Ur. AI. Ndonnementz-Keäingungen- Abonnements- Preis pränumerando: Bierteljährl. z.zo M5. Mona», l.io Mk, wöchentlich LS Pfg. frei Ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Bcilage„Die Neue Welt" lll Pfg. Post- Zibonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. AI. Jahrg. Die TftfertionS' Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zcilc oder deren Rain»<0 Pfg., sür politische und gewcrlschaslliche Vereins- und BersammlungS-Anzeigen 25 Pfg. „Kleine Hnieigen", das erste(fettgedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort S Pfg. Worte über 12 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis S Uhr vormittags geöffnet. Cridtfnt täglich auller montags, Devlinev Volkls�lstk. Telegramm-Adresse: „SoilaldemoKrat Berlin". Zentralorgan der fozialdcmokrati f eben Partei Deutfchlands. Redaktion: 8 Tl. 68, Lindenstrasse 69. Kernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Dienstag, den 26. Januar 1904. Expedition: SM. 68, Lindenstraese 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Bremser und Treiber. In den drei Millionen Stimmen, die der 16. Juni 1903 der Cocialdemokratie gab, entlud sich der Groll der Bedürftigen ins- besondere auch wider die socialpolitische Rückständigkeit und Unthätigkeit der im. Reiche herrschenden Klassen und ihrer Regierung. Die geivaltigen Bemühungen des arbeitenden Volkes viele Jahre hindurch zur Erringung besserer Arbeitsbedingungen und zur Be- zwingung gewaltthätigen Kapitalistenwiderstandes hatten nur allzu geringe Ernte getragen: drei Millionen erhoben tvarnenden, dräuenden Massenprotest. Was wird nun weiter geschehen seitens der Ne gierung und der bürgerlichen Parteien? Wird endlich einiger maßen den Mindestforderungen der übermäßig Ausgebeuteten Ge- rechtigkeit widerfahren? Die Socialdemokratie hat ihre umfassende und nachhaltige Thätigkeit sogleich mit gemehrter Kraft im neuen Reichstage auf- genommen. Es wird sich zeigen, wie weit es ihr gelingt, endlich die Äremser der Socialreforin voran zu treiben. Die Empfindung, daß der Versuch gemacht werden muß, die Arbeiterschaft wenigstens in den Fragen der Socialpolitik einiger- maßen zu beschwichtigen, beherrscht ohne Zweifel einige Kreise der Regierung und die Mittelparteien des Reichstages, die nicht gänzlich die Hoffnung auf Arbeitergefolge verlieren wollen, insbesondere das Ccntrum. Dazu beherrscht das erschütternde Ereignis in Crim- m i t s ch a u die socialpolitische Situation! ungeheuerlicher Kapitalisten- hochnuit hat die Erbitterung der Massen in ganz Deutschland wiederum mächtig geschürt. Indem der Abgeordnete Trimborn — seit Hitze kränklich geworden der socialpolitische Matador im Ccutrum— selbst als erster Redner zum Etat des Reichsamts des Innern den 16. Juni und Crimmitschau als zwei„von den drei großen socialpolitische» Geschehnissen" des letzten Jahres bezeichnete, zeigte er deutlich den Grund des socialpolitische» Eifers, den das Ccutrum im neuen Reichstag zu erwecken versucht. Wenn jetzt endlich das Ccntrum ein Weniges zum socialpolitische» Fortschritt bcttwgcu will, so ist eS getrieben worden durch den politischen Kampf der Arbeiterschaft am 16. Miti und den wirtschaftlichen Kampf ni Crimmitschau. Das Centrum hat die von ihm eingereichten Anträge, die einige Besserungen im Arbeiterschutz fordern, in Resolutionen verwandelt, die in den nächsteil Tagen zur Beratung gelange» werden. Ob dies Verfahren des Centrums, das andre Parteien zu dem gleichen Vorgehen nötigt, parlamentarisch ratsam ist, wird sich bald herausstellen. In der Sache will das Centrum seine besondere Besorgnis für die social- politischen Erfordernisse beweisen. Wir würden daS Vorgehen gern begrüßen, so unzureichend auch die Centrumsanträge noch immer bleiben, wenn daS Centrum die Macht, die es besitzt, auch nutzt, um die geringen Fortschritte, die es vorschlägt, gegenüber der Re- giemng wirklich durchzusetzen. Bisher hat das Centrum in Militär- fragen sich erst gesträubt gegen Regierungsforderungen, um bald sich zu ihnen zu bekehren; in socialpolitifchen Fragen aber hat es große Zusagen gemacht, um bald das Nichts, auf dem Regierung und Kapital bestanden, bescheiden zu ertragen. Herr Trimborn gab einen socialpolittschen Ueberblick über die Ergebnisse des letzten Jahres. Er fand da so viel zu loben und er besorgte das Lob in so hohen Tönen, daß der Kritik und den weiteren Forderungen doch nur ein bescheidener Teil blieb. Bundes- ratliche Verordnungen, die daS unmenschlichste in gesundheits- gefährlichen Betrieben ein wenig mildern, werden als bedeutende Thatcn gefeiert. Die Versicherungsgesctzgebung, obschon an ihrem Ausbau Ernsthaftes nur in sehr geringem Maße geschehen ist, gilt den Centrumsrednern als höchstes Wunderwerk. Gleichfalls der neue Kinderschutz, der unzureichend ist und der seit Jahrzehnten von der Socialdemokratie gefordert tvurde, wird, unter völliger Um- gehung des socialdemokrafischcn Treiberdiensteö, übermäßig verherrlicht. Das ist die ganze CcntrumS- Socialpolitik: Forderungen der Socialdemokratie, die man nach zehnmaligen Ablchmnigen endlich zum ilcincn Teile erfüllt, werden als ureigenste Verdienste der herrschenden Parteien und Regierungen pomphaft verkündigt. DaS bestätigte in interessanter Selbstkennzeichnnng Herr Trimborn, als er erklärte, daß man sich in Deutschland vielen Verdruß Wirtschaft- licher Kämpfe hätte ersparen können, wenn der Z e h n st u n d e n t a g früher zur Einführung gelangt wäre. Den Verdruß hat aber das Centrum selbst verursacht, denn es hat den Zehnstundcntag, um vom Achtstundentag gar nicht zu reden, stets verworfen, bis es vor Jahresfrist zum erstenmal ihn beantragte. Endlich war unser Treiben stärker geworden als deS Ccntrums BrcmSbemühcn. Immerhin ist festzustellen, daß Herr Trimborn sich deutlichst gegen die Scharf macherpolitik wandte. Das Centrum hatte vor Weihnachten kein Wort über Crimmitschau gefunden, endlich kam es nun heraus; Herr Trimboni bedauerte die VcrfammlungS- Verbote der sächsischen Behörden und die Verweigerung von Einigungs- Verhandlungen seitens der Unternehmer. Freilich vermochte er auch hierin daS centrumsgewohnte Einerseits- Andrerseits nicht zu verleugnen, indem er bedauernd davon sprach, daß die Socialdemokratie aus dem wirtschaftlichen Kampfe eine politische Machtprobe gemacht habe; sonst wäre den Crimmitschaucr Arbeitern die allgemeine Sympathie sicher gewesen. Will Herr Trimborn bei der Wahrheit bleiben, so kann er nicht abstreiten, daß keine Partei, auch das Centrum nicht, daß keine Bevölkerungsklasse sich um den Kampf in Crimmitschau irgendwie gekümmert hat; es mußte erst die Socialdemokraffe sich der von allen Verlassenen an- nehmen und die öfferrtliche Aufmerksamkeit auf die Maßnahmen der sächsischen Regierung lenken. Die Centrums-Sympathie war so stark,[ daß sie bei der ersten Lesung des Etats nicht ein W 0 r t für die Unterdrückten in Crimmitschau fand. Das Ccntrum dürfte sich all-' gcmach der politischen Ungezogenheit entwöhnen, die Socialdemokratie mit wahrheitswidrigen Anschuldigungen zu überhäufen, während es selbst doch ihrer Führung langsam, allzu langsam nachtappt. AuS der Antwort, die Graf P 0 s a d 0 w s k y auf einige Anfragen des Centrumsredners gab, sind zwei Züge festzuhalten, durch die sich der socialpolitische Regierungskurs bereits hin- reichend offenbart: die Ausdehnung der Krankenversicherung mif die Heimarbeit wird verschoben bis zur allgemeinen Revision des Krankenversicherungs-Gesetzes und von dieser Revision ist eS auch ganz ungewiß, ob sie„schon" in der nächsten Session kommen wirdf eine Enquete über die Entwicklung der Handwerksorganisationen konnte nicht ausgeführt werden, weil der Schatzsekretär dringend bat, die Forderung zurückzustellen! So kündigt sich der„frische Wind" an, dessen Wesen TrimbornS gewollte Hoffnungs- seligkeit aus der letzten Thronrede empfand. In großer Rede, die mit einschneidender Polemik gegen das Centruni einsetzte, hielt unser Parteigenosse Richard Fischer Ab- rechnung mit der offiziellen Socialpolitik. Er zerfetzte mit einem Hieb die ganze Scheinopposition des Centrums, indem er eS be- fragte: warum es denn nicht, wenn es ihm Ernst sei in der Social- Politik, ein Zehntel der Macht, die eS in der Z 0 1 l f r a g e gegen die Arbeiterinteressen aufzuwenden wußte, für die geringen, leicht durchführbaren socialpolitische» Forderungen längst eingesetzt habe? Aber die Socialpolitik sei dem Centruni nicht Herzenssache, sondern nur Anstandspflicht gegenüber den katholischen Arbeiten!. Weiter unternahm Fischer eine kritische Besprechung der Gewerbeinspektions-Bcrichtc; er erkannte an, daß die Bericht- crstattung an Objektivität gewonnen habe, aber noch vieles sei verbesserungsbedürftig. Humorvoll schilderte er die Ausführlich- keit, in der über sogenannte Wohlfahrtseinrichtungcn wie Ehrenpreise für fünfzigjährige Arbeit, Thecabcnde, Errichtung freiwilliger Feuer- wehren, berichtet werde, während das wichtigste in den Berichten un- bekannt sei. Diese Dokumente der gewerblichen Zustände der Gegen- wart wissen nichts von den gewerkschaftlichen Orga- nisationen der Arbeiter, die doch die Preisfechter jedes Arbeitsschutzes und jeder Socialreform sind und die durch ihre Leistungen die Socialpolitik des Staates völlig verschwinden lasse». Dann erweiterte sich die Darlegung unsres Redners zur groß- zügigen Kennzeichnung der Beziehungen des heutigen Staates zur Arbeiterklasse in socialpolittschen Angelegenheiten. Fischer packte die neuerdings üblich gewordene Blllow-Ausrede, daß die republikanische Gesinnung der Socialdemokratte Schuld trage, wenn socialpolitisch nicht mehr erreicht werde. In leidenschaftlicher Anklage, die aus dem Selbsterlebnis durch lange Jahre schmählichster Arbeiter- bedrückung aufflammt, hielt Fischer der Regierung vor. daß u m- gekehrt die monarchische Gesinnung den Arbeitern gewaltsam ausgetrieben worden sei durch die Klassenpolitik, die seit je und je in Preußen-Deuffchland betrieben wurde: Soeialistcngesetz, Ver- nichtung aller Arbeiterorganisationen, Nichterfüllung der vielgerühniten Erlasse von 1896, Arbeitertrutzgesetz, Umsturzgcsetz, ZuchthauSvorlage, Verhinderung der Koalitionen, Bestrafungen ohne Ende, Nieder- büttelung aller Kämpfe um bessere Arbeitsbedingungen; so war es stets, so blieb es bis Crimmitschau. Nun wandte sich der Redner wuchtig gegen das Verhalten der sächsischen Behörden in Crimmitschau; widerlegte Trimborns Unter- stellungcn an der Hand katholischer Arbeiterblätter; beftagte die RcichSregierung, warum sie nicht gegen die Vernichtung reichsgcsetzlich gewährleisteter Rechte eingeschritten sei; zeigte, wie die Regierung und die herrschenden Parteien in allen Lohnkämpfen gegen die Arbeiter Partei ergreifen.„So mußten die Arbeiter alles Vertrauen zu Ihrer Socialreform verlieren!" Insbesondere der scharfe treffende Vorstoß Fischer? gegen den Mißbrauch der Monarchie zur socialpolittschen Versorgung, hatte die Abgeordneten der bürgerlichen Parteien, welche ihr Verständnis für die Wichtigkeit der Debatte durch nur spärliche Anwesenheit— vom Freisinn war schließlich nur ein einziges Mitglied anwesend!— be kündeten, in Bann genommen. Man fühlte am Rcgienmgstische und in den Parteien, daß hier die Wahrheit ihrer Zustände enthüllt ward, vor der alles Schcingcrcdc der Schönredner zerstiebt. Es mußte eine Antwort erfolgen. Graf Posado Ivsky empfand die Ungunst der Situation. Er, der. trotz ZuchthauSgcfetz, doch immerhin in Arbeiter- fragen, einige Sachkenntnis und einiges Verständnis für die inneren Notwendigkeiten der Arbeiterpolitik gewonnen, er kennt den brutalen Widerstand der Kapitalistenklasse gegen jede Erhebung der Arbeiterklasse, er weiß, wie die Dinge wirklich stehen, er muß im Innersten unserm Redner weithin das Recht zuerkennen. Die Antwort, die er gab, zeigte deutlich die Ver- lcgenheit. die socialdemokratischen Anklagen abzuwehren. Graf PosadowSky wiederholte einige gewohnheitsmäßige Lob- spräche auf die heutige Socialpolitik. An allen That- fachen unsres Redners vorbei behauptete er,„kein anständiger Mensch bei uns" verdenke den Arbeitern, sich zu organisieren, wo- durch er nur daran erinnerte, wie viele unverständige Menschen cs in unsren Regierungen und in Unternehmerkreisen gicbt. Dann wußte er gegen Fischers Darlegung von der wirklichen Ursache der wachsenden monarchischen Gleichgültigkeit nichts als die hilflose Flucht in das Gebiet der socialdemokratischen Zukunftspläne, die nicht durchführbar seien und zu schrecklichen Gräueln führen würden. Resigniert erklärte der Vertreter für Socialpolitik, es sei nicht möglich, so schnell alle die Wünsche zu erfüllen: nur eine Denkschrift bezüglich der Arbeitszeit der Frauen könne er in Aussicht stellen; dann werde der Bundesrat hierüber in ernste Erwägungen" treten. Der sächsische BundcSratS-Vebollmächttgte Fischer benutzte gern die vorgeschrittene Stunde, um eine Verteidigung seiner Regierung auf später zu verschieben. Erst die Beratung der Resoluttonen, insbesondere über den Maximalarbeitstag, wird zeigen, ob die Socialpolitik sonst für die absehbare Zukunft durch den Reichstag und durch die Regierung Aussicht auf einige Förderung hat. Schon der Beginn der Be« ratungen zeigt wiederum, daß die Socialdemokratie Reformarbcit bcwälttgen muß, um die Bremser voranzutreiben, um aus klingenden Worten Thaten zu schaffen.— poUtiftke dcbcrflcbt Berlin, den 25, Januar. Diäten. Der großen socialpolittschen Abrechnung in der heutigen Reichstagssitzung gingen einige Scenen„in eigner Sache" der Abgeordneten voran. Es handelte sich um den Etat d e S Reichstages, mit dem die zweite Lesung des Etats, wie üblich, ihre» Anfang nahm. Die Nationalliberalen hatten hier die alte Diätenforderung als Etats-Refolution wieder eingebracht, und es vollzog sich von neuem das nur allzu bekannte Spiel: der Reichstag verlangte mit überwältigender Mehrheit die Einführung von Diäten, aber der Bundesrat setzte allen Mahnungen und Drohungen ein verstocktes„Nein!" entgegen. Ja. die Sache scheint übler zu stehen denn je: während früher Graf Bülow immerhin eine verschämte Sympathie für Diäten auszusprechen wagte, verschanzte sich heute sein Stellvertreter Graf Posadowsky ganz hinter halt- lose„konstituttonelle" Gründe. Preußen will nicht— das ist des Pudels Kern, und der Centtums- Abgeordnete Gröber leistete sich eine süddeutsch verbissene Kapuzinade darüber. Aber den innersten Grund dieser bundesrätlichen Verstocktheit nannte auch er nicht; dazu sind selbst die demokratisch frisierten Centrumsleute von heute viel zu sehr vom Haby-Geiste infiziert. Im übrigen quälten sich die bürgerlichen Redner burlesk genug mit der politischen Gretchenfrage ab:' Werden die Diäten der Socialdemokratie schaden— oder nicht? Besonders Herr Dr. Arendt suchte durch Abzählen an seinen Rockknöpfen diesen Gewissenszweifeln die Antwort zu finden. Nebenbei kokettierte dieser jüngste Ritter des roten ÄdlerordenS ein wenig mit Geschäfts» ordnungs- und WahlrcchtS-StaatSstreichen. Genosse P f a n n k u ch war in der glücklichen Lage, gelassen alle staatSretterischen Aengste abthun zu können mit der einfachen Kon- statierung, daß unser Weizen blüht— mit oder ohne Diäten! Wir haben andres siegreich zu überdauern vermocht... Im übrigen nahm sich Pfannkuch der diätarisch recht schlecht besoldeten Reichstags- Angestellten an, während Genoflc Dr. S ü d e k 11 m auf eine recht interessante Erscheinung auf der Journalistcntribüne des HauseS hinwies. Dort läßt nämlich jetzt das mit einem Millionenkapital arbeitende offiziöse W 0 l f f s ch« Telegraphenbureau zu lächerlichen Schleuderpreisen Sitzungs- berichte und Entrefilets herstellen, die zum höheren Ruhme Bülow- scher Genialität zurechtgestutzt sind. In tausend Krcisblättcrn liest denn der staunende Abonnent von der unendlichen WeiSheitunsrer Regierung— ein industrieller Bülow-ByzantiniSmuS, der die Scherlsche„Sprechstelle" im Dienste der öffentlichen Verdummung geistreich vorweg» nimmt! Der rote Adlerflug de§ Abg. Arendt wurde von unsrem Genossen Dr. David, der zum erstenmal sprach, gekennzeichnet. David wies auch auf den plutokratischen Glaubenssatz hin, zu dem sich die Diäten» gegner im innersten Herzen bekennen: Reichtum---- Intelligenz! Leider beweist die Praxis so ziemlich das Gegenteil...— Hnmmcrstein in Freiheit. In der Fortsetzung der preußischen EtatSdebatten übernahm am Montag der Polizeiminister Freiherr v. H a m m e r st e i n die Führung. Die anmutige Anekdote, daß ihm aus besonderer Gunst ein silberner Maulkorb zugedacht worden sei, ist zwar norddeutsch allgemein geleugnet worden, aber man hat sich nicht entschließen können, sie deshalb zu bezweifeln. Aus diesem Grunde wohl cnt- schloß sich Herr v. H a m m e r st e i n, durch die That zu beweisen, daß ihn keine, noch so gut genieinte Bandage hemme, den hohen Flug seiner Seele in parlamentarischen Redewendungen ftei zu ver- sinnbildlichen. Und in der That: Man konnte den Freiherr» v. Hammerstein in der ungezügelten Vollkraft seiner stimmlichen und intellektuellen Heiserkeit bewundern. Preußen ist das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Die preußische Ministergalerie ist so unmöglich, daß sie in keinem Staate der Welt außerhalb eines Raritätenkabinetts zu finden wäre. Und der Polizeiininister ist auch ohne silbernen Maulkorb eine besondere Zierde dieser Galerie. Ohne daß er im Gelächter ertrank, that der Minister den Rütlischwur: So lange ich lebe, werde ich niemals dulden, daß die Grundlage des preußischen Wahlrechts angefochten werde; d e n n kein Wahlrecht spiegelt so getteu die öffentliche Meinung wie das Dreiklassen-Systcm. Und auch das ließ man sich in diesem dreiklassigen Parlament gefallen, daß der Herr, 56 Jahre nach den Märzstürmen, von„Unterthancnpflicht" sprach und den polnischen Staatsbürgern zuschrie: Wir haben überhaupt nicht mit Ihnen zu verhandeln;„wir habe» zu befehlen, Sie haben zu gehorchen." Das Größcnbcwußtscin preußischer Minister ist so gewaltig gestiegen, daß sie sich bereits einbilden, die Macht und Würde eines preußischen Unteroffiziers zu besitzen. Wir vermuten, daß sich dieses Größenbewußtsein gerade in neuerer Zeit deshalb so rapid gesteigert hat, weil Herr August Scherl-- wie der Minister berichtet — seit mehr als sechs Monaten die Regierung unablässig mit seiner Sparlottcrie erleuchtet hat. Diese Regierung ist übrigens durchaus mit der Sparlottcrie einverstanden; Herr v. Hannnerstein entschuldigt das..Unethische" des Spiels mit der Unvollkonmienhcit der Welt, für die er, trotz seiner herrgöttlichen Polizciübcrlcgenheit, die Vor» antwortung abzulehnen schien. Allerdings ist die Sparspicl-Sprech» stelle„zur Zeit", wie der Minister klagte, aufgeschoben. Scherls Rückttitt bedroht die Ausführung des Planes; man sollte den Gencralissimiis der Jnseratenpresse ins Ministerium berufen! Tie unerhebliche» Etatsdcvatten streiften im wesentlichen Finanz- fragen, Eisenbahnpolitik, Kanalvorlage, Polenhetze, BereinSgesctz- und Wahlreform, Kamps gegen die Socialdemokratie. Zwischendurch lief eine spasthafte Auseinandersetzimg zwischen den ein wenig un- zärtlich gewordenen Verwandten, den auseinander geratenen lonser- vativen und uationallibcralen Kartellbrüdern. Herr'v. Z e d l i tz. der den Kanalfricdcn auch seinerseits geschlossen hat, bemerkte in seiner üblichen Scharfinachcrredo boshaft, das; die Nniionalliberalen„sehr zur Unzeit" sich ihrer liberalen Seele erinnert hätten. Und der konser- vative Professor Jrmer betonte, daß man selbst init der frei- sinnigen Volkspartei besser habe zusammengehen können, als mit gewissen auf ihren Liberalismus versessenen Nationalliberalcn. Matte Oppositionsrcden hielten Herr B r ö m e l von der frei- sinnigen Vereinigung und Herr v. Jazdzewski. der die Polen- Politik gar höflich kritisierte. Nur einmal fand in der leeren und schalen Debatte eine große Sache kongeniale Beredsamkeit, als P o d b i e l s t i, saus der Landwirtschaft, sachkundig über Pferdezucht und den Kulturwert des Totalisators sprach. Wie aus den ministeriellen Aeußerungcn hervorgeht, wird die V e r c i n L- u n d V e r s a m m l u n g s r e s o r m iwch in dieser Session dem Landtag vorgelegt werden. Sie befreit, wie schon früher angekündigt, die Frauen aus dem Hammerstcinschen Segment; es ist aber nicht ganz klar, ob die Zulassung der Frauen un- beschränkt sein wird. Sicher ist dagegen, daß das Verbot der fremden Verhandlungssprache in die„Reform" hineingebracht werden wird, damit die polnischen Arbeiter gehindert werden, ihre Wirtschaft- lichcn Interessen gegenüber den Unternehmern zu vertreten. Herr v. Zedlitz wünschte auch Ausschluß der Minderjährigen aus Vereinen und Versanimlungen! Ein W a h l r e f o r m- E n t lv u r f ist noch nicht unmittelbar zu erwarten, und wird sich nur auf kleine technische Acnderunocn einlassen«Teilung allzu großer Wahlkreise). Minister und Redner deS Hauses wetteiferten in Kriegervereins- tiraden gegen den Umsturz. Man dürstet nach Thatcn, und Herr v. Hammerstein schloß eine seiner Reden pathetisch:„Wenn ein Ein- schreiten gegen die Soeialdemokratie notwendig sein wird, Sie werden mich auf dem Platze finden!" Sic werden alle zusammen auf dcni Platze— bleiben.— Vom Hcrcro-Kricg. Der Kommandant des„Habicht" telegraphiert aus S w a k o p- Nr und:„Bahn noch immer unterbrochen, hinter Karibik wieder durch Regen zerstört. Zug gestern nur bis Kilometer 209. Folgendes Telegramm vom 17. aus Windhnl: Schutztruppe sver- stümmelt) meldet durch Kaffernbotcn zu Fuß am 17. nach Otjimbingwe- Kubas folgendes: Windhuk dauernd bedroht und i st stark befestigt. Durch Landsturm und Einstellung sämtlicher Pflichtigen und Boeren Garnison auf 239 Mann gebracht, zum Teil beritten. Zweite Compagnie ist auf dem Marsche nach hier vom Süden. Gebirgs- geschütz von Rehobot zurückgefordert, hier außerdem 2 Maschinen- gewehre. Von Okahandja hier in Windhuk keinerlei Nachricht seit 12. Mit großem Verlust sind Eutsatzvcrsuche gescheitert. Patrouillen dorthin sämtlich zurückgeschlagen. Am 1ö. erfolgreiches Er» t u n d u n g s g c f e ch t bei Farm Hoffnung. Bestätigter Verlust: gefallen: Rescrve-OffizierBoysen, Unteroffizier Pasch, Rekrut Weiß, Land>v ehrmann Zuelot, sWorte verstümmelt) Rudolf, Reservist Troeltzsch, Germinsky, Lokomotivführer Takert. Ermordet Ansiedler Engbarth KoezarSki, Tausendfreund mit» zwei Kindern, Pilet und zlvei Frauen, sWort verstümmelt) Stueber, viele ver- w u n d e t. Soeben ist gemeldet, fünf Haufen Hereros sind auf dem Marsche nach Windhuk. gez. Tcchow. Bekanntlich hatte eine Meldung aus Karibib, die die obige Nachricht aus Windhuk überholte, gemeldet, daß die Z ü l o w schc Expedition in Okahandja angekommen sei und Okahandja. der- artig verstärkt, sich gegen die Belagerer halten zu können hoffe.— Ostasien. Die Ereignisse scheinen nunmehr zur Entscheidung zu drängen. Dem Reuterschen Bureau wird aus Port Arthur vom 22. d. Vits. gemeldet, daS Grös der in Port Arthur liegenden Flotte habe auf Befehl der russischen Admiralität außerhalb des Hafens seinen Standort erhalten und liege gerade an der äußeren Seite der Einfahrt. Der Befehl sei für den etwaigen Eintritt jeglicher Eventualität gegeben worden. Höhere Offiziere in Port Arthur seien der Ansicht, die Frage, ob Krieg oder Frieden, werde innerhalb ein bis z lv e i Tagen entschieden iv e r d e n. Ans einer Beratung, welche die Chefs der verschiedenen Abteilungen der Ver- lvaltnng der Mandschurei am 18. d. M. abgehalten hätten, seien Bc- fehle erlassen worden betreffend die Herstellung einer List? aller verfügbaren Mannschaften der m a n d s ch u r i s ch e n Reserve. Die Zahl derselben soll 39 999 Mann betragen. Die russischen Truppen, welche nach dem Norden kommandiert seien, hätten am 19. d. M. begonnen, Port Arthur zu verlassen. Zwei Regimenter sollen am 21. und 22. im inneren Hasen eingeschifft worden sein, uni nach dem Aaln zu gehen.— Der„Russischen Telegraphen-Agentur" wird aus Port Arthur berichtet: Der Zeitung„Schnntan-Wen-Bar" zufolge hat sich der chinesische General Ma an der Spitze von 29 Regimentern nach S ch a n h a i k w a n begeben, um st r a t c g i s ch e Punkte an der Grenze der Provinz T s ch i l i zu besetzen.— Wie ferner aus Port Arthur berichtet wird, traf dort gestern aus Söul folgendes Telegramm ein:„Feindseligkeiten de- gönnen". Thatsächlich haben die Kulis, welche infolge der Ein- stellung der Rcgieningsarbeiten ohne Arbeit sind, im Eingeborenen- Viertel Unruhen hervorgerufen. Patrouillen durch- ziehen die Stadt. Die A d m i r a l i t ä t hielt gestern eine Konferenz ab.— veutfckett Reich. Forbach allerwege»! Acht Duelle soll der in seiner HauSehre angegriffene Offizier siegreich gegen seine Kameraden bestanden haben. Die„Welt am Montag" bringt folgenden Streckenrapport: 2 Schwerverletzte, 3 Leichtverletzte, 3 Unverwundete: im achten Duell soll der Schütze— Krohn mir Namen— selber an der Ohrmuschel verwundet sein. Auch in Chemnitz soll eS ein blutiges Duell gegeben haben. Nach dreimaligem Kugelwcchsel bei 15 Schritt Entfernung sei der Lieutenant Schubert voni 12. Jnfantcrie-Regimeut Nr. 177 durch einen Schuß in die Brust getötet worden. Der bekannte in Dresden ansässige Schriftsteller v. Ompteda. ein ehemaliger Offizier, mußte sich kürzlich gleichfalls mit einem aktiven Offizier schießen. Sein Gegner, der Ulancn-Rtttmcister Hupfcld wurde jetzt vom Kriegsgericht zn sechs Monaten Gefängnis verurteilt..... Das Centraloraan sächsischen Klatsches und sächsischer Rückwärtserei. die„D r e s d n e r N a ch r i ch t e n" jammern. daS Publikum fei wegen all dieser Lorgänge nervös geworden: In Dresden seien Gerüchte im Umlauf, die von ärgerlichen Vor- qängcn in einer andren sächsischen Garnison wissen wollten. „Räch den von uns eingeholten Nachrichten liegt diesen Redereien auch nickit das mindeste zu Grunde, was eine öffentliche Strilik begründen oder rechtfertigen könnte. An alle Patrioten kann nur erneut die dringende Mahnung gerichtet werden, derartige Nachrichten im Interesse unsreS nationalen Ansehens mit größter Vorsicht aufzunehmen. Jedermann muß sich selbst sagen, daß genugsam bekannte politische Kreise ein starkes Interesse daran haben, die Unruhe in der Bevölkerung zu schüren und die unbcdcntcndsten alltäglichen Vorgänge sensationell anfzn- bauschen. An den allerhöchsten Stellen unsrer Militärverwaltung besteht nichts weniger als eine Neigung, aus Schonung gegen etwaige Schuldige etwas zn verbergen." Die Socialdcmokratcn— d. h.„die bekannten politischen Kreise" werden, das könne» wir versichern, nicht im mindesten nervös, wenn die vornehmsten Röcke ehrenhalber durchlöchert werden! Wem die Sittlichkeit eben nicht anders hineinzubringen ist, dem muß sie wohl hinciiigcschosicn werden. Das Kapitel der Soldatcnmißhandlungcn scheint neuerdings durch das der.-oldatcnliebkosungen ersetzt werden zu sollen.—_ Eine Ouclle der Soldateuuiißhandlunge». Man schreibt uns: In der jetzigen Acra der Soldaten- Mißhandlungen hat man mit mehr oder weniger Scharffinn die Ursachen der ungeheuer zahlreichen Fälle der Mißhandlung durch Unteroffiziere zu ergründen versucht. Merkwürdigerweise ist niemand dabei auf den Gedanken gekommen, daß neben verschiedenen andren Gründen wohl in bedeutendem Matze die Vorbildung der Unteroffiziere dabei ausschlaggebend gewesen ist. Es würde interessant und die Sachlage aufklärend sein, wenn man einmal feststellen würde, wieviel Prozent der wegen Mißhandlung der Unter- gcbcuen bestraften Unteroffiziere aus den staatlichen Unteroffizier- schulen hervorgegangen sind. Thatsache ist, daß gerade letztgenannte Unteroffiziere im Heere wegen ihrer„Schneidigkeit" und besonderer Vorliebe für Drill und Gamaschendienst von den Soldaten am meisten gefürchtet sind. Es ist dies ja auch nicht besonders ver- wunderlich, wenn man den Entwicklungsgang und die Ausbildung der Unterosfizierschüler betrachtet. In einem fast noch zarten Alter, vielfach mit zwölf Jahren, treten die Knaben in die sogenannten Soldatenknaben- Erziehungs- anstalten oder ähnlich betitelten Institute ein. also zu einer Zeit, in der sich die Kindcrseele im ersten Stadium der Entwicklung befindet. Die Aufsqherposten in jenen Instituten werden mit älteren gedienten Unteroffizieren besetzt, die sich ihr Leben lang mit Rekrutendrill auf dem Kaserneuhofe herumgeschlagen haben. Daß solche Leute -geeignete Erzieher für 12jährige Knaben sind, wird wohl der größte Optimist nicht behaupten wollen. DaS Leben der Zöglinge fließt meist zwischen Exerzitium und Schulunterricht eintönig dahin. Der Schulunterricht sucht sich natürlich möglichst dem späteren militärischen Berufe der Knaben anzupassen. Frühzeitig wird ihnen der Gedanke eingepflanzt, daß der größte Stolz für sie sei, des Königs Rock zu tragen. Es wird in ihnen ein Standes- bewußtscin großgezogen, ähnlich wie es in den Kadettcnanstalten geschieht. Die ethische Erziehung pflegt dabei nicht besonders gut wegzukommen. Vor nicht allzu langer Zeit tvurdcn zum Beispiel in der sächsischen Soldatcnknabcn-Erziehungs- anstalt die Zöglinge noch mit Stockhieben bestraft, die vor der v e r s a m m c l t e n S ch a r ausgeteilt>v u r d e n. Vielleicht ist es wo anders auch der Fall gewesen. Möglicherweise ist diese Art der Bestrafung noch heute üblich. Eö würde Aufgabe unsrer Vertreter im Reichstage sein, darüber Auskunft an zuständiger Stelle zu holen. Jedenfalls ist eine derartige Prozedur nicht ge- eignet, in zukünftigen Erziehern, was ja die Unteroffiziere fein sollen, höhere Begriffe von Menschenwürde und ethischem Empfinden heran- zubitden. Die Zöglinge sind während dieser Erziehungsepoche abgeschlossen von der Außenwelt, abgesehen von einigen Wochen Ferien. S i c bekommen f a st keine Ahnung von dem realen Leben. In einseitigen, weltfremden Anschauungen lv a ch s e n sie heran. Mit 14 oder 13 Jahren treten sie in die Unteroffizierschule oder erst in sogenannte Vorschulen, je nach den Verhältnissen in den einzelnen Bundesstaaten. Vielfach ist es auch der Fall, daß junge Leute von 13 bis 17 Jahren aus dem Civillebcn in die Schule eintreten. In den Unteroffizicrschulcn werden die jungen Leute außer w c n i g e n S ch u l st u n d c n f a st ganz im militärischen D i e n st erzogen. Letzterer unterscheidet sich lvcnig von dem des Heeres. Alle Annehmlichkeiten des Kascrncnlcbcns bekommen die Schüler zu kosten. Vielleicht findet sich siir die Zustände in den Unter- offizierschulcn auch einmal e i n V i l s e. CS dringt wenig, allzu- wenig davon in die Oeffentlichkeit. Selbst weuir einmal ein Schüler einen Fluchtversuch unternimmt, wird die Oeffentlichkeit durch den Fall wenig berührt. Ter Austritt aus der Unteroffizierschule ist sehr erschwert. In Sachsen kann es nur nach Zahlung einer bc- stimmten Summe geschehen, die sich ungefähr deckt mit den Er- zichungskosten, außer wenn der junge Mensch wegen„moralischer oder körperlicher Ungceigncthcit" entlassen wird. Durch die Abgeschlossenheit und rein militärische Erziehung, durch das ganze Milieu einer kasernierten Jugend verlieren die Schüler allmählich daS Verständnis für Anschauungen und Ver- Hältnisse des Civillebens. Herangebildet zum Kommandieren einerseits und unterwürfigem Gehorsam anderseits, stehen sie später im Regiment den Rekruten gegen- über wie einem D r e s s u r o b j e k t. Woher sollte ihnen auch Einsicht in die Gedankenwelt z. B. des Arbeiters und Verständnis für seine körperliche Beschaffenheit kommen? Sie werden leicht ge- neigt sein, Ungeschicklichkeit für Widerspenstigkeit zn nchmcy. Aus- gebildet im Paradedrill, werden diese Schuluntcroffiziere nur zn oft den Gamaschendienst strenger und ernster nehmen als die Kriegs- tüchtigkeit. Zieht man alle Faktoren in Betracht, so wird man zugestehen müssen, daß der Boden zu einer Verständigung zwischen den Schuluntcroffizicren und den Soldaten sehr gering, die Möglichkeit zu Mißhandlungen und Ausschreitungen aber desto größer ist. Von der socialdemokratischen Presse ist schon öfters darauf hingewiesen lvorden, daß die Soldatenmißhandlungcn nicht nur in dem Charakter deS einzelnen Vorgesetzten wurzeln, sondern hauptsächlich in den Verhältnissen, in der O r g a n i s a t i o n des Heeres und in der durch die unbedingte S u b- o r d i n a t i o n geschaffenen großen M a ch t f ü l l e ihren Sitz haben. Wenn man sich mit diesen prinzipiellen Ursachen befaßt, wird man nicht umhin können, auch den Untcroffizicrschulen gebührende Auf- merksamkcit zu widmen.—_ Der Herzog von Anhalt ist gestorben. Er ist 73 Jahre alt ge- worden. An seine Stelle iritt sein zweitgeborener Sohn Leopold Friedrich, der 46 Jahre alt ist.— Hueland. Araukreich Ende des Drlsor-StrcitcS. Paris, 24. Januar.i, dagegen nicht das Lazarett. Während des Brandes wurden die Kranken auf Wagen aufs Land geschafft, wo sie vorläufig untergebracht wurden; einer starb unterwegs. Tie Einwohner, 10 000— 11 000 Menschen, mußten die erste Nacht halb- nackt im Regen und Sturm auf den Feldern vor der Stadt zubringen und litten ungeheuer unter der Kälte und dem furchtbaren Sturm. Tie meisten erhielten in 24 Stunden nichts zu essen. Erst am nächsten Tage, als die Menschen wieder in Ruhe über ihre Lage nach- denken konnten, suchten sie, so gut es ging, ihr Unglück zu lindern. Die Kinder wurden vorläufig in der Borgnnd-Kirche einquartiert; ein Teil der Erwachsenen wurde zunächst bei der LandbcvölkciKichg untergebracht, andre haben auf Schiffen Unterkunft gefunden. Die Leichcnkapcllc des neuen Kirchhofes, der eine viertel Meile von Aale- sund entfernt liegt, Ivird als Krankenhaus benutzt. In schleuniger Hilfeleistung haben sich die benachbarten Städte und Laudbczirkc außerordentlich rührig erwiesen. Am Sonnabend früh 8 Uhr war eine Fernsprech-Berbindung mit MolÄc hergestellt und um Hilfe nachgesucht worden. Auf die erste Kmrde von dem großen Unglück lies von Kristiansund ein großer Dampfer aus. der tausend Obdachlose aufnehmen lvollte, er mußte aber zurückkehren, da er in Aalesund nicht anlegen konnte, weil der ganze Hafen in Flammen stand. Da der Sturm wütete und die See sehr erregt war, sind Proviant, Kleider und Verbandstoffe über Land heran- geschafft worden. Die erste Hilfe kam schon, am Sonnabendabend in Aalesund an. Von Florö, Stavangcr, Bergen und Kristiansund sind Sonnabendabend noch weitere Dampfer mit Lebensmitteln. Kleidern usw. nach Aalcsund abgegangen. Die Verteilung von Lebensmitteln am Quai ging Sonntag unter gewaltigem Andrang vor sich. Es fehlt allen Gesellschaftsklassen an Lebensmitteln. Heute wird man bereits ivarme Kleidung geistcrung angnommen. Während der Auswanderung ans der Stadt kamen mehrere Personen zu Schaden. Einige.Kranke wurden von Schlaganfällcn betroffen und starben. Ein dicker, übelriechender Rauch hüllt die Brandstätte ein._ GewerkrchaftUcbce. Bertin und Umgegend. Gegen die Soimtags-Schlachtuiigen auf dem Berliner städtischen Bieh- und Schlachthofe richteten sich die Beschlüsse einer stark be- suchten öffentlichen Versammlung Berliner Fleischergesellcn, zn der auch Tierärzte, Fleischbeschau er und sonfiige Schlacht- Hofs-Beamtc zahlreich erschienen waren. Der Vorsitzende gab zunächst bekannt, daß die Direktion des Vieh- und Schlachthofes es ab- gelehnt habe, durch Nachfrage bei den 0 Meisten« mittels Fragebogen fest- zustellen, imviewcit das Schlachten an Sonn- und Feiertagen durchaus notwendig ist usw. Dagegen habe der Jnnungsausschuß die Er- klärung abgegeben, daß gegen die Aufhebung der Sonntags« fchlachtungen nichts einzuwenden sei; jedoch die Initiative dazu zu ergreisen, habe die Innung keinen Anlaß. Der Berliner Magistrat habe ans Vorstellung erklärt, in der Sache nichts thun zn können; mit dem Bau von Kühlhäusern würden sich diese Schlachtungen von selbst erübrigen. Bis zum Jahre 1881 bestanden Soiintagsschlachtnnge« in Berlin überhaupt nicht; erst mit dem Jahre 1883, als die Schlachtungen in städtische Regie übergingen, sei damit begonnen worden und in den folgenden Jahren etwa 300 Stück Vieh an Sonntagen geschlachtet worden. Die Höchstzahl init 2000 Stück sei in« Jahre 1889 erreicht. Auch gcgei«ivärtig werde letztere Zahl wieder erreicht, zum Teil überschritten. Daher koinme, daß selbst wem« Sonntags bereits vor 5 llhr morgen» die Schlachtui«gen be- ginnen, doch erst 3 llhr nachmittags die dringendsten Arbeiten beendet find. 700 deutsche Schlachthöfe würden ohne SonntagSschlachtuugen fertig; selbst C h ic a g o, N c w?) o r k, London haben diese Schlachtungen nicht. In der Diskussion ergriff der Stadtverordnete Hofffnann verschiedene Male das Wort, ermahnte die Anwesenden. anSzuharren und nicht nachzulassen init ihrer Forderung, die«wr zu berechtigt sei und schließlich gewährt werden müsse. Es Ivurdc be- schloffen, nunmehr bei dem Kuratorium des städtischen Vieh- und Schlachthofes vorstellig z«« Iverden, auch die Polizeibehörde auf- zufordern, einzuschreiten, damit mindestens die ungesetzliche Nebcrzeit- arbeit Sonntags anf dem Vieh-«ind Schlachthofe aufhöre. Baukontrollc der Kleber Berlins und Umgegend, aufgenommen von» Berei» der Kleber. Die Kontrolle ivurdc aufgenommen am 19. Januar und folgende Tage. Sic umfaßt außer dem Stadtkreis Berlin die Vororte südlich bis Maricnfclde, westlich bis Wannfec, nördlich bis Tegel und östlich bis AdlerShof. ES wurde«« koi«trolliert 1356 Bailten, davon Roh- bauten 712, Ausbauten 644. Davon iverden zuin 1. April voraus» sichtlich fertiggestellt 587 Bauten. Arbeitende 5Aeber wurden an- troffen 163. Davon organisiert: lokal 36, central 29. Die gezahlten Preise bewegten sich zwischen 18—27 Pfennige, der Durchschnittspreis betrug 22 Pf. Preise über 24 Pf. wurden nur für saiiberstc Ausführung bezahlt. Die Haupt-Bnuthätigke«t entfaltete sich östlich vom Viehhof (Stralau-Riimmclsburg, Lichtenberg), Rixdorf und Schöneberg. Wilmersdorf, Friedenau. Hochherrschaftlichc Wohnungen werden nur«venig gebaut, auch Einzimmer-Wöhmingen««ich« allzu reichlich. Hauptsächlich 2—3 und 4 Ziinincr-Wohimngen. Dementsprechend«st auch die Konjunktur seil 1900 die beste, wem« auch dainalS größere Bauten in reichlicher Zahl vorhmidcii waren. Als arbeitslos gezählt können werden circa 50 Prozent der Special- Heber, trotz der sich so reichlich bietenden Arbeitsgelegenheit. Wenn auch zugegeben werden soll, daß durch die ungünstige Witte» rung und die Aussperrung der Töpfer(Mangel an Kachelzeug) die Bauten zurückgeblieben sind, ergicbt sich, daß die Arbeitsgelegenheit immer«nehr und mehr sich z u f a n« in en d r ä n g t. Daher köniien die Unternehmer in der stillen Zeit billige imorganifiertc Arbeits- iräfte finden. Wie die Kontrolle lehrt, wird der Tarif strikte i«ur auf weuigeii Arbeitsstätten innegehalten. Hoffentlich ziehen gleich den organifiertci« Kollege«« auch die indifferenten die Lehre aus diesen Zahlen und treten dafür mit ein, daß die Schundpreise von 18 Pf. usw. verschwinden. ES muß angesichts dieser gimstigei« Konjunktur dafür gesorgt werden, daß Ivenigstens die Preise von 1900 wieder hergestellt werden.___ Ter Cciltrawerband der Bautischlermeisier Berlins und U«- gcgciid nahm iNontagavcud in seiner Generalversammlung Stellung zu der Lohnforderung der Einsetzer. Nach lcnigcrcr Verhandlung wurde von zwei Anträge» der folgende angenommen: „Der Vorstand wird beauftragt, die Wünsche der Einsetzer an» zuhörcu und i» einer demnächst einzuberufenden außerordentlicheg Generalversammlung hierüber zu berichten." OeutleKes Reich. Noch kein Frieden in Crimmitschau? Wir meldeten dieser Tage durch Privattclegramm, daß die sächsischen Behörden das Vcrsammluiigsvcrbot aufrecht erhalten und die Gendarinen die Stadt noch nicht verließen. Das war gewiß seltsam. Jetzt bringt>«««>« die„Leipziger Bolksztg." eine Mitteilung. die— je nach der Auffassung— enttveder noch befremdender wirkt oder auch für unsre Mitteilung ci>«e Aufklärung enthält. Unser Leipziger Parteiblatt, neidet nämlich, daß die Werbung von Arbeitswilligen seitens der Criminitschauer Fabri- kanten fortgesetzt wird. So wird demselben vom Sonnabend telephoiiicrt: „Soeben sind 72 Arbeitswillige, 8 Männer und 6s Frauen, eingetroffen. Nächste Woche sollen noch 15V kommen. Die auZ- wärtigen Arbeitswilligen wurden per Möbel- und Schleifwagcn nach den Arbeitsstätten befördert. Die Crimmitschauer Arbeiter wurden vom Bahnhofe weggewiesen, während die Fabrikanten ruhig ftche» bleiben durften. Der Belagerungszustand besteht«och immer." �Zst diese Meldung richtig, so bleibt der sächsischen Regierung Nichts weiter übrig, als jetzt schleunigst die viel zu lange aufrecht erhaltenen Ausnahmemastregeln in Crimmitschau aufzuheben, wenn sie sich nicht dem Verdachte aussetzen will, daß sie bewußterweise die Arbeitgeber bei ihrem Rachefeldzngc gegen die Arbeiter unter- stützt._ Einen Rrinfall erlebte der Arbeitgeber-Verbaud im S ch n e i d e r g e w e r b e in Jena mit einem hier zugereisten Arbeitswilligen, der per Postkarte engagiert worden war und aus H i l d e s h e i m kam, um eine fette Pfründe der ausgesperrten Gehilfen zu übernehmen und um„viel Geld" zu verdienen. Als den, Mann eröffnet wurde, daß hier keine Kündigungsfrist bestände, verzichtete er au Engagement und verlangte 10 M. zur Rückfahrt in die Heimat. Die Leitung des Arbeitgcber-Verbandeö wies dies Ansinnen aber zurück, infolgedessen der Zugereiste die Hilfe des G e w e r b e g e r i ch t s in Ampruch nahm; dieses erkannte in einer am Sonnabendmittag statt- gefundene» Sitzung, daß die Ansprüche des Klägers als berechtigte anzuerkennen seien. Demzufolge wurde der Beklagte kostenpflichtig verurteilt. Ter Ueberfall italienischer arbeitswilliger Maurer in Mainz. Am Sonnabend kam vor der Mainzer Strafkmnmer ein Prozeß zur Verhandlung, der auch über die Mauern von Mainz hinaus Interesse erweckt. Angeklagt waren die Minrer I o h a n n O r t h II aus HcchtSheim, Johann Barth und dessen Bruder Peter Barth aus Weisenau und Christian D e t t aus Bretzenheim. Die Angeklagten befanden sich seit dem 11. August v. I. in Unter- suchungshaft. Der Prozeß ist eine Folge der von den Unternehmern im vorigen Sommer über die Arbeiter verhängten llwöchigcn Aus- s p e r r u n g. Die Unternehmer hatten als Ersatz für die Ausge- sperrten damals italienische Arbeitswillige herangezogen, welche sich selbstverständlich als überaus brauchbare Elemente des Unternehmer- tums, der weitgehendsten Fürsorge der Mainzer Polizei erfreuten. Veranlaßt durch das überaus starke Massenaufgebot von Polizei und Gendarmerie wurden wiederholt tirlniultuarische See neu provoziert. Die Polizei trat in einer in Mainz ungewohnten Weise schneidig auf, weshalb nnsre Genossen im Mainzer Stadtverordnctenkollcgium sowohl als später im hessischen Landtag interpellierten. Am 11. August nun, morgens zwischen 5 und 6 Uhr,— die Aussperrung tvar inzwischen bereits aufgehoben— war ein Trupp italienischer Maurer vor einen Neubau in der Kaiserstrahe zur Arbeit gezogen, und hatte sich, da es noch zu früh war, vor dem Bauplatz gelagert. Plötzlich brachen aus den rmiliegenden Gärten und aus dem Bau- platz eine große Anzahl Personell hervor, welche mit Eisen- st a n g e n und Holzknüvpeln auf die Italiener einschlugen. Im Verlaufe der sich nun entwickelnden Schlägerei wurden auch vcr- schicdene Revolvers chüsse abgegeben. Die Schüsse wurden anscheinend sowohl von feiten der Angreifer als auch der Angegriffenen abgefeuert. Mehrere Italiener mußten Aufnahme im Hospital finden, konnten jedoch nach kurzer Zeit als geheilt entlassen werden. Der deutsche Mmircr Peter Barth, der sich unter den Auge- klagten befindet, fuhr während des Ucbcrfalls an dem Bau auf einem Fahrradc vorüber und erhielt einen Schuh in den Fuß. W e i t c r c Verletzungen durch Schüsse konilteil nicht f e st- gestellt werden. Der Verdacht der Thätcrschaft lenkte sich be- greiflichcr Weise auf die organisierten Maurer. Die Staatsantoalt- schaft nahm ca. 2 t» Verhaftungen organisierter Maurer und Bauarbeiter vor, mußte sie jedoch alle, bis auf die vier Angeklagten, wegen Mangel an Beweisen wieder einlassen. Die Scharfmacher waren voller Jubel, da sie glaubten, annehmen zu dürfen, daß die Leitung der A u s g c s p e r r t e ir den Ueberfall veranlaßt habe. Als mn IS. Dezember v. I. im hessischen Landtag die Interpellation unsrer Genossen bezüglich der polizeilichen lieber- griffe zur Sprache kam, stützte sich die Regierung in ihrer Antwort vorwiegend auf die Anklageschrift, welch« behauptete, das; von feiten der organisierten Maurer geschossen worden sei. In ihrem Bestreben, die Ucbcrgriffe der Polizeiorganc in Mainz zu rechtfertigen, versuchte die hessische Regierung die Schuld an diesem Ueberfall sowohl, als auch an andren Exzessen den Ausgesperrten resp. deren Organisation beizumessen. Unsre Genossen Adel u» g und Ulrich wiesen diese Unterstellung scharf zurück. Sie bezeichneten es als ungehörig, daß die Regierung dem Gericht vorgreife, da dasselbe in der Sache noch nicht gesprochen habe. Am Sonnabend nun fand die Gerichtsverhandlung, ivelchc an, Mittwoch vertagt war, ihren Abschluß. Es waren ca. 46 Zeugen geladen, die inzlvischen von Mainz abgereisten Italiener waren von der Staatsanwaltschaft nicht aufzufinden gewesen und darum als Zeugen nicht erschienen. Die Anklage lautete auf Körperverletzung mit gefährlichem Werkzeug<88 223 und 223a), worauf bekanntlich Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren steht, und auf Verbrechen wider die versörnliche Freiheit»8 240 Str.-G.-B.), das mit Gc- fängnis bis zu einem Jahre bestraft wird. Die Anklage auf Land- friedenSbruch, Ivelche anfangs von der Staatsanwaltschaft gestellt war, hatte dieselbe nachträglich fallen lasse». Ter Staatsanwalt beantragte für die Angeklagten D i t t und Orth zwei Jahre Gefängnis, gegen Peter Barth ein Jahr G c- fängnis. bezüglich des Johann Barth stellte er die Eni- scbeidung in das Ermessen deS Gerichts. Das Gericht erkannte, be- züglich der Angeklagten Johann und Peter Barth sei eine Beteiligung an dem Ueberfall nicht erwiesen, dagegen stehe die Teil- nähme der Angeklagten Orth und D i t t fest. Johann und Peter Barth wurden demgemäß freigesprochen, Orth und D i t t wegen Körperverletzung zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, worauf vier Monate der er- littenen Untersuchungshaft angerechnet werden. Alle Angeklagten wurden sofort auf freien Fuß gesetzt. Die Kosten des Verfahrens wurden, soweit Freisprechung erfolgte, der Staatskasse auferlegt, im übrigen seien sie von de», Angeklagten zu tragen. Hervorzuheben ist hierbei, daß festgestellt wurde und selbst vom Staatsanwalt anerkannt, daß mit dem bedauerlichen Vorkommnis die Organisation der Maurer als solche nichts zu thu» habe. Biel- mehr feien während der Aussperrung von dem Borstand der Maurer die Ausgesperrte» stets davor gewarnt worden, sich zu Äebergriffen provozieren z» lassen. Die Freude der Scharfmache war also verfrüht und die hessische Regierung wird wohl nunmehr zu der Erkenntnis kommen, daß sie falsch unterrichtet war. Auch ein Halsabschneider. Wir berichteten neulich aus Beuthen, daß dort ein Maurer zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Iveil er mehreren während des Streiks arbeitenden Kollegen die Redensart zurief:„Wenn ihr nicht aufhört zu arbeiten, kommt Euch der Teufel auf den Kopf!" Ein ganz ähnliches Urteil fällte dieser Tage die Strafkammer in Mainz. Vor derselben standen drei Maurer, die während der Aussperrung arbeitswillige Italiener— mit Halsabschneiden bedacht haben sollten. Die Beweisaufnahme ergab durch Aussage der Logisfrau der Italiener, daß einer der Angeklagten, der Maurer Badet, während der Unterredung mit den Italienern eine B e- wegung des Halsabs ch neide nS gemacht haben soll. Der Staatsanwalt ließ auf Feststellung dieses ThatbestandeS hin nicht etwa die Anklage wegen Bedrohung fallen, sondern beantragte 30 Nt. Geldstrafe. DaS Gericht ging über diesen Antrag noch hinaus und verurteilte den pantomimischen Streikbrecher-HalSabschneider zu 50 M. Gelbstrafe. Wenn solche Urteile gegen Ausgesperrte Mode werden, dann ist der Justiz ein völlig neues Feld für die Bekämpfung der Arbeiter- bewegung erschlossen. Irgend eine Handbewegung kann schließlich kein Arbeiterführer vermeiden; man braucht dann bloß noch eine scharfsinnige Logisfrau, welche diese Beivcguug entsprechend auslegt, und der Aermste ist rettungslos dem Richter verfallen. Zur Unterstützung der Ausgesperrten«n Crimmitschau ginge» ein bei der Hauptkasse des Deutschen Textilarbcitce-Verbandcs von den Formstcchern und Drnckmi der Linolenmjabrik Rixdors durch Karl Ritter 40,03 M. G c o r g Treue, Kassierer. Soziales. Arrzte und Kassen. Der Regierungspräsident in Köln hat die dem dortigen Krankenkassen- Verbände angehörenden Kassen aufgefordert, noch mindestens 30 Aerzte anzustellen. Die Kassen find nun bereit und waren es stets, eine ausreichende Anzahl Aerzte anzustellen und garantieren ihnen 6000 Mark jährlich. Die Aerzte weigern sich aber, solche Verträge einzugehen: mehrere Aerzte haben derartige Verträge, die sie vorher cingegaugcit waren, wieder gebrochen. Infolge der Drohung der Aufsichtsbehörde mit behördlicher Kassciivcrwaltuiig, haben die Krankenkassen nochmals verhandelt. Die Forderungen der Aerzte, die bei freier Arztwahl ein Kopfpauschalc fordern, das noch über die Leipziger Forderung hinausgeht und die Kassen unfehlbar ruinieren mutz, können die Kassen aber auf keinen Fall bewilligen. Die Kassenversammlung hat eine Deputation nach Berlin ge- schickt, die bei den Staats- und Reichsbehörden vorstellig werden soll. Anti-Strcikgcsetz und Arbeitsverhältnisse in Ncu-Teeland. Das Bulletin deS Arbeitsamtes der Vereinigten Staaten ver- öffentlicht eine umfangreiche Arbeit des Dr. Clark über die Arbeiter- Verhältnisse in Neu-Secland. Dr. Clark, der im Auftrage des Arbeitsamtes von Washington eine Untersuchuugsreise nach Reu- Seeland, Japan und China macht, berichtet unter andcrm auch über die Wirtungen des bekannten nen-seeländischen„Anti-Streikgesetzes". Das Gesetz wurde im Jahre 1894 angenommen und im Jahre 1396 trat es in Kraft. Die Bestimmungen dieses vielbesprochenen Gesetzes sind im wesentlichen bekannt: Alle gewerblichen Streitigkeiten kommen vor paruäcisch zusammengesetzte Einigungsämter und, trenn dort eine Verständigung nicht erzielt wird, vor daS Schiedsgericht. Diese Instanzen setzen die Löhne und mich die übrigen Arbeitsbedingungen für die Gewerbe eines bestimmten Distriktes fest und diese Fest- setzungcn haben gesetzliche Gültigkeit; Verstöße gegen dieselben unter- liegen schtveren Strafen. Den Entscheidungen des Schiedsgerichts haben sich nicht nur die Mitglieder der Unternehmer- beziehentlich Arbeitcrverbände zu fügen, sondern dieselben haben Geltung auch für die außerhalb der Organisation stehenden Bernfsangchörigen. Neu-Seelcmd ist so das„Land ohne Streiks" geworden. Dr. Clark wirft nun die Frage auf, ob durch das Gesetz eine Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiterklasse herbeigeführt worden ist. Er ist der Meinung, daß das Gesetz in der Richtung zum gewerblichen Frieden gewirkt habe, mindestens seien die Methoden des Kampfes weniger verletzend, aber die materielle Lage der Arbeiterklasse sei nach seiner Meinung durch das Gesetz i-n keine»» hohen Grade beeinflußt. Die Löhne würden auch ohne das Gesetz in die Hohe gegangen sein, allerdings könne mich niemand genau sagen, wie die Arbeitsbedingungen wären, wenn das Gesetz nicht be- stände. Die Arbeiter seien im allgemeinen für das Gesetz, die Unter- nchmcr als Klasse seien gegen dasselbe. Vielfach haben die Unter- nchmer die Erhöhung der Produktionskosten, die ihnen bei Fest- setzung höherer Löhne durch daS Schiedsgericht entstanden, durch Erhöhung der Preise wieder wett gemacht. Die Landbevölkerung gebe den Arbeitern schuld an den höheren Preisen und dies sei die Ursache des sehr starken Antagonismus zwischen Stadt und Land in Neu-Seeland. Von den Angäben, die Dr. Clark über Arbeitslöhne in Neu- Seeland macht, seien hier einige lviedcrgegcben. Nach ihm verdienen im Maximum pro Woche Zicgelstreicher 60 M., Tischler 60 M., Zimmerer 60 M., Eisenformer 60 M., Sattler 50 M., Schiwider 60 M. Das jährliche Einkommen eines Arbeiters in Neu-Seeland habe zivar eine sretc Steigerung erfahren, die aber bedeutend geringer sei als die in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Im Jahre 1900 habe das durchschnittliche Jahres- cinkommen der Lohnarbeiter in Neu-Seeland l inbegriffcil Frauen und Kinder) 1429,44 M. betragen, während nach den Ermittelungen der amerikanischen Arbeitsämter das Jahreseinkommen in Massachusetts 1738,28 M. und in Ohio 1788,03 M..betrug. Da es in Neu-Seeland keine Arbeiternnlerbrechungen tvegcn Streiks gäbe, so würden wahrscheinlich mehr Arbeitstage in Betracht kourmen als bei der amerikanischen Statistik: aber die reguläre Arbeitszeit betrage in Ncu-Sccland 44 und 48 Stunden, gegen 34-— 60 in Amerika. Auch die Bedürfnisse der Arbeiter seien in Neu-Secland kostspieliger als in Amerika. Eine Fabrikinspektori» habe ihm mit- geteilt, daß eine junge Arbeiterin pro Woche 18 M. für Kost und Logis auswenden müsse, währenddem in Ohio hierfür 10 M. ge- nügten. Iii seine»» Gesamtnrteil kommt der amerikanische Beainte zu dem Schluß, daß ein solches Gesetz, wie eS in Australien bestehe, für die amerikanischen Verhältnisse nicht geeignet sei. Nachdem das Schiedsgerichtsgesetz 7 Jahre in Kraft sei, betrage der Arbeitslohn in Neu-Secland doch nur 48,8 Proz. vom Werte des Industrie- Produktes, gegen 48,6 Proz. in Amerika, wo Verttagsfreihcit und die Methoden der Gewerkschaften allein ausschlaggebend seien. Dies Resultat sei nicht geeignet, zu einer Nachahmung der nen-sccländischen Gesetzgebung zu ermutigen.______ Hue der frauenbeilvegung. Bon»„Recht" der Franeir. Ten§ 3 deS Vcrciiisgesetzes sollten die Vorstandsmitglieder deS BürgcrvcreinS zu Wangerin in Pommern dadurch-übertreten haben, daß sie die drei weiblichen Mitglieder»»icht zum Ausscheiden veranlaßtcn, nachdem der Verein seine Thätigkeit durch eine Statutenänderung aus kommunale Angelegenheiten erstreckte. Das Landgericht Stargard sprach jedoch die Angeklagten frei und ie aus: Ziveifellos sei der Verein cu» politischer im Sinne des 8 3 des Vcreinsgesetzcs geworden, in den Frauen nicht aufgenommen ivcrde»» dürfte»». Trotzdem mußten die Angeklagten freigesprochen Iverdci». Entscheidend sei der Wortlaut des§ 8-, wo von den politischen Vereinen gesagt»verde: sie dürfen keine Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge als Mitglieder aufnehme n. Wein» 8 16 Verstöße gegen 8 8 unter Strafe stelle, dann bedrohe er also nur daS Aufnehmen von Frauen ii» einen politischen Verein mit Strafe und»»icht das D u l d e»» in einen» Verein, der erst durch eme Aenderung der Satzungen zu einem politischen Verein geworden sei. Hier handle es sich nur um ein derarriges Dulden schon lange im Verein vorhandener weiblicher Mitglieder, und nicht um ein Auf- nehmen solcher»n«inen politischen Verein. Deshalb könne eine Be- strafung nicht eintreten. Das Kainmcrgerichr als Revisionsinstanz hob indessen die Vor- entscheidung auf und verwies die Sache nocch einnial an das Land- gericht zurück. Begründend wurde ausgeführt: Wenn ein nicht- politischer Verein sich uintvandle in einen politischen Verein, der bezwecke, gemäß 8 8 in Versammlungen politische Gegenstände zu erörtern, dann sei das eine Neugründuna, und es»nüßten die an politische Vereine gestellten vereinspolizeilichen Erfordernisse erfüllt werden. Es könnten dann Frauen, die bisher zuin Verein gehörten, „»cht»nehr Mitglied bleiben. Wenn sie in den veränderten Verein, in den neuen Berein übergingen, dann seien sie eben aufgenommen worden, in einen polittschen Verein aufgenommen worden, und 8 8 komm« zur Anwendung. Die Sache müsse jedoch an das Landgericht, das iininer nur von einem politischen Verein spreche, zurückverwiesen werben, damit es nachprüfe, ob der Verein bezweckte, in Versmmn» lungen politische Gegenstände zu erörtern, womit erst die Voraus- setzungen der Anwendbarkeit des 8 3 des Bereinsgesetzes erfüllt wären. Im Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse referierte am 18. Januar Herr Dr. Zadel über Arbcitsdauer und Gesundheit. Er erörterte dabei vornehmlich die Wirkungci» zu langer Arbeitszeit auf den weiblichen Organismus, besprach die Schäden der Heimarbeit und trat für Beschränkung und Ueberwachung der Heimarbeit ein. — An der Diskussion über den höchst anregenden Vortrag beteiligten sick» auch mehrere Heimarbeiterinnen. Frau Fromann hob die großen Schlvierigkeitcn hervor, die eine Aufhebung oder Beschränkung der Heimarbeit für alle diejenigen Proletarcrinnen mit sich bringe, die zu Hause 5linder zu versorgen' haben; es wurde ferner betont, daß eine gesetzliche Uebcrlvachung der Arbcitsdauer in den privaten Heim- betrieben kaum durchzuführen sein dürfte. In seinem Schlußwort ging der Referent»»och eii»mal kurz auf die angeregten Fragen ein und wies für eine»»äherc Erörterung dieser Probleme noch besonders auf de»» demnächst tagenden-Kongreß zum Schutze der Heim- arbeit hin. Steglitz. Der Bildungsvcrcin für Frauen und Mädchen von Steglitz und Umgegend, hielt Do,»ncrStag, den 21. Januar, bei Wahrcndorf, Schloßstratze 117, seine regelmäßige Vereinsvcrsamm- lung ab, in welcher die Vorsitzende des Vereins, Frau Werdermaiin, einen Vortrag mit Recitation über„Friedrich von Schiller" hielt. Für den großartige», Vortrag erntete die Redncrin reichen Beifall. Es wird auf die Wanderversammlung, welche in Friedenau, bei Grube. Kaiser-Allec, Donnerstag, den 4. Februar, stattfindet, auf- merksam gemacht. Rixdorf. Am 17. Januar fand eine gut besuchte Versammlung deS Vereins gewerblich tätiger Frauen und Mädchen, von Rixdorf und Umgegend im itokal von Thiel, Bergstraße, statt. Genosse P. Bernstein hielt eine», mit Interesse aufgenommenen Vortrag: Ter Achtuhr-Ladenschluß. Am Schluß desselben forderte Referent die an- »vesenden Frauen auf, nach Kräften dafür zu sorgen. ui»ter den hiesigen Geschäftsleuten recht viel Anhänger des Achtuhr-Ladcn- schlusses zu bekommen.— Kassiererin und Schriftführerin erledigten ordnungsgeinäß ihre Berichte. Aufgenominen wurden 6 Mitglieder. Unter Verschiedenem wrirde angeregt, die nächste Versammlung in Britz stattfinden zu lassen._ Versammlungen. Deutsche Metallarbeiter Gcwcrkschast. Die Ortsberwaltung Berlin hielt an, 24. Jal»uar in»„Englischen Garten" ihre Generalvcrsamm» kling ab. Der Vorsitzende Daunen berg er besprach in seinem Jahresbericht die verschiedenen Streiks und Lohnbewegungen de» verflossenen Jahres. nild verweilte besonders bei den takttschen Meimingsverschicdenheiten, die ztvischcn seiner Gewerkschaft und de»n Metallarbeiter-Verband bestehen. Hinsichtlich der vom Parteivorstand eiilgekeiteten Einigimgs- Verhandlungen zwischen den Organ»- sationen beider Richtungen meinte der Redner, daß die Emigung bisher an dein doginatischen Verhalten der Vcr- tretcr der Centralvcrbände gescheitert sei. Die Verhandlilngcn würden jedoch fortgesetzt»verde»».— In der Diskussion wurde die Takttt des Metallarbeiter- Verbandes soivic der Ceiitralverbänd« überhaupt ebenfalls absprechend beurteilt, lvobei man besonders auch auf die Webcraussperrung in Crimmitschau hinwies.— Darauf verlas der Kassierer WieSner den Kassenbericht vom4. Ouartal 1903. Die Einnahmen betrugen 4249 M., die Ausgaben£857,31 M.; es wurde also ein Ucberschuß von 1391,69 M. im verfLiienei» Ouartal erzielt. Die Jahresabrechnung für 1903, die den Mitgliedern hektographiert vorgelegt»vurdc,»veist 16 233,87 M. Ein- nahinen und 13 203,34 M. Ausgabe»» auf; zu dein Ueber» schuß von 3030.33 M. kommt ein alter Bestand von 339.61 M.. so daß an» Jahresschluß 3570,14 M. Kassenbestand vorhanden Ivare». Für Streik- und MaßregelungSunterstützung wurden 8081,70 M. ausgegeben, für die Crimmitschauer Weber 200 M., sür Agitation 812,42 M.; an die Ha»lptkasse wurden in» Laufe des JahrcS 13 14,45 M. gezahlt. Für die ausgesperrten M-tallarbeiter ivurden auf Listen 1511.37 M. gesaimnelt. abgesehen von den andern freiloilligcn Beiträgen.— Der L o l a l f o n d s hatte ain Jahresschluß 1036»63 M. Kassenbestaud.— Als Beisitzer zun» Hailptvorstand wurde Küken gewählt. Eine ausgedehnte Debatte rief der Antrag auf An« stellnng eines besoldeten Beamten und Einrichtung eineS eignen Bureaus hervor. Dannenberger begründete diesen Vorschlag»nit dein HiniveiS auf das übennenschliche Maß von Arbeit, das jetzt dein Vorsitzenden aufgebürdet»verde und daS sich nicht in den»venigen Stunden nach Feierabend erledigen lasse. Der Redner sah sich auf Grund seiner Erfahrungen genötigt, seinen früheren ablehnenden Standpunkt zu dieser Frage aufzugeben. Die Diskussionsredner sprachen sich größtenteils ebenfalls für den Vor- schlag aus. der schließlich gegen vier Stimmen angenommen wurde. Als Geschäftsführer für das Bureau wurde Zedier auf Vorschlag der Ortsverwaltung � gewählt. Sein Monatsgehalt nmrde auf 150 Mark festgesetzt. Die Neu- »vahl zi» diesem Posten soll alljährlich in der General- Versammlung im Januar vorgenommen werden, und zlvar zuin 1. April. Der jetzt Gelvählte tritt seine Stellung jedoch schon ain 1. Februar an. An diesem Tage wird bei Pfeffer, Rosen- thaler st raße 57, Eingang von der Gormannstraße, das Bureau eröffnet. In den Vorstand wurden gelvählt oder »vicdergelvählt: Erster Bevollinächtigter Dannenberg er. zweiter Bevollmächtigter W. Schulz; Schriftführer Grünberger; Kassierer W» e s n e r; als Revisoren Edelmann. Deckert und K l» n k c; als Hilfökassierer für den Norden Böttcher.— Ms Bezirksleiter ivurden die von den verschiedenen Bezirken vor- geschlagenen Kollegen gewählt. Letzte Nadmebten und Depefeben. Der„Simplicissimuö" im bayrischen Abgeordnetenhause. München, 25. Januar.(SB. T. 23.) Am Schlüsse der heutigen Sitzung der Kammer der Abgeordneten kam es bei Gelegenheit der Beratung des Justizetats zu eine»»» Zwischenfall. Der socialdemo- lratische'Abgeordnete S e g i tz begann den jüngst konfiszierten Artikel des„SiniplicisfimuS" zu verlesen. Ueber die Zulässigkeit dieser Verlesung entstand eine längere GcschäftsordnniigS- Debatte, während»velchcr die liberalen und die socialistischen Redner für die Zulässigkeit der Verlesung ein- traten, da die Gcschäftsordiiung kein hierauf bezügliches Verbot enthalte,»vährcnd die Mitglieder des CentrumS und der Präsident Dr. Orterer die Verlesung für unzulässig hielten. Schließlich»vurde über die Frage der Verlesung namentlich abgestimmt, wobei sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses herausstellte. Selbstmord eines Rekrute». Stuttgart, 25. Januar.(B. H.) Der Rekrut Holle au? Münch- hausen bei der 2. Compagnie des Füsilier-Regiments v. GerSdorff litt eit läilgerer Zeit an Heimweh, weshalb er schon mehrere Male zwecks Beobachtung seines Geisteszustandes dem Lazarett überwiesen wurde. Gestern stürzte sich derselbe aus dem zweiten Stockwerl der Kaserne auf den Hof hinab und erlitt so schwere Verletzung«»,, daß er bald darauf verstarb._. Grubenunglück. PittSburg. 23. Januar.(W. T. B.) In einem Schacht der Harlvick Coal Compaini bei Cheswick sind durch Explosion 12b Gruben- arbeiter verschüttet worden. Man glaubt, daß viele auf der Stell« getötet oder erstickt sind._ Stolberg Bei Aachen, 25. Januar.(B. H.) Fünf Arbeiter der Stvlberger Spicgelfabrik stürzten von einem Gerüst; drei der- selben erlitten schwere Verletzungen. Vcrantw. Redakteur:.Julius KaliSki, Berlin. Inseratenteil veranttv.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag: Vorwärts Buchdr.u.Berlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin SVV. Hierzu ZBeilagenu.NnterhaltuilgSblatl Hr. 21. 21. 1. Kilize des Jerwrls" Kerlim WsdN Aitllskg, 36. IüMlkr IWä. l�eLcbstag. 18. Sitzung. Montag, den 25. Januar 1004, nachmittags 1 U h r. Am Bundesratstische: Graf PosadowSky, Frhr.v.S t e n g e l. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Etats. Sic beginnt mit dem Etat des Reichstags. Dazu liegt vor eine Resolution D r. Sattler snall.) aus Gewährung von A n w e s e n h e i t S g e l d e r n für die Abgeordneten in Höhe von 20 M. täglich. Abg. Dr. Paasche snatl.): Wir haben unsren Jintiativantrag auf Gewährung von Diäten in der Form einer Etatsresolution wiederholt, weil der Autrag wahrscheinlich erst sehr spät an die Reihe gekommen wäre. Die Resolution entspricht wiederholten Forde- nmgen des Reichstags. Leider ist immer noch nichts geschehen, um das dringende Verlangen des Reichstags zu erfüllen. Die Gegengründe find sämtlich widerlegt worden. Sticht die Diäten züchten Berufs- Parlamentarier, sondern gerade durch die Diätenlosigkeit ist das BerufsparlamentarierKun großgezogen worden; sie ermöglicht daS lleberwicgen der Berliner gegenüber den Abgeordneten aus der Provinz. Auch gegenüber dem bedauerlich schlechten Besuch des HauseS find die Diäten ein Mittel, wenngleich kein Allheilmittel. DaS Niveau des Hauses würde nicht durch Diäten hcrabgcdrückt werden. Ich wundere mich darüber, daß die Regierungen diesem Wunsche so hartnäckigen Widerstand entgegensetzen.(Lebhafte Zu- slimmung.) Gegenseitige Rücksichtnahme ist die Grundlage für das Zusammenarbeiten der beiden gcsctzgebendeir Faktoren. Es ist kein sonderliches Vergnügen, dauernd im Parlament arbeiten zu müsie», feine Karriere, fein Geschäft, seine Familie zu vernachlässigen im Interesse des AllgemeinwoblS, wenn man weiß, wie wenig Rücksicht schließlich unsre Wünsche beim Bundesrat finden.(Sehr richtig! bei den Nanonallibrralen.) Ich bitte die verbündeten Regierungen nachdrücklich, unsre Forderung nun endlich zu erfüllen.(Beifall.) Abg. Gröber(C.): Der Diätenantrag ist so alt wie der Reichs- tag. Der alte Grundsatz: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, gilt doch nicht nur für die Bundesrats-, sondern auch für die RcichStagS-Mtalieder.(Heiterkeit und Zustimmung.) Beim Erlaß der Verfassung konnte man noch nicht voraussehen, welchen Umfang die legislatorische Thätigkeit im Reichstag nehmen würde. Die sociale Gesetzgebung, von der damals iioch gar nicht die Rede war. nimmt jetzt gut den fünften Teil unsrcr Arbeit in Anspruch. Die Diäten- losigkeit bewirkt den schwachen Besuch des Hauses, besonders seitens der süddeutschen Mitglieder. Der Reichskanzler hat sich bereit erklärt. Diäten zu befürworten. Ist er denn so einflußlos im Bundesrat, uni seine Meinung nicht durchsetzen zu können? Bayern, Württem- berg, Baden, Hessen sind für Diäten. Wo st eckt denn daS H i n d e r n i S?(Heiterkeit. Zuruf: Sachsen!) Ach. Sachsen allein mit seinen vier Stimmen ist nicht so stark. Aber die preußische Rc- gicrung ist es, die die Diätcngcwäh'.'ung verhindert!(Lebhafte Zu- ftimmung im Centruin, f Dadurch begünstigt sie die 208 Doppel- maudatare, die gleichzeitig im preußischen Abgeordnctenhause sitzen, zu Ungunsten besonders der Süddeutschen. Das ist keine Reichspolitik, sondern eine preußisch-parttkularistische Politik!(Leb- haftcr Beifall im Centrum.) Wir wollen aber im Reichstag eine Reichspolitik. Auf die Notwendigkeit, die Verfassung nicht zu ändern, kann sich die Regierung am wenigsten berufen in einem Augenblick, lvo sie mit der ReichS-Finanzreforin ebenfalls eine Verfassungsänderung plant. Wir stimmen der Resolution zn und hoffen auf ihre endliche Verwirklichung!(Beifall im Centrum.) Abg. Pfaimtuch(Soc.): Es ist überflüssig, zur Empfehlung des Diätcnautrages noch ei» Wort zu sagen. Wir schließen uns den Gründen der beiden Vorredner an. Das Niveau des Reichstaas wird durch die Diätenlosigkeit nicht hcrabgedrückt. Auch den Wahlkampf sürchtcn wir nicht; am liebsten hätten wir jedes Jahr einen.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten und Lachen rechts.) Dann wäre mancher von Ihne» lnach rechts) nicht hier. Wir stehen Ihrer Furcht, daß durch die Diäten die Socialdemokratie gestärkt werde, lächelnd gegen- über. Wir haben es bis jetzt ausgehalten und werden es weiter aushalten. Aber hätten die Nattonalliberalcn die Diäten eingeführt. als sie noch die Macht in Händen hatten, brauchten wir jetzt nicht mehr darüber zu sprechen. Ich will aber die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne die Anregungen wieder aufzunehmen, die Kollege Singer im vorigen Jahre gegeben hat. Die Löhne der diätarisch ange- stellten Beamten sind so niedrig geblieben, wie sie waren. und es scheust, als ob der Präsident den Wünschen der Kollegen, die hier nn Vorjahre ausgesprochen wurden, keine Rechnung getragen hat. Unsre Fraktion würde jederzeit die nötigen Summen bewilligen, um diesen Beamten für die reichstagslose Zeit wenigstens die Hälfte des Tagelohneü zuzusichern. Wenn der Präsident sich dieses Vor- fchlags annehmen wollte, so würde er sich ein Denkmal der Dank- barlest in den Herzen der Unterbeamtcn errichten. Ich habe dann noch eine weitere Beschwerde vorzubringen. Die Presse beklagt sich mit Recht auch heute noch über die vom Kollegen Ledebour schon im vergangenen Jahre gerügte mangelhaste Beleuchtung ihrer Arbeitsplatze. Wer einmal gezwungen gewesen ist. bei dicfem Lichte zu arbeiten, hat auch darunter gelitten. Die Presse hält ferner die Zahl der ihr zur Verfügung gestellten Telephone für ungenügend und die Tclephonzellcn für mangelhaft eingerichtet. Sie sind vor allem zu niedrig und es fehlt jede Vorkehrung, um während des Telephonierens die nötigen Aufzeichnungen machen zu könne». Eine wesentliche Beschwerde der Presse ist ferner, daß die auf den Tribünen sitzenden Vertreter sich nicht vom Platze aus mit ihrem Arbeitszimmer durch Klingelzeichen in Verbindung setzen töimen. Kurzum, die vorhandenen Einrichtungen sind nicht geeignet. die Ansprüche, die die Presse machen darf, zu befriedigen.(Beifall bei den Socialdemokraten.) Präsident Graf Ballestrem: Ich kann Ihnen versichern, daß ich die Anregungen, die hier gegeben werden, immer in reif- lichste Erwägung ziehe, und daß geschieht, was geschehen kann. Aber die einzelnen Abgeordneten können sich nicht die reglementarischen Schwierigkeiten, um den Sachen gründlich ab« zuhclfen, so vor Augen führen, wie sie mir thatsächlich vor Äugen geführt iverden. Jedenfalls nehme ich solche Anregungen immer mit Tank an.(Beifall.) Abg. Gamp(Rp.): Die Bedenken des Herrn Präsidenten treffen wohl vor allem für den Vorschlag zu, den U n t e r b e a m t e n für die reichSlag« lose Zeit Diäte» zu gewähren. Das würde zweifellos der Rechnungshof des Deutschen Reiches be- anstanden, denn es entspricht nicht den staatlichen Grundsätzen. Eni- fchädigungen zu gewähren, wenn keine Dienste geleistet sind. Eine Regelung ist überhaupt schwierig, da die Verhältnisse der Beamten durchaus nicht einheitlich find. Einige sind schon pensioniert, andre Gewerbetreibende usw. In Wahrheit unangenehm ist für sie, daß sie keine durch Statuten geregelte Ansprüche auf Krankenversicherung, Pension usw. haben. Der nationalliberalen Resolutton stehen meine Parteigenossen verschieden gegenüber. Ich gehöre zu denjenigen Mitgliedern meiner Fraktion, die gewichttge Bedenken gegen die Gewährung von Diäten haben. Eine solche Verfassungsänderung müßte weitere Provokationen von Aendcrungen der Verfassung hervorrufen. Dr. Paasche sprach vom Kandidalenmangel; ganz im Gegenteil, es ist zu keiner Zeit ein solcher Ucberfluß an Kandidaten vorhanden gewesen wie jetzt. Diese Fülle verhindert durch Bildung von gufallSmajoritäten, daß der Wille des Volkes zum Ausdruck kommt. So haben wir Konservativen z. B. für Herrn Schräder stimmen müssen.(Große Heiterkeit rechts.) Ich hoffe, daß er sich als Vertrauensmann der Konservativen bei andre» Gelegenheiten bewähren wird.(Er- neule Heiterkeit.) Dr. Paasche sprach davon, daß man seine .arriere dem Reichstags- Mandat opfere. Ich weiß davon nichts, vielfach ist das Gegenteil der Fall. Herr Gothein steht auf und deutet damit an, daß er seine Karriere dem Mandat geopfert habe. Herr Gothein, Sie waren bereits früher ausgetreten(Abg. Gothein ruft: Nein!) und waren übergetreten in eine Thätigkeit, wo Ihre Arbeitskraft mindestens ebenso sehr beansprucht wurde wie als Berg rat. Wenn Sie als Syndikus einer so hervorragenden Handels kammer wie Breslau Ihre Pflicht thun wollten, hätten Sie das Reichstags-Mandat niederlegen müssen.(Unruhe.) Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte, nicht auf die Privat- Verhältnisse deS Abgeordneten einzugehen.(Beifall.) Abg. Gamp(fortfahrend): Ich war provoziert worden.(Lachen links.) Nicht die Diätenlosigkeit, fondern die langen unfruchtbaren Debatten bewirken den schlechten Besuch des HauseS. Wir sind in eine neue Session eingetreten, und es wäre wohl keinem von uns erwünscht, sich s c l b st D i ä t e n zu bewilligen.(Oho! und Unruhe.) Freie Eisenbahnfahrt wünschten tvir am liebsten für daS ganze Jahr, sind aber bereit, diesem Passus der Re folution(freie Eisenbahnfahrt für die Sitzungszeit und acht Tage vorher und nachher) zuzustimmen. Abg. Dr. Wolfs(Bauernbund) tritt für A n w e s e n h e i t S- geldcr ein. Gerade den Süddeutschen wird die Mitarbeit er- fchwcrt. Die Socialdemokraten haben leichte Auswahl bei der Auf stcllung von Kandidaten, aber die notwendigsten Stände nicht. Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert. Abg. v. Normann(k.): Ich verzichte darauf, noch einmal alle die Gründe onzuftihrcn, aus denen der größere Teil meiner polittschen Freunde schon seit Jahren gegen den Antrag stimmen Die Wünsche des Abg. Gamp bezüglich der Fahrkarten machen auch wir uns zu eigen. Unsre Beamten hier im Hause wünschen auch wir aufs beste versorgt, aber auch wir haben das Vertrauen zu unsrem Präsidenten, daß er genügend für sie sorgen wird.(Beifall bei den Konservativen.) Abg. Schräder(frs. Vg.): Die Einzelheiten, die?lbg. Pfannkuch hier vorgebracht hat. kann ich jetzt nicht prüfen. Aber es dürfte leicht sein, eine Form zu finden, an dem der Rechnungshof nichts aus- setzen kann. Der Diätcn-Resolution stimmen wir selbstverständlich zu. Die socialdemokratische Partei erleichtert ja schon seit langem ihren Mit gliedern das Dasein in Berlin durch Partei-Diätcn. Man hat auf den Versuch verzichtet, den Abgeordneten diese Diäten als vcr- fassungswidrig wieder abzunchnicn. Man kann cö keiner Partei vcr- wehren, ihren Mitgliedern auf diese Weise die Thättgkeit im Reichs tage zu ermöglichen. Wenn aber Diäten für den Reichstag g e währt werden, so würden die s o c i a l d e m o k r a t i s ch e n Üb geordneten unabhängiger von ihrer Fraktions- l e i t u n g und von den Verhältnissen, die sich daraus ergeben lvcrden. Das könnte uns nur erwünscht sein. Warum fügt sich Graf B ll l o w nicht endlich den Wünschen des Reichstages? Im preußischen Abgeordnctenhause hat er erst vor- gestern den K o n st i t u t i o n a l i ö in n S verherrlicht. Ist der Reichskanzler nicht ebenso konstitutionell wie der Herr Minister Präsident?(Heiterkeit.) In Preußen stützt sich Graf Bülow auf die Mehrheit eines mit Diäten versehenen Parlaments und erkennt da mit an, daß ihm ein solches Parlament sehr wohl als Grund läge für seine Politik dienen kann. Da sollte er es auch im Reiche versuchen. Bezüglich der Eisenbahn-Freikarten sollten sie mindestens zu den früheren Zustünden zurückkehren. Die früher gewährten Freikarten wurden in einer sehr rücksichtslosen Weise zurückgezogen,(Sehr richtig! links.) Abg. Dr. Müller-Meiniaen(frs. Vp.): Bezüglich der Wünsche für die Presse und Beamten schließen wir uns ganz den Worten der Abgeordneten Schräder und Pfannkuch an. Daß wir uns noch immer mit dem Diätenantrag beschäftigen müsien, ist geradezu widerwärtig. Der Staatssekretär PosadowSky. der sonst so liebenS würdig ist, hat heute für uns kein Wort übrig; er weiß, warum/ Den Abg. Gamp erinnere ich nur an einen Brief, den sein Frakttons- kollcge K a r d o r f f in den siebziger Jahren geschrieben hat und der ihm schon öfter vorgehalten worden ist. Es heißt darin, er habe sich an industriellen Gründungen beteiligen müssen, um ohne Vermögensverluste feine parla- m entarische Thätigkeit wahrnehmen zu können. Setzen Sie sich zuerst, Herr Gamp. mit ihrem viel älteren Partei genossen Kardorff auseinander, ehe Sie den Diäten widersprechen. Es entspricht nicht der Würde dieses Hauses, fortgesetzt in der Rolle des Supplikanten bei einem gleichgestellten Faktor auf zutteten. Der freundliche Reichskanzler hat erst Sonnabend im Ab- gcordnctcnhause erklärt, er möchte mit der Mehrheit des hohen HauseS zusammenarbeiten. Warum denn immer im mittelalterlichen Abgeordnetenhause? Warum denn nicht einmal im Reick'Stage? Aber Graf Bülow ist kein Konsequenzen-Machcr".(Sehr gut!) Die Vcr Weigerung der Diäten durch Preußen ist ein Ausdruck des auto krattschen Systems, das wir überall bekämpfen müssen. In diesem Sinne bitte ich Sie um die einstimmige Annahme der Resolution Paasche.(Beifalls links.) Abg. Dr. Südckum(Soc.): Die Beleuchtung in de» uns zur Verfügung stehenden Schreibzünmcr» ist so, daß man ohne dauernden Schaden für die Augen nicht arbeiten kann. Auch sind die Schreib aeräte, Ivenn das HauS reichlicher besetzt ist. durchaus unzulänglich. Ebenso steht eS mit den Smechzimmern, die zum großen Teil von einzelnen unsrer Kollegen okkupiert sind, so daß für unS andre gar keine Möglichkeit besteht, irgendwelche schwierigen Arbeiten ungestört vorzunehmen. Kleinere Zimmer müßten in größerer Zahl den Ab geordneten zur Verfügung gestellt werden. Der Rcstauratiousbetncb müßte wenigstens soweit ausgedehnt werden, daß. solange die Abgeordneten zu Fraktionssitzungen und Kommissionöbcratungen im Hause sind, kalte Küche zur Verfügung stände. Die Existenz einer solchen Restauration, ivie sie hier im Hause ist. diese Psennigfuchscrei in den RestaurationSräumen, die Trinkgclderwirtfchaft ist geradezu unwürdig. Wie in de» englischen und französischen Parlamenten müßte kaltes Buffett für die Ab- geordneten ausgestellt werden. DaS wird sich ja nicht sofort ändern lassen, aber die Ausdehnung der Restaurattonszeit ist doch durch- führbar. Für die Gewährung der Reise- Freikarten hat Graf Posa- dowsky erst kürzlich m der Budgettommission mit einer gewissen Naivetät einen Grund angeführt. Er fragte unS, warum wir uns nicht einmal die Beamten- Wohnhäuser am Nord- Ostsee-Kanal ansehen. Ja. wer soll denn daS für sein Geld können? Wir selbst empfinden cS manchmal schmerzlich, daß die Abgeordneten nicht genügend informiert sind. Wenn Sie glauben, daß Sie durch das heutige System der Socialdemokratie Abbruch thun, daß Sie ihre Aaitaiionsrcisen verhindern, nun, so haben wir Geld genug, um diese Reisen selbst bezahlen zu können. Das ist also für Sie lein Gnmd gegen die Gewährung von Freikarten.(Sehr gut I bei den Socialdemokraten.) Abg. Schräder hat schon mit 5iecht darauf hingewiesen, daß es sehr wichtig ist, den Herren von der Presse möglichst günstige Arbeitsbedingungen zu schaffen, damit genau, zuverlässig und aus- führlich über die RcichstagS-Bcrhandlungcn berichtet wird. ES wird aber den meisten von Ihnen unbekannt lein, daß sich neuerdings auf der Journali st entribüne ein 60 Psennig-Bazar gebildet hat.(Hört! hört!) Der Unternehmer dieses 5b Pfennig- Bazars ist das Ihnen nicht unbekannte»Wolffsche Tele- graphen-Bureau", das zu der Regierung außerordentlich enge Beziehungen unterhält. DaS„W. T. B." bietet den Zeitungen Berichte und E n t r e f i l e t S über die Reichstags-Verhandlmigen schon zum Preise von 50 Pf. an: Berichte über wichtige KoinmijslonSberatungen für 25, 50, 75 Pf. und 1 Wl(Heiterkeit und Hört! hört!) Nun wäre es ja vielleicht an sich gleichgültig, wie diese Leute ihre Preise stellen— es wäre Sache der Presse, sich gegen eine solche Schmuykoukurrcnz zu wehren— tvcnn nicht dieses offiziöse Institut seine Berichte so anfertigen ließe, wie sie im S in n e, sagen ivir einmal der ftaatSer halten den Parteien und der Regierung sein müßten. Die Herren der RegierungS« Parteien, spec'icll die Herren der Regierung selbst und am aller« spcciellsten Graf Bülow selbst erschienen hier immer in der Gloriole des Siegers(Zuruf rechts: Der.Vorwärts" macht eö ja ganz ähnlich!), und alle Kreisblätter im Lande bringen dann übercin- stimmend diese Siegesmeldungen. Ich glaube, daß die Regierung diesem Unternehmen nicht fern steht; daß cS ihr mindestens sehr angenehm ist, wenn das„Wolffsche Tclcgraphenburcau" diese Stimmungsmache im Lande betreibt, die ungefähr auf dem Niveau der Verbreitung Bülowtchcr Reden durch die Mittlers che Hof« b n ch h a n d l u n g und andrer Donquichotterien steht. Wir können uns ja vom Reichstag aus dagegen nicht wehren, aber ich halte cö doch für nötig, daß dies einmal öffentlich gekennzeichnet werde.(Beifall bei den Socialdemokraten.) Staatssekretär Graf Posadoweky: Aus das Für und Wider in der Diätensrage will ich mich, nachdem die Angelegenheit hier so oft erörtert worden ist, nicht einlassen. Wenn der Bundesrat, der andre Faktor der Gesetzgebung, die verfassungsmäßige Grundlage deS Reiches festhält, so kann ihm daraus nicht der Vorwurf autokratischeu Vorgehens gemacht werden. Die Regierung in einem föderativen Staate sind die verbündeten Regierungen; die Verantwortung trifft nur diese. Bisher ist mir«icht bekannt geworden, daß für die Ge- Währung von Diäten eine sichere Majorität im Bundesrat vorhanden ist. In Bezug auf Reichötags-Fahrkartcn ist das ReichSamt de« Innern stets außerordentlich entgegenkommend gclvesen.(Sehr richtig!) Wenn eine größere Anzahl von Mitgliedern dieses Hauses oder eine Kommission den Wunsch haben sollte, Staatsanstaltcn wie die Arbeiterwohnungen am Nord-Ostsee-Kanal zu besichtigen, so werde ich sehr gern bereit sein, beim Bundesrat einen Beschluß auf Gc- Währung von Freikarten herbeizuführen. Wie die Frage weiter be« handelt ivird, darüber will ich mich nicht auslassen. Abg. Dr. Spahn(C.>: Es steht fest, daß die früheren Gründe gegen die Diäten sich als irrig erwiesen haben; den Socialdemo- kratcn hat die Diätenlosigkeit nichts geschadet, nur den andern Parteien. (Sehr richttg I im Centrum.) Was der Herr Staatssekretär über den Bundesrat gesagt hat, war ja durckiaus richtig; es steht aber fest, daß die für die Verhinderung einer Verfaffungsänderuiig notwendige Zahl von 14 Stimmen im Bundesrat nur infolge des Widerstandes Preußens vorhanden ist. Es liegt in dieser Sache geradezu eine Schädigung des Reiches durch Preußen vor.(Sehr richtig!>— Redner befürwortet die Schaffung einer größeren Zahl von Arbeits« zimmern für die Abgeordneten. Wir dürfen uns in der Frage, was der Reichstag für seine Untcrbeamten thut, auch nicht in zu schlechtes Licht stellen. Aber für die reichötagslose Zeit dürfen wir keine Entschädigung gewähren, das wäre eine Umgehung deS Gesetzes.(Beifall im Centrum.) Abg. Gothein(frs. Vg): Der Staatssekretär rühmte dem Bundes» rat nach, daß er die Verfassung beobachte, wenn er die Diäten ab» lehne. Das werden ivir uns merken, wenn wir die kleine Finanzefonn ablehnen, um die Verfassung zu be» obachten.(Sehr gut! links.) Ju Wahrheit handelt es sich hier um einen Liampf Preußens gegen das ganze übrige Reich und den Reichstag. Wenn die Reichsrcgicrung wenigstens konsequent wäre, aber sie ist hier so inkonsequent, wie das gegen- wärtig überhaupt Mode ist. Ich habe hier noch in meinen Händen die Aufforderung, mir die D i ä t e n auszahlen zu lassen für die Teilnahme an den Arbeiten der Tarif» k o m m i s s i o n. Ich bin dieser Aufforderung nicht nachgekommen. Meine Parteigenossen und ich waren der Meinung, daß bei dieser Gelegenheit, wo dem Volke neue Lasten aufgelegt werden, für uns kein besonderer Vorteil hcrausspringe» darf.(Unruhe rechts.) Graf PosadowSky war so liebenswürdig, uns zu versprechen, die Freikarten umschreiben zu lassen, wenn wir etwas besichtigen wollten. Wir wollen aber nicht auf sein Wohlwollen angewiesen sein, sondern unser Recht haben. Hoffentlich wird dieser Geoanke durch möglichst einstimmige Annahme der Resolution zu möglichst kräftigem Aus« druck gebracht werden.(Bravo! links.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Der Fall, daß einer außerhalb der ReichStagSzeit tagenden Kommission Diäten bewilligt wurden, ist schon früher vorgekommen; es handelt sich da nicht um eine Wohllhat, sondern um ein Gesetz, in dem ich den ersten Schritt zu Diäte» erblickt habe.— Auch ich bin der Ansicht, wie Herr Spahn, daß die häufige Äeschlußunfähigkeit des Reichstags zum Uebelstand der langen Sessionsdauer führt. Wollen wir Diäten, so müssen wir dafür sorgen, daß die Geschäfte kurz und präzis erledigt werden. Daraus ergiebt sich die Notwendigkeit, unsre Ge- s ch ä f t S o r d n u n g der des Abgeordnetenhauses an» z u p a s s e n, wo der einzelne nicht die Beschlußfähigkeit des Hauses be« zweifeln darf. Durch Gewährung von Diäten würde der Wahlkampf sich noch schärfer als bisher gestalten. Wir müssen deshalb dafür sorgen, daß die bei der letzten Wahl aufgetretenen Beschwerden über die Unsicher« heit des Wahlrechts beseitigt werden. Es muß dafür gesorgt iverden, daß betrügerische Wähler, Mchrwählcr, die an verschiedenen Orten wählen, nicht das Wahlrecht verfälschen.(Sehr richtig! rechts.) In dieser Richtung beantragen meine Freunde die Sicherung unsrcS Wahlrechts, und dieser Antrag ist auch die Voraus- setzung für die Einführung der Diäten. Innerhalb der social- demokratischen Kreise würde sich die Bewerbung um Mandate sehr verschärfen. Es würden mehr wirkliche Arbeiter als Akademiker ge- wählt werden, und darin würde ich einen erheblichen Vorteil erblicken. Abg. Dr. Patzig(natl.): Ich glaube aus der Sttmmung des Hauses heraus der Regierung gewissermaßen bestellen zu können, daß wir in Sorge sind, wie wir das schwierige Werk der Etats- Verabschiedung bewerkstelligen sollen, wenn nicht durch Diäten für ein beschlußfähiges Haus gesorgt wird. Wir haben nun heute eine Erklärung gehört, aus der das Wort herausklang: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Aber durch solche kleinen Maßregeln wird dem Uebel nicht abgeholfen. Wenn der Bundesrat keine Diäten bewilligt, ttägt er allein die Verantwortung, wenn die Geschäfte des Reichstags stocken.(Sehr rickitig! bei den Nationalliberalen.) Es ist des deutschen Parlamentarismus nicht würdig, in dem Scheine zu stehen, als ob er erdrückt werde durch die Diätenttäger de» preußischen Landtags.(Bravo I bei den Nattonallil-eralen.) Abg. Dr. David(Soc.): Die seitens der Diäteugegner vor- gebrachten Gründe gehen im letzten Grunde darauf hinaus. aß die Beteiligung an den parlamentarischen Arbeiten ein Privilegium des Besitzes sei. Sie(nach rechts) meinen, daß der ParlamcutarismilS eine plutokratische Basis habe, daß der Reichtum die notwendige Voraussetzung sei, um als Parlamentarier zu arbeiten, daß mit den» Reichtum auch die Befähigung zu parlamentarischen Arbeiten gegeben sei. Wer sich diese Arbeiten nicht leisten kann, dem empfehlen Sie den Weg, den Herr v. Kardorff gegangen ist. nämlich sich nach industriellen Ein- iünsten umzusehen, durch die Mitgliedschaft an Attieu-Gescllschaften die Mittel zu erwerben, uni hier parlamentarisch thätig sein zu können. Dieser Weg würde, wenn er von der Mehrheit des Hause» begangen würde, zu den schlimmsten Zuständen führen. Gegenüber dieser Verbindung von parlamentarischer Thätigkeit und Auf» sichtsratS- Thätigkeit bestehe» die allerschwcrstcn Bedenkest, gegen- über denen die gegen die Diäten vorgebrachten Bedenken federleicht wiegen. Dr. Arendt hat ja angedeutet, daß er»md ein Teil seiner Freunde für Diäten seien, hat aber im Hintergrunde K o m p e n» s a t i o n e n aufmarschieren lassen. Für irgendwelche Kompen- sattonen, sei eS Verschlechterung des Wahlrechts oder Vcrschlech- Gerung der Geschäftsordnung, wird die Socialhemokratie nicht zn haben sein, dafür wird sie keine Diäten eintauschen.(Lebhafte Zu- stimmung bei den Socialdemokraten.) Für SiKerungsinahregeln gegen betrügerische Wahlen, gegen Verletzungen des Wahlgeheimnisses werden wir stets eintreten. Dr. Arendt sagte, er würde sich fteuen, wenn mehr Arbeiter und weniger Akademiker in den Reichstag känien, aber die konservative Partei hat es in der Hand, Arbeiter in den Reichstag hineinzubringen (Sehr gut l bei den Socialdemokraten.) Stellen Sic doch welche au und schicken Sie sie hierher I Ihnen kann es doch nicht schwer fallen, die Mittel aufzubringen, um die Leute in die Lage zu versetzen, hier parlamentarisch zu arbeiten.(Zuruf rechts: Ungesetzlich!) Schicke» Sie(nach rechts) Landarbeiter und Industriearbeiter, soviel Sie wollen, je mehr desto lieber ist es uns Socialdemokraten.(Heiterkeit und Zu- stimmung bei den Socialdemokraten.) Die Regierung will ja auch diesmal dem Wunsche des Reichs tdgeS nicht Rechnung tragen. Mit Reden ist es aber nicht gethan. Die Frage ist eine Machtfrage zwischen Reichstag und R e- g i e r u n g geworden. Wenn Sie(zu den Mehrheitsparteien) eS wirklich ernst meinen, dann machen Sie doch einmal Ernst! Sonst bleibt alles leeres Gerede.(Sehr gut! bei der. Social- demokrateil). Abg. Werner(Antis.): Wenn man uns fortgesetzt die Bezahlung für unsre Arbeit verweigert, so könnten wir auch einmal dazu kommen, dem Herrn Staatssekretär das Gehalt zu verweigern. Was dem einen recht ist, ist dem andren billig. Zweifellos ist, dah die chronische Beschlubunfähigkeit des Reichstags bei der Gewährung von Diäten ein Ende haben würde. Ich freilich habe die Hoffnung aufgegeben, daß wir die Diäten noch erleben werden. Damit schließt die Diskussion. Die Resolution Dr. Sattler(natl.) wird, solveit sie sich auf Gewährung von Eisenbahn-Freikarten bezieht, einstimmig, im übrigen gegen die Stimmen einiger Konser- vativer angenommen. Der Etat des Reichstages wird bewilligt. Es folgt der Etat deö Rcichöamts des Innern:Fortdauernde Ausgaben, Titel Staatssekretär. Präsident Graf Ballestrcm: Zu diesem Titel liegen eine große Anzahl von Resolutionen vor. Wenn diese alle zur Beratung ge- stellt werden, würde die Diskussion sehr verworren werden. Ich schlage daher vor, zunächst bei Tit. 1 über alle Fragen zn debattieren, die nicht in den Resolutionen enthalten sind, und dann über die nach bestimmten Gruppen geordneten Resolutionen. Abg. Dr. Spahn(C.) fragt an. ob unter den Resolutionen sich auch die Interpellation des Centrums über die Rechtsfähigkeit der Bcrufsvereine und Reichs-Arbeitsamt, deren Beantwortung durch die Regierung noch ausstehe, befinde. Jedenfalls könne auch dieser Punkt aus der Debatte ausscheiden. Präsident Graf Ballestrcm: Ich bin durchaus einverstanden. Die Interpellation befindet sich nicht unter den Resolutionen, da sie eben keine Resolution ist.(Heiterkeit.) Im einzelnen können wir Beschluß fassen, weil» wir zu den Resolutionen kommen, was heute, glaube ich, kaum der Fall sein wird.(Große Heiterkeit.) Abg. Trimborn(C.): Ich kann wieder sagen wie im Vorjahre: millus annns sine linea: auch dies Jahr ist erfreulicherweise nicht arm gewesen an socialpolitischcn Maßnahmen. Aus den Versicherungsgesetzen sind im Jahre 1003 434 Millionen gezahlt worden, 1 200 000 M. pro Tag. Davon haben die Arbeiter aufgebracht 182 Millionen, das Reich und die Unternehiner 2S2 Millionen. Es sind dieS nicht reine Wohl- thaten, die den Arbeitern zu gute kommen, sondern wir betrachten diese Zuwendungen als naturrechtliche Ansprüche. Ich nenne diese Zahlen gegenüber einer Kritik, die nur nörgeln kann und nie etwas an- erkannt, einer ungerechten Kritik, und andrerseits um zn konstatieren daß lvir doch auf dem Wege der Socialreform stetig fortschreiten.— Eines der wichtigsten socialpolitischcn Er eignisse des Vorjahres war die Verabschiedung der Krankenkassen- Novelle. Leider ist dem Reichstag dabei ein Versehen passiert, das die Gewährung der WöchncrinneN-Unlerstützung an Ehefrauen von Kassenmftgliedern unmöglich macht. Das muß bei Ge legenheit wieder gut gemacht werden. Wie die Vorgänge der letzten Zeit beweisen, ist sehr notwendig die gesch- liche Regelung des Verhältnisses zwischen Krankenkassen und Aerzte». In Köln ist ein sehr bedauernswerter Streik der Aerzte ausgebrochen und ein ähnlicher Streik steht in Leipzig bevor. Wie die Dinge heute liegen, können wir nur bei deTeile zum Frieden mahnen. Uns erscheint die freie Arztwahl als das er- strebenswerte Ideal unter der Voraussetzung einer scharfen Kontrolle der A e r z t e durch die A c r z t e s e l b st und der Schaffung eines Organs zur Verständigung zwischen Kassen und Aerzten, einer gemischten Kommission. Durch eine gesetz- liche Regelung der Frage würde auch erreicht, daß die Kassen die Aerzte lediglich nach ihrer praktischen Tüchtigkeit und nicht nach ihrer Parteizugehörigkeit auswählen. Den Herrn Staatssekretär möchte ich fragen, wie es nnt der Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Heimarbeiter steht? Bezüglich der Witwen- und W a i s e n v e r s o r g u n g haben wir neulich vom Grafen Posadowsky gehört, daß dies Problem sich noch im Stadium der Erwägungen befindet. Hoffentlich wird die Denkschrift, die über diese Frage unter den verbündeten Regierungen cirkulicrt, auch uns bald zugänglich gemacht werden. Die Frage der Zusammenlegung der drei V e r- sicherungSarten ist ancki von dem verstorbenen Abg. Richard Rösicke als eine besonders schwierige bezeichnet worden. Ich bin socialpolitisch schwindelfrei(Heiterkeit), aber hier gähnen Abgründe! (Erneute Heiterkeit.) Doch ist mir das eine klar, daß der Ausgangs- Punkt sein muß die Schaffung einer lokalen Anstalt, einer Instanz, von der aus die Geschäfte der drei Versicherungen besorgt werden und wo sie zusammenfließen. Ein socialpolitisches Gesetz großen Stils haben wir 1903 geschaffen, das K i n d e r s ch u tz- G e s c tz. Auf diesem beschränkten Gebiet sind wir allen andren Nationen voran- geschritten. Redner zählt im weiteren die in, Jahre 1903 vom Bundesrat erlassenen Verordnungen auf den, Gebiete des Arbeiter- und Kinderschutzeö auf. Unsre weiteren Wünsche zum Arbeiterschutz haben wir in einer Reihe von Resolutionen niedergelegt. Abg. Dr. Hitze hat schon früher den Wunsch ausgesprochen, daß eine Zu- sammenstellung sämtlicher gesundheitschädlichcr Betriebe und der hierfür erlassenen Schutzbestimmungen für die verschiedenen Klassen der Arbeiterschaft fertiggestellt werde. Wie steht es mit dieser Zu- sammenstellung'i Wir wünschen, daß der Bundesrat von seinem Verordnungsrecht noch intensiver Gebrauch mache zu Gunsten der Arbeiter. Von den Landesregierungen ist auf diesem Gebiete nichts oder wenig zu erwarten. Im Jahre 1903 ist nichts erreicht worden für den Ausbau des K o a l i t i o n s r e ch t e s, nichts für ein freiheitliches V e r e i n s r e ch t, nichts für die B e s s e r u n g d e r R e ch t S- ftellung der Berufsvereine, nichts fiir die Errichtung von Arbcitskammern. Dagegen spreche ich meine Befriedigung aus über die Schaffung und vorzügliche Ausgestaltung des„Reichs-Arbcits- Blattes". Der vor einigen Tagen verstorbene Präsident deö Statistischen Amtes, Herr Wilhelm), der sich auch um das Blatt sehr verdient gemacht hat, wird in der Geschichte der deutschen Social- Politik stets mit Ehren genannt werden.(Zustimmung.) Das Jahr 1903 kennzeichnet sich durch drei große socialpolitischc Ereignisse. Auf das erste, den Frankfurter Arbeiterkongreß, will ich jetzt nicht eingehen. Dazu wird bei nnsrer Interpellation über die Arbeitskammer, um das KoalitionS- recht Gelegenheit sein. Ueber den Streik in Crimmitschau kann man jetzt um so ruhiger reden, als er beendet ist. Dieser Streik hat die Frage des Z e h n st u n d e n t a g e S in grelle Beleuchtung gerückt. Vor allen Dingen ist dadurch die Wichtigkeit einer einheitlichen Regelung dieser Frage bestätigt worden. Die Industriellen haben den Zehnstundcntag abgelehnt unter Hinweis aus die Konkurrenz, die länger als zehnStunden arbeite, und hatten auf eine reichsgesetzliche Regelung dieser Materie ver- wiesen. Wäre auch nur gemäß dem früheren Antrag Dr. Hitze der zehn- stündige Maximalarbeitstag für Arbeiterinnen statt des elf- stündigen durchgeführt gewesen, so hätte uns das die Kalamität des Crimmitschauer Streiks erspart. Denn gerade in der Textilindustrie müßte eine solche Beschränkung der Frauenarbeitszcit auch für die Männer eine entsprechende Wirkung haben. Wir haben nun den Reichstag und die verbündeten Regierungen nochmals vor die Frage gestellt, ob nickt direkt der Zehnstundentäg wenigstens für Fabriken durchzuführen sei. Nichts würde uns mehr freuen als Zustimmung aus den Reihen der Konservativen und Nationalliberalen zu diesem Antrag. Findet sich aber keine Majorität dafür, so möchten wir wenigstens eine imponiernde Mehr hcit zusammenführen zur Erreichung des Zehnstundentagcs für Arbeiterinnen. Vicepräsident Graf Stolbcrg: Die Frage des Maximal-Arbeits tages soll nach den Dispositionen des Herrn Präsidenten erst bei den Resolutionen erörtert werden. Abg. Trimborn(fortfahrend): Ich will noch erwähnen, daß damals auch die Social d-emokratie diesen letzteren Antrag als eine durchaus acceptable Abschlagszahlung be zeichnet und selbst am 25. November 1900 einen ähnlichen Antrag eingebracht hat.— Unsre Eindrücke über Crimmitschau kennzeichne ich in einigen prägnanten Sätzen: 1. Wenn auch Ausschreitungen au: feiten der Arbeiter vorgekommen sind, so ist doch das, was offiziell über solche Ausschreitungen mitgeteilt ist, insbesondere das. ivas Gchcimrat Fischer als sächsischer Bundesratsverireter mitgeteilt hat. nach Meinung meiner Freunde durchaus nicht ausreichend. um ein so absolutes Versammlungsverbot in Crimmitschau zu rechtfertigen.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) 2. Auch nachdem die Arbeitgeber nun Sieger geworden und ge- blieben sind, bleibt für uns der peinliche Eindruck bestehen daß die Arbeitgeber schiedsrichterliche Ler Handlungen abgelehnt haben, während die Arbeiter st e t s dazu bereit waren. 3. Nach den Lehren dieses Streiks hat sich das Nichtvorhandensein von Arbeitskammern als ein besonderer Mangel erwiesen Solche Instanzen hätten uns über den Streik eine Fülle von Augenblicksbildern geliefert, aus denen wir Lehren für die Zukunft hätten ziehen können. Diese Aufgabe kann nur von einer Arbeits- kammer erfüllt werden, nicht, wie Geh. Rat Roscher meinte, von Arbeiterausschüssen der einzelnen Fabriken. 4. Auch bei diesem Streik ist Socialpolitik und Gewerkschafts Politik mißbraucht worden durch Verguickung mit der 'ocialdem akratischen Partei. Wäre man ruhig und nüchtern und unentwegt auf dem Boden des Zehnstundentagcs, also auf rein gewerkschaftlichem Boden geblieben, so hätten die Arbeiter die Sympathien der Arbeitgeber und der öffentlichen Meinung in weit höherem, weit geschlossenerem Maße errungen, als es thatsächlich der Fall gewesen ist. Statt dessen gestaltete sich der Streik immer mehr zu einer Machtprobe der Socialdemokratie)(Lebhafte Zu timmung im Centrum und rechts. Laute Rufe: Nein! bei den Socialdemokraten.) nicht zu einer rein gewerkschaftlichen, rein socialpolinschen Probe.(Ruf bei den Socialdemokraten: Es war ein rein gewerck schaftlicher Kamps!) Die Reaktion ist denn auch nicht ausgeblieben; sie bestand in einer Verbrüderung der Arbeitgeber, wie wir sie so geschlossen noch nicht erlebt haben. DaS dritte Ereignis sind die R e i ch S t a g s w a h l e n. In diese sind die Regierungen nicht mit einem konkreten socialpolitischen Programm eingetreten. Vor der Wahl proklamierte allerdings der Reichskanzler in zwei Reden vom 20. und 22. Januar 1903 die Gleich berechtigung der Arbeiter und die Fortsetzung der socialpolitischen Gesetzgebung. Nun haben ja die Wahlen ein starkes Anschwellen der socialdeinokratischen Stimmen ergeben trotz der socialpolitischen Reden und Maßnahmen. Daraus folgerten die Scharfmachcrkrcise die Notwendigkeit, die bisherige Socialpolitik aufzugeben und ver- langten Ausnahmegesetze gegen die S o c i a l d e m o- kratie. Bei dieser Sachlage haben wir es besonders be grüßt, daß die Thronrede die feierliche Zusage der Weiterführung der Socialpolitik im Sinne der Februarerlasse brachte. Die social- politischen ErntcauSsichten ftir das Jahr 1904 sind also nicht so ganz ungünstig. Möge die Ernte ein gute werden und mögen die ge strengen Scharsinacher uns jegliche socialpolitischen Nachsröste er- .sparen.(Bravo! im Ccntrum.) Staatssekretär Graf Posadowsky: Der Herr Vorredner hat sich erkundigt nach der Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Heimarbeiter. Durch das Gesetz vom 30. Juni 1900 war bekanntlich die Möglichkeit geschaffen, durch Statuten die Krankenversicherung auch auf die Heimarbeit auszudehnen. Es war infolge dessen im Reichsamt des Innern ein solcher Ttatuten-Entwurf ausgearbeitet. In diesem war allerdings vorgesehen, daß als Sitz der Versicherung der Sitz des Betriebes des Heimarbeiters maßgebend sein solle. Ich habe ge- glaubt, anders die Sache nicht machen zu können, 1. mit Rücksicht auf eine schnelle ärztliche Hilfe und 2. mit Rücksicht auf die nament- lich bei den HauSarbeitern so Wichtige Krauleukontrolle. Der preußische Herr M i n i st e r des Handels hat aber eine andre Ansicht. Er hat in einem Erlaß vom 24. November vorigen Jahres, abgedruckt im„Ministerialblatt für Handel und Gewerbe", dahin entschieden, daß nach Lage der Gesetzgebung die dem VcrsicherungSzwange unterstellten HauSindustriellen bei der- jenigen Kasse zn versichern seien, die für den Betrieb ihres Arbeitgebers zuständig ist. Ich glaube, gegenüber diesem Standpunkte Ivar es ganz unmöglich, überhaupt das Gesetz vom 30. Juni 1900 in Kraft zu setzen. Denn daß es nicht ausführbar ist, die Krankenkontrolle und die Kranken- Fürsorge dorthin zu verlegen, wo der Betrieb des Arbeitgebers ist, ist unzweifelhaft. Wie sollte man es machen, wenn der Haus- gewerbetreibende z. B. bei verschiedenen Arbeitgebern beschäftigt lvird? Bei dieser Sachlage bleibt nichts andres Wrig, als für die Ausführung des Planes das Ziel, das Sie und ich erreichen wollen, bis zur allgemeinen Revision des Krankenversichernngs-Gcsctzes zu verschieben. Der Herr Vorredner deutete aber den Wunsch an, daß man die drei großen Versichcrungsgesetze in eine Organisation verschmelze. Ich habe schon vor einer Reihe von Jahren diesen Plan angedeutet, dessen Ausführung dienen würde zur Vereinfachung und zur Verbilligung der Verwaltung. Vorbedingung dafür ist aber, daß man für die Ausführung der socialpolitischen Gesetzgebung einen eignen s e l b st ä n d i g e n Unterbau hat. Die Er- reichung dieses Zieles ist noch recht fernliegend. Denn wie man einmal in Zukunft die socialpolitischc Gesetzgebung aufbaut, das hängt von dem Umfang der socialpolitischen Gesetz- gebung ab. Da muß erst entschieden werden, wie weit die Krankenversicherung auszudehnen ist, namentlich aus Dienstboten und land- wirtschaftliche Arbeiter. Ferner muß die wichtige Frage entschieden werden, ob eine Witlven Versicherung durchgeführt werden soll und in welchem Umfange. ES muß also erst ein gewisser Abschluß unsrer drei großen socialpolitischcn Gesetze durchgcsührt werden, ehe man daran denken kann, einen einheitlichen Rahmen zu schaffen. Ich will jetzt schon aus der Denk- schrift. die ich deu verbündeten Regierungen mitteilen werde, hervorheben, daß dort der Gedanke angeregt ist, ob, wenn man die Witwen- und Waisen versichern>lg durchführt, für diese ein besonderer Unterbau geschaffen werden soll im Interesse einer besseren und billigeren Verwaltung.— Der Herr Vorredner hat dann nach der Enquete über die Hand- wcrkerorganisationen gefragt: wir haben dafür bereits Fragebogen aufgestellt fiir freie Innungen, Zwangs- innungen und Jnmmgsverbände, die druckreif vorliegen. Ich wollte die Fragebogen, einem Versprechen von, vorigen Jahre gemäß, jetzt herausschicken: aber es sind mit dieser Enquete sehr erhebliche Kosten verbunden, und der Herr Reichs-Schatzsekretär war der Ansicht, daß das eine Ausgabe wäre, die feines ErachtenS noch ein Jahr verschoben werden könnte.(Unruhe bei den Social- dcmokraten.) Bei den finanziellen Verhältnissen, in denen wir»nS gegenwärtig befinden, glaube ich, hat jeder Ressortchef die Ver- pflichtung, seinerseits dazu beizutragen, einigermaßen auf eine Balancierung des Etats hinzuwirken(Sehr richtig k rechts), und wenn es sich um Forderungen handelt, die nicht unmittelbar dringend sind, habe ich, wie ich glaube, recht gethan. den Wünschen des Herrn Reichs-Schatzsckretärs nachzukommen, umsomehr da wir Wahrscheinlich im nächsten Jahre für die Enquete ein weit besseres Material bekommen werden. Der Herr Vorredner hat den Wunsch ausgesprochen, daß die Berichte der Handwcrkerkammcrn dem hohen Hause zugänglich gemacht und nach einheitlichem Schema aufgestellt werden. Die Anzahl der Exemplare der Berichte soll vermehrt werden und über die zweite Frage habe ich mich nnt den Regierungen in Verbindung gesetzt. lieber den A r b e i t e r s ch u tz in der Hausindustrie werden wir ja noch bei einer der Resolutionen eingehend sprechen. Aber ich kann schon jetzt bemerken, daß der E n t w u r f für die Cigarrenindustrie im Stadium kommissarischer Beratung ist und in nächster Zeit dem Bundesrat zur Beschluß- fassung zugchen wird.— Ein vollständiges Verzeichnis der Industrien, die für bedenklich gelten müssen und in denen Frauen und Kinder nicht arbeiten dürfen, ist auf Bedenken gestoßen. Innerhalb dieser Industrien sind die Arbeits- und Fabrikatsmethoden so verschieden, daß die einzelnen Etappen sehr verschiedenen Charakter tragen in Bezug auf ihren Einfluß auf Gesundheit und Charakter der Arbeitenden; deshalb wäre es nicht richtig, dem französischen Muster zu folgen und solches Verzeichnis aufzustellen. Dagegen werden wir ein Verzeichnis ausstellen der Arbeiten, die Frauen und Jugendlichen wegen der Gefährlichkeit nicht zugänglich sein sollen. Damit habe ich wohl die positiven Fragen des Vor- redners erledigt und will damit schließen, daß ich ihm aufrichtig danke, daß er in so ehrenden Worten des ausgezeichneten Beamten Dr. Wilhclmi gedacht hat, der in der Socialpolitik ein warmes Herz gehabt und Hervorragendes geleistet hat. Daß uns dieser vorzügliche Beamte durch den Tod entrissen ist. ist um so bedauerlicher, als noch große Aufgaben seiner harrten.(Beifall.) Abg. Fischcr-Berlin(Soc.): Wie eS sich gehörte, hat Herr Trimborn angefangen und ge- endet mit einem Angriff auf die Socialdemokratie. Die Socialdemokratie über nur nörgelnde Kritik, sagte er. Aber er hatte mit seinen Beispielen kein Glück. Bald darauf mußte er die Ver- einigung der drei großen Versicherungszweige vorschlagen. Das ist auch so ein„krittelnder" Vorschlag der Socialdemokratie.(Sehr richtig! links; Sehr unrichtig! im Centrum.) Allen Vor» würfen gegenüber können wir uns auf die Worte be- rufen, die Fürst Bismarck hier am 26. Februar 1389 gesprochen hat. Wenn die Mehrheit nicht die Socialdemokratie fürchtete, würden die mäßigen Fortschritte in der Socialreform auch heute noch nicht existieren. Herr Trimborn, Sie sagen, Sie hätten das schon genug gehört. Nun, wenn Sic das Verdienst für sich in Anspruch nehmen könnten, hätten wir es alle Tage gehört.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.)— Wenn man die Rede des Abg. Trimborn hörte, so glaubte man, wir lebten in einem der r lich en Zeit- alter der Socialreform, in dem die bürgerlichen Parteien in Einigkeit mit der Regierung nur auf die Wohlfahrt der Arbeiter sännen. Sagte doch Herr Trimborn, wenn er die Thronrede läse, so fühle er sich in die Zeit der Februar-Erlasie zurückversetzt. Aber bis vor kurzem klagte ja das Centrum, die Februar-Erlasse seien noch immer nicht erfüllt. An Redensarten hat eS also nie gefehlt. Wenn man die Millionen zusammenzählt, die für Arbciterversichcrungcn ausgegeben wurden, dann nimmt es sich ja sehr großartig aus, aber wenn man es in jede Einzelleistung zerlegt und an der Leistungsfähigkeit des Unternehmertums mißt, so stellt es sich ganz anders dar. Tie ganzen Beitrage der Arbeitgeber betragen nur Vj2 Prozent der Lohnsumme, das drei- und vierfache davon haben Sic erst kürzlich jeder Arbeiterfamilie als Mehrleistung durch den Zolltarif auferlegt. Herr Trimborn hat uns vorgeworfen, wir legten nicht unsre ganze Kraft in die VersicherungS- gesetzgebung. In der That haben wir m ehr zu fordern, denn' schließlich ist doch die Versicherungsgesetzgebung nur für diejenigen da, die schon zu Grunde gegangen sind. Sie ist nichts weiter als eine Abwälzung d e r L a st c n für d i e A r m e n. für die sie sonst doch hätte sorgen müssen. Nun hat das Centrum zn diesem Teile eine ungeheure Anzahl von Resolutionen ein- gebracht. Hat es das Vertrauen zur Regierung, daß sie allen diesen Anregungen folgen wird? Das kann doch nach der ganzen Vergangenheit der RcichSrcgierung kaum der Fall fein. Erst vor einem Jahre habe ich mir die Mühe genommen, den Schncckengang unsrer Socialpolitik chronologisch hier dar- zulegen. Graf Posadowsky hat eine gewisse Schonzeit, für das Unternehmertum einen gewissen Stillstand in der Social- reform gefordert. Noch schärfer hat der Minister Brefeld dasselbe ausgesprochen. Herr M ö l l e r hat als Abgeordneter sich immer mehr als ein Gegner des Maximal-Arbeitstages bekannt und hat diese seine Meinung bisher noch nicht rektifiziert. Nun auf einmal kommen Sie(zum Ccntrum) mit zwölf nn» verbindlichen Resolutionen an die RcichSrcgierung, und da verlangen Sie, daß wir das ernst nehmen sollen.(Sehr richtig! bei den Social- demokraten.) Nein, Sic wollten nur alles ans einmal abmachen. Wenn Sie diese Fragen wirklich für so wichtig halten, wie Sic sich den Anschein geben, so könnten Sie zu einem von Ihnen zu bc- timmenden Zeitpunkte die ganzen Fragen in Form von Initiativ- antragen zur Besprechung bringen. Sie find die ausschlag- gebende Partei und brauchten bloß Ihren Willen auszusprechen. Alle diese Anträge bedeuten nicht mehr als eine Anstandspflicht, die das Centrum gegenüber den katholischen Arbeitern erfüllen muß. Wie anders stände aber unsre socialpolitischc Gesetzgebung da, wenn daS Centrum auf die Durchführung der Anträge denselben Nachdruck legte, wie etwa auf die Neuregelung der Geschäftsordnung und die Durchpcitschnng des Zolltarifs!(Lebhaste Zustimmung bei de» Socialdemokraten, große Unruhe im Centrum.) Nur weil Sie(zum Centrum) Ihre Macht nicht wirklich in die Wagschale werfen, ist noch heute im Reichöamt des Jnnsrn der Central- verband der Industriellen viel mächtiger als Sie! Und wenn nun die Regierung erklärt, daß allen Ihren Resolutionen in absehbarer Zeit nicht stattgegeben werden kann, was thun Sie dann? Lehnen sie dann etwa den Etat ab? Nein! Sic beruhigen sich und glauben, Ihre Pflicht gethan zu haben!(Unruhe im Centrum.) Dabei drehen sich alle Ihre Anträge um Dinge, die innerhalb kurzer Zeit zu verwirklichen wären. Der ehemalige Minister v. Berlepsch erklärte 1893 Koalitionsfreiheit, Arbeitskammern usw. ür sofort ausführbare Reformen, die außerdem die besteil Waffen gegen die Socialdemokratie böten. Wir Socialdemokraten wollen Ihnen selbst in der Herbeischaffung dieser Waffen helfen (Heiterkeit); mehr können Sie doch nicht verlangen. Von der G e w e r b e- A n f s i ch t und der eigentlichen Arbeiter- schutz-Gesetzgebung hat Herr Trimborn sehr wenig gesprochen. Ich werde das einigermaßen nachhole«. In den Gewerbe- Jn- pektions- Berichten ist von Jahr zu.Jahr, wenn auch m sehr langsamem Tempo, ein gewisser Fortschritt zu verzeichnen. So find die diesjährigen Berichte frei von den gehässigen und geringschätzigen Bemerkungen über das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmeni, über Streiks usw. Einzelne Berichte deuten fteilich darauf hin, daß sie censuriert, daß solche Aeußerungcn herausgestrichen worden sind, aber jedenfalls ist hier doch ein Erfolg unsrer Kritik zu verzeichnen. Auch in Bezug auf daS Verhältnis der Gcwcrbc-Jnspektion zu den Arbeiter- Organisationen ist in den vorliegenden Berichten ein objektiveres. vernünftigeres Urteil als bisher zu finden. Besonders mittel- und süddeutsche Gewerbe- Inspektoren haben sich anerkennend über die Wirksamkeit der Gewerkschaften und der Arbeitersekretäre ausgesprochen. Schon die Thatsache, daß in elf Gewerbe-Jnspektioncn eine Abnahme des Verkehrs mit den Arbeitern zn konstatieren ist, muß dazu führen, daß die Ge- w e r b e- I n s p e k t o r c n sich direkt mit der O r g a n i- 'ation der Arbeiter ins Einvernehmen setzen, ebenso wie re es mit der Organisation der Arbeitgeber thun. Dies ist unt so notwendiger, als alle Gewerbe-Inspektionen darin einig sind, daß Beschwerden über Mißstände in den Fabriken oicr vebertrelungen der GewerLe-Ordnung von eilizelilen Arveiiem immer bloß unter Gefährdung ihrer E x i st e n z der Gcwcrbe-Jnspcltion übcrbracht werden können.(Sehr richtig! bei den Socialdemotratcn.) Vielleicht muß man allerdings hier weniger den Gewerbe- Inspektoren selbst einen Vorwurf machen, als den vorgesetzten Behörden. Wir kennen ja seit Jahrzehnten die kleinlichen und g e h ä s s i g e n M a ß n a h m e n der Behörden gegen die Arbeiterorganisationen. So wurde ein Gewerbe-Jnspektor strafvcrsctzt, nur weil er seme Sprechstunden in einem socialistische» Organ angezeigt hatte.(Hört! hört! bcidcnSocialdcmokr.) Weiterhin sind die Gewerbe-Jnspektoren zweifellos mit f o r- malen G e s ch ä f t�s n viel zu sehr ii b e r l a st c t, als daß sie ihre mehr ethischen Ausgaben voll erfüllen könnten.(Zu- stimmung bei den Socialdcnwkratcn.) Auch ihre Zahl ist immer noch viel zu gering. Eigentlich müßte doch mindestens jeder der Gewerbe-Ordnung unterstehende Betrieb einmal im Jahre inspiciert werden. Das war aber nnr bei 41,1 Proz. aller revisionspflichtigen Betriebe der Fall. Nur in S ch w a r z b u r g- R u d o l st a d t— nicht etwa in Preußen— wurden sämtliche Betriebe revidiert._ Für die 8GÖ 000 Arbeiterinnen und die ebenfalls äußerst zahlreichen weiblichen jugendlichen Arbeiter waren im ganzen nur 10 Frauen beschäftigt. Unsre Forderung der Vermehrung der Anfsichtsbcamtcn ist also so berechtigt, daß eigentlich alle Parteien sich dem anschließen müßten.(Sehr richtig! bei den Socialdcmokraten.) Vor zwei Jahren erklärte der Herr Staatssekretär, er habe den Gewerbe- Inspektoren untersagt, über die E r n ä h r.u n g s v e r h ä l t n i s s e der Arbeiter zu berichten, weil diese sich nicht von Jahr zu Jahr, sondern in größeren Zeiträumen veränderten. Ucber diese Frage solle vielmehr von Ze,t zu Zeit speciell Bericht erstattet werden. Man kann ja diesen Standpunkt verstehen, aber dann sollten doch auch ebensogut die jetzt bestehenden Rubriken über die sitt- licheu Zustände der Arbeiter und über die bestehenden Wohl- sahrts-Einrichtungcn in Wegfall kommen, lieber die Sittlichkeit der ll n t e r n c h m e r wird ja auch kein Bericht verlangt.(Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Unter Wohlfahrtö-Einrichtungen wird z. B. die Thatsache berichtet, daß ein Landesfürst einem Arbeiter zum Allgemeine» Ehrenzeichen noch einen Kranz, der die Zahl 50 in silbernen Ziffern enthalte, verliehe» habe. Der loyalste Arbeiter wird sicher die kleinste Pension dem höchsten Ehren- zeichen vorziehe».(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Als W o h l f a h r t s- E i n r i ch t n n g wird es in einem Falle sogar gepriesen, daß die„Christliche Welt" v e n A r b e i t e r n g r a t i S geliefert wird.(Heiterkeit bei den Socialdcmokraten.) Von viel wichtigeren Thatsache» dagegen enthalten die Berichte kein Wort. Daß die Gewerkschaften aus eignen Mitteln Millionen aufbringen, um ihre Mitglieder vor den Folgen der Arbeitslosigkeit zu schützen, davon erzählen die Berichte kein Wort. Redner giebt eine Uebersicht nach dem„Correspondenzblatt der Gewerkschaften Deutschlands" über die Leistungen der Gewerkschaften. Die stärkste Organisation, die der B u ch d r u ck e r, hat die g e r ingsten Ausgaben für S t r c i k s, die g r ö ß t e n für r e i n humanitäre Zwecke, umgekehrt haben die Organisationen der Maurer, Holz- nrbeiter, Metallarbeiter, die mit den r ü ck st ä n d i g st e n Unternehmern Tag ftir Tag zu kämpfen haben, die größten Ausgaben für Streiks. Wie kommt es, daß die Berichte über diese Thatsache» von größter socialer Bedeutung kein Wort bringen? Dürfen sie eS nicht, p'eil die Regierung fürchtet, es könnte dem Centralverbandr der Jndustriellen etwa u n- angenehm sein?! zSavei ist es doch eine Binsen- Wahrheit/ daß unsre ganz» socialpolitische Gesetzgebung erst erzwungen worden ist durch die gewerkschaftliche und politische moderne Arbeiterbewegung, nicht durch das Centrnm. Die ganze Arbeiterschutz-Gesetzgebung kann doch auch im Grunde nur festlegen, >vas die fortgeschrittensten Arbeiter bereits praktisch erreicht haben. Immer mehr greift die Stimmung unter den Arbeitern Platz: wir pfeifen auf die ganze Arbeiterschutz-Gesetzgebung, gebe die Regierung uns nur ein wirkliches Koalitionsrccht, ein uneingeschränktes Vereins- und Versammlungsrecht und stelle sie sich nicht bei jeder Arbeiter- aussperrung sofort auf feite der Unternehmer! Freilich ist eS ein utopisches Verlangen, von dieser Regierung so etwas zu erwarten. Nur politische Falschmünzer faseln ho» einer über den Parteien stehenden Regierung— über den Parteien vielleicht, aber über d«t»lassen steht nie in der bürgerlichen Gesellschaft eine Regierung. (Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Nun hat Graf Posadowsky erklärt, die deutsche Arbeiterklasse würde wahrscheinlich auf dem Gebiete der Socialreform viel mehr erreichen, wenn sie nicht republikanisch, sondern monarchisch gesinnt wäre. Wie ist es denn aber gekommen, daß die deutschen Arbeiter so anti- monarchisch geworden sind? Die Antwort darauf scheint mir vom Standpunkte jedes objektiven Beurreilers aus nicht schwer sein. Sind nicht alle VcrwnlMngS- und Polizcimaßregeln der letzten Jahrzehnte gegen die Arbeiter im Ramc» des Königs ergangen?(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Von der ersten Stunde an, wo die deutschen Arbeiter sich polirisch oder gcwerk- schaftlich organisiert haben zur Wahrnehmung ihrer Wirtschaft- lichcn Interessen, wurden sie als Staatsfeinde und mit allen Ehikanrn einer kleinlichen Gcscbgrbiing und Klassenjustiz behandelt. Vom ersten Augenblicke aber, wo in Deuffchland die Unternehmer sich koalierten, wurden sie als Staatsstüfecn angesehen und ihre spcciellcn Wirtschaftsintercsscn z» allgemeinen Staalöintcresscn umgemünzt. Als dann die Arbeiterbewegung infolge des industriellen Aufschwunges doch mit allen polizeilichen Chikancn nicht zu unter- drücken war, kam das Socialistengcseb. Unter Verhöhnung aller Bc- griffe von Recht und Wahrheit benutzte»ran die That des verlumpten Idioten, die deutsche Arbeiterpresse zu knebeln. Graf Eulenburg er- klärte noch im letzten Augenblick, das Socialistengesetz werde in loyalster Weise gehandhabt werden. Kaum war es ergangen, da ging eine allgemeine Razzia durch ganz Deutschland, alle Arbeiter- Organisationen, die ganze Presse der Arbeiter wurden unterdrückt. Glauben Sie, daß das alles aus dem Bewußtsein der Arbeiter aus- gelöscht ist? Der wirtschaftliche Niedergang wurde sofort dazu bc- nutzt, die Löhne der Arbeiter zu verringern. Mini st er v. May- b a ch rief sofort nach Eintritt der KrisiS den Industriellen zu, sie sollten die Löhne reduzieren, dann würden sie schon konkurrenzfähig sein. Und jetzt geht durch die Presse die Notiz, die Eiscnbahndirektion Köln habe im vorigen Jahre eine Verfüg n n g erlassen, in der es hieß:„Droh wiederholter Aufforderung ist der Verdienst der Arbeiter derselbe geblieben, an einigen Orten gestiegen. Wir verordnen hiermit noch einmal, daß der Verdienst den Verhält- nissen entsprechend reduziert werde. Bei der nächsten� Revision wird darauf geachtet werden, wie weit davon Gebrauch gemacht worden ist." (Lebhaftes Hört! hört! bei den Socialdemokraten.> Und das in einem Betriebe, der Hunderte von Millionen lleberschuß hat!— Februar 1890 erschienen dann die bekannten kaiserlichen Erlasse, in denen versprochen wurde, Zeit, Dauer und Art der Arbeit zu regeln, und die gesetzliche Gleichberechtigung der Arbeiter durch- zuführen. Was ist davon bis heute erfüllt? Ist eine dieser Forde- runaen auch nur in den Staatsbetrieben, die nach jenem Erlaß Musterwerkstätten sein sollten, durchgeführt? Das sociale König- tum hat jär.mrrlich Fiasko gemacht. Trotzdem haben wir nie gehört. daß etwa die Leute, lvelche sich aufs schärfste gegen jede Social- Politik gewandt haben, eine Rotte von Menschen seien, nicht wert, den Siamen Deutsche zu tragen.(Sehr gut! bei den Socialdemo- kraten.) Tie Februarerlasse waren nur ein kurzer Traum, bereits ein Jahr später brachte dieselbe Regierung ein Arbeirerschutz-Geietz ein. so reaktionär, daß sogar die Unternehmer gegen dies Gesetz stimmten. Und da wundert man sich, das; die Arbeiter nicht königstreu sind! Im Gegenteil sind manche ttcutc erstaunt, daß der Widerwille der Arbeiter gegen eine solche Regierung nicht viel elementarer zum Ausdruck kommt. tSehr richtig! bei den Soc.) Graf Mirbach, der Oberhofincistcr der Kaiserin, dem die Nase nicht zu hoch stand, bei S o c i a l d e m o I r a t e n und Juden betteln zu gehen, sprach von den„socialdcmokratischcn Rhinoze- rossen", und Overhofprcdiger O h l y stimmte auf einem Kommers in denselben Ton ein. Da fiel das Wort von der„Bestie, der man den Fuß aus den Racken sehen müsse!"(Große Unruhe.) So machen die Obrrhofpredigrr Propaganda für die monarchische Idee! �(Sehch gut! Cet den Socialdemokralen.) Genail so sind in Crimmitschau die Pastoren, nachdem die Gen- darmeric eingezogen ivar, hinterher marschiert, um ihr Sprüchlein herzusagen gegen die Arbeiter!(Hört! hört! bei den Socialdemo- traten, erneute große Unruhe.) ES hat in der Weltgeschichte noch keine Infamie gegeben, über die nicht ei» Prediger oder ein Pfaffe seinen Segen gesprochen hätte! lLebhaftc Znsiiminung bei den Socialdemokraten, Lärm bei der Mehrheit.) In der von Social- demokraten gereinigten sächsischen Kamuier wurde die Eivillistc um eine halbe Million erhöht!(Hört! hört! bei den Soc.) Das sind Dinge, die das Klassenbewußtsein der deutschen Arbeiterklasse recht lebendig wachrufen und erhalten I Warum fragt der Staats- sekretär nur bei den Arbeitern nach monarchischer Gesinnung? Warum nicht auch bei den Junkern und Unternehmern? Kennt er nicht das Wort:„Oh neKanitz, keine Kähne"? Kennt er nicht die Geschichte der K a n a l v o r I a g c, nicht das Wort von der „Revision des m o n a r ch i s ch e n Be w u ß t s ei nS?"(Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Aber immer nur den Socialdemokraten wird zugerufen:„Ihr seid nicht gesinnungstüchtig, also hungert und entbehrt!"(Lebhafte Zustimmung bei den Socialdcmokraten.) Uebrigens ist es noch gar nicht so lange her, daß auch das C c n t r u nr als r e i ch s f e i n d l i ch galt. Damals wurde ihm vom F ü r st e n Bismarck der Attentäter Hödel an die Rock- s ch ö ß e gehängt.(Große Unruhe im Centrum.) Damals fiel das„Pfui!" des jetzigen Herr» Präsidrntc»!(Erneute Unruhe,! Also der Lorwurf des mangelhaften moralischen Bewußtseins ist ein Artikel, der heute dem, morgen dem angehängt worden ist. Soll ich noch an die Klasscnurteilc der Gerichte erinnern, die alle„im Namen des Königs" ergangen sind, an die künstliche Aus- legung des Erprcssnngsparngraphe», mittels dessen die Arbeiter ehrlos gemacht und ins Gefängnis geworfen werden? Soll ich erinnern an Löbtau und Breslau? Und doch ist alles nichts als die Erfüllung des Programms des preußischen Justizininisters:„Wenn zwei das'- selbe thun, so ist eS nicht dasselbe!"(Große Unruhe bei der Mehrheit, lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokr.) Wenn heute die Arbeiter in ihrer übergroßen Mehrheit nicht mehr monarchisch sind, so ist das zum allergrößten Teil die Folge der arbeiterfeindlichen Haltung der Regierungen.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Zu dieser Haltung paßt so recht die Art, wie im Criminitschaner Streik die sächsische Regierung sich auf die Seite der Unternehmer geschlagen hat, ohne zu untersuchen, wo das Recht liegt. Es handelt sich um einen Kampf zwischen Arbeitern und Unternehmern— da war es selbstverständlich, daß die sächsische Regierung für das Unternehmertum Partei ergriff, und nicht nur das, sondern auch die Arbeiter an der Ausübung ihrer Grundrechte im Namen des Königs verhinderte!(Große Unruhe.) Es ist eine Fiktion, wenn gesagt wird, daß die Rücksicht auf die„öffentliche Ruhe und Ordnung" die Ver- hängung des Belagerungszustandes über Crimmitschau nötig gemacht habe. Das ist einfach' nicht wahr. Selbst Abg. T r i m b o r n hat ja zugeben müssen, daß die Ausschreitungen durchaus nicht schlimm genug gewesen seien, um die Maßnahmen der sächsischen Regierung zu rechtfertigen. Graf Posadowsky meinte, monarchisch gesinnre Arbeiter erreichten viel mehr als Arbeiter in Republiken. Wie stimmt damit zusammen, daß die M e h r h e i ts p a r t e i e n des Reichstages kein Wort des Protestes fanden gegen die— ich will mich parlamentarisch ausdrücken— kleinliche Begründung, die G e h e i m r a t Fischer den Maßnahmen der sächsischen Regierung angcdeihen ließ? Ist etwa in Australien, in Amerika, in der Schweiz weniger geleistet worden für die Arbeiter als bei uns? Gewiß, die Bourgeoisrepublik bekämpfen wir genau so wie andre Formen des KlassenstaatcS, aber in Bezug auf politische Freiheit stehen alle Republiken Deutschland voran. Es giebt kein Land in Europa, das Preußen darin nachsteht. Herr Tr im dorn hat behauptet, die Socialdemokratie habe das parteipolitische Interesse beim Crimmitschauer Streik in den Vordergrund geschoben. Wenn man eine solche Behauptung aufstellt, müßte ein Mann wie Trimborn wenigstens eine Thatsache zmn Beweise anführen können. Nicht wir, sondern die sächsische Regierung hat die Frage so gestellt: Hie Polizei und Unter- nehmer, hie Arbeiter. Wir hätten uns vor der ganzen Welt schämen müssen, hätten wir da nicht Partei für die Arbeiter ergriffen. Wirt- schaftspolitisch sind die Slrbciter unterlegen. Wie die sächsischen Arbeitgeber immer hochherzig, nobel und edel sind, halten sie jetzt natürlich eine fürchterliche Musterung unter den Besiegten. Da müßten wir ja traurige Gesellen sein, tvenn wir nicht alles für die Crimmitschauer hingegeben hätten. ES ist keine Klassen- Frage, eS ist eine Frage der socialen Gerechtigkeit! Wenn die Regierung ihre Schuldigkeit gethan hätte und nach dem Berichte der Fabrikinspektorcn schon vor 10 Jahren den Zehnstundentag eingeführt hätte, so wäre dieser Kämpf vermieden worden.(Sehr richtig bei den Socialdemokraten.) So handelten die Arbeiter nur pflichtgmäß, alS sie in den Kampf zogen, sobald ihre Kassen gefüllt waren. Vielleicht interessiert es Herrn Trimborn, was zwei führende katholische Organe, der „Invalide" und die„Kathol. Zeitung für Sachsen" schreiben. ,. A n ß c r den Fabrikanten in Crimmitschau wird kein Mensch diese Forderung der Arbeiter für übertrieben halten. Tauscndc sind nun zu Socialdemokraten geworden."(Hört! hört! bei den Socialdcmokraten.) Was Sie(zum Centrum) könnten, wäre, hier die Neichsregiermig zur Psticht zu bringen. Das hat selb st Professor Delbrück gefordert. Aber selbst wenn der Kampf, wie Herr Trimborm und die ganze Regierungsprcssc sagt, eine Macht- frage gewesen wäre, wer„Herr im Hau)e")ctn soll, hätte die Regierung eingreifen müssen. Denn der Reichskanzler hat erklärt, eine dringende Aufgabe sei die Frage der Arbeitsverfassung. Dem aber steht daS „Herr im Hause" unversöhnlich gegenüber. Selbst die„Kreuzzeitnng" hält diesen Standpunkt nicht mehr aufrecht. Der Unternehmer soll nicht„Herr im Hause" sei»!(Stürmischer Widerspruch rechts.) Dieser Hcrrenstandpunkt mutz eingeschränkt werden, das ist eine Kulturfordcrung.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) ES gab eine Zeit, wo dieser Zustand unbeschränkter Ausbeutung herrschte. Aber als danach im Jahre 1877 die Berichte aus der Textilindustrie kamen, da waren 6 Proz. Kinder unter den Arbeitern, Kinder bis zu 6 Jahren herunter.(Hört! hört! bei den Social- demokraten.) Das sind die Zustände, gegen die die Arbeiter sich auslehnen, und die Regierung müßte ihnen beistehen. Aber wenn es eine reine Machtfrage um die Vorherrschaft wäre, wie müßte dann die Regierung stehen? Warum anders zu Arbeitern als zu Unternehmern? Wir stellen nicht die Machtfrage. Lehren wir doch erst die Arbeiter, daß sie Wirt- schaftlich die schwächeren sind in der heutigen Gesell- schaft. Und gerade deshalb fürchten Sic uns; Sic fürchten unsre drei Millionen Stimmen, nicht die paar Streits. Aber von Untcrnehmcrfeite wird immer und immer wieder die Machtfrage gestellt. Denken Sic an den Norddeutschen Lloyd, der das unverschämte, gesetzwidrige Verlangen stellte, die Arbeiter sollten ans dcrOrganisation austreten. Dann kamJserlohn.Pirmascns. Die bayrische Regierung wollte vermitteln, aber die Arbeitgeber lehnte» es brüsk ab. Was hätte die sächsische Regierung hier alles erklärt, wenn die Arbeiter Crimmitschaus sie so brutal hätten abfallen lassen. Ucberall Machtproben und überall kurz nach den RcichStagSwahlc» und Überall die Polizci auf feiten der Unternehmer, nie auf feiten der Arbeiter. Können Sie nicht begreifen, daß die deutschen Arbeiter antimonarchisch geworden sind? Zeigen Sie mir den Paragraphen dcr Gcwcrbc-Ordnung, der gegen die Unternehmer so ausgenutzt worden ist. wie der§ 1S3 gegen die Arbeiter. Sie werden die Arbeiter nimmermehr zur Ueberzeiigung bringen, daß Sie die berufene Vertretung der Arbeiterschaft sind. Dafür sieht sie uns an, tvenn Sie auch stark genug sind, den Grafen PosadowSy zum Widerruf zu zwingen. Weil die Frage der Koalitionsfreiheit eine K l a s s e n f r a g c der Arbeiter ist, haben wir darii� alle bürgerlichen Parteien gegen ii n S. Wenn Sie sich auch hinter den Terrorismus der Arbeiter verschanzen, so wissen wir doch, was Sie fürchten, das Erwachen der deutschen Arbeiterschaft. Sic mögen thun, was Sie wollen, was Sie können, die deutsche Arbeiterschaft wird uns immer als treibende Kraft ansehen und tvir werden Sie treiben, viel, viel weiter treibe», als Sie wollen! (Stürmischer Beifall bei den Socialdcmokraten.) Staatssekretär Graf Posadowsky: Der Herr Vorredner hat behauptet, die ganze VersicherungS« gesetzgebung sei nichts weiter lvie eine Form des Armenschutzes, eine Abwälzung der Armenlasten. Wenn der Herr Vorredner die Berichte der städtischen Verwaltungen und die wissenschaftlichen Arbeiten über das Verhältnis socialpolitischcr Leistungen zur?i:nien- pflege gelesen hätte, so würde er sich überzeugen, daß gerade das Gegenteil richtig ist. Seit Einführung der socialpolitischen Gesetzgebung hat sich der LebenSzuftand der Arbeiter bedeutend gehoben, wie der Herr Abg. Bebel selbst hier im Reichstag anerkannt hat, und die Ansprüche an die Armenpflege sind seitdem erheblich vermehrt worden. Herr Fischer hat mich an meine Er« llärung aus früheren Jahren über die Gcwerbe-Aufstchtsbcamtcn erinnert. Ich habe im letzten Jahre an die Gewerbe- Auf» sichtsbeamten dieFrage gestellt, wie die Arbeiter» s ch u tz- G e s e tz g e b u n g durchgeführt worden ist. Ich habe ihre Autworten erhalten, zusammengestellt und werde sie d e in Reichstage in drei Wochen zugehen lassen. Auch später werde ich einzelne Fragen an die Gewerbe- Inspektoren richten. Ich bleibe aber bei meiner Meinung, daß eS n i ch t Aufgabe dieser AuffichtSbeamtcil sein kämi, Urteile zu schreiben, sondern daß sie ganz objektiv Thatsache» berichten sollen. Herr Fischer hat den Freiherr» von Mirbach erwähnt! Dieses Herr ist nicht Mitglied des HauseS,. ist auch nicht öffentlicher Staatsbeamter. Jemanden dann an- zugreifen, Aeuhermiaen zu kolportieren, deren Richtigkeit sich nicht nachweisen lasse, sollte man unterlassen. Ich komme zu der anti- monarchischen Stellung der Socialdemokratie. Kein Mensch in Deutschland kann es den deutschen Arbeitern verdenken, wenn sie ihr Bestreben darauf richten, ihre äußere Lage zu verbessern.(Zurufe bei den Socialdemokraten.) Wir sehen alle Tage, wie sich daS K a p i t a l a s s o z i e r t und große Syndikate bildet, und man wird es den Arbeitern nicht verdenken können, wenn sie sich ihrerseits zu» s a m m e n s ch l i e ß e n.(Unterbrechung bei den Socialdemokraten. Wiederholte Zurufe: E r i m m i t s ch a u!) Das ist es nicht, warum Regierung und bürgerliche Parteien in so gegensätzlicher Stellung zur Socialdemokratie sind. Die Socialdemokratie wünscht das K o l l e k t i v c i g e n t u m, d a S nie eingeführt werden wird, Sie glauben, daß die Arbeiterschaft ihre Lebens- bedingungen verbessern könnte nur unter der Herrschaft des Proletariats. Citieren Sie mir nur ein Ereignis aus der Geschichte, wo das Proletariat dauernd ge- herrscht h a t. Die Masse kann nicht regieren, weil sie nicht re- gierungsfähig ist.(Lebhafter Beifall rechts.) Und wo sie vorüber- gehend herrschte, war es mit den entsetzlichsten Greueln verbunden. Wenn Sie heute den Z u l u n f t s st a a t einftihren würden, so würden Sie sich selbst bald von den Folgen überzeugen. Ich bin der lleberzeugung, daß in einem geordneten Staatswesen allcBüraer gleich- berechtigt sein müssen.(Lebhafte Zurufe und Zustimmung b. d. Soc.) Aber die Regierung eines Staates wird immer cmen aristokratischen Charakter tragen. Die durch hervorragende Gelstesbcgabung oder größere Geschicklichkeit oder größeren Besitz Ausgezeichneten herrschen. Wenn Sie heute den Zukunftsstaat bildeten, wären es morgen die Aristokraten, die das Heft in Händen hielten. Gehen Sie doch nach Republiken! Ich will keinen Namen nennen, aber wo hat die Aristokratie des Geldes einen größeren Einfluß als in einer Republik, wo alle Ministerien bei dem Versuch der Einführung einer Einkommensteuer stürzten. Gerade die Ausschreitungen der G e l d a r i ft o k r a t i e können in einer Monarchie besser bekämpft werden. Sie sind deshalb auf einem falschen Wege, wenn Sie die Monarchie bekämpfen. Nun zu den kaiserlichen Erlaffen! Sie werden doch zugeben, daß diese Erlasse erfolgt sind, als die Social- demokratie noch keinen wesentlichen Einfluß hatte, und daß sie den Ausgangspunkt der gesamten socialpolitischen Gesetzgebung bilden. Wir alle sind nur sterbliche Menschen und ich sage das allen Parteien, wenn alle die hier gestellte» Anwäge ausgeführt werden sollten, unser gesamter Verwaltnngsorganismus würde dazu nicht ausreichen.(Sehr richtig! rechts.) Wir müssen allmählich Schritt vor Schritt vorgehen. Sic müssen doch zugeben, daß genrisse Fortschritte in socialpolitischcr Hinsicht gemacht werden.(Bebel: Das leugnen wir. ja gar nicht!> Dann müssen Sie aber auch zugeben, daß die kaiserlichen Erlasse eine große socialpolitische That waren und daß sie das Verdienst der Monarchie sind. Es ist hier über C r i in- m i t s ch a u gesprochen worden. Ich will zugeben, daß einzelne polizeiliche Mißgriffe vorgekommen sein mögen, aber dir öffentliche Ordnung muß mit alle» Mitteln und unter allen Um- ständen aufrecht erhalten werde». Die Dauer der Arbeitszeit ist eine Frage, die ernster Erwägung wert ist. lieber die Arbeitszeit der Fraiien finden jetzt gewissenhafte Prüfungen stall. Es wird Ihnen darüber eine Denkschrift zugehen. Ich bitte Sie, diese Prüfung ruhig abzuwarten und nicht zu glauben, daß sich die Regierung durch den Crimniitschaiier Sttcik in ihrer Stellungnahme zu dieser ernsten Frage irgendwie beeinflussen lassen könnte.(Beifall.) Sächsischer Bevollmächtigter Geheimer Rat Fischer: Der Ab- geordnete Fischer hat bei Besprechung der Crimmitschaucr Vorgänge die migcrcchtfcrttgstcn Vorwürfe aus die sächsischen Behörden gehäuft.' Ich behalte mir vor, später, vielleicht bei Beratung der Anträge betreffend den Maximalarbcitstag, ausführlich darauf zurück- zukommen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Hierauf vertagt das Hans die Wcstcrbcratung auf Dienstag 1 Uhr. Schluß 63/4 Uhr._ ßerllmr partei-)Znge!egendeiten. In Wilmersdorf liegen die Liften zur G e m c i n d e w a h l außer in den Dienststunden von 8—3 Uhr, heute abend auSnahinS» weise auch von 0—8 Uhr im Rathanse, Brandcnburgischestr. 2, zur Einsichtnahme aus. Niedrr-Tchönhnnsen— Pankow. Eine Versammlung des Wahl» Vereins wird heute abend Z'/* Uhr bei Wenzel, Niedcr-Schönhanscn, Lindenstr. 43, abgebalten. Tagesordnung: Fortsetzung der Tis» knsston über den Vortrag des Genossen Dr. Fricdcbcrg-Berlin: „lieber welche Machtmittel verfügt das Proletariat zur Nieder- werfung der Klassenherrschaft". Berschiedcncö.— Genossen! Seht die G e mc i n d c- W ö h l e r l i st e n ein! Die Frist läuft am 30. Januar er. ab. Rummclsburg. Die Genossen werde» auf die heute abend 8>/z Uhr bei Gorgas, Neue Prinz Albertstr. 74, tagende General- v c r s a m m l u n g des Wahlvereins aufmerksam gemacht. Köpenick. Heute abend 3 Uhr spricht Genosse Dr. A l b e r t y im W a h l v e r c i ii bei Seidel, Grüinmcrstraße, über„SvcialiSmus in Rußland"._ Vermilcbtes. Frailkfurt n. M., 24. Januar. Die„Frankfurter Zeitung" meldet ans New Vork, der S ch o o n e r„ A n g u st a" sei im Nebel an der Küste von Long Island gestrandet. 18 Personen seien dabei crt ru n kcn. Ein neues Brandimgliick hat Chicago heimgesucht. Dort ist in einem LOftöckigen GeschäftShause, das 5000 Personen beherbergt, ein Brand ausgebrochen. In wilder Flucht stürzte alles ins Freie. Zwei Leute sind verbraimr. Die Panik war migchcuer, weil die Treppen wegen des furchtbaren Oualms fast unpassierbar waren. Glücklicherweise fmiltionicrtcn die Fahrstühle tadellos. Ncbcr ein verheerendes Rattircreignis wird aus Melbourne berichtet. Die Fidschi-Jnscl Leontä ist von einem verheerenden Orkan heimgesucht worden. Viele Menschen sind umgekommen, an Eigentum, namentlich Schiffen, ist ein großer Schaden angerichtet worden. Auch die Insel Suva hat, lveim'auch lvcniger schwer, durch das Unwetter gelitten. fftir den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. DienStag, 26. Januar. Ansang VI, Uhr: Schauspielhaus. Lästige Schönheit. Die Schule der Ehemänner. Herbstzauber. Deutsches. Der Meister. berliner. Maria Theresia. ch'cssing. Zapfenstreich. Westen. Die schöne Helena. Neues. Minna von Barnhelm. Residenz. Die Empsehlung. Der keusche Casiniir. <£ mitral. Das Schwalbennest. Thalia. Der Hochtourist. Bellc-Alliance. Der reichste lincr. Ansang 8 Uhr: Echiller O.(Wallner- Theater.) Ein Duell. Schiller R.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Uriel Acosta. Luisen. Der Sohn der Wildnis. Kleines. Glektra. Trtauon. Ziiadame X. Theater. Enthaichtung. Specialitäten. Ansang 3 Uhr. Apollo. FrühlingSlust. Blüten- Hochzeit. Specialitätcn. Gebr. Herrnfeld. Nur eine Nacht. Easino. Wie einst im Mai. Die Wenzel. Urania. Daubenstrahe 48/4». Um 8 Uhr: Der Erdball als Träger des Leben?. 8 Uhr im Hörsaal: Dr. B. Donath: ...Heinrich Hertz". Jnvalidenstrafte 57162. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis ll Uhr. TvKillsn-l'Kva'ten. Schiller- Theater O. (Wallner-Theater). Dienstagabend 8 Uhr: Ella Dnell. Schauspiel in 3 Akten v. Franz Wolff. Vorher: Ella Seaaenatrahl. Schauspiel in 1 Akt von Robert Wach. M i t t iv o ch a b e u d 8 Uhr: He«l»la Gabler. Donnerstagabend 8 Uhr: Tasaataseaa. Schiller-Theater Si. (Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater). Dienstagabend 8 Uhr: Elrlel Acosta. Trauerspiel in 5 Auszügen von Karl Gutzkow. Mittwochabend 3 Uhr: Wilhelm Teil. Donnerstagabend 8 (Jrlel Acosta. Uhr: Neues Theater. Schiffbauerdamm 4a— 5. Minna von Barnhelm. _ Ansang 7'/, Uhr. Centrat-Theater. Täglich'Vj Uhr: Das Schwalbennest. Operette in 3 Akten v. M. Ordonneau. Sonnabendnachmittag 4 Uhr halbe Preise, ieder Erwachsene ein Kind frei. Jedes Kind einen Eptraplatz: Der gestiefelte Kater. Märchenspiel mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von Pohl. slwIMdeslei'. Belle-Alliance-Theater. Amt VI 283. Dresdeners�. 72/73. Amt IV 4440. Belle-Alliancesw. 7/8. Direktion Jean Kren und Alfred Schönfeld. Heute Dienstag und Donnerstag: Der Hochtonrist. Mittwoch tt. Freitag, abends 8 Uhr: Gastspiel Jsadora Cuncan. Heute Dienstag und Donnerstag: Der reichste Derliner. Mittwoch und Freitag: Der Hochtourist. Ctrktts Schumann. Immer das Original. Bin phänomenale offene Loop. Creatcur Möns. Anctllottl. Mstcrtcn Löwe« des Hern. Seeth Dressierte Tiere des Clowns Gontard, Adolf und C/oco, die besten Clowns in Berlin. g»_ g., B Gr. Ausstattungs-Pantomime ■SaEBCIa der Gegenwart. Urania. Taubenstr.<8/49. Um 8 Ulir: Hörsaal 8 Uhr: Dr. B. Donath: »Ilelnrlch Hertz." Sternwarte irÄ Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Der Sohn der Wildnis. Mittwoch: Alpuikönig u. Menschenfeind. Donnerstag: Stean oder Genie und Leidenschast. Frestag zu gierten Studenten. Freitag zun: erstenmal: Die rele- Sonnabend Hcilbronn. Das Käthchen von Rkfidtllj-Thkater Drrestion S. Lautenbllrg. Slbends 7'/, Uhr: 0!« Fjnpfehlug, Mr. Abends 8 Uhr; Apollo-Theater. Abends 8 Uhr: Frühlingsluft Operette von Strauss. �dritten Bimenhochzeit. Grosses Ausstattungs-Ballett. 0'/t Uhr: Das erstklassige Januar- Specialitäten-Programm. Miss Blanche Sloan. X Selma Braake. Las Perei. XXX l-ittie Pich. Hurtin Kettner. Messters Biophon und Kosmograph. BW Anfang 8 Uhr."MW Kasseneröanung 7 Uhr. Sonntag, den 3f. Januar er-, bei er- mässigten Preisen: Gesinde-Ball. Carl Veiss- Theater. Greste Frankfurter Strafte 132. Letzte Woche H«S Oberbahrilchen Bauenr-TheaterS. Die Leni von Obrrammergau. VoitSstück in 4 Asten v. Chr. Flüggen. Ansang 8 Uhr. Morgen nachmittag 4 Uhr: Schüler- Vorstellung 10, 25, 40 Pf.: vis Jungfrau von Orleans. Abends 8 Uhr zum erstenmal: Oie Bauern-BrUnnhilde. Kleines Theater. Unter de» Linden 44. Elslutn». Ansang 8 Uhr. Morgen: yachtasyl. CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Ein Naturwunder: Die bildschönen Herknles- � Brüder Z5 Der Indianer-RIeao Miunko Karoo. /{LT- CHlNft Kunst-Ausstellung CapziseR- siwsäeift Täglich geöffnet 10-8. Entree 1 91., Sonntag 50 IT. Metropol-Tbeater Duriaiii Raiselieo! Burleske Äusstattungsposso mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Holländer. In Leone gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Im 4. Bilde: BW Grosses Ballett-WM Wie damals im Monat Mai. Anfang 7'/, Uhr. Rauchen überall gestattet. Köpnickerstrasse 67. Anfang 8 Uhr. Ende 10 Uhr 30 Min. GASTSPIEL Ad. Philipp. Uedem grossen TBICK. Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. 71/t- Wie einst im Mai. Schauspiel mit Gesang in 2 Alten. Dazu neu: Die Wenzel und das brillante Januar-Programm. Sonntagnachm. 4 Uhr: Bin«dies «leid. Stadt-Theater Moabit Alt-Moabit 47/49. Dienslag, den 26. Januar 1904: Bernhard Rose-Theater-Ensembie. Eine leichte Person. Protze Posse mit Gesang in 3 Akten von Bsttner und Pohl. MM- Ansang 6 Uhr.-WM Donnerstag: Kabale und Liehe. Fröbal8 Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Inhaber: Wilhelm FrObcl. Heute Dienstag S'/a Uhr: Grosser Theaterabend. Des Meeres und der Liebe Wellen. Schauspiel von Grillparzer. Nach der Vorstellung: Freitanr. /Jorgen: Humoristischer Festabend. Nofddentscbe Singer und Ball. Trianon-Theater. Gcorgenstratze, zwischen Friedrich- und Universitätssstatze. Madame I. Anfang 3 Uhr. Sonntagnachmittag:„Biscotte." Gebrüder Herrnfeld- Slnfang Thnnfflr Sonntags: 3 Uhr. l UvlllvI, 7 Uhr. „Wkleder ein neuer grosser Erfolg I" lautet die einstimmige Kritik der gesamten Presse über die und D. Herrnscldsche Novität: Zwei Akte aus einer Ehe mit den Autoren in d. Hauptrollen. Ferner: Januar-Attraktionen mit Bendix. Vorvcrkauj 1�—2 Uhr mittags. Passage-Theater. Anfang Sonntags 3 Uhr, Wochentags 6 Uhr. Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr. Cnfyauptung einer lebenden Dame! Willy Prager mit seinem Schlager: Die kleine Garnison. 14 neue erstklassige Nummern. Sleidl-<�Theater 2 Linien- Oranien- Strasse 132 burger Thor. Kolossaler Erfolg 1 Neu l Das teure Vaterhaus. Dramolet von Fritz Steidl. Montag, den 25. Januar 1904: R. 8tcldI.8Jtni;cr-Ball. Ein Volksfest in Kuhbergsdorf. treues Programm: Harr/ Becher Hundedresseur. Polk d Gelline, Banfe-Virtuosen.. Lerraine's Lohende Bilder Die beiden Freydot Gymnastiker' Cook u. Clinton Amerik. Kunstschützinnen. Meere u. Omo Drahtseilkünstler. Otto Rentter Humorist. 8alerno Meister- Jongleur. Annette Gillard Pariser Opemsäng. «Ile. Ostro in ihrer Pantom.„Opiumrauschu. Thereses Komischer Hypnotiseur. „Karnevalegeister" Wiener Ballett. Biograph. Beleb» hallen Stettiner Singer. DontttrstG heu 28. Innunr 1903, abknds 8 Uhr: Sechs"VV Partei-Versammlungen in folgenden Lokalen: f. Kreis: Arminhallen, Kouimaudauteujlraße 20(großer Saal). 2. Kreis: Kliems Festsäle, Haseuhaide. S. Kreis: Gewerkschaftshans, Eugel-Ufer 15(großer Saal). 4. Kreis: Andreas-Festsäle, Audreasßraße 21. TageS-Ordnung: Bericht und Neuwahl der Vertrauensleute, der Preßkommission. Lokalkommission und Agitationskommission. 5. Kreis: Altes Schutzenhans, Fimeustr. 5. Tages-Ordnung: Bericht und Neuwahl der Vertrauensleute. Vortrag des Reichstags- Abgeordneten Genossen Ar. 1ler?scM über:„vie politische Hage." Verschiedenes. 6B Kreis: Weimanns Volksgarten, Kadstraße Tages-Ordnung: Bericht und NeuivaHl der Vertrauensleute. Vortrag des Reichstags- Abgeordneten Genossen Qeorg Sedebottr über:„Die politische Lag«." Um zahlreichen Besuch bitten zvg/i Vie Vertrauensleute Serlins. CirkusT BusclTi freireligiöse Gemeinde, Berlin. Zun, 84. Male: Ans den Alpen. Orig.-Pantomime d. CirkuS Busoh. Bemerkenswert: Ver ZutomobilsturT. Sie offene 8edleffe 8 Meter Sprung. Mr. Blchacd Sawade mit feiner berühmten Tiger-. Löwen- u. Bären-Dressur. HerrBurkhardtF«oNit,SchuIrcit«r. Eine Hirschjagd, ger. m. 20 Voll- und Halbblutpferden. falasl-Tlieater Purgstraste 22, früher Feen-Palast. Heute und folgende Tage: Abends 8 Uhr: Vas stliiUonenmaciel. Lebensbild mit Gesang in 5 Bildern von Jacobson und Willen. Vorher Konzert und SpecialltSten. 3 Brothers KellUmcs. Musikalischer Erentriquc-Balance-AIt. Li c s Warlnoo. Phänomenale Trapezkünstler. Dcamando und Annl. Akrobatische cquilwrist. Melange-Akt. Freitagabend 8 Uhr: Elitevorstellung. Wilhelm Teil. Schauspiel von Fr. v. Schiller. Llb t. Februar: VolistSndig neues Programm._ Sanssonel. Kottbnfer Thor— Skat, der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag: Boffinann» Norddeutsche Sänger u. Tanzkrönzchen. Jeden Dienstag: Theater- Abend. Vorzugskarten an allen Wochentagen gültig. Dienstag, den 26. Januar: Bon CJtNar. Etubtisseulkut Kuggeuhugeu Morl tzpl atz. Im Kaiscrfaal: Künstler- Entembl« „Nordsterne" unter Leitung d. Herrn ktudoik Schauss. Kaffeneröffn. 5 Uhr, Anfang'/J Uhr. Entree 50 Pf. Nach der Vorstellung: Tanzkränzche». In den unteren Sälen: Görisch-Äonzert und Bockbicrscst. XotiigsttuU'Jtasitio Holzmarksttr. 72, Ecke ZUexanderftratze. Täglich: Franz Sobanzkl. Mita Roselli. Georg u. Pepi Wagner. Bertoletti—MUMardo— Renas. Zum Schlutz: Die zweite Frau. Nach der Vorstellung: MttwochS. Sonnabends«. Sonntags: Tanz. 51 M Pfund Brot v ackware SStücklvPf. tldreehls Sseherelell: Wrangelstraste S, Krautstraste IS. Faltkenfteiustr.»8. Lausisterstr. 2. Markthalle Pücklerstr., Stand 222/23. Marsthalle AndreaSstr., Stand 16/18. Sonnnhcnd, den 3V. Fnnnnr ESV4: Lresser Wiener Maskenball In Et. K e 1 1 e v• FcistsJUen, Koppenotr. 89. Billets a 50 Pf. sind bei folgenden itomiteenutgliedern zu haben: O. Jänicke, Schönebera, Goltzstr. 4, H. I; G. Bohne, Hochmeisterstr. 26, H. IV; E. Ehristens, Mühlenstr. 49, IN; V. Schröder, Passauerstt. 3, Laden; H. istotlow, Hochmeisterstr. 5. Ouerg. IV; Frau Kohlhardt, Alepandrinen- slratze 21, v. TV; P. Kuhirte, JmmanuellirchsN. 16, r. Seitensl. IV; P. Halbuuer, Krautstr. 36, Ouerg. III: 11. Äowalezhk, Swinemüuder» stratze 82, 1. Querg. IV; W. Retusch, Löwestr. 6, Lade»: Th, Jerwni, Urbanstr. 6, H. TV'; beim Kassenbotcu A. Räder, RhcinSbergcrstr. 62, vorn H; in den bekannten Billetftcllcn von W. Börner, 8., Ritterstr. 15; tz. Bobsicn, S-, Kommandantenstr. 62; F. Wolf, O., Pmtschstr. 3; H. Bogel, N., Dcmmlnerstr. 32; H. Zichm, N.. BernauersN. 48; H. Pcege, O., RüdcrSdorfcrstr. 48; M. Mendt. NO., Gollnowstr. 44; W. Krause. N„ Pappel-Allee 15—17; in de» �chankgeschäste» von Frau Mehner, LG., Skalitzeritt. 59; G. Psan, NVV., Putlizstr. 10 und I. Wicdc. mann, O., Frankfurter Allee 47; außerdem in allen unsrcn Versammlungen am Eingang zum Saal zu haben. 108b» Anfang; 8'/, Ehr. Da« Komitee. Vorwarts-ßucbbandUing 8CQ., Lindenetrasde 69. Die Russen-Jnterpellatton hat das Interesse sür Rußland und seine Verhältnisse geweckt. Wir empfehlen zu diesem Thema solgendc Bücher: Sechzehn Jahre in Sibirien. Erinnerungen ew-s russischen Revolutionärs von L. G. Deutsch. 3 M., geb. 3,50 M. Ein im Jahre 1884 in Deutschland verhafteter und nach Rußland auS- gelieferter russischer Student schildert in dem Buche seine Erlebnisse in deutschen, russischen und sibirischen Gcsängnissen, in denen er ein halbes Menschenaltcr hindurch geschmachtet hat, bis er über Japan und Amerika entstehen ist. Kennau: Sibirien..... gebunden 1,50 M. . Russische Gesängnisse.-.60. » Zeltleben in Sibirien, 1,—„ Lehmann-ParvuS: Das hungernde Rustland. Reiseeindrücke. BeoV- achtungen und Untersuchungen. Illustriert 3 M., geb. 4,50 M. Jadrinzew. N.: Sibirien. Geographisch-enthnographischc und historische Studien. Mit zahlreichen Abbildungen. Statt 16 M. nur 9 At. Leroy-Beaulieu, A.: Das Reich des Zoten und die Russen. 2 Bände. Statt 10 M. nur 4 M. Ein die russischen Verhältnisse überaus trefflich schilderndes Werk: Lankenau und OelSniü: Das heutige Rustland. 2 Bände. Statt 6 M. nur 3 M. Der erste Band schildert das europäische, der zweite das asiatiichc Rußland. Lantzdell. Henry: Durch Sibirien. Estie Reise vom Ural bis zum Stillen Oeean. Statt 20 M. nur 6 M. 233/2» NESTJ�Kr ünubeprrorren beul BreehdupeHfali Diarrhoe Darmkatarrh | Vopratig in Apotheken, Drogerien, Colonlafw, j Stoff- slcste für Herrenanzüge, Paletots usw. spottbillig. fiEhlahfit-Wieaerlane Verantw. Redattcur: Julius Knliski, Berlin. Für den Inseratenteil verantlv.: Th. Glocke, Berlin. Berlin C., Rossstrasse 2 _ Koch dfc Seeland.*_ Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW, Bruch-Pollmann empfiehlt fein Lager in Bruchbandagen, Leibbinden, Geradehaltern, Spritzen, Suspensors, sowie slmtliche Artikel zur Krankenpflege. BV EJlg-ne Werkstatt.; Lieferant s. Orts- uHUsS-Ärankentassen Berlin C., 80. Fiuieu-Strußt 80. MB. Alle Bruchbänder mit elasti» schen Pelotten, angenehm und weich am Körper._ 38252* »a. a i,»» 2 Jriliip ks Jowäiff Winn loltoM•«« j, 26. Januar 1904 s&oa Hbgcordnctcnbaus. 4. Sitzung, Montag, den 2ö. Januar ISVt. 11 Uhr. Am Mimstertische: Frhr. v. Rheinbaben, v. Hammer- stZe i nl. Dr. Studt, Budde. Die erste Etatsberatung wird fortgesetzt. Abg. Frhr. v. Zcdlitz-Nrukirch sfrkons.): Die anbcrordcntlich günstige Gestaltung unsrer Finanzen auf Grund des Eisenbahnetats beweist den weiten Blick, den seiner Zeit der verstorbene Herr V. Maybach gezeigt hat, als er im Gegensatz zu einem Votum der Budgetkommission mit eiserner Energie die Verstaatlichung durchsetzte. sBravo! rechts.) Freilich weist unser Staatseisenbahnnctz noch heute große, von den beteiligten Landes- teilen schmerzlich empfundene Lücken auf.(Sehr wahr! rechts.) Die grohen Ueberschüsse der Eisenbahnen ermöglichen eine planmäßige Ermäßigung der Güterfrachtcn ze. Eine solche erscheint finanziell sicherer, als die Verfolgung einer Wasserstraßenpolitik. Mit dem Herrn Ministerpräsidenten stimme ich vollständig darin überein, daß es Aufgabe der Regierung sein muß. alles zu ver- nieiden, was den Zusammenhalt der staatscrhnltcnde» Parteien stört. Wenn durch die neuen Handelsverträge die Landwirtschaft das notwendige Maß des Schutzes erhält, wie es nur irgend mit den Bcdürfniiscn der andren Erwcrbszwcige und dein Gcmeinwohle ver- einbar ist, so wird diese Thatsache das Vertrauen zur Regierung in einem großen Teil der Bevölkerung in ungewöhnlichem Matze stärken. Was die wasserwirtschaftliche Borlage anlangt, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Regierung den Wünschen dieses Hauses mit der neuen Vorlage sehr weit entgegengekommen ist. Wir werden die Vorlage, wie auch die frühere, rein sachlich vom Wirt- fchaftlichen Standpunkt aus behandeln. Die letzten Wahlen sind ohne jede Einwirkung dLr Staats- regierung vor sich gegangen, die Verwaltungsbeamten haben sich vollkommen zurückhalten müssen. Wenn sich die Regierung so vollkommen unparteiisch gehalten hat. so ist es klar, daß das Wahlergebnis der Niederschlag der Volksstimmnng sein nmß. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in Preußen der bürgerliche Liberalismus als solcher keine beachtenswerte Figur auf dem politischen Schachbrett ist.(Große Heiterkeit linis.) Sehr zur Unzeit hat gerade in diesem Moment ein Teil der National- liberalen ihr liberales Herz entdeckt. Das erinnert mich an die östreichischen Nationalliberalen, die in Anlehnung an ihren Führer Herbstzeitlose genannt wurden, weil sie sich immer zur unrechten Zeit nach der falschen Seite neigten.(Große Heiterkeit.) Ich weiß aber, daß ein großer Teil der itationalliberalen Partei auf ehrlichem, nationalem Boden steht. Mit diesem Teil der National- liberalen werden die beiden rechts stehenden Parteien stets gern zu- sammengeheu. Möge auch der andre Teil sich wieder auf ferne nationale Seele besinnen zum Nutzen des Vaterlandes und der eignen Parteil(Große Unruhe und teilweises Gelächter bei den Nationalliberalen.) Sie(zu den Nationallibcralen) haben sich in die Kanalidee geradezu verrannt. Lernen Sie. Sonderrücksichtcn und Sonder- interesien, die Ihre Auffassung in der Kanalfrage verdunkelt hat, zu beseitigen und treten Sie wieder objektiv an die Dinge heran! (Lautes Lachen bei den Nationalliberalcn.) Dann werden Sie auch wieder das Plätzchen an der Sonne bekommen, das Sie so dringend wünschen.(Große Unruhe bei den Nationalliberalen. Rufe: Unerhört! Schnlnieister!) Man hat eine Wahlreform verlangt, weil nach dem jetzigen Wahlsystem die durch die Socialdemokratie vertretene Arbcitcrsckaft hier nicht vertreten sei. Ich bestreite, daß die Socialdemokratie die Vertretung der Arbeiterschaft ist.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Die Kollegen Brust und Stötzel, von bürgerlichen Wählern gewählt. find hier im Hause als Vertreter der Arbeiter. Mit einer nationalen Arbeiterpartei würden wir gern zu- sannnengchen. Ich lehne e§ ab, an eine Aenderung unsres Wahl- rechts heranzutreten. Dagegen stimme ich einer Teilung übergroßer Wahlkreise und einer mäßigen Bcnnchnmg der Abgeordneten- zahl zu. obgleich diese Vermehrung wahrscheinlich der linken Seite des Hauses zu gute komme» würde. Wir sind eben keine ein- seitigen Parteipolitikcr!(Lachen links.) Vielleicht könnte man nach dem Vorbild des sächsischen Reformcntwurfs auch an eine Berück- sichtigung der Bildung der Wähler denken. Den Handiverker- st and und die kleinen Gewerbetreibenden muß die bürgerliche Ge- jellschast besonders gegen den Ansturm der Socialdemokratie schützen. Diese Kreise werden durch die Androhung des Boykotts so oft geradezu in de» Heerbann der Socialdemokratie gedrängt. Die Volksschule ist gewiß dazu beriife», Gottesfurcht und Patriotismus in die Herzen der Jugend des Volkes zu pflanzen; aber zweifellos fällt heute ein großer Teil unsrer Jugend, nachdem sie die Volksschule verlassen haben, der Socialdemokratie in die Arme, da die Fortbildungsschulen das in die Herzen gelegte Samen- korn nicht weiter durch Pflege der Religiosität und der Vaterlandsliebe entwickeln. Bis zum Eintritt in das Heer müsse» dir jungen Leute vor den bösen Einflüssen der Socialdemokratie bewahrt werden. Sehr wertvoll wäre es, wenn die Minderjährigen von dem Besuch politischer Bersammlungcn ausgeschlossen würden. Das wäre ein äußerst wirksames Mittel zur Bekämpfung der Socialdemokratie. (Sehr richtig! rechts.) Andrerseits sind wir durchaus damit ein- verstanden, oaß den Erwachsenen auf dem Gebiete des Vereins- und Versammlungsrechtes möglichste Freiheit gewährt werde und lästige Beschränkungen, die heute noch bestehen, aufgehoben werden. Beim VollSschulunterhaltungS-Gesetz muß der christliche Charakter der Schule besonders betont iverden. Der jetzige Zustand der Unterhaltungspflicht ist freilich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Staatsministcr des Innern Frhr. v. Hanimcrstcin: Herr v. Zedlitz hat von einer Reform des Wahlgesetzes gesprochen. Ich habe schon im Vorjahre erklärt, daß ich wohl bereit sein würde. über kurz oder lang eine Aenderung des Wahlgesetzes eintreten zu lassen. Auf diesem Standpunkt stehe ich persönlich auch noch heute. Wenn die Aenderung des Wahlgesetzes in der Thronrede nicht berührt ist, so ist der Grund, daß dem König darüber noch nicht Vortrag erstattet ist. Aber seit zwei Jahren hat sich mein Ministeriuni sehr ernst mit dieser Frage beschäftigt. Im vorigen Jahre hat auf meinen Antrag das Staatsinmisterium ein neues Wahlreglemeirt beschlossen, das meines Erachtens im großen ganzen außerordentlich fördernd auf die Wahl gewirkt hat. Es ist deshalb sehr schwer, hier zu refonnieren, weil es niemals dazu zu haben sein werde, die Grimdlage dieses Wahlgesetzes zu ändern. Man beruft sich auf das Wort des Fürsten Bismarck vom„elendesten aller Wahlgesetze." Wie ich den Fürsten Bismarck kenne, würde er unter Umständen von jedem andern Wahlgesetz das ebenso bemerkt haben. Ich kenne kein andres Wahlgesetz, das so genau den Ausdruck der öffentliche» Meinung wicdrrgicbt, wie unser Dreiklasscn-Wahlsystem. Auch dieser Grundsatz kann durch Veränderung der Bevölkerung, durch Verschiebung durch den Verkehr, durch die großen Centren eine Aenderung erfahren.(Aber man muß damit außerordentlich vorsichtig sein! ich bin hellte noch nicht in der Lage, dem Ministeriuni klar darzulegen, wie diese Aenderung einzurichten sei. Ich habe reiflich in meinem Ministerium darüber nachgedacht, und bin hauptsächlich auch deshalb nickt zu cinenl Resultat gelangt, weil die Erfahrungen der letzten Wahl mit dem neuen Wahlreglement abgewartet werden müssen, ob nun doch bei Ausführung des Gesetzes noch Uebelstände vorhanden sind.— Ein Mangel des jetzigen BcrsamilllungSrcchtcs ist der, daß die Polizei häufig nicht in der Lage ist, auf Grund der bestehenden Bestimmungen auch Versammlungen genügend zu überwachen, die in einer fremden Sprache geführt werden. Gelegenheit diesen Mangel zu beseitigen, wird Ihnen noch im Laufe dieser Session gegeben werden. Weiter ist eS eine Anomalie, daß die Frauen heute nur zu Versammlungen zugelassen sind, die nicht von Vereinen einberufen werden. Weiter ist das Zcherlschc Sparsystem berührt worden. ES wird darauf bei Ge- legcnheit des betreffenden Antrages zurückzukommen sein. Heute schon kauil ich erklären, daß das Unternehmen zur Zeit nicht zur Ausführung gelaugt.(Hört I hört I links.) Die Regierung hat die Angelegenheit sorgfältig geprüft. Sie ist davon ausgegangen, daß das neue System nur dann Beachtung verdient, wenn es als ein gemeinnütziges Unter- nehmen eingeführt werden könnte. In vollem Einverständnis mit Herrn Scherl ist in diesem Sinne die ganze Angelegenheit mit dem Ausschuß des Deutschen Sparkassen-Verbandes eingehend und ohne jede Geheinmisthuerci seit mehr als sechs Monate» geprüft worden. Man kann theoretisch darüber im Zweifel sein, ob die Verbindung von Spar- und Spieltrieb ethisch zulässig ist, oder �>b nicht viel- mehr die in jedermann i» unsrer unvollkommenen Welt innewohnende Spiellust in solche Bahnen geleitet werden kann, daß dadurch der Spartrieb gestärkt werden kann.(Unruhe links.) Jedenfalls ist zur Zeit infolge des freiwilligen Rücktritts des Herrn Scherl die ganze Angelegenheit aufgegeben. Abg. Brömel(frs. Vg.): Von Herrn v. Hammerstein konnten wir ja nichts andres er- warten, als daß er niemals die Grundlage der Dreiklassenwahl auf- geben würde. Gegenüber den Bemerkungen deS Herrn v. Zedlitz über die bürgerliche Linke verweise ich darauf, daß im Reichstag die Parteien der Linken nach Zahl der Abgeordneten und besonders der Wähler weit stärker sind als die konservative und freikonservative Partei zusammen.(Sehr richtig! links.) Im übrigen ist es ja be- rannt, daß dieses Haus auf einer Grundlage zusammengesetzt ist, die den allerbescheideusteu Anforderungen der Gerechtigkeit nicht entspricht.(Sehr wahr! links.) Die jetzige WahlkrciS-Einteilung ist ein wahres Zerrbild einer gerechten Wahlkreiseinteilung.(Sehr richtig! liukS.) Ist cS doch der Socialdemokratie trotz der größten An- strengungen nicht möglich gewesen, auch nur einen Abgeordneten durchzubringen. Der Herr Finauzminister hat ganz besonders den Wert des in- ländischen Marktes betont. Er hat dcmgegenüber die Bedeutung unsreS Hochentwickelten Exporthandels ganz außer acht gelassen. Mich erinnerte das a» ein Wort aus andrem Munde. Uusre Zukunft liegt auf dem Wasser:„In den Ozean sckifft mit tausend Masten der Herzog, still auf gerettetem Boot treibt in das Inland der Rat."(Heiterkeit.)— Daß die Lage unsrer Landwirtschaft nicht so trübe ist, wie die Herren Agrarier sie schildern, beweist die Thatsache, daß uusre Donmnenpächter in der Lage waren, im letzten Jahre wiederum einen höheren Pachtzins zu zahlen.— Den Kartellen steht Herr v. Rheinbaben wohlwollend gegenüber. Wir werden die vom Reiche veranstaltete Enquete über die Kartelle und Syndikate ab- warten müssen, ehe ein endgültiges Urteil über dieselben gefällt werden kann. Unbestreitbar ist. daß da, wo den Kart-illen Uebergriffe vorgeworfen werde», der bestehende Zollschntz ein: groß« Rolle spielt. In seiner Rede zur Kanalvorloge hat Graf Bülow seinen Konstitutiolialismus besonders betont. Er wird nicht bestreiten können, daß jede wirklich konstitutionelle Regierung nach einer Antwort, wie sie die preußische Regierung in Bezug auf die Kaualvorlage früher erhalten hat. entweder zurückgetreten wäre oder einen Appell an das Laut» gerichtet hätte.(Sehr wahr! links.) Wir sind gegen die HerabseMlug der Totalisatorsteucr, wie gegen den Totali- sator überhaupt. Durch das mit den Rennen verbundene Wetten ist viel Unglück über zahlreiche Familien gebracht worden. In Bezug auf die Polenpolitik verlangen lvir Beobachtung der Verfassung, welche eine Gleichberechtigung aller Staatsbürger vorsieht. Die Maßregeln gegen die Polen halten wir nicht für zweckmäßig. Das gilt beiondcrS von der Thätigkcil der AnsicdelungSkominission.(Beifall links.) LandwirtschaftSininister v. Podbiclßki: Ich will jetzt ans die Ausführungen des Abg. Richter über Pferdezucht und Totalisator zurückkommen. Unsre Pferdezucht ist etwa« zurückgegangen. Wir haben Experten nach Frankreich geschickt, da Frankreich in der Pferdezucht fortgeschritten ist. Es hat sich ge- zeigt, daß in Frankreich erhebliche Mittel für die Pferdezucht 2>/.z Millionen ans dem Totalisator und 8 bis v Millionen auS Staatsmitteln zur Verfügung stehen. Bei uns ist der Reimbetrieb zurückgegangen und damit die Vollbjutzncht. Die Pferdezucht muß bcsier gestaltet werden für unsre Kavallerie und ihrcLeistungSfähig- keit nicht im Frieden, sondern im Kriege. Die Totalisator-Ein- nahmen sind von 1 300 000 M. auf 200 000 M. zurückgegangen. Wir müssen also eine Million irgendwie herausschlagen. Der größte Krebsschaden sind die WettburcauS. Die Unterdrückung der Weit- bnrcaus ist notwendig. Aber Herr Richter wird mir zugeben, daß dann daS Wetten am Totalisator erleichtert werden muß. Ucberall finden die Rennen am Sonntag statt, nur in Berlin nicht. Wir wollen Berlin nicht benachteiligen.(Heiterkeit.) Abg. Dr. von JazdzewSki(Pole): Wir Polen haben die Erfahrung gemacht, daß bei günstiger Finanzlage die überflüssigen Mittel zur Bekämpfung und Unter- drückung des PolentumS verwendet werden. Die Polen haben sich nicht geändert, sie haben mit Hilfe der Kirche ihre Muttersprache stets gepflegt. Wenn jetzt behauptet wird, daß die Polen anti- preußisch sind, so ist die Politik der Regierung daran schuld. (Lebhafte Ohorufe rechts und bei den Nationalliberalcn.) Die Polen verlangen dieselbe Behandlung wie alle übrigen Staats- büracr. Ihre Stammcsangehörigkeit und ihre Ucberlicferuiigen müssen geschont iverden. DaS hat auch der Kaiser einmal in einer Rede in Posen anerkannt. In der Praxis iverden diese Grundsätze aber nicht befolgt. Maßregelungen über Maßregelungen erfolgen gegen Beamte wegen eines auch nur privaten Gebrauchs der polnischen Sprache, ganz zu schweigen wegen Ausübung des Wahlrechts in polnischen: Sinne. Die Agitation der polnischen Bevölkerung ist nur die Folge davon, sie wird noch stärker iverden, wenn ihr jetzt das Vereins- und Versammlungsrechts eingeschränkt werden soll. In welcher Sprache sollen denn die Polen, die nur polnisch können, verhandeln? Die Thätigkeit der Ansiedelungskommission treibt die Polen nach dem Westen.(Ohorufe rechts.) Der Kampf der Ratio- >, alitäten kann nur durch eine andre Regieruiiaspolitik gemildert werden. Die jetzige Politik fördert nur den Haß. Wir verlangen unser Recht, wird es verweigert, so nehmen wir es uns. Ein Volk ist wie ein Stahl, der um so härter wird, je öfter der Hammer auf ihn hcrnicdersaust. Wir müffen der Regierung die VerantivorNlng überlassen, wen» durch ihr Vorgehen dein Staats- leben Nachteile erwachsen.(Beifall bei den Polen.) Minister des Innern Freiherr v. Hainmerstein: Herr v. Jazdzewski hat sachlich und in der Form liebenswürdig gesprochen. Unter der Decke war aber doch eine starke Abneigung gegen alles was preußisch oder deutsch ist zu merken. Wir hoben keine Polen, sondern nur polnisch sprechende Preußen. Früher war in Oberschlesien die Bevölkerung gut deutsch gesinnt, jetzt sind aber großpolnische Agitationen in die Bevölkerung hineingetragen worden, gegen die lvir Front machen und Front machen werden. Daß der Borredner die Lostrennung Polens von Preußen als ein Phantom bezeichnet hat, ist erfreulich', bezeichnend war aber seine Begründung. nicht weil die Polen Preußen bleiben wollen, sondern weil sie nicht wissen, wo sie hin sollen. Viele Polen wollen ein eignes polnisches Reich errichten. In der Presse kommt daS vielfach zum Ausdruck. Herr JazdzewSki sollte die Aeußerung vom Phantom in seiner Heimat wiederholen, da spricht aber Herr v. Jazdzewski nicht so.(Sehr richtig l rechts.) Was die Bekämpfung der polnischen Sprache in Versammlungen anbetrifft, so meine ich allerdings, daß, wer öffentliche Dinge behandelt, driitsch sprechen müsse.(Sehr gut!) Also lernen Sie deutsch. Die Polen müssen dem Könige»mtcrthan sei». Daran fehlt es aber. Bei Gelegenheit der Enthüllimg des Bismarck-Denkmals in Posen hat der Polcnhaß Orgien gefeiert. Ein polnisches Blatt hat den Prozeß Dippold als Folge Vrsmarckscher Politik hingestellt. Auch bei den Feiern des kaiserlichen Geburtstages zeigt sich der Haß der Polen gegen die Deutschen. Unsre Langmut ist demgegenüber eine viel zu große, denn wir habe» zu bcsehlcu und Sic(zu den Polen) haben zu gehorchen.(Beifall rechts.) Abg. Dr. Inner(I.) wendet sich gegen die Kritik deS Abg. Richter an der preußischen Finaiizverwaltniig und polemisiert dann gegen die Kanalfreunde. Das Bestreben der Kanalfreunde geht dahin, vre Regierung und die Konservativen zu entzweien, es wird aber hoffentlich erfolglos bleiben. Die Konservativen haben sich beim Fallen der Kanalvorlage sehr ruhig verhalten: jedes Zeichen der Freude uird Zustimmung war verboten, als das Schul- gesetz fiel, da gab es ber allen liberalen Parteien, die Nationalliberalen eingeschlossen, ein lauttönendes Freudcngcränsch.— Der Volksschule muß der christliche Charakter erhalten bleiben. Herr Dr. Friedberg hat sich über unsre Wahlagitation beschwert.(Minister- Präsident Graf v. Bülow ist im Saale erschienen.) Was in liberalen, auch in nationallibcralen Flugblättern erschienen ist, übersteigt alle Grenzen des Airstandes. Aber wir beschweren uns nur über Aeußerungen, die von Führern gefallen sind, besonders über Dr. Sattler. Solche Aeußerungen haben uns verletzt, nicht die Aufgabe des Kartells seitens der Nationalliberalen. Da überschätzt Herr Friedberg den Wert seiner Partei. Verletzt hat unS weiter das Verhalten der Nationalliberalen zur Socialdemokratie. Wir haben sogar mit der Freisinnigen Bolkspartci loyal im Kampfe gegen die Socialdemo- kratie zusammengestanden. Einzelne Nationalliberale sagten aber, die Socialdemokratie ist nicht so schlimm wie die Reaktton. Die National- liberalen waren ja, gedrängt von den Jugendvereinen, nahe daran, ein Bündnis mit den Socialdenrokraten einzugehen.(Lachen bei den Nationalliberalen.) Sie haben klugerweise davon Abstand genommen. Herr Friedberg hat auch gestern versöhnlicher gesprochen. Ich will hoffen, daß das der erste Schritt zur Besserung ist.(Beifall rechts.) Nach einigen persönlichen Bemerkungen des Abg. v. JazdzewSki und den Abg. v. Eynern und Dr. Jrmer wird die weitere Beratung auf Dienstag 11 Uhr vertagt. Schluß 4'/, Uhr.________ Dritter allgemeiner Krankenkassen- Kongreß. Leipzig, den 2ö. Jannar 1904. Simanowski-Berlin eröffnet den Kongreß um VzIO Uhr im großen Saale Sanssouci. Es sind etwa 1000 Delegierte aus allen Teilen Deutschlands anwesend. Auf den Galerien hat sich ein zahl- reiches Publikum eingefunden. Baumeister Rost-Leipzig begrüßt die Delegierten im Namen der OriS-Krankenkasse für Leipzig und Umgegend. Der Vorstand der- selben wird ans den heutigen Verhandlungen sicherlich seine Lehren ftir seine Stellung bezüglich der wichtigen Fragen für die Kranken- lassen ziehen. Hoffentlich werden diese Verhandlungen den Kassen und den Versicherten zum Woble gereichen. Simanowski-Berlin: Auf die heutigen Verhandlungen blickt, wie die Auslassungen der Presse zeigen, die gesamte Welt. Ginladungen sind ergangen an sämtliche Orts-, Betriebs-, JnniingS» k. Kassen, an das ReichSamt des Innern, das Ministerium der öffentlichen Arbeiten, das preußische Kultusministerium, das preußische HairdelSnunisterium, das sächsische Ministerium, die KreiS- hauptmannschast von Leipzig, die AmtShauptmannschaft Leipzig, an den Stadtrat von Leipzig, an das kaiserlich Statistische Amt. das ReichSvcrsichcrungsamt, an das Präsidium des deutschen Reichstags, an die Reichstags-Fraktioncn, an die Mitglieder deS preußischen und des sächsischen Landtags, den Heilstätten-Verein vom Roten Kreuz, an die Gencralkommijsion der Gewerkschaften und an daö Central- Arbeitersekretariat. Der Staatssekretär des Reichsamts des Innern bedauert, einen Vertreter nicht entsenden zu können, bittet aber um Zusendung deS Protokolls. Minister für öffentliche Arbeiten Budde schreibt, daß eine Vertretung der BetriebS-Krankenkassen seines ReffortS bei deren besonderen Lage überflüssig erscheine. Ein Dankschreiben für die Einladung haben der Präsident des Reichstages, der des Reichs» Versickerungsamtes und des kaiserlichen Statistischen Amtes gesendet. Erschienen sind als Vertreter der königl. Kreiöhauptmanm'chast Leipzig, Herr OberregierungSrat Roch, als Vertreter der Amts- hauptmannschast Herr Amtshauptmann Hein, vom Rat der Stadt Leipzig Herr Stadtrat Lampe, ferner Reichstags-Abgeordneter Molkenbuhr als Vertreter der socialdemokratrschen Reichstags- Fraktion, Rechtsanwalt Leo Verkauf als Vertreter der Wiener all- gemeinen Orts-Krankenlasse. sowie zwei Vertreter der allgemeinen Arbeiter-Krankenlasse Budapest. OberregierungSrat Roch spricht namcnS der königlichen KreiS» hauptmannschast Leipzig und namens des sächsischen Ministeriums des Innern Dank für die Einladung aus und wünscht, daß die Streitigkeiten zwischen Kassen und Aerzten zu einem erfreulichen Ende geführt werden mögen.(Beifall.) Rcichstngsabgeordnetcr Frästdors begrüßt die Delegierten und Gäste seitens des Bororts des deutschen Ortökrankenkassen-VerbandeS. Die Krankenkassen-Bcwegnng ist zu einer internationalen Bewegung geworden. Die Aerzte suchen die Gesetzgebung für ihre Interessen m Bewegung zu setzen, und da ihnen das nicht gelingt, greifen sie zur Arbeitseinstellung, zum Streik. Sie fordern freie Arztwahl und Bezahlung der Einzelleistnng. DaS ist jedoch erst der Anfang: wir haben aber alle Veranlassung, uns schon dieser Onvertnre entgegen- zustellen. Doch soll unsre Kritik hier streng sachlich sein, wir müssen unS bemühen, gegen die Aerzte gerecht zu sein. Wir wollen ihnen nicht den Kneg erklären; unsre Parole ist vielmehr: Schutz den Krankenkassen.(Beifall.) Auf Vorschlag von SunanowSki werden drei Vorsitzende mit gleiche» Rechten gewählt und zwar: Fräßdorf- Dresden, S i m a- n o w ö k i- Berlin, R o st- Leipzig. Ferner werden fünf Schriftführer gewählt und eine Redaktionskommission von sechs Mitgliedern. Weiter wird die Geschäftsordnung des vorigen Kongresse« zu Berlin angenommen. Zum einzigen Punkt der Tagesordnung:„Die Stellung der deutsche ir Kranlenkassen zck den Forderuugeu der A c r z t e s ch a f t" erhält das Wort: Referent Albert Cohn-Berlin: Meine Herren! Die Aerzte haben unsrer Tagung das wenig schmeichelhafte Prognostikon gestelli, daß wir unfern Groll gegen sie in öden Schimpfereien Luft machen wollen. Uns steht aber die Sacke, die wir vertreten, zu hoch, sie ist uns zu heilig, als daß wir auf den Ton der Herren Knoblauch, Wiltmann, Zepler. Neumann u. a. eingehen werden. Wir find lediglich hier, um ernstlich zu beraten, wie di» ärztlichen Berufs» intcressen mit den Aufgabe» der Kranlenkassen in Uebereinstimmung zu bringen sind. Sert Jahr und Tag, besonder« seit Gründung des Leipziger wissenschaftlichen Vereins werden alle Kasjenverwaltungen. die nicht auf die freie Arztwahl eingeschworen sind, als Feinde der Aerzteschast hingestellt. Versucht wird auch, die Kasten mit und ohne freie Arztwahl in Gegensatz zu bringen. Schreibt doch Dr. Munter in der„Medizinischen Reform", die Berliner Kassen nrit freier Arztwahl werden sich hier gegen die Vorwürfe verteidigen müssen, seit Jahren die Gelder der Kassen zu Gunsten der Aerzte verschleudert und überhaupt mit den Aerzten verhandelt statt den Grundsatz aufgestellt zu haben:„Teile und herrsche": eine geradezu absurde Behauptung. Seit Jahren hat uns das Aerztesystem nicht gehindert, einig zum Wohle der Versicherten zu- sannuen zu arbeiten, und das wird auch weiter so sein. Es gilt nichi, gegen irgend ein Aerztesystem Front zu machen. sondern überall da einzuspringen, wo Ansprüche an die Kasse» gestellt »erben, die sich ohne Schädigung der Mitglieder nicht befriedigen lassen. Wir betrachten uns nicht als Vertreter der Bernfsinter essen der SlCMtc, sondern als Vertreter unsrer Mitglieder, und die demagogische» Versuche, uns mit ihnen in Gegensatz zu bringen, lvcisen wir zurück. Es handelt sich bei den Aerzten um Verbesserung ihrer materiellen Lage, wofür wir Verständnis haben. Wir müssen aber zurückweisen die Behauptung, die deutsche.irrankenkassen-Gesctz- <;cbung sei verantwortlich für den wirtschaftlichen und ethischen Rück- Hang bc-j_ Aerztestandes. Fortschritt in der wirtschaftlichen Lage bedingt erst ethischen Fortschritt. Der wirtschaftliche Rückgang aber trifft nicht nur die Aerzte und nicht nur die Aerzte in Deutschland. So schreibt Beranger:„Die Hälfte der Pariser Aerzte befindet sich in einer Lage, die eine einigerinaficn sorgenfreie Eristenz ausschließt, die meisten dieser Hälfte führen das Dasein eines Bettlers im buchstäblichen Sinne des Wortes/' In Rußland ist es nicht anders. Auch im Kommunal- und Staatsdienste werden die Aerzte schlechter bezahlt als bei uns. Man sollte also ehrlich zugeben, daß im ärzlichen Beruf wie in fast allen andren Berufen große Uebcrproduktion herrscht. Auch ist der Zuzug an Aerzten in großen Städten unverhältnismäßig, in Berlin sind lß Proz. der Einwohner Aerzte, in Köln 7,17, in Gumbinnen nur 2,42 und ebenso ist das Verhältnis überall. Auch sollten die Aerzte doch darauf hinloeisen, daß ihnen von den Krankenkassen garantierte Summen zufließen, die ihnen früher einfach entgangen sind durch die Armut der in Frage kommenden Patienten. Anstatt der Wahrheit die Ehre zu geben, suchen die Aerzte dem ganzen Kampf auch einen poli- tischen Anstrich zu geben, indem sie behaupten, socialdemokratische Äassenvorstände in erster Linie stehen ihren Forderungen feindlich gegenüber. Dabei steht es fest, daß die politische Meinung der Kassenvorstände sehr verschieden ist, und daß die Anhänger der freien Arztwahl in den Vorständen fast sämtlich Socialdemokraten sind. Aber in diesem Vorgehen liegt System, um die Behörden für die ärztlichen Forderungen günstig zu stimmen. Die Kassen werden mit Kapitalisten verglichen, die Aerzte mit Lohnproletariern. Aber die Kassen sind nicht kapitalistische Ausbeutungsinstitute, ebenso- wenig wie die Organisation der Aerzte eine gewerk- schaftliche; sie hat nicht das Princip des Klassenkampfes wie die modernen Gewerkschaften, nicht das Princip der Interessen- Harmonie wie die Hirsch-Dnnckerschen, und nicht die ethischen Grund- lagen, zu denen sich die christlichen Gewerkschaften bekennen. Auch sind die Krankenkassen nicht die einzigen Arbeitgeber der Aerzte. In Berlin z. B. erhielten die Schulärzte früher 500 M. für je eine Schule, heute für gleiche Arbeitsleistung die Hälfte. Mit fo- genannten„gewerkschaftlichen Mitteln" wehren sich die Aerzte aber nur bei den Kassen. Wir lehnen die freie Arztwahl nicht principiell ab. Sehen wir aber zu, wie die Frage aufgerollt wurde, so sehen wir, daß auf dem Aerztetag 1884 in Eiscnach die Bezahlung der Eiiizelleistnng gefordert wurde, der Aerztetag 1890 in München betonte die Schädigung der Aerzte durch den Ausbau der Kraukenkassen und so fort; auf den Aerztctagen wird die Frage der freien Arztwahl mit der Frage der Bezahlung nach Einzelleistung beständig vermengt. Mit großem Ziffernmaterial will ich Ihnen nickt kommen, existieren doch überhaupt noch keine gemeinschaftlichen Grundlagen einer Statistik für die Wirkung der freien Arztwahl in finanzieller Hinsicht für die Kassen. Aber trotz allen Abstreitens bleibt die Thalsache, daß eineReiheKasscn mit freierArztwahlungünstiger arbeiten alsvorher. Die Bezahlung der Einzelleistung mit zu Grundelegnng der staatlichen Minimaltaxe wird auch von Aerzten z. B. Dr. Pfeiffer als ruinös für viele Kassen bezeichnet. Trotzdem erheben die Aerzte diese Forderung überall da, Ivo sie sich geeinigt haben. Äie Ausgaben für ärztliche Behandlung lassen sich bei der Bezahlung nach Einzel- leistungen auch nicht annähernd übersehen, schon aus dem Grunde können die Borstände der Kassen, die den Versicherten haftbar sind, nicht darauf eingehen. Die Verantwortung, die uns daS Gesetz auferlegt, müssen wir in Ehren tragen können; wir können uns nicht durch Bezahlung nach Einzelleistungcn ganz in die Hand der Aerzte geben. Getviß muß ärztliche Leistung genügend bezahlt werden, aber die Beitragshöhe hat Grenzen, die uns sehr eng ge- zogen sind; das vergessen die Aerzte häufig. Bei der Erhöhung kommen auch die Arbeitgeber in Betracht, wo die Erhöhung der Beiträge leicht zur Gründung von Betriebskrankenkassen führt. Die Forderung der Aerzte nach Kommissionen zu gemeinsamer Verhandlung halte ich für diskutabel, glaube aber, daß sie an den einzelnen Plätzen verschieden zu entscheiden ist. These 4 aber, daß Personen mit mehr als 2000 M. Einkommen von der Vcrfickcrung ausgeschlossen werden, ist zu verwerfen, sie ist socialpolitisch durchaus rückständig. Dazu kommt, daß bei den Aerzten Heißsporne die Oberhaird gewinnen; verlangt doch einer der neueren Wortführer, Dr. Ryser, daß die Kassen erst die Forderungen der Aerzte bewilligen, ehe sie an Erweiterung der gesetzlichen Akindestleistungen denken, und ver- langt doch der Aerztetag. daß alle Verträge ohne freie Arztwahl gekündigt werden. Ueberhaupt stellen die Aerzte ihre Forderungen schablonenmäßig, ohne die Verhältnisse der einzelnen Kassen zu berück- sichtigen. In absehbarer Zeit ist deshalb nicht aus dauernden Frieden mit den Aerzten zurechnen. Der Centralverband der Krankenkassen und die Centrale für das deutsche Krankcnkafscuwcsen müssen aufmerksam die Entwicklung überwachen. Von der Gesetzgebung haben wir zunächst nichts zu hoffen, denn die Regierungen sind der Selbstverwaltung feindlich gesinnt. Die Regierungen haben es in der Hand, das gegenwärtige Mißverhältnis zu beseitigen. Wird bestimmt, daß jeder Arzt zu den Sätzen der staatlichen Minimaltaxe den Kassen Beistand leisten muß, so werden wir ungerechtfertigten Vorwürfen auf dem Boden der Selbsthilfe zu begegnen wissen. Auf die ethische Seite der Frage der freien Arztwahl bin ich absichtlich nicht eingegangen. Der gegenwärtige Kampf ist materieller Natur. Die freigewählten Herren hindern uns ebenso wie die andern am socialpolitischen Ausbau der Kassen. Aber verwahren muß ich mich dagegen. daß wir Feinde der ärztlichen Organisation überhaupt sind, wir ivollcn nur, daß sie ihre Waffen nicht gegen uns richten. Wir bringen der ärztlichen Arbeit die größte Wertschätzung entgegen, und leiner von uns hat ein persönliches Interesse an diesem oder jenem Acrztcsnstcm. Wir kämpfen für das Interesse der Kassenmitglicder, die wir zu ver- treten haben. Die Aerzte bedenken gegenwärtig nicht, ob ihre Forderungen auf die Dauer gewährt werden können, ohne das Gesamtwohl zu schädigen. Mögen sie die Worte eines ihres Kollegen beherzigen, daß sie nur ein kleiner Teil eines mächtigen Ganzen sind, in dessen Schicksal und in dessen Erfolgen sie nur ihr persönliches Schicksal und ihren Erfolg finden können. fLebhafter Beifall.) Der Referent schlägt folgende Resolution vor: Resolution. „Als Wahrer der Interessen von Millionen Versicherten weisen die auf dem dritten deutschen Krankenkassen-Kongreß anwesenden Vertreter deutscher Orts-, Betriebs-, Knappschasts-, Freien Hilfs- und Innungs-Krankenkassen die Anschauung zurück, daß die durch das Krankenversicherungs-Gesetz geschaffenen socialen Institutionen den ärztlichen Notstand verschulden, da sie im schreienden Wider- spruch steht mit den Thatsachen der nationalen und internationalen Statistik. Die hier versammelten Krankcnkassen-Vertreter erheben ferner Einspruch gegen die Versuche bestimmter Aerztegruppen, die Abwehr- bestrebungen der Ätankenkassen gegen unberechtigte ärztliche Forderungen als ausgesprochene soeialdemokratische Maßnahmen in Mißkredit zu bringen, denn in der Thal sind die Kassen aller Organisationsformen, gleichgültig, ob sie unter Leitung von Staats- beamten. Unternehmern, Jnnungsmeistern oder organisierten Arbeitern stehen, einig in der Zurückweisung derartiger Forderungen. Die Krankcnkasien-Vertreter erblicken in dem übereifrigen Be- streben bestimmter Jnteressenkreise. den socialen Gegensatz zwischen den Unternehmern und Arbeitern mit dem zwischen Aerzten und Krankenkassen gleichzustellen, eine wohlüberlegte Irreführung der Ver- sicherten zu Gunsten unberechtigter ärztlicher Standesforderungen; denn die Krankenkassen sind keine auf Profit aufgebauten Unternehmen und die Aerzte leine Lohnarbeiter, vielmehr sind die Kassen Wohl- fahrtsinstitute und die Aerzte eine Art SamtätSbeamte, die ein weitgehendes, thaisächliches VerfügungSrccht über Kassenmittel be- sitzen. Die Krankcnkassen-Vertreter sehen sich serner gedrängt, gegen die Haltlosigkeit der in der Aerztepresse auftauchenden Vorstellung, die Krankenkassen seien reine Geldinstitute, aufzutreten, da ja der größte Teil der deutschen Krankenkassen noch nicht einmal den gesetzlich er- forderten Reservefonds zusammengebracht hat. Die Krankenkassen-Vertreter erklären ausdrücklich, daß sie den Bestrebungen der Aerzte nach Einführung freier Acrztewahl nicht grundsätzlich gegenüberstehen, erachten dieselben aber als Angelegen- heit der einzelnen Kassen bezw. Verbände. Der Versuch einer Reihe von Kassen, die freie Aerztewahl durchzuführen, ist an der enormen Steigerung nicht nur der ärztlichen Honorare, sondern mehr noch des Krankengeldes und der Medikamente gescheitert. Sie verhindert infolge dessen den Ausbau der socialen Fürsorge(Familien-Unter- stützung, RekonvaleScentenpflcge usw.) gemäß§ 21 des Äranken- versichernngs-Gesetzes. Die Krankenkassen-Vertreter halten es für ihre Pflicht, die Krankensassen auf die charakteristische Thatsache aufmerksam zu machen, daß die Aerzte auf ihren Kongressen vielfach die Frage der freien Aerztelvahl mit der Frage der Bezahlung nach Einzelleistung verknüpften. Sie weisen die Bezahlung nach Einzelleistung auch bei er- mäßigten Sätzen als eine den Ruin der Kassen herbeiführende Forderung zurück, welche den ganzen socialen Zweck der Versicherung zu vernichten geeignet ist; sie macht die Selbstverwaltung zu einem großen Teil illusorisch. Die Vertreter der Krankenkassen halten den Weg einer direkten Zuwendung von Staatsmitteln an die Aerzte im Interesse der steuerzahlenden Versicherten und der Selbstverwaltung der Kassen nicht für gangbar. Die Krankenkassen-Vertreter bezeichnen die ärztliche Forderung, die Personen mit einem Einkommen von mehr als 2000 M. außer- halb der socialen Versicherung zu stelle», für social rückständig und für die Fortentwicklung der Kassen lähmend. Die Krankenkassen- Vertreter erachten eine Aenderung der sich auf den ärztlichen Beruf erstreckenden Bestimmungen der Gewerbe- Ordnung für geboten, da die Krankenkassen gesetzlich zur Gewährung ärztlicher Hilfeleistung gezwungen und somit den Aerzten in die Hände geliefert sind. Ter Staat, der den Krankenkassen die Ge- Währung dieser Leistungen direkt aufherrscht, muß auch gesetzlich für die Möglichkeit ihrer Erfüllung dadurch Sorge tragen, daß er die Aerzre gegen die Bezahlung staatlicher Taxen zur ärztlichen Hilfe- leistung gegenüber den Krankenkassen-Mitgliedern verpflichtet. Da einzelne Kassen sich vielfach als ohnmächtig gegenüber nn- berechtigt an sie heranttetende Forderungen erweisen, empfiehlt der Kongreß für alle Orte beziehungsweise Bezirke die Centralisation aller Kassenarten beziehungsweise den Znsammenschluß zu Verbänden schleunigst zu betoirken. Die Krankenkassen-Vertreter erklären zum Schluß, daß sie sich von jeder principiellen Aerztefeindschaft frei wissen und nur bestrebt sind, die socialen Aufgaben der Krankenkassen mit den Berufs- interesscn der Aerzte in Einklang zu bringen." Braun-Königsberg weist aus den Konflikt in Königsberg hin, der gezeigt habe, wessen sich die Kassen zu gewärtigen haben, wenn sie den Aerzten machtlos gegenüberstehen. Die Aerzte hätten den Kassen einen Vertrag auf drei Jahre aufgedrängt, den sie selbst aber schon nach einem Jahre zu kündigen ein Recht hatten. Der Resolution könne er nur dann zustimmen, wenn sie zu der Forderung der Aerzte auf Einführung der bedingt freien Arztwahl klare Stellung nehme. Dies sei der Kardinalpunkt des ganzen Konfliktes.(Sehr wahr!) Alle andren Erscheinungen sind nur Folge-Erschcinungen davon. Gehen wir über diesen Punkt hinweg, dann bleibe der bisherige Znstand, und die Kassen seien den Aerzten schutzlos ausgeliefert. Es sei aber notwendig, daß die Kassen eine geschlossene Phalanx bilden, um die ungerechtfertigten Forderungen der Aerzte zurückzuweisen. lBeifall.) Glagau-Breslau: Wir sind im Princip keine Gegner der freien Arztwahl, aber die übergroße Begehrlichkeit der Aerzte ist schuld daran, daß wir der Frage der Einführung der freien Arztwahl nicht näher treten. Früher war die Arbeiterschaft für diese Forderung, aber jetzt hat sie kennen gelernt, welche Belastung das fiir die Kassen bedeutet. In Breslau hat die freie Arztwahl den Patienten nur Schaden gebracht. Unerhört ist es, daß die Aerzte die Orte ver- öffentlichen, in denen Konflikte ausgebrochen find, und vor Zuzug warnen. Verfahren Arbeiter so, dann schreitet der Staatsanwalt ein. Die Aerzte nahmen keine Rücksicht auf die Lage der Kasse; als die schwere KrisiS sich geltend machte und die Kaste 82 000 M. Deficit hatte, da traten die Aerzte mit höheren Honorar- forderungen hervor, obwohl sie selbst daS Deficit mit verschuldet hatten. Entschieden muß ich mich dagegen wenden, daß die Re- gierung den Aerzten noch die Stange hält. Graf Bülow sprach im Reichstage vom Terrorismus der Ärankenkassen-Berwaltungen; der hohe Herr ist falsch informiert, er war Wohl niemals Borsitzender einer Kasse, auch nicht Rendant lHeiterkeit); ihm gebührt für seine Rede die Note V Absatz Z.(Stürmische Heiterkeit und lebhafter Beifall., Fischcr-Weimar empfiehlt nach dem Muster der thüringischen Kassen überall die Bildung von Kommissionen, die gemeinsam mit den Aerzten unterhandeln. Dadurch seien zufriedenstellende Zustände gezeitigt. Engel- Dresden giebt die Erklärung ab, daß die Dresdener Jnnungs-Krankenkasseu entschiedene Gegner der freien Arztwahl sind, denn die freie Arztwahl bedeute die Vernichtting der Existenz der Krankenkassen. Die Anstellung der Aerzte müsse unbedingt Sache der Kasse sein und bleiben. Fräßdorf- Dresden: Obwohl ich Gegner der fteien Arzt- wähl bin, muß ich mich doch entschieden gegen die Forderung von Braun wenden. Man muß doch die Verschiedenheit der Verhältnisse berücksichtigen. In großen Orten ist die Einführung der freien Arztwahl nicht möglich, wohl aber in kleinen Orten mit vier oder fünf Aerzten. Charakteristisch ist es, daß die Arbeiter jetzt sich nickt mehr für die freie Arztwahl ins Zeug legen. Wir müssen die freie Arztwahl schon deshalb ablehnen, weil dann die Kassen ihre Mindestleistungen nicht erhöhen können. In Ober- schlesien haben sich die Aerzte gegen die freie Arztwahl erklärt, weil davon nur die Polen Vorteil hätten und das Deutschtum geschädigt würde. lHört! hört!) Also, wenn die materiellen Interessen nur den Polen zu gute kommen, dann wird das Princip über den Haufen geworfen. Ich muß eS von mir weisen. Staatsanwalt und Behörden gegen die Aerzte anzurufen; die Behörden sollen neutral bleiben.(Sehr wahr!) Wie wir zum Ziel kommen, das ist in der Resolution ausgedrückt. Organisieren wir uns überall und sichern wir den Mitgliedern unter allen Umständen die ärztliche Behandlung! (Lebhafter Beifall.) Nachmittags-Sitznng. Fräßdorf eröffnet die Sitzung mit der Mitteilung, daß nach vor- läufiger Mitteilung vertreten find 795 Kassen durch 721 Delegierte, die 2 273 910 Mitglieder vertreten, und zwar 418 OrtS-Ärankenlassen mit 403 Delegierten, 250 Betriebs-Krankenkassen mit 209 Delegierten, 23 Jnnungs- und Knappschaftskassen mit 24 Delegierten, 104 Hilfs- lassen mit 85 Delegierten. Coblenzer- Berlin: Wir wenden uns nickt gegen die freie Arztwahl an sich, sondern gegen die Mißstände, die sich ergeben haben, und die mit dieser Forderung vielfach verknüpft sind. Die Aerzte sind Erwerbstreibende in schlechtem Sinne ge» worden, Pointsjäger, welche die Arbeiter geradezu ausbeuten wollen. Die Forderung soll die materielle Lage der Aerzte heben, und hat nichts mit dein Wohl der Arbeiter zu thun. Tie Frage muß je nach den örtlichen Verhältnissen entschieden werden. Ich vertrete den Gc- wcrkskassen-Verein, der in Berlin einem gewissen Mißtrauen be» gegnet, tveil er unter der Kontrolle des Magistrats steht Abgesehen davon ist er vernünftig organisiert. Er steht auf dem Boden derbe- dingt freien Arztwahl, indem er den Mitgliedern eine genügende Anzahl Aerzte zur Auswahl stellt. Unbedingt freie Arztwahl giebt es nicht. Ich empfehle Ihnen Zustimmung zu der Resolution. Vorsitzender Fräßdorf: Zu Absatz 5 der Resolution beantragt Hoch- Hanau, am Schluß der Zeile 2„zum Teil" einzuschalten, und hinter den ersten Satz die Worte:„die nach den besonderen Vcr» hältnisse» der betreffenden Kassen in praktischter Weise zu regeln sind." Braun- Königsberg beantragt, de» Absatz 5 so zu fassen: „Die versammelten Vertreter der Krankenkassen erklären, daß die Bestrebungen der Aerzte aus Einführung der bedingt freien Arztwahl entschieden bekämpft werden müssen." Fischer- Weimar beantragt folgende Resolution:„Es empfiehlt sich, Verträge für die Kranken» behandlung möglichst mit dem Aerzteverein abzuschließen, da durch diese Organisatton die gegenseitige Kontrolle der Aerzte zur Verhinderung überflüssiger Ausgaben, welche dem Konkurrenzkampf der Aerzte entspringen, am leichtesten und besten ausgeübt werden kann. Die Einsetzung gemischter Kommissionen zur Beilegung von Stteitig- leiten entspricht den seit vielen Jahren vom Centralverband deutscher Orts-Krankenkassen vertretenen Grundsätzen und ist überall zu empfehlen, wo die örtlichen Vorbedingungen für dieselben gegeben sind. Zur Schlichttmg solcher Differenzen mit den Kassenärzten, welche ani Orte nicht erledigt werden können. werden für jeden Bezirk einer Versicherungsanstalt besondere Centtalkommissionen, zu gleichen Teilen aus Aerzten und Kassen- vorständen bestehend, eingesetzt.— Hoch-Hanau begründet eingehend seine Abänderungsvorschläge, welche den Kassen freie Hand lassen sollen, je nach den örtlichen Verhältnissen. Große Kassen werden unbedingt von der freien Arztwahl, die lediglich eine bettiebstechnische Frage ist, abgehen. SydPv-Berlin wendet sich gegen Artikel des Dr. Freudenberg für freie Arztwahl. Die Aerzte selbst lenken jetzt übrigens ein. wie z. B. die Haltung der einseitig ärztefreundlichen„Vossischcn Zeitung" zeigt, llnsrc Parole muß lauten:„Verpflichtung der Aerzte zur Kassenbehandlung", weil diese die Verpflichtung zur Besorgung ärztlicher Hilfe haben. Vorsitzender Fräßdorf: Für die Resolution Fischer habe ich vcr- gesscn, die Unterstützungsfrage zu stellen. Ich hole das jetzt nach, die Resolution wird nicht unterstützt, sie ist erledigt. Melinowski-Berlin: Beseitigung der freien Arztwahl ist nur durch Centtalisation der Kassen möglich; wobei die Betriebskaffcn beseitigt werden müssen, die nur zum Schaden der Arbeiterschaft gereichen. Niemeyer-Hamburg: Die Aerzte stellen ihre Forderungen aus reinem Egoismus auf. Ich glaube, der einzige Weg, ihnen entgegen zu ttcten, ist, gesetzlich den Krankenkassen freizustellen, ob sie ärztliche Hilfe gewähren wollen oder einen Zuschlag zu dem ortsüblichen Tagelohn. Dähue-Berlin kann sich der Ansicht nicht anschließen, daß die Er- fahrungen die freie Arztwahl als gescheitert erwiesen habe. TiichnidörferBerli»: Die Frage, ob die Aerzte das Recht haben, als Kassenärzte zugelassen zu werden, ist»och nicht geprüft worden. Ich beantworte diese Frage mit einem entschiedenen Ja!(Heiterkeit und sonstiger Widerspruch.) Meine Herren! Es ist die einsacke Konsequenz der Gewerbesreihcit, daß lein Arzt im Ausüben seine» Berufes beschränkt wird. Was würden Sie sagen, wenn um» vielleicht in Bayern 50 000 Metallarbeitern sagen würde: Ihr könn hier keine Arbeit finden, die Arbeiten sind sämtlich in festen Händen (Gelächter und große Unruhe.) Ist es nicht ein heroischer Entschluß, wenn die Kassenärzte, zu gunsten der draußenstehenden Aerzte, für die freie Aerztewahl eintreten.(Heiterkeit und lauter Widerspruch.. Meine Herren! Dadurch verzichten� doch die Kassenärzte freiwillig auf einen Teil ihrer Einnahme. Sie können cs nicht leugnen, daß Ihr Vorgehen an die Ausbeutung und den Egoismus des Unter. irehmers erinnert.(Stürmisches Gelächter.) Meine Herren! Si» sprechen von Begehrlichkeit und dem Taschenfüllen auf Kosten bei Krankenkassen; wie hübsch Sie das den Unteritehmern abgeguck haben.(Heftiger Widerspruch.) Die Bestrebungen der Aerzte sind doch lediglich darauf gerichtet, ihre Löhne aufzubessern.(Heftiger Widerspruch.) Sie sagen: Die Aerzte kümmern sich nicht darum, ob dir Krankenkassen zu Grunde gehen. Ja, die Arbeitgeber sagen auch sobald die Arbeiter mit einer Forderung auf Lohnerhöhung hervor» treten: die Arbeiter ftagen nickt danach, ob ich genötigt bin, rneini Fabrik zu schließen, weil ich nickt mehr konkurrieren kann. Ich stell» ausdrücklich den Antrag, die Absätze 3, 8 und 10 der Erklärung, di» eine Beleidigung der Aerzte enthalten, zu streichen. Der Antrag Tischendörfer erhielt nur wenige Stimmen Unter» stützung. Ottcn-Köln bestritt, daß die Krankenkasseit-Vorftände mit Unter- nehmern zu vergleichen seien. In Köln arbeiten die streikenden Aerzte mit den verwerflichsten Mitteln. Wenn die Behörde neutral bleibe, dann werden die Krankeickassen den Kampf siegreich bestehen. (Beifall.) Buchdruckereibcsitzer Scholem-Berlin und Wessel-Altona wandten sich gegen die Ausführungen Tischcndörfers und treten mit Ent» schiedenhcit gegen die freie Aerztewahl ein. Die Erklärung gelangte darauf mit der Abänderung zur An- »ahme, daß der erste Satz des fünfte» Absatzes gestrichen wird und derselbe nunmehr heißt: Die Krankenkassen-Vertreter erklären, die Ein- führung der freien Arztwahl als innere Angelegenheit jeder ein- zelnen Kasse, die je nach den örtlichen Verhältnissen am zweck- mäßigsten zu regeln ist und halten sich deswegen siir verpflichtet, sich gegen die Einführung der fteien Arztwahl durch Gesetzgebung oder Selbsthilfe der Aerzte zu erklären. Auf Antrag des Rechtsanwalts Dr. Meyer( Frankenthal) wurde im Passus 8'der Erklärung vor Versicherung die Worte„Arbeitgeber und" hinzugefügt. Mit dieser Aenderung gelairgte die Erklärung einstimmig zur Annahme: Endlich wurde noch ein Anttag angenommen, der es für Pflicht der Behörde erklärt, in dem 5lampfe der Aerzte mit den Kranken» lassen volle Neutralität zu beachten. Abg. Fräßdorf-Dresden bemerkte danach: Er wolle nochmals ausdrücklich betonen, daß nur den unberechtigten Forderungen der Aerzte entgegengettcten werden soll. Wo die ärztlichen Honorare zu geringe seien, solle eine Aufbesserung erfolgen. Der Kongreß wird darauf geschlossen. lokales. Das Berliner Gewerbegericht hat im Etatsjahr 1902/03 zum erstenmal seit einer Reihe von Jahren wieder eine Ber>nehrung der Prozesse gehabt. Nachdem von 1890/97 bis 1901/02 die Zahl dieser Prozesse von 12 872 auf 10 702, also um 2170(fast 17 Proz.) hinuntergegangen war, ist sie 1902/03 auf 11054, also um 352(über 3V4 Proz.) gestiegen. DaS sind die Zahlen für daS ganze Gewerbegericht, aber für die einzelnen Kammern liegen die Verhältnisse allerdings nicht immer ebenso. Einige der acht Kammern haben eine viel stärkere Vermehrung der Prozesse gehabt, während andre noch eine Verminderung zeigen. Von 1901/02 zu 1902/03 vermehrten bezw. verminderten sich die Prozesse in den Kammern: I.(Schneiderei, Näherei) von 2513 auf 2013, II.(Textil-, Leder-, Putzindustrie) von 745 auf 744, HI.(Baugewerbe) von 920 auf 1280, IV.(Holz- und Schnitzstoffe) von 594 aus 097. V.(Metalle) von 1106 auf 1202. VI.(Nahrung. Beherbergung usw.) von 2487 auf 2396, Vn.(Handel, Verkehr) von 1342 aus 1292, VIII.(Verschiedenes) von 920 aus 324. Der vom Gewerbegerichts- Borsitzenden erstattete Bericht über 1002/03 erklärt die Vermehrung der Prozesse teils daraus, das durch" die Gewerbegerichts-Novclle von 1902 die Zuständigkeit der Gcwerbcgcrichte erweitert worden ist, zum Teil daraus, daß die Bauthätigkeit in Berlin jetzt wieder im Zunehmen ist. Der Einfluß der ap zweiter Stelle genannten Ursache tritt bei Kammer Hl deutlich hervor. Hier ist in« letzten Jahre die Zahl der Prozesse allein um 357 s— 38 Proz.. der Zahl des Vorjahres) gestiegen. Auch in Kammer IV haben die Prozesse erheblich zugenommen, um 103(= 17 Proz. der Zahl des Vorjahres). Die Kammern I und V weisen geringere Zunahmen auf, in II ist keine Aenderung eingetreten, in VI, VII, VIII eine Abnahme. Zu den 11031 Prozessen des letzten Jahres kommen, wie in den Vorjahren, noch eine Anzahl von Klagen, die noch vor dem ersten Termin erledigt werden konnten, diesmals 085, so daß im ganzen 11 739 Klagen eingegangen waren. Die Kläger waren nur in 010 Fällen Arbeitgeber, in 11093 Fällen Arbeitnehmer. Unter den Arbeitnehmerklagcn waren 77. bei denen es sich um Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern desselben Arbeitgebers handelt. 3038 Klagen wurden von Arbeiterinnen angestrengt, 117 von Heini- arbeitern, 110 von Lehrlingen, 103 von Lauf- und Arbcitsburschcn. Der Streitgegenstand war rückständiger Lohn bei 0811 Klagen, Ansprüche wegen vorzeitiger Entlassung bei 1790, Herausgabe von Werkzeug, Arbeitsbüchern usiv. bei 710, Schaden- ersatz bei 503, Ausstellung eines Arbcitszetignisses bei 450, Wiederaufnahme der Arbeit bei 03, Auflösung oder Fortsetzung des Lehrverhältnisses bei 53 usw. Wo es sich um Geld- «lnspriiche handelte, betrugen diese bis 20 M. 5317 mal, 20—50 3)f. 8575 mal, 50—100 M. 1735 mal. über 100 M. lberufungsfähiges Objekt) 723mal. Der niedrigste Betrag war dies- mal 50 Pf., der höchste 9937 M. Von den 11054 Klagen, die nicht schon vor einem ersten Termin erledigt werden konnten, waren am Schluß des Berichtsjahres 770 noch nicht zu Ende geführt. Voii den übrigen 10 281 wurden erledigt 5717 durch Vergleich, 0 durch 'Verzicht, 1517 durch Zurücknahme oder Ruhenlassen, 017 durch Ab- gäbe ans Jnnungs-Schiedsgericht, 11 durch Anerkenntnisurteil, 1357 durch Versäumnisurteil, 999 durch kontradiktorisches Urteil. Nur 3220 dieser Klagen wurden durch die Kammer selber in einer Ver- chandlung mit Beisitzern erledigt. So lvcit die Klagen zur kontra- diktorsschen Verhandlung gelangten, gewannen die Arbeitgeber S8 Proz. ihrer Klagen, die Arbeitnehmer 11 Proz. ihrer Klagen. Die Berhaiidlmigen wegen Fortführung der Hochbahn in das Stadünncre, vorläufig bis zum Spittelinarkt, nehmen, wie wir hören, ungestört ihren Fortgang. Erst gestern(Montag) sind wieder eine Konferenz im Rathausc statt, welche der Deccrircnt für Ver- lehrsangclcgeirhciten, Stadtrat Ä l b e r l i, leitete, und zu welcher die beteiligten Gesellschaften Vertreter entsandt hatten. Dem Ver- uehmm nach bildete den Gegenstand der Beratungen der Entwurf vines Vertrages zwischen der Stadtgemeinde Berlin und der Gesell- ichast, welcher, wie wir seiner Zeil nieldeten, noch in einzelnen Wankten abgeändert bezw. ergänzt werden sollte, was inzwischen ge- qchchen ist. Auch das Projekt der Teilstrecke der geplanten tllnkerpflasterbahn Potsdamer Platz— Hausvvgte Pilatz. welches den «Aufsichtsbehörden schon im Dezember vorigen Jahres vorlag amd bezüglich dessen ebenfalls einige Abänderungen beschlossen Kvordcn waren, ist inzwischen wieder eingereicht worden. Es dürfte über dasselbe demnächst Beschluß gefaßt werden. so daß dann nur Hoch die Entscheidung des Magistrats in betress der Weiterführung vomHauSvoigiei-Platz nach dem Spiltelmarkt ausstehe» würde. Hier handelt es sich bekanntlich um die Frage, ob die Unterpflasterbahn unterhalb einer neuen Parallclstraße geführt werden soll oder nicht. Nach alledem scheint der Protest der Großen Berliner Straßen- bahn- Gesellschaft gegen die Airlage der Unterpflasterbahn auf den Fortgang der Berhandlniigcn wegen des Baues der letzteren, vor- läufig wenigstens, nicht hemmend einzuwirken. Wie man in Preußen Professor werden kann. Hiesige Blätter berichten: Dein Cellisten Heinrich Grimfcld ist eine große Auszeichnung zu teil geioordcn. Während der Krankheit Wilhelms II. hatte er vor dem Monarchen musiziert. Ter König, dem das Lied feficl, ließ ihm zum Tankc für sein Spiel— den P r o� cssorcntitcl zu teil werden. Bildung? Eine wüste Nachtscene spielte sich in einem eleganten Nachtcafe der Potsdainerstraße in der Nachl vom Sonabend anf den Sonntag ab. Dort hatre in angeheirerter Stimmung eine Gesellschaft lunger I u r i st e N Platz genommen, welche es sich angelegen sei» ließen, ein nicht toeit von ihnen sitzendes Pärchen zu necken. Dieses, anscheinend den bessern Kreisen augehörend, ließ sich die Neckereien eine Weile gefallen, bis es dem Herrn endlich zu arg wurde, denn «ine Papierkugcl, aus Cigarettenpäpier gedreht, hatte feine Begleiterin mitten ins Gesicht getroffen. Er erhob sich und ersuchte den Attentäter. ihm nnauffällig auf die Straße zu folgen, wo er sich als Kauf- (mann Schlözcr vorstellte»nd sich derartige Spätze verbat. Stakt aller Antwort erhielt er eine schallende Ohrfeige von dem Zu- Trechtgewiesenc», einem Dr. St. aus der Lützowjrraße, und jetzt sielen die Begleiter dieses Herrn mit Schirmen und Stöcken über den Bedauernswerten her, der, aus mehreren Wunden heftig blutend, sich vor der Ucbcrzahl seiner Angreifer in einen Taxameter retten mußte. Auf wie lange müßten diese Leute ins Gefängnis wandern, wenn sie nach den in Streikprozesscn üblichen Grundsätzen verurteilt Würdens Daß ein Bäckermeister nicht nur um das leibliche, sondern auch um das geistige Wohl seiner Kunden besorgt ist dürfte nicht alle Tage vorkommen. Von verschiedenen Kunden eines Bäckermeisters aus der BreSlauerstraße wird uns berichtet, daß sie kürzlich im Friihstücksbeutel eine gar erbauliche Zugabe fanden, nämlich ein Wochenblatt für entschiedenes Christentum. Auf diese geistige Kost ist man im Osten Berlins nun nicht allzu eifrig versessen, und so haben verschiedene Kunden dein Bäckermeister sein AgitationSmatcrial tvicdcr zur Verfügung gestellt. Auch stellten sie den Herrn zur Rede und machten ihm in Güte den Vorschlag, daß er statt der wenig schmackhaften Geistesnahrimg btc_ leibliche in umfangreicheren Proportionen spenden, also größere Schrippen herstellen solle. j Vom Schlächter Grabowski. jEcr unter dem Verdachte des Mordes seiner Ehefrau verhastete Schlächter GrabowSki hat im Ge- fängnis einen Tobsuchtsanfall erlitten und wurde seitdem zu den gerichtlichen Verhören geschlossen vorgeführt. Das UeberfiihrungS- material scheint immer noch nicht auszureichen, zumal die Geld- summe, die die Ermordete in einem Taschentnche um daS Bein ge- Kunden stets bei sich trug, wie auch verschiedene verschwundene Wäschestücke der Ermordeten noch nicht zum Vorschein gekommen sind. Fest steht, daß mehrere Personen von dem Vorhandensein des Geldes Kenntnis hatten. Die Polizei widmet dem Heinrichschen Damenrestaurant, in Ivclchem die Ermordete als Kellnerin fungierte, große Aufmerksamkeit. Kürzlich sind mehrere Strafmandate gegen Heinrich erlassen worden, weil dieser durch Vorstellen von Psianzen die polizeilich vorgeschriebene Uebersicht über sein Lokal erschwert haben sollte. Heinrich ließ jedoch durch Rechtsanwalt Bahn, welcher bekanntlich auch den Grabowski verteidigt, Widerspruch erheben und erreichte die Aufhebung der Verfügung. Allerhand Unfälle sind ans öffentlichen Bergnügungs- statten zu berichten. Sonntag vor Schluß der Vorstellung ent- stand im Cirkus 2 w u m ei n n Unruhe int Publikum. Wasser war durch ein Lock, im Teppich aus der Rampe in den ZuschauerratMl und in die Garderobe gelaufen. Das Publikum tonnte wenige Minuten später den Eirkus verlassen, während die Gefahr beseitigt wurde. Um 9 Uhr abends lpähnend der Vorstellung„Novclla d'Andrea" stürzten im Deutschen Theater in der Schumann- straßc crwa sechs Quadratmeter Deckenverschalung des Flurs im Erdgeschoß unter großem Gepolter herab, ohne zum Glück Personen zu verletzen. Die anwesende Feuerwache beruhigte das Mchlikum, rn ZUM-MtztOl Llll- im. Theattt' verblixh. Nur ein kleiner Teil verließ fluchtartig das Theater, Wobei es aber mich ohne Unruhe abging. Diese wäre sicher entstanden, wenn nicht die Feuer- lvehr dem Publikum versichert hätte, daß Iveder Feuer, noch Gefahr vorhanden sei. Die alarmierte Feuerwehr konnte sofort wieder ab- rücken. Der entstandene Schaden ist unbedeutend. Im königlichen Schau spielhause, während der Vorstellung„Im stillen Gäßchen"(Quality street), streikte der eiserne Vorhang. Er ging nicht herunter. Ter Kaiser lvar amvescnd, und es entstand natürlich. ohne daß vont Publikum etwas bemerkt lvurde, eine gewisse Auf- regung, die sich erst legte, als man den Vorhang in die Höhe zog und es dann gelang, ihn herabzulassen. Erst dann legte sich die Aufregung, die erklärlich ist, wenn man berücksichtigt, daß der eiserne Vorhang im Schanspielhanse noch nie versagt hat. Uns scheint, daß man vor allem über den Unfall im Deutschen Theater nicht leichten Herzens himveggehen darf. Wenn ein sechs Quadratmeter großes Stück Verschalung sich von der Decke loslöst, so läßt das auf einen wahrhaftig nicht einwandfreien Zustand des Gebäudes schließen. Nach bedeutenden Unterschlagungen ist ein 19 Jahre alter Schreiber, Max Schreiber, von der Allgemeinen Elcktricitäts- Schreiber Max Schneider von der Allgemeinen Elektricitäts- im Tircktionsbureau der Gesellschaft angestellt. Er harte Vollmacht, für einen der Direktoren, der öfter verreist, Kassengelder anzunehmen. Dieses Vertrauen schenkte man ihm nur, weil er aus wohlhabender Familie ist und einen migcsehenen Mann zum Vormund hat. Dieser Schsieidcr war ein gclvaltigcr Aufschneider, sein Vater, behauptete er, sei Staatssekretär gewesen, in Wirklichkeit war er Bureaubeamter im Staatsdienst. Sein Vormund sollte ein Graf und sehr hoher Qfsizicr sein. Mit diesen und ähnlichen Aufschneidereien betörte er auch ein junges Mädchen, die 17jährige Margarete K., die Tochter eines Handwerksmeisters. Seit ungefähr sechs Wochen ist das Mädchen nicht inehi; bei den Eltern, wahrscheinlich hat der junge Verführer es irgendwo in Berlin oder auswärts eingemietet. Bis jetzt konnte es noch nicht ermittelt werden. Als seine Wirtin am 1. Januar nicht zu Hause war, zog Schneider heimlich aus und schaffte mit Hilfe eines Freundes seine Sachen weg. Die Miete hatte er dezahlt, auch sonst lvar er nichts schpldig geblieben. Drei Tage später schrieb er der Wirtin Frau A. vom Postmnt 50 in der Mar- burgcrstraße einen Brief und teilte ihr mit, daß er krank sei und in eine Anstalt gehen müßte. Es hat sicv inzwischen herausgestellt, daß Schneider die Abwesenheit seines Chefs dazu benutzt hat, um sich eine bedeutende Summe Geldes anzueignen und damit zu ver- schwinden. Vermutlich sind beide in» Ausland cntloinmen. lieber eine angebliche Pockenerkrankuitg wird berichtet: Verdächtig erkranlt ist in Eharlottenburg der 19 Jahre alte Oberrealschüler Titus Goldbergcr, der Sohn eines Bankiers aus Pest. Goldberger war bei dem Lehrer Voigt in der Kaiser Fricdrichstr. 35 in Pension und besuchte die Oberrealschule in der Schloßstraße. Die Weihnachts- ferieit verbrachte er bei seinen Eltern in der Heimat. Zurückgekehrt besuchte er die Schule wieder, bis er am 15. d. M. leicht erkrankte. Der ihn behandelnde Charlottenburger Arzt hielt die Krankheit für Windpocken, machte aber doch den Kreisarzt, Medizinalrat Dr. Klein, Mitteiluitg. Dieser zog noch dem Stabsarzt Dr. Schütz vom Institut fiir Infektionskrankheiten zu Rate, dessen Gutachten auf starken Pockcnverdacht lautet. Der Kranke wurde daraufhin gestern nach- mittag unter Beobachtung aller von der Sanitätspolizei vor- geschriebenen Vorsichtsmaßregeln nach der Charits übergeführt und hier in einer der fiir solche Fälle bereitstehenden Baracken untergebracht. Die Polizei sperrte die Straße auf beiden Seiten des Hauses Nr. 35, so daß der Kranke auf dem Wege zum Wagen mit niemand in Berührung kam. Die Wohnung und das Hans wurden heute vormittag desinfiziert. Lehrer Voigt, der an einer Gemeinde- schule angestellt ist, wurde von: Dienst entbunden. Kraiikcilvcrsicheruug und Unternehmer. Uns wird geschrieben: Das KrankenversicherungS-Gesctz besteht nun bald zwanzig Jahre und noch immer können oder wollen manche Arbeitgeber den eigcnt- lichen Zweck des Gesetzes nicht recht begreifen, sie glauben, daß das Gesetz nicht allein dazu da sei, die aus der Hand in den Mund lebenden Arbeiter im Erkrankungsfall zu unterstütze», sondern daß es auch zur Aufbesserung ihrer pekuniären Lage geschaffen sei. Die Herren überlassen daher den erkrankten Arbeiter der Fürsorge der gesetzlich hierzu verpflichteten Krankenkasse und verwenden die Kassenbeträge, die sie ihren Arbeitern allwöchentlich vom Lohne abziehen, fiir sich in eignem Nutzen, statt das Geld an die Krankeitrassc abzuliefern. Um ivclche riesige Summen allein die Krankenkassen in Berlin diese Weise geschädigt werden, davonkamt man sich einen Begriff machen, ivenn Ulan nur von einer einzigen Kasse mehrere Jahresabschlüsse be- trachtet. Der Orts-Kranlenkasse des M a u r e r g c w« r b e S sind von 1888 bis 1902 über 01000 M. von unreellen Arbeitgebern hinterzogen worden. Vielfach müssen sich die Strafkammern mit diesen Arbeitgebern beschäfttgcn. So z, B. ist am 5. Januar d. I. von der neunten Strafkanniter der Zimmermeister und Bauuitternehmer Karl Nagel wegen Hinterziehung von Krankenkassen-Beiträgen mit 1 Wochen Gefängnis bestraft worden. Allein, eine Besserung der Verhältnisse dürfte nur dann zu erwarten sein, wenn gegen diese Sorte Arbeit- gebcr das bereits im Jahre 1893 vorn Justizminister an die Ober- Staatsanwaltschaften erlassene Rundschreiben seine volle Beachtung findet, nach welchem dahin zu trachten ist, daß die Arbeitgeber nicht wie bisher in den meisten Fällen mit einer geringeil Geldstrafe davonkommen, sondern in allen Fällen auf die Bestimmung des§ 82b hinzuweisen ist. nach welchem in jedem Fall auf Gefängnisstrafe zu erkennen ist, und nebenbei noch Geldstrafe verhängt werden kann. Ein weiterer Schaden für die Orts-Kranlenkasse besteht iit folgendem: Etil Teil von Arbeitgebern sucht zwar nicht auf diesem unreellen Wege Gewinn, sondern entzieht sich auf andre Art den Pflichten, tvelche das Gesetz ihnen auferlegt. So finden sich besonders im Baugewerbe vielfach Arbeitgeber, die Mitglieder von Orts-Kronkenkasfen überhaupt nicht in Beschäftigung nehmen, um sich so der Zahlung des Drittels der Beiträge entzichen zu können. Sie stellen nur Mitglieder freier Hilfskassen in Arbelt, weil bei dieser Zuschüsse zu Krankenlassen-Beiträgen seitens der Arbeitgeber nicht zu leisten sind. Da diese Maßregel meistens Arbeiter betrifft, denen die Aufitahme in eine freie Hilfstässe infolge des Alters verschlossen ist, so ist die Handlungsweise solcher Arbeit- geber doppelt verwerflich. DerGesetzgeber sollte auch hierAbhilfeschaffen. Zu dem Selbstmord des Amtsrichters Lauenburg aus Penzin, der sich in einem Hotel in der Jnvalidcnstraße erschoß, wird jetzt be- kannt, daß der Richter durch daS Spiel in zerrüttete Vermögens- Verhältnisse geraten ist. Es wird auch vermutet, daß Spielschulden die unmittelbare Veranlassung zu seinem Selbstmord gegeben haben. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich am Sonnabendmittag in der Motorwagen-Fabrik in T e m p e l h o f. Dort kam ein achtzehnjähriger junger Mann der Haupt-Transmissionswelle zu nahe, wobei ihm der linke Fuß abgerissen sowie das Bein bis zum Ober- schenket blosgelegt wurde: außerdem ist ihm auch das rechte Bein gebrochen. Ein Arzt konnte erst nach dreiviertel Stunden zur Stelle geschafft werde». Es hatte genau!>/. Stunden gedauert, ehe der Unglückliche, der noch bei voller Besinnung lvar, vom Platze kam. Innerhalb eines Jahres sind in diesem Betriebe drei Unfälle vor- gekommen. Der Kaufmann Hugo Lehman», Nernauerstr. 18, bittet uns, fest- zustellen, daß er mit dem ivegen eines unsittlichen Angriffs aus eine junge Dame in der Friedrichstratze verurteilten Kaufmann Hugo Lehmann nicht identisch ist._ Ucber Radium, den augenblicklich im Vordergründe dcS allgc- meinen Interesses stebendeir, aus der Uranpechblende gewonnenen Stoff, sowie über die verwandten Erscheinungen der Kathoden- und Kanalstrahlen wird Herr Dr. Donath am Sonnabend, den 30. d. M., abends 8 Uhr, an der Hand der einschlägigen Versuche in der Urania sprechen. Der Vortrag findet ausnahmsweise in dem großen Hör- saale dcS alten Instituts(Sternwarte der Urania), Invaliden- straße 57/02, statt. Karten sind bereits von heute ab au de» Kassen beider Institute« Tauben» und- Jnvalidenstraße.-erhältlich. Theater. Im Kleinen Theater kann infolge JndiSpofltio« des Frl. Tilla Durieux die zu heute angesetzte Aufführung der „Doppel gänger-Komödie' nicht stattfinden; dafür geht „N a ch t a s h 1" in Scene.— Der nächste Dichter- Abend des Schiller-Theaters. der Sonntag, den 31. Januar, im Bürger- saale des Rathauses stattfindet, bringt eine Wiederholung des A n z e n» gruber-Abends.deram gestrigen Sonntag lebhaften Anklang fand. — Im Thalia-Theater wird„Der Hochtourist" am Donnerstag zum 130. Mal aufgeführt.— Mia Werber, tvelche einige Tage krank war und nicht aufgetreten ist, ist wieder soweit hergestellt, daß sie von heute ab wieder täglich im„Schwalbennest" am Central» Theater die„Modeste" spielt.— Carl Weiß-Theater. „Die Batternbriinhildc," von Max Real, einem Münchner Redakteur, Mitverfasser des zugkräftigen„Hochtouristen", geht Mittwoch, den 27. Januar, erstmalig in Scene. Die Titelrolle ist für Anna Dengg geschrieben und wird der Verfasser seiner Premiere beiwohnen. Hua den Nachbarorten. Parteigenossen! Seht die Wählerlisten zur Ge- meindewahl bis zum.'tO. Januar nach oder beauftragt die an den einzelnen Orten bekannt gegebenen Personen mit der Durchsicht der Liste! Gcwerbegerichtswahl in Charlottenburg. Charlottenburg, 23. Januar. Bei der heutigen GewerbegerichtS- Wahl erlangte die Arbeit n�hmer-Li st e der G e iv e r k- s ch a f t s- K o»nn i s s i o n 2402 Stimmen. Die christlichen Gcwerk« schaften brachten insgesamt 57 Stimmen auf. Auf die Arbeit» g e b e r- L i st e der G c w e r I s ch a f t S- K o nt m i s s i o n per» einigten sich 107 Stimmen, mit denen 2 Beisitzer gewählt sind. Auf die Liste der Innungen entfielen 351 Stimmen und damit 10 Beisitzer. Das Charlottenburger Bolkshaus hat in diesen Tagen den ersten PcrlvaltungSbericht herausgegeben. Am 18. Juni 1901 lvurde zwischen dem Baumeister Cnrt Berndt und unsren Parteigenossen Baake, Görke und Hirsch als Beauftragten der organisierten Arbeiter- schaft Charlottenburgs ein Vertrag abgeschlossen, wonach die er- wähnten Genossen das zu erbauende Haus in Miete übernahmen. Die Zahlung der Miete in Höhe von 33 000 M. lvurde dem Bau- meister von der Brauerei Patzcnhofer auf fünf Jahre garantiert; die von dieser Brauerei für die gesamten RestaurationSräume gezahlte Mietssumme beträgt 24 500 M.; im ganzen kommen 31750 M. an Miete ein. Durch einen Kaufvertrag ging später das Haus in den Besitz unsres Parteigenossen Stadtverordneten Hirsch über; der Kaufpreis betrug 000 000 Mark. Selbstverständlich betrachtet Hirsch sich nur als Treu- ihäiider der Gesellschaft LvlkshauS in Charlottenburg. Ueber die fiilailzielle Lage der Gesellschaft sagt der Verwaltungsbericht, daß unter den heutigen Umständen auf einen jährlichen Ueberschntz von 2000 Siö 2500 M. zu zählen ist. Der Uebcrschnß wird von Jahr zu Jahr steigen, da sich die für die Hypothekenzinsen zu zahlende Summe stets um die Zinsen des bezahlten Teilbetrages des Rest- kaufgeldeS vermindert. Schwierigkeiten erwachsen einzig und allein aus der Verpflichtung zur jährlichen Abzahlung eines Teils des Reftkanfgeldes. Von einem Ueberschuß von 2000 bis 2500 Mark 5000 Mark abzuzahlen, ist nicht möglich. Hier muß nun die Gesellschaft„Volkshaus Charlottenburg" ein- springen, um die fehlende Summe vorzuschießen. Es wäre aber überhaupt nicht nötig, die Mittel der Gesellschaft in Anspruch zu nehme», wenn die Gewerkschaften und die übrigen Arbeitervereine Charlottenburgs aus lokalen Mitteln. Ueberschüffen von Festen u. dcrgl. den Dispositionsfonds stärken würden. In eitler Stadt, die bei der letzten ReichStagswahl 17 000 socialdemokratische Wähler aufwies. sollte es ein leichtes sein, jährlich circa 3000 M. auf diese Weise aufzubringen. Will die Charlottenburger Arbeiterschaft das Volks- hatis mit Recht ihr eigen nennen und will sie sich seinen Besitz sichern, so darf sie vor Opfern nicht zurückschrecken. Mit so geringen Opfern.>vie sie hier gefordert werden, ist es aber noch in keinem Orte den Arbeitern möglich gelvesen, sich ein eignes Heim zu sichern. Dir rechte Hand ist dem Sattler Bauer im Kabelwerk „ O b e r s p r e e" abgerissen worden, als er den Treibriemen einer Maschine auflegen lvollte. Ihm mußte im Krankenhause der Arm abgenommen werde». Bauer wohnt in Adlershof und ist jung- verheiratet. Seine Frau befindet sich ül gesegneten Umständen. Briefhaften der Redahtton. G Ä. Nixdorf. Wir lehnen solche Empsehlmigen grundjützlich ob, da wir damit eine gewisse Garantie übernehmen.— Düsseldorf. In Berlin halte im Etatsjahr 1902/03 die hvchslbcjtcuertc Person ein Einkommen uvn 2 900 000 M., die bächstbesteuerte G c s e l l s ch a s t ein Einkommen von 12 715 000 M.— Englisch 100. Bitte um Angabe Ihrer Adresse unter Hinzufügung der vorstehenden Chifsrc.— Jacobs. In der Dummheit ist eine Zuversicht, worüber man rasend werden möchte. (Brieftvechsel, März 178t.)— Warschanerftrasse. Nicht bckamil. Biellcicht kann Ihnen Frl. O. Baader, hier, Blücherstr. 19, ÄuSkunst geben.— R. L. 107. „Vorwärts- Nr. 282. Soweit vorrätig, in unsrer Expedition zu haben.— Nt. H. 100. Ohne Quittung keine Antwort.—<£. G. 31. Forsche» Sic nach im Geschäft voll Schuchardt u. Schütte, Spandanerstraße.— Nt. S. Maidonspeech, spr. Mcdnspiisch, Jungfernrede.— N. R. Nein. Juristischer Ceti. ktie juristische Sprechstunde findet täglich mit AnsnaHme dcS Sonnabends von?>/z bis»>/, Uhr abends statt. Gcönnet: 7 Uhr. W. R. Männliche Personen sind mit Vollendung ihres 21. Lebensjahres heiralssähig. Siebedürscn nicht der Einwilligung derEItern, sondern der derBraut. — W. 2. oder M. 2. l. Durch Beilegung Ihres Namens an das vor der Ehe von Ihrer Frau außerehelich geborene, nicht von Ihnen erzeugte Kind werden sie keineswegs Baker oder Vormund des dlindeS. Das Kind erhält Ihre» Namen. DaS ist eil» socialer Vorteil für daS Kind, ändert aber an den NechtSverhälMifsen nichts. Eine Genehmigung des VormundjchaftSgerichts ist Nicht erforderlich. Durch Eintragung beim Standesbeamten ist der Name geändert. Wollen Sic Vormund werden, so müssen Sie einen dahingehenden Antrag an da« Vormundschastsgencht stellen. Wollen Sic durch Adoption VatcrSrcchtc erlangen, so ist ein vom Vonnundschastsgcricht zu genehmigender Adoptionsverttag unter Zustimnumg der Mutter und des Vormundes er- forderlich. 2. Nein. 3. Ob Urkunden cinbehaltcn lverdcn können, hängt davon ab, um ivclche Angelegeiiheit es sich handelt.— P. 2. IL. Wenden Sie sich an die Waiscndircktion.—?). Z. Leider ist das nicht möglich. — I. 2. 1. Das ist verschieden. 2 und 3. 30 Jahre.— C. 2. G. 50. Etwa 10—70 M.— SL. 40. 1. Die Forderung ist noch vollstreckbar, weil ihre Verjährungssttst 30 Jahre beträgt. 2 und 3, Nein. 4. Invalidenrente ist nicht pfändbar.— Bach. Die Forderung des Wirtes entspricht dem Gesetz.- 31. Z. 77. 1. Nach zutreffender Änücht nein. 2. Unverständlich. 3. Etwa 3—15 M.—(?. B. 16. Beaustragen Sic Ihren Anwalt mit der Rücknahme der Klage.— M. Wetssensee. l. Ja. 2. Ist möglich. 3, 1, 5, 6. Nein.— A. C. Nt. 1. DaS Ist nicht ausgeschlossen 2. Nein. — 31. B. 17. 1. Ist möglich, aber unwahrscheinlich. 2. Sämtliche Karten zählen.— F. N. Ja.— Paul Schlief. 1. Geldstücke durch Löten, Schmelzen oder sonstwie zu vernichten, ist keine strafbare, aber eine dumm« Handlung. 2. Ja: in den Münzgefetzcn.— Fähniche». Fremde« Eigen» tum ohne Genehmigung zu verkaufen ist nicht gestaltet. Die Eigentümer können nur aus Abnahme und Zahlung verklagt werden. Ein Pferd kann nach gehöriger Androhung öffcnliich durch«inen GcrichlSvollziehcr versteigert werden.— KöntgS-BSusterhanfen. Ja. — W. St., Rixdorf. 1. Was eine Kaste gewährt, besagt ihr Statut. Der „Verband s. w. A.° ist keine Kaste. 2. Ja.— R. St. 100. Zustimmung des Vormunde« und der Mutter zur Erteilung Ihres Namens an das vor der Ehe von Ihrer Frau geborene, aber nicht von Ihnen erzeugte Kind ist erforderlich. Die Erklärungen sind notariell oder gerichilich zn beglaubige» oder zu Proioioa öes Siaudesbeamien abzugeben.— E. 2. Haben Sie nicht durch den Vertrag die Benutzung des Vorgartens zu gewerbliche» Zwecken unterlagt, so können Sie nicht ans Schadensersatz klagen, sjwcil der vor Ihrem Luden liegende Vorgarten benutzt wird.— Frau Gaster. Liegt der Sachverhalt so, wie sie ihn selbst schildern, so liegt Verjährung nicht vor, wohl aber eine schwere Beleidigung.— 3lug»st Schröder. Das Gesuch uni Wicdcrausnahmc in den preußischen Staatsoerband ist an den Regierunas» irästdenten zu richten. Dem Gesuch muß slaltgcgebcn werden, wenn St« uirch zehnjährigen Aujenthalt im'Auslände Ihre Staatsangehörigkeit ver» loren hallen. Anders liegt es, wcim Sie aus Ihren Antrag die Stztahs» angchörigleitrverlorui�baben. M. 13. SM bald erledigt werde». Berliner Boek-Brauerei Abteilung 1: Tempelhoferberg. Eröffnung der. Beplin Aktien- Gesellschaft. Abteilung II: Chaussee- Str. 58. 66'™ Bockbier-Saison 1904 °m Mittwoch, den Ä7. Januar. sSglick grosser Bock-ftM(Zwei Militärkapellen.) Einzig! Unerreicht! Original! Unser weltberühmtes„Original-Bockbier" kommt am 27; Januar in Fässern u. Flaschen zum Verkauf. Original-Bockbier w Naschen Pnoat- 20 riaseben kür 3 Nark. AM- Nur echt tu Flasche» mit zwei eingeblasenen Böcke«. MW Die Flaschen sind verkorkt, mit Kapseln n. Original-Etiquettes verschen. AM- Kleine Gebinde,'f. oder■/, Hektoliter, zu Privat-Feftlichkeiten. — Wledervcrkttafer entsprechenden Rabatt.— Gefällige Bestellungen, welche prompt ausgesührr werden, bitten wir für Etodibiers L beginnt 4077L* Abteilung I, Tempelhoferberg: per Telephon Amt VI»«l». . IX 9191, ober per Postkarte aufzugebe». 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ES sei beispielSivelse nur daran erlnncrt, daß der Kaiserschnitt, der so manche Mutter samt ihrem Äinde gerettet hat, zuerst mit glücklichem Erfolge von einem— �chwctnesckncidcr bei seiner Frau in Anwendung ge- bracht wurde, und die Erfolge eines Laien, wie Pricßnih, mit seinen Kallwafferumjchlägen sind zu bekannt, als daß wir sie näher zu erwähnen brauchten. flu den 2euten. die sich aus ein der Natur an- aePasteS Hetlsersahren stützend, bei slbwcren Gebrechen selber halsen, und nach weiteren Erfahrungen an sich und andren Ihre Methode weiter ausbaute», und sie, vielen zum Heil, mitteilten und in Anwendung brachten, Sehöple auch der Gründer dcS unterzeichneten Kur- Institute», den» viele Asthnmilker und Brustlcidcnde entweder dauernde Heilung oder wesentliche Linderung ihres flustandes zu verdanke» haben. Seine Kur- methove bat mit Gehelmmittel»«ichtS zu thun, sie gründet sich aus eine rationelle Lungenaymnastik, verbunden mit dem krästigen Einatmen einer durch daS Hinstreichcn über frisches Wasser abgekühlten und ae- reinigten Lust, zu welchem Zweck ein ebenso einfacher al» praktischer Apparat erfunden wurde. Wie der Erfinder zu seiner Methode kam, erzählt er in einem lesenswerten Werkchcn über sein Versayren und über die Naturheilmethode im allgemeinen mit folgenden Worten: .Den Nutzen der naturgemäßen Heiliveise habe ich vor vielen Jahren am eignen Körper kennen ge« lernt, als ich. an einer schwere» Lungenkrankheit leidend,»ach vielen mißlungenen Kuren, darunter auch klhnatische. zum Skelett abgemagert, vou Aerztcn ausgegeben, zufällig die Dr. Niemeyerschen„Aerztlichen Sprechstunden" in die Hände bekam. Die darin cnt« wickelten Ansichten waren mir so neu und in ihrer Einfachheit so großartig und von gewaltiger Wahrheit, daß ich sie sofort zu den mcinigen machen mußt« und die in den genannten Schrtsten gegebenen Lehren be- folgte. Die Wirkung zeigte sich rasch, ich wurde von der Stunde an täglich gesünder und schließlich völlig hergestellt, habe auch bis heute, nachdem ungefähr 20 Jahre verflossen sind, keinen Rückfall in da» alte Leiden zu überwinden gehabt. Dabei war nach der Einsicht und Erfahrung, die ich heute besitze, die Kur, die ich damals durchsührie, eine höchst unvollkommene. Nach meiner Heilung und einem umfangreichen Studium habe ich mich al» enthusiasmierter Anhänger der Naturheillehre der Behandlung Brust- und Asthma- leidender und in neuerer Zeit auch Magenleidender gewidmet, und, wie ich mich ohne Selbstüberhebung rühmen dars, mit großem, ideellen Erfolge. Die Kur. wie ich sie heute meinen Pattenten vorleg«, ist da» Ergebnis des Studiums der hervorragenden Autoren aus dem Gebiete der Naturheilmethode und der Er- sahrungen, die ich in meiner langcil Praxis an über 50 000 zur Behandlung gekoinmeuen Patienten ge- nannter Art gesammelt habe." Da wir bei uabestehenden Personen und auch bei andern die Erfolge der Kurmethode selber sahen, und da semer die unansechiSaren Zeiigniffe unzähliger Ge- heilter aus allen Standen gleichsallS ihre Sprache reden, so wollen wir nicht versäumen, an dieser Stelle nach- drücklich Leidende aus diese Sache hinzuweise», indem wir gleichzeitig aus einen, längeren Artikel in einer ärztlichen Rundschau noch daS Nachstehende zur Kennzeichnung des Verfahrens folgen lassen: .Die erwähnte Kurmethode basiert im Grunde nur aus einem Faltor, der leider im Leben so wenig zum Wort« kommt— auf der Bernunft. Die rationelle Benutzung von Waffer, Licht und Lust, gesundheitS- mäßige Ernährung, gnmnailiichc Uebungen aller Art, Inhalationen mittels eine» praktischen Apparates— das sind die Grundlagen der neuen Heilmethode, dir wie die Nalurhciilunde überhaupt, den gcsnmten Körper de- bandelt und nicht nur örtlich. Und dann tritt noch ein» hinzu: Von dein Bestreben geleitet, die falsche Blut- Verteilung zu reguliere», ist das 85 erfahren ausgebaut worden, und der Gründer sagt selbst darüber weiter: .Durch die meist verblüffend einlache und leichte Be- kämpsung dieser salschen Blutverteillmg habe ich die oft geradezu Aussehen erregenden Erfolge erzielt."— Pro« vieren geht über Studieren! Diejenigen, die ei an- geht, sollten es nicht versäumen, sich mit dem Kur- Institut in Verbindung zu setzen.— Mai, hat oft schon die Erfahrung gemacht, daß»Wunderkuren" nur .Beruunftkuren" sind." Soweit die erwähnte Auslassung. Unter diversen Aerzten, welche mit dieser Kur- melh«de«ingehende Versuche anstellten, schreiben u. a.; Dr. med. Wots in L.: „Ich habe Ihre Anordnungen«ingehend studiert. dieselben fachmännisch und aus die neuesten Forschungen basiert gesunden." Dr. med. L. In u.: „Im Austrage mehrerer asthmalcidender Patienten erlaube ich mir, an Sie die höfliche Bitte zu richten, gleichwie dem Kollegen M. auch mir einige Mit- lellungen über ihren Kurplan zu machen." Dr. med. S. in fl.:„Ausmerlsam gemacht durch einen verzweiselten Fall von Lungentuberluloie in hieftger Gegend, den Sie nach Ihrer Methode mit ihren, Apparate imd allgemeiner Hqdrial- Behandlung, wie eS mir scheint, zur Besserung bringen»c. Ihre Methode erscheint mir sehr rationell und ver- pflichten mich zu sehr großem Danke, wenn Sie mich in der Anweisung derselben unterstützen wollen." Dr. med. K. i. S.(80 Jahre alt): „Mein Asthma hat sich nach Gebrauch Ihrer Kur wesentlich gebessert, hoffentlich werden Sie mir Ihre Iveiteren Ratschläge nicht versagen, denn ich habe dazu noch daS meiste Vertrauen." Dr. med. M. in H.: „Ich habe durch einen Pattenten von Ihrer vor- züglichcn Kur gehört und stehe nicht an, Sie um nähere Details hierüber zu ersuchen, da es mir im Interesse der armen Leidenden wertvoll erscheint, auch Ihre Ersah- rungen leimen zu lernen—":c. Später schrieb dieser Arzt: „Ich finde Ihren Kurplnn ganz vortrefflich und einzig richtig, bin durchaus von dem Vorteile ihrer An- Ordnungen überzeugt und stimme Ihnen volllommcn bei." Herr Otto Fr. in D. schreibt: „Mein Hausarzt, Herr Dr. B., empfahl mir an- gelegentlichst Ihre Kur." Dr. med. Klein in O.: „Al» praktischer Arzt hatte Ich Gelegenheit, zwei Pattcnten zu beobachten, die an Emphysema pulmon. (Lungenerwciterung), infolge deffen schwerer chro». Bronchitis und afthmatischei, Ansälleu litten, bei denen alle möglichen therapeutischen Maßregeln ohne Erfolg angeweiioet wurden. Diese Patienten suchten endlich Sie aus und„ahmen Ihre therapeuttschen An- orduungen zu Hill«. Beide Patienten fühlen sich jetzt ziemlich gut und könnem ihrem Berufe nachkommen. Angeregt durch diese Erfolge bin ich so frei,«ie zu bitten, da ich jetzt einen sehr schweren Fall Bronchitio chronica in Behandlung habe." Zur Äur-Einleitun� sind nötig die genaue Lebensbeschreibung,(die ain häufigsten vorkommenden Symp» tome sind: Husten, vielfach zum Erbrechen reizend.— Auswurf zähen Schleimes.— Stechen aus Brust und Rücken.— Druck aus den Schulterblättern.— Nacht» schweiße.— In der Regel kalte Hände und Füße.— Lllemnot.— Das Atmen ist später von hörbarem. pseiscndem und schnurrendem Geräusch begleitet.— Blut- spucken.— Ost heiliger, unregelmäßiger Herzschlag, ver» bunden mit starkem Angstgefühl.— Mangelhaster Schlaf. — Schlechte Verdauung ,c.:c.) und die Angabe der Be« schästigung. Man schreibe an Kur-JnftttutS-Direktor Wackwits, Dresden-Niederlöstui«, Hohestraße. 469». Pcrantsv. Rcdaltcur: Julius Kaliski. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Perlstt. Druck u. Verlag: vorwärts Puchdruckerei u. VulagSanstalt Paul Singer& Es.» Berlin SW, Nr. A. 21. 3. KeilM to Jitmärts" Sttlintr ilollishlott Dienstag, 26. Jauvar 190i Versammlungen. Der Ccntral-Wahlvercin für Tcltow-Berskow-Storkow-Chlr- llttenburg hielt am Sonntag seine ordentliche Generalversammling in??owawes ab. Vertreten waren 29 Orte durch 72 Delegierte, autzerdcm waren die Funktionäre des Kreises sowie der Vorsand anwesend. Aus dem Vorstandsbericht, den der Vorstzende Paul Hirsch erstattete, ist hervorzuheben, daß sich sowo'l die Zahl der örtlichen Vereine, wie die der Mirglieder in erfrellicher Meise vermehrt hat. Im Jahre IVOI bestanden 24 Verebe mit 3467 Mitgliedern, im Jahre 1902 waren 26 Vereine mit S2.V Mit- gliedern und im Jahre 1963 32 Vereine mit L3S3 Migliedern vorhanden. In Ncu-Zittau, Zernsdorf, Zossen, Gros-Beeren, Mittcnwalde und Friedenau sind im vergangenen Jahre Wchlvereine gegründet worden. In Rirdorf besteht die stärkste Organilrtion mit 2765 Mitgliedcrrr, dann folgt Charlottenburg mit 1392, Schöneberg mit 1189, Köpenick mit 431 Wilmersdorf mit 239, Aarümdorf mit 224, Adlershof mit 229, Nowawcs mit 299, Groß-Kchterfelde mit 295 Mitgliedern usw. Der Redner warf einen Rickblick auf die Wahlen im vergangenen Jahre. Zum Schlich wie/ er daraus hin. daß sich die Ccntralorganisation bewährt hat. De Zahl der organisierten Parteigenossen steht allerdings noch in einem un« günstigen Verhältnis zur Zahl der bei der Reichstagst-ahl für uns abgegebenen Stimmen, die achtmal so stark ist, wie die Zahl der Mit- gliedcr. Dies ungünstige Verhältnis zu bessern, mut die Aufgabe der Organisation m den einzelnen Orten sein. Ten Kassenbericht erstattete Eberherd. Für die Reichstagswahlcn sind eingenommen 12 174,93 R., ausgegeben 15 994,84 M., so dast ein Deficit von 2919,86 Zt. entstanden ist. Zum Zweck der Reichstagsivahl-Agitation Wirde n verbreitet 567 699 Flugblätter. 175 799 Handzettel, 115 Ofü Broschüren und 6999 andre Drucksachen. An der Verbreitung dieses Materials arbeiteten 1854 Parteigenossen. 97 Versammungen wurden in den Orten, 17 in den Bezirken des Kreises abgehalten.— Die Kastenverhältnisse des Wahlvereins sind stlgcnde: Einnahme 35 364,26 M.; Ausgabe für Agitation 4235,93 M., Drucksachen 3129,15 M.. Rechtsschutz 899,33 M.. Delechionen 1639,37 M.. Verschiedenes 3164,81 M., zusammen 13 97974 M. Es bleibt ein Bestand von 22 293,52 M.— Es wurde nne Agitationstour im Kreise veranstaltet und 283 999 Flugbläter, 396 999 Kalender, 6999 Handzettel verteilt. Vor dem Beginn der Debatte über det Vorstands- und Kassen- bericht fragte der Delegierte Wetzker c>r, bei welchem Punkt der Tagesordnung er eine Besprechung über die Stimm- enthaltung unsrer Reich stags- Fraktion bei dem Nachtragsetat zur Be'ämpfung des Auf- st an des der Hereros herbeiführer könne. Die Versammlung entschied sich nach kurzer Geschäftsordnings-Debatte dahin, dast dies bei der Berichterstattung der FunZtimäre, wo auch die Thätigkeit der Reichstags-Abgeordncten /,ur Sscache kommt, geschehen kann. Numnehr wurde die Debatte üba den Vorstands- und Kassen- bericht eröffnet, in der jedoch nur ga b eil das Wort ergriff. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die auh in unserm Kreise vielfach vor- gekomnienen Verletzungen des Whlgeheimnisses mit Hilfe ge- eigncter Wahlurnen und trat dann einigen Ausführungen des Vor- sitzenden im Geschäftsbericht über den Wert unsrer BeteUigung an den Landlagstvahlen entgegen. Ein Antrag des Kassierers rberhard, dem Parteivorstand aus den Uebcrschüssen des Wahlverens 2999 M, zu überweisen, fand einstimmige Annahme. Kassie rr und Borsüttü) wurden entlastet. Dann folgten die Berichte der Funktionäre. Hoppe berichtete als Nitglied der Pr e ß k o m m i s s i o nj unter anderm, daß die uncnuickliche. aber unvermeidliche Preß- Polemik, welche sich an die Debatten des Dresdener Parteitages knüpfte, dem Abonnentenstaw des„Vorwärts" nicht geschadet hecke. Die Zahl der Abonnenten hebe auch in letzter Zeit zugenommen, sie betrage jetzt 89 909—81 00. Im Anschluß an den Scricht brachten einige Delegierten Klagen vor über nichr genügende redaktionelle Berücksichtigung ihrer Vor- orte sowie über Mängel it der Zustellung des Blattes.— Die Beschwerdeführer wurden an die zuständigen Instanzen verwiesen und die Vertreter der Prctzkonmission entlastet. Das Mitglied der Agitationskommission war nicht anwesend. Hirsch tcite mit, daß der Kreis statt wie bisher 599 M., in Zukunft 7i0 M. an die Agitationskommission zahlen solle. Die Bcrsammluig erklärte sich damit einverstanden. S ch l i e b i tz, d-r den Bericht der Lokalkommission erstattete, erfuchte um strenge Beachtung der Lokalliste. In dem- selben Sinne sprach Z u b c i l, der insbesondere rügte, daß sich Parteigenossen in Dmpelhof und Mariendorf an Vergnügungen beteiligten, die von geselligen Vereinen in gesperrten Lokalen ab- gehalten Ivurden. fach kurzer Debatte über diese Angelegenheit wurde der Vertreter der Lokalkommission entlastet. Hierauf leitet Wetzker die angekündigte Besprechung über die Haltung der Rnchvtags-Fraktion zum Hcrcro-Aufstand ein. Nach kurzer Begründung, in der er ausführte, daß es ihm fern liege, die Angelegenheit besonders aufbauschen zu wollen, und nachdem er auf den Charaktr unsrer Kolonialpolitik hingewiesen, ersuchte er um die Annahm: der nachstehenden Resolution: „Die Generalversammlung des Socialdemokratischcn. Wahl- Vereins für Telww-Bceskow-Storkow-Charlottenburg kann sich mit der Haltung der Reichstags-Fraltion gegenüber der Forderung zur Unterdrückung des Aufstände» der Hcreros nicht einverstanden erklären. Von»ornherein steht sie auf dem Standpunkt, daß sich die Vertreter insrer Partei in keinem Falle der Abstimmung enthalten sollen. In dem besonderen Falle hält die Versammlung die principicle Verweigerung aller Forderungen, die zur Fortsetzung der ausbeuterischen, gemeinschädlichcn kapitalistischen Kolonial- Politik iicnen, für geboten. Nementlich kann sie keinen Grund dafür einsehen. Mittel zur Urterdrückung eines Voltes zu bewilligen, das um seine, von räuberischen Kapitalisten bedrohte Existenz kämpft. Die Versammlung spricht daher den Wunsch aus, die Fraktion möge ihre Stellung einer nochmaligen Prüfung unterziehen und die zeforderten Geldmittel in der dritten Lefung verweigern." Zubeil empfahl die einstimmige Annahme der Resolution lind ihre sofortige Ueberwcisung an den Fraktionsvorstand. Weiter führte der Redner aus: Als die Forderung der Regierung im Reichs- tag bekannt wurde, sei er in Uebereinstimmung mit andren Fraktions- kollegen der Meinung gewesen, daß wir selbstverständlich dagegen stimmen müßten, ohne daß es erst einer Fraktionssitzung bedürfe. Ein Fraktionsmitglied sei aber der Ansicht gewesen, daß sich die Fraktion über diese Angelegenheit fchlüssig werden müsse. Es habe denn aiich eine Sitzung stattgefunden, und zwar am Montag, wo viele auswärtige Abgeordnete, die Sonnabends nach Hause reisen, noch nicht zurück waren. Die Sitzung sei deshalb schwach besucht gewesen. Einige Genossen hätten die Bewilligung der Regierungs- forderung gewünscht, weil sie meinten, es handle sich um den Schutz des Lebens und Eigentums von deutschen Reichsbürgern. Diese Ansicht habe nicht die Zustimmung der Mehrheit gefunden. Aus den Vorschlag cincS Fraktionsmitgliedes sei dann beschlossen worden. sich der Stimme zu enthalten. Es sei anzunehmen, daß, wenn die Angelegenheit in der regelmäßigen, stets gut besuchten Fraktions- sitzmig nochmals behandelt werde, ein entgegengesetztes Resultat zu stände komme, und die Fraktion in der dritten Lesung gegen die Regierungsforderung stimme. Wir müßten den Mut haben, durch unfre Abstimmung zu zeigen, daß wir nach wie vor Gegner der Kolonialpolstik der Regierung sind. Nachdem auch der Delegierte H o f f m a n n- Nowawes für die Resolution gesprochen hafte, wurde dieselbe einstimmig an- genommen und ihre Ueberscndung an den Fraktionsvorstand bc- schlössen. Hierauf ivurden verschiedene Wahlvcrcins-Angelegenheitcn er- ledigt. Beschlossen wurde, den Borstand nicht aus den Mitgliedern eines, sondern aus Genossen mehrerer Orte zusammen- zusetzen. Wie der Antragsteller W o l l er m a n n- Schöneberg ausführte, liegt in dem Antrage keineswegs ein ivkißtrauensvotum gegen die Charlottenburger Genossen oder gegen die bisherigen Vorstandsmitglieder: der Antrag ist vielmehr aus Gründen der Zweckmäßigkeit gestellt. Weiter beschloß die Versammlung, den Genossen Eberhard mit einem Monatsgehalt von 199 M. unter Fortfall des bisher ge- zahlten Mankogeldes als besoldeten Beamten des Wahlvereins vor- läufig bis zum 39. September d. I. anzustellen. Der Beamte soll wochentags vou 8— 10 und von 5— 8 Uhr für die Geschäfte des Kreises zur Verfügung stehen. Ein aus Nowawcs eingebrachter Antrag: Die Genossen sind verpflichtet, sich dem Wahlverein ihres Wohnortes anzu- schließen, wurde den Vertrauensleuten behufs Regelung mit den Berliner Vertrauensleuten überwiesen.— Angenommen wurde ein Antrag von Schmargendorf: In den Orten, wo ein Wahlverein nicht besteht, haben sich die Parteigenossen, soweit nicht§ 19 des Statuts in Frage kommt, demjenigen Verein anzuschließen, welcher in ihrem Wohnorte die Agitation betreibt. Mehrere Anträge, welche eine andre Regelung der Delegation zur Generalversammlung bezwecken, sowie ein auf die Landagitation bezüglicher Antrag von Neu-Zittau wurden dem Vorstande über- wiesen.— Ein Antrag: Das Organisationsstatut und das Programm der Partei den Mitgliedsbüchern beizufügen, wurde angenommen, nachdem Eberhard die Ausführung desselben zugesagt hatte. Nachdem Charlottenburg wieder als Sitz des Vorstandes bc- stimmt war, erfolgten die Neuwahlen des Vorstandes und der Funktionäre. Sie hatten folgendes Resultat: Hirsch- Charlotten- bürg, 1. Vorsitzender: B ö s k e- Ripdorf, 2. Vorsitzender:©tiefen» h o f e r- Charlottenburg, Schriftführer: E b c r h a r d- Charlotten- bürg, Kassierer: Wollermann- Schöneberg. Beisitzer; G r u h l- Nowawes, Thiel- Tcmpelhof, M i ck l e y- Baumschulenwcg, Re- visoren. Preßkommission: Hoppe- Rixdorf, Box heimer- Groß- Lichterfelde.— Agitationskommission: Fischer- Schöneberg.— Lokalkommission: Schliebitz- Britz. Der Vorsitzende sagte den ausfcheidenden Vorstandsmitgliedern und Funktionären für ihre treue Pflichterfüllung Dank. Die Ver- sammlung wurde mit einem Hoch auf die Socialdemokratie ge- schlössen._ Gerichts-Zeitung« Wegen Beleidigung eines polnischen Lehrers hatte sich gestern der Redakteur des in Berlin erscheinenden Polenblattes„Dziennik Berlinski", Gozdziwicz vor der ersten Strafkammer des Land- gerichts I zu verantworten. Der Beleidigte ist der an der Volksschule zu Jeseritz bei Posen thätige Lehrer Johann Schroth. Als dieser von der Regierung angestellt wurde, hieß er Stanislaus Nawrocki und hat dann nicht nur seinen Vatersnamen, sondern auch seinen Vornamen wie oben angegeben, umgeändert. Gegen diesen Lehrer hatte das Berliner Po-fdnblatt einen Artikel veröffentlicht, der dazu bestimmt war. das Charakterbild desselben in einem sehr ungünstigen Lichte erschemcn zu lassen. Es wurde bezüglich der Namensänderung darauf hingewiesen, daß der Lehrer damit eine Metamorphose durchgemacht habe, die sonst nur bei Schmetterlingen üblich sei, es wurde behauptet, er habe sich im Drange nach den Genüssen des Lebens eine üble Krankheit zugezogen, in deren Folge er 16 Monat Urlaub habe antreten müssen, er sei außerdem ein un- sicherer und schwankender Charakter und gehöre nicht an die Stelle, an welcher er stehe.— Der Schutz des§ 193 Str.-G.-B., den der Verteidiger für den Angeklagten geltend machte, wurde diesem nicht zugebilligt: der Gerichtshof verurteUte ihnzulSVMarkGeld- strafe. Prügel in der Volksschule. Vor dem Schwurgericht in K a r l s- ruhe stand ani 22. Januar der 52jährige Lehrer Eckert aus Brötzingen bei Pforzheim, um sich wegen Körperverletzung mit nach- folgendem Tode zu verantworten. Er hat einen schwächlichen. kränklichen Knaben in einer Schulstunde dreimal derart mit dem Rohrstock mißhandelt, daß der untere Rückenteil, Gesäß, das Hüftbein und die Oberschenkel bis zur Kniekehle mit fingerdicken, blutunterlaufenen Striemen bedeckt war. Acht Tage nach der Miß- Handlung starb das Kind an einer Lungenentzündung. Die Gerichts- Verhandlung entrollte ein tieftrauriges Bild der scheußlichen Prügelei in der Volksschule. Eckert, den leider seine Kollegen herauszureißen sich bemühten, wurden wiederholte Verwarnungen von der vorge- setzten Schulbchörde zu teil, es nützte nichts. Aus nichtigem Anlaß schlug er das arme Kind in so unbarmherziger Weise. Dabei er- zählte er noch, daß der Knabe sonst immer gut, fleißig und aufmerk- sam gewesen sei. Statt sich zu ftagcn, was wohl an dem Tage mit dem Knaben sein möge, daß er so verstört und unaufmerksam dasitzt. arbeitete er mit dem Stock.— Tos Gericht sprach trotz des skandalösen Falles den Angeklagten für. Sittlichkeit auf dem Lande. Das Männheimcr Schwurgericht hat dieser Tage einen reichen Bauerssohn aus Heddesheim lOdenwald) zum Tode verurteilt, weil er seine Geliebte ermordet hatte. Der Verurteilte ist ein 19jähriger Beugel, der auf das An- sehen pochend, das ihm der Reichtum seiner Eltern gab, als ge- fährlicher Don Juan in seinem Heimatsdorfe auftrat. Mit 17 Jahren schon trieb er die geschlechtlichen Ausschweifungen in tollster Weise; er schwängerte ein Mädchen, gab ihr dann Abtreibungsmittel, forderte als diese versagten, die Hebamme zum Mord des neugeborenen Küides auf. In einem andern Falle wurde er zur Zahlung von Alimenten verurteilt. Tie gemordete Geliebte war ebenfalls im 9. Monat schwanger, weshalb er wohl auch den fürchterlichen Entschluß faßte, um nicht wieder Alimente zahlen zu müssen. Der Bursche war ebenso abgebrüht angesichts der Gemordeten, der er den Hals durch- schnitten, wie angesichts des Todesurteils. Lächelnd nahm er es entgegen. Ein schöner Beitrag zur„Sittlichkeit auf dem Lande". Ein ungetreuer Krankenkassen-Rendant stand gestern in der Person des Stellmachermeisters S a e g e r unter der Anklage der schweren Urkundenfälschung, Unterschlagung und Beleidigung vor der zehnten Strafkammer. Wie die Beweisaufnahme ergab, handelte es sich um eigenartige Fälschungsmanöver, die der Angeklagte als früherer Rcndant-der Stellmacher-Jnnungs-Krankenkasse verübt hatte. Die Kasse zahlte laut Statut ein tägliches Krankengeld von 1,59 M. unter Abrechnung von drei Karrenztagen; wie üblich, datierte auch hier der Beginn der unterstützungsberechtigten Erkrankung von dem Tage der ärztlichen Bescheinigung ab. Bei der Auszahlung des Krankengeldes an die Kranken oder deren erhebungsberechtigte Ver- treter, verfuhr der Angeklagte nun in einer ganzen Reihe von Fällen dergestalt, daß er ihnen eine Blankoquittung zur Unter- schrift vorlegte und ihnen dann den statutenmäßigen Betrag aushändigte. Später erst füllte er dann die unterschriebene Quittung aus. indem er anstatt des wirklich aus- gezahlten Krankengeldes einen um die drei Karrenztage erhöhten Bettag darauf vermerkte. War z. B. ein Mitglied der Kasse sechs Tage krank, so konnte es laut Statut nur für die letzten drei Tage Krankengeld bemispruchen, weil die ersten drei Tage als Karrenzzeit nicht entfchädigt wurden. Nachdem das Mitglied bei der Erhebung des Geldes nun seinen Namen unter die nicht ausgefüllte Quittung gesetzt, bekam es auch in Wirklichkeit nur das Geld für die letzten drei Tage, also 4,59 M, ausgezahlt. Auf die Quittung schrieb der Rcndant hernach aber den Betrag für die vollen sechs Krankheitstage gleich 9 M. Auf diese Weise hat er der Kasse zu seinem eignen Nutzen höhere Beittäge angerechnet, als er den Kranken auszcchlte. Allein aus dem Jahre 1992 wurden ihm zwölf solcher Fälle nach- gewiesen. Die hierüber vernommenen Zeugen bekunden fast ein- mütig, sie hätten im guten Glauben die ihnen vorgelegte unausgefüllte Quittung unterzeichnet, die Hauptsache sei ihnen gewesen, daß sie ihr Krankengeld richtig ausgezahlt erhalten hätten, was ja auch geschehen sei. Später, als der Schwindel aufgedeckt wurde, haben sie sich aller- dings sehr gewundert, daß sie über niehr Geld quittiert haben sollten. als sie in Wirklichkeit bekommen hatten. Allen Beweisen gegenüber behauptete der vom Rechtsanwalt Thiele verteidigte Angeklagte. die betreffenden Krmiken hätten smnt und sonders die auf den Quittungen stehenden Beiträge voll ausgezahlt erhalten. Im übrigen führt er seine Absetzung auf das Uebelwollen der„roten" Gesellen zurück. Iveil er bei diesen in Verdacht gestanden haben will, zu ihren Ungunsten auf die Meister eingewirkt zu haben. Aus dieser Stimmung heraus habe er auch den Vorsitzenden der Kasse, Müller, beleidigt, als er ihm in einer Versmnmlung zurief, nicht er, sondern Müller habe die Kasse betrogen. In Anbetracht des vom Angeklagten verübten groben Verttauensbruchs lautete das Urteil auf neun Monate Gefängnis und zwei JAhre Ehrverlust. Marktpreise von Berlin nach Ermittelungen des am 23. Januar 1904 tgl. Polizeipräsidiums. Kartoffeln, neue D.-Ctt. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch„ Schweinefleisch„ Kalbfleisch, Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 kg per Schock 7,00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 5,00 2,40 2,80 3,00 2,40 1,80 3,00 1,40 15,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,10 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 Wittcrnngsiiberslcht vom 85. Januar 1904, morgens 8 Uhr. Stationen Swincmde. Hamburg Berlin Franls.a.M. München Wien ÖE 'S c S H = 5 S>~ i B i e 770 SSO 769 SSO 769 SO 769 SO 767 MO 773 iSO Wetter | 2 bedeckt 2Ncbcl »bedeckt »bedeckt 4!Nebel 3,Ncbel »s ciS, 4 11 wa i 0 1 —5 —8 4 Stationen taparanda etersburg Cork Mcrdeen Paris 748 TW 759iSB 760© 767|RD Wetter �bedeckt 3wolkenl gedeckt 2-haIb bd. biet äM f» Wflj Wetter-Prognose für Dienstag, den Ski. Januar 1994. Ziemlich mild, vorherrschend wolkig mit geringen Niederschlägen und mäßigen südwestlichen Winden. Berliner Wette rbureau. Allen Freunden, Bekannten und Parteigenossen die traurige Nach» richt, daß meine liebe Frau Pmera Merlins am Montag, 25. Januar, srüh lUhr am Herzschlag verstorben ist. Die Beerdigung findet DoimerS- tag, 28. Januar, nachm. 3 Uhr, von der Leichenhalle des Georgen- Kirchhofs am Konigsthor aus statt. Um stille Tellnahme bittet Der trauernde Gatte Horm, Hertina, Gastwirt. Johannisthal, Roonstr. 2. teifl soeialdemoMeber Gast- und SeMwirte Berlins and Umsehend. Am 25. Januar d. I. verstarb die Frau unsres Kollegen IV9vi*tiits tJohanntsthal). Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 28. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des alten Georgen- Kirchhofes sam Königsthor) aus statt. 69/2 Um zahlreiche Beteiligung er- sucht Der Borstand. I. A.: stmil Kerfin. Maier lieiMn Nachruf. Am 21. d. Mts. verstarb im 53. Lebensjahre unser Mitglied Karl Pachuntka. cund ihren- Mit ihm haben wir einen s verloren, welcher durch seine hastigkett und Hcrzensgüte sich die Achtung und Liebe seiner Freunde und Sangesbrüder erworben hat. Wir werden seiner stets ehrend gedenken. 65/2 DsnksaKunx. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, de« GastwittS IWartin Mydlack sage allen Freunden und Bekannten meinen herzlichsten Dank. 40942_ Marie Mydlack. Für die vielen Beweise herzlicher Tellnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung unsrer lieben unvergeßlichen Tochter Hlara Hellins sagen wir allen Freunden, Verwandten und Bekannten, und besonders dem Gesangverein.Morgenrot", ihren Mitschülerinnen und den Lehrern unjern herzlichsten Dank. Familie Helling. Danksagung. Für die vielen Beweise der Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes sagen wir allen iöo teiligten, insbesondere den Oicnoffm vom Wahlverein des sechsten Berliner ReichStags-WahIkrttseS, den Kollegen und Kolleginnen der Firma Siemens u. Schuckert �Charlottenburger Wert), dem Deutschen Meiallarbeiter-Ber- band, dem Gesangverein.Moabiler Licdcrttanz" unsrcn aufrichtigsten Dank. 40932 Ww. Florenilne Pachnntke nebst Kindern, Brüdern, Schwestern _ und Schwägerin. Stenographie Stolze■ Sclirey. Unterrichtskurse finden statt: Freitag, 29. Januar, abends 8'/, Uhr, bei Grupe, Slimenstr. 16. Sonntag, 31. Januar, vorm. 10 Uhr, bei Rottschkp, Reichenbergorstr. 19, am Kottbuser Thor. Untcrrichtsgeld 6 Mark inkl. Lehr- mittel. Die erste Stunde ist frei. Für Fortgeschrittene findet jeden Freitagabend bei Grupe, Annenstt. 16, Uebungsstunde statt. l272b Kran;- und Klomubindem vou ködert Meyer,. nur Mamuntu-Straße 2. Vereins-Kränze, Palmen- u. Blumen- Arrangements, Bouqurts, Guirlanden usw. werden sein u. preiswert geliefert Neues Purzellierungsterram! S'/z Meilen v. Eentrum Berlins. 5 Mark pro □Hute!! Straßenland gratis, feinfier Gattenboden, herrliche, gesunde Lage, verk. Loliulr, Rixdors. Lenaustt. 12, Burktanlt, Ober- Schöneweide, SIemenSstr. 9.• otillon-, Ball-, Karneval-, Bockblcrfeat- Artikel. Fabrik Paul Sehinillek, SW. 68, lindenstr. 79 neben dem„VqrwättS". Dr. Schfinemann Spccialarzt für Haut-, Harn- und Frauenleiden. Seydelntr. 9. 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Kctzt hciszt eS, alle Mann in dieser Versammlung erscheinen. Alle diejenigen, welche der AgitationSkommission. sowie der LriSoerwaltung im letzten Jahre Vorwürfe gemacht haben, müssen in die Versammlung kommen, um ihre Wünsche und Forderungen zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Wir werden in dieser Versammlung eine Kontrolle der Verbandsbücher vornehmen. Zu diesem Zwecke darf keiner ohne Mitgliedsbuch kommen. In dieser Versammlung soll durch Frage- karten festgestellt werde», ob es unter den Drahtarbeitcrn auch noch uuorgantsiertc Kollegen gicbt. Die nschtorganisicrten Kalle haben dort »«holen. bei dem Kassierer cn sind besonders eingeladen und egenhcit, das Versäumte nach Ble Ortsverwaltnng. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Bureau: SO., Engel-User lö(GewerkschastshauS). Fernspr. Amt 1 Nr. 3578. Branche der Modell- und Fabriktischler, Heute Ofenstag, den 26. d. M., abends 8'/: Uhr, in Schuld ts Ctcsellschaftshaus,' Gartenstr. 13: Branchen-Versammlung. � TageS-Ordnung: 1. Bericht der Kommission. 2. Neuwahl dcS Oo- ytanncS und der Kontroll-Kommission. 3. Verschiedenes. 78/6 A°dt»ng! kewerkselisrinliauz. A°>>wzi Altta«eh, den 97, Jannar: Grosser Bockanstich der Schultheiss-Brauerei verbunden mit Schlachtefest. »wwittag: Wellfleiscb-Essen. Abends- Frische Blut- und Leberwupst wozu ganz«rgebenst einladet C. Pohllt, Oekonom. Engel-User 15. VW" Drei neorenovlerte Kcgelbabnen sieben zur Verfügung."WE ff. Gänseschmalz Pfd. 90 Pf. 12656 äCT D Fracht od. portofk-el g. Naehn. So lange Vorrat!"Wg as Konkur renzkolli. t ganz fett. Rauchaal. 1U Pfd. Lachs. 2 Dos. ca. SO Rollmöpse u, Deli- «.-«tessheringe. 1 Dos. Oelsardin. 40 Sprott.-Buckl. u Bracher. S'/j M. E. Degener, Nord- u. Ostseeflscherei-Exp., Swinemünde 102. HKjHKchHKH JiSü bei mir unter Garantie nur 4, SO Bh., ansterBrnch. Kleine Repara- turen billiger. Vranrlnge in jedem Gold und Double zu billigsten Fayonpreisen in jeder Preislage und Nummern stets am Lager. 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M.—.25 Lohnarbeit und Kapital.-Separat- äbdruck auS der»Neuen Rheinischen Zeiwng" vom Zahre 184S. M.—.20 Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons..Philo« fophie dcS Elends*. Deutsch von Ed. Bernstein und K. Kauiskn. Mit Borwort und Noten von Fr. Engels. Brosch. M. 1.50: gebd. M. 2,— Marx vor den Kölner Gc» schworenen. Prozes; gegen den Ausschuß der rheinischen Demo» traten wegen Ausruso zmn be< wastncten Widerstand(9. Febr. 1849). Mit Borwort von Fr. Engels. Neue Auslage. M.—.20 Revolntion und Konter-Revo-- lution in Dcntschland. Tculich von Karl K a u t S k y. Brosch. M. l.50; gebd. M. 2- Der 18. Brumaire des Louis Bonoparte. M. 1,— ItovuiK8l>«PN«P (jeld-Lotterte bei mir zu reparieren u. reinig gehens(ohne Bru Auswahl in Uhren kostet jcdcllhr� en unter Garantie des Gut- •ruch). kleine Reparaturen billiger. Grosse u. Getdwaren zu billigsten Preisen. Goldene Oamen-Rementoir, 10 Steine, v. IS,—, Goldene Herren-Doppel- kapsel-Remontoir v. 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Flcistigc Personen tnrbiencn an dem Verlaus meiner Daaenkkeider- Stoffe(nur Neuheiten) ohne Risiko viel Geld. Fnleresteitteu beleb, genaue Adr. uni. T. 8 Exved. d. Ztg.* zchtm!s,Mihlirhk!ler! Der Zuzug sür Stockarbeitcr aller Branchen ist streng fern- zuhalten bei Scbinbllug <& Barta, Thüringerstr. 18. 88/9 Die Ortwvorwaltnng. Achtung, Hoburbeiter! In der Möbeltischlcret von J. Kraus, Weistcnsee, Langhans- sttaffe 22. sind Differenzen auS- gebrochen. Zuzug ist streng scnizu- halten. 77/1 Gesperrt ist ferner Hahn& Hetzkow, König-Ehaussce 71. Die Lrtsverwaltung.