Ztr. 64. nbonntmentS'Bedingungen: WomiementS- Preis pränumerando: Bierteijährl. 3,30 Mi,, mono#. 1,10 Mk,, wöchentlich 28 Psg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. S1. Jahrg. VI« snltM»N5-, gegen Kaliski wegen Beleidigung des Hofmarschalls v. Trotha auf vier Monate Gefängnis erkannt. Beide Angeklagten hatten Revision eingelegt. Referent war der Lteichsgerichtsral K a u f s m a n n. als Vertreter der Ober-Rcichsanwaltschaft fungierte Dr. T r e u t l e r- M e r t i n s, als Verteidiger plädierte R e ch t S a n Iva l t D r. K a r l Liebknecht, Die von den Anwalten Haase und Liebknecht eingereichten Re- visionsrechtfcrtigungsschriften rügen eine Reihe prozessualer und materieller Verstöße, von denen wir die wichtigsten hervorheben. Ausweislich des Sitzungsprotokolls hat der Verteidiger an den Zeugen Graf von Hülssen-Häseler die Frage richten ivollen, ob er, abgesehen von dem angeblichen Kaiserin sel-Projekt, von Sicherheitsmatzregeln in Bezug auf d i e Fa mi l i e.u n d P e r s on des Kaisers, die in einer an der weiten Anmusterung des GardecorpS bestünden, etwas wisse. Diese Frage ist durch Gerichtsbeschluß«als nicht zur Sache gehörig" zurückgewiesen worden,„da Gegenstand der Verhandlung dos Kaiser- insel-Projekt in seiner Gesamtheit, nicht aber die Einzel« h 0 i t e n losgelöst von dem Plane" seien. Der Verteidiger hebt hervor, daß ja aus den verschiedenen von verschiedenen Zeugen zu bekundenden Einzelheiten sich ein Gesamtplan zusammensetze und daß das Urteil bei der Strafabmessung besonderes Gewicht darauf lege, daß die Nachricht des„Vorwärts" keinerlei thatsächlichen Unter- grund habe. Hierüber hätte doch erst entschieden werden können. wenn die Fragen zugelassen und etwa verneint worden wären. Der Rcichsanlvalt hält diese Frage für unerheblich, denn eS sei in einem Majestätsbeleidigungs-Prozeß der Wahrheitsbeweis unzulässig, Ueberdies aber habe das Reichsgericht nicht nachzuprüfen, ob die Frage einen Bestandteil des Kaiserinsel- planes bilde. Denn dies sei eine thatsächliche Frage, die der Beurteilung des Revisionsgerichtes nicht unterliege. An mehreren Stellen des Urteils stellt dies„als allgemein be- kannt" etwas hin, was nicht zum Gegenstand der Verhandlungen gemacht ist, und folgert aus dieser vermeintlichen all» gemeinen Bekanntschaft, daß durch den Artikel die Person des Kaisers habe getroffen werden sollen. So behauptet das Urteil. es sei„allgemein bekannt, daß der Kaiser dem Projekt der Döbcritzer Heerstraße großes Interesse entgegengebracht habe"; an einer andern Stelle wird in ähnlicher Weise die angebliche„Tendenz des„Vor- wärtS". die in durchaus unzutreffender Weise charalterisicrt wird, herangezogen. Das ist nach Darlegung der Angeklagten ein Verstoß gegen das Princip der mündlichen Verhandlung und beeinträchtigt ihre Verteidigung. Der ReichSanwolt giebt zu. daß das Protokoll nichts darüber erkennen lasse, ob über diese Dinge in der mündlichen Verhandlung verhandelt sei. Aber das sei nicht erforderlich, überdies seien auch diese Rügen thatjächlicher Natur und deshalb der Nachprüfung entzogen, Ein weiterer Punkt der Revision betrifft folgende Rüge: Die Anklageschrift und der Eröffnungsbeschluß gegen Leid beschuldigen diesen der Majestätsbeleidigung, begangen durch Veröffent- lichung der drei Artikel sin Nr, 190, 191 und 192 deS Vorwärts"). Das Urteil verurteilt aber den Angeklagten wegen Nummern. Der Angeklagte ist ausweislich deS Urteils und Protokolls auf diese Verurteilung wegen einer andern Thal nicht hingewiesen, noch hat er oder die Staatsanwaltschaft beantragt. daß diese andre That zum Geg,->istand der Verurteilung gemacht werde. Das Urteil nimmt an. es liege in den fünf Artikeln eine fortgesetzte Handlung, Der Angeklagte habe „ohne Weiteres entnehmen können, daß die zwei nicht inkriminierten Artikel mit den drei ersten Artikeln, die allein inkriminiert waren, zu einer Deliktseinheit zusammengefaßt und als Teile dieser Einheit zum Gegenstand der Urteilsfindung gemacht werden könnte n," Auch ohne Aenderung oder Ertveiterung der Anklage habe sich daS der Angeklagte lagen können. Uebrigens sei„bei der Strafzumessung der Umstand, daß auch der vierte und fünfte Artikel zur Aburteilung gebracht ist, ohne Einfluß gewesen: dieselbe Strafe hätte den Angeklagten getroffen, wenn er nur wegen der drei Artikel verurteilt wäre." Die Revision hebt hervor, daß diese Urtcilsgründe mit den mündlich verkündeten nicht überein- stimmten. Der Sachverhalt war ein anderer. Nach Ver» lündiguug des Urteils machte der Oberstaatsanwalt darauf a u f m e r k s a m, daß auf Vernichtung der nicht in« lrinnnierten Artikel wohl nicht hätte erkannt werden können. Darauf habe der Vorsitzende erwidert:„DaS Urteil ist nun nicht zu ändern, es ist geschehen." Dadurch sei klar zu erkennen gegeben, daß das Gericht lediglich über die fünf Artikel als einheitliches Delikt beraten hat. Wenn nachträglich das Gericht, seine Mutmaßung dahin ausdrückt, daß es den Angeklagten gleich hoch bestraft hätte, w e n n es allein die wirkliche Anklage zur' Beratung und Entscheidung gezogen hätte, so sei das durchaus unzulässig und beeinträchtige die Rechte der Verteidigung des An geklagten evident. Diese Verurteilung lvegen einer That, derentwegen Anklage nicht er- hoben ist, verstoße gegen die Paragraphen 136, 138, 133. 201. 20 ö, 242. 262. 264, 265. 266, 377 ack 7 der Strafprozeß- Ordnung und gegen die§8 196 bis 200 des Gerichtsverfassuugs- Gesetzes. Nähme das Urteil eine fortgesetzte Handlung der 5 Artikel au, die es zum Gegenstand der Verurteilung inache, so könne es doch nicht bei dein dritten Artikel eine Cäsur machen, zum allermindesteu mußte der Augeklagte darauf anfnrerksain gemacht werden, daß er auch wegen andrer Artikel zur Verantwortung gezogen werde. Der Reichsau Walt wendet hiergegen ein: Der Vorfall nach der Publikation des Urteils sei aus den« Protokoll nicht ersichtlich. Er sei aber auch unerheblich. Dem Gericht sei es nicht verwehrt, zu erklären, wie es erkannt hätte, wenn allein die drei in- kriminierten Artikel zur Aburteilung gezogen wären. Aller- dings hätte dann nicht auf Unbrauchbarmachung der Platten erkannt Iverden können. Indes sei auch diese Unbrauchbarmachung nicht inkriminierter Artikel und die Verurteilung des Angeklagten auch wegen der n i ch t i n kr i m i n i e r t e n Artikel zulässig gewesen, weil das Gericht eine fortgesetzte Handlung als vor- liegend angenomme» habe. Die Verurteilung wegen der nicht in- kriminierten Artikel sei eine notwendige Folge dieser Annahme gewesen. Weil eine fortgesetzte Handlung angenommen sei, hätte auch der Angeklagte auf eine Aenderung oder Er- Weiterung der Anklage nicht hingewiesen werden m ü s s e n I Die Revision rügt ferner, daß in Bezug auf Leid auch zwei während seiner Verhaftung erschienenen von ihm uu- möglich verfaßte, ihm auch nicht bekannte Artikel(Nr. 196 und 197) herangezogen sind. Das Urteil führe auch in unzulässiger Weise allgemeine Behauptungen an Stelle von Gründen au, so überall da. wo es sich um die Frage handelt, ob die Artikel aus die Person des Kaisers zu beziehen sind. An Stelle von �Gründen kehren fortwährend Wendungen, wie„es m u ß angenommen werden",„es ist allgemein bekannt", „m u ß zur Annahme führen",„offenbar" und dergleichen wieder. Unverständlich und sprachlich irrig ist die Behauptung des Urteils, daß„unter den H o f k r e i s e n und H o f l e n t e n und Herren am Hofe Seine Majestät der Kaiser und König s e l b st mit in- begriffen sein könne". Diese vage Art der Feststellung sei um so auffallender, als das Kammergericht in seinem Enthaftungsbcschluh ausdrücklich feststellt,„daß die Beziehung der drei zur Anklage gestellten Artikel des„Vorwärts" zu der Person Sr. Majestät des Kaisers und Königs nicht derartig zweifelsfrei erscheint, um einen dringenden Verdacht der Majestätsbeleidigung annehmen zu könne n". Bekanntlich haben ja auch mehrere Gerichte die Einleitung eines Hauptversahrens auS demselben Grunde abgelehnt. Die subjektive Seite der Majestäts- beleidigung weise gleichfalls Mängel auf. Wenn man dem ckohis eventualis den weitesten Raum geben wolle, so sei doch zum mindesten die Feststellung erforderlich, daß ein Leser und daß der Angeklagte den ehrenkränkenden Charakter erkannt hat. Statt dessen stellt der Richter nur fest, der ehrenkränkende Charakter habe vom Leser und Leid erkannt werden müssen oder mindestens können. Der Reichsanwalt führte diesen Rügen gegenüber aus: Diese Rügen scheitern an den thatsächlichen Feststellungen des Urteils. Es handelt sich um Auslegungsfragen, diese sind aber der Nachprüfung des Reichsgerichts entzogen. Sache thatsächlicher Feststellung sei auch die Heranziehung der während der Haft Leids erschienenen Artikel gegen Leid. Es brauche das Urteil keineswegs jedes einzelne That- bestandsmerkmal zu begründen. Daher scheitern alle dahin gerichteten Angriffe, daß das Urteil zu Unrecht eine Beziehung der Artikel zur Person des Kaisers feststellt. Daß ein Leser und daß Leid diese Beziehung erkannt habe, sei allerdings erforderlich und werde durch das„erkennen müssen oder mindestens können" vielleicht nicht ausreichend festgestellt. Aber das Urteil erwähnt, daß der„Vorwärts" selbst Ausführungen andrer Blätter, insbesondere die„Frankfurter Zeitung" und die„Staatsbürger- Zeitung" citiert, welche den beleidigenden Charakter und die Beziehung der„Vorwärts"-Artikel auf den Kaiser behaupteten. Mit- hin ist scstgestellt, daß Leser den ihn kränkenden Charakter nicht nur erkennen konnten, sondern ihn auch erkannt haben. Daß auch Leid diesen Charakter erkannt habe, ergebe sich aus andren Stelleu des Urteils, die die thatsächliche Feststellung treffen, daß diese Kenntnis borgelegen hat. Einer Begründung dieser thatsächlichen Feststellung bedürfe es nicht. Die Revision des Angeklagten K a l i s k i rügt, daß ihm zu Un- recht der Schutz des§ 193 des Strafgesetzbuchs versagt sei. Das Landgericht nimmt an, allerdings habe Kaliski die Artikel veröffent- licht, um sich vor dem Vorwurf zu schützen, als sei die Benennung des Hofmarschalls v. Trotha der Wahrheit zuwider erfolgt. Zur Wahrnehmung dieses Rechts sei es aber nicht erforderlich gewesen, die Behauptung der wissentlichen Unwahrheit aufzustellen. Der Reichsanwalt führte demgegenüber aus: Die t h a t s ä ch l i ch e Feststelluug des ersten Richters sei ohne Rcchtsirrtum. eine Nach- prüfimg, ob für Kaliski zur Wahrnehmung seines Rechts die in- kriminierte Aeußerung notwendig war, entziehe sich dem Reichsgericht. Das Reichsgericht erkannte auf V e r lv e r f u n g beider Revisionen. In der Begründung folgte es im wesentlichen den Ausführungen des Reichsanwalts. Es bleibt also bei dem Urteil erster Instanz. Die Revision ist verworfen. Dieser Ausgang des Prozesses ist nach verschiedenen Richtungen hin bemerkenswert. Nach den vom Reichs- gericht gebilligten Gründen ist der Angeklagte dagegen schutzlos, daß auf der einen Seite behauptet wird, ein Beweis der Wahr- heit sei nicht geführt, während nach der andern seine Rüge unbeachtet bleiben muß, daß Fragen über Einzelheiten des Kaiserin sel-Projektes ihm verwehrt sind. Er ist schutzlos dagegen, daß an Stelle von Gründen allgemeine Wendungen, wie „unzweifelhaft",„zweifellos",„es ist allgemein bekannt" usw. traten. Endlich aber kann ein Redakteur, der wegen drei Artikel angeklagt ist. wegen fünf Artikel verurteilt werden, ohne daß eine neue Anklage erhoben, ohne daß ein Hinweis erfolgt ist. daß er auch wegen der zwei andern, nicht inkriminierten, Artikel verurteilt werden könnte. Und das auf Grund der neuen Konstruktion einer „fortgesetzten Handlung". Dieser neueste juristische Konstniktions- apparat übertrifft noch den des ckolus eventualis. Es könnte nach dieser neusten Entdeckung ein Redakteur wegen eines Artikels augeklagt und wegen 300 Artikel verurteilt werden. Bis- lang nahm man für jeden Kullurstaat als Grundsatz an: ohne Anklage kein Urteil. Das Reichsgericht ist andrer Ansicht. Denn auf nichts andres als auf Umstoßung auch dieses Grundsatzes läuft die Verwerfung der Revision hinaus. poUtilcKe Geberficbt. Berlin, den 15. März. � Der Reichstag führte am Dienstag die Specialberatimg des Militäretats ein gutes Stück weiter. Eine große Reihe von Kapiteln wurde ohne Diskussion erledigt. Und wenn wirklich einmal irgend ein Abgeordneter zu einem Titel das Wort ergriff, blieb es meist ein Monolog. Einen lebhafteren Zusammenstoß gab es nur beim Kapitel „Remontepferde". Die Herren Großgrundbesitzer fordern,„natür- lich im Interesse des kleinen Mannes", dessen Besitzung zur Pferdezucht viel zu klein ist, daß die Arnieeverwaltimg höhere Preise für die Remontepferde zahlt. Sie benutzten auch die er- wünschte Gelegenheit, um auf eine gründliche Erhöhung des Pferde- zolles d. h. auf Kündigung der bestehenden Handelsverträge zu dringen. Diese Gelegenheit ergriff Abg. G o t h e i n, um den Herren von der Rechten zu Gemüt zu führen, daß sie die Frage der Kündigung der Handelsverträge bei jedem nur möglichen Punkte anschneiden, auch wenn sie damit nicht das geringste zu thun hat, wie bei den Soldatenmißhandlungen, bei den neuen Unteroffizierstellen usw. Und diese Herren be- klagen sich dann über die Verschleppung der Geschäfte, wenn unsre Abgeordneten wichtige Gebiete der Socialpolitik an der richtigen Stelle zur Erörterung bringen. Schließlich wurde der konservative Antrag gegen die Ssimmen der Rechten und Rationalliberalen abgelehnt. Beim Kapitel„Technische Institute der Artillerie" blieb die Beratung nach der herkömmlichen Konkurrenzrede des konservativen Abgeordneten Pauli- Potsdam stecken, die diesmal selbst seinen näheren Parteifreunden zu langweilig und ausgedehnt erschien. Am Mittwoch stehen die Wahlprüfungen an zweiter Stelle auf der Tagesordnung. Die Wahl Brauns und die Wahl des si-eisinnigen Abg. Blumenthal befinden sich nicht darunter. Der schriftliche Bericht über die Wahl Brauns liegt noch nicht vor, während der schriftliche Bericht über die Wahl Blumcnthals erst heute verteilt worden ist und die Linke darauf besteht, daß die gcschäftsordnungs- mäßigen Fristen innegehalten werden.— Preußisches Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus hat am Dienstag unter Zuhilfenahme einer Abendsitzung die zweite Beratung des Etats des Ministeriums des Innern beendet. Die Debatte verlor sich völlig in Einzelheiten; nur bei den Ausgaben für das Fürsorge-Erziehungs- Gesetz fand eine etwas eingehendere Erörterung statt. Die Wirkung des Gesetzes wurde von allen Rednern, u. a. auch von dem bekannten Pastor Bodelschwingh, der bei dieser Gelegenheit seine Jungfernrede hielt, anerkannt; nur über die Ausführung des Gesetzes im einzelnen herrschen Meinungsverschiedenheiten. Sehr wichtige Positionen, z. B. den Posten von 300 000 M. fik g e h e i m e A u s- gaben im Interesse der Polizei bewilligte das Haus debattelos. Selbst die freisinnigen Mannes- fielen haben ein so unbegrenztes Vertrauen zu dem Polizeiministcr, daß sie ihm jede gewünschte Summe in bc- licbiger Höhe zur Verfügung stellen.— Beschwerden, die seitens polnischer Abgeordneter vorgebracht wurden, wurden durch eine neue, höchst einfache Methode abgethan; man schnitt den polnischen Rednern unmittelbar nach einer Erwiderung des Ministers das Wort ab. Am Mittwoch beginnt die Beratung des Kultusetats. Weitere zehn Millionen für Dcutsch-Südwcstafrika. Der dem Reichstag zugegangene zweite Ergänzungsctat für Südwestafrika fordert nicht weniger als circa zehn Millionen Mark, wobei aber die Kosten für die N e u v e r st ä r k u n g der siidwest- afiikanischen Truppen nicht in Anrechnung gebracht sind! Zunächst werden, als Abschlagszahlung!, zwei Millionen zur Gewährung von Entschädigungen an die durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Ansiedler und Händler ge- fordert. Ferner verlangt ein Nachtrags-Etat für 1903 1 727 000 M., außerdem 1 300 000 M. für Ausgaben bei der Verwaltung der kaiserlichen Marine, 65 000 M. für Ausgaben der Reichspost- und Telegraphenverwaltnng, zusammen 3 092 000 M. Ueber die Not- wendigkeit dieser Forderungen bemerken die Erläuterungen: Außer den im ersten Nachtrags-Etat für das slldwestaftikanische Schutzgebiet pro 1903 bewilligten Ausgaben sind zur Niederwerfung des Herero- Aufftandes 1903 infolge Von Maßnahmen, welche bei Aufstellung des ersten Nachtragsetats noch keine Berücksichtigung finden konnten, noch weitere Mittel in Höhe von 1 727 000 M. erforderlich geworden. Die Mehr- kosten gegenüber dem Zuschlage des ersten Nachtragsetats sind im wesentlichen veranlaßt durch die Entsendung eines Eisenbahnpionier- Detachemcnts in Stärke von 4 Offizieren und 120 Mann, die Ver- stärkung des Artilleriematerials um eine Feldbatterie M. 96 nebst Zubehör, den Mehrbedarf von 500 Pferden, die Ausgaben für die Wiederherstellung der Eisenbahn Swakopmnnd-Windhuk und die aus der Lage der Verhältnisse sich ergebende Gewährung von Unterstützungen an solche Ansiedler, welche durch den Aufftand hilfsbedürftig geworden sind. Ein Ergänzungs-Etat pro 1904 verlangt ferner als Zuschuß zur Bestreitung der Verwaltungsausgaben im südwestafrikanischen Schutz- gebiete 3 197 000 M., und zu Ausgaben der Reichs-Post- und Tele- graphen-Verwaltung 513 000 M„ zusammen 3 710 000 M. Im Kap. 1 Tit. 11 Einmalige Ausgabe würden zur Verstärkung der Schutztruppe behufs Niederwerfung des Hcrero-Aufstandes 877000 M. hinzutreten. Zu Tit. 13 Nr. 3 Kap. 1 werden 315 000 M. zur Wiederherstellung der EisenbahnISwakopmund und Anmietung von Wagen als erste Rate 315 000 M., in Titel 14 zur Unterstützung durch den Aufstand ver- triebener Ansiedler 50 000 M. verlangt. Zwei und dreiviertel Milliourn sind bereits zur Bekämpfung des Hereroausstandes bewilligt worden, so daß sich schon jetzt die Aus- gaben für diesen Krieg auf 13 Millionen Mark belaufen, womit eS aber allem Anschein nach noch lange nicht sein Bewenden haben wird!— Eigenartige Meldungen ans Truffch-Südwcstafrika werden in den Blättern veröffentlicht. In erster Linie ist es auffallend, fdaß jetzt— abermals in einem bürgerlichen Blatte— ein zweiter Soldate abrief veröffentlicht wird, in dem der Schreiber behauptet, daß den Truppen der Befehl gegeben worden sei, keinen Pardon zu gebe». In dei� betreffenden Brief, der in dem„ T r i e r s ch e n V o l k s f r e n n veröffentlicht wird und von dem Sohn des Schneidermeisters Peter Scherr in Trier stammt, heißt es wörtlich: „Wir dürfen keine Gefangene» machen, alles, was lebend ist und schwarze Farbe hat, wird niedergeschossen." Wir vermögen es nicht zu glauben, daß ein derartiger BefsHs an die Soldaten ergangen ist.- Aber wie dieser zweite Brief eines mit dem Verfasser des ersten Briefes in keinerlei Verbindung stehenden Soldaten zu beweisen scheint, ist unter den Soldaten thatsächlich die ungeheuerliche Auffassung verbreitet, daß kein Pardon gegeben werden dürfe. Die Folgen einer solchen Auffassung liegen auf der Hand. Es ist also dringend erforderlich, daß die Regierung den Kommandeuren der in Afrika befindlichen Truppen sofort die telegraphische Anweisung zugehen läßt, daß die Kriegsführung in civilisierten Formen zu geschehen hat und jedes Niederschießen eines sich Ergebenden und Wehrlosen kriegsgerichtlich abgeurteilt wird. Des Ferneren wird sich allerdings die Regierung auch nicht der Pflicht entziehen können, der'Entstehung solch barbarischer Auf- fassungen der Soldaten nachzuforschen und öffentlich Rechenschaft von dem Ergebnis ihrer Untersuchungen abzulegen! Erwähnt sei noch, daß auch dieser Soldatenbrief konstatiert, daß die Hereros bei aller Grausamkeit ihrer Kriegsführung die Frauen in der Regel verschont haben:„Die Frauen haben sie sdie Hercros! Red.) meistenteils geschont/—_ Sehr interessant für die Zustände in Dcutsch-Südwestaftika sind Tagebuch- Aufzeichnungen, die die„Hamburger Nachrichten" veröffentlichen. Diese Tagebuch- Aufzeichnungen atmen einen geradezu wütenden Haß gegen die Maßnahmen und den Grvvrrnrv? Sfi ttweiii. Unter dem 5. Februar ist von den Grausamkeiten der Auf- ständischen die Rede. Dann heißt es:„Und das alles nach 65 Jahren Missionsarbeit!!" Freilich, die Missionare haben leider ihre Pflicht gegenüber der deutschen Oeffentlichkeit ver- säumt. Hätten sie rechtzeitig die skandalöse Mißwirtschast der Händler und Farmer aufgedeckt und für Abhilfe gesorgt, so wäre den Hereros der verzweifelte Schritt einer aussichtslosen Erhebung er- spart geblieben! Charakteristisch für den Tagebuchführenden ist folgender Stoß- seufzer; ebenfalls am 5. Februar:„In einem Store ist sogar(I) der Geldschrank erbrochen und die Bücher mit den Schulden der Eingeborenen vernichtet!!" Ueber die Missionare heißt es dann am 11. Februar: „Das in der Zeitung über die Missionare Geschriebene bewahrheitet sich; selbst aus der Kirche haben die Hereros geschossen!! Ihnen selbst ist natürlich(1) kein Haar gekrümmt; das ist eine saubere Gesellschaft!!" Weshalb die Missionare eine„saubere Gesellschaft" sind, ist einigermaßen unklar. Daß die Hereros sie nicht auch erschlagen haben, beweist ihre Dankbarkeit dafür, daß die Missionare sich an ihrer Ausplünderung und Vergewaltigung nicht auch beteiligt haben. Daß sie als Gefangene nicht verhindern konnten. daß sich die Hereros der Kirche als einer Deckung bedienten, sollte doch selbst das aufgeregte Gemüt des Tagebuchverfassers begreifen. Aber der Wackere schreckt selbst vor ärgster Verleumdung nicht zurück sdie„Hamburger Nachrichten" desgleichen!), wenn es gilt einem der Missionare am Zeuge zu flicken. So druckt das Scharfmacherblatt ohne Skrupel folgende Stelle ab:„Es wird er- zählt sl), daß der Missionar Brockmann zwei Weißen, die bei ihm Zuflucht suchten, Aufnahme verweigerte und sie denHereros auslieferte." Die Wut gegen den GouverneurLeutwein äußert sich in folgenden Bemerkungen. „11. Februar: Gegen 1 Uhr mittags hört man den„Ernst Woermann" im Nebel tuten, von Lüveritzbucht zurück mit dem Gouverneur an Bord. Dieser kommt ca. S'/» Uhr abends an Land und übernimmt den Oberbefehl. Der Empfang durch die Bürgerschaft ist eisig; außer den vier Gesellschaften hat kein einziger Privatmann und Store geflaggt I! �.Häuser sind meistenteils verwüstet; der Grund und Boden entwertet, denn wer wird sich in den ersten Jahren unter einer Regierung, die so nnvcrniitwortlich gcwirtschaftct hat, ansiedeln? „14. Februar: Morgens in aller Frühe fährt der Gouverneur per Extrabahn nach Karibik, wo er zwei Tage zu bleiben gedenkt, um dann nach Okahandja und Windhuk zu reisen. Er wird nur vom Bezirksamtmann Dr. Fuchs zur Bahn gebracht: die Bürgerschaft glänzt durch komplette Abwesenheit." Der wütende Haß unsrer Südwest-Aftikaner, die ja nach der kürzlichen Darstellung selbst des Korrespondenten der„Köln. Ztg." zum guten Teil aus nicht gerade den besten Elementen bestehen soll. gegen den Gouverneur Leutwein und die Missionare spricht Bände — aber nicht gegen die Angegriffenen, sondern gegen die Ankläger! Die„Mißwirtschast" der Regierung bestand darin, daß sie wenigstens gegen die tollsten Ausbeutungspraktiken schüchtern zu opponieren wagte, daß sie die Eingeborenen nicht völlig den weißen Herrenmenschen als Ausbeutungsobjckte auslieferte, sondern ihnen wenigstens noch einen bescheidenen Teil ihres Reiches an Land und Vieh und eine gewisse Selbständigkeit zu erhalten suchte. Und den Missionaren kann man eS nicht vergessen, daß sie gegen die Schnaps- und Syphilisvergiftung der Eingeborenen auch nur schüchterne Einwendungen zu erheben wagten. Dafür soll es aber auch nunmehr völlig anders werden. Was von den Hereros am Leben bleibt, soll unter die Herren Ansiedler als zweibeiniges Vieh verteilt werden I Wackere Kulturpioniere!— Dentfcden Reich. Die Socialdcmokratie als iorce majeure. Die Wahl der Landtags-Abgeordnctcn Hammer und Felisch ist von der Wahlprüfungs-Kommission des Abgeordnetenhauses mit allen gegen zwei Stimmen für gültig erklärt worden. Be- kanntlich hatte eine größere Anzahl socialdemokratischer Wahlmänncr des Wahlkreises Teltow-Beeskow-Storkow dagegen Protest eingelegt, weil die Wahlmänner trotz der klaren Bestimmung des Gesetzes, die Köpenick als Wahlort für den genannten Kreis festsetzt, nach Rixdorf zur Vornahme der Wahl eingeladen waren. Der Protest verlangte, daß die Wahl von Hammer und Felisch für ungültig erklärt und daß die Wahlmänner, dem Gesetz entsprechend, zur Vornahme einer Neuwahl nach Köpenick eingeladen werden. Die Kommission erkannte in ihrer Mehrheit zwar an, daß die Verlegung eines Wahlorts nicht durch Verordnung erfolgen dürfe, sondern daß hierzu ein Gesetz nötig sei, stellte sich aber auf den Standpunkt, daß hier einer der im Gesetz vorgesehenen Ausnahme- fälle vorliege, da die Abwicklung des Wahlgeschästs infolge an- geblicher Drohungen der Sorialdemok raten in Köpenick unmöglich gewesen sei. Es habe ein Fall von iorce majeure vorgelegen. Das ist natürlich purer Unsinn. Im geschichtlichen Sinne ist die Socialdcmokratie allerdings koroe majeure, höhere Naturgewalt— insofern begrüßen wir das An- erkenntnis der Kommission—, nicht aber im Sinne des Wahlgesetzes. Nach dem Gesetz darf der Minister den Wahlort nur dann ver- legen, wenn die Abhaltung der Wahl an dem im Gesetz genannten Orte durch ansteckende Krankheiten, Unterbrechung der Verbindung mit dem Wahlort oder durch andre unabwendbare Zufälle unausführbar wird. Ein solcher Fall lag hier nicht vor. Noch »or einem Jahre hat selbst der Kommissar des Ministers v. Hammerstein ausdrücklich erklärt, daß die im Gesetz genannten Umstände für die Verlegung nicht in Betracht kommen können, und daß man auch 'siicht von einem unabwendbaren Zufall sprechen könne. Jetzt stellt iffich die Regierung plötzlich auf den entgegengesetzten Standpunkt. Die bloße Drohung eines Socialdemokraten,— nebenbei bemerkt eine unwahre Behauptung—, die Wahlhandlung unmöglich zu machen, soll auf einmal ein„unabwendbarer Zufall" sein. Was die Socialdemokraten mit dem Protest erreichen wollten, haben sie erreicht. Natürlich ist es niemand von ihnen auch nur im Traume eingefallen, zu glauben, das Junkerparlament würde dem Protest Folge leisten. Was sie damit bezweckten, war einzig und allein, an einem eklatanten Beispiel klar zu machen, daß ein Parlament, das sich mit Vorliebe als die Personifizierung von Recht und Gesetz erklärt. Recht, Gesetz und Verfassung nicht kennt, wenn es sich gerade so macht, und daß die Regierung ihm hierbei hilfreiche Hand leistet, unbekümmert darum, daß sie kurz vorher einen gerade entgegengesetzten Standpunkt eingenommen hat und sich durch ihre plötzliche Sinnesänderung den Borwurf zuzieht, um mit dem Grafen Bülow zu reden, daß ihre Taktik„zu dumm" ist.— EentrumSgeschäft. Der§ 2 des Jesuitengesetzes hat anscheinend das Centrum sehr handclsfähig gemacht. Man sieht in diesen Tagen die CentrumSführcr noch eifriger als sonst in Konferenzen mit Regicrungsvcrtrctern. Wo eine zurückliegende Ecke ist, da verhandeln Herr Dr. Spahn und Herr Gröber mit dem Herrn Kapitän zur See Kappell, der rechten Hand des Herrn Tirpitz. Was sie verhandeln, dürfte bald zu Tage treten, wenn der Etat des Marine-Amts dem- nächst zur Beratung gelangt. Vermutlich wiederholt sich das Spiel, das soeben beim Mlitäretat sich zutrug! die kleinen Abstriche, die Herr Müller-Fulda in der Budgetkommission mit viel Pathos zu stände brachte, werden durch die Zwischenhändler Spahn und Gröber im Plenum nochmals um die Hälfte vermindert. Man begreift, dah der Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts die Müllerschen Abstriche mit einer Gemütsruhe aufnahm, die sonst unverständlich bliebe: er kannte seine Centrumshändlcr. Ein Chinaprozeß. AuS Essen wird uns geschrieben: Daß ein Chinakrieger wegen Erzählung von Vorgängen, deren Zeuge er in China gewesen ist. sich vor Gericht zu rechtfertigen hat. dürste noch nicht dagewesen sein. Am Mittwoch wird an der Strafkammer in Essen ein solcher Fall verhandelt. Ein -ehemaliger Chinakrieger, ein Mann mit einwandfreier Führung, hat in einer Versammlung in Essen über seine Erlebnisse und seine Erfahrungen in China Angaben gemacht, durch die in bestimmter Weise einem Offizier das unbefugte Befördern eines China- mqnneS ins Jenseits, mehreren Offizieren die unerlaubte Vor- liebe für fremdes Eigentum vorgeworfen wurde. Nach längerer Zeit— wohl auf höhere Anordnung hin— wurde ein Straf- verfahren wegen Beleidigung der Offiziere eingeleitet. Der An- geklagte hält seine Behauptungen in allen Punkten aufrecht und hat eine große Zahl Zeugen geladen, welche als Chinakrieger per- sönliche Kenntnis von den geschilderten Vorgängen haben. Da man in dem vorliegenden Falle den Wahrheitsbeweis zu- lassen mutz, dürste der Prozeß ganz interessant werden für die Frage, wie in China Kultur und Civilisation verbreitet worden ist.— Die Dame am Rhein, deren fast krankhafte Vorliebe für die Prostitution mit jedem auftauchenden. Machthaber erst unlängst in einer Broschüre aktenmäßig festgestellt wurde, die nationallibcrale ,.K ö ln i s ch e Z e i tu ng" geht natürlich jetzt mit den einflußreichen Spitzeln des Zarismus. Gefällig und schmiegsam wie sie ist, hat sie sich schnell so gut in das Seelenleben ihrer Gönner hineingearbeitet, daß sie den von ihr dem Wortlaut nach unter- schlagenen Protest der russischen Studenten gegen die ministeriellen Beschimpfungen mit folgender Infamie zn beantworten fähig ist: „Der Protest bewegt sich abennals in hohlen Phrasen und ist dem Tone nach durchaus unangemessen für Ausländer, die immer noch die Gastlichkeit des Deutschen Reiches genießen. Wenn es in dem Protest heißt,„daß wir die Wahrung unsrer Ehre und Menschenwürde als unsre geheiligte Pflicht betrachten und allesamt bereit sind, jede sich hieraus ergebende Konsequenz auf uns zu nehmen", so rciinzeichnct sich das so lange alS eine Redensart, als die 428 sich sorgfältig hüten, mit ihren Namen an die Ocffent- lichkeit zu trete». So lange das nicht geschieht, ist der ganze Protest nichts andres als eine anonyme Schimpferei, von der man nicht einmal weiß, ob sie von russischen Studenten ausgeht oder in irgend einer socialdcmokratischen Fabrik angefertigt ist." Die„Kölnische Zeitung" bemüht sich umsonst, das Lockspitzel- Handwerk zu üben. Die russischen Studenten sind ihr zuvor- gekommen. Die Protestkundgebung, die auch an bürgerliche Blätter gegangen ist, enthielt alle 428 Namen. Das liberale Organ versucht also provokatorische Denunziantendicnste zu leisten, die nicht mehr notwendig sind. Graf Bülow kennt die 428„Schnorrer und Verschwörer", er braucht der Polizei nur zu befehlen— und 428 Schwurzeugen ncudcutscher Jämmerlichkeit können geschossen werden. Das Heer der Krüppel. Der soeben erschienene Bericht der Sektion II sBochum) der Knappschafts-Berufsgenossenschaft muß wiederum ein absolutes und relatives Anschwelle» der llnfallziffern konstatieren. Von den 2S1 665 Versicherten blieben in 1903 infolge Unfalls 562 tot auf dem Schlachtfelde der Arbeit, das sind 2,23 pro 1 Versicherte gegen 1,93 im Jahre 1902. Obwohl durch das Drängen der Socialdemokratie die Schutzmaßnahmen gegen Massenunglücksfälle verbessert worden sind, nahm die Durchschnittsziffer der tödlich Ver- unglückteu nicht wesentlich ab. In der Zeit von 1885/86 bis 1895 blieben auf je 1000 Versicherte 2,88 tot, in der Zeit 1896 bis 1903 noch 2,46.— Die Zahl der Todesfälle durch Massenkatastrophen hat abgenommen, dagegen ist diese Zahl gesteigert worden durch Einzel- fälle— Kohleufall usw.— Auch die Zahl der Unfälle mit Erwerbs- Unfähigkeit und Vernnnderuug derselben— die sogenannten schweren Unfälle— hat zugenommen. Von je 1000 Versicherten erlitten schwere Unfälle 1900 1901 1902 1903 11,77 12,11 12,76 14,83 Da der Kampf der Bcrufsgeuossenschasten gegen Gewährung einer Rente immer hartnäckiger und— leider auch erfolgreicher wird, geben erst die Zahlen der Unfälle überhaupt ein richtiges Bild von der Steigerung der Unfallgefahr im Bergbau. Und diese Ziffern schnellen mit erschreckender Sicherheit und Regelmäßigkeit nach oben, wie nachfolgende Zusammenstellung beweist. Von je 1000 Ver- sicherten erlitten Unfälle überhaupt: 1885/86 1390 1895 1900 1901 1902 1903 75,9 83,0 107,5 124,4 139,5 139,9 147,1 Nimmt man an, daß in den ersten Jahren»ach Inkrafttreten de» Unfallversicherungs-Gcsetzes die Unfallanmeldungen mangelhast ausgeführt worden sind, zieht man deshalb das Jahr 1890 zum Vergleich heran, dann ergiebt sich eine Unfallsteigcrung von dieser Zeit bis 1904, also in 13 Jahren, um 77,2 Prozent. Um die Blutziffer recht zu würdigen, darf aber nicht unberücksichtigt bleiben, daß der Anteil der eigentlichen Berg- arbeiter an der Gesamtzahl der Versicherten zurückgegangen ist; es wird heute eine relativ viel größere Zahl bei der Tagesarbett, speciell bei Gewinnung von Nebenprodukten be- schaftigt, als wie früher. Für die eigentlichen Bergarbeiter ist die Unfallfieigerung noch größer, als in den Zahlen für die Gesamtheit der Versicherten zum Ausdruck kommt. Trotzdem, bezüglich eines besseren Bergarbeiterschutzes bleibt eS bei der Parole: Nur immer langsam voran— schnell zurück I!!— Man untersucht—: das Heer der Krüppel wird größer I Man schickt Kommissionen ins Ausland: die Unfälle mehren sich! Man erwägt: es giebt intmer mehr Leichen, Krüppel, Witwen und Waisen!— Aber ruhig wird weiter untersucht und erwogen. Seit Jahren fordern die Arbeiter zur Verminderung der Unfälle Zuziehung von praktischen Bergleuten zur Grubeukontrolle, die Unter- nehmer sagen: Nein! Die materiellen Gründe für dieses Nein ver- stecken die Kohlenjuuker hinter der leeren Behauptung: Die Gruben- kontrolle durch die Arbeiter würde zu einem Instrument der Partei- Agitation. Eine Regierung, die dem Grundsatz huldigt, die „Gesinnung" sei die beste soldatische Tugend, ersetzt durch ihre eigne Gesinnung die Beweise für Unternehmerbehauptungen. Sagt das Unternehmertum: Rückwärts, fordert die Regierung sicher nicht: Vor- wärts I— Freiwillig wird man den Bergarbeitern einen besseren Schutz für Gesundheit und Leben nicht geben. Wie aber bei dem heutigen System des Raubbaues an der Arbeitskraft die Berg- arbeiterschaft degeneriert, lehren auch die Ergebnisse der Knapp- schaftskasseu. Ber allen preußischen Kassen ging das Durchschnitts- alter bei Beginn der Invalidität von 50,0 Jahre in 1892 auf 48,1 Jahre in 1901 zurück, beim Allgemeinen Kuappschaftsverein in Bochum betrug 1902 das Durchschnittsalter bei Jnvaliditätscintritt sogar nur noch 45,2 Jahre. So geht der Bergarbeiterstand Physisch zurück, obwohl demselben Jahr für Jahr stisches Blut zugeführt wird durch Massenimport aus ländlichen Bezirken— das kann keine Aegierungssorge sein; die Volkskräste, die der Profitteufel holt, braucht man wenigstens nicht der russischen Knute auszuliefern. Dabei marschiert Deutschland an der Spitze der Socialreform wie die Minister sagen. Zur Zollfrage. Ter Verfasser der im Oktober v. I. und im Januar d. I. im„Vorwärts" veröffentlichten Artikel über die Zoll- frage schreibt uns: „In zwei Leitartikeln der„Kreuz-Zeitung" hat Herr G. E. unser kritisches Nachwort zur Zollfrage seinerseits einer ausführlichen Kritik unterworfen. Es ist nicht unsre Absicht, diese wissenschaftliche Frage in einer endlosen Zeitungsdiskusswn fortzuspinnen. Auch häufen sich in den Artikeln die Mißverständnisse in etwas be- schwerlicher Weise und praktisches Verständnis für Handel und Wandel scheint Herrn G. E. ganz zu fehlen, ist aber doch zum Ver- ständnis dieser„Preisfrage" in gewissem Umfange erforderlich. Nachdem inzwischen nicht nur das hoffähige Agrariertum unter Führung des Herrn Grafen Schwerin-Löwitz sich unsrer Beweis- führung angeschlossen hat, sondern auch sein agrar-demokratisches Organ, die„Deutsche Tageszeitung", sie als richtig anerkannt zu haben scheint(siehe Nr. 93 vom 25. Februar den Artikel:„Die Grundlage der Volkswirtschaft"), oürfte das öffentliche Interesse an einer Fortsetzung der Diskussion sehr abgenommen haben, und Herr G. E. kann sich persönliche Aufklärung an andrer Stelle, die ihm wohl auch vertrauenswürdiger erscheinen wird, verschaffen. Wie weit seine Mißverständnisse gehen, möge dadurch belegt werden, daß er uns auffordert, doch einmal aus den Büchern von Getrcide-Eyportcuren den Beweis zu erbringen, daß Ausfuhrgetreide im Auslande zu einem andern Preise verkauft werde, als das zum inneren Konsum bestimmte; wir hatten geschildert, daß dies das schematische Bild der Verhältnisse sein müßte, die eintreten würden, wenn das exportierende Ausland den Zoll trüge, was aber doch gerade nach unsrer Meinung nicht der Fall ist! Bemerkt sei noch, daß wir Herrn Professor Leris nicht als Schwurzeugen citicrt hatten; wir trauen der Richtigkeit und Kraft unsres Grundgedankens allein. Wir hatten nur nachträglich die Litteratur daraufhin flüchtig durchgesehen, ob derselbe nicht vielleicht irgendwo schon ein unbeachtetes Dasein friste, und dabei die citicrte Stelle gefunden, die einen nur ähnlichen Gedanken enthält. Wir hatten ihn in unserm ursprünglichen Artikel in korrekterer Form ausgesprochen, mit Zahlen belegt und die Folgerungen aus ihm ge- zogen."—_ Ein Erzieher der Blüte der Nation. Em Soldatenschinder schlimmster Sorte hatte sich am 10. März vor dem Kriegsgericht in Mainz zu verantworten. Es ist der 30jährige Sergeant Franz Julius Becker, der wegen Mißhandlung in 156 Fällen angeklagt ist. Der Angeklagte Becker hat besonders mit der Faust die Soldaten gegen daS Kinn und inS Gesicht gestoßen. Ferner mußten sich die Rekruten vor die Oefen knien und das Feuer anblasen. Dafür erhielten sie später noch Schläge auf das Gesäß, und zwar mit einem Gummischlau ch. Zu diesen: Zivccke mußten sie vor dem Bette des Becker, der noch in demselben lag, vorbeilaufen und empfingen hierbei die Schläge. In einem andren Falle mußten die Soldaten während der Flick- und Putzstunden in der über- heizten Stube Gewehrgriffe üben, diejenigen, die es ver- kehrt machten, mußten sich vor den glühenden Ofen stellen und so lange„Griffe" machen, bis ihnen das Wasser am Körper herunterlief. Wenn die Stiefel nach Ansicht des Becker nicht sauber genug geputzt waren, wurden den Soldaten die Stiefel schäfte um den Kopf ge- schlagen. Die Quälereien und Schindereien der Mannschaften wurden in den Stuben 190 und 191 mehrere Monate hindurcb von dem Angeklagten Becker vorgenommen, ohne daß die Vorgesetzten davon Kenntnis erhielten! Die Mißhandelten unterließen die Meldungen, da sie Furcht hatten, dann noch mehr mißhandelt zu werde». Einem Mißhandelten wurden mehrmals durch den An- geklagten Becker Zähne ausgeschlagen. Während des Dienstes auf dem Exerzierplatz trat der B. einem Rekruten gegen das Bei», so daß der Mann hinstürzte und sich verletzte. Ebenso stellte er einem andern das Bein, wodurch derselbe stürzte und sich mit dem Gewehr am Auge ver- letzte. Einem der Rekruten stieß der B. so lange den Helmauf den Kopf, bis die Nase blutete. Der Becker rief während des Dienstes auf dem großen Sande bei Gonsenheim einen Rekruten vor und stellte an ihn die Frage, ob er ihn jemals ge- schlagen hätte. Als der Rekrut dies bejahte, schlug ihn der Angeklagte so lange ins Gesicht, bis er„Nein" sagte! Der Vertreter der Anklagebehördc, Kriegsgerichtsrat Reiff, beantragte gegen Becker zwei Jahre Gefängnis und Ab- erkennung'der Tressen. Der Verteidiger des An- geklagten plaidierte auf eine bedeutend mildere Strafe, da der Angeklagte mit sehr minder wertigemMateria'l(!) zu thuii gehabt hätte. Den Angeklagten habe es geärgert, daß er mit einigen seiner Leute zurückgeblieben sei. Und zu was greife bei solchen Gelegenheiten der Mann: er schlage und Prügel e. Dies sei sehr bedauerlich, aber auch sehr be- a reiflich(I!) Von den Rekruten würden die Mißhandlungen selten ernst aufgenommen, darum beschwerten sie sich auch nicht. Das Gericht nahm ein fortgesetztes Delikt der Mißhandlungen in sechzehn Fällen und zwei vorschriftswidrige Behandlungen Untergebener für erwiesen an und verurteilte den Sergeanten Becker zu einem Jahr Gefängnis und Aberkennung der Tressen.—_ lieber die Agitation im 20. sächsischen Wahlkreise wird uns berichtet: Durch Eis und Schnee müssen diesmal unsre Genossen die Agitation betreiben. Am letzten Sonntag waren von unsrer Seite einige 20 Versammlungen einberufen, davon fand die Hälfte unter freiem Himmel statt auf Grundstücken, welche oft hoch oben auf den Bergen liegen. Trotz Eis und Schnee pilgerten auf schwer passierbaren Bergpfaden hunderte und tausende Bewohner des Erzgebirges den Versammlungsstätten zu. War es schon ein eigen- artiger Anblick, die Pilger und Pilgcrinnen wie schwarze Streifen durch den leuchtenden Schnee ziehen zu sehen, die sich dann an den Versammlungsorten zu dichten imincr größer werdenden schwarzen Massen zusammenballten, so bot ein solcher Versammlungs- Punkt selbst ein hochinteressantes Bild. Hoch auf einem Bergcsgipsel bei Krumhermsdorf eine Stunde von Zschopau war eine solche Versammlung einberufen. Vier Gendarmen, zwei Polizisten, ein Amtsvorsteher und ein Beamter der Kreishauptmannschaft waren erschienen, um„die Ordnung aufrecht zu erhalten". Sie bekamen aber keine Arbeit. Mitten auf dem Bergcsgipsel hatten die Genossen des Ortes eine Rednertribüne errichtet und mit grünem Tannenreisig ringsum bekleidet, das sich prächtig von dem Schnee abhob, der den Berg wie mit einem großen weißen Tischtuch gedeckt hatte. Nach Polizei- Vorschrift war das Grundstück mit Waschleinen, die an Pfählen be- festigt waren, eingezäunt; auch Rctiradcn waren hergestellt. Als Redner war der Kandidat der Socialdcrnokratie, Genosse Pinkau, und der Reichstags-Abgeordncte Genosse Adolf Hoffmann-Berlin erschienen. Mindestens 500 Personen, darunter viele Frauen, hatten den Berg erklommen und füllten den Gipfel„als die Versammlung begann, und noch immer strömten neue Massen heran. Das Wetter hielt sich trotz drohender Schncewolkcn. Weit ins Gebirge hinein und über den unten im Thal sich hinstreckenden Ort hallten die Worte des Genossen Hoffmann, der Beifall weckte das Echo der um- liegenden Berge und Wälder. Als sich kein Gegner zur Diskussion meldete und Genosse Pinkau, der Kttndioat des Kreises, das Wort nahm, da wollte der Beifall kein Ende nehmen und auf allen Gesichtern las man die Worte:„Nur der Socialdemokrat ist der Unsre!" Einen überwältigenden Eindruck machte diese Versammlung dort oben zwischen Eis und Schnee— erinnernd an das Wort: „In den Bergen wohnt die Freiheit". Als die Redner dieser Versammlung nachher durch die Berge sich dem Zschopauer Bahnhof näherten, zeigte sich auf einer der Bergeshöhen bei Zschopau wiederum eine große schwarze Masse mitten im weißen Schnee; hier an derselben Stelle, wo im vorigen Sommer unser Bebel den Massen des Volkes den Socialismus verkündete, stand jetzt Wilhelm Stolle und feuerte die Massen zum neuen Kampfe an. Im ganzen Kreise herrscht ein so vorzüglicher Geist, eine solche Begeisterung, daß sicher der achtzehnte März wieder einen glänzenden Sieg der socialistischen Geistes- Revolution bringen wird.— Nachwahl in Lüneburg. Bei der Nachwahl im Wahlkreise Lüne- bürg, die infolge der Ungültigkeitserklärung der Wahl des national- liberalen Dr. Jänecke seitens der Kommission und der Mandats- niederlegung seitens Dr. Jänecke nötig wurde, erhielten nach den bisher vorliegenden Nachrichten: v. Wangenheim(Welfe) 9029, Dr. Jänecke(natly 7177, Fischer(Soc.) 3903, Dobberkau(Bund der Land- wirte) 2769 Stimmen. Es ist Stichwahl zwischen v. Wangenhcim und Dr. Jänecke erforderlich.— Europäer-Ucicnnut im Ausland. Die„Berliner Illustrierte Zeitung" bringt in ihrer Nummer 11 eine Illustration, die sie„Ein G ö t t e r s p a ß aus N i k k o (I a p a n)" betitelt. Der erläuternde Untertitel des eigenartigen Bildes lautet:„Frevelhafte Verkleidung eines Götzen in der berühmten Götzenallee von Nikko durch einen gut gelaunten europäischen Reisenden." Die Verkleidung besteht darin, daß man dem„Götzen" einen alten Rock um die Schultern gehängt, ihm einen ausgedienten Spazierprügel in den Arm gelegt und ihn: zur geschmackvollen Krönung eine Ballonmütze schief auf den Kopf gestülpt hat. Ein Leser unsres Blattes, ein Angehöriger bürger- licher Kreise, bemerkt zu diesem„Götterspaß": „Das Bild führt uns eine ekelhaste Verhöhnung eines Götzen durch einen„reisenden", d. h. wohl„gebildeten" Europäer vor. Mit welcher Gemeinheit ist das religiöse Empfinden eines fremden Volkes, das den Reisenden beherbergt, in den Schmutz gezogen. Wie mau auch zu religiösen Dingen stehen mag, es empört einem doch, zu scheu, in welcher Weise der Europäer, der sich in allem so turmhoch erhaben deucht, gegen andre— sogenannte niedere— Kulturen sich gehen läßt. Welches Geschrei unsrer Dunkelmänner würde sich erheben, würde ein Japaner— oder gar ein russischer Student!— sich in„gutgelaunter" Stimmung hinreißen lassen, ein Madonnenbild, einen Christus am Kreuz in ähnlicher Weise auszustaffieren. Ein Charakteristikum ist es, wie sich der Europäer draußen benimmt. Dieser verächtlichen Kinderei widmet dann oben- drein eine illustrierte Zeitung noch eine Aufnahme! Und wie auf religiösem, so wirken die europäischen Kultur- träger auf allen Gebieten. Und dann giebt es einen Chinafeldzug, einen Nachezug gegen die Hereros. Usw."— guslanck. Schweiz. Die soeinldemokratische Militärinitiative. Zürich, 12. März.(Eig. Ber.) Das Parteikomitee der social- demokratischen Partei der Schweiz hat in seiner am letzten Sonntag in Biel abgehaltenen Sitzung die vom letzten Parteitag in Ölten beschlossene 20 Millionen-Jni'tiative zur Einschränkung der Militär- ausgaben umgemodelt in eine solche zur Festsetzung von 7 Frank pro Kopf und Jahr für die Militärzwecke. Es ständen dann 23203000 Fr. gegen die ursprünglichen 20 Millionen zur Verfügung, wozu aber noch rund 2 Millionen Einnahmen aus der Militärpflichtersatz- Steuer kämen und die Gesamtsumme auf 250.1 Millionen steigen würde. Im Jahre 1902 betrugen die Militärausgaben 288/4 Millionen, die Ersparnis würde also rund 3 Millionen Frank betragen. Da aber die Ausgaben für die Militärversicherung und für das Militär- Sanitätswcsen überhaupt, ferner für die Unterstützung der Familien der verheirateten Dienstthuenden und auch für die Neubewaffnuug bei drohenden Verwicklungen ausgenommen sein sollen von jener Bindung und sie doch ebenfalls ein artiges Sümmchen ausmachen würden, so bliebe schließlich gar keine Ersparnis mehr, die Initiative würde sich als eine große Dupierung des Volkes erweisen und als ein Schlag ins Wasser. In der Parteipresse wird denn auch diese zu- gemutete neue„Militärinitiative" entschieden abgelehnt und angesichts der völligen Verpassung des günstigen Augenblicks das Fallenlassen des ganzen Planes verlangt. Das ist auch unsre Meinung. Es verlohnt sich nicht mehr der Mühe, 50 000 Unterschriften für ein so völlig verpfuschtes Projekt zu sammeln, die übrigens unter den jetzt obwaltenden Umständen, namentlich angesichts der verärgerten weitesten Parteikreise, kaum mehr aufzubringen sein würden. Ge- schähe dies aber, so wäre eine wuchtige Niederlage in der nach- folgenden Volksabstimmung sicher. Die unheilvolle„Diplomatie" in unsrer Partei, die Bremser und Flaumacher haben gesiegt. Möge der Vorgang keine schwere Schädigung der Partei im Gefolge haben!— Frankreich. Wahlabmachung zwischen Radikalen und Janrösiste». Paris, 12. März.(Eig. Ber.) Im Hinblick auf die bevor« stehenden Gemeindcwahlen hatte das Exekutivkomitee der„radikalen und socialistisch-radikalen Partei" der jaurösistischen Kammer- fraktion vorgeschlagen, übereinstimmend die Regeln der von den beiderseitigen Kandidaten in den Stichwahlen zu beobachtenden Disciplin festzustellen. Die genannte Fraktion übermittelte den Vorschlag dem auf dem Kongreß von Saint-Etienne neugeschaffenen Nationalrat der P. S. F.(bestehend aus dem Jnterföderalen Komitee und der Fraktion). Der Nationalrat hat nun folgenden Beschluß gefaßt: Im einzelneu wird die Entscheidung den Departements- föderationen überlassen, die allein befugt seien, die wahltaktischen Regeln anzuwenden. Dabei wird aber die„Ueberzeugung" aus- gesprochen, daß die Socialisten in der Stichwahl stets die in der Hauptwahl meistbegünstigten demokratischen und radikalen Republikaner gegen die nationalistische und klerikale Reaktion unterstützen würden. Ferner wird als das sicherste Mittel der Stichwahlverständigung empfohlen, beiderseits denjenigen Kandidaten zu unterstützen, der in der Hauptwahl individuell, für sich allein, die„leisten Stimmen erhalten hat,„ohne die notwendig willkürliche Gesamtsumme der auf die verschiedenen Kandidaten einer und derselben Partei gefallenen Stinimen in Betracht zu ziehen."— Die letztere Klausel will die bereits hier und da vorgekommenen Konflikte vermeiden, die eine Folge vielfacher focialistischer oder radikaler Kandidaturen waren, insofern der einzige individuell meistbegünstigte Kandidat der einen Partei weniger Stimmen erhalten hat als die vielfachen Kandidaten der andren Partei. Im übrigen hängt die praktische Bedeutung des ja ganz allgemein gehaltenen Beschlusses von den einzelnen jauresistischen Föderationen bezw. Wahlkreis- Organisattonen ab. Diese werden auch darüber zu beschließen haben, ob in der Sttchwahl dem Radikalen oder dem Kandidaten der revolutionär-socialistischen Partei der Vorzug zu geben ist.—_ Zevads gewählt.— Spanos Begnadigung. Paris, 14. März.(Eig. Ber.) In der Kammer-Stichwahl von Grenoble wurde Z ö v a ö s, ministerieller Socialist, mit 8009 Stinimen gewählt. Sein radikaler Gegenkandidat. Bergss, erhielt 5666 und ein Nationalist 1172 Stimmen. ZovaösWahl ist kein Sieg der ministeriell-socialistischen Partei,, denn er gehört zu derselben nicht, und sie hat ihn auch nicht unterstützt. Es ist vielmehr ein Sieg des„Blocs" über die vier radikalen oder links- radikalen Kandidaten, die durch ihre disciplinwidrige Nebenbuhler- schaff den bisher radikalen Sitz dem ministeriell-socialistischen Frei- schützen Zevaös in die Hände gespielt haben. Vor der Stichwahl kam »ach Grenoble persönlich der Vorsitzende des Exekutivkomitees der radi- kalen Partei, Abg.Lafferre, um dem Beschluß dieses Komitees zugunsten Zövaes Geltung zu verschaffen. Namens der„republikanischen Disciplin" wurden die vier radikalen Kandidaten aufgefordert, ihre Kandidatur zurückzuziehen, nachdem Zevaes in der Hauptwahl 5895 gegen 5092 Stimmen sämtlicher vier Radikalen erhalten hatte. Drei Kandidaten kamen der Aufforderung nach, der in der Hauptwahl unter den Radikalen meistbegünstigte Berges (1792 Stimmen) kehrte sich an den Beschluß der Parteileitung nicht. Er appellierte vielmehr an die bürgerlichen Republikaner aller Schattierungen gegen die„kollekttvistische Gefahr". Das Wahl- ergebnis zeigt, daß die klerikale Gefahr ein wirksamerer Sammlungs- ruf war. ZSvaös ist übrigens ein zuderlSssigerer Antiklerikaler und Ministerieller als seine radikalen Nebenbuhler. Die socialistische und gewerkschaftliche Agitation für die B e- gnadigung Spanos, des italienischen Arbeiters, der einen Werk- führer getötet, nachdem er von diesem aufs Pflaster geworfen worden war, hat einen bloß relativen Erfolg erzielt. Präsident L o u b e t hat den zum Tode verurteilten Arbeiter zu lebenslang licher Zwangsarbeit„begnadigt". Die bourgeoise Pariser Jury hatte ja dem durch Hunger zur Verzweiflung getriebenen Arbeiter keine„mildernden Umstände" zugebilligt, dieselbe Jury, die kurz vorher einem Zuhälter, der an einer reichen Dirne einen Raubmord begangen, das volle Matz ihrer Milde zugewendet hatte.— Spanien. Hunger aufstaitd in Balladolid. In Valladolid, der sonst so ruhigen Stadt, welche in der schönen Ebene am Pisucrga und am Kanal von Castilien liegt, herrscht seit Anfang dieses Monats grotze Unruhe. Die Lerteuenmg der Lebensmittel hat hier einen Aufftand heraufbeschworen. Hunderte von Menschen durch ziehen die Strotzen der Stadt. Eine Schar Frauen, von denen eine in der Hand eine weitze Fahne trug, auf welcher die Worte „pan y trabajo"(Prot und Arbeit) standen, begaben sich zum Biirgev meister und verlangten dort Arbeit für ihre Männer und Söhne wie auch gleichzeittg die Herabsetzung des Preises für die Nahrungs mittel. Das Haus des Bürgermeisters wurde mit Steinen bc worfen, Fenster zertrümmert:c. Die Polizei schritt ein. Mehrere Personen wurden verwundet. Zwei Personen starben bereits auf dem Wege nach dem Lassa eis soccoro(Unfallstation). Die Er bitterung ist sehr grotz. Der„Jmparcial" schreibt:„Die traurigen Ereignisse in der Hauptstadt Alt-Castiliens sind von grotzer Bedeutung. Wie ist es möglich, datz auch hier wieder Blut flietzcn mutz! Denn der Grund dieses Aufstandes ist in Wirklichkeit Hunger, Not und die trostlose Lage der Arbeiter, bei'denen in der That das Nötigste zum Leben fehlt.... Die Geschehnisse dort konnten wohl niemand in Erstaunen setzen, da wir in verschiedenen Gegenden Spaniens und besonders im edlen Castilien, dem Herzen des Vater- landes, gesehen haben, wie das Elend immer mehr und mehr gärte. Die Gärung hat nun die Explosion verursacht. In Valladolid giebt es mehr als 2000 Tagelöhner ohne Beschäftigung und mehr als 4000 im übrigen Teil dieser Provinz. Früher wurden aus Spanien nur ausgewählte Produkte ver- sandr, während heute alles bis auf die Kartoffel den Weg über die Grenze findet. Die Teuerung ist unglaublich und macht das Leben des Volkes beinahe unmöglich. Wenn auch vor dem Rathause 0000 Brote verteilt worden sind, so ist das keine Hilfe. Senor Alba kennzeichnete mit einem Satze die ganze Lage des Elends:„Es ist nicht, datz das Brot teuer ist, wenn es 30 Centtmos kostet, es ist datz der Arbeiter wie Tagelöhner keine Beschäftigung, keine Arbeit während des ganzen Winters hat und somit auch nicht die 30 Centtmos um Brot zu kaufen." Dieses ist das ganze Problem." Wer die wirklichen Zustände der arbeitenden Klaffe in Spanien kennt, kann sich nur der Ansicht des spanischen Blattes anschlietzen.— England. Bestcncning der Bodenwerte. London, 12. März.(Eig. Ber.) DaS Unterhaus nahm gestern in zweiter Lesung eine Vorlage an, die als die Einleitung zu einer Reform der Bodenbesteuerung gelten darf. Die Vorlage wurde von den Liberalen eingebracht und bezieht sich auf unbenutzten städttschen Grund und Boden, der bis jetzt nur einer ganz minimalen Steuer unterworfen war. Städttsche Grundbesitzer lietzen zuweilen ihren Boden unbebaut, um auf hohe Verkaufspreise zu spekulieren. Infolge des Anwachsens der städtischen Bevöllerung wuchs der Wert des Bodens von Jahr zu Jahr, aber die Besteuerung blieb die alte, da die Steuerbehörden keine Beftignis hatten, denBoden neu einzuschätzen. Die gestern in zweiter Les ung angenommene Bill giebt ihnen diese Befugnis und bestimmt gleichzeitig, datz der Jahreswert des Bodens auf 3 Proz. des(jeweiligen Verkaufspreises einzuschätzen und dem- gcmätz zu besteuern sei. Diese Reform wird ohne Zweifel den Bau von neuen Häusern fördern und die Wohnungsnot mildern. Andrerseits wird befürchtet, datz die Bauunternehmer nunmehr den Raum besser ausnützen und den Bewohnern nicht so viel Licht und Luft lassen werden, wie sie jetzt in englischen Häusern genietzen. Diese Befürchtung wird zwar von den Reformern geteilt, sie meinen indes, datz gute städtische Bauordnungen derartigen Uebeln vorbeugen löiuiten.—_ Die Erfolge der preutzischen Ansiedlnngspolitik iu den Ostmarken. Vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts in Posen wurde der Belcidigungsprozetz gegen den Chefredakteur der„Poscner Ztg.", Hans S ch a ck, den Chefredakteur des„Goniek Wiclkopolski", Johann v. P o l e s k i, den Chefredakteur des„Kurier PoSznanski", Cczlaus D e s p e r a k gestern zu Ende geführt. Die erste Verhandlung fand am 8. März statt und wurde, wie wir zur Zeit mitteilten, vertagt. Wie noch erinnerlich sein dürfte, waren seiner Zeit dem Verleger mehrerer polnischer Zeitungen, u. a. auch der„Praca", dem früheren Güteragenten Biedermann und dessen Chefredakteur v. R a- k o w s k i während ihrer Haftzeit im Centralgefängnis zu Wronke verschiedene unzulässige Vergünstigungen zu teil geworden, die in eineni kürzlich verhandelten Bestcchungsprozch zu der Verurteilung der schuldigen Beamten geführt haben. Diese Vorkommnisse ver- anlatzten den Hauptangeklagten Chefredakteur Schack zur Vcröffent- lichung eines Leitartikels in der„Posener Ztg.". in dem die Be- hauptung aufgestellt wurde, datz die Liebedienerei vor dem Polen- führer Biedermann seitens königlicher Beamten in Wronke nur eine Teilerscheinung eines allgemeinen Wcttkriechens der Beamten in der deutschen Ostmark vor dem Grotzpolentum sei. Die Mitangeklagten polnischen Redakteure hatten den Artikel in ihre Blätter übernommen. Der Strafantrag war von dem Obcrpräsidenten der Provinz Posen, dem Provinzial-Schulkollegium, der Provinzial-Stcuer- direktion, dem Präsidenten der Ansiedlungskommission, der Eisen- bahndirektion, dem Regierungspräsidenten, den Beamten des Ober- Präsidiums und dem Polizeipräsidenten für Posen gestellt. Ucber den Ausgang des Prozesses wird aus Posen gemeldet: Die hiesige Strafkammer des Landgerichts verurteilte heute den Chefredakteur der„Posener Ztg.". Schack. wegen Be- leidigung von Beamten, begangen in einem Artikel, den „Fall Biedermann" betreffend, zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten. Zwei Mitangeklagte Redakteure polnischer Zeitungen wurden wegen Abdrucks des Artikels zu je HO Mark Geldstrafe verurteilt. Gerichts Leitung. Schwesternpflege vor Gericht. In Hamburg begann Montag der Prozetz gegen den Redakteur Karl Cleemann aus Köslin, den früheren Rechtsanwalt Dr. August Roosen aus München, den Schrift- steller Karl Lembke aus Berlin und den Fabrikanten Chemiker Dr. Sandotv aus Hamburg. Der Prozetz ist eine Folge der im Jahre 1902 in Berlin erschienenen Broschüren:„Mädchenopfer, die Schwesternpflege an Männern"; eine Anklageschrist und ein Mahn- wort an Eltern und Erzieher", und„Unter dem Deckmantel der Barmherzigkeit", deren Erscheinen seiner Zeit einen Sturm der Enttüstung hervorrief, und in denen vor allem die Leiter der Hamburger Staats-Krankenanstalten Professor Dr. Lcnhartz und Dr. Deneke, sowie die Schwestern des Schwesternheims für die Hamburger Staats-Kranlenanstalten auf das schärfste angegriffen wurden und zwar beide Teile in Bezug auf ihre angeblich höchst laxen Anschauungen betreffs Sittlichkeit und Schamhafttgkeit. war behauptet worden, datz auf der Männerstatton manchmal ganz junge Lehrschwestern von kaum 18 Jahren die für ihr Alter ungeeigneten Verrichtungen an nackten männlichen Kranken vornehmen mutzten. Als nun die Ausschutzmitglieder von den leitenden Aerzten in den Anstalten umhergeführt wurden, stellte es sich heraus, datz merkwürdigerweise die Verteilung der Schwestern auf die Männer- und Frauenabteilung am Tage der Untersuchung so glücklich war, datz sich ein Mitglied der Kommission zu dem aller- seits beifällig aufgenommenen Ausspruch berechtigt fühlen durste: „die Sache sei für ihn entschieden; das reife Alter in Verbindung mit dem Mangel an Reizen der Schwestern auf den Männer- stationen lasse die Gefahr unsittlicher Gedanken als absurd er- scheinen". In diesen Sätzen sollte die Behauptung liegen, datz die Untcrsuchungskommission absichtlich getäuscht sei, indem für den Tag ihres Erscheinens eine von der sonst üblichen Art der Ver- Wendung der Schwestern abweichende Verteilung derselben auf die Krankcnstattoncn vorgenommen sei, durch die bewirkt sei, datz auf den Männerstationen nur solche Schwestern angettoffen seien, ftir welche nach ihrem Alter und ihrem Aeutzern eine sittliche Gefahr aus Anlatz der Behandlung männlicher Kranken völlig ausgeschlossen erschienen sei. Alle fünf Angeklagten hatten sich wegen der in den Broschüren beziehungsweise dem Zeitungsartikel aufgestellten Be- hauptungen bereits im Juni vorigen Jahres vor Gericht zu ver- antworten, und es erfolgte damals nach kurzer Verhandlung ihre Verurteilung zu kleinen Geld- beziehungsweise Haftstrafen. DaS ergangene Urteil wurde jedoch vom Reichsgericht auf- gehoben, da eine Beweisaufnahme über die in den Broschüren aufgestellten Behauptungen nicht stattgefunden hatte. Nachdem dieser nunmehr in ausgedehntem Matze Raum gegeben worden ist, nahm die Verhandlung gestern unter grotzem Andränge des Publikums ihren Anfang. Vor Eintritt in die Verhandlung beantragten die Verteidiger die Verweisung der Sache an das Berliner Gericht, da die Broschüren in Berlin erschienen seien. Vor Eintritt beantragten jedoch Rechtsanwalt Dr. Goldfeld und der Angeklagte Dr. Roosen die Ablehnung des Vorsitzenden Nichters Dr. v. Bergen sowie der bei- sitzenden Nichter Dr. Frommheim und Dr. Hasstedt wegen Besorgnis der Befangenheit. Die Genannten waren Teilnehmer der vorigen Verhandlung. Dr. Roosen bemerkte zu seinem Antrage, er nehme an, datz eine Parteilichkeit eintreten könne. DaS Gericht ver- warf nach circa anderthalbstündiger Beratung das Ablehnungsgesuch. Darauf wird unter Vorsitz deS Landrichters Dr. v. Bergen um 4 Uhr nachmittags in die Verhandlung eingetreten. In dem Eröffnungs- beschlutz wird den Angeklagten zur Last gelegt, datz sie am 6. Februar 1902 in den genannten Broschüren nicht erweislich wahre Thatsachen behauptet hätten, die geeignet waren, die Einrichtungen in den Hamburger Krankenhäusern verächtlich zu machen und in der öffcnt- lichen Meinung herabzusetzen. Zunächst wird der Angektagte Re- dakteur Cleemann aus Berlin vernommen, der von dem Manuskript nicht eher Kenntnis gehabt haben will, als bis es in Korrektur war. Der Angeklagte behauptet, datz er an der Abfassung der inkriminierten Broschüren unbeteiligt gewesen sei.— Angeklagter Schriftsteller Lembke-Berlin bekennt sich nicht als Verfasser; er will der Broschüre fernstehen, habe aber gegen eine Entschädigung 'einen Namen dazu hergegeben.— Angeklagter Dr. Sandow- Hamburg schilderten iebt an,' dätz er die in der Broschüre ge- fälle von Gewährsleuten gehört hätte und darauf mehrere Annoncen in auswärttgen Zeittlngen erlassen hätte, in denen er einen Bearbeiter des Materials suchte. Er sei überzeugt gewesen, datz die Verhältnisse unbedingt einer Rcmcdur bedürften, und habe sich im Interesse der guten Sache mit der An- gclegenheit besaht. Auf seine Kosten habe er eine Broschüre drucken lassen, ohne datz er je die Absicht hatte, jemand zu beleidigen. Die ganze Sache habe ihm über 20000 M. gekostet. Der Augeklagte Dr. Roosen schildert die Verbindung, in der er mit Dr. Sandow stand, die Vorarbeiten und die Herausgabe der Broschüren. Hierauf wird die Verhandlung bis Dienstag vertagt, wo in die Beweisaufnahme eingetteten werden wird. Versammlungen. Ucber den Heimarbeiterschutz-Kongreft erstatteten'die Delegiertinnen Ottilie Baader und Klara Zetkin Bericht in einer öffentlichen Versammlung, die am Montag in den Arminhallen wgte.— Fräulein Baader teilte Einzelheiten aus den Verhandlungen des Kongresses mit, sie fügte dem noch einige von ihr selbst beobachtete Fälle hausindustriellen Elends im Mcininger Oberland hinzu und betonte, datz es dringend notwendig ist, die Heimarbeiter durch gesetzliche Matznahmen vor der krassesten Aus- beutung zu schützen.— Klara Zetkin führte unter anderm aus: Der Kongrctz habe das längst bekaimite Elend der Heimarbeit be- leuchtet. Wenn seither nichts gcthan wurde, um die furchtbaren Mitzstäude, welche die Heimarbeit im Gefolge hat. zu bekämpfen, so liege das nur daran, datz es denen, welche'die Macht haben, dem Uebcl zu steuern, an gutem Willen fehlt. Wir würden es mit Freuden begrüßen, wenn die Heimarbeit in der heutigen Gesellschaft beseitigt werden könnte. Aber die kapitalistische Gesellschaft, die ja nur vom Profit lebt, sei unfähig, eine zurückgebliebene Betricbsform durch eine höhere, die weniger Profit verspricht, zu ersetzen.— Auf dem Kongreß seien die Vertreter der Gewerkschaften und der Socialisten darm einig gewesen, daß alle Matznahmen, die zum Schutz der Heimarbeiter ergriffen werden, darauf hinauslaufe� müssen, daß die Heimarbeit für den Unternehmer nicht mehr profitabler ist, wie die Fabrikarbcit, und daß so die Heimarbeit beseitigt werde. Eine andre auf dem Kongreß vertretene Richtung habe die Bei- beHaltung der Heimarbeit befürwortet, um den Frauen Gelegenheit zu geben, neben der häuslichen Arbeit erwcrbZthätig zu sein, und um auch schwächlichen Personen. Halbinvaliden usw. ein Arbeitsfeld zu sichern. Der erste Gesichtspunkt, die Rücksicht auf die Frauen, sei deshalb hinfällig, weil die Heimarbeit durch überlange Arbeits- zeit, Ausbeutung der Kinder usw. das Familienleben in höherem Maße zerstöre wie die Fabrikarbeit. Was die Rücksicht auf Krüppel und Halbinvalidcn betrifft, so sei es verwerflich, diese der kapitalisti- scheu Ausbeutung zu überliefern. Möge die kapitaliftifchc Gesellschaft dafür sorgen, daß ihre Opfer in andrer Weise versorgt werden.— Mit Unrecht habe Professor S o m b a r t es als eine neue und be- dcutsame Erscheinung betrachtet, datz auf dem Kongreß verschiedene sociale Richtungen tagten. Schon der Züricher Kongreß habe ver- schiedene Richttingen vereinigt. Wenn jetzt socialdemokratische Arbeiter bürgerliche Socialreformer zur Teilnahme am Kongrctz ein- luden, so haben die Socialdcmokraten ihre grundsätzliche Stellung dadurch nicht im mindesten geändert. Sie haben die bürgerlichen Socialreformer eingeladen als Mitarbeiter, aber nicht als Führende. und noch viel weniger als Verführende, die die Arbeiter von dem Boden ablenken, den sie infolge ihres Klassenbewußtseins einnehmen. — Tiefgehende Gegensätze in der grundsätzlichen Auffassung über den Gegenstand der Verhandlungen habe der Kongreß nicht ergeben. Um so mehr sei es zu verurteilen, datz Professor Sombart die Ge- schmacklosigkeit beging, von den Radikalen mit dem vierfachen R zu reden. Diese Bemerkung sei nicht nur geschmacklos, sondern auch sachlich unbegründet gewesen.— Wenn wir nun nach dem greifbaren Resultat des Kongresses fragen, so laute die Antwort: Von den ge- sctzgcbendcn Gewalten werden wir für den Heimarbciterschich ebenso- wenig zu erwarten haben wie bisher. Es sei nicht zu bedauern, datz kein Regierungsvcrtrcter auf dem Kongreß anwesend war. Dadurch seien denen, die von dem Wohlwollen und der Einsicht der Herrschenden etwas Besonderes erwarten, die Augen geöffnet worden.— Das praktische Resultat, welches der Kongreß geliefert habe, sei seine auf- rüttelnde Wirkung auf die Arbeiter selbst. Das gewerkschaftlich organisierte Proletariat werde für den Schutz der Heimarbeiter ein- treten und so werde durch einen Druck von außen auf die Gesetz- gcbung eingewirkt werden. Das gewerkschaftlich organisierte Prole- tariat werde auch dadurch in den Kampf gegen die Heimarbeit ge- trieben, weil diese die Lage der Fabrikarbeiter drückt. Der Kongreß habe auch gezeigt, datz die Heimarbeiter infolge ihrer äutzerst gf» drückten Verhältnisse unfähig seien, am Befreiungskampfe des Prole- tariats teilzunehmen. Es gelte, diese dumpfe und stumpfe Matze aufzurütteln, zunächst zur Empörung gegen ihr Sklavenlos, um sie dann zu bewußten Kämpfern für unsre Ideen zu erziehen.— Hinsichtlich dessen, was der Kongreß festgestellt hat, könne er als ein Prüfstein für unsre programmatische Auffaffung gelten. Die auf dem Kongreß vorgebrachten Thatsachen haben die Verelendungstheorie, wie sie Marx aufgestellt hat, in vollem Umfange bestätigt. Es sei bewiesen, daß große Schichten des Proletariats infolge der kapitalisti- schen Entwicklung der fortschreitenden Verelendung anheimfallen. So sei durch die Arbeiten Stillichs festgestellt, daß die Verhältnisse der Heimarbeiter in Thüringen heute noch viel schlechter sind wie vor 20 Jahren, als sie durch die bekannten Schriften Sachs' beleuchtet wurden.— Für den Kampf gegen das Heimarbeiter-Elend können wir unsre Hoffnung auf das klassenbewußte Proletariat setzen, aber nicht auf die bürgerlichen Socialreformer, die übrigens nur ganz wenige aus dem bürgerlichen Lager hinter sich haben._ Das Gewissen der Herrschenden wird nicht geweckt durch die Arbeit der Socialreformer, auch nicht dadurch, daß man ihnen das Elend der Heimarbett vor Augen führt. Dergleichen vergessen diese Leute sehr bald. Wenn wir auch den guten Willen der bürgerlichen Social- resormer anerkennen, unsre Losung muß sein, von dem festen Bodcn unsrer socialdemokrattschen Ueberzeugung aus die Heimarbeit mit aller Kraft zu bekämpfen. Tie Ausführungen sowohl der Genossin Baader wie der Ge- nossin Zetkin wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In der Diskussion trug eine Rednerin Einzelheiten aus der Berliner Konfektionsindusttie vor, um zu zeigen, datz die Unternehmer sogar die Krankenkaffen-Beittäge auf den Stücklohn der Heimarbeiter ab- wälzen, indem sie den Lohn entsprechend kürzen. Im Anschluß daran führte Frau W e n g e l s aus, daß die Ausdehnung der Alters- und Jnvaliditätsversicherung auf die Heimarbeiter eine dringende Notwendigkeit ist._ Eine öffentliche Tapcziercrversammlung, einberufen vom Vertreter des Vereins der Kleber, fand am Dienstag bei Feuerstein statt. Sie war dazu bestimmt, zwischen den Mitgliedern des Vereins und denen des Centralverbandes eine Aussprache über die Organisationsform herbeizuführen. Vom Verband war jedoch niemand erschienen, weil, wie der Einbemfer Strasser mitteilte, die Berbandsleitung durch die Vertrauensleute die Mitglieder hatte auffordern lassen, die Ver- sanlmlung nicht zu besuchen. Der angekündigte Referent Fritz Kater konnte wegen Krankheit nicht erscheinen, an seiner Stelle sprach K l e i n l e i n über die Frage: Warum mutz die Gewerkschafts- bewegung s o c i a l i st i s ch sein? Der Redner verurteilte die politische Neutralität der Centtalverbände und erklärte unter anderm, datz eine Arbeiterorganisatton, die nicht Politik treibe, eigentlich gar kein Recht habe zu bestehen, nannte jedoch andrerseits die parla- mentarische Arbeit Flickerei, die die Leiden der Arbeiterklasse ver- längere, und wies auf die Bedeutung des wirtschaftlichen Kampfes hin. In der Diskussion wurde weiter darüber geklagt, datz sich so- wohl in der Gewerkschaftsbewegung als auch in der politischen eine grotze Lauheit geltend mache. Eine öffentliche Versammlung der GastwirtSgehilfen tagte am Donnerstag in den Arminhallen. In seinem Bericht über die Thätigkeit der Fachkommission giebt P o c tz s ch seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß die Beschlüsse, die auf dem Fachkongrcß 1900 gefaßt sind, von reinen in Betracht kommenden Vereinen außer dem Verbände deutscher Ga st Wirtsgehilfen gehalten worden sind. Das Besttcben der Fachkommission ging dahin, die privaten Stellenvcrmittler zu bekämpfen durch Einführung des kosten- losen Arbeitsnachweises, jedoch steht heute der Stellenwucher beim Genfer Verband wie beim Deutschen Kellnerbund in schönster Blüte. Auch auf dem Gebiete der Arbeiterschutz- bestrebungen kann man von diesen beiden genannten Vereinigungen nichts erwarten, denn die Mitglieder dieser„Auchgehilfen-Vereine" sind zum großen Teile Gastwirte, welche die Bundesrats-Verordnung betreffend die Ruhepausen im Gaslwirtsgewerbe mit allen Mitteln bekämpfen. Unter diesen Umständen kann von einem einheitluhen Zusammenarbeiten keine Rede sein, und empfiehlt Redner die An- nähme folgender Resolution: „Die heute, an? 10. März 1904, in den Arminhallen tagende allgemeine Versammlung der Gast Wirtsgehilfen Berlins erklärt: Die vom allgemeinen Fachkongretz beschlossene, unter Be- teiligung der in Berlin verttetenen Gehilfcnverbände und Lokal- vereine ins Leben gerufene Fachkommission ist aufzulösen und ztoar aus folgenden Gründen: Eine ersprießliche Thätigkeit vermag eine solche, aus Verttetern der verschiedensten Richtungen zusammengesetzte Körperschaft nur dann und nur so lange auszuüben, als sie das volle Vertrauen aller ihr angeschlossenen Verbände besitzt. Diese unerlätz- liche Vorbedingung allen gemeinsamen Handelns ist durch die fort- gesetzten Angriffe und Verdächtigungen einiger Fachblätter, wie „Hotel Revue" und„Verband"' und der Verwaltungen verschiedener Gehilfcnverbände zerstört worden. Noch mehr ist das einheitliche Vorgehen gehemmt durch den Umstand, datz die oben bezeichneten Gehilfenvereinigungen, namentlich der„Deutsche Kellner- b u n d" und„Genfer Verbau d". die Kongretzbeschlüsse nicht zur Durchführung bringen bezw. nicht aufrecht erhalten. Bei dem gegenwärtig herrschenden Mißtrauen und den verhetzenden Tendenzen der obenbezcichncten Organe ist vorläufig an eine gemeinsame Weiter- arbeit nicht zu denken und muß es daher den einzelnen Verbänden überlassen bleiben, selbständig vorzugehen." In der Diskussion regt Polier an. eine Agitationskommission zu wähle», um nicht ganz die Fühlung mit den einzelnen Vereinen zu verlieren. Dem gegenüber erklärt Ströhlinger als Ver- tretet des Verbandes deutscher Gastwirtsgehilfen, daß hiervon absolut keine Rede sein kann, da der Verband nicht gewillt ist, sich in seinen Bestrebungen, auch den Angestellten im Gastwirtsgcwcrbe ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen, hemmen zu lassen. Darauf wurde die eingebrachte Resolution einstimmig angenommen. Ebenso eii? Antrag, den Kassenbestand der Fachkommission dem General- fonds des Verbandes deutscher Gastwirtsgehilfen zu überweisen. Letzte IVachrichtcn und Dcpclcben. Der Selbstmord des Generals v. Alten. Wiesbaden, 15. März.uid wenn sie davon Gebrauch macht, so ist es lediglich Sache des Gerichts, darüber zu entscheiden, ob Gefahr im Verzuge ist. Mir als Minister liegt es ob, die Polizeibeaniten zu instruieren, daß sie die Gesetze zu befolgen haben, und diese Instruktionen erfolgen fortlaufend; namentlich über die schwierige Materie der Haussuchung werden die Polizeiorgane fortlaufend insttuiert. Abg. Stychel(Pole): Die polnischen Polizeibeamten bedürfen einer Instruktion über die Gesetze umsomehr, als es meist wenig sorgfältig ausgebildete Elemente sind. Ein Distriktskommisfar von R. in Posen behandelte die Polen, mit denen er im Bureau aintlich zu thun hatte, in ver- ächtlichster Weise, spie ihnen ins Gesicht und setzte sie vor die Thür, wenn sie nicht deutsch sprechen konnten. Dieser Beamte blieb jähre- lang im Amte; er wurde erst entfernt, nachdem sein Verfahren vor Gericht gebrandmarkt worden war. Das ist typisch für � das System der preußischen Polizciwirtschaft I'(Bravo! bei den Polen.) Minister Frhr. v. Hammerstrin: Ich muß die Angriffe auf unsre Beamten im Osten aufs schärsste zurückweisen. Unsre Polizeibeamtei? sind mit den? richtigen nationalen Geist, den ich von ihnen verlange, erfüllt und ver- fahren nach Recht und Gesetz. Daß mal einer über die Stränge schlägt, ist selbstverständlich; das kommt überall bor, arich in der Geistlichkeit und beim Militär. Aber solche Fälle sind nicht typisch, wie Herr Stychel sich zu sagen erlaubte, sondern eine Anonnalität. Ich hätte erwartet, daß Abg Stychel der Regierung seinen Dank für die Entfernung jenes Distriktskommissars ausgesprochen hätte; statt dessen beklagt er sich, daß der Beamte überhaupt da gewesen ist. Uebrigens ist die Sache schon über zwei Jahre her. Auf freundliche Beschwerden der Polen werde ich stets höflich antworten; einem polnischen Abgeordneten, der mich freundlich grüßt, werde ich ebenso freundlich mit„Dzien dobre!"(Guten Tag!) antworten.(Große Heiterkeit.) DaS Kapitel wird bewilligt. Beim Kapitel„Landgcndarmerie" tritt Abg. Baenfch-Schmidtlein/, Uhr, bei Wahrendorf. Schloßstr. 117, seine rcgcluk&ßige Vereinsversammlung ab. Herr Schriftsteller Baege wird in derselben einen Vortrag hallen. Herren sowie Damen, als Gäste, haben Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Allen Freunden und Bekannten die traurige NachAcht, daß mein inniggclicbtcr Mann, unser guter Vater, der Schankwirt Etäuard Ende im Alter von 46 Jahren am 14. März, srüh 4 Uhr, plötzlich verstorben ist. 26446 Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 17. März, nach- mittags 3 Uhr, vom Trauerhause, Hochstr.28, aus nach dem Elisabeth- Kirchhose, Prinzen-Allee, statt. Dies zeigen tiesbetrübt an R-au Ende nebst Tochter. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unsrer guten Mutter EU-mdetli Schiller geb. Melang sagen wir allcnVerwandten, Freunden und Bekannten unsern herzlichsten Dank. 2656b Karl Schiller nebst Kindern. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und iie zahlreichen Kranzspenden bei der Zeerdigung meines lieben Mannes, msreS lieben Vaters sagen wir allen Zcrwandten und Freunden sowie den tollegen vom Holzarbeiter-Verband >nd den iSeschastskollegen unsern erzlichsten Dank. 4546L Witwe Albertine Seiler nebst Kindern�_ jür die zahlreichen Beweise herz- jer Teilnahme bei dem Hinscheiden , eines inniggeliebten Mannes, den euren Vater meines Kindes Hermann Schröder ige ich aus diesem Wege allen Freunden Bekannten, namentlich den Kollegen eS Holzarbeiter-Verbandes meinen migstcn Dank. Wims Schröder, geb. NielaS, nebst Sohn Erich, Klopstockstraße 29. Danksagung. Für die vielen Beweise ausrichtiger Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich allen, ins- besondere dem Gesangverein„Hosf- nung", Friedrichsberg meinen besten Dank. 2654b Witwe Zimmermann. Wer billigst 1 Rolle v. 10 Pf. an in jedem Genre, wie hochelegant, neuesten stilvoll. kaufen will, verlange den Gratiskatalog von Chr. 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Ansang 8 Uhr._ Gebrüder Herrnfeld- Ansang TUan-f/yf Sonntags 8 Uhr. liiedlOr. 7 uhr. Heute und solgende Tage: Das Herrnseldsche tsensationSstück Ztur eine ZtaeiltI Zwei Akte aus einer Ehe. Vorher: Vollständig neuer Kllnstlertell! Schröder u. Denier, Tanz-Karikaturen. Erna Ernani, Vortragssoubretic. Martin Vallöe, Humorist. Hilda Stadthagen, Liederffängerin. Bendlx als Ronna Vanna. Edl Stadler, Alpen-Jodler-Phänomen. Billet-Vorverkaus 11—2 Uhr. Carl Weiss-Tbeater. («roste Frankfurter Straf, e 132. Zapfenstreich. Parodistische kleme Garnisonposse mit Gesang von Eva Bairlein. Vorher: ZweiFraue». Ansang 8 Uhr. Morgen dieselbe Vorst. Sonnabendnachm. 4 Uhr: Frau Holle. SieilH-�Iiieeler 2 I Linien- NaKX Oranien- strasse 132 burger Thor. Täglich 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Letzter Monat vor ihrer Gastspielreise nach Ruß- land— die vorzüglichen Frit�StMd�� Fröbels Alleriei-Theater st. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Donnerstag, den 17. März: Gastspiel der erfolgreichen Orxonscden Sänger. Vochellung: Freitaiiz. Ansang 8';. Uhr. Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraße 58. Heute Mittwoch, den 16. März 1904: Venellz-Extrs-Varstellung für Em inj- Behrends• Carlscn. Maria Magdalena. Ein bürgerliches Trauerspiel in drei Auszügen von Friedrich Hebbel. Stach der Vorstellung: Orossei* Ball. Palast-Theater Burgstraste 22, früher Feen-Palast. Benefiz sür den Kapellmeister DNo Antonius: Zanktettfelchen Operette v. Linderer. Mufik v. Koste. Die phänomenalen Specialitäten. Adila und Fatlma, das größte Wunder der Welt. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Donnerstag, den 17. März: Die- selbe Vorstellung. Austreten des Dir. Richard Winkler. Freitag: Große Elite-Vorftellung: Ultima. Luftspiel in 5 Akten von Gustav v. Moser. Achtung, Nereiue! F. Scholz's Festsäle mit Garten u. gr. TheaterbQhne 74 Gr. Frankfurterstr. 74 empfiehlt sich d. Vereinen zu Sommer- sesten, Theater-Vorstell. u. andr. Ver- gnügungen. Verjch. Sonnabende srei. Sonntag: Gr. Ball. Ansang 4 Uhr Achtung! _ Genossinnen« Genossen! Mittwoch, den 16. März, abends 8'/., Uhr, im Schönhauser Volksgarten, Schönhauser Allee 101/102: VoBks-Versammlung."Mk Tages-Ordnung: 1/8 Klara Zetkin üver-„Der Krieg w OSafieu und die 1. Vortrag der Genossin Interessen des prolttarmts". 2. Diskussion. Wir ersuchen, recht rege sür diese Versammlung zu agitieren. Die Vertraueuspersone«. IX. Berliner Saison.> Cirkus Busch. Xeu! X e u! Das letzte Wort! Miss Jacksons in einem Tempo. vorgeführt von Mr. Dattz�. Direktor Busch 16 Hengste. Eine Hirschjagd, ger. mit 20Voll- und Halbblutpserden. Zum 81. Male: Aus cksn Alpen. Bemerkenswert: Ver)ZutomobUstur2. Voranzeige: Große internationale Ringkampf- Konkurrenz um die Meisterschaft der Welt. Die Wetttämpse nehmen am 17. März ihren Ansang. keine erhöhten Preise! Yvette Guilbert Paulton u. Doley KomischeRadfahrer Kamevals-GeisterTanz-Divortissem. Imro Fox Zauberkünstler. Leo Billward Komischer Jongleur. Madeleine Noce ssngerm. Prosper-Truppe Akrobaten. Gostantino Bernardi Verwandlungsschauspieler. Lony Elastisch-equilibr. Akt. The Seidoms Plast Darstellungen, Biograph. I««»««»»»»«»«««»SSSl ! IGermania Prachtsälei Ehauffecstr. 103. Arnold Scholz Jeden Mittwoch: f($21 St»: S' - s erf = 2«1 o CSD i o n< Ansang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Borzugskarten haben Gültigkeit. Iteivks hallen Stettiner Sänger Die Berliner bei den Hereros. Burleske von Mehsel. Soüa JtausJraw versuche Yormbaum's Waschpulver ,iEurekac/z Uhr, in der„Berliner Ressource", Kommandantcnstr. 57; Oeffenfliehe Versammlung. Tages-Ordnung: 1.„Die neuesten Vorgänge in der Herren- Mastbranche-. Reserent: Kollege Kitter. 2. Diskusston. 3. Verschiedenes. Die Kollegen der Herren- Maßbranchc werden ersucht, zu dieser Ver- sammlung, welche cw Gesamtbild der gegenwärtigen Lage in unsrer Branche neben soll, zahlreich zu erscheinen. Die in den kaufmännischen und Versand- Geschäften thätigen Kollegen find hierzu besonders eingeladen. 182/10 Der Einbernfer. Soeialdemohratischer Wahlverein für Charlottenburg. Donnerstag, den 17. März, abends 8'/, Uhr, im„Bolkshanfe*, Rofinenstr. 3: M Mitglieder-Versammlung. Tages-Ordnung: 1..Die Bedeutung der Zoll- und Handelspolitik.- Reserent: Reichstags« Abgeordneter Förster-Hamburg. 2. Diskussion. 3. Vcreinsangelegenhciten. Gäste willkommen.— Für Frauen ist die Galerie reserviert. 250/3 Der Verstund. Utttiii socielhkmehr. Gaß-».SlHaiikivirie Berlins und Qmgegtnd. Die Niederlegung unsres Kranzes aus den Gräbern der Märzgefallenen findet am Freitag, vormittags 10 Uhr, vom Lokal des Kollegen Haselof. LandSbergerstraße 8, auS statt. Kollegen, welche sich beteiligen wollen, find sreundlichst eingeladen._ 69/4 Unsre nächste Versammlung findet am 25. März statt. Der Vorstand. I. A.: Ferdinand Ewald. Gegen Monatsraten von 2 Mk. an liefern wir Musikwerke oelbstspielende sowie Drohlnstrumento i mit anawecbael- baren 1 Metallnoten von 18 Mk. aufwärts. 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I» der Parteipresse werden seit einiger Zeit ivieder Erörterungen über Fragen der Parteitaktik angestellt. In der„Neuen Zeit" mit- wartete Äantsky in mehreren Artikeln unter dem Titel„Allerhand gievolntionäres" auf eine Kritik des Genossen Lusnia an seinen beiden Broschüren über„Die sociale Revolution". In den„Socia- listischen Monatsheften" behandelte David die Frage der Eroberung der politischen Macht in mehreren Artikeln und im badischen „Voltsfteund" erschienen im Anschluß an den badischen Parteitag einige Artikel unter der Ueberschrift„Gewalt oder Friedlichkeit", die den von David angesponnenen Faden weiterspinnen. Daran schließen einige vereinzelte Stimmen in der Parteipresse an. Im folgenden geben wir das Wesentliche aus den Erörterungen— soweit nötig mit kritischen Anmerkungen wieder. Der badiiche, V o! k s fr e u n d" hat sich die Ehrenrettung des „Revisionismus" zum Ziele gesetzt, wozu er sich durch eine auf dein badischen Parteitage angenommene Resolution veranlaßt sieht, die das Verlangen ausspricht, der„Volksfreund" möge in Zukunft im Geiste der Beschlüsse des Dresdener Parteitages redigiert werden. Er wendet sich. Ivie früher schon, wieder gegen Kautsky mit der Be- hauptung. dieser habe in seiner Dresdener Rede unsre bisherige Taktik falsch interpretiert und citiert zum Beweise dafür folgenden Satz aus der Rede: „Unsre bisherige Taktik ging dahin, daß wir immer rück- sichtslos vorwärts drängten, daß wir dadurch die Gegensätze zu den herrschenden Klassen immer mehr erweiterten, daß wir mit jedem Zuwachs an Macht unsre Gegner immer mehr erbitterten, so daß wir schließlich Zuständen entgegentreiben, wo eS eine große Entscheidung giebt, bei der wir gezwungen sind, den Gegner niederzuwerfen und ihm die politische Macht abzunehmen." Aus diesem Satze schließt er in vollständiger Verkeunung dessen, was Kautsky wirklich gesagt hat, daß dieser zielbewußt auf die Katastrophe hinzuarbeiten wünsche mit der Absicht, die Gegner immer mehr zu erbittern und den Konflikt zuzuspitzen. Der„Volks- freund" übersieht, daß es zweierlei ist. etwas für unvermeidlich halten und etwas herbeizuführen suchen. Kautsky bezeichnet nur das rücksichtslose Vorwärtsdrängen nach unsre ni Ziele als dqs Wesen unsrer bisherigen Taktik, die Erbitterung der Gegner und die schließliche Katastrophe jedoch als die bedauerliche aber unvermeidliche Folge unsres Vorwärtsdrängeus. Das hat er übrigens in Dresden selbst ausdrücklich gesagt; man darf nur das Citat noch ein wenig sortsetzen, dann wird das sofort klar. Kautsky fährt nämlich fort: „Das war unsre bisherige Taktik. Es giebt aber eine Reihe von Genossen, denen vor solchen Zuständen graut, die solche Konflikte zu mildern und darum herumzukommen suchen. Wenn wir darum herumkommen könnten, wenn es einen ander» Weg gäbe, so würde es uns sicher allen recht sein." Weit entfernt also, den Konflikt zu wünschen, sieht Kautsky nur dem nach seiner Meinung bei weiterem rücksichtslosen Vorwärts- drängen der Partei unvermeidlichen Konflikt ruhig ins Auge und stellt sich in Gegensatz zu andern, die zwar auch das Ziel wünschen, aber aus Angst vor denz Konflikt einer Taktik das Wort reden, von der sie hoffen, daß bei ihrer Anwendung die bürgerliche Gesellschaft sanft und ruhig gleichsam im Schlaf ihr Ende finden werde, ohne es selber zu merken. Der„Volksfteund" entwickelt dann die Taktik der reinen „Reform" in der bekannten Weise und widmet sehr viel Worte der AuSeinandersetzuug, daß gewiß preußische Scharfmacher den, Prole- tariat und seinen Rechten an den Kragen möchten, daß sie es aber nicht thun werden, tveil sie nicht wüßten wie. Das Proletariat sei einmal auf alle Fälle eine Macht, mit der man rechnen müsse usw. Von dieser Macht erzählt im Märzheft der„Socialistischen Monatshefte" Genosse David, daß sie gegen Staats- streiche und Gewaltanwendung kein andres Mittel hat wie— stillhalten. Dieser Arttkel ist der Schluß einer Serie von Arttkeln, die unter ungewöhnlich großem Aufwand von Citaten dem Nachweise gewidmet sind, daß zwischen der bisherigen Taktik der Partei und der von Davids Gegnern verfochtenen Theorie ein Widerspruch klafft und worin er außerdem nachgewiesen zu haben glaubt, daß die Gegner seiner Auffassung in unheilbarer Inkonsequenz zwischen Reform und Entwicklung heute und Revolution und Kata- ftrophe morgen hin- und herschwanken. Er macht das ebenso wie der badische„Volksfreund", indem er Aeußcrungen, die nur die Er- Wartung eines Gewaltstreiches der herrschenden Klasse aussprechen, so deutet, als ob sie den Wunsch und das Streben nach einer Kata- strophe ausdrückten. Er benützt z. B. neben vielem andren denselben Satz aus Kautskys Dresdener Rede, den der„Volksfreund" benutzt, und deutet ihn ebenso wie dieser aber in noch schärferer Formulierung, indem er schreibt: Die Geschichte eines Buches. Eine Unterredung mit deni Bilse-Verleger von Alfred H. Fried. Wien, im März 1904. Das berühmt gewordene Buch des Lieutenants Bilse bedeutet den größten Bucherfolg, den der östrcichische Buchhandel überhaupt zu verzeichnen hat. Während es sonst eine bekannte Thatsache ist, daß dem östreichischcn Büchermarkt der Absatz in Deutschland so gut tvie verschlossen ist, ist hier eine ganz enorme Ausnahme von der Regel zu verzeichnen. Das Bilse-Buch hat bis jetzt einen Absatz von 130 000 Exemplaren zu verzeichnen, womit es die übrigen Sensationen des Jahres, den Bcyerlciuschen Roman„Jena oder Sedan?" und die „Briefe, die ihn nicht erreichten" um ein Bedeutendes geschlagen hat. Von diesen 130 000 Exemplaren sind trotz'des Verbotes, oder vielmehr gerade infolge dieses Verbotes, nicht weniger als 70 000 Exemplare direkt nach Deutschland gegangen. Die Sendungen erfolgten zunieist auf direkte Bestellung beim Wiener Verleger und gingen als verschlossene Briefe oder eingeschriebene Kreuzbänder über die Grenze, vielfach aber auch in Postpaketen und Ballen, die bei der Ankunft die Zoll- revision zu passieren hatten— wenigstens in der ersten Zeit— diese vielfach unbeanstandet passierten. Erst in neuerer Zeit scheinen die Behörden auf den in großem Stil gchandhabten Bilse-Schmuggel, der nicht nur von dem Wiener Verleger allein ausgeht, sondern auch von einer ganzen Anzahl östreichischcr Buchhandlungen mit Eifer bc- trieben wird, aufmerksam geworden zu sein. In Dresden scheint eine besondere Unters nchungs- station auf Bilse-Konterbande bei dem dortigen karser- lichen Postamt am„Abstellbahnbof" eingerichtet zu sein. Alle aus Oestreich kommenden Bilse-verdächtigen Sendungen werden dorthin dirigiert und angehalten. In einem von dort herrührenden, merk- würdigerweise mechanisch vervielfältigten. Schreiben wurde dem Wiener Verleger kürzlich die Mitteilung gemacht, daß die in einer Beilage näher angeführten Postsendungen sungefähr 200 rekommandierte Kreuzbandsendungen nach den verschiedensten Städten des Reichess auf Beschluß des Berliner- Landgerichts I in Dresden angehalten und der Staats- anwaltschaft jenes Berliner Landgerichtes übermittelt wurden. Die Berechligung zu dieser Maßnahme wird von Wiener Juristen be- stritten. Solange das Buch in den Händen der Postanstalten ist, folgern sie, ist dessen Verbreitung noch nicht erfolgt, aber nur diese ist durch das Metzer Kriegsgerichtsurteil verboten worden. Aber auch über die Anwendimg jenes Metzer Verbotes auf das Bilse-Buch herrschen verschiedene Anschauungen. Bekanntlich hat jenes Gericht den Roman eines„Fritz von K y r b u r g", der in B r a u n s ch w e i g erschien, verboten. Das jetzt zur Versendung gelangende Buch ist von F. Bilse und erscheint in Wien. Eigentlich müßte gegen dieses erst ein neues Verfahren eingeleitet werden, da man es. wenigstens dein Worttaute nach, mit einen, ganz andern „Die socialdemokratische Partei treibt keine Politik der Er- bitterung und der Furchteinflößung. sie drängt nicht Zuständen entgegen, wo es nur noch eine„große Entscheidung" im Sinne unsrer Radikalen giebt. Das sind weiter nichts, als die Produkte einer revolutionären Litteratenphantasie, für welche die Partei jede Verantwortung ablehnt," Phantasieprodukte sind das allerdings, und die Partei kann um so ruhiger die Verantwortung für sie ablehnen, als die Phantasie ganz auf feiten der Bekämpfer solcher selbst gemachten Kampf- objekte ist, Aus Davids Artikel sei noch ein ganz besonderes charakteristisches Beispiel für diese Art des. Kampfes gegen eingebildete Katastrophen- wünsche seiner Gegner und deren angebliches haltloses Hin- und Herschwanken angeführt. Im Oktober 1903 hatte Singer in einem Artikel im„Vorwärts" die Annäherungsversuche geschildert, die 1K81 von den Christlichsocialcn an uns gemacht wurden. Aus diesem Artikel citiert David folgenden Satz: ,„,. daß. wenn mit Punkt 3 die Annahme ausgesprochen sein sollte, als wollten wir eine gewaltsame Revolution, dies eine ganz willkürliche Annahme sei. Wir hatten stets erklärt, daß planmäßige, gründliche und ganze Reformen der geivaltsamen socialen Revolution, die andernfalls eine notwendige Folge unsrer politischen und ökonomischen Entwicklung sei, vorbeugen könnten und lvir nicht verantwortlich seien für Dinge, die nicht in unsrem Willen und in unsrer Macht liegen, sondern von dem Willen und der Macht unsrer bisherigen Gegner abhängen." Zu diesem Satze bemerkt David: Diese Auffassung, daß es bei planmäßigen, gründlichen und ganzen Reformen auch ohne gewaltsame sociale Revolution ab- gehen könne, ist es, der heute von unsren Radikalen der Krieg erklärt wird. Sie halten die gewaltsame politische Katastrophe für unvermeidlich und ivollen diese Vorstellung als dominierende Idee für unser taktisches Verhalten anerkannt wissen. Dieser Satz redet vollständig daneben. Singer sagt: Wir wollen keine gewaltsanie Revolution. Wenn aber nicht gründliche Reformen gemacht werden, die der ökonomischen Entwicklung Rech- nung tragen, dann wird aus der Masse des Volkes eine Revolution kommen, die auch wir nicht aufhalten können. Wir fordern Re- formen, um diese Revolution zu vermeiden. Kein Mensch in der Partei hat dieser Auffassung bisher den Krieg erklärt, Wohl aber wird die Auffassung vertreten, daß an Stelle der gründlichen Re- formen Gewaltthaten der herrschenden Klasse zu erivarten sind, welche Auffassung sich sehr wohl mit der von Singer in dem Citat entwickelten verträgt, aber keineswegs das Verlangen nach Ge- waltthaten bedeutet. David geht dann allerdings auch auf den Gedanken ein. was zu thun sei. wenn die herrschende Klasse trotz alledem zur Gewalt greife. Er schreibt: „Aber Ivenn unZ auf diesem Wege zur friedlichen Macht Männer der That entgegentreten, wenn man versucht, uns mit Repressivmaßregeln niederzudrücken, wenn uns ein Entscheidungs- kämpf aufgedrängt wird: was sollen wir dann thun? Nun, dann ivcrden wir der Ungesetzlichkeit die Gesetzlichkeit entgegenstellen, der Gewalt mit Fricdsamkeit begegnen. Das ist der einzige Weg, die Gewalt schließlich zu brechen, das einzige Kampfmittel gegen Bajonette. Wir haben dafür zu sorgen, daß das ganze Gewicht der moralischen Verurteilung auf diejenigen fällt, die den Versuch machen, mit Gewaltanwendung den Fortgang der socialdemokratischen Kulturbewegung zu hindern. Es heißt, den Scharfmachern willkommencs Wasser auf ihre Mühle liefern, erörtert man die Möglichkeit einer andern Haltung unsrerseits. Auch haben wir nicht»öttg, zu andern Mitteln, die sich unfehlbar gegen uns kehren müßten, zu greifen, so lange wir in der Gerechtigkeit, Sachrichtigkeit nnd Zweckmäßigkeit unserer Forderungen die Garantie haben, daß sie nicht von der Tages- ordiiung der Menschheit verschwinden können, bevor sie erftillt sind. Darum erklären wir gegenüber denen, die eine polittsche Revolution als unvermeidliches Resultat der sociale» Konflikte in greifbare Nähe gerückt sehen: Die Socialdemokratie wünscht nicht und noch weniger erstrebt sie eine Revolution im Sinne politischer Geivaltänwendung, Revolutton ist für sie gleichbedeutend mit dem Begriff der Evolution, der organischen Umgestaltung unsres wirtschaftlichen Systems im Sinne der Durchsetzung eines andern, des socialistischen Produktionsprinzips, In Uebereinstünmung mit den Erklärungen der berufensten Wortführer der Partei sind wir überzengt, daß diese fundamentale Umgestaltnnq auf friedlichem Wege durch planmäßige, gründliche und ganze Reformen bewerkstelligt werden kann.- Und darum verweisen wir die Herrschenden auf diesen Weg, in dem ehrlichen Bestreben, die Gewalt, die seit Jahrtausenden ein reaktionärer Faktor ist, in aller künftigen Entwicklung aus- zuschalten." z Produkte zu thun hat. In der That erfolgte bereits in Meiningen, unter Hinlveis auf den Wortlaut des Metzer Urteils, eine Freigabe des Wiener Büches, die aber unmittelbar darauf auf tele- raphifche Weisung ans Berlin wieder aufgehoben wurde, n Renß-Gcra hingegen ist die Wiener Ausgabe des Bilse-Buches v o» den Behörden freigegeben worden und darf zur Zeit unbehindert verkauft iv erden. Der Beschluß des Geraer Gerichtes erfolgte nach eingeholter Er- kundigung beim Metzer Kriegsgericht. Trotz aller Anstrengungen gegen den Bilse-Schmuggel sind im Ganzen 2000 Exemplare von den deutschen Behörden aufgefangen worden, ein gewiß sehr geringes ZahlenverhältniS im Hinblick auf die 70 000 durchgekommenen Exemplare. Eine Zeit lang wurde das Buch auch unter falschen Titeln über die deutsche Grenze gebracht, so als„Schul-Rechenbnch" und als ein„Roman von Walter Scott". Doch kamen die Zollbehörden gerade dadurch auf den Schmuggel und der Wiener Buchhändler, der diese in Rußland übliche Form zur Einschmuggelung verbotener Bücher für Deutschland anwenden wollte, gab diese immerhin etwas schwierige Manipulation-bald wieder auf. Der Absatz des Bilse-Romans in den andern Ländern ist ein geradezu enormer zu nennen. Stach England und Rußland gingen bis jetzt je 10 000 Exemplare. Paris allein hat von der deutschen Ausgabe 20 000 Exemplare absorbiert. Gewaltig entwickelt sich in der letzten Zeit der Absatz an den verschiedenen Orten der Riviera. Ein Buchhändler am Bahnhof in Monte-Carlo setzt täglich über 50 Stück ab. Mit dem Beginn der Badesaison rechnet der Ver- leger mit einem großen Absatz in den außerhalb des Reiches befind- lichen Badeorten, die viel von Reichsdeutschen besucht werde», wie Karlsbad, Ostendc, Schcveningen, und die Touristenorte in der Schweiz und in Tirol, In Wien selbst wurden über 10 000 Exemplare verkauft. Im Verhältnis sehr groß war der Absatz in nicht- europäischen Ländern. Es gingen zahlreiche Exemplare nach Aegypten, nach dem Transvaal und sogar nach China und Japan. In Amerika haben drei Zeitungen das Buch gleichzeitig in ihrem Feuilleton veröffentlicht, ebenso erschien es in drei polnischen Zeitungen und in einer ungarischen, Interessant ist. daß in Frankreich nicht weniger als drei U e b e r s e tz n n g e n des Buches erschienen find, die sämtlich nicht autorisiert sind. Die französischen Buchhändler versuchten die Be- stimmnNgen des mternationalen Urheberrechts auf geschickte Art zu umgehen, Sie veröffentlichten einfach den Prozeß Bilse nach den gerichtlichen Verhandlungen. Da im Verlauf dieses Prozesses auch der komplette Roman zur Verlesung kam. so brachten sie den Roman im Rahmen des ProzeßberichteS. Ein Verfahren, gegen das man juristisch schwer wird ankämpfen können. Von den die» französischen Ausgaben sind bis jetzt schon weit über 100 000 Exemplare verkauft. Bilse selbst sitzt im Gefängnis zu Straßburg und vermag auf den Gang der Dinge keine» Einfluß zu nehinen. Er hat daher ein ES ist auch hier tiochinals ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß kein Mensch in der Partei eine Revolution im Sinne politischer Gewaltänlvcndung lvünscht oder erstrebt, daß vielmehr jeder Parteigenosse von der Möglichkeit überzeugt ist, die fundamen- talste Umgestaltung friedlich zu vollziehen, falls die nötigen gründ- lichen Reformen rechtzeitig vorgenommen werden, David macht sich überflüssige Mühe, wenn er meint, er habe es nötig, Parteigenossen zu solchen Ansichten erst zu bekehren. Der Unterschied zwischen David und den von ihm sogenannten Revolutionsliteraten liegt nicht im Erstreben, Wünschen und Hoffen, sondern im Erkennen, Genosie David redet der Oeffentlichkeit fortwährend vor, es gäbe Leute in unsrer Partei, die zu Gewaltthaten drängen; kein Wunder, wenn die scharfmacherisch interessierte Klique dasselbe behauptet. Und während der badische „Volksfrcund" überzeugt ist, daß die Scharftnacher das mächtige Proletariat scheuen, ist Genosse David zugleich bemüht, der Ansicht Geltung zu verschaffen, daß die herrschende Klasse diesem mächtigen Proletariat selbst seine bisherigen Rechte nehmen dürste, ohne daß es sich zu wehren wagen würde. Auf der andern Seite ist dagegen die Einsicht vorhanden, daß die herrschende Klasse trotz dem mächtigen Proletariat sich nicht scheuen wird, eines Tages zur Gewalt zu greifen und. unabhängig vom Wünschen und Erstreben, aber auch ebenso weit entfernt von Aengstlichkeit, erörtert man auf dieser Seite die Mittel, durch welche das Proletariat seine that- sächliche Macht zur Geltung bringen nnd den Schlag abwehren könnte. Das ist der Inhalt der K a u t s k y s ch e n Ausführungen in den jüngsten Aufsätzen in der„Neuen Zeit". Der polnische Genosse Lusnia hatte neben andren Einwendungen gegen Kautskys Broschüren auch bemängelt, daß Kautsky bcwaffncre Insurrektionen nnd Barrikadenkämpfe für unmöglich erklärt, und er hatte daran die Frage geknüpft, ob es Kautsky also für ausgeschlossen halte, daß das Proletariat jemals Gewaltthaten der Gegner mit Gewalt abwehre, ob es über keine andre politische Waffe als den Stimm- zettel verfüge. Indem Kautsky darauf eingeht, stellt er au die Spitze seiner Ausführungen dieses: „Das kämpfende Proletariat gedeiht unter einer Verfassung, wie sie das Deutsche Reich besitzt, politisch in der erfreulichsten Weise. Es hat nicht die mindeste Ursache, sie in ungesetzlicher Weise gewaltsam ändern zu wollen. Aber eben deshalb muß eS, je mehr seine politische Macht steigt, um so mehr darauf gefaßt sein, daß seine Gegner die bestehende Verfassung umstürzen, um an ihre Stelle ein Regime gewaltsamer Niedcrhaltung des Proletariats und gewaltthätiger Zerstörung seiner Organisationen zu setzen, ein Regime der Geivalt, das zu energischer Abwehr herausfordert. ES ist ausgeschlossen, daß ein solches Regime dort, wo die Massen socialdemokratisch denken, zu einer bewaffneten Erhebung des Volkes führt. Wenn es schließlich einen gewaltsamen Wider- stand des Proletariats hervorrufen sollte, dann könnte dieser sich nur eines Gewaltmittels bedienen, das eS heute schon in seinen ökonomischen Kämpfen so oft als letztes Mittel der Entscheidung anwendet, des Streiks," Kautsky erörtert darauf die Möglichkeit, die Voraussetzungen, die Methoden und die Wirkungsweise eines solchen Streiks, ivobei er von vornherein die Voraussetzung macht, daß der politische Streik sich erheblich unterscheidet von dem ökonomischen Streik, lieber die Vorbedinglmgcn des politischen Streiks sagt er: „Soll das Proletariat durch einen politischen Streik siegen können, so ist also vor allein erforderlich, daß es einen über- wiegenden Teil der Bevölkerung bildet, intelligent und zu einem großen Teile so fest organisiert ist, daß es DiSciplin und Zusammen- halt auch dann zu wahren versteht, wenn seine Organisattonen formell aufgelöst sind; daß es aus seiner Mitte immer wieder neue Führer erzeugt, denen es willig folgt, wenn seine gewohnten Vorkämpfer verhaftet sind; daß es sich nicht durch Verlockungen oder Aufreizungen zu unklugen und voreiligen Schritten, zu keinem Wntausbruch und keiner Panik fortteißen läßt und nicht iiber kleinen Nebendingen seine großen Ziele vergißt. Die Industrie muß sehr entwickelt sein, das Proletariat muß eine lange Schule politischer und gewerkschaftlicher Kämpfe hinter sich haben, ehe es so weit kommt, Andrerseits aber muß die Regierung gewisse Kennzeichen auf- weisen, soll der Streik sie erschüttem können. Dies ist von vorn- herein ausgeschlossen bei einer Regierung, die vom Volke gewählt ist und sich nicht auf äußere, durch einen Streik zu desorgani- sierende Machtmittel stützt, sondern ans die Machtmittel des Volkes selbst. In der Schweiz zum Beispiel wäre der Versuch, die politische Gewalt durch einen Massenstreik ins Wanken zu bringen und zu erobern, ebenso aussichtslos wie überflüssig. Da der politische Streik nur durch seine desorganisierenden Wirkungen ans die Regierung, nicht durch seinen ökonomischen Druck auf die Ge- scllschaft zu siegen vermag, kann er nur dort am Platze sein, wo die Regierungsgewalt zu einer gewissen Selbständigkeit der Volks- Frankfurter litterarisches Bureau mit der Vertretung seiner Interessen betraut und dieses versucht es nun— wie es heißt mit Erfolg— das Verlagsrecht des Romans für alle andern europäischen Sprachen zu verkaufen. Die Käufer, so weit diese vom Verleger aus zu konirollieren sind, setzen sich ans allen Berufsklassen zusammen. Auffallend dabei ist. daß Offiziere am wenigsten darunter sind. Sonst aber ist die Beamtcnwelt sehr zahlreich vertreten nnd sogar einige Hofmarschälle figurieren auf den Besteller- listen. Zahlreich sind die Zuschriften aus dem Publikum, die an den Verleger gelangten und die ein interessantes psychologisches Merkmal für den Eindruck abgeben, den das B»ch hervorgerufen hat. Da sind in erster Linie die Verbesserer nnd Ergänzer. Es sind dies Leute, die in Forbach gedient, die Verhältnisse aus eigner Anschauung kennen gelernt haben und nun mit Borschlägen an den Verleger herantraten, dieses oder jenes Moment in den nächsten Auflagen noch hinzuzufügen, EL hat also den Anschein, als ob Bilse das Material nicht erschöpft hat. Viel interessanter sind aber die Verlagsangebote, die dem Ver- leger unter Bezugnahme auf das Bilse- Buch zugegangen sind. Dabei soll von den Anerbieten ganz abgesehen werden, ähnliche Romane auch über andre Garnisonen zu veröffentlichen. Es meldeten sich vielmehr Leute aus den ver- i ch i e d e n st e n B e r u f s k r e i s e n, die sich bereit erklärte», ans ihrem Wirkungskreis Wlitteilungen in Romanform zu veröffentlichen, die die größte Auftnerksamleit erregen müßten. Einstimmig waren die Antragsteller der Ansicht, daß mit ihrem Buche auch 100 000 M. zu verdienen seien. Da ist z, B. ein höherer elsaß-lothringischer. Verwaltungsbeamter, der„Haarsträubendes" zu berichten haben will, ein andrer will seine Erfahrungen über die Praxis deutscher Gerichte ausplaudern. Am amüsantesten ist aber das Anerbieten eines Gymnasiasten, der einen Roman„aus einer kleinen Gymnasialstadt" geschrieben hat und der die Mit- Welt mitG e ständnissen über Gymnasiastenskandale überraschen möchte. Es ist kaum anzunehmen, daß nicht einige von diesen Absichicn zur Ausführung gelangen werden. Wir haben sicherlich in nächster Zeit einige sensationelle Enthüllungsromane zu erwarten. Die Autoren, die durch den Erfolg Bilses aufgerüttelt wurden, werden nicht eher Ruhe geben, als bis sie einen Verleger gefunden haben werden, den der Erfolg des Bilse-Verlegers nicht schlafen läßt. So kann denn Bilse, so wenig wertvoll sein Roman in litterarischer Be- ziehung auch ist, bahnbrechend für eine gewisse litterarische Richttmg werden. Der Berufs- und Enthüllungsroman wird Schule machen. Wenn er ernst durchgeführt ist, von einem begabten Autor, könnte hier dem Roman sogar noch ein großes Feld blühen und er könnte in dieser Form der alten Freitagschcn Forderung, wonach der Roman das deutsche Volk bei seiner Arbeit aufsuchen'. soll, am ehesten und im modernen Sinne gerecht Iverden.— masse gegenüber gelangt ist, wie das in allen modernen Gros;- stallten der Fall. Aber auch in solchen Staaten hat das streikende Proletariat nur dann Aussicht auf Erfolg, sobald es einer wenn auch äußerlich starken, brutalen, so doch innerlich schwachen und kopflosen Regierung gegenüber steht, die sogar bei den Besitzenden, ja selbst in der Bureaukratie und Armee kein Zutrauen mehr genießt. Eine starke, weitblickende Regierung, die allen Volksklassen imponiert, ist durch einen politischen Streik kaum zu besiegen. Zum Glücke für da? Proletariat zeigt die Entwicklung allenthalben die Tendenz, die Regierungen zu schwächen und alle Klassen nnt ihnen unzufrieden zu machen. Das ist kein Zufall. So lange die Staatsgewalt große Ziele hat, die im Jntercste der Masse der Nation liegen, erzeugen ihre Kämpfe leicht große Männer, hinter denen geschlossene, große Parteien stehen. Ganz anders dort, wo die Staatsgewalt und die hinter ihr stehenden Klassen im wesentlichen alles erreicht haben, was sie brauchen, wie das heute der Fall. Es giebt kein großes, gemeinsames Interesse mehr, das diese Klassen zusammenschweißen könnte, die kleinen lokalen und berufliche» Sonderinteressen kommen in den Vorder- grund, die Parteien der besitzenden Klassen spalten sich immer mehr in kleine, kurzsichtige�Cliqnen. Die Regierungen aber werden immer mehr zu Koalitionsregierungen, deren Aufgabe nicht mehr darin besteht, ein großes Programm durchzuführen, sondern darin, die auseinandcrstrebenden Elemente unter einen Hut zu bringen, was nur möglich ist in der Weise, daß mail jede zum Verzicht auf den Rest ihres traditionellen Programms veranlaßt, daß man also ihre gesetzgeberische Unfähigkeit steigert und ihre ganze Kraft auf irgend eine naheliegende Maßregel konzentriert— etwa einen Zolltarif oder die polizeiliche Austreibung von ein paar Pfaffen und Nonnen, worüber alles andre vernachlässigt wird. In einer solchen Atmosphäre können energische und weit- blickende Männer der That nicht gedeihen; sie begünstigt riickgrat- lose Schmeichler, Meister in der Kunst des Verschiebens und Ver- tuschens, die bereit sind, den widersprechendsten Tendenzen an- scheinend, durch Versprechungen, zu dienen, und die in ihrem Handeln nur für den nächsten Tag sorgen, unbekümmert um seine ferneren Konsequenzen. Es sind glatte Diplomaten. oft nicht ohne In- telligenz, stets sehr liebenswürdig, gewandt in der Kunst, jeden zu gewinnen, nnt dem sie zu thun haben, aber unfähig, irgend einen großen Gegensatz zn überwinden, irgend ein großes Interesse auf die Dauer zu befriedigen: unfähig auch, den Untergebenen durch ihre Ueberlcgenheit zu imponieren. Es sind ganz bequeme Steuermänner für die Zeit des Sonnenscheins und leiser Zephiere. Aber sie versagen im Sturme, und sie müssen ihre Slutorität schon vor seinem Ausbruch völlig abgenutzt haben angesichts der Wider- spräche, denen sie dienen, die sie nicht zu überwinden, sondern nur zu überkleistern suchen." Und weiter über die Wirkungsweise: „Je unerwarteter der Streik, je spontaner, desto eher wird er diese Wirkung erzielen. Was von jedem Streik gilt, trifft am meisten für den politischen zu: der beste Teil seiner Wirkung ist dahin, wenn man ihn vorher für einen bestimmten Termin an- kündigt. Diese Ankündigung hat nur dann einen Zloeck, wenn man nicht die ernste Absicht hat. den Streik wirklich durchzuführen, Ivcnn man ihn bloß als Drohung benutzen will. Aber solche Drohungen nutzen sich nur zu rasch ab, uud wenn ihnen nicht die entscheidende That folgt, müssen sie Entmutigung und Mißtrauen in den eigenen Reihen säe». Der politische Streik hat dann die meiste Aussicht auf Erfolg, wenn er spontan aus einer eigenen Situation herauswächst. welche die gesamte Volksmasse in die tiefste Erregung versetzt hat — etwa ein großes, ihr zugefügtes Unrecht, ein Staatsstreich oder etwas AehnlicheS—, so daß sie bereit ist, alles zu wagen und ein Losungswort, wie das der Arbeitseinstellung, gleich einem Zünd- feuer durch sie läuft, alles mit sich fortreißend und durch die Plötzlichkeit, Allgemeinheit und Wucht der Eruption die Gegner einschüchternd, verwirrend, lähmend. Nichts irriger als die Anschauung, die gesamte Arbeiterschaft müßte erst gewerkschaftlich organisiert sein, ehe man den politischen Massen- streik beginnen könnte. Diese Voraussetzung würde nie eintreffen. sie hätte aber auch nur einige Berechtigung für den Fall, daß man durch den ökonomischen Druck einer langwierigen Arbeits- einstellung den Gegner besiegen wollte. Gilt es, ihn durch einen moralischen Chol zu lähmen, dann ist dazu nicht allgemeine Organisation, wohl aber allgemeine Erregung der Proletarier- masscn in gleicher Richtung erforderlich— eine Erregung, die freilich erfolglos verliefe, wenn hinter ihr nicht eine Organisation oder doch eine durch die Schule der Organisation gegangene Arbeiterschaft stände, die der Bewegung Gehirn und Rückgrat verliehe." Schließlich noch ein Citat aus diesem Kapitel:„Treffen alle die hier gemachten Beobachtungen zu. dann müssen wir zu dem Schlüsse kommen, daß der politiiche Massenstreik eine Waffe ist, die unter Ilmständen vortreffliche Dienste leisten kann, für deren erfolgreiche Anwendung aber die Zeit noch nicht gekommen ist. Sie ist weder ein souveränes Mittel, den herrschenden Klassen einzelne Konzcssionen abzuringen, noch eines, die Erhaltung der errungenen politischen Freiheiten und Rechte auf alle Fälle fortan zu sichern. Aber der politische Massenstreik kann dort, wo dem Proletariat seine legalen politischen Machtmittel genommen sind, wo es politisch wenig zu verlieren und unendlich viel zu gewinnen hat, wenn er in einer günstigen Situation ausbricht, die eine schwache Regierung ungerüstet oder in einer Klemme vorfindet, das Mittel werden, in einem letzten Entscheidungskampf dem Proletariat die politische Macht zn erringen. Er ist ein wahrhaft revolutionäres Mittel und als solches nur in revolutionären Zeiten am Platze, beim Kampfe nicht um einzelne Maßregeln, sei es das Wahlrecht. das Koalilionsrecht oder etwas Aehnliches, sondern beim Kampfe um die ganze politische Mackit. Ist aber der politische Streik unter den heute gegebenen Ver- Hältnissen nicht ani Platze, so ist es andrerseits sehr die Frage, ob er ein Mittel ist, dessen Anwendung unter allen Umständen notwendig wird. Wir haben gesehen, daß wir die Formen der kommenden Kämpfe um die politische Macht nicht voraussehen können; Ereignisse im Ausland— wir haben als solche genannt eine Erhebung in Belgien, einen unglücklichen Krieg in Ruß- land, einen Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten— können auf Deutschland in einer Weise zurückwirken, daß sich hier die Eroberung der politischen Macht ohne jede Katastrophe aus fried- lichem Wege vollzieht. Andrerseits ist die Dauerhaftigkeit und Widerstandskraft der heute schon dem Proletariat zu Gebote stehenden politischen Machtmittel noch nicht auf die äußerste Probe gestellt worden, endlich vermag die Zukunft noch vieles Unerwartete zu bringen. Nichts wäre daher voreiliger, als sich auf den politischen Massenstreik für bestimmte Gelegenheiten zu verpflichten. Aber wir haben auch nicht die geringste Ursache zum Gegenteil. Ich stimme Adler vollständig zu. wenn er sagt:„Ich bin nicht dafür, unsre Gegner zu beruhigen, daß sie vor dem Generalsweik sicher sind. Wir würden in ihnen damit eine gefährliche Illusion nähren. Abschwören wollen wir den Generalstreik nicht. Wann, wie, ob, das steht dahin." So Kautsky über den politischen Streik. Voi� nervöser und thörichter Scharfmacherei sind diese Ausführungen ebensoweit entfernt, wie vom ängstlichen Ausweichen vor den möglichen Konsequenzen der gegenwärtigen politischen Zustände. Nichts ist falscher ivie der Glaube, die herrschende Klasse scheute vor Rechtsbrüchen zurück; wir würden nur zeigen, daß wir unsrer Aufgabe nicht gewachsen sind und das Vertrauen des Proletariats nicht verdienen, wenn wir uns solchen Illusionen hingäben und unS von den Gegnern überrumpeln ließen. Die socialdemokratische Partei denkt nicht daran, Katastrophen zu wünschen und zu erstreben, aber sie würde nicht nur politische Unfähigkeit erweisen durch den unerschütterlichen Glauben an eine endlos friedliche Entwicklung unsrer politischen Verhältnisse, sie würde sich auch selbst aufgeben, wenn sie allen Möglichkeiten gegenüber nichts weiter zn thun wüßte, als sich von vornherein für wehrlos zu erklären. Die gegenwärtige politische Siwation ist wahrhaftig nicht dazu angethan, uns in Illusionen zu wiegen über die Klugheit der herrschenden Klasse. Was sie auch thun möge, wir sehen der Gefahr ruhig und kühl ins Auge; wir haben keinen Anlaß, sie zu provozieren, aber auch keinen Anlaß, ihr ängstlich aus dem Wege zu gehen, ja nicht einmal die Möglichkeit dazu, es wäre denn, wir wollten uns selbst aufgeben. Sichselbstaufgeben bedeutete es aber auch, wenn die Dreimillionenpartci allen Gewaltakten der herrschenden Klasse gegenüber kein andres Sprüchlein wüßte, als das vom absoluten Stillhalten. Auch das„mächtige" Proletariat besteht ans Menschen und auch von ihm gilt am Ende, was vom einzelnen Menschen gilt: ohne Selbstvertrauen, ohne Vertrauen in seine Kraft ist auch ein Riese ein hilfloses Kind. Das Proletariat ist erst dann eine Macht, wenn es eine sein will. Die Flaumacherei ist nicht minder schädlich wie die Scharfmacherei. partei-l�ackricdten. tteber die OrganisationSverhältnisse in der oberen Rhcinprovinz sagt das Agitationskomitee in seinem Geschäftsbericht: Die Organisation hat sich in einer Anzahl von Wahlkreisen unter dem Einflüsse der Wahlbcwegung erheblich gebessert. In acht Kreisen bestehen Parteivereine. In einer Anzahl andrer Kreise besteht eine lose Organisation mit einem Vertrauensinann an der Spitze. Die acht Vereine haben zusammen etwa 2000 Mitglieder. Wieviel regel- mäßig zahlende Genossen in den Kreisen mit Vertrauensmännersystem vorhanden sind, konnte wegen mangelhafter Beantivortung etlicher Fragebogen nicht festgestellt werden. In einer Anzahl weiterer Kreise (der Bezirk umfaßt 23 Reichstags-Wahlkreise) ist überhaupt keine Spur einer Organisation vorhanden. Davon überzeugt übrigens schon ein Blick auf die Stimmenzahlen in vielen Kreisen. Das Agitationskomitee hält es für ersprießlich, wenn sich die einzelnen Wahlkreise eine centralistische Organisation schaffen, und zwar ist vor allem die Bildung eines Kreisvcreins ins Auge zu fassen. Nur wo das nicht angängig ist, darf das Vertrauens- männersystem weiterbestehen. Diese Kreisvcrcine würden, so- fern ihnen nur an einem Orte Lokale zur Verfügung ständen, monatlich einmal, und zwar Sonntags, gut vorbereitete Versammlungen abhalten. Der Vorstand dieses Vereins hat sämt- liche Parteigeschäfte zu leiten und die Verbindungen mit den Ver- traucnsleuten der einzelnen Orte, die Unterkassierer des Vereins sein miissen, aufrecht zu erhalten. Das Agitationskomitee hofft zudem, daß es trotz der ablehnenden Haltung des Parteivorstandes in nicht allzu ferner Zeit möglich sein wird, einen besoldeten Parteisekretär anstellen zn können. Auf dem diesjährigen Parteitage(des Bezirks) wird auch voraussichtlich einer gemeinsamen Organisation der Kreise Köln-Stadt und Köln-Land das Wort geredet werden. Die 23 Kreise des Bezirks brachten bei der Wahl des Jahres 1003 einen Zuwachs von 23 874 Stimmen gegen das Jahr 1898. Im Ga» Nordbayern betrugen die ReichStagSwahl-Kosten für die zwanzig zur Organisation gehörenden Wahlkreise 33 118 Mark. Davon winden 14 200 Mark aus der Hauptkasse geleistet. Die zwanzig Kreise brachten gegen 1898 einen Zuwachs von 28 302 Stimmen. Der Galikassierer verrechnet in seiner Abrechnung für 1903 Beiträge aus 94 Vereinen gegen 66 im Jahre 1902. Von der Kolportage ausgeschlossen ist der„Wahre Jakob" im Bezirke der Amtshauptmannschaft Annaberg in Sachsen. Einein Kolporteur in der Stadt W e r d a u, der sein Verzeichnis einreichte, wurde dies vom dortigen Stadtrat eröffnet. Die Amtshauptmann- schaft nimmt also an, daß der„Wahre Jakob"„in sittlicher und religiöser Beziehung Aergensis zu geben geeignet ist". Die Säemänncr. In der in Anisterdam erscheinenden„Deutschen Wochenzeitung in den Niederlanden" lesen wir: „Die Führer der Socialdemokraten hier zu Lande befleißigen sich einer sehr erfolgreichen Taktik, um Anhänger ihrer Lehre zu gewinnen. In regelmäßigen Zeiträumen findet man in der Tagespresse die lakonische, von keinem Kommentar begleitete Mitteilung: der socialdemokratische Abgeordnete X oder D hat sich in dem oder dem Städtchen niedergelassen. Namentlich der Chef des socialdemokratische» Gcneralstabes, Dr. jur. Troelstra, ist von einem frischen Wandcrgcist beseelt. Augenblicklich hat er seine Häuslichkeit nach Scheveningen verlegt und belehrt die dortigen Fischer über die Herrlichkeiten des Zukiinftsstaatcs. Anfänglich hatte der„lailslev sooeaiü" mit großen Antipathien zu kämpfen, denn die Schcveninger Fischer sind bibel- feste Männer, aber je größer der Widerstand, desto höher bei Troelstra der Reiz, diesen Widerstand zu brechen. Gegenwärtig ist der gewöhnliche Versammlungssaal zu klein, um die typisch gekleideten, robusten Fischer zu fassen, die, die Mütze im Genick, den Pfeifenstummel zwischen den Zähnen und die schwieligen Hände in die Hosentaschen versenkt, den Ausführungen des Volkstribuns mit zufriedenem Schmunzeln folgen. Und man muß offen bekennen: Troelstra kennt das Fischervölkchen durch und durch. Was er ihnen eingiebt. ist leicht verdauliche Kost, gewürzt mit bitterem Humor. Die Bibel rührt er in seinen Vorträgen nie an. Nur hier und da schiebt er, wie er sich ausdrückt, das auf den Markt gebrachte ChristuSbild zur Seite, um seinen Zuhörern zn zeigen, wie schlecht die sich dahinter versteckende egoistische Gesellschaft den Willen Christi, der Selbstaufopferung predigte, befolgt. Ver- gangenen Freitag wurde ihm solcher Beifall zu teil, daß man glaubte, die Saalflur würde durchbrechen. Merkwürdigerweise sendet die antirevoluftonäre Partei, zu welcher sich die meisten Fischerfamilien bekennen, niemals tüchtige Debatter ins Treffen, sondern nur schwache Redner, welche mit Gemeinplätzen um sich werfen und von Troelstra kurzerhand ab- geführt werden. Wahrscheinlich hält man diese Proselitenmacherei der Social- dcmokraten in gegnerischen Kreisen ftir ungefährlich, aber die Wahl- resultate im kommenden Jahre dürften ihnen— zu spät— deutlich machen, daß sie gewaltig geirrt haben."— kommunales. Stadtverordneten-Bersammlung. 10.(au ß er or d e ntli ch e) Si tz u n g vom Dienstag, 13. M ärz, nachmittags 3 11 h r. Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung gegen 1/26 Uhr. Die Versammlung ist zu Beginn nur sehr schwach besucht. Die Specialberatung des Stadthaushalts- Etats für 190 4 wird fortgesetzt. Der Special-Etat für die Straßenbeleuchtung ist im Ausschüsse unverändert geblieben; dagegen sind im Etat für die Straßenreinigung und- Besprengun g einige Ausgabe- Ansätze ermäßigt worden, nachdem bei der Ausschreibung neuer Sprengwagen und Kehrmaschinen sowie der Bespannung und Be- dienung derselben Minderpreise gegen den Etatsansatz erzielt worden sind. Beide Etats werden nach dem Entwurf festgesetzt. Zmn Etat der C i v i l st a n d s ä m t e r schlägt der EtatSauS- schuß folgende Resolution vor: Der Magistrat wird ersucht, die Standesbeamten im Wege einer Instruktion aufzufordern, dem Publikum nicht nur höflich entgegenzutreten, sondern auch den Trauakt in möglichst feierlicher Form vorzunehmen und den Ehepaaren nach beendeter Trauung die Glückwünsche auszusprechen. Oberbürgermeister Kirschucr bittet, die letzten Worte der Re- solution fortzulassen, da es nicht angehe, den Standesbeamten eine solche in den Gesetzen nicht begründete Anweisung zu geben. Im übrigen sei der Wunsch, den Alt mit einer größeren Feierlichkeit zu umgeben und die cheschließenden Paare von dem Standesbeamten höflich behandelt zu sehen, begreiflich. Die Resolution sage auch nichts Neues, denn schon wiederholt seien entsprechende Verfügungen vom Oberpräsidenten usw. ergangen. Vorsteher Dr. Langerhans: Als Vertreter der Bürgerschaft haben wir uns für verpflichtet gehalten, der weitverbreiteten Un- Zufriedenheit über die schablonenhafte Behandlung der standesamt- liehen Eheschließungen öffentlichen Ausdruck zu geben. Mit dem Wegfall des letzten Satzes können wir einverstanden sein. Die Resoliition wird darauf ohne die Gratulationsklausel an« genommen und der Etat genehmigt. Zum Etat der F l e i s ch s ch a u für das von außerhalb eingeführte Fleisch sind verschiedene Schaugebührenerhöhungen vom Magistrat vorgeschlagen und vom Ausschuß gutgeheißen worden. sodaß sich der Gebührcntarif vom 1. April cr. ab wie folgt ge- stalten würde: Für 1 Schwein inkl. Trichinenschau-Gebühr, bisher 1,— M. 1,13 M. „ 1„ ohne„„ 0,40„ 0,50, „ 1 Rinderviertel.......... 0,40„ 0,50„ „ 1 Kalb............ 0,25„ 0,30„ „ 1 Schaf................. 0,20, Der Tarif und der Etat werden ohne Debatte genehmigt. An den Specialetats„Grundstücke in der Stab t". „Ländliche G r u n d st ü ck e in und außerhalb der Stadt, Mets- grundstllcke außerhalb und Kalksteinbruch zu Rüdersdorf", und„Berechtigungen" ist nichts geändert; ebensowenig an den Etats für die Irren- und Jdiotenanstalt in Dall- dorf, für die Irrenanstalt Herzberge in Lichten- b e r g. für die A n st a l t ftir Epileptische„W u h l g a r t e n" bei Biesdorf und für die B a d e- A n st a l t e n. Beim Etat für Dalldorf bittet Stadtv. Deutsch(soc.- fortschr.) den Referenten Wallach, aus- führlicher zu referieren, da er und seine engeren Freunde im Etats- ausschuß nicht vertreten seien. Stadtv. Wallach: Die Ausschußfitzungen sind jedem Stadt« verordneten zugänglich. Stadtv. Deutsch: Für diese Belehrung danke ich dem Referenten nicht. Wir sind nicht gewillt, als Stadtverordnete zweiter Klasse in den Ausschuß zu gehen.(Lebhaftes Oho! und Zustimmung.) Wir sind der Meinung, daß uns ein Platz im Ausschusse eingeräumt werden muß. Wir gehen nicht in den Ausschuß, ohne in denselben gewählt zu sein.(Vereinzelte Zustimmung.) Ohne Debatte werden die vereinzelten Etats genehmigt, über eine Petition um Weiterherabsetzung der Bäderpreise wird zur Tages- ordnung übergegangen. Zum Etat der D e s i n f e k t i 0 n s a n st a l t in der R e i ch e n- berger st ratze liegt der im Ausschuß mit 12 gegen 3 Stimmen abgelehnte Antrag der Socialdemokraten dem Plenum wieder vor: „Die Versammlung beschließt, daß vom Jahre 1905 ab die Wohnnngs-Desinfektion unentgeltlich erfolgt, und ersucht den Magistrat, diesem Beschlüsse zuzustimmen." Für den Fall der Ablehnung dieses Antrages beantragen Stadtvv. Dr. Friedemann und Genossen, von 1905 ab die Desinfektion bei ansteckenden Krankheiten für Personen mit 3000 M. Einkommen und darunter unentgeltlich erfolgen zu lassen. Stadtv. Dr. Wcyl(Soc.): In einem bestimmten Falle sollen an die Arbeiter übertriebene Ansprüche gestellt worden sein, und es ist im Anschluß daran im Ausschuß von der Notwendigkeit einer Aenderung die Rede gewesen. Nun hat in der Aerztewclt die Bazillenfurcht, auf der doch das Reglement basiert, entschieden ab- genommen. Tie Desinfektionen erfüllen durck>aus nicht vollständig den gewollten Zweck, da sie doch meistens erst am Ende der Krankheit erfolgen. So lange das Reglement nicht geändert werden kann, da die Meinungen der Gelehrten noch geteilt sind, hätten Sie doch gerade das größte Interesse an der Annahme unsres Antrages, der die Absicht der ganzen Manipulation erst in größcrem Umfange ver- wirklicht. Die Zahl der Desinfektionen nimmt von Jahr zu Jahr ab und zwar wesentlich mehr bei den Bewohnern der Hinterhäuser als bei denen der Vorderhäuser. 1900 betrug die Zahl der Jntcr- essenten in den Vorderhäusern 67.4 Proz. und diese Zahl mächst mit jedem Jahr. Die Wohlhabenden machen von der Desinfektion aus- giebig Gebrauch, die armen Leute nur bei polizeilichem Einschreiten; es sind die Kosten, welche die letzteren abschrecken, während doch gerade aus ihren Quartieren die ansteckenden Krankheiten sich verbreiten. Wenn nahezu 60 Proz. der Kosten niedergeschlagen werden, so be- weist das nichts gegen unsren Antrag. Sonst wirft man uns vor, Ivir wollten durch unsre Anträge die Armen begünstigen; hier stellen wir einen Antrag angeblich zu Gunsten der Wohlhabenden! Wir wollen eben der Gesamtheit etwas zukommen lassen. Die social- fortschrittliche Partei sollte hier doch einen ganzen und nicht einen halben Schritt thun. Wenn die Unentgeltlichkeit die Ausgaben steigert, so spricht das doch gerade für unsren Antrag, den ich Tie im hygienischen Interesse der Stadt anzunehmen bitte.(Beifall.) Stadtv. Dr. Frievemann(soc.-fortschr.): Nur für den Fall der Ablehnung des Antrages Antrick haben wir unsren Antrag gestellt. um wenigstens etwas zu erreichen. Tic Erfahrungen auch aus andren Städten beweisen, daß die ärmeren Leute aus Scheu vor den Kosten die Infektionskrankheiten möglichst verheimlichen. Daß die Wohl- habenden mit der unentgeltlichen Desinfektion Luxus treiben würden, ist, wie schon Dr. Wcyl zutreffend bemerkt hat, sehr unwahrschcin- lich, weil zum Vergnügen sich niemand seine Wohnung und seine Möbel mit Formalin usw. parfümieren lassen wird. Stadtrat Ttrasimann: Die Verwaltung kommt schon seit 1890 den Bedürfnissen der ärmeren Bevölkerung in reichem Maße cnt- gegen. Es bedarf nur der Bescheinigung des Bezirksvorstehers, nicht des Armcnvorstchers, und die Kosten werden niedergeschlagen. Ter Charakter einer Armcnunterstützung ist bei dieser Niederschlagung absolut«rusgeschlofsen. Daß die Desinfektionen zunehmen würden bei Unentgeltlichkeit, ist ein Irrtum, ebenso wie die Meinung, daß hierbei die Polizei in Wirksamkeit tritt. Ein besonderes Kuratorium für die Anstalt würde nur eine Verzögerung der Arbeiten herbei- führen.(Widerspruch des Stadtv. Borg mann.) In dm meisten preußischen Großstädten ist die Gcbührcnfrage wie bei uns geordnet. Stadtv. Dr. Nathan(soc.-fortschr.): Es ist zuzugeben, daß die Stadt bei der Einziehung der Gebühren human verfährt, aber es kann nicht geleugnet werden, daß die eigentliche Arbeiterbevölkerung nur eine geringe Zahl der Desinfektionen veranlaßt. 1793 Fällen dieser Art stehen nicht weniger als 3733 der Wohlhabenden, 744 deS Mittelstandes gegenüber. Tie armen Leute üben auf die Aerzte einen Druck aus, ansteckende Krankheiten überhaupt nicht zur Anzeige zu bringen. Das Gefübl des modernen Menschen sträubt sich überhaupt gegen Wohlthatcn(Unruhe), er will Rechte haben; und diesem Ge- danken sollten low als Liberale unsre volle Unterstützung angedcihen lassen. Es handelt sich hier nur um eine lumpige Summe. Stadtv. Dr. Wcyl: Trotz alles Entgegenkommens ist die Zahl der Desinfektionen in den Hinterhäusern ständig herabgegangen. Wenn die Bewohner von Wohnungen unter 300 M. Mietswert nichts zu leisten brauchen, so sind so billige Wohnungen in Berlin nur noch äußerst selten.(Widerspruch.) Die Aerzte können im Gegensatz zu der Auffassung des Stadtrats nur bestätigen, daß in der armen Bevölkerung eine starke Antipathie gegen die Anzeige ansteckender Krankheiten herrscht. Das Reglemenr ist wirklich nur dazu da, um übertreten zu werden, denn es legt dem Desinfektor Enthaltsamkeit von Speise und Trank bei seiner schweren Arbeit in einem unerträg- lichen Umfange auf. Stadtrat Straf, nimm bestreitet, die Aerzte zur Denunziation aufgefordert zu haben. Stadtv. Sachs(A. L.): Wenn Kinder armer Familien an Diphtherie usw. erkranken, werden sie sofort, und zwar ohne Arzt, ins Krankenhaus gebracht, während die wohlhabenden Familien ihre erkrankten Kinder im Hause behalten und dann die Wohnung des- infizieren lassen. Es ist keine Schande, Wohlthatcn zu empfangen. Stadtv. Rathan: Die Kompetenz der Brandenburger Aerzte- kammer und des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege ist doch wohl noch etwas größer als die des Kollegen Sachs, und beide er- klären die Uncntgcltlichkeit für notwendig. Beide Anträge werden abgelehnt, der Etat genehmigt. Zum Etat der Heimstätten für Genesende bemerkt __ Stadtv. Tr. Weist: Bei der Generaldebatte hat der Obcrbürgcr- Meister gegenüber meinem Freunde Singer bezüglich der Ueberfüllung der Heimstätten Aeußerungcn gethan, die teils unrichtig ivaren, teils einen recht bedauerlichen Mangel socialen Verständnisses erkennen ließen.(Große Unruhe; Vorsteher Langcrhans: Solche Aus- drücke kann ich absolut nicht durchgehen lassen in einer Versammlung der Vertreter der Bürgerschaft!) Ich habe keineswegs die Absicht gehabt, den Oberbürgermeister zu beleidigen.(Gelächter.) Der Oberbürgermeister meinte, die Heimstätten seien ein Akt reinen Wohl- Wollens der Kommune und gingen über ihre Verpflichtung hinaus. Herr Cassel meinte, in Ist Jahren wären die Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen beinahe verdoppelt, wir hätten es Herr- lich weit gebracht. Herr Sachs hat sogar von dem hygienischen und socialen Taumel der Jetztzeit gesprochen. Alle diese Aussprüche sind auf einem Boden erwachsen, von dem aus man alle diese Einrichtungen nur aus dem Wohlwollen entsprungen als Almosen, und die ganze Verwaltung bloß mit dem Auge des Armenpflegers ansieht. Die Heimstätten sind überfüllt. Bei der Ueberfüllung der Krankenhäuser können die Aerzte beim Gesundschreiben gar nicht mehr genau vor- gehen. Es ist für eine Stadt einfach eine unerläßliche sociale Pflicht, die- jenigen, die die Krankheit überstanden haben, in Genesungsanstalten unterzubringen; wenn es nach uns ginge, müßte jedes Krankenhaus ein Rckonvaleszentenheim haben. Nach den amtlichen Zahlen be- tragen die Vormeldungen zu den einzelnen Anstalten bis zu 121 und die Wartezeit bis zu 42 Tagen, und das ist jetzt, noch che der Frühling ins Land gegangen ist. Was soll erst im Sommer werden? Nicht durch die Aussprache solcher Tatsachen wird die Arbeits- freudigkeit der Verwaltung gelähmt, wie Herr Kirschncr meinte. fondern dadurch, daß keine Abhilfe erfolgt. Im Sommer wird der Andrang entsprechend der Verlängerung der Minimalwankcn-Unter- stützung auf 26 Wochen anwachsen. Beim Heimarbciterkongreß war der Magistrat eingeladen worden, sich vertreten zu lassen. Das Schreiben ist ohne Antwort geblieben; es giebt kein Hcimarbeiterclend in Berlin, wozu soll sich also der Magistrat beteiligen? Schon 1397 sollte eine zweite Heilstätte für Brustkranke errichtet werden; man hat sie auch in Buch projektiert, aber noch heute ist sie nicht fertig. Auch die Heimstätten müssen vermehrt werden. Redner weist schließlich nach, daß auch die Bauverwaltung in Buch an der Verzögerung mit schuldig ist.(Lebhafter Beifall b. d. Soc.) Oberbürgermeister Kirschner: Ich bin zwar dem Vorsteher sehr dankbar für seinen Schutz, aber ich bedarf dieses Schutzes nicht, denn solche Reden lassen mich sehr kalt, wenigstens in der Oeffentlichkeit. auf die ich Gewicht lege.(Lebhafter Beifall.) Verpflichtungen, die auf rechtlichem Fundamente beruhen, die müssen wir einhalten; da- neben giebt es andre, die wir aus Wohlwollen gegen die ärmere Bevölkerung erfüllen, da sind wir nicht verpflichtet, bis zu einer bestimmten Grenze zu gehen, und das halte ich vollständig ausrecht. Wer diese beiden Gebiete vermischt und das ziveite Gebiet so be- handelt wie das erste, entbehrt der Logik und erhebt un- begründete Ansprüche. Berlin ist in Deutschland die erste Stadt gewesen, die Heimstätten eingerichtet hat; keine zweite Stadt ist soweit wie Berlin darin gegangen. Und der Dank? Den haben wir eben gehört.(Stürmisches: Sehr richtig!) Wir sind ja im Be- griff, in Buch eine neue Heimstätte zu errichten; der Vorredner könnte auch wissen, aus welchen Gründen die Verzögerung gc- kommen ist. Seine bautcchnischen Ausführungen überlasse ich Ihrem Urteil.(Heiterkeit.) Ich leugne gar nicht, daß wir in einen ge- wissen Rückstand gekommen sind durch den langsamen Bau in Buch; aber Sie wissen doch, wie dort das Bauprogramm immer größer ge- worden ist. Die Welt weiß besser, was es mit den hygienischen Zu- ständen Berlins auf sich hat; die Welt weiß solche Reden zu würdigen. (Lebhafter Beifall.) Auf Anfrage deS Stadtv. Dr. Friedemann bestätigt Stadt- rat Straßniann, daß die Heimstätten zunächst diejenigen aufnehmen, die schon zwei Jahre in Berlin wohnen d. h. den Unterstützungs- Wohnsitz erworben haben, und die andren Bewerber event. zurück- weisen. Stadtv. Friedcmann hält diesen Standpunkt für falsch. Orts- angehörigkeit und Untcrstützungs-Wohnsitz sei nicht identisch. Wenn Lungenheilstätten existierten, habe die Gemeinde auch die Pflicht, sie den Unbemittelten zugänglich zu machen.(Der Vortrag des Redners wird teilweise durch die wachsende Unruhe und die immer lauter werdende Privatunterhaltung in der Versammlung un- vernehmbar gemacht.) Man scbcine durch die Maßregel ver- hindern zu wollen, daß die Betreffenden den Unterstützungswohnsitz erwerben. Stadtv. Dr. Wehl: Gegen den Vorwurf der mangelnden Logik bedarf ich keines Schutzes, denn ich vertrete eine gute und gerechte Sache. Der Oberbürgermeister kann mir mit Sophisterei und Haar- spalterei nicht bcikonnnen. Gewiß bestehen gesetzliche Verpflichtungen. Aber daneben besteht doch ein moralisches, ein sociales Vcrantwort- lichkeitsgefühl, wo bleibt das bei ihm? Von diesem Gefühl lassen wir uns leiten. Wenn Herr Cassel für das„Notwendige" die Mittel bewilligen will. so meint er damit doch auch das hygienisch Erforderliche. Heute sind unsre Heimstätten zum Teil gar nicht Heimstätten für Genesende; es werden zahlreiche Kranke von den Krankenhänsen, nach den Heinistätten abgeschoben, nickit weil sie schon genesen sind, sondern weil die Kranken- Häuser überfüllt sind und weil eine Hausbehandlung weiter notwendig ist, wie die Assistenten ausdrücklich attestiert haben. Der Aufenthalt in den Heimstätten ist also als Fortsetzung der Krankenhauspflege zu betrachten. Es kamen schwer- kranke Personen hinaus, insofern ist also jener Unterschied ganz un- berechtigt. Stadtv. Sachs bestreitet, daß die letztere Behauptung zutrifft. Kämen Schwerkranke hinaus, so sei das lediglich auf eine Fahrlässig- keit zurückzuführen. Nur der letzte Gemeldete habe etwa vierzig Tage zu warten. In Gütergotz würden auch solche aufgenommen, die nur acht Tage in Berlin waren. Stadtv. Friedcmann: Dann hat mich das Bureau der Heilstätte falsch berichtet, indem es auf die Bedingung des zweijährigen Aufenthalts hinwies. Damit schließt die Debatte. Persönlich bemerkt Stadtv. Dr. Wcyl, daß die Wartezeit gegenwärtig am 12. März 42 Tage betrage; im Sommer werde sie bis aus drei Monate steigen. Stadtv. Sachs: Aber doch nur für den letzten, nicht für alle, sind es 40 Tage. Der Etat wird genehmigt. Stadtv. Gicse referiert über die Etats für die höheren Lehranstalten und die G e m e i n d e s ch u l e n. Stadtv. Prenß(soc.-fortschr.) macht auf den Lehrermangel auf- merksam, der sich an den höheren Schulen zu zeigen beginne und hauptsächlich auf die jetzige Besoldungsordnung zurückzuführen sei. Stadw. Zylicz(A. L.) hebt den großen Prozentsatz auswärtiger Schüler an den Berliner höheren Lehranstalten hervor. Die Stadt gebe diesen Auswärtigen 369 000 M. zu; der Magistrat solle in Zukunft derartige Schüler nur zu den Selbstkosten der Stadt auf- nehmen. Oberbürgermeister Kirschner kann das nicht in Aussicht stellen; erwogen soll die Frage werden. Das Verhalten der Vororte könne allerdings nicht außer Bewacht bleiben. Stadtv. Cassel(A. L.) tritt dem Verlangen seines FrakttonS- kolleaen entgegen. In den Vororten seien viele neue Schulen in jüngster Zeit entstanden, die auch von Berlinern besucht werden. Die Auswärtigen, die nicht durchweg zu den Reichen gehörten, zahlten schon heute ein höheres Schulgeld. Stadtv. Professor Dr. Glatzel(Fr. Fr.) dringt ans Beschleunigung des Baues des Friedrich-Realgymnasiums. da schon jetzt An- Meldungen wegen der Unzulänglichkeit der interimistischen Räume in der Wartenburgstraße zurückgewiesen werden müßten. Stadtv. Singer(Soc.j: Die Anregung des Kollegen Zylicz können wir in keiner Weise unterstützen. Böse Beispiele verderben gute Sitten; was neulich für die Krankenhäuser recht war. soll heute schon den Schulen billig sein? Was heißt Selbstkosten? Das werden auch diejenigen selbst nicht wissen, die diesen Modus vorschlagen. Wir können doch Berlin nicht inS Mittelalter zurückschrauben und ivieder mit der alten Bannmeile operieren. Das wäre aber schließlich die Konsequenz. Mit förmlichem Fanatismus geht man ja jetzt gegen die Nicht-Ortsangehörigen vor. Die Vor- orte bilden mit Berlin eine wirtschaftliche Einheit. Wir können uns dagegen sträuben und das beklagen, aber wir dürfen doch darüber nicht auf einen Standpunkt gelangen, bei dem man nicht mehr weiß, ist man in Berlin oder in Krähwinkel oder in Buxtehude? In Herrn Zylicz und Herrn Wallach verkörpern sich alle Anträge, welche darauf hinauslaufen, daß jeder jede Leistung der Stadt wieder dadurch abtragen soll, daß er in Berlin wohnt. Diese Konsequenz ziehen Sie doch aber selbst nicht. Wir können nur wünschen, daß unsre Lehranstalten möglichst gut besucht sind. Bei der jetzigen Eni- Wicklung der Dinge kommen wir schließlich wirklich dahin, daß unsre Lehranstalten sich in dem Maße entvölkern, wie der Auszug nach den westlichen Vororten wächst und wir können nur dankbar anerkennen, wenn einigermaßen Ersatz aus den Vororten nach Berlin kommt. Stadtv. Cassel: Ich unterschreibe diese Ausführungen von A bis Z. und mutz von den Anschauungen des Kollegen Zylicz weit abrücken. Stadtv. Wallach: Ich nehme Herrn Singers Ausspruch als ein Lob an. In mir verkörpern sich die Anträge zum Wohl und zu einer soliden Wirtschaft der Stadt, während Herr Singer und seine Freunde nur Anträge bringen, die unsre Ausgaben inS Ungemcssene steigern.(Ruf: Nu aber raus! Große Heiterkeit.) Stadtv. Zylicz verwahrt sich dagegen, daß er 300 000 Mark aus den Auswärtigen herausschinden wolle, wie ihm Herr Cassel unterstellt habe. Stadtv. Cassel weist nach, daß er diesen Ausdruck gar nicht gebraucht hat. Die Etats der Gynrnasien, Realgymnasien, Ober- Realschulen, Realschulen, höheren Mädchen- schulen, Turnhallen, Spielplätze und Verschiedene Einrichtungen für die höheren Lehranstalten und Mädchen- schulen werden daraus genehmigt. Die Beratung des Etats der G e m e i n d e s ch u l e n be- antragt Stadtv. Wallach auszusetzen, da es schon gegen 9 Uhr sei und dieser Etat umfangreiche Debatten hervorrufen werde. Stadtv. Singer widerspricht. Der Antrag Wallach wird ab- gelehnt. Zu diesem Etat liegt u. a. der Antrag Antritt vor, den Magisttat zu ersuchen, Vorkehrungen zu tteffen, daß die für Ge- meindcschulen notwendigen Lehrmittel auf Kosten der Stadt beschafft und den Schülern vom 1. April 190S unentgeltlich verabfolgt werden. lieber die Petition des Berliner Lehrervercins um Erhöhung des Grundgehalts und der Mietsentschädigung ist der Ausschuß zur Tagesordnung übergegangen, wie er auch den vorstehenden Antrag Antritt abgelehnt hat. Von den Stadtverordneten P r e u ß und Goldschmidt werden Anträge eingebracht, die sich auf die erwähnte Petttion und auf andre Abschnitte dieses Etats beziehen. Stadtv. Cassel beantragt jetzt die Vertagung der Sitzung, da es keinen Zweck habe, die Diskussion über so wichtige Materien so spät und vor so leerem Hause zu beginnen. Ferttg werde man doch nicht und am Donnerstag würde die Stunde, die man heute vielleicht noch diskutiere, nicht gespart. Der Anttag Cassel wird abgelehnt. Der Fortsetzung der Beratung setzt aber unmittelbar darauf die Mitteilung des Vor- st e h e r s, daß die Versammlung beschlußunfähig geworden sei, ein Ende. Schluß'/«10 Uhr._ SoziaUd. Aerzte und Krankenkassen. Dieser Tage waren die Mitglieder der Orts-Krankenkasse der Mechaniker zu Berlin in den Arminhallen versammelt zur Aufstellung von Kandidaten für die Generalversammlung. Nach Ausstellung der Kandidaten wurde über die Aerztebewegung verhandelt. Die Ver- Handlung endete mit Annahme einer Resolution des Inhalts: Die heute in den Arminhallen versammelten Mitglieder der Orts-Krankenkasse der Mechaniker weisen den Vorwurf, welchen Herr Dr. Mugdan im Reichstag gegen die Kassenverwaltungen erhoben hat. daß diese im Gegensatz zu den Mitgliedern in der Frage der Arztversorgung einen andren Standpunkt einnehmen, mit Ent- schiedenheit zurück. Das Austreten des Herrn Dr. Mugdan war nur geeignet, etwaige Anhänger der freien Arztwahl von diesem Standpunkte ab- zubringen. Die heutige Versammlung erklärt sich mit den Maßnahmen des Vorstandes und des Gelverks-Krankenvereins zur zweckmäßigen Fest- Icgung der bestehenden Arztversorgung durch langfristige Verträge einverstanden. Die Versammlung protestiert energisch gegen die den Thassachen nicht entsprechende Behauptung des Dr. Mugdan, daß die Kassen für socialhhgicnische Verbesserungen nur Worte besitzen und kenn- zeichnet die Ausflihrungen des genannten Herrn in der Kassenfrage als unerwiesene Unterstellungen, die geeignet sind, das Selbst- verwaltungsrecht der Kassen zu schädigen. Ein Rczcptschrcibcr. Der„Deutschen Krankenkassen-Zeitung" ging aus Dietharz folgende Anfrage zu: „Welche Stellung hat eine Krankenkasse zu nehmen, wenn ein Arzt für eine» Kranken 90 Flaschen Portwein innerhalb 90 Tagen aus Rezeptur verschrieben hat, ohne die Verwaltung der Kasse zu fragen und der Kasse eine Rechnung(a Fl. 2,ö0 M., i. S. 220 M.) zugemutet wird, zu bezahlen? Die Verlvaltung hatte es verweigert. dem Apotheker diese Rechnung zu bezahlen; dieser drohte aber mit Klage und wohl mit Recht; denn der Apotheker hatte Rezepte, daß der Wein als Medizin verschrieben war, und, um Kosten zu sparen, hat die Verwaltung die Rechnung bezahlt. Wir erlauben uns aber die gefällige Anfrage:„Ist nichts gegen den behandelnden Arzt zu thun? Ist dieser nicht auf Rückerstattung solcher Kosten zu ver- klagen? Der Arzt behauptet zwar, der Erkrankte sei Alkoholiker gewesen, und er hätte die Herzthätigkeit damit erhalten müssen. Nach nieiner lleberzeugung hätte es aber auch andre Mittel gegeben, um Herzthätigkeit anzuregen. Der Patient hat an einer Blutvergiftung gelitten, und es sollen 30 Liter Eiter dem Erkrankten abgegangen sein."_ Die Konsumhatz in Magdeburg. Wie uns ein Privattelcgramm aus Magdeburg meldet, ist jetzt durch Ministerialerlaß auch den dortigen Postbeamten der Austritt aus dem Konsumverein aufgegeben worden.— Eine Gehaltszulage — an die Krämer— aus den Taschen der Beamten. Die preußischen Bergarbeiter im Jahre 1903. Nach den im„Reichs-Anzeiger" veröffentlichten Nachlveisungen lvar die Zahl der im Jahre 1903 in den Haupt-Bergbaubezirken Preußens beschäftigten Bergarbeiter um etwa 15 000 höher als im Jahre 1902. Die Zunahme wird getragen von den Steinkohlen- revieren, während die übrigen, mit Ausnahme des Halleschen Salz- bergbaues, eine geringe Abnahme zeigen. Auch die Zahl der von einem Arbeiter verfahrenen Arbeitsschichten ist im Steinkohlenbau gestiegen. Die größte Schichtzahl mit 313 wurde im südlichen Dortmunder Revier verfahren, wäh- rcnd im nördlichen Revier 310 Schichten verfahren wurden. Es wurden also durchschnittlich pro Mann in diesen Revieren min- bestens 6 bis 9 Ueberschichtcn verfahren. Die reinen Schichtlöhne pro Mann stiegen von 1902 zu 1903 um 1 Pf. in Obcrschlesien, um 2 Pf. in Niederschlesien, um 5 Pf. im nördlichen und um 7 Pf. im südlichen Dortmunder Revier, in den Saarbrückener Staatswerken um 3 Pf. und im Aachener Revier um 8 Pf. Auch in den übrigen Bergbaubezirken ist eine 12 Pf. nicht übersteigende Erhöhung der reinen Schichtlöhne eingetreten. Der höchste Schichtlohn mit 3,94 M. wird im nördlichen Dortmunder Revier verzeichnet, der niedrigste wie gewöhnlich im Oberharzer Erzbergbau mit 2,23 M. und 8 Pf. Wert der Brotkorn-Zulage. Auch bei den unterirdisch beschäftigten eigentlichen Bergarbeitern bewegt sich die Steigerung des Schichtlohnes in denselben Grenzen wie bei allen Arbeitern zusammen. Der höchste Schichtlohn trifft hier gleichfalls auf das nördliche Dortmunder Revier; er beträgt 4,74 M., der niedrigste ebenfalls auf den Oberharz mit 2,60 M. und 8 Pf. Wert der Brotkorn-Zulage. Die sonstigen unterirdisch be- schäftigten Arbeiter hatten Schichtlöhne bis zu 3,30 M. im nördlichen Dortmunder Revier. Ueber Tage erreichten die erwachsenen männ- ltchen Arbeiter im selben Revier 3,32 M., die jugendlichen 1,20 M. Weibliche Arbeiter werden noch beschäftigt in Oberschlesien mit 1,10 M. Schichtlohn, Niederschlesien mit 1,45 M., Aachen mit 1,69 M., Halle Braunkohlen mit 1,67 M. und im rheinischen Erzbergbau mit 1,30 M. bis 1,39 M._ Lungentuberkulose und Beruf. In den württembergischen Jahrbüchern für Stattstik und Landes- künde veröffentlicht der Sanitätsrat Dr. Elben eine ausführliche Studie über die Sterblichkeit an Lungentuberkulose nach Alter und Beruf in Württemberg in den Jahren 1899 bis 1901. Wir geben aus dieser Arbeit einige Zahlen über die Sterblichkeit nach socialer Stellung und Beruf. Unter je 100 in den Jahren 1899—1901 in den einzelnen Be- rufen Gestorbenen starben an Tuberkulose der Lunge Selbständige Angestellte Arbeiter männl. weibl. männl. weibl. männl. lveibl. *)*) Landwirtschast. 12,2 12,8—— 15,8 12,5 Bergbau und Industrie. 16,5 15,3 35,3 22,0 34.0 27,4 Handel und Verkehr.. 17,6 13,3 33,3 25,3 24.0 25,7 Häusliche Dienste..———— 21,3 21,8 Freie Berufe, Staats-, Gemeinde- beamte.. 14,7 12,7 21,7 23,6 14,1 20,0 Renwer und Berufslose. 6,0 5,0———— überhaupt 12,8 11,2 30,0 26,1 27,0 21,0 *) Die Zahlen sind für die prozenttsche Berechnung zu klein. Es geht aus diesen Zahlen deutlich die Wirkung der wirsschaft- lichen Lage und der Beschäftigungsart auf die Sterblichkeit an Lungen- tuberkulöse hervor. Die Wirkung der Berufsarbeit zeigen die folgenden Zahlen der ungünstigsten Berufe. Von je 100 Todesfällen fielen in den nachgenannten Berufen aus Lungcntuberkulo se: Maßnahmen gegen die Vergiftung durch Rohpettoleum. Gegen die Vergifding durch Rohpetroleum richtet sich eine Verfügung des Handelsministers an den Polizeipräsidenten und an die Regierungs- Präsidenten. In den zur Gewinnung und Bearbeitung von Roh- Petroleum bestimmten Anlagen Nordamerikas werden viele Arbeiter von specifischen Krankheiten befallen, die zum Teil auf die in dem Roh- Petroleum enthaltenen niedrig siedenden, bei gewöhnlicher Temperatur flüchtigen Kohlenwasserstoffe, zum Teil auf die ihm beigemengten hoch siedenden, paraffinähnlichen Verbindungen zurückgeführt werden. Die leicht flüchttgcn Kohlenwasserstoffe erzeugen, wenn sie unverdünnt eingeatmet werden, in leichteren Fällen rauscharttge Benommenheit und übermäßige Lustigkeit, in schwereren Fällen Bewußtlosig- keit, blaue Verfärbung des Gesichts, starren Blick mit ver- engten Pupillen und Schaumbildung vor dem Munde. Die hoch siedenden Oele des Rohpetroleums üben nachteilige Wirkungen auf die Haut aus. Häufige Benetzungen damit können zu einer langwierigen Entzündung der Talgdrüsen der Haut führen. Es ist zu befürchten, daß sie auch in Deutschland vor- kommen oder bei weiterer Entwicklung der Erdölindustrie vorkommen werden. Die Gewerbe-Aufsichtsbeamten werden deshalb veranlaßt, festzustellen, wo die Gewinnung oder Verarbeiwng von Rohpetroleum stattfindet, von welcher Zusammensetzung es ist, wie groß die Zahl der damit in Berührung kommenden Arbeiter ist, die Art der Ge- winnung, die Erkrankungen und etwaige Schutzmaßregeln. Da es nicht ausgeschlossen erscheint, daß ähnliche Berufskrankheiten auch in den Anstalten zur frakttonierten Destillation von Rohnaphta(Benzin- destillationen), in Petroleumtanklagern und in den Schmierölfabriken vorkommen, so sollen diese Anlagen auch in Bettacht gezogen werden. Einen erfreulichen Sieg erfochten am Sonntag die freien Ge- werkschaften bei den Gewerbegerichtswahlen in Offenburg. Sie siegten mit durchschnittlich 350 Stimmen über den Vorschlag deS katholischen Arbeitervereins, aus den nur 150 Stimmen abgegeben wurden. Für das Centrum bedeutet dieses Ergebnis eine bedenkliche Schlappe. Für die Unternehmervertteter war den Gewerkschaften überhaupt keine Gegenliste gegenübergestellt. Versammlungen. Reinickendorf. In der Genieindewähler- Versammlung vom 10. d. Mts. wurden nach dem Vortrage des Genossen Schilling als socialdenwkratische Kandidaten für die dritte Abteilung für West: Rentner Paul Schilling, für Ost: Kommissionär I. Prange proklamiert. Klein-Schöncbcck-Fichtcnau. Anläßlich der Gemeindcratswahl fand am Sonntag in Fichtenau eine gut besuchte Volksversammlung statt. Genosse Sonnen bürg hielt einen mit Beifall auf- genommenen Vortrag über:„Die Aufgaben der Socialdemokratte u, der Gemeindevertretung". An der Diskussion beteiligten sich Wienecke, Rühl, Hentschel, Klintzky und Bork. Sämt- liche Redner kritisierten das Verhalten der sich fortschrittlich nennenden Gemeindevertrcter, welche namentlich in der Schulfrage auf dem Standpunkt stehen, daß Arbeiterlinder überhaupt keinen Schul- Unterricht benötigen. Ganz traurig ist es in dieser Beziehung in Fichtenau, da sind in einem kleinen niederen Raum 85 Kinder von 6—14 Jahren untergebracht; ein Lehrer ist für diese Anzahl Kinder angestellt, welcher bei aller Tüchtigkeit seiner Aufgabe als Kinder- erzieher nicht genügen kann. Zustände sind das, wie sie unglaublich genannt werden müssen für einen Ort, welcher an der Weichbild- grenze von Berlin liegt. Ferner lvurde bekannt gegeben, daß an den Gemeindevorsteher das Ersuchen gerichtet war, die Wahl für die dritte Abteilung von 5—8 Uhr anzusetzen. Die Antwort war, daß die Zeit von 10 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags und zwar am Sonnabend, den 19. März, festgesetzt wurde. Der Kandidat der dritten Abteilung ist Genosse Ludwig Kurtze, Zimmerer. Fichtenvu. Centralverei» der Burcau-Angestellten Deutschlands(Mitglied- schast Berlin). Mittwoch, den 16. März, abends 8lls Uhr, Mitglieder-Versammlung in Mendts Clubhaus, Konigsgrabcn IIa. Tagesordnung: „Die Kausmannsgettchte und die Bureau-Angeslellten". Rejerent: Kollege H. Lehmann. j Münz 14,, IS. iHtd 16. April iarienburg | Lose ä 3 � S'SVr;.�] sooooo Lose. 8840 Geldgewinne, f zahlbar ohno Abzug mit Mark 355.000 | Hanpteewinn# ohue Abzug: Mark| 60,000 50,000 40,000 äfijllilil 20,000 S 0,000 4*2500= 80000 j 10al000°i0000 20»500=80000 100*100= 200 ä 50= 1000*20 7500*10 800001 20000 75000 Ferner«mpf. die beliebten m 8t Stettin. Pferdo-l.ose 1 AUO A LudJiillerftCo. in Berlin, Breitesir. 5, 1 ITamburg, gr. Johannisstr. SX.( » Tel«gr.-Adr.: MtokamUller.| Elegante Neuheiten— grösste Auswahl Jacken und Blusen-Costüme in neuesten Sloffen 12, 15, 20 Mk. Fusslreies amerüc'ackenkleid, letzte Neuheit 15, 20 Mk. Trauerkleider in eleganter Ausführung. 18, 20, 25 Mk. 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Morgen Donnerstagabend 8 Uhr findet im Kumke- scheu Saale, Schönwalderstr. 80, eine Volksversammlung statt. Reichstags-Abgeordneter tz e r z f e l d spricht über das Thema: „S o c i a l i st e n h e tz e und blaue Bohnen!" Arbeiter! Agitiert für einen glänzenden Besuch dieser Versammlung. Grünau. Die Gemeindevertreter wähl der dritten Abteilung findet am Montag, den 21. März, abends von 6— 78/4 Uhr, im Lokal von Frau Buchholz,' Friedrichstraße, statt. Unser Kandidat ist der Konstrukteur Emil Neyen. Es ist Ausgabe eines jeden Wählers, rechtzeitig zu erscheinen und den letzten Indifferenten an seine Pflicht zu mahnen. Nur dann wird es uns gelingen, unserm Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Das Wahlkomitee. Reinickendorf. Am Mittwoch, den 16. d. Mts., abends 8>/z Uhr, findet im Frankeschen Saale, Eichbornstr. 18, eine öffentliche Wählerversammlung statt. Stadtverordneter Gen. Antritt spricht über Socialpolitik in der Gemeinde.— Ain Freitag, den 18. d. Mts., abends S1/, Uhr, referiert der Reichstags- Abgeordnete Gen. Z u b e i l im Schützenhaus sLehder), Residenzstr. 1/2, in öffent- licher Gemeindewähler- Versammlung über dasselbe Thema. Die Parteigenossen wollen zahlreich erscheinen. Das Wahlkomitce. Neinhold Lorenz. Wilmersdorf. Ucber die socialpolitischen Aufgaben der Gemeinde spricht Reichstagsabgeordneter Z u b e i l in der heute abend S1/» Uhr bei Witte, Berlinerstr. 40, stattfindenden Volksversammlung. Außerdem erfolgt in dieser Versammlung die Aufstellung der Kandidaten zur Gemeindewahl. Pankow. Heute von 11—7 Uhr: Wahl oer Gemeindevertreter, für den 1. Bezirk bei Ebersbach, Berlinerstr. 102, für den 2. Bezirk bei Roczycki, Kreuzstr. S/4. Parteigenossen I Erscheint pünktlich und führt die Säumigen zur Wahl. Kaulsdorf. Allen Genossen und Arbeitern nochmals zur Nach- richt, daß heute Mittwoch von 1—3 Uhr im Gasthof Götze die Wahl zur Gemeindevertretung stattfindet. Arbeiterkandidat ist der Maurer Friedrich Ts ch entscher. Wenn jeder seine Pflicht thut, ist der Sieg unser. Das Wahlkomitce. Schmargendorf. Heute abend 8 Uhr findet im„Wittshaus Schmargendorf", Warnemiinderstr. 6, eine Gemeindewählerversamm- lung statt, in der Genosse W. Brille über„Die Kommunal- Politik der Amtspartei" referiett. Es lvird gebeten, für zahlreichen Besuch der Versammlung zu sorgen. Die Stichwahl zwischen unser« Kandidaten, dem Buchdrucker Arthur Pndlitz, und dem Vertreter der„Amtspartei" findet am Freitagabend vou 5 bis 8 Uhr im Rathausc statt. Wir ersuchen die Genossen, bis zum Wahltage unermüdlich für unfern Kandidaten zu agitieren und die zahlreichen Arbeiter, die beim ersten Wahlgange fehlten, zur Ausübung ihres Wahlrechtes anzuhalten, damit wir siegen. Temprlhof. Zu den heutigen Gemeindewahlen empfehlen wir den Parteigenossen S t i m m e n e n t h a l t u n g, da zwei An- gesessene gewählt werden müssen und solche uns nicht zur Verfügung stehen. Der Vorstand des socialdcmokratischen Wahlvereins. Spandau. Donnerstagabend 3 Uhr findet im Restaurant „VorwättS", Schönwalderstr. 30, eine Volksversammlung für Männer und Frauen statt. Reichstags-Abgeordneter Ftttz Z u b e i l spricht über„Die Mu st erwerk st ätten vor dem Reichstage". Treptow-Baumschulenweg. Heute Mittwochabend S'/a Uhr im Ackermannschen Restaurant WahlvereinS-Versamnrlung. Auf der Tagesordnung steht unter andernr„Die Regelung der BibliothelSbücher-Ausgabe und der Zahlabendc." Lokales. AuS der Stadtverordneten-Versammlung. In der außerordcutlichen SiPiurz, die für gestern anberaumt worden war, ist die Beratung des Stadthau shaltS-EtatS für 1004 nur um ein mäßiges Stück vorwärts gebracht worden. Ohne Debatte wurden zunächst die Etats der Straßen- Beleuchtung sowie der Stratzenreinigung und-besprengung an- genommen. Beim Etat der Standesämter unterhielt man sich eine Weile über die nüchterne GcschästSmäßigkeit, mit der die Standesbeamten die Trauungen vollziehen, und man klagte darüber, daß manche von ihnen den Neu- vermählten gegenüber nicht einmal die Nolle des ersten Gratulanten übernehmen wollen. Die vom Etatsausschuß vorgeschlagene Neso- lution, die mehr Feierlichkeit fordctt, fand Annahme, doch wurde die Forderung, daß die Standesbeamten auch gratulieren sollen, ge- strichen. Dann folgten ein paar Etats, denen wieder debattelos zu- gestimmt wurde. Auch bei den Jrrenanstalts-Etats gab es nur ein kleines, mehr persönliches Geplänkel zwischen dem Redner der„Social-fortschttttlichen Gruppe" Stadtv. Deutsch und dem Aus- schuß-Bcttchterstatter Stadtv. Wallach. Beim Etat der Desinfektionsanstalt brachte unser Genosse Dr. Wehl die für die Desinfektion bestehende inhumane Dienstinstruktion und die rücksichtslose Ahndung etwaiger Ueber- tretungen zur Sprache und forderte eine Aenderung. Außerdem lag hier von der socialdemokrattschen Fraktton der Antrag vor, die Desinfektion allgemein unentgeltlich zu ge- währen. Dieser Wunsch wurde ja, wie bekannt, nicht zum erstenmal vorgebracht, und er wird, nachdem er jetzt wiederum abgelehnt worden ist, auch nicht zum letztenmal vorgebracht worden sein. Genosse Wehl, der den Antrag begründete, wandte sich gegen die übertriebene Bazillenfurcht, verlangte aber, daß die Desinfektion, wenn sie schon mal für nöttg gehalten wird, dann wenigstens von denen bezahlt wird, zu deren Schutz sie angeordnet wurde, also von der Gesaintheit. Ein Evenwal- antrag, wenigstens für ansteckende Krankheiten und bei einem Einkommen bis 3000 Mark unentgeltliche Desinfektion zu gewähren, war von der„Social- fortschrittlichen Gruppe" gestellt worden und wurde vom Stadtverordneten Friedemann begründet. Dem Stadtrat Straßmann fiel die Aufgabe zu. den Standpunkt zu vertreten, daß das alles nicht nötig sei, daß man den Unbemittelten, die desinfizieren lassen, schon genug entgegenkomme. Die Haltung des Magistrats fand den Beifall der Stadtverordneten-Mehrheit. Nach längerer Debatte darüber, ob mehr Reiche oder mehr Anne desinfizieren lassen, wurden. beide Anträge abgelehnt. Der Heimstätten-Etat gab Anlaß, auf die Ueberfüllung der Heimstätten hinzuweisen. Genosse Wehl ivarf dabei dem Ober« Bürgermeister Kirschner tvcgen einer früheren Aeußenwg, die Herr Kirschner über dieses Thema gethan hatte, Diangel an sozialen: Verständnis vor. Herr Kirschner antwottete in grobem Tone, das lasse ihn kalt. Er versuchte aber doch, jene Aeußerung zu deuten, aber sein Deutungsversuch zeigte nur. daß Wehl das Richtige getroffen hatte. Herrn Kirschner fehlt thatsächlick das Verständnis dafür, daß eine moderne Kominune die Pflicht hat, über das hinauszugehen, was gesetzlich vorgeschrieben ist. Wehl erwiderte ihm nachher, wer die Errichtung von Heimstätten als einen Mt des„Wohlwollens" an- sehe, dem mangele es an hygienischem Verantwortungsgefühl. Auch Herr Stadrat S t r a ß m a n n hatte noch in die Debatte eingegriffen. Er besttitt, daß das städtische Gesund- heitswesen im Versumpfen sei, wie unser Redner gesagt hatte. Dem Stadtv. Friedemann mußte Herr Straßmann bestätigen, daß man in der Heimstätte Gütergotz wegen Platzmangel die Auf- nahmebedingungen erschwert hat. Beim Etat der h ö h e r c n L e h r a n st a l t e n kam es zu einer kurzen, aber interessanten Debatte über das Verhältnis Berlins zu den Vororten. Stadtv. Z y l i c z(8(. L.) empfahl, den auswärtigen Schülern die vollen Selbstkosten als Schulgeld zu berechnen, während Cassel, der Führer der„Alten Linken", diesem Vorschlag scharf cntgcgenttat. Genosse S i n g e r wies darauf hin, wie hier wieder einmal gute Sitten in Gefahr seien, durch böse Beispiele verdorben zu werden. Die Krähwinkeln, die man bei den Krankenhäusern begangen habe, solle man nun nicht auch bei den Schulen begehen. Der Versuch, noch eine Erledigung des G e m e i n d e- S ch u l- etats durchzusetzen, scheiterte an der Fülle der Anträge, die dazu vorlagen, und der Redner. die zum Wort gemeldet waren. Donnerstag geht die Beratung weiter. Sachsengänger-Züge. In den letzten Tagen herrschte auf den Hauptbahnhöfen Berlins ein besonders lebhaftes Treiben. Das Verkchrsbild trug einen erheblich veränderten Charakter gegenüber dem täglichen großstädtischen Einerlei. Es war, als sei Berlin plötzlich der Sammelpunkt für einige Tausend Auswanderer geworden, die in größeren oder kleineren Trupps von einem Bahnhof zum audern zogen, um dott für die Weiterfahrt„verladen" zu werden. Und doch wollen diese „Auswanderer" nicht über das Weltmeer, sondern sie bleiben im „lieben deuffchen Vaterlande", sie wechseln nur die Heimat auf 8—0 Monate. Ja die Heimat, es ist ein eigen Ding um sie. Auch die Zugvögel haben ihre Heimat, und doch müssen sie sie verlassen, wenn es ihnen dott an genügender Nahrung fehlt. Aehnlich so ergeht es diesen Auswanderern, den sogenannten Sachsen- g ä n g c r n. Aus allen Gegenden der Ostprovinzen, vornehmlich aber aus den lieblichen Junkergefilden unsres„berübinten" Ostelbiens finden sie sich zusammen, um im Westen Deutschland? lohnendere Arbeit, bessere Behandlung zu suchen, als wie sie ihnen in der Heimat blüht. Ein eigentümliches Gefühl überkommt einem beim Anblick dieser Scharen. Halb ist es Mitleid, aufrichtiges proleta- risches Mitempfinden mit dem Schicksal der Leute; halb ist eS un- willkürlich aufwallende Entrüstung, gerechte innerliche Empörung über die schmachvollen ostelbischen Zustände und deren Hüter und Träger, die ausschließlich Schuld tragen an dem unsteten Leben jener Heiinatfliichttgen. Sehen wir sie UNS an. Da drängen sich Männer und Frauen aller Altersklassen, von jüngst konfirmierten Knaben und Mädchen bis zum bejahrten Ehepaar bunt durcheinander. Die Männer noch häufig in dem„eigengewebten" grauen Anzug mit dem charakteristischen Dorfschnitt, auf dein Kopfe eine Kokardenmütze oder den winterlichen„Pudel": die Frauen mit weiten formlosen Jacken und dicken Kopftüchern angethan, nicht selten hohe MnnnSstiefel an den Füßen. Alle sind mit den notwendigsten Habseligkeiten beladen; der eine trägt einen viereckigen Wcidenkorb, der andre eine alte wurmstichige Holzlade; hier läuft jemand mit einem defekten Sack auf der Schulter, dott einer mit einem lose geschnürten Bündel einher. Die Unterhaltung ist meistens ziemlich lebhaft und wird natürlich in den verschiedensten Mund- arten geführt. Bald hört man das breite pominersche Platt, bald den schlesischen oder ostprcnßischcn Dialekt, dazwischen wieder polnisch oder gar littauisch. Nur zu häufig zeigen die Ge- sichter jenen nichtssagenden, stupiden Ausdruck, den ihnen Ueberarbeit und Bildungsmangel aufprägt, ein charakteristisches Zeichen des niederen Kulturniveaus ostclbischer Gutswirtschast. So wandern die Sachseugängcr kolonnenweise vom Schlesischen Bahnhof, dem Ankunftspunkt der östlichen Bahnlinien, nach dem Anhalter-, Pols- damer- und Lehrter Bahnhof, um eng zusammengepfercht in den Wagen vierter Klasse die Weiterreise nach ihren westlichen Be- stimmungsorten anzutreten.— In'diesen Sachsenaänger-Zügen verkörpert sich ein Stück der von agrattscher Seite so viel bejammerten„L a n d f l u ch t" der ostelbischen Proletarier. Weshalb fliehen Sie? Weshalb kehren sie der Heimat den Rücken? Sicher nicht aus Hang zur Veränderung oder zu ihrem Privatvergnügen, auch nicht aus angeborenem Wander- trieb. Ach nein, es sind sehr reale Faktoren, die sie aus der Heimat treiben. Dort in Pommern, Preußen, Posen, Schlesien, Ivo unsre junkerlichen Notstandsagrarier noch wie kleine absolute Fürsten in ihren Gutsbezirken herrschen, dort haben sich ja bekanntlich bis auf den heutigen Tag noch mittelalterliche Zustände erhalten, unter denen in erster Linie die armen Landarbeiter zn leiden haben. Schwere Arbeit von früh bis spät unter der Aufsicht brutaler Vögte oder Inspektoren. Das Leben der Leute unter der Fuchtel ihrer angestammten„Herrschaft" besteht eben nnr aus Arbeit, ein bißchen Essen, ein bißchen Schlaf und dann wieder Arbeit. Dazu kommen die denkbar elendeste Entlohnung, miserable stallartige Wohnungen und obendrein noch eine schlechte menschenunwürdige Behandlung verbunden mit fast völliger Rechtlosigkeit in ihrem Arbeitsverhältnis. Das ist das Los dieser Proletarier in ihrer Heimat. Was Wunder. wenn sie sich da sagen:„Schlechter wie es uns hier geht, kann es uns auswärts auch nicht gehen". Der Gedanke, daß sie bei einer zeitweiligen oder auch dauernden Abwanderung absolut nichts ver- lieren, tvohl aber etwas gewinnen können, muß sich ja notwendiger- weise in ihnen festsetzen, und er wird auch stetig genährt durch die Erzählungen und Schilderungen der vorjährigen Sachsengänger von dem besseren Verdienst in der Fremde. So haben denn die Agenten der Bennittelungsbureaus oder die sogenannten Vorschnitter der westdeutschen Güter und Zuckerfabriken während des Winters ein leichtes Spiel, die Leute zckm Zuge nach dem Westen zu überreden und sie für die Zeit vom Frühjahr bis zum Herbst für den Auftrag- gebcr nach Sachse». Braunschweig, Hannover, Oldenburg und SchleSwig-Holstein, oder auch für die Jndustriebezirke Rheinland-West- falenS kontraktlich anzuwerben. Und an ihren neuen Arbeitsplätzen? Nun, auch hier heißt es für sie: Schaffen und immer wieder schaffen. Auch die westdeutschen Zuckerbarone und Landwirte wissen sehr gut. daß die Importierten in Bezug auf Behandlung und Entlohnung sich viel mehr von ihnen bieten lassen wie die einheimischen Arbeiter. Die Importierten sind ja von Jugend auf an größte Anspruchslosigkeit gewöhnt und in den Augen jedes Unternehmers erscheint die Anspruchslosigkeit bekannt- lich stets als die größte Tugend der Arbeiter. Dies ist ja auch die Haupttriebfeder, die unsre westdeutschen Agrarier zum Import ostelbischer Arbeiter bewegt. Sie schimpfen zwar viel auf die„dummen Pollacken" oder das„dösige ostpreußische Volk", dennoch holen sie dieses„Volk" jedes Jahr wieder. weil es immer noch billiger arbeitet, wie der anspruchsvollere West- deutsche Arbeiter. Es ist ihnen auch herzlich gleichgültig, daß sie damit ihren ostelbischen Busenfreunden die Arbeitskräfte entziehen. Ja, sie freuen sich sogar darüber; wissen sie doch, daß die letzteren dann ihr Geschrei über die«Leutenot" um so kräftiger ertönen lassen, wodurch dann die Regierung zu Maßnahmen veranlaßt wird. von denen auch die Westagrarier profitieren. Immerhin zwingen die ganzen westlichen Verhältnisse zu einer besseren Entlohnung, als wie sie in Ostelbien üblich ist, und daher ist es unfern ländlichen Arbeitsbrüdern aus den Ostprovinzen auch nickt zu verargen, wenn sie durch Abwanderung ihre Lage zu verbessern suchen. Viele von ihnen nehmen in der Fremde auch Anregungen über das Wesen der modernen socialistischen Arbeiterbewegung in sich auf, die sie dann in der Heimat weiter verbreiten und so wirken die Sachsengänger-Züge auch als Samenträger der soeialdemokratischen Ideen. Die Stlidtverordnetcn-Bersammlung hat sich in ihrer Sitzung am Donnerstagnachmittag 5 Uhr u. a. mit folgenden Gegenständen der Tagesordnung zu befassen: Die in der außerordentlichen Sitzung am lö. Dkärz d. I. etwa unerledigt bleibenden Etats.— Bettcht- crstattung über die Vorlage betr. den Vorentwurf zum Neubau einer Anstalt für H o s p i t a l i t e n in Buch.— Berichterstattung über den Protest gegen die Wahl des Hotelbesitzers L e i s zum Stadt- verordneten.— Borlagen betr. die Uebernahme der Grundstücks- Be- und EntwässernngSpolizei durch die Stadtgemeinde.— Die Vermietung des städtischen Grundstückes am Süd-Ufer 14/16 an die Berliner Elektricitätswerke.— Den Empfang des Jnter- nationalen Frauenkongresses,— den Nachttag zur Ordnung für die Erhebung einer Gemeindesteuer bei dem Erwerbe von Grund- stücken im Bezirk der Stadt Berlin,— die Vermehrung der Zahl der Mitglieder der Verkehrsdeputation,— die Wahl des Stadtv. Nelke in das Plenum der Armendirektton zur Vertretung der Abteilung für die Verwaltung des Arbeitshauses,— die Nachzahlung von Krankenkassen-Beitragen für die an den städtischen Schulen be- schäftigtcn Reinmachefranen mi die BettiebS-Krankenkasse der Stadt- gemeinde Berlin. Die städtische Verkehrsdcputatiou beschäftigte sich gestern unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Kirsch»er mit einer Petition der Stadt Teltow, die diese an den Minister der öffentlichen Arbeiten wegen des Baues einer Vollbahn zu richten gedenkt. Diese Eisenbahn soll dem neuen Teltow- Kanal entlang gehen, d. h. Groß- Lichterfelde mit Teltow, Klein- Machnow und Neu- BabelSbcrg verbinden. Zur Zeit werden die erstgenannten Otte durch eine Dampfstraßenbahn miteinander verbunden. Die Bahn würde eine neue Verbindung zwischen der Anhalter-, Potsdamer- und der Wctzlarer-Eisenbahn schaffen, liegt also nicht nur im Interesse der beteiligten Orte, sondern auch im Interesse i»S Ver- kehrs und des Eisenbahnfisfus sowie des Teltow-Kanals. DaS Interesse der Stadt Berlin an der Bahn ist dagegen nur sekundär. Von der Großen Berliner Straßenbahn-Gesellschaft lagen Anträge auf die Genehmigung von Schleifenanlagen vor. Ferner stand auf der Tagesordnung, die Verpachtung des Brandenburger Ufers zwischen Waisen- und Jannowitz-Brücke als Anlegestelle für Dampfer. Die Verpachtung war öffentlich ausgeschrieben worden. Meistbietende war die Spree-Havel-DampfschiffahrtS-Gesellschaft„Stern". Die Therese Lefimannschc Stiftung hat den Zweck, in Berlin ortsangehörigen hilflosen Witwen und unverehelichten Personen weiblichen Geschlechts, welche keinen Ernährer haben und einen tadelsfreien, sittlichen Lebenswandel führen, Unterstützungen zn ge- währen. Die Verleihung der für die Zeit vom 1. Juli 1004 bis 1. Juli 1005 zur Verfügung stehenden Unterstützungen findet am 10. Juli d. I. statt. Die einzelnen Unterstützungen betragen 180 M. und werden vierteljährlich pränumerando mit 45 M. gezahlt. Bewerberinnen haben ihre Gesuche mit Angabe der Vor- und Zunamen, des Tages und OrteS der Geburt bis spätestens Ende März dieses Jahres an das Kuratorium der Therese Leßmannschei: Stiftung, Poststraße 16, einzureichen. Da die Stifterin bestimmt hat, daß die Unterstützungen zur Hälfte der verfügbaren Mittel an christliche, zur andern Hälfte derselben an jüdische Personen zu ver- leihen sind, ist in den Gesuchen zugleich auch die Religion der Be- wcrberinnen anzugeben. Gesuche, welche vorstehend erforderte Angaben nicht enthalten, ferner Gesuche solcher Personen, welche von der Annendirektion oder andcrwcittg unterstützt werden, müssen un- berücksichttgt bleiben. In der Angelegenheit des Leo-Hospiz sendet uns der Oekonom Herr Scheruch eine Zuschrift, der wir im Anschluß an die berichtigende Mitteilung, daß das Lokal der Arbeiterschaft zur Verfügung steht, folgendes entnehmen: Als ich, so schreibt Herr Scheruch, am 1. Oktober 1001 das Leo-Hospiz übernahm, wurde mir nahe gelegt, socialdemokratische Versammlungen und Vergnügungen nicht in dem Lokal tagen zu lassen und in der Advents- und Fastenzeit überhaupt nicht tanzen zu lassen. Die Fastenzeit beginnt im Februar und endet acht Tage nach Ostern, fällt also in die für Berlm beste Geschäfts- zeit. Nur zu bald sah ich ein, daß ich von der katholischen Bevölkerung in recht ungenügendem Maße unterstützt wurde, und als daher die Lokalkommission an mich heran- trat, verpflichtete ich mich durch Uuterschrift, mein Lokal der soeialdemokratischen Arbeiterschaft zur Verfügung zu stellen. Ich mußte diesen Schritt schon um deswillen thun, weil die Katho« liken ja durchaus nicht allein bei mir, sondern auch bei Lipps, Keller. Stechcrt und in andren Lokalen, die ebenfalls nur durch Unterstützung der Arbeiterschaft bestehen, ihre Versammlungen und Festlichkeiten abhielten. Andrerseits wird die Verwaltung des der Hedwigs- gemeinde gehörenden zweiten katholischen Vereinshauses nach den- selben Grundsätzen geleitet, die mir zur Last gelegt werden: in diesem Lokal halten sogar Freimaurer ständig ihre Zusammenkunft ab. Um weiter noch die Lauheit zu dokumentteren, die die Katholiken für ihr VereinshauS schon vor meiner Geschäftsführung an den Tag gelegt haben, teile ich mit, daß die St. Michael- und die Piusgeineinde, welche einzig für den Osten in Betracht kommen, da- mals 26 Versammlungen und Vergnügungen im Leo-Hospiz, 72 da» gegen in den AndreaS-Festsälen und bei Keller abgehalten haben. Ich bin der Ansicht, daß die Arbciterbevölkerung ans meinem bis- herigen Verhalten schließen darf, daß sie mir bisher mit Recht ihr Verttaue» zn teil werden ließ. Verkauf des Sportpark- Terrains? Die magistratsoffiziöse Korrespondenz bringt die Meldung, daß der bekannte Sportpark am Bahnhof Wilmersdorf in Kürze verschwinde, da das Terrain ver- kauft sei und der Bebauung erschlossen werden solle. Die Nachricht klingt kaum glaubhaft, da das Grundstück unsres Wissens von der Stadt Berlin seiner Zeit zur Anlegung einer fünften Gasanstalt er» warben ist und ihr unsres Wissens heute noch gehött. Zu dem Selbstmord der Oberin Wand« L'Oeillot de MarS, über den am Sonntag berichtet wurde, erhalten wir von Frau Gertrud Hirschberg, der die Oberin als Reisebegleiterin nach Baden-Baden beigegeben war, ein Schreiben, in dem eS unter andepm heißt: „Seit einigen Jahren auf Reisen lebend, hatte ich mich nach einer ziemlich anstrengenden Marienbader Kur im Juli 1002 während neun Tage in den: Sanatorium des Herrn Dr, L., mit dessen Familie ich seit lange befreundet war, in Lichterfclde aufgehalten. Dieser Aufenthalt konvenierte mir jedoch infolge verschiedener Umstände nicht, und da Dr. L. mein Verweilen in einem„Sanatorium" für durchaus überflüssig erachtete, so entschied ich mich, nach Baden-Baden zu fahren, um von dort aus mit einer intimen Freundin nach der Schweiz weiter zu reisen. Der mir völlig ungewohnte Gebrauch von Schlafmitteln. derer ich mich in Lichterfelde bediente, hatte— im Zusammenhang mit der vorerwähnten Kur— bei nur einen etwas erschlaffenden körperlichen Zustand hervorgerufen. In Rücksicht darauf kam ich mit Dr. L. überein, mir für wenige Tage eine„Reisebegleitenn" mit- zunehmen. Zwecks dieses wandten wir uns an Fräulein de Mars." — Die Einsenderin beschuldigt dann mehrere Aerzte, ihre Ueber- führung in das Neckargemünder Irrenhaus ohne vorherige Unter- fuchung lediglich aus Grund einer selbstsüchtigen Anzeige durch Fräulein de Mars verfügt zu haben.— Hoffentlich gelingt der Staatsanwaltschaft binnen kurzem die Aufklärung der Angelegenheit. Ein Lottcricschwiudlcr, der mit Erfolg auf die Vertrauensselig keit der Landbewohner rechnete, ist von der hiesigen Kriminalpolizei unschädlich gemacht worden. Ein 28 Jahre alter Handlungsgehilfe Walter Kraft bot durch Anzeigen in Provinzialzeitungen Lose einer erlaubten Klassenlotterie an. Viele Leute sandten den Betrag, den er verlangte, ein, bekamen aber nie ein Los zu sehen. Wenn andre etwas vorsichtiger waren und sich erst brieflich mit ihm in Verl bindung setzten, sandte er ihnen unter Nachnahme einen Prospekt und versprach, dah er daS Los nachschicken werde. Das vcrgatz er aber in jedem Falle. In der Narkose gestorben ist der 41 Jahre alte Arbeiter August Pilgermann aus der Potsdamerstr. 38 zu Charlottenburg. Der Mann verunglückte am 8. Dezember v. I. in der Maschinenfabrik von Freund in der Franklinstraße dadurch, daß ihm ein Stück Eisen auf das linke Schienbein fiel. Nachdem er dreizehn Wochen im städtischen Krankenhaus in Charlottenburg gelegen hatte, wurde er als gebessert entlassen. Da er aber immer noch stark lahmte, begab sich der Verunglückte am Sonnabend nach Berlin in eine Privat- klinik. Hier sollte er vorgestern. Montag, an dem beschädigten Bein operiert werden, bevor jedoch der Arzt zur Ausführung des beabsichtigten Eingriffs schreiten konnte, starb er, nachdem er eben chlorofonniert worden war. Die Leiche wurde auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, um gerichtsärztlich geöffnet zu werden. Ob die in der Narkose alle vorgeschriebenen Vorsichis- maßregeln angewendet worden sind, bedarf noch der Aufklärung durch die eingeleitete behördliche Untersuchung. Zeugen gesucht. Die Personen, welche gesehen haben, wie am Donnerstag, 2. Februar d. I., morgens 7 Uhr, an der Ecke der Uorl- und Katzbachstraße ein von einem Omnibus abgestiegener Mann von einem Straßenbahnwagen iiberfahren wurde, werden dringend gebeten, sich bei Ludwig Haas, Waterloo-Ufer 4, vorn Keller, zu nielden. Selbstmord eines verschwnndcuen jungen Mädchens. Die n Jahre alte Tochter Wilhclmine des Tischler Töltzersclien Ehepaares aus der Kaiser Friedrichstraße 17ö zu Rixdorf hatte sich gegen den Wunsch der Eltern kaufmännisch ausbilden lassen, mit großem Eifer die Fortbildungsschule besucht, an Kursen teilgenommen usw. Als sie endlich in einer elektrotechnischen Fabrik in der Lindenstraße auf vierwöchige Probe als Comptoiristin beschäftigt wurde, war sie in- folge ihrer Anstrengungen schon etwas überreizt. Am 2. Januar d. I. gab ihr der Fabrikhcrr den Rat, sich nach einer andern Stelle uin zusehen, da er sie wegen ihrer Zerstreutheit nicht verwenden könne. Enttäuscht verließ sie das Comploir, wagte aber nicht mehr, nach Hause zurückzukehren. Seitdem wurde das junge Mädchen vernfißt. bis man es gestern am Gröbcnufer als Leiche in der Spree wieder- fand und landete. Bei der Arbeit tödlich verunglückt ist gestern der 62 Jahre alte Zimmerpolier Gottfried Schuppan vom Marheinekeplatz 12, der bei Rammarbeiten hinter dem Grundstück Alt-Moabit 61/66 an der Gotzkowskybrücke beschäftigt war. Er befand sich allein auf einem Kahn, stürzte, wie behauptet wird, aus eigner Unvorsichtigkeit in die Spree und ertrank. Man suchte sofort das Wasser nach ihm ab; als man ihn fand und landete, war er aber schon tot. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Schuppan hinterläßt eine Frau und drei Kinder, von denen die älteste Tochter bereits ver heiratet ist, während der jüngste Sohn erst drei Jahre zählt. Im Benif ist gestern der im Flaschenkeller der Unionsbrauerei beschäftigte Arbeiter Ritzmann aus Rixdorf g e st o r b e n. Der 68 Jahre alte Mann war seit längerer Zeit kränklich. Als er gestern mit seinem Meister verhandelte, fiel er plötzlich vom Schlage getroffen tot zur Erde nieder. Ritzmann hinterläßt eine Witwe. Fcuerbericht. Gestern mittag wurde die Wehr nach der Berliner Ausstellungsgalerie in der Gertraudtenstraße gerufen. Im Laden 17ir befindet sich dort die zoologische Handlung von W. Schleifer. Als dieser nun gestern niittag sein Geschäft auf einige Zeit verlassen yatte, entstand jedenfalls durch die Fcuerungsanlage in demselben Feuer._ In kurzer Zeit hatte eS Werg, ausgestopfte Vögel und die Ladeneinrichtung ergriffen, so daß der erste Löschzug aus der Fischer- straße bei seiner Ankunft schon einen größeren Brandherd vorfand. Die Wehr schlug sofort die Eingangsthür ein und brachte zuerst alle lebenden Wesen, Vögel. Hunde zc. ins Freie. Mehrere kleinere Vögel waren indes durch den starken Rauch schon erstickt, dagegen erholten sich einige schon hart mitgenommene Papageien und zwei Hunde wieder an der Luft. Erst nach fast einstündigem Wassergeben war die Gefahr beseitigt. Der Schaden ist nicht un- erheblich, da eine größere Zahl von ausgestopften Tieren stark bc- schädigt und dadurch unverkaufbar wurden; auch hat die Laden- einrichtung sehr gelitten. Vorher gingen in der Glcditschstr. 22 Decken und Kleidungsstücke in einer Wohnung in Flammen auf, während in der Petersburgerstr. 17 Möbel durch Feuer beschädigt wurden. Ein Schornsteinbrand mußte abends in der Köpnickerstr. 99 beobachtet werden. Alter Hausrat brannte in der Rüdersdorfer- straße 63. Die übrigen Alarmierungen, die die Wehr in den letzten 24 Stunden noch nach der Wasserthorstr. 49, Menrelerstr. 66 usw. führten, waren auf ganz geringfügige Anlässe zurückzuführen. Theater. Im Schiller-Theater wird gegenwärtig daS Schauspiel„Ferro ol" von Sardou einstudiert, das Ende nächster Woche im Schiller-Theater dl. sFriedrich-Wilhelmstädtisches Theater) zum erstenmal in Scene geht.— Heinrich Böte! wird, wie all- jährlich, während der Monate Juli- August mit der Marwitz- Oper im Schiller-Theater 0. gastiere».—„Resemanns Rhein fahrt", die Novität, die am 19. d. Mts., also am nächsten Sonnabend, im Thalia-Theater zum erstenmal in Scene geht, ist dekorativ vollständig neu ausgestattet. Der zweite und dritte Akt spielen am Rhein. Für eine Dialektrolle ist Fräulein E l I y O s e r vom Residenz-Theater in Köln engagiert worden. Hud den Nachbarorten. In Britz haben unsre Parteigenossen bei den Gcmcindetvahlen am Dienstag nach hartem Kampfe einen schönen Sieg erfochten. Unser Kandidat Kitzing erhielt 216 Stimmen, die Gegner hingegen insgesamt 199 Stimmen. Nowawes. In'der am Montag stattgehabten Wahl von zwei Vertretern zur dritten Klasse der Gemeindeverttetung wurden ab- gegeben für unsre Genossen Otto Hiemke 47S Stimmen, Hermann Hähnchen 471 Stimmen, während auf unsre Gegner nur2S7Sttmmen entfielen. Somit hat die Socialdcmokratie einen glänzenden Sieg errungen. Bemerkenswert ist, daß diesmal die Gegner mit einer beispiellosen Energie arbeiteten. So z. B. haben sämtliche Eisen- b a h n e r gewählt; sie wurden übrigens genau kontrolliert, indem in der Nähe des Wahltisches ein Eisenbahner mit einer Liste saß und jeden seiner Kollegen notierte, der sein Wahlrecht ausübte. Auch die Mitglieder des Hirsch-Dunckerschen Gcwerkvereins waren voll- zählig erschienen. Mit dieser Wahl ist endgültig bewiesen, daß die dritte Abteilung der Gemeindevertretung unbedingtes Besitztuni der Socialdemokratie ist. Wilmersdorf. Aus den Verhandlungen der Gemeindevertretung am Montag haben wir gestern bereits das Wesentliche mitgeteilt. Das Ortsparlament befaßte sich außerdem noch mit dem Stande der Stadtwerdungs- Angelegenheit, in der Landrat V. Stubenrauch seine Stellung dadurch gekennzeichnet hat, daß er, wie unsre Leser wissen, eine ihm zur Weiterbeförderung über- gebene Eingabe einfach nicht absandte und die petittonierende Ge- meindevertretung erst nach sieben Monaten von seiner Unterlassung in Kenntnis setzte. Man beschloß nun nach längerer Erörterung, sich in der Stadtwerdungsfrage direkt an den Minister des Innen, zu wenden und diesen von dem Verhalten seines Landrats zu unterrichten. Von socialdemokratischer Seite wurde an den Gemeindevorsteher die Aufforderung gerichtet, sich darüber zu äußern, ob nach seiner von juristischer Bildung getragenen Auffassung sich das Verhalten des Landrats überhaupt mit dem Gesetz in Einklang bringen lasse und ob es nicht angezeigt sei, im gerichtlichen Ver- fahren die Frage zum Austrag zu bringen, ob ein Landrat ein ihm zur Weiterbeförderung an seinen Vorgesetzten übcrgebenes Schrift- stück einfach unter den Tisch fallen lassen dürfe. Die Antwort des Gemeindevorstehers fiel, trotzdem sie im wesentlichen nicht auf juristtsche Erwägungen gestützt war, nicht über die Maßen klar aus. Der Etat der Gemeinde Groß-Lichtcrfelde für das Rcchnungs- jähr 1964/5 bilanziert in Einnahme und Ausgabe mit 1689 666 M. Die Gemeindesteuern inkl. der Kreissteuern sind mit 125 Proz. fest- gesetzt und deren Ertrag mit 528 656 M. veranschlagt. Die Grund- stcuer lWcrtstcuer) beträgt 324 666 lvk.— 2,4 M. pro Mille des auf 135 Millionen geschätzten Wertes. Als indirekte Steuern werden erhoben 1 Proz. Umsatzsteuern; als Voraussicht- lichcs Ergebnis hieraus sind 166 666 M. in den Etat eingestellt. ebenso 26 666 Mark Bier- und Braustcuer. Umer den dauernden Ausgabcposten befinden sich 35 666 M. für Straßenbau und Unterhaltung zc. 61 376 M., Straßenbeleuchtung 56666 M. Die persönlichen Kosten der Gemeindeverwaltung: Gehälter, Löhne sind mit 168 666 M., jene der Amtsverwaltung mit 54 666 M. eingestellt; für das Gewerbcgericht sind 2666 M., für die Armen- pflege ein Betrag von 31 666 M. erforderlich. Die Ausgaben für das Gymnasium bettagen 83 666 M.. für die Ober-Realschule 32 666 M., für die Volksschulen 171 666 M. Angestellt sind vier Schulärzte; jeder derselben erhält eine Remuneration von 366 M. pro Jahr. Die Verzinsung und Amortisation der Genieuide- schulden verursachen eine Ausgabe von 196 666 M. An Kreissteuern sind von der Geincinde abzusührcn 221 666 M. Die Schulden der Gemeinde betragen inkl. einer neu aufzunehmenden Anleihe über 4 Millionen. Köpenick. Die Stadtvcrordiieten-Vcrsammlung beschloß in ihrer letzten Sitzung gegen die von der Eisenbahnverwaltung dicht ain Bahnhof Spindlersfeld projektierten Anlage der Schwcllcntränlungs- anstalt Einspruch zu erheben. Dann wurde beschlossen, für die neu zu besetzende Stelle eines besoldeten Stadtrats das Gehalt ans 4666 M. außer 566 M. MietScntschädigung festzusetzen. Die Wahl soll auf 12 Jahre erfolgen. Für den Rathaus-Neubau sollen außer den schon verbrauchten 375 666 M. noch 135 666 M. nachbcwilligt werden, darunter über 166 666 M. für die innere Einrichtung des Stadtverordneten-Sitzungssaales usw. Nach längerer Diskussion, in welcher allseitig die zu hohen Kosten für die innere Ausstattung moniert wurden, beschloß man, erst die Skizzen und Pläne der inneren Ausstattung des Rathauses und eine detaillierte Kosten- berechnung einzusehen und erst dann endgültig über die Bewilligung zu beschließen. Weiter wurde noch beschlössen, das Restaurant „Marienlust" nicht mehr auf 16, sondern auf 15 Jahre zur Ver- Pachtung auszuschreiben. Sericdts-Leitung. Das lebte Kapitel riner unglücklichen Ehe bildete eine gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts II verhandelte Anklage wegen versuchtenMordes, versuchter Tötung und Eindringens in eine Wohnung unter Mitführung einer Waffe. Die Anklage richtete sich gegen den 66 Jahre alten Arbeiter Gust. Alex. Gräfe aus Dresden, der bis dahin ein völlig unbescholtener Mann war und sich aus Verzweiflung zu einem unsinnigen Vorgehen gegen seine Ehe- rau hat verleiten lassen. Er war in erster Ehe glücklich verheiratet und schloß nach dem Tode seiner Frau eine zweite Ehe, die anfangs auch ganz friedlich war, später aber in größten Unfrieden umschlug. Seine Frau, die 17 Jahre jünger war, hatte sich mit ihm im Jahre 1897 verheiratet, sie wurde aber nach wenigen Jahren der Gegen- 'tand seines grimmigen Hasses und er bedrohte sie wiederholt, so daß ie Ende 1962 sich von ihm trennte. Sie blieb aber bis 1963 in Dresden. Da starb ihrem Onkel, dem in Friedenau wohnenden Privat- mann Karl Kriege!, die Frau. Die Frau des Angeklagten, als dessenNichte übernahm es, ihm die Wirtschaft zu führen und siedelte zu diesem Zweck nach Friedenau über. Der Angeklagte ist dann mehrmals nach Berlin gefahren, um sich mit seiner Frau auszusprechen bczw Rücksprache mit Herrn Kriege! zu nehmen. Er erschien eines TageS vor dessen Wohnungsthür fand aber keinen Zutritt, denn die Thür wurde ihm vor der Nase zugeschlagen. Er fuhr wieder nach Dresden zurück, hielt es aber dort nicht lange aus, sondern kam wieder nach Friedenau und lauerte dorr mehrere Tage seiner Eheftau auf. Endlich traf er sie auf der Straße, als sie Wirtschaftseinkäufe machte und redete sie an. Sie ließ ihn aber stehen und nun verfolgte er sie mit Redensarten und als sie in das Haus Handjerystr. 57 hineinging, mißhandelte er sie mit seinem Spazicrstock. Verzweifelt und rachcdurstig kehrte er abermals nach Dresden zurück und fißte nun den Entschluß, erst die Frau und dann sich selbst N erschießen. Er verkaufte einige Sachen und kaufte sich einen Revolver, den er vorschriftsmäßig lud und zu sich steckte, als er sich anfangs Januar zur Reise nach Friedenau rüstete. Er besuchte das Grab seiner ersten Frau und nahm von dieser Abschied, legte in einen Koffer einen schwarzen Anzug, in dem er begraben sein wollte, wenn er Selbstmord begangen haben würde und fuhr am 4. Januar nach Berlin. Um zu seiner Frau zu gelangen, engagierte er einen jungen Mann, den er dahin instruierte, daß er an der Kriegelschen Thür klingeln und sich nicht abweisen lassen sollte, da er ein Paket abgeben solle. Während der junge Mann klingelte, tand der Angeklagte hinter ihm und als seine Frau die Thür öffnete prang er vor und in die Wohnung hinein und rief ihr zu:„Jetzt habe ich Dich, jetzt ist die Zeit da I" Frau Gräfe sah. daß der Angeklagte in die Tasche griff und einen Revolver hervorholte; sie rief um Hilfe und noch rechtzeitig eilte Herr Kriege! hinzu. der die Arme des Angeklagten umklammerte und ihn dadurch un- sähig machte, den Revolver zu benutzen. Es entspann sich zwischen beiden ein heftiger Kampf, bei dem der Angeklagte seinen Gegner in die Hand biß und ihm außerdem eine Verletzung am Finger bei- brachte. Der Angeklagte ist schließlich durch einen herbeigerufenen Gendarm festgenommen worden. Der ihm abgenommene Revolver war noch versichert, konnte also in diesem Zustande zur Abgabe eines Schusses nicht benutzt werden. Auf dem Wege zur Wache hat er dem Gendarm gesagt, er habe die Absicht gehabt, sich mit seiner Frau auszusprechen und wenn ihm dies nicht glücken sollte, seine Frau, Herrn Kriege! und schließlich sich selbst zu töten.— Im gestrigen Termin, m welchem der Thatbestand im allgemeinen so. wie geschildert, durch die Beweisaufnahme bestätigt wurde, bc- hauptete der Angeklagte, er habe allerdings ursprünglich die Absicht gehabt, seine Frau und sich zu erschießen, auf der Fahrt nach Berlin sei er aber von dieser Absicht wieder abgekommen, denn er habe sich gesagt, daß es doch nicht schön wäre, wenn er auf seine alten Tage nod)_ zum Mörder und Selbstmörder würde. Er habe keineswegs beabsichtigt, seine Frau zu„erschießen, sondern sich mit ihr nur aussprechen wollen.— Staatsanwaltschaftsrat Mittag hielt den Angeklagten des versuchten Mordes, der Körperverletzung und der versuchten Beseitigung eines ihm entgegenstehenden Hindcr- nisses in der Form der Tötung eines Menschen für schuldig und empfahl den Geschworenen die Bejahung der Schuldftagen.— Rechtsanwalt I a c o b y bestritt dagegen, daß der Angeklagte die Absicht des Mordes gehabt habe und beantragte, ihn nur der Be- drohung und der Körperverletzung unter Zubilligung mildernder Umstände schuldig zu sprechen, auch die Schuldfrage betreffend das widerrechtliche Eindringen in eine Wohnung unter Mitführung einer Waffe zu bejahen. Die Geschworenen sprachen den Angeklagten nur schuldig des letzteren Vergehens sowie der Bedrohung, wofür der Staatsanwalt gegen ihn ein Jahr Gefängnis beantragte. DaS Urteil lautete auf neun Monate Gefängnis. Das Lnftkegelspiel. Eine eigcnarttge Anklage wegen gewerbs- mäßigen Glücksspiels gelangte gestern vor der ersten Straf- kammcr des Landgerichts II gegen den Händler Aug. Braun zur Verhandlung. Bei dem Veltener Kriegcrvercinsfcst in der Fallenhagener Forst am 5. Juli 1963 hatte der Beschuldigte auf dem Festplatze eine große Würselbude errichtet. Neben dieser betneL er ein Glücksspiel eigner Art. Aus einem Tische war ein Kegel aufgestellt und über diesem hing an einem von ztvci Stützen getragenen Ouerbalken eine Kette, welche an ihrem Ende eine Messingkugel trug. Der Spieler hatte die Kugel so nach vorn zu schleudern, daß sie auf ihrem Rückgange den Kegel umwarf. Nach dein polizeilich genehmigten Spielplan betrug der Einsatz 25 Pf. Als Gewinne waren Glas-, Porzcllansachen. Uhren u. dcrgl. aufgestellt. welche Gegenstände auszuspielen der Angeklagte auch berechttgt war. Das Kegelspiel wurde von dem Marktreiscnden Willhöft bedient. Dieser begann nun im Laufe des Festes statt um Gegenstände, um Geld spielen zu lassen. Er legte mehrere Fünfmarkstücke auf den Tisch, forderte einen Einsatz von 56 Pf. und zahlte dem Gewinner ein Zehnmarkstück aus. Vereinzelte Spieler gewannen, die meisten verloren, besonders hartträckige sogar 7—8 M. Die Anklagebehörde vertrat den Standpunkt. daß das geschilderte Kegel, piel ein Glücksspiel sei. denn der Erfolg hänge wesentlich vom Zufall ab, die Geschicklichkeit dabei sei Nebensache. Der Staats- anivalt beantragte gegen den Angeklagten eine Geldstrafe. Der Verteidiger. Rechtsanwalt Dr. Werthauer, führte aus, daß das ge- schilderte Spiel kein Glücksspiel sei und bat um Freisprechung. Der Gerichtshof trat den Anschauungen des Verteidigers bei. Unter Berücksichtigung einer früheren Entscheidung des Reichsgerichts konnte der Gerichtshof das Luftkegelspiel nicht als ein solches betrachten. bei den,, nach allgeineineii gesellschaftlichen Anschauungen Gewinn oder Verlust wesentlich vom Zufalle abhängt. Es sei vielmehr allgemein bekannt, daß das Luftkegelspiel ganz besonders hohe Anforderungen an die Geschicklichkeit des Spielers stellt, da mm, nur bei sehr ruhigem Spiel und sicherer Hand die gewünschte Richtung zu geben vermag. Erst durch Uebung konnte eine größere Aussicht aus Gewinn erzielt werden. Daß die Spieler zumeist diese Uebung nicht besaßen, müsse für unerheblich erachtet werden. ES sei aus diesen Gründen nicht als thatsächlich festgestellt zu erachten, daß der Angeklagte sich des gewerbsmäßigen GlückipielS schuldig gemacht habe. Es sei auf Freisprechung erkaimt worden._ Vcrmilcbtcs. Der Frankfurter Raubmörder ist in Hamburg in dem Kutscher Stafforst gefaßt worden. St. hat sein Verbrechen eingestanden. Er war im Besitz einer goldenen Uhrkette, die Lichtenstein gehört haben soll, und verschweigt die Angabe seines Quartters. Wahrscheinlich sind die aus dem Raubmord stammenden Sachen dort versteckt. Er- kundigungen ergaben, daß Stafforst längere Zeit in Frankfurt a. M. geweilt hat. Er ist im Jahre 1879 zu Goslar geboren und war zuletzt Koppelknccht bei einem Pferdehändler in Ottenbach a. M. Die Polizei wurde aus ihn durch einen Hausierer auffncrksam gemacht, der den Bruno Groß, der jetzt anderthalb Wochen in Frankfurt in Haft sitzt, oft mit einem Manne in einer Wirtschaft gesehen hatte. Der Hausierer beschrieb den Mann, und man vermutete in ihm den Stafforst. Die Hamburger Polizei war, da Stafforst mehrfach be- straft ist. im Besitze seiner Photographie. Mit Hilfe seines früheren Logiswirtes wurde Stafforst auf der Straße verhaftet. Er hatte einen geladenen Revolver bei sich. Stafforst ist am 26. Februar, dem Tage der Mordthat, von Frankfurt abgereist. Dann weilte er in Koblenz und Köln; seit dem 9. März ist er in Hamburg. Anfangs leugnete er die That, hat jedoch jetzt zugegeben, daß er den Raubmord an dem Frankfurter Klavierhändlcr Lichteiistein zusammen mit Bruno Groß begangen habe. Groß, den er in Leipzig kennen lernte, sei der Anstifter gewesen. Beide betraten am 26. Februar mittags Lichtensteins Geschäftsraum unter dem Vorgeben eines Klavierkaufs. Sie schlugen dann hinterrücks Lichtcnstein mit einem Zweililogewicht nieder und erdrosselten den Widerstandleistenden mit einer Schnur. Achthundert Mark raubten sie aus der Kasse, die sie teilten. Stafforst ist dann sofort nach Hamburg gereist und hat sich seitdem umher- getrieben. Sämtliche Lichtenstein geraubten Gegenstände sollen be- reits gefunden worden sein. Stafforst wurde am Montag nach Frankfurt a. M. geschafft. Schiffskatastrophc. Nach telegraphischer Meldung aus Brisbane lief der Dampfer„Armagh" beim Breakjea-Spit sOstküste Australiens) auf. Nachdem er wieder flott geworden war. ging er weiter nach Burnett-Hcads zu, bis die Feuer erloschen, lvorauf er 26 Meilen von Bundaberg vor Anker ging. Die Passagiere und Mannschaften ver- suchten, sich in Booten zu retten; zwei Boote mit 68 Insassen gelangten in Sicherheit; die übrigen Boote mit ungefähr 166 Personen fehlen. Mehrere Dampfer gingen ab, um sie zu suchen. Geriisteinsturz. Gestern brach an Bord des im Hamburger Zollkanal liegenden Leichters„Clara" beim Laden von Zucker ein Gerüst zusammen und stürzte in den Schiffsraum. Drei Arbeiter wurden verschüttet, von welchen einer schwer und zwei leicht verletzt wurden._ Versammlungen. Die Vereinigung deutscher Lackierer» Maler und Anstreicher hielt am 8. März im Gewerkschaftshaus eine Versammlung sämtlicher Mitglieder Berlins und der Bororte mit Ausschluß Charlottenburgs ab. Der Vorsitzende Jakobeit berichtete zunächst über die Ver- schmclzungs-Verhandlungen. Gemäß einem Beschluß der General- Versammlung des Verbandes seien jetzt auch die Zahlstellen und Filialen für das einheitliche Lohngcbict Berlins und der Vororte, mit Ausnahme der Charlottenburgs, dazu gelangt, sich zu einer ein- heitlichen Verwaltung zu verschmelzen. Tie Lackierer gehörten auch dazu, blieben aber als Sektion bestehen. Leider sei es nicht gelungen, die Charlottenburger Filiale zur Angliederung an die Verwaltung zu bewegen. Redner verlas das zwischen den Zahlslcllenvcrwaltungen vereinbarte VcrwaltungSregulatio, wodurch neben der Verwaltung besonders das Vcrsammlungsleben der Filiale, der Bezirke und der Zahlstellen geregelt wird.— lieber die einzelnen Punkte wurde leb- Haft diskutiert, wobei verschiedene Wünsche laut wurden, die namentlich die Versammlungen betrafen. Das Regulativ wurde dann mit der Maßgabe angenoinmen, daß die laut gewordenen Wünsche berück- sichtigt würden.— lieber den Provinzialtag in Nauen berichtete G. L i n k. Das Hauptresultat des Provinzialtags ist der Beschluß, einen Beamten für die Provinz und Berlm anzustellen, der besonders die Agitatton in der Provinz zu betreiben hat. Berlin hat die Vor- schlüge für die vom Hauptvorstand vorzunehmende Wahl zu machen. — Auch an diesen Bericht knüpfte sich eine lebhafte Debatte, in deren Verlauf von verschiedenen Rednern der Wohlmodus bemängelt wurde. Es wurde schließlich folgender Beschluß gefaßt:„Die Versammlung erklärt sich damit einverstanden, daß der Hauptvorstand einen Bezirksbeamten anstellt, lehnt cS aber ab, Kandidaten vorzuschlageil." �Weizen, gut D.-Ctr mittel gering »Roggen, gut inittel gering sGerste, gut , mittel Marktpreise von Berlin am 14. März 1904 nach Ermittelungen des tgl. Polizeipräsidiums. gering sHaser, gut inittel gering Richtstroh ieu .rbsen. Ipeiscbohnev Lin!-» � � » ab Bahn. f frei Wage» und ab Bahn. 17,35 17,29 17,23 13,10 14.49 13.29 12,99 15,59 14,49 13,49 3,82 7,99 49,09 59.99 69,90 17,32 17,26 17,29 13,39 12,19 11,99 14,59 13,59 12,59 3,59 5,99 28,99 26,99 25.00 Kartoffeln, neue 2)..Ehr. Rindfleisch, Keule 1 ig _ do. Bauch, Schweinefleisch, Kalbfleisch .�ammelfleifch Eier Karpfen Aale Zander t echte arsche Schlei« Bleie Krebse 69 Stück 1 tg per Schock 7,59 1,89 1,49 1,69 1,89 1,89 2,89 4,49 2,49 3,90 2,80 2,20 1,80 3,00 1,40 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 3,00 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 Wetter-Prognose kür Mittwoch, den Ik. Mär, 1V04. Zeitweise heiter, nachts leichter Frost, am Tage etwas wärmer bei schwachen westlichen Winden; leine erheblichen Niederschläge. orsteyer orc AUttoroerung gerichtet, sich daruver zu autzern, Fallenhagener Forsl am o. Jul, Ivos yane oer Beschuldigte aus sqwawen weim-yen Winoen; leine erheblichen �leoeriqiage.__ Peraistw. Redakteur: Pg»l Büttner. Berlin. Für den Inseratenteil versLtw,�: ZK. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SWi