Nr. 57. RtoniMfnentS'RedliWftaefl: SIcnnement«• Preis pränumerando! «erteyährl.«,30 Ml,, monatl. l,l0 Mi,, tvdchentlich 23 Pfg. frei WS HauS. Ewzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- monmcr mit Muftrierter Sonntags- vetlage.Di« Neue Well« lv Pfg, Post- «donnement: 1,10 Marl pro Monat. Ewgetragen in die Post-ZeitungS- Preislifte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich» Ungarn S Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Tl. Jahrg. vie Inlertlonz-lZebühi' beträgt für die scchsgcspaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg,, für politische und gewerkschaftliche VereinS- und Versammlungs-Anz eigen 2S Pfg. „Alelne ZZnreigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Pfg,, jedes weiters Wort S Pfg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis B Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis s Uhr vormittags gehsfnet. cdldtlit vgl!» auBtr montagi, Devlinev VolktsblÄkk. Telegramm-Adrefle! „SozUldtniokrat Rtrlln". Zcntralorgan der fozialdemokratt fehen Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Linden Strasse 6g. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1981. Olle Kamellen. Die Militärdebattcn des Reichstages nehmen den gleichen charakteristischen Verlauf wie die socialpolitischen Diskussionen beim Reichsamt deS Innern. Auf der einen Seite die Socialdemokratie, die in und über der spstematischen Kritik des Bestehenden zugleich ein fruchtbares Progranim unmittelbar realisierbarer positiver Gegen- Wartsarbeit entwirft, indem sie zugleich doch in ihrer klaren principiellen Erkenntnis die Schranken zeigt, wo die bestehende Ge- scllschastsordnuug jedem weiteren Fortschritt Halt gebietet. Inner- halb dieser Schranken aber hat die Socialdemokratie den Weg positiver Gesetzgebung durchaus möglicher Reformen und eine Fülle von Verbesserungsvorschlägen gezeigt; hat sie beim Reichsamt deS Innern die Schöpferkraft des s 0 c i a l i st i s ch e n, bei dem Militär- Etat die Produktivität des demokratischen Gedankens bewährt, Hier wie dort aber erleben wir dasselbe Schauspiel. Wir stehen die Gegner vor bestimmte Reformvorschläge und die Gegner versuchen diesen Aufgaben zu entschlüpfen, indem sie nachweisen, wie entsetzlich dumm und roh wir den Zukunftsstaat einrichten, oder wie wir bereit wären, Hochverrat und sonstige Verbrechen zu üben. Die Social- dcmokrutie fordert die herrschenden Klassen auf, positive Arbeit zu leisten, und Iveist ihnen Mittel und Wege nach; deren Wortführer aber laufen schreiend davon und führen dann aus der Ferne utopische Hcldenkämpfe gegen die von ihnen selbst ausgestopften Vogelscheuchen auf. Weil sie keine ernsthafte Socialreform wollten, belustigten sie sich an den Bülow- Phantasien eines etwa nach dem Geist eines preußischen Ministers entworfenen Zukunstsstaates. Weil sie ein demokratisches Heer als unvereinbar mit den Junkerinteressen furchten, flüchten sie sich in albernes Geschwätz über socialdemokratische Vaterlandslosigkeit. Und indem sie die socialdemokratischcn Vorschläge, die etwas Neues ge- stalten wollen, als olle Kamellen verhöhnen, leben sie selbst von dem Dutzend uralter Ammengeschichten, mit denen alle staats- erhaltenden Wahlflugblätter des letzten Jahres angefüllt waren und deren Stupidität eine ganze Anzahl von Deutschen, deren Intelligenz noch einige Ansprüche stellte, in unsre Lager getrieben haben mag. Die Taktik der ollen Kamellen verfolgte mit ganz besonderer Plumpheit die Militärverwaltung, und in einer sonderbaren Sinnes- Verwirrung bemühte sich der preußische Kricgsminister die von unsrer Seite vorgebrachten Einzelbeschwerden, die lediglich Material für unsre positiven Vorschläge bildeten, als olle Kamellen abzuthun, während es sich doch fast nur um jüngste Erscheinungen eines allerdings alten und verrotteten Systems handelt. Die socialdemokratischen Redner, Bebel und Gradnauer, hatten klar und präcis die Grundzllge einer demokratisierten HeereS- Verfassung entworfen und die von allen Seiten beklagten Mißstände aus dem inneren Widerspruch des heutigen Systems abgeleitet, dem Wahnwitz eines gegen sich selbst bewaffneten Volkes. Am Sonnabend hatte der Kriegsminister v. Einem nach Grad- nauerS Rede geschwiegen. Er brauchte Zeit zur Ueberlegung. Am Montag nahm dann Bebel Anlaß, sowohl hinsichtlich der Einzel- fälle wie der systematischen Kritik noch einmal eindringlich die social- demokratische Auffassung zu bekräftigen. Herr v. Einem überlegte noch immer. Erst mußte noch der neuerdings angeworbene Komiker der Konservativen, Herr v, Riepenhausen, Gespenster sehen und beschwören, erst Herr Liebermann v. Sonnenberg beweisen, wie n, angelhaft die Bildung und Logik eines Lieutenants bleibt, auch wen» er schon seit einem Menschenalter die Uniform ausgezogen—, erst dann fühlte sich der Philosoph von Jena, Herr v. Einem, genugsam gestärkt, um neue Triumphe in der bürgerlichen Presse zu erfechten. Man braucht nur die Reden unsrer Parteigenossen mit denen des KricgSministers zu vergleichen, um sofort zu erkennen, daß der Rtann einfach an uns vorbei geredet hat. Kein Wort über die Demo- kratisierung der Armee dafür das Dutzend oller Kamellen gegen die Socialdemokratie, die selbst dem letzten Kreisblattredakteur schon widerwärtig sind und ihm sein Scheerenhandwerk verleiden. Er wendete zunächst den alten Kniff an, die Unzuverlässigkeit social- demokratischer Behauptungen zu„beweisen". Zunächst würde es nichts gegen unsre principiellen Forderungen beweisen, wenn selbst sämtliches von uns vorgebrachte Einzelmaterial unhaltbar wäre. In Wirklichkeit aber pflegt der allgemeinen Behauptung der Minister über socialdemokratische Unzuverlässigkeit niemals auch nur der Ver- such eines Beweises zu folgen. Gewöhnlich begnügen sie sich mit der entrüsteten Berichtigung von ein oder zwei Fällen. Diesmal lenkte der Minister ans den Fall eines kommandierenden Generals ab, der seinen Burschen mißhandelt haben soll. Bebel hatte die ihm zugegangenen Mitteilungen zu einer Anfrage an den Minister pflichtgemäß benutzt. Herr v. Einem behauptete nach den Akten— uns ist die Darstellung d-S Falles nicht ganz klar geworden—. eS sei keine Rede davon, daß jener Offizier sich Mißhandlungen habe zu Schulden kommen lassen. Damit aber nicht genug, hielt er dann eine Vorlesung über die Schändlichkeit, derartige Anfragen vorzubringen. Der Volks- Vertreter thut natürlich nur seine Pflicht, wenn er derartige Fälle auf dem einzig möglichen Wege zur Klarheit zu bringen sucht, und dieser Weg bleibt solange die parlamentarische Erörterung, bis man nicht den Abgeordneten selbst die Möglichkeit selbst- ständiger amtlicher Untersuchungen giebt. Gerade in diesem Fall ist die parlamentarische Erörterung für die Beteiligten von besonderem Vorteil gewesen; denn die von Bebel zur Sprache gebrachte Mitteilung ist weithin verbreitet und ist auch uns von verschiedenen Seiten zugegangen. Jedenfalls beruhen social- demokratische Beschwerden und Anftagen ans sorgfältigeren und gewissenhastcrenJnformationen als die Behauptungen eines preußischen Kricgsministers, der sich auf Parteitagsanträge beruft, die nicht einmal die notwendige Unterstützung gefunden haben: der für social- demokratische Auffassungen die—„Hamburger Nachrichten" citiert oder das„Berliner Tageblatt", die Quelle der angeblich Allensteiner Garnisongeschichte, für ein socialdemokratisches Blatt hält. Derselbe Kriegsminister machte ja auch, für Jena den Kosmopolitismus des Bürgertums verantwortlich. Er behauptet, daß Franzosen, die royalistische Propaganda in der Armee treiben, wegen Hochverrats bestraft würden, während doch jedes Kind weiß, welches Unwesen sogar royalistisch-klerikale Generale ungestraft in der Armee treiben können, die freilich auch— die Dreyfus-Affaire hat es ge- zeigt— wertvolle Zeugen für die sittliche Verkommenheit mon- archistischer Traditionen sind. Oder der Kricgsminister klagt gar die Socialdemokratie an, daß sie die Lüge von der Fälschung der Emser Depesche erfunden, obgleich doch Bismarck selbst mit stolzem Chnismus diese That eingestanden und sich mit dieser Fälschung gebriistet hat, durch die er einen Krieg in dem Augenblick provozierte, wo der diplomatische Konflikt ausgeglichen war. Mit solchen ollen Kamellen versucht der Herr Kriegsminister die grundsätzliche Kritik und die Reformvorschläge der Socialdemokratie zu verdunkeln und zu überwinden. Dazu kommt selbstverständlich das patriotische Phrasengeklingel:„Ohne Königstreue keine Disziplin I" Herr v. Einem ist nicht einmal bis zur preußisch- deutschen Geschichte von 1866 vorgedrungen; sonst würde er wissen, daß mit die größten Kriegsleistungen 1876/71 gerade die Truppenteile der 1866 durch die dynastische Revolution Bismarcks und Wilhelms I. ihrer Fürsten beraubten Provinzen vollbracht haben, denen also gewaltsam ihre„Königstrcue" durch die preußische Dynastie genommen war. Der Versicherung, daß die Socialdemokraten so gut wie irgend ein andrer das Vaterland verteidigen würden, be- gegnete er mit der famosen Entdeckung, die Socialdemokratie sei gegen die Kriege überhaupt. Ja, ist denn der preußische Kriegsminister nicht auch Gegner des Krieges? Beklagt nicht auch er die sinnlosen Menschenschlächtereien, die Verrohung, die Bestialitäten, die jeder Krieg entfesselt? Bei dieser Gelegenheit entschlüpfte aber dem Herrn v. Einem ein unvorsichtiges Geständnis. Er meinte nämlich gegenüber der Thatsache, daß das heutige militaristische System sich aus der Zweckbestimmung gegen den inneren Feind erkläre, das sei nicht wahr; denn da genüge eine kleine Prätorianer-Armee von Söldnern, die zu allem bereit seien. Sehr richtig I Es hat ja auch bereits nicht an Stimmen von Militär- Schriftstellern gefehlt, die deshalb als letztes Auskunstsmittel die Rückkehr zum Söldner- Heer gefordert haben. Darin aber liegt gerade der Wider- spruch, auf den die Socialdemokratie immer wieder hinweist: Weil eine kleine Söldnertruppe in dem Zeitalter des Wettrüstens auf internationalem Gebiete nicht genügt, weil man dazu die Volks- massen braucht, weil man andrerseits mit der Armee den„inneren Feind" niederhalten will, der doch schließlich identisch ist mit der Armee, darum versucht man die unlösbare und zu allen liebeln führende Aufgabe, durch eine blutige und seelenlose Sklavendisciplin das Heer, das aus dem Volke hervorgeht, mit Prätorianergeist zu erfüllen I Auf den Bänken des Bundesrats hatte man lvohl das Gefühl, daß Herrn v. Einems Polemik nicht glücklich gewesen— den tödlichen Fall Arenberg hatte er mit der Bemerkung zu beseitigen gesucht, daß es schwer sei, Geisteskrankheit gleich zu erkennen— und so sprang der bayrische Herr v. Endres dem preußischen Kollegen bei. Anfangs sprach er so fein und verständig, daß ein Zwischenruf aus unfern Reihen ihn als„blauen Raben"— er trug eine blaue Uniform — feierte, dann aber fiel er in preußische Gewohnheiten. Mit großem Aufwand von starken Worten wetterte er gegen die Militär- romane. Wir verstehen eS wohl: Jeder Offizier, der auf seinen Benif hält, muß sich bei jenen fürchterlichen Sittenschilderungen aufs tieffte angewidert fühlen. Sind jene Romane erlogen, nun so ist es Pflicht, durch eine eingehende Untersuchung die Unwahrheit fest- zustellen. Nach den Ueberraschungen von Forbach ist das absolute Notwendigkeit. Aber Herrn v. Endres verließ völlig sein feines Ehrgefühl, als er nun, statt solche Forderung zu erheben, leichtfertig mit der Ehre der Socialdemokratie, insbesondere auch deS„Vorwärts" spielte. Er warf uns niedrigste Motive vor, und seine Klugheit ließ ihn so sehr im Stich, daß er sich in den unsinnigen Wahn hineinredete, die Socialdemokratie habe eine Freude daran, ihre Gegner in den Schmutz zu ziehen. Ach nein, Herr v. Endres, die Socialdemokratie vertraut allein auf die sieg- reiche Kraft ihrer Ideen und es bereitet uns nicht das mindeste Vergnügen, uns mit niedrigen und unsauberen Gegnern herum- schlagen zu müssen. Wir wünschen vielmehr reine, untadelige, würdige Gegner! Sonst wäre uns ja auch Herr v. Endres nicht angenehmer als die üblichen Kommißköpfe, die geistlos und unwahr die gleichen ollen Kamellen wiederholen. Uebrigens wird die Affaire des Romans des Grafen Baudissin nachgerade be- denklich. Als wir den Roman besprachen, äußerten wir ein recht herbes Urteil über das Werk. Nachdem wir aber sehen, wie man sich damit begnügt, auf den Verfasser zu schimpfen, ohne sich für die Unwahrheit seiner Schildernngen zu verbürgen, neigen wir zu der Ansicht, daß wir ihm Unrecht gethan haben. Die„erstklassigen Menschen" scheinen doch nicht nur in der Phantasie zu existieren! Der Etat der erstklassigen Menschen wird am Dienstag weiter beraten.__ Ein Bombardement von Wladiwostok. Petersburg, 6. März. Statthalter Alexejew hat heute aus Milden folgendes Telegramm an den Kaiser gerichtet: Ich melde Eurer Majestät, daß der Kommandant der Festung Wladiwostok mit- teilt, daß heute früh 8 Uhr S6 Minuten südlich der Askold-Jnsel sieben Schiffe gesichtet und daß diese Schiffe um 6 Uhr 4ö Minuten als Kriegsschiffe erkannt wurden, die Kurs auf die Askold-Jnsel hielten. Gegen Mittag befand sich das feindliche Geschwader in der Mitte zwischen der Küste und der Askold-Jnsel auf die Ussuri-Bucht zu« fahrend, außer dem Bereich des Feuers der Uferbatterien. Um 1 Uhr 36 Minuten nachmittags eröffnete der Feind das Feuer. In dem feindlichen Geschwader sind wahrscheinlich die Kreuzer erster Klasse„Jsumo" und„Jakumo"; die Namen der andren Schiffe sind unbekannt. Wladiwostok, 7. März.(Meldung der„Russischen Telegraphen- Agentur".) Durch die gestrige Beschießung sind hier nirgends ernst- haste Beschädigungen angerichtet worden. Bei dem Holzhäuschen eines Handwerkers, welches von dem Geschoß eines zwölfzölligen Geschützes durchschlagen wurde, wurde eine Frau getötet. In die Wohnung des Obersten Shoukow drang ein Geschoß ein und explodierte erst, nachdem eS ein Zimmer durchflogen hatte. Die Schildwache, welche unverletzt blieb, rief, ohne die Geistesgegenwart zu verlieren, man möge die Fahne aus dem Hause retten, was dann die Gattin des Regimentskommandanten mit einem Soldaten ausführte. Ein Geschoß platzte im Hofe der Marinekaserne, wodurch fünf Mattosen leicht verwundet wurden. Sonst wurde niemand verletzt. Feuer ist nirgends ausgebrochen. Die russischen Batterien haben das feindliche Feuer wegen der zu großen Entfernung und sodann aus dem Grunde nicht erwidert, weil man dem Feinde nicht ohne Not die Lage derselben verraten wollte. Es wird angenommen, daß das feindliche Geschwader aus einem Panzerschiff, vier gepanzerten und zwei nicht gepanzerten Kreuzern bestand. Paris, 7. März. Der„New Uork Herald" meldet aus Tientsin: ES ist unmöglich, die Absichten der Russen zu erraten. Sie entfernen aus Niutschwang alles, was transportfähig ist. Eisen« bahnmaterial usw. S666 Mann russische Truppen sind in In kau eingetroffen; dieselben erklären, daß sie heute wieder abgeschoben und durch andre ersetzt werden würden. Nangolin, sowie verschiedene andre größere Stationen, werden von Maxim- Schnellfenergeschützen verteidigt, auch sind dort Ver- schanzungen aufgeworfen worden. In andren Küstenplätzen sind bisher keine russischen Soldaten gesehen worden. Das Gerücht von einer Beschießung Port Arthurs bestätigt sich nicht. Das Blatt be- stätigt ferner die Meldung, daß sich am vergangenen Freitag Kosaken eines japanischen Transport- zuges bemächtigten, wobei sie 166 Pferde und eine große Menge Munition erbeuteten. politische deberfiebt. Berlin, den 7. März. Der KriegSrninister über der Fall Urenberg. Nach 43-stündiger Bedenkzeit hat es der Kricgsminister denn doch für notlvcndig gehalten, dem Volke Rede und Antwort zu stehen auf die Frage: Wie war es möglich, daß ein so tierisches Jndividnmn wie der Prinz Urenberg jahrelang Offizier und sogar Kolonialoffizicr bleiben konnte? Wie man sich aus den von uns gebrachten Citaten entsinnen wird, war sich sogar die Scharfmacher- presse darin einig, daß es auf diese Frage keine Antwort geben könne. Und man hat recht behalten: Herr v. Einem hat zwar einiges auf die Frage entgegnet, aber geantwortet hat er nicht. Selbst„Post" und„Deutsche Tageszeitung" werden dies Stammeln tödlichster Verlegenheit nicht als Antwort gelten lassen. Der Kricgsminister machte den unmöglichen Versuch. das militärische System dadurch zu retten, daß er behauptete, die Vor« gesetzten des Prinzen Mörder hätten von dessen geincingesährlichcr Verrücktheit keinen blassen Schimmer gehabt. Nur ein Offizier habe um die tobsüchtige Tollheit des Prinzen gewußt, der Offizier nämlich, den er bei einem Begütigungsversuch an die Wand ge- worfcn hatte. Dieser eine Offizier habe aber keine Meldung von dem Vorfall gemacht, so daß die Vorgesetzten völlig ahnungslos geblieben seien. Wir gestatten uns zu dieser wunderlichen Darstellung einige Anmerkungen. Erstens: Hat der an die Wand geworfene Offizier den Arenberg für einen Verrückten oder für einen Normalen ge- halten? Hielt er ihn für einen Normalen, so hätte er ihn nach dem Ehrcnkodex der Offiziere vor die Pistole fordern müssen. Vorher hätte dann die Sache einem Ehrengericht unterbreitet werden müssen, das dann auf diese Weise von den Excessen des tollen Prinzen Kenntnis erhalten hätte. Das Ehrengericht hätte dann un- bedingt für die Kaltstellung des prinzlichen Wüterichs sorgen müssen. Wenn Herr v. Einem erklärt, der Offizier habe die Sache nicht gemeldet, so hat er also die schmähliche Mißhandlung— weil sie ihm von prinzlicher Hand zu teil wurde— ohne Muck hingenommen, er hat damit nicht nur in leicht- fertig st er Weise unterlassen, die Mannschaften vor einem gewaltthätigen Burschen zu schützen, der sich sogar an Kameraden vergriff, sondern er hat auch durch Hinnahme einer infamicreuden Handlung den„vornchinsten Rock" beschmutzt!— Oder aber, der Offizier hielt den Prinzen wegen seiner Verrücktheit für nicht satis- faktionsfähig, dann aber war es seine doppelte Pflicht, dafür zu sorgen, daß ein Jrsinniger nicht länger dem Offiziercorps angehörte! Solche Erwägungen hätten doch auch einem Nichtsocialdemokraten, also einem Minderbegabten, aufsteigen müssen. Trotzdem berief sich der Kriegsminister aus besagten Offizier als auf einen Kronzeugen! Nicht minder merkwürdig war die Berufung dcS Kriegsministers auf einen zweiten Zeugen, ein Mitglied des Komitees der Kaiser Wilh elm-Akademie, das als psychiattischer Sach- verständiger in dem Prozeß fungiert hatte. Dies Mitglied hat ihm nach der Darstellung des Kriegsniinisters Mitteilungen gemacht, die mit dem schriftlich abgegebenen Gutachten des betreffenden Senats in schroffem Widerspruche stehen. Dies Gutachten erklärte ja, daß „Ulan" schon in Münster— dem Garnisonort des Prinzen— eine Katastrophe befürchtet Haie. Und der Generalarzt Dr. Herker erklärte namens der Kommission, daß der Prinz von der ltmgclnmg stets fiir anormal gehalten worden sei. Demgegenüber sind wir nicht in der Lage, dem Privaturteil de-5 einen Kommissions- Mitgliedes, auf das Herr v. Einem sich bezog, irgend welches Gewicht beilegen zn können. Außerdem war ja Urenberg wegen Soldatcninißhandliing vor- bestraft. Wie war es möglich, daß er trotzdem— entgegen den Bestimmungen über die Zulassung zum Kolonialdienst— auf die südwestafrikanischcn Eingeborenen losgelassen werden konnte? lind wie war es möglich, daß man einen Menschen noch Offiziersdienste thnn ließ, der sich während der Neberfahrt»ach der Kolonie als Feigling und Trunkenbold vor der ganzen TchiffSbefahung blamiert hatte? Wie war es möglich, daß nian in Sndwestafrika selbst von seinen Brntalitüten und TollhäuSlcrcicn so gar nichts erfuhr? Wenn der Herr KriegSmhiister sich eingebildet haben sollte, dies neue Korruptionsbild so leichten Kaufes hinweggeblasen zu haben, so hat er sich gründlich getäuscht!— Preuftisches Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus hat am Montag zunächst die zum Etat der Eisen bahn Verwaltung vorliegenden An- träge beraten. Eine Reihe von Anträgen bezog sich auf die Herabsetzung der Z u ck e r t a r i f e, und zwar beantragte Abg. Graf P r a s ch m a(C.), die Regierung zu ersuchen, der jetzigen Notlage der heimischen Zuckcrindustrie durch eine anderweitige Gestaltung der Eisenbahn-Gntertarifc für Rüben- lRoh- und Konsum-) Zucker mit thunlichster Beschleunigung Rechnung zutragen, während der Antrag des Abg. Stupp(E.) dahin ging, in Rücksicht auf die dauernde Notlage der deutschen Zuckerindustrie und Landwirtschaft die Eiscnbahntarife für Zuckerrüben, Schnitzel, Melasse und Melassefutter noch weiter herabzusetzen. Nach kurzer Debatte, in der die Agrarier ihre Äeichstagsredcn über die Brüsseler Znckerkonvcntion wieder- holten, wurden beide Anträge einer Kommission überwiesen. Einige weitere Anträge, die die Ausdehnung der Aus- nahmetarifc für Seehäfen bezweckten, gingen gegen den Wider- spruch der Regierung an die Budgetkommission. Erst hierauf begann die eigentliche Generaldebatte, die mit einen: Loblied des Ministers Budde auf seine Ver- waltung eingeleitet wurde. Herr Budde rühmte sich als der Mann, für den es keinen Stillstand gebe, pries die Fürsorge des Staates für das Personal, warnte aber gleichzeitig vor zu großen Anforderungen, um nicht die Begehrlichkeit zu steigern. Seine socialpolitische Weisheit gipfelte in dem Aus- spruch, daß es nicht zur Förderung der Disciplin beitragen könne, wenn sich die Abgeordneten als Wohlthätcr der Beamten hinstellen. Das Petitionieren ist den Beamten und Arbeitern verboten, koalieren dürfen sie sich auch nicht, sich an Abgeordnete zu wenden, wird ihnen untersagt, kurz und gut, sie sind ganz auf das Wohlwollen des Ministers an- geiviescn. Wie weit die Beamten und Arbeiter damit kommen, lehrt die Vergangenheit. Nach der Rede des Ministers wurde die Weiterberatung auf den Abend vertagt.— *.• Deutrcbco Reich. Alle Schrecken des Mittelalters kehren wieder und werden übertroffen durch die Furchtbarleiten deS gegenwärtigen humanen, kulturellen Zeitalters. In der„Zeit am Montag" berichtet Karl S ch n c i d t dieses entsetzliche Geschehnis. das sich den Leidensgeschichten gequälter Soldaten, von denen die Zeit voll ist, anreiht: „Mitte März 1900 wurde ein gewisser Skläroff alias Haber- mann, ein russischer Jude, nach Plötzensee eingeliefert. Der kleine schknächtige Mann war Tabakschneider. Als Fainilicnvater war er durch lange Arbeitslosigkeit in größte Not geraten und dadurch halb um den Verstand gekonimen. Er war beschuldigt, bei Bekannten eine Uhr gestohlen zu haben. Er bestritt das so gut er konnte, wurde aber, obwohl bis dahin unbescholten, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Während der Untersuchungshaft vollends verrückt geloorden, kam er in einem jammervollen Zustande nach Plötzensee. Verängstigt, halbverhungert, das flackernde Feuer des Irrsinnigen in den Augen, stand der Unglückliche da. Als man ihn fragte:„Heißen Sie Skläroff alias Habermann?" antwortete er: „Ich heiße nicht Elias." Diese Worte wiederholte er bei jeder weiteren Frage. Schließlich beteuerte er weinend, daß er nicht Elias heiße. Ihm klar zu machen, was alias auf deutsch heißt, war unmöglich. Der Anstaltsarzt muß nichts Auffälliges an ihm gefunden haben: er schickte ihn auf einen Arbeitsplatz. Der Stationsaufsehcr versuchte nun. dem Manne die Hausordnung klar zu macheu und crmahnte ihn, nicht vor sich hin zu stieren, sondern zu arbeiten. Skläroff ant- wortete nicht und arbeitete nicht; er saß da und stierte ununtcr- krochen auf denselben Fleck. Der Aufseher sah sich das ein paar Tage mit an, dann meldete er:„Der Strafgefangene Skläroff ver- weigert die Arbeit!" Noch an demselben Tage befaßte sich Polizei-Jnspektor Binding mit Skläroff. Das Ergebnis seiner Bemühungen war die Eintragung: „Skläroff will krank sein" und die Ueberweisung des Falles an den Anstaltsarzt. Dieser entschied: Skläroff ist gesund und arbeils- fähig, gez. Dr. Pfleger. Von da ab geht das Verhängnis seinen Gang. In den Personalakten stehen folgende Eintragungen: Plötzensee, 24. 3. 00. Weil er ungehorsam war, 5 Tage Arrest und Entziehung der Mittagssnppe. gez. Binding. Polizei- Inspektor. Unbedenklich, gez. Dr. Pfleger. Plötzensee, 31. 3. 00. Skläroff verweigert die Arbeit. Ernst- lich ermahnt uffd verwarnt. gez. Binding, Polizei-Jnspektor. Plötzensee, 3. 4. 00. Skläroff verweigert die Arbeit. 8 Tage Arrest bei Wasser und Brot. gez. Binding, Polizei-Jnspektor. Unbedenklich, gez. Dr. Pfleger. Plötzensee, 12. 4. 00. Skläroff verweigert die Arbeck. 12 Tage Arrest und Entziehung der MittagSsnppe. gez. Binding, Polizei- Inspektor. Unbedenklich, gez. Dr. Pfleger. Plötzensee, 25. 4. 00. Skläroff verweigert die Arbeit. 3 Wochen Arrest und Entziehung der Mittagssnppe. gez. Binding, Polizei- Inspektor. Unbedenklich; Vollstreckung ist einige Tage aufzuschieben. gez. Dr. Pfleger. Vollstreckt vom 29. 4.— 20. 5. 00. gez. Lehmann, Ober- Aufseher. Pl. 24. 5. 00. Skläroff verweigert die Arbeit. 4 Wochen Arrest und Entziehung der MittagSsnppe. gez. Binding, Polizei- Inspektor. Unbedenklich. Skläroff muß mir nach 14 Tagen vorgeführt werden, gez. Dr. Pfleger. Pl. 9. 6. 00. Skläroff kommt zur Beobachtung ins Lazarett. Als man Skläroff am 9. Juni ins Lazarett überführen wollte, lag er auf dem ASphaltboden der Zelle und vermochte sich nicht mehr aufzurichten. Der Aufseher, welcher die Ueberführung des Mannes zu bewerkstelligen hatte, holte sich hierzu zwei Kalcfaktorcn herbei. Diese richteten skläroff auf, und einer von ihnen steckte seinen Kopf zwischen dessen Beine hindurch. Skläroff aber war bereits zu entkräftet, um auf den Schultern des Kalcfaktors reiten zu können. Als er hinten über schlug, packte der zweite Kalefaktor ihn im Genick und brachte ihn dadurch in eine horizontale Lage. Dann zogen sie in Begleitung des Beancken mit dem armen Menschen, der nur noch eine Gerippe war und dessen Kopf und Arme krafttos hin und her baumelten, über mehrere Höfe hinweg ins Lazarett. Am 17. August 1900 wurde Skläroff der Irrenanstalt in E b e r§ w a l d e überwiesen. Endlich hatte man erkannt, daß er geisteskrank und für seine Handlungsweise nicht verantwortlich war. lind diesen armseligen, kranken Menschen hatte der Polizei-Jnspektor Binding vom 22. März bis zum 24. Mai, also innerhalb wenig n:ehr als 60 Tagen, zu 74 Tagen mehr oder minder strengen Arrestes verurteilt, von denen während dieser Zeit 00 voll- Tage von ihm verbüßt werde» mußten. Diese schweren Arreststrafen, die in so kurz-r Zeit hinter einander über den Aermsten verhängt und mit so unheimlicher Promptheit vollstreckt worden sind, natürlich nur um den Widerstand eines..rmeintlich Halsstarrigen zn brechen, der statt zu arbeiten, sich ein boshaftes Vergnügen daraus machte, ununterbrochen auf einen Fleck zu stieren, hätten genügt, selbst einen baumstarken, völlig gesunden Menschen zeit- lebens denr schleichenden Siechtum zu überantworten. Wie muhten sie aber erst auf den ausgemergelten, durch Not und Entbehrungen erschöpften Körper eines geistig Kranken einwirken, lvie entsetzlich mögen ihm die Schrecknisse der Dunkelzelle, die dünne Kleidung, das Liegen auf der hölzernen Pritsche ohne Betiunterlage, der Mangel einer erwärmenden Bedeckung in grimmer Winterzeit zugesetzt haben! Nur zähneknirschend vermag mau diesen den amt- liche» Akten entnommenen Bericht zu lesen, der in seiner dürren Thatflichlichkeit einen geradezu schauerlichen Eindruck macht. Und voll begreiflicher Entrüstung frägt man sich, ob es denn gar nicht möglich ist, Schutzmaßregeln zu erfinnen und durchzuführen, die ver- hindern könnten, daß Beamte, vielleicht ohne sich eines Unrechtes auch nur bewußt zu werden, in der stumpfen Gefühllosigkeit, die ein rauher Beruf nur sich bringt, in dem für Sentimeittalitäten kein Raum ist, sich Mißgriffe zu Schulden kommen lassen, die so ent- sctzliche Folgen haben und unter Umständen nicht nur den leiblichen, sondern auch den geistigen Ruin eines Menschen herbeiführen können. Freilicki, der arme halbverhungerte russische Jude Skläroff ist kein hochgeborener Prinz gewesen. Mit ihm brauchte mau nicht viel Umstände zn machen. Aber ist ein armer, unwissender, halbverhungerter Jilde nicht auch— sozusagen— ein Mensch, der Dualen empfindet so gut wie jeder andre?"—_ RechtSsorge. Eine Reform des Bürgerlichen Gesetzbuches plant der Reichskanzler. Wer mag nun noch dem Grafen Bülow be- streiten, daß er auf jedem Gebiete reformatorischen Eilmarsch marschiert? Dein Reichstage ist soeben eine Vorlage zugegangen, welche zum erstenmal das Bürgerliche Gesetzbuch von 1890 ändern soll. Was bringt Graf Bülow? Gewiß die dringend nötige Reform des Arbeiter-, des Frauen-, des Gesinderechtes? Graf Bülow hat höhere Aufgaben! Sein Gesetzentwurf betrifft— die Rechtsstellung des herzoglich Holsteinischen F ü r st e n h a u s e s. Im Einführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch wurden neben den landesherrlichen Familien auch den vormaligen Fürstenhäusern von Hannover, Kurhessen und Nassau die Sonderrechte vor- behalten, daß ihre Mitglieder nicht an Gerichtsstelle zu erscheinen brauchen, als Zeugen in ihrer Wohnung zu vernehmen sind, Eide mittels Unterschreiben der Eidesformel leisten und daß ihre Grund- stücke nur auf Antrag in das Grundbuch eingetragen werden. Ein fürchterliches Geschick hat es aber gewollt, daß für das herzoglich holsteinische Haus diese Sonderrechte nicht ausdrücklich fest- gesetzt worden sind und daß seine Mitglieder dem gewöhnlichen gemeinen, gleichen Recht unterstellt werden können. Wenigstens fand sich, wie die„Volks-Zeitung" weiß, in einem Prozeß, den die Hof- und Gesellschaftsdame einer vor einigen Jahren verstorbenen Prinzessin von Schlcswig-Holstein angestrengt hat, ein Gericht, das den Anspruch des als Zeuge lzeladeneu Herzogs Günther zu Schleswig-Holstcin bezweifelte, in seiner Wohnung vernommen zu werden und den Eid durch Unterschreiben zu leisten. Diese demütigende Zumutung hat den Gesetzentwurf nötig gemacht, der jetzt dem Reichstag vorgelegt wird. Der Rechtsstaat fordert, daß den Holsteinern das Sonderrecht gesichert werde. Diese erstmalige Korrektur des Bürgerlichen Gesetzbuches wider- legt glänzend alle böswilligen Vorwurfe über mangelnde Rechts- besorgnis des Reichskanzlers und der Regierungen.— Die Nachkur des Prinzen Arenberg. Prinz Prosper Arenberg hat bereits am Sonnabend wieder von der Irrenanstalt Hcrzberge Abschied genommen. Abends 7>/z Uhr holte man den Prinzen aus der Anstalt ab und eine Stunde später fuhr der Unzurechnungsfähige vom Potsdanwr Bahnhof dem schönen Rheinland zu. Dort befindet sich im Regierungsbezirk Koblenz das Städtchen Ahrweiler, sehr bekannt durch seinen herrlichen Ahrwein, minder bekannt durch eine Nervenheilanstalt, die es in seinen Mauern birgt. In dieser Anstalt wird Se. Durchlaucht die nächste Zeit ver- bringen. Von dem Heilerfolge wird es abhängen, wann der Prinz wieder ans die Menschheit losgelassen wird. Die„Post" glossiert diese Trauben-Nachkur des Prinzen Mörder folgendernmßcn: „Was wird nun mit dem Prinzen Urenberg geschehen? Wie oben bemerkt, ist er ja nach Ahrweiler gereist. Ueber diese Reise weiß ein andres hiesiges Blatt noch einige nähere Angaben zu machen. Abends um 9 Uhr 25 Minuten verließ der Prinz in Ve- gleitung seines Bormundes, I u st i z r a t S am Zeh»hoff aus Köln, um sich nach Ahrweiler in die dortige Nervenhcil- anstatt zu begeben, die ihm sicherlich mehr Komfort bieten wird, als Herzberge. Die Aufregungen des Prozesses scheinen den Prinzen nicht allzu sehr mitgenommen z» habe», denn er sah recht frisch nuS»nd rauchte, behaglich in den Fanteuil seines Waggons erster Klasse znrnckgclchnt, eine Cigarre. Auf die Frage des Verrrctcrs deS in Frage kommenden Blattes: wie lange der Prinz wohl dort zu bleiben gedenke, erwiderte der Justizrat: Nu», bis er gesund ist." Die Anstalt in Ahrweiler ist eine Privatansialt, in welcher die Behandlung und Bcrpflcgnng deS Prinzen ganz nach de» Wünschen seiner Familie geschieht, die somit wieder allein über das Schicksal deS Prinzen verfügt und ihn jederzeit wieder aus der Anstalt nehmen kann. Die Antwort des Vormundes läßt deutlich genug ahnen, daß der Zeitpunkt, wo der Prinz wieder„gesund" ist, nicht allzu fern sein wird."—_ Naiv. Während die„Germania" sich über den für sie doppelt wichtigen Fall Arcnbcrg noch immer ausschwcigt, schreibt die „Köln. VolkSztg." mit himmlischer Naivetät: „Das U n b e g r e i f l i ch st e aber ist, daß inan ein solches Scheusal, das schlimmer ist als ein w i l d e s T i e r, auf die Eingeborenen unsrer Kolonie loslassen konnte. Man sollte doch bei der Auswahl der Beamten und Offiziere, die man in die Kolonien schickt, doppelt vorsichtig und wählerisch fein. Hat»nan denn von der Vergangenheit des Prinzen nichts gewußt? Oder hat man sich einfach nicht darum gekümmert? Oder hat der Prinz mit der bedenklichen Vergangenheit etwa einflußreichen Fürsprechern zu verdanken, daß man ein Auge zudrückte?— Besuchspolitik. Die„Rheinisch-Westfälischc Zeitung" veröffentlicht eine auffällige Zuschrift eines im Auslande lebenden Deutschen, der, wie das Blatt sagt, in vielfachen Beziehungen zu diplomatisckien Kreisen steht. Die Zuschrift eröffnet ein Bild der Stimmungen, die vielfach im Inland und Ausland über die Bülow-Politik herrschen. Der Verfasser knüpft an die bevorstehende Seereise des Kaisers an und spricht seine Ver- wunderung darüber aus, daß Graf Bülow bei der jetzigen inter- nationalen Situation die Abwesenheit deS Kaisers vertreten zn können glaubt; er behandelt dann die Beurteilung dieses Vorganges im Auslände und führt nun aus: „Weniger crfteulich für unsre Eigenliebe ist es, daß man nnS überhaupt keine bestimmte und klare Politik zuschreibt, und unter den, Eindruck lebt, daß wir von der Ha nd indenMund leben. Man spricht in den diplonrati scheu Cirkeln des Auslandes haupffächlich von der deutschen Besuchspolitik, die unsre Vertreter in erster Linie ins Auge zu fassen hätten, und die vielfach ihre Thätigkeit ganz in Ansprnch nehme. Man be- hauptet in jenen Kreisen, daß es in Berlin als besondere Leistung eincS diplomatischen Kopfes geschätzt werde, wenn er im Laufe des Jahres eine s�gegnnug der Souveräne zu stände bringe. Man darf die Schwierig- keit dieses Bemühens nicht unterschätzen. So st a r k in der deuischen NeichShauptstadt die Neigung ist, solche Begegnungen möglichst oft zu wiederholen, so gering ist thatsächlich beute aus der andern Seite die Bereitwilligkeit, solchen Wünschen entgegenzukommen. Man sträubt sich auf alle mögliche Weise, und da ja diese Dinge sehr diskret behandelt zu werden Pflegen, unter den abfonder- lich st sn Vorwändcn, auf die mehr oder weniger deutlichen Berliner Anregungen eine irgendwie bindende Antwort zu geben. lim uns nicht bloß in Andeutungen, die vielleicht nicht jedem Leser verständlich sind, zu ergehen, wollen wir Vorgänge aus dein praktischen Leben anführen. ES ist eine Thatsache, daß der Zar allen Besuchen von Souveränen ftcmder Großmächte, und zwar ebenso solchen, die er abzustatten hatte, wie solchen, die ihm bevorstehen, an: liebsten aus dem Wege geht. Man jagt sogar, dag er viel häufiger in dem hessischen Idyll verweilen würde. wenn-r gewissen konvenlionellen Verbindlichkeiten aus dem Wege gehen ante. Nicht viel anders steht es mir dem König von I t a u e it. Man bedarf gar keiner besonderen Verbindungen, um feststellen zn können, daß der König mit seinem Antritts- und den Erwiderungsbesnchen dieses Kapitel seiner amtlichen Thättgkeit am liebsten für alle Mal abschließen möchte. Es ist nicht imangebracfit, gerade jetzt einmal wieder diese Dinge in der Presse zu berühren, weil die Möglicvkeit einer neuen Begegnung der Souveräne von Italien und Deutschland ans Anlaß der Mittel- meersahrt erörtert wird. I n Berlin glaubt man, daß jede solche Zusammenkunft für die Beziehungen der Länder von Wert sei. Wie unzutreffend diese Auffassung ist, hat man bei dem zweiten Besuch des deutschen Kaisers in Ruß- land ganz offen konstatteren können. Der Zar Alexander Hl. hat aus seiner unzufriedenen Stimmung kein Hehl gemacht, und Fürst Bismarck hat einmal seine warnende Stimme hören lassen. Genau ebenso liegen die Verhältnisse zurZeitin Italien. DieBeziehungen zwischen Deutschland und Italien sind gegenwärtig gute, und es bedarf keiner Bekräftigung durch eine persönliche Aussprache der Souveräne. Man sollte alio die Dinge in dieser Bahn sich ruhig entwickeln lassen und keine Versuche machen, die lvie eine unerwünschte Mahnung aussehen. Jnsbchondere ist daS Bedürfnis nach prunkvollen Effekten, wie sie gewöhnlich mit Fürstenbesuchen verbunden sind, bei fast allen ftcmden Souveränen nichr vorhanden, zumeist auf Grund persönlicher Ver- anlagimg, dann aber auch iin Hinblick auf die damit verbundenen recht bedeutenden Unkosten. Nach allem, ivas man gelegentlich hört, gehört das Thema zu den Dingen, über die man in» Berliner Aus- wnrtigen Ainte von seinen Vertretern nicht unterrichtet sein will. Dann müssen sie aber in der Presse erörtert werden; vielleicht wird so die in uilsrem Interesse liegende Wirkung erzielt."— Etwas kleine Garnison. Die liberale„Dresdener Zeitung" berichtet auS Bautzen folgendes:„Wir haben die Mitteilung aus Bautzen gebracht, daß es dort in der Nacht zum Sonntag zu einer großen Schlägerei zwischen Eivil und Militär gekommen ist, wobei einem Hauptmann der Degen zerbrochen und lebensgefährliche Verletzungen beigebracht worden sind. Wir irren kaum, wenn wir diesen Fall in ursächlichen Zusainmenhang bringen mit dein Verbot des Besuches eines bestimmten Hotels, das unlänflft vom Kommandeur Oberst v. Wardenburg an die Garnison er- lassen worden ist. lieber den Grund zu diesem Verbot hat man in der Ocffentlichkeit nichts erfahren; er ist, lvie wir mitteilen können, darin zu suchen, daß in diesen: Hotel einige junge Ossi- ziere mit einer V ü r g er s t o ch t e r zusammen eine Orgie feierten, bei der sie von» Bater des Mädchens in unliebsamer Weise gestört wurden. Man hat es nun vielleicht von feiten des Kommandos für zweckmüßig erachtet, geeignete Maßnahmen zu er- greifen, den Vorfall nickt zur KcimMis der Bürgerschaft kommen zu lassen. Dem Oberst v. Wardenburg, der früher BoZtehcr der Ab- ieiluilg für persönliche Angelegenheiten sin Kriegsmimsterium war. würde daraus ein persönlicher Vorwurf nicht gemacht werden können. Jedenfalls hat sich aber naturgemäß der Vorfall nicht ver- heimlichen lassen; er hat bielmehr iin stillen die Bürgerschaft nur um so heftiger erbittert, und das schuldlose Opfer dieser Er- bitterung scheint am Sonnabend der bedauernswerte Hanptinami Lindner, früher Adjutant bei der Zwickauer Brigade, geworden zu sein. Hauptmami Lindner, ein sehr ernster, streng sittlicher Mann und vorzüglicher Mensch, der jener Hotelgejchichte absolut fern steht, ist nicht vernehmungsfähig." Uns sind, fügt die„Sächsische Arbcitcr-Zeitung" hinzu, auch Mitteilungen über die oben erwähnten Orgien zugegangen, doch hatten»vir die Erörterungen und Untersuchungen noch nicht ab- geschlossen. Nach den uns zugegangenen Informationen handelt es sich um die Tochter eines Fleischermeisters, die mit Offizieren im Hotel zum Fuchsbau zusammengewesen ist und dabei voin Vater überrascht wurde. Es soll bei diesem Zusammentreffen zn sehr drastischen Scenen gekommen sein. Die Hundepeitsche des Fleischer- meisterS hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt. DaS Koblenzer Kriegsgericht verurteilte den Unteroffizier Spohr vom 7. Ulanen-Regiment, der den Ulan Müller so auf das linke Ohr geschlagen hatte, daß das T r o m m e l f e l l z e r s p r a n g. iniolgedessen Müller das Gehör verlor, zu sechs Wochen Miltclarrcst. Spohr hatte außerdcin den Müller bestimmt, die falsche Meldung zu erstatteten, ein Pferd habe ihn gestoßen. Der Vater Müllers erstattete die Anzeige. Müller wurde wegen Falschmeldung mit drei Tagen Mittelarrcst bestraft.— Bom südwestafrikanischc» Kriegsschauplatz. Gouverneur Leutwein»neldet vom Sonnabend, daß Oberst Dürr»nit dem Stabe und dem Verstärkungstransport am 4. in Okahan dja eingetroffen ist. Am gleichen Tage hatte Hauptmann Puder»nit je einer Conipagnie Schutztruppe und Secbataillon südlich von Klein- Barmen ein Gefecht mit den bereits von Kapitän- lieutenant Gygas geschlagenen Hereros. Der Feind wurde nach Westen zurückgeworfen und wird, soweit der Pferde- mangel es zuläßt, verfolgt; seine Verluste sind unbekannt. Diesseitige Verluste: Tot: Unteroffizier Zöllner. Reiter Mygitta. beide Landwehr. Unteroffizier Saar, Unteroffizier Walcziak, Reiter Ainft. Leicht verwundet: Reiter Wegner, rechter Unterarm. Die Leiche des im Gefecht bei Groß-Barmcn voin 19. Februar (siehe Telegramm vom 25. Februar) vermißten Reiters Max Mülle» vom Eisenbahndetachement ist aufgefunden worden.— Huöland, England. Die Londoner GrafschaftSwahlcn. Bei den am Sonnabend vollzogenen Londoner GraffchaflS- wählen wurden gewählt 83Progressisten. 34 Gemäßigte und ein Unabhängiger. Ueber die Bedeutung der Wahlen schreibt unS unser Londoner Korrespondent: Das Vcrwalttliigsgebiet der britischen Hauptstadt ist zum Zwecke dieser Wahlen zur munizipalen Verwaltung Londons in B8 Wahldistrikte eingeteilt. Mit Ausnahme der inneren Stadt(City), die vier Vertreter wählt, schicken alle andern Distrikte nur je zwei Vertreter in den Grafschaftsrat, der demnach aus 118 Ge� meinderaten besteht. Tie letzten Wahlen, die im März 1901 stattfandeil. brachten eine progressive Mehrheit: 84 Progressive, 32 Gemässigte und 2 Unabhängige. Ein Londoner Progressist war ursprünglich socialliberal und wirkte demgemäß für den sogenannten Municipalsocialismus; ein Gemäßigter entspricht politisch einem Anhänger der konservativen Partei. Fn den letzten Jahren ist der Unterschied zwischen beiden municipalen Gruppen fast verschwunden, indem die Progressiven wieder zum einfachen Liberalismus zurückkehrten und die sociale Thätigkeit aufgaben. Das Hauptinteresse der jetzigen Wahlen liegt im Schulwesen. Wie bekannt, hat das neue Schulgesetz die Lobool Boards sSchulkommissionen) beseitigt und das Unterrichts� Wesen in die Hände der Lokalbehörden gelegt. Der Grafschaftsrat wird nunmehr zum Verwalter des Londoner Volks- und Mittel- schulwesens. Da infolge der allgemeinen Lage Englands dem Schulwesen jetzt eine viel größere Aufinerksamkcit ge- widmet wird als je zuvor, so kommt dieser Punkt bei den Grafschaftswahlen zur besonderen Geltung. Andre Fragen kommen kaum zur Diskussion. Die laufende Nummer der„Fabian News" enthält ein kurzes Referat Sidney Webbs über die GrafschaftSwahlcn. Webb, der seit dem Bestehen des Grafschasts- rats(1889) den Wahldistrikt Teptford vertritt, läßt sich darüber folgendermaßen aus:„Der Wahlkampf ist besonders bemerkenswert wegen der Gleichgültigkeit der Londoner Bürger. Die Gleich- gültigkeit ist größer als gewöhnlich.... Die Thatsache ist, daß die Erziehungsfrage alle andern Fragen verdrängt hat, aber auch sie ist nicht wirklich lebendig. Beide Parteien zeigen den guten Willen, das Schulgesetz in ernster Weise auszuführen. Die religiöse Schwierigkeit ist that- sächlich verschwunden. Alle andren Fragen sind erschöpft. Vor drei Jahren handelte es sich um die Vcrstadtlichung des Wassers. Die Wassercompagnien werden abgelöst und in einigen Monaten werden sie nicht mehr existieren. Die Docks werden durch eine revolutionäre That der konservativen Regierung in das Eigentum der Stadt über- geführt. Die Trambahnen, die seit Jahren ein Gegenstand der munici- palen Agitation waren, gehen ebenfalls in den Besitz der Stadt über. Ucber die anständige Bezahlung der städtischen Arbeiter wird nicht mehr debattiert. Ebenso werden die übrigen städtischen Unter- nehmungen allgemein als nützlich betrachtet. In der Wohnungs- frage zeigen die Gemäßigten sogar mehr Eifer als die Progressiven, und die Beseitigung mancher Schank- Konzessionen stößt auf keinen Widerstand.... Die Erfolge des progressiven Programms führten gewissermaßen zu dessen Niedergang. Es fehlt an neuen Inspirationen und die Progressiven sinken zu gewöhnlichen Liberalen herab.... Sogar Lord Rosebery ist jetzt gegen municipale Ausgaben und Fabrik- gesetzgcbung... Das progressive Princip des Grafschastsrats ist entkräftet, es ist deshalb nötig, neue Ideen zu schaffen, neue Träume zu träumen und nach neuen Anwendungen des demokratischen Kollektivismus zu suchen." Webb sieht die nächste Aufgabe des Graf- schaftswesen in der Demokratisierung der Schule.— Vaüeitag der badischeu Sotialdemokillttie. Offenburg, 5. März. Im festlich geschmückten Saale zur„Neuen Pfalz" wurde heute nachmittag 4 Uhr der 14. Parteitag der badischen Socialdemokratie eröffnet. Der Parteitag ist außerordentlich stark besucht: eS sind vertreten 56 Orte durch 76 Delegierte. Außerdem ist die Landtags- fraktion, der Landesvorstand und die Parteipresse vollzählig vertreten. Ferner sind anwesend die ReichStags-Abgeordncten der Partei in Baden und ein Vertreter der bayriswen Pfalz. Die Leitung der Verhandlungen liegt in den Händen der Genoffen Dreesbach und K r o h n- Konstanz. Die T a g e s- O r d n u n g wird wie folgt festgesetzt: 1. Berichterstattung über den„Volksfreund" und Besprechung über die Parteipresse. }. Errichtung einer eignen Druckerei für den„Volksfteund". 3. Geschäftsbericht des Landesvorstandes. 4. Beratung eines neuen Organisationsstatuts. 5. Bericht der Landtagsfraktion. 6. Stellungnahme zum internationalen Kongreß und 7. Diverse Anträge w. lieber den„Volksfteund" berichtet der Geschäftsführer Eugen Geck: Der geschäftliche Stand des„Volksfteund" sei ein durchaus erfreulicher; zum erstenmal werfe derselbe Ueberschuß ab, und zwar betrage der Ueberschuß 4152 M.; die Abonnentenzahl ist im Jahre 1903 von 6800 auf 8900 gestiegen, was wohl in der Hauptsache den Reichstags- und Landtags-Wahlbcwegungen zuzuschreiben sei. In vielen Gegenden des Landes stehe indes der Abonncntenstand noch in großem Mißverhältnis zu den bei den Reichstagswahlen abgegebenen Stimmen; es soll dort mehr für die Presse agitiert werden. Der„Volksfteund" wie er heute ist kann z» wenig bieten, daher kommen wohl auch die Bestrebungen zur Gründung kleiner eigner Blätter in den verschiedenen Landesteilen. Es sei dringend vor solchen Gründungen zu warnen. Der„Volksfteund" werde mit der Ucberführung in die eigne Druckerei in größerem Format er- scheinen und auch öfter Beilagen haben, so daß dann allen Wünschen entsprochen werden könne. In der sehr ausgedehnten Diskussion traten drei Momente hervor:„ein Teil der Redner bringt zahllose kleine Wünsche vor. ein andrer begründet vorliegende Anträge auf Gründung selbständiger kleiner Blätter- besonders wird die Gründung eines Wochen- b l a t t e s für die ländliche Bevölkerung verlangt. Die Lörracher Genossen wollen aus Privattnitteln ein Lokalblatt gründen und ver- langen Anerkennung dieses Blattes als Parteiblatt. Auf finanzielle Unterstützung wollen sie von von, herein verzichten. Der dritte Teil der Redner endlich beschäftigt sich mit der taktischen Haltung des„Volksfreunds". Einzelne Redner greifen den „Volksfteund" wegen seiner taktischen Haltung sehr scharf an und ein Redner, Genosse Kießling- Kehl, sagt dem Redakteur Genossen Kolb. eS sei besser, er kehre der Partei den Rucken, statt in der Weise weiter gegen die Partei-Jnteressen zu verstoßen. Der„Volksfreund" und Kolb finden auch ihre lebhaften Verteidiger; Kolb selbst reklamiert für sich völlige Meinungsfreiheit und meint, daß ein Blatt um so beffer sei. je mehr es das personliche Gepräge des Redakteurs trage. Als von einem Delegierten darauf aufmerksam gemacht wird, daß Kalb doch vom Landesvorstand wegen seiner Haltung gerügt worden sei. bemerkt Kramer. Mit- glied des Landcsvorstandes und Landtags-Abgeordneter: Das sei nicht richtig, der ganze Landesvorstan'd bestehe ja selbst aus Revisionisten.— Diese Bemerkung steht im Widerspruch mit einer Mitteilung im gedruckten Bericht des Landesvorstandes. Die Tis- kussion wird heute nicht zu Ende geführt, gegen 8 Uhr werden die Verhandlungen auf Sonntagvormittag 9 Uhr vertagt. 2. Verhandlungstag. In der Diskussion über den„Volksfreund' wird fortgefahren. Nachdem sich Eichhom-Mannheim noch gegen die revisionistilche Richtung des„Volksfteund" gewendet, wird ein Schlußantrag ange- nommen; eine Resolution Brcitenfeld-Lörrach. welche im zweiten Teil vom.Volksfreund" erwartet, daß er'„i n Zukunft im Geiste der Dresdener Parteitagsbeschlüsse ge- halten wird", findet eine knappe Mehrheit. Die Abstinmiung wird später angezweifelt, die Mehrheit wächst aber und zwar ist nun das Verhältnis 41 zu 31. lieber die Vorarbeiten zur Gründung einer eigenen Parteidruckerei für den V o l k s f r e u n d" berichtet der Vorsitzende des Landesvorstandes, Genosse Pfeiffle. Die Vorarbeiten sind soweit vorgeschritten, daß zum 1. Juli d. I. der.Volksfreund' in eigener Druckerei erscheinen kann. Viele Wünsche gehen dahin, das Blatt sofort achtseitig erscheinen zu lassen. Die GeschäfrSleitnng und Landes- Vorstand gehen nicht daraus ein. Die Maschine ist schon angeschafft und zwar eine vierseitige Rotationsmaschine. Das Blatt soll im Format der„Frankfurter Zeitung" zunächst vierseitig erscheinen und Mittwochs und Sonnabends Beilagen haben. Der Parteitag beschließt dein gemäß. Weiter wird beschlossen, und zlvar fast einstimmig, die Mann- heimer„Volksstimme" in das Eigentum der Partei des ganzen Landes überzuführen. Heute ist das Blatt Eigentum der Mannheimer Parteigenossen. Es wirst ziemliche Ueberscbüsse ab, die durch den Beschluß der Gesamtparrci zugänglich gemacht werden sollen. Den Bericht des L a n d e s v o r st a n d e s der badischen Socialdemokratie erstattet auch Genosse Pfeiffle. Im allgemeinen onstaticrt der Bericht große Fortschritte. Die Reichstagswahlen kosteten viel Arbeit und Geld, eS wurden etwa l'/j Million Flugblätter verbreitet und Hunderte von Versammlungen abgehalten. In sämtlichen 14 Wahlkreisen betrugen die Wählkosten etwa 31 000 M. Die Kassenverhältnisse find recht günstig; im letzten Jahre hatte die Centralkasse eine Mehreinnahme von 2500 M. Die Organisation lvird ausgebaut; zu den bestehenden 96 Vereinen mit 6800 Mit- gliedern sind in den letzten zwei Monaten zehn neue Vereine ge- kommen. In Gemeindevertretungen sitzen in 56 Orten insgesamt über 800 Parteigenossen. Darüber hinaus haben wir noch 28 Gemeinde- räte und drei socialdemokratische Bürgermeister. Die Zahlen sind eher zu niedrig als zu hoch, da die Statistik noch unvollständig ist. In der sehr lebhasten Debatte wird unter anderm verlangt, einen besoldeten Parteisekretär anzustellen. Der An- trag wird abgelehnt. Auch Fragen der Taktik spielen in der Diskussion wieder eine Rolle. Genosse Adolf Geck tadelt, daß der„Volksfteund" gegen Mehring ungerecht gewesen sei, und da der Redakteur Kolb behauptet, der Landesvorstand habe ihm die taknschen Erörterungen untersagt, so fällt der Gecksche Vorwurf aus den Landesvorstand. Genosse Pfeiffle spricht sich sehr scharf gegen Kalbs Haltung in dem Streit nach dem Dresdener Parteitag ai!s; nachdem aus dem ganzenLande Beschwerden über den„Volksfteund" gekommen und nallidem insbesondere jener „Aufruf an die Parteigenossen" im Oktober erschienen, der die Parteigenossen aufruft, sich von dem„Byzantinismus" und„Personen- kultus" gegen die„Führer" ftei zu machen und der von der„Gespeustcrfurcht", dem„Eigensinn" und„überspanntem Selbstbewußtsein einzelner Führer" redet, da sei der Landes- vorstand eingeschritten. Der Aufruf sei ein Skandal gewesen. Da- durch sei dann auch Mehring zu kurz qekominen.— Dem Landes- vorstand wird Decharge erteilt, beschlossen wird ferner, den Vereinen einen Leitfaden für die Erwerbung der Staatsangehörigkeit zuzustellen. Die Nachmittagssitzung beginnt mit der Beratung des OrganisattonsstattitS. Eine Kommission hat den vom Landesvorstand schon dem vorjährigen Parteitag vorgelegten aber wegen Zeitmangel nicht zur Erledigung gekommenen Entwurf vorberaten und beantragt enbloc-Annahme. Der Parteitag beschließt demgemäß und nimmt hierauf das neue Organisationsstatut fast einstimmig an. Das Statut bestimmt, daß sämtliche socialdemokratische Vereine Badens sich der Landesorganisation anznschließen und Beiträge an diese zu zahlen haben. Für einen oder mehrere Reichstags-Wahlkreise werden Agitationskomitees gebildet. Die Landesorganisation wird geleitet durch einen Vorstand von fünf Mitgliedern; derselbe kon- trolliert die principielle und taktische Haltung der beiden Partei- blätter, leitet die große Agitation, beruft den LandeS-Parteitag usw. Zu dem Parteitag könueii die einzelnen Vereine Delegierte im Ver- hältnis zu ihrer Mitgliederzahl entsenden. Die Höchstzahl ist 5 bei über 400 Mitgliedern. Der Monatsbeitrag beträgt in allen Vereinen 20 Pf., davon sind 7 Pf. an die Centralkasse abzuliefern. Weiter berichtet K r a in e r über die Thätigkeit der Landtags-Fraktion. Zu Diskussionen giebt nur die Wahlrechts-Reform Anlaß. Der Parteitag erklärt sich mit der Haltung der Fraktion ein- verstanden. Es wird beschlossen, daß die Fraktion nach icder Session einen schriftlichen Bericht zu erstatten hat. Zun, Internationalen Kongreß in Amsterdam wird Genosse Pfeiffle delegiert. Zum Sitz des Landesvorstandes wird wieder Mannheim ge- wählt; die Mitglieder des Vorstandes wählt die Mannheiiner Organisation. Der nächste Parteitag findet wieder in Offenbnrg statt. Partei-]V acdrickten. Der Parteitag für den oberrheinischen Agitationöbczirk wird am ersten Ostertage in Mülheim a. Rh. abgehalten werden. Es wird unter anderm über die künftige Gestaltting der Parteiorganisation im Agitationsbezirk verhandelt werden. fSocialdcmokratischcr Wahlcrfolg in der Schweiz. Die Gemeinde- versaiiimlung Herisau als Wahlkörper hat unfern Genossen Dr. med. Hertz in Herisau sAppcnzcll) in den KantonSrat gewählt. Socialdemokratische Kulturarbeit. Vor dem Bezirksgericht in Tüffer in Steiermark standen kürzlich die Parteigenoisen M l a k e r und Kokovschek unter der Anklage der Uebertretung des Vereins- und des Versammlungsgesetzes. weil sie die Diskussioiisstundcn der Trifailer Bergarbeiter-OrtSgruppe der Behörde nicht angezeigt hatten. Genosse Mlaker ist seit emiger Zeit in Trifail als Sekretär der Organisation angestellt und er hat sofort eine derart segensreiche Thättgkcit unter den Berg- arbeitern begonnen, daß die Bergbau-Unternchmer die Gendarmen auf ihn hetzten. Namentlich die Diskussionsabende, die er ver- anstaltete, waren ihnen verhaßt, weil die jungen Arbeiter hingingen. die bis dahin am Sonntag in den Wirtshäusern gesoffen hatten und dann die ganze Woche die willfährigsten Sklaven gewesen waren. Da hatte dann ein Gendarm die beiden Leiter der Organisation an- gezeigt, weil bei den DiskussionSabenden auch NichtMitglieder an- wesend gewesen seien, ohne daß man die Versammlung der Behörde angezeigt hatte. Genosse Mlaker verantwortete sich dahin, daß er geglaubt habe, es seien nur Mitglieder anwesend, da er bei der großen Mitgliederzahl nicht alle Mitglieder persönlich kennen könne. Der Richter wollte nun wissen, zu welchem Zweck die Diskussionsabende veranstaltet werden und welchen Erfolg sie haben. Genosse Mlaker antwortete: Ter Erfolg ist der, daß wir durch die Einführung der Diskussionen das erreicht haben, was früher die Polizei und die Gendarmerie durch Jahre nicht erreichen konnten. Die Bergarbeiter in Trifail waren infolge ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage auch geistig sehr zurückgeblieben. Trunkcnheitsexcesse. Raufereien, sogar Totschläge waren an der Tagesordnung. Jetzt kommen nur ver- einzelte Fälle vor. Da ist aber kein Organisierter dabei. Richter zum staatsanwaltschaftlichen Funktionär: Es ist Thatsache. daß es jetzt in Trifail zu keinen Raufereien und Excessen mehr kommt, was mir sehr merkwürdig erscheint. Früher hatten Ivir beinahe jeden Tag eine Verhandlung von Trifail.— Der staatsanwalffchastliche Funknonär bestätigte das. — Bei der Einvernehmung deS Gendarmeriewachtmeisters Prazinek hielt diesem der Richter die Verantwortung des Angeklagten vor: Der Angeklagte behauptet, durch diese Diskussionen moralische Erfolge erzielt zu haben, haben Sie etwas davon wahrgenommen?— Zeuge: Es wird wohl daraufhin gearbeitet.— Richrer: Haben Sie Erfolge oder eine Verbesserung lvahrgenommen?— Zeuge: Es ist Thatsache. daß diese llebclstände beinahe ganz aufgehört haben. Der Richter verurteilte beide Angetlagten, da die Vorschriften des Gesetzes verletzt worden seien, zu der geringsten Strafe von je fünf Kronen Geldstrafe, aber er fügte sofort hinzu: Bon dieser Stelle auS spreche ich den Angeklagten Mlaker und Kokovschek meine vollste Anerkennung für ihre lobcnSivcrtc Thätigkeit unter den Trifailer Bergarbeiter» aus. Die organisatorische Thätigkeit der Arbeiter hat überall diese Wirkungen; daß ein Richter vor Gericht das anerkeintt, könnte jedoch in Deutschland nicht vorkommen. polfteiUckies, Oembtlitbes uf». — Durch Wiedergabe eines Artikels aus einer in Johannisburg erscheinenden englischen Zeitschrift„The Transvaal brita" über Handlungen deutscher Truppen in Südwestafrika soll die„Freie Presse" in Elberfeld einen in Berlin lebenden Major a. D. v. Francois be- lcidigt haben. Dieserhalb wurde in den Räumen des Blattes erst eine peinliche Haussuchung vorgenommen und außerdem wurden sowohl zwei Redakteure des Blattes wie auch der Drucker gerichtlich vernommen. KiZs InduFtnc und Kandel. Abänderung des Reichsstcmpelgcsctics. Der Novelle zum Börsen« steuergesetz wird, wie die„Deutsche Tageszeitung" zu berichten weiß. schon in allernächster Zeit eine Novelle zum Reichsstempelgesetz folgen. Dem Bundesrat ist der Entwurf bereits zugegangen. Wie das Blatt erfahren hat, verfolgt die Vorlage in der Hauptsache den Zweck, den Arbitrageverkehr wieder zu beleben. Es soll beabsichtigt sein, für ausländische Wertpapiere fakultativ eine Art Steucrabsindimg ein- zuführen, wonach die Wertpapiere der betreffenden Kategorie einer stückweisen Abstempelung bei ihrer Einführung in den inländischen Verkehr nicht mehr unterliegen würden. Eine Ermäßigung des Steuersatzes für Wertpapiere ist nicht geplant. Was den An- schaffungsstempel anbelangt, so soll, abgesehen von einigen weiteren Erleichterungen für den Arbitrageverkehr, nur noch für den Verkehr in Reichs- und Staatsanleihen einschließlich der Schatzeinweisungen aus finaiizpolitischen Erwägungen eine Ermäßigiing der Abgabe ge» plant sein, von der man hofft, daß sie in ihrem Endeffekt keinen Ausfall an dem Ertrage der Abgabe, wohl aber eine Besserung der Kurse der erstklassigen Wertpapiere zur Folge haben werde. Syndikats-Preistrcibercien. Kaum ist der Stablwerks-Vcrband zu stände gekommen, so suchen auch schon die interessierten kleineren Verbände die dadurch geschaffene neue Lage zu Preiserhöhungen auszunutzen. In Köln tagten am Sonnabend Vertreter des Roheisen- syndikatS, des Stahlforinguß-Verbandes, der Vereinigung der Band- cisenwalzwerke, des Beirates des Feinblech-Verbandes und der Trägervereinigung der Eisenhändler. Es handelte sich bei diesen Sitzimgen vorzugsweise um eine Aussprache nach dem Zustande- kommen des Snahlwerk-Verbandes. Der Feinblech-Verband faßte eine Preiserhöhung seiner Fabrikate ins Auge. Die andern Verbände werden wohl, wie die„Kölnische Volkszeitung" meint, auch bald mit Preiserhöhungen hervortreten. Wie es scheint, übt übrigens das Zustandekommen des istahlwerks-Verbaudes auf die Entwicklung des Verbandswesens in den einzelnen Zweigen der Eisenindustrie bereits einen Einfluß auS. Es find nämlich die Blech- Walzwerke Ax, Schleifenbaum und Matttier in Siegen und Pfeiffer in Finnentrop dem Feinblech-Verbande beigetreten. Ferner ist es dem Feinblech-Verbande gelungen, mit den Firmen de Wendel in Hayingen und Schleifenbaum u. Co. in Weidenau ein Abkommen zu treffen. In einem gewissen Gegensatz zu dieser Meldung steht die Mit- teilung der„Kölnischen Zeitung", daß der Stahlwcrksverband be- schlössen habe, die bisherigen Preise sür die nunmehr syndizierten Artikel bestehen zu lassen. Jedenfalls handelt es sich aber bei diesem Beschluß nur um ein„vorläufiges" Bestehenlassen; sobald die augenblickliche Flauheit des Stahlmarktes einer besseren Konjunktur weicht, werden die Preiserhöhungen nicht auf sich warten lassen. Verurteilung wegen Depotuntcrschlagnngcn. Der Bankier Fritz Prange aus Weißenfels, welcher sich im Dezember vor. Js. nach bedeutenden Depotunterschlagungen der hiesigen Staatsanwaltschaft gestellt hat, wurde heute vom Naumburger Schwurgericht wegen Unterschlagung in sechs Fällen im Gesamtbetrage von 281 000 M. zu 4 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Die Eiscnkrise in den Bereinigten Staaten von Amerika scheint noch immer nicht den Tiefpunkt der abwärtsgehenden Kurve erreicht zu haben. Nach dem Situationsbericht des Londoner„Jronmonger" ist der Verkehr auf dem Eisenmarkt durchaus träge. Die Möglich- keit eines Streiks der Arbeiter der Kohlenbergwerke übt einen Druck aus. Die Preise von Roheisen scheinen noch weiter abzuschwächen. Dem Ankauf von 130 000 Tonnen Erzen durch den Stahltrust legt man keine Bedeutung bei. Für Ferttgmaterial soll die Nachfrage etwas beffer sein._ Soziales. Für die freie Arztwahl kämpft ein Dr. med. D. aus Dresden in der neuesten Nummer des ärztlichen Korrespondenzblattes mit folgender Scharfmacher- epistel: „Vom politischen Standpunkte aus erscheint also die Einführung der freien Arztwahl sowie die Bezahlung nach der Mindesttaxe als relativ nebensächliche, die Unabhängigkeit der Aerzte von der Kassenverwaltung dagegen als eine wichtige Forderung, wichtig für die Existenz des Aerztestandes als eines socialpolitisch hochbedeutsamen Faktors. Denn gerade wir Aerzte sind es, die wie kein andrer Stand in engster Fühlung mit der Arbeiterbevölkerung stehen und so in stnatscrhnltcndcm Sinne auf sie einzuwirken vermögen, die die berechtigten Wünsche und Bestrebungen der Arbeiterschaft am besten zu würdigen wissen, und die mit in erster Linie berufen sind, den Segen der socialen Gesetzgebung der arbeitenden Bevölkerung zu gute kommen zu lassen. Indem wir Aerzte aber den Kampf gegen die Zwangsherrschast solcher Kassenvorstände aufnehmen, kämpfen wir zugleich für den Staat gegen eine Partei, die sich als Staat im Staate gcbcrdet nnd die für dir bestehende Gesellschaftsordnung eine große Gefahr darstellt. Somit erwächst aber auch für die Staatsregierung eine wichtige Aufgabe. Nicht daß wir verlangen, direkt von ihr unterstützt zu werden— wenn uns auch die aktive Stellungnahme der Regierung in Köln zu Gunsten der Aerzte nicht als einseitige Parteinahme er- scheint, sondern von hoher socialpolitischer Einsicht zeugt. Führen wir, wie die socialistische Presse meint, einen Klassenkampf, nun gut. so müssen wir die Stärkeren bleiben, unter der Bedingung freilich, daß wir energisch und straff organisiert sind. Beftachten wir indes unsre Bestrebungen als eine innere Standesangelegenheit, die zwischen Kassenverwaltungen und Aerzten allein erledigt werden muß. nun gut, auch dann werden wir Sieger bleiben, falls wir an den Erfolg der Selbsthilfe in festem Zusammenschlüsse glauben. Aber in andrer Beziehung sollte die Regierung sich an die Spitze des Kampfes stellen und die Fahne vorantragen: sie sollte das Paktieren mit dem Umsturz a limine ablehnen und überall die socialdcmokratischen Ucbcrgriffc mit fester Faust zurückweisen und, um die Grundlagen der Ruhe nnd Ordnung aufrecht zu erhalten, zu- nächst den klasscnkämpscrischcn Willen brechen, der das Vaterland zerreißt und seine Kräfte lähmt. Als in Crimmitschau die Arrangeure des Streiks sich davon überzeugt hatten, daß die Fabrikaitten eS wirklich ernst meinten und von ihrem Standpunkte nicht zu verdrängen waren, da gaben sie sofort nach. So wird es auch bei unserm Kampfe gehen. Steht die Regierung fest entschlossen auf unsrer Seite, erkennt sie in dem Kampfe der Kassen gegen uns die treibende Kraft der socialistischen Weltanschauung. setzt sie etwaigen Hilfsrufen von dieser Seite ein unerbittliches„Nein" entgegen, so dient sie nicht uns allein, sondern in erster Linie ihrem eigenste» LebcnSintercsse. Und hier zeigt der Staatsregicruug sich eine Gelegenheit, so günstig wie selten sich eine bieten dürste zu erfolgreichem Kampfe: als Akt der Notwehr sollte durch Reichsgesetz bestimmt werden, daß, wie in den Gemeindeverwaltungen so auch i« den ffiranfcnfofTcn die gewählten Beamten der behördliche» Be- pötigung unterliegen."_ Eine Ente läßt das Wolsfsche Bureau aus Leipzig auffliegen. Es verbreitet die offenbar von ärztlicher Seite inspirierte Meldung, der Leipziger Orts-Krankenkasse ständen erst 28 Aerzte statt der von der Aufsichtsbehörde geforderten zur Verfügung. Demgegenüber erklärt der Vorstand der Kasse, daß die Einführung des Systems der Distriktsärzte mit der von der Regierung geforderten Anzahl von Aerzten zum 1. April vollkommen gesichert sei. CkwerKscKaMicKes. Berlin und dmgegeneL Die Berliner Stcinhauer waren Sonntag zahlreich im Englischen Ehrten versammelt, um den Bericht über die weiteren Verhandlungen mit der Innung entgegen zu nehmen und weitere Beschlüsse zu fassen. Der Vertrauensmann� führte aus. die Innung habe erklärt, keine weiteren Zugeständnisse machen zu können, wenn die Meister kon- türrenzfähig nach außerhalb bleiben wollten. Sie hält ihren Vor- schlag aufrecht, den Minimalstundcnlohn auf 75 Pf. zu erhöhen, wenn die Arbeiter den vorgelegten Accordtarif anerkennen. Während ein Teil der Diskussionsredner für Ablehnung des Tarifs eintrat und der Tariflosigkeit den Vorzug gab, um eine günstigere Konjunktur abzu- warten und dann aufs neue vorzugehen, forderten andre die st r i k t e Ablehnung und scharfes Vorgehen. Dem entgegen empfahl der Vcr- trauensmann die Annahme des Jnnungsvorschlagcs, der immerhin einen Erfolg für die etwa 80 Prozent im Lohn Arbeitenden bedeute, die damit einen Aufschlag von 5 Pf. pro Stunde erreicht hätten. Werde der Tarif abgelehnt, setzten sich die Berliner Steinarbeitcr der Gefahr aus, daß noch mehr, wie bisher, Arbeiten außerhalb an- gefertigt würden und die Arbeitslosigkeit sich vergrößere, zumal die Bunzlaucr sich mit den Meistern geeinigt hätten. Auf Vorschlag des Versammlungsleiters wird eine geheime Abstimmung mittels Stimm- zettel vorgenommen darüber, ob der Tarif angenommen werden soll oder nicht. Die Abstimmung ergab die Annahme desselben mit geringer Majorität(12 Stimmen) unter Widerspruch der Minorität. Da nun der Tarif, sowie die Lohnerhöhung in allen Berliner Steinmetzgeschäften, namentlich auch in denen, die nicht d e r Innung angehören, zur Durchführung gebracht werden soll, be- auftragte man die Lohnkommission, den in Betracht kommenden nam- Haft gemachten etwa 25 Firmen den Tarif mit einem Anschreiben zur Annahme zu unterbreiten und der Aufforderung, bis Sonnabend, den 12. d. M., Antwort zu geben. Fällt diese ablehnend aus, ist, ehe eine Arbeitsniederlegung erfolgt, der Kommission Mitteilung zu machen — Nachdem noch drei Vertreter zu der am 1. Osterfeiertage im Ge- wcrkschaftshause stattfindenden Gaukonferenz gewählt wurden, ge- langte noch der Antrag zur Annahme, seitens der Organisation für die Märzgefallenen einen Kranz zu stiften. Tie Graveure der Relief-, Golddruck- und Buntdruckbranche tagten am 7. d. Mts. im„Dresdener Garten" in einer gut besuchten Versammlung mit der Tagesordnung: Berichterstattung über das Resultat der Verhandlungen mit der Meisterorganisation und cnd- gültige Stellungnahme zum Streik. Wenn auch kein positives Er- gebnis zu verzeichnen ist, so erklärte sich doch ein großer Teil der Prinzipale im Princip für den vermittelnden Vorschlag der Ver- treter der Gehilfenschaft auf 50stllndige Arbeitszeit pro Woche. In der Sitzung der Vereinigung der Prinzipale vom 4. d. Mts. wurde in Gegenwart der Gehilfenvertreter beschlossen, durch Fragebogen eine allgemeine Umfrage betreffend Verkürzung der Arbeitszeit usw. zu veranstalten und die Verhandlungen mit den Vertretern der Ge- Hilfenschaft eventuell fortzusetzen. Da zur Zeit nur 5 Angehörige der betreffenden Branchen im Ausstand sind, 15 Meister die acht- stündige Arbeitszeit anerkannt haben, beschloß die Versammlung, den Streik aufzuheben und dort in erster Linie Arbeit anzunehmen, wo die achtstündige Arbeitszeit bewilligt ist. Erst in zweiter Linie ist es zulässig, das Angebot derjenigen Meister anzunehmen, wo pro Woche 50 Stunden gearbeitet wird; Werkstätten, wo eine längere Arbeitszeit herrscht, sollen streng gemieden werden. Es wurden noch drei Angehörige der Relief-, Golddruck- und Buntdruckbranche in die Agitationskommission für Berlin gewählt. Busland. Die Aussperrung in der Diamantindustrie. Aus Antwerpen wird berichtet, daß dort wieder eine Fabrik mit 200 Mühlen und eine mit 50 Mühlen zu den Bedingungen der Arbeiter und mit Einführung des NeunstundcntageS geöffnet wurden. Am Freitag hatten die Juweliere von Antwerpen eine Versammlung, in der zunächst ein heftiger Streit entstand, weil ein Arbeitgeber einen andern beschuldigte, Arbeit ausgegeben zu haben. Sodann wurde bekannt gemacht, daß die Fabrikbesitzer den Juwelieren den Vorschlag machten, von neuem mit den Diamantarbeitern und besonders mit Jef Groesser zu verhandeln. Die Versammlung bt schloß, vorläufig in dieser Sache nichts zu unternehmen, doch die Vorschläge GroesserS abzuwarten und sie, falls der Diamantarbeiter- Verband sich ihnen anschließt, zu prüfen. Auf das Manifest der Antwerpener Juweliere haben nun die Arbeiter ein Gegenmanifest herausgegeben. Sie weisen darauf hin. daß der Zuzug einer großen Zahl von Holländern nur günstig auf die Industrie m Antwerpen wirken kann. Es wird auch noch daran erinnert, daß verschiedene Arbeitgeber, die jetzt so scharf gegen An- ftellung von Holländern protestieren, zuerst in Amerika Fabriken er- öffnet haben auf die Gefahr hin, die ganze Industrie nach dort zu verpflanzen. Nach einer Meldung der„Frankfurter Zeitung" haben Am st er- d a m e r Selbständige init Fabrikbesitzern von Hanau über Vermietung von Mühlen verhandelt. Die betreffenden Fabrik- besitzer sollen sich auch dazu bereit erklärt haben, so daß wahrschein- lich binnen kurzem eine Anzahl holländischer Diamantarbeiter nach Hanau kommt. Für Unterstützung der Ausgesperrten in Amsterdam wurden in der vorigen Woche 27 000 Gulden ausgegeben. An Extra- beitrügen gingen 3600—3700 Gulden ein. Der schweizerische Tcxtilarbeiter-Berband hielt unter dem Vorsitz seines Präsidenten Pfarrer Eugster in Herisau seine Delegierten- Versammlung ab, die von 40 Delegierten besucht war. Dem Verbände gehören 5161 Mitglieder an, wovon 3362 männliche und 1700 weib- liche. Einstimmig beschlossen wurde der Anschluß an das inter- nationale Textilarbeiter- Sekretariat, ferner die Beschickung des Berliner Heimarbeiterschutz-Kongresses durch Arbeitersekretär Greulich als Delegierten und die Forderung an alle Fabrikanten, in deren Betrieben noch länger als 10 Stunden gearbeitet wird, um Ein- führung des Zehnstundentagcs._ Beim Rixdorfer Gewerkschafts- Kartell gingen für die aus- gesperrten Crimmitschaucr Weber seit dem 14. Januar 1904 folgende Beiträge ein: Iilvcstcrfeier bei Hoppe 4,—(dieser Betrag ist das letzte Mal vergessen worden). Gemütliche Küche, Jägerstrasze, 7. Rate 3,50. Ofensetzer der Firma Bär 5,50. Bon einem gemütlichen Fetzen 1,20. Töpfer der Central-Kranken- kasse nebst Budiker 2,50. Radsahr- Ncrcin„Nixdorf" 5,30. Kranken- Unter- stützungsuerein der Schmiede von Rixdors 3,60. Central-Kranken- und Sterbckasse der Maler, Filiale Rixdors 40,—. Maler von Petersen, Bau Emserstratze 6,05. Sammlung von einem Zithcrklub in Rixdors 5,50. Aus Listen gingen ein: Nr. 663 4,70. 672 7,60. 679 7,13. 680 9,70. 681 16,75. 682 17,75. 693 8,05. 694 6,55. 703 6,90. 705 4,80. 706 0,50. 707 2,35. 708 4,—. 720 8,05. 727 8,50. 742 4,30. 744 5.—. 754 9,35. 763 3,15. 766 4,40. 767 12,90. 768 2,50. 773 1,50. 774 10,87. 776 5.30. 777 2,20. 778 14,85. 779 5,25. 790 1,90. 792 11,45. 793 13,20. 794 3,10. 802 3,80. 803 7,33. 805 3,50. 806 3,10. 807 6,—. Schluhquittung. Ausstehen noch solgcnde Listen: Nr. 569. 712. 732. 772. 786. 799. 804. Die Inhaber der letztgenannten Listen werden ersucht, dieselben inner- halb acht Tagen abzurechnen, ebenso diejenige», welche noch Billcts von der Matinee abzurechnen haben; eventuell werden die Namen verösfentlicht. Der Obmann: A. H e n d r i s ch k e. kommunales. Die angekündigte Aussperrung der dänischen Buchbinder ist 14 Tage hinausgeschoben worden. Die Meister hatten, als sie ihren Aussperrungsbeschluß faßten, nicht die für solche Fälle in dem Ueber- einkommen von 1899 vorgesehenen Bestimmungen beachtet. Nach- den, der Verband der dänischen Gewerkschaften die dänische Arbeit- geber- und Meistervereinigung auf diesen Fehler aufmerksam gemacht hatte, sah man sich genötigt, die Aussperrung zu vertagen. ES ist jedoch sicher anzunehmen, daß sie nunmehr am 19. März erfolgt. Lohnbewegungen in der Schweiz. Die organisierten Buchdrucker der französischen Schweiz sind in eine Bewegung eingetreten für den Abschluß einer Tarifgemeinschaft mit den Unternehmern, die zugleich verschiedene Verbesserungen der Arbeits- und Lohnverhältnisse bringen soll.— Die Malergehilfen in Zürich haben den Meistern folgende Forderungen unterbreitet: 9Vs stündige Arbeitszeit im Sommer und mindestens 7 stündige im Winter, minimaler Stundenloh» von 55 Cents, wöchentliche Lohnzahlung_ und zwar spätestens eine halbe Stunde nach Feierabend. Längeres Warten ist als Ueberstunde zu bezahlen, Lohnzuschlag von 50 Proz. für Ueberstunden und von 100 Proz. für Nacht- und Sonntagsarbeit, Verbot der Akkordarbeit, Zulage von 1 bis 2 Fr. per Tag bei aus- wärtiger Arbeit sowie Fahrtentschädigung.— Die Arbeiter der Mühlenbaugeschäfte in Goldach und Gotzau(St. Gallen) erreichten den Zehnstundentag, minimalen Tagelohn von 4,80 Fr. für Holz- arbeiter und 6 Fr. für Metallarbeiter, Lohnzuschlag von 60 Proz. für Ueberstunden und 100 Proz. für Sonntag sarbelt, 5 Proz. Lohn- erhöhung für alle Arbeiter mit bisherigem Tagesverdienst von 6 Fr. und darüber, Bezahlung von Kost und Logis bei auswärtigen Arbeiten durch die Geschaftsleitung. Schöne Erfolge. I» der gestrigen Sitzung de-S EtatSausschufseS wurde Besoldungsfragen verhandelt. Zunächst gelangten die dem Ausschüsse llberlvicsenen Vorlagen, die eine Verbesserung der Gehaltsverhältnisse der Betriebsbeamten ani städtischen Vieh- und Schlachthof sowie eine Regelung der Bezüge der Steucrcrheber als auch der der ständigen Hilfsarbeitcrinnen des Statistischen Amtes vorsehen, nach den Magistratsanträgen zur Erledigung. Hinweise darauf, daß die Aufbesserung bei den Bctriebsbeamtcn des Vieh- und Schlachthofes außerordentlich ungleich und sehr sprunghaft vorgenommen feien, wurden damit beantwortet, daß man die für die Markthallen geltenden Grundsätze für eine gleiche Thätigkeit zu Grunde gelegt habe. Eine Petition der Steuererheber fand keine Berücksichtigung. Die Vorlage, die Vermehrung der Stellenzahl betreffend, gab Veranlassung, die Frage der Steuererhebung eingehender zu den- tilieren. Die Zahl der Steuererheber wachse und somit auch die Höhe der Kosten. Warum ziehe man überhaupt die Steuern auf die bisherige Weise ein? Verschiedene Städte hätten die Einrichtung, daß die Steuer gebracht werden müsse und es ginge. Warum nicht in Berlin? Es möchten lieber die Zahlstellen vermehrt werden; es würden eine Menge Kosten gespart. Dem gegenüber wurde betont, man könne andre Städte nicht ohne weiteres mit Berlin vergleichen; der hier an der Tagesordnung seiende große Verzug erschwere eine solche Einrichtung. Kosten würden auch nicht gespart werden; es müßten dann mehr Exekutivbeamten angestellt werden. Schließlich wurde beschlossen, in einer Resolution den Magistrat zu ersuchen, Erwägungen über die Einführung einer Bring- Steuer an Stelle der Hol- Steuer anzustellen. Die Vermehrung der Stellenzahl wurde gutgeheißen. Eine Petition der Vermessungstechniker fand bei dem betreffenden Etatstitel durch Uebergang zur Tagesordnung ihre Erledigung. Für das Rudolf Vircholv-Ärankenhaus, das nach den Versicherungen des Baurats im Herbst 1905 fertiggestellt sein soll, sind 9200 Mark als Gehalt für einen Verwaltungsdirektor eingesetzt. Diese Position gab Veranlassung zu einer Debatte, ob der betreffende Direktor ein Arzt oder nur ein akademisch gebildeter Mann sein soll. Diese Frage hat bereits die Kranken- Hausdeputation beschäftigt und es wurde gestern von ärztlicher Seite recht lebhaft dafür plädiert, daß ein Arzt an der Spitze dieses Krankenhauses stehen müßte. Der Magistrat steht aber auf dem Standpunkt, daß ein Gemeindebeschluß vorliege, nach dem ein akademisch gebildeter Mann angestellt werden solle, dem zwei ärzt- liche Berater zur Seite stehen. Es wurde beschlossen, anstatt Ver- w a l t u n g s direktor nur Direktor zu sagen, damit die Qualifikation des Betreffenden— ob Arzt oder nicht— noch eine offene bleibe. Ei» Antrag, die für den Inspektor des Obdachs. Ulrich, an- gesetzte Erhöhung von 200 M. zu streichen, weil dieselbe für diesen Mann ein Vertrauen bedeute, wurde mit Stimmengleichheit abgelehnt._________ Gerichts-Zeitung. Knipke vor Gericht. Im Verlage von Hermann Lazarus er- schien vor längerer Zeit ein heiteres Werk unter dem Titel:„Knipke. Scenen aus dem Berliner Leben. Vom Roland von Berlin." Es war dies eine durch Illustrationen vermehrte Zusammenstellung von humoristisch- satirischen Skizzen, die vor fast drei Jahren schon in einer hiesigen Zeitung unbeanstandet erschienen waren. Jetzt ist das Buch plötzlich als unzüchtig erachtet und gegen Herrn Lazarus die Anklage wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften erhoben worden. Gegen den Verfasser konnte nicht mehr vorgegangen werden, da bei ihm Ver- jährung vorlag. Zum gestrigen Termin vor der dritten Straf- kammer des Landgerichts I waren Prof. Ludwig P i e t s ch, Dr. Paul Lindau und Dr. Fritz M a u t h n e r als Sachverständige geladen und die beiden erstgenannten auch erschienen. Für die Verhandlung wurde die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Dem Vernehmen nach haben Prof. Pietsch und Dr. Paul Lindau ihr Gutachten dahin abgegeben, daß das Werk nicht nur nicht unsittlich, sondern ein Kunstwerk sei, dessen Humor über die erlaubten Grenzen nicht hinausgehe. Es handle ich um eine Satire, und bei einer solchen sei eine derartige Form iesonders beliebt, um unter Lachen den Menschen die Wahrheit zu 'agen.— Der Staatsanwalt beantragte die Verurteilung des An- geklagten zu 3 0 0 M. Geldstrafe, Rechtsanwalt Masse dagegen ?ie Freisprechung. Das Gericht kam zu folgender Entscheidung: Das Gericht verkennt nicht, daß die vorliegende Schrift lange nicht die schlechteste ist und daß auf litterarischem Gebiet oft weit mehr An- stößiges produziert wird, was viel eher vor das Forum gezogen werden müßte. Allein, wo kein Kläger, da ist auch kein Richter. Das vorliegende Buch enthält eine Reihe von Stellen, die geeignet ind, das normale Scham- und Sittlichkeitsgefühl des deutschen Volkes zu verletzen. Es gicbt gewiß viele, die an diesen Stellen keinen Anstoß nehmen, aber mindestens ebenfo viele, bei denen es der Fall ist. Der Gerichtshof hat den Angeklagten zu 150 M. Geld- träfe verurteilt und gleichzeitig auf Einziehung des Buches usw. erkannt. Mit einem recht eigenartigen Zwischenfall von allgemeinem Interesse begann gestern eine neue Tagung des Schwurgerichts am Landgericht I unter Vorsitz des Landgerichtsrats C a s p e r. Wegen Meineides und Verleitung zum Meineide waren der Kutscher Julius Lau und der Inspektor Julius Hanke angeklagt. Nach- dem der Vorsitzende die Geschwornen aufgerufen und festgestellt hatte, daß 26 Geschwonie anwesend seien, erklärte er: er halte sich— da es sich um eine neue Tagung handle— für verpflichtet, den Ge- 'chworneii eine allgemeine Rechtsbclchrung für alle Sachen vorauszuschicken, während er die Rechtsbelehrung, die im Anschluß an den konkreten Einzelfall zu geben sei. am Schlüsse jeder Ver- Handlung geben wolle. Er hielt darauf einen etwa 20 Minuten dauernden Vortrag über die Pflichten des Richters, des Geschwornen, und erläuterte insbesondere, wie die Beweise zu beurteilen seien. •erner auch, daß die Bestrafung, auch wenn menschlich es sich um vielleicht unwichtige Dinge handle, eventuell erfolgen müsse, wenn die Schuld ertvicsen sei, sodann daß die Geschwornen der Gnade nicht vorgreifen dürfen, und erwähnte schließlich die Einwände der Be» wußtlosigkeit und der mangelnden bösen Absicht, die so lost gemacht loürden. Nachdem der Vorsitzende geendet, erklärte Rechtsanwalt Dr. W e r t h a u e r als Verteidiger des Angeklagten Hanke, daß er eine derartige allgemeine Rechtsbelehrung für unzulässig halte, da nur am Schlüsse einer jeden Sache eine solche zulässig sei. Er beantragte daher, den Vorgang selbst zu protokollieren und durch Beschlutz die Belehrung als nicht geschehen zu erklären, damit die Verhandlung selbst ohne Rücksicht auf die Belehrung vor sich gehen könne.— Nach langer Beratung erklärte das Gericht, es habe zwar dem Wunsche der Protokollierung entsprochen und die Vorgänge in einem— besonderen— Protokoll festgestellt, halte aber die Be- lehrung für zulässig, da die eigentliche Verhandlung der Sache Lau noch nicht begonnen habe, also eine Verteidigung noch nicht in Wirksamkeit treten könne.— Nachdem dann die Verhandlung be- gönnen, wiederholte Dr. Werthauer nunmehr ausdrücklich als Vcr- teidiger seinen Antrag, die vorherige allgemeine Rechtsbelehrung, die unzulässig sei und eventuell von Einfluß sein könne, als nicht wirksam zu erklären, indem er hinzusetzte, es komme bei seinem An- trage natürlich nicht nur auf die vorliegende Strafsache an, er halte vielmehr die Angelegenheit für eine äußerst wichtige. Die Ge- schworncn bildeten mit dem Richter„das Gericht", sie seien auch rechtlich dem Richter völlig gleichgestellt, und deshalb könne ein Teil- des Gerichts nicht den andren über seine Rechtspflichten öffentlich belehren. Deshalb habe, wie auch das Reichsgericht anerkannt habe. das Gesetz jede Belehrung außer der Rcchtscrläuterung am S ch l u s s e der Verhandlung untersagt. Eine weitere Ausdehnung der Belehrung und Ermahnung sei durchaus unzulässig und auch unnötig.— Das Gericht beschloß jedoch: die allgemeine Rechts- belehrung sei nicht als unwirksam zu erklären, da sie v o r der Vcr- Handlung, gleichsam als private Ansprache über die Heiligkeit des Eides und als Ermahnung über die allgemeinen Richtcrpflichten zu erachten sei. Der schriftliche Protest des Verteidigers sei aber doch als solcher beachtet und dem Protokoll beigefügt worden, damit eine höhere Instanz die Sache nachprüfen könne.— Die Verhandlung in der Anklagesache selbst verfiel der Vertagung, da der Angeklagte Lau. der früher ei» Geständnis abgelegt hatte, dies im gestrigen Termin widerrief, so daß die Ladung weiterer Zeugen notwendig wurde. Versammlungen. Friedenau. Der Wahl verein beschäftigte sich in seiner letzten Versammlung, die sehr gut besucht war, erneut mit den bevorstehenden G e in e i n d e r a t s- W a h l e n. Es wurde fest» gestellt, daß, wie die Dinge liegen, nur die dritte Abteilung und in ihr auch nur die Wahl für den einen Nichtangesessenen(Mieter) für unsre Wahlbewegung in Frage kommen könnte. Als Kandidat hierfür wurde einstimmig Genosse G r u n w a l d aufgestellt. Die Wahl für die dritte Abteilung findet am Montag, den 14. März, abends von ö'/o bis 8 Uhr im Restaurant Rheinschloß statt. Am Sonntag vorher" soll, wenn ein größerer Saal zu bekommen ist, noch eine öffentliche Versammlung stattfinden; Sonntag früh findet unter allen Umständen eine zweite Flugblatt-Verbreitung statt, auf die schon jetzt aufmerksam gemacht sei. Ceutralverband deutscher Textilarbeiter(Filiale Berlin IV, Stickereibranche). Mittwoch, 9. März, abends 8ffz Uyr, in den„Armin- ballen", Kommaudantenstr. 20: Versammlung.'Vortrag des Genossen S. Katzcnstein;„Die sociale Bedeutung der Konjumgenossenschajt". �et2te Nachrichten und Depefchen. Unterhaus. London, 7. März.(W. T. B.) In Beantwortung einer An- frage bemerkt Unter st aatssekretär Earl Percy: Der Regierung sei nicht bekannt, daß in Belgrad irgendwelche Schritte gethan seien, um die Personen vor Gericht zu stellen, die für die Ermor dung des Königs Alexander und der Königin Traga von Serbien verantwortlich seien, oder um den Abscheu vor diesem Verbrechen öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Unter diesen Umständen sei es nicht möglich, eine Mitteilung über die Aussichten einer Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Serbien zu machen. Lawson Walton fragt an, ob im Hinblick auf die Erklärung Rußlands, es beabsichtige. Kohle als Kriegs- kontrebande zu betrachten, die Aufmerksamkeit Balfours auf die Erklärung des russischen Bevollmächtigten im Jahre 1834 auf der sogenannten Kongokonferenz in Berlin gerichtet worden sei, in welcher dieser erklärte, die russische Regierung werde sich niemals damit einverstanden erklären, daß Kohle unter diejenigen Artikel gesetzt werde, tvelche nach dem internationalen Recht als Kriegs- kontrebande angesehen tvürdcn. Premier ni in i st er Balfour erwidert hierauf, die Regierung habe Kenntnis von dieser Erklärung. Die Sache sei von der größten Wichtigkeit und die Regierung habe bereits die nötigen Schritte gethan, um eine genauere Auskunft zu erlangen über die Auslegung der russischen Erklärung betreffend Kriegskontrebande. In Beantwortung einer weiteren Anfrage führt Unterstaatssekretär Perch aus. der englische Gesandte in Peking sei aufmerksam geworden auf gewisse gehässige Schmähartikcl gegen Rußland, die in Tientsin in der„China Times" veröffentlicht worden seien. Der Gesandte habe veranlaßt, daß ein Verfahren gegen den Herausgeber des Blattes vor dem britischen Konsulargericht in Tientsin gemäß Artikel 106 der für China und Japan im Jahre 1865 festgesetzten Konsular-Bestimmungen eingeleitet werde. Dieser Artikel sehe vor, daß, wenn irgend ein britischer Unterthan in China eins Handlung begehe, die geeignet sei, den öffentlichen Frieden zu stören. der Gerichtshof von diesem eine Garantie verlangen könne, daß er sich für die Zukunft anders verhalte, oder ihn ausweisen könne für den Fall, daß der Betreffende diese Garantie nicht zu geben vermöge. Die Regierung billige das Vorgehen des britischen Gesandten. Ein neuer Angriff auf Wladiwostok? Petersburg, 7. März.(W. T. B.) Der Statthalter Alexejew hat dem Kaiser aus Mnkden vom heutigen Tage folgendes Tele» gramm zugehen lassen: In Ergänzung meines Telegramms vom 6. d. Mts. melde ich allerunterthänigst, daß um 1 Uhr 25 Minuten nachmittags von sieben feindlichen Schiffen fünf gegen die Forts Suwarow und Minewitsch sowie gegen die Stadt und die Reede im Thale des Flüßchens Objasnenije das Feuer eröffneten._ Dasselbe dauerte bis um 2 Uhr 15 Minuten, worauf das japanische Geschwader nach Süden zu dampfen begann und um 6 Uhr 30 Minuten außer Sicht kam. Auf den Batterien und� in den Befestigungen hatten wir keine Verluste. In der Stadt ist ein Matrose verwundet und eine Frau getötet worden. Nach einer eben ein- gegangenen Meldung ist ein feindliches Ge- schwader heute früh 8 Uhr abermals in Sicht der Festung erschienen.__ Naumburg, 7. März.(93. H.) Der Bankier Prango wurde vom Schwurgericht wegen Depotunterschlagung in sechs Fällen im Gesamtbetrage von 231 900 Mark zu vier Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Zusammenbruch des Bank- Hauses erfolgte am 14. Dezember v. I. mit'/« Millionen Mark Passiven und 100 000 Mark Aktiven. Prag, 7. März.(W. T. B.) Das Stadtv'erordneten-Kollegium beschloß auf Antrag Podlipnys, an den Statthalter eine Deputation zu entsenden, um einen Protest gegen den Bummel der deutschen Stu- deuten zu erheben. Kairo, 7. März.(Meldung der„Aaence Habas".) Man spricht hier von einem ernsten Zwischenfall zwischen dem russischen Agenten Maximow und der ägyptischen Regierung in der Frage der Kohlen- Versorgung des russischen Geschwaders im Suezkanal und im Roten Meer. cbeiten durch oie Geschaftsleitung. Schone Erfolge. vielleicht unwichtige Tinge handle, eventuell erfolgen müsse, wenn morcn mcecr,__ KklMtw. Redakteur.: Julius KaliSki, Berlin. Inseratenteil verantw/: Th, Glocke, Berlin, Krück U.Verlag: VorwärtZBuchdr.u. Verlagsanstalt Paul Singer L:Eo., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen», Unterhaltungsblatt Hr. 57. 21. Jahrgang. 1. Stiiage im„öoriüirts" Derlim UxIksM Dienstag, 8. März 1904. R.eicl)stag. 81. Sitzung. Montag. 7. März 1804, 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: v. Einem. Die zweite Lesung des Militäretnts wird fortgesetzt heim Titel »Gehalt des Kriegsministers". Abg. Dasbach(C.): Das vom Grafen MielzynSli erwähnte Vorkommnis, wobei ein Geistlicher von einem Offizier beleidigt wurde, verdient doch weiteren Kreisen bekannt zu werden. Noch schlimmer ist es, daß bei der Einweihung des Kaiser Wilhelm-Denkmals in Thorn anläßlich eine« Maskenballs der Offiziere das heilige Sakra- ment der Beichte verhöhnt wurde. Beim Dliell kommt es weniger darauf an, ob ein Fall mehr oder minder im Jahre vorkommt. Wir wünschen eine andre pnndpielle Lösung dieser Frage. Wir Ivollen nicht, daß ein Ehrenrat jemals das Duell zuläßt. Der Sitz des Uebels ist die Verachtung des Gesetzes. Hat doch im Vorjahr selbst von dieser Stelle aus ein Abgeordneter erklärt, er würde in gewissen Fällen trotz seiner weißen Haare zur Waffe greifen. sHört! hört! im Centrum.) Ein Hauptmann, der in einem von ihm verschuldeten Duell einen Stabsarzt tötete, ist mit allen Ehren begraben worden. Das widerspricht den elementarsten Forderungen der Sittlichkeit. Ein Mitglied einer Stadtverordneten-Versammlung ist wegen einer dort gefallenen Aeußerung geohrfeigt und erschossen worden. Das ist ganz einfach ein gemeiner Mord. Der König von Sachsen hat bei der Gründung der Anti-Dnellliga den Be- strcbungen seiner Konfession zur Ausrottung dieses Uebels seine volle Teilnahme versichert. Weder im englischen, noch im belgischen Heer hat seit mehr als cinenl Jahrzehnt ein Duell stattgefunden. Weshalb sührt der Kriegsminister nicht in Deutschland denselben Zustand ein? Aber die Verordnung müßte lauten: Jeder Offizier, der sich duelliert, wird aus der Armee ausgestoßen. Abg. Bebel sSoc.): Ich habe vergeblich darauf gewartet, was der Kriegsminister mit seinen ollen Kamellen meinte. Er hat keinen der von mir angeführten Fälle als alt bezeichnet, sondern nur gesagt, das sei gar nicht vor- gekommen, oder er wüßte nichts davon. Besonders den Vorfall mit der Divisionskoinmiindensc hat er als baren Unsinn bezeichnet und dabei, wie üblich, lebhaften Beifall der Mehrheit gefunden. Er hat mich belehrt, daß in Allenstein gar kein Divisionskommando steht. Aber ich habe ja nur von einer großen Garniso» im Osten Preußens gesprochen, da giebt es doch recht viele, ich will ihm nur Posen nennen, vielleicht kommt er dann der Sache etwas näher. Dort hat sich der Fall vor einem Jahre zugetragen, und was da möglich ist, wissen wir ja aus dem Fall Löhn in g. Der Fall des Generals v. Bissingcn ist ihm ebenfalls unbekannt. Ich habe aber alle Ursache, an meiner Darstellung festzuhalten und ersuche ihn dringend, eine Untersuchung anzustellen, ins- besondere die Stabsordonnanz dieses Generals zu ver- nehmen, die vor dem Kriegsgericht diese Anklagen erhoben hat. Soeben habe ich einen neuen Brief aus Münster erhalten, der mir weitere Einzelheiten mitteilt. Auf die Berabschiednng des Erbprinzen von Sachsen-Meiningcn ist er auch nicht eingegangen. Ich habe übrigens gar nicht gesagt, daß der Prinz verabschiedet worden ist, sondern nur, daß er seinen Abschied genommen hat. Daß�das ein Unterschied ist. weiß der Kriegsministcr besser als ich. fSehr richtig! rechts.) Jedenfalls hat der Erbprinz seinen Aufenthalt in Breslau außerordentlich ungern eingebüßt und ist von seiner Beförderung zum Armee-Inspektor nicht entzückt gewesen. Ganz besonders wundere ich mich, daß der Kriegsminister nicht auf die Ausführungen meines Genossen Gradnauer über den Fall Arrnberg eingegangen ist. ES wäre doch sehr Wünschenswert, die Grundsätze über die Anstellung von Offizieren bei dieser Gelegenheit zu erfahren. Prinz Prosper.Arenberg war von Kindesbeinen an ein geistig und moralisch durchaus unqualifizierbareS Subjekt, das in keiner staatlichen Stellung geduldet worden ist. Aber trotz aller Roheiten und Brutalitäten, für die er in keiner Weise zur Verantwortung gezogen worden ist, konnte er jahrelang Offizier bleiben! Schließlich wollte man ihn wohl los sein und schickte ihn nach Südwestafrika, wohin nur die b e st- beleumundeten Offiziere gehen sollen. In diesem Fall scheint sich aber die Kolonialverwaltung ganz besonders böse getäuscht zu haben. Denn daß die Militärverwaltung den Prinzen Arenberg in ihrem Führungszeugnis als besonders quali- s i z i e r t bezeichnet hat, kann ich mir doch nicht denken. Ich hatte schon damals, als der Mord mit seinen scheußlichen Einzelheiten bekannt wurde, den Eindruck, daß solcher Roheit nur ein geistig und moralisch außerordentlich tiefftehender Mensch fähig sein könne. Ich wünsche nur, daß all den unglücklichen Irren, die heut die Zuchthäuser oder Gefängnisse füllen, die gleiche Hilfe erstehe» möchte, daß man in der Armee mehr als bisher der Psychologie seine Aufmerksamkeit zuwendet. Von Offizieren sind mir ja ähnliche Fälle nicht bekannt, aber unter den mißhandelten Soldaten befindet sich eine große Zahl geistig minderwertiger, die von Anfang an aus der Armee hätten entlassen werden müssen.(Sehr richtig! bei den Socialdemokratcn.) Der Kriegsministcr erklärte, die Armeeverwaltung sei stets den Mißhandlungen aufs schärfste entgegengetreten. Das habe ich nie bestritten. Es wäre ja auch ein unerhört trauriger Zustand, wenn die Militärverwalttmg ihnen passiv oder gar billigend gegenüberstünde. Aber eine Besserung ist in dieser Beziehung nicht eingetreten. Im übrigen aber hat die socialdemokratische 5Uttil doch gewirkt. Das hat ein Staatsanwalt in Halle in offener Gerichtsverhandlung rück- haltlos anerkannt. Die Besserung der Verhältnisse ist ja der Zweck unsrer Kritik. Sind es doch auch unsre Söhne und Brüder, die in der Armee dienen. Wir betrachten die Dienstpflicht als ein vor- nchmeS Recht jedes Staatsangehörigen. Wir Wollen sie allgemein durchgeführt sehen, aber in einer nicht längeren Dauer, als unbedingt notwendig ist. Daß die Gegensätze immer schärfer werden und auch in der Armee zum Ausdruck gelangen müssen, ist nicht unsre Schuld, sondern die Folge der ökonomischen Entwicklung in der kapitalistischen Gesellschaft. Auch in Dresden habe ich nur Thatfachen konstatiert und jeden Versuch unterlassen, sie im Sinne meiner Partei auszubeuten. That- fache aber ist, daß auch die Armee in der größten Unzufriedenheit ist und s e l b st die Offiziere mit vielem in ch t mehr einverstanden sind. Die ganze Litterawr, auf die wir uns bei unsrer Kritik berufen, stammt ja von ehemaligen Offizieren der Armee oder von Offizieren, die sogar noch im Dienst sind. Alle diese Männer sind die grimmigsten Gegner der Socialdemokratie. lSehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Herr v. N o r m a n n hat die Werke dieser Männer als„Schmähschriften", als»unwahre Z e r r- b i l d e r" bezeichnet, die bei seinen Freunden tiefste Entrüstung erregten.(Lebhafte Zustimmung rechts.) So urteilen Sie(nach rechts) über die Arbeiten des Generals a. D. von Bruch- Hammer, des Generals a. D. Mcerschcidt- Hüllesscm, des Frhr. v. Blume, des Obersten a. D. Gacdke, des Hauptmanns Clausen an vieler andrer! Dieselbe Stimme des Hochmuts und Uebermuts, die alles aufS beste bestellt glaubt und in jeder Kritik der Armee eine Majestätsbeleidigung sieht, herrschte auch vor 18V6.(Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten.) Niemand durfte damals die Armee Friedrichs des Großen tadeln. Man war auf seinen Lorbeern eingeschlafen und hatte nichts gelernt von der großen Volkserhebung im Westen. Bei Valmy im Jahre 1702 lernte der Herzog von Braunschweig kennen, lvas die Revolutionsarmee, die Armee von EansculotteS, leisten konnte. Damals sprach Goethe das denkwürdige Wort:»Von diesem Augenblick an beginnt eine neue Epoche der Weltgeschichte". Hätte Preußen und sein König das auch eingesehen, so wäre dem Staate vielleicht Jena crsvart geblieben. Aber das Boll war damals eine willenlose Herde, ein Kleinbürgertum, im Sumpfe dahinlebend, ein Bauerntum, das unter der Last der Fronde seufzte. Die Junker waren die Herren in Armee und Staat. Diese Junkerherrschaft hat bei Jena und Auerstädt den schmählichsten Schiffbruch erlitten(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten), und es besiegelte diesen seinen Zusammen- druch durch die verräterische Ucbcrgabe der Festungen. Da endlich setzte die Reorganisation des Staates durch Stein, Hardenberg, Scharnhorst und Gneisenau ein. Scharnhorst besaß keine militärische„Haltung", ebenso wenig wie tztapoleon, der nicht einmal ein Bataillon Artillerie in der vorgeschriebenen Weise üben lassen konnte und doch der größte Feldherr aller Zeiten wurde. Die Thaten von 1813 und 14 beweisen, daß eine schwache Regierung und Niederlagen für ein Volk viel besser sind als eine starke Regierung und Siege.(Gelächter rechts.) Daß diese Rede bei Ihnen keinen Eindruck macht, versteht sich von selbst I Wann hätte es jemals iu der Geschichte eine herrschende Klasse gegeben, die Vernunft angenommen hätte?(Lautes Gelächter rechts.) Jede herrschende Klasse ist an ihrer Borniertheit zu Grunde gegangen!(Erneutes höhnisches Lachen rechts.— Graf Oriola ruft: Der Zukunftsstaat!) Herr Graf, der Zukunstsstaat der Social- demokratie ist ungefähr dasselbe, was einst für die feudale Gesell- schaft der bürgerlich-liberale Staat war. Derselbe Hohn traf einst den emporstrebenden Liberalismus von den Vorfahren jener Herren, die heute noch als die letzen Rudimente einer untergegangenen Ge- sellschast hier im Hause sitzen!(Stürmischer Widerspruch rechts.— Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten.) Der Kriegsminister hat die ebenso neue wie beweislose und ver- kehrte Theorie aufgestellt, die Socialdemokratie sei schuld an den Mißhandlungen. Nun, Sie werden sich wohl oder übel mit der allmählichen Zunahme der Socialdemokratie im Heere wie im Volke abfinden müssen. Am stärksten wird das in der Reserve, der Land- wehr, den Regimentern, die sich aus den großen Städten rekrutieren, und den Pionierbataillonen sein, in denen städtische Handwerker, fast ausschließlich Socialdeniokraten, am zahlreichsten sind. Auch die als Staats- und Religionsfeinde verfolgten ersten Christen wurden im dritten Jahrhundert so übermächtig, daß sie entgegen dem Willen der Cäsaren ihr Kreuz an die Helme schlugen. Wir werden ja nun keine roten Blumen an unsre Helme stecken(Stürmische Heiterkeit), aber die Gesinnung bleibt doch. Sie können keinen siegreichen Krieg mehr ohne uns führen und siegen nur mit, nicht gegen uns.(Vielfaches Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Wenn es sich je bei einem Krieg um Deutschlands Existenz handelt, werden auch wir bis zum letzten Mann kämpfen, um unser Vaterland, unfern Boden zu verteidigen. Allezeit und jederzeit werden wir den Versuch auch nur ein Stück Boden von Deutschland abzureißen, bis zum letzten Atemzug bekämpfen.(Zuruf rechts: Sehr schön!) Ich rede nicht Ihnen zu Liebe. Aber nach den immerwährenden Angriffen Ivollte ich doch endlich einmal klarstellen, daß Sie nicht so einfach über uns hinweggehen können, daß wir nicht gewillt sind, uns maltraitieren zu lassen.— Der Kosmopolitismus bestand 1806 nur in der französischen Bildung der herrschenden Klassen und des Junkertums.— Wir sollen die Disciplin in der Armee zerstören, aber nicht die Disciplin, die in der Uerberzenguna wurzelt, daß das Erstrebte etwas Nützliches ist. Nur die schafft die Freudigkeit, die Freiwilligkeit und den Gehorsam in der Armee. Diese sollten Sie in die Armee hineintragen, dann brauchten Sie nicht die bar- barischen Strafen, die in schneidendem Widerspruch stehen zu allem, was Kultur heißt.(Sehr richtig bei den Socialdemokraten.) Die Empörung gegen die Offiziere wächst ständig. Erst in diesen Tagen hat sich ein höchst unangenehmer Kall in Bautzen ereignet, wo ein ganz unschuldiger Mann, ein hochachtbarer Offizier von der asti fs hoch st e erregten Bevölke- rung schwer verwundet wurde. Solche Ausschreittmgcn verurteilen wir gerade. aufs allerschärfste. Aber Sie kommen darüber nicht hinweg, wenn Sie diese Vorfälle einfacki abstreiten. Wir haben doch nicht die Klagen über den Luxus und die andern Mißstände er- hoben, sondern die b ü r g e r l i ch e Presse. Aber während die Partei- blätter seit Jahren Beschwerde führen, haben in diesen Tagen die Wortführer der Parteien hierauf der Tribüne alles für Schwarzmalerei und Lüge erklärt. Namentlich Herr Dr. B e u m e r hat siÄ darin hervorgethan, aber in dem rein kapitalistischen Untcrnchmer-Organ, der„Rheinisch- Westfälischen Zeitung", in der noch etwas von dem alten oppositio- nellcn Geist des Rheinländers steckt, sind diese Beschwerden am schärfsten ausgedrückt worden.(Abg. Dr. B e u m e r: Ich bin auch nicht mit allem zufrieden!) Ja, aber Ihre Kritik ist so sanft, so milde, so leise, daß man gar nicht merkt, daß ein Mann redet. (Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Sie wollen uns dadurch, daß Sie sich zum Mundstück der„berechtigten Beschwerden" machen, das Wasser abgraben. Aber Sie sind mit den ganzen Zuständen der Armee so versippt und verschwägert, daß es Ihnen gar nicht möglich ist, rückhaltlos zu sagen, was die Wahrheit gebietet.(Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Die Furcht, die in der Armee vor der Socialdemokratie herrscht, ist ja manchmal geradezu kindisch. Als ich in Worms sprach, wurde durch Gannsonsbefehl den Soldaten verbolen, nachmittags und abends an dem betreffenden Tage durch die Mainzerstraße zu gehen, wo das Lokal war. Durch solche Maß- regeln werden die Soldalen ja nur veranlaßt zu fragen, was denn niit den Socialdemokratcn los ist, und erfahren, was sie sonst nie inr Leben erfahren hätten, genau so wie durch die großen Reden in den Jnstruktionsstunden und beim Land- Wehrappell. Auch durch die Kricgcrvcreine werden viele Leute ver- anlaßt, mal zu den„verfluchten Socialdemokraten" zu gehen, und mancher wird dann aus einem Saulus ein Paulus.(Sehr richttg bei den Socialdemokratcn.) Sie sind in einer verzweifelten Lage, thun Sie nichts gegen uns, haben Sie den Schaden, und thun Sie etwas, haben wir den Nutzen. Der Militärbopkott wird systematisch gegen uns betrieben, sogar über die Hotels verhängt, in denen socialdemokratische Abgeordnete wohnen. Diese ganze P o l i t i k d e r N a d e l st i ch e ist das Verkehrteste und Dümmste, was Sie thun können und wird von jedem Vorurteils- freien Menschen einfach ausgelacht. In Bezug auf unsre Agitation ist mir die Armee in Wahrheit ein dloli ras tangsro. Ich wünschte, daß andre Parteien es ebenso hielten. Der Antrag auf dem Dresdener Parteitage, der hier immer voorgcbracht wird, hat ja nicht einmal 15 Stimmen zur Unterstützung gefunden. Zwischen dem Schimpfen auf unserm Parteitage und beim Militär besteht denn doch ein großer Unterschied. Wenn ein Soldat beschimpft wird, darf er nicht wieder schimpfen. Wenn sich aber bei uns jemand beschinipft glaubt— und ich habe in den Citaten des Dr. Beumer kein einziges Schimpfwort gehört, sondern nur ein paar offenherzige Wahrheiten(Große Heiterkeit.)— so nimmt er kein Blatt vor den Mund. U n d so gehört sichs a u ch. Wir verhandeln offen I Das können Sie nicht wagen. (Lärm rechts.) Sie halten alle ihre Parteitage hinter geschlossenen� Thüren ab. Bei uns herrscht weiteste, breiteste, demokratische! Oeffeutlichkeit selbst vor dem Feind, bei Ihnen Geheimnis-' krämerei selbst vor dem besten Freunde I(Bravo! bei den Social- dcmokraten. Lärm rechts.) Herr von Hehl fragt, warum wir nicht auch Schippcl die Freiheit der Krim lassen. Haben wir dem Abgeordneten Schippcl etwa die Kritik verboten? Im Gegenteil, der Beschluß ging dahin, wir wünschen, daß Schippcl endlich offen und deutlich sagt, was er über bestimmte Tinge denkt. In der Goehreschen Sache ist mein Name gar nicht genannt worden. So etwas giebt es bei uns nicht, daß einer deshalb nicht kandidadicren darf, weil er mich angegriffen hat. A n d r e Gründe lagen vor, weshals die. Genossen wünschten, daß Goehre noch nicht ein Mandat annehme. Ich freue mich, daß Goehre sich selbst überwunden und diesem Wunsche der Parteifreunde Rechnung getragen hat. Damit verlasse ich die gegen mich erhobenen Einlvände und schließe: Ter Kapitalismus frißt auch am Mark der Armee, eS ist seine Mission, alles Bestehende zu zersetzen, alle alten Begriffe aus- zulösen.(Ruf rechts: Blech!) Wir werden unser Ziel erreichen, nicht mit Ihnen sondern gegen Sie.(Lebhafter Beifall bei dm Socialdemokraten.) Abg. v. Ricpenhansen(kons.): Herr Bebel hat den vollständigen Sieg des Herrn Kriegsministcrs über die Socialdemokratie nicht ab» schwächen können.(Lautes Lachen bei den Socialdemokraten.) Ueber die Soldatenmißhandlungen hätte doch erst später bei den Resolu» tionen gesprochen werden sollen. Abgeordneter Bebel sagte, bei dem Regiment Nr. Sö seien 7 Selbstmorde und ein Selbstmordversuch vorgekommen. Ich fordere Herrn Bebel hiermit auf, bei Kapitel 18, Titel 1 thatsächlich n a ch z u lv e i s e n, ob hier irgend welche S o l» d a t e n in i ß h a n d l u n g e n vorliegen. Ich habe als alter Fünf» undneunziger ein besonderes Interesse daran.(Heiterkeit.) Wieviel schöne Erinnerungen habe ich! Noch vor wenig Wochen bekam ich einen Brief eines ehemaligen Soldaten, der nur die Worte enthielt: „Ist das unser Riepenhausen, der jetzt im Reichstag sitzt?" (Stürmische Heiterkeit.) Ein Freund teilte mir mit, daß sich im i)5er Regiment in keinem Fall ein Anlaß zum Einschreiten gegen Vorgesetzte oder Kameraden ergeben hat. Einer der Selbstmörder War schon als Knabe schwermütig. Ein Musketier ertränkte sich, nachdem ihm die Waschfrau vor seinen Kameraden gesagt hatte, sie wolle seine Wäsche nicht mehr waschen, da er sich immer selbst beschmutze. Ich möchte den Kriegsminister bitten, für eine gute Lektüre der Mannschaften und Unteroffiziere zu sorgen. Immer wieder machen die Socialdemokraten den Versuch, das Volk durch ihre Bücher zu vergiften. Im Ponimerschcn Volkskalender wird die Erstürmung der Bastille, das Attentat des Bürgermeisters Tschech, ja, sogar die Ermordung der Kaiserin Elisabeth verherrlicht! In diesem Kalender stehen auch die Verse zum Monat November: „Der Reichstag nun eröffnet wird, Wenn draußen dichter Nebel, Und die Minister ängstlich schauen Auf unfern August Bebel, Denn August nimmt sehr oft das Wort, Um Freiheit, Recht zu künden, Und geißelt dabei schonungslos Der Reichsrcgierung Sünden!" (Große Heiterkeit.) Der neue Kriegsminister ist, so hoffen wir, nicht nur ein Mann des Wortes, sondern auch der That. Heute freilich ist alles ruhig. Aber wenn eine große politische Zeit kommen wird, dann werden Sie(zu den Socialdemokraten) die scharfe Tonart von Dresden in die That umsetzen. Dann werden wir starke Mämirr brauchen.(Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Licbermann v. Sonnenvcrg(Antis.): Herr Bebel hat vergeblich versucht, die socialdemokratische Nieder« läge auszuwetzen. Seine heutige Rede bestand nur aus Gemein» Plätzen, gemischt mit einem Körnchen Wahrheit. Ueber den Fall des Prinzen Arenbcrg giebt es ja nur eine Meinung. Herr Bebel irrt aber, wenn er meint, das Irrenhaus werde nun ein besonders angenehmer Aufenthalt für den Prinzen Arenberg sein. Die Mißhandlungen ver- urteilen wir auch, aber die Ausführungen des Herrn Bebel machen den Eindruck, als ob in der Armee nur noch geprügelt wird. Dieser Eindruck soll auch erweckt werden nach außen hin. Die Niederlage von Jena ist nicht durch die Junker, sondern durch das überlegene Feldherr nge nie Napoleons herbeigeführt worden. Die Junker haben heldenmütig gekämpft und es waren die Junker Aork, Gneisenau, Stein, welche die Führung bei der Wiedererhebung Preußens hatten.— Der Vergleich des Herrn Bebel zwischen den ersten Christen und der Socialdemokratie war sehr kühn. Das Reich Christi war von jener Welt, das Reich des Herrn Bebel aber ist nur von dieser Welt. Kein Jenseits giebts. kein Wiedersehn I steht ja wohl über den Friedhöfen, auf denen sich die Herren mit Vorliebe begraben lassen.(Heiterkeit.)— Man sollte sich durch die Methode des Herrn Bebel nicht einlullen lassen, wenn er sagt: was Sie auch thun oder lassen, Sie nutzen doch nur uns. Alle Parteien mit der Regierung an der Spitze sollten sich gegen die Socialdemokratie zusammenschließen.(Sehr wahr! rechts.) Herr Bebel fragte: was ist denn in Dresden geschehen? Wir haben uns doch nur die Wahrheit gesagt. Wir gratulieren Ihnen, wenn das alles die Wahrheit war.(Heiterkeit rechts.) Der elenientare Ausbruch der Rachsucht des Herrn Bebel in Dresden beweist uns, daß er die Armee nicht kritisiert, um zu bessern, sondern er Ivill sie dem Volke gegenüber v e r ä ch t l i ch m a ch e n. um sie für ihren Zweck, ei» starkes Werkzeug nach außen und nach innen zu sein. untauglich zu macheu. Heute hat er ja sogar das Wort Vaterland gebraucht.(Heiterkeit rechts.) Herr Liebknecht aber hat gesagt: Vaterland in eurem Sinne ist uns ein überwundener Standpunkt. (Rufe bei den Socialdemokraten: In Eurem Sinne.) Auf diesem Standpunkt stehen die Herren trotz aller Mauserungen noch heute. Sie halten es nur für zweckmäßig und geschickt, das im Augenblick nicht zu sagen.(Sehr richtig! rechts.) Wenn nächstens ein Mord in der Armee passiert, so wird Herr Bebel die Verantwortung dafür nicht ablehnen können, hat er doch gesagt: Wenn mir ähnliches passierte und ich sterben wollte. so lvürde ich mir einen mitnehmen. Machen Sie es doch, dann i st man Sie wenigstens mit los!(Große Heiterkeit rechts.) Herr Bebel verspottete den Ausspruch des Kriegsministers: die Lieutenants seien die Führer der Nation. Nun, nicht jeder Lieutenant mag eine Blüte der Nation sein, aber die Giftblüte der Nation ist die Socialdemokratie.(Sehr gut! und Heiterkeit rechts.) Freilich, die Regierung vermag auch aus dieser Giftblüte Honig zu saugen. Ich glaube fast, daß Herr Bebel bei seinen unglaublichen Geschichten immer wieder Spaßvögeln z u m O p f e r fällt. Sonst würde er nicht immer wieder hinein- fallen. Herr Bebel berief sich aus Karl Bleibtreu. Ich kenne ein Buch Bleibtreus:„Scdan" und habe dann kein andres mehr lesen mögen. Das Buch hat mir einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht, weil es den Anschein erweckt, als verhöhne es die brave fran- z ö s i s ch e Armee. Herr Gradnauer sagte in Bezug auf den Pirna er Fall, er sei nicht so schamhaft wie der Kriegsminister, der das Citat aus„Faust" nicht citicrt hatte. Ja. Herr Gradnauer, das habe ich Ihnen ohne weiteres geglaubt.(Sehr gut! bei den Antisemiten.) Dr. Gradnauer tadelte den Kriegsminister, weil dieser alle Schuld auf die Frau gehäuft habe. Ich gebe zu: der»eine", der erste Mann mag verantwortlich sein,„das Dutzend" und die „ganze Stadt" sind es dann nicht mehr in dem Maße. Ich könnte Ihnen das an dem Fall Schettler genau nachweisen.(Sehr gut! bei den Antisemiten.) Der Luxus ist in der Armee zum Glück noch etwas sporadisch; es ist noch nicht schlimm. Die Uniformänderungen sind hoffentlich bald abgeschlossen.— Redner tritt im weiteren für die Erhöhung der Oberstlieutcnants-Gehältcr nach dcm Kommisstonsbeschluß ein und fordert eine bessere Fürsorge für die Veteranen. Die Behauptungen aus derMaccabäer-Rede des Herrn Eickhoff(Heiterkeit bei den Anttsemiten) kann ich im einzelnen nicht nachprüfen. Hat ihm der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens das Material geliefert? Am liebsten würde ich diese Rede abthuu mit den Worten Eugen Richters: Wozu das Geseire?(GroßcHeiterkeit.) Viele sind mir noch nicht vorgekommen, die an die besondere militärische Begabung der Juden glauben. Im Fall Hauptmann ist gewiß inkorrekt verfahren. Aber verständlich ist es doch, daß man sich nicht gern die Front verderben lassen will. (Große Heiterkeit bei den Antisemiten.) Ich habe in meiner Soldaten» zeit einen ganz ausgezeichneten jüdischen Offizier gekannt—; es war aber auch der einzige. Die Inden sind viermal weniger dienstfähig als die Deutschen. Herr Eickhoff führte jüdische Ritter des Eiserne» Kreuzes an. AVer vermochte nicht jener Moses Bier den General- obersten von Los Jahre lang in dem Glauben zu erhalten, er, Moses, sei Ritter des Eisernen Kreuzes? Sollte eS nicht viele Moses Biers geben? lHeiterkeit bei den Antisemiten.) Mögen die Herren Consemiten und Philosemiten in diesem Hause— Philosemiten giebts nicht(Grotze Heiterkeit)— sich auch diese Frage vor- legen. In der Stichwahl zu Eschwege- Schmalkalden forderte der Centrolverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zur Unterstützung des Socialdemokraren Hugo auf l Darum weg nicht nur mit den Socialdemokraten, sondern auch mit dem inter- nationalen reboluttonären Judentum aus der Armee I(Bravo! Händeklatschen bei den Antisemiten.) Kriegsminister v. Einem: Wenn in dem von Herrn Dasbach erwähnten Thorner Fall in der That eine Verhöhnung katholischer Gebräuche stattgefunden haben sollte— ich kenne den Fall nicht—. so wird selbstverständlich Remedur eintreten. Bezüglich der Duelle stehe ich auf dem Standpunkte der allerhöchsten Verordnung vom 1. Januar 1897, und man wird anerkennen müssen, daß die Kriegs- Verwaltung ernstlich bemüht gewesen ist, die Duelle nach Möglichkeit zu vermeiden. Wenn Herr Bebel den Nanien Allenstein nicht genannt hat, so habe ich mich eben geirrt. Ich habe aber den betreffenden Fall in einer socialdemokra- tischen Zeitung gelesen, und d a ist Allenstein genannt. Ich konstatiere aber, daß in keiner der zahlreichen großen Garnisonen im Osten, auch nicht in Posen, ein solcher Fall vorgekommen ist.(Hört! hört 1� rechts.) Der Erbprinz von Sachsen-Meiningen hat weder seinen Abschied bekommen, noch genommen, sondern er ist ernannt worden z u m A r m e e- I n s p e k t e u r. das habe ich gesagt. Vom kommandierenden General des 7. Armeecorps, General der Kavallerie v. Bissingen habe ich ein Telegramm erhalte», worin er betont, chatz der von dem Herrn Abgeordneten Bebel gegen ihn gerichtete An- griff vollkommen grundlos wäre.(Hört! hört! rechts.) Er übersendet mir die Akten über den betreffenden Fall und in all den Aussagen der Stabsordonnanz kommt nicht das geringste von irgend einer Mißhandlung vor. Der Bursche ist vielmehr geflohen, weil er Geld unter- schlagen hatte und die Strafe bei der Rückversctzung in die Compagnie fürchtete. Dieser Angriff des Hcrni Bebel gegen den General v. Bissingen hat ihn umsomehr verletzt, als ka�.n jemand in Wort und Schrift mit solcher Energie den Mißhandlungen entgegentritt, wie er.(Hört! hört I rechts.) Wenn ich es nun schon an sich nicht für schön finde, wenn auf irgend welche Gerüchte hin ein Lieutenant oder sonstiger Vorgesetzter einer Mißhandlung beschuldigt wird, so ist es geradezu verwerflich, einen hohen Vorgesetzten der Armee, der ein besonderes Beispiel geben soll, der als Gerichtshcrr über Mißhandlungen fungiert, in die Lage zu bringen, derartigen Gerüchten unterworfen zu werden.(Sehr richtig! rechts.) Wenn ich von„ollen Kamellen" gesprochen habe, so kann ich davon nichts zurücknehmen. Wenn ich auf den traurigen Fall des Prinzen Arenberg nicht sofort am Sonnabend geantwortet babe, so deS- halb, weil mir das von Herrn Gradnauer erwähnte wissenschaftliche Gutachten nicht bekannt war. Prinz Arenberg ist bei seinem Truppenteil eingetreten, ohne daß sein Vor- leben in irgend einer Weise bekannt war. Er hat seinen Dienst zunächst ohne Anstand gethan, hat in einer Privatschule in Berlin seine Examina gemacht und ist dann Offizier geworden. Von einem Herrn, der in dem wissenschaftlichen Senat für das dem Gericht zu unterbreitende Gutachten mitgearbeitet hat, habe ich folgendes Schriftstück bekommen:„Wenn man heute das Lebensbild des Prinzen überblickt, dann hat auch der Laie keinen Zweifel, daß man es mit einem psychisch nicht voll- wertigen Mann zu thun hat. Wie schwierig aber ist es ge- Wesen, dies Material zu sammeln, denn nun erst wurde man auf den Prinzen und sein ganzes Vorleben aufmerksam. Gewisse Vorkommnisse der Jugend, die man früher als Jugendstreiche angesehen hatte, ivurden erst jetzt als krankhast ge- würdigt. Es bedurfte aber erst de? Gesamteindrucks aller Vorkommnisse, um zu einem hinreichend begründeten Urteil über die geistige Störung des Prinzen zu kommen. Während der Dienstzeit handelte es sich bei dem Prinzen nicht um eine ausgesprochene Geisteskraukheik. sondern um einen Fall, der auf dem Grenzgebiete zwischen geistiger G e- sundheit und Krankheit lag. Gerade bei solchen Individuen macht erst das begangene Verbrechen darauf aufmerksam, wie oft sie schon vorher diese Grenze überschritten haben.— Auch heute ist der Prinz nach dem Gutachten des wissenschaftlichen Senats nur geistesschwach, nicht ausgesprochen geisteskrank. Wemc man dann noch die verschlimmernden Einflüsse, die in Westafrika auf ihn eingewirkt haben, bedenkt, so kann man sich nicht wundern, wenn während seiner Militärdienstzeit niemand seinen krankhaften Charakter richttg erkannt hat. Braucht doch selbst der erfahrene Psychiater zur richtigen Beurteilung derarttger Individuen monatelange Beobachtungen. Dieses Guiachten ist unter der Mitwirkung des berühmten Professors Jolly verfaßt. Solche Schwierigkeiten der Beobachtung hat auch Prof. Schultz in seinem Buche über„Psychosen bei Militärgefangeuen" geschildert. Bei der Verhandlung vor Gericht ohne Ausschluß der Oeffcntlichkeit hat einer der Offiziere ausgesagt, er habe einen Anfall miterlelir, der ihm beinahe ans Leben gegangen wäre. Dieser Fall, der einen, Reserve-Offizier passiert ist, ist nicht zur Kenntnis der Behörden ge- langt. Auch wenn also Prinz Arenberg für geeignet gehalten worden ist, in die Schutztruppe einzutreten, so kairn daraus der Militär- Verwaltung kein Vorwurf gemacht worden. Ich muß es zurück- weisen, daß dieser Fall symptoinatrsch, typisch wäre. Jeder von un? bedauert diesen traurigen Fall und Gott gebe, daß nie wieder etwas vorkommt, was so den Offizierstand und das ganze Deutschtum zu schädigen im stände ist.(Bravo! rechts.) Mit großem Vergnügen habe ich von den Erklärungen des Abg. Gradnauer Kenntnis genommen, die der Abg. Bebel heut in viel bestimmterer Form wiederholt hat: daß im Falle eines Krieges die Socialdcmokratie Mann für Mann ihre Schuldigkeit thun werde, um das Vaterland zu vetteidigen. Aber ich kann nur sagen: Die Botschaft hört' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.(Große Heiterkeit und Beifall rechts, starke Unruhe bei den Socialdemokraten.) Denn wie stimmt dieses schöne Wort zu dem, was in der ReichstagS-Sitzung vom 9. März 1893 der Abg. Grillenberger gesagt hat:„Wir werden uns eines Tages mit der Frage befassen müssen, ob wir uns im Falle eines Aufftandes oder Krieges weigern sollen zu marschieren; das kann Ihnen noch passieren, und wenn Sie so fort- fahren, dürfte die Zeit gar nicht so fern sein." Wie stimmt dazu, daß Sie sortgesetzt bemüht find, bei jeder Gelegen- heit den kriegerischen Geist aus den, Volke zu reißen, daß Sic immer predigen. nur das Proletariat sei im stände, die Kriege, die von den Klasscnstaaten heute geflibtt werden, zu unterdrücken?(Lautes vielfaches Sehr richtig! liei den Socialdemokraten.) Sie sagen: Sehr richttg I Aber wie das dazu stimmt, sagen Sie nicht.(Abg. H o f f m a n n- Berlin: Davon verstehen Sie nichts I— Sehr richtig! und große Heiterkeit bei den Social- demokraten. Unruhe rechts.) Wie stimmt das zu der begeisterten Zustimmung des„Vorwärts" an die französische Socialdemokratie, die sagt: Nein, nein, wir lassen uns nicht in den Krieg hineinz,ehen. lieber Aufftand oder offener Aufruhr!(Sehr richttg! bei den Socialdemokraten.) Wie steht es mit der Empfehlung des Genossen KautSky, durch große Streiks den Staat allmählich zu desorganisieren?(Abg. Bebel: Wo steht das?) Das können Sie z. B. in den„Hamburger Sk a ch r i ch t e n" (Stürmisches Gelächter bei den Socialdemokraten.) lesen und in einem Buche, das Kautsky geschrieben hat(Abg. Bebel: Nein!), dessen Titel ich nicht kenne.(Lachen bei den Social- demokraten.) Wie stimmt das dazu, daß der„Vorwärts" den Krieg immer unmoralisch nennt? Sie sprachen von gerechten Angriffs- kriegen, dafür würden Sie immer zu haben sein. Aber wie stimmt dazu, daß Ihr Genosse Liebknecht auf sich genommen hat, dem großen Deutschen Bismarck den Vorwurf zu machen, das deutsche Volk durch eine Täuschung, durch eine gefälschte Depesche, in den Krieg getrieben zu haben(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten; laute Pfuirufe rechts.), den gerechtesten, den jemals die deutsche Nation geführt hat? Wenn ein Krieg kommt, soll dann etwa Ivieder eii, Dresdener Parteitag berufen werden, un, zu entscheiden, ob der Krieg gerecht ist oder nicht?(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten. Abg. v. Riepenhausen ruft: Das wäre eine nette Sache!— Heiterkeit.) Während der Zeit sind wir geschlagen, das könnte Ihnen passen. (Unruhe bei den Socialdemokraten.) Also Sie lzu den Socialdemo- kraten) müssen ganz andre Thaten aufweisen, wenn wir Ihnen glauben sollen. Man kann nicht einerseits das Vaterland diskreditieren lAbg. Bebel: Das diskreditieren Sie!) und sagen. Ihr seid recht- lose Sklaven, und andrerseits verlangen, daß die Soldaten ihr Blut und Leben für dies verlästerte Vaterland ausopfern sollen.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Dr. Gradnauer und Herr Bebel haben anerkannt, daß DiSciplin herrschen müsse. Aber wie wollen Sie diese erzeugen? Etwa in der Methode des Dresdener Parteitags? Disciplin kann nur durch Erziehung und Drill erzeugt werden, diese aber müssen begründet sein in der Gerechtigkeit der Sache, der der Soldat dienen soll. Es wurde gesagt, die Armee sei dazu da. den K l a s s e n st a a t aufrecht zu erhalten. Wenn wir wirklich eine Prätorianer- armee wären, dann würden wir nicht die Präsenzstärke vermehrt und die zweijährige Dienstzeit eingeführt haben.(Sehr richtig I rechts.) Wir brauchen eine große Armee für den Fall, daß es sich einst um die Existenz des Deutschen Reiches handelt. Alles, was Sie (zu den Socialdemokraten) gesagt haben, ist falsch trotz Ihrer Ueber- intelligenz.(Große Heiterkeit rechts.)— Es ist auch die Notwehr wieder empfohlen worden. Wenn ich die Macht hätte, möchte ich wohl einen Truppenteil formieren aus lauter Ge- nossen, auch mit Genossen als Offizieren. (Abg. Bebel ruft: Famos! Heitcrkeit.) Was würde es geben? Gegenseitige Keilerei und Auflehnung, kurz die großartigsten Resultate.(Große Heiterkeit.) Sie(zu den Socialdemakraten) würden zu den drakonischten Maßnahmen übergehen, die es giebt. Uns aber tadeln Sie wegen jeden gerechten Urteils. Die Heidelberger Auf- rührer wären in Frankreich zum Tode verurteilt worden.— Herr Dr. Gradnauer sagte, ich möge nicht immer über KönigStteue sprechen. Königstreue bewirkt aber keinen Byzanttnismus. Ich habe die Pflicht, die Leute aus die KönigStreue hinzuweisen, auf die sie nach der Verfassung eingeschworen sind. Was in andren Staaten gilt, kann uns Wurscht sein. Der französische Kriegs- minister wird natürlich keine Königstreue, sondern demokratische Gesinnung predigen. Wenn da jemand die Köingstreue prollamieren wollte, würde er wegen Hochverrats belangt werden. Sie(zu den Socialdemokraten) wollen jedes scharfe Wort, das auf dem Kasernenhof fällt, vor das Kriegsgericht bringen. Wie aber steht es damit, daß in der Berliner Stadtverordnelen-Ver- sammlung ein Herr einen andern einfach„Lümmel" nennt, nur weil er nicht seiner Meinung ist?(Sehr gut! rechts.) Ueber das Baudissinsche Buch habe ich mich absichtlich nicht ausgesprochen. Ich beurteile nach einem solchen Buche nicht den Wert derArmee, sondern den Wert des Verfassers. (Lebhafter Beifall rechts.) Herr Dr. Gradnauer suchte die Heidelberger Ver- u r t e i l t e n als h a r m l o s e B a u e r n hinzustellen. Der Schlimmste unter ihnen aber war ein überwiesener Socialdemokrat und vielfach wegen Körperverletzung vorbestraft.(Hört I hört! rechts.) Herr Dr. Gradnauer citierte aus„Wilhelm Tell" das Wort gegen die Tyrannenmacht. Es giebt aber nicht nur eine Tyrannei des Einzelnen, fondern eine T Y r a n n i s d e r M a s s e, des Proletariats. Sie(zu den Socialdemokraten) unter- graben die Autorität in der Armee. Natürlich: Wer dem Staat den Hals umdrehen will—(Abg. Adolf Hoffmann(Soc.) ruft: Was ist denn der Staat?) Das wissen Sie trotz Ihrer großen Intelligenz nicht?(Große Heiterkeit.)— der muß den Staat Niederreitze». Alle Ihre Wahlflugblätter enthielten den Satz: Nieder mit dem Militarismus! Deshalb kommen Sie nur nicht damit, daß Sie bessern wollen. Wollen Sie das wirklich, so thun Sie es ehrlich auf der Grundlage des heutigen Staates! Glauben Sie denn wirklich eine Monarchie, deren einzelne Glieder wie Marksteine in der Geschichte dastehen, einfach beiseite schiebe» zu können durch Majoritätsbcschlnffe? Das glauben Sie selber nicht! Seien Sie entweder revolutionär oder mausern Sie sich.(Heiterkeit.) Aber konimen Sie nicht damit, daß Sie uns helfen wollen. Das thun Sie gar nicht, Sie machen die Sache nur schlimmer.(An- haltender Beifall rechts.) Bayrischer Gencralmajor v. Eudres: Dr. Gradnauer citierte einen Ausspruch des bayrischen Kriegs- Ministers v. Asch, wonach der Kampf gegen Soldatenmißhandlungen erfolglos geblieben sei. Das kann man gewiß aus der Aeußerung des Herrn Ministers herauslesen, und ich will deshalb heute den Herrn Minister gegen sich selbst verteidigen.(Heiterkeit.) Wenn man, nachdem man viel geschafft und geleistet hat, auf sein Lebenswerk zurückblickt, so wird man leicht von einer gewissen Resignation ergriffen. In einem solchen Augenblicke des Pessimismus hat wohl der Kriegsmimster jenen Aus- druck gebraucht. Er hatte damit in seiner Bescheidenheit seine eigne Lebensarbeit bedeutend unterschätzt. In Bayern besteht der Kampf gegen die Soldatenmißhandlungen seit Beginn des vorigen Jahrhunderts, als es noch gar keine Socialdemokratie gab. Ein Reglement vom Jahre 1828 sagl:„Wo kein Selbstgefühl ist, da wird Subordination zum sklavischen Gehorsam".(Zuruf bei dea Socialdemokraten.) Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß wir Sie (zu den Socialdemokraten) nicht notwendig gehabt haben.(Große Heiterkeit.) Seit 1893 ist Herr v. Asch Kriegsmimster, und seitdem ist wiederholt von socialdemokrattscher Seite im bayrischen Land tage, unter andern: auch von Herrn v. Vollmar anerkannt worden, daß es besser geworden sei mit den Soldatenmißhandlnngen. Dieser Abgeordnete hac wiederholt zugegeben, daß besonders die syftematischen Mißhandlungen sich verringert haben. Was nun diese systematischen Quälereien anlangt, so Hube ich die Erfahrung ge- macht, daß sie krankhaften Neigungen entspringen. Es ist eine dunkle Seite deS menschlichen Gemüts, daß sich die Grausamkeit häufig in so krankhafrer Weise Luft macht. Wer einen großen Krieg mitgemacht hat, kennt den Dämon der Gransamkeit.(Sehr richtig! links.) Ich sage also, dcrgrößieTeildersystematischenSoldaten- m i ß h a n d l e r ist anormal, und ich möchte daraus dea Schluß ziehen, daß der Psychiattie bei der Einstellung der Rekruten ein größerer Einfluß eingeräumt wird. Mso nicht das System, die Ver- Wallung, die Vorgesetzten sind schuld an den Onälereicn,'andern anormale Veranlagung.(Sehr richtig I rechts.> Es ist nun gesagt worden, die Mißhandlungen seien eine Folge der von der Socialdemokratte in die Armee getragenen Agitation. Ich bewerte ja die Intelligenz der Socialdemokraren nicht ganz so hoch, wie sie z. B. Herr Bebel bewerten mag(Heiterkeit), abe auch ich bin der Meinung, daß die Partei viel zu schlau(Zuruf: Klug!). wenn Sie wollen, also viel zu klug ist, um offenkundig socialdemo- kratische, d. h. revolutionäre Propaganda in die Armee zu tragen und mit dem Staats sich jetzt schon in einen Widerspruch zu setzen. den dieser sofort beseingen würde. Die Socialdemoiratie wird von den Gefühlen heeiittlußt, die Japan bewogen haben, den Krieg mit Rußland nicht schon vor drei Jahren anzufangen. Die Japaner waren damals noch nicht fertig.(Große Heiterkeit.) Aber eine socialdemokratische Agitation macht doch ihren Einfluß auch in der Armee geltend. Ein junger Mensch kommt von der Schule in die Werkstatt. Dort hört er, daß in der Armee daS Offiziercorps zur Hälfte aus Idioten, zur Hälfte aus Schurken besteht, daß das Beschwerderecht absolut ungenügend ist.(Zuruf links: Leider wahr!) Meine Herren! Ich habe Hunderte von Be- schwerden ia der Hand gehabt und nur in zwei Fällen ist der Beschwerdeführer bestraft worden w'gen zweifellos falscher Angaben. Ich habe allerdings auch Fälle gehabt, in denen sich ein Solda: nicht beschwert hat. Und immer ist mir die Antwort geworden: Ja, zu Hause ist mir gesagt worden, wenn ich mich beschwere werde ich erst recht eingesperrt".(Heiterkeit.)— In zahl- reichen Schmutzschristen wird jetzt das Offiziercorps in niederträchtigster Weise berleumdet, dieses Offiziercorps, das sein Leben in den letzten Kriegen wie ein Spielzeug in die Schanze geschlagen hat. Man wirst ihm ödes Genußleben vor. Dabei ist die Mehrzahl unsrer Offiziere whne Vermögen, und die Arbeit dauert von früh bis spät. Ein französischer höherer Offizier hat seine Landsleute gewarnt, diesen Schmutzschriftcn zu trauen. Sie sollten sich, sagte er seinen Landsleuten, nach diesen Schriften kein Bild über den preußischen Offizier machen. Aber hier im Vaterlande da ist das Recht. Da darf der Offizier ruhig mit allem Kot beworfen werden. Ich habe hier einen Artikel des„Vorwärts", der das Buch des Grafen Baudissin bespricht. Ich muß sagen, etwas Widerwärtigeres an Heuchelei als diesen Artikel habe ich noch niemals in der Hand gehabt. Der Leser, der sich nicht genau informiert, bleibt vollständig im Unklaren, was aus dein Roman entnommen ist, was die Meinung des„Vor- wärts" ist. Der Artikel ist mit großer Geschicklichkeit und Schlauheit geschrieben, um den Schlingen, die das Strafgesetzbuch zieht, zu entschlüpfen.(Sehr richtig! rechts.) Unsere Armee krankt nicht an äbermäßigeoi Luxus der Offiziere, fie krankt nicht an den Mißhandlungen, aber sie krankt an den Verleumdungen und an der socialdemokratische» Agitation. Wir sind eine Volksarmee. Wir verlangen Liebe und Vertrauen, und wenn uns die durch schäm- lose Agitationen entwendet werden, dann muß die Armee krank werden. Um auf den Ausgangspunkt meiner Rede zurückzukehren. so glaube ich bewiesen zu haben, daß der bayrische Kriegsminister v. Asch in seinem Pessimismus zu weit gegangen ist und daß feine Lebensaufgabe in höherem Maße erfüllt ist, als er selbst glaubt. (Lebhafter Beifall.) Abg. Bogt-Hall(Wirtschaft!. Vg.) schließt sich den Ausführungen des Abg. v. Liebermann an, daß die Rekruten vom Lande die tüchttgsten Soldaten seien, und verlangt höhere Löhnung für die Mannschaften. Darauf vertagt sich das Haus. Persönlich bemerkt Abg. Eickhoff(fts. Vp.): Ich habe nicht, wie Herr Liebermann v. Sonnenberg behauptete, von einer besonderen militärischen Tüchtigkeit unsrer jüdischen Mitbürger gesprochen, sonder» nur den Kriegsminister ausgefordert, den Grundsätzen religiöser Toleranz auch im Heere Geltung verschaffen. Meine Stattstik, deren Richtigkeit Herr v. Lieberinann anzweifelt, beruhte auf amtlichen und wissenschaftlichen Quellen. Abg. Liebermann von Sonnenberg(Ant.): Ich habe diese Statistik nicht angezweifelt, sondern nur gesagt, ich könne sie nicht nachprüfen. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr.(Fortsetzung der heutigen Bercmng.) Schluß 6'/z Uhr._ Gankonferenz der Maurer. Am Sonntag tagte im Gewerkschaftshause die achte Konferenz für den Gau Berlin des Ccntralverbandes der Maurer. Das Gebiet des Gaues umfaßt die Provinz Branden» bürg einschließlich Berlin sowie Teile der angrenzenden Provinzen. Auf der Konferenz waren 93 Zweigvereine durch 99 Delegierte ver- treten. Ferner waren außer dem Vorstand des Gaues Berlin die Vorsitzenden der Gaue Magdeburg und Stettin sowie der Verbands- Vorsitzende Bömelburg anwesend. 91 Zweigvercine des Gaues hatten keine VerrreteD entsandt. Da nur alle zwei Jahre eine Gaukonferenz stattfindet, so hat sich die Konferenz unter anderm mit der Prüfung der Geschäfts- führung der Jahre 1992 und 1903 zu befassen. Die Gauleitung hat für jedes der beiden Jahre einen gedruckten Bericht herausgegeben, aus denen wir folgendes anführen: Im Jahre 1902 bestanden im Gau 173 Zweigvercine mit 22 686 Mitgliedern; im Jahre 1903 stieg die Zahl der Zweigvercine auf 131, die der Mitglieder auf 24 637. Im Jahre 1903 wurden 4633 Mitglieder aufgenommen. davon waren 1301 bereits einmal resp. öfter Mirglcd des Verbandes. 140 sind gestorben. 226 ausgeschlossen. 489 sind ausgetreten und 1184 wurden wegen rückständiger Beiträge gestrichen, 329 mußten die Mitgliedschaft unterbrechen, weil sie zur Ableistung ihrer Dienst- zeit zum Militär eingezogen wurden. Außer den 24 657 Mitgliedern des Ccntralverbandes giebt es im Gebiet des Gaues 2849 lokalorganisiertc Maurer(Freie Vereinigung), die sich größtenteils auf Berlin(2301), zum kleinen Teil auf die Provinz Brandenburg verteilen. Ferner bestehen in Berlin außerhalb des Verbandes noch einige Organisationen der Fliesen- leger und Putzer, die zusammen 320 Mitglieder zählen, sowie ein Verein der Accordmaurer, der 100— 200 Mitglieder haben soll. Der Christliche Bauhandwerker-Verband ist im Gau durch 16 Vereine mit 1274 Mitgliedern vertreten. Davon entfallen 724 auf die Pro- vinz Posen, 493 auf Berlin. Ueber die Lohnbewegungen entnehmen wir dem Bericht: Im Jahre 1902 wurden 37 Ängriffsbewegungen geführt, welche sich auf ganze Lohnbczirke erstreckten. 17 derselben, woran 1341 Maurer beteiligt waren, wurden durch Entgegenkommen der Unternehmer beendet; in 14 Fällen mit 2316 Beteiligten kam es zum Streit mit ganzem oder teilwciscm Erfolg; 6 Streiks mit 1367 Beteiligten gingen verloren. Diese 20 Streiks kosteten 107 733,33 M. Eben- falls angrifrsweise wurden 39 einzelne Sperren durchgeführt. Da- von wurden 8 mit 690 Beteiligten durch Verhandlungen erledigt. 36 mit 1043 Beteiligten hatten Erfolg, 13 mit 441 Beteiligten gingen verloren. Die Kosten dieser 31 Sperren betrugen 13 372,31 M.— Zu Abwebrbewegunaen kam es in 18 Fällen, davon endeten 4 mit 277 Beteiligten durch Verhandlungen, 12 mit 181 Beteiligten hatten Erfolg. 2 mit 15 Beteiligen gingen verloren. Die Kosten betrugen 1097.05 M. Im Jahre 1903 wurden Lohnforderungen in 62 Orten gestellt. Davon wurden erledigt: 36— 58 Proz. durch Entgegenkommen der Unternehmer, 16= 25,85 Proz. durch Zurückziehen der Forderungen und 10 � 16,15 Pro.;, durch Streiks. 45 Forderungen(72,60 Proz.). hatten vollen resp. teilweise» Erfolg. Für 14 150 Kollegen wurde eine Lohnerhöhung und für 421 eine Verkürzung der Arbeitszeit er- zielt. Für Berlin sind nur 9000 Maurer als an der Lohnerhöhung beteiligt gerechnet worden, da aber in der Zeit der besten Konjunktur 12 000 Maurer in Berlin beschäftigt sein dürften, so würde die Zahl 17 150 statt 14 150 eigentlich richtiger sein. Die Lohnerhöhung ver» teilt sich wie folgt auf die Vereine und beteiligten Kollegen: iit 3 Vereinen 1 Pf. pro Stunde für 195 Kollegen 1„ 1'/-.."" 240. „ 4„ 2„„,.. 677 8„ 2'/..,„„„ 851 „7„ 3'......„ 488 „1„4„..- 200„ ,. 13., 5„„„„ 11097 „2. 6„„„„ 218 „1-„ 10..... 184 Im Durchschnitt beträgt die Lobnerhöbung 4V, Pf. pro Stund». Außer den allgememen Lohnbewegungen sind im Jahre 1903 noch 46 Bausverrcn mit 1175 Betclligten zu verzcicknen. 11 Sverren verliefen ohne Erfolg. In den Lohnbezirken Neust. cliy und Fürsten» bcrg besteht zur Zeit eine Aussperrung, von der 203 Kollegen be» trosfen sind.— In 39 Fällen sind Verträge mit den Unternehmern abgeschlosien worden, und �zwar in 33 Fällen für alle im Lohubezirk arbeitenden Maurer resp. Sektionen, und in vier Fällen mit einzelnen großen Baufirmen.— Ein persönliches Eingreifen des Gauvorstandes war infolge der Lohnbewegungen in 233 Fällen erforderlich; Sitzungen, Besprechungen, Konferenzen und Strcikversammlungcn. Unterhandlungen mit den Unternehmern, Leitung von Streiks und Sperren, Untersuchung von Maßregelungen und Schlichtung von Streitigkeiten. Ueber Agitation und Organisation sagt der Be» richt für 1903: Bis aus ein Dutzend kleiner Landstädte sind im Gau (außer Posen) in allen Bezirken Organisationen vorhanden. ES konnte daher in diesem Jahr bei der Agitation das Schwergewicht auf den Ausbau und die Beseitigung der Organisation gelegt werdww — Die Agitation für die Reichs- und Landragswayl hat uns einige Beschränkung auferlegt. Unsre Kollegen Häven j>ch in recht ansehn, Xidfjet Zahl und tiel stärker als früher an dieser Arbeit beteiligt. Aber diese Agitation hat auch ihre belebende Kraft auf unsre Be- wegung in erfreulicher Weise ausgeübt. An vielen Stellen wurde der Boden aufgelockert und mancher Kollege für unsre Sache empfänglich gemacht.— Im August wurde ein Agitationsflugblatt in einer Auf- läge von 20 000 Exemplaren in allen Vereinsbezirken verbreitet. Für die Kollegen im Posenschen hat ein Flugblatt in polnischer Sprache Verbreitung gefunden und ist gut aufgenommen worden.— Weiter wird ausgeführt, dag in einer Anzahl kleinerer Orte des Gaues infolge des bekannten Druckes von„oben" keine Lokale zu Mitgliederversammlungen zu haben sind, und dah die Bewegung in der Provinz Posen dadurch sehr leide, dag die Bevölkerung infolge der Germanisierungspolitik den Agitatoren des Verbandes mit großem Mißtrauen entgegenkommen, was durch die Geistlichkeit noch be- sonders geschürt werde. Der Kassenbericht weist für das Jahr 1902 eine Ein- trahnre von 21 527.61 M.. eine Ausgabe von 15 097,85 M. auf. Im Jahre 1903 wurden(einschließlich des vorjährigen Ueberschusses von 6429,79 M.) 25 049,52 M. eingenommen, 13 257,55 M. aus- gegeben. Der Kassenbeftand beträgt 11 791,97 M. Die Verhandlungen der Konferenz begannen damit, daß der Gauvorsitzende S i l b e r s ch m i d t dem gedruckten Vorstandsbericht noch einige mündliche Ergänzui gen hin-. fügte. Er bemerkte, daß sich die auf der letzten Konferenz ausgesprochene Hoffnung, dag sich die geschäftliche Konjunkrur bessern werde, erfüllt habe. Das Jahr 1902 brachte reichlichere Arbeitsgelegenheit wie das vorhergegangene Jahr, und das Jahr 1903 war in dieser Hinsicht noch günstiger wie das Jahr 1902. Zu Bemerk' i ist aber, daß der östlich von Berlin gc- legene Teil des Gaue-> eine weniger günstige Geschäftslage zeigt, be- sonders trifft das zu nr die Lausitz und den Senftcnbcrger Bezirk. Die Agitation während uer zweijährigen Geschäftsperiode hatte das Ziel, die bestehenden Organisationen zu festigen und die noch nicht organisierten Kollegen zu gewinnen. Ilm das letztere zu erreichen, wurde besonders die Hausagitation betrieben. Der Erfolg dieser Agitation war der, daß in vielen Bezirken sämtliche Kollegen ge. Wonnen wurden, wodurch es möglich war, selbst in kleineren Orten Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erlangen. Ein weiteres Ziel der Agitation war die Stärkung des Klassen- bewußtscins unter den Kollegen. In dieser Hinsicht ist der Erfolg hinter den Erwartungen zurückgeblieben, denn es kommen für manche Bezirke Arbeiter in Frage, deren Aufklärung bisher vernachlässigt worden ist. Die Zukunft wird auch in dieser Hinsicht bessere Erfolge bringen.— An Lohnbewegungen waren in den beiden Jahren 32 712 Kollegen, das ist der größte Teil derselben, beteiligt. Lohn- ierhöhungen erreichten im Jahre 1902 3857, im Jahre 1903 14 130 Kollegen, Im Jahre 1902 endeten 47 Proz., im Jahre 1903 72 Proz. aller Lohnbewegungen mit Erfolg. Diese günstigen Re- sultate sind nicht nur zurückzuführen auf die gute Konjunktur, sondern auch darauf, daß die Lohnbewegungen mit größter Ruhe und Besonnenheit, die immer mehr unter den Kollegen Platz gegriffen haben, geführt wurden. Das Verhältnis zu den Unternehmern ist ja gerade kein freundschaftliches, aber die Macht der Arbeiterorganisation zwingt die Unternehmer zu einem gewissen Entgegenkommen.— Krieger- und Schützenvereine nehmen eine entschieden feindliche Haltung gegen die Organisation der Maurer ein und schließen die Organisierten aus.— Bei einem kurzen Blick auf den Bauarbeiter- schütz erwähnte der Redner, daß es in dieser Hinsicht nicht nur in kleinen, sondern auch in größeren Orten oft recht traurig aussehe.— Was den Stand und die Bewegung der Organisation im Gau an- langt, so lasse sich ein wesentlicher Fortschritt auf allen Gebieten fest- stellen. Die Bewegung befinde sich aus der Bahn gesunder Eni- Wicklung und berechtige zu den besten Hoffnungen für die Zukunft. Hierauf gab der Kassierer Lehmann einige Erläuterungen zu dem gedruckt vorliegenden Kassenbericht. Daran knüpfte sich eine kurze Diskussion über Einzelheiten der Abrechnung. Zu dem Ge- schäftsbericht des Vorstandes bemerkte der Verbandsvorsitzende Bömclburg, die Organisation im Gau Berlin habe ganz be- deutende Fortschritte gemacht, was wesentlich auf die Thätigkeit des Gauvorstandes zurückzuführen sei, der unter schwierigen Verhältnissen Großes erreicht habe und deshalb volle Anerkennung verdiene.— Nach Schluß der Diskussion wurde den Kassierern 50 M. Mankogeld zugesprochen und der gesamte Gauvorstand entlastet. Der zweite Punkt der Tagesordnung lautet: Agitation. Der Referent Silberschmidt führte hierzu unter anderw aus: Im Gebiet des Gaues arbeiten 33 900 Maurer, davon 5000 in dem Teil der Provinz Posen, welcher zum Gau Berlin gehört. In diesem Teil hat die christliche Organisation einige Fortschritte gemacht, dem Maurerverbande steht jedoch die von der Geistlichkeit beeinflußte Be- völkerung zum großen Teil feindlich gegenüber, woraus sich der bis jetzt noch nicht erhebliche Fortschritt des Verbandes in jenem dunklen Winkel erklärt. Abgesehen von Posen sind im Gebiet des Gaues 33 900 Maurer beschäftigt. In 82 Lohirbezirken mit 24 300 be- schäftigten Maurern bestehen einheitliche Lohn- und Arbcitsverhält- nisse.' Das sei der ideale Zustand, der auch für die andren, den kleineren Teil der Maurer umfassenden Lohnbezirkc erstrebt werden müsse. Tie Agitation solle sich nun darauf richten, daß die in dem Hauptort jedes Bezirks geltenden Lohn- und Arbeitsbedingungen für den ganzen Bezirk anerkannt werden, daß sie von keiner Seite durch- brachen, namentlich aber nicht herabgesetzt werden. Weiter müsse die Agitation darauf gerichtet sein, daß in den Bezirken, wo noch die 41 stündige Arbeitszeit herrscht— es sind deren 16—, der Zehnstundentag und 35 Pf. Stundenlohn durchgeführt werde.— Besonderes Gewicht legte der Referent darauf, daß Bildung und Auf- klärnng unter den Kollegen verbreitet werde. Das geistige Niveau der Kollegen müsse gehoben werden, denn das sei die Vorbedingung für den Fortschritt der Organisation und für den Erfolg ihres Wirkens. Der Referent empfahl eine Resolution, welche den Vor- ständen der Zweigvereine folgende Aufgaben zuweist: Es sind von den Zweigvereinen, soweit die lokalen Mittel nur immer reichen, 1. Bibliotheken einzurichten, 2. den Mitgliedern in den Versammlungen Vorträge mit belehrenden Thematos zu halten und 3. wenn irgend möglich, Diskussionsabende zu veranstalten. Wenn wir das Ziel allein nicht erreichen können, empfiehlt es sich, mit den vereinigten Gewerkschaften des Ortes in Verbindung zu treten. Der Zweck soll sein, die Bildung unter den Mitgliedern zu fördern und sie in das Wesen der Arbeiterbewegung tiefer einzu- führen. Es ist dahin zu wirken, daß überall, wo noch länger als zehn Stunden gearbeitet und weniger als 35 Pf. Stundenlohn gezahlt wird, folgende Forderungen erfüllt werden: 1. zehnstündige Arbeits- zeit; 2. einen Lohn von 35 Pf.; 3. Stundenlöhnung; 4. Löhn- auszahlung auf der Arbeitsstelle; 5. Kündigungsausschluh; 6. Er- richtung von Buden, Aborten und Anbringung von Verbandskasten; 7. Aushängung und Jnnehaltung der Unfallverhütungs-Vorschriften; 3. Angemessenes Nachtlogis mit Schlafdecken und Waschgelegenheit, s In Bezirken mit verschiedenen Lohn- und Arbeitsbedingungen haben die Vereinsvorftände sofort eine kräftige Agitation zu entfalten, damit es in nächster Zeit möglich ist, für alle Maurer bei allen Unternehmern die gleichen Lohn- und Arbeitsbedingungen einzu- führen. Tie Konferenz erachtet als Pflicht der Vorstände, daß alle Unfälle, deren Ursachen und Folgen und alle polizeilichen und gericht- lichen Eingänge, sowie Belästigungen aller Art(Saalabtreibereien) schnell und wahrheitsgetreu dem Gauvorstande berichtet werden, damit dieser sie eventuell agitatorisch verwerten kann. Ebenso sind alle Fragebogen des Gau- und Verbandsvorstandcs gewissenhaft aus- zufüllen und zurückzusenden. Dem Referat folgte eine längere Diskussion. Gegen die Grund- sätze, welche der Referent für die Agitation aufgestellt hatte, wurden keine Einwendungen gemacht. Die Besprechung drehte sich zum großen Teil darum, welcher Zweigverein für diejenigen Mitglieder zuständig ist, deren Wohnort nicht ihr Arbeitsort ist. Ferner wurden örtliche Angelegenheiten zur Sprache gebracht.— Die Resolution des Referenten wurde angenommen, ferner stimmte die Konferenz einem Regulativ zu, welches die Zuständigkeit der Zweigvereine für die außerhalb ihres Wohnortes Arbeitenden regelt, sowie Vorschriften für die Anmeldung zureisender Mitglieder und für die Erfüllung der Verbandspflichten giebt. Zum dritten Punkt der Tagesordnung: Lohnbewegung. Streiks und Tarifverträge führte der Referent Fritzsch unter anderm aus: 65 Orte haben bis jetzt Lohn- bewegungen für die bevorstehende Bauperiode angemeldet. In 9 Orten mit 300 bis 900 Kollegen sind schon jetzt Verträge für dieses Jahr mit den Unternehmern abgeschlossen und zwar handelt es sich dabei um solche Unternehmer, die bisher nicht mit der Organisation verhandeln wollten. Im vorigen Jahre legten die Reichstags- und Landtagswahlen dem Verband eine gewisse Reserve hinsichtlich der Lohnbewegungen auf. Da dieser Grund für das gegenwärtige Jahr nicht besteht, so werde auch die Lohnbewegung lebhafter lverden wie im vergangenen Jahre. Der Gauvorstand habe keine Ursache, hin- sichtlich der Lohnbewegungen zu bremsen, wenn er auch darauf halten müsse, daß mit Besinnung und Ueberlegung vorgegangen werde. So weit wie möglich solle versucht werden, bei den Lohnbewegungen auch für die Hilfsarbeiter etwas zu erlangen. Wenn auch der Abschluß von Tarifverträgen erwünscht ist, so brauche man doch nicht unter allen Umständen den Abschluß eines Vertrages erstreben. Im weiteren gab der Redner Anweisungen für das Verhalten der Mit- glieder bei der Vorbereitung und Durchführung von Lohnbewegungen. Schließlich bemerkte der Redner noch, es sei besonders notwendig, die oft noch recht niedrigen Löhne in den kleinen Orten aufzubessern, damit der Zuzug aus solchen Orten nach Berlin, der jetzt sehr stark ist, eingeschränkt werde.— Im Anschluß an diese Bemerkung führte Bömelburg aus, der starke Zuzug aus der Provinz nach Berlin habe noch eine andre bedenkliche Folge. Die Unternehmer in der Provinz suchen für die Abwanderung der Maurer dadurch Ersatz zu schaffen, daß sie an deren Stelle Lehrlinge einstellen und Hilfs- arbeiter zu Maurern ausbilden. Auf diese Weise seien in kurzer Zeit Tausende von Maurern herangebildet worden. Die Folge davon würde die sein, daß, wenn die gute Konjunktur nachläßt, eine große Arbeitslosigkeit unter den Maurern platzgreift. Da die Organisation auf die Lehrlingszüchterei keinen Einfluß habe, so sei es um so not- wendiger, die Löhne in den kleinen Provinzorten zu heben, nicht nur um den Zuzug nach Berlin einzuschränken, sondern auch, um den gekennzeichnete» schweren Folgen der Lehrlingszüchterei vorzu- beugen.— Die Grundsätze, welche im Referat sowie- in der Diskussion hinsichtlich der Lohnbewegungen als maßgebend bezeichnet wurden, faßte Silberschmidt dahin zusammen: Es soll möglichst vorsichtig vorgegangen und nicht unter allen Umständen auf Abschluß von Tarifverträgen gesehen werden. Da Streiks in den Frühjahrs- monatcn erfahrungsgemäß in der Regel nicht den gewünschten Erfolg haben, so sollen die Streiks in den Sommennonaten durchgeführt werden. Am wirksamsten ist partielles Vorgehen. Streiks, die der Vorstand nicht genehmigt hat, werden nicht unterstützt. Nach Aus- bruch eines Streiks haben die ledigen Kollegen denStreikort zu verlassen. Hierauf nahm die Konferenz ohne Diskussion ein Regulativ an. welches die Normen für die Organisation und Verwaltung des Gaues festlegt.—.Nachdem diese Angelegenheit erledigt war, ging man zur Neuwahl der Gauleitung über. Zunächst wurde ohne Debatte beschlossen, neben dem Gauvorsitzenden noch eine zweite besoldete Kraft anzustellen, dann setzte man die Gehälter für diese beiden Beamten sowie für den gleichfalls besoldeten Vertrauensmann in Posen fest und billigte jedem derselben einen alljährlichen Urlaub von 3 Tagen zu, sowie die Hälfte des Beitrages zur Unterstützungs- Vereinigung. Die Wahl hatte folgendes Ergebnis: Silber- schmidt, I. Vorsitzender; Fritzsch, 2. Porsitzender; Otto Lehmann, Kassierer; Wolf, Schriftführer; Busse, Beisitzer. Revisoren: Anton, Rudolf, Lemm. Damit lvar die Tagesordnung erledigt. Nach geschäftlichen Mitteilungen und Schlußbemcrkungcn von Silbcrschmidt und Bömel- bürg, die insbesondere für die Erfüllung der erzieherischen Aufgaben der Organisation eintraten, wurde die Konferenz geschlossen. weil er ßnefkaften der Redaktion. Britz. Der Vcrsammlungsbericht wurde nicht aufgenommen, nickfs oon össentlichem Interesse enthielt. Hätten Sie bei der Emsendung s...: Adresse angegeben, so wäre Ihnen die Mlehnung und der Grund derselben sofort mitgeteilt worden. �imstikeksf Ceil. Die tiirifttschc Tpr-chstuude findet täglich mit Zlusiiahme dcS Soiiuabeud» von bis D1,'. Nbr abends statt. Geiifinct:? Nbr._. R. Th. 21. Di- sür die Wirtschajt von Ihrer Frau gemachten schulden müssen Sie bezahlen. Wollen Sie daS nicht, so genügt ein Hinweis der Gläubiger daraus nicht. Sie mußten vielmehr das Borgerecht Ihrer Frau durch eine in das Güterrechtsregister einzutragende, gerichtlich oder notariell beglaubigte Erklärung beschränken. Beispiele sür solchen Antrag finden«ie Seite 225, Nr. 20 u. 21 des dem„Arbeiterrecht" beigefügten Führers. Das Buch liegt in den össentlichcn Bibliotheken aus.— Z. 52. Es genügt, daß Sie darlegen, der Strasbesehl ist nicht vom Polizeipräsidenten erlassen, ist nicht unterschrieben, nicht beglaubigt, auch nicht in der vorgeschriebenen Art zugestellt und deshalb rechtsungültig.— F. Böhmke« sind Sie bereits früher verklagt oder verurteilt, so liegt Verjährung nicht vor. Ist dies nicht der Fall, so würde Ihr im Termin vorzutragender Verjährnngseintvand durchgreifen.— W. W. 1. und 2. Ja. 3. Nein. — L. V., Pechvogel. Wenn nicht vereinbart ist, daß der mit der Zahlung säumige Mitspieler keinerlei Rechte aus etwaigen Gewinn haben soll, so steht ihm ein Recht aus den Gewinn, seinen Mitspielern ein Recht aus Nach» zahlung zu.— Ä. 23. Der verheiratete«söhn ist nur soweit zur Er- Haltung oder Unterstützung seiner hilssbedürjtigen Eltern rechtlich verpflichtet. als der standesgemäße Unterhalt seiner selbst und seiner Familie(Frau und Kinder) zuläßt. In Ihrem Fall bestreiten Sie deshalb mit Aussicht aus Erfolg eine Rechtspflicht. Klagt die Armenverwaltung niit Erfolg beim Stadlausschuß, so steht Ihnen gegen dessen in der Regel gegen Arbeiter ungünstiges Urteil Berusung beim ordentlichen Gericht zu.— Tausend. Ja. — Krennberg 72. Nein.— Elisabeth 82. Liegt die Sachlage so, wie Sie sie schildern, so wird Anklage nicht erhoben, eventuell Freisprechung er« solgen.— L. P. B. 219. Der Versammlungsleiter lann jeden Hinaus- weisen, auch einen Kriminalbeamten, gleichviel, ob er im Dienst sich bcsindet oder nicht. UebrigenS kann angenommen werden, daß ein Kriminalbeamter auch an sogenannten dienstfreien Tagen sich im Dienst besindet.— A. B. 21.'Der oon Ihnen erwähnte Umstand wird schwerlich von der Waisenvcrivaltung in Rücksicht gezogen werden.— O. F. 63. Sie müssen Ihre Schwägerin um Wschrist des Urteils ersuchen. Daß solches ergangen ist, ist nicht wahrscheinlich.— A. I. 11. Ein Kausvertrag über ein Grund- stück ist nur dann gültig, wenn der Vertrag gerichtlich oder notariell ge» schlössen ist. Die Adressen der Notare finden Sie im zweiten Teile des Adreßbuchs. Das Grundbuchamt ist das Amtsgericht(Jüdenstr. 58—60). — M. H. 100«, Weitzensee. Sie müssen die Kosten vor dem Termin bezahlen, sonst entstehen etwa noch einmal so viele Kosten sür Sie.— H.<». 10. 1. Die Sachen Ihrer Frau rönnen wegen einer gegen Sie bestehenden Schuld aepjäiidet werden. Ihre Frau kann aber mit Ersolg Widerspruchsllage erheben und die Einstellung der Zwangsvollstreckung er« wirken. 2. u. 3. Handelt es sich um Alimente sür eheliche Kinder oder sür die Ehesran, so ist Lohnbcschlaanahme unbegrenzt zulässig, sonst nur so weit, als der notdürftige Unterhalt des Schuldners und die standesmäßige Unter- Haltung seiner Familie dadurch nicht verletzt wird.— D. R. 20. Nein. — M. W. 51. l. Die Mutter ist keineswegs verpflichtet, den Erzeuger ihres Kindes von ihrem Zustand in Kenntnis zu setzen. 2. Hat die Mutter in der Empsängniszeit mit mehreren sich abgegeben, so verliert sie und daS Kind ihr Recht. 3. Dem außerehelichen Vater steht ein Recht aus Heraus- gäbe des Kindes nicht zu. 4. Hinreichende Alimente sind zu zahlen; als iolche werden in der Regel 15 bis 25 M. monallich erachtet.— Reppcn Eiiong. 1. und 2. Welche Verpflichtung eine Krankenkasse bat, ergicbt sich aus deren Statut. Die Staturen sind verschieden. Das Gesetz setzt nur die Mindestleistung fest. 3. Die Versicherungsanstalt scheint im Recht zu sein. Ergiebt sich aus ihrem Schreiben, daß ihr Verhalten diesem entsprach, so würde eine nochmalige Vorstellung, eventuell Beschwerde beim Reichs- Versicherungsamt, Aussicht aus Ersolg haben.— X. B. Z. 1. und 2. Ja. — F. B.. Culmstr. 21. In einem Prozeß aus Schadensersatz würden Sie voraussichtlich verurteilt werden; suchen Sie eine Einigung herbei- zusühren.— M. H. 11. 1. Kinderlosigkeit ist kein Ehescheidungsgrund. 2—4. Sie sind berechtigt, wegen Ehebruchs zu klagen. Wird die Ehe wegen des Ehebruchs geschieden, so ist eine Ehe zwischen den Ehebrechern verboten, aber DispensaNon von diesem Ehehindermis zulässig. 5. Etwa 60 Mark monatlich.— F. P. 95, Hartman». Die Besichtigung der ge- kündigten Wohnung muß zu angemessener Zeit gestattet werden. AIS an« gemessen gilt die im Vertrage angegebene Zeit. Fehlt es an einer vertrag. lichen Vorfchrtst, so hat das Gericht aus Klage einer Partei zu entscheiden, welche Zeit nach den gesamten Umständen als angemessen zu erachte» ist. Das Berliner Gericht hat wiederholt entschieden, die Zeit von S Uhr vor» mittags bis 5 oder 6 Uhr abends wochentags und die Zeit von 9 bis 1 oder 2 Uhr des Sonnlags sei angemessen. Kann der Mieter nicht anwesend sein, so ist es seine Sache, sür Oeffnung der Wohnung(durch Uebergabe des -Schlüssels an einen Nachbar, den Verwalter, den Wirt) zu sorgen und so den Zutritt zu ermöglichen. Die Besichtigung muß so ost gestattet werden, bis die Wohnung vermietet ist.— G. V. 345. 1. Ja. 2. und 3. Nein. Dem Schankwirt 2414b t'i-lt« Schneider zu seinem OSjäbrige» Wiegenfeste senden die herzlichsten Glückwünsche Emi. Fr. Herrn, iak. Pa. Rieh. Wil. Socialdemokratlsclier WaUvereinimlBerl.Reielistags- Wahlkreis. Den Genossen zur Nachricht, daß das Mitglied Johann Rasch verstorben ist. Die Beerdigung findet am Mitt. woch, den 9. März, nachmittags 6 Uhr, von der Leichenhalle deS Thomas-Kirchhofes, Hermann- straße, Rixdors, aus statl Um zahlreiche Beteiligung eifuchl l»er Vorstand. | Arkiter-Skalbund Berlins and Umgegend. Am Sonntag, den 6. März, vcr- starb unser Mitglieds vom Klub „Null" Johann Rasch. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Mittwoch, den 9. Mörz, nachmittags 5 Uhr, von der Halle des alten Thomas- Kirchhoses(Hermannstratze) aus statt. 24416 Um zahlreiche Beteiligung bittet Her Vorstand. Zum Aussuchen! Jetzt fleißig legend, örutputen, Lruteier empsiehlt 5. itzsznor, Berlin, Mariamienstr. 34. Am Sonnabend, den 5. d. MtS., früh 9'l4 Uhr, verschied nach langem, schweren Leiden meiue innigstgelieble Tochter, unsre gute Schwester, Enkelin, Nichte und Braut Eteftka Schultze im Alter von 22 Jahren. Um stilles Beileid bittet im Namen der trauernden Hinterbliebenen Frau Ij. Schnitze, ! SO., Engel-User 16. Die Beerdigung erfolgt am Dienstag, den 8. d. MtS., nach- mittags 3'/, Uhr, vom Kranken- haus FriedrichShain aus nach dein städtischen Central- Friedhof in Friedrichsselde. 2429b loiUs-�mejge. Am Sonnab-nd, den 5. März, starb im Städtischen Krankenhaus am FriedttchShain mfre liebe Mit- arbetterin Bertha Schultze aus Königsberg. Wir werden der braven Ge- nossin, die dem Parteigeschäsie ein Muster treuer Pflichterfüllung war, ein dankbares Andenken bewahren. „Vorvarte" Bacbdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co. 6 Mark HZ.Rt., Straßen- land gratis, v. Centrum Berlins 2 Meile, idyllische Lage, prima Boden, verk. Schulz. Rixdorf, Lenaustr. 12. veutseker Bnchbinder-Verband. (Zahlstelle Berliu.) Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, daß unser langjähriges Miiglied, die Kollegin Bei-tks Schultze am 5. d. M. verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Dienstag, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenballe des Kranken- Hauses FriedrichShain aus nach dem Eentral-Friedhos in Friedrichs- selde statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 23'° Die Ortsverwaltung. Deutseber Holzarbeiter-Verband. Nachruf. Den Mitgliedern zur KennwiS, daß der Kollege, der Tischler Leopold Siering am 4. März nach langem Kranken- lager verstorben ist und am 7. März zur letzten Ruhe gebettet wurde. Ehre seinem Andenken! 80/4 Die Ortsverwaltung. So lg. Vor. frei g. Nchn. v. 3'U M. 2 echte Do«ar»lsaie, ca. 45— Kieler oOSiafhr u. marinierte' I Ds. Ccljarb., Psd. LachS u. 30 GoldlpbüII. Fischerei« Exp. E, Dogener, SwinehiOnde. E. 71. Statt besonderer Meldung! Sonnabend, den 5. d. Mts., früh 5 Uhr. verschied nach langen schweren Leiden unser herzensguter Mann u. Vater, der Restauratcur OskarBarbotz Um stilles Beileid bitten fidelbeld Barbotz geb. Dübring. Elisabeth Barbotz als Tochter. Die Beerdigung findet Oienstag, den 8. b. Mts.. nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des alten pulse»- Kirchhofes, Bergmann- Strasse, ans statt. 2425b IM Her terer Berlins u. Umgegend. Todes- Anzeige. Am Sonnabend, den 5. März, verstarb unser Mitglied Heinrich Kaschke. Ehre seinem Andenkenl Die Beerdigung findet am Dienstag, den 8. März, nach- mittags 3 Ubr, aus dem Emmaus« Friedhof in Rixdors statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 254/7 Der Vorstand. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines jieben Mannes, usisres guten Vaters, deS Cigarrensabrikanten Barl Schindler sage ich allen Verwandten, Freunden und Betannten, insbesondere den Mit- gliedern des WaHlvereinS sowie den Sängern des Vereins„Lorbeerkranz" meinen tiesgesühltesten Dank. 24l8b Vtw. Klara Schindler nebst Kindern. Allen Bekannten und Freunden die traurige Nachricht, daß am 5. März mein lieber Mann, unser guter Vater, der Schmied kritz Pubimann plötzlich verstorben ist. 24t8b Die Beerdigung findet Dienstag, den 8. März, um'1,1 Uhr vom Trauerhause Friedenstraße 106 aus statt. Ose trauernden Hinterbliebenen. ÜMeh-UeMzuM- und Begrabnls-Yerein der Bau- und geweFbl.llil!sarbei(erBerl.u.lIing. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß am 5. d. M. unser lang- jähriges Mitglied Hermann«landrig verstorben ist. Die Beerdigung findet amDienstag, den 8. Februar, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Simeons-Kirchhojes, Marien- darf aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 37/3 Der Vorstand. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und Anteilnahme bei der Beerdigung meines Bruders, des Stukkateurs Ernst Büttner sage ich hiermit im Namen der Hinterbliebenen meinen innigsten Dank. 173/5 Hermann Büttner, N., Lychenerstr. 3. Pfänder- Auktion Dienstag, den 8. März, 8 Uhr. 2432b Springer, Weidenweg 19. Danksagung. Für die überaus zahlreiche Be- teiligung und vielen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unsres guten VaterS, deS Schneidermeisters Hermann Stabrim sagen wir allen Freunden, Bekaniiien und Parteigenossen, insbesondere dem Vertreter des Kreises Genossen Fritz Zubeil sür die zu Herzen gehenden Worte am Sarge, dem Centtal-Wahl- verein Teltow- Beeskow- Charlotten» bürg, den soeialdemokratischen Wahl- vereinen von Groß-Besten, Königs- Wusterhausen, Adlershos, der ver- einigten Innung vonKönigs-Wuster- Hausen sowie dem Rauchverein„Blaue Lust" unsren herzlichsten Dank. Die trauernde Witwe 202/00 nebst Kinder». f» ÄPENTA: Empsehle den Genoffen meine Kran;- nud Klnmenbinderei speciell Veretnshränze 21625« E. Ebel, Ackerstr. 35. iinstlichiähne Karl Winzer, Älcxanderstr. 2I(i I. Teiizabiung gestattet Ml I.U.MttMiliU (Osten). DieuStag, den 8. März 1904, abends 8V2 Uhr, in der„ K ö n i g s b a n k", Grotze Frankfurterstraße 117: Mitglieder-Versammlung.-WR Tagesordnung: 1. Vortrag des Reichstags-Mgcordncten ranl SlaAer. 2. Diskussion 3. Sln den Vorstand gelangte Anträge. Gäste haben Zutritt. Die Versammlung wird pünltlich eröffnet! Um regen Besuch ersucht 2tStl2 Vorstand. Soeialdemokratiseher Verein im 5. Serliner Keiehstags-Wahikreise. Dienstag, 8. März, 8� Uhr abends: Oeffentl. Versammlung bei l.eföeeltei', Sophienstr. 34. Tagcs-Ordnuug: l Aus der Praxis der Arbeiter-Versicherung. Referent: Reichstags-Abgeordneter Genosse L'rässdQrt» Dresden. 2. Diskussion. 3. Partei» und Vereins-Angelegenhciten. Gäste erwünscht. Zahlreiches Erscheinen der Mitglieder erwartet 245/3«__ Der Borstand. k Wik■ Filiale Berlin. Donnerstag, den 10. März, abends 6 Uhr, in Kellers grossem Saal, Koppenstr. 20: Jortsetznng derGetteral-Versamtnlung vom 12. Februar. TageS-Ordnung: 1. Fortsetzung der Debatte über den Jahresbericht. 2. Bericht der Lohn» kommission über die Verhandlungen betreffend die Meitzener Arbeitert. 3. Gewerkschaftliches. 195/8 Um zahlreichen Besuch wird gebeten. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Ortsverrvaltnnx. Soeialdemokratiseher Wahlverein„Bixdorf". Mittwoch, den 0. März, abends«'/, Uhr: Mitglieder- Uerfammlung TageS-Ordnung: l. Vortrag des Reichstags-Slbgeordneten A. v, Elm:„Genossenschaften und Socialdemokratie". 2. Diskussion. 3. Bericht von der KreiS-Gcneral- Versammlung. 4. Ausnahme neuer Mitglieder. 5. Pereinsangelegcnheiten, Verschiedenes und Fragekasten. 232/8 Um zahlreichen und pünktlichen Besuch bittet Der Vorstand. Gäste, auch Frauen als solche, haben Zutritt. Apotheke z. goldenen Mer Alcxandrlncnstr. 41.* Hämorrhoidallikör a Flasche 1 Mark, 7 Flaschen 6 Hark. Grosse Märzfeier am Sonntag, den 13. März 1004 in L. IkeNers 7est»älen» Koppenstraße Nr. 29 arrangiert von den parteixenossen des IV. Kreises(Ost). Konzert ausgekukrt vom freuen BcrUncr Konzert-Orcheftcr unter Leitung des Dirigenten Reim R. CCetZ. ♦♦♦♦ Auftreten der VolkSsäugcr-Gesellfchaft Lcwandowsky. Während des Konserts im kleinen Saale: rni« 3�' JW A'ach dem Konzert im grossen Saale: 4L MAm Herren, welche daran teilnehmen, zahlen SO Pfennig nach. AnFang des Konzerts 4 Uhr. Billet 25 Pf., an der Kasse SO Pf, 214/4* Das Komitee. Arbeiter-Bildungs- Schule Berlin. Sonntag, den SO. März 1004, im OeTrcrkschaftshanse, Engel-Ufer 15(grosser Saal): Volkslieder s Abend. Festrede, Oesang(Solis und Duette). = Mitwirkende nur erste Kräfte.■ Eintritt 50 Pf, inkl. Programm und Garderobe. Eröffnung 6 Uhr. 4/10 Beginn 7 Uhr. Billets sind in den Zahlstellen der Schule und an der Kasse zu haben. Mittwoch, den 9. März, abends SV* Uhr im Saal I des Gewerkschaftshauses, Engel-Ufer IS Vortrag von Dr. tllax Blbcrty: Sociale Dichtung(Lyrik) mit Recttationen. Gedichte von Freiligrath, Heine, Herwegh, Dehme!, Liliencron, Hemlell, Otto Krillc— Politische Satire: Simplicissimus- Gedichte. 2438b � Eintritt frei.■ i las Freitag, den 11. März 1004, abends T'/j Uhr. findet laut H 50 des Statuts die Delegierten wähl statt: welche Für die Kassenmitglieder im G e w e r k s ch a f t s h a u s e, Engel-User 15. Krankenkassenbuch legitimiert resp. Bescheinigung des Arbeitgebers. UM- Um pünktliches Erscheinen der Kassennütglieder der Saal für 10 Uhr anderweitig vergeben ist. Für die Arbeitgeber. aus eignen Mitteln Beiträge zur Kasse zahlen, bei Fräderich, Alte Jakobstratze 89, abends 8 Uhr. wird ersucht, da 2412b I. A.: Karl Vieklseh, Vorsitzender, Berlin N. 54, Weinbergsweg 11. jSOOOP Nacö 30 Tagen Probezeit nehmen noch retour. SOOeOO Grosse Weuneit! Oeoetziich geschlitzt! � SdertriM alle»!!! iAksMiMe-Ztsmoniks Partei-Sekretär: Für die Frankfurter Partei-Organifation wird ein Sekretär gesucht. Derselbe mutz mit den Parteiverhält. nissen gut vertraut sein, sicheres Organisationstalent besitzen und in schriftlichen Arbeiten durchaus bewandert sein. 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Eine Verteidigungsrede.—,30 M. Meine Afsifen-Nede, gehalte« vor den Geschworenen zu Dussel- dorf am 3. Mal 1840 gegen die Anklage, die Bürger zur Bewaffnung gegen die könig- liehe Gewalt aufgereizt zu haben.—.40 M. Arbeiterprogramm.—.15 M. Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen. -.60 M. Der Lassallesche Kriminalprozeft. II. und III.—.50 M. Offenes Antwortschreiben an das Geutralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen deutsche» Arbeiterkongreffcs zu Leipzig. Neue Auflage.—,20 Ä. Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag. Drei Symptome des öffentlichen Geistes—,25 M. An die Arbeiter Berlins. Eine Ansprache,—,20 M. Der Hochverrats- Prozess wider Fcrd. Lassalle.— ,40 M. Kleine Aufsähe:— ,15 M. Tie Agitation des Allgemeinen Deut, che» Arbeitervereins und das Versprechen des Königs von Preutzen.—.25 M. Herr Bastiat-Schulze v. Delihsch oder Kapital und Arbeit. 1.- M. Herr Julian Schmidt» der Sit« terarhiftortker.—.75 M. Borrede zum System der er» wordenen Siechte.—.20 M. Franz von Sickingen. 2.— M. r" Schmöckwitz Maw Palme®Äe.' M vuuivvu. n itw(Endstation der, ,Stern"-Qanipfer). Hermann Peter. Telephon- orunau»10. zg. El * Empfehle mein allbelaimtcS, herrlich am Wald und Wasser belegenes Lokal den geehrten Bereinen und Gesellschaften zu Ausflügen. Ausspannung und Danipferstcge, Kegelbahnen, grotze Kaffeeküche. Säle, Hallen, grosser schattiger Garten. 3000 Personen sasiend. H.& P. Uder, Berlin SO. 10, Sngel-Ufer 5. Fabrik-Lager sämtlicher gangb'arer Kautabake. Nordhäuser Kautabak stets frisch zu billigsten Engros-Preisen. 3958 L* � Amt 4, 3014. eckte atzenho/ er jjiere sj atzenhofer Heu i,>/« T. M. 3.oo atzenhofer Marine j,„<'/» T. M. 3.25 atzenhofer Dunkel] � m. j V8 T M. z.� f atzenhofer Crystall 28 Fl. 3 M.»/feHI.M. 3.00 Gefillige Bestellungen an Schutzmarke j. Kurzberg lieueKöBlgs(r.4I'L A direkt am Alexanderpl. liefert geringer WX teilzahlung. 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Schulz, der Bürger- Deputierte Dr. A. Levy-Berlin, Prof. Dr. Albrecht, Geschäftsführer der Centralstelle für Arbeiterwohlfahrtsbcstrcbungen. Gemeldet sind ferner die Damen Fräulein v. Bernhaupt, de la Croix, Helene Simon aus Berlin und die Herren Lehrer A g a h d- Rixdorf, Assessor v. Ka tt e- Berlin, Prof. Dr. S ch e r i n g- Wilmersdorf, Dr. Wagner- Berlin. Unter den Delegierten befinden sich der Arbeitersekretär G r e u- li ch- Zürich, die Reichstags- Abgeordneten Reißhaus, Bock, Dr. Heinrich Braun, b. Elm. ferner die Vertrauensperson der socialdcmolratischen Frauen Deutschlands, Fräulein Baader, weiter Frau Zetkin, Frau Ihrer, Frau Dr. Marie Hoff- mann, Frau Lily Braun, Frau Z i c tz- Hamburg, Professor S o m b a r t, Prof. F r a n ck e und viele andre in der Arbeiter- bewegung und für Arbeiterschutz-Gesetze wirkende Personen. Die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands ist vollzählig vertreten; der Vorsitzende derselben, ReichStags-Abgeordneter Legten eröffnet um'h 10 Uhr die Verhandlungen mit folgender Ansprache: Umfang und Art der Zusammensetzung dieses Kongresses zeigt, daß es sich hier um eine Angelegenheit handelt, die nicht bloß die Arbeiterklasse interessiert, die unter der Heimarbeit allerdings am meisten leidet, sondern auch die große Moste der Bevölkerung als Konsumenten der Produkte der Heimarbeit, weil dieser Betrieb eine beständige Gefahr für das konsumierende Publikum ist. Wir haben nnS deshalb nicht darauf beschränkt, die Vertreter der Arbeiterschaft zu laden, sondern auch die Vertreter der Behörden: daS ReichSamt des Innern und das Gewerbe-Jnspektorat. Eine große Zahl der Gewerbe-Jnspektoren ist unsrer Einladung gefolgt. Anders leider hat eS die Regierung gehalten. Das Reichsamt des Innern, gezeichnet Posadowsky, teilte uns heute früh mit, daß eS leider nicht in der Lage sei, einen Vertreter zu diesem Kongreß entsenden zu können. (Vielseitiges Hört! hört!) Offen gesagt, berührt uns diese Ab- lehnung nicht zu tief. Allmählich ist durch die vielfache Ablehnung unsrer Einladungen ein gewisses Gefühl der Gleichgültigkeit in uns entstanden.(Sehr gut!) Wir hätten eine gewisse Gcnugthuung darüber empfunden, wenn das östreichische Handelsministerium, eine Auslandsregierung, wie es angekündigt war, einen Vertreter zu diesem Kongreß entsandt und damit ein größeres Interesse an unser» Ver- Handlungen und Bestrebungen bekundet hätte, als die Jnlandsregicrung. Diese Genugthuung ist uns leider nicht geworden. Heute früh er- hielten wir die Mitteilung, daß auch das östreichische Handels- Ministerium von einer Delegation leider absehen müsse. Ich habe weiter zu konstatieren, daß uns aus bestimmten Kreisen der Arbeiter selbst, von denen wir eine Delegation erhofften, eine Absage geworden ist. Von den Hirsch-Dunckcrschen Gewerkvereinen ist nur eine Delegation anwesend, die der vorgeschrittensten Gruppe des rheinisch-westfälischen Ausbrcitungsverbandes. Die christlichen Organisationen aber haben eine direkt ablehnende Haltung dem Kongreß gegenüber eingenommen. Sie haben erklärt, deshalb nicht teilnehmen zu können, weil e§ ein social- demokratischer Kongreß sei.(Hört! hört!) Um Ausreden ist man auf dieser Seite ja niemals verlegen. Selbst wenn es so wäre, so hätte eine Organisationsgruppe, wenn sie ernstlich die Interessen der Arbeiter vertreten will, nicht das Recht, sich fern- zuhalten. Es ist gerade so, als wenn ich einem Ertrinkenden deshalb nicht die Hand reichen will, weil vorher ein Socialdemokrat seine Hand berührt hat!(Lebhafte Zustimmung.) Man bat daS Fernbleiben auch damit erklärt, daß die christlichen Organisationen nicht direkt eingeladen worden seien. DaS offizielle Organ dieser Gruppe, die„Westdeutsche Arbeiterzeitung" bat ge- schrieben: Erst in_ letzter Stunde habe man sich ver- anlaßt gesehen, einige bürgerliche Socialpolitikcr einzuladen. um da? Dekorum zu wahren! Ich kann erklären, daß diese Bc- haupwng erlogen ist. An die gesamte Arbeiterschaft ist ein Aufruf gerichtet worden, und die Chrfftlichen rechnen sich hoffentlich auch noch zur Arbeiterschaft. Direkt eingeladen sind folgende Oraani- sationsgruppen: der Verein für Socialpolitik und die Gciclljchaft für Socialreform: der Verband der Orts-Krankenkasten Deutschlands, die Freien Hilfskassen und die Centrale für das Krankenkastcn- wesen Deutschlands. Die Ablehnung der christlichen Gewerk- schaften zeigt, daß sie nicht gemeinsam mit der Arbeiterschaft arbeiten wollen, daß sie wieder abseits stehen, um die Kräfte, die gegen die Heimarbeit mobilisiert werden sollen, aufs neue zu zer- splittern. Hier haben Politik und Religion auszuscheiden, hier heißt es, gemeinsam arbeiten, um das, waS zum Schutz der Heimarbeiter notwendig ist, zu erreichen.(Bravo!) Redner verweist zum Schluß auf die Ausstellung von Produkten der Heimarbeit im Ncbensaale, die mit dem Kongreß verbunden ist. Wir sehen hier, daß z. B. in der Industrie künstlicher Blumen eine Arbeiterin ö bis 5% Pfennig Stundenlohn erreicht. Wir hoffen, daß die Feststellung solcher Thatsachen am wirksamsten gegen die Heimarbeit sprechen wird. Wir werden jedenfalls noch eine ganze Reihe gleicher Ver- anstaltungen folgen lasten müssen, um die Gesctzgebungsmaschine in Bewegung zu setzen.(Lebhafter Beifall.) Nach dieser einleitenden Ansprache ergriff ReichstagS-Abgeordneter K ö r st e n als Vertreter der Berliner Gewerkschaftskommstsion daS Wort zu einer kurzen Begrüßung des Kongresses. Nunmehr wird zur Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten geschritten. Die Mandate werden ohne Prüfung durch eine Kom- Mission für gültig erklärt. Zur Leitung der Verhandlungen werden als Vorsitzende mit gleichen Rechten Legten. Prof. Dr. F r a n ck e und D e i ch m a n n(Vorsitzender des Verbandes der Tabakarbeiter) gewählt, zu Schriftführern die Herren Simon. Weicker, S e n d l e r, die Damen Frau Ti e tz, Frl. L ü d e r s, Frl. Alt- m a n n. Nach Annahme der vorgeschlagenen Geschäftsordnung mit der Abänderung, daß abends bis 6 Uhr getagt wird, erhält das Wort Käming-Berlin zu einem Referat über:„Die sociale Lage und Notwendigkeit des gesetzlichen Schutzes der Heimarbeiter und-Arbeiterinnen". Geehrte An- wesende I Bis Anfang der 90 er Jahre stellte sich die Wissenschaft und Industrie der Hausarbeit freundlich gegenüber, weil ihre Aufrecht- crhaltung den Familienznsammenhang erhalte. Der erste, der auf die Mißstände aufmerlsam machte, war Dr. Sar, 1382— 84, ihm folgte D r. O u a r ck. Der wirkliche Umfang der Hausindustrie ist schwer anzugeben, weil eine ganze Anzahl in ihr thätiger Personen nicht statislilch zn fasten ist. Die BerufSzäbluiig vom 14. Juni 1895 ermittelt 457 984 Personen, die nach den Angaben der Hausindustriellen in der Heim- arbeit tötig waren. Diese Zahl aber ist zu niedrig. Wie unzuläng- lich die Statistik ist. weist Redner an einigen Beispielen nach. In einer ganzen Anzahl von Industrien ist die Heimarbeit die hervorstechendste Betriebsform. 1895 kamen auf je 100 von der Betriebszahlung ermittelten Personen folgende Zahlen auf die HauS- arbeiter: in der Handschuhmacherci 23,3; Verfertigung von Leder- spielwaren 25,0; desgl. von Holzspielwarcn 28,2; Seidenspinnerei 23,2; Seidenweberei 33,3; Verfertigung von Krawatten und Hosenträgern 33,7; Puppenverfertigung 34,3; Strickerei, Wirkerei 34,4; Gummi- und Haarflechterei 34,7; Spinnerei ohne Stoffangabe 35,4; Verfertigung von Harmonikas 38,0; Posamentenfabrikation 38,6; Lemenwcberei 38,8; Putzmacherei 38,9; Häkelei, Stickerei 40,2; Glasbläserei 41,0; Wäscherei, Bleicherei 47,8; Spitzen-, Weitzzcugstickerei 49,5; Geigenniacherei 52,9; Verfertigung von Spiel- waren aus Papiermacho 53,5 und Seidenhaspelei 53,2. Es wird vielfach behauptet, die Heimarbeit könne auf die Dauer nicht mit der Fabrik konkurrieren und würde deshalb von selbst ab- sterben. Das ist aber nicht der Fall. In gewisten Industrien können wir vielmehr eine Rückbildung von der Fabrikarbeit zur Heimarbeit konstatieren. Folgende Branchen weisen von 1882— 1895 eine Zunahme der Heimarbeit auf: Die Kleider- und Wnschcfabrikation(-s- 30 106), die Tischlerei und Parkettfabrikation(ff- 9338), die Schuhmacherei(ff- 7765), die Tabakindustrie(ff- 6949), die Korbniacherei(ff- 6007), die Spitzen- und Weißzeugstickerei(ff- 5560) und die Wollweberei(ff- 4072). Eine Abnahme weisen nur die verschiedenen Zweige der Textil- industrie auf: hier produziert die moderne Technik billiger, als die billigste Heimarbeit. In Deutschland kommen auf je 1000 Fabrikarbeiter 82,9 Heim- arbeiter: in Sachsen aber 263,8 Heimarbeiter. 193 516 Frauen, davon 38 912 verheiratete, waren im Haupt- beruf hausindiiftriell thätig; ihre Zahl ist beständig gewachsen. Auch die Kinderbcschäfligung nimmt zu; ihre Haupsitze liegen in Sachsen- Meiningcn, Sachsen-Koburg-Gotha. Die Vorteile der Heimarbeit für den Unternehmer bestehen: 1. in der Abwälzung seiner Ausgaben auf den Arbeiter, durch die Ersparung der Unkosten für Miete, Heizung und Beleuchtung; 2. in der einfacheren Technik, der Verwendung von wenigen nicht kostspieligen Maschinen; 3. in der Heranziehung der Arbeitskraft von Frauen und Kindern, die die Heimarbeit als Neben- und Füllarbeit betrachten; 4. in der leichten Transportsähigkeit der Rohstoffe und Er- zeugniste; 5. in der Umgehung der den Unternehmern durch die Arbeiter- schutzacsetzgebung aufgelegten Pflichten. Redner geht nun dazu über, besonders kraste Fälle von Aus- beutung in der Heimarbeit mitzuteilen. Für das Pressen von 1000 Haarnadeln werden 6 Pf. gezahlt; 7—8000 Nadeln sind die höchste Leistung täglich. Die Laubsägcmacher erhalten 30—40 Pf. pro Groß! 30 Groß in der Woche lassen sich herstellen. Die Draht- slechtcr an der Eifel verdienen bei 14— 15 stündiger Arbeitszeit 1 Mark pro Tag. Dieser Industriezweig ist im Absterben begriffen; aber es ist ein sehr langwieriger Todes- kämpf. Trostlos ist die Lage der Schwarzwälder Uhrenarbeiter, trostlos die der Kleineisenarbeiter in Schmalkalden. Unglaublich niedrig sind die Löhne in der Nuhlaer Pscifenindustrie. Jeder Kauf- mann dort hält es für selbstverständlich, daß das Holz zu den Pfeifen gestohlen wird.(Hört! hört!) In der Korbmacherei dominiert die Hausindustrie, Die Zustände sind so schlimm, daß selbst der Korbmacherinnungstag in Frankfurt a. O. eine Resolution gegen die Heimarbeit angenommen hat. In der Spielwarenindustrie in Fürth und Nürnberg sind 500 Frauen mit Zinnmalerei be- schäftigt. Für das Hundert fcingemalter Figuren werden 14—16 Pf. bezahlt. Bei zlvölsstündigcr Arbeitszeit verdienen die Frauen wöchentlich 5 Mark, wovon für Oel, Lack und Pinsel noch 65 Pf. abgehen. Es bleibt ihnen ein Stundenlohn von 7 Pf. In der Spielwarenfnbrikation im Erzgebirge verdient eine fünf- köpfige Familie wöchentlich 14 M., wovon 4 M. an Auslagen ab- gehen. Für die Herstellung kleiner Tiere, des sogenannten Elends- viebs werden 15 Pf. pro Schock bezahlt; 100 Schock sind wöchent- lich herzustellen; die Auslagen betragen 10 M., so daß 5 M. Ver- dienst bleiben. Bei der Herstellung von 30 Schock Zappelmänner a 30 Pf. kommt eine Familie auf 6 M. Wochenverdienst. Eine Näherin von Puppenkleidern verdiente nach Ausweis ihres Lohn- bucheS wöchentlich: 60 Pf., 1,24, 1,71, 2,20, 2,33, 2,40, 2,44, 2,79, 2,90, 3,02 usw. bis 6 ll't. pro Woche. In 26 Wochen verdient sie durchschnittlich 3,33 Pf., wovon noch die Auslagen für Rähfaden abgehen. In der Spielwarenindustrie hat die Kinderbeschäftigung einen besonders hohen Grad erreicht. So sind im Sonneberger Bezirk 47 Proz. aller Kinder in der Hausindustrie thätig. Es ist sehr zweifelhaft, ob das neue Kinderschutzgesetz die Kinderarbeit hier wesentlich einschränken wird. Fehlt doch'jede amtliche Kontrollinstanz I (Sehr richtig.) In der Saison ist die Arbeitszeit für Kinder nicht gering; an einen» Orte betrug sie sogar über 50 Stunden wöchentlich. Redner schildert die WohnungSverhältnisse der Thüringer Spielwarenindustric nach dein Buche von Stillich und ebenso die Gesundheitsverhältnisse. Er schildert dann ivciter die Heimarbeit in der Porzcllanindustric.indcrBerlinerLeder-undGalanterieivarcn-Jndustrie, in der Lahrer Kartonnagefabrikation und in der Tabakindustrie. In der letzteren waren nach Dr. Jaffö 1882 8394, 1895 aber 15 457 Personen darunter 6992 Frauen thätig. Diese Zahlen sind aber viel zu niedrig. Meines Wissens sind 24 000 Personen in der Tabak- industrie hausindustriell beschästigt.(Ruf: Viel mehr I) Mit dem Entrippen und Anfeuchten des Tabaks werden schulpflichtige Kinder beschästigt, die 1—1,20 M. wöchentlich bei 4— 6stllndiger Arbeitszeit verdienen. In Herford-Minden-Lübbecke sind 5399 Kinder in der Cigarrenfabrikation beschäftigt. Redner lveist nach, wie die Ver- legung der Fabrikation von Bremen und Hamburg nach dem Harz und Westfalen die Löhne gedrückt hat. Recht traurig liegen die Verhältnisse auch in der Textilindustrie. Im TaunuS werden Kinder bei eine»» Stundenlohn von 2 Pfennig beschäftigt, die Beschäftigung von Schulkindern übersteigt die Zahl von 60 Proz. Die sächsischen Textilindustriellen stellen geradezu die Behaliptung ans. daß daS Verbot der Arbeit von Kindern unter 10 Jahren bedeute, daß man die Wilrzcln der Industrie angreife.(Hört, hört!) Weirn das heißt, die Wurzeln der Industrie angreifen, so bin ich der Meinung, daß diese Wurzeln so bald als möglich ausgerottet werden müssen.(Sehr richtig!) Die statistischen Erhebungen im Eulengebirae haben ergeben, daß Kinder bis zu 60 Stunden wöchentlich beschästigt werden. Die Pntzfedern- und Blumenindustrie hat sich nach dem deutsch- französischen Kriege in Deutschland bedeutend ausgedehnt, in Fabriken sind 19 000 Arbeiterinnen und ca. 1000 Arbeiter beschäftigt, wozu noch 20 000—25 000 hansindustriell Thätige kommen. In Berlin allein bestehen 100 Fabriken dieses Industriezweiges, worin 2000 Personen beschäftigt sind. Im Taunus werden für ein Paar mit Zierat versehene zwei- knöpfige Handschuhe 12 Pf. gezahlt; bei 14stündiger Arbeitszeit ver- dienen die Arbeiterinnen 90 Pf. bis 1 M. Außerdem müssen sie pro Woche 3 M. für die Benutzung der Nähmaschinen bezahlen, so daß kaum ein Verdienst von 5—7 M. pro Woche bleibt. Zur Konfektionsindustrie übergehend, betont der Redner, daß daS größte Elend hier überhaupt noch nicht ans Tageslicht gezerrt sei; denn bei allen Untersuchungen sind die unter den schlimmsten Ver- Hältnissen Arbeitenden gar nicht befragt� worden. In Berlin wurden unter 92 Arbeiteriinien 88 mit weniger als 10 M. Wochen- verdienst ermittelt, einige davon verdienten 3 bis 4 M.. selbst 1 M. Wochenlohn kommt vor. Die Arbeits- und Wohnräume sind hierbei natürlich die jammervollsten, wofür der Redner schlagende Einzel- heiten anführt. Eng verbunden damit ist der elende GesundheitS- zustand, der zu schivcren Krankheiten führt. Ansteckende Krankheiten aller Art, DiphtheritiS, Scharlach, sind häufig und können durch die hier gefertigten Waren leicht verschleppt werden. Innerhalb zwei Jahren sind nach dem Bericht des Berliner Fabrikinspektors in 3046 HeimarbeitSberrieben 98 Fälle von ansteckenden Krankheiten konstatiert worden. Aber nicht nur in Privatbetrieben, auch vom Reich, Staat und von den Gemeinden werden an die Heimarbeiter eben so niedrige Löhne gezahlt.(Sehr richtig.) Bei den Sattlern, bei den Schneidern für Uniformen sind die Verhältnisse trostlos. In der Uniformlieferungs- Schneiderei haben einige wenige Firmen ein wahres Monopol, wodlirch die Arbeiter in die tiefste Abhängigkeit geraten sind. Die Firma E d. Sachs in Berlin z. B. schreibt den Arbeitern folgenden Vertrag vor: „Hierdurch verpflichte ich mich, die von der Firma mir zur Anferti- gung übergebcncn Stücke genau nach empfangener Instruktion an- zufertigen und im sailberen Zustande abzuliefern. Ich unterwerfe mich von vornherein noch dem Urteil von zwei Zwischenmeistern, nicht sauber und vorschriftsmäßig angefertigte Stücke auf meine Kosten verändern zu lassen und verzichte darauf, den Klageweg vor Gericht zu beschreiten.(Hört! hört!) Ferner verpflichte ich inich. etwaigen Schaden sofort auf eigne Kosten zu ersetzen und die n»ir übertragene Arbeit stets zu dem inir angegebenen Termin abzuliefern. Bei nicht pünktlicher Ablieferung hat die Finna das Recht, die noch bei mir befindlichen Sachen ohne Entschädigung zurück zu verlangen." Dieser skandalöse Vertrag ist den Ministern bekannt(Hört! hört I), sie thun aber nichts zu seiner Beseitigung. Was sollen die Gewerkschaften sich da an die Ministerien wenden, durch den Druck der öffentlichei» Meinung»vollen wir die Beseitigung dieser elenden Zustände erreichen, die viel schlimmer sind, als die Sklaverei des Altertums und die Leibeigenschaft des Mittelalters.(Sehr richtig.) Die Postverivaltung, die Militärverlvaklung dulden ruhig die Herstellung der Uniformen in der Heimarbeit zu Löhnen, die in nichts pch über die von den privaten Koiisektionären gezahlten erheben, und zwar in gleicher Weise in Preußen, lvie in Bayern. Das preußische Kriegsinisteriuin läßt Sachen zu wahre»» Hnngerlöhncn anfertigen. Seit einigen Jahren ist man bestrebt, die Oekononiie- Werstäiten aufzuheben und alles der Hausindustrie zu überlassen. Das Kriegsministerium kümmert sich nicht weiter darlnn, unter »velchen Umständen diese Arbeiten angefertigt»verde», so daß sich in der Militär-Uniform-Schneidcrei»vahrhaft trostlose Zustände heraus- gebildet habe». Es werden Arbeitslöhne gezahlt, die teiliveise sogar hinter denen in der Privatindustrie zurückbleiben. Schon vor zehn und fünfzehn Jahren meinten wir, daß die Verhältnisse nicht schlimmer»verde» könnten; trotzdem sind die Löhne beständig gesunken. Ans eigner Kraft, durch wirtschaftlichen Kampf, können die Hausarbeiter sich nicht erheben. Zunächst sind die Arbeiter hier isoliert; sie leben in duinpfcr und stumpfer Einsamkeit dahin und kümmern sich um nichts. Dazu komint, daß hier besonders schivächliche Arbeiter beschäftigt sind, die von Natur mutloser sind, als die Fabrik- arbeiter. Dazu kommt die Schmntzkonkurrenz der zahlreiche»� Gelegenheitsarbciterinnen aus bürgerlichen Kreisen, die sich ein Flittcrgeld verdienen»vollen. Weiler sind aus den rückständigsten Gegenden zugewanderte Arbeiter vielfach in der Hausindustrie thätig. Aus allen diesen Gründen können die Arbeiter sich nicht selbst helfen, sondern die Gesetzgebung muß einschreiten. Das Ausland hat uns hierin längst beschämt. In der Schlveiz finden wir schon 1894 und 1897 Schutzgesetze für die Heimarbeiter, z. V. den elfstündigen Maximal« arbeitsiag. Das englische Fabrikgesetz eirthält in der Novelle von 1891 Bestimmungen zuin Schutze der Heimarbeiter. Ebenso sind in Amerila Schutzbestiminungcn vorhanden. Am»vcitesten vorgc- schritten in Bezug auf gesetzlichen Schutz der Heiinarbeiter sind die australischen Kolonien; hier sind bei Regierungsarbeiten gewerkschaftlich organisierte Arbeiter vorzuziehen.(Hört! hört!) Bei»nS in Deutschland werden sie geradezu ausgeschlossen. Die Heimarbeit ist denn auch in Australien beträchllich emgeschränkt, die Löhne find erheblich gesliegen, was der Arbeitsmimster dort als einen Erfolg bezeichnet,»vorauf er stolz ist.(Sehr richtig! und Hört! hört!) In Deutschland finden wir nur die Bestimmungen des Bundes- ratS von 1888 und 1893 für die Tabakindustrie, jedoch blieben sie ohne Wirkung,»veil die Kontrolle fehlt; dazu kommt d»e Invaliden- Versicherung für die Arbeiter der Tabak- und Textilindustrie. Schutz- bestimmlingen für die Konfektion, und das Verbot von Kinderarbelt, >vo. i m Großen" gearbeitet wird, eine Bestiinmnng, welche die Durchführung vollständig vereitelt.(Sehr richtig!) Dazu tritt noch die bimoesratliche Bestimmung von 1902, welche Lohnbücher in der Konfektion verlangt; die Unternehmer setzen dein starren Widerstand entgegen. Ferner darf�die Krankenversicherung durch Ortsstatut auf die Hausindustrie ausgedehnt»verde», was aber erst in 17 bis 20 Fällen geschehen ist. Alle diese Bestimmungen sind ungenügend; sie treffen das Uebel nicht an der Wurzel. Die Hausindustrie zerstört das Familienleben, durch die billigen Löhne richtet sie Mann, Frau und Kind körperlich und geistig zn Grunde, sie bildet einen Herd infektiöser Krankheiten, die dem Arbeiter und dem Publikum gleich schädlich sind, sie bietet dem Unternehmer die Gelegeilheit, sich über alle Arbeiterschutz-Gesetze hinwegzusetzen, und hemint dadurch die Gesetzgebung. Angesichts dieser Zustände legen wir Ihnen folgende Rc- solution vor; In der modernen Produktionsweise ist die Hausindustrie eine BetriebSform, die durch niedrige Löhne und lange Arbeitszeit für die Arbeiter und Arbeiterinnen die schwersten Schäden in Wirtschaft- licher und physischer Beziehung zur Folge hat und den Unternehmern die Unlgehnng der Arbeiterschutz- und VersichcrungSgefetze ermöglicht. Sie ist infolge ihrer ungesunden Arbeitsstätten ein Herd infektiöser Krankheiten, solvohl für die Produzenten, als auch für die Kon- suinenten; mithin eine Gefahr für das gesamte Volkswohl. An- gesichts dieser Volksgefahr ist eS Aufgabe der Gesetzgebung, durch geeignete Maßnahmen auf die wirtschaftliche Hebung der Lage der Heiinarbeiter und Arbeiterinnen hinzuivirken und diese soivie das Gesamtpublikun» vor de» gesundheitsschädlichen Gefahren dieser Be- triebssorm zu schützen und ihre allmähliche Einschränkung und Auf- lösung herbeizuführen. Der an» 7. bis 9. März 1904 im Gclverk- schaftshaus zu Berlin tagende erste Heimarbeiterschutz-Kongrcß fordert deshalb die unverzügliche Schaffung eines Heimarbeiterschutz-GesetzeS und zwar auf folgender Grundlage: 1. Strenge Vorschriften über die Einrichtung und Beschaffenheit der Arbeitsstätte» in der Hausindustrie, insbesondere dahin- gehend, daß dieselben hell, trocken, heizbar und leicht zu lüften sind und weder zum Wohnen, noch zum Schlafen oder Kochen benutzt werden dürfen. 2. Verbot der Hein, arbeit in Wohnungen und Arbeitsstätten, in welchen sich Personen aufhalten, die mit ansteckenden Krank- heiten behaftet sind. g. Desinfektion und wenn nötig, Vernichtung derjenigen Materialien und Waren, die entgegen dem Verbot, in Woh- nungen oder Arbeitsstätten lagern oder bearbeitet werden, in welchen sich Personen aufhalten, die mit ansteckenden Krank- Helten behaftet sind. 4. Unterstellung der Heimarbeitsstätten unter die Kontrolle der Ge»verbe-Fn>pektion und deren Hilfsorgane. S. Verpflichtung der Unternehmer und Zwischemncister. eine genaue Liste der von ihnen als Heiinarbeiter beschäftigten Personen mit Wohnungsangabe zu führen, fortlaufend zu ergänzen und jederzeit den Beamten der Geiverbe-Jnspektion vorzulegen. 8. Kennzeichnung der in der Hausindustrie hergestellten Waren »nit einem für jedermann sichtbaren Etikett, welches die Auf- schrift:„Heiinarbeit" trägt und erst entfernt werden darf, wenn die Ware in den Besitz des Käufers übergegangen ist. 7. Ausdehnung der Kranken-, Alters- und Jnvalidltätö- und UnfallversicherungSgefetze, ferner der Bestiminluigen der Gewerbe- Ordnung über Arbeitszeit, Nachtarbeit, Sonntagsruhe. Wöchnerinnenschutz, Kinderarbeit und Arbeitsordi»ungen auf die gesamte Heimarbeit. 0. 10. 11. 8. Uniersiellung auch der HauZiudustrielleil unier die Gelveröe gerichte Lei Streitigketteii, die zivischcn ihnen und den Unteniehmern(Verlegern) aus dem Arbeitsverhältnis ent stehen. Einsetzung von„Mhidestlohn-Kommissionen" mit der Auf gäbe, für den Bezirk und die Vranche, für die sie berufen find, ein Mindestmaß der Entlohnung für eine bestimmte Gültigkeitsdauer feststisetzen. Die von ihnen normierten Lohnsätze sollen nach ihrer Veröffentlichung rechtSverbind lich sein. Einführung von Lohnbüchern, in denen Art und Umfang der Arbeit, sowie die Lohniätze bei Ausgabe der Arbeit ein zutragen find. Verbot der Mitgabe von Arbeit nach Hanfe an Werkstatt arbeiter und-Arbeiterinnen. 12. Arbeiten des Reiches, der Einzelstaaten und Kommunen dürfen nur an solche Unternehmer vergeben werden, die diese in eignen gewerblichen Betrieben(unter Ausschluß jeglicher Zwischenunternehmer) anfertigen lassen und die durch'Tarif- vertrage oder von den Berufsorganisationen der Arbeiter oder den Mindestlohn-Koininissionen festgesetzten Lohn- und Arbeits bedingungen erfüllen. 13. Verhängung wirksamer Strafen für Ucbertretmig der gesetz lichcn Bestimmungen, für deren Einhaltung Unternehmer und Zwischemncister in erster Linie verantwortlich sind. Angesichts der für alle Kulturstaaten gleich großen Gefahr der Hausindustrie fordert der Kongreß die deutsche Regierung auf, zu internationalen Vereinbarungen die Initiative zu ergreifen. F r. K ä m i n g. Nehmen Sie dieselbe einstimmig an. ES ist das Mindestmaß dessen, was wir fordern müssen. Seit Jahren schon erheben wir diese Forderungen, ohne gehört zu werden. Erfüllt man sie wieder nicht, so werden wir den Kampf schärfer als bisher fortsetzen, bis die gesetzgebenden Körperschaften unter dem Druck der" öffentlichen Meinung gezwungen werden, diesen Schandfleck aus dem deutschen Wirtschaftsleben zu beseitigen.(Lebhafter Beifall.) Tie Mittagspause tritt ein. N a ch m i t t a g s s i tz u n g. Die Nachmittagssitzung wird um 3 Uhr von Professor F r a n ck e eröffnet. Zunächst wird mitgeteilt, daß die Zahl der angemeldeten Delegierten nicht 177, sondern 188 beträgt. Dann erhält das Wort Professor Dr. Sommerfeld zu seinem Bortrag: Die gcsundhcit- lichcn Gefahren der Hausindustrie für das konsumierende Publikum. Der Redner betont einleitend, daß seine Wahl als Nicht-Partei- mann zum Vortragenden zum Ausdruck bringe, daß eS sich um eine wichtige Angelegenheit allgemeiner Volkswohlfahrt handle. Zun, Thema übergehend bemerkt er, daß für das konsumierende Publikum die Uebertragung ansteckender Krankheiten durch die hausindustriell her- gestellten Waren in Betracht kommen. Wesentlich handelt eS sich hier �mn die Wasche- und Bekleidungsindustrie, sowie der Nahrung-- und Genußmitrel. Die Krankheiten, welche durch die Waren übertragen werden, sind Masern, Scharlach, Diphtherie. Influenza, Tuberkulose, Pocken, Typhus, Ruhr, Syphilis. Redner schildert. wie diese Krankheiten übertragen werden. Wenn der Arbeiter ertrankt, giebt er die Ware ab und der Unternehmer läßt sie anderweitig fertigmachen. Erkrankt ein Familien- Mitglied, so wird in der Regel die Arbeit nicht unterbrochen. Die ungünstigen Raumvcrhältnisse und die Anspannung aller Kräfte im Dienste der Heimarbeit bedingen, daß die Säuberung der Räume nicht im entferntesten den hygienischen Ansprüchen genügt. Die .Krankheitskeime werden nur allzuleicht verstreut. Der Umstand, daß die Waren aus den Wohnungen der Heimarbeiter niemals desinfiziert werden, bringt eS natürlich mit sich, daß auf das konsumierende Publikum Krankheiten übertragen werden. In manchen Industrien ist eine Desinfektion überhaupt nicht möglich. Die Cigarrcn und Cigaretten z. B. würden durch Desinfektion untauglich werden. Die Uebertragung von Krankheiten durch Kleider geschieht viel häufiger, als gewöhnlich angenommen wird; am häufigsten bei Schneidern, deren Räume zugleich als Arbeits- und Wohnraum dienen. Das enge Zusammenwohnen von Gesunden und Kranken führt zur Ausbreitung von Volkskrankheiten und macht die Stätten der Hausindustrie zur Zeit einer Epidemie zu Seuchenherden. Der ahnungs- lose Käufer trägt mit der billigen Ware den Ansteckungsstoff in seine Behausung. Die Kommission für Arbciterstatistik hat anerkannt, daß die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten durch Kleidungsstücke thatsächlich vorkommt, wenn sie auch seOm nachweisbar ist. Die Gefahr ist am größten in der Maßschnen.. rei, deren Produkte un- mittelbar nach der Anfertigung benutzt werden. Wesentlich tiefer noch als für den KonslMienten schneidet die Hausindustrie in die öffentliche Gesundheitspflege durch die Schädigungen ein, welche sie den Hansindustricllen selber bringt. Die Hauptfaktoren, die hier in Betracht kommen, sind die Beschaffen- heit der Arbeitsräume und die überanstrengende Arbeitszeit. Als Regel darf für die Hausindustrie gelten, daß der Arbeitsraum gleich- zeitig als Wohn- und Schlafraum dient und auch die Mahlzeiten hier eingenommen werden. Die Gesundheit der Arbeiter muß unter solchen Verhältnissen aufs schwerste leiden. Wenn bei einmaliger Lufterneuerung pro Kopf ein Lustraum von SS1/., Kubikmeter in der Stunde, bei zweimaliger Lufterneuerung'18,9 Kubik- meter, bei dreimaliger 12,4 Kubikmeter nötig sind, so liegt diefer Berechnung lediglich die Verunreinigung der Luft durch Atmung zu Grunde.' nicht aber die Verunreinigung durch den Gewerbebetrieb selbst. Die Untersuchung des Berliner Gewerbe- inspektorats hat aber ergeben, daß mehr als öl) Proz. der unter- suchten Wohnungen hinter jenem Luftraum zurückstehen, dessen Fest- setzung ein dreimaliger Luftwechsel in der Stunde und das Fehlen besonderer Verunreinigung zu Grunde gelegt ist. Noch ungünstiger sind die Verhältnisse in Bielefeld und Nürnberg. Bei andauernder Ueber- anstrengung deS Körpers müssen sich allgemeine Ernährungsstörungen ausbilden. Der Organismus muß unter der Einwirkung der Gc- werbcgifte seine Widerstandsfähigkeit einbüßen. Allmählich leidet auch das Nervensystem. Besonders bei körperlich leichter Beschäf- tigunz führt die allmähliche Abspannung zur Nervenschwäche. Ferner müssen wir in Betracht ziehen, daß in der stillen Saison infolge des größeren Verdienstmangels eine weitere Unterernährung eintritt. Redner geht nunmehr zu den einzelnen Gelverbcn über, zunächst zur Konfektion, wo die sitzende Lebensweise der Schneider schwere, dauernde Schädigungen des Organismus hervorruft. Verhängnisvoll für die Gesundheit ist häufig auch das Bügeln; geradezu verwerflich ist das Heizen des Bügeleisens mit Kohlen, ivoraus sich daS giftige Kohlenoyyd entwickelt. Nervöse Störungen sowie Herabsetzung der Sehkraft sind weitere in der Konfektion auftretende Krankheiten. Unter 48 Berufen, die der Vortragende zusammengestellt bat, kommen in Bezug auf Tuberkulose die Schneider an dreizehnter Stelle. In der Kleineisen-Jnduftrie herrscht vielfach eine übermäßig lange Arbeitszeit, die Schädlichkeiten stammen aus dem zu verarbeitenden Material; der gefährlichste Feind der Eisenarbeit« ist der Staub, der zur Tuberkulose führt. Die Schleiferlunge ist seit langem bekannt, sie ist im wesentlichen eine tuberkulöse Lunge, noch besonders geschädigt durch eine chronische Lungenentzündung. Die Sterblichkeit der Eifcnarbeiter an Tuberkulose ist daher erheblich größer als bei der sonstigen Bevölkerung. Sehr im argen liegen die Gesundheitsverhältnisse in der Spiel- Warenindustrie, die ihren Hauptsitz im Meininger Oberlande hat; auch hier ist die Sterblichkeit enorm groß. � Am schlechtesten daran sind die Griffelmacher, die ständig in einer Staubwolke leben. Von 100 Griffelmachern sterben 64 an der Lungenschwindsucht. Die Bijouterie- Fabrikation hat ihren Hauptsitz in Pforzheim. Als Schädlichkeiten kommen hier die sitzende Haltung, Ueber- anstrengung der Augen, giftige Dämpfe zc. Betracht. Die Sterblich- keit der Bijouterie-Arbeiter ist größer als die der übrigen Be- völkerung. In der Eigarrenfabnkaiion ist die Hausindustrie sehr stark ein- gedrungen. Die Gesundheitsverhältnisse sind hier ungemein traurige, auch dort, wo den gesundheitlichen Forderungen der Bundesrats- Verordnung von 1893 Rechiumg gciragen wird. Diese ungünstigen Verhältnisse bernheu nicht, wie man'früher glaubte, auf der Einwirkung des Materials, sondern auf denselben Gründen, die die häufige Tuber- kulose unter den Schneidern verursachen, sowie auch darauf, daß sich dieser Beschäftigung kranke»nd schivache Personen zuwenden. Angesichts der ungünstigen Verhältnisse in der Hausindustrie müssen wir, so weit es in unsren Kräften liegt, auf Aendcrung und Besserung bedacht sein. In dieser Beziehung befinde ich mich in Ucbereinstiiniming mit sämtlichen Arbeitern, allen Socialpolitikern, allen Socialhyaicnikern und sämtlichen social empfindenden Aerzten, zu welchen ich die große Mehrzahl der Aerzte überhaupt rechne. Jeder theoretisch denkende Socialhygieniker müßte die Forderung aufstellen, die Hausindustrie überhaupt abzuschaffen.(Allseitige Zu- stimmniig) Aber daS ist zur Zeit nicht möglich. Tie Hausindustrie ist ja auch eine wertvolle Einrichtung für Halbinvalide und körperlich schwache Personen, die sie fernhält von der Armenfürsorge, mit der die_ Entrichtung des Almosens zur Zeit vcr- bundeil ist._(Rufe; Leider!) Wir können aber nicht ohne weiteres für die Abschaffung der Hausindustrie eintreten. Das Iväre unter den obwaltenden Verhältnissen eine Utopie. Dafür aber muß sie gesundheitlich ausgestaltet werden. In dieser Hinsicht fordere ich: 1. Sämtliche Hausindustrielle müssen registriert werden. 2. Die Hausindustrie muß bcauisichtigt werden. Aber diese Aufficht soll nicht den überlastete» Fabrikinspektoren übertragen werden, sondern einer besonderen Inspektion übergeben werden, die gleichzeitig die Wohnungs- lnspektion vorzunehmen hätte. Die Gesetzgebung müßte bestimmte Vorschriften über den notwendigen Lustraum bei hausindustricller Thätigkeit geben. Ist die WohnnngSinspektion mit der Hausindustrie- aufsicht verbunden, dann kann auch der Forderung des kausendenPublikumS Rechnung getragen und verhindert werden, dag ansteckende Krankheiten von der Hausindustrie ins Publikum hineingetragen werden. Sobald in einer hansindustriellen Familie eine ansteckende Krankheit aus- bricht, muß sofort die Arbeit niedergelegt und das SanitätSamt hiervon benachrichtigt werden. Tie verunreinigten Waren müssen desinfiziert oder vernichtet werden. Dagegen wird sich der Sturm der Arbeitgeber richten, weil sie ja durch die Vernichtung der Waren erheblich geschädigt, ja zur Zeit einer Epidemie zuGrunde gerichtet werden können. Aber unsere großenKanfleute sind so geschäftskundig, daß sie ähnlich wie in Amerika eine Versicherung gegen die Beschädigung von Waren durch ansteckende Krankheilen in der Hausindustrie schaffen würden. Ferner muß die Kranken- und Jnvalidilätsversicherung sowie die bestehende Arbciterschutz-Gesctzgebung überhaupt auf die Hausindustrie ausgedehnt werden. Natürlich sind nicht dieselben Forderungen wie für die Fabrilarbeit zu erheben. Alle Gesichtspunkte, die für die Versicherinigs-Gesetzgcbnng im allgemeinen maßgebend sind, müssen es auch für die Versicherung für die Hausindustrie sein. Den heutigen Thesen des ersten Referenten schließe ich mich vollkonimen an und wünsche zum Schluß, J>aß es der Regierung und Volksvertretung gelingen möge, die Schwierigkeiten, die der gesundheitlichen Aus- gestallung der Hausindustrie entgegenstehen, zu beseitigen und die bedürftigsten Teile der Bevölkerung zu einem glücklicheren Dasein zu führen.(Bravo!) In der Diskussion erhält das Wort zunächst Deichmaun-Bremen(Tabakarbeiter): Die Verhältnisse in der Tabalindnstrie sind viel schlechter, als die Statistiken zeigen; denn vielfach werden die Beiträge an die Krankenkassen für die Arbeiter von den Unternehmern nicht bezahlt. Durch lliiterdrückung der gewerkschaftlichen Organisation durch das Socialistengesctz ist die Reichsregierung mit Schuld an der haiisindustriellen Ent- Wicklung' der Tabakindustric. Die 65—66 Millionen Einnahmen des Reiches an Tabakstenern stellen im wesentlichen vorenthaltene Arbeitslöhne dar. Die Schutzbestimmung des Bundesrats von 1388 bezieht sich auf die Fabriken, nicht auf alle Werkstätten. Auch können die Bestimmungen nicht sehr wirksam sein, denn sie sind nicht mit den Vertretern der Arbeiter durchberaten von der Regierung, sondern mit den Vertretern der Unternehmer. Die Gesinnung der Regierung erkennt man deutlich auch aus ihrem Fernbleiben von dem heutigen Kongreß. Redner schildert näher die traurigen Verhältnisse in der Tabak-Jndustrie. Die Arbeiter haben die Regierung hier ständig auf den Weg der Besserung ?edrängr. die nun auch drei Gesetzentwürfe ausgearbeitet at. Aber die Heimarbeit gänzlich aufzuheben, dazu hat sie sich nicht entschlossen. In der Tabakindustrie müssen wir dies durchaus verlangen(Sehr richtig!), und zwar nicht nur im Interesse der! Tabakarbeiter und-A beiterinnen, sondern im Jntcresie der ganzen Menschheit. Der Referent Sommerfeld macht wie Profesiar Sombart die Konzession, die Heimarbeit solle für nicht voll Arbeitsfähige bestehen bleiben. Ja, wer von den Tabak- arbeitcrn ist denn bei diesen jammervollen Verhältnissen noch voll arbeiisfähig?(Sehr wahr!) Solche Konzessionen verwerfen wir. Wir bestehen auf der gänzlichen Beseitigung der Heimarbeit.(Lebhaftes Bravo!) Kiesel-Berlin(Tabakarbeiter) erklärt sich mit dem Vorredner ein- verstanden und schildert näher die schlechten Verhältnisse der Berliner Tabakarbeiter an der Hand einer Enquete, an der sich naturgemäß noch die am besten entlohnten beteiligt haben. Durch die bnndes- rättichcn Bestimmungen ist— darin bin ich mit dem Referenten Dr. Sommerfeld nicht einverstanden— die Heimarbeit in der Tabakindustrie direkt in die Wohnungen der Arbeiter hineingedrängt worden. Wir meinen, daß die Hausarbeit in der Tabakindustrie gänzlich beseitigt werden muß.(Bravo!) Die Regierung trägt sich mit neuen Steuerplänen für den Tabak; werden sie Wirklichkeit, so würde die Lage der hausindustriellen Arbeiter noch schlimmer werden. Braß-Remscheid(Feilenhaner) geht auf die schlechten Verhältnisse der hansindustriellen Feilenhaner ein. Die weiteren Verhandlungen werden auf Dienstag vertagt. Schluß 6 Uhr._ Von der deutschen Gesellschuft zur Bekämpfung der Gtschltchtslirnnkheiten. Unier sehr zahlreicher Beteiligung von Damen und Herren aus allen Teilen Teutschlands fand Sonntag im Bürgersaale deS Rat- Hauses die diesjährige Mitgliederversammlung der � Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten statt. Im Auftrage des preußischen KultusministcriumS wohnten die Geheimen Lbcrmedizinalrätc Dr. Kirchner und Dr. S ch m i d t m a n n der Verhandlung bei. Auch eine große Anzahl von Stadtverwaltungen, wie Breslau, Elberfeld, Königsberg, Lübeck usw. hatte zu der Ver- Handlung Vertreter entsandt. Ter Vorsitzende, Geheimer Mcdizinalrat Prof. Dr. N c i ß e r- Breslau, eröffnete die Versammlung mit Worten der Begrüßung. Der Generalsekretär der Gesellschaft, Dr. med. B l a s ch k a- Berlin, erstattete den Geschäftsbericht. Tie Gesellschaft zähle 3509 Mit- glieder, die sich über ganz Deutschland verteilen. Tie Einnahmen im verflossenen Jahre betrugen 15 767 M., die Ausgaben 7620 M., o daß ein Kassenbestand von 8146 M. verbleibe.— Ter Vorsitzende Geh. Medizinalrat Reißer befürwortete die Annahme folgender Resolution: „Um allen geistig, sittlich oder körperlich gefährdeten Minder- jahrigen unter 13 Jahren den erforderlichen Schutz zu gewähren, ist es wünschenstvert, die Fürsorge-(Zwangs-) Erziehung für alle diejenigen Fälle für zuläftig zu erklären, in denen der Richter Anlaß zum Einschreiten ans Grund der ßß 1666, 1838 des B.G.B. findet, beschließt die Gesellschaft bei den gesetzgebenden Instanzen Preußens dahin vorstellig zu werden, daß im Wege der Gesetz- gebmig eine Abänderung deS Z 1 Ziffer 1 des Gesetzes vom 2. Juli 1900 im Sinne einer Erweiterung des Anwendungs- gebieteS der Fürsorge-Erziehung vorgenommen werde, damit die Fürsorge-Erziehung entgegen der bisherigen Rechtssprechung des Kammergerichts allen geistig oder leiblich gefährdeten 5iindcrn zu teil werde, die von ihren Eltern aus erzieherischen Gründen ge- trennt werden müssen." Es sei notwendig, so bemerkte der Antragsteller, daß das Für- sorgcgesetz in Kraft trete, noch che ein Kind sittlich verdorben sei. Und außerdem müsse das Fürsorgegesetz beim 14. Lebeusiahre erst recht zur Anisendung kommen, tvenn es zur Ldäiupfunz der Prostitution beitragen solle. Frau Rechtsaiilvalt Bieber-Böhm- Berlin und Lehrerin Fräulein Lischnewska- Spandau� schloffen sich diesen Ausführungen an. Prinz- Kottbus rügt es, daß bei Anwendung des Fürsorgegesetzes ganz besonders von feiten des Ministers des Innern arge Verzögerungen geschehen. Es sei notwendig, dafür zu wirken, daß in dieser Beziehung eine Aendcrung eintrete. Der Antrag Reißer gelangt danach einstimmig zur Annahme. Es folgten Anregungen betreffs Aen- d e r u n g e n des Merkblattes. Der neue Entwurf lautet in Absatz 1: Enthaltsamkeit im geschlechtliche» Verkehr ist nach dem übereinstimmenden Urteil der Aerzte im Gegensatz zu einern viel verbreiteten Vorurteil in der Regel nicht gcsundheits- schädlich. Nüchternes Leben und körperliche Bewegung im Freien (Wandern, Turnen, Schwimmen, Rudern, Schlittschuhlaufen usw.) bilden ein gutes Gegengewicht gegen cm Ucberhandnchmen des Geschlechtstriebes. Der Absatz 4 lautet: Bei jedem außerehelichen Geschlechtsverkehr ist die größte Vorsicht und Reinlichkeit, am besten auch die Anwendung besonderer Schutzin ittek geboten. Aber auch die Befolgung aller Vor- sichtsmatzregeln schützt nicht mit Sicherheit vor Ansteckung. Dr. med. B I a s ch k o- Berlin bemerkte, die Anhänger der Ent- haltsamkeit werden diesen neuen Entwurf zweifellos bekämpfen. Die Bestrebungen dieser Miglieder seien zweifellos sehr ideale, die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten müsse sich aber auf realen Boden stellen, andrenfalls sei sie nicht existenz« berechtigt. Die Notwendigkeit des Absatzes 4 ergebe sich bereits aus der Thatsachc, daß die Gonorrhoe allein 200 000 Geburtsausfälle verschulde.— Lehrerin Lischnewska- Spandau: Tie cm- pfohlenen Schutzmittel dürften zur Vermehrung des außerehelichen Geschlechtsverkehrs beitragen. Möge man dafür wirken, daß auch die Frauen in die Lage kommen, zur Ernährung der Familie beizutragen. dann werde man die Eheschließung erleichtern und den außerehelichen Geschlechtsverkehr vermindern.— Polizei-Assessor Klaußmann- Köln: Ter Absatz 4 sei eine dringende Notwendigkeit. Es gebe neben dem wissenschaftlichen und dem von der Frauenbewegung geforderten Abolitionisums auch einen s o c i a l d c m o k r a t i s ch c n._ Tie Socialdemokraten zeigen auch in dieser Beziehung, daß sie nichts Positives l e i st e n können.(Stürmisches Ohol) Die Social- deinokraten können nur einreißen, aber nicht aufbauen.(Heftiger Widerspruch. Rufe: Unsinn!)— Arbeiter Gärtner- Berlin: Alle Vorsichtsmaßregeln werden sich als nutzlos erweisen, solange es infolge unzulänglicher Einrichtungen möglich sei, daß ein einziger gcschlcchtSkrankcr Arbeiter Taufende seiner Mitarbeiter verseuche. In einem der größten industriellen Etablissements Berlins besteht eine e i n z i g e Wascheinrichtung.(Rufe: Namen nennen!) Gärtner: Siemens u. H a l s k e. Dadurch könne ungemein leicht der An- steckungsstoff übertragen werden. Tic Behauptung des Vorredners. daß die Socialdemokraten nichts Positives leisten können, sei eins abgedroschene Phrase, die vom ReichSlanzler und den ver- schicoenen Ministern bereits zum Ueberdruß vorgebracht worden sei. (Lebhafter Beifall und Widerspruch.)— Prof. Dr. F l e s ch- Frank- furt a. M.: Er habe gegen den Passus 4 Bedenken, da keineswegs feststehe, daß die empfohlenen Schutzmaßrcgeln sich bewähren.— Prof. Dr. Sombart- Breslau: Er halte die abolitionistische Bewegung und die Frauenbewegung für etwas sehr gutes. Er könnte sich auch unier Umständen für den Zukunftssiaat erwärmen. Ties habe aber mit der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts- krankheiten nichts zu thun. Die Gesellschaft müsse schon deshalb Schutzmaßnahmen empfehlen, da andrenfalls nicht bloß der An- gesteckte bestraft, sondern sehr viele, seine ganze Umgebung gefährdet werde. Der Standpunkt der Enthaltsamkeits-Prediger erinnere ihn an den der Krankenkassen, die Geschlechtskranken keine Unterstützung gewähren wollen.— Fräulein Dr. med. H a ch e r- Berlin: Sie stehe nicht auf dem Entbaltsamkeils-Standpunkte. sie sei aber doch der Meinung, daß der Absatz 4 Anreiz zum außerehelichen Geschlechts- verkehr geben werde.— Dr. med. Meißner- Berlin: Tie Frage sei doch eine rein arztliche, d. h.: giebt es Mtttel gegen Ansteckung? Wenn diese vorhanden seien, dann müsse die Gesellschaft zur Be- kämpfung der Geschleck'tskrankhcitcn dieselben empfehlen, sie würde andrenfalls ihre Aufgabe verkennen.— Frau Rechtsanivalt Bieber-Böhm: Sie sei der Meinung, die Frage sei keine bloße ärztliche, die Gesellschaft habe auch die Aufgabe, den außerehelichen Geschlechtsverkehr zu bekämpfen, und zwar um so mehr, da, wie Prof. Dr. Flesch zugegeben habe, der Nutzen der empfohlenen Schutzmaß- nahmen doch ein sehr zweifelhafter sei. Hunderttausende von Müttern würden der Gesellschaft Tank wissen, wenn sie es bewirkte, daß ihre Söhne Enthaltsamkeit üben.— Prinz- Kvttbns: Er könne mit- teilen, daß sämtliche deutschen Krankenkassenvorstände die Notwendigkeit der empfohlenen Schutzmaßnahmen mit Freuden anerkennen und gewillt seien, die Bestimmung aus ihren Satzungen auszumerzen, wonach Geschlechtskranken keine Unterstützung gewährt werden solle.— Geh. Medizinalrat Prof. Dr. N e i ß e r- Breslau: Die Gesellschaft könne das eine thun und das andre nicht lassen. Sie werde selbstverständlich gleichzeitig den jungen Leuten Enthaltsamkeit anempfehlen, aber Hunderttausende verheiratete Frauen werden es der Gesellschaft danken, wenn durch die empfohlenen Schutzmaß- nahmen ihre Männer vor Ansteckung bewahrt werden.— Dr. med. Ernst R. W. Frank- Berlin: Wenn die empfohlenen Schutzmaß- nahmen nicht geholfen haben, so liege das zweifellos an der falschen Anwendung. Das sei oftmals bei neuen Mitteln der Fall. Sache der ärztlichen Beobachtung werde es sein, in dieser Beziehung Ab- Hilfe zu schaffen.— Ter Antrag der Enihaltsamen. den Absatz 4 zu streichen und vor jeder Prophylaxis zu warnen, wurde schließlich fast einstimmig abgelehnt, dagegen dem Antrage des Vorstandes auf Aufnahme des Absatzes 4 in das Rierkblatt fast einstimmig zu- gestimmt. Danach wurde die Verhandlung geschlossen. Marktpreise von Berlin am 5. März 1904 tynrfi ffi-yniftufurr.tflrt h/iä fnl sHrtTiarihrdflb!lint§. »Welzen, gut D.-Ctr. mittel gering. »Roggen, gut mittel gering. tzGerste. gut , mittel gering fttzaser, gut Nüttel, gering Richtstroh veu Erbsen Zpciscbohnen Linsen * ab Bahn. f frei Sagen und ab Bah». Kartvfseln. neue D.-Cw. Rindfleisch, Keule 1 kx do. Bauch, Schweinefleisch Kalbfleisch, Hammelfleisch Butter Eier 69 Stück Karpfen 1 Ks Aale. 6 Zander fiechte Barich- schlere. Blei-' Krebse per Schock 7.99 1.89 1.49 1,69 1.89 1,89 2.89 4,69 2.49 3.99 2.89 2,29 1,89 3.99 1,49 15, 99 6.99 1.29 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 3,00 1,20 1,40 1,29 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 WitterunsSüberflcht vom 7. März 1904. morgens 8 Uhr. Stationen L£ i 5 §5 «2 SR- Sivinemde, Hamburg Berlin Frankf.a.M, München «ien Ii S.f 769 CSD 765 D 766 O 755 ND 769 Still 763.DSD Letter 3heiter öbedeckt öwolkig 1 bedeckt -Nebel 2, Schnee üai s n s* HTc ■6 -5 -6 3 0 0 Stationen O? II taparanda cterSbnrg Corl swerdcen Paris 77 777D 754 0~ II ® 1 still LtU« wolkcnl 1 Nebel 2hal& bd »L M 9> -19 -13 Wetter Prognole für Dienstag, den 8. Marz 1904. Etwas gelinder, viclsqch wollig mit leichicn Schneesälle» und müßigen südöstlichen Binden. Berliner Setterbure-» Hur de» Jnlialt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Theater. Dienstag, 8. März. Anfang VU Uhr- Opernhaus. Manon. Schauspielhaus. Götz von Bf» lichingcn mit der eisernen Hand Deutsches. Der einsame Berliner. Watcrkant. Lcssiug. Zapfenstreich. Westen. Die Tante schläft. Der Barbier von«evilla. Neues. Logik des Herzens. Tv lonie. Refidenz. Der keusche Casimir. Bor her: Die Empschlung. Central. Das Schwalbennest. Belle- Alliancc. Götterwcibcr. Thalia» Der Hochtourist. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner- Theater.) Die Kwdcr der Exccllcnz. Schiller V.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Lmnpacwagabmidus. Kleines. Mutter Landstrasie. Luisen. Uriel Acosta. Trianon. Madame lk. Carl Weist. Zwei Frauen. Deutsch- Amerikanisches. Ucber'n großen Teich. Gebr. Herrufeld. Nur eine Nacht. Casino. Cirtussce. Winter-Garten. Ivette Guilbert. Costantme Bernardi. Special!- täten. Apollo. FrühNngSluft. Blüten- Hochzeit. Spccialitäten. Metropol. Durchlaucht Radieschen. Reichshallen. Stettincr Sänger. Passagc-Theater. Caicedo. Spcciw litäten. Ansang 5 Uhr. Urania. Tan benstrafte 48/49. Um 8 Uhr: Der Erdball als Träger des Lebens. Jnvalidenstraste S7/6L. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. ekntrsl-Msster. Täglich 7-/, Uhr: Das Schwalbennest. Operette in 3 Akten v. M. Ordonncau. Musik von Henry Hcrblay. Morgen nachmittag 3 Uhr, halbe Preise: I-islieespiels und Idyllen.— Verlobung wider Willen._ Neues Tlieater. Schifsbauerdamm 4a— 5. Salome. Vorher: Lto�lU des Herzens. Ansang 7-/. Uhr. Morgen: Uedsa. Logik des Herzens. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Uriel Acosta. MUtwoch: Benefiz für Alb. HOner. Zum erstenmal; Die ÄohlenschulzM von Berlin. Hieraus: Das Volkslied. Donnerstag: Eine leichte Person. Freitag: Die Kohlenschulz'n von Berlin. Sonnabend: Uriel Acosta. Sonntagnachm.: Philippine Welser. Abends: Die Köhlens chulz'n von Berlin. RksidkilMhklitkr Direktton S. Lautenburg. Abends V/t Uhr: DicBmpfeblung. Abends 8 Uhr: Der kciisiljc(fusitiiir. Metropol-Thealer Nur noch drei Vorstellungen von Hl Bai Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Sonnabend, den 12. März er., zum erstenmal: Ein tolles Jahr. Trianon-Theater. 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Solliitagnachmittag 3'/- Uhr: _ Charie.ys Tante. Belle-ÄIlianee-Theater. Belle-Allianeestr. 7/8. Amt VI 283. und Alfred Schönfeld. Ans. 71/, Uhr. Heute und folgende Tage: Götterweiber. Ausstatt.-Posse mit Gesang und Tanz. Sonntagnachm. 3 Uhr, tleine Preise: „Oer Rarrer von Kirohfeld." Cirkns Schumann. Heute Dtenstag. de» 8. März 1904, abends 7'/- Uhr: Spanisclie heimle'HW geritten von der jugendiichen Schulreiterin Fräulein Dora Schninann. Vreres Skremkta Neu! Cake Walk Neu! zu Pferd von Geschwister ZIevr«. Adolf und Uo«o, die besten ElownS in Berlin. ÄF Löwen des Herrn«fuliiis Seeth. _ Babel. Eine Wanderuilg durch acht Jahrtausende. Unsnio. Tsubenstr. 48/49. Hin 8 Ebr im Thontcr: Der Erdball als Träger des Lebens. Sternwarte Sde65: CASTANS IPANOPTICUM Friedrichstr. 165. I Afrika in Berlin!!! Donnerstag, den»O. März: {Grosser Wohlthätigkeitstag ( zum Besten der Notleidenden in Deutsch-Südwest- Afrika. Apollo-Tbeater. ?rühlingsluft ßlöfenhoohzeif. 8 Uhr: mit dem Ballott S'/j— 11 Uhr: Das grandiose März-Speeialitäten-Propnnn Mab Dersy mit den neuen Tänzen: a) Hiawatha. b)Kickapoo. ? Nordini?? x Robert Steidl. Tom Hearn. Les Brunin. Boston- Ball-Tanz-Ensemble, 32 Damen. Kasseneroffn. 7 Uhr. Anfang 3 Uhr. Deutsch- Amerikanisches Theater. Köpnickerst. 67. Stal. Jannowitzbriicke. Jeden Abend 8 Uhr: Gastspiel Ad. Philipp. Uebem grossen TEICH. Sonntagnachm. 3 Uhr; Heber ggrossenTBicb Montag: Souvenier- ; Vorstellung zum 200. Male: Kleines Theater. Unter den Linden 44. MMr Landstrasse. Ansang 8 Uhr. Morgen: Biachtasyl. Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. 71/.. Das glänzende neue Märzprogramm. Gastspiel Mstr. Hopkin: Die größte Dressurnummer der Welt. � Die Girkusfee. Sonntagnachm. 4 Uhr:„Die Diebesfalle."—„Badekuren." Passage-Theater. Anfang Sonnt. 3, Wochentags S Uhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Sensationelles Engagement: Caicedo der berühmte Orahtseilkonig. 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Dienstagabend 8 Uhr Gastspiel der tlarburxer Lünxer. vÄS: Freitanz. Eintritt SO Pf. SWF* VorzugSkartcn güllig,-WK Steidl-�TIiealerl 2 Linien- Oranien- strasse 132 burger Thor.| TägNch 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Letzter Monat vor ihrer Gaftfpiclreise nach Nuß- land— die vorzüglichen Reiclisl&allen StettinerSänger Die Berliner bei den Hereros. Burlesfe�von Meysel. vr.Lckünemann Specialarzt für Haut-, Haru- und lvraueuleideu, Sevdel«tr. v. '/-»S--/,».'1,0—'/Ji, Sonnt. 9-1 1 _ IX. Berliner Saison. Cirkns Busch. Das letzte Wort RcuN Neu!! Ml«» Saek»an in einem Tempo. Neu! Neil! vorgeführt von Mr. Baltz'. Riesen-Bäreu-Gruppe des Mr. Roberto. Zum 70. Male: Aus ÜLU Alpen. Bemerkenswert: Der /Zutoniobilsturz. Tvötte Guilbert Paulton u. Doloy KqmischoHadfahrer Karncvals-GeisterTanz-Divertissem. Imro Fox Zauberkünstler. Leo Billward Komischer Jongleur. Madeleine Noce Sängerin. Prosper-Truppe Akrobaten. Gostaniino Bernardi Verwandlungsschauspieler. Lony Elastisch-equilibr. Akt. Tha Seidoms Plast. 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Die Genossen werden noch darauf aufmerksam gemacht, daß die Zahlabcnde von jetzt ab an jedem zweiten Mittwoch im Monat stattfinden. Der Vorstand. Fünfter Wahlkreis. Der Wahlverein hält heute Dienstag, abends S'/p Uhr, bei Lcydccker, Sophienstr. 34, eine Veriammlung ab. Genosse Reichstags-Abgeordneter Fräßdorf-Dresdcn spricht über das Thema„Aus der Praxis der Arbeitervcrsicherung". Gäste erwünscht. Die Mitglieder bittet vollzählig zu erscheinen Ter Vorstand. Schöueberg. Am Sonnabend, den 12. März, veranstaltet der Wahlverein im Ob fischen Saale, Meiningerstr. 8, einen Neci- tati o n s- Ab e n d. Zum Vortrag gelangt:„Nachtasyl." Recitator: Emil Walc otte. BilletS zum Preise von 20 Pf. sind in den heute abend stattfindenden Bezirkssitzungen in den bekannten Lokalen zu haben. Arbeiter Schmargendorfs? Morgen Mittwoch, den 9. d. MtS., nachmittags von 2— 5 Uhr, findet im Sitzungssaal des Rathauses die Gcmeindewahl für die dritte Abteilung statt. Die Beschwerden bei den Schöffen und dem Landrat über die ungünstige Wahlzeit sind erfolglos geblieben. Der Einfluß der hier stetig wachsenden Socialdemokratie wird gefürchtet und soll unterdrückt werden. Arbeiterl Laßt Euch die Entrechtung und Unterdrückung auf dem Verwaltungswege nicht ohne Gegenwehr bieten. Macht alle dahin zielenden Matznahmen durch Massenbeteiligung an der Wahl zunichte. Eure Ehre, Euer Älasseuintereffe gebieten eS Euch, den ersten Socialdemokraten—- den Buchdrucker Arthur Pudlitz, Breite- ftraße 21— in die Gemeindevertretung zu wählen. Wie bei de» politischen Wahlen des Vorjahres bekundet auch jetzt Eure Opfer- freudigkeit und Energie, dann werdet Ihr siegen, denn die Social- demokratie ist die stärkste Partei in unserm Ort. Britz. Am Dienstag, den 16. März, nachmittags von 1—6 Uhr, findet in Bethges Lokal, Chausseestr. 39, die Wahl eines Gemeinde- verordneten der dritten Abteilung statt. Soll das Resultat der Wahl für uns günstig ausfallen, so müssen alle Wähler ihre Pflicht thun und in der Zeit von 1—6 Uhr ihre Stimme abgeben. Ober-Schöncwcide. Der hiesige Wahlverein hält am Mittwoch, den v. März, abends Vz9 Uhr, seine Mitglieder-Versammlung bei Kaufhold, Wilhelminenhofstraße 18. ab. Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich und vollzählig zu erscheinen. Der Vorstand. Wilhelmsnih. Am 9. März findet im Lokale des Herrn Otto Paetsch eine öffentliche Gemein dewähler-Versammlung statt. Referent: Gcmeindevertreter Genosse Fretwaldt- Pankow. Lokales. Die Ausstellung der Heimarbeiter. Während die Vertreter der Heimarbeiter im Sitzungssaale dcS Kongresses in beredten Worten die Forderungen begründen, welche sie zum Schutz vor allzu großer Ausbeutung an die Gesetzgebung stellen, kann man in einem Nebensaale eine ziemlich reichhaltige Ausstellung von Erzeugnissen der Hausindustrie und Heimarbeit studieren, die eine zwar stumme, aber deshalb nicht minder eindringliche und verständliche Sprache von dem Elend der Heimarbeit redet. Diese Ausstellung bildet eine äußerst lehrreiche Ergänzung zu den Verhandlungen des Kongresses, sie zeigt durch sichtbare Thatsachen, wie sehr die Forderung: Schutz den Heim- arbcitern I begründet ist. Die Aussteller haben nicht nur die fertigen Gegenstände, wie sie aus der Hand des Heimarbeiters hervorgehen, zur Schau gestellt, sondern sie haben sich— wenigstens in einzelnen Zweigen— bemiiht, die verschiedenen Stadien zu veranschaulichen, welche das Produkt bis zur berkaufsfähigen Fertigstellung durchläuft. Ferner ist— und das erscheint uns als der lehrreichste Teil der Aus- stellung— ibei verschiedenen Artikeln in Wort und Bild eine anschauliche Darstellung der Verhältnisse gegeben, unter denen die Erzeugnisse der Heimarbeit hergestellt werden. Wer denkt nicht, wenn von Heimarbeit die Rede ist, an die Konfektionsindustrie. Das Elend der Arbeiter und Arbeite- rinnen dieses Industriezweiges ist oft geschildert und dadurch weiteren Kreisen bekannt geworden. Die Ausstellung bietet jedoch einen Einblick in die traurigen Verhältnisse der KonfektionSarbeiter, die deutlicher wie die lebhaftesten Schilderungen zeigen, daß der gesetzliche Schutz dieser ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit ausgebeuteten Arbeiterschichten eine dringende Notwendigkeit ist. Die Konfektion nimmt einen verhälttiismäßig großen Raum in der Ausstellung ein. Wir finden Arbeiten aus Berlin, Breslau. M.-Gladbach, Seifhennersdorf in Sachsen. Der Schneiderverband hat an einem Beispiel die große Kluft zwischen Konfektions- und Matzarbeit veranschaulicht. Neben einem nach Maß angefertigten Herrenjackett, bei dessen Anfertigung der Arbeiter pro Stunde 80 Pf. verdient, sieht man mehrere, dem Auge des Laien ebenso wertvoll erscheinende Jacketts, die aber konfekttonsmätzig angefertigt sind und dem Arbeiter nur einen Verdienst von 20—30 Pf. pro Stunde bringen. Wie die Heimarbeit in den Industrien, wo sie ihren Einzug hält, die Löhne drückt, das zeigt ein Beispiel aus der Damenkostüm- Branche. Da ist ein elegantes Kleid ausgestellt, für das früher in der Fabrik 26 M. Arbeitslohn gezahlt wurden. Seit kurzem hat in dieser Branche die Heimarbeit Platz gegriffen und nun wird für dasselbe Kleid nur noch ein Arbeitslohn von 15 M. bezahlt.— Ein Verdienst von 16—20 Pf. pro Stunde, das ist so ungefähr der Durchschnitt in der Konfektion. Häufig sinkt der Verdienst noch unter 16, ja sogar unter 10 Pf. pro Stunde, nur selten erreicht er eine Höhe bis gegen 30 Pf. Unter welchen Verhältnissen aber leben und arbeiten die Menschen, die mit solch elenden Löhnen ihr armseliges Leben fristen müssen? Die photographische Ausiiahme einer Heimarbeitsstätte für Kindcrkleider zeigt es mit erschreckender Deutlichkeit. Da sitzt der Familienvater, ein im höchsten Grade schwindsüchtiger, nicht mehr arbeitsfäbiger Mann. Ilm ihn herum, teils im Bett, teils auf dem Fußboden, lauern vier kränkliche Kinder. Dicht am Fenster arbeitet die Frau, ebenfalls ein Bild des Elends, an der Nähmaschine. Die einzige Person, welche in dieser Umgebung den Eindruck leidlicher Gesundheit macht, ist die gleichfalls an der Nähmaschine beschäftigte Schwester der Frau. Sie arbeitet erst seit kurzem an dieser Stätte des Jammers. Die hier abgebildete Werkstatt ist nicht etwa nur ein Arbeitsraum, nein, er dient der ganzen Familie zugleich als Wohn- und Schlafzimmer und als Küche. Welche Gefahren können die hier in beständiger Berührung mit Kranken angefertigten Kinder- kleider den Kleinen bringen, die sie einst wagen. Solche Beispiele sprechen dafür, daß der Arbciterschutz nicht Halt machen darf an der Schwelle der Behausung des Heimarbeiters. Dieselben oder doch ganz ähnliche Verhältniffe finden wir, wie die Ausstellung lehrt, in allen Zweigen der Heimarbeit. Ein Bild zeigt uns einen Schuhmacher, wie er in der Küche, dem einzigen Raum, welcher der Familie zur Verfügung steht, seine Arbeit ver- richlet. lind eS ist sehr feine Arbeit, die unter solchen Verhältnissen hergestellt wird. Hochelegante Salon- und Ballschuhe, und nicht minder elegante Reitstiefeln für Offiziere, alles beste Maßarbeit, und damit verdient der heimarbeiteude Schuhmacher pro Stunde 39V2 Pf. I Interessant ist auch ein Blick in die Ausstellung der Mützen- brauche. Da erfahren wir, daß ein Arbeiter bei der Herstellung von Offiziersmützcn einen Verdienst von 27>/z— 32'/s Pf. pro Stunde erzielt. Bei Gendarmenmützen kann man in der Stunde nur 22 Pf. verdienen, und so geht es herab bis zur gewöhnlichen Kommißmütze, die einen Stundenlohn von 15 Pf. bringt. Es würde zu weit führen, wollten wir aus jedem Zweige der Ausstellung auch nur ein Beispiel anführen. Im Grunde genommen bieten sie alle dasselbe traurige Bild. Es kann jedem, der die Verhältnisse derHeimarbeit studieren will, empfohlen werden, dieAusstcllung nichtun- beachtet zu lassen. Sie bietet viel Lehrreiches. Vertreten sind außer den schon genannten Branchen noch die Industrie der Wäsche- und Krawatten- fabrikation, der Kartonnagen, Lnxuspapier- und Ledergalanterie- waren, die Pelzbranche, die Stockfabrikation, Korbmöbel, Blumen- und Federschmuck für Damenhüte. Auch von der Spielwaren- Industrie in Sonneberg sind Erzeugnisse ausgestellt, ferner Schwarz- Wälder Uhren und Musikinstrumente aus dem Vogtlande. Daß auch in der Metallindustrie die Heimarbeit in ausgedehntem Maße herrscht, dürfte manchem nicht bekannt sein. Die Ausstellung bietet auch für diesen Zweig viele lehrreiche Beispiele. Da sind Schutz- Waffen aus Suhl, Nadlerwaren aus Iserlohn, Schlösser aus Velbert, Bijouterien aus Pforzheim und Umgegend sowie die Erzeugnisse der Scheren- und Messerindustrie aus Solingen. Mehrere Photographien zeigen uns die Heimarbeiter der Messer- industrie in der Umgebung Solingens bei der Arbeit. Auch hier sind die Werkstätten meist auch zugleich die Wohn- und Schlafräume der Familie. Wo aber in einem besonderen Raum gearbeitet wird, da ist es ein enger Winkel, der den Arbeitenden kaum den aller- notwendigsten Raum bietet. Aber was das Schlimmste ist: In solchen elenden Räumen arbeiten neben dem Vater die Kinder, Mädchen und Knaben bis herab zum Alter von zehn Jahren. Gewiß sind in der Ausstellung noch nicht alle Zweige, sicher aber nicht alle Bezirke der Heimarbeit vertreten. Was aber im Ausstcllungssaale zusammengetragen ist, erscheint mehr als aus- reichend, um ohne weitere Begründung die Forderung eines durch- greifenden gesetzlichen Schutzes der Heimarbeiter zu rechtfertigen. Die Ausstellung ist, um den Besuch weitesten Kreisen zu ermöglichen, von morgens 9 bis abends 8 Uhr geöffnet. Mehr Heimstätten für Genesende! In den städtischen Heimstätten für Genesende ist eS jetzt glücklich so weit gekommen, daß sie schon im Frühjahr, ja zum Teil selbst in den Wintermonatcn dem Bedürfnis nicht mehr genügen. Anfang März waren, wie aus einer Bekanntmachung des Heimstätten- Kuratoriums ersichtlich ist, in vier von den bestehenden fünf Heim- stätten sämtliche Betten belegt, und auch in der fünften war nur noch ein einziges Bett frei. In der Heimstätte Glltergotz für lungenleidende Männer geht eS so schon seit Monaten. Den ganzen Winter hindurch ist diese Anstalt, die über 93 Betten verfügt, voll belegt gewesen, so daß die Anfnahmesuchenden eine lange Wartezeit durchmachen mußten. Anfang März waren hier bereits 106 Personen vorgemeldet, und die Wartezeit betrug schon 31 Tage. In Blankenburg zeigt die Heimstätte für genesende Frauen ein ähnliches Bild. Die Anstalt verfügte im Winter über 64 Betten, die Anfang März sämtlich belegt waren. Vor- gemeldet waren an diesem Zeitpunkt bereits 66 Personen, und die Wartezeit betrug 21 Tage. Das sind Zustände, wie man sie sonst nur im Sommer kennt. In den heißesten Monaten werden in einigen Heimstätten Sommerbarackcn aufgestellt, aber es dürfte sich empfehlen, diese Sommerbaracken in Winterbaracken umzuwandeln, damit sie dauernd benutzt werden können. Gütergotz hat eine hölzerne Baracke, und auch diese ist den Winter hindurch voll belegt gewesen. Auch in dem letzten Jahresbericht des Heimstätten-KuratoriumS wird darüber geklagt, daß die vorhandenen Heimstätten dem Bcdürfiiis nicht genügen. Gleichzeitig wird darin das Bedauern ausgesprochen, daß die neue Heimstätte in Buch für langen- kranke Männer noch immer nicht fertig ist. Angefügt ist eine breite Darstellung der Verhandlungen, die seit Ende der 90er Jahre vom Magistrat und der Stadtverordneten- Versammlung über die Vermehrung der Heimstätten gepflogen worden sind. Man merkt diesen Ausführungen an. daß sie entschuldigend wirken sollen. Die größere Hälfte aller Schuld wird da selbst- verständlich wieder auf die Langsamkeit der Bauausführung gewälzt. Aber nicht die Bauverwaltung ist hier der Hauptschuldige. Hätte man nur schon ftüher an eine Vermehrung der Heimstätten gedacht, hätte man nur beizeiten auf die Mahnungen und Warnungen gehört, die von den socialdemokratischen Stadtverordneten und im„Vorwärts" schon in der Mitte der 90er Jahre immer wieder vorgebracht wurden. Auch wir wünschen für die Heimstätte in Buch eine Beschleunigung der Bauausführung, aber die Zustände, die jetzt über die Heimstätten hereingebrochen sind, müssen ans Unterlassungssünden zurückgeführt werden, die älter sind. Jetzt rächt sich die Langsamkeit und Lässig- keit, mit der der Magistrat und die freisinnige Mehrheit der Stadt- verordncten-Versammlung daran gegangen sind, die Heimstätten zu vermehren.._ Die Stiftung der Berliner Gewerbe-AuSstellung im Jahre 1879 hat statutenmäßig den bei der genannten Ausstellung erzielten lleberschutz von einer halben Million Mark zu folgenden gemein- nützigen Zwecken zu verwenden: 1. Die Zinsen von 100 000 M. für periodisch zu veranstaltende Ausstellungen der hiesigen Gewerbe; 2. die Zinsen von 300 000 M. zu geeigneten Beihilfen für die Aus- bildung der der Industrie und dem Gewerbe sich widmenden Jugend; 3. den Zinsen von 60 000 M., um durch Veranstaltung von populären Vorträgen, Miitcilunn von Erfindungen und Erfahrungen, durch Anregung zur Ausführung gewerblickier oder kunstgewerblicher Arbeiten mittels auszusetzender Preise die Leistungsfähigkeit der hiesigen Handwerker und Jndnstriellen zu fördern; 4. die Zinsen von 60 000 M. zur Unterstützung von Fachschulen für jugendliche Handwerker oder Industrielle. Im Etatsjahr 1903/04 hat das Kuratorium der Stiftung an 70 Schüler hiesiger gewerblicher und kunstgewerblicher Unterrichts- anstalten insgesamt 12475 M. Stipendien gezahlt. In der gestern abgehaltenen Sitzung wurden für das am 1. April et. beginnende EtatSjahr 1904/05 Stipendien im Gesamtbeträge von 12 738 M. be- willint, und zwar in Beträgen von je 100 bis 300 Vi. Den Direktoren der beiden hiesigen Handwerkcrschulen wurden zusammen 600 M. zur Gewährung an Schulgeld, Lehrmitteln ec. für un- bemittelte Schüler der genannten Unterrichtsanstalten zur Verfügung gestellt, während der polytechnischen Gesellschaft wie im Vorjahre wieder 2000 M. zur Veranstaltung populärer Vorträge und 3000 M. dem AuSstellungsfouds überwiesen wurden. Das große Grundstück an der Ecke der Kaiser Wilhelm- und Dircksenstratze-Ecke, gegenüber der Central-Markthalle, wo sich ehe- mal» der alte Mehlspeicher erhob und die Gegend verunzierte, ist auf längere Zeit neu verpachtet. Die jetzigen Lagerplätze werde» zum 1. April d. I. verschwinden, um neuen, modernen, einstöckigen Verkaufsräumen Platz machen. Die neue Froftperiode, die am gestrigen Tage mit 9 Grad Celsius ihren niedrigsten Thermomcterstand errcicktte, hat neuerdings zu einer Störung der Spree- und Havel-Schiffahrt geführt. Die Havel, wie auch die Obcrspree ist wiederum mit einer Eisdecke überzogen. Die Steinzilleu aus Rathenow, die Elb- und Oderschiffe, die im vorigen Monat die Fahrten nach Berlin angetreten haben, mußten wieder festgelegt werden, um nicht im Eise stecken zu bleiben. Auch die Schiffahrt nach den RüderSdorfcr Kalkbrüchen ist neuerdings unterbrochen. Gestern morgen war die Spree innerhalb Berlins mit Treibeis bedeckt, welches sich stellenweise bereits festsetzte und die Lokalschiffahrt ebenfalls zu stören droht. Der Landwehr- und Luisen« städtische Kanal sind stellenweise mit einer neuen Eisschicht bedeckt. Ein aufregender Vorfall spielte sich gestern nachmittag in der Schönhauser Allee ab. Die Tischler Jotter, Fehrbellinerstr. 97. und Ellenbergen, Fehrbellinerstr. 32, wollten Vz3 Uhr nachmittags vor dem Hause Schönhauser Allee 143 den Fnhrdamm überschreiten. Die beiden Männer, die sich in angetrunkenem Zustande befanden, bc- traten unmittelbar vor einem Straßenbahnwagen der Linie 61 (Ringbahn— Schöneberg) das Geleis, wurden niedergerissen und gerieten unter die Vordcrplattform.— I. kam mit einer unerheblichen Kopfverletzung an der Stirn davon, während Ellenbergen einen Ouerbruch dcS rechten Schulterblattes erlitt. Er wurde mittels Droschke nach seiner Wohnung gebracht. Beim Absteigen von einem in der Fahrt befindlichen Straßenbahn- wagen kam gestern abend gegen>/z8 Uhr die in der Schulzendorfer« straße S wohnende 29 jährige Frau'G. schwer zu Schaden. Sie hatte einen Straßenbahnwagen der Linie 27(Rixdorf— Dalldorf) benutzt und wollte ihn in der Müllerstraße verlassen. Der Schaffner hatte ordnungsgemäß des Haltesignal gegeben und d» Motorwagen be- fand sich bereits in langsamer Anfahrt zur Haltestelle, als die G. von der Hinterplattform abstieg. Sie stürzte und fiel so unglücklich, daß sie eine schwere Gehirnerschütterung erlitt. In besinnungslosem Zustand wurde Frau G. nach dem Paul Gerhardt-Stift gebracht. Auf der Stadtbahn totgefahren wurde am Sonnabendabend 11 Uhr ein bisher noch unbekannter Arbeiter, der auf einem Bahn» steig des Schlesischcn Bahnhofes trotz wiederholter Vcrwarimugen den in der Ausfahrt nach der Warschauerstraße begriffenen Zug be- steigen wollte. Beim Oeffnen der Abteilthür verlor er das Gleich- gewicht, fiel zwischen dem Trittbrett und dem vorletzten Wagen in das vom Zug befahrene Geleise, wurde überfahren und sofort ge- tötet. Die Leiche wurde dem Schauhause überwiesen. Weitere Untersuchung ist alsbald eingeleitet. Die Veruntteuungen des Prokuristen Reinhardt haben unter der Kundschaft des alten Bankhauses Brendel u. Co. eine wahre Panik hervorgerufen. Die Geschäftsräume in der Französischen Straße wurden von Leuten, die ihre Depots wieder haben wollten, geradezu bestürmt. Gestern vormittag erschienen noch gegen 160 Personen, Männer und Frauen, meist Anhänger des Mittelstandes aus Berlin und den Vororten. Seit 3>/z Uhr jedoch hängt an der Thür ein Zettel mit der Aufschrift:„Geschlossen". Unvcrrichteter Sache mußten die Enttäuschten umkehren. Dabei spielten sich ergreifende Sccnen ab. Eine Frau brach ohnmächtig auf der Treppe zusammen; der Pförtner des Hauses nahm sich ihrer an. Den Leuten, die noch Ein« tritt erhielten, wurde mitgeteilt, daß am Dienstag in den Geschäfts- räumen eine Gläubigerversammlung stattfinden werde. Das schwer getroffene Haus werde alle Gläubiger dazu einladen. Eine Bande Schaukastendiebe ist durch die Kriminalpolizei nach längcrem Bemühen ermittelt und teilweise bereits hinter Schloß und Riegel gesetzt worden. Seit etwa einem Jahre wurden ans dem Centrum und der Kchiigstadt zahlreiche Schaukastendiebstähle ge« meldet; die Diebe gingen mit großer Dreistigkeit vor und räumten beispielsweise in der genannten Zeit bei einem Konfektionär in der Neuen Schönhauserstraße, Ecke Weinmeistcrstraße, nicht weniger als achtmal die Auslagen ans. In einigen Fällen war die Diebesbande beobachtet und festgestellt worden, daß dieselbe ans vier jungen Männern und einem Mädchen bestand. Die Thatiache, daß daS Mädchen bei allen „Fahrten" teilnahm, führte schließlich auf die Spur der„Chabruse". — In einer Nacht waren die Diebe von einem Droschkenkutscher be« obacktet worden, der die Frauensperson bis zur Rochstraße ver- folgte. Die Angaben des Kutschers führten zur Festnahme deü „Arbeiters" Karl Weidner, genannt der„schlanke Karl" und seiner Braut. Bei einer Haussuchung in der Wohnung de? Verhafteten wurde ein größeres Warenlager gestohlener Gegenstände, besonders Bekleidungsstücke. Schirme und Stocke vorgefunden. W. bestreitet Complicen gehabt zu haben und will nur gelegentlich„gemeinschaft- liche Arbeit" gemacht haben, kennt jedoch angeblich die betreffenden Personen nicht. Ein gewaltiger Dachswhlbrand kam Sonntagnachmittag in der Seile rstr. 3 zum Ausbruch und beschäftigte die Wehr fast drei Stunden. Bald nach 3 Uhr schlugen plötzlich helle Flammen durch das Dach de» großen vierstöckigen Hauses; dichter Rauch erfüllte den Hof. Als auf den ersten Alarm hin der Löschzug aus der Pauk- straße unter Brandinspektor Julius eintraf, brannte bereits der größte Teil des Dachstuhles. Es wurde daher sofort die Meldung „Mittelfeuer" gegeben, worauf die gesamte vierte Compagnie zur Brandstelle eilte. Von verschiedenen Seiten aus wurde nun mit mehreren von Dampfspritzen gespeisten Rohren gegen den Brand- Herd vorgedrungen. Bei dem herrschenden Sturm wurden aber die Flammen immer wieder entfacht, sodaß es fast eine volle Stunde dauerte, bevor die Gefahr als beseitigt gelten konnte. Eine starke Rauchentwicklung erschwerte die Löscharbeiten ungemein. Der größte Teil des Dachstuhles mit seinen Bodenverschlägen ist vernichtet, auch hat die vierte Etage durch Wasser gelitten. Die Entstehungs- Ursache konnte bei dem schon so weit vorgeschrittenen Brandherde nicht mehr festgestellt werden. Die vollständige Ablöschung und Aufräumung hielt die Wehr noch fast zwei Stunden am Brand- Platze fest. Weil sie ihren Mann nicht ans der Irrenanstalt befreien konnte, versuchte sich am Montag die 31 Jahre alte Plättanstalts-Be- sitzerin Frau Luise Deidinger aus der Lindenstr. 89 durch Gift das Leben zu nehmen. Das Ehepaar betrieb früher in der Annenstraße eine Schankwirtschaft mit zweifelhaftem Verkehr, bis der Mann als unheilbar geisteskrank vor einem halben Jahre nach Herzberge ge- bracht wurde. Frau Deidinger will nicht glauben, daß ihr Mann geisteskrank sei, und machte Eingabe über Eingabe, um ihn zu be- freien. Da alle Versuche mißlangen, wollte sie nicht länger leben. Leute, die gestern kamen, um sich den ihr gekündigten Keller anzu- sehen, fanden sie vergiftet im Bett liegen. Da sie noch lebte, so ließ der Arzt sie nach dem Krankcnhause am Urban bringen. Etn Opfer des Eisenbahnbetriebes. Bei der Arbeit verunglückte gestern nachmittag der 52 Jahre alte Albert Kuhn aus der Albrecht- straße zu Steglitz, als er auf dem Anhalter Bahnhof für eine Loko- motive Kohlen ablud. Er glitt aus, fiel von der Rampe auf das Geleise und verletzte sich äußerlich und innerlich so schwer, daß. man ihn in ein Krankenhaus bringen mutzte. Ein Straßenraub beschäftigt die Kriminalpolizei. Ein Arbeits- bursche Sommer dcS Hüttenwerks von Kayser u. Co. in der Helmholtz- ftraße 33 zu Charlottenburg wurde am Sonnabend nach dem Haupt- comptoir in der Kaiserin Augusta-Allee geschickt, um 1000 M. ab- zuholen. Zu ihm gesellte sich unterwegs ein junger Mann Namens Schefzick, der auf demselben Werk arbeitet. Au der Gotzkowsky- brücke entriß ein Strolch dem Sommer die Ledertasche mit dem Gelbe, die er mit einem Riemen an der Schulter trug. Der Beraubte und sein Begleiter verfolgten de» Räuber und holten ihn ein. Sommer stellte ihm ein Veiu, und es qelang ihm nun, den Riemen zu fassen. � Der Strolch liest aber erst los, nachdem der Beraubte ihm mit seinem Tascheuniesser mehrere Stiche in die Hand versetzt hatte. Leider entkam der Wegelagerer. ein Mensch von etwa ~0 Jahren, wenn er auch die Beute wieder abgeben mustte. Feucrbertcht. Neben dem grosten Dachstuhlbrande in der Seller- straste hatte die Wehr im Laufe des Sonnabends noch eine ganze Reihe kleinerer Feuer zu beseitigen. Gegen 10 Uhr wurde sie nach der Wieucrstr. 12 gerufen, weil hier in einer Tischlerei ein Brand entstanden war, der Spähne, Nutzhölzer ec. ergriffen hatte. Die Gefahr konnte leicht beseitigt werden. In der Pappel Allee 133edresseurin Pantzer und den Equilibristen Little Allright. Bei Erwähnung der Artisten sei uns nebenher die Frage gestattet, warum diese Herrschasten sich so oft fremdländische, zumeist englische Namen beilegen. Die meisten Besucher verstehen diese Namen nicht einmal annähernd richtig auszusprechen, und wenn man diesen und jenen der Künstler näher prüft, so mag er selbst in Verlegenheit kommen, wenn er sagen soll, wie er auf englisch heistt. Für so thöricht aber sollte man das Publikum nicht halten, dah eZ sich durch einen unverständlichen Namen imponieren läht und dem Artisten, der sich damit aufgeputzt hat, besondere Wertschätzung ent- gegenbringt. Wann werden die Herrschaften vom Brettl das Kauder- welsch zum alten Plunder werfen und unter den ihnen gebührenden gut deutschen Namen und Bezeichnungen austreten? Das Apollo-Thcatcr bringt in diesem Monat eine Reihe fiir Berlin völlig neuer Spezialitäten, und das will bei der relativen Uniformität des Brettls immerhin etwas bedeuten. Die Tänzerin Mab Derby übt den in unsrer Zeit etwas vernachlässigten Spitzen- tanz, über dessen Grazie man streiten kann, der aber eine hervor- ragende Fertigkeit und Ausdauer verlangt. Neu für Berlin ist auch das Kllnstlerpaar B r u n i n, ein Herr und eine Dame, die mit Billardbällen derart operieren, daß diese Bälle an abgestimmte Glocken schlagen, die sie an einem Gestell auf dem Kopfe tragen. So kommen kleine Musikstücke zu stände. Auch in Äraftleistungen sind diese beide Artisten vorzüglich. Herr Tom H e a r n nennt sich den faulsten Jongleur der Welt; er ist aber ein Mann von ganz außerordentlicher Geschicklichkeit. Aus 32 jungen hübschen Mädchen und zwei Negerpaarcn besteht daS T r a n S a t l a n t i k und Boston Ball Ensemble; die Tänze sind temperamentvoll und hübsch gruppiert. Auch ein Stück Eakewalk kommt bei dieser Gruppe wieder zu Ehren, Alte Bekannte sind der Bauchredner Blanck, der so unterhaltend ist. wie nur je in früheren Jahren und der unverwüstliche Komiker Robert Steidl.— Die Operette„FrühlingSluft" beherrscht nach wie vor die erste Hälfte des Spielplanes. Theater. In der Erstaufführung von Herman Hegermann's friesischem Bild„ E r a et 1 a b o r a", die im„Deutschen Theater" am Sonnabend stattfindet, wirken die Damen Paula Eberty, Maria Feldern. Else Lehmann, Agnes Müller, Hermine Mcdelsky, Luise v. Poellnitz, sowie die Herren Albert Bassermann, Karl Forest, Paul Pauli, Rudolf Rittner. Paul Schwaiger und Bruno Zicner mit. In Maeterlincks sattrischer Legende„Das Wunder des heiligen Antonius", welche an, selben Abend ihre erste Aufführung erfährt, wird die Titelrolle von Oskar Sauer dargestellt, die andern Haupttollen von Paula Eberty, Agnes Müller, Karl Forest, Paul Marx, Karl Meinhard, Wilh. Wertmann, Bruno Ziener. — Im Luisen-Theater geht am Mittwoch, den S. d. Mts. zum Benefiz für Albert Hüner zuin erstcnmale:„Die K o h l e n- f ch u l z' n von Berlin", Posse mit Gesang von Görlitz und Jacobsohn mit den Damen Winter, Hüftel, Dolski, Bottstein und den Herren Hüner, Bartcl, KruSzynski, Rufs, Wald und Achterbcrg in den Hauptrollen in Szene.— Vom„Hochtourist" finden im Thalia-Theater nur noch 12 Aufführungen statt, da die Premiere von„ResemannS R h e i n f a h r t" auf den 19. März definittv festgesetzt ist.„CharleyS Tante" geht nach wie vor Sonntag- nachmittags in Scene.— Der nächste Di cht er abend des Schiller Theaters im Bürgersaale des Rathauses, verletzte in diesem Spieljahr, dem nur noch zwei Tondichterabende folgen, ist der Dichterin Annette Dro st- Hülshoff gewidmet. Das große Schau-Schwimmcn, welches der Berliner Schwimm- klub„Vorwärts". Mitglied des Arbeiter-Schwimmerbundes. Soimtag in der städttschen Volksbadeanstalt an der SchillingSbrückc abhielt, hatte ein zahlreiches Publikum angelockt. Nachdem durch einen Aufmarsch und Gesang das Programm eröffnet,� begannen die Konkurrenzen, die nachstehende Ergebnisse erzielten: Erstschwimmen. 4 Bahnlängen— 60 Meter(Brustschwimmen). 1. 28. Matousch 1: 27%(Beliebige Schwimmart). 1. A. Schönlein 1: 372/5, 2. Paul Schulz 1: 39%.— Knabcn-Schwimmcn. i Bahnlängen— 60 Meter. 1. G. Schütze i: 9%, 2. M. Jähner 1:27.— Haupt-Schwnnmen. 12 Bahnläugen 180 Meter. 1. P. Buschmann 2: 50%.— Jugend-Schwimmen. 14—16 Jahre. 6 Bahnlängen= 90 Meter. 1. G. Frilsche 1: 33% 2. F. Langbecker 1: 44%. 16-18 Jahre. 1. 28. Pohlcy 1:18%. 2. G. Wähnelt 1:26%.— Hecht-Tauchen. 1. K. Stephan I 32 Meter in 32% Sek.— Kurze Sttcckc. Bahnlängen— 45 Dieter.(Junioren). E. Wolter 36 Sek.(Senioren). M. Klose I 33% Sekunden.— Deutsche? Schul-Schwimmcn. 10 Bahnlängen— 150 Meter. 1. E. Wolter 2% Punkte, 2. K. Richter 2% Punkte.— Jugend-Tauchen. 0 Sandsäcke a 5 Pfund. 1. G Wähnclt 21 Sekunden, 2. Theodor Kahlen 24% Sekunden. Am 113. Bcobachtungsabeud deS Vereins von Freugden der Treptow-Sternwarte, der am Mittwoch, den 9. März, abends 8 Uhr auf der T r e p t o w- S t c r n w a r t e abgehalten lvird, spricht Direktor Archenhold„lieber Meteorsteine" unter Vorlegung einer von Herrn Prof. Dr. A. Brerina(Wien) zur Ausstellung eingesandten Sanrmlunq. Gleichzeittg wird ein Meteorstein gezeigt, welcher cm Unikum ist. Derselbe ist 1861 der Frau Apotheker Hellwig in Schafstadt buchstäblich vor die Füße gefallen, und hat sich nach den Untersuchungen von Herrn Geheimrat Klein als ein ganz eigenartiger bisher noch nicht vorgekommener Meteorstem erwiesen. Seine Bestandteile sind Terphit und seltenste Mineralien, die in dieser Zusammenstellung auf der Erde bisher nicht vorkommen.— Vor und nach dem Vortrag wird mit den, großen Refraktor der L- r r o n- nebel beobachtet. Gäste haben Zutritt. DaS nächste Jugendkonzcrt findet am Mittwoch, den 9. März, nachmittags 4 Uhr, in der Philhannonie statt. Mitwirkende sind das �amentcrzett Erdmann-Zitelniann-Schwarz, begleitet von Fräulein Emma Wooge. die k. k. Hofschaiispiclerin Auguste Baison-Hofmann und der Harfenvirtuose' aus Prag kommt. Als Verhaltungsmaßregeln für die jungen Besucher.— Kinder, in deren Schulen das Konzert nicht angekündigt wird, erhalten Einlaßkarten im Seminar für Musik, W. Neue Wintcrfeldtstr. 45, und bei dem Portier der Philharmonie. Hiiö den Nachbarorten. Ablershof. Bei der gestrigen Gemeindewahl ivurdc der social- demokratische Kandidat Gcnoffe W ö l f l i n g mit 484 Stimmen ge- wählt. Die Gegner hatten keinen Kandidaten ansgestcllt. Das er- rungene Mandat war bisher in freisinnigem Besitz. Bon nun an gehören alle vier Sitze der dritten Abteilung der Socialdemokratie In TLilmersdorf iverdcn die Wahlen zur Gemeinde- Vertretung voraussichtlich einige Tage später stattfinden als ursprünglich angesetzt worden. Der Wahlprüfungs-Ausschuß bc- schäftigte sich gestern mit dem vo>r uns am Sonnabend mitgeteilten Stand der Dinge und beschloß, der Gcmeindc-Vertretung zu ihrer wahrscheinlich am Montag nächster Woche stattfindenden Sitzung vorzuschlagen, daß sie sich mit der nunmehr durch den Entscheid des Ober-VcrwaltungsgerichtS vcrfügtcir Nngültigkeits- Erklärung der Wahlen von 1902 einverstanden erkläre. Damit die laufenden Arbeiten ordmingsgemäß erledigt werden können, soll in Konscquen dieses Beschlusses dem Gcmeindcvorstand vorgeschlagen werden, die Wahlen statt am 21. März insgesamt am 24. d. M. ihren Anfang nehmen zu lassen. Es würden in, ganzen 19 Gemeindeverordnete neu zu wählen sein. Bon unsren Parteigenossen scheidet dann außer Natusch und Hilpert auch noch Schröder ans. Treptow. Der Etat für 1904 balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 506 800 M., ein Mehr von 146 800 M. gegen daS Vor jähr. Der Zuschlag zu der Staatseinkommeiisteuer beträgt 100 Proz., zur Gewerbesteuer 150 Proz., zur Grundsteuer wird 9% Pf. von jedem Hundert erhoben. Die Einnahmen verteilen sich in den wesentlichsten Punkten wie folgt: Gemeindeverwaltung 1483,50 M., Amtsvcrwaltung 8795 M., �schulverwaltung 4750 M., Armen vcrwalning 940 M., Friedhof 2100 M., Straßenverwaltung 4739,20 M. Die hauptsächlichsten Ausgaben sind: Gemeinde- und Amtsverwaltung 77 776,04 M.,>schulvcrwaltnng 46 001.70 M., Beihilfe für die Privat- sckiule 500 M., Fortbildungsschule 100 M.. Armenverwaltung 9540 M., Feuerwehr 905 M. Die 500 M. als Beihilfe iür die Privat schule beantragte Gemeindcvertretcr Schulz zu streilben, weil die Eltern der 15 bis 17 Kinder die Privatschulc allein erhalten oder die Kinder nach der Genieindcschllle schicken könnten. Die 500 M. möchten zur Anstellung eines Schularztes oder für die Volksschule bewilligt werden. Der Vorsteher unterbrach den Redner mit den Worten, daß die erwähnte Frage nicht auf der Tagesordnung stehe. Bewilligt wurden 400 M. jährlich. Ein Antrag Schulz, die Straßenbesprengung voin Jahre 1905 ab in eigne Regie zu nehmen, wurde dem Gemeindevorstande zur Berücksichtigung überwiesen. Die dann folgende Beramng der Geschäftsordnung verriet große Furcht vor dem Eindringen eines Social- demokraten. Sollte doch dem Borsteher das Recht zustehen, einen Redner nach wiederholtein Ordnungsruf auf ein Jahr von der Sitzung auszuschließen. Dies war sogar einigen Konservattven zu viel, welche Streichung der Bestunmung beantragten. G.-V. Kurth, der einzige ftcisinmge Vertteter, brachte die L-ache aber wieder in Fluß, indem er meinte, etwas müsse gemacht lverden; die Sache olle wieder an den Gemeindevorstand verwiesen werden. Herr S ch i r m e r, dessen Mandat schon von zwei Instanzen für ungültig erklärt worden ist und immer noch den Mut besitzt, dasselbe aus- zuüben, sagte,„es kann jemand in die Vertretung kommen. und da müssen wir Strafbcstinnnungen haben, und ich beantrage den Ausschluß auf drei Monate". Diese Bestimmung wurde auch angenommen. Daß hiervon oft ungerechtfertigt Gebrauch gemacht wird, ist zu erwarten. Sorgen wir heute dafür, daß ein Social- demokrat mit großer Majorität geivählt werde. Rcu-Weißensce. Noch kurz vor den Neuwahlen zur Gemeinde- Vertretung hat die alte Gemeinde Weißensee den Beschlutz gefaßt, sich aufzulösen und der Gemeinde Ncu-Wcißcnsee sich an- zuschließen, also die Einverleibung zu beantragen. Mit diesein Ent- schluß ist ein langjähriger Streit entschieden, und wer die eigen- artigen Verhältnisse der beiden Gemeinden kennt, wird diesen Beschluß mit Freuden begrüßen, denn ein Hemmnis zur weiteren Entwicklung unsres Ortes ist damit bescittgt.— Bei der bevorstehenden Gemeindcverordneten-Wahl wird sich der Social- demokratie die neugegründete„Vereinigte Bürger- Partei gegenüberstellen, denn diese hat in sämtlichen Abteilungen und Bezirken ihre Kandidaten nominiert, von denen sie voraussetzt, daß sie eine„gründliche Orts- und Sachkenntnis" besitzen. Die Vereinigte Bürgerpartei" besteht aus Mitgliedern der beiden Haus- bcsitzervereine und dem Verein der Gewerbetreibenden. Dieser Verein, der sonst nicht genug auf die immer anmaßender werdenden Hausbesitzer sprechen konnte, ist auf den Gimpelfang eingegangen und wird die Hauöagraricr unterstützen. Zum Dank dafür hat man den Herren gnädigst gestattet, einen der ihrigen in einem Bezirk kandidieren zu lassen, der bereits von zlvei Social- demokraten vertreten wird, während die Kandidaten des Hau?- und Grundbesitzer-Vereins die ihnen sicherer erscheinende zweite und erste Abteilung besetzt haben. Das alte Sprichwort:„Nur die aller- zrößten Kälber wählen ihre eignen Metzger selber" kamr man hier n Anwendung bringen. Noch eine dritte Partei wird auf den Plan tteten und zwar die Partei„Mertens", der sich durch ein Inserat in hiesiger Zeitung selbst als Kandidat empfiehlt und durch ein Flugblatt bekannten Stils auf seine Person aufmerksam macht. Die Wahlen selbst finden für die dritte?lbteilnng am Mittwoch, den 16. März, in der Zeit von 5—8 Uhr abends statt: es wählt der erste Bezirk im Lokal Albrechtshof, Parkstraße, und der dritte Bezirk im Lokale Backhaus, Prenzlauer Chaussee. Lichtenberg. Die Etatbcratung, die mit der von unsren Genossen beantragten Verweisung in eine neungliedrige Kommission endete, der unter andren auch die Genossen K. Schulz und Grauer an- gehören, brachte zunächst die Erklärung öcä_ Gemeindevorstehers, laß er es ablehne, auf eine von unsrem Genossen angekündigte Bc- prechung über die Gründe der Festsetzung des Beginns der Wahl- zeit bei den Urwahlen zum preußischen Landtage einzugeheiu Ebenso lehne er es ab, eine von demselben Redner- angekündigte Besprechung der Gründe über die Mißstimmung der Arbeitnehmer-Beisitzer des GewcrbcgerichtS gegen den derzeitigen Vorsitzenden, den besoldeten Schöffen Ungewitter, zugelassen. Neben unsren Genossen wies aber auch der freisinnige Redner, Herr Plonz, darauf hin, daß eine solche Besprechung gar nicht verhindert werden könne. Im weiteren Verlauf der Generaldebatte, an der sich nur der Genieindcvorsteher, Herr Plonz und Genosse Grauer beteiligten, gab der Gemeindevorsteher die Erklärung ab, daß die von unttem Redner berührten Petitionen der Gemeinde-Arbeiter„von außen hinein- getragen seien, denn ihm sei berichtet worden, daß den Gemeinde- arbeircrn der Inhalt der Gesuche gar nicht vorgelegen habe". Es wird Sache der Gemeinde-Arbeiter sein, dem Herrn Gemeindevorsteher nachzuweisen, daß er nicht richtig berichtet worden ist. DaS„Ein- geschlafenscin" der seit zwei Jahren nicht mehr in Thätigkeit ge- kretenen Gesundheitskommission soll nicht auf den Einfluß der Zweidriitel-Majorität des Grundbesitzes in der Gemeindeverttettmg zurückzuftihren sein, sondern darauf,„daß die Kommission bei den guten sanitären Verhältnissen des Ortes nichts zu thun habe". Daß um die endliche Schaffung eines Krankenhauses die Gemeinde nicht mehr herum komme, mußte vom Vorstandstische an- erkannt werden; auch schweben Verhandlungen wegen Errichtung einer Unfallstation oder Sanitätswache. Die Errichtung einer Freibank in Ausführung deS Fleischbeschau- Gesetzes soll im Anschluß cm den projektierten Neubau des Sttaßcn- reinigungs-Depots durch Anbau geeigneter Räume und Anstellung eines Tierarztes zum 1. Oktober ermöglicht werden. Unfre Genossen ersuchten den Gemcindevorstand um Erläuterungen zum Armen-Etat und zum Bericht über die Grundsätze und Ausstihrungen der Armenpflege, um hier eventuell Vorschläge zur Reorganisation machen zu können. elenka Lcrando, der eigens zu diesem Zweck leuerung bringt das Programm aus Seite 4__—_-—-—---—.—----.... Redakteur: Julius Kaliskit Berlin. Zur den Inseratenteil veraytw.: Th. Glocke, Berlin. Trnck ü. Berlag: Berwärts Bn.chdruckere, u. Berlagsanstgst Paul Singer& Co., Berlin SW. Genebts-Zeitung. Wegen eines schweren SittlichkcitSvcrbrcchens stand gestern K« Arbeiter August Schön vor dem Schwurgericht beim Land» genast II. Ter Angcklagie ist bereits wegen eines gleichen Ver« brechens mit 5 Jahren Zuchthaus vorbestraft worden. Als er im Oktober v. I. wieder auf freien Fuß gesetzt wurde und er auf dem Wege nach seinem bei Mittcnwalde gelegenen Hcimatsdorfe begriffen war, begegnete ihm ein elfjähriges Mädchen. Das Tier in ihm ge- wann wieder die Oberhand, er überfiel das Mädchen und versuchte, es zu vcrgcwalrigcn. Die Gesckiworncn versagten ihm mildernde Umstände, worauf der Gerichtshof ihn zu drei Im h r e n Zucht- Haus verurteilte. Vom Kurpfuscher- Prozeß Schröter in Tilsit. Aus den Ver- Handlungen vom Sonnabend ist zu erwähnen, daß der Angeklagte seinen Widerstand gegen das Vorführen magnetischer Experimente gebrochen und sich zum Experimentieren bereit erklärt h a t. Es werde etwas ganz Ucbcrraschcndes und bisher noch nie- nials Dargebotenes sein. Er benötige dafür zwei Bleistifte, eines Federhalters, eines Wasserballons mit 27 Grad Wärme und etwas Schnee, sowie einer Fensterscheibe. Der Versuch müsse in einem besonderen Zimmer angestellt werden und er lade dazu die Sachvcr- ständigen Prof. Dr. Puppe, Königsberg, Dr. Moll, Berlin. und Sanitätsrat Bilfinger. Kassel, ein.— Dr. L e n g n i ck-- Tilsit: Darf ich auch mitgehen, Herr Schröter?— Angelt.; Nein, Sie sind mir zu unsympathisch.(Heiterkeit.)— Vors.: Sic meinen das doch wieder im magnetischen Sinne?— Angekl.: Jawohl.— Dr. Moll: Aber ich werde doch auch von dem Magnctopathen als unsynipathische Persönlichkeit in diesem Sinne angesehen.— Angekl.: Das thut nichts, mir sind Sic durchaus sympathisch. Herr Taktor, wie denken Sie übrigens über die photographische Fixierung der magnetischen Ausstrahlung an den Händen des Staatsrats von Narkowicz?— Dr. Moll: Es käme auf meine eignen Versuche an. — Angekl.: Ich bin jederzeit dazu bereit.— Dr. Moll: Dann müßte ich aber erst noch einen chemischen und einen photographischen Sachverständigen zuziehen.— Angekl.: Es bleibt mir also nichts übrig, als das andre Experiment vorzuführen, das mir sicher gelingen wird.— Es tritt nunmehr eine längere Pause ein, während welcher die Sachverständigen die erforderlichen Materialien einkaufen. Um 1 Uhr mittags zogen sie sich daraus mit dem Angeklagten in ein besonderes Zimmer des Gcrickstsgebäudcs zurück. Während der Pause wurden dem Angeklagten von feiten des Gerichts alle möglichen Erleichterungen gewährt, um ihn für das bevorilehendc Experiment frisch zu erhalten, ivie er denn überhaupt von sciteu des Gerichtshofes in der denkbar schonendsten und nach- sichtigsten Weise behandelt wurde. Nach etwa einer halben �tundc erschienen die Sachverständigen mit dem?liigeklagten wieder im Saale. Auf Befragen erklärt Schröter: Ich habe den Herren zunächst den aus meiner Hand ausstrahlenden Magnetismus vorzuführen versucht. Zu diesem Zweck preßte ich die Hand an die Fensterscheibe, au die zugleich auch der Gummiballon mit dein auf 27 Grad erwärmten Wasser gedrückt wurde. Bei dieser Prozedur hatte ich früher das Pbanomen bc- obachtct, daß rings um den Abdruck meiner Finger Strahlen sichtbar wurden, die bei dein Gummiballon nickst sichtbar werden. Ich führe dies darauf zurück, daß diese Ausstrahlungen magnetischer Natur sind, und daß ein toter Körper sie nicht produziert. Diese Strahlen sind bei dem einen Menschen größer, bei dem andren kleiner und bei mir sind sie ganz besonders groß.'Das zweite Experiment besteht darin, daß ich einen Bleistift und einen Federhalter in etwas Schnee steckte. Ich babe darauf den zweiten Bleistift magnctisicrt und meines: Erachtcns dadurch erreicht, daß dieser beim Hineinstecken in den Schnee diesen anzog.— Dr. Moll: Was das erste Experiment anlangt. so sind wir uns alle drei Sachverständige darüber einig, daß bei dem Auflegen der Hand an die kalte Scheibe der übliche Wasserstoff aus der Hand des Angeklagten ausgeschieden ist und diese ganz bekannten Strahlen dadurch hervorruft. Auch das zweite Experiment beruht auf einer rein physikalischen Erscheinung. Der angeblich magneti- sicrte Bleistift ist einfach unter den Händen des Angeklagten warm geworden, wodurch der Schnee hängen blieb. Mir Magnetismus haben beide Erpcrimente nicht das geringste zu thun und beide Erperimente sind demnach als mißglückt zu bezeichnen. Eine derartige— doch ich will mich nicht weiter darüber auslassen.— Dr. Bilfinger erklärt ebenfalls, es handle sich um eine falsch erklärte Thatsache. In Bezug auf die Wirkung des Magnetismus im allgemeinen aber wolle er aber nicht unterlassen, zu betonen, daß er sehr ofr ausgezeichnete Beweise dafür erhalten habe. So sei er vor 9 Jahren zu einer Fabrikmitenfamilie gerufen worden, deren Gouvernante an schrecklichen Krämpfen gelitten habe, durch die der Körper halbtteisförmig zusmnmengezogcn wurde. Er habe darauf mesmerische Striche gemacht, und nach 20 Minuten sei das Mädchen in einen tiefen Säilaf verfallen, ans dem es geheilt erwacht sei. 2Lie die Wirkung zu erklären sei, wisse er nicht. Er wolle nur die That- fache konstatieren.— Staatsanwalt: Ich glaube nicht, daß dies von Dr. Moll bestritten wird.— Dr. Bilfinger: Doch. denn er hat gesagt, daß es nicht möglich sei, auf bewußtlose Personen durch Magnetismus einzuwirken.— Dr. Moll: In erster Linie bat loohl hier der Schlaf heilend eingewirkt. Tic mcsmcrischen Stricke können nur eine hbpnotische Wirkung ausgeübt haben.— Dr. Bilfinger: Ich wiederhole, wir werden in diesen Fragen niemals zusammenkommen, weil es dabei auf Glauben und Un- glauben ankommt und zwei Weltanschauungen sich gegenüberstehen, — auf der einen Seite die rein materialistische Geschichtsauffassung. die nichts anerkennt als Kraft und Stoff, auf der andren Seite eine gewisse spiritualistische Welt- und Lebensauffassung— nämlich die, daß der Mensch nicht nur aus Kraft und Stoff besteht, sondern außerdem übersinnliche Momente vorhanden sind. Dieser Anschauung bin ich, während die beiden andren Herren zur andren Partei ge- hören. Auch Professor Ladenburg hat auf dem letzten Deutschen Naturforscher- und Aerztetag in Kassel diese Anschauung als An- schauung der Wissenschaft vcrrrcten. daß es einen Gott nicht gebe und auch keine übersinnliche Welt. Wir dagegen sagen: Ter Müsch ist mehr als Kraft und Stoff. Auf diese Verschiedenheit der Welt- anschaumig führe ich es also zurück, daß tvtt uns hier nicht verstehen. Angekl.: Im Evangelium Math., Kapitel 6 heißt es ausdrücklich: Das Auge ist der Spiegel des Leibes, also nicht der Seele allein.— Dr. Bilfinger: Die Bibel ist durchaus spiritualistisch. und zwar einseitig spiritualistisch. Ich bin materialistisch-spiri- tualistisch. Keine Frage aber ist es, daß das größte Phänomen spiritualistischer Kraft Jesu- ist.— Bors.: Ist das Ihre eigne Entdeckung, Angeklagter, das mit dem Evangelium Mathäi?— Angekl.: Ich habe diese Stelle im neuen Testament in meiner Zelle gefunden.— Dr. Bilfinger erklärt dazu, daß diese Stelle schon früher von vielen?lugcndiagnostikern als Buchmotto und dergleichen verwandt worden sei.— Dr. S a l z e r: Mit Rücksicht darauf, daß Dr. Bilfinger hier immerfort„Gläubige" und„Ungläubige" kon» struiert habe, wolle er»ur bemerken, daß er an seinen Anschauungen festhalte, daß er aber ebenfalls der Meinung sei, daß cS in den letzten Dingen Rätsel und ungelöste Fragen gebe.— Prof. Dr. Puppe erklärt gleichfalls, daß er auf gläubigem Boden stehe. Ungläubig sei er nur in Bezug auf die Augendiagnose und den Magnetismus. Dieser Erklärung schließt sich Dr. Moll an. Hieraus wurden die weiteren Verhandlungen auf Montag früh vertagt._ Eingegangene Dnichfchriften. Von der„Lleucii Zeit"(Stuttgart, Dich' Verlag) ist soeben da? 23. Hcst des 22. Jahrganges erschienen. Ans den» Inhalt des HcstcS heben wir hervor: Eine verhüllte Frcmdherrschast.— Frauen- und Kinderarbeit in den Bereinigten Staaten. Ein Referat, eingeleitet von F. A. Sorge. — Die preutzische Regierung am eecheidewegc.(Der Entwurf des Knappschasts« kasien-GesctzcS.) Von Otto yue,— Allerhand Revolutionäres. Von Karl KautSlh. III.(Schluß.)— Litterarische Rundschau: Leo Deutsch, Sechzehn Jahre in Sibirien. Von K. K.— Notizen: Die angebliche Wirkung daher Kindersterblichkeit im Sinne Darwinscher Auslese. Von-n-, Aus der Rheinisch. Wcstsäliichcn Maschinenbau- und Kleineilenindusttie-BerusS« genoiseiischast. Von d.______ j