, nur im Central-Arbeitsnachweis des Verbandes, bei E. Brückner, M a r i a n n e np l a tz S, Hof I melden. Die arbeitenden Kollegen sollen, so lange der Ausstand oder die Aus- sperruna dauert, keine Ueberstunden machen, dafür die Einstellung Arbeitsloser verlangen und im übrigen genau Obacht geben, daß nirgendwo Streikarbeit gemacht wird. Diese Maßnahmen wurden vom Referenten empfohlen und in der Diskussion allgemein gebilligt. Oeutlcbes Relch. Terrorismus gegen Christlich-Organisierte. Die Firma Hensmann in Groß-Königsdorf bei Köln beschäftigte neben ihrem sonstigen Personal auch eine Anzahl Strafgefangener. DaS ging selbst ihren christlich-organisierten Arbeitern wider den Strich; sie unternahmen Schritte dagegen mit dem Erfolg, daß die Slrafgefangeuen von den Beschäftigungen innerhalb des Betriebes ausgeschlossen und nur noch für solche außerhalb der Fabrik zu- gelassen wurden. Bald darauf entließ die Firma vier Arbeiter. Einer von diesen war nur ein halbes Jahr, der zweite immerhin ein Jahr, der dritte sogar vier und der letzte von ihnen die respektable Zeit von vierzehn Jahren(!) für das Ge- schüft thätig. Die Entlassung mußte also einen be- sonderen, ungewöhnlichen Grund haben und sie hatte ihn auch. Die Entlassenen waren nämlich die— Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe des christlichen Metallarbeiter-Ver- band es! In ihr Entlassungs-Zeugnis schrieb man den auf die Straße Geworfenen:„Seine Entlassung erfolgt, weil derselbe einein Verbände beigetreten war. wovon ich Mitglieder in meinem Betriebe nicht dulde." Die katholische Provinzpresse druckt überall die Waschzettel der Scharfmacher als eigne Meinung nach, in denen behauptet wird, die Aussperrung in Crimmitschau wäre das Werk der Socialdemokratie. Wie nun, wenn jemand diese Logik auf die Maßregelung in Groß- Königsdorf übertrüge und sagte: Das Centrum trägt die Schuld an dein Gewaltstreich der Firma HenSmann I Der Vorfall zeigt jedenfalls erneut, was jeder Verständige längst wußte: Ob die Arbeiter einer christlichen oder einer freien Gewerkschaft angehören, ob sie ihrer politischen Ueberzeugung nach ultramontan oder socialistisch gesinnt sind, daS alles ist dem Unter- nehmer gleichgültig— nur Forderungen dürfen sie nicht st e l l e n. Jeden Gedanken an eine Verbesserung der Lebenshaltung schimpft der Kapitalist„SocialismuS", wie zweifellos eine Eule alles, was ihr unangenehm ist..Sonnenlicht" schimpfen würde, wenn ihr die Sprache gegeben wäre. Die Nürnberger Dachdecker haben in einer am Sonntag tagenden Versammlung die Beschlüsse des Verbandstages zu Dortmund, soweit sie Agitation und ZcitungSfragen betreffen, verworfen und ein- stimmig beschlossen, die Kranken- und Arbeitslosen-Unierstützung für Nürnberg einzuführen und die Beiträge auf 50 Pf. zu erhöhen. Als Muster-Arbritgederin hat sich die freisinnige Stadtvertretung Nürnbergs wieder einmal bewährt. Die Arbeiter der städtischen Grubenentleerung müssen viele Ueberstunden machen, für die sie keinen Pfennig Vergütung bekommen. Nun haben sie die nur be- rechdigte Forderimg gestellt, daß ihnen die Ueberstunden besonders be- zahlt werden, und zwar mit 25 Proz. Auffchlag. Die freisinnige Stadt- Verwaltung glaubt aber das nicht thuii zu können, was in den mefften Privatbetrieben schon längst durchgeführt ist, sie wies das Gesuch ab. da die Ueberstuiiden eine Eigentümlichkeit des Betriebes und die Löhne der Grubenarbeiter schon ohnedies höher seien als die andrer städtischer Arbeiter. Diese übersteigei, aber selten den Betrag von S Mark pro Tag. Rur den Maschinenarbeitern und den Schlauch- legem wurde eine tägliche Lohnerhöhung von 20 resp. 15 Pf. gewährt. Bei der Charlottenburger Gewerkschafts- Kommisston gingen für die ausgesperrten und streikenden C r i m m i t s ch a u e r T e x t l l- a r b e i t er solgende weitere Beiträge ein: »1 A u f Listen: Durch Unvcrsährt 13,20. Putzer d. Schulze 3,25. Metallarbeiter b. Blume 26,10. Tischlerei G. Kuhnert 27,—. Arbeiter der chirurg. Iustrumenlcnsabrik v. Krüger, 2. Rate 6,50. Gesammelt v. Kucke 3.35. Durch Escheubach 6,10. Patzer d. Wilde 5,80. Gesamniclt von Grüger 6,—.'Arbeiter der Firma March 11,50. Bautischlerei Martens uurch Nieder 13,05. Gesammelt von Dich 16,15. Maurer imch Krüger 0,00. Durch Töpper 1,00. Durch E. Müller 17,00. tzandlungsgehilsen d. Lölvenbcrg 11,80. Handlungsgeh. d. Grcwling 30,10, darunter 23,55 vom Maschincnpeisonal des Bert. Lokalauzeigers. Maler d. Jäger 1,80. Sattler d. Lange 3,15. Handlungsgehllse» d. Ucko 11,20. Lollarecht 1,30. Martins 8,50. Hcllwig 1,75. Martins, Liste Nr. 18371 5,00. Anschläger b. Haut 0,—. Welnas 7,50. iNotorcnsabrik Daimler,'Abt. 8 8,80. Alle Maurer der Gasanstalt Schmargendorf bis aus eine», 3. Rate 11,20. Luchdrucker CharlottenburgS 22,15. d) Sonstige Zuweisungen: Vom gcmütl. Beisamniensenl der Zimmerer d. Heinrich 11,75. Gemütliche Staulmtisch-Gesellschast b. schlesischen Albert 7,—. Gesammelt am Biertisch von Jassc 2,—. Eine Webersamilic and ein verunglückter KrciSsägenschncidcr 3,—. Ein Dienstmädchen vom -Weihnachtsgeld. Berlin 2,—. Von den Prozenten des Vorstandes der Ecntral-Krankcn- u. Sterbelassc der Zimmerer, Zahlst, Charlottenburg 10,—. Vom Lotterieklub„Gliickseckc" 21,20. Amcrik. Auklion deS Rauchklubs „Edelweiß" 15,—. Siwesterseicr bei Lcupold 3,60. Rote Silveftcrscier bei Barisch 6.60. Maler, Bau Meißner, Rixdors, d. Schubert 10,—. Lotterie- verein„Eintracht", Charlottcnburg 13,55. In Summa 122,05 M, Bereits quittiert 2452,08 M. Gesamtsumme 2871,7 t M. Weitere Beiträge nimmt entgegen Franz Jost, Wallsw. 68. Soziales. Aerzte und Krankenkassen. Die Arbeitervertreter der Ortskasse Leipzig haben in einer Versammlung zur Aerztesrage Stellung genommen. Genosse Fräßdorf hielt einen Vortrag, und in der ausführlichen Diskussion stimmten ihm sämtliche Redner rückhaltlos zu. Es wurde eine Re- solutiou angenommen, in der die Vertreter den Ausführungen Fräßdorfs zustimmen. Sie erklären sich damit einverstanden, daß nach dem Vorschlage des Kassenvorsrandes das Pauschale von 4,50 M. auf 5,50 M. erhöht wird, betauen aber, daß auf keinen Fall weiter gegangen werden soll. Eventuell soll das Bezirtsarztsystem eingeführt werden. Die Aerzte verlangen, daß das Pauschale für verheiratete Mit- gliedcr von 4,50 M. auf 12 M. erhöht werde. Die von der Kasse angebotene Erhöhung bedeutet für jeden Arzt im Durchschnitt etwas über 500 M. jährlich, insgesamt 140 000 M. Die Krankenkassen in Kol n haben jetzt bereits 35 Aerzte an- gestellt, 9 andre werden in den nächsten Tagen die Praxis aufnehmen und mit 15 weiteren stehen sie in Unterhandlungen. Die Aerzte werden auf 3 Jahre zu einem Jahreseinkommen von 6000 M. verpflichtet. Damit dürfte für Köln die Frage gelöst sein, ebenso wie eS in M ü l h e i m a. Rh. der Fall ist. Dem Reichstage sind die üblichen Uebersichten über die Rechnungsergcbniffe der Berufsgenossenschaften, der Bcrsicherungs- anstalten und über die vom Reiche unterstützten Baugenossenschaften zugegangen. Wir werden sie noch im einzelnen behandeln. Bauarbeiterschnb in Baden. Seit Jahren petitionieren die Bauarbeiter Badens beim Landtag um Erlaß einer vernünftigen Bauarbciterschutz-Vcrordnung. Es braucht hier wohl nicht besonders erwähnt zu werden, daß die Petition regelmäßig sehr eingehend und wohlbegründet ist, denn die Zahl der Unfälle ist leider statt im Ab- nehmen im Zunehmen begriffe». Bisher hat nun trotzdem die Re- gicrung die dringende Angelegenheit unter allerhand faulen Aus- reden verschleppt. In der ersten Sitzung des Landtags nach den Wcihnachtsferien wurde sie sehr nachdrücklich von dem Abg. Genossen Eichhorn interpelliert und versprach endlich, in drei bis vier Monaten die Verordnung herausgegeben.— Das„ardeiterifreundliche" C e n t r u m konnte sich die Gelegenheit zu einem Vorstoß gegen den Arbeiterschutz nicht verkneifen. Der Abg. Zehnter, gleichzeitig ultramontaner Rcichstags-Abgeordncter. verlangte, daß bei dieser Bauarbeiterschntz-Verordnung dem flachen Lande eine Ausnahmebehandlung zu teil werde. Auf dem Lande soll, um Bauern und bäuerliche Bauunternehmer nicht zu belasten, weiterhin ein frevles Spiel mit Leben und Gesundheit der Arbeiter getrieben werden. Die socialdcmokratische Fraktion hat den Herren vom Ccntrum mit dieser merkwürdigen Arbeiterfreundlichkeit bös heim- geleuchtet, und so gestaltete sich die Sitzimg auch noch zu einem hübschen parlamentarischen Erfolg für die Arbcitervertrctung. Arbeitseinstellung ist Erpressung. Die bekannten Gerichts- urteile, durch welche die Forderung von Lohnerhöhungen unter Androhung einer Arbeitseinstellung mehrfach als Erpressung behandelt worden sind, hat eine so vollständige Verwirrung aller Rechts- begriffe herbeigeführt, daß Unternehmer schon beginnen, die Arbeits- einstellung überhaupt als Erpressung zu betrachten. So heißt es in einem Cirkular des Unternchmcrverbandes im Kreise Solingen, das von der„Bcrgischen Arbeiterstimme" veröffentlicht wird: „Vor allem thut es not, die Erpressung solcher ungerechten Forderungen durch Arbeitseinstellung ein für allemal aus den Mitteln auszuscheiden, welche irgend eine Aussicht ans Erfolg bieten." Dabei wird nicht einmal irgend eine bestimmte Forderung ge- nannt, sondern nur ganz allgemein von übertriebenen und gemein- schädlichen Forderungen der Arbeiter gesprochen. Tie Gcwerbe-Ordnnng bezeichnet die Koalition zum Zwecke der Arbeitseinstellung als straflos, Gerichtspraxis und Unternehmer- bewußtsein aber im schönen Verein sehen in der Arbeitseinstellung zur Durchsetzung von Forderungen Erpressung. Das Verbot der Verwendung von Bleifarben wird in einer Petition verlangt, die von dem Borstand der Vereinigung der Maler, Lackierer, Anstreicher, Tüncher und Wcißbinder soeben an den deutschen Reichstag gerichtet lvordcn ist. Durch die Blei- vcrgiftungsgefahr im Malergewcrbe sind über hunderttausend Ar- beiter stets und ständig in ihrer Gesundheit bedroht, die Zahl der an Bleivergiftung und ihren Begleiterscheinungen erkrankenden Bcrufsgenosscn ist eine erschreckend große. Da alle Schutzmahrcgeln bei der Verwendung von Bleifarben sich im Maler- und Anstreicherberufe bisher als vergeblich erwiesen haben, wird auf Grund eines reichhaltigen Materials und gestützt auf fachmännische und ärztliche Gutachten das Ersuchen an den Reichstag gerichtet: ein Verbot der Bleifarben-Verwendung auf reichsgesetzlichem Wege herbeizuführen. Die Petition verbreitet sich zunächst eingehend über den Umfang und die bisherige Bekämpfung der Bleivergiftung und giebt eine Dar- stcllung der jetzt bestehenden Schutzvorschriften. Dann werden Ersatzmittel für das Blciweiß und die Bleifarben angeführt, es wird auf die Vorteile der Ersatzmittel hingewiesen und die Gutachten für das Bleiweiß werden kritisch beleuchtet. Die Petition kommt auf Grund statistischer Nachweise und sachverständiger Gutachten von Hygienikern wie Fachleuten zu dem Schluß: 1. Daß die Gefahr der Bleivergiftung namentlich für Maler, Lackierer, Anstreicher und ähnliche Erwerbsthätige eine außerordentlich große ist, die schwere und häufige Erkrankungen, langandauerndes Siechtum und srübcn Tod zur Folge hat. 2. Daß die Bekämpfung der Blcivcrgiftunaen bisher eine unzureichende, namentlich im Deutschen Reiche ist,'oas hierbei hinter dem Anstände weit zurückblieb. 3. Daß die vor- handenen Schutzvorschriften die eigentliche und größte Gefahr nicht beseitigen und bei den auf nicht ständigen Arbeitsplätzen beschäftigten Malern auch nicht beseitigen können, selbst wenn sie noch so streng gesaßt und durchgeführt Iverden. 4. Daß ein ungiftiger Ersatz für Bleiwciß in Zinkweiß und Lithoponc vorhanden ist, der alle technischen Ansprüche erfüllt. 5. Daß die gegenteiligen Gutachten, die sich für eine Uncrsetzlichleit des Bleiweißes und dessen Unschödlichleit aus- sprechen, in einseitigster Weise von Geschäftsinteressen diktiert, jeder technischen Begründung entbehren, andrerseits mit den praktischen Erfahrungen zuverlässiger, objektiver Sachverständigen ans technischem wie hygienischem Gebiete in schroffstem Widerspruche stehen. Aus allen diesen Gründen rechtfertige sich die Forderung: die Ber- Wendung des Bleiweitzes im Malergewerbc zu verbieten. Bei- gefügt ist der Petition ein Anhang: Auszüge aus den Kranken- rcgisrern der Berliner Qrts-Krankentassc der Maler.— Im Interesse des Arbeiterschutzcs, insonderheit der Angehörigen deS Malerbcruses. wäre es sehr zu wünsche», daß der Reichstag den Wünschen der Petenten Rechnung tragen möge. Tie Gewerbegerichtswahl in Ulm wurde zum erstenmal nach dem Provortionalsystcm vorgenommen. Es wurden 997 Zettel ab- gegeben, davon entfielen auf die freien Gewerkschaften 549, auf die Hirsch-Dunckerschen Gcwerkvereine 207 und ans die vereinigten christlichen Vereine 226. Die freien Gewerkschaften erhalten 7, die Hirsch-Dunckerschen 2 und die christlichen Vereine 3 Beisitzer. Wenn man das Ergebnis der Wahl betrachtet, ist es nicht schwer zu begreifen, weshalb in Ulm das Proportionalwahlsystcm eingeführt wurde._ Berliner partei-Hngelegenbeiten* Grünau. Die Gemeinde-Wählerlisten liegen in der Zeit vom 13. bis 30. Januar im Gcmeindcgebäiide Zimmer 2, von 9 bis 3 Uhr aus. Wähler, welche verhindert sind, die Listen selbst einzusehen, mögen sich unter Mitbringung einer Legitimation an Ennl Stabbert, Restaurant„Zur grünen Ecke", wenden. Britz. Die Generalversammlung des Wahlvereins findet Freitag, den 15. Januar, abends S'/z Uhr, bei Weniger, Werderstr. 27 statt. Genosse Richard S t r a in m- Berlin hält einen Vortrag über das Thema:„Der Revisionismus in der Partei". Pankow. Den Parteigenossen zur Nachricht, daß im März die Ergänzungswahlen zur Gemeindevertretung stattfinden. Die Wähler- listen liegen im Rathause, Zimmer 6, vom 15. bis 30. Januar, in der Zeit von 9 bis 3 Uhr und Sonntag, den 17. und 24.. in der Zeit von 9 bis 1 Uhr, zu jedermanns Einsicht aus. Da durch Ministerial-Verfiigung vom 1. September 1902 die Gemeinden angewiesen sind, keine Abschriften der Wählerlisten zu gestatten, so müssen die Genossen erst recht sich davon überzeugen, ob sie in die Wählerliste eingetragen sind. lokales. Die Orts-Krankentassr der Cigarrenmacher, Cigarrensortierer und deren gewerblichen Hilfsarbeiter hat in ihrer Generalversammlung beschloffen, die in den Cigarettenfabriken beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, welche zur Zeit bei der Allgemeinen Orts-Krankenkasse gewerblicher Arbeiter und Arbeiterinnen versichert sind, in ihre Krankenkaffe aufzunehmen. Dieser Beschluß hat auch die-Zustimmung. der Generalversammlung der AllgemeinenOrts-Krankenkasse gewerb» licher Arbeiter und Arbeiterinnen gefunden. Widersprüche gegen die beabsichtigte Zuweisung der betreffenden Mitglieder können bei der Gelverbedeputation des Magistrats, Stralauerstr. 3—6, bis 15. Januar erhoben werden. Bon den städtischen Ricselgütcrn. Die Stadt Berlin besitzt zur Zeit acht verschiedene Rieselgutsverwaltungen, sogenannte Administrationsbezirke in Osdorf, Großbeeren, Sputendorf. Falken« berg, Malchow, Blankenfelde, Buch und Schmetzdorf, mit einem Besitzstande von 13 250 Hektar am 31. März 1903. Die Verwaltung der Rieselfelder, die demnächst in der Hand des Professors Dr. Back- haus-Königsberg i. Pr. vereinigt werden soll, schließt am 31. März 1903 ab und zwar mit einer Minder-Eiimahme von 55 299 M. und einer Mehr-Ausgabe von 23 419 M., also mit einem um 78 713 M. gegen den Boranschlag ungünstigeren Ergebnis. Bei Berücksichtigung der Differenz in dem Werte der Bestände am 31. März 1902 und am 31. März 1903 ergiebt sich als Ertrag der Güter für das Etatsjahr 1902/03 ein runder Betrag von 3 103 000 M. bei 2 872 000 M. Ausgaben, mithin ein Üeberschuß von 231000 M. An diesem Ueberschuß sind 5 Güter beteiligt, nämlich Sputendors mit 15 206 M., Falken- berg mit 118 390 M.. Malchow mit 37 209 M.. Blankenfelde mit 47 710 M. und Schmetzdorf mit 64 393 M. Drei Güter haben Zu- schüsse erfordert, Osdorf 29119 M., Großbeeren 15 364 M. und Buch 7032 M. Die Rieselfelder sind mit rund 105 Millionen Mark an den Anleiheschulden der Stadt Berlin beteiligt. Durch Tilgung usw. ist diese Summe auf 95'/., Millionen Mark zurückgegangen. Wenn es gelingen sollte, die Einnahme der Güter zu steigern, was nicht unmöglich erscheint, wenn man die Einnahmen der einzelnen Güter vergleicht, dann würde sich der neue Landwirt- schafts-Direktor Backhaus ein großes Verdienst erwerben. Arbciter-BildungSschnle Berlin, Gewerkschaftshaus, Engel-Ufer 15, Hof links 2 Treppen. Der Unterricht in Sociale Gesetz» g e b u n g(Entwicklung und Stand der Arbeiterschutz-Gesetzgebung im Deutschen Reich und im Ausland), Vortragender: Schriftsteller Simon K a tz e n st e i n. beginnt heute Donnerstag. In Rede- II e b u n g(Uebnngen in mündlicher Rede und schriftlichem Aufsatz), Vortragender: Schriftsteller Dr. Rudolf Steiner, am Freitag, den 22. Januar. Die Mitglieder der Gewerkschaften werden besonders auf den Kursus Sociale Gesetzgebung aufmerksam gemacht. Zum Dekan der medizinischen Fakultät der Friedrich Wilhelms- Universität wurde gestern an Stelle des verstorbenen GeheimratS Jolly der Geheime Medizinalrat Dr. med. Julius v. Michel, ordent- licher Professor der Augenheilkunde und Direktor der königlichen Klinik für Augenkranke, gewählt. Die Professoren der Fakultät ver- sammelte» sich zu der Wahl, bei der in einem ehrenden Nachrufe der Verdienste des verstorbenen Gelehrten gedacht wurde. Weitere Unfälle auf dem Eise. Auch vom vorgestrigen Tage werden eine Reihe von Unglücksfällen mit zum Teil tödlichem Ausgange gemeldet. Am Nachmittag gegen 2 Uhr liefen drei junge Niänncr den Langen-See entlmig; der eine Schlittschuhläufer blieb etwas zurück und lief, von der Bahn abweichend, in eine durch Stroh- bündel kenntlich gemachte Buhne. Ter Unfall war von dem 23jährigen Malergehilfcn Thiel aus der Barnimstraße bemerkt worden, der sich mit seinen Geschwister» in der Nähe der Unfallstelle auf dem Eise befand. T. warf sich platt ans das Eis und es gelang ihm auch, den schon völlig Erstarrten zu erfassen; hierbei geriet der Retter selbst i» Gefahr, in das offene Wasser zu stürzen; ihni leisteten die inzlvischen hinzugekommenen Brüder Beistand und nun konnte der junge Mann endlich gerettet werden.— Etwa eine Stunde später ertrank in der Dahme bei Grünau, in der Nähe des AusflusseZ aus dem Langen-See, der 28jährige Kaufmannsgehilfe Großkopf aus Berlin. Er lief mit einem Bekannten die Dahme entlang und geriet hierbei unmittelbar neben eine von einem Dampfer gezogene Fahrrinne. Das Eis gab nach und G. stürzte in die Fluten; es gelang ihm jedoch, die Fahrrinne zu durchschwimmen und an der östlichen Seite wieder festes Eis zu fassen. Von hier aus vermochte jedoch der Kaufmann nicht das Land zu erreichen, da ihm durch eine zweite Fahrrinne der Weg versperrt ivar. Er kehrte nunmehr nach der ersten Einbruchsstclle zurück, um seinen Freund zum Herbei- schaffen von Hilfe zu veranlassen, als das Eis unter ihm zum zweiten Male nachgab und G. in den Fluten verschwand. Rettungsversuche erwiesen sich als vergeblich.— Noch ein dritter Unfall hat sich am Tage vorher auf der Dahme in der Nähe der Spreemündung bei Köpenick ereignet. Dortselbst spielte eine größere Zahl von Kindern auf der Eisfläche, als diese plötzlich barst und der 12jährige Knabe B. aus Köpenick unterging. Obwohl Hilfe sofort zur Stelle Ivar. gelang es doch erst nach längerer Zeit, den Kleinen dar Fluten zu entreißen. Das Kind, welches noch Lebenszeichen gab, wurde nach dem Krankenhause gebracht, doch ist sein Zustand fast hoffnungslos. Die zahlreichen Unglücksfälle, welche vom Sonntag gemeldet wurden, haben Beranlassung gegeben, daß in den Schulen die Lehrer auf die Gefahren des Eissports aufmerksam machten und die Schüler dringend vor dem Betreten polizeilich nicht freigegebener Eisflächen warnten. Eine Dicbesjagd gab es gestern abend am Stralauer Thor. Eine Frau B. fand bei der Rückkebr in ihre im Hause Oberbanmstr. 2 belegene Wohnung einen Einbrecher bei der Arbeit. Dieser ergriff sofort die Flucht, doch die kouragicrte Frau verfolgte ihn unter lauten Hilferufen. In der Mühlenstraße ergriff man den Dieb und brachte ihn nach der Wache. Im Augenblick der Verhaftung ent- ledigte sich der Einbrecher mehrerer Dietriche, welche später gefunden und der Polizei übergeben wurden. Aus Furcht vor einer Operation vergiftet hat sich die 68 Jahre alte Arbeiterftan Johanna Braunert aus der Jagowstraße 13. Die seit 22 Jahren von ihrem Manne geschiedene Frau, die bei ihrer verheirateten Tochter wohnte, verdiente sich im Winter mit Kartoffelschälen in Kasernen und im Sommer mit Arbeiten im Tiergarten noch selbst ihren Lebensunterhalt, bis sie im vorigen Jahre auf dem rechten Auge am grauen Star erkrankte. Räch der ersten Operation erklärte sie einer Nachbarin, sie wolle lieber sterben als sich noch einmal operieren lassen. Als jetzt in der That eine zweite Operation notwendig wurde, nahm sie Gift und starb daran im Krankcnhause. Nach Hannover gebracht wurden zwei Zigeuner, die vor einigen Tagen die Polizei in Köpenick unter dem Verdacht deS Mordes fest- nahm. Vor längerer Zeit wurde bei Hannover ein junger Zigeuner. der mit einem Mädchen einer andern Bande gegen den Willen der Angehörigen ein Liebesverhältnis anknüpfte, erschossen. Die Mörder zertrümmerten ihm auch noch den Kopf bis zur Unkenntlichkeit, um ihre Ermittelung zu erschweren. Die steckbriefliche Verfolgung der Verdächtigen hatte dadurch mit Schwierigkeiten zu kämpfen, daß es unter den Zigeunern unzählige Petermanns giebt. Nun Ivurde, wie wir mitteilten, am Sonnabend vor acht Tagen hier in der Müllerstraßc eine Frau Petermann wegen schwerer Kuppelei festgenommen und gab an, daß ihr Mann und ihr Neffe sich bei Köpenick aufhielten. Hier wurden die beiden auch er- mittelt und vorläufig in Gewahrsam genommen. Da nun ein Plann aus Hannover bekundet, daß er sie damals in jener Gegend bei der verdächtigen Bande gesehen habe, so wurden sie dem UntersuchungS- richter beim Landgericht Hannover zugeführt. Der berüchtigte Wilddieb Paul Trcmpler ist wieder festgenommen worden. Ihm wurden nach seiner tollkühnen Flucht aus einem Eisenbahnzug allerlei Unthaten, die er in den Wäldern zwischen NowaweS-Neucndors und Beizig verübt haben sollte, nachgeredet. Es hat sich herausgestellt, dciß die vorgekommenen Thaten von andren verübt wurden, denn Trempler war es bereits gelungen, bis nach der Schweiz zu entfliehen, wo er sich, wie jetzt festgestellt wurde. in Zürich längere Zeit aufhielt. Die Schweiz hätte Trempler, der nur wegen Jagdvergehens verfolgt wurde, voraussichtlich gar nicht ausgeliefert, so daß er dort unangefochten hätte leben können. Aber die Sehnsucht nach der Heimat war bei dein Wilderer größer, als !>aS Gefühl der Freiheit. Er verlieh die Schweiz und wanderte durch Süddeutschland unter seinem richtigen Namen. Mehrmals wurde er krank und fand Aufnahme in Krankenhäusern. Die Gemeinde- Verwaltungen reichten dann die Rechnungen über die Kurkosten an Tremplers Heimatsbehörde in Nowawes ein. Man schrieb dann von Nowawes aus regelmäßig sofort zurück, Trempler festzunehmen, aber jedesmal, loenn die Schreiben eintrafen, war er schon wieder tociter gewandert, bis er schließlich doch im Hannoverschen gefaßt wurde. Vermißt wird seit dein 4. April 1903 der Milchhändler Hermann Heinrich, am IS. September 1857 zu RederSwalde(Kreis Anger- müude) geboren. Beschreibung: 1,72 Meter groß, dunkelblond, blaue Augen, Zähne vollständig, Gestalt schlank, Gesichtsfarbe blaß, blonder Schnurrbart, an der rechten Hand drei Finger steif.— Bei seinem Fortgange war derselbe bekleidet mit neuer, grauer Dcckelmütze, braunem Jackett, grauer Weste, schwarzen Hosen und schwarzen Zug- stiefeln.— Personen, welche über den zeitigen Aufenthalt oder Ver- bleib des Genannten Angaben machen können, werden ersucht, dies entweder schriftlich oder mündlich in einem Polizei-Revier oder der Kriminalpolizei zu Nr. 2947 IV. 11. 03, Zimmer 326, mit- zuteilen. Wegen schwerer Urkundenfälschung wird der frühere Polizei- Wachtmeister Bernhard Schulte aus der Prinzen- Allee steck- brieflich verfolgt. Schulte, ein Mann von 37 Jahren, stammt aus Brunskappel. diente beim 4. Magdeburgischen Infanterie- Regiment Nr. 67, das jetzt in Metz liegt, und ging als Unteroffizier zur hiesigen Schutzmannschaft über. Nachdem er bei einem Revier im Osten zwei Jähre Wachtmeister gewesen war, wurde er im Jahre 1900 wegen pflichtwidrigen Verhaltens gegen Gastwirte ohne Pension entlassen. Nun war er eine Zeit laug Schreiber bei einem Rechts- anwalt und wurde dann Verwalter des Hauses Prinzen-Allee 25/26, in den: er zugleich ein„Privatdetektiv- Institut" gründete. Das Institut bestand einzig und allein aus seiner Person, seine Haupt- bcschäftigung war die Einziehung von Forderungen. Hierbei ließ er sich die Urkundenfälschungen zu Schulden kommen. Wenn er einem Schuldner den Zahlungsbefehl hatte zustellen lassen, so änderte er auf seinem Exemplar das Datuni und ließ auf Grund dieser Fälschung vor Ablauf der Widersprnchsfrist vollstrecken, um unkundigen Leuten keine Zeit zu geben, sich zn erkundigen. Bei emer Arbeiterftau und einem Schuhmacher in der Prinzen-Allee gelang ihm der Schwindel. Von jener erhielt er 190, von diesem 140 M. Ein Hausverwalter in der Koloniestraßc, der 64 M. bezahlen sollte, kam gleich hinter die Fälschung und zeigte sie an. schulte wurde daraufhin anfangs Dezember' festgenommen, nach einem Tage aber ivieder auf freien Fuß gesetzt. Dann war er drei Wochen in einer Nerven-Heilanstalt in Weißensee. Am 22. Dezember als geheilt entlassen, entfernte er sich am 24. unter dem Vorwande, wegen Unwohlseins etwas an die frische Lust gehen zu wollen, aus seiner Wohnung und kam nicht wieder. Jetzt sucht ihn der Unter- fuchungsrichter beim Landgericht I durch einen Steckbrief. Die Frau des Flüchtigen lebt niit zwei Kindern im Alter von zwei Jahren und sechs Monaten in bedrängter Lage. Die Entbindungsanstalt der Charite ist jetzt so überftillt, daß vorläufig keine Ausnahmen mehr stattfinden können. Die notwendige Abweisung von Aufnahmesuchenden hat in den letzten Tagen bereits zu Unliebiamkeiten geführt. Zeugen-Gesuch. Diejenigen Personen, welche gesehen haben, wie mn 2. Januar zlvischen 9 und 9V, Uhr, abends, vor dem Hause Fruchtstraße 69, ein Mann infolge des Glatteises gefallen ist, werden gebeten, ihre Adresse bei Lange, Fruchtstraße 68, vorn 3 Treppen, abzugeben. Besonders die Dame, die den Mann fragte, ob er sich Schaden gcthau habe, wolle sich melden. Feuerbcricht. Die Berliner Feuerwehr ist in diesem Monat schon 200 mal alarmiert worden. Gestern abend erfolgten Alarme nach der Gubenerstr. 69, Anklamerstr. 35 und Kommandantenstr. 49. Dort brannten Schaufensterdckorationen, Seifenkartons, Gardinen, Wäsche, Kleider, Körbe u. a. Gleichzeitig mußte in der Feldzeugmeisterstr. 8 ein Küchenbrand gelöscht werden. In der Fürstenstr. 29 gingen Gardinen in Flammen auf, in der Zossenerstr. 26 standen Holz- regale, Spiritus u. a. in Flammen und in der Warschauerstr. 45 brannten Spähne ec._ Im Verein für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern beginnt am Donnerstag, den 14. d. M.. abends SV, Uhr, Herr Prof. Dr. RudolfLehmann seinen VortragSkursns über„Tic Dichter der deutschen Romantik" in der Aula des Luiscustädtischen Real- ghinnasiums, 8., Sebastianstr. 26. Eintrittskarten für den sechs Abende von sc anderthalb Stunden umfassenden Kursus zwn Preise von 1 Mark sind zu haben bei: Georg Belling, W., Lcipzigcrstr. 128; A. Schütz, O., Holzmarktstr. 69; Ehr. Tischendörfer. C, Sophien- straße 20; F.(£. Ledcrer, VV., Kurfürstcnstr. 79; Bernhard Staar, 8W., Friedrichstr. 259; Ccnlralstclle für Arbeiter- Wohlfahrts- einrichtungen, LW, Dessaucrstr. 14(8 bi» 3 Uhr), Huo den Nachbarorten. Die Beteiligung an den let-ten Schöncbcrgcr Gcwcrbcgcrichts» Wahlen war gegenüber den vorigen Wahlen auf beiden Seiten eine bedeutend größere. Für die Wahlen der Arbeitnehmer-Beifitzer war die neue BezirkSeinteilmig jedcufalls von Bedeutung. Während 1992 im ganzen gegen 899 Stimmen abgegeben wurden, sielen diesmal auf imsre Kandidaten gegen 1399 Stimmen, das find ctlva 62Proz. mehr. Nachdem es'jetzt gelungen ist, auS unsrer Mitte einen Arbeitgeber-Beisitzcr in der Person unsres Genossen Mechaniker Gabriel durchzubringen, dürfte für die Folge auch dieser«seile mehr Beachtung geschenkt werden. Der Ansang ist jedenfalls gc- macht, denn unfren 49 Stimmen standen nur 47 gegnerische gegenüber. Der Armenctat in Schöneberg wird den vorjährigen Ansatz mn 49 999 M. überschreiten. Für 1994 sind für Annenzwecke 336 359 M. ausgesetzt, dieser Summe steht eine Einnahme von nur 97 325 M. gegenüber. Die Armenpflegekosten für in der Fürsorge des hiesigen OrtsannenvcrbandeS befindlichen Personen betragen allein 14l 959 M. (im Vorjahre 112 550 M), die Krankcnpflegckostcn 137 999 Vi. <124 499 M.), die Armen- und Krankenpslcgekostcn für ortS- stellten Armenärzte Dr. Cohn. Dr. Samter, Dr.Bcgemann.Dr.Rabnolo Dr. Davidsohn bezichen je ein Gehalt von 1909 M.; an das Lichterfelder Kreis-Krankenhaus werden vertragsmäßig 53 299 M. gezahlt, für Heil- und VcrpflcgungSkostcn an Krankenhäuser werden 69 999 M.(im Vorjahre 49 999 M.), für Verpflegung von Irren, Idioten, Blinden und Taubstummen 17 499 M. verausgabt. An erstattete Ärmeupflege-Kosten seitens der Armenverbände dürsten 72 999 M. eingehen, die übrigen vereinnahmten 25 999 M. setzen sich zusammen auS besonders Verpflichteten, sowie aus Geschenken:c. Rixdorf. Ein Vertrag Sschwindcl zur Abivehr der Um- s a tz st e u e r wird, wie anderwärts, jetzt auch in Rixdorf praktiziert. Der Vcräußcrcr A. erklärt, das Grundstück Herrn B. zu einem bestimmtm Preise vorzubehalten, eS nicht ander- weitig zu veräußern und Herr B. erklärt darauf, für den Vorbehalt eine bestimmte Summe zu geben. Herr B. geht nun vielleicht mit einem andren, Herrn E., hinsichtlich desselben Grundstücks einen gleichen Vertrag"ein, nnd unter Umständen, wenn die Spciulations- sucht besonders grassiert, kommt es zn einer richtige» Kette der- artiger ein Grundstück umfassender Verträge. Es handelt sich t h a t- sächlich mn nichts weiter als um Abgabe und Erwerb des Grund- treffenden Leute zur klmsatzsteucr herangezogen. Natürlich großes Geschrei. Auch eine Anzahl Prozesse im Perwaltungsstreitvcrfahren warm die Folge. In seiner letzten Sitzung hat jedoch der Magistrat durch erneu Beschluß auf Rücknahme der Rechtsmittel in verschiedenen derartiger Prozesse die Waffen strecken müssen, nachdem das Ober- Verwaltungsgericht in einem Urteil vom Ende vorigen Jahres eine Besteuerung derartiger Verträge für unzulässig erklärt hat. Tie Rixdorfer K r a n k e ir h a u S- B a u d e p u t a t i o n hatte letzthin Beschlüsse gefaßt, die darauf abzielen, die Verwaltung der Krankenanstalt auf sie, die die Ausführung des projektierten großen Neubaues zu überwachen hat, zu übertragen und sie zu diesem Zwecke um zwei Mitglieder zu verstärken. Der Magistrat, dem diese Be- schlüsse unterbreitet worden waren, hat sich ihnen jetzt durch die Gc- uchmiguug angeschlossen. Der Magistrat bildete eine Kommission, die ermächtigt wurde, namens des Magistrats in G r u n d st e u c r- S t r c i t i g k e i t c n mit den betreffenden Grundbesitzern selbständig Vergleiche abzu- schließen. Der Kommission gehören an der Obcr-Bürgermcister, der Sradrbaurat und die Stadträte Wcinrcich und Niemctz. Im Falle der Behinderung des Ober-Bürgcrmeisters tritt Bürgermeister Voigt an seine Stelle. Die Durchführung der W o h n u n g s d c s i n f c k t i o n soll nach einem Magistratsbeschlusse durch weitere Anschafftingen gefördert werden. Die Vorbereitung des Etats im Magistrat macht Fort- schritte. Die Beschlüsse der Deputationen zu den Kapiteln Schul- Verwaltung, Kapital- und Schuldcnverwaltung und Gemeindesteuern wurden genehmigt. Ncu-Weißc»see. Die Jahresabrechnung für 1992 ist den Ge- meindcvcrtretcrn zugestellt worden. Die Rcchnnngsergcbnisse der ordentlichen Verwaltung lauten: 1. Allgemeine Verwaltung: Ein- nähme 6700,44 M.. Ausgabe 113 941,66 M.. mithin Zuschuß 196 251,22 M.; nach dem Haushaltsplan war geschätzt der Zuschuß 95 787,59 M., mithin schlechter 19 463,72 M.— 2. Armenverwaltung: Einnahme 28 563,32 M.. Ausgabe 85 376,59 M.. Zuschuß 56,813,27 Mark, geschätzter Zuschuß 47�593,51 M., mithin schlechter 9399,76 M— 3. Schulverwaltung: Einnahme 39 609 M., Ausgabe 275 998,83 M., Zuschuß 235 498,83 M., geschätzter Zuschuß 239 689,86 M., mithin besser 4281,93 Mark. 4. Friedhofs- nnd Markt- Verwaltung, Feuerlöschwesen: Einnahme 31 669,97 M., Ausgabe 19 821,92 M., Ueberschuß 29 839,05 M., geschätzter lkeberschuß 29 939,59 M., mithin schlechter 9l,45 M.— 5. Oeffentliche Straßen, Plätze, Wege: Einnahme 43 789,24 M.. Ausgabe 69 225,29 M., Zuschuß 25 445,05 M., geschätzter Zuschuß 46 622,96 M., mithin besser 21177,91 M.— 6. Kanalisation und Wasserleitung: Einnahme 168 252,58 M.. Ausgabe 171 394,96 M., Zuschuß 3142,38 M.— 7. Vermögens- nnd Schuldcnverwaltung: Einnahme 5472 M., Aus- gäbe 34 589,23 M., Zuschuß 29 198,23 M.. geschätzter Zuschuß 14 935,96 M., mithin schlechter 15 972,27 M.— 8. Steuerverwaltung: Einnahme 500 517,34 M., Ausgabe 64 133,56 M., Ueberschuß 436 383,73 M., geschätzter Ueberschuß 422 798,39 M., mithin besser 13 675,39 M.— Die Gesamt- Einnahme betrug 824 636,89 M., die Gesamt-Ausgabe 823 583,04 M.. verbleibt ein Bestand von 1953,85 M. — Die außerordentliche Verwaltung schließt ab in Einnahme mit 669 392,16 M., Ausgabe 656 789,69 M., so daß ein Bestand von 12 512,56 M. verbleibt. Im Haushaltsplan waren 699 999 M. in Einnahme und Ausgabe gestellt. Unter Hinzurechnung des Bestandes vom Jahre 1991 im Betrage von 66 685,04 M. und 2617,12 M. für verkaufte Pflastersteine ergiebt sich die höhere Einnahme. Obcr-Schöncweide. In der letzten Gemeinderats-Sitzung wurde die Neuwahl des SteuerauSschnsies für Kommunalsteuern vollzogen, dem auch der Genosse Grunow angehört.— DaS Ortsstatut betreffend Gemeindefeuerwehr wurde gegen den Einspruch unsrer Vertreter, welche die Sache wegen ungenügender In- formation vertagt wissen lvollten, genehmigt. Desgleichen ein Vertrag mit dem Forstfiskus wegen Befestigung des Friedhofs- Weges.— Mitgeteilt wurde, daß die Kosten der neuen Spreebrücke sich ans 599 999 M. beziffern. Mit der Montierung des eisernen Ueberbaues soll demnächst begonnen werden, so daß voraussichtlich im September die Brücke dem Verkehr übergeben wird.— Nach langen Verhandlungen mit der Gründerin des Ortes, der Grundrenten- gesellschaft, zwecks Heranziehung letzterer zn den Gcmeindelasten ist jetzt ein Vergleich zu stände gekommen, wonach die Grundrenten- gesellschaft 209 990 M. an die Gemeinde zu zahlen hat und letztere sich jeder lveiteren Forderung begicbt. Hierdurch gehen auch sämtliche Verträge mit Gesellschaften, wie Straßenbahn, Gaswerk, Wasserwerk auf die Gemeinde über, welche sämtlich bis 1950 laufen. Erreicht ist hierbei, daß vom Jahre 1999 ab die Gemeinde aus den Brutto-Einnahmcn des GaslverkeS einen Gewinn von 5 Proz. zieht. Schwer lastet auf der Gemeinde der Wasservertrag mit dem Werk der Gemeinde Rummelsburg, nach welchem der horrende Preis von 39 Pf. pro Kubikmeter zu zahlen ist und»ach Ablauf der Erwerb des Rohrnetzes gegen Zahlung von 79 P r o z. der Herstellungskosten (nach 49 Jahren) in Airssicht steht.— Ein Antrag des Bürger- Vereins: Permehrung der Vertreter von 9 auf 18 wird in der nächsten Sitzung verhandelt. Ein diesbezüglicher Antrag unsrer Genossen ist seiner Zeit abgelehnt worden. Neues uns den Spandaucr Musterwerksrätten. Eine neue Ucbcr- raschung bereitet offenbar die Heeresverwaltung den Arbeitern der Spandauer Militärwerkstätten bevor: bürgerliche Blätter wissen nämlich zu melden, daß die Fcldzcngmeistcrei beabsichtige, an Stelle der männlichen Arbeiter billigere weibliche Arbeitskräfte zur Bedienung einer großen Anzahl leicht zu handhabender Maschinen einzustellen. Bezügliche Erhebungen sollen zur Zeit bereits im Gange sein!— Die hier angekündigte Maßnahme ist unsres MilitärstaatcS würdig; was kümmert ihn das Wohl seiner Arbeiter, ivas gar die in ihrer Finanzlage dadurch anfs neue arg bedrohte Stadt«Spandau! Die weibliche Arbeitskraft ist billiger, williger und läßt sich auch— ebenso wie der Mann— volle zehn Stunden a m T a g e ausnutzen! Aus Potsdam. Sehr hübsch war die Rede, mit der der Senior der Stadtverordneten- Versammlung, der frühere Hoftonditor und jetzige Rentier Hermann, die Leitung der ersten Sitzung übernahm. Die Rede lautete nach dem Bericht eines Lokalblattes:„Meine Herren! Ehe wir in unsre neue Arbeit für das Wohl und Gedeihen unsrer lieben Vaterstadt eintreten, war es bisher stets Sitte, unsres allvcrchncn Kaiserhauses zu gedenken. Ich bitte Sie daher auch heute, mit mir einzustimmen in den Ruf;„Unser allcrgnädigster Kaiser und König, unsre allcrgnädigstc Kaiserin und Königin, sowie sämtliche kaiserliche und königliche Prinzen»nd Prinzessinnen leben hoch— hoch— hoch!" Unter Erheben von den Plätzen folgten die Anwesenden begeistert dieser Aufforderung. Wenn lvir nicht irren, hat die Berliner Stadtverordncten-Vcr- saminluna bisher vergessen, die männlichen und weiblichen Anverwandten des Kaisers in ihre Lohalitätsbekundung einzubcziehcn. GencKts-�eiUiug. Tic Freisprechung des Professors TeditiuS, der angeklagt war, durch Mißhandlungen den Tod eines Schülers verursacht zu haben, haben wir gestern im Dcpeschcnteile bereits gemeldet. Zur Eharak- tcristik des Wahrspruches der Geschworenen tragen wir einige interessante Einzelheiten aus der Verhandlung nach. Ter Angeklagte sagte: Ich beteuere, daß ich an dem Tode des Knaben keinerlei Schuld habe. Ich habe die Züchtigungen stets nur in mildester Form vorgenommen. Daß ich den Busche mit dem Daumen unter das Kinn geschlagen habe, bestreite ich. Ich habe auch den Busche nicht an die Wand geworfen. Wenn er an die Wand geprallt ist, dann war das ein unglücklicher Zufall. Ais Busche am ersten Tage nach Wiederbeginn des Selmlunterrichtes. am 3. Januar 1993, wiederum die Zahlen schief an die Tafel schrieb, schien es mir, als lväre das böse Absicht. Ich rüttelte daher den Knaben nnd ver- setzte ihm eine Ohrfeige. Diese Züchtigung' war aber keineswegs geeignet, die Gesundheit zu schädigen.— Vors.: Es soll Ihre Gepflogenheit gewesen sein, auch die andren Schüler an den Rock- kragen zu fassen, zu schütteln, sie an die Wand zu drücken und als- dann zu ohrfeigen, so daß der 51 o p f an die Wand prallte.— Sin 3 ei 1,4 Herr Vorsitzender, da» SMttcln fclicÄ imma in de» zulässigen Grenzen, eine EcsmldheitZschädignng konnte daraus nicht entstehen.— Tic vernommenen Mitschüler schildern fast durchgängig den Vorfall wie der dreizehnjährige Quintaner Paul Hof f m a n n. der folgendes bekundet: Busche hatte die Zahlen schief an die Tafel geschrieben. Professor Tcditius, der gewöhnlich auf dem Katheder saß, rief Busche zu sich, faßte ihn mit beiden Händen am Rockkragen, schüttelte ihn, drängte ihn alsdann, indem er dem Busche den ziopf nach hinten drückte, an den Aktcnschrank und versetzte ihm eine Ohr- feige, so daß Busche mit dem Kopf an den Schrank anprallte. Alsdann trat Professor Dcditius mit Busche wieder au die Tafel und befahl ihm, nochmals Zahlen an die Tafel zu schreiben. Busche schrieb die Ziffern wiederum schief. Darauf faßte Professor Dcditius den Busche wiederholt an den Rockkragen, schüttelte ihn und drängte ihn, so daß der 5iopf nach hinten gebeugt wurde, wiederum an die Wand und versetzte ihm noch eine Ohrfeige, so daß Busche mit dem Slops heftig an die Wand prallte.— Auf Aufforderung des Vorsitzenden zeigt der Zeuge, in welcher Weise Dcditius den Busche an den Rock- kragen gefaßt und an die Wand gedrängt hatte, so daß der Slops nach hinten gebeugt wurde.— V o r s.: Wurdest Du auch in dieser Weise gezüchtigt?— Zeuge: Jawohl.— Vors.: Oftmals?— Zeuge: Na, bisweilen.— Vors.: AuS ivcleher Ursache nahm Herr Pro- fessor Tcditius solche Züchtigungen vor?— Z enge: Zumeist wegen schiefen Schreibens.— Vors.: Weinte Busche, als er am 8. Januar 1993 in der geschilderten Weise gezüchtigt wurde?— Zeuge: Jawohl, er weinte sehr heftig. Von den weiteren Aussagen ist besonders die herzergreifend, die der Vater des mißhandelten Kindes machte. Dieser schildert mit bewegten Worten, wie er alles aufgeboten habe, um seinen Sohn zu retten. Schließlich erblindete sein Sohn. Ich habe mein Kind viel- fach gefragt, so etwa fährt der Zeuge fort, was ihm eigentlich passiert sei, er sagte aber stets, es sei ihm nichts passiert. Endlich, etwa zwölf Tage vor dem Tode, rief mich mein Kind ans Bett und sagte: Papa, ich sehe jetzt meinen Tod vor Augen, ich will Dir jetzt be- kennen: ich bin von Herrn Professor D e d i t i u s furchtbar geschlagen worden, dadurch bin ich erkrankt. Ich sagte: Walter, Du bist doch wohl nicht ollein geschlagen worden? Nein, sagte Walter, eine ganze Reihe von Knaben ist von Professor Tcditius in heftigster Weise geschlagen worden. Walter nannte mir eine Anzahl Schüler, deren Namen ich aufschrieb. Am folgenden Tage begab ich mich zu Herrn Direktor Dr. Dannemann. Dieser sagte zu mir: Ich weiß, daß Professor Dcditius die Kinder schlägt, ich habe es ihm schon wiederholt verboten, er läßt es aber nicht. Ich kann doch schließlich nicht alle Tage durch die Klassen gehen. Nach- dein mein Kind gestorben war, kam ich in das Schulgcbäudc. Da kam mir Professor Teditius entgegen, reichte mir die Hand mit den Worten: Ich bekenne, daß ich Ihren Sohn in der Erregung geschlagen habe, ich bitte Sic inständigst, mir zu vergeben. Ich sagte: Ich kann wohl viel vergeben, aber wenn jemand mein Kind zu Tode prügelt, das kann ich nicht vergeben. Der Zeuge kann vor Weinen nicht iveitcr sprechen. Ein Zug tiefster Bewegung geht durch den Saal. Nachdem sich der Zeuge die Thränen getrocknet, bemerkt derselbe noch: Am folgenden' Tage feien Professor Dr. Beck und Stadtverordneter Dahl zu ihm gekommen nnd baten ihn. sie zu beauftragen, dem Dcditius übermitteln zu dürfen, daß er ihm ver- gebe. Er habe das aber mit Entschiedenheit abgelehnt. Nachdem sich noch die Sachüerständigcn in zum Teil wider- sprechender Weise geäußert hatten, wurden die Plädoyers gehalten, und die Geschworenen verneinten in später Nachtstunde die Schuld- fragen. Hierauf fällte das Gericht das eingangs erwähnte Urteil. Eine Skandalgeschichte aus Potsdam fand jetzt vor der dortigen Strafkammer ihren vorläufigen Abschluß. Bor derselben hatte sich der Besitzer der in der Brauerstratze 5 belegenen Hofapothekc„Zum Bären", Friedrich Luttcr, ein verheirateter Mann, ivcgen Be- leidigung der 11 resp. 9 jährigen Töchter des«schiffsbauerS P riebe zu verantworten. Die kleinen Mädchen wurden von dem Angeklagten, als sie dessen Apotheke eines TagcS betraten, gefragt, ob sie einen Bräutigam hätten und wie dieser aussehe. Im lveiteren Verlauf des Gespräches gebrauchte der Angeklagte schlüpfrige Redensarten und entblößte sich schließlich in sckxmiloscr Weise. Die Kinder machten von ihrem Erlebnis ihren Eltern Mitteilung, worauf der Vater Strafantrag gegen Lutter stellte. Das Schöffengericht verurteilte ihn zu 609 Mark Geldstrafe cvcnt. 60 Tagen Gefängnis, wogegen sowohl er wie die Statsanwaltschaft. welche eine Gefängnisstrafe festgesetzt wissen wollte, Berufung einlegte. Vor der Strafkammer wurde von der Verteidigung der Versuch gemacht, die beiden kleinen Mädchen als unglaubwürdig hinzustellen, doch schenkte der Gerichts- Hof ihnen vollen Glauben, sah aber mit Rücksicht auf die bisherige llnbescholtenheit des Angeklagten von einer Erhöhung der Strafe ab und erkannte ans Verwerfung der beiderseitigen Berufungen. Tie Kosten der Berufungsinstanz wurden zur Hälfte der Staatskasse, zur Hälfte dem Angeklagten auferlegt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Ocfsentlichkeit statt. Vom Schwurgericht in Halle wurde der Maurer Theodor«Scholl- bach aus Gräfenhainichen, geb. in Berlin, wegen Totschlags nach tz 214 zu 13 Jahren Zuchthaus und 19 Jahren Ehrverlust verurteilt. Er soll am 39. August vorigen Jahres als Wilddieb den Gemeindevorsteher Bcuthmann von Zschiescwitz im Wald« erschossen haben. VernuscKtes. Entsprungen. Wie der„Frankfurter Zeitung" aus Duisburg berichtet wird, ließen sich am Sonntag zwei m der Strafanstalt untergebrachte Gefangene, darunter ein zn lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilter Verbrecher, an Seilen aus dem Zellenfcnstcr hinab und entkamen. Trotz sofortiger Nachforschungen fehlt von den Flüchtigen bisher jede Spur. Zum Untergang des kanadffchen Dampfers„Allam" wird noch gemeldet: Dreizehn Leichen Ertrunkener, die beim Untergang der Rettungsboote des schissbrüchig gewordenen Dampfers„C.L. Allam" umgekommen sind,«sind bis jetzt von den zur Absuchung der Unglücksstelle abgcsaiidtcnDanipfbootcn aufgefischt worden. Diclleberlebendcn erzählen erschütternde Scencn, die sich beim Untergang der Rettungsboote ab« spielten. Ein Mann, dessen Name nicht bekannt ist, brachte seine Frau und seine beiden Kinder in dein ersten Rettungsboot unter, während er noch auf dem Wrack zurückblicb. Kaum war das Boot vom Schiffe abgestoßen, als es auch sofort kenterte. Als der Mann leine Frau und seine Kinder in den Fluten versinken sah, sprang er über Bord und ging mit ihnen unter. Ein junger Bankier Mr. Bolton ans Albcrta(Britisch Kolumbien) war mit>einer ihm erst vor zehn Tagen angetrauten jungen Frau ans der Hochzeitsreise. Auch er wollte seine Gattin vor allem in Sicherheit bringen und brachte sie in das erste Rettungsboot. Sic ertrank wie alle übrigen Insassen des Bootes. Der Gatte liegt halblvahnsinnig vor Schmerz im Hospital._ Marktpreise von Berlin nach Ermittelungen des 'Weizen, gut D.-Ctr. mittel gering„ »Roggen, gut „ mittel gering„ fGerste, gut „ mittel gering fHafcr, gut mittel gering Richtstroh Heu Erbsen. Spciscbohnen. Linsen * ab Bahn. am 12. Januar 1994 kgl. Polizeipräsidiilms. Kartosteln, neue D.-Ctr. RUldsieisch, Keule 1 kg do. Bauch„ Schwcincsleisch Kalbfleisch Hammelfleisch Butler Eier 69 Stück Karpfen 1 kg Aale Zander Hechle Barsche «schiele, Bleie Krebse per Schock 7.99 t.80 1,50 1,60 1,80 1,80 9,60 5,00 2,40 2,80 2,80 2,40 1,80 3,00 1,40 15,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1.10 2,00 3,00 4,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 t(tri Wagen und ab Bah». Walisn Sie Jhren Husfen�hre Erkälfung oder das Kifzeln im Halse las sein?r-Wollen Sie eine klare Stimme haben ond von Jhre�yerschlelmung beFreif sein gebrauchen Sie bitte Pascoe's Brust-Pastillen Das Getränk der Kinder. Wem die Gesundheit und das blühende Gedeihen seiner Kinder am Herzen liegt, der sehe streng darauf, dast sie keinen Bohnen- kaffee zu trinken bekommen, weil dieser nach ärztlicher Ansicht den kindlichen Organismus schädigt.— Für die Kleinen ist Kathrciners Malzkaffee, der gerade auf den jugendlichen und zarten Körper die wohlthätigste Wirkung ausübt, ein überaus bekömmliches Getränk, das von vielen Aerzten empfohlen wird. Die Erfahrung lehrt, dast Kathreiners Malz- kaffee mit Milch gekocht schon nach kurzer Gewöhnung das Lieblingsgetränk unsrer Kleinen bildet, bei dem sie prächtig gedeihen. Itaiiltsaxiinix. Für die herzliche Teilnahme und vielen Äranzipenden bei dem Begräbnis ineincS lieben Mannes, des Mechanikers Stt« Hinsei-, sage ich allen Freunden, ins- besondere dem Ches Herrn Held der Firma Lorenz. Telegraphen- bau-Anstalt, den Beamten und dem Personal meinen herzlichsten Dank. 955b ifllim»» Heuser, geb. Glase. a PACKET. 2 5 PFENNIG. 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Die Fabrik ist für Kreissägcnfchneider und Kistcnmacher bis auf weiteres gesperrt. 103/11» Die Lohnkommisfton. Achtnug, fioharbkiter! In der Mvbctilichlerei vor J. Kraus, Weistensee, LanghanSstratzc 22, sind Differenzen ausgebrochen. Zuzug ist stteng frrnzu- halten. 77/1 Gesperrt ist serner Haiku de Hetzkow. König-Chaussee 71. Die Ortsverwaltung. Wegkll Zulischeumeisttm der Stukkateure Karl Schreiber und Nicolaus Soboscheck ist der Neubau der PhotographiBchen Gesellschaft in Steglitz, Siemens- und Luiscnstratzcn-Eckc, für Stukkateure, Rabitzputzcr und Spanner bis auf weiteres gesperrt. Unter- nehmcr: Heinrich Bogt. Schöne- bcrg. Nachodstr. l. 178/1 OrtSverwaltnng der Maurer- und Stukkateur-Berbände. Filiale Berlin._ Kerantw. Redakteur: Julius Berlin. Aiir den Inseratenteil verantw.: Th. Glscke, Berlin. Druck u. Berlag: Borwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,