Ztr. 68. RiionneinentS'RedlnguAsen: «Sonntmcnlä- Preis pränumerando i «ierteljährl. S�o MI. monatl. 1.10 Ml. »vöch-ntllch 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntag«. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage»Die Neue Welt" 10 Pfg. Post. «bonnemcntt 1,10 Marl pro Monat. Emgctragen w die Post.ZeitungS» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn L Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. 31. Jahrg. Cridxint täglich auBcr montags. Vevlinev VolkSblatt. die Tnfertlons'Gebfllir kekägi für die fechSgespaltenc Kolonel. zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und BersammlungS-Slnzeigen 25 Pfg. „Ktetm Hnieigcn", das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes wettere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Stummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und FesUagen bis 8 Uhr vormittags geölsnet. Telegramm-Adresse: „SozUliUnolirat Berlin" Zentralorgan der fozialdcmokratt feben Partei Deutfchlands. Redaktion: 8Al. 68» Llndcnstraeae 69. Asernsprechert Amt lV, Nr. 1S8S. Mittwoch, de»t 9. März 1994. Expedition: 8M. 68» I-lndenstrasse 69. Nerusprechert Amt IV. Nr. 1984._ Zur Lage der Eisenbahner. Die Beratung des Etats der Eisenbahnverwaltung, die zur Zeit im Abgeordnetenhause vor sich geht, lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Verhältnisse der Eisenbahnbetriebe und Beamten. Je weniger Zeit das Dreiklassen-Parlament hat, sich mit Arbeiterfragen zu be- schäftigen, um so stärker ist die Pflicht der Presse, immer und immer wieder die Lage der im Staatsdienst sich abmähenden Proletarier einer vorurteilslosen Kritik zu miterziehen, denn die Arbeiterpolitik eines Staates, der als Arbeitgeber allein in einer einzigen Ver- ivaltung rund 400 000 Leute beschäftigt, kann nicht ohne Einfluß auf die Arbeiterverhältnisse im allgemeinen bleiben. Bor wenigen Wochen hat Minister Budde im Herrenhause eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der er als eine Ehre bezeichnete, als Staatseisenbahn-Beamter angestellt oder als Staatseisenbahn Arbeiter thätig zu sein. Der Minister forderte, daß derjenige, der dieser„Ehre" teilhaftig wird, ihr auch dadurch genüge, daß er gegen seinen Arbeitgeber, die Staatseisenbahn- Verwaltung, eine treue Gesinnung bewahre. Daß umgekehrt der Arbeitgeber Pflichten gegen die Arbeiter zu erfüllen hat, dieser Gedanke kam dem Minister nicht in den Sinn. Ja. er schien sich nicht einmal dessen bewußt zu sein, daß er in derselben Rede, in der er den Arbeitern treue Gesinnung gegen den Staat predigte, gleich- zeitig ihr wichtigstes verfassungsmäßiges Recht, das Koalitionsrecht. nahm. Die von lebhaftem Beifall der Herrenhäusler begleiteten Worte„Ich dulde keinenthätigenSocialdemokraten in der S taats ei s enb ah n- V erwaltun g. weder als Beamten noch als Arbeiter" zeigen, daß Herr Budde eine durchaus unangebrachte und unerlaubte Gesinnungsschnüffelei eingeführt hat. Nebenbei bemerkt wird der Minister durch diese Gesinnungsschnüffelei sein Ziel doch nicht erreichen, seine Bemerkung, daß unter den Beamten, Hilfsbeamten und Arbeitern der Eisenbahn- verivaltung Umsturzbestrebungen irgendwelcher Art nicht hervor- getreten sind und daß eine Bewegung im Eisenbahnpersonal selbst nicht vorhanden ist, klingen denn doch so unwahrscheinlich, daß er höchstens im Herrenbause damit.aitfwarten kann. Wie es in Wirklichkeit um die Verhältnisse der Eisenbahnbeamten und Arbeiter bestellt ist, darüber giebt uns der amtliche Bericht über die Betricbsergebniffe deS Jahres 1902 Aufschluß. Es ist ja richsig, daß die D i e n st z e i t der Beamten in den letzten Jahren etwas geringer geworden ist, aber auch jetzt noch haben viele Kategorien einen übermäßig lang ausgedehnten Dienst. DaS gilt insbesondere vom Lokomotivpersonal, dessen Posten wohl einer der verantwortungsvollsten ist. Im Jahre 1902 hatten noch immer 14.46 Proz., also der siebente Teil deS Lokomotivpersonals, einen Dienst 10 bis 11 Stunden; weit schlimmer sind die Verhält- nisse beim Zugpersonal, denn hier stoßen wir bei 56,14 Proz., also bei mehr als der Hälfte, auf einen Dienst von 10 bis 1 1 Stunden. Im einzelnen hatten von dem Zugbegleitungs-Pcrsonal 465 eine durchschnittliche tägliche Dienstdauer bis 8 Stunden. 633 eine solche bis 8'/, Stunden, 1626 von S'/a bis 9 Stunden, 4102 von 9 bis OVa Stunden, 7438 von 9>/z bis 10 Stunden, 11 068 von 10 bis lO'/a Stunden und 7186 von lO'/a bis 11 Stunden. Von den 32 513 Bediensteten des Zugbegleitungs-Personals hatten demnach 18 254 eine Dienstzeit von mehr als 10 Stunden täglich. Das Lokomotivpersonal untfaßt 28 273 Köpfe, von denen 519 bis zu 8 Stunden, 1658 von 8— 3'/z Stunden, 3024 von 8Va— 9 Stunden, 7526 von 9 bis 9I/a Stunden, 11 459 von 9>/, bis 10 Stunden, 2769 von 10 bis 10>/z Stunden und 1320 von lOVa bis 11 Stunden im Durchschnitt täglich Dienst zu leisten hatten. Eine so lange Dienstzeit auf so verantwortungsvollem Posten muß naturgemäß die Zahl der Eisenbahn-Unfälle ungünstig beeinfluffen. Zwar weist der Minister mit Genugthuung darauf hin, daß die in Betracht kommenden Beamten bei 12,6 Proz. der Unfälle höchstens eine Stunde, bei 10,8 Proz. höchstens 2 Stunden, bei 10 Proz. höchstens 3 Stunden, bei 10 Proz. höchstens 4. bei 10 Proz. höchstens 5, bei 7,2 Proz. höchstens 6, bei 7,9 Proz. höchstens 7, bei 6,6 Proz. höchstens 8. bei 7,6 Proz. höchstens 9, bei 7,3 Proz. höchstens 10, bei 5 Proz. höchstens 11, bei 3,6 Proz. höchstens 12 und bei 1,4 Proz. höchstens 13 Stunden im Dienst waren. Aber diese Statistik, so bestechend sie auch auf den ersten Blick erscheint, beweist in Wahrheit gar nichts. Um ein klares Bild zu ge- Winnen, muß in der Statistik genau aufgeführt sein, wie viel Stunden die Beamten an den vorhergehenden Tagen Dienst hatten, denn die Uebermüdung stellt sich bekanntlich häufig erst viele Tage. ja Wochen später ein. Die Behauptung des Mtnisters, daß die übermäßig lange Dienstdauer nicht die Ursache von Unfällen gewesen sein kann, ist eben eine bloße Behauptung, für die ein Beweis bisher nicht beigebracht ist. Von dem gesamten in Frage kommenden Personal, das sich auf 351373 Köpfe beläust, hatten eine tägliche planmäßige Durchschnitts- Dienstdauer von mehr als 10 Stunden nicht weniger als 178 363, d.h. mehr als die Hälfte; bei 7144 Bediensteten betrug sie sogar 13 bis 14 Stunden, bei 3371 14 bis 15 Stunden und bei 1767 15 bis 16 Stunden. Namentlich die Kategorie der Wagemneistcr zeichnet sich durch eine so lange Dienstzeit aus. Die Tagesvergütungen und Löhne zeigen im all- gemeinen trotz der erhöhten Lebensmittelpreise und WohnungSmicten keine steigende Tendenz; wo eine Erhöhung eingetreten ist, beträgt sie nur wenige Pfennige. Eine ganze Reihe von Arbeiter verdienen noch immer weniger als 3M. täglich, z. B. die Hilfskräfte im unteren Bahnhofs- und Abfertigungsdienst, die Hilfskräfte im unteren Bahn- bewachungs- und BahnuntcrhaltungSdienst. die Hilfskräfte im Lokomotiv-, Maschinen- und Wagenmeisterdienst, die Hilfskräste im Zugdienst, Arbeiter im inneren Dienst. Betriebsarbeiter, Bahn- unterhalwngS-Arbeiter. Werden die Tagewerke und Löhne sämtlicher Klassen von Bediensteten— einschließlich der Werkstättenlehrlinge— zusammengefaßt, so ergiebt sich für ein Tagewerk im Durchschnitt 2,76 M. gegen 2,74 M. im Jahre vorher und 2,72 M. im Jahre 1900. Trotzdem redet sich die Regierung ein, daß die Arbeiter mit ihrer Lage zufrieden sind, daß überall Dienstfreudigkeit herrscht und daß nur„bezahlte Agitatoren" sie zu verführen suchen. Ans der andren Seite sucht die Verwaltung durch allerhand Wohlfahrt s- Einrichtungen die Eisenbahner über ihre wirkliche Lage hinwegzutäuschen. Insbesondere sind in den letzten Jahren an ver- schiedenen größeren Orten Eisen bah ner-Vereine ins Leben gerufen, die zur Belebung und Kräftigung des Bewußtseins der Zusammengehörigkeit der Beamten und Arbeiter der Eisenbahn- Verwaltung als Glieder eines großen, staatlichen Verwaltungskörpers dienen und zur Pflege guter, auf Vertrauen beruhender Beziehungen zwischen den Organen der Verwaltung und den Bediensteten bei- tragen sollen. In diese Vereine müssen die Arbeiter natürlich, wenn sie nicht in den Verdacht von Umstürzlern geraten wollen, eintreten. Kein Wunder, daß die Vereine einen großen Aufschwung zeigen. Wir sind gewiß die letzten, die der Regierung den Glauben nehmen wollen, daß ihre„staatliche Fürsorge" dazu beigetragen hat, bei dem Arbeiterpersonal Umsturzbestrebungen fernzuhalten. Die Arbeiter selbst aber wissen besser, was sie von der Fürsorge der Regierung zu halten haben, sie wissen, daß die geringen Verbesserungen, die bisher herbeigeführt sind, eine Folge der unablässigen Kritik der Socialdemokratie sind, und sie werden trotz aller Bemühungen des Ministers Budde nach wie vor in den Socialdemokraten die Männer ihres Vertrauens erblicken.— Ein erneutes Bombardement von Wladiwostok? London» 8. März. Wie dem„Standard" aus Petersburg von gestern telegraphiert wird, will der dortige Korrespondent des Blattes in Erfahrung gebracht haben, der Kaiser habe ein Tele- gramm erhalten, wonach die japanische Flotte den ganzen Tag über Wladiwostok beschossen, aber nur geringen Schaden angerichtet habe. Wie das Telegramm weiter melde, seien ein oder zwei japanische Kreuzer zum Sinken gebracht worden. «Daily Telegraph" meldet aus Tokio, den 6. März: Dem Ver- nehmen nach sind Anzeichen vorhanden, daß bei Wladiwostok der Eisgang eingetreten ist. Man erwartet, daß der Hafen vor Ende März, also an einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt, eisfrei sein werde. Ein Neutralitäts-Problem. Loudon, 8. März. Im Unterhause ftagte Lowson Walton Balfour, ob man die Benutzung der Häfen von Kreta, Suez und Port Said durch russiiche Kriegsschiffe im Auge habe; er würde es für sehr wünschenswert halten, wenn den neutralen Mächten, welche Küstengebiet auf dem Handelsweg zwischen Großbritannien und dem Osten, spcciell im Roten und Mittelmcer besitzen, die Ansichten der Regierung mitgeteilt würden über die Pflichten der Neutralen in Bezug auf die Behand- lung von Kriegsschiffen, welche neutrale Häfen dazu benutzen, Handelsschiffe der Neutralen ab- z u f a n g e n. Der Mini st erPräsident erwiderte, diese Frage berühre Gesichtspunkte von großer internationaler Wichtigkeit, welchen die Regierung ihre Aufmerksamkeit zuwenden werde._ poUttfcbc dcberHcbt Berlin, den 8. März. „Der seelentiitendr Dämon des Feudalismus". Die diesjährigen Militärdebatten sind dadurch merkwürdig, daß unablässig, als triebe das böse Gewissen, von Jena gesprochen wird. DaS richtigste Wort aber über den Zusammenbruch von Jena hat doch der Königsberger Professor Kraus, der Schüler Kants ge- sprachen, der seinerseits von entscheidendem Einfluß auf die Männer der preußischen Wiedergeburt gewesen ist. Kraus, der zwei Jahre nach Jena starb, führte die Siege der französischen Revoltitionsheere nicht auf das Genie Napoleons, sondern auf die Begeisterung des ftanzösischen Volkes für die Menschenrechte zurück, die Katastrophe Preußens aber auf>den„seclentötenden Dämon des Fcuda- lismus". In den Freiheitskriegen war dieser Dämon für kurze Zeit unschädlich gemacht, dann aber wuchs er wieder gewaltig empor. Es ist nicht wahr, daß die heutige Heeres- Verfassung in ihrem tiefsten Wesen auf jene Frühlingsbewegung nach Jena zurückgeht. Vielmehr ist wie auf politischem so auch auf militärischem Gebiet das heutige System eine Reaktionserscheinung gegen die revolutionären Tendenzen vor hundert Jahren. Das ganze preußische Jahrhundert nach den Freiheitskriegen war eine einzige große Rebellion des alten Dämon gegen die Freiheit. 1843 schien er wieder am Boden, in der Konfliktszeit wurde er nur noch mit untauglichen Mitteln gebannt, die BiSmarckschcn Kriege brachten ihn zur Herrschaft und heute— hundert Jahre nach Jena— beherrscht der„seclentötende Dämon des Feudalismus" in der That genau so den Militarismus wie vor Jena. Diesmal aber ist eS das Proletariat, das die alten, vom Bürgertum verratenen Ideale Ivicder aufgenommen hat und entschlossen ist, sie endlich zur Durchführung zu bringen. Die Socialdemokratie ist die berechtigte Erbin eines Scharnhorst, dessen militärische Ideen wir vertreten, eines Scharnhorst, der kein Junker und nicht einmal ein Ostelbier war. Die vom seelentötcnden Dämon deS Feudalismus besessene Armee ist allerdings ein Unding, das nur durch Gamaschcndrill, Kadavergehorsam und Mißhandlungen am Leben erhalten werden kann. Ein Volksheer aber, das in Freiheit sich unterwirft und un- überwindlich ist, für das kein Jena möglich ist, kann nur— gleich der französischen Revolutionsarmee— von den socialistischen Idealen der Menschenrechte erfüllt sein, jede Armee aber, die fremden feudalen oder reaktionär-bourgeoisen, in jedem Falle Volksfeind- licheu Zwecken dienen soll, mutz innerlich entkräftet werden, muß jene ekelhaften Erscheinungen zeitigen, welche die Jena-Presse und das Jena-Parlamcnt als beklagenswerte, seltene Auswüchse zu ver- tuschen bemüht ist. Wir nähern uns der Hundertjahrfeier von Jena und es ist kein Zufall, daß wir in einer hochgespannten geschichtlichen Situation immer Ivieder an Jena denken. Freilich, es ist ein vergebliches Bemühen, die bürgerlichen Parteien auf die Höhe socialdemokratischer principieller Auffassung zu drängen. Sie leben und reden vor Jena, und sie verstehen unsre Sprache nicht und dürfen sie nicht verstehen. So begann denn am Dienstag in der Fortsetzung der national- liberale Sattler ganz in dem Stile zu reden, als ob Ruhe immer noch die erste Bürgerpflicht wäre. Dieser Herr, der sich allemal über die ewigen Wiederholungen beklagt, die von ihm selbst produciert werden, schaut nicht über den jeweiligen preußischen Kricgsminister hinaus, dem er— in seiner leeren, dürren Beredsam- keit, stets Vertrauen entgegenzubringen sich freut; höchstens läßt ihn sein archivalischer Beruf ein wenig gegen EinemS kuriose Jena« Betrachtungen polemisieren. In wirkungsvoller Rede ging unser Genosse Ledebour noch einmal all den Irrungen und Wirkungen der Militärverteidiger v. Endres und v. Einem nach; in scharfer Pointicrung charakterisierte er die kriegsministcriellen Konfusionen und die Auffassungen deS SocialiSmus. Nach ihm erhob sich der sächsische Militärbevollmächtigte General Krug v. Nidda, um den von der bürgerlichen Presse mitgeteilten Bautzener Fall insofern richtig zu stellen, als die trunkene Offiziersprügelei auf der Straße zwar richtig sei, nicht aber die Ge« schichte von der Orgie mit einer Fleischerstochter. Herr Krug v. Nidda appellierte an unsre Intelligenz, daß man doch nicht an solche Geschichten glaube. Dieser sächsische Militär verlangt offenbar eine ganz sonderbar geartete Intelligenz, die zwar an Forbach, Arenberg, Pirna glauben darf, die es aber ftir unmöglich halten soll, daß ein Offizier mit einer Fleischerstochter— Liebes- mahle feiert. Herr Müller- Meiningen von der freisinnigen Volkspartei ging dem Kriegsminister noch einmal mit dem heiklen Fall des Erbprinzen von Meiningen zu Leibe. Da verlor Herr v. Einem, der, wie Ledebour nachwies, übrigens in unzulässiger Weise das Stenogramm korrigiert,— völlig sein Gleichgewicht und flüchtete hinter seine— Königstreue; er schmetterte es in den Saal hinaus, daß er es ablehne, für Maßnahmen seines Königs Rechen- schaft abzulegen. Wir gestehen, daß in dieser Beziehung als Argument des Schweigens die Monarchie für Kriegsminister recht vorteilhaft ist. Den Aufmarsch der militärischen Intelligenzen vollendeten zwei gewesene Pastoren, zunächst Herr S t ö ck e r mit einer salbungS» vollen, sinnlosen und unehrlichen Kapuzinerrede Stöckerschen Stils, und schließlich sein Amtsbruder in der AmtSeutfernung, Herr K r ö s e l l, der mit Genugthuung im Auftrage des Mittelstandes konstatterte, daß die deutsche Armee sowohl über das beste Pferde- wie Menschenmaterial verfügt. Während der Missionspredigt Stöckers provozierte Graf Balle st rem einen lebhaften Zwischenfall. Herr Stöcker berief sich in seiner widerlichen Frömmelei auf Jesus, der Präsident aber empfand nicht diesen Mißbrauch religiöser Vor- stellungen unangenehm, sondern die gänzlich harmlosen Zwischen« rufe von unsrer Seite, die er als„an Blasphemie streifend" mit gewaltiger Empörung untersagte. Graf Ballestrem scheint also auf religiösem Gebiet über die gleichen Gefühlsregungen zu verfügen, wie Herr Stöcker und die bei der prästdialeit Zurechtweisung stürmisch aufjubelnde Mehrheit des Hauses. Der„seclentötende Dämon des Feudalismus" schafft auch eine besondere Empfindungsweise, für die andre Menschen kein Verständnis haben. Die Militärdebatte wurde auch am Dienstag noch nicht ab- geschloffen. Irgend welche Aenderuugen des militärischen Systems sind natürlich nicht zu erwarten. Die Gesetzgebungsmaschine arbeitet nur dann mit fieberhafter Geschwindigkeit, wenn es Mitglieder von Fürstenhäusern gegen die Zumutung zu schützen gilt, daß sie wie andre Staatsbürger vor Gericht erscheinen sollen. Die gestern er- wähnte Novelle zum Bürgerlichen Gesetzbuch wurde bereits am Dienstag gegen den Widerspruch der Socialdemokraten in zwei Lesungen beraten und angenommen; der Schwager deS Kaisers, Fürst Giinther v. Schleswig-Holstein wird künftig auch»brieflich" schwören dürfen._ Preußisches Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus hat am Montagabend und am Dienstag die Generaldebatte zum Etat der Eisenbahn- Verwaltung fortgesetzt. Die Erörterung verlor sich in Einzelheiten, meist wurden lokale Wünsche zur Sprache ge- bracht. Nur zwei Momente verdienen hervorgehoben zu werden: einmal das erneute Verbot des Ministers an die Beamten und Arbeiter,«socialdemokratis chen" Konsumvereinen beizutreten, und zweitens die sonderbare Anschauung des Herrn Budde, daß die Hebung des Berliner Vorortverkehrs nicht Sache der Regierung sei, sondern der Gemeinde über» lassen bleiben müsse. Mit Recht wies Abg. Kreit- l i n g(frs. Vp.) auf den Widerspruch zwischen dieser An- schauung des neuen Ministers und der seines Vorgängers Thielen hin, der über den Kopf der Stadtvertretung hinweg die Konzession der Großen Berliner durch einen Macht- spruch verlängert und so der Gemeinde die Hebung des Verkehrs wesentlich erschwert hat.— Die Debatte wird am Mittwoch sortgesetzt.—_ Teutleben Reich. Gerechtigkeit in der WahlprüfungS-Koillmission. Fn der Dienstagsitzung der Wahlprüfung s- Kommission regte zunächst der Vorsitzende, Abg. Wellst e'i n(C.), eine Ve- sprechung de» Leitartikels in Nummer 47 des„Vor- Ivärts":„Ein G e!v a l t st r e i ch der Wahlpriifungs- Kommission"— an. Die Darstellung und die Ausdrucksweise dieses Artikels, der entweder von einem Kommissionsmitglied geschrieben oder auf Informationen, die von Kominission-Smitgliedern ausgingen, beruhe, sei für die Kominission beleidigend, denn er lasse die Sache so erscheinen, als ob die Mehrheit der Koinmission gewissenlos gehandelt, nicht nach eingehender Prüfung und nacb ihrer Ueberzeugung die Entscheidung getroffen hatte. Er, Redner, protestiere gegen solche Beschuldigungen im Namen der Mehrheil der Koinmission. Dergleichen Beschuldigungen einer Kommission seitens eines Mitgliedes der Kom- Mission seien noch nie erhoben worden. Diesem Protest schloff sich der Abg. Wolfs, süddeutscher Bauernbnndler, als Referent für die Wahl B u ch lv a l d- Altenburg an und betonte, er könnte den Vcr- sasser des Artikels mit Namen nennen, unterlasse es aber, man wisse ja aus der Ausdrucksweise, wer es sei. Abg. Geher(Soc.) erwidert darauf, der Vorgang bei der Wahlprüfung für Altcnbnrg sei eben- falls ei» noch»ie dageweseuer. Die Kommission habe die bisher von ihr geübte P r a h i S direkt auf de» Kopf gestellt, da sie bisher amtliche Wahlbccinflussnng, die sich gegen den ob- siegenden Kandidaten richtete, nie znm Anlaß einer Kassierung des Mandats eben des obsiegenden Kandidaten genommen hätte. Es sei erklärlich, wenn die dadurch betroffene Partei diese Um- stürzung der bisherigen Praxis bekämpfe und scharf kritisiere. Er erachte es nicht iin Interesse der Kommission, Preßäußcrnngen zu besprechen. Protestieren müsse er aber gegen die Art, wie der Abg. Wolf eine bestimmte Person bezeichnet habe, ohne den Namen zu nennen. Abg. Goldstern(Soc.) schUefft sich diesen Ausführnngen an und geht näher auf die Wahlprüfung im �nlle Buchwald ein. Abg. Schwarze(E. schließt sich dem Protest des Lorsitzenden an und hält den Ab- geordneten Fi scher- Berlin für den Verfasser des Artikels. Abg. Fischer kehrt sich gegen die Art, wie man in der Kom- Mission den Verfasser eines Zeitungsartikels zu erforschen suche. Es gehe die Konmiission nichts an, wer der Verfasser des Artikels sei, er, Redner, habe keine Ursache, der Kommission zu sagen, ob er der Verfasser sei oder nicht. Unerhörte Borgänge werde er ohne Schen kritisieren und, wenn's ihm beliebe, mit seinem Namen unterzeichnen. Die Kommission sei von ihrer früheren und bisherigen Praxis im Falle Buch- Wald abgewichen.— Abg. Wellstcin erwidert, er habe gar nichts gegen die Kritik der Kommissionsarbeitcn einzuwenden, nur gegen be- lcidigcnde Unterstellungen protestiere er. Es sei das Recht der Kommission, die Angelegenheit zu besprechen und Stellung dazu zu nehmen. Darauf trat die Kommission in die Prüstmg der Wahl des Abg. Baumeister im dritten Wahlkreise des Regierungsbezirks Merse- bürg, Delitz sch-Bitterfeld, ein. Bei 30 133 Wahlberechtigten wurden 23 470 gültige Stimmen abgegeben, die absolute Mehrheit betrug also 12 739. Es erhielten Stimmen: Redakteur Weißmann- Halle(Soc.) 10 482, Bauermeister sk.> 9479, Martin(frei).) 5375, Porsch 53, ein Pole 79. Bei der Stichwahl erhielt Bauermeister 13 199, Weißmann 12 100 Stimmen. Gegen die Wahl ist von socialdeniokratischer Seite Protest ein- gelegt. Da aber auffer einem Protestpunkt kein Beweis- Material resp. keine Zeugen für die übrigen Behauptungen angegeben sind, wird der Protest unbeachtlich von der Kommission gelassen und mit Rücksicht darauf, daß selbst iin Falle der Erwcislichkeit aller Behauptungen eine Majorität für Bauermeister bestehen bliebe, die Wahl Bauermeisters für gültig erklärt. Nun befaßte sich die Kommission infolge der RückVerweisung durch das Plenum zum zweitenmale mit der Wahl des Abgeordneten Brau n(Soc.), Wahlkreis F r a n k f u r t- L e b u s. In längerer Debatte erging sich die Kommission über die Intentionen des Plenums, als dieses die Rückverweistmg beschloß. Die Mehrheit bestritt, daß das Plenum die Kommission habe anhalten wollen, neue, nicht im Wahlprotest oder Gcgenprotest enthaltene Angaben zum Gegenstand der Prüfung zu machen, das verstoße gegen den§ 4 der Geschäftsordnung des Reichstags, nach dem Proteste bis spätestens 10 Tage nach dem Zusammentritt des Reichstags beim Reichstag cingegänaen sein müssen, wenn sie bei der Prüfung berücksichtigt werden sollen. Indes ließ sich die Kommission herbei, in die materielle Prüfung des dem Plenum von den socialdemokratischcn Mitgliedern der Kommission unterbreiteten Materials einzugehen. Während der Referent beantragte, die angeführten Behauptungen für unerheblich zu erachten, und die Wahl für gültig zu erklären, stellte Fischer- Berlin, von dem Grundgedanken ausgehend: Kann die amtliche Unterschrift unter einem Wahlaufruf eine Kandioatur beeinflussen, deren Ausstellung noch nicht beabsichtigt und nicht erfolgt war, den Antrag, Erhebungen anstellen zu lassen. Zu Punkt I. 1. Drei nationalliberale Untcrschrciber des Wahl- aufrufs für den konservativ-libcralen Kompromiffkandidaten zu vernehmen, ob sie zur Zeit der Unterschreibung Vorstandsmitglieder des nationalliberalen Vereins waren? 2. Ob sie die konservativ- liberale Kompromißkandidatur unterschrieben haben, weil die Ausstellung eines nationalliberalen Kandidaten nicht beabsichtigt war? 3. Ob sie unterschrieben hätten, wenn eine nationalliberale Kandidatur beabsichtigt gewesen wäre? Zu Punkt II. Vernehmung des Regierungspräsidenten v. Wind- hcim darüber: 1. Ob er seine Unterschrift für Felisch gegeben, weil dieser Kartellkandidat war oder ob diese Unterschrift gegen S ch w a b a ch gerichtet war? 2. Ob er seine Unterschrift später zurückgezogen hat, weil Felisch nachher als Kandidat des Bundes der Landwirte bezeichnet wurde und ob Felisch nicht mehr Kartellkandidat war? Ferner Vernehmung Hoffbauers, ob dieser seine Unterschrift zurückgezogen habe, weil Felisch irrtümlich als Kartcllkaudidat aufgefaßt wurde? Von der Mehrheit der Kommission wurde geltend gemacht, daß die amtliche Wahlbeeinflussung auch zu Ungunsten des später auf- gestellten»ationalliberalen Kandidaten gewirkt habe und diese Wir- kung durch die Gegenwirkung einer andern amtlichen Beeinflussung durch den Bürgermeister in Fürstenwalde zu Gunsten des National- liberalen nicht ausgeglichen worden sei. Erachtete sie schon die materielle Erwägung für genügend zur Ungültigkeitserklärung der Wahl, so lehnte sie doch Fischers Anträge auf Erhebungen unter Bezugnahme auf 8 4 der Geschäftsordnung ab und erklärte abermals gegen die drei Stimmen der social- demokratischen Abgeordneten die Wahl Brauns siir ungültig. Nächste Sitzung: Mittwoch, 9. März. � Nur indem die Wahlprüfungs-Kommission wesentliche Grund- sätze, nach denen sie sonst stets die Gültigkeit der Wahlen beurteilte, aufgegeben hat. konnte sie zur Ungültigkeit der Wahlen unsrcr Partei- genossen Buchwald und Braun gelangen. Wenn das Plenum des Reichstags diese Beschlüsse bestätigt, woran nun kaum noch zu zweifeln ist. so wird die einzige und gute Antwort auf diese Art WahlprllfungS-Gerechtigkeit die sein, daß die Socialdemokratie in jenen Wahlkreisen mit doppelter Kraft arbeitet und doppelten Sieg erringt I—_ Der ahnungslose Kri islninister. Herr v. Einem behauptete am Montag im Reichstage, daß die Vorgesetzten des Prinzen Arcnberg von dessen gemein- gefährlicher Verrücktheit keine Ahnung gehabt hätten. Zum Beweise für diese unglaubhafte Behauptung berief er sich u i ch t aus das Zeugnis der Kameraden und Vorgesetzten des prinzlichen Ver- brecherS, sondern— auf das Gutachten'eines Mitgliedes jenes medizini- schenKollegiums, das ein ärztliches Gutachten Uber den Geisteszustand des Prinzen abgegeben hatte. Wir haben bereits gestern nach- gewiesen, daß daS P r i v a t g ut a ch t e n des betreffenden Herrn sich mit dem vor G erich t abgegebenen schriftlichen Gutachten des G e s a in t k o l l e g i u ni s im schroffsten Widerspruch befand. Das konstatierte in der heutigen Verhandlung unser Genosse Ledcbour und Herr v. Einem schwieg auf diese Entgegnung. Nun ist es aber um so wunderbarer, daß der Kriegsminister sich dieses indirekten Zeugnisses für die AhnungSlosigkeit der Kameraden und Vorgesetzten des tollen Prinzen bediente, da Herr v. Einem zu dem Regiment, das der entartete Prinzensprotz zierte, in außerordentlich intimen Beziehungen stand. Prinz Arenbcrg trat nämlich am 12. März 1895 als Sekonde-Lieutenant in das 4. West- fälische Kürassier- Regiment ein, dessen Kommandeur damals ein gewisser v. Einem war, kein andrer, als der jetzige Herr Kriegs- minister! Kurze Zeit darauf wurde Herr v. Einem allerdings versetzt, aber zweifellos blieb er doch in enger Fühl u n g mit seinem ehemaligen Regiment. Trotzdem war es ihm nicht möglich, bei den Offizieren des Regiments selbst Erkundigungen über deren Eindrücke von dem Auftrete» und dem Geisteszustände Arenbergs einzuziehen! Oder sollte er als b o r s i ch t i g e r Mann den geraden Weg nicht benutzt haben? Das erscheint mehr als wahrscheinlich nach Mitteilungen, die ein Nervenarzt der„BreSlaner Zeitung" über den Fall Arenberg macht. Dieser Nervenarzt scheint das Material, das den in dem Prozeß fungierenden ärztlichen Sach- verständigen als Unterlage für ihre Gutachten vorlag, sehr genau zu kennen, denn er erwähnt II m stände, die durch die Prozeß- berichte nicht bekannt geworden sind. In seinen Glossen über den Prozeß Arenbcrg sagt er nun aber wörtlich: „Solche Neigungen(zu bestialischer Grausamkeit. Red.) waren den Kameraden vom Knrassier-Rcgimcnt des Prinzen wohl bekannt gewesen; als seine Kommandierung zur s ü d w e st- afrikanischen S ch u tz t r u p p e verfügt war, war im Regiment mir eine Stimme:„Das kann nicht gut gehen und wird mit einem furchtbaren Krach endigen." Der Prozeß von Arenberg gewinnt aber sein volles Relief erst durch die heute in Südwestafrika so erfolgreich vordringende lllebcllion der Eingeborenen; es war ebenso verkehrt, das„enkant temblo" des Hauses Arenberg zu einem selb- ständigen Konquistador zu machen, der nur aus ni angelhafter Gelegenheit nicht ein ganzer P i z a r r o geworden ist; wie es verkehrt war, den durch eine akute Psychose direktionslos gemachten Sadisten zum Tode zu verurteilen; mußte doch die Militärverwaltung vom Kommandeur der 4. Kürassiere wissen, mit was für einer Sorte von Degencriftcn sie zu lhun hatte." Der ahnungslose Kriegsminister wird ja nunmehr nicht umhin können, sich gründlich über den monströsen Fall Arenberg zu infor- mieren, um dann auch derOeffcntlichkeit rückhaltlos Rechenschaft abzulegen.— Eine Richtigstellung v. Eincms. Die„Preußische Korrespondenz" teilt mit:„Der Fall mit dem Divisions- Kommandeur im O st e n des Reiches, für dessen legendären Charakter der Herr Kriegsminister sich autoritativ verbürgt hat, hat, wie«vir Herrn Bebel bestätigen wollen, thatsächlich in Posen gespielt und zwar unter dem Vorvorgäuger des gegenwärtigen Kommandierenden. Die„Preußische Korrespondenz" hat seiner Zeit zuerst von ihm Notiz genommen. Wir wissen sehr wohl, daß der Ausgeschiedene nach seiner Stellung zur Disposition sich einer ernsten Operation unterziehen mußte. Zur Zeit seines Ausscheidens war indessen, lvie uns versichert worden ist, von einem organischen Leiden bei ihm nicht die Rede. Gegen feine Felddienstfähigkeit sind damals ernste Einwendungen nicht erhoben worden. Nicht die„Preußische Kor- respondenz" sondern das„Berliner Tageblatt" hat den Fall, von dem es durch uns wußte, seiner Zeil bei Gelegenheit der Er- Lrtcrungen über die Löhning-Affaire dann in die„jüngste Zeit" verlegt."— Erstklassiger Menschen Glück und Ende. Der Autor des Romans „Erstklassige Menschen" wird, ohne jeden Beweis, jetzt von dem Minister und den staatserhaltenden Parteien als Lump ge- brandmarkt. Und doch galt dieser Graf Baudissin bis ganz vor kurzer Zeit noch als wirklich erstklassiger Mensch. Er ist nämlich ein Lieblingsautor de? königliche n Schauspielhauses, und als Wilhelm II. nach seiner Operation wieder in der Oeffentlichkeit erschien. galt der erste Theaterbesuch einem Militär- Lustspiel dieses Schriftstellers. Das war noch ganz vor kurzem. Und nun ist dieser vom Kaiser ausgezeichnete Autor plötzlich— ein Lump gc- worden.— Als eifriger Apostel der Prügelstrafe für schulentlassene Fürsorge- Zöglinge trat am Montag auf dem sächsischen Provinzial-Landtag der konservative Abgeordnete Freiherr v. Erffa auf. Er spottete über den„Humanitätsdusel" und behandelte die ernste Frage so, daß der Bericht fortdauernde HeitcrkeitsauSbrüche der versammelten Hnmanitätsfrcnndc verzeichnet. Der Landeshauptmann Bartold be- ruhigte den Prügelreformator einigermaßen durch die Versicherung, daß schon jetzt„streng bestraft werde, auch durch Prügel, und zwar, wenn schon denn schon, auch tüchtig". Welche Freude für Dr. Oerteli— Die Jntriguen des Ministers a. D. Aus München wird unS telegraphiert: Die„Münchner Post" bringt die aufsehenerregende 'reisinnige Zuschrift über Treibereien gegen die Wahlrefor m. Der ehemalige Minister Crailsheini habe durch Besprechungen mit liberalen Abgeordneten und Reichsräten stetigen erheblichen Ein- Fluß auf die Entwicklung der Dinge zu gewinnen versucht; sein Plan sei gewesen, daß entweder die Liberalen in der Zweiten Kammer den Entwurf zum Scheitern bringen, wodurch sein Rache- durst gegen die Minister Podewils und Fcilitzsch gestillt würde. Im andern Falle hätte er im Reichsrate das Zustandekommen der Reform zu verhindern gesucht. Crailsheim habe auch durch einen journalistischen Vertrauensmann einen Teil der liberalen Presse beeinflußt, worüber noch näheres mitgeteilt werden wird.— Koloniale Kriegsführung. Die„T ä g l. R u n d s ch a u" behauptet, aus zuverlässigster Quelle erfahren zu haben, daß der Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, Major L e u t w e i n, die Absicht bekundet habe, mit den Hereros in Friedensunterhandlungen einzutreten. Dieser Absicht habe er durch zwei Anfragen in Berlin Ausdruck gegeben. Die Anfragen hätten unumwunden dahin gelautet, wie man in Berlin über eine Anknüpfung von„FricdenSuntcrhandlungen"— das Wort sei direkt in der Anfrage vorgekommen— mit den Hereros denke. Der Kaiser habe jedoch erklärt, daß von solchen VerHand- lungen keine Rede sein könne, bevor die Aufständischen gezüchtigt seien oder mindestens selbst ihre Unterwerfung anböten. DaS„B e r l. T a g e b l." bestritt die Richtigkeit dieser Meldung. Wahr sei lediglich, daß von leitender Stelle in Berlin an Leutweiu die ausdrückliche Weisung ergangen sei, daß eine völlige Nieder- werfung desAufstandes und eine„Züchtigung" der „R e b e I l e n" die erste Voraussetzung einer Neuregelung des Verhältnisses zwischen den HereroS und der deutschen Regierung 'ein müsse. Diese Direktive sei dem Unmut über den raschen Friedensschluß mit den Bondelzwarts und der Befürchtung entsprungen, daß Gouverneur Leutwein auch gegenüber den Hereros allzu nachsichtig zu verfahren geneigt ein könne. Dieser LeSart des„Berliner Tageblatt" gegenüber hält jedoch die«Tägliche Rundschau" ihre Darstellung in allen Punkten aufrecht. Ob sie es auch nach der in der heutigen Abendnnmmer der„Nord« deutschen Allgemeinen Zeitung" befindlichen offiziösen Erklärung thun wird? Diese Erklärung deckt sich völlig mit der des „Berliner Tageblatt". Auf die eine so scharfe Züchtigung heischende Anweisung habe Leutwein geantwortet, daß er gleichwohl ermächtigt zu sein glaube, sich gegebenen Falles zur Vermeidung unnötigen Blutvergießens auf Scheinverhandlungen einzulassen. Für einen noblen Kniff könnten wir die Anknüpfung solcher Schcinverhandlungen nicht halten. Wir fänden es im Gegenteil h ö ch st verwerflich, die HereroS durch Zusicherung einer milden Behandlung so lange hinzuhalten und in Sorglosigkeit ein- zuwicgcln, bis man sie überfallen und ein Mütchen an ihnen kühlen könnte, ohne Blutvergießen für die treubrüchigen Angreifer. Hoffentlich erspart das Mißtrauen der Hereros Deutschland diese Schmach! Sicher ist jedenfalls, daß man den Rachekrieg gegen die durch unerhörte Ansbentnng und Ausplündermig zum Verzweifluugskampf getriebenen Hereros bis zum„bitteren Ende" zu führen gedenkt. Daß die Hereros lediglich um ihre E x i st e n z kämpften, daß das koloniale System die Eingeborenen in den Zustand berechtigter Notwehr versetzte, bringt man ebensowenig in Anschlag, wie die gewaltigen K o st e n, die die beabsichtigte„völlige Niederwerfung" der kämpfenden Hereros verursachen wird. Denn infolge des vermutlich immer weiteren Zurückweichens der HereroS wird sich, das bestätigen bereits Nachrichten aus der Kolonie, der Krieg sehr in die Länge ziehen und sehr ko st spielig werden. Ein kolonialfreundliches Blatt veranschlagt die Kriegs- kosten schon jetzt auf 12—15 Millionen Mark!— Herr Karl Bleibtreu ersucht uns um Aufnahme dieser Zuschrift: Herr Liebermann v. Sonnenberg hat, wie ich dem Bericht des „Vorwärts" entnehme, im Reichstag geäußert:„Ich kenne ein Buch Blcibtreus„Sedan" und habe dann kein andres mehr lesen mögen". Das Buch erwecke den Anschein,„als verhöhne es die brave französische Armee". Die ganze Ungeheuerlichkeit dieser objektiven Unwahrheit wird wohl jeder nachfühlen, der meine Dichtung„Dies Irae" kennt. Denn nicht einmal den Titel kennt Herr Liebermann, erweckt also den Anschein, um mich vorsichtig wie er auszudrücken, daß er das Buch überhaupt nicht gelesen hat. Daß der Lieber- mann eine meiner Schlacht bichtun gen, um die eS sich in diesem Zusammenhang ja überhaupt nicht handeln konnte, für eins meiner kriegs wissenschaftlichen Werke hält, wundert mich nicht. Um seiner unqualifizierbaren sachlichen Unwahrheit die vollste Blamage zu erteilen, will ich seiner Unwissenheit die sattsam bekannte That- fache mitteilen, daß das Buch allerdings unter dem Titel„Sedan" ins Französische übersetzt wurde, dort fünf Auflagen erlebte und dem Chauvinisten Rochefort als das schönste Dokument echt französischer Gesinnung st'amo d"im vral Franqais) galt, da es anonym als „Erinnerung eines französischen Offiziers" erschien. So viel objektiv. Das subjektive Begriffsvermögen des Herrn Liebcrmann. da er ja behauptet, das Buch gelesen zu haben, ist seine Sache. Auf irgendwelche Kontroverse mich mit dem Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg einzulassen, fühle ich ohnehin leine Veranlassung, so lange er die schweren von Karl Paasch gegen ihn erhobenen Be- schuldigungen nuwiderlegt läßt. Beiläufig hat die Glosse im neulichen ReichStagsbericht, als der Abgeordnete Bebel meinen Namen zu nennen die Güte hatte:„Gelächter rechts, der Kriegsminister winkt mit der Hand ab und lacht krampfhaft", einen vollen HciterkeitSerfolg bei mir erzielt. Ich gedenke nächstens den Narren, die man am Lachen erkennt, mit einigen Wahrheiten aufzuwarten, bei denen ihnen vielleicht das Lachen vergeht und nur das Krampshafte übrig bleibt. — Beiläufig beziffert General Boguslawski in der„Täglichen Rund- schau" soeben die Zahl der Franzosen bei Jena auf 75 000, während überhaupt nur etwa 00 000 am Schluß anwesend waren und kaum 40 000 wirklich zum Schlagen kamen. Die Preußen hatten anfangs bei Jena doppelte Uebermacht, bei Aucrstädt durchweg. Mit vorzüglicher Hochachtung Karl Bleibtreu, Husland. Die patriotische Blamage in Rußland. Die„patriotischen Kundgebungen" in Rußland dürften, wie wir bereits schrieben, bald im ganzen Reiche zu Ende sein. In Moskau sind sie offiziell untersagt, nunmehr auch in Odessa: hier ver- öffentlichte der Stadthauptmann einen Tagesbefehl, wonach die Be- völkerung sich„beruhigen" und fortab das Maul halten dürfe, da sie ihre Varerlands und Zarenliebe„genügend bewiesen habe". DaS- selbe wird wohl nächstens auch in Kiew, Rostow:c. erfolgen, denn die„Manifestationen" haben in der That mannigfach zur gründ- lichen Blamage ihrer Veranstalter geführt. Das in doppelter Hinsicht. Einerseits crwessen sich die Treuen und Unentwegten im Hurra-Brüllen, die Kerntruppe sozusagen der patriotischen Mobilisation der Straße, als wahre Kinder ihrer„ver- götterten Zarenrcgierung", als Fleisch von ihrem Fleische und Bein von ihrem Bein: Alles nämlich, was nicht ganz niet- und nagelfest ist, verschwindet den„Manifestanten" unter den Fingern gleichsam, um dem Publikum die patriotischen Grundsätze der Militärintendantur vorzudemonstrieren. So wurden z. B. ruhigen Passanten auf der Straße von herumziehenden„Manifestanten" zur Ehre der Zaren- Hymne nicht nur Hüte vom Kopfe gerissen, sondern auch— weggenommen, so daß viele gute Bürger ihrer Kopf- bedecknng verlustig gegangen sind. In Moskau, wo die patriotische Bande mit ihrem Gebrüll und Hurra in das große Restaurant „Eremitage" eingedrungen war. verschwand mit ihrem Ab- ziehen auch das— silberne Tischzeug von den Tischen. In Kiew, wo sich die Manifestanten ins Theater von Solowzcw hincingcwälzt hatten, um hier da? Absingen der Zaren- Hymne durchzusetzen, verschwanden„bei dieser Gelegenheit", wie bürgerliche Blätter in Kiew nieldcn, 70 Operngläser. In der heiligen Stadt Moskau aber geschah zum Schluß gar etwas Unbeschreibliches: in dem dortigen Natioiiacheiligium, der Uspensky-Kathedrale sind zwei„kanonenvolle" Patrioten friedlich schnarchend im— Zaren- thron und im bischöflichen Sessel gefunden worden! Es war nötig, die beiden Heroen der„großen Tage" vermittelst der„Sicherheitsabteilung" mit Fäusten und Säbeln aus dem entweihten heiligen Ort zu entfernen... So kommt allenthalben die grinsende Fratze der offiziösen Mache hinter der MaSke der„hin- reißenden Volksbewegung" hervor. Andrerseits arten bereits die zaren frommen Demonstrationen in revolutionäre aus. So fühlte sich die Regierung bewogen, auch in R o st o w am D o n, wo vor anderthalb Jahren der gewalttge Streik und die revolutionären Arbeitcrversammlungcn stattgefunden haben, eine patriotische Kundgebung zu inscenieren. Excellenzen, Beamte. Gendarme hielten Ansprachen an die Arbeiter, indem sie so in die Fußstapfen der Socialdemokratie traten und zu Demonstrationen „aufwiegelten". Aber die Ansprachen wurden diesmal mit Lachen und sehr respcktwidrigen Apostrophen an die würdigen Redner empfangen. Es konnten auch trotz heißer Liebesmüh nur knapp 000 Gestalten von dem bekannten Typus des besoffenen Janhagels zusammengetrommelt werden,— in einer Stadt, wo die Social- dcmokratie mustergültige stundenlange Versammlungen mit 10 und 20 tausend Arbeitern unter freiem Himmel abhielt! Und auch dieser armselige patriotische Zug wurde von der Straßenmcnge mit feind- seligem Johlen empfangen, es wurden Rufe: Nieder mit dem Zarismus! laut und revolutionäre Lieder erschollen. Um die Arbeiter der Wladikaukasi schen Eisenbahn- Werkstätten, wo der große Streik stattgefunden hat, zur Huldigungsadrcsse an den Zaren zu bewegen, haben sich die guten Regierungsleute sogar einer List bedient. Man rief die Arbeiter zusammen, unter dem Vorwand, daß eine Antwort auf die im letzten Streik aufgestellten Forderungen von Petersburg ein- getroffen wäre. Dann las man vor den versammelten Arbeitern ein öffentliches Gebet ab und überrumpelte sie mit dem»Bor- schlag', ein Telegramm an den Zaren zu schicken, angeblich mit der Bitte um Gewährung der Streikforderungen. Die Arbeiter antworteten mit einem Hurra! Nach drei Tagen kommt die Ant- Wort: ein„huldreiches Dankwort' von„Höchstdemselben" und kein Sterbenswort von den Streikforderungen. Die Arbeiter sind also einfach beschwindelt und in ihrem Namen ohne ihr Vorwissen ein patriotisches Telegramm an den Zaren abgeschickt worden!... Das wird zur Empörung in der Masse nicht wenig beitragen. In Batum, dem Centrum des Naphtareviers im Kaukasus, gewann die revolutionäre Arbeiterdemonstration sofort die Oberhand über die offiziöse, die Nationalfahnen wurden den ..Patrioten' aus der Hand gerissen und rote Fahnen der Social- demokratie wurden entfaltet. Auch die studierende Jugend ist im Süden Rußlands viel revolutionärer gestimmt als in Petersburg. In K u t a i s. im Kaukasus, antworteten die Gynmasialschüler auf das ihnen feierlich vorgelesene Zarenmanifest aus Anlaß des Krieges mit Pfeiffen und zarenfeindlichen Rufen. Im Theater wurde die Zarenhymne vom Lärm des anwesenden Publikums überstimmt.— Die deutsche Ostmarkcn-Politik vor Gericht. Posen, den 8. März 1004. Vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts findet heute der Prozeß gegen den Chefredakteur der„Posener Zeitung', Hans Schuck, wegen Beleidigung des königl. Polizeipräsidiums in Posen, der deutschen Ansiedelungskommission sowie der Beamten des Ober- Präsidiums der Provinz Posen, der Provinzial-Steuerdirektion, des Provinzial-Schulkollegiums und der königl. Eisenbahn-Direktion statt. Die Beleidigungen sollen begangen sein in einem Artikel der Nr. 541 der„Posener Zeitung" vom 18. November 1903 mit der Ueber- fchrift: Der Fall Biedermann und seine Lehren. Diesen Artikel haben die hier erscheinenden polnischen Zeitungen „Kurher PoznanSki" und„Goniec Wielkopolski' im wesentlichen nach- gedruckt. Es haben daher die Redakteure der genannten polnischen Zeitungen. Ceslaus Desparek und Johann v. Poleski neben Schack auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Die Verteidigung führt Rechtsanwalt Dr. Kollenscher für Schack und der Reichstags- Abgeordnete Rechtsanwalt v. Czarnswöki für die beiden letzten Angeklagten. Der Angeklagte Schack giebt zu, den Artikel stir die„Posener Zeitung" geschrieben zu haben. In diesem Artikel wird darauf hin- gewiesen, daß die deutsche Ostmarkenpolitik dem Deutschtum zumSchaden und demPolentum zum Vorteil gereiche. Diese Politik habe bereits zu einer argen Demoralisation der Beamten der Ansiedelungskommission usw. geführt.„Die dadurch im Osten hervorgerufene Jagd nach Geld und Prämie», so schließt der Artikel, demoralisiert alle Bevölkern nas- kreise und macht sie untauglich, den Kanipf mit geistigen Waffen zu führen, der uns allein zum Siege führen kann. Darum gilt es für die Regierung jetzt und ehe es zu spät wird, umzukehren von dem falschen Weg, den Kampf auf das geistige Gebiet hinüberzu- leiten und durch Schaffung eines mustergültigen Schulwesens im Osten deutschem Geist und deutschem Wesen wieder auf die Beine zu helfen. Auf wirtschaftlichem Gebiete werden die deutschen Kaufleute, so schwer sie auch bisher durch die eigne Re- gierung geschädigt worden'sind, mit den Polen dann schon allein fertig werden. Wenn der Fall Biedermann das Seinige dazu bei- trägt, daß die regierenden Kreise endlich zu dieser Ueberzengung sich durchringen, dann wird er trotz dieser erschreckenden Bilder, die er vor uns aufrollte, doch noch sein Gutes haben." Die angeklagten polnischen Redaktcure erklären auf Befragen des Vorsitzenden: Der„Kurher PoznanSki" sei nationalpolnisch, der „Goniec Wielkopolski" radikalpolnisch. Die Zeitungen haben auf den Artikel der„Posener Zeitung", unter teilweisem Abdruck des- selben hingewiesen, die Ostmarkenzulagen, die aus dem allgemeinen Steuersäckel bezahlt werden, als Ungerechtigkeit bezeichnet und be- merkt, daß die preußische Regierung mit dem Feuer spiele. Der Artikel des„Kuryer Poznanski" trägt die Ueberschrift:„Daß Capua der Deutschen in Großpolen." Schack bemerkt auf Befragen des Vor- sitzenden: Der von ihm verfaßte Artikel habe zum Ziel gehabt, der Regierung zu zeigen, daß die deutsche Ostmarkenpolitik, ins- besondere die Ostmarkcnzulagen nur dem Polcntum zum Vorteil, dem Deutschtum aber zum Schaden gereiche. Er habe den Nachweis führen wollen, daß der Kampf nicht mit materiellen, sondern mit geistigen Mitteln geführt werden müsse. Der Artikel sei im wesentlichen eine Polemik gegen die„Schlesische Zeitung" gewesen. Es sei ihm von glaubwürdiger Seite mitgeteilt Ivorden, daß kleine Beamte der Ansiedelungskommission dem„polnischen Güteragenten" Biedermann von beabsichtigten Käufen der Ansiedelungs- Kommission Mitteilung machen und dadurch diesem ermöglichen, in vielen Fällen Güter vor der Nase wegzukanfen. Er könnte den vollen Beweis der W a h r h e i t für diese seine Behauptung führen, er müsse aber davon Abstand nehmen, da er die Namen der betreffenden Beamten nicht preisgeben könne. Auch die Behauptung, daß Schutzleute der Stadt Posen den Verleger Biedermann mit allerlei wichtigen und interessanten Nachrichten für sein Blatt bedient haben, könnte er beweisen, er müsse aber aus denselben Gründen von diesem Beweise Abstand nehmen.— Vorsitzender: Sie haben außer- dem geschrieben: Früher galt es für einen preußischen Beamten als Ehre, auf einen exponierten Posten gestellt zu werden, jetzt sagt man, wie Oberst Ollendors im„Bettelstudent":„Wie viel bekomme ich dafür?" Hierfür können Sie einen Wahrheitsbeweis doch auch nicht sühren?"— Schack: Ich müßte auch die bc- treffenden Beamten laden lassen. Im übrigen richtet sich diese Behauptung im wesentlichen gegen die„Schlesische Zeitung", in der dies in einem Eingesandt ausgedrückt wurde. Vors.: Das ist nur aus dem Artikel nicht zu ersehen.— Schack: Ich habe ja bereits beantragt, den Rittergutsbesitzer Schulz-Rosengarten bei Frank- furt a. O. und Dr. v. Wittenburg in Friedenau bei Berlin als Zeugen zu laden. Dr. v. Wittenburg hat in seiner Eigenschaft als Präsident der Ansiedelungskommission mit Schulz in geheimster Weise Verhandlungen über Ankauf von Gütern im Osten geführt. Trotz der großen Vertraulichkeit, mit der diese Verhandlungen geführt wurden, hat Biedermann davon Kenntnis erlangt und Schulz eine Verkaufs- vfferte gemacht. In meiner damaligen Eigenschaft als verantwort- licher Redakteur der Frankfurter„Oder-Zeitung" wurde mir von der Ansiedelungskommission mitgeteilt, daß Schulz, obwohl preußischer Hauptmann der Reserve, mit Biedermann Verhandlungen führe. Ich bin der Meinung, Biedermann kann von dieser vertraulichen Verhandlung nur durch Verrat von Beamten der Ansiedelungs- kommission Kenntnis erlangt haben.— Vertheidiger Rechts- anwalt Dr. Kollenscher beantragt, den Rittergutsbesitzer Schulz und Dr. v. Wittenburg als Zeugen zu laden. Erster S t a a t s a n Iv a l t: Er bitte, den Antrag abzulehen. Biedermann sei ein derartig ge- wandter Geschäftsmaun, daß anzunehmen sei, er habe auch ohne Verrat von den Verhandlungen Kenntnis erlangt. Nach längerer Beratung des Gcrichshofes verkündet der Vor- sitzende: Der Gerichtshof hat beschlossen, die Verhandlung bis zum 15. März zu vertagen und zu dem neuen Termin den früheren Präsidenten der Ansiedclungskommission, Dr. v. Wittenburg und Rittergutsbesitzer Schulz als Zeugen zu laden. Dem königlichen Staatsministmum wird von diesem Beschluß Kenntnis gegeben und dasselbe ersucht werden, Herrn Dr. v. Wittenburg von der Amts- Verschwiegenheit zu entbinden.— Angekl. Schack beabsichtigt, auch den Verleger Biedermann als Zeugen zu laden. Huö InduCme und Handel. Reichsbank. Nach der Rechnungslegung der großen Berliner Kreditbanken folgt die Reichsbank mit ihrer Jahresabrechnung für 1903, die einen Gesamtgewinn von 43034 391 M. gegen 36 393315 M. im Jahre 1902 nachweist. Hiervon gehen ab für Verwaltnngskosten 14 550 723 M. s13 935 356 M.). für Banknotenanfertigmig 431 630 M. (389 167 M.), Zahlung an den preußischen Staat 1 865 730 M. (1 865 730 M.). für Notensteuer 805 267 M.(478 289 M.s. Es bleibt demnach ein Neingewinn von 25 381 034 M.(19 991 299 M. Davon erhält der Reservefonds 4 026 206 M. gegen 2 948 259 M. im Vor- jähre(steigt somit auf 51,6 Millionen Mark), das Reich als Anteil 12 883 838 M.(3 844 779 M.). Die Dividende für die Anteilseigner stellt sich auf 6,18 Proz. gegen 5,47 Proz. im voraufgegangenen Jahre. In dem der gestrigen Generalversammlung vorgelegten Vcr- Ivaltungsberichte wird konstatiert, daß die in dem abgelaufenen Jahre zum Durchbruch gekommene Besserung im Wirtschaftsleben Deutschlands und der bannt zusammenhängende wesentlich stärkere Geld- und Kreditbedarf auch auf den Geschäftsverkehr der Reichsbank ihre Rückwirkung ausgeübt haben. Diese trat sowohl in der Höhe der Anlagen, welche mit 1 461 628 000 Mark am Ende des Jahres und einem Durchschnittsbestand von 1 001 566 000 Mark die höchste bisher erreichte Ziffer überstiegen, als in dem gesteigerten Gewinn zu Tage, während die durchschnittliche Höhe der fremden Gelder hinter dem Vorjahre zurückblieb. Der sich anr Anfang des Jahres nur langsam vollziehende Rückfluß ließ in Verbindung mit hohen Kursen der Wechsel aus das Ausland erst am 11. Februar eine Ermäßigung des Diskonts von 4 auf 3>/z Proz. zulässig erscheinen. Das schon in den nächsten Monaten wieder aus- tretende vermehrte Geldbedürfnis, mit welchem eine Zurückhaltung der Geldgeber am offenen Markte Hand in Hand ging, veranlasste die Reichsbank bereits am 8. Juni zu einer um diese Jahreszeit un- gewöhnlichen Erhöhung des Diskonts auf 4 Proz., ein Satz, an welchem sie angesichts ihres genügenden Metallvorrats trotz der ver- mehrten Ansprüche bis zum Jahresschluß festhalten konnte. Die Gesamtumsätze haben betragen: bei der Reichs- Hauptbank 71 617 Millionen Mark, bei den Reichsbank-Anstaltcn 133 667 Millionen Mark, zusammen 205 284 Millionen, 13,358 Millionen Mark mehr als im Jahre vorher. Der Bank-Zinsfuß war im Durchschnitt des ganzen Jahres 3,837 Proz. für Wechsel und 4,837 Proz. für Lombard-Darlchne gegen 3,321 Proz. bczw. 4,321 Proz. im Vorjahre. An Banknoten waren im Umlauf: als höchste Summe am 31. Dezember 1 565 490 000 M., als niedrigste Summe am 23. Februar 1 109 720 000 M.. durchschnittlich 1 243 718 000 M. (-s- 19 095 000 M.) Die steuerfreie Notengrenze ist siebenmal über- schritten worden. Die hiervon zu entrichtende Steuer betrug 805 267 M.(im Vorjahre 478 289 M.) Die Giro-Guthaben betrugen am 31. Dezember 1903 461,7 Millionen Mark(1. Januar 1303 439,9 Millionen Mark). Im Laufe des Jahres sind auf Giro-Conto vereinnahmt worden 89569,9 Millionen Mark(darunter für Reichs- und Staatskassen 18 720,4 Millionen Mark). Dagegen wurde ans Giro-Conto verausgabt: 90 009 905 388 M. 89 548.1 Millionen Mark(i. V. 84 622,2 Millionen Mark),(darunter für Reichs- und Staatskassen 18 853,8 Millionen Mark). Der Metallbestand betrug als höchste Summe anr 23. Juni 977 997 000 M., als niedrigste Summe am 31. Dezember 793 459 000 M.. durchschnittlich 904 947 000 M. Am 31. Dezember setzte sich der Metallbestand zusammen aus: Gold in Barren und fremden Münzen 153 221 000 M.(i. V. 143 057 000 M.), Gold in deutschen Mimzen 404 888 000 M.(i. V. 403 623 000 M.), zusainnien 553 109 000 M.(i. V. 112 027 000 M.>. Scheidemünzen 65 627 000 M. Zum 191. Male: Der Hochtourist. Guido Thielscher in der Titelrolle. Sonntagnachmtttag 3'/. Uhr: costa. Donntagnachm.: Philippine Welser. Abends: Die Kohlenschulzw von Berlin. Montag: Philippine Weiser._ Trianon-Theater. Georgenstraße, zwischen Friedrich- und Universitätsswaße. Madame I. Ansang 8 Uhr. Nachmittags 3 Uhr:„Biscotte". Sanssouci. Kottbuser Thor— Stat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag HoiTmaan» Norddeutsche Sänger und Tanzkränzchen. Dienstags: Thealerabend. Metropol-Theater Nur noch zwei Vorstellungen von DlAlii MM! Anfang 8 Uhr. Hauchen überall gestattet. Sonnabend, den 12. März er., zum erstenmal: Ein tolles Jahr. Deutsch• Amerikanisches Theater. Küpnickerst. 67. Stal. Jannowitzbrücke. Hontag: Souveniar- Vorstellung zum 200. Male: Jeden Abend 8 Uhr; Gastspiel Ad. Philipp, Uedem grossen TEICH. Sonntagnachm. 3 Uhr: öeöeropssenTeieli Apollo-Theater. 8 Uhr- Trühlingstuft nBau'T Blütenhöcbzeit. 91/,— U Uhr: I>.s grandiose März-SpeeiÄn-FropiTttn Hab Dcpü.v mit den neuen Tänzen: e! Ua-vatha. b)Ki kapoo. ? Nordini?? x Robert Steid!. Tom Hearn. Les Brunin. Besten- Ball-Tanz-Ensemblc, 32 Damen. Kasseneröffn. 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. ROkttMtickr Direktion S. Lautenburg. Abends VI, Uhr: Die Empfehlung. Abends 8 Uhr: Der keusche Wmir. frohste illerlei'Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Donnerstag, den 10. März: Gastspiel der beliebten Orxoasckea 8äiixer. Vollung: Frei tanz. Ansang 8'/« Uhr. IX. Berliner 8aison. Cirkus Busch. Ken l! Ken!! Das letzte Wort | ilel lliKS Jackson in einem Tempo. Ii vorgesährt von 5Ir. Ilnlty. Riesen-Bären-Gruppe des Dr. Roberto. Zum 77. Male: Aus den Alpen. Bemerkenswert: Der HutomobUeturz. Passage-Tlieater. Anfang Sonnt. 3, Wochentags 5 Uhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Sensationelles Engagement: Caicedo der berühmte Orahtseilkönig. Das Publikum schreit vor Lachen bei dem Redestreit der beiden feindlichen Improvisatoren Holländer u.$teinitz. 14 neue erstklassige Nummern. Carl Weiss-Theater. Gräfte Frankfurter Strafte 132. Zwei fraucn. Schauspiel in 5 Alten v. E. Borchart. Ansang 8 Uhr. Morgen: Zwei Frauen. Sonnabcndnachm. 4 Uhr: Aschen- brddel. Sonntagnachmittag 3 Uhr Parkett 60 Ps.: Ilse Römer._ V. U HuKr. Direktion: Robert Dill. BrnnnenstraHne 10. Von Stufe zn Stufe. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Donnerstag: Exlra-Borstellung: Lorbeerbaum und Bettelstab. Bernhard Rose-niGater Gesundbrunnen, Badstraße 58. Mittwoch, den 9. März: pft Glsckengilß zu Kreslan. Historisches Drama in 10 Bildern von Pfr. gner. StF" Ansang 8 Ubr.-WG Nach der Vorstellung: Esii. In Vorbereitung: Maria Magdalena. Linien-'>2�' Oranien. 1 Strasse 132 burger Thor. Täglich 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Letzter Monat | vor ihrer Gastspielreise nach Ruß- land— die vorzüglichen Yn\i Sleitll-Sänger. Königs tadt-Kasino Holzmarktstr. 72, Ecke Alexanderstraße. Täglich: Franz Sobanski. Die Dhrz-Specialitäten. Zum Schluß das Lebensbild Nach Südmest-Afrika. Nach der Vorstellung: Mittwochs, Sonnabends u. Sonntags: Tanz. Donnerstag, den 10. März: Bencjiz für F. ftobauakl. Gebrüder Herrnfeld- ""i"' Theater. TS»' Heute und folgende Tage: Das Herrufeldsche ScnsationSstück Ztur eine Asett! Zwei Akte aus einer Ehe. Vorher: VoUdig neuer KOnstlerteil: Schröder u. Denier, Tanz-Karikaturen. Erna Ernani, Vortragssoubrcttc. 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D e i ck m a n n- Bremen eröffnet die Sitzung um WL Uhr. Ein Geschäftsordnungs-Antrag, daß zunächst nur von jeder Gewerkschaft oder Gruppe ein Redner das Wort erhält, findet Annahme. Eingelaufen ist ein Antrag von Frau L i l y Braun, an Stelle der Resolution Käming die folgende zu setzen: Antrag. Der vom 7. bis V. März im Gewerkschaftshause zu Berlin tagende Heiniarbciterschutz-Kongrefi fordert die Schaffung eines Heimarbeiterschutz-GesetzcS und verlangt: 1. Ein Raum, in dem im Auftrag und auf Rechnung eines dritten Waren und Gebrauchsgegenstände aller Art zugerichtet, an- geferttgt oder gereinigt werden, darf weder zum buchen, noch zum Schlafen, noch als Krankenzimmer benutzt werden. Er muß hell, trocken, heizbar und leicht zu lüften sein. Auf jede darin thättge Perjon mutz mindestens IS Kubikmeter Luftraum entfallen. 2. Für die Durchführung dieser Borschrift, sowie aller von der Gesundheitsbehörde angeordneten Maßnahmen ist sowohl der die Heimarbeiter beschäftigende Unternehmer, als der Haus- besitzer resp. Vermieter der von dem Heimarbeiter benutzten Werkstätte haftbar zu machen. 8. In Wohnungen und Arbeitsstätten, in denen Personen sich aufhalten, die mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind, ist die Herstellung, Zurichtung. Ausbesserung oder Reinigung von Waren und Gebrauchsgegenständen aller Art verboten. 4. Der Inhaber und der Vermieter einer Werkstatt, oder einer damit verbundenen Wohnung ist verpflichtet, jede ansteckende Krankheit, die eine darin beschäftigte oder sich aufhaltende Person befällt, dem Hausindustrie- Inspektor anzuzeigen. Erweist sich eine Desinficierung der Wohnung oder eine Ver- nichtung der darin enthaltenen lind zu bearbeitenden Materialien als notwendig, so fallen die Kosten dafür dem Unternehmer zur Last. 6. Für die Durchführung dieser Vorschriften ist sowohl der die Heimarbeiter beschäfttgende Unternehmer als der Hausbesitzer resp. Vermieter der von dem Heimarbeiter benutzten Werkstätte haftbar zu machen. 6. Wer an Heimarbeiter Arbeitsstätten vermietet, hat dieses der Ortsbehörde innerhalb drei Tagen zu mcldeil. 7. Wer als Hausindustrieller oder Heimarbeiter Räume der in § 1 bezeichneten Art in Benutzung nehmen will, hat hiervon der Ortsbehörde Anzeige zu'machen und ihr die bestimmten Lokalitäten zu bezeichnen. Die Ortsbehörde hat über die er- folgte Anmeldung und darüber, daß die Räume den gesetzlichen Bcsttmmungen entsprechen, innerhalb drei Tagen eine Bc- scheinigung in zwei Exemplaren kostenlos auszustellen. Die Bescheinigung muß eine Angabe über den Kubikinhalt des zu benutzenden Raumes und der Personenzahl, die darin bc- schästigt werden darf, enthalten. 8. Jeder Unternehmer ist zur Führung einer genauen Liste der von ihm beschäftigten Heimarbeiter und ihrer Wohnungen verpflichtet, und hat diese Liste vierteljährlich regelmäßig und auf Verlangen jederzeit dem Hausindustrie- Inspektor vor- zulegen. g. Die Bestimmungen der Gewerbe- Ordnung über Arbeits- zeit, Sonntagsruhe, Wöchnerinnenschutz, Kinderarbeit. Arbeits- ordnungen sind, unter Haftbarmachung des Unternehmers für ihre Durchführung auf alle hausindustriellcn Betriebe aus- zudehnen. 10. Den Bestimmungen der Kranken-, Unfall- und Jnbaliditäts- Versicherungsgesctze werden alle Heimarbeiter unterstellt. 11. Der Unteniehmer, der Heimarbeiter beschäftigt, hat für jede von ihm beschäfttgte Person ein Lohnbuch anzulegen. In dieses sind olle dem Heimarbeiter übertragenen Arbeiten spccialisicrt, unter Angabe der für die einzelne Arbeit zu zahlenden Preise einzutragen. Das Lohnbuch bleibt bis zur Ablieferung der über- nommenen Arbeiten in Händen des Heimarbeiters. 12. Die Mitgabe von Arbeit nach Hause sowohl an Fabrik- wie an Werkstatrarbciter und Arbeiterinnen ist verboten. 13. Die Hausindustricllen unterstehen bei Stteittgkeiten, die zwischen ihnen und den Unternehmern(Verlegernj aus dem Arbeitsverhälttns sich ergeben, den Gewerbcgerichten. 14. Auf Anttag von Arbeiter- oder Unternehmer- Organisationen hat das Gewerbegericht als Einigungsamt für den Ort seiner Zuständigkeit und für eine bestimmte Gülttgkeitsdauer ein Mindestmaß der Entlohnung für die Branche, für die es be- rufen wurde, festzusetzen. An Orten, an denen ein Gewerbe- gericht nicht besteht, können besondere Mindestlohn-Kommissionen, zur Hälfte aus Verttetern der Arbeiter, zur Hälfte aus Ver- tretern der Unternehmer mit dem Hausindustric-Jnspektor als Vorsitzenden, eingesetzt werden. Die normierten Lohnsätze sind nach ihrer Veröffentlichung rechtsverbindlich. 13. Arbeiten des Reiches, der Einzelstaaten und Kommunen dürfen nur an solche Unternehmer vergeben werden, die diese in eignen gewerblichen Betrieben< unter Ausschluß jeglicher Zwischenunternehmer) anfertigen lassen und die durch Tarif- Verträge oder von den Berussorganisattonen der Arbeiter oder den Mindestlohn-Kommissionen festgesetzten Lohn- und Arbeits- bedingungen ersüllen. 16. Zur Bcaufsichtigling der hausindustriellen Bettiebe und der Durchführung aller auf sie bezüglichen Gesetze sind eigne Hausindustrie-Jnspektoren anzustellen, wobei Frauen und Ver- treter der organisierten Arbeiterschaft besondere Berücksichtigung finden sollen. 17. Die Ueberttewng der gesetzlichen Bestimmungen, ftir deren Einhaltung Unternehmer und Zwischenmeister in erster Lüne verantwortlich sind, wird unter strenge Strafen gestellt. Diese Resolution steht, da sie genügend unterstützt wird, mit zur Diskussion. Ferner sind eingegangen„Vorschläge, betreffend die ge- sctzliche Regelung der Arbeitsverhälttiissc in der Konfektionsindustrie-, seitens des Bundes deutscher Frauenvereine. Dieselben sind jedoch, wie Frl. Alice Solomon ausführt, nicht als Antrag unter- breitet, sondern als Material für eine vielleicht aus dem Kongresse hervorgehende Kommission gedacht. Diese Vorschläge lauten: l. In den Werkstätten. 1. Die kaiserliche Verordnung vom 17. Februar 1904(zur Ver- ordnung vom 31. Mai 1807 betr. die Ausdehnung der KK 135—139 und 13f>b der G-O. auf die Werkstätten der Kleider- und Wäsche- Konfettion) soll auf die in Artikel I, Nr. 1 und 4 genannten Werk- stätten, die nach Maß und Bestellung arbeiten, ausgedehnt werden; als Werkstätten gelten alle Räume, in denen zwei oder mehrere, nicht zu derselben Familie gehörige Personen mit der Herstellung oder Bearbeitung von Männer- und Knabenkleidern, Frauen- und Kinderkleidern, sowie von weißer und bunter Wäsche beschäftigt sind. 2. Wcrkstattarbeitcrinnen darf keine Arbeit in ihre Wohnung mitgegeben werden. Die Ausgabe von Arbeit darf nur an solche Heimarbeiterinnen erfolgen, die sich durch behördliche Legitimations- karte ausweisen können. Letzteren ist der Vorübergeheilde Aufenthalt in der Werkstatt gestattet. 3. Betriebe, in denen zehn und mehr Personen durchschnittlich beschäfttgt werden, bedürfen einer Arbeitsordnung nach s 134a der Gewerbe-Ordnung. II. In der Heimarbeit in den häuslichen Werkstätten, in denen nur Familienaugehörige arbeiten. 1. Jeder Unternehmer, der Heimarbeiter beschäftigt, hat halb- jährlich eine Liste seiner Arbeiter samt Wohnungsangabe der zu- ständigen Gelverbe-Jnspektion einzureichen. 2! Wer in seiner Wohnung, allein oder mit Familienangehörigen, für einen Unternehmer die Anfertigung oder Bearbeitung von Kleidungsstücken uslv. übernimnit, hat dies der zuständigen Gewerbe- Inspektion anzuzeigen. Er erhält dann nach erfolgter Besichtigung eine Erlaubniskarte, die angicbt, für wie viele Personen der betr. Raum benutzt werden darf. Die nach Erlaß dieser Vorschrift zum Zweck der Heimarbeit in Benutzung genommenen Räume müssen der Vorschrift sofort ge- niigen. Sämtliche bereits vor dem... 190. in der oben genannten Weise beschäftigten Personen haben sich ebenfalls bei der zuständigen Gewerbe-Jnspektion anzumelden und erhalten dann einen Legi- timationsschein, der sechs Jahre gültig ist. Nach Verlauf dieser Frist, also vom... 190. ab müssen alle häuslichen Werkstätten den folgenden Anforderungen genügen. 3. Wer ohne Erlaubniskarte resp. Legitimationsschein arbeitet, ist strafbar. 4. Räume, in denen mehrere Personen arbeiten, dürfen nickst zugleich als Schlafräume benutzt werden. Auf jede Person, die sich ständig im Ärbeitsraum aufhält, müssen bei mindestens 3 Meter Höhe 2i/s Ouadratmeter Bodcnfläche vorhanden sein. Bei geringerer Höhe des Raumes oder wo die Lüftungs- und Beleuchtungs- Verhältnisse dies verlangen, oder wo in demselben Räume gekocht wird, kann eine größere Bodenfläche verlangt werden. 5. Der Unternehmer, welcher Arbeit an Heimarbeiter giebt, in deren Ärbeitsraum sich Personen aufhalten, die an einer ansteckenden Krankheit leiden, nachdem er davon durch die Aufsichtsbehörde in Kenntnis gesetzt worden ist, ist strafbar. Für die Dauer ihrer durch den obengenannten Grund hervorgerufenen Arbeitslosigkeit werden die Arbeiter von der Krankenkasse entsckiädigt. 6. In den Räumen, in denen Arbeit an Heimarbeiter zur Aus- gäbe kommt, müssen Tarife aushängen mit Angabc der dura-schnitt- lichen Lohnsätze und der Bedingungen für die Lieferung von Werk- zeugen und Stoffen zu den übertragenen Arbeiten, desgl. die Abzüge, die für verdorbene Arbeiten gemacht werden. 7. Die häuslichen Werkstätten sind der Gewerbe-Jnspektion zu unterstellen: zu ihrer Ueberwachung sollen hauptsächlich weibliche Beamte verwendet werden. III. Lohiifcstsetzllng. 1. Für die Herstellung von Kleidungsstücken und Wäschegegen- ständen sind verbindliche Mindestlohnsätze aufzustellen, die vor jeder Saison nach Bedarf revidiert werden. 2. Die Festsetzung dieser Mindestlohnsätze geschieht von einer Kommission tTarifamt), die in Anlehnung an das Gewerbegericht gebildet wird. Die Kommissionen werden für einzelne Branchen aus der gleichen Zahl von Arbeitgebern und Arbeittiehmern unter dem Vorsitz eines Unparteiischen gebildet. Unter den Arbeitnehnicrn müssen Werkstätten- und Heimarbeiter sein. Für Branchen, in denen die Untornchmer Mittelspersonen lZwischen- meister) beschäftigen, müssen auch diese in der Kommission ver- treten sein. Die Vereinbarungen der Tarifäniter haben für die gesamte Branche Gesetzeskraft. Koninit eine Einigung nicht zu stände, so ftihrr das Gcwerbcgericht einen Schiedsspruch herbei, der für beide Teile bindend ist. 3. Es wird ein Zeitlohn- und Stücklohn-Tarif festgesetzt. 4. Der Berliner Lohnsatz gilt als Einheitssatz für Deutschland. Doch können von jeweiligen Orts-Kommissionen Abzüge oder Zusätze, je nach der Höhe der Lebenskostc» an dem betreffenden Orte, festgesetzt werden. 5. Ein Unternehmer, der geringere als die Mindestlöhnc zahlt, ist strafbar. Das Wort erhält nunniehr Schellbruch- Solingen iMesserreider). Derselbe schildert eingehend die Lage der Heimarbeiter in der Stahl- und Schneidewaren- industrie des Remscbeid-Solinger-Bezirks, bei der Frauen- und Kinderarbeit, natürlich mit elendesten Löhnen, stark entwickelt ist. Er läßt in der Versammlung zwei Fcdennesser cirkuliercn, deren eines von Frauen, das andre von Kindern geferttgt ist. T i m ni- München(Arbeitersekretär): Das Material, das zu Gunsten eines gesetzgeberischen Eingreifens betreffend die Heim- industrie spricht, ist in den beiden Referaten gedrängt zusammen- gettagen. Weiteres Material hier beizubringen ist daher umsoweniger notwendig, als der Koiig>zß sich doch nicht selbst über- zeugen will. Unser Material ist eine furchtbare Anklage gegen die Regierung und jene politischen Faktoren, die in den letzten Jahren wohl schöne Reden gehalten, aber nichts gethan haben. Wir kon- statieren also: die Zustände in der Hausindustrie sind elend, die Gesetzgebung hat sich als unfähig zum Eingreifen erwiesen, wir haben seit Jahrzehnten schöne Reden gehört und dazu die scheußlichsten Bundesrats-Verordnunge» bekommen, die verfertigt zu haben sich jeder Kauzleisekretär schämen würde, mit denen man aber noch brillieren und deren nlan sich als Meisterwerke rühmen möchte. Der Kongreß wird schließlich sagen: Wir verlangen das und daS. Freilich zweifle ich, daß dies den genügenden Eindruck machen wird. Denn wir wollen die Lage der Arbeiter von unten heben, die gegen- wärtige Zollpolittk dagegen will die Massen belasten. DaS eine schließt das andere ans. Dazu kommt, daß die Heimarbeiter keine Agrarier sind, die Minister stürzen können. Steht doch dem Handels- Ministerium der Minister Möller vor, der noch 1895 gesagt hat, man muß mit der Socialpolitik aufhören, die deutsche Industrie müsse ihre Ruhe haben. Wir müssen der Regierung auch das Mißtrauen aussprechen. daß sie die bestehende Gesetzgebung nicht anwendet und den Versicherungszwang auf die Haus- industrie nicht ausdehnt. In der Tabak- und Textil- Industrie ist es geschehen, im übrigen sind die maßgebenden In- stanzen mit der Frage beschäfttgt, wer ist Hausgewerbetreibender und wer ist Heimarbeiter? Der Begriff des Heimarbeiters ist mög- lichst weit zu fassen. Wir müssen verlangen, daß die verantwort- lichen Stellen aufhören mit dem unproduktiven socialen Flickwerk, auf welches hohe Loblieder zu singen geradezu ein Sport geworden ist. Wir müssen der heuttgen Gesetzgebung gegenüber sagen: Was soll sein! Das ist in den Resollltionen zum Ausdruck gebracht. Die hygienische Seite allein genügt nicht, sie würde bewirken. daß die Heimarbeiter. die jetzt in ungesunden Löchern sterben, später in gesunden Wohnungen sterben würden. ES muß also auch auf die Löhne eingewirkt werden. Es wird nicht angängig sein, sich nur auf die Forderung des Mindest- lohncS zu beschränken. Der Mindestlohn hat allerdings die Tendenz, die Löhne zu drücken, den Mindestlohn zum Nornrallohn zu gestalten; ich verstehe die Lohnforderung so, daß die Löhne durch tarifliche Vereinbarung festgelegt werden. Wenn durch Hebung der Löhne solche Schnndwareii, wie die hier ausgestellten Hosen, vollständig verschwinden, so sag' ich, da ist kein Schad' drnm(Sehr richtig!), von solcher Ware hat der Konsument keinen Vorteil und der Arbeiter geht dabei zu Grunde. Zlim Schluß beinerke ich. daß nach meinem Geftihl aus dem Kongreß eine Kommission hervorgehen müßte, der alle Anttäge und Anregungen hier unterbreitet werden. Dieselbe soll keine Enquete veranstalten, Enqueten haben wir genug gehabt, und das Elend liegt in der einen HauSindusttie so klar wie in der andern zutage; die Kommission mutz die Anregungen aus der Diskussion zu klarem Ausdruck bringen. Den maßgebenden Instanzen sehlte bisher der Wille zum Helfen. Wäre der Wille da, der Weg wäre schon längst gefunden worden! Wir werden das Möglichste aufbieten, um den gesetzgebenden Körperschaften ein durchgearbeitetes Programm für die Frage des HcimarbeiterschutzeS vorzulegen. Ich stehe unter dem Geftihl, so lange die Heinlarbeirer nicht eine Macht bilden und sich nicht eine geschlossene Macht dahinter stellt, so lange werden die Parteien und Persönlichkeiten unproduktiv weiter arbeiten, ebenso wie man bisher nur eine unprodnttive Flickschusterei in der Hausindustrie bcthätigt hat. sLebhafter Beifall.) Privatdocent Dr. A. W e b e r- Berlin: Es handelt sich hier darum. Altbekanntes laut herauszuschreien, alle Sttmmen in eine große Posaune zu leiten, mit welcher die Mauern Jerichows umzu- blasen sind oder wenn Sie so wollen, sie müssen mit dem Ramm- schädel umgerannt werden. Ich bin bürgerlicher Nationalökonom; Sie verstehen darunter etwas, was Sie nicht ganz verstehen(Heiterkeit), in nicht un- berechtigtem Mißtrauen sehen Sie in jedem bürgerlichen Oekonomen gewissennaßen eine Bassermannsche Gestalt.(Heiterkeit.) Wir gehen von andren Gesichtspunkten aus als Sie, wir treten mit unsren alten nationalen Kulturidealen an die Fragen heran. In der Haus- iudustrie schien uns das alte Persönlichkeits- und Freiheitsideal eher zu verwirklichen zu sein als in der Fabrik. Das war eine Täuschung; jetzt fordern auch wir vom nationalen Gesichtspunkte aus Heilung der Schäden der Hausindustrie. Die Militärtauglichkeits-Statistik ergiebt in den Millionenstädten einen Prozentsatz von 34, gegen sonst 60 Proz. Diese Erscheinung hängt sicherlich mit der Hausindustrie der Großstädte zusammen. Darüber können wir kaput gehen, und deshalb kommen wir zu dem Ruf: ecrasez rinfarne! Wir Jüngeren sind darin vielleicht radikaler als Sie. Denn Sie wollen ja aus das Verbot der Hausindustrie nicht ohne weiteres eingehen. Jedenfalls will ich, daß alle Mittel angewendet iverden, um die Hausindustrie zum Absterben zu bringen. lind dabei dürfen wir uns nicht in Vorschlägen verzetteln. Sie haben ein wundervolles Programm zur Bekämpfung der Heimarbeit aufgestellt. Es macht den Eindruck, als hätte man zahlreiche Mittel gegen sie zur Verfügung. So wird darin die Ausdehnung des Arbeiterschutzes und der VersicherungS-Gesetzgebung auf die Heimarbeit verlangt. Die Versicherungs-Gesetzgebung kann man natürlich ausdehnen, aber den Arbeiterschutz in seiner bisherigen Form auf die Hausindustrie auszudehnen, ist unmöglich. DaS körperliche Gebilde der Heimarbeit ist für den Arbeiterschutz geradezu unfaßbar. Die Engländer haben versucht, den Unternehmer zu fassen und ihn veramwortlich zu machen. DaS schien ein erlösender Gedanke zu sein— aber lvas haben sie erreicht? Die Arbeiter- verhälmiffe sind doch nicht saniert worden. Die Arbeiterinnen fliehen vor der Polizei von Wohnung zu Wohnung, sie fliehen vor dem Schutz, den man ihnen angedeihen läßt. Der Unternehmer aber fitzt ruhig hinter seinem Bureautisch und kann sagen: alles liegt nur am schlechten Willen der Heimarbeiterin! Wenn wir da heran wollen, müssen wir das thun, was Herr Timm in den Vordergrund gestellt hat: wir müssen an die Lohnfrage herangehen. In der Haus- industrie ist der Lohn die einzige Strippe, die den Unternehmer mit der Arbeiterin verbindet, aber es ist eine feste Strippe, die einen tüchtigen Zug verttägt. Die Lohnfrage ist die große Frage, und zwar muß die Forderung lauten: gleiche Löhne in der Fabrik, in der Werkstatt und für den Heim- arbeiter.(Vereinzelle Zustimmung.) Der schlechte Lohn ist der Grund, weshalb die Heimarbeiterin eine schlechte Wohnung hat. weshalb sie nach 1'»stündiger Arbeit noch ganz wo anders hin- geht. Diese principielle Forderung muß aufgestellt werden. In der Resolution sprechen Sie von Mindestlöhnen, aber damit rufen Sie das Schreckgespenst der scheniatischcn Regulierung, der Willkür oder das Schreckgespenst einer mittleren Linie am Lohne hervor, die ein sehr tieseS Niveau ergeben würde. Nehmen Sie an, der höchste Lohn betrage 30 Pf., der»nindeste 10 Pf. pro Stunde in einer Heim- arbeit, dann würde als mittlere Linie sich ein Mindestlohn von 20 Pf. ergeben, und das wäre ein Hungerlohn.(Vereinzelter Beifall.) Brückner- Berlin(Buchbinder) geht auf die Verhälttlisse der Buchbinderei ein. Aschinger in Berlin z. B. läßt die Papierservietten, Reclam in Leipzig u. a. die Falzarbciten bei seiner Universal- bibliothek hauSindilstriell unter elenden Löhnen anferttgen. In der Leder- und Galanteriewaren-Jndustrie, die in Berlin, Offenbach a.M. und andren Orten ihren Hauptsitz hat, ist die Heimarbeit sehr ver- breitet. Von 1500 in der Branche vorhandenen Geschäften lassen 900 die Arbeit außer dem Hause verfertigen. Diese 000 arbeiten mit Lehrlingen, die als Arbeitsburschen gemeldet werden, um die Fachschule zu sparen. Die Forderung Dr. Webers nach gleichem Lohn halte ich nur für durchführbar, wenn Mindestlohn gesetzt wird, weil den Heimarbeiterinnen der not- wendige Zusammenhalt zu gewerkschaftlicher Organisatton fehlt. Die Bezeichnung von hausindustriell gefertigten Waren als solche hält Redner mit Hinweis auf den Mißerfolg der Kontrollmarke für unwirksam. Auch werden ja bei vielen Waren nur Teile haus- industriell hergestellt. An Ablehnungen der Regierung, ist gestern gesagt worden, Find wir schon gewöhnt; aber es mutz deutlich immer und immer wieder- holt werden, daß die Regierung kein Interesse für Arbeiterkongresse hat, wohl aber für Unternehmerkongrcffe.(Sehr richttg!) Wir sind bereit, mit jedem, der helfen will, Hand in Hand zu gehen; Dr. Weber aber hat den alten manchersterlichen Standpunkt vertreten. Wir verlangen, daß Gesetze erlassen und auch durchgeführt werden. Frau Luise Z i e tz- Hamburg: Die Regierung ist hier nur in dem Sinne vertteten, daß sie sagt, wo zwei versammelt sind in,„einem Namen, bin ich unter Euch. In der HauSindusttie herrscht nicht nur die schlimmste Ausbeutung, sondern infolge davon wilder Kampf aller gegen alle. Der Widersinn des kapitalisttschen Systems zeigt sich hier klar, wo die Eltern die Ausbeuter der Kinder, diese die Löhndrücker für die Eltern werden. Die natürliche Liebe nmß dadurch erstickt werdeil. Zur Begründung der Notlvendigkeit eines Schutzes für die Heimarbeiter hob Dr. Weber den nationalen Gesichtspunkt hervor; man sollte in der That meinen, daß die Er- Haltung der Wehrkraft die patriottschen Fabrikanten zu Kämpfern für den Heimarbeiterschutz machen müßten. Wo eS sich aber um Schutz der nationalen Arbeitskraft handelt, ist ihre Losung: Nach uns die Sündflut. Nicht erst seit 20 Jahren ist das Elend der Heimarbeit bekannt, wie Dr. Weber sagt, sondern schon Karl Marx hat es dargestellt und die organisierten Arbeiter haben stets darauf hingewiesen. UebrigenS müssen wir auch die Konsumenten zum Schutz der Heimarbeiter aufrufen; es wird uns gelingen, wenn die Konsumenten erst einen Begriff davon haben. durch Verbreitung welcher scheußlichen Krankheiten sich die Heim- arbeiter an ihren Ausbeutern rächen müssen. Herr Dr. Weber meinte, daß es nicht praktisch sei. wenn man den Mindestlohn verlangte, aber er hat offenbar den Begriff des Mindestlohnes total verkannt.(Lebhafte Zustimmung.) Davon ist doch nicht die Rede, daß der niedrigste und höchste Lohnsatz in der HauSindusttie genommen und nun der Dlirchschnittssatz als Mindest- lohn festgelegt werde. Wenn der höchste Satz in einer Hausindustrie so niedrig ist. daß man dabei nicht existieren kann, dann muß der Mindestlohn über den jetzigen Höchstsatz hinaus festgelegt werden. (Sehr richtig!) Diese Festsetzung ist Sache der Mindestlohnkommissionen in den einzelnen Orten. Die Bedenken Webers treffen also daneben. Herr Dr. Weber hat dann weiter gemeint, daß die Ausdehnung von Arbeiterschutzbestimmungen auf die Hausindustrie die Arbeiterinnen zu einer Flucht vor der Polizei von Wohnung zu Wohnung veran- lassen würde. DaS halte ich auch für undenkbar. Wir verlangen doch, daß der Arbeitgeber Anzeige erstattet, an wen er Heimarbeit vergicbt. Ich will hier gleich bemerken, daß wir unsere Forderung nicht nur stellen, um in den schlimmen Wohnungsverhältnissen Remedur zu schaffen, sondern auch, um den Heimarbeiterinnen die Schmutzkonkurrenz der bürgerlichen Damen vom Halse zu schaffen (Sehr gut!), die sich genieren würden, als Heimarbeiterinnen zu gelten, so wie sie sich jetzt genieren, als Fabrikarbeiterinnen zu gelten. Der Lehrer A g a h d bat seinerzeit der Hoffnung Ausdruck gegeben, der Bundesrat würde nicht von der ihm durch Gesetz gegebeneu Be- fugnis Gebrauch machen und das Schutzalter für die eignen Kinder in der Heimarbeit herabsetzen. In de» Motiven des Entwurfs war i11 auch auf da? außerordentlich erzieherische Moment der Heim. arbeit hingewiesen, und fast alle bürgerlichen Abgeordneten haben dem zngestiinnit. Ms ob jemals Erivcrbsarbcit einen solchen Wert haben konnte! Gclvisz, wir verkennen nicht den pädagogischen Wert der Arbeit, aber wo soll dieser Wert in der Erwerbsarbeit zum Vorschein kommen, Ivo, inn bildlich zu sprechen, der Sklaven- Halter mit der Peitsche hinter dem Äinde steht. Der Bundesrat hat also sür bestimmte Gegenden, wie das Meininger Land, die Beschäftigungsgreuze für die eignen Kinder in der Heim- arbeit ans acht Jahre herabgesetzt(Pfui!) und damit den Schutz der Gesetzgebung illusorisch gemacht. Von der Befugnis, die Arbeiter- fchutzgesetze auf andre Kategorien der Arbeiter auszudehnen, macht er sehr wenig Gebrauch.(Sehr richtig!) Die Resolution Käming stellt das Mindestinajz unsrer Forderungen vor. Wenn wir darin nicht das Verbot der Heimarbeit fordern, so nur deshalb nicht, weil wir es unter dieser Regierung für aussichtslos betrachten. So müssen loir sehen, der Heimarbeit wenigstens das Wasser abzugraben. Von heute auf morgen wird das nicht möglich seilt, wir werden unsre Anklagen noch häufig wiederholen müssen.(Lebhafter Beifall.) Jnzlvischen ist ein Antrag Timm eingelaufen, eine Kommission bcm 11 Mitgliedern zu wählen, welcher sämtliche Resolutionen und Anträge zu überweisen sind. Der Antrag wird angenommen. Vorgeschlagen iverdeu: Käming, Cohen, Schlicke, Geyer, Simon, Röske, Tintin, Dr. Weber, Frau Zetkin, Lily Braun, Alice Salomon, Frau Dr. Hoffmann. Frl. Lüders. Die Abstimmung lvird später erfolgen, Dr. W.ilbrandt schlägt vor, eine ständige Kommission ein- zusetzen. lieber diesen Antrag wird am Schluß des Kongresses entschieden werden. Sckilicke- Stuttgart(Metallarbeiter): Die alte, überkommene Heimarbeit ist im Absterben begriffen, dagegen ist die mit der modernen Produktion sich entwickelnde Hausindustrie in ständiger Zunahme begriffen. Bei der Bekämpfung der Hausindustrie kommen die Regiereuden uns nicht entgegen, nicht nur, weil sie nicht wollen, sondern auch, weil sie die Lage nicht kennen. Wenn Timm sagte, wir brauchen keine Enqueten, so mag das in der Konfektion zutreffen, für die Metallindustrie trifft es aber nicht zu. Hier brauchen wir Enqueten des Reichs, ausgeführt mit Hilse der organi- fiertcn Arbeiter. In den Berufen allerdings. in denen' die Verhältnisse schon klar liegen, muß sofort mit Arbeiterschutz- bestinimungen vorgegangen werden. Bestimmte Punkte aber halten wir auch heute schon in allen Berufen für durchführbar. Dahin ge- hört: Anwendung der bestehenden Arbeiterschutz- gesetze auch auf die Hausarbeiter. Ich schlage daher eine dies aussprechende Resolution vor, die zugleich Enqueten für eine Reihe von Berufen fordert. In Bezug auf eine Reihe von angeführten Mißständen betone ich, daß gcwtzliche Vorschriften nicht bei jedem Mißstand zu verlangen sind, sondern daß vielfach die Organisation das Mittel zur Abstellung von Mißständen ist. Daran fehlt es aller- dings z. B. im bergischen Lande noch sehr. Allerdings, die end- gültige Beseitigung der Mißstände der Heimarbeit ist nur die Be- seitignng der Heimarbeit selbst.(Beifall.) Zum Schluß möchte ich noch die Anregung geben, unsre Aus- stellung, vielleicht noch vermehrt, in den Wandelgängen des Reichstags aufzustellen,(Lebhafter Beifall.) Röske- Hantburg(Holzarbeiter): In der Holzindustrie sind, wenn man die Kinder hinzurechnet, 60—80 000 Personen haiis- industricll beschäftigt. Ein Hindernis des Fortschritts find auch hier, wie in der Metallindustrie, die vielen selbständigen Meister, welche das Verbot der Heimarbeit außerordentlich fürchten. Diese setzen sich auch der Organisation entgegen. Wir werden Schutz- bestimmungen gegen den Willen der Heimarbeiter selbst durchsetzen müssen. Redner ichildert die elende Lage der Heimarbeiter in verschiedenen Zweigen der Holzindustrie, speciell in der Spielwaren- Industrie in Sonneberg, wo eine ganze Familie trotz um- sonst gelieferter Wasserkraft 8 M. wöchentlich verdient; eine solche Industrie muß beseitigt tverden auch gegen den Willen der Heimarbeiter. Die Heimarbeiterinnen haben sich dort der Prostitution ergeben müssen und betreiben dieses Gewerbe ganz öffentlich. Solch Dasein verdient nicht aufrecht erhalten zu werden. (Sehr wahr!) Auch die Korkindustrie im Eiscuacher Obcrlande gc- hört zu den schlechtest lohnenden Industrien: die Arbeiter leben dort geradezu in tierischen Verhältnissen. Die Leute selbst zeigen kein Jutereise an einer Aenderung der Verhältnisse. Die Pfeifcnindustrie in Ruhla beschäftigt eine sehr in- telligente Bevölkerung, die es immer verstanden hat, sich allen Aendeningen der Mode und der Produktion anzuschließen, trotzdem haben sie nur einen Wochenlohn von 10—12 M. bei unendlich langer Arbeitszeit erreichen können, Rediter geht weiter auf die Pinsel- und Bürstenindustrie ein, wo durch das bundesrätliche Gebot der Desinfizierung der Borsten gegen Verbreitung der Milzbrandbacillen die Hausindustrie erst einen fördernden Anstoß erfahren hat, da die Industrie aus der Fabrik in die Häuser gedrängt wurde. Redner tritt für Annahme der Re- folution Käming em; die Hebung der Heimarbeiter wird sie auch organisationsfähiger machen.(Lebhafter Beifall.) Die Mittagspause tritt ein. N a ch m i t t a g s s i tz n n g. Zur Resolutionskommission sind außer den schon Genannten noch Tabakarbeiter Niendorf, Portefeniller Hennig, Textilarbeiter Hübsch und Frau Ihrer vorgeschlagen, während die Vorschläge Geyer und Cohen zurückgezogen sind. Eingegangen ist ein Begrüßungsschreiben des niederländischen Bundes'der Arbeiter und Arbeiterinnen der Vekleidungsindustrie zu Amsterdam. Unter den Teilnehmern befinden sich heute u. a. auch die Reichs- tags-Abgcordneten H u e, M o l k e n b u h r. M e i st e r als Gäste. Legten eröffttet die Verhandlungen um l! Uhr. Eingegangen ist ein Antrag von Frl. A l t m a n n, Ccntral-BetriebSwerkstätten auf Kosten der Gemeinden für Heimarbeiterinnen zn errichten, die nicht mehr voll arbeitsfähig sind. Gedacht ist dabei in erster Linie an solche Betriebe, deren Produkte besonders gesundheitsgefährlich sind. Eilt GeschäftSordnungs-Antrag, die Redezeit auf 10 Minuten zu beschränken, wird abgelehnt, angenommen dagegen ein von Legren begründeter Antrag, unter den iv Wortmeldungen zunächst 14 heraus- zunehmen, wodurch die Vertreter der bürgerlichen Organisationen abwechselnd mit Vertretern der Gewerkschaften zu Wort kommen; daß mir Gewerkschaftsvertreter sprechen, erscheint unnötig, da ja gerade die Stellungnahme dieser schon seit dem Stuttgarter Gewerkschaftskongreß bekannt ist. Zunkichst erhält das Wort Frau Zetkin: Ich möchte Ihre Auf- merksamkeit auf zwei sehr wichtige RekrutierungSgcbietc für die Heim- arbeit lenken, die wegen ihrer socialen Rückständigkeit von ver- hängniSvollein Einfluß auf die Lage der Hausindustrie sind. Ich nenne zuerst die Heimarbeit der bürgerlichen Frauen. Gewöhnlich herrscht in der Arbeiterschaft die Auffassung, daß die Konkurrenz der bürgerlichen Frauen besonders der Befriedigung eines Luxusbedürfnisses dient. Diese Auffassung trifft für den größten Teil der Heimarbeit biirger- licher Frauen nicht zu. Es liegen für diese wirtschaftliche und sittliche Gründe vor. Je unsicherer die Existenz des Mittelstandes wird, eine umso größere Zahl der Frauen, die zur Ehe gelangen, finden in ihr nicht den vollen Unterhalt durch ihre wirtschaftliche Thätigkeit in der Familie, sondern müssen noch hinzu verdienen. Der kapitalistische Staat, der offizielle Beschützer der Familie macht für zchntausende seiner Angestellten die Arbett ihrer Frauen zur Notwendigkeu.(Sehr richtig!) Weite Kreise der Staatsangestellten beim Militär, bei der Eisenbahn, Post und Gemeinde sind auf die Mitarbeit der Frauen angewiesen. Es giebt Hunderte von Eisenbahn- schaffnern. die nur existieren können, wenn ihre Frau hausindustriell 60 Pfennig bis 1 Mark täglich verdient. Und darum unterbieten diese Frauen uoch die abscheulichen Bedingungen, die der Kapitalist selber stellt. ES gilt iveiter natürlich auch die Schmutzkoukurreuz jener Frauen zn beseitigen, die that- sächlich nur, um sich überflüssigen Luxus zn verschaffen, arbeiten. Eine besonders wirksame Maßregel dagegen ist der Regtstrierungs- zwang für die Heimarbeit, der in Victoria zu diesem Zweck ein- geführt worden ist. Dann aber soll nachdrücklich verlangt werden, daß der Staat seinen Angestellten, statt sie zu Staatshörigeit und Staatssklaven durch miserable Löhne und Vorenthaltung desKoalitions- rechts zu machen(Lebhafte Zustimmimg), ihnen bessere Bedingungen gewährt, damit sie aus die Mitarbeit der Frau verzichten löimctt. Wir müssen weiter dafür eintreten, daß der Frauenwelt immer weitere Kreise der Berufsthätigkeit erschlossen werden. In Betracht kommen da besonders die Kommuiten. Hier könnten in der Armen- pflege, in der Wöchneriunenpflege, in der Waisenfürsorge den Frauen Thätigkeitsgebicte geöffnet tverden, die sich an den häuslichen Wirkungskreis der Frau anschließen und ihnen gleichzeitig geistig- sittliche Beftiedigniig verschaffen. Ein zweites Rekrutierungsgebiet sür die Heimarbeit ist die verelendende landwirtschaftliche Bevölkernng, die, an die ver- schuldete Scholle gefesselt, eine Hausindustrie betreibt, um eine Zubuße zu ihrem kärglichen Eiitkontmeit zu gewinnen. Nun ist der Gedanke aufgetaucht, durch eine fortschrittliche Verkehrs- Politik die Großindustrie auf das Land zu bringen. Der Gedanke ist besteckend, aber nicht richtig. Er verkennt die kapitalistische Natnr des Großbetriebs, der nicht von Gründen kulturellen Fortschrittes, sondern allein von Rücksichten auf den Profit beherrscht wird.(Sehr richtig!) Rednerin verweist auf Württemberg, Ivo die Kommunen die Einführuiig des Großbetriebes durch Hingabe von Grund und Boden gefördert haben, um durch die Fabrikarbeit die Lage der bäuerlichen Bevölkerung zu verbessern. In den Thälern der schwäbischen Alp hat sich entlang den kleinen Flußläufen Großbetrieb an Großbetrieb angesiedelt. In den Fabriken arbeitet aber nur ein beschränker Stamm, während ihnen die Mehrzahl der Arbeiter und Arbeitcrinnen hauSiitduslriell tributpflichtig ist. Das einzige Mittel, dieses zlveite Rckrutierungsgebict zu ver- schließen, bleibt nur die Hebung der Lage der bäuerlichen Bevölkerung durch Verbesserung des Stcuerlvescns, Vermindernng der Militärlasten und durch durchgängige Hebung der Volksschulen (Sehr ricktig!) Nack dem RegistrierungSzwang messe ich einer ausgedehnten Heintarbetts-Jnspemon die höckstc Bedeutung bei. Diese Inspektion müßte selbständig sein. Die Fabrikinspektoren sind nicht nur zu sehr belastet, ihre berufstechnische Bildung kommt hier auch nicht in Betracht. In der Hausindustrie ist die Kontrolle um so wirksamer, je mehr sie von Leuten auS der Praxis gc- tragen wird, die mit den Kniffen und Pfiffen des Kapitalismus vertraut sind.(Sehr richtig!) Hier ist ein Thätigkeitsfcld für In- spektvren mid Jnspektorilmcn aus der Arbeiterklasse selbst vorhanden, Für die Forderung, die Lehrer zu dieser Aufgabe hcrauzuzieheu, kann ick mich nicht erwärmen. Gerade dort, wo die Heimindustrie ihre Stätten bat, sind sie besonders überbürdet und haben über- mäßige Pflichtstiinden zn leisten, Zum Scklnß ein Wort für den Minimallohn, Gewiß stehen seiner Dtirchsühnmg in der Praxis sehr große Schwierigkeiten cnt- gegen, aber diese sind nickt unüberwindlick, ES wird weiter eingewendet, der Minimallohn durckbrecke das Gesetz der Konkmrenz der biirger- lichen Gesellschaft, Die Heimarbeit stellt gerade das Konkurrenzgesetz auf den Kopf. Sonst ist die Ware die konkurrenzfähigste, die die kleinste Menge gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit repräsentiert, Bei der Heimarbeit aber repräsentiert die größte Menge von Arbeitszeit die kleinste gesellschaftlich notwendige Menge und wirkt damit auf das Sinken der Löhne ein. Durch die Heimarbeit wird auck die in der kapitalisiilchen Wirtsckaftsordntmg erhebend wirkende Tendenz der Möglichkeit der Selbsthilfe ausgeschaltet: dnrck die Erhöhung des Lohnes sollen die Heimarbeiter die Möglichkeit haben, die Opfer, die ihnen zum eignen Besten aufgezwungen werden, ztt tragen. Professor Philippowltsch hat im Verein für Socialpolitik erklärt, er könne sich sehr wohl denken, daß die Autorität des Staates für die Festsetzung der Mindestlöhne für bestimmte Gruppen von Arbeitern eintrete. Die Vertreter der Arbeiter haben keinen Grund, bescheidener zu fein als dieser bürgerliche Professor, zumal in nnsrer Zeit von der Autorität des Staates eingegriffen wird, um den Aerzteu ein bestimmtes Einkommen zu sichern.(Lebhafte Zustimmung,) Jede Maßregel, die den Arbeiter wirtschaftlich, geistig und sittlich hebt, stärkt auch die polittsche Kraft der Arbeiterklaffe.(Lebhafte Zustimmung) Wir müssen für die Heimarbeit einen durchgreifenden Schlitz schaffen, nicht um den Rlassenkamps des Proletariats zu lähmen, sondern um die dumpfe und stumpfe Masse der HauSinduftrielleit in Gegenwarts- kämpfer zn verwandeln, die sich eine freie Zukunft schaffen. Wir wollen die heimarbeitende Bevölkerung ans einem toten Balast des Klassenkampfes in eine wagende und tteibende Kraft des Klassen- kampfes verwandeln: wir wollen, daß sie Anteil nehmen am Kampf für die Reformierung der heutigen Gesellschaft und die schlicßliche Beseitigung der kapitalistischen Ordnung,(Lebhafter Beifall.) Dr, Wilbrandt tBodenreformer) hält die völlige Beseitigung der Heimarbeit, wenigstens in nahe absehbarer Zeit nicht für möglich. Er wünscht, die Regierung möge die Wanderung der Fabriken aufs Land durch billigen Boden und Kleinbahnen erleichtern, wozu aber Minimallöhne und tariflich vereinbarte Löhne treten müßten. Dr. Weber verlangt statt Minimallohn gleichen Lohn wie in der Fabrik: das geht nicht, denn bei vielen Betticben fehlt der Vergleich mit der Fabrik, da Fabrikbetriebe nicht existieren. Außerdem' muß der Stücklohn des Heimarbeiters größer sein als der des Fabrik- arbeiterö, weil der erstere Ausgaben für Micke, Beleuchtung?c. hat. Wir sollten auch die hygienischen Maßnahmen nicht so sehr in den Vordergrund stellen, sonst tritt leicht Konsumentenschutz au die Stelle des Arbeiterschutzes. Weiter führt Redner aus, wie der Versicherungszwang bei der Heimarbeit durchführbar sei: dagegen sei die Festsetzung der Arbeits- zeit zu streichen, Ein Antrag, die Redezeit auf eine halbe Stunde höchstens zu beschränken, wird angenommen. Lily Braun: Dr. Weber hat sich gegen mehrere Bestimmungen der Resolution gewandt, weil er sie für unwirksam hält. Ja, jede Arbeiterschutzbestimmung kann nur in beschränktem Umfang wirksam sein p deshalb sind wir eben«ocialdeinokraten. ohne darum auf Bejfernbe Mitarbeit in der gegenwärtigen Wirtschaft zn verzichten, Nun wende ick mich zu einigen Punkten der Resolution Kämiitg, Den Punkt, der die Eliqueltienntg der hausinduftriell hergestellten Waren verlangt, halte ich für falsch. Die Armen müssen diese Waren doch kaufen, und nur die wohlhabenden Schichten werden dadurch geschützt, was nicht der Ztveck dieses Kongresses sein kann, Ich verlange ftrner, daß eine große Zahl von Personen für die Dilrchführinig der Schutzbestimmungen hastbar gemacht wird: deshalb habe ich im Punkt 2 meiner Resolutioit beantragt, nicht nur den Unternehmer, sondern auch den Hausbesitzer resp. Vermieter der vom Heimarbeiter benutzten Wetckstätte haftbar zu machen. Wenn man sagt, das schädigt den Heimarbeiter selbst, der dann schwerer eine We'rkstätte findet, so entgegne ich, daß alle Schutzbestimmnngen gerade den Zweck haben sollen, den Heimarbeiter selbst einzuengen und die Heimarbeit zu beschränken. Weiter vermisie ich die Fordernng eines bestimmten Luftraumes für jeden Heiinarbcitcr: aber wir dürfen uns da nicht, wie man von andrer Seite verlangt hat, mit 12 Kubikmeter begnügen, was in den Gefängniswerkstättcn gefordert wird, falls sie groß und leicht zu lüstcu find. Um das Ziel, das nnS vorschwebt, zu erreichen, wird ein Hcim- arbeitersämtzgesetz nicht ausreichen: wir müssen vor allem auch ciue ciuheitlichc Wohmingsgeietzgebung verlangen und ans Grund der- selben eiiw Wohnungsinspettion, worin unS andere Länder weit voraus sind. Dann ist aber noch etivas notwendig, desien Durchführung in den Händen der Arbeiter selbst liegt. Ich meine den Konsumvereinen müßte seitens ihrer Mitglieder zur Pflicht gemacht tverden. daß sie keinerlei Waren vertreiben, die auS der Heimarbeit stammen, Noch eins: In meinem Anttag ist der Schlnßpassns der Resolutioit Käming fortgelasien. Daß ich ihn nicht mißbillige, ersehen Sie aus dem Schlußpassus der in vielen Versammlungen von mir zur An- nähme empfohlenen Resolution, tvelche lautet:> „Ter Hctmarbeiterschutz-Kongreß hat angesichts der für all: Kultnrstaatcii gleich großen Gefahren der Hausindustrie die deutscke Rcgicnmg aufzuforderit, zu internationalen Vereinbarungen die Initiative zu ergreifen." Aufgehoben wird die Heimarbeit durch solche Bestimmungen allerdings nicht. Denn sie bildet eine besondere Form unsrer kapita- liftischen Wirtschaftsweise, und ihre vollkommene Beseitigung wird nur möglich sein mit der Beseitigung des Kapitalismus selbst.(Leb- haftcr Beifall.) Lehrer A g a h d- Rixdorf untersucht den Einfluß der Heimarbeit auf die geistige Entlvicklmtg der in der Hausindustrie thätigen Kinder. Durch die körperliche Arbeit in hygienisch mangelhaften Räumen, durch die cutsctzlich eintönige Arbeit wird der Stumpffinn der Kinder geradezu gezüchtet. Für die Schule drückt sich das aus in der mangelhasten Lernfähigkeit der Kinder, int mangelhaften häus- lichen Fleiß, in Schulversüumnisscn, in auffallend geringen Fori- schritten dieser Kinder. Wo viele solcher Kinder in einer Klasse sind, schädigen sie auch die nicht hausindustriell thätigen Kinder. Eine Industrie, die das in der Entwicklung stehende Kind von vornherein unfähig macht, diejenigen Kenntnisse zu erwerben, die für den Kampf ums Dasein notwendig sind, sie unfähig macht, ihre Rechte zu bc-, greifen, und sich ihrer Menschenwürde bewußt zu werden, ist erst reckt wert imterzugehen,(Lebhafte Zustimmung.) ' Abg. Fräßdorf spricht als Vertreter des Centralverbandes der Orts-Krankenkasseu Deutschlands und erklärt sich durchaus damit einverstanden, daß die Heimarbeiter sämtlichen drei Versicherungen unterstellt werden, wobei bei der Krankenversicheruitg als Vorbcdin- guiig die Centralisatton der Krankenkaslen durchzuführen wäre. Frl. Alice Salomon(Vertreterin deutscher Frauenvereine): Unsre Vorschläge erscheinen wohl vielen von Ihnen nicht weitgehend genug, Sie sollen aber gar nicht das Ziel zeigen, sondern nur Vorschläge sein, welche die Gesetzgebung sofort verwirklichen kann. Weitere Ziele in einer Resolution aufzustellen, sind low gern geneigt, und glauben auch, daß eine Einigung in einer Kommission leicht möglich sein wird, da wir Über gewisse Grundlinien ja einig sind. Wir machen Vorschläge in hygiemschcr Richtung; denn dadurch würden eine Reihe von Hausindustrien so- fort aufgehoben werden und nur die würden bestehen bleiben, die notwendig sind. Frau Zetkin stimme ich zu, daß wir in unfern Kreisen der Frauciithäligkeit weitere Gebiete erkämpfen, und diese Arbeit auch als Pflicht erfasseu müssen. Dafür treten wir ein mit aller Kraft, allem Können und gutem Willen,_ die wir aufzubringen vermögen. Leider haben Ivir oft wenig Erfolg, weil bei uns die Männer misren Bestrebungen feindlich sich entgegen- stellen. Aber gerade vom nationalen Standpunkt aus wissen wir, daß durch die Heimarbeit das Volk bewogen wird, daß die Heim- arbeit nicht Schaffen bedeutet, sondern Vetgenden. Zur Beseitigung derselben werden wir in nnsren Kreisen wirken.(Lebhafter Beifall.) Reichstags- Abgeordneter Bock erinnert an ein klassisches Dokument: Vor vier Jahren enthielt der Etat des Herzogmms Koburg-Gotha die Bemerkung, daß der Ertrag der Gefängnis- und Zuchthausarbeit zurückgegangen sei infolge der Konkurrenz der freien Arbeit(Hört! hört!)'in der Korb- und Spielwaren-Jndustrie Thüringens. ES ist bemerkenswert, daß die Reichsregierung keinen Vertreter gesendet hat: dabei fehlt doch diesmal jede rote Drapierimg im Saal.(Heiterkeit.) Auch die bürgerlichen Abgeordneten halten sich fern.(Rufe: Dr. Potthof und v. Gerlach sind gekommen.) Setzen wir nicht zu große Hoffnungen auf den Reichstag, auch mit Hilfe unsrer Organisationen läßt sich manches erreichen.(Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Legren erklärt: In Stuttgart, wo übrigens ein Vertreter des Reichsamtcs des Innern, Dr. Hölzer, zugegen war. haben wir den Saal nicht rot, sondern nach unsrem Geschmack dekoriert. Wenn dieser Saal einer Dekoration bedurft hätte, so hätten Ivir ihn auch nach unsrem Geschmack dekoriert.(Heiterkeit.) Wir haben an sämtliche Reichstags- Abgeordnete Einladungen ergehen lassen, gefolgt sind ihr die Mitglieder� der social- demokratischen Fraktion v, Elm. Schmidt- Frankfurt, Bömcl- bürg, Molkenbuhr, Geyer, Meister. Mahlke, Dr, Braun. Herbert und Lesche, außerdem die Herren Dr. Potthoff und v. Gerlach, von denen der letztere wohl mehr social als freisinnig ist. (Große Heiterkeit.) Mögen die andren auch nicht gekommen sein. wir tverden sie doch im Reichstag zwingen, unsren Forderungen nachzugeben,(Großer Beifall.) In die Resolutionskommiision sind gewählt: Käming(Schneider). Niendorf(Tabakarbeiter), Rösle(Holzarbeiter), Schlicke(Metall- arbeiter), Simon(Schuhmacher). Frau Zetkin, Timm, Hübsch(Textil- arbeiter), Dr. Weber, Frau Ihrer, Alice Salomon und Hcimig (Portefeniller). Die iveitcren Verhandlungen werden ans Mittwoch vertagt. Schluß Uhr._ (fcntralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Deutschlands, Bezirk Berlin Osten. Heute, Mittwochabend&1/, Uhr, Sitzung bei Mann, Straußbergerslr. ll. Vortrag des Kollegen Julius Cohn über:„Bon der titranlensürsorge zur Krankenversicherung".— Gäste will- kommen. Dabakarbeiter und-Arbeiterinnen. Donnerstag, den 16. März. in Wilkes Fcstsälcn, Brunnenstt. t88: Oesienllichc Versammlung. Rcserenten: Reichstags- Abgeordneter Joh. Heinr. S ch m a l s e l d t- Bremerhaven irnd Cigarcttcnmacher Franz Mütze- Dresden. Thema:„Die lvirtjchastlichc Lage der Tabakarbeiter und wie ist dieselbe zu verbessern". Vermilektes. Ein Bubcustück. Auf den Personenzug, der um 6 llhr 49 Minuten in Elberfeld eintrifft, wurde kurz vor der Einfahrt in die Station ein Revolverschuß abgegeben. Die Kugel drang in ein Abteil dritter Klaffe und traf einen Insassen so unglücklich in den Kopf, daß er sofort tot blieb. Der Getötete heißt Julius Schmidt ans WeyerSmühle bei Wermelslirchcn. Vier Menschen ertrunke». Zlvilchen Kragujevac und GalamboS— zwei an der Donau liegenden Städten— vermittelt ein kleiner Pcrsonendampfer den Verkehr. Dieser Tage konnte er infolge des hohen Wasserstandes nicht an das User gelangen, deshalb mußten die Insassen in ein großes Boot übersteigen, das sie ans Land bringen sollte. Durch den herrschenden Sturm und durch die Uu- geschicklickkeit der Mattosen tippte das Boot, und alle Insassen fielen ins Wasser. Unter diesen befand sich auch der frühere Präsident der Skuptschina Rista Popovic mit seiner Frau, der Juwelier Antouievic, ein Großindustrieller ans Belgrad und mehrere Bauern. Von den 18 Personen sind die Frau des Präsidenten Popovic, ein Mädchen und zwei Bauern ertrunken, die andren Personen wurden gerettet. Der HauSvater. Wegen schwerer SittlichkeitSverbrcchen gegen- über seinen weiblichen Zöglingen verhandelte die Strafkammer in Landsberg a. W. gegen den Hausvater Gustav Werner vom Rettimgs- hause in Zühlsdorf. Der Angeklagte wurde zu acht Jahren Zuchr- hauS und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Marktpreise von Berlm am 7. März 1904 Weizen, gut D.-Ctr. mittel„ gering„ »Roggen, gut„ mittel„ gering„ sGcrste, gut , mittel gering sHaser, gut mittel„ . gering Richtstroh Heu Erbsen„ Speiiebohuen Lilifcn. * ab Bah». Kartosiclu, neue D.-Ett. Rindfleisch, Keule 1 kg do, Bauch„ Schwemefleisch, Kalbfleisch» Sammclslcijch utter Eier 69 Stück Karpfen 1 kg Aale, Zander, Hechte Bariche, Schleie Bleie Krebse per Schock � frei' Wagen' und ab Bah». 7.69 1.89 1.49 1,69 1.89 1,89 2,89 4.69 2,49 3,99 2,89 2,29 1,89 3,99 1,49 15,99 6,99 1,29 1.19 1.99 1,29 1.29 2,99 3,99 1,29 1,49 1,29 1.29 9,89 1,49 9.89 3,00 Tabakarbeiter u. Arbeiterinnen _ Berlins und der Vororte. Donnerstag» den 10. März 190t, abends S'/a Uhr, in„Wilkes Festsälen", Brunnenstr. 188: Oeffentliche Versammlung. TageS-Ordnung: 1g7/z 1. Unsere wirtschaftliche Lage und wie ist dieselbe zu verbessern?— Referenten: Cigarrenmachcr und Reichstagsabgeordneter Jvh. Heinr. Schmalfeldt.Brcmerhaven, Cigarrettenarbeiter Franz Mütze-Drcsdcn. 2. Diskussion. Es ist Pflicht aller Kollegen und Kolleginnen, in dieser Versammlung rechtzeitig zu erscheinen. __ Die Einberufer. Gar I Butri. Franz Schmidt. Orts-Krankenkasse für das Gewerbe der Tischler», pignofortearbkiter zu Berlin. Donnerstag, den 17. März 1S04. abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engel-User 15 (Saal 1): General-VeFsammlung der Vertreter der Kassenmitglicder und der Arbeitgeber. Tages-Ordnung: 1. Abnahme der Jahrcsrechnung pro 1903 nebst Bericht der Revisoren. 2. Wahl des Rcndantcn-Stellvertre- ters. 3. Wahl von zwei Kassierern. 4. Wahl eines Hilssarbciters. 5. Wahl eines Vorstandsmitgliedes. 6. Verschiedenes. 24486 ßer Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Verwaltungsstelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1— 5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Tonnerstag, den 10. März 1904, abends 8 Uhr, im Gewerkschafts- hause, Engel-Ufcr 13. Saal 1: MF* VersammSung"WD aller in der 112/17 Arahtiudustrie vou Serlill und Umgegend beschäst. Kollegen. Tages-Ordnung: 1. Fortsetzung der Diskussion von der letzten Versammlung. 2. Beschlutz- saffung über unsern Tarif. Die Ortsverwaltung. Tischler. Am Donnerstag, 10. März, abends 8 Uhr, findet im Gcwcrkschaftshaus(großer Saal) die Wahl von 3 Mitgliedern sowie L Ersahmänncr» zum Gesellen- Aus schuft statt(HH 42 des Jnnungs-Statuts). Um 3 Uhr findet die Wahl von 10 Beisitzern, sowie 10 Ersatzmännern zum Jnnungs-Schiedsgcricht statt. Wahlberechtigt für den Gcsellcn-AuSschutz sind die bei einem IunungS- mitglicdc beschäftigten volljährigen Gesellen, welche sich im Besitze der bürgcr- lichen Ehrenrcche befinden. Wählbar ist jeder Gesell«, welcher 1. volljährig ist und sich im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befindet, 2. zum Amte eines Schössen jähig ist(§ 31—32 des GcrichtSversassungs- ycsctzes) S. im übrigen den Anforderungen des HZ 129 der Gewerbe-Ordnung entspricht. Wahlberechtigt für die Beisitzer zum Schiedsgericht sind alle bei Jnnungs- Mitgliedern beschäftigten Personen, sosern sie das 25. Lebensjahr zurückgelegt und seit mindestens einem Jahr im Bezirk des Schiedsgerichts Wohnung oder Beschäftigung haben und zum Amte eines Schäften sahig sind. Wählbar ist, wer das 30. Lebensjahr vollendet, in dein der Wahl voran- gegangenen Jahre sür sich oder seine Familie Armenunterstützung aus öftent- lichen Mitteln nicht empfangen oder die empfangene Unterstützung erstattet hat und im Bezirk des Schiedsgerichts seit mindestens zwei Jahren wohnt, oder beschäftigt ist. Berlin, den 7. März 1904. Der Vorstand der Vlseliler-Innuntx zu Berlin. 287/16_ I. A.: C. Rahardt, Obermeister._ R ESTE zur Damen-Mäntcl- Confektion, Mädchen- und Knaben-Gardorohe. Damen- tucho in schwarz und farbig. Kostümstoffe, Kammgarn, Cheviot, Corkskrow, Plüsch, Sammeto, Besatzartikel etc. c ONFERTION. Fertige Jacketts, Capes, Paletot«, Kostümröcke etc. Grösste Auswahl. Billige Preise. CDalv Kottbuser A m F�eaXj Strasse Kränze«;»•?« F. Jaeobilz, Koppevstr. 44. Söcialdeniokrat. Wablvereln Licgnitzerstr. 15, im Alter von (büld-Ost.) Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, datz unser Genosse, der Former 242/13 LÄUSCÄ Löhe Stadtbez. 113.Ä, 60 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. d. Mts., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Central-Friedhofes in Friedrichsselde aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Borstand. Iferbaml der Masebiolsten und Beizer sowie Berutspossen Dcutschlauds. Verwaltungsstelle Berlin u. Umg. Todes- Anzeige. Die Beerdigung des am Tonn- tag, den 6. d. Mts., verstorbenen Kollege» Wilhelm Diedrich findet am Donnerstag, d. 10.£iärj, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Heilig Kreuz-Kirchhofs in Mariendorf aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die OrtSvrrwaltung. Die Beerdigung des am 7. d. Mts. verstorbenen Kollegen Christian Bathe findet ebenfalls am Donnerstag, den 10. März, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des Ennnaus- Kirchhofs in Rixdorf, Hermann- stratze(hinter der Ringbahn). aus statt. 138/7 Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung unsrer lieben Mutter, der Witwe Auguste Juppe geb. Oähnlke sagen wir allen Freunden und Bekannten, sowie dem Gesangverein„Zukunft I", dem Kegel- llub„Freundschaft", Steglitz, unsren herzlichen Dank. 2444b Die trauernden Hinterbliebenen. Dr. Simmel, Specialarzt sür[7*6/16* Bant- und Harnleiden. 10—2, 5— 7. Sonntags 10— 12 2— 4. Allen Bekannten und Kollegen zur Nachricht, datz mein lieber Mann, unser Vater, Bruder, Onkel und Schwager, der Tischler Hont? Seiler nach längerem Leiden verstorbcnist. Die Beerdigung findet am Donnerstagnachmittag 2 Uhr voin Krankenhause Bethanien aus nach dem Thomas-Kirchhos statt. Um stilles Beileid bitten Bio trauernden liinterbliehenen. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Den Mitglieder» zur Kenntnis, datz unser Kollege, der Tischler Kßoi'ii- Seiler am Sonntag, den 6. März, ver- storben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 2 Uhr. vom Krankcuhause Bethanien nach dem Thomas-Kirchhosc, Hermann- stratze, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltung. SodaldemokratischJablfereini Rixdorf. Todcs-Anzelgc. Den Mitgliedern zur Kenntnis, datz unser langjähriges Mitglied, der Dachdeckermeister Xarl Keller (11. Bezirk) verstorben ist. Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Etnuiaus- Kirchhofes aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 232/9 Der Vorstand. Allen Kollege», Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, datz mein Schwager, der Former Musnl Bohr am 7. März er. im Alter von 60 Jahren nach längerem Leiden verstorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Central- Friedhojes in Friedrichsselde aus statt. Karl Bancko» 2463b Blumenstr. 76. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, datz meine liebe Frau, unsre gute Mutter ftniiie Hannemann geb. Lehmann am Montag, den 7. d. M., abends 9 Uhr, nach langen Leiden sanft entschlasen ist. Die Beerdigung findet Freitag, N den 11. er., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des EmmauS- Kirchhofes, Hermannstratzc in Britz, aus statt. 2466b Der trauernde Gatte nebst Kindern. Fritz Hannemann, MuStäucrstr. 4. Deutscher Metallarheiter-Verbandl Verwaltungsstelle Berlin. Kachrnf. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Klempner Heinrich Tessmer am 2. d. Mts. an Gehirnschlag plötzlich gestorben ist. Ehre seinem Andenken! 112/18 Die Ortsverwaltung. Dt. Schünemann Specialarzt für Haut-, Hart»- und Frauenleiden, Seydclstr. 9. Somit. 9-11 Pianino, 200 Mark, sofort vcr- käusstch. Rttterstr. 120, I links.* Königs-Säle Neue Königstr. 26. Grotzer Saal für 2. Oster- Feiertag frei geworden. 19d3er Legehühner, echte Rasse, slcitz. Eigerl., gar. leb. Ank., sranco überall 13 St. m. Hahn 22 M., 6 St. m. Hahn 13 M.(Farbe nach Wahl). Lohneier,«>slowltr Ho. 45(Schlei). 1» Ziehung 3. Klafft 210. Kgl. Preuff. Lotterie. Liedmiz so» 8. März ISti,»oraittajt. 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IMi! iUiterr Zuzug ist streng fernzuhalten von Baatiseklem nach den Werkstätten von 2079b kl. Rcichmnt, Strastburg strafte 2 und König-Ehaussee 74- »ellippke, Friedrtchftr. 40, II, tFar». Rölkestr. 18, Neu-Weißensee. 79/15 Die Ortsverwaltnng. Achtung k Achtung! Arbeiter. Bei Küster, GreifSwalder- strasie, stehen sämtliche Maschinen- arbeitet im Streik.— Zuzug ist streng fernzuhalteu. 75/1* »er Vorstand. I HJ|1CU.V. IILUQV UJAf J-A-__«■''__**______________ Berantw. Nedalteur: Julius Kaliski, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Slockc, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckrei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Nr. 58. 21. Jahrgang. 3. KW im Jorwrlü" Krlim Klblilott Mitwoll), 9. März 1904. Berliner partei- Hngelegenbelten. Erster Wahlkreis. Montag abends 8'/z Uhr findet eine öffent- liche Wahlvereins- Versammlung bei Dräsel. Neue Friedrichstrafie 35 statt, in lvelchcr Reichstagöabgeordneter Buch- Wald über innere und äußere Kolonisation spricht. Heute. Mittwoch, den 9. März ist der Z a h l a b e n d des Wahlvereins in den bekannten Lokalen. Die Genossen werden noch darauf aufmerksam gemacht, daß die Zahlabende von jetzt ab an jedem zweiten Mittwoch im Monat stattfinden. Der Vorstand. Parteigenossen des zweiten Wahlkreises! Heute Mittwoch, abends ZVz Uhr, finden in allen bekannten Lokalen die Z a h l a b e n d e des Wahlvereins statt. Am selbigen Tage werden die neuen Mit- gliedsbücher ausgegeben. Der Beitrag wird vom 1. März an nur noch von den Bezirksführern kassiert; alle Mitglieder, die den Monat März bezahlt, eventuell im Voraus bczahlt'haben, erhalten neue Bücher. Die Mitglieder, die ihrer ZahlungSpflicht schon im Voraus nachgekommen sind, haben daraus zu achten, daß bis zu dem bezahlten Monat Marken nicht geklebt, wohl aber abgestempelt werden. Für diejenigen, die restierende Beiträge inklusive Februar zu zahlen haben, wird in den alten Büchern geklebt. Neu auf- genommenen Mitgliedern wird das Mitgliedsbuch durch den Bezirks- führer zugestellt. Der Vorstand. Arbeiter Schmargendorfs: Heute nachmittag von 2—5 Uhr findet im Sitzungssaale des Rathauses die Wahl des Gemeinde- Vertreters der 3. Abteilung statt. Als Kandidat der Socialdemokratie ist der Buchdrucker Arthur Pudlitz, Breitestr. 21 aufgestellt. Nur da eine jetzt zur Wahl stehende Mandat kann die Arbeiterschaft er- ringen. Bleibt diese Gelegenheit, einen Arbeitervcrtreter zu wählen unbenutzt, so fehlt der großen Masse der Wähler am Ort auf weitere sechs Jahre jede geeignete Vertretung. Arbeiter! Spottet des Ver- suches, durch eine für die Wahlbeteiligung ungünstige Wahlzeit Euch des Wahlrechtes zu berauben, opfert einen kleinen Teil der Arbeits- zeit und erscheint rechtzeitig, auch wenn Ihr auswärts arbeitet, zur Wahl. Wenn keiner fehlt, dann werden wir siegen I Britz. Die Verein sversammlung findet Freitagabend pünktlich 8>/z Uhr, bei Weniger, Werderstr. 27, statt. Gen. B v s k e spricht über unser Programm. Da weiter der Kandidat zur G e- meindewahl am 15. März in dieser Versammlung bekannt ge- geben wird, ist zahlreiches Erscheinen notwendig. Rixdorf. Heute, Mittwoch, findet bei Thiel, Bergstr. 151, die regelmäßige Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt, in welcher Rcichstags-Abgeordneicr Genosse A. v. Elm über das Thema: „Genossenschaften und Socialdemokratie" referieren wird. Da die Tagesordnung auch im weiteren noch wichtige Punkte enthält, er- Ivarten wir zahlreichen und pünktlichen Besuch. Auch haben Gäste und Frauen als solche, durch Mitglieder eingeführt. Zutritt. Der Vorstand. In Französisch-Buchholz, Bezirk Pankow, findet am Donnerstag- Nachmittag 3 Uhr die Wahl zur Gemeindevertretung für die dritte Abteilung im Lokale von Ackermann u. Schnelle statt. Da die Anzahl der Wähler der dritten Abteilung nur gering ist, so ist es notwendig, daß unsre Parteigenossen pünktlich zur Wahl erscheinen Unser Kandidat ist der Eigentümer Aug, ist Pohl. Zu 4 Uhr ist bereits die Wahl der zweiten Abteilung anberaumt. Der Friedcnaucr Wahlvercin feiert sein Stiftungsfest am Sonn- abend, den 19. März, abends 8 Uhr beginnend, bei Obst, Schöneberg, Meiningerstr. 8, da ihn, in Friedeican ein ge- eignetes Lokal nicht zur Verfügung steht. Karten a 39 Pf. sind zu haben bei den Komiteemitgliedern, den Mitgliedern des Gesang- Vereins„Rote Nelke" und Obst-Schöneberg. FriedrichSfrlde. Allen Genossen zur Nachricht, daß am Freitag- abend von 7—8 Uhr eine Flugblatt-Verbreitung zur Ge- meindewahl stattfindet. Sonntagmittag 1 Uhr bei Bube Volks- Versammlung. Referent Gen. I u l. K a l i s k i. Lokales* Die Ausstellung von Heimarbeiten, die zur Zeit im Saal V des Gewerkschaftshauses eingerichtet ist, wird begreiflicherweise von den Teilnehmern und den Zuhörern des Heimarbeiterschutz-Kongresses mit lebhaftem Interesse betrachtet. Aber auch ans weiteren Kreisen finden sich besonders in den Abend- stunden zahlreiche Besucher ein. Für diejenigen, die der äußerst lehrreichen Ausstellung einen Besuch zugedacht haben, sei bemerkt, daß die Besichtigung bis heute abend 8 Uhr jedem unentgelt- lich freisteht.— Besonderes Interesse erweckt der Teil der Aus- siellung, der die Heimarbeit in der Metallindustrie, die ja den meisten Berlinern ein unbekanntes Gebiet ist, veranschaulicht. Ein großer Teil der von Heimarbeitern hergestellten Metalllvaren stammt aus Thüringen. Da sind Schußwaffen aus Suhl. Jagd- flinten und Schützenbüchsen, die durch die Hände einer ganzen Reihe von Teilarbcitcrn gehen, bevor sie zum Gebrauch fertig sind. Alle diese Arbeiten erfordern eine große Geschicklichkeit; infolgedessen bringen es die Waffenarbeiter auf den im Verhältnis zu andren Zweigen der Heimarbeit„hohen" Wochenverdienst von durchschnittlich 18 M.— Andre Zweige der thüringischen Metallindustrie bereiten dagegen den Arbeitern ein ebenso trauriges Los wie etwa die Konfektion.«.. Wir sehen in der Ausstellung Erzeugnisse der Klernersen- industrie aus verschiedenen Orten Thüringens, besonders Werkzeuge, deren Herstellung den Heimarbeitern einen Verdienst von 6—10 Pf. die Stunde bringt. Ja es werden sogar Stunden- löhne von 3—6 Pf. verzeichnet, und dieser Jammerlohn wird in Ruhla bei der Herstellung von Uhr ketten allergewöhnlichster Art erzielt. Nicht besser dürfte es einer vierköpfigen Familie in Ruhla gehen, welche sich damit beschäftigt, bessere K i n d e r u h r e n aus 12 Teilen zusammenzusetzen, eine Arbeit, die mit 3,50 Mk. für 1200 Stück bezahlt wird.— Wer denkt wohl beim Anblick emaillierter Kochgeschirre, daß auch auf diesen Gegenständen der Fluch der Heimarbeit lastet. Im oberen Erzgebirge werden sie von Heimarbeitern auS Schwarzblech hergestellt, und dann in der Fabrik emailliert. Auch T h ü r s ch l ö s s e r der verschiedensten Art iverden im Wege der Heimarbeit hergestellt. Ein Bild zeigt uns eine Schlosserwerlstatt dieses Zweiges in Velbert. In einem engen Räume, so dicht nebeneinander, daß sie sich eben noch zur Not bewegen können, arbeitet ein Vater mit fünf Söhnen, von denen der jüngste nicht älter als 7—8 Jahre ist. Sehen wir hier, daß die Heimarbeit Kinder im zartesten Alter nicht schont, so zeigt unS ein andres Bild, daß auch Frauen, selbst bis ins hohe Greisenalter hinein, als Heimarbeiterinnen in der Metallindustrie ausgebeutet werden. In der Nähe von Solingen lebt eine 65 jährige Frau in einem Winkel eines halbverfallenen Hauses, der ihr als Wohnung und Werkstatt dient; die Greisin feilt Stiefeleisen, welche sie centnerweise von der Fabrik holt und nach der Bearbeitung wieder abliefert. Schließlich sei auS der Papierindustrie ein Beispiel dafür erwähnt, wie Unternehmer, welche den gewerkschaftlichen Lohntaris umgehen wollen, diese Absicht mit Hilfe der Heimarbeit erreichen. Aschinger und Reklam, zwei Geschäfte, welche das Publikum mit wohlfeiler Nahrung versorgen, die eine mit leiblicher. die andre mit geistiger Kost, müssen hierbei erwähnt werden. Der Trucker, der Aschingers Papierservietten liefert, läßt diese von Heim- arbeitern falzen und zahlt für 1990 Stück 35 Pf., während der tarifmäßige Lohn 50 Pf. beträgt. Eine Leipziger Druckerei, welche die Hefte der Reklamschen Universalbibliothek druckt, zahlt den Heim- arbeitern für das Falzen statt des tarifmäßigen Lohnes von 55 Pf. nur 35 Pf. für 1999 Bogen.— So macht sich der verderbliche Ein- sluß der� Heimarbeit in den verschiedensten Beziehungen geltend. Die Ausstellung bietet dafür noch manch lehrreiches Beispiel, und ihr Besuch kann jedem, der einen Einblick in die Verhältnisse der Heimarbeit gewinnen will, empfohlen werden Die Stadtverordneten-Bersammlung hat' sich in ihrer Sitzung am Donnerstagnachmittag 5 Uhr u. a. mit folgenden Gegenständen der Tagesordnung zu befassen: Berichterstattung des Etats- ausschusses über die nachstehend bezeichneten Etats für das Etatsjahr 1994 und zwar: Krankenhaus am Friedrichshain, Kranken- Hans Moabit, Krankenhaus am Urban, Krankenhaus Gitschincrstraße, Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kindcrkrankenhaus, Polizeikosten im allgemeinen sOrtspolizei) und Feuerlöschwesen, Straßenbeleuchtung, Straßenreinigung und Besprengung, Civilstandsämter, der Fleischschau für das von außerhalb eingeführte Fleisch, Grundstücke_ in der Stadt, ländliche Grundstücke in und außerhalb, sowie Mietsgrundstücke außerbalb der Stadt und Kalksteinbruch zu Rüdersdorf, Berechtigungen, Irren- und Jdioten-Anstalt in Dalldorf, Jrren-Anstalt Herzberge in Lichtenberg, Anstalt fiir Epileptische„Wuhlgarten" bei Biesdorf, Bade-Anstalten, Desinfektions-Anstalt in der Reichenbergerstraße, Heimstätten für Genesende und verschiedene Einrichtungen für die öffentliche Ge- sundheitspflege, Gymnasien, Nealghmnasien und Oberrealschulen, Realschulen, höhere Mädchenschulen, Turnhallen der städtischen höheren Lehranstalten, Spielplätze und Turnwesen im allgemeinen, verschiedene Einrichtungen für die städtischen höheren Lehranstalten und die höheren Mädchenschulen, Gemeindeschulen sVolkSschulen), Taubstummen- schule, Blindenanstalt nebst Betrieb der Beschäftigungs-Anstalt, Fort- bildungs-Unterrichtswesen, gclverbliches Unterrichtswesen, Gemeinde- Friedhöfe, Armenwesen, Friedrich Wilhelms-Hospital für Männer und Siechenanstalten in der Fröbelstraße, Friedrich Wilbclms-Hofpital für Frauen Pallisadenstraße, Waisenpflege im engeren Sinne, sowie Für- sorge für eingesegnete Waisen, Unterbringung verwahrloster Kinder in Fürsorge-Erziehung, Hochbau, Arbeitshaus in Rummels« bürg. Städtisches Obdach, DcSinfektions-Anstalt II, Hilfs- anstatt für Geschlechtskranke und Nachlaß-Vcrwaltnng, Park- und Gartenverwaltung, Verwaltung der Bureau- Dienstgebäude und der außerhalb derselben belegenen Bureaus.— Berichterstattung über die Vorlage. betreffend den Vorentwurf zum Neubau einer Anstatt für Hospitaliten in Buch.— Berichterstattung über den Protest gegen die Wahl des Hotelbesitzers L e i S zum Stadtverordneten.— Vorlagen, betreffend den Verkauf eines an der Schlüter-, Mommsen- und Niebuhrstraße in Charlottcnburg belegenen Gnindstücks,— die Uebernahme der Grundstücks-Be- und Entwässcrungspolizei durch die Stadtgemcinde,— die Vermietung des städtischen Grundstücks am Südufer 14/15 an die Berliner Elektricitätswerke,— den Empfang des Internationalen Frauen- kongresses,— und den Nachtrag zur Ordnung für die Erhebung einer Gemeindesteuer bei dem Erwerbe von Grundstücken im Bezirk der Stadt Berlin. Papst, Lco-Hospiz und Socialdemokratie. Mit dem Leo-Hospiz in der Rüdersdorferstraße beschäftigte sich gestern eine Katholiken- Versammlung in der Brauerei Friedrichshain. Das Leo-Hospiz, daS vor einigen Jahren mit einem Kostenaufivande von über 699 909 M. begründet wurde, prosperiert nicht. Es ist den verschiedenen Pächtern nicht gelungen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Die k a t h o- l i s ch e n Vereine, auf deren Besuch man rechnete, waren nicht im stände, den Wirten eine Mindesteinnahme zu garantieren, so daß der letzte Pächter socialdemokratische Versammlungen in den Sälen tagen ließ. Das gab zu heftigen Auseinandersetzungen Anlaß, die dahin führten, daß ein Verein zur Förderung der In- teressen des Leo-Hospizes gegründet wurde. Man hatte sich nun mit dem Ersuchen an den Fürstbischof von Breslau ge- wendet, die Fürsorge für das Hospiz zu übernehmen. Die Ant- ivort des Fürstbischofs lautete aber ablehnend. In der gestrigen Versammlung wurde dieser Bescheid lebhaft kommentiert. Man legte Verwahrung dagegen ein, daß der Fürstbischof Kopp das Leo Hospiz als Privatunternehmen bezeichnete. Beim Papst wurde bei der Gründung die Erlaubnis zur Benennung als„Leo-Hospiz" er- wirkt, und Leo schenkte dem Hause außerdem sein Bild i n O e l, das noch heute im großen Saale hängt. Uebcr die S a m m l u n g e n für das Haus soll nie öffentlich Rechnung gelegt worden sein, was verschiedene Redner kritisierten, wenn auch sehr zurückhaltend, da der jetzige geistliche Verwalter, der CentrumSkandidat für Berlin Dr. Stephan, bereits mir dem Staatsanwalt gedroht hat. Die Schulden wuchsen trotz der moralischen Unterstützung, die der Papst dem Unter nehnren zu teil werden ließ. Jetzt steht es unter gerichtlicher Verwaltung und das P a p st b i l d mit. Letzterer Umstand hat geradezu erbittert. Gegen die Verwaltung wurden heftige Vor- würfe erhoben. Die Diskussion war teilweise recht aufgeregt. Ein Redner meinte: Bitte Vorsicht! Wir werden sonst als Rebellen angesehen! Wenn Eminenz mit der Eingabe nicht einverstanden ist. hat die Sacke beim heiligen Vater auch keinen Erfolg. Ihm wurde geantwortet: Jawohl, dann wollen wir Rebellen sein! Wir haben alle unser Geld gegeben und wollen auch wissen, wie es verwandt worden ist l Nur dem Bescheide des heiligen Vaterö werden wir uns beugen. Man beschloß endlich eine Eingabe an den Papst und verlangte Verwaltung des Hauses durch eine Kommission. Die Thatsache, daß über die Sammlungen für das Leo-Hospiz nie öffentlich Rechnung abgelegt worden ist, ließe sich ja zu einem wunderschönen K o r r u p t i o n 3 a r t i k e l ausschlackten, wenn wir diese Angelegenheit in derselben unflätig-dummen Manier behandeln wollten, wie die katholische„Germania" die von Unmut eingegebene, aber an Thatsachenmaterial außerordentlich arme Broschüre unsres Parteigenossen G o e r k e. Aber lvir wollen die Centrumslente mit diesem nicht sonderlich koscheren Fall allein lassen und nur über die unglaubliche geschäftliche Ungeschicklichkeit der Berliner Katholiken unser Erstaunen ausdrücken. Sie, die ihrem Herrgott danken sollten, daß Socialdemokraten tolerant genug sind, auch in einem von ihren politischen Gegnern errichteten Lokale Versamm- lungen und Vergnügungen abzuhalten, scheinen unsren Parteigenossen gewissermaßen einen Vorwurf daraus zu machen, daß diese dem katholischen Vereinshause ihr Geld zugetragen haben. Unsrer Partei stehen vor allem im Osten und Südosten Berlins Lokale genug zur VerfügiMg, so daß sie nicht im geringsten auf das Leo- Hospiz an- gelojesen ist, das sich übrigens auch nicht mehr in der letzten Lokal- liste verzeichnet findet. Wiegen sich die Katholiken in dem Wahne, im socialdemokratischcn Berlin ohne socialdemokratische Gäste fertig werden zu können, so ist ihnen nicht zu helfen und das Leo-Hospiz mag dann zum Teufel gehen. Aber auch in diesem Falle werden unsre Parteigenossen die paar Centrumslente hier am Orte be- schämen und nichts dagegen einzuwenden haben, daß sie in den unsrer Partei zur Verfügung stehenden Lokalen auch ihre Angelegen- heften beraten. Ja, in ihrer Gutmütigkeit werden unsre Partei- genossen gewiß noch ein UebrigeS thun und den obdachlos gewordenen und von ihren obersten Scelenhirten in Deutschland im Stiche ge- lassenen Katholiken am Ende gar das Gewerkschaftshaus zur Ver- fügung stellen. Die Sympathie mit den„Rebellen" gebietet das schon. Die Regierung nnd die Einverleibung der Vororte. Der Regierungspräsident und der Landrat von Niederbarnim haben in der Frage der Verfassungsänderung bei Gelegenheit der Besichtigung der kommunalen Einrichtungen in Lichtenberg sich dahin ge- äußert, daß von einer Einverleibung der Vororte in Berlin zur Zeit gar keine Rede sein könne. Auch die Frage der Stadtwerdung Lichtenbergs sei noch nicht diskutabel, da ersichtlich Lichtenberg sich unter der Landgemeinde-Ordnung besser und sicherer entwickeln könne als im Rahmen der Städteverfassung. Die östlichen Vororte im besonderen würden recht bald einseben, daß zu ihrem Vorteile ihre Sehnsucht nach Berlin nicht gestillt worden sei. Auch die von den verschiedenen Vororten erstrebte Stadtwerdung werde nur zu deren Vorteile hintenangehalten. Die Wege unserer Regierung sind unerforschlich und wunderbar. Kein Schnorrer und Verschwörer. In einem bürgerlichen Blatt lesen wir:„Der Chef der Kohlen-GroßhandlungSfirma Emanuel Friedländer u. Co., Kommcrzienrat Fritz Friedländer, ist zum Geheimen Kommerzienrat ernannt worden. Man wird dies im Hinblick auf die verhältnismäßig kurze Zeit, die erst seit der Er- nennung des Herrn Fritz Fricdländer zum Kommerzienrat verstrichen ist, als eine ganz außergewöhnliche Auszeichnung dieses hervorragenden Großindustriellen betrachten dürfen." Auch bei Herrn p. Bülow hört die Antipathie gegen Mandel- stamm und Silbcrfarb auf, sobald die einstigen Schnorrer auf jener Steuerstufe angelangt sind, wo man sich schon dadurch um den Staat verdient mackt. daß man vier Prozent seines Einkommens an die Steuerkasse abzuführen hat. Das Schiedsgericht für Arbciterversicherung des Stadtkreises Berlin hat als ärztliche Sachverständige, welche zu den Sitzungen nach Bedarf zuzuziehen sind, ftir daS laufende Geschäftsjahr die nachgcnannten Aerzte gewählt: 1. Königlicher Kreisarzt, Geheimer Medizinalrat Dr. Becker in Berlin SW. 29, Gneisenaustr. 99; 2. königlicher Kreisarzt, Medizinalrat Dr. Stifter in Berlin NW. 49, Jnvalidenstraße 91; 3. königlicher Kreisarzt Dr. Zimmer in Berlin S. 59, Müllenhofstraße 1; 4. praktischer Arzt Dr. Wagner in Berlin W. 39, Hohenstaufenstraße 36; 5. praktischer Arzt Dr. Koehler in Berlin 8W. 46, Askanischer Platz 4; 6. Sanitätsrat Dr. E. Adler in Berlin W. 39, Motzstr. 99; 7. praktischer Arzt Dr. Hermann Engel in Wilmersdorf, Uhlandstr. 58/59; 8. praktischer Arzt Dr. Lennhöff in Berlin 80. 16, Schmidstr. 37. Das Schiedsgericht für Arbeitcrverficherung deS Eisenbahn« Direktionsb'ezirkes Berlin hat als Sachverständige, welche zu den Sitzungen nach Bedarf zuzuziehen sind, für das laufende Geschäftsjahr 1. den königlichen Kreisarzt, Geheimen Medizinalrat Dr. Becker in Berlin 8W. 29, Gneisenaustr. 99 und 2. den praktischeil Arzt Dr. Koehler in Berlin 8W. 46, Askanischer Platz 4, gewählt. Eine empfindliche Störung des Fernsprcchbetrieves»ach de» südlichen Vororten ist vor einigen Tagen durch einen— Diebstahl herbeigeführt worden. In der Nähe von Johannisthal waren die sämtlichen Leitungen zwischen zwei Gestängen in weniger als 16 Drähten zu je 69 Meter Länge von Spitzbuben abgeschnitten und gestohlen worden. Die Störung wurde erst morgens bei Aufnahme des Fernsprechdienstes bemerkt, und cS mußte die Strecke abgegangen werden, um die Ursache festzustellen. Auf die Ermittelung der Thäter, die etwa 39 Kilogramm Draht erbeuteten, ist eine Belohnung von 50 M. ausgesetzt. Der Selbstmord des RcgierungsratS Brendel. Der Zusammen- bruch des alten Bankgeschäfts von Brendel u. Co. durch die Millionen- Veruntreuungen des Proknristen Reinhardt hat den Haupt- inhaber des Geschäftes Regierungsrat Hugo Brendel vom Reichsamt des Innern veranlaßt, seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen. Regicrungsrat Brendel war ständiges Mitglied des Reichs- VersicherungSamteS und bewohnte mit winer jungen Frau und zwei Kindern das Haus Cauerstr. 13 zu Charlottenburg, daS gleich dem Bankgeschäft ihm und seiner Schwester als den Brendelschen Erben gehörte. Um das Bankgeschäft kümmerte er sich persönlich nicht, da er sich ganz seinem Amte widmete. Als nun Reinhardt seine Unterschleife nicht mehr verdecken konnte und sich Brendel offen- barte, machte dieser sofort Anzeige und beantragte die Verhaftung des Ungetreuen. Reinhardt entzog sich jedoch seiner Fest- nähme, bis er sich am Montagabend freiwillig stellte. Gestern vormittag wurde er von der Kriminalpolizei eingehend ver- hört. Er gab an, daß daS Geschäft seit einiger Zeit nicht hesonders mehr gegangen sei. Er persönlich habe sich in Spekulattonen ein- gelassen, von denen er Regierungsrat Brendel keine Mitteilung ge- macht habe. Als ihm die Verbindlichkeiten über den Kopf gewachsen seien, habe er Depots angegriffen in der Hoffnung, die Fehlschlage wieder weit zu machen und alles decken zu können. Da alle Ver- suche mißlangen, habe er sich endlich seinem Chef offenbart. Während der Vernehmung Reinhardts kam Brendel, der feit der Flucht des ungetreuen Prokuristen beständig in den Räumen der Bank an der völligen Aufklärung der Unterschleife gearbeitet hatte, zu einer Besprechung nach dem Polizeipräsidium. Von dort nach- mittags in das Bankgeschäft zurückgekehrt, sprach er mit einigen An- gestellten, die hier thätig waren, ließ sich ein Glas Wasser geben und ging in sein Comptoir. Während die Angestellten glaubten. daß er dort an der Feststellung deS Fehlbetrages weiter arbeitete, begab er sich durch die Reinhardtsche Wohnung nach der Hintertreppe nnd stürzte sich aus dem dritten Stock auf das Pflaster des Hofes hinab, wo er mit zerschmettertem Schädel liegen blieb. Der Arzt Dr. Jsaac, der aus der Nachbarschaft sofort gerufen wurde, konnte nur noch den Tod feststellen. Die Revier- Polizei stellte die Leiche sicher und ließ sie nach dem Schauhause bringen. Regicrungsrat Brendel war 46 Jahre alt. Der flüchtige Prokurist I. Reinhardt der Firma Brendel u. Co. hat sich der Polizei selbst gestellt. Er war seit Donnerstag voriger Woche spurlor verschwunden. Obgleich er im Hause der Bank. Französischestr. 13. wohnte, war es unmöglich, über die näheren Umstände seiner Flucht etwas zu ermitteln. So tappte man bei der Verfolgung seiner Spur im Dunkeln, bis der Flüchttge gestern abend auf der 2. Polizeiwache in der Oberwallstraße erschien und sich der Behörde selbst stellte. Die Ermittelungen über die Benintreuungen des Sekretärs Ernst Buschbeck in Niedcrschönhansen haben ergeben, daß der Verhaftete vor 13 Jahren als Geisteskranker in der Charit« war. Der Schwiegervater Buschbecks, ein vermögender Mann Namens Scheel in Schöneberg, behauptet, daß schon vor vier Jahren, als Busch- deck Sekretär wurde, in der Kasse der Gräflich v. Voßschen Sttftung 39 990 M. gefehlt hätten. Seitdem die Frau des Verhafteten die Villa verlassen hat, herrschte dort eine ziemlich wilde Wirtschaft. Zahllose Trödler erschienen und kauften alles, was ihnen gefiel. Tiere, Einrichtungsstücke, Tchmucksacheu usw. Ein Bär wurde mit seinem Käfig, der allein 146 M. kostete, für 199 M. verkauft, andre Tiere wurde« für ein paar Mark mitgenommen. Erst gestern nachmittag kamen fünf Berliner Gerichtsvollzieher mit Gendarmen und machten der Verschleuderung ein Ende, und alles, was noch da war. beschlagnahmten sie. Während Buschbcck am Ort jeden Preis bezahlte. ließ er sich bei größeren Abschlüssen in Berlin fast immer verklagen. Bei Krossen hatte er ein Jagdgebiet, auf dein ein Jagdhaus steht. Auch dort halten die Gerichtsvollzieher jetzt Umschau. Eine heftige Explosion fand gestern abend auf dem Bahnhof u m m e l s b u r g statt. In den Toiletten auf dem Perron des Ostbahnvcrkchrs war das Gaslicht ausgegangen. Der Arbeiter Reinhold Schultze aus Lichtenberg erhielt den Auftrag, nach den Ur- fachen zu forschen. Kaum hatte er den Raum mit einer Laterne betreten, als ein heftiger Knall erfolgte. Der größtenteils aus Eisen bestehende Bau lvurde um ca. 1 Meter vom Fundament gerückt, die Cementierung vollständig abgerissen und die Fenster zertrümmert. Schultze wurde auö einem zwei Meter hohen Fenster geschleudert. Er erlitt außer den Brandwunden einen Beinbruch und innere Ver- letzungen. Die Ursache der Explosion ist noch nicht festgestellt. Es liegt entweder ein Gasrohrbruch vor, oder böswillige Menschen haben die Hähne abgeschraubt, so daß das Gas ausströmte. Feuerbericht. Nur weuig Alarmierungen hatte die Wehr iu den letzten 24 Stunden zu verzeichnen. Gegen Abend wurde sie nach der Schöiihcmser Allee 170 gerufen, wo in der Brauerei Pfefferbcrg Mtien-Gesellschaft ein kleines Feuer entstanden war. Tie Gefahr tonnte leicht beseitigt werden. Gegen 11 Uhr waren in der Memeler- ftrasie 01 durch grobe Unachtsamkeit Möbel, Decken und Kleidungs- stücke in einer Wohnung in Brand geraten, während in der Schelling- straße 10 in einer Badestube ein Feuer ausgekommen war, das auch den Fußboden beschädigte. In der DreZdenerstr. 28 hatte vorher die zweite Compagnie einen Brand zu beseitigen, der durch eine Petroleinnlanipe entstanden war nnd das Balkenlager ergriffen hatte. Die übrigen ganz vereinzelt eingelaufenen Alarmierungen waren auf„blinden Lärm" zurückzuführen. I»« Cirkus Busch, wo jetzt die Wiener Damenkapellc und die Nicsen-Bären-Gruppe des Mr. Roberto vielen Beifall findet, brachte der gestrige Tag ein neues„Zugmittel": die Schleifenfahrt und den Todessprung einer Miß s?) Jackson. Blau kann ja schließlich keinen Menschen hindern, Kopf und Kragen zu riskieren, und wenn es Leute giebt, die solche Schauspiele genießen wollen, so finden sich immer arme Teufel, die fürs liebe Brot ihre Haut zu Markte tragen. Aber schön ist'S nicht, und als ein Zeichen hoher Geistes- oder Herzens- bildung kann man das Verlangen nach solchen Schaustellungen wohl auch nicht ansehen. Und zudem gilt hier das Gesetz der Steige- rung: der Nervenkitzel verlangt immer stärkere Reizmittel. Bei der ersten� Schleisenfahrt erschien der Wagehals bis zur Unförmlichkeit gepolstert und wattiert. Dann fiel diese Schutzmaßregel weg. Der nächste Schritt war, die Schleife selber an einer bestimmten Stelle zu durchbrechen. Miß i?) Jackson will von der Höhe des Cirkus in steiler Bahn auf dem Velociped heruntersausen, durch die Schleife rasen und dann von der Schleife durch die Luft bis an den Rand der Manege sich schleudern lassen, allwo eine breite Matratze zur Hemmung des Falles niedergelegt ist. Bei der gestrigen Vorführung mißlang der Schlußeffekt: sei es, daß das Schutznetz zu niedrig ge- spannt war oder Miß Jackson etwas zu weit rechts geriet— kurz, der Sprung mißlang, Miß Jackson wurde gegen das Netz geschleudert, flog init dein Rad über dasselbe hinaus und schlug mit dem Hinterkopf an die erste Sitzreihe rechts. Zum Glück verlor Miß Jackson nicht das Bewußtsein, sondern nur die Perrücke, wurde hinausgeführt und erschien dann nach einigen Minuten wieder, so daß das lauten Beifall spendende Publikum wohl die Hoffnung hegen konnte, Miß Jackson habe keinen ernsten Schaden erlitten. Verlieren würde die Welt allerdings auch nichts, wenn dieses Mißgeschick als Warnung vor unnötiger Gefährdung des Menschenlebens zu einer Einstellung solch' halsbrecherischer Künste führen würde, bei denen das Gelingen nicht vom bloßen Geschick des„Künstlers" abhängt. „Ein tolles Jahr" betitelt sich die neue satirisch-parodistische Ausstattungsrevue von Julius Freund(Mufil von Victor Hollaender), die am Sonnabend im Metropol-Theater zum erstenmal in Scene gehen wird. Die letzte Aufführung von„Durchlaucht Radieschen" findet am Donnerstag statt, da am Freitag das Theater geschloffen bleibt. Das Ensemble für die neue Revue ist durch das Engagement des Frl. Ada Milnni vervollständigt worden. Vortragsabend. Heute abend Uhr hält Genosse Dr. A l b e r t h im Gewerkschaftshanse, Saal I, einen Vortrag über„Sociale Dichtung"(Lyrik) mit Recitationen. Unter andern: kommen Dichtungen von Heine, Freiligrath, Herwcgh, Dehme!, Liliencron, Henckell und Otto Krille sowie Simplicissimus-Gedichte von Peter Schlemihl zuin Vortrag. Der Eintritt ist frei. Hua den Nachbarorten. Treptow- Baumschulenwcg. Die Beteiligung an der gestrigen Gemeinderatswahl war auf beiden Seiten weit stärker als in den Vorjahren. Es erhielten Genosse Gramenz 322, Dr. Schmidt (Mischmasch) 311 Stimmen.— Damit zieht der erste Socialdemokrat auch in unser Genreindeparlament ein. Tie Rixdorser Stadtverordnete». Pexsanunlung begann am Möniag die Etatsberatnng. Von einer Generaldebatte wurde Ackstand gc- nommen. Bald nach dein Beginn der Spccialberatung kam cS zu einer lebhaften Debatte. Der Voranschlag für die Kanalisation gab dem Stadtv. W u tz k y(Soc.) Anlaß, auf die aus einem eigenartigen Grunde erfolgte Entlassung zweier Arbeiter einzugehen. Die be- kannte Rückgängigmachung der von der zuständigen Deputation den Äanalisationsarbeitcrn bereits zugestandenen Lohnerhöhung, über die wir seiner Zeit ausführlich berichteten, hatte bei den Kanalisafions arbeiten: das Gefühl hinterlasse», daß die„Zufriedenheit" der Straßcnarbeiter daran die Schuld trage. Es kam infolge dessen zu Reibereien zwischen einzelnen Arbeitern beider Kategorien. Darauf erging an sämtliche Kanalisationsarbeiter eine schriftliche Verwarnung in Form eines Protokolls, das sie unterschreiben sollten. Das Protokoll besagte aber zugleich, daß sich die Leute damit ein- verstände n erklärten, im Falle der Wiederholung solcher Reibereien ohne Untersuchung s o f o r t e n t l a s s e n zu werden. Alle unterschrieben bis auf zwei bei jenen Reibereien ganz unbeteiligte Leute, denen die Unterschrift jenes horrenden Schriftstücks als eine Selbstentmannung erschien. Beide stehen in: Vordergrunde der Organisafiou der städtischen Arbeiter. Sie verweigerten die Unterschrift und wurden daraus mit Zustimmung des Stadtbaurats und der Mehrheit der Bandeputatioi: unter Jnnehaltung der Kllndigungsftist entlassen, obgleich sie sieben Jahre im städtischen Dienste waren. W u tz k y tadelte dies Ver- fahren und verlangte gleich dem Stadtv. Hoppe(Soc.) energisch Aufklärung darüber, wie so etlvas möglich sei. Stadtv. Rahmig (von der Mehrheit der Baudeputation) rechtfertigte selbstverständlich das Vorgehen und sprach von Rädelsführern. Dies nagelte W u tz k y sofort fest. Damit sei der wahre Grund der Entlassung ausgesprochen: man habe ebci: die Gelegenheit benutzt, unbequeme Leute loszuwerden. Obwohl ihnen vor- liegend nichts vorzuwerfen gewesen sei als die berechtigte Verweigerung der Unterschrift, habe man sie abgeschoben. Ein solches Verfahren entspreche nicht der Würde einer städfischen Ver- waltung.— Stadtbaurat W e i g a n d erklärte, daß die beiden Eni- lassenen„mit ungebührlichen Worten" die Unterschrift verweigert hätten. Das sei eine Gehorsamsverweigerung, iin Jnter- esse der Aufrechterhaltung der Autorität hätte darauf die Entlassung erfolgen müssen.— Stadtverordneter W u tz k y wollte diese sonderbare Bestimmung des Begriffs der„Gehorsamsverweigerung" und die ganze Sache noch einmal kritisch beleuchten und meldete sich nochmal zun: Wort. Der Stadtvcrordneten-Vorstcher hielt aber die Sache für erledigt und ging z» einem aitdern Punkte des Vor- anschlags über. Beim Punkt„H e b c g e b tt h r e n für Kirchensteuer" be- antragte Stadtverordneter H e n n i g(Soc.) die Streichung des Postens in Einnahme und Ausgabe. Ihm und vielen andren Bürgern (allein fünf Mitgliedern der socialdemokrafischen Fraktion) werde immer wieder Kirchensteuer abverlangt, obwohl sie schon vor sieben, sechs Jahren durch amtliche Bescheinigung ihren Austritt aus der Landeskirche nachgewiesen hätten. In diesem Jahre habe sich die Zahl solcher fälschlichen Heranziehung sogar mit Androhung der Pfändung im Verhältnis zur Zahl der Dissidenten so gehäuft, daß es den Anschein der Chikane erlveckt habe. Man solle reklamieren, werde gesagt: die Vollziehungsbeamtcn ließen sich auf nichts ein, wem: man den Ausweis zeigen ivolle. Eine entsprechende Order sei ergangen. Mit demselben Recht könnte man ja auch jeden»fit einer Heran- ziehung zur Hundesteuer belästigen und ihm raten, zu reklamieren. Das beste wäre, die Stadt überließe die ganze Sache wieder der Kirche. Die Stadtvv. Hoppe iSoc.) und W u tz k y(Soc.) sprachen im selben Sinne, während Stadtrat Weinrcich und Bürger- ineister Voigt in ihren Erwiderungen sich namentlich darauf be- riefen, daß eine Anzahl Fehler inimer vorkommen könnten und würden. Der Bürgermeister gab jedoch zu, daß Verbesserungen des Verfahrens erforderlich seien und versprach solche„thunlichst".— Hoppe(Soc.) griff aus seinen Ausführungen die hervor, daß die Aufstellung der Kirchensteuerlisten von ganz jungen Leute» binnen kürzester Zeit erledigt werde» müßte. Gerade dagegen sei Front zu machen, zumal die jungen Leute für die meist in Ueberstunden verrichtete Arbeit eine äußerst winzige Bezahlung er« hielten. Christlich fei das auch nicht.— Die Mehrheit lehnte in» dessen den Antrag auf Streichung des Postens ab. Bei der„Entschädigung der Gewerbegerichts-Bei« s i tz e r" wird socialdemokrattscherseits die Erhöhung des Satzes von 4 auf 0, mindestens aber auf ö M. angeregt. Stadtrat Hoffmann verweist darauf, daß der Satz in: Ortsstatut festgelegt sei und in: übrigen die Sitzungen mit Beisitzern in Zukunft möglichst in der Mittagszeit beendet werden sollten. Beim Punkt„Mieten" rügt Wutzky, daß den Turn« vereinen die beiden städtischen Turnhallen nicht einmal gegen Zahlung einer Miete überlassen würden. Stadtrat W e i n r e: ch und Bürgermeister Voigt führen„technische Gründe" und zu starke Besetzung der Turnhallen an.— Conrad(Soc.) und Wutzky(Soc.) kennzeichnen die Einwürfe als nicht durchgreifend. Der Grund sei tvahrscheinlich die Antipathie gegen die Arbeiter- T u r n v e r e i n e, die jedoch jeder Begründung entbehre. — Im Etat erscheint zum erstenmal ein Posten:„Für Kon- trolle des Verkehrswesens: 1800 Mark". Es handelt sich um die Feststellung der ungeheuerlichen Vertragsverletzungen der Großen Berliner Straßenbahn durch Nichtinnehaltung der Fahrzeiten. Der Posten loird nach einer durch Dr. Silberstein(Soch ver« anlaßten Debatte über die durch das Verhalten der Gesellschaft ver- ursachten Mißstände genehmigt. Die Weiterbcratung wird vertagt. Steglitz. Die gestern stattgehabten Gemeinde wählen der dritten Klasse ergaben folgendes Resultat: I.Bezirk: Socialdemottatic438, Mieterverein383, Kommunalverein 170 Stimmen; Stichwahl zwischen Socialdemokratic und Mictcrverci». 2. Bezirk; Socialdemokratie 232, Mietervercin 370 und Kommunalvercui 202 Stimmen; Stichwahl zwischen Mieter- und Kommunalvercin.— Das Resultat ist überraschend ungünstig und für die hiesige Arbeiter« schaft tief beschämend. Dem: nicht etwa der wirklichen lieber- macht der Gegner verdanken wir die Niederlage, sondern der geradezu miserablen Wahlbeteiligung seitens der Arbeiterschaft. Der glänzende Sieg vor zwei Jahren, wo wir unfrei: Kandidaten mit circa 200 Stimmen Majorität wählten, scheint bei vielen Arbeitern die Ansicht gezeifigt zu haben, daß wir diesnial auch ohne ihre Stimme den Sieg erringen würden; die Folge dieser Nachlässigkeit sehen wir: Stimmenrückgang in beiden Bezirken.— Jetzt gilt es. mit aller Kraft in die Agitation zur Stichwahl für den ersten Bezirk einzutreten. Thun die Parteigenossen hierbei ihre Pflicht, gelingt es uns, die Säumigen an die Urne zu bringen, dann, aber auch nur dann, können wir die Scharte noch auswetzen. Es handelt sich um zwei Mandate, darum Parteigenossen, entfaltet Euren ganzen Eiser, der zu erringende Preis ist des.Kampfes wert. Lichtenberg. Einem schweren Unfall mit tödlichem Ausgange nmßten gesten: nachmittag gegen ö1/- Uhr die Passanten der Dorf« straße, gegenüber dem Rathause, zusehen, ohne helfen zu können. Ein schwerer Kohlenwagen des Fuhrhcrrn Zierold aus Hohen-Schön« Hausen fuhr auf den Schienen der Straßenbahn. Zwei Knaben im Alter von 13 und 0 Jahren saßen aus dem Wagen, während der Kutscher hinter dem Wagen die herabgefallenen Kohlen aufsuchte. Der kleinere Knabe bückte sich nach vorn, als ihm der Wind die Miitze vom Kopf riß, die der ältere auffangen wollte. Ein Schrei — und unter dem Vorderrad lag init zermalmtem Kopf der Knabe. Passanten hoben das Kind auf und sorgten dafür, daß die Leiche in die Leichenhalle gebracht wurde. Der Verunglückte ist der erst 13 Jahre alte Adolf Kummer, der Weißenseer Weg 8 bei den Eltern wohnte. Der Kutscher hatte das Fuhrwerk im Stich gelassen und das Weite gesucht; er wurde aber nach wenigen Stunden in Berlin ermittelt und festgenommen. Waarenbaus Hermann Tiete JL eip Ziffer s trasse 43—49— IZrausenstrasse 43—49 Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Sonnabend Soweit der Vorrath reicht: Vier caqe M lebensmiM Gemüse- Conserven Früchte-Conserven Melange- Früchte Pfirsiche Frucht gesch. Erdbeeren Kaiserkirschen ohnero|tein Kaiserkirschen mitttein Saure Kirschen ohn|teiIl Saure Kirschen mitstein Schwarze Kirschen Heidelbeeren extra fein Pflaumen in Essig u. Zucker Werd. Birnen v, Frucht v.'/. I00 55 Pf. I40 75 Pf. I15_ •jOO 75 jOO 75 65 60- 70 40 Pf. 75 43 Pf. 55 Pf. 43 Pf. 43 Pf. 38 Pf. Metzer- Erd beeren■ Confitu re per grosses Glas 90 Pf- -Conserven Pommersche Bismarckheringe 7 st. p. Dose 45 Pt Delicatess Fettrollmöpse 30/2 Roiien 70pt Delicatess Fettrollmöpse 18/2 Roiien 50 Pt Französische Sardinen feinste Marke Saupiquet(Diplomat) Marke Duvet v» 230 Marke Duvet'/, l15 Picknick-Sardinen Elbinger Neunaugen «Nordsee-Krabben Gabelbissen(besondere Delikatesse) 1/1 260 p i/t 85 pf. Marke Lambert'/» 200 Marke Chevalier'/, 95 pt p. Dose 32 45 Pf. 6 St. p. Dose 85 Pf. '/- Dose 32 V| 53 V, I15 p. d. 65 Pf. Mehrere Transporte Südfrüchte 20, 30, 40, 50, 60 35, 40—— 525 575 6°° 650 Getrocknete Serbische Pflaumen 225 Apfelsinen Citronen Mandarinen 12 Stück 12 Stück 30, Originalkisten Apfelsinen 100 150 180 80 Stck. Blut in Körben gewogen, ca. 20 Pfd., p. Pfd. in Kistchen, elegante Ausstattung, 25 Stck. 32 pf. 140 sehr fleischig, Kistchen gewogen ca. 9 Pfd. Feipen per Kistchen 32 pt Derantw. Redakteur: Julius Kaliski, Verlin. Zur den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck n. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u. VcrlagSanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW»