Mr. 38. BtwniKmenfS'Btdlnsungen: HBonnementS■ Preis prSnumerando s W-rleljiihrl. 3,80 PK, Mona». 1,10 Tit., wöchentlich SS Pfg, frei WS Hau». Stnzetn« Stummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntag». Betlage.Die Neue Welt» 10 Pfg, Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungZ- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 8 Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Iklchelil tlgl!» ,«Str momaai. Devlinev VolktSbl�kk. A. Jahrg. vie Inlellloni-Sebllhf detrögt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Psg., für politische und gewerkschaftliche Bercins- und Bersammlungs-Anzeigcn 25 Pfg. „Kleine Hnrelgen", das erste ssctt- gedruckte) Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis ö Uhr nachmittags i» der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen, tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm- Adresse: „SozlaldtBiokrat Berlin" Zentralorgan der rozlaldemokratlfcben Partei Deutfchlands. Redaktion: 8Al. 68, Lindenstraese 69. Kernsprecher: Amt rr. Nr. 1983. Mittwoch, den 3. Februar 1904. Expedition: 8d. 68, Lindcnetraaec 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1981. Eröffnung des britischen Parlaments. md. London, 30. Januar. Mit ungewöhnlicher Spanimng sieht das britische Voll den parlamentarischen Beratungen entgegen, die am 2, Februar beginnen. Die Empfindung ist allgemein, daß die nächsten Monate weitreichende zollpolitische Entscheidungen bringen werden. Seit ungefähr neun Monaten befinden wir uns hier inmitten einer Kontroverse, die die sechzigjährige Finanzpolitik, unter der Großbritannien über alle Maßen blühte, umzustürzen droht. Die lonservattven Neigungen der britischen Natton, ferner die mit dem Freihandel verwachsenen Interessen und der fast religiöse Glaube an die Wirksamkeit und die Gerechtigkeit des Freihandels stehen einer zollpolittschen Neuerung entgegen. Und doch gelang es Mr. Chambcrlain, beinahe die ganze konservative Partei für eine Neuerung zu gewinnen. Wird die Thronrede schon in diesem Sinne gehalten sein? Wird die Regierung mit einem Zolltarif hervortreten? Und wie weit wird dieser reichen? Dies sind die Fragen, die an die kommende Tagung ge- stellt werden. Es ist kein Zweifel, daß die neunmonattge Zollagitation tiefe Spuren in der Geschichte Englands hinterlassen hat, obwohl der Chamberlainsche Hauptgedanke— die Einführung von Nahrungs« mittelzöllen zum Zwecke des Reichszusammenschlusses— bereits als gescheitert bewachtet werden muß. Für eine Besteuerung der Lebens- mittel ist England nicht zu haben. Und ohne derartige Zölle ist ein britischerZollverein nicht möglich. Er wird aber auch von der großen Mehrheit der Nation nicht gewünscht. Auch nicht von den Konservativen. ChamberlainS imperialistische Synthese ist angesichts der weltpolitischen Lage zu enge. Es ist für England viel wichtiger mit den Vereinigten Staaten zusammenzugehen, als mit den an Bevölkerung armen Kolonien. Der enge Anschluß an die Vereinigten Staaten, der in den letzten Monaten sehr gefördert wurde, wird aber durch die Beseittgung der freien Lebensmittel- einfuhr gehemmt, da der amerikanische Ackerbau auf den englischen Markt angewiesen ist. Der angelsächsische Gedanke ist der neuen weltpolittschen Lage viel angemessener als der britische Reichs- gedanke. Die Hauptfrage für die Briten ist die Kräftigung de» Mutterlandes und die Förderung der freundschaft- lichen Beziehungen zu den Bereinigten Staaten. Sind diese beiden Punkte gesichert, so ist eine Trennung der Kolonien vom Mutterlande undenkbar. Wenn auch Chambcrlain mit semem Grundgedanken gescheitert ist, so hat doch seine Agitatton drei wichtige Ergebnisse gezeitigt. Erstens wurde Deutschland, der Hauptgegncr der britischen Zoll- union, zum Rückzug gezwungen. Damit wurde vor aller Welt die Thatsache festgestellt, daß zollpolittsche Fragen zwischen England und seinen Kolonien interne Angelegenheiten des britischen Reiche» sind, in die sich eine ftemde Macht nicht mischen darf. Dem Auslände gegenüber steht das britische Reich schon als eine Einheit da. Zweitens wurde Mr. Baisour imd seine Partei veranlaßt, die Lage der britischen Industrie und de» heimischen MartteS zu erwägen und sich für die Annahme eines industriellen Zolltarifs zum Zwecke der Wiedervergeltung zu erklären. Der Grundsatz des Freihandels, leine Wiedervergeltung zu üben, wurde somit durchbrochen. Wie weit diese Wiedervcrgeltung gehen wird. dürfte schon die nächste Zeit zeigen. Dritten» wurde da» englische Volk zum Nachdenken über seine Lage und zum Verständnis einer umfassenden Unterrichtsreform ge- bracht. Das theorettsche Denken wurde in den letzten Monaten außerordentlich belebt. Die Reden, die jetzt von den leitenden Männern der Wissenschaft gehalten werden, enthalten stets einen nachdrücklichen Hinweis auf die Notwendigkeit der Theorie und auf den Nutzen des„unpraktischen", abstrakten Denkens. Dieses Ergebnis hat mich am meisten überrascht. Schließlich ist England in den letzten Monaten zum Bewußtsein gekommen, daß ihm andre Völker, besonders die Amerikaner, Franzosen und Deutschen auf vielen Ge- bieten überlegen sind. Die Achtung vor dem Auslände ist hier ent- schieden gestiegen. In ihren Reden und Schriften haben Chambcrlain und seine Anhänger nie verfehlt, die Energie der Amerikaner, die hohe Geisteskultur der Franzosen und den Fleiß die methodische und ehrliche Arbeit der Deutschen hervorzuheben. Selbsttedend verfolgt Chambcrlain den Zweck, seinem Volke zu zeigen, daß Schutzzoll mit großen geisttgen Tugenden verbunden sein kann. Immerhin haben die Massen Englands, denen die liberalen Blätter in wider- wärtigster Weise schmeicheln, aus autoritativem Munde gehört, daß sie vom Auslande viel lernen könnten. Chambcrlain scheint der einzige Mann zu sein, der England zu Reformen und zu organi- satorischer Arbeit aufpeitschen kann. Die» sind meine» Erachten» die Ergebnisse der neunmonattgen Agitation. Sie sind bedeutende Ergebnisse, denen die liberalen Frei- Händler nichts entgegenzustellen haben. Ihre Gegenagitation war. um keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, würdelos. Nicht einmal John Morley, ohne Zweifel ein Polittker und Litterateur ersten Ranges, hat sich auf der Höhe der Zeit gezeigt. Dies macht, daß Ehamberlain ein konstrukttve» Ziel hat, während die Liberalen jedem posittven gesellschaftlichen Gedanken widerstreben. Es liegt nun einmal nicht in ihrem Wesen, sich für positive sociale Ziele zu bethätigen. Da England auf dem Liberalismus aufgebaut ist— alle diesem Princip widersprechenden Reformen wurden gegen den Willen der herrschenden 5ireise durchgeführt— so können die Liberalen die notwendige Einführung eines neuen Princip» nicht zugeben. Sie meinen, in England sei alles aufs beste bestellt. Was an stattstischer Gaukelei in den letzten Monaten hier geleistet wurde, übersteigt jeden Begriff. An daS alte Wort: „Zahlen beweisen," glaubt heute in England lein Mensch. Das liberale AgitattonSmittel gegen Chambcrlain war eine in Millionen von Exemplaren verbreitete Illustration, auf der ein kleiner und ein großer Laib Brot abgebildet sind. Das kleine Brot ist daS Schutzzollbrot, das große ist das Freihandelsbrot, das die Liberalen dem Volke geben, obwohl jeder Mensch hier weiß, daß 30 Prozent der englischen Bevölkerung in Armut und Elend leben. Dann be- findet sich auf der Jllustratton eine statistische Tafel, die besagt, daß die qualifizierten Arbeiter Englands 82 Pfennige die Stunde, die qualifizierten Arbeiter Deutschlands nur 34 Pf. die Stunde ver- dienen. Daß die Deutschen von Pferdefleisch leben, steht in jedem liberalen Blatte zu lesen. Der Hnuptverttieb der Brot-Jllustration geht von der radikalen und piettstischen Tageszeitung„Daily News" aus, die auf ihren Idealismus nicht stolz genug sein kann und die materialistische Agitation der Socialdemokratte als unheilvoll und ideallos brandmarkt. Ob und inwieweit die Thronrede sich mit Zollpolitik beschästigen wird, ist nicht bekannt. Jedoch sind die Liberalen bereit, ein Amendement zur Aoresse(Antwort des Parlaments aus die Thron- rede) zu stellen, in dem die vollständige Aufrechthaltting des Frei- Handels gefordert werden soll. Das Amendement wird von John Morley begründet werden. Es wird sicherliih zu einer bedeutenden Redeschlacht und vielleicht zur Klärung der Lage führen. Die kommende Tagung wird auch sonst für das Ausland beachtenswert sein. Die Thronrede dürste auch ein Gesetz zur Regulierung der Einwanderung versprechen. Die Uebel, die die bis- herige unbeschränkte Einwanderung mit sich gebracht hat, werden allgemein empfunden. Nach der letzten Volkszählung gab es im Vereinigten Königreich 286 960 Fremde. Dies ist zwar bei einer Gesamtbevölkerung von 41,8 Millionen nicht viel. Allein die Ein- Wanderer konzentrieren sich in gewissen Plätzen und verschärfen die städtische WohiuingSnot. In London allein wohnen 13S 300 Fremde. zum großen Teile in Ost-London, wo die Wohnungsverhältnisse immer schlecht waren. Die lange industrielle Entwicklung mit ihrer Schutzgesetzgebung und socialpolitischcn Thätigkeit der Gemeinden haben ein ziemlich hohes Niveau von Reinlichkeit und Bequemlichkeit festgelegt, das aber vom Einwanderungsftrom bedroht wird. Das herdenmäßige Zusammenwohnen der Fremden, ihre Unbekanntschast mit den modernen Anforderungen der Hygiene sind den Engländern besonders anstößig. Dann ist die Kriminalität unter den Fremden verhältnismäßig größer als unter der eingeborenen Bevölkerung. Die Bevölkerung von England und Wales hatte im Jahre 1901 nur 0,062 Proz. Strafgefangene; die Fremden hatten 1,16 Proz. Im Jahre 1902 ist der Prozentsatz der fremden Sttaf- gefangenen beträchtlich gesttegen. Die Richter Londons haben es sich fast zum Grundsatz gemacht, bei jeder Verurteilung eines Fremden die Aufforderung an die Regierung zu richten, ein Ein- loanderungsgesetz dem Parlamente vorzulegen. Diese Umstände führten in den letzten Jahren zu einer Agitation für eine gclvisse Beschränkung der Immigration und zur Einsetzung einer Kommission, die die Frage zu untersuchen hatte. Das Ergebnis der Untersuchung dürste seinen Ausdruck in einem Gesetze finden. Der nächstwichtige Gegenstand, mit dem die Thronrede sich vielleicht beschästigen wird, ist die Errichtung einer katholischen Universität in Irland. Wir haben vor einigen Monaten an dieser Stelle das niedrige Bildungsniveau, auf dem die irische Geistlichkeit steht, ausführlich besprochen. Die Iren selbst schämen sich dieser Zustände und verlangen eine theologische Hochschule. Neben den kleineren katholischen College» und dem Haupt-Collcge in Maynooth besteht in Dublin daS protestantische Trinity College, das eine der besten englischen Universitäten ist und die besten Köpfe Irlands hervorgebracht hat. Parnell und Lecky studierten in Trinity. lieber die Schaffung der neuen katholischen Universität gehen die Meinungen auseinander. Die fortgeschritteneren Elemente unter den Protestanten und Katholiken sind für die Errichtung einer katholischen Fakultät in Trinity. da die Verwaltung des College sich stets tolerant gezeigt und allen Parteihader ferngehalten hat. Die Orthodoxen unter den Katholiken wollen eine eigne Universität, da die ganze Atmosphäre in Trinity die Aufklärung und die Kritik fördert. Die englische Re- gierung scheint geneigt zu sein, den Forderungen der Katholiken nach- zukommen. Im übrigen dürste die Thronrede mehrere kleine Gesetzes- vorlagen versprechen: die Verbesserung des Unfallgesetzes, die der TradeS-Unions-Kongreß gefordert hat; die Entschädigung der Schank- Wirte für beseittgte Konzessionen und eine Reform in der Bestrasimg rückfälliger Verbrecher. ES ist wohl möglich, daß die Liberalen bei der Adreßdebatte auch die Einwanderung der Chinesen nach Südaftika besprechen werden. Allein daS Hauptmerkmal der kommenden Tagung wird die Auseinandersetzung über Zollpolitik sein.— politifche GcbeiTicht» Berlin, den 2. Februar. Antonio Labriola. Der italienische, ja der internationale SocialiSmuS hat einen schweren Schlag erlitten. Antonio Labriola verstarb am Dienstag in R 0 m, 62 Jahre alt, an den Folgen einer Kehlkopf-Operatton. der er sich hatte unterziehen müssen. Einer unsrer schärfsten und klarsten Denker hat damit aufgehört zu sein. Er war kein Agitator; der praktischen Politik hielt er sich fern, trotz des großen Verständnisses, daS er für sie besaß. Er blieb zeit- lebenS, als was er seine wissenschaftliche Laufbahn begonnen: kittscher Philosoph und Historiker. Seine ersten Schriften waren reiner philosophischer Natur, sie behandelten die Lehre des SottateS(1871), die Willensfteihcit(1873), Moral und Religion(187ö), den Geschichts- Unterricht(1876) und die Probleme der Philosophie der Ge- schichte(1837). Von da an erfaßte sein Denken neue Gebiete; er kam zum marxistischen Socialismus nicht auf dem Wege über die Philan- thropie, auch nicht auf dem über das polittsche Rebellcntum, sondern der Marxismus war ihm die Vollendung seiner Philosophie. Von den Arbeiten, die er nun veröffentlichte, sind am wichtigsten seine drei Abhandlungen über die materialistische Geschichts- auffassung, von denen die erste„Zum Gedächtnis des kommunistischen Manifestes" 1895 erschien, die zweite über den historischen Materialismus 1896, die dritte über Socialismus und Philosophie 1893. Sie haben seitdem mehrere Auf- lagen erlebt, sind auch in das Französische überttagen worden. Sie gehören zu den besten Schöpfungen der internattonalen marxistischen Litteratur und haben namentlich auf das Denken der italienischen Socialisten in der günstigsten Weise klärend und bc- ftuchtend gewirtt. Wenn der italienische Socialismus sich aus dem �Gewirr von MazziniSmus, Bakunismus und Bastiatismus erhob, in dem er noch vor zwei Jahrzehnten versunken war. so haben die Schriften Labriolas reichen Anteil daran. Und wenn eS heute Marxisten in Italien giebt, verdanken wir da» vor allem ihm. Nicht nur durch seine Schriften wirkte er, sondern auch durch das gesprochene Wort, durch seine Vorttäge an der Universität zu Rom, der er als Professor angehörte und an der er mit kühnem Freimut den Socialismus lehrte. Nicht bloß die italienische, sondern die internattonale Social- demokratte ist Antonio Labriola zu großem Dank verpflichtet. Sie wird sein Andenken als das eines großen Denkers und ganzen Mannes in Ehren halten.— Gedenktage der ö streichischen Arbeiterbewegung. —st— Wien. 31. Januar. Die östreichische Socialdemokratte feiert in diesen Tagen zwei geschichtliche Gedenktage: den Tag, da eine brutale Staatsgewalt die aufstrebende Bewegung zu zerstampfen strebte, und den Tag der Wiedergeburt, da der Streit unter den zwei Richttmgen der Partei beendet und die einheitliche, auf dem Boden des Klassenkampfes sich sammelnde Socialdemokratte geboren wqrd. Zu der Verfolgung brauchte Oestreich kein eignes Gesetz, denn seine Freiheiten sind so beschaffen, daß sie jeden Tag durch eine Verordnung des Gesamt- Ministeriums suspendiert werden dürfen. Das war heute vor zwanzig Jahren der Fall— als der Ausnahmezustand über Wien und das industrielle Nicderöstreich verhängt wurde. Der Ausnahmezustand: das ist die Aufhebung der im Staatsgrundgesetze„gewährleisteten" Rechte der Preßfreiheit, der Versammlungs- und VereinSfteiheit, des HausrechteS und des Brief- geheimnisses, der Freizügigkeit— kurz alles dessen, was den modernen Bürger von dem Ilnterthanen der Fcudalzeit unterscheidet. Ain letzten Januartage des Jahres 1884 wurden alle diese Rechte suspendiert, wurden die Socialisten der grausamen Willkür der Polizei überliefert. Das ö st reichische Socialistengesctz mag nicht von jenein wilden Unterdrückerttieb erzeugt worden sein, der in Deutschland zwölf Jahre lang gehaust hat, aber an kniffiger Grausamkeit, an tückischer Niedertracht hat eS auch in Oestreich nicht gefehlt, wo sonst lässige Schlamperei die Neigung zur Gewalt„mildert". In den Abendstunden wurde der Ausnahmezustand publiziert und chie Polizeidirektion ließ vielen Polizeikommissariaten ge- schlossene Depeschen zukommen, auf deren Umschlag der Vennerk stand:„Um 12 Uhr nachts zu öffnen". Die Depeschen enthielten eine Liste von Agitatoren, die sofort zu verhaften und in das PolizeigefäiigniS zu transportieren seien. In der einen Nacht wurden 170 Leute verhastet und aus- gewiesen, am 7. Februar waren eS schon 300, am 15. Februar 500. Nichts blieb den Verhafteten erspart: weder die Aufnahme fiir's „Verbrecheralbum", der Transport in Fesseln und im Schubwagcn, die Stellung unter Polizei-Aufsicht.... Die Vereine wurden auf- gelöst, Versammlungen verbottn, die Zeitungen eingestellt und da» Schergengericht des H 0 l z i n g e r begann seine Henkersarbeit, nach- dem ihm mit der Einstellung der Judikatur der Geschworenengerichte der Weg geebnet war. Lockspitzel unter der Führung des Polizei« kommissarS Frank! ttaten in Thätigkeit, fabrizierten falsches Geld und„Bomben", mit denen sie aus harmlosen Utopisten„Anarchisten" erzeugten, die dann das Ausnahmegericht zu wahnsinnigen Sttafen verurteilte.... Es war eine traurige Zeit: damals und vorher. Der unS Nach- gekommenen unverständliche Stteit zwischen den„Radikalen" und den„Gemäßigten" wurde von den Behörden noch künstlich geschürt— verhöhnte doch der damalige StaatSanwall Lama z an die„Ge- mäßigten", nämlich die Socialdemokraten, in einem Plaidoyer vor Gericht als„Wassersuppensocialisten" I— und die Stimmung für die terroristische Taktik wurde durch„Führer", die mit der Polizei Verbindungen unterhielten, genährt und gesteigert. Man braucht nur an den Namen Jotef Peukert zu erinnern, dem die Polizei vor dem verhängnisvollen Januartage zur Flucht verhalf, um jene Periode schlimmer Verirrungen inS Gedächtnis zu rufen. Die Bewegung entartete so zur blinden Wildheit und lieferte durch die Attentate der Stellmacher und Kammerer schließlich den erwünschten Vorwand zu der Vorlage, die mit der ganzen OrganisattonSthättgkeit aufräumen sollte. Aber eS bedurste nur weniger Jahre und die un- verwüstliche Lebenskraft des Proletariats machte sich geltend; sie in entwicklungsfähige Bahnen geleitet zu haben, ist das unsterbliche Ver- dienst Victor Adlers, der nach fünf Jahren Ausnahmezustand, der heute vor fünfzehn Jahren in Hainfeld eine einheit- liche, geschlossene und zielbewußte Socialdemokratie Oestreich» be- gründet hat. ES gehört mit zu den Ironien östteichischer Staats- kunst, daß der Maim, der wie keiner neben ihm den„Anarchismus" in Oestteich überwinden half und der die Arbeiterschaft zur modernen Socialdemokratte erzogen hat. selbst als »Anarchist' vor daZ Holzinger- Gericht geschleppt wurde und von dem Slusnahnie-Gerichtshof wegen eines ZeirnngS- artikels zu vier Monaten schweren Kerkers verurteilt ward— die„Gleichheit' zahlte die Aerurteilung mit dem Leben—: wohl ein Beweis, wie stumpfsinnig die östreichische Politik dem Problem der Arbeiterbewegung allezeit gegenübergestanden hat. Was der Ausnahmezustand vernichten sollte, das feierte in Hainfeld seine Auferstehung, und wenn sich heute die Delegierten Niederöstreichs in dem kleinen Landstädtchen zur Beratung ihrer Lairdesangclegenheiten versammeln, so beweten sie historischen, geweihren Boden. Was vor fünfzehn Jahren gestiftet wurde, ist gewachsen und gediehen, denn unverletzbar und unbesiegbar ist der Wcltgedanke von der Befreiung der arbeitenden Menschheit.—_ Ostasien. Der„Ag ence HavaS" wird aus Washington gemeldet: Die russische Antwortnote an Japan ist im wesentlichen mehreren Regie- rungen mitgeteilt worden. Sie hat einen Meinungsaustausch hervor- gerufen hauptsächlich zwischen den Vereinigten Staaten, Frankreich und England. Die Zugeständnisse, welche in der Note gemacht werden, sind grösier als man allgemein erwartet hatte, und die Gefühle der Gerechtigkeit und der Loyalität, welche der Kaiser von Rußlaich in derselben zum Ausdruck bringt, haben überall den Eindruck hervorgerufen, daß der sirieg vermieden wird. Sie hat zu der lleberzeugung geführt, daß Japan, wenn die Krise trotz der Genugthuung. die ihm im weitestgehenden Matze von Rußland gegeben ivird, einen andren Ausgang nehmen sollte, die ganze Vera ntio ort nug für seine Ent- schlüsse trägt und sich moralisch isoliert befinden ivird. gelegt wird. Gerade die alten Soldaten verbreiten die zerfetzenden Ideen in unsren Dörfern." Die etwaigen Folgen dieser angeblichen socialdemokratischen Agita- tion lasten schwer auf der Seele des alten Generals. Als mahnender Warner der Regierung empfiehlt er daher, das heutige Militärsystem von Grund aus zu ändern imd ein Milizsystem auf etwa folgender Grundlage einzuführen: Militärische Ausbildung der Schulknaben von der untersten Klasse der Volksschule bis zur Prima des Gymnasiums während der Nachmittagsstundcn; Einreihung als Rekruten in örtliche Milizcompagnien vom Verlassen der Schule an bis zum LI. Lebensjahre; von da ab bis zum 30. Lebensjahre Dienst als voll- gültiger Milizsoldat. Neben der Miliz besteht ein Berufs- Heer aus angeworbenen Soldaten in der Stärke von etwa 200 000 Mann, die gewissermaßen den Sauerteig der Ausbildung der über eine Million starken Miliztruppe bilden sollen. Die Ein- richtung der Infanterie geschieht nach dem Muster der alten römischen Legionen, die der Kavallerie auf kosakische Art, wobei die Pferde der Milizreiterei den betreffenden Mannschaften oder ihren Arbeitgebern gehören sollen. Ab- weichend davon denkt er sich die Organisation der Artillerie. Geübt wird bei der Miliz zweimal im Monat und zwar des Sonn- Das Ende der königlich-preußischen Schcrl-Lotterie wird in der Kölnischen Zeitimg" angekündigt: „Bei den Etatsberatungen im preußischen Abgeordnetenhause ist mehrfach auch das Scherlsche Prämien-Sparsystem zur Er örterung gekommen und es ist, was nach der einhelligen Verurteilimg in der Presse nicht anders zu erwarten war. auch von den berufenen Volksvertretern abfällig beurteilt worden. Wenn auch darauf von feiten der Regierung noch keine bündige Antwort gegeben worden ist. sondern nur die ausweichende Erklärung, daß die Ausführung dieses Unternehmens zur Zeit nicht in Frage komme, so können wir doch versichern, daß t h a t s ä ch l i ch dieses Aufgeschoben ein Aufgehoben bedeutet, und daß endgültig von der Einführung dieses Sparsystcms Slb� stand genommen wird. Ausschlaggebend dürste daflir neben den Bedenken allgemeiner Art der Umstand gewesen sein, daß die Un- kosten des Systems ganz außer Verhältnis zu den für die Sparer gewollten Vorteilen stehen." Die Regierung hat so verdächtiges Interesse an imkontrollier barer Einnahme aus der Sparlotterie Scherlscher Genialität gezeigt, daß die Mitteilung der„Kölnischen Zeitung" die Angelegenheit noch keineswegs hinreichend klärt. Die Regierung muß offiziell das Wort nehmen und sich auf das deutlichste aussprechen, wenn der Verdacht nicht bestehen bleiben soll, daß sie das staatSrettcnde Werk dennoch in irgend welcher Gestalt bei besserer Gelegenheit ducchzu führen beabsichtigt.—_ Ein kolonialer Scharfmacher. Wir gaben in unsrer Sonntagsnnmmer die gemütvolle Parole wieder, die in den„Berliner Neuesten Zkachr." ein Lieutenant G e n tz für die nach Niederwerfting des Vcrzweiflungskampfcs der Hereros zu bethätigcnde südwestafrikanische Eingeborenen-Politik ausgegeben hatte. Die Parole lautete:„Kein Lamm dürfen sie be halten!" Wir äußerten dabei die Vermutung, daß Lieutenant Gcntz wohl ein ehemaliger Offizier der Schutztruppe sei und von dieser Eigenschaft daS Recht ableite, die öffentliche Meinung zu Gunsten eines derarttgen Kolonial-TerroriSmus zu bearbeiten." Nun erhalten wir aber folgende Zuschrift: „Die Redaktion irrt sich in der Annahme, daß Herr Gentz ein ehemaliger Schuvttuvpcn-Offizier sei. Er nahm vielmehr bei Be- ginn des südafrikanischen Krieges seinen Abschied aus dem akttven Dienst, um, wie er sagte, als Journalist auf dem Kriegsschauplatze thätig zu sein. Auf diesem angekommen, schloß er sich dein deutschen Corps unter Kommandant Runk an. Da er aber— der doch ein energischer Verfechter der Disciplin hätte sein müssen—, sich absolut nicht fügen wollte, wurde er durch MannschastSbeschluß des Frei- willigen Corps aus dem deutschen Corps ausgeschlossen. Jetzt hatte er plötzlich allen Geschmack am Krieg und an der Journalistik verloren. ging nach Pretoria zurück und wurde dort— Polizist gegen 5 Shilling Tagelohn.«Für dortige Verhältnisse eine ganz minimale Entlohnung.) Als die Engländer nun Pretoria eingenommen hatten, lösten sie die Polizei auf, und die darin befindlichen Ausländer wurden des Landes verwiesen, so auch Herr Gentz, der jetzt nicht wußte, wohin. Kurz entschlossen begab er sich nach der ja nicht sehr entfernten deutschen„Kolonie Daß diesem Herrn das dort geübte System noch viel zu milde ist, ist ja begreiflich. Wer nach der südwestaftikanischcn Sandstreu büchse geht, will Geld verdienen, mehr als 5 Shilling pro Tag. Und daß da die Konkurrenz der Eingeborenen etwas unbequem ist, wird wohl jedem einleuchten, besonders da diese so unverschämt sind, ihr letztes Lamm gern selbst behalten zu wollen. Den Herren dort im fernen Afrika schwebt als Ideal bezüglich der Behandlung der Eingeborenen die verstorbene TranSvaal-Rc publik vor. Die Boeren, die gegenüber Gefangenen und verwundeten Feinden von einer geradezu rührenden Gutmütigkeit waren, be handelten die armen Schwarzen wirklich barbarisch. Wenn man dann andre Ansichten entwickelte, so lächelten sie und sagten:„man verstehe als Europäer hiervon nichts". Unter der Boerenbevölkcrung herrscht eine geradezu fanattsche Verachtung der Kaffcrn, und diese hatte auch die diesbezüglichen Gesetze diktiert. Ein Schwarzer durfte in den Städten nicht auf dem Bürgersteig gehen, sich nach 9 Uhr nicht auf der Straße befinden, keinen Grundbesitz erwerben usw.?d 1 Grieche, Hier- von lvarc»? 238 männliche?li?d 32 weibliche Gcfa!?gcnc, Von den Gefai?gci?c?? lvarcn u. a, 93 angeklagt. der russischen socialdcmo- kratischc»? Partei anzugehöre??, 2»> zu de»? rnssischen revolutionären Socialisten, 26 zu»?? jüdische??„Bund", 19 z?ir polnischen socialislischcn Partei, 12 zur Socialdcmokratie Polens ui?d Litauens, 9 zur gruzischcn Socialdeinokratic, 3 zu»? r?lssischei?„Roten Kreuz". Wege»? SchriftcutranSporte lvaren 14 Personc»? angeklagt,»vegen Tcinon- strationei? 36 Personen. An de»? Hu>?gcrstrcils??ahinen 36 Personc?? teil. Vor der Urteilöfällnng Ivurdcn 20 Perso?ren nach Ostsibirien transportiert: lebenslänglich wurden 13 Personen nach Ostsibirien verschickt; 123 Personen wurden zusa????nen zu 541 Jahre»? Verbam?u??g?»? Ostsibirien verurteilt; 4 Personen zu 14 Jahren; 1 Person zu 5 Jahren; 5 Personen zu 15 Jahren; 43 Personen zu 140 Jahre»?, 45 Persoi?ci? zu 250 Jahre»? Ver- baimui?g?ind 10 Personen zu Gefäl?gnisstrafen verurteilt.— SewerKlcKaftlicKes. Die Herren im Hause. Der§ 153 der Gc>verbc-Ord??u??g hat fiir die lli?terneh?ner in Crimmitschau wirklich keine Schrecken. Obgleich derselbe Ge- fängniS bis z?? drei Monaten fiir denjci?ige?? festsetzt, der andre durch Drohungen oder VcrrufSerklänmg hindert, an Verabredungen zur Erlangung günstigerer» Lohn- und Arbeitsbedingungen teil- zunehmen, scheue»? sich die Herre?? nicht, gegen die Mitglieder dcS Tertilarbeiter-Vcrbandes mit diesen Mitteln zu arbeiten. Sie erlassen folgende Erklärrmg: In einem Flugblatt des Geschäftsführers Albin Hecht wird beha?lptet, daß sich alle diejenige??, die ihre»? A?lStritt aus dem Textilarbeiter-Vcrbande schriftlich angezeigt habe??, noch persönlich bei jenen Herren einzl?finden hätte??, um die Abmeldung wirksam zu machen. Dc???gegc??übcr betonen wir, daß der Textilarbeitcr-Verband an die schriftlich abgen?cldctcn früheren Mitglieder keinerlei Al?sprüche stellen kann, jede Abineldung vielmehr ohne weiteres die Mitgliedschaft auflöst. Ga??z gleichgültig für die Frage ist. ob der Verband Eigentümer der O?lirtungsbüchcr ist. Jedenfalls dürfte diese Frage zu verneine?? sein. J?n übrigen hat je??cr Verband gar keinen Grilnd, sich zu wundern, daß die Arbeitgeber nach den mit ihm gemachten Erfahru??gen die- jenigen Arbeiter vorziehen werden, die nicht seine Mitglieder sind. Erstens hat der Arbeitgeber vollständig die Freiheit und das Recht, die Auswahl unter den Arbeitern zu treffe??, u??d er ka?n? sich dieses Recht pri>?cipiell niemals verkümmern lassen. Außerdem hat er aber reichlich Grund, jenem Verbände gegenüber eine e??tschieden ablehnende Halt?u?g zu beobachten. Dessen Wortführer habe»? nicht nur während des Streiks, sondern auch noch in ihren letzten Knndgebu??gcn einen so gehässigen Ton gegen die llntcrneh???er überhaupt angeschlagen, so schwere und u??begrü??dcte Vcrdäcbtig?lngcn ausgesprochen, unsre Arbeiterschaft so unverhüllt zum Klasserchaß?li?d zum U??- frieden aufgestachelt, daß wc!?igste??S in der nächsten Zeit unter dem Zeichen dieses Verbai?dcs der Frieden in den Fabriken??icht - gedeihen könnte. Wir sehe»? durch eii?e zu starke Vertretung des Verbandes die stetige Entwicklung unsrer Industrie bedroht ?l??d»vir sind gewarnt. Wir lverde?? die Lehren dieses Streiks nicht in den Wind schlagen, sonder?? zun? allgemeinen , Wohle,?nsbes'oi?dcre zu?n Wohle unsrer Arbeiter beherzigen. Unsre Vorsicht als TcrrniSmuö zu bezeichnen, wäre politische, Kanne- gicßerci, die nnö nicht beirren kann. Am wenigsten kann sich die socialdcmokratische Partei beschweren, sie, die jeden Andersgläubigen bis a?lfs äußerste verfolgt, lind soeben erst 5000 Berliner Aerztcn plötzlich und unvermittelt die Wahl stellte, d«? Orts-Krankenkasse?? binnen drei Tagen eii?cn Revers zu vollziehen oder die Kündigung zu gewärtigen. Wie überreichlichen Grund haben wir dagegen zu ?lnsrcr gesetzlich?li?d sittlich einwandfrrirn. praktisch notwendigen Stellungnahme. Und noch eins! Schon i»? der letz?«»? Zeit des Streiks war die Bewegung z?lr Arbeitsaufnahme so stark geworde??, daß bald die Mehrheit gearbeitet?lnd schon hicrd?!rch ihren Austritt aus dem Verbände vollzogen habe»? würde. Nachdcn? der Verband die Leute über die Ailssichtslosigkeit des Streiks bis zur letzten Stunde gröblich getäuscht und dann unvcrinittclt und bedingungslos, den Streik abgebrock»e>? hat, ist diese Bewegung??icht geri??ger ge- worden. I??? Gegenteil, gründlich enttäuscht, habe?? viele das J??teresse a?? den? Verbände, der so viel versprochen imd so wenig Hairen kom?te, verloren. Il??tcr diesen Umständen bedurfte es bloß der Aeußerung des Wunsches seitens der Arbeitgeber, daß die Ab- ?ncldung sogleich bereitwillig vollzogen wurde. Ma?? hat??ichtS gcthan, als daß ma?? de»? eigei?en iimerste?? Wünschen der Mehrzahl der Arbeiter ei?tgegengckoinmei? ist. Der Vorstand des Spinner- u?ld Fabrrkantei?vcreins. Lukas Sch?nidt, Vors. Die Wut gegen den Textilarbeiter-Verband hat Herr»? Lukas Schmidt verblendet. Was er da u?tterschrieben hat, ist keineswegs gesetzlich eii?>val?dftei. Der Textilarbeitcr-Verband ist eine Orga??isatiol?, welche die Erri??gu??g besicrer Loh??- und Arbeits- bedingunge?? als Hauptzweck in ihrem S tarnt führt. Wenn man seine Mitglieder in Verruf erklärt n??d?h??cn droht, sie??icht einzustelle??, wenn t sie die Mtglicdschaft nicht aufgeben, so ist das zweifellos eine ungesetzliche Handl?ing. Darüber lvas sittlich einwandfrei ist, ivollcn wir??nt einem Manne nicht streiten, der die ci?twcder tv?fie?ttl?ch?l?rwahre oder aber äußerst leichtfertige Behauptung mit seinem Namen deckt, in Berlin habe die Socialdemokratte 5000 Aerzte durch Drohung ?nit der Kündigung in eine Zwangslage gebracht. A??ch daß er einen Tadel an dem Borgehen des Unternchmervcrbm?des einfach als„polittsche Kannegießeret" beze?ch??et, keni?zeich??rt den sittlichen Ernst dieses Herrn. Wenn übrigens die Ab???eldung so bereiilvillig vollzogen tvurde, Ivarum haben denn die Herren Untrr??ehmer ihren Leute»? die Ver- bandSbncher abgefordert? Darum haben sie sich selbst auf das Verba??dsbureau bemüht u??d ihren Leuten die Abmeldung nicht über- lassen? Doch wohl nur, weil sie an der Bereitwilligkeit der Leute bcgriindete Zweifel hegen. Zinn Bilde des Crim???itschauer Unternehmertums ist aber dieser letzte Zug absolut notwendig. Die Verfolg?l??g der Organisation durch die Unternehmer hat jedcrma??»?, der die Formen ke»?nt, in welchen unsre wirtschaftlichen Kämpfe sich abspielen, vorairS- gesehen; überrascht hätte es??lir,>ve??n sie nicht eingcttcte»? wäre. Der Verband hat sich den?? auch ans diese Evcnttialttät cmgcrichtct. Immerhin wird diese DemaSkicrnng in zwölfter Sttrnde noch Leute genug finde??, denen die Augen zu öffnen sind.— Für lange Jahre wird in unsrer gewerkschaftlichen?lnd polittschcn Agitation das Bild der Crimmitschauer Fabrikanten ein gern vorgefiihrtcr Typus bleiben. Es lebe»? ul?sre Freimde, Die Feinde! Berlin imd Utngtgtnd. Achtung, Gewerkschaften. Parteigenaffen! Um eine baldige endgültige Slbrcchnung der Liste»? betreffend die Cri???mitschauer Aussperrung herbeizuführen, ersuchen wir?nn schnelle Ablieferung der Listen. Nach acht Tagen gedenken wir mit der Veröffentlichung der Namen der Restiercndc?? zu beginnen. Der Ausschuß der Berliner Gewerks chastS« Ä o m??? i s s i o>?. Aus dem Jahresbericht des SchnciderverbandeS sOrtsvcrwarttl>?g Berlin) für das Jahr 1903 entnehmen»vir, daß auch diese Organi- satio»? stetig Fortschritte n?acht. Die Zl???ah???c an Mitgliedern be- tr?lg für alle in Betracht kommenden Branchen rund 600, so daß der BerwalttlngSstelle Berlin gegenwärtig 3375 orga??isierte Schneider lind Schneiderinnen ailgchören gegen 2775 i»?? Jahre 1902. Dem- entsprechend haben sich auch die Kassenvcrhältnisic gebessert. Tie Zahlen der Centtal- und Lokalkasie ergeben eine Jahresbilanz von rund 64 600 M., eine Smnme, wie sie bisher noch nicht erreicht ivordci? ist. Für den neun Wochen dauernden Streik der Militär- schneider sind an Streikilnterstützung rund 34 000 M. gezahlt worden. an andre Gclvcrlschaftcn wurden zu UntcrstütznngSzweckc»? 1616,35 Mark aufgebracht. Eine arbeitsreiche Thätigkeit hat die Orts- Verwaltung auf dem Gebiete der Agitation und mnere»? Ausgestaltung der Organisation entfaltet. Abgehalten wnrdcn 67 Versammlungen, darunter 39 öffentliche. Hierzu kommen noch 46 Sitzungen der Branckienkommissionen. in denen zu Lohnbewegungen, Differenzen init Arbeitgeber»?, zun? Krankcilkassen-, Gewerbe- und Jm??ingsschieds- gerichtswesen usw. Stellung genominen wurde. In 39 Fällen mllßte die Ortsverwalt»l??g bei geforderten Lohnerhöhungen resp. Nichtinne- Haltung oder Umgehung vereinbarter Lohnsätze intervenierend ein- greifen. Außer dem M?litärschne?der- Sttcik kam es noch in zwei nlidcrn Werkstätten zur Arbeitsniederlegung; jedoch wurden diese Differenzen nach vier bezw. sieben Tagen zu Gunsten der Arbeiter beigelegt. Was die Arbcitsvrrmitttlung anbelangt, so ergab sie wegen des noch immer üblichen Umschaue??s ein noch??icht ge- nügend günstiges Resultat, Eine rührige Agitation wurde um die Er- Haltung und bessere Ausgestaltung der Lohnbücher fiir die Konfektto»?«- industr?« entfaltet. Welches Ergebnis sie zcittgen wird, bleibt allerdings noch abzuwarten. Gegen Schluß des Berichtsjahres gelang eS. die Gencralvcrsa»??mlni?a und den Vorstand der JnmmgS- Krankenkasse, der über 1»000 Mitglieder angehören, durch organisierte Kollegen zu besetzen, ei»? Erfolg, dessen Wirkungen sich späterhin zeigen werden. Die Mitgliedschaft Berlin wird es sich in Zukunft besonders angelegen sein lassen, den bekannten Erscheinungen entgegcnznivirken, unter denen die auswärtigen Kollegen bei Streiks hä?ifig zu leide»? haben,?lämlich die heimliche Anfertigung von Streffarbeit bei eii?er Anzahl Berlmer Firmen, die vornehmlich Heim- arbciter beschäftigen. Die L«hnl>eweg?ing der Einsetzer hat bisher einen über Erwarten günstigen Verlauf gc>?on?n?e>?. sie ist fast so g??t wie beendet. Im Laufe von nur zivci Tagen habe»? bereits die weita?is?neifte>? Firmen den neuen Tarif bewilligt, so daß bis jetzt ca. 800 Arbeiter bei 130 Firmen zu de»? neuen Bedingungen arbeite??. Nur vereinzelte Arbeitgeber sträube»? sich noch, die Fordenmgen der Arberter an» zuerkemren. Soivcit letztere Firmen in Betracht kommen, werden die Bauhandivcrker aller Brairchen dararif aufinerksa??? geinacht, daß die Streikleitung grüne ArbeitsbcrechttgnngSkarten ausgcgebc»? hat, die, mit dem Namen des Einsetzers lind seiner Firma ver- sehen. alö Legitimation fiir die Anerkennung des Tlrifs dienen. Etwaige Arbeitswillige besitze»? eine derartige Karte natürlich nicht. Angesichts des vorliegenden Streikresultats ist es fast unvcr- ständlich, wie die Arbeitgeber die Vcrhandlunge?? über de?? Abschluß des neuen Tarifs durch allcrhaird Winkelzüge zu verzögern trachtete??. ES verging immer' ein Termin nach dc?n ander»?, und doch kam es nicht zu den gelvünschte?? Verhandlilugen, bis endlich de»? Einsetzern der Geduldsfaden riß und sie kurzerhand mit Entlveder— Oder die Anerkennung des Tarifs durchsetzten. Vielleicht ziehen die Bau- tischler?neistcr hiera?ls eine Lehre und lege»? dc?n Abschluß ci>?cs Tarifvertrages von Organisatio»? zu Organisation jetzt teine künstlichen Hindernisse mehr in den Weg. Die Lohnbcivcgung der Töpfcrttägcr ist nuiunchr engiiltig ab- geschlossen. In einer am Moi?tag abgehalte??e?? Bersa?nn?lui?g be- richtete Hei??cmalm, daß die Töpfer-Jn>?ni?g den Accordtarif,»vclchcn die Arbeiter aufgestellt haben, mit einige»? u>?>vese??tlichen Ac??dc- r?mgcn ange??om???e?? hat. Die bewilligten Accordsätze bedenten gcgc»?- über den bisherigen cii?e Lohnerhöhilng von 10— 12 Proz. A»lf Grund dieses Tarifs hat die J?n?ul?g'n?it der Orga???satich? der Arbeiter ei??e?? Vertrag abgeschlossen, der bis zum 31. Dczci??bcr 1905 Gültigkeit hat. Die Arbeiter hatten außer der Erhöhung der Accord- sätze auch eine Erhöhung des Zeitlohnes gefordert. Da aber nur aai?z vereinzelt in Zeitlohn gearbeitet wird, der Accordlohn vielmehr fast allgemein bcrricht, so hält die Jnrning eine vertragliche Fest- leg?mg des Zeitloh??cS i?icht für geböte??, sie erkennt aber auch die von den Arbeiter»? geforderte Crhöhni?g i»? dieser Hi??sicht als be» rechtigt a»??md überläßt eS ihnen, d?e Zeitlöhne???it denjenige?? Firme»? zu regel»?, für ivelche sie i»? Betracht koi?u??c??. Die Ver- samml?lng erklärte sich mit dem Abschluß dcS Vcrttagcs einverstanden ll??d beschloß, die Lohllbclvegung als beendet zu betrachte??. Achtung, Sattler aller Branchen! In der Sattler- und Lcderivarenfabrik von Johannes Valentin. Waldcmarstr. 29, dabei? sämtliche dort beschäftigte»? Kollegen wcge»? Verschlechterung der Lohn- und Arbeitsbcdii?g?n?gci? die Arbeit nieder- gelegt. Zuzug ist aufs strengste fernzuhalten, Tie LrtSvcrwaltnng Berlin des Dorischen SattlervcrbandcS. Veutkcffes Reick?. Achtung, Kürschner! Am 23. Janliar lvurde?>? Hai?novcr eine neue Zahlstelle dcS Deutschen Kürschner-Vcrbandcs ins Leben gcrufe??. welcher 30 Kollegen beitraten. Nun bestehen in dem Geschäft vo?r E, L. Weber dcrarttg schlechte Arbcitsvcrhältirisse, daß auch die Kollege»? ihr Heil in der Organisation suchte»?. Als der Prinzivab» die Absicht der Kollege»? vernahm, ließ er ci>?e Kommission rufe»? ??nd fragte, ob sc?ne Löhne so schlechte seien. Ans die be- jahende Antwort versprach er eine Befferung. mir»rnmschte er nicht, daß seine Arbeiter dem Deiltschei? Kürschner- Verbände beittetr»?. Er sagte, dann»väre er nicht»nehr„Herr iin Hause". Herr Weber riet seinen Leute»?, sich lokal zu vrgai?isicren, denn als Ritglieder des Ccntralvcrbandcs feie?? sie seine Freunde nicht mehr. Der von den Kollegen ausgearbeitete Tarif wurde von Herrn Weber anerkamlt. aber am letzte»? DolUlcrStaz lvurde acht orga?lisierten Kollege»? gekündigt. Hierauf kü??- digtcn die andern vierzch?? Kollege»? zu Guiistc»? der acht Gemaßregelten. Herr Weber»vill unsre jin?ge Zahlstelle vernichten, AuS diesen? Grunde ersuche»?»vir die Kollege??, de?? Zu- zng von der Fir???a Weber strci?g scrnzl?haltc>i, daluit dieser An- griff auf das schon so schlechte KoaliturnSrecht abgeschlagen wird. Alle arbeite»freund lichen Blätter werden um Wdruck gebeten. Deutscher Kiirschner-Verband. Zur Schiiciderbewegung. In W e i m a r lverde»? jetzt alL neuefteS Arbeitswilligen- Versammlungen abgehalten, a?? dci?c>? auch die Arbeitgeber tcil??chn?ci?, die sie verl???ltlich auch inscei??ert haben. In einer dieser Bersammlunge»? wurde ein vo»? de»? Ui?tcri?chmcr?r ausgearbeiteter Tarif vorgelegt,??ach dem iu Zuttmft bezahlt»verde»? soll. In dieser Versammlung erklärte?? die U??tcv??ch?ner auch zur Beruhigung der„nützlichen Elemente", daß kein Main? von den jetzt Ausgesperrten wieder ei??gestcllt»verde»? ivürde.»soi?>?tags?verdci? die Arbeits» willige»? von den Hausburschen der Geschäftsinhaber truppweise— zum Tanz geführt! Jntcressant ist,»vie die Arbeitgeber die Neugier auswärtiger Schneider i?ach der Ursache des Arbeitsmangcls in Weimar befriedigen. Auf die Frage, ob ctlva ei»? Stteik vorläge, antwortete die Finna C. F. Heyne; „Betteffs Ihrer Anfrage d?c??e Ihne?? zur Nachricht, daß ei?r Streik in dem Si???ic.»vieSie es sich vielleicht vorstellen, nicht borliegt, denn Lohndifferenzen si>?d???cht die Ursache, sonder»? einzig und alle?»? die Ai?fhebli??g der gegc??- s e? t i g e n K ü n d i g u?? g. Leider?varci????eine frühere»? Ar- bester so eigensinnig??i?d kamen nach En?fnhru??g derselbe»??ticht wieder, so daß ich gezwlmgen bin,?nir lauter llcne Leute z>c suchen." Das crnn?ert sehr an die Darstellunge»?, ivelche die Erimmitschaucr Texttlbarone von ihrem Konflikt?nit de»? Arbeitern gaben. In Düsseldorf kan? eö nun ebenfalls zum Konflikt, vor- läustg?mt einer Firma. Diese Firma(Fr. Rehwinkel. Kurfürsten- strafet) unterbreitete de?? Arbeiter»? einen Arbeitsvertrag, der?iach Schema„M?lstrrvcrtag des Arbeitgcber-Verbm?deS i??? Sch??eidcr- gelverbe" abgefaßt ist. Die Werkftattarbcitcr»veigerte?? sich, den Vertrag zu?lnterschrcibcn i?nd wurden dicserhalb ans den? Geschäft entlasse»?. Das Leipziger Unternehmerin?>? beabsichtigt zur FrühjahrSsaison soviel wie möglich Arbeitskräfte nach Leipzig zu ziehen, diese auf die Unterschrift des Vertrages zu verpflichten, um dam? zur gegebenen Zeit— ivahrscheinlich zu Pfi??asten— die alten Arbeiter aufs Pflaster zu werfen. Um dieicin Willkürakt der Unternehmer vorzubcuge»?. hat eine am 28. Januar stattgeftlndenc Verfam?nl?ing ci??stii??mig de»? Beschluß ge- faßt, von der Seittlng des Leipziger Allgemeinen Delltschc»? Arbcitgeber-Veröa??des z»? verla??gen, daß der Verttag bis z?l??r 15. Februar in aller Form zurückgezogen lverde,?n?d beauftragte das AgitationSkomitce. alle Maßregeln zu treffen, lim, safer?? dies nicht geschieht, am 22. Februar den endgültigen Entscheid treffen zu können. ES?nllß niln Allfgabe eines?eden rechtlich denkenden Arbeiters sein, unter allen Umständen de?? Zuzug nach Leipzig zu ver?neiden.'__ Versammlungen. Angriffe auf die socialdcmokratische Partei sollen nach bürgerliche?? Blätter?? in einer Versammlung gefallen sein, die an? Montagabend stattfand und sich?nil de??? Stteik u? Crirnmitschau befaßte. Die Versammlung, die übrigens keine socialdcmokratische war, wie die Blätter behaupten, wurde durch eil? Referat des Buchdruckers A. W e i d n e r ei??- geleitet. Er soll behauptet haben, daß für die Niederlage in Cri???mitschau die Kasse?? ver hält llisse der social- den? akratische i? Partei schuld gewesen seien. Sckioi? vor Wochen habe man in eingeweihten Kreisen keinen Zweifel darüber elassen, daß der Stteik verloren sei; aber erst der Umstand, daß ie Parteibo?ls schlecht verkäuflich waren, ulld daß die Gelder fiir die Parteikasse allsbiiebe??, habe dazu geführt, den großen Ausstmld urplötzlich abzubrechen. Man arbeite schon seit Jahren planmäßig daran. der Arbeiterschaft den wirtschaftlichen Kai??ps z?? verleiden ui?d sie für den rein politischen Kampf, das heißt für die Wahlen im soeialdemokratischcn Sinne, zu erziehen. Die Parteiführer seien aufs lebhafteste dabei interessiert, daß die Gewerkschaften nicht erstarken, da ihre Stellu??g dann gefährdet sei, NcuerdillgS habe man sogar herallsgestlnden, daß der Streik eigentlich ei»?„liberales Ka???pf»i?tttcl" sei. Gegen diese Verflachnng werde die Berliner Nrveiierschaft aber Stellung nehmen müssen. Es gehe zur Zeit eine starke Bewegung durch alle Kreise, ähnlich wie im Jahre 1892, wo die Opposition sich unter dem Namen„Unabhängige Bewegung" zu- sammenschloß. Man werde die Lehre des Streiks in Crimmitschau zu verwenden wissen und den Kampf gegen die politischen Phrasenhelden mit aller Macht aufnehmen. Hat Herr Weidner das gesagt, dann können wir ihm nur raten, sich für sein zukünftiges öffentliches Auftreten an Gegenstände zu halten, von denen er etwas versteht. Weder die Kassein Verhältnisse der Partei noch die der Gewerkschaften waren für den Ab bruch des Kampfes in Crimmitschau maßgebend. Die Partei hat auf die Beendigung des Kampfes ebensowenig Einfluß grübt wie auf seinen Beginn. Auf den Beginn konnte sie keinen üben, weil die Unrer- nehmer in Crimmitschau sich schwerlich durch die socialdemokratische Partei zu einer Aussperrung kommandieren lassen, auf die Be- endigung hinzuwirken, verbot der Partei ihr Grundsatz, in Wirt- schaftlichen Kämpfen die Leitung den Gewerkschaften zu über- lassen. In der That kam die Beendigung des Kampfes selbst der Redaktion unsres Blattes, die doch über die Vorgänge in der Partei unterrichtet ist, so überraschend, daß wir Mißtrauen in die Richtigkeit deS Telegramms über die Beendigung setzten. Von dem Plan, den Kampf abzubrechen, wußten vor Durchführung desselben nur zwei oder drei Personen, die aber nicht an der Spitze der Partei, sondern in der Gewerkschaftsbewegung thätig sind. Sie hielten den Plan geheim, um im Falle feiner Ablehnung durch die Vertrauensleute der Ausgesperrten ein Durchsickern desselben bis in die Kreise der Unternehmer zu ver- hindern. Auch der Parteivorstand war von der Sache nicht unterrichtet, noch wurde er darum beftagt. Da derselbe aber nicht aus „politischen Phrasenhelden" a la Weidner besteht, hätte er den Gründen, die von gewerkschaftlicher Seite für die Beendigung des Kampfes ins Feld geführt wurden, im Falle einer Anfrage ieden- falls zugestimmt, obgleich der Ertrag der.Parteibons" noch in keinem Jahre so groß war wie in diesem.— Die Versammlung verfiel übrigens der Auflösung, nach einem Bericht, weil ein Redner Angriffe auf die Behörden unternahm, nach einem andern, Werl ein Redner auf den General st reik zu sprechen kam.. Beide Ursachen scheinen uns allerdings die Versammlungsauflösung gesetzlich nicht zu recht- fertigen. Hoffentlich beschwert sich der Einberufer der Versammlung über die Auflösung._ Die gegenwärtigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Ber- lincr Schuhwaren-Jndustrie wurden am Montag in einer Versamm- lung des„Vereins deutscher Schuhmacher" sehr eingehend besprochen. Genosse Weber führte in seinem Referat etwa folgendes aus: Schon seit mehreren Jahren setze mit einer gewissen Regelmäßigkeit Ausgangs Dezember die sogenannte„flaue Periode" ein, die je nach Umständen eine bis mehrere Wochen dauert. Für die Arbeitgeber ist dies aber keineswegs eine Zeit der Trübsal, sondern eine Zeit der Freude. Denn diese Gelegenheit benutzen sie mehr oder minder ruck- sichtslos, um den Arbeitern zu zeigen, daß sie„Herren im Hause" sind. Anstatt ihre gewohnte Anzahl von Arbeitskräften, von denen sie bei guter Konjunktur sehr häufig Ueberstunden verlangen, in der flauen Periode etwa mit gleichmäßig verminderter Arbeitszeit weiter zu beschäftigen, halten sie eine Art Musterung unter den Gesellen. Wer sich von diesen nun ein wenig„mißliebig" gemacht hat, der wird entlassen. Mit richtigem Instinkt werden von dieser Matzregel meistens diejenigen Arbeiter betroffen, die als gut organisierte Kollegen stets auf pünktliche Jnnehaltung der im Tarif stipulierten Lohnsätze gedrungen haben und etwaigen Abzügen oder Uebcrgriffen der Herren Arbeitgeber energisch entgegen getreten sind. So kam es, daß in diesem Jahre von den etwa 4000 in der Schuh-Jndustrie be- schästigten Arbeitern und Arbeiterinnen nicht weniger wie 2142 Per- sonen eine bis drei Wochen aussetzen mutzten; von diesen waren Mitte Januar noch 502 ohne Beschäftigung. Tie Arbeitgeber schaffen auf diese Weise künstlich eine umfangreiche Arbeitslosigkeit. Da aber die meisten Schuhwarenarbeiter infolge des geringen Verdienstes nur von der Hand in den Mund leben, so druckt eine mehrwöchige Arbeits- losigkeit schwer auf sie. Jeder bemüht sich, sobald wie möglich wieder Beschäftigung zu erhalten, und diesen Umstand nutzen die Arbeitgeber aus, um ihre berüchtigten„Lohnregulierungen" vorzu- nehmen. Haben die Arbeiter während der flotten Gcschäftsperiode vielleicht eine kleine Erhöhung des einen oder andren Accordsatzes durchgesetzt, so erfolgen jetzt haufenweise die Abzüge. Da die takt- festen Arbeiter entlassen wurden und gewöhnlich erst zuletzt wieder eingestellt werden, so haben die Arbeitgeber mit ihren„Lohn- regulierungen" nur zu häufig Glück, und es dauert dann eine ganze Zeitlang— nicht selten bedarf es sogar regelrechter Lohnkänlpfe—, um die Lohnsätze wieder auf die frühere Höhe zu bringen. Es liegt auf der Hand, daß die Arbeitgeber aus diesem Manöver einen erheblichen Vorteil ziehen. Der Referent führte nun eine Reihe von Firmen auf, bei denen auf solche Art Entlassungen erfolgt sind, und Lohnreduktionen bis zu 20 Proz. vorgenommen wurden, u. a.' die Firma S ch l i e w e, die fast sämtliche Posittonen des Tarifs erniedrigte, dann aber, um zu zeigen, daß es sich„nur" um eine Regulierung, nicht aber um Abzüge handle, eine einzige Tarifposition um ganze 5 Reichspfennige erhöhte. Ferner die Firma Hamann, deren Inhaber früher in Stettin als VerbandSmitglied stets eifrig für bessere Löhne einttat, dann die Firmen Cohn in der Alexanderstraße und Fürsten- heim, AndreaSstraße. Bei der Firma Kusche ist eS wegen der Abzüge bekanntlich zu ernsteren Differenzen gekommen, so daß über den Betrieb die Sperre verhängt werden mußte, die auch jetzt noch energisch aufrecht erhalten wird. A das schon mehrfach der Fall war, hat auch hier wieder der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein gezeigt, wie eigentüm- lich er den Begriff Solidarität auffäßt, denn bei der Firma Kusche arbeitet unverdrossen der Vorsitzende vom Schuhmacher-Gewerk- verein; sein Name ist Willmann. Am Sonntag soll dieser„Edel- Hirsch" es sogar versucht haben, die Streikposten zu provozieren, sein Vorhaben ist ihn: jedoch dank der Vorsicht und Besonnen- heit der Streikenden nicht gelungen. Ob er seine Rolle in dieser Weise noch weiterspielen kann, wird sich bald zeigen, da der Centtalrat der Gewerkvereine von seinem Verhalten in Kenntnis gesetzt ist.— Die Versammlung war sich darin einig, daß energische Schritte unter- nommen werden müssen, um den stets wiederkehrenden Abzügen und Lohnreduktionen endlich einen Riegel vorzuschieben. Als Branchenvertreter der Filzschuhbranche wurde HohhauS und für die Lederbranche Hildebrandt gewählt. Der Centralverband der Konditoren hielt am 27. Januar die Jahres-Generalversammlung ab. Der Jahresbericht, den Weidler gab, stellte eine Mitgliederzunahme von 18S auf 307 sdaruntcr 7 weibliche) fest. Der Bestand setzt sich aus Fabrik- und Backgehilfen fast zu gleichen Teilen zusammen. Die Einnahme der Lokalkasse er- gab msgesamt 5207,36 M. die Ausgabe 5160,55 M. so daß 46,81 M. Kassenbcstand verblieb. Die Agitationskasse hatte 25,76 M., die Bibliothekskasse 9,50 M. Ueberschuß. An Unterstützungen wurden an Kranke 283,00 M., an Arbeitslose 967,00 M., für Rechtsschutz 25,25 M.. insgesamt 1280,25 M. ausgezahlt Im Arbeitsnachweis waren 942 Arbeitsgesuche und 694 Arbeitsangebote eingelaufen, besetzt wurden 501 Stelle. Für Mitglieder hatten 17 Voll- und 12 Bezirks-, außerdem 7 Agitattonsversammlungcn stattgefunden. Vorstandssitzungen fanden 18 statt. Gewählt wurde für 1904: Als erster Vorsitzender und Bureaubeamter Felix W e i d l e r. als zweiter Vorsitzender Georg H o l z w a r d t, als Schriffführer Richard Schöbe!, als fonfttge Vorstandsmitglieder Rcinhold Winkel- mann. Karl N i e f i g k, Georg P i g u s ch, Hugo Rauch, Bruno Fuchs, zu Revisoren Hermann Altmann und Richard Mende. Die in den Bezirken gewählten Leiter wurden bestätigt und zum Obmann für den Agitattonsmarken-Vertrieb usw. wurde Joseph Birkl gewählt. Beschlossen wurde, daß der Arbeitsnachweis in Zukunft nur für organisierte Kollegen funkttonieren soll. Der Bureaubeamte hat sich im Unterstützungsverein der Ge- werkschaftsbeamten zu versichern, wozu die Gewerkschaft die Hälfte der Beiträge zahlt. Ferner wurde beschlossen, zu der Delcgierten-Ersatzwahl der Ortskrankenkasse eine Liste aufzustellen und an der am 18. Februar stattfinden Wahlhandlung sich möglichst stark zu beteiligen. Der Ecntralvcrband aller in der Schmiederei beschäftigten Per- sonen hielt am 23. Januar im Englischen Garten eine General- Versammlung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrte die Ver- sammlung das Andenken des verstorbenen Kollegen H. Schumann in üblicher Weise. Nachdem erstattete der Kassierer N i m r i ch den Kassenbericht vom 4. Quartal. Die Einnahmen betrugen mit dem Bestand vom Vorjahre 4154,26 M. Ihnen gegenüber stand eine Ausgabe von 1682,15 M., und zwar für Entschädigung der Beamten 202,99 M., Verwaltungskosten 724,66 M., Reiseunterstützung 27 M., Arbeitslosenunterstützung 605,50 M, Gcmatzregeltenuntc rstiitzung 122 M. An die Hauptkasse wurden 2300 M. gesandt, am Orte behalten 172,11 M. Die Mtgliederzahl betrug 1300. Die Höhe des Lotälfonds beträgt 3933,99 M.— Als Mitglied der Beschwerde- kommission wurde Menge gewählt.— lieber den Antrag B a s n e r „Anstellung eines zweiten Beamten" kam es zu einer lebhaften Dis- kussion. Ter Antrag wurde jedoch schließlich mit 157 gegen 93 Stimmen angenommen. Darauf wurde S i e r i n g mit allen gegen 3 Stimmen zum Beamten der Zahlstelle Berlin mit einem Jahresgehalt von 1700 Mark gewählt. Der Antritt erfolgte am 1. Februar. Ein Antrag, der dahin geht, daß sämtliche Funktionäre der Zahlstelle politisch organisiert sein müssen, wird abgelehnt. An- genommen dagegen wird ein Anttag, alljährlich den Bericht über Einnahmen und Ausgaben der Hauptkasse sowie des Lokalfonds ge- druckt vorzulegen. Tie Ortsvcrwaltung hat diesen Antrag dahin erweitert, daß auch über die Thätigkeit dieser Körperschaft ein ge- druckter Bericht vorzulegen ist. Eine regelmäßige Mitgliederversammlung des Verbandes der Sattler, in welcher vom Kassierer Weyher die Abrechnung gegeben wurde, tagte am 27. v. M. in den Arminhallen. Die Berliner Zahlstelle hatte eine Einnahme und Ausgabe von 5113,20 M. Die Lokalkasse hatte einen Bestand von 2070,40 M. und für die örtliche Verwaltung wurden 1247,48 M. ausgegeben. Der Mitgliederbestand am Schluß des Quartals betrug 1140. Nach der Decharge-Erteilung hielt Genosse Kurl Mucke einen beifällig aufgenommenen Vorttag über KonsumgenossenschaftS-Bewegungen. An der sich anschließenden Diskussion beteiligten sich C h a n n o w s k y und Marquard. Der Austritt des August Hehs aus dem Verbände hatte eine längere Debatte zur Folge und zeitigte einen Antrag Riedel, der gegen eine Stimme angenommen wurde:„Der Ceutralvorstand solle den Verwaltungsstellen und in der Fachzeitung bekannt machen, daß August Hehs nicht mehr in den Verband aufgenommen wird." Tie Berliner Sektion II des Brauereiarbeitrr-Verbandes, zu welcher die Brauercihilssarbciter und die in Brauereien beschäftigten „Handwerker" gehören, hielt am 31. Januar eine gut besuchte Generalversammlung ab. Zunächst gaben der Vorsitzende N e u m a n n den Geschäftsbericht und der Kassierer Franke den' Kassenbericht für das 4. Quartal 1903. Daraus ist hervorzuheben: An Krankcnunterstützung wurden in 97 Fällen 347 M., an Arbeitslosenunterstützung in 72 Fällen 319,50 M. gezahlt. Die Gesamteinnahme bettug 5323,30 M. Ausgegeben Ivurden 1855,98 M., wovon 255,39 M. als prozentualer Beitragsanteil dem Lokalfonds zuflössen. An die Hauptkasse des Verbandes wurden 3467,32 M. abgeführt. Mitglieder hatte die Sektion am Schlüsse des 3. Quartals 1401 männliche, 4 weibliche; am Schlüsse des 4. Quartals dagegen 1522 männliche, 4 weibliche. Neu mann betonte, daß man mit den Erfolgen des Jahres 1903 zufrieden sein könne; nur die innere Agitatton, die der Kollegen untereinander, könne noch ausgebaut werden.— Darauf erörterte man Tarisangelegenheiten. Dazu be- merkte N e u m a n n: Ter neue Tarif habe in den Ringbrauereien am 1. Januar in Kraft treten sollen. Es seien aber eine große Zahl von Fällen gemeldet, wo der Tarif nicht so innegehalten werde, wie er auf dem Papier stehe oder wie die Kollegen einzelne Bestimmungen ausgelegt hätten. In einzelnen Fällen soll eine Regelung ein- gctteten sein. Es müsse aber allgemein Klarheit geschaffen werden. Eine Brauerei habe aus der zwölfsründigcn Arbeitszeit der Fahrer auf der Tour eine dreizehnstündige gemacht und dann erklärt, die Leute müßten doch unterwegs essen, weshalb eine Pause zu rechnen sei. Es handele sich hier um die Tarifvorschrift, wonach als Ueber stunde gelte, was der Fahrer und Mitfahrer länger als 12 Stunden auf der Tour sei. In einer Versammlung des Vereins der Brauereien sollte dieser Punkt zur Sprache gebracht werden. Die Versammlung habe vermutlich in der vergangenen Woche statt gesunden. Redner halte einen Kleinkrieg wegen der Auslegung und Jnnehaltung des Tarifs nicht für angebracht. In der nächsten Verttaucnsmännersitznng solle vielmehr jeder Vertrauensmann seine Mitteilungen darüber machen, wie der Tarif gehalten werde, und auf Grund des gewonnenen Materials und des andren, was er habe, werde die Kommission das Einigungsamt anrufen. Man sei auch cm sieben r i n g f r e i e Brauereien wegen Einführung des Tarifs herangettetcn. Einige von ihnen wollten unterhandeln. Bötzow erkläre, der Tarif sei zur selben Zeit eingeführt worden, wo er in den Ringbrauereien in Kraft tteten sollte, und eine Unterschrift erübrige sich loohl. Redner hält letzteres jedoch nicht für so selbst- verständlich. Die Antworten von drei Ringfrcicn ständen noch aus. In der folgenden Debatte wurde unter anderm erwähnt und gerügt, daß bei Oswald Berliner die jugendlichen Arbeiter nicht den tarif- mätzigen Lohn erhielten; es seien welche mit 14 Mark Lohn ein- gestellt worden. N e u m a n n stellte fest, daß man bei Unterhand- lungen mit Unternehmern dahin einig gelvorden sei, daß die Jugend- lichen im Keller 19,50 M., also eine Marl weniger als andre erhalten sollten und daß ihre Zahl nicht überschritten werden solle. Auch diese Angelegenheit müsse vor dem Einigungsamt mit geregelt werden.— Ueber Fragen des Arbeitsnachweises entspann sich ebenfalls eine leb- hafte Debatte. Einige Mitglieder, die über den Arbeitsnachweis des Verbandes in der Blumcnstratze Beschwerde führten, wurden an die Nachwciskommission verwiesen mit der Matzgabe, nur erweislich wahre Thatsachen vorzubringen. Es wurde darüber geklagt, daß die arbeitslosen Mitglieder den eignen Nachweis ihrer Organisation zu wenig berücksichtigten. Es sei vorgekommen, daß die Wunsche von Brauereien nicht vom Arbeitsvermittler berücksichtigt werden konnten. Jordan, Kuratoriumsnütglied des sogenannten Ring-Arbeitsnachweises, gab eine Uebersicht über dessen Geschäststhätigkeit während des verflossenen Jahres. Dr. Freund versuche immer wieder, auf Aufhebung des Nummernzwangrs hinzuwirken, um eine Auswahl unter den Arbeitslosen zu ermöglichen. Er sei aber damit nicht durchgedrungen. Im Jahre 1903 wurden beim Nachweis 4061 Personen eingeschrieben, Arbeit vermittelt wurde 4331 mal. Fest eingestellt wurden 1501 und als„Vice" eingestellt 2830. Die Mehreinstellungen gegen das Lorjahr bettugcn 1300. Zur Unter- stützung an Arbeitslose bewilligte der Verein der Brauereien(der Ring") 6000 Mark. In den 33 Ringbrauereien waren im ganzen mehr als 5000 Personen beschäftigt.— Bei Krankheit und Arbeitslosigkeit müston die Mitglieder nach einer Mit- tcilung Neumanns, der das Bureau verwaltet, sofort dem Bureau Anzeige machen, wenn sie keine Untcrstützungsverluste erleiden wollen, denn vom Tage der Meldung rechnet die Unterstützungszeit. Kranke können die Meldung per Postkarte vollziehen, Arbeitslose müssen persönlich erscheinen. Der Eentralverband der Glaser hielt am 1. Februar im Getverk- schaftshause eine gut besuchte Generalversammlung ab. Der Kassierer Thilo erstattete den Kassenbericht für das 4. Quartal 1903. Die Einnahmen der Verbandskasse betrugen 1524,97 M., die Ausgaben 1000,28 M.. so daß ein Kassenbestand von 529,69 M. verblieb. Mitglieder hatte die Filiale am Schluß des 3. Quartals 410, am Schluß des 4. Quartals 450. Die Einnahme der Lokal- kommission betrug einschließlich eines Bestandes von 508,09 M. 2232,50 M., die Ausgabe 1992,12 M., wovon 600 M. bei einer Bank deponiert kvurden. Als Barbestand Verblieben in der Lokalkasse 240,33 M. Das Bankconto der Zahlstelle bettägt jetzt 1600 M., so daß die Zahlstelle Berlin über ein Vermögen von 1840,33 M. ver« fügt.— Den Vorstandsbericht gab der Bevollmächtigte Jahn. Erfteulich sei das Wachstum der Zahlstelle, wenn man bedenke, daß im Jahre 1903 die Mitgliedcrzahl von 293 auf 450 stieg. Die Fluktuation der Mitglieder sei aber nicht geringer geworden. Bau- glascr, auf die die Zahlstelle wegen der Lokalorganisation der Blei- glaser fast nur angewiesen sei, gebe es in Berlin etwa 700. Dabei seien aber 300 Lehrlinge eingeschrieben. Eine der vornehmsten Auf» gaben der Zahlstelle müsse es also sein, der Lehrlingszüchterei ent- gegen zu wirken. Es wäre gut, wenn der„Vorwärts" die Eltern warnte, ihre Söhne diesem Berufe zuzuwenden.(Dieser Wunsch ist unerfüllbar, weil er aus allen Berufen an uns gestellt wird, und die jungen Leute doch etwas ergreifen müssen. D. Red.) Nur 4 bis 5 Monate im Jahre sei auf annähernd anhaltende Beschäftigung zu rechnen. Im Herbst hätten manche Kollegen 20 mal die Stellung wechseln müssen. Zur Zeit seien 140 Arbeitslose da. Die äußere Agitation werde regelrecht betrieben. In Berlin werde demnächst das Bezirkskassicrerivesen Iveiter ausgebaut werden. Die Reste, die schon erheblich zurückgegangen seien, hoffe man dadurch noch mehr zu vermindern. Nicht genügend geklebt seien die Streikmarken. Es komme oft vor, daß die bezüglichen Restbeträge den arbeitslosen Mit- gliedern von der Arbeitslosenunterstützung abgezogen werden müssen. — Der gewährte Rechtsschutz bettcffe meist Accordarbeiter.— Der Streik bei L i e b e n o w habe dem Verband Geld gekostet, aber nichts genutzt. Es sei ein Fehler gewesen, daß man dort die Arbeit nieder- gelegt habe, ohne den Vorstand oder die Schlichtungskommission zu befragen.— Die Neuwahl deS Vorstandes hatte folgendes Resultat: Jahn 1. Bevollmächtigter, R o ch o iv 2. Bevollmächtigter, Krause Kassierer, T a r g o u 1. Schriftführer, Reinhold Schulz 2. Schriftführer. Der bisherige Kassierer Thilo, der die Wieder- wähl ablehnte, verpflichtete sich auf Wunsch der Versammlung, dein neuen Kassierer ein Vierteljahr lang zur Seite zu stehen.— In die Schlichtungskommission wurden Feuerbach. Bellach. Nochow, Reimer und Krause gewählt und in die Agitations- kommission Bella ch, R. Kintscher. Targon. Boecker. Joachim, Curth, Kirch mann, Fiegel, Ludwig. Patzte, Dullien. Neufart. Losenski, Hundert. mark, View egger. Der Agitationskommission wurde das Recht der Kooptation eingeräumt. Nachdem Fiegel als GeWerk- schaftsdelegierter und Krause als Mitglied der Bauarbeiterschutz- kommission Bericht erstattet hatten, wurde Kirchmann in die Gewerkschaftskommission und K e tz n e r in die Bauarbeiterschutz- kommission gewählt. Zu Revisoren bestimmte man A. Kintscher. Pulvermacher und S o y k a, zum Bibliothekar Schöning. — Der Vorstand wurde ermächtigt. Mitgliedern in dringenden Fällen Darlehen bis zu 20 Mark zu gewähren. Handlungsgehilfe» t Handlungsgehilsinnen! Heute, 3. Februar, abends'/jO Uhr. in Keller» Festsälen, Koppenstt. 29: Oessenlliche Versamm. lung Reimstags-Abgcordnctcr PaulSinger spricht über: Es werde Recht! Nach dem Vortrage Diskussion. Kolleginnen und Kollegen l Er. scheint alle in dieser Versammlung. Es gilt, für die Ausgestaltung unstc» Rechts zu demonstrieren. Verband der Friseurachilfe» Deutschlands(Zweigverein Berlin). Mittwoch, 3. Februar, abends 10 Uhr, Rosenthalerstraße 57: Mitglieder. Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht von der Konserenz. 2. Vorttag. 3. Verschiedenes. Berliner Tanzlehrer- Berein(Freie Vereinigung). Sitzung jeden Freitagabend 9'/, Uhr, im Englischen Hof, Neue Noßslr. 3. Tanzlehrer al« Gäste willkommen._______ Hua der frauenbewegung. Friedenau. Der BildnngSverein für Frauen und Mädchen von Steglitz und Umgegend hält Donnerstag, den 4. Februar/ abends S'/j Uhr, bei Grube. Kaiscr-Allee, eine Versammlung ab, in welcher ein Vorttag über„Die Abstammung der Menschen und ihre Ent- stehung" gehalten wird. Pünktliches und zahlreiches Erscheinen er« wartet_ Der Vorstand. Letzte IVacbncbten und Depefeben. Unterhaus. London, 2. Februar.(28. T. B.) Unterhaus begann heute die Adreßdebatte. In dem übervoll besetzten Hause herrscht lebhafte Bewegung. Chamberlain wird beim Betreten des SaaleS mit Bei- fall begrüßt. Der Führer der Liberalen Cambell-Bannermann er« klärt, er wolle sich aller Betrachtungen über die Dinge im fernen Osten enthalten; er wolle nur einige Fragen stellen, nämlich, was hat die Regierung jetzt für eine Fiskalpolittk absichtigt sie, eine Retorsionspolittk durchzuführen und schließt sie sich der Politik Chamberlain» an's Sein Parteigenosse M o r l e y iverde ein Amendement zur Adresse beantragen, durch das die ganze Fiskalftage aufgeworfen werde; aber wegen Abwesenheit Baftours müsse die Erörterung dieses Amendements einige Tage zurückgestellt werden. Finanzminister Austen Chamberlain giebt namens der Regierung die kurze Erklärung ab, daß er dem Beispiele Canlpbell- Bannermans folgen und nichts über Ostasien sagen werde. WaS das angekündigte Amendement Morleh be treffe, so wolle er heute die Fiskalfrage nicht eingehend erörtern, sondern nur erklären, die Re- gierung suche eine solche Freiheit im Verhandeln, die sie in den Stand setze, die Interessen der großen Industrien des Lande» zu wahren._ Rußlands Rüstungen. Petersburg, 2. Februar.(W. T. B.) Der Russischen Telegraphen- Agentur wird unterm heutigen Datum aus Wladiwostok gemeldet: Die im hiesigen Hasen liegenden russischen Kriegsschiffe„Gromoboi", „Rossija",„Bogatyr" und„Rjurik" sowie da» Transportschiff „Lena" sind ausgerüstet und seeklar gemacht worden. Alle Holz- teile sind gestern von ihnen enffernt worden. Die Schiffe stehen zu soforttgem Auslaufen bereit. Die HafenauSfahrt wird durch Eis- brccher fteigehalten. Königsberg i. Pr., 2. Februar.(Amtliche Meldung.) Am 27. Januar befanden sich mehrere Musiker vom Infanterie- Regiment Nr. 150 im WirtShause„Hohenzollern" zu Deuthen bei Slllenstein. Gegen neun Uhr abends stürzten mehrere Soldaten sowohl vom Regiment Nr. 150 als vom Regiment Nr. 15l herein und baten um Hilfe, da sie von Civilpcrsonen von einem Gehöft aus beschossen worden seien. Die Soldaten verließen hierauf das Lokal, um die geforderte Unterstützung zu gewähren, und gingen auf das Gehöft los, in welches sich die Personen zurückgezogen haben sollten. Als sie sich diesem Gehöfte näherten, fiel ein Schuß, welcher den Musketier Ludke der 5. Compagnie an beiden Beinen verletzte. Auch andre bei dem Vorfall anwesende Mannschaften wurden durch Schläge mit Zaunlatten verletzt, haben jedoch nur leichte Oueffchungen davongettagen. ES ist nicht gelungen, die Thäter festzustellen. Gerichtliche Untersuchung ist eingeleitet. DaS zehnte Opfer der Darmstädter VergiftungSaffaire. Frankfurt a. M., 2. Februar.(W. T. B.) Der Vergiftung?- fall in der Kochschule des Alice-FrauenvereinS in Darmstadt hat, wie die„Frankfurter Zeitung' meldet, heute daS zehnte Opfer gefordert. In den Morgenstunden ist der L5 jährige Sohn der Witwe deS Rechtsanwalts Heumann, der hier ohne Beruf ansässig ist, gestorben. Das in Privatpflege befindliche Fräulein Schleuning und zwei der im Elisabelhen-Stist unter- gebrachten Gemeindeichwestern sind noch nicht außer Lebensgefahr, das Befinden der dritten Schwester giebt Hoffnung auf Besserung. Frau Berums ist aus dem Krankenhause entlassen. Bermtw. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt Paul Singer&Co..Berlin 2 V/. Hierzu 2 Beilagen u. Unttrhaltungsblatt Nr. 28. 21. Jahrgang. 1. Stilme des Jornintts" Ittlintr lolteHnll Mittwoch, 3. Februar M4. Nochmals Schippel. Schippeis �letztes Wort" �um Frieden nötigt mich zu einigen Bemerlungen, da er sich hartnäckig weigert, auf jene Punkte ein- zugehen, auf die es bei den gegen ihn erhobenen Anklagen eigentlich ankommt. Ich behaupte, dah Schippel in der Frage der Agrarzölle die Interessen der Grundrente verficht und daß er dies, da er eS nicht offen thun kann, ohne sich vor der Partei zu kompromittieren, in versteckter Weise thut, indem er in Reden und Schriften die An- schauungen der Schutzzöllner so darstellt und die Thatsachen derart gruppiert, daft sie auf das lauteste für die Schutzzöllnerei und gegen uns sprechen. Diese Darstellung leitet er mit ein paar Worten ein, die ihm als Hintcrthürchen dienen sollen, durch das er vermeint, jederzeit entschlüpfen zu können, wenn man ihn packen will. Und was antwortet Schippel auf diese Anklage? Er zeigt noch einmal möglichst ostentativ auf die Hinterthiir hin und beweist uns darauf, daß er über den Rest der Anklage, ihren Rem, später einmal sprechen werde—„bei Gelegenheit.. Als einzigen Grund, lvarum er sich um die Beantwortung der Hauptfrage herumdrückt, weiß er die Thatsache anzuführen, daß die Aeußerungcn von ihm, auf die ich mich berief.„Lftz und 3 Jahre, auch noch beträchtlich weiter, zurückliegen".„Ich denke", fügt er hinzu,„wenn es jahrelang Zeit'damit hatte, so wird es nunmehr wohl auch nicht auf Tag und Stunde ankommen". Diese Worte Schippels könnten den Glauben erwecken, als hätte ich zu den von mir angenagelten Aenßerungen jahrelang geschwiegen und beriefe mich erst jetzt auf sie. Damit erwiesen sich aber Schipvels Worte wieder einmal als irreführend. Sofort nach dem Erscheinen seines Buches über die„Grundzüge der Handels- Politik" habe ich in drei ausführlichen Artikeln der„Neuen Zeit" bereits dieselben Anklagen gegen ihn erhoben und bewiesen, die ich jetzt erhebe, daß er in versteckter Weise Propaganda für die agrarischen Schutzzölle und die Grundrente betreibe lim Fahrgang 1901/02, 1. Band). Ich habe diese Art seiner schutzzöllnerischen Propaganda schon gekennzeichnet im Jahre vorher in der„Neuen Zeit" in dem Artikel„Wieder einmal Jfegrim", und wieder ein Jahr früher habe ich Schippels heimliche Flottenschwärmerei aufgedeckt in dem Artikel„Schippel, Brentano und die Flottenvorlage". Und ich habe deutlich genug gesprochen. In dem Artikel über„Isegrim" legte ich dar, wie Schippel durch die unglaublichsten Verdrehungen der Thatsachen zu beweisen ver- sucht, daß„durch ihre jetzige Haltung in der Handelspolitik die deutsche Socialdcmokratie auf das tiefste Niveau der seichtesten deutschen Philister-Oekonomie herabgesunken sei. Das ist der Gruß. den uns Isegrim mit auf den Weg giebt beim Auszug zum Kampf gegen das Kartell der Brotwucherer mit den Scharfmachern... Ein edler Zweck, der offenbar alle Mittel heiligt".<„Neue Zeit" XIX, 1, S. 666.) lind in meiner Kritik der Schippeischen„Grundzüge der Handels- Politik" kam ich nach eingehender Untersuchung zu dem Ergebnis: „So haben wir aus der einen Seite den biederen Abgeordneten für Chemnitz, der unentwegt unsre Partei grundsätze in Partei- Versammlungen verficht und auf der andren den lauernden Isegrim, der sich in der Edelheimschen Menagerie als Zerfleischer von Partei- grundsätzen produziert"(XX, 1, S. 405). Ich glaube. da§ ist deutlich genug gewesen. Schippel aber schwieg: innerhalb ganzer drei Jahre fand er noch nie eine„Gelegenheit" auf meine Angriffe zu antworten, die ihm das schlimmste vorwarfen, was man einem Manne, der auf seine Reputation etwas hält, vorwerfen kann. Seine jüngste Erklärung zeigt, daß er auch ivcitcrhin es ablehnt, mir zu antworten. Er hat alle Ursache dazu. Eine Diskussion brächte ihm die Gc- fahr, daß er sich in der Hitze des Gefechts durch die Konsequenzen seines Standpunkts dahin treiben ließe, sich noch weiter zu demaskieren, als schon geschehen: vor allem aber die Gefahr, daß das Interesse der Genossen für seine» Fall wachse, während Schippel alle Ursache hat, zu wünschen, daß auch diese Affaire wieder im Sande verlaufe. Aber die Situation ist heute eine andre. Wenn meine früheren Anklagen gegen ihn ohne Erfolg blieben, so hat dies Schippel wohl namentlich dem Umstand zu danken, daß sie in eine Zeit fielen, wo die Diskussionen mit Bernstein und Genossen(deren Standpunkt ein ganz andrer als der Schippclsche) die Partei erfüllten. Heute ist diese Ablenkung weggefallen, gleichzeitig aber ist es mif das dringendste nötig geworden, daß wir angesichts der kom- Menden Kämpfe um die Handelsverträge jede Zweideutigkeit in unfrcn Reihen beseitigen. Wie verwirrend die Schippelschcn„objektiv- wissenschaftlichen" Darstellungen unjrer Gegner auf manche Parteigenossen bereits gc- wirkt haben, zeigt sich schon darin, daß das Organ seines Wahl- krcises den Bericht des„Vorwärts" über seinen Vortrag mit seinen, wie Schippel selbst sagt,„irreführenden" Ausführungen als Leit- artikel, als Anschauung nicht unsrer Gegner, sondern unsrer Partei, abdruckte.\ Wir müssen Klarheit schaffen über Schippel. Er ist Vertreter unsrer Partei im ReichSmgc, und jede Beschuldigung, die ihn trifft, bleibt an ihr hängen, wenn diese sie auf die leichte Achsel nimmt. Man konime nicht mit dem Hinweis auf den Parteifrieden, der ein Zudecken jeglicher Entgleisung mit dem Mantel christlicher Liebe erheische. Bei Schippel kann man nicht mehr von einer Entgleisung reden.' Es handelt sich bei ihm um shstematisch entwickelte und propagierte Anschauungen. Und es wäre ein schlimmes Zeichen für die innere Gesundheit unsrer Partei, sollte sie es um des lieben Friedens, das heißt der Bequemlichkeit willen, zur Mode werden lassen, daß man einzelnen unsrer Ab- geordneten Doppelzüngigkeit und Verrat vorwerfen darf, ohne daß ein Hahn danach krähr. Wir dürfen erwarten, daß sie in einem solchen Falle stets Ankläger und Angeklagte zur Rechenschaft zieht, um ihren Ehrenschild blank zu erhalten. K. KautSky. Die Ausführungen des Genossen Schippel in Nr. 27 des „Vorwärts" nötigen mich zu einer nochmaligen Entgegnung. Ich laste alles Nebenfächliche aus dem Spiel und halte mich nur an den einen Punkt, auf den e? in dem zwischen mir und Schippel bezüglich der Wiedergabe seines Vortrages herrschenden Gegensatz ankommt, und das ist der: Hat Schippel die von ihm vorgetragenen An- schauungcn ausdrücklich als gegnerische gekennzeichnet, und hat er deutlich erkennen lassen, daß sie nicht seine eigenen sind, oder war der Vortrag so gehalten, daß ein auffnerksamer und unbefangener Zuhörer annehmen mußte: was Schippel sagt, ist Schippels wissen- schaftliche lleberzeugung. Genosse Schippel will durch die einleitenden Sätze seines Vor- träges, die er in der gestrigen Nummer des„Vorwärts" lvicdergiebt, seine nachfolgenden Ausführungen als referierende Wiedergabe gegnerischer Anschauungen gekennzeichnet haben. Ob die Einleitung des Vortrages wirklich so gelautet hat, wie Schippel jetzt behauptet, das läßt sich nicht mehr feststellen, und ich will deshalb nicht darüber streiten. Meiner lleberzeugung»ach habe ich die Einleitungsworte m dem Satz:„er(Schippel) wolle die handelspolitischen Strömungen besprechen, mit denen wir gegenwärtig zu rechnen haben, ohne daß er sie von unserm pqrteipolitifchen Standpunkt aus kritisieren wolle", sinngemäß richtig wiedergegeben.— Mag aber auch � die Einleitung so gelautet habe», wie sie Genosse Schippel in der gestrigen Nummer des„Vorwärts" angicbt: wenn trotzdem sein Vortrag so verstanden wurde, als ob er des Vortragenden eigne Anschauungen wiedergiebt, so ist das der beste Beweis dafür, daß der Bortrag selber nicht da» bot, was die Einleitungsworte verhießen, daß er vielmehr trotz der schützenden Einleitung Anschauungen zum besten gab, die der Redner ohne jede Einschränkung und in einem Tone machte, die jeden Hörer glauben machen mußten, Schippel trage seine eignen Ueberzeugungcn vor. Besonders hat Schippel Sätze wie:„Niemand ist durch die Agrarzölle bereichert worden, die Agrarzölle sind Zölle, die mit Mühe und Not die Landwirtschaft vor dem Zusammen- brach geschützt haben, und selbst das haben sie kaum vermocht", nicht nur nicht als gegnerische Anschauungen gekennzeichnet, sondern er hat solche Sätze mit so warmer Betonung und solchem Nachdruck ausgesprochen, wie man es nur von jemandem zu hören gewohnt ist, der seine eigne innerste lleberzeugung zum besten giebt. Dasselbe gilt von dem Satz:„Wo bliebe denn die Industrie, wenir sie die Landwirtschaft nicht hätte" usw.— Sind diese warmen Betonungen derartiger Sätze„ungewollte Nuancierungen der Worte", dann müßte man annehmen, Genosse Schippel habe sich in die gegnerischen Anschauungen so eingelebt, daß er sie unbewußt und ungewollt als seine eignen vorträgt. Der Berichterstatter kann nicht wissen, was ein Redner im Innersten seines Herzens denkt, fondern er muß sich an das halten, was der Redner gesagt hat. Daß ich das, was Genosse Schippel gesagt hat, richtig wiedergegeben habe, das ist mir von zwei Parteigenosten, deren Glaubwürdigkeit und Urteilsfähiakeit über jeden Zweifel erhaben ist, und die dem Genossen Schippel aufmerksam zuhörten, bereits am Tage, wo die erste Schippelsche Erklärung im „Vorwärts" erschien, unaufgefordert bestätigt worden. Sollte es erforderlich werden, so würde sich tvohl auch durch Zeugnis glaub- würdiger Versammlungöbesucher feststellen lassen, ob Schippels Vor- trag durch meinen Bericht zutreffend, oder, wie Schippel im Reichs- tage sagte, verzerrt wiedergegeben ist. Das ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit. _ G, Reinke. partci-JVachnchtcn. lieber die Socialdcmokratie in den Gemeindevertretungen des Krcises Solingen wird uns aus Anlaß des schon mitgeteilten Sieges in Wald noch geschrieben: In den Gemeindevertretungen deS oberen Kreises Solingen dringt unsre Partei jetzt bei jeder Wahl weiter vor. So wurde am Freitag in der Gemeinde Wald bei einer Nachwahl in der dritten Klasse wieder ein vom Eentrum besetzt gewesenes Mandat erobert, nachdem dort erst im November vorigen Jahres zu den beiden parteigenössischen Mandaten vier neue hinzugewonnen worden waren. In' der Gemeinde H ö h s ch c i d brachten die November-Neuwahlen der Partei zu ihren bisherigen vier Mandaten 3. Klasse zwei neue Mandate 3. und sogar zwei Mandate 2. Klasse, in der Gemeinde Witzhelden die ersten beiden Mandate 3. Klasse, und in der Gemeinde Leichlingen zu dem bisherigen einen das zweite Mandat3. Klasse. Unsre Partei besipt nunmehr in den Gemeindevertretungen des oberen Kreises Solingen in Solingen von 30 Mandaten 4(im Herbst werden wohl noch 3 dazu kommen), in Ohligs von 24 Mandaten 7, in Wald von 24 Mandaten 7, in H ö h i ch e i d von 24 Mandaten 8, in Gräfrath von 18 Mandaten 6, in Leichlingen von 18 Mandaten 2 und in Witzhelden von 12 Mandaten ebenfalls 2, so daß die Social- demokratie von den 150 Stadtverordnetensitzen des oberen Kreises Solingen bereits 34 im Besitz hat. Um die Einheitlichkeit in der Aktion der parteigenössischen Stadtverordneten zu sichern, beabsichtigt die Parteileitung des Reichstags- Wahlkreises Solingen, im Laufe des Frühjahres eine Konferenz sämtlicher social- demokratischer Gemeindevertreter im Kreise ein- zuberufen. Durch das Eindringen unsrer Genossen in die Gemeinde- kollegien ist, wie allerwärts, auch im Kreise Solingen dem ganzen kommunalen Leben der Stempel größerer Regsamkeit und zunehmenden Gemeinsinns aufgedrückt worden. Der Nachtragsrtat für Siidwesiafrlka, welcher 1 496 000 Mark zur Niederwerfung der HereroS fordert, ist doch, wie wir uns nach träglich überzeugt haben, in dritter Lesung bereits erledigt. Die dritte Lesung wurde gleich an dem der zweiten Lesung folgenden Tage vorgenommen. Auf dem Kongreß der italienischen Socialdemokratie, der bekannt- lich im Monat April in Bologna stattfindet, wird es zweifellos zu sehr heftigen Auseinandersetzungen zwischen den sogenannten „zwei Tendenzen" kommen. Die Erbitterung zwischen dem rechten und dem linke» Flügel ist im Steigen begriffen und vor dem Kongreß dürfte nach den bekannten Erfahrungen an diesem Zustande kaum etwas zu ändern sein. So hat kürzlich die Organisanon der römischen Parteigenossen eine Resolution angenommen, welche ihre Spitze gegen.den rechten Flügel richtet.— Dieselbe lautet: Die Römisch socialistifche Union giebt den Genossen, welche am socialistischen Kongreß teilnehmen, den Auftrag, eine Kundgebung herbeizuführen, in welcher die Annahme einer königlichen Berufung zu einer Vertretung der Arbeiterklasse mit der Eigenschaft eines Socialisten unvereinbar ist: gegen die Beteiligung der Socialisten am höheren Arbeitsrat zu stimmen, so lange nicht den arbeitenden Klassen, gemäß den Beschlüssen der Arbciterkongrcsse, im Arbeitsamt eine entsprechende Vertretung gegeben worden ist. Der Höhere ArbeitSrat ist eine aus Parlamentariern und Re- gierungSverttetern zusammengesetzte Körperschaft, welche Erhebungen über die Lage der Arbeiterklaffe auszuarbeiten und sociale Gesetze vor- zickereiten hat. Die Mitglieder desselben werden durch königliches Dekret berufen. Im Arbeitsamt, welches erst später durch Gesetz geschaffen worden isl, sind außer Parlamentariern auch direkte Vertteter der Arbeiterklasse(Gewerkschaftler, Genossenschaftler, Vertteter von Land' arbeitern) durch Wahl beteiligt. Ihre Zahl ist gegenüber den Parlamentariern und Regierungsvertretern nach der in obiger Re- solutton zum Ausdruck gebrachten Auffassung zu gering. Der Ge- nosse Verzi, Vertreter der italienischen Metallarbeiter im ArbcitSamte, hat infolge der obigen Resolution seine Demission als Mitglied des Arbeitsamtes gegeben. poliicllicbes. Sericbtlicbes usi». Das Berichtigungswesen. Der Redakteur unsres hannoverschen Parteiblattes, Genosse e stm e y er, soll den Bürgermeister Dr. Hottenrodt aus Alfeld be- leidigt haben. Er hatte in seinem Blatte mehrfach über Konflikte zwischen dem Bürgermeister von Alfeld und dem dortigen Bürger- vorsteher-Kollegium berichtet, die dadurch entstanden waren, daß der Bürgermeister sich geloeigert hatte, eine vom Bürgervorsteher- Kollegium verlangte Berichtigung bezw. Ergänzung am Sitzungs- Protokoll der städttschen Kollegien vorzunehmen. Der Bürgermeister Dr. Hottenrodt sandte dem.Volkswillen" darauf eine„Berichtigung"� indem er erklärte, es sei unwahr, daß zwischen ihm und dem Bürger- vorsteher-Kollegium ein Konflikt bestehe: und es sei unwahr, daß er sich geweigert habe, eine Ergänzung am Protokolle vorzunehme». Der.Volkswille" brachte diese„Berichtigung", knüpfte daran hinter- her aber eine scharfe Kritik. In der Verhandlung vor dem Landgericht blieb der als Zeuge geladene Bürgenneister Dr. Hottenrodt bei seiner Behauptung. Die Verhandlung ergab aber das Gegenteil: auf Grund der Beweis- aufnähme und der vorliegenden Sitzungsprotokolle des Bürgervorsteher-Kollegiums nahm das Gericht als festgestellt an, daß thatsächlich ein tiefgehender Konflikt zlvischcn dem Bürgermeister und dem Bürgervorsteher-Kollegimn in der fraglichen Zctt bestand und daß der'Bürgermeister sich thatsächlich geweigert hatte, eine vom Bürgervorstehcr-Kollegium geforderte Ergänzung am SitzungS- Protokoll der städtischen Kollegien vorzunehmen. Die an den „BolkSwillen" gesandte„Berichtigung" sei also unwahr ge- Wesen, AuS diesem Grunde sei dem Angeklagten auch der Schutz des ß 193 des Strafgesetzbuches— Wahrung berechtigter Interessen— zuzubilligen, da er zu einer Abwehr und Kritik gegenüber der unwahren„Berichtigung", zu deren Aufnahme er auf Grund deS§ 11 des Preßgesetzes gezwungen war, berechtigt gc- Wesen sei. Eine Bestrafung könne deshalb nur eintreten, wenn der Angeklagte in dieser Kritik und Abwehr formell über das erlaubte Maß hinausgehe. Das sei nun allerdings in den inkriminierten Ausdrücken der Fall, indessen erscheine in Rücksicht auf die ganze Sachlage eine Geldsttafe von 50 M. ausreichend. Der Staats- anwalt hatte zu allgemeinem Erstaunen drei Monate Gefängnis beantragt._ Soziales. Aerzte und Krankenkassen. Die Berliner Aerzte, die sich der Orts-Krankenkasse der Kaufleute für 5 weitere Jahre auf den alten Vertrag verpflichtet hatten, haben der Kasse mitgeteilt, daß sie ihre Unterschrift wieder„zurückziehen". Sie sind also auf die juristischen Schnurrpfeifereien des Herrn Dr. Mugdan hineingefallen; jeder unbefangene Jurist, wenn sie einen solchen zu Rate gezogen hätten, hätte ihnen gesagt, daß sie sich arg in die Nesseln setzen, wenn sie sich von Dr. Mugdan juristisch beraten lassen, ES sei den Herreu also noch nachträglich gesagt, daß sie sich durch ihre Unterschrift rechtsgültig gebunden haben und nicht nach Belieben zurücktteten können. Der Vorstand der Ortskasse der Kaufleute hat auch den Herren bereits mitgeteilt, daß er auf der Erfüllung der rechtsgültig ab- geschlossenen Verträge auf fünf. Jahre besteht, daß er selbst sich an diese Verträge gebunden erachtet und nicht daran denkt, sich auf die sogenannte Zurückziehung der Unterschriften einzulassen. Die Generalversammlung der genannten Kasse hat am Montag- abend das Vorgehen des Vorstandes gegen eine Stimme gut- geheißen. Die eine Stimme hat jedoch in diesem Falle wenig zu bedeuten, da sie von Herrn Dr. Lennhof, einem Vorkämpfer der Aerzte abgegeben wurde. Herr Dr. Lennhof ist als Arbeitgeber Mitglied der Generalversammlung der Kasse. Die Kasse steht also einstimmmig hinter dem Vorstande. Die Verfügungen der kölnischen Behörden werden jetzt im Wortlaut von der„Kölnischen Volkszeitung" veröffentlicht: Köln, 31. Januar 1904. Der Regierungspräsident. Nach Ihrem Berichte vom 25. d. M. und Ihren mündlich abgegebenen Erklärungen hat der weitaus größte Teil der Krankenkassen des Stadtbezirkes, trotz ergangener Aufforderungen, es unterlassen, in ausreichender Weife für die ärztliche Behanolung seiner Mitglieder zu sorgen. Die den Kassen zur Verfügung stehenden Kassenärzte sind— wie wiederholt festgestellt ist— in Hinblick auf die Gesamt» zahl der Versicherten, für die- sie bestellt sind, außer stände, den an sie herantretenden Anforderungen auf ärztliche Hilfe zu genügen. Der hierdurch herbeigeführte Notstand muß im Interesse der Ver- sicherten und der Allgemeinheit beseittgt werden. Ich ersuche Ew. Hochivohlgeboren daher, unverzüglich auf Grund der§8 45 Abs. 5 und 66 des Krankenversicherungs-Gesetzcs sowie des 8 60 der Gewerbe-Ordnung für sämtliche Ihrer Aufficht unterstehenden Kassen, die nach den von Ihnen angestellten Er- Mittelungen eine hinreichende Anzahl geeigneter Kasfenärzte nicht angestellt haben, solche zu bestellen und zu diesem Zwecke die Befugnisse und Obliegenheiten der Kassenorgane auf Kosten der Kasse tvahrzunehmcn. Soweit es sich nicht um die Bestellung von Kassenärzten, den Abschluß von Berttägen mit ihnen und die hierzu erforderlichen Matznahmen bandelt, bleiben die gesetz- lichen Befugnisse der bisherigen Kasfenorgane bestehen. Die von Ihnen in meinem Austrage bereits mit Aerzten getroffenen Ab- machungen werden den Verträgen zu Grunde zu legen, nnt den zur Zeit angestellten Aerzten Verglelchsverhaudlungen einzuleiten sein, um sie zu einem freiwilligen Rücktritt aus der bisherigen Stellung zu bewegen, Die Namen der Aerzte, die Vertragsbedingungen und der- gleichen ersuche ich den Beteiligten sobald als möglich bekannt zu geben, auch wird es sich empfehlen, von Aufsichtswegen einen Ab- schluß der Kassenbücher der beteiligten Kassen, sowie eine Neu« buchung, so Iveit Aerzte, Arzneimittel usw. iir Frage kommen, vom 1. Februar d. I. herbeizufiihrcn. Beziiglich derjenigen Kassen, für die von mir auf Grund 8 56� des Krankenversicherungs-Gesetzes Aerzte bestellt sind, bedarf es selbständiger Anordnungen Ew. Hoch» wohlgeboren nur in Gemäßheit ineiner besonderen Verfügung vom heutigen Tage. Einem Berichte über das Veranlaßte sehe ich binnen zehn Tagen entgegen. Gez. v. Balan. An den Herrn Oberbürgermeister zu Köln. Der Oberbürgermeister teilte den Kassenvorständen diese Ver- fügung mit folgendem Begleitschreiben mit: Anliegende Verfügung lasse ich den Vorständen zugchen mit der auf 8 45 V deS KrankenversicherungS-GesetzeS beruhenden An- Weisung, sich jeder Thätigkeit, welche irgendwie auf die Ge- Währung ärztlicher Behandlung Bezug hat, also namentlich des Vertragsabschlusses mit Aerzten, Beschwerden von Mitgliedern über Aerzte aus irgend welchen Gründen, Hospitalüberweisungen und so weiter bis auf weiteres zu enthalten: im übrigen hat der Vorstand die sämtlichen Vorstandsgeschäfte weiterzuführen. Der Vertrag wird Ihnen baldigst zugehen. Vor dem endgültigen Abschluß wird Ihrem Vorsitzenden Gelegenheit gegeben werden, sich über den Inhalt desselben zu äußern und Abänderungsvorschläge zu mache», die, soweit sie sich mit der gegen- wärttgen Sachlage vertragen, weitgehendste Beriicksichtigmig erfahren werden. Schon jetzt kann gesagt werden, daß die Kassen nicht mit der Abfindung der neu verpflichteten Aerzte, auf deren Thätigkeit unter den obliegenden Verhältnissen Verzicht geleistet werden muß, belastet werden sollen. Der Aerzteverein hat eine für maßvolle Forderungen ausreichend erscheinende Absindungs» summe zur Verfügung gestellt. Heber die Honorarsätze schweben noch Verhandlungen: den Kassen ist die Möglichkeit offen ge- lassen, wahlweise den Pauschalsatz zu zahlen oder nach Einzel- leistungen zu honorieren. Die Dauer des Vertrages ist auf fünf Jahre bemessen und zwar lediglich im Interesse der Kassen, damit die Aerzte nicht ihre Honorarsätze zwischenzeitlich erhöhen können. Es ist auch ausreichende Vorsorge getroffen, daß sich nicht einzelne Gruppen von Aerzten absplittern können. Sollte sich herausstellen� daß die Kassen durch das Honorar oder sonstwie infolge der Neu- organisatton zu sehr belastet werden, so können die Honorarsätze gemindert werden und zwar nach Anhörung eines von beiden Parteien gebildeten Schiedsgerichtes durch den RcgierungS- Präsidenten. Den Betriebs- Krankenkassen wird ein Arzt zur Erteilung von Sprechstunden in der Fabrik be- willigt werden, falls hierfür ein Bedürfnis von beiden Teilen anerkannt werde» muß. Die Entscheidung trifft gegebenenfalls der Regierungspräsident nach Anhörung eines Schiedsgerichts. Es muß dann aber den Mitgliedern fteigcstellt werden, diesen oder einen andern Arzt nach freier Wahl in Anspruch zu nehmen; letzteres. ohne daß ein Lohnabzug für einen noch näher zu fixierenden Zeit- räum, etwa zwei Stunden, erfolgen darf. Die Bücher sind mit dem 31. Januar d. I. abzuschließen; olle vor diesem Termine eingegangenen Verpflichtungen sind entsprechend zu buchen. Zu diesem Zwecke wird sich im Laufe des Tages ein beauftragter Revisor einfinden, der die notwendigen Anweisungen geben und den Abschluß und die Neueinrichtung der Bücher beaufsichtigen wird. Den Vorstand ersuche ich dringend, der veränderten Sach- läge vernunftgemäß Rechnung zu ttagcn und mir die Ausführung der mir übertragenen Obliegenheiten nicht zu erschweren. I, V,: FuchS. Die Kassenvorstände dürfen also nach wie vor für die Auf- bringung der Kassenmittel sorgen, aber die Ausgaben bestimmt die Behörde in Gemeinschaft mit den Aerzten. Die Regierung hat der Aerzte- Organisation beftmitilich eine Pauschale von 5 M. pro Kopf des Versicherten und von 13 M. für Familienversicherung zugebilligt. Dieses fröhliche Entgegen- kommen wird interessant beleuchtet durch eine Mitteilung der „Rhein. Ztg.". Danach haben die Aerzte in ihren Versammlungen anfänglich nur 4 M. und 12 M. als berechtigte Forderung be- zeichnet. DaS ist auch der Satz, den die Leipziger Aerzte fordern und der vom Leipziger Verbände aufgestellt ist. Die Herren in Köln haben aber dann die Forderung von 3 M. und 13 M. auf- gestellt, um, wie sie sagten, die 4 M. und 12 M. um so sicherer zu erreichen. Die Regierung ist nobel, sie handelt nicht lauge, sondern bewilligt die auf Abhandeln gestellte erhöhte Forderung— aus den Taschen der Versicherten. gemeinschaftlich ein Entwurf eines Arbeits- und Lohn- t a r i f s für die in den dem Centralverband angehörenden Genossen- schaffen beschäftigten Bäckereiarbeiter ausgearbeitet worden, tLie Gegen den Hcimardeiterschutz. Unter Berufung auf einen Beschlutz des Gewerkvereins der Heimarbeiterinne», der dem Gcsamtverband der sogenannten christ lichcn Gewerkschaften angeschlossen ist. macht die„Post" scharf gegen den Hcimarbeiterschutz. Der genannte, durch Herrn Licentiaten Mumm vertretene Verein hat nämlich beschlossen, sich au dem von der Generalkommission der Gewerkschaften einberufenen Heimarbciterschutz-Kongresse nicht zu beteilige», weil ihn die Gcneralkonnnission nicht vorher beftagt hat, ob er mitmachen wolle, und weil er befürchtet, datz auf dem Kongreh zuviel Heimarbeiterschutz verlangt werden könnte. DaS benützt die„Post" zu folgender Scharftnacherci: „Datz es mit der sogenannten„Neutralität" bewutzter Schwindel ist, geht auch daraus hervor, datz die Veranstalter des sogenannten„Hcimarbeiterschutz-Äongrejses" wohlweislich die grotze nichtsocialdenwlratische Organisation nicht ein- geladen haben. Die Feststellung der Thatsache, datz der bevorstehende Kongrctz rein s o c i a l d e m o k r a t i s ch sein wird, ist von Wichtigkeit für den Fall, datz die Veranstalter wieder die focialdemokratischen Abgeordneten im Reichstage zu Klagen über das„Fernbleiben von Regierungsvertretern auf Arbeiterkongressen" veranlassen sollten. Es liegt auf der Hand, datz die Regierung einen Kongretz nicht für eriist nehmen kann, der schon unter der falschen Vorspiegelung, neutral zu sein, in tendenziöser Weise seine Einladungen erlassen hat, und dessen Material dann notwendigerweise ebenfalls tendenziös sein mutz und lediglich socialdemok ratischen Parteizwecken, nicht aber der Förderung der Arbeiterinteressen dienen kann." Wir stellen fest, datz es in der im„Korrcspondenzblatt der Generalkommission" erlassenen offiziellen Einladung heitzt: „Zugelassen zu dem Kongreh sind alle Vertreter, ohne Rücksicht auf politische oder religiöse Anschauungen oder OrganisationS- Zugehörigkeit, welche sich durch ein Mandat legitimieren können." Die Behauptungen der„Post" find also frei erfunden. Eine Organisation, die dem Kongresse fern bleibt, stellt sich damit selbst ins Hintertreffen in dem Kainpfe gegen die Schäden der Heim- arbeit. Wenn die Regierung den lediglich voft der Abficht der Hintertreibung des Heimarbciterschutzes diktierten Ratschlägen der „Post" folgt, so wird das keine andre Folge haben, als datz jeder- mann ihren guten Willen, die Heimarbeiter zu schützen, be- zweifeln wird. Datz der Kongretz als„socialdemokratische Parteimache" be- zeichnet wird, kann uns im Partci-Jnteresso nur freuen; es wird damit zugegeben, datz der Arbeiterschutz nur von der socialdemo- kratischcn Partei ernstlich betrieben wird. Wir wünschen sehr, daß man durch die That beweise, der Arbeitcrschutz sei nicht nur bei der Socialdemokratie gut aufgehoben; thut man es nicht, so wird da- durch immer weiteren Kreisen des Volkes klar, datz sie sich der Socialdemokratie anschließen müssen, um zu besseren Zuständen zu gelangen._ Der Teufel in der Bierflasche. Eine hiesige Korrespondenz meldet:„Die Schäden des Flaschenbierhandels stellt ein gemeinsamer Erlaß der Minister des Unter- richts, des Innern und fiir Handel und Gewerbe zur Erörterung. Es ist zur Sprache gebracht worden, datz der Flaschenbierhandel und zwar sowohl der von festen Verkaufsstätten aus, wie auch der mittelst Wagen einen verderblichen Umfang angenommen habe und dazu diene, weite Kreis», namentlich der arbeitenden Bevölkerung zur Trunksucht zu verleiten. Es wird hervorgehoben, datz von den Flaschenbicrwagen aus der Bevölkerung das Bier geradezu auf- gedrängt werde; datz man, namentlich in industriellen Bezirken, viel- fach Gelegenheit habe, ganze Familien mit Weib und Kind und den Kostgängern betrunken in den Straßen zu sehen und datz in den Arbeiterhänsern das auf den Tischen ständig herumstehende Flaschen- liier auffalle. Von den Besitzern der Flaschenbicrwagen würden ganz besonders die Lohn- und Abschlagszahlungstage benutzt, um mög- lichst viel Bier zu verlaufen. ES wird als dringend wünschenswert bezeichnet, den Flaschenbierhandel allgemein konzessionspflichtig und von dem Nachweise eines vorhandenen Bedürfnisses abhängig zu machen. Der Hausierhandel mit Flaschenbker ist schon jetzt nach der ReichS-Gcwerbc-Ordnung verboten. Es liegt aber die Vermutung nahe, datz diesen Verbotsbestimmungen zuwider gehandelt wird. Es trifft dies dann immer zu, wenn von dem Wagen einer Brauerei oder eines Bierhändlers aus ein Verkauf ohne vorherige Be- stellung außerhalb des Gemeindebezirkes oder der gewerblichen Riederlasiung stattfindet. Innerhalb des Gemeindebezirkes ist zwar der Verkauf und das Feilbieten von Flaschenbier von Haus zu Haus oder auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder andren öffentlichen Orten gestattet. Es kann aber auch in solchen Fällen der Flaschenbierhandcl auf öffentlichen Wegen:c. oder ohne Bestellung von Haus zu Haus von der Erteilung einer Erlaubnis, allerdings ohne Bedürfnisftage, abhängig gemacht werden. Die Oberpräsidentcn werden deshalb um Aeutzerung darüber ersucht, ob solche Mißstände bestehen, welche Matzregeln zur Bekämpfung derselben schon jetzt ergriffen worden sind und ob die Einführung einer von dem Bedürfnis abhängigen Erlaubnis zweckmäßig und durch- sührbar erscheint." Die Minister scheinen eine Studienreise durch Arbcitcrwohnungcn gemacht zu haben; merkwürdig, datz sie dabei nichts weiter wie die auf den Tischen herumstehenden Bierflaschen bemerkt haben. Es giebt wirklich in Arbeit�rlvohnungen für Minister etwas zu lernen, wobei wir zu allerletzt an die Bekämpfung der Bierflasche denken. Im Ernst: ivir halten diesen Erlaß für Unsinn; will man den Alkoholismus bekämpfen, dann soll man, ganz abgesehen von dem wichtigsten Erfordernis der Hebung der allgemeinen Lebenslage des arbeitenden Volkes, bei den Schnapsbrennern anfangen; durch Bekämpfung des Flaschenbierhandels erreicht man eher das Gegen- teil, nämlich die Verdrängung billigen Bieres durch Schnaps. Das genossenschaftliche Arbeitsverhältnis. Ter im vorigen Jahre in Dresden nach dein großen Kreuznacher Krach mit dem Gcnossenschaftsanwalt Dr. Krüger gegründete Centralverband deutscher Konsumvereine und Produktivgcnossen- schaftcn betrachtet als eine seiner Hauptaufgaben die Regelung des genossenschaftlichen Arbeitsverhältnisses. Und es ist nur zu be- grüßen, wenn in den Arbeitergenossenschaften viel mehr als bisher das sociale Moment in den Vordergrund gestellt wird. Der Konsum- verein kann in dieser Beziehung natürlich nicht alles, aber er vermag bei gutem Willen sicher vieles zu erreichen. Gleich nach Konstituierung des neuen Eentralverbandes trat dessen Leitung mit den Verbänden der Bäcker und Handels-, Transport- und Berkchrsarbeiter auf deren Anregung hin in Verbindung, uni über Schaffung eines geregelten Ar- beitsverhältnisscs der in Genossenschaften beschäftigten Angehörigen dieser Berufe zu unterhandeln. Es wurde dabei zunächst vereinbart, datz die Vorstände der beiden Gewcrkschaftsvcrbände eine Erhebung über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Mitglieder dieser Ver- bände in ganz Teutschland zu veranstalten hatten. Beim Handels-, Transport- und Vcrkchrsarbcitcr-Vcrband ist diese Arbeit noch nicht abgeschlossen, vom Bäcker-Vcrband aber liegt sie bereits längere Zeit fertig vor. Auf Grund dieser.Enquete ist nun von beiden Teilen der den einzelnen Genossenschaften jetzt vorgelegt worden ist. Verwaltungen sollen zunächst bezirksweise zusammentreten und Stellung zu dem Entwurf nehmen. Die organisierten Bäcker wünschen, datz dazu Vertreter ihres Verbandes eingeladen werden. Die wichtigsten Bestimmungen dieses Tariftntwurfs_ sind folgende: A ch t st ü n d i g e Arbeitszeit inklusive einer Etzens- pause von 2(1 Minuten fiir alle kontinuierlichen Betriebe. In solchen Betrieben wöchentlicher Wechsel der Schichten. Für nicht kontinuier liche Betriebe beträgt die M a r i m a l a r b e i t s z e i t neun Stunden täglich und wird durch eine Essenspause von einer oder zweimal einer halben Stunde unterbrochen. Pro Woche sind nur sechs Arbeitsschichten zu leisten. Wird int Betriebe sieben Schichten gearbeitet, so ist jedem Arbeiter in der Woche ein 36 stün digcr Ruhetag zu gewähren. Vom ersten zum zweiten Feiertag am Oster-, Pfingst- und Weihnachtsfest hat der Betrieb vollständig zu ruhe». Sämtliche Löhne gelten als Wochcnlöhnc. Wochen feiertage werden mitbczahlt. Kost und Wohnung haben die Arbeiter außer dem Hause. Das L o h n m i n i m u m beträgt 21 M» pro Woche für Bäcker 1360 M pro Jahr für Back neister.(Als Backmeister gilt in mit Maschinen arbeitenden Betrieben der verantworrliibe Leiter, wenn im Betriebe außer dem Backmeister mindestens drei Bäcker beschäftigt werde», oder in Betrieben ohne Mcffchinen mit mindestens fün' Bäckern, außer dem Backmefftcr.) In kleineren Betrieben beträgt das Lohnminimum für den verantwortlichen Leiter oder Meinarbeiter pro Woche 3 M. mehr als für Bäcker vorgesehen. Für Schi'chtführer in größeren Betrieben(in denen ein Backmeisier die Leitung hat) beträgt das Minimum ebenfalls 3 M. pro Woche mehr als für Bäcker. _ Zu diesem Lohne treten üt 196 namentlich angeführten deutschen Städten, in acht Bezirke eingeteilt. Ortslohn zu schlüge. Als Vorbild dieses Systems hat man sich den Verband deutscher Buchdrucker genommen. Tiefe Zuschläge betragen 3 bis 25 Prozent des Minimallohnes. Wo bisher etwa höherer Lohn gezahlt wurde, darf er natürlich nicht gekürzt werden.— 11 eber stunden sind möglichst zn vermeiden. Wo solche dennoch vorkommen, sind sie mit 36 Pf. pro Mann und Stunte zu vergüten in den Orten mit keinem oder bis zu 5 Proz. Ortszuschlag; mit 33 Pf. in den Orten mit mehr als 5, aber weniger als 13 Proz. LrtSzuschlag; mir 66 Pf. in Orten mit 13 Proz. und mehr Zuschlag. Jedem Beschäftigten sind nach einjähriger Thätigkcit im Betriebe in den Sommermonaten pro Jahr eine Woche Ferien zu gewähren unter Fortzahlung des Lohnes. Bei Bedarf von Arbeitskräften werden diese durch den Arbeitsnachweis des Bäcker-Vcrbandcs am Orte, cvent. durch den Central-ArbeitsnachweiS dieser Organisation bezogen. Auf Wunsch der Verwaltungen von Genossenschaften oder deren Stellvertreter werden von diesen Arbeitsnachweisen gelernte Bäcker unter deren ?Nitgliedern, solvcit diese dem Bäcker-Verbande angehören, bei Arbeitereinstellungen in erster Linie berücksichtigt. Bei Bedarf eines technischen Leiters der Bäckerei einer Genossenschaft hat der Central- Arbeitsnachweis des Bäcker-Verbandes mehrere dazu befähigte Per sonen der Verwaltung des betreffenden Vereins vorzuschlagen, die ihre Bewerbung um den Posten schriftlich bei der Genossenschaft ein- zureichen haben. Aus deren Mitte erwählt die Verwaltung einen Mann für diesen Posten. Jedoch ist es der Verwaltung freigestellt, auch andre als hier vorgeschlagen mit zur Bewerbung um die Stelle heranzuziehen und aus deren Mitte ihre Wahl zu treffen. Aus alle Fälle sollen nur im Deutschen Bäcker-Verbande organisierte Bäcker eingestellt werden. In Bezug auf die Anwendung des§ 616 des Bürger- lichen Gesetzbuches ist bestimmt: Der Lohn wird den Ar- beitern weiter gezahlt, wenn sie durch einen in ihrer Person liegenden Grund ohne ihr Verschulden für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit an der Arbeit verhindert werden. Als„nicht erhebliche Feit' werden nach der Beschästigungsdmier von einem Monat bis zu einem Jahr drei Tage angesehen, bei längerer Beschäftigung eine Woche. Aus den Lohn für diese Tage kann jedoch Krankengeld oder ähnliche aus gesetzlicher Versicherung dem Arbeiter zustehende llntcrstützung in Anrechnung gebracht werden. Ferner werden über technische und sanitäre Ein- r i ch t u n g e n Vorschriften gemacht, cm die der private Unternehmer kaum denkt, wenn ihn die Organisation der Bäcker nicht energisch daran erinnert. Zur Schlichtung von Differenzen soll ein nach bestimmten Grundsätzen zusammengesetztes S ch i e d s- g e r i ch t berufen sein, dessen Urteilsspruch sich alle Beteiligten zu unterwerfen haben. Die Differenzen aus den internen Betriebs- angelegenheiten bleiben der Beilegung zwischen der Verwaltung der Genossenschaft und dem Arbeiterausschutz des Betriebes vorbehalten. Der Tarifvertrag soll am 1. August 1964 in Kraft treten und zunächst auf drei Jahre gelten. Der Lohnskala sind zum Vergleich die durch die Erhebung tu den Privatbetrieben ermittelten Löhne in den einzelnen Städten beigefügt. Daraus ersieht man, datz diese Löhne durchweg niedriger, zum größten Teil ganz erheblich niedriger sind, als wie sie nach dem Tarif in den Bäckereien der Genossenschaften gezahlt werden sollen. Dieser Umstand ist in Ver- bindung mit den übrigen Faktoren(kürzere Arbeitszeit usw.) wohl geeignet, als eine wesentliche Verbesserung der Lage der Bäckerei- arbeiter angesehen zu werden. Findet der Tarif die Zustimmung der Genossenschaften— und das ist natürlich lebhast zu wünschen—, so kann er bis auf weiteres den privaten Unternehmern im Bäckerei- gewerbe wohl als Muster empfohlen loerden. Der neue Centralverband hat damit seine Thätigkeit in einer sehr verständigen und ihn vorteilhaft von dem alten Allgemeinen Verbände unterscheidenden Weise begonnen. In dem Crügerschen Verbände spricht man kaum von Arbeiterangelcgenheitcn, und wenn man es thut, dann in einer Weise, gegen die sich die in Genoffen- schaftcn Angestellten und Beschäftigten mit gutem Grund wehren müssen. Der Centralverband zeigt hier, welcher Art die„social- demokratischen" Konsumvereine sind. Denn nur das ist das Merkmal der sogenannten sociäldemotratischen Genossenschaften, daß sie, den Anschauungen der Socialdemokratie entsprechend. Ar- beiterpolitik für ihre Arbeiter treiben, treiben sollen. Sie können dann aber nur stolz auf diesen Vorwurf seinl Eine für Handlungsgehilfen wichtige Entscheidung hat soeben, wie die in Berlin erscheinende Konfektionszeitung„Der Geschäftsfreund mitteilt, das Landgericht I gefällt. Zwei Verkäuferinnen hatten bei ihrem Engagement einen Schein unterschrieben, in welchem sie für den Fall ihrer Erkrankung im voraus auf ihr Gehalt verzichten. Als sie später erkrankten und infolge dessen entlassen wurden, klagten sie gegen den Geschäftsinhaber auf Zahlung des GehaltS für die ersten sechs Wochen ihrer Krankheit mit der Begründung, daß der von ihnen unter- jschriebene Schein gegen die Vorschrift des§ 63 Abs. 1 des Handels- Gesetzbuches verstoße und desbalb nichtig sei. In erster Instanz wurden beide abgewiesen, weil der betreffende Paragraph lein zwingendes Recht enthalte, d. h. also durch Vereinbarung umgangen werden könne. Das Berliner Landgericht hat aber diese Urteile auf- gehoben und die Geschäftsinhaber endgültig zur Zahlung des Gehaltes verurteilt. Obwohl die Urteilsgründe noch nicht vorliegen, so ergiebt sich doch ans der Entscheidung, datz die Kannner des Landgerichts sich der bereits in den beiden letzten Jahren von zwei andren Kaminern desselben Gerichts sowie mehreren Amtsgerichten geübten Praxis angeschlossen und die Bestimmung des§ 63 Abs. 1 H.-G.-B. für zwingendes Recht erklärt hat. Die Entscheidung ist deshalb be- deutsam, weil der Gcsetzestert hier unklar ist und zu Zweifeln Anlatz giebt, so datz sich z. B. eine Autorität wie Staub im entgegen- gesetzten Sinne ausgesprochen bat. Jedenfalls ist die Entscheidung im Interesse der Handlungsgehilfen zu begrüßen. Die Geschäfts- inhaber werden jetzt in ihren Vertragsformnlaren den für nichtig erklärten Passus wohl beseitigen müssen. Gegen das SubmissionSnnwcscn und die damit verbundenen Aus- lvückise hat die Stadt Fürth i. B. dadurch Stellung genommen, daß sie durch Aufstellung von Lieferungsbedingungen für die städtischen regelte._ Damit ist auch einem Antrag genügt, den vor zwei Jähren die Vereinigung der Fürther Bauhandwerker"an den Magistrat stellte. Wenn durch die neuen Bestimmungen die Forderungen der Arbeiter auch nicht voll befriedigt werden, so ist doch das Erreichte ein wesent- licher Fortschritt. Es ist u. a. bestimmt, datz Arbeiten, die zu jeder Jahreszeit ausgeführt werden können, so frühzeitig auszuschreiben sind, datz sie in der gescbästsflaucn Zeit zur Ausführung kommen und Arbeitslose dabei beschäftigt werden können. Um das Unter- accordantcn-Systcm und die Ausbeutung der Heimarbeit möglichst zu beschränken, sollen die Arbeiten vor allen Dingen nur tm solche Unternehmer vergeben werden, die im stände sind, die Arbeiten im eignen Betriebe auszuführen. Tie Preisdrückcrei soll dadurch verhindert werden, datz man Mindestangebote nicht berücksichtigt, wenn deren Endsummen einen unverhältnismäßig großen Abstand von den Endsummen der übrigen Angebote aufweisen. Tie Stadt wird keinen Voranschlag für die von ihr zu vergebenden Arbeiten aufstellen. sondern es den Bewerbern überlassen, ihre Preise zu berechnen. Aus- geschlossen von der Bewerbung sind alle Unternehmer, in deren Betrieben eine über das übliche Maß hinausgehende Arbeitszeit herrscht. die Löhne zahlen oder Arbeitsbedingungen stellen, die hinter den sonit in dem betreffenden Gewerbezlveig üblichen zurückbleiben; oder auch solche, die sich, wenn in der betreffenden Branche eine Tarifgemcin- schaft besteht, dieser nicht anschließen, oder Gegenstände, deren Her- stellung in der Werkstatt möglich, in Heimarbeit vergeben. Die Stadt wacht selber darüber, datz die eingegangenen Verpflichtungen auch strenge befolgt werden. Besonders Bauunternehmer können jederzeit verpflichtet werden, über die Arbeitsverträge und deren Erfüllung Aufschluß zu geben, die Lohnlisten vorzulegen usw. Wenn eine gegen Arbeiter oder Handwerker vorliegende Verpflichtung von dem Lieferanten nickt erfüllt wird, so bezahlt aus dessen Rechnung die Stadt die schuldigen Beträge unmittelbar an die Gläubiger aus. Um zu verhindern, datz aus Umwegen geringere Arbeitslöbne gezahlt werden, ist die Anordnung getroffen, datz, wenn ein Unternehmer einen minder leistungsfähigen Arbeiter geringer entlohnen will, die Genehmigung des Amtes einzuholen ist. Die focialdemokratischen Mitglieder der Gemeindevertretung stellten den Antrag, datz die städtffchen Lieferanten den Neunstundentag einzuführen hätten, dies wurde jedoch abgelehnt, um„der allgemeinen Entwicklung nicht allzu- weit vorauszueilen"._ Hu9 InduPtrlc und FjandeU Die Große Berliner Straßenbahn und der„Börsen- Courier". Der Einspruch der Grotzen Berliner gegen den Bau der Untergrund- bahnstrecke vom Potsdamer Platz bis zum Spittclmarkt hat der Direktion am Leipziger Platz in letzter Zeit manche bitteren Vor- ivürfe seitens der Presse eingetragen über ihre mangelhafte Be- ftiedigung des Berkehrsbedürfttisies in der inneren Stadt. Solche Vorwürfe sind für die, gegen welche sie sich richten, begreiflicherweise wenig angenehm, und zwar um so weniger, je berechtigter sie sind. Seiteiniger Zeitleidctdeshalb die Verwaltung der Grotzen Berliner unter tiefen Seelenqualcn, die endlich in dem mitleidigen, sensiblen„Börsen- Courier" auf inniges Verständnis gestoßen sind und dieseZWlatt zu einem den edelsten Moitven entsprungenen Rechtfertigungsversuchs des Ver- Haltens der Grotzen Berliner veranlaßt haben.„Wir müssen uns," schreibt der„Börsen-Courier",„s e l b st v e r st ä n d l i ch einer solchen Stellungnahme(zu dein Rechtsstreit der Stadt Berlin mit der Straßenbahn) enthalten, können es uns jedoch andrerseits nicht ver- sagen, die Vorwürfe, welche der Verwaltung der Straßenbahn in der Richtung gemacht werden, datz sie mit ihrem Einspruch das öffentliche Interesse schädige, als r e ch t n a i v zu bezeichnen. Die Grotze Berliner Stratzenbahn-Gesellschaft hat nicht nur das Ver- kehrsbedürfnis Berlins zu beftiedigcn, eine Aufgabe, der sie, wie wohl niemand best reiten wird, in mustergültiger Weise gerecht wird, sondern sie ist auch eine Erwerbsgciellschaft. welche die Interessen ihrer Aktionäre wahrzmtehmen hat. Jusolgedesscu sind die Organe der Gesellschaft, falls dem Unteruchinen eine Beemträchtigung seiner Rentabilität durch ein Konkurrenzunternehmen droht, welches sie durch Ausübung vertraglicher Rechte verhindern zu können glauben, verpflichtet, in dieser Richtung alleS Nötige zu thun; würden sie das materielle Interesse der Gesellschaft irgend welchen öffentlichen oder gemein- nützigen Interessen hiutansetzen, so würden sie pflichtwidrig handeln und sich nicht nur berechtigten Vorwürfen, sondern auch Regrctz- ansprechen aussetzen."_ Die Entwicklung des deutschen Eisen Außenhandels Wöhrend des Jahres 1903. Die Eisenindustrie ist zur wichtigsten der industriellen Welt ge- worden;„King Eotton" hat längst seine einstige ausschlaggebende Rolle im WirtschastSgetriebe verloren, und nicht die Lage der Baumwollindustric. sondern die der Eisenindustrie entscheidet in den heutigen Industriestaaten über den allgemeinen Geschäftsgang, wie man denn auch sowohl die 1966 in Deutschland, als die im vorigen Jahre in der nordamerikanischen Union auSgebrochene Wirtschafts- krise mit Recht als eine„Eisenkrise" bezeichnen kann, wenn auch natürlich die Depression nicht auf das Gebiet der Eisen- und Stahlindustrie beschränkt geblieben ist, sondern von dort alsbald auf andre Gebiete des Wirtschaftslebens über- gegriffen hat. Von diesem Gesichtspunkt aus hat die Entwicklung des deutschen Außenhandels in Eisen Anspruch auf allgemeines Interesse, um so mehr als die deutsche Eisen- und Stahlindustrie für einen außer- ordentlich großen Teil ihrer Produktion auf die Ausfuhr angewiesen ist und jede einigermaßen erhebliche Schwankung des Exports daher auf sie fördernd oder hemmend zurückwirkt. Die starke Zunahme des Exports, mit der das Jahr 1962 geschlossen hatte, fand im ver- gangcncn Jahre zunächst ihre Fortsetzung. Nachdem dann aber im Juni die Wirtschaftslage in den Vereinigten Staaten von Amerika umgeschlagen hatte, trat im August infolge des Rückganges der Exporte nach Amerika in der deuffchen Ausftthr im Vergleich zum Vorjahre eine Abnahme ein, die sich, als bald auch der englische Eisenmarlt abflaute, mehr und mehr teigerte, so datz im Dezember des letzten Jahres die Gesamtausfuhr von Eisen und Eisenwaren aus dem deutschen Zollgebiet nur noch 263 733 Tonnen erreichte gegen 319 374 Tonnen im Dezember 1962. Vergleicht man für die einzelnen Monate der beiden Jahre 1962 und 1963 die Ein- und Ausfuhr sowie den nach Abzug der Ein- von der Aussuhr sich ergebenden AtiSsithriiberschutz. erhält man folgende, die Handelsbewegung deutlich veranschaulichenden Ziffern: 313 898 3 369 667 3 479 999 3 646 683 3 164 161 daraus, datz die Ausfuhr im letzten Jahre Zusammen 268 918 Es ergiebt sich daraus, oag die Ausfuhr nn immerhin etwas höher war als in 1992; sie betrug 3 479 999 gegen 3 369 007 Tonnen und der Ausfuhrüberschuß 3164161 gegen 3 016 683 Tonnen; aber diese geringe Steigerung enffällt lediglich ____________ auf die erste Hälfte des letzten Jahres und bleibt hinter der Export» Ärbeitcii das Verhältnis zwischen der Stadt und ihren Lieferanten l zunähme im Jahre 1962 weit zurück; denn in 1661 betrug die Aus« fuljt an Eisen und Eisenwaren nur 2347211 Tonnen und der Aus- suhrüberschuß 1 946 229 Tonnen. Es ergiebt sich also für 19V2 eine Steigerung der Ausfuhr um 41 Proz., für 1993 nur um ö Proz. Etwas günstiger stellt sich die Haudelsentwicklung, wenn man statt der Menge(der TonneuMhl) den Wert in Betracht zieht, da bekanntlich im letzten Jahre die Preise für Eisenprodukte sich von ihrem Fall in 1902 wieder zu erholen begonnen haben: 1903 1902 1901 Ausfuhr.... 628,23 603,38 317.26 Millionen Mark Einfuhr..... 57,22 51,83 66,36 Ausfuhr- Ueberschust 601,03 331.33 450,70 Millionen Mark Doch noch in andrer Hinsicht ist die Eisenausfuhr-Statistik der letzten Jahre interessant, insofern nämlich, als sie bc- stätigt, daß die Wirkung der von den Roheisen-Syndikaten und dem Halbzeug-Verband befolgten Preispolitik darauf hinausläuft, den Export von eisernen Roh- und Halb- Materialien auf Kosten der Ausfuhr stählerner Fertigwaren zu be- günstigen. Während in den Jahren von 1901/1903 die Ausfuhr von Roheisen, Luppen, Schienen usw. vielfach um das Zwei- und Drei- fache gestiegen ist, hat die Ausfuhr besserer Fertigwaren nur wenig zugenommen, wie nachfolgende Zusammenstellung beweist: Vom Kohlenmarkt. Trotz des dem Kohlenabsatz günstigen kalten Wetters hat sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Monats auf dem rheinisch-westfälischcn Markt eine Abschwachung bemerkbar ge- macht, die allerdings nur zum kleineren Teil auf Absatzmangel, zum größeren Teil aber auf die mißlichen Wasserverhältnisse des Rheins zurückzuführen ist. Die Folge war, daß bereits auf verschiedenen Gruben gegen Ende vorigen Monats Feierschichten eingelegt wurden, Auch dem oberschlesischen Kohlenmarkt brachte die letzte Woche, wie die „Breslauer Morgenztg." berichtet, eine weitere Abschwächung, und die Zahl der Feierschichten mußte notgedrungen weiter vermehrt werden, weil es vielen Gruben bei den fast in allen Sorten mangelnden Bestellungen nicht möglich war, einen großen Teil der Förderung zu stürzen. Die Abladungen sind demzufolge beinahe von Tag zu Tag zurückgegangen und abgesehen vom 27. Januar— Kaisers Geburts- tag— an deiß die fiskalischen Gruben vollständig feierten— haben sich die Verfrachtungen bis auf 3000 Waggons ermäßigt. Wenn man berücksichtigt, daß in der vergangenen Zeit bei einer Verladeziffer von 7000 Waggons pro Fördertag noch nicht einmal ganz die Leistungsfähigkeit der Gruben ausgenutzt werden konnte, bedarf es keiner besonderer Beleuchtung, daß der Geschäftsgang der Gruben bei weite»» nicht beftiedigen kann. Beschäftigungsgrad im Tcxtilgcwcrde. Von Verschiedeiren Brairchen des Textilgewerbcs ist die Woll- Industrie augenblicklich ain gleichniäßigstcn beschäftigt. Die Auf- träge nehinen in erfreulicher Weise zu. in manchen Bezirken herrscht sogar empfindlicher Arbeitermangel. So giebt es in Gera-Greiz in Damenstoffen und Artikeln für Konfirmationszwecke zur Zeit so viel zu thun, daß fast in jeder Weberei Arbeiter enrgestellt werden könnten, falls passendes Angebot vorhanden wäre. Auch in den ineisten Betrieben der Tuchfabrikation wie in Forst und Aachen ist der Beschäftigungsgrad befriedigend. Ganz anders sieht es dagegen in der Baumwolliirdustrie aus, wo die wilden Preisbewegungen auf dem Rohstofstnarkt Unruhe und geschäftliche Uirlust hervorrufen. Wenn man auch den extrem hohen Preisstand, den Rohbaumwolle jetzt einnimmt, als vorübergehend belrachten muß, so stört doch jede Preisausschreitung auf den Rohstoffmärkten sämtliche weiter verarbeitenden Industriezweige. Immerhin vermögen die deulschen Baumwollindustriellen ihren Betrieb noch voll aufrecht zu erhalten, während die Konkurrenz im Auslände sich zu immer weiteren Erzeugungseinschränkungen ver- anlaßt sieht. Im Seidengcwerbe befriedigt die Geschäftslage ebenfalls wenig. Die Erwartungen, die man zu Beginn des Jahres hegte, haben sich bis jetzt nicht erfüllt. Namentlich merkt man noch wenig von einem Umschlvling der Mode, die angeblich wieder mehr Vorliebe für Seidenstoffe zeigen sollte. Auch bleiben die großen Aufträge vom Auslände, in erster Linie aus den Vereinigten Staaten, aus. Eontinentale Gesellschaft für elektrische Nnternehmnngen. Das für die Hamburger Stadt- und Vorortsbahn ursprünglich geplante Schwebcbahnsystcm der Continentalen Gesellschaft für elektrische Unternehmungen ist in der gestrigen Hamburger Bürgerschaftssitzung mit 90 gegen 41 Stimmen definitiv zu Gunsten der Straßenbahn abgelehnt worden. AuS der amerikanische» Eisenindustrie. Die Roheisenproduktion der Vereinigten Staaten von Amerika ist im Dezember wieder mlf einen Stand zurückgefallen, der den Zeiten vor der letzten ProsperitätS- Periode angehört. Es wurden nur 852 493 Tonnen Roheisen erzeugt, wenig mehr als die Hälfte der Produktion im Mai und im Juni. Seit Beginn des neuen Jahres sind zwar verschiedene Hochöfen wieder angeblasen worden; aber wenn bereits von einem Ansatz zu neuem Aufschwuilg berichtet wird, so ist das nichts als echter Jankee- schwindel._ Marktpreise von Berlin am 1. Februar 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. ' Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch, Schweinefleisch„ Kalbfleisch .Hammelfleisch Butter Eier- Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse ab Bahn, f frei Wagen und ab Bahu. 60 Stück 1 kg per Schock 7.00 1,80 1.40 1,00 1,80 1.80 2,00 3,00 2,40 2.80 3,00 2,40 1,80 3,00 1,40 15,00 3,60 1,20 1,10 1.00 1,20 I.tN 2,00 3,00 t,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 WitterungSüberstcht vom 2. Februar 1004, morgens 8 Uhr. Stationen 8 S Swinemde. 759 OSO Hamburg 1 736 DSD Berlin 758! SO Franks.a.M. 731! SO München 754 O Wien 758!SD Detter vis- w& 3 bedeckt 4 bedeckt 3 bedeckt 2wolkci»l 3 Nebel 2 Nebel Slattonen S 3 i f -s — 1 -3 1 —3 q Haparanda Petersburg Cork Swerdeen Paris 766 3SSW 769 NW 737 NO 7471-3 Weiter 2 bedeckt 1-bedeckt übedeckt 3Regen v»« c S« g wjß -S Weitrr-Proguose für Mittwoch, den 3. Februar 1004. Zeitweise heiter, nachts etwas strengerer, am Tage gelinder Frost bei ziemlich frischen östlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetlerbureau Uummer müssen bis 3|U|f nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Größere Inserate bitten wir vorher anzumelden und bis 4 Uhr nachmittags einzusenden. � Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Theater. Ritt lo och, 3, Februar. Ansang l'l, Uhr: Neues Königl. Opern« Theater. Feuersnot. Jaoottc. Schauspielhaus. Wann wir altern. Die Romantischen. Deutsches. Rose Bernd. Berliner. Mt-Heidelberg. Lesstng. Zapsentweich. »tieften. Die schöne Helena. NeueS. Minna von Barnhclm. Residenz. Die Empfehlung. Der kcusche Casimir. Ventral. TaS Schwalbennest. Thalia. Jsadora Duncan. Belle> Mliancc. Der Hochtourist. Ausang 8 Uhr: Schiller O. Theater. Enthauptung. L-pcciaiitäten. Ansang 5 Ubr. Apollo. FrühlingSlust. Blüten- Hochzeit. Specialitätcn. Winter-Garten. Oläo ds M6rode. Specialitätcn. Urania. Taubcnftrafte 48/10. Um 8 Uhr: Der Erdball als Träger des Lebens. Nachm. 4 Uhr: An den Seen Oberllalicns. Jnvaltdenstrafte 87/02. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 bis II Uhr. km Theater. Schiffbaucrdamm 4a— 5. Minna von Barnhelm. Ansang VL Ubr. Donnerstag: Salome. Der Kammersänger__ Central-Theater. Täglich 7>/, Uhr: Das Schwalbennest. Operette in 3 Akten v. M. Ordonncau. Musik von Henry Herblaq. Sonnabcndnachmittag 4 Mr. halbe Preise. Aedcr Erwachiene ein Kind mit einem Exiraplatz srci: Der gestiefelte Kater. Ab:?>/, Uhr: Das Sodnalhennes«. Urisen-Theater. Abends 8 Uhr: Opern-©ajlspicl des Theaters dck Westens: Der freilchütt. Donnerstag: Othello. Freilag: Eastipicl Christians, Benefiz Stauffcn, zum erstenmal: Die goldene Eva. Sonnabend: Die goldene Eva. Urania. Taubenstr. 48/49. Dm 8 Uhr im Theater; Der Erdball als Träger des Lebens , Um 4 Uhr(kleine Preise): An den Seen Oberitaliens Sternwarte C AST ANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Ein Naturwunder: Die bildschönen iS£ Herkules- Brüder Der Indlaner-Rie.e nianko Karo». Rkfidkliz-Thkatkr Direktion S.?ailtenburg. Abends 7>/z Uhr: Die Empfehlung, iri illbendS 8 Uhr: Metropol-Theater VMM MM»! Burleske Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz in 4 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Holländer. In Scene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Im 4. Bilde: JT" Orosscn Ballett Wie damals im Monat Mai. Anfang 8 Uhr. Hänchen überall gestattet. Kleines Theater, Unter den Linden 44. tr- Morgen Oeiitsch-i Heute: �um 161. Male: Ansang 8 Uhr. Nachtasyl. wckSWw Theater. Köpniokorstrasse 67. Anfang 8 Uhr. Ende 10 Uhr 30 Min. GASTSPIEL Ad. Philipp. Debem grossen TEICH. Direktion: Robert Dill. Brunnenstrasse 10. Heute wegen Privatfestlichkeit geschlossen, qg Donnerstag: Extra-Elite-Vorstellung: Ein gemachter Mann. Ttistto-Theater. Belle- Alliance-Theater. Amt VI 283, Ans. 7-/z Uhr. Dresdencrstr. 72/73. Amt IV 4440. Bellc-Zlllianccstr. 7/8. Ans. 7'/, lllr. Direktion lean Kren und Alfred Schönfeld. Hei tc abend 8 Uhr Gastspiel: isadora Duncan. Donnerstag und folg. Tage 7>/. Ubr: Giiido Thleiseber als Uoehtouni Heute abend 7,/2 Uhr Guido Thielseber als'Mtourist Donnerstag zum erstenmal: Götterweiber. Clrkus Schumann. S" Nur kurzes Gastspiel.-MS Einzig und allein dastehendes Natnv wunder der Jetztzeit. Chimpanse-Consul. Der __ Die gröftte Sehenswürdigkeit, Außerdem: BBT" Riegen-Programm. Phänomenale Uwendressur 28 Löwen sÄ R£& BS F I C-rosse AiiNstattungH- GS M BS E, La Pantomime. I i», Wandcmns durch 8.lahrtanscnde. Apollo-Theater. 8 Uhr: Frühlingsluft 'Baue6« Blütonhochzelt. Xene Specialitttten-Debüts Miss L ronin. X X 3 ioscarys. Robert Steidl. Martin Kettner mit ihren neuesten Solo-Schlagern. Quartett Legay. X X 3 Zagas. Kosmograph. AM- Anfang 8 Uhr.-MF Sonntagnachm. 3 Uhr kleine Preise: liyslstrata. Casino-Theater. Lothringersw. 37. Ans. 8, Sonnt. 7'/,. Das neue Februar-Programm. Prledrleh Vnlvanus:c, Neu! Badekuren. Wie einst im Mai. Somrtagnachm. 4 Uhr: Der»erlauschte Sohn. Passage-Theater. Anfang Sonnt. 3, Wochentags 5 Uhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. TTä TT« cker mysteriöse I O I Oj Musiker, vorgeführt von Frl. Liucic. Fred Edlawi, d. besteVerwandlungskünstler, schneller als der Blitz. Eva Haller, SSSS&. Willy Prägen prolongiert. 14 neue erstklassige Nummern. Carl Weiss-Thealer. Grosse Frankfurter Strafte 138. AbschicdS-VorstelltMg des Oberbayrischen Bauern-Thealers. Die Leni von Oberammergau. Volksstück in 4 Akten v. Chr. Flüggen. fttf Anfang 8 Ubr.-Mk Morgen: Wiedcraiistreten des gc- samten Carl Weitz-Theater-Pcrsonals. Zum erstenmal: Der Alto kommt. dehrttder Herrnfeld- A? Theater. Die anerkannt erfolgreichste Novität Kur eine Stacht! 2 Akte aus einer Ehe. Komödie von A. und D. Herrnfeld mit den Prachtsigurcn V/II Ii Waldheim... Denat Herrnfeld. Tuschek....... Anton Herrnfeld. Dambitsch...... Ferd. Grünecker. Ferner: Das neue Februar- Klinatler-Programm. Lyrico• Quartett, Italienisches Opern- Ensembie. S Schwestern Longonells in ihren Orig.-Gcsängcn u. Tänzen. Harka Freya.— Hilda Stadthagen. licn! Wen! ' Sendix' «is„Ifionna Vanna". Vorverkauf 11—2 Uhr. Palast-Theater Vurgstrafte 28, früher Feen-Palast. Heute und solaende Tage 8'/, Uhr: Das Willionenmädel. Vorher Konzert und das großartige Februar-Programm. Miss Philöphldia, die Schlaiigenkönigin. Leo RaffaBls, Duo-Landschaftsmaler. Signora Ernest» mit ihrem inysteriöscn Elefanten. Mr. D. Jfirgensen, Mimiker. Freitagabend 8 Uhr: Utf Elite-Vorstellung(BQ Heboralt. Schauspiel in 4 Allen von Mosenthak. Ansang 8 Uhr. Entree 50 Ps. Kotibuscr Thor— Stak der Hochbahn. Heute zum erstenmal: Ein Mann aus dem Volke. Volksst. i. 5 Akt. v. SikefiuS. Verfasser vom.Roland von Berlin" usw. Sonntag, Montag, Donnerstag: Hoftmanns Nerdd. Sänger imd Tanz, Wochent. VorzugSk, gültig. Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstratze 58. Mittwoch, den 3. Februar 1904: Mutterliebe. Original- Volksstück mit Gesang in 4 Akten von J. Willbrand. Ansang 8 Uhr. Nach der Vorstellung: Orosser Ball. Trianon-Theater. Georgenstraße, zwischen Friedrich- und Universitätsstraße. Madame K. Anfang 8 Uhr. Sonntagnachmittag:„lliscetto." Steidl-x�Theater 2 Linien- NS&r Oranien- strasse 132 burger Thor. Riesenerfolg k-Mg pnsi tkttrk Naterhalls. Dramoiel von Fritz Steidl. BoUftändi�teuc�Progra� stehel�IIeilei-Theales sr. Pudlrnann, Schönhauser Allee 148. Inhabers VVIIbcIi» Fröbel. HartogtrSlier Extra-Familien-Programm. Nach der Vorstellung: Frei-Tanz. Ansang 8 Uhr. Eintritt 30 Ps. IX. Berliner Saison.—» Clrkus Busch. Zum 43. Male: Aus den Älpeu. Bemerkenswert: Des Wilderers Schuld und Sühne. Der HutomobUsturz. Mr. Richard Sawnde mit seiner berühmten Tiger-. Löwen- u. Bären-Dressur. Die berühmten Zebra- Dressuren des Herrn Schumann, ES wird besonders daraus aus- merksam gemacht, daß diese Dressur die größte.n Schwierigkellen bietet- und in dieser Vollkommenheit noch niemals gezeigt wurde. Möns, itataa aus Pari«: Offene Schleife 8 Meter Sprung, Herr Burkhardt-Feettit aufReaPo- Illano Soja, echt Lippizaner Hengst von Neapolitana- Trompet» a. b. Soja v. Pluto. Mlle. de Holstein, Schulreiterin. RoIvIr« hallen Stettiner Sänger. EtabUkmnt Kuggetthltgtil Rorltxplatz. Fm Kaiferfaal: Künstler- Ensemble ordsterne" unter Leitung i>. Herrn studell Schauss. Kaffcncröfin. 5 Uhr, Ansang°/,7 Uhr. Entrec 50 Ps. Nach der Vorstellung; Tanzkränzchen. In den unteren Sälen: Görisch-Konzert und Bockbiersest. Xönigstaüi-XsLino Holzmarttjw. 72. Ecke Alexanderstraße, Täglich: Pranze»obanskl. Die neuen Specialitäten mit Bedvrckx Bitrlnx.-Mjg flu N-lMe. Nach der Borstellung: Mittwochs, Sonnabends u. Sonntags: lams. Treues Programm: „Pas des Deux" getanzt von Sign. Fiorentim u. Sgr. Cerutti. Kaufmann-Truppe Weibl.Eadfahrer. Slsters Moulier Reoktumerinnen. Brothers Damm Exentric Akrobaten. Paul Batty Dressierte Bären. 0' Neil und Torp Excentrics. Sängerin vom k. k. priv. Theater a. d. Wien. Semardi In einer Komödie mit 9 Personen v. Bernardi allein dargestellt. Georg Hartmann Zauberkünstler. Athlela 4 Brada Kraftproduktion. AV" C16o de RArode Biograph._ Zur ff rolic t empf. gegin Naainahm, od. vorh. ttasfa! Fritz Lammr»faI,r.K«iti». Sotiiigen. Statzlwarentabrik und Bertond. Viamantstaht-Raftrinesser M. II—, desgl. Sllbtrswhl M 2.— mit LtuL Streichriemen mit P-ftaM I.Zil.Pinstt u. N.rpt» o.zo. Seife 0 25. Abzi-tzslein M 2 50. ftompl Rasir» garniiur in seinem «iui M. 8.—. Katalog mit über 5000 dsegenstänben, wie: Mefler. Schee- ren. Sensen, Watten, Leder», Sotd, u. Silberwaren. erhält jeder fre«. um- sonst. Bitte*» verlangen Für wieder- Verkäufer best« Bezugsguelle. mmma Nochd-mk verboten, tmmmmi Neuespltr;kllierttugsterrltttt! 8'/. Mellen v. Centrum Berlins. 59larb pro □Rute!! Straßenland gratis, feinster Garteiibodeu, herrliche, gesunde Lage, verk. Schuir, Rixdors, Lenaustr. 12, Burkhardt, Ober- Schöneweide, Siemenssw. 9.* Berliner lllk-Trio. Felix Scheuer U Strsliubntk.L Aehk r.gl Trauen! Manner! M i t t lv o ch, den 3. Februar, abends 8 Uhr, bei Naabe, Kolbcrgerstrafte S3: Volks s Versammlung:. Toget-Orduung: i. Bildung und Proletariat, ncfmnt eMtv. Gc.,°!s- Hugo Heioianii. L. Diskussion� 1(2 Um recht zahlreichen Besuch bittet_ Acht»..»? Weissensee. Mittwoch, den 3. Februar, abends 8'/z Uhr: Kolks- Kersammlnng in Meifsenlee im Prälaten, Lehderstr. 122. Tages-Ordnung:»Nnsre Waffen im Befreiungskampf« des Proletariats". Rcscrcnt: ReichstagS-Mgeordncter v. Elm. Dis- luffion. 105/12 Um zaUrcichen Besuch bittet Einb«»i>i»r?,i». g Zweigverein Berlin. «1er Zlanrer. An dieser Stelle machen wir unsre Mitglieder nochmals darauf anfiilerksam, das! hente abend 136/14 Drei ffiitgllcder- Versammlungen stattfinden. Für die Bezirke Schönebcrg. Westen und Siid�Weftcn ist die Versammlung bei Oossmaiin, Kreuzbergstraste 48. Genosse C�'ÖlKtfd �bCfllftClII spricht über: Vis Ttatur üsr moSsrnsn Wirtschaft. Für die Bezirke Norden l und II, Rord-vftcn und Lrauien- burger Vorstadt ivird die Versammlung bei IlesavI, Invaliden- strafte 1, abgehalten. Genosse spricht über: Unfallversicherung:. Für die Bezirke Aloabit und Wedding sindet die Versammlung ictallarbcitcr tugusl Salomon. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Februar, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des Krcuz-Kirchhoscs in Maricnbois aus statt. Recht zahlreiche Beteiligung er« wartet 236/1 Der Vorstand. der Ceylon- maizkarre» u. KarTce Surr.gatrabrlk ROhrsdorf-Chemnit.. Vertretung und Engros-Lager bei E. Rorgnmhn. Berlin. rornsprool.iT IX 7054 Parisorstr.2. Dr. Schünemann Specialarzt für Haut-, Harn- nub F-raiienIeideu,«evdelslr. v. •/il»-'/,3,'/j«—'/.»,«oimt.O-ll 'Allen Freunden tnib Bekannten die traungc Nachricht, dag mein lieber Ätzann und guter Vater, der Metallschleiser August Salomon nach langen schweren Leiden am Montag, den t. Februar, im 52. Lebensjahre verschieden ist. Die Beerdigung findet am Donncrötag, den 4. d. Ätzts., nach- mittags i'l, Uhr, von der Leichen- halle des Heilig Ureuz-Kirchboses in Marirndors aus statt. 15015 vis trauernden itinterbiiebenen. I>anksagnng. Hiermit sage ich dem Personal der Firma E. Körnen und dem Herrn Struikmann für die herzliche Kranz- ipcnde bei der Beerdigung meiner lieben Frau Auguste Havelnschke mcmen innigsten Dank. 1494b Paul Habeluschke nebst Kindern. Brauerei Germania Akt.-Ges. Berlin 0. Frankfurter Allee 53. VII 2645. Ausschank in 60 eignen Geschäften. Bock-Bier -'/.o 1 Flasche 10 Pf. Liter 10 Pf.——— 0. .Humorist Rudolf sttzciiicu, Zious'- kirchftraße 41. 14766 Stellenangebote. Stewpelsetier suchlSchultze.Ritter-- f trage 49.__ 14566* Einen Einpacker verlangen Biber u. Bermann, Stcandcrstraße 4. 1500b Difchler auf Pateilt-Gelenk-F- Zusammenstellen sucht Michaelkirch-Waße 28. Otto rcn er, 1479b Wcrtmctster von oller Karion- fabrik gesucht, erfahren Im Kallnlattons- und Lohnwesen. Osscrtcn Postamt Blumeiistraßc unter A. B.__ 14836 Rockarte itcrtuue«. K ostüm- arbeilerinnen, Iackettarbeitcrinnen, Lehrmamsell« verlangt Apel, Reichen- bergcrittaße 110. 1502b Weftennäheriuneu verlangt E. Rintcl«, straße 34. auf 7— 12 Alexander- 1486b Kuabeublusen-Arbeitcrrn»ertangt in, außcrm Hause Meyer, Tunckcr- straße l6.(-67 Letbchcnhoie», Arbeiterin verlangt Dunckerstraßc 16, I. HR Zeitungsfrau �. verlangt Fränzösiichcstraßc 1/3._ Mamsells auf sofort 14626* genre) verlangt str'" Aackets Crohn, (Mtttel. „ W._____ Thaer» rraße 21._ f4"* Geübte Paginiererinnen verlangen Riefciislahl, Zumpe u. Co, Holzmarlt- straße 67. 2067K« Im ArbritSmarkt durch besonderen Druck hcrvorgehobeu« Anzeige» koste« 40 Pf. pro Zeil«. Wir haben verschieden«'« umfang« rricheFassadenputzarbeitcn zu vergeben. Tüchtige 455b putTmeister, welche schon bessere Fassadcn-?lu«» sühruugen gemacht haben, wollen sich zur Abgabe von Preisen und Rück- Ivrachc über cvcnl. Ucbcrnahme der Arbeit melden bei Held& Francke, Oranicuslr. 101/102. Tüchtige selbständige Ehudd- schlost- und Geldschrankbauer werde« dauernd eingestellt. 131/10„Tresor«. Prenzlauer Allee 34. Gesucht per sofort oder später ein durchaus tüchtiger Monteur für Juwelen: solcher, der fassen kann. bevorzugt. 145/13 H. Allerdinff. Juwelier, ___ Hamburg, MlchaeliSftr. 18. 1 Sl|llfffr|fffllfH,Äbm mod. Gitter und für größ. Arbeiten sucht bei Vergütung der Reisekosten und gutem Verdienst 14986 H. Kluse, Sorau 91.-8. Achws.ztoilllirbeittr! Der Zuzug für Slockarbeiter aller Branchen ist streng fern» zuhalten bei SchmiUtna A Barta, Thürlngcrftr. 18. 68/9 Die Ortsvcrwaltnng» Verantw. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin. Für den Inseratenteil vcrantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, 2. Kri>»gt In„Wmjirts" Ifilinrt Iclliiililiilt.«»u»...im Berliner partei-Hnc$elec{enbeiten. Eine Volksversammlung findet am Mittwoch bei Aalic, Kolberger- straße LS statt, in der Stadtverordneter Genosse Hugo Heimann einen Bortrag über„Bildung n»d Proletariat" halten wird. Da dieses Thema besonders für die Frauen sehr interessant ist, so ersucht um recht lebhafte Agitation für den Besuch dieser Versammlung Die BertrauenSperson. Fünfter Wahlkreis. Der Wahlverein hält heute Mittwochabend Uhr seine Generalversammlung bei Leydecker, Sophienstr. 34, ab. Auf der Tagesordnung stehen Berichte und die Wahl aller Funktionäre. Auf pünktliches und zahlreiches Erscheinen rechnet der Vorstand. Mitgliedsbuch legitimiert. Potsdam. Der Wahlvercin hält Donnerstagabend 8l/3 Uhr eine Versammlung bei Ladenthin ab. Tagesordnung: Die Beschlüsse der letzten Stadtverordneten-Sitzung. Verschiedenes. lokales. Berlins Bezichungeu zu seinen Nachbarorten. Kriegen wir noch'mal ein Groß-Berlin? Die Negierutrg hat kaum einen Zweifel darüber gelassen, daß sie für solche Pläne heute nicht mehr zu haben ist. Indes die Hoffnung, dafi schließlich doch noch die Eingemeindung der nächsten Vororte in das Berliner Stadtgebiet durchgesetzt werden wird, will nicht sterben. Besonders in der letzten Zeit ist diese Frage wieder lebhafter erörtert worden. Das ist auch begreiflich; denn die Zustände, die sich daraus ergeben, daß Berlin von einer großen Zahl selbständiger Gemeinwesen umringt ist, werden je länger desto ungemütlicher. Tie Verwaltungsschwicrigkeiten, die solche Enge der Nachbarschaft mit sich bringt, tvären zur Not noch zu ertragen. Aber seitdem die wohlhabende Bevölkerung Berlins immer mehr in die westlichen Vororte zieht, weil dort z« wohnen angenehmer ist und als nobler gilt, ist den städtischen Behörden doch recht bange geworden. Betrübt blickt der Berliner Magistrat seine» besten Steuerzahlern nach, die Charlottenburg, Wilmersdorf, Schönebcrg mit offenen Armen auf- nimmt. Wie schön wäre daS jetzt, wenn man vor zehn Jahren die Gelegenheit, durch Eingeineindung ein Groß-Verlin zu schaffen, nicht so kurzsichtig verpaßt hätte. Wie die Verhältnisse im Augenblick liegen, welche Umstände für und welche etwa dagegen sprechen, in der einen oder der andren Form noch heute ein Groß-Berlin zu schaffen, darüber hat der Berliner M a g i st r a t durch den Magistratsrat Hamburger eine Denk- schrift verfassen lassen, die soeben unter dem Titel.Die Be- Ziehungen zwischen Berlin und seinen Nachbarorten"(Berlin, Druck von W. u. S. Löwenthal) zur Ausgabe gelangt ist. Sie will nur Material zur Beurteilung der Eingemeindungsfrage darbieten. Eigentlich Neues ist in ihr nicht enthalten, aber sie giebt das aus den verschiedensten Verwaltungen zusammengetragene Material so vollständig und in so übersichtlicher Darstellung, daß sie wesentlich zur Klärung bei- tragen wird. Die Denkschrift fällt nicht selber ein Urteil, doch spricht aus jeder Zeile der Wunsch:„Gebt uns ein Groß-Berlin Ob die Regierung sich erweichen lassen wird? Die im Eingang der Denk- schrift gebotene geschichtliche Darstellung der Eingemeindungs- bestrebimgen kann in dieser Hinsicht keine weitgehenden Erwartungen rege machen. Erst neuerdings hat aus Anlaß der Verhandlungen über eine Eingemeindung Lichtenberg? die Regierung erklärt, sie wolle die Vororte zu großen und leistungsfähigen Gemeinwesen vereinigen und so Berlin mit einem Kreis von Städten umgeben. Berlin hat die letzte größere Eingemeindung 186t gehabt. Später sind dem Stadtgebiet nur noch kleine Stücke angegliedert worden, die kaum in Betracht kommen können. Nach 1870 haben fast alle größeren Städte Deutschlands umfangreiche Ein- genieindungen vorgenommen. Nur Berlin blieb stehen, so daß es heute schon lange nicht mehr daS größte Weichbild hat. Ist etwa in Berlin das Bedürfnis einer erneuten Eingemeindung und nochmaligen Weichbilderweiterung weniger dringend empfunden worden? Die Denkschrift weist hierzu auf die vielgestaltigen Wechsel- beziehungen hin, die zwischen Berlin und den Vororten bestehen und ähnlich schon seit einer langen Reihe von Jahren bestanden haben. Sie zeigt, wie die Vororte stärker als Berlin an Bevölkerung und an Steuerkraft zugenommen haben; wie sie allmählich mit Berlin, das für sie ein Kulturcentrum ist, zu einer lvirtschaftlichen Einheit verwachsen sind, ohne daß dieser Zustand auch politisch verwirklicht worden ist. Immer mehr sind die Vororte Wohnsitz für eine Be- völkcrmig geworden, die großen- oder größtenteils in Berlin er- werbthätig ist. Die Interessengemeinschaft, die zwischen Berlin und den Nachbargemeinden sich herausgebildet hat, kommt unter anderm darin zum Ausdruck, daß nicht nur viele öffent- liche Einrichtungen, sondern auch die Organisation staatlicher Behörden längst nicht mehr sich den Grenzen Berlins an- passen, sondern auf das Gebiet der Vororte hinübergreifen. Die Denkschrift weist das nach an dem VerkehrStvesen, an der Versorgung mit Wasser. Licht und Kraft, am Polizeiwesen, an den postalischen Beziehungen zwischen Berlin und seinen Nachbarorten, an der neuen Gerichtsorganisation für Berlin und Umgegend usw. Unter den zahlreichen Tabellen, die der Denkschrift beigegeben sind,.steht an letzter Stelle diejenige, die den städttschen Behörden die wichtigste ist: eine Gruppierung der nach Verlin zugezogenen bezw. von Berlin weggezogenen Bevölkerung nach Steucrstufen. Sie ergiebt, daß die zuziehende Bevölkerung überwiegend aus den unteren, die wegziehende überwiegend aus den oberen Steuerklassen sich zusammensetzt.„Man wird", so schließt die Denkschrift,„sich vor der Wahrnehmung nicht verschließen können, daß dieses Ergebnis einen warnenden Hinweis auf die zukünftige Entwicklung der Steuerkraft und die Zusammensetzung der Berliner Bevölkerung enthält." Bei dem Ausdruck„Zusammensetzung der Berliner Bevölkerung" wird offenbar nicht nur an ihre Steuerkraft gedacht, sondern auch an ihre wirtschaftliche Lage,. ihre Lebenshaltung, ihr sociales Niveau und die sich daraus ergebende Stellungnahme in politischer Hinsicht. Als vor zehn Jahren die Frage des Groß-Berlin erörtert wurde, fürchtete man, daß bei der Eingemeindung der ärmeren Vororte zu viele Social- demokraten nach Berlin mithincinkommen könnten. Heute scheint man der Ansicht zu sein, daß ohne die Eingemeindung der wohl- habenderen Vororte Berlin schließlich nur noch Socialdemolraten behalten wird. So ändern sich die Zeiten I Da? voreheliche Kind. Von den außerehelich geborenen Kindern sind viele nicht als uneheliche im strengen Sinne des Worte?, sondern nur als vorehe- liche zu bezeichnen. Sie wurden gezeugt und geboren, che die Eltern die Möglichkeit hatten, einander zu heiraten. Aber die Absicht der Heirat bestand, und sie wird nachträglich auch ausgeführt, sobald Mittel und Umstände es gestatten. In der Arbcitcrbcvölkernng ist diese Form der Eheschließung nichts Ungewöhnliches, und auf dem Lande ist sie nicht etwa ivenigcr als in den großen Städten verbreitet. Den besonderen Sittenvorschriften der»besseren" Kreise entspricht sie allerdings nicht. In dieser Gesellschasts- schicht gebietet die„StandeSehre" dem Mann, das von ihm geschwängerte Mädchen nicht zu heiraten, sondern mit dem Kind sitzen zu lassen. Den Eltern eines vorehelich geboreneu Kindes bietet die nach- folgende Eheschließung die Möglichkeit, ihr Kind von dem Brandmal zu befreien, das die Gesellschaft lieblos urteilend und vorurteilend ihm aufdrückt. Sie hoffen das wenigstens; denn das Kind wird durch den Vater legitimiert, bekommt den Namen des Baters und unterscheidet sich dann in nichts mehr von den ehelich geborenen Kindern. Ja, wenn's nur wahr Iväre! Aber nach Jahren erst machen die Eltern die Entdeckung, daß die Spuren der vorehelichen Geburt ihres Kindes unverwischt fortbestehen. So oft ihr Sohn, ihre Tochter eine Geburtsurkunde braucht, setzt sich der Standesbeamte hin, nimmt das GebiirtSregister vor, fertigt eine wörtliche Abschrist deS betreffenden Blattes an und bestätigt darin dem vorehelich zur Welt gebrachten Sprößling, daß er von der un- verehelichten R. N. geboren worden ist. Die Einschulmig be- zeichnet den ersten Abschnitt des Leidensweges,' den die ichmerzlich überraschten Eltern nun zu gehen haben. DaS Kind selber erhält erst Aufklärung, wenn cS älter wird, vielleicht schon beim Verlassen der Schule, wenn es sich einem. Beruf zuwendet, mindestens aber dann, wenn es beim Militär eintritt oder eine Ehe schließen Ivill. Nun gehen drei statt zweier den Leidensweg: das Kind samt den Eltern. Nicht jeder vermag es, sich in solcher Lage mit Gleichmut zu wappnen. Und wenn im Hinblick auf die voreheliche Geburt eine Anstellung verweigert, ein Verlöbnis rückgängig gemacht wird, dann soll's schwer werden, gleich- miitig zu bleiben. Schule und Kirche stecken bei der Einschulung bezw. bei der Konfirmation gelegentlich einen Pflock zurück und geben sich schließlich mit einem bloßen Auszug ans dem GeburtS- register zufrieden, der die voreheliche Geburt verschweigt. Slber bei der Eheichließung des vorehelich Geborenen giebt cS kein Erbarmen. Wer vorehelich geboren ist, muß eS sich gefallen lassen, daß daS im Aushängekasten aller Welt bekannt gemacht wird. Die Monatsschrift„Jugendfürsorge" hat einen Aufsatz veröffent- licht, der auf diese Zustände hinweist und eine Acndcrüng der Be- stimmnngen über die Beurkundung des Personenstandes fordert. Dieser Aufsatz hat den Anstoß zu einer lebhaften Agitation gegeben, und eS wird beabsichtigt, an die gesetzgebenden Körper- schaften eine entsprechende Eingabe zu richten. Die Sache sindct namentlich in den dem Schul- und ErziehungS- wesen nahestehenden Kreisen lebhafteste Unterstützung. Die Mehrzahl der Berliner Nestoren hat sich zustimmend geäußert, deS- gleichen die Schulärzte, und am Sonnabend hat auch der Jugend- fürsorge-Verband der Berliner Lehrerschaft sich für Abscndung der Petition erklärt. In Berlin werden alljährlich zwischen 1600 und 2000 Kinder legitimiert, für ganz Deutschland wird die Zahl der Legitimierungen auf jährlich 45 000 geschätzt. Man darf annehmen, daß in Berlin 30—40 000, in Deutschland eine Million Menschen leben, die vorehelich geboren und später legitimiert worden sind. Es handelt sich also um eine sehr beträchtliche Zahl von Personen, die mitbetroffen werden. Der Herausgeber der„Jugendfürsorge" teilt im Januarheft mit, daß aus Aulaß jenes Aufsatzes eine Menge zustimmender Schreiben an ihn gelangt ist, die die bittersten Klagen enthalten. Eine Familie, deren ältestes Kind vorehelich tvar, wanderte nach Amerika aus, um die Entdeckung zu verhüten. In einem andern Falle führte die überflüssige"Ausführlichkeit der Geburtsurkunde zur Aufhebung eines Verlöbnisses; das junge Mädchen befindet sich jetzt im Jrrenhause. ES ist zu wünschen, daß die eingeleitete Agitation von Erfolg gekrönt werde. Vielleicht wird sie dazu beitragen, daß das Urteil über die Gesamtheit der außerehelich geborenen Kinder, also auch über die unehelich gebliebenen, die durch keine nachfolgende Eheschließung legitimiert werden konnten, sich in weiteren Kreisen des Volkes in ein milderes wandelt— das Urteil über die Kinder und auch über ihre Mütter. Die Stndwerordnetcn-Versammlung hat sich in ibrer Sitzung am DonnerStagnachnnttag 5 Uhr u. a. mit folgenden Gegenständen der Tagesordnung zu befassen: Vorlagen betreffend die Verleihung des 5. und 6. städtischen Stipendiums.— die Festsetzung von Flucht- linien für die Verlängerung der Straße„An der Apostclkirche",— den Erwerb einer vor dem Grundstücke Holzmarktstr. 1 belegenen Fläche,— die Beschaffung von 10 Sprengwagen und 9 Kehrmaschinen, sowie Anbringung eines zweiten Brauserohres an 47 alten Sprengwagen flir das Rechnungsjahr 1904.— Bericht- erstattung über den Antrag von Mitgliedern der Versammlung, betreffend die Ausführung der Fußböden in den Kranken- sälen des Rudolf Virchow-Krankenhauses.— Berichterstattung über die Vorlagen, betreffend die Ausgemeindung des Gutsbezirksanteils P l ö tz e n s e e aus dem Forstgutsbezirk Tegel und seine Eingemeindung nach Berlin— und die öffentlichen Bedürfnisanstalten.— Vorlage, betr. die Beloilligung von Ehrenpreisen für die 7. Kochkunst- und fachgewerbliche Ausstellung deS Deutschen Gastwirtsverbandes.— Antrag von Mitgliedern der Versammlung, betreffend die Ein- verleibung der Südseite der Straße Hase n h eid e und event. auch des Tempelhoser Feldes nach Berlin.— Vorlagen, betr. den speciellen Entwurf zum Neubau eines Desinfektions- und Vcrbrennungshauses beim �Rudolf Virchotv-Ärankenhause,— die Vorentwürfe zum Neubau einer Volks-Bade-Anstalt in der Gerichtstraße und einer Anstalt für Hospitaliten in Buch,— den Etat des Gesinde- BelohnungS- und IlnterstützungsfondS für das EtatSjahr 1904— Einstellung weiterer Mittel für Zuwendungen an Vereine in Special- Etat Nr. 49 pro 1904— die Neuwahl eines Taxators für die Pferde-Aushcbungskonnnission X— die Ermäßigung der JahreS- miete für ein Restaurationslokal— und die Zahlung einer Ab- findung aus einem herrenlosen Nachlasse— drei Untcrstützungssachen — Berichterstattung betreffend die Zuteilung der Stadtbezirke an die Mitglieder der Versammlung behufs Erledigung der Wahlsachen ec. — und die Wahl eines Bürgerdeputierten für die Schuldeputation, sowie eines stellvertretenden bürgerlichen Mitgliedes für die Ersatz- kommissien ll. Das städtische FortdildungS-Uitterrichtswesen erforderte im Etats- jähr 190203 eine Ausgabe von 618 730 M., für das laufende Jahr sind 847 256 M. vorgesehen und für das nächste Etatsjahr 884 900 M. Unter den Ausgaben sind rund 11700 M. für 38 Schreibmaschinen eingestellt. Die städttschen Fortbildungsanstalten sind an höhere Lehranstalten, die 13 städtischen Fortbildungsschulen für Jünglinge und Mädchen an Gemcindeschulcn. die ftndttsche Fortbildungsschule für Taubstumme an die städtische Taubstnmmenschule angeschlossen. Ferner besteht eine städtische Fortbildungsschule für Blinde und kauf- männische Fortbildungsschulen, die von Korporationen und Vereinen subventioniert werden, sowie eine große Zahl von gewerblichen Fach- schulen. Neben Deutsch, Englisch und Französisch wird in den Fort- bildnngsschulcn noch Korrespondenz, Rechnen, Buchführung, Zeichnen, Mathematik, Physik, Handelskunde. Stenographie, Maschinemchreiben, Schönschreiben. Geometrie, Algebra, Zirkelzcichnen, Ornament-:c. Zeichnen, Modellieren. Ruf si s ch, Chemie, Gesetzcskunde, Geschichte und Geographie, Warenkunde, Handelsrecht. Aquarellieren usw. ge- lehrt. Für die Mädchen ist außerdem noch Maschinennähen, Schneidern, Handarbeiten, Zuschneiden, Musterzeichnen, Plätten, Gesang, Turnen, Kochen, Sticken:c. vorgesehen. Die städtischen Badc-Anstalten erfordern, trotzdem der Besuch ge- stiegen ist und an manchen Tagen die Räume und Einrichttingen kaum ausreichen, jährlich einen erheblichen Zuschuß. Im laufenden Etatsjahre ist der Zuschuß ans 1373 40 M. berechnet gegen 822,89 M. im Jahre 1902. Nach dem neuen Etatscntwurf ist ocr Zuschuß für 1904�auf,'1t80 26 M. festgesetzt, d. h. um rund 20 000 M. weniger als für 1903. Die Gesamteinnahmen betrugen 1902 463 048 M. und erhöhten sich im laufenden Fahre auf 493635 M. Für 1904 ist die Einnahme auf 518 916 M. festgesetzt. Weit mehr als die Einnahmen find die Gesamtausgaben gestiegen. Im Jahre 1902 betrugen sie 548 334 M., im laufenden Etatsjahre rund 631 000 M. und für 1904 sind 636 942 M. festgesetzt. Im Dezember 1903 wurden allein rund 180 000 Bäder von den fünf Volks-Bade-Anstaltcn verabreicht gegen 260 000 im Monat Juli vorigen Jahres. Die größte Frequenz zeigt die Badc-Anstalt in der Bärwaldstraße, die Ileinste die in Moabit. Dementsprechend find auch die Einnahmen. Für 1904 sind an Einnahmen festgesetzt für die Anstalten Turmstraße: 71 000 M.. Schillingsbrücke 103100 M., Bärwaldstraße 114 420 M., Dennewitzstraße 82 415 M. und Oder« bcrgerstraße 93 000 M. Der Fcuerkassenwert der einzelnen Anstalten beträgt 343 000 M. für die Anstalt in der Turmstraße, 474 200 M. für die an der Schillingsbrücke, 770 200 M. für die in der Bärwald« straße, 648 900 M. für die in der Dennewitzstraße und 1 012 080 M. für die in der Oderbcrgerstraße. wozu nun bald die sechste auf dem Wedding kommt, für die rund l'/a Millionen Mark Baukosten be- willigt' worden sind. Außer diesen Anstalten unterhält die Stadt Berlin noch 14 Fluß-Bade-Anstalten für Männer und Frauen. Städtische Fürsorge für GristeSkranke und Epileptische. In der Hauptanstalt der städtischen Irrenanstalt zu Dalldorf be« fanden sich am 31. Dezember vergangenen Jahres 1231 geisteskranke Personen, 669 Männer und 571 Frauen. Außerdem hatte die Anstalt vergeben: a) an Privatanstalten: 1663 Personen, 862 Männer, 801 Frauen; d) in Privatpflege: 303 Personen, 177 Männer und 126 Frauen. Die I d i o t e n a nst a I t in Dalldorf verpflegte am 3t. De» zember in ihrer Hanptanstalt 87 Kinder, 40 Knaben, 17 Mädchen; sie hatte ferner 73 Kinder, 53 Knaben und 20 Mädchen, in Privat« pflege gegeben. In der Hanptanstalt der städtischen Irrenanstalt Herz» berge zu Lichtenberg befanden sich an dein genannten Tage 1101 geisteskranke Personen in Pflege und ztvar 698 Männer und 496 Frauen. Diese Anstalt hatte abgegeben: a) an Privatanstaltcn 591 Personen, 338 Männer. 253 Frauen; b) in Privatpflcge 98 Männer und 74 Frauen, zusammen 172 Personen. Die Gesamtzahl der der städtischen Fürsorge überwiesenen Geisteskranken und Idioten bezifferte sich mithin am 31. Dezember 1903 auf 5281 Personen. Tie Anstalt für Epileptische„Wuhlgarten" verpflegte am 31. Dezember in ihrer Hauptanstall 1201 Epileptische und zwar 673 Männer, 450 Frauen imd 78 Kinder. In Privatanstalttn tvaren ferner von der Hauptanstalt 40 und in Familienpflege 3 männliche Epileptische gegeben worden. Aus der außerordentlichen Magistrats- Sitzung vom Dienstag. Der Magistrat hat beschlossen, gegen die Große Berliner Straßen« bahn-Gewllschaft wegen ihres Einspruchs gegen den Bau der Unter« grundbahn Potsdamer Platz— Spittclmarkt die FeftstellungS« klage zu erheben. Ferner wurde beschlossen, bei der Stadt- verordneten-Versammlung die Bewilligung eines Beitrages von 10 000 M. für die Stadt Aalesund zu beantragen. Die Ncbenklasscn der Gcmrindeschulen werden in dem laufenden Winterhalbjahr 1003/1904 von 1308 Kindern besucht. In den letzten vier Jahren hat die Zahl dieser Kinder sich reichlich verdoppelt; denn im Winter 1399/1900 saßen in den Nebenklassen erst 636 Kinder. In denselben vier Jahren ist die Zahl der Nebcnklassen von 50 auf jetzt 92 vermehrt worden, um in immer größerem Umfange den schwachbefähigten Kindern der einzelnen Schulen die Teilnahme am Nebenunterricht zu ermöglichen. Die beiden Geschlechter sind übrigens sehr ungleich daran beteiligt; in diesem Winter sind es 775 Knaben und nur 533 Mädchen, vor vier Jahren waren es 341 Knaben und 295 Mädchen. Die Erscheinung, daß die Knaben in den Nebenklasscn in größerer Zahl als die' Mädchen zu finden sind, wiederholt sich in jedem Halbjahr und tritt jetzt sogar noch schärfer hervor als früher. Will man die Gesamtheit' der die Gemeindefchule besuchenden Kinder als Maßstab benutzen, so saßen in diesem Winter in den Nebenklasscn von je 10 000 Knaben 72, aber von je 10 000 Mädchen nur 49. Die entsprechendem Zahlen waren vor vier Jahren für die Knaben 33, für die Mädchen 28. Die Beerdigung Bertha Senftlebens. Unter einem gewaltigen Andrang von Teilnehmern und Neugierigen fand vorgestern, Montag- nachmittag, die Beerdigung der Arbeilertochter Bertha Senftleben, die von ihrem Geliebten, dem Produktenhändler Otto Warembour. erstochen wurde, statt. Die Leiche wurde am Sonnabcndnacknnittag in Gegenwart des Vaters der Erstochenen und ihres Geliebten gerichtlich geöffnet. Nach dem Ergebnis der Obduktion wurde auf dem Beerdigungsschein als Todesursache Stich ins Herz(Mord) angegeben, Warenibonr, der gefesselt von zwei Krimiiialbeamten vor» geführt wurde, wollte sich über die Leiche werfen und mußte von den Beamten mit Gewalt zurückgehalten werden. Mit heftig zitternder Hand unterschrieb er das Protokoll. Die Beerdigung fand vorgestern nachmittag auf Kosten seiner Eltern, die sich aber persön« lich nicht beteiligten, um Unliebsamkeiten zu vermeiden, auf dem Nazareth-Friedhof an der Berlinerstraße in Dalldorf statt, lieber 100 Kränze bedeckten den Sarg. Die gegen 4000 Personen zählende Menschenmenge konnte von sechs Gendarmen kaum in Schach gehalten werden. Die Grabrede hielt Prediger Steinen, der mit keinem Worte des Verbrechens, dem das Mädchen zum Opfer fiel. Er« wähniing that. Unter dem Riissenkiirs. Dem Oberbürgermeister Kirschner ist vom Kaiser von Rußland der Stanislausorden II. Klaffe mit dem Stern verliehen worden. Für tvelcheS Verdienst um Rußland ist Herrn Kirschner diese Aiiszeichmmg zu teil geworden? Die_ Invalidität«- BersicherungSpflicht»vn Angestellten der SpccialitStcn-Thcater ist durch die Landes« Versichcrungsaiistalt Berlin auf Beschwerden der betreffenden Bühnen hier als zu Recht bestehend anerkannt tvorden. Danach»nterliegen die angestellten Musiker sowie die Mitglieder des Schauspiel-, Chor- und Ballett» Personals ohne Rücksicht aus die Höhe ihrer Gehälter der Ver« sicherungSpflicht gegen Invalidität und Alter. Ausgeschlossen sind Regisseure mit einem Gehalt von mehr als 2000 M„ welche als Bctriebsbeamte zu gelten haben. BersicherlMgSpflichtig sind alle Mitglieder der Bühnen, bei denen ein höheres Äunstinteresie nicht vorliegt, insbesondere das Personal der sogenannten Rauch-Thcäter. Dieser Bescheid der LandeS-Versicherungsansralt Berlin ist den be- teiligten Specialitätenbühnen mit einer ausführlichen Rcchtsbegrün» dung zilgegangen, Einen zu festen Schlaf hatte der Bauwächter Wilhelm Becker. der auf einem Neubau zwischen dem Biktoria-Luiscn-Platz und der Brandenbiirgischen Straße in Schöneberg angestellt ist, B, hatte in seiner Bude einen Ofen, den er bei der Kälte ,n der gestrigen Nacht stark heizte. Der Wächter setzte sich dann auf einen Stuhl neben den Ofen und schlief ein. Im Schlaf verlor er daS Gleichgewicht, glitt vom Stuhl herab und schlug hierbei mit der rechten Hand auf die Ofcnkante, Ivo sie liegen blieb. Als B. endlich erwackite, wies die Hand siirchtbare Brandwunden auf, B, besaß noch so viel Kraft, daß er einen Arzt aussuchen konnte. Nach Anlegung eine» Notverbandes mußte er sich in ein Krankenhaus begeben. I« ihrer Wohnung tödlich veilmglückt ist die 88 Jahre alt, TischlcrmcisterSwitwe Henriette BusfiuS, geb. Werner, ans der Magde- burgerstraße 3. Die Greisin, die bei einer Nichte wohnte, war seit einigen Monaten leidend. Vor vierzehn Tagen stand sie ohne Wissen der Nichte aus dem Bette auf, fiel in der Stube hin und zog sich einen Oberschenkelbrnch zu. Im Krankenhause starb sie jetzt an den Folgen dieser Verletzung. Mit dem Tcschiug ivollte sich gestern morgen der 16 Jahre alte Straßcnreiniger Willy Horn a»S der Tegelerstr, 5a an dem Kolonnen« führer Anton' Born aus der Straße am Nordhafen Nr. 3 rächen. Born war auf den Zungen kräftigen Burschen nicht gut zu sprechen und hatte ihm in Aussicht gestellt, daß er ihm bei dem Kontrolleur melden werde. Der Junge dagegen drohte, datz er sich an dem Kolonnenführer rächen werde, wenn er ihn melde. Als man nun gestern morgen mit der Arbeit fertig war und der Kolonnenführer mit seinen Leuten in der Kellerwirtschaft von Schuck in der JohanniSstr. 21 beim Frühstück saß, schoß Horn, der sich abgesondert hatte und draußen geblieben war, von der Straße her mit einem Desching durch die Scheibe auf Born. Die Kugel verfehlte mm Glück ihr Ziel, schlug auf ehren Tisch auf und prallte ab, ohne jemanden zu verletzen. Horn lief davon, wurde aber verfolgt, eingeholt und der Polizei übergeben. Hoffentlich fällt der Denkzettel für diesen Dummerjungenstreich nicht zu schlimm au-s.— Auf dem Grundstück Görlitzer Ufer Nr. 22, au' dem sich mehrere Fabriken befinden, trieben seit einiger Zeit die Arbeitsburschen in den Pausen allerhand Unfug, Nachdem sie sich wiederholt auch mit Steinen beworfen hatten, erreichte gestern ein 16 Jahre alter Wilhelm Schulz, der in der Grundieranstalt von Wienicke beschäftigt war. den Gipfel, indem er mit einem Teschinx aus Uebennut durch eine Fensterscheibe in: ersten Stock auf den Ho hinabschotz. Hier flog die Kugel dem Hausdiener Fritz SowolowSki. der Holzabfälle zusammenlas, dicht am Kopfe vorbei' und schlug in einen Bretterzaun ein. Der Arbeitgeber Sowolowskis. Tischlermeister Bünger, zeigte die Schießerei der Polizei an, um endlich dem Unfug ein Ende zu machen. Schulz wurde außerdem sofort auZ der Arbeit entlassen. Bon einer Equipage überfahren und sehr schwer verletzt wurde gestern mittag gegen 3 Uhr das sieben Jahre alte Söhnchen Georg des Bierverlegers Karl Schieche vor der Thür der elterlichen WoH nung, Wilhelmstr. 113. Das Kind wollte über den Damm gehen, um etwas einzuholen, als das Unglück geschah. ES schleppte sich noch bis vor das Haus zurück und brach dann zusammen. Der Kutscher fuhr mit seinen Insassen davon, ohne sich um das an- gerichtete Unheil zu kümmem. Fenerdericht. Gestern mittag wurde die Wehr nach der Prinzen straße 49 gerufen, weil dort in einer im Keller befindlichen Tapezierer Werkstatt durch einen Ofen Feuer ausgekommen war, das in wenigen Sekunden einen größeren Posten Werg, Watte usw. ergriffen hatte. Glücklicherweise gelang eS dem 17. Löschzuge, die Flammen leicht zu ersticken, so daß größerer Schaden nicht entstanden ist. Früh 6 Uhr mußte in der Görlitzerstr. S1 in der 177. Gemeindeschule ein unbedeutender Brand beseitigt werden. Abends 9 Uhr entstand in der Waldemarstr. 51 in einer Gießerei Feuer, das neben Brennmaterialien und Holzverschlägen auch die Schaldecke vernichtete. In der Birken straße 28 war zur selben Zeit in einem Keller allerlei Gerümpel, alter HauSrat, Packmaterial ec. in Brand geraten, während in der Straßniannstr. 33 Möbel, Decken und Kleidungsstücke durch Feuer beschädigt wurden. Die übrigen Alannierungen, die die Wehr in den letzten 24 Stunden nach der Schwerinstt. 11, Werneucheners tr. 8 und noch verschiedenen andern Orten führten, waren auf ganz gering- fügige Anlässe zurückzuführen._ Der Berein für daS Wohl der ans der Schule entlassene» Jugend ersucht uns, folgendes bekannt zu geben: Die Lehrlings- Unterbringung des Vereins für das Wohl der aus der Schule entlassenen Jugend beginnt am 8. Februar 1904. Handwerker, Gewerbetreibende und Kaufleute, welche am 1. April 1994 Lehrlinge einzustellen wünschen, wollen ihre Anträge an die ihnen zunächst- gelegene der folgenden Untcrbringungsstellcn richten: 1. Rektor Drehmann, C. 2, Hinter der Garnisonkirche 2. 2. Rektor Lützen- bcrger, NO. 55, Hcinersdorferstr. 18. 3. Rektor Haumann, W. 35, Derfflingerstr. 18a. 4. Rektor Faltz, S. 59, Gräfestr. 85. 5. Rektor Schünemann, SO. 36, Reichenbergerstr. 131. 6. Fortbildungsschul- Dirigent Gillert, N. 39, Ravenöstr. 12. 7. Fortllildungss chul-Dirigent Sangkohl, N. 20, Prinzen- Allee 8. 8. Fortbildungsschul- Dirigent Sadowsky, N�V. 21, Turmstr. 86. 9. Lehrer BattrS, NO. 55, Ryke- straße 15. Der Ehimpanse Konsul im Eirkuö Schumann. Wer sich mit der Bildung'alter und neuer Zeit beschwert hat. weiß, daß ein römischer Kaiser von der degenerierten Sorte sein Pferd zum Konsul gemacht hat. ES wird ein sehr gescheidteS Pferd gewesen sein, von dem zu erwarten war. daß es einen neuen Zug in den burcankratischen Schlendrian bringen werde. Heute begegnet eine solche Ernennung technischen Schwierigkeiten und das Verdienst mutz sich mit dem bloßen Tztel begnügen. So hat in unsrer krarcken Zeit ein Engländer einen Chimpansen einfach Konsul genannt. Das könnte der Mitwelt an sich gleichgültig bleiben, aber da der auf solche Weise ausgezeichnete Affe in der Oeffentlichkeit zu zeigen hat, daß er auch in seinen Geistesgaben zu den menschenähnlichen gehört und seines Namens würdig ist, kann man nicht kühl an solchem Wunderwerk vorübergehen. Der Ehimpanse Konsul tritt neben Akrobaten und Kunstreitern im Cirkus Schumann auf. Es geht von ihm die Sage, daß er für den Preis von 100 090 M. von seinem Eigentümer erlvorben worden ist und im Umgang mit Menschen so viel gelernt hat, daß er jährlich 60 090 Mark einbringt. Von London aus., wo er zuerst austrat, soll er die Hauptstädte des Festlandes mit seiner Anwesenheit beehren. Bei seinem Debüt am Montag gab das Tier sich possierlich genug. Konsul war allerdings von der Reise etwa» angegriffen, immerhin zeigte er bei seinen fünf Jahren mindestens ebenso viel Intelligenz wie manches ihm gleichalterige Menschenkind. Er setzte sich manierlich gelleidet zu Titch. gebrauchte Messer und Gabel mit Anstand und rauchte nach schicklich genossener Mahlzeit seine Cigarette. Als Rückfall in kindliche Unarten muß es gelitten werden, daß er sich mit einem Negerknaben gern ein wenig prügelt. Daß er radelt und Klavier spielt, wird nach dem Mitgeteilten nicht weiter auffallen. Kurzum, der Ehimpanse Konsul kann als Ueberaffe gelten und vielleicht findet sich ein Dichter, der ihn nicht minder schwungvoll im Epos verherrlicht wie Wilhelm Busch seinen Fips oder ein größerer, Heinrich Heine, den noch heute in Ehrbarkeit unter uns weilenden Atta Troll._ zur Sprache. Aber die bürgerliche Mehrheit konnte sich trotz des vorgebrachten Materials nicht einmal dazu entschließen, den Antrag wenigstens auf die Kornmissionsmitglieder anzuwenden; für den Antrag stimmten nur unsre Genossen. Dem Protest gegen die Einführung des Scherlschcn Iparsystems hat sich auch die Stadtverordneten-Versammlung in Schöneberg angeschlossen. Von den Socialdemokraten hatte Genosse Küter das Einverständnis mit dem Antrage Reinbachcr und Genossen zum Aus- druck gebracht, der dann einstimmige Annahme fand. Bürgermeister Dr. Gerhard erblickte in dem von dem Zettungskönig Scherl aus- gedachten System neben andren mcheilvollen Wirkungen besonders eine Benachteiligung des Sparkasscnwescns.— Ferner soll der Magisttat um eine schleunige Vorlage zur Herstellung einer hölzernen Brücke auf einer Seite'der Holbeinsttaße ersucht werden.— Der Stadtrat Hehl hat der Stadt eine Sttftung von 3000 M. über wiesen._ Sericbts-�eitung. Lotterirschwindel. Die unreelle Grundlage und Führung eines Lotterie- geschäfts soll in einer zweitägigen Verhandlung erörtert werden, ivelche gestern vor der vierten Strafkammer des Landgerichts l unter dem Vorsitz des LandgerichtS-Direktors Oppermann stattfand. Der Druckereibesitzcr Karl Heinze und der Cigarren- und Losehändler Otto G l o m b e ck hatten sich wegen fortgesetzten Betruges und wegen Verttiebes auswärtiger, verbotener Lose zu verantworten. Die Anklage führt folgenden Thatbcsland gegen sie an. Heinze besitzt eine kleine Druckerei im Hause Große Franlsurterstraße 74, die aber so wenig mit Austtägen bedacht wird, daß der An geklagte zumeist nur mit einein Lehrling arbeitet. Ilm sich einen Nebenerwerb zu schaffen, betteibt er seit Jahren einen Handel mit Losen. Der Mitangeklagte Glombeck ist Inhaber eines Eigarren- und Losegeschästcs in der Wienerstraße. Vor mehreren Jahren thaten beide Angeklagte sich zusammen, um gemeinsam Lose, zumeist aus- wärtige, zu vertteiben. Sie erkoren sich Neustrelitz als Niederlaffungs- ort und legten sich besonders auf den Absatz von Mecklenburger Losen. Im vorigen Frühjahr gründeten sie dann ein neues Geschäft unter der Firma„Karl Heinze, Deutsche Lotteriebank". ES war wohl hauptsächlich daraus abgesehen, der bekannten Firma Karl Heintze, Unter den Linden, Konkurrenz zu machen und wurde mit der Annahme gerechnet, daß das Publikum die neue Firma für identisch niit der alten Firma Karl Heintze halten sollte. Um diese Täuschung noch zu verstärken. mieteten die Angeklagten Unter den Linden im Hause Nr. 47 im dritten Stock ein leeres Zimmer. Jetzt konnten sie in ihren Annoncen, gleich der alten Firma Heintze, ihr Geschästslokal als Unter den Linden liegend bezeichnen. Sie beanttagten beim Amts- gericht, ihre Firma unter der Bezeichnung„Karl Heinze, Deutsche Lotteriebank, Unter den Linden 47" ins Handelsregister eintragen zu lassen. Dies wurde aber abgelehnt mit der Begründung, daß auch die alte Firma Heintze die Worte„Deutsche Lotteriebank" als Telegrammadresse führe und sich von der neuen Finna Heinze nur dadurch unterscheide, daß sie sich Heintze schreibe. Inzwischen hatten die Angeklagten bereits Blätrer drucken lassen, welche sie etwa 700 Provinzialblältern beilegen ließen. Sie empfahlen darin Wohlfahrtslose und erboten sich zur Besorgung von Anteilslosen der preußischen Lotterie. Des Angeklagten Heinzes Thätigleit bestand darin, daß er sich täglich mehrere Stunden lang in dem leeren Zimmer Unter den Linden aufhielt, um die Post abzunehmen. Die Bestellungen liefen massenhaft ein, die Angeklagten behaupteten zwar, eS seien in einem Zeittaum von etwa 2 Wochen nicht mehr als gegen 4000 Stück gewesen, die Staatsanwaltschaft nimmt aber an, es seien weit mehr gewesen. Die Expedttion lag in den Händen des Angeklagten Glombeck. Er besorgte dies von seinem Geschäft in der Wienerstraße aus, als der genügende Raum aber fehlte, mietete er noch ein Zimmer in her Manteuffelstratze hinzu. Die Expedttion oll nun in einer Weise bewirk: worden sein, daß schließlich die Staatsanwaltschaft zum Einschreiten Veranlassung nahm. Die Auf- traggeber erhielten teilweise überhaupt keine Lose, weil die An- geklagten keine hatten, teils erhielten sie andre Lose als sie bestellt hatten. In vielen Fällen sandte Glombeck ein bereits abgespieltes Los 1. Klasse der Mecklenburger Lotterie mit, welches er aber zum vollen Betrag anrechnete. Er wies dabei darauf hin, daß es das Los eines Mannes sei, der es nicht habe einlösen können, ein olches werde vorzugsweise vom Glück begünstigt. Den Beschwerden über diese Handlungsweise wurde wenig Beachtung geschenkt, bis dann Anzeigen über Anzeigen bei der Polizei erfolgten. Es sind mehrere hundert Zeugen kommissarisch vernommen worden, deren Aussagen sämtlich verlesen werden müssen. Hu* den Nachbarorten. Köpenick. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten- Persammlung teflte der Vorsteher mit, daß die Auffichts- behörden sich damit einverstanden erklärt haben, daß das Gehall des neu zu wählenden Bürgermeisters 6500 Mark bettägt und von drei zu drei Jahren bis auf 8500 Mark steigt.— Der Anttag des Magistrats, die U m s a tz st e u e r für unbebaute Grundstücke von ein auf zwei Prozent zu erhöhen, wurde dem Etatsausschuß zur Berichterstattung überwiesen. Unsre Parteigenossen stimmten gegen die Ueberw-isung. da sie für Ablehnung der beantragten Steuer- 'erhöhung waren.— Ueber die in der letzten Sitzung abgelehnte Lorlage betteffend Ausbau der drei Gymnasial-Nebenklassen zu einem Gymnasium sollte aus Anttag des Magisttats noch- malS Beschluß gefaßt werden. Der Vorsteher teilte erläuternd mit, daß nach dein aufgestellten Projekt die Kosten für den Neubau der Realschule auf 290 000 Mark veranschlagt sind, außerdem würden sich die Kosten für die innere Einrichtung auf 40 000 M. stellen, also betragen die Gesamtkosten 330 000 M. DaS sind 30 000 M. mehr als in der letzten Mitteilung angegeben war. Die Freunde der Vorlage führten nochmals alle ihre Gründe für den Schulbau ins Feld. Unser Parteigenosse Herbst führte dagegen an. daß bei 360 Schülern der Realschule die Verzinsung der Kosten des Neubaues pro Kind allein 60 M. jährlich kosten würde, während ein Kind der Volksschule der Stadt nur 55 M. koste. Rechne man nun 70 Kinder auf das Gymnasium, so würde der Zuschuß der Stadt pro Kind 684 M. bettagen, beim Progymnasium 455 M. und beim Realgymnasium 442 M. Die 344 Kinder der höheren Schule kosten der Stadt jetzt 56000 M. jährlich, die 3250 Kinder der Volksschule dagegen nur 200 900 M. Nach längerer Erörterung wurde der Ausbau des Gymnasiums in namentlicher Abstimmung mit 20 gegen 14 Stimmen abgelehnt.— Schließlich kam der Antrag unsrer Genossen auf Ausschluß der Gemeindevertreter von Arbeiten und Lieferungen für die Stadt zur Verhandlung. Die Genossen Rochlitz. Woick und Nicke brachten verschiedene Vorfälle, speciell aus der Baukommission Ein Rollkutscher, wie er nicht sein soll. Mit empörender Roheit hat der Rollkutscher Wilh. M ö w e S gehandelt, der gestern unter der Anklage der Körperverletzung vor der 9. Strafkammer des Land- zerichts l stand. Er ftlhr am 3. Dezember nachmittags in übermäßig schneller Gangart von der Friedrichstraße in die Oranienburgerstraße. Ein dort postterter Schutzmann rief ihm zu, langsamer zu fahren, der Beamte wurde aber verhöhnt: der Angeklagte hieb auf seine Pferde ein und fuhr in noch schnellerer Gangart davon. Ein Schutz mann fiel den Pferden in die Zügel, es gelang ihn: aber nicht, die Tiere znm Stehen zu bringen, er wurde vielmehr eine Sttecke von über 300 Meter mit fortgeschleift. Er mußte schließlich die Pferde loslassen, denn der Angeklagte hatte offenbar die Abficht, ihn vom Wagen abzustreifen und fuhr zu diesen: Zweck auf einen Handwagen loS, der vor einem Hause der Oranienburger- straße stand. An dem Wagen war gerade der 16 jährige Laufbursche Willy Düringer mit dem Ordnen aufgeladener Sachen beschäftigt, als der Rollwagen mit voller Wucht gegen die Deichselstange ftlhr. Der Junge wurde durch den Anprall direkt unter den Rollwagen geworfen, die Räder gingen über ihn hinweg und zerschmetterten seinen rechten Arm vollständig und brachten ihm böse Verletzungen� an den Beinen bei. Der arme Junge des Angeklagten für die Zeit seines geworden,' denn ihm mußte in der den Stabsarzt Dr. Franz der Arm Als der Angeklagte ttotz der ihm ge Gangart davon geeilt war, hatte in eine Droschke geworfen und achten besProf. Dr. Duerßen. des Medizinalrats Dr. Mitte»« zweig und des Medizinalkollegiums ist in dem Verhalten des An- geklagten ein Verstoß gegen die ärztliche Kunst zu erblicken, wa» von diesem bestritten wurde. Der Gerichtshof schloß sich dem Gut- achten an und verurteilte den Angeklagten zu 500 M. Geld» strafe. Ein Maifeier-Nachspiel. Am 1. Mai 1903 wurde:: etwa 80 Holz» arbeiter, die auf der Promenade der Schönhauser Allee gemeinschaft- lich ihrem Versammlungsorte zuschritten, von einem Polizeilieutenant und mehreren Schutzleuten auseinandergedrängt. Die Aufforderung zum Auseinandergehen erfolgte nur einmal. Ein Teil der Leute gingen dann wieder zusammen, worauf der Lieutenant verschiedene von ihnen feststellen ließ. Darunter befand sich auch der Tischler BüchSler. Er wurde in zweiter Instanz vom Landgericht wegen Ueberttetung der§§ 101, 132 und 133 der Berliner Straßenpolizei- Verordnung zu drei Tagen Haft verurteilt, weil er an einer ge- schloffen marschierenden Abteilung von Personen, die bereits zmn Auseinandergehen aufgefordert war, sich beteiligt habe.— Der Angeklagte legte Revision ein. Vor dem Kammergericht begründete Rechtsanwalt Dr. Heinemann das Rechtsmittel. Er betonte vor allem, daß die Straßen-Polizeiverordnung hier nicht Anwendung finden könne. Die hier in Betracht kommende Rechtsmaterie sei in: § 116 des Strafgesetzbuches erschöpfend geregelt. Danach sei aber eine dreimalige Aufforderung erforderlich gewesen, so daß Angeklagter auf keinen Fall bestraft werden könne.— Das Kammergericht ver- warf indessen die Revision mit folgender Begründung: Es sei nicht anzuerkennen,„daß§ 116 des Sttafgesctzbuches einer Bestrafung aus Grund der angezogenen Bestimmungen" der Straßen- Polizei- Verordnung entgegenstehe, denn K 116 des Sttasgesetzbuches spreche von der Ansammlung einer Menschenmenge, die sich nicht ein- ferne, die aus einer Stelle Posta gefaßt habe, während es sich hier um eine in Bewegung befindliche Truppe handle. Das sei ein Unterschied, wie ihn z. B. das Vereinsgesetz zwischen einer Ver- sammluna und einem Aufzug mache. B. sei mtt Recht auf Grund der Straßen-Polizeiverordnung besttaft worden. soeben daS >citcS heben on Michael t*'inn eingegangene Druchfchnften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist 18. Hest des 22. Jahrganges erschienen. Aus den: Inhalt des i wir hervor: Immanuel Kant.— Unbewaffnete Revobttion?! Lusnia.— Ter Kamps um den Zehnstundentag in Crimmitschau"Bon F. Geyer.— Die Arbeiterbewegung im modernen Japan. Bon Gustav Eckstein.(Fortsetzung.)— Die Heimarbeit im Textllgewerbe. Von A. Baudcri. Die„Neue Zeit" erscheint lvöchentllch eimnal und ist durch alle Buch- bandlungen, Postanstaltcn und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu bezichen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 25 Ps. Probcnummcrn stehen jederzeit zur Verfügung. „Komm«nale Praxis». Z e i ts ch r is t sür Kommunalpolitik und Gemein de- Socialrsmus. Herausgeber Dr. Albert Sü dekum. Verlag Kaden u. Co. in Dresden. Mit der'ebcn erschienenen dritten Nummer des vierten Jahrganges bat die„Kommunale Praxis" ein neues Gewand angezogen: die technische Ausstattung entspricht jetzt den weitestgehenden An» fordcrunacn, die man an eine Zeitschrift stellen kann.?lus dem reichen Inhalt der letzten Nummer beben wir hervor: eine?lbbandlung von Q. Zielowski über Die städtische Steuerreform in Frankfurt a. M.; Ge- ineiiidcoerttetcr W. Schichhold in Slamcn behandelt die wichttge Frage der Kommunalpolitik aus dem Dorfe in einem Artikel, der sich zum Teil gegen eine früher schon in der„Kommunalen Praxis" erschienene Arbeit des Abg. Edmund Fischer über dasselbe Tbema wendet: neben einem überaus reichen Notizenteil über alle Gcbiclc des(Aemeindelebens enthält die Nummer in ihrer technischen Beilage auch noch einen reich illustrierten Beitrag vom Ingenieur P. M. Grempe über Elekttische QmnibuSanlagcn als Verkehrs- mittel sür kleine Gemeinden. Die„Kommunale Praxis" erscheint am 1. und 15. jede» Monats und lostet im Bierteljahr 1,50 M. Das Abonnement ist allen den- jenigen zu empfehlen, die sich für die wichtigen Fragen des GcmeindclebcnS interessieren. „Das Gcwerbegericht", Monatsschrift des Verbandes Deutscher Ge- werbegerichtc..Herausgeber: Dr. Jästrow, Cbarlottenburg-Berlin. Dr. Flesch (Stadtrat), Frankfurt a.M.(Perlag von Georg Rcimer in Berlin). DieZeitichrist enthält in Nr. 5 des 9. Jahrganges außer der Rechtsprechung in deutsche,: Gewerbe- und Bcrusungsgerichten(Landgericht Bremen, München, Hamburg), ander:: deutschen Gerichten(Landgericht Mainz) u, a,: Der Gesetzentwurf betteffend die KaufmannSgcrichte: I. Allgemeines. Bon Jng. Bernhard, Arbeitgeber- Beisitzer am Gcwerbegericht Berlin. U. Der Borsitz im Kaus» mannSgericht und im Gewerbegerichi. Von Ersten Bürgermeister Enno. III. KausmannSgcrichte und weibliche Handlungsgehilfen, Bon Rechtsanwalt Dr. Korn. IV. Resolutionen zum Gesetzentwurf betr. Kaustnannsgerichte. V. Wortlaut des Gesetzentwurss betr. Kausmannsgerichte nebst Begründung. — Verfassung und Versahren: Gewerbegericht und Gejchwornenpflicht.— Uugültigleitserllärung von Gewerbegerichiswahlen wegen unzulänglicher Räume.— Recht des Arbeitsvertrages: Lohnzahlung an Eiscnbahnarbeiter bei unverschuldeter Dienswersäumnis.— Litteralur: Baum, Handbuch jür Eewerbegerichte._ ist durch die Roheit Lebens ein Krüppel königlichen Klinik durch amputiert werden. wordenen Warnung in schnellster sich der erstgenannte Schutzmann war ihm nachgeeilt. Er erreichte den Rollwagen, als' das Unglück eben geschehen war. Der Beamte verlangte vom Angeklagten ver- geblich die Nennung seines Namens und sah sich schließlich genöttgt, auf den Rollwagen zu klettern und ihm die Zügel zu entwinden. Der Angeklagte widersetzte sich aber kräftigst und wollte dem Schutz- mann mit dem Rollhaken zu Leibe gehen. Da zog der Schutzmann blank und machte durch mehrere Hiebe inir dem Säbel seinen Gegner kampfunfähig.— Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten, der durch seine Roheit ein so namenloses Unglück über eme Familie gebracht, zu zwei Jahren Gefängnis. Wegen fahrlässiger Körperverletzung hatte sich gestern der Naturheilkundige Adolf Ortley vor der 9. Sttafkammer des Landgerichts I zu verantworten. Der Angeklagte war früher Schullehrer, hat dann aber diesen Beruf aufgegeben und ist Natur- heilkundiger geworden, itachden: er zehn Semester niedizinische Vor- lesungen mit angehört hat. Eine Dame aus der Provinz, die an Unterleibsbeschwcrden litt, hatte von ihrem behandelnden Arzte den Rat erhalten, sich nach Berlin in die Behandlung eines Specialiften für Frauenkrankheiten zu begeben. Sie ließ sich aber durch ihren Schwager überreden, hier in Berlin den Angeklagten aufzusuchen. Dieser nahm sie in die Kur und behandelte sie mittels Massage. Die Dame wurde dam: nach einer Massage von Schmerzen überfallen, und sie reiste nach Hause und es stellte sich eine Bauchfellentzündung ein. Als diese behoben war, wurde ihr ärztlicherseits dringend geraten, sich schleunigst in die Klinik dcS Prof. Dr. D u e r ß e n zu begeben. Hier mußte eine Operation vorgenommen werden und eS wurde ein Leiden festgestellt, bei dem eine Massage übel angebracht und gefährlich war. Nach dem Gut- Vermifcbtes. In Breslau brachen gestern abend auf dem Eise drei Schul» k n a b e n ein und ertranken. Die Leichen wurden während der Nacht von der Feuerwehr geborgen. Wie aus Bordeaux gemeldet wird, zerstörte eine Feuersbrunst nachts die H o cb s ch u l e bei Tivoli. Das Feuer. entstand in der Wohnung eines Professors; 300 Studenten betettigten sich an den Rettungsarbeiten, trotzdem wurde das ganze Gebäude ein Raub der Flammen. Der Schaden wird auf über eine Million Frank ge- schätzt. Die Hochschule umfaßt einen Flächenraum von 65 000 Quadratmetern. Folgen des Theatrrbrandeö in Chicago. An 6000 Schauspieler sind infolge des Theaterbrandes in Chicago beschäftigungslos und mittellos. Nicht nur in Chicago selbst, sondern auch in vielen andren Städten schließen die Theater und Schaubühnen, da das Publikum den'Vorstellungen fernbleibt. Es soll eine vollständige Panik in Bezug auf Ausführungen aller Art herrsche». Viele Millionen Pfund Sterling, so meldet die„Daily Mail", sind durch diese Abneigung der Bevölkerung gegen Schaustellungen aller Art verloren gegangen, und man befiirchtet, daß der Höyepuntt dieser sür die Theater- Unternehmer und Schauspieler so bedenklichen Krisis noch nicht er- reicht ist. Explosion in Indien. Wie eine bisher noch unbestätigte Meldung aus Kalkutta besagt, ist das Dynamitlager der Provinz Pendschab, in der Nähe von Lahore, in die Lust geflogen. 10 000 Kilogramm Explosivstoffe wurden zerstört, 40 Personen, die sich in der Nähe des Lagers befandet:, wurden getötet. Bnekkaften der Redaftden. ?>«...». Feige Hunde sind mit dem Maul am fteiesicn. Shakespeare, König Heinrich V,, 2, 4.—„Reitende Nrtilleriekascrne." Diese sinnlose Jnlchri't befand sich thatlächlich über den: Eingang der alten Kaserne an: Kupsergraben, wie mis ans dem Leserkreise mttgcleiit wird. UebrigenS lein Unikum. Aehnliche sprachliche Dummheiten sind reichlich vorhanden, aber auch gelungene Nachbildungen, wie z. L. der„lleingehauene Holzhändler", „daS kostümierte Tanzkränzchen" rc.— M. E. 4. und A. Z.. sowie 1661. Bitte die Quittungen,— I. F. Kommen Sic in die juristische Sprechstunde.— Zossen(Mark). An und sür sich ist der Beamte nach dem Bahnrcglement zu seiner Forderung berechtigt. Im übrigen: Lange machen gilt nicht.— Fink. Lieber nicht.— 3t.. 164. 1. Wenden Sie sich direkt an den Magistrat zu Lychen. 2. Antwort später im juristischen Briefkasten.— Ankylotstomani: Dochmius duodenales. Schmarotzer aus der Familie der Haarwürmer. Gotlbardt-Tunnel-, Bergarbeiter- oder Wurmttanlheit.— K. 14. Qb 10 Ps. Wert? Sehr zweifelhaft.— Mehl. wurm. DaS fagt Ihnen jeder Vogelhändler oder Bogelfreund: hier fehlt es an Platz dazu.— P. L. 56. l. Assistent II. Kl. 1500—2000 M., I. Kl. 1500—3000 M. 2. Er kann Oberkontrolleur werden: hierzu ist ein de- fonderes Examen zu bestehen. 3. Gehall der Lberkonttolleure 2700 bis 4200 M.— Aachen. 136 000 Einwohner. Verantw. Redakteur: Julius Kaliskft Berlin. Für den Inseratenteil vercmtw.: Th. Glocke� Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& So., Berlin SW,