Ur. 59. Bbenntmenfj»Beding ungcn: Ab armem mtS. Preis priwumerania I Pierteljährl. M5. manatl. 1.10 Mt, wöchentlich 28 Pfg. frei WS Haus. Einzelne Rümmer K Pfg. Sonntags- nmmner mit illustrierter Sonntags. Beilage»Die Reue Well' 10 Pfg. Post. Abonnement: 1.10 Marl pro Monate Eingetragen w die Post-ZeitungS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich< Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland g Marl pro Monat. vlchlliit lazu» aoBer(Bsntaa*. 31. Jahrg. Vevlinev VolksblÄkt. Sie Inlertlsni-eedahr velrägt für die fechSgefpallcne Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschaftlichc Vereins. und BerfammiungS-Anzeigen 25 Pfg. „Kleine Hnreigen", das erste(fettgedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 15 Buchstaben zühle» für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Lcfttagen bls L Uhr vormittags gevssnet. Telegramm-Adresse! ,.SHUIiUlll»Ii»t Rcrlln". Zentralorgan der fozialdemokratifcben Partei Deutfchlands. Redaktion: SRI. 68» Lindenetrasse 69. Kernsprecher: Amt IV. Nr. 1D83. Expedition: SRI. 68» Lindenstrasee 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. IS8I. Quittung. Im Monat Februar gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Berlin. Beiträge der Wahlkreise: 3. Kreis 500.—. 4. Kreis Südost 1000,—(darunter Sparbercin„Streng Reell" 20,—. Silvester. Lausitzerplatz 13 4,60, Beitrag Manteuffelstr. 123 1,—, aufgelöster Skatklub„Ohne Ramsch" 5,—, Beitrag von Hemmling 5,—, restierende Beiträge von Kahlenberg.8,40, Tischlerei A. B.. Görlitzer Ufer 23 30.—). 6. Kreis 6600,—(darunter Näther, Huttenstrabe 3,—, Arbeiter-Radfahrer der Provinz Branden bürg, Gaufest 25,—. Dr. F. M. 10,—, Ucbcrschusi d. Kranzsp. für Rosenow v. d. Arbeitern der Firma Flöter 14,00, Leseklub„Nord- kante" 4,81, Putzerkolonne E. Nixdorf durch Gustav 10,—, Recitationsabend Bezirk 560 3,30, kleiner Saalbcsitzcr Bad- strasie 54 4,—, Personal der Buchdruckern Witze! 2,23, Bau Aschinger, Putzerkolonne Schumann 1,80, A. B. Mister 1,—). Berlin, diverse Beiträge: A. B. 5,—. Central-Berband der deutschen Brauerei-Arbeitcr, Sekt, l 5,—. Dr. L. A. 100,—. Ueberschust der Kranzsp. f. Rosenow v. d. Arbeitern der Gasmesser- u. GaSofenfabr. Mariendorf 11,65. Gesammelt v. 4 Tabakarb. der Cigarrcnfabrik Schliemannstrahe 3,—. Uebersch. der Kranzsp. f. Rosenow v. d. Arb. am Bau d. Landesversicherungsanstalt 5,15. Sechserkasse Tischlerei Schwarz, Urbanstraße, Saal 2 Treppen 10,—. H., für Eschwege- Schmalkalden 200,—. Zur Wiedererwerbung verlorener Rechte 10,—. Contobucharbeiter vom Wedding 5,—. Bicrprozente der Schlosser der Finna Flatow 14,60. Munition zum Kampfe für Wahr- heit und Recht 4,—. Ueberschuß der Kranzspende für Rosenow von den Arbeitern der Daimler-Motoren-Gesellschaft Marienfelde 43,35. L. u. H. B. 10,—. Cigarrcnfabr. R. Schulz, Fricdrichsfelderstr. 21, 8,—. Für einen Arbeiter-Notizkalender 0,50. VorwärtS-Zinsen v. Dr. Fr. 6,—. ZcitungSfouds auS Grabowsee 2,—. Amerik. Aukt. bei W.. HagelSbcrgerstr. 2, 2,60. R. F. 2,—. M. G, Mitgliedsbeitrag für 1004, 17,—. Arb. d. Nene» Berliner Genossenschaftsbäckerei 26,—. Gutenberg 86,50. Mitgl. d. U.-Dr. 4,75. Buchhandlung Vorwärts 20 000,—. Durch Stadth. 1,—. Putzerlolonne A. Mogel, amerik. Auktion 2,—. P. S. 50,—. A. B. 50,—. Beelitz. Sanatorium, Ueberschuß der Kranzspende für Rosenow 9,—. Bern 50,—. Bcuthen O.-Schl., von den Parteigenossen 5,—. Breslau, socialdemokratischcr Verein 100,—. Bant-Wilhelmshaven, Wahlverein 123,20, Cottbus, P. L. 2,—. Chemnitz, Z. 1,—. Charlottcnburg. für Wahlagit. i. Eschw.-Schmalk. 5.—. DreSden-A.. socialdemokratischcr Verein 300,—. Falkcnbcrg (Oberschl) 2,—. Fürth, Wahlkreis 20,—. Gotha, b. d_Partei- genossen durch den Vertrauensmann 30.—. Gutschdorf bei Striegau 4,—. Gießen. E. K. 10,—. Gera(Reuß), socialdemokr. Verein Rcuß j. L. 150,—..Hornberg i. Schwarzw., Beitrag v. Wahlverein 10,—. Hamburg, 3. Wahlkreis 4000—. Hückeswagen, Partcibcitrag 25,—. Hannover 1000,—. Leipzig, 12. u. 13. sächs. ReichStags- WahlkreiS 2000,—. Lunzenau. für Reichstags-Handbnch 5,—. Landeshut i. Schi., socialdemokr. Wahlverein LandeSh.- Bolkenb- Iauer 30,—. Luckenwalde, Rufus 5,—. Mülhausen im Elf., Einzelmitglieder der socialdemokr. Partei Deutschlands 10,—. Nürnberg, H. u. M. 4,—. Niederzlvönitz, 10. sächs. SIeichSiags- Wahlkreis 100,—. Offenburg i. B., Traudl 1,30. SionSdorf, lieber- schuß v. d. ReichStagSwahl d. Wahlkreises Lennep- Remscheid-Mett- mann 50,—. Randow-Greifenhagen. socialdemokr. Wahlv. 4. Ouart. 1003 100,—. Richzenhain, Arbeiter-BildungSverein 3,—. Straß- bürg i. E., Altvater 5.—. Schwarzenbach a. S., socialdemolrat. Verein 5,—. Solingen, vom Kreiökomitce 45,—. Stuttgart. G. U. 10,—. Schweinfnrt. socialdemokr. Verein 10,—. Teltow- BecSkow- Charlottenburg. Wahlvcrcin, Dezember u. Januar 200.—. Württem- berg 100,—. Waldheim, Wahlv. 1. Quart. 1004 25,—. Berlin, den 8. März 1004. Für den Parteivorstand: A. Gcrisch. Krcuzbcrgstr. 30. Eine soeialdemokratische Veranstaltmig. In Wort und Bild ist denen, die hören wollen und sehen wollen, während dreier Tage das himmelschreiende Elend der verdammten Heimarbeit vorgeführt worden und der Weg ist gezeigt worden, auf dem Hilfe gebracht werden kann. Aber die herrschenden Kreise wollen nicht hören. Die Melodie von der socialdemokratischcn Veranstaltung, die schon vor dem Kongresse angeschlagen wurde, wird mm noch eine Zeitlang fortgespielt werden. Der ganze stumpfsinnige Chorus der großen und Ileinen Neptilpresse. der den Unverstand der Massen kultiviert, wird in den nächsten Tagen drucken, waS die „Konservative Korrespondenz" heute bereits schreibt: „Der Heimarbeiterschutz-Kongreß hat sich, wie vorauszusehen war, als durch und durch soeialdemokratische Veranstaltung erwiesen. Zur Dekoration dienten einige Socialreformcr der sogenannten von Berlepschschcn Richtung. Neben dem Hauptführer der Gc- lverkschasten„Genossen" Lcgien und dem Vorsitzenden des Tabakarbeiter-VerbandeS hatte der Herausgeber der„Socialen Praxis", Professor Francke, die Cht«, den Vorsitz zu führen. Durch diese Wahl ist nun einmal das innig» Verhältnis dieser Richtung der fortgeschrittenen Socialreformcr zu den socialdemokratischcn Gewerkschaften vor dem Lande festgestellt. Wenn auf diese Weise die Socialdcmolraten mit socialresormerischcr Staffage die Heim- arbciterfrage in die Hand nehmen, so wird schon etwas Gutes— für die rote Fahne herauskommen. Daß die Beschickung deS Heimarbeiierschutz-KongresseS durch RegicrungS- vertreter seitens dcS Staatssekretärs des Reichsamts des Innern abgelehnt worden ist. kann man nur mit Befriedigung ausiiehmen. Die Politiker der„Socialen Praxis' werden sich jedoch dadurch mit Fug und Recht bloßgestellt fühlen. Es gehört in der That schon melji als bloße Einseitigkeit in der Beurteilung der Socialreform dazu, eine Veranstaliung von bürgerlicher und „wissenschaftlicher" Seite zn unterstützen, die den Zweck hat, den socialdcmolratischen Partei- bczw. den gewerkschaftlichen Organi- sationSinteresscn zu dienen." Eine soeialdemokratische Veranstaltung! Und damit ist es ab- gcthan. Auf diesen erhebenden Standpunkt stellt sich auch die Regierung des Landes der Socialreform, die nächstens auf der Weltausstellung in St. Louis wieder mit goldnen Obelisken prahlend die deutsche Versicherungsgesetzgebung herumzeigen wird, sich wohl hütend, das Gebirge zerbrochener Arbeiterknochen zu zeigen, das den Hintergrund bildet. Eine Ausstellung des deutschen Heimarbeiter- clends sollte in St. Louis nicht fehlen. Graf Posadowsky mußte bedauern, sich auf dem Kongreß nicht vertreten lassen zu können.— Soeialdemokratische Veranstaltung I Bei- nahe hätte ihn die östreichische Regierung im eignen Hause un- sterblich blamiert. Das östreichische Handelsministerium hatte bereits einen Vertreter zum Kongreß angemeldet. Für das östreichische Handelsministerium ist es selbstverständlich, Einladungen zu Arbeiter- kongressen anzunehmen; man weiß dort, daß es die Aufgabe einer Regierung ist, sich über bestehende Zustände aller Volkskreise zu unterrichten, und so war es für diese Behörde auch selbstverständlich, der Einladung zu einem so wichtigen Kongreß zu folgen, wie der erste allgemeine Heimarbeiterschutz-Kongreß. Aver statt des angemeldeten Vertreters kam am Montag ein Expreßbrief aus Wien: Man bedaure sehr...— Soeialdemokratische Kund- gebung? DaS wohl nicht, aber— internationaler Terrorismus, nicht socialdemolratischcr, sondern prcnßisch-deutschcr auf„diplomatischen" Wegen erfahrener Terrorismus. Die Regierung der Socialreform kann sich doch nicht gefallen lassen, von einer befreundeten Regierung im eignen Hause lächerlich gemacht zu lverdeu. Der Berliner Konimimalfrcisinn besaß nicht einmal so viel Höflichkeit, auf die Einladung zu antworten. In Berlin giebt es ja kein Hcimarbeitcr-Elend: was braucht sich deshalb der Berliner Magistrat um eine Veranstaltung zu bekümmern, die diesem Elend den Krieg erklären will. Die Einladung zum Kongreß und sein Verlauf haben gezeigt, daß nichts den Veranstaltern ferner gelegen hat, als eine social- demolratische Parteidemonstration zu veranstalten. Wenn es aber eine soeialdemokratische Veranstaltung gewesen iväre: ist darum das nichtswürdige Elend weniger bekämpfenswert, weil es auch von Socialdemokraten bekämpft wird? Wird es dadurch betämpft. daß man den Kampf dagegen zu diskreditieren sucht, sobald er von Socialdemokraten geführt wird? Die Scharfmacherpresse und mit ihr im Verein die Regierung und die große Mehrheit der bürgerlichen Parteien arbeiten allerdings mit Eifer daran, daß der von den Gewerk- schaften und der Socialdcmokratie geführte Kampf gegen die Heimarbeit zu einer gewaltigen Demonstration einzig für die Gewerkschaften und für die soeialdemokratische Partei wird. Sie wollen ja nicht mithelfen am guten Werke; hilflos stammeln sie: Soeialdemokratische Veranstaltung l Und alle Welt wird einsehen lernen, das gute Werk, der Kampf gegen die Heimarbeit ist wirklich nur eine soeialdemokratische Veranstaltung. Die bürgerlichen Socialreformer, die bürgerlichen Frauen, die mithelfen Ivollcn, in Ehren! Aber lvaS steht hinter ihnen? Von ihren Klassengenosscn, die die Macht in Händen haben, werden sie verspottet, den Frauen treten die Männer feindselig gegenüber! Die Macht, die der brutalen Gewalt der herrschenden Klasse Zu- gestchldnisse abringen und sie zwingen kann und sie zwingen wird zu Maßregeln gegen das Elend, das ist nur die gcwerlschaftlich und politisch organisierte Arbeiterklasse. Der Kampf gegen die Heimarbeit ist ebenso wie der Kampf gegen alles Elend eine soeialdemokratische Veranstaltung. politiscbe(leberlukt. Berlin, den 9, März. Die starken Mäimer. Am Mittwoch wurde Herrn v. Einem vom Reichstag sein „bißchen Gehalt" bewilligt, nachdem er flehentlich gebeten, ihn doch nicht länger warten zu lassen; sein bißchen Gehalt— 36 000 Marl jährlich— dürfte als Normallohn von den Arbeitern für auskömmlich befunden werden. An diesem letzten Tage der allgemeinen Militärdcbatte warfen die Wortführer der reaktionären Parteien nun ganz und gar die MaSke ab. Hatte man an den vorhergehenden Tagen noch den Schein zu wahren gesucht, als ob man gegen die soeialdemokratische Kritik gleichfalls mit geistigen Mitteln ankämpfe, traten am Mittwoch die starken Männer in die Arena, krempelten die Acrmcl auf, produzierten ihre Muskeln und erklärten sich bereit, die ganze nörgelnde Gesellschaft aus dem Hause zu werfen. Diese Taktik des Hausknechts oder auch der ostelbischen prügelfrohen Gesinde-Ordnung befürworteten Herr v. K r ö ch e r. der Erfinder des dummen, aber starken Mannes. und später mit noch vergröberter Plumpheit der Herr v. O l d e n- bürg- Januschau(bekannt vom Eirkus Busch), dessen Programm sehr einfach ist: Gewaltsamer Umsturz des Wahlrechts, Ausweisung der socialdcmolratischen Führer, Unterdrückung der socialdemokrati- scheu Presse; das sind so seine kleinen Mittel für den Anfang. Die mit kräftigem Stallhumor vorgetragenen Majoratsredcn der beiden starken Männer lvarcn insofern nicht wertlos für die gegenwärtige Diskussion militärischer Fragen, als sie ja durch ihre eigne von keines Gedankens Blässe angekränkelte Gewaltthätigkeit zeigten, aus welchen Anschauungen das preußische Offiziercorps in feiner Mehrheit hervor- geht. Der starke Mann— das ist die Seele des Militarismus; der starke Mann soll auch der Bändiger aller Kultur werden. Sie pfeifen auf alle Gründe, sie lache» über jede geistige Kritik, sie regieren mit der Reitpeitsche und die brutalste Gewalt ist ihre Bermmst. Es gehört zu der Art der starken Männer, daß sie sich auch ihre eignen Hofgeistlichen halten, welche die Aufgabe haben, die Moral des politischen Wegelagerers mit den Lehren des Ehristenwmö in Ucbercinftimmimg zu bringen. Diese Rolle spielt seit jeher Stöcker. der zwar wegen allzu skandalösen Betragens aus dem Vorstand der konservativen Partei ausgeschlossen ist, der aber nichtsdestoweniger heute als der eigentliche Sprecher der von keiner Intelligenz mehr bedrohten Partei der nicht? als starken Männer gelten muß. Die stumpfsinnigen Herren auf der rechten Seite hängen geradezu an den Lippen dieses Pfaffen, die ein bekannter Romandichter einmal gelennzeichnet hat, daß sein Mund wie ein vernarbter Messerschnitt sei. Früher fiel Stöcker»och bisweilen ein grobkörniger Witz ein, jetzt ist es nur noch salzlose, verlogene, greisenhafte Demagogie, die noch ein wenig die alte rhetorische Geste mechanisch beherrscht. Er kennzeichnet den Tiefstand der Konservativen, daß, wenn sie nicht mit den Muskeln, sondern mit„Geist" zu fechten wünschen, niemand anders haben wie eben diesen längst abgehalfterten ThPuS eines eng- und eisenstirnigen Muckertums. Es waren sicher keine Liebenswürdigkeiten, die Bebel heute dem gesalbten Liebling der starken Zollmänncr sagte, aber jedes Wort traf und mit Stöcker wurde auch die gesamte Reaktion ge- peitscht. StöckerS Erwiderung war geradezu hilflos und bestand eigentlich nur iil einem hübschen Jonglierkilnststück mit Citaten, die er sich selber mit fabelhafter Geschwindigkeit im Mmde verdrehte. Von sachlichem Wert waren in der langen Debatte nur noch die Ausführungen unsrcZ Genossen Braun über die SoeialpolitU der Militärverwaltimg, insbesondere auch über die grauenhafte Aus- veutung der Heimarbeit. Das verblüffendste Intermezzo aber bot der preußische KrtegSminister, der bis dahin sich gestellt hatte, als wisse er von der Existenz des Prinzen Armberg so gut wie nichts, und mm plötzlich— vor die Frage gestellt— mit der harmlosesten Miene von der Welt zugab, daß er selbst als Kommandeur in Münster das prinzliche Scheusal in die Armee eingeführt hat. Es scheint also ein Ehnrakterzug erstklassiger Menscheki, sich erst dann zu erkennen zu geben, wenn es durchaus nicht mehr anders geht. Damit ist aber nun die Tragödie eines perversen Führers der Nation zu der Farce eines Kriegsministers geworden, mit der man sich noch wird eingehender beschästigen müssen. Vielleicht holt sich Herr v. Einem einen starken Mann zu Hilfe.— Budde über das Koalitionsrccht der Eisenbahner. Im Abgeordnetenhause hat am Mittwoch bei der Fort- setzung der Beratung des Etats der Eisenba hnverwal- t u n g Minister Budde wieder einmal Anschauungen über das Koalitionsrccht der Arbeiter zum besten gegeben, die alles bisher dagewesene übertreffen. Herr Budde suchte sich selbst zu übertrumpfen. Wie sein Kollege Podbielski im Herrenhause sich über die klaren Bestimmungen des Gesetzes und der Vcr- fassung im„nationalen Interesse" hinwegzusetzen sucht, so kennt Budde im Abgeordnetenhause im Interesse„der Be- drohung des Staates vor dem Umsturz" weder Recht, Gesetz noch Verfassung. Für ihn ist das Koalitionsrecht ein bloßes Schlagwort, mit dem Unfug getrieben wird, er glaubt, wenn er den Arbeitern gnädigst gestattet in die unter seiner Aufsicht stehenden Vereine einzutreten, ihnen aber den Beitritt zu Organisationen verbietet, die mit der Social- demokratie Fühlung haben, so hat er ihnen mehr zu- gestanden, als ihnen gesetzlich zusteht. Schonungslos cutläßt er alle Eisenbahnarbeitcr. die die Social- demokratie unterstützen. In so dreister und uner- hörtcr Weise, um keinen schärferen Ausdruck zu gc- brauchen, lvie dieser ehemalige Offizier, hat sich noch niemals selbst der erbittertste Gegner der Socialdcmokratie geäußert, auf eine so krasse Unkenntnis über das Wesen der modemen Arbeiterbewegung stößt man selbst unter den zurückgebliebensten und ungebildetsten Schichten der Bevölkerung nicht. Aber seien>vir nicht ungerecht I Lassen wir Ent- schuldigungsgründc gelten! Man braucht durchaus nicht be- sonders scharfsinnig zu sein, um zu erkennen, daß Herr Budde unter schivcren Wahnvorstellungen leidet. Tag und Nacht träumt er von einem Streik aller Eisenbahn-Arbeiter, ja in seinen Ficbcrphantasicn redet er sich sogar ein, daß die Social- demokratie bereits Verbindungen mit dem Aus laude augeknüpft hat. um im geeigneten Moment das Wort wahr machen zu können:„Alle Räder stehen still I" Dieser hochgradigen Erregung willen wollen wir ihm die Beschimpfungen, die er unter dem Schutz der Immunität machte, nicht allzu hoch anrechnen; lvcnn er den Hafcnarbciterstrcik in Holland als einen frivolen bezeichnete, so muß man das mit seiner Unkenntnis cntschul- digen, wenn er die Socialdemokraten als die schlechtesten Vertreter der Eisenbahnarb citcr hinstellt, so wissen wir, daß nur ein ohnmächtiger Wutaus- bruch ihm solchen Unsinn in den Mund legen kann, und wenn er schließlich den socialdemokratischcn Agitatoren vorwarf, daß sie stets mit Unwahrheiten und Beschuldigungen vorgehen, so hat er nur erklärlich gemacht, warum selbst die reaktionäre Flinten-Firma Ludwig Locwe froh war. Herrn Budde an die preußische Regierung abgeben zu können. Keine Entschuldigung aber finden wir für die unerhört dreiste llntcrstcllung des Herrn Budde, als ob die Social- demokratie, dem Grundsatz„Eigentum ist Diebstahl" huldigend, sich an fremdem Eigentum vergreift. Weil ein angeblich social- demokratischer Arbeiter bei einem Diebstahl ertappt wurde. hat der Minister die Stirn, von der Tribüne des Landtages herab indirekt die Socialdemokratie als eine Schar von Spitzbuben zu bezeichnen. Wenn nichts andres, so hätte das bloße Anstandsgefühl, das selbst ein preußischer Minister besitzen sollte, ihn veranlassen müssen, sich Zurück- Haltung aufzuerlegen und seine Wut zu zügeln in einem Parlament, wo kein Vertreter der so schmählich von ihm der- leumdeten Partei in der Lage ist, die ihm gebührende Antwort zu erteilen. Aber freilich, Herr Budde kennt seine Umgebung; er weiß, was er sich im preußischen Abgcordnetcnhause erlauben kann. Er weiß, daßer in seinen öden B e- schimpfungcn der Socialdemokratie selb st die Freisinnigen ans seiner Seite hat. Hat doch Herr Goldschmidt von der Freisinnigen Volks- Partei, dessen Rede dem Minister Anlaß zu seinem Wut- ausbruch gab, es für nötig befunden, jedem Tadel, den er dem Minister austeilte, ein Lob hinzuzufügen und gleichzeitig den Socialdemokraten einige Scitenhiebe zu versetzen! Fühlte sich doch sein Parteigenosse K o p s ch, der nach dem Minister zu Worte kani, auch nicht mit einem Worte veranlaßt, Herrn Budde entgegenzutreten, ganz zu schweigen von dem Abg. Savigny iE.), der ausdrücklich das Koalitionsrecht der Eisenbahner für überflüssig erklärte, da sie ja das Petitions- recht hätten, und von dem konservativen Herrn S t r o s s e r, der dem Minister seine Anerkennung für seine Scharfmacher- rede aussprach. Herr Budde mag triumphieren über seinen Erfolg. Ilm im Junkerparlament einen Erfolg zu erringen, dazu gehört absolut kein Geist. Im Gegenteil, je geistloser ein Redner ist, desto sicherer der Erfolg, wenn er nur kräftig zu schimpfen versteht. Vor der civilisiertcn Menschheit dagegen hat sich der Minister für alle Zeiten unsterblich blamiert, und der Socialdemokratie vollends hat er in ihrem Kampfe gegen das heutige System wertvolles Material geliefert. Hoffentlich tverden nun endlich auch denen die Augen aufgehen/ die noch immer nicht von der socialpolitischen Rückständigkeit der Regierung überzeugt sind.— Die Abtragung des Jrsuitcngesctzcs. Endlich hat sich der Bundesrat entschlossen, wenigstens einen Teil des Ausnahmegesetzes gegen die Jesuiten fallen zu lassen. Tie Zusage, die Graf Bülow im Februar 1903 gab. wird erfüllt, Z 3 des Jesuitengesetzes vom 4. Juli 1872 wird beseitigt. Der Paragraph besagt: „Die Angehörigen dcZ Ordens der Gesellschaft Jesu oder der ihm verwandten Orden oder ordeuSähnlicheu Kongregationen können, wenn sie Ausländer sind, aus dem Bundesgebiete aus- gewiesen werden. Wenn sie Inländer sind, kann ihnen der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orten versagt oder an- gewiesen werden." Die Hauptbestimmung in§ 1 deS Jesuitengesetzes, die den Orden selbst aus dem Reiche ausschließt und die Errichtung von Niederlassungen untersagt, bleibt erhalten, obschon auch seine Auf- Hebung oft mit großer Majorität deS Reichstages beschlossen worden ist. Erhebliche praktische Bedeutung hat die Aufhebung deS§ 2 nicht, da derselbe so gut wie niemals zur Anwendung gekommen ist. Die Aufhebung hat u m so mehr s y m b o I i s ch e n W e r t, sie ist das Zeichen nicht einer vernünftigen Abneigung gegen AuS- nahmegesetze, sondern der Neigung der Regierungen, mit dem Centrum Friede und Freundschaft zu halten. Das Centrum siegt und ist zugleich in der angenehmen Lage, dennoch genug Agitationsstoff zu bewahren durch die Aufrechterhaltung deS § 1 des Jesuitengesetzes. So dräuend auch die Gefahr des Bundes zwischen Regierung und Klerikalismus, die Socialdemokratie begrüßt die Ab- tragung eines Stückes des Jesuitengesetzes, für die sie stets gewirkt hat. Mag der Klerikalismus insgesamt seine Kräfte entfalten; nicht durch Ausnahmegesetze ist er zu bekämpfen, sondern durch Vernunft und Socialismus.— Ucver Protektionswescn in der Armee wird uns von sachkundiger Seite geschrieben: Wie ist es möglich, daß ein Mann wie Prinz Urenberg Offizier werden, und denn auch noch als Kulrurpionier nach Afrika gehen konnte, trotzdem es doch— wie ja auch die Gerichlsverhandlung ergeben hat— jedermann aus seiner Umgebung bekannt war, daß er von Jugend auf verrückt war. So fragte der„Vorwärts", so fragte Dr. Gradnaucr im Reichstage den Kriegsminister.<äo_ fragt jetzt auch heuchlerisch die bürgerliche Presse, sogar die„Deutsche Tages- zeitung", welche sich scheinbar die römischen Auguren zum Beispiel genommen hat. Denn sie sollte sich doch diese Frage am besten selbst beantworten können; führen doch von ihr Taufende von Fäden zu den Offizierskreisen. Für die Eingeweihten und mit den Verhältniffen Vertrauten ist die ganze Sache kein Rätsel. Die Schuld trägt einzig und allein das Protektionsunwesen, welches in der Armee in höchster Blüte steht. Schon bei der Anmeldung zum Eintritt als Fahnen- junt'er fängt es an. Ter Vater aus„ehrciUvcrtcm bürgerlichen Hause", der den schier unbegreiflichen Entschluß faßt, seinen Sohn Offizier.werden zu lassen, muß Referenzen aufgeben zwecks Ein- holung von Erkundigungen über seine„sociale Stellung und pekuniäre Lage". Hierbei svielt eine große Rolle der Landrat des betreffenden Kreises. Wehe dann dem armen Vater, der es gewagt hät, nicht immer„In" zu nicken, sondern einmal eine eigne, entgegengesetzte Ansicht zu vertreten. Aber aägenvmmcn, der Vater wäre inmtcr loyal gelvescn. die Auskunft wäre nach Wunsch ausgefallen. Tann wird der Sohn, falls er einigermaßen gesund ist und die allerdings lächerlich leichten Examen besteht, wohl erstklassiger Mensch zweiter Güte. Um aber in diesem erhabenen Beruf fortzukommen, bedarf es weiterer Protektion, tvenn man nicht die sogenannte„O ch s e n t o u r" machen, d. h. es bis zum Hauptmann bezw. Major bringen und dann irgendwo als Bezirksoffizicr, höchstens Bezirkskommandeur endigen will. Wie oft kann man unter Offizieren, wenn von einem als be- sonders tüchtig bekannten Herrn die Rede ist, fragen hären:„Hat er Konnektionen?"— Nein.— Schade, aus dem hätte sonst etwas lvcrden können. Daß Prinz Urenberg große Konnektionen hatte, wird bei der- artig hohem Adel jedermann einleuchten. Ja, er hatte so gewichtige Konnektionen, daß man sich der Einsicht nicht verschließen konnte, daß er alle, auch für einen erstklassigen Menschen erster Güte notwendigen Eigenschaften besitze. Und so wurde er Kavallerie- Offizier. Ten armen Regiments-Kommandeur mag wohl manchmal vor dem edlen Prosper gegraut haben.— Ja, aber seine hohen Verbindungen, da ließ sich nichts machen. Und erleichtert mag der Kommandeur aufgeatmet haben, als er vernahm, Prinz Arenberg wolle in den Kolonialdienst treten. Für den gewöhnlichen erstklassigen Menschen zweiter Güte sind in dieser Beziehung fast drakonische Bestimmungen erlassen. Wer sich um eine Stelle in den Schutztruppen bewirbt, darf nie an S i p h y l i s gelitten haben, darf kein Trinker und muß u n b e st r a f t scin, darf keine Schulden besitzen(beinahe aus- geschlossen) usw. Als schneidiger Kavallerist setzte Prinz Arenberg leicht und elegant über diese Hindernisse hinweg. So ging der edle Prosper hinaus, um Afrika zu kultivieren, und seine Borgesetzten waren froh, daß sie ihn los wurden. Deutfcdea Reich. Herr v. Einem. Citierkünste. Der preußische Kriegsminister hat an- scheinend in seinem Bureau einen Decernenten für Citate, den er schleunigst hinauswerfen sollte, wenn anders ihm daran liegt, mit ungefälschten Beweisstücken zu operieren. Bebel hatte im Reichstage die selbstverständliche Erklärung abgegeben, daß auch die Socialdemokratie ihr Vaterland verteidigen werde. Taraufhin meinte Herr v. Einem— am 7. März— er glaube das nicht und berief sich dafür auf folgenden Beweis: Wie stimmt denn dies schöne Wort zu dem, was in der Reichstagssitzung vom 9. März 1903 lZurufe),— 1893; ich habe mich versprochen— der Abg. Grillenberger— den werden Sie wohl nicht abschütteln?— gesprochen hat; So werden wir uns eines Tages mit der Frage befassen, ob wir uns im Falle eines Anfstandes oder eines Krieges weigern sollen, zu marschieren. (Hört! hört I rechts.) Das kann Jhneir noch passieren, und die Zeit dürfte, wenn Sie so fortfahren, gar nicht so fern sein. Der Eindruck dieses Citats mußte und soll sein, daß die Social- demokratie einmal durch den Mund Grilleubergers hat erklären lassen,„wir" würden den Kriegsdienst verweigern. Was aber hat Grillenberger wirklich gesagt? Der eine Satz ist nämlich mit raffinierter Bosheit aus dem Zusammenhange gerissen, alle Vor- bedinguugcn und Voraussetzungen sind absichtlich beiseite geschafft und die„wir" des Originals sind nicht etwa die socialdemokratische Partei, sondern Erwägungen von Arbeitern, die durch die Maßnahmen der Militärverwaltung zum äußersten getrieben wären. Grillenberger hat nach dein amtlichen Stenogramm gesagt: „Sie spreche» immer so viel von der„Versöhnung" der ver- schiedenen Bevölkeruugsklassen; namentlich wird das bei großen Arbeiterdebatten inS Feld geführt, daß die verschiedenen BevölkerungS- klaffen, die durch uns angeblich„aufgereizt" seien, versöhnt werden sollen. Glauben Sie denn dadurch, daß die Militärverwaltung den Socialdemokraten die Arbeit verweigert, daß sie ihnen die Lokole abtreibt und ihnen die Ausübung des Vereins- und Versammlungsrechts einschränkt, dadurch, daß sie die social- demokratischen Rekruten in ganz besonders schimpflicher Weise auf dem Exerzierplatze behandelt,— glauben Sie denn dadurch die Arbeiterklasse zu versöhnen? Im Gegenteil! Sie können es ebenso gut dahin treiben, daß die Leute sich sagen: wenn wir nicht von den StaatSwerkstätten beschäftigt werden, w e n n m a n uns v e r h il s g e r n I ä ß t, w e n n m a n u n S auf diese chikanöse Weise behandelt, trotz alledem aber von unS alle militärischen und staatsbürgerlichen Pflichten gerade so gut verlangt wie von andren, so werden lvir uns eines Tages mit der Beratung der Frage befassen, ob wir uns nicht im Falle eines Aufstandes oder eines Krieges weigern sollen, zu marschieren. Das kann Ihnen noch passieren; und die Zeit dürfte, wenn Sie so fortfahren, gar nicht so fern sein." Gegen diese Argumentanon der Verzweiflung läßt sich schlechter- dings nichts einwenden. ES handelt sich nicht um eine Erwähnung der socialdemokratischen Partei, sondern um die Ausmalung ver- zweifelter Stimmungen, in die der Arbeiter von der Militär- Verwaltung hineingehetzt werden könnte. Der Mensch aber, der Herrn v. Einem das Citat in die Hände gespielt hat, ist sicher gewandt, aber verdient nicht das Vertrauen eines verantwortlichen Ministers. Wenn wir in dieser Weise die Rede des Herrn v. Einem citieren wollten, so würde es kinderleicht sein, zu beweisen, daß Herr v. Einem.zum Königsmord aufgefordert habe. Einem als Anstandslchrer. Wenn auch nicht gefordert werden kann, daß ein sehr junger Kriegsminister ein Politiker sei und ernsthaft über die großen Fragen der allgemeinen, socialen und politischen Volksentwicklung Bescheid weiß, so ist aber die andere Leistung allerdings zu fordern, daß er die Fragen seines Ressorts zn behandeln versteht. Nun ist gewiß, daß eine Hurraprcsse durch die Sprcchmanierlichkeiten des Herrn v. Einem bezaubert, seine» Ruhm, seinen glänzenden Sieg über die Socialdemokratie in das Land hinausschreit, aber die Er- nüchterung wird nicht ausbleiben und es wird aus dem Begeistcrungsdunst die Thatsache hervortreten, daß Herr v. Einem alle entscheidenden Momente der social- demokratischen Kritik übersehen und seine ganze Kraft darin erschöpft hat, irgendwelche Einzelheiten als unrichtig nach- zuweisen oder auszugeben. Wenn die Socialdemokratie darthut: In der Armee herrschen die ungeheuerlichsten Privilegien von Geburt und Besitz, so erwidert Herr v. Einem: Der„Vor- loärts" hat eine Unrichtigkeit über das Servisgesetz behaavtet. Diese gerade vom Standpunkt der Militaristen unzulängliche Ver- tretung des KrüegsministeriumS wird je länger je mehr offenbar werden. Jinnierhin sind wir dem KriegSmiuister dankbar, wenn er uns einen Irrtum nachweist. Herr v. Einem wies am Miltlooch auf unsren Artikel vom 21. Februar d. I. über„Gehaltsaufbesserung auf Umwegen". Er sagte, die amtliche„Berliner Korrespondenz" habe die Unrichtigkeit der Meinung, daß die Servissätze ftir die Offiziere erhöht werden sollen, mitgeteilt, aber der„Vorwärts", der ein an- ständiges Blatt sein will, habe seine Angabe nicht berichtigt. Uns ist die Berichtigung nicht in der„Berliner Korrespondenz", wodurch sie offiziellen Charakter erhalten hätte, zu Gesicht gekommen. Wir fanden sie in der„Nordd. Allg. Ztg." und auffällig versteckt in der Beilage. Angesichts dieser versteckten Veröffentlichung und nach den vielfachen Erfahrungen, welche die gesamte Presse mit derartigen Berichtigungen gemacht hat, die oft nur ein Spiel mit Worten bedeuten, sind wir allerdings nicht zur sofortige» Uebernahme der Richtig- stellung gelangt. Unser Artikel war unS von einem stets sehr zu- verlässigcn Fachmann in militärischen Fragen von auswärts zu- gegangen und wir beabsichtigten, zunächst seine Darstellung des Sachverhalts einzuholen. Nachdem nun Herr v. Einem selbst die Berichtigung wiederholt hat. haben wir uns selbst überzeugt, daß unsrem Mitarbeiter in diesem Falle ein Irrtum zugestoßen ist. Er hat übersehen, daß die in der Anlage 1 zur Begründung des Scrvis-GcsetzcntwurfS gegebene Zahlenzusammenstellung nicht neue Vorschläge, sondern den bisherigen Zustand darstellt, ein Uebcrsehcn, das leicht begreiflich ist, da die hohen Summen des Selbstmieter- servis sich, so weit wir sehen, in früheren, dem Reichstag vorgelegten Servisgesctz-Entwürfcn nicht finden, so daß leicht der Schein entstehen konnte, daß hier Erhöhungen gefordert werden. Es ist also mit Herrn v. Einem festzustellen, daß in diesem Falle ein Irrtum vor- gekonimen ist. Vielleicht hat nun der Kriegsminister die Güte sich zu erkundigen, wie ein sehr großer Teil der ihn feiernden Presse erwiesene Un- richtigkeiten und Verleumdungen gegen Socialdemokraten behandelt. Er kann erfahren, daß diese Presse, die Herr v. Einem als eine an- ständige Presse lobt, todesmutig jede Richtigstellung unterschlägt. Aber Herr v. Einem s e l b st sollte ein wenig zurückhaltender sein. Das Verfahren, das er im.Arcnbcrg-Falle einschlug, giebt i h m am w e n i g st e n das Recht zu moralischer Entrllstuiig- Am Sonnabend wurde Herr v. Einem vor die Frage ge- stellt, wie eS möglich war, daß Prinz Arenberg Offizier werden und bleiben konnte. Herr v. Einem schwieg und am Mon» tag verlas er ein Gutachten über die Schwierigkeiten, den Geistes« zustand Arenbergs zu erklären. Am Dienstag erklärte Herr v. Einem den Fall als einen traurigen. Erst als am Mittwoch von socialdemokratischer Seite die Thatsache mitgeteilt wurde, daß Arenberg durch Herrn v. Eine» selbst, damaligem Kommandeur des Kiirassier-Regiments, als Offizier angenommen worden ist, be- quenite sich der Kriegsminister zum Zugeständnis dieser Thatsache und zum— freilich aussichtslosen— Versuch, die Vorgänge möglichst harmlos darzustellen. Herr v. Einem hat anscheinend ein Gefühl dafür, daß er ein Angeklagter ist. Angeklagte sind berechtigt, nichts zu sagen, was der Ankläger ihnen nicht beweisen kaim. Sie gestehen erst, wenn sie entdeckt sind. Sie setzen sich aber zugleich der Ver- mutung aus, daß sie andres im Versteck verborgen halten._ Die WahlrcchtSfrage in Sachsen-Weimar. Ans Weimar wird uns berichtet: Seit 50 Jahren beschäftigt den Landtag in jeder Legislatur- Periode die Aendemng des Landtags-Wahlrechts. So regelmäßig wie diese Frage wiederkehrt, ebenso regelmäßig wird sie jedesmal nach heftiger Debatte abgelehnt. So war es auch in der Sitzung am 7. März. Die diesmalige Begründung, welche für den Aus- schuß der Abg. v. Boyneburg schriftlich vorgelegt hatte, wich jedoch, den früheren allgemeinen Wendungen und Darstellungen gegen- über, ab. Der Herr hatte versucht eine geschichtliche Darstellung der Entwicklung des Wahlrechts in England, Frankreich und Deuffchland zu geben, um schließlich das Resullat dahin zusammen zu fassen, daß das Wahlrecht nicht als ein jedem Menschen angeborenes Recht an- zusehen ist, sondern als eine öffentliche Funktion, die eine Be- fähigung voraussetzt. Ein jedes Wahlrecht wird den Bedürsinssen angepaßt und kann nach Bedürfnis nötigenfalls umgestaltet werden. Dieses konservative Glaubensbekenntnis verteidigte dann der Abg. Rechtsanwalt Jakobs, der sich als Agrarier ohne Aar und Halin bezeichnete, als ihm der Abg. Baudert vorhielt, daß er ja gar nicht anders hier auftreten könne, da er doch als der Anwalt der 10 Dutzend Großagrarier gewählt sei. Die National- liberalen traten zum Teil nur für den Wegfall der Wahlmänner- Wahlen ein. Die privilegierten Wahlen wollen die Herren nicht antasten, dafür wollen sie aber bei den allgemeinen Wahlen das direkte Verfahren einführen, natürlich soll das wahlfähige Alter auf 25 Jahre hinausgesetzt werden und eS soll nur wählen können, wer mindestens 900 M. Einkommen hat. Außer den beiden Freisinnigen, die für die weitgehendsten Verbesserungen sich aussprachen, traten in der entschiedensten Weise unsre Genossen Baudert und Neidt für das direkte gleiche geheime Wahlverfahren ohne jede Beschränkung ein. Der Abg. Baudert wies nach, daß der Bericht einige Sätze ivörtlich enthalte, die man bereits im Jahre 1795 im französischen Konvent gegen dieselbe Forderung angewendet habe, es beweise dies, wie rückständig die Mehrheit des Landtages sei. Nach cincnr lebhasten Redegefccht, in welchem unsre Genossen der reaktionären Mehrheit manche bittere Wahrheit sagten. erfolgte in namentlicher Abstimmung die Ablehnung jeder Verbesserung. Nur f ü n f Abgeordnete stimmten für das gleicbe, geheime und direkte Wahlverfahren. Elf Abgeordnete stimmten, gegenüber zwanzig Nationalliberalen und Konservativen. sür Beseitigung der Wahlmänner-Wahlen und gleichzeitig sprach diese Mehrheit noch den Wunsch zu einer weiteren Ver- schlechter u>?g des Wahlrechts aus.— Die„Germania" hat offenbar unter dem ihr auferlegten Schweige» über den„befreundeten" Fall Arenberg schwer gelitten. So erklärt es sich, daß sich das katholische Centralorgan heute für den langen Zwang zu entschuldigen und sich an einem niedlichen Ketzerfcüerchen schadlos zu halten sucht. Sie widmet also einen ausführlichen Leitartikel den socialdemokratischen„Blasphemien" im Reichstag, die darin bestanden haben sollen, daß in einem Zwischen- ruf die jüdische Abkunft Christi festgestellt wurde. Wir müssen be« kennen, daß wir trotz der„Germania" zu keiner andren Anschauung zu gelangen vermögen, vielleicht weil uns die klerikale Erziehung deS Prinzen Urenberg fehlt. Ja, wenn wir noch ein paar Be- Merklingen über Christus, die der größte Prcußenkönig von GotteS Gnaden geprägt hat, laut gedacht hätten, dann würden wir den Zorn der. Germania" begreifen, aber wir find viel zu anti- monarchisch, um unS auf solche königlich preußischen Blasphemien zu berufen.— Aus dem Reiche des Herrn Budde. Dem Beispiel andrer Dirckrionsbezirke folgend, hat sich nun auch infolge redlicher Be- mühungen des Herrn Eisenhabnpräsidculen T o d t und seiner sämt- licheu Räte im Eisenbahndirektious-Bezirk Ersurt�ein sogenannter Allgemeiner Eiscnbahuervcrein gegründet. Am Sonnabend fand die Gründungsversammlung statt und der Herr Präsident als Ein- beruser der Versammlung begrüßte seine zukünftigen„Verciuskollegen". Den Vorsitz erhielt dann ein Regierungsrat und seine Nebenmänner ini Bureau rangierten einige Grade niedriger als der Vorsitzende. Dann hielt nochmals der Herr Präsident eine Ansprache und forderte zu „freier Aussprache von der Leber weg" auf. Ein „Arbeiter" Raule, der bei der Gründung in Kassel war, erstattete „Bericht" und dann lobte„frei von der Leber weg" ein H i l f s» Weichensteller die Vorgesetzten. Kaiser und Reich und verlangte die Absingung des„Heil Dir ini Siegerkranz" und die„freie Aus- spräche" loar zu Ende. Die Statulcnberatung fand getrennt statt. Die hohen Beamten sür sich und das sogenannte Volk auch für sich. Alles war eitel Harmonie und das neueste sociale Werk im Reiche Budde war für den Bezirk Erfurt geschaffen. Der größte ,il der mittleren Beamten hielt j.ck) fern und erwartet weitere Dispositionen.— Damit hat man sicher wieder einige„Rote" mehr geschaffen.—_ Kaiser-Insel. AuS Halle wird uns telegraphiert, daß das MajestätsbeleidigungS-Verfahren gegen den Redakteur Fette vom„Volksblatt" Ivegen deS Äaiserinsel-Artikels eingestellt worden ist.— Husland �estreich-Ungarn. TiSza gegen die Obstruktion. Im ungarischen Abgcordncrcnhause begründete Ministerpräsident Graf TiSza in einer cinstündigen Rede den Antrag einer pro- v i s o r i s ch e n Hausordnung, die den Zweck habe, eine Reihe von Gesetzentwürfen, über die sämtlich seitens der Obstruktion in endlosen Debatten verhandelt worden ist, ans summarischem Wege zu erledigen. Ter Ministerpräsident erklärte weiter, daß er die lvschlcunigtc Verhandlung auch auf die definitive Haus- ordnung ausdehnen müsse. Es sei aber sein lebhafter Wunsch, daß bei der Ausarbeitung der definitiven Hausordnung alle Parteien mitwirken müssen. Es werde zu diesem Zweck ein Ausschuß, in dem alle Parteien vertreten sein werden, eingesetzt werden. Als der Ministerpräsident von Garantien sprach, ertönte der oppositionelle Zwischenruf:„Sie haben auch bei der Jndustricbank die Garantie übernommen!" Tisza antwortete:„Ich habe eine Diskussion über meine Wirksamkeit bei diesem Institute nicht zu fürchten. Allerdings ist mir ein schmerzliches Gefühl aus meiner elfjährigen Thätigkeit zurückgeblieben, daß, wenngleich viele segensreiche Schöpfungen durch dieses Institut ins Leben gerufen worden sind, unsre vor- trefflichen Absichten doch nicht geglückt sind. Ich sowie andre Aktionäre sind dabei zu Schaden gekommen. Ich scheue die offene Anklage nicht, aber ich verachte solche Verdächtigungen."(Stürmischer Beifall rechts.) Tisza bedauerte, daß so viele hervorragende Mitglieder zur Opposition gehörten, deren Platz im Lager der Verteidiger des Parlamentarismus gegen die Zerstörungswut der Obstruktion wäre. Durch blendende Schlagworte von der Bedrohung der Redefreiheit irregeführt, widersehten sie sich dem notwendig gewordenen Heil- verfahren und bereiteten ihm Schwierigkeiten. Tisza empfahl unter den begeisterten Zustimmungdkundgebungen der liberalen Partei, die nur von vereinzelten höhnischen Zwischenrufen der Obstruktionistcn begleitet wurden, den Antrag anzunehmen.—. Schweiz. Erhöhung der Lchrerbesoldung.— Streik und Polizei.— Proporz. Zürich, 4. lviärz.(Eig. Ber) Trotz der Finanzmisere ist der Kanton Zürich in der Lage, die seit Jahren von den Lehrern angeswebte Besoldungserhvhuirg durchzufiihren, weil er infolge des neuen Bundesgesetzes betreffend die Unterstützung der Volksschule vom Bunde einen Beitrag von 258 000 Fr. erhält. Dazu soll der Kanton aus seiner Kasse noch 64 500 Fr. bei- steuern, so dah die gesamte Summe der Besoldungscrhöhungcn 322 500 Fr. jährlich beträgt. Das Minimum der Besoldung eines Volksschullehrers lvurde festgesetzt ans 1400 Fr., eines Realschullehrers auf 2000 Fr., je nebst geeigneter Wohnung, zwei Klaftern Holz und ca. achtzehn Aren Gemüseland. Dazu kommen die Alterszulagen der Gemeinde und des Staates, vom letzteren 100— 600 Fr., letztere vom 20. Dienstjahre an. Von der Barbesoldung übernimmt der Staat zunächst zwei Drittel, an das letzte Drittel leistet er Beiwäge nach Maßgabe des Gesamtsteuerftchcs und der Steuerkraft der Schulgemeinde. Am Montag kam auch die socialdemokratische Interpellation beweffend die Rolle der Polizei bei Streiks im Kantonsrat zur Behandlung. Unser Genosse Schriftsetzer Rieder begründete die Interpellation in einer längeren, wirksamen Rede, in der er die wohlverdiente scharfe Kritik an den Handlangerdiensten übte, welche die Polizei zu Gunsten der Kapitalisten verrichtet und die Hochhaltung des§ 2 der Züricher Staatsverfassung, welcher die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ausspricht, forderte. Regierungsrat Dr. Stößel sah in dem Verhalten der Polizei keinerlei Inkorrektheiten, er ist offenbar auch der Meinung, was die Polizei thut, ist wohlgethan. Der Interpellant erklärte sich mit Recht nicht befriedigt von dieser Antwort, die in allgemeinen Redensarten be- stand und neuerdings bewies, daß die Regierung das Werkzeug des Kapitalismus und die Schweiz, im specicllen der Kanton Zürich trotz aller Demokratie ein Klassenstaat xar oxcsllsncs ist. Aufgabe der Socialdemokratie ist es, nicht nur einzelne Vertreter dieses Klassen- staates zu bekämpfen, sondern das System zu beseitigen. Am Dienstag gab es im Züricher Kantonsrat eine Proporz- d e b a t t e, wozu der Antrag der Staatsrechnungs- Prüfungs- kommission auf Reduktion der Mitgliederzahl des Kantonsrates von 243 auf etwa 200 den Anlaß gab. Dabei betoute aber der Referent. und nach ihm mehrere andere bürgerliche Redner, daß dann aller- dings dem Begehren der Socialdcmokraten auf Einführung der Proportionalwahl Rechnung getragen werden müßte, da sie mit einem Drittel der Wählerschaft eben doch eine Macht seieu. Namens der Regierung bekämpfte RegierungSrat Lutz den Antrag, weil ein großer KantonSrat alle Interessen besser wicdcrspicgcle. Unser Genosse Dr. Studer beantragte, der RegierungSrat habe auch die Einführung der Proportionalwahl vorzuschlagen. Der Antrag unterlag aber leider mit 50 gegen 115 Stimmen, während der Antrag der Kommission angenommen wurde. Kommen wird und muß der Proporz aber dennoch. Italien. Die städtischen Wahlen in Florenz. Kürzlich fanden die allgemeinen städtischen Wahlen in Florenz statt. Bei dem komplizierten Listcnwahlsystem, nach den, in Italien die Gemeindewahlen sich vollziehen, werden die Ergebnisse erst nach mehreren Tagen bekannt. Wie zu erwarten war, ist die Majorität — vier Fünftel der zu wählenden Vertreter— den Klerikal- Konservativen zugefallen, die ihre ganze Liste mit 48 Namen durchbrachten, mit einer Stimmenzahl von 7012 bis 4085 Sttmmen. Die gesamte Minorität— ein Fünftel, also 12 Sitze— fielen den Socialisten zu, die 4100 bis 3700 Stimmen auf die Namen ihrer Kandidaten vereinigten. Klägliche Stimmcnzahlen erhielten die Radikalen und die Republikaner. Bei den letzten Wahlen(1002) waren die Bolksparteien vereinigt aufgetreten und hatten gegen 600 Stimmen mehr erlangt als diesmal die Socialisten allein. Damals waren den Socialisten 10 Sitze zugefallen. Die Majorität befindet sich langem in den Händen der Klerikal-Konservativen, der berüchtigten Florenttner Konsorterie, deren Macht auch die jetzigen Wahlen keinen Abbruch gethan haben. Ein Gefecht mit der Wladiwostok-Flotte. Vom russischen Wladiwostok- Geschwader läßt sich der„Daily Telegraph" ans Tokio melden, daß eS ein Gefecht mit der japanischen Flotte gehabt habe, dessen Ergebnis jedoch noch nicht bekannt sei. Die Meldung ist anderweitig nicht bestätigt. Tokio, 8. März.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Nach einer hier eingegangenen Meldung würde den Russen seitens der koreanischen Soldaten bei Andschu und Suktschhön nur schwacher Wider st and geleistet. Man hält es hier für sehr wahrscheinlich, daß das nach Wladiwostok in See gegangene japanische Ge- schwader in der Possietbay auf die r u s s i s ch e n S ch i f f e gestoßen sei und sie dort zum Kau, pf gezwungen habe. Eine japanische Anleihe. New Jork, 9. März.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Nach einem Telegramm aus Tokio von gestern verlautet dort, Japan erwäge, ob es ratsam sei, sofort eine An- leihe in Amerika und Europa aufzunehmen zu suchen. Obgleich viele Staatsmänner und Finanziers sich gegen die Maß- rcgel aussprechen, weil Japan den Krieg beenden könne, ohne Geld aufzunehmen, hält man es doch für besser, jetzt eine Anleihe unter- zubringen, als dies in einer zukünftigen Krisis zu versuchen, wenn das Geld vielleicht dringend gebraucht wird. Rußland und die chinesische Neutralität. London, 7. März. Die„Times" bringen heute eine lange Depesche ihres Pekinger Korrespondenten, der Rußland be- schuldigt, die Neutralität Chinas verletzt zu haben. Trotzdem Rußland die südwestliche Mandschurei— Eisen- bahn Shanhaikwan-Niutschwang— am 8. Oktober unter die chine- fische Oberherrschaft gestellt hat, errichtete es jetzt Militärposten die Bahnlinie entlang und bedient sich der Eisenbahn, um die Zufuhr von Lebensmitteln und andren Vorräten aus China nach Port Arthur und Dalny zu ermöglichen. Aehnliche Klagen über russische Verletzungen der Neutralität Chinas werden auch von andren Londoner Blättern gebracht. Die japanische Regierung weist darauf hin, daß das russische Kanonenboot„Mand schür" den Hafen von Shanghai nicht verlassen hat, trotz aller chinesischen Pro- teste. Was bedeuten diese Klagen? Allem Anscheine nach ist Japan entschlossen, seine Armee, die zum Angriff gegen die Halbinsel Liaotung bestimmt ist, unweit Shanhaikwan, etwa an der großen Mauer, landen zu lassen. Viel- leicht sind Pioniere und Artillerie dort bereits gelandet. Selbstverständlich wird sich die russische Regierung moralisch entrüsten und auf die japanische Verletzung der chinesischen Neutralität hinweisen. Um diesem eventuellen Appell an Europa von vornherein die Spitze abzubrechen, macht jetzt die japanische Regierung Europa darauf aufmerksam, daß sie nur dem Beispiele Rußlands folgen würde.— • Tie„Begeisterung" der russischen Krieger. Durch wiederholte Flucht der Soldaten, namentlich der Juden, die in erster Linie nach Ostafien bestimmt werden, sahen sich die Militärbehörden in dem Gouvernement Mohilow und den an- grenzenden veranlaßt, einen spcciellen Armeebefehl zu erlassen, in dem mit tiefem Bedauern konstatiert wird, daß in der Armee„das Bewußtsein des hohen Berufes des Soldaten als Kämpfers für Thron und Vater- l a n d im Schwinden begriffen sei", rmd befohlen wird, die Juden vom Kascrnenhof nur in äußersten Fällen fort- zulassen, ins Gotteshaus aber oder in die Stadt ja nicht einzeln, sondern in Abteilungen unter Begleitung von Unteroffizieren zu beurlauben, denn, heißt es im Armeebefehl,„die beurlaubten Juden finden unter ihren Verivandten und Bekannten keine moralische Ermunterung für den ehrlichen Militärdienst". Das ist also gewisser- maßen die offiziell einkassierte Quittung für Kischineff. Aber nicht bloß die Juden werden rebellisch. Noch bedenklicher sieht es unter den bis dahin als treueste Garde des Zarenthrons angesehenen Kosaken aus. Man schreibt uns vom Don: Unter den hiesigen Kosakcnosfiziereu nimmt die Verstimmung und die Unzufriedenheit immer mehr zu. Einesteils" steht man dem ganzen Krieg äußerst kühl und skeptisch gegenüber„was schiert uns den Teufel die ganze Mandschurei?" hört man hier häufig fragen. So- dann aber sind alle durch die beispiellose Kopflosigkeit in der Krieg- führung und durch die bisherige Blamage des russischen Kommandos ties erbittert. Von Begeisterung und zarenftonimem„Patriotismus" keine Spur. Die alten Offiziere machen der jüngeren Generation Vorwürfe, daß das Militär jetzt so ganz kühl,„so ganz anders als 1877—78" sei. Aber auch die Alten vermögen sich keine Begeisterung abzupressen. Dies ist freilich bei den Kosaken auch nicht ohne materiellen Grund. Ein Kosake ist verpflichtet, seine ganze Ausrüstung und Unisormierung, nebst dem Reitpferd, aus eignen Mitteln zu bestreiten. Der unabsehbare jetzige Krieg bedeutet also für viele Kosaken direkt den Ruin. Man kann sich vorstellen, wie in dieser Verfassung solche Kund- gebungen auf die russischen Krieger wirken, wie jenes geniale Manifest des Generals Stössel in Port Arthur, das ihnen 10 anschaulich vormalte, daß„von drei Seiten das Meer und von der vierten der Feind lauert", es also nur übrig bleibe, zu sterben... parlamentarisches. Bndgetkommission. Nachdem am DicnStag die Budget- kommission Petitionen aufgearbeitet hatte, wurde am Mittwoch die Beratung des M a r i n e- E t a t s bei dem Titel für das Betriebs- personal der Werften fortgesetzt. Abg. S c in l c r stellte den Antrag. den Reichskanzler zu ersuchen, einigen Arbeiterkategorien(Steuer- lcuten der Wcrftdampfcr, Spritzenmeister usw.) eine Gehalis- aufbesseruug zu gewähren. Die Mehrheit stimmte ihm zu.— Beim Titel 5 ersuchte die Regierung, fünf technische Hilfsarbeiter für Schiffbau mehr einzusetzen, nachdem fünf Baumeisterstcllen gestrichen worden waren. Abg. Speck wandte sich mit dem Bemerken da- gegen, die Mehrheit der Kommission habe die Streichung der Be- amtenstellcn sicherlich nicht in der Absicht vorgenommen, dafür Hilfs- bcamtc einzustellen, man wolle vielmehr dadurch der Flotten- Vermehrung entgegenwirken. Die Abgg. v. Kardorfs und v. Richthofen traten für die Forderung der Regierung ein und betonten, das; sie sie zur Zeit für durchaus notwendig ansehen. Abg. Speck machte nochmals darauf aufmerksam, daß man früher schon die Vermehrung der Flotte mit der Rücksicht auf die bcschäftigteit Arbeiter motiviert habe; auch hier lasse sich der Gedanke nicht ab- weisen, daß man mit der Vergrößerung des Personals eine neue Flottenvorlage vorbereite. Nachdem Abg. Graf v. O r i o l a die Forderung der Regierung in einem Antrage zusammengefaßt hatte, beschloß die Kommission im Sinne der Anregung des Abg. Speck. Für den P o l i z e i d i e n st auf tcn Heimarbeitcrschutz-Kongreß durch die Genossinnen Baader, Tietz, Thiel und Zetkin findet Montag- abend S'/n Uhr in den Arininhallcn statt. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Die Ver- sammlung am l4. März fällt aus. und hält Herr Dr. OSborn den Vortrag über Meunicr, mit Lichtbildern, am 21. März. _ Der Vorstand. Keine Franc» als Staatsbeamte. Das norwegische Odclsthing hatte am Ende der vorigen Woche über die Frage zu entscheiden, ob es den Frauen freigestellt werden soll, unter denselben Voraussetzungen wie die Männer Staatsbeamte zu werden. Das Komitee, das die diesbezügliche Gesctzcsvorlage geprüft hatte, machte den Vorschlag, die Sache zu vertagen; eine Minderheit des Komitees war dagegen für sofortige Erledigung. Das Odelsthing entschied jedochmit46gegen41 Stimmen im Sinne der K o m i t e e m c h r h e i t, womit die Angelegenheit auf unbestimmte Zeit hinaus- geschoben ist. Bemerkenswert ist, daß der Staats mini st er Hagerup mit einer gewissen Entschiedenheit dafür sprach, den Frauen die Bcamtenlaufbahn zu eröffnen.„Ich." so erklärte er unter astderm, „finde keinen Grund, weshalb man Frauen daran hindern sollte, in Beamtcnpostcn einzutreten, wenn sie die nötigen Qualifikationen dasii haben. Man wendet wohl ein, daß die weibliche Natur der Ausübung einiger Amtshandlungen hinderlich sein würde, aber dieser Ucbclstand, über den wir Männer nicht so gut urteilen können, wird sich von selbst regeln. Man sollte ihnen die Thür öffnen aller- ortS, wo mm: keinen besonderen Grnud hat, sie zu schließen. Man wird nichts damit erreichen, die Sache noch weiter hinauszuschieben."_ Letzte IVacbncbten und Depefeben, Unterhaus. London, 9. März.(W. T. B.) Bei der Beratung des Heeres- budgcts erklärt Campbell Bannerman, die Last der Militärausgaben werde unerträglich, die er- höhten Militärausgabcn seien auf die EroberuugS- und Abcntcurpolitik zurückzuführen, die das Land schwäche. Redner verlangt Verringerung der Garnison in Südafrika und Beschleunigung in der Erledigung der Borschläge des Aus- schusses zur Reorganisation des Kriegsamts. Premierminister B a I f o u r bekämpft nachdrücklich die Ausführungen Bannerman s und spricht sein Bedauern über die Bemerkungen Banner- mans bezüglich der Garnison in Südafrika aus. die von der Bocrcnvartei dahin ausgelegt werden würden, daß, sobald die liberale Partei ans Rnder gelangen sollte, Englands Südafrika-Politil an Kraft nachlasse» würde.(Beifall.) Redner rechtfertigt dann die Militärpolitik der Regierung und sagt: Solange misre Streitkräfte, besonders die Flotte, in angemessener Verfassung erhalten werden, ist eilt planmäßiger Einfall in England ein Traum; aber die ganze Richtung der Umstände im Osten geht dahin. uns zu einer FestlandSmacht und zum Nachbarn einer andern großen Militärmacht zu machen. Wir müssen diese Thatsache bei der Auf- stellung nnsres Militär-EtatS in Erwägung ziehe». Keiner Regierung würde es gestattet sein, die Hecresstärke über einen gewissen Punkt hinaus zu verringern._ Verhaftete Mädchcnhändler. Frankfurt a. M.» 9. März.(B. H.) Nachdem dieser Tage in der Töngesgasse der Friseur und Cafeticr Pfarr wegen Mädchen- Handels festgenommen wurde, ist jetzt auch ein Friseur in der Schnur- gaste wegen Mitschuld verhaftet worden. Damit soll die Reihe der Verhaftungen noch nicht abgeschlossen sein. Unruhen in Spanien. Madrid, 9. März.(B. H.) In Valladolid bleibt die Lage äußerst ernst. Das Volk war einige Tage Herr der Stadt. Man trug die Leiche eines getöteten KindeS unter großen Demonstrationen durch die Stadt. Zahlreiche Personen wurden verhaftet. Attentatsschwindel. Bjclostok, 9. März.(W. T. B.) lieber den Vorfall vom Sonntag, bei welchem gegen den hiesigen Polizeimeistcr und dessen Gehilfen Schüsse abgegeben wurden(das„Wolffsche Bureau" meldete diesen Vorgang als Handlung eines Verbrechers), meldet„Bjclo- stoksky Wjesttük": Während der Beerdigung eines Arbeiters bemerkte die Polizei Unruhe in der den Sarg begleitenden Volksmenge und ver- hastete die Anführer derselben. Die Menge ant- ivortete mit mehreren Schüssen und Stcimvürfcn. Als nun die Polizei einen Arbeiter verfolgte, wurden auch einige Schüsse gegen den Polizeimeister gerichtet._ Genf, 0. Marz.(B. H.) Die Regierung hat den Social- demokraten die Ilebcrlassung des dem Staate gehörigen Wahl- geväudcS für die Märzseier verweigert. Diese Verweigerung erfolgt zum ersten Male und zwar, wie der betreffende Beschluß sagt/ in Anbetracht des Charakters der angekündigten Vorträge. Paris, 9. März.(W. T. B.) Die Dcputicrtenkammer hat dem Gesetzentwurf betreffend die Stellen ver mittelungs- b u r c a u s in der vom Senate angenommenen Fassung zugestimmt. Paul Singer LcCo., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u. U nterhattungsblatt Nr. 59. 21. Jahrgang. 1. StilM Ks Jonuärts" fnlinet WlksblR Donnerstag, 10. Mär; 1904. Reicbötag� S3. Sitzung. Mittwoch, 9. März 1904, 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: v. Einem. Die zweite Lesung des Militärctats wird fortgesetzt beim Titel »5tr icg»min ister". Abg. Dr. Braun sSoc.) sauf der Tribüne schwer verständlichs: Einer Anregung des verstorbenen Abg. Rosickc aus dem Jahre 1897, die bekanntlich durch einen Antrag Trimborn-Hitze vom Januar 1902 unterstützt wurde, verdanken wir eine Uebcrsicht über die Arbeitsverhältnisse im Betriebe der Reichsmarine, der Heeres- Verwaltung und der Verwaltung der Reichs-Eiscnbahnen. Diese Uebersicht leidet vor allem an starken methodischen Mängeln, es ist aus ihr n i ch t der I a h r e s v e r d i e n st der Arbeiter zu ersehen, auf den es doch vor allem ankommt. Die Löhne müssen kombiniert werden mit der A n z a h l d e r Arbeits st un den und mit den Altersstufen der betreffenden Arbeiterkategorien.(Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Be- merkenswert ist auch, daß Arbeitszeiten von zehn Stunden bei der Heeresverwaltung vorkonimen. In andren Ländern, die bekanntlich in der Socialpolitik so weit hinter uns zurück sind, kommt da? nicht vor. So ist in Frankreich der neunstündige Arbeitstag in den staatlichen Betrieben eingeführt, bei der Marineverwaltung herrscht der achtstündige, der auch normal ist in den englischen und amerikanischen Werkstätten der Heeres- und Marineverwaltung. Ein entscheidender Mangel der Uebersicht besteht darin, daß eine große Kategorie der in der Heeres- und der Marmevcrtvalwng direkt beschäftigten Handwerker, die Oekonomie- und Civilhandwerker, in der Uebersicht vollständig fehlen.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Ferner sollten in der Uebersicht Angaben über den Umfang der auf dem S u b- inissionslvege gegebenen Aufträge gemacht werden. Es handelt sich dabei um Hunderte von Millionen, es ist eine Wohl aufzuklärende Frage, ob die von der Verwaltung für den Staat herangezogenen Lieferanten ihren Arbeitern auch befriedigende Lohn- und Arbeitsverhältnisse gewähren. Die Arbeiter sollten auch dann der schlimmsten Ausbeutung entzogen sein, wenn sie nur in- direkt im Dienste des Staates stehen. Aber statt dessen leistet die Heeresverwaltung den traurigsten Zuständen Borschub und trägt geradezu zur Verbreitung der Heim- arbeit bei, die in jeder Beziehung so ungeheuer schädlich und verderblich ist. So sind z. B. beim 6. Armeecorps in Breslau die Arbeitsverhältnisse in den Werkstätten einigermaßen befriedigend, aber alle möglichen Gegenstände werden in der Hausindustrie hergestellt. Schon ftüher ist hier mitgeteilt worden, daß bei der Heimarbeit für de» Militär- bedarf 7 M. von weiblichen und 10 M. von männlichen Arbeitern verdient werden. Jetzt ist mir geschrieben worden, daß die Löhne in diesen Industrien 8 bis 9 M. für die weiblichen. 14 bis 20 M. fiir die männlichen Arbeiter betrage».(Hört! hört! bei den Social- demokraten.) Aber diese Löhne können nur dann erreicht werden, tvenn die Arbeitszeit geradezu bis ins Unendliche ausgedehnt wird. Dabei giebt es bei der Heimarbeit fast niemals ständige Beschäftigung während des ganzen Jahres. Und so ist das HauShalwngsbudget' der Arbeiter durchaus un- zulänglich, um ihnen auch nur die bescheidensten Lebens- genüsse zuzuwenden. Die Heeresverwaltung verbreitet ferner die Hausarbeit dadurch, daß sie den Werkstättenarbeitern Arbeit mit nach Hause giebt. Bei staatlichen Vergebungen sollten bestinimte Löhne von der Militärverwaltung vorgeschrieben werden. Bei einem solchen Vorgehen würden Sie die Unterstützung der angeblich immer nur nörgelnden Socialdemokratie finden. Bei der bayrischen Heeresverwaltung liegen etwas bessere Ver- Hältnisse insofern bor, als es den Arbeiten: in den bayrischen Militärwcrkstätten möglich ist, sich zu organisieren, was ihnen in Spandau bekanntlich nicht möglich ist. Aber die Haus- i n d u st r i e wird auch von dieser Militärverlvaltung unter- st ü tz t. Bei der Firma Schwärt, enberg n. Co. verdienen Arbeiterinnen bei 18 stiiildigcr Arbeitszeit 1,14 M., nach Abzug der Unkosten 0'/- Pfennig.(Hört! hört!) Der bayrische Kriegsminister sagte, über diese skandalösen Verhältnisse interpelliert, er kenne sie nicht, sie gingen das Bcklcidungsamt des II. Armeecorps an. Hoffentlich lehnt der preußische Kricgsministcr nicht ebenfalls die Verantwortung dafür ab. Den ver wü st enden Einfluß der Heimarbeit aus die Verhältnisse der M i l i t ä r s a t t l e r hat mein Fraktionskollcge Zubeil im vergangenen Jahre bereits beleuchtet. Die Arbeitszeit dieser Arbeiterkategorie ist eine überaus lange, ihre Löhne sind sehr gering. Die Militärverwaltung in Spandau unterstützt diese Zustände durch die Art ihrer Arbeitsvergebung. Für eine Packtasche, für deren Herstellung die Arbeiter in den M i l i t ä r w e r k st ä t t e n 5 M. erhielten, erhielt die Firma Becker n. Co. 3,95.(Hort! hört! bei den Socialdemokraten.) Das heißt doch, daß die Militärverwaltung auf die Notlage der Arbeiter und auf die jammervollen Zustände in der Heimarbeit spekuliert.(Sehr wahr! bei den Socialdem.) Nicht die Firma Becker u. Co. treibt hier Lohndrückerei, sondern die königliche Militärwerkstätte in Spandau durch ihre Submissionsbedingungen. Mit den hunmelschreienden Zuständen in der Heimarbeit hat sich der Reichstag wiederholt beschäftigt, die bisherigen Maßnahmen der Regierung auf diesem Gebiete haben sich als ganz wirkungslos erwiesen, das beweisen die Verhandlungen de-Z in diesen Tagen in Berlin versammelten Heimarbeiter-Kongresses, auf dem der Regierung nicht ein Verteidiger erstanden ist. Herrv. Bötticher erklärte seiner Zeit im Reichstage, wirkungsvoll werde sich die Heimarbeit bekämpfen lassen, wenn sich die Unternehmer ihrer Pflichten gegen die Arbeiter bewußt würden. Die Regierung selb st aber macht sich zum Mitschuldigen an den furchtbaren Mßständen der Heimarbeit, wenn sie diese Heimarbeit selbst ausnützt.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Sie ist dann mit schuld an den niedrigen Löhnen, der langen Arbeitszeit, den ungesunden Wohnungen und daran, daß Heimarbeiterinnen gezwungen sind, die Prostitution zun, Erwerb zu benutzen.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Der Reichstag darf nicht länger zögern, seinen gesetzgebenden Emflusi zur Bekänwfung der Heimarbeit geltend zu machen, sonst wird auch er zum Mitschuldigen bei diesen verderblichen und aufs schärfste zu verurteilenden Zuständen.(Lebhaftes Bravo! bei den Social- demokraten.) Abg.». Kröcher(k.): Nicht weil, sondern obwohl ich Militär bin, möchte ich einige Angriffe gegen das Offiziercorps auf das rechte Maß zurückführen. Gewiß giebt es Modenarren. Aber diese vollendeten F a tz k e s(Heiterkeit.) wissen mit Anstand für König und Vaterland zu st erben(Lebhafte Zustimmung rechts), das ist doch für den Soldaten ganz schätzenswert.(Große Heiterkeit und lebhafte Zustinnuung rechts.) Gewiß es giebt Säufer, es giebt Spieler unter den Offizieren, aber auch Heerführer aus den letzten großen Kriegen, deren Namen wir noch heute nur mit Bewunderung ncnnen, haben sich diesen bedauerlichen Leidenschaften hingegeben, die ich damit keineswegs entschuldigen will. Und Friedrich der Große, der sich' auf die_ Erziehung seines Offiziercorps auch einigermaßen verstand, erblickte darin auch keine Herab- setzung der militärischen Tüchtigkeit, sondern sagte: Sauft er anch!(Große Heiterkeit.) Aber eigentlich habe ich nur wegen der borgestrigen Rede des Abg. Bebel das Wort ergriffen, nicht um gegen ihn zu polemi- siercn, sondern nur, um einige Sätze, die er gesprochen hat, recht kräftig zu unterstteichen. Stach dem Bericht des.Vorwärts", der mit meiner Erinnerung völlig übereinstimmt, hat der Abg. Bebel nachgewiesen, daß wir mit einen, ständigen Anwachsen der Socialdemokratie i m H e e r c zu rechnen haben. Ich gebe dem Abg. Bebel vollkommen recht, man braucht lein Prophet zu fem, um zu sagen, daß die Socialdemokratie in der Armee fortschreiten muß, daß es immer schlimmer damit werden muß. (Abg. Bebel: Immer besser!) Das wird Herrn Bebel an- genehm sein, mir weniger.(Heiterkeit.) Die Ansbrritiing der Socialdemokratie im Heere ist Thatsache. Ich könnte das beweisen, aber es ist wirklich aktenkundig. Warum sollten denn die Leute, die vorher und nachher Socialdemokraten sind, gerade in den zwei oder drei Jahren der Soldatenzeit nicht Socialdemokraten sein? Aber daraus erwächst uns allen, den Mehrheitsparteien, den bürgerlichen Parteien will ich sag�". die Pflicht, den leitenden Stellen in der Regierung und in den Partcie» klar zu machen, daß es nicht möglich ist, die Social- demokratic durch Entgegenkommen oder durch schöne Rcdc» gewinnen zu wollen.(Lebhaftes Sehr richtig! rechts.) Ich lvcrde wieder als Scharfmache r gekennzeichnet werden.(Zurufe bei den Socialdemokraten: Sind Sie auch I) Ich gebe Ihnen das vollständig zu, aber eS ist gar nicht verwerflich, ein Schwert zu schärfen, es kommt nur darauf an, zu welchen Zwecken man es schärst. Es ist bloß verwerflich, wem, man das Messer schärft, um Leuten die Kehle abzuschneiden, denen man es nicht thun sollte. (Stürmisches Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Ich hoffe, daß die Mehrheitsparteien wissen werden, die Konsequenzen aus den von mir festgestellten Thatsachen zu ziehen.(Lebhafter anhaltender Beifall rechts.) Abg. Böckler(Antis.) wendet sich gegen den Abg. Eickhoff. Ich habe ja die Ehre, einen der verjudetsten Wahlkreise zu vertreten, aber ich möchte dagegen prorestieren, daß wenigstens die Juden n, eines Wahlkreises im Kriege je n, als Tapferkeit gezeigt haben. In den Freiheitskriegen haben sich die Juden zum größten Teil vom Kriegsdienst losgekauft. Ein Kauf- mann aus Deutsch-Friedland bot dem König Friedrich Wilhelm Hl. 10 000 Thaler an, um die Juden der Stadt freizukaufen mit der denkwürdigen Begründung, diese Summe werde ihm doch wertvoller sein als feige Memmen.(Große Heiterkeit.) Von einem Adligcnkultus in der Armee kann keine Rede sein. Aber so wie die Juden durch Jahrtausende lange Hebung ein gewisses Schachertalent erworben haben(Heiterkeit), hat sich natürlich auch bei den adligen Familien eine gewisse militärische Tüchtigkeit fort- geerbt. Redner beschwert sich des weiteren über Konkurrenz der Militärverwaltung gegenüber dem Handwerk und wünscht Schaffung von mehr kleinen Garnisonen. Abg. Bebel(Soc.): Herr Oberstlieutenant Krug v. Nidda hat gestem meiner Partei einen besonderen Vorwurf daraus gemacht, daß wir den B a u tz c n e r Fall, an dem nach seiner Darstellung kein wahres Wort sein soll, hier vorgebracht haben. In diesem Falle aber trifft uns am a l l e r w e n i g st e n ein Vorwurf, denn es war gerade die bürger- liche Presse, die diesen Fall mit allen Einzelheiten zuerst in die Oeffentlichkeit gebracht hat. Wenn ein Blatt wie das „Leipziger Tageblatt" seinen Bericht über die Bautzener Vorgänge mit den Worten einleitet:„Von sehr gut unter- richteter Seite wird uns das und das mitgeteilt", und es stellt sich nachher als reine Lüge heraus, so muß ich daraus schließen, daß innerhalb gewisser Kreise, die der Armee sehr nahe st e he n, ein besonderes Bedürfnis zu Klatschereien und Tratschereien über Zustände in der Armee vorhanden ist. Im Grunde genommen sollte mir Herr Krug v. Nidda dankbar sein, daß ich ihm Gelegenheit gegeben habe, die Sache richtigzustellen. Aehnlich liegt der Fall des G e n e r a l S V. B i's s i n g e n. In dem letzte» Briefe, den ich aus Münster in Bezug auf diesen Fall be- kam, teilte mir der Schreiber sogar mit, daß der K r i e g s n, i n i st e r selbst, als er in, letzten Herbst in Westfalen war, sich über den Fall Bissingen sehr scharf geäußert habe. Das zeigt doch wiederum, daß Elemente, die mit der Armee aufs engste verknüpft sind, thätig sein müssen, um derartige Dinge zu verbreiten. Den Fall des Prinzen Arenberg will ich nicht weiter erörtern. Es wird sich vielleicht bei Besprechung des Kolonialetats Gelegenheit bieten, den Kolonialdircktor zu fragen, von welcher Seite die Empfehlung kam, auf die hin Prinz Arenberg in die Kolonialabteilung aufgenommen wurde. Heute wird in der Presse mitgeteilt, daß, als Prinz Arenberg am 12. März 1893 in das westfälische Kürassier-Regi- ment eintrat, der jetzige Kriegsmini st er Kom- deur desselben gewesen ist. Ich verstehe, daß man sich bei der hochstehenden Familie, aus der der Prinz stammt, nach dieser nicht weiter erkundigt hat. Aber daß man über die Person des Prinzen Arenberg keinerlei Nachforschungen angestellt hat, widerspricht doch aller in i l i t ä r i s ch e n G e P f l o g e n h e i t. Innerhalb kurzer Zeit waren sich die Kameraden über den Zustand deS Prinzen nicht mehr zweifelhaft. Zum Beweise dessen ver- weise ich ans die Aeußerungen eines Nervenarztes in der gestrigen „BreSlauer Zeitung". Schon damals lag alle Veranlassung vor, kriegsgerichtlich gegen ihn vorzugehen und ihn zu entfernen. Nebenbei hat dieser Fall wieder gezeigt, eine wie verschiedenartige Behandlung innerhalb der Offizierskreise herrscht. Weil Prinz Arenberg einer der höchsten Adelsfamilien angehörte, ist er mit größter Zuvor- kommenheit behandelt worden. Trotz aller Vcrsicherungei, von Kameradschaftlichkeit und Gleich- heit im Osfizicrcorps bestehen doch sehr bedeutende Unterschiede in Bezug auf die einzelnen Regimenter und Truppenteile. Ein Sekonde- lieutenant hat eine ganz verschiedene Stellung, je nachdem er in einem Trainbataillon, bei der Infanterie oder der Garde steht. Auch zwischen den Jnfanterie-Rcgimentern wird auf das schärfste unterschieden. Seit der Kaiser Chcs des 145. und die Kaiserin Chef des 83. Jnfanterie-RegimentS ist, ist in beiden die Zahl der bürgcr- lichen Offiziere bedeutend zurückgegangen.(Hört, hört! links.) Der letzte bürgerliche Offizier ist 1895 aufgenommen worden, das Offizier- corps hat seinen Charakter vollständig geändert. Für uns Socialdemokraten bedeutet das ja sehr wenig und auch der Masse der Mannschaften, für die wir eintreten, kann es gleichgültig sein, ob sie von bürgerlichen oder adligen Vorgesetzten mißhandelt werden.(Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Aber für den G e i st, der im Staate lebt, ist das kennzeichnend. Wenn man dem vielgenannten Militär- kritiker glauben will— und ich bin dazu sehr geneigt, weil alle die neueren Kritiker die ehrlichste Absicht hatten, die Arinee auf bessere Wege zu bringen— ist ein früher unbekannter Geist der Eifersucht, der persönlichen Ranküne in die Armee eingezogen. Den Fall des Divisionskommandeurs hat inzwischen eine Preßinitteilmtg der„Preußischen Corrrspoudenz" vollinhaltlich bestätigt. Wie der Fall aber auch liegt, jedenfalls bitte ich die Militärverwaltung, in Bezug auf Mitteilungen der Presse sich weniger kühl zu verhalten als bisher. S o n st gehen f a l sch e Nachrichten, die von den Redakteuren g u t gläubig a u f g e n o n, m e n sind, m o n a t e l a n g d u r ch d i e P r e s s e. Ich mnß nun auf die gestrigen Angriffe des Herrn S t ö ck e r gegen unsre Partei eingehen. Er hat sich' äußerst abfällig über unsre Krittk an den in der Arinee bestehenden Zuständeii ausgesprochen. Unsre Kritik unterscheidet sich von der seinen allerdings wesentlich; er übt nach oben nur Kritik in dem leisesten, mildesten Tone, aber nach uuten schlägt er so derbe wie möglich. Wir halten es für richtiger, nach oben möglichst derb zu schlagen, gehen aber nach' unten schonender vor. weil in der Regel all die llebel, mit denen wir uns hier zu beschäftigen haben, von oben kommen. (Sehr richtig I bei den Socialdemokraten.) Wir diskreditteren auch nicht das Vaterland, sondern die Z u st ä n d e in diesem Vatcrlande, die wir für verbesserungsfähig halten. All unser Streben geht ja darauf hinaus, bessere, menschenwürdigere Zustände in unserm Vatcrlande zu schaffen. Sehr richtig! bei den Social- demokraten.) Was die Offiziere,„die geborenen Führer des Volkes" anlaugt, so hat Fürst Bismarck einsehr bitterböses Wort darüber gesprochen, das erst neuerdings bekannt geworden ist. Er sagte:„Wenn wir 1870/71 so großartig gesiegt haben— die Führerschaft war es in den seltensten Fällen, die das herbeigeführt hat, vielmehr die Bravheit, Ausdauer, der nnbezwinglichc Mut der Massen."(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Ich möchte Herrn Stöcker ein Urteil eines A in t s b r u d e r s von ihm, der die Verhältnisse sehr genau kennt, über die Zustände im Heere entgegenhalten, den Militärprediger Fromme!. Dieser hat wiederholt gesagt, „nuser Heer, lvielvohl es in vieler Hinsicht eine Schule der Zucht ist, wird doch für die uieistcn zu einer Hochschule für die Unzucht." (Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Er verweist auch auf die schmutzigen Redensarten, die zweideutigen, schamlosen Lieder, die selbst in Gegenwart von Offizieren beim Militär gesungen werden usw. Herr Stöcker schlug vor, wir möchten eine Kommission ein- s e tz e n, um diese Zustände im Heere zu untersuchen. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß eS Sache der Militärverwaltung sei, einmal festzustellen, lvas denn an den ungeheuer- lichen Behauptungen des Grafen Baudissin wahr sei. Wenn Herr Stöcker einen meiner Freunde als Vorsitzenden der Kommission empfahl, so möchte ich ihm vorschlagen, daß er lieber seine» Parteigenossen und früheren Amtsbruder Krösell dazu ernennt, der die nötige Qualifikation in dieser Be- ziehung sicher hat.(Große Heiterkeit.) Nach Herrn Stöcker reißt die Socialdemokratie den Soldaten alles aus dem Herzen, was ihnen lieb und teuer ist. Alan kann doch aber einem Menschen nicht etwas aus dem Herzen reißen, wenn er nicht zu einer andern Ueberzeugung kommt. Schule, Kirche, die gesamte Staatsverwaltung und Gesetzgebung ist doch in Ihren Händen, und wenn dennoch das eintritt, was Sie so bitter beklagen, wenn dennoch immer mehr Menschen zur Socialden, okratie übergehen, so sollten Sir sich doch cinuial im stillen Kämmerlein fragen: wie geht denn das zu, find denn die Socialdemokraten Hexenmeister oder was sonst?! Herr Stöcker hat ja in seinem eignen politischen Leben erfahren müssen, welche Macht die socialistische Bewegung, die nach ihm„heute geboren, morgen verweht" sein soll, in Wirklichkeit geworden ist. Er arbeitet seit Jahrzehnten als der moderne Shsiphus, während die von ihm best- gehaßte Partei riesengroß anwächst und dauern wird, wenn Herr Stöckrr längst verweht sein wird, ohne eine Spur zu hinterlassen. (Sehr gut! bei den Socialdemokraten,) Sehr charakteristisch war es' für den Hofprediger Stöcker, daß er von dem Urteil des Volkes über den Dresdener Parteitag sprach und sich zum Beweise auf eine» einzigen amerikanischen Socialisten berief. (Heiterkeit.) Das muß ein j änderbarer Socialist sein, der in eine Stöckersche Versannnlung geht, um sich Trost zu holen über den Dresdener Parteitag.(Heiterkeit und Sehr richttg I bei den Sociafr- demokraten.) Interessant war es, wie der Vertreter der christlichen Nächstenliebe sich hier zum Bertcidigrr des Judenhasses aufwarf. Er hat durch seine Worte alles das mit Füßen getteten, was das Christentum von seinen Anhängern fordert.(Sehr wahrt bei den Socialdemokraten.) Wir, die wir die Völker« Verbrüderung herbeiführen, die Klassengegensätze beseitigen wollen, sind die wahren Vertreter des Christentums.(Lachen rechts.) Der Mann, der moralisch gezwungen worden ist, aus dem Elfer- Ausschuß der konservativen Partei auszuttcten, wagt uns Moral zu predigen! Nie», and hat ihn tiefer gehaßt, als Ihr großer Fürst Bismarck, der ihm gegenüber auch nicht einen Funken von Achtung hatte.(Große Unruhe rechts.)— Christus,„des Menschen Sohn", hatte jüdische Eltern; die Prophe- zeiungen des alten Testaments gehen dahin, daß aus Israel das Heil der Welt hervorgehen werde. Die Juden waren das erste und einzige geschichtlich bekannte Volk, das an den Eingotr glaubte, der dann der Gott der Christen- heit ivurde. Das Christentum wäre ohne Judentum gar nicht denkbar.(Zuruf rechts: Chamberlain!) Jede andre Behauptung beruht auf historischer Unwahrheit und Fälschung. Um so merk- würdiger, sonderbarer, verwerflicher, verächtlicher ist Ihr Judenhaß. (Lachen rechts.) Der Jude ist in Deutschland gleichberechtigter Bürger, was das Gesetz für ihn bestimmt, bestimmt es für uns alle. Wenn er trotzdem von bürgerlichen Rechten ausgeschlossen wird, wie in der Armee, so ist das ein Unrecht, das der christliche Staat gegen diese Klasse oder Rasse verübt.(Sehr richtig l bei den Socialdemokraten.) Herr Stöcker hat mein Buch„DieFrau� wieder einmal in seiner bekannten Weise citiert; er hat zwei ganz verschiedene Sätze von zwei ganz verschiedenen Stellen zusammengebracht und Schilderungen heutiger Sittenzustände auf dem Lande als mein Urteil angegeben.(Hört I hört I bei den Socialdemokraten.) Ich sage aber in der„Frau" ausdrücklich:„Die Einehe ist die Normalehe der bürgerlichen Gesellschaft, jede andre Verbindung ist un- moralisch". Ich suche ja in dem Buche nur nachzuweisen, daß nach der ganzen historischen Entwicklung die Beziehungen der Geschlechter nach den socialen Zuständen der Gesellschaft wechseln. Heute lassen Kultur-, Eigentums-, Erbrechtsbegriffe gar nichts andres zu als die Einehe, und jeder, der über diese Grenze hinausgeht, handelt um moralisch. Freilich, die Moralbegriffe wechseln, und morgen kann das moralisch sein.(Hört! hört! rechts.) Ich wundere mich, daß Herr Stöcker nicht einen Höheren wie mich ange- griffen hat, den von ihm so hochverehrten Luther. Dessen Anschauungen stehen mir viel näher als ihm: Ich werde mich hüten, solche Aeußerungen zu thun, wie die Luthers Wenn ein Weib einen untüchtigen Mann hat, so soll sie ihm sagen:„Sich, lieber Riann, Du hast mich um meinen Leib betrogen. Vergönne mir, daß ich mit Deinem Bruder oder besten Freund eine heimliche Ehe schließe, damit Dein Gut nicht an Fremde kommt." Und wie stand Luther zur Doppelehe Philipps von Hessen? Ein Amtsbruder des Herrn Stöcker schrieb über Eberhard von Württemberg.... Vicepräsident Graf Stolberg(unterbrechend): Sie werden selbst zugeben, daß Ihre Ausführungen mit dem Gehalt des Kriegsministers nichts zu thun haben.(Große Heiterkeit.) Abg. Bebel(fortfahrend): Herr Stöcker hat die Angriffe auf mein Buch gestern vom Zaune gebrochen. Amtsbrüder von ihm denken bei Iveitem nicht so schlimm darüber. Ein Pforzheimer Pfarrer urteilte 1893, Bebels„Frau" sei ein Buch, das er jedem Christen empfehlen könne. Ein andrer Pfarrer erachtete es für ein„wertvolles und belehrendes Buch". Die Angriffe des Herrn Stöcker ärgern mich nicht, sie beweisen nur die Ohnmacht des Angreifers.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Herr Stöcker sprach auch von Roheit. Aber die herrschenden Klassen sind es, die dir Roheit, die leider vielfach vorhanden ist, gezückstet haben. Wo die Social- demokratie einmal Boden gefaßt hat, hebt sich alsbald der Stand der sittlichen Bildung.(Lebhafter Widerspruch und Lärm rechts.) Ein niederöstreichischer Richter erkannte die Verdienste der Social- demokratte un, die sittliche Besserung des Volkes außerordentlich lobend an. Zum Schlüsse seiner Rede mußte Herr Stöcker selber zugeben, daß zahlreiche Mißstände in der Armee beständen. Er hat Teile meiner e r st e n Rede nachgebetet, wie Sie(nach recht«). nur zu Ihrer ganze» Kritik nur durch uns genötigt werden.— Herr 5kröcher hat wieder einmal erklärt, mit dem„Entgegenkommen" gegen uns müsse es ein Ende haben. Er will uns das Messer an die Kehle setzen. Aber machen Sie, was Sie wollen, Sie werden uns nie und nimmer loö l(Lebhaftes Bravo bei den Socialdemokraten.) Mg. Stöcker(toilblonf.): Das Mienenspiel und der Ton des Herrn Bebel zeigten doch, wie sehr er sich geärgert hat. Er flüchtet jetzt vor den Konsequenzen seiner eignen Gedanken und sucht das Buch „Die Frau" abzuschwächen. Aber in Wahrheit bedeutet dies Buch die L o s l ö s u n g der Geschlechts- und Ehe Verhältnisse von jeder sittlichen Grundlage d i e� Auflösung der Menschheit in eine Tier lv ü st e, oder in einen zoologischen Garten. iZustinimung rechts.— Zuruf bei den Socialdeinokraten: In ein Forbach!— Heiterkeit.) Ich vertrete die Interessen der Arbeiter scharf nach oben hin, aber gegenüber dcr Socialdeniokratie kenne ich nur einen Kampf auf Lebe» und Tod. bis einer von uns aus dem Platze bleibt. sLachcn bei den Socialdemokraten Herr Bebels will das Volk aus der Unwissenheit be freien, derselbe Herr Bebel aber sagte in Dresden „Hütet Euch vor den Leuten, die zu Euch kommen Wenn es ein Akademiker ist, so hütet Euch zivei- oder dreimal! sAbg. Bebel ruft: Fälschung I> Sie reden immer vom Fälschen sZuruf bei den Socialdemokraten: Das ist auch sehr notwendig I Ich kann es Ihnen genau verlesen:„Seht Euch jeden Genossen cm. sAbg. Bebel: Aha 1) und wenn es ein Akademiker ist, doppelt und dreifach l" Sie(zu den Socialdemo kraten) dachten, ich hätte den genauen Wortlaut nicht bei mir. W e s i ch v o r d e n A k a d e nc i k e r n fürchtet, kann das Vol. in ch t V 0 r d e r Unwissenheit b e f r e i e n I(Sachen bei deu Socialdemokraten.) Er erzielt vielleicht mit seinen proletarisch wüsten Gedanken Erfolge, aber die Kultur fördert er nicht! Wenn Herr Bebel Vaterlandsliebe und Religion aus dem Herzen des Volkes zu reißen sucht, so spekuliert er damit auf das Schlechte st im Vi e n s ch e n, auf Neid und Bosheit. Es ist ein Charakteristikum schlechter Menschen, daß sie die Majestäten lästern, d. h daß sie die Autoritäten herunterziehen. Damit hat man beim Pöbel immer Erfolg. Dieser Byzantinismus nach unten, der dem Volke seine Autoritäten vernichtet, uni sich selbst auf das Piedestal zu setzen, ist die schlimmste und verworfenste Art der Agitation!(Lebhafte Zu stimmung rechts.) In England und Amerika hat die Socialdemokratie keinen festen Fuß fassen können. Das ist ein bedeutsames Verdikt zweier hochentwickelter Völker. Bei uns hat die Jude»presse und die ihr verlvandte, ebenso schlechte Presse das Volk ein halbes Jahrhundert lang verdummt, so daß es sich jetzt von der Socialdemokratie verführen läßt.(Lautes Lachen links.) Herr Bebel zog eine Parallele mit der Zeit der Christenverfolgungen. Aber die Christen können dabei doch nur wir sein und Sie Nero oder C a l i g u l a I Sie leugnen doch jedes Christentum! Herr Bebel sagte:„Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen." Aber Christus sagte auch:„Ich bin nicht gekommen, Friede» zu bringen, sondern das Schwert!" Sie sehen daraus, wie verwerflich es ist, sich auf Sachen zu be- rufen, die man nicht kennt.(Lachen bei den Socialdenwkraten.) Vicepräsident Graf Stolbcrg(unterbrechend): Auch diese AuS- führungen haben mit dem Militäretat nichts zu thun. Ich bitte Sie, nicht zu weit darin zu gehen. Abg. Stöckcr(fortfahrend): Mit Herrn Bebel über Luther mich zu unterhalten, lveise ich weit von niir. Unsre Kirche hat seine Anschauung niemals gebilligt; sie ging bei Luther hervor aus seiner falschen Auffassung des alten Testaments: er glaubte, was im alten Testament erlaubt sei, sei auch jetzt er- kaubt. Mit Herrn Bebel über Jesu zu reden, würde ich mich schänienl(Zuruf bei den Socialdemokraten: Das steht Ihnen gar nicht!) Er begreift ja doch nicht den Unterschied meines Ausspruchs, Christus sei kein Jude, sondern des Menschen Sohn. Solch tiefes Wort zu vertreten, ist sein Haß gegen Akademie und Bildung viel zu groß.(Lachen bei den Socialdemokraten.) KriegSminister v. Einem: Sie werden mir zugeben, daß cS dem preußischen Kriegsminister außerordentlich schwer gemacht wird, sein bißchen Gehalt bewilligt zu bekommen.(Große Heiterkeit.) Speciell heute hätte ich wirklich besser zu Hause meinen Geschäften nachgehen können Jch�j hoffe, daß dieses heiße Bemühen, mir das Gehalt streitig zu machen, allmählich aufhört.(Heiterkeit.) In einem Punkte muß ich Herrn Bebel durchaus recht geben, eS geht eine gewisse Klatschsucht durch weite Kreise, es wird so ungeniert über Sachliches und Persönliches gesprochen, daß jeder in seinem Kreise dahin wirken sollte, daß solche Klatschereien unterbleiben. Wo werden aber derartige Klatschereien ungenierter vorgebracht, wo werden sie hartnäckiger festgehalten, als gerade in der socialdemokratischen Presse. Der„Vorwärts" hatte vor einiger Zeit einen Artikel gebracht mit der Ucberschrift„Verbesserungen der Offiziersgehältcr auf Umwegen". Diese Verbesserungen sollten durch den neuen Servistarif erfolgen. Ich habe daraufhin sofort in der„Berliner Korrespondenz" eine Berichtigung erscheinen lassen, durch welche die völlige Grundlosig- keit dieser Behauptung nachgewiesen wurde, alle Blätter haben die Berichtigung gebracht, nur der„Vorwärts" hat nichts davon erwähnt. Es wäre Pflicht jedes anständigen Blattes, eine solche Berichtigung ohne Zlvang zu bringen.(Sehr richtig! rechts.) Herr Bebel hat gesagt, es wäre klüger von der Militärverwaltung, den Dementie'rapparat immer in Bewegung zu setzen. Wenn ich'das wollte, müßte ich schon jetzt einen Nachtrags- Etat einbringen und mindestens einen Abteilungschef, zwei Referenten und eine ganze Anzahl Expedienten mehr hinzu bekommen, um alles Falsche, was in den Zeitungen steht, zu bcricht'gen. Wenn man be- denkt, was für hirnverbrannte Gerüchte über den Abgang meines Vorgängers in den Zeitungen gestanden haben, dann faßt man sich an den Kopf und begreift nicht, wie verständige Menschen solchen Blödsinn schreiben und glauben können.(Sehr richtig! rechts.) Noch ein Wort zum Falle Arenberg. Herr Bebel hat ganz recht, ich bin der Kommandeur des Kürassier- Regiments gewesen, in welches Prinz Urenberg eintrat. In unsren Reihen diente sein B r u d e r, der Herzog von Arenberg, seit mehreren Jahren, ein durchaus nüchterner, solider Mann, ein äußerst tüchtiger Offizier. D res er bat mich eines Tages, seinen jüngeren Bruder in das Regiment zu nehmen, weil er es für ihn durchaus für ersprießlich halte, eine Erziehung als preußischer Offizier zu bekommen. Ich habe mich nach der Persönlichkeit des Prinzen genau erkundigt. Ich hatte damals einen Adjutanten, der mit dem Herzog bekannt war. Dieser ist nachher in die Kolonien ge- gangen und als ausgezeichneter Offizier bekannt. Jetzt ist er nicht mehr unter den Lebenden. Nach dem Charakter dieses Offiziers und des Herzogs v. Aren berg mußte ich mit aller Sicherheit annchmen, daß sie mir es mit- geteilt hätten, wenn sie von dem anormalen Charakter des Prinzen Prosper v. Arcnberg irgendwelche Kenntnis gehabt hätten. Diese Anormalitäten sind jetzt bei der Gerichtsverhandlung zum Vorschein gekommen, vielfach nach Dien er- Aussagen. Ich habe von all diesen Fällen keine Ahnung gehabt. Der starke, hochgewachsene junge Mann machte auch, als er zu uns kam, durchaus keinen abnormen Eindruck. Ich habe später vor und nach dem Manöver von seinem Eskadronchef nur ein günstiges Zeugnis über ihn erhalten, daß er sich rasch und schnell in die ihm fremden Verhältnisse eingefunden habe. Damit hören meine Beziehungen zu dem Prinzen von Arenberg auf. Wenn hinterher bei dem Regiment Fälle vorgekommen sind, wie sie in de» Akten geschildert sind, so sind zweifellos große Fehler gemacht worden, falls die Offiziere diese Fälle nicht zur Kenntnis ihres Sirgiments- kommandeurs gebracht haben. Es ist ja möglich, daß die Offiziere und speciell der eine, von dem in der öffentlichen Verhandlung die Rede gewesen ist, ans kameradschaftlichen Rücksichten zunächst geschwiegen haben, ist aber die Verwendung des Prinzen imKolonial- dienst erfolgt, trotzdem das Regimentskommando von seinen V e r s e b I u n g e n Kenntnis hatte, so hat dies sich schuldig gemacht. Diese Fehler sollen in keiner Weise in Schuh genommen und abgeleugnet werden.— Herr Ledebour hat gestern auf eine Aendcrung meiner Rede im stenographischen Bericht hingewiesen. Ich glaube gesagt zu haben, die Offiziere sind die Führer der Blüte der Nation im Kriege. Ich sehe eben die B l ü t der Nation in unserer Jugend, die hinausgeht zur Ver teidigung des Vaterlandes. In dem allgemeinen Geräusch ist dies wchl nicht so genau ins Stenogramm gekommen, s o daß eine meiner Herren, der das Stenogramm korrigier hat, um ganz klaren Sinn hereinzubringen allerdings hinzugesetzt hat: Führer des Volkes in Waffen. Ich persönlich habe das Stenogramm nicht gesehen. Diese Korrektur hat aber stattgefunden, che irgend eine Polemik über meine Rede stattgefunden hat.— Den Fall, den Herr Eickhoff er- wähnte, ist von inir, wie er selbst sagte, rektifiziert worden. Wenn er mich aber gefragt hat. ob denn nun dieser junge jüdisch K o m in i s durch Korpsbefehl nachträglich doch bei dem R e g i ni e n t z u g e l a s s e n s e i, so muß ich erwidern: dazu hat das Generalkommando überhaupt kein Recht. Wer als Freiwilliger eintreten will, sucht sich seinen Truppenteil aus und ob er, wenn er abgewiesen ist. gerade Lust hat. sich durch Zwang einstellen zu lassen, ist mir doch sehr zweifelhaft.(Sehr richtig! rechts.) Weder gesetzliche, noch auf dem Verwaltungswege erlassene Vorschriften stehen im übrigen der Einstellung jüdischer Freiwilliger im Wege.— Ob die bayrischen Offiziere gebildeter sind wie die preußischen. wie Herr Müller-Meiningcn behauptete. weiß ich nicht, es ist ja möglich. Ich weiß nur. daß vielfach die bayrische Heeresverwaltung aus eigner Initiative Offiziere in unsre Institute beim großen Generalstab usw. geschickt hat mit der Begründung, daß sie da einen freieren Blick bekämen und mehr lernten.— Herr Bebel hat neulich gesagt. Herr General- lieutenant z. D. v. BoguSlawski habe über den Heidelberger Fall Verleumdungen und gemeine Verdächtigungen verbreitet. Wenn iinn Herr v. Boguslawski diesem Hause nicht angehört und wahrscheinlich auch mit Ihnen nicht persönlich verkehrt(Große Heiterkeit rechts) so müssen Sie das doch gelesen haben. Was sagt nun Herr BoguSlawski:„Wenn nun auch ein Fall s p e c i e l l e r social- dcmokratischer Aufhetzung hier nicht vorläge, so ist es doch klar, daß die Jahrzehnte lang betriebene allgemeine Verhetzung gegen unser System und die Klasse der Vorgesetzten, wie sie in der Presse und in Versammlungen stattfinden, den Respekt vor den Vorgesetzten zu ertöten geeignet ist und zu solchen Ausschreitungen führen m u ß." Nun habe ich nachgewiesen, daß der schlimmste dieier braven Bauernburschen(Abg. Bebel: Ich habe sie nicht so genannt!)— das habe ich auch nicht gesagt— daß der schlimmste dieser braven Baucrnburschen ein mehrfach vorbestrafter, als Socialdemokrat über- wiesener Mann ist. Danach kann man wohl die Frage an Herrn Bebel richten, ob er das zurücknimmt:„Verleumdungen" und„ge- meine Verdächtigungen".(Zuruf des Abg. Bebel.) Sie nehmen 'ie nicht zurück, dann muß ich an das hohe Haus appellieren, ob der Abg. Bebel thatsächlich dieser gerechte und nach Wahrheit geradezu dürstende Mann ist, wie er sich immer und auch jetzt in seiner letzten Rede dargestellt hat.(Lebhaftes Bravo! rechts. Abg. Wagner(südd. Vp.) bekämpft die übermäßigen Ausgaben Ar den Militarismus, insbesondere auch die erhöhten Forderungen Ar die Unteroffiziere und Oberstlicutenants. Die Uniforniänderungen Ar Offiziere haben 15 Millionen gekostet, dafür läßt man die Kriegs invaliden hungern. Die Offiziere treiben den größten Luxus, statt 'ich volkswirtschaftliches und völkerrechtliches Wissen zu verschaffen. Die Soldaten werden in viel zu hohem Maße zu persönlichen Diensten für die Herren Offiziere abkommandiert. Gegen die oldatenmißhandlungen müssen unbedingt schärfere Maßregeln er- griffen werden. Schließlich verlangt der Redner eine anderweitige Regelung der Militäranwärtcrfrage. Abg. v. Oldcnhurg(kons.)? Als ich im vorigen Jahre, nachdem nieine Wahl in der Kommission llr ungültig erklärt worden war, eine ganz kurze Rede hielt, sagte Herr Bebel, er hätte in meiner Stelle es für eine Ehrensache an- gesehen, mein Mandat sofort niederzulegen und er hätte nicht mehr den Mut gefunden, nach der Ungültigkeitserklärung noch zu reden. (Hört I hört I rechts.) Herr Braun, dessen Wahl schon zum zweiten- mal in der Kommission für ungültig erklärt worden ist, aber hat heute eine lange Rede gehalten.(Ruf rechts: Social- demokratisches Ehrgefühl!) Das beweist doch jedenfalls die Vieh 'eitigkeit des Herrn Bebel. Wenn es Ihnen(zu den Social- demokraten) paßt, so können Sie eben auch anders.(Heiterkeit und Beifall rechts.) Die Rechte, Nationalliberale und Centrnm haben sich in Reden große Zurückhaltung auferlegt. Wir wollen den Etat rechtzeitig 'ertigstetten. Aber auf die Reden der Abgg. Bebel, Ledebour und Müller- Meiningen müssen wir antworten. Um Dr. Müller- Meiningen bin ich besorgt: seine Erfolge bei den Frauen ' p o r n e n ihn zu Leistungen an, die über seine Kraft gehen.(Stürmische, anhaltende Heiterkeit rechts.) Warum dies Vordrängen eines Abgeordneten? Das ist ja unerträglich ir wünschen nur, daß endlich einmal Herr Richter wiederkommt, um diesem Unfug in seiner Fraktion zu steuern.(Große Heiterkeit.) Es ist der Parademarsch bekämpft worden. Der Bocrcnkrieg stricht aber für den Parademarsch. Hätte» die Bocren ihn gekannt, o wären die Engländer sehr bald aus Afrika herausgeflogen.(Sehr ichtig! rechts.) Auch im japanisch-russischen Kriege werden wir den Wert des Parademarsches erkennen können. Ich habe als Offizier den Parademarsch persönlich schätzen lernen. Ich muß die partikularistische Bemerkung Dr. Müller-Meiningens zurückweisen, daß die bayrischen Offiziere gebildeter seien als die preußischen!(Lebhafter Beifall rechts.) Bayrische und preußische Offiziere haben gemeinsam die Siege von 1870/71 erfochten!(Zu stimmung rechts.)— Die Militärgerichtsbarkeit ist immer human und gerecht verfahren. Den gleichen Eindruck habe ich von der Civil- Gerichtsbarkeit, an der ich viele Jahre lang als Schöffe teil- nahm, nicht immer empfangen. Sie(zu den Socialdemokraten) wissen ganz genau, warum Sie das Offiziercorps bekämpfen: wenn es einmal dazu kommt, so werden Ihnen die Herren- ein Gericht vorsetze», das sehr schwer vcr- daulich ist, die blauen Bohnen!(Große Unruhe.) Aber wenn es dazu kommt, so wünschen wir nur, daß dieS Gericht nicht nur genossen wird von den verhetzten Massen, sondern daß dann auch der Ruf erschallt:„Führer vor die Front!"(Erneute große Unruhe.) Als Herr v. Einem von den Bollwerken der Nation sprach, fiel der Ruf: Die Junker!" Ja an dem Bollwerk der Junker ist leider etwas abgebröckelt, weniger durch die socialdemokratische gitation, als durch den ganzen Gedankengang er Aera Caprivi(Lachen links), die diese festeste Stütze des Staates dem Großkapitalismus aufopferte. Wollte man dies schon thun, ö hätte man als Aequivalent gleichzeitig die rigorosesten Abwrhrmaß- regeln gegen die Socialdemokratie treffen müssen. Man hätte in demselben Moment, wo man die Tarifsätze ermäßigte, das allgemeiiic Wahlrecht aufheben, die Führer der Socialdemokratie durch ein Socialistengesetz und den Expatriierungs-Paragraphen treffe» und die socialdemokratische Presse knebeln müssen.(Zuruf des Abg. Bebel.) Herr Bebel ruft mir zu:„Man müßte sie köpfen!" Nein, ich will sie nicht öpfen. Ich möchte Ihnen weite Gebiete unsrer afrikanischen Kolonien zuweisen.(Große Heiterkeit.) Versuchen Sie Ihre menschen- •reundlichen Theorien an den Bondelzwarts, und wen» Sie dann etwas Brauchbares leisten, können wir es ja immer noch in die Heimat übernehmen.(Große Heiterkeit und Sehr gut! rechts.) Ich fühle mich jetzt manchmal an die Reden Ciceros gegen die Verschwörung Catilinas erinnert.(Redner sagt einen langen lateinischen Satz aus Ciceros Reden auswendig her.— Große Heiterkeit.) Wenn es zur Revolution kommt, so wissen wir, daß mit dem Schafott operiert wird. Wenn dann durchaus gehenkt werden soll oder muß, so hänge ich natürlich erst lieber Sie auf.(Große Heiterkeit und Unruhe.) Die Mißstände der Aera Caprivi zeigen sich am deutlichsten in dem plötzlichen Anschwellen der AbwanderungSzifsern vom Lande. Diesen Mißständen sollten wir endlich energisch z» Leibe gehe». �„ Daß Sie(zu den Socialdemokraten) so groß geworden sind, liegt daran, daß der Bismarcksche Kürassiersticscl Ihnen gegenüber Platz gemacht hat dem Glacee-Handschuh.(Sehr richffg! rechts.) Ohne die drei Junker Bismarck, Roon und Moltke könnten wir hier nicht so liebenswürdig plaudern.(Große Heiterkeit.) Jetzt wende ich mich lieber zum andern Bollwerk, zur Armee. Wir springen nicht immer den Ministern nach. Aber der Kriegs- mini st e r machte eine Ausnahme. Mit ihm gehen wir durch dick und dünn, weil wir zu ihm Vertrauen haben und weil die Armee der Halt und Stolz der Nation ist.(Bravo I rechts.) Wenn Offiziere Schmähschriften veröffentlichen, so ist's uns alten Offizieren iiolüle officium, im Neichstag mit doppelter Kraft auf- zutreten, wenn es zu verteidigen gilt unsre erste Liebe, die Hohen- zollcrn!(Stürmischer Beifall rechts.— Lautes Lachen bei den Social- demokraten.) Ich las neulich in einem Witzblatt: „Aergre mich immer, wenn Militär im Reichstag wird mit- genommen, Andre Nationen glücklich wären, könnten Besitz von bekommen. (Große Heiterkeit.) So ist's auch, und wenn der Reichstag dem Kriegsiniiiister die Vertretung der Offiziere und die Armee über- lassen wollte, so wäre dieser deutsche Reichstag nicht einen Schuß Pulver wert. An diesem Bollwerk werden Sie nicht rütteln, und an diesem Vollwerk werden Sie zerschellen.(Stürmischer anhaltender Beifall rechts.) Nach meinem alten Grundsatz soll eine Rede kurz und verletzend sein.'(Heiterkeit.) Kurz war sie und verletzend hoffentlich auch.(Lautes Nein! nein! bei den Socialdemokraten.) Nun. wenn ich Sie diesmal nicht verletzt habe, so will ich nächstes Mal viel gröber sein.(Heiterkeit und lebhafter Beifall rechts.) Abg. Dr. Rügenberg(C.) verlangt eine bessere psychologische Vor- bildung der Militärärzte und Belehrung der Offiziere und Unter- offiziere über die häufigsten Geisteskrankheiten durch populäre Vor- träge. Anläßlich des Falles Arenbcrg müsse gegen den übermäßigen Alköholgcnuß im Heere eingeschritten werden. Abg. Prinz zu Schönnich-Carolath(natl.): Ich darf eS hier aus- sprechen, daß wir die beste und ausgezeiclmetste Annee der Welt haben, um die uns jedes Volk beneidet. Heldentum, Tapferkeit, Hin- gebung und Treue bis in den Tod der Offiziere und Soldaten kann von keiner Annee übertroffen werden. Wir wollen dem Auslände gegenüber nicht den Eindruck aufkommen lassen, als ob Mißstimmung und Mißtrauen gegen die Annee herrscht. Abg. Eickhoff(frs. Vp.): Ich lehne es für mich ein für alle mal ab, aus das Niveau der Liebennann v. Sonncnberg und Genossen herabzusteigen. Auch auf die Ausführungen des Herrn v. Oldenburg kann ich nicht eingehen. Iveil er aus dieselbe Stufe herabgesunken ist. Herr Stöcker hat von einer durchgängigen Verbindung zwischen Judentum und Socialdemokratie gesprochen. Dabei haben Jude» Kröscll und Raab ans patriotischen Gründen zum Siege verholfen. Durch die Zurücksetzung der Juden wird die Verfassung aufs schwerste verletzt-, darüber helfen weder Schweigen noch billige Witze hinweg. Durch solche Ungerechtigkeiten wird nur die Socialdemokratie ge- fördert und das Vertrauen in das kaiserliche Wort auf die Ver- fassung erschüttert. So werden die Grundlagen des Thrones unter- graben, den wir stets zu schützen bereit sind.(Bravo! bei de» Freisinnigen.) Damit schließt die Besprechung. Persönlich bemerkt Abg. Kröscll(Antis.): Herr Bebel hat es für nötig befunden, mich dem Abg. Stöcker vorzuwerfen als Amtsbruder und Partei- genösse.' Zur Steuer der Wahrheit erkläre ich. daß ich erstens nicht Amtsbruder des Herrn Stöcker bin(Zuruf bei den Social- demokraten: war!), zweitens, daß ich nicht sein Parteigenosse bin. Allerdings hatte der Doktor der Theologie und Hofprediger a. D. Stöcker.... Präs. Graf Ballestrem: Namens des Doktors der Theologie und Hofpredigcrs a. D. Stöckcr können Sie nichts persönlich erklären.(Große Heiterkeit.) Abg. Kröscll(fortfahrend): Alles, was ich an Herrn Bebel gesehen habe... Präs. Graf Ballestrem: Das ist nicht persönlich. Abg. Kröscll: Ich bitte Herrn Bebel, seine Angriffe.... Da Präs. Graf Ballestrem wiederum eingreift, verläßt Abg. Krösell unter schallender Heiterkeit die Tribüne. Abg. Bebel(persönlich): Ich stehe Herrn Krösell bei späterer Gelegenheit gern zu Diensten. Der Kriegsminister hat mich gefragt. ob ich bereit gewesen sei. die Angriffe gegen den Generallicutenant v. BoguslatvSki zurückzunehmen, der anläßlich des Heidelberger Falles... Präsident Graf Ballestrem: Das ist nicht persönlich.(Große Heiterkeit.) Abg. Bebel: Der KriegSminister hatte mich doch gefragt... Präsident Graf Ballestrem: Dann könnten Sie sich ja jederzeit Parteigenossen stellen, die alle möglichen Fragen an Sie richten. (Stürmische Heiterkeit.) Abg. Bebel: Dann werde ich bei andrer Gelegenheit auf diese Frage antworten. Abg. Licbcruiann v. Sonnenbcrg(persönlich): Herr Carolath hat nach einem Zuruf gemeint... Präsident Graf Ballestrem: Das ist nicht persönlich. Zurufe sollen überhaupt nicht gemacht werden.(Stürmische Heiterkeit.) Abg. Liebennann v. Sonncnberg: Ich wollte nur sagen, daß Goethe keinen größeren Verehrer in diesem Hause hat als mich. (Lebhaftes Oho! bei den Socialdemokraten.— Große Heiterkeit.) Das ganze deutsche Volk... Präsident Graf Ballestrem: Für das ganze deutsche Voll dürfen Sie nicht sprechen.(Große Heiterkeit.) Abg. Liebermann v. Sonnenbcrg: Der Abg. Eickhoff hat behauptet, wir hätten... Präsident Graf Ballestrem: Sprechen Sie nur für sich!(Große Heiterkeit.) ... Herr Eickhoff hat behauptet. Treitschke sei kein Antisemit ge- wesen, ich habe von Herrn Treitschke den Satz gelernt... Präs. Graf Ballestrem: Sie können nicht für Herrn Treitschke sprechen. Da Abg. Liebermann v. Sonneuberg unbekümmert weiter spricht, ruft Graf Ballestrem ganz laut:„Wenn ich Sie unterbreche, dürfen Sie nicht versuchen, in Ihren Aussührungen fortzufahren." Abg. Liebermann v. Sonnenberg: Herr Eickhoff hat behauptet, die Juden im Kreise Eschwege-Schmalkalden hätten für den Anti- emilcn Raab gestimmt. Ich lege dieses Flugblatt auf dem Tisch des Hauses nieder, das beweist, daß die ganze Juden- 'chaft für den Socialdemokraten gestimmt hat. Präsident Graf Ballestrem: Das war wieder nicht persönlich. (Große Heiterkeit.) Der Titel Ministergehalt wird bewilligt. Die Urlauber-Resolutionen Beumer-Eickhoff werden angenommen, dagegen wird eine Resolution des Abg. Freiherrn v. Hehl, die eine Bcsierstellung für die Unteroffiziere bezweckt, abgelehnt. Eine Reihe weiterer Titel wird debattelos bewilligt. Hierauf wird die Weiterbcratung auf Donnerstag 1 Uhr ver- tagt.— Außerdem steht die dritte Beratung der Vorlage über die Einbeziehung des schleswig- holsteinschen Fürstenhauses m das genieine deutsche Fürftenrecht auf der Tagesordnung. Schluß 6'/« Uhr._ Hbgcordnetcnhaua. 37. Sitzung, Mittwoch. 9. März 1904, 11 Uhr. Am Ministertische: Budde. Die zweite Lesung des Eisenbahn- Etats wird fortgesetzt beim Abschnitt.Zugverbindungen". Nachdem eine Reihe von Rednern kleinere Specialwünsche vor- gebracht, schließt diese Besprechung. Eine Reihe von Einnahme- Kapiteln wird debattelos bewilligt. Es folgen die dauernde» Ausgaben. H69. Busch((£.) führt Beschwerde darüber, daß der Minister Eingaben des Militäranwärter- Verbandes grundsätzlich un- beantwortet lasse. Abg. P netze(9JatI.) fordert den Minister auf, in dem Bau von Dienstwohnungen für die Eisenbahn-Angestellten kräftig fortzufahren. Redner weist im weiteren auf die gesundheitlichen Gefahren hin, der die Beamten des äußeren Dienstes ansgesetzt sind, und verlangt besonders für die Lokomotivführer ein rascheres Aufrücken in die höheren Gehaltsklasfen. Ferner fordert Redner eine Besserstellung der Statiousgehilfen. Abg. Goldschmidt(frf. Vp.): lieber das Koalitionsrecht der Eisen- bahnarbeiter, das im vorigen Jahre so lebhaft diskutiert worden ist, ist in den diesjährigen Verhandlungen bisher kaum ein Wort gefallen. Es muß festgestellt werden, daß das Koalitionsrccht auch den Eisenbahn- arbeitern rcichsgesetzlich garantiert ist und nicht durch ei neeinzel- staatliche Verwaltung beseitigt werden kann. Die Organisationen der Arbeiter zur Erringung besserer Arbeits- und Lohnbedmgungen müssen politisch neutral sein, sie dürfen sich nicht in den Dienst einer bestimmten Partei stellen. Ich billige auch keines Ivegs die Sprache des Organs jenes Eisenbahner-Vereins, gegen den sich die vorjährigen Er- klärungen des Ministers besonders richteten. Der Minister sagte, im Eisenbahnbetriebe dürfe kein thätiger Socialdemokrat beschäftigt sein. Es sind 27 Ent- lassungcn von Mitgliedern jenes Eiscnbahner-Berbandes erfolgt. In dem Notizbuch, das ein Arbeiter in seinem Jackett hatte stecken lassen, fand man eine Liste dieser 27 Arbeiter als Mitglieder des socialdem akratischen Eisenbahner- Ver- bandes, und diese 27 sind von dem Minister entlassen worden! sHört! hört! links. Wiederholte Rufe: Sehr richtig! rechts.) Solche Intoleranz sollten wir doch den Socialdemokratcn überlassen! In einem Erlaß des Herrn v. Thielen wird Arbeitern, die in der Verwaltung besonders genehmer Organi- s a t i o n e n t h ä t i g sind, für diese Organisationsthätigkeit eine besondere Honoricrniig zugedacht. Ich möchte dem Minister raten, diesen Erlaß schleunig st zurückzuziehen. Er führt zu Liebedienerei gegen die Vorgesetzten und erzeugt Heuchler und Speichellecker! Auch die Bevorzugung des neugegriindeteir Allge- meinen Eisenbahner-Verbandes durch den Minister gebt etwas weit: er hat den Mitgliedern nicht nur freie Fahrt zum Delcgiertcntage nach Kassel, sonder» auch noch Diäten gewährt. Das geht etwas iveit, so sehr ich mich auch sonst überdas, was in Kassel geschehen ist, freue. Der Minister sollte erwägen, ob nicht allen Arbeitern in den Eisenbahn- Werkstätten und im Streckendienst ein Urlaub, lvenn auch nur von einer Woche, mit Weiter- zahlung des Lohnes gelvührt werden könne. Dadurch würde die Berufsfreudigkeit der Arbeiter in hohem Maße vermehrt werden. In solchen Maßnahmen läge die wirk- s am st e Bekämpfung derSocialdemokratie. Jchbe- grüße freudig die Verordnung des Ministers, wodurch den Eisenbahn- arbeitern die innerhalb der Dienstzeit verbrachte Militärdienstzeit auf das Dienstalter angerechnet werden soll. Wie aber soll es ge- halten werden mit solchen Arbeitern, die nach ihrem Militärjahr nicht gleich wieder im Eisenbahndienst Anstellung finden, sondern zu- nächst eine Zeitlang in der Privatindustrie thätig sind? Hier sollte den Arbeitern das weitestgehende Entgegenkommen gezeigt werden. Ich verkenne durchaus nicht, daß der Minister den besten Willen hat, helfend einzugreifen. Eine Summe von 2,8 Millionen Mark soll zu Lohnerhöhungen verwendet werden. DaS ist nur eine kleine Summe, aber sie bedeutet doch immerhin den Versuch, die vielfach sehr schlechten Löhne der Eisenbahnarbciter aufzubessern. Der Minister meinte, die Löhne der Eise»bahnarbeiter seien verhältnismäßig höber als die Löhne in der P r i v a t i n d u st r i e. Die Durchschnittslöhne der Eisenbahn- Streckenarbeiter betrugen für den Werktag 1900 2,94 M., 1902 2,95 M. und 1903 2,99 M., die der Wcrkstöttcn-Borarbeitcr 1900 4,19 M., 1902 4,25 M. und 1903 4,31 M. Der Durch- schnittslohn der Werkstättcnarbeiter betrug 1900 3,44 M., 1902 3,50 M. und 1903 3,52 M. Aber die Stücklöhne, auf die die Arbeiter besonderen Wert legen, sind zurückgegangen, so daß der Durchschnittsverdienst der verheirateten Arbeiter, die durch Accordarbeit sickj einen U eber-Verdien st er lv erben wollen, gegen früher erheblich gesunken ist. Ich möchte das Ausgabe- Budget eines oberschlesischen Eisenbahnarbeiters vorführen. Ich habe dies Budget, das aufs minutiöseste ausgearbeitet ist, zum Gegenstand eines Artikels im„Gewerkverein" gemacht. Dies Budget enthält eine Gesamt-Einnahme von 827 M. Die Ausgaben weisen z. B. für Brot aus 113,10 M., für Kartoffeln 20 M., für Fleisch nur 51,20 M., für geistige Getränke. Tabak und Cigarren zusammen nur 18,15 M.! Für Ernährung ins- gesamt wurden für die ganze Arbeiterfamilie ausgegeben 445,90 M. Dazu kommt Wohnung. Heizung, Beleuchtung, Kleidung. Ein Wochenbett der Frau verursachte eine Extra- Ausgabe von nur 14 Mark. So lebt eine schlesische Arbeiterfamilie, deren Ernährer im preußischen Eisenbahn dien st ar- beitetl Der Minister mit seinem guten Herzen wird gewiß für eine Besserung dieser Verhältnisse sorgen. Die Einrichtung der„Ueberraschungs-Kommissionen" ist im all- gemeinen zu billigen. Aber der Erfolg würde noch erheblich größer sein, lvenn diese Ueberraschungs-Kommissionen mit den Arbeiter- ausschüssen ohne Beisein der Vorgesetzten ver- handeln. Jetzt geschieht das in Gegenwart der Vorgesetzte». Dadurch werden die Arbeiter an einer freimütigen Aussprache ge- hindert. In einer Berliner Betriebswerkstatt mußten die Arbeiter vom 16. Februar bis zum 12. März täglich zwei Uebcrstunden machen. Die Arbeiter haben gewiß im allgemeinen nichts gegen Ueberstunden, aber ein solcher Zwang sollte nicht geduldet werden. Das Streben der Arbeiter nach höherer Pension fei berechtigt. Neue Berechnungen haben ergeben, daß die Leistungen der Pensionskasse erhöht werden können ohne Erhöhung der Beiträge. Hoffentlich geschehe dies recht bald. Redner bedauert, daß der Minister eine Deputation der Eisenbahn-Werkführer nicht empfangen hat, die ihm ihren Wunsch um Gleichstellung mit den Lokomotiv- führern vortragen wollten.(Lebhafter Beifall links.) Minister Budde: Der Vorredner hat von dem Koalitionsrecht gesprochen. Mit diesem Schlagwort vom Koalitionsrecht wird nachgerade reichlich Unfug getrieben.(Sehr richtig I rechts.) Ich will mich nicht aus juristische Definitionen einlassen. Ich bin Verkehrsminister, der Leiter eines großen praktischen Betriebes und habe praktisch das Koalitionsrecht anzuwenden. Ich gewähre dabei den Eisenbahnern mehr als ihnen gesetzlich zusteht. Es bestehen!>/-> Dutzend be- rufliche Verbände, die ich zugelassen habe. Wenn ich gegen die Koalitionen vorgehe, die mit der Socialdcmokratie Fühlung haben, so liegt die Sache sehr einfach. Der Beamte hat seinen Treueid geleistet, der Arbeiter hat seinen Arbeitsvertrag unterschrieben, in dem er sich verpflichtet hat, sich an»rdnungsfeindlichen Bestrebungen nicht zu beteiligen. Daß die Socialdemolratie ordnungsfeindliche Be- strebungen vertritt, hat der Dresdener Parteitag klar bewiesen, das beweisen auch täglich die Artikel des„Vorwärts" und der andren socialdemokratischen Blätter und vor allem die Reden, die jetzt täglich im andern Hause gehalten werden. Wer also diese ordnungsfeindlichen Bestrebungen unterstützt, wird entlassen. Ich habe unlängst 21 Arbeiter entlassen. Es hat sich in neuerer Zeit ein weiterer derartiger Fall ereignet. Ein Delegierter der Social- dcmokratie— ich habe hier den Beweis durch die Beitrags- Ouittungskarten wurde dabei ertappt, wie er sich bei dem Geschäft befand, den Satz„Eigentum ist Diebstahl" ins Praktische zu übersetzen. Er wurde beim Diebstahl eines Wurpkolli auf dem Altonaer Güterbahnhof abgefaßt. Bei ihm fand man die Liste von 27 Genossen unter den Staatsarbeitern. Sie erhielten ihren Lohn für 14 Tage und wurden sofort entlassen. (Bravo! rechts.) Die Leute thuv mir leid, aber sie wußten durch zahlreiche Verordnungen, woran sie waren. Sie sind nicht zu hart behandelt worden. Die Hauptschuld liegt aber bei den Verführern. Im großen ganzen herrscht unter den Eisenbahn-Angestellten ein guter Geist, nur vereinzelte Ausnahmen huldigen der Socialdemo- kratie. Man sagt, nur Koalition bedeute Ordnung. Ich habe noch unter dem alten M o l t k e gelernt. Der hat mich gelehrt, gegen den Feind zu stoßen, ehe er in Ordnung auf- marschiert ist.(Sehr gut! rechts.) Das Wort: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will, ist bei der Eisenbahn am leichtesten zu verwirklichen. Herr Legten hat neulich im Reichstage mit dem Gedanken eines Eisenbahn- st r e i k s g e s p i e l t. Ich halte das für sehr leichtfertig. Schon ein halber Tag kann da Hungersnot über große Städte bringen. Auch beim Vorredner habe ich den Gedanken vermißt, daß wir für die Gesamtheit desStaates zu sorgen haben. Unfern Arbeitern leisten wir große Fürsorge. Unter 50 000 Werkstättenarbcitcrn sind 59 Proz. älter als 30 Jahre, 35 Proz. älter als 40, 16 Proz. älter als 50, 5 Proz. älter als 60 und 1 Proz. älter als 70 Jahre. Das beweist doch, daß unsre Arbeiter, so lange sie nur irgend welchen Dienst noch leisten können, im Dienst behalten werden. Was die Länge der Dienstzeit betrifft, so waren ununterbrochen beschäftigt 59 Proz. länger als 15 Jahre, 19 Proz. länger als 20 Jahre, 5 Proz. länger als 30 und 1 Proz. länger als 40 Jahre. Der Minister schildert des weiteren die Gefahren eines Streiks der Eisenbahnarbeiter im Falle eines Krieges. Die Eisenbahn sei das wichtigste und unentbehrlichste Hilfsmittel. Es seien bereits seitens der Socialdcmokratie Ver- dindungen mit dem Auslände angeknüpft, um im geeigneten Augenblick sagen zu könne»: Alle Räder stehe» still!(Hört I hört I rechts.) Das Resultat des frivolen Hafenarbeiter- Streiks in Holland, den die Eisen bahn- Arbeiter durch ihren Ausstand unterstützten, war eine Unterstützung von wöchent- lich sieben Mark, ein Resultat, das Hunger und Elend bedeutet. Deshalb schützen wir unsre Arbeiter vor der Verführung durch socialdemokratische Agitatoren. Denn wenn der Betrieb gestört lviirde, so würden darunter alle Staaten, das gesamte Erwerbsleben leiden. Ich möchte dringend bitten, daß die bürgerlichen Parteien sich klar machen, welche Schädigungen durch die socialdemokratische Agitation erwachsen. Wenn bei jeder Gelegenheit gesagt wird, wenn das und das nicht geschieht, dann gehen die Arbeiter zur Socialdcmokratie über, so thut man damit ein großes Unrecht.(Sehr richtig I rechts.) Die Leute werden sich sagen: unser Abgeordneter hat ja selbst gesagt, daß wir das Recht haben, socialdemokratisch zu wählen!(Sehr richtig! rechts.) Von verschiedenen Seiten wird behauptet, daß ich durch die Entlassung von Arbeitern, die sich socialdemokratisch bethätigen, der Socialdcmokratie ein Agitationsmittel in die Hand gebe. Wäre das der Fall, so wären dicEntlassungen den Genossen nicht so unangenehm. Die Herren lieben die Belastung ihrer Kassen nicht. Die Agitatoren gehen stctS mit Unwahrheiten und falschen Beschuldigungen vor. Wenn nicht dagegen eingeschritten und betont wird, daß jeder, der ihnen Gehör schenkt, entlassen wird, kommen die Arbeiter zu dem Schluß, daß ich dagegen nichts sagen könnte. Da die Eisenbahnarbeiter alle Tage durch die socialdemo- kratische Presse so bearbeitet werden, io muß ihnen von dieser Stelle aus gesagt werden, daß die schlechtesten Vertreter, die sie haben, die Socialdemokratcn sind. Der Abgeordnete Gold- schmidt riet mir. ich möchte anordnen, daß die Ver- Handlungen der Arbeiterausschüsse mit meinen Kommissionären allein in einem abgeschlossenen Raum verhandeln möchten. Darauf kann ich nicht eingehen. Die Arbeiter müssen den Mut haben, ihre Beschwerden offen vorzubringen, ebenso wie ich eS für meinen Stolz halte, offen vor Sie hinzutreten und Ihnen die Principien meiner Verivaltung klar zu macken. Was die Löhne derWerkstättenarbeiter betrifft, so sind sie nicht so schlecht, wie sie der Vorredner hingestellt hat. Im Jahre 1898 betrug der Lohn durchschnittlich 4,10 M., 1899 4,15 M., 1900 4.20 M., 1901 4,12 M. Dieser Rückstand kam daher, weil die Arbeitsleistung infolge ungenügender Aufträge zurückgehen mußte. Im Tagelohu betrugen die Löhne von 1898 ab 3,31, 3,13, 3,34, 3,50 und 3,52 M., zeigen also eine steigende Tendenz. Für die Werkstättenarbeiter wurden 1894 im Jahresdurchschnitt gezahlt 1036 M., 1904 aber 1152 M., was einer Steigerung von 11,3 Proz. entspricht. In Bezug auf die Lage der Werkführer werden Er- Hebungen angestellt. Ich bin mir klar bewußt, welche Ziele ich hinsichtlich der socialen Frage zu verfolgen habe. Allen staatsfeindlichen Be- strcbungen werde ich mit aller Schärfe entgegentreten. Auf der andern Seite betrachte ich es als meine Pflicht, mit diesem hohen Hanse fortgesetzt dahin zu streben, die sociale Lage der Arbeiter zu verbessern. Meine Stellung fasse ich dahin auf, daß ich eintrete zum Schutz alles dessen, was uns bis jetzt teuer und heilig gewesen ist.(Lebhafter Beifall.) Abg. Kopsch(frs. Vp.) befürwortet eine Gehaltsaufbesserung bei den Ei>enbahntelcgraphisten, Wagenmeistern, Bahnmeistern, Fahr- kartendrückern. Die Aufbesserung der unteren und mittleren Eisenbahn- beamtcn sei eine Kulturaufgabe. Abg. v. Javignq4[4001 04 fißf) 715 812 34 68 941 27647[SOO]1 995 28535 763 823 [m] 966 978 29108 317 t300] 38 454 655 84 770 816 60332 485 621[300] 834 913 3 1 095 168 482 88 728 864 3 2077 116 268 331 460[300] 87 632 42 53"730 808 33391 528 697 3 4072 144 266 477 644 789[3601 823 62 940 71 35065 86 134 309 34 640 49 97 842'gOO J 36077 fÄ�7a47Ä[Äf J7 JTmhTsreWß WoZW ä«Ii II023 190 205 376 552 992 798 «10 rlomoal18 41097 106 228 492 712 M OQ21?!337 o4� 334 54 759 909 44420 48960 488[50001 743 863 92 992 1 I�O�lOO«»[400] ä3Ä K''A�V'�Sir----i"ä »«ÄÄMäjM Ä2 SSVM [400] 323 551 82 620 26 56-811 55089 115 249 419 907 S8066 211 41 302 613[300]. 805[300] S 14 944 57106 55 303 94 594 633 768 802 70 58011[300] 121 40 79 «04 447 92-815 918 5 9045 225[500] 50 376 744 831 71 „J 60131 328 39 568 867 61003 37 202 300 439 811 977 82010 58 79 115[3001 94 307 451[300] 559 860 943 65- 63468[500] 663 64157 289 454 610 65059 156 237 379 441 636 916[460] 66403[400] 681 67008 229 420 840 954 68559 606 61 79 824 69062 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K.Ziehung 3. Klaffe 210. Kgl. Ptttch-Lotteriez ' Uehimil vom 9, Mär, 1904, nachmittag».' Nur dl« Gewinne über 144 Ml. sind den beireffenden � Nummern in Klammern beigelimi.' (Ohne Gewähr.) Nachdruck verholen. 47 392 627 964 1203 568 639 733 879 955 68 70 89 [3001 2037 139[300] 356 483 3450 57 81 595 760 817 4030 81 110 53 80 365 474 590[4001 647 972 5057 225 548 743 63 6081 103 278 631 852 7083 223 59 66 484 667 718 8001 36 68 274 317 425 66 69 567[1000] 719 36 64 9041 82 166 91 317 437 706 38 48[300] 838 947 10055 348 762 988 11253 334 739 806[300] 42 60 12234 87 835 53 969 87 1 3138 84 331 418 83 066[300] 79 858[400] 14100 237 38 39 42 353[400] 452 556 947 15138 256 485 94 556 60 91 683 733[300] 95[300] 913 84 1 6123 266 431 33 34 50 57 604 904 37 1 7058 19415 514 232 494 590 603 1 8061 506 856[500] [10 000] 29 635 938 20000 94 179 292 392 559 727 874 21151 263 84 493 600 13 58 85 769 22158 753[300] 886 921 23206 541 604 90 2 4366 68 472 SO 904 13 20 34 2 5216 356 577 702 810 26129 243 55 316 416 620 2 7096[300] 119 214[3001 349 882 89 918 2 8253 71 345 68 571 29337[300] 489 90 581 700 807 901 15 30040 84[300] 114 70 84 277 618 821 52 3 1092 379 406 640 839 32120 258 721 830 810 33047 148 258 392[3001 544[400] 59[400] 665 842 34100 50 75 95 364 445 50 64 517 99 847 3 5209[3001 16 56 99 407 60 762 903 38162 301 33 432 555 633 86[300] 719 65 37046 423 518 80 783 38004[300] 20 142 320 80 525 99 683 827 3 9010 199 331 414 28 45[3001 717 £400] 95 808 40201 449 502 660 79 785 807 4 1 030 241 656[3001 713 37 53 77 814 4 2200 87 467[500] 800 43116 92 363 470 524 59 999 44181 289 462 565 605 81" 832 45073 89 117 594 652 773 801 29 961 46032 322 35 704 39 73 957 47293 675 728 809 40 48132[400] 65 285 550 89 655 4 9067 161 85 94 216 322 50 465 50352 632 64 769 930 5 1 233 76 415 50 77 80 579 [500] 752 52)36 305 552 706 946 52 88 53182 472 92 609 04 786[4001 888 924 5 4665 877 5 5079-275 328 410 88 544 678 817 24[300] 56134 213 58 68 89 614 772 5 7372 498 504 996 5 8009 72 178 228 394 454 691 711 36 52 934 5 9339 66 70 508 779' 60042 251 85 361 4.56 719[3001 49 834 984 61140 66 290 301 10 485 533 782 968 6 2047 318 408 29 683 752 848 967 6 3342 400 061 725 915[3001 42 64053 143 59 61 208 23 533 603 866 6 504« 218 401[30001 57[300] 511 744 907 67 66132 347 404 13001 617«62 67222 498 720 23 69 68165[1000] 615 39 796 894 912 69219[3001 78 665 841 911 70031 99 355 710 14 31 54 85 877 71001 300 414 79 8)3 795 858 7 2089 359 88 728 829 930[3001 73000 190 587 639[300] 74126 222 603 794 959 75016 63 151[3001 236 67 89 375 773 919 7«021 87 371 80 589- 682 87 7 7274 408 75 578 711 837 86 950[300] 78165 13001 569 877 920 49 81 79416 17( 3001 57 760 801 80359[300] 554[3001 619 863 917 81191 287 415 590 681[3001 85 930 82297[3001 323 517 671[3001J 783 924 93 83142 374 91 404 656 62 849 95 8 4295 97 303 413 606 85 617 22 790 85028 1500 i 503 53 70 715 32 86181 87 274 334 456 595 619 714 1300] 936 87008 94 143 504 780 88288 768 89015[3001 455 760 931 90060 68 288 385 609 70 883 947 91224 31 92[500] 427 673 780 825 908 96 92072 531 636 93697 729 79 85 930 9 4059 100 368 706 38 9 5004 483. 594.[400] 633 55 96172 326 27 73 651[500] 605 784 834208 92 96 557 75 733 54 825 63 94 98155 61 227 77 402 757 [3001 880 986 99080 250 489[500] 517 892[3001 980? lOOOU 17 365 448 97 503 7 20 737' 829 101Ö3SH- 41 171 96 310 20 560 670 763 87 10221» 57 762 940 49 60 98 0103053 81 105 375-823 104232 578-737 43001.. 075 105325[500] 33 486 106280 328 489 795 929? 31 107150 51 271 489 755 811 10818« 076 776.-96 847 89 109383 raOfflM MO • HQlOo 321 59 60 473 ,503 CIO 827 02"■lim 75 «48•ns' srsös IlgöÖS l 113077 141 42[3001 49 24 571 m 501�850' 11«« 106 23 33 89 309 49 518 624 94 894 921[3001 11S00» 15 433 624 612 41 43 116155 223 379 00 443§40 874 1X7012 380 565 677 968 118000 196 239 64 389-455 654 119114[300] 263 466 601 738 88 13001 120004 169 428 729 65 121102-3 29 257 347 59 547 600 39 1 22178 258 375 532 609 704 80 858 78 083 123087 118 20 76[300] 80 297[SOOOj 324 430 47 597[300] 696 939 124143 607 10 66 885 1 25168 250 64 648 728 961 68 1 2 0003 50 141 450 542 651 888 957 96 127465[4001 589 647 50 880 907 49. 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Ich will die Lage der Sonneberger Spielwaren- Industrie kurz schildern, bemerke jedoch vorweg, dah die Ausstellung hier nur minderwertige Produkte dieser Industrie enthält, thatsächlich werden dort wahrhaft künstlerische Produkte hergestellt. Beschäftigt sind in diesem Eldorado der Haus- industriellen Ausbeutung 5500 männliche Personen, 5100 weibliche und von den 11 000 schulpflichtigen Kindern 5106, davon 71 Proz. unter zwölf Jahren.(Hört! hört!) Welches Mah von Kinderelend und Äindernot in diesen Zahlen steckt, kann sich wohl jeder selbst ausmalen.(Beifall.) Die Existenzbedingungen illustriert der Umstand, dah im Meininger Land die Einkommensteuer bei 600 M. beginnt, und dah trotzdem in Sonneberg 50 Proz. aller Steuerpflichtigen nicht zur Steuer heranzuziehen sind. Im Orte Neuhaus sind es sogar 67 Proz. (Hört! hört!) In Bezug auf die Wohnungsverhältnisse bemerke ich, dah der Staatsminister Heim selbst einen Fall erwähnte, in dem drei Familien mit 18 Köpfen in einem einzigen Raum wohnen und arbeiten muhten. Des Betriebes wegen muh auch im Sommer ge- heizt werden. Natürlich ist unter solchen Verhältnissen die Sterblich- keit ungeheuer. Im Sonneberger Kreise starben von 1000 Kindern unter einem Jahre 368(Hört, hört!), im Alter von 1—15 Jahren 169, von 15— 16 Jahren 320 l(Hört, hört!) Eigentliche Prostitution ist in Sonneberg nicht vorhanden; die Zahl der auherehelichen Geburten ist sehr stark, in der Regel sind Kinder schon bei der Eheschliehung vorhanden. Das unsittlich zu nennen, ist spiehbürgerliche Anschauung. (Sehr richtig I) Man sagt dort gewöhnlich: ein Kind vor der Militär- zeit, die andern nachher.(Heiterkeit.) Weiter sehen wir im Sonne- berger Bezirk eine Entwicklung, bei der der ausländische Konsument mit dem Heimarbeiter in dirette Verbindung tritt, aber nur unter Vermittelung des einheimischen Verlegers, wodurch in raffiniertester Weise die Löhne gedrückt werden. Zur Resolutton mich wendend, bitte ich, die Etikcttierung abzulehnen, denn bei Schutzbesttmmungen würde sie eine Empfehlung der Heimarbeit sein, ohne solche ein Schutz der wohlhabenden Konsumenten, nicht der Heim- arbeiter. Auch den Minimallohn bitte ich abzulehnen, weil er gegenwärtig nicht durchführbar ist und wir nur durchführbare Forderungen erheben wollem Frl. L ü d e r s- Berlin(Verftetcrin des Bundes fortschrittlicher Frauenvereine). Rednerin erklärt ihr Einverständnis mit der Re- solution Käming bis etwa auf die Ettkettterung. Die fortschrittlichen Frauenvereine sind stets zur Mitarbeit bereit und bettachten es als ihre Aufgabe, das sociale Gewissen der bürgerlichen Frauen zu schärfen.(Beifall.) Kohn- Berlin(Vertreter der Centtale für das deutsche Kranken- kassenwesen) tritt für Centralisierung des Kasscnwesens ein. Weittr muß das Krankenkassenwesen ausgebildet werden in der Richtung, daß die Kontrollenre gleichsam Sanitätsbeamte werden(Sehr richtig.) Besonders nützlich wird das sein, wenn die Hausindustrie in die Krankenversicherung einbezogen sein wird; dann wird auch eine wirksame Wohnungskonttolle vorhanden sein. Die Wohnungs- Verhältnisse in der Berliner Wäsche- und Konfekttonsindustrie sind nicht besser, als die Zustände in Sonneberg und anderwärts. Ein Spaziergang durch die Wohnungen der Heimstättcnarbeiter im Berliner Scheunenviertel würde jeden, der noch daran zweifelt, eines besseren belehren. Von 12900 von der Orts-Krankcnkasse der Kaufleute be- suchten Personen hatten 2122 Personen kein eignes Bett, sondern mutzten ihr Bett noch mit andern teilen.(Hört! hört!) 19 Proz. dieser Männer und 17 Proz. dieser Frauen waren lungenkrank. (Hört! hört! Bewegung.) Zum Schluß wünscht Redner, die Ans- slellmig zu einer ständigen Einrichtung gemacht zu sehen, aber ver- mehrt durch Ausstellung der Gesundheitsschädigungcn.(Beifall.) D 0 h r n- München(Vertreter des Vereins für Fraueninteressen und des nationalsocialen Vereins) meint, daß Enqueten nicht mehr nötig seien, sondern ein nachhalttger Protest gegen die llnthättgkeit der Regierung auf dem Gebiete des Heimarbeiterschutzes. Deshalb schlägt er im Verein mit Timm folgende Resolutton vor: Der erste allgemeine Heimarbeiterschutz-Kongretz fordert von dem Bundesrat, daß er unverzüglich und iir umfangreichein Matze von den ihm zustehenden Befugnissen der Ausdehnung der Arbeiter- schütz- und Versicherungs-Gesetzgebung auf alle Zweige der Haus- industrie Gebrauch macht. Der Kongreß fordert weiter, daß das Reich, die Bundesstaaten und die Gemeinden bei Vergebung von Lieferungsarbeiten nur solche Unternehmer berücksichtigen, die diese in eignen, von ihnen unter- haltenen Betriebswerlstatten anfertigen lassen. Redner schließt mit dem Wunsch, daß auf dem nächsten Heim- arbciter-Kongretz auch die christlichen Arbetter vertteten seien; auch das Bürgertum mutz sich stärker beteiligen. Von Dr. W i l b r a n d t ist folgender Anttag eingelaufen: Antrag. Der Allgemeine Heimarbeiterschutz-Kongretz beaustragt die zur Ausarbeitung der Resolution eingesetzte Kommission, nach Schluß des Kongresses zu regelmäßigen Sitzungen zusammen zu treten, um die Vorbereitung eines wirksamen Heimarbeiterschutzes weiter zu fördern. Die Kommission hat sich selbst eine Geschäftsordnung zu geben und weitere Mitglieder nach Bedürfnis zu ernennen(zu kooptieren). Die Kommission hat die Ausstellung von Heimarbeitsprodukten samt Lohnangabe zu erhalten, zu erweitern und der Oeffentlichkeit immer wieder vor Augen zu bringen, wenn möglich, im Reichstage und an ähnlichen Stellen. Die Kommission hat durch Sammlung aller einschlägigen Schriften sich zu einer Centtalstelle zur Vorbereitung des Heim- arbciterschutzes auszugestalten. Es wird der Wunsch ausgesprochen, daß alle die Heimarbeit betreffenden Schriften von den Verfassern kostenfrei an die Kommission eingesandt werden. Die Kommission hat ihrerseits die Referate ihrer Sitzungen sowie alle neuen Mitteilungen der Preffe kostenfrei zu übermitteln zu einer erneuten Aufklärung und Auftüttelung der öffentlichen Meinung. Die Kosten sind von den in der Konnnission vertretenen Organisationen nach einem von der Kommission zu schaffenden Stawt zu tragen. Der Sitz der Kommission ist das Gewerkschaftshaus zu Berlin. Robert Wilbrandt. Frl. A l t m a n n wendet sich gegen die Auffassung, die Heim- arbeit für kranke und invalide Personen bestehen zu lassen; denn gerade diese sind den in der Heimarbeit liegenden Gefahren stärker ausgesetzt. Gesunde Arbeitsstätten für solche Personen müßten die Gemeinden schaffen. T r i l s e- Elberfeld(Vertreter des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen) schließt sich dem Wunsch auf Erweiterung des Aus- stellungswesens für Heimarbeit an. Manche Sttmmen sind laut geworden, die meinen, datz die Hausindustrie mit der Entwicklung der Großindustrie verschwinden wird. Das Gegenteil ist der Fall, wie die Erfahrung zeigt. In Chemnitz z. B. sind 70 Pro�. der Schneider Heimarbeiter, in Leipzig arbeiten von 1400 nur 350 in der Fabris, die andern zu Hause. Ein Anttag von Frl. Christman verlangt Einsetzung einer ständigen Kommission, welche Filialen zu Vorttägen und Wirken für 'Heimarbeiterschutz im ganzen Reich einrichten soll. Der Antrag wird genügend unttrstützt. Prof. Sombart- Breslau: Daß ich als Laie hier das Wort nehme, ist vielleicht nicht ganz unnütz, weil gerade ein Laie die Dinge von einem allgemeineren und principiellen Gesichtspunkt aus kann Revue passieren lassen, wodurch verhindert wird, daß der Strom des Kongresses sich in tausend Rinnsale auflöst und dadurch seine mächtige Wirkung einbüßt. Wir sehen in uns die Empfindung eines ungeheuren Elends lebendig werden, eines Elends, das so möchtig ist, daß es jeden Empfindenden durch seine bloße Feststellung aufregt.(Sehr richtig!) Das größte hat hierbei die Ausstellung geleistet, sie eröffnet für den, der sie noch nicht gekannt hat, eine neue Welt des Elends und Jammers.(Sehr richtig.) Bauen Sie dieselbe aus und bringen Sie sie nach Berlin"W., wo die Männer und Frauen der guten Ge- sellschaft sich einige Stunden in ihr aufhalten sollen.(Rufe: Sie kommen nicht I> Sie kommen, wenn es Modesache wird; hetzen Sie das„Kleine Journal" darauf(Heiterkeit), bewirken Sie, daß jeder ftagt: Waren Sie schon in der Hausindustrie-Ausstcllung? wie gegenwärtig: Häven Sie schon den„Zapfenstreich" gesehen? dann kommen sie, ich kenne diese Kreise auch. Mit der Einsicht in das Vorhandensein des Elends verbindet sich die, datz es nicht auf Naturthatsachen beruht, sondern auf Strukturfehlern in der Organisation unsrer Gesellschaft. Hier möchte ich nur ein Wort an die Radikalen mit vierfachem r erlauben. Es ist hier betont worden, daß nur die Beseitigung der kapitalisttschen Gesellschaft das Elend beseittgen kann(Sehr richtig!), darüber will ich nicht diskutieren; aber wenn Sie das hier betonen, so schwächen Sie die Stoßkraft des Kongresses. Wenn Sie hier etwas erreichen wollen, müssen auch die Herrschaften vom radikalen Flügel sagen, es ist ettvas zu erreichen auch im Rahmen der kapitalisttschen Gesellschaft.(Rufe: Etwas I> Ja, auf das Etwas kommt es an. Bekämpfen Sie das Lohnverhältnis wo Sie wollen, hier aber ist nur eine bestimmte Form der Lohnarbeit zu bekämpfen. Nur dadurch bekommen Sie ja den Zuzug aus bürgerlichen Kreisen, auf den ja einige der Redner Wert legten. Damit kommen wir zu dem Strukturfehler, der in der Heimarbeit selbst liegt, die als eine minderwertige Betriebsform an- erkannt ist. Deshalb ist sie nicht nur im Jntereise der Heimarbeiter selbst zu bekämpfen, sondern in ihrer weittragenden socialen Schäd- lichkeit zu brandmarken. Sie ist ein Hemmschuh des socialen Fort- schritts überhaupt.(Sehr richtig.) Dieser läuft hauptsächlich auf zwei Rädern, die beide durch die Heimarbeit gehemmt werden: den Arbeiterschutz und die Arbeiterorganisatton. Wie sie den Arbeiter- schütz hemmt, zeigt als Schulbeispiel die Tabakindustrie, bei der durch die Schutzbestimmungen die Unternehmer in die ungeschützte Haus- industrie gedrängt sind. Daß die Heimarbeit auch ein Hemmschuh für die Organisationen der Arbeiter ist, brauche ich wohl nicht weiter auszuführen. Als bürgerlicher Socialreformer erblicke ich in der Stärkung der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung das A und O jeder Socialpolitik. Jede Reform müssen wir unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie sie auf die Arbeiterorganisationen wirken wird.(Sehr richtig.) Denn diese sind schlechthin das Mittel zur Emporhebung der Massen, ein Entwickelungsprozeß, den die Hausindustrie aushält. Principiell müssen wir von der Gesetzgebung verlangen, daß die Schranken der Ausbeutung in der Hausindustrie so eng gesteckt werden, daß die Arbeitskraft nicht mehr ausgenutzt wird, als in irgend einer andern Industrie. Am letzten Ende läuft jede Socialreform auf Verteuerung der Arbeitskraft hinaus. Jede ernst- haste Politik bezüglich der Hausindustrie kann deshalb nur ihr Verschwinden ins Auge fassen. Bei Verteuerung der Arbeitskraft hat ja der Unternehmer kein Interesse mehr an diesem Betriebe. Ist morgen der Lohn in der Hausindustrie 4 M. bei zehnstündiger Arbeitszeit, so giebt es übermorgen keinen Heimarbeiter mehr. In klassischer Weise zeigt diese Wechselwirkung die amerikanische Konfektion, die in den achtziger Jahren durch den Zustrom der billigen polnischen und russischen Arbeiter aus einem Fabrikbetriebe in einen hausindustriellen verwandelt wurde; der Weg hinauf muß wieder über die Verteuerung der Arbeitskraft führen. Noch eines will ich bemerken: Ich glaube, daß für bestimmte Heimarbeiter die Beseitigung der Heimarbeit einen großen Schaden bedeuten würde, und wir müssen auf Mittel sinnen, diesen Schaden abzuwenden. Das ist kein Umknicken im entscheidenden Moment, sondern das Gegenteil würde für die Be- ttoffencn einfach eine Mordpolitik bedeuten. Das können auch Sic nicht wollen, auch Sie können nicht sagen: Die Heimindustrie mutz beseitigt werden, gleichgültig, was mit den Menschen geschieht. Ich habe den Vorschlag gemacht, diese alten oder halbinvaliden Elemente etwa so zu behandeln, wie die Drehorgelspieler, für sie die Möglichkeit der Beschäftigung durch individuelle Behandlung des einzelnen Falles offen zu lassen. Das halte ich für eine Stärkung unsres gegnerischen Standpunktes gegen die Heiinindustrie, indem lvir unsrcn Gegnern den wichtigsten Einwand nehmen und zeigen, daß die Bescttigung der Hausindustrie nicht unmöglich gemacht wird. Ich halte diesen Standpunkt für radikal, denn er kostet nicht nur ein paar Phrasen, sondern erstrebt das höchste Maß des Erreichbaren. Zum Schluß will ich noch eines betonen: Das Zusammenwirken von bürgerlichen und proletarischen Elementen beruht auf gewissen Konzessionen auf beiden Seiten. Für uns ist dieses Zusammenwirken eines der Ziele, das wir am meisten erstreben. In der Aussprache über Dinge, in denen man sich vereinigen kann, un- beschadet verschiedener Weltanschauung und unter Zurückstellung trennender Punkte, ist ein Zusammenwirken bei einzelnen Fragen wohl möglich; auch der Heirnarbeiter-Kongreß zeigt das. Und gerade dieses Zusammenwirken macht die principielle Bedeutung des Kongresses aus. Einigen wir uns in den grundsätzlichen Punkten, so wird gerade dadurch ein großer Eindruck nach außen erregt werden, und der Kongreß wird ein Markstein auf dem Wege zum socialen Fortschritt sein.(Beifall.) Es ist ein Antrag D 0 h r n eingegangen, ein gedrucktes Ver- zeichnis der Gegenstände in der Ausstellung mit Angabe der Stunden- löhne anzuferttgen und den Teilnehmern des Kongresses zuzustellen. Cigarettenarbeiter Mütze- Dresden: In dem Entwurf eines Schutzgesetzes für die Heimarbeit in der Tabakindustrie hat dkd sächsische Regierung die Cigarettenarbeiter einfach vergessen.(Hört! hört!) Wir Sachsen sind bekanntlich helle, aber mit einem dunklen Fleck.(Heiterkeit.) Redner schildert die hygienischen Mißstände in der Cigarettenindusttie. Beim Hülsenkleben trocknet der Kleister ein; die Heimarbeiterin spuckt dann in den Kleistertopf hinein.(Hört! hört!) Auch die Cigarette wird mit Speichel besudelt. Noch schlimmere Verunreinigungen kommen vor. Die Heimarbeiterin wäscht sich nicht die Hände, wenn sie die Exkremente eines kranken Kindes beseitigt hat. Die Ansteckungsgefahr ist ungeheuer, wenn man bedenkt, daß die Dresdener Industrie wöchentlich zehn Millionen Stück Cigaretten fertig stellt. Ein Verbot der Heimarbeit in der Cigarettenindusttie ist sofort durchführbar. weil der Schwerpunkt der Fabrikation doch in den Fabriken liegt. Das Verbot muß sofort durchgeführt werden, weil die Ansteckungs- gefahr sehr groß ist. Es ist falsch, wenn Professor Sombart be- hauptet, nur kranke und schwache Personen gingen in die Cigaretten- sabrikation. Die Mädchen sind gesund und blühend, wenn sie in die Fabrik eintreten. Nach einem halben Jahre sehen sie gelb und fahl aus.(Beifall.) Portefeuille-Arbeiter W ein s ch i ld- Offenbach a. M.: In der Portefeuille-Jndustrie Deutschlands sind 4100 männliche und 1100 weibliche Arbeiter beschäftigt; mehr als 50 Proz. der männlichen und mehr als 35 Proz. der tveiblichen Arbeiter find in der Hausindustrie thätig. In den Ortschaften um Offenbach ist das Verhältnis noch viel ungünstiger. Die Heimarbeiterinnen sind verurteill, nach elf» stündiger Arbeitszeit beim Zwischenmeister noch zu Haufe in der Mittagspause und nach Feierabend zu arbeiten—,„Omnibus zu schieben", wie man sagt. In Bergen und Enkheim verdienen die Arbeiterinnen bei 13 bis 14stündiger Arbeitszeit 4 bis 5 M. wöcheut- lich. Die Löhne werden mit allen Mitteln gedrückt. Portemonnaies. die mit 1 M. verkaust werden, bringen einen Arbeitslohn von 5,20 M. für das Gros.(Hört! hört!) Für einen Arttkel, für den vor zehn Jahren 33 M. Arbeitslohn für das Gros gezahlt wurden, werden jetzt 10 M. bezahlt.(Hört! hört!) Eine Familie arbeitet täglich 16 Stunden und verdient in der Woche 7 M. Redner schildert einzelne Fälle besonderen krassen Elends, das er bei Heim- arbeitern der Portefeuille- Jndusttie in Berlin angetroffen hat. Selbst ani Weihnachtsabend arbeiteten in einer Familie Mann und Frau, während die Kinder um den Christbaum spielten. Durch Gewährung von Vorschüssen und Hypotheken werden die Arbeiter an die Fabrikanten gefesselt. Der Arbeitgeber giebt z. B. dem Arbeiter 3000 M. als Hypothek, davon baut sich dieser ein HauS. In der schlechten Saison ftagt der Fabrikant diesen Arbeiter: Wollen Sie diesen Artikel, der sonst 25 Mark für das Gros Arbeitslohn kostet(in Berlin bettägt der Arbeitslohn 48 M.) für 22 M. machen? Geht der Arbeiter auf diesen Borschlag nicht ein. so wird er nicht nur arbeitslos, sondern wird auch aus seinem Haufe vertrieben, weil er die Zinsen und die Abzahlung auf die Hypothek nicht leisten kann. In Hessen preist die Kaplanokratte diese Zustände als göttliche Weltordnung. Ersetzen wir diese göttliche Einrichtung recht bald mit einer menschlichen Einrichtung.(Bravo!) Von der Mithilfe der bürgerlichen Elemente erwarte ich nicht viel, mehr von dem Zusammenschluß der Heimarbeiter mit den organisierten Werkstätten- arbeitern. Sattler Riedel- Berlin schildert die vergeblichen Versuche der Militärsattler, das Kriegsministeriuin zu veranlassen, in die Ver- träge mit den Lieferanten die Klausel aufzunehmen, daß die Arbeiten in eignen Werkstätten hergestellt werden. Herr v. Gotzler lehnte diese Bitte zweimal ab,„weil er in den Geschäftsbettieb der Lieferanten nicht eingreifen wolle". Der bayrische Kriegsminister äußerte sich entgegenkommender. Die königliche Artillericwerkstatt in Spandau hat genug Raum, um mehr Arbeiter einzustellen. Trotzdem ver- giebtsie, wenn große Bestellungen vorliegen, Lieferungen an Fabrikanten. Dem Billigsten wird der Zuschlag erteilt und damit werden die Löhne bei den Zwischenmeistern auf das äußerste gedrückt. Für Packtaschen bekommen die Arbeiter in den Staatswerkstätten 5 M., der billigste Lieferant erhält für dieselben Packtaschen 3,95! Herr v. Einem erklärte jetzt, die Verwaltung wolle die Lohndrückerei in keiner Weise begünstigen. Thatsächlich werden aber die Löhne durch die Verwaltung gedrückt, die derartige Angebote annimmt. Wir fordern von der Militärverwaltung, daß sie diese Heimarbeit be- seitigt.(Bravo!) Es liegt der Antrag vor, die Generalkommission der Gewerk- schaften Deuffchlands zu beauftragen, nach zwei Jahren einen zweiten Heimarbciter-Kongreß zu veranstalten. Die Mittagspause tritt ein. Nach mittagSsitzung. Die Sitzung wird um 3>(, Uhr von Deich nrann eröffnet. Ein Antrag auf Schluß der Diskussion wird mit 71 gegen 37 Sttmmen angenommen. Es folgt eine kurze Begründung der Anträge auf Errichtung einer ständigen Kommission und des Antrages D 0 h r n. Legten wendet sich gegen die Anträge; die Generalkommission könnte sich an einer solchen Kominission ohne Ermächttgung des Gewerkschaftskongresses nicht beteiligen. WaS solle übrigens solche ständige Kommission? Material sammeln können die Gewerk» schaften. Selbständige Untersuchungen seitens der Kommission dagegen würden sehr erhebliche Mittel erfordern, die doch wieder die Gewerkschaften aufbringen müßten; das könnte nur mfttelS der Generalkommission geschehen. Da diese ohne Beschluß des Gewerk- fchaftskongrefses nicht mitwirken könnte, so würde die finanzielle Grundlage fehlen. Ich möchte mit diesen Ausführungen nicht den Anschein erwecken. als wollten wir diese Fragen nicht auch weiter gemeinsam mit bürgerlichen Kreisen behandeln. Das soll auch ferner geschehen Aber für eine solche Kommission fehlt vorläufig noch die Grundlage. In Fluß wird die Frage bleiben; auch im Reichstag wird ein Jnittattv- Anrrag betteffend Heimarbeiterschutz eingebracht werden. Ferner wird auf dem nächsten Gewerkschaftskongreß über diesen Kongreß berichtet werden.— Auch die Vorschläge betreffs der Ausstellung werden an den Kosten scheitern. Der bloße Erwerb des Materials würde 5000 bis 6000 M. kosten. Auch stellt sie erst einen ersten noch unvollkommenen Versuch vor; vielleicht empfiehlt es sich, einem solchen Gedanken auf dem nächsten Heimarbeitcrschntz-Kongreß näher zu tteten. Prof. Sommerfeld tritt für die Errichtung der Kommiffion ein. Die Aufbringung der Mittel werde nicht schwer sein. Redner beantragt, die Generalkommission damit zu bettauen, die Errichtung einer gemischten Kommission für den Hcimarbeiterschutz in die Wege zu leiten. Kohn befürwortet die Beibehaltung der Ausstellung, deren Objekte nicht erworben werden brauchen, sondern von Saison zu Saison ausgetauscht werden können. Angenommen müßte auch werden der Antrag D 0 h r n auf Herstellung eines gedruckten Ver- zeichnisses der Objekte der Ausstellung. L e i p a r t- Stuttgart beantragt, die Anträge bett. Einsetzung einer ständigen Kommission dem nächsten Gewerkschaftskongreß zur Erwägung und zur eventuellen Genehmigung der notwendigen Mittel zu Überwersen.» Dr. Wilbrandt zieht seinen Antrag zurück. Legten bittet, den Anttag Dohrn so zu formulieren, die Kongreßkommission zu ersuchen, ein Verzeichnis der gewünschten Art anzustellen, und wenn es unsren Ansprücheir genügt, dem Protokoll anzufügen. So fehlen z. B. bei zwei Drittel der Waren der Metall- industrie die Angaben der Preise. Der Antrag L e i p a r t wird angenommen, damit sind die andern Anträge in dieser Frage erledigt. Der Antrag Dohrn wird in der Fassung angenommen, datz die Veröffentlichung des Verzeichnisses dem Beschlüsse der General- kommission anheimgestellt wird. Der vormittags mitgeteilte, von Timm, Käming und Dohrn eingebrachte Antrag wird einstimmig angenommen. Frau Zietz begründet folgende Resolution:„Der Kongreß erklärt: So gut wie wir vom Reich, Einzelstaaten und Kommunen verlangen, daß sie Arbeiten nur an solche Unternehnier vergeben. die diese in eignen gewerblichen Betrieben anfertigen lassen und diejenigen Arbeitsbedingungen und Löhne gewähren, die durch Tarif- vertrüge oder von den Berufs-Organisattonen der Arbeiter festgesetzt sind, so gut erwarten wir von den Konsumvereinen als selbst- verständlich, daß auch sie mir unter den gleichen Voraussetzungen ihre Arbeiten vergeben. Des weiteren empfiehlt der Kongreß den Genossenschaften, datz sie nach Möglichkeit zur Eigenproduktton über- gehen, Betriebswerkstätten einrichten." Die Resolution wird dcbattelos und einstimmig angenommen. Der Anttag, die Generalkommission zu beaufttagen, in 2 Jahren wiederum einen Heimarbeiterschutz-Kongretz einzuberufen, wird von L e g i e n in dieser Form für unannehmbar erklärt, weil der Kongreß nicht Bestimmungen über die von ihm unabhängige Ge- neralkommission treffen könne. AufAnttagKiesel wird die Angelegenheit der Generalkommission resp. den, nächsten Gewerkschaftskongreß zur Prüfung und Entscheidung überwiesen. Das Wort erhält Käming zur Begründung der von der Kom- Mission einstimmig vorgeschlagenen Resolution, die folgenden Wort- laut hat: Resolution. In der modernen Produktionsweise ist die Hausindustrie eine Betriebsform, die durch niedrige Löhne und lange Arbeitszeit für die Arbeiter und Arbeiterinnen die schwersten Schäden in wirtschaftlicher und physischer Beziehung zur Folge hat und den Unternehmern die Um- gehung der Arbeiterschutz- und Versicherungsgesetze ermöglicht, Sie ist infolge ihrer ungesunden Arbeitsstätten ein Herd infektiöser Krankheiten, sowohl für die Produzenten, als auch für die Konsumenten: mithin eine Gefahr für das gesamte Volks- wohl. Angesichts dieser Volksgefahr ist es Aufgabe der Gesetz- gebung, in besonders gesundheitsschädlichen Industrien die Heim- arbeit zu verbieten, ferner durch geeignete Maßnahmen auf die wirtschaftliche Hebung der Lage der Heimarbeiter und-Arbeiterinnen hinzuwirken und diese sowie das Gesaintpublikum vor den gesundheits- schädlichen Gefahren dieser Besricbsform zu schützen und ihre all- mähliche Einschränkung und Ablösung herbeizuführen. Der vom 7. bis 9. März 1994 im Gcwerkschaftshause zu Berlin tagende erste Heimarbeiterschutz- Kongreß fordert deshalb die unverzügliche Schaffung eines Heimarbeiterschutz-Gesetzes, und zwar auf folgender Grundlage: 1. Auf Antrag von Arbeitern oder deren Organisationen hat das Gewerbegericht als Einigungsamt für den Ort seiner Zu- ständigkcit und für eine bestimmte Gültigkeitsdauer bestimmte Lohnsätze für die Branche, für die es berufen wurde, festzu- setzen. An Orten, an denen ein Gcwerbegericht nicht besteht, müssen besondere Kommissionen, zur Hälfte aus Vertretern der Arbeiter, zur Hälfte aus Vertrcterir der Unternehmer und einem Vertreter derGewerbc-Jnfpektion als Vorsitzenden, ein- gesetzt werden. Die normierten Lohnsätze dürfen nicht niedriger sein als die in den Fabriken und Werkstätten gezahlten und sind nach ihrer Veröffentlichung rechtsverbindlich, 2. Strenge Vorschriften über die Einrichtung und Beschaffenheit der Arbeitsstätten in der Hausindustrie, insbesondere dahin- gehend, daß dieselben hell, trocken, heizbar und leicht zn lüften sind und daß mindestens 15 Kubikmeter Luftraum auf den Kopf der darin thätigen Personen entfallen. Die Arbeits- stätten dürfen ferner Iveder zum Wohnen, noch zum Schlafen oder Kochen benutzt werden. Die Benutzung von Dach- und Kellerräumen als Arbeitsstätten ist zu verbieten. 3. Wer als Hausindustrieller oder Heimarbeiter Räume der oben bezeichneten Art in Benutzung nehmen will, hat hiervon der Ortsbehörde Anzeige zu machen und ihr die bestimmten Lokalitäten zu bezeichnen. Die Ortsbchörde hat über die er- folgte Anmeldung und darüber, daß die Räume den gesetz- lichen Bestimmungen entsprechen, innerhalb drei Tagen eine Bescheinigung in zwei Exemplaren kostenlos auszustellen. Die Bescheinigung mutz eine Angabe über den Kubikinhalt des zu benutzenden Raumes und der Personenzahl, die darin be- schäftigt werden darf, enthalten, 4. Verbot der Heimarbeit in Wohnungen und Arbeitsstätten, in welchen sich Personen aufhalten, die mit ansteckenden Krankheiten behastet sind. 6. Desinfektion und, wenn nötig, Vernichtung derjenigen Materialien und Waren, die entgegen dein Verbot in Wohnungen oder Arbeitsstätten lagern oder bearbeitet werden, in welchen sich Personen aufhalten, die mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind. Die durch die Desinfektion und Vernichtung entstehenden Kosten hat derjenige Unternehmer zu tragen, für dessen Rechnung die Materialien und Waren bearbeitet werden. 6. Unterstellung der Heimarbeitsstätten unter die Kontrolle der Gewerbe-Jnspektion, Die diesbezüglichen Aufgaben müssen besonderen vollberechtigten männlichen und weiblichen Beamten übertragen werden, die vor allem in genügender Zahl aus den Kreisen der organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen zu entnehmen sind. 7. Verpflichtung der Unternehmer und Zwischcnmeister, eine genaue Liste der von ihnen als Heimarbeiter lHausindustriellen) beschäftigten Personen mit Wohnungsangabe zu führen, fort- laufend zu ergänzen und jederzeit den Beamten der Gewerbe- Inspektion vorzulegen. 8. Geeignete, für jedermann sichtbare Kennzeichnung aller auch nur zum Teil in der Hausindustrie hergestellten Waren. Die Kennzeichnung darf erst dann entfernt werden, wenn die Ware in den Besitz des letzten Käufers übergegangen ist. 9. Ausdehnung der Kranken-, Alters- und Jnvaliditäts- und Unfallversicherungs-Gesetze, ferner der Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung über Arbeitszeit, Nachtarbeit, Sonntags- ruhe, Wöchnerinnenschutz, Kinderarbeit und Arbeitsordnungen auf die gesamte Heimarbeit(Hausindustriel. 10. Unterstellung nicht nur der Heimarbeiter, sondern auch der Hausindustriellen unter die Gewerbegerichte bei Streitigkeiten, die zwischen ihnen und den Unternehmern(Verlegern) aus dem Arbeitsverhältnis entstehen. 11. Einführung von Lohnbüchern, in denen Art und Umfang der Arbeit, sowie die Lohnsätze bei Ausgabe der Arbeit einzu- tragen sind. 12. Verbot der Mitgabe von Arbeit nach Hause an Werkstatt- arbeiter und-Arbeiterinnen. Arbeiten des Reiches, der Einzelstaaten und Kommunen dürfen nur an solche Unternehmer vergeben werden, die diese in eignen gewerblichen Betrieben(unter Ausschluß jeglicher Zwischennnternehmer) anfertigen lassen und die durch Tarif- Verträge oder von den Berufsorganisationen der Arbeiter oder den unter 1. gedachten Kommissionen festgesetzten Lohn- und Arbeitsbedingungen erfüllen. Unternehmer, die dem zuwider handeln, sind von den Lieferungsarbeiten auszu- schließen. 13. Verhängung wirksamer Strafen für Uebertretung der gesetz- lichen Bestimmungen, für deren Einhaltung Unternehmer und • Zwischenmeister in erster Linie verantwortlich sind. Angesichts der für alle Kultnrstaaten gleich großen Gefahr der Hausindustrie fordert der Kongreß die deutsche Regierung auf, zu internationalen Vereinbarungen die Initiative zu ergreifen. Redner begründet die einzelnen, in dieser Resolution enthaltenen Forderungen und Abänderungen gegenüber seiner ursprünglichen Resolution. Von den Tabakarbeitern liegt folgende Erklärung vor: „Die auf dem allgemeinen Heimarbeiterschutz- Kongreß anwesenden Vertreter der Tabakarbeiter erklären, daß sie unter allen Umständen wie seit langer Zeit und in Ueberein- stimmung mit ihren Mandatgebern ein gänzliches und sofortiges Verbot der Hausindustrie fordern, indem einerseits die Notwendigkeit aus mancherlei Ursachen, andrerseits aber auch die Möglichkeit solcher Matznahmen für eine ganze Reihe von Berufen durchaus gegeben ist. Demgemäß wünschten die Vertreter der Tabakarbciter, daß auch der allgemeine Heimarbeiterschutz- Kongreß in erster Linie ein Verbot der Hausindustrie fordern möchte und nur dort für eine allmähliche Auflösung eintreten möge. wo ein sofortiges Verbot ohne erhebliche Schädigung der Industrie oder der Heimarbeiter selbst zu erwarten stand. Wenn in der Reso- lution der Elfer-Kommission nur ein sofortiges Verbot der Heim- arbeit in besonders gesundheitsschädlichen Berufen vorgesehen wird, so entspricht dieses den Zielen der Tabakarbeiter nicht. Die Dele- gation der Tabakarbeiter erklärt jedoch, trotzdem für die von der Kommission vorgeschlagene Resolution stimmen zu wollen. um ein einiges, geschlossenes Vorgehen des Kongresses nicht zu hindern und dadurch seine Bedeutung zu erhöhen. Stets jedoch wird die Delegation der Tabakarbeiter bestrebt sein, für ein rundes Verbot der Hausindustrie, wo und wann es möglich ist, zu wirken." � Der Kongreß nimmt von dieser Erklärung Kcniitnis. Nunmehr erhält der zweite Referent, Professor Sommerfeld, daß Schlußwort. Er erklärt sich aus taktischen Gründen damit ein- verstanden, daß nicht die sofortige Abschaffung der Heimarbeit gefordert und nicht die Lohnftage in den Vordergrund gestellt worden ist. Allerdings beginne jede Aufbesserung mit der Füllung des Magens.— Redner bespricht die von der Resolution berührten hygienischen Fragen. Die hygienischen Forderungen stelle ich an die erste Stelle, an die zweite die der Uebcrtragung von Schutz- und Versicheruugsgesetzen, diese regelt sich, sobald die erste geregelt ist. Die Einbeziehung in die Versicherung ist selbstverständlich; alles, was dafür spricht, ihre Segnungen den Fabrikarbeitern zu teil werden zu lassen, spricht in verstärktem Maße bei den Heimarbeitern dafür. Hierauf wird die Resolution einstimmig angenommen.(Leb- hafter Beifall.) Damit steht der Kongreß am Schluß seiner Arbeiten. Das Schlußwort nimmt Professor F r a n k e: Mit freudiger Bewegung haben Sie alle das Resultat der Abstimmung begrüßt. Die Resolution ist einstimmig angenommen trotz kleiner Abweichungen im einzelnen und selbst Gegenströmungen, weil die Dissentierenden nachgegeben haben. Auch in seinem Verlauf war der Kongreß trotz der verschiedenen An- schauungen von einer gemeinsamen Grundstimmung getragen. Gewiß ist im Verlauf der Verhandlungen manches Wort gefallen, was wir bürger- lichen Socialreformer lieber nicht gehört hätten und auch wir haben wohl manches gesagt, was Ihnen nicht gefallen hat. Aber doch hat sich herausgestellt, daß ein gemeinsames Arbeiten nicht nur möglich, sondern auch von fruchtbringendem Erfolge begleitet war. Als an uns von gewerkschaftlicher Seite die Aufforderung, an diesem Kongreß teilzunehmen, erging, Ivar es für uns ein Gebot selbst- verständlicher Pflichterfüllung, der Einladung zu folgen und in die dargebotene Hand einzuschlagen.(Bravo I> Wir haben es gethan, einmal um zu zeigen, daß eS uns fortgesetzt heWfer Ernst ist mit der Bekämpfung der Heimarbeit. Herr Käming sprach gleich am ersten Tage von den fahrenden Schülern des Kathedersocialismus, die die Gebirgsdörfer und die großstädtischen Höhlen der Heim- arbeit aufgesucht und hineingeleuchtet haben mit der Fackel der Wissenschaft in die Schlupfwinkel einer verderbenbringenden Aus- beutung menschlicher Arbeitskraft. Sie werden es begreiflich finden, daß ich diese Anerkennung der Tätigkeit der Wissenschaft mit großer Befriedigung gehört habe. Ohne Ruhmredigkeit darf ich sagen, wir bürgerlichen Sozialreformer haben unser Teil an dieser Auf- klürung beigetragen. Aber damit ist es nicht genug. Der Mensch schaudert, lvcnn er von diesem Jammer hört, aber er vergißt schnell. Der Aufklärung mutz das Handeln folgen, und da lag für uns der zweite Grund. Meine Gesinnungsgenossen, die bürgerlichen Socialreformer, sind von der Ilcberzeugung durchdrungen, daß eine ernsthafte Socialreforin fruchtbringend nur geleistet werden kann, wenn sie nicht nur für die Arbeiter, sondern mit den Arbeitern geleistet wird.(Lebhafte Zustimmung.) Um das zu bekunden, haben wir uns hier eingefunden. Für unsre Arbeit haben wir hier einen gemeinsamen Boden gefunden. Dabei gehen Sie nicht mit veränderten Gesinnungen aus diesem Saal hinaus und auch Sie haben uns nicht bekehrt. Wir wollen uns auch gar nicht gegenseitig bekehren. Wir können uns Gelegenheiten denken, und sie werden auch kommen, wo wir gegen- einander kämpfen. Kampf, wo er hingehört, und gemeinsame Arbeit, wo sie hingehört! Bei der Bekämpfung der Heimarbeit haben wir ein Gebiet, wo alle die, die guten Willens sind, sich vereinen können zu gemeinsanier Arbeit.(Bravo!) Ich wünsche nur, daß Sie ebenso ivie wir in ehrlicher' Absicht zu Ihnen gekommen sind, so auch Sie uns keiner andren Absicht zeihen mögen. Wir wollen mit Ihnen gemeinsam arbeiten, soweit es uns möglich ist. Diese Möglichkeit liegt zum großen Teil in Ihrer Hand. Ich bitte Sie im Namen der bürgerlichen Socialreformer, daß Sie alle Maßnahmen zur Bekänipfung der Heimindustrie auch unter diesem Gesichtspunkt treffen. Es sind Tage voller Arbeit, aber auch Tage inneren Friedens gewesen. Möge von diesem Saale ein mächtiger Strom des Wirkens hinaus- fließen I Möge der nächste Kongreß schon sagen können: Wir haben einen Kampf gekämpft, der auch in kurzer Frist schon Erfolge ge- zeitigt hat. In diesen: Sinne danke ich Ihnen im Namen des Bureaus und fordere Sie auf zu weiterer gemeinsamer Arbeit auf dem Boden der gefaßten Beschlüsse. Hiermit schließe ich den Kongreß. (Lebhafter Beifall.)' Schluß 6l/4 Uhr. » Berichtigung. In der Wiedergabe der gestrigen Rede der Frau Zetkin muß es heißen: „Bei der Heimarbeit aber schlägt das Produkt, das die größte Menge Arbeitszeit repräsentiert, das Produkt, das die kleinere ge- sellschaftlich notwendige Menge Arbeitszeit enthält.. Gegen den Schluß zu mutz es heißen:„Wir wollen die heim- arbeitende Bevölkerung aus einem toten Ballast des Klassenkampfes in eine tragende und treibende Kraft des Klassenkampfes ver- wandeln"... In der gestrigen Rede des Buchbinders Brückner- Berlin muß es heiße», es existieren 1500 Arbeiter der Branche in Berlin, nicht Geschäfte, von denen 900 Heimarbeiter sind. Gerichts-Zeitung* Ein Pressvrozcff. Die Redakteure des„Berliner Tageblattes" und der„Berliner Zeitung", Dr. Ernst Grüttefien und Richard L o e w e, der Chefredakteur der„Bossischen Zeitung", Hermann B a ch m a n n, und der Redakteur der„Gazetta Robotnitza", Clemens Gozdziewicz, waren gestern vor die erste Strafkammer des Landgerichts I geladen, um sich wegen Beleidigung von Beamten der Deutschen A n s i e d e l u n g s- K o m m i s s i o n, von Schutzleuten der Stadt Posen usw. zu verantworten. Die Angeklagten hatten einen Auszug aus einem Artikel der„Posencr Zeitung" mit der Ueberschrift„Der Fall Biedermann und seine Lehren" abgedruckt, in welchem die unter Anklage gestellten Beleidigungen enthalten fein sollen. Da jedoch vorgestern der Prozeß gegen den Verfasser des Artikels, den Chefredakteur der„Posencr Zeitung", zlvecks Zeugen- ladung vertagt worden ist, so wurde auf Antrag des Justizrats Michaelis und Rechtsanwalts Masse beschlossen, diesen Prozeß bis zur Erledigung des Posener Prozesses zu vertagen und die Akten des letzteren einzufordern. Wegen Vergehens gegen das Bereinsgesetz hatte sich gestern der Schlosser K u h n t vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten. Der Anklage lag folgender Sachverhalt zu Grunde: Im Juli v. I. fand in den Germaniasälen eine Versammlung der Arbeiter aus derF I o h r s ch e n Maschinenfabrik statt, woselbst Be- triebsmißstände, unter andern: das dort grassierende Ueberstunden- Wesen, besprochen wurden. Einberufen war die Versammlung von dem Vertreter des Metallarbeitct-Vcrbandcs» Bohrend, auch war sie polizeilich angemeldet; den Vorsitz führte der Angeklagte. Während der Diskussion verlangte nun der überwachende Beamte vom Vorsitzenden, daß dieser ihm Namen und Wohnung der einzelnen Redner angeben solle, was im Hinblick auf den nicht öffentlichen Charakter der Versammlung indessen verweigert wurde. Die An- klagebehörde nahm nun an, es habe sich in diesem Falle doch um eine Versammlung gehandelt, in der öffentliche Angelegen- h e i t e n erörtert werden sollten. Erwiesen werde diese Beschuldi- gung einmal dadurch, daß die Versammlung vom Metallarbeiter- Verbände einberufen war— und der Metallarbeiter-Verband sei laut Kammergerichts-Entscheidung nun einmal eine Organisation, die eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecke—, zum andern aber sc: auch in der Versammlung eine Resolution an- genommen worden, die den Anwesenden den Beitritt zum Metall- arbeitcr-Vcrbande nahegelegt habe. Mithin sei der Hauptzweck, mindestens aber der Mitzweck der Versammlung die Agitation für den Mctallarbeiter-Vcrband gewesen; daher der öffentliche Charakter der Versammlung und daher auch die Verpflichtung des Vor- sitzenden, dem überwachenden Beamten Namen und Wohnung der einzelnen Reimer anzugeben. Die Beweisaufnahme drehte sich nun hauptsächlich darum, fcstzustelle::, ob der Haupt- oder auch nur Mit- zweck der Versammlung in der Agitation für den Verband bestanden habe, oder ob die Versammlung lediglich der Erörterung von Be- triebsmitzständen diente und nur beiläufig und unabhängig von diesem eigentlichen Zweck für den Metallarbeiter-Verband in Form der erwähnten Resolution agitiert worden sei. Der Angeklagte be- hauptete mit Bestimmtheit das letztere, und auch der als Zeuge ge- ladcne Polizeibeamte konnte sich nur erinnern, daß am Schlüsse der Versammlung anläßlich der Abstimmung über die Resolution zum Beitritt in den Metallarbeiter-Verband aufgefordert worden sei. Infolgedessen plaidierte der Verteidiger des Angeklagten. Rechts- anwalt Dr. H e i n e m a n n für Freisprechung, während der Staats- anwalt eine Geldstrafe von 50 M. beantragt hatte. Das Gericht er- kannte nach längerer Beratung auf Freisprechung, weil es annahm, daß durch die Zeugenaussagen die Sachlage im Sinne einer Schuldigsprechung nicht genügend geklärt werden konnte. Im Kurpfuscher- Prozeß Schriiter zu Tilsit wurde auch am Montag während eines Teiles der Verhandlungen die Oeffent- lichkeit ausgeschlossen, da nunmehr die gestern geladenen Zeugen zu der Affäre der verführten Zeugin sämtlich zur Stelle sind. lieber die Einzelheiten der Verhandlung läßt sich nichts mitteilen. Es sei nur hervorgehoben, daß auch die weitere Zeugenvernehmung nicht ergab, daß die in Beträcht kommende Patientin zu der Zeit, wo sie mit Schröter verkehrte, noch mit andren Männern Umgang gepflogen hat. Um V- 1 Uhr nachmittags wurde sodann die Oeffentlichkeit wieder hergestellt und in die Verhandlung eines Falles eingetreten, in welchem Schröter sich als Augenheiler versucht hat. Es handelt sich dabei um ein Fräulein Käthe Erzberger, die im Januar 1902 an Netzhautablösung auf dem rechten Auge litt. Ter behandelnde Arzt ordnete die Ucberführung der Kranken in eine Augenklinik an, weil das Leiden sofortige klinische Behandlung notwendig machte. Auch ließ er die Mutter der Kranken zu sich kommen und schilderte ihr den Ernst des Leidens, das auch bei zweckmäßigster Behandlung meistens zur Erblindung führt. Die Patientin ging jedoch zunächst zu Schröter hin, bezeichnete ihm die Krankheit irrtümlich als Nctzhautentzündung und nicht als Itctzhautablösung und teilte ihm auch mit, daß der Arzt eine klinische Behandlung für erforderlich erachtet habe. Schröter untersuchte alsdann das Auge, ob mittels eines Spiegels ist der Patientin nicht mehr erinnerlich, und sagte dabei zu der anwesenden Kousine der Zeugin:„Sehen Sie nicht den roten Schein, sehen Sie nicht, wie das rot schimmert?" Dann erklärte er, die Sache wäre nicht so gefährlich, in 14 Tagen würde sie geheilt sein. Schröter erklärte sich auf Befragen der Patientin bereit, die Behandlung zu übenwhmen, und Fräulein Erzberger ging nun fortan täglich zu dem Angeschuldigten hin. Er behandelte die Patientin in der Weise, daß er das Auge massierte und mit dem Bibrator bearbeitete. Nach einer Woche etwa erfuhr Fräulein Erzberger von der Frau Rechtsanwalt Anders, daß ihre Krankheit nicht, wie sie irrtümlich angenommen habe, Netzhautentzündung sei, sondern daß es sich um Netzhaut- ablösnng handele. Ties teilte sie noch an demselben Tage dem An- geschuldigtcn mit, worauf derselbe erklärte, das wäre ja etwas ganz andres, ein Buch aufschlug und dann zu der Patientin sagte, das Leiden sei ein gefährliches, sie möchte zu ihrer Beruhigung nach Königsberg fahren und hören, was die Herren dort sagten. Er hätte nicht alle Apparate da, der ganze Körper müßte behandelt werden usw. Die Zeugin Erzberger hat dann infolge der Ver- Haftung des Angeklagten die Besuche bei diesem nicht mehr fortsetzen können. Sie bekundet heute, daß sie die zwei Mark, welche sie für die Behandlung gezahlt habe, nur durch einen Zufall los geworden sei; der Angeklagte hat sie nämlich bei einem ihrer Besuche gefragt, ob sie zufällig zivei Mark bei sich habe. Er habe momentan kein kleines Geld.— Staatsanwalt T o l k i findet das bei einem Manne, der 4000 Patienten gehabt habe und von früh um V-5 bis abends 'All Uhr konsultiert worden sei, als etwas auffällig.— A n g e k l.: Mein Gott, das ist doch möglich. Ich hatte jedenfalls 100 und auch 1000 Mark-Scheine im Hause, aber zufällig keine einzelnen Mark- stücke.— Der Angeklagte soll dann c:ne Untersuchung mit dem Liebreichschen Augenspiegel vornehmen, was er jedoch wiederum wegen zu großer Schwäche ablehnt.— Prof. Puppe bemerkt dazu, daß dies Experiment keinerlei Anstrengung verursache. In Bezug auf die Diagnose erklärt der Angeklagte, sich vollständig auf die Angaben des die Zeugin behandelnden Arztes verlassen zu haben.(Heiterkeit.) Im übrigen wolle er gern zugeben, daß er verkehrt gehandelt habe und sich niemals wieder an eine derartige Krankheit heranmachen würde.— Staatsanwalt To lki: Das glaube ich.— Ter Angeklagte führt dann seine„Augenmassage" vor und zeigt schließlich auch, daß er in etwas mit dem Liebreichschen Augenspiegel vertraut ist. Um V-4 Uhr nachmittags wurde die Per- Handlung auf morgen früh vertagt. In der gestrigen Sitzung gelang dem Angeklagten, mittels Augendiagnose und Pshchophysiognomik bei dem Sachverständigen, Sanitätsrat Goburek- Tilsit, die Feststellung von zeitweiscm Jodkali- genutz, dagegen nicht die Feststellung einer vorliegenden organischen Erkrankung. Das Urteil ist für nächsten Montag zu erwarten. SSitterungsübcrsjcht vom i>. März IS04. morgens 8»Hr. Wetter-Prognoie für Donnerstag, den I«. März IS01. Mild und zeitweise heiter, vielsach nebelig bei schwachen südlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Brnfftaften der Redabtfon. Leipzig. Lipsia vult expectari: Leipzig läßt aus sich warten.?c» zieht sich auf die Leipziger Rechtssprüche des Mittelalters; wird aber hier auf den modernen Rcichs-Schöppcnstuhl der alten Seestadt L. ironisch an- gewendet.— W. Bieth. Für redaktionellen Teil leider zu spät erhallen. A. Fi. 36,—. Wie weit Sch. beteiligt ist, läßt sich nur annehmen, nicht nachweisen. Wegen der andren etwas unklar gehaltenen Anfrage holen Sie sich an: besten Rat in der juristischen Sprechstunde.— Wüsten jägcr. t. Nein. 2. Nein.— P. ÄS. I. Demokratisch. 2. Darüber entscheidet die betreffende gewerlschastliche Organisation, nicht unser Briefkasten.— Svv. (Abonnenten.) Können wir nicht angeben.—®. Ä7. 1. Ja. 2. Das kommt auf die Tendenz und Zusammensetzung des Vereins an, die uns nicht bekannt ist. — M. K. l. Das Fachorgan der Drechsler ist die„Holzarbeüer-Zeitung" in Hamburg, Fruchtallec 79/81. 2. Fragen Sie in der Redaktion der„Holz- arbcitcr-Zeitung" an. Die andre Frage wird im juristischen Teile beant- wartet werden.— Z. 02. Ja.— M. D. Nein.— B. W. 1. Ja. 2. Stein.— F. 91. 1. Nein. 2. Ja. 3. Nein.— P. M. Lesen Sic über Schulwesen nach im Adreßbuch, 2. Band, Teil 2, S. 134 bis 130. Auch erhalten Sie Auskunst darüber durch die Gewerkschaft oder die Gewerkschastskommission.— A. Z. 100. I. Nein. 2. Ja.— Socinlist. Johann Jacoby starb am 6. März 1877.— B. A. Nein.— R. S. 54. Ein gewöhnliches Trockenelement besteht aus einem Ik-sörmlg gebogenen Elasrobr, dessen einer Schenkel mit einen: Gipsguß mit Zinksulfat-Losung und dessen andrer Schenkel mit einen: Gipsguß mit Kupsersulsat-Lösung gefüllt ist. Vor dem Erhärten der Masse ist'in den ersten Schenkel ein Zinkdraht, in den letzteren ein Kupserdraht zu stecken.— A. M. 40. Nein. JuritUTcher Cell. 77 9t. Ff. 1. Leider hätte die Klage wenig AuSficht auf Erfolg. 2. Sie können den Versuch, eine eingehende Beweisaufnahme zu veranlassen, machen. Ob das Gericht auf den Versuch eingeht, steht dahin. Ein Anwalt wird es vielleicht eher durchsetzen. A. H., Betten. Leider hätte eine Klage im Rechtswege weder gegen den Lehrer noch gegen die Schulvcrwaltung Aussicht aus Erfolg.— August Wartenberg. Sie können aus Schadensersatz klagen. Der Ausfall der Klage hängt davon ab. ob nach Ermessen des Richters ein wichtiger Grund zur Aushebung des Vertrages vorlag.— F. 00. Nachdem Sie die Frist versäumt haben, ist le:der, soweit ersichtlich, nichts mehr zu machen. Sie hätten rechtzeitig in der Sprechstunde Ihre Sache darlegen sollen. — 2Ö. L. 04. 1. Angemessene Zeit; was das in: bestimmten Falle ist, hat in: Swelffallc das Gericht zu bestimmen. 2. Am 2. Slpril.— G. H. 100. Die Mutter kann mit ihrem Eigentum hingehen wohin sie will. — E. B. 17. In Ihrer Handlung kann eine Beleidigung erblickt werden. Uebcr die Art der Höhe der mutmaßlichen Straft läßt sich nichts voraus- demokratijche Anregung, Kasse hasten zu lassen, nehmen könnte, ist aus Centralificrung gefallen. Ihr Anspruch gegen die Ihnen eingeschlagene sagen.— Snlzbach 1000. Ihre Forderung würden Sie nüt Aussicht auf Erfolg einklagen können. Bestimmte Anwälte empfehlen wir nicht. Be- vollmächtigen Sie einen Anwalt, zu dem!sie Vertrauen haben.— St.<2>. 100. 1. und 3. Ja. 2. Nein, nur die Kassenbeiträge.— R. Burg- Hardt. Dag Sie von Pontius zu Pilatus geschickt werden und keine Kasse die verpslichtete sein will, liegt in der Atomisierung der Kasse. Eine social- in jedem Falle dem Erkrankten gegenüber eine die gegenüber der rechtlich verpflichteten Regreß ebenso unfruchtbaren Boden wie die Anträge aus So weit Ihre Darstellung ein Urteil zuläßt, ist Ortskasse der Kauslcute berechtigt und der von eg der zutreffende.— 31. L. Nein.— P. Ja. - W. P. Z. l. Erst nach Ablauf 20wöchentlicher Erwcrbsunsähigkcit wird ein Recht aus Invalidenrente existent. 2. Es ist nur der Wert zu ersetzen, oen die Uhr bei der Ucbergabe hatte. 3. Eine Rechtspflicht zur Antwort besteht nicht, wohl aber erfordert die Höflichkeit eine solche in jedem Fall.— Schm. lt. Die Polizeivcrwaltung Berlin ist nicht städtisch, sondern staatlich. Au den Kosten für die Polizei in Berlin hat nach 1 und 3 des Gesetzes über die Kosten von Polizeivcrivaltungen in Stadtgcmcinden vom 28. April 1892 die Stadtgemcinde Berlin einen jährlichen Beitrag von 2,50 M. für den Kops der durch die jedesmalige letzte Volkszählung ermittelten Civil- vcvöllcrung zu zahlen. Hiervon geht für die der Stadt zustehende Verwaltung der Straßenbau- Polizei ein Betrag ab, so daß rund 2,12 X 1 Mö 706_ 4 515 008 M. jährlich an die Polizei zu zahlen ist.— — Rix. 20. Sie müssen bis zum Ablauf des aus Ihren Austritt folgenden Jahres Kirchensteuer zahlen. Sind Sie im Jahre 1902 aus der Kirche aus- getreten, so müssen Sie also bis Ende 1903 zahlen. Haben Sie nicht inner- halb vier bis sechs Wochen nach Eingang ihres Antrages, betreffend Aus- trilt aus der Landeskirche, persönlich aus dem Gericht zu Protokoll Ihren Austritt erklärt, so sind Sie noch Mitglied der Kirch cngemcinde, müssen abermals den Antrag stellen und dann die vier- bis sechswöchentliche Frist zur Austrittserklärung benutzen, wenn Sie aus der Kirche ausscheiden wollen. — Militäranwärter P. B. Sie sind zur Zahlung verpflichtet, Ihr Aehalt ist, so weit es für den standesmäßigen Unterhalt Ihrer Familie und für Ihren eignen notdürftigen Unterhalt nach Ansicht des Gerichts not- wendig ist, nicht bcschlagnahmesähig. Ein Grund zu Ihrer Entlassung würde aus der von Ihnen geschilderten Lage schwerlich entnommen werden.— A. W. 16. Liegt nicht etwa ein schriftlicher Vertrag vor, der das Gegen- teil besagt, so muß Ihnen das Gehalt für März und April gezahlt werden. Ihre Ansprüche sind jedoch hinfällig, wenn etwa ein wichtiger Grund vor- liegt, der den Besitzer zur sofortigen Aushebung des Hausverwaltungs- Vertrages nach Ansicht des Gerichts berechtigte.— H. R. Wenn Sic die Vollmacht nicht einsenden, so können Sic dem Klageantrag entsprechend ver- urteilt werden. Das Gericht ist nicht befugt, den Antrag aus Erlaß eines Versäumnisurteils deshalb abzulehnen, weil Beklagter trank ist.— — T. 1Z0. Die Ehe zwischen einem wegen Ehebruchs Geschiedenen mit demjenigen, mit welchem der geschiedene Ehegatte den Ehebruch begangen hat, ist verholen, wenn dieser Ehebruch in dem Schcidungsurtcil als Grund der Scheidung jcstgestelll ist. Von dieser Vorschrift kann eine Bcsreiung bewilligt werden.— 33. K. 1. und 2. Ja. 3. Bis zum vollendeten 17. Lebensjahre.— St., Weisteusee. Da Sie über zwei Jahre die Ab- weichung von der vereinbarten Lohnhöhe stillschweigend geduldet haben, Zso wäre eine Klage aussichtslos.— D. 04. Das sog. Prciskcgcln in der von Ihnen beschriebenen Art ist eine unzulässige Lotterie. Klagen können Sie nicht.— Brüssel. Gegen Sie kann wie gegen jeden Schuldner auf Zahlung geklagt werden. Sie sind unterslützungspslichtig, wenn und soweit Ihr und Ihrer Familie standesgemäßer Unterhalt durch die Unterstützung nicht bc. rührt wird.— Schönhanser Allee. Bei Berechnung der Unsallrente kommt leider keineswegs der gesamte Arbeitsverdienst in Betracht. Die sür Ihren Fall einschlägigen Bestimmungen finden Sie im ersten Nachtrag zum „Arbeitcrrccht" S>. 43,"44. Das Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken aus. — H. B. 40. Sic müßten sich notariell oder gerichtlich beglaubigte Voll- macht zur Abhebung des Guthabens von Ihren Schwiegereltern erteilen lassen.— Osten. Der von Ihnen vorgetragene Fall enthält zwcijcllos den Thatbestand des Betruges. Die Strasversolgung wegen Betruges verjährt aber in süns Jahren. Berjähruna scheint eingetreten zu sein.— Mictrecht. Die Rechte und Pflichten deS Äiicters folgen in erster Reihe aus seinem Vertrag. Die Antwort aus Ihre Fragen kann also nur unter dem Vor- behalt gegeben werden, daß Ihr Vertrag nichts Gegenteiliges bestimmt Sie geht dahin: 1. Nein. 2. Ja. 3. Nein. 4. Ja.— O. Sch. 10. Das Testament kann bei jedem Gericht niedergelegt, eS kann auch ein außer« gerichtliches Testament errichtet und außergerichtlich ausbewahrt sein. Für die Nachlaßregulierung zuständig ist in Ihrem Fall das Amtsgericht Berlin II, Hallesches Ufer 29/31. Durch gerichtliche Nachlaßrcgulierung er- wachsen nach dem Objekt zu berechnende, nicht unerhebliche Kosten. Ihnen fällt nicht die Hälfte, sondern die Hälfte nach Abzug des Voraus (HochzeitSgeschenke und die Gegenständ� die zum ehelichen Haushalt gehört haben) eventuell zu. Einigung oder Verzicht ist deshalb' ivohl ratsam. — B. D. Sie müssen am 2. April ziehen.— 23. F. 100. Der Stempel ist mit Recht gefordert.— W. S. 2. Leider kann die Herrschaft im Ge« biete der altpreußischen Gesinde-Ordnung Weihnachtsgeschenke aus den Lohn anrechnen, wenn der Dicnstvertrag im Lause des Jahres durch Schuld des Gesindes wieder ausgehoben wird. Angerechnet werden kann nur aus noch vorhandene Geschenke. Nach zutreffender, aber bestrittener Ansicht ist Widerruf des Geschenks durch schriftliche Zustellung erforderlich.— Sozialdemokrat und Flügcr. 1. Ihrem Onkel steht ein Anspruch aus Unsallrente nicht mehr zu, weil die Verjährungsfrist zwei Jahre beträgt und er die rechtzeitige Anmeldung unterlassen hat. 2. Die Kosten sind dem Gesetz entsprechend Ihnen auserlegt.— Walter 55. 1. Kirchensteuer ist von Ihnen zu zahlen. Der zur Zeit gültige Prozentsatz ist uns nicht bekannt. 2. Nein.__ ßyicfhaften der Expedition. 1, E. Bruck. London, 2. Verein„Jungdcutschland". Dortmund. 3. Landes-Gcioerkschaftskommissio» für Süd- Oestreich. Trieft. 4. Deutsche Arbeiter in Toronto Theater.) Uriel•Acofta. Schiller B>T.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Vasantasena. Kleines. Mutter Landstraße. Luisen. Eine leichte Person. Trianon. Madame-l. Carl Weist. Zwei Frauen. Deutsch-Amerikanisches. Ueber'n großen Teich. Gebr. Hcrrnfeld. Nur eine Nacht. Casino. Cirkussec. Winter-Garten. Ivelte Gullbert. Eostantine Bcrnardi. Specials- täten. Apollo. Frühlingslust. Blüten- Hochzeit. Specialitäten. Metropol. Durchlaucht Radieschen. ReichShallen. Stcttiner Sänger. Paisagc-Theater. Caiccdo. Specia- litäten. Ansang 5 Uhr. Urania. Tanbenstraste 48/40. Um 8 Uhr: Der Erdball als Träger des Lebens. Jupalidenstrafte 67/02. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. NkliöL Theater. Schissbauerdamm 4a— 5. Candida. Ansang 71/a Uhr. Morgen: Minna»on Barnhelm. "Central-Theater. Täglich 7'/, Uhr: Das Schwalbennest. Operette in 3 Alten o. Dt. Ordonneau. Musik von Henry Herblah. Sonnabcndnachmittag 4 Uhr, Howe Preise: Kindervorstellung: Jeder Er- wachsene ein Kind mit Extraplatz frei. Ter gestiefelte Kater. Rkfidellz-Thkatkr Direktion I. Lautcnburg. Abends 7-/, Uhr: OieCmpfedlung. Abends 8 Uhr: Der kenslhe ssaliiliir. I Direktion: Robert Dill. Brannenstraase 16. Extra-Elite-Vorslellung. Lorbeerdlmm und KettelSab. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Nach der Vorstellung: Eamilienball. Sdiiller-Tlieater. Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: llriel Acoata. Trauerspiel in 5 Auszügen von Karl Gutzkow, Freitagabend 8 Uhr: Die Kinder der Excelleiu. Sonnabendabend 8 Uhr: Kttnis I-ear. Schiller-Theater N. (Friedrich-WilhelmstädjischcS Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: Vaaantaaena. Drama in 5 Akten nach einer Dichtung des Königs Sudraka. Frei bearbeitet von Emil Pohl. Freitagabend 8 Uhr: I-nmpaclvasaimndua. Sonnabendabend 8 Uhr: T aaantaaena. Thaiia-Tiieater. Belle-Alliance-Theater. DreSdencrstr, 72/73. Amt IV 4440. Ans. 7'/. Uhr. Direktion Jean Kren g Letzte Woche> Zum 102. Male: Der Hochtourist. Luiäo Thielscher in der Titelrolle. Sonntagnachmittag 3'/. Uhr: Charlez-a Tante. Belle-Alliancestr. 7/8. Amt VI 283, und Alfred Schönfeld. Ans. 71/, Uhr. Heute und folgende Tage: Götterweiber. Ausstatt.-Posse mit Gelang und Tanz. Sonntagnachm. 3 Uhr, kleine Preise: „Der Pfarrer von Kirchfeld." Cirkus Schumann. Heute Donnerstag, den 10. März 1004, abends 7'/. Uhr: Große Wohlthätigkeits-Vorstellung zum Besten des fünften Lokal-Kommissariats des Natioiialdanks für Veteranen. Ganz besonders gewähltes Programm. Außerdem: Freres Skremka, we vorzüglichen Künstler. Raub�ressur �err iul. Seeth mit 25<öwen. DM- Die Ausstattungs-<2 A R 17 T"96 «MJF- Pantomime D /A D Cr*-<•-911 Montag, den 14. d. M., abends 7'/. Uhr: Beneftz-Vor- stellunj; für die Sammlung des CcntralkomiteeS der deutschen Vereine vom Roten Kreuz zum Besten der Verwundeten- und Krankenpflege in Deutsch-Südwestafrika mit auserlesenem Sport- programin.__ Urania. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Der Erdball als Träger des Lebens. Sternwarte'nvaliden Hörsaal: Dr. Donath: str. 57/62. .Radium." CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr, 165. Afrika in Berlin!!! Donnerstag, den IO. März: Grosser Wohltlrätigkeitstag zum Besten der Notleidenden in Deutsch-Südwost-Äfrika. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Sine leichte Person. Freitag: Die Kohlcnschulz'n von Berlin. Hieraus: Das Volkslied. Sonnabend: Uriel Slcosta. Sonntagnachm.: Philippine Weiser. Abends: Die Kohlcnschulz'n von Berlin. Hierauf: Das Volkslied. Montag: Philippine Weiser,_ 8aussonci. Koltbuscr Thor— Stat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag Hofftnann« Norddeutsche Sänger und Tanzkränzehen. Dienstags: Theaterabend. Deutsch- Amerikanisches Theater. Köpnickerst. 67. Stat. Jannowitzbrilcke. �lootag: Souvenier- Vorstellung znm 200. Male: Jeden Abend 8 Uhr; Gastspiel Ad. Philipp, Uebem grossen TEICH. Sonntagnachm. 3 Uhr: UehertpssenTeieti Apollo-Theater. 8 Uhr- Trühlingsluft mBaneeu Blütenhochzeit. 9'/,— 11 Uhr: Das grandiose März- Specialitäten-Prograimn Mab Dcrsy mit den neuen Tänzen: a) Hiawathn. b)Kickapoo. ? Nordini?? x Robert Steidi. Tom Hearn. Les Brunin. Boston- Ball-Tanz-Ensemble, 32 Damen. Kasseneröfln. 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. Trianon-Theater. Georgenstraße, zwischen Friedlich- und Universitätsstraße. Madame I. Ansang 8 Uhr. Nachmittags 3 Uhr:..Biscotte". Stadt-Theater Moabit Alt-Moabit 47/49. Donnerstag, den 10. März: Bernhard Rose-Theater-Ensemhle. Othello, der Hohr von Venedig. Trauerspiel in 5 Ausz. v. Shakespeare. AM- Ansang 8 Uhr. HS Nach der Vorstellung: C-r. Ball. Sonntag, den 13. März er.: Der Glockcngust zu Breslau. Cirkus Busch. Neu:! Neu!! Bas letzte Wort Ml«« Jackson in einem Tempo. vorgeführt von Mr. Balty, Riesen-Eisbären des Mr. Roberto. Zum 78. Male: Uns den Alpen. Bemerkenswert: Der HutomobUsturz. Metropol-Theater Heute Donnerstag zum letztenmal: DurcHI WM! Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Freitag geschlossen. Sonnabend, den 12. März er., zum erstenmal: Ein tolles Jahr. Gr. dramatisch-satirische Revue in 6 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaender. In Leone gesetzt von Direktor Richard Schultz. Kleines Theater. Unter den Linden 44. Mailar Landstrasse. Ansang 8 Uhr. Morgen: Blektra. Ciebrttdcr Herrnfeld- Ansang Th-aaf/af Sonntags 8 Uhr. inedier. 7 Uhr. Heute und folgende Tage: Das Hcrrufeldsche ScnsaiionSstück Mr eine Nacht! Zwei Akte aus einer Ehe. Vorher: Vollständig neuer Künstlerteil.' Schröder u. Denier, Tanz-Karikaturen. Erna Ernani, Vortragssoubrette. Martin Vallöe, Humorist. Die slissen Mädeln, Damen-Ges.-Ouart. Bcudix alS Monna Tanna. Edl Stadler, Alpen-Jodler-Phänomen. Billet-Borv erkauf 11—2 Uhr. Palast-Theater Burgstraste 22. früher Feen-Palast. KIM- Heute:-Mg Tante Mollig. Im Specialitätenicil: Martha Sarnolli, LortragS-Soubrette. Mr. Franzesko, der Unzerbrechliche. Mite. Riona mit ihrer urkomischen Pantomime. Mr. Barna, komisch-musikal. Dressurakt. 10 Uhr: Mampes Flitterwochen Freitag. den 11. März, abends: Dr. El!te-Vor»tellung. Ansang 8 Uhr. Halbe Kassenprcise. Anna Liese. Schauspiel in 4 Akten von Hcrsch.— Sonnabend, den l2. März, wegen Privatsestlichkeit geschlossen. freie Volksbühne. Sonntag, den 13. MKrz, nachmittag« 23/, Uhr: Metropol-Theater. 11/12. Abteilung: Medea. Lessing-Theater. 16. Abteilung: Der Meineidbauer. © Ordnersitzung: Sonnabend, den IS. Märx, abends N/, Uhr, im Gewerkschaftshause. Sonnabend, den IO. Mllra, abend« Sll2 Uhr, In der Branerei Frledrlcb«haln, Am Priedrichshain; ür HtärzfesL"WS |(Internationaler Musikabend.— Dcutsch-französiscb-czecbiscbes Vokal- und Instrumentalkonzert.— Gesang.— Recitation.) Festmarkon a 50 Pf. in allen Zahlstellen.-WE 8. Serie: Sonntag, 20. März, Im Liosslng-Thcater. 1. Abteilung: 228/10 Zapfenstreich von Adam Beyerlein. Steidl-�Theater Linien- Oranien Strasse 132 burger Thor. Täglich 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Letzter Monat vor ihrer Gastspielreise nach Ruß- land— die vorzüglichen Fritz Steidl-Sänger. Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. 7'/, Das glänzende neue Märzprogramm. Ga«t«piel M«tr. Hopkin: Die größte Dressurnummer der Welt. � Die Cirkusfee. Sonntagnachm. 4 Uhr:„Die Diebesfalle."—„Badekuren." Fröbels Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Donnerstag, den 10. März: Gastspiel der beliebten Orxousctieu Sänger. Vorstellung: FfeltailZ. Ansang S'/j Uhr. Passage-Tlieater. Anfang Sonnt. 3, WochentagsSUhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Sensationelles Engagement: Caicedo der berühmte OrahtseilkSnig. Das Publikum schreit vor Lachen bei dem Redestreit der beiden feindlichen Improvisatoren Holländer u.Steinitz. 14 neue erstklassige Nummern. Carl Weiss-Theater. Greste Frankfurter Strafte 132. Zwei fraucn. Schauspiel in 5 Akten v. Borchart. Ansang 8 Uhr. Morgen: Zwei Frauen. Sonnabeudnachm. 4 Uhr: Aschen- hrlidel. Sonntagiiachmittag 3 Uhr Parkett 60 Pf.: Ilse Römer. Neue Welt Hasenbelde 108/114. (Hrnold Scholz.) Jeden Donnerstag: Bernhanl Rose-Theater-EnseiiilJle. Der Glockenguss zu Breslau. Histor. Drama in 3 Abteil, u. 10 Bildern von Pfrogner. Nach der Vorstellung; Familienkränzchen. Tanz frei. Anfang 8 Uhr, Entreo SO Pf. Vorzugskarten gelten! Keine erlrölrten Preise! Yvette Gullbert Pausten u. Doley KomisoheRadfahrer Karnovals-GeisterTanz-Divertissom. Imro Fox Zauberkünstler. Leo Billward Komischer Jongleur. Madeleine Noce Sängerin. Prosper-Truppe Akrobaten. Gostantino Bernardi Verwandlungsschauspieler. Lony Elastisoh-equilibr. AH. The Seidoms Plast. Darstellungen. Biograph._ Königstadt-Kasino Holzmarklstr. 72, Ecke Alexanderstraße. Täglich: IVanz Sobanskl. Die Mlirz-�peclallUltcn. Zum Schluß das Lebensbild Nach Siidwest-Afrika. Nach der Vorstellung: Mittlvoch», Sonnabends u. Sonntags: Tanz. Donnerstag, den 10. März: Benefiz für F. Siobanwkl. Rohtabak fein hellfarbig mit Sumatra-Decke 1»/, Pfd. deckend, a 200 Pf. S. Hammerstein Filiale. Vertr.: Gustav Boy,• Berlin N., Urnnnenstr. 188. Reichs hallen Stettiner Sänger Die Berliner bei den Hereros. Burleske von Meysel Für die uns anläizlich des Ablebens unsrcr Tochter, Schwester und Braut Bsrüm Scbultze erwiesene freundliche Teilnahme, sowie sür die kostbaren Blumcnspcndcn zu ihrer Beerdigung sagen allen, speciell ihren Kollegen und Kolleginnen, der Geschästsleitung dcS„Vorwärts", so wie dein Buchbinder-Vcrband herz lichcn Dank. 2484b Familie Schultze. Otto Hirschmann. Bilanz per 31. Dezember 1903 Aetiva. Cassa-Conto..... SK. 293,29 Jnvenlar-Conto..., 150,— Vorschust-Conto...„ 33,15 Schaafshaus. Bankv.-Cto.„ 1647,— Vsfektcn-Conto.„ 3201,75 Gewinn- u. Verlust-Cto.„ 761,81 Passiva» Mitglieder-Guthabcn.. M. 6087,— M. 6987,- M. 6087,— Schöneverg-Friedenau,?. März 1904. Gemeinnutz. Banverein e.G. m.b.H. i.Liq. E. Lambardt, Petzhold, H. Herforf. Dr. Simmel, Specialarzt sür 176/16' Hunt- nnll»»rnlvlck«!,. 10—2, 5— 7. Sonntag? 10—12. 2—4, G Mark □»9U., S traben land gratis, v. Cenirum Berlins 2'/, Meile, idyllische Lage, prima Boden, verk. Schulz, Rixdorf, Lenaustr. 12. 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März cr., abends 8'/, Uhr, im Fr. Wllkeschen Lokal, Brunnenstrabe 188. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes über das abgelauscne Geschäftsjahr. 2. Bericht der Revisoren zur Prü- sung der Jahresrechnung und Er- tcilung der Decharge. 3. Verschiedenes. Anfragen und Beschwerden, zu welchen die Einsicht in die Kassen- bücher notwendig ist, müssen münd- lich oder schristlich bchuss Beant- Wartung derselben in der General- Versammlung bis zum 20. März cr. dem Vorstande mitgeteilt werden. Das Mandat legitimiert! I. Die Wahlen von 148 Vertretern der versicherungspflichtigen und zwölf Vertretern der freiwilligen Mitglieder sür die Generalversammlungen pro 1904 gemäß K 44 des Statuts finden statt am: Sonntag, de» 27. März 1901. von 10 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags. Es wählen: 2480b Abteilung l(S. und SO.): 37 Vertreter im Märkischen Hof (Schulz), Admiralstrabe 18c. Abteilung II(W., SW. und 0.): 20 Vertreter im Lokal von Augustin, Lindenstrabe 69. Abteilung III(ü. und NW.): 79 Vertreter in Baabes Festsälen, Kolbergerstrabe 23. Abteilung IV(O. und NO.); 12 Vertreter im Lokal von Merkowski, Andreasstrabe 26. Zlbteilung V(Freiwillige Mitglieder): 12 Vertreter im Lokal von Quandt, (Drei Raben), Neue Schönhauser- straße 20. Die Wahlen stnd geheim! Abgabe der Stimmzettel von 10 bis 1 Uhr. Die Stimmzettel dürfen nicht mehr Namen enthalten, als in den einzelnen Abteilungen Vertreter zu wählen sind. Ferner müssen die Stimmzettel cnt alten: Vor- und Zunamen, die genaue Wohnung und die Buchnummer der zu wählenden. Stimmzettel, welche obige Angaben nicht oder mehr Namen enthalten, als in der betreffenden Abteilung zu wählen sind, sind ungültig. Um 1 Uhr nachmittags wird der Wahlakt geschlossen und beginnt hierauf die Ermittelung des Wahl- resultats. Wahlberechtigt und wähl- bar sind nur Mitglieder, welche das 21. Lebensjahr erreicht haben und sich im Besitz der bürgerlichen Ehren- rechte befinden. DaS Legitimationsbuch oder die Legitimationskarte ist am Eingang des Wahllokals und bei Abgabe der Stimmzettel vorzuzeigen. Die Herren Arbeitgeber bczw. Bctriebsunter- nehmer werden dringend ersucht, die zum Zwecke der Wahlen besonders angefertigten Lcgitimationskartcn zu- vor im Kasienlokal abheben oder aber den Mitgliedern ihre Lcgiti- mationsbücher— mit dem Tages- stcmpel des Wahltages versehen— an diesem Tage aushändigen zu lassen. II. Die Wahl der arbeitgebenden Mitglieder findet am Freitag, den 18. März er., abends von 8—10 Uhr, im Berliner Ratskeller.(FraktionS- zimmer, Jüdcnstrabc) statt. Zu wählen sind: 74 Bertreter zur Generalversammlung pro 1904(§ 44 des Statuts). Die Wahlen sind gleichfalls geheime und finden mittels Stimmzettel statt. Um recht zahlreiches und pünkt- liches Erscheinen wird gebeten. Berlin, den 9. März 1904. Der Vor«tanS. A. Salinger. C. Gutheit. Knnstl/Zälme sadeljoSe Ausführum von 3.- �,Plombeny£�k.an. GIlDl/�TLausitzcn UUKCl, Plahz 2. 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Branchen- Versammlung der Stellmacher. Tages-Ordnung: 1. Bericht vom Gautag. 2. Diskussion. 3. Warum müssen wir die Arbeitszeit verkürzen und den Lohn erhöhen? 4. Diskussion. 5. Verschiedenes. 80/6 Die Kommission. r iarte Neueste Formen - Beste Zutaten- Verwaltungsstelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Donnerstag, den 10. März 1904, abends 8'/, Uhr: Versammlung aller Kollegen und Kolleginnen, welche in den in der Mechavikerkasse verstcherten Ketrieben beschäftigt find in den Arminhallen, Kommandantenstrafte 30. Tages-Ordnung: 1. DaS Krankenversicherungsgesetz und welche Pflichten erwachsen daraus den Arbeitern und Arbeiterinnen. Referent: Arhciterselrctär Gustav link. 2. Diskussion.— 3. Aufstellung der Kandidaten. Die Delegierten der Mechanikerkasse, welche Mitglied des Metallarbeiter- Verbandes find, werden hiermit besonders eingeladen. Da die Mitglieder des Metallarbeiter-Verbandes bei der Wahl der Delegierten zur OrtS-Krankcnkassc den ihnen gebührenden Einslub erreichen wollin, so ist das Erscheinen aller Eingeladenen notwendig. DM- Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.-VV 112/19_ Die Ortsverwaltnng. Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Morgen Kreitag, den Ii. März, abends prileise 8'/z Uhr, im grogen Saale des Govcckschaltshauscs, Engel-User 15: Mitglieder Persammlung Tages-Ordnung: Recitation über das Schauspiel:„Nachtasyl". Recitator: Herr Walkotte. Wegen der interessanten Tagesordnung ersuchen wir alle Kolleginnen und Kollegen, in dieser Versammlung recht zahlreich zu erscheinen. Pünktliches Erscheinen ist dringend notwendig. DM- Kauchen ist nicht gestattet"TSC 23/10__ Die Lichtenberg. Donnerstag, de» 10. März er., abends 8'/. Uhr. bei HOllleh, Frankfurter Chaussee 130: Otfftlltl. HolMbtttn-NechMliiW. Tages-Ordnung: i. Was für Interesse haben die Lichtenberger Holzarbeiter an dcr Gc- werbegcrichtswahl? Referent: Genosse Busoc. 2. Ausstellung der Kandidaten zur Gcwcrbegerichtswahl. 3. Verschiedenes._ 80/7 Verein deutscher Schuhmacher. Sonntag, den 13. März, nachm. 4 Uhr, in der Urania, Taubenstr. 48/49: DM"' Vorstellung. „Der Jßrdball als Träger de» Liebens". Billets a 60 Pf. stnd im Bureau Wabmannstr. 10 zu haben. 169/9 Die Ortsrerwaltang. 800 Stück Teppiche und Vorlagen, darunter hervorragend schöne Exemplare in allen Grössen bis 5 Meter lang, kommen zu fabelhaft..... schleunigen Verkauf im Teppichd 911 J. Senil billigen Preisen zum 441 IL* Königstrasse Herren- Stiefel Einheitspreis: Mark 12.50 AÄÄM ÄÄAZ Königstrasse 47, Ecke floher SteinuJeg. Heu eröffnet! Stammhaus: Friedrichstrasse 221. Berlin. Friedrichstr. 318, neben Apollo-Theater links! Dentarium Kunsttechnisches Institut für Zahnersatz, Plomb. etc. Beste kBnsti. Zähne jveitlw-ar das heisst Zähne mit echt Piatinastiften. lOjähr. 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Tagesordnung:«Unser Sieg bei den Gemeindewahlen." Um recht zahlreichen Besuch wird gebeten. Zehleudorf. Genossen, Arbeiterl Ain heutigen Tage finden die Gemeindewahlen statt. Wenn die Arbeiterschaft unsres Ortes wie ein Mann an der Wahlurne erscheint, so ist der Sieg unser. Die Wahllokale sind: 1. Bezirk: Fürstenhof; 2. Bezirk: Kaiserhof. Die Wahlzeit ist von 5—8 Uhr. Es fehle keiner. Nie- mals hatten wir mehr Aussicht als heute, darunt auf zur Wahl! Die Kandidaten sind: Zimmerer Otto Jäkel und Pastor a. D. Paul G ö h r e. Abends 8'/z Uhr Versammlung bei Giese, Teltowerstratze. Der Vorstaitd. Friedrichshagen. Der Arbeiter-BildungSverein ver- anstaltet am Sonnabend, abends 8 Uhr, im«Eiskeller", Friedrich- firatze 97, einen Kun st abend mtter Leitung des Genossen Dr. Alberty. Einlatzkarten 36 Pf. Dalldorf- Borsigwalde. Sonntagnachmittag 3'/z Uhr im Lokale von Koll(„Zur Mühle") öffentliche Gemein de wähler-Ver- s a m m l u n g. Referent Gemeindevertreter John Adam: Die Thätigkeit unsrer Gemcindevertreter im Dorfparlament. Diskussion. Aufstellung der Kandidaten.— Handzettel- Verbreitung findet Freitagabend statt. Der Vertrauensmann. Dalldorf- Borsigwalde- Hohen- Neuendorf. Allen Genossen zur Nachricht, datz am Sonntag, den 13. März, früh 8 Uhr, die letzte Flugblatt-Verbreitung vor den Gemeindewahlen statt- findet. Erscheinen aller ist notivendig. Der Vertrauensinann. Hohen-Neuendorf. Sonnabendabend 9 Uhr im Lokal«Schwarzer Adler": Autzerordentlicher Diskussionsabend über die Gemeinde- Wahlen._ Lobaled. Die diesjährige März-Zeitung ist gestern im Verlage der Buchhandlung Vorwärts-Berlin zum Preise von 16 Pf. erschienen. In bedingter Form kann man auf das gestern herausgegebene Erinnerungsblatt das Wort von der rauhen Schale und dem tüchtigen Kern anwettden. Denn das Titel- bild der März-Zeitung 1961 ist nicht besonders anlockend. Der Künstler, der das Bild entworfen hat, ist ein vorzüglicher Karrikaturist, aber einen nackten Menschen versteht er anscheineitd nicht zu zeichnen. Wenn der stier und blöde in die Welt dreinblickeude Kerl mit der unnatürlich klobigen Brust, der die Sperre seiner zwerghaften Gegner zerbricht, der Genius der Freiheit sein soll, dann bedarf er noch manches Lehrkursus in der Arbeiter- Bildungsschule, bevor er dein Proletariat acceptabcl erscheinen kann. Besonders bedenklich dünkt uns an diesem Genius aber der Verlegenheits- läppen, der ihm nachträglich vorne angeklebt worden ist. Was haben wir noch für ein Recht, über die alberne Prüderie der Centtunis- pfaffen zu spotten, wenn wir selber in Rücksicht auf irgendwelche zimperlichen alten Jungfern die männliche Nacktheit nicht gelten lassen wollen? Kurzum, lieber keinen Genius der Freiheit auf der März- Zeitung, als einen, der ernste Männer erschreckt und junge Mädchen mit gesundem Empfinden zum Kichern bringt! Das Mitzbehagen über das Titelbild weicht aber bald beim Umblättern. Ein herrliches Gedicht von Ernst Kr e o w S ki«Wir schreiten dem Lenz entgegen" feiert das Andenken der Märzlämpfer und den einstigen Sieg des proletarischen Gedankens: Doch seht ihr nicht zum lodernden Brand Weithin die Geister entzündet? Proletarier haben sich Hand in Hand Zu mächttger Einheit verbündet! Uns kettet die Not, nicht tändelndes Spiel: Die Welt zu erlösen ist unser Ziel! Mag kommen,>vaS da kommen»tag, Wir spotten jedem Vernichtungsschlag— Gerechtigkeit mutz werden! Unser Parteigenosse A. C o n r a d y besaht sich in dem Artikel „Revoluttonslegenden" mit dem namentlich im Frühling mächtig auflodernden Freiheitsstteben der Völker; weiter geitzelt er das krllppelbafte Bemühen reakttonärer Soldschreibcr, die That des 13. März 1843 zu einer an sich belanglosen Eineute zu verkleinern. Vorttefflich ist ferner ein Arttkel von H. Strubel«Revolution und Kunst". Die Arbeit wendet sich gegen das kindische Gerede, datz der Sieg des Socia- lismus das Ende der Kunst bedeuten werde, und zeigt, wie an allen Volkserhebungen der Neuzeit Kunst und Dichtung ihren hervor- ragenden Anteil genommen haben. Rosa Luxemburg demonstriert in einer interessanten Betrachtung«Lassalle und die Revolution" die Haltlosigkeit des bekannten Schlagwortes, datz Lassalle mit der Reattion paktiert habe. Gehen wir wieder zu den in der März- Zeitung gebrachten Illustrationen über, so fällt vor allem das in Deutschland noch wenig bekannte Bild auf«Rouget de l'Jsle trägt zum erstenmal die von ihm verfaßte und komponierte„Marseillaise" vor". Das Bild ist von Pils und befindet sich im Pariser Louvre. In der Voraus- ficht, datz mancher Arbeiter sich dies hervorragende Kunstwerk als Zimmetschmuck wünschen wird, hat der Verlag davon eilte Ausgabe auf feinstem Kunstdruck- Karton in der Größe 56 X 57 cm hergestellt. Der billige Preis von 46 Pf. erleichtert sehr die Anschaffung. Auch als Ansichtskarte ist das Bild zu haben. Von den sonsttgen Jllustrattonen der März-Zeitung sei noch ein von L. Pietsch, dem Kunstkrittker der«Vossischcn Zeitung", gezeichnetes Lassalle-Porträt erwähnt. So bietet auch diesmal die März-Zeitung Hervorragendes— trotz des verunglückten Titelbildes. Die März- Zeitung, das Kunstblatt und die Postkarte sind in allen Partei- Buchhandlungen zu haben und durch alle Kolporteure zu beziehen. Bestellungen nimmt auch die Buchhandlung Vorwärts, Verlin SW. 68, Lindenstr. 69, entgegen._ Die Ausstellung für Heimarbeiterschutz im Gewerkschaftshause bleibt auch heute noch von vormittags 9 bis abends 8 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Die Veranstalter kommen damit den Wünschen vieler Berliner Arbeiter entgegen. Die Polizeiverordnung betreffend die Aufhebung des N a d f a h r- Verbotes für gewisse Straßen und Plätze Berlins wird nun bald in Kraft treten, nachdem jetzt der Magistrat derselben z u- g e st i m m t hat. Es dürfen dann mittels Zweirades unter aitderm Mahren lverden: die südliche Friedrichstraye. die Kommandanten- stratze, die Spandauer- und Königstraße, Alexanderplatz und Alexanderstraße, die Münz- und Landsbergerstraße, die Rosenthalerstraße, der Hackesche Markt, die nördliche Friedrichstraße, die südlickie Chaussee- straße, der östliche Teil der Jnvalidenstraße, die Neue Wilhelmstraße, die gesperrt gewesenen Strecken der Kurfürstenstraße und des Kur- fürstendammes zc. Für den Zweirad-Verkehr verboten bleiben demnach nur noch: die Straße„Unter den Linden", ein- schließlich des Opernplatzes, Lustgartens und Pariser Platzes, die Friedrich straße von der Leipzigerstraße bis zum Stadtbahnhofe „Fricdrichstratze", die Leipziger straße, einschließlich des Spittel- Marktes und des Potsdamer Platzes und die Potsdamer straße vom Potsdamer Platz bis zur Brücke. Das Kreuzen dieser vier Straßen soll aber den Zweiradfahrern in Zukunft gestattet sein. Die neue Polizeiverordnung tritt dem Vernehmen nach schon am 1. Ap r.i l d. I., also rechtzeitig zu Beginn der„Saison" in Kraft. Freien Stunden." Illustrierte Wochenschrift für das arbeitende Volk. Heute gelangt das 11. Heft dieser Zeitschrift zur Ausgabe. Es bringt die Fortsetzung des Romans„Die Flußpiraten des Missisippi" von Friedrich Gerstäcker; ferner die Fortsetzung des Romans„Gabriel Lambert, der Galeerensklave" von Alexander Dumas, außerdent eine kleine Erzählung„Ein König der Fälscher", sowie„Dies und Jenes",„Witz und Scherz", die den Inhalt des Heftes vervollständigen. Jedes Heft kostet 16 Pfennig und ist bei allen Kolporteuren, in Berlin in den Parteispedittonen und bei den Zeitungsspeditturen zu haben. Die bisher erschienenen 16 Hefte köiuien noch nachbezogen werden. Der Geschäftsbericht des Berliner GewerkschaftShauses für das Jahr 1963 zeigt einen günstigeren Abschluß als die vorher- gehenden. In den Krisenjahren 1961 und 1962 waren Verluste von je etwa 16666 Mark gebucht worden— in dem Sinne, daß die erreichten Ueberschüsse nicht zu den geschäftsmäßigen Abschreibungen ausreichten. Auch in diesem Jahr ist bei einem Etat von über 86 666 Mark je in Einnahme und Ausgabe und Abschreibungen im Betrag von mehr als 13 666 Mark noch ein Verlust von rund 2666 Mark gebucht, doch lassen die Betriebsergebnisse weitere Fortschritte hoffen. Der durchschnittliche monatliche Bierabsatz im Schultheiß-Restaurant und Saalgeschäft hob sich von 237,8 Hektoliter im Jahre 1962 auf 258,3 im Jahre 1963 und bleibt damit noch erheblich hinter der Zahl 284,7 im Jahre 1966 zurück. Den gesteigerten Berkehr in der Herberge beweisen folgende Zahlen. Es reisten im Jahre 1963 insgesamt 15 621 Per- sonen zu gegen 12 936 in 1962, dementsprechend wuchs die Zahl der Uebentachtungen von 56 658 auf 61 296. Von den Zugereisten waren 11 662 organisiert gegen 3959 llnorgainsierte. Hervorheben wollen wir noch, daß im Restaurant der Herberge ausgegeben wurde: für Lagerbier 5171 Mark, für Weißbier 1686 Mark, für Branntwein 287 Mark, für Milch 666 Mark. Immer wieder ist, namentlich an die organisierte Arbeiterschaft, die Aufforderung zu richten, das von den Gewerkschaften ge- schaffene Unternehmen ntit allem Nachdruck zu unterstützen. Die Verbindungen zum Gewerkschaftshaus sind günstige. Von den Bahnhöfen Jannolvitzbrücke, Schlesischer Bahnhof, Görlitzer Bahn- Hof und dem Bahnhof Kottbuscr Thor der Hoch- und Untergrund- bahn führen elektrische Straßenbahnen bis unmittelbar an das Haus(Haltestelle Adalbertbrücke). Neben dieser Haltestelle(A) kommen in Betracht: Haltestellen der Sttaßenbahn Adalbertsttaße, Ecke Waldcmarstraße(B), Ecke Köpnickersttatze(C), Ecke Oranienstraße(D), Annenstraße. Ecke Prinzenstraße(E) und Köttbuser Thor(E). Man Linie 2} 3 11 12 13 22 27 28 29 bis C oder E . A . E . D E . A „ E oder E J bi bis C P B D P Warnung vor einer Krankenkasse. Der Polizeipräsident teilt folgendes mit: In Essen ist unter dem Namen„Vaterländischer Kranken-Unterstützungsverein zu Essen a. d. Ruhr" eine Kranken- und Begräbniskasse ins Leben getreten, die bisher behördlicherseits weder als eine eingeschriebene Hilfskasse, noch als Privat-Vcrsicherungs- Unternehmung zugelassen ist. Da anzunehmen ist, daß der Kasse auch Personen aus Berlin und seiner Umgebung beittetcn, gebe ich der hiesigen Bevölkerung im itachstchenden von einer die Kasse betreffenden öffentlichen Bekanntmachung der Polizeiverwaltung zu Essen Kcnntnis. in der es u. a. heißt: Räch den obwaltenden Verhältnissen erscheint cS mehr als zweifelhaft, ob der Verein dauernd in der Lage sein wird, seine Verpflichtungen den Mitgliedern gegenüber zu erfüllen. Es kann daher vor einer Beteiligung an der höchst zweifelhaften Gründung beziehnngsweise vor dem Beittitt zu dem Verein nur dringend gewarnt werden. Abermals ein Zwischenfall im Schwurgerichtssaale. Eine gestem vor dem Schwurgericht anstehende Verhandlung verfiel aus einem ungewöhnlichen Grunde der Vertagung. Angeklagt war ein Mann wegen Urkundenfälschung, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Walter Bahn. Diefer stellte im Laufe der' Verhandlung an einige Zeugen eine ganze Reihe von Fragen, die vom Vorsitzenden, Land- gerichtsrat C a s p e r, zugelassen und nicht beanstandet wurden. Nach Beendigung dieser Fragestellung wandte sich der Vorsitzende an die Geschwornen mit der Bemerkung:„Ich stelle den Herren Ge- schwornen anheim, was sie zu derartigen Fragen des Herrn Ver- teidigers sagen wollen". Gegen diese Bemerkung des Vorsitzenden protestierte Rechtsanwalt Bahn, da sie sich als ein perfön- licher Angriff gegen seine Ehre darstelle. Er müsse dagegen auch aus dem Grunde protestieren, weil er durch die Bemerkung in den Augen der Geschwornen herabgesetzt werde, dadurch seine Autorität als Verteidiger einbüße und den Interessen seines Klienten nicht mehr in genügendem Maße dienstbar sein könne.— Vors.: Ich muß mir jede Kritik meiner Geschäftsführung verbitten.— Bert.: Ich habe nicht krittsteren, sondern nur meine persönliche Würde und die Würde des Standes, den ich hier vertrete, wahren wollen.— Vors.: Beschweren Sie sich doch über ntich!— Vert.: Ich pflege mich nicht zu beschweren. Ich bitte um eine kleine Pause, damit ich mich über die nun von mir beabsichttgte Niedcrlegung meines Mandats mit meinem Klienten beraten kann.— Vors.: Dann mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Kosten einer etwa notwendig werdenden Vertagung tragen können.— Vert.: Ich bedarf keiner RechtSbelehrtntg.— Auf Grund der Beratung mit seinem Klienten erllärte sodann nach Beendigung der Pause der Ver- teidiger, daß er eS seiner Würde und der Würde seines Standes schuldig sei, sein Mandat niederzulegen, um so mehr, als er nicht wissen könne, ob nicht die Worte des Vorsitzenden euren seinem Mandanten nicht günsttgen Einfluß auf die Ge- fchwornen ausübten.— Rechtsanwalt Bahn verließ hier- auf den Saal.— Landgerichtsrat C a s p e r stellt alsdann die rechtliche Lage dahin fest, daß dem Angeklagten nun ein neuer Verteidiger bestellt lverden müsse und er wies den Gerichtsdiener an, nach dem Rcchtsanwaltszimmer hinüber zu gehen und anzufragen, ob einer der dort weilenden Anwalte die Ver- teidigung übentehmen wolle. Der Gerichtsdiener brachte einen negativen Bescheid. Er wurde aber nochmals mit einer an den Justizrat Dr. Th. Friedmann gerichteten schriftlichen Auf- forderting des Vorsitzenden ins Aitwaltszimmer geschickt und daraus- hin erschien Jnsiizrat Dr. Friedmatnt im Schwurgerichtssaale. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er die Verteidigung Übernehmen wolle, erklärte er aber: Abgesehen von geschäftlicher Behinderung müsse er es auch aus principiellen Gründen ablehnen, dem Ersuchen stattzugeben. Er halte es nicht für angängig, in eurer Schwurgerichtssache ohne jede Vorbereitung, ohne Einsicht in die Akten und ohne Rücksprache mit dem Angeklagten die Verteidigung zu führen. Der Vorsitzende regte an, ob es genügen würde, wenn die Ver- Handlung eine Stunde ausgesetzt werden würde. Justizrat Dr. F. verneinte aber auch dies: er halte es mit seiner Gewissenhaftigkeit nicht für vereinbar, sich auf eine Schwurgerichtssache im Laufe einer Stunde vorzubereiten.— Auch dieser Verteidiger verließ hierauf den Saal und der Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Auf Grund derselben verkündete der Borsitzende, daß die Verhandlung keinen Fortgang ttehnteit könne. Eine Fortsetzung des Termins nach drei Tagen erscheine unthunlich und so habe denn der Gerichtshof beschlossen, die Verhandlung zu vertagen und die Kosten des Termins dem Rechtsanwalt Walter Bahn aufzulegen, weil die Aussetzung der Verhandlung durch seine Schuld erforderlich geworden sei. Der Angeklagte befindet sich auf freiem Fuße. Rechtsanwalt Bahn wird nun gegen den Beschluß des Gerichts- Hofes Beschwerde einlegen._ Wieder eine Familientragödie. In der Wollanksttaße zu Pankow erschoß gestem, Mittwochmorgen der 56 Jahre alte Prokurist Theodor Brambach seine 41 Jahre alte Frau Eva geb. Michelli, feinen 16 jährigen Sohn Theodor und sich selbst. Wieder sind es zerrüttete Vermögensverhältnisse, die zu der Katastrophe ftihrten, und es ist nicht ausgeschlossen, daß das Drama in der Wilhelmstraßc Vrambach draußen Veranlassung gab, zur That zu schreiten. Brambach stammt aus Sicgburg in der Rheinprovinz und war früher als Kaufmann viel auf Reisen. In Brüssel lernte er die dort gebürtige Erzieherin Eva Michelli kennen, die mit ihm ein Liebesverhältnis einging und ihm nach Berlin folgte. DaS Ver- hältnis, aus dein der Knabe hervorging, führte erst vor zwei Jahren zur Ehe, nach deren Abschluß der Sohn anerkannt wurde. Während Fräulein Michelli mit dem Knaben bis dahiit ein möbliertes Zimmer bewohnt hatte, zog das Ehepaar nach Pankow und bewohnte dort die hübsche, aus sechs Zimmem bestehende Villa in der Wollanksttaße l8. Brambach lebte weit über seine Verhältnisse. An allerhand kostspieligen Festlichkeiten hatte seine sehr hübsche Frau ebenso viel Gefallen ivie er. Auch als Sammler von Altertümern gab er viel Geld aus. Ebeitso wie Beseke führte Brambach am Vorabend der Katastrophe seine Familie in den Cirkus. Vielleicht veranlaßte ihn dazu die Leltüre des Berichts über die Tragödie in der Wilhelmstraße in den Abendblättern. Nach der Heimkehr vom Cirkus trank er init Frau und Sohn Rotwein, Sekr und Sherry, uin sicher einzuschlafen, öffnete die Gashähne und legte sich dann mit seiner Familie zur Ruhe, um den Tod zu erwarten. Die ge- wünschte Wirkung trat jedoch nicht ein, wahrscheinlich weil die Räume für die ausströmende Gasmenge zu groß sind. Gestern morgen waren alle drei Familienmitglieder noch am Leben und fast uitversehrt. Brambach schrieb nun einen Brief an einen Freund und ließ ihn auch von seiner Frau unterzeichnen. Er teilte dem Freund den mißlungenen Versuch mir und bemerkte, daß er nun einen andern Weg einschlagen werde. Nachdem er das Dienstmädchen Bertha Parcha mit dem Briefe weggeschickt hatte, vernichtete er alle Familienbilder, die an der Wand hingen, und aus dem Album, während seine Frau Kaffee kochte. Stach Einnahme des Kaffees tötete Brambach seinen Sohn, der noch schlief, durch einen Schuß in die rechte Schläfe, dann ebenso seilte Frau, deren Leiche er nun iit esst Betttuch einwickelte und Ivieder ins Bett legte. Jetzt richtete Brambach die Waffe gegen sich selbst, während er einen Spiegel in der linken Hand hielt. Durch eine Kugel in die rechte Schläfe ebenfalls tödlich ge- ttoffen, brach er neben dem Bett seiner Frau zusammen und blieb tot liegen. Der durch das Mädchen benachrichtigte Freund kam gleich mit der Polizei und einem Arzt in die Wohnung geeilt, alle'drei Insassen waren aber schon tot. Die Leichen blieben in der Wohnung, die verschlossen wurde, da heute eine Gerichtskommission sie besichtigen will. Brambach war feit 13 Jahren Prokurist der Lederfabrik Aktien- gesellschaft vorm. JameS Eyck u. Sttasser in der Drontheimcrftr. 16. Hier galt er als ein sehr solider und bescheidener Mann. Ver- untreuungen irgend welcher Art ivarcn, wie uns versichert wurde, bis gestern abend nicht festgestellt. 146 M., die der Selbstmörder in der Wohnung hinterließ, bestimmte er für die gemeinsame Be- erdigung._ Zum Fall Beseke. Zu dem Drama in der Wilhelmstraße wird dem„Berliner Tageblatt" noch von privater Seite geschrieben: Karl Beseke, in Münster als Sohn des Oberstlieutenants a. D. B. ge- boren, erhielt in sehr jugendlichem Alter sein Lieutenantspatent. Im Kriege gegen Frankretch zeichnete er sich durch besondere Tapferkeit aus. Das Gefecht von Thionville sah ihn mitten im Kugelregen. Er wurde verwundet, aber nicht kampfunfähig. Wegen seiner Ver- dienste erhielt er das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Nach dem Kriege kehrte er in die Garnison Rendsburg zurück, die er als« bald mit Kiel vertauschte. Hier lernte er seine spätere Frau, die Tochter eines Gastwirts, kennen. Er quittierte den Dienst, ver- heiratete sich und wurde Versicherungsagent, dann Korrektor und bald Redakteur am„Hambnrgischen Correspondent". Später leitete er in Schwerin i. M. das konservative Organ, vertauschte diese Stellung mit einer gleichen bei der„Nord-Ostsee-Zeitung" in Kiel und begann bereits die Anfertigung von„aktuellen" Clichees.— Ein früherer Kamerad schoß ihm dann die nöttgen Gelder vor, und Beseke zog nach Berlin, wo er das„Kartographische Institut" gründete. Das Geschäft ging sehr gut. Er zahlte alte Schulden ab und hätte, obgleich Zwistigkeiten ntit den Geschäfts- freunden und Teilhabern ihn zeitweise in Verlegenheit brachten, doch gut durchkommen können, ivenn er nicht auf viel zu großem Fuße gelebt hätte. Seine Gastfteundschaft war unbegrenzt und Champagner gar oft auf der Tafel. Bei solcher Lebensweise kam es schon früher einmal, wie wir bereits mitteilten, zu einem Krach. bei dem B. in Gefahr schwebte, vor den Sttaftichtcr zu geraten. Er fand damals wiederum Geldgeber, die sein Geschäft zu einer G. m. b. H. machten und seine Verhältnisse regelten. Wiederum lebte er aber weit über seine Mittel, hatte offenes Haus, gab Kostümbälle usw. In der Wahl der Mittel, sich Geld zu beschaffen, war er mehr als leichtherzig. So drohten ihm denn anscheinend jetzt Anklagen wegen Betruges u. dgl. B. sah keine Rettung mehr und griff ntit Frau und Tochter zum Gift. Die unglücklichen Söhne tötete er in der Trunkenheit. Die Grabstätte Heinrichs v. Kleist und seiner Freundin Henriette v. Vogel, die in der Nähe des Wannsees vereint begraben liegen, wird, wie die Blätter melden, demnächst verschwinden. Der kleine Waldhügel birgt jetzt die sterblichen Reste der beiden Unglücklichen seit bald 166 Jahren. Das Terrain wird parzelliert und auch für den Bau des Friedrich Leopold-Kanals gebraucht, so daß eine Exhumierung der Leichen in kurzem notwendig wird. Besitzer des Terrains ist Prinz Friedrich Leopold von Preußen. Hoffentlich wird rechtzeitig dafür gesorgt, daß dem Dichter eine neue würdige Ruhestätte in der Nähe des Wannsees bereitet wird. Auch ein Lebensmüder. Ein„Lebensmüder" macht feit kurzem mit Selbstmordversuckien ein gutes Geschäft. Vor einigen Nächten entstand gegen 12>/z Uhr morgens an der Weidendammer Brücke eine Menschenansammlung. Ein etwa 36jähriger Mann hatte den Versuch gemacht, das Geländer zu übersteigen und sich in das Wasser zu stürzen. I» dem letzten Augenblick war er von Passanten an der Selbstmordabsicht gehindert. Der Wider seinen Wille» Gerettete war s ganz verzweifelt; er wollte immer wieder in das Wasser springen,! um den Qualen des Hungers ein Ende zu bereiten. Die GutmiHig- feit der Berliner bewährte sich auch in diesem Fall. In wenigen Minuten lvar eine nicht unbeträchtliche Geldsumme zusammengebracht und dem Aermsten, der sich für einen stellenlosen Kausmam, ausgab, ausgehändigt worden. Das Ergebnis dieses Selbstmordversuches hat dem„Lebensmüden" jedenfalls gefallen, denn bereits in der folgenden Nacht war er wieder halb verhungert und in der Absicht, ,zu sterben, an der Weidendammer Brücke. Leider wurde erst zu 'spät die Komödie erkannt, nachdem der Gerettet« mit dem abermals gesammelten Gelde sich entfernt hatte. Der Spekulant dürfte jeden- falls ähnliche Selbstmordversuche an andrer Stelle wiederholen. Wann wird der Unfug ein Ende nehmen? Ein Unglücksfall beim Probieren eines neuen Ixiopuia the loop passierte heute vormittag 12 Uhr ans einem Zimmerplatz am Maybachufer in Rixdorf. Dort probierte seit längerer Zeit ein Radfahrer namens Bottner einen neuen Trick, betitelt die neue Schleife, und hatte bisher immer Erfolg. Als er jedoch heute eine endgültige Probe ablegen wollte, stürzte er bei der Abfahrt aus der Schleife heraus und zog sich «inen Knöchelbruch an, linken Fuß zu. Er wurde nach dem Kranken- haus„An, Urban" überführt. Eingebildete Nachstellungen eines Mädchens haben den 23 Jahre alten Schlosser Otto Wolgast in den Tod getrieben. Der junge Mann glaubte, daß die Tochter einer Arbeiterfamilie ihn verfolge, um ihm LicbcSanträge zu machen. Die Leute schickten, um ihn zu beruhigen, das Mädchen, das bis dahin geschneidert hatte, in einen Dienst. Aber auch jetzt fühlte sich Wolgast nicht sicher und zog weit ab nach der Gnbenerstraße. Seine Arbeit auf dem Lehrter Bahnhof gab er auf. Die Einbildung trieb ihn schließlich so weit, daß er sich in einer Laube des Nachbargrundstückes, Gartenstraße 49, eine Revolverkugel in die linke Brustseite schoß. Bald darauf erlag er der Verletzung. Zum Selbstmord des Regierungsrat Brendel wird amtlich ge- meldet: In verschiedenen Pressemeldungen wird berichtet, der Re gierungsrat Brendel sei am vergangenen Dienstag in, Anschlüsse an eine polizeiliche Vernehmung zum Selbstmorde geschritten. Dem- gegenüber ist festzustellen, daß Regierungsrat Brendel an, Sonnabend, den 5. d. MtS., bei dem Dirigenten der Kriminalpolizei Mitteilung von den ihm zur Kenntnis gelangten Veruntreuungen des Prokuristen Reinhardt gemacht hat. Seit diesem Zeitpunkt ist der Verstorbene weder auf dem Polizeipräsidiuni„och einer andren Dienststelle dieser Behörde zur Sache gehört worden. Insbesondere ist es nicht richtig, daß Brendel„ach Festnahme des Reinhardt eine Besprechung auf dem Polizeipräsidium gehabt hat. Der Prozeß Ganswindt«. Gen. Am 23. März beginnt vor der Strafkammer des Landgerichts ll der Beleidigungsprozeß gegen den Erfinder Gaswindt und seine beiden Getreuen, seinen Schwager Dost und den ehemaligen Forstacccssisten Schröder. Alle drei stehen bekanntlich unter der Anklage, durch ihre Cirkulare. mit denen sie ihre«Teilhaber" von Zeit zu Zeit bei guter Laune zu erhalten suchen. den früheren Schöneberger Polizeipräsidenten Hammacher und den Kriminalkommissar Recks beleidigt zu haben. Für die Verhandlung, die im kleinen Schwurgerichtssaal stattfindet, sind 3—4 Sitzungstage vorgesehen. Straßensperrung. Die Sylterstraße vom Nord-Ufer bis zur Seestraße wird behufs Asphaltierung von, 14. d. Vi. ab bis auf Weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Die Universitäts-Franen-Klinik in der Skrtilleriestratze wird im nächsten Herbst ivesentlich erweitert und zu diesem Zwecke ein neuer Anbau hochgesührt werden. Der umfangreiche Anbau wird auf den, Hintergelände der alten Klinik errichtet.— Die Front des aus grauem Sandstein herzustellenden Hauptgebäudes erstreckt sich an der verlängerten Krausnickstraße und schließt sich der im Bau befindlichen Kaiser Friedrich-Brücke an.— Die Verwaltungsräume werden nach dem Hauptgebäude verlegt.— Gleichzeitig werden mehrere neue Krankenstationen hergestelll und auch in dein alten Frontgcbäude in der Artilleriestraße die Krankenstationen erweitert werden. Feuerbericht. In der Nacht zum Mittwoch wurde die Wehr nach der Linienstr. 126 gerufen, weil hier im Parterregeschoß in der In- strumentenfabrik von I. Mcrting Feuer ausgekommen war, das auch den Fußboden erfaßte. Es gelang indes die Gefahr leicht zu be- seitigen. Kurz vorher lief ein Alarm von dem„Hcintzehof" in der Ehausseestr. 39 ein. Hier standen in der Metallschmelzerei von Bärwald Nachf. Bretter, Kisten und Verpackungsmaterial in Flammen, die indes von der vierten Compagnie bald erstickt werden konnten. In der Gontardstr. 5 mußte gegen abend im vierten Stock in einer Wohnung ein Brand beseitigt werden, der Möbel, den Fußboden ec. ergriffen hatte. Wegen eines Wasserrohrbruches wurde die Wehr später nach der Neuen Schönhauserstr. 26 gerufen. Die übrigen 'Alarmierungen, die in den letzten 24 Stunden„och aus der Münz- fftraße 27, Andreasstraße und noch aus verschiedenen andren Orten einliefen, waren auf ganz geringfügige Anlässe zurückzufiihren. Julius Seeth, der kühne Löwcnbezwinger. ist Direktor der Cirkusbau- Aktiengesellschaft in Frankfurt a. M. getvorden. Die Gesellschafter der Cirkusbau-Gesellschaft m. b. H. haben Seeth, der feit 23 Jahren als Artist alle Gegenden des In- und Auslandes bereist hat, zum Direktor gewählt; daraus folgt, daß der berühmte Dresseur und Dompteur jetzt im Frühjahr nach Frankfurt über- fiedelt und mit den, Schluß der gegeiNvärtigen fünften Saison des Cirkus A. Schumann in Berlin, seine Thätigkeit als Löwendomptcur beschließt. In zwei Jahren hätte Seeth sein 2Sjähriges Jubiläum begangen. Ueber den Verbleib seiner Löwenherde hat sich der Dompteur weiteres vorbehalten. Die große Raubtierschau, wie sie jetzt noch im März im Cirkus Schumann zu sehen ist, wird zweifellos nie wieder präsentiert werden. Das ist unbedingt sicher, weil Julius Seeth schon von diesen, Sommer an von semen, neuen Beruf in Anspruch genommen wird. Hua den Nachbarorten. In Schmargendorf hat die gestrige Wahl zur Gen,einde-Ver- tretung kein endgültiges Resultat gebracht. Es erhielten unser Partei- genösse Pudlitz 79 Stimmen, der Bürgcrvereinler 69 und der Amts- parteiler 118 Stimmen. Die Stichwahl ist auf den 18. März, abends von ö bis 8 Uhr, angesetzt. Die Rixdorfer Stadtverordneten-Versammlung setzte am Dienstag die Etatsberatung fort. Vor dem Eintritt in die Tagesordnung erklärte Stadtv. Wutzky fSoc.): Ueber den Schluß der Montags- debatte über die Entlassung von zwei Arbeitern sage das„Rixdorfer Tageblatt":„Die Fragesteller erklären sich durch die Mitteilungen des StadtbauratS für befriedigt." Das sei nicht richtig. Demgegen- über müsse er ausdrücklich erklären, daß die socialdcmokratische Fraktion weit davon entfernt sei, sich mit der Erklärung des Baurats zufrieden zu geben. Vielmehr stehe man nach wie vor auf dem Stand- Punkt, daß die städtische Verwaltung sich in einer ihr nicht geziemenden Weise von Stummschen Geiste habe leiten lassen.— Dann kamen die Magistratsmitglieder Wein reich und Voigt mit Erklärungen zu der Debatte über die K i r ch e n st e u e r. Sie suchten'die An- griffe vom Montag durch die Feststellung zu entkräften, daß selbst zwei der socialdemolratischen Redner entgegen ihrer Behauptung durch gar keine oder eine mißverständliche Eintragung unter: „Religion" in der Personenstandsliste, ihre Heranziehung zur Kirchen- steuer verschuldet hätten. Aus zwei klecksigen Strichelchen, die man zur Not als ein kleines„V" ansehen kann, wollte nian herleiten, daß der Stadtv. P r e ß l e r lSoc.), der Dissident ist,„cv" sevangelisch) hineingeschrieben habe, während nach seiner Erklärung an, Montag sein Ausscheiden aus der Kirche deutlich ersichtlich sein sollte.— Preßler bestritt, heftig erregt, ganz entschieden, ein„ev." in die Liste hineingeschrieben zu haben, worauf Bürgermeister Voigt ebenso erregt sich in einer heftigen Erwiderung zu Mitteilungen aus einer Deputation, die sonst so äußerst verpönt sind, hinreißen ließ, um Preßler als einen im Puntte Wahrheit unzuverlässigen Menschen hinzustellen. Es handelte sich um ein Urteil des in jenem Fall sachverständigen Gen. Pretzier über Gebrauchsartikel, die die Stadt von einen, Liefe- ranten aus Rixdorf bezogen hatte. Preßler hatte die Ware für minder- wcrtig erklärt, für die der Preis der la Qualität gezahlt sei.— Stadtv. Pretzier verwahrte sich dagegen, die Sache hier hinein- zuziehen und ihn bezüglich ihrer der Unwahrheit zu zeihen. Er mache sich auch jetzt noch anheischig, die Wahrheit seiner damaligen Angabe, daß die lb Qualität vom Lieseranten für den höheren Preis bei der Stadt untergebracht sei, zu beweisen. Wenn der Bürgermeister feststelle, daß der Artikel durch den Lieferanten gemäß den, Wunsche der Stadt von einer berühmten Fabrikattonsfirma bezogen sei, so wolle Redner das gar nicht be- st r e i t e n; diese Firma fertige eben denselben Artikel in ver- schiedenen Qualitäts zu entsprechend verschiedenen Preisen an. Er ver- lange Einsetzung einer Kommission, um die Richtigkeit seiner Angaben nachzuweisen.— In diese Debatte, bei der es zu wildbewegten Scenen kam, griffen socialdemokrattscherseits auch Hoppe, Conrad, Wach, S i l b e r st e i n ein. Besonders wurde an der Hand von drasttschen Einzelfällen festgestellt, daß der Magistrat keinen Anlaß habe, sich wegen mehrerer ungenauer Angaben in Hausstandslisten aufs hohe Pferd zu setzen. Wach ist troy genauer Ausfüllung der Liste sieben Jahre lang fast jedesmal zur Zahlung von Kirchensteuer aufgefordert worden, auch diesmal wieder, obwohl er mehrmals den, Steuerbureau urkundlich den vor 14 Jahren erfolgten Austritt aus der Landeskirche nachgewiesen hat. Der Vater des Dr. Silberstein war auch bedacht worden, obwohl er zeitlebens, wie Dr. Silberstein sagte, ein guter Jude gewesen sei. Aehnliche Fälle ließen sich viele anführen. Hoppe, Conrad und Hesse rügten scharf die Art des Auf- tretens des Bürgermeisters, der sich seinerseits wegen der Angriffe auf die Steuerverwaltung dazu berechtigt hielt. Die lveitere Etatsberatung wurde dann soweit gefördert, daß sie in einer dritten Sitzung zu Ende geführt werden kann. Zu einiger Erregung kam es noch beim Etat des Waisenhauses beziehungsweise Armenhauses. Dr. S i l b e r st e i n(Soc.) führte aus: Er habe bei einem am Montag aus der Waisenabteilnng des Armen- Hauses entlassenen und vom Armenarzt ins Krankenhaus geschickten dreijährigen Kinde folgendes festgestellt: Es zeige mehrere 5 bis 6 Centtmeter lange, zun, Teil noch längere tiefe Striemen, die die For», von Starben hätten. Im Hinterkopf habe es ein mark- stückgrotzes Loch, das bis aus den Knochen gehe. Die Ränder seien rasiert, woraus auf eine Behandlung durch einen Arzt oder eine arztähnliche Person zu schließen sei. Das Loch entleere einen elend stinkenden jauchigen Eiter. Der Armenarzt Dr. Petsch stimnie n,it ih»„ darin überein. daß daS Kind mißhandelt worden sei. Das müsse in geradezu bestialischer Weise geschehen sein. Nach der Be- hauptung einer Wärterin soll sich daS Loch aus einem Pickelchcn entwickelt haben. Das sei, wie auch der Anstaltsarzt Dr. Vogel zugebe, nach dem Stande der ärztlichen Wissen- schaft unmöglich. Eine strenge Untersuchung und die Entfernung des zu ermittelnden Schuldigen sei geboten. Ferner frage es sich, wie es möglich war, daß das Kind nicht schon längst ins Krankenhaus gebracht wurde. Ein zweites Kind, zweijährig, das Zugleich im jämmerlichsten Zustande aus der Waisenabteilung geholt und ins Krankenhaus gebracht wurde, sei schon verstorben. Beide Kinder hätten verhungert ausgesehen, während sie nach der Be- kundung einer katholi'schen Schlvester ziemlich gut genährt ins Armenhaus gekommen seien. Wie es sich init einem großen gelb- schwarzen Fleck auf der Wange des dreijährigen ursächlich verhält, lasse er dahingestellt.— Bürgermeister Voigt, Stadtrat Hoff- mann und Stadtv. Abraham machen dem Vorredner ziemlich heftig zum Vorwurf, daß er nicht erst den Ausgang der sofort ein- geleiteten und noch nicht abgeschlossenen Untersuchung abgewartet "habe.— Dr. S i l b e r st e i n weist den Vorwurf der Sensationslust energisch zurück.— Die Wciterberatung des Etats wird vertagt. Hohen-Sckiönhausc». In die Gemeindewahlen sind zun, erstenmal auch die Parteigenossen am hiesigen Orte eingetreten. Trotz der ungünstigen Wahlzeit und obwohl erst in letzter Stunde die Auf- stellung eines Socialdcmokratcn möglich wurde, gelang es doch, 22 Stimmen auf diesen zu vereinigen. Mit dem Stufe:„Die Social- demokraten kommen!" glückte eZ dem„Konservativen Volksvevem" noch einmal, mit 61 Stimmen die Oberhand zu gewinnen. Der „unpolitische Kriegervcrein". dem leider wie auch dem vom Landrvts- amtc protegierten„Volksverein" immer noch„Arbeiter" angehören. brachte für einen eignen Kandidaten 12 Stimmen auf. Unter den 61 konservativen Stimmen waren 21 papierne Wähler und darunter eine Reihe„Vollmachten" von an. Orte wohnenden Nichtgrund- besitze rn, die, selbst zu bequem, zur Wahl zu gehen, einfach„Vollmacht" gegeben haben. Die Wahl Ivird angefochten werden und muß un- gültig sein. Lichtenberg. Wir erhalten folgende Zuschrift: Im Bericht der Nr. 67 heißt es in dem Bericht über die Etatsberatung u. a.:„Der Gemeindevorsteher giebt die Erklärung ab, daß die von unsrcm Redner fGenosscn Grauer) berührten Petitionen der Gemeinde- arbeiter„von außen hineingetragen seien, denn ihm sei berichtet worden, daß den Gemeinde-Ärbettern der Inhalt der Gesuche gar nicht vorgelegen habe". Demgegenüber ist zu erwidern, daß es sich un, zwei Petitionen handelt, eine von den Gas- anstaltsarbeitern, Abschaffung des 24 stündigen Schichtwechsels betreffend, die andre von den Laternenwärtern, welche die Aufbesserung ihres Lohnes von 65, 69 und 64 Mark monat- lich sein einziger erhält 69 Mark monatlich) dahin anstrebt, daß er auf 66 bis 36 Mark von 6 zu 6 Ja reu um 5 Mark monatlich usw. ansteigt. Diese letzgenannte Petitton der Laternenwärter hat den Genannten in ihrer Bersaminlung nicht nur vorgelegen, sondern sie haben sämtlich, einer nach dem andern, diese Petition eigenhändig unterschrieben, und ich habe als ihr Beauftragter diese Petition in. Ansang Januar dem Gemeindevorstand von Lichtenberg zugesandt. Ernst Königk, städtischer Laternenwärter, 0. 112, Frankfurter Allee 137. Fricdrichshagen. Vom Tode überrascht wurde am Mitiwochvormitrag auf dem Wege zwischen Friedrichshagen und HiNchgarten ein etwa 46 Jahre alter, dem Malerhandwerke an- gehöriger Mann, welcher mit der Bahn von der Richtung Erkner ge- konimen war. Ein Schlaganfall hat dem Leben dieses noch rüstigen Mannes ein Ziel gesetzt. Die Leiche wurde in das Leichenschauhaus zu Fricdrichshagen gebracht. VcrmifchtcQ. Bon einem furchtbaren Unglück ist unser Parteigenosse Dr. Fr. Dicderich von der„Sachs. Arbciter-Zeitung" und seine Gattin in Dresden betroffen worden. Ihr einziges Kind, ein dreijähriges Mädchen, ist, während die Eltern abwesend waren, aus dem Fenster des dritten Stockes gestürzt. Das arme Kind war aus dem Bette aufgestanden und hatte das Fenster geöffnet; der Sturz auf da» Pflaster des Hofes hat es sofort getötet. Bon den Ueberschwcmmungen in den Vereinigten Staaten wird weiter gemeldet, daß in mehreren Staaten, namentlich in Penn- sylvanien, Hochwasser große Verheerungen anrichten. Die Lage ist namentlich in Harrysburg und Wilkesbarre ernst; dort ist der Bahn- verkehr gehemmt. Brücken sind weggerissen und Bergwerke unter Wasser gesetzt. In den tiefer gelegenen Bezirken müssen die Häuser von den Bewohnern verlassen werden. Amerikanische Lynchjusttz. AuS New Jork meldet der Draht: In Springfteld(Chic) wurde am Montag ein Neger von Weißen gelyncht. Ter Neger soll eine weiße Frau erschossen haben. Dienstag drangen ungefähr zweitausend Weiße mit Revolvern und Fackeln in das Negcrvicrtel und steckten den östlichen Teil in Brand. Sie drohen, auch im westlichen Teil Feuer anzulegen. Um einem Rassen- kämpf vorzubeugen, sind acht Kompagnien Miliz nach Springfteld entsandt worden. Ob bei den Ausschreitungen schon Menschen ums Leben gekommen sind, ist noch nicht festgestellt. Ein späteres Telegramm aus Springfteld meldet, daß bei dem von Weißen im Negerviertel angelegten Feuer 26 Mietskasernen zerstört wurden. Eine kaum glaubliche Geschichte wird der„Neuen Bayer. Landes- Zeitung" aus Nürnberg geschrieben: In dem Vorort Glaishammcr unternahmen schulpflichtige Knäblein regelrechte Raub- und Streif- züge. Die Beute wurde von ihnen zumeist in Neubauten verzehrt und, soweit selbige in Cigaretten bestand, verdampft. Am letzten Mittwoch war wieder eine Räubcr-Zusantmrnkunft. Ein Mitglied, das besonders viel auf dem Kerbholz hatte und einer strengen Be- strafung cntgegeiffah, erhielt von dem„Ehrengericht" den Rat, sich aufzuhängen. Ein Strick war bald zur Stelle. Um die Sache feierlich zu machen, wurden Kerzen angebrannt, und das Lied wurde gesungen: Stieflcin. mutzt sterben.— Bist noch so jung, so jung!— Wenn das der Absatz lvüßt',— Daß Du schon sterben müßt'.— Thät er sich grämen— Bis in den Tod.— Und bald darauf war der Gehängte eine Leiche. Am Sonnabend wurde der jugendliche Selbstmörder in St. Peter beerdigt. Marktpreise von Berlin am 8. März 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. Kartosscln.neueD.-Ctr. Rind fleisch, Keule 1 kg do. Bauch, Schweinefleisch Kalbfleisch, Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse S0 Stück 1 kg per Schock und ab Bahn. 7.00 1,80 1,46 1,80 1.86 1.86 2,86 4,60 2,40 3,00 2.80 2,20 1,80 3,00 1,40 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 CaMiau zum Kochen und Braten sehr zu zum jnuciitii uixu. empfehlen ganze Fische ohne Kopf£0 n. im Anschnitt....... 26 pt, Seelachs pro Pfund....... ÄÄ Pf. im Anschnitt...... Ä8 Pf. Fernsprecher: Amt III, 8804. Wichtig für jede Hausfrau!!! I>arstellang des EUvelssgetaaltes, den man für eine Mark bei Fischen und Fleisch erhält. Nach den Untersuchungen über den Nährwert der Seefische von Prof. Dr. Lehmann, Güttingen. UJLit Alle Fi scharten treffen infolge ergiebigerFänge täglich frisch in Kühlwaggons ein und empfehlen wir; in allen Grössen pro Pfund im Anschnitt pro Pfund 20-35 30 Pf. Pf. fett mager fett mager Rindfleisch Kalbfleisch Heilbutt Scholle Seelachs Cabliau Schellfisch Deutsche Dampffischerei-Gesellschaft„Nordsee" Grössfe Hochseefischerei Deutschlands mit 32 eignen Fischdampfern. Fiiiale: Bahnhof Börse, Bogen 8-10, Filiale II: Prinzenstr. 33(am Moritzplatzj.| Weflage: Marfaistrasse 22(im Setilesisciieii Bahnlioi). Prämiiert auf der Internationalen Fischerei-Ausstellung in Wien 1902 mit der höchsten Auszeichnung; Staats-Ehrendiplom und Ehrenpreis für hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der Hochseefischerei, des Fischhandels und des Fischtransportes. Prämiiert auf der 7. Berliner Roehkunst-iussteliung 1904. Umfangreiche Fischkochbticher erhalten KKafer gratis.■■■ Pa. Reizungen 65-70 pt iusteroOsch........ 35 40™ Pa. Knurrhahn 10?> GoldbarsK 40 Pa-SlelnhultensÄ�p,,, 1.40-1.50» Pa. grosse Schollen e» m 55-80« Pa.Seeiungen™ 1.60-2.20 Stockfisch..... pro ptd. 75-60 1'1- Feinste Takelzander m 00-70 p. Ferner alle Arten geräueberteu. marinierte See-Fisebe billig. unnangi-«--"-"«-■.-■■■■—>»........._ Kercmtw. Redakteur: Julius Kaliski» Berlin. Für den Inseratenteil verantlo.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckcrci u. �.erlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin s.