Nr. 36. RbomttmentS'Bedlngungen: NbomiementS- Preis pränumerando z Pterteljährl. Z.Z0 Ml, monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei WS Haus. Einzewe Stummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt* 10 Pfg. Post- «donnemenl: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- PreiZIiste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn SS Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. CrfiKlnt»Zgll» außer Oontags. 21* Jahrg. Sevlinev Volksblakk. M« Inserüonz-Lebtlhr »«trägt für die fechSgespallene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg,, für politische und gewerlschaftliche BereinS- und Bcrsammlungs-Anzcigen 2S Pfg. „Uieine Anreisen", das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm. Adresse: „SozlaldcinoKrat Berlin". Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte» Deutfcblanda. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1983. Freitag, den 1Ä. Februar 1904. Expedition: SM. 68, Lindenotraosc 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Kant. (Gestorben am 12. Februar 1804.) Der gewaltige Lebensstrom der Aufklärung, der, den Aufstieg beS Bürgertums begleitend, in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- Hunderts von England über Frankreich nach Deutschland braust, flutet in der französischen Revolution von der Philosophie zur That und findet, zum Ocean sich weitend, in dem Kantischen System seine wissenschaftliche Vertiefung und Vollendung. Die fteie Vernunft, die in Deutschland vor Kant zum spießbürgerlichen Geschwätz einer nutzlosen Verständigkeit verflachte, ward zur Schöpferin einer in alle Fernen und Tiefen greifenden Weltanschauung. Die platte Schul- Weisheit unter sich lassend, meisterte sie auch die Dinge zwischen Hinnnel und Erde, nachdem sie den Himmel und die Erde in universaler Forschung das gesamte Zugängliche Einzelwissen erfassend und im Denken zusammenfügend aus dem Chaos irrenden Phantasterens und ideenlosen Nichtsehens der Probleme in das Licht der strengen, einheitlichen und gesetzmäßigen Wissenschast gehoben hatte. Kant ging in der Naturwissenschast von Newton, der dem Weltall seine Gesetze fand, in der Wissenschast von der Menschheit und ihrer Bestimmung in der Gesellschaft von Rousseau, dem Propheten der französischen Revolution aus. Natur und Menschheit band er in einem System, das die Kausalität der starr mechanischen Notwendigkeit in der Nawr mit der ehernen Notwendigkeit einer Kultursteiheit vereinigte. Und wenn er nicht alle wissenschaftliche Wahrheit erschöpfte und erschöpfen wollte— Kant zeigte gerade den Aberwitz solchen Beginnens— so wies er doch den einzig möglichen Weg zur Wiflenschaft, die, selbst in ewigem Flusse, niemals vollendet, immer zur Vo endung strebend, in der stolzen Arbeit der Menschen- geschlechter auf,,'rts steigt. Kants Werk �elbst aber wurde in tragischem Geschick nach kurzem Weltwirken- ohne daß die Zeitgenossen es ganz anS- zuschöpfen vermochten— tief verschüttet. Die im 19. Jahrhundert aufwuchernde Reaktion begrub ihn. Nicht nur, daß er nicht zum Führer der revolutionären That ward— ausgenommen die schwachen Spuren in der sogenannten preußischen Wiedergeburt nach Jena— auch sein Gedankenwerk wurde vergessen oder verstümmelt. Die Reaktion konnte ihn nicht ertragen; so entstellte sie ihn. Und da dieser Denker— nicht ganz ohne die eigne Schuld der Konzessionen an die Unsteiheit seiner Zeit— die herrschenden Wahngedanken durch Umdeutung zu beseitigen liebte, so konnte die Umdeutung zur Quelle von Mißdeutungen werden, die sich bis zum heutigen Tage durch die vulgären Lehrbücher schleppen und ihrerseits die Schrift- steller verführen, die aus solchen abgeleiteten Quellen schöpfen. Kant hat seine wissenschaftliche Methode, die er die.trans- zendentale" nannte— die vom Denken zur Naturwelt der Erfahrung.hinausgehende'— in das schlichte Epigramm negativ zusammengefaßt:.Gedanken ohne Inhalt sind leer. An- schauungen ohne Begriffe sind blind". Mit diesem Schlagsatz wies er einmal die Kopfspinner ab. die aus dem Hirne nach der formalen Logik äußerlich zusammenstimmende Systeme wirrten, leere Phantasien gaukelten, mit dem Vorteil, daß sie die unsägliche Mühe der im Laufe der Jahrtausende gewonnenen wissenschaftlichen Ergebnisse, der millionenfälligen Experimente und der geduldigen. vorsichtigen und bescheidenen Beobachtung ersparten. Andrerseits verwarf er mit seinem Worte die in dem Chaos zufälliger .Erfahrungen' ohne Leitung taumelnden und willkürlich Fetzen raffenden Vertreter der„reinen Empirie', jenen faulen und flachen Opportunismus des Denkens, der sich, von den Dingen treiben läßt, ohne sie systematisch zu beherrschen. Was nach Kant kam. war ein wildes Spiel solcher Leeren und Blinden: Eine in Nebeln fiebernde Natur- und eine mit.Ideen' prunkende Geschichtsphilosophie; daneben die Verächter der Theorie, die Praktiker, die Regenwürmer gruben und mit diesem Thun sich brüsteten. ES entstand jener konservative Historismus, der die Vergangenheit nur zu dem Zweck aufleben ließ, uin zu beweisen, daß man gerade unter diesen oder jenen Königen und Ministcrn den Höchstgrad menschlicher Vollendung erreicht: Eine epidemische Geistesschwäche, die noch heute von den Verfechtern der herrschenden Ordnung gegen den revolutionären„Rationalismus* ausgespielt wird. So feiert z. B. ein viel gerühmter königlich sächsischer Philosoph unsrer Tage gegenüber einer„abstrakten Nützlichkeits- theorie" den„organisch gewordenen, in den Lebensanschauungen und Sitten einer Volksgemeinschaft wurzelnden Staat, der nicht die geringste Bürgschaft für das dort vergeblich erstrebte Wohl der Gesamtheit in der Stetigkeit und Sicherheit seiner Entwicklung erblicken darf.' Und diese„organische' Entwicklung, deren Haupt- fache die Langsamkeit ist— gipfelt dann in der weisen Vorsehung des angestammten Herrscherhauses,„dessen Träger, durch seine Ge- burt schon über allem Streit der Parteien und der Sonderinteressen erhoben, in seiner Person symbolisch die Gesamtpersönlichkeit des Staates zum Ausdruck bringt und in seinem Streben und Wollen thatsächlich die Zwecke der Gemeinschaft zu seinem eignen Lebens- zweck gemacht hat.' Es ist das weltgeschichtliche Verdienst des wissenschaftlichen So- cialismus, es ist das Werk von Karl Marx, daß er gegenüber der leeren Ideologie seiner Zeit und der blinden Empirie wieder in die Bahn der großen klassischen Tradition einlenkt, die allein zur Wissen- schast führt. Wenn Kant seine.Kritiken' eigentlich nur als metho- dischen Rahmen gedacht hat, in den alle Einzelwissenschaften ein- zuarbeiten seien, so füllt Marx diesen Nahmen auf dem Gebiete der Geschichte und Oekmiomie, Kants geringe Andeutungen dieser Art zugleich weit überholend. Er bannte die ungeheure Mannigfaltig- keit der geschichtlichen Erfahrung in dem Granitbau eines einheit- lichen Systems, das nicht.Ideen' zusammenflickt und auch nicht bloße „Thatsachen' aneinander reiht, sondern die im Innersten revolutionäre Gesetzmäßigkeit des wirklichen Geschehens erkennt, deutet und gestaltet. Und glücklicher als der in dem engen Deutschland des 18. Jahrhunderts eingepferchte Denker wurde der Theoretiker der Geschichte und Wirtschaft unmittelbar zum praktischen Schöpfer einer geschichtlichen Bewegung von einer revolutionären Kraft und Welt- umspannenden Bedeutung, die ihresgleichen in der Vergangenheit nicht hat. Neben Kant tritt Marx, und der eherne Gleichklang der beiden Namen mag diesem Zusammenhang ein Symbol sein. Kants zugleich nüchternes und erhabenes Geschäft ist es, die Kriterien, Bedingungen, Schöpfungsmittel, Grenzen wissenschaftlicher Erkennwis zu finden. Was ist Wissenschaft? Wie ist Wissenschaft möglich? Die Frage beantwortet er, indem er das ganze Gerüst des menschlichen Denkens aufbaut, so wie es sich in der Geschichte der Wissenschaft andeutet. Er schlichtet den Streit zwischen Denken und Erfahrung, zivischen Geist und Materie, Theorie und Praxis, Ver- nunft und Sinnlichkeit. An dem Modell der Wissenschaften, die absolute Gewißheit gewähren, prüft er die Leistungsfähigkeit der Vernunft, scheidet er die Gebiete ihrer Bethätigung, weist er die Wege, die zur Wahrheit führen. Er taucht in die Ürelemente der Erkenntnis und erobert von hier aus die Natur in ihrer Einheit. Die erkenntniokritische Weisheit Kants war für die Entwicklung der Wissenschaften von unermeßlicher Bedeutung und ihre Geltung wird erst erschöpft sein, wenn sie als selbstverständlicher Besitz alle Disciplinen durchdrungen hat. Das Erwachen von den Träumereien der spekulativen Naturmystik im 19. Jahrhundert wird durch die Besinnung aus Kant ermöglicht. Kein Mathematiker, der zu den letzten Fragen seiner Wissenschaft vordringt, der Kant nicht zu be- fragen hätte. Die Mechanik, die gerade jetzt wieder ihrer schweren Probleme bewußt wird, debattiert unausgesetzt mit Kaut. Ein Naturforscher wie Helmholtz mühte sich um das Verständnis der „Kritik der reinen Vernunft". Aber nicht nur im Felde der Mathematik und mathematischen Naturwissenschaft wirkt Kant in solcher Lebendigkeit fort, daß es scheint, als ob er erst am Beginn seiner Mission in der Wissenschaft stünde, sondern auch für den Fortschritt der beschreibenden Naturforschung ist Kant von bisher»nerschöpfter Bedeutung. moderne Geographie empfängt von ihm entscheidende Anregung.-» Der„Vater" der neueren Physiologie. Johannes Müller, forscht im Geiste Kants. Der Begründer wissenschaftlicher Botanik, Schleiden, der mit Schwann zusammen die Zelleutheorie entdeckte, ist unmittel- barer Schüler Kants. Schleiden veröffentlichte 1842 seine„Gruudzüge der wissenschaftlichen Botanik" und diesem grundlegenden Werk schickt er auf zweihundert Seiten eine noch heute sehr lesenswerte methodische Einleitung voraus, die durchaus aus Kants Erkenntniskritik fußt. Mit ihr scheucht er den„Nebel phantastischer Kinderträume"(Schelling) und die Spekulanten, die„in arroganter Vermcssenheit zum Gott aufschwellen wie die Anhänger Hegels". Er verlangt mit Kant die streng kausale mechanisch-chemische Naturerklärung, die durch keine mystische„Lebenskraft" unterbrochen werden darf. Und gegenüber gewissen Rückfällen, die heute wieder gefährlich drohen, sind die Sätze noch recht beachtenswert, die Schleiden damals schrieb:„Seit Aristoteles bis auf die neueste Zeit wagte kein Mann von Wissenschaft, die unbedingte Gültigkeit der... zuletzt durch Kant ausgebildeten Logik als Kathartikon lReinigungSmittelj der Wahrheit in Abrede zu stellen, selbst die Männer nicht, welche aus Maugel an logischer Ausbildung die schmählichste Verwirrung in der Philosophie anrichteten. Erst in neuerer Zeit hat uns Hegel seine Spielerei mit immer kauder- welschen und geschmacklosen, meist auch sinnlosen Formeln für eine neue, höhere Weisheit in diesem Felde verkaufen wollen. In Schule und Kolleg hört man nun zwar, daß es eine solche Gesetzmäßigkeit unsres Geistes giebt, daß die tiefften Köpfe ihr Leben daran gesetzt, diese Gesetze zu entwickeln und zu begründen, daß es ohne diese Gesetzmäßigkeit keine echte wissenschaftliche Thätigkeit gäbe; aber sowie man an einen andern spcciellen Zweig des Wissens kommt, hat man alles wieder vergessen, von Anwendung des Gelernten ist keine Rede. Ja, man hört wohl gar: wozu � die trockene Logik, die hat jeder ge- sunde Kopf von selbst. Kindische Eitelkeit, die sich ein- bildet, das so vorweg zu haben, an dessen immer weiterer Ausbildung und Begründung seit Jahrtausenden zu arbeiten, die scharfsinnigsten Köpfe, die ausgezeichnetsten Denker nicht verschmäht haben. Hier finde ich gerade den großen Grund- fehler in der Bearbeitung unsrer Wissenschaft, der alle unsre Be- strebungen so haltungslos und unsicher macht, daß die Systeme kommen und gehen wie Ephemeren(Eintagsfliegen), daß was heute aufgestellt und bewundert die ganze Wissenschaft ergreist und be- herrscht, morgen durch eine einzige tüchtige Beobachtung über den Haufen geworfen wird." Ganz besonders merkwürdig find Kants biologische An- reguugen. Lange vor Darwin bekennt er sich zur EntwickelungS- geschichte der Natur, die von dem niedersten Wesen zum Menschen sich fortbildet, und klarer, wie Darwin und die Darwinisten, spiegelt er nicht eine angebliche kausal- mechanische Erklärung vor— die er principiell und ohne Grenzen fordert— wo eine der mechanischen Kausalität ftemde Zweck setzung sich einschleicht. Daher denn auch der neueste Geschichtsschreiber des Desccndcnzgcdankens in einem erst vor kurzem erschienenen Buch der Darstellung der Kantischen Formulierung des Entwickelungsgedankens die Bemerkung anfügt, daß„hier ein Standpunkt vertreten ist, der in absehbarer Zeit wieder zahlreiche Vertreter finden dürste und durch den die Grenzen des Naturerkennens ein für allemal bestimmt umschrieben sind." Die Erkenntniskritik als Mittel aller wissenschaftlichen Methodik ist das eine unvergängliche Verdienst Kants. Indem er aber die Grundlagen des Denkens in der Erfahrungswissenschast fand, reinigte er zugleich das Gebiet der Nawrerkenntni» von aller übersinnlichen Metaphysik und die Metaphysik von allem Anspruch auf naturwissenschaftlichen Geltungswert. Er zerrieb die religiöse Mythologie zwischen der Naturwissenschast, aus der sie exiliert wurde, und einer menschlichen Ethik, in der jene keinen Platz hat. Kaut ist der Ueberwinder der metaphysisch- mythologischen Weltanschauung. Das ist seine zweite unsterbliche That. (Ein Schluhartikel folgt.) Einige Dokumente zum japanisch- russischen Konflikte. London, 9. Februar. Wenn auch nicht der geringste Zweifel darüber bestehen kann, daß— soweit ein moralischer Maßstab für die heutige Weltpolitik überhaupt zulässig ist— Japan im Rechte und Rußland sich im Unrechte befindet, so ist es doch angesichts der russischen Heuchelei und der deutsch-offizicllen Bauchrutscherei ratsam, den dokumentarischen Beweis dafür zu erbringen, daß die russische Diplomatie das geblieben ist, was sie seit ihrem Aufkommen war: eine Rotte von Völkermördern. Nur hat sie im Wechsel der Zeiten ihre Parole geändert: im 13. Jahrhundert mordete sie unter der Fahne der Aufklärung, im 19. Jahrhundert unter der Fahne der Völkerbcfrciung; im 29. Jahrhundert unter der Fahne des Weltfriedens. Als Japan am 17. April 1895 die Früchte feines Sieges über China ernten tvollte, da trat Rußland im Namen des Weltfriedens dazwischen und überreichte am 25. April 1895 der japanischen Re- gierung folgende Note: „Nachdem die kaiserlich- russische Negierung die japanischen Forderungen an China geprüft hat, ist sie zur Ueberzeugung gelangt, daß die japanische Besetzung der Halbinsel Liaotung die chinesische Hauptstadt und die Unabhängigkeit Koreas bedrohen und deshalb den Frieden im fernen Osten gefährden wird. Von der herzlichen Freundschaft für Japan beseelt, hat demgemäß die kaiserliche russische Regierung beschlossen, dem Kaiser von Japan den Rat zu erteilen, auf den Besitz der Halb- insel Liaotung vollständig zu verzichten." Diesem freundschaftlichen Rat schlössen sich Deutschland und Frankreich an und Japan zog sich vom asiatischen Festlande zurück, worauf Rußland sich in der Mandschurei festsetzte. Das eben angeführte Dokument hat die Politik in der Mandschurei für alle fremden Mächte klar definiert. Eine Besetzung Liaotungs durch eine fremde Macht ist eine Bedrohung Koreas und des Friedens im fernen Osten. Japan hat sich diese Politik zu eigen gemacht und wendet sie gegen ihren Urheber an. Japan will uur das, was Rußland im Jahre 1895 klar erkannt und anerkannt hat. Am 27. März 1898, als Folge der deutschen Be« setzung von Kiautschou, erhielt Rußland von China die Häfen Port Arthur und Talienwan(jetzt Dalny) als Pachtung. Der aus diesem Anlaß abgeschlossene Vertrag sichert China seine Souveränitötsrechte über die verpachteten Gebiete. Artikel VIII dieses Vertrags beschäftigt sich mit der russischen Eisenbahnkonzession in der Mandschurei und bestimmt: „Aber diese Bahnkonzession darf nie und nimmer als Vorwand zur Besetzung chinesischen Territoriums benutzt werden, ebensowenig zur Einmischung in chinesische Angelegenheiten oder zur Schädigung chinesischer Interessen." Am 23. August 1900, während des BoxeraufftandeS, gab der russische Vertreter in London dem britischen Auswärtigen Amte folgende Erklärung ab: „Um ein einheitliches Vorgehen der Mächte in China zu sichern, schlägt die kaiserlich russische Regierung folgende Leitgedanken vor: 1. Harmonisches Zusammenwirken der Mächte; 2. Aufrecht« erhaltung des gegenwärtigen Regierungssystems in China; 3. Vermeidung aller Schritte, die zu einer Aufteilung Chinas führen könnten; 4. Herstellung einer festen Centralregierung in China, die im stände iväre, Ordnung und Sicherheit dem Lande zu geben; 5. die kaiserliche russische Regierung verfolgte keine andern Ziele und bleibt diesen Leitgedanken treu und wird auch in Zukunft strikt diesem Programm gemäß handeln." Gleichzeitig erhielt der britische Botschafter in Petersburg von der russischen Regierung eine gleichlautende Versicherung. Am 30. August 1900 teilte er seiner Regierung mit:.... Man nahm an. daß Rußland die Krisis in China dazu benutzen werde. Gebietserweiterungen zu erlangen durch Besetzung des rechten UferS des AmurstromeS und NiutschwangS. Diese Annahme ist voll- ständig unrichtig. Rußland ist frei von dergleichen Absichten. Alle Plätze, die Rußland dort infolge deS BoxeraufftandeS besetzt hat, werden nach Wiederher st ellung der Ordnung geräumt werden." Ueber die endgültige Räumung der Mandschurei durch Rußland wurde am 8. April 1902 ein russisch-chinesischer Vertrag abgeschlossen, in dem u. a. folgende Artikel vorkommen: „1. Der Kaiser von Rußland, geleitet von dem Verlangen, einen neuen Beweis seiner Friedensliebe und seiner Freundschaft für den Kaiser von China zu geben.... giebt seine Zustimmung zu der Wiederherstelluug. der chinesischen Autorität über die Mand- schüret, die ein integrer Bestandteil des chinesischen Reiches bleibt, und giebt China die Souveränität über die von russischen Truppen besetzten Gebiete wieder zurück. 2. Innerhalb sechs Monaten nach Unterzeichnung dieses Ber- träges hat Rußland die Provinz Mulden bis zum Liaofluß zu vSumeu und die Eiscilbahn wieder unter chinesische Verwaltung z» Die vollständige Räumung sollte am 8. Oktober 1903 voll- gogen sein, was bekanntlich nicht geschah und den unmittel- baren Anlag zum japanisch- russischen Kriege gab. Anstatt die Räumung vorzunehmen, griff Rußland noch»ach Korea hinüber und machte Anstalten, ganz Nord- China in seine Macht zu erhalten. Denn anch in der Mongolei ist Ruh- land thätig. Noch mehr: wie aus dem gestern veröffentlichten Blau- buch iibcr Tibet hervorgeht, ivollte Rußland sich sogar Tibets bc- inächtigen, wenn nicht England noch zeitig genug eingegriffen hätte. Diese wcitumfassenden ErobernngSpläne Rußlands ließen Japan das schlimmste befürchten. Es trat deshalb in Unterhandlungen mit Rußland, die erfolglos blieben und deshalb zum Kriege führten. Dies Motiv giebt auch das Dokument des Herrn Knrino, der japanische Vertreter in Petersburg, an, das er am S. Februar 1904 der russischen Regierung überreichte. Sein Wortlaut wurde vom „Vorwärts" bereits veröffentlicht. Es hieß darin: „Diese Haltung Rußlands, verbunden mit der Ablehnung, einen Vertrag abzuschließen über die chinesische Souveränität in der Mandschurei— die trotz aller russischen Ver- sicherungen und Verträge— durch die dauernde russische Besetzung bedroht wird, haben es Japan nahe gelegt, Maßregeln zur Selbst- Verteidigung zu erwägen, umsomehr, als Rußland unerklärlicher- weise die Verhandlungen in die Länge zieht und große militärische und maritime Rüstungen macht, die man nicht mit den friedlichen Zielen Rußlands in Einklang bringen kann." Gleichzeitig erklärte der japanische Vertreter dem russischen Minister des Aeußern: Da die japanische Regierung alle Ver- söhnnngsmittel vergeblich erschöpft hat, um die Veziehungcn zwischen den beiden Mächten von allen Ursachen, die zu Wkißverständnissen führen könnten, zu befreien, und da sie findet, daß ihre gerechten Vorstellungen und gemäßigten und selbstlosen Vorschläge zur Sicherung des Friedens im fernen Osten nicht die Rücksicht von der russischen Regierung erhalten, die ihnen gebühren, hat sie beschlossen, die diplomatischen Beziehungen mit der russischen Regierung ab- zubrechen, da sie aus den oben genannten Gründen jeden Wert ver- lorcn haben.— Dies war ein Ultimatum— die letzte friedliche Antwort auf die Beleidigungen, die Japan von Rußland in den letzten Monaten er- dulden mußte.— Eine amtliche Begründung der japauischeu Kriegserklärung ist nunmehr veröffentlicht worden. Sie lautet in ihren wesentlichen Darlegungen folgendennaßen: Am 12. Angust v. I. legte die japanische Regierung dnrch ihren Vertreter in St. Petersburg der russischen Regierung einen Vertrags- entlvurf vor, welcher folgende Punkte umfaßte: 1. Die gegenseitige Anerkennung der Unabhängigkeit und terri- torialen Unvcrlctzlichkcit des chinesischen und koreanischen Reichs. 2. Die gegenseitige Anerkennung des PrincipS der Gleichberechtigung aller Nationen betreffs Handels und der Industrie in diesen Gebieten. 3. Die gegenseitige Anerkennung einerseits der vorherrschenden Interessen Japans in Korea, und andrerseits der specicllen Rechte Rußlands in Bezug auf Eisenbahnen in der Bland- schnrci. Ferner die Anerkennung der respektiven Mächte, die zum Schutze obiger Interessen nötigen Maßregeln zu ergreifen, ohne Verletzung der in§ 1 ausgesprochenen Principien. 4. Rnssischerseits die Anerkennung, daß Japan ausschließlich berechtigt sei, der koreanischen Regierung die zu staatlichen Reformen und der Einrichtung einer geordneten Regierungs- forin nötigen Ratschläge und'Unterstützung zu gewähren. 5. Russischerseits das Versprechen, einer Ansdehnüng der korca- nischen Eisenbahnen nach der südlichen Mandschurei sowie einem Anschlüsse an die ostchinesische Bahn und an die Linie Niutschwang- Schanhaikwan keine Hindernisse in den Weg zu legen. Es lag in den ursprünglichen Intentionen der japanischen Rc- gierung, daß die diesbezüglichen Verhandlungen zwischen ihrem Ver- treter und ber_ kaiserlich russischen Regierung in St. Petersburg ge- führt werden sollten, um auf diese Weise möglichst bald zum Ziele gelangen zu können. Allein dieser Vorschlag stieß auf den cnschiedciic» Widerspruch der russischen Regierung, welche die Reise Seiner Majestät des Kaisers ins Ausland sowie andre Gründe vorsah, um eine Zurückleitung der Verhandlungen nach Tokio durzusetzen. Infolge dessen trat eine Verzögerung ein, so daß die russische Antwort erst am 3. Oktober v. I. erfolgte. Diese war in der Form eines Gegenvorschlages abgefaßt, welcher auf folgender Grundlage basierte: Die russische Regierung lehnte eS in erster Linie ab, sich bezüg- lich der Souveränität und territorialen Integrität Chinas zu engagieren; ebenfalls weigerte sie sich, das Princip der Gleich- berechtigung aller Nationen bezüglich des Handels in der Mandschurei anzuerkennen. Sie forderte vielmehr Japan auf, zu erklären, daß die Mandschnrc! und deren Küsten zu der Interessensphäre Japans nicht gehöre. Es wurden auch russischerseits verschiedene Ein- schränkungcn der japanischen Aktionsfrcihcit in Korea beantragt. Während dem Rechte Japans. Truppen zum Schutze seiner Jnter- essen nach Korea nötsgenfalls zu entsenden, Rußland allerdings zustimmte, wurde daran die Bedingung geknüpft, daß Japan für strategische Zwecke von Gebietsteilen Korens keinen Gebrauch machen dürfe. Schließlich schlug Rußland vor, eine neutrale Zone innerhalb des koreanischen Gebietes, und zwar nördlich des 39. BreitegradcS, zu schaffen. Der japanischen Regierung erschien unter den russischen Gegenvorschlägen am unerklärlichsten die Weigerung, bezüglich der Mandschurei eine bindende Erklärung abzugeben.... Es mußte dabei in Betracht genommen werden, daß Japan bereits in der Mandschurei wichtige Handelsinteressen besaß, deren weitere Entwicklung ihm am Herzen liegen mußte, während vom politischen Standpunkt aus die Interessen Japans in der Mandschurei durch dessen Beziehungen zu Korea fast noch eine größere Wichtigkeit beanspruchten. Unter diesen Uniständen war es für die japanische Regierung eine Unmöglichkeit, die russischerseits gewüiffchte Erklärung abzugeben, daß die Mandschurei nicht zu ihrer Interessensphäre gehöre. Die japanische Regierung verfehlte daher nicht, der russischen Regierung ihre diesbezüglichen Bedenken mitzuteilen und legte ent- sprechende Abänderungsvorschläge zu den russischen Entwürfen vor. Bezüglich der neutralen Zone sprach sie die Ansicht aus, daß, wenn überhaupt eine neutrale Zone adoptiert werden müsse, es besser sei, diese auf beiden Seiten der jetzigen Grenze Koreas zu verteilen und ihr eine Breite von etwa 50 Kilometer zu geben. Nach lvicder- holten Konferenzen, welche in Tokio stattfanden, legte die japanische Regierung ihre definitiven Abänderungsvorschläge am 13. Oktober v. I. der russischen Regierung vor. Trotz wiederholten Ersuchens um baldige Rückänßerung wurde diese doch bis zum 11. Dezember v. I. verschoben. In der schließ- lich von der russischen Regierung eingegangenen Antwort war die Klausel in betreff der Mandschurei vollständig weggelassen. Die ab- zuschließende Konvention sollte auf Korea allein beschränkt werden. Bezüglich Koreas wurde die Forderung aufrecht erhalten, daß die japanische Besetzung koreanischen Gebiets für strategische Zwecke aus- geschlossen sei, auch wurde die neutrale Zone beibehalten. Die letzte Autwort der russischen Regierung wurde am S.Januar in Tokio empfangen. Der Inhalt �derselben war folgender: Rußland verlangt, daß Japan die Erklärung abgiebt, daß die Mandschurei und deren Küsten außerhalb der japauischeu Sphäre liegen, während russischerseits innerhalb dieser Provinz solvohl Japan lvie den anderen Mächten bezüglich der Ausübung der dnrch die bestehenden Verträge mit China erworbenen Rechte und Privilegien, keine Schwierigkeiten bereitet wird, mit Ausnahme der Errichtung von fremden Niederlassungen. An dieses russische Zu- geständnis war aber die Bedingung geknüpft, daß nian japanischer- feits der Errichtung einer ncntralcn Zone zustimmen würde und mit der Beschränkung bezüglich Sicherung der strategische» Punkte ein- verstanden sei. Nach dem russischen Vorschlag würde auch die Zusicherung über die chinesische Souvcräiictät und die territoriale Integrität Chinas in Wegfall gekommen sein, wodurch selbstverständlich die ganze Völker- rechtliche Grundlage der Handelsverträge mit China erschüttert worden wäre. Es ist evident, daß die Besitzergreifung der Mandschurei durch Rußland die Folge haben würde, daß dadurch alle China, Japan und den Mächten gewährten VertragSrcchte aufgehoben würden. Am 13. Januar erneuerte daher die japanische Regierimg ihr Ersuchen an die russische Negierung um eine nochmalige Prüfung der Vorschläge. Sendern hat es japanischerfeits nicht an Versuche» gefehlt, die kaiserlich russische Regierung zur Abgabe einer Erwiderung zu veranlassen, ohne daß eine solche Japan zu teil geworden wäre: ja selbst das Versprechen der Fixierung eines genauen Datums hierfür konnte nicht erreicht werden. Unter diesen Umständen konnte das Endresultat kein andres fein, als die Aufgabe jeglicher Hoffnung auf eine versöhnliche Ans- einandcrsetznng mit Rußland und der unvermeidlich gewordene Ab- bruch der Verhandlungen. Diese Darstellung zerstört vollends das heuchlerische Lügen- gewcbe der russischen Diplomatie, als ob Rußland Japan alle nur möglichen Garantien geboten und Japan trotzdem frivol den Krieg vom Zaune gebrochen habe. Selbstverständlich handelt es sich in Ostasien um den Welt- politischen Kampf ziveier Mächte, bei denen die Rechte dritter Mächte auf beiden Seiten mit Füßen getreten werden. Japan bat ebenso- Ivenig ein Anrecht auf eine Annektion Koreas, wie Rußland ein solches auf Einverleibung der Mandschurei in seinen asiatischen Kolonialbesitz hat. Aber wenn man von diesem ethischen Ge- sichtspnnkte des SelbstbeslimmungSrcchtes der Völker absieht, ist Japan der angegriffene, der in seinen Interesse» bedrohte Teil. Rußland brach zuerst erobernd in Oftasien ein, Rußland mischte sich ohne jedes Recht in den Streit zwischen Japan und China, Rußland jagte Japan die Slldmandschurei ab, um sie dann selbst zu annektieren. Und Rußland engte dnrch dies Vorgehen Japans Entwicklung derartig ein, bedrohte so sehr seine nationale und wirtschaftliche Expansion, daß Japan unbedingt das Recht der Notwehr zugestanden werden mutz. Namentlich, da alle diplomatischen Versuche Japans, Rußland zur Heransgabe der Mandschurei zu ver- anlassen oder wenigstens Japan für Korea die gleichen Rechte der strategischen Festsetzmig einzuräumen, Nußland ablehnte. Auge- sichts einer solchen Hallung Rußlands blieb Japan nichts andres übrig, als ein Entscheid durch die Waffen. Neue KricgSmcldmigcn von Belang liegen zur Stunde nicht vor. Die von Petersburg— nicht offiziell— verbreitete Nachricht, daß die Japaner bei ihren: Angriff auf Port Arthur mehrere hundert Mann an Toten und Verwundeten und mehrere Schiffe verloren hätten, ist natürlich nur als fette Ente aufznfaffcu. Der auf das naive Sensationsbcdürfnis spekulierenden Neporter-Phantasie sind höchst wahrscheinlich auch folgende Meldungen entsprungen: London, 11. Februar. Daily Telegraph wird aus Shanghai von gestern gemeldet, die Japaner hätten eine Brücke der mand- schurischen Bahn gesprengt. Dabei seien 30 Russen getötet worden. Paris, 11. Februar. Einem heute mittag ans Petersburg hier eingetroffenen Telegramm zufolge wird aus Wladiwostok berichtet, die Japaner hätten am tzjalu-Fluß eine völlige Niederlage erlitten; anch sollen die Russen Tschcmulpo besetzt haben; indessen schenkt man dieser Nachricht hier loenig Glauben. ES ist schwer anzunehmen, daß es den Japanern schon gelungen sein sollte, in die Mandschurei einzudringen, um Brücken zu sprengen. Jedenfalls würden sie nicht so thöricht sein, sich der am Daluflnffe — der Grenze von Korea— konzentrierten starken russischen Trnppenmacht voreilig in unzureichender Zahl entgegenzustellen. Der Leildkricg dürfte wohl erst in Wochen beginne». Es sei denn, daß die russischen Truppen die Japaner in Korea aufsuchten. Wer hat angefangen? Tokio, 10. Februar. Nack, amtlichen Berichten ist die Er- öffnnng von Feindseligkeiten russischerseits früher erfolgt, wie der japanische Angriff aus die russische Flotte in Port Arthur in der Nacht vom 3. znm 9. Februar. Der erste Schuß wurde vom russische» Kanonenboot„Korejetz" bei Tschemnlpo schon am Abend des 8. Februar auf japanische Torpedoboote» welche japanische Transportschiffe eskortierten, abgegeben. Es konnnt im Grunde herzlich wenig darauf an, wer zuerst ge- schössen hat. Denn daß Japan entschlossen war, auf alle Fälle los- zuschlagen, versucht es ja gar nicht zu leugnen. Russische Völkerrechts> Tiftcleicn. Petersburg, 11. Februar. Der von Weihaiwci aus erfolgte Angriff der Japaner aus Port Arthur veranlaßt die„Nowoje Wremja" darauf hinzulveisen, daß dieser von England ge- pachtete Punkt vom Standpunkte des inter- nationalen Li e ch t e s aus in c i v i l e r wie in militärischer Hinsicht als unter dcrKontrollc Englands stehend betrachtet Iverden müsse. Jetzt erweise sich, daß sich dieser Hafen in eine j a p a u i s ch e O p e r a t i o n S b a s is Verwandelthabe. Indem Eng- land Weihaiwei den Japanern übergab, habe es dieG rundbesti mmnngen der Neutralität verletzt. Aus dieser Thesis folge, daß Weihaiwei nunmehr als ein Teil des japanische» Territoriums zu betrachten ist und England das Recht eingebüßt hat. an der Beratung eventueller Fragen über das weitere Schicksal Weihaiwcis teil- zunehmen, und daß Rußland berechtigt ist, von England eine Entschädigung für die direkten Verluste zu verlangen, welche es durch die Umwandlung eines englischen Hafens in eine japanische Operationsbasis erlitten hat. In einem analogen Zwischenfall mit Alabama wurde England für unbedingt schuldig erkannt. England hat Weihaiwci schon längst aufgegeben gehabt. Im übrigen wird cS sich um die spitzfindigen Tifteleien Rußlands ver- teufelt wenig kümmern. Ebensowenig wie Rußland, wenn dies einmal wieder in die Lage kommt, England einen Streich zu spielen! Die Neutralität Frankreichs. Paris, 11. Februar. Die n a t i o n a 1 i st i s ck> e Presse veröffentlicht scharfe Ausfälle gegen die socialistischcn Deputierten, die angeblich i» den Wandelgängen der Kammer öfter ihrer rnsscn- feindlichen Gesinnung und ihrer Freude über die Erfolge der Japaner Ausdruck gegeben hätten. I a n r s s beabsichtigt, trotz der beruhigenden Erklärung des Ministerpräsidenten über die Haltung Frankreichs in dem russisch-japamschen Konflikt eine Debatte hervorzurufen, um die Kammer zu einer uiizwcidciltigrn Kundgebung zu veranlassen, durch welche eine Intervention, welche Ereignisse auch immer eintreten mögen, rntschicdcn zurückgewiesen werden könne. Ncbcr Japans mutmaßlichen Kricgsplan erhalten wir aus London folgendes Original-Telegramm: In den Londoner militärischen Kreisen mutmaßt man, ein Teil der japanischen Flotte werde Port Arthur iu Schach halten, damit Japan mittlerweile in Niutschwang söstlich von der Halbinsel Liaotung) Truppen landen, die Bahn besetzen und Port Arthur isolieren könne. Mit dieser Armee würden vermutlich japanische Kolonnen von der A a l u m ü n d n n g swcstlich von Liaotung) aus kooperiere». Solchergestalt werde man die nissischen Streitkräfte auf der Halbinsel Liaotung einschließen nud den Vormarsch gegen das gleichzeitig zur See anzugreifende Port Arthur unternehmen. Der Plan wäre sehr gut, er würde freilich das Aufgebot einer bedeutenden Truppenmacht und einen gleichzeitigen Angriff von der koreanischen Grenze aus gegen Rußland erfordern, womöglich auch einen japanischen Angriff gegen die N o r d- M an d s ch ur e i, um Nußland zu verhindern, seine Hauptmacht zum Schutze Port Arthurs zu verwenden. London, 11. Februar.(„Bureau Lassan".) Zur S e e s ch l a ch t vor Tschemnlpo meldet ein„Daily Expreß"-Telegramm au? Hiroshima, daß die Russen schwere Verlufte an Menschenleben erlitten hätten. Auf japanischer Seite seien nur wenige Verluste zu verzeichnen gewesen. Mehrere japanische Schiffe seien leickit beschädigt, der russische Transport- dampfer„Sungari" sei zerstört worden.,. London, 11. Februar.(„Laffan"- Meldung.) In Cardiff traf gestern die Nachricht ein. daß die R u s s e n die Verladnng weiterer K o h l e n v o r r ä t e ans eine Anzahl Transportdampfer in Cardiff inhibiert und die nach dein Stillen Lcean unterwegs befind- lichen Schiffe angehalten haben. Tokio, 10. Februar. Aus Nagasaki wird gemeldet, daß die Japaner das Transportschiff. E k a t e r i n o s l a w" und den Dampfer„A r g u n". der chinesischen Ostbahn- Gesellschaft ge- hörig, sowie die Walfischfänger„Glorige",„Nicolai Alexander" und „Michael" weggenommen und sämtlich nach S a s e b o gebracht haben.(Daily Mail.) Tokio, 10. Februar. Der Minister des Innern hat alle Gouverneure angewiesen, die in Japan weilenden Russen zu schützen.(Daily Mail.). �„ London, 10. Februar.(„Bureau Lassan".) Die Admiralität hat. wie eine hiesige Nachrichten-Agentnr mitteilt, keine besonderen Vor« bereitungen mit Bezug auf die ostasialische Krisis getroffen und be« absicbiigt gegenwärtig auch nicht, das Geschwader auf der chinesischen Station zu verstärken. Das britische Mittclmecr-Geschwader ist kürzlich auf seine volle Stärke gebracht worden und umfaßt jetzt die besten Sckckachtschiffe der englischen Flotte. Das Geschwader wird anch in diesem Frühjahr, wie immer, seine Manöver abhalten, wahr- scheinlich in der Lcvantcgegend, jedoch hat die Nähe des Bkanöverschanplatzes zu den Dardanellen mit der internationalen Lage nichts zu t h u n.— politifcbe Gcbcrficbt. Berlin, den 11. Februar. Ter Reichstag unterbrach zu Beginn der heutigen Sitzung die Etatsberatung auf wenige Stunden, um sich einer Novelle zur Reichs- s ch u l d e n o r d n u n g zuzuwenden. Es handelt sich darum, eine Unklarheit im tj 7 dieses Gesetzes zu beseitigen. Zur Deckung der vorübergehenden Bedürfnisse der Reichshauptkasse sollen nämlich kurzfristige Reichsschatzanweisungen aus- gegeben werden, die der Reichskanzler nötigenfalls nach Ablauf der gesetzten kurzen Frist ohne besondere Ermächti- gung des Reichstages durch neue ersetzen kann. Nun ist aber besonders durch die 8t) Millioncn-Anleihe. die vom Freiherrn v. Thielmann im Jahre 1900 begeben wurde, die Gewohnheit eingerissen, dauernde Reichsschulden, die zur Befriedigung außerordentlicher Bedürfnisse dienen, nicht in der Form verzinslicher Reichsschuldverschrcibungen, sondern in der langfristiger Schatzanwcisungcn auszugeben. Auch für diese anders gearteten Schatzscheine verlangt die Regierung das Recht der Verlängerung ohne besondere Genehmigung des Reichstages. Es handelt sich um ein Notgesctz, das eine bestehende Un- klarheit beseitigen soll. Nachdem gegen die Stimmen der Freisinnigen Volkspartei und nnsrerParteigenosscn Kommissions- beratnng abgelehnt war und alle Parteien ihre Zustimmung zu der Vorlage erklärt hatten, wurde sofort die zweite Lesung des Entwurfs vorgenommen, die zu seiner debattelosen ein- stimmigen Annahme führte. Iii der Fortsetzung der E t a t s b e r a t u n g gelangte das Haus zum Etat des Reichs-Vcrsicherungsamts. Es ist selbstverständlich, daß bei diesem Gegenstand vorwiegend unsre Genossen das Wort ergreifen. Denn durch die Berufs- genossenschaften ist für die Interessen des Unternehmertuins in so vollkommener Weise gesorgt, daß ihm zu wünschen fast nichts übrig bleibt. Ilm so mehr Grund hat die Vertretung der Arbeit im Reichstag, die Beschwerden über das Gebahren dieser Unternehmer-Organisationen vorzubringen und auf Ab- stellung der Mängel des Unfallversicherungs-Gcsetzes zu dringen. Zunächst freilich verirrte sich der Bonner Arzt Dr. Ruegenberg vom Centrum auf diesem unbekannten Gebiete. Da er fälschlicherweise glaubte, daß auch die Kranken- kassen dem Reichsversicherungsamt unterstellt seien, brachte er bei diesem Titel seine von den Kassenmitglicdern in Köln in öffentlicher Versammlung zurückgewiesenen und widerlegten Behauptungen wieder vor. Er übertrumpfte sich noch, indem er den Kölner Kassenbeamten eine Verletzung ihres Ehrenwortes vorwarf. Für alle seine Be- bauptungen will er sich in Köln selbst das Material geholt haben; wen mag er da wohl gefragt haben? Er forderte auch wieder die freie Arztwahl, aber nicht etwa, wie unser erster Redner treffend hervorhob, gegenüber den Vertrauens- ärzten bei den Berufsgenossenschaften, sondern gegenüber den Krankenkassen. Eine um so genauere Kenntnis und um so gründlichere Kritik zeichnete die Äusführungen unsrcs Genossen Molkenbuhr über diesen Gegenstand ans. Er wies die vollkommen grundlose Agitation der Vernfsgcnossenschaftcn gegen die Sammlung eines einigermaßen ausreichenden Reserve- fonds zurück und legte die Vorzüge des Kapital- deckungs-Verfahrens nach den verschiedenen Richtungen hin klar. Die Legenden, die an die Abnahme der Zahl der Vollrentner geknüpft werden, zerstörte er gründlich, indem er als wahren Grund für diese Erscheinung die„Rentenquetscherei" durch die Berufsgcnossenschaften nachwies. Vor allem aber forderte er eine gründliche Erweiterung und Vertiefung der Unfall- verhütungs- Vorschriften. Was fiir eine Leichtfertigkeit auf diesem Gebiete, namentlich in der Landwirtschaft, herrscht, wie die„königstreuen Bauern" unter völliger Nichtachtung des ausdrücklichen kaiserlichen Wunsches jede auch noch so kleine Sicherheitsvorschrift übertreten, ist geradezu unglaublich. Und dabei hat man iin ganzen weiten Preußen noch nicht einen einzigen für die Unfallverhütung in der Landwirtschaft technisch vorgebildeten Beamten angestellt! Was Genosse Molkenbuhr in großzügiger principieller Kritik dargelegt hatte, ergänzte Genosse K ö r st e n durch zahl- reiche Einzelheiten, die unsrem Berliner Arbeitersckretär aus seiner reichen Praxis zu Gebote stehen. Heber das Verhalten der Acrztc zu den Unfallverletzten, über die Verzögerung der Rechtsprechung, über die Spruch- Praxis des Reichsversicherungs- Amtes, insbesondere bei den samoS konstruierten Begriffen„Gewerbekrankhcit" und „Gewöhnung", und über eine große Zahl andrer Mißstände sagte er viel Neues und Treffendes. Die beiden freisinnigen Abgeordneten Schmidt- Elberfeld und v. G e r l a ch schloffen sich im wesentlichen jener dem Gc- Nossen Molkenbuhr, dieser dem Genossen Körsten an. Graf P o s a d o w s k y, der zögernd erst ganz am Schluß der Sitzung eingriff, antwortete ausweichend; er leugnete das Berechtigte der Kritik nicht, aber gab auch nichts Bestimmtes zu. Nur die regierende Partei, das Ccntrum. das inmitten all dieser Kämpfe um Leben und Gesundheit Tausender von Arbeitern nur Paritätsschmerzen vorzutragen hatte, bekam eine freundlich entgegenkommende Auskunft. Morgen nimmt die Debatte ihren Fortgang. Sonnabend soll die Wahl des Genossen Braun auf die Tagesordnung gelangen.— Preußischer Landtag. Im Herrenhause hatte neulich der Präsident Fürst zu Inn- und Kmyphauscn den Wunsch ausgesprochen, daß die Regierung in Zukunft diesem hohen Hause mehr Gelegenheit geben möge, sich zu bcthätigen. Diesem Wunsche hat die Regierung entsprochen, und so konnte denn das Haus bereits am Donnerstag, also nach kaum vier Wochen Erholungszeit, wiederum zusammentreten und eine ganze Reihe von Bor- lagen, die allerdings auf Bedeutung keinen Anspruch erheben können, im Ramsch erledigen. Auch für Freitag ist noch Arbeit in Hülle und Fülle vorhanden, zumal da auch der Staatsanwalt auf das Wohl der Edelsten der Nation bedacht ist. Er sucht schon wieder einmal die Genehmigung zur Ein- leitnug eines Strafverfahrens wegen Beleidigung des Herrenhauses nach. Im Abgeordnetcnhause begann nach Beendigung der zweiten Lesung des Etats der landwirtschaftlichen Ber- waltung die Beratung des Etats der G e st ü t s- Verwaltung. Der Umstand, daß die Regierung die Forderung flcs Hauses auf Umwandlung der Gestütschulen in öffentliche Volksschulen abgelehnt hat, gab dem Abg. K o p s ch (frs. Bp.) Gelegenheit, wie in früheren Jahren so auch dies- nral die Zustände in Trakehnen einer Kritik zu unterziehen. Die Antwort des Ministers v. Podbielski war die- selbe, wie im vorigen Jahre. Es ist alles in Trakehnen in bester Ordnung, und wenn Unfrieden herrscht, so sind die Lehrer daran Schuld. Tie Debatte wird am Freitag fortgesetzt.— Deutfebea Reich. Handelspolitische Finsternis. Graf Bülow im Landwirtschafts rat. Beim Festmahl des Landwirtschaftsrats hielt der Reichskanzler eine Rede, in der er glcickicrweise seine agrarische Gesinnung ivie die Unfähigkeit bekundere, über die Gestaltung der Handelspolitik irgendwie Klarheit zu geben. Graf Bülow führte aus: Es ist in der letzten Zeit viel darüber geklagt worden, daß die neuen Handelsverträge dem Reichstage noch nicht vorgelegt worden sind. Es sollte aber doch nicht übersehen werden, daß erst mit der Annahme uusrcs neuen Zolltarifs für uns die Mög- lichkeit geschaffen wurde, wegen Erneuerung der bestehenden Handelsverträge mit andren Staaten in Unterhandlungen ein- zutreten.... Nach Beendigung dieser unerläßlichen Vorarbeiten sind wir sogleich in die diplomatischen Verhand- l n n g e n eingetreten, zunächst mit Rußland, dann mit der Schweiz, Italien, Belgien, Rumänien, Ocsrrcich-Ungarn. lieber den Stand dieser Verhandlungen kann ich natürlich hier keine Mitteilungen machen. Auch wann die neuen Handelsverträge dem Reichstage vorgelegt werden können, läßt sich heute noch nicht angebe». Die Handels- Verträge, wenigstens die wichtigsten, hängen untereinander auf das engste zusammen. ES ist deshalb nicht loahrscheinlich, daß einer der neuen Handelsverträge bekannt gegeben wird, bevor auch die anderen Verhandlungen wenigstens im wesentlichen zu Ende ge- führt sind. Die Gründe hierfür liegen so sehr auf der Hand, daß ich sie nicht näher darzulegen brauche. Meine Herreu, die verbündeten Regierungen haben den ernsten Willen, den ncnc» Zolltarif sobald als möglich in Kraft treten zu lasten. Sie möchten vor allem unsrer Landwirtschaft so bald als irgend angängig den stärkeren Zollschutz zu teil werden lassen, den ihr unser neuer Zolltarif gewährt. Andrerseits sind die verbündeten Regierungen der Neberzeugung, daß die Kontinuität unsrer Handels- politischen Beziehungen zum Auslande möglichst gewahrt werden muß, damit sich der Ueb'crgang von den alten zu den neuen Verträgen glatt und ohne Erschütterung vollziehen kann. Deshalb ist bisher davon Abstand genommen worden, die be- st ehe n den Handelsverträge zu kündigen. Das Beste wäre an und für sich, wenn sich die neuen Handelsverträge im- mittelbar an die bestehenden Handelsverträge anschlössen. Sonst könnte ein Vertrag-Moser Zustand entstehen, oder wir müßten uns mit interimistischen Meistbegünstignngsabkommen behelfcn. Einen solchen Zustand wechselnder Zollsätze und ständiger Meinungskämpfe über eine bessere Gestaltung der Dinge möchten wir unsrer Industrie, unserm Handel und auch unsrer Landwirtschaft ersparen. Bedenken Sie auch, meine Herren, daß es oft nicht leicht i st, ein einmal z e r- schnitten es, Vertrags niäßigcs Band wieder an- zuknüpfen. Auch ist erfahrungsmäßig bei Vertragsuntcr- Handlungen diejenige Regierung im Nachteil, die unbedingt bis zu einem bestimmten Termin fertig werden will. Erfüllen sich die Erwartungen der verbünderen Regierungen, verlaufen die Vcrtragsverhandlungen nach Wunsch und schließen sich die neuen Verträge unmittelbar an die bestehenden an, so wird eine Kündigung überhaupt nicht erfolgen. Vielmehr werden die alten Abkommen durch die neuen Vereinbarungen ohne weiteres ersetzt oder modifiziert werden. Wenn dagegen wider Erwarten die Dinge sich so gestalten sollten, daß auf eine befriedigende Einigung mit den andren VertragSstaaten in gegebener Zeit nicht gehofft werden könnte, so werden die verbündeten Regierungen mit dem Bewußt- sein zur Kündigung schreiten, daß die daraus sich er- gebenden nachteiligen Folgen nicht Deutschland allein und nicht ein- mal vorzugsweise Deutschland treffen würden. Ich hoffe,' daß wir in dieser Frage bald klar sehe» werden. Ich verstehe sehr gut die Ungeduld, mit welcher die Neuregelung unsrer handelspolitischen Beziehungen erlvartet wird. Aber die Sache liegt ein- mal so, und es gilt auch hier, die Ruhe und Ausdauer nicht zu verlieren. Seien Sie versichert, daß die Interessen der Landwirtschaft, für die ich, auch wenn ich nicht praktischer Landwirt bin, doch volles Verständnis habe, der hohen Wichtigkeit der Sache entsprechend beim Abschlüsse der Handelsverträge energisch wahrgenommen werden.(Beifall.) Meine Herren. die weitaus größere Hälfte aller Schwierigkeiten, mit denen wir bei der künftigen Ge- staltnng unsrer wirtschaftlichen Beziehungen zum Auslande zu kämpfen haben, ist durch Forderungen veranlaßt, deren Durch- setzung ich im Interesse der deutschen Landwirtschaft übernommen.habe. Fremde und einheimische Gegnerschaft gegen die Erhaltung eines kräftigen, national und monarchisch gesinnten Bauernstandes im Deutschen Reich vereinigen sich zum Ansturm gegen das, was man meine agrarische Politik nennt. Im Munde der Gegner soll das ein Schelk- und Sportwort sein. Ich betrachte diese Bezeichnung aber als einen Ehrentitel für mich.(Lebhafter Beifall.) Für diese Kämpfe glaube ich das Vertrauen der deutschen Landwirte zu verdienen. Der Rcickiskanzler schloß mit einem Hoch auf den Land- wirtschaftZrat und die Landwirtschaft. Kant und Bülow. Es war vorauszusehen, daß anch der Graf v. Bülow, obgleich nur der Kanzler des Klerikalismus und Feudalismus, sein Kotillon- Sprüchlein über Kant hersagen würde. Es ist über alle Maßen großartig ausgefallen. Also spricht er in der Königsberger „Hartungschcn Zeitung": „Wer ein rcchl'er Kantianer sein will, muß, glaube ich, viel Selbstbescheidung, viel Demut im Anerkennen der V e r- n n n ftgrenzen, viel Ehrfurcht vor ewigen Rätseln mitbringen. Auf der Suche nach Weltanschauung laufen in unsren Tagen auch die niehr als Halbgebildeten vielfach Phantasie- r e i e n in die Arme. Heilsam wäre diesem Geschlecht die lim- kehr zu der Gedankenstrenge des Mannes, der gezeigt hat, daß es für metaphysische Fragen keine andre Lösung giebt als das immer schärfere Verstehen ihrer Unlösbarkeit, der mit seinen berufenen Fortsctzern uns die Chemie der allgemeinen Begriffe lehren kann, die im täglichen Meinungsstreit so oft vermißte Klarheit und Festigkeit der Grunderkcnntnisse. In diesem Sinne, nicht minder aber mit der Erinnerung daran, daß in den Schriften des großen Königsbergers die Philo- sophie des preußischen Pflichtbewußtseins niedergelegt ist, daß der Geist des kategorischen Imperativs die Schlachten unsrer Freiheits- kriege geschlagen, an Preußens Größe und Deutschlands Einheit mitgearbeitet hat und noch heute wie fernerhin nicht entbehrt werden kann, stimme ich in den Ruf ein, der neuerdings wieder durch die Reihen unsrer philosophisch Gebildeten geht: Zurück zu Kant!" Es scheint dem Grafen Bülow ein kleines Mißverständnis unter- laufen zu sein. Kant sah nicht die allgemeinen Grenzen der Vernunft in den zufälligen Vernunftgrenzen eines Staatsmannes. Seine praktische Lcrnuiift aber will überhaupt keme Grenzen ihrer Be- thätigung, sondern eine grenzenlose Erfüllung in der mensch- lichen Gesellschaft. Kant warf in seiner zutreffend vom Grafen Bülow bemerkten„Gedankcnstrenge" gerade die Weltanschauung der mehr als Halbgebildeten den„Pbantastereien" in die Arme. Der gute Kant verdient überhaupt keinerlei Lob des Kanzlers, von dem er sich unvorteilhaft dadurch unterschied, daß er ein äußerster „Konsequenzenmacher" war. Zudem hat der Philosoph, in seiner Kenntnis aller Staatsmännerei, den Grafen Bülow grausam vorausgeahnt, als er in der Vorrede zu seinen„revenss" (Träumereien über den ewigen Frieden) spottend schrieb:„Das bedingt sich aber der Verfasser des Gegenwärtigen aus, daß, da der praktische Politiker mit dem theoretischen auf dem Fuß steht, mit großer Selbstgefälligkeit auf ihn als einen Schul- meister herabzusehen, der dem Staat, welcher von ErfahrungSgrund- sätzen ausgehen müsse, mit seinen sachleercn Ideen keine Gefahr bringe und den man inimer seine elf Kegel auf einmal werfen lassen kann, ohne daß sich der w e l t k u n d i g e Staatsmann daran kehren darf, dieser auch, im Fall eines Streites mit jenem sofern konsequent verfahren müsse, hinter seinen auf gut Glück gewagten und öffentlich geäußerten Meinungen nicht Gefahr für den Staat zu wittern." Kant empfand sich also im Gegensatz zu dem„weltkundigen Staatsmann" a la Bülow als Schulmeister mit sachleeren Ideen, als Phantast und Konsequenzenmacher I • Emster ist das Kant-Motto des Grafen Posadowsky: „Kant lehrte die Wertfchätzimg der lebendigen Kräfte und glaubte an die gesetzgebende Kraft der Vernunft. Damit bezeichnete er die natürliche und notwendige Grundlage. auf der jedes gerechte Staatswesen aufzubauen ist, und wies auf die hoffnungsvolle Ueberzcugung hin, die den gewissenhaften Staatsmann beseelen muß, wenn er nicht gegenüber den Irrungen und Leidenschaften des Tages an der gesunden Fort- entwicklung des Gemeinwesens verzweifeln soll." Es ist anzunehmen, daß der Graf Posadowsky bei solcher An- schauung längst an seiner RegierungSmission verzweifelt hat, in der ihm nicht gestattet ist,„die gesetzgebende Kraft der Verminst", gegen- über den Irrungen und Leidenschaften der kapitalistischen Klassen in der heutigen Monarchie irgendwie zu bethätigen.— Konservativer Vorstoß gegen Arbeiterschich. Die Bundesrats- Verordnung über die Beschäftigung von Gehilfen und Lehrlingen in Gast- und Schankwirtschaften vom Januar 1Sl)2 ist den Arbeitcrschutzgegncrn von Anbeginn an unbequem gewesen. Jetzt nntemehmen die Frcikonservativen vom preußischen Abgeordneten- Hans aus einen Vorstoß gegen die Verordnung. Sie fordern in einem Antrag zum Etat der Handels- und Gcwcrbeverwaltung eine Abänderung dieser Verordnung dahin,„daß die Ruhezeiten für die kleinen und mittleren Betriebe unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der verschiedenen Arten der Gast- und Schankwirtschaften anderweit geregelt oder daß die Ortspolizeibehörden ermächtigt werden, in geeigneten Fällen Ausnahmen von den erwähnten Bestimmungen zu bewilligen". Der geringe Schutz der Angestellten im Gastwirts- gewcrbe soll rückwärts revidiert werden.— Agrarisches. Der„Deutsche Land Wirtschaftsrat" setzt seine Beratungen und damit die Aneinanderreihung eines agrarischen Wunsches an den andren fort. Eine besondere Leistung vollbrachte am Mittwoch der vielbckannte Herr Ring auf Düppel. Der Land- wirtschaftsrat wollte über die Entwickelnng und Leistungsfähigkeit der deutschen Viehzucht beraten. ES ist bekannt, daß die deutsche Viehzucht trotz anerkennenswerter Fortschritte bei weitem nicht den Ansprüchen der wachsenden Bevölkerung folgen kann und daß infolgedessen die Fleischpreise außerordentlich hoch stehen. Dennach kennt Herr Ring nur die eine Losung: die Grenzen sind noch nicht genügend gegen Vieheinfuhr gesperrt. Herr Ring stellte zum edlen Zwecke weiterer Fleifchpreissteigernng beweislos die tollsten Behauptungen auf über angebliche Minderwertigkeit des aus Dänemark kommenden Pökel- flcisches und des amerikanischen Schmalzes. Deutschland, rief er aus, sei„ z u ni Schindanger der ganzen Welt" ge- worden. Natürlich gab Herr Ring keinerlei Möglichkeit, seine drastische Behauptung nachzuprüfen. Man kennt nur zu gut die Motive, ans denen die Agrarier das ausländische Fleisch schmähen und der Be- völkernng zu verekeln versuchen. In der Donnerstagssitzung nahm der Landwirtschaftsrat einen Antrag v. Schorlcmer an. der in den früheren Gebieten des fran- zösischen Rechts durch Anerbcnrecht den mittleren bäuerlichen Grund- besitz vor dem Rückgang bewahren will. Auch dieser Antrag wurde mit dem bei den Agrariern zur Verschleierung rückständiger und egoistischer Anschauungen üblichen Argument begründet, daß„in der gegenwärtigen aufgewühlten Zeit die Erhaltung eines mittleren Bauernstandes um so dringender geboten sei, da letzterer das festeste Bollwerk gegen die Umsturzbestrebungen der Sozialdemokratie bilde". Furcht vor der Socialdemokratie und agrarischer Eigennutz laufen stets miteinander.— Wider den Zeugniszwang. Die Petition, die die Ortsgruppe Berlin-Potsdam des Vereins deutscher Redakteure in Sachen des Zcugniszwangs-Verfahrens gegen Redakteure zur Unterschrift an die Redatteure Deutschlands versandte, ist jetzt, von ca. 1000 Re- daktenren unterfertigt, dem Staatssekretär des Reichs-Justizamtes übersandt worden.— Ter Jntcrefsenstreit im Ccntrum. Ans dem Rheinland wird uns geschrieben: Das Ccntrum behauptet, die widerstreitenden Interessen der einzelnen Erwerbsgruppcn auf der vielberufenen Mittellinie der ausgleichenden Gerechtigkeit zusmnmenbringen zu wollen und zu können. Die thatsächliche Entwicklung der Dinge aber läßt den Demagogen in schneller Folge immer wieder cisigkalte Sturzbäder zu teil werden. Tie wilden Kämpfe zwischen der ultramoittanen Parteileitung und den katholischen Bauern des RheinlandeS., zwischen den Evangelisten der„ausgleichenden Gerechtigkeit" und ixw Wortführern der agrarischen Begehrlichkeit, sind noch in frischer Erinnerung. Sie offenbarten den unheilbaren Bruch und endeten in bäuerlich-ultramontmien Gegcnkandidaturcn bei den Reichstags- Wahlen, Dann kamen die Zusammenstöße zwischen den- katholischen Arbeitern und den katholischen Handlvcrksmeistern und sonstigen Arbeitgebern und Unternehmern, die vielfach zu Maßregelungen und andren Verfolgungen der Mitglieder chiistlicher Ge- w e r k s ch a f t c n führten. Es kamen in den letzteren die inneren Kämpfe zwischen den Freunden der ultrmnontanen Brotwucher- Politik und den Vertretern der proletarischen Interessen. Und neuerdings tobt der Streit zwischen den christlichen Gewerkschaften und der sogenannten Berliner Richtung, die unter der Leitung von Geistlichen und dem oberhirtlichen Beistand des Bischofs ftormn von Trier die Arbeiter aus den Getverkvereinen zurück in, die cschafställc der katholischen Arbeitervereine bringen will, um sie der strengen Aufsicht der Kirche und damit dem Cenrrum zv er- halten. Alle diese Dinge sind der Ausfluß der Sorge um den immer mehr schwindenden Arbeiteranhang des Centrums. Zu all diesem sind in der letzten Zeit neue Schwierigkeiten gekommen. Seit kurzem haben die christlichen Gewerkschaften auch den Konsumgenossenschaften ihre Aufmerksamkeit zuge- wandt, um dadurch, wie sie offen zugestehen-, ihre Gewerkschaften, die nicht vom Fleck kommen, wenigstens vor dem Rückgang zu bewahren. Die katholischen Arbeiter gründeten Konsumvereine im Krefelder, Aachener und neuerdings auch im Kölner Gebiet. In M.-Gladbach besteht bereits eine von ihnen errichtete Central- Einkaufsgenossenschaft, deren Umsatz allerdings den eines mittel- großen Konsumvereins kaum erreicht. Es ist schon wiederholt zu heftigen Zusammenstößen zwischen diesen Konsumgenossenschaften und den ultramontancn Angehörigen des M i t t e l st a n o e s, dem Händlertum, gekommen, dieser Tage noch in K öl n. Eine Arbeiter- Versammlung hatte einen Vortrag des katholischen Arbeitersekretärs Schlack gehört, der zum Eintritt in die Konsumgenossenschaft„Eintracht" aufforderte. JHnr trat der Pfarrer Dr, Oberdörffer mit Entschiedenheit entgegen und führte aus: Die Konsumvereine seien ein- Glied in der Kette der Faktoren, die den Mittelstand zerstören; der Handel habe auch seine Berechtigung; der Vorteil der Konsumgenossenschaften sei fraglich; er erwähne auch noch, daß die meisten Unterschlagungen bei den Genossen- schaften vorkommen. Dann ging der Pfarrer, der übrigens in der katholischen Socialpolitik eine namhafte Rolle spielt, zu den Ver- tretern der Presse und bat, über seine Ausführungen nichts zu ver- öffentlichen. Weiter trat dem Arbeitersekretär der Wortführer der Kölner Kleingewerbetreibenden, Kaufmmm Genske, ein Mit- glied der Ccntrumspartei, entgegen. Unter vielfachen Schluhrufen beschuldigte er das Cciitriim, es treibe die Socialpolitik zu weit; der Mittelstand habe auch seine Existenzberechtigung; die Arbeiter seien zu anspruchsvoll und trieben beispielsweise in den Wohnungen(!kX zu viel Luxus. Da die Presse dennoch über die Auftrittie berichtete, kamen die Dinge zur Kenntnis der kirchlichen Behörden. In der jüngsten Sitzung des Vereins der Kölner Kleingewerbetreibenden erklärte ein Redner, es sei, wie er bestimmt versichern könne, an die katholische Geistlichkeit von seiteu der kirchlichen Behörde die Weisung cr- gangen, in Sachen der Konsumgenossenschaften nichts mehr zu thun.— Landtags-Ersatzwahl. Schrot» a, 11. Februar. Bei der heutigen LandtagsiÜahl im Wahlbezirk 7 Posen wurde der Redakteur Korfanth in Kattowitz (Pole) mit 338 von 429 abgegebenen Stimmen gewählt. Der freikonservative Gegenkandidat v. Günther» Landschaistsrat-in Grzybno, erhielt 91 Stimmen.— Ein Soldatcnschindcr ärgster Art. Der Bicewachtmeister Robert Kleinmichel Vom Artilleric-Regimcnt Nr. 57 in Neustadt(Oberschlesien) wurde wegen zahlreicher empörender Soldatenmißhandlungen vom Kriegs- gericht in Benthe» O.-S. zwar zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. aber auf Bitten seines Compagniechcfs, der ihm ein glänzendes Zeugnis ausstellte, nicht degradiert. Wie sehr der roh« Bursche diese Milde verdiente, mag eine ganz knappe Wiedergabe einiger seiner Heldenthatcn zeigen. Kleinmichel, dem die Aus» bildung der Rekruten oblag, wird beschuldigt, seit mehr wie sechs Jahren die ihm anvertrauten Leute in grausamster Weise mißhandelt zu haben. Da nur 165 Mihhandlungsfälle zur Anklage standen, darf man annehmen, daß zahlreiche Opfer seiner Er« ziehungskunst. die längst den Freuden des Kasernenlebens ent- kommen find, keine Anzeige gemacht haben. Die Ohren seiner Zöglinge erfreuten sich seiner besonderen liebenswürdigen Auf- merffamkeit, ohne daß er andre Körperteile gerade vernachlässigte. Aus den geringfügigsten Anlässen zerrte und zog er die Ohren der Rekruten, die sich in der Reitbahn stets vom Pferde herunterblicken mußten, damit der Herr Wachtmeister besser reißen und schlagen konnte. Ein Kanonier Wilczck, der schlecht aufsitzen konnte, wurde von Klcinmichel buchstäblich an den Ohren auf das Pferd gezogen» und dabei erheblich verletzt. Die mit gefüllten Wasscrcimern an ihm vorübcrmarschiercnden Leute schlug er mit der Säbelscheide an die Beine und andre Körperteile, in einem Fall schlug er einen Mann mit der Säbelscheide derartig in das Gesäß, daß derselbe stark blutete und zwei Wochen arbeitsunfähig war. Mit-der schweren Bahn- peitsche hieb cr die Leute über Hände und Gesicht, so daß sie mehr- fach erhebliche Verletzungen erlitten. Die Leute mußten zur Ab- wcchsclung im Stalle antreten und in- Kniebeuge das Zaumzeug vor sich halten, das K. dann jedem ins Gesicht schleuderte. Bei jeder Gelegenheit zog K. den mit Schnurrbart versehenen Leuten in schmerzhaftester Weise an dieser Manneszier. Sehr beliebte Er- ziehnngsmittel waren auch Fußtritte und Fanstschläge selbst in da? Gesicht. Vor Gericht bestritt der durch zahlreiche Zeugen über- führte Mensch die Mißhandlungen und gab nur zu, gelegentlich die Leute geohrfcigt zu haben, um sie zu guten Reitern und tüchtigen Soldaten zu machen-. Festgestellt wurde auch, daß mißhandelte Rekruten, welche Anzeige machen wollten, in-die llnteroffizierstube gerufen, von Kleinmichel und auch von einem ihm befreundeten Unteroffizier„zur Rede gestellt", gcohrfeigt und mit Fußtritten zur Stube hinausbefördert wurden, Sie unterließen- infolgedessen die beabsichtigte Meldung, Auf Veranlassung Klcinmichels mußten Mißhandelte, die die Spuren seiner Erziehungsmethode deutlich zur Schau trugen, dem Arzt vorlügen, sie seien von ihren Kameraden mißhandelt worden. Die Mißhandlungen selbst bieten ja nichts Außerordentliches. Bemerkenswert ist aber jedenfalls, daß dieser wegen Roheitsvcrgehen schon vorbestrafte Unteroffizier, der seit einer Reihe von Jahren seine Untergebenen in roher und feiger Weise mißhandelt, von scincm Hauptmann ein glänzendes Zeugnis erhält und infolge- dessen nicht degradiert wird, seine„Erziehungsarbeit" nach Vcrbüßung seiner Strafe also fortsetzen kann.— Aus Dcntsch-Siidivcstlifrira telegraphiert der Kommandeur deS Scebataillons, Major v. Glasenapp, von Swakopmund, daß einem Gerücht zufolge ein Teil der Hereros bei Waterberg st e h e. ein andrer Teil sich bei G o b a b i s verschanzt habe und das Abtreiben des Viehes nach Bctschuana- Land decke. Major v, Estorff wird sich Freitag früh mit der Compagnie Häring und zwei Geschützen, zunächst mit Eisenbahn, nach Omaruru— Outjo in Marsch setzen, um die besser berittene Compagnie Franke gegen Waterberg verfiigbar zu machen. Mit dem Rest der Expedition unter Glasenapps Führung selbst werde über Windhuk gegen Gobabis vorgegangen werden, und zwar werde eine Compagnie, zwei Geschütze und Sprengladung Freitag früh mit der Eisenbahn nach Windhuk fahren, der Rest am 11. nachfolgen. Lieutenant Winkler mit dem AblösungseorpS befindet sich in Windhuk. Gouverneur Leutwein trifft am 12. in Swakopmund ein. Das Landungscorps des„Habicht" bleibt zum Schutze der Eisenbahn an Land.— Hueland. Frankreich. Die Gemcindcwahlen von PnriS dokkziehen sich jetzt nach einem im Jahre 1S71 geschaffenen WahT gesetz, welches durch die Vermehrung der Pariser Bevölkerung, noch mehr durch Verschiebung der Einwohner innerhalb der einzelnen Viertel der Stadt zu einer großen Ungerechtigkeit gegenüber der Arbeiterschaft geworden ist, Paris, das im Jahre 1872 eine Be bölkerung von 1 7gg 000 hatte, wurde durch das damalige Wahl reglement in 80 Bezirke eingeteilt, deren jeder einen Gemeindevertreter zu wählen hatte. Im Jahre 1901 war die Einwohnerzahl auf 2 9ög 000 gestiegen, die Zahl der Gemeindevertreter ist bis heute die- selbe geblieben. Wie in allen Großstädten, so giebt es auch in Paris Viertelelbeu lHierarchie) mag monarchisch oder aristokratisch oder demokratisch sein: das betrifft nur die Organisation: die Konstitution derselben ist und bleibt doch unter allen diesen Formen immer despotisch. Wo Statuten des Glaubens zum Konstitutionalgesetz gezählt werden, da herrscht ein Klerus, der der Vernunft, und selbst zuletzt der Schristgelehrsamkeit gar wohl entbehren zu können glaubt, weil er als einzig autorisierter Bewahrer und Ausleger des Willens des unsichtbaren Gesetzgebers der Glaubens- Vorschrift ausschließlich zu verwalten die Autorität hat und also mit dieser Gewalt versehen, nicht überzeugen, sondern nur befehlen darf.— Weil nun, außer diesen: Klerus, alles Uebrige Laie ist (das Oberhaupt des politischen gemeinen Wesens nicht ausgenommen): so beherrscht die Kirche zuletzt den Staat, nicht eben durch Gewalt, sondern durch Einfluß auf die Gemüter, übcrdem auch durch Vor- spicgelung des Nutzens, den dieser vorgeblich aus einem unbedingten Gehorsam soll ziehen können, zu dem eine geistige DiSciplin selbst das Denken des Volks gewöhnt hat; wobei aber unvermerkt die Gewöhnung an Heuchelei die Redlichkeit und Treue der Unterthanen untergräbt, sie zum Schcindienst auch in bürgerlichen Pflichten ab- witzigt.(Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.) Dogmatische Diskussionen. So giebt's... keine eigentliche Polemik im Felde der reinen Vernunft. Beide Teile find Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten herumbalgen? denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für ihre dogmatischen Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten ließe. Sie haben gut kämpfen? die Schatten, die sie zer- hauen, wachsen, wie die Helden in Walhalla, in einem Augenblick Wie alle menschlichen Anlagen kann selbstverständlich auch das zweckbestimmte Handeln erst im gesellschaftlichen Leben zur Beihätigmig und Entfaltung gelangen. Andrerseits ist es in der Natur dieses gesellschaftlichen Lebens(auch wenn wir von den knechtisch gebundenen Formen, in denen es sich historisch entwickelt hat, absehen und uns die denkbar freieste Form desselben vorstellen) begründet, daß der Freiheit des Handelns durch Gesetz und Recht Schranken gezogen sind. Man kann die Umänderung einer bestehenden Rechtsordnung in eine andre, aber— vernünftigerweise— nie die Abschaffung überhaupt jeder Rechtsordnung erstreben wollen, weil dann bei völlig regelloser Willkür die Gesellschaft selbst, ohne welche das Individuum ein Nichts ist, elementare Garantien ihres Bestandes verlieren würde. Aber nicht nur durch Gesetz und Recht, hinter denen die Strafgcwalt des Staates steht, wird die Willkür, mit der die einzelnen ihre Zwecke verfolgen, ein- geschränkt, sondern in g e w i ss e m Umfange auch durch die un- abhängig von der immer eng begrenzten staatlichen Strafgcwalt Wirlenden Vorstellungen vom Sittlichen. Und diese Vorstellungen erscheinen in ihrem Inhalt nicht durchweg konventionell zufällig, sondern tteillvcise auch als etwas im Wesen alles gesellschaftlichen Zusammenlebens begründetes. Indem wir unparteiisch d. h. als Glieder der Gesellschaft urteilen, müssen wir, Ivie über- Haupt eine Rechtsordnung, so auch die Anerkennung ver- Pflichteuder Regeln für den durch die Rechtsordnung frei- gelassenen Kreis menschlichen Handelns wollen. Wir müssen vom Standpunkt der Gesellschaft, als Gesellschaftsglieder wünschen, daß auch da, wo keine Strafandrohung elwas erzwingen kann, die Grundsätze der Redlichkeit, der Billigkeit, der Wahrhaftigkeit in dem Berkehr der Menschen miteinander gelten sollen. Neben jenes Urteil ob eine Handlungsweise in Anbetracht des ganz bestimmten Zweckes, den der Handelnde erreichen will, klug oder thöricht sei, tritt so eine in ihrem inneren Grunde völlig verschiedene Wert- beurteilung des Handelns, eine Beurteilung, die das Handeln nicht auf seine individuelle Zweckmäßigkeit, sondern darauf- hin prüft, ob es bei seiner Zweckverfolgung jenen von uns als Gesellschaftögliedern anerkannten Grundsätzen sich unterwirft, oder' sich über sie, wo es ohne Furcht vor eignen Schaden möglich, hinwegsetzt. Ein Verhalten, bei dem das Individuum die Regeln, denen es, unparteiisch, notwendig beistimmen muß, als bindendes Gesetz befolgt, wenn auch Erwägungen privaten Vorteils noch so sehr dagegen sprechen, wird— moralisch, ein Verhalten, bei dem der Handelnde privaten Vorteils wegen jene Normen bricht— unmoralisch genannt. Und als oberstes Moralgesetz wäre dem- »ach anscheinend die Forderung aufzustellen, daß die einzelnen„gc- setzmäßig", das heißt gemäß den ihnen selber, als Gesellschafts- gliedern, allgemein und unmittelbar einleuchtenden Normen handeln. In diesem Sinne interpretiert, könnte die Knutsche Moral- auffassung als eine mehr methodische, weil vom Gesellschaftsganzen ausgehende Explikation der in der alten Moralfonncl:„Was du nicht willst, daß man dir thue, thue den andern auch nicht," aus- wiederum zusammen, um sich auf's neue in unblutige» Kämpf« belustigen zu können.(Kritik der reinen Vernunft.) Die Kirche. Es ist eine nottvcndige Folge der physischen und zugleich der moralischen Anlage in uns, welch letztere die Grundlage und zugleich Auslegerin aller Religion ist, daß diese endlich von allen empirischen Besttinmungsgründcn, von allen Statuten, welche auf Geschichte beruhen, und die vermittelst eines Kirchenglaubens provisorisch die Menschen zur Beförderung des Guten vereinigen, allmählich losgemacht werde, und so reine Vcrimnftreligion zuletzt über alle herrsche,„damit Gott sei alles in allem".— Die Hüllen, unter welchen der Embryo sich zuerst zum Menschen bildete, müssen abgelegt werden, wenn er nun an das Tageslicht treten soll. Das Leitband der heiligen Ueberlieierung, mit seinen Anhängseln, den Statuten und Observanzen, welches zu seiner Zeit gute Dienste that, wird nach und nach entbehrlich, ja endlich zur Fessel, wenn er in das Jünglingsalter eintritt. So lange er (die Menschcngattung)„ein Kind war, war er klug als ein Kind"... „nun er aber ei» Rkann wird, legt er ab, lvas kindisch ist". Der erniedrigende Uittcrschied zwischen Laien und Klerikern hört auf, und eine Gleichheit entspringt aus der wahren Freiheit.... Dem Kirchenglauben kann... sein nützlicher Einfluß als eines Vehikels erhalten, und ihm gleichwohl als einem Wahn von gottesdienftlicher Pflicht aller Einfluß auf den Begriff der eigentlichen(nämlich moralischen) Religion abgenommen werden. (Religion innerhalb der Gesetze der bloßen Vernunft.) DaS Pfaffentum. Von einem tungusischen Scham an, bis zu dem Kirche und Staat zugleich regierenden europäischen Prälaten, oder(wollen wir statt der Häupter und Anführer nur auf die Glaubensanhänger nach ihrer eignen Vorstellungsart sehen), zwischen dem ganz sinnlichen Moaulitzen, der die Tatze von einem Bärenfell sich des morgens auf sein Haupt legt, mit dem kurzen Gebet:„Schlag' mich nicht tot!" bis zum sublimierten Puritaner und Jndependenten in Connecticut ist zwar ein mächtiger Abstand in der Manier, aber nicht im P r i n e i p z» glauben; denn was dieses betrifft, so gehören sie insgesamt zu einer und derselben Klasse, derer nämlich, die in dem, was an sich keinen besseren Menschen aus- macht,(im Glauben gewisser statutarischer Sätze, oder Begehen ge« wisser willkürlicher Ohservanzen) ihren Gottesdienst setzen.(Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft). Das Gebet. Endlich, wenn man einmal zur Maxime eines vermeintlich Gott für sich selbst wohlgefälligen, ihn auch nötigenfalls versöhnenden, aber nicht rein moralischen Dienstes, übergegangen ist, so ist in der Art, ihm gleichsam mechanisch zu dienen, kein wesentlicher Unter« schied, welcher der einen vor der andren einen Vorzug gebe. Sie sind alle, dem Wert(oder vielmehr Unwert) nach, einerlei, und es ist bloße Ziererei, sich durch feinere Abweichung vom alleinigen intellektuellen Princip der echten Gottesverehrung filr auserlesener zu halten, als die, welche sich einer vorgeblich g r o b e n Herabsetzung zur Sinnlichkeit zu Schulden kommen lassen. Ob der Andächtler seinen stattitenmäßigen Gang zur Kirche, oder ob er eine Wall« fahrt nach den Heiligtümern in Loretto oder Palästina anstellt, ob er seine Gebetsformcln mit den Lippen, oder, wie der Tibetaner(welcher glaubt, daß diese Wünsche auch schriftlich aufgesetzt, wenn sie nur durch irgend etwas z. B. ans Flaggen geschrieben, durch den Wind, oder, in einer Büchse eingeschlossen, als eine Schwungmaschine mit der Hand bewegt werden, ihren Zweck eben so gnl erreichen), es durch ein G e b e t r a d an die himmlische Be« Hörde bringt, oder was für ein Surrogat des moralischen Dienstes Gottes es auch immer sein mag, das ist alles einerlei und von gleichem Wert.(Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.) Aberglaube und Schwärmerei. Der Wahn, durch religiöse Handlungen des Kultus etwas in An« sehung der Rechtfertigung vor Gott auszurichten, ist der religiöse Aberglaube: so wie der Wahn dieses durch Bestrebung zu einem vermeintlichen Ilmgange mit Gott bewirken zu wellen, die religiöse Schwärmerei.(Religion innerhalb der Grunzen der bloßen Vernunft.) gesprochenen Ueberzeugnng gelten und würde sich so von der popu« lären Anschauung nicht allzuweit entfernen. Daß wir von unsren privaten Interessen absehend als Gesellschaftsglieder, gewissen all» gemeinen Nonnen zustimmen, hat ja durchaus nichts Mystisches? sind es doch eben Normen, durch deren Befolgung das, was uns als bloße Äesellschaftsglicder interessiert,' der Bestand und das Wohl des Ganzen am besten gesichert erscheint. Die Beziehung zu den Be- dürfnissen, zwar nicht den zufälligen individuellen, wohl aber der. allgemeinen gesellschaftlichen, bleibt so als der entscheidende Beitimmungsgrmid. als zweckcrsetzendes Motiv auch für die Form und für den Inhalt des moralischen Werturteils bestehen. Aber gerade dieser naturalistischen Deutung will Kant in seiner Ethik ausweichen. Die Vernunft soll nicht in der Weise, daß sie auf allgemeine gesellschaftliche Zwecke reflektiert und auf Grund d i e s e r Z w e ck e für den Einzelnen verbindliche Forderungen auf« stellt, an der moralischen Gesetzgebung beteiligt sein, sondern sie soll nach Kantischcr Ansicht ein unbedingtes, von der Frage, ob überhaupt irgend welche individuelle öder gesellschaftliche Zwecke dadurch gefördert werden, durchaus unabhängiges Princip moralischer Gesetzgebung in sich selber habe». In letzter Linie läuft die Kantsche Idee darauf hinaus, daß ein rein logisches Merkmal. ob nämlich ein Grundsatz widerspruchslos, ohne sich selbst aufzuheben, von»ins verallgemeinert gedacht werden kann, dem moralischen Werturteil zu Grunde liege. Das ist das eigentlichste Wesen seines„kategorischen Imperativ". Eben diese formalistische Abscheidung des Moralischen von allen natürlichen Zwecken hegründet nach seiner Ueberzeugung die Würde, den unbedingten Geltnngsanspnich der Moral, die sich dadurch, daß sie ihr Princip in reiner Vernunft habe, als Bote einer höheren Welt ankündige. Anscheinend das in der Erfahrung gegebene moralische Bewußtsein nur zergliedernd, ttägt er durch die forma- listischo Wendung, die ihm den Weg zu seiner neuen Metaphysik nicht nur öffnet, sondern selbst bereits schon Metaphysik ist. ein fremdes, ganz und gar nicht nachweisbares Element in dasselbe hinein. Bei der Leerheit des Princips ist dann auch jede direkt de» ducierende Herleitung einzelner motalischer Grundsätze aus ihm un« möglich. An seine Stelle treten darum dann später die verständlicher klingenden Forderungen, daß der Mensch die Menschenwürde wahre und seine Nebenmenschen nie als bloße Mittel, sondern immer zugleich als S e l b st z w e ck behandle,— Forderungen, die aber in der Art, wie sie als Ausdruck humanitärer Gesinnung von dem gewöhn- lichen Bewußtsein anerkannt werden, ganz andern Ursprung haben, also ftir den centralen formaliftisch-metaphysischen Satz der Kantschen Moralphilosophie rückwirkend nichts beweisen. Indem nun Kant die Kette, durch welche das moralische Handeln mit den natürlichen Gefühlen der Sympathie und letzthin mit dem gesellschaftlichen Interesse ursächlich verbunden ist, zerreißt und als echt moralisch nur eine aus der Achtung vor jenem ab- strackten Veriumftgesetz vollzogener Handlung gelten lassen will. wird für ihn die dieses Handeln erzengende moralische Gesinnung Kirchliche und staatliche Zwangsherrschaft. Alles, auch da? Erhabenste, verlleinert sich unter den Händen der Menschen, wenn sie die Idee desselben zu ihrem Gebrauch ver- wenden. Was nur sofern wahrhaftig verehrt werden kann, als die Achtung dafür frei ist, wird genötigt, sich nach solchen Formen zu beguemen, denen man nur durch Zwangsgcsetze Ansehen verschaffen kann, und was sich von selbst der öffentlichen Kritik jedes Menschen blotzstellt, das mub sich einer Kritik, die Gewalt hat, d, i. einer C e n su r unterwerfen.(Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.) Despoten-Gewalt. Für die Allgewalt der Natur... ist der Mensch... nur eine Kleinigkeit. Das; ihn aber auch die Herrscher von seiner eigenen Gattung dafür nehmen, und als eine solche behandeln, indem sie ihn teils tierisch, als blosses Werkzeug ihrer Absichten, betrachten, thcils in ihren Streitigkeiten gegeneinander aufftelleu, um ihn schlachten zu lassen,— das ist keine Kleinigkeit, sondern Umkehrung des E n d z w e ck s der Schöpfung selbst.(Streit der Fakultäten.) Die Republik. Die erstlich nach Principien der F r e i h e i t der Glieder einer Gesellschaft(als Menschen); zweitens nach Grundsätzen der Ab- h ä n g i g k e i t aller von einer einzigen gemeinsamen Gesetzgebung (als Uutcrthanen); und drittens die nach dem Gesetz der Gleich- he i t derselben(als Staatsbürger) gestiftete Verfassung— die einzige, welche aus der Idee des ursprünglichen Vertrages hervor- geht, auf der alle rechtliche Gesetzgebung eines Volkes gegründet sein muß— ist die republikanische.(Zum ewigen Frieden.) Der socialistische Staat. Die platonische Republik ist als ein vermeintlich auf- fallendes Beispiel von erträumter Vollkominenheit, die nur im Gehirn des müßigen Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort ge- worden.... Allein man würde besser thun, ihm mehr nachzugehen und ihn(wo der vortreffliche Mann uns ohne Hilfe läßt) durch neue Bemühungen ins Licht zu stellen, als ihn unter dem sehr elenden und schädlichen Vorwande der Unthunlichkeit beiseite zu setzen. Eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jede Freiheit mit der andern ihrer zusammen bestehen kann... ist doch wenigstens eine notwendige Idee, die man nicht bloß im ersten EntWurfe einer Staatsverfassung, sondern auch bei allen Gesetzen zum Grunde legen muß, und wobei man anfänglich von den gegenwärtigen Hindernissen abstrahieren muß. die vielleicht nicht sowohl aus der menschlichen Natur unvermeidlich entspringen mögen, als vielmehr aus der Ver- nachlässigung der echten Ideen bei der Gesetzgebung. Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden tverden, als die pöbelhafte Berufung auf vorgeblich wider st reiten de Erfahrung, die doch gar nicht existieren würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen ge- troffen würde« und an deren Statt nicht rohe Begriffe eben darum, lvcil sie aus Erfahrung geschöpft werden, alle gute Absicht vereitelt hätten. Je übereinstimmender die Gesetzgebung und Regierung mit dieser Idee eingerichet wären, desto seltener wurden allerdings die Strafen»Verden, und da ist es denn ganz vernünftig (wie Plato behauptet), daß bei einer vollkominenen Anordnung derselben gar keine dergleichen nötig sein würden.(Kritik der reinen Vernunft.) Die Idee einer mit dem natürlichen Rechte der Menschen zu- sammenstimmenden Konstitution: daß nämlich die den» Gesetz Gehorchenden auch zugleich, vereinigt, gesetzgebend sein sollen, liegt bei allen Staatsformen zu Grunde, und das geineine Wesen, welches ihr gemäß, durch reine Vernunftbegriffe gedacht, ein platonisches Ideal heißt, ist nichr ein leeres Hirngespirnst, sondern die ewige Norm für alle bürgerliche Verfassung überhaupt und ent- fcrnt allen Krieg. Eine dieser gemäß organisierte bürgerliche Gesell- schaft ist die Darstellung derselben nach Freiheitsgesetzen durch ein Beispiel in der Erfahrung, und kann nur nach»nannigfaltigen Be- fehduugen und Kriegen mühsam erivorben werden; ihre Verfassung aber,»vcnn sie im großen einmal errungen worden, qualifiziert sich zur besten unter allen,»un den Krieg, den Zerstörer alles Gute»», entfernt zu halten... Platos„Atlautica", Morus„Utopia", Harringtons„Oceana" und Allais„Severambia" sind nach und nach auf die Bühne gebracht, aber nie... auch nur versucht worden... Ein Staatsprodukt, lvie man es hier denkt, als dereinst, so spät es auch sei, als vollendet zu hoffen, ist ein süßer Traum; aber sich ihm immer zu nähern, nicht allein denkbar, sonder»», so weit es mit dein moralischen Gesetze zusmnmen bestehen kann, Pflicht, nicht der Staatsbürger, sondern des Staatsoberhaupts. zu einer ursachloseir, aus physiologisch-psychologischen Bedingungen schlechthin unerklärbaren That der„Freiheit". Diese Idee der Freiheit und weiterhin die der U n st e r b l i ch k e i t und der G o t t- heit, die, wie die„Kritik der reinen Vernunft" gezeigt, theoretisch völlig unerweisbar sind, treten hier in Kants praktischer Philosophie als„ P o st u l a t e", als Glaubens-ll eberzeug ungen, die mit der moralischen Gesinnung unabtrcirnbar verbunden seien, auf. Findet der Mensch auf dem Grunde seines moralischen Be- »vußtseins, wie Kant in Umdeutung der Thatsachen behauptet, die Forderung vor, daß er einein reinen Vcmunftpriiicip geinäß zu handeln habe, so inuß er in Konsequenz davon auch an die Mög- lichkeit eines solchen durch keinerlei sinnlich-natürliche Motivation und Zwecksetzung mehr bedingten Handelns, an die ursachlose innere Selbstbessiminuug oder„Freiheit", lvie schließlich auch an den um- fassenden Zusanimenhang einer hinter der Welt der Erscheinungen verborgen wirkenden„moralischen Weltordnung" glauben. Die Welt der Erscheinungen, das Weltbild,»velches auf Grund deS Empfindungsablaufs und unsrer geistigen Strucktur sich in uns erzeugt, ist, so hatte die„Krittk der reinen Vernunft" ge- lehrt, durchgängig dem Gesetz des Werdens und der Ursächlichkeit unterworfen. Dachten wir die Welt der Erscheinungen in ihren »vesentlichen Besttmmungen als ein Abbild, eine adäquate Wieder- spiegelung des Ansichseienden, derart, daß dies letzte Ansichseiende selbst also ein materieller, in Raum und Zeit sich vollziehender, dem Kausalitätsgesetz mtterworfener Prozeß wäre, lvie der Materialismus will,— dann würde unsre Weltauffassung von vornherein die Möglichkeit der ursachlosen Willensfreiheit»vie überhaupt alle Kaitti- scheu Glaubenspostulate von sich ausschließen. Und wenn der Philosoph jede solche materialistische Auffassung, die, lvie»vir in einein früheren Artikel darzulegen snchteit, durch den er- kemtttnstheorctischcn.„kritischen" Standpunkt noch keinesivegs widerlegt ist, völlig ignoriert und eine absolute Wesens- Verschiedenheit des problematisch angenommenen„Dings an sich" und der Erscheiiiungswclt voraussetzt, so deutet Das in der„Kritik der reinen Vernunft" bereits wohl auf den Einfluß jener moralischen Glaubens- interessen hin. von denen seine praktische Philosophie beherrscht»vird. Indem er dort dein unabweisbaren Gedanken eines„Jenseits der Erscheinung" die Wendling giebt, daß dieses Jenseits notwendig als ein unräinnliches, ui»zeitliches, kemer Kausalität unterworfenes gedacht»verde« müsse, ist dqn moralischen Glauben Platz geschafft für seine Postulate, die, wenn das Ansichseiende als ein der Erscheinungswelt entsprechender materieller Prozeß in Zeit und Raum gedacht»verde«»nüßte,»vidersinnig und unmöglich wäre»». Das„Ich", dein alles erscheint, dieses Eentruin der gesamte»» VorstellniigSwelt, kann dani», wie es sich einge- fügt findet in den kausal bedingten Ablauf der Erscheinungen, so andrerseits sich als ein letzthin in jenem überirdischen„Jenseits der Erscheinungen" wurzelndes Wesen, dem als solchem das Vermögen ursachloser Willensfreiheit zukoniine, deilken. Mithin, wenn auch der moralische Veriuinftglaube über die Vcrstandcserkenntnis hinausgeht, stehe er doch, ineint Kant, auf seine Idee des Jenseits der Erschei- »»ungen hinweisend, nicht in logischem Widersprllch zu ihr, köiiile vom Verstände also auch nicht widerlegt werden. Im Sinne eines solchen nicht aus Offenbarung, sondern aus.Vernunft" geschöpften. DaS Ideal der bürgerlichen Gesellschaft. Da? größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auf- lösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung eii»er allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft.... So muß eine Gesellschaft, in welcher Freiheit unter äußeren Gesetzen iin größtmöglichen Grade iilit unwiderstehlicher Gewalt verbunden angetroffen»vird, d. i. eine vollkonnnen gerechte bürgerliche Verfassung die höchste Aufgabe der Natur für die Nienschen- gattung sein.... In diesen Zustand des Zlvangs zu treten, zwingt den, sollst für ungebundene Freiheit so sehr eingenommenen Menschen die Not; und zwar die größte unter allen, nämlich die, Ivelche sich Menschen untereinander selbst zufügen, deren Neigungen eS inachen, daß sie in»vilder Freiheit nicht lange neben einander be- stehen können. Allein in einein solchen Gehege, als bürgerliche Ver- einigling ist, thun eben dieselben Neigungen hernach die beste Wirkung; so wie Bäume in eiilein Walde, eben dadurch, daß ein jeder dem andern Luft und Sonne zu benehmen sucht, einander nötigen, beides über sich zu suchen uild dadurch einen schönen, geraden Wuchs bekommen; statt daß die, tvelche in Freiheit und von einander abgesondert ihre Reste nach Wohlgefallen breiten, krüppelig, schief und krumm ivachsc,».(Idee zu elner allgememen Geschichte in»veltbürgerlicher Absicht.) Keine Engel notwendig. Das Problem der Staatserrichtuiig ist, so hart»vie es auch klingt, selbst für ein Volk von Teufeln(»venu sie»ur Verstand haben) auflösbar... Deim es ist nicht die moralische Besserung der Menschen, sondern nur der Mechanismus der Natur, von dem die Aufgabe zu wissen verlangt,»vie man ihn an Menschen benutzen könne, um den Widerstreit ihrer unfriedlichen Gesinnungen in einein Volk so zu richten, daß sie sich unter Zwangsgesetze zu begeben einander selbst nöligen, und so den Friedenszustand, ,n ivelchem Gesetze Kraft haben, herbeiführen müssen.(Zum ewigen Frieden.) Wie die Menschen sind. Man muß, sagen sie(die bermeintlich-klugen Staatsmänner), die Menschen nehmeii, wie sie sind, nicht wie der Welt unkundige Pedanten oder gutmüttge Phantasten träumen, daß sie sein sollten. Das wie sie sind aber sollte heißen: wozu wir sie durch un- gerechten Zwang, durch verräterische, der Regierung an die Hand gegebene Anschläge g e in a ch t haben.(Streit der Fakultäten.) Achtung vor Menschentum. Fönte nelle sagt: bor einem Vornehmen bücke ich mich, aber mein Geist bückt sich nicht. Ich kann hin- zusetzen: vor eine»» niedrigen, bürgerlich-gemeinen Mann, an dem ich eine Rcchtschaffenheit des Charakters in einem gewissen Maße, als ich mir von mir selbst nicht bewußt bin, wahrnehme, bückt s i ch m e i n G e i st, ich mag wollen oder nicht, und den Kopf noch so hoch tragen, um ihn meinen Vorrang nicht übersehen zu lassen. (Krittk der prakt. Vernunft.) Entwicklung in der Geschichte. Was man sich auch in metaphysischer Absicht für einen Begriff von der Freiheit des Willens machen mag, so sind doch die Er- scheinungen desselben, die menschlichen Handlungen, ebensowohl als jede andre Naturbegebenheit nach allgemeinen Naturgesetzen be- stimmt. Die Geschichte, welche sich mit der Erzählung dieser Er- scheinungen beschäftigt, so tief auch deren Ursachen verborgen sein mögeii, läßt dennoch von sich hoffen, daß, wenn sie das Spiel der Freiheit des menschlichen Willens im Großen betrachtet, sie einen regelmäßigen Gang derselben entdecken könne; und daß auch die Art,»vas an einzelnen Subjekten verwickelt und regellos in die Allgen fällt, an der ganzen Gattung doch als eine stetig fortgehende, obgleich langsame Entivicklung der ursprünglichen Anlagen derselben werde erkannt werden können.(Idee zu einer allgemeinen Geschichte in»velt- bürgerlicher Absicht. 1784.) Die französische Revolution. Die Revolution eines geistreichen Volkes, die wir in unsren Tagen haben vor sich gehen sehen, mag gelingen oder scheitern; sie mag mit Elend und Greuelthaten dermaßen angefüllt sein, daß ein wohldcnkender Mensch sie, wenn er sie, zuin zweitenmal unter- nehmend, glücklich auszuführen hoffen könnte, doch das Experiinent auf solche Kosten zu machen nie beschließen würde,— diese Revolutton, sage ich, findet doch in Gemütern aller Zuschauer(die nicht selbst in diesem Spiele n>it verwickelt sind) eine Teilnahme dein Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt,. und deren Aeußerung selbst mit Gefahr verbunden ivar, die also keine andre als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben kann. Glaubens hat er dann in seiner„Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Verimnft" ein« berühmt gewordene Umdeutung der historisch-christlichen Lehre versucht. So iveit die in Kants prakttscher Philosophie verfolgten Gedankengänge, das formalistisch-metaphysische Grundprincip seiner Ethik lind der metaphysische Ueberbau, unsrer heutigen Denkart ent- fernt liegen, der tiefe sittliche Ernst uild die gewaltige Denkkraft, die sich in ihnen offenbart, zwingt immer zur Bewunderung. Die Geschichte der Philosophie, besonders im Ausklärungs-Zeitalter, ist voller Versuche, Bedürfnissen des Glaubens, wie sie sich im Rahmen und auf der Basis des Christentunls entwickelt haben, eine von der bloßen Ueberlieferung unabhängige Rechtfertigung zu geben, einen gewissen allgemeinen Glaubensinhalt als unablösbar in der menschlichen Natur begründet nachzuweisen. Aber keiner der Ver- suche kann sich an Energie und Konsequenz dem Kantischen ver- fsieiche»; auch in dieser Entwicklungsreihe, die, Ivenngleich notwendig tets zur Unfruchtbarkeit verdammt, doch immer Interesse hat, repräsenttert sein Werk den höchstentwickelten Typus. Die Wirkung von Kants Ethik auf das Denken seiner Zeitgenossen»vor nicht geringer als die seiner„Kritik der reinen Vernunft". Aber darum wäre der Ruf„zurück zu Kant", wenn er ein «zurück zur Kantischen Moralphilosophie" bedeuten soll, nicht»veniger abzuweisen. Und es nützt auch nichts, daß die, die ihn ini»erhalb der Socialdemokratie oder speciell im Hin- blick auf sie erhoben haben, erklären, daß sie damit keine Erneuerung der Kantischen Moralmctaphysik, sondern nur eine Wiederanknüpfnng an das von ihm aufgestellte Moralprincip des „kategorischen Imperativs", des„Gesetzes der Gesetzmäßigkeit" be- fürivorten wollen. Denn das specififch Kantische in diesen» Moral- princip, das, wodurch es sich von einer naturalistischen Moral- begründung unterscheidet, ist selbst schon ein nietaphischer Gedanke,— ist die Auffassung, daß es ein von jeder Beziehung auf irgend»velche Art gesellschaftlicher Zweckmäßigkeit abgelöstes reines Vernunftgesetz des Handelns gebe. Nicht der Grundlage nach also, sondern nur so iveit sie, abtrennbar von ihrer Grundlage, in der Richtung eines allgemeinen humanitären Idealismus sich bewegt, hat die Kantische Moral- und die mit ihr zusammenhängende Rechts- Philosophie etiva gewisse Berührungspunkte mit dein socialistisch- humanitären Denken. Wenn Kant zum Beispiel eine solche Regelung des gesellschaftlichen Lebens verlangt, daß die Frei- heit eines jeden mit der aller andren nach einein allgemeinen Gesetze zusammen bestehen könne, wenn er die staatliche Gesetzgebung nach dem Ideal eines Gesellschaftsvertrages, dem jedermann vernünftigerweise zustimmen müsse, vollzogen wissen will, so sind das Forderungen, die»viewohl von Kant im Sinne seines Zeitalters, also mit beschränkter bürgerlicher Tendenz ausgesprochen, nunmehr ebensowohl auch vom Socialismus(wenn dieser moralisieren will) aufgenommen und polemisch gegen die bürgerlich-kapitnlistische Ausbeutungswirtschaft gewendet werden können. Bernhte die bürgerliche Gesellschaft auf keinen sichereren Fundamenten als auf den Rechtstheoricn, die an ihrer Wiege standen, so hätte sie an den weiter- treibenden Konsequenzen eben jener Lehren, die ihr Recht beweiseil sollten, längst zu Grunde gehen müssen! So befremdend ideologisch die Kanttsche Moral- und Rechts- Diese moralische einfließende Ursache ist zwiefach; erstens, me des Rechtes, daß ein Volk von andren Mächten nicht gehindert werden müsse, sich eine bürgerliche Verfassung zu geben, wie sie ihm selbst gut zu sein dünkt; ziveitcns die des Zweckes(der zugleich Pflicht ist), daß diejenige Verfassung eines Volkes allein an sich rechtlich und moralisch-gut sei, welche ihrer Natur nach so be- schaffen ist, den Angriffskrieg nach Grundsätzen zu meiden, welche keine andre als die republikanische Verfassung, wenigstens der Idee nach, sein kailn.... Nun behaupte ich dem Menscheilgeschlecht, nach den Aspekten und Vorzeichen unsrer Tage... das von da an nicht mehr gänzlich rückgängig werdende Fortschreiten desselben zum Besseren, auch ohne Sehergeist, vorhersagen zu können. Deuii ein solches Phänomen in der Menschengeschichle vergißt sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der inenschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Polittker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte... Aber, wenn der bei dieser Begebenheit beabsichttgte Zweck auch jetzt nicht mehr erreicht würde, wenn die Revolution oder Reform, der Verfassung eines Volkes gegen das Ende doch fehlschllige, oder, nachdem diese einige Zeit gewähret hätte, doch wiederum alles ins vorige Geleis zurückgebracht würde(wie Politiker jetzt»vahr- sagern), so verliert jene philosophische Vorhersagung doch nichts von ihrer Kraft.— Denn jede Begebenheit ist zu groß, zu sehr mit dem Interesse der Menschheit verwebt, und, ihrem Einflüsse nach, auf der Welt, in allen ibren Teilen zu ausgebreitet, als daß sie nicht den Völkern bei irgend einer Veranlassung gllnstiger Umstände, in Er- innerung gebracht und zur Wiederholung neuer Versuche dieser Art erweckt werden sollte; da dann, bei einer für das Menschengeschlecht so wichtigen Angelegenheit, endlich doch zu irgend einer Zeit die beabsichtigte Verfassung diejenige Festigkeit erreichen muß, welche die Belehrung durch öftere Enahruug in den Gemütern Aller zu be- wirken nicht ermangeln»vürde.(1793, Streit der Fakultäten.) Militarismus. Man muß gestehen, daß die größten Uebel, welche gesittete Völker drücken, uns vom Kriege, und zwar nicht so sebr von dem, der wirklich oder gewesen ist, als von der nie»achlassenden und sogar unaufhörlich vermehrten Z u r ü st u n g zum künftigen, zugezogen werden. Hierzu werden alle Kräfte des Staates, alle Früchte seiner Kultur, die zu einer noch größeren Kultur gebraucht werden können, verwandt; der Freiheit wird an so vielen Orten mächliger Abbruch gethan, und die mütterliche Vorsorge des Staates für einzelne Glieder in eine unerbittliche Härte der Forderungen verwandelt.(Mutiiiaßlicher Anfang des Menschengeschlechts, 1786.) SicgcSfeste. Die Dankfeste während dem Kriege über einen erfochtenen Sieg. die Hymnen, die(auf gut israelitisch) dem Herrn der Heerscharen ge- sungen werden, stehen mit der moralischen Idee des Vaters der Menschen in nicht minder starkem Kontrast; weil sie außer der Gleichgültigkeit wegen der Art, wie Völker ihr gegenseitiges Recht suchen ldie traurig genug ist», noch eine Freude hineinbringen, recht viele Menschen, oder ihr Glück zernichtet zu haben.(Zum ewigen Frieden.) Krieg und Menschenfresserei. Der Unterschied der europäischen Wilden von der amerikanischen besteht hauptsächlich darin, daß, da manche Stämme der letzteren von ihren Feinden gänzlich sind gegessen Wörde«, die erstcrcn ihre Ueberwundenen besser zu benutzen ivissen, als sie zu verspeisen und lieber die Zahl ihr Unterthanen, mithin auch die Menge der Werk- zeuge zu noch ausgebreitetercn Kriegen durch sie zu vermehren wissen.(Zum ewigen Frieden.) Kolonialpolitik. Amerika, die Negerländer, die Gewürzinseln, das Kap:c. waren, bei ihrer Entdeckung, für sie(die handeltreibenden Staateiii Länder, die keinem angehörten; denn die Einwohner rechneten sie für nichts. In Ostindien(Hindostan) brachten sie, unter den, Vorwande bloß beabsichtigter Handelsniederlagen, fremde Kriegsvölker hinein, mit ihnen aber Unterdrückung der Eingeborenen, Aufwiegelung der ver- schiedenen Staaten desselben zn weit ailsgcbreiteten Kriegen, Hungers- not, Aufruhr, Treulosigkeit, und wie die Litanei aller Uebel, die das menschliche Geschlecht drücken, lveiter lauten mag.(Zum ewigen Frieden.) »* * Die Freiheit als Sittengesetz. Wir können nichts erklären, als was»vir auf Gesetze zurück- führen können, deren Gegenstand in irgend einer möglichen Er» fahrung gegeben werden kann. Freiheit aber ist eine bloße Idee, deren objektive Realität auf keine Weise nach Nattirgesetzen, mithin Philosophie uns anmutet, so wunderbar realistisch bei allem Idealismus, so frei von jeder störenden metaphysischen Beimischung erscheint seine Auffassung historischer Entivicklung, wie er sie in dem kleinen Aufsatz:„Idee einer Philosophie der Ge» schichte in»veltbürgerlicher Absicht" formuliert hat. Will»»an den Fäden, durch welche der Denker mit den im Socialismus wirkenden Gedankenkreisen näher verbunden sein mag, nachspüren, wird man sich vor allen» an diese meisterliche, eine Fülle neuer Horizonte erschließende Abhandlung zu halten haben. Indem Kant die Voraussetzungen, von denen aus eine Betrachtung des geschichtlichen Ablaufs als Entwicklung möglich sei, erörtert, gelangt er zu einem Standpunkt, der viel fruchtbarer als die Hegclsckie Entwicklungs- und Geschichtsphilosophie einer malerialistischen Geschichtsauffassung vorarbeitet. Wenn wir von einer„Entwicklung" in der Geschichte der Menschheit sollen sprechen dürfen und damit etwas andres als eine Kette gleichgültiger Veränderungen meinen, so kann als das Richtungsziel solcher Ent- Wicklung nur ein gesellschaftlicher Zustand und ein Staaten-Verhältttts gedacht werden, in dein die Möglichkeit für die freicste Entfaltung aller menschlichen Naluraulagen gegeben ist,— sagt Kant. Die ge- schichtliche Bewegung aber innerhalb der einzelnen Gesellschaften, wie im Verhälttlis der Staaten zu einander, stellt sich wesentlich dar als ein Spiel egoistischer, um jenes Endziel völlig unbekümmerter Einzelinteresjen. Eine Philosophie der Geschichte würde also, schließt er, in dem unübersehbaren Gedränge der histo- tischen Thatsachen danach zu forschen zu haben, wie in diesem Kampf der Interessen und durch denselben sozusagen mit mechani- scher Notwendigkeit gesellschaftliche und staatliche Umwälzungen er- zeugt werden, durch die die Menschheit unbewußt»md ungewollt auf jener Bahn des Fortschritts fortgetrieben wird. Eine derartige Be- trachtungsweise, weil immer den Gedanken des Ziels voraussetzend, ist„theleologisch", indessen nicht in andrer Art, als es auch(wie Kants„Krittk der Urteilskraft" nachlveist) die naturwissenschaftliche Erklärung der Organismen ist. Der Zweckgedanke ergiebt den Leit» faden für die den wirklichen kausalen Zusammenhang zergliedernde Untersuchung.— Was aber ist im Grunde die„materialistische G e s ch i ch t s a ll f f a s s u n g" anders als eine im Geiste der hier erst abstrackt forinulierten Methode verfahrende Betrachtungsweise der ökonomischen Bewegung, wobei das Oekonomische zugleich als das auf alle andern Sphären rückivirkende und sie im iveiten Umfange bestimmende Moment gedacht wird. Das egoistische Interesse betrachtet die materialistische Geschichtsauffassung vornehmlich in der Form des kollektiven oder K l a s s e n i n t e r c s s c s, und als die Ordnung, in der das Ziel der freiestcn menschlichen Entfaltting aller Anlagen verwirklicht werden kann, gilt ihr die socialistische Gesellschasc. Die organische Vereinigung von Idealismus(im Aus- blick auf das Ziel) und Realismus(in der Betrachtung der geschicht- lichen Bewegung), die den nioderncn Socialismus und seine Ent- Wicklungsauffassung kennzeichnet, in der Idee, noch ohne allen ökonomischen Inhalt vorausgeschaut zu haben, ist eine der schönste« Ruhmesthate» Kants, eine derer, die lebendig fortwirken. Conrad Schmidt. twch nicht in irgend einer möglichen Erfahrung dargcthan werden kann... Sie gilt nur als notwendige Voraussetzung der Vernunft in einem Wesen, das sich eines Willens, d. i. eines... Vermögens (nämlich sich zum Handeln als Intelligenz, mithin nach Gesetzen der Vernunft, unabhängig von Naturinstinkten zu bestimmen) bewußt zu sein glaubt.(Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.) Pflicht! Pflicht! Du erhabener großer Name, der dn nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unter- werfung verlangst, doch auch nichts drohest, ivas natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und doch sich selbst lvider Willen Verehrung(wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich in geheim ihm entgegenwirken, welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Ab- kunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen, die uimachlaßliche Bedingung des- jenigen Wertes ist, den sich die Menschen allein selbst geben können? (Kritik der praktischen Vernunft.) Naturgesetz und Freiheit. »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zu- nehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Beide Soziales. Aerzte und Krankenkassen. Man schreibt uns aus Köln: Der zwischen dem Regierungspräsidenten von Köln und den Bevollmächtigten des Kölner Aerztcvereins abgeschlossene Vertrag enthält u. a. folgende Bestimmungen: .,§ 1. Da die vertragschließenden Aerzte sich zur Behandlung der Krankenkassenmitgliedcr nur unter der Bedingung bereit erklärt haben, daß die von den Krankenkassen mit auswärtigen Aerzten abgeschlossenen Verträge gelöst werden, auf andre Weise der N o t st a n d daher nicht gehoben werden kann Die Studienzwecke können doch unmöglich die Vermadung einer Wunde am menschlichen Körper rechtfertigen. Eine Lnndarhcitcr-Konfercnz, bestehend aus dem nationalen Komitee und den Mitgliedern der verschiedenen Provinzialkonütccs von Ober-Jtalien, findet zur Zeit in Mailand statt. Unter anderm wurde das Problem der Arbeitslosigkeit verhandelt und einer Resolution zugestimmt, in welcher verlangt wird, daß die staat- lichen und kommunalen Behörden zur Beseitigung beziehentlich Ein- schränkung der Arbeitslosigkeit verpflichtet fein sollen, öffentliche Arbeiten in Angriff zu nehmen, bei denen den Arbeitern ein ge- rechter Lohn zu zahlen ist. Ferner wird eine gesetzliche Regelung der Agrarverhältnisse dahingehend gefordert, die den kleinen Pächtern und Hintersassen die Möglichkeit giebt, soviel Land zu er- halten, als den Arbeitskrästen ihrer Familie entspricht. Schließlich wird ein Agrargesetz verlangt, welches bei Strafe der Expropriation zu Gunsten landwirtschaftlicher Genossenschaften die Hergabe von brachliegenden Ländereien obligatorisch macht. Gegen das ZwangS-Schicdögcricht in Ncu-Südwales hat sich, wie berichtet wird, ein starker Bergarbeiter- Verband(Newcastle coalmmers lederation) aufgelehnt. Der Verband hatte den Ge- richtshof um eine anderiveite Festsetzung des Heuerlohnes gebeten. Nach eingehender Prüfung der Gefchäflsbücher der Unternehmer hatte das Gericht die Herabsetzung der Löhne angeordnet. Anstatt sich diesem Entscheide, wie das Gesetz befiehlt, zu fügen, sind die Berg- leutc in den Ausstand getreten. Darauf ist Geldstrafe und Gefängnis gesetzt. Aber der Gcwerkvcrcin hat keine Mittel und der Staat nicht Gefängnisse genug, um alle Bergleute einzusperren. Man betrachtet das Ereignis als einen schweren Schlag fiir das System zwangs- weiser Schiedsgerichte, wie es in verschiedenen Formen in Neu-See- land, Victoria und Neu-SüdwaleS besteht. )?U3 Induftrie und Fjandcl. Zur Lage im rheinisch-westfälischen Jndnflricrcvier. Infolge der Abnahme der Roheisenproduktion ist in den letzten Wochen der Kohlen- und Coaksabsatz im rheinischen Jndusttiebezirke merklich zurückgegangen. Das Geschäft in Hochofen- Coaks geht. wie die „Kölnische Volkszeilung" berichtet, lange nicht inehr so flott wie im Dezember, nur Gicßerei-Coaks findet noch relativ guten Absatz. Die Coaksvorräte auf den Eisenwerken vermehren sich erheblich. Auch nach halbfetten und Gaskohlen nimmt die Nachfrage ab, ebenso nach Hausbrand-Kohlen. Es sei zu befürchten, daß sich die Lage des Kohlenmarktcs bald noch mehr verschlechtern und sich die Notwendig- keit größerer Fördereinschränkungcn einstellen werde. Dies in verkürzter Fassung der Bericht der„Köln. VolkSztg.", deren Besorgnisse nicht unberechttgt sind. Die Beschäftigung der rheinischen Kohlengruben und Hochofenwerke hat thatsächlich seit einigen Wochen mehr und mehr abgenommen. Die Nachfrage nach Eisen auf dem Inlandsmarkte ist zwar in Anbetracht der Jahreszeit ein recht günstiger, aber die Export-Aufträge schrumpfen beträchtlich zusammen: in der Hauptsache eine Folge der amerikanischen Krise und der durch sie herbeigeführten Verringerung der Aufnahmefähig- keit des englischen Eisenmarktes. Petroleum-Bohrungen in Wietze. Wie dem„Hannoverschen Courier" aus Wietze berichtet tvird, ist dort ein bedeutender Erfolg erzielt worden, indem Herr Bergingenieur Dziuk aus Hannover in der Nähe des Bahnhofes Wietze an der Feldmarkgrenze von Wietze, aber auf Stcinförder Gebiet gelegenen Bohrloche in einer Tiefe von ca. 160 Meter ein Oellagcr erbohrt hat, dessen Ergiebigkeit man auf 30— 100 Faß täglich zu schätzen glaubt. Dieser Fund ist für die Erdölindustrie von Wietze von großer Wichtigkeit und bedeutet in ihrer Entwicklung eine Epoche. Denn es ist damit der Beweis geliefert worden, daß das Oellagcr von Wietze, dessen Ecntrum zwischen der Hornbosteler Chaussee und Klein-Wietze liegt, sich um weitere 1000 Meter nach Osten zu erstreckt. In Kürze wird nun auch dieser Teil der Feldmark mit Bohrtürmen besetzt sein. Zwar war es für Herrn Dziuk ein Wagnis, mr dieser Stelle, wo kein Anhalt für einen Fund vorhanden war, zu bohren, um so größer ist daher auch der Erfolg. der von allen Seiten mit Freuden begrüßt wird. Auch für das nahe- liegende Steinförde ist dieser Aufschluß von weittragender Bedeutung. Gegen die Konsumvereine macht in seiner letzten Nummer der „Konfektionär" Front. Solange die Konsumvereine sich fast ausschließlich darauf beschränkten, Kolonialwaren- und Lebensmittel- Verkaufsstellen einzurichten, hatten die Tetaillisten der Manufaktur- und Konfektionsbranche wenig gegen die Konsumvereine einzuwenden: nachdem letztere aber jetzt auch die Artikel dieses Gebietes mit in den Kreis ihrer Verkaussgegcnstände einbeziehen, wird anscheinend den Detaillisten schwül zu Mute und nach bekmmtein Rezept schreien sie nun Hilfe.„Es sind uns bereits," schreibt das Blatt,„aus ver- scknedcnen Teilen Deutschlands init kaufkräftiger Kundschaft Mit- teilungcn und Klagen darüber zugegangen, daß die Konsumvereine jetzt auch in vielen Fällen auf die Manufakturwarenbranche und andre Branchen der Textilindustrie hinüberzugreifen beginnen. Darin liegt eine sehr schwere und ernste Gefahr für diese Branchen, die in ihren Uranfängen energisch bekämpft werden muß. Es ist un- leugbar, daß die Konsumvereine für die Detaillisten tveit schädlicher und gefährlicher sind, als die Warenhäuser. Man bedenke nur. daß der Konsumverein systematisch ganze Klassen der Bevölkerung für die Waren, die er führt, den Tetaillfftcn völlig entfremdet und zu sich hinüberzieht. Tie Mitglieder des Konsumvereins sind für die Detaillisten vollständig verloren und doch nur in den seltensten Fällen wieder zurück zu erobern. Während neben den Warenhäusern die gutgcleitetcn, modernen Spezialgesckmfte blühen� und gedeihen, be- deutet die Uebermacht des Konsumvereins für sie Siechtum und Unter- gang. Der gesamte Tetaillistenstmid hat das vitalste Interesse daran, die weitere Entwicklung des Konsumvereins- Wesens mit allen Mitteln zu hemme n." Allerdings für ein.einfaches Verbot der Konsumvereine wagt der„Konfektionär" noch nicht einzutreten; er fürchtet, daß auf solches Verbot ein weiteres Abbröckeln der Gewcrbefrcihcit folgen könnte. Er empfiehlt„Selbsthilfe". Die Konsumvereine müßten in der Gunst des Publikums erschüttert werden, und ferner sollen die Detail- listen Vereinigungen zum geineinsamen Einkauf gründen. Als das Wichtigste aber erscheint ihm der Druck auf die Fabrikanten und Grossisten.„Wer für Konsumvereine liefert," erklärt das Blatt. „der ist kein geeigneter Lieferant für Detail- I i st e n. Es ist nur Selbsterhaltungstrieb der Detaillisten, wenn sie solche Lieferanten von ihren Listen streichen. Grossisten aber schneiden sich ins eigne Fleisch, wenn sie Konsumvereinen Waren liefern und zu ihrer Stärkung beitragen. Gerade die Grossisten auszuschalten, ist ein Hauptbcstreben der Konsumvereine, und sie kaufen bei diesen nur, solange sie unbedingt müssen. Fühlen sie sich stark genug, so sind die Grossisten die ersten, die ihre Macht fühlen müssen,— sie„fliegen". Es ist aber eine offenbare Unklugheit von Grossisten, Konsumvereine durch Warenlieferungen zum Nachteile ihrer Hauptkunden, der Tetaillisten, zu unterstützen. Hier müssen also die Detaillisten zu er st den Hebel ansetzen." Es ist immer dieselbe Melodie. Suchen Arbeiter auf Kosten des von ihnen erarbeiteten Mehrwertes ihre Löhne zu erhöhen oder Lohnvcrkürzungcn abzuwehren, dann sind sie überanspruchsvoll und verstehen sich nicht in natürliche Ordnung der besten aller Welten zu schicken, suchen aber die Händler mit allen Mitteln, selbst den» der Drohung und Vcrfehmung, ihre hohen Profite aufrecht zu erhalten, so ist das nichts als eine berechtigte Bethätigung ihres Selbst- erhaltungsttiebcs. Hamburger Straßenbahn-Gesellschaft. In der gestrigen Auf- sichtsratssitzung wurde beschlossen, der Generalversammlung die Ver- teilung einer Dividende von 8'/- Prozent vorzuschlagen. Vom amerikanischen Eisenmarkt. Immer wieder tauchen in der deutschen Presse aus amerikanischen Quellen stammende Nach- richten auf, nach welchen der tiefste Punkt der amerikanischen Eisen- krise überschritten sein soll und sich bereits die ersten Ansätze zu einem neuen Aufschwung der Eisen- und Stahlindustrie bemerkbar machen. Hinterher stellen sich dann diese Meldungen entweder als Börsenmanöver oder als völlig unberechtigte Schlüsse aus kleinen lokalen, für die Gesamtlage ziemlich nebensächlichen Markt- Veränderungen heraus. So hieß es auch vor einigen Wochen, der Januar und Februar würden weit höhere Produktionsziffern für Roheisen liefern, da seit Mitte Januar eine ganze Reihe außer Bc- trieb gesetzter Hochöfen wieder angeblasen worden sei. Dcmgegen- über konstatiert nach telcgraphischer Meldung der letzte Wochen- bericht des„Jron Age", daß, wenn in einzelnen Fällen Hochöfen angeblasen worden sind, dafür an andren Stellen noch inehr ge» löscht werden mutzten. Allein der Stahltrust habe sich zum Aus- blasen von 30 Hochöfen gezwungen gesehen, so daß die Her- stellung von Anthracit-Roheisen weiter gesunken ist. Besonders sei in Gicßerei-Roheiscn die Lage unbefriedigender geworden, da es au neuen Aufträgen fehle. Der Kursfall der russischen Rentcnvapiere paßt natürlich dem russischen Finanzministerium recht toemg in seine Berechnungen. Eine amtliche Mitteilung des Finanzministeriums warnt deshalb, Ivie aus Petersburg gemeldet wird, vor unbedachten Verkäufen von Wertpapieren, die nur der Spekulation Nutzen brächten, und crmahnt das Publikum zu einem ruhigeren und bewußteren Verhalten gegen- über den Ereignissen im fernen Osten, welche wohl zeitweilige Sckiwierigkcitcn zu schaffen, nicht aber die wirtschaftliche Kraft Ruß- lands zu erschüttern vermöchten. Das Sinken der Kurse bei Beginn einer kriegerischen Aktion sei eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Sie sei auch beim Beginn des russisch-türkischcn Krieges im April 1877 wahrgenommen worden, doch hätten die Kurse schon zwei Wochen nach Ausbruch des Krieges die am Jahresbeginn behauptete Höhe wieder erreicht. Eine ähnliche Erscheinung wiederhole sich jetzt. Verein der Buchdrucker und Schriftgichcr für Rixdorf-Briü. Sonntag, den 14. Februar, nachmittags 2 Uhr: Versammlung in der Vercinsdraucrci, Hcrmannstraße. Berliner Dauzlchrcr-Vcrband. Heute g Uhr, Alte Jakobstt. 73: UebungSstuiidc._ Marktpreise von Berlin nach Ermittelungen des �Welzen, gut D.-Ctt. „ mittel gering �Roggen, gut mittel gering sGcrstc, gut mittel gering sHaser, gut »Nittel „ gering Richtstroh Hcn Erbsen Spciscbohnen Linsen 16,60 16,52 16,44 12,90 12,68 12.86 13,80 12,70 11,70 15,40 14.30 13,20 4,00 7.00 40,00 50,00 60,00 16,56 16,48 16,40 12,89 12,87 12,85 12,80 11,80 10,80 14,40 13,30 12,30 3,50 4,80 28,00 26,00 20,00 am 10. Februar 1904 kgl. Polizeipräsidiums. Karlosseln.ncue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch„ Schweinefleisch„ Kalbfleisch, Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse « Stück 1 kg per Schock » ab Bahn, f frei Wagen und ab Bahn. 7,00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 5,00 2,40 3,00 3,00 2,40 1,80 3,00 1,40 15,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,10 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 Witterungsübersicht vom 11. Februar 1004, morgens 8 ltyr. Stallone« Swinemdc. Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien I I a« 735 3 734 WSW 736 W 740 SW 745 SW 746 jSW Weller 3 wollig 3 Regen 2 bedeckt 4bedcckt 6 Regen I wollig tSSS xi II Ef H?a Stallone» SS sß c a S)~ i H Haparanda!75l Still Petersburg! 750 O Cork Werdeen Paris l39NW 744!©®» Wetter — bedeckt 1 Schnee S.halb bd bheiter tsss r-g, » II i» tri& -18 -16 3 s Wetter-Prognose für Freitag, den 12. Februar 1904. Vorwiegend trübe»nit geringen Niederschlägen und ziemlich lebhaften westlichen Winden: Temperatur wenig verändert. Berliner Actterbureau. ti frt t* �4 f rt. �'ie Uttmmer müssen bis 3 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Größere UJjV Inserate bitten wir vorher anzumelden und bis 4 Uhr nachmittags einzusenden. � Gr»edition »iit den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikuui gcaenüber keinerlei Berantivortung. HKeater. Freitag, 12. Februar. Anfang 7-/, Uhr: Neues Königl. Opern- Theater Geschloffen. Schauspielhaus. Die Journalisten. Deutsches. Rose Bernd. Berliner. Maria Theresia. Bessiug. Zahsenstrcich. Westen. Die schöne Helena. Neues. Schivcstcr Beatrix. Der Schlachtcnlenkcr. Residenz. Der keusche Casimir. Vor- her: Die Empfehlung. H'cntral. Das Schwalbennest. Belle- Alliance. Gölterweiber. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallncr- Theater.) König Lear. Schiller R.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Die Kinder der Excellenz. Luise». Der Trompeter von Säklingen. Thalia. Guido Thielscher als Hoch- tourist. Kleines. Nachtasyl. Trianon. Madame Z. Carl Weih. Der Zilie kommt. Metropol. Durchlaucht Radieschen. Deutsch-Amerikanisches. Ueber'n groben Teich. Casino. Wie einst im Mai. Bade- kuren. Rcichshallen. Stettiner Sänger. Gebr. Herrnfeld. Nur eine Nacht. Passage- Theater. To-To. Fred Elawi. Specialitäten. Ans. 5 Uhr. Apollo. Frühlingslust. Blüten- Hochzeit. Specialitäten. Wintcr-Garten. Cleo de Merode. Specialitäten. Urania. Taubenstrahe 48/4S. Um 8 Uhr: Der Erdball als Träger des Lebens. Im Hörsaal: 8 Uhr. Dr. Nah: „Das Bier". Jnbalidcnstrahe S7/<»S. Stern warte. Täglich gcöfsnet von 7 bis 11 Uhr. Schiller-Tlieater. Schiller- Theater O. (Wallner-Theater). Freitagabend 8 Uhr: Kiinig l-cnr. Trauerspiel in 5 Auszügen von William Shakespeare. Sonnabendabend 8Uhr: Hedda Gabler. Sonntag nachmittag 3 U h r: _ Per C'ompagnon._ Schiller-Theater ST. (Frledrich-WIlhelmstädtischeS Theater). Freitagabend 8 Uhr: Pie Kinder der Exccllcnz. Lustspiel in 4 Aufzügen von E. v. Wolzogen u. W. Schumann. Sonnabendabend 8 Uhr: Eriel Acosta. Sonntag»ach mittag 3 U h r: Per Bibliothekar. Thalia-Theater. Belle-Alliance-Theater. Drcsdenerstr. 72/73. Amt IV 4440. Bellc-Allianceslr. 7/8. Amt VI 283. Ans. 7>/z Uhr. Direktion lssn llren und Ailreil Schönield. Ans. 71/, Uhr. Heute und folgende Tage: Heute und solgcndc Tage: Der Hochtonrist. Guido Thielschep in der Titelrolle. Sonntag 3'/, Uhr: Ckadeys Tante. 17. u. 10. Febr.: Isadora Duncan. Götter weiber. Sonntagnachm. 3 Uhr: GaaUpiel des kgl. Schauspielers Hrn. Jos. Nesper: Tie bezähmte Widerspenstige. Lirkus Lekumsnn. Heiitc Freitag, den 12. Februar 1904, abends 71/. Uhr: Nur kurzes Gastspiel.-Mg Einzig und allein dastehendes gröhtes Naturwunder der Jebtzcit. Berliner 1- o« e \ Mk. 11 St.= 10 Mk. empfiehlt J. Rosenberg, KomiiniiantEnstr. 81. Der Ontnnanse�Consnl lst*5Jheir ___ �...?.«.,, K I inl««!. OpaniAti. Neues Theater. Schifsbauerdamm 4a— 5. Schwester Beatrix. Vorher: Der Schlachtenlenker. Ansang T'/j Uhr. Morgen: Minna von Barnhelm. Central-Theater. Täglich 7-,. Uhr: Das Schwalbennest. Operette in 3 Akten v. M. Ordonneau. Musik von Henry Herblay. Sonnabendnachm. 4 Uhr: Halbe Preise. Jeder Erwachsene ein Kind mit einem Extraplatz frei: Oer gestiefelte Kater. Luisen-Theater. Opern- Gastspiel des Thealers des Westen». W*!™Aii>p Ansang 8 Uhr. Sonnabend: Die relegierten Studenten. Sonntagnachmittag: Die Waise aus Lowood. SlbendS zum erstenmal: Minna von Barnhelm. Montag: Der Veilchenfresser. Refidtttz-Theittkl Direktion S. Lautenburg. Wcnds VI, Uhr: DicBmpfcblung. Abends 8 Uhr: Der keuslht Cißmir. veutseHrtwiies Theater. Heute: Zum 170. Male; Kopnickorstrasee 97. Anfang 8 Uhr. Endo 10 Uhr 30 Min. GASTSPIEL Ad. Philipp. Uedem grossen TEICH. Trianon-Theater. Georgen stratze, zwischen Friedrich- und Universitätsstraße. Madame I. Ansang 8 Uhr. Sonntagnachmillag:„Biscotte," Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. Vlr Das biill. neue Februar-Programm. Dazu nur noch einige Tage; BaMureD.— Wie einst im Mai. Sonntagnachmittag 4 Uhr: Hotel Klingebusch;_ Kleines Theater. Unter den Linden 44. HsvMsszfl. Morgen Anfang 8 Uhr. Elcktra. Urania. Taubenslr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Der Erdball als Träger des Lebens. Hörsaal 8 Uhr: Dr. N a s s: „Pas Bier." Sternwarte CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Ein Naturwunder: Die bildschönen fSr Herknles- Brüder HT* Der Indianer-Ble.o ' Tlianko Karoo. Metropol-Theater irciiut m\tm Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz. Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Sonnabend, den 13. Februar er. Zum lOO. Male: DuFchlaueht Radieschen. JSie grösite Sehenswürdigkeit. Ä5 Ii« wen wunderbar dressiert von Herrn dniins Scet ES BT 0 GrösHe Ausstattnn&rs M X» C. H.. Pantomime. Eine Wanderung durch 8 Jahrtausende Ciebrüder Herrnfeld- Theater. Ansang 8 Uhr. Die anerkannt Sonntags 7 Uhr. ersolgrcichste Novität Apollo-Theater. 8 Uhr: Frühlingsluft ttBaueet? BKltenhochzeit. g'l.-H Uhr: Da« glänzende Februar-Programm. Robert Steidl Joscary», Akrobaten. Prei Zagas, Luftakt. Morris 0 ronin, Jongleur-Akt. Martin Kettnor, Humorist. Legays, französische Tänzer. Messters Kosmograph. Neue Bilder. m Nordlnl??? Sonntagnachm. 3 Uhr ermätsigte Preise: EyisiMtrata. Carl Weiss-Theater. Große Frankfurter Strasic i»S. Iis« B«invr. Anfang 3 Uhr. Morgen nachmittag 4 Uhr: Kinder- Vorstellung: Die udiden Schwäne. Abends 8 Uhr: Wohlthättgkeits- Borstellung für den schwer erkrantten Sänger und Schauspieler Theodor Betz: Der Bettelstudent von Berlin. I Direktion; Robert Dill. Brannenstrasse 10. Kean oder: Genie und Leidenschaft. Anfang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Sonnabend: Keine Vorstellung. Reichs hallen StettinerSängsr Zum Schluß neu: Die Berliner bei den Hereros. Mr eine Mehl! 2 Akte aus einer Ehe. Komödie von A und D. Herrnfeld mit den Prachtfiguren pfilt! Rfaidbeim.,. Ooriat Herrnfeld Tuschek....... Anton Herrnfeld. Dambitsch...... Ferd. Grünecker. Ferner: Das neue Fcbrnar- KUnstler-rrogramm. lyrico- Quartett, Italienisches Opern Ensemble. 5 Scdweslern Longonclls in ihren Orlg.-Gesängen u. Tänzen. Marka Freya.— Hilda Stedthagen. Settdix als„Sftotma Vanna". Vorverkauf 11—2 Uhr. Passage-Theater. Anfang Sonnt. 8, WochentageSUhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Die neue Sensation Berlins: Tw» der mysteriöse I O■ Oj Musiker. Fred Edlawi, d. bestcVerwandlungskünstler, schneller als der Blitz. Madge u Nelly Perry, die reizend. Amerikanerinnen. 14 erstklassige Nummern. Fröbels Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Soiuilagnachmiltag 5 Uhr: Korddeutsehe Sänger. Nach der Vorstellung um 10 Uhr: «ro»»«!' Ball. Entree SO Pf. Sperrsitz 50 Pf. Montag: Goethe-Ensemble. Thcatcr- Vorstellung.— Freitanz. Palast- Theater Burgstrahe 22, früher Feen-Palaet. Heute abend 8 Uhr: Grosse Extra• Elite- Vorstellung: Wilhelm Teil. Schauspiel tn 5 Ausz. b. Fr. v. Schiller. Vollständig neue Ausstattung. Hervor. ragende Gastspiele. Halbe Kasscnpreise. Morgen abend 8 Uhr:_ BV Nur noch einige Male:-BW Das Millionettmädel. Vorher Konzert und Auftreten der erstklassigen Specialitäten. Sonntagnachm.: Keine Vorstellung. Sonntagabend 8 Uhr: Lebte Sonn» tags-Vorstellung von: Das Millieneit- mädel. ix. Berliner Saison.> Cirkus Busch. Nur noch einige Male: Die offene Schleife 8 Meter Sprung. Monsieur Satan aus Paris. ZVnr noch knrze Zeit'. VV n n d e r- P r e s s n r des Mr. Richard Sawade mit feinen wilden Königstigern. Ouadrille aus der Zeit Friedrichs des Grossen, geritten inhistorischen Uniformen mit acht Schulpserden. Herr Burkhardt- FooNit aus Neapolstano Soja. Zum Schluß zum»2. Male: Zttts den Alpen. Bemerkenswert: Dez Mlters Schuld und Sühne, Der HutomobUsturz. WW des Linien- Oranien- strassa 132 burger Thor. Riesenerfolg I-WF Das teure Vaterhaus. Dramolet von Frib Sleidl Ballständig neues Programm. „Pas de Oeux" getanzt von Sign. Fiorentini u. Sgr. Cerutti. Kaufmann-Truppe Weibl. Radfahrer. Sisters Moulier Reckturnerinnen. Brothers DammExentric Akrobaten. Paul Batty Dressierte Bären. 0' Neil und Torp Excontrics. Dom Keplinp Sängerin vom k. k. nnv, Theater a. d. Wien. Costantino Semardi In einer Komödie mit 9 Personen v. Bernardi allein dargestellt. Georg Hartmann Zauberkünstler. Athleta dt Brada Kraftproduktion. Tanzbilder mit DM?" CI�o de Merode. Biograph._ & a i) s n o ii e i. Kottbuser Thor— Stat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag; HofTmanns Norddeutsche Sänger und Tanzkränzchen. Dienstag, den 16. Februar: Gxkra- Fastnachtö Vorstellung. Ein Mann aus dem Volke. Nachdem: Fastnachts- Kränzchen und Vorträge von HosfmannS Norddeutsche Sanger. Fastnachtsjubel uud Trubel. Wg- Entree wie gewöhnlich.~0Wf| Vorzugstarte» güllig. Uönigstaüt-Xssino Holzmarktstr. 72, Ecke Alexanderstraße. Täglich: Ei-ann Sobanski. Die neuen Specialitäten mit SST- Hedwig Pöring.-ME p-IMt. Nach der Vorstellung: Mittwochs, Sonnabends u. Sonntags: Tan«. Sonnabend, den 20. Februar d. I., in den Gesamtränme» „Böhmischen Brauhauses", Landsberger Allee 11/13: Grosser Wiener Maskenball. Ausführung einer humoristischen Radfahrer- Pantomime, Rcigcnfahren, hnmoristische Vorträge, humoristisches Radrenne« auf untersctttcn Rädern tc. 11/19» Anfang 9 Uhr. Gintritt 50 Pf» Es ladet freundlichst ein Pa» vorgnüRtc Komitee. KB. Sonntag, den 14. d. M., mittaas 2 Uhr: Von Frankiurlerstratze, Ecke Memclerstraße, nach Karlshorst zur„ZLaldschänlc". Bei schlechtem Wetter per Bahn. Zahlreiches Erscheinen erwünscht. Mittwoch, den 17. d. M.: Versammlung im»Böhmischen Brauhaus". Gäste willkommen. eute Freitag gicbt es wieder Blut- u. Leber« 8W. Lindciistrasse 69, Laden. Sdjriftm von Kar! Pari: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. 233/U 1. Bd.: Der Prodliftionsprozeß des Kapitals. 4. Ausl. M.; in Halbsrz. gebd. M. It.— 2. Bd.: Der Eirkulationsprozeß des Kapitals. 2. Aufl. M. 8,-; in Halbsrz. gebd. M. Ist,— 3. Bd.': Der Gesamtprozcß der fapitalistischcn Produttion. Zwei Teile. M. 10,—; in Halvsrz. gebd. M. 14.— Die Klasicnkämpse In Frankreich 1848— SV. Mit einer Einleitung von Friedrich Engels. M. 1,— Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse des Generalrais der Ilster- nationalen Arbeiter- Association. M.—.30 Enthüllungen über den Kommu- nisten- Prozeft zu Köln. Mit Einleitung von Fr. Engels und Dofumentcn. M.— ,2S Lohnarbeit und Kapital. Separat- abdruck aus der„Neuen Rheinischen Zeitung" vom Jahre 1849. M.—.20 Das Glend der Philosophie. Antwort aus Proudhous„Philo- sophie des Elends". Deutsch von Ed. Bernstein und K. Kautsk». Mit Vorwort und Noten von Fr. Engels. Brosch. M. 1,00; d/ebd. M. 2,— arx vor den Kölner Ge- schworeucn. Prozeß gegen den Ausschuß der rheinischen Demo- kraten wegen Ausrufs zum be- wassncten Widerstand(9. Febr. 1849). Mit Vorwort von Fr. Engels. Neue Auslage. M.—.20 Revolution und Konter-Revolution in Deutschland. Deutsch von Karl K a u t S k y. Brosch. M. 1.50: gebd. M. 2.- Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. M. 1,— 7 risvks bekannter tadcl- loser Qualität. WW••• Rieh. ÄUBUSlin/ÄS: „Vorwärts"- Haus. 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Bei der Realisierung von Staatsanleihen kann man entweder gleich definitive Schuldanweisungen ausgeben oder zunächst provisorische Schatzanweisungen begeben. Die verbündeten Regierungen sind mit dem Reichskanzler der Meinung, datz eine Konsumtion eines Kredites erst dann eintritt, wenn die Kredite definitiv erschöpft sind, nicht aber schon dann, wenn erst provisorische Schatzanweisungen ausgegeben sind. Die Reichsschuldenverwaltung ist entgegengesetzter Ansicht. Es kommt besonders in Frage, ob die 1000 bewilligten Kredite von 80 Millionen Mark bereits durch die am 1. April und am 1. Juli 1904 sowie am 1. April und am 1. Juli 1005 mit je 20 Millionen fälligen, vierprozentigen Schatz anweisungen bis zum Betrage des bei der Begebung erzielten Er- löse» ausgeschöpft worden sind. Die beiden ersten 20 Millioncn-Raten sind am 1. April und am 1. Juli d. I. fällig. Aber verfügbare Tilgungsfonds haben wir nicht. Es bleibt uns also nichts andres übrig, als diese fälligen Schatzanweisungen durch Begebung neuer Schuldpapiere einzulösen. Diese Möglichkeit soll durch dw vorliegende Novelle geschaffen werden. Abg. Kämpf ffr. Vp.j: Tie Ausführungen des Staatssekretärs haben bestätigt, was einem aufmerksamen Leser der Reichsschuldenordnung auffallen wird, dafi in der That in dieser eine Reihe von zweifelhasten Be- stimnnmgen enthalten ist. Aber der Entwurf, der dem hohen Hause vorgelegt ist, ist nicht nur formaler Natur, sondern hat auch eine gewisse materielle Bedeutung und zwar meiner Ansicht nach so weit, daß es wünschenswert erscheinen wird, ihn in einer Kommission eingehend zu beraten. Es giebt be kanntlich zwei Kategorien von Reichsschulden: diejenigen, die auf genommen werden, um vorübergehende Bedürfnisse der Reichs� Hauptkasse zu beftiedigen, und diejenigen, die aufgenommen werden, um auszcrordentliche Gelder bereitzustellen, welche notwendig sind für die etatsmäfiige Balancierung. Für den ersteren Zweck sind Reichs- schatzanweisungen vorgesehen, für austerordentliche Ausgaben ebenso wie verzinsliche' Reichsschuld Reichsschatzanwcisungen bestimmt wenn sie ausgegeben werden, der Reichshauptkasse zu be nicht_ länger als sechs wohl Reichsschatzanweisungen verschrcibungen. Bezüglich der die Reichsschuldenordnung, dast, um vorübergehende Zwecke friedigen, die Umlaufszeit Monate nach Beendigung des laufenden Etatsjahres währen soll. Bezüglich der für autzerordentliche Bedürfnisse ausgegebenen Reichs- schuldschcine stndet sich eine solche Bestimmung m der Rcichs- schuldenordnung nicht.§ 7 enthält zwei Bestimmungen: 1. dast der Fälligkeitstag in den Schuldverschreibungen anzugeben ist, und 2. dast innerhalb der Umlaufszeit der Betrag wiederholt ausgegeben werden darf, aber nur zur Deckung der umlaufenden Schatz- anweisungen. Ist nun eine erschöpfende Definition des Unterschieds zwischen Reichsschatzanweisungen und verzins- lichen Reichsschuldverschreibungen vorhanden? Im Gesetz ist eine solche Bestimmung nicht enthalten, ich habe sie auch in den Rcichstags-Berhandlungen, die seiner Zeit bei Beratung des Gesetzes geführt lvurden, nicht gefunden. In der Praxis wird zwischen verzinslichen und unverzinslichen Schuldverschreibungen kein Unterschied gemacht. Thatsächlich sind verzinsliche Schatz- anweisungen mit 4— SjäHriger Unilaufszeit ausgegeben worden, zum Beispiel die 80 Millionen- Anleihe im Jahre 1900. Ist einnial die Realifierimg des Kredits durch Reichsschatz- anweisungen erfolgt, so ist der Reichskanzler nur ermächtigt, dieie innerhalb der festgesetzten Umlaufsstist zu erneuern. Dies ist eine Äer wichtigsten Bestimmungen der Rcichsschuldenordnnng. Aber gerade über ihre Bedeutung ist Zweifel entstanden. Die Vorlage enthält nun dem Sinne nach die Beslimmung, dast in solchen Fällen, in denen eS sich um Beschaffung von auherordentlichenGeldmitteln handelt, nicht nur wie es bisher schon unzweifelhaft war, Schatzanweisungen ausgegeben werden können, sondern dast sie auch so weit erneuert werden können, bis eine Deckung durch verzinsliche Reichsschuld- verschrcibungen erfolgt. Die Verlängerung soll sowohl durch kurz- fristige, unverzinsliche, als auch durch langfristige, verzinsliche Reichs- schnldscheine erfolgen können. Ich erkenne nun an, dast für die Finanzverwaltung die Notwendig- keit eines gewissen Spielraumes vorliegt, damit sie nicht ge- zwangen ist, Schuldverschreibungen auszugeben, wenn die Geld- markt- Verhältnisse ungünstig sind und die Begebung nur unter grosten Opfern geschehen könnte. Die Ausgabe von Reichsschatz- scheinen auch für die bewilligten Kredite würde jetzt notwendig fein, und wenn sie zunächst nur mit einer Umlaufsfrist von drei Monaten ausgegeben werden, könnte die Notwendigkeit eintreten, sie zu erneuern. Soweit kann ein Bedenken gegen die Bestimmungen des Entwurfs nicht bestehen. Die Bedenken fangen da an, wo es sich darum handelt, langftistige Schatzanweisungen, die mit Coupons versehen sind, auszugeben und bei Verlauf oieser langfristigen neue auszugeben. Auch hierfür würde nach dem Wortlaut des Entwurfes der Reichskanzler ermächtigt sein, ohne aufs neue die Genehmigung des Reichstages einzuholen. Dadurch würde die Gefahr geschaffen einer bedeutenden schwebenden Schuld. Sie alle wissen aus dem Etats- gefetz, dast zur Deckung vorübergehender Bedürfnisse der Reichs- Hauptkasse 27S Millionen Schatzanweisungen ausgegeben werden können. Am Ende des Etatsjahres 1902— spätere Zahlen stehen ,.iir nicht zur Verfügung— waren 181 Millionen zur Verfügung dieser Kasse ausgegeben. Der Etat für 1904 sieht Kredite für 214 Millionen Mark vor und dazu kommen 18 Millionen verzinsliche Schatzscheine, die 1900 ausgegeben sind und 1904 zur Erneuerung gelangen. Wenn diese ausgegeben werden, und die Bedürfnisse so weiter wachsen, so muh notwendigerweise ein Moment kommen, wo die Erneuerung der Reichsschatzscheine von gewissen Unzuträglichkeiten begleitet sein wird. Dem vorzubeugen, hat Reichstag wie' Reichsvcrwaltung ein grohes Interesse. Vom praktischen Standpunkte kann ich mich daher re- sumieren, dast der Reichs- Finanzverwaltung Spielraum gegeben werden muh, um kurzsichtige Reichsschatzscheine auszugeben und ge- legentlich zu prolongieren, ohne beim Reichstage neue Ermächtigung zu beantragen, dast es dagegen bedenklich erscheint, langsichtige Reichsschatzscheine auszugeben, und dast es nicht angängig ist, die Genehmigung zu geben, dast sie ohne besondere gesetzliche Er- mächtigung seitens des Reichskanzlers erneuert werden können. Auch vom Standpunkte des Geldbewilligungsrechts des Reichs- tages ist das das Angemessene.(Lebhaftes Sehr richtig! links.) Und von diesen Gesichtspunkten aus beantrage ich Ueberweisung der Vorlage an die Budgetkommission. Abg. Dr. Spahn(C.) tritt dafür ein, dast die Vorlage ohne Konrmifsionsberatung gleich im Plenun, erledigt werde. Von emer Beschränkung der Rechte des Reichstages sei hier keine Rede. Abg. Dove(fts. Vg.): Die sedes rnateriae ist allerdings eigentlich das Etatsgesetz, aber es besteht doch vielleicht die Gefahr, dast der Reichstag bei diesen derartigen Fragen einmal etwas zu sehr auf die leichte Achsel nimmt. Es dürfte infolgedessen doch wohl angezeigt fem, allgemein eine Maximalzeit festzusetzen, innerhalb deren jede schwebende Schuld in eine dauernde verwandelt wird Ich trete dem Antrag Kämpf bei, die Novelle der Budgetkommission zu überweifen. Abg. Gamp(Rp.): Ich bin kein Freund der Schatzanweisungspolitik; die Reichs- finanzverwaltung sollte nicht dauernde Bedürfnisse durch Schatz- anweisungen decken, sondern sich bemühen, die Konsols direkt in der Bevölkerung unterzubringen. Auch die Börse bewertet die Schatz anweisungen erheblich geringer als die Reichsanleihen; am 9. Februar standen Zf�prozentige Reichsanleihen 102,20, dagegen die am 1. April n. I. fälligen 4prozentigen Schatzanweisungen 101,20, also um ein volles Prozent niedriger. Im übrigen mag man über Herrn v. Thielmann denken, wie man will, man must zugeben, dast er bei der Begebung der 80 Millionen-Anleihe die reichsfiskalischen Interessen in hervor- ragendem Mäste gewahrt hat. Wenn die 2S Banken, an die damals die Anleihe begeben wurde, dabei weniger gute Geschäfte gemacht haben, so ist das nicht die Schuld des frühereu Schatzsekretärs. Ich weist nicht, ob meine politischen Freunde eine Kommissionsberatung wünschen oder nicht. Ich glaube, dast wir vorläufig versuchen können, im Plenum eine Verständigung herbeizuführen.(Beifall rechts.) Schatzsekretär Frhr. v. Stengel: Ich must mich dagegen ver- wahren, dast ich irgend einen Tadel oder Vorwurf gegen den Frei- Herrn v. Thielmann ausgesprochen hätte. Nach den Wünschen der Abgg. Kämpf, Dove und Gamp müstte unsre ganze Reichsschuldenordnung einer Revision unterzogen werden. Davon kann aber gegenwärtig noch keine Rede sein. Auch ich bin der Meinung, dast man die Form der schwebenden Schuld nicht zur Regel iverden lassen darf, aber ausnahmsweise kann sie wohl zulässig sein. Die Aufnahme der verzinslichen Schatzanweisungen kann namentlich, wenn der Mark: zeitiveise übersättigt ist, eine viel günstigere sein als die der Schuldverschreibungen. In solchen Zeiten liegt es sowohl im Jnter- esse des Reiches wie des Publikums und der Besitzer der Reichs schulden-Obliaationcn, Schatzanweisungen auszugeben. Ich bitte, der Vorlage die Zustimmung nicht zu versagen. Abg. Dr. Paasche(natk.) hält eine Kommissionsberatung für un- nötig und befürwortet die Annahme des Entwurfes. Die Form der Schatzanweisungen dürfe aber nur ein Notbehelf sein. Abg. v. Normann(k.): Wir halten den Gesetzentwurf nur für die Klarstellung dessen, was die Reichsschuldenordnung bereits ftüher gewollt hat und wünschen, dast die Novelle ohne Verweisung an eine Kommission baldigst verabschiedet werde. Abg. Schräder(fts. Vg.): Da die meisten Parteien gegen Kommissionsberatung sind, so hoffen auch wir, dast im Plenum eine Verständigung erzielt werden wird. Abg. Kämpf(fts. Vp.): Auf die Unklarheiten in den jetzigen Be sttmmungen der Reichöschuldenordnung hahe ich schon in meiner ersten Rede hingewiesen. Nach dem neuen Entwurf soll aber der Reichskanzler langftistige Schatzscheine nicht nur ausgehen, sondern auch ersetzen können, ohne besondere Genehmigung des Reichstages. Herr Gamp meinte, die Schatzanweisungen seien doch nur vorüber- gehender Natur, aber sie ennnchtigcn ja den Reichskanzler, auch lang fristtge auszugeben, wie es thatsächlich der Fall gewesen ist. Dr. Paasche hat anerkannt, dast der Reichskanzler schon jetzt das Recht habe, diese Schuldscheine zu ersetzen. Augenblicklich bestreiten dieHauptvcrwaltungen der Staatsschulden ihm dieses Recht und verlangt, dast diese lang- sichttgen Schatzanweisungen durch besonderes Gesetz verlängert werden. Bei diesen entgegenstehenden Anschauungen dürfte es sich empfehlen, dast die Meinungen in einer Kommission völlig geklärt werden. (Sehr richttg! links.) Herr Gamp hat das finanz-tcchnische Geschick des Freiherrn v. Thielmann gelobt. Ich erkenne an. dast die 80 Millionen-Anleihe zu einem sehr hohen Preise begeben worden ist, aber dast es sehr nützlich ist, wenn der Kurs von Rcichspapieren schnell und ttef sinkt, kann ich nicht anerkennen. Das wäre doch eine sehr kurzsichttgc Politik, Anleihen zu hohem Kurse herauszugeben und dann das Publikum sehen zu lassen, wie es wieder zu seinem Gelde kömmt.(Beifall links.) Abg. Sttombcck(C.): Abweichend von der Mehrzahl meiner politischen Freunde habe ich schwerwiegende Bedenken gegen dieses Gesetz. Abg. Singer(Soc.): Die Debatte hat eine Reihe von Momenten ergeben, die nach meiner Ueberzeugung doch in der Kommission besser zu lösen sein werden als hier. Ich kann die Befürchtung nicht teilen, dast dadurch die Budgetkommission zu sehr belastet wird. Die Zeit, die dadurch scheinbar verloren geht, wird reichlich wieder ein- gebracht dadurch, dast wir dann im Plenum die einzelnen Fragen nicht so ausführlich zu behandeln brauchen.(Zustimmung links/ Gerade die Herren, die Wert darauf legen, den Etat rechtzeitig fertigzustellen, sollten die Plcnuinverhandlungcn von allen andren Materien entlasten. Was die Sache selbst anlangt, so liegt kein Anlast vor, dem Gesetze irgendwie entgegenzutreten. Es soll ein Notgesetz sein, das natürlich auch zu einer bestimmten Zeit verabschiedet sein mutz. Gegen einige Ausfiihrungen des Abg. Ganip muh ich doch Ver- Wahrung einlegen, er stellte es so dar, als ob die kleinen Sparer ein Bedürfnis zum Ankauf von Reichsanleihe-Anteilen hätten und wünschte ihnen deshalb den Erwerb von Konsols zu erleichtern. Die kleinen Sparer aber wünschen ihr Geld jederzeit für die Not flüssig zu haben. Mit diesem Zwecke würde sich der Ankauf von Reichs- anleihen nicht vereinigen, zumal diese Anleihen ja Kursschwankungen unterliegen. Wetterhin machte Abg. Gamp eine Reihe von Vorschlägen über die Begebung der Anleihen. Es hat mich sehr ge- wundert, dast er nicht vorschlug, Herrn Scherl dan, it zu beauftragen.(Große Heiterkeit.) Herr Gamp wünscht, dast Reichskonsol- Anteile an den Postschaltern verkauft werden sollen. Die Postanstalten haben ja schon heute alle möglichen Aufgaben übernehmen müssen. die ganz austerhalb ihres eigentlichen Zweckes liegen. Wenn das so weiter geht, wird man die Postämter schließ- lich noch in Bankin st itute oder gar in Warenhäuser verwandeln.(Graste Heiterkeit; lebhafte Zustimmung links.) Herr Gamp überschätzt durchaus die Fähigkeit der kleinen Leute, Ersparnisse zurückzulegen. Seine Forderung der Zerlegung der Rcichsanleihen in kleine Teile würde uns zu sehr unerwünschten Zuständen führen. Der Unfug, der in England mit den Pound- Shares<20 Mark-Aktien) getrieben wird, sollte uns doch ein warnendes Beispiel sein. Ich hätte vielleicht gar keinen Widerspruch gegen die Aus- führungen des Herrn Gamp für notwendig gehalten, wenn ich nicht 'ürchten müßte, dast er doch einen gewissen Einfluß aus die Reichs- änanzverwaltung ausüben könnte. Deshalb mußte ich mich dagegen verwahren, als ob seine Ansichten den Wünschen der kleinen Sparer entsprächen. Auch die Einzahlung kleiner Raten zum Erwerbe von Konsolstücken ist ein unpraktischer Vorschlag. Ich hoffe, daß wir uns in der Budgetkommission eingehender über alle diese Themata unter- halten können.(Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Gamp(Rp.): Eine durchgreifende Acnderung der Reichs- schuldenordnung habe ich weder angeregt noch gewünscht. Herrn Singer scheint ganz aus deni Gedächtnis entschwunden zu sein, dast wir vor einigen Jahren ein Gesetz über die Postsparkassen hatten, für das meines Wissens auch die Socialdemokratie gestimmt hat. Dast die Ausgabe von Reichsauleihe-Appoints zu etwa 100 bis 300 Mark eine Analogie bilden würden zu den englischen Pound-Shares, kann ich nicht einsehen. Herr Singer ist wahrscheinlich zu lange von Deutschland abwesend gewesen, als dast er die deutschen Verhältnisse noch genau kennte.(Heiterkeit.) Damit schließt die erste Lesung. Für die Verweisung der Vorlage an die Budgetkommission stimmen nur die Socialdemokraten und die Freisinnigen, sowie der Abg. v. Strombeck(C.). Das HauS tritt daher sofort in die zweite Beratung ein. § 1 und die folgenden werden dcbattelos einstimmig angenommen. Die zweite Lesung des ReichshauShaltS wird fortgesetzt. Zum Kapitel Reichsgesundheitsamt wird folgende Resolution Dr. Mugdan(frs. Vp.) und Genossen gegen die Stimmen der Rechten angenommen: Der Reichstag ersucht die verbündeten Regierungen, die folgende Aenderung des Absatz 1 des§ 70 der Bekanntmachung, betreffend die Prüfungsordnung für Aerzte, vom 28. Mai 1901, zu veranlassen: Die Vorschriften lvegen des praktischen Jahres finden auf die« jenigen Kandidaten keine Anwendung, welche das medizinische Studium auf einer deutschen Universität vor dem 28. Mai 1901 begonnen und die ärztliche Prüfung vor dem 1. April 1900 vollständig be« standen haben. Beim Kapitel Patentamt beantragt Abg. Pauli(k.) Verweisung des keineswegs dringlichen Etat- teiles an die Budgetkommission, um die Gehälter der fest angestellten Beamten noch einmal zu überprüfen. Abg. Eickhoff(fts. Vp.): Im Hinblick auf die grosten schwebenden Patentprozesfe möchte ich das Patentamt bitten, tüchttge, erfahrene Männer der Praxis hinzuzuziehen; ich erinnere nur an den Fall Krupp-Ehrhardt. Im Borjahre habe ich die Schwierigkeit bei der Anmeldung von Warenzeichen und die dilatorische Behandlung iin Patentamt gerügt und die Erwartung ausgesprochen, dast mit den neuen Herren auch ein neuer Geist einziehen werde. Das ist nun eingettoffen, und ich kann schon jetzt sagen, dast von mir aus lein Widerspruch gegen eine Erhöhung der Gehälter erhoben werden wird. Ich möchte den Herrn Präsidenten des Reichs- Patentamtes bitten, noch mehr als bisher die Handelskammern, die Gewerbe- und Fabrikantenvereine zu Gutachten aufzufordern und die Interessenten zur mündlichen Verständigung im Patentamte einzuladen. Vicepräsident Dr. Paasche: Ich habe den Antrag des Abg. Pauli überhört und. bringe ihn erst jetzt ordnungsgemätz zur Ab- stimmung. Der Antrag wird angenommen. Das Kapitel»Patentamt" wird an die Budgetkommission verwiesen. Beim Kapitel 13 a(Reichs-VersicherungSamt) kommt Abg. Dr. Nügenbcrg(C.) auf seine Ausführungen vom Sonn- abend und die Angriffe, die deswegen gegen ihn erhoben worden sind, zurück. Ich habe mich persönlich m Köln informiert; ich habe nicht behauptet, dast die Krankenkassen zu parteipolitischen Zwecken ausgenutzt werden. Bis auf einen unwesentlichen Punkt halte ich meine Bchaupttmgen auf- recht. Ich habe die Kölner Kassenärzte nicht beschimpft, sondern nur Thatsachcn über einzelne der dorttgen Kassenärzte mitgeteilt. Dast die Kollegen dort mit solchen Elementen zusammenarbeiten müssen, bedauere ich um ihretwillen um so mehr, als die Kassenvorstände ihnen auf Ehrenwort versprochen hatten, Aerzte, über deren sittliche Befähigung Zweifel bestehen, nicht anzustellen. Vicepräsident Dr. Paasche: Das gehört eigentlich nicht zu diesem Titel; aber da Sie es zur Abwehr persönlicher Angriffe für not- wendig hielten, habe ich es zugelassen. Abg. Molkenbuhr(Soc.): Ich hatte erwartet, daß der Vorredner bei diesem Punkte der Tagesordnung die Forderung der freien Arztwahl auch für die Bcrufsgenossenschaftcn stellen würde, aber die Aerzte scheuen sich, Forderungen, die sie den Arbeitern gegenüber mit einer Rückfichts- losigkeit vertreten, die nicht ihres gleichen hat, an die Unternehmer zu stellen. Gegenüber einem Kömmerzienrat kann man doch nicht so rigoros austreten, wie gegenüber einem Arbeiter. So kommt es zu der eigentümlichen Erscheinung, dast das Bertrauensarzt-System gerade da aufrechterhalten wird, wo es am wenigsten angebracht ist, lvo es zu den schlimmsten Verhältnissen fiir die Versicherten geftihrt hat. In Kassel z. B. ist ein Vertrauensarzt der Inhaber eines mcdiko-mechanischcn Instituts, der natürlich allen Grund hat, seine Kuren immer als erfolgreich hinzustellen. Die Angriffe gegen 8 34 des Unfallversicherungs- Gesetzes sind durchaus unberechtigt. Als Vertteter von Elberfeld sehe ich mich um so mehr verpflichtet, für seine Auftechterhalwng einzutreten, weil ein Wähler meines Kreifes, der Abg. Schmidt- Elberfeld, der Vater dieser Besttmmung ist.(Heiterkeit.), Die Angriffe der Berufsgenossen« schaften sind so allgemein, daß man annehmen müßte, den Berufs- genossenschaften sei das allergrößte Unrecht zugefügt, wenn grötzere Reservefonds verlangt werden. Aber die Interessen derjenigen Leute müssen doch gewahrt werden, welche mit der Gründung neuer Ge« schäfte beginnen. Wenn wir nach dem alten System der Umlage mit fortwährend steigenden Verpflichtungen vorgehen, so übernimmt jeder, der heute ein versicherungspflichtiges Geschäft begründet, damit zugleich eine Reihe von Verpflichtungen, für die er rechtlich haftet. (Sehr richttg! links.) Im Jahre 1902 haben die gewerblichen Be- rufsgcnossenschasten, außer der Tiefbaugenossenschaft, rund 71 Millionen Mark ausgezahlt und hatten einen Reservefonds von 162 Millionen Mark. Wenn die andren gewerblichen Berufsgenossenschaften nach dem Muster der Tiefbaugenossenschaft das Kapttaldeckungsverfahren ein- führten, so hätten sie allein zur Deckung der Entschädigungen— abgesehen von den Verwaltungskosten— 570 Millionen Mark nötig. An diesem Manko von 400 Millionen würde jedes neue Geschäft be- teiligt sein. Zu gewissen Zeiten erkannte mich die Industrie das Bedenkliche dieses Zustandes an. Auf einer Generalversammlung des Verbandes deutscher Industrieller sagte Herr Jencke 1897: Wenn wir tabula, rasa hätten, so würden wir alles ändern. Ich habe schon damals geantwortet: Bei der Krankenkassen- und Alters- Versicherung haben wir das Kapitaldeckungsverfahren, nur die Berufs« genossenschaften stehen seiner allgemeinen Einführung entgegen. Der Reichstag hat wiederholt Resolutionen angenommen, in denen er die Vereinfachung der Arbeiterversicherung fordert; aber wie kann man dazu übergehen, wenn die Unfallversicherung in das gemeinsame Geschäft nur Krüppel und Waisen bringt, die erhalten iverden müssen? Eine Vereinheitlichung der drei Versicherungszweige. die zusammen 36 Millionen Mark Bcrwaltungstosten verschlingen, ist dringend notwendig, es würde dann vielleicht nur die Hälfte geöraucht werden. Dazu käme noch eine Menge andrer Vorteile. Aber die Unfallversicherung ist ein Block im Wege. Man hat geklagt, dast die Beiträge fiir die Berufsgenossenschaften ins Ungeheure gewachsen und namentlich im Jahre 1901 in die Höhe geschnellt sind. Dabei hat nur eine Erhöhung um 0,3 Proz. der Arbeitslohnsumme stattgefunden. Man hat diese Erhöhung der Um« läge fälschlich als durch Verstärkung des Reservefonds entstanden be- zeichnet. In dem Bericht der Handelskammer wird es sogar so dar« gestellt, als sei die Umlage um 50 Proz. gestiegen. Aber die Zahl der Versicherten ist im Jahre 1902 um 44 800 Köpfe gesunken, während die Renten fiir die Unfälle von 1901 weiter gezahlt werden mußten. Auch andre Ursachen sprechen noch mit: Bei der Seeberufsgenossenschaft z. B. wurde eine neue Heuer festgestellt und das llfache des durchschnittlichen Jahreslohnes an Stelle des 9 fachen zur Grundlage für die Kapitalabfindung ge« nommen. Das alles hat die Handelskammer nicht überlegt, sondern ie hat nur in das allgemeine Geschrei eingestimmt. Bei der Ver« tärkung des Reservefonds handelt es sich um nichts weiter als um eine Kündigung des Kredits, den die Zukunft der Gegenwart gegeben hat. Die Tiefbau-BerufSgenossenschast hat eine Umlage von 15,63 Proz. für den Kopf des Versicherten, während der Durchschnitt allen andren Gewerbe-BerufSgenossenschaften 13,80 Proz. bettägt. Die durchschnittliche Mehrleistung bei der Tiefbau-Genossenschaft ist aber bedeutend höhör, denn sie rechnet mit einer Unfallziffer von 16,61 Proz., während der Durchschnitt 9,19 Proz. bettägt. Aber auch dieser kleine Unterschied in der Höhe der Umlage wird sich aus- gleichen, weil das KapitaldeckungSberfahren um so viel billiger ist, als das Umlageverfahren. Wie weit die Betriebssicherheit gestiegen ist, darüber sagt die allgemeine Statistik uns s e h r w e n i g. Man behauptet, daß die Zahl der schweren Unfälle abgenommen hat, indem man auf den Rückgang in der Zahl der Vollrentner hinweist. Aber � diese_ Erscheinung_ scheint mir mehr auf der besonderen Fähigkeit g e lv i s s e r B e r u f s g e n o s s e n s ch a f t e n zu bestehen, überhaupt keine Vollrente mehr zu ge- w ä h r e n, denn Me_ Todesfälle sind sich ziemlich gleich geblieben. Auch das Heilverfahren kann den Rückgang der Vollreutner nicht erklären, denn dann mühte ein gleicher Rückgang sich auch bei den Marine- und Militär- Werkstätten zeigen. Bei diesen bleibt das Verhältnis der Vollrentner zu den Toten ziemlich konstant, sinkt nie unter die Hälfte, bei den gewerblichen Berufsgcnossenschaften beträgt die Zahl der Vollrcntner nur den siebenten Teil der Todesfälle. Der Rückgang der Vollrentcn scheint mir daher viel mehr auf die Geschäftspraktiken der Bcrufsgcnossenschaften zurückzuführen zu sein, als auf eine wirkliche Besserung zu Gunsten der Verletzten. Wenn die Un f a l l v e r h ü t u n g s- Vo r s ch r i f t e n eine Besser u n g herbeigeführt hätten, so mühte man sie zuerst an der Ab- nähme in der Zahl der Todesfälle merken. DieS hat aber nicht stattgefunden. Wie könnten auch 204 technische Aufsichts- bcaintc für'61 Berufsgenossenschaften genügen, um rund 580000 Betriebe zu überwachen! Elf Berufsgenossenswaften haben überhaupt keine. Die Unfallverhütung ist überhaupt der vornehmste Zweck der ganzen Organisation, denn die Rente kann niemals die verlorene Gesundheit, den verlorenen Ernährer der Familie ersetzen.(Sehr richtig! bei den Soc.) Es muh deshalb viel mehr geleistet werden, als die gewerblichenBcrufsgenossenschaften bisher für dieUnsallvcrhütuug thun. Die gewerblichen Berufsgcnossenschaften sind aber in dieser Be- ziehung noch die reinen Verschwender gegen die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschasten. Die thun gar nichts für die Unfallverhütung I (Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) In Sachsen sind 7, in Mciningen 4, in Anhalt 2 UebcrwachungSbeamte für die landwirt- schaftlichen Betriebe vorhanden, im großen Preußen und den übrigen Bundesstaaten auch nicht einer. lHört I hört! bei den Social- demokraten.) Gerade hier zeigt es sich, wie es mit der gerühmten KönigStreue unsrer Agrarier steht. Der Kaiser hat seiner Zeit im Landesökonomiekollegium gesagt:„Es sind seit meiner Regierungszeit merkwürdig viel Fälle von Ver- letz un gen ländlicher Arbeiter beim Maschinen- betrieb vorgekommen. Ich habe Begnadigungen der Arbeit- geber nicht mehr so leicht wie früher eintreten lassen. In den meisten Fällen sind die Mädchen mit ihren Röcken in die Transmissionswellen der Dreschmaschinen geraten. Ich habe mich er- kündigt, ob denn keine Schutzvorschristen beständen. Es wurde mir die Auskunft: Nach polizeilicher Vorschrift müssen diese Wellen zu- gedeckt sein, in all den Fällen aber, wo Verletzungen vorgekommen sind, sind diese Vorschriften nicht befolgt worden. Es muh unter allen Umständen für eine gehörige Beaufsichtigung der Maschinen in der Landwirtschaft gesorgt werden." So sprach seiner Zeit der Kaiser. Wie aber haben die Agrarier die Befehle des Kaisers befolgt? Dem Kaiser konnten, als er die Rede hielt, nur die Unfallziffern von 1889 vorgeschwebt haben. Damals waren 19 542 Unfälle in landwirtschaftlichen Betrieben vorgekommen. Diese Zahl war im Jahre 1902 auf 122 532 gewachsen, sie hatte sich also mehr als versechsfacht.(Lebhaftes Hört! hört I bei den Social- demokraten.) So haben Sie(nach rechts) den Wunsch des Kaisers befolgt! Sie befinden sich da in offener Rebellion gegen ihn.(Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Die Zahl der schweren Unfälle in der Landwirtschaft ist seit 1389 noch viel gewaltiger gestiegen. 1889 kamen 6039 schwere Unfälle vor, 1902 aber 57 069.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Die Zahl hat sich also vcrachtfacht. Die Zahl der Toten aber hat sich verdoppelt, sie ist von 1308 auf 2072 gewachsen.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Da sehen Sie(nach rechts), wenn der Monarch einmal eine Ansicht äußert, die mit der Ihrigen nicht übcreinstinimt, da kümmern Sie sich den Teufel drum!(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Da lassen Sie alles beim alten und die Zustände verschlechtern sich. Es muß endlich für Unfallverhütungs- Vorschriften sür die landwirtschaftlichen Betriebe gesorgt werden. Als das Reichs- Versicherungsamt aber einen solchen Versuch unter- nahm, da war es die rechte Seite, die dagegen rebellierte. Abg. Gamp brachte seiner Zeit das Argument vor, eS sei keine Nebcrwachung in der Landwirtschaft möglich. Es könnten aber sehr viele Unfälle der landlvirtschafrlichen Arbeiter durch Ueberwachung vermieden werden. Jedoch die Statistik beweist, dah Sie(nach rechts) die Wünsche des Kaisers nicht respektieren wollen. Deshalb muß die Durchführung der Unfaltverhütungsvorschristen durch Straf- gewalt erzwungen werden. In den letzten Jahren sind 16 705 'schwere Unfälle weiblicher landwirtschaftlicher Arbeiter vor- gekommen, 561 Unfälle von Mädchen unter 16 Jahren. Hier zeigt sich, daß die Landwirtschaft viel gefährlicher als die Industrie ist. In der gesamten Industrie sind im gleichen Zeitraum 2045 schwere Unfälle weiblicher Arbeiter vorgekommen. in der Linibwirtschaft insgesamt 17 200. Allerdings sind in der Land- Wirtschaft mehr weibliche Arbeiter beschäftigt als in der Industrie. Nach einer von mir angestellten Berechnung kommt aber in der Industrie auf je 458 weibliche Arbeiter ein Unglücksfall, in der Land- Wirtschaft schon auf je 138 weibliche Arheiter ein Unglücksfall! Auch im fiskalischen Betriebe der Land- und Forstwirtschaft treten im- gefähr dieselben Erscheinungen zu Tage. Hier ist die Zabl der Unglücks- fälle von 10,40 pro Tausend aus 18,20 pro Tausend gestiegen, ein Be- weis für die Solidarität der Interesse» des Fiskus und der Unternehmer. Auch das fiskalische Interesse ist auf eine möglichst hohe Ausbeutung gerichtet. Die Leiter der fiskalischen Werke gehen genau so vor wie die Großkapitalistcn. Auch die fiskalischen Betriebe führen den Kampf gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter und gegen die Durchführung der Unfallversichcrungs-Gcsetzc. Darum ist es dringend geboten, daß das Reichs-Versicherungsamt von den Rechten, die ihm§ 20 des Unfallversicherungs-Geietzes gicbt, sobald wie möglich ausgiebig Gebrauch macht durch Erlaß wirklicher Unfallverhütungs-Vorschrifteu für die Landwirtschaft und durch Ueberwachung der Betriebe. Dieser Rebellion gegen die Wünsche des Kaisers und gegen die Reickisgesetze kann nur durch ein energisches Eingreifen der Behörden ein Ende gemacht werden.(Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Schmidt-Elberfcld(frs. Vp.): Es sind in den Jahren seit Bestehen des neuen Unfallversicherungs-Gesetzes vielfache Be- unruhiglingen in den Kreisen der Berufsgenossenschaften hervor- gerufen worden durch Bekämpfung der Bestimmung des Gesetzes, wonach ein erhöhter Reservefonds angelegt iverden soll. Auf dem Berufsgenossenschaststag in Bremen kam diese demagogische Kritik eines einstimmigen Reickstagsbeschlusses ebenfalls zu Worte: durch falsche Berechnungen sackte man damals gegen den Gedanken des Reservefonds und für Aufhebung des in Betracht kommenden 8 34 des Unfallversicherungs-Gesetzes Stimmung zu machen. Es ist aber bereits im Reichstag ausführlich nachgewiesen worden, welche Vorteile das KnpitaldeckungSverfahren hat.(Lebhafte Zustimmung.) Die Bildung eines hohen Reservefonds ist geradezu als eine Sicherung des Mittelstandes, des Kleingewerbes zu bezeichnen. Es mußte in dem neuen Gesetz eine Einrichtung geschaffen lvcrden, die eine Steigerung der Kosten für die Mitglieder der Berufsgenosscn- schasten über die Kosten hinaus, die eine Privatversicherung im gleichen Fall verursachen würde, verhinderte. Man ivollte mit' dem Jahre 1922 auf einen Beharrungszustand von 16 Mark jährlicher Beitragszahlung kommen. Ein gewisser Herr Wenzel hat in Bremen das Kapitaldeckungsverfahren scharf kritisiert und dem Reichstag vorgewo>». daß seine Berechnungen irrtümlich seien. Dieser selbe Herr hat bei seinen Berechnungen in der Formel a: b— o: x die Unbekannte x ausgerechnet. indem er a mit b multiplizierte und durch c dividierte (Große Heiterkeit), während doch jeder VolkSschlller weiß, daß bei dieser Gleichung x-- ist. Und dieser Herr nimmt sich heraus, dem Reichstag irrtümliche Berechnung vorzuwerfen I Es ist durchaus notwendig, daß die Berufsgeuoffenschaften sich durch hohe Reserven vor einer Erhöhung der Beiträge schützen.(Bravo! links.) Abg. v. Gerlnch(Hosp. d. Fr. Vg.): Die königliche Eisenbahn- direktion Berlin hat am 23. Dezember 1903 einem Rangierer die Hilfsloscnrcntc versagt, dem infolge eines Unfalls beide Beine, das eine am Kniegelenk, das andre am Oberschenkel abgenomnien werden mußten. In dem Bescheid heißt es, der Mann sei, ,,ab- gesehen von den Folgen des Unfalls, ganz gesund".(Hört! hört!) Im Laufe der Zeit werde er ivohl auch die volle Sicherheit im Ge- brauche seiner künstlichen Beine erreichen.(Hört! hört!) Ich wäre wirklich versucht zu sagen: sehr gemütstief. Das darf man ja hier im Hause aussprechen, außerhalb des Hauses bekommt man ja dafür sechs Monate Gefängnis.(Sehr gut! links.) Jene Entscheidung der Eisenbahndirektion stützt sich aus zwei Erkenntnisse des Reicks- Versicherungsamtes. In dem einen Falle, wo jemandem der rechte Arm ganz abgenommen war. und er den linken absolut nicht brauchen konnte, wurde ihm die Hilflosenrcnte versagt, weil er ans fremde Wartung„nicht dauernd und nicht in jeder Beziehung", sondern nur bis zu einer gewissen Grenze angewiesen sei. In der zweiten Entscheidung des Reichs Versichenmgs- amtes heißt es, der Ausdruck des Gesetzes:„ohne fremde Wartung und Pflege nicht bestehen könne", bezeichnet denjenigen hohen Grad der Hilflosigkeit, bei welchem der Verletzte fast in jeder Lage und zu jeder Zeit fortwährend der Stützung durch einen andern bedarf. Diese Entscheidungen des Reichs-Versicherungs- amtes verstoßen einmal gegen die Billigkeit, zweitens auch gegen den Willen des Gesetzgebers, denn es ist in der Kommission damals direkt betont worden, daß ein Mann, dem beide Arme fehlen, die Hilflosenrente beanspruchen könne, und drittens auch gegen den klaren Wortlaut des Gesetzes, in dem nichts davon steht, daß die Pflege- bedürftigkeit„dauernd und in jeder Beziehung" vorhanden fein müife. Die öffentliche Meinung wird jedenfalls eine solche Entscheidung nie verstehen.(Sehr richtig! links.) Mg. Trimvorn(C.): Der Kritik des Herrn Vorredner? an der Entscheidung des Reichs- Versicherungsamts schließe ich mich im ganzen und großen an. Die Bestimmung über die Hilfslosen-Rente ist übrigens übernommen aus dem Militür-Jnvalidengesetz. Auch ist es richtig, daß in der Kommission damals der Verlust zweier Arme als ausreichend zum Bezug der Hilfslosen-Rente angesehen wurde. Ferner möchte ich anregen, ob nicht die Jnvaliden-Versicherungsanstalten eine Propa- ganda entfalten könnten für die Ausdehnung der Selbstversicherung. Diese Propaganda müßte die Form populärer Flugblätter und Vor- träge haben. Die Vorträge miißten auch von den Beamten der Jnvalidenanstalten selbst übernommen werden. Auch ist mir der Gedanke gekommen, ob nicht die Jnvalidenanstalten Vorträge ver- anstalten könnten über die allgemeine Gesundheitspflege.(Bravo! im Centrum.) Wg. Körsien(Soc.): Die sociale Gesetzgebung wird von der Regierung und den bürger- lichen Parteien bei jeder Gelegenheit als etwas Vollkommenes gepriesen. Es werden Worte geprägt, wie wir sie in Breslau gehört haben. Ich denke, gerade die Regierung und die bürgerlichen Parteien haben bei der Versicherungs-Gesetzgebung ihre Rechnung gefunden, die Regierung, indem sie Tausende von Militäranwärtcrn unterbrachte, die bürger- liche Gesellschaft, indem sie gutdotierte Stellungen für ihre Ange- hörigen schuf.(Lärmender Widerspruch rechts.) Ich sage das gegen- über Ihrer Behauptung, für die Arbeiter sei unter allen Umständen gut gesorgt. Sie sollten nicht soviel Aufhebens davon machen. Selbst der ftühere Präsident des Reichs-Versicherungsamtes hat be- stätigt, daß eigentlich die Arbeiter die Kosten der Versicherung zu tragen haben. Das Risiko der Arbeiter wird von Jahr zu Jahr größer. Trotz der schönen Unfallverhütungs-Ausstellung in Char- lottenburg haben die Unfälle wieder bedeutend zugenommen. Schwere Klagen haben wir zu erheben über die Handhabung mancher Bestimmungen des Gewerbe-Unfallversicherungs-Gesetzes. Da ist zunächst die Praxis der sogenannten„Gewöhnung", wonach die Zahlung der Rente in Wegfall kommt, sobald sich der Verletzte an den Gebrauch der verstümmelten Glieder vollständig„ge- wöhnt" hat. Diese Praxis führt zu den mannigfachsten Härten und Willkürlichkeiten und bedeutet in jedem Fall eine Schädigung des Arbeiters. Früher stand das Reichs-Versicherungsamt auf dem Standpunkt, daß solche Verletzten in jedem Fall minderwertige Kräfte auf dem allgemeinen Arbeitsmarkte geworden seien. Erleidet ei» Arbeiter zum zweiten- oder drittenmal Unfälle, so wird das immer als ein kleiner, unbedeutender Schaden angesehen, und nicht auf die schon vorher verminderte Erwerbsunfähigkeit Rücksicht ge- nommen. Vielfach wird auch eine körperliche Verletzung als Folge einer Naturanlage bezeichnet, während sie doch offenbar die direkte Wirkung eines Unfalles ist. Unfälle auf dem Wege zur Arbeil werden selbst dann nicht entschädigt, wenn der Weg zur Arbeit bezahlt wird, ebensowenig Unfälle während der Frühstücks- oder Mittagspause. Die Spruchpraxis des Reichs-Versicherungsamtes hat sich gegen früher bedeutend geändert. Das Auge eines Arbeiters„kostete" früher 33'/z Prozent, jetzt kann man es schon für 25 Prozent haben. Das schlimmste an der Spruchpraxis sind aber die Urteile über Gewerbe- krankheilen. In den großen Berliner Elektricitätswerken wird jetzt alles mit Phosphor legiert. Die Polizei nagelt vorn die Fenster zu und die Arbeiter mögen sehen, wie sie auskommen. Wenn dann eine akute Vergiftung plötzlich eintritt, so ist das ein Betriebsunfall, keine Gcwerbekrankbeit.(Sehr richtig I links.) Der neu geschaffene § 65 des Unfallversicherungs-Gesetzes, der den Arbeitern das Recht giebt, ein Gutachten von seinem ihn behandelnden Arzt einzureichen, hat für die Arbeiterschaft fast gar keinen Wert. Fast kein Krankenhaus in Deutschland schreibt ein Attest. Auch die Aerzte haben seit Be- stehen der Socialgesetzgebung ihre Pflicht nicht erfüllt.(Sehr richttg! bei den Socialdemokraten. Dr. Mugdan und rechts: Oho I) Es macht den Eindruck, als hätte man Furcht vor der Berufsgenossen- schast. Denn in Genossenschaften, in Schiedsgerichten und im Reichs-Versicherungsamt giebt man gern ein Gutachten, aber den Verletzten vertröstet man auf die Ermittelung der Schiedsgerichte. Unrecht ist es auch, daß der Verletzte sein Attest nicht zurück bekommt. Die meisten Berufsgenossenschaften gestatten nickt einmal die Einsicht- nähme. Was nützt da dem Arbeiter der 8 65? Wenn seine Rente herabgesetzt wird, während seine Arbeitsfähigkeit noch ebenso sehr wie früher beeinträchtigt ist, kann er ja den Beiveis dafür gar nicht führen, weil er nicht weiß, wie hoch sie früher eingeschätzt wurde. Und' die Berufsgenoffenschaften machen von ihrer Macht rückhaltlos Gebrauch, entfalten eine wilde Hetze gegen unbequeme Richter und Aerzte. Aber die Aerzte sind nicht Beamte der Berufs- genossensckaften: wollen sie humanitär wirken, so müssen sie sich in gleichem Maße den Verletzten zur Verfügung stellen. Die Verufsgenossenschaften und ein Teil der Aerzte bezeichnen einen großen Prozentsatz der Verletzten als Simulanten, das ist mir erst kürzlich in einer Versammlung in Breslau von einem Universität?- profefior entgegengehalten worden. Simulanten giebt es überall, das will ich nicht leugnen. Aber nervöse Begleiterscheinungen des Unfalles machen sich von Jahr zu Jahr mehr fühlbar. Die Vorteile der Berufsgenossenschasten werden sehr verzögert. Ueber einen Unfall vom August 1902 habe ich heute den Vorbescheid erhalten, den ich auf Wunsch hier vorzeigen könnte. Beschwerden beim Reichs-Versicherungsamt haben keinen Zweck, man bekommt die Aut- wori: die Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen. Während der Zeit erfüllen die Krankenkassen vollauf ihre Pflicht. freilich nur 13 Wochen, dann hört auch das auf und niemand bekümmert sich mehr um den Verletzten. Verzweiflung erfaßt ihn im Kampf mit dem Hunger und der Sorge um seine Familie. Daß da solche Begleiterscheinungen eintreten, ist kein Wunder, die Ver- antwortung dafür tragen die Berufsgcnossenschaften.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Eine Musleranstalt ist die Heil- anstalt der nordöstlichen Baugewerks- BerufSgenossenschafl in der Großbcerenstraße. Dort sollte laut einer Beschwerde das Essen schlecht sein und der Beschwerdeführer konnte zum Beweise der „Sauberkeit" in dieser Anstalt in unsrein Bureau eine Schachtel mit Wanzen als corpus delicti auf den Tisch legen.(Heiterkeit.) Auf die Beschwerde kam dann der Bescheid, es sei eine Privatanstalt, aus die man keinen Einfluß habe. Der Leiter ist ein ehemaliger Ter« trauensarzt, der Hauswirt der Vorsitzende der Berufsgenossenschaft. — In letzter Zeit geschieht es häufig, daß, wenn das Schieds« geeicht heute ein Urteil fällt, morgen schon die Berufs- genossenschaft erklärt— ein Vertrauensarzt findet sich immer dazu— es sei eine wesentliche Veränderung eingetreten. Das ist eine Nichtachttmg des Gerichtes, tvie sie gröber gar nicht ge« dacht werden kann. Der Verletzte bekommt nun nach ganz kurzer Zeit einen neuen Bescheid, er weiß dann gar nicht, gegen welchen Bescheid er Beschwerde erheben soll, und so kommt es leicht, daß nicht rechtzeitig Berufung eingelegt wird. Das ist ein Vorgehen der Berufsgenossenschasten, das öffentlich gebrandmarkt werden muß. (Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Beim Schiedsgericht selbst werden fast immer 20 bis 30 Fälle innerhalb zwei Stunden er- ledigt. Beim Berliner Gewerbegericht habe man an zehn Fällen von 9 Uhr vormittags bis 2 oder 3 Uhr nachmittags zu thun, und dabei handelt es sich um Kleinigkeiten. Bei den Schiedsgerichten der Berufsgenoffenschaften aber wird ein Fall in 7, 8 Minuten erledigt, wo das Sein oder Nichtsein ganzer Familien auf dem Spiel steht. Da können die Arbeiter kein Ver- trauen zur Socialgesetzgebung haben.(Sehr richttg I bei den Social- demokraten.) Die Verletzten selbst werden zur Verteidigung ihrer Ansprüche kaum zugelassen. In der Benachrichtigung heißt es schon: Wenn Sie nicht erscheinen, werden doch Ihre Ansprüche von Amts« Wegen die gebührende Berücksichtigung finden. Man will eS offenbar vermeiden, allzu häufig Krüppel vor sich zu sehen. Bringt der Verletzte sich mal einen Vertreter mit, so wird dieser meist nicht zugelassen, weil er die Sache geschäftsmäßig betreibe. Der Vertreter der Berufsgenossenschast aber wird stets zugelassen. Durch diese Praxis wird natürlich eine einseitige Rechtsprechung zu Ungunsten der Arbeiter herbeigeführt. Für die Richter ist von An- fang an nur der Vertreter der Berufsgenossenschasten vorhanden, er bringt alle Atteste und alles Material bei, und der Richter muß natürlich auf Grund der Gutachten entscheiden, die vor ihm liegen. Der Verletzte selbst kommt gar nicht in Frage: der sitzt irgendwo in der Provinz und hoffr, daß ihm hier in Berlin Gerechligkeit zu teil werde. Ja: Gerechttgkeit sür die andre Seite I Den Arbeitern wird kein Recht zu teil. weil für sie kein Rechtsboden vorhanden ist. Man sagt, der Richter habe das genügende socialpolitische Empfinden. Als ich in einem Plaidoher vor dem Reichs-Versicherungsamt in einer Hinterbliebenensache zum Schlüsse die Richter bat, den Hinter- bliebenen den Segen des Gesetzes zu teil werden zu lassen. sagte einer der Richter beim Hinausgehen:„Sejen des Jesetzes is jut!" Seit der Zeit bin ich von dem Glauben an die socialpolittsche Gesinnung der Richter geheilt.(Unruhe rechts.) Es muß unbedingt ein Rechtsboden geschaffen werden, auf Grund dessen die Arbeiter als gleiche Partner vor Gericht erscheinen können. Aehnlich liegt die Sache bei der Invalidenversicherung. Dort entscheidet heute nicht mehr die Bestimmung des Gesetzes, sondern der Verttauensarzt. (Sehr richttg I bei den Socialdemokraten.) Die Jnvalidenkarten sind meist gar nicht in den Händen der Arbeiter, sondern der Arbeit- geber. Oft müssen dann die Arbeiter nach Jahr und Tag erfahren, daß für sie nicht geklebt worden ist, und das Reichs-Versicherungsamt verweigert die Invalidenrente, trotzdem die Arbeiter völlig schuldlos daran sind, daß die Marken nicht geklebt sind! Ich kenne selbst einen Fall, wo seit längerer Zeit ein Arbeitgeber weder in der Kranken- Versicherung versichert noch für seine Arbeiter geklebt hatte.(Hört I hört! bei den Socialdemokraten.) Die Krankenkasse suchte vergeblich zu ihrem Gelde zu kommen, bezüglich der Invalidenversicherung ist man bis heute noch nicht eingeschritten! Auch die Altersrente be- kommen die Arbeiter oft nicht, weil seitens der Arbeitgeber nicht für sie geklebt worden ist. Eine Gesundung der Verhältnisse müßte sich auf einer Zusammen» legung der Ve fficherungSarten aufbauen, damit die übermäßig hohen Verwältungskosten verringert werden und den Arbeitern mehr zu- gewendet werden kann. Dann konnten die Krankenkassen auch den Äerzten höhere Honorare bezahlen. Wir zeigen durch die Schaffung der Arbeitersckretärposten, durch Veranstaltung von Vorträgen, wie sie. Abg. Trimborn wünschte, usw., unsre Bereitwilligkeit zu positiver Arbeit. Wenn Sie uns in unsrer praktischen Arbeit nicht unter- stützen, dürfen Sie auf die Dankbarkeit der Arbeiter nicht rechnen. (Beifall bei den Socialdemokraten.) Wg. Dr. Spahn(C.): Auf die Krittk der Rechtsprechung des Reichs-VersicherungSamtS will ich nicht eingehen. Wenn aber der Vorredner in dem von ihm berührten Fall die Entscheidung richtig mitgeteilt hat. so würde sie in der That dem klaren Wortlaut des Gesetzes widersprechen. Aber ein einzelner Fall läßt sich im Reichstage nicht nachprüsen. Im all« gemeinen können wir auch zum Reicks-Versicherungsamt das Vertrauen hegen, daß seine Richter auch den Arbeitnehmern gerecht werden und nach bestem Wissen und Gewissen Reckt sprechen. Redner bemängelt die Benachteiligung der katholischen Kirche bei der Gewährung von Darlehen für kirchliche Zwecke durch die Landesversicherungs- Anstalten und bedauert, daß nickt genügend katholisches Pflege» personal in den Heilanstalten eingestellt wird.(Bravo I im Centrmn.) Staatssekretär Graf PosadowSky: Der Grundsatz der Gewährung ist vom Reicks- Versicherungsamt nicht unbedingt aufgestellt worden. Das Amt gewährt einem Manne, der einen Schaden erlitten hat und sich erst daran gewöhnen muß, mit dem Schaden weiter zu arbeiten, zuerst eine höhere Rente, die nachher allerdings herabgesetzt wird, wenn der Verletzte sich an 'einen Schaden so gewöhnt hat, daß seine Leistungsfähigkeit nicht mehr so wie zuerst beeinträchttgt ist. Ich mutz entschieden bestreiten, daß das Amt deshalb eine geringere Rente fest- gesetzt hat, weil ein Arbeitgeber dem Verletzten denselben Lohn weiterbezahlt. Derartige liberale Akte humaner Arbeitgeber dürfen bei Entscheidungen auf Grund des Unfallversichcrungs- Gesetzes selbstverständlich nicht in Rechnung gestellt werden. Es ist wieder darauf hingewiesen worden, daß die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschasten noch nicht die nöttgen Unfallverhütungs- Vorschriften erlassen haben. Diese Genossenschaften haben eine ständige Kommiision ernchet, die Unfallverhütungs-Vorschriften getroffen hat. Diese Vorschriften liegen jetzt schon dem Reichs-Versicherungsamt vor, das darauf hin mit den ländlichen Berufsgenossenschasten verhandelt. Der Erlaß von Ilnfallvcrhiitungs-Vorfchristen ist schon deshalb dringend notwendig, weil eine ganze Anzahl landwirtschaftlicher Nebenbetricbe, die früher zu den gewerblichen Berufsgenossciischaften '"'" i, jetzt zu den landwirtschaftlichen gehören und daß dehalb die m Unfallverhütungs-Vorschriften für sie außer Kraft gesetzt worden sind. Zunächst beschränkt sich der Entwurf der ständigen Kommission auf die Verhütungsvorschristen bei der Handhabung von landwirtschaftlichen Maschinen. Aber er wird weiter geführt werden und ick hoffe, daß er nächstes Jahr zu stände kommen' wird. Aller- dings ist es schwer, gerade für die Landwirtschaft praktische Unfall- verhütungs-Vorschriflcn zu erlassen, weil dort nicht bloß große Betriebe vorhanden sind, sondern der kleinste Mann eine Maschine haben kann und die Arbeit an den Dreschmaschinen zum Beispiel in dunklen Räumen vor sich geht. Eine Statistik ergiebt, daß die Landes-Versichernngsaustalten an Anstalten mit protestantischem Charakter?>/» Millionen, an Anstalten mit katholischem Charakter 9 Millionen Mark alS Darlehen hergegeben haben. Es herrscht also vollste Parität, und ick wünsche auch, daß bei der Verwendung von Pflegepersonal möglichst paritätisch verfahren wird. Alle Anregungen auf Acndermig der Gesetzgebung werden von uns eingehend geprüft. Vorerst aber stehen wir nicht schon wieder vor einer Novelle zur Unfall- oder zur Jnvaliditätsnovelle. Was die hier vorgettagencn Angriffe aus die Judikatur des Reichs» Versicherungsamtes anlangt, so ist mir ein unparteiisches und ge» rechtes Urteil darüber nicht möglich, da ich nicht die Akten der einzelner: Fälle kenne. Es ist weiter geklagt worden über die große Zahl von VerHand- lungssachen in den Terminen des Reichs-Versicherungsamtes. Ich habe früher wiederholt gebeten, die Rechtsprechung möglichst zu vereinfachen. Das Reichs-Versicherungsamt ist heute durch das riesige Anwachsen der Rekurse in einer Weise überbürdet, daß die Beamten die Arbeitslast kaum noch bewältigen können. Um einigermaßen das Material aufzuarbeiten, muß das Reichs-Versicherungsamt möglichst viele Sachen in einer Sitzung erledigen. Es wird Auf- gäbe einer zukünftigen Gesetzgebung sein, in dieser Beziehung das Verfahren zu vereinfachen. Darauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Freitag l Uhr. Schluß 7 Uhr. parlameMariscbes. Die Budgetkommission des Reichstages verhandelte am Donnerstag zunächst über eine Anzahl von Petitionen, über die Abg. Singer referierte. Ueber zwei Petitionen der Grundbesitzen vereine zu Groß-Lichterfelde und Tegel, die sich vom Standpunkte der Hausbesitzer aus gegen die Unterstützung von Baugenossenschaften durch das Reich wenden, ging die Kommission auf Antrag des Referenten ohne Debatte zur Tagesordnung über.— Die Buream bcamten des Reichs-Versicherungsamtes bitten darum, ihnen den Rang der Bureaubeamten der obersten Neichsbchörden zu verleihen und ihre Gehälter zu erhöhen. Die Petition lag schon in den Jahren 1900 und 1902 dem Hause vor, damals wurde Uebergang zur Tagesordnung über sie beschlossen. Der Referent schlug vor, sie diesmal dem Reichskanzler zur Erwägung zu überweisen: die Kommission beschloß so.— Die Untcrbeamten des statistischen RcichsamteS bitten um eine Besserung ihrer Lage. In Ansehung der Verhältnisse, so erklärte der Referent, würde er für eine Ueberweisung an den Reichskanzler zur Berücksichtigung ein- treten, wenn nicht an die berechtigten Klagen über ungenügendes Gehalt und zu geringe Wohnungsgeldzuschüsse auch noch die For- dcrung lebenslänglicher Anstellung und Verkürzung der Aufrückungs- termine angehängt sei. Diese Forderung mache besondere Abwägung der Konsequenzen notwendig und deshalb empfehle er Ueberweisung zur Erwägung. Der Geh. Ober- Regierungsrat Neu mann trat den Darlegungen der Petition entgegen. Eine feste Zusage, wie Abg. Müller-Sagan behauptete, sei von der Regierung nicht gegeben worden. Abg. Singer wies noch darauf hin, es sei der Wunsch des Reichstages, daß der Not abgeholfen werde; wenn es angängig sei. würde er deshalb diese Petition„dringend" zur Erwägung über- wiesen haben.— In einer sehr umfangreichen Petition bitten dieKanzlei- sckretäre der dem Reichsamt des Innern angegliederten höheren Reichs- ämter um Erhöhung ihrer Gehälter; sie wurde schon 1899 im Reichstage vertreten und auch die Budgetkommission hat schon früher ihre Berechtigung anerkannt. Sie wurde auf Antrag des Abg. Singer dem Reichskanzler zur Erwägung überwiesen.— Eine längere Diskussion entspann sich über die Petition der im statistischen Amte angestellten Sclretariatsassistenten um Umwandlung ihrer Stellen in Sekretär- stellen. Der Referent wies darauf hin, daß solche Sekretariats- asfistenten nur im statistischen Amte vorhanden seien; die Hoffnung der Leute, daß es sich bei diesen Stellen nur um Uebergangsposten handle, sei allmählich hinfällig geworden, fiir die meisten von ihnen bedeuteten sie den Abschluß der Karriere. Da durch die verlangte Umwandlung der Stellen der Etat nur unwesentlich belastet wird, beantragte der Referent die Ueberweisung der Petition an den Reichskanzler zur Berücksichtigung. Geheimer Rat Dr. N i ch t e r sagte, die Stellen seien ctatniäßige Stellen, sie würden, da die Arbeit rein mechanisch und leicht sei, mit Leuten der verschiedensten Vorbildung und des verschiedensten Alters besetzt; eine Umwandlung in Sckretärstellen sei nicht angängig, weil dadurch die Verhaltnisse der bureaumäßig vorgebildeten Sekre- täre verschoben würden. Geh. Rat Neumann fügte hinzu. daß diesen Sekretärs-Assistenten auch heute noch der Zugang zu Sekretärstellen offen stehe, wenn sie ein Examen ablegten. Die Kommission beschloß, die Petition zur Erwägung an den Reichskanzler weiterzugeben.— Bei der Neuregelung der Beamten Verhältnisse im Jahre 1897 ist den damals schon in den höheren Reichsämtern angestellten Sekretären die Möglichkeit belassen worden, bis zu einem Gehalt von 4800 M. aufzusteigen; alle später eingetretenen können es nur noch bis zu 4200 M. bringen. Eine Petition, die auch schon früher den Reichstag beschäftigt hat, bittet darum. diese Ungleichheit ivegzuräumen. Der Referent Abg. Singer empfahl diese Petition zur Berücksichtigung, der Korreferent Abg. v. R i ch t h o f e n schloß sich seinem Votum Twele gab in einer ausführlichen Darlegung die geschichtliche Entstehung der Verhältnisse und meinte, wenn es auch wünschenswert sei zugleichen, den wir nun einmal daraus folgende finanzielle an. Der Geheimrat einen Ueberblick über unsrer Beamtenschaft „diesen Schritt aus- trage,« müssen", so sei doch die B e l a st u n g zu erheblich Die Gewährung der Bitte der Petenten rolle die ganze Gehaltsfrage der Beamten auf; man müsse aber daran festhalten, daß, wenn überhaupt etwas geschehen solle, zunächst bei den U n t e r b e a m t e n zu beginnen sei. Die Darlegungen des Herrn Twele sollen derKommission gedruckt vorgelegt werden; bis das geschehen ist, wurde der Beschluß über die Petition vertagt.— Ueber eine Petition eines einzelnen Beamten ging die Kommission auf Antrag des Referenten zur Tages- ordnung über. Zu der dann fortgesetzten Beratung deS Titel 11 Kapitel 27 des Militär-Etats(Miete für Kasernen) brachten die Vertreter der Nationalliberalen eine Resolution ein, wonach der Reichskanzler dahin wirken solle, daß in Zukunft Kasernenbauten und andre größere Bauten für die Zwecke der Militärverwaltung möglichst nicht mehr durch die Gemeinden gebaut werden, sondern aus Rechnung des Reiches, und daß die Mittel dazu im ordentlichen Etat bei den einmaligen Ausgaben angefordert werden. Die Vertreter der Re- gierung versuchten darzulegen, daß das eingeschlagene Verfahren früher vom Reichstag selbst gefordert worden ist; sie sagten zu, daß ein andres Tempo in dieser Art von Bauten eingeschlagen werden solle. Die Beratung wird fortgesetzt.— Kaufmannsgrrichte. Die Kommisston erörterte am 11. Februar die Frage, welche Anforderungen air den Vorsitzenden und dessen Stellvertreter gestellt werden sollen. Die Vorlage verlangt im ß 10 die Fähigkeit zum Richteramt oder zum höheren Ver- waltungsdienst. Die Socialdcmokraten beantragten diese Bestimmung zu streichen und nur zu bestimmen, daß der Vorsitzende weder Kauf- mann noch Handlungsgehilse sein darf. I t s ch e r t(C.) ging über die Vorlage hinaus und beantragte Streichung der Worte:„oder zum höheren Verwaltungsdienst" während Nacken(C.) folgende Fassung beantragte: Als Vorsitzender und deren Stellvertreter sollen m der Regel Personen gewählt werden, welche die Fähigkeit zum Richteramt erlangt haben... Hierzu stellten Beck- Heidelberg und Müller- Memingen den Zusatzantrag, die Worte„sollen in der Regel" durch das Wort „müssen" zu ersetzen, und dem Antrag Nacken folgenden Nachsatz zu geben:„ausnahmsweise können auch Personen gewählt werden, welche die Fähigkeit zum höheren Verwaltungsdienst besitzen". Das Streben ging vom Centrum also dahin, die Verwaltungsbeamten thunlichst von den Kaufmannsgerichten fernzuhalten. L i p i n s k i(Soc.) begründete den ersten Antrag und wies darauf hin, daß er die Konsequenz der Vorlage ziehe, eine Ver- einigung der Kausmannsgerichte mit den Gewerbegerichten herbei- zufiihren. Das Gewerbegerichts- Gesetz schreibe eine Qualifikation für den Vorsitzenden nicht' vor. Soll der Vorsitzende des Kaufmanns- gerichts qualifizierter Richter sein, so könnte häufig eine Personal- union der Vorsitzenden beider Gerichte nicht erfolgen, den tlenicrcn Gemeinden erschwere man auch unbillig die Errichtung der Kausmannsgerichte. Trimborn(C.): Die Entscheidung über privatrechtliche Streitigkeiten wolle man vornehmlich den Richtern überlassen, v. P fetten(C.) trat für die Verwaltungsbeamtcn ein, während Nacken(C.) aus die Schwierigkeit der Gewinnung von qualifizierten Richtern in den kleinen Gemeinden hinwies. Herbert (Soc.) hob hervor, daß die ganze Frage keine solche des Princips sondern der Praxis sei, eS feien auch jetzt erfolgreich Personen als Vorsitzende der Gewerbegerichte thärig, die keine juristische Vov bildnng haben. Singer(Soc.) weist darauf hin, daß man auch tüchtigen Leuten, die nicht Juristen sind, den Vorsitz müsse übertragen können. Von feiten der Regierung wurden fast alle Vertreter mobil. Ministerialdirektor Caspar nahm die Verwaltunasbeamten in Schutz, es käme nicht darauf an, ob das zweite juristische Examen für den Richter- oder den Verwaltungsdienst gemacht worden sei. Bundesrats-Bevollmächtigter v. Meiern hält es für praktischer, wenn ein höherer stommunalverwaltungs-Beamter den Vorsitz des Gerichts erhalte und gab zu, daß in Hagen das Gewerbegericht nur existenzfähig geworden sei, nachdem der Regierungspräsident zwei Assessoren mit der Ausübung des Richteramtes beim Gewerbegericht beauftragt habe. Württembergischer Bevollmächtigter Präsident v. Schicker weist darauf hin, daß die Bestimmung der Vorlage ein Vergleichsprodukt im Bundesrat sei, das die Vorlage erst er- möglicht habe. Der Antrag der Socialdemokraten wurde gegen deren Stimmen abgelehnt. Der Antrag Jtschert erfuhr das gleiche Schicksal gegen 4 Stimmen. Der modifizierte Antrag Nacken: Als Vorsitzender und deren Stellvertreter müssen Personen gewählt werden, lvelche die Fähigkeit zum Richter- amt erlangt haben; ausnahmsweise können auch Personen gewählt werden, welche die Fähigkeit zum höheren Verwaltungsdienst besitzen, wurde gegen die Stimmen der Socialdemokraten angenommen. Demgemäß wurde der Absatz 3 des§ 9 unver- ändert nach der Vorlage angenommen. Debattelos wurde der§ 10 in seinem ganzen Umfange und§ kl, Absatz 1 und 3 angenommen. Ueber Absatz 2 des 8 11. die Art des Wahlrechts, wird morgen debattiert. Partei-Ffockrickten. Schippcls Rechtfertigung. Der heute vorliegende ausführliche Bericht der Chemnitzer „Volksstimme" über Schippels Vortrag in Chemnitz trägt zur Klärung der eigentlichen Streitfrage nichts bei. Schippel begann damit, daß er die durch seine Erklärungen im„Vorwärts" schon be- kannt gewordenen Angaben über die Unrichtigkeit unsres Be- richts über seinen Vortrag im dritten Kreise wieder- holte. Dann folgten längere Ausführungen gegen Kautskys polemische Methoden und den Schluß bildete ein kurzer Hinweis darauf, daß es ja den Parteigenossen bekannt sei, wie Schippel schon mehrfach, so 1393 in Stuttgart und dann in seinen Grundzügen der Handelspolitik ausgeführt habe, daß er nicht Freihändler aus Princip sei. Hinsichtlich seines Buches über die Handelspolitik, mit dessen Citierung Kautsky die Richtigkeit unsres Berichts über den Vortrag im dritten Kreise habe erhärten wollen, sagte er, daß auch die citierten Aeußerungen aus diesem Buche nur die heute maßgebenden Anschauungen und Interessen andrer umschreiben„(soweit sie nicht Thatsachcn zn konstatieren suchen, die für alle Parteien gleich richtig oder gleich falsch, als» niemals Probe der Partcitüchtigkeit find)". Und die ent- sprechenden Vorbehalte seien in seinem Buche mehrmals gemacht. Eingeflochten in den Vortrag waren Mitteilungen aus einer Fraktionssitzung, die durch die Frankfurter„Volksstimme" in die Oeffentlichkeit gebracht wurden. Die Mitteilung lautet: „Der Schutzzoll-Vortrag Schippels kam auch in einer Fraktions- sitzung zur Erörterung. Schippel erläuterte seine bereits in der Plenarsitzung des Reichstags abgegebene Erklärung, daß der Versammlungsbericht im„Vorwärts" seine Ausführungen unrichtig wiedergegeben. Er habe nur die Ansichten der interessierten Parteien und Strömungen geschildert und dabei von vornherein betont, daß ja unsre Stellung zu allen einzelnen Fragen bekannt sei und er dieselbe daher nicht besonders überall hervorzuheben brauche. Er bedaure, daß ihm die Redaktjon des„Vorwärts" den Bericht über seine Aus- führungen nicht vorher eingeschickt habe. Genosse Heine, der in der Versammlung anwesend war und das Wort ergriff, bestätigte vollständig die Angaben Schippels. Der Bericht sei ungewöhnlich schlecht, namentlich lückenhaft— Schippel habe über zwei Stunden gesprochen— und biete daher ein durchaus verschobenes Bild der Ausführungen. Gerade bei den gesperrten Stellen seien nur die Anschauungen der schutzzöllnerischen Parteien wiedergegeben und die entgegenstehenden Bemerkungen Schippels weggelassen. So habe Schippel ausdrücklich betont, daß die Getreidezölle usw. in Deutsch- land, Frankreich und andern Ländern verteuernd gewirkt hätten. Ferner habe Schippel zwar gesagt, es könnten wohl auch mit dem neuen Zolltarif Handelsverträge erreicht werden, dabei jedoch hinzu- gefügt: aber keine solchen, die unsren Forderungen ent- sprechen. Auch Heines Ausführungen seien unrichtig wieder- gegeben. Er habe nicht gegen Schippel polemisiert, wie es nach dem Bericht den Anschein hat, sondern dessen Ausführungen, die ihm teilweise zu theoretisch erschienen, populär ergänzt. Genosse Gradnauer versicherte, daß die Redattion im besten Glauben bei der Aufnahme des Berichts gehandelt habe, da der Bericht- erstatter im allgemeinen zuverlässig sei." Schippel fiigte noch ans eignem hinzu, daß in der erwähnten Fraktionssitzung von einem„illoyalen Preßvorgehen' in Bezug auf den„Vorwärts" gesprochen worden sei und daß Heine ihn auch jetzt zu der Erklärung ernlächtigt habe, er könne sich jederzeit und bei edem Anlaß auf sein Zeugnis berufen. Diese Mitteilungen bringen auch nichts Neues und tragen zur Klärung der eigentlichen Streitfrage so wenig bei, wie der Vortrag Schippels in Chemnitz, wie die ihm folgende Diskussion, die sich gleichfalls auf Aeußerungen der Entrüstung über das Vorgehen gegen Schippel beschränkte, und wie die schließlich an- genommene Resolution, die zwischen Schippel, der Partei- leitung des 16. Kreises und der Redaktion der Chemnitzer .Volksstimme" vorher vereinbart worden ist. Wir haben die er- wähnten Mitteilungen aus der Fraktion nur deswegen jetzt ab- gedruckt, weil in der Chemnitzer Versamnilung Genosse Enders den Vorwurf erhoben hat, wir seien nicht loyal gegen Schippel, da wir diese Mitteilungen bisher nicht gebracht haben. Des Zusammen- Hanges wegen drucken wir auch die Resolution nochmals ab: „Den Parteigenossen des 16. sächsischen Reichstags- Wahl- kreises sind die theoretisch- schutzzöllnerischen Neigungen ihres Ab- geordneten Schippel seit langem bekannt und sie haben daran niemals Anstoß genommen, so wenig wie der Stuttgarter Parteitag 1898 anläßlich des Schippelschen Referats und die Masse der Partei- genossen anläßlich des Schippelschen Büches seit 1901 es that. Ein Vorwurf würde gegen den Genossen Schippel dann zu erheben sein, wenn er Mehrheitsbeschlüssen in Zollfragen zuwider- gehandelt hätte, oder wenn er in ostentativer Weise die einheit- liche Aktion der Partei zu durchkreuzen suchte. Davon kann jedoch angesichts der ganzen Haltung Schippels und nach näherer Kenntnisnahme der letzten Vorgänge im dritten Berliner Wahl- kreise so wenig die Rede sein, daß eigentlich jedes weitere Wort in dieser Frage für die Oeffentlichkeit überflüssig erscheint. Die Parteigenossen des 16. Wahlkreises wehren sich deshalb mit aller Entschiedenheit dagegen, daß fortgesetzt in der Partei neue Streitfälle künstlich geschaffen werden, die jedes Partei- genössische Zusammenwirken verekeln und schließlich jede solidarische Parteiarbeit überhaupt unmöglich machen müssen." Der Vorwurf der Illoyalität berührt uns nicht. Jedenfalls be- deutet er keine Rechtfertigung Schippels, so sehr sich die Chemnitzer „Volksstimnie" darum bemüht. Das versuchte sie auch in ihrer Dienstagnummer in einem Leitartikel über den mitteleuropäische» Wirtschaftsverein. Der Artikel ist zwar mit reichlichen Ausfällen gegen uns und andre gespickt, unterscheidet zwischen denen, die etwas gelernt haben— Schippel— und denen, die nichts gelernt haben — die übrigen—, redet aber tapfer an der Streitfrage vorbei. Denn nicht um den mitteleuropäischen Wirtschaftsverein handelt es sich, sondern um unsre Stellung zu den Agrarzöllen und zu den Interessenten der Grundrente. In dieser Beziehung sind gegen Schippel Vorwürfe erhoben und in diesem Punkte wünschen auch wir Klarheit, trotz des etwas sehr billigen Spottes, den sich Schippel in seiner Chemnitzer Rede über das„ewige Klarheitschaffen" leistete. Statt dessen arbeitet man mit zwei Argumenten, die sich gegenseitig totschlagen. Das erste lautet: Was der„Vorwärts" berichtet hat, ist gänzlich unwahr. Das zweite: Es ist eine alte Geschichte, daß Schippel so denkt; jedermann weiß es und es ist gar nichts weiter dabei. Wir haben das schon vor einigen Tagen an den Betrachtungen der Chemnitzer„Volksstimme" aufgezeigt, und ebenso verfährt die in Chemnitz angenommene Resoliltion. Ueber theoretisch-schutzzöllnerische Neigungen eines Socialdemokraten kann man sich in aller Ruhe unterhalten. Es kommt nur darauf an, wie diese allgemein theoretischen Neigungen sich gegenüber den einzelnen praktischen Fragen der Gegenwart verhalten, und es ist also jetzt die Frage:>vie steht Schippel jetzt zu den Fragen der Agrar- zölle und den Interessenten der Grundrente? Daß er sich 1893 auf dem Stuttgarter Parteitage klar und einwandfrei dazu geäußert, haben wir gestern schon hervorgehoben. Steht er heute noch ebenso dazu oder nicht? Diese Fragen bedürfen um fo dringender der Klarstellung, als heute das„Volksblatt für Harburg" folgendes schreibt: j. „Die unerhörte Art der Chemnitzer„Volksstimme", Schippel um jeden Preis— selbst auf Kosten der journalistischen Ehren- haftigkeit des„Vorwärts"- Berichterstatters— herauszureißen. zwingt uns, an den politischen Redakteur des Chemnitzer Blattes folgende Fragen zu stellen: Entsinnt sich der Chemnitzer Kollege nicht mehr der Aussprache mit Schippel in der Redaktion der Chemnitzer„Volksstimme" vor Beginn der Protestversammlungs-Bewegung gegen den Zolltarif? Ist ihm nicht mehr in Erinnerung, daß Schippel damals im wesentlichen denselben Standpunkt vertrat, der in seinem Berliner Vortrage nach dem„irreführenden" Bericht des„Vorwärts" zum Ausdruck gekommen ist? Entsinnt er sich nicht mehr der Konttoverse, die namentlich Mischen ihm und Schippel entstand, als letzterer erklärte: Fünf Mark-Zoll sei kein Wucherzoll, ein höherer agrarischer Zollschutz sei durchaus berechtigt:c.?" Der Redatteur des Harburger„Volksblatts" ist Genosse Rühle, der zur fraglichen Zeit der Redaktton der Chemnitzer«Volksstimme" angehörte und daher aus eigner Erfahrung spricht. Mit der bloßen Wiederholung der Behauptung, unser Bericht unterstelle Schippel Ansichten, die er nur als Ansichten andrer hin- gestellt habe, ist die Angelegenheit nicht erledigt. Bestätigter Senator. Die Wahl des Genossen Hugo Thielo in Waltcrshausen als Senator(Stadttat) ist vom Herzoglichen Staats« Ministerium bestätigt worden. Socialistenhctze in Ungarn. Der Erlaß deS Grafen TiSza, der seine Beamten anwies, die Socialisten scharf zu überwachen usw., hat seine Wirkung gethan. Aus ganz Ungarn wird über Verfolgungen der Socialdemokraten, Versammlilngsverboten, Ausweisungen von Agitatoren usw. berichtet. Die socialistische Parteileitung hat für den nächsten Sonntag Versammlungen einberufen, in denen gegen die Unterdrückung der Versammlungsfteiheit durch die Regierung protestiert werden soll. Bisher sind mehr als 220 solcher Protest- Versammlungen angemeldet. polizeiliches, OerichtUebes uli». — Eine erfolglose Haussuchung fand in der Redattion des „Volkswille" in Hannover statt. Es wurde nach dem Manuskript eines Artikels gesucht, der in dem Blatte am 4. Dezember, also vor fast zehn Wochen veröffentlicht worden ist. Das hoffte man doch nicht etwa noch zu finden? Unsrem Mitgliede und Genossen liarl Schindler zu seinem heutigen 286/8 7O. Cjebartstage ein dreifach donnerndes Hoch I Lese- Ei Diskutierki Siid-Ost. Central-KrankeiHLSteiMasse der Zimerer DeutseMaods. (Eingeschr. Hilfskasse Ho. 2.) Todes- Anzeige. Am Montag, den 8. d. Mts., verstarb nach L4stllndigem Kran- kenlager unser Mitglied, dxr Zimmerer puul Heise im Mter von 46 Jahren. _ Die Beerdigung findet am Sonntag, den 14. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Gemeinde« Kirchhofs, Krugstege, aus' statt. 229/4 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Des» Vorstand. Socialtlemakpatischer WaMvereir.' Bezirk Lichtenberg. Todes- Anzeig e. Montag, den 8. Februar, ver-! starb unser Mitglied, der Zimmerer| Paul Heise. Ehre seinem Nndenken! Die Beerdigung findet am J Sonntag, den 14. Februar, nachmittags 3 Uhr. von der Leichen- halle des Gemeinde-Kirchhofs,! Krugstcge, aus statt. 14/12 z Um rege Bctelligung ersucht ver Vorstand. Ekickal-Kerband d. Zimmerer Aeutschlands Zahlstelle Berlin u. Umgegend Am Montag, den 8. d. Mts., ver- starb nach 24 stündigem Kranken- lagcr unser treues Mitglied, der Zimmerer ksul Heise im Alter von 46 Jahren. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet Sonntag, den 14. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Kirchhofs Krugstege(Lichtenberg) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 224/3 Der Borstand. Snglisch. Unterricht im und aicher dem Hause (Einzel- oder im Cirkel) erteilt 281 IL' G. Swienty se&. Liebknecitt, Schdneberg, SedanstratzeSl, III Verband der Sattleri (Ortsverwaltung Berlin). Den Mitgliedern zur Nachricht, � datz am 10. Februar 1904 ganz plötzlich unser langjähriges Mit- glico, der Kollege (iustsv 8treli!(m (Werkstatt Ph. Hoffmann) verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonn- tag, den 14. Februar 1904, mittags 1 Uhr, von der Leichenhalle des Heilig Kreuz-Kirchhoses in Marien- dors aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 166/8 Bio Ortsverwaltung. Deutscher Holzarbeiter-Verband.! Den Mitgliedern zur Kenntnis,. daß der Kollege, der Tischler Hobert Forster am 9. Februar an der Proletarier- lrankheit verstorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am s Sonntag, den 14. Februar, nach- mittags um 2 Uhr von der! Leichenhalle der AuscrstchungS- 1 Gemeinde in Weißensee aus statt.| Um rege Beteiligung ersucht 79/3 Oie Ortsverwaltung. Deutscher MetsIIsrbeiter-verbanä. Bnrean: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Verwaltungsstelle Berlin. Fernsprecher: Amt IT, 3353. Sonntag, den 14. Februar, vormittags 10 Uhr, in Kellers Festsälen, Koppenstr. 29; Allgemeine Uersammlnng. Tages-Ordnung: Koalitionsrecht und KoulitiousWaug. Kefereut: �klolt todell. Diskusßou. Kollegen! Nachdem seit längerer Zeit die Unternehmer in ihren Blättern in systematischer Weise darauf hinarbeiten, uns daS bißchen KoalilionSrecht noch zu nehmen, ist es notwendig, daß wir dazu Stellung nehmen. Um so mehr, als in den letzten Tagen der Gcwcrkvcrein der Maschinenbauer und Metallarbeiter in einer Versammlung seine bekannten Tiraden über den von uns angeblich geübten TerroriSnmS wieder einmal angestimmt hat. Den Hirsch-Dunckerschrn soll in dieser Versammlung eine Antwort aus ihre ungerechten und durchaus unberechtigten Angriffe gegeben werden. Deshalb erwarten wir zahlreichen Besuch. 111/13« Die Statistik ist erschienen und laut Beschluß der Ortsvcrwaltung im Bureau für BertrancnSleute«nengeltlich, für alle andren Mitglieder für 35 Pf. pro Stück zu haben, aw Ohne Mitgliedsbuch wird kein Exemplar verabfolgt. Im Buchhandel kostet die Statistik 3 Mark»__ Die Ortsvcrwnitung. Allgemmt Kranken- v. Sterbekaffe der Metallarbeiter E. H.?tr. 3» Hamburg, Filiale 7. Sonntag, den 14. Februar, vormittags 9>/s Uhr, bei llokimann, Pafewalkerftraße 3:_ M Mitglieder-Versammlung. SJI TagcS-Ordnung: 1. Kassenbericht. 2. Geschäftsbericht. 3. Die bevorstehende Generalversammlung und Ausstellung der Kandidaten, i. Wahl eines Wahl- komitees. S. Verschiedenes. 111/14 RW Erscheinen der Mitglieder dringend erforderlich. Die Ortsverwaltung. I. A.: Warnst, Colbergerstr. 17, II. Verband der Bau-, Erd- und gewerblichen Hilfsarbeiter Deutschlands. Zahlstelle Berlin und Umgegend. Sonntag, den 14. Febniar, vormittags 10 Uhr, in Bnggenhagens Etablistemcut, Morivplat,: General-Versammlung. TagcS-Ordnung: 1. Geschäfts- und Kassenbericht vom Jahre 1903. 2. Diskussion. 3. Wahl eines zweiten Bevollmächtigten, eines Beisitzers und der Revisoren. 4. Wahl der Bcschwerdckommission und der Delegierten zur Gcwcrkschasts- lommission. 5. Verbaudsangclcgenbeitcn und Verschiedenes. Das Erscheinen sämtlicher Mitglieder ist ersorderlich! Die Versammlung Wird pünktlich eröfsnet. Verbandspapiere legitimieren I Die � Ebne dieselben irtsverwaltung. 32/11 kein Eintritt. I. St.: K. Heidemann. Bureau: Berlin 0. 54, Dragonerstr. 15.— Telephon: Amt III 5028. Sonntag, den 14. d. M., vormittags pünktlich 10 Uhr, in de» Jndustrie-Fcstsnlen, Benthstr. 10—30: Allß ero rd entlich e Versammlung des Vereins der Zimmerer Berlins und Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Vcrcinsangclcgenheiten. 2. Stellungnahme zur 5. Konferenz der Vereinigung der Zimmerer Deutschlands. 3. Diskusfion und Slnträge zu derselben. 4. Wahl der Delegierten zu dieser Konserenz. 5. Verschiedenes. nir Mitgliedsbuch legitimiert.-Wg 257/2_ I. A.: Albert Juppenlatr. freie Vereinigung der Bohrer Sertins. Sonntag, den 14. Februar, vormittags 9 Uhr, Im Englischen Garten, Alexanderstrassc 37c: General Uersammlimg. Tages-Ordnung: 1. Von 9—10 Uhr Ausnahme neuer Mitglieder. 2. VorstandSwahl. 3. Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. 280/5 Der Borstand. Deutsclier Holzarbeiter-Verband. Heute Freitag, abends 8'/, Uhr, im Gewerkschaftshause, Eugcl-Ufer 15: TitiEung der Ortsverwaltung. Achtuno! Einsetzer. Achtung! Sonntag, den 14. Fcbrnar er., vormittags 10 Uhr, finden in den bekannten Lokalen die Bezirks'Sitzungen""2 statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Obmann. ZloRtagabend 8 Uhr im Oetverkschafts hause: Kommissions- Sitzung. Centrai-Kranken- u. Sterbekasse der Dachdecker Deutscblands„Sinigkeit".(Filiale Berlin). Bonntag, den 14. Februar 1904, vormittags 10 Uhr, bei E e i n d, Weinstr. 11; mr Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Abrechnung vom 4. Quartal 1303. 2. Wahl der Delegierten zu der am 13. und 14. März in Berlin stattfindenden ordent- iichcn Gcncral-Versammlung. 3. Slnträge an die General-Versammlung. 4. Verschiedenes in Kasscnangclegenheiten. 54/3 Der Vorstand. Mobel-Fabrik u. Lager kompletter Wohnungs-Einrichtungen m Fabrikpreisen— Eigne Werkstatten— empfiehlt Julius Apelt, Skalilzerslr. 6, sEingcschriebene Hilfskaffe Nr. 118). Sonntag, den 14. Februar er., vormittags 10 Uhr. im Saale des Herrn Fritz Witte. Brunnenstr. 188: General Uersammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Ausschusses, Abrechnung dcS Kassierers sowie Revisionsbericht. 2. Ergänzungswabl des Vorstandes ferster Vorsitzender, zweiter Kassierer, ein Beiftzer und vier Ersatz- Männer). Wahl des Ausschusses und vier Ersatzmänner. 3. Beschlußsassung über die Aenderung der KZ 20 und 27 der zweiten geprüften Satzungen. 4. Wahl eines Hilsskassierers sür Moabit. 5. Innere Kasscnangclcgenhciten. MO Uis Versammlung Wird pünktlich eriffnet. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Borstand. Der Ausschuft. 38/2' I. A.: H. M e tz k e. I. A.: O t t o P a n z e r. Sechster Wahlkreis. Sonntag, den 14. Februar, abends« Uhr. im„Kolberger Salon«, Kolbergerstrafte 33: Nnslimmluug siir Mämier»»!> Fraueu. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Bartels über:„Die Entwicklung des Socialismus von der Utopie zur Wissenschast". 2. Diskussion. Nachdem: Gemütliches Beisammensein. Zu recht zahlreichen Besuch ladet ei» 246/3" Der Vertrauensmann. Zlchtnng! Achtung Freitag, den 12. Februar 1904, abends 8'/z Uhr, im„Elystum", Landsberger Allee 40/41: Uolks-Nersammwng. Tages-Ordnung:»Unsre Waffe» im Befreiungskampfe des Proletariats«. Rcfcrentin: Genossin Btelnbach• Hamburg. Diskussion. 105/18 Am Montag, den 15. Februar, spricht Genossin Steindacd-Hamburg im„Wedding-Park«, Müllerstraße 173. Um zahlreichen Besuch bittet Der Einbernfer. )Sll lrauj»us, ■gERiJll* Empfehlen unser helles u. dunkles Tafelbier: Qambrinusbräu(Münchener) Nepomukbräu(Pilsener) Söhntisebes Brauhaus no. Fass• Abteilung: Landsberger Allee 11/18. T. VII. 5088. Flaachen-„ Frieden Strasse 93. T. VII. 1670. Unsre Original-Abzug-Flasehenbiere in last allen Kolontatwaren-Dandlungen. Vereine. 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Lokales. freisinnige Männer im kommunalen Ehrenamt. Wir hiben kürzlich gezeigt, wie es demjenigen ergehen kann, der don einen socialdemokratischen Stadtverordneten für ein kommu nales Ehrnamt vorgeschlagen wird; wie der, den die freisinnige Mehrheit>er Stadtverordneten-Versammlung wirklich für ein solchem Amt acce!tiert, unter Umständen sich darauf gefaßt machen mutz, datz in den Amenkommissionen, den Waisenrats-Kollegien usw. das neue Mitglied keineswegs als ein willkommener Mitarbeiter betrachtet und behandet wird. Als ein Beispiel haben wir den Fall P ä tz e l angeführt. Im Stadtbqirk 78Batz die Uebertragung der Krankheit von einer Person zur andern erfolgte, die erste aber den Krankheitskcim außerhalb des Gutsbezirks in sich aufgenommen hatte; in den Nachbarorten warer nämlich mehrere Typhuserkrankungen vor- gekommen. Es wu.'de von allen Kranken mit großer Bestimmtheit das Trinken von Rieselwasser in Abrede gestellt. Die Krauken wurden schnell naiZ Nowawes übergeführt. Schon nach der zweiten Erkrankung wurd- die bett. Baracke ganz geräumt. Die Insassen wurden in Döckersche Baracken, die von der Gesellschaft vom Roten Kreuz zur Verfügung gestellt waren, untergebracht und beobachtet, der Brunnen einer Untersuchung unterzogen, die Aborte täglich desinfiziert und die Baracke unter ärztlicher Aufsicht gereinigt und desinfiziert. In diesem Falle bestand kein Zweifel darüber, datz ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Ausbruch des Typhus und der Beschäftigung auf den Feldern nicht bestehen könne. Auch mutz dagegen Einspruch erhoben werden, daß, wenn etwa wirklich die erste Arbeiterin Rieselivasser getrunken hätte, nun auch mit diesem der Typhuskeim aufgenommen fei. Das Projekt der Errichttmg einer Lokalschiffahrt für den Personenverkehr auf der Spree iuuerhalb Berlins vermittelst kleiner Motorboote, hat bereits zu zahlreichen Konferenzen zwischen der Unternehmer-Gesellschaft„Stern" und dem Polizeipräsidium geführt, ohne datz es bisher zu einer endgültigen Entscheidung gekommen ist. Dem Plan stellen sich bedeutende Schwierigkeiten entgegen, sowohl bezüglich der Anlegestellen als auch der Schiflahrtsbestimmungen im allgemeinen.— Eine der wichtigsten Forderungen, welche die unternehmende Gesellschaft stellt, ist diejenige eines Verbotes des Stakens innerhalb der Wasserstraßen Berlins und Einführung des Schleppzwanges für die Lastschiffahrt, wie solcher in andren Groß- städten, die lokale Personenschiffahrt haben, schon längst existiert. Die Dampferlinien können nur dann eine Bedeutung für die Verkehrs- Verhältnisse der Reichshauptstadt gewinnen, wenn die Passagierboote stets stcie Fahrt haben und nicht an den Brückendurchfahrten der durchstakenden Zillen wegen längeren Aufenthalt erleiden würden.— Die Anlagestellcn für Aufnahme der Passagiere müßten natürlich durchweg an verkehrsreichen Straßen oder Brücken sich befinden unb direkten Zugang von den Straßen aus erhalten. Weibliche Assessoren und Referendare giebt eS jetzt in Berlin und andern industriereichen Orten Deutschlcrnds. Der Kaiser hat den Handelsminister errnächligt, die bisherigen Amtsbezeichnungen Ge- werbeinspekttons-Aspirant und Gewerbeinspcktionsassisteut durch den Titel Getverbcreferendar und Gewerbeassessor zu ersetzen. In einer neuen Uebersicht des Polizeipräsidenten über das Personal der Ber- liner Gewerbeinspektioneu werden jetzt folgende Damen als Assistenten oder Aspiranten aufgeführt: Fräulein Kümmert, bei der königlichen Getverbciuspektion Berlin S.; Fräulein Conradt, bei der Inspektion dl. und Fräulein Reichert, bei der Inspektion O. Sämtliche drei Damen waren bisher Assistentinnen und sind somit Ge- wcrbeassessorcn oder Assefforinnen geworden. Sie halten Sprech- stunden für Arbeiterinnen in den Räumen ihrer Inspektionen ab. Die Zusammenstellung des Polizeipräsidenten berücksichtigt die neuen Titel noch nicht. Sie ist vom 29. Januar datiert, während die Kabinettsorder über die Gewerbeassessoren zwar am 20. Januar vom Kaiser erlassen war, aber am 39. Januar vom Handelsminister bekannt gegeben worden ist. Gewerbeassessor oder Gewerbereferendar sind in Berlin die Herren Dr. von Finckh, Dieske und Wehlmann im Bezirk der Jnipeltion C., Dr. Dewitz, Steinhoff und Tretrop im Bezirk di., Dr. Westphal, Meyenbörg und Dittmar im Bezirk O., Lampe und Kruse im Bezirk S., Lohmann, Forchmann und Fritz im Bezirk W. Die Gewerbeinspcktions-Bezirke S. und W. haben somit keine Damen. Gelverbeinspektoren sind zur Zeit die Herren Dr. Jungfer, Dr. Rasch, Dr. Fischer, Donath und von Gizycki für die Bezirke C, N., S. und W. Zum Bezirk O. gehört auch Ripdorf, zu S. Schönebcrg und zu W. Charlottenburg. Die Einteilung entspricht aber nicht etwa den Postbezirken, sondern richtet sich nach den Polizeirevieren, deren etwa 10— 18 je zu einem Gewerbeinspektions- bezirk zusammengefatzt sind. Die Ausstellung für Moorkultur und Torfindustrie im Landes- Ausstellungsparke wird am nächsten Montagvormittag 11 llhr eröffnet werden. Dem Eröffnungsakte werden der Staatssekretär von PosadowSky(in Vcrttctung des Reichskanzlers), der Land- Ivirtschastsminister v. Podbielski, der Minister des Innern Frhr. v. Hammerstein und der Untcrstaatssekretär Excellenz Sterneberg, welche Herren das Ehrenpräsidium der Ausstellung übernommen haben, beiwohnen. Der Katalog führt 904 Nummern auf, welche sich auf drei Gruppen verteilen. Die erste Gruppe(Naturwisscn- schaft) bringt die Statistik und die Forschungsergebnisse der Moore auf dem Gebiete der Geologie, Chemie und Botanik zur Darstellung; die zweite Gruppe veranschaulicht die land- und forstwissenschaftliche Moorkulwr(Melioration, Ent- und Bewässerung, Kulturmethoden, Düngung, Schäden, Besiedelung, Hausbau ze.) und die dritte Gruppe führt die industrielle Ausbeutung der Moore vor: ihre Verarbeitung zu Torsttreu, Kork, Holz, Pappe ze., ihre Verwendung als Heiz- Material, die dazu nötigen Maschinen, BearbeitungS- und Transport- geräte:c. Unter den zahlreichen Ausstellern befinden sich die könig- lichen Regierungen zu Osnabrück, Aurich, Stade, Posen, Danzig, Marienwerder, Gumbinnen, Königsberg, Stettin k,, die Landwirtschafts-Kammern für die Provinzen Westfalen, Hannover, SchleSwig-Holstein, Posen und Pommern, die grotzherzoglich olden- burgische Regierung, die botanischen Staatsinstitute zu Hamburg, die königl. bayrischen Landes- und Moorkultur-Anstalten, das k. k. östteickiische Ackerbau-Ministerium zu Wien u. a. Behörden. Und unter den landwirtschaftlichen Vereinen. Torfmoor-Gesellschasten und Kolonien sind die hervorragendsten Schwedens, Norwegens, Däne- marcks und Finlands vertreten. Soweit die Ausstellungsgegenstände in den Hallen des Hauptgebäudes nicht Platz hatten, sind dieselben in den Stadtbahubvgen 21 bis 25 bezw. im Freien untergebracht worden. Die kaiserliche Genehmigung zur Ausgabe von 228 Millionen Mark städtischer Schuldverschreibungen ist im Rathause eingcttoffcn. Der Oberpräsident v. Bethmann-Hollweg hat sie unter dem 7. d. M. unter Hinweis auf die Erlasse der R Minister der Finanzen und des Innern vom 31. Januar 1900 übersandt. Danach kann die Ueber- tragbarkeit einzelner Anleihcbeträge— d. h. die Benutzung und Ver- Wendung für andre Zwecke, als der vorgesehenen, soweit oiese nicht schon zugelassen ist, nur mit Genehmigung des Ministers geschehen. Die Anleihe soll nach Bedarf in mehreren Serien begeben werden. Die Affaire der Schutzleute Wilhelm Knuth und Franz Beruleit aus Rixdorf, die seiner Zeit ein so gewaltiges Aufsehen erregte, wird nun noch einmal das Gericht beschäftigen. Die beiden Be- amten sind am 31. Dezember 1902 zu je neun Monaten Gefängnis und Aberkennung der Befähigung zur Bekleidung eines öffentlichen Amtes auf die Dauer von zwei Jahren verurteilt worden. Das Gericht hielt sie für überführt, am Spätabend des l. August 1902 den Dachdecker Karl Friedrich in Ausübung ihres Amtes ohne erkennbare Veranlassung mit den Säbeln mißhandelt zu haben. Die beiden Schutzmänner behaupteten von Anfang an. datz eine Personenverwechselung vorliegen müsse; sie legten Revision ein, das Reichsgericht erkannte aber auf Verwerfung der Revision. Infolge der Verurteilung sind die beiden Beamten aus dem Dienst entlassen, eS wurde ihnen aber Sttafaufschub gewährt. Inzwischen war gegen den Mißhandelten Friedrich eine Anklage wegen fahr- lässigen Meineides erhoben worden, der Angeklagte wurde jedoch seiner Zeit freigesprochen. Auf Grund der in dieser Verhandlung abgegebenen Zeugenaussagen beantragte Rechtsanwalt Dr. L ö w e n st e i u die Wiederaufnahme des Verfahrens, der Anttag wurde jedoch von der Strafkammer abgelehnt. Auf die hiergegen erhobene Beschwerde hat jetzt das Kammergericht die Wieder- aufnähme des Verfahrens angeordnet. Früh übt sich... Ein Einbrecher in Kniehosen wird von der Berliner Kriminalpolizei gesucht. Am Mittwoch entwendete der 13 Jahre alte Schüler Fritz A. seinem Vater, einem Gniudbesitzer in Fürsteuwalde, die Schlüssel zum Geldschrank, dem er die Summe von 5000 M. entnahm. Es gelang dem Knaben, mit dem um 7 tlhr abends nach Berlin abgehenden Eisenbahnzug zu entkommen, bevor der Sachverhalt aufgeklärt war. Diese Flucht scheint mit früheren Vorgänge n zusammenzuhängen. Der Knabe wurde öfters auf dem Bahnhofe in Fürstenwalde in Gesell« schaft eines Mannes bemerkt, der phn auch im Dezember vorigen Jahres nach Berlin mitnahm, ihm reiche Weihnachtsgeschenke ein» händigte und dann nach Hause zurückschickte. Die Vermuttmg liegt nahe, datz dieser Mann den Jungen zu der That angestiftet und ihn in Berlin in Empfang genommen habe. Fritz A. hat dunkelbraunes Haar, braune Augen und ist 1,50 Meter groß. Sein Anzug bestand aus einem graublauen Kammgarnjackett, kurzen Hosen, aus einer schwarzen Pelzmütze und schwarzen Schnürstiefeln. Der Vater sagt dem eine Belohnung zu, der den Ausenthalt des Kindes ermittelt. In der Wohnung seiner Braut verhaftet wurde ein alter Ein« brecher Adolf Rachui, dessen Eigenart in der Ausplünderung von Böden und gelegentlich von Wohnungen bestand. Die Beute, vor- wiegend Wäsche, brachte er auf Grund gleichfalls gestohlener Papiere alsbald zum Versatz, war aber vorsichtig genug, diese Arbeit durch Knaben von der Stratze ausführen zu lassen. In einem Falle gab er mangels eines andern Ausweises seinen eignen Namen preis, dadurch wurde er verraten. Da er nicht gemeldet war, forschte man nach einer Frauensperson, seinem alten Verhältnis. Dort wurde er ermittelt, außerdem aber noch verschiedene Wäsche mit den Zeichen I. H., V. H. und E. M., die er noch nicht abgesetzt hatte. In einem Falle hatte er die Steuerquittung einer Schneiderin Anna Schwittai, ein andermal die Jnvalidenkarle eines Mädchens Auguste Corsnick benutzt. Wünschenswert ist, datz sich die Knaben melden, die er zum Verpfänden benutzte. Selbstmord eines städtischen Beamten. Der 33jährige Aufscher im städtischen Arbeitshause zu Rummelsburg, N., hat sich gestern mittels seines Dienst-Revolvers e r s ch o s s en. N. war seit acht Jahren angestellt und galt sonst für einen ruhigen und zuvcr- lässigen Beamten; er war verheiratet und hatte zwei Kinder.' Man beschuldigte ihn, sich an der zwölfjährigen Tochter eines seiner Kollegen sittlich vergangen zu haben, weshalb eine strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet worden war und die Verhaftung des Be- schuldigten bevorstand. In der Nacht bediente N. auf seinem Rund- gange durch die Pavillons noch die Kontroll-Uhren; auf feinem Patrouillengange am Ufer des Rummelsburger SeeS, an welchen das Arbeitshausgrundstück anstößt, verübte er dann Selbstmord. Am Morgen wurde N. vermißt und alsbald als Leiche am See auf- gefunden. Mit Arsenik hat sich in einem Hotel im Südwesten Berlins eine Frau Veronika Znetgraf vergiftet. Sie ist eine b4jährige Beamten- witwe, die in Erfurt einem Herrn die Wirtschaft führte. Von dort kam sie am letzten Montag nach Berlin. Ihr Sohn, der in einem westlichen Vorort wohnt, hat seine Mutter seit mehreren Jahren nicht gesehen und kann nicht angeben, weswegen sie Gift nahm. Ueber die Unthat eines Gemciudcschülcrs gegen seinen Lehrer berichtet ein hiesiges Blatt: Der elffährige Paul Hübner, Sohn eines achtbaren Beamten, besuchte die dritte Klasse der 180. Ge- meindeschule; er ist ebenso fleißig wie begabt und war Klassen-Erster. In der gesttigen Zeichenstunde hatte der Knabe durch sein unruhiges Betragen dem Lehrer mehrfach Anlaß zum Tadel gegeben, schließlich sah sich Herr Zeisiger genötigt, zur besseren Ueberwachung ihm auf der vordersten Bank, wo die schwächsten und unfolgsamsten Schüler sitzen, einen Platz anzuweisen. Obioohl diese Maßnahme nur eine vorübergehende sein sollte, geriet der Knabe doch in große Erregung. Kaum hatte nach beendetem Unterricht der Lehrer den Paletot angezogen, als der Junge aufsprang, Herrn Zeisinger nach- stürzte und ihm mit einem Taschenmesser, das er sich von einem Mitschüler zum Bleistiftspitzen geliehen hatte, in Gegenwart der gesamten Schüler der dritten Klasse drei Sttche in den Rücken versetzte. Als der Rasende zum viertenmal ausholen wollte, fiel ihm ein Mitschüler in die Arme und entwand ihm das Messer. Die Sttche waren dem Lehrer durch den Paletot in den Rücken gedrungen und hatten ihm zwei stark blutende Verletzungen zugefügt. Der Verwundete begab sich zunächst zum Rektor, der die Isolierung des am ganzen Leibe zitternden Knaben veranlatzte. Herr Zeisiger fand auf der Unfallstation in der Lindowerstratze die erste Hilfe und suchte später seine Wohnung aus. Sein Befinden war heute so zu- friedenstellend, datz er die Lehrthätigkeit nicht unterbrechen brauchte. Der Rektor der Schule, der den jähzornigen Knaben einstweilen in die von ihm selbst geleitete Klasse übernahm, hat an die städtische Schuldeputation ein Gesuch um Entfernung des Schülers bezw, dessen anderweittge Unterbringung gerichtet. Das Verschwinden der Frau des Arbeiters Schmidt aus Rixdorf hat noch immer keine Aufklärung gefunden. � Wie bereits erwähnt, war in unsrer Nachbarstadt das Gerücht verbreitet worden, datz Sch. seine Frau, mit der er in Unftieden gelebt hat, ermordet habe, und auch der Kriminalpolizei war von diesem Gerüchte Mitteilung au- gegangen. Die Behörde nahm Veranlassung, die Sachlage zu prüfen und hielt auch eine Haussuchung in der Wohnung ab, die jedoch völlig erfolglos blieb. Es haben ferner zahlreiche Vernehmungen stattgefunden, die aber nicht den geringsten Anhalt für das Vor« liegen eines Verbrechens gegeben haben. Es mutz vielmehr an« genommen werden, datz die Vermißte Selbstmord verübt hat. Ein großes Feuer kam gestern abend in der Prenzlauer Allee 248, am Prenzlauer Thor, zum Ausbruch. Dort stand eine Scheune des Gutsbesitzers H. Bötzow in Flammen. Die erste Compagnie ging sofort mit mehreren Schlauchleitungen von Dampfspritzen vor und es gelang durch kräftiges Wassergeben, die Flammen auf die Scheune. deren Dach mit Inhalt niedergebrannt ist, zu beschränken. Das Vieh war bald nach Ausbruch des Brandes in Sicherheit gebracht worden. Ein alter Paletotrnardcr, der frühere Kellner Fritz Tage, wurde am Mittwoch in einem Wirtshause der Friedrichstadt in dem Augen» vlick festgenommen, als er eben mit einem angezogenen fremden Ucverzieher verschwinden wollte. Aus dem Gefängnis, wo er wegen gleicher Vergehen eine Straf« verbüßte, wurde er wogen eines Lungenleidens beurlaubt. Er setzte sein Diebeshandwork gleich wieder ;ort und stellte sich dem Gefängnis nicht wieder. Die gestohlenen lieberzieher verkaufte er in den Wirtshäusern an Kellner oder an Stratzenhändler. Eine» schaurigen Fund machten am Mittwochnachmittag um 3l/z Uhr spielende Kinder, die sich auf dem Oranienplatz auf einem Sandhaufen tunimelten. Als sie nach Art der Kinder Löcher in den Haufen gruben, stießen sie auf die Leiche eines neugeborenen Kindes, das noch nicht lange dort verscharrt gewesen war. Natürlich war eS mit der Kinderlust für den Augenblick vorbei. lieber den Selbstmord einer Sprachlchrerin wird aus dem Hause Urbanstr. 188 gemeldet: Die 32 Jahre alte Lehrerin der französischen und englischen Sprache, Selma Fichtner, die auch früher Tänzerin und auch Dienstmädchen gewesen sein soll, verlor als ISjähriges Mädchen die Eltern durch den Tod und hat wohl manche Wandlung durchgemacht. Zuletzt hatte sie eine seine Wohnung inne. Sie wurde von einem inneren Leiden heimgesucht, so datz sie auch durch ihren Bräuttgam, einen Kaufmann B., vom Selbstmord nicht zurück- gehalten werden konnte. Mittwochabend entfernte sich ihr Dienst- mädchen. Als dieses und auch der Bräutigam des Fräulein F. spät abends die Wohnung betraten, hing sie an der Thür des Schlaf- zimmers an einem Bindfaden. Auf dem Tisch hinterließ sie fech» Briefe, an den Hauswirt, ihren Arzt und an bekannte Personen. Als Grund zum Selbstmord giebt sie die fürchterlichen Schmerzen an. Theater. Im Deutschen Theater geht am Sonnabend. den 13. d. an., Arthur Schnitzlers neues Schauspiel„Der einsame Weg" mit folgender Besetzung zum erstenmal in Scene: Professor Wegrath: Oskar Sauer; Gabriele, seine Frau: Hedwig Pauly; Feli� Johanna, deren Kinder: Knrt Stiller. Irene Thierschi Julian Fichtner: Rudolf Rittner: Stephan b. Sala: Mert Nasser- wann; Irene Herms: Else Lehmann; Dr. Franz Reumann, Arzt: Hans Godeck.— Das Programm des vom Schiller Theater veranstalteten Karl Hcnckell-Abends, der nächsten Sonntag, den 14. d. M., im Bürgersaale des Rathauses stattfindet, ent- hält Gedichte aus sämtlichen Sammlungen Henckellscher Lyrik (»Diorama",„Amselrufe".„Trutznachttgall"-c.) sowie Kom- Positionen von Georg Schumann und Richard Strauß.— Jnr Belle-Alliance-Theater wird von Freitag ab die Ausstattungsposse„Götterweiber" gegeben. Am Sonntagnachmittag findet eine Auffuhrung des Lustspiels„Die bezähmte Widerspenstige" von Shakespeare mit dem kgl. Schauspieler Herrn Joseph Nesper und Frl. Olga Asta vom kaiserl. Schauspielhause in Petersburg als Gäste statt.— Im Thalia-Theater geht von Freitag ab „Der Hochtourist" mit Guido Thielscher in der Titelrolle in Scene. Sonntagnachmittag wird„Charleys Tante" gegeben. Charlottcnburg. Einen Chamisso-Abend veranstaltet das Schiller Theater(Berlin) am Mittwoch, den 17. d. M., abends 8 Uhr, im großen Saale des Volkshauses. Den einleitenden Vortrag über Adalbert v. Chamiffo hält Direktor Dr. L ö w e n s e l d. Daran schließen sich Deklamattonen und Gcsangsvorttäge von Woldemar Runge, Else Wasa und Gustav Ziegel. Der Preis des Billets nebst Programm und Garderobe ist auf 40 Pf. bemessen. Der B-rsigsche Wintergarten, Alt-Moabit 85. ist zu wohl- thätigem Zwecke gegen ein Eintrittsgeld von 50 Pf. jetzt wieder ge- öffnet._ Huq den Nachbarorten. Wilhelmsruh. Sonntagvormittag 10 Uhr findet die Mit- glieder-Bersammlung des Wahlvcreins in Rosenthal, Lokal Kabelitz, statt. Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen wird gebeten. Dalldorf. Sonntagnachmittag 3 Uhr, findet bei Roll„Zur Mühle" eine Gemein dewähler-Bersammlung statt. Stadtverordneter Schubert hält einen Vortrag, ebenso erfolgt die Aufstellung der Kandidaten. Handzettel-Verbreitung erfolgt am Sonnabendabend. In der Eharlottcnburger Stadtverordneten- Versammlung brachte am Mittwoch der Kämmerer Scholz den Etat ein. Redner bezeichnete das Gesamtbild des Etats als ein erfreuliches. Es war nicht schwer, das Gleichgclvicht zwischen Einnahme und Ausgabe herzustellen. Von Einzelheiten hob der Kämmerer die Einstellung von 25 000 M. für die Einführung des obligatorischen Fortbildungs- schulunterrichts sowie einer Summe für die Anstellung einer Schul- ärztin hervor. Unter allen Umständen müsse die Stadt auf eine Vor- Mehrung des städtischen Grundbesitzes hinwirken. Der Ueberschuß der Gasanstalten sei sehr vorsichtig veranschlagt, und auch den Vor- anschlagungen der Steuereinnahmen habe man nur eine mäßige Steigerung zu Grunde gelegt. Im letzten Jahre sei die Bevölkcrungs- zunähme in Charlottcnburg größer gewesen als je zuvor, namentlich sei die Zahl der zuziehenden reichen und wohlhabenden Leute eine sehr hohe. Angesichts der großen Aufgaben, die der Stadt bevorstehen, müsse man darauf bedacht sein, durch geeignete finanzielle Maß- nahmen die jetzige günstige Lage der Stadt zu erhalten. Während die Redner der bürgerlichen Parteien, die Herren S t ü ck l e n und Kaufmann, an dem Etat so gut wie nichts auszusetzen hatten, übte Stadtverordneter Dr. Borchardt als Redner der social- demokratischen Fraktion scharfe Kritik an der Grundlage des ganzen Etats. Insbesondere forderte er ein energischeres Tempo in der Socialpolitik, um die Armenlasten zu vermindern, und die Einstellung höherer Summen für Gemeindeschulbauten, eventuell unter starker Erhöhung der Grund- und Gebäudesteuer, eine Maßnahme, durch die zugleich ein Teil des unverdienten Wertzuwachses der Stadt er- halten blecht. Dem Ausschuß, dem der Etat überwiesen wurde, ge- hören die socialdemokratischen Stadtverordneten Dr. Borchardt, Paaschs und Dörre und als Ersatzmänner Sellin, Scharrnberg und Vogel an.— Vorher hatte die Versammlung eine Reihe von Petitionen beraten. Eine derselben, die des Haus- und Grundbesitzer- Vereins, die sich gegen die Unterstützung von Beamtenwohnungs- Genossenschaften wendet, gab unserm Genossen Dörre Veranlassung, den Magistrat über den Stand der Frage betr. die Schaffung kleiner Wohnungen zu interpellieren. Oberbürgermesster Schustehrus erklärte, daß die kleinen Wohnungen in Charlottenburg noch immer sehr teuer seien und daß der Magisttat nach Abschluß der Etats- bcratung mit einer neuen Vorlage an die Versauunlung heran- treten werde. Eine lebhafte Debatte rief endlich der Bericht des Ausschusses über die Schaffung einer Deputation für Waiscnpflege und die Um- gestaltung der Armendirektion hervor. Der Ausschuß beanttagte, zu den Sitzungen der Armendirektion drei Frauen mit beratender Stimme hinzuzuziehen. Demgegenüber stellte Stadtverordneter Hirsch(Soc.) den Antrag, den Frauen auch das Stimmrecht zu geben. Diesen Antrag bekämpften namentlich die Herren Sachs von der Freien Vereinigung und Braune und Heinzelmann von der liberalen Fraktion. Die geistige Höhe der Argumente dieser Herren kennzeichnet der eine Satz des Herrn Heinzelmann: »Die Qualifikation der Frau als solche hat bereits ihre natur- gesetzliche Regelung gefunden". Das ging selbst den politischen Freunden des Redners zu weit; Stadtv. Dr. Spiegel sprach sich namens der Mehrheit seiner Fraktion für den Antrag Hirsch aus, der dann auch zur Annahme gelangte. Es bleibt abzuwarten, ob der Magistrat dieser Aenderung zustimmen wird. Die Borortgemcinde Lichtenberg ist gezwungen, den Gemeinde- steuer-Zuschlag von 120 auf 150 Proz. zu erhöhen. Der Gemeinde- vorstand hat entsprechende Beschlüsse schon gefaßt und wird sie der nächsten Gemeindevcrtreter-Sitzung unterbeiten. Es ist kaum an- zunehmen, daß es der Vertretung gelingen wird, den Etat so um- zugestalten, daß eine Erhöhung der Steuer sich wird Venneiden lassen, umfomehr als bei der Erhöhung auf 150 Proz. noch nicht einmal Gehaltserhöhungen für die Lehrer und Beamten vorgesehen sind, die von der Gemeindevertretung gewünscht wurden. SemKts-Deining. Einer der in uiisrer Justiz üblichen ErPress, mgSpr-zesse gegen anständige Arbeiter hat gestern abermals mit einer harten Ver- urteilung geendet. Der Arbeiter Karl Heinrich war von der 4. Strafkammer des Landgerichts I der Nötigung und Bedrohung angeklagt. Der Angeklagte war im Oktober vorigen Jahres auf einem Neubau in der Gartenstraße beschäftigt, auf welchem auch der b8jährige Arbeiter Schleußner angestellt wurde. Zwei Tage darauf wurde Schleußner von dem Angeklagten gefragt, ob er der Gewcrk- schaftSorganisation angehöre und aus die verneinende Antwort wurde er von dem Angeklagten aufgefordert, der Organisation beizutreten. Schleußner lehnte dies ab mit dem von großer Verständnislosigkeit für die gewerkschaftlichen Pflichten des Arbeiters zeugenden Be- merken, daß er keine Veranlassung habe, dem Verband monatlich ein Opfer von 2 M. zu bringen. Der Angeklagte soll darauf er- widert haben:„Wenn Du nach zwei Tagen nicht bcigctteten bist, kannst Du den Bau allein fertig machen, denn dann legen wir alle die Arbeit nieder und Du kriegst Deine Dresche". Als Schleußner nach zwei Tagen die Baubude bcttat, um zu frühstücken, soll der Angeklagte zu ihm gesagt haben: »Du hast hier in der Frühstücksstubc nichts zu thun. Du kannst auf auf dem Abort frühstücken I" Als Schleußner dann wieder an die Arbeit gehen wollte, war seine Schippe verschwunden; er nahm an, daß feine Kollegen sie versteckt hatten. Um weiteren Chikanen vor- zubeugen, zog er es vor. die Arbeit nieder zu legen. Der An- geklagte gab zu, den Arbeiter Schleußner aufgefordert zu haben, dem Verbände beizutreten,„damit er als anständiger Mensch auf die Straße gehen könne". Die bedrohenden und beleidigenden Aeußerungen stellte er dagegen in Abrede. Der Staatsanwalt erachtete ihn sowohl der versuchten Erpressung wie des Vergehens gegen§ 153 der Gewerbe-Ordnung für überführt und beantragte gegen ihn eine Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis. In der Begründung fiel der übliche Spruch, daß den terroristischen Bestrebungen der organisierten Arbeiter gegen die Nichtorganisierten energisch ent- gegengetretcn werden müsse. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht, führte aus, daß von einer versuchten Erpressung nicht die Rede sein könne, denn es fehle an dem Hauptmerkmal dieses Ver- gehenS, der Anstrebung eines Vermögensvorteils. Die bei der Verbandskasse eingehenden Gelder kämen der Allgemeinheit zu gute. Im übrigen seien die Bekundungen des Zeugen Schleußner nicht klar und bestimmt genug, um den Angeklagten wegen Vergehens gegen die Gcwerbe-Ordnung verurteilen zu können und es bleibe somit nur eine Beleidigung übrig. Es müsse den organisierten Arbeitern das Recht zugciprochen werden, Kollegen für ihren Verband zu werben und es abzulehnen, mit ihnen zu arbeiten; gäbe es doch auch, wie der Fall in Crimmitschau beweist, große Arbeitgeber, welche den Austritt aus dem Verbände den bei ihnen Beschäftigung Suchenden zur Bedingung machten. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten wegen versuchter Erpressung und Veleidignng zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten. lieber das Urteil viele Worte zu verlieren ist überflüssig. Die deutsche Arbeiterschaft ist diese Rechtsprechung gewohnt, und so hart der einzelne ehrenhafte Arbeiter mit seiner Familie unter der Voll- streckung des Richterfpruchcs zu leiden hat: Der Gewinn aus dieser Justiz liegt nicht auf der Seite der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn nun auch selbstverständlich das Ansehen eines auf solche Weise ver- urteilten Arbeiters in der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft nicht im geringsten beeinträchtigt wird, so fragt sich doch, ob es praktisch ist, in der Weise wie Heinrich es gethan haben soll, der Organisation Mitglieder zu- zuführen. Selbstverständlich sind diejenigen Arbeiter, die ihre gewerkschaftlichen Pflichten nicht erfüllen, eingehend darüber atlfzuilären, daß es st i ch h a l t i g e Gründe für die Nichtbeteiligung an der Organisation nicht geben kann, daß die Zugehörigkeit zu ihr die v o r n e h m st e Ehrenpflicht des Arbeiters ist. Aber mag das Unternehmertum auch zehnmal die Arbeiterschaft terrori- sieren, wenn es gilt, sie von der Erfüllung ihrer Ehrenpflicht abzu- halten, so darf doch die Arbeiterschaft nicht die Wege der Kapitalisten wandeln. Schon um deswillen, nicht weil der Zwang der schlechteste Agitator für eine Sache ist. Eine Revolte in der städtischen Erziehungsanstalt zu Lichten- berg beschäftigte gestern die 3. Strafkammer des Landgerichts II. Vier 17- bis 19jährige Zöglinge, die vielfach vorbestraften„Arbeiter" Hermann T h i e m c, Hermann Krause, Ernst Günther und Otto Müller muhten sich wegen Meuterei verantworten. An- fang März v. I. wurde der vielfach vorbestrafte Arbeiter Kermes der städtischen Erziehungsanstalt überwiesen. Kermes war tags zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Er war der Ansicht, daß er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis sich der vollen Freiheit erfreuen könnte, und wurde deshalb aufs unangenehmste überrascht, als er anstatt dessen in die Anstalt kam. Er trug sich sofort mit allerlei Fluchtplänen und versuchte auch andre Zöglinge zur Flucht zu überreden. Der 15. März, ein Sonntag, wurde zur Ausführung der Flucht ausersehen. Als sich des Mittags gegen 200 Zöglinge im Speisesaal der Anstalt befanden, brach Kermes mit einem der Lehrer einen Streit vom Zaun. Mit den Motten: „Das ist kein Sonntagsesseni, das können Sie selbst fressenl" nahm K. seinen mit Reis und Rindfleisch gefüllten Eßnapf und warf dem Lehrer den Inhalt ins Gesicht. Dies war augenscheinlich das Signal zu einer allgemeinen Empörung. Es entstand ein ge- waltiger Tumult, gegen den die beiden anwesenden Lehrer machtlos waren. Tie Burschen demolierten Tische und Stühle und wollten die abgebrochenen Beine als Waffen benutzen', andre schwangen in bedrohlicher Weise die Gabeln, die sie beim Essen benutzt hatten. Tie Lage der beiden Lehrer n?ar höchst kritisch, als die in der Anstalt beschäftigten handfesten Erziehungsgehilfen herbeieilten, denen es bald gelang, die Ruhe einigermaßen wieder herzustellen. In dem allgemeinen Tumult war es dem Anstifter Kermes sowie den Angeklagten und den Arbeitern Höpfner und Springmann gelungen, aus dem Saale zu entkommen und sich durch ein, obgleich vergittertes. Fenster hin durchzuzwängen. Die vier Angeklagten wurden nach wenigen Tagen wieder ergriffen, die übrigen Flüchtlinge sind bisher noch nicht wieder ergriffen worden. Kermes verfiel bald darauf in Geisteskrankheit und befindet sich jetzt im Jrrenhause. Der Staatsanwalt beantragte gegen Thicme acht Monate, gegen Krause sechs und gegen Günther und Müller je drei Monate Gefängnis. Der Gerichtshof verurteilte Thieme zu sieben und Krause zu sechs Monaten, Günther und Müller zu je sechs Wochen Gefängnis. In einer schwurgerichtlichen Verhandlung hatte der Gerichtshof den Antrag der Vetteidigung, die Strafliste eines Zeugen zu verlesen, abgelehnt mit der Begründung, daß der Inhalt der Strasliste für die Glaubwürdigkeit des Zeugen nicht von Einfluß sei. Das Reichsgericht hat wegen dieser Ablehnung des Anttages das schwurgerichtliche Urteil aufgehoben. Aus den Gründen, die von der„Deutschen Juttstenzeituug" mitgeteilt werden, ist folgendes hervorzuheben: Tie Sttafliste werde in K 243 St.-P.-O. ausdrücklich unter den Urkunden aufgeführt, die verlesen werden dürfen; es werde kein Unterschied gemacht zwischen Straflistcn der An«- geklagten und der Zeugen. Wie die Strasliste des Angeklagten zur Beleuchtung des Charakters des Angeklagten diene, so die eines Zeugen zum Beweise seiner angeblichen Unglaubwürdigkcit. Tie Abweisung des Antrages griff dieser Beweisführung insofern vor, als darin bereits der Ausspruch enthalten ist, die Prüfung der Strafliste begründe kein Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit des Zeugen. Ohne Verlesung in der Hauptverhandlung sei das Gericht prozeßordnungsmäßig gar nicht in der Lage, den Inhalt der Straf- liste zu kennen. Tie Glaubwürdigkeit eines Zeugen abzuwägen, sei überdies im Schwnrgerichtsverfahren regelmäßig Sache der Ge- fchwornen; es sei darum in diesem Verfahren besondere Vorsicht geboten, daß nichts, was zur Herbeischaffung eines zutreffenden Spruches dienen kann, ausgeschlossen werde. Versammlungen. Zweiter Wahlkreis. Am Dienstag hielt der Wahlverein im Hofjäger-Palast eine Generalversammlung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende WolderSki des verstorbenen Genossen Rosenow, ebenso ehrte die Versammlung das Andenken der in der abgelaufenen Geschäftsperiode verstorbenen Mitglieder Drescher, PeterS, Stübbe, Jakob, Heiser, Schulz, Reck, Stötten, Werth, Schalbreit, Schuhmacher, Kretzer, Schnickelbcrg, Schneider, TilinSky, Salomon.— Den Kassenbericht für das verflossene Halbjahr erstattete der Kassierer Fellmer: Einschließlich eines Bestandes von 819,58 Mark betrugen die Ein- nahmen 7301,73 Mark, die Ausgaben 6001,53 Mark, so daß ein Ueberschuß von 700,20 Mark verblieb.— Der Verein hat 3400 Mitglieder, an denen die verschiedenen Berufe in folgender Weise beteiligt sind: 490 Tischler. 403 Arbeiter. 321 Maurer, 159 Schneider. 154 Gastwitte, 150 Schlosser, 147 Schriftsetzer. 109 Zimmerer, 78 Schuhmacher, 76 Maler, � 76 Buchbinder, 75 Klempner, 74 Gürtler, 55 Hausdiener, 50 Töpfer. 47 Sattler, 44 Kaufleute, 41 Tapezierer, 36 Dreher, 34 Metallarbeiter, 31 Bild- Hauer, 29 Drechsler. 29 Händler, 23 Schristgießer. 28 Stukkateure, 26 Metallschleifer, 24 Mechaniker, 23 Rohrleger, 23 Kutscher, 22Cigarren- händler,2l Metalldrücker, 21FriIenre, 19Bäcker. 17Brauer, l5Vcrgolder, 14 Lederarbeiter, 14 Lackierer, 14 Steinmctze, 13 Schmiede. 12 Monteure, 12 Graveure, 12 Möbelpolierer, 12 Jnsttumcnteninacher, 10 Metalldreher, 10 Dachdecker, 10 Fraiser, 10 Schriftsteller. 9 Schraubendreher. 9 Packer. 8 Handlungsgehilfen, 8 Kellner, 8 Lithographen, 8 Comptoiriften, 7 Eiseleure, 7 Stcllinacher, 6 Porzellanarbeiter, 6 Porzellanmaler, 6 Steindrucker. 6 Kupferschmiede, 6 Silberarbciter, 5 Glaser, 5 Photographen, 5 Kassierer, 5 Stereotypeure, 5 Böttcher, 4 Bierfahrer, 4 Bürstenmacher, 4 Glasschleifer. 4 Zuschneider, 4 Uhr- macher, 4 Maschinisten, 8 Stepper, 3 Kisienmachei 8 Schlächter» 3 Portiers, 3 Agenten, 3 Kürschner, 3 Putzer, 3 Gumni-Arbeiter, 3 Redakteure, 3 Chemigraphcn, 3 Marmorarbeiter, 3 Gelbgießer. 2 Gerber. 2 Techniker. 2 Rechtsanwälte, 2 Liniierer, 1 Lagerhalter. 2 Vorrichter. 2 Heizer, 2 Gärttier, 2 Korbmacher, � Zeichner, je 1 Posamentier. Bureauvorstcher, Dr. pliil., Arzt, Gerüsbauer, Tanzlehrer. Lehrer der Mathematik. Student, Bankkorresponent, Mützen- macher, Steinschleifer, Zuleger, Geschäftsführer, Glasmcher. Bügler. Handschuhmacher. Fliesenleger, Sttaßenbahnschaffner, Bunnemnacher. Hutmacher, Strumpfwirkerei-Besitzer. Wirker, Korrektor, Zinkograph, Fuhrherr. Scherer, Galvaniseur, Aetzer, Bodenleger, Arbitersekretär, Architekt. Artist, Stenograph, Äutotypist, Bandagis, Schirm- macher, Pttvatdocent a. D., Buchhändler. Expedient, Goldsticker, Xylograph, Anschläger, Elektrotechniker, Goldarbeiter, Schmelzer. Nachdem Markmann ausgeführt hatte, daß sich die im süden eingeführte Bezirkskassierung gut bewähtt hat. wurde de Kassierer entlastet.— Hierauf erstattete WolderSki den Vorstmdsbericht. Er erinnerte daran, daß die Agitattonsarbeiten für die Leichstags- Wahl vom Vorstande und den Verttauensleuten gemeinsan erledigt wurden. Der Redner warf einen Rückblick auf die Wahlen des ver' flossenen Jahres. Die Reichstagswahl habe im zweiten Keise ein über Erwarten imposantes Resultat gehabt, immerhn gäbe es noch 18 000 Wähler. die ihre Stimme nicht aigegeben haben. die also aus ihrem Jndifferentismus aufferiittelt werden müssen. Nach dem Verlauf der Landtagswahl in Berlin werde die Frage, ob wir uns auch ferner an derselben bckeiligen sollen, nicht mehr diskutiert werden brauchen. Es sei selbstverständ- lich, daß wir auch in Zukunft zum Landtag wählen. Auf die Stadt- verordnetenwahl könne der zweite Kreis auch mit Bcftiedigung zurückblicken, aber hier sei die Wahlbeteilgung eine unverhättniS« mäßig schwache gewesen. 3689 Wähler im S. und 4134 im 8. Sefirk seien der Wahl ferngeblieben. Hier biete sich also noch ein weites Feld für die Agitation.— Zum Vorstandsbercht nahm niemand das Wort.— Auf einen Antrag aus ihrer Mitte in hm die Versamntlttng KennMis davon, daß der Rechtsanwalt Victor pränkl durch seine Er- klärung im Oktoberheft der„Zukunft" betreffs Mitarbeit an dieser gegnerischen Schrift sich selbst außerhalb des Rahnens der Organisation der socialdemokratischen Partei stellte, indem e: die Beschlüsse des Dresdener Pattcitages nicht anerkennt.— Fernir lag folgende An- frage vor:„Betträgt es sich mit den polittschen Anschammgen eines organisierten Parteigenossen, daß er zur Feier des Geburtstages des Kaisers die Fenster seiner Wohnung illnmmiertt" Aus der vom Genossen Fülle gegebenen Begründung diese- Anfrage geht hervor, daß der illuminierende„Genosse" Reotsanwalt Viktor Fränkl ist. Die Versammlung nahm auch hiervm Kenntnis. Hierauf folgte die Beschlußfassung über die N e u- O- g a n i s a t i o n des Wahlkreises. Der Vorsitzende W o l d e r sk i führte hierzu aus: Nachdem seit Jahren die Frage erörtert worien ist, ob man bei dem alten System bleiben solle, habe sich nenrdings die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß es besser sei, die Orgmisation ein« h e i t l i ch zu gestalten und alle Parteigeschäfte dnch den Wahl- verein zu besorgen. Vier Bezirksführer- Versammüngen haben sich eingehend init dieser Angelegenheit beschäftig, und als Resultat dieser Beratungen ist der Entwurf enes Statuts und eines Organisationsplanes zu stände gekonmen, der nun der Generalversammlung zur Beschlußfassung unterbreitet wird.— Das wesentlichste an dem Entwurf ist, daß er die Partei- Arbeiten, welche ftüher den Vertrauensleuten oblagen, icm Wahlverein überträgt. Demgemäß bestimmt das Stattlt, daß der Zweck des Vereins— Förderung der socialdemokratischen Bestremngen— erreicht werden soll durch Vorträge und Diskussio.en über politische, wirtsckmftliche und wissenschaftliche Fragen Per« breitung von Flugblättern und geeigneten Broschürn resp. Zeitschriften; Beratung und Leitung aller Wahl«, an denen sich die socialdcmokratische Partei beteiligt.— Zur Unter- stützung des Vorstandes sind acht Abteilungsführer und cht Ab- teilungskassierer zu wählen. Die Generalversammlung wähl auch die Mitglieder der Lokal-, Preß- und Agitations-Kommission sowie die Revisoren der ZeitungSspeditian.— Der Organisationsplai teilt den Kreis in vier Stadtteile: Süden, Südwesten, Frudrichstad und Westen, von denen jeder zwei Abrcilungsführer zn wählen hat. Diese sowie die von den Mitgliedern der Bezirke zu wähladen Bezirksführer werden vom Vorstande bestätigt. Die jeweiligen lor- sitzenden der Kreisorganisation werden jedes Jahr der öffentlihcn Versammlung als Vertrauensleute vorgeschlagen.— Ueber die geschäftliche Behandlung des Entwurfs entspann sich eine Debate. Während von einer Seite Enbloc-Abstimmung beantragt wure, verlangte man auf der andern Seile Beratung und Abstimmir.g jedes einzelnen Paragraphen. Schließlich wurde die Enbloc-A- stimmung beschlossen und dann das Statut sowie der Orga- nisationsplan mit großer Mehrheit angenommen — Die hierauf vorgenommenen Wahlen hatten folgendes Ergebnis Vorsitzende: I.Werner, 2. Schneider. Schriftführer: 1. Rautmann, 2. D ä h n e. Kassierer: 1. Gustav Schmidt. 2. Lohse. Bei- sitzcr: M e w e s. Revisoren: Hinze, Hennig, Zwanzig.— Lokalkommission: Eisenhauer, Schröder. Preßkommission: Fülle, Meyer. AgitationSkonunission: Zinke. Rcä- soren der ZeitnngSspedition: Michaclsen, Schafe:, K ü t e r.— Hierauf erstattete Schwan als Mitglied der Neuna- komniission der„Vorwärts"- Druckerei einen kurzen Bericht über die Geschäftslage des Unternehmens. Der Redner bezeichnete die Ge« schäfrslage des Unternehmens als befriedigend, jedoch kömie dieselbe noch weiter gehoben lverdcn, wenn die Arbeiterorgoni- sationen, welche noch nicht beim„Vorwärts" drucken lassen, ihre Aufttäge diesem Unternehmen zuwenden. Dahin niüßtcr die Parteigenossen wirken.— Schwan wurde auch für das laufendeJahr als Mitglied der Neunerkommission bestätigt.— Damit war die Tagesordnung erledigt. Der Vorsitzende schloß die Versamnlung mit dem Wunsche, dag der Verein sich unter der neuen Organisation weiter entwickeln und jeder Genosse seine Kraft dafür einsetzen nöge, daß unsre Ideen auch unter den noch indifferenten Bewohner» des Kreises verbreitet werden. Tie Relief-, Buntdruck- und Golddrnckgraveure BeflinS befinden sich bereits seit 5 Wochen in einer Bewegung für die Er» Haltung der von den Prinzipalen unterschriftlich anerkannten acht- stündigen Arbeitszeit. Am Dienstag, den 9. d. M., tagte im Gewerk- schaftshause eine Versammlung der in Betracht kommenden Berufs- angehörigen. Nach dem einleitenden Bericht des Kollegen Brückner über den Stand der Bewegung ist die Sachlage eine günstige, indem die größeren Firmen bewilligt haben und nur einige kleine Firnen in Frage kommen. Es befinden sich zur Zeit nur noch 12 Kollegm im Ausstand. Dem Bericht folgte eine längere lebhafte Diskussion und wurde zum Schluß folgende Resolution einstimmig angenomulen: «Tie heuttge Versammlung der Relief-, Buntdruck- und Golddruck- graveure empfiehlt den streikenden Kollegen, energisch im Stteik auszuharren, da die Sittiation günstig steht und die Prinzipal-, welche die Arbeitszeit wieder verlängert haben, unter sich schon un- einig sind. Die Versammlung ersucht die betreffenden Branchen» kollcgen, nur dort zu arbeiten, wo die 8stündige Arbeitszeit anerkannt ist, und ist jede Ueberstundenarbeit zu venveigern. um für die 12 ausständigen Kollegen Platz zu schaffen." Pankow. Am 4. Februar fand hier eine öffentliche Ver- sammlung statt, in welcher Genossin Ihrer über das Thema„Die Kommunalwahlen und ihre Bedeutung für die Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen" referierte. Nach dem interessanten Vortrag, dem eine kurze Diskussion folgte, wurde folgende Resolution angenommen: „In Rücksicht auf die stetig wachsenden socialen Aufgaben des Ge» meinwesens ist es Pflicht der arbeitenden Klassen, alles aufzubieten, maßgebenden Einfluß auch in den Gemeinde-Ver- tretungen zu gewinnen, die Selbständigkeit derselben an, zustteben, sowie ihre ökonomische und politische Leistungsfähigkeit zu erhöhen." Tie Versammlung verhandelte dann noch über die Notwendigkeit einer Verkaufsstelle des Berliner Konsumvereins für Pankow. Nach einem kräftigen Appell der Gencssin I h r c r an die anwesenden Frauen, in Zukunft mehr Interesse für das öffentliche Leben zu bethättgen, erfolgte Schluß der Versanmlung. "Berantw. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer St Co., Berlin SW.