Nr. SS. HbonnementS'Bcdtogunstn: ■BonnemcntS- Preis pränumerando i vterteliährl. ZL0 MI. monatl. l.IV MI. wöchentlich 28 Pfg. frei WS Haus. Sinzelne Nummer 5 Pfg. Tonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt» 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeiwngS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich< Ungarn S Marl, für da» übrige Ausland S Mark pro Monat. AI. Jahrg. Criibcint tiig»» außer HIODtass. Devlinev VolKsblÄtt. Die TnfertionS'GebQfir beträgt für die sechsgespaltene Uolones- zcile oder deren Raum»0 Psg. für politische und gewerlschastliche Vereins. und VersammIungS-Anzeigen 2S Psg. „Aleine Pinreigen", da» erste ssett- gedruckte) Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 6 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn, und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm- Adrcffet „SözlitliUilisItrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokrati feben Partei Deutfchlands. Redaktion: HA. 68» Lindcnstraase 69. Kernfprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 5. März 1904. Expedition: 8M. 68» Lindenetrasee 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Die Heimarbeit und ihre gesetzliche Regelung. m. Staatshilfe und Selbsthilfe. In allen Ländern mit ausgeprägter kapitalistischer Produltions- tveise findet sich Heimarbeit mit ihren, für Produzenten und Kon- sumcntcn gefährlichen Begleiterscheinungen. Aber nur wenige haben daraus die selbstverständliche Konsequenz gezogen, durch gesetzliche Maßnahmen dagegen einzuschreiten. Deutschland, dessen sociale Gesetz- gebung sich nach der Meinung vieler Leute viel zu rasch entwickelt, ist nach dieser Richtung hin ganz besonders weit zurückgeblieben: die vorgeschrittenste Gesetzgebung weisen außereuropäische Länder, einige Staaten Nordamerikas und vor allem Australien auf. Dabei ist natürlich nicht außer acht zu lassen, daß es in den Länßern mit einer verhältnismäßig jungen Kultur, mit fehlender Traditton und ge- ringercr Bevölkerungsdichtigkeit, die zur Folge hat. daß die HauS- industrie einen fast ausschließlich städttschcn Charakter annahm, viel leichter ist, mit gesetzgeberischen Mitteln erfolgreich einzugreifen, als in alten Kulturstaaten. Das darf aber keinen Vortvand bieten, um die Hände überhaupt in den Schooß zu legen und den Wert der uns von jenseits des großen Wassers gegebenen Beispiele gering anzuschlagen. Eines geht aus allen bisher gewonnenen Erfahrungen klar herbor: daß es der Ausbreitung einer am Marke des Volkes zehrenden sociale» Krankheit Vorschub leisten heißt, wenn die Gesetzgebung die Schranken der Familie sür un- antastbar hält. Die Unterstellung aller Heimarbeiter und aller hausindustriellen Betriebe— der kleinen, wie der großen, der gelegentlichen, wie der ständigen, der Familienwerlstätten, wie der der Zwischenmcister—, unter die Gesetzgebung ist daher die Voraussetzung für ihren Erfolg. Ihr Ziel aber kann nur das sein, die allmähliche Einschränkung nnd endliche Auflösung einer Betriebs- form herbeizuführen, die allcju auf Grund einer schrankenlosen AuS. bcutung der Arbeiter existenMhig ist. Die zu gleicher Zeit not- wendige Einwirkung der Gesetzgebung auf die Hebung der Wirt- schaftlichen Lage der Heimarbeiter wirkt demzufolge ebenfalls hemmend auf die Ausbreitung der Hansindustrie. Der fundamentale Unterschied zwischen der Arbeiterschutz- Gesetzgebung im allgemeinen nnd der Heimarbciterschutz- Gesetzgebung im besonderen, ist der, daß, während die eine die Existenzberechtigung der Betriebsform voraussetzt und nur inner- halb dieser die Arbeitsbedingungen der Arbeiter zu sichern und zu bessern sucht, die andere mit der Verbesserung der Arbeits- bedingungen die Bctriebsform selbst notwendig zersprengen muß. Eine rein mechanische Ucbcrttagung der Bestimmungen der Gewerbe- Ordnung auf die Heimarbeiter muß daher wirkungslos bleiben, und von einer wirksamen Bekämpfung der Hansindustrie kann nur dann die Rede sein, wenn eine Reihe von gesetzlichen Bestimmungen in- einander greifen, für die der Rahmen der Gewcrbc-Ordnung teil- weise zu eng ist. Das zeigt sich schon bei der Betrachtung der wichtigsten Forderung in Bezug auf die Heimarbeit: der Trennung von Werk- statt und Wohnung und der Festsetzung bestimmter Vorschriften für die Hygiene der Werkstatt. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Bestimmung lediglich toter Buchstabe bleiben würde, wenn nicht einerseits eine möglichst große Zahl von Personen für ihre Durchführung verantwortlich gemacht wird. und andrer- seitS eine ausreichende Aufsicht über die Betriebe der HauS- industrie vorhanden ist. Zunächst muß nicht nur der die Heim- arbeiter beschäftigende Unternehmer, wie das in England und Nord- amerika teilweise der Fall ist, für den Zustand der Werkstatt der von ihm beschäftigten Heimarbeiter haftbar gemacht werden, sondern auch der Hausbesitzer, respektive Vermieter der vom Heimarbeiter benutzten Wohnung. Um aber die gesetzlichen Anforderungen an Wohnungen und Werkstätten überhaupt erst fetzzusetzen, bedarf es einer besonderen, ganz neu zu schaffenden Wohnungsgcsetzgebung und einer daraus resulttercnden allgemeinen Wohnungsaufsicht,— einer Gesetzgebung also, die sich in die Gcwerbe-Ordnung nicht einzwängen läßt. Eine Licenzierung der Werkstätten ist auch nur unter dieser Voraus- setzung denkbar. Denn wenn die Pflicht, den zu benutzenden Raum vor scinerJnanspruchnahme anzuzeigen, dem Vermieter und Hausbesitzer wie dem Heimarbeiter auferlegt werden muß, so muß doch auch bei dem großen Umfang der Heimarbeit ein« besondere Behörde geschaffen werden, die der Aufgabe der Untersuchung und Erlanbniscrtcilung gewachsen ist. In einigen Staaten Nordamerikas und Australiens haben sich diese Bestimmungen bewährt, sie müßten aber gerade bei uns, wo die Heimarbeit eine so weit verzweigte und schwer erreichbare ist, durch die Vorschrift ergänzt und unterstützt«erden, daß die Unter- nehmer. wie es in England zum Teil geschieht, eine Liste der von ihnen beschäftigten Heimarbeiter führen und sie regelmäßig dem Jnspektorat vorlegen müssen. Auch die weitere Vorschrift, ansteckende Krankheiten anzuzeigen, Wohnungen und Werkstätten zu desinfizieren, Waren, wenn notwendig, zu vernichten, kann nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn nicht nur der Unternehmer Viit die Verantwortung und allein die Kosten dafür trägt, sondern wenn auch eine Wohnungsinspektion vorhanden ist. Sollen weiterhin solche Forderungen, die für die Fabrik- arbeiter bereits zu Recht bestehen, in der Heimarbeit durchgeführt werden—. es sei nur an die Bestimmungen zu Gunsten der Frauen und Kinder, an Sonntagsruhe, Lohnbücher, Arbeitsordnungen und der- gleichen mehr erinnert.— so reicht der Stab unsrcr sowieso schon über- lasteten Gewerbe-Aufsichtsbcamten bei weitem nicht aus, eine auch nur annähernd ausreichende Aufsicht zu gewährleisten. Ein eignes Jnspektorat für die Hausindustrie müßte geschaffen werden. Aber auch dann darf man sich nicht verhehlen, daß eine große Zahl von Paragraphen, besonders die den Wöchnerinnenschutz und die Arbeitszeit betteffendcn, großenteils nichts sind als nur Para- graphen. Der vollkommene Schutz der Heimarbeit ist eben unmöglich, daher ist der größte Nachdruck auf jene Forderungen zu legen, die sie beseitigen helfen. Dazu gehört die von der Socialdemo- kratie längst geforderte Ausdehnung der Arbeiterversichcrung auf alle Heimarbeiter mit dem Zusatz, daß der Unternehmer, der durch ihre Beschäfttgung Ersparnisse macht, zu höherer BeitragSleistung verpflichtet wird, als er für Fabrik« und VetriebSwerkstattarbeiter zu zahlen hat. Wenn ihm die Heimarbeit ebensoviel kostet und größere Unbequemlichkeiten auferlegt als die Beschäftigung der Arbeiter in eignen Werkstätten, so wird er bald diese, die überdies beffere Arbeitsleistungen sichern, vorziehen. Leider aber ivürde dem Unternehmertum, selbst bei genauester Handhabung der Gesetze, immer noch ein Ausweg bleiben, um durch niedrigste Betriebsunkosten seinen Profit zu vergrößern: das Land. Hier ist eine Aufsicht, die der Ueberttetung der Gesetze wirklich hindernd in den Weg treten kann, nichts mehr als eine utopische Vorstellung. Darum muß hier aus andre Weise dem Aus- bcutungsbedürftns der Boden entzogen werden und zwar durch eine zielbewußte, energisch durchgeführte Verkehrspolitik. Jede neue Bahnverbindung in abgelegene ländliche Gegenden unterstützt die Tendenz der Großindustrie, sich ans der Stadt mit ihren enormen Grundstücksprcise» zu flüchten, und jede neue Fabrik auf dem Lande entzieht die Heimarbeiter ihrer bisherigen Arbeits- weise. Mögen Naturschwärmer eine solche Entwicklung beklagen und als eine Verunstaltung der Gegend brandmarken, vom Standpunkte der Socialrcform wirkt die Gefährdung des Volkes durch die Heim- arbeit verunstaltender auf das Land, und jeder Fabrikschornftein in den Bezirken der Hausindustrie ist für sie ein erfreuliches Zeichen des Fortschritts. Die Heimarbeit zu unterdrücken, dazu müsien aber vor allem die öffentlichen Verwaltungen, die skandalöserweise nicht von selbst die Verpflichtung fühlen es zu thun, gezwungen Iverden. Die Milttär- und Marineverwaltung, die Eisenbahn, die Post und ebenso die städtischen Verwaltungen unterstützen heute geradezu die Aus- breitung der Heimarbeit, indem sie auf dem Wege der Submission diejenigen Unternehmer beschäftigen, die das niedrigste Angebot machen, also die schlechtesten Löhne zahlen, was gleichbedeutend ist mit der Beschäftigung von Heimarbeitern. Sie sollten statt dessen alle Arbeiten nur in Betriebswcrkstätten nnd unter menschen- würdigen Arbeitsbedingungen herstellen lassen, um dadurch mit dem guten Beispiel voranzugehen, Ivie England eS längst gcthau hat. Nicht übersehen wollen wir aber auch eine gesetzliche Bc- stimmung, die in Neuseeland und Victoria vom größten Erfolg begleitet worden ist: die der Festsetzung von gesetzlichen Mindestlöhnen für bestimmte Kategorien der Hausindustrie. Sowohl auf Antrag von Arbeiter- oder Unternehmerorganisationen, als durch direktes Eingreifen der zuständigen Behörden werden Lohnkommiffionen, zur Halste aus Arbeitern, zur Hälfte anS Unternehmern bestehend, eingesetzt, und die von ihnen normierten Lohnsätze erhalten Gesetzeskraft. Ihre Ueberttetung wird durch außerordentlich strenge Strafen geahndet. UnS scheint. daß für die Heimarbeiter, besonders für bestimmte Kategorien sehr schlecht entlohnter nnd social ticfstchcnder, bei denen auf lange Zeit hinaus auf Selbsthilfe in Bezug auf Lohnsestsetzunge» gar nicht zu denken ist, dieser Weg zu ihrer wirtschaftlichen Hebung gangbar gc- macht werden sollte. Auch er führt schließlich, wie jeder, der zu besseren Löhnen leitet, zur Unterdrückung der Heimarbeit. Die Erörterung dieser Frage, der man ohne Voreingenommen- hcit gegenüber treten sollte, führt zu der Frage, inwieweit die Selbsthilfe überhaupt für die Heimarbeiter in Betracht kommen kann. Es bedarf für uns keiner weiteren Erläuterung, daß schlecht cnt- lohnte, in unbegrenzt langer Arbeitszeit sich abrackernde, vereinzelt lebende Arbeiter so gut wie organisationsunfähig sind. Manche großstädtische HauSindusttielle mögen eine Ausnahme dieser Regel bilden; sür die Allgemeinheit gilt sie und ibre Folge ist, daß die Heimarbeiter ihren Kollegen in Fabrik und BetriebSwerkstatt nicht nur eine gefährliche Schmutzkonkurrcnz machen, sondern daß sie auch aus eigner Kraft nicht im stände sind, bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. Man darf sich deshalb die Mühe, sie so viel als möglich zu organi- sieren, nicht verdrießen lassen, aber mit noch größerem Nachdruck muß man auf der Durchführung von gesetzlichen Vorschriften bestehen, die schließlich allein im stände sind, die Heimarbeiter aus Stumpfsinn und Verelendung herauszureißen. In einer Beziehung freilich könnte die Selbsthilfe mit einiger AnssichtaufErfolg einsetzen: schweizer, östrcichischc und dänische Arbeiter- organisationcn haben eS unternommen für die Heimarbeiter ihrer Branche, teils ans eignen Mitteln, teils mit Unterstützung von Gemeinden und Handelskammern, Centralwcrkstätten einzurichten, in denen der einzelne für sehr wenig Geld einen Platz mieten kann. Gerade die Gemeinden und städtischen Vcrwalttnigcn, die an der Gesund- heit der Bürger aufs lebhafteste interessiert sind, sollten eventuell unter Heranziehung der Unternehmer zu den Koste», Bestrebungen dieser Art unterstützen, ebenso könnten die Mittel der Alters- und Jnvaliditätsversicherungs-Anstaltcn, die zum Bau von Arbeiter- Wohnungen zur Verfügung stehen, auch zur Eiurichtung von Werk- stättcn in Anspruch genommen werden. Wir haben nur allgemeine Gesichtspunkte für eine Heimarbeiter- schutz-Gesetzgebnng aufftellen und einige Anregungen geben können, ebenso wie wir die Schäden der Heimarbeit nur in großen Zügen zu schildern vermochten. Der bevorstehende Heimarbeiterschutz- Kongreß, den cinzu- berufen das Verdienst der Generalkommission der Gcwcrk- schaftcn Deutschlands war, wird sich in weitgehendstem Maße mit alledem zu beschäftigen haben. In der richtigen Erkenntnis davon, daß auch die bürgerliche Gesellschaft ein lebhaftes Interesse an der Bekämpfung der Schäden der Heimarbeit haben muh, hat die Generalkommission Vertreter aller Richtungen zur Teilnahme an dem Kongreß eingeladen und eS steht zu hoffen, daß die gemeinsame Arbeit trotz der tiefgehenden Unterschiede der Welt- anschanungen dazu führen tvird, bestimmte Forderungen an die Gesetzgebung aufzustellen. Vor allem aber wird der Kongreß in höchstem Maße agitatorisch wirken, indem er Bilder des Elends enthüllt, Folgen der unbeschränkten Ausbeutung aufdeckt, angesichts deren ein jeder gerecht Denkende sich schämen wird, mit Worten wie „Kulturstaat",„christliche Weltordmmg",„klassisches Land der Socialreform" um sich zu werfen, solange sie ungehindert fort- bestehen. Es giebt eine Sage von einem Mann, der einen am Wege liegenden Schwerverwundeten damit tröstete, daß in der nächsten Stadt eine Salbe zu haben sei, die unverwundbar mache. Die Socialdemokraten gleichen, trotz aller gegnerischen Behauptungen, nicht diesem Mann. Sie werden, wie stets, so auch in Bezug auf die Heimarbeiter, die Arznei zu verschaffen suchen, die Erleichterung bringen kann, aber sie werden zugleich wissen, daß sie nicht gesund macht. Wohl ist die sociale Reform für sie ein erstrebenswertes Ziel, aber zugleich ein Mittel zu höheren Zielen, das gilt besonders von der Heimarbeiterschutz- Gesetzgebung: durch sie wird den Massen der Heimarbeiter, die heute physisch und geistig in Elend und Stumpfsinn schmachten, erst die Bahn geöffnet werde», die zur ErkemrtniS der eignen Lage und schließlich zum Kampf gegen eine Gesellschaftsform führen muß, die sich auf dem Princip der Ausbeutung vieler zu Gunsten wenige» aufbaut._ Vom Kriegsschanplatz. London, 4. März.„Daily Chroniclc" wird anS Tokio von estern gemeldet: Es verlautet, daß töOv Russen den Tumenfluß bei �»oryong überschritten und von den AmtSbureaus deS Bezirks Besitz ergriffen haben. Sie verwenden naturisierte Koreauer als Spione. Nintfchwanz, 4. März. iMcldung des„Reuterschen Bureaus".) Die rnssisch-chinesische Bank hat ihre Vorbereitungen, nach Mulden zu gehen, abgeschlossen. Frauen nnd Kinder bereiten sich auf ein V e r l a s s e n d e s O r t S vor in der A n n a h m e, daß die japanische Flotte, sobald der Fluß in ungefähr 14Tagen eisfrei luird, zn erwarten ist. Angesichts der lln Möglichkeit, die K ü st e hier zu verteidigen, bis die Witterung den Bau von Gräben und Befestigungen gestattet, sind die Russen darauf vorbereitet, fi ch auf die Haupteisen» bahnlinie zurückzuziehen und sich darauf zube« schränken, im Innern des Landes einen V 0 r st 0 ß der Japaner durch ein Gefecht aufzuhalten. Es verlautet, daß die Absicht vorliegt, die schwer zu verteidigende Ebene westlich von Taschi-Kian wenn möglich zu halten wegen der Eisen- bahn, die Mulden mit Port Arthur verbindet, und daß die Linie Hai-tschöng— Liaujang die äußerste Grenze des gnrückweichens sein solle. Es'scheint indes, daß wegen der exponierten Lage der Eisen- bahn an diesem Punkt und des fast sicheren Erscheinens der Japaner, che die Witterung das Anlegen von Verteidigungswerken gestattet, die Russen ganz darauf gefaßt sind, daß Port Arthur ab- geschnitten nnd belagert wird. Fünf russische Torpedoboote sind anS Suez in Port Said ein- getroffen. Die drei Torpedoboote, welche sich im Mittelländischen Meere aufgehalten hatten, haben, durch einen Sturm stark beschädigt. den Hafen' in Port Said angelaufen, aber den Befehl erhalten, den Hafen zu verlassen. Man wird ihnen das Laden von Kohlen ver- weigern. Ein andres russisches Torpedoboot hat im Suezkaual einen Zusammenstoß mit einem ägyptischen Zollfiitter gehabt und den- selben zum Sinken gebracht, nachdem es die Mannschaft gerettet hatte. Es verlautet, daß der Kanal auf mindestens 24 Stunden ge« sperrt sein tvird. poUtifcbc Ckbcrftcbt. Berlin, den 4. März. Schlcchtschicßcude Könizötreur. Der Anfang der Militärdcbatte im Reichstage brachte am Freitag ein neues Schlagwort, dessen Erfinder der neue Kriegs- minister Herr v. Einem ist. Es ist das wundersame Ideal eines guten Soldaten, das Herr v. Einem feierte: Lieber ein Soldat mit königstreuer Gesinnung, der schlecht schießt, als ein guter Soldat, der ztvar äußerlich vortrefflich ist, dem aber statt eines königstreuen, christlichen Herzens ein socialdemokra�isch aufgeklärter Kopf eigen- tümlich ist. Das Junkerwort, daß die dümmsten Arbeiter die besten seien, findet damit eine weitere Variation. Auch die dümmsten Soldaten sind die besten, nicht einmal gute Schützen brauchen sie zu sein; denn die Gefahr, daß die Intelligenz socialdemokratisch macht, ist höher einzuschätzen, als die höchste soldatische Tüchtigkeit. Nach dieser An- schanuug muß es ein unermeßliches Glück für die Sicherheit des Vaterlandes sein, daß das Ideal des Kricgsministers nicht erreicht tvird, und daß es auch gute socialdemokratische Schützen in der Armee giebt, statt brave Seelen, die zwar am Ziel vorbei treffen, aber königstrene Traktätchen mit Eifer, wenn auch langsam zu buchstabieren verstehen! Warum aber Herr v. Einem die guten socialdcmokratischcn Schützen für gefährlich hält, hat er nicht ver- raten. Auch er wird nicht glauben, daß sie gegen den äußeren Feind versagen, und so muß er wohl die königstreue Gesinnung deshalb über alles stellen, weil er in der Armee nicht in erster Linie ein Instrument zum Schutze des Vaterlandes sieht. Das Geständnis des Kriegsministers beleuchtet den Seelen- zustand der herrschenden Klassen. In ihrer Angst vor der Social- dcmolratie opfern sie alleS: Lieber eine Armee von Dummköpfen, lieber eine Skation von Lumpen als Männer, die den klaren Blick der Socialdemokraten haben. Es ist das Geständnis, daß die Kultur unaufhaltsam zum SocmliSmuS drängt, und daß nur die geistige und moralische Barbarei ein Bollwerk gegen diese notwendige Bewegung sein kann. Mso das Lob der Dumniheit, also das Lob der niora- tischen Inferiorität im Gewände guter Gesinnung— in jedem Zuge die Logik der Dunkelmänner I Nachdem Herr Müller- Fulda vom Centrum in einigen Worten die Stellung des Centrums bis auf weiteres dahin fest- gelegt hotte, daß es gegen jedes Ouinquemrat oder Septennat sei — weil der Reichstag ja doch alles bewilligen werde— gab Bebel eine Kritik des herrschenden militärischen Systems, die in alle Winkel bincinleuchtete und auch die modischen Besonder- heitcn würdigte. Das Kapitel der Soldatenmißhandlungen streifte Bebel nur, da es im Zusammenhang mit der eingebrachten Re- solution für sich diskutiert werden soll. Herr v. Einem versuchte die Antwort. Seine sonst nicht unsympathische, schlichte Art versagte gegenüber der social- demokratischen Wahrheit und Gründlichkeit vollständig. Auch seine KvnigStreue bewährte sich darin, daß er vorbei schoß. Seine Rede gefiel stch in den wunderlichsten Verrenkungen. Der vielfach geteilten Meinung, daß das jetzige Militärsystem nach Jena führe, begegnete er mit einer historischen Entdeckung ersten Ranges. Der Kriegs- minister teilte nämlich zur Ehrenrettung der Jeua-Arinee dem ver- blüfftcn Hause mit, daß das preußische Heer bei Jena sich durchaus ehrenvoll geschlagen habe, und daß der Zusammenbruch des Staates nicht etwa durch die korrupte, feige und feile Junkerwirtschaft herbei- geführt sei, sondern durch den— Kosmopolitismus. Also haben Lessing, Goethe, Schiller, Kant und wie diese Kosmopoliten heißen mögen. Jena vorbereitet! Auf heikle Einzclfragcn, die Bebel an den Kriegsminister gerichtet, antwortete Herr v. Einem ihm sei nichts bekannt. Er hütete sich aber zu behaupten, es sei nicht wahr. Denn der Kricgsminister gehört nicht dem Militärkabinctt an und braucht deshalb nicht zu wissen, ob eine Kabinettsorder gegen die schriftstellernden Offiziere a. D. erlassen worden ist, auch nicht, ob der Erbprinz von Meiningen wegen seines Erlasses gegen die Soldatenmißhandlungcn strafbcfördert worden sei. Auffällig war sein Verhalten gegenüber dem von Bebel kurz erwähnten Roman des Herrn v. Baudissin über die„erstklassigen Menschen". Als Bebel davon sprach, ertönte ihm der kon- servative Zwischenruf: Er— nämlich der Verfasser, sei ein Lump I— Herr v. Einem aber huschte über das Thema mit der rätselhasten Bemerkung hinweg: Sofern die Socialdcmo- kratcn wirklich glaubten, daß das Offiziercorps so korrupt sei, wie es in dem Roman dargestellt werde, dann seien sie Philister, keine Revolutionäre, wenn sie damit nicht aufräumten. Wie? Will Herr v. Einem, sofern die Wahrheit der Schilderungen etwa nach Forbacher Muster festgestellt werden sollte, dann etwa der Socialdemokratie das Recht geben, gewaltsam dies System zu beseitigen? Oder was meinte Herr v. Einem sonst? Ja, was meinte er überhaupt? Was meinte er damit, daß die Socialdemokratie, die jahrelang ganz allein gegenüber allen Ab- leugnungen mit zäher Energie die Soldateumißhandlungen bekämpft hat, schuld an diesen Abschculichkeiten sei? Herr Müller- Meiningen führte dann die Debatte auf das Gebiet militärischer Aeußerlichkeiten, auf die Kummerfalten, die braunen Handschuhe und die üppigen Reisekoffcr der Lieutenants. Hier erwies sich Herr v. Einem in seiner Antwort geistig gewachsen, und der bayrische Militärbevollmächtigte Herr v. En dres, der sich der Gunst des ganzen Hauses erfreut, plauderte mit dem freisiunigen Rivalen des geistreichen Reichskanzlers auf eine recht anmutige und zierliche Art. Eine Metzer Lokaldebatte über die Bouillon-Ouelle schloß den ersten Tag des Militär-Etats, dessen Beratung Sonnabend fortgesetzt wird.— Preschisches Abgeordnetenhaus. Im Abgeordnctenhause begann am Freitag die zweite Lesung des Etats der Eifenbahnverwaltung. Vor Eintritt in die Generaldebatte gab der Finanzminister Frhr. v. Rhein- baben die Erklärung ab, daß eure Sekundärbahn- Vorlage in dieser Session noch bestimmt zu crivarten sei. Die Debatte drehte sich zunächst um die Frage der P e r s o n e n t a r i f e. Die Abgg. Dr. W i e m e r sfrs. Vv.) und Genossen hatten ihren alljährlich wiederkehrenden, aber stets abgelehnten Antrag von neuem eingebracht, der eine Reform der Persoucntarife in der Richtung wünscht, daß unter Aufhebung der Rückfahrkarten die Preise für die einfache Fahrt auf die Hälfte der Preise der jetzigen Rückfahrkarten festgesetzt werden. Ein hierzu vorliegendes Amendement G ä m p(fk.) fordert gleichfalls eine Reform der Per- sonentarife, und zwar sollen unter Aushebung der Rückfahr- karten die Preise für die einfache Fahrt nur in Personen- zügen auf die Hälfte der Preise der jetzigen Rückfahrkarten festgesetzt, für Schnellzüge dagegen entsprechende Zuschläge ein- geführt werden. Der Antrag bedeutet also keine Verkehrs- erleichterung, sondern eine wesentliche Erschwerung des Ver- kehrs. Nach unbedeutender Debatte, aus der höchstens die Rede des Abg. Brömel(frs. Vg.) erwähnt zu werden verdient. der namentlich mit Rücksicht auf die Wohnungsnot eine Er- Weiterung des Vorortverkehrs verlangte, gingen beide Anträge an die Budgctkonimission. Die sich hieran anschließende Diskussion über die Gütertarife wurde abgebrochen und auf Sonnabend vertagt.—_ Herrenhaus. DaS Herrenhaus hat am Freitag das Wilds chaden-Gesetz nach unwesentlicher Debatte in derKommissionsfassung angenommen und einige Petitionen ohne allgemeines Interesse erledigt. Die nächste Sitzung findet erst nach Ostern statr. Die Herren wollen also vor Ostern weder den Etat beraten, noch auch das ver- fassungsmäßige Notgesetz verabschieden. In Preußen kann schließlich auch ohne Budget regiert werden.— Ein erstklassiger Mensch! WaS wir gestern voraussagten, ist heute eingetroffen: Arcnbcrg wurde freigesprochen, da ihm bei Begehung seiner bestialischen Blut- that das Bewußtsein derselben gefehlt habe. Auch wir haben bereits gestern die Ueberzcugung ausgesprochen. daß Arcnberg geistig nicht normal sein könne. Aber wir fügten gleich hinzu und betonen diese unsre Auffassung auch heute wieder mit besonderem Nachdruck: Arcnbcrg war nicht verrückter, als 90 Proz. derjenigen Mörder, die ans dem Schafott oder im Zuchthaus ende». Denn der unbequemen modernen wisscuschastlichcn Auffassung, die im Verbrecher den Entarteten sieht, hat sich unsre Strafjustiz noch nicht augepaßt, sie erblickt in dein geistig minderwertigen Verbrecher nicht einen Unglücklichen, der mit Rücksicht auf die Gesellschaft durch Jntermerung in einer Irrenanstalt unschädlich gemacht werden muß, sondern das reißende Tier, das zertreten werden muß. Die billigste Art der Unschädlichmachung ist ja die Hinrichtung, etlvaS kostspieliger ist schon das Zuchthaus, das aber immerhin noch weit wohlfeiler ist, als das Irren haust Deshalb gilt für unsre kapitalistische Strasjustiz die Theorie von der Entartung des Verbrechers nicht; erst wenn der Wahnsinn des Verbrechers auch dem Laien ins Auge springt, zieht man den Psychiater zu Rate. Wäre der Mörder Arenberg kein Prinz gewesen, sein Körper hätte längst anatomischen Stiidirnzwcckc» gedient, bestenfalls wäre er im Zuchthause laugsam vermodert. So aber ruhten seine einfluß- reichen Sippen nicht eher, bis das Wicderaufnahme-Bcrfahrc» durch- gesetzt war, bis durch Zeugen und Sachverständige der notorische Irrsinn des Prinzen Mörder festgestellt wurde. Jetzt siedelt Aren- bcrg aus dem Gefängnis in eine Nervenheilanstalt über. Und— da das Gutachten der Psychiater nicht nnheilbarcn und gcmeingcfähr- lichcn Wahnsinn, sondern nur geistige Minderwertigkeit, Schwachsinn für festgestellt erachtet hat— keine Gewalt wird es verhindern, daß nach einiger Zeit der Prinz Mörder auch da-Z Sanatorinm wieder mit der goldenen Freiheit vertauscht! Der Mitmörder des I u st i z r a t S L e v y, Große, der als Illjähriger die Mordthat begangen, schinachtet noch jetzt, nach fünf Jahren im Znchthause, trotzdem sein schon zur Zeit der Verurteilung zu Tage getretener Irrsinn immer deutlicher erkennbar gelvorden ist I Oder ein andrer Fall, der unS in der Erinnerung geblieben ist: Ein Landproletarier hatte auf Anstiften eines alten schwach- sinnigen Weibes für achtzehn Mark einen Gfreis erdrosselt uud die That so blödsinnig plump angefangen, daß er sofort entdeckt werden mußte. Der Mörder war ein überaus stumpf- sinniger Mensch, er benahm sich nach seiner Verhaftnng wie ein Irrsinniger, aber er wurde geköpft. Sicherlich war auch er ein„Entartete r". ein„Schwachsinnige r", der wie ein Tier Mcnschenblut vergossen hatte— er wurde trotzdem zum Tode ver- urteilt. Wir erheben damit keinerlei individuelle Anklage, wir charakterisieren nur das System. Auch im Fall Arenberg wurde der Justizmord ja nur verhütet durch— die Begnadigung! Wir zweifeln nicht daran, daß Arenberg den Typus des Ent- arteten, den typisiben Verbrecher verkörperte. Aber andrerseits sei denn doch hervorgehoben, daß Arcnbcrg dadurch, daß er sich heraus- ziilügc», daß er anfangs seine» persönlichen Anteil an dem schauer- lichen Mord zu vertuschen suchte— man vergleiche den aus- führlichen Verhandlungsbericht in unsrer heutigen Nummer— doch genügend Anhaltspunkte für die Annahme bot, daß er sich der Ungeheuerlichkeit und Unverantwortlichkeit seiner That direkt nach deren Begehung wohl bewußt war. Daß er später, als er in Anklagezustand versetzt lvar, den Unbefangenen spielte und seine That als patriotisches Verdien st darstellte, beweist demgegenüber gar nichts! Auch feine Roheitsakte, seine Tobsuchtsanfälle fVsrbrecher nichtprinzlicher Abkunft, die während der Haft den„wilden Mann" markieren, werden gewöhn- sich in den Keller gesperrt!), seine Tierguälereien beweisen an und für sich sehr wenig, da jeder zum Mörder gewordene Zuhälter solche Irrsinns- Symptome in Masse nach- zuweisen im stände sein wird! Bei einem Zuhälter aber wird man solche Excesse gerade als strnfverschärfcnd in Betracht ziehen! Der Prozeß Arenberg beweist also geradezu als Schulfall die Un- Haltbarkeit und Jnkonsegnenz unsrer heutigen Strafrechtspflege! Aber ferner: Wie war es möglich, daß ein geborener Verbrecher, ein Wahnsinniger viele Jahre lang Ossizicr, und gar Offizier in unsrer Schntztrupp- sein kannte? Die Ausrede, daß man von der Verbrechernatur des entarteten Prinzen keine Ahnung gehabt habe, kann man nicht an- wenden. Im Gegenteil: man wußte, daß Ärenberg an Tollwut litt! Das bezeugt klar und deutlich das Gutachten des Wissenschaftlichen Senats der Kaiser Wilhelm-Aiadeniie, in dem es heißt, daß man schon in seinem Garnisonort Münster eine Katastrophe befürchtet habe. Das bezeugt klar und deulich das Gutachten des General-Arztes Herter, daß ArcnbcrgS Umgebung ihn in allen Phasen seines Lebens für anormal gehalten habe. In Dutzenden von Fällen habe er Unter- gcbcue mißhandelt. Einmal sogar habe er einen Kameraden— also einen Offizier!—, der ihn habe beruhigen wellen, derart an die Wand geworfen, daß dieser es nur dem Zufall zu verdanken habe, daß er mit dem Lebe» davon gekommen sei! Man wußte also, daß man eS mit einem zu jeder Gcwaltthat fähigen Jrsiimigen zu thun hatte und that doch nicht das geringste, um diesen gemeingefährlichen Kranken unschädlich zu machen; man ließ es ini Gegenteil zu, daß er in die vcrantwortungsrcichste Stellung eintrat, die sich denken läßt, in den Kolonialdienst. Diese Ungeheuerlichkeit wird keine Rabnlistik jemals aus der Geschichte unsres Militarismus, uusrer Kolouialpolitik tilgen können! Der neue Humorist des Reichstags, Herr v. Einem, forderte auch heute wieder die Notwendigkeit der unbedingten Disciplin. Die Disciplin war es, die den Reiter Kieberger zwang, den Mord- befehl seines notorisch verrückten Vorgesetzten auszuführen und einen »otonfch unschuldigen Menschen in barbarischer Weise abzuschlachten! Angesichts dieser Ungeheuerlichkeit war es noch ein Wunder, daß der Reiter S t o l l sowohl wie Kieberger sich weigerte», auch noch den weiteren Mordbcfchl, die Angehörigen Eains heimlich zu meucheln, zur Ausführung zu bringen! Ein furchtbares Schlaglicht auf unsre kolonialen Zustände wirft auch die Bekundung des Lieutenants Bctwin, daß Arcnbcrg durchaus korrekt gehandelt haben würde, wenn er wirklich die Werft als „feindlich" habe ansehen können. Wenn das der„Rechtszustand" in unsren Kolonien ist, dann stellten die Inquisition und die Hexen- Prozesse noch ideale Rechtsgarantien dar! Was werden die wahren Angeklagten, unsre Straf- justiz, unser Militarismus und unser Kolonialsystem auf die furcht- baren Anschuldigungen dieses Prozesses zu erwidern haben?! veutfcken ftelek. Preußenrccht kontra RcichSrccht. In dem Rededuell P o d b i e l s k i- K o S c i e l s k i hat der preußische Landwirtschastsministcr Aeußerungen getban. aus denen hervorgeht, daß er sich aus der Kauinchenjagd von reichsrechtlichen Bedenken nicht vor den Bauch stoßen lassen wolle. Jetzt bringt der „Rcichs-Anzeiger" den osfizicllcn Wortlaut dieser höchst interessanten landwirtschaft'sministcrlichen RechtSanSsührungen. Herr v. PodbiclSki sagte wörtlich: Meine Herren! Die Regiening ist allein dazu verpflichtet. ihre Würde wahrzunehmen und wird sie wahrnehmen. Sie muß unweigerlich, wie nun einmal der Kampf in den Ostmarken ent- standen ist. diesen Kampf bis zum letzten Moment durchführen. Und in einem solchen Kampfe kann man nicht über daS A und O entscheiden, ob hier ein kleines Titelchcn verletzt, wb dort etwa zu viel weggenommen wird. ES wäre einfach ein Sichfelbstaufgebc», wenn mau nicht alle Mittel in seiner Hand vereinigte, um sich den Sieg in den deutschen Ostmarkcn zu sichern. sSehr wahr!) Aus dieser Auffassung kann man allerdings alles machen. Wer sich um die Verletzung kleiner Titelchcn nicht küinmert, der ist principiell für den reaktionären Staatsstreich ebenso reif wie für den„gewalt- samcn Umsturz". Was der Husarcngeneral a. D. proklamiert, ist in der That nichts andres als der Ilniftnrz des Reichsrcchis wie der preußische» Ver- sassnng durch Preußische Geivalt. Die„Germania" ist das erste unter den deutschen bürgerlichen Blättem, daS dieses Rezept ein wenig gefährlich findet. Unsren Ausführungen über die vierfache Rechts- und doppelte Verfassungs» Widrigkeit des neuen antipolnischen Ansiedelungsgesetzes tritt sie heute in vollem Umfange bei, womit sie sich allerdings den Dank der oberschlesischen Centrnms-Hakatisten Koppscher Richtung schwerlich verdienen wird. Der Artikel des„Vorwärts", meint sie, sei,„mag derselbe auch an Uebertreibnngen leiden, ein ernstes Warnungssignal für alle, welche nicht blindlings auf eine abschüssige Bahn sich de- geben wollen." Herr v. H a nr m e r st e i n hat ferner im preußischen Herrenhaus sich schließlich zu dieser Ausrede geflüchtet: Er(Fürst Radziwill) hat zunächst gemeint, daß§ lob, der ja hauptsächlich sich um den polnischen Besitz dreht, mit der preußischen und der Reichsverfassung im Widerspruch stehe, und hat sich bezogen ans den Satz der preußischen Verfassung: Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleitp. Ja, meine Herren, dieser§ 15b richtet sich ja gerade so gegen die Deutschen in den polnischen Provinzen, die dort ihren Besitz parzellieren und der Thäiigkeit der Ansicdclungskommisfion direkt oder indirekt ent« gegcnwirken wollen, wie gegen die Polen; sie sind beide vor dem Gesetz vollständig gleich. Es würde vielmehr eine Ungleichheit vor dem Gesetz sein, wenn wir hier ein die Polen besonders be- günstigendes Gesetz vorlegten. Und was das Reichsindigenat be« trifft, nach dem die Bürger aller Staaten des Deutschen Reiches das Recht haben, in jedem Staat sich niederzulassen, sich auf- zuhalten. Güter zu erwerben usw.. das wird auch keinem Deutschm in Polen verwehrt. Eine viel offenherzigere Auskunft, als diese gequälte Verlegenheits« rede sie giebt, liefert eine Zuschrift, die der lonservative„Reichsbole" aus Posen erhält. Da heißt es nämlich: Gegen die neue sogenannte Ansiedelungsvorlage wird jetzt von polnischer Seite Sturm gelaufen. Man sucht den deutschen Besitzern einzureden, daß die Annahme der Vorlage den Grund« besitz entwerten werde und hofft so, mit Hilfe der Konservativen die Vorlage zu Fall zu bringen. Solche Besorgnisse sind natürlich ganz grundlos, denn die Aufteilung des Grundbesitzes bezw. ein Bcsiywcchscl wird ja nur verhindert, soweit Polen als Käufer in Frage kommen. Das find doch offenkundige Widersprüche, und wer den Gesetz- entwurf und deffen Begründung kennt, weiß, daß die Wahrheit bei dem Posener Berichterstatter des„Reichsboten" steht. � Vergebens versucht der Polizeiminister die„kleinen Titelchcn", die nicht stimmen, zu verschleiern."Die Wahrheit ist am Tage, uud ihr Licht ist so grell, daß sich scheinbar selbst das preußische Justiz- Ministerium, trotz seiner dunklen Brillen, vor ihm versteckt.— Depcschenwcchscl. An den Chinesen Thoufu, Gouverneur der Provinz Sclrantiiüg, richtete Wilhelm II. anläßlich der Vollendung der Eisenbahn bis Tsinaufu eine Glückwuuschdcpesche, auf die der Chinese als geborner Meisterdiplomat u. a. erwiderte: „Ich hoffe fest, daß die Freundschaft zwischen Deutschen und Ebinesen immer andauern und noch inniger werden wird, und daß deutsche und chinesische Kaufleute immer einträchtig zusammen wirken werden; ich will mit allen Kräften helfen und wachten. daß sich Eurer Majestät Hoffnungen erfüllen. In der Provinz Schantung ist alles friedlich. Ich wünsckie Eurer Majestät Ge- sundheit und langes Leben. Choufu, Gouverneur von Schantung." Vor dreieinbalb Jahren förderte Wilhelm II. die nach China ziehenden Soldaten auf, dafür zu sorgen, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese es loage. einen Deutschen scheel anzusehen. Es ist indes sehr erfteulich, daß der Draht zwischen Berlin und Schantung so rasch wiederhergestelll wurde.— „Mandelstamm und Silbcrfarb" lautete die Tagesordnung einer Antisemitenversammlung, die hier in Berlin am Freitag ab« gehalten wurde. Referent B ü l o w.— Budde will es! Aus Magdeburg meldet uns ein Privat- telcgranun: Der preußische Eisenbahnminister Budde hat durch die Be- triebsinspektion den Beamten und Arbeitern besohlen, ans dem Konsumverein auszutreten. So überschlägt sich der TerrorisnmS und die StaatSsflavcrei. daß die Beamten und Arbeiter im Reiche Buddes sogar nicht ein» mal ihre Lebensmittel einkaufen dürfen, wo sie wollen. Der Weg zur formellen Wiedereinführung der Sklaverei ist nicht mehr weit.-- Der geheime KnegSrat. Der Verstand der„Deutschen Tageszeitung" funttioniert zwar richtig, aber er geht, wie der einer be- kannten Lustspielfigur,„immer fünf Minuten nach". Heute will sie ihre jedes Mißverständnis ausschließenden Bemerkungen über die Geschäftslage des Reichstags und das Börsengesetz durchaus nicht als„Androhung einer Obstruktion" aufgefaßt wissen. Denn: „Wenn wir mit dem Gedanken umgingen, das Zustande- kommen der Novelle durch die Mittel der Obstruktion vielleicht zu verhindern, s o w ü r d e n!v i r uns peinlich und wohl. weislich hüten, d a S öffentlich zu verkünden weil durch die Veröffentlichung des Planes sein Gelingen von vornherein in Frage gestellt werden würde." Wie man sieht, thnt es der„Deutschen Tageszeittmg" heute aufrichtig leid, daß sie gestern das Gelingen des agrarische!, Obstruknonsfeldzuges durch die Veröffentlichung seines Plaues n> Frage gestellt hat. Und morgen wird sie ganz gewiß einsehen, daß sie heule einen nicht minder argen Schnitzer begangen hat. Wenn nämlich kein geheimer Kriegsplan besteht, dann giebt es doch nichts. was öffentlich zu verkünden die überkluge Agrarierin sich„peinlich und wohlweislich hüten" müßte. Und übermorgen wird sie sich dann vielleicht daran erinnern, daß der ReichstagS-Abgeordnetc Gras Rcventlow schon im Cirkus Busch die Obstruktion gegen das Börsengesetz mit herzerfrischender Offenherzigkeit angekündigt hat.— Um die Freiheit! Die„Post" und die„Deutsche Tageszeittmg". die mit vielem Eifer bemüht sind, die Arbeitermassen aus der social- den, akratischen Knechtschaft zu befreien und ihnen die wahre Freiheit Saarabiens und Ostclbiens zu verschaffen, beschäfttgen sich wieder mit ein paar ganz frischen Schandthaten. Eine davon ist von dem konservativen Reichsrags-Abgeordnetcn v. Riepenhausen bereits dem schaudernden Reichstage mitgeteilt worden. Vier Maurer hatten Ueberarbeit geleistet, die von den, Verbände als Notarbcit nicht an« erkannt wurde, und deshalb wurden sie vor die Wahl gestellt, den Lohn in der Höhe etwa eines ThalerS an die Verbandskasse zu erstatten oder aus dem Verbände auszuscheiden. Die„Deutsche Tageszeitung" meint, sie wüßte nicht, ob dieses Vorgehen als Er« Pressung aufgefaßt werden könne; sei das aber nicht der Fall, so müsse geschwind ein Gesetz geschaffen werden, um es bestrafen zu könne». Die U n t e r n e h in e r- K a r t e l l e, die das gleiche System einer Konventionalstrafe eingeführt haben, werden vor Herrn OertelS gesetzgeberischen Plänen zittern. Die„Post" vergleicht die Lage solcher von einer Konventionalstrafe Bedrohten mit der wehrloser Reisender, denen ein Wegelagerer mit vorgehaltenem Revolver ent- gcgcntritt, bemerkt aber schließlich— wenn auch nicht dem Ausdruck, so doch dem Sinne nach— überaus treffend: I» letzter Linie war natürlich der Unternehmer der Ausgeraubte," womit gesagt ist, daß die Konventionalstrafe im Interesse der Arbeiterschaft verhängt und erhoben wurde, während bei den Unternehmerkartellen in gleichem Falle nicht der einzelne Unternehmer, sondern der Konsument„in letzter Linie natürlich der Ausgeraubte ist". Mit großer Genugthrnrng wird dagegen da? Urteil verzeichnet. durch das sich Töpfer wegen„Erpressung", begangen am Töpfer A d o m e i t, zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden sind. Wie wir bereits gestern mitteilten, hatte Herr Adomeit sich nach seincni freiwilligen Austritt aus dem Verband dahin geäußert, er hätte schon ein paar nach Plötzensee gebracht, er werde noch den ganzen Verband ins Zuchthaus bringen. Die Kollegen weigerten sich darauf, mit diesem Herrn zusammenzuarbeiten. Die„Deutsche Tageszeitung" findet solche Ahndung immer noch nicht ausreichend. Dagegen ist sie natürlich sehr einverstanden niit dem lprcußischen Gesetzesplane, Arbeitgeber, die kontraktbrüchige Landarbeiter in Arbeit nähmen, mit Strafe zu belegen. und würde womöglich diese Arbeiter selbst an den Prügelbock schnallen. Das ist nun wieder die Freiheit, die sie meint!— Die polnische Fraktion und der Zarismus. Das Schweigen der polnischen Fraktion bei den russischen Spitzel- debatten im Reichstag und im Landtag hat in den polnischen Arbeiter- kreisen einen Sturm von Entrüstung hervorgerufen. Die Erregung wurde noch grötzer, als man erfuhr, daß nicht eine einfache Nach- lässigkeit vorlag— sondern ein direkter Beschluß der polnischen Reichstagsfraktion, in die Debatte nicht einzugreifen. Die Mehrheit der Fraktion stellte sich auf den Staudpunkt, man dürfe Rußland nicht reizen, man müsse Vorsicht gegen Rußland üben. Der Beschluß entsproß also der allslawischen— d. h. nach heutigen Zu- ständen der a l l z a r i s ch e n— Strömung, die in dieser Fraktion ihr Unwesen treibt, und ihren urreaktionären Charakter beweist. Bei der letzten ReichstagSdevatte über das russische Spitzelwesen ergriff nun der Vorsitzende der Fraktion, Fürst Radziwill, das Wort — fand aber kein Wort gegen die Russenpolitik der Regierung. Polnische Blätter teilen nun mit, daß die parlamentarische Konnnission der polnischen Fraktion den Beschluß gefaßt hatte, die polnischen Abgeordneten hätten sich bei der Abstimmung über die socialdemokratische Resolution über das Frcmdenrechr der Stimme zu enthalten und den Saal zu verlassen. Diese klägliche Unterwürfigkeit gegenüber dem Zarismus ist ein vollendeter Verrat an dem polnischen Volke, dessen An- gehörige unter der preußischen Rnssenpolitik schwer leiden und dessen größter Teil unter der zarischen Knute seufzt.— Das Eeiltviim und die Handlungsgehilfen. Die zweite Lesung der Kaufmannsgerichte ist in der Kommission beendet worden uikd hat nur den einen Vorteil gebracht, daß die Zulassung der Rechtsanwälte abgelehnt wurde. Das passive Wahl- recht der Frauen fiel mit Stimmengleichheit, weil Müller-Meiningcn — der bürgerliche Frauenrechtler— zu spät kam. Doch auch das aktive Frauenwahlrecht ist sehr in Gefahr. Das Centrum scheint einen Umfall für das Plenum vorzubereiten, wenigstens ging das aus dem zweideutigen Verhalten Trimborus hervor, der stark be- tonte, daß ein Teil seiner Freunde gegen das Frauenwahlrecht sei. Uebrigens versuchte das Centrnm auch die Zuständigkeit der Kauf- mannsgerichte für die Streitigkeiten aus der Konkurrenzklausel— auf die alle beteiligten Kreise größten Wert legen— wieder aus der Vorlage zu entfernen. Der Versuch scheiterte zwar, er wird aber im Plenum erneut gemacht werden. Darum wird alles gethan werden müssen, um diesem jesuitischen Treiben rechtzeitig zu be- gegnen.—__ MajestatSbeleidigender Kriegcrvcreinler. Wegen Majestätsbeleidigung war das Mitglied des Krieger- Vereins, Handschuhmacher K. Happach, vom Landgericht Halber- stadt angeklagt. H. sollte in einem öffentlichen Lokal sich äußerst abfällig über Wilhelm II. ausgesprochen, insbesondere ihn anläßlich seiner Krankheit beleidigt haben. ES wurde jedoch festgestellt, daß zwar die Beleidigung eine schivere, daß aber H. hochgradig nervös sei und an dem Tage zudem„viel Bier" getrunken habe. Kreisarzt Dr. Moritz erklärte den Angeklagten„in diesem Zustande" für nicht zurechnungsfähig. Das Urteil lautete deshalb auf Frei- sprechung._ Miilisterkrise in Baden. Aus Baden wird uns geschrieben: Die badische Presse ist fast allgemein der Meinung, daß infolge der Vorgänge in der Zweiten Kammer die Stellung des Ministers Schenkel erschüttert sei. Wir möchten nicht so leichtgläubig in der Beziehung sein. Ist es auch ein Skandal, daß ein Minister, der die Kammer bewußt getäuscht hat, noch den Ministerstuhl zieren darf, so wird man ihn doch jetzt nicht lassen lassen, weil das ein außer- ordentlich starker Sieg der Socialdemokratie wäre, die den Minister der Unwahrheit überführte. So wird also Herr Schenkel vorerst noch bleiben. Allerdings nicht allzu lange, denn seine Position ist unhaltbar; so wie er zum Angriff übergehen will, wird man ihn an seine That vom 1. März erinnern und damit ist er geschlagen.— Hiiöland. Frankreich. Prozeß Drcyfus. Paris, 4. März. Die Sitzung wurde um die Mittagsstunde wieder eröffnet. Baudoin fährt in seiner Rede über die Geschichte des Prozesses fort. Er schildert die Machenschaften, die angeblich zu dem Zweck ins Werk gesetzt wurden, die Ehre der Armee zu retten. Ferner unterzieht er die im Prozesse von Rennes gegen DreyfuS erhobenen Beschuldigungen einer Prüfung und weist die Hinfälligkeit aller aus dem Borderau gegen Drehfus hervorgegangenen An- schuldigungen nach. Die Verhandlung wird sodann vertagt.— Italien. Ein neuer Krawall im Militärgefängnis Gaeta. Rom, l. März.(Eig. Ber.) Erst vor wenigen Monaten ist unter den Militärsträflingen von G a ö t a eine Revolte ausgebrochen, der zu einer Reihe schwerer Verurteilungen geführt hat. Wie wir seiner Zeit berichtet haben, wurde gegen die unglücklichen Gefangenen auf Zusatzstrafen von drei bis sieben Jahren erkannt. Ueber die Ursachen der damaligen Unruhen ist nur wenig in die Ocffentlichkeit gedrungen: die Sträflinge sollen durch schlechte Kost, Mißhandlung find Ueberarbeit zum äußersten getrieben worden sein. ES wurde in der That auch gegen mehrere Vorgesetzte vorgegangen und Disciplinar- maßregeln gegen sie getroffen. Heute liegen nun wieder Nachrichten vor über eine neue Meuterei. DaS Lärmen und Schreien der Sträflinge wurde in weiter Ent- fernung des Gefängnisses gehört. Der Kommandant hat Soldaten zugezogen, die di» Strafanstalt umstellen. Die Revolte soll seit 24 Stunden andauern. Genaue Nachrichten sind natürlich nicht zu erlangen. Wie geht es zu, fragt man sich, daß die Sträflinge von Gaöta, trotz der furchtbaren Strafen, die meuternden Militärgefangcnen drohen, schon wieder zu diesem äußersten Mittel des Aufruhrs greifen? Sind sie nicht Opfer der Willkür und Grausamkeit ihrer Vorgesetzten? Ueber die Zustände in Gaeta wird nächstens_ ein Fraktionsmitglied unstet Partei den Kriegs- und den Justizminister befragen.— parlamefitarifcbcs. In der Budgctkoiilmission des Reichstags setzte die Debatte am Freitag bei dem Titel Garnisonbauwesen ein. Die Verwaltung fordert für eine große neue Kasernenanlage in der Wiek bei Kiel zwei Kaserneninspektorcn. Tagegen wandten sich mehrere Redner mit großer Entschiedenheit; bei der Marine werde eine nicht zu billigende Verschwendung getrieben, es scheine, als ob die Ver- waltung immer das Bestreben hätte, die Kosten bis zum Höchst- betrage hinaufzutreiben. Die Forderung der Regierung wurde ein- stimmig abgelehnt und nur ein Kasenwninspektor bewilligt. Ab- gestrichen wurde ferner ein Regierungsbaumeistcr. Dieses Streich konzert veranlaßte Abg. v. K a r d o r f f zu einem scharfen Vorstoß gegen das Ccntrum. In seliger Erinnerung an die schöne Zeit der Zollkämpfe wünschte er eine Art von„Antrag Kardoff" auch für die Klommission, indem er vorschlug, das Centrum solle nur seine Anträge stellen und dann wolle man debattelos darüber abstimmen, denn durch eine Diskussion werde an der Sache nichts geändert. Gegen diese ärgerlichen Worte ivandten sich die Abgg. Müller-Fulda und R o e r c n. Als dieser sagte:„Wir haben uns noch immer der Belehrung zugänglich gezeigt", fuhr Herr v. Kardorff mit einem scharfen„Nem!" dazwischen. Nach längerer Geschäftsordnungs-Debatte, in die auch Bebel mit der Bemerkung eingriff, daß es schon immer die Gewohnheit des Abg. v. Kardorff gewesen sei, die Debatten in der Kommission zu verkürzen, fuhr die Kommission in den Beratungen fort. Als bei einer der nächsten Positionen der Referent seinen Antrag auf Streichung nach kurzer Debatte zurückzog, fühlte sich Herr v. Kardorff durchaus in der Rolle des Siegers. Bei dem Kapitel Reise-, Marsch- und Frachtkosten stellte der Abg. Dr. S e m l e r den Antrag, die Mehrforderung von ca. LV 000 M. zu streichen. Dr. Scmler wies darauf hin, daß in der Stadt Wilhelmshaven eine große Mißstimmung herrsche, weil sich eine förmliche Flucht von Offizieren und Beamten nach Kiel be- merkbar mache. Von den zur Nordsee station kommandierten Offizieren wohnt eine ganz große Zahl in— Kiel. Das wird er- leichtert durch die Bewilligung von hohen Umzugsgeldern auf Grund einer kaiserlichen Kabinettsorder. Ferner wies Dr. Semler darauf hin, daß die großen Marine-Anlagen in Wilhelmshaven nicht nach Gebühr ausgenützt werden. Dr. Semler meinte, man sei in der Förderung des Gcnossenschafts-Bauwesens in Wilhelmshaven zu weit gegangen; man habe diev»rde gegen zwei Stimmen angenommen. Große Debatte erregte der 8 13 über die Z u l a s s u n g der Rechtsanwälte. In erster Lesung war beschlossen Ivorden, sie zuzulassen, wenn die Partei glaubhaft macht, daß sie verhindert oder der Fall schwierig sei. Denselben Zweck verfolgte ein Antrag des Centrums. Präsident Schicker regte an, ob man nicht die Rechtsanwälte zulassen wolle und dann eine Be- stimmung der württembergischen Gcmeindcgerichte übernehmen wolle, nach der Rcchtsanwaltskosten von der unterliegenden Partei nicht zu erstatten sind. Trimborn sC.) will die Ausnahmen der Konkurrcnzklausel. Singer(Soc.) begründete noch einmal ein- gehend den socialdemokratischen Antrag, die Berufungssumme von 300 auf 300 M. zu erhöhen. Sie seien anS Princip gegen die Zu- lassung der Rechtsanwälte, der Kompromißantrag leide an großer Unklarheit, Schwierigkeiten bei der Konkurrenzklausel kommen nicht in Betracht, weil die meisten dieser Klagen berufungsfähig seien. Die Abstimmung ergab folgendes Resultat. Beschlossen wurde die Rechtsanwälte nicht zuzulassen, die Ausnahmen wurden jedoch mit 10 gegen 8 Stimmen gestrichen. Somit sind die Ausnahme- bestimmungen auch der zweiten Lesung gefallen und sind d i e Rechtsanwälte generell von den Kaufmanns- ge richten ausgeschlossen. Der socialdemokrafische Antrag auf Erhöhung der Bcrufungssumme wurde gegen S Stimmen abgelehnt. 8 16, der den KaufmannSgerichten das Recht giebt Gutachten abzugeben und Anträge zu stellen, ist den Konservativen nicht genehm, und will ein Antrag Hennig das Recht der Gerichte, Anträge zu stellen, streichen. Dcr Antrag wurde abgelehnt. Mit Rücksicht auf die rheinischen Gewerbegerichte wurde folgender Antrag Trimborn angenommen. Als 8 k8 einzuschalten: Die Landes-Centralbehörde kann anordnen, daß in den Bezirken, in welchen zur Entscheidung gewerblicher Streitigkeiten auf Grund der Landesgesetze Gewerbcgerichte bestehen l8 85 des Gcwerbe- gcrichts-Gesetzcsl, auf die Zusammensetzung d e r K a u f- mannsgerichte und auf das Verfahren vor denselben die besonderen Vorschriften entsprechende Anwendung finden, welche fSr die bezeichneten Gewerbegerichte getroffen find, mit der Maßgabe jedoch, daß für die Wahl der Beisitzer die Vorschriften Ides§ 11 dieses Gesetzes in Kraft bleiben. Schließlich wurde noch folgende Resolution einstimmig an- genommen, die den Reichstag ersucht, den Reichskanzler auf- zufordern, unverzüglich eine Reform des Civilprozeßverfahrens in die Wege zu leiten. Damit war die zweite Lesung beendet. Die Vorbcratung des Gesetzentwurfs über die Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungshaft ist in erster Lesung in der Kommissionssitzung am Freitag beendet worden. Die 8§ 4 bis 12 regeln den Weg zur Verfolgung des Anspruchs auf Entschädigung in ähnlicher Weise wie im Gesetz über Entschädigung im Wieder- aufnaluneverfahren Freigesprochener. Die Kommission änderte die Vorschläge der Vorlage nur in einem kleinen Punkte. Sie strich die Verpflichtung einer Verzinsung, welche die Vorlage für den Fall ein- geführt wissen wollte, in dem ein Freigesprochener im Wieder- aufnahmcverfahren verurteilt ist, eine Entschädigung aber bereits er- halten hat. Die zweite Lesung in der Kommission soll am Dienstag, den 15. März, beginnen. £!i!S Irsdisftnc irnd fjawdcl. Deutscher Wettbewerb auf dem englischen Eiseuwarkt. Die Zeiten, wo England den deutschen Eisenmarkt beherrschte, sind bekanntlich längst vorüber. Zwar liefert England noch immer ansehnliche Mengen von Roheisen nach Deutschland, obgleich auch in diesem Artikel'die englische Einfuhr in das deutsche Zollgebiet stark zusammengeschrumpft ist; aber in Halbzeug und fertigen Eisenprodukten hat sich, abgesehen von einigen kleineren Specialartikeln, wie z. B. Weißblech, der deutsche Markt vollständig vom englischen Fabrikat emancipiert, während umgekehrt die deutsche Ausfuhr solcher Waren nach_ England seit einigen Jahren im schnellen Steigen begriffen ist. Den englischen Eisenindustriellen ist diese Konkurrenz natürlich nichts weniger als angenehm. Sie haben sich nicht nur vielfach in letzter Zeit zu Mr. Chamberlains Schutzzolltheorien bekehrt, sondern be- ginnen auch Abwehr-Verbände zu gründen. So hat sich kürzlich in LeedS ein Verband britischer Schmicdeeisenverarbciter{„Farge Trade Association of Great-Britain") gebildet, der seine Spitze hauptsächlich gegen den deutschen und belgischen Wettbewerb von aus schmiedbarem Eisen verfertigten Erzeugnissen richtet. Namenllich hat man es, wie die „Deursche Jndustriezeitung" berichtet, auf den deutscheu Weit« bewerb abgesehen, während man beispielsweise den Wettbewerb der nordamerikanischen Union mit keiner Silbe erwäynt. Von der deutschen Konkurrenz behauptet man, daß sie wegen ihrer weit billigeren Preisangebote die englischen Erzeugnisse fast überall erfolgreich aus dem Felde schlage. Besonders in den für den Schiffbau benötigten Erzeugnissen aus jchnüedöarem Eisen könnten die englischen Fabrikanten nicht konkurrieren, da hier die deutschen Angebote bis zu 50 Prozent niedriger im Preise seien als die englischen. Auch der„Ivon monger", der hauptsächlich die Interessen der Eisenhändler und-Verbraucher vertritt, nimmt sich der Klagen der Schmiede-Eisen-Verarbeiter an und führt für die Ueborlegenheit des deutschen Wettbewerbes hauptsächlich drei Gründe an: erstens' die niedrigeren deutschen Frachtkosten, zweitens die billigeren Arbeitslöhne und drittens die technische Ueberlegenheit der deutschen Eisen- und Stahlerzeugung. Auch im englischen Unterhause bildete der deutsche Wettbewerb in Eisen- und Stahlwaren jüngst den Gegenstand eingehender Er- örterungen. So gab die vor einiger Zeit einer deutschen Firma über- lragene Lieferung von 800 Paar Rädern und Achsen für die indischen Staatseisenbahnen einem Parlamentsmitgliede Veranlassung, hierüber den Staatssekretär für Indien zu interpellieren. Der Staats- sekretär erwiderte, die deutsche Firma hätte den Auftrag erhalten» weil ihr Angebot beträchtlich niedriger gewesen wäre, als die An- geböte der konkurrierenden englischen Firmen. Auch die Beschaffen- heit des gelieferten Materials lasse nach keiner Richtung hin zu wünschen übrig. Dasselbe müsse er von den unlängst nach Indien gelieferten deutschen Lokomotiven sagen. Zur Lage des deutschen Maschinenbaues. In der gestern hier in Berlin abgehaltenen Versammlung des„Vereins der Maschinen- bau-Anstalten" gab der Vorsitzende Geh. Kommerzienrat Lurg, eine Uebersicht über die gegenwärtige Lage des deuffchen Maschinenbaues. Tie Besserung, die vor Jahresfrist erhofft wurde, ist leider nicht ein- getreten. Im Gegenteil ist die Lage unsrer Maschinenfabriken all- gemein wegen der Schwierigkeit der Arbeitsbeschaffung und der sehr niedrigen Verkaufspreise äußerst kritisch geworden. Die Ungunst der Verhältnisse auf rein wirtschaftlichem Gebiet wird verschärft durch den Umstand, daß der Maschinenbau auch in technischer Hinsicht in eine Krisis eingetreten ist, die dadurch entstand, daß wir zur Zeit inmitten von Umwälzungen uns befinden, in einem Umfange, wie dies kaum je zuvor dcr Fall gewesen ist. Der herkömmliche Dampftnaschinen- bau, der bisher als Grundlage für den allgemeinen Maschinenbau galt, scheint in dieser Stellung erschüttert. Trotzdem die Kolben- dampfmaschine durch gründlich� praktische und wissenschaftliche Be- Handlung gerade in Deutschland auf eine hohe Stufe der Voll- endung gebracht worden ist und selbst die Länder der Erfindungen eines Watt und eines Corliß durch die deutsche Fabrikation vielleicht übcrtroffen worden sind, ist doch durch die mit Riesenschritten vor sich gehende Zunahme dcr Verwendung von Gaskraftmaschinen und Dampfturbinen der Kolbendampfmaschine ein sehr ernster Wettbewerb entstanden und hierdurch ein Zustand geschaffen, dcr für viele unsrer Maschinenfabriken äußerst schwierig ist. Auch die Dampfkessel- fabriken sind in Mitleidenschaft gezogen, weil naturgemäß mit der größeren Anwendung von Gaskraftmaschinen der Bedarf an Dampf- erzeugungsapparatcn stark nachgelassen hat. Die Goldproduktio» dcr Welt. Nach einer vom New Dorkcr „Commercial und Financial Chronicle" veröffentlichten Statistik ist die Goldgewinnung im letzten Jahre um 1450 872 llnzen gestiegen. Sie stellte sich nämlich auf 15 894 541 Unzen gegen 14 437 009 Unze» im Jahre 1902. Beteiligt an dieser Produktion waren: 1902 1903 Australien..... 8 949 394 Unzen 4 299 234 Unzen Afrika...... 1998 811„ 3 317 662„ Vereinigte Staaten.. 3 870 000„ 3 600 331„ Kanada...... 1003 359„ 943 314„ Rußland..... 1100 000„ 1 134 000„ Mexiko...... 491 156„ 500 000„ Andre Länder.... 2 024 949„ 2100 000„ zusannnen 14 437 669 Unzen 15 894 541 Unzen � Die Zunahme entfällt also vornehmlich auf Südafrika und Australien, während die Vereinigten Staaten und Kanada einen Aus- fall hatten. Die amerikanische Goldgewinnung wurde durch den Arveiterausstand in Colorado beeintrachttgt, ferner durch Dürre in Kalifornien und durch vorübergehende Schließung von Gold- und Kupfergruben in Montana. Rußlands Noheisenproduktioit. Nach einem Bericht des Kon- gresses der russischen Montan-Jndustriellcn belief sich die Roheisen- Erzeugung Rußlands stnit Ausschluß Finnlands) im verflossenen Jahre auf 143 000 000 Pud sl Pud 16,38 Kilogr.) gegen 156 500 000 Pud im Jahre 1902, 173 000 000 Pud im Jahre 1901 und 177 500000 Pub im Jahre 1900. Der sichtbare Verbrauch von Roheisen in Rußland wird für 1903 auf 163 Millionen Pud berechnet gegen 174 Millionen Pud im Jahre 1902, 195 in 1901, 207 im Jahre 1900 und 220 Millionen Pud im Jahre 1899. Da die Vorräte an Metall auf den Werken im Jahre 1903 um etwa 12 000 000 Pud abgenommen haben, so schätzt man den thatsächlichen Verbrauch an Roheisen in Rußland im Jahre 1903 auf annähernd 175 000 000 Pud. Die LeistungS- fähigkeit der russischen Hochofenwerke beträgt etwa 260 000 000 Pud. d. h. sie überragt die Produktion des"Jahres 1903 um fast 120 000 000 Pud und den thatsächlichen Roheisen-Verbrauch in dem- selben Jahre um 85 000 000 Pud. Diese Ziffern illustrieren zur Genüge die Luge der russischen Elsenindustrie. In letzter Zeit zeigte sich zwar anscheinend eine Ver- besierung der Geschäfte auf dem russischen Eisenmarkte; die Nach- frage stieg und die Preise zogen an. Indessen wird sich die russische Eisenindustrie nicht für lange Zeit dieser günstigeren Lage zu er- freuen habe». Bei der gegenwärtigen Organisation der russischen Eisenindustrie darf man vorläufig nicht auf eine andauernde Ver- besserung des Eisengeschästs rechnen. Sembts-TeiUing. Die biochemische Methode. Ems gegen den Naturheilkundigen Max Laads ge- richtete Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung hatte gestern nicht weniger als acht Sachverständige in den Sitzungs- saal der dritten Strafkammer des Landgerichts I geführt und es kam dort zu lebhaften medizinischen Krontroversen. Als Sachver- ständige waren vom Gericht Prof. Dr. S t r a tz m a n n, die prak- tischen Aerzte Dr. med. Zipper t. Dr. Friedemann, Sanitäts- rat Dr. A l t m a n n. Dr. Heimann und der Gerichtschemiker Dr. I e s e r i ch, seitens des Verteidigers Rechtsanw. Dr. S ch ö p? der Geheime Medizinalrat Professor Dr. Schweninger und Dr. Alb. G r e i f f- Oldenburg geladen worden. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, dast er ein an Syphilis leidendes Mädchen. welches sich seiner Behandlung anvertraut halte, in einer über Jahr und Tag dauernden Behandlung körperlich so weit herabgebracht habe, dast es sich schliesslich in einem geradezu bejammernswerten Zustande befand und als Kranke, die einem der schwersten Fälle syphilitischer Erkrankung, verbunden mit schwerer Niercnerkrankung, darstellte und dem Tode geweiht schien, einen praktischen Arzt auf- suchen mutzte. Nach der Bekundung des Dr. Heimann war der Zu- stand des jungen Mädchens ganz entsetzlich und sie, die früher blühend und gesund ausgesehen, sei gar nicht wieder zu erkennen gewesen. Sie hat früher, ehe sie zum Angeklagten ging, mit Herz- beschwerden bisweilen zu kämpfen gehabt und war von ihrem Hans- arzt auf Rheumatismus behandelt worden. Der Angeklagte bestritt', seinerseits das Mädchen auf dem Gewissen zu haben. Er habe sofort die richtige Diagnose auf schweren Syphilis gestellt, die später sich bestätigt habe und habe eine kunstgerechte Behandlung nach der bio- chemischen Methode, wie sie Dr. Schützler entwickelt habe, eintreten lassen. Seine Patientin habe aber seine Anordnungen nicht strikte befolgt und nachgewiesenermahen auch Diätfehler gemacht. In dem Augenblick, als sich die Nierenkomplikation herausstellte, habe er das Mädchen sofort selbst zu einem Arzt geschickt, er halte es auch gar nicht für festgestellt, datz diese Niercnkrankheit eine Folge der Syphilis gewesen.— Tie medizinischen Sachverständigen widersprachen den Ausführungen des Angeklagten. Insbesondere vertraten Prof. Dr. Stratzmann und Dr. Friedemann die Ansicht, datz man sich von der biochemischen Behandlung keine rechte Idee machen könne und datz sich der Krankheitsfall unter der Behandlung des An- geklagten verschlimmert habe. Die schwere Infektion der Nieren und der Leber stehe damit in kauselem Zusammenhange. Die gc- reichten Medikamente seien nach Dr. Jeserichs Gutachten indifferente Salze, sie hätten keine Heilkraft bei Syphilis. Wenn die Patientin nach wissenschaftlichen Grundsätzen richtig behandelt worden wäre, würden diese schweren Folgen nicht eingetreten sein.— Ter Sachverständige Dr. Greifs- Oldenburg trat der geäusserten Gering- schätzung der biochemischen Methode, deren Mittel ans den 11 im Blute enthaltenen Mineralsalzen bestehen, scharf entgegen und berief sich auf den Prof. Hugo Schulz in Greifswald und den Sanitäts- rat Dr. B r a s ch in Kissingen, der dargcthan habe, datz die lno- chemische Methode allen andern Behandlungsmethoden ebenbürtig und der therapeutischen überlegen sei. Er selbst sei 7 Jahre lang biochemischer Arzt. Dies sei keine obskure Heilmethode. Er hätte die Kranke ebenso behandelt, wie der Angeklagte; durch diese Behandlung habe er nie schaden können. Die Nierenentzündung hänge wahr- scheinlich mit dem Herzen zusammen. Der Sachverständige bestritt ein Verschulden des Angeklagten und erklärte auf Befragen des Verteidigers:„Ein Laie kann oft mehr als ein Arzt".— Geheimer Rat Dr. S ch w e n i n g e r. der sich über das häufige Vorladen als Sachverständiger beschwerte, erklärte, datz es ihn wundere, datz Sach- verständige über eine Sache, die erst neu im Aufschwung begriffen sei, herfallen, ohne sie genau zu kennen. Er selbst habe sich lange schon mit der biochemischen Methode beschäftigt, er könne sie absolut nicht verwerfen und wenn der Angeklagte danach behandelt habe, könne ihn kein Verschulden treffen. In der Medizin handle es sich nicht bloh um Wissen, Kunst und Humanität, sondern auch um Glauben und Vertrauen und wenn der Angeklagte Vertrauen zu der Methode hätte, würde er feige gewesen sein, wenn er nach einem Arzte sich umgesehen hätte, wenn er nicht gleich vollen Erfolg er- zielte. Er selbst stehe 33 Jahre im Kampfe, aber er lasse sich in gar keiner Art und Weise davon abbringen, was er als das Richtige erkannt habe. Es sei nicht festgestellt, ob die Leber- und Nieren- affektion nicht schon da war, als das Mädchen zun, Angeklagten ging und man kann nicht sagen, datz sie von der Syphilis abhängig war. Wenn in der Weise, wie hier der Angeklagte. Aerzte auf den Erfolg ihrer Behandlung kontrolliert werden würden, so würde er seine Thätigkeit lieber aufgeben. Auf Befragen des Verteidigers erklärt der Sachverständige: Die meisten Entdeckungen auf gesundheitlichem Gebiete sind von Laien gemacht und Laien haben manchmal Erfolg gehabt, wo die ärztliche Kunst versagte.— Ter Staatsanwalt beantragte trotz dieser Gutachten 6 Monate Gefängnis, indem er der Meinung war, datz der Angeklagte als Laie sich wohl hätte hüten müssen, einen schweren Fall nach einer noch neuen Methode ein ganzes Jahr lang zu behandeln, ohne datz er sich durch die kolossale Verschlechterung in dem Befinden der Patientin habe be- wegen lassen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.— Rechtsanwalt Dr. Schöps wunderte sich darüber, datz der Staatsanwalt überhaupt einei, Strafantrag gestellt. Er beantrage die Frei- sprechung des Angeklagten und die Uebernahme der Kosten der von der Verteidigung geladenen Sachverständigen auf die Staatskasse. — Der Gerichtshof entsprach diesem Antrage nach beiden Richtungen hin. Wenn der Angeklagte nach der biochemischen Methode behandle. dann sei ihm daraus kein Vorwurf zu machen. Es habe sich nicht feststellen lassen, ob ihm ein Verschulden zur Last falle. Die Heil- kunst könne nach der Gewerbeordnrmg von jedem frei geübt werden und wer sich anstatt zu einem Arzt zu einem Heilkundigen i n B e- Handlung begiebt und hineinfalle, der habe es sich selbst zuzuschreiben. Ein Nachspiel zum Metallarbeiter- Streik beschäftigte gestern die zehnte Strafkammer des Landgerichts I. In der Fabrik von Hold- heim u. Feder war ein Streik der Gürtler ausgebrochen und um diesen zu unterstützen, hatten auch die Gictzcr mit der Arbeit auf- gehört. Am 16. Oktober nahm der Gictzer Gerstmann die Arbeit wieder auf. Als er abends die Fabrik verlietz, wurde er auf dem Fabrikhofe von den Gietzern Paul R i ch n o w und Albert B ü ch l e r in Empfang genommen und mit Vorwürfen überhäuft. Sie be- schimpften ihn mit den Worten Lump, Streikbrecher, Strolch und spien ihm schlichlich in das Gesicht. Diese letztere Behandlung empfand Gerstmann als eine solche Schmach, datz er den Strafantrag stellte. Der Staatsanwalt beantragte je 4 Wochen Gefängnis. Der Ge- richtshof verurteilte die Angeklagten zu je 50 M. Geldstrafe. Im Kurpfnscher-Prozetz Schröter teilte der Gerichtsvorsitzende in der Sitzung am Mittwoch mit. datz den, Gericht fortgesetzt anonyme Zuschriften aller Art zugehen, so miS Berlin, Breslau, Charlotten- bürg und andern Städten. Sie alle betreffen Fragen des Magnetismus, Hhpnotismus usw. und ich übergebe sie dem Herrn Sach- verständigen Dr. Moll aus Berlin zur Kenntnisnahme. Eine dieser Zuschriften rührt von«dem bekannten Berliner Spiritisten Dr. Egbert Müller her, der im Prozctz gegen daS Blumenmedium Anna Rothe in Berlin und im„Spuk von Resau" eine hervorragende Rolle spielte. Er erbietet sich, den Beweis für das Vorhandensein eines persönlichen Magnetismus, sowie dafür zu erbringen, datz die Ablenkung der Peravtw. Redakteur: Julins�Kaliski, Berlin. Für! Magnetnadel im Kompaß mit persönlichem Magnetismus behafteten Personen möglich sei. Speziell die„kemme musgue", mit der auch Dr. Moll mehrfach erfolgreich experimentiert habe, sei die Ablenkung der Magnetnadel möglich. Ferner bringt der Vorsitzende einen ihm eingeschrieben zugegangenen Brief des Bundesvorstandes der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise in Berlin zur Verlesung. Es heißt darin:„Nachdem schon in der Presse vielfach versucht worden ist, den Magnetopathen Max Schröter als einen der führenden Geister der Natur Heilmethode hinzustellen, erklärte in der Sitzung vom 26. v. M. der Sachverständige Herr Kreisarzt Dr. Behrendt: Die Anwendung des Baunscheidtismus chckratterisiere die Naturheil- Methode, die angeblich naturgemäß und giftfrei kuriere, in Wirklichkeit aber eines der schwersten Gifte, das Krotonöl, zur Anwendung bringe. Demgegenüber haben wir im Namen der deutschen Naturheilbewegung, die wir vertreten, zu erklären, datz weder der Magnetopath Schröter zu unsrer Bewegung gehört, noch datz jemals die Naturheilmethode sich des Baunscheidtismus bedient hat. Wir können uns nicht des Eindrucks erwehren, als wollten die medizinischen Sachverständigen den Prozeß benutzen, um die deutsche Naturheilbewegung zu dis- kreditieren, obwohl dieselbe, wie gesagt, mit dem Angeklagten nicht das mindeste gemein hat." Beachtensivert war ein unter Ausschluss der Oeffentlichkeit ver- handelter Fall. Die in Betracht kommende Zeugin, mit der Schröter sich eingelassen und sie dabei mit einer Krankheit a n g e st e ck t haben soll, bittet vor ihrer Vernehmung den Vorsitzenden flehentlich, ihren Namen nicht in die Zeittmgen zu bringen, da sonst ihre Existenz vernichtet sei. Sie bekundet dann, datz sie sich mehrfach dem An- geklagten hingegeben habe. Sie litt an hochgradiger Nervosität und ist erst kürzlich wieder aus der Nervenheilanstalt entlassen worden. Der Verkehr trat nach einigen Konsultationen ein. Schröter hat zunächst die Zeugin als hochgradig hysterisch bezeichnet und versucht, die Sache als die Ausgeburt eines kranken Gehirns darzustellen. Heute giebt er zu, datz ein Verkehr stattgefunden habe, doch deutet er an, datz die Patientin ihnvcrführt habe, waS die junge Dame mit aller Entschiedenheit bestreitet. Ferner behauptet der Angeklagte, datz die Zeugin vor Jahren mit ihrem Onkel verbotenen Ilmgang gc- pflogen habe. Auch das wird von der Zeugin lebhaft bestritten. Sie bleibt weiterhin dabei, daß sie nur infolge ihres Verkehrs mit dem Angeklagten krank geworden sei. Auch in diesem Falle hat Schröter übrigens die Augendiagnose angewandt und dabei angeblich feststellen können, daß die Zeugin nicht mehr unberührt war. Die Anklage lautet in diesem Falle auf Körperverletzung. Bei allen Besuchen, so bekundet die Zeugin weiter, habe Schröter sich als ein Märtyrer der neuen Heilslchre des Magnetismus, OccultismuS usw. aufgespielt und ihr erzählt, datz er von allen Seiten, speziell aber seitens der Aerzteschast schwere Verfolgungen zu erdulden habe. Tie Zeugin hat daher grosses Mitleid mit ihm gehabt und ihm mehrere Liebes- briefe und Gedichte gesandt, in denen sie ihn zu stärken und zu trösten suchte. Sie bestreitet dabei, datz sie etwas hciratstoll gewesen sei, oder aber, datz Schröter ihr HeiratSvcrsprechungen gemacht habe. Sic habe ihm sogar immer abgeraten, jemals zu heiraten, da er sich der Wissenschaft erhalten müsse.(Heiterkeit.) An den Wänden der Schröterschen Zimmer, der damals noch nicht verheiratet war, hat die Zeugin Bilder bemerkt, die die Madonna und C h r i st u s mit der Dornenkrone darstellten. Letzteres trug die Unterschrift:„Das that ich für Dich, was thust Du für mich?" Auch viele fromme Sprüche und Ermahnungen seien an den Wänden zu sehen gewesen. Als die Zeugin Schröter darauf fragte: Glauben Sie an all das? habe dieser erwidert: Ach, so ein Mumpitz! Zum Schluß bekundet die Zeugin noch, datz der Angeklagte die Aerzte allesamt als„Schurken" und „Schwindler", die ins Zuchthaus gehörten, bezeichnet und sie, Zeugin, durch sein Vorgehen fast wahnsinnig gemacht habe. Darauf ereignet sich ein sensationeller Zwischenfall. Der Angeklagte springt nämlich plötzlich auf und erklärt, er habe die Zeugin nur aufs Glatteis führen wollen, er habe sie thatsächlich niemals gebraucht und die Zeugin würde einen Meineid leisten, wenn sie ihre Aussage später beschwören würde.(Grotze Bewegung.) Er habe es nicht nötig gehabt, an die Zeugin heranzutreten, er habe immer sehr enthaltsam gelebt und eventuell homöopathische Mittel benutzt. Dr. Puppe: Homöopathische Mädchen?(Heiterkeit.) — A n g e k l.: Das sagen Sie, Herr Sachverständiger, nicht ich.— Beisitzer Landgerichtsrat Mirtsch findet es unter diesen Umständen auffällig, datz der Angeklagte mit der Zeugin sehr intime Unter- Haltungen über geschlechtliche Dinge gepflogen habe.— A n g e k l.: Das habe ich mir andern Patientinnen auch gemacht.— Beis. Land- gcrichtsrat Mirtsch: Na ich danke.— Tie Zeugin denkt daran, datz der Angeklagte vielfach sehr freundschaftliche Beziehungen zu seinen weiblichen Patienten unterhalten habe. ES kommt dann noch zur Sprache, datz auch die Schwester des als Sachverständigen an- wcsendcn Kreisarztes Dr. Behrendt sich von dem Angeklagten habe behandeln lassen.— Dr. Behrendt: Ich kann doch nichts dafür, wenn meine Verwandten zu einem Kurpfuscher gehen.(Stürmische Heiterkeit.) Im übrigen haben sich anderseits Verwandte des Angeklagten von hiesigen Äcrztcn behandeln lassen.(Erneute Heiterkeit.) Versammlungen. Der socialdemokratische Wahlverein für den sechsten Berliner RrichstagS-WahlkreiS hielt am 1. März im Etablissement Maricnbad eine Versammlung ab. Der Vorsitzende Kiesel widmete dem am Tage vorher beerdigten, plötzlich einer tückischen Jnfekttonskrankhcit erlegenen Bezirksführer Gen. Emil Lamber tz in lvarm empfundenen Worten einen ehrenden Nachruf, wobei er der Pflichttreue des Ver- storbenen besonders gedachte.— Dann hielt Genosse Bartels einen interessanten Vortrag über die„EntWickelung des SocialiSmus von der Utopie zur Wissenschaft". Es gelang dem Redner gut, die inBctracht kommenden Fragen der Philosophie und Geschichtswissenschaft gemeinverständlich darzulegen sowie den grossen Wesensunterschied zwischen der Auffassung der Ütopisten und dcr'von Marx und Engels be- gründeten socialistischen Wissenschaft klarzustellen. Mit einem Aus- blick auf den SocialiSmus als einem notwendigen Resultat uiisrer Oekonomie- und Geschichtsentwickelung schloß er den Vortrag unter lebhaftem Beifall.— Bevor Genosie Kiesel die Versammlung schloß, verwies er auf die neueste Enthüllung des prentzisch-deutschen RnsscnkurseS, der jetzt in seiner ganzen Nacktheit sich dem Äuge biete und sich erweise als Bündnis gegen den Fortschritt der Volks- bewegung in Preußen-Deutschland selber. Es heiße deshalb für die Parteigenossen, auf dem Posten zu sein und in jeder Beziehung ihre Pflicht in der Agitation und Organisation zu thun. Mit einem Hoch auf die Socialdemokratie trennte man sich.— Verband der Hafenarbeiter(Berlin II). In der Versammlung vom 21. Februar gab die Lohnkommission den Rechenschaftsbericht. Die Einnahme betrug 978,14 M., die Ausgabe 49,46 M., verbleibt ein Bestand von 923,74 M. Ferner wurde beschlossen, am 18. März an den Gräbern der Freiheitskämpfer einen Kranz niederzulegen. Die Sektion der Gips- und Ecmcntbranche hielt am Dienstag im Gewerkschaftshause ihre Generalversammlung ab. Bezüglich des Jahresberichts des Vorstandes verwies der Vorsitzende Seidel im allgemeinen auf den gedruckten Bericht vom Zweig- verein der Maurer, ging jedoch näher auf die Lohnbewegungen und Vertragsverhandlnngen des verflossenen Jahres ein, die den Arbeitern der verschiedenen Branchen wenn auch nur geringe Vor- teile gebracht haben. Die zmn 1. Januar d. I. vereinbarten Lohn- erhöhungen sind bei den Spannern und Cementierern ohne besondere Schwierigkeiten erfolgt— es handelt sich hier um Erhöhung des Stundenlohnes von 62>/z auf 65 Pf.—; dagegen haben sich Der der Lohnerhöhung der Ccmentierer-HilfSarbeiter von 45 auf 47>/, Pf. grotze Mängel herausgestellt. Bei einer Firma suchte man sogar statt der Erhöhung eine Herabsetzung dcS Lohnes durchzusetzen. Der Vorsitzende forderte die Mitglieder auf, alle Fälle, wo der vereinbarte Lohn nicht gezahlt wird. sofort der Kommission zu melden. Die Abrechnung, die der Kassierer H a a s e verlas, ergab, datz sich die Einnahmen der Sektton während deS seit ihrer Gründung verflossenen Halbjahres m Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Borwär auf 15 982,79 M. beliefen, die Ausgaben auf 14456,69 M.. so daß ein Bestand von 1532,16 M. verblieb. An den Zweigverein wurden 16 925,63 M. abgeführt. Die Mitgliederzahl betrug am Ende des verflossenen Jahres 1309, das sind über 56 Proz. der in den die Sektion bildenden Branchen beschäftigten Arbeiter.— Dem Kassierer wurde einstimmig Decharge erteilt. Die Versamm- lnng beschloß einstimmig, daß der Hilfskassierer Wilhelm Hoffmann die ihm verloren gegangenen Beitragsmarken nicht ersetzen soll, da festgestellt ist. daß hier keinerlei Vergehen oder Mißbrauch vorliegt. Ebenso wurde einstimmig beschlossen, daß die Sektion diese Marken dem Zweigverein nicht bezahlen soll, weil kein Geldverlust dadurch erfolgt ist.— Die Vorstands wählen hatten folgendes Ergebnis: 1. Bevollmächtigter Franz O u a d e, 2. D ö r f e l; 1. Kassierer Haase, 2, Löhrich; 1. Schriftführer Hippauf, 2. Virch; Revisoren Tietz, Wilhelm Müller und Pranßkat.— Die Wahl der Hilfskassierer sowie die übrigen Punkte der Tagesordnung wurden ans eine sobald wie möglich ein- zuberufende neue Versammlung verschoben. Für die Arbeiter und Arbeiterinnen der Tamenmäntel-Branche fand am Montag eine vom Verbände der Schneider nach dem „Englischen Garten" einberufene Versammlung statt. Der Referent T ä t e r o w führte den Anwesenden die traurige Lage der in der Konfektion Beschäftigten vor Augen und zeigte ihnen, daß nur durch Zusammenschluß in der Organisation und durch gemeinsames Vor- gehen eine Besserung der elenden Verhältnisse herbeigeführt werde. Unter anderm beleuchteten der Referent und in Uebereinstimmung mit ihm verschiedene Diskussionsredner das Elend der Heimarbeit, die in der 51onfekttonsbranche einen ganz besonders grossen Raum einnimmt. Viele Zwischenmcister verstoßen dadurch gegen das Gesetz, datz sie die von ihnen beschäftigten Arbeiterinnen die vollen Beiträge zur Krankenkasse zahlen lassen. Teils geschieht das ohne alle Um- schweife, teils in versteckter Form. Ein Fall wurde mitgeteilt, wo ein Zwischcnmeister den von ihm zu leistenden Krankenkassen-Beitrag der Arbeiterinnen nur dann zahlt, wenn diese ein bestimmtes Quantum Arbeit ferttgslellen; bleiben sie unter dem festgesetzten Pensum, so müssen sie selber den vollen Beitrag zahlen. Andre Zwischenmeister setzen den Accordlohn um so viel oder noch etwas mehr herab, als der Anteil des Meisters an Kassenbeiträgen aus- macht. So werden die klaren Bestimmungen des Gesetzes verletzt und die Arbeiterinnen dadurch benachteiligt. Die fürchterliche Aus- bcutung der Konfektionsarbeitcrinncn wird dadurch erleichtert, datz ihnen von Frauen schlecht bezahlter Unterbeamten, ja von diesen selbst, Konkurrenz gemacht wird. Als Beispiel dieser Art wurde an- geführt: Tie Frau eines Post-Unterbcamten, der ein Monatsgehalt von 96 M. hat, was natürlich zum Unterhalt der Familie nicht aus- reicht, arbeitet in der Mäntelkonfektion. Die Frau aber ist bereits so schwach und krank geworden, daß sie die Llrbeit nicht mehr leisten kann. Nun hat der Mann von seiner Frau die Arbett erlernt, er sitzt in seiner dienstfreien Zeit an der Nähmaschine, um auf diese Weise zur notwendigen Ergänzung seines unzureichenden Ein- kommens beizutragen. Derartige Fälle sollen durchaus nicht ver- cinzelt vorkommen. Es ist klar, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen, welche allein aus der Beschäftigung in der Koirfektion ihr Einkommen erzielen, unter solchen Verhältnissen ein elendes Hungerdasein führen. Wenn hier eine Besserung eintreten soll, so müssen die Arbeiter und Arbeiterinnen mit Hilfe der Organisation ihre be- rechtigten Forderungen durchzusetzen suchen, auf der andren Seüe mutz aber auch die Gesetzgebung für den Schutz der Heimarbeiter eintreten, wozu der bevorstehende Heiinarbeiterschutz-Kongretz, auf den in der Veffammlung besonders hingewiesen wurde, Stellung zu nehmen hat. Der Arbeiter-Sängerdund hielt am 21. Februar seine dicS- jährige Generalvers auunlung in der Brauerei Fricdrichshain ab.— Dem Bund gehören zur Zeit 266 Vereine an. Davon sind 196 Männcrchöre, 3 gemischte Chöre und ein Damenchor. Tie Gesamt- zahl der Mitglieder beträgt 5323, davon sind aktiv(Sänger) 4432, passiv 346. Neu eingetreten in den Bund sind im verflossenen Gc» schäftsjahre 15 Vereine. Dem Antrag der vorjährigen General- Versammlung, daß kleine Vereine sich zu größeren Chören ver- schmelzen mögen, sind verschiedene Vereine nachgekommen. Ter Kassen- bcricht verzeichnet eine Einnahme von 4361,34 M. und eine Ausgabe von 3634,44 M., mithin verbleibt am 31. Dezember 1963 ein Be- stand von 1266,96 M. Aus der Vorstandswahl gingen hervor: 1. Vorsitzender Jul. Meyer(Kreuzberger Harrnonie), 2. Vor- sitzender P. Hilgert(Gesangverein der Gastwirtsgehilfen), 1. Kassierer A. Seikrit(Kreuzberger Harmonie), 2. Kassierer H. Naetebusch(Karthaus- Kummcrscher Gesangverein). 1. Schriftführer M. S i n n e ck e r(Fortschritt) und 2. Schriftführer G. Schänthal(Karthaus-Kummerscher Gesangverein). Ein An- trag des Vereins„Gleichheit", den Kassenbericht vom Sängerfest den Delegierten gedruckt einzuhändigen, wurde angenommen. Desgleichen ein Antrag von„Zukunft"-Stcglitz, welcher besagt, jedem Verein von jetzt ab 4, statt wie bisher 3 Quartetts von Bundes- liedcrn zu gewähren. Der Antrag von„Melodia"-Rixdorf, betreffend den Uebcrtritt von Sängern ans einem Verein in einen andern Bundesvcrein, wurde ebenfalls angenommen. Die Festlegung des Provinzialsängerfcstes wurde dem Ausschutz überwiesen, da mehrere Anträge vorliegen. Betreffs der Mitwirkung beim Sportfest mögen die Delegierten in der nächsten Ausschutzsitzung die Ansicht ihres Vereins vorlegen. Steglit,. Die letzte, sehr stark besrtchte Wahlvereins- Versammlung stellte einstimmig folgende Parteigenossen als Kandidaten zu der am Montag, den 7. März, st a t t- findenden Gcmeindewahl auf: Für den 1. Bezirk Schneider- meister Fr'itz Hamburg und Lagerhalter Wilhelm Kutscher als Ersatzmann für den ausgeschiedenen Genossen Rappe; für den 2. Bezirk, in welchem nur ein Eigentümer zu wählen ist, wurde ebenfalls Fritz Hamburg aufgestellt. Der Vor- sitzende erläuterte die Gründe, aus welchen die Doppelkandidatur Hamburg nötig war, und wurden dieselben von der Versammlung anerkannt.— Aus der sehr regen Debatte sei mitgeteilt, datz der Mieterverein sich wieder einmal selbst überttoffcn hat, indem er unter semen Kandidaten auch ein Mitglied des— Hausbesitzervereins aufzuweisen hat. Das Sprichwort lautet zwar:„Ein gebranntes Kind scheut das Feuer", der Micterverein scheint jedoch an den Herren Fischer und Dr. Böttcher noch nicht genug zu haben. Diese Herren wurden bekanntlich auch vom Micterverein ausgestellt und gewählt und schlössen sich nach ihrer Wahl der— Hausbesitzer-Mehrheit an.— 1 Der Vorsitzende giebt be- kannt, datz am Sonntagmorgen 7 Uhr eine Flugblattver- t e i l u n g und am selben Tage nachmittags 2 Uhr eine ö f f e n t- licheWählerversammlung im„Birkenwäldchen" stattfindet. Letzte Nadmebten und Dcpefcben. Prozeß DrcyfuS. Pari?, 4. März.(W. T. B.) Zu der heuttgen Verhandlung ist noch nachzutragen, daß Baudoi» auch die neuen Momente eingehend besprach, welche Anlaß zu einer Revision des Prozesses geben könnten. Er betonte die Notlvendigkeit, die Unter- suchilng aus die einzelnen Thatsachen auszudehnen und namentlich auch die Urheber der begangenen Fälschungen zu befragen, obwohl sie durch die Amnestte geschützt seien. Barmen, 4. März.(W.T.B.) Postdirektor Becker vom Postamt Unter-Barnrcn ist nach einer Meldung der„Allgemeinen Zettung" wegen Unterschlagungen und Fälschungen ver- haftet worden, nachdem von der Ober-Postdirektion eine Revision stattgefunden hatte. New York, 4. März.(W. T. B.) In Lima hat ein Erdbeben heute morgen bettächtlichen Schaden angerichtet; seit 36 Jahren hat dort kein so heftiges Erdbeben stattgefunden. , Paul Singer ö: Co., Berlin L W. Hierzu 3 Beilagen. 8. 55. 2i. j Keilte des„Ngmarts" Kerlilter WIIisdlM. MM». Rcicbatag* 40. Sitzung. Freitag, 4. März 1904, 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: v. Einem. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Militär- Etats. Dieselbe beginnt bei den dauernden Ausgaben mit dem Titel Gehalt des Kriegsministers. In Verbindung mit diesem Titel werden folgende Resolutionen zur Debatte gestellt: 1. eine Resolution Dr. Beumer snatl.), nach der den Mann- schaften der Armee und Marine im Falle einer Urlaubserteilung all- jährlich für die Reise in die Heimat und die Rückreise freie Eisen- Kahnfahrt gewährt werden soll. 2. eine Resolution Eickhoff- Dr. Müller- Sagan sfrs.Vp.), die dasselbe Ziel verfolgt, jedoch hinzufügt, daß den Soldaten auch die Benutzung der Schnellzüge gestattet sein soll und dag diese freie Urlaubszeit, wenn nicht alljährlich, so doch mindestens einmal während der Dienstzeit gewährt werden soll; 3. eine Resolution A u e r u. Gen.(Soe.) auf Vorlegung einer Denkschrift im Anschluß an die jährlichen Uebersichten über die Arbdterverhältnisse in der Armee und Marine. In dieser Denkschrift sollen die Bestimmungen über die Löhne und Arbeitsbedingungen in den LieferungSvcrträgen mit den Unternehmern angegeben werden; 4, eine Resolution Eickhoff- Dr. Müller- Sagan sfrs. Vp.), wonach im Etatsjahre 1995 die seminarisch gebildeten Lehrer an den Unteroffizierschulen, den Unteroffizier-Vorschulen und dem Militär- Knabenerziehungs-Jnstitut den seminarisch gebildeten Lehrern an den Kadettenanstalten bezüglich ihrer Besoldung gleichgestellt werden sollen. Endlich 5. eine Resolution Hehl zu Herrnsheim:„in Er- wägung darüber einzutreten, in wie weit die Gewinnung einer aus- reichenden Zahl von Unteroffizieren für Annee und Flotte durch Ueberbürdung der einzelne» infolge ungleichmäßiger Verteilung der dienstlichen Obliegenheiten und durch unzulängliche Lösungsverhält- nisse erschwert ist, um thunlichst bald Verbesserungsvorschläge an den Reichstag gelangen zu lassen." Die übrigen zum Militäretat eingebrachten Resolutionen sollen bei späteren Kapiteln behandelt werden, so unter anderm die Reso- lutionen über Soldatenmißhandlungen. Abg. Müller- Fulda(Ctr.) giebt zunächt einen kurzen Rückblick über die Verhandlungen der Kommission zum Militäretat. Es wird sich in Zukunft fragen, ob es überhaupt noch notwendig sein wird, die Heeresstärke für längere Zeit im voraus festzustellen; die Regierung könne zu dem Reichstag das Vertrauen haben, daß er alljährlich das Notwendige bewilligen werde. Eine erhebliche Heeres- Verstärkung dürfe freilich überhaupt nicht mehr stattfinden. Wir sind an der Grenze der zweckmäßigen Heeresverstärkung angelangt. Im einzelnen geht der Redner auf die Ostmarkenzulage und die Avanccmentsverhältnisse der Oberstlieutenants ein und be- gründet die ablehnende Stellung seiner Fraktion zu den Regierungs- Forderungen. Wenn wir auch hier und da insgesamt für 4>/» Millionen Abstriche für nötig gehalten haben, können wir doch im ganzen der Militärverwaltung unser volles Vertrauen aussprechen. Wir sind überzeugt, daß sie die Armee nicht Zuständen entgegenführen lvird, die eine. Gefahr für unser Vaterland sind.(Bravo I im Cenwum.) Abg. Bebel(Soc.): Wir sind mit dem Vorschlage des Vorredners einverstanden, daß die von uns eingebrachte Resolution über die Arbeiterverhältnisse in den Militärwerkstätten erst beim Etat des Reichskanzlers der- handelt werden soll. Der Vorredner hat Bezug genommen auf die Verhandlungen in der Kommission und insbesondere auf die Stimmung in Bezug auf Mehrbewilligungen für den Militär- Etat. Die Militärverwaltung werde mit der Stimmung des Reichstages zu rechnen haben, der nicht geneigt sei. größere Forderungen in den nächsten Jahren zu belvilligcn. Wir freuen uns. daß eine derartige Erklärung vom Redner der maßgebenden Partei ab- gegeben worden ist. wir wollen sie doppelt unterstreichen und hoffen, daß wir künftig nicht in die Lage kommen werden, den Herren vom Ccntrum in Bezug auf die heute abgegebene Erklärung einen Vorwurf zu machen. Charakteristisch für die jetzige Beratung ist, daß wir über drei Resolutionen abzustimmen haben, die sich mit Soldatrnmißhandlungcn beschäftigen, über eine, die einstimmig in der Budgctkommission angenommen worden ist. eine der Freisinnigen Volkspartei und eine von meiner Partei. Alle sprechen sie den dringenden Wunsch aus, daß Reichs- kanzler und Militärverwaltung daftir Sorge tragen müssen, daß auf dem Gebiete der Militärmißhandlungen Wandel geschaffen werde. Meine Partei empfindet darüber eine ganz besondere Genugthuung, daß jetzt bis zur äußersten Rechten des Hauses eine solche Stimmung herrscht. Früher, wenn von dieser Stelle auS Klagen über die Zustände in der Armee, insbesondere in Bezug auf die Militär. Mißhandlungen vorgebracht wurden, sind diese von ihnen(nach rechts) immer auf das lebhafteste bestritten worden. Insbesondere Graf Roon hat in früheren Sessionen stets versucht, wenn irgend ein nebensächlicher Punkt nicht richtig angegeben war, aus dem Häkchen einen Haken zu machen und die ganze Mitteilung in Frage zu stellen. Um so mehr freue ich mich, daß ein g e- wissesMaßvonEinsichtauchbei der Rechten eingekehrt ist.(Unruhe rechts.) Der Kriegsminister hat in zwei Sitzungen, am 11. Dezember vorigen Jahres gegenüber dem Abg. Dr. Schädler und am 14. Dezember wiederholend erklärt, daß wir die Mlitärmißhandlungen ausrotten müssen und würden; nur Zeit solle man ihm lassen. Wir haben von jeher die feste Ueberzeugung gehabt, daß man in den leitenden Stellen der Armee schon bisher bemüht war. die Mißhandlungen aus der Welt zu schaffen. Aber alle diese allerhöchsten Erlasse und Verordnungen haben bisher nur sehr minimale Erfolge gehabt. Insbesondere seit das öffentliche Gerichts- verfahren bei Militärsachen eingeführt ist, haben weite Kreise die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Vermehrung der Miß- Handlungen eingetteten ist. Es ist ja außerordentlich schwierig, das zu bestreiten oder zu behaupten, denn die Statistik ist auf diesem Gebiete natürlich höchst unzuverlässig. Tie Zahl derjenigen Mißhandlungen, die nicht zur Kenntnis der Bcrn'altung kommen, wird naturgemäß viel größer sind, als die ge- meldeten Fälle. Der ÄriegSminister hat angedeutet, daß die Social- demokraten im Heere durch p a s s i v e n W i d e r st a n d die Vorgesetzten zu Mißhandlungen reizten. Irgend ein Beweis fiir diese Behauptung ist natürlich nicht erbracht worden. Das müßten auch merkwürdige Socialdemokraten sein! Die Vorgesetzten haben so viel Mittel, auch ohne zu Mißhandlungen zu schreiten, unbequeme Leute zu„schleifen", daß dieser angebliche„passive Widerstand" leicht gebrochen werden kann. Wir wollen Geduld üben und abwarten, ob es der Militärbehörde gelingen wird, die Mißhandlungen ein- zuschränken. Wir geben zu. daß es selbst beim besten Willen un- möglich ist von heute aus morgen dari»�Erfolge zu erreichen. Um die Mißhandlungen ganz zu beseitigen, müßte eine Aenderung der militärischen Organisation von Grund aus eintreten. Immerhin ist es ein großer Gewinn, daß die unausgesetzte öffentliche Erörterung der Militärmißhandlimgen von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten die Ueberzeugung geweckt hat: So kann es nicht weiter gehen und daß sich auf allen Seiten der gute Wille regt, hier reformierend einzugreifen. Bei der Generaldebatte zum Etat sagte Herr v. Einem, man solle sich nicht immer auf die krischen Arbeiten der Offiziere a. D. verlassen, sondern mehr auf die aktiven Offiziere, die dem König direkt verantwortlich seien. Darauf ist von sciten. jener litterarisch thätigen inaktiven Offiziere die richtige Antwort nicht ausgeblieben. Es soll ja auch eine kaiserliche Kabinettsorder ergangen sein, die sich gegen die Schriftstellerci der inaktiven Offiziere wendet. Eine andre Kabinettsordcr, die schon zur Zeit Wilhelms I. er- lassen wurde, macht die Offiziere ausdrücklich darauf auf- merksam, daß sie zu jeder kritischen Veröffentlichung der vorherigen Genehmigung eines Vorgesetzten bedürfen. Dadurch sind natürlich die aktiven Offiziere von vornherein daran verhindert, irgend welche ernsthafte kritische Arbeit zu ver- öffentlichen. In der französische» Armee besteht ganz im Gegensatz hierzu das volle Recht der Meinmigsäußerung für die Offiziere. Diese Freiheit der Kritik ist der französischen Armee bis heute ganz ausgezeichnet bekommen, sie hat ganz hervorragende Fortschritte auf allen Gebieten gemacht. Wenn irgendwo Mißstände vorhanden sind, so findet auf die Dauer die Kritik auch Mittel und Wege, zum Lichte zu ge- langen. Die gewaltigen technischen Umwälzungen der letzten Jahre erfor- dern natürlich auch Veränderungen der Taktik; wenn letztere nicht gleichen Schritt hält mit den technischen Fortschritten, so entsteht wiederum in weiten Kreisen der Sachkundigen das Bedürfnis der Kritik. Es kommt hinzu, daß sich ja heute die Armee auch aus ganz andren Elementen zusammensetzt als vor dreißig und vierzig Jahren. Da- mals bestand sie zum übergroßen Teil aus Angehörigen der bäuer- lichen Bevölkerung, die ja in Bezug auf geistige 5znpacität gegenüber der städtischen inferior genannt werden muß.(Große Unruhe rechts.) Diese Auffassung ist in der Armee selbst weit verbreitet. Die städtischen Elemente stellen allerdings höhere Anforderungen in Bezug auf an st ändige Behand- lung.(Lebhafte Zustimmung links.) Es taucht ja immer wieder die Behauptung auf. die Armee sei socialdemokratisch verseucht. Es gilt jeder Soldat, der nicht unbedingt mit allen Anordnungen zu- frieden ist, als Socialdcmokrat.(Sehr richtig! bei den Socialdemo- kraten.) Aber Graf Capriva hat schon 1893 anerkannt, daß es gar keine besseren Soldaten giebt, als die Socialdemokraten.(Lebhafter Widerspruch rechts.) Jawohl: das sind Leute von höherer Intelligenz! (Stürmisches, dröhnendes Gelächter rechts, das so lange anhält, daß der Redner längere Zeit innehalten mutz.) Um Socialdemo- krat zu werden, mutz einer schon ein höheres Maß von Einsicht haben.(Erneutes, schallendes, Minuten- langes Gelächter auf der Rechten.) Die socialdemokratischen Soldaten sind ja auch klug genug, den Befehlen der Vorgesetzten stets unbedingt zu gehorchen. Trotzdem bekommt keiner, der socialdemokratischer Gesinnung verdächtig ist, mag er noch so pflichttreu und intelligent sein, den Rang eines Gefreiten oder Unteroffiziers. (Rufe rechts:( Das ist sehr berechtigt I) Das trägt keineswegs dazu bei, die Armee qualitativ zu verbcsiern. Welches Entsetzen rief eS neulich hervor, als bekannt wurde, daß ein socialdemokratischer Reichstags- Kandidat Vicefeldwebel war. Hauptmann Clausen sagt in seiner Broschüre „Still gestanden!", daß zwei Drittel aller Kapitulanten Leute seien, die daran verzweifelt hätte», in einem bürgerlichen Berufe vorwärts zu komme». Aus dieser Mangelhaftigkeit des Unteroffiziercorps erklären sich auch zum Teil die Soldatenmißhandlungen. Es kommt hinzu der Waffen- und Paradedrill und die übermäßigen Exerzier- Übungen, kurz die maschinenmäßige Ausbildung und die Forderung des Kadavergehorsams und andrerseits das Ver- langen selbständiger Initiative in allen Situationen. Auf die Dauer kann das Heer diesen Gegensatz nicht vertragen. Als ich vorhin von zwecklosem Paradedrill sprach, haben die Herren auf der Rechten sehr mitzmutige Töne von sich gegeben.(Heiterkeit.) Aber darin sind alle hervorragende» Militärschriftsteller einig. So tadelt der kommandierende General des 15. Armeecorps, Freiherr v. Meerscheidt-Hüllesem, die exerzierplatz mätzige Ausbildung des Soldaten, die im Frieden sehr geringen, im Kriege aber gar keinen Wert hat. Er sagt, daß die kriegsmäßige Schulung, die Ausbildung von Feldsoldateu die Hauptsache sei und meint:„Vor hundert Jahren bedurfte es der Unglücks- tage von Jena und Auerstädt, um die Armee aus der Erstarrung zu lösen, in die sie seit dem Tode des großen Königs verfallen war. Aber auch heute könnte uns Jena eine Mahnung sei», uns von den Fesseln frei zu machen, die die jetzige AuSbildungsmcthode dem inneren Wert und der Gefechtstrast unsrer Infanterie anlegt." (Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Kann ein kommandierender General schärfer schreiben? Wenn solche Mahnungen laut werden, haben wir als Volksvertreter die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit auf sie hinzuweisen und zu verlangen, daß die Zustände anders werden.(Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten.) Die Armee ist das kostspieligste Instrument des Staates. Auf Jahre hinaus tritt die Jugend unsres Volkes in sie ein. Wenn sich also Mängel in ihr zeigen, müssen wir mit allem Nachdruck auf sie hin- weisen. Auch die ewigen Besichtigungen und Borstellungen erzeugen in der Armee eine gewisse Nervosität. Dazu kommt der außerordcnt- lich rasche Wechsel in der Führung der Truppen. Jeder neue Re- giments-Komniandeur bringt ein neues System mit.(Widerspruch rechts.) Die feldmätzige Ausbildung der Truppen wird in die zweite Linie gestellt. Auch bringt die Jugend der Unter- osfiziere eine gewisse Charakterunreife mit sich. In jeder Compagnie mutz monatlich eine gewisse Zahl von Be- strafungen erreicht werden. Für allzu viele macht man den Unter- offizier verantwortlich; zu wenige dürfen es auch nicht sein, sonst macht es den Eindruck der Schlappheit. Ein Oberlieutenant, der eine Compagnie zu führen hatte, verhängte im Monat August ziemlich viele, im September gar keine Bestrafungen. Vor den Oberst citiert, giebt er an, datz die Mannschaft sich vorzüglich gehalten habe, der aber meint: Die Brigade wird's wohl moniere». Gerade wie ein Schutzmann oder Gendarm, wenn er nicht die nötige Zahl von Meldungen macht, als nachlässiger Beamter gilt. Die Mißhandlungen selbst zeigen ein solches Maß von Roheit, Grausamkeit und Raffinement, wie sie nur eine ganz verdorbene Phantasie und ein ganz verdorbener Charakter zu erfinden im stände ist. Ich verweise nur auf die zahlreichen Berichte, die täglich über Militärgerichtsverhandlungen in unseren Zeitungen stehen, die oft einen Kulturmenschen geradezu schaudern machen. Wie ist es möglich, datz in einem so straff organisierten Körper Meuschc» geduldet werden, die solcher Gransamkeit sähig sind.(Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Wie ist eS möglich, datz einzelne Unteroffiziere und Offiziere sich solch migeheure Zahl von Miß- Handlungen zu Schulden kommen lasse»? Wie können Vorgesetzte so etwas übersehen? Der Kriegsminister hat selbst gesagt, wenn das lange Zeit in einer Comgagnie vorkommt, so muß der Vorgesetzte davon wissen. Den Hauptmann v. Grolmann, den Vorgesetzten Breidenbachs, hat man ja auch mit vier Wochen Stubenarrest bestraft. Seine Hauptangst war ja, daß, wenn die Sache an den Reichstag kommt, bei den Socialdeuiokraten der Teufel los ist.(Heiterkeit.) Aber nach den Worten des Kriegsministcrs ist der Mann unfähig, die Aufgabe eines CompagnicchefS zu erfülle». (Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Präsident Graf Ballcstrem(unterbrechend): Herr Abg. Bebel, Sie haben selbst bei mir beantragt, die Frage der Soldatenmißhand- lungen bei einem andern Titel zu behandeln.(Sehr richtig! rechts.) Ich bitte Sie also, jetzt zu andern Fragen überzugehen. Eine vorübergehende Heranziehung dieser Fälle läßt sich ja wohl nicht vermeiden. Abg. Bebel(fortfahrend): Ich wollte diese Fälle mir summarisch erörtern, um nachzuweisen, daß gegen dir Vorgesetzten nicht dasjenige geschehe» ist, was ihnen hätte geschehen sollen. Darauf lege ich bei meinen Ausführungen das Hauptgelvicht. Nach dieser Richtung mutz viel schärfer als bisber vorgegangen werden.— Auch die Zahl der Selbstmo:de hat in der Armee nicht abgenommen. Im vö. Infanterieregiment haben in wenigen Monaten sieben Selbstmorde und ein Selbstmordversuch stattgefunden. Auch der Fall des Einjährig-Freiwilligcn Kordes in Hannover hat ungeheures Aussehen erregt. Viele, die als Soldaten eingezogen werden, müssen nach einem halben oder drei« viertel Jahren als geisteskrank entlassen werden. Auch auf diesem Gebiete sind die Zustände schauderhaft. �-Jch komme auf gewisse Vorfälle zu sprechen, die mit der kaiserlichen Verordnung vom 6. Februar 1899 in Widerspruch stehen. Es handelt sich um ein Ereignis, das im vorigen Frühjahre ungeheures Aufsehen erregt hat. Der koinmandicrendc General des VI. Ärmeccorps, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen, ist veranlaßt worden, seinen Abschied zu nehmen, weil er einen Erlaß über Soldatcnmißhandlungen ver- öffcntlicht hatte, der mit der kaiserlichen Verordnung vom 8. Fe- bruar 1899 in allen wesentlichen Punkten übereinstimmt. Mit dem Beschwerderecht der Soldaten bei Mißhandlungen, das durch diese Erlasse ausgedehnt wird, steht es wirklich so, wie ein Witz- blatt sagte:„Wann hat der Soldat am besten Gelegenheit, Mut und Tapferkeit zu beweisen? Antwort: Wenn er sich beschweren will!" Als Gegenstück dazu ist mir von sieben ver- schicdenen Seiten mitgeteilt worden, datz der kommandierende General des VlI. Ärmeccorps, Freiherr v. Bissingen, seinen Burschen so miß- handelt hat, datz dieser die Flucht ergriff. Der General soll mit einigen Stunden oder einigen Tagen Stubenarrest bestrast worden sein.(Fortwährende Unterbrechungen und große Unruhe rechts. Abg. V. Riepcnhausen(k.) spricht fortdauernd so laut, daß Präsident Graf Ballestrem wiederholt um Ruhe bitten mutz.) Ich wünsche, datz der Kriegsminister sich darüber äußert, ob meine Mitteilung richtig ist. Vorgesetzte, die ihre Untergebenen gcmißhandclt haben, find immer sehr billig weggekommen, ganz im Gegensatz zu Soldatm, die sich gegen Vorgesetzte vergangen haben. In einer Heidelberger Kriegs- gcrichtsverhandlnng, die großes Aufsehen erregt hat, wurden im vorigen Jahre drei Soldaten wegen Ucberfallens und leichter Miß- Handlung eines Unteroffiziers zu zehn Jahren, sechs Jahren und drei Jahren neun Monaten Gefängnis verurteilt. Es hat förmliche Volksaufläufe in Heidelberg gegeben, als dieses harte Urteil bekannt wurde. Das Ober-Kriegsgcricht hat jene Urteile noch ver- schärft: einer der Angeklagten erhielt sieben Jahre Zucht« haus I Mögen die Soldaten auch eine scharfe Bestrafung verdient haben, so sind doch die Urteile unmenschlich hart im Verhältnis zn dem, was die Civilgcrichtc erkennen würden. (Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Der Militärschriftsteller Generallieutenant a. D. v. BoguslawSki hat in einem Artikel gesagt, diese Ausschreitungen bei den badischen Manövern seien jedenfalls Früchte socialdemokratischer Agitation. (Lachen bei den Socialdemokraten.) In Wirklichkeit ist nicht der allergeringste Beweis erbracht lvorden, daß derartige Agitasionen den Handlungen der Soldaten zu Grunde gelegen hätten. Es wäre doch die größte Thorheit, wenn meine Parteifreunde irgendwo durch Agitation in Deutschland dazu beitragen sollten, datz derartiges passiert. llnsre Partei hat die�Armee allezeit als cincArt nolimswnAsro angesehen wegen der Gefahren, die den Angehörigen der Armee so leicht drohen. In Baden ist übrigens die Socialdemokratie prozentuell erst schwach vertreten, in Sachsen dagegen außerordentlich stark. Wären die Verdächtigungen und Verleumdungen de» GcncrallicutenautS v. Bognslawski berechtigt, so müßten doch derartige Erscheinungen in Sachsen besonders auftreten. Hier sitzen die militärischen Vertreter Sachsens; mögen sie uns darüber Auskunft geben, ob in Sachsen in einem prozentual höheren Matze Widersetzlichkeiten und Thätlichkeiten gegen Vorgesetzte vorkommen! Es wird schwer sein, dag nach- zuweisen und damit sind die Behauptungen des Herrn v. Bognslawski als gemeine Verdächtigungen gekennzeichnet.(Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten.) Ein so hoher Offizier sollte doch etwa? mehr Objektivität und Anständigkeit gegenüber seinen Gegnern bewahren.(Sehr richtig'! bei den Socialdemokraten. Große Unruhe rechts.) Im übrigen haben wir ja schon bei der Beratung des Militär-Strafgesetzbuchs immer darauf hingewiesen, daß die Strafen für Untergebene in einem großen Mißverhältnis stehen zu den Strafen für Offiziere. Ich kann mir nichts Ge- meinercö und Ehrloseres denken, als wenn ein Offizier sich gegen einen wehrlosen Untergebenen vergeht!(Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten.) Ich wundere mich nur, datz von dem Rechte der Notwehr, das ja auch für den Soldaten besteht, so wenig Gebrauch gemackt wird. Wenn ich als Soldat mißhandelt worden wäre und den Entschluß gefaßt hätte:„Jetzt gehst Du ins Jenseits", so sollte der, der das Unrecht veranlaßt hat. zuerst dafür büßen und auch durch eine Kugel inS Jenseits befördert werden. (Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten.— Große Unruhe rechts.) Die Thätigkcit der Offiziere ist gewiß eine sehr gcisttödende. (Lärm rechts.) Ich begreife es vollkommen, daß infolge dessen bei den jungen Offizieren das Bedürfnis entsteht, sich einmal auszu« toben, Ausschreitungen und Allotria zu begehen, die die Armee diskreditieren müssen. Es war gewiß niemandem unangenehmer, als dem Kriegsminister, datz der Roman BilseS „Aus einer kleinen Garnison" erschien, und datz vor dem Kriegs- gericht alles als wahr festgestellt wurde. Der Kriegsminister sagte, es Hiebt nur ein Forbach, aber die neuere» Vorgänge in Pirna, wo eine Offiziersgattin sich geradezu als eine Art Messalina erwies, sowie eine Anzahl weiterer Meldungen aus ver» slhiedenen Städten stehen dem entgegen. In seinem Roman „Erstklassige Menschen" giebt Graf Bandissin Schilderungen der Zustände eines Garde- Regiments, die, wenn sie auch nur zu einem Drittel wahr sind, eine Unmasse von Korruption, Verderbnis und Sittculosigkeit verraten.(An- haltende Unruhe rechts.— Rufe: Nichts ist wahr!) Ich konstatiere nur die Thatsache! Es ist Sache der Militär- Verwaltung, Klarheit zu schaffen l(Großer Lärm und Widerspruch rechts.) Wenn die Militärverwaltung ernstliaft Klarheit haben will, so kann sie auch vor einem Civilgcricht das nötige herbeiführen! Aber nach Forbach, wo man auch nicht geglaubt hat, datz es wahr sei, wird man zu solcher„Klarheit" nur noch wenig Neigung ver« spüren!(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.— Ruf rechts: ES ist ein Lump!— Große Unruhe.) Ich konstatiere, daß Sie(nach rechts) einen Schriftsteller, der zu Ihre» Kreisen gehört, als Lumpen bezeichnet haben. Graf Baudissin wird sich jetzt wohl darüber etwas deutlicher aussprechen müssen, ob er seinen Roman als Phantasiegcbilde oder als Nacherzählung der Wirklichkeit gedacht hat.— Aber auch das'Bürgertum trägt zu solchen Zuständen bei. Rift der be« kannten kriecherischen Gesinnung wird der Offiziersstand als erster Stand im Staate angesehen. Sogar Richter haben dies ausgesprochen. Das Bürgertum hat ja auch eine naive Freude an dem Titel des Reservelicutenants(Heiterkeit bei den Socialdemokraten. Unruhe rechts). Das Offiziercorps verfällt immer mehr in llcppiglcit und Verweichlichung. Die Liebcsmahle mehren sich und der Luxus nimmt überhand. Ein Offizier kann seine Ausgaben gar nicht mit seinem Gehalt decken. Die Schuldcnwirtschast führt dann zu Geldheiraten. Selbst der«Reichsbote" und die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" haben nachdrücklich auf den zunehmenden Luxus hingewiesen. Durch die ständigen Uniformänderungen würden die Offiziere zum Schulden- macheu gezwungen. Wer die kostspieligen Feste aller Art nicht mit- mache, ftihle sich vereinsamt und zurückgesetzt. Der Kaiser habe im März 1899 dringend zur Sparsamkeit gemahnt, thue aber jetzt nichts, den: Luxus entgegenzutreten. Ich möchte an andre Fälle erinnern, die so merkwürdig sind wie die Vorgänge in Forbach. Wir haben ja gesehen, welche Rolle da die Kvuimandeuse spielte.(Heiterkeit.) Aber auch bei einem Artillerie-Regiment in Darmstadt soll die Frau eines Oberstlicutenants fortgesetzt die Dienstpferde reiten, sich tagelang in der Kaserne auf- halten und großen Einfluß haben. Ein Divisionskommandeur soll gezwungen worden sein, seineu Abschied zu nehmen, weil die Frau des kommandierenden Generals über seine uunoble Berwaudsschaft entrüstet war.(Vielfaches Hört l hhrt l links, Lachen rechtö.) Da? sind geradezu chinesische Zustände, Die ganze Aufrüstung der Soldaten steht in schreienden! Wider- sprach mit dem Zweck des Heeres. Seit 15 Jahren habe ich un- ablässig auf die Notlvendigkeit hingewiesen, das Glänzende, das Blinkende, das Auffallende an den Uniformen zu vermeiden. An- fangs hat man das verspottet, heute möchte man eine zweck- mäßige Uniform am liebsten schon einführen, wenn die Kosten nicht gar so hoch wären.— Einer solchen gründlichen Reform steht allerdings die Sucht nach äußerem Glanz und Prunk gegenüber. Die Auszeichnungen, die Medaillen, die Schnüre und Borten, die Litze» und all die Kinkerlitzchen, die alle paar Wochen in neuer Form eingeführt werden, müssen doch erhalten werden. Vor vicrJahren hat ein Oberst mit Recht gesagt, datz keinMensch alle diese neuen Auszeichnungen aus den letzten zehn Jahren im Kopfe hat. Selbst die„Hamburger Nachrichten" tadeln dies Uebermaff; siebe- haupten, dag in der Marine nicht weniger als 250 verschiedene Ab- zeichen vorhanden seien. lHört I hört!) Freiherr v. d. Goltz konstatiert die zunchinende Unzufriedenheit im Offiziercorps über die beständigen Aendcrungen. In weiten Kreisen der Armee und des Volkes ist heute die Ueberzeugung� vorhanden, dag, wenn in einem künftigen Kriege das Heer so geführt werden sollte wie bei dem letzten Kaiscrinanövcr, die Niederlage Deutschlands unvermeidlich sei.(Bewegung.) In der Budgetkommission ist über die hohen Kosten der nutzloicn Manöver gellagt worden. Dabei werden die Kosten noch zum grögten Teil auf die Landwirte abgewälzt, denen man kaum die Hälfte ihres wirklichen Schadens ersetzte.(Hört! hört! rechts.) Der Verlauf der Manöver hat keinen kriegsmägigen Charakter mehr; immer schärfer wird deshalb die Kritik der Militärschriftstcllcr. Im Buche des Freiherrn v. Uhlrn ist ein ganzes Kapitel„Phantastische Manöver" überschrieben. Besonders über das Manöver von 1902 wird das denkbar schärfste Urteil gefällt. Oberst a. D. Gncdke hat im„Berliner Tageblatt" Manöverschilderunaen gegeben, die deutlich das absichtlich UnkriegSgemäße der Kaiier- Manöver zeigen. Auch in der„GcgeMvart" hat eine militärische Llutorität scharf das thcatralisch-dckorative Element bei den Kaiser- Manövern getadelt. Die Kritiken über die Manöver der Schweizer Milizarmee sind da doch bei weitem günstiger. Die Ausbildung sei besser, obwohl die Dienstzeit bedeutend kürzer sei. Der Kricgsminister bat unfern Standpunkt ja als unhaltbar be- zeichnet. Demgegenüber berufe ich mich z. B. auf das Urteil Karl Llcibtrcuö(Oho! rechts. Der Kriegsininister winkt mit der Hand ab und lacht krampfhaft.), der trotzdem einer der ersten Kriegs- Historiker Teutschlands ist; ebenso auf das Urteil eines deutschen Offiziers, der den Boercnkrieg mitgemacht hat, der hebt mit Recht hervor, dag die deutsche Armee den Beweis erst noch führen.solle, daß sie. solche Strapazen zu ertragen im stände ist, wie die. Milizen im Boercmriege ertragen haben. Auch General v. d. Lippe kommt zu der Auffassung, es bleibe nichts loeiter übrig, als einen Mittelweg zwischen dem, was besteht und dem was die S o c i a l d e m o k r a t e n f o r d e r n, zu beschreiten. Er schlägt eine stehende Armee von 200 000 Mann und eine Miliz- armee von 1800000 Mann vor. Der General meint, uns würde die beste Kuh aus den! Stalle geholt werden, wenn ein preußischer Kriegsminister, ohne dazu gedrängt zu sein, mit einem derartigen Milizvorschlage käme und wir würden dann natürlich dagegen stimmen. Nun, es käme ja aus den Versuch an. Für das Milizshstein haben sich nicht nur französische Militärschriftstellcr ausgesprochen, auch Freiherr v. d. Goltz verficht in seinem Bücke„Leon Gonröctta" ähnliche An- schauungen und spricht sich vor allem lebhast für die militärische Ausbildung der Jugend aus. So ist der Milizgcdanke überall im Vorschrciteii; wir hoffen, dag er mir der Zeit alle Widerstände be- siegen wird.(Lebhafter Beifall bei den Socialdemok.aten.) Kriegsminister v. Einem: Abg. Bebel hat in seiner 2'/zstüudigen Rede alle Dinge von der Geburt des Rekruten bis zu feinem Abschiede aus der Armee ge- schildert. Ich weiß nicht, ob ich ihm auf diesem Psade werde folgen können. Einen großen Teil seiner Ausführnngcn nahmen die Wendungen:„Es ist mir berichtet, eS ist mir gesagt, eS sind unerhörte Zustände, bestimmt versichern kann ich es nicht, von glaub- würdiger Seite wird mir versichert usw." ein. Wenn ick der- artige Anschuldigungen gegen ein Mitglied der socialdcino- kratischen Partei oder gegen diese selbst richten würde» würde Herr Bebel mit dem Panzer der Moral und der Schwere sittlicher Entrüstung bewaffnet auf mich einfallen. Auf alle diese ollen Kamellen(Sehr gut! rechts— Abg. Bebel: Keine einzige olle Kamellc!) will ich nicht eingehen, z.B. nicht auf die schöne Geschichte von dem Obcrstlieutenant in Allenstein und der entrüsteten Tivisionskommandense. Das ist doch der voll- kommenste bare Unsinn!(Lebhafter BeisallrechiS) Wenn Abg. Bebel, der so außerordentlich Bescheid weiß in allen militärischen Dingen(Große Heiterkeit), sich nur einmal die Zlangliste ansehen würde, würde er wissen, dag in Allenstein g a r k e i n Generalkommando i st und daß der Königsberger Divisions- kommandcur nicht verabschiedet, sondern zum kommandierenden General ernannt worden i st. Die ganze Erzählung fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Von dem Fall des Generals v. Bissingcn in Münster weiß ich absolut nichts, auch ini Militärkabinett hat man keine Ahnung. Wäre es wahr, so wäre der General vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Das ist nicht der Fall. Der Abg. Bebel hat über daS iverktlMige Eingreifen aller Parteien gegen die Mißhandlungen in der Armee seine Freude ausgesprochen. Die Regierung und die Militär- Verwaltung haben immer auf diesem Standpunkt gestanden.(Zuruf rechts: Wir auch!) und die Mißhandlungen sters verurteilt. Die Socialdemokratie ist darin keineswegs die führende Partei. Keine Partei hat weniger Veranlassung anzunehmen, dag sie auf bessere Zustände in der Armee hinwirken kann. Wenn auch der Parteitag in Dresden--(Stürmisches Gelächter bei den Socialdemo- Iraten.— Abg. Bebel ruft: Olle Kamellen!— Vicepräfident Dr. Paaschs bittet wiederholt um Ruhe.) Wollen Sie denn jetzt Ihre wahren Meinungen verleugnen? Wenn Sie also in Dresden erklärt haben, daß die Gegensätze sich ständig verschärfen, wie können dann friedliche, hormonische Zustände i-n Heere herrschen? Dann müßten auch dort die Gegensätze aufeinander platzen. Auf dem Parteitag ist ein Antrag gestellt worden, die Partei möge unter den Proletariern, die alljährlich zur Annes ein- gezogen werden, in geeigneter Weise Propaganda für die Social- demokratie machen, sie insbesondere über ihre Pflichten gegen den sogenannten inneren Feind aufklären, damit sie eventuell nickt gc- horchen. Ein Antrag von Berlin I verlangt das N o t w e l. rr e ch t für die Soldaten gegenüber ihren Vorgesetzten. Wemtfne Mannschaften mit so verseuchenden Instruktionen versehen in die Armee kommen, so ist die Socialdemokratie schuld an d e n M i ß h a n d l u n g e n.(Lachen bei den Social- demokraten.) Herr Bebel hat dann gesagt, ich ivollte die Kritik der i n a k ti v e n O f f i z i e r e unterdrücken. In der That habe ich nur gesagt, man sollte sich nicht immer nur auf die Kritik der- jenigen Offiziere verlassen, die sich nichts mehr im Dienst befinden, sondern sich auch auf die Offiziere verlassen, die Sr. Majestät dem Kaiser und König verantwortlich sind für die kriegsmäßige Ausbildung der Truppen. Ich habe das Recht der Kritik also den inaktiven Offizieren in keiner Weise streifig gemacht. Wir können eine Kritik, auch eine scharfe Kritik zum Segen der Armee überhaupt gar nicht entbehren. Die inaktiven Offiziere haben uns in ganz außer- ordentlichem Maße auf allen mögsichen Gebieten der Organisation, der Ausbildung, der Erfindungen, des Waffenwesens usw. genützt.(Hört! hört!) Meine Bitte richtet sich nur dahin, daß eine Kritik unterbleibt, die verhetzend wirkt, die in das Volk Aufregung und den Glauben hineinbringt, daß die Armee nicht mehr so tüchtig sei als wie sie zur Siche r h e i t des Vaterlandes sein müßte. Was ist nun aus dieser meiner rein objektiven Stellungnahme gemacht worden? DaS„Berliner Tageblatt" hat kurz nach meiner Rede einen Artikel gebracht mit der Ueberschrist:„Die Kritik des Gewesenen". Da steht:„Wir sind verurteilt zu Mumien, wir dürfen nicht mehr reden; nur was der Herr KriegSmiifister im Reichstag für gut befindet zu sagen» das soll geglaubt werden. Aber wir werden incht schweigen, sondern unser Recht geltend machen". Ich hatte von alledem nichts gesagt, nicht mal von meiner Person gesprochen. Ich habe daraus Briefe bekommen: Ich hätte die inaktiven Offiziere beleidigt. Ich habe den Briefschreibern daS Stenogramm meiner Rede gesandt und die Leute haben sich darauf entschuldigt: eS thäte ihnen sehr leid, so an mich geschrieben zu haben, sie seien irregeführt worden durch den Schreiber im„Berliner Tageblatt", den Oberstlieutenant Gaedtke.(Hört! hört! rechts.) Nur einige Beispiele, um zu zeigen, in welcher Weise derartige Kritiken gegen die Armee gerichtet werden— natürlich immer nur auZ Liebe zur Armee, aber die Liebe geht manchmal wirklich eigentümliche Wege.— Da sagt das„Berliner Tageblatt" am 2. Dezember vorigen Jahres:„Wer weiß nicht, daß sich der Generalstab bereits Jahrzehnte im sauften Schlummer befindet". Am 3. Januar 1904 aber rühmt das Blatt den Chef desselben Generalstabes als eine Persönlichkeit, auf die jedes Heer stolz sein könnte— der Chef hat also offenbar den Schlummer des Stabes nicht mitgemacht.(Heiterkeit.)— Ein höherer Offizier hatte die Einführung der Feldhanbitze getadelt, andre tüchtige Generale, auch Fachmänner sind gegenteiliger Meinung— das ist ja Ansichtssache. Herr Gaedtke bekommt diese Kritik zu Gesicht, betont, daß er von vornherein die Einführung der Feldhaubitze für einen Mißgriff gehalten habe, und schreibt weiter, solche Fehler der Heeresverwaltung seien nicht ihrer Unthätigkeit zuzuschreiben, sondern der Vielgeschästigkeit, dem nichtgenügenden Bedenken organisatorischerProbleme, derUeberstürzung, der Nachgiebig- keit gegenüber augenblicklichen Impulsen. Das kann ja seine Ansicht sein, da habe ich gar nichts dagegen, aber wenn er nun weiter schreibt, daß unsre Heeresverwaltung auf allen Gebieten der Organisation und Taktik, der Verwaltung, Ausbildung und Erziehung auf dem be- quemen Standpunkt des bewährten Alten stehen geblieben sei, dann deckt sich das doch nicht, dann kann man doch solcher Kritik keinen Glauben schenken.(Sehr richtig! rechts.)— Vo» dem Erlaß gegen die Schnftstcllcrcl der iuaktivcu Offiziere, den Herr Bebel er- wähnte, ist mir nichts bekannt.— Herr Bebel hat die Broschüre des Generals von Meerscheidt-Hüllessem erwähnt. Ueber die Ausbildung der Armee wird hier mit einem Frei- mut ohne Gleichen in eingehender, kenntnisreicher Weise gesprochen. Ich bin fest überzeugt, daß viele Offiziere aus dieser Broschüre neue Anregungen schöpfen werden, um die Ausbildung ihrer Truppen zu fördern. Herr Bebel hätte aber die ihm bei seiner Kenntnis der einschlägigen Litteratur sicher be- kannte ebenso freimütige Kritik eines andern ehemaligen Generals, v. Blume,.uch anführen sollen, der ausführt, daß General v. Meerscheidt-Hüllessem etwas schwarze Farben aufträgt, daß er sehr temperamentvoll ist uno daß außerdem vieles, was er noch tadelt, schon längst zuni Alten geworfen ist. Ich habe von dem, was ich früher gesagt habe, kein Wort zurückzunehmen. Jede Ausbildung ist salsch, die nicht die kriegs- mäßige Fertigkeit in erster Linie im Auge hat. In einer zweiten B r o j ch ü r e des Generals v. Meerscheidt-Hüllessem wird bewiesen, daß wir auch den P a r a d e m a r s ch brauchen, daß er sich ohne irgendwelche Zeitversäumnis der Ausbildung an- reihen läßt. In letzter Zeit ist, vom Chef des Generalstabes gebilligt, aus dem Generalstabe selbst eine äußerst scharfe Kritik hervorgegangen, die sich dagegen wendet, daß gewisse Bestimmungen nnsres Regle- uients schablonemnäßig, ohne Berücksichfiguna des Geistes dieser Bestimmungen, angewendet werden. Möglicherweise haben ja französische Generale noch größere Freiheiten. Aber der französische Kriegsminister versteht doch in solchen Tingen weit weniger Spaß als wir. Wer dort eine unangenehm empfundene Kritik veröffentlicht, verschwindet bald in Algier oder Pensionopolis.(Heiterkest.) Ich verdenke es Herrn Bebel nicht, daß cr als Führer einer so gewaltigen Partei meint, es gehöre eine große Intelligenz dazu, Socialdemokrat zu sein(Unruhe rechts) und die socialdemokratischen Soldaten seien infolge dessen die besten. Dagegen will ick nichts sagen. Ein intelligenter Mann, der der Socialdemokratie angehört, lernt sehr leicht das. was im Dienst von ihm verlangt wird er wird äußerlich ein recht guter Soldat sein, der gut schießt und marschiert. Aber er ist nur so lange ein guter Soldat, als es ihm paßt. Wenn andre Zeiten kommen, wo die Intelligenz nicht mehr ausreicht, wo es ans das Herz und die Gesinnung ankouimt(Sehr gut! rechts), wie steht eS da mit einem tolchen Soldaten? Die Gesinnung macht den Soldaten! Mir ist ein königStrciirr, religiöser Soldat, der aber etwas weniger gut schießt, lieber als ein sorialdcmokratischcr, der sehr gut schießt. (Stürmisches Gelächter und Rufe: Hört I bört! bei den Social- demokraten.) Ich las vor den Wahlen ein Inserat, worin stand: „Wählt den Vicefeldwebee S., er ist Feldwebel der Reserve, also geeignet, im Kriegsfalle ein Bataillon zu führen!"(Heiterkeit.) Ja, wenn das Bataillon- führen so leicht Iväre, wie Sie(zu den Soeialdemokraten) sich das denken—(Abg. Bebel ruft: Ich habe es doch nicht gesagt!)— Ich spreche gar nicht mit Ihnen, Herr Bebel(Heiterkeit)—, dann könnten wir allerdings das stehende Heer abschaffen und zu der berühmten Miliz übergehen. In unsrer Armee aber brauchen wir außer der Intelligenz auch Charakterfestigkeit, Ernsthastig- keit, Königstreue und Vaterlandsliebe!(Lebhaftes Bravo! rechts.) In der äußersten Linken geht es ja auch so: alles, was nicht wahrhaft ist, sei es intelligent oder nicht, fliegt munter hinaus.(Große Heiterkeit rechts.) Herr Bebel aber ist in dieser Sache wirklich unschuldig wie ein Kind. Er wies aus das DurchschniitSmaß von Strafen innerhalb einer Eompagnie hin. Allerdings wurde früher darauf gesehen, daß eine gewisse Anzahl von Strafen nicht überschritten wurde, das war ein Ausfluß einer gewisse» Pedanterie. Aber es ist längs! von Sr. Majestät angeordnet worden, daß derartige Statistiken verschwinden. Herr Bebel hat aus die HerzcnSbekmnmcrnisse einzelner Schrift- stcllcr hingewiesen, die uns auf dem Wege nach Jena sehen. Es giebt ja auch ein Buch„Jena oder Scdan?"(Bebel ruft: Einen Roman.) Jaivohl. es ist alles sehr roman- hast.(Große Heiterkeit rechts.) Was ist denn'Jena" Bei Jena hat die prn:üischr Armee eine Schlacht verloren, aber ihre Ehre ist völlig intait geblieben. Der Zusammenbruch des Staates kam später. Es waren die schmachvollen Kapitulntior.cu der Festungen. (Zurnf bei den Soeialdemokraten: Durch die Junker.) Durch ältere Offiziere, die nicht mehr glaubten, Widerstand leisten zu können. Diese Offiziere hatten in vielen Ein- gaben an die damalige Milnärverwaliumg darauf hingewiesen, ihre Festungen seien den Angriffen der Feinde nicht gewachsen. Die Sache wurde abgemacht durch kriegsgerichtliches Einschreiten und dergleichen. Aber der Zusammenbruch des Staates crfolgtr, weil eine koswvpolifisih angehauästc Bevölkerung den StaatSintcreffe» fernstand und nicht, wie in Spanien, den Ruf erschallen ließ:„Gegen den Feind!", sondern dem Riffe folgte:„Ruhe ist die erste Bürger- pflickt I"(Zuruf bei den Soeialdemokraten: G e s ch i ch i s- s ä l s ch u n g!> Wenn aber alle Interessen des Volkes im Staais- interesse gipfeln, so ist ein Jena überhaupt nicht möglich, es sei denn, daß von einer gewissen Partei alle Vaterlandsliebe, alle Religion, aller Patriotismus dem Volke aus der Brust gerissen würde!(Unruhe bei den Soeialdemokraten. Abg. Stadtha., en ruft: Das sind die Konservativen! Heiterkeit.) N i ch t d i e Kaiser sahne, sondern nur die rote Fahne der Socialdemokratie könnte uns nach Jena führen! (Lauter, anhaltender Beifall rechts und bei den Nationalliberalen.) Herr Bebel sagte, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen sei vcr- abschiedet worden/ weil er eine Verordnung erlassen habe, die die Billigung Sr. Majestät nicht gefunden habe. Es ist lediglich eine VertranenSjache Sr. Majestät des Kaisc.S, wen cr als kommandierenden General anstellen und wen cr vrradschicdeu will.(Lebhoste Zustimmung rechts.) Ich lehne eS durchaus ab, sich irgendwie darüber auszusprechen. (Aha! bei den Soeialdemokraten.), auch schon dcsöalb, weil mir nichts von dieser Sache bekannt ist.(Hört! hört! rechts.) Im übrigen ist der ehemalige kommandierende General des VI. Armee- corps, der Erbprinz von' Sachsen-Meiningen. nicht verabschiedet, sondern als Armee-Inspekteur angestellt. Der Heidelberger Fall ist in socialdemokratischen und andren linksstehenden Blättern so dargestellt worden, als hätten hier junge Leute, etwas verwildert durch das Manöver, einen ganz harmlosen Streich ausgeführt durch die Verprügelung einiger Unteroffiziere. Was hätten Sie(nach links) aber gesagt, wenn ein paar Offiziere in Civil, bewaffnet mit Stöcken, mit denen man einen Menschen totschlagen kann, Soldaten aufgelauert und sie verprügelt hätten. Dann wären Ihnen Worte wie„Mörder" und„feige Mordbuben" nicht stark genug ge- Wesen.(Sehr richtig! rechts.) Es war kein harmloser Scherz, sondern das schwerste Vergehen, das es in der Armee giebt: Meuterei(Sehr richtig! rechts), Meuterei in Verbindung mit—(da der Kriegsminister den Ausdruck nicht gleich findet, wendet er sich an die neben ihm sitzenden Offiziere und fragt sie:»Wie nennt man es doch?" Als er Auskunft erhalten hat. fährt er fort): Ja, Aufruhr—. Aufruhr I Herr Bebel macht das Militär- Strafgesetzbuch dafür verantwortlich. Glauben Sie, daß der Reichstag, der dieses im Jahre 1872 unter dem stischen Eindruck des siegreichen Krieges beschloß, weniger human dachte als Sie(zu den Soeialdemokraten)? Aber die Disciplin muß auf alle Fälle aufrecht erhalten werden, deshalb brauchen wir strenge Strafe». Die Grundlage der Armee lassen wir nicht antasten! (Bravo! rechts.) Wenn Herr Bebel Pirna mit Forbach verglich, so hat er Forbach nicht verstanden. In Forbach war leider so ziemlich alles korrumpiert. Hätte Herr Bebel mich in der Kömmission nach Pirna gefragt, wo wir sozusagen unter uns jungen Mädchen waren(Heiter- keit), so hätte ich ihm gern Auskunft gegeben.� Hier im Plenum kann ich nur au die Worte erinnern, die der sterbende Valentin im „Faust" an Gretchen richtete.(Heiterkeit.) Glauben Sie(zu den Soeialdemokraten), daß Zustände, wie in dem von Herrn Bebel er- wähnten Buche, in der Armee existieren? Da wird mir zu» genickt. Wenn Sie(zu den Soeialdemokraten) das glauben, dann sind Sie Philister(Große Heiterkeit rechts), dann sind Sie keine Revolutionäre.(Stürmisches Gelächter bei dcnSocialdcmokraten.) Wenn Militär und Gesellschaft wirklich so korrumpiert wären, so brauchten Sie doch bloß mit dem Finger zu winken, und Sie hätten den Zukunftsstaat! Mit solcher korrumpierten Gesellschaft müßten Sie doch leicht fertig werden!(Sehr gut! rechts.) Aber Sie glauben es nicht, und Sie winken auch nicht mit dem Finger! (Heiterkeit.) Auf dem Dresdener Parteitage hat Herr Bebel gesagt:„Das letzte Bollwerk, die Armee, wankt schon I" Daran ist zweierlei falsch. Erstens: die Armee ist Golt sei dank, gar nicht das letzte Bollwerk, sondern das letzte Bollwerk deS;J Staates sind---(Zuruf bei den Soeialdemokraten:„D i e I u n k e r!"— Große Heiterkeit.)— Ich habe höhere Begriffe, es sind nach meiner Meinung die kost- barsten Schätze, die in Bürgerkreisen und Arbeiterkreisen, im Adel und ivohin Sie blicken, noch vorhanden sind: Gottesfurcht, Bater- laudslicbc und Königstreuc!(Beifall rechts.) Damit werden Sie (zu den Soeialdemokraten) noch viel zu kämpfen haben! Erst dann kommt die Armee. Und diese— das ist der zweite Irrtum— ivankt nicht, sondern ist fest begründet auf dein Offiziercorps! Ich halte diese Angriffe gegen das Offiziercorps für außerordentlich vaierlandsgefährlich. Hier heißt es: Warum sollen die Offiziere der erste Stand sein? Herunter vom Piedestal! Daun kann man aber in denselben Blättern bei der Beschreibung ausländischer Armeen lesen, sie taugten nichts, weil der Offizierstand eine gänzlich untergeordnete Stellung einnehme.(Hört! Hon! rechts.) Und hier soll er heruntergerissen werden, obwohl er der Führer der Nation ist, sie erzieht!?(L a u i e s L a ch e n bei den Soeialdemokraten.) Durch das, wus er im Kriege als Führer des Heeres geleistet hat. hat er sich den Dank der Nation für alle Zeilen gesichert. Seitdem hat er in unentwegter Treue, Hingebung und Arbeit seinen Dienst gethan und fest zu seinem allerhöcksten Kriegsherrn gestanden. Und trotzdem ist noch kein Stand so beschmutzt worden, wie der Offiziers stand im Bandissinschen Buche und im „Simplicissimus". Mit Recht nennt diesen die„National- Zeitung" den tödlichen Bacillus, der jedes Ideal, eines nach dem andern zu ertöten sucht.(Zuruf bei den Socialdemo» k r a t e n: Selbst den Lieutenant! Stürmische Heiterkeit.) Jeder einzelne soll sich sagen: Was du ererbt von deinen Vätern hast, er- wirb es, um es zu besitzen, soll sich in die Tradition, in den Geist der Armee einleben, der auch heute noch ein guter ist. Abg. Bebel hat heute einen bekannten Militär schrift» steiler als Kronzeugen für seine Auffassung von den Manövern anzesührt. Aber in dem soeben erschienenen Generalstabswerk über den südafrikanischen Krieg finde ich eine Aenßerung des General» feldmarlchalls Roberts, daß die Ausbildung der englischen Führer so lange mangelhaft bleiben werde, bis man sich entschlösse, größereM'onöver einzuführen. Erbewunderedie großartig organisierten deutschen Manöver.(Hört! hört! rechts.) Wie vorsichtig man bei der Kritik großer Truppenbewegungen sein muß, dafür nur ein paar Beispiele. Ueber den Krieg von 1806 ist man sich heute noch nicht klar, ob er ein g eni a le s Meiste r w e rk oder ein schwerer strategischer Fehler war. Ich erinnere an die häßlichen Streitigkeiten und Widerwärtigkeiten zwischen Scharnhorst und Jork. Feldmarschall Steinmetz hat dem Grafen Mottle wiederholt mitgeteilt, daß er seine Sttategie nicht verstehe. Sie sehen, abweichende Urteile sind sehr leicht möglich. Ich bin auch nicht mit jeder Manöver- anlage und Durchführung einverstanden. aber die Kritik des Abg. Bebel halte ich für gänzlich verkehrt. Wenn ein Oberst a. D. irgendwo die Manöver absprechend beurteilt und dazu schreibt, ich bin gezwungen, mich so auszudrücken aus Liebe zum Heere„vklsant consuies", so kriegt der Philister das Gruselm (Große Heiterkeit.) Aver wir müssen bei den Vlanövern auf die Bevölkerung und Bebauung Rücksicht nehmen, Friktionen, von denen der Kritiker meist gar keine Abnung hat. Die Manöver werden soweit als möglich kriegsmäßig durckgeführl. aber einfach den Stab zu brechen und zusagen, die Manöver taugen nichts, das fit keine objekttve Kritik mehr. Ich möchte bitten, auch' in dieser Beziehung positiv zu sein. Auch vor 1�66 hat man die Armee nach allen Richtungen schlecht gemacht, :..id doch marschiert? sie überKöniggrätz zum Siege. Und wenn wir wieder Gelegeuheir haben, dann oin ich der festen moralffchen Ueberzcugung, daß sich wieder der gute Geist und dieKriegStüchligkeit finden wird. Das ganze Gefüge des HeercS wird zusammengehalten durch die sittliche Pflicht, die als Frucht der Erziehung und der socialen Einrichtungen ins Heer mitgebracht werden muß. Jeder wirke an seinem Teil mit. daß diese sittliche Pflicht, sich zu unlerwerten, dem Vaterlande zu dienen, anerkannt und erfüllt werde im>-inne des Dichterwortcs: An s Vaterland, aus teure, schließ' Dich an. Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen! (Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Frhr. Hcyl zu HcrnZheim(natl.): Wenn Abg. Bebel konsequent wäre, würde er seine Kritik auch auf seine Partei anwenden und sagen, daß die freie Kritik des Herrn Schippet der Partei nur nutzen könnte. Aber wenn e§ ihm patzt, verletzt er selbst die Grundsätze der dcmo« kratischen Selbstverwaltung, wie beim Fall Göhre. Ilnd wer hat denn nun eigentlich die höhere Intelligenz, Herr Bebel mit der Miliz oder Herr Schippe!. Bebels hat heute die Armee als noU ms tanKC-re bezeichnet. Da ist er neuerdings wohl auch Revisionist geworden.(Heiterkeit.) Wenn ich aus Zeitungsausschnitten eine solche Rede über die socialdemokrattsche Milizarmee zusammen- stellen wollte, wie er heute über die deutsche, dann würde er auf mich losfahren.. �„ Der Unteroffiziersstand ist dienstlich überbürdet, er hat zu lange Arbeitszeit und zu� geringe Bezahlung. Darum ist eS focialpolitilÄ ebenso wie militärisch ungemein wichtig, ihn aufzubessern. Ich hoffe, daß das Ccntrum aus seiner Vertraucnskuiidgcbung fiir den Minister die Konsequenz ziehen und seine Vorlage über Stellung der Unteroffiziere aiinehmen wird. Nachdem wiederholt die günstige Gelegenheit versäumt worden, den Unteroffizieren die ihnen zukommende Stellung zu geben, hat sich eines Teiles derselben eine gewisse Nervosität bemächtigt, die mit schuld an den Miß- Handlungen ist. Bei so großer Verantwortlichkeit und so bedeutiamcr erzieheriicher Aufgabe, bei so großem Opfer an persönlicher Freiheit tavf er nicht schlechter gestellt sein, als etwa ein Werkmeister, die heute 600 M. jährlich mehr verdienen. Wir bitten Sie also, den Antrag Oriola-Dr. Paaschs anzunehmen und die gestrichenen Unter- vsstzierstelleu wieder herzustellen. Abg. v. Normann(f.); Herr Bebel schien da>Z Milizsystem diesmal etwas weniger warm zu vertreten als früher. Das war das einzig Erfreuliche aus seiner Rede.— Gegen die Soldatenmihhandlungen haben auch wir nnS stets gewandt: Wir wünschen, daß ihnen mit allen gesetzlichen Mitteln entgegengetreten wird. Wir haben uns nur stets dagegen ge- wandt, daß jeder kleine Schlag und Stoß als Mißhandlung gilt. Solche Verfehlungen müssen bestraft werden und werden hart bestrast. Wir wenden uns auch dagegen, daß man immer von den Miß- Handlungen spricht, daß man den Unteroffizier als den Verbrecher und das Scheusal hinstellt, während man nichts davon sagt, w i e die Soldaten den Unteroffizier reizen, bis er sich zu Mißhandlungen hinreißen läßt. Eine solch einseitige Darstellung kann den Stand der Unteroffiziere nur in der allgemeinen Achtung herabsetzen und dagegen protestieren wir. Wir begrüßen es mit Freuden, daß der Herr Kriegsminister für eine Besserstellung und Entlastung der Unteroffiziere eintritt, das ist das beste Mittel gegen die Soldaten- Mißhandlungen,— Das sich auch im Offizrercorps Unwürdige finden, ist selbstverständlich, die einzelnen Fälle bedauern auch wir, Die Offiziercorps werden daraus Veranlassung nehmen müssen, immer schärfer auf Selbstzucht zu dringen. Einen übertriebenen Lux» s, der meist die Grundlage bildet für Verfehlungen aller Art, verurteilen wir aufs schärfste, aber wir protestieren gegen die Art des HerrnBebel.Einzelfälle zugeneralisieren, UnsereOffiziercorps werden die besten bleiben, trotz der jetzt Mode gewordenen Schmähschriften auf die Arniee, die nur unfern tiefsten Abscheu erregen können,(Lebhaftes Bravo! rechts,) Abg. Dr. Müllcr-Meiningcn(frs, Vp,): Die D a r st e l l u n g des H e r r n K r i c g s m i n i st e r s über die Vorgänge 1800—1813 war sehr einseitig, Königin Luise schrieb damals viel vorurteilsloser: Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren F r i e d r i ch s des Großen. Die Vorwürfe des Herrn Kriegsministers gegen das liberale Bürgertum der damaligen Zeit muß ich entschieden zurückloeisen. Ungesunden Kosmopolitismus sollte man nicht einem Bürgertum vorwerfen, das sich für die nationale That eines Wilhelm Tell begeisterte. Ohne das Bürgertum wäre die preußische Monarchie 1813 in Trümmer gegangen. Der Geist der Verkuöchcrung in der Armer, den man damals bekämpfte, muß auch heute wieder zum Teil heköuipft werden. Der Herr Kriegsminister kann nicht leugnen: die Arniee gehorcht, aber sie räsonniert. Drei Generale haben Protest erhoben gegen die zunehmende Verknöcherung, Ich habe es begrüßt, daß der Herr Kriegsminister eine freimütige Kritik als berechtigt anerkannt hat. Es ist nicht bloß Oppositions- wut, welche diese Kritik hervorruft, sondern die Unzufriedenheit ist thatsächlich tief eingedrungen in die Offizierkreise. Bon der„Kreuz- Zeitung" bis zunr„Vorwärts" gehen die Klagen über die mangel- hafte kriegsgemäße Uniformierung und über den falschen Luxus in der Armee, die eng mit einander in Verbindung stehen. Auf meine Kritik über die Uniformierung ist im vorigen Jahre der Herr Kriegsminister nicht eingegangen. Man hat behauptet, die Regelung dieser Unifor- mierung sei ein Ausfluß des Oberkommandos in der Armee, der Herr Kriegsminister trage dafür keine Verantwortung. Wir müssen entschieden das Recht des Reichstags, hier mitzureden, betonen. Wenn mit solchen Firlefanzereien, wie es heute üblich ist, die Gehälter der Offiziere, die wir bewilligen, aufgebraucht werden, so ist das sehr wohl Sache des Reichstags. Ich erinnere nur an die goldenen Armbänder k. ec. Die Sucht, dekorativ zu wirken, wird direkt großgezogen. Es gicbt kaum ein Stück der Uniform, das nicht im Laufe der Zeit geändert worden ist. Ich glaube kaum, daß der Herr KriegSmiuister ein besonderes Vergnügen an diesen fortgesetzten Aenderungen hat. Dagegen sollen allerdings andre Leute ein um so größeres Vergnügen daran haben. Die„Augsbucger Abend- zeitung", ein Blatt, das zum Teil offiziös bcdicut wird, fordert die bayrische Heeresverwaltung zu einer vrrnimftigcn Oistruktion gegen die fortgrsrvten Aenderungen in der preußischen HrcrcSvcrwaltun.g auf. Major v. Bruchhausen verlangt im„Tag" die Beseitigung aller blinkenden Uniformtcile für den Fclddiei st. Dieses Verlangen unter- stützen viele sonst durchaus konservativ gesinnte Militärschriftsteller. In der ganzen Welt richten sich die Bestrebungen aus die Einführung der indifferenten Farben der Uniformen. Wie steht unsre Militär- Verwaltung dazu! Aus amerikanischen Blättern erfährt man, daß früher bereits auf kaiserliche Anordnung eine graue Kriegs- garnibir für alle Truppen hergestellt worden sei. Aus der deutschen Presse ist darüber nichts zu ersehen. Es wäre dankenswert, wenn der Kriegsmiuister uns darüb r Auskunft aeben könnte. Für die jüngsten fortwährenden Uniformänderungen sollen in hohem Maße Rücksichten auf das hiesige Warenhaus für Armee und Marine maßgebend gewesen sein. Der Chef der Abtei.' an,, I dieses Waren bau sc» soll der Kriegs- V e r w a t t u u g i m m e r u e u e A n r e g u n g e n a u f Uniform- ä n d e r u n g e u z u g c h e n lassen.'Wir kritisieren nicht nur der Kritik wegen, sondern um die bestehenden Mißstände zu bessern!(Lebhaftes Bravo! links.) Kriegsminister v. Einem: Es ist geschichtlich festgestellt, daß die preußische Armee 1806 bei Jena geschlagen worden ist, weil sie nicht ans der Höhe der kricgs- mäßigen Ausbildung stand. Die Ehre hat sie nicht verloren. Der großartige Aufschwung 1813 war das Erhabenste, was ein Volk leisten kann. Weiter habe ich nichts sagen wollen. Für die Uniformände r u n g e n trage ich die volle V er- antwortung. Ich habe auch dieLrder über Einsührung der neuen Paletotabzeichen durch meine Unterschrift gedeckt. Wenn Se. Majestät der Kaiser einzelnen Truppenteilen besondere Abzeichen verlieben hat, so war da-s ein Akt gnädigen Wohlwollens, über den mir kein Urteil zu st cht. Die iieueu Uniform- Änderungen bedeuten aber in der That wesentliche Verbesserungen, So mußten noch 1870 alleOffiziere in langen Hosen ins Feld reiten, niemand durfte hohe Stiefel tragen. Das war natürlich sehr unbequem, Heute haben wir für die Mäntel eine einheitliche graue Farbe. früher hatten wir fünf Farben, Die Knöpfe können ja gerade herunter oder auch schräg gehen(Heiterkeit), aber es m.uß doch einer bestimmen:„Ich will, daß sie so getragen werden 1" Dann machen alle eS so.(Heiterkeit) Dr. Müller-Mciiiiiigen meinte, die Offiziere trieben rm Manöver Lurus in der Kleidung. Dr. Müller-Meiningen ninimt gewiß viel mehr mit auf eine Reise als ein Lieutenant ins Manöver.(Große Heiterkeit.) Wenn Dr. Müller-Meiningen unvorschriftsmäßig gekleidete Lieutenants auf der Friedrichftraße gesehen hat, so war es für die Herren ein großes Glück, daß es Dr._ Müller- Meiningen war und nicht der Herr Kommandant.(Stürmische Heiterkeit.) Die „Kiimmerfalte", die Herrn Dr. Müller- Meiningen so unsympathisch ist, ist in Bayern längst eingeführt,(Dr. Müller-Meiningen: Wir haben sie nicht.) Ja, sie ist da, wenn sie auch vielleicht nicht „Kummcrfalte" heißt.(Große Heiterkeit.) ES ist sehr schwierig, eine einheitliche Farbe für die Umformen zu finden, WaS für Transvaal und China paßt, ist nicht für unser Klima geeignet. Bei uns sieht man im Somnter das Hechtgrau viel weiter als den dunklen blauen Anzug, Ivährend im Winter sich das Blau erheblich schärfer vom Hinter- grund abhebt als das Grau. Deswegen ist unsre gesamte Armee mit grauen Mänteln ausgerüstet. Die Landwehr hat eine graue Litewka. die natürlich manchmal, licht paßt. Für dicke Leute findet sich nicht immer etwas Passendes. (Heiterkeit.)— Davon, daß ein eifriger Beamter des Warenhauses für die Armee uns mit Anregungen versorgte, weiß ich nichts. Ter Herr käme auch schneller zur Thür hinaus als hinein. Wohl aber sind wir selbst fortgesetzt am Probieren. So wird jetzt ein neues Gepäck probiert, das im Warenhausc hergestellt wird. Gewiß mögen eine ganze Menge Offiziere unzufrieden sein mit den vielen Aenderungen. Aber ich glaube, daß. so lange Se. Majestät der Kaiser an der Regierung ist. lein einziges Unifornistück eingeführt ist, da» man nicht im großen und ganzen als praktisch nachweisen kann, wenn es sich auch, Ivie ich zugebe, manchmal nur um Zuthaten zur Uniform handelte. Von einem Uebermaß von mipraktischcn Dingen kann jedenfalls nicht die Rede sein. Ich habe als Regimentskommandeur immer gesagt: Schimpft über mich so viel Ihr wollt, aber laßt es nur nicht aus dem Offiziercorps hcrauskoniineu. Die Armee mag raisouniercn, aber sie muß gehorchen, der Geist wird durch solches Räsonniereii nicht ge- fährdet.(Bravo! rechts.) Bayrischer Bundesratsbepollmöchtigter Generalmajor v. EndreS: Herr Müller-Meiningen hat mich gefragt, ob Bayern verpflichtet fei, bei Uniformänderungen, wie er sagte,.mitzuthuu". Ich bin erstaunt, daß ein Jurist von der Bedeutung des Herrn Müller- Meiilingen, eine vcrfasfungsrechtliche Frage au mich stellt.(Heiter- keit,) Durch die Vcrsailler Verträge ist diese Frage seit längerer Zeit gelöst.(Heiterkeit.) Bayern ist dazu nicht verpflichtet und wenn es bisher mitgemacht hat, so ist das nur ein Beweis dafür, daß lvir die Umformänderungen für außer- ordentlich praktisch und zweckmäßig gehalten haben. Wenn schließlich Herr Müller- Meiningen gefragt hat,, Ivarum die bayrische Heeresverwaltung nicht eine vernünftige Obstruktion mache, so antworte ich: Sie hälr die Obstriiktion für unvernünftig,(Große Heiterkeit,) Abg, Janncr(Lothr,) verteidigt das Verhalten der Metzcr Stadt- verwaltimg in der bekannten Wafferverforgungssrage und verlangt einen erheblichen Reichszuschuß, Bundesratsbevollmächtigter Elsäsfischer Geheimrat Hallcy: Die Laudesverwaltung bat in Metz jetzt alles erreicht, was sie erstrebt hat. Die Wafierversorgung ist jetzt gut und auch in gesundheitlicher Beziehung zufriedenstellend, Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Sonnabend 1 Ubr, Schluß 6-/4 Uhr._ parte!-)Machr lebten. Zu der Kreisvcrsnmmlung in Gelenau am vorigen Sonntag geht uns au» Olbernhau vom Vertrauensmann Genossen Gustav Lehmann mit dem Ersuchen um Veröffentlichung nachstehende Reso- lution zu: „Die heute im Gasthof zum„Deutschen Haus" in Olbernhau von reichlich tausend Wählern besuchte Versammlung erklärt, nach- dem sie Kenntnis von den Vorgängen auf der letzten Kreisversamm- lung in Gelenau genommen hat, nicht mit der Berichterstattung des „Vorwärts" über diese einverstanden zu sein. Ter Bericht verschweigt gänzlich den Inhalt der von verschiedenen Genossen des Kreises in der erwähnten Versammlung gehaltenen Reden; insbesondere geht aus dem Bericht nicht deutlich genug hervor, daß die Versammlung von Anfang bis zu Ende für Genoffen Paul Göhre eine Vertrauens- kundgebung bildete. Tie Kreisversammlung verzichtete auf die Kandidatur Göhrcs nicht um dessen Person, wie es im„Vorwärts" heißt(dazu lag kein Grund vor), sondern, wie Göhre selbst, um der Einigkeit innerhalb der Partei willen." Es nimmt uns Wunder, daß sich die Genossen in Olbernhau mit ihrer Beschwerde an uns wenden. Wir haben unfern Bericht der Chemnitzer„Bollsstimme" entnommen und insbesondere den Absatz, der über die Debatte berichtet, wörtlich und vollständig aus der Chemnitzer„Volksstimme" abgedruckt; mehr als wie wir selber be- kannt geworden ist. konnten wir mcht gut berichten. Lesen die Genossen in Olbernhau die Chemnitzer„Volksstimme" nicht? In einer Parteiversammlnng zu Nürnberg wurde der Geschäft»- bcricht über den dortigen Parteiverlag für 1903 entgegengenommen. Aus diesem Bericht ist zu entnehmen, daß das Parteigeschäft im vorigen Jahre wieder gute Fortschritte gemacht hat. Von den Schulden, mit denen das Geschäft bei der Ucbernahme auf die Partei belastet wurde, find wieder über 40 000 Ml abgetragen worden, so daß voraussichtlich in zwei Jahren alle aus früherer Zeit datierenden Verpflichtungen erfüllt sein lvcrden und dann daran gegangen werden kann, die Parteiprcsse in Nürnberg noch besser auszugestalten. Die „Fränkische Tagespcst" erzielte im vorigen Jahre einen Abonnenten- zuwuchs von ca, 1000, was cmgesichtS des Umstände», daß das Jahr 1903 ein Wahljahr war, freilich als gering erscheinen kann, es müssen dabei aber auch die besonderen Koniurrenzverhältniffe, unter denen die Parteipreffe in Nürnberg zu leiden hat, in Betracht ge- zog«.oerden. Auf jeden Fall ist ein stetiger Fortschritt zu kon- ftalicren. Im kommenden Frühjahr soll wieder eine umfassende Agitation von Hans zu Haus für die„Fränkische Tagespost" unter- nommen werden.— Einen sehr erfreulichen Aufschwung hat die Parteipresse in Fürth genommen. Dort erzielte die„Bürger-Zeitung" einen Äbonncntcnzuwachs von über 1300 und eine Mehremnahme von ca. 12 000 M. Parteipreffe. Der Abonnentenstand des„Hamburger Echo" stieg von 32 560 aus 37 501. Der Jahresumsatz betrug 528 062,69 M. Die Krciskonfcrcnz ftir den Wahlkreis Greifswnld-Grimmen be- schloß die Bildung eines Central-Wahlverein» für den ganzen Kreis mit dem Vororte Wolgast. Ter Gedanke eines Generalstreiks zur Erringung des allgemeinen Wahlrechts in Schweden gewinnt nun wieder neues Leven. Die Arbeiterkommune in Malrnö hat kürzlich, nachdem in drei Vcr- sammlungen über diese» Thema debattiert worden war, eine Reso- lution angenommen, in der die Arbeiter Schwedens aufgefordert werden, sich auf eine das ganze Land umsafsendc Arbeitsnieder- lcgung, auf einen„wirklich politischen Großstrei k", der nicht wie das letzte Mal„ein bloßer Demonstrationsstrcik" sein soll, vorzubereiten, und ferner auch unter den Landwchrleutcn und dem Miluär eine wirksame Agitation zu entfalten, damit die Arbeiter- klaffe von dieser Seite auf die Unterstützung rechnen kann, die die Umstände erfordern. Ferner fordert die Arbeiterkommune die social- demokratische Poeteileitung auf, so bald wie möglich einen außer ordentlich, c flarieitag c-nzuberufen, um nach Beratung über die gegenwärtig« Lage die eventuell nestvendigen Schritte zu beschließen. — Die Reiolvtion wurd. gegen cu.e starke Minorität angenommen, die einen Generalstreik in verschärfter Form wünschte.— Die Arbeiter von Malmö werde von der liberalen Presse Stockholm» denen der Hauptstadt oft als die reinsten Muster- knaben gegenübergestellt, die alles viel gemäßigter und verständiger anfassen.' Wenn dennoch in MKImö eine solche Resolution an- genommen wurde, so zeigt das, welche Stimniung die wiederum die Forderung nach bürgerlicher Gleichberechtigung nicht erfüllende neue Wahlrechtsvorlage der Regierung hervorgerufen hat. GewerMcbaftlicbes. Noble Kampfcsweise. Der Deutsche Metallarbeiter-Verbaud hat, wie alle deutschen Gewerkschaften, in seinem Statut die Formel, daß dem Mtglied nach der festgesetzte» Karenzzeit Reisegeld. Arbeitslosen-Unterstützung-c. gezahlt werden kann und daß ans die Unterstützungen kein g e- s e tz l i ch e s oder Ä l a g e r e ch t bestehe. Im„Regulator", dem Organ des Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereins der Maschinenbau- und Metallarbeiter, und im„Gewerkverein" wurde diese Bestimmung nun dazu mißbraucht, daß vor dem Deutscheu Mctallarbeiter-Verband gewarnt und ihm unterstellt wurde, daß er seine Mitglieder um ihre Rechte prellen wolle. Jeder halbwegs unterrichtete Gewerkschafter weiß aber, daß die in Rede stehende Bestimmung keinen andren Zweck hat, als der Ver- pflichtung überhoben zu sein, die nach K 360 Ziffer 9 des Reichs- Strafgesetzbuches zum Betrieb von Versichcrungskaffen erforderliche behördliche Genehmigung der Staatsbehörde einholen zu müssen. DaS wissen die Macher der Hirsch-Dunckerei auch ganz genau, denn -- man höre und staune I— in ihrem eignen Statut ist, wie die „Metallarbeiter-Zeitung" in ihrer Nr. 10 lachweist, die von ihnen beim Metallarbeiter- Verl nd bean st anbete Stelle ebenfalls enthalten! Ii' Statut der Maschinen- bau- und Metallarbeiter lautet nämlich der 2 letzter Absatz: Die unter 5 aufgeführten Uuterstütz.lNgen iverdcn in ihrer Höhe und Dauer»ach dem jeweiligen Stande der Vereinskasse, vom Generalrat bemessen, ohne daß jedoch de» Mitgliedern ein klagbares Recht auf dieselben zusteht. Sollte es für die Führer der Gewerkvereiue wirklich ein Ge- heimnis sein, daß und aus welchem Grunde dieser Passus sich auch in ihre m Statut befindet? In Nr. 9 des„Regulator" empfiehlt ein Agitationsleiter B e r n d t aus Dresden, ähnliche Warnungen wie die gekelinzeichncte.�auch in Lokalblättern, die von Arbeitern am meisten gelesen werden, zu erlassen. Es genügt, gegenüber der- artigen, wider besseres Wissen unternommenen Verleumdungen darauf hinzuweisen, in welcher Weise die Mitglieder der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereiue durch den Krach ihrer Jnvalidcnkasse in ihren Hoff- nuiigcu getäuscht wurden._ Berlin und tlmgegend. Schlosser! Sämtliche hundert Schloffer der Firma Blume, Charlotten bürg, haben heute die Arbeit niedergelegt. Die Ursache ist: fortgesetzte Entlassungen von Kollegen wegen Verweigerung der Ueberstunden. Die Kollegen fordern 23 Proz. Aufschlag für Ueberstundeu; der Betriebsleiter erwiderte ihnen, es giebt keinen Ausschlag von 25 Proz. für Ueberstunden, wer aber Ueberstunden ver- weigert, wird entlassen. Zuzug ist streng fernzuhalten. Alle Arbeite- rblätter wcrdenum Abdruck gebeten. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. Die Filiale Berlin I des MalcrverbandcS verzeichnet in ihrem Jahresbericht ein erfreuliches Anwachsen der Organisation gegenüber dem Vorjahre. Die Mitgliederzahl betrug Ende 1903 � 1613 gegenüber 948 des Jahres 1902; mithin beträgt die Zu- nähme 665. Bemerkt sei hierbei, daß hier nur die Mitglieder auf- geführt sind, die volle 52 Wochenbeiträge entrichtet haben; Neu- aufnahmen wurden im verflossenen Jahre allein 1700 vollzogen. Ein erheblicher Teil der Verwaltungsthätigkeit wurde neben der Agitation auf die Durchführung des mit den Arbeitgebern verein- harten Lohntarif» verwandt. Außer den ziemlich weitgehenden Differenzen in der Tarifübcrwachungskommission kam es auch- zu drei Arbeitseinstellungen, die nach kurzer Zeit zu Gunsten der Arbeiter verliefen. Werkstatt- resp. Bauienbesprechungen wurden 107 ab- geholten. Mit Erfolg beteiligte sich die Organisation auch an den Vertreterwahlen zur Ortskrankenkasse. Rechtsschutz wurde in 20 Fällen gewährt. Die Jahreseinnahme der Filiale betrug 23 934,65 Mark; verausgabt wurden 27 000,92 M.; darunter an die Hauptkasse 15 887,02 M. und an Krankenbeihilfe 2409,25 M., so daß ein Kassenbestand von 1933,73 M. verblieb. Deutscher Holzarbeitcr-Verband. In der am Sonntag statt- gefundenen Generalversammlung sind folgende Kollegen als Delegierte zum Vcribcmdsiag gewählt: Glocke, Stusche, Maatz, Leopold, Exner, Sickfold, Güth, Böske, Klingner, Fendel, Richter, Henke, Kußscheck, Gläß. Tie Lohnbewegung der Fliesenkeger-Hilfsarbeiter ist jetzt vor- läufig beendet, nachdem sämtliche Firmen bis auf drei, nämlich Villeroy u. Boch, Emil Ende und R 0 s e n f e l d, die Forderungen anerkannt haben. Lohnerhöhungen sind auch bei den genannten drei Firmen eingeführt, doch ist es nicht gelungen, sie zur Anerkennung des Tarifs zu oeranlaffen. Teils sind nun die Streiken- den der drei Firmen wieder zur Arbeit zurückgekehrt, teils haben sich andre Arbeitswillige eingefunden, so daß die Sperren zwecklos ge- worden sind. Aus diesen Gründen beschloß die Gruppenversammluug der Flicsenleger-Hilfsarbeitcr, die am Donnerslag stattgefunden hat, den Kamps vorläufig abzubrechen und die Sperren aufzuheben. Tie Schuld au dem Mißlingen der Bewegung bei den genannten Firmen wurde zum Teil dem Umstand beigemessen, daß dort die Fliesenleger von der sogenannten blauen „Freien Vereinigung" thätig sind, die den Hilfsarbeitern gegenüber nicht die nötige Solidarität bewiesen haben. Der Vorsitzende dieser Vereinigung, der zur Versammlung eingeladen und auch erschienen war, erklärte, daß er persönlich nach besten Kräften für die Hilfs- arbeiter eingetreten sei; er habe jedoch keinen Auftrag, im Namen seiner Organisation zu sprechen. Von mehreren Rednern wurde die „Freie Vereinigung" als eine den Unternehmern willfährige Organi- sation bezeichnet. Beschlossen wurde noch, die Gruppenversammlung am Sonntag ausfallen zu lassen, damit die Mitglieder an der großen Versamm- lung aller Lohnarbeiter des„Verbandes der Bau-, Erd- und ge- werblichen Hilfsarbeiter" bei Buggenhagen teilnehmen können. Achtung, Sattler aller Branchen! In der Lederwaren- und Gürtel-Fabrik von Lehmann u. Schlesinger, Alexandrinenstr. 22o, haben sämtliche Kollegen und Kolleginnen wegen Lohndifferenzen die Arbeit niedergelegt.— Zuzug ist aufs strengste fernzuhalten. Die.Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Sattlerverbmdc?. Tie Differenzen bei der Firma Lüdtke, Schlafmöbel-Fabrik in Pankow, sind durch gegenseitige Verhandlungen nunmehr bei- gelegt. Die Mehrzahl der Arbeiterforderungen ist bewilligt worden und wird nach vierzehntägigcm Streik die Arbeit am kommenden Montag wieder aufgenommen. Streikbrecher hatten sich während der Dauer des Streiks nicht gefunden. Bei dem Ausstand der Bautischler und Maschinenarbeiter in Luckenwalde handelt es sich um die Forderung der Gesellen auf Vcr- kürzung der Arbeitszeit von 60 auf 54 Stunden pro Woche und Ge- Währung eines puzentualen Lohnaufschlages für die Accordsätze. Beide Forderungen wurden von den Arbeitgebern abgelehnt, obwohl die Luckcnwalder Unternehmer die Arbeitserzeugnisse vorwiegend in Berlin absetzen, ihre Arbeiter jedoch bedeutend niedriger entlohnen, als wie es in Berlin üblich ist. Sämtliche Unternehmer sind jetzt Mitglieder des bekannten Arbcitgcber-Schutzverbandes. und merk- würdig: Während die Berliner Macher dieses Verbandes sonst stets bei jeder Gelegenheit über die Konkurrenz der billiger produzierenden Meister der Provinzialstädte zeterten, stoßen sie mit diesen jetzt in ein Horn und sagen ebenfalls, die Luckenwalder Meister könnten die Forderung nicht bewilligen.— Durch den Streik in Luckenwalde sind auch die Berliner Einsetzer in Mitleidenschaft gezogen, weil ein Teil von ihnen die in Luckenwalde hergestellte Arbeit auf Berliner Bauten verarbeitet. In Betracht kommen da besonders die Luckenwalder Firmen Billig, M e w e s und N e u m a n n. Infolge des Streiks lehnen es die Einsetzer jetzt natürlich ab, für genannte Firmen in Berlin und den Vororten irgendwelche Arbeit zu verrichten. Am Donnerstag fanden Verhandlungen zwischen den Vertretern der Arbeiter und Unternehmer statt; die Sitzung ist jedoch abgebrochen worden. Es besteht aber Aussicht, in den nächstm Tagen neue Verhandlungen einzuleiten. DeutTebeo Reich« Achtung, Tischler! In Herzberg a. d. Elster haben bot der Firma Gebrüder Sch lieben wegen Maßregelung des dortigen Verbands-Vertrauensmannes sämtliche Tischler und Polierer die Arbeit niedergelegt. Die Berliner Holzarbeiter dürfte dieser Streik um so mehr interessieren, als dts Firma in der Berliner„Volks-Zeitung" Arbeitswillige sucht. Achtung, Preßvergolder, Buchbinder usw.! Bei der Firma I. W. Spcär u. Söhne. Spielefabrik. Nürnberg-Doos. ist wegen Lohnabzügen und Maßregelungen seit dem 1. Februar das Personal im Ausstand. Zuzug von Preßvergoldern, Buchbindern und Zu- schneidern ist streng feriizuhalten. Deutscher Buchbinderverband. Der Gauvorstand. Zur SchnciderScwegung. Die Schneideraussperrung in Weimar ist zu U n g u n st e n der Arbeiter beendet. Es wurde dies schon vor mehreren Tagen von der Unternehmerpresse in die Welt posaunt; wir unterließen jedoch eine Mitteilung, um erst der- läßlichere Nachrichten abzuwarten. Von den 25 sich noch am Orte befindlichen, meistens verheirateten Ausgesperrten konnten nur L Mann wieder eingestellt werden, demnach bleiben, abgesehen von 2 Mann, welche sich als Opfer dieser Aussperrung selbständig machen »vollen, noch 15 Mann arbeitslos.— In Schwäbisch-Gmünd wurde eine Einigung erzielt, indem der von den Arbeitern vorgelegte Tarif, der in den Stückpreisen die in der ersten Sitzung von den Arbeitgebern gemachten Zugeständnisse enthielt, angenommen wurde. Während über die Ertra-Arbeitm ebenfalls eine Einigung erzielt wurde, konnten die Arbeiter der Forderung auf Aufhebung der persönlichen vicrzehntägigen Kündigungsfrist nicht nachkommen, und beschlossen die Arbeitgeber in einer separaten Sitzung obige Forderung fallen zu lassen. Der Tarif soll von beiden Teilen unterzeichnet und gewerbegerichtlich festgelegt werden. Eine Arbeitsniederlegung fand nicht statt. Tie Väckcrgchilfen in München haben in Befolgung des be- stehenden Vertrages das Gewcrbegericht als Einigungsamt an- gerufen, damit dieses die zwischen ihnen und den Meistern bc- stehenden Differenzen schlichten möge. Kuslancl. Tie Aussperrung in der Diamantindustrie. Der Neunstundcntag ist am Donnerstag sowohl in Amsterdam als auch in Antwerpen offiziell eingeführt worden. Unsre gestrige Mitteilung über die Fabrik„Sofia", die„Het Volk" telephonisch zu- gegangen war, ist insofern irrtümlich, als in der Fabrik bereits von Anfang cm weitergearbeitet wurde; es handelt sich nur darum, daß dort statt des zehnstündigen der neunstündige Arbeitstag eingeführt wurde. Vorgestern vormittag hat im Vcrbandsgebäude der nieder- ländischen Tiamantarbeiter die erste Auszahlung der Unterstützungen begonnen. Sie verlief in größter Ruhe und Ordnung. Ungefähr 35 0l)l) Gulden wurden gebraucht. Die Ertrabeiiräge der Arbeiten- den gehen regelrecht ein. Als Beweis für die Opferwilligkeit der Arbeitenden ist zu erwähnen, daß von den Arbeitern der Fabrik „Kimbcrley l" mit 100 Mühlen in dieser Woche nicht weniger als 850 Gulden an Extrasteuer aufgebracht wurden. Aus Antwerpen wird dem„Handclsblad" telegraphisch ge meldet, daß Jaf Groesser zu der Diamantarbeiter-Versammlung am Mittwoch noch nicht erscheinen konnte, weil die zu seiner Rückkehr nach Belgien nötigen Fclänalitäten noch nicht erledigt sind. Romeo, der dort referierte, erklärte, jetzt wäre vielleicht der Augenblick gekommen, um mit den Unternehmern einen friedlichen Ausgleich herbeizuführen. Der Arbeits- und Jndustrierat sei dafür am meisten geeignet. Nach offizieller Zählung sind in Antwerpen jetzt 1348 Mühlen besetzt, einschließlich der von den zugereisten Amsterdamern besetzten. Mit den übrigen Branchen zusammen sind dort 1600 bis 1700 Diamcmtarbeiter wieder an der Arbeit. Arbeitseinstellungen in Schweden 1903. Nach den arbeitsstatistischen Mitteilungen des Kammerkollegiums fanden in Schweden während des Jahres 1903 142 Arbeitsein- stellungen statt, von denen 109 als Streiks, 16 als Aussperrungen bezeichnet wurden und 17 einen gemischten, unbestimmten oder nicht genau festgestellten Charakter trugen. Tie Zahl der an den Konflikten beteiligten Arbeiter betrug 24 474. die der Arbeitgeber 470; davon kommen allein auf die große Aussperrung in der mechanischen Werk- slattindustrie 76 Arbeitgeber und 14 823 Arbeiter.— 06 oder 67 Proz. aller Konflikte tvaren durch Lohnfrageo veranlaßt. Soziales. Eine standesgemäß honorierte Arztstelle wird in der„Vossischen Zeitung" vom 3. März ausgeschrieben. Dort sucht eine Berliner Unfallstation einen Arzt für den Hauptdienst, also keinen jungen Assistenzarzt. Sie bietet ihm die glänzende Bezahlung von 125 M. monatlich, gleich 1500 Vi. jährlich neben freier Wohnung. Das Angebot von 6000 M. jährlich, das die Orts-Krankenkasse in Leipzig ihren Distrikts ärzten macht, wurde von den Aerzten als un- genügend bezeichnet. Wird die Aerzte-Organisation einem Arzte das Eingehen eines so standeSivürdigen Vertrages, wie ihn die Unfallstation bietet, ge- Gegen die Schulprügelei hat das Provinzial- Schulkollegium in Koblenz durch folgenden, an die Direktoren der höheren Lehr- anstalten der Rheinprovinz gerichteten Erlaß Stellung genommen: „Maßlosigkeit in der Anwendung des Strafrechts hat in jüngster Zeit zu so bedenklichen Folgen geführt, und die Klagen über ungerechtfertigte, gewohnheitsmäßige und der erziehlichen Aufgabe der höheren Schulen widerstrebende Verhängung von Körperstrafen haben sich derart gemehrt, daß wir hier für die Entwicklung des höheren Schulwesens unsres Geschäftsüezirkes eine große Gefahr sehen, der mit allem Nachdruck begegnet werden muß. Wir wollen keinen Zweifel darüber bestehen lassen, daß wir jede körperliche Züchtigung im Leben der höheren Schule mißbilligen. und daß wir es als eure der vonrehmsten Aufgaben der Lehrerschaft ansehen, derartige Strafen aus dem Erziehuirgs- und Unterrichts- geschäft völlig verschwinden zu machen. Wir haben daher gern davon Kenntnis genommen, daß an mehreren höheren Lehranstalten die Mitglieder des Lehrkörpers sich durch Konferenzbeschlutz ver- pflichtet haben, körperliche Strafen überhaupt nicht anzu- wenden, und wir empfehlen dieses Beispiel sämtlichen andern höheren Schulen zur Nachahmung. Denjenigen Lehrern aber. die auf das Zuchtmittel der Körperstrafe nicht verzichten zu können glauben, machen wir zur Pflicht, jeden einzelnen Fall dem Direttor, unter genauer Angabe der Umstände, schriftlich anzuzeigen. Ueber Mißgriffe irgend welcher Art ist uns von der Direktion sofort zu berichten; die bei Anwendung körperlicher Strafen gemachten Erfahrungen sind bis auf weiteres in jedem Verwaltungsbericht zu berücksichtigen. Von dieser Verfügung ist sämtlichen Lehrern mit Einschluß der Vorschullehrer und der im Nebenamte beschäftigten Lehrer Kenntnis zu geben." Da in den Volksschulen erfahrungsmäßig noch weit mehr geprügelt wird wie an den höheren Schulen, so ist zu erwarten, daß die Schulbchörde auch dagegen einschreiten wird. Die Volksschüler sind nicht aus schlechterem Holze wie die Schüler höherer Lehr- anstalten._ Tarifliche Bindung dcS Nichtorganisierten. Ein Fensterputzer wollte durch Klage beim Gewerbegericht eine Lohnentschädigung wegen unberechtigter plötzlicher Entlassung er- zielen. Der beklagte Arbeitgeber wandte ein, daß er durch Unter- schrift den Tarif der Fensterputzer anerkannt habe, der vom Ver- bände der Handels- und Transportarbeiter vertreten wurde, danach sei aber die gesetzliche Kündigungsfrist ausgeschlossen. Der Kläger entgegnete, daß er persönlich den Kündigungsausschluß durch den Tarif nicht anerkenne. Ihm sei bei seinem Engagement auch nicht gesagt worden, daß ihm eine Kündigungsfrist nicht zustehen solle. Darum gelte für ihn die gesetzliche Kündigungsfrist.— Di« Kammer VII des Gewerbegerichts billigte dem Kläger eine Lohn- entfchädigrmg jedoch nicht zu. indem sie davon ausging, daß der mit dem Verbände der Handels- und Transportarbeiter abgeschlossene Tarif mit dem darin niedergelegten Kündigungsausschluß ohne weiteres auch für den Kläger bindend fei. Tie Frage der vorübergehenden Beschäftigung im Verhältnis zur Krankenversicherungs-Pflicht wurde kürzlich vor dem Ober- Verwaltungsgericht erörtert. Anläßlich eines Pflegekostenersatz- Streites bestritt eine Jnnungs-Krankenkasse die Versicherungspflicht des Arbeiters Weidner. weil dessen Beschäftigung bei einem Bahn- spediteur gemäß§ 1 des Krankenversicherungs-Gesetzcs„durch die Natur ihres Gegenstandes oder im voraus durch den Arbeitsvertrag auf einen Zeitraum von weniger als einer Woche beschränkt" ge- wesen sei. Die Kasse berief sich dabei auf folgende Thatfachen: W. wurde beim Verpacken der Frachtgüter auf dem Bahnhof nur unter der Bedingung beschäftigt, daß er bei t ä g l i ch e r Entlohnung nur dann Arbeit haben solle, wenn die ständigen Arbeiter der Firma auf dem Bahnhof zur Bewältigung des Verkehrs nicht ausreichten. Thatsächlich wurde er auch nicht jeden Tag beschäftigt. Im Oktober arbeitete er 11 Tage, im November 11 Tage, dagegen im Dezember 21 Tage hintereinander. In den ersten Tagen des Januars wurde W. krank und mußte ins Krankenhaus, woraus jener Kostenersatz- Anspruch an die Kasse hergeleitet wurde. Die Kasse berief sich für ihre Auffassung besonders darauf, daß jeder Tag der Beschäftigung des nichtständigen Arbeiters W. bei der Speditionsfirma ein te* sonderes Arbeitsverhältnis für sich umfasse, sowohl vertraglich als auch infolge der Natur des Gegenstandes der Beschäftigung. Ter erste Richter gab der Kasse recht und wies den Ersatz� anspruch ab, das Ober-Verwaltungsgericht dagegen hob dies Urteil auf und verurteilte die Kasse zur Erstattung der Pflegekosten. Be- gründend lvurde ausgeführt: Ob W. ein ständiger oder nichtständiger Arbeiter gewesen sei, darauf komme es gar nicht an. Es könne einer nichtständiger Arbeiter sein und doch in einem dauernden Arbeits- Verhältnis stehen, das die Versicherungspflicht begründe. Möge man nun hier vom Okotober und November absehen, so bleibe doch im Dezember eine Beschäftigung, die sich hintereinander, abgesehen von Sonn- und Feiertagen, über drei Wochen erstreckte. Damit sei zweifellos ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis gegeben, bei dem der an jedem Abend erfolgenden Entlohnung keine Bedeutung für die Versicherungspflicht zukomme. Der Erstattungsanspruch hinsichtlich der Pflegekosten sei gerechtfertigt, da W. innerhalb der nächsten drei Wochen nach dem mindestens drei Wochen umfassenden Versicherungsvcrhältnis erkrankte, so daß ihm auf jeden Fall noch Ansprüche zu standen. Tie kostenlose Beerdigung einzuführen beschloß der Stadt- Magistrat Fürth, aber nur für solche Familien, deren Ernährer unter 650 M. Jahreseinkommen haben. Dadurch gewinnt diese Maßregel nur den Charakter einer erweiterten Armenunterstützung. Einen socialen Charakter haben solche Einrichtungen nur, tvenn fie für alle gelten._ Huö der frauenbcwcgung. Tie von der Vertrauenspcrson der Genossinnen MlmersdorfS einberufene öffentliche Versammlung in Wittes Volksgarten am Mittwoch, den 2. März, hatte einen recht befriedigenden Erfolg. Nach dem überaus sachkundigen, von den Versammlungsbesuchern mit lebhaftem Interesse entgegengenommenen Vortrage des Genossen K a tz e n st e i n über die wirtschaftliche Bedeutung der Konsum- vereine und einigen recht beachtenswerten Ausführungen des Ge- nassen K ü t e r über die praktische Regelung der Frage wurde eine Anzahl von Personen eingezeichnet, die Mitglieder des Konsumvereins werden wollen und ihre ersten Einzahlungen bewirkten. Mehrere andre Genossen erflärten sich bereit, sofort die ganze erforderliche Einlagesumme einzuzahlen, sobald die Aussicht vorhanden sei, daß in Wilmersdorf ein Konsumvcreinsladen eröffnet würde.— Da mehrere Genossinnen schon seit einiger Zeit vorgearbeitet und Bei- trittserklärungen entgegengenommen hatten, dürfte nun bald die er- forderliche Zahl von Mitgliedern vorhanden und die Eröffnung eines Konsmnvercinsladens auch für diesen westlichen Vorort nahe- gerückt sein.__ Eingegangene Drucklcbriften. „Kommunale Praxis", Zeitschrift für Gemeinde-Soeia» li S m us und Kommunalpolitik. Herausgeber Dr. Albert Südekum» Berlin. Aus der eben erschienenen fünften Nummer des vierten Jahrganges heben wir hervor: Eine Abhandlung von Otto Stollen über die BürgerfchaftSmahlen in Hamburg. Von Otto Pollender« Leipzig, die Reform des Gemeindesteüerwefens in Sachsen.— Arbeitszwang aus dem Verwaltungswege. Neben einem überaus reichen Notizenteil enthält die Nummer in ihrer technischen Vellage einen illustrierten Beitrag von P. Grempe:„Ersatz der Schornsteine durch Ventilatoren". Die„Kommunale Praxis» erscheint am 1. und 15. jeden Monats. Probcnummern gratis und ftanco vom Verlag Berlin IV. 15. „Das Gcwerbcgericht", Monatsschrift des Verbandes Deutscher Ge- Werdegerichte. Herausgeber: Dr. Jastrow, Charloltenburg-Berlin, Dr. Flesch, Frankfurt a. M.(Verlag von Georg Reimer in Berlin). Die Zeitschrijj enthält in Nr. 6 dcS S. Jahrganges außer der Rechtsprechung in deutschen Gewerbe- und BeruIungSgerichlen(Charlottenburg, Frankfurt a. M.. Reichen» dach i. V., Landgertcht Frankfurt a. O.), andren deutschen Gerichten(Amts- gericht und Landgericht l Berlin) u. a.: Der kollektive Arbeitsvertrag in Berlin.— Versassimg und Versahrc»: Die ersten Verhältniswahlen bei den Gewerbegerichten Karlsruhe, Ravensburg und Ulm.— Einigungsämter i Einigungsaml im Münchcner Hasnergewerbe.— Recht dcS Arbeitsvertrages: Vorübergehende Anstellung von Werkmeistern.— Allgemeines: Der Gesetz» cntwurs betreffend KausmannSgerichte in der ReichStagS-Kommisston.-- Meinungsäußerungen zum Gesetzentwurf betreffend KausmannSgerichte. SgeialdeiniM Myerein |Lil.4.BerI.ßeielistapalilkreis. (Süd-Ost.) Den Mitgliedern hiermit zm I Kenntnis, daß unser Genosse, der I Cigarrenmacher Karl Schindler Stadtbez. 108 A, 45 Jahre» ge- Oppelncrstr. 16, im Alter von storben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag 4 Uhr von der Leichenhalle des Enunaus-. Kirchhofes aus statt. Der Borstand. Stukkateure. Am Donnerstag, den 3. März 1 1004, verstarb unser Kollege Ernst Bttttner im 50. Lebensjchre an der Proletarierkrankheit. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 6. o. Mts., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Nazareth-Kirch- Hosts in Reinickendorf, Berlinerstraße. aus statt. Zahlreiches Geleit erwartet vis Ortsverwaltung des 173/4 Centraiverbandes der Stukkateure. (Filiale Berlin.) Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachncht, daß am 2. d. M., abends 81/, Uhr, nach langen schweren Leiden meine inniggelicbte Frau und gute Mutter Berttm flansch geb. HSpner im Alter von 27 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 6, März, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen» Halle des Wcißcnscer Friedhofes, Rölkestratze, aus statt, 4146 Die trauernden Hinterbliebenen. Ilm Mittwoch, den 2. März ver- schied nach langen schweren Leiden im 57. LebcnS>ahre mein lieber Mann, unser guter Vater, Schwieger- und Großvater, der Steinmetz Viktor Verheyeo. Dies zeigen tiefbctrübt an Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Sonntag nachmittag 4 Uhr von der Halle des neuen Jakobi-Kirchhoses, Hermannstraßc, aus statt. Dodes-�nsielev. Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß am 3. März unser Vater, mein Gatte Erieöried Borte! nach zwälstägigem schweren Leiden verstorben ist. 23226 Die Beerdigung findet am Sonntag, den 6. März, nach. mittags 1 Uhr von der Wohnung Bocckhstt. 47/48 aus nach dem Ceu» tralsriedhos in FriedrichSstlde statt. Die trauernden Hinterbliebenen. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei dem Hinscheiden meines Sohnes 2313 b Vildelm George sage ich allen meinen herzlichsten Dank, insbesondere dem Central-Berband der Handels», Transport- und Verkehrs- arbetter Deutschlands, Verwaltungs» stelle Berlin I. fr au Ww. George nebst Tochter. tathan Manck« 129 Skaliherstr. 129. 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Es besitzt serner die in der MuttermUch vorhandenen Nährstoffe im richtigen Verhältnis, bildet so einen sehr guten Zusatz zur KuhmUch und befördert durch semen Gehalt an Mineral- und Eiwcißstoffen die Knochen- und MuSkel- fieischbildung in hervorragender Weise. «4032» auf weiteres sämtliche Wurstwaren zu« äußtrsten Kagros-Pnis, sowie Mckensteischz Mt«b Wursttahrik, Mhelmstr. 56, Hof pari. u meinem 25 jährigen Seschäftsjudiläum sina.mir so überaus zahlreiche Ehrungen seitens meiner werten Kundschaft, meiner Geschäftsfreunde und meiner Mitarbeiter zu teil geworden, dass es mir nicht möglich ist, jedem einzelnen direkt zu danken. Ich sage deshalb auf diesem Wege für die vielhundertfachen Aufmerksamkeiten meinen tiefgefühltesten Dank. Ich danke femer herzlichst meiner werten Kundschaft für das mir während dieser 25 Jahre in so reichem Masse geschenkte Vertrauen und Wohlwollen und bitte, mir dasselbe auch in der Zukunft zu bewahren. Julius Lindenbaum Herreu- und Knaben-Garderobe Grosse Frankfurterstr. 141, Ecke Fruchtstrasse. Nercmttv. Re.dakteur: JplinS Kuliskit Berlin. Wr den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanftalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 55. 21. Jahrgang. 2. JWlijf ks Jctiitle" fictlintt WKMM Sonnabend, 5. Mär; 1904. Hbgcordnctenbaua. 83. Sitzung, Freitag, 4. März 1904. 11 Uhr. Am Ministertische; Budde, Frhr. v. R h e i n b a b e n. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Eisenlahn- Etats. Zu den Einnahmen aus Personentarifen und Gütertarifen liegt eine grohe Menge von Resolutionen vor. Abg. Graf Limburg-Stirum(l.) beantragt zur Geschäftsordnung, die Resolutionen, so weit sie sich aus Personentarife und auf Arbeiter- und Bcamten-Vcrhältnisse beziehen, auszuscheiden und später bei Gelegenheit der Petitionen vorzunehmen. Nach längerer Geschästsordnungs- Diskussion, in der sich u. a. die Abgg. F u n ck, Dr. G o I d s ch in i d t(frs. Vp.) und Brome! sfrs. Vg.> dagegen aussprachen, die Beamten- und Arbeiter-Berhält- nisse bei den Petitionen zu beraten, weil diese erfahrungS- gemäß nicht mehr zur Verhandlung kämen, zieht Graf Limburg-Stirum schließlich seinen Antrag zurück. Ein Antrag Herold betreffend Verzinsung und Amortisation der zum Bau von Nebenbahnen der Re- gierung überwiesenen Grunderwerbszuschüsse aus den Reineinnahmen der betr. Eisen bahn st recken wird bis zur Beratung der Sekundärbahnvorlage zurückgestellt, nachdem der Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben erklärt hat, daß eine solche bestimmt zu erwarten ist. Zum Titel 1 der Einnahmen„Aus dem Personen- und Gepäckverkehr 419 74V VOO M." beantragen die Abgeordneten Dr. Wiemer ffrs. Vp.) u. Gen., die königl. Staatsregierung zu ersuchen, eine Reform des Eisenbahn-Personentarifs baldmöglichst dahin in die Wege zu leiten, daß unter Aushebung der R ü ck f a h r k a r t e n die Preise für die einfache Fahrt auf die Hälfte der Preise der j e tz i g e n Rückfahrkarten fest- gesetzt werden. Abg. G a m p fRp.) will diese Neuerung zum Zweck der Verein- fachung des Fahrkartenwesens nur für Personenzüge, für Schnell- z ü g e dagegen entsprechende Zuschläge eingeführt wissen. Abg. Dr. Wiemer ffts. Vp.): Für eine Vereinfachung der Personentarife durch Aufhebung der Rück fahr- karten hat man sich in der Kommission fast all- gemein ausgesprochen. Mit einer solchen Vereinfachung des FahrkartenwesenS darf aber keine Berten ernng der Tarife eintreten, wie sie der Antrag Gamp zur Folge haben würde. Wir müssen dagegen protestieren, daß diese Reform, für die ja Stimmung im Hause zu sein scheint, wieder mit einen, fiskalischen Schnörkel ver- sehen wird. Wir wünschen nicht nur eine Vereinfachung, sondern auch eine weitere Verbilligung der Tarife. ES ist zweiffellos, daß ein finanzieller Ausfall durch die infolge der Tarifreform zu erwartende Steigerung des Verkehrs verhindert würde.— Diskutabel wäre auch die Frage, ob man nicht bei einer Verbilligung der Tarife die vierte Klasse ganz ausheben könnte. Für Reisende mit Traglasten könnten ja b e s o n d e re Wagen eingestellt werden. Ebenso wäre eine noch weitere Ein- schränkung der er st en Wagenklasse als sie bisher schon erfolgt ist wünschenswert. Behält man die vierte Wagenklasse bei, so sollte sie zum wenigsten auch in die Schnellzüge ein- gestelt werden. Weshalb die dritte Wagcnklasse noch in vielen Schnellzügen fehlt, ist ganz unerfindlich. sBravo l links.) Ein Regierungskommiflar entschuldigt das Ausbleiben des Ministers Budde für den ersten Teil der Sitzung. Der Herr Minister hat bereits in der Kommission erklärt, daß er einer Personcntarif- Reform sein volles Interesse zuwendet. Abg. Graf Moltke sfreikons.) befürwortet den Antrag Gamp. Im einzelnen bleiben seine Ausführungen auf der Tribüne unvcr- ftändlick. Abg. Wollenborn((£.): Wir stehen einer Vereinfachung der Personentarife sympathisch gegenüber, halten aber einen Zuschlag für Schnellzüge angebracht. Ich beantrage, die Anträge Wiemer und Gamp an die B u d g e t k o m m i s s i o n zu überweisen. — Die erste Klasse sollte beibehalten, aber immer besser ansgestaltet werden, dagegen wäre die erste Klasse zumal in Personenzügen durchaus entbehrlich. Abg. Gamp fRp.): Daß für die Schnellzüge, die weit besser ausgestattet sind und vielfach von Fremden benutzt werden, höhere Tarife gelten müssen, halte ich für s e l b st v e r st ä u d l i ch. Im übrigen sind viel wichtiger als eine Vermehrung der Schnellzüge, wie sie gewünscht wurde, schnellfahrende Personenzüge. Die Wagen erster Klasse sollten nicht zu sehr ver- mindert werden. fBravol rechts.) Abg. Goldschmidt(frs. Vp.): Jedenfalls beweisen alle bisherigen Erfahrimgcn, daß durch Tarifverbilligungen eine Steigerung des Verkehrs herbeigeführt wird. Herr Graf Moltke fürchtere ein Schwinden des Heimat st uns in der Bevölkerung, einen Rückfall in das Zigeunertnm, falls die Tarife ermäßigt würden. Davon kann keine Rede sein, in der That ist daS Reifen das beste Bildungsmittel und ün übrigen wird gerade ein Vergleich mit den Zuständen im Auslände durchaus kulturfördernd wirken. Die Herren, die sonst immer den Mittelstand schützen wollen, sollten es sich sehr überlegen, ob sie dem Antrag Gamp zustimmen können, denn dieser bedeutet zweifellos eine Verteuerung des Verkehrs. Wir könnten für unfrei, Antrag nicht mehr stimmen, wenn er so ver- ballhornistert wird. Abg. Brömel(frs. Vg.): Die Reform der Personentarife ist nicht nur aus wirtschastlicheu und finanziellen, sondern auch aus Gründen der Gerechtigkeit zu forder». Heute wird die Ermäßigung der Tarife nur demjenigen zu teil, der von seinem Reiseziele nach der AusgangSstatton auf demselben Wege wieder zurückkehrt, während eS der Eisenbahnverwaltung durchaus nicht mehr Kosten verursacht, weim er dieselbe Kilometerstrecke in ein- facher Fahrt zurücklegt. Ihm in diesem Falle wesentlich höhere Fahrpreise abzufordern ist eine große Ungerechtigkeit.(Sehr richtig! links.) In welchem großen Umfange das Publikum von der Verbilligung deS Verkehrs durch die Einführung der 4Stägigen Rückfahrkarte Gebrauch gemacht hat, beweist die Thatsache, daß seitdem die Einnahmen auS Rückfahrkarten von 10V auf 172 Millionen g e st i e g e n. die Ein- nahmen aus einfachen Fahrkarten von 183 auf 180 Millionen zurückgegangen sind. Also daS Risiko bei der Durchführung des Antrages Wiemer ist heute kein großes mehr. In England wird für die s ch n e l l st e n Schnellzüge nicht der geringste Zuschlag erhoben. Sehr wesentlich ist weiter eine Reform der im Lokal- und Vortort- Verkehr geltenden Tarife. Berlin darf hier nicht allein berücksichtigt werden, die Gerechtigkeit erfordert eine gleiche Rücksichtnahme auch für andre Großstädte. Durch solche Tarife wird weiteren Kreisen Gelegen- heit geboten, in den Vororten gute und billige Wohnungen zu finden. Turcki die Einfügung neuer Stationen aus der Berliner Stadt- und Ringbahn ist eine Verteuerung des Verkehrs auf der Stadtbahn eingetreten. Bis zu 7l/z Kilometer werden in, Vorort- verkehr IV Pf. verlangt, darüber hinaus verdoppelt sich der Preis. Die Straßenbahn befordert aber fiir IV Pf. 18 bis 15 Kilometer weit. DaS erstrebenswerte Ziel auf der Stadtbahn muß Aufhebung des Zonentarifs und Einführung eines Einheitstarifs sein. Mit der Ueberweisung der Anttäge an die Budgetkommission scheint eine Art Begräbnis beabsichtigt zu sein.(Heiterkeit und leb- Haftes Bravo I links.) Abg. Macco(natl.): Daß die ärmeren Volksklassen in irgend einem andren Lande billiger fahren als bei uns in der vierten Klafie bestreite ich entschieden. Eine Vereinfachung der Tarife w ü n s ch e n' w i r auch, ebenso eine Verbilligung, aber nicht auf Kosten der Staatskasse. Wir erwarten eine Aeußerung darüber, wie die Abschafiimg der Rückfahrkarten finanziell wirken wurde.(Bravo! bei den Natioualliberalen.) Abg. Quast(kons.). Wir wünschen eine Vereinfachung und keine Verteuerung deS Verkehrs, aber auch keine Verbilligung auf Kosten der Staatsfinanzen. Bei der heuttgen finanziellen Lage im Reiche müssen wir jeden Pfennig zusammenhalten. Die Fahrt in der vierten Klasse ist ja jetzt menschenwürdiger geworden. es sollen jetzt sogar Gardinen gegen die Sonnen- strahlen angebracht werden. Bedauerlich ist nur, daß lvir die billige vierte Klasse nicht überall in Deutschland haben. Damit schließt die Diskussion. Der Titel wird bewilligt, die Anträge Wiemer und Gamp werden an die B u d g e t k o m m i s s, o n überwiesen. Es kolgt Titel 2: Einnahmen aus dem Güter- verkehr. Hierbei kommen zunächst folgende A n t r ä g e zur Ver- Handlung: Die Abgg. Dr. Fricdberg(natl.) und Frhr. v. Z e d l i tz(fk.) beantragen: Die Staatsregicrnng möge 1. den Ausbau deS StaatSbahn- netzes kräftiger als�bishcr förden, und dabei die Verkchrsinteressen der an dasselbe anzuschließenden Landesteile i» erster Linie berück- sichtigen, 2. auf die planmäßige Ermäßigung der Tarife für solche Güter Bedacht nehmen, welche als Produktionsmittel oder Produkte der heimisckien Gütererzeugung für deren Ertragsfähigkeit, ins- besondere fiir die Erttagsfähigkcit von Landwirtschaft und.Industrie, von großer Bedeutung sind. Der Abg. v. S t r o n, b e ck(C.) beantragt: Die StaatSregierung möge bei der Anlage neuer Eisenbahnen die in wirtschaftlicher Beziehung daniederliegenden Gegenden mehr als bisher berücksichtigen. Im Falle der Ablehnung dieser Anträge beantragt Mg. Graf Moltke(fk.): Die StaatSregierung möge in Erwägung darüber eintreten, wie l.in den zur Zeit der Aufschließimg besonders bedürftigen LandeSteilen der Ausbau deS Eisenbahnnetzes noch rascher gefördert werden kann, als bisher geschehen, und 2. eine schrittweise Ermäßigung der Tarife für die der heimischen Gütererzengmig in Landwirtschaft und Industrie dienenden Produkttonsmittel sowie für die von beiden hergestellten Produkte behufS Stärkung des Inlandsmarktes und wirksamer Bekämpfung der ausländischen Konkurrenz herbeigeführt werden kann. Abg. v. Sttombeckne mit den übrigen deutschen Bundesstaaten. Es sei dam, vielleicht möglich, daß nian daS leere Zurückfahren der Frachtwagen vermeide. Finanzniinister Freiherr v. Rheinbaben hebt hervor, daß ein T e i l d e r N e b e r s ch ü s s c der Eisci, bahnen notwendig für die Deck n i, g der allgemeinen Staatsausgaben sei. Er wisse wenigstens nicht, woher die Deckung fiir die dringenden KnlturnnSgaben sonst kommen solle. Das Finanzministerinm sei aber weder engherzig in Bezug auf den Ausbau von Kleinbahnen noch auf die Herabsetzung der Gütertarife. Die Staatskasse sei kein umgekehrtes Danaidenfaß. Man könne nicht fortwährend aus ihr schöpfen, ohne etwas hinciuznthun. Ucber der wirtschaftlichen Seite dürfe mau die finanzielle nicht völlig auS den Augen lassen. Hierauf wird die Wciterberatung auf Sonnabend 11 Uhr vertagt. Schluß Uhr._ Ulinz Prosper von Arenberg vor dein Knegsgerilht der erste» Gorde-Pvilion. (Wiederaufuahme-Verfahren.) (Fortsetzung.) Kausniaun Holtmann war von 1896—1898 Kammerdiener bei dem Angeklagten. Der Prinz sei oft frühmorgens betrunken nach Hause gekommen und habe sich dann mit seincni Hunde herum- gezankt. Er stach mit dem Degen nach dem Hunde, das Tier biß nach dem Herrn, bis der Prinz sein Mütchen gekühlt hatte. Dam, streichelte er das Tier und wusch ihm das Blut ab. Den Prinzen aus dem Bette zu bringen War ein schweres Stück Arbeit. Er habe den Prinzen mit dem Stiefelknecht bedrohen, init Wasser begießen müssen, die Bett- decke fortzureißen versucht, während dieser, ein uugelvöhn- lich kräftiger Mann, die Decke über den Kopf zog und sich durch nichts stören ließ. Der Zeuge machte noch verschiedene lveitere Angaben über die R o h e i t e u, die der Angeklagte verübt hat. Während der nun folgenden Aussagen dieses Zeugen wird die Ocffentlichkcit wiederum ausgrschlosscu. Der letzte Zeuge Kutscher Zimmermann war in den Jahren 1396—98 bei dem Prinzen als Kutscher und Kammerdiener angestellt. Auch er lveiß von allerhand Ab- sonderlichkciten seines Tienstgebers zu berichten. Der Prinz, der damals sich zum Fähnrich-Exameu in Berlin vorbereitete, trank täglich ll nn, engen von Cognac. Steinhäger und Sekt und verkehrte sehr viel mit Fraucnzimmerii. Er rauchte etwa 30—40 Cigarren täglich. Da die Zeugeuliste erschöpft ist, werden die Zeugen durch den Verhandluiigsführer Kriegsgerichtsrat Dr. Matschke vereidigt. Sodam, erfolgen die Gutachten der Sachvrrstäabigcn. MS erster derselben begutachtet Oberstabsarzt Dr. Lieber, der seiner Zeit, als der Mord au Caiu geschah, Chefarzt der Schutztruppe in Windhuk war: Der Prinz habe damals eine sehr starke Malaria durchgemacht und es sei ein Wunder, daß er mit dem Leben davon- gekommen. Als Sachverständiger die Details des Mordes erfuhr, habe er erklärt, daß der Mörder geisteskrank sein müsse. Er habe damals de» Wunsch ausgesprochen, den Mörder zur Beobachtung nach dem Lazarett zu erhallen. Doch war der Prinz schon nach Deutschland übergeführt. Wer die Verhältnisse in Südafrika kenne, wisse, daß die Griiude, die der Prinz in Bezug auf den Mord vor- bringe, keine stichhaltigen seien. Willy Eain, der schlaueste Ein- geborene, hätte, wenn er dem Prinzen nach dem Leben getrachtet hätte. dies anders anzustellen gewußt. Durch da? Leben des Prinzen ziehe sich lvie ein roter Faden ein Doppelbild. Bald sei der Prinz ein Wüterich, bald bettage er sich wie ein u n in ü n d i g e s K i n d. Das Motiv hierzu sei, daß der Prinz sich verfolgt glaube. Der Sachverständige ist schließlich der Ansicht, daß der Prinz unter dem Eindruck der Geisteskrankheit gehandelt, die ihm den freien Willen geraubt. Dem Gerichtsarzt Dr. Schwartz-Hannover ist der Angeklagte durch sein scheues Benehmen aufgefallen, obwohl er ihn nicht behandelt hatte. Er hatte erst später Gelegen- heit, ihn genauer keimen zu lernen, als das Amtsgericht Hannover ein Gutachten darüber forderte, ob Prinz v. Aren- berg seine Angelegenheiten selbst erledigen könne. Der Sachverständige gab verschiedene Fälle an, welche besonders charakteristisch für den Verfolg nngs Wahn und die häufig geradezu lächerliche Furcht des Angeklagten seien. Seine geistige Fähigkeit, als ihm Selbstbeschästigung gewährt wurde, seine cynische Redeweise, die Art der von ihm gewählten Lektüre bewiesen, daß der Prinz nicht nur geistesschwach, sondern sogar geisteskrank infolge des übermäßigen Alkoholgenusses gewesen und bei der That sein freier Wille ausgeschlossen war. Der Sachverständige fügte zum Schluß noch hinzu, daß am Tage vor der Uebcrführnng des Prinzen nach Tegel der Angeklagte einen derartigen T o b s u ch t s- a n f a l l gehabt, daß sich niemand in die Zelle wagte. Geheimrat Professor Pellmann-Boun schließt sich den Ausführungen des vorhergehenden Sachverständigen an und spricht die Ueberzeugung aus, daß der Prinz v. Arenberg erblich belastet ist. Derselben Ansicht ist der Sachverständige Professor Mcndcl-Paukow. der an Hand einer längeren wissenschaftlichen Erläuterung nachweist, daß der ohnehin schon geistig schivach Veranlagte unter der Ein- Wirkung besonderer Reizmittel, wie das Rauchen, sexueller Ver- kehr, Trinken, jeder freien Willensäußerung enthoben wurde. War schon auf dein Schiffe bei der Ueberfahrt seine ZurcchnungS- fähigkcit ausgeschlossen, so war dies noch in viel stärkerem Matze der fall, als durch die Malaria, übermäßig starkes Trinken bei schäd- chem Klima, ungenügender und unzureichender Nahrung und an- strengende Märsche die Geisteskrankheit verschärft wurde. Der Sach- verständige ist überzeugt, daß die Vorgänge, die zu dem Morde führten, in der Einbildung des Angeklagten nur dadurch entstanden, daß er sich von Eain verfolgt glaubte und diesen deswegen zu seinem eignen Schutz unschädlich machen wollte. Im Auftrage der Kam- Mission des wissenschaftlichen Senats bei der Kaiser Wilhelm- Akademie erstattete der Generalarzt der ersten Gardc-Divisiion, Dr. Herter das Gutachten, dessen Inhalt sich mit den Ausführungen der übrigen Sachverständigen deckt. Berhandlinigöführer: Angeklagter, Sie haben gehört, was die Zeugen ausgesagt und die Sachverständigen erklärt haben. Wollen Sic Ihrerseits eine Erklärung abgeben. Angeklagter(welcher wahrend der ganzen Dauer der Verhandlung apathisch und ohne ein Wort zu sprechen, dagesessen hat, erwidert lakonisch); »Ich. nein, ich weiß nichts, das steht ja alles in den Akten". Es beginnen sodam, die Plaidohcrs und ergreift zunäSsi der Vertreter der Anklage Kriegsgerichtsrat Dr. Ullmann das Wort: Der ganze Prozeß ist ein derartiger, daß das Gericht aus- sKlicßlich auf die Gutachten der Sachverständigen angewielen ist. Es ist mir noch in keinem Prozeß vorgekommen, daß die Sach- verständigen in einer solchen Einheit bekundeten, wie in der heutigen Verhandlung. Ich halte mich für verpflichtet, nur die Thatsachen, an Hand deren die Sachverständigen ihre Gründe aufstellten, zu er- gründen. Ich muß mich vollkommen auf den Boden der Sachverständigen stellen. Man könnte sich fast mit Ver- w u n d e r un g f r a g e ii, wie eS möglich ist, daß ein Gerichtshof zu einer Verurteilung des Angeklagten gelangen konnte. Man muß aber bedenken, daß wir alle Menschen sind und Irrtümer stets entstehe» können. Man muß auch die besondere Lage berücksichtigen, unter welcher sich das Gericht befand. Ich habe in dem jetzigen Ver« fahren umfangreiche Ermittelungen augestellt, um auS dem ChaoS ein Gesamtbild zu geben. DaS richterliche Urteil in Afrika war ja ein sehr uiildeS. DaS kaiserliche Gericht hat ja mehr die subjektive Seite in Betracht gezogen. Das DivisionSgericht in Berlin welches dann stattfand, urteilte anders, strenger. Von gewisser Seite war aber der Verdacht rege geworden, daß die Sache nicht mit rechten Dingen zugegangen. Auch hatte daS Gericht keinen Anlaß, an der Zlirechnniigsfähigkeit des Angeklagte» zu zweifeln. DaS Kriegsgericht hat damals die Beweggründe zu der HandlungS- weise deS Angeklagten nicht genügend beurteilen können, zumal ja auch die Sachverständigen-Klarlegung deS Charaltcrs des Prinzen nicht vorhanden war und konnte daher zu einer Verurteilung kommen. Es untersteht keinem Zweifel, daß der Prinz gei st eSge stört gewesen und die That im Irrsinn begangen hat. Ich beantrage die Freisprechung des Angeklagten. Der Verteidiger Jnstizrat Winterfell» schließt sich dem Antrage des Vertreters der Anklage an. Er giebt der Uebcrzengung Ausdruck, daß das Gericht schon auS juristiscken Gründen nicht zu einer Verurteilung kommen könne da nicht ein Zeuge hier vorhanden sei, welcher die Tötung des Eain mit nn- gesehen, während der Angeklagte, der ja allerdings früher ein Ge- stniidniS abgelegt habe, jede Aussage verweigere und dies wäre auch sein gutes Recht. Der Vormund deS Angeklagten, Reichs tags- Abgeor du cterJ u stizrat Dr. am Zehn- hoff kennt den Prinzen seit drei Jahren. Er gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß der Angeklagte bei Begehung der That geisteskrank gewesen und es auch noch sei. Wiedcrholentlich habe er niit ihm ge- sprochcn und dem Pruize« klarzumachen versucht, wie weittragend seine Handlungsweise gewesen. Aber immer noch sei dieser der Ueberzeugung, daß er im Interesse des Deutschen Reiches gehandelt habe. Es könne nach seiner Auffassung kein Zweifel darüber zu hegen sein, daß der Reiter Baumann die Triebfeder der ungeheuerlichen That gewesen. Baumann habe dafür Sorge getragen, daß nieniaud an der Expedition teilnahm, der den Prinzen kannte und welcher die Katastrophe hätte verhindern können. Wiederaufnahme der Beweiserhebung. Hierauf zog sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Nach etwa zweistündiger Beratung verkündete der VerhandlungSfnhrer, KriegSgerichtSrat Dr. Matschke. daß der Gerichtshof be« schlössen habe, in eine weitere Beweisaufnahme einzutreten. E s i st als notwendig erachtet worden, in eine Verlesung der Aussagen der hier nicht anwesenden Zeugen, die bei der Hauptverhandlung im Jahre 190» zur V e r u e h ui u u g käme n und zum Teil auch von der Verteidigung geladen Iva reu. ES solle that» sächliches Material der Einzelheiten bei Be- gehung der Blutthat selbst gewonnen werden. Zweiter VcrhandlnngStag. Gegen 10 Uhr eröffnet der Vorsitzende Oberstlieutenant v. Waldow wieder die Verhandlungen. Zeugen und Sachverständige sind sämtlich zur Stelle. Der Angeklagte Prinz v. Arcnbcrg fitzt wie bei der gestrigen Verhandlung regungslos und apatisch, ununterbrochen stier nach einer Stelle blickend im Auklageraum. Der Veryandlungsführer KriegsgerichtSrat Dr. Matschke erklärt bei Eröffnung der Verhandlung, däff infolge des gestrigen Beschlusses das Gericht angeordnet habe, daß die Aussagen, Ivclche vor dem I. DivisionSgericht in Sachen des Angeklagten gemacht worden seien, verlesen werden. Das heutige Gericht habe zu prüfen, ob der Prinz beim Begehen der T h a t in einem unzurechnu ngs- fähigen Zustande g e w e s e n ist. Das Gericht wolle wissen, ob alle Umstände, die bei der That in Betracht kamen, von den Sachverständigen bei Abgabe ihrer Gutachten berücksichtigt worden sind. ES beginnt nun die Verlesung der früheren Aussagen und folgen zunächst die Aussagen des Reiters Kieberger. Fn denselben ist eine ausführliche Schilderung des eigentlichen Vorganges bei der Ermordung Cains gegeben.? Seine Angäben über die Verhaftung des Bastards und die Mißhandlungen desselben durch deir Angeklagten decken sich mit den Aussagen der gestern der- nominellen Zeugen. Kieberger?agte dann weiter:„Bei der Aus- stellung der Posten äußerte sich der Angeschuldigte:„Wenn in der Nacht ein Schuß fällt, werden die Gefangenen erschossen. Er forderte auch mich auf, auf den alten Eain zu schießen. Cain, der in der Nacht ungefesselt umherging, saß niit am Lagerfeuer. trank viel Schnaps, st i e ß auch in i t dem Angeklagten an und die beiden unterhielten sich freundschaftlich. Später mußte sich Cain seitwärts legen und ich' stand Posten. Der Prinz hatte mir den Auftrag gegeben, auf Caiit zu schießen, falls er fliehen sollte. Plötzlich bemerkte ich, nach- dem der Prinz mit Cain in englischer Sprache gesprochen und der Angeklagte die Aeußerung fallen ließ:„Cain hat jetzt alles gestanden", wie dieser aufstand und fortlief. Er lief jedoch so langsam, daß«lan gar nicht daran deuten konnte, er lvolle stichelst Er(Zina etwa 15 Schritte. Der Angeklagte sagte zu mir:„Er loill fliehen! Schießen Sie!" Ich hatte Cain. der zusammenbrach, in den Unterschenkel getroffen. Der Prinz äußerte sich daraufhin:„Sie haben saumäßig geschossen! Sie schießen doch sonst gut!" Dann zog er einen Revolver hervor und schoß Cain, der sich wieder erhoben hatte, eine Kugel in den Kopf. Vorher hatte der Angeklagte schon zu dem Posten ge- sagt:„Sobald ein Schuß fällt, erschießt Ihr die Ge- fangenen." Wir gingen dann fort. Als wir bald darauf zu der Stelle wieder zurückkamen, saß Cain an einem Busch, wohin ihn Eingeborene gesetzt hatten. Er bat mich um Wasser. Darauf sagte der Angeklagte:„Du brauchst nicht mehr zu trinke it!" und warf den Verwundeten so auf die Erde, daß er mit der Brust auf dem Boden lag. Dann setzte der Prinz den»fuß auf den Rücken Cains und frug mich, wie man ihn am besten töte. Er forderte von mir den Ladcstock; da ich ihn aber nicht sofort heraus- bekam, warf der Prinz den C. auf den Rücken und befahl mir, ihn mit dem Bajonnctt zu erstechen. Er zeigte mir auch die Stelle, wo ich hinstoßen sollte. Tann warf er den Verwundeten wieder um, der noch immer röchelte, ließ sich von mir den Ladcstock geben und stieß ihn 5—6 mal durch die Schußwunde ins Gehirn.— Stoll hatte den Auftrag erhalten, die übrigen Gefangenen nach Overbis zu bringen. Sic dürfte» jedoch dort' nicht ankommen. Stoll wollte dies jedoch nicht: dann erhielt ich d e n A u f t r a g und lehnte ihn auch a b. In einem Nachtrage behauptet Kieberger, daß der Prinz ihn nicht früher gekannt, jedoch durch Eingeborene und später durch einöii andren Reiter erfahren habe, daß er, der Zeuge, ein guter Schiijtze sei. Hiermit erkläre sich die Bemerkung des Prinzen über das tyn- mäßige Schießen. LerhandlungSf.: Angeklagter, Sie haben die Verlesung mit angehört. Der Angeklagte verteidigt sich. Angeklagter«welcher während der Verlesung einiges Interesse zeigte): Ich mache auf die Äidersprüchc aufmerksam, welche sich in den verschiedenen Aussagen des Zeugen befinden. Ich habe auch nreiue Aussagen gemacht, deren ich nrich nicht mehr genau ent- sinne, die jedoch vielfach mit dem eben Gehörten in Widerspruch stehen. Auch bitte ich, die Aussage» d e r j e n i g e n Z e u g e n zu verlesen, welche bestätigen, daß Kieberger mich schon vorher gekannt hat. Es ivird dann in der Verlesung der Zeugenaussagen fortgefahren. Nach der Aussage des Licuteuants v. Lrbow erschien der Angeklagte am Tage nach der Kata- lt r o p h e bei ihm, im Begriff, den O b e r st l i e u t e n a n t L e u t w e i n auszusuchen. Der Prinz erzählte den Vorfall und während die Beiden zusammen sprachen, erschien der Reiter Stall und teilte niit, daß Christoph Cain, ein Bruder des Er- mordeten, ihm eben erzählt habe, daß Willy Cain that sächlich d i c A b s i ch t hatte, zu entfliehen. Der Lieutenant v. Lebow ließ den Christoph Cain sofort zu sich kommen und dieser bestätigte, dies gesagr zu haben; er hätte aber nur Scherz gemacht. Als v. Aren- borg ihm b e st ä t i g t e, daß s c i n B r u d e r t o t sei, V e r- hielt sich Christoph Cain s o auffällig, daß v. Lebow ihn zwecks einer lln t e r s uch un g festnehme n ließ. Nach der Auffassung des Zeugew ist daS� gute Einvernehmen zwischen Cain und dem Prinzen nur durch die falschen Erzählungen der Eingeborenen, ganz besonders aber auch des als Dolmetscher fungierenden Reiters B a u in a n n veranlaßt worden. Herr v. Lebow ist der Ueberzeugung, daß v. Nrcnbcrg in dem Glauben war, richtig gehandelt zu haben. Ter Reiter Bach hatte angegeben, daß Cain ihnen gegenüber Furcht vor dem Angeschuldigten zu erkennen gegeben habe. Der Prinz habe zweimal ein nur mit Pulver geladenes Gewehr vermutlich im Schern auf Cain abgedrückt. Ter Polizist hat sich allerdings dem Prinzen gegenüber manches Unstatthafte erlaubt. An jenem Mordtage habe sich der Prinz viel mit dein Reiter Baumann unterhalten, und zivar in englischer Sprache. Der Zeuge ist mehrfach zu den beiden während des Gesprächs getreten, hat aber das Gefühl gehabt, als wenn man ihn nicht dabei haben wolle. Ferner wird die Aus- sage des Gefreiten Dubrow verlesen. Derselbe sagte aus, daß C a i n d e m Prinzen drei Weiber besorgt habe. Zwistigkeiten seien zwischen den beiden nicht entstanden. Wichtig ist auch die protokollarische Aussage des Ansiedlers Roloff auf Marhandi. Der Zeuge befand sich am 23. September ISO!) in Boa§, als der Prinz mit einer Patrouille ankam. Der letztere fragte Roloff, ob er nicht mit nach der Werst des Cain reiten wolle; dort gebe es etwas z u s chießen. weil Cain auf englisches Gebiet ausrücken wolle. Später habe der Angeklagte ihm gesagt, der alte Cain habe ihn, den Prinzen, er- schießen wollen. Am Nachmittage des Mordtages hat der Prinz dem Unteroffizier Stoll erzählt, Cain habe einen Busch- mann gedungen, der auf den Prinzen geschossen habe. Als Stoll verwundert erklärte, daß er ja gar keinen Schuß gehört habe, sagte der Prinz: Nein, mit einem Pfeil hat er auf mich geschossen. Als Willy Cam gefesselt dalag, bat er den Stoll um ein Glas Wasser. Der Prinz gestattete dies aber nicht. Schließlich ist Roloff, der die Mißhandlungen des Cain durch den Prinzen nicht mehr mit ansehen konnte, fort- gegangen. Kurz vor dem Morde unterhielt sich der Prrnz ganz gemütlich mit Cain und sagte, daß er ihn zu einem Jagdzugc mitnehmen wolle. Cain scheint den Worten des Prinzen nicht getraut zu haben, denn er sagte zu dem Zeugen: Ach, ich werde von d ein P r i n z e n e r s ch o s s e n w e r d c n!" Dann war er sowie dcrLehrerWilhelm aus Epikuro durch Schnaps. denderPrinz gespendet, stark betrunken. Wilhelm torkelte betrunken in den Pontok, da-s Frauengemach Cains, hinein; das schien dem Prinzen sehr an- genehm; er wollte den Cain eifersüchtig machen, da- mitCain, der zu je n crZcitu»gefesselt war, de nr Wilhelm nacheilen sollte. Hätte dies der Bastard gcthan, dann hätte der Prinz daraus einen Fluchtversuch Cains konstruieren könne». Er vermutet, daß der Angeklagte den Mord begangen, um die Hauptstan des Cain, daS schöne Damara-Weib Jokbcth, zu be sitzen. Dann werden die protokollarischen Aussagen des in dem Mordprozeß ein eigenartige Rolle spielenden Reiters, spätere» Ansiedlers Banman» verlesen. Baumann, der von 1897—99 auf Epikuro als Reiter stationiert war, behauptet, daß Cain den Prinzen nicht habe leiden können. Der Lieutenant Reiß hätte zu Cain gesagt d e r P r i n z s e i e i n d u m m e r I u n g e. Er, Cain, solle von Epikuro wegziehen. Eines Tages, kurz vor dem Mord, sei der Herero Sisana zu dem Zeugen gekonmieu und hätte ihn gestagt, ob es strafbar sei, wenn er mit Cam auf englisches Gebiet flüchte. Er, Zeuge, habe dies Gespräch dem Prinzen mitgeteilt, der nun den Herero vernehmen ließ. Der Angeschuldigte habe mit ihm, dem Zeugen, konferiert und er habe dem Prinzen geraten, nach der Werst hinauszureiten und die Sache zu untersuchen. Als man dort angekommen, habe der Prinz Instruktionen erteilt. Er selbst, der Prinz, wollte in das Frauen gemach hinein- gehen und die übrigen sollten auf die Hereros und die Werst- arbcitcr aufpassen. Am Wagen des Cain stand ein geladenes Richard-Gewehr. Der alte Cain schien ängstlich zu sein. Der Unteroffizier Stoll hatte auch gesagt, ihm scheine, als lvenn Willy ausrücken wolle. Im späteren Verhör beteuerte Cain seine Unschuld und behauptete, die Hereros wollten ihn hineinlegen. Cain habe dann hinzugefügt: Bringt mich zum O b e r st l i e u t e n a n t L e u t w e i n. In der Nacht habe er auf Wunsch des Prinzen die Diener CainL verhört, die erklärt hätten, daß ihr Herr gar nicht flüchten volle. Zeuge behauptet, daß zwei Motive zur That vorhanden ge- vesen seien. Entweder sei der Prinz von Hereros zu den vkorde veranlaßt worden, oder, was wahrscheinlicher sei, der Prinz snbe die Fran'Jukbeth für sich haben wollen. Der Prinz habe iftcr zn dem Zeugen geäußert, daß er das Damara-Weib besitzen U echte. Als der Zeuge der Dokbeth den Tod ihres Mannes ver- kündete, habe sie heftig geweint. Er habe sie gefragt, ob sie nicht nach Epikuro ziehe» wolle. Da habe aber die Damara erklärt, nie verde sie nach der Stätte ziehen, wo sie den Mörder ihres Mannes äglich sehen müßte. Als der Schuß gefallen, kam der Prinz aus dem Ge nifch und sagte zu dem Zeugen:„Cain ist tot, wir wollen ihn beerdigen." Naumann ging mit dorthin, wo Cain lag. Ter Prinz hatte behauptet. rnß Cain schon tot sei und sofort beerdigt Iverden müßte. Der Nordet ließ Baumann jedoch nicht herantreten und zeigte ihm den Körper in einiger Entfernung. Der Zeuge will aber deutlich gehört jaben. daß Cain noch röchelte. Es werden dann noch weiter die unwesentlichen protokollarischen �'Vernehmungen des Reiters Schmidt und der Gefreiten Herresheim und Upabcl verlesen. Aus dem Protokoll, das mit dem Sergeanten Bach angestellt ist, geht noch hervor, daß der Reiter Bau mann sich keines guten Rufes in Epikuro erfreute. Bau- mann wollte gern der Conrpagnon des Cain !v e r d e n. Cain wollte aber von einer derartigen Sozienschaft nichts wissen. Deswegen soll Baumann nicht gut auf Cain zu sprechen gewesen sein. Lieittenant Bctwin war zugegen, als der Augeklagte die Meldung über die Tötung CaiuS beim Generalgouverueur er- stattete, v. Arenberg sagte dort aus, daß der Bastard durch Kieberger erschossen worden sei. Er äußerte sich, daß es gut sei, daß Cain totgeschossen, sonst wäre die ganze Werft re- bellisch geworden, v. Arenbcrg habe zunächst die� Angelegenheit mit dem Lndrstock verschwiege», sie jedoch später nnumw'.indcn zugegeben. Zeuge hatte die Auffassung, daß der Angeklagte keinerlei GelvissenSbisse fühlte und glaubte, recht gehandelt zn haben. Der Prinz hatte sich auch dahin geäußert, daß er bei gleichem Anlaß wieder so handeln wurde. Eine Ergänzung der Aussage Kiebergers besagt, daß K. bei seiner Vernehmung angebe» sollte, den Cain durch einen Schuß in den Rücken getötet zu habew der Revolverschuß des Prinzen aber ein Fehlschuß gewesen sei. Sodann kamen zur Ver- lesung eine Reihe von Anttvorren aus dienstliche Anfragen seitens des G o u v e rn ein e n t s. In diesen Antworten wird gesagt, daß eine Flucht Cains nach englischen: Gebiet Zweifel- l o s für Deutschland nicht angenehm gewesen wäre. Daß Prinz von Arenberg heuchele, erscheine unwahrscheinlich, da er viel zu wenig raffiniert sei. Ucber die That selbst habe er zögernd genaue Angaben gemacht, nach dem er über' alle andren Borgänge eingehende Dar- st e l l u n g e n g c g e b c n. Beirachtete er die Werst als feindlich, so war seine HnndjirngSweise in den« Vorgehen gegen dieselbe richtig. Die Feindschaft habe aber auch mir in der Phantasie deS Angeklagten bestanden. Ans Anfragen über die C h a r a k t e r e der Z e u g e n Roloff und B a u NI ä II Ii wurde geantwortet, daßdiese jeden- falls nicht als ganz e i n m a n d s f r e i zu betrachten seien und ihnen Uiigcsetzlichkcitc» zugetraut werden könnten. Förster Brück, ivelcher nachträglich zur Vernehmung eingetroffen, macht nunmehr seine Aussagen. Er war Leibjäger bei v. Arcnberg, bei diesem schon in Münster bedienstet und begleitete den Prinzen auch nach Afrika. Der Zeuge giebt nur zögernd Schilderungen über die Charaktereigenschaften des Angeklagten und bestätigt, daß dieser Möbel zerschlagen und ohne j e d c V c r a u l a s s u ii g s e i n e H u n d e blutig geprügelt habe. Schon in M ü n st e r habe der Prinz stets einen geladenen Revolver neben seinem Bette gehabt, in der Befürchtung, überfallen zu werden. Eines Nachts mußte der Zeuge aufftchen und nachsehen. ob ans dem Hofe niemand sei. Die weiteren Angaben über die Fahrt nach Afrika. über de» Massenkonsum an Alkohol decken sich mit den Aussagen der am gestrigen Tage vernommene» Zeugen. Mit Cain sei der Prinz außerordentlich be- freundet gewesen. Der Bastard hätte den Prinzen„Du. Oskar" genannt, wiewohl er die gesellschaftliche Stellung desselben genau gekannt. BcrhandlungSf.; Zeuge, glauben Sic, daß der Prinz die schöne Dokbeth auch ohne'Anwendung von Gcwaltsmittcln hätte be- komme» können? Zeuge: Ja, das glaube ich; das Damara-Weib wäre auch so für ihn zu haben gewesen. Cain hätte sie ihm auch wohl so überlassen. BcrhaadlungSf.: Herr Oberstabsarzt, Sie sind ja Kenner unsrer Kolonien! Was glauben Sie wohl? Sachverständiger ObcrstaiSarzt Liclicrt: Es konnte dem Prinzen sicher k e i n e S ch w i e r i g k e i t e n b e r e i t e n, die Dokbeth zu gewinnen. Cain hätte sie ihm auch wohl so abgetreten. Im übrigen möchte ich gleichzeitig als Zeuge benicrken: Der Prinz war dreimal in wrinci» Hause in Windhui und ich habe bei diesen Besuchen nie etwas an dem Prinzen gefunden, was darauf deutete, daß er nicht normal sei. Berhandlnugsf.: Angeklagter, möchten Sie sich nicht endlich einmal äußern und Ihre Ansicht hier kund thun, damit wir auch einmal von Ihnen Aufklärung erhalten?— Augckl.: Ich weiß nichts zu sagen. Ich verweise auf die früheren Aussagen. -Hierauf wird der zu heute geladene Sachverständige Geheimrat Professor Dr. Leppmann vernonnncn. Der Angeklagte, so ffihrt der Sachverständige in längerem Vortrag ans, ist von mir auf der Vereinigten BeobachtungSanstalt für geistige Verbrecher zu Moabit im November v. I. beobachtet worden. Als wir den Prinzen bekamen, wiißten wir nur das über ihn, waS in den Zeitungen gestanden hatte. So war die erste Beobachtung des Patienten eine ganz nnbefangene. Der Prinz macht den Eindruck riueS„Entarteten". Er ist nicht gerade schwachsinnig. Aber sein ganzer Jdeenkreis ist trotz angelernten Wissens und gesellschaftlicher Formen ans einem kindlichen Standpunkt geblieben. Das„Jungen- hafte" zeigt er ganz ungeschminkt und er hat sich auch nie anders gezeigt als er ist. Die Kopfbildung ist unharmonisch, sein Schädel steht im Mißverhälttris zum Körper und die Entariungszeichen findet man am Schädel ganz deutlich und in Fülle. Der Prinz erinircrt eben an den Azteken-TypnS: kleiner Kopf und dabei kindliche Bildung in den Gesichtszügen. Bei dem Prinzen ist ein mangelhaftes Verständnis für gewisse ethische Dinge vorhanden. Er erzählt ganz ungeniert über seine Mordthat. sein Geschlechtsleben und seine Familie. Er lag zuletzt mit einem Gntsvolontcur, der mit der Frau feines Herrn Ehebruch gettieben und denselben vergiftet hatte, in einer Zelle zusammen, und diese beiden Menschen haben wie die dummen Jungen miteinander geschwätzt. Er hat gar kein Verständnis für das, waS sittlich ist und heißt. Und dazu kommt noch ein ganz enormes Mißtrauen gegen seine Umgebung. Er behauptete, daß man ihn wie ein wildes Tier für Besucher zur Schau stelle. Der Prinz ist der Ansicht, daß ihm das größte Unrecht geschehen sei. und er behauptet, daß er dem Deutschen Reich einen Gefallen erwiesen hätte, wenn er den Verräter Cain getötet. Zn dem mir befteundet gewesenen Geheimrat Prof. Jolly behauptete der Prinz, der Kaiser habe eine besondere Pike auf ihn. Mit seiner Verurteilung wolle man ihnr einen Schlag aus den Kopf versetzen. Nur durch eine Rechtsbeugung ist der Angeklagte verurteilt worden. Dagegen behaupte ich gegen- über Zeitungsnachrichten, daß konttär-sexuelle Empfindungen bei dem Angeklagten nicht vorhanden sind. Sexuell ist der Prinz augenschein- lich jetzt sehr stumpf. Er ist das Musterbild eines Ent- arteten. Treten bei ihm derartige Anzeigen in der Außenwelt nicht so schroff hervor, nun, so sind die gesellschaftlichen Formen des Prinzen daran schuld. Er ist stark belastet, daher in seiner Jugend schon starke Affekt-Reizbarkeit. Bei mir steht es unzweifelhaft fest, daß der Prinz schon bei Begehung der That geisteskrank war. Es war damals bei ihm ein Beeinträchtigungswahn vor- Händen. Das geht daraus hervor, daß er zu seinem Opfer bald zu- traulich, bald mißtrauisch war, kurz es ist eine krankhaste Ver- kennung der Außenwelt bei ihm vorhanden gewesen. Dr. Schlütcr-Köl» giebt auf Befragen des Verhandlungsführers an, daß er bereits am ersten Tage auf dem Schiffe den Eindruck hatte, daß der Prinz ein physisch abnormer Mensch sei. Seine Annahme stützte sich teils auf die Schädelbildung, teils auf das scheue Wesen, welches der Angeklagte zur Schau trug. Er zeigte einerseits Zuneigung, andrerseits Haß gegen einzelne Personen aus ein- gebildeten Gründen. Die heute'zur Verlesung gebrachten Zeugen- aussagen hätten zu keiner Aendcrung seines gestern abgegebenen Gutachtens Veranlassung gegeben, dasselbe nur verschärst. Auch Gehcimrat Pclliuan» vertritt dieselbe Anschauung. Die gestrigen Zeugenaussagen bildeten die Grundlagen zu seinem Gutachten, die jetzt verlesenen hätten seine Auffassung nur bestättgt. Die bei dem Prinzen beobachteten Abnormiläten in Münster und in Berlin seien ja wohl teilweise durch Trunkenheit herbeigeführt. Bei den Vorgängen in Aftika aber könne nur von einer Geistesstörung die Rede sein. CS folgt nunmehr die Verlesung des Gutachtens des Wiffenschaftlichen Senats der Kaiser Wilhclm-Akadcmie zu Berlin, während welcher die Ocffentlichkeit wiederholt ausgeschlossen wird. Dasselbe stellt fest, daß der Prinz an psychischer Degeneration seit frühester Jugendzeit gelitten, daß in seiner Familie mehrere Fälle von Geisteskrankheit vorgekommen sind, und daß er bereits von seinem vierzehnten Lebensjahre an geschlechtlichen Verkehr ge- trieben hat. Alle diese ilmstände hätten ru einer wirklichen Geistes- krankheit geführt und schon in seinem Garnisonsort Münster hätte man eine Katastrophe befürchtet. Das Gutachten stellt fest, daß bei dem Prinzen zur Zeit der Begehung der That eine krankhafte Störung des Geistes vorhanden ge- wcsen. Auch jetzt seien noch Schlaflosigkeit, Wallungen, scheues Wesen. Festhalten früherer Wahnideen zu bemerken. Dagegen wird die Frage, ob der Prinz ein unheilbarer Geisteskranker sei, verneint. In einem zweiten Gutachten, das später abgegeben ist, wird der Prinz als dauernd geistesschwach bezeichnet. Generalarzt Dr. Herter ist der Ueberzeugung, daß die Kommission aus den gestrigen und heutigen Verhandlungen heraus zu keinem andren Gutachten ge« kommen wäre. Der Prinz sei zu keiner Zeit seines Lebens normal gewesen und für anormal hätte ihn st eis seine Umgebung in allen Phasen seines Lebens gehalten. In der Planlosigkeit seines Handelns sähen die Sach- verständigen eine Triebhaftigkeit. Die Tötung des Cain sei für den Prinzen nichts andres gewesen, als die grausame Tierquälerei, das Mißhandeln von Untergebenen, was er zu Dutzenden von Malen it» gangen, daß ein Kamerad in Münster, der ihn habe jberuhigen wollen und von ihm an die Wand geworfen worden sei, nicht von dem Prinzen getötet worden, sei eben ein Zufall. Sodann wird die Beweisaufnahme geschlossen und in die Pkaidoycrs eingetreten. Kriegsgerichtsrat Dr. U l l m a n n, der Vertreter der Anklage plaidierte wiederum auf Freisprechung mit dem Hinweis, daß im vorliegenden Falle die Richter nicht zu prüfen haben, welcher Art die begangene That sei, sondern ob der Angeklagte überhaupt bei Begehung derselben zurechnungsfähig war oder nicht. Jnstizrat W i n t e r f e l d, der Verteidiger des Prinzen schloß sich im wesentlichen den Ausfiihrnngen deS Vertreters der Anklage an. Um 0 Uhr zog sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Um'/gi Uhr verkündigte der Verhandlungssührer, Kriegsgerichts- rat Dr. Matschke, d a s U r t e i l. Es lautete auf Freisprechung. DaS Kriegsgericht hatte dahin erkannt. 1. daß das Urteil des Divisionsgerichts vom 19. September 1900 aufgehoben wird; 2. daß der Angeklagte der Körperverletzung, begangen im Mißbrauch seiner Dienstgcwalt, und des Mordes nicht schuldig und frei- zusprechen ist. In der Urteilsbegründung ist das Kriegsgericht zu der Ueber- zeugung gelangt, daß, wenn man das Vorleben des Angellagten in seiner Jugend betrachte und wenn man sein späteres Leben einer Kritik unterziehe, man es hier mit einem geistig mindettvcrtigeii Menschen zn thun hat. An sich spricht viel dafür, daß das spätere Handeln unter dem Eindruck von Defekten geschehen. DaS Kriegs- gcricht hat auf Grund des thatsächlichen Materials als erwiesen er- achtet, daß der Angeklagte in krankhastem Zustande gehandelt hat. Diese Ansicht hat das Gcricht gewonnen ans den über- einstimmenden Gutachten der Sachverständigen, aus dem Ergebnis der Zeugenvernehmungen sowie aus dem ganzen Verlans der Ver- Handlung, und ist das 5lncgSgericht zu der Ueberzeugung gelangt, daß hier eine Handlung vorliegt, für welche �dcr Angeklagte nicht verantwortlich gemacht werden kann. Sehr wesentlich nr das Kriegsgericht war die Aussage des Dr. Schlüter, der vor und nach der Zeit der That in Afrika unbefangen sein Urteil über Prinz von Arenberg bilden konnte. Aus allen diesen Umständen und mit Rücksicht aus die Bcgleittlmstände bei der That, mußte das Gericht erkennen, daß der Angeklagte in einem Zustand gehandelt hat, für welchen er nicht verantwortlich gemacht werden kann. Lerliner P�rtei-Mgelegenkeiten. Sechster Wahlkreis, Schönhauser Vorstadt. Sonntagabend 6 Uhr indet im„Jägerhaus", Schönhauser Allee 103, eine V o l k S- v e r s a m inlun g statt. Tagesordnung: 1. Borttag des Genossen Waldeck Ma nasse:„Der Kampf ums Dasein". 2. DiLluffion. Nachdem gemütliches Beisammensein. Es ladet ein Der Vertrauensmann. Reinickendorf. Sonntag früh 8 Uhr findet von den bekannten Lokalen aus eine Flugblatt-Verbreitung statt. Die Ge- nofien werden ersucht, pünktlich zu erscheinen. Lichtenberg. Sonntag früh T'/o Uhr findet eine Flugblatt- Verbreitung statt. Die Parteigenossen werden aufgefordert, sich zahlreich in den bekannten Bezirkslokalen einzufinden. Schöncberg. Die Parteigenossen des 2. Komnumal-Wahlbezirks treffen sich am Sonntag, den 6. d. M„ pünktlich vornnttags 9 Uhr im Restaurant Otto Schilling, Kyffhäusersir. 16, zur Ausführung einer Bezirks- Flugblatt- Verbreitung. Bei der Wichtigkeit der Angelegenheit ist das Erscheinen aller Parteigenossen dringend erforderlich. Die Bezirkssührer. Zehlendorf. Am Sonntagnachmittag 3 Uhr findet bei Bellrich, Msenstr. 86, eine öffentliche Versammlung statt, zu welcher Genosse Z u b e i l das Referat übernommen hat. Tagesordnung: Die bevor- stehenden Gemeindewahlen. Früh 7 Uhr: Flugblatt- Verbreitung, das letzte vor der Wahl. Pflicht eines jeden Genossen ist es, sich bei Giese, Teltowerstr. 23, einzufinden. Treptow-Banmschulenweg. Zu der am Dienstag stattfindenden Gemeindevertreter-Wahl findet morgen früh 8 Uhr Flugblattverbreitung statt. Die Genosfen werden ersucht, sich zahlreich an folgenden Stellen einzufinden: für Treptow im Restaurant Schmidt. Kiefholzstr. 22, und im Restaurant Preuß, Neue Krug-Allee 59, für Baumschulenweg im Restaurant Staffeid, Baumschulenstr. 85. AdlcrShof. Parteigenossen! Nur noch wenige Tage trennen uns von der Gemeindevertreter-Wahl. Jede Gelegenheit muh ausgenutzt werden, um Säumige und Indifferente aufzurütteln, bannt diese ihr Wahlrecht ausüben. Keiner darf fehlen. Nicht nur allein, dast es einen neuen Sitz für die socialdemokratische Arbeiterschaft zu er- ringen giebt, sondern durch Massenbeteiligung mutz sie zugleich Protest gegen die hier bestehenden Zustände einlegen. Die Polizei- liche Bevornnmdung sowie die Erklärung minderen Rechts für die socialdemokratischen Arbeitermassen erheischen ein geschlossenes Vor- gehen. Wir haben nun den uns ohne Zweifel zustehenden vierten Sitz der dritten Abteilung am Montag, den 7. März, neu zu er- ringen. Die Wahl findet von 4— 7 Nhr nachmittags im Gemeinde- Hause(alte Schule), Bismarckstr. 38/39, statt. Es ist erwünscht, datz, wenn irgend möglich, die Stimmabgabe bis 6 Uhr beendigt ist, um einen Andrang zum Schlüsse der Wahl zu verhindern. Der Kandidat der Socialdenwkratie, Sattler Friedrich Wölbling, Sedanstr. 22, mutz als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen, wenn jeder seine Pflicht erfiillt. Genossen, welche am Sonntag bei der Agitation am Orte helfen wollen, treffen sich um T'/o Uhr bei Lau, Bismarckstr. 10.— Aus zum Kampf! Der Vorstand des socialdemokratischen Wahlvereins. Grünau. Heute abend 9 Uhr findet in der Grünen Ecke die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Johannisthal. Die nächste Versammlung des Wahlvereins findet Sonntagnachmittag 4 Uhr im Lokal von Palm, Köpnickerstr. 81 in Rudow, statt._ Lobalce. Vom WohlthätigkeitSschwindcl. Mag man immer unsre Zeit hart und rücksichtslos schelten, so finden doch Leute, die auf das Mitleid zu spekulieren wissen, recht oft ihr paffables Auskommen. Ja, eS hat sich eine eigne Industrie entwickelt, die der weichen Herzen zu ihrem Fortkommen bedarf und diesen Artikel anscheinend auch stets in halbwegs genügender Fülle vorrätig findet. In Mitteldentschland befindet sich ein Kunstinstitut, das Haussegen und andre Bilder durch Reisende vertreiben lätzt. Die Reisenden steigen treppauf und treppab von Hans zu Haus und ihr Zugmittel sind Quittungen von Wohlthätigkeits-Jnstitnten, die bei dem Unternehmer des Geschäfts keine andre Rolle spielen als anderswo die Spesen für Inserate und Reklamen. So heitzt es in einer der Quittungen, mit denen auf das Gemüt der lieben Mit- menschen eingewirkt werden soll:„Mögen sich recht viele daran be- teiligen, um ihr Scherflein für die armen Waisenkinder beizu- »tragen." Leider erhalten die armen Waisenkinder vom GeschästSgewinn so gut wie gar nichts und der Zweck der Spekulation ist einzig der, den Fabrikanten, der die Reisenden auf die Stratze schickt, reich zu machen. Im Oktober 1902 hatte der edle Wohlthäter von Haussegen- sabrikant an die B o e r e n 300 M. gezahlt. Flugs erhielt dann jeder seiner Reisenden eine Abschrift der Quittung des Generals B o th a und dieser Quittung hatte der Unternehmer die deutliche Bemerknug hinzugefügt:„Hoffentlich ist diese neue Quittung über 300 M. für die Boeren recht zugkräfti g". Nun wäre dieser Trick am Ende noch zu entschuldigen, wenn die Käufer der„Haussegen" einigermatzen reell bedient würden. Mit Glas und Rahmen kostet ein solcher Zimmcrschmuck aber 7 M., worauf der Käufer 1,50 M. anzuzahlen hat. Diese 1.50 M. hat der Reisende als Provision für sich in Anspruch zu nehmen. Um die Ware leichter los zu werden. liefern einige das Bild für 4,50 M. aus; der Kunde ist dann sehr enttäuscht, lvenn er den Gegenstand ohne Glas und Rahmen erhält. «such andre unreelle Versprechungen werden gemacht, ohne datz der Fabrikant solchen Reisenden darob besonders gram wäre. Der Unmut dieser Agenten inacht sich anderseits in drastischen Zuschriften an die Firma Luft. Ein Reisender meinte in einem Briefe, es dauere ihn im Grunde, wenn er den armen Leuten ein Bild für einen übermätzig hohen Preis aufschwatzen müsse, nur um ihnen fürs erste 1 Mark 50 Pfennig ans der Tasche zu locken, und ein andrer klagte, das; er von Leuten, die schon einmal hineingefallen seien, gerade nicht sehr höflich zur Thür hinauskomplimentiert worden»väre. Wenn trotzdem noch Erfolge herauskommen und dem Fabrikanten zu Reichtümern vcrholfen lvird, so liegt das daran, datz die Reisenden zumeist mit Frauen zu thun haben, die sich verhältnismätzig leicht ftir die angeblichen Wohlthätigkeits- bestrebungen des Unternehmens einfangen lassen. Zu spät sehen sie ein, datz sie übertölpelt worden find und das gekaufte Bild für das Doppelte seines Wertes erworben haben. Der edle Wohlthäter aber lacht sich ins Fäustchen._ Im gestrigen EtatsimSschnfi gelangte zunächst der Hochbau- Etat zur Beratung. Dieser Etat kann gar nicht verhandelt werden, ohne datz die Herren der Mehrheit ihre Klagen über den„langsam und teuer bauenden Stadtbaurat" immer wiederholen. Das war auch gestern wieder der Fall? nur konnte man den Eindruck haben, als ob das diesmal wohlwollender als sonst geschehen wäre. Auch wir wünschen gewitz, datz die so notwendigen Bauten wie Kranken- Häuser, Schulen, Heimstätten, Irrenanstalten baldigst ihrer Vollendung entgegengehen und in Benutzung genommen werden können. Allein uns will doch bedünkcn, datz die Klagen, die da erhoben werden, an die falsche Adresse gerichtet sind. Die Herren der � Mehrheit hätten eben ftüher weitsichtiger sein müssen und nicht erst Schulen und andre gemeinnützige Institute in Augriff nehmen sollen, wenn eS auf den Nägeln brennt. Jetzt scheint man einzusehen, datz man zu spät dem immerwährenden Drängen von socialdemokratischer Seite nachgekommen ist und möchte den Stadtbaurat verantwortlich machen. ES wird aber damit indirekt eingestanden, wie recht unsre Genossen seiner Zeit hatten, als sie ihre diesbezüglichen Forderungen stellten. Das wurde auch von unsren Genossen betont. Der Baurat konnte auch leicht nachweisen, datz er durchaus nicht langsamer als sein Vorgänger baue, datz auch schließlich allzuraschcs Bauen auf Kosten der Solidität geschehe. Autzerdein wurde auch dargelegt, datz man den Baurat entlasten müsse. Minderwichtige Bauten sollten an Privatunternehmer vergeben werden. Das Virchow-Krankenhaus gedenkt der Baurat bis Herbst 1905 fertig- zustellen. Schlietzlich wurde beschlossen, den Magistrat um eine Revision der Instruktionen für die Bauvcrwaltmig zu ersuchen. Mit der Aenderung. datz 10 000 M. für eine Freitreppe vom Rathaus nach dem Ratskeller eingesetzt wurden, gelangte dieser Etat zur Per- abschiedung. Beim städtischen Obdach wurde unsrerseits wiederum die Entfernung der Geschlechtskrankenstation gefordert, eine dies- bezügliche Resolution aber abgelehnt. Der Magistrat habe sich principiell mit der Entfernung einverstanden erklärt. Es schweben darüber Beratungen in der Krankenhausdeputation. Der Magistrats- Vertreter bemerkte, datz er sich den Kopf zerbreche, was er nach Entfernung der Station mit den leeren Räumen anfangen solle. Wie dies mit dem Magistratsbeschlutz in Einklang zu bringen ist, war unverständlich. Beim Etat der Park- und Gartenverwaltung waren es die Löhne der Arbeiter, die eine längere Debatte hervorriefen. Bezüglich des Arbeiter-Ausschusses dieser Verwaltung wurde bemängelt, datz jetzt die sonderbare Bestimmung bestehe, datz der Ausschuh nur mit Genehmigung des Direktors zusammentreten dürfe. Es wurde eine Resolution angenommen, nach welcher der Magistrat ersucht werden soll, die diesbezüglichen Bestimmungen den für andre städtische Betriebe geltenden anzupassen. Im städtischen Schulmuseum in der Stallschreiberstr. 54 ist jetzt die vom Verein Berliner Schulärzte veranstaltete Ausstellung eröffnet, welche die für Vorträge aus dem Gebiete der Gesundheitspflege in Bettacht kommenden Demonstrationsmittel enthält. Die Ausstellung zerfällt in einzelne Abteilungen und umfatzt hauptsächlich eine grotzc Zahl graphischer Darstellungen und Abbildungen in Form von Wand- tafeln. Die Mehrzahl ist' zu dem in Aussicht genommenen Zweck neu hergestellt. Wir finden Tafeln über den Nährwert der billigsten Volksnahrungsmittel, über Heizung, Beleuchtung, Venttlation. Ver- grötzerte Photographien bringen den Sitz der Kinder auf verschiedenen Bänken zur Anschauung. Neben einer grötzeren Zahl von kleinen Schulbankmodellen ist die neueste aus den Zahnschen Werkstätten stammende Berliner Schulbank, die durch zweckmätzige Vorrichtung die Benutzung sowohl mit Plus- als mit Minusdistanz er- möglicht, in natürlicher Grütze ausgestellt. Die Bekämpfung der Infektionskrankheiten, insbesondere der Tuberkulose, das Auf- treten akuter und chronischer Krankheiten in der Schule, die ungünsttgen Einwirkungen des Nachmittagsunterrichts werden durch Diagramme, Modelle und Apparate erläutert. Besonders vertteten ist die Be- kämpfung des Alkoholmihbrcmches und die erste Hilfe bei Unglücksfällen(Verbandstoffe. Verbandkasten, Wandtafeln. Diapositionen.) Die Ausstellung von Projektions-Apparaten und Diapositionen sowie deren Beschaffung für das städtische Schul- museum wird dazu führen, datz die Projektion auch Eingang in unsre Gemeindeschulcn findet. Der Besuch der Ausstellung ist be- sonders Hygienikern und Lehrern zu empfehlen. Die Besuchszeit ist abends von 5—7 und Sonntags von 11—1 Uhr. Die Beseitigung des Dreifaltigkeits- Kirchhofes am Potsdamer Bahnhose. Der ani Potsdamer Empfangs- Bahnhofe, unmittelbar an der Königgrätzersttatze liegende alte Dreifaltigkeits- Kirchhof, der seit Jahren nicht mehr benutzt worden ist. soll endlich, nachdem die Wartezett um ist, beseitigt werden. Er bildete seit längerer Zeit ein arges Verkehrshindernis. Da der Gemeinde- Kirchenrat einen Kaufpreis nicht feststellen will, hat der Magistrat beschlossen, den Friedhos im Wege der Enteignung zu erwerben. Er wird der Stadtverordneten-Versammlung eine Vorlage machen. Städtische Straßenbahnen. Der Magistrat beschäftigte sich am Freitagnachmittag mit dem Anttage der Verkehrsdcputatton, vom Westen und Südwesten aus mehrere Sttatzenbahnen in eigener Regie zu erbauen. Die Bahnen sollen von Schöneberg. bezw. vom Hermann-Platz in Rixdorf auS nach dem Dönhoff-Platz geftihrt werden. Nach längerer Berattmg wurde die Angelegenheit bis zur Vorlegung neuen Materials vertagt. Die Große Berliner sendet an die Presse eine Zuschrift, in der sie Beschwerde darüber führt, datz in der gestrigen Stadtverordneten- Versammlung der Direktion unterstellt worden sei, sie hätte den Einspruch gegen die Fortftihrung der Untergrundbahn gegen ihr besseres Wissen erhoben. In dem Schriftsatz heitzt es:„Wir sind lediglich einer Pflicht nachgekommen, die das Gesetz dem Borstande einer Aktiengesellschaft auferlegt. Wir hätten diese Pflicht verletzt, wenn lvir auf ein Recht verzichtet hätten, das die Gesellschaft nach unsrer Ueberzeugung besitzt, und diese Ueberzeugung haben lvir durch eingehende Erwägungen und ein schon vor längerer Zeit erfor- dertes Gutachtens eines namhaften RechtslehrerS gewonnen, der auf dem hier in Betracht kommenden Gebiet des preutzischen 5l'leinbahn- rechts als Autorität gilt." Datz die Gesellschaft sich verpflichtet glaubt, wie bei allen ihren Schritten so auch bei diesem das Interesse der Aktionäre ins Auge fassen zu müssen, kann man ihr von ihrem Standpunkte ans ja kaum verdenken. Das Traurige an der Sache ist eben, datz das Privatinteresse dem Gemeinintcresse übergeordnet ist und ein Hemmnis bildet für eine dringend notwendige Ver- bcssernng der Berliner VerkehrSverhältnisse. Elendsstatistik. In, Monat Februar nächtigten im Männerasyl des Asylvereins für Obdachlose 20 203 Personen, im Frauenasyl 4505 Personen. Arbeitsnachweis wird erbeten für Männer: Wiesen- stratze 55/59, für Frauen: Füsilierstr. 5. Bauarbeiterfchutz. Aon organisierter Seite schreibt man uns: Am Donncrstagnachmittag waren der Klempnerlehrling Hans Stege- manu und der Geselle Richard Behr auf dem Neubau ThomaSstt. 38 in Rixdorf init der Ausführung der Klempnerarbciten beschäftigt. Diese Arbeiten tvurdcn von der Schutzriistuug aus gemacht. Die Schutzrüstung war so augebracht, datz in dein Mauerwerk Löcher ausgebrochen waren: durch diese loaren dmni in Abständen von ca. IV- Meter die Netzriegel ausgeschoben. Die Netzricgcl waren im Innern des Neubaues durch Steifen unter den Lagerbalken befestigt. Stirn- brett und Brustwehr loaren vorn vorhanden. Der Klempnerlehrling hatte nun vom Dache einen Bottig mit Mörtel auf die Rüstung nehmen wollen, konnte die Last, die etwa ein Gewicht von 20 Pfund haben mochte, jedoch nicht halten und daher fiel sie auf die Ähutzrüstung nieder. Der Lehrling stand direkt auf der Stelle, wo die Netzriegel hinausgeschoben waren. Sowie der Dachdcckerbottig auf die Schutz- rüstung aufschlug, brach der eine der Netzricgel direkt an der äutzeren Mauersctte ab, dadurch stürzte die Schutzrüstung in einem Teile zusammen und der Lehrling stürzte 4 Etagen tief hinab. Er wurde mit gebrochenen Armen und anscheinend auch inneren Ver- lctznngen nach dem Krankenhaus„Bethanien" gebracht. Dem Ge- sellen B. gelang es, sich durch Festklammern an dem Dachsims vor dem Sturz in die grausige Tiefe zu retten. Wie uns von Beteiligten berichtet wird, ist die Veranlassung zu diesem Unglück, durch ivelches ein junges blühendes Menschenleben vernichtet wurde, die schlechte Beschaffenheit des Netzriegels gewesen. Wann endlich wird man den so berechtigten Forderungen der baugelvcrblichen Arbeiter ans Anstellung von Bautenkontrollcurcn und bessere Ueberwachung der Bauten stattgeben? Ter Opfer sind doch wahrlich genug. In tvelchcm Znstande mutz der Netzricgcl sich befunden haben, wenn bei einem Druck von ca. 20 Pfund aus höchstens 1,20 Meter Höhe auf die Rüstung der Riegel fast haarscharf am Mauerwerk abbrach! Dgs Unglück wäre aber dennoch verhütet worden, wenn der Bretter- belag aus genügend langen und starken Rüstbrettern bestanden hätte und übereinander gelegt gewesen wäre. Zum Teil sind als Rüstungsbelag mw gewöhnliche Schalbretter benutzt worden. Die vordere Rüstung befindet sich ebenfalls in schlechtem Zustande. Nach Unterschlagung von 40 000 M. ist der Prokurist der Wein- grohhandlung Wachenhusen u. Prutz in der Dorotheenstrahe Hermcmn Taniclowsky seit dem 23. v. M. flüchtig oder hat Selbstmord verübt. Seine Schwester hat in der Nacht zum 22. v. M. einen Selbstmord- versuch gemacht und ist bald darauf in der Frauenklinik gestorben. Danielowsky wohnte Halleschestratze 1 zusammen mit seiner Schwester Helene und hatte in der Nähe der Börse die Niederlage. Als am 1. d. M. der Inhaber von Stettin tan,, war D. fortgegangen und hatte die Schlüssel zur Niederlage mitgenommen. Gestern schickte sie ihm D. mit einen, Briefe, in dem er mitteilt, datz er sich wegen falscher Spekulationen das Leben nehmen würde. Unter dem Verdacht der Braiidstiftmig ist gestern der Radier- meister Hilbig aus der Friedenstratze 52 verhafte, worden. In der Nacht zum Donnerstag entstand dort in dem Seitenflügel Feuer, daS wegen der vielen Tischlereien und Drechslereien, die sich dort be- finden, sehr gefährlich zu werden drohte. Die Feuerwehr machte da« bei die Entdeckung, daß es an fünf Stellen brannte. Zu jedem Brandherde waren zwei Flaschen Petroleum verwandt, in derar Oeffnung ein brennendes Licht gesteckt war. Außerdem waren die einzelnen Flaschen unter sich durch petroleunigetränkte Dochte ver- bnnden. Um die brennenden Lichter nach außen zu verdecken, war jeder Brandherd von einem zusammengebogenen Stück Pappe um- geben. Einer der Herde war erst durch diese sinnreiche Einrichtung entzündet worden, als der Wächter Lärm schlug. Die beiden Flaschen waren gesprungen und das Petroleum hatte einen Teil der Werk- statt in Flammen gesetzt. Bei einer späteren Entdeckung wäre ein furchtbarer Brand entstanden. Die Feuerwehr beseitigte die knnst- lichen Einrichtungen.— Hilbig hatte schon vor drei Jahren einen Brand zu verzeichnen: damals konnte ihm eine Schuld nicht nach- gewiesen werden, weil er auf Reisen gegangen war. Die Bayrische Feuerversicherungs- Gesellschaft in der Kochstratze nahm ihn damals nicht wieder auf. Er versicherte bei andern Gesellschaften recht hoch. Diesmal will er sich allein in der Wohnung befunden haben und von dem Ausbruch des Brandes überrascht worden sein. Seine Frau hatte er mit der Tochter und einer Verwandten nach dem CirkuS Busch geschickt, lieber die Brandherde und die Höllenmaschinen will Hilbig nichts wissen. Nachgewiesen wurde aber bereits, datz er die Dochte zur Herstellung der Leitungen in bestimmten Geschäften ge- kauft hat. Zu dem Drama in der Elisabeth st ratze wird jetzt durch die Mutter der Alma Eschrich, die Witwe Knackfutz, die in erster Ehe mit dem Arbeiter Eschrich verheiratet war und Friedrichstr. 243 wohnt, ein annehmbarer Grund für die gemeinsame That angegeben. Als die Alma Eschrich vor sieben Jahren in Berlin diente, lernte sie einen Schreiber Kramm, der ftüher als Lehrer Schiffbruch ge- litten hatte, kennen. Slus dem Verhältnis mit ihm ging die am 6. Februar 1899 zu Paderborn geborene Amalie Eschrich hervor. Nachdem der Schreiber seine Braut im Stich gelassen hatte, wurzelte sich bei ihr eine große Abneigung gegen das Heiraten fest, weil ihr nach ihrer festen Ueberzeugung das Vorhandensein des Kindes in einer Ehe später stets zun, Vorwurf dienen würde. Das hat Alma E. auch dem Masanek gegenüber deutlich betont. Dieser versuchte eine Einwirkung auf das Mädchen durch die Frau Knackfutz, die sich aber in die Angelegenheit nicht einmischen wollte. Daraufhin äußerte Masanek die Absicht, sich das Leben nehmen zu wollen. Datz er damit bei der Eschrich sofort Anklang gefunden hat, kann verstanden werden. Durch einen Schnß in den Leib versuchte der 23jährige Kaufmann Ernst Lewy aus der Georgenkirchstr. 31 am Donnerstagabend um 6fiz Uhr sich das Leben zu nehmen. Er war von dem Geschäft nicht nach Hause gekommen, sondern nach dem Abort des Schlesischen Bahnhofes gegangen, wo er die That ausführte. Beamte hörten den Knall und fanden den verwundeten jungen Mann. Er wurde in einem Lückschen Wagen„ach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht. Gegenüber anders lautenden Gerüchten behauptet der Vater, bei dem er wohnt, datz fem Sohn wegen nächtlichen Bummelns von ihm Vorwürfe erhalten habe und aus diesem Grunde(!) zu dem Selbstmordversuch geschritten sei. Feucrbericht. Am Freitagmittag wurde die Feuerwehr nach der Petersburgerstr. 16 gerufen. Dort stand der Dachstuhl des vier- stöckigen Gebäudes in großer Ausdehnung in Flammen. Brand- inspektor Bahrdt ordnete einen umfassenden Angriff an und es gelang durch kräftiges Wassergeben, die Gefahr auf den Dachstuhl, der zum Teil abgebrannt ist, zu beschränken. Die Entstehung des Brandes wttd auf Unvorsichtigkeit zurückgeführt. Vormittags hatte die vierte Compagnie in der Utrechterstr. 8 zu thun, wo durch Ueberkochen von Fett in einer Backstube Feuer ausgekommen war. Nachmittags stand in der Reichenbergersir. 132 ein Schornstein in Flammen und gleichzeitig brach in der Brandenburgstr. 71 Feuer aus. Die Verhaftung des angeblichen Mörders der Luise Günther, worüber ein Telegramm aus Hamburg in der heutigen Morgen- ausgäbe berichtete, hat nach der Darstellung hiesiger Blätter folgende Vorgeschichte: DreweS, der kurze Zeit nach dem in der Nacht zun, 15. April 1893 in der Hasenheide vollführten Morde nach Amerika ausgewandert war, wurde berettS am 26. Juli v. I. auf Ver- anlasiung der kaiserlich deutschen Gesandschast für Chile in Jquique verhastet. Es dauerte geraume Zeit, che sich die Staatsanwaltschaft beim Landgericht II in Berlin entschloß, die Auslieferung des angeb- lichen Verbrechers zu beantragen, da die vorliegenden Verdachts- »wmente ziemlich gering sind. Monatelang fand ein reger schrift- sicher Verkehr zwischen den hiesigen Justizbehörden und dem deutschen Konsularvertreter in Santiago in Chile statt, der die ersten Vernehmungen des Drewes und seiner dortigen Arbeitsgenossen zu leiten hatte. Dieser hatte sich einer- seits durch mannigfache Aeutzerungen seinem HcrbergSwirt gegenüber verdächtig' gemacht, anderseits hatte ein ehemaliger Reisebegleiter und Freund ihn als Mörder denunziert. Der Be- schuldigte, der seine Unschuld beteuert, bezeichnet die Angaben des „Freundes", den er schon in Berlin kennen gelernt hatte, als erlogen und führt sie auf einen Racheakt zurück. Der deutsche Vertreter in Santiago fürchtete anfänglich, Drewes hätte die Denunziation des Freundes selbst veranlaßt, in der Hoffnung, nach seiner Ausliescrung als Untersuchungsgefangener unentgeltlich nach seiner Heimat be- fördert und hier nach kurzer Haft, wegen Mangels an Beweisen, wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden. Dieses Mißtrauen schwand jedoch, als bekannt wurde, daß Drewes in der fraglichen Nacht die Luise Günther eine Strecke Weges begleitet hatte, nachdem sie ihm nach Verlassen eines Tanzlokals begegnet war. Dieses Zusammen- treffen mit der Dirne leugnet D. nicht, stellt aber sonst jede Schuld an ihrem Ende entschieden in Abrede. In Castans Panoptikum ist zur Zeit eine Tnnesentruppe zu sehen, die von dem durch die Samaottuppe bekannt gewordenen Herrn Marguard eingeführt worden ist. Es ist ein buntes Bild, das sich allstündlich im Thcatersaal des Panoptikums entrollt. Männer. Frauen und Kinder von verschiedener Hautfärbung sehen wir, und die bunte, malerische Tracht der Fremden ist schon im stände, uns ein Stück Orient vorzugaukeln. Die Vorstellung beginnt mit der Illusion, datz das Volk auf dem Marktplatz zum Geöet zusammen- gerufen wird. Es geht damit wie hier zu Lande; nachdem am Sonntagmorgen der Herrgott seinen Tribut empfangen, vergnügt man sich. Bei uns zu Hause im Wirtshaus und auf dem Tanz- boden, dort drüben im heißen Afrika unter freiem Himmel. Wir sehen Stratzengaukler, Liedersüngcr, Maskentänzer, eine nicht üble Spitzentänzerin und was dergleichen Kurzweil mehr ist. Daun kommen zwei Schlangenbeschwörer, Vater und Sohn, die ihr giftstrotzendes Geschäft mit weit mehr Kalt- blüsigkeit verrichten als unsre Börsianer ihr unheimliches Wirken im Schatten des heimischen Giftbaumes. Endlich legen sich wieder die guten Leute ihre lebenden Arbeitsinstrumente um den Hals und ziehen sich in den Hintergrund zurück. Sie werden abgelöst von zwei sudanesischen Kraftgeuies, die Kriegstänze aufführen: zum Schlutz aber kommt die" holde Weiblichkeit mit Tänzen von mehr oder minder orientalischer Kunstauffassung. Die Tunesen zeigen bei ihren Aufführungen, datz sie gute Mimiker sind und wissen mit Ge- schick die Zuschauer für sich zu interessieren. Orgelkonzert. Montag, den 7. März, abends 7,/4 Uhr, hält Misikdirektor Otto Dienel in der Marienkirche einen Orgel- Vortrag unter Mitwirkung von Frau Klara Bindhoff, deren Schülerinnen Frl. Schmidt, Dittncki, Hoffmann ec., des Bindhoffschen Frauenchors, des Violinvirtuosen Herrn Julius Ruthström und des Herrn Paul Schnyder. Der Eintritt ist frei. In der neuen Berliner Poliklinik Karlstr. 38 werden kranke Kinder unbemittelter Eltern täglich nachmittags von 6—7 Uhr un- entgeltlich behandelt. Die vierte Schnler-Abteilung deS Turnvereins„Fichte" ist am 2. März eröffnet worden. Sie turnt Mittwochs und Sonnabends in der Gcmcindcschill-Tnrnhalle Boeckhstratze 17—20 von 6>/z— 8V2 Uhr abends. Der Beitrag beträgt jjir den Monat 30 Pf." An" Ein» schreiöegÄd luirb 10 Pf. erhob«?, welches jedoch an den ersten beiden Abenden wicht zu entrichten ist. Gleichzeitig sei darauf hingewiesen, daß, ivenn mehrere Schüler einer Familie turnen, nur für einen Schüler der- Veitrag zu entrichten ist. Am timichichen Institut für Mecreskmidc, iKeorgenstr. 34/36, findet ain Wiontagavend 8 Uhr ein öffentlicher. Herren und Damen zugänglicher Vortrag statt. Es spricht Prof. B r a?? d t- Kiel über „Ergebnisse neuer biologischer Untersuchungen im Interesse der inter- nationalen Alecresforschuug". Ter Vortrag wird durch eine An- zahl Lichtbilder imd Demonstrationen erläutert. Einlasstarten sind von VI bis 2 Uhr mittags und abends von 6 Uhr ab im Institut und von!) bis 4 Uhr im Deutschen sylottcnvcreiii. Beunburgcrstr. 35, I, erhältlich. Theater. An dein Karl Henckell-Abend, den das Schiller-Theater nächsten Sonntag, den 6, März, im Bürger- saale des Rathauses wiederholt, wirken diesmal Miriam Horlvitz, Friedrich Krüger und Erich Ziegel vom Schiller-Thcater und der Konzertsänger Hjalmar Arlberg mit. Den einleitenden Borttag hält wieder Rudolf Steiner.— Die neue satirische A nS it a t t n i? g s- Revue des Metropol-Theaters, deren Erstaufführung in wenigen Tagen bevorsteht, stammt von Julius Freund. Victor Hollaender, dessen Gesangsschlager schon oft aus dem Metropol-Theater in die weite Welt hinausgedrnngen sind, hat die GesangS-Nnmmern und die Ballettmusik komponiert. Die Ballett-Arrangements leitete Ballettmeister M a z z a n t i n i, der neue Slusjtattrmgs-Apparat an Dekorationen, Kostümen und Requisiten ist aus dem Atelier Baruch u. Co. hervorgegangen. In den Haupt- rollen finden die Herren Thomas, Joseph?, Bender, Grllnfeld, Kacha, Justiz, Hummel, Guihcry und die Dainen Grete Meyer. Frid-Frid, Annv Müller-Lincke, Johanna Junker-Schatz humoristische Auf- gaben. Srhönebcrg. Vom Berein zur Förderung der Kunst wird am Sonntaignachmittag in der Aula der Hohenzollern-Schule, Belziger- srrasze, ein W a r t b n r g- A b e n d veranstaltet. Billets a 30 Pf. sind zn dieser Ivie zu allen andern Veranstaltungen genannten Vereins in der P a r t e i s p e d i t i o n. Martin Lutherstratze 52, zn haben.__ Hua den Nachbarorten. Genosse Stabrow ans Groß-Besten P. Am Dienstag, den I.März ereilte die Parteigenossen des Reichstags-WahlkreiseS Teltow- Charlottenburg die euschütternde Rnchricht, daß der Schneidermeister Hermann Stabrow aus Grost-Bestcn in Ausübung seines Berufes in Pätz auf der Straße vom Herzschlag getroffen und in wenigen Minuten vom Tode ereilt worden war. Stabrow ist 45 Jahre alt geivorden; er hiitterläht eine trauernde Witwe und drei Kinder. Sein Leben ivar reich an Entbehrungen, Not und Sorgen. Schon frühzeitig hatten die Lehren des Sozialismus Eingang bei ihm gefunden und die Saat war auf guten Boden gefallen. In Gallun bei Mittenwalde, lvo er sich als Schneidermeister niedergelassen hatte, begann er sofort seine agitatorische Thärigkeit und verbreitete sowohl den Züricher„Socialdemokrat", wie das Teltowcr„Volksblatt". Nach- dem seine Existenz in Gallun durch seine Gegner so gut wie ver- nichtet war, siedelte er nach Groß-Besten über und errichtete sich an, Orte sein eignes Heim? auch dort warb er für nnsre Lehre Anhänger. Ihm verdanken wir die Gründung des dortigen Wahlvereins, deffen Vorsitzender er bis zu seinen, Tode war; er hat dafür gesorgt, daß uns ein Versammlungslokal zur Verfügung steht. Stets war er den Arbeitern ein Freund und Berater in allen Lebenslagen. Sein Begräbnis am Donnerstag gestaltete sich zu einer großen Kundgebung der Arbeiterschaft. Erschienen waren von außerhalb der parlamentarische Vertreter des Kreises, Genosse Zubeil, von, Central-Wahlverein Eberhardt, ferner Deputattonen der Wahlvereine von Adlershof, Königs-Wusterhansen, Genossen aus Rixdorf, Berlin und der näheren und weiteren Um- gebung. Der Wahlverein vom Orte war vollzählig erschienen, auch die freie Vereinigung derJnnungcn in Wusterhausen hatte Vertreter entsandt. Nachdem im Stcrbehause der Genosse Fritz Znbeil dem Verstorbenen einige war», empfintiene Worte gewidmet hatte, setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Vor Eintritt in den Kirchhos mußten die roten Schleifen auf Anordnung des Amtsvorstehcrs entfernt werden. Unter den Klängen des Liedes„C-in Sohn des Volkes" wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Ein echter Sohn des Volkes ist mit Stabrow dahingegangen. Gcmciiidcvertrcter-Wahlen haben an, gestrigen Freitag in Groß- Lichterfelde lOsten und Westen) stattgefunden. Für Groß-Lichterfelde- West ivaren in der dritten Abteilung zwei, für den Osten ein Gemeindevertrcter zu wählen. ES wurden in Groß-Lichterfelde-West die Kandidaten der bürgerlichen Parteien, Bildhauer Fischer mit 515 und Gemcindesekretär Schirmer„nt 512 Sttmmen gegen die Kandidaten der Socialdenwkratie. Expedient Wenzel, welcher ,303 und Maurer Platz, welcher 300 Stimmen erhielt, gewählt. Im Osten siegte ebenfalls der Kandidat der bürgerlichen Parteien. Schmiede- meister Thiele mit 220 Stimmen gegen Lagerhalter Hopf. auf ivelchen 136 Sttnnnen entfielen. Ans den zweiten Kandidaten der bürgerlichen Parteien, Gastwirt Lorenz, vereinigten sich nur 27 Stimmen. Sämtliche drei Wahlbezirke waren auch bisher durch die bürgerlichen Parteien vertreten. Wilmersdorfer K-mmunalschmerzen. Die im März 1902 voll- zogencn Wahlen zur Gemeindevertretung sind. w,e erinnerlich sein wird, sowohl vom Kreisausschuß wie vom Bezirksausschutz für ungültig erklärt worden. Für diese Entscheidung der beiden Instanzen ivaren„icktt Verfehlungen materieller Natur matzgebend, durch welche das Wahlresnltat hätte beeinflußt werden können. sondern die Ungültigkeitserklärungen wurden begründet mit Form- schlern. welche bei der Aufstellung der Wählerliste und bei der Wahl- Handlung begangen worden waren. Die Gemeindevertretung de- schloß, gegen das Urteil des Bezirksausschusses Revision beim Ober-Verwaltungsgericht einzulegen, und verwarf in ihrer Sitzung von, 22. Februar d. I.. wo die Angelegenheit von neuem zur Sprache kmn, einen von socialdemokratischer Seite gestellten Antrag, der dahin ging, daß man aus Ztveck- mätzigkeitsgründei, die Revision zurückziehen und bei den allgemeinen Wahlen im März dann sämtliche in Frage stehenden 15 Mandate den Wählern zur Verfügung stellen sollte. Inzwischen hatte aber zur nicht geringen Ucberraschung der Beteiligten das Ober- Ver- toaltungsgcricht bereits entschieden, und zwar gegen die Gemeinde- Vertretung. In der Sitzung vom 16. Februar nämlich hat der erste Senat des Ober-Verwaltungsgerichts den Beschlutz gefaßt, daß die Revision der Gemeindevertretung zurückzuweisen ist. Das Urteil ist den Parteien gestern zugegangen. Matzgebend für diese Eni- schcidung war folgender Umstarid: Das Urteil des Bezirksausschusses zu Potsdam ist der beklagten Gemeindevertretung am 14. August v. I. zugestcllr worden und der Gemeindevorsteher hat rechtzettig. nämlich am 25. August, Revision eingelegt und um Gewährung einer Nach- frist zur Begründung dieser Sievision gebeten. Es ist der Gemeinde- Vertretung darauf zur Einrcichung der Rechtferttgungsschrift e,ne Nachfrist von zwei Wochen gewährt worden. Nun sagt das Urteil, daß gemäß einer früheren Entscheidung des Ober-Verwaltungsgerichts diese Nachfrist vom Ablaufe der gesetzlichen Frist an zu berechnen ist und die Rechtfertigungsschrift mithin spätestens am 11. September hätte eintreffen müssen. Thatsächlich ist der Schriftsatz aber erst am 14. September, also zu spät, eingegangen, so daß d,e Revision zurück- gewiesen werden mutzte. Gegen diesen Bescheid kann noch innerhalb zweier Wochen die Anberaumung einer mündlichen Verhandlung beantragt werden. Ob die Gemeindevertretung diesen unsres Erachtens aus- sichtslosen Schritt noch unternehmen wird, steht dahin. Das ge- schetteste wäre, sich jetzt dem Urteil zu fügen und durch allgemeine Neuwahlen die ganze unerquickliche Affaire so bald wie möglich aus der Welt zu schaffen. Andre Kopfschmerzen hat Wilmersdorf noch ,n der Frage der Stadtwerdung. Am I. Februar d. I. faßte die Gemeinde- Vertretung folgenden Beschlutz:_. „In Erwägung, daß auf die erneute einpimmige Beichluß- faffung der Gemeindevertretung über die Verleihung der Stadl- rechte vom 2. Juli 1903 bisher seiiens der königlichen Staats- regierung eine Autivort nicht erteilt"t, in der ferneren Er- wägung, daß die Bevölkerungszahl von Wilmersdorf ans 48 000 gestiegen ist. beschließt die Gemeindevertretung einstimmig, daZ ■ Haus der Mgcordncten zu bitten, die Frage der Verleihung der Stadtrcchtc an die Gemeinde Wilmersdorf zum Gegenstande seiner Beschlutzfassmig zu machen." Man versprach sich recht viel von diesem Beschluß, Ivar aber gewiß recht enttäuscht, als die Gemeindekommission des Abgeordneten- Hauses dieser Tage beschloß, das Gesuch als ungeeignet zur Beratung im Plenum zu erachten, weil die Gemeinde Wilmersdorf den Instanzenweg nicht eingehalten, d. h. sich nicht vorher an den Minister gewandt habe. Dieser Einwand ist in den Thatsachcn nicht begründet, da umgekehrt der Minister auf das an ihn unter Einhaltung des Instanzenweges ergangene Gesuch nach einer Warte- zeit von sieben Monaten der Gemeindevertretung immer noch keine Antwort gegeben hatte. Der Minister hat also die Geschäfts- ordnungs-Kommission des Abgeordnetenhauses über den Stand der Dinge im unklaren gelassen, und so ist eine parlamentarische Er- öttcrung der Stadtwcrdungsfragc hintertrieben worden. In Schmargendorf hat der W a h l v e r e i n am Donnerstag den Genossen Buchdrucker Arthur P u d l i tz. Breiteste. 21, als Kandidaten für die Gemeindewahl der dritten Abteilimg aufgestellt. Pudlitz berichtet, daß die Wabl am Mittwoch, den 9. März, nach- mittags von 2 bis 5 Uhr, im Sitzungssaale des Rathauses stattfindet. Der Schöffe Professor Böhm habe sein Ersuchen abgelehnt. Maß- nahmen zu tteffen. um einem Gemeindebeschluß, die Wahlen nach- mittags von 4—8 Uhr stattfinden zu lassen. Geltung zu verschaffen, da ihm hierzu die gesetzliche Handhabe fehle. Daß der Gemeindevorsteher den Wünschen der Gemeindevertretung nickt entspreche sei bedauerlich. Bei Besprechung der gegnerischen Kandidaturen warnt Brille vor dem Kandidaten der sogenannten„unabhängigen Wähler", für den das amtliche Kreisblatt eintrete wie für den„Amtstreuen" und der nur bestimmt sei. uns Arbeitcrslimmen abzufangen. Die Bürger- Vereinspartei habe bis jetzt auf allen den Gebieten, die wir reformieren wolle??, versagt, sie sei Gegner unsrer Forderungen. Bekan??tgegebcn wurde, daß am Somttag früh 1/S Uhr vom Wirtshaus Schmargendorf ans eine Flugblattverteilung stattfindet u??d daß am Montag im selben Lokal eine öffentliche Wählerversam?nlui?g abgehalten wird. DaS LichtenSergcr Gcwcrbcgcricht veröffentlicht jetzt seinen Gc- schäftsbericht. Da am Freitag, den 18. März, vo?i nachmittags 3 Ubr bis abends 8 Uhr die ersten Ersatz ivahlen für die aus- gelösten Beisitzer stattfinde??, dürften einige Mitteilungen von Interesse sein. Wie erinnerlich, ist die Errichtung des Gcwerbegerichts immer hintangehalten worden, weil a?igeblich kein Bedürfnis vorhanden lvar. Wie ungern die Arbeitgeber diese Einrichtung sehen, beweist der Umstand, daß der einzige Versuch, das Gclverbcgericht als EinigungSa?nt in Funktion treten zu lasse??, von Arbeitnehmern ge- ?nacht, aber von dem Arbeitgeber Bautischler A. Pohl zllrückgewiefen wurde. Auch in den Vollsitzungen, von derren drei abgehalten wurden, zeigte sich diese Abneiglmg. Der Antrag des Gärtncrvereins „Flora", die Gärtner unter die KZ 6 ui?d 105d der R.-G.-O. zu stellen m?d zu diesem Zwecke an die gesetzgebenden Körperschaften entsprechenden Antrag zu richte??, wurde gegen die Stimmen der Nrbeitt?eh?ner abgelehnt. Das G??tachtei? ivegen Angliederung der geplanten KausinannSgerichte an die bestehenden Gciverbegcrichte wurde„als nicht zur Kompetenz gehörig" zurückgewiesen. Uin so mehr zeigen die Arbeitgeber Uebereinstimmung?n?t den Anschauungen des derzeitigen Vorsitzenden des Gerichts, dem neu ei??gettetenen besoldeten Schöffen Bürger?neister a. D. Ungewittcr, dem die Arbeitnchmer-Beisitzer?nit immer stärker werdendem Mißtrauen und wachsender Mißsti?nmung begegne??, sicherlich nicht zu?n Vorteil der Rechtsuchenden. Durch E??tscheidung des Bezirksai?§schusses sind im abgelaufenen Jahre ein Arbeitgeber-?lnd zlvei Arbeitt?ehmer-Beisitzer ihres Amtes enthoben worden. Ersatzwahlen aber sind?ttcht an- geordnet, auch??icht bei der jetzt stattfindenden Neuwahl fiir die dem Turnus gemäß durch Los arlsscheidenden Mitglieder. Es wurden 224 Klagen im Berichtsjahre anhängig geinacht und bis auf zwei erledigt, einschließlich 7 aus de?» Vorjahre überno???mener Sachen. Die Steigerung der Geschäfte des Gerichts gegen das Vorjahr ergiebt ein Mehr von 60 Proz. Pankow. Hei?te findet das kar??evalisttschc Winterfest des Wahl- vereinS'bei Rorzycki, Krcuzstr. 3/4 statt. Aus Ncncndorf schreibt ma?? uns zu den? gestern gemeldeten Wahlresultat: Bei der Wahl zur Gemeindevertrctu??g a:n To?u?erstag wurden für die socialde??wkratischen Äa??didaten 97 Stimme??, für die bürgerlichen 317 abgegeben. Dies Resultat ist für die Socialdcnw- kratie geradezu beschämend und steht in vollständigem Gegensatz zu den Resultaten bei der Reichstags- und Landtagswahl. Es hat sich bei dieser Wahl unter der organisierten Arbeiterschaft eine Lauheit be- merkbar gemacht, die durch??ichts zu e!?tschuldigcn ist. Die Bau- arbester, Metallarbeiter, Textilarbeiter haben in eine?» Prozentsatz gewählt, der zur Stärke ihrer Orga??isat?on in gar keinem Verhältnis steht. Hoffentlich ler??en die Arbeiter aus dieser Wahl, welchen Schaden sie der Partei verursachen, tvenn sie in eine derarttge polnische Lethargie verfallen und suchen bei der nächsten Gelegenheit diese Schatte auszunutzen. Rummelsburg. In der am Mittwoch abgehaltenen Gemeinderatssitzung wurde der Gemeindevettreter Herr Buchbindermeister Riedel als Schöffe gewählt. Der Beschluß der Vertretung, die Zahl der Genreindeverttetcr auf 24 zu erhöhen, Kitt am 1. April in Kraft; die dritte Abteilung hat bei der jetzt stattfindenden Wahl fünf Ver- tretcr zu wählen. Der jetzt zur Einsicht ausliegende Etat balanciert in Einnahme und Ausgabe?mt 1 268 433 M. und hat sich gegen das Borjahr um 260 000 M. erhöht. Die Einnahmen setzen sich folgendennaßen zusammen: Gemeinde- und Polizeiverwaltung 35 000 M.. Volksschule 67 000 M.. Fortbildungsschule 5400 M.. Realprogymnasium 24 000 M., Steuern 490 000 M.. davon 160 Proz. direkte Einkommensteuern 200 000 M., Grundwcrtsteuer 197 000 Mark, Gewerbesteuer 33 000 M., indirekte Steuern 65 000 M., Wasserwerk 107 000 M. und Kanalffation 78 000 M. Die Haupt- sächlichsten Aufgaben sind: Gemeinde- und Polizeiverwalwng 145 000 M., Waisen- und Armenpflege 4000 M.. Volksschule 268 000 M.. Fortbildungsschule 10 000 M., Realprogymnasinm 21 800 M., Kreissteuern 50 000 M., Wasserwerk 76 000 M. und Kanalisation 200 000 M., für Verzinsung und Tilgung von Schulden 200 000 M. Spandau. In einer siimnisch bewegten Sitzung der Stadt- verordneten a?n letzten Do??nerStag wurde der Magistratsvorlage betr. de?? Verkauf voi? 2000 Morge?? Forstland zu ei??cm Preise von 4000 M. pro Morgen(1,58 M. pro Quadratmeter) von der Majorität zugesti?nlnt. Der A??trag unsrer Genossen a??f proportio?lelle Verteilung der Sitze in Dep?ltattoiien. Kommissionen 2C. aus die einzelnen Gnlppei?(Fraktionen) der Versammlung, zeitigte eine ganz soleirne Socialistendebatte, bei Ivelcher der Stadtv. Bender, der in sich den Berns eines Socialiste??töters fühlte, schlecht abschnitt. Der Antrag wurde natürlich von der bürgerlichen Mehrheit nieder- g e st i?n m t._ Gerichts-Zeitung. Der Begriff des öffentlichen Platzes im Sinne des ff ZZ b der Gewcrbeordm?ng. Der§ 33 b der Gewerbeordnung bestimmt: „Wer gewerbS?nätziI Mnsikaufsnhru??gcn, Schaustellungen, theatta- tische Vorstellungen oder sonstige Lusrbarkeiten, ohne daß ein höheres Interesse der Kunst oder Wissenschast obwaltet, von Gaus zu Haus oder auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen darbieten will. bedarf der vorgänige?? Erlaubnis der Ottspolizeibehörde." Als einen öffentliche?? Platz im Sinne dieser Bestimmung sah nun die Rixdorfer Polizeibehörde das unbebaute, eingefriedigte Grundstück Her?nann- stratze 31/32 an, weil der Schausteller Bäcker auf cine?n gepachteten Teil des Grundstücks eine amerikanische Schaukel und ein ??aturge schichtliches Museum aufgestellt hat und das Publikum zu dem Pfeife vor diesen Einrichtungen(innerhalb der Ei?>zäunu??g> allgemein Zutritt hat. Das Entree für die Scha?lkel und das Museuin wird erst kurz vor de?n EinKitt erhoben.— B. wurde in Strafe genommc??, da er die polizeiliche Erlaubnis nicht eingeholt hatte; mit Rücksicht auf Entscheidungen des Ober-Berwalrungsgerichts und mehrerer Ober-Landesgerichte hielt sich B. dazu nicht ver- pflichtet. Diese Gerichte haben nämlich entschieden, daß§ 33 b nur öffentliche Plätze im Sinne des öffe??tlichcn Rechts meine, d. h. Plätze, die i?n öffentlichen Besitz stehen und de?n All- g e??? e i n i?? t e r c s s e dienen. B. beantragte richterliche E>?t- scheidung. Das La??dgericht II als Bernftingsinstmiz sprach auch den Angeklagten frei, indem es von derselben Erwägu??g ausging wie die erwähnten Gerichte.— Das K a m m e r g e r i ch t, wo die Staatsaliwallschaft Revision einlegte, hob jedoch das Urteil wieder auf und verwies die Sache mit folgender Begründung an das Land- gericht zurück: Trotz sorgfältiger Nachprüfung der Materie könne sich der Senat?? i ch t der Auffassung des Ober-Bcrwaltungsgcrichts und andrer Gerichte anschließen. Er sei vielmehr der Meinung, daß unter öffentlichen Plätzen im Si??ne des Z 33 b daS„öffentlich" nicht im öffentlich rechtlichen, sondern im Sinne t h a t- sächlicher Oeffe??tl?chkett gemeint sei. Hier stehe min fest, daß der Platz von jedermann bekcten werde?? konnte und daß ein Ein- Kittsgcld erst bezahlte, irer sich in die Schaukel setzte oder das Musemn betrat. Somit sei der Platz davor thatsächlich ein öffentlicher Platz und die Genehmigung hätte nachgesucht werden müssen.'_ Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den K. März, vorn?. 8'/« Uhr, in der Schul-Aula. Kleine Franksutterfk. 6: Versammlung. Freireligiöse Vorlesung.— Um 10°/, Uhr vormittags ebendaselbst: Vortrag des Herr?? Dr. Br?lno Wille:.Hingabe". Gäste, Damen m?d Herren, sehr will- kommen. In der humanistischen Gemeinde. Niedcrwallstr. tS, in der Aula der Friedrich- Wcrdcrschen Ober- Realschule, hält am Sonntagvormiitag 10'/, Uhr Herr Dr. Rudols P c n z i g einen Vorkag über:„Unsre geistigen Voriabrcn: II. Lcbcrccht Uhlig".— Damen und Herren habe?? freie'.? Zutritt. Vermischtes. Grubcmmfiille. Nach Mitteililng der Direktion der dem Fürsten Hcnckel v. DonnerS?narck gehörigen Schlesien- Grube ereignete sich Donl?erstäg abend dort ein neuer Unfall. Ein Fördermann wurde bei einem Pfeilerabba?? durch einstürzende Kohle erschlagen. Die Beerdigm?g der Opfer der vorgestrigen Katastrophe findet Sonntag statt. In der Ferdi?ia??d-Grube verunglückten zwei Bergleute durch hcrabfalle??des Gestein. Einer w?lrde getötet, der andre lebeuS- gefährlich verletzt. Zur Warnung für Erzieher möge ein tiestrauriger Fall dienen. der der„Märkischen Volks-Zeitung" zufolge mit Selbstmord eines 14jähr?gen Knaben geendet hat. Im Dorfe Betten bei Finsterwalde erhängte sich ii? seiner Schlaftammcr der Schulknabc Re??tsch, der einzige und guterzogene Sohn wohlhabender Bauers- lcute. Er war beschuldigt worden, einem Mitschüler den Katechis?rms gestohlen zu haben, doch bestritt er entschieden den Diebstahl und legte ails Furcht vor Strafe und vor dem Lehrer ein Geständnis ab. Thais ache ist, daß dem Kinde, sowohl von dem Pfarrer, wie auch vo?» de?n Lehrer gedroht worden ist, daß ihn? daS Gefängnis oder die Besserungsanstalt in Aussicht stände, er aber jedenfalls diese Oster?? nicht konfirmiert werde. Diese Trohu??gc>? und die 5iränkli??gen, die das Kind infolgedeffen von seinen Mitschülern zu erdulden hatte, in Verbi??dung n??t den bereits crlittei?c???lnd??och ii? Aussicht gestellten körperlichen Züchtigungen sind zweifellos die Ursache?? zu der Ver- zweiflungöthat des armen Jui?gen gewesen. Dies geht auch aus den folgenden ergreifenden Zeilen hervor, die das Kind a?n Abend vor seinem Tode geschrieben und an sei??e Eltern gerichtet hat:„Ich habe mich darum das Leben genommen weil der Pfarrer mir mit Gefängnisstrafe bedroht hat und der Lehrer hat zu de?? Kindern gesagt sie solle?? nicht mit mir reden ich wäre die Päit in der Schule und il?ützte aus der Sch?ile heraus. Der Herr sei mir gnädig er hat seinen Sohn zum Opferla?nm gcgebe?? und der Pfarre hat gesagt ich kön?i nicht Osten? mit aus der Schule aber Gott hat für mich ei??en Stellvertreter gegeben das ist Jesus er ist für mich am Kreuze gestorben." Ein Wolf in der Lausitz. Im Frühjahr 1900 verbreitete sich von Hoyerswerda aus die Nachricht, in den Wäldern bei Sabrodt treibe sich ein Raubtier umher, das u??tcr dem Rehwild großen Schaden anrichte. Trotz eifrigster Nachstellungen gelang es nicht, die Bestie zu erlegen; jedesmal aber, wenn ein zerriffeneS Stück Wild aufgefunden ivurde, wollten ängstliche Gemüter bestimmt wissen, das gefährliche Tier sei ein enffprungener Tiger. Der„Tiger von Sabrodt" hat dadurch eine gewisse Berühmtheit in der Lausitz erlai?gt. Erst als bei Sprottau ein verwilderter Hund erschossen wurde, schien inai? sich zu beruhigen, doch entdeckte?? Jäger auch danach noch deutliche Spuren eines große?? Raubtteres. A?» vergangenen Sonnabend ist eS nun dem Förster Bremer aus Weißkolbc gcl?l?igen, das lang ge- suchte Biest. ci??en starken männlichen Wolf, zur Skccke zu bringen. DaS Raubtier war autzerorde??tl?ch gut genährt, was bei der reich- lichen Beute, die ihm z?ir Verfügung stand, nicht zu verwi?ndsrn ist. Der ehc?nc?lige„Tiger" ist bis zum gestrigen Tage in Hoyerswerda öffentlich ausgestellt gewesen und soll nun ausgestopft werden. Der glückliche Schütze erhält 100 M. Belohnung. Hebet die großen Präriebrändr in? Staate Kansas, im Terri» torium Oklahama und im Jndianer-Tertttorium. fehlen noch die Einzelheite??. Die Zahl der Toten ist jedoch gettnger, als man an- fänglich glaubte. Der Sachschaden dagegen ist sehr groß. Ueber die Praktiken der Mormonen hat nach einer New Dorker Meldung eine Se??atsuntersuchu??g ergebe??, daß Smith, der Präsident der Mor???onci?kirche. sowie der Apostel Förtha??«: immer noch polygamisch leben. Letzterer hat fünf Frauen. Der Apostel Merrill hat acht, alle andern je zwei Frauen. Marktpreise von Berlin am 3. März 1904 Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 do. Bauch, Schwemefleisch, Kalbfleisch, Hammelfleisch„ Butter »Weizen, gut D.-Ctr. mittel. m- gering. »Roggen, gut mittel„ gering. sGerste, gut mittel. gering tHafer, gut „ mittel. . gering Richtsttoh Heu Erbten Speifcbohnen Linsen » ab Bahn. f fiel Wagen und ab Bah?r. Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schle?e Bleie Krebse «1 Stück 1 ig »er Schock 7,00 1,80 1.40 1,60 1,80 1,80 2,60 5,00 2,40 3,00 2,80 2,20 1,80 3,00 1,40 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 WttterungSübersicht vom 4. März 1904. morgen? 8 Uh». Stationen Swinemde. Hamburg Berlin Frankf.mM. München Wien _ e ? e a 2 »— 766 ä= II Vetter WS? ti «w H& OSO t r 765 ONO 764 O 762 N 760Sti«l 76 t O 2 bedeckt 2 Nebel 2'bedeckt 1 bedeckt -Nebel 2>Rebel Stationen Ü 5 K— B= § S ®-c Hapara»daI785S Petersburg 784- ONO Cork—— Aberdeen—|— Paris 760NNO Setter fcisi = e- t- w s> 2haIS 6b.— 11 wölken! 2 heiter -13 BSetter-Prognoie für Tonnabend. den S. März 1994. Ein wenig kälter, zciliveiie auillarcnd, vorwiegend trübe bei inäßigm östlichen Winden, keine erhebliche?? Niederschläge. Berliner Wetterbureari. Verantw. Redakteu?:: Julius Kaliski. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.:TH. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer L- Co., Berlin LW. Nr. 53. 21. 3. Skikp des Jimöts" Krlilitl UsIIlsdlÄ. Zsilnabend, 3. Mär; IM. Theater. Neues Theater.„Candida", Schauspiel in drei Auf- ziigen von Bernard Shaw.— Vor zwei Jahren war der Name Shaws in Deutschland nur erst hier und da in socialistischen Kreisen bekannt. Man hatte von ihm als einem der eifrigsten und befähigtsten Mitglieder der Fabicr-Gruppe gehört, die sich die Auf- gäbe gesetzt, socialistische und socialrefonnatorische Ideen in der englischen Gesellschaft, spcciell auch in den bürgerlichen Schichten zu propagieren. Ursprünglich ebenso wie die übrigen Genossen des Dcbuttierklubs, aus dem der Fabier-Berein sich entwickelt, ein überzeugter Anhänger der gewaltsamen Revolution, ivar er mit� den andren zusammen zu einer Auffassung der socialistischen Bewegung, die sich in den meisten Punkten dem heute sogenannten Revisionismus nähert, gelangt. Bern- stein hatte in seinen Londoner Artikeln für die„Neue Aeit" wiederholt auf ihn hingewiesen und einige Proben seiner witzig- originellen Kritik mitgeteilt. Von Shaw, dem Dramatiker, erfuhr man in Deutschland erst durch die im vorigen Jahre erschienene Uebersetzung, die im Sturm dem Dichter die Herzen eroberte. Mit einem Schlag war er berühmt geworden und die Thearer öffneten sich ihn,. Der Aufftihrung der„Candida" soll noch in dieser Saison die des„Teufelskerl" in dem Berliner Theater, in der nächsten Saison die der„Helden" im Deutschen Theater folgen. „Candida" musi gelesen werden, in bedächtigen Ziigen will der Trank geschlürft sein; man braucht Zeit, um abzusetzen und träumerisch nachzusinnen. Nur so wird man des ganzen Reichtums inne. Wie viel des Ausgezeichneten(bei einzelnen Mängeln) die Vorstellung bot, wer nicht schon vorher in das Werk sich vertieft hatte, der wird das Außerordentliche dieser Dichtung, die leisen Schwebungen des Gefühls, die Bedeutsamkeit des Ernsies, wie der Ironie, den Zauber, den ihr Wesen ausströmt, nur von weitem gespürt haben. Zu rasch, ehe cS seinen inneren Sinn völlig erschließen kann, fliegt das gesprochene Wort vorüber, die feinen psychologischen Bemerkungen, mit denen in dem Buch der Dichter den Dialog begleitet, kann auch das beste Mienenspiel uns nicht ersetzen; die Andeutungen ver- wischen sich, die Unwahrscheinlichkcitc», die er geistreich spielend sich erlaubt, treten gröber hervor und das Innerste. Zarteste bleibt der deutlichen Körperlichkeit der Bühne unerreichbar. Man sieht die Blumenblätter, aber man atmet nicht mehr ihren vollen, frischen Duft. Nur so ist es erklärlich und teilweise auch entschuldbar, daß das iveitaus eigenartigste, neue Werk, dcis ir diesem Winter über die Bretter ging, es nur zu einem ziemlich matten Achtungserfolge brachte. Die Handlung des Stückes ist reiner Seelenvorgang, der im Laufe eines TagcS sich zwischen drei Menschen, deren jedem man von ganzem Herzen gut sein muß, abspielt. Da ist zuerst Jakob Morell, ein aufgeklärter englischer Geistlicher, der ehrlich seine Kraft in den Dienst dcS socialen Fortschritts gestellt hat, ein treff- licher Mann, frei von jeder Spur pfäffischer Unduldsamkeit, streng in den Ansprüchen an sich, nachsichtig gegen andre, wahrhaft im Denken, großherzig und furchtlos, ein unermüdlicher Arbeiter und zukunflSftoher Optimist. Aber seine überall angeschwärmten Gaben und Tugenden haben ihm ein breitspuriges UnwiderstehlichkeitS- Bewußtsein gegeben. Er sonnt sich im Glänze seiner zu Hause wie auf der Kanzel immer aktionsbereitcn Be- redsamkeit und hat, selbstzufrieden eingesponnen in seine Art, gleich so vielen robusten, glückgehärtetcn Naturen, den klaren Blick ftir das, was außerhalb des von ihm selbst gewählten WcgeS liegt, verloren. Mit zärtlicher Bewunderung hängt er an seinem Weibe Candida, doch waS auf dem innersten Grunde ihrer Seele ruht, ist ihm ein Fremdes. Er deutet sie und alle die er lieb hat in unbewußtem Egoismus nach seinem eignen Bilde um und hält es für ganz selbstverständlich, daß sie in eben dem, was ihm als Glück gilt, die Befriedigung finden muß. In dieser allerdings durch hohe, moralische Kultur eingedämmten, naiven Herrsch- sucht und intellektuellen Beschränktheit reizt er zum Wider- spruche und die Demütigung. die Shaw ihm zugedacht, ist wohlverdient. Dem vorzüglichen Typus des reichen Erfolg ge- wohnten Mannes, des demokratisch- altruistischen, ganz in seinem Wirken aufgehenden Tbatmenfchen, ist in dem knabenhaft schwärme- rischen von Haus verstoßenen, ungelenken Eugeit Matchbanks, dem ganz auf dem Genuß eines, wenn auch edlen Fühlens gerichteten aristokralifchezi Aesthctcn, eine außerordentlich interessante Kontrastfigur gegenüber gestellt. Shaw überspringt in dieser Gestalt die Schranken äußerer Wahrscheinlichkeit, indes so kühn, daß man wahrlich kein regelrechtes Bild gegen den wunderlich verstiegenen, rührenden und komischen Jungen, wie er ihn schildert, eintauschen möchte. ES liegt etwas von genialer Intuition darin. Eugen, den der Pastor aus großer Not gerettet, liebt Candida, die um zehn Jahre ältere. Der ins Ueberirdische strebende, weltfremde Idealismus der Jünglings- liebe ist selten wohl mit so viel Mitempfinden, wohl nie zugleich auch mit so reizender Ironie gezeichnet worden. lind zusanimen init Morell uitd mit Eugen müssen wir selber sie lieben, eine so klare, reine und in ihrer Reiicheit natürlich liebenswürdige Seele spricht aus jedem Worte der schönen, ruhigen Frau. Der schüchterne Träumer Hai einen tiefen Haß gegen den Geistlichen gefaßt, nicht aus banaler Eifersucht, sondern loeil er seine Göttin nicht genug von dem Manne, der ihre herrlichen Finger sich in häuslichen Arbeiten beschmutzen läßt, geehrt wähnt, und weil er fühlt, daß Candida der ewigen WeisheitSreden müde ist, daß sie hoch über jenem, der, blind genug, sich als ihr Schützer aufspielt, stehe. Dem ungeschickten, tollen Ausbruch Eugens begegnet Morell erst mit überlegenem, gutmütigem Spott, aber ein Stachel bleibt. Etwas Unsicheres ist über ihn gekonimen, dessen er sich selber schämt. Er- sckreckt bemerkt er, ivie wenig er oft Candida versteht und Ivie der Jüngling mit feinfühliger Seelengemeinschaft jeden ihrer Gedanken errät. Immer enger ziehen sich die Maschen um ihn zusammen und wie eine Erlösung aus furchtbarer Gefahr empfindet er am Schlüsse das erlösende Wort ihrer Liebe. Er, der Selbstsichere, hat die Schranken seines Selbst erkennen müssen, hat in Angst gezittert. Aber auch für Eugen, dem sie in tiefster, mitleidig- zärtlicher und be- wundernder Sympathie zugcthan ist, findet Candida, die Schlichterin des Streites, trostvollen Zuspruch. Ihr mildes Segenswort, halb wehmütig, halb schelmisch, ihn an ihr Alter erinnernd, geleitet ihn zu neuen Bahnen. Herr E i s f e l d t brachte das Schüchtern- Eckige und auch die leidenschaftliche Glut des Jünglings sehr gut heraus, doch fehlte jener Schimmer stiller Anmut, der die Gestalt umschweben und ver- klären müßte. Dem Publikum erschien die Figur fast auSschlicßlch im Lichte des Burlesken. Ausgezeichnet warFrau Sorma in der Hauptrolle, aber doch Wohl nicht ganz so, wie man beim Lesen die Candida sich denkt. Man träumt sie festlicher, durch noch größere Distanzen von dem Alltäglichen getrennt. Herr Reicher war ein tresilicher Morell, In den Nebenrollen cxcelliertcn Herr H ö f e r als Mister Burgatz und Hedwig W an gel, deren spinöse Sekretärin ein ganzes Kabinettstück war.— ckt. Brief haften der Redahtion. 6>. 2. Empfehlungen von Speisehäusern können wir unmöglich im Briefkasten bringen, machen«ic im Adreßbuch nach.— Thekla..„Hoher Sinn liegt oft in kindfichcm Spiel". Schiller, Gedichte, nicht Wallcnslein- Trilogicn,— Traurig. 1. Fragen Sle bei der Direktion an. 2. Antivort später im juristischen Teil.— Irin. O. B. uns unbekannt. Wenden Sie sich an den Centralverband der Handels-, Transport- und Verlehrsarbeiter. Berlin. Engel-User 13.- G. I. 7t. Nein!— H. St., sowie A. W. und K. K. I. Anskmist können Sie durch Eugen SimanowSki lner, Jjoch- straße 46, in Kranlenkasiensragen erbalten,— lieber„Helvetia" können tvir uns hier nicht äußern. Großjährigkeit in beiden Fällen mit dem 21. Lebensjahr.— Auch Ö. St. durch Herrn Simanowski.— Nt. Ii), �a. — Wette 7Z. Weder Busch noch Schumann erteilen darüber Auskunft. Gründe u»S unbekannt. Vielleicht versuchen Sic Ihr Heil mit den Dircklionc» selbst.— Zl. P. Tie privaten höheren Mädchenschulen leisten nicht mehr als die öffentlichen(städtischen�und staatlichen), nehmen aber in den oberen Klassen meist ein höheres Schulgeld als diese, O. L. Mathematik wird in jeder Fortbildungsschule gelehrt, z. B, Zehdenicker- straße Ii. Hinter der Garnisonkirche 2 usw., ferner in den beiden Hand- lverkerschulcn, Lindenstr. 67 und Slndreassw. 1; auch in verschiedenen Fach- schulen,(Bei Ansragen über Unterricht bitten wir um Angabe von Bern, und Alter.)— Shakespeare.„Hohle Töpfe haben den lautesten Klang". „König Heinrich V.", nicht ans Goethes„Faust". Juristischer r7eil. Tic juristische Tprcihstiindc stndct täglich mit Sliisnahme deS SouimbendS von 7'!, bis Uhr abends statt. GcSstnet:? Uhr. Wette 73. Unerhebliche Körverfehler.— K. 9. Innerhalb sechs Wochen nach dem Tode müßien Ihre Frau und die übrigen Erben in einem notariell beglaubigten Schriftstück ans die Erbschaft verzichten und dieses Schrijtstück innerhalb der sechs Wochen dem Nachlaßgericht einreichen, — A. 39. l. Das Mädchen sollte schleunigst Remedur bei dem Amt?- geeicht beantragen, 2, Ja,— F. H. 52. Den Betrag müssen Sie zahieu. Er stellt das Entgelt für vorzeitige Aushebung Ihres Vertrages dar. — I. R. 1994. Ein Recht, vom Vertrage vorzeitig zurückzustehen, steht Ihnen nicht zu, Sie tönneii nur gegen den Wirt aus Beseitigung der die Benutzbarkeit der Wohnung beeinwächtigenden Zustände und eventuelle Aus- Hebung des Vertrages klagen. Zuständig ist das AmlSgericht.— D. E. 579. In der ErbschastSsrage müßten«sie die Rechtsverhältnisse genauer darlegen, insbesondere angeben: Wann haben Sie geheiratet? Wo? Wo nahmen Sic nach der Heirat Wohnsitz? Liegt ein Ehevertrag vor? Leben Ihre Eltern? Die Ihrer Frau? Soweit ohne Beantwortung dieser Fragen zu ersehen möglich, scheint ein wechselseitiges Testament in Ihrem uird Ihrer Frau Interesse zu liegen,— G. G. 25. Nein,«ie können sich aber an Ihr Bezirkskommaudo wenden.— M. N. 5. l. Nein. 2. Aas hängt von dem Wortlailt Ihrer Vereinbarung ab.— S. V., Adlershof. Nein. — 89 91. 2 Prozestkrämer. Die.Handlung kann als strafbar erachtet werden,— Hartmann. Die Besichtigung der Wohnung zwecks Weiler- vermictimg muß der Mieter auch dann gestatten, wenn darüber nicht- im Vertrage steht." Die Besichtigung muß zu angemessener Zeit freigestellt werden können. Können die Parteien sich nicht einigen, so entscheidet das Gericht auf Klage des Mieters oder Vermieters. Das hiesige Gericht pflegt als angemessene Zeit die Zeit von 9 Uhr morgens bis S Uhr nachmittags und Somitags von 9 bis 1 Uhr zu erachten. Wird die Besichtigimg ver« weigert, so kann der Mieter schadcnsersatzpflichtig gemacht werden.— Rchne. Eine Slblebming der Eintragung aus dem von Ihnen angcsührtcn Grunde kann erfolgen. Ein Muß liegt nicht vor.— X. U. Z. Zu spät. — W. M. Sofortige Entlassung(und umgekehrt Austritt) aus der Arbeits- stelle ist nach Ablauj von 14 Tagen nach Anbringung des Plakats zulässig. es sei denn, daß die Arbeiterin mündlich oder schrijtlich erklärt hat, daß sie mit dem Inhalt de? Plakats nicht einverstanden ist.— H. W. 39. Der Standesbeamte hat recht. In Ihrem Falle können Sie zwei Wege ein- schlagen, um dem Kinde Ihren Namen beizulegen. Entweder— da? is/ das Geratenste— Sie adoptieren das Kind: eine Dispeujation vom Altere ersordernis ist zuläfsig. Oder Sie beantragen beim Polizeipräsidium Aend rung deo Namens.- In beiden Fällen kann(nicht muß) die Bebör de Ihren, Gesuch entsprechen. Der Kostenpunkt beträgt in beiden Fällen üb.y- Im ersten Fall erhält da« Kind die Rechte eines ehelichen, im zweiten F xiic nicht. Errichten sie also einen Adoptionsvcrtrag und beantragen Ei,, Genehmigung des zweckmäßig notariell zu schließenden Vertrages l ,fim Amtsgericht,— X. Y. 1. Ja. 2. Nein.— X. Z. Leider nicht r Briefkasten der Expedition. Willy Staupe, Ersurt, und andre. Die Nr. 61 vom 1. März ßmicn Sie noch Haben. Verlangen Sie diese von der Post nachgeliefert.-- Tie Erueuenmg des Abonnements um st späteste«? acht Tage V»r Ablauf des Monats erfolgen. Für Nachlieferung bereits ersch teuener Nummern erbebt die Post 19 Pf. Porto extra. 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Zar und Zimmer- mann. Schauspielhaus. Jugend von heule Deutsches. Novella d'Nndrea. Berliner. Maria Theresia. Lessing. Zapsenstreich. Westen. Der Posiillon von Lon jumeau. Neues. Minna von Barnhclm. Residenz. Der keusche Casimir. Vov her: Die Empfehlung. Central. Das Schwalbennest. Nachm. 4 Uhr: Der gestiefelte Kater. Belle- Alliance. Götterweiber. Thalia. Der Hochtourist. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner- Theater.) Die Wildente. Schiller(Friedrich-Wilhelmstädt.) Lumpacivagabundus. Kleines. Nachtasyl. Luisen. Minna von Barnhelm. Trianon. Madame Carl Weist. Zwei Frauen. Nachm. 4 Uhr: Mar und Moritz. Deutsch- Ainerikanisches. Ucber'n großen Teich. Gebr. Herrnfeld. Nur eine Nacht Casino. Cirkusfee. Winter-Garteu. Ivette Guilbcrt Specialitäten. Apollo. Frühlingöluft. Blüten Hochzeit. Specialitäten. Metropol. Durchlaucht Radieschen. Reichshallen. Stettiner Sänger. Passage- Theater. Fred Edlawi. Specialitäten. Ans. 5 Uhr. ttrania. Taubenftraste 48/49. 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Sonntagnachm. 3 Uhr, Ileine Preise: Der Hiittenhe«itzer. IX. Berliner Saison.— Cirkus Busch. 6>/- Uhr: Gr. Wra-Gala-Pllradt- Norstellung. Morgen Sonntagnachm. 4 Uhr: Berliner Wintersteuden. Abends 7'/, Uhr: Aus den Apen. In beiden Borstellungen: kieseo-öäi'ell-lZt'uppe des Hr. Roberto. Cirkus Schumann. Heute Sonnabend, den S. März, abends 7ll~ Uhr: Grosse Oala-Fest- V orstcl limg Freres Skremka'"�„nÄbelf" Cake Walk zu Pferd von Geschwister Aleer«. ÄF Löwen des Herrn Jnlios Seeth. Babel. Eine Wanderung durch acht Jahrtausende. Morgen nachmittag(I Kind srei). Nachmittag: Kunst nnd Liebe. Cake Walk. Bonvonregen. Saltomortale in der Lust mit dem Fahrrad. Trsros Skremka.— 25 Löwen. Ausstattungsposso mit und Tanz. Gesang Anfang 8 Uhr. Ranohen überall gestattet. Trianon-Theater. Georgenstratzc. zwischen Friedrich» und Universitätsswaszc. Madame I. Nachmittags Ansang �8 Uhu ..Biscotte". �anssonet. Kottbnser Thor— Stat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag Roikinanns dlorddentsede Sänger und Tanzkränzchen. Dienstag, den 8. März: Die Toehter ües SlrälliDss. Ueatila. TaubenslP. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Der Erdball als Träger des Lebens. Um 4 Uhr(kleine Preise); An den Seen Oberitaliens. Sternwarte CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. frika w Serlinü grosse Truppenschau— Die Mchöncn Harcinsdunicn an« Tanls«. A Apollo-Theater. s uhr: frühlingsluft "Sauett Blütenhochzeit. 0-/.-11 Uhr: Das grosse Irz- Specialitäten-Proiraimn. Les Brunin. X X Mab Darsy. Tom Hearn. X X Heinrich Blank. Boston-Ball- und Transatlantic- Tanz-Ensemble. ?Nortiini?? x Robert Steidl. Messters Kosmograpli: Japan. Marine. Sonntag, den 6. März er., nachmittags it Uhr; Ermässigte Preise. KysiMtrata u. 8pcciulitätcn mit? Xordini? ¥ Kleines Theater. Unter de» Linden 44. Nachtasyl, Anfang 8 Uhr. Morgen: Mutter Landstrasse. Passage-Theater. Anfang Sonnt. 3, WochontagsSUhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Sensationelles Engagement: Caicedo der berühmte Drahtseilkönig. Das Publikum schreit vor Lachen bei dem Redestreit der beiden feindlichen Improvisatoren Holländer u.Steinilz. 14 neue erstklassige Nummern. Casino-Theater. Lothrmgcrstr. 37. Ans, 8, Sonnt. 7'/,. Das glänzende neue Märzprogramm. Ka«t�pi«i Tiste. Ilopkln: Die größte Dresfurnumm er der Welt. I: Die Cirkusfee. Somilagimchm. 4 Uhr: Wie einst im Mai. Fröbels AIleriel-Tliealer sr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Sonnabend, den 5. März er.: Benefiz sür die Hanskcilner. Extra-Vorstellung. Orgonschen Sänger. Frliblings- Freitanz. Ansang 8'/« Uhr. Eintritt 53 Pf. Steidl-ATheater 2 Linien- Oranien- Strasse 132 burger Thor. Täglich 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Frilz Steidl-Sänger. Neu! Der Briltculc Bariton Ctustuv Held. Oebrüdcr Herrnfeld< A? Theater.?'S°' Heute und folgende Tage: Das Herrnfeldsche Sensationsstiul Wr SM Ztsedt! Zwei Akte aus einer Ehe. Vorher: Vollständig neuer Künsflerteil Schröder u. Denter, Tanz-Äaritaturen. Erna Ernani, Vortragssoubrette. Martin Vallös, Humorist. Die süssen Mädeln. Damen-Ges.-Ouart. Bendix als ilonnn Vanua. Ed! Stadler, Alp en-Jodler-Phänomen. Billet-Vorverkaus 11—2 Uhr. torl Weiss-Theater. Graste Fsrankkurter Strafte iltL. Nachmittags 4 Uhr Kindervorstellung 10, 25, 40 Ps.: Dornröschen. WendZ 8 Uhr: Zwei fraucn. Schauspiel in 5 Alten v. CS. Borchart. Morgen nachmittag 3 Uhr, Parkett 60 Ps.: Der Bettelstudent von Berlin. Abends T'/j Uhr; Zwei Frauen. Palast- Thealer Burgstraste 212, früher Feen-Palast. . Heute abend 8 Uhr; Tante Moll y. Im Speeialitätenteil: Marllia Samotti, Vortrags- Soubrette. Mllo. Riona mit ihrer urkomischen Pantomime. Mr. Franzeske, der Unzerbrechliche. Mr. Barna, koniisch-musilal. Dressurakt. 10 Uhr: Mampes Flitterwochen Morgen nachmittag 3 Uhr: Elite- Vorstellung: Wilhelm Teil. Halbe Kassenpreisc. Abends 8 Uhr: Das grosiarttge März-Programm. Am 12. März er. bleibt das Theater wegen Privatfesttichkeit geschlone». Itelelis kalten Stettiner Sänger Die Berliner bei den Hereros. BiirlcSlc'von Mcyscl. OosoIsOldBoso-Tlisslos Gesundbrunnen, Badstraße 58. Heute: Keine Borstellung. Morgen Sonntag, den 6. März 1901, nachmittags 3 Uhr: Miuna toh Barohelm. ZW- ZlbendS 7 Uhr: Lenore«der: Die Grabeshraut. Nach der Borstellung: Ball. Yvette Guilbert Paulton u. Ooley KomisoheRadfahrer Kamevals-GeisterTanz-Diveitissem. Imro Fox Zauberkünstler. Leo Billward Komischer Jongleur. Madeleine Noce Sängerin. Prosper-Truppe Akrobaten. Costantino Bernardi Verwandlungsschaiispieler. Lony Elastisch-oquilibr. Akt. The Seidoms Plast. Darstellungen. Biograph. Orts- Krankenkasse sür den Gcmeindc-Bezirk Lichtenberg. Montag, den 14. März er., abends 8 Uhr: ausseroriieiiil.Geiieralversaiiiniliiiig im Schwarzen Adler(Höflich), Frantjurter Chaussee 120. Tagesordnung: 1. Neuwahl des Gesamtv orstandcS. (clr.�dic KZ 71 Msatz L. 40, 41. 42 der Satzungen.) 2. Bericht über den Drts-Kranken- kaisentag in Breslau und den dritten allaememen Kasicntag in Leipzig. 3. Kassenangelcgcnkesten. Zufolge des Punktes 1 der TagcS- Ordnung lade ich die Herren Dcle- gierten der Kasicnmitglieoer und der Ärbcigcbcr zu einer Wahlversammlimg zu oben angegebener Zeit und Ort hiermit craebenst ein. Die Wahlen finden unter Punkt t der Tagesordnung obiger General- Versammlung in getrennten Wahl- gängcn statt. Die Delegierten der Herren Ar- beitgeber wählen aus ihrer Mitte (ckr. K 40 der Satzungen) 4 Borstandsmttglieder. Die Delegiert?» der Herren Ar- beitnehmer wählen aus ihrer Mitte (ckr. K 40 der Satzungen) 8 Borstandsmitglieder. Die Wahlen erfolgen sür die Dauer von 2Jahren(ckr. z4t derSavungen). Der Wahlzeitabschiiitt der diesmal Gewühlten endet mit dem 3t. De- zember 1905(cfr.§ 71 Absatz B der Satzungen). Die gewählie» Herren Delegierten eriuchcn wir um recht zahlreiches und pünttliches Ericheinen. 271/12 Der.Ctassenoorstand: r. Eevj'n, Porsitzender. Äceiiiilatoren- und Elektrieitäts-Werke-iefieogesellsehatt vormals Ts. A. Börse u. Co. 7. ordentliche Generalversammlung. Wir beehren uns hiermit, unsre Attioiiäre zu der Frcitnx, den 8. April er., vorinittag» 11 Ehr, im Sitzungssaal der Gesellschast hier, Köpenstkerstr. 154, stattsindenden 7. ordentlichen Generalversammlung ergebenst einzuladen. G e g e n st ä n d e der Tagesordnung: 1. Vorlage des GeschästsbenchteS des Vorstandes m" »...t«ivrt i r.rt" nebst Gewinn- und Verdes PrüsungsberichteS des lust-Rechnung und Bilanz pro 1903, sowie AuffichtslateS;,„, 2. Beschlußfassung über die Bilanz und Gewinn- und Verlust-Rechnung; 3. Erteilung der Entlastung an'Aussichtsrat und Vorstand. Die Alttonäre, welche in der Generalveriammlung daS Stinmireckt aus- üben wollen, haben ihre Aktien ohne Dividendenbogen spätestens am sechsten Tage vor deni VersaiiimlunaStagc in Berlin bei der Kaste der Gesellschaft oder bei einer der nach- benannten Stellen: in Berlin bei der Tentschen Genossenschafts-Bank Zoergel, Parrisiuö u. Co. A.-G-, in Berlin bei den Herren F. W. Kraule u. Co. Bankgeschäft, in Frankfurt a. M. bei der Tentschen Genofsenschafto-Baii! Toergel, Parrisiuö u. Co. A.-G., in Frauksurt a. M. bei der Pfälzischen Bau?, in Frankfurt a. M. bei der Bank für industrielle Unternehmungen, in Frankfurt a. M. bei dem Lanihause Bast u. Herz, in Stettin bei dem Bankhause Wm. Schlutow zu hinterlegen. Es genügt auch die Hinterlegung bei einem deutschen Nolar und der Nachweis dieser Hinterlegung bei einer der Hinterlegungsstellen innerhalb der angegebenen'Frist. Die Zulassung zur Generalversammlung ersolgi nur gegen Eintrittskarten, welche von obige» Stellen auf Grund der bei diesen oder beim Notar ersolgten Hinterlegung verabsolgt werden. Berti n, 2. März 1901. Bireklion der Accumiilatorcn- und Elektricitals-Wcrke-Acticngeccllschaft nenn. W. St. B o e s e u. Eo. E. Hmtzjeid. K. Kunze. Sechster Wahlkreis! Schönhauser Vorstadt. Sonntag, den 6. März, abends 6 Uhr, im Jägerhaus. Schönhauser Allee 103: 219/6 Volks- ¥ ersamml iing- für Männer und Frauen. Tages-Ordnung: 1. Vorhag des Genossen Waldeck Manasse über: Der Kampf ums Dasein. 2. Distussion. Nach der Versammlung: Clcmiitiiclic» Beisammensein. Zu zahlreichem Besuch ladet ein Der Vertrauensmann. Verwaltnngsstelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt TV. 3353. Sonntag, den 6. März, vormittags 10 Uhr, in den Germania-Sälrn' Chausseestraste 103: WP- Allgemeine Versammlung"WD der 112/13 Eisen-, EftetaSi- u. fRevolverdreher. Tages-Ordnung: 1. Nnsre Lage in der Gegenwart und Zukunft. Reserent: Kollege F. Pawlowitsch. 2. Dislussion. 3. Wahl eines Branchen» verh'eters und einer Agitationskommistion. 4. Verschiedenes. Sonntag, 6. März, vormittags 10 Uhr, im Gesellschaftshauö Wedding, Müllerstraste 7: WU- Versammlung der Hobler, Bohrer, Stoßer u. Fraiser. Tages-Ordnung: 1. Der Erfolg untrer Äraiichenagtiation. 2. DiSlussion. 3. Ver- schiedenes und Verbandsangelegenheiten. Zahlreichen Bestich erwartet Die Drtsvern'nltnnK. Vsrbsnä äsr ZKödslpoUsrsr. NA?- Montag, den 7. März, abends 8'/, Ahr,"Ws in RixdoiT, Steinmestftr. 103; IV Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen?I. B. Baezxe über:„Die Entstehung und Abstammung deö Menschen-. 2. Diskussion. 3, Verbandsangelegen- heiten und Ausnahme neuer Mitglieder. 145/15 Beate abend in 1�. Keilers Fcstsfilcn, Koppenstr. SS: Masken-Ball.'HSZ Eröffnung 8 Ahr."MA Anfang 9 Uhr. Villets a 30 Pf. sind bei den Zahlstellenkaifterern zu haben. Um zahlreiches Erscheinen der Mtglieder ersucht Der Vorstand. Lentral-Verbanä cler Mscdmisten unci Heizer sowie ßerufsgenorfen Deutschlands (Ortsverwaltung Berlin und Amgrgend.l Sonntag, den 0. März, nachm. 3 Ahr, bei Boigt, Ritterstr. 73: Tagesordnung: Vortrag ihre Uhrsache, ihr Wesen, ihre Vi Schlußberalung der Anträge Halle. 138/6 HöPsa 511 bh S m riq i Vortrag des Herrn Bonrads: D Vers: ic Lungenschwindsucht, und naturgemasie Behandlung. iedcnes. Fragclasten. Die Drtsvervaitnnx. Nklbaed der Steiilskhkr, Maßkrer und Lerufsgeuosse» Dentsdilands. Filialen Berlin I und U, Charlottcnburg, Rixdors und Schöncberg. Sonntag, den 0. März, vormittags 9'/, Ahr, bei F. Wllko» Brunnenstr. 188; Kombinierte Versammlung. Tages-Ordn ung: 1. Bericht vom Vcrbandstag. 2. Diskussion. 3. Wahle». 4. Die lokale Arbeitslosen-Unterstützung. 5.>V«richiedcncS.. In Anbetracht der iimsangrcichc» und wichtigen Tagesordnung ist pünktliches und vollzähliges Erscheinen notwendig. 174/1 Der Centralvorftand. I. A.: A. llnoll. Jeukede XeÄlsrdeikr-Lemrllzedzft. Vern-altnnKxstelle Berlin. Bureau und Arbeitsnachweis Nosenthalerstrastc 57. Geöffnet von 91/,— 55 und 4—8 Uhr. Telephon III, 1296. Sonntag, de» ü. März, nachmittags 5 Uhr, im Englischen Garten, Alexanderftraftc 27e, ovcrcr Saal: jVlonats- Versammlung mit frauen. T a g c S- O r d n u n g: l. Vortrag(Babel und Bibel); die En!- stebimg des alten Testaments. Reserent: �chnstsleller M. H. Barge. 2. GcwcrtjchastlichcS. Nach der Versammlung: Gcniütliches Beisainmcnscin mit Tanz, Gäste willlomnicn. Zahlreiches Erscheinen crwarict 280/2 Die Drtsvern'aitnnx. I litis Mr. Direktion; Rober! Dill. BrunncnstranMe 10. Heute wegen Privatsesttichkeit � geschlossen. � eronntag:>'«n Stake«nSitnl'e. Ansang 7 Uhr. Eittree 30 Ps. Ball. AlönigstsÄt-RKZino Holzmarktstr. 72. Ecke Ztlexaiidcrstratze. Täglich: Franz Sobanskl. Die Tllirz-Specinlitüfen. Zum Schluß daS Lebensbild Nach Südwest-Afrika. Nach der VorsteUinig: Mittwochs, Soiiuabciids u. SounlagS: Tanr. 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Die Kollegen sind von den Fabrikanten aufgefordert worden, sich in die Listen einzeichnen zu lassen und so erkennen zu gebe::, daß sie nicht organisiert sind. Die so zusammen- gesuchten Metallarbeiter sollen gegebenenfalls als Sturmkolonne gegen unsre Organisation benutzt werden und dafür dann einen Judaslohn von 2.50 Mark pro Tag Entschädigung erhalten. UM" Damit steht also fest: War sieh w die Listen eintragen lässt, erklärt damit, dass er gewillt ist, falls die Kühtiemäimer dies verlangen, Verrat an seinen Kollegen 2U üben! U2/12 Die Kühnemänner glauben, für 2,50 Mark sind die Berliner Metallarbeiter zu kaufen. Kilicgr«! Gtbt de« Herren die einiiz richtige Antnrnrt: RteNMUd dlU'f unterschreiben. Nähere Anweisung über unser Verhalten werden die Kollegen in den nächsten Tagen bekommen. 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