Kr. 54. nt)onnemfntS'BedIn3Ung(n; WSoimement«- Preis pränumerando: vierteljährig ZLll Ml, monallg l,l0 Mä, wöchentlich 2S Pfgg frei in» HauS. «inzelne Nmnmer 6 Pfgg EonntagS- Nummer mit illustrierter EonntagS. Vellage.Die Neue Welt' 10 Psg. Post» «donneuient: 1,10 Marl pro Monat. »ingetragen in die Post-ZeitungS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 8 Marl, für das übrige Ausland s Marl pro Monat. A. Iahrge Vit Insertion;-Ledahr beträgt für die sechSgespaltene KolonÄ- zeile oder deren Raum«0 Psg., für politische und gewerlschastllchc Vereins- und BersammIungS-Anzeigen 2S Psg. „Aleine Plnretgen", daS erste ssrtt- gedrulkte) Wort 10 Psg. jcdeS»veitcr« Wort S Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abends, an Eoim» und Festtage» bis ö Uhr vormittags geöffnet Crtdxlnt lZgllid illtSer ssldlilsg». Sevliner Volksblcrtk. Telegramm- Adresse: ..SsÄ»IiIm»IlNt Serlli»". 2endralorgan cler fo�ialäemokratifcken Partei Dcutfcblandd. Rcdahtion: 803. 68, Linden Strasse 69. fhernfprertet: Amt IV, Nr. 1983. W/1 Eine Kriegserklärung Preußens! Einen Tag nachdem im Reichstage Genosse Stadthagen die anarchistischen Einbrüche PreuhenS ins Reichsrecht zur Sprache ge- bracht, beschäftigten sich die erblichen Gesetzgeber Preußens mit der polnischen Ansiedelungsnovelle in einer lebhaft be« wegten Sitzung, wie sie zu den größten Seltenheiten in dieser Kammer standesgemäßer Langeweile und Temperameiltlosigkeit gehört. Die Art aber, wie im Herrenhause diese Frage behandelt wurde, erhebt die Angelegenheit zu einer principiellen Bedeutung für m,sre innere Gesamtpolitik, die weit hinaus über die praktische Wirksam- kcit des ungeheuerlichen Entwurfs reicht. Preußen hat mit dieser Vorlage und seiner Begründung nicht nur statt des Gesetzes das Standrecht proklamiert, hat nicht nur den Bürgerkrieg den polnisch sprechenden Staatsbürgern erklärt, hat nicht nur die anarchistische Propaganda der That zur preußischen Staatsraison erhoben, sondern man hat klipp und klar— auch vom Regierungstisch— sich zu der reichssprengenden Anschauung bekannt, daß Preußen thnn könne, was ihm passe, daß es keine Rückficht zu nehmen habe auf die ZwirnSfiidrn des RcichßrechtS; es war eine brutale Kriegserklärung des im Herrenhaus verkörperten absolutistisch- patriarchalischen Preußen gegen daS allgemeine Wahlrecht, gegen den Reichstag, den Bundesrat, das Reich. Die feudalen Gespenster aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren wieder auf- erstanden, jeuer preußische Kamarillakrieg gegen die revolutionären EinheitSphantasicn der deutschen Schnorrer und Verschwörer lebte wieder auf, nur daß damals Preußen selbständig war und ein Recht aui seine Selbstherrlichkcit hatte, während heute der Einzelstaat dem RtichSrecht unterworfen ist, und wenn er dennoch die bundeSstaat- lichcn Verpflichttingen bricht und verhöhnt, sachlich das thut, was — als individuelle Handlung— durch den HochverratSparagraphcn getroffen wird; denn dies Verhalten läuft darauf hinaus, den Bundesstaat Preußen vom„Ganzen loszureißen" oder genauer noch, das Reich für Preußen zu annektieren. Die Debatte des Herrenhauses war dadurch gekennzeichnet, daß niemand enistlich auch nur den Versuch unternahm, zu widerlegen, daß daS Verbot der Ansicdelimg für polnische Staatsbürger der preußischen Verfassung sowohl als auch der deutschen Verfassung. dem Freizügigkeitsgesetz und dem Bürgerlichen Gesetzbuch wider- spricht. Am RegicrungStische waren weder der Ministerpräsident Graf Bülow noch der Vicepräsident Herr v. Rheinbaben, noch auch der Justizniinister erschienen. Man hatte die Vertretung des Vcrfassungs- brucheS den drei hellsten preilßischen Intelligenzen, den Herren v. Hammerstein, v. PodbielSki und Studt überlassen. Und diese ließen sich auf juristische Spitzfindigkeiten gar nicht erst ein. sondern beharrten eigensinnig auf der ebenso einfachen wie preußischen, wie umstürzlerischen Logik:„Die bisherige preußische Germanisicrungs- Politik in de» Ostmarken hat schmählich Schiffbruch gelitten, wir haben das Deutschtum dadurch nicht gestärkt, sondern geschwächt, die Polen haben seit den Anfängen unsrer glorreichen AnsiedelungS- Politik acht Ouadratmeilen Landes gewonnen. Also erfordert eS die StaatSraison, daß wir Gewalt anwenden und entgegen allen Grund- rechten den Landerwerb den Polen unmöglich machen." Damit haben die preußischen Minister mehr als das Recht der Revolutton anerkannt. Dcim die Revolution will einen Fortschritt zur Freiheit ennöglichen. Die preußischen Staatsanarchisten aber wollen ge- tvaltsanr den Rückschritt zum feudalen Absolutismus bahnen, fie predigen das Recht des S t a a t s st r e i ch s, des preußischen Staatsstreichs, der durch keine Rücksicht auf das Reich ge- hemmt fein soll. Der Wille des preußischen Junkers soll das höchste Gesetz sein, er darf die eigne Verfassung wie das Deutsche Reich nach Willkür sprengen. Mit erfrischender Deutlichkeit sprach der Herr v. Podbielski aus, der als erster zum Husareuritt gegen das Reichsrecht sich rüstete. Er ließ sich auf juristische Beweise gar nicht erst ein. Er verherrlichte mit fast Bülowscher Geläufigkeit, die künstlich erregt zu sein schien, den Bürgerkrieg gegen die Polen, den Bruch des Aeichsrechts. Dem Einwand, daß die Novelle mit der Verfassung und dem ReichSrccht schlechthin unvereinbar sei, begegnete er mit dem ftöhlichcn Hurra: Man sei im Kampf und .im Kampf käme es nicht darauf an, ob ein„kleines Titelchen" vcr- letzt werde oder nicht. Die Aufrechterhaltung der preußischen Ver- faffung, die gesetzliche Unterordnung des Partikularrechts unter das Reichsrecht, kurz, die Grundlagen unsrcs VerfassungswesenS waren sür den Landwirtschaftshusarcn— kleine Titclchen. Und das Gleiche sagten mit andren Worten, wenn auch nicht so forsch, die Hammerstein und Studt. Wenn dies Gesetz nicht genüge, so würde man jedes Jahr mit neuen Gesetzen kommen, auch vor Ausnahmegesetzen nicht zurückschrecken, so drohten fie. Auch sie versuchten nicht, die schweren Anklagen gegen die Rechtmäßigkeit ihres Vorgehens irgendwie zu entkräften. Oder ist es eine Wider- legung. wenn Herr v. Hanuncrstein dem Einlvurf. die verfassungS- mäßige Rechtsgleichheit aller Preußen werde durch die Borlage gebrochen, mit der Bemerkung begegnete, die Einschränkung gelte ja für Deutsche und Polen? Diese Bemerkung fügt zum Verfassungsbruch noch den Hohn über die Verfassung. Denn ein blutiger Hohn kann es nur sein, wenn es nicht als Mangel an Kapazität mildernd gedeutet werden darf, daß eS als Rechtsgleichheit behauptet wird, daß der Vorsitzende der AusiedelungSkommission, der die Aufgabe hat, Deutsche anzusiedeln und die Polen zu verdrängen, die Bc« fugniS hat, nach Gutdünken die Ansiedelung zu erlauben oder zu verbieten? Wir fragen Herrn v. Hammerstein: Würde er eS auch als Rechtsgleichheit auffassen, wenn etwa— in Zeiten polnischer Ueber- macht— die polnische Landbank daS Recht erhalten würde, über die Ansiedelung zu entscheiden? Oder ist es ein Einwand, wenn der Minister ausrief, niemand habe ein garantiertes Recht, sich anzusiedeln, wo er wolle? Gewiß nicht. Bau- und wohlfahrtspolizeiliche Einschränkllngen sind gestattet und notwendig. Aber es steht nicht in Frage, ob man sich überall ansiedeln kann, sondern vielmehr, daß die Verfassung gebietet, die Einschränkungen für alle Staatsbürger gleichmäßig fest- zusetzen, und keine Ausnahmebestimmungen für eine gewisse Kategorie duldet. Oder ist es endlich ein Einwand, wenn Herr Studt gegenüber der Berufung auf da? Bürgerliche Gesetzbuch und die gestern von uns erwähnte parlamentarische Geschichte des Artikels 60 des Ein- führungsgesetzes sich auf den Arttkel III desselben Gesetzes berief, der erstens sich auf solche Eingriffe ins Eigentumsrecht gar nicht bezieht und zweitens bereits bestehende landesgesetzliche Borschristen betrifft? Rein, Herr v. Podbielski hat ausgesprochen, was ist: Es kommt auf die kleinen Titelchen, oder Ivie Herbert Bismarck sagte, auf die Zwirnsfäden der preußischen Verfassung, des Reichsrechts gar nicht an. Die Mitglieder des Herrenhauses schlössen sich ganz dieser anarchistischen preußisch-terroristischen Auffaffung an. Allerdings war Herr v. Below-SaleSke, der Sprecher der Mehrheit, nicht ganz ohne Beklommenheit. Es war dem bürgerlichen Gelehrten, Prof. Schmoller, als Redner der Bürgermeister-Frnktion, vorbehalten, seine vollen Sympathien fiir den Staatsstreich auszusprechen. Gegen das Gesetz sprachen sich schärfer als sonst und nicht ohne Eindruck die beiden Hofpolen Fürst R a d z i w i l l und Herr v. K 0 s c i e l s k i aus, welch letzterer namentlich manch schneidende Wendung fand. ES ist das tragikomische Geschick dieser Herren, daß sie durch den Wahnsinn der heutigen Polcnpolitik in die Opposition gedrängt werden, während sie ganz und gar fürs höfische Parkett geschaffen sind; in der That war ja das Ehepaar Koscielski anfangs der neunziger Jahre die ausgesprochenen Lieblinge ain Berliner Hofe, bis plötzlich ein unaufgeklärter Zwischenfall einttat, der es vom Hofe vertrieb und gleichzeitig die Wendung der Caprivischcn Polenpolilik bewirkte. Den Opponenten schloß sich ein Graf Oppersdorfs an, während Herbert Bismarck und der frühere Mimster des Innern Graf Eulenburg die Politik des Verfassungsbruchs verteidigte. Mit größter Energie trat für den preußischen Partikularismus Herbert Bismarck ein, der von seinem Vater nur eine Fähigkeit geerbt hat: die Skrupellosigkeit. Er erinnerte an jene königliche Botschaft vom Dezember 1885, durch die der Reichstag, der sich niit der preußischen Ausweisungspolitik beschäftigte, belehrt wurde:„Es gicbt keine Reichsregierung, welche berufen wäre, unter der Kontrolle des Reichstages... die Aufsicht über die Hand- habung der Landeshoheitsrechte der einzelnen Bundesstaaten zu üben." Unter diesen landesherrlichen Rechten versteht das heutige Herrenhaus und die preußische Regierung die Macht Preußens, sich über jedes Recht des Reiches hinwegzusetzen. Herr v. Koscielski hatte bemerkt, daß durch die Borlage — die einer Kommission überwiesen wurde— der Socialdemokratie insofern vorgearbeitet werde, als das heiligste Recht, das Eigentums- recht, durchbrochen werde. Herbert Bismarck hatte den windigen Einwand versucht, durch das Gesetz werde ja keine Konfiskation ver- sucht. DieSocialdemokratie kann das Versprechen ablehnen, fich mitsolchcr Mcht-KonfiSkation zu begnügen; denn ob Eigentum eingezogen wird oder ob nur der Erwerb— sei eS durch Kauf, Schenkung oder Erbschaft— verboten oder verhindert wird, läuft in der Wirkung auf das Gleiche hinaus. Herr v. Koscielski hatte insofern vollständig recht. als mit dieser Vorlage thatsächlich der bürgerliche Eigentumsbegrisf von Grund aus zerstört wird. Aber die Socialdemokratte ist des- halb ein Gegner des Gesetzes, weil es alles karikiert und über- trifft, was der tollste Anarchist, geschweige denn ein Social- dcmokrat erstrebt. Die Socialisten wollen die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, um jedem ohne Unterschied die Möglichkeit zu geben, die GebrauchSgiiter der Kultur als Eigentum zu erwerben. Die preußische Regierung will dagegen unter Bruch der preußischen und deutschen Grundrechte als Ausnahmegesetz einer bestimmten Kategorie von Staatsbürgern den Erlverb von Grundeigentum un- möglich machen, mit der Wirkung, daß den Interessenten einer deutschen Parzellierungsbank gegenüber den polnischen Banken rechtswidrige Anhäufung von Produktionsmitteln ermöglicht wird. Uns sind die Geschäfte der polnischen Landbank gleichgültig. Und wenn polnische Proletarier hinfort kein Grundstück erwerben können, so wird das schwerlich der socialistischen Aufklärung hinderlich sein. Von größter Bedeutung dagegen ist diese Angelegen- heit als eine Demonstration des preußischen Anarchismus, die Recht und Reich völlig negiert. Es ist Sache deS Reichstags und vor allem des Bundesrats, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob das preußische Treiben geduldet werden kann. Es hindert ja nichts, wenn die Dinge sich so weiter enttvickeln, daß Preußen aus allen Gebieten die Gesetzgebung des Reiches dynamitiert. Vom Kriegsschattplatz. Petersburg, 3. März. Nach einem Telegramm des Generals Pflug von gestern sind die russischen Patrouillen bis Phöngjang und auf dem Wege nach Gcnsan auf keinen Feind gestoßen. Phöngjang sei von einer 6000 Mann starken Abteilung besetzt, von denen 200 Mann Kavallerie seien. Ueber die Stärke der Artillerie habe man keine Kenntnis. Koreanische Truppen in einer Stärke von 1000 bis 2000 Mann seien von Phöngjang nach Söul zurückgeschickt worden. Wie cs in dem Telegramm heißt, ist in Port Arthur alles ruhig, ebenso in der Mandschurei. Aus Wladiwostok wird gemeldet, daß, koreanischen Berichten zufolge, eine aus 2500 Japanern bestehende Abteilung ohne Artillerie in Tschandschin(?) gelandet Expedition: GM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Slmt IV. Nr. 1984. und am 1v. v. M. nach Maserdschan(?) abmarschiert sei. Im Süden der Mandschurei und in Port Arthur ist ivährend der letzten Tage viel Schnee gefallen und in Port Arthur sank die Temperatur auf 10 Grad unter Null. In Wladiwostock herrscht Schneesturm. London, 3. März. Ein Telegramm aus Jnkoi berichtet, daß die russischen Truppen von Chnuchusr» angegriffen worden seien; letztere. welche 600 Mann stark waren, seien jedoch von den Russen mit schweren Verlusten zurückgeschlagen worden. Die Russen hatten 20 Tote und Verwundete. » Die englische Oftasien-Flotte. London, 3. März.(Unterhaus.) Auf eine Aufrage antwortete der Parlamentssekretär Pretyman, daß sich die brittsche Flotte im fernen Osten zusammensetzt aus 5 Schlachtschiffen, 4 Kreuzern 1. Klasse, 4 Krenzern 2. Klasse, einem Kreuzer 3. Klasse. 8 Kanonenbooten, 9 Torpedobootzerstörern, 4 Torpedobooten und 12 Fluß-Känonenbootcn. Premierminister Balfour antwortete auf eine andre Anfrage, daß er niemals, weder im Kabinett noch außerhalb desselben, für Einführung des Schutzzolls eingetreten sei. poUtilcke deberftebt. Berlin, den 3. März. Der Reichstag führte heute die Generaldebatte über den Justiz-Etat zu Ende und bot dadurch den herrschenden Parteien noch einmal die Gelegenheit, sich in ihrer Volks- und Arbciterfeindlichkeit zu zeigen. Ain schlimmsten stellte sich die regierende Partei, das Centrum, bloß. Hatte Herr Nicberding gestern auch nicht den leisesten Versuch unternommen, das Vorgehen der preußischen Gesetzgebung bei der Bestrastmg des Kontraktbnichcs und beim Ansiedelungsgesetz gegenüber den wuchtigen Anklagen imsres Genossen Stadthagen zu verteidigen, so warf ihm heute der von den Zolldcbattcn her berühmte Vertrauensmann deS Reichskanzlers, Herr Spahn, einen Netttmgsvall zu. Dieser Reichsgerichtsrat versuchte nachzuweisen, daß die Borlagen der preußischen Regierung dem Reichs- Civil- und Straftecht nicht widersprächen,„höchstens" mit der Verfassung seien sie nicht tu Einklang zu bringen. Aber über diesen kitzlichen Punkt tvollte sich der sonst recht redselige CenttumSführer im Reichstage nicht näher auslassen. Als dann der Pole v. I a z d z e iv s k i tu zahmster Form die AnSführunge» StadthagenS wiederholte, benutzte der Staatssekretär diese Gelegenheit, um sich völlig mit dem Spahnschen„Bcioeise" eiilverstandcu zu erklären und ihn Wort für Wort zu wiederholen. Aber das war nicht die einzige Centrumsblamage. Da Herr Spahn einmal beim Reden war, denunzierte er den Berliner Pro» fcssor v. Liszt benn Reichs- Justizamt wegen eines Artikels, den dieser vor Weihnachten veröffentlicht hat. Nach der Versicherung des Herrn Spahn soll LiSzt darin die ReichS-Justizverwaltuiig schwer angegriffen und sogar mit dem Hinweis ans den Fall Leuß den Meineid verteidigt haben. Denkt Herr Professor v. LiSzt zu social und liberal, als daß er länger an einer preußischen Nmvcrsität lehren könnte? Fast scheint es, als ob Herr Spahn seine Maßregelung durch den preußischen KuttuSmiuifter nicht ungern sehen würde. Aber Herrn Spahns Sohn ist doch Historiker, und hat schon mit 26 Jahren eine ordentliche Profcssur bekommen. Für Reaktionäre ist also immer noch genug Platz gewesen. Auch Herrn Trimborn gelüstete eSnach den Lorbeeren seines Fraktionskollegen. Genosse Bernstein hatte zu Beginn der Sitzung die auffällige Rechtsprechung, die auf dem Gebiete deS KoalitionsrcchteS in Deutschland herrscht, unter besonderer Bezug- nähme auf die bekannten BreSlauer Urteile gebührend gekennzeichnet und das sociale Unverständnis, den Reserve-Offizier- und Corps- studenteugeist, der darin zum Ausdruck komme, mit großer Schärfe angegriffen. Da erstand dem bedrängte» CorpSstndcntentuin in Herr» v. R i c p e n h a u s e n ein beredter Verteidiger, der der Socialdemokratie wieder einmal die Attentate Hödels und Nobilings zur Last legte und vom schauerlichsten TerroriSnms der Arbeiterverbände zu erzählen wußte, lind nun fühlte sich der sociale Herr Trimborn gedrängt, in dieselbe Kerbe ciuzuhaucn und die Behauptimg zu wagen, der Terrorismus der socialdcmokrattschen Arbeiter wachse ins Ungeheure. Dieser Lüge, die den sehnsüchtigen Wünschen der Scharfinachcr nach einem neuen Zuchthausgesetz sehr gelegen kommen wird, trat Genosse Bömelburg namens der Ge- werkschaften mit dem erforderlichen Nachdruck entgegen, während S t a d t h a g e n die Beweisführimg von Spahn-Nieberding in ihrer Hohlheit kennzeichnete. Genosse S t ll ck l e n brachte einige aparte Gerichtsurteile ans Altcnburg und Schmölln zur Sprache und vcr- laugte für die thüringischen Kleinstaaten die Bildung einer Justiz- gcmeinschaft, um den schleppenden Gang der Rechtspflege und den grassierenden AsiessorismuS zu beseitigen. Der StaatSsekretär�blieb die Autwort schuldig, auf die auch Genosse Buchwald drang. Nachdem der Titel Staatssekretär bewilligt war, wurde der Rest des Justizetats dcbattelos erledigt, so daß morgen mit dem Militäretat begonnen werden kann.— Preußisches Abgeordneteuhaus. Das Abgeordnetenhaus hat am Donnerstag den Etat der Vauvcrwaltung beendet. Die Debatte verlor sich in Einzel- heiten, fast durchweg wurden lokale Angelegenheiten zur Sprache gebracht. Am Freitag beginnt die Beratung des Etats der E i s e 0. b a h n v e r>0 a l t t« n g. Eine Kolonialbestic. Seit dem das geradezu schauerliche Verbrechen de-Z Prinzen Prosper von Arenberg bei seinem ersten Bekannt- werden die Oeffentlichkeit mit Abscheu und Entsetzen erfüllte, ist sie nicht wieder zur Ruhe gekommen. Arenberg war bekanntlich in Windhuk wegen seines bestialischen Mordes zunächst zu zehn Monaten Ge- fängnis verurteilt wurden. Das Urteil lourde nicht bestätigt. Der Mörder wurde nach Deutschland transportiert, um hier nochmals prozessiert zu werden. Die Art des Transportes des prinzlichen Mord- buben, der 1. Klasse fuhr und von einem Bedienten begleitet war, erregte einen Sturm der Entrüstung. Das zweite Urteil lautete auf Todes st rase. Der Kaiser verwandelte das Todesurteil in 15jährige Zuchthausstrafe, bald darauf in 15jährige Gefängnis- strafe. Wenig später beunruhigten die Oeffentlichkeit allerhand Nachrichten über die autzergew ähnlich glimpfliche Be- Handlung des MörderS. Schließlich kursierten die unglaub- lichsten Gerüchte über unerhörte Freiheiten, die man dem prinzlicheu Mordgesellen einräume. Daß in der That nicht alles in der Ordnung war, bewiesen die Verurteilungen mehrerer Aufseher des Gefängnisses in Hannover, in dem Arenberg seine Strafe verbüßte. Urenberg wurde dann nach Tegel gebracht. Und wiederum meldeten die Blätter, daß diese Ueber- führung nur die Lorstnfe der völligen Strafbefreiung sei, da man ein W i e d e r a u f n a h m e- V e r f a h r e n betreibe, durch das Arenbergs Irrsinn zur Zeit der Begehung der That nachgewiesen werden solle. Die Gerüchte fanden ihre Bestäti- g u n g: heute fand bereits die neue Verhandlung statt, deren Ausgang uns zum Teil noch nicht bekannt ist, deren Ergebnis aber schon nach dem vorliegenden Bericht über den Gang der Verhandlung nicht zweifellos sein kann. Trügt nicht alles, so wird die geistige Unzurechnungs- fähigkcit Arenbergs für festgestellt erachtet und damit das Urteil auf- gehoben werden. Der prinzliche Mörder wird alsdann in einer Nervenheilanstalt Aufnahme finden und— schließlich als geheilt cnt- lassen werden. Was von den Zeugen über den Geisteszustand und die viehischen Excesse des Mörders vorgebracht wurde, ist geradezu unglaublich. Schon der achtjährige Knabe verübte haarsträubende Roheitsarte. Daß er seine Lehrer durchprügelte, waren noch die harmlosesten seiner Thaten. Sein Hauptvergnügen bestand in beispiellosen Tierquälereien. Gefangenen Fischen Pflegte er die Augen auszustechen. Katzen hackte er die Pfoten ab und warf sie dann Hunden vor. Kleine Hunde ließ er von größeren Kötern zerfleischen. Einem Seidenipitz, der ihm von einem großen Köter nicht übel genug zugerichtet zu werden schien, biß er den Schwanz ab. Als er heranwuchs, verübte er seine Scheusäligkeiten namentlich auf der Jagd. Und die Eltern und Vormünder sperrten diesen gcbornen Verbrecher nicht etwa in eine Heilanstalt, sie hielten ihn just für geeignet, ihn als„Volksrrzieher" auf die Rekruten loS- zulassen. Wie er sich als Lieutenant in der Heimat aufgeführt, davon drang leider infolge Ausschlusses der Oeffentlichkeit während der Vernehmung seiner Borgcsetztcn nichts an die Oeffentlichkeit. Durch ander- weitige Zeugen wurde nur festgestellt, daß er während seinerLieutenants- zeit wüstesten alkoholischen Genusses frönte. Auch wurde er wegen Soldaienmisthandlung destraft. Diese Vorstrafe bildete aber kein Hindernis, ihn auf die bemitleidenswerten Eingeborenen Deutsch- Südwestafrikas loszulassen. Ganz unbegreiflich ist freilich, wie man den tollwütigen Menschen überhaupt im Kolonialdienst verwende» konnte. Denn schon während der Ueberfahrt nach der Kolonie erregte er durch Saufftencu und erbarmungswürdige Feigheit das vopfschft.Jil der Passagiere. Während des Kolonialdieustes selb st brachte er sich bei seinen Untergebenen durch Vernachlässigung seines Aeußeren, durch Vertilgung unmenschlichcr Mengen CognacS, durch schauerliche Tierquälereien, durch Anfälle kompletten Vcrfolgungs- wahnS, durch frivole Gefährdung von Menschenleben und durch barbarische Mißhandlungen von Eingeborene» bald in den Ruf des „verrückten Priuzcn". Unbegreiflich, daß von alledem die Vorgesetzten auch so gar nichts erfuhren! So kam denn, was kommen mußte— der schauerliche, viehisch rohe Lustmord an dem eingeborenen jPolisten CainI Daß Arenberg, dieser t tz p i s ch e geborene Mörder. Ofsizirr werden, daß er in den Kolonialdienst eintreten konnte, wird ewig ein Rätsel bleibe»! I Das ist der eine Gesichtspunkt, der sich dem Zuschauer dieser entsetzlichen Tragödie aufdrängt. Der andre ist der, daß man einem prinzlichen Mörder seine Geisteskrankheit als straf- befreiend anrechnet, während nach der Ansicht moderner Psychiater und Kriminalisten die Mordlust überhaupt auf ciuc» geistigen Defekt zurückzuführen ist. Würde man in der Vergangenheit jedes Mörders derart nach Symptomen einer frühzeitigen Entartung und psychischen Erkrankung spüren — kaum e i n Todesurteil würde vollstreckt werden, kaum ein Mörder würde ins Zuchthaus gesperrt werden! Und noch ein auffallendes Moment I Bei den beiden ersten Verhandlungen gegen Arenberg war von dem Irrsinn des Mörders nicht die Rede. Warum wurden damals nicht alle die Dinge entdeckt, die man jetzt zu Tage gefördert hat? „Ein socialdcmokratischcr Ricscnschwiiidcl." Es sind jetzt zwei Jahre her. seitdem der„Vorwärts" den geheimen Flotten erlaß des Herrn v. Tirpitz der- öffentlicht hat. Nachdein zuerst der Versuch unternommen war, den Erlaß als eine der gruseligen socialdemokratischen Fälschungen aus der Welt zu schwindeln, ging man dann dazu über, den klaren Sinn des Erlasses zu verivirren und zu verdunkeln und die Socialdeino- kratie der absichtlichen Täuschung über den Inhalt anzuklagen. Der Erlaß kündigte nicht nur eine neue Flottenvorlage für den Winter 1904/05 an, sondern er enthielt auch das cynische Geständnis, daß der Reichstag, insbesondere also das verantwortliche Centrum, bei Beratung der gegenwärtigen Flottenvorlage gröblich düpiert worden sei. Dies Geständnis der Täuschung enthielt folgenden Qcify l „Eine(dem jährlichen Bautempa) parallel laufende planmäßige Steigerung der Jndicusthaltungcn, im besonderen der möglichst be- schleunigte. organisatorische Aufbau der Schlachtflotte, mußte in de» Bercchmingeu vorläufig außer acht gelassen werden, da eme dem anwachsenden Schiffsbeslaude entsprechende Steigerung der Jndiensthaltungcn für die Jahre 1905—1910 so hohe Bedarfs- zahlen für die„Fortdauernden Ausgaben" ergeben hätte, day die Flottenvorlage ohne neue Stenern nicht durchführbar gewesen und infolgedessen aufs äußerste gefährdet worden wäre." Das hieß also: Die Marineverwaltimg hat bei der Beratung des Gesetzes die Kosten der notwendig werdenden Jndiensthaltungen unterschlagen, um nicht die Notwendigkeit neuer Steuern zugeben zu müssen. Die Flottenvorlage ist also durch eine Täuschung zu stände gekommen, der die Mehrheit, vornehmlich das Centruin, zum Opfer gefallen ist oder auch zum Opfer fallen wollte. Der„Vorwärts" schrieb daninls— am 29. Januar 1902—: „Das vorstehende Aktenstück entwirft ein erschreckendes Bild von den moralischen Auffassungen. Aber die Moral, die der macchiavellistische Marine-Abs olutismuS dem Reichstag und dem Volke gca-iiüber bethätigt. Der Reichstag wird gerade mir für wert gehalten, ö>'. zahlen und— gröblich düpiert zu werden. In erster Linie ist es ja das Centnim, das auf diese Weise zum Narren gehalten worden ist. Als man 1809/1900 die Milliarden- Vorlage betreffend Ausbau der Flotte durchzubringen suchte, überbot sich die Regierung in Beteuerungen, daß der Flottcnplan ohne neue Steuern ausgeführt werden könnte. Ja, Herr v. Thielmann, der Schatzsekretär, wurde durch das Reichs-Marineamt zu der unsäg- licheu Komödie gedrängt, sich stolz zu sträuben gegen die neuen Sleuerangebote des Centrums. Und diese unehrliche Posse erlaubte man sich dem Reichstage gegenüber, obwohl man sich ganz klar war, daß der wirkliche Flottenplan ohne weitere Steuern nicht ausgeführt werden könne. Um die Rechner der Volksvertretung irre zu führen, verschwieg man, wie schon im Jahre 1898, den wirkichen Flottenplan. Und zugleich mit der längst beabsichtigten, aber jesuitisch ver- schwiege»?»„Anpassung" der Jndiensthaltungen will die Regierung die Vermehrung der Auslandsflotte fordern. Fast die ganze bürgerliche Presse zeterte über den social- demokratischen Riesenschwindel, daß der brave Herr v. Tirpitz in seiner Kostenrechnung die Summen wesentlich verschwiegen habe, die dadurch benötigt werden, daß die gebauten Schiffe auch in Dienst gesetzt werden. Am 7. Februar 1902 wurde dann die Protestkomödie gegen den socialdemokratischen Schwindel ins Werk gesetzt. Herr v. Tirpitz er- zählt eine krause, sinnlose Geschichte, was unter jenem Passus zu verstehen sei, und alle bürgerlichen Parteien bekannten danach, daß der olle ehrliche Seemann glänzend gerechtfertigt sei, und daß die Socialdemokratie„wieder einmal" verleumdet und phantasiert habe. Nur Eugen Richter half damals in packender Enttüstung diese Komödie des Lugs entwirren; eS war sein bestes Aufflackern oppositioneller Kraft. Liest man heute jene Verhandlung, so erstaunt man über das Maß von Jesuitismus, das Herr von Tirpitz aufwandte, und auch über die grenzenlose Vertrauensseligkeit oder gespielte Dummheit der Centrumsjesuiten, die Herrn von Tirpitz herauszuhauen bemüht waren. Herr von Tirpitz beschwor:„Wir beabsichtigen auch heute noch, das Flottcngesetz so auszuführen, wie wir es von Anfang an beabsichtigt hatten." Gewiß, wie er es„von Anfang an b e a b- ficht igt", aber nicht, wie er eS dem Reichstag vorgetragen hatte. Trotzdem legte damals— nach Bebels Rede— Herr Müller- Fulda, der Centrums-Admiral, dagegen Verwahrung ein. daß die Flottenkommission getäuscht worden sei. Man habe, führte Müller-Fulda aus, sehr sorgsam nachgerechnet. Die Re- gierung habe auch garnicht behauptet, daß die Kosten der Jndiensthaltungen genau zu fixieren seien. Man sei auf Grund genauer Prüfungen dazu gekommen, mit einer jährlichen Steigerung der Kosten der Jndiensthaltungen um sechs Millionen zu rechnen�: „deshalb glaube ich, wir sind damals nicht getäuscht worden, haben uns auch nicht täuschen lassen, sondern wir haben die Sache sehr gründlich genommen und geprüft." So Herr Müller- Fulda am 8. Februar 1902. Zwei Jahre darauf, am 2. März 1904, erklärt derselbe Müller-Fulda iu der Budgetkonimission des Reichstags verzweifelt, man kehre sich überhaupt nicht mehr an die Flottenvorlage, alles sei durchbrochen. Man habe seiner Zeit mit einer jährlichen Vermehrung der Offiziere um 65 Personen gerechnet, jetzt fordere man 140 1 llnd am 3. März gestand Herr Gröber vom Cenirum, die neuen Forderungen entsprächen voll- kommen dem Tirpitz-Erlaß. Man vermehre die Offiziere nicht nur um die über den Ansatz hinaus gesteigerten Jndiensthaltungen, sondern man bemesse den Offiziersersatz schon nach der im nächsten Jahre bevorstehenden neuen Flottenvorlage, die der„Vorwärts" vor zwei Jahre» angetündigt hat. Die Berechnungen, die man bei der Flottenvorlage gegeben und auf die das Centruin hineinfiel oder hineinfallen wollte, sind um 110 Proz. überschritten worden. Damit ist der socialdemokratische Schwindel als Wahrheit allgemein anerkannt. Das Centrum aber that tapser und strich, um die Täuschung zu versüßen.-- DeutJcbea Reich. Noch ein anarchistisches Citat. In dem revolutionärm Schriften- schmuggel, den die„Schnorrer und Verschwörer" mit Hilfe ihrer socialdemokratischen Spießgesellen treiben, spielt auch ein Werk eine Rolle, auf dessen Gemeingefährlichkcit wir hiermit die Austnerksamkeit des Grafen Bülow, der preußischen Minister, Staatsanwälte usw. lenken. Wir glauben uns ein Verdienst zu erwerben, wenn wir die Schreckcitatensamnilung der Reichskanzlei und des Polizei- Ministeriums um eine saftige Nummer vermehren und dazu eine un gefälschte. Man lese und schaudere: „Wenn aber eine Regierung nicht regieren kann, Hort sie auf, legitim zu sein, und es hat wer die Macht, auch das Recht, sie zu stürzen. Zwar ist es leider wahr, daß eine unfähige und ver- brecherische Regierung lange Zeit das Wohl und die Ehre des Landes mit Füße» zu treten vermag, bevor die Männer sich finden, welche die von dieser Regierung selbst geschmiedeten cntselilichcn Waffen gegen sie schwingen uud aus der sittlichen Empörung der tüchtigen uud dem Notstande der Vielen— die in solchem Falle lcgitiuic Revolution heraufbeschwören können und wolle». Aber wenn das Spiel mit dem Glücke der Völker ein lustiges sein mag und wohl lange Zeit hindurch ungestört gespielt werden kann, so ist es doch auch ein lückisches, das zu seiner Zrit�die Spieler verschlingt; und niemand schilt dann die Axt, wenn sie dem Baum, der solche Früchte trägt, sich an die Wurzel legt." Wir empfehlen dem Reichskanzler, diesen ruchlosen Anarchisten und Terroristen, der diese Worte zu schreiben wagte, noch aus dem Grabe vor Gericht zu schleppen und ihm den Prozeß wegen Hochverrats gegen den Zaren zu machen. Dieser Oberste der„Schnorrer mid Verschwörer" heißt— der Verbrecher sei erbarmungslos dcnunciert — Theodor M o m in s e n I— Minister-Abbittc und Minister-Nnwahrheft! Aus Baden wird uns berichtet: Minister Tr. Schenkel mußte kürzlich, von den socialdemo- kratischen Vertretern getrieben, die Bedeutung der Socialdemokratie anerkennen. Er that das in einer Weise, die immer noch seine Gegnerschaft in sehr deutlicher Form zu erkennen gab. Aber bei den braven Ztationalliberalen hatte Schenkel mit seiner Rede schweres AergerniS erregt. Am letzten Sonntag hat ge- legcntlich der nationalliberalcn Wahlrechtskonfercnz in Karlsruhe Basser mann eine wütende Rede gegen Schenkel gehalten und am Dienstag folgte ihm in der 2. badischcn Kammer ein andrer Nationalliberaler, der bei der Reichstagswahl gleich Basscrmann dem Socialdemokraten unterlegen war. Ter Abg. Wittum erklärte gegenüber der Ministerrede: „Ich stehe seit 37 Jahren im Kampf gegen die Socialdeino- kratie, nicht sportsmäßig und mit Lustcmpfindcn, sondern aus patriotischem Pflichtbewußtsein heraus. Ich erkläre nun, daß ich nach der Rede des Herrn Mnisters vom 22. d. M. diesen Kampf einstelle und Frieden mit der Socialdemokratie mache. Ich bin loyal und regierungsfreundlich genug, um dem Wunsche des Herrn Ministers, es möchten die Freunde der Herren Bebel, Singer und Genossen, die Abgg. Eichhorn und andre seiner Partei immer Mit- glicder des Landtags sein, nicht entgegenzutreten und bei künftigen Wahlbcwegungcn auch nicht einen Finger mehr zu rühren." Und der Minister? Er ist vor den nationalliberalen Scharfmachern jämmerlich zu Kreuze gekrochen. In einer ge- wundencn Erklärung, die mit Schmeicheleien gegen Bafferniann und Wittum gespickt war, suchte er seine ersten Ausführungen zu ent- kräftcn und sich zu entschuldigen, daß er gewagt, der Zecialhcmokratie gegenüber einen Augenblick ehrlich zu sein. Wir beneiden die Nationalliberalen nicht um diesen Triumph — um so weniger, als im ganzen Landtag die klägliche Rolle, die der Minister bei jener Abbitte spielte, einen peinlichen Eindruck machte. Minister Schenkel hat sich aber am gleichen Tage noch ferner in die schlimmste Situation gebracht. Es wurde von den Genossen Eichhorn und Kramer nachgewiesen, daß er der Kannner die Un- Wahrheit gesagt hatte. Der demokratische Abg. Venedey richtete am Montag an den Minister die Frage, ob in Baden auch, wie das in Preußen geschieht, nach der politischen Gesinnung der zum Militärdien st ausgehobenen Rekruten Er- kundigungen eingezogen werden. Darauf antwortete Dr. Schenkel: Ueber die Vorstrafen und die moralische Qualifikation der Rekruten werde an die Militärbehörde berichtet,„dagegen sei es durch- aus unrichtig, daß etwa über die politische Ge- sinnung der einzelnen Rekruten der Militär« behörde Auskunft erteilt werde." Klar und bestimmt ist die Antwort, aber— sie steht mit der Wahrheit in schneidendem Widerspruch! Tags darauf konnte Genosse Eichhorn in der Kammer das folgende amtliche Schrift- stück verlesen: Pforzheim, den.... 1903. Der Civilvorsitzende der Ersatz- kommission des Aushebungsbezirls Pforzheim. Eilt! Vertraulich! Die Aushebung pro 1903 hier, ins- besondere die socialdemokra- tische Agitation bettesfend. Ich ersuche Sie ergebenst um gefällige umgehende Erhebung und Mitteilung, ob der Militärpflichtige...... geboren am.... zu..... a) eine gewisse Führerrolle innerhalb der socialdemokratischen Partei einnimmt oder als eifriger und zielbewußter Vertreter ihrer Lehren gilt; oder b) unter socialdemokratischem Einfluß oder in gewisser Fühlung mit der socialdemokratischen Partei steht; oder c) zu den zielbewußten führenden Anarchisten oder zu den passiven Anhängern dieser Parter gehört. Zugleich ersuche ich unter Bezug auf Z 93 Ziffer 6 der Wehrordnung um gefällige Mitteilung, ob der Einstellung des Mlitär- Pflichtigen in moralischer oder sonstiger Beziehung irgend welche Bedenken entgegenstehen, sowie ob und welche Vorstrafen derselbe erlitten hat. Gewissermaßen zur Illustration dieses Schriftstückes konnte dann Gen. K r a m e r noch mitteilen, daß die Polizei, allerdings in Polizei- widriger Thorheit, selbst z u i h m, dem socialdemokratischen Ab- geordneten, gekommen sei, um sich nach der politischen Gesinnung seines Neffen zu erkundigen. Rascher und schlagender ist wohl noch selten eine Unwahrheit entlarvt worden. Die Antwort war denn auch ein verlegenes Stammeln, das in der jesuitischen Ausrede ausklmig, er habe nicht ausdrücklich bestritten, daß nach der socialdemokratischen Gesinnung gefragt Iverde und da die Sache geheim gehalten worden sei, habe er sich auch nicht berechtigt gefühlt, Mitteilung zu machen. Alle Parteien der Kammer gaben Erklärungen, zum Teil recht scharie, gegen diese Praxis ab und zum Schluß wurde dem Minister durch den Mund des Berichterstatters, Abg. Fehrenbach(Centr), namens der Kammer ein förmliches Mißtrauens- votum ausgesprochen. Die Nationalliberaleir freilich ertlärtcn sich nur gegen die Form der Gesinnungsschnüffelei, nicht gegen diese selbst. Für unsre Partei aber war der Tag ein Tag des Triumphes in jeder Hinsicht.— #* Mannheim, 3. März.(Depesche.)' Die Stellung des MinisterI Schenkel ist. wie der„Volks stimme" aus Wgeordnetenkreisen be- richtet wird, infolge seiner schwankenden Haltung gegenüber den Socialdemokraten sowie infolge der der Regierung äußerst peinlichen Vorgänge in der letzten Sitzung der Kammer sehr erschüttert. Eine Kaiscrrebe. Eine Ansprache des Kaisers an das Offiziercorps des ersten Seebataillons in Kiel in Gegenwart des Großherzogs von Hessen hatte, wie nachträglich mirgeteilt wird. folgenden Wortlaut:„In dem Moment, in dem wir diese kleine Menschenknospc(den jungen Prinzen Heinrich); zur ewigen Ruhe beigesetzt haben, standen etwa 250 Mann der Marine-Jnfanterie mit Teilen der Schutztruppe in heißem, zehnstündigem Gefecht bei Otjikinamaparero, 50 Kilometer östlich Omaruru. um ihr Leben für König und Baterland in die Schanze zu schlagen. Es ist ihnen gelungen, die in fast nneinnehm- barer Stellung befindlickc Uebermacht des Gegners zu werfen und ihm eine große Menge Bich abzunehmen. Ich spreche den wenigen. hier zurückgebliebenen Osfizicren meinen Glückwunsch und meine Anerkennung zu diesem schönen Erfolge aus und beauftrage Sie, dies auch den andren Kameraden zu übermitteln. Die Marine- Infanterie hat dadurch zu den alten ein neues Blatt dem Ruhmes- kränze, den sie sich in den letzten Jahren erworben, hinzugefügt. Ich werde als Zeichen meiner besonderen Anerkennung der Marine- Infanterie nach Schluß des Feld zuges Jahncnbänder m i t dem Namen des Gefechts oerleihen. Um aber den Truppen auch noch ein weiteres Zeichen meiner Anerkennung zu geben, bitte ich hiermit Seine königl. Hoheit den Großherzog von Hessen, sich als ä la suite der Marine-Jnfanterie gestellt zu betrachten."— Obstruktion kündigt die„Deutsche Tageszeitung" für die Be- ratung der Börse ngesetz-Novelle au. Sie würde es, so führt sie aus. lebhaft bedauern, wenn die Novelle nicht bald zur Beratung gelaugt, da„die Verschärfungen, die jedenfalls beantragt werden, insbesondere die Strafbeslimmuiigen und der Deklarations- zwang, möglichst bald in Kraft treten" sollten. Dann fährt das Agrarierblatt fort: „Andrerseits ist ja zuzugeben, daß die Beratung der Vorlage und der zu erwartenden Anträge iliiqcnicin viel Zeit bcnnspruchen und nur bei einem dauernd beschlußfähigen Hause möglich sein wird. Die Aussichten auf das Zustandekommen der Novelle in dieser Tagung sind also zu unserm aufrichttgen Bedauern sehr gering, und deshalb ist das Gerücht nichl ganz unwahrscheinlich. daß man in maßgebenden Kreisen mit einer Erledigung des Börscngesetzes während der laufenden Session überhaupt nicht mehr rechne." Das„aufrichtige Bedanern" ist natürlich allzu schlecht versteckte Heuchelei des Agrarierblattes, das in Wahrheit durch Obstruktions- drohung die Verschleppung der Börsennovelle zu erreichen wünscht.— Ein Pastoren-Skandal. AuS Dresden wird gemeldet:„Einer der hervorragendsten Dresdener Geistlichen, Pastor Primarius an der evangelischen St. Anncnkirche, Segnitz, hat Plötzlich sei» Amt niedergelegt und Dresden mit seiner Familie verlassen. Die Thatsache erregt um so größeres Auffeheu, als Pastor Scgnitz neben seinen AmtSgeschäftcn eine eifrige Thätigkeit alS Leiter des Evangelische» Bundes in Sachsen entwickelte. Ohne ein Wort des Abschieds an seine Gemeinde ist er am letzten Sonnabendabend abgereist, nachdem er vorher Amt und Würden niedergelegt hatte." Die Dresdener Presse, soweit sie uns vorliegt, ist noch außer stände, Aufklärmig über die Veranlassung der Pastoren-Flucht zu geben. Der„L. Z." wird gemeldet, daß die Veranlassung des Rückttitts in jahrelang betriebenen SittlichkeitSvergchcn liege. Scgnitz unterhielt danach auch mit den Gattinnen zweier Hofbcamtcr unerlaubte Beziehungen, deren Entdeckung seine Entlarvung zur Folge hatte. Vermutlich ist Segnitz nach dem Auslände geflüchtet. Der neue Stadtjkandal erregt alle Gesellschaftskreise. Sachseu-Wcuuar. Bei Bewilligung der Gehälter für die drei Minister kam eS in der Kammer zu einem lebhaften Zusamn,enstotz zwischen unsren Genossen und dem Minister v. Wurmb. Abgeordneter B a u d e r t kritisierte die Verwaltung, die als Kleinbetrieb viel zu kostspielig sei. Drei Minister für so ein kleines Ländchen sei viel zu diel. Abg. Neidt bezeichnete die Verhältnisse, wie sie durch die naiven Begründungen der Vcrsammlungsvcrbote, die der Minister noch gutheiße, entstanden seien, als russische. Es habe den Anschein als ob der Herr Minister dafiireineBezugsquelle in Petersburg habe. v. Wurmb bedauerte zunächst, daß er den Abg. Neidt für einen„Gemäßigten" ge- halten habe, es gebe ja auch ganz vernünftige Socialdemokräten, wie Schippel, wer sich aber nicht nach Singer und Bebel richte, der fliege, deshalb müsse man diese revolutionäre Gesellschaft mit allen Mitteln bekämpfen. Nach Dresden hätten sie ja immer mehr abge- wirtschaftet und bald würde es bei uns heißen:„Die Wellen ver- schlingen am Ende, den Baudert mit seinem Kahn, das hat mit seinem Singer, der Parteitag in Dresden gethan." Nur ein Junker und ein Freisinniger leisteten dem Herrn Minister Hilfe. Der Abg. Baudert schloß seine Entgegnung mit den Worten, daß Oxenstiernas Worte ganz zutreffend die Acußerungen des Herrn Ministers kenn- zeichneten: Du glaubst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand und Weisheit die Völker regiert werden!— Schlaue Agrarier. Ans Hessen wird uns berichtet: Bei den Etatsberatungcn in: hessischen Landtag ereignete sich am Dienstag ein recht heiterer Zwischenfall. Im Etat ist zum Kapitel „Förderung einzelner Zweige der Landwirtschaft" ein Betrag von S1 350 M. zur Hebung der Rindviehzucht eingestellt. Ueber die Ver- Wendung dieses Betrages, der zur Zucht reiner Vogelsberger und Simmerthaler Viehschläge bestimmt ist,— für welchen Zweck die Regierung bereits große Summen verausgabt hat— stritten die antisemitischen Agrarier Bähr, Wolf, Weidncr, sowie der Bauernbündler Brauer. Im Verlaufe der Debatte meinte der Antisemit Bähr: .Das meiste Geld, welches für die Landwirtschaft v�.n Staat ausgegeben wird, ist rein zum Fenster hinausgeworfen." Die Regierung wollte nun nicht das Odium auf sich laden„Geld zum Fenster hinaus- zuwerfen" und Ministerrat Braun erklärte, daß die Regierung sich für die Zukunft überlegen würde, Gelder zur Hebung d.r Rindvichzucht anzufordern, auch habe sie nichts dagegen, wenn sch n der für diesen Zweck im diesjährigen Voranschlag vorgesehene Betr ig von 91 350 M. gestrichen würde. Nun standen die antisemischcn Agrarier wie die betrübten Lohgerber da, denn„so bös hatten sie es nicht gemeint". Der Antisemit W e i d n e r beschwerte sich in der folgenden Sitzung am Mittwoch darüber, daß die Regierung die vorgestrigen Aus- führungcn der Agrarier„gar zu e r n st", genommen habe und er plädierte für mildernde Umstände für sich und seine Mit-Agrarier. Der Landtag gab dem Anttag auf mildernde Umstände statt und so wurden einstimmig die 91 350 M. zur„Hebung der hessischen Rindvieh- jgicht" bewilligt. Wenn aber die hessischen Landwirte die Aeußerungen ihrer„berufensten" Vertreter im Landtag vernehmen, werden"sie denken:„Herr, schütze uns vor unsren Freunden".— Wahlrechtskampf in Bayern. Ans München wird uns unterm 2. März geschrieben: Tie Protestbewegung gegen den von den„Liberalen" im Ver- «in mit den agrarischen Bündlern am bayrischen Volke verübten Wahlrechtsraub wurde heute mit einer von der socialdemokratischen Partei einberufenen Volksversammlung eröffnet. Der große, 5000 Personen fassende Saal des Münchener Kindl-Kellers war schon lange vor Eröffnung der Verhandlungen überfüllt, und schon dieser massen- hafte Besuch, der sich aus allen Volkstreisen rekrutierte, ist ein deut- licher Beweis dafür, daß die Bevölkerung die„liberale" That richtig zu taxieren weiß. Das zeigte sich noch deutlicher an dem begeisterten Beifall, mit dem die Ausfuhrungen des Referenten, Abg. S e g i tz, aufgenommen wurden, der mit großer Schärfe die liberale Taktik schilderte und eingehend den Nachweis führte, daß der bayrische Liberalismus um kein Haar weniger reaktionär ist, als das Cenirum. Für die nächsten Wahlen mü e die Parole sein: Auf alle Fälle eine Zweidrittelmehrheit für das direkte Wahlrecht und darum Kampf bis aufs Messer den Wahlrechtsräubern! Nach längerer Debatte wurde folgende Resolution ein- stimmig angenommen: „Tie heutige von Tausenden besuchte Volksversammlung erhebt flammenden Protest gegen den schmählichen Volksverrat der liberal- agrarischen Wahlrechtsräuber des bayrischen Landtages. Alle frei- heitlich gesinnten Schichten des bayrischen Volkes, das Jahrzehnte für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht kämpft, werden aufgefordert, ihrer Entrüstung dadurch Ausdruck zu geben, daß sie sich verpflichten, planmäßig und zielbewußt an der politischen Ausschaltung der liberal-agrarischen Volksverräter zu arbeiten. Allen Anhängern der socialdemokratischen Partei erwächst die besondere Verpflichtung, durch weitere Ausgestaltung der Organi- sation den nächsten Wahlkampf vorzubereiten und ihn siegreich im Sinne der freiheitlichen Entwicklung Bayerns durchzufiihren." Schnapper- Arndt, der bekannte Nationalökonom, ist, wie aus Halberstadt gemeldet wird, daselbst infolge einer Operation ver- st o r b e n. Von seinen Schriften ist die„Methodologie socialer Enqueten" und insbesondere die vortreffliche Studie.5 Dorfgemeinden auf dem Tcrnnus" zu nennen.— Hueland. vestreich-Unqarn. Lemberg, 3. März. Ungefähr 500 socialistische ruthenisch-nationale Studenten protestierten gestern abend in einer Versammlung gegen die bei einigen socialistischen Universitätshörern vorgenommene Beschlag- nähme revolutionärer, aus der Schweiz ein- getroffenen russischen Druckschriften. Die Polizei- wache zerstreute die Demonstranten und verhaftete zwei Studenten. Frankreich. DrcyfuS-Prozesi. Paris, 3. März. Vor der Strafkammer des Kassa- tionshofes begann heute die Revisionsverhandlung im Dreyfus-Prozeß mit der Verlesung des Referats. Der Bericht erinnert zunächst an den Brief des Justizministers, der zwei neue Thatsachen erwähnt. Wenn diese sich als richtig heraus- stellten, seien sie geeignet, Dreyfus' Unschuld darzuthun. Diese beiden neuen Thatsachen sind zuerst das in der Verhandlung von Renncs vorgewiesene Schreiben, in welchem der Anfangsbuchstabe D an die Stelle des Anfangsbuchstabens T gesetzt worden war, so- dann ein mit Alerandrine unterzeichneter Brief, auf den Oberst- lieutenant Henry das Datum April 1891 gesetzt hatte, während das wahre Datum aus den 28. März 1895 gelautet hatte. Zu dieser Zeit aber befand sich Dreyfus auf der Tcufelsinscl. Berichte! st atter Boyer fährt fort: Die letzte Enquete beZ Kriegsministers stellt fest, daß verschiedene unzutreffende Behauptungen und verdächtige Zeugenaussagen im Prozeß von Renn es vor- gebracht wurden. Mehrere Akten wurden den » Richtern gar nicht mitgeteilt. Darunter befand sich eine, die nachwies, daß Trcyfus unmöglich mit dem Ausdruck„cette canaille de D...." gemeint fein konnte. Tie Auslieferung ge- wisser Pläne dauerte auch nach der Verurteilung von Treyfus fort. Schließlich beschäftigt sich die Untersuchung mit der falschen Aus- sage des Zeugen Czernuschi. Ferner weist der Brief des Justizministers noch darauf hin, daß man sich im Prozeß von Rennes auf die Ehrenhaftigkeit einer Persönlichkeit berief, die den diplomatischen Kreisen einer auslän- dischen Macht angehören sollte und mit den Buchstaben v. C. be- zeichnet wurde. Inzwischen sei diese Persönlichkeit als ein vom zweiten Bureau bezahlter Agent festgestellt worden. Der Berichterstatter Boyer verbreitet sich darauf über die Entwicklung der Drehsrisasfäre. Der Kriegsminister hat verfügt, daß an der polytechnischen Hochschule, deren Schüler zum Teil Beamte in Staats- und Privatindustrie-Unternehmen werden, Bor- lesungen über das Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern gehalten werde». Er hat den früheren socialistischen Deputierten Fournröre mit der Abhaltung dieser Vor- lesungen betraut.— England. Die liberale Partei. London, 1. März. sEig. Ber.) Wie neulich an dieser Stelle mitgeteilt wurde, dürfte eine Auflösung des englischen Parlaments nicht lange mehr auf sich warten lassen. Die liberale Partei bereitet sich auf die kommenden Hauptwahlen vor, indem sie ihre Reihen fester schließt und sowohl mit den liberalen Imperialisten wie mit den politischen Arbeiterorganisationen Frieden macht. Das Komitee für Arbeitervertretung wird etwa vierzig Kandidaten aufstellen, wovon mehr als die Hälfte bereit ist, mit den Liberalen zusammenzugehen. Andrerseits wird Lord R o s e b e r y wieder als Führer der Partei anerkannt und sein Gegner Sir William Harcourt zieht sich aus dempolittschen Leben zurück. Wie Sir William vor wenigen Tagen seinen Wählern mitteilte, wird er bei den nächsten Wahlen nicht mehr kandidieren. Er ist jetzt 77 Jahre alt und fühlt sich den parlamentarischen Aufgaben nicht mehr gewachsen. Harcourts Rücktritt ist ein politisches Ereignis. Der englische Polittker, der besonders auf finanziellem Gebiete Dauerndes geleistet hat, ist ein Liberaler aus der alten individualistischen Schule. Dennoch unter- warf er sich den sociaNiberalen Bestrebungen des linken Flügels seiner Partei, um die radikaleren Elemente und die Arbeiter nicht dem Liberalismus zu entfremden. Harcourt hat manches mit Herrn Eugen Richter gemein, jedoch ist der Unterschied zwischen beiden sehr bedeutend. Der englische Politiker hat einen viel weiteren Gesichtskreis und mehr Geschmeidigkeit als der deutsche Polittker, und zwar infolge des verschiedenen parlamentarischen Milieus, in dem sie wirken. Die Politik der bürgerlichen Demo- kratie ist das Kompromiß, das von den Herrschenden ein Eingehen auf die Ansichten deS emporstrebenden Gegners verlangt und deshalb ihren Gesichtskreis erweitert und ihren Geist elastischer gestaltet. In minder freien Staatsformen ist das Biegen oder Brechen die Regel. Diese Politik ist zwar auf- richtiger und zeigt infolge ihrer Beschränktheit eine gewisse logische Stärke, führt aber bei abgelebten Theorien zur raschen Bermchtung oder wie es im Englischen heißt: rnls of ruin. Als eine weitere Wahlvorbereitung und Befestigung der liberalen Partei ist die Verbilligung ihrer Blätter„Daily News" und„Daily Chronicle" zu betrachten. Beide haben ihren Preis von 1 Penny <8 Pfennig) auf'/s Penny herabgesetzt. Geschästsrückstchten haben ohne Zweifel dabei mitgewirkt, es ist indes nicht zu leugnen, daß die liberale Partei ein Gegengewicht gegen die Halb-Pcnny-Blätter „Daly Mail" und„Daily Expreß" brauchte. Was Neuigkeiten und Korrespondenzen betrifft, hat London jetzt die billigste und beste Presse der Welt.—_ Das Armee-Budget. London, 1. März. Treu dem Versprechen der Regierung im März 1903 wurde das Armee- Budget für das Finanzjahr 1901/5 bedeutend herabgesetzt. Die Truppenzahl belauft sich auf 227 000 Mann, eine Abnahme von 8701 gegen das Vorjahr. Die Ausgaben der Armee wurden auf 28 900 000 Pfd. Sterl. veranschlagt, gegen 31 500 000 Pfd. Sterl. im Vorjahr; die Herabsetzung bettägt dem- nach 5 600 000 Pfd. Sterl.(= 112 Millionen Mark). Die Ausgaben für das Militär in China und Sombliland zeigen eine Abnahme von 10 Millionen Mark. Wie aus der detaillierten Aufstellung des Budgets hervorgeht, zählen die britischen Garnisonen in Südafrika 21 500 Mann.— parlamentarisches. In der Budgctkommifsion des Reichstage? winde am Donnerstag die Beratung des M a r i n e- E l a t s fortgesetzt. Mg. Gröber wies daraus hin, daß die Marincverwaltung bei der Mehrfordernng an Offiziersstellen von dein ursprünglichen Flotten- plan abwiche. Nach dem vom„Vorwärts" seiner Zeit veröffentlichte» geheiinen Plan für die Flottenvermehrung sollten im Jahre 1905 eine Reihe von nyuen Schiffen gebaut werden: diese starke Ver- inehrung der Offiziersstellen sei geradezu die Vorbereitung für solche Pläne. Wir hätten keinen Grund, die Weltlage allzu pessimistisch anzusehen und uns nervös zu geberden. Bei ruhiger mid nüchterner Betrachtung des Etats müsse man zu einer Ab- lehnung der über den Flottenplan hinausgehenden Forderungen der Marinevcrwaltung kommen. Der Staatssekretär v. T i r p i tz versuchte die Mehrforderung dadurch zu motivicren, daß er behauptete, der Reichstag habe durch Abstriche in früheren Jahren selbst den alten Flottenplan umgestoßen. Die Bemerkung über die Vorbereitung eines nsuen Flottengesetzes treffe in Bezug auf diesen Punkt(I) nicht zu. Die Verwaltung habe nur gefordert, was sie im Rahmen des jetzigen Flottenplanes für nötig' hielt. Der Korreferent Abg. Graf v. O r i o l a begründete einen Vermittelungsantrag, nach dem im ganzen 13 von den geforderten Stellen gestrichen werden sollen. Abg. v. Kardorff variierte das alte schöne Wort:„Kein Kanitz, keine 5tähne". indem er bemerkte, der Reichstag sei vor dem Abschluß neuer Handelsverttäge immer zu allerhand Abstrichen geneigt. Die Marine- Verwaltung möge den momentanen Bedarf genau nachweisen. Abg. v. Richt'hofen schloß sich dem Wunsch nach einein solchen Bedarfsnachweis an; wenn das Ganze notwendig iei, so müsse man eZ aus patriotischer Pflicht bewilligen. Der Staatssekretär v. Tirpitz antlvortete dem Abg. v. Kardorff, daß die jetzige Forderung schon hinter dem Bedarfs von heute zurückblicbe; es seien eine Anzahl von Stellen mit niederen Chargen als eigent- lich notwendig besetzt; auch die Marine- Akademie sei zu schwach besetzt, weil man die Offiziere nicht ans dem Dienste entbehren könne. Abg. Müller- Fulda wies auf die mangelhafte Begründung der auffaileiidc» Mehrforderung vv» 110 statt der im Flotte ngesetz vorgesehenen 75 Stellen: eigentlich wird die Vermehrung nur mit dem Hinweis auf den nun einmal vorhandenen Nachwuckis motiviert. Die Banraten für den Flottenbau seien im Jahre 1900 in der Zeit der höchsten Preise für Materialien festgelegt worden; deshalb könne man nicht auf an- gebliche Abstriche hinweisen. Nach weiterer Debatte beschloß die Kommission im Sinne des Antrags von Thnncseld. wonach' 05 Stellen gestrichen wurden, mit einem finanziellen Effekt von etwa 110 000 M. In Konsequenz dieses Beschlusses vermehrte die Kommission die Zahl der See- offizicrsaspiranicn, um die Möglichkeit zu bieten, daß die nunmehr nicht zu befördernden Fähnriche zur See in dieser Charge weiter zu verwenden sind. Bei der Mehrforderimg de? Personals hat-sich die Verwaltung an den Flottenplan gehalten; diese Titel wurden deshalb debattelos bewilligt. Bei den Forderungen für Matrosenartillerie-Abtcilungen wurden 18 000 M. gestrichen; bei den UebungSgeldcrn für die erste Matroscndivision 20 800 M. Da beim Maschinendienst eine Organi- sationsänderung eingetreten ist, so wurde eine Stellenzulage für die Maschinisten bewilligt.— Die allgemeinen Ausgaben für die Jndiensthaltnng der Schiffe sind mit ungefähr 30 Proz. höher eingestellt worden; diese Summe ist dem Durchschnitt der letzten drei Jahre entnommen. Der Referent beantragte 70000 M. zu streichen; die Kommission bewilligte die Gesamtforderung.— Für die von der Marine als Adjutanten zum Kaiser kommandlerten Offiziere müssen jährlich ca. 15 000 M. aufgewendet werden. Der G-neraladjutant erhält z. V. ,6 kleine Rationen"; es wurde die Frage aufgeworfen, ob das„Pferderationen" oder Brotrationen seien. Nachdem festgestellt worden war, daß es Pferderationen seien, wurde der Titel bewilligst. Bei dem Titel: Bekleidungskosten brachte Abgeordneter Graf v. O r i o l a Beschwerden von Tuchfabrikanten zur Sprache über das Submissionswesen bei Tuchlieferungen. Die Oeffentlichkeit bei den Submissionen werde nicht genügend gewahrt; auch andre Mängel hätten sich herausgestellt. Der Staatssekretär gab einzelne Mängel zu und versprach, nach Möglichkeit Abhilfe zu schaffen. Abg. Singer fragte nach der Art der Preisfeststellung bei den beschränkten Submissionen. Wenn die Verwaltung von den Fabrikanten verlangt, daß sie einen gewissen Posten Tuch immer zur) Verfügung halten müssen, und zwar zinslos, so liege darin für die Verlvaltung kein Vorteil, da diese Zinsen natürlich im Preise wieder zur Erscheinung kommen müßten; die kleineren Fabrikanten würden dadurch zweifellos geschädigt. Der Staatssekretär versprach, besondere Er- wägungen darüber anstellen zu lassen, ob das bisherige System zweckmäßig sei. KaufmonnSgerichte. Die Kommission begann am 3. März mit der zweiten Lesung der Vorlage. Zu§ 2 beantragte Henning(£.)', die Regierungsvorlage, die die Gerichte nur für Gemeinden mit 50 000 Einwohnern haben will, wieder herzustellen. Der Antrag wurde gegen zwei Stimmen abgelehnt.—§ 4 sieht die Zuständigkeit des Gerichts vor für alle Streitigkeiten, wenn der Jahres- Arbeitsverdienst 5000 Mark nicht übersteigt. T r i m» b o r n sC.) suchte durch Fragestellung festzustellen. welcher Zeitpunkt für Berechnung des Jahres- Arbeitsverdienstes so- wohl für die Wahlen als für die Zuständigkeit des Gerichts maßgebend sei. Für die Wahlen doch tvohl das Einkommen, das der Angeklagte zur Zeit bezog, als die Wahllisten aufgestellt wurden, für die Klage, das znr Zeit der Klagc-Erhebung bezogene Gehalt. Ministerialdirektor Caspar pflichtete Trimborn hierin bei; ergänzte aber die Ausführungen dahin, daß, wenn das Dienst- Verhältnis nicht mehr besteht, der Zeitpunkt der Beendigung des Dienst- Verhältnisses maßgebend sei. L i p i n s k i(Soc.) ivünschte von den RegierungSvertretern eine präcise Erklärung, inwieweit Reisespesen dem Jahreseinkommen hinzu- gerechnet werdeil sollen, erhielt aber keine Antwort. Zu§ 5 beantragten I t s ch e r t und Nacken jC.), die beschlossene Zuständigkeit der Gerichte für Streitigkeiten aus Konkurrenzklaufel« Verträgen ioieder zu streichen und dafür ein Sühneverfahren für derartige Streitigkelten einzuführen. Singer(Soc.) trat diesem Versuch scharf entgegen. Der Sühneversuch werde erfolglos bleiben, und die Enscheidung der Frage werde mir verschleppt. Das Gesetz verlier bei dem größten Teil der Interessenten an Wert, wenn sie die Streitigkeiten aus der Konkurrenzklausel nicht unter die Zu- stäudigkeit des Kaufmanngerichis stellen.. Der Antrag wurde mit zehn gegen sieben Stimmen abgelehnt und dann der§ 5 in der Fassung der ersten Lesung einstimmig angenommen. Zu§ 9 beantragten die Socialdemokraten, den Frauen das paffive Wahlrecht zn gewähren. Lipinsli(Soc.) wies auf die Wünsche der vielen Petenten hin und hob hervor, daß man den weiblichen Angestellten die Teilnahme an der Rechtsprechung als Konsequenz ihrer Beschästigung im Handelsgewerbe ge- währen müsse. Der Antrag wurde mit acht gegen acht Stimmen abgelehnt. Staatssekretär v. Posado wsiy bemerkt, daß er sich die Er- klärung über den Absatz 2 des Z 9— passive Wahlrecht mit dem 25. Lebensjahr— für die zweite Lesung im Plenum vorbehalte. Einige Regierungen hätten sich dagegen erklärt. Eine größere AiHahl Anträge liegen zu Z 10— Richterqualifikation — vor. Die Anträge suchten nun hier Klärung und Abhilfe zu schassen. Der Antrag der Socialdemokraten wollte Wiederherstellung der Vorlage mit der Erweiterung, daß die obere Verwaltungs- behörde bei der Bestellung des Vorsitzenden Ausnahmen zulassen kann. Ein Anttag Henning ik.) will Ausnahmen für Gemeinden mit unter 50 000 Einwohnern zulassen. Der Anttag des Centrums will in der Regel den Richter haben, während der Anttag Beck snatl.) erst den Richter, dann den VerwaltungSbeansten zum Vorsitz zu- lassen will. Trimborn(C.) plädiert für seinen Antrag. Herbert(Soc.): Wir wollen die Ausführung des Gesetzes so leicht wie möglich machen. Am liebsten sehen auch wir den Richter; aber wir ver- schließen uns der Einsicht nicht, daß nicht immer Richter zu haben sein werden. Staatssekretär v. Posadowsky: Am meisten entspräche der Sachlage der socialdcmolratische Antrag, doch gebe er anheim, ob man auS politischer Klugheitund Rücksicht auf die Strömungen in Richterlreisen gegen das Gericht, nicht dem Anttage Beck den Vorzug geben wolle. Dieser Antrag wurde inzwischen amcndiert van Trimborn, daß die obere Verwaltungsbehörde Ausnahmen zulassen könnte. Singer(Soc.) erklärt, daß es der Kommission mehr darauf anzu- kommen scheine, den Antrag unter andrem Namen anzunehmen. Den Spaß wolle er der Mehrheit lassen, am klarsten sei aber der social- demokratische Antrag. Der Antrag de§ Centrums wurde gegen deren Stimmen und die des Polen abgelehnt, ebenso wurde der socialdemokratischc Antrag mit 9 gegen 8 Stimmen abgelehnt und folgender Antrag Beck e i n st i m m i g angenommen: Als Vorsitzender und deren Stellvertreter sollen Personen, welche die Fähigkeit zum Richteramt erlangt hoben, und können Personen gewählt werden, welche die Fähigkeit zum höheren VerwaltungS« dienst besitzen. Ausnahmen kann die obere Vcrwalttmgsbehörde zu- lassen. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter darf weder Kaufmann noch Handlungsgehilfe sein. Der Antrag Henning war dadurch erledigt. Damit ist der Beschluß der ersten Lesung erweitert worden. Die weitere Verhandlung wurde vertagt. WahlpriifunqS-Kommission. Die Kommission trat in die Prüfung der Wahl Blumenthals(elsässisch-lib. Volkspartei), Wahlkreis Straßburg-Land, ein. Bei der Hauptwahl erhielten von 17 815 gültigen Stimmen der frühere Abgeordnete Häuß(lib. Landespartei) 8305, Blume nthal 0100 und May(Soc.) 3097 Stimmen; in der Stichivahl Blumenthal 9142 Stimmen, Hauß 9062 Stimmen. Gegen die Hauptwahl und Stichwahl ist Protest eingelegt, dem ein Gcgenprotest gegenüberstand. Zwei Punkte des Protestes beschäftigten die Kommission in langen, lebhaften Debatten. Zunächst behauptete der Protest, daß ein Wahlaufruf für Blumenthal vom liberalen Wahlkomitee in der„Straßburger Zeitung" sowie in andren Straßbnrger Blättern am 30. Mai 1903 veröffentlicht wurde, der von 130 Personen unterzeichnet war, darunter von 13 Bürgermeistern und 2 Beigeordneten unter Beifügung ihres Amtscharakters. Der Protest bezeichnete das als amtliche Wahl- bceinflusftmg, während der Gcgenprotest dies bestritt, mit dem Be- merken, daraus sei nicht zu schließen, daß Blumenthal der Re- gierungskandidat sei. Für die Stichwahl sei übrigens bei Unter- Zeichnung von Aufrufen die Amtscharalter-Bezeichnung Iveggelassen worden. Dieser Einlvand des Gegenprotestes wurde von der Kam- Mission als unerheblich fallen gelassen. Speciell von konservativer Seite wurde die bisherige Praxis der Kommission und des Reichs- tags, das Eintreten amtlicher Personen mit Betonung ihres Amts- titels für einen bestimmten Kandidaten als amtliche Wahl- beeinflussung zu betrachten, bekämpft. Die Gemeindevorstände seien nicht als politische Beamte zu betrachten und ihr Einfluß dürfe nicht überschätzt werden. Der Referent Kalkhof(C.) hob dem- gegenüber hervor, daß die Bürgermeister und Beigeordneten in Elsaß-Lonthringen nicht gewählt, sondern von der Regierung ernannt und auch von ihren Posten enthoben werden. Der Amts- charakter dieser Gemeindebeamtcn sei also ein noch ausgeprägterer, als in andren deutschen Staaten. Der weitere Protestpunkt be- hauptet, daß in Bischheim und drei größeren Ortschaften höhere Beamte der Reichs-Eisenbahn, unter andcrm der Direktor und acht Werkmeister der Eisen bahn- Werk st ätten einen Wahlaufruf für Blumenthal, ebenfalls mit der Beifügung ihres Beamtencharakters, unterzeichneten, so daß die Arbeiter der Eisen- bahn-Wcrkstätten glaubten, Blumenthal wählen zu müssen. Dem von konservativer Seite gemachten Einwurf, daß der Jsolierraum im Wahllokal diese Beeinfluffung aufhöbe, wurde mit dem Hinweis begegnet, daß» weil die Arbeiterwähler der betreffenden Orte ia grögee Mehrheit seien, sehr leicht festzustellen ist, ob die Arbeiter in dem von den vorgesetzten Beamten gewünschten Sinne gewählt haben und daß dadurch die Wahlfrciheit beschränkt sei. Diese Art der Wahl- beeinflussung sei zweifellos schlimmer, als die vorher besprochene. Auch in solchen Fällen hätten Kommission und Reichstag die Wahl- beeinflussung als eine amtliche festgestellt. Die betreffenden Be- amten� seien kaiserliche, ihr Ämtscharakter stehe außer Frage. Auch in diesem Falle beschloß die Kommission mit Mehrheit, daß amtliche Wahlbeeinflussung vorliege. Da nun in den betreffenden Orten über 3000 Eiscnbahn-Arbeiter in Frage kommen, so entschied die Kommission in Bezug auf die in beiden Protest fällen ausgeübte Wirkung der amtlichen Wahlbccinflussung e i n st i m m i g, daß die Wahl Blumcnthals für ungültig zu erklären sei, da die Wahlakte in den betreffenden Orten kassiert werden müßten. Nächste Sitzung: Dienstag. Soziales. partßi-JNfocbncbten. Mit der Nesolution uiisrer Rcichstags-Fraktion zur Angelegenheit Schippe! beschäftigen sich einige bürgerliche Blätter. Die.Vossische", die so brünstig eine kleine Spaltung der Partei. oder noch besser eine große herbeisehnt, widmet uns gleick, einen ganzen Leitartikel, in dem sie Schippe! hüben und Vebel-Kautsky drüben mit gleicher Liebe behandelt, um jedem Teile nachzuweisen, wie er hätte handeln müssen, um die Herzenswunsche der„Vossischen" zu erfüllen. Selbstverständlich ist wieder die Freiheit der Wissenschaft— der sonst, ach so freien— in der Socialdemokratie gefährdet. In Wahrheit handelt es sich doch um nichts weiter, als um die Einheit der Aktion und um die Forderung der Beseitigung jeder Zweideutigkeit, die das Vertrauen des Volkes in die Ehrlichkeit unsres politischen Handelns gefährden müßte. Das ist für eine Partei, die nur durch die Macht der Ueberzeugung wirken und die Massen gewinnen kann, so selbstverständlich, daß es gar keiner be- sonderen Rechtfertigung bedarf. Leuten, die keine Ueberzeugung haben, kann man das natürlich nicht klar machen, und namentlich die.Vossische Zeitung" kann kein Gefühl dafür haben, daß die Freiheit der Wissenschast gerade in der Klarheit und Bestimmtheit der Ueberzeugung besteht, die„Vossin", die ja erst kürzlich sogar wegen de? Äbdrucks eines unschuldigen socialen Gedichtes in der „Hilfe" ein ftirchtbares Ketzergericht etablierte und also nicht einmal die Freiheit der Kunst achtet. Im socialdemokratischcn Verein in Essen wurde am Sonntag einstimmig eine Nesolution angenommen, die sich gegen die Haltung der Neichstaasfraktion in der Angelegenheit der südwestaftikanischen Kolonialkrcdite wendet. polirelilcbes, Gcrichtltcbce uIVp. Eine Wald- Wahlversammlung. Während der ReichStagS-Wahlbewegung hatten sich eines SlbendS an einer Waldecke in der Umgegend von Senftenberg etwa hundert Personen aus den nächsten Dörfern zusammengefunden, nachdem ihnen eilende Stahlroßreitcr der Socialdemokratie die Kunde von einer dort geplanten Besprechung der Wahlen gebracht hatten. Zu ihnen sprach der Genosse Günter zehn Minuten lang über die Notwendigkeit, dem Socialdemokraten zum Siege zu verhelfen. Günter wurde demnächst zu einer Geldstrafe von 50 Mark verurteilt, weil er als Redner in einer nicht genehmigten öffentlichen Versammlung unter freiem Himmel aufgetreten sei.(Z 17 des preußischen Vereinsgesetzes.) Die zweite Instanz verwarf die Berufuno des Angeklagten' und meinte, es handele sich hier zweifellos um eine.Versammlung", da vorhanden gewesen sei: eine äußerlich vereinigte Menschenmenge, die innerlich bestrebt war, einen bestimmten Zweck zu verfolgen."ES sei unerheblich, daß kein Bureau gewählt wurde.— Das Kammergericht als Nevisiousinstanz bestätigte das Urteil und sprach aus, daß der Be- griff der Versammlung nicht verkannt worden sei. — Einen Monat Gefängnis erhielt Genosse Leimpeter, Redakteur der„Deutschen Bergarbcitcr-Zciwng" am 2..März vom hiesigen Schöffengerichr zudiktiert weil er einen Maschinensteiger von Zeche„Schlägel und Eisen" beleidigt haben soll. In der„Berg arbeiter-Zeitung" war behauptet worden, der Steiger habe einen Jungen blutig geschlagen. Vor Gericht bekundete der Junge, nicht zu wissen, ob er geschlagen worden sei oder ob er sich gestoßen habe. DaS Gericht hielt darum den Wahrheitsbeweis für nicht erbracht und erkannte auf Gefängnisstrafe, weil notorisch feststände, daß die Geldstrafe aus der Parteikasse ge- zahlt würde und folglich keine Strafe für den Angeklagten bedeutete._ Krankenhaus oder Bei- und Arbeitshaus? So war ein Artikel der„Bergischen Arbeiterstimme" in Solingen überschrieben, in dem die Verwaltung des Krankenhauses— Ober- bürgenneister Dicke und Medizinalrät Dr. Strathmann— schwere Beleidigungen erblickte und deshalb Strafantrag gestellt hatte gegen den verantwortlichen Redakteur unsres Solinger Parteiorgans, Genossen Otto May. In dem Artikel war behauptet worden, daß in dem Krankenhause die Patienten zu allerlei Arbeiten verwendet und dadurch länger als erforderlich festgehalten würden. Dadurch würden die in Betracht kommenden Krankenkassen geschädigt. Weiter war behauptet worden, daß Andachten in den Krankenzimmern ab- gehalten würden, denen sich die Patienten nicht entziehen könnten. In einem bestimmten Falle sei sogar ein im Bett liegender Patient dadurch„malträtiert" worden, daß sich unter Führung einer Schwester mehrere Kranke um sein Bett herum ans- stellten, um eine sogenannte Andacht abzuhalten, die darin bestanden habe, daß die Schwester aus der Bibel vorlas und vorher und nachher gesungen ivorden sei. Die Verhandlung fand am Mittwoch in Elberfeld vor der Strafkammer statt. Es stellte sich heraus, daß May von dem Zeugen, der durch die Betiibung „malträtiert" worden sein wollte, angelogen worden war. Es wurde festgestellt, daß in keinem Falle ein Zwang den Patienten gegenüber ausgeübt worden sei, wenn die Andachten gehalten wurden. Es habe jedem frei gestanden, sich zu entfernen. Auch bezüglich der Beschäftigung von Kranken auf Kosten der Krankenkassen konnte ein schlüssiger Beweis nicht geführt werden. Das Gericht nahm an, daß die Beschäftigung innerhalb gewisser Grenzen überall üblich sei und wohl sogar im Interesse der Kranken liege. Auf Antrag May's wurden durch Gerichtsbeschluß eine Anzahl Fragen an die vorhandenen Zeugen gestattet. Aus den Aussagen stellen Ivir als erwiesene Thatsachen fest: 1. daß aus dem Solinger Krankenhause ein leerer Sarg zur Be- crdigung gefahren»vurde, während die Leiche noch im Kranken- Hause lag:| 2. daß eine im Kraukeuhause aufbewahrte Leiche van Ratten an- gefressen worden ist; 3. daß im Essen schon Schnecken gefunden worden sind; 4. daß das Badewasser wiederholt mehrfach benutzt worden ist. Trotz all dieser Feststellungen billigte der Gerichtshof dem An- geklagten nicht einmal den Schutzparagraphcn 193 zu. Es sei be- stimmt anzunehmen, daß es May lediglich darauf angekommen sei, den Arbeitern swörtlich:)„das Krankenhaus zu verekeln". Und während der Staatsanwalt, der sich alle erdenkliche Mühe gab, den Genossen May so schwer zu belasten, wie es irgend ging,„nur" vier Wochen Gefängnis beantragte, erkannte das Gericht auf eine Gefängnisstrafe von ztoei Monate». — Zu zwei Wochen Gefängnis wurde in Frankfurt a. M. der verantwortliche Redakteur unsres dortigen Parteiblattes, Genosse Zander, verurteilt. In einem Artikel, der sich mit Vorkommnissen in der Gemeinde E ck a r t s h a u s e n beschäftigte, wurde eine Be- leidigung des Vorstehers dieser Gemeinde gefunden. Aerzte und Kraukenkasse». Eine am 2. März er. im Gewerkschaftshause abgehaltene Ver- sammlung von Mitgliedern der Orts-Krankenkasse für das Buchdruck gelverbe zu Berlin, bestehend aus Delegierten sArbeitgebcrn und Arbeitnehmern), freilvilligen Krankenkontrolleuren und Vertrauens- leuten der Berliner Buchdruckereien(ca. 1000 Personell), nahm nach einem Referat des Vorsitzenden folgende Resolution einsiimmig an: Die Vcrsamnilliiig erklärt sich nach eingehender Aussprache strikt gegen die Einführung der freien Arztwahl, als nicht im Kasseilinteresse liegend. Die Versammlung weist ferner mit Entschiedenheit die Behauptungen der Aerzte zurück, als seien nur die Kassen- Vorstände und-Verwaltungen und nicht die Kassen-M itglieder gegen die freie Arztwahl— die Mitglieder wissen sich eins mit ihren Vertretern im Vorstände— und empfiehlt der demnächst stattfindenden Generalvelsammlung, demKassenvorstande aufzugeben, unter Berücksichtigung realisierbarer Forderungen mit den bisherigen Aerzten langfristige Verträge abzuschließen. Sollten wider Erwarten die Vorschläge des Kassenvorstandes die Zu- stimmung der Aerzte nicht finden, so wird der Generalversammlung empfohlen, dem Vorstande die Ermächtigung zu erteilen, mit dem 1. Januar 190S in de» Gewerks-Krankenverein einzutreten. Gegen die Beteiligung der Ardeiter an der Baukontrolle wenden sich die Fclisch-Lcute in einer Eingabe an Reichstag und Bundesrat. Bei dem Versuche, ihre Angst vor der Arbeiterkontrolle zu begründen, passiert ihnen ein seltsames Mißgeschick. Sie behaupten nämlich, die Zunahme der Bauunfälle sei darauf zurückzuführen, daß infolge des ausgedehnten socialen Schutzes die Arbeiter immer gleichgültiger gegenüber den Bctricbsgcfahren würden. Wenn das richtig wäre, dann würden die Nnternehnrer nicht nötig haben, gegen eine Forde- rung der Arbeiter auf Beteiligung an der Kontrolle der Schutz- einrichtungen aufzutreten. Indem die Arbeiter fordern, an der Kontrolle teilzunehmen, beweisen sie doch, daß sie an einer Ver- Minderung der Unfälle ein Interesse haben und durchaus nicht gleich- gültig sind gegen die Bctriebsgcfahren. Statt sachlicher Gründe muß die faule Redensart herhalten, daß die Arbciterkontrolleure unter dem Deckmantel behördlicher Kontrolle socialdcmokratische Agitation treiben und Koaluionszwang üben würden. Wenn man gegen das erfreuliche Streben der Arbeiter nach positiver Mitarbeit, dessen angeblichen Mangel man ihnen bei jeder Gelegenheit vorhält, weiter nichts vorzubringen ist, so kann man die Frage überhaupt nicht von socialpolitischen Gesichtspunkten bis- kuticren. Tie Bauunternehmer beweisen damit nur, daß nicht socialpolittsche, sondern parteipolitische Gesichtspunkte für sie maß- gebend sind._ Untcrnrhmerstrafcn. Der§146 der Gewerbe-Ordnung droht Geldstrafe bis zu 2000 M. an fiir Verletzung gewisser Schutzvorschriften der Gewerbe-Ordnung. Unter den 5943 Personen, die wegen Verletzung der Arbeiterschutz- Vorschriften im Jahre 1902 überhaupt rechtskräftig verurteilt wurden, befinden sich 383, die aus§ 146 verurteilt wurden. Die verhängten Strafep betrugen: biö 3 M. in 86 Fällen, über 3 M. bis 10 M. in 331 Fällen, über 10 M. bis 20 M. in 224 Fällen, über 20 M. bis 50 M in 189 Fällen, über 50 M. bis 100 M. in 40 Fällen, über 100 M. bis 200 M. in 9 Fällen und über 200 M. in 4 Fällen. Es erreichten demnach rund zwei Drittel der verhängten Strafen höchstens den hundertsten Teil der gesetzlichen Höchststrafe und beinahe die Hälfte erreichte nur den zweihundertsten Teil der zulässigen höchsten Strafe. Aber auch die vier am höchsten bestrasten Fälle erreichen noch nicht den sechsten Teil der höchsten gesetzlichen Strafe; es wurden in jedem der vier Fälle 300 Mark Geldstrafe verhängt. In einem Falle waren in einer Haushaltungsmaschinen-Fabrik Arbeiterinnen und Jugendliche an Sonn- und Wochentagen und nachts gesetzwidrig be- schäftigt worden, z. B. hatten sie mehrmals des Nachts ohne Pausen durcharbeiten müssen, und zwar in ununterbrochener Schicht 36 Stunde» lang. In zwei andern Fällen waren Arbeiterinnen und Jugendliche in einer Apprcturanstalt und in einer Spinnerei über die gesetzliche Zeit und nachts beschäfttgt worden, und im vierten Falle handelte es sich um Lohnzahlung in Wechseln. In allen vier Fällen traf die Strafe den Betriebsinhaber. Zu der gestrigen Biitteilung, daß die Gewerbe-Aufsichtsbcamten im Jahre 1902 in 15 639 Betrieben 45 511 Zuwiderhandlungen gegen die Gewerbe-Ordnung ermittelten, ist noch zu bemerken, daß sich diese Zahlen nur auf Verletzungen der für Arbeiterinnen und Jugend- liche erlassenen besonderen Schutzvorschriftcn beziehen. Die Ver- lctzungen der für alle Arbeiter oder für erwachsene männliche Arbeiter erlassenen Schutzvorschriften werden gar nicht nachgewiesen. In den mitgeteilten Straffällen sind aber auch diese Bergehen ent- halten. Das Verhältnis der besttaften zu den ermittelten Ver- letzungen der Arbeiterschutz-Vorschristen ist also noch weit ungünstiger, wie es die vorhandenen Zahlen aufzeigen. Es ist allerdings zu bedenken, daß es sich bei den Vergehen der Unternehmer nur um Schädigung des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter handelt. Nur ein paar Specialfälle. In einer Ziegelei werden Reparatur- arbeiten an der in Umdrehung befindlichen Transmissionswelle aus- geführt, wobei eine Körperverletzung eines Arbeiters herbeigeführt wird. Strafe: 200 M. In einer Glasfabrik werden 221 Arbeiterinnen des Sonntags beschäftigt. Strafe: 24 M. In einer Danrpfmühle wird die 24stiZudige Bctricbsruhe an Sonn- und Festtagen mehrfach nicht eingehalten und die zehn- stündige Ruhezeit nicht gewährt. Strafe im wiederholten Rückfalle: 10 M.!_ Tie Gcwcrbegerichtöwahl tu Frankfurt a. M. wurde jetzt zum erstenmal nach dem Proportionalsystcm vorgenommen. In der Arbeiterabteilung wurden 6313 Stimmen abgegeben. Davon ent- sielen auf die Liste des Gcwerkschaftskartells 6221 und auf die Liste der christlichen Arbeitervereine 597 Stimmen. Die Gewerlschaftsliste erhält demnach 30 und die chnstlicke Liste 3 Beisitzer. In der Unternehmcrabteilung wurden 309 Stimmen abgegeben. für die Liste der vereinigten Gclverbctreibenden 213 und Liste der socialdemokratischcn Unternehmer 96. Diese demnach 10 Beisitzer und die Jnnungsliste 23. Davon für die erhalten ein paar nach Plötzensee gebracht, er werde noch den ganzen Ver« band in das Zuchthaus bringen I" Das berichtete Haase den andren Arbeitern, woranf diese einmütig die Auffassung vertraten, mit Adomeit nicht länger zusammen arbeiten zu können. Kitzke trug dies im Auftrage der Arbeiter dem Meister vor, der darauf erklärte: sie, die übrigen Arbeiter, seien ja nun an diesem Bau bald fertig, den Adomeit werde er hier noch um so viel länger beschäftigen, bis die übrigen auch auf dem zweiten Bau fertig seien; das wäre für alle Teile das beste; sie wären dann nicht mehr genötigt, mit Adomeit zusammen zu arbeiten. Hiermit waren die Gesellen einverstanden. Als Adomeit seine Arbeit ferttg hatte, wurde er von seinem Meister dennoch nach demselben Bau geschickt, auf dem die andren inzwischen begonnen hatten, zu arbeiten. Mit einem Schlage legten diese selbstverständlich die Arbeit nieder. Thiele, der von dem Bauunternehmer herangerufen wurde, erklärte dem Kitzke: er(Thiele) werde Adomeit veranlassen, der Organisation beizutreten. Kitzke entgegnete: sie könnten den Mann im Verbände gar nicht gebrauchen, und entfernte sich. Der Meister wandte sich jetzt an Adomeit. Er stellte ihm vor, daß er nicht wegen eines Gesellen 12—15 andre entlassen könne. Er möge sich doch wieder in den Verband aufnehmen lassen. Adomeit machte sich auf den Weg nach dem Bureau. Er wurde von einem der Vorstands- Mitglieder mit den Worten empfangen:«Nun? Du willst Dich wieder aufnehmen lassen?"„Ich will nicht, ich mutz l" erwiderte Adomeit.„Wer nur einem Zwange folgt und wer außerdem über den Vorstand sich in so beleidigender Weise äußert, wie Du es gcthan, den können wir nicht gebrauchen", wurde ihm erklärt. Adomeit wurde nicht aufgenommen, worauf ihn Thiele entließ. Der Zeuge Adomeit klagte sin gestrigen Termine, daß er seit jener Zeit einen schweren Kampf ums Dasein führe, da er keine Arbeit finde. In der Voraussetzung, daß der CentralverbandS-Vorstand die Triebfeder der gegen ihn vorgenommenen Machinationen sei, sei er gegen diesen im Wege der"Klage vorgegangen, aber vom Gericht abgewiesen worden, doch gedenke er gegen das Urteil Berufung einzulegen. In dem geschilderten Sachverhalt erblickte der Staatsanwalt den Thatbesland der versuchten Erpressung. Er beantragte gegen Kitzke zwei Monate, gegen die drei übrigen Angeklagten je eilten Monat Gefängnis. Die Verteidiger, Rechtsanwälte Liebknecht und Victor Fränkl, plaidierten aus juristischen und thatsächlichen Gründen für Freisprechung. Weder sei irgend eine Drohung, noch die Absicht erwiesen, den Adomeit in den Verband zu nöttgen— wovon geradzu das Gegenteil dargethan sei—, noch gar die besondere Absicht, den Beitritt etwa um der Beiträge willen herbeizuführen. Da ein mindestens gleichwertiges Aeguivalent durch den Beitritt erworben iverde, so könne ein Vermögensvorteil für den Verband überhaupt nicht in Frage kommen. Nachdem die Arbeit niedergelegt war, könne von einer Drohung sckton gar keine Rede sein. Der Gerichtshof verurteilte sämtliche Angeklagte wegen ver- suchter Erpressung, und zwar Kitzle zu z lvei Monate tt, Sokolotvski, M u s o l d und Grube zu je einem Monat Gefängnis. Es sei zweifellos(I) der Bcittitl zum Ver- band erstrebt-worden und zwar um dem Verband einen Vermögensvorteil zu verschaffen. Der Terrorismus sei um so verwerflicher, als er unter heuchlerischer Maske aus- geübt sei._ Versammlungen. Die Berliner freie Bereiniginig der Bleigläser, GlaSmaker und Mcssingglascr hielt im kleinen Saale des Herrn Franke, Sebastianstraße, eine öffentliche Versammlung ab, in welcher Genosse Waldeck M a n a s s e über das Thema:„Die veruneinigten europäischen Staaten" sprach. Der Vorttag wurde mit lebhaftem Beifall auf- genommen. Zur Diskussion meldete sich niemand. Zum Punkt Gewerkschaftliches wurde Klage darüber geführt, daß die freie Ver« einigung bei den letzten Krankenkassen-Delegiertenwahlen so rück- sichtsloS vom Centralverband der Glaser besieite geschoben worden sei. Es wurde beschlossen, alles aufzubieten, um doch zu unserm Rechte zu kommen. Der Eentralverband beansprucht alle 72 zu wählende Delegiertenämter für sich, während auS den Reihen der freien Vereinigung nicht einer aufgenommen wurde. Mau beschloß. alles aufzubieten, um den Mitgliedern der freien Vereinigung zu ihrem Rechte zu verhelfen. Französisch-Buchholz. In der am Sonntag hier abgehaltenen Versammlung des Wahlvereins Pankow(Filiale Französisch- Buch- holz) referierte Genosse F r e i w a l d aus Pankow über die bevor- stehende Gemeinderatswahl. Als Kandidat der Partei wurde zu dieser Wahl der Genosse August Pohl einstimmig aufgestellt. In der Diskussion erklärte sich Herr W i t t st o ck für die Anstellung von Schulärzten. Redner wies auch auf das Unternehmen der Gemeinde- Vertretung hin, eine Pferdebahn zu bauen. Zum Schluß wurde in einer Resolution der Herr Amtsvorsteher ersucht, die Wahlzeit so festzusetzen, daß auch die Arbeiter ohne Lohnverlust an der Wahl teilnehmen können. Hierauf erfolgte Schluß der Versammlung. Neraiittv. Redaftcnr: Julius Kaliski, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Sericdts-Leitung. Koalitionsrecht-Erpressung. Unter der Anklage der versuchten Erpressung standen gestern vor der 4.(Oppcrmannschcn) Strafknmmer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsrats Braun die Töpfergesellen Paul Kitzke, August Sokolowski, Emil M u s o l d und Wilh. Grube. Die An- geschuldigten arbeiteten im Juni 1902 neben andren Gesellen bei dem Töpfermeister Thiele. Der Töpfergesclle Adomeit war der einzige, der nicht dem Eentralverband der Töpfer angehörte. Er war vor einigen Monaten ausgeschieden, angeblich weil ihm der zu leistende Beitrag— wöchentlich 55 Pf.— zu hoch und er auch sonst mit der Leitung des Verbandes nicht zufrieden war. Dieser Ansicht gab Adomeit in für den Vorstand bcleidigenderweise Ausdruck, als ihm der Angeklagte Kitzke zuredete, dem Verbände wieder beizutreten. Nachdem er etwa 14 Tage ohne jede Belästianng gearbeitet hatte, äußerte er zu dem Gesellen Haase:„Ich habe schon____________ rlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Paul Singer LcCo., Berlin L W. HierzuöBcilngen u.Unterhaltungsblatt Letzte Nachrichten und Depcfchen. Schwarze Blattern. Flensburg, 3. März.(W. T. B.) Im Laufe des heutigen Tages sind wieder zwei neue Erkrankungen an den schwarzen Blattern festgestellt worden, und zwar erkrankten eine Diakonissin(nunmehr die zweite) und ein Milchhändler, der mit den ftüher Erkrankten zusammengekommen war._ Bicrmann-Ruhstrat. Oldeuvurg, 3. März.(B. H.) In einem selbständigen Antrag interpellieren die Socialdemokraten die Regierung im Landtag bezüglich des Falles Biermamt-Nuhstrat über die Behandlung der Gefängnisordnung._ Drcifus-Prozeß. Paris, 3. März.(Fortsetzung.)(W. T. B.) Boher spricht die Ansicht aus, die beiden gefälschten Briefe hätten Einfluß auf die Entscheidung der Richter in Reimes ausüben müssen, und schließt mit der Aufforderung an die Strafkammer, im eignen Interesse der Justiz eine Untersuchung anzuordnen. General-Staats- anwalt Baudoin erklärt, er werde als Berichterstatter eine Untersuchung beantragen, und bespricht die einzelnen Phasen der Affaire in Dreyfus freundlichem Sinne. Die Fortsetzung der Verhandlung wird sodann auf morgen vertagt. Korea. Söul, 3. März.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Die koreanische Regierung hat den Japanern die Telcphonlinie Söul- Phiöngjang übergeben. Die Russen haben den Vicepräsidentcn von Ändschu festgenommen und nötigen die Koreaner, ihnen Reis, Futter und Brennmaterial zu liefern; sie stellm eiligst in Antung Bcfesti- gungen und ausgedehnte Erdwerke mit der offenbaren Absicht Her, den Japanern den Ucbergang über den Jalu strestig zu machen. Gute Prisen. Nagasaki, 3. März.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".)'. Das Prisengericht in Sasebo hat entschieden, daß die russischen Dampfer„Mulden",„Argun",„Michael" und„Rossija" sowie die Walfischdampfer„Alexander" und„Nokolai" gute Prisen seien; ein Appell gegen die Entscheidung ist innerhalb 30 Tagen einzulegen. Darmstadt, 3. März.(W. T. B.) Die von dem verschwundenen Bankier Christoph Schade veruntreuten Beträge werden nach vorläufiger Feststellung insgesamt auf 250 000 M. geschätzt. Es sind viele kleine Leute geschädigt worden. Ein Sohn des Entwichenen, der im Geschäft Schades thätig war, will von den Machenschaften seines Baters nichts wissen. Wie», 3. März.(V. H.) Wie die Abendblätter melden, hat das hiesige Landgericht gegen den außerordetttlichen Universitätsprofesior Theodor Beer wegen verschiedener Sittlichkeilsdelikte einen Steckbrief erlassen. Beer soll sich in das Ausland geflüchtet haben._ Nr. 54. 21. Jahrgang. t KcilU Ks.Mwiirls" Scrlim WlkÄÄ Frettag, 4. Mär; 1904. l�eickstag. 48. Sitzung. Donnerstag, J.März 1304. 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: N i e b e r d i n g. Die zweite Beratung des Justizetats wird bei den fortdauernden Ausgaben, Titel.Staatssekretär", fortgesetzt. Abg. Dr. Spahn(G.): Es ist behauptet worden, daß den Reichsgerichts- Mitgliedern aus der Publikation der Reichs- gerichts- Entscheidungen persönliche Vorteile erwachsen. Der Herr Staatssekretär hat diesen Vorwurf bereits mit Recht zurückgewiesen. Aus dem Umstände, daß von dem Verleger der Entscheidungen an den Rentenverein der Reichsgerichts- rate eine gewisse Summe abgeführt wird, sollte man eine solche Folgerung nicht ziehen. Der Preis der ReichsgerichtS-Entscheidungen wird dadurch keinenfalls verteuert. Redner polemisiert des weiteren gegen den Abg. Heine und rechtfertigt die Entscheidung deS Reichsgerichts im Falle der Versendung Hamburger Lotterieprospekte nach Preußen. Im einzelnen bleiben die Ausführungen des Redners auf der Tribüne unverständlich. Was die W ei h n a ch ts b e s ch e r u n g des Abg. Thiele durch das Landgericht in Halle betrifft, so liegt kein Grund vor, die Sache an die Geschäftsordnungs-lirommission zu verweisen. TaS Landgericht war durchaus berechtigt zu seinem Vorgehen, weil der Abg. Thiele es versäumt hatte, bei Zusammen- tritt des Reichstages die Einstellung des gegen ihn schlvebenden Verfahrens beim Reichstage zu beantragen. Wir haben daher auch keine Veranlassung, eine Aenderung der Ver- fassung herbeizuführen. Gegen die von mehreren Abgeordneten vorgeschlagene Aufhebung des Gottcsläfteruugsparagraphen müssen wir uns ganz energisch er- klären. Haben sich bei der Rechtsprechung Uebclstände ergeben, so ver- suche man, den Paragraphen schärfer zu fassen; aber an seine völlige Beseitigung ist bei den gegenwärtigen Zuständen in Deutschland gär nicht zu denken. Die Erklärung deS Herrn Staatssekretärs über das Duellunwesen hat mich nicht befriedigt. Die Abnahme der Duelle in der Civil- bevölkerung kann uns mcht beruhigen. Wir stehen noch genau auf dem Boden der früher von uns zur Bekämpfung der Duelle an- genommenen Resolution. Der Herr Staatssekretär hat gestern die Mitglieder der Kommission zur Vorberatung der Strafprozeß- ordnung warm in Schutz genommen. Ich will ihm darin nicht widersprechen, aber ich muß doch darauf hinweisen, daß ein Mitglied dieser Kommission, Professor v. Liszt, in einer Wochenschrift, die nicht wissenschaftlichen Charakters ist, sondern in Hundert- taufenden von Exemplaren unter der gewöhnlichen Bevölkerung und nicht in den besten Kreisen verbreitet ist, Auslassungen gemacht hat, die man von einem Mitgliede dieser Kommission nicht erwarten sollte. In Nr. 43 der„Woche" vom vorigen Jahre richtete er einen scharfen Angriff gegen das ReichS-Justizamt und den Reichstag und kommt schließlich sogar an der Hand des Falles Leuß zu einer Art Recht- fertigung des Meineides.(Hört I hört I rechts.) Was die Ausführungen des Abg. Stadthagen über das Ansiedlungsgesetz anlangt, so war seine Bezugnahme auf die Ver- Handlungen beim Einführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuche nicht berechtigt. Er hat übersehen, daß die ssäos materiae nicht in dem von ihm citierten Artikel, sondern im Artikel 11 liegt, der es der standesgesetzlichen Regelung vorbehält, Vorschriften zu erlassen, welche im öffentlichen Interesse den Eigenrumswert beschränken. Wenn man die Rechtmäßigkeit des Ansicdelungsgesetzes bestreiten will, so muß man das auf Grund der Reichsverfassung thun. Ich will mich nicht darüber auslassen, sondern überlasse das meinen Freunden im Landtage. Der Abg. Stadthagen war der Ansicht, daß durch eine Erhöhung der Revisionssumme beim Reichsgericht die Arbeiterschaft geschädigt würde. Aber 1896 bei der Beratung der damaligen dementsprechcnden Borlage erklärte Abg. Haase, Arbeiterinteressen ständen dabei über- Haupt nicht in Frage. Viel wichtiger ist, daß jeder Oberrichter ruhig und gründlich sein Urteil überlegen kann. Ob die neue Strafprozeßordnung das Reichsgericht entlasten wird, wissen wir fa nicht, bevor wir sie aber kennen, können wir dem Staatssekretär doch nicht zusichern, daß wir eine künstige Vor- läge über Entlastung des Reichsgerichts freundlich aufnehmen werden. sBravo I im Centrum.) Abg. Bernstein(Soc.): Die Rechtsprechung in Deutschland liegt, soweit sie das Koalitionsrecht der Arbeiterklasse betrifft, sehr im argen. Der§ 153 der Reichs-Gewcrbe-Ordnung stellt sich selbst eigentlich schon als ein Ausnahmegesetz gegen sie Arbeiter dar, wenn nicht im Willen derjenigen, die ihn geschaffen haben, so doch durch seine Anwendung in der Praxis. Verletzungen dieses Paragraphen durch die Unternehmer giebt eS für den Richter nicht, zum Teil aus dem Grunde, weil die aller- wenigsten dieser Fälle zur Kenntnis des Gerichts gelangen. Schon Adam Smith hat gesagt, daß in jeder Zusammenkunft der Unternehmer eine Verschwörung gegen die Arbeiter liegt. Jeden- falls ist die Thatsache unbestritten, daß die Unternehmer in- folge ihrer geringen Zahl sich leicht vereinigen können, ohne damit an die Oeffentlichkeit zu kommen. Eine ganze Reihe von Fällen ist aber auch zur Kenntnis der Gerichte gekommen, ohne daß diese eingeschritten find. So ist im Sommer vorigen Jahres eine Bereinigung der Gipsfabrikanten geschlossen worden mit der Absicht, den Arbeitern das Konlitionsrecht unmöglich zu machen. Die Statuten enthalten genau die Bestimmungen, die nach dem bekannten Landmaimschen Kommentar gegen den bs 153 verstoßen. Trotzdem hat man von einem Ein- schreiten nichts gehört. sHörtl hörtl bei den Socialdemokraten.) Der§ 153 gilt auch bei Ehrverletzungen. Ehrverletzungen kommen aber nicht nur bei Arbeitern vor. Wir stehen gegenwärtig vor dem Kampfe des Aerzteverbandes gegen die Krantenkaflen. Wir als Partei stehen diesem Kampfe neutral gegenüber. Wie aber führen die Aerzte diesen Kampf? Ein Arzt, der beim Geraer Streik bestimmte Kollegen Lumpen nannte, wurde zu 60 M. Geldstrafe verurteilt. Ein Arbeiter, der einen Streikbrecher mit dem gleichen Ausdruck belegte, erhielt 14 Tage Gefängnis. sHört l hört! bei den Socialdemokraten.) In den Worten eines Arbeiters zu einem Kollegen:.Du wirst doch nicht so dumm sein, zu arbeiten, wenn Du Geld brauchst, kriegst Du welches von, Verband", erblickte der Staatsanwalt eine ehr- verletzende Beleidigung und der Arbeiter wurde mit zehn Tagen Gefängnis bestrast. sHört! hört! bei den Social- demokraten.) Ein Crimmitschau« Fabrikant, der die Führer der Streikenden Luvipcn genannt hatte, wurde mit einer genügen Geldstrafe belegt. Ein Vertreter deS Holzarbeiter- Verbandes, Pfeifer, in Breslau wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er einen Maurer nach Aussage desselben Streit- brrchcv genannt hatte, obgleich der Streikbrecher Pfeifer g e o h r- f e i g t hatte und obgleich ein Fabrikbesitzer aussagte, daß Pfeifer ihm als ein äußerst ruhig« B«handlungsführ« bekannt sei. Der Staatsanwalt meinte, das sei nur Klugheit, unter vier A u g e n fei Pfeiferjeden- falls um so gewaltthätiger und beantragte sechs Wochen Gefängnis. Das Gericht ging darüber hinaus und verurteilte ihn wegen deS einen Wortes Sttcibrccher zu drei Monaten Gefängnis. f Lebhaftes Hörtl hörtl bei den Socialdemokraten. Rufe: Klassen- justiz.) Redner geht des weiteren ausführlich auf den Fall des Maurers Machate in Breslau ein.(Als er längere Stellen aus dem Erkenntnis verliest, unterbricht ihn Präsident Graf Balle st rem mit der Bemerkung, er könne es nicht zulassen, daß Redner ganze Prozeßakten verlese. sHeiterkeit.j) Machate ist zu 1'/-, Jahren Gefäugnis verurteilt worden wegen angeblicher Körperverletzung zweier Brüder Kühn. Diese Kühns haben unter Eid ausgesagt, daß sie erst einmal wegen Körperverletzung verurteilt wären; in der That stellte sich später heraus, daß sie bereits sechsmal wegen Körperverletzung ver- urteilt worden. Und auf Grund allein der Aussagen dieser Zeugen ist Machate, der noch aus dem Gefängnis heraus in einem Brief an seine Verwandten seine Unschuld beteuerte, zu l1/, Jahre» Gefängnis verurteilt, es sind ihm sozusagen l'/z Jahre seines sicher nicht langen Lebens g e st o h l e n worden.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Der 8 153 ist auch nach der Meinung bürgerlicher Socialpolitiker unhaltbar. So hat sich der Vorsitzende des Gcwerbegcrichts in Berlin, Dr. v. Schulz, für Aufhebung dieses Paragraphen erklärt. Unter diesen Umständen sollten die Gerichte, welche auf Grund dieses Paragraphen verurteilen, wenigstens nicht die härtesten Strafen wählen, sondern möglichst milde urteilen. Handelt es sich doch hier nur um Vergehen der Arbeiter gegen Streikbrecher, gegen Kollegen, die ihnen im wirtschaftlichen Kanipf in den Llücken fallen. Die Minderwertigkeit dieser Elemente wird selbst von Arbeit- gebern heute manchmal begriffen. Solche Urteile der Gerichte sind nur zu verstehen aus der Zusammensetzung unsrer Gerichte, aus dem Kasten, dem Fcudalgcist, der unter den An- gehörigen des Richterstandes, unter den Elementen, aus denen heute die Richter meist genommen werden, noch so stark vertreten ist. (Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Herr v. Kardorff ver- wies neulich bei der Debatte über das Frcmdenrecht auf England und meinte, dort herrsche eine größere Freiheit, weil England ein Juselrcich ist. In der That genießt in England jeder Fremde das gleiche Recht wir der Inländer; er kann noch so scharf gegen die Regierung auftreten und läuft doch nie Gefahr, ausgewiesen zu werden, weil er sich mausig gemacht habe. So lebt der bekannte Anarchist Fürst K r a p o t kin seit Jahren unbelligt in England. (Präsident Graf Ballcstrcm bittet, auf die Debatte über das Fremdcnrecht nicht ausführlicher einzugehen. Abg. Bernstein(fortfahrend): Ich wollte nur darauf hinweisen, daß eben auch die Richter in England ganz anders geartet sind, weil dort von einem solchen Kastengeist nicht die Rede ist. Solche scharfe Urteile wegen geringer Vergehen wären in England nicht möglich. Bei uns aber herrscht der Reserve- offizier- und der Corpsstudeiitcngcist. Die Richter, die aus diesen Stünden hervorgegangen sind, kennen die Bewegungen in den unteren Volksschichien gar nicht oder sie verstehen sie nicht, weil sie aus ihrem engherzigen Kastengeist heraus urteilen. Gewerbe- gerichte würden nie in als zu derartigen Urteilen kommen.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Wir ver- langen, daß der 8 153 veseittgt wird, daß aber so lange er besteht nicht Urteile auf Grund desselben ergehen, die eine Schande für den Richterstand sind.(Lebhaftes Bravo l bei den Socialdemokraten.) Staatssekretär Nieberbinz. DaS Reichsjustizamt hat selbstverständlich stet? den Standpunkt vertreten, daß die Rechtsprechung gegen Arbeitgeber und Arbeiter vollkommen gleichmäßig gchandhabt werden muß. Daß in einzelnen Urteilssprüchen Irrungen vorkommen, dafür können wir doch nichts, die Socialdemokratte will ja auch nicht die Verantwortung übernehmen für alle Irrungen, die in ihrer Partei vorkommen. Ganz unwissenschaftlich war die Art, wie der Herr Vorredner mechanisch Urteile miteinander verglich, nur mit Rücksicht auf den äußeren formalen Thatbestand. Es kommt auf das innere Wesen des einzelnen Falles an, der nur in der mündlichen Verhandlung zum Ausdruck kommt. Ich will gewiß die Arbeitgeber nicht loben, sie thun auch vieles, was nicht recht ist, aber unschuldige Kinder sind die Arbeiter auch nicht. Wir wissen sehr gut, daß moralische Einschüchterungen gegenüber ihren Kollegen häufig vorkommen. Mit dem Ausdruck Klasienjusttz ist nicht viel anzufangen. Wenn die Söhne aus socialdemokratischen Kreisen studieren und die Prüfung bestehen, dann sind sie ebenso zv Richterstellen zugelassen, wie alle andern. (Widerspruch bei den Socialdemokraten.) Die Behauptung, daß unsre ganze Rechtsprechung eine schreiende Ungerechtigkeit ist, ist also in sich eine schreiende Ungerechtigkeit. Wenn Herr Bernstein deir Wunsch hat. daß an Stelle der Richter, die meist aus den bürger- lichen Parteien genommen werden, weil diese bie Mehrheit der Bevölkerung bilden, hauptsächlich Richter aus den Reihen der Social- demokratie genommen werden sollen, dann danke ich für eine solche einseitige Rechtsprechung.(Bravo I rechts.) Abg. v. Riepenhaufcn(k.): Die Behauptung, daß Richter, die Corps ftude nten waren, ungerechtje Urteile fällen, ist eine u n- geheuerliche Behau ptu n'g, die der Herr Abgeordnete Dottor Bernstein(Heiterkeit) nie wird beweisen können.(Lautes Lachen bei den Socialdemokraten.) Ich will dem Staatssekretär eine Anregung für den Schutz der Arbeitswilligen geben.(Aha! bei den isoeial- demokraten.) Arbeiter, die zu einer schleunigen Arbeit als Aushelfer angenommen waren, wurden gezwungen, den ganzen durch Ucber- stunden verdienten Lohn an die Verbandskasse abzuliefern, (Abgeordneter Bebel: Genau wie die Unternehmer I) Wir wollen doch diesen Einzelfall untersuchen und nicht verallgemeinern, Die Arbeiter muhten ihr sauer verdientes Geld herauszahlen, weil sie sonst in der nächsten Nummer des„Grundstein" bekannt gemacht werden und ihre Arbeit verlieren. Der Unternehmer aber muß dann den Lohn noch einmal zahlen, weil er sonst keine Arbeiter mehr be- kommt. Gegen diesen Terrorismus soll die Re- gierung durch Gesetz einschreiten. Die politische Agitation der Socialdemokratte, der diese Ein- nahmen zum Teil zufließen, verherrlicht z. B. in Pommern die Attentate Hödels und Nobilings.(Lautes Lachen bei den Socialdemokraten.) Ich verstehe die Zwischenrufe des Abg. Bebel nicht!(Erneutes lautes Lachen.) Ich habe keine Veranlassung, mich auf Privatgespräche einzulassen. Jedenfalls sollte die Regierung statt für eine Arbeitslosenversicherung für einen besseren Schutz der Arbeitswilligen sorgen.(Leb- Haftes ironisches Bravo! bei den Socialdemokraten.) Abg. v. Jazdzewski(Pole) wendet sich gegen die zwangsweise Germanisierung der polnischen Namen und verlangt Einschreiten des Reichs-Justizantts gegen die betr. Erlasse des preußischen Ministeriums des Innern auf Grund einer vorjährigen Reichstagsresolution. Auch hier iverde wie beim Ansiedlungsgesetz und Konttaltbruch Reichsrecht durch Landesrecht gebrochen. Staatssekretär Dr. Nicberdlng: Die bisherige Praxis besteht seit 1875, damals waren auch die polnischen Abgeordneten mit ihr einverstanden. Erst seit 10 Jahren wütet die polnische Agitation da- gegen. WaS den Hinweis des Vorredners auf das Verhältnis des im preußischen Landtage eingebrachten Gesetz- entwurfeS zur Reichsgesetzgebung anbetrifft, so kann ich mich nur den Ausführungen des Abg. Spahn anschließen, die dahin gehen, daß diese Bestimmungen mit dem Inhalt des Artikel III des Einsührungs- z esetz es nicht in Widerspruch st ehe n. Dieser bezieht äch nur auf die privatrechtliche Seite der Frage, und dieBe- jtimmungen des dem preußischen Landtage vorliegendenGesetzentwurfes nur auf die öffentlich rechtliche, namentlich auf die bau- polizeiliche Seite des Ansiedelungswesens, die völlig un- abhängig vom bürgerlichen Recht ist. Derarttge bau- polizeiliche Beschränkungen können in den Einzelstaaten ja nach Be- dürfnis eingeführt werden, ohne daß die privatrechtliche Seite der Frage irgendwie berührt wird. Der Vorredner hat bemängelt, daß der wahre Charakter dieser Bestimmung jncht öffentlich rechtlicher Natur sei. Was im eisizelnen Falle im öffentlichen Jnter- esse liegt, hat die Landes-Gesetzgebung zu ent- scheiden. Die Reichsverwaltung würde nach ihrer vcrfassungs- mäßigen Stellung nur dann einzuschreiten haben, wenn die einzelnen Landesregierungen unter der Decke des öffentliche» Interesses rechtliche Bestimmungen einführen würden, die dem Bürgerlichen Gesetzbuch widersprächen. Das ist nach unsrer Ueberzeugung im vor- liegenden Falle nicht so.(Bravo I rechts.) Abg. Trimborn(C.): Herr Bernstein sollte nicht übersehen, daß die Fälle des Terrorismus socialdemokratischer Arbeiter gegen Andersgesinnte sich in schauerlicher Weise mehren.(Sehr richtig I im Centrum.) Auch im Breslauer Fall wurden Arbeiter lediglich deshalb von socialdemokratischen Arbeitern vergewaltigt, weil sie einer nichtsocialdemokratischen Orga» nisation angehörten. Wir«vollen die Koalitionsfreiheit nach allen Richtungen hin schützen, auch gegenüber dem socialdemokrattschen Terrorismus.— Der Redner führt des weiteren Beschwerde über zu geringe Bestrafung der Unternehmer, die sich gegen die Unfallverhütungs-Vorschriften und gegen die Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung vergehen. Wegen mangelhafter Herrichtuttg eines Baugerüstes erhielt ein Arbeitgeber 50 Mark Geldstrafe, ein andrer wegen Beschäftigung eines Lehrlings am Sonntage 3 Mark. So viel verdient der Arbeitgeber doch zum inindesten durch die Beschäftigung des Lehrlings. Ein Berliner Metallwaren-Fabrikant erhielt wegen der Beschäftigung schulpflichtiger Kinder 3 Mark I Was sind 3 Mark für einen Berliner Metallwaren-Fabrikantcn? Nix I(Heiterkeit.) Das Fehlen einer der wichtigsten Schutzmatzregeln eines Schutzgerüstes wurde mit 10 Mark bestraft. Die Gerichte würdigen die volle Bedeutung der Arbeiter» schutz-Gcsetze danach durchaus uichr.(Sehr richtig!) Abg. Bömclburg(Soc.): Der Herr Staatssekretär wird die Behauptung, daß 8 153 der Gewerbe-Ordnung gegen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichmäßig gehandhabt wird, nickt beweisen können. Fast in allen Fällen» lvo es sich um Verfehlungen der Unternehmer gegen diesen Para« araphen handelt, hat die Staatsanwaltschaft die Einleitting des Verfahrens abgelehnt.(Sehr richtig I bei den Social- demokraten.) Herr v. Riepenhausen hat erwähnt, vom Centralverband der Maurer sei Terrorismus dadurch verübt worden, daß von Vereinswegen einigen Arbeitern verboten wurde, Ueberstunden zu machen.' Ich kann ihm sagen, daß in vielen Fällen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern ver» e i n b a r t ist, daß die Arberter sich verpflichten, nicht irgendwelche Nebenarbeiten, die in der Regel nach Feierabend oder Sonntags ver- richtet werden, auszuführen.' Es ist selbstverständlich, daß wenn solche Verträge vereinbart sind, die Verbände der Arbeiter aus ihre Mitglieder einwirken, daß die vertraglichen Be- stimmnngen auch innegehalten werden.(Sehr richtig l bei den Socialdemokraten.) Herrn Trimborn bemerke ich, daß Bernstein nicht etwa den Terrorismus der Arbeiter gut geheißen hat, er hat sich nur dagegen gewandt, daß Arbeiter, die Terrorismus üben, mit so ungemein hohen Strafen belegt werden. Die Socialdemokratte duldet oder will durchaus nicht den Terra- rismus. Gerade die Socialdemokratte und vornehmlich die Gewerk- schaften haben von jeher dahin gewirkt, daß alles, was die Arbeiter thun, sich im Rahmen der Gesetzlichkeit bewegt. Gerade die Handlungsweise Machattes ist vom„Grund st ein*. dem Organ des Deutschen Maurer-VerbandeS auf das attcrcntschicdcnste verurteilt worden.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Sie reden nur immer vom Terrorismus bei den Arbeitern, vergessen aber, daß TerroriSmuS in allen Klassen der Bevölkerung vorkommt.(Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Ich erinnere nur an den Terrorismus in den verschiedensten Religionsgemeinschaften, auch katholischen(Unruhe im Centrnm) oder an den Terrorismus in Offizierskrrisen(Unruhe rechts), in den Kreisen der Unternchm«.(Unruhe bei den Nationalliberalen.— Sehr richtig I bei den Social- demokraten.) ES giebt heute keine Vereinigung aus den Kreisen der Konservattven, der Ulttamontanen, der Liberalen, wo nicht Terrorismus geübt wird.(Große Unruhe.) Herr v. Riepenhausen hat sich darüber beschwert, daß im Kalender der Socialdemokratte die verschiedensten Aktenstücke aufgeführt sind Er hat heute die Regierung scharf machen wollen gegen daS Koalitionsrecht, also ein kleines Attentat auf das Koalitionsrecht verübt. Ich habe mich mit meinen Freunden dahin verständigt, daß in dem Llaleiider für das nächste Jahr unter dem 31. Mai, wo Herr v. Riepenhausen geboren ist, stehen wird:„Karl Wilheln v. Riepenhausen(kons.) unternahm im Reichstag» ein Attentat auf das KoalitionSrecht der Ar'. beiter."(Stürmische Heiterkeit.) Am 16. Dezember v, I. fand in Dortmund eine Gerichts- Verhandlung statt gegen vier Personen, die wegen Beleidigung der Polizei angeklagt waren. Sie wurden zu Geldstrafen von 50 bis 200 M. verurteilt. Dieser Prozeß hat seine Ursache in Vorkomm. nissen, welche am 16. und 25. Juni, also zur Zeit der Wähler sich ereigneten, Vorkommnisse so tief trauriger Natu» und in alledem, was später geschehen ist, so ch a r a k t e- ristisch für unsre Sicherheitsorgane«nd unsr» Anklagebehörden, daß ich näher darauf eingehen muß An den Wahltagen, besonders am Abend, sammelten sich naturgemäß wie überall große Bolksmassen an. Es kam durch taktloses Ver- halten der Polizei zu Reibungen. Darauf erließ der Oberbürger- meist« eine Bekanntmachung, wonach alle, die sich am Stichwahl- tage auf der Straße bewegten, sich ruhig zu verhalten hätten Von unsrer Seite wurde daher energisch mit Berufung au; diese Belanntmachung die Bevölkerung zur Ruhe er. mahnt. Abends versammelten sich auf dem Marktplatz 10—15 000 Menschen. Nach Verkündigung des Wahlresultates ging alles nihig auseinander. Darüb« find sich auch die bürgerlichen Blätter einig. Unterwegs wurde nun, z. B. am Burgthor, durch Transparent entgegen dem thatsächlichen Resultat verkündet. daß mein Gegenkandidat gewählt sei. Daher entstanden dort zwischen Burgthor und Steinplatz größere Menschenansammlungen. Es war gegen 11 Uhr, als plötzlich auf den Steinplatz ein Polizei-Jnspekt-r mit 20 Polizisten erschien. Die Polizei zog sofort blank— wie in der Presse behauptet wird— und ging auf die Menge los. Die Verbindung zwischen Steinplatz und Burgthor, auf der ein Bahnübergang lag, wurde durch Sperrung einer Barriere abgeschnitten, so daß die Passanten nicht wußten, wo sie hin sollten. Ich möchte einige Berichte von Augenzeugen über daS Verhalten der Polizei v«lesen.I Bicepräsident Paasch»: DaS Vorgehen der Polizei hat mit dem Reichs-Justizantt nichts zu thun, ich dachte sie wollten ein Urteil kritisieren. Bei der Schilderung des Vorganges selbst bitte ich Sie, sich kurz zu fassen. Abg. Bömclburg(fortfahrend): Ich habe bereits erwähnt, daß ein Urteil gefällt ist.(Sachen rechts.) Dadurch ist der Z u s a m in e n h a n g gegeben. Redner verliest längere Preßberichte über das Vorgehen der Polizei, Ivonach diese ganz wahllos auf die Menge losgehauen hat, das Publikum in die Straßen verfolgt und von hinten angegriffen hat.(Andauernder Lärm rechts.) Es steht fest, daß die Dortmunder Polizei sich an jenem Abend wie Raufbolde benommen hat. Vicepräsident Paasch«: DaS dürfen Sie von der Polizei nicht sagen. Ich rufe Sie deshalb zur Ordnung I(Bravo I rechts.) Abg. Bömclburg(Soc.): Die Vorgange an jenein Abend sind in der Presse a«fs aller» schärfste krittsiert worden, ebenso in Versammlungen; man hat bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, daß die Polizei widrrrrchtlich gehandelt habe. Die Dortmunder Polizei ab«, die sonst so em- p f i n d l i ch i st. hat'gegen keinen der Redakteure Anklage«hoben. In einer Versammlung sprachen vi« Personen, die an jenem Abend von der Polizei Prügel erhalten hatten. Die Polizei ließ die Aus- sührungen der vier Redner stenographieren und insoweit sie in etwa? privat-� von der Wahrheit abgewichen waren, wurde Anklage wege». Be- lcidigung erhoben. Kein Kritiker in den Zeitungen aber ist angeklagt wordein Der Bürgermeister hat in einer Stadtverordneten-Sitznng gesagt, die Polizeibehörde sei erst dann vorgegangen, alsdieMassc mit Steinen warf. Es lagen also alle Merkmale des Land- friede nSbruches vor. Wenn trotzdem die Polizeibehörde nicht Anklage erhoben hat, so deshalb, weil sie die Feststellungen vor Gc- richt fürchtete. Sie Ivnhte, das; dann nicht die Angeklagten, sondern die� Polizei der Gerichtete sein würde. Nur um»ach auhen hin den Anschein zu erwecken, als sei»nan im Recht, wurde die Anklage wegen formeller Beleidigung erhoben. Der Fall i)eigt, wie es mit unsren Nechtsverhällnisjen steht. Die Polizeibehörde kann sich straflos alles gestatten. Die Polizeibeamten stehen über dem Gesetz. Ich frage den Staatssekretär, ob er i r g e n d e t w a s z>i t h u n g c d e n k t, um dem Rechte hier zum Siege zu verhelfen und die wirklich Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Derartige Bübereien verübt die Dortmunder Polizei seit vielen Jahre» bei jedem Wahlkampfe... Präsident Graf Ballcstrem: Herr Abgeordneter, Wahlangelegenheiten und Poli�eiangelegen- heiten gehören nicht zum Reichsamt der Justiz. sHeiterkeit.) Ich bitte Sic, zur Sache a» sprechen, zum Reichsamt der Justiz resp. zum Gehalt des Staatssekretärs.: Ich war so wie so am Schluß. Jedenfalls ist es notwendig, daß sich die Regierung über die Zustände tn Dortmund einmal informiert. Es muß dafür Sorge getragen werden, daß solche Zustände in Zukunft verschwinden.(Bravo! bei den Socialdemokraten.) Abg. Lattmann(Antisem.) verlangt Ausdehnung der Zuständigkeit der Schöffengerichte. Abg.v. Janta-Polczhnski(Pole) wendet sich gegen das preußische Ansiedeluugsgesetz. Abg. Stückle»(Soc.): Ich möchte den Slaatssekretär auf die Justizverhältnissc in den thnringischcn Kleinstaaten aufmerksanr machen. Diese Kleinstaaten sollten sich einer größeren Justiz-Gemein- schaft anschließen oder selbst eine bilden. Allerdings giebt es ein für ganz Thüringen gemeinsames Ober- Landesgericht, an dem 6 bis 8 Staaten beteiligt sind. Wenn nun eine Stelle besetzt werden soll, dann Mühen sechs oder acht Ministerien gehört werden und sechs oder acht Landesfürsten müssen die Ernennung vollziehen. Darunter leidet der Gang der Justiz und eine Reform ist daher dringend not- wendig. Die jetzigen Zustände leisten der Streberei unter den Richtern� direkt Vorschub. Brausewetter ist tot, aver i» Thüringen habe» wir eine ganze Anzahl Brausewcttcr. Auch fehlt in Thüringen ein Verwaltungsgericht. Die Regierungen erlassen Verordnungen, Sie der Zustimmung des Landtags nicht bedürfen. Wenn man sie an- fechten will, bleibt nur die Beschwerde übrig, d. h. also, man muß sich beim Minister über den Minister beschweren. Daß dabei nichts herauskommt, ist klar. Ein besonders merkwürdiges Verfahren hat das Landgericht Altenburg unter Führung des Landgerichts- direktors Dr. Frommelt am 20. Januar 1903 gegen ein sociatdemo- kratisches Blatt eingeschlagen. Dort war auf Betreiben dieses Landgerichtsdirektors ein Verfahren gegen den verantwort- lichen Redakteur auf Grund des§ 8 des PrctzgesetzeS eingeleitet worden. Der Untersuchungsrichter hatte den"Auftrag, die Fähigkeiten des Redakteurs zu prüfen und(festzustellen, ob er znm Redakteurpostcu geeignet sei. Was versteht so ein Untersuchungs- richter vom Wesen der Presse? Sollte man den Befähigungs- nachtveis für Redakteure einführen, dann müßten alle Amtsblatt- Redakteure zum Teufel gejagt werden.(Sehr gut! bei den Social- demokraten.) In Alteuburg beobachteten Schutzleute durchs Fenster, wer in der Redaktion eigentlich thätig sei. Aehnliche Spitzeldicnste leistete auch der Verleger einer konservativen Zeitung, Namens Schön, den Richtern. Damit bekundete er in der That einen großen moralischen Tiefstand.(Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Dem angeklagten Redakteur wurde einfach nicht geglaubt, daß er die Manuskripte vor der Drucklegung liest. Au Stelle dcS Beweismittels trat die richterliche Ucberzeugung) aus ihr wurden dann die Feststellungen geschöpft. Im Urteil heißt es, daß der angeklagte Redakteur einen wenig intelligenten Eindruck gemacht hätte, daß er Arbeiter sei und d e s h a l b nicht die Fähigkeit besessen hätte zu beurteilen, was aufnahmefähig sei. Ein großer Teil der socialdemokratischcn Redakteure ist aus der Arbeiterklasse hervorgegangen. I ch k e n n e sehr hohe Beamte, die einen recht wenig intelligenten Eindruck machen.(Große Heiterkeit.) Sollte das Reichsgericht das Urteil des Altenbnrger Gerichts bestätigen, dann würbe die Preßfreiheit noch mehr als jetzt beschränkt tu e r d e n. Welche Stellung nimmt der Staatssekretär zum Urteil des Altenburger Gerichts? Der Amtsrichter Vogel vom Amtsgericht in Schmölln hat folgende Urteile gefällt: Ein armer Weber in Mcerane sammelt Kartoffeln auf einen: abgeernteten Feld. Der Sohn des Besitzers schlägt ihn mit der Rodehacke und wirft ihn in einen Graben. Der Mann blutet, ist mehrere Tage bettlägerig. Für diese Roheit wird der Uebel- thäter mit 20 M. Geldstrafe bestraft. Dagegen wird ein Redakteur, tez in einer Korrespondenz den Satz stehen gelassen hat: Eine Firma treibe Schmutzkonkurrenz, dafür mit 150 M. Geldstrafe belegt. Ein Arbeiter, der bei dem Urteil auf 20 M. impulsiv: Ach! rief, erhielt sofort einen Tag Hast. Er wurde also schwerer getroffen als der prügelnde Agrarier. Ein der- artiger Richter gehört nicht in die Strafabteilung eines Amtsgerichts, sondern in eine Anstalt, um auf seinen geistigen Zustand unter- sucht zu werden.(Bravo I bei den Socialdemokraten. Große Un- ruhe rechts.) Abg. Stadthagen(Soc.): Der Herr Staatssekretär hat behauptet, daß die§Z 15a und 15b des neuen Ansicdelungsgesetzcs öffentlich rechtliche Ve- schränkungen aussprechen, die nicht p r i v a t r e ch l l i ch e r Natur seien. Beide Paragraphen sagen aber klar, daß die An- siedelungskommission berechtigt sein soll, Ansiedelungen z n verweigern, wenn die Ansiedelung mit dem Ziel des Gesetzes in Widerspruch steht, d. h. wen» Polen Ansiedelungen errichten wollen. Diese Vorschrift steht in krassem Widerspruch zu Artikel 3 der Verfassung und zu dem � 1 des FreizügigkcitsgesctzcS. Jeder Deutsche hat danach das Recht, Grundeigentum zu erwerben uud sich überall anzusiedeln, ohne daß die Behörde ihn zurückweisen darf. Hier soll für einen Teil der Bevölkerung ein andres Reckst geschaffen werden( das bedeutet einen Eingriff ins Privatrecht, der zulässig wäre, wenn der Artikel 60 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch in der von der Regierung vorgeschlagenen Forin an- genommen Ivorden wäre. Das ist aber nicht geschehen. Eigentlich iväre es ja Sache der Konservativen, des Centrums und der frei- sinnigen Parteien, hier Protest zu erheben, so aber muß ich als der eigentliche Eigentumswüterich auftreten(Heiterkeit), ich, der Socialdemokrat, und die Möglichkeil, Eigentuni zu erwerben, ver- teidigen. Wo ist denn Herr v. Hehl, der das Eigentum für die Grundlage jeder Freiheit hält?(Heiterkeit bei den Socialdemokraten.) Den kleinen polnischen Arbeitern und Bauern soll die Möglichkeit der Ansiedelung genommen werden. Wollen Sie das, so müssen Sie ein neues Reichögesetz schaffe».(Lebhafte Zustimnnnig bei den Socialdemokraten.) Es ist aber unzulässig, dieses Ziel auf dem Wege eines partikularicchtlichci! Einbruchs in das RcichSrecht zu erreichen. Es zeigt sich hier, daß die bürgerlichen Parteien, die im Eigentum das höchste Recht erblicken, dort, wo sie glauben, politische Zwecke damit zu erreichen, daß sie andre im Eigentumsrecht kränken, sofort dazu bereit sind. Ich werde mir einen Knoten ins Schnupftuch machen und daran denke» bei der Expropriation. (stürmische Heiterkeit.— Große Unruhe und Zivischenrufe rechts.) Was das KLntraktbruchgcsetz anlangt, so sagte Herr Spahn, im Landtag handle es sich nur um die Bestrafung des Kontraktbrnchs des Gesindes und das sei L a n d e s s a ch e. In der That handelt es sich um die Bestrafung des Kontrakrbruchs der Arbeitgeber, die zweifellos nicht zum Gesinde gehören, und weiter hat Herr Klose aus- drücklich gesagt, daß er noch eineBestrafung des Kvistraktbruches ländlicher Arbeiter wünsche und auch diese gehören nicht zum Gesinde. Fest steht, daß Herr v. Miguel am 4. Februar 1900 im Abgeordnetenhause ein solches Kontraktbruch-Gesetz für Rcichssache erklärt hat. Ich bitte daher nochmals den Herrn Staatssekretär resp. den Reichskanzler, dafür zu sorgen, das Reichsrccht nicht zum Schaden von Millionen unterdrückter Landarbeiter und Kleinbauern durch die Partikular- Gesetzgebung aus den Angeln gehoben werde.(Bravo! bei den Socialdemokraten.) Abg. Gnmp(91)3.): Ein Gesetz über den Kontraktbruch der Arbeitgeber ist zweifellos L a n d e s s a ch e, solche Gesetze sind auch in andren Staaten bereits gegeben, ohne daß die Herren sich an den Herrn Staatssekretär beschwerdeführend gewandt haben. Einer Verbesserung des GesinderechlS durch die Landes- gesetzgebung bin ich nicht abgeneigt.— Die Ausführungen des Herrn Trimborn über zu geringe Bestrafung der Unternehmer haben mich wenig befriedigt. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um rein formale Verstöße. Man darf also den Richtern nicht vorwerfen, daß sie zu milde urteilen, ehe man die Akten kennt. Ich bitte den Herrn Staatssekretär, diese Akten Herrn Trimborn zum Sommerstudium zu überweisen.(Heiterkeit.) Nach meiner Erfahrung urteilen die Nichter in Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern meist zu Gunsten der Arbeiter. Daraus mache ich ihnen keinen Vorwurf, denn sie müssen bei den Arbeitgebern größeres juristisches Verständnis voraussetzen. Ich bitte Sie und vor allem Herrn Trimborn, solche Angriffe auf die Recht- sprechung zu unterlassen.(Bravo! rechts.) Abg. Trinibor»(C.): Ich habe nicht daran gedacht, den Richtern Parteilichkeit vorzuwerfen. Es handelt sich in den erwähnten Fällen gar nicht um Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, sondern um die Wahrung der Autorität des Gesetzes gegen Angriffe der Unternehmer durch die G e r i ch t e.— Ich habe erwähnt, daß 32 Arbeiterinnen am Sonntag haben arbeiten müssen. Das deutet darauf, daß man entgegen dem Gesetz den ganzen Betrieb weitergeführt h a t. Herr Gamp schien mir doch von einer einseitigen Vorein- genommenheit für die Arbeitgeber befangen.(Sehr richtig I im Centrum.) Abg. Stadthagen(Soc.): Herr Gamp meinte, es Iväre nicht karr, einen bestimmten Fall einer Partei an die Rockschöße zu hängen. Das habe ich nicht ge- than, sondern ich habe ausgeführt, daß wer für solche Kontraktbruch- Gesetze, wie sie in Preußen geplant werden, eintritt, derartige Fälle auch weiterhin ermöglicht. Weiter sollen schon in Anhalt und R e n ß solche Kontraktbruch- Gesetze ohne Wider- s v r n ch d e r L i n k e n erlassen sein. Ich habe ausdrücklich darauf hingewiesen, daß wir 1900 eine Interpellation eingebracht haben, die in Gegenwart des Herrn Gamp verhandelt ist, wodurch wir uns über die Verletzung der Reichsgesetze durch jene einzel- staatlichen Geletze gerade beschwerten, und daß damals alle Parteien mit Ausnahme der Konservativen sich nnsrem Protest angeschlossen haben.(Bravo! bei den Socialdemokraten.) Abg. Buchwald(Soc.): Der Herr Staatssekretär hat auf die Ausführungen meines Freundes Stücklen nicht geantwortet. Wir haben das Recht zu verlangen, daß er auf unsre berechtigten Beschwerden eingeht.(Unruhe rechts.) Das Verhalten der Richter liegt häufig auch an mangelnde in Intellekt. Ich habe als Stadtverordneter in Altenburg Ge- leaenheit gehabt, Zeugnisse von 42 juristisch vorgebildeten Juristen zusehen und habe dabei gesehen, daß sie alle nur gerade„genügend" waren.(Lachen bei den Nationallibcralen.) Das ist abcr� typisch, denn die Zeugnisse stammten aus allen Teilen Deutschlands. So lange die Richter nicht nachweisen, daß sie wirklich etwas gelernt haben, wird der Richtersiaud kein großes Ansehen gewinnen. (Beifall bei den Socialdemokraten.) Damit schließt die Diskussion. Hierauf wird der Titel Staatssekretär und darauf der Rest des Justiz-Etats ohne Debatte bewilligt. Nächste Sitzung: Freitag 1 Uhr(Miliiär-Etat). Schluß ß'/s Uhr._ Gcwerkfcbaftlicbes. Gefährliche Zeugenpflicht. Die Arbeiterbewegung fordert Opfer. Menschenalter an Zucht- haus- und Gefängnisstrafen und Hunderttausende an Geldstrafen sind schon über Arbeiter verhängt worden, die gelegentlich ihrer polilischen oder gewerkschaftlichen Bethätigung mit den Gesetzen in Konflikt gerieten, mit welchen die moderne Gesellschaft sich als Schützwehr gegen die andrängende Arbeiterbewegung umgab. Aber nicht nur für die Angeklagten, die sich gegen den§ 185 des Straf- gesetzbuchs, den§ 153 der Gewerbe-Ordnung usw. vergangen haben, ist das Erscheinen vor Gericht gefährlich, auch die Zeugen, welche zur Entlastung eines solchen Angeklagten beitragen oder auch nur zu seiner B e lastung nichts vorzubringen wissen, betreten heißen Boden, wenn sie die Schwelle des Gerichtssaales überschreiten. Viele, nach unsrcr Ueberzeugung brave und goldehrliche Partei- genossen, haben wegen angeblichen Meineides schimpfliche Zuchthausstrafen auf sich nehmen müssen, weil ihre Aussage sich nach Ansicht der Richter mit der andrer belastender Zeugen nicht in Einklang bringen ließ. Aber nicht nur in der Parteibewegimg thätige Genossen oder anerkannte Gewerkschaftsführer sind dieser Gefahr ausgesetzt, selbst Arbeitswillige können diesem Schicksal verfallen. ' Man scbreibt unS ans Nürnberg: Der Steinhaucr 3i o d e r von Schwabach war wegen Meineids angeklagt, den er in einer Verhandlung wegen eines Streikvergehens geleistet haben soll. Im April 1903 streikten am Rentamtsneubau zu Schwabach die Steiuhauer, weil drei Mann, die sich ge- weigert hatten, an einem Sonnabend über Feierabend zu arbeiten, entlassen worden waren. Am Montag begaben sich die Streikenden auf den Bauplatz, um die noch arbeitenden Kollegen zun» Niederlegen der Arbeit zu bewegen. Unter den Weiter- arbeitenden befand sich auch Rod er, gegen den sich damals die Steiuhauer F e d e r l e i n und Rock dadurch vergangen haben sollen, daß sie durch Anwendung körperlichen Zwanges ihn bestimmen wollten, sich den Streikenden anzuschließen. Sie hätten ihm das Werkzeug ans der Hand gerissen und F e d e r l e i n habe gesagt, wenn er weiter arbeite, sei er kein Kollege und man sollte ihm ins Gesicht spucken. Vom Schöffengericht Schwabach wurden Fedcrlein und Roch von der Anklage eines Ver- gehens wider die Gewerbe- Ordnung freigesprochen, weil Roder selbst angab, daß er von den Beleidigungen nichts gehört habe, auch sei kein körperlicher Zwang ans ihn ausgeübt worden, da er sich schon zwei Tage vorher bereit erklärt habe, an dem Streik teilzunehmen; er wollte nur noch den Bescheid der Organisation abwarten, ob er auch Streikunterstützung bekomme, nachdem er sich erst zwei Tage vorher zum Verband an- gemeldet hatte.. Die erstere Aussage soll falsch sein und Röder soll die beleidigenden Aeußerungen genau gehört haben. In der Schtvurgerichtsverhandlung sagten die meisten Zeugen aus, daß sie nichts von den Aeußerungen gehört haben, nur einige Arbeitswillige wollen sie ganz bestimmt vernommen haben. Der Angeklagte sprach die Vermutung aus. daß diese Zeugen von dem Bauleiter Linsenmaher zu einer falschen Aussage angestiftet seien, denn auch ihn habe Linsen- mayer seiner Zeit veranlassen wollen, mehr auszusagen als er wisse, indem er ihm vor der SchöffengerichtS-Verhandlung gegen Fedeclein und Rock sagte, er solle nur schauen, daß die zwei ordentlich ein- gesperrt würden. Linsenmayer behauptet, er habe damals zu Röder nur geäußert, er solle die Wahrheft sagen. Die Geschioorneii sprachen den Roder des fahrlässigen Meineides schuldig und da? Gericht verurteilte ihn zu sechs Monaten Gefängnis- Wir wollen uns auf keine Kritik dieses Einzelfalles einlassen. Er liegt nur insofern anders als die sonstigen Verurteilungen wegen Meineids gegen Arbeiter, als in ihm sogar ein Arbeitswilliger des Falscheides für schuldig erklärt wurde. Im übrigen ist ein Fall wie der andere: Nie hat einer der Verurteilten positiv einen Vorgang geschildert, der in Wirklichkeit gar nicht vor sich gegangen ist, allemal haben die Bestraften als Zeugen negiert, dies oder jenes gehört oder gesehen zu haben. Und noch in eine m gleichen sich die Fälle auf ein Haar: Fast immer sind es Entlastungszeugen, die dem Schicksal verfielen, für ihre Aussage ins Zuchthaus oder Gefängnis wandern zu müssen. LerU» unck tlmzegenck. Zum Streik der Krahnfnhrer bei der Firma Borsig. Wie bereits gemeldet, sind an, Dienstag bei der Firma Borsig in Tegel die Krahnffihrer, Anschleifer und zugehörigen Kolonnenarbeiter in den Streit eingetreten. Die Ursache hierzu war folgende: Schon seit längerer Zeit schien den Krahnführern und Anschleisern der Stunden- lohn von 33 Pf. für ihre außerordentliche verantwortliche Arbeit zu gering. Sie waren sich schlüssig geworden, eine Lohnerhöhung von 2 Pf, also 40 Pf. pro Stunde zu fordern, und hielten diese Forderung NM so berechtigter, a.s Arbeiter andrer Kategorien, deren Leistungen viel weniger Verantwortlichkeit bedingt, mit 40 Pf. pro Stunde entlohnt werden. Die Kolonnen- resp. Hilft cbeiter vollends bekommen meistens nur einen Lohn von 23 Pf. pro ü runde, sie fordern ebenfalls 2 Pf. Lohnaufbesserung und damit einen festen AnfangS-Stnnden- lohn von 30 Pf., was in Anbetracht der schweren Arbeilsleistung als gerechtfertigt erscheinen muß. Obige Forderungen wurden nun dem Direktor Dohr» unterbreitet, von diesem jedoch rund- weg abgelehnt. Darauf traten von den etwa 100 in Frage kommenden Arbeitern 85 in den Streik. Natürlich versucht die Firma jetzt mit Hilfe der„Herren ans der Gartenstraße" Arbeitswillige heranzuziehen. Es haben sich auch einige solcher„nütz- lichen Elemente" gefunden, die laut Arbeitsschein mit einem Stunden- lohn von 30 Pf. eingestellt werden sollten. In dem Betriebe selbst aber arbeiten Meister und Meistersöhnchen, nebst festangestellten Monteuren, die selbstverständlich mehr wie das Doppelte an Lohn erhalten, was die Krahnführer fordern, im Schweiße ihres An- gesichtS an den Krähnen. Sogar ein früherer Schuster und ein Unfallrentenempfänger mit verkrüppelter Hand spielen gegenwärtig„Krahnführer". Daß es bei einer so ungeübten Bedienung der Krähne schon zu Unfällen gekommen_ ist. darf weiter nicht Wunder nehmen. Gestern aber herrschte an mehreren Krähnen stundenlang ein wirres Durcheinander, weil infolge ungeschickter Führung die Sicherungen an den Schleifen durchgebrannt waren.— In der gestrigen, aus allen Abteilungen des Werkes stark besuchten Versammlung kam bei den Streikenden eine zuversichtliche Stimmunz zum Ausornck. Sie sind der Meinung, daß die Firma mit den jetzigen Arbeitswilligen nicht lange auskommen kann, weil es zu lange dauert, bis sich dieie Leute genügend eingearbeitet haben, um einen Krahn so sicher führen zu können, wie es die arten geübten, jetzt streikenden Arbeiter verstehen. UebrigenS sind die Ausständigen bisher schon zu 90 Prozent organisiert gewesen, meistens im Verbände der Fabrik- und Hilfsarbeiter: zetzt gehören sie sämtlich dem Verbände an. Alle geben sich der Hoffnung hin. daß kein organi- sierter Arbeiter des Betriebes, ga'z gleich welcher Branche er angehört, Arbeiten an den Krähnen verrichten werde. Sowohl S ch e f f l e r als Vertreter des Metallarbciter-Verbandes, als auch I o r d a n vom Hirsch- Dunckerschen Gcwcrkverein unterstützten den Bevoßmächtigten Bruns des Fabrikarbeiter-Verbandes in dem Appell an die Borsigschen Arbeiter, den Streikenden, moralisch zum Erfolge zu verhelfen. Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, worin sie die Forderungen der Streikenden als durchaus berechtigt anerkannte und moralische Förderung ihres Lohnkampscs verspricht. Die Organisation der Straßenbahner(Sektion des Handels- und TranSportarbeiter-Verbandes) hat, wie aus ihrem diesmaligen Jahresbericht hervorgeht, auch im vergangene» Jahre einen kleinen Fortschrin gemach c. An Mitgliedern zählte die Sektion am 1. Januar 1903 1011 und am 31. Dezember 1107, mithin eine Zu- nähme von 9g. Die Neuausnahmen waren zwar bedeutend größer, doch sind wohl infolge der bekannten Maßregelungen von Vertrauens- lenten seitens der Direkrion der„Großen Berliner" über 600 der Neuaufgenommenen mir ihren Beiirägen im Rückstände geblieben, so daß ihre Streichmig er' Rgen mußte. Wahrscheinlich fürchtete der größte Teil von ihnen, ähnlichen Maßregelungen ausgeietzt zu werden. An Ortsnnterstützung wurden 1346,40 M. ausgezahlt, da- von rund 1000 M, als Krankenbeihilfe. Von den er- krankten Mitgliedern waren 25 Schaffner und 68 Fahrer; ein Beweis, daß di� Fahrer bedeutend mehr unter den Witterungs- einflüssen leiden, als die Schaffner; dagegen wiegen bei letzteren Nervenlrankheiien über. Rechtsschutz wurde in 62 Anklagefällen ge- währt: von diesen endeten nur' fünf mit einer Verurteilung. Außerdem nahmen den Lerbandssyndikus noch 42 Nichnnitgliedcr in Anspruch, von denen ebenfalls 32 freigesprochen wurden. An Ein- nahmen erzielte die Organisation 16 155,51 M., denen eine Ausgabe von 15 027,03 M. gegenübersteht, darunter 8218,55 M. an die Haupt- lasse. Bezeichnenderweise heißt eS am Schluß des Berichts:«Die Namen der Revisoren konnten hier billigerwcise nicht veröffentlicht werden, da auf Grund der Erfahrung die Arbcitgeberin wohl sofort eine„wohlwollende" und„gerechte" Untersuchung gegen die Kollegen eingeleitet hätte. Das Resultat wären dann drei arbeits- lose Kollegen." Die Arbcitrrausschußfrage in der Allgemeinen Elcktricitäts- Gesellschaft beschäftigte am Sonntag und Mittwoch zwei stark be- suchte Versammlungen der in den Stadtwerken Brunnen- und Ackerstraße der„Allgemeinen Elektricitäts- Gesellschaft" thätigen Ar- beiter und Arbeiterinnen.(Bekanntlich hatten die Arbeiter des„Kabel- Werks Oberspree" bereits in voriger Woche Stellung zu der An- gelegenheit genommen.) Alle Versammlungen erklärten sich ein- stimmig für die Einführung eines Arbeiterausschusses auf der von den Vertrauensleuten ausgearbeiteten Grundlage. Infolgedessen werden sich die Vertrauensleute nunmehr wegen der Realisierung der diesbezüglichen Arbeiterwünsche an die Direktion deZ Werkes wenden. Zur Tarifsrage der Drahtardeitcr. Am Mittwoch nahm eine stark besuchte Drahtarbeiter-Lersammlung den Bericht der Schlichtimgskoinmissions-Mitglieder über die Verhandlungen mit den Arbeitgebern wegen des neu zu schaffenden Tarisvertragcs entgegen. Mehrere der im Vertragsentwürfe vorläufig stipulierten Bestiinmungen forderten jedoch einen derartig starken Widerspruch der Anwesenden heraus, daß die Kommission Auftrag erhielt, entschieden auf eine Abänderung derselben zu dringen. Die endgültige Beschlußfassung über Annahme oder Ablehnung des Tarifentwurfs wurde sodann bis nach der nächsten KoimnissionSsitzung vertagt. Achtung, Bauklcmpner! Die Versammlung der Klempnermeister vom Sonntag, den 28. Februar, hat die Entscheidung der Schlichwngs- kommission abgelehnt. Es ist deshalb durch den Vorsitzenden der S-blichtungSkommission das Einigimgsamt angerufen. Wir ersuchen deshalb unsre Kollegen, falls sie nichl nach den neuen Bestimmungen bezahlt werden, sich die Zeit, die ihnen nicht vergütet ist, genau zu merken, weiteres aber bis zur Entscheidung des EinigungsamtS nicht zu nnternchmen. Deutscher Metallarbeiter-Verband. OrtSvcrwaltmig Berlin. Zum K-nflikt bei Haasenstein u. Vogler. Zu unsrein gestrigen Bericht über die Beendigung des Tarifkonflikts bei der Firma Haasenstein u. Vogler haben wir noch hinzuzufügen, daß Herr Direktor Richter von dem Tarifkonflikt erst nach Ausbruch des- selben Kenntnis erhalten und daß bei ihm nicht die Absicht bestanden hat, einen Tarifbruch zu begehen, wie er auch derjenige Ivar. der den Konflikt imly eingehender Untersuchung sofort beseitigte. Für den Vorstand: Alb ert Mas.fini. VorsttzvÄ«. Oeutrches Reich. Eine Orgamsation-Zgriindung auf Staatskosten. Bor einiger Zeit meldeten wir die Gründung eines Verbandes der preustisch-hcisischen Eisenbahnvereine in Kassel. Mutet es schon sonderbar an, daß im Reiche des Herrn Budde Organisations- bestrebungen nicht nur geduldet, sondern sogar sehr gern gesehen werden, so dürfte es vielleicht doch noch nicht dagewesen sein, das; eine solche Organisation auf Staatskosten vor sich ging, wie dies bei dem Verband der Eisenbahnvereine der Fall ivar. Nach dem„Weckruf" der Eisenbahner wurden für die Teilnehmer des Verbandstages freie Fahrt, für die Beamten die gesetzlichen Tage- gelder, für die Arbeiter aber der volle Lohn, eine Vergütigung von 6 Mark pro Tag und für die Nacht noch ein UebcrnachtungSgeld von 3 Mark seitens der Direktion bewilligt. Eine diesbezügliche Bekannt- machung ist in allen Direktions-Amtsblättern erschienen und es steht daher außer allem Zweifel, dasz der Minister hierüber besonders verfügt hat. Heber die Vorgeschichte und den Zweck dieser Verbandsgründung, die sich der größten Aufnrerksamkeit und der besonderen Förderung der Eisenbahn-Direktionen— und nicht zum mindesten des Ministers Budde— erfreut, wird uns aus Eisenbahnerkreisen folgendes ge- schrieben: Vor circa zwei Jahren wurden in den einzelnen Direktions- bezirken die sogenannten Eisenbahnvereine ins Leben gerufen, welche neben der Pflege vaterländischer Gesinnung ein Bindeglied zwischen den Beamten und Arbeitern herstellen und nebenbei aber auch eine Reihe wirtschaftlicher Erleichterungen und Vergünstigungen bewirken sollten. Die Vereine, welche von bösen Zungen auch als «Kartoffel- Vereine" bezeichnet wurden, weil man durch sie sehr billige Kartoffeln bezichen konnte, wollten anfangs nicht recht florieren. Auf einmal änderte sich das Bild: Den Dienst- Vorstehern war zur Pflicht gemacht worden, für die Ausbreitung Sorge zu tragen; ein Wink von Oben hatte genügt. Allerdings war der Beitritt ein freiwilliger, so wurde immer be- tont; aber jeder einzelne wurde so intensiv bearbeitet, daß es sehr schwer wurde, sich der Mitgliedschaft zu entziehen, ohne befürchten zu müssen, Nachteile bei der Beförderung oder sonst irgendwelcher Art zu erleiden. So kann es denn nicht Wunder nehmen, daß der Verein eine Ausdehnung gewann, die ihresgleichen sucht. Ohne den Druck von Oben hätte aber sicher nur ein ganz kleiner Prozentsatz die Mitgliedschaft erworben. Diese einzelnen Vereine haben sich nun zu einem Verbände zusammengeschlossen, um unter dem Protektorat des Eisenbahnministers— der ja auch ein BcgrüßungStelcgramm geschickt hatte— dem gesteckten Ziel gemeinsam zuzustreben, natür- lich unter gütigst entgegen genommener Mitwirkung der„Herren Kollegen aus dem Arbeiterstande", wie einer der Herren sich aus- zudrücken beliebte. Die Ziele, welche sich der Verband gesteckt hat, sind, soweit sie wirtschaftliche Fragen behandeln, nur nebensächliche, der Hauptwert wird auf das gute Einvernehmen zwischen den höchsten Beamten und den niedrigsten Arbeitern gelegt, die ja bekanntlich alle an einem Slrange ziehen. Politische und konfessionelle Bestrebungen sind„ausgeschlossen"— so wenigstens lauten die Statuten. Was man unter Ansschluß politischer Be- strebungen versteht, ist durch die ministeriellen Reden zur Genüge dargethan. Es ist das Gleiche, wie bei allen patriotischen Vereinen, die— obwohl Politik ausgeschlossen ist— sich vor allem dazu berufen fühlen, als Bollwerk gegen die socialdemokratische Be- wegung zu dienen. Nach den leitenden Stellen zu urteilen, scheint dieser Verband ganz besonders sich diese Politik, wie sie vom Minister Budde verzapft wird, zu eigen zu machen. Für alle, die die„Ehre" haben, bei der Eisenbahnverwaltung angestellt zu sein, deren Existenz nicht zum wenigsten von dem Wohl- wollen dieser Herren Vorgesetzten abhängig ist, bedeutet dieser Ver- band eine Nötigung zum Patriotismus und tvohl oder übel muß sich ein großer Teil von ihnen als Staffage für den Verband ge- brauchen lassen. Eine Weigerung würde bei der Art der Agitation ein ungünstiges Licht auf die Betreffenden werfen, und so wird durch den Verband die Heuchelei gepflegt werden. Mit welchem Recht, frägt dann unser Gewährsmann, bürdet man der Allgemeinheit die Kosten für diese Vereinsmeierei ans? Auch daß die Arbeiten der Verbandsbcamtcn in den Dienststunden erledigt werden solle», dürfte in einer Staatsverwaltung einzig da- stehen, und eS sind hier Perspektiven eröffnet, die sich vorerst noch gar nicht übersehen lassen. Gegen diese Verwaltungsmaxime muß auf das nachdrücklilhste protestiert werden! Wenn die höheren Beamten eine Vereinigung mit„den Herren Kollegen aus dem Arbeiter- stände" erstreben, um„mit denselben am gleichenStrange zu ziehen," so dürfen sie nicht zu ungesetzlichen Mitteln greifen. Mögen die Herren die Kosten für ihre Privatvergniignngen selbst zahlen. Der Zweck dieses Verbandes ist vorwiegend, die Harmonieduselei zu fördern, die kleinen Beamten und Arbeiter über ihre wirkliche Klassenlage hinwegzutänschen, das sociale Elend, das bei den Eisenbahnarbcitcrn infolge der niedrigen Löhne grassiert, zu ver- schleicrn. Daß der amtliche Apparat für solche Zwecke in Anspruch genommen wird, muß die entschiedenste Zurückweisung erfahren. IZuslanck. Die Streiks in Oestrcich im Jahre 1903. Das arbeitsstatistische Amt veröffentlicht soeben eine vorläufige Uebersicht über die Streiks im Jahre 1S03. Nach den Erhebungen des Amtes wurden im vergangenen Jahre 287 Streiks gezählt, an denen 43 297 Streikende beteiligt waren. Das Verhältnis der Streikenden zu den Beschäftigten war 63,9 zu 100; es ist das ein erfreulich hoher Prozentsatz. Was den Erfolg anlangt, so chatten von je 166 Streiks 32,8, von je 166 Streikenden aber nur 16,5 einen Mißerfolg. Die Zahl der Mißerfolge hat sehr stark abgenommen, denn nicht einmal ein Drittel der Streiks endete mit einem voll- ständigen Mißerfolg für die Arbeiter. Unter den einzelnen Branchen stellten wie alljährlich die größte Zahl der Streikenden der Berg- bau und das Baugewerbe, dann die Textilindustrie und schließlich in diesem Jahre auch die Bekleidungsindustrie; die letztere infolge des großen Wiener Streiks. Diese vier Branchen umfaßten zusammen 78,4 Proz. sämtlicher Streikenden. Die Aussperrung in der Diamantindnstrie. Wie ans den bisher eingegangenen Mitteilungen zu ersehen war, entwickelt sich der allgemeine Stand des Kampfes in Antwerpen viel rascher zu Gunsten der Arbeiter als das in Amsterdam der Fall ist. Jetzt �ind bereits 1136 Mühlen von Antwerpener Diamantschleifern besetzt und mit den Diamantarbcitern der andren Branchen im ganzen 1566 der Streikenden und Ausgesperrten wieder thätig, das ist ungefähr die Hälfte der Gesamtzahl der Diamantarbeiter Ant- werpens. Außerdem haben dort aber in den Fabriken noch 366 Amsterdamer Diamantschleifer Platz gefunden und wettere 36 Arbeiter haben am Mittwoch Amsterdam verlassen, um vorläufig nach Antwerpen überzusiedeln. Täglich� melden sich im Verbands- gebäude des Niederländischen Verbandes noch immer mehr Arbeiter, die wohl in Amsterdam Arbeit haben, aber keine Mühlen finden können. Da in den nächsten Tagen in Antwerpen wiederum eine bedeutende Zahl von Mühlen zur Ver- fügung gestellt loird, ist eine neue Ueberneoelung großen UmfangeS zu erwarten. Wenn auf diese Weise die seit einigen Jahren vor sich gehende Verpflanzung der Diamantindustrie nach Belgien befördert wird, so trifft nicht die gezwungen ihr Vaterland verlassenden Arbeiter, sondern die Arbeitgeber die Schuld. Rkan hat. wie„Het Volk" erwähnt, die Mitglieder der Amstcr- damer Fuwcliervcreinigung in den Wahn gebracht, ihr- Kollegen in Antwerpen wären einmütig entschlossen, den Kampf gegen die Arbeiter konsequent durchzufübcen. Das ist jedoch durchaus nicht der Fall. Dort stehen sich die Parteien im allgemeinen nicht mehr so scharf gegenüber als in Amsterdam. Ein Teil der Antwerpener Arbeitgeber hat gegen den Neunstundentag nicht viel einzuwenden, weil sie darin keine Gefahr für ihren Profit er- blicken. Daran würde eine Einigung nicht scheitern. Was man in Antwerpen will, das sind die Lehrlinge. Bleiben die Amsterdamer Juweliere dabei, den Wünschen ihrer Scharftnacher zu folgen, so werden sie tvohl erleben, daß ein immer größerer Teil ihrer Arbeit nach Antwerpen übergeht. Der Vorstand des Niederländischen Diamantarbeiter- Verbandes hat von der Direktion der Fabrik„Sofia" die Mitteilung er- halten, daß dort vom Freitag ab wieder gearbeitet werden soll. Der Vorstand erklärt, damit sei der Neunstundentag sowohl in Antwerpen als auch in Amsterdam Thatsache geworden. Lohnbewegung im Baugewerbe Stockholms. Die Bautischler, Zimmerer, Steinträger und Maurerarbeitsmänner haben ihren bis- her geltenden Tarifvertrag auf den 1. April gekündigt und Vorschläge zu einem neuen Vertrag gemacht. Die Baumeister wollen jedoch die Kündigung nicht anerkennen und weigern sich zu verhandeln, weil ihrer Meinung nach die Kündigung nur dann als zu Recht er« folgt angesehen werden könnte, wenn auch die Maurer, die im Jahre 1962 gemeinsam mit den genannten Gruppen den Tarifvertrag mit den Baumeistern abgeschlossen haben, ihn auch jetzt mit gekündigt hätten. Die Unternehmer wünschen nun, daß ein Schiedsgericht entscheide, ob die Kündigung rechtmäßig erfolgt ist. Eine gemein- same Versammlung der Organisationen der gennnntcn vier Gruppen, die am Dienstag'stattfand, war dagegen der Meinung, daß die Frage nicht vor ein Schiedsgericht gehört, und beschloß, die Bau- meifter- Vereinigung von neuen: zur Verhandlung über die ein« gereichten Vorschläge aufzufordern. An die Gast- und Schankwirte Deutschlands! Kollegen I Der Verein der socialdemokratischen Gast und Schaut« Wirte Berlins und Umgegend hat, in Erwägung, daß die Lage des Gast- und SchankwirtschaftSgcwerbes— veranlaßt durch den all- gemeinen wirtschaftlichen Niedergang, steigende Konkurrenz, Steigerung der Mieten und Abgaben, immer mcbr und mehr zu- nehmende Bedrückung durch behördliche Maßnahmen— eine fortgesetzte Verschlechterung erfährt,— die Frage diskutiert, ob es nicht an der Zeit sei, einen Zusammenschluß aller sich �ur social- demokrattschen Partei Deutschlands bekennenden Kollegen durch- zuführen. Oben genannter Verein hat zu diesem Zweck eine Kommission gewählt, welche einen Statuten- Entwurf aus- arbeiten und mit den Kollegen in Teutschland in Verbindung treten soll. Diese Arbeit ist zum Abschluß gebracht. Wir richten nunmehr an alle Kollegen Teutschlands die Aufforderung, uns zu unterstützen, und bitten die Kollegen in allen Orten, welche mit unsrem Vorhaben im Princip einverstanden sind, uns ihre Adresse anzugeben. Es werden ihnen uingehcnd Statutenentwürfe zur Ver« breitnng zugehen. Kollegen Deutschlands! Der Raum dieser Zeitung läßt eS nicht zu, unter Vorhaben zu begründen, agitiert daher, daß wir wenigffcns aus allen Orten eine Adresse zur Verfügung haben. Wir werden dann durch Flugschriften die Gründe eingehend auseinander- setzen. Mit kollegialem Gruß I. A.: Paul Litfin, Warschauerstr. 61. Die socialdemokratische Presse sowie die Gewerkschaftsblätter werden um gütigen Abdruck ersucht. Eingegangene Di'ücKfdmften. Marx-Studien. Herausgegeben von Dr. Mar Adler und Dr. Rudolf Hilferding. Band I. Wien 1364. Wiener Bolksduchhandlimg Jgnaz Brand, Gumpendorferswaße 18. Celerius. Prozeßbeschleunigung ohne Gesetzcsändcrung. Preis 1 Mi Hannover 1964. Helwingsche Buchhoudlüng. Rlerandcr Perrovic. Die serbische Jahrhundertseier und die Blut- nacht vom 11. Juni 1368. 47 Seiten. Hermann Walther, Verlngs-Buch- Handlung, G. in. b. H., Berlin, Komviandantenstrab- 14. für die nächste Uummer müssen bis 5 Inserate bitten wir vorher anzumelden ftiir den Inhalt der Inserate udernimmt die Ncdaktio» dem Publikum gegenüber kciucrlci Acraniwortung. UKeater. Freitag, 4. März. ..... 1 VI, Uhr: epernhaus. Die weiße Dame. Schauipielhans. Götz von Ber- lichingen mit der eisernen Hand. (Ansang 7 Uhr.) Deuiichcs. Rose Bernd. Berliner. Walerkant. Lesfing. Zapfenstreich. SSeste». Die schöne Helena. Ute» es. Candida. Nesidenz. Der keusche Casimir. Vor- her: Die Empsehlung. Tentral. Das Schwalbennest. Belle> Alliance. Gölterweiber. Thalia. Der Hochtourist. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner- Theater.) König Lear. Schiller»s.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Die Kinder der Excellenz. Kleines. Mutter Landstraße. Luisen. Die Jüdin. Trianon. Madame X. Varl Weif?. Zwei Frauen. Deutsch-Amerikanisches. Ueber'n großen Teich. Gebr. Herrnfcld. Nur eine Nacht. vasino. Cirkussee. LLinter-Garteu. Ivette Guilbert. Specialiläten. Apollo. FrühlingSIust. Blüten- Hochzeil. Specialiläten. Metropol. Durchlaucht Radieschen. RcichShallen. Stettiner Sänger. Passage- Theater. Fred Edlawi. Specialiläten. Ans. 5 Uhr. Urania. Taubeustrahe 4K/4S. Um 8 Uhr: Der Erdball als Träger des Lebens. Hörsaal: Dr. G.Naß: Die Porzellan« fabrtkation. Jnvalidenstrafie 57/62. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr.______ Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Ovcrn-Gastspiel d. Theaters d. Westens mit N i c. N o t h m ü h l: vis Sonnabend: Minna von Barnhclm. Sonntagnachmittag: Maria Stuart. Abends: Philippine Weiser. Montag: Die goldene Eva. 1 11er-Thea* er. Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Größere und bis 4 Uhr nachmittags cinzusenden. � g. Schiller-Theater O. (Kallner-Theater). Freitagabend 8 Uhr: KUnlff L-ear. Traueripiel in 5 Auszügen von William Shakespeare. Sonnabendabend 8 Uhr: »le Wildente. Sonntagabend 8 Uhr: Urlel Acouta. Schiller-Theater (Fricdrich-WilhelmttädlijcheS Theater). Freitagabend 8 U b r: Die Kinder de» Exeellenz. Lustspiel in 4 Aufzügen von E v. Wolzogen u. W. Schumann. Sonnabendabend 8 Uhr: Zuir� erstenmal: Lumpacivagabundus. Sonntagabend 8 Uhr: Die Stützen der Ocselischait. Thalia-Tbealer. DreSdenerstr. 72/73. Amt IV 4440. Ans. 7fl, Uhr. Direktion lsaa Kren Zum 185. Male: Der Hochtourist. Luido Tiiielsciisr in der Titelrolle. Morgen u. folg. Tage: ver lioobtourial. Sonntagnachmittag: Charleys Tante. Bells-Älliaiiee-Thealer. Bclle-Allianccstr. 7/3. Amt VI 283. und liitreil Sctiönteld. Ans. 7'/, Uhr. Heute und solgende Tage: Götterweiber. Au- statt.-Posse mit Gesang und Tanz. Sonntagnachm. 3 Uhr, kleine Preise: Der llütteaheait�er. Cirktts Sehumann. Heute Fweitag, den 4. März, abends 7'/« Uhr: Vom Reuen das Neueste!(Original) Wiederum das Neueste! Tourbiilon Saltomortale in der Luft ausgeführt von Mr. Boller. Freres Skremka inÄcSlr und die übrigen neuen Knnitkapacitate». " Herr Julia» Seeth mit seinen 25 I«4»wen 25. Wt Habel. Eine Wanderung durch acht Jahrtausende. Urania, Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Der Erdball als Träger des Lebens. Hörsaal 8 Uhr: Dr. G. N a s s: Die Porzellanfabrikation. Sternwarte Ä CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Afdkai» Serliti!! — grosse Truppenschau— aW, Die schiinen Uarcmsdamcn an, Tunis.-MO Central-Theater. Täglich VI, Uhr: Das Schlvalbennest. Operelte in 3 Akten o. M. Ordonneau. Musik von Henry Herblay. Sonnabcndnachmiltag 4 Uhr, halbe Preise. Jeder Erwachsene ein Kind mit Extraplatz frei. Der gestiefelte Kater. Neues Theater. Schissbauerdamm 4a— 5. Candida. Anfang VI, Uhr. Morgen: Minna von Barnhelm. Kleines Theater. Unter den Linden 44. Mutter Landstrasse. Morgen Ansang 8 Uhr. : Slncbtasyl. WdkilMlMtkr Direktion S. La-ltenburg. tzlbendZ?>/, Uhr: VieCmpfekwng. Abends 8 Uhr: ll Meb-iiiii Heute: Zum 191. Male: inkaBiiehes Theater. Köpnickerstrasse 67. Anfang 8 Uhr. Ende 10 Uhr 30 Min. GASTSPIEL Ad. Philipp. Uedem grossen TEICH. Apollo-Theater. s uhr Trühlingsluft Blütenhochzeit. 91/,— 11 Uhr; Das grosse Härz-SpedaMten-Prosrainiii. Les Brunin. X X Mab Oersy. Tom Hearn. X X Heinrich Blank. Boston-Ball- und Transatlantic- Tanz-Ensemble. ?Nordiiii?? x Robert Steidl. Mcssters Kosmograph; Japan. Marine. Sonntag, den 6. März er., nachmittags!t Uhr: Ermässigte Preise. li.yfeilMtrata u. Spcclalltttten mit? Xordini? f Hetropol-Theater Letzte Woche! IMIaiii RaisM Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz. Anfang 8 Uhr. Ttanchen überall gestattet. f. . iiwmwuu luumui. Direktion; Robert Dill. Ornnncnstrastie 10. Unwiderruflich letzte Aufführung: Lenore oder: Die Grabesbraut. Anfang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Sonnabend: Keine Vorstellung. i IX. Berliner Saison. Cirkus Busch. Komischer Oaln-Abond Die anerkannt besten Clowns der Welt Mit ihren Witzen u. Späßcn. kieBöll-Ssrell'lirMe des Hr. HokvR'to. Die Zebra-Dressuren des Herrn 8chninann. Zum 72. Male: Aus den Alpen. Bemerkenswert: Der HutomobUsturz. Fröbels Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 143. Sonnabend, den S. März er.: Deneflz für die Hanskellncr. Extra-Vorstellung. Orgonschen Sänger. Friihllnss- Frcltanz. Ansang S'l, Uhr. Eintritt 50 Pf. Trianon-Theater. Georgenstraßc, zwischen Friedrich- und Universitätsstraße. Madame K. Anfang 8 Uhr. Nachmittags 3 Uhr:„Biscolte". Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. VI,. Das glänzende neue Märzprogramm. Oastspiel Mstr. Hopkin: Die größte Dressurnummer der Welt. 3�2 Ohr: Sonntagnachm. 4 Ubr: Wie einst im Mai. Die Girkusfee. Carl Weiss-Theater. Grofte Frankfurter Strafte ISS. WendS 8 Uhr: Zwei frauen. Schauspiel in 5 Akten v. E. Borchart. Morgen: Zwei Frauen. Sonnabendnachm. 3 Uhr: Kinder» Vorstellung: Bornrüseben. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Oer Bettelstudent von Berlin. �anssonel. Kottbuser Thor—©tat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag Hoirmnnns Norddeutsche Sänger und Tanzkränzchen. Dienstag, den 8. März; Die Tochter des StrElss. Berliner Prater Kastanien-Allee 7—9. Freitag, den 4. März 1904: Bernharil Rose-Theater-Enseffllile. Drei Paar Schuhe. Lebensbild mit Gesang in 3 Akten von Karl G ö r l i tz� Anfang 8 Uhr."TQ Montag, den 7. März cv.: Der Glockenguss zu Breslau. Linien- Oranien- 1 Strasse 132 burger Thor. | Täglich 8 Uhr. SomiingS 7 Uhr. Fritz Steidl-Sänger. Neu! Der brillante Bariton 4Zustav Held. Königstadt-Kasino Holzmarktstr. 72, Ecke Alcxandcrstraße. Täglich: Nobanski. Die �Idris-SpcclalltUtcn. Zum Schluß das Lebensbild Nach Südwest-Afrika. Nach der Vorstellung: MiitwochS, Sonnabends u. SonmagS: Tanz. Donnerstag, den 10. März: Benefiz für ¥. Sobanskt. Dr.Schünemann Specialarzt für Haut-, Harn- und Frauenleiden, iSevdelstc. O. ll,ia—ll,S,'/ jö— 1/,8, Sonnt. 9- H ■V Die weltbekannte"wo vettfedern-Fabrik [«ustadLuftig.ver«nS..Pnnz-n. I ftratze 48,»(rftnötl gtjfn Nachnadm. ietj»Blii*r Sennin b. Psd. SR. 2.86. _•— 8on tiefen Sennen gennpen 3'"41>(unS inm neehen Ldeetett Beroacknng frei. Peel»!, n. Preten gtotil. Siele tnertcnnungllto. Achmng! HCetallarbeHer. Am Sonnabend ist in den Betrieben, die zur Vereinigung der Metalllvarensabrikanten gehören, ein Auszug aus den Sonderbestimmungeu dieser Vereinigung verteilt worden.(Dieser Auszug enthält einen Teil der Bestimmungen für den Fall eines Streiks.) Die Kollegen sind von den Fabrikanten aufgefordert worden, sich in die Listen einzeichnen zu lassen und so erkennen zu geben, daß sie nicht organisiert sind. Die so zusammen- gesuchten Metallarbeiter sollen gegebenenfalls als Sturmkolonne gegen unsre Organisation benutzt werden und dafür dann einen Judaslohn von 2,50 Mark pro Tag Entschädigung erhalten. WM' Damit steht also fest: Wer sich in die Sistsn eintragen lässt, erklärt damit, dass er gemillf ist, falls die Kühnemänner dies verlangen, Verrat an seinen Kollegen zu üben! 112/12 Die Kühnemänner glauben, für 2,50 Mark sind die Berliner Metallarbeiter zu kaufen. Kolleze«! Grbt de« Kerre« die eiiziz richtize Antivsrt: Niemand ftiU'f unterschreiben. Nähere Anweisung über unser Verhalten werden die Kollegen in den nächsten Tagen bekommen. Deutscher KCetaltarbeiter-Verbaud. seriw. Passage-Theater. Anfang Sonnt. 3, Wochentags S Uhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Der grösste LacMIg Berlins seit Jahren I Die Redeschlacht der feindlich. Improvisatoren Holländer«.Steinitz. Erna Koschel die ausgezeichnete VortragskUnstlerin 14 neue erstklassige Nummern. Helelts hallen Stette Sänger Zum«chiutz neu: Die Berliner bei den Hereros. (vebritvlcr Herrnfeld- s'S3 Theater. Heute und folgende Tage: Das Serriifcldfche SenfatlonSstücl Mr eine Kseki! Zwei Akte aus einer Ehe. Vorher: Vollständig neuer Künstlerteli: Schröder u. Denter, Tanz-Karifaturen. Erna Ernani, Vortragsfoubrette. Martin Vallöe, Humorist. Die süssen MSdelmDamen-Ges�uart. Bcndix als jlonna Tanna. EdS Stadler, Nipen-Jodler-Phänomen. Dillct-Borocrlauf 11—2 Uhr, Palast-Theater Bnrgsirafte 22, früher Feen-Palast. Heute abend 8 Uhr: ©vofte Elite- Vorstellung: Die Waise von Lowood. Schauspiel in 4 Alten Bon Charlotte Birch-Pseisser. NM" Hervorragende Gäste. Halbe Äassenpreise. Morgen abend 8 Uhr: Tante Molly. 10 Uhr: Mampes Flitterwochen Außerdem das großartige März- Programm.— Austreten erstklassiger Speeialitäten. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Wilhelm Teil. Abends 8 Uhr- Das März- Programm. Am 12. März er.: Geschlossen. Yvette Guilbert Paulton u. Doley KomisoheRadfahrer Karnevals-GelsterTanz-Divertisaem. Imro Fo* Zauborkünstler. Leo Blllward Komisoher Jongleur. Madeleine Noc6 Sängerin. Prosper-Truppe Akrobaten. Gostantiflo Bernardi Verwandlunggschauspielor. Lony Elnstison-eqnilibr. Akt. The Seidoms Haet. Darstellungen. Biograph Prima Schnitzel| ä Pfund I Mark. I RDokcnfeit-> Pfund 50 Plg j Carl Schubert, Prinzenstr. 25 1 Mein reizendes Tilleiigrundstdck, Baustolle, Berliner— Vorortverkehr— waldige, ozonreiche Gegend, Angelgelegenheit, fischreiches Wasser, verkaufe um- Htilndelialbcr billls mit 1000 Mark Anzahlung. Offorten unter 6. 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Vereinsangelegenheiten. 108/7 nmr BIllets zum Oster-Bergnagen, im großen Saal des Herrn Kliem, sind in der Versammlung bei allen Vorstandsmitgliedern zu haben. Gäste sauch Frauen) finden Zutritt._ Per Vorstand. Central-Verband der Maurer etc. Zweigverein Berlin.— Sektion Putzer. Sonntag, den 6. März, vorm. 10 Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstr. SO: Mit giieder- VersammEuii|g, Tages-Ordnung: 1. Bericht der Gewerbe- und JmmngS-SchiedsgerichtS-Besitzcr. 2. Verbands- 133'8__ Die örtliche Brrwaltung. I.A.: st. Neumann. angelegenheiten. r Sektion der CUps- nnd Ccmentlhrancho. - Cirrnppe: Rnbitzspanner.— Sonntag, den 6. Itflirz, vormittags 10 Uhr, Am Sonntag, den 6. Mftr®, vormittags 10 Uhr, findet bei .Tannasehk, Jnselstraße 10, unsre regelmäßige Mitglieber-Berfannsilung statt. TageS-Ordnung: 137/1 I. Vortrag dcS Genossen Vaege. 2. Diskussion. 3. Gewerkschaftliches. Erscheinen aller Kollegen dringend notwendig, ver Vorstand. «*!£• Satiansehläger!**1! Der Verein der Bauanschld�cr Berlins nnd Um- fegend hält am Sonntag, den 6. d. M., vormittags 10'/, Uhr, bei ranke. Sebastianstraste 30, seine 2296B II o ü a t s- V e r$ a in m 1 n n g ab. Mitglieder werden ausgenommen. l>er Vorstand. MB. Mitglieder werden auch in jeder Borstandssitzung tMon- tag»ach dem 15. j. M. bei Schröder) aufgenommen. Im Arbeitsnachweis bei Aug. Schröder /früher Opatz), Scbastiaustr. 50, erhält jeder organisierte Anschläger kostenlos Arbeit nachgewiesen._ Verband der Sattler. Ortsverwaltuug Berlin. Mskr aller Krailchca! Vom 5. bis 0. März 1004 finden die i3roä»vksii»Uoi'ssBnnrfisn£|en Sattt. Wir richten an die Mitglieder das dringende Ersuchen, diese Ver» mmlungen zu besuchen, dieselben werden pünktlich um 8'/, Uhr eröffnet. Iii« Qrtsverwaltnng. Sonntag, de» 3. April(1. Ostcr-Fcicrtag), im GcwerkschaftöhauS» Engel-User 15: . lloniert und Vortragsabend. Mitwirkende: Solisten des Berliner Sinfonie- Orchesters: Herr Konzertmeister TV. Enn, 1. Violine. Emil Keck, 2. Violine. W. Schneider, Biolo. R. Fröhlich, Solo- Cellist. Arthur Arndt, ÄiaviervirluoS. Frl. Marie Holgers, Recitation. Herr O. Kowalski, Konzcrtsängcr. 158/10 _ BW Entrce inkl. Programm 40 Pf. BBBsnaa Hcncn, die am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pi. nach.BCBBOEB Eröffnung 6 Uhr. Anfang 7 Uhr. Sonntag, de» 24. April, nachmittags 1 Uhr: Sondsr- Vorstellung in der„ItranlA". Entree 60 Pf. DlC Intel RUgeil. Entree 60 Pf, Um zahlreiche Beteiligung ersucht Das BergnügungS-Komitee. _ I. A.: W. Tuschke, MchacMrchstr. 28, H. x. IV. Arbeiter Samariter--G- Kolonne. Sonnabend, den 5. März, in Dnsc's Frstsälen, Brunnenstr. 154: 16. StiftungS'Pest. Grosser Ball, Humorist. Vorträge. Versch. Ueberraschungen. DM" Für gute Unterhaltung ist gesorgt.-MM Sllle Freunde und ehemaligen Mitglieder der Kolonne sind hiermit eingeladen. Ar"— v----.. Anfang 9 Uhr. Anfang 9 Uhr. Montag, den 7. März, abends 9 Uhr, in demselben Lokali Vortrag über: Zahn- und Mund- Krankheiten. Dienstag, den IS. März. obendS 9 Uhr, im BereinSlokal. Dresdenerstr. 4S i 261/1 Vortrag dos Augenarztes Dr. Cohn aber: Augenverletzungen. Nach den Vorträgen: Praktische UebUNgM. Gäste Willkommen. Neue Teilnehmer können in den UehungSstunden eintreten. _ Eintrittsgeld sowie MonatSbcitraa 25 Pf. DM- Bibliothek steht den Teilnehmern unentgeltlich zur Verfügung, Deulscher Holzarbeiter-Verband. Heute Freitag, abends 8'/, Uhr, im GcwrrkschaftShause, Engel-Ufrr 15: Sitaiinn divr Ortsverwaltung. o®*5� Vi? 4* Möbelfabrik. V .*<•/> Die besten und billigsten Wohnnngs- Einrieh tnngen kaufen Sie bei B■■£21 rj n BERLIN so., JUllUS Upelta Tischlermeister, Shalttzerstrasse 6, A � am Kottbnser Thor. Versende unter Nachnahme: TAd.Fsr.Koiwurst VM" Ha.isichlachtware-WA für 8 Mark franco. 1LS2d* Oacl IjCitz. Slnsleben bei Ermslehsn a. H. Ceiitral-¥erl]aöil der Maurer Deutscblaods. Zahlstelle Hixdorf. Am 1. März verstarb nach langen Leiden, an der Proletarier- krankheit, der Mitbegnmder unsrer Zahlstelle tcgllsl Schulz im Alter von 51 Fahren. Die Beerdigung findet Freitag, den 4. März, nachmittag 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- Kirchhofes(Hermannstr.) aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 137/3 Der Vorstand. r -w\ Verwaltnngsstelle Berlin. Bureau: Engel-User 15, Zinnneri— 5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Sonntag, den 6. März 1904, vormittags 10 Uhr, in dt« Germania» Sälen, sishausteeftraste 103: Allgemeine Eisen- und Revolverdreher- Versammlung"AE Tages-Ordnung: 1.„Unsre Lage in der Gegenwart und Zukunft'. Referent: Kollege P. Pawlowitsch. 2. Diskussion. 3. Wahl eines� BranchenvertreterS und einer Agitationskommission. 4. Verschiedenes. 112/11 Sonntag, den v. März, vormittags 10 Uhr. im GewerkschaftS« Hanse, Engel-User IS, Saal I: Ntrsniniiiliinz der Knuilnschläger. TageS-Ordnung: I.Tarisberattmg. 2. Branchenangelegenheiten. 3. Verbandsangelegenheiten. Sonntag, den 9. März, vormittags 10 Uhr: AlorseALprsekE dsr Sskrsubsndrelisr bei Wetzet, Wrangelstraß« Nr. 130. Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltung. Steinarbeiter. Tonntag, de« 0. März, nachmittags 1 Uhr, im«Knglifchen Garte«, Alexanderstraj/e Nr. 27b: Mitglieder-Uersammlung Tagesordnung: 1. Bericht über die weiteren Perhandlungen mit der Innung. 2. Die Gaulonserenz. 172/7 Da voraussichtlich die letzten Beschlüsse über die Lohnbewegung gesaßt werden, ist es notwendig, daß alle Kollegen erscheinen. __ Pie OrtsverwaUnng. Verband der Vau-, Erd- und gewerblichen Hilfsarbeiter Deutschlands. Sonntag, den ö. März 1004. vormittags 10 Uhr, in den Jndustrie-Festsälen, Beuthftr. 19/80: Gruppeu-Ntrsammlung der Arlordarbkiter(StemtrSger). Tages-Ordnung: 1. Unsre Socialresorm. Referent: Stadt». Genosse Fe. Kotzke. 2. Diskussion. 3. Unsre Stellungnahme zur Verlängerung des Vertrages. 4. Verschiedenes. 33/1» Gruppen-Verfammlnng d. Lohnarbeiter in Baggeahageas Etablissement, Moritzplatz. Tages-Ordnung: 1. Da» Koalitionsrecht in Theorie und Praxis. Referent: Genosse F. Bartels. 2. Diskuffion. 3. Unsre Stellungnahme zur Verlängerung des Vertrages. 4. Verschiedenes. Der wichtigen Tagesordnung wegen ist das Erscheinen aller Kollegen erforderlich. Mitgliedsbuch legitimiert! Ohne dasselbe kein Eintritt. Die Ortsverwaltung. I. A.: K. Heideinann. Kabatl-Sparverein„Süd-Öst" Telephon: Amt IV, No. 2831. Berlin SO. 26, Kottbuser Ufer 44a. DienStag, de« 8. März 1904, abends 81/, Uhr: Velegierten-Verlammwng im„K&rklschen Hof", Admiralstr. 18c. Tag esordnung: 1. Gefchästsberichi. 2. Kassenbericht. 3. Bericht der Revisoren. 4. Ersatz» wähl des Vorstandes. 5. Verschiedenes. HM- Ein tritt nur gegen Vorzeigung der Delegiertenkarte und Sparbuch.-TMGz 106/12»__ Per Vorstand. 11/13 Arbeiter-Radfahrer- Verein Rixdorf. Vereinslokal: H. Thiel, Bergstr. 151/52. Sonntag, den 6. März, abends 6 Uhr: IfnninssM des Herrn»eorg Pavldsohn über: "«m Die Frau In der modernen Dichteng. Sitzung: Dienstag, den 15. März\<�ndz'1,9 Uhr. Sitzung; DienStag, den 29. Marz/" Am 20. März nach Rudow, mittags 1 Uhr. Der Vorstand. Bercmtw. Redakteur: Julius KuliSki« Berkin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. St. 54. 21. laljrjaHj. 3. StÜUt k)errendaus. 6. Sitzung vom 3. März, nachmittags 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Anl Regierungstisch: Frhr. v. H a m m e r st e i n. v. P o d- bielski, Studt. Zur Beratung steht der Gesch-Enttvurf betreffend die Gründung neuer Ansiedelungen in Ostpreußen. Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien, Sachse» und Westfalen. Fürst Radziwill: Eine recht schlimme Seite des Entwurfs ist seine Bezugnahme auf das Gesetz von 1886; das Gesetz von 1886 ist uns unter den Blumen einer socialagrarischen Fürsorge gezeigt, aber unter den Blumen kam eine giftige SHlange zum Vorschein. Wir haben da- mals das Gesetz als verfassungswidrig bezeichnet. Mit dem Geist der Staatsverfassung sowohl als auch der Reichs- Verfassung steht das Gesetz zweifellos im Widerspruch, es werden Staatsbürger in ihren Rechten auf das flagranteste gekürzt. Und das ist auch bei dem jetzigen Entwurf der Fall. In der Petition des Ostmarkenverelns kommt ja der böswillige Charakter de-Z Nnsirdelungsgesetzes so recht deutlich zum Ausdruck. Es werden in der Petition weitere Maßnahmen gegen die Polen empfohlen, und es scheint ja, als ob die Regierung unter einem ge- wissen Einfluß des Ostmarkenvereins steht und seinen Anregungen nur zu gern Folge geleistet hat. Das ganze Bestreben geht dahin, die Polen durch Deutsche und die Katholiken durch Evangelische zu ersetzen. Die Anti-Polenpolitit ist ein Ucberblcidsel und eine partrelle Fortsetzung des Kulturkampfes. Der Kulturkampf mußte den maßgebenden Stellen seiner Zeit die Ueberzeugung bringen, daß immer weitergehende Verschärfungen der staatlichen Maßnahmen notwendig sein würden, wenn auf dem einmal beschrittenen Weg weiter gegangen werden sollte, und das hat schließlich die Regierung veranlaßt, diesem das ganze Land aufwühlenden Kampf ein Ende zu machen. Wenn ich die Anti-Polenpolitik als ein llcberbleibscl des Kulturkampfes bezeichne, so befinde ich mich damit in Ueber- einstimmung mit allen meinen Freunden. Es eröffnet sich uns eine sehr bedenkliche Perspektive für die Zukunft, bedenklich nicht für die Polen, sondern für das allgemeine Ansehen der Regierung. Im Reichstage hat diese Politik in den letzten Tagen kein Glück gehabt. Ich erinnere weiter daran, daß das Volk ein sehr feines Gefühl hat dafür, auf welcher Seite die Bedrängung und auf welcher die Bedränger sind. Dies Feingefiihl hat sich noch vor ganz kurzer Zeit in einer ganz bedeutenden Manifestation der Volksstimme bei einem bekannten Prozesse gezeigt; damals hat sich in spontaner Weise die Entrüstung über die Opfer dieser Politik geltend gemacht. Die Volksstimme ist ein sehr gutes Barometer für das, was in der Volksseele liegt. Unsre Polenpolitik Hat sich in Widersprüche verwickelt, unter deren Bürde sie schließlich zusammenbrechen wird. Es wird geklagt über die Absonderung der Polen von den Deutschen, aber gerode durch dies Gesetz wird eine weitere Absonderung herbei- geführt, es wird eine Schutzmauer zwischen Deutschen und Polen errichtet. Das ganze Verbrechen der Polen ist, daß sie Polen find (Widerspruch.), sie sollen Preußen polnischer Zunge iverden. Der Unterrichtsnunistcr Ivird mir zugeben müssen, das er alles thut, den preußischen Polen dir polnische Zunge aus dem Halse zu schneiden. (Lebhafter Widerspruch.) Was ist der Preuße polnischer Zunge denn für eine Jammergestalt, wenn ihm die polnische Zunge aus dem Halse gerissen ist l Ist er dann auch nur noch zum hundertsten Teil ein Pole? Ich möchte das bezweifeln. Die Polenpolitik wird sich durch ihre Widersprüche schließlich selbst ad absurdum führen, und ich hoffe, daß das Haus alles thun wird, um jenem LeidcnSkampf ein Ende zu machen, der der preußischen Regierung weder in der Kultur- geschichte, noch sonst irgendwie Lorbeeren eintragen kann. Prof. Dr. Schmoller-Bcrlin: Meine Freunde stehen dem Gesetzentwurf durchaus sympathisch gegenüber. Das Gesetz von 1876 bedarf gewisser Korrekturen, aber der Grundsatz dieses Gesetzes, eine möglichste Förderung kleiner Ansiedelungen, darf nicht verlassen Iverden. Mit dem Standpunkt, den die Regierung bezüglich der Stellung der Gencralkomniission einnimmt, sind wir einverstanden. Bei derartigen agrarischen Aus- einandersetzungen dürfen andre Behörden und SelbstverwaltnngS- körper keine zu weit gehenden Befiigniffe haben, denn sonst könnten allerlei Komplikationen entstehen. Wir hatten eigentlich auf eine Polendebattc erst gerechnet, wenn die Vorlage ans der Kom- Mission zurückkehrt, weil es sich dann übersehen läßt, ob und inwieweit den gewiß berechtigten Bedenken und Gefühlen deS Fürsten Radziwill Rechnung zu tragen ist und inwieweit hier Komproinisse möglich sind, welche wir gewiß auf allen Seiten wünschen. So per- schieden auch der politische Standpunkt meiner FraktiouSgenossen ist, so waren wir uns doch darüber beinahe einig, daß, wenn die Rc- gicrung erklärt, das große Werk«usrrr Kolonisation in Posen nud Westprcußeu ist ohne solche Kompetenzen gefährdet und rein nu- möglich, so müssen wir der Rcgrernng das geforderte Recht einräumen, weil höher als alles andre die kalus publica(das Wohl des Staates) steht. Steht die Existenz des Staates in Frage, dann haben wir als Deutsche einig zu sein. LaudwirtschaftSminister v. Podbielski: DaS Gesetz entspricht manchen auS dein Landtage geäußerten Wünschen, die Rechte der Anlieger mehr zu wahren als bisher. Die Grundtendenz ist: Erleichterung der Ansiedelung. Wir wollen imS in den Ostniarken stützen auf deutsche Bauern. Solche Elemente können der Regierung in ihrem zielbewußten Kampfe gegen das Polentum helfen. Dieser Kampf ist der Regierung selbst nnsgcnötigt lvordcn. Die Regierung braucht in diesem Kampfe Waffen und die wird man ihr hoffentlich nicht versagen. Trotz der preußischen An- siedelunaSpolitik sind über iO 000 ha Landes aus preußischer in polniscbe Hand übergegangen.(Hört! hört!) Die Regierung muß den Kampf bis zum letzten Moment zielbewußt durchführen. Der frühere Ober- Präsident von Schlesien, Fürst Hatzseldt, war jahrelang bemüht, in Oberschlesien den Frieden zu halten: es ist ihm nicht geglückt. Der Krieg ist da und der Sieg mutz an unsre Fahnen gefesselt werden! Ich würde mich besonders freuen, wenn es gelänge, das Gesetz auch über Posen und Westprcußcn hinaus ans die anliegenden Provinzen anszudchne». Wir können uns nicht darum kümmern, ob dieses not- wendige Gesetz bis auf jedes Titclchcn mit ander» Bestimmungen übereinstimmt. Das Polentum ist heute aggressiv; wir müssen den Kampf im Interesse unsrer nationalen Würde bestehen I(Bravo I) von Koscielski: Der Krieg ist rmS aufgezwungen(Widerspruch), man will uns ruinieren, man will uns von der Erdoberfläche verschwinden lassen, UnS kann doch wirklich an einem Kriege mit einem so mächtigen Staate wie Preußen nichts liegen. Wundern muß ich mich, daß Herr Dr. Schmoller nichts gegen den§ ISb einzuwenden hat, der die An- stedelungsgenehmigung von einer Bescheinigung des Vorsitzenden der Ansiedluugskommission abhängig macht, da hier die interessierte Partei zum Richter in eigener Sache ernannt wird! Das heiligste Recht deS Staatsbürgers, das Eigentumsrecht, wird durch dies Gesetz an- gegriffen. Im Reich bekämpft die Regierung die Socialdemokrafte, weil sie das Privateigentum beseitigen will, und hier ebnet sie der Socialdemo- kratie die Wege. Die Vorlage ist ihrem Charakter nach zweifellos antipolnisch. Ich bin stolz darauf, daß meine Landsleute sich trotz aller Bekämpftmg durch ihren Fleiß über Wasser zu halten wissen. Der endliche Sieg kann nur da sein, wo das Recht ist, und das Recht ist bei uns. Meinen Landsleuten wurden die verfassungs- mäßigen Rechte durch die Vorlage geschmälert, und das empört mich. Die Vorlage gefährdet das verfassungsmäßig verbürgte Eigentumsrecht und steht auch im Widerspruch niit dein Bürgerlichen Gesetzbuch. Es ist nie und nimmer nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch zulässig, daß zu dem Erwerb von Eigentum die Zustimmung der Ansiedlungskomnnsston eingeholt werden soll. Will die Regierung einen Konstikt mit dem Reiche hervorrufen? Ein weltbekannter Rechtslehrer, der hier in diesem Hause sitzt, hat auch in seinem Privatrecht an- erkannt, daß Eigcntumsbeschräntungc» von öhillichcr Art unzulässig sind. Es ist Professor Dernburg. hoffentlich wird er in der Kom- Mission mitarbeiten, und da er heute gerade seinen 75. Geburtstag feiert, so nehme ich das als gutes Omen(Heiterkeit), daß es ge- lingen möge, wenigstens diesen Eingriff in dös Eigentumsrecht zu beseitigen. Die Minister sagen zwar, sie hätten zu befehlen, aber gegenüber dem Ostmarkenverein scheinen sie gehorchen zu müssen. Nun, die Glacehandschuhe, mit denen wir uns früher der Regierung zu nähren pflegten, liegen am Boden und uns neue anzuschaffen, dazu haben wir nicht die Mittel(Heiterkeit); Sie gewähren uns keine Mittel, und die wir haben, knöpfen Sie uns noch ab. Wenn das Gesetz unverändert angenommen wird, dann wird es nicht nur die Polen, sondern auch die Deutscheu schädigen. Wenn aber das Gesetz auch die Polen schädigt, wir. sind ja gewöhnt, uns nach der Decke zu strecken, wir werden auch dann noch existieren. Klein bei- gegeben wird nicht. Thätcn wir das, würden wir Dcntschc, dann würden wir die Zahl der Deutschen um eine große Menge Lumpenpack vermehren.(Unruhe.) Gewiß, meine Herren, wenn wir»nser Polentum verleugne», dann sind wir Lnmpenpack, und wir wollen ehrenhafte Männer bleiben. Mit einem Volk, das die Kraft in sich fühlt, zu leben, werden Sie nie fertig werden.(Beifall und Händeklatschen der Polen.) Minister v. Hammcrstein: Der preußischen Verfassung wird durch das Gesetz nicht wider- sprachen. Der Satz: Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich, gilt auch hier, denn das Gesetz richtet sich in seinem 8 gerade" so gegen die Deutschen, die ihren Besitz parzellieren wolle», wie gegen die Polen, und auch gegen das Bürgerliche Gesetzbuch ver- stößt es nicht; wir würden uns sehr freuen, wenn sich recht viele bei uns im Osten niederließen. Was den Prozeß be- trifft, den Fürst Radziwill erwähnte, so meine ich: Wenn sich der Fürst mit der angeklagten Familie identifizierte, so würde er selbst unter seinen näheren Freunden wenig Anhänger finden. Hier diesen Prozeß gegen das Deutschtum auszuspielen, war nicht am Platze. Der Prozeß hat nur gezeigt, wie wenig wahre Herzensbildung sich auch in höhere» Kreisen des polnischen Bolkes findet. Leider sind wir noch inimer in Verteidigungsstellung gegen- über den Polen. DaS beweist die Statistik des Landwirtschafts- Ministers. Nicht weniger als acht dcntschr Qundratmeile», die vor 1896 in deutschem Besitz waren, sind jetzt in polnische» Händen. Wir wollen deutsche Sitte und deutsche Kultur in den polnischen Landcstcilen verbreiten. Herr von Koscielski meinte, wir ebnen durch unsre Vorlage der Socialdemokratie den Weg. Das ist nicht der Fall, wir haben mit den Bestrebungen der Soeialdemokraten nichts gemein. Im Gegenteil, die polnische Bewegung gleicht schon der socialdemoiratischen. Ich erinnere an die Wahl deS Herrn Korfanty. DaS war nur möglich, weil leider nicht mehr die Aristokratie und die hohe Geistlichkeit in den ehemals polnischen Landcstcilen Trumpf ist, sondern ein Bürgertum wildester Art, daS sich in seiner Agitation an die socialdemokratische anschließt. Die Regierung wird auch ferner bestrebt sein, daS Deutschtum im Osten zu stärken, wir werden, wenn cS nötig wird, jedes Jahr mit einem neuen Gesetz kommen und wir werden selbst vor einen: Ausnahmegesetz gegen die Polen nicht zurückschrecken. DaS gute Recht ist auf unsrer Seite.(Beifall.) Fürst Bismarck: Die Herren Koscielski und Fürst Radziwill haben heute dieselben Argumente vorgebracht, die wir schon vor zwei Jahren hier im Hause wiedcrlcgt haben. Von einer Boreingenommenheit gegen die Polen weiß sich dies Haus, das den Anspruch auf den Namen eines Senats hat, und wo eine ruhigere und edlere Auffaffung Platz greift, völlig frei. Nicht den ge- mäßigten Herren hier im Hause, sondern den Polen draußen rufe ich zu, sie sollen erst einmal beweisen, daß sie gute preußische Unter- thanen sind. Ich möchte wissen, wodurch denn eigentlich die Polen in ihren Rechten verkürzt sein sollen. Von Bösartigkeit kann auch keine Rede ans feiten der Deutschen sein, wohl aber zeigen sich die Polen bösartig und bitter. Werden doch sogar schon Kinder auf- gefordert, ihr Spielzeug nur bei polnischen Kaufleuten zu kaufen. Woher die großen Summen fließen, über die die polnischen Banken verfügen. will ich nicht untersuchen. Es ist besser, sich nicht in Vermutungen zu ergehen. Ein Widerspruch in unsrer Polenpolitik ist nur insofern zu konstatieren, als von 1890 bis 1891 eine Politik betrieben ist, die unS auf Jahre zurückgeworfen hat. Wir als Deutsche, denen das Heil des Vater- landes am Herzen liegt, freuen uns, daß diese Politik aufgegeben ist und hoffen, daß dieser Widerspruch nicht wiederkehrt. Wie man die Vorlage, die uns hier beschäftigt, mit der socialdemokratischen Theorie von der Konfiskation des Eigentums in Verbindung bringen kann, ist mir unverständlich. Das Eigentumsrecht wird doch von uns nicht in Frage gestellt. Wollen die Polen wirklich nichts weiter sein als Preußen, wie sie cS immer versichern. so sollten sie ihre Reichstags- und Landtagsftaktion auflösen. Erst dann werden wir den Herren glauben, daß sie auf die Utopie deS GroßpolentumS verzichten. Die polnischen Herren sprechen noch innner von einer polnischen Nation, aber eine polnische Ration gicbt es in Deutschland ebensowenig wie es ci»c Nation der Kaschubc», der Hrlstciiicr, der Thüringer oder der Sauerländer giebt.(Heiterkeit.) Als Thiers in der französischen Kammer immer von der„nation badoiso" sprach, sollte das nur eine Ironie auf die deutsche Einheit sein. Aber die Polen hören nicht auf, durch diese Bezeichnung die Utopie deS Großpolentums zu erhalten. Ich begreife nicht, wie die Herren noch so viel Kraft, Zeit und Geld auf diese Utopie ver- wenden. Hat doch sogar Herr v. Koscielski vor zehn Jahren in Lemberg noch die Wiederherstellung Polens gefordert. Lassen Sie ab von Ihrer Utopie, arbeiten Sie mit uns zusammen, sprechen Sie zu Hause so viel polnisch, wie Sie wollen, seien Sie aber dankbar, wenn Ihren Kindern die deutsche Sprache beigebracht wird.(Beifall.) Ich kann nur den Borschlag wiederholen, den ich schon früher machte, daß man in polnischen Zeitungen, um die großpolnische Bewegung leichter übersehen zu können, neben dem polnischen Text die deutsche Ucbcrsctznng bringen sollte. Daun würden die Hetzereien der Redakteure und deren Hinterlcute wohl etlvas eingeschränkt werden. Ich erinnere bei dieser Gelegenheit an die Debatten des Reichs- tagrs iin Jahre 1885 über die Interpellation, betreffend die polnischen Ausweisungen. Die Debatte war ähnlich wie die Reichstags-Debatten der vorigen Woche. Allerdings nahm damals die Regierung eine andre Stellimg ein als heute. Damals wurde eine kaiserliche Bot- schast verlesen, in der die landesgcsetzlichen Rechte des Königs von Preußen ausdrücklich gewahrt wurden gegenüber dem Reichstage, und die in einem Tone geschrieben war', wie ich ihn immer von Ministern hören möchte. Damals sprach der allerhöchste Herr durch den Mund seines Ministers die Worte:„Mit peinlicher Gewissen- haftigkeit sind wir entschlossen, die Rechte unsrer angestammten Krone zu wahren. Es giebt keine RrichSregierniig, die uiiter der Kontrolle des Reichstages, wie es durch jcneJutcrPcllntion vcrsnchtwird, die Aufsicht über die landesherrlichen Rechte Preußens auszuüben hätte." Der damalige Kanzler hat der Verlesung der kaiserlichen Botschaft einen Satz hinzugefügt, in dem er die hierin ausgesprochene Auffassung mit allem Nachdruck gerade in Bezug auf die preußische Polenpolitik verteidigte. Ich würde mich fraieu, wenn die Regierung bald wieder eine ähnliche Haltung einnehme» würde. Das preußische Hemd ist unS näher, als der nllzcmeiur dcntschc Rock. Wir sind in erster Linie Preußen, und ich boffe, daß die Regierung stark genng sein wird, nicht über Zwirnsfäden zu stolpern, sondern die preußische Staatöraison obenan zu stellen, und daß sie fortfahren Ivird in der Wahrung des preußischen Ansehens in den östlichen Provinzen. (Lebhafter Beifall.) Graf v. Oppcrsdorff: AuS der Bestimmung, daß die AnsiedelungSgenehmigung von der Bewilligung der SlnsiedelungSkommission abhängig gemacht werden soll, würde eine weitere Verbitterung und Stoff zu immer neuen Verhetzungen entstehen. Das sollten wir im Interesse des Staates vermeiden. Minister Dr. Studt: Ich muß der Auffassung entgegentreten, als ob die Regierung hier einen Gesetzentwurf ab irato einbringt, der mit den Grundlagen der Verfassung nicht übereinstimmte. ES giebt kein preußisches Grundrecht, welches die Befugnis gewährt, sich überall anzusiedeln, etwa aus dem Pariser Platz. Die Berufung auf Artikel 60 des Eiuführungsgesctzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch ist irrig. Ich berufe mich auf die Artikel III und 120 des Einführuugsgesetzes. Wir haben uns nicht von dem Ostmarkenverein beeinflussen lassen, sondern für uns war allein die salus publica maßgebend. Auch gegen den Vorlvurf muß ich protestieren, daß unsre Ansiedelungspolitik nichts weiter bedeutet als die Proestantisieruug eines katholischen Landes; wir wollen nur verhindern, daß deutsche Katholiken polonisiert werden. Herr Fürst v. Radziwill sagte, wir wollen den Polen die polnische Zunge auS- reißen. Nein, wir wollen nur die deutsche Volksschule als eine deutsche Staatseinrichtuug erhalten. Wir werden in den Grundlagen des gegenwärtigen Schulsystems keinerlei Aenderungen zu Gunsten der Nationalpolen eintreten lassen.(Beifall.) Herr v. Koscielski verwechselt öffentliches und privates Recht, er sollte sich ein Priva- tisfimum über Privatrccht halten lassen.(Heiterkeit.) Graf Botho zu Eukenburg: Ich bestreite, daß durch die Vorlage die Verfassung oder irgend ein Grundrecht verletzt wird oder daß sie in Widerspruch zu den Begriffen unsres öffentlichen oder privaten Rechtes steht. Daß die Genehmigung von dem Vorsitzenden der Ansiedelungskommisflon ab- hängig ist, ist nicht schlimm, falls es gegen dessen Entscheidung eine Berufung an das Ministerium giebt. Das muß in der Vorlage klar zum Ausdruck kommen, und ich glaube auch, daß das die Absicht der Regierung ist. Von diesem Standpunkt aus kann ich der Vorlage zustimmen. Nach lveitercn Bemerkungen persönlicher Art der Herren Fürst Radziwill, v. OppcrSdorff, v. KoSciclöki, der den 8 III des Ein- führungSgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch gegenüber Studt zum Beweise gerade der Rechtswidrigkeit der Vorlage benutzt, und Fürst Bismarck wird die Vorlage einer Kommission von 15 Mit- gliedern überwiesen. Es folgen Petitionen. Die Tagesordnung ist erschöpft. Nächste Sitzimg: F r e i t a g 12 Uhr(Wildschadcngesctz, kleinere Vorlagen und Petitionen). Schluß nach 5 Uhr. Nrinz prosptr vsn Arnsberg vor dem Kriegsgericht der erste» Gorde-Divisto». (Wieder auf n ah me-Vcrfahre n.) Prinz Prosper von Breuberg, der früher als Lieutenant bei den westfälischen Kürassieren in Münster gedient, war Ende der neunziger Jahre in die südwestafrikanische Schntztruppe eingetreten und bald zum Kommandeur einer Station im Innern des Landes ernannt worden. Nach einigen Monaten meldete er dem Gouverneur unsrer Kolonie, daß er einen Farbigen, einen B a st a r d, der Vorsteher einer Handelsniederlassung gewesen, getötet habe, weil er vermutet, daß derselbe sich eines Hoch- Verrats schuldig gemacht. Oberst Leutwcin stellte so- fort eine Untersuchung au, welche ergab, daß der Prinz einen Tot- schlag begangen und daß er auch mehrere N e g c r w e i b e r auf das entsetzlichste habe züchtigen lassen. Der Prinz wurde sofort in Hast genommen und wegen Totschlages, be- gangen durch rechtswidrige Gebrauch. nachung seiner Waffe nud wegen Körperverletzung, begangen im Mißbrauch seiner Dienstgcwalt vor das kaiserliche Gericht in Wmdhuk gestellt. Der, Augellagte wurde wegen der obigen Slrafthatc» zu zehn Monaten Gefäugniö verurteilt. Dieses Urteil wurde jedoch von dem zuständigen Gerichtsherrn nicht bestätigt und Prinz Prosper von Arenberg als Untersuchungs- gefangener»ach Deutschland überführt. In Berlin wurde der Angeklagte vor das Kriegsgericht der 1. Garde-Jufanteric- Divisioii gestellt und im September 1000 in nichtöffentlicher Sitzung wegen der begangenen Verbrechen, diesmal wegen Mord und Körperverletzung zum Tode verurteilt. Der Kaiser b e- g» a d i g t e den zum Tode Verurteilten zu einer Zuchthaus- strafe von 15 Jahren und wandelte dieses Urteil bald darauf in 15 Jahre Gefängnis um. Der Prinz verbüßte seine Strafe bis vor etwa einem Jahre in Hannover und wurde dann in das Gefängnis zu Tegel überführt, woselbst er bis vor ganz kurzer Zeit mit Arbeiten an einer Hauddruckpresse be schäsiigt wurde. Durch Beschluß des Reichs-Militärgerichts zu Berlin wurde im Juli 1902 infolge eines von Verwandten des Sträflings ansgegailgeuen Antrages die Wiederaufnahme des Verfahrens als zulässig erklärt und das Gericht der ersten Garde-Divisio» Hierselbst mit umfang- reichen Beweisaufnahmen beauftragt, bei welchen Zeugen und Sach- verständige darüber vernommen wurden, ob Prinz Prosper von Arcnberg zur Zeit der Begehung der That gcistcstrniil govesen fei oder nicht. Nach Abschluß der Ecinittelungen und wiederholten Bc- gutachtunge» durch die hervorragendsten deutschen Psychiater, so durch die Professoren Leppmaun, Mendel-Berlin, Pellmann-Bomi und vor allem durch den wissenschaftlichen Senat der Kaiser Wilhelms- Akademie hierselbst, dem auch der jetzt verstorbene Professor Jolly angehörte, wurde durch Beschluß des Reichs-MilitärgerichtS die Er- nciierung der Verhandlung vor dem Forum der ersten Garde-Division angeordnet. Die Vcrhandlnng begann gestern vormittag um 10 Uhr im großen Saale des Militär- gcrichtö-Gebändes in der Lehrterstraße. Bei dem beschränkten Zuhörerraum waren für denselben nur wenige Karten ausgegeben worden. Der Gerichtshof setzte sich zusammen aus dem militärischen Vorsitzenden, Oberstlieuteuant v. Waldow, den Beisitzern Major v. Eckartsberg. Hauptmann v, Neumann- Cosel, GerichtSassessor Kohlstock. Ms Verhandlungsführer ftmgierte Kricgsgerichtsrat Dr. Matschke, die öffentliche Anklage vertrat Kriegsgerichtsrat Dr. Ullmann. Die Verteidigung lag i» den Händen des Justizrats Winterfeld. Der militärische Vorsitzende, Overstlieutenant von Waldow erklärt um 10 Uhr vormittags die Sitzung für eröffnet. Darauf wird Prinz Prosper von Arenberg in den Gerichtssaal geführt und nimmt ans der Anklagebank Platz; der Angeklagte ist eine militärische Kolossalfigur, wie mau sie nur bei den Garde du Corps findet. Das schmale, fein geschnittene Gesicht ist infolge der langen Gefangen- schakt außerordentlich blaß; der Prinz trägt einen eleganten Geqrock- Anzug und konferiert lebhaft mit seinem Ver- leidiger, Justizrat Wiuterfeld. Dann erfolgt der Zeugen- aufruf. Frühere Kameraden des Prinzen ans der aktiven Militärzeit, Offiziere vom vierten Kürassier- Regiment in Münster, ferner Untergebene Arcnbergs auS der Schutztruppe in Südwest- Afrika, die über jenen Mord Auskunft geben sollen, und schließlich Bedienstete des Herzogs von Urenberg, die aus Belgien, dem Stammschloß der priuzlichen Familie, hierher geeilt sind, um über die Eharaktcrcigcuschafteu des Angeklagten befragt zu werden. Dazu tritt noch eine Anzahl Sachverstänoiger, bekannte deutsche Psychiater, die den Prinzen auf seine» Geisteszustand unter- sucht oder aus einzelnen excentrischen Handlungen Arenbergs ihre Schlüsse gezogen haben. Der Verhandlung-Zführer, KriegsgerichtSriit Dr� 2'>?citschke, ruft sodann die Zeugen auf und macht sie auf die Bedeutung des Eides aufnierksauu Er gestattet den Sachverständigen, ivährcud der Haupt- Verhandlung anweseud qu sein. Der Angeklagte stellt sodann den Antrag, während der ganzen Dauer der Verhandlung die Oeffentlich- keit aiiSzuschliesic», worauf sich der Gerichtshof zu einer geheimen Sitzung, um über diese Frage zu beraten, zurückzieht. Nach kurzer Beratung des Gerichtshofes verkündete der Vorsitzende, das; das Gericht beschlossen habe, dein Antrag des Angeklagten, die Oeffentlichkeit für die ganze Dauer der Verhandlung auszuschlieszeii, nicht stattgeben zu können, da die Voraussetzungen des entsprechenden Paragraphen der höchsten Kabiuettsorder insofern nicht zutreffen, das; für die ganze Verhandlung die Oeffentlichkeit ausgeschlossen werden müßte. In- soweit sich im Verlauf der Verhandlung der Ausschluß der Oeffent- lichkeit ergebe, werde das Gericht der Frage näher treten. Hierauf verlas der Vertreter der Anklage die bereits erwähnte Anklageschrift, welche auch diesmal wieder auf vorsätzliche Körperverletzung u n d M o r d unter Mißbrauch d e r Dienstgewalt lautet. Vorher werden die Personalien des Angeklagten verlesen. Prinz Prosper Anton Melchior v. Aren- berg ist am 12. November 1875 auf Schloß Beverley in Belgien als Sohn des verstorbenen Herzogs von Arenberg und der Herzogin Leonore von Arenbcrg geb. Prinzessin von Arenberg geboren."Er trat am 12. März 18S5 als Sckondelieutenant a la suite in das westfälische Kiirassier-Negimcnt Nr. 1 zu Münster und erhielt im November 1806 das Patent. Im Jahre 1898 schied der Prinz aus dem Regiment aus und trat als Lieutenant a la suite in die süd- westäfrikanische Schutztruppe. Ain 12. Juli 1897 ist der Angeklagte mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, weil er einen früheren Feldwebel und dessen Braut beleidigt, am 22. September 1898 mit z c h n Tagen Stuben- a r r e st wegen Mißhandlung eines 11 n tergebcn eu. Der Verhandlungsfiihrer bittet sodann den Angeklagten, sich ganz kurz über die Srrafthaten, die ihm zur Last gelegt worden sind und welche im Jahre 1900 zu seiner Verurteilung geführt, auszu- lassen. Der Angeklagte konnte sich jedoch der einzelnen Vorfälle nicht mehr entsinnen. Der Verhandlungsführer verliest hicrarif die den Anklage-Akten zu Grunde liegenden Vergehen. AuS denselben ist folgendes zu entnehinen: Dem Angeklagten wurde durch Eingeborene mitgeteilt, daß der eingeborene Polizist Willy Eain aus Epuhiro heimlich auswandern und nach englischem Gebiete übertreten wolle. Der Prinz, toelcher als Stationsführcr auch die Polizeigewalt besaß, begab sich darauf- hin nach der Werft Cains, traf diesen jedoch nicht zu Hanse. Der Vater des(I._ trat dort dem Angeklagten entgegen und fragte ihn in barscher Weise:„WaS Ivollen Sie hier?"— Der Angeklagte gab nun die nötige Aufklärung, bemerkte jedoch, daß man ihm mit Mißtrauen entgegenkam. Der alte C. bot mit Rücksicht auf die iir der Nacht eintretende Kälte dem Prinzen v. A. ein Nachtlager in einem Plan- wagen an, in welchem das Bett jedoch außerordentlich hoch an- gebracht war. In dem Plane befand sich ein Loch, von welchem aus man gerade nach dem Kopfkissen sehen konnte. Der Ncilcr Bauniann bemerkte, daß an der Deichsel eines Nachbarwagens ein geladenes Gewehr stand, und dieser auffällige Ilmstand sowie die Thalsache, daß Eain und seine Leute ihm unwirsch entgegengetreten waren, ließ bei dem Angeklagten den Verdacht aufsteigen, daß man ihn ermorden wolle. Am folgenden Morgen stellte Baumann fest, daß das Gewehr einem Herero gehörte und von deniselben unter einen Wagen gelegt worden war.— Als Eain von seinem Ausritt nach der Werft zurückkehrte, ließ v. A. denselben fest- nehmen, brachte ihn in eine Hütte etwa 300 Meter von der Werft entfernt und ließ ihn dort derartig fesseln, daß E. kniend etwa l'/z Stunde» zubringen mußte. Bei der nun folgenden Vernehmung bestritt Eain, daß er die Absicht hatte, nach englischein Gebier überzutreten. Als der Angeklagte dem C. vorhielt, daß er dem Lieutenant Zieiß gegenüber sich geäußert habe, er Ivolle nicht mehr Polizist bleiben, antwortete C.:„So sagt Lieutenant Reiß". Der Angeklagte hielt natürlich den Lieutenant für glaubwürdiger und wurde durch die genannte Bemerkung in große Aufregung ver- setzt. Er versetzte C. mehrere Faustschlägc ins Gesicht, so daß diesem die Lippen anschwölle» und ihm Blut aus Muud und Nase hervordrang. Nach Beendigung des Verhörs ließ der Angeklagte dem C. die Fesseln ab- nehmen und ihm nur eine Pferdespannfessel am Fuß anlegen. Dann zog er in dem Kiesboden um C. einen Kreis mit der Erklärung, daß der Verhaftete sofort wieder geschlossen loerde, falls er den Kreis überschreite.— Diese Maßregel hielt der Prinz deswegen für not- wendig, weil Cain außerordentlich gewandt war und in seiner Nähe sich eine Anzahl Waffen befanden. Der Angeklagte hatte die Ab- ficht, den Polizisten noch an demselben Abend nach der Polizeistation zu bringen. Eain wurde in der Nacht abseits vom Wachtfeuer ge- bracht und die Posten wie auch der Prinz hielten sich außerhalb des Lichtscheines, weil sie befürchteten, von der Werft auS beschossen zu werden. Um 4 Uhr morgens befahl Durckilaucht dem Reiter Kieberger, den Willy weiter in den Busch zu schleppen. Hier an- gekommen, unterhielt sich der Angeklagte mit Cain auf englisch. Dann wandte sich v. A. an den deutschen Reiter und sagte:„Willy hat jetzt alles eingestanden, er will auf englisches Gebiet flüchten." Nun befahl v. Arenberg dem Kieberger, Cain zu erschieße». An- fänglich zögerte der Reiter, dann befolgte er den Befehl seines Vor- gesetzten und schoß auf den wehrlos Daliegenden. Die Kugel zcr- schmetterte de» rechte» Oberschenkel. Da rief der Bastard in deutscher Sprache:„Warum erschießt Ihr mich?" Jetzt trat der Prinz hinzu und gab auf de» Blutende» mit seinem Dienstgcwehr ciue» Schuß in den Kopf ab. Trotzdem lebte der Uuglücklichc noch und blieb bei vollen, Bewußtsein. Da rief der Prinz:„Ich kann nicht anders, er muß sterben!" Nun befahl er dem Kieberger, das Seitengewehr zu ziehen und den Cain zu erstechen. Der Reiter vollzog auch diesen Befehl und stach Cain iviederholt in die Herzgegend. Da aber der Bastard noch weitere Lebenszeichen von sich gab. bohrte ihm der Prinz den Ladestock i»S Gehirn, bis er starb. Nach der Aktenverlesung wurde in die Zcugen-Bernehmung eingetreten und zu förderst die Aussage des Unteroffiziers Stolle. der inzwischen in Gebabis am Schwarzwasserfieber verstorben ist, verlesen. Der Zeuge habe den Cain an Händen und Füßen binden müssen, so daß er in der Kniebeuge stand. In dieser Lage habe sich Cain l'/z Stunden befunden. Dann hätten Durchlaucht eine Hilter- rcduug mit Willy Cain gehabt und ihn gcohrfeigt, so daß er aus der Nase stark blutete; Cain aber erklärte, daß er nicht ausreißen Iverde, worauf ihm die Fesseln erleichtert wurden. Stolle war der Ansicht, daß Cain auch gar nicht hätte zu entfliehen brauchen. Es erfolgt sodann die Vernehmung des Händlers August Bumke, der die Mordscene miterlebt hat. Zeuge ist 30 Jahre alt, evangelisch und in Kottbus wohnhaft. Er hat bei der Schntztruppe in den Jahren 1896—1902 als SanitätS-Uutcroffizier gedient und ist nach Epuhiro 1899 versetzt worden. Der Zeuge sagt anS: Am 24. September gab Prinz Areuberg den Befehl zu einer Expedition, an welcher außer dem Zeugen die Reiter Baumann, HernSheim u. a. teilnahmen. Es wurde uns nichts von dein Ziel gesagt. Wir erfuhren nur, daß die Sache ernster wäre und daß wir an die Grenze gingen. Auch wurde erzählt, Cain habe gesagt, wenn Durchlaucht ihn nochmals schlage, schieße er ihn, eine Kugel durch den Kopf. Verhandlungsf.: War daS ein Gerücht oder hat es viel- leicht der Angeklagte gesagt? Zeuge: Ich glaube, Durchlaucht haben das selbst gesagt. Verhandlungsf.: Was hatten Sic nun für einen Ein- druck auf der Werft? Zeuge: Es niachte einen friedlichen Eindruck und es hatte nicht den Anschein, als ob von dort eine Flucht ge- plant war." Der Zeuge erklärte dann ferner, daß der Plan des Wagens, in welchem sich der Prinz niederlegen sollte, durchlöchert war. In der Nähe deS Kopfkissens habe er"jedoch kein Loch bemerkt. Auffällig aber war es, daß an der Deichsel ein geladenes Gewehr stand. Verhandlungsf.: Wie verhielt sich denn nun Cain, als er verhaftet wurde und wie waren die weiteren Vorgänge? Zeuge: Als Cain gefangen wurde, ließ er den Kopf hängen, gerade so, als ob eS ihm ganz unerwartet käme. Er wurde dann nach dem Zimmer gebracht, wohin Durchlaucht ihm bald folgte. Was drinnen vorgegangen ist, weiß ich nicht. Cain behauptete später, er wäre zu fest gebunden und ich wurde hingeschickt, um nachzusehen, fand aber nicht, daß die Bande zu fest waren.ßJch bemerkte dabei, daß die Lippen von Willy Cain blau waren. Verhandlungsf.:„Haben Sie kein Blut am Erdboden ge- sehen?" Zeuge:„Nein, ich kann mich nicht entsinnen." Verhandlungsf.:„WaS geschah lveitcr." Zeuge:„Cain wurde nun»ach der Wache gebracht und wir gingen den Hügel vor derselben hinauf und forderten dann den alten Cain und die übrigen auf, heraufzukommen, weil wir sonst einen Ucbersall befürchteten. Sie mußten unter einem Baunr lagern und wir lagerten uns in der Nähe." Verhandlungsf.:„Hatten Sie denn jetzt etlvas Auffälliges bemerkt?" Zeuge: Es niachte noch innner nicht den Eindruck als ob man fliehen wollte.— Ter weiteren einzelnen Vorgänge kann sich der Zeuge nicht mehr genau entsinnen. Er weiß nur noch, daß Cain abends nach dem Feuer gebracht uud Schuaps getruuken lvurdc. Die lluterhaltuug zwischen dem Prinzen uud Cain war friedlich. Verhandlungsf.: Was Wilsen Sie von dem Vorgang bei der Erschießung?" Zeuge: Es wurde wieder ein Verhör angestellt, der jpnnz ging mit Cain und Kieberger fort. Bald darauf fiel ein l-ochuß. Ich stand gerade Posten und schlug Alarm, weil ich dachte, daß vielleicht ein Ilcberfall stattfände. Bald darauf erschien Durch- taucht und sagte:„Der Hund ist geflüchtet, ich habe auf ihn geschossen. Warum habt Ihr nicht aus diese sauf die übrigen Farbigen deutend) geschossen?" Einer antwortete:„Sie liegen ja A l I e r u h i g und schlafe n 1" Dann ist der Prinz wieder weggegangen." Nachdräglich bemerkt der Zeuge noch:„Als wir das Gewehr gefunden hatten, meinte Durchlaucht, daß eS wohl das beste wäre, eine» solchen Mörder unschädlich zu mache». Er frug mich, ob ich Gift mit hätte. Ich antwortete: Solches Gift habe ich nicht. Verhandlungsf.: Was hatten Sic denn für einen Ein- druck über die Art des Verkehrs des Prinzen mit Cain? Zeuge: Der Verkehr war vorher freundschaftlich. Prinz von Urenberg als Tierquäler. Es folgt die Vernehmung des Stallmeisters D e t t l o ff aus Belgien, der feit 1808 auf dem von Amchergschen Gute be- dicnftet und schon bei dem Vater deS Augeklagten lvar. Auf Bc- fragen des LerhandlungSführerS erzählte der Zeuge, daß der Augeklagte als achtjähriger Knabe öfter Fische gefangen hätte. Er habe den Tieren die Augen ausgestochen, den Bauch aufgeschnitten und dann f o r t g c w o r f e n. Ein Pferd, ein sonst sehr ruhiges Tier, habe er mit dem Sporn derartig mißhandelt, daß e S wild wurde. Der junge Prinz habe auch Katzen in Fallen gefangen, ihnen die Pfote» abgeschnitten,' damit sie. wenn er die Hunde auf sie hetzte, sich nicht wehren komitc». Als junger Offizier habe der Angeklagte einen ausgegrabenen Dachs an den Hinterfüßen aufgehängt, das Tier zwei Tage mit dem Kopfe nacb unten hängen lassen, dann dem DachS das Maul zugebunden und die Hunde auf ihn gehetzt. Verhandlungsf.: WaS dachten Sie denn eigentlich von dem Prinzen und über feine geistigen Fähigkeiten? Zeuge: Ich hielt ihn für geisteskrank, deimjssn vernünftiger Mensch quält doch unmöglich ein Tier derartig zu seinem Vergnügen. Verhandlungsf.: Wie war denn der Prinz zu seiner Umgebung? Zeuge: Er war mitunter sehr grob und gebrauchte manchmal Ausdrücke, wie sie ein gebildeter Mensch nicht benutzt. Verhandlungsf.: Der Angeklagte soll auch viel getrunken haben? Zeuge: Das soll ja sein. Ich habe ihn mir einmal betrunken gesehen, in Münster, wo der Prinz in Garnison lag. Ich hatte dem Prinzen einen Hund nach seiner Wohnung gebracht uud dort tranken wir von 10 Uhr abends bis 5 Uhr morgens zehn Flaschen Sekt. Am andern Morgen sollte der Prinz zum Manöver ausrücken. Wir konnten ihn aber kaum wach kriegen. Als er aufwachte, warf er nach uns mit Siicfeln und andern Sachen. Verhandlungsf.: Sind denn Verwandte des Angeklagten geisteskrank? Zeuge: Ein Vetter von ihm von väterlicher Seite in Amsterdam ist g e i st e S k r a n k. Die Mutter des An- geklagten i st hochgradig nervös. Verhandlungsf.: Sie Hutten früher ausgesagt, daß auch der Groß Vater des Prinzen irrsinnig gewesen sei. Zeuge:„I ch habe ihn nicht gekannt. Das habe icki nur gehör t." Der Zeuge erzählt dann weiter, daß der Prinz schon mit 16 Jahren mit Frauenzimmern Verkehr gehabt habe. So sei er einmal mit seiner Mutter und Schwester in Wörrishofen zur Kneipkur gewesen; während in den anstoßendeil Nebenzimmern Mutter und Schwester schliefen, habe er in seinem Zimmer iilit Dirnen wjü sie Orgien gefeiert. Der Zeuge glaubt, daß der Prinz schon als Kind an Verfolgungswahn gelitten habe. Er fei schon von sieben Jahren an mit einem geladenen Revolver bewaffnet umher- gegangen. Von ganz besonderer Grausamkeit zeugt ein Vorfall, der die Brutalität des Angeklagten ganz besonders charakterisiert. Die Herzogin hatte dem Prinzen einen kleinen französischen Seiden- spitz geschenkt. Er hetzte einen andren bösartigen Hund aus das Tierchen und während beide Vierfüßler mit einander kämpften, bist der Prinz, der, bald darauf bei den Kürassieren eintrat, dem Seiden- spitz den Schwanz ab. sGroßc Bewegung im Auditorium.) Gegen seine Lehrer betrug sich der Angeklagte ungebärdig; er prügelte sie, so daß die meisten dieser Professoren baldigst von ihre»; Erzieher- Posten demissionierten. Mährend der Vernehmung der Zeugen Major v. Pelette- Navorne, der Freiherren v. Fürstenberg und v. Bcwerii-Fördc, sowie des OberlieutenautS Frhrn. v. Los, sämtlich vom 4. locstfälischcn Kürassier-Regimcnt zu Münster, der Kastelanin Frau Nonnemanu und des Kammerdieners Kohnt wird die Oeffcutlichtcit ausgeschlossc». Dann wird Dr. med. Schlüter-Köln vernommen. Derselbe war Schiffsarzt auf dem Dampfer, auf Ivckchcm Prinz von Arenbcrg die Ueberfahrt nach Südwest-Afrika machte. Der Zeuge hat den Eindruck, als lvenu der Prinz an einem moralischen Defekt leide. Gleich bei Beginn der Reise frug der Prinz den Zeugen, ob es nicht zu viel sei, wenn er, der Prinz pro Tag eine Flasche Cognac trinke. Bei der geringsten Ausrcgimg hätten sich Z u ck u n g e n im Gesicht gezeigt. Andrerseits aber wäre von Arenberg eu oru�seig e geivesen. Als bei der Fahrt in der Nordsee sich ein kleiner Sturm erhob, sei der Prinz, während die andern Passagiere auf Deck promenierten, im blosten Hemde, mit einem Schwiiiimgürtel umgebe»,»Itter die Proinrnicrenden gestürmt und habe geschrieen, das Schiff gehe unter. Dann aber habe er während der Ueberfahrt entsetzliche Furcht vor der Malaria gehabt und den Arzt alle Augenblicke zu sich gebeten und sich ans diese Krankheit untersuchen lasse». Als Arzt ist dem Zeugen die kurze zurücktretende Stirn, die kleine Pupille und das stiere Auge des Angeklagten aufgefallen. Bei der Ankunft in Afrika war der Prinz"außerordentlich e n t- täuscht und iv o l l t e sofort wieder zurückfahren. Der Zeuge hält den Angeklagten für einen chronischen Alkoholistc». Der Zeuge stellte ferner fest, daß der Angeklagte andrerseits auch ciueu bcmcrkcnSIvertcn Zug von Gutmütigkeit befaß, der mitunter in reckst charakteristischer Weife hervortrat. Als beispielsweise ein Matrose auf dem Dampfer vom Hitzschlag getroffen wurde, war Prinz von Arenberg der erste, der dem Kranken zu Hilfe eflte. Auch zu den Bedienten sei der Angeklagte außerordentlich freundlich gewesen. Hierauf wird der Zeuge Bumke noch einmal vorgerufen, um nochmals Auskunft über die Eigenart des Prinzen, mit dem er ja längere Zeit auf der Station zusammen gewesen, zu geben. Er sagte aus, dast der Prinz sich nicht wie eui Offizier betragen habe. Er sei in einer alten schmutzigen Hose umhergelaufen und habe Arbeiten perrichtet, wie sie kein Weißer drüben gethan. Er hätte den schwersten einheimischen Tabak geraucht, der jedem Europäer eine Zerrüttung der Nerven einträgt. Eingeborene und seine Hunde habe er in der entsetzlichsten Weise misthandelt. Zu den weißen Untergebenen sei er oft seelensgut gewesen, bald aber auch jähzornig, gerade wie ihm die Mütze stand. Zeuge Luka» bestätigt die Aussagen des Vorzeugen. Der Prinz sei bis an die Zähne bewaffnet in schmutziger Kleidung in der Station umher- gelaufen. Eines TageS habe er eine große giftige Schlange beim S ch lo a n z gepackt und sie in der Art, wie es die eingeborenen Zauberer thun, getötet. Kein Weißer hätte dem Prinzen diese Toll- k ü h n h e i t, die ihm leicht l�S Leben kosten konnte, nachgemacht. Störrischen KanMen, die sich am Boden niedcrkanerten, liest er Feuer unter dem Schwanz anzünden und wenn dann die Tiere wie von der Tarantel gestochen aufsprangen, freute sich der Prinz kindisch darüber. Viel besprochen sei ein Dummer- jungeustrcich des Prinzen worden, den er gegen einen Geistlichen ver- übte. Auf einem Patrouillenritt begleitete ein Fcld-Pater die Kolonne. Als der Geistliche in Gedanken versunken einige Schritte voraus ritt, sprengte Prinz Urenberg an ihm vorüber und schost seinen Revolver seitlich ab, so daß das Geschoß nur um ein Haar breit an der Rase des Paters vorbeisaustc. Der nächste Zeuge Polizei-Sergeant Wicland bestätigt, daß der Prinz s e h r e i g c n t ü m l i ch war. Er habe öfter bei ihm, W. geschlafen, sei dann plötzlich nachts aufgesprungen und aus dem Zimmer gelaufen mit der Behauptung, daß die Schwarzen kämen und ihn überfallen wollten. Der Prinz trank viel Cognac und lcerte in einer Viertclsttiude eine ganze Flasche. Er trank auch eine Pietelliterflasche auf eisten Zug leer. Dem Zeugen Expedient Bürger, seiner Zeit Sergeant der Schutztruppe, war der Angeklagte sofort bei' der Ankunft durch seine lasche Kleidung ausgefallen. Der Zeuge giebt ferner an. daß der Prinz Dienste niedrigster Art verrichtcie. Er war häufig apathisch, ängstlich und glaubte, daß hinter jedem Busch ein Schwarzer stecke und ihn ermorden wolle. Wir nannten ihn„den verrückten Prinzen". Verhandlungsf.: Ist Ihnen etwas von Tierquälereien des Angeklagten bekannt? Zeuge: Wenn ein Ochse geschlachtet wurde, kam der Prinz schnell hinzugelaufen und freute sich über die Todeszuckimgen des Tieres. Er rührte auch mit einem Stock in der Wunde, die der Schlächter dem Tier geMniiten hatte. Als Cain ermordet wurde, wnudrrtcn wir uns nicht. Wir dachten uns, dast es einmal gar nicht anders kommen könne. Verteidiger: Hatte der Zeuge nicht einen Revolver bei sich, wenn er zu dem Angeklagten ging? Zeuge: Nein, ich habe nur zu den Unter- o f f i z i e r e n gesagt, wenn der Prinz in Wut sei, wäre es eigentlich notwendig, däst man ihm mit einem Revolver gcgcnübcrtrcte. Er bekäme es fertig, ciiien über den Haufen zu stechen. (Der weitere Bericht folgt morgen.) kommunales. Stadtverordnctcn-Bcrsammlnng. 8. Sitzung von; Donnerstag, den 3. März 1904, nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung um Vzö Uhr. Die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung umfaßt 42 Nummern, darnuter die Beratung von 20 Specialetats. Den letzteren gehen 26 Gegenstände ans der Tagesordnung voran, darunter an der Spitze die Anfrage der Stadtvv. Dr. Nathan u. Gen.: Berlin und die Große Berliner Straßenbahn. Welche Stellung gedenkt der Magistrat gegenüber dem Ein» s p r n ck» einzunehmen, den die GroßeBerliner Straßenbahn- Gesellschaft erhebt, um den Bau der Untergrundbahn Potsdamer Platz— Spittel markt zu verhindern? ivclche bereits am 19. Januar eingereicht, aber bisher noch nicht zur Bcantwortlmg gelangt ist. Stadtv. Dr. Nathan ssoc.-fortschr.) begründet darauf feine An- frage. Die principiclle Tragweite der Frage und ihrer Bedeutung für die ganze Bürgerschaft iverde von keiner Seite bestritten. Die Gesellschaft stütze ihren Einspruch auf mehrere Erkenntnisse höherer Gerichte, aus welchen Erkenntnissen er daS Hauptsächlichste zur Kenntnis der Versammlung bringen»nüsse. iGroße andauernde Unruhe, Ruf des Stadtv. I a c o b i: Wollen wir gar nicht hören!) Hoffentlich lvird der stenographische Bericht diesen Zwischenruf des Herrn Jacobi verzeichnen: Wollen wir gar nicht hören!(Stadtv. I a c o b i: Von Ihnen nicht. Fortdauernde Unruhe.) Redner geht nunmehr auf das Erkenntnis des Kölner Obcr-LandesgerichtS iiähcr ein und führt dann aus. daß der Einspruch schon deswegen hinfällig fei, weil es sich um eine Untergrundbahn handele, mit der Straßenbahn aber seitens der Stadt Berlin ein Vertrag betreffend die Ueberlassung von Straßen abgeschlossen sei. Auch gegen die Hochbahn, ein Konkurrenzunternehmen in vielschärfcremSiiine, habe die „Große" keinen Einspruch erhoben. Es komme der„Großen" mir darauf an, den Bau der Untergrundbahn so lange als möglich zu verhindern. Die„Große" möchte die Stadt, wie auch inspirierte Zeitungsartikel bewiesen, unter ihre Hörigkeit bringen; mit einem solchen Kontrahenten dürfe man nicht mehr neue Verträge abschließen. Oberbürgermeister Kirschnrr: Der Magistrat hat sofort, nachdem der Einspruch ergangen war, die Klage gegen die„Große Berliner Straßenbahn-Gesellschast" dabin angestellt, daß die„Große" zu einem solchen Einspruch nicht berechtigt ist und nicht befugt ist. An- sprüche aus der Anlage u»d dem Betriebe einer Unter- grimdbahn gegen die Stadt herzuleiten. Verhandlung-?- terrnin steht am 28. März an. Ich könnte mich damit begnügen(Lebhafte Zustimmung bei der Mehrheit), möchte indes doch das eine erklären: Der Vorredner unterscheidet zwischen gleichartigen und nicht gleichartigen, unmittelbaren und mittelbaren Konkurrenzen. Auf diese Konkurrenzen kommt es in erster Linie nicht a»», die Verhältnisse haben hier anders gelegen als in Köln und Bonn; bei den Verkehrsverhältnissen in Berlin ist die Anlage von Konkurrcnzlinien unter Umständen eine Notwendigkeit und war von vornberein ins Auge gefaßt, insbesondere in der Leipzigcrstraße, wo ein geordneter Berkehr ohne Entlastung gar nicht stattfinden kann. Der Magistrat würde glauben pflichtwidrig zu handeln, wem» er einen Vertrag abgeschlossen hätte, der eine solche Konkurrenzlinie unmöglich machte. Er glaubt urkundlich nachweisen zu können, daß die"Absicht, solche Konkurrenzlinien einzurichten, deutlich nachgewiesen iverden und den G-genkontrahenten ausdrücklich mitgeteilt würde. Ich bitte, die Diskussion damit zu beenden und die Entscheidung des Richters abwarten zu wollen. Es liegt ein genügend unterstützter Antrag auf Besprechung der Aufrage vor. Stadtv. Singer: Daß ich das Wort ergreife, geschieht, um zur Stellungnahme des Magistrats— und das lvird der Oberbürgermeister wohl nicht übelnehmeii— mich durchaus zustimmend zu äußern. Alle Achtimg vor dem Magistat, aber ein gleichberechtigter Faktor ist doch auch die Stadtverordiieteu-Versaminluiig und sie hat doch auch ein Recht, darüber gehört zu werden. Die Befürchtung, daß die Zirkel deZ Magistrats durch indiskrete Aeußenmgen gestört werden könnten, braucht er nicht zu haben. Die Stellung des Magistrats tvar durch die Interessen der Stadt ge- boten. Gegenüber der„Großen", die sich nicht geniigen läßt an dem schon vorhandenen Monopol an den Linien, die sie nun einmal hat, sondern die sich noch mehr ausbreiten möchte ohne jede andre Konkurrenz, war Zurückweisung nicht nur notwendig auf dem Wege der Klage, sondern auch auf dem Wege, auf dem das öffentliche Bewußtlein der Bürgerschaft zum Ausdruck kommt. Deswegen kann ich auch nicht fassen, daß die Herren, welche die Anfrage gestellt haben, unrecht thaten. Die Entrüstung der Oeffentlichkeit über das Vorgehen der Straßenbahn muß an dieser Stelle, gegen die das Vorgehen gerichtet ist, zum Ausdruck kommen. Der Oberbürgermeister hat durchaus mit seiner Auffassung recht, daß aus den Verhandlungen selbst die Nichtberechtigung solcher Ansprüche sich erweisen läßt. Ich könnte aus den bestehenden Verträgen eine ganze Reihe von Paragraphen mitteilen, welche dem Einspruch direkt entgegenstehen. Ich hoffe, daß die Klage in dem Sinne entschieden wird, daß auch das Gericht an- erkennt durch alle Instanzen, daß die Städte nicht dazu da sind, zum Spielball privater Aktiengesellschaften gemacht zu werden. (Zustimmung.) Aus den Publikationen der Straßenbahn-Gesellschaft ergiebt sich, zu welcher Ueberhebung solche Gesellschaften kommen, wenn ihnen nicht von vornherein mit Energie entgegengetreten wird. Diese Zeitungsartikel sind ja nichts weiter als Börsenmanövcr, die Würdigung derselben wird sich später noch eingehender gestalten lassen. Möge die Sache ausfallen wie sie will, wir können uns gratulieren dazu, daß durch die Haltung der „Großen" von nun an das Tischtuch zwischen ihr und der Stadt durch- schnitten sein wird.(Beifall.) Daniit schließt die Besprechung und ist die Anfrage erledigt. Die Vorlage wegen Erwerbung eines Schulgrundstnckes an der .teu projektierten, die Senefelderstraße schneidenden Straße ist vom Magistrat gemacht, weil ein schon 1902 für denselben Zweck veschlossener Terrainankauf an der Senefelderstraße nicht habe perfekt werden können. In der Begründung ist angegeben, daß die Ver- käuferin, die Aktien-Gesellschaft für Grundbesitz und Hypothekcnver- lehr, in Liquidation getreten ist. Das jetzige Grundstück wird von der Neuen Boden-Aktiengesellschaft offeriert, welche sich nnt zer vorher genannten fusioniert hat. Der Stadtv. Es mann(Fr. Fr.) beantragt Ausschußberatung, oeSgl. Stadtv. Borgmann(Soc.s, der auf die mangelhafte Be- gründung der Vorlage hinweist, sowie auf den Umstand, daß der Neuen Boden-Aktiengesellschaft mit der Durchlegung der neuen Straße ein großer Vorteil, der Stadt aber eine neue Last erwachse, und Stadtv. G r o n e w a l d t(A. L.). Die Vorlage geht darauf an einen Ausschuß von 10 Mitgliedern. An die Versammlung sind zwei Vorlagen gelangt, welche die Einstellung erhöhter und neuer Zuwendungen an Vereine, Stiftungen usw. in den Etat für 1904 bezwecken. Der damit befaßte Ausschuß hat die Erhöhung des Mitgliedsbeitrages an die Comeniusgesellschaft von 30 auf 50 M., einen Mitgliedsbeitrag von 8 M. an den„Internationalen Verband der Schiffahrtskongresse" und von 30 M. an den„Verband der Hilfsschulen Deutschlands", einen Zuschuß von 1000 M. an den„Vaterländischen Frauenverein, Zweigvcrein Berlin" (für fünf neu zu errichtende Kochschulen im Norden Berlins), die Erhöhung der Zuwendung an den Centralverein für Arbeitsnachweis von 20 000 aus 30 000 M. und die Bewilligung von 3000 M. für den Empfang des Internationalen Kongresses für gewerblichen Rechtsschutz zur Genehmigung, dagegen die wiederholte Forderung eines Zuschusses von 1500 M. an die„Deutsche Pestalozzi-Stiftung" einstimmig zur Ablehnung empfohlen. Ohne Diskussion tritt die Versammlung den Ausschuß- Vorschlägen bei. Die Forderung von 6200 M. für den Ersatz des schadhaften hohen KirchtnrmdacheS der Anstalt W u h l g a r t e n durch ein niedrigeres Turmdach war in der Sitzung vom 28. Januar er. abgelehnt worden. Der Magistrat legt jetzt ein Projekt vor, wonach das bisherige hohe Turmdach genau seiner bisherigen Gestalt ent- sprechend, jedoch unter Verwendung neuer Materialien, neu aus- geführt werden soll und veranschlagt die Kosten auf 19 700 M. Stadtv. Wallach: Diese Vorlage ist eigentlich eine Tragi- komödie, die wir durchgemacht haben. Die Versammlung lehnte damals den Antrag Esmann auf Ausschußberatung ab, aber auch den Magistratsantrag selbst ab, wohl infolge eines Versehens. Jetzt sollen wir 10000 M. mehr zahlen, das kann man doch nicht von uns verlangen. Stadtv. Esmann: Die Sparsamkeit hat doch auch eine Grenze. Ich wollte damals auch dem niedrigen Notdach entgegentreten. Der Magistrat stellt sich jetzt auch auf meinen Standpunkt. Nehmen Sie nicht die frühere Vorlage jetzt an, womit Sie sich eine Blöße geben würden, sondern die heutige! lvkit dem Erbauer des früheren Turmes, dem Baurat Blanckenstein, wollen wir doch nicht auf diese Weise WS Gericht gehen. Stadtv. Glocke(soc.): Wir machen sonst KirchturmSpolitik nicht mit, aber dem Stadtv. Esmann müssen wir doch entgegentreten. Es mußte von vornherein befremden, daß, während sonst gegen die hohen Kosteuanschläge der städtischen Bauverwaltung Einspruch er- hoben wird, diese Forderung zurückgewiesen und so der Magistrat gezwungen wurde, mit einer höheren Forderung zu kommen. Das Andenken des Baurats Blanckenstein wird auf diese Weise auch nicht in Ehren gehalten werden; es müßte doch sonst in den Knopf eine Urkunde hineingelegt werden:„Der Turm wurde von Herrn Blanckenstein 1895 gebaut, nach neu» Jahren geriet er so in Verfall, daß er erneuert werden mußte durch den Baurat Hoffmann." Damit gerieten lvir in eine nahezu lächerliche Situation. In solcher Weise das Geld der Stadt auszugeben, find wir nicht geneigt und auch nicht dazu, die Zahl der Kirchturnispitzen auf diese Weise um eine zu vermehren. Darauf wird der Antrag Wallach mit großer Mehrheit angenommen. Für den ferneren städtischen Sekunden-Nor maluhren- D i e n st ist eine Rieflcrsche PräcisionS-Pendeluhr in lustdichtem Verschluß angeschafft und sind zu experimentellen Versuchen Reparatur- arbeiten an der Reserve-Uhr auf der königlichen Sternwarte aus- geführt worden. Die noch zu deckenden Kosten von 2398 M. sollen aus dem Dispositionsquantum des laufenden Etats entnommen werden. Die Versammlung stimint zu. Die zum Grundstück W a l l st r. 15 gehörige Ausladegcrcchtigkeit wollen die Eigentümer Gebr. Simon jetzt für 3000 M.(statt der zuerst geforderten 15 000 M.) freiwillig abtreten, und der Magistrat will darauf eingehen, um den Neubau der Grünstraßenbrücke nicht länger als nötig aufzuhalten. Die Zustimmung der Versammlung tvird ohne Debatte erteilt. Die Bewilligung des R a t h a u s- F e st s a a l e s zur W- Haltung einer Festlichkeit für Mitglieder der städtischen Behörden am 12. März erfolgt ohne Debatte. Der Vorentwurf zur Errichtung einer neuen Kochküche, verbunden mit der Verlegung des Franenbadcs und Erweiterung des Kesselhauses auf dem Grundstück des st ä d t i s ch e n Obdachs in der Fröbelstraße wird genehmigt. Auf Antrag des Vorstehers, dem sich Stadtv. I a c o b i (A. L.) und Borgmann(Soc.) anschließen, wird die Etats- beratung ausgesetzt und die Tagesordnung im übrigen aufgearbeitet. Die Vorlage betreffend die Reiiiiguiigsarbeitcu in den städtischen Schulen, bringt zur Kenntnis, daß vom 1. April ab folgende Vor- schriften in Kraft treten sollen: 1. Die Fußböden in sämtlichen Schulen sind stets ausreichend mit Stauböl zu streichen. 2. In sämtlichen Schulen sind die Fußböden dreimal wöchentlich durch trockenes Ausfegen— auch zwischen und unter- halb der Subsellien— gründlich zu reinigen. 3. Die Banktische und Lehrerpulte sowie die Klassenutcnsilien und Paneele sind täglich feucht abzuwischen. 4. Sämtliche Fenster sind sechsmal im Jahre, also durch- schuittlich alle acht Wochen zu putzen. Stadtv. Heimann(Soc.): Wir werden dieser Vorlage zu- stimmen, nicht etwa, weil wir damit einverstanden sind. sondern weil wir die Beratung des Etats nicht ver- zögern wollen und weil wir die begründete Hoffnung haben, in Kürze die ganze Angelegenheit nochmals eingehend prüfen zu können. Jin Etatsausschuß habe ich bei Gelegenheit dieser Vorlage bereits darauf hingewiesen, daß man zu ganz ungeheuerlichen Resultaten kommt, wenn man die Leistungen derStadt für Reinigung derSchulzimmer in den höheren und in den Gemeindeschulen ansieht: In letzteren wird 22, in den ersteren 39— 46 M. bezahlt. Meine Rechnung wurde als rechnerisch richtig anerkannt, aber ich sollte verabsäumt haben, die Neben- räume in den höheren Lehranstalten einzubeziehen, Bibliothekzimmer, Vorzimmer der Direktoren, Zeichensäle zc., welche von den Schuldienern ohne besondere Entschädigung gereinigt werden müßten. Um in diese Angelegenheit endlich wirkliche Klarheit zu bringen, hat der Kämmerer eine Aufstellung zugesagt, aus der genau hervorgehen soll, wie viel in der That die Stadt für Reinigung jedes Schul- zimmcrs ausgegeben hat. Wir bitten den Kämmerer, diese Zusage in Bälde einzulösen und uns die Nachweisung so rechtzeitig zugehen zu lassen, daß wir noch vor der Etatsberatung die Sache eingehend erörtern können.(Beifall.) Stadtv. Rosenow(N. L.) wiederholt seine Forderung der t ä g- l i ch e n Reinigung der Schulklassenzimmcr durch Ausfegen. Wie könne man die Berliner Kinder zur Reinlichkeit und Sauberkeit erziehen und wie könne man es vor der Hygiene verantworten, daß das Ausfegen nur dreimal wöchentlich geschieht, während doch ein tägliches nasses Abwischen der Schnltische und Subsellien vorgesehen sei? Unverständlich sei, daß das Putzen der Fenster entgegen dem früheren Beschluß nur alle acht Wochen geschehen soll. Stadtrat Wagner sucht darzuthun, daß für die Reinigung der Schulen alles geschehe. Stadtv. Heimo»» hebt dem gegenüber nochmals hervor, daß er mit seinen Freunden durchaus auf andrem Standpunkt stehe, daß er aber die vom Kämmerer bestimmt zugesagte Nachwcisung ab- warten wolle, um dann eingehend auf die ganze Angelegenheit zurück- zukommen. Nachdem auch Stadtv. Roscnow sich gegen die Ausführungen des Stadtrats Wagner verwahrt hat, der sich über die Termine des Fensterpntzens ausgeschwiegen habe, stellt Stadtv. Direktor Hellwig(A. L.) nochmals fest, daß nach seiner Ansicht die Reinigung genügt. Die Schulräume könnten nicht ohne Einschränkung mit Wohnzimmern verglichen werden. Stadtv. Dr. Glatze!(Fr. Fr.) äußert sich als Schulmann in demselben Sinne und nimmt für sein Urteil die größere Autorität in Anspruch. Stadtv. Roscnow protestiert gegen letztere Ausführung und stellt vor der Oeffentlichkeit fest, daß zwei Vertreter höherer Lehr- anstalten in der Versammlung sich gegen tägliches Ausfegen der Schülzimmer sträuben. Die Vorlage wird darauf zur Kenntnis genommen und die frühere Resolution der Versammlung für erledigt erklärt. Schluß'/.,0 Uhr. Lerlmer parteL-)Znge!egendeiten. Im Wahlverein zu Waidmannslust referiert S ch ü t t e- Berlin am Sonntaguachmittag 4 Uhr über die Todesstrafe. Ferner stehen Maifeier und Reform des Bibliothekwcsens auf der Tagesordnung. Steglitz. Ain Sonn tag früh 7 Uhr findet eine Flug- blattverbreitnng von den bekannten Lokalen aus statt.— Nachmittags 2 Uhr: Oeffentliche Versammlung in:„Birken- Wäldchen"._ Lokales. Aus der Stadtverordneten-Versammlung. Die zweite Lesung des Stadthaushalts-Etats für 1904, die gestern beginnen sollte, ist noch um acht Tage verschoben worden, damit die zahlreichen Reste, die sich aus früheren Sitzungen auf- gesammelt hatten, endlich einmal erledigt werden konnten. Zu diesen Resten gehörte die Anfrage der„Social-fortschritt- lichen Gruppe", welche Stellung der Magistrat einzunehmen gedenke gegenüber dem bekannten Einspruch der Großen Berliner Straßenbahn-Gesellschaft gegen die Weiterführung der Untergrundbahn nach dem Spittelmarkt. Stadtv. Nathan begründete die Anfrage mit dem Hinweis auf die Be- deutung, die diese Streitfrage für die Bllrgersckaft wie für die Stadtverwaltung hat, und zog die in ähnlichen Fällen(Köln usw.) ergangenen Gerichtserkenntnisse heran, aus denen hervorgehe, daß der Einspruch der Straßenbahngesellschaft unberechtigt sei. Was Herr Nathan vortrug, war nicht sonderlich aufregend, aber ein Teil der Versammlung erging sich unter Führung des Herrn I a k o b i in wiederholten lärmenden Unterbrechungen. Es waren dieselben Herren, in deren Auftrag Herr Wallach zu Beginn der Sitzung den erfolg- losen Versuch gemacht hatte, eine nochmalige Vertagung dieser Sache durchzusetzen. Die Antwort auf die Anfrage gab Oberbürger- meister K i r s ch n e r. Der Magistrat habe bereits die Feststellungs- klage angestrengt, Termin sei am 23. März. Gegen die Straßenbahn- Gesellschaft fand Herr Kirschuer erfreulicherweise Worte von einiger Entschiedenheit, aber er überschätzte doch wohl ein wenig„die Be- deutung seiner Stellung"(die er in einer der letzten Sitzungen so stolz betont hatte), als er mit der Bitte schloß, man möge nicht weiter diskutieren. In der Besprechung, die von der„Social- fortschrittlichen Gruppe" und der socialdemokratischen Fraktion beantragt wurde, wahrte Genosse Singer dem Magistrat gegen- iiber das Recht und die Pflicht der Stadtverordneten-Versannnlung, sich zu dieser Angelegenheit gleichfalls zu äußern.. Singer wies scharf die Anmaßung der Straßenbahn-Gesellschaft zurück und warnte davor, die Stadt zum Spielball privater Erwerbsgesellschaften machen zu lassen. Berlin könne, so schloß er, froh sein, daß nun das Tischtuch zwischen der Straßenbahn-Gesellschaft und der Stadt- gemeinde endlich zerschnitten sei. Nach Singer sprach niemand mehr; die freisinnige Mehrheit samt der„Neuen Linken" fand kein Wort des Tadels gegen das dreiste Gebaren der Straßenbahn-Gesellschaft. Aus der langen Reihe der Verhandlungsgegenstände, die dann folgten, ragte(wenn das Bild erlaubt ist) ein Kirchturm hervor, der Kirchturm der Epileptikeranstalt Wuhl- garten, der unter Baurat Blanckenstein so miserabel ausgeführt worden ist, daß sein Dach schon jetzt vollständig erneuert werden muß. Der Magistrat hatte das hohe spitze Dach durch ein niedriges ersetzen wollen, aber der von ihm vorgelegte Entwurf war in einer der letzten Sitzungen abgelehnt worden. Herr Esmann hatte damals für Beibehaltung des spitzen Daches gesprochen, weil die Pietät gegen Blanckenstein das gebiete. Nun kam der Magistrat mit einem neuen Entwurf, der ein spitzes Dach vorsah, aber dafür auch mit einem höheren Kostenanschlag abschloß. Herr Esmann sprach wieder für das spitze Dach, Herr- Wallach für das flache. Genosse Glocke bemerkte zu diesem Duell, die socialdemokratische Fraktion wolle sich in die Kirchturmspolitik des Freisinns nicht hineinmengen, aber das müsse doch konstatiert werden, das hier zu Ehren Blankensteins das Teurere vorgezogen werden solle, während man sonst immer schreie, daß zu teuer gebaut werde. Ein Antrag Wallach, daß die frühere Vorlage wiederherzustellen sei, wurde angenommen. Eine längere Debatte knüpfte sich noch an eine Vorlage über die Reinigung der Schulräume. Genosse Heimann bemängelte hier die auffallende Ungleichheit der den Schuldienern gewährten Neinignngsentschädigiing. Die Schnldiener der Gemeinde- schulen haben mehr Arbeit als die der höheren Schulen und werden schlechter bezahlt. Das ist auch ein Beitrug zu dem Verhältnis zwischen Gemeindeschulen und höheren Schulen. Eine Wohnstatte der Armut. Gleich einem sparsamen Hausvater, der seine abgetragenen Kleidungsstücke noch vorteilhaft verwertet, weiß auch der Fiskus auS seinem für ihn unverwendbar gewordenem Eigentum Einnahmen herauszuschlagen. So ist das fiskalische Gebäude am Molken- markt, das in seinen vorderen Räumein früher das Polizei- Präsidium beherbergte, und dessen hintere Baulichkeiten, die alte S t a d t v o g t e i, bis vor kurzem noch als Polizeigefängnis dienten, an Herrn Schippanowski verpachtet worden, der seinerseits die einzelnen Räume teils als Geschäftslokeile, teils als Wohnungen weiter vermietet. Der Pächter hat nun die alte Stadtvogtei, übrigens ein recht solides Gebäude, in eine Mietskaserne umgewandelt. Die Zellen, die vor noch nicht langer Zeit unfreiwillige Bewohner hinter Schloß und Riegel beherbergten, dienen jetzt armen Leuten als freiwillig aufgesuchte Wohnstätten. Unsre Leser werden entschuldigen, daß wir von Freiwilligkeit reden, wo jemand unter dem Druck der bittersten Armut sich eine Wohnung suchen muß, bei der möglichste Billigkeit die Hauptfache ist, und wo der Hauswirt bel der Aufnahme der Mieter nicht allzu wählerisch verfährt. Daß Herr Schippanowski die ehemaligen Gefängniszellen be- sonders billig vermietet, kann man nicht sagen. So eine Zelle kostet je nach der Größe 12,50 M. bis 13 M. monatlich. Das ist ein recht anständiger Preis, namentlich wenn man bedenkt, daß dem ganzen Gebäude an Einrichtung und Ausstattung alles, aber auch alles fehlt, was man heutzutage selbst in den elendesten und ärmlichsten Mccts- Häusern zu finden gewohnt ist. Der Charakter des Gefängnisses ist noch vollständig erhalten. Lange, öde, halbdunkle, nicht sauber gehaltene Korridore durchziehen das weite Gebäude. An beiden Seiten der endlosen Gänge befinden sich die Thören der Zellen, mit Nummern versehen und zum großen Teil noch mit starken Eisenstangcn verwahrt. Auch die kleinen Oeffnungen, durch die man einst die Gefangenen beobachtete, und wo hindurch man ihnen die Näpfe mit Rumfutsch und blauem Heinrich reichte, sind noch vorhanden. Die einzige Aenderung besteht danin daß man die Thüren mit Drückern versehen hat, so daß sie auch von innen geöffnet werden können, und daß man in den nach den Hofseiten liegenden Zellen die kleinen hoch oben angebrachten Kerkerfenster durch richtige Zimmcrfenstei: ersetzt hat. In einem Teil der Zellen sind eiserne Kochöfcn auf- gestellt, deren Rohre in die vom Korridor aus zu heizenden schwarzen Kachelöfen münden. In jeder Etage befinden sich etwa 60 solcher. Zellen, von denen ungefähr die Hälfte bewohnt ist, und für alle Be- wohncr einer Etage sind nur zwei Wiasserleitungcn sowie zwei in einem größeren Räume ncbeneinanderlicgende nicht verschließbare 5rlosctts vorhanden. Der Cementfutzbodcn dieses Raumes ist meist zollhoch mit schmutzigem Wasser bedeckt. Die Hausordnung der Schippanowskischen Mietskaserne er- innert recht eindringlich an die Vergangenheit des Gebäudes. Einen Hausschlüssel erhält keiner der Mieter. Wer nach 10 Uhr abends vor verschlossenem Hausthor anlangt, begehrt Einlaß, indem er die Hausglocke zieht. Dann öffnet der von einem riesigen Hunde be- gleitete Hauswächtcr die Thür, und der Einlatzsuchcnde hat sich als Bewohner des Hauses auszuweisen; stimmen seine Angaben über Namen und Zellennummcr mit der vom Wächter geführten Hausliste übercin, so kann der Bewohner passieren. Selbstverständlich wird in diesem„trauten Heim" strengstens auf pünktliche Zahlung der Miete gehalten. Bis zum dritten des Monats läßt man dem Mieter allenfalls Zeit. Hat er dann aber den fälligen Tribut nicht entrichtet, so erscheint der Verwalter mit einem oder zwei Handlangern, und die wenigen Habseligkeiten des Mieters werden ohne Umstände hinausbefördert; nicht gerade auf die Straße, aber in eine vollständig dunkle Zelle. Wenn der Hinausgeworfene in dem dunklen Winkel kampieren will, bis er ein andres Unterkommen gefunden hat, oder bis er wieder eine be- wohnbare Zelle bezahlen kann, so hat man nichts dagegen. So sieht es zur Zeit in der alten Stadtvogtei aus. Sie ist eine Unierkunftsstätie für einen Teil der Aermsten der Armen, eine Art Asyl für Obdachlose geworden, wo von Not und Elend hin- und her- geworfene Menschen die Unterkunft teuer genug bezahlen müssen. Es ist ein trauriges Zeichen für das in Berlin herrschende Wohnungs- elend, daß solche jmnmerlichen Wohnstätten Mieter finden, die in Anbetracht ihrer Verhältnisse hohe Preise für die einstigen Ge- fängniszellen zahlen. Wenn man schon die Stadtvogtei noch als Wohnstätte betrachten will, und der Fiskus keine andre Ver- Wendung für das alte Gebäude hat, dann sollte er es selber ent- sprechend Herrichten lassen und gegen billige Entschädigung an arme Leute vermieten. Eine Behörde muß doch nicht alles vom Standpunkt des Geschäftsmannes aus betrachten. Tie landcSpolizeiliche Abnahme der aus Anlaß der Pariser Brandkatastrophe auf der Berliner Hoch- und Unter- grundbahn getroffenen Sicherheits-Ein- r i ch t n n g c n hat am gestrigen Donnerstagmittag stattgefunden. Die Besichtigung nahm ihren Anfang auf dem Hochbahnhof an der Warschauer Brücke, und zwar in den dort belegenen Werkstätten. Es wurden daselbst die einzelnen Einrichtungen an den Wagen usw. besichtigt, die Kurzschlutz-Einrichtung geprüft und auf die von uns bereits geschilderten neuen Wagcnttipcn, bei denen eine andre An- ordnnng der Thüren und eine verbesserte Ventilations-Einrichtung der Fenster eingeführt worden ist, in Augenschein genommen. So- dann traten die Herren mittels Sonderzuges eine Fahrt nach den Untergrundbahn-Stationen Wittenberg-Platz, Zoologischer Garten sc. an. In den Tunnelstrecken wurde die neue Beleuchtuugsart geprüft. Von der Untcrgrundbahn-Station Zoologischer Garten aus wurde bei dieser Gelegenheit auch die Feuerwehr durch den Feuermelder alarmiert. Die Züge derselben waren bereits zur Stelle, als die Herren dann aus dem Bahnhof heraustraten. womit der Beweis erbracht war, daß im Falle einer Feuersgefahr oder eines sonstigen Unglücksfalles sachgemäße Hilfe schnellstens zur Hand ist. Es wurden dann noch einige Verbcsserungen der vor- handenen Einrichtungen angeordnet, die im übrigen als vollständig zweckentsprechend anerkannt und damit abgenommen wurden. Von der illustrierten Wochenschrift„In Freien Stunden" ist ist soeben das 10. Heft des achten Jahrganges erschienen. Die Zeit- schrift bringt in dieser Nummer die Fortsetzung von GerstäckerS Roman„Die Flußpiraten des Mississippi". Der Münchener Maler I. Damberger zeichnet die Illustrationen zu diesem Roman. Das Heft enthält ferner die Fortsetzung von Alexander Dumas„Gabriel Lambert, der Galeerensklave", eine kleine Schilderung aus dem jetzt so heiß umstrittenen Korea:„Das Einsiedler- Königreich", sowie kleinere Beiträge, die den Inhalt des Heftes in anregender Weise beleben. In jeder Woche erscheint ein Heft zu 10 Pf., das in allen Parteibuchhandkungen, in Berlin in den Partcispcditionen zu haben ist und von jedem Kolporteur oder Zeitungsausträger besorgt wird. Abonnenten können noch jetzt eintreten und erhalten Heft 1 auf Wunsch zur Ansicht. Wir liefern auch denjenigen Parteigenossen, die in Versammlungen, Fabriken zc. für die Ausbreitung unsrer Zeit- schrift agitieren wollen, das nötige Sammelmaterial. Die Gefahren des Lehrter Güterbahnhofs. Die kgl. Eisenbahn- direktion beehrte uns, wie erinnerlich sein wird, dieser Tage mit einer Berichtigung. Was wir am 16. Februar über die Zustände auf dem Lehrter Güterbahnhof und über die Ursachen des dem Arbeiter Thymian zugestoßenen Unfalls berichtet hatten, soll so ziemlich alles unwahr gelvesen sein. Vielleicht hat die Eisenbahn- direktion Zeit, sich folgende Mitteilungen zu Gemüte zu führen. Uns wird gemeldet: Die Arbeiter auf dem Bahnhof glaubten, daß die Herren Vorgesetzten nach erfolgter Besichtigung sich über das Vor- handensein von Mißständen auf dem Bahnhof klar geworden wären. Doch scheint die Besichtigung nicht recht eingehend gewesen zu sein oder sie muß zu einer Zeit stattgefunden haben, wo einmal kein Wage» aus dem Geleise stand. Anders hätte den Herren doch mancherlei Miffallen miifsen. Hal'en sie mcht den gefäs�lirbe!! Winkel grscyeu. wo die Firmen Leinka nf, Ries u. Steffen, Kvtzfchke. Billeroy ,n>d Boch ihre Waren Tat cnt lassen, ist ihnen nicht anfgefallen, daff % SJ. bei Köhschke der lichte Raum zwischen Mauer' und Wagen so knapp ist, das; ein Raw fferer nicht in der Front steyeil kann: wissen sie nicht, das; bei Lemk« ms und RieS alles Geriimpel herumliegt, so daß ein Rangierer umn öglich seinen Bcnif ausüben kann, ohne sich schlimmer Gefahr au-Z;nseyen? Ebenso sei den Herren empfohlen, über die Gefährlichkeit der Sandlagerstätte am Kohlcnbahnhof ober- halb der Wächterbude nachzudenken: die paar Laternen, die seht brennen, genügen in keiner Weise für den mehrere Hektar groszen Bahnhof. Ilnd wenn du Direktion sagt, das; der zwölfstiindige Dienst der Rangierer nicht aufreibend sei, so ist ihr zu erwidern, das; die Zahl der Achsen keinen Maßstab zur Beurteilung abgicbt, sondern die Schwierigkeit der Handhabung in Betracht gezogen werden rnusz. lieber 14 Tage sind feit: dem erwähnten Unglücksfall ocrflossc» und heute noch liegen die WerbindungSstangen offen, wo Thymian zu Schaden kenn. Mus; das sein'i Es wird der Kommission hiermit dringend empfohlen, in der Zeit von 7 Uhr abends an die Nacht hindurch einmal die Thäb'gkeit der Rangierer zu beobachten. Dem gros! cu Vorknnr'ffer für das internationale Proletariat. Diese Inschrift trägt ein prächtiger Kranz, der gestern an der Grab- statte nnsreS lmvergestlichi m Wilhelm Liebknecht im Anfirage der focialdemokratischen Arbeiterpartei Bulgariens durch den Genosse» Sakasow ans Sofia im Bei sein mehrerer Genosse» des vom„Alien" vertretenen sechsten Kreises niedergelegt wurde. Diese Ehrung durch unsre bulgarische Bruderpartei ist eins der vielen Zeichen, das; der Geist und die Verehrung nnsreS verstorbenen Führers fortlebt in allen Ländern, in denen sich socialfftische Bewegung regt. Das Drama in der Elisasicthsiraßc hat am DonnerStagnachmittag 2'/z Uhr seine Aufklärung gefunden. ES handelt sich nicht um ein Ehepaar, sondern um ein Brautpaar und um das außer der Ehe ge- borene Kind der Braut. Dir 30 Jahre alte Alma Eschrisch äuS Jaschlvenda lernte in Berlin den um acht Jahre jüngeren Schweizer Hermann Masanek aus Neidenburg kennen und knüpfte mit ihm ein Liebesverhältnis an. Ihr Kind, das sie außerhalb Berlins zur Welt brachte, war früher bei ibrem Vater, dann in Berlin, bei einer Frau Knackfuß untergebracht. Die Eschrich war eine wenig um- gängliche, leicht erregbare Person und fand daher schwer ein passendes Unterkommen. Masanek, der völlig im Banne des älteren Mädchens stand, hatte seine Stellung aufgegeben. Beide wußten nicht reckt. was sie anfangen sollten: bald wollten sie Berlin verlassen, bald wollten sie hier bleiben. Endlich fand das Mädchen Beschäftigung in einer Molkerei in der Gneisenaustraße, der Bräutigam in der Neuen Königstraße, die Eschrich gab aber ihre Stellimg wieder ans. Sie nahm das kleine Mädchen zu sich und beschloß einen gemeinsamen Tod. Dienstag traf sie mit ihrem Geliebten zusammen und kaufte in der Nackbar- schaft dcS Gasthofes, wo die That in der Nacht ausgeführt wurde, den Wein, in den das Gift gemischt wurde. Die Art des Giftes ist noch nicht bekannt. Ob der gemeinsame Tod schon vorher beschlossen war oder erst an diesem Abend verabredet wurde, muß dahingestellt bseibeu. Mascmc? war auch am DonnerStagnachmittag noch am Leben: er liegt im Pavillon IS, war aber natürlich nach nicht vernehmungsfähig und gab mach noch wenig Hoffnung auf Wiederherstellung. Ein triftiger Grund ist kaum erfindlich, denn daß die Eschrich wegen vorübergehender BvschäftigungSlosigkeit und wegen Unlust zur Arbeit sich und ihr Kind töten und vor allem auch den Bräutigam dazu bestimmt haben sollir, kann man vorerst noch nicht annehmen. Der gefährliche Automatenmarder, der durch die Beraubung der ans Postämtern und Bahnhöfen befindlichen Fernsprechkosscn in jüngster Zeit einiges Aufsehen erregte, wurde am Mittwochnachmittag endlich abgefaßt. Ans dem Postamt 66 in der Mauersrraße wurde auf den Rat der Kriminalpolizei� an der Thür zu dem Geldbeyältcr des Automaten ein elektrische? Läutewerk angebracht, das bei der Berührung der Kasse eine Glocke im Schalterranm in Bewegung setzt. Diese gab gestern nachmittag ein Zeichen und Beamte eilten in den abgeschlossenen Raum des Fernsprechers. Dort fanden sie einen jungen Menschen, in dem später der 18jährige Maler Fritz H e r tz e r aus der Prinzenstr.!» festgestellt wurde. Cr hatte soeben den Versuch gemacht, den Geldbehälrer zu erbrechen, hatte aber noch keinen Erfolg gehabt. Er räumte nicht bloß diesen Versuch ein, sondern gab zu, wahrend seiner arbeitslosen Zeit noch weitere fünf- zebn Einbrüche versucht und cbcnsovielc mit Erfolg durchgeführt zu haben. Er lourde dem Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Ein merkwürdiger Selbstmordversuch wird ans dem Hanse Rückerstraße 1 gemeldet. Dort wohnt im Erdgeschoß des Quer- gcböndeS der Auktionator Mehls»iit seiner 26 jährigen Ehefrau Wilhelmine. Am gestrigen Mittwoch gegen Mittag rief die Frau einen auf dem Hof spielenden Knaben aus ihrem Fenster an und beauftragte ihn, in einer bestimmten Dcstillationswirtschaft ihren Mann zu benachrichtigen, daß sie sich jetzt erschießen würde. Als der Knabe den Auftrag ausrichtete, war der Mann nickt dort. Da- gegen machten sich Gäste sofort nach der MrhlSschcn Wohnung auf. hörten aber schon auf dem Hofe einen Knall und fanden die Frau auf dem Fußboden liegen. Aus einem kleinen Revolver, der neben ihr lag, hatte sie sich einen Schuß in die lintc Seite beigebracht. Ein Schutzmann brachte sie in einem Lückschen Wagen nach den, KranlenyanS am Friedrichshain. Ein Grund für die That ist nicht bekannt. FcnerSericht. Brandstifter trieben in der Nacht zu gestern in der Friedenftraße 52 ihr Unwesen. Dort sind im Onergebäude mehrere Tischlereien und Möbelfabriken untergebracht. Bald nach Mittenincht schlugen nun plötzlich Flammen aiis dem Erdgeschoß und dem ersten Stockwerk. Die sofort benachrichtigte Feuerwcbr fand bei ihrer An- knnft schon weiter vorgeschrittene Brandherde und ging daher sofort mit mehreren Schlauchleitungen vor Glücklicherweise konnte die Gefahr innerhalb einer halben Stunde beseitigt_ werden. so daß ein größerer Schaden nicht entstanden ist. Die Untersuchung hat ergeben, daß zweifellos Brandstiftung vorliegt, denn es brannte gleichzeitig an mehreren räumlich von einander getrennten Stellen. Leider fehlt bis jetzt jede Spur von dem Thäter, doch wird vermutet, daß es sich um einen Racheakt gegen die BctriebSinhaber handelt.— Kurz vorher wurde die vierte Löschcompagnie nach der Charit« in der Lniienstraße gerufen. Dort war durch einen Ofen in einen; Zimmer Feuer anSgckonmwn, das den Fußboden und die Balkenlage ergriffen hatte. Wegen eines Fahrstuhlunglück» mußte abends die Wehr nach der Burgstr. 36 aus- rücken. Eine Frau Grätz aus der ClandiuSstr. 6 lvar in den Fahr- stuhlschacht gestürzt und konnie a»S ihrer unglücklichen Lage nicht befreit werden. Die Wehr holte sie heraus und schaffte sie nach dem jüdischen Krankenhause, wo schwere innere Verletzungen und ein Lbcrschenkelbrnch festgestellt wurde. WohmmgS- und Keller- brande, bei denen im wesentlichen Decken, Möbel, alter Hausrat und Gcriimpel vernichtet wurden, mußten in den letzten 24 Stunden noch in der Wilhelmshavcnerstr. 54. CotheninSstr. 20, Friedrichstr. 131, MarknSstr. 27a usw. beseitigt werden. Im Wintergarten. Wer den gewaltigen Saal betritt, von dessen Decke das Licht ungezählter elektrischer Sterne hcrniederstrahlt, der kommt wahrlich nicht, um sich an weltbewegenden Problemen zu er- bauen. Nur ein Gedanke erfüllt die Besucher, gleichgültig ob sie Börseufürsten oder Lohnproletaricr sind. Sie wollen für einige Stunden der Alltagssorgen ledig sein, ihr Hirn will Ruhe haben. ihr Sinn sich an Dingen ergötzen, die mir Ohr oder Auge gefangen nehmen und vom Zuschauer auch nicht das klemste Quentchen Gedankenarbeit verlangen. Je blödsinniger es auf der Bühne zugeht, um so besser, und wer halsbrechcnde Akrobatenleistimgen und Jongleurkunststücke in zwerchfellerschütternder Maske zum besten giebt, der hat gewonnen. Gewiß verlangt der Götze Publikum Abwechslung, und daher muß auch einmal eine raffiniert geschulteSängerinKoloraturen zwitschern oder ein Komiker vom Schlage Otto Neutters derbe Wort- wine zum besten geben. Aber diese Abweichungen vom Programm smb, wie gesagt,>mr der Abwechslung halber zugelassen, und fügen sich dem großen Ganzen an. ohne sonderliche Störung zu erregen. Da gesellt sich nun zu dieser bunten Gesellschaft von Akrobaten, BeranttvTRedakteur: Julius Kaliski, Berlin. Für den! Bouchreduern, Perwandlungöninstlern und Ballet iraiien ein Wesen seltsamer Art. Av ctte G u i l b e r i singt Lieder, die an Skrupel- losigkeit die Chansons der frechsten ihrer Landsmänninnen über- treffen, und doch sind diese Lieder nicht gemein, sie läßt den Äbscham» der Menschheit, Diebes- und Zuhältergesindel sprechen und waS wir als Gedanken dieser Verivorfeueir vernehmen, ist von erschütternder Tragik. Mit einem Male ändert sich das Bild. Nichts mehr vom Schmutz der Gasse oder von der Lüsternheit an?- gemergelter Lebegreise. Alt- Frankreich mir seiner neckischen Heiterkeit thiit sich im sonnigen Rcbenglanz aus, übermütige Mädchen schäkern, und in komischer Schwermut bereut Großmütterchen im Gespräch mit der hcranblühenden Enkelin, daß sie in der Blüte ihrer eignen Schönheit nicht mehr Früchte vom Baum dcS Leben? gepflückt,"daß sie entsagungsvoll sich mir zwei Liebhabern zur Zeit begnügt hat, wo sie doch den Kummer so manches andren dunkeläugige» Jünglings noch hätte stillen könne». Es kam gestern noch enie Neckerei ans das grniliche Phlegma AlbionS, dessen Tochter sich nach Dvettc Gnilbert am sittsamen Flirt genügen lassen, nicht ans Keuschheit, sondern aus— Phlegma. Die Künstlerin nimmt Abschied von ihrem so plötzlich ans der Behäbigkeit ansgeriittelten Publikmii, das sich nun doch zur Gedankenarb.it bequemen mußte. Aber daS BeruhigungS- mittel folgt auf dem Fuße: Ein Ballett. Die Tischlnschulc beginnt am 7. April ihr 11. Unterrichtsjahr. Im laufenden Winterhalbjahr wurden in 76 Abend- und Sonntags- klaffen 1400 Lehrlinge. Gehilfen und Meister unterrichtet. Die Kurse sind ans nenn Abteilimgen verteilt. Außerdem hat die Berliner Tischlerschnle eine Tagesabteilung, die im eignen Hanse, Straßmaim- straße 6, sich befindet und von 71 Schülern besucht wird. Dort ist eine vorzüglich eingerichtete Tischlerwerkstatt„iit zwei Dainpftrocken- rämiieu vorhanden, ferner ein geräumiger Maschinensaal mit den verschiedensten Hobel- und Bohrmaschinen, Kreis«, Band-lmd Decoupier- sägen. Frais, naschinen, Schnitziiiaschiiicn usw. Sämtliche Maschinen sind niit Einzel-Motoren versehen. Außerdem befinden sich dort eine Bild- Hauer- und eine DrechSlerioerkstatt mit je 12 Bänken, ein Saal für Vorträge mit einem Projellioiisapparat, einem Experimentiertisch für den Cheinie-Unterricht, Zeicheusäle, Modelizimmer usw. ES ist also Ge- legenheit gegeben, sich zu einem tüchtigen Kunsttischler, Zeichner. Werkmeister usw. auszubilden. Diese Abteilung hat natürlich ein eiltsprechcndeS Programm. ES erstreckt sich auf:„Kunst- und Bau- tischlerei, Drechslerei, Holzbildhanerci und Modellieren, Intarsien- schneide», Maschilieinniterricht, Matcrialicnkiindc, Chemie, Fach- rechnen, Kalkulation. Buchführung." Im Zeichnen wird der Unter- richt erteilt im ProiektionSzeichnen, Schattenlehre, Perspektiven, Ornanientzeichncii, HolzverbindungS- und Formlehre, Fachzeichncn und Stillehre. Das Lchrpcrsonal besteht anS 33 Herren, darunter 31 Fachlehrer._ Hus clen Nachbarorten. Bei de» Neuwahlen in N e u e n d o r f siegten, wie nicht ander? zu erwarten war. die bürgerlichen Parteien am gcstrigeu Donnerstag mit großer Mehrheit. Der Umstand, das; die Wahlzeit in den Stunden von 2 bis 5 Uhr angesetzt war, wo kein Proletarier seine Arbeitsstätte verlassen darf, hatte zur Folge, daß die Bürgerlichen 358 Summen erhielten, unsre Parteigenossen hingegen nur 98 Stimmen. Nicht allein daß das Klassenwahl-Unreeht an sich schon die Arbeiter auf da? schwerste beeinträchtigt, sucht mau durch raffinierte Mittel ihnen auch noch die Möglichkeit zu nehmen, sich überhaupt in den ihnen vom Gesetz gesteckwu engen Grenzen an der Wahl zu be- teiligen. In Erkner haben vorgestern unsre Parteigenossen bei den Wahlen in der dritten Abteilung gesiegt. Ueber eine LiebeStragödie auf einem märkischen Adclssitz be- richten hiesige Blätter: Die jüngste Tochter des bereits betagten Freiherrn, die am vorigen Freitag ihren siebzehnten Geburstag feierte, bat in Gemeinschaft mit dem seit mehr als drei Jahren dort angestellten jungen Kutscher Emil Jahne, Selbstmord verübt. Die Leichen der beiden Unglücklichen wurden in der Sattelkammer neben- einander an einem Haken hängend aufgefunden. An Wieder- belebungsversuche war nicht zu denken, weil an beiden Körpern schon die Leichenstarre eingetreten war. Die Beerdigung der Baronesse fand am Nachmittag ans dem allen Kirchhofe statt, und gestern vor- mittag hat aiich der Kutscher Jähner ans dem neuen Kirchhofe die letzte Ruhe gefunden. Ihrem Wunsche, im Tode vereint bleiben zu dürfen, ist nicht entsprochen worden. Nach all dem, ivas im Orte und in den den Herrensitz Hingebenden Ortschaften über das traurige und allgemein das tiefste Mitleid heeverrnfcnde Ereignis verlautet, ist dieser Doppelselbstmord als der Abschluß eines Liebesverhältnisses anzusehen. Als das bis zur Auffindung der Leichen sorgsam ge- hütete Geheimnis denn doch durch schwer zu verhüllende Umstände offenkundig zu werden drohte, griffen die jungen Leute gleichzeitig zum Strick. Es handelt sich um die Tochter eines in der Nähe von Potsdam wohnenden Freiherr» v. Br. Rixdorf. Eine außerordentlich harte Strafe verhängte das hiesige Schöffengericht über die Schuhmacherfrau Karoline Hildemann ans Rudow, welche der verleuinderischen Beleidigung deS praktischen Arzte? Dr. Deutsch in Rudow beschuldigt war. Die Angeklagte hatte in ihrer Beschränktheit allerlei Räubergeschichten, die ihr ein 16jährigeS Dienstmädchen über Dr. Deutsch erzählt hatte, für bare Münze genommen und weiter kolportiert. Der von der Angeklagten angebotene Wahrheitsbeweis mißlang vollständig und so erkannte das Gericht gegen die Frau auf— drei Monate Gefängnis.— Wie wir seiner Zeil mitteilten, war der Stadtverordnete Rcinhold Beiß wegen öffentlicher Beleidigung seines früheren Busenfreundes, des Stadtverordneten Karl Rahmig, vom hiesigen Schöffengericht zu 500 M. Geldstrafe eventuell 100 Tage Gefängnis verurteilt worden. Beiß hatte hiergegen Berufung eingelegt, die jedoch vom Landgericht II jetzt verworfen wurde. Ans der Brandeubnrgischen Städtebahn, deren Eröffnung am 26. März stattfindet, werden zwischen Brandenburg a. H. und Rathenow täglich in jeder Richtung vier Personenzüge verkehren; die Fahrzeit beträgt etwas über!>/» Stunden. Auf der Strecke Brandenburg a. H.— Belzig verkehren täglich je drei Züge in jeder Richtung, bei einer Fahrzeit von genau l'/� Stunde». Von Rathenow gehen im Anschluß an diese Züge täglich je drei Züge nach Neustadt a. d. Doffe und zurück mit zweistündiger Fahrzeir und von Belzig aus gehen gleichfalls drei Anschlußzüge hin und zurück nach Treuen- brietze» mit einstündiger Fahrzeit. Auf der gesamten Strecke befinden sich'folgende Stationen: Trenenbrietzen,' Haseloff- Niederwerbig, Nieinegk, Dahnsdorf. Belzig. Fredersdorf, Dippn>am:Sdavf- Nagösen, Golzow. Krahne, Rekahn, Brandenburg-Nenstadt-Götlin, Branden- burg'-Altstadt, Görden, Fohrde, Pritzerbe, Döberitz. Premnitz, Mögelin, Rathenolo, Hohennaue», Spaatz, Rhiuow, Friedrichsdorf, Siedersdorf. Hohenofen und Neustadt a. d. Doffe. Besondere Schwierigkeiten hat es gemacht, die Züge so zu legen, daß sie An- schluß an die Züge der Staatsbahnen, in Belzig lBerlin-Wetzlarer Eisenbahn), in Brandenburg lBerlin-PotSdam-Magdcburger Eisen- bahn), in Rathenow(Verlin-Lehrter Eisenbahn) nnd in Neustadt an der Dosie(Berttn-Hamburger Eisenbahn) haben. Durch die See- Handlung hat der Staat insgesamt für 13 Millionen Mark Aktien der Städtebahn angekauft, so daß cr an deren Prosperität sehr be- teiligt ist._______ Gerichts-Zeitung Im K urpfn sch er- P r o zes; Schröter zu Tilsit wandt« der Vorsitzende sich am Dienstag gegen einen Artikel der„Brcslancr Zeitung". Er sagte: Es liegt dem Gericht cht Artikel der„Breslauer Zeitung" vor, in ivelchem unter der Ueberschrift:»Heiterkeit im Gerichts- saal" die gegenwärtige Prozetzverhandlung einer kritischen Besprechung unterzogen wird. Es heißt da u. a.: Der Vorsitzende und der Staatsanwalt wetteiferien in mehr oder minder guten Witzen über den Angeklagten, und das Publikum befinde sich fortgesetzt in großer Heiterkeit. Der Vorsitzende verliest den ganzen Artikel, der zum Schluß dagegen protestiert, daß in einem preußischen Gerichtssaal ein Angeklagter, gleichviel, ob cr ein Schwindler oder ein'Narr sei, nseratenteil verantw.: Th» Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Z dem Gelächter de? PnblilulnZ preisgegeben werde, und knüpft daran folgende Bemerkung: Wie alle, einschließlich der Verteidigung, sind der Meinung, daß das alles vollständig falsch ist. Es kann keine Rede davon sein, daß ich oder der Herr Staatsanwalt nnS über den Angeklagten lustig gemacht haben, nnd wenn in der Berichterstattung über den Prozeß hier nnd da das Wort„Heiterkeit" vorkommt, so rührt das einfach daher, daß die Herren Berichterstatter selbst- verständlich dciS interessanteste aus der Verhandlung herausnehmen und daß sie dazu auch die Stellen rechnen, wo hier gelacht tvordcn ist. Vor allem aber muß daS Publikum hier gegen die Angriffe der Zeitung in Schutz geiiommen werden. Es hat sich durchaus anständig und ruhig betragen. Jnfolgedesien hat die Zeitung ans den Ver-- handlungSberichtcn ganz falsche Schlüsse gezogen. Wir haben keine Witze gemacht, die Heiterkeit ist vielmehr in den meisten Fällen durch Antworten deS Angeklagten oder beim Verlesen von Broschüren ent- standen, deren Inhalt das Publikum zum Lachen reizte. Der An- geklagte ist durchaus objektiv und ruhig behandelt worden und deshalb lag kein Anlaß zu der Polemik des Breslauer Blattes vor. Wenn die Herren Berichterstatter derselben Meinung sind, so bitte ist sie, diesen Artikel zurückzuweisen. Es kommen weiter eine Anzahl Fälle zur Sprache, in denen der Angeklagte auf seine Weise mi Kranken herumgedoktert hat. In einem Falle hatte cr bei einer Frau Büttner eine ganze Reihe von Leiden, unter anderm auch Bandwurm diagnostiziert. Als eine Besserung in dem Zustande der Frau Büttner immer noch nicht eintreten wollte, sagte cr bei einem erncnten Besuche, die Kur scheine nicht anzuschlagen, es muffe waS Besonderes versucht werden. Darauf„magnctisierte" er die Patientin, indem er mit den Händen über ihren Körper strich und die Hände dann hin und her schlackerte: dabei sagte er, er merke, wie seine Kraft von ihm zu ihr hilüiberströme. Frau Büttner hatte indessen bei dieser Prozedur keinerlei Empfindungen. Als sie sich entfernte, begleitete sie Schröter zum Flur und sagte zu ihr:»Er habe es nicht leicht, er habe auch mit Geistern zu thun, seine Kamst sei eine Art Zauberei." Nun wurde Frau Büttner mißtrauisch, meinte, sie hätte es doch wohl mir einem Schivindler zu thnn. und gab die Kur, die«Iva drei Monate gedauert hatte, ohne einen Erfolg zu zeitigen, ans. Schröter bestreuet in großer Erregung, daß er sich in diesem Falle etwa als Zauberer aufgespielt habe. Denn mit irgend welchem Zauber Halle seine Bchandlungsweiie nicht das geringste zu thun. Er habe sich nicht einmal mit Sckianstellnngen und öffentlichen Temonitrationen abgegeben, wie dies andre Magnetopathcn wohl thätcn. Es sei ihn? ein völlige? Rätsel, wie die Zeugin Büttner zu diesen Behauptungen komme. Die Zeugin behanpret darauf, daß während ihrer An- Wesenheit im Sprechzimmer sich ans einmal auf eine Bewegung Schröters hin die dort befindlick)«, Apparate bewegt hätten, so daß ibr ganz unheimlich zu Mute geworden sei. Der Vorsitzende führt ihr die verschiedenen im Gerichtssaale aufgestellten Apparate nnd Instrumente vor und konstatiert dabei, das; diese mit der Centrale der Lahmeyerschen Elektrieitätswerke in Tilsit verbunden Ware». Schröter erinnert sich nur, der Zeugin an einem Kompaß gezeigt zu haben, daß er mit Hilfe des ihm innewohnenden Magnetismus die Magnetnadel um 8 bis 0 Otretd abzulenken im stände sei. Ter Versitzende richtet darauf a» den Sachverständigen Tr. Moll die Frage, wie er sich zu dieser Behauptung des Angeklagten stelle.— Tr. Moll: Ter Sachverständige Professor Puppe habe hier bereits eine Erklärung dieses Phänomens zu gcl>cn versucht, indem er sagte. daß es eine physikalische Erscheinung sei, daS, was der Angeklagte jedoch produziert haben wolle, sei ganz etwas andres. Die Ablenkung, wie sie Prosessor Puppe im Auge habe, sei nur bei direkter Berührung deS Kompasses möglich, der Angeklagte stehe aber jedenfalls auf dem Standpunkt, daß cr die Nadel mittels seines Magnetismus ohne direkte Berührung abgelenkt habe.— A n g e k l.: Gewiß.— Vorsitzender: Cr hat uns nun gesagt, daß cr gegenwärtig zu solchen Experimenten nicht im stände sei, weil er sich nicht in der richtigen Stimmung, Umgebung usw. befinde.— Sachverständiger Dr. Moll: Das sagen solche Personen wie der Angeklagte in solchen Fällen iminer. Aus diesem Grunde ist bisher eine wisscuschaftliche Fest- stellnng dieses angeblichen Phänomens nicht möglich gewesen. Auf Befragen, wie er de» Bandwurm der Zeugin Büttner fest- gestellt habe, erwidert Schröter: Auch auf magnetischem Wege. Vermischtes. Gegen die Schulbarbarei. Die Münchener„Jugend" ver- öffenilicht einen Brief, den ein Primaner gern an feinen Ordinarius geschrieben hätte, und in dem es heißt:„Sie lassei, uns von einer GeschichtSstnnde zur andren 45 Jahreszahlen auswendig lernen, und wenn sich einer, gerade weil er kein Schaf ist, den zusaminenhanglosen Blödsin» nicht merken kann, wird er gestraft. Wir wissen das DnUini, das Wetter und die Verlustliste von jeder«chlacht im dreißigjährigen Krieg— warum aber der.Krieg angefangen und lvaS er für Folgen gehabt hat, wissen wir nicht. Wir müssen die Regierunasdaten aller ägvptisck�r Könige von Mino? an bis zun, Khedive AbbaL II. im Kopfe haben, und wenn einer nicht sagen kann, wann Psammetick III. den letzten Zahn gekriegt hat, drohen Sie ihm mit der Demission. Aber Iva? etwa im Jahre 1843 die Geister im deutschen Vater lande durcheinandergerüttelt bat, haben wir nie erfahren. Wir wissen vom alten Homer mir. daß man drei Dutzend seiner Hexameter strafweise memorieren mutz, wenn man irgend einen grammatikali- schki, Fehler begangen hat, und von Sovhokles wissen wir. daß der zweit« Chorgesang der Autigone pro Jahr und Klasse durchschnittlich 37 Stunden Schularrest einträgt. Daß in den beiden genannten Klassikern poetische'Schönheiten vorkommen, erftihren wir Höchstenz vom Hörensagen. Sie haben stets wie eine Mauer, oder eigentlich wie ein Sracheldralitzaui! zwischen uns und den Wunder» der antiken Welt gestanden, Wundern, von denen Sie selbst so wenig begreifen wie wir. Sie lieben von den Alten bloß die Grammatik. aber nicht etwa die Logik in ihnen, sondern die irregulären Seiten- spränge. Sie lieben sie. wie ein Henker die Apparate seiner Folter- kammer liebt. Sie verekeln uns Schiller. Goethe und Lessing genau so, wie Homer und Sophokles. Als wir die Bürgschaft lasen, fragten Sie nnS über DyoniS den Tyrannen und feine näheren Familien- Verhältnisse rnis: als wir den Egmoni aufschlugen, sperrten Sie mich ein, weil ich den Todestag Albas nicht wußte; bei Nathan dem Weisen examinierten Sie uns über die Kreuzzüge. Sie morden unser Ehrgefühl, weil Sie den beschimpfen, dessen nutzlos über- füllreö Gedächtnis einmal versagt, unser Selbstveriranen, iveil Tie den einen Esel nennen, der esethafi Vorgetragenes nicht begreift, unsre Jugendfreudigteit, weil Tie aus Schule und� Leben uns alle- ausschalten, was fesselnd, froh nnd farbig ist. Sie nehmen uns nicht an der Hand, uns ins Land des Wissens zu führen, Sie zerren uns an den Ohren durch!" Zwei Stockwerke eingestürzt. Aus New Dork wird berichtet: Das im'Bau befindliche Darlington-Hotel, das bereits bis zur Höhe von 12 Stockwerken emporgeführt war, ist eingestürzt. Fünf Arbeiter wurden getötet, viele verwundet. Eine große Anzahl von Arbeitern wird vermißt. Ein Grubenbrand wird aus Gleiwitz berichtet: Mittwoch abend l> Uhr brach in dem Valeska-Flötz, der dem Fürstest Henckel von Donnersmarck gehörenden Schlesien-Grube, ein Brand aus, vermutlich infolge Erplosion von Kohlenstaub. 8 Mann kamen um- Leben; die Leichen sind bereits geborgen. Tabak und Kirche. Nicht allein in der Kirche zu Bernau, sondern auch in der Kirche zu Lauterbrunnen in der Schweiz wird ohne Unterschied der Partei geraucht. In der„Köln. Ztg." lesen wir: Eine Kirche, in der geraucht wird, lvird in Friedenszeiten zu den Seltenheiten gehören, und doch müssen die Bewohner von Lauter- brunnen in der Schweiz dieser Gewohnheit huldigen, denn der Kirchengemeinderat von Lauterbrunnen hat sich veranlaßt gesehen, da- Rauchen in der Kirche bei Versammlungen und festlichen An- lassen zu verbieten. Ei» vnlkanischrr Ausbruch auf der Groß-Comoro-Jnsel hält seit de», 25. Februar ohne Unterbrechung an.— Die Lava ergießt fick an? drei Kratern, die in einer mittleren Höhe von tausend Metern weit auseinander liegen. Einige von den Eingeborenen sind dem Ausbruch zum Opfer gefalle»._ mkidruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer öc Co., Berlin LW, St. 54. 21. 3. KilW ks Jorniärts" Irtlin« IlglMlitt. Freitllg, 4. Miirz 1904. Hus Induftric und Dandd. Die Lage des rheinisch-westfälischen Kohlcnmarktcs hat sich in der zweiten Hälfte des Februar noch mehr verschlechtert. Nach Btitteilungen der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung" konnten in der ersten Hälfte vorigen Monats als höchste Tagesleistung noch 20 080 D.-W. verzeichnet werden, dagegen betrug diese in der Be- richtszeit nur 13 919 D.-W. Im Durchschnitt wurden in der Zeit vom IS. bis 29. v. M. arbeitstäglich nur noch 18 114 D.-W. an- gefordert, während in der gleichen Zeit des Vormonats noch 19 092 D.-W. versandt werden konnten. Gegen Schluß des Monats verschärfte sich die ungünstige Lage des Marktes sogar derart, daß an zwei Arbeitstagen nur noch etwas über 17 000 D.-W. angefordert wurden. Die Hauptschuld tragen nach dem genannten Blatt die schlechten Wafferverhältnisse des Rheins, denn die Versendungen nach den Rheinhäfen haben sonst fast die ganze zweite Hälfte des vorigen Monats hindurch nahezu vollständig ruhen müssen, da die Kipper und die meisten Magazine infolge des anhaltenden Hochwassers ge- sperrt waren. Daß die Zechen hierdurch in ihren Versendungen außerordentlich behindert wurden, liegt klar auf der Hand und es war deshalb nicht anders möglich, als daß allgemein infolge Absatz- mangels Feierschichten eingelegt werden muhten. Der Abruf der Werke ließ mit Rücksicht auf die ungewisse Lage der Eisenindustrie gleichfalls zu wünschen übrig, ebenso gingen die Bestellungen in Haus- brandkohlen infolge der milden Witterung weiter zurück. Auch auf dem Coaksmarkte ist die Lage wenig befriedigend. Wenn auch die beschlossene 20prozentige ProduttionSeinschränkung im Februar bis auf ca. 2 Proz. nicht innegehalten zu werden brauchte, so machte sich diese doch für die coaksproduzierenden Zechen sehr un- angenehm bemerkbar, zumal die Betriebskosten noch wesentlich da- durch verteuert werden, daß die Coaksofcngase zur Heizung sämt- licher Kessel nicht mehr ausreichen und infolgedessen die Stochkessel wieder in Benutzung genommen werden müssen. Dortmunder Union. In der gestrigen Aufsichtsratssitzung der Union wurde die Bilanz vom 31. Dezember 1903 für das erste Semester des Geschäftsjahres 1903/04 vorgelegt. Sie ergiebt ein- schließlich des aus dem Jahre 1902/03 stammenden Vortrages von 164 180,03 M. nach Abzug der Schuldzinscn und der Generalunkosten einen Rohgewinn von 1 528 035,20 M.; in der für den entsprechen- den Zeitraum des Vorjahres auf den 31..Dezember 1902 gezogenen Bilanz, die einen Gewinnvortrag nicht aufwies, ergab sich ein Roh- gewinn von 1 526 913,83 M. Tie Halbjahrs-Bilanzziffcrn haben, koie wiederholt hervorzuheben ist, nur eine vorübergehende und relative Bedeutung, da erst in der Jahresbilanz die Inventur und die verschiedenen Abrechnungen Berücksichtigung finden können. An unerledigten Aufträgen lagen Ende Dezember 1903 vor: 102 232 Tonnen im Verkaufswcrle von 11 994 776,80 M. Am 1. Februar d. I. betrugen sie 114 112 Tonnen im Verkaufswerte von 12 877 545,73 M., gegenüber 116 289 Tonnen im Verkaufswerte von 13 994 901,22 M. am 1. Februar 1903. Der Aufsichtsrat genehmigte ferner den Vertrag, den der Vor- stand kürzlich mit der Firma Henschel u. Sohn in 5lassel wegen des Verkaufes der Henrichshütte abgeschlossen hat, sowie die derselben Firma gemachte Offerte wegen Verkaufs des Stcinkohlen-Vergwerks Earl Friedrich Erbstolln. Die gestrige Generalversammlung der Sächsischen Bodenkredit- Anstalt beschloß einstimmig die Erhöhung des Grundkapitals um drei Millionen auf 10 Millionen Mark. Die neuen Aktien hat ein unter Führung der Dresdner Bank stehendes Konsortium zum Kurse von 120 fest übernommen mit der Verpflichtung, den alten Aktionären ein Bezugsrecht dergestalt einzuräumen, daß auf drei alte eine neue zum Kurse von 125 entfällt und die alten und neuen Aktien an der Berliner Börse zur Einführung zu bringen. Die neuen Aktien nehmen an dem Gewinn des laufenden Jahres pro rata temporis und pro rata der geleisteten Abzahlung teil. Der Beitritt der Phönix-Gcsellschaft zum Stahlwerks-Verband ist in der gestern abgehaltenen Aufsichtsrats-Sitzung wider Erwarten nicht erfolgt. Die von der Leitung des Stahlwerks-Verbandeö dem Phönix zugestandene Beteiligungsquote wurde von dem Aufsichtsrat für zu niedrig erklärt. Die Unterbrechung der Haussespekulation durch den russisch- japanischen Krieg fordert immer noch neue Opfer. Wie aus Darm- stadt gemeldet wird, ist dort die Banlfirma C. Schade in Konkurs geraten. Der Firmeninhaber ist flüchtig. Man vermutet Selbst- mord. Die Passiven betragen angeblich eine halbe Million Mark. Die Spekulationsverluste betreffen hauptsächlich Paris, Brüssel und London; aber mich viele Gewerbetreibende und Private Darmstadts sind beteiligt. Die Darmstädter Bank ist ebenfalls beteiligt. )Zus der frauenbewegung. In einer Volksversammlung, welche die weibliche V e r- trauen sperson am Mittwoch noch der Kronenbraucrei in Moabit einberufen hatte, sprach Genosse Waldeck M a n a s s e über „Die Socialdemokratie und den Weltfrieden". Die Ausführungen des Redners, der die Barbarei der Krieges kennzeichnete, der fried- lichen Kulturarbeit das Wort redete und die Ideale, welche die Socialdemokratie in dieser Hinsicht erstrebt, wirkungsvoll darlegte. wurden von der gut besuchten Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Die weibliche Bcrtrauensperson für Teltow-BceSkow hatte für Sonntag eine Versammlung in Tempelhof im Lokale von Martin Müller veranstaltet, in. der Genosse Bartels über Kosakcntum in Preußen sprach. Der Vortrag fand reichen Beifall. Am Schlüsse der Versammlung drückte die Vorsitzende, Fwu Thiel, ihr Bedauern darüber aus, daß die Versammlung gerade von den Frauen so schlecht besucht sei, und forderte die Genossen auf, besser unter den Frauen zu agitieren, ganz besonders unter ihren eignen Frauen, damit auch die Frmien Mitkämpfer unsrer großen Sache werden. Mit einem kräftigen Hoch auf die völlcrbcfreiende Socialdemokratie schloß die Vorsitzende die Versammlung. Zu dem Gesetzentwurf über das Vereins- und VerfammlnugS- recht der Frauen, der dem braunfchweigischen Landtage vor einigen Wochen zugegangen ist, hat die socialdcmokratische Partei des Herzogtums Braunschweig dem Landtage eine ausführliche Denk- schrift überreicht. Darin wird die wirtschaftliche Stellung der Frau auf statistischer Grundlage erörtert und an dem Gesetzentwurfe sowie an den Beschlüssen der Landtagskommission scharfe Kritik geübt. Marktpreise von Berlin am 2. März 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. »Weizen, gnk D.-Ctr. mittel „ gering 'Roggen, gut mittel gering -f Ter sie, gut . mittel gering fHafer, gut mittel gering Richtstroh Heu Erbsen Speisebohnen Linsen » ab Bahn. � frei Wagen und ad Bah». Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule t ig do. Bauch„ Schlvcincfleisch„ Kalbfleisch Hammcsffcisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse CO Stück 1 kg per Schock 7.00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2.60 4,80 2,40 3,00 3,00 2,40 1,80 3,00 1,40 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 ßriefkarten der Rcdabtiotl. Wir bitten Bei jeder Anstage eine Chiffre fzwei Buchstaben oder etile Zahl) anzugeben, unter der die Antwort erteilt werden soll, und die letzte MonnementZquittimg beizulegen. Fragen ohne solche werden nicht bcant- wortet und schristliche Antwort wird nicht erteilt. �urlMkcbe? Ceit. Die juristische Sprechstunde findet täglich mit?l»?!>abmc des Sonnabends von?-/, vis»>/, Uhr abends statt. Geofsnet: 7 Uhr. X, 99. 1. und 2. Ja.— Morgenrot, Liebenwaldcrstraste. Nein. — K. 14. Drohen Sic Ihrem Wirt an, falls innerhalb einer von Ihnen zu setzenden Frist die Mitbewohner nicht entfernt und das Versprechen nicht eingelöst wird, würden-sie aus Kosten des Wirtes mit Hilst eines Kammerjägers die Entfernung beziehentlich Renovierung bewerkstelligen.— I. 5k.. Nchringstr. 9. Ja.— D., Ober- Schöncweide. Ew Armenrecht in S trassachen giebt e-Z nicht.— Hermann Schmidt. Die Erben haben in Ihrem Falle Erbschaitsstcuern nicht zu zablen. ES ist aber nötig, daß die- jcnigen oder der Erbe, der das Grundstück übernehmen soll, sowie das AuSzugSrecht eingetragen wird. Zu diesem Behnse ist es erforderlich, daß ein Erbschcin für alle Erben erteilt wird, und zwellmaßig, daß der Vertrag, durch den ein Teil der Erben abgefunden und ein Auszugsrecht konstitmert werden soll, notariell geschloffen Ivird. — C. S. 33. Das ist möglich, aber nicht ohne Klage beim stadtausschutz. Gegen dessen ungünstigen Bescheid steht Ihnen Klage beim ordentlichen Gericht zn.— B. M. 100. V olljäbrigkcitscrklärim g durch das Slmts- gericht kann erfolgen, wenn der Minderjähnge das 18. Lebensjahr vollendet hat und wenn er selbst und der Inhaber der elterlichen Gewalt in die Voll- jäbrigleitserliärimg einwilligt. Die Zustimmung des Vormundes ist nicht crsordcrlich. Bei einer minderjährigen Witwe ist auch die Zustimmung der Eltern nicht ersordertich. Den Antrag hat der Minderjährige oder sein gesetz- licher Vertreter beim Vormnndschastsgericht zu stellen. Die dann für groß- 'st rechtlich �' rsolgen, jährig Erklärten haben die rechtliche Stellung von Großjährigen. Die Bolljährig- keitScrktärung soll dann erfolgen, wenn sie im Interesse deS Biiirderjährigen liegt. — H. B.. Lausitzerstrnste. Die zutreffendste AuSkunst werden«ie durch Anfrage bei dem Direktor der Handwerkerschule erhalten.— Abonnentc» in Nenthcad. Der Konsul ist in der Sache selbst in. Rechte. Wegen der Form können Sie sich beim Auswärtigen Amt beschweren.— Eilt 5, R. 77. 1. Die Namensänderung eineS von der Ehefrau in die Ehe gebrachten außerehelichen, nicht vom Manne der Ehestau erzeugten Kindes ersoigt durch Erklärung des Stiefvaters, Zustimmung der Ehefrau und des Vormundes und Eintragung bei dem Standesamt. Die Er- klärungen können beim Standesbeamten zu Protokoll erklärt werden oder sind in gerichtlich oder notariell beglaubigter Form dort einzureichen. Ein Beispiel finden Sie Seite 221 des dem.Arbeiterrecht" beigejügten Führers. Das Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken aus. Impfschein ist hierbei nicht erforderlich. 2. Ein Duplikat des Jmpsschcius beantragen Sie bei der Polizeibehörde. 3. Das ist zweckmäßig. 4. Die Höhe gerichtlich sestgestelltcr Alimente kann nicht nachträglich geändert werden.— M. N. 13. Nein. — Ober-Schöueweide 1. 1. Ja. 2. Nein. 3. Ein Zimmer ist Ihnen srei- zustellen.— Fröhlich 87. Die Ehefrau lann sich an den Vormundichasts- richtcr wenden und die Ehescheidung in die Wege leiten.— O. B. td. 10. 1. Ja. 2. Eine dahingehende Bauvorschrijl besteht nicht.— Max Barth. 1. Ein Nichtdeutschcr hat kein Recht aus Naturalisation. DaS NaturalisationSgesuch ist in Berlin dem Polizeipräsidium, in der Provinz dem Regierungspräsidenten einzureichen. ES braucht keineswegs genehmigt zu werden. Wird eS genehmigt, so kostet die Naturalisations- Urkunde 50 M. 2. und 3. Ja.— Ein alter Parteigenosse. 1. Nein. 2. Ja: der Sohn kann sich bcscknverdcsührcnd an das Vonramdschastst)cricht wenden.— Schöuebcrg. Sie müssen die Entscheidung des Magistrats dahin nachsuchen. Soweit ersichtlich dürste sie Nicht zu Ihren Gunsten läuten können.— Eughardt. Ohne Kenntnis des Wortlauts der Statuten ist Ihre Frage nicht zu beantworten.— EolvergerS. 1. Ja. 2. Nein. — A. 33. Sic haften nicht für voreheliche Schulden Ihrer Frau. — Fichtenau. 1. Ja, falls der Ehemann nicht etwa aus sein Nießbrauchs- recht verzichtet hat. 2. Ja.— M. Sch. 39. Ist die Braut noch nicht 21 Jahre alt, so ist die Einwilligung der Mutter erforderlich.— K nasch 34. Rechtlich sind Sie zum Ersatz nicht verpflichtet.— L. H. Den Ring müssen Sie zurückgeben, auch die Geschenke, soweit Sie solche noch besitzen. Sie können aber Ersatz der von Ihnen gemachten Auswendnngcn, natürlich auch Rückgabe Ihrer Geschenke verlangen.— 400. Sie hasten für die Zahlung. — Paul Gast lue. Die Krankenkasse hastet, auch wenn Ihre kranken- versicherungspflichtige Frau nicht angemeldet war.— E. S. Die Ausschluß- Verfügung entfvrlcht dem Gesetz.— Jage» 1904. 1. Nein. 2. Der Armen- vcrmallung steht zunächst ei« Recht zu.— H. Lethmathe. Nein: es müßten, sallS nichts andres vereinbart ist, Ehambrcgarnistcn bis ain Fünf- »«hüten zum Ersten kündigen. Das Umgclehrie fam Ersten zum Fünfzehnten) ist nicht zulässig.— IVO. Krankenkasse. Wenn Sie den Beiveis für Ihren Einwand führen können: nein.— D. Cassel. Der Einwand der Berjährnng trifft nicht zw Witicrungsübersicht vom 3. März 1904. morgens 8«Hr. Stationen Swinemde. «rlin Frankfa.ll München Wien K- Ii s.f 767 NNO 768 ONO 767 NO 762.N 760 O 763 OSO Wetter VN s" Mßj Tbedeckt «bedeckt Sbcdeckt 3bedeckt 3 bedeckt ijbedeckt 0 — 0 0 t -2 3 Stationen L« <= a S<— ä 2 ■2= KZ I taparanda! 783 Still etersburg!78SOSO Cork Ziberdem Paris 761 ONO Wetter-Prognose für Freitag, den 4. März 1904. Vorwiegend trübe mit geringen Niederschlägen, stischcn östlichen Wkndev und wenig veränderter Temperatur. Berliner Wetter Bureau. bietet die beste Garantie gegen vorzeitige Abniitznng der Wäsche. Nsolnt frei von scharfen Bestandteilen, hergestellt aus den besten Grnndstoffen nach dem vollkommensten 5abriiation;prozeste, vnerreicht an Mlde und Keinigungsstast ist fie der beste Keund der sorgsamen Hausfrau. 8unlight-5eise schlltzt den Schatz des Hauses-den WSschebestand. Die Hände der Waschfrau bleiben«nversehrt und weich. 3m Gebrauch sparsam, in der Wirkung wunderbar, ist fie die bMgfte hanshaliungsseise. SW. Lindeustrafte 69, Lade». Schriften von Karl Uarr: Das Kapital. Kritil der Politischen Oelonomie. 233/1* 1. Sb.: Der Produktionsprozeß des Kapitals. 4. Aufl. M. 9,—; in Halbfrz. gebd. M. 1l.— 2. Bd.: Der Cirkulationsprozeß des Kapitals. 2. Ausl. M. 8,—; in Halbsrz. gebd. M. 19,- Z. Bd.: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. Zmci Teile. M. 10,—; in Halbsrz. gebd. M'. 11,— Die Klassenkämpfe i» Frankreich 1848—50. Mit einer Einleitung von Friedrich Engels. M. 1,— Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse des Generalrats der Jntcr- nationalen Arbeiter• Association. M.—,30 Enthüllungen über den Kommu- nisten- Prozest zu Köln. Mit Einleitung von Fr. Engel? und Dokumenten. M.— ,25 Lohnarbeit und Kapital, separat- abdruck aus der„Neuen Rheinischen Zeitung" vom Jahre 1849. M.—.20 Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons„Philo- sophie des Elends". Deutsch von Ed. Bernstein und K. Knuts kh. Mit Vorwort und Noten von Fr. Engels. Drosch. M. 1.50: gebd. M. 2,— Marx vor den Kölner(Sc- schworenen. Prozeß gegen den Ausschuß der rheinischen Demo- traten wegen Äusruss zum bc- wafsneten Widerstand(9. Febr. 1849). Mit Vorwort von Fr. Engels. Neue Auflage. M.—,20 Revolution und Konter-Revo- lution in Deutschland. Deutsch von Karl K a u t S I y. Brosch. M. 1.50: gebd. M. 2.— Der 18. Brnmaire des LoniS Bonaparte. M. 1,— Die am 2. März eröffnete IV. Schnier Abteilung turnt in der Gemeindeschul-Turnhalle Boeckhstrasse 17-20. Beitrag pro Monat 30 �3f., Einschreibegeld 10 �f., welches jedoch an den ersten beiden Abenden nicht erhoben wird. Durnzeit: Mittwoch und Sonnabend, 6'/,— 8'/, Uhr abends. 237/4 Her- Vorutaiid. f Drei wichtige Punkte! Servus macht Schuhe und Stiefel schnell glänzend geschmeidig und wasserdicht. Man verlange den echten Servus in Dosen in Droguen-, Schuh- u. 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L'iir den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Bcrlog: BsrtvärtS Bu.chdruckerei u. Bcrlagsanstcilt Paul Singer Lc Cv.. Berlin L>V.