Mr. 73. flbonnementS'fcdlngangen: SSotmementS- Preis pränumerando i NerteliShrl. 3,30 Tit., monaH. 1,10 2Rf., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Beilag«.Die Neue Welt» 10 Pfg, Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn L Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Äl. Jahrg. CrtiMDt agil» außer nontass, Devlinev VolksltlÄkk. Die TnlcrttcnS' Gebühr lekägt für die fechSgefpallene Kolonel- zeile oder deren Raum<0 Pfg,, für politische und gewerlschaftliche BercinS. und PersammlungS-Anzeigen 2b Pfg. „Aletne Hnzelgtn", das erste(fest. gedruckte) Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis b Uhr nachnnttagS in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis L Uhr vormittags geöffnet. Telegramm- Adresse: „SMialdernolirat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifcben Partei Deutfcblands. Redaktton: SM. 68» Lindenatrasse 69. Kern spreche»: Amt IV, Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindcnatrasac 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1981. l Die badische Fabrikinspektion im Jahre 1903. Am 27. März sind es 25 Jahre, seit die badische Fabrik- inspektion besteht; von 1871 bis 1879 waren in Baden ehren- amtliche Fabrikinspektoren bestellt, die in gewisser Beziehung die Ausführung der Gewerbe-Ordnung überwachen sollten. Diese Einrichtung ist insbesondere in Bezug auf die Befug- nisse mit der heutigen Fabrikinspektion gar nicht zu der- gleichen; erst nachdem die gesetzliche Grundlage durch die Gewerbc-Ordnungs-Novelle vom Jahre 1878 gegeben und nachdem W ö r i s h o f f e r ani 27. März 1879 an die Spitze der neuorganisierten Institution getreten, erlangte die badische Fabrikinspektion Bedeutung. Und eine Bedeutung, die sich in der Geschichte der deutschen Fabrikinspektion dauernde Geltung errungen hat. Unter Wörishoffer war die badische Fabrikinspektion mustergültig und von der Arbeiterschaft wie von allen ehrlichen Social- Politikern wurden seine Jahresberichte mit großem Interesse entgegengenommen. Seine Berichte enthielten nicht nur reiches Material zur Beurteilung der socialen Lage der Arbeiter, sie verrieten auch den festen Charakter, der von Anfang an eine klare unzweideutige Stellung im Kampfe zwischen Kapital und Arbeit eingenommen hatte. Zwei Jahre ist Wörishoffer nun tot. Ein neuer Mann steht an seiner Stelle. Er war früher Fabrikdirektor und bevor er Nachfolger Wörishoffers wurde Fabrikinspektor im preußischen Regierungsbezirk Trier. Werden auch unter ihm die badischcn Jahresberichte das große, weit über die badischen Landesgrcnzen hinausreichcnde Interesse erwecken? Für die nächste Zeit zweifellos. Sei es auch nur um des Vergleichs willen: um zu beobachten, ob die badische Fabrikinspektion sich auf ihrer alten Höhe hält oder ob sie auf das Niveau der preußisch-sächsischen Inspektionen herabsinkt, die durchschnitt- lich mit verblüffender Verständnislosigkcit den socialen Er- scheinungen der Gegenwart gegenüberstehen. Aus dem soeben erschienenen Jahresbericht für 1993 läßt sich noch kein Schluß, weder für die eine noch die andre An- nähme ziehen. Der Jahresbericht für 1902. der erste von dem gegenwärtigen Inspektor Dr. B i t t m a n n, war eine karge Zusammenstellung von Thatsachen ohne jede persönliche Färbung. Im vorliegenden Bericht ist das Thatsachenmatcrial außerordentlich angeschwollen; in dieser Hinsicht sticht derselbe nicht ab gegen die besten der bisher erschienenen, aber das Material hat keine Verarbeitung gefunden. Dem Inspektor fehlt noch die Fähigkeit, das reichhaltige Material zu meistern und so zählt er auf ca. 100 Seiten die gröbsten Mißstände, die skandalösesten Fälle kapitalistischen Trotzes und Uebermutes auf; teilt mit, daß bei insgesamt 3400 Revisionen rund 4000„Auf- lagen" gemacht, d. h. Anordnungen zur Abstellung von Miß- ständen und Gesetzwidrigkeiten getroffen werden mußten und gleichwohl kommt er zu folgendem geistreichen Schluß: „Die in diesem Jahre zum erstenmal statistisch nachgewiesene Zahl der Auflagen läßt irgendwelche Schlüsse social- p o l i t i s ch e r N a t u r nicht zu. sie soll vielmehr der Industrie und der Arbeiterschaft lediglich zeigen, daß die aus dem RevifionS- dienste der Fabrikinspektion sich ergebenden Verbesserungen der Betriebsverhältnisse nicht unbeträchtlich sind und daß der in Arbeiterkreisen nicht selten zu hörenden Ansicht, solche Verbesserungen könnten nur mit Hilfe der Arbeiterorganisationen erzwungen werden. jede Grundlage fehlt." Diese scheelsüchtige Einschätzung der Gewerkschaften findet ihr Pendant in den Friedenspredigten des Fabrik- inspektors; er will Kapital und Arbeit aussöhnen, er will die unmögliche Brücke schlagen zwischen den Interessen der Ar- beiter und den Interessen der Unternehmer. Wäre er hierbei nur gutmütiger Schwärmer, so taugte er zwar auch nicht für einen Fabrikinspektor, aber er bliebe wenigstens unschädlich. Bei Dr. Bittmann bricht indes die frühere Stellung als Leiter einer Fabrik immer wieder durch. Er teilt mit einer gewissen Selbstbefriedigung mit, daß auf seine Anregung hin in die Vergleichsbedingungen bei einem großen Streik, in dem er Vermittler sein sollte, ein besonderer Paragraph zum Schutze der Streikbrecher aufgenommen wurde. Im Bericht wird ferner ungeniert erzählt, daß die Inspektion gewissen Unternehmern bei- gestanden habe in dem Bestreben. für ihre Unter- nehmen die Erlaubnis zur Sonntags- und Ueber- arbeit zu erlangen. Wo die Ausnahmen der bundesrät- lichen Verordnungen nicht ausreichten oder das Gesetz sonst im Wege war, wurde das Gesetz künstlich gedehnt. Ergebene Dienstwilligkeit gegen das Unternehmertum. sträfliche Ignoranz gegen die Arbeiterorganisationen, das ist die eine Seite des Fabrikinspettors; die andre ist eine rückhaltlose Ehrlichkeit gegen die Thatsachen. Vielleicht hat diese Ehrlichkeit darin ihren Gmnd. daß in der Fabrikinspektion sieben Beamte thätig sind, deren Beobachtungen in den Bericht übergehen. Die meisten der Beamten stammen noch aus der Schule Wörishoffer. sie sehen die Dinge darum nicht durch die kapitalistische Brille. Das hat aber zur Folge, daß der Fabrikinspektoren-Bericht einen durchaus zwieschlächtigen Charakter angenommen hat, und daß man mit dem besten Willen noch nicht sagen kann nach welcher Richtung die Reise der Fabrikinspeltoren unter der neuen Leitung eigent- lich geht.- Das Thatsachenmaterial erstreckt sich auf die Arbeitsverhältnisse der jugendlichen Arbeiter, der Arbeiterinnen und der Arbeiter im allgemeinen, auf die Unfälle und Unfallverhütung, auf die wirtschaftlichen und sittlichen Zustände der Arbeiterbevölkerung, die Wohlfahrtseinrichtungen, Streiks, Heimarbeit ic. Es geht daraus hervor, daß in 34,5 Proz. aller Be- triebe noch 13950 jugendliche Arbeiter, das sind 8,2 Proz. der Gesamtarbeiterzahl beschäftigt sind. Der größte Teil davon sind Mädchen. Selbst im Alter von unter 14 Jahren sind noch 300 Mädchen industriell beschäftigt und zwar hat sich gerade in der Beschäftigung dieser jungen Mädchen eine starke Zunahme gezeigt. Der Bericht bemerkt dazu:„Die Ursachen der Zunahme in der Beschäftigung weiblicher Kinder im einzelnen zu er- forschen, ist wegen der Zersplitterung der Gesamtzahl aus eine große Zahl von Einzelbetrieben nicht wohl möglich. Doch kommt in dem stetigen Anwachsen die Tendenz der Industrie, sich beizeiten d e r b il li g e n jugend- lichen Arbeitskraft zu versichern, deutlich zum Ausdruck." Eine Cigarrenfabrik hat eine Bestimmung, welche die Einstellung von Kindern untersagte, ausdrücklich auf- gehoben. Ganz allgemein sei die Klage— so heißt es im Bericht—, daß in kritischen Geschäftszeiten fast überall von Entlassungen zunächst die älteren und besser gelohnten Arbeiter betroffen würden, während Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter mit geringen Löhnen in ihrem Arbeitsverhältnis bleiben könnten. Die Fabrik- inspektion muß zugeben, daß dies vielfach zutrifft, sie meint nur, es sei diese Gepflogenheit auf diejenigen Industriezweige beschränkt, welche überhaupt schlecht bezahlen, und nur in Zeiten der Arbciternot zu besser bezahlten Arbeitern greifen. Ein trübes Bild entwirft der Bericht sodann von der Ausbeutung der jugendlichen Arbeiter; um die gesetzlich vor- geschriebenen Arbeitspausen werden sie vielfach betrogen, zu schwere Arbeiten bürdet man ihnen auf und erhebt dann noch den Vorwurf der Faulheit, so daß der Fabrikinspektor die Angegriffenen also verteidigen muß:„Eine eingehende Prüfung zeigt dann aber meist, daß die Zeit der betreffenden jugendlichen Arbeiter reichlich ausgefüllt ist. Ihr erschöpftes Aussehen, zumal gegen Schluß der Arbeitszeit, läßt die Ueberanstrengung deutlich erkennen." Einen Fall skandalöser Ausbeutung jugendlicher Arbeiter erzählt der Bericht noch in folgendem: „Ein Musterbetrieb, von dem die Fabrikinspektoren bisher keine Kenntnis hatten, wurde durch eine Be- schwerde von Arbeitern bekannt. Eine hohen- zollernsche Firma hatte in einem kleinen entlegenen Orte der(Boden-) Secgegend in durchaus unge- nügenden Räumlichkeiten eine S a m m c t- schneiderei eingerichtet. Bei der Revision wurden fünf- zehn Personen angetroffen, von denen die älteste Arbeiterin 20, der älteste Arbeiter 17 Jahre alt war; sechs schulpflichtige Kinder unter 14 Jahren und im übrigen meist jugendliche Arbeiter im Alter von 14 bis 16 Jahren vervollständigten das Betriebs- personal. Bei elfstündiger täglicher Arbeitszeit stellte sich der Verdienst bei der bestbezahlten Arbeiterin aus 15 Mark in 14 Tagen, bei den übrigen auf 10 bis 12 Mark in derselben Zeit. Die schulpflichtigen Kinder brachten es bei sechsstündiger täglicher Arbeitszeit auf drei bis fünfMark in der vierzehntägigenLohn- Periode. Der gesetzliche Zustand wurde unter Bestrafung der Firma herbeigeführt." Sehnliche Ausbeutung wie bei den jugendlichen Arbeitern greift Platz bei den Arbeiterinnen. Die Arbeiterinnen bilden nahezu ein Drittel der Gesamtarbciterzahl und davon sind wieder ca. 70 Prozent in der Cigarren- und Textil- Industrie beschäftigt. Der gesetzliche Schutz der Arbeiterinnen bleibt zumeist auf dem Papiere stehen. Nach dem Bericht sind allein 282 000 genehmigte Ueber stunden gemacht worden. Die Zahl der nicht festgestellten erreicht sicher das Mehr- fache dieser Ziffer. Wie der Wöchnerinnenschutz gchandhabt wird. Bericht erzählter Fall, wonach eine Wöchnerin am zwölften Tage nach der Ent- wieder am Webstuhl in einer großen angetroffen wurde. Die Wiederaufnahme der auf Grund des Zeugnisses des erfolgt, welcher die Frau für arbeits- Dieser sonderbare„Mann der Wissenschaft" zeigt ein im 3 bereits bindung Textilfabrik Arbeit war Kassenarztes fähig erklärt hatte. erklarte auf Befragen noch, er halte sich zu solchem Vorgehen ganz berechtigt, denn nicht industriell thätige Frauen arbeiteten gleichfalls kurz nach der Entbindung wieder.— Aehnliche, lvenn auch nicht so krasse Fälle werden noch mehrere auf- gezählt. Ebenso traurig wie um den Schutz der Gesundheit ist es um den Schutz der Ehre der Arbeiterinnen bestellt. Abgesehen davon, daß vielfach für Arbeiterinnen keine besonderen Räume zum Waschen und Umkleiden vor- Händen sind, daß auch in vielen andren Dingen die Unter- uehmer verfahren, als sei Schamgefühl bei Arbeiterinnen ein überflüssiger Luxus, sind selbst Notzuchtsverbrechen von Werkführern und Vorgesetzten nichts Seltenes. Drei Fälle werden mitgeteilt. Im ersten Fall hat der Werkführer eiapr Cigarrenfabrik die Arbeiterinnen bedroht und drangsaliert, um sie seinen Lüsten gesügig zu machen, und da er sich dabei auch an Mädchen unter 16 Jahren vergriff, wurde er zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. In den andren ähnlichen Fällen sei. so erklärt die Fabrikinspcktion, zu strafendem Einschreiten leider keine Möglichkeit gewesen. Durch das Bezirksamt sei Werkführer und Arbeitgeber verwarnt" worden. Der Bericht kommt infolge dieser Sachlage zu dem Vorschlag, weibliches Aufsichts- personal in Fabriken mit Arbeiterinnen anzustellen. In mehreren großen Fabriken habe man die besten Erfahrungen damit gemacht, nur müßte das weibliche Aufsichtspersonal gut bezahlt werden, damit es auch in dieser Hinsicht über den Beauffichtigten stehe. In vielen Fällen werde die weibliche Aufsicht eben nur genommen, um die teure männliche durch eine billige Arbeitskraft zu ersetzen. Ueber die Lage der Arbeiter im allgemeinen wird viel und eingehend berichtet; die Löhne sind trotz des etwas besseren Geschäftsganges im Berichtsjahre niedrig geblieben; in einigen Betrieben sind die Lohnzahlungsperioden übermäßig lang, so in einigen Steinhauereien 6— 8 Wochen; die Arbeitszeit ist noch durchgängig viel zu lang. Es wird von 16 stündigen Schichten erzählt und mitgeteilt, daß nach Angabe eines Arbeiters der niedrige Stundenlohn und die Sorge um die Erhaltung der Familie zu so langer Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit zwinge. In einer Fabrik werden bei täglich elfstündiger Arbeitszeit in 14 Tagen noch über 60 Ueber- stunden gemacht. Demgegenüber werden auch Beispiele für den hohen Wert der kurzen Arbeitszeit angeführt. Die Ein- führung der neunstündigen Arbeitszeit in Steinbrüchen und Steinhauereien infolge der Bundesrats- Verordnung vom 20. März 1902 begegnete fast durchweg starkem Widerstande. Es bedurfte mehrerer Revisionen und teilweise Zwangs- mittel, um den gesetzlichen Zustand herbeizufiihren. Dagegen versuchte es eine Firma mit noch weiterer Verkürzung der Arbeits» zeit; sie ließ ihre 120 Arbeiter nur 8V2 Stunden arbeiten. Und das Resultat? Es sei eine so erhebliche Steigerung der Arbeitsintensität beobachtet worden, daß das Arbeits- quantum dem früher bei 10- und llstündiger Arbeitszeit gelieferte« kaum nachsteht. Die Qualität der Arbeit habe wesentlich gewonnen. Es darf nicht wundernehmen, daß bei der schlechten Lage der Arbeiter eine Reihe Streiks ausbrachen. In circa 20 Betrieben streikten gegen 3500 Arbeiter kürzere oder längere Zeit. In den meisten Fällen gingen die Streiks glatt vcr- loren, die Arbeiter in Baden sind noch zu schlecht organisiert. So schlecht sind freilich die Arbeiterorganisationen nicht, daß man sie mit einer Zeile abthun könnte. Der Fabrik- inspektions-Bericht begnügt sich zu sagen, daß im nächsten Jahre über die Organisation der Arbeiter ausführlicher be- richtet werde. Das mit emsigem Fleiß herbeigetragene Material kann nur die Ueberzeugung bestärken, die man schon aus den wenigen vorstehenden Stichproben gewinnt: In der b a d i s ch e n Industrie ist es um die Arbeiter nicht besser bestellt, wie in den Ausbeutcr-Dorados Schlesiens, Sachsens oder des R h e i n l a n d e s. Wenn der Fabrikinspektor, der dieses Material selbst zusammengestellt hat und der an einer Stelle seines Berichts selbst mehrere Fälle erzählen muß. in denen der Fabrikinspektor sich nur mit Polizeigewalt den Zu- tritt zu den Werkstätten erzwingen kann, und der mit Be- dauern gestehen mutz, daß in erheblicher Anzahl Arbeiter wegen ihres Verkehrs mit der Fabrikinspektion gemaßregelt wurden, wenn der trotzalledem immer wieder in seine Harmoniepredigten zurückfällt, so ist ihm nicht zu helfen. Will er ein zweiter Wörishoffer werden, muß er die Sprache seines eignen Berichts erst verstehen lernen.--- politilcke Geber riebt. Berlin, den 25. März. Das Dementi der„Norddeutschen Mgemeinen Zeitung". Auf unsre Bemerkung, die bei einer plötzlichen Reichstags- auflöfmig notwendig werdenden Wahlumschläge seien von der Regierung als. eilige Lieferung in Bestellung gegeben, ant- wottete das Dementierorgan deS Reichskanzlers, die.Norddeutsche Allgemeine Zeitung": .Von einer eiligen Bestellung ist keine Rede; eS ist nur Lieferung und Abrechnung vor dem Finalabschluß der General- staatskasse vorgeschneben, weil das zur Verfügung stehende Geld nicht auf das nächste EtatSjahr übertragen werden darf." Dieses sogenannte Dementi ist eine Spekulation auf die Leute, welche die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung noch ernst nehmen. Abgesehen davon, daß wir wissen, daß die Bestellung sowohl als„sehr eilig" und„als diskret zu behandeln" bezeichnet wurde, ist die obige Ausrede geradezu absurd. Es soll nach dem Dementi» schreiber Lieferung und Abrechnung vor dem Finalabschluß der Generalstaatskasse vorgeschrieben gewesen sein, weil das nicht der» wendete Geld nicht auf das nächste Etatsjahr überschrieben werden darf. Man kann wirklich sagen, diese Behauptung ist für ein Dementi zu dumm. Erstens liegt der Lieferungstermin bereits im neuen Etats- jähre, das heißt nach dem 1. April 1904. Zweitens weiß jeder, der das A B C der Etatswirtschaft kennt, daß Gelder, die für einen bestimmten Zweck bewilligt, aber in dem Etatsjahre nicht zur Verwendung gelangt sind, in Rest gestellt und später für denselben Zweck verausgabt werden können. Gmc UeBetfupgnng deZ Geldes auf das nächste Gtatsjahr in dem Tinne, dast dnc Nochmalige Bewilligung solcher nicht vorauSgabten Gelder erfolgt, giebt es überhaupt nicht. Auch das württembergischc Amtsblatt, das unsre Angaben bestätigt hat, wendet sich gegen die Ausflüchte der„Norddeutschen -Allgemeinen Zeitung". Diese hat behauptet, es sei der preußischen Regierung gar nicht in den Sinn gekommen, für die Lieferung der Wahlcouverts besondere Diskretion zur Pflicht zu machen. Die Heilbronner„N e ck a r- Z e i t u n g" bringt nach Abdruck der nord- «deutschen Aeuherung diese eutscheidende Erwiderung: „Soweit die„Norddeutsche". Sie bestätigt damit zunächst all die Einzelheiten, die wir festzustellen in der Lage waren: die Summe der 10 Millionen Couderts, die Herstellung des Papiers in der Papierfabrik in Penig in Sachsen usw. Ebenso zu- treffend bleibt auch unsre weitere Mitteilung, daß die Bc- stcllung als diskrete bezeichnet und behandelt wurde. Diese That- fache ist noch in der vorigen Woche in einer Frank- furter Sitzung des Vereins deutscher Brieshiillcnfabrikanten besonders festgestellt worden, mit dem Beifügen, daß von dieser Seite die ausdrücklich verlangte Diskretion auch gehalten wurde, und mit der Vermutung, daß die Quelle des„Vorwärts" wohl auf die Papierfabrik in Penig zurückgeht, wo der socialdemokrati- schen Arbeiterschaft es auffallen mußte, daß diese Masse dieses Papiers in dieser Eile fertiggestellt werden sollte. Wir können unsren bisherigen Mitteilungen noch einige bei- fügen, die geeignet sind zu zeigen, daß loir die E in z e l- he i te n genau kennen. Zunächst die Zeit betreffend: es sind jetzt drei Wochen, daß die Verhandlungen der Regierung be- züglich der Couvcrtsbestcllnng begannen, und nicht ganz zwei Wochen, daß die Zusicherung des Auftrages gegeben wurde. Be- züglich der Couverts schließlich: sie sollen eine etwas dunklere Farbe erhalten als die bisherigen, damit sie noch weniger durchsichtbar sind: die Qualität des Papiers bleibt die gleiche. Für heute soviel."— Die Enthüllungen über den Exministcr Rast. Rom, den 23. März.(Eig. Bcr.) Das hcntige„Giornale d'Jtalia" druckt den ganzen Bericht des konservativen Abgeordneten S a p o r i t o ab über seine Durchsicht des UnterrichtS-BudgetS mit Rücksicht aus die gegen N a s i erhobenen Anklagen. Es handelt sich nicht um eine eigentliche Enquete, sondern um die durch die Genossen Bissolati und Eiccotti angeregte Untersuchung über die Verwendung gewisser Fonds, die in der kurzen Frist seit dem 1ö. Februar unternommen und über deren Ergebnis gestern nachmittag der Bndgetkommission berichtet wurde. Das Ergebnis übersteigt die schlimnistcn Voraussichten— es rehabilitiert geradezu die Namen eines C r i s p i und eines Rosa n.v. Wenn Nasi nicht Abgeordneter wäre, so wäre es auf Grund der in dem Bericht Saporitos dargelegten Thatsachen Pflicht der Staatsanwaltschast, ihn sofort wegen Diebstahls, Unterschlagung undFälschung verhaften zulassen. Die ganze Nasische Wirtschaft, mit der das italienische Unterrichts- Ministerium vom 15. Februar 1901 bis zum 3. November 1903„geschlagen" war, steht im Zeichen der größtmöglichen Unordnung, Bcr- schwendung und Unredlichkeit. Das beredteste Zeugnis für diese Behauptung dürfte die nüchterne Wiedergabe der wesentlichen Er- gebnisse sein. In den 32 Monaten dcS Ministeriums Nasi war es Regel, die im Prävcntivbudget für die einzelnen Kapitel ausgeworfenen Summen fast stets zu übersteigen, natürlich zu allen andern Zwecken, nur nicht zu denen des öffentlichen Unterrichts. Da sind z. B. im Jahre 1902/1903 213 441 Lire für außer- ordentliche Dotationen von Anstalten oder Privat- Personen bestimmt, die sich um den öffentlichen Unterricht verdient gemacht haben. Diese Gelder sind hauptsächlich für den Wahlkreis Nafis, T r a p a n i. und für Neapel verwendet worden, ohne daß irgend ein Ausweis über die besonderen Verdienste der betreffenden Institute da wäre. Auch Auszeichnungen und Unterstützungen an K ü n st l c r gehören in dies Kapirel. Ein Bildhauer B o e m i bc- kommt da z. B. für eine von ihm angekaufte Statue 4000 Lire mehr, als der Ankaufspreis betrug, so daß, wie Saporito schreibt, die Vermutung nahe liegt, es handle sich nicht um eine Gratifikation, sondern um den Preis andrer Kunstgegenstände, die sich aber im Ministerium nicht vorfinden. Von drei aus diesem Fonds angekauften Bildern des Malers Montefusco befindet sich eines im Ministerium, ist aber nicht inS Inventar aufgenommen; die andern 2(Porträts von Nasi) sind nicht vorhanden. Unter den Unterstützten befindet sich ein mit 500 Lire „zur Ermutigung" bedachter Maler G. Jngrilleri. Merkwürdig ist, daß derselbe Maim auch als Volksschullchrer auf der Liste der Unter- stützten steht.» Für I n s p eck t i o n e n, Reisen des Ministers und Kongreßbeschickungen:c. sind vom Unterrichtsministerinm im Vcrwaltnngsjahre 1902/1903 84 000 Lire ausgegeben worden. Die Reisen des Herrn Ministers kosteten während der 32 Dtonatc die italienischen Steuerzahler 44 175 Lire, wozu noch ini betrachteten Verwaltungsjahr für Wagen- Trinkgelder auf Reise» 3420 Lire kommen, die im Kapitel Dienstausgaben zu finden sind. Mit Quittungen belegt ist kaum ein Zehntel der Gesamtsumme. An Stelle einer Quittung findet sich in den andern Fällen ein Wisch des Privatsekretärs L o m b a r d o, der bescheinigt, inr Auftrage Sr. Excellenz des Ministers die und die Summe ausgegeben zu haben. Schon vor der Untersuchung Saporitos hatte der Oberrcchnnngshof erklärt, hierüber nicht D e ch a r g e erteilen zu können. Auf richtige unverkennbare Unterschlagungen stoßen wir im Kapitel über die Unterstützungen an bedürftige Volksschullehrer und deren Familicn, für die 354144 Lire im Jahre 1902/190 3verausgabt wurden. Ueber die Art und Weise, in der diese Unterstützungen zu gewähren sind, bestehen natürlich Bc- stimmungen, die gegen eine willkürliche Berwendmig schützen sollen. Nur für 115 961 Lire ist nun der normale Weg eingehalten worden; 4933 Unterstützungen für eine Gesamtsumme von 211 241 Lire sind unter Umgehung des allgemeinen Reglements über die staallichcn Zahlungen ausgeteilt worden, einfach mit der Unterschrist des Ministers und dem Stempel des auszahlenden Bureaus versehen. In der Verteilung zeigt sich nun, daß allein auf Rom 2603 Unterstützungen kommen, während diese Stadt, wie Saporito fest- stellen ließ, nur 1283 Volksschullehrer in und außer Dienst zählt I Unter diesen tragen nur 130 dieselben Namen, die sich in den: Ver- zeichnis der Unterstützten befinden. Sehr verdächtig sind auch die Daten: aus dem Stempel des Oekonomats des Unterrichtsministeriums, den die Mandate tragen, geht hervor, daß stets größere Gruppen auf einmal ausgezahlt wurden, nicht nach und nach, wie das sonst bei Bittstellern, die doch nicht compagnieweise antreten, der Fall zu sein pflegt. Unter den unterstützten„Lehrern" befindet sich auch ein Polizist, eine Hebamme, ein Diener usw. Von den Unterschriften sagt der Bericht, viele zeigten eine„erschreckliche handschriftliche Ver- Wandtschast". So hat der Minister Nasi der Notlage unsrer Volksschullehrer abgeholfen I Wenn hier Summen entwendet wurden, um an Günstlinge des Ministers- verteilt zu werden, so sehen wir an andrer Stelle, wie Gegenstände, die dem Kultusministerium gehören, einfach vom Minister assimiliert werden. So wurden z. B. von allen Verlags- anstalten Italiens Bücher durch ministerielles- Cirkular erbeten, es kamen im ganzen 5000 Exemplare an, die auf Kosten des Ministeriums eingebunden wurden— der Spaß kostete 15 053 Lire— und von denen kein Exemplar dem Ministerium nach Nasis Weggang verblieben i st. Das kalkographische Institut des Unterrichtsministeriums ver- sandte während der ganzen Zeit der Nasischen Herrschaft Stiche und Werke im Werte von 16 831 Lire, von denen 231 Abbildungen und 54 Bände im Werte von 6712 Lire in den Privatbesitz des Ministers übergingen, worüber ordnungsmäßige Quittung vorliegt. An dienstlichen Ausgaben haben wir z. B. 13 366 Lire für Wagenmiete und für die Instandhaltung der Möbel in einem einzigen Jahre 50 433 Lire. Hier ist direkt eine Möbelfabrik dem Ministerium angegliedert worden; für Holz wurden 3264 Lire aus- gegeben, für Tischlerlohn 3284 Lire. Hauptsächlich wurden Kisten fabriziert, in denen der Minister. seinen Raub wegschickte. Große Ausbesserungen in der Privatwohnung des Ministers sind auch dabei. Allein nach Trapani wurden 23 Kisten gesandt, die 2834 Kilo wogen und 741 Lire Fracht kosteten. So geht es weiter: in 100 Formen finden wir die alten Gaunereien wieder. Wie war das möglich bei einem modernen Rechnungswesen, mit den Garantien, mit denen dieses die Ausgabe der öffentlichen Gelder umgiebt? Der Eindruck ist einfach über- Wältigend. Man muß glauben, was schwarz auf weiß im Bericht eines persönlich rechtschaffenen Parlamentariers steht, aber die enthüllten Thatsachen, der ganze ungeheure Mechanismus der Korruption und Hehlerei, den sie voraussetzen, sind absolut un- vorstellbar. Nicht nur Nasi, sondern ein großer Teil seiner Beamten müssen ZuchthauSpflanzcn gewesen sein. Es ist wahrlich ein armes Land, das sein Geld und sein Unterrichtswcsen in solchen Händen lassen muß. Vollständiger, trivialer, widerwärtiger konnte das Debakel der herrschenden Klassen nicht sein: da ist nichts mehr zu halteu, nichts mehr zu sanieren, da muß ausgekehrt werden mit eisernem Besen. Ein Land, das gegen solche Zustände nicht wirksam reagieren, sie nicht ausstoßen könnte, gäbe sich selbst verloren. Wenn ein Teil der Bourgeoisie, wenn das Proletariat nicht in den Wahlen und im Parlament mit den Gaunern abrechnet, so kommen wir mit Riesen- schritten aus türkische Zustände. Ja, wir kommen unter daS Niveau der Türkei.— OeutTche» Reich. Heilige Alliance. ES zeigt sich, daß auch Oestreicki oder mindestens östreichische G r e n z b e h ö r d e n den Ehrgeiz haben, hinter den p r e u ß i- schen R u s s e n d i e n st e n nicht zurückzubleiben. Im östreichischen Reichsrat hat unser Parteigenosse Daszynski eine Interpellation folgenden Inhalts eingebracht: In Galizien suchen die Behörden jede Kritik des Zarismus zu verhindern, eS werden selbst Versammlungen verboten, in denen nur über den Krieg zwischen Rußland und Japan gesprochen werden soll, und Zeitungen werden konfiscicrt wegen harmloser Benierkungen über den Zarismus. Ferner ist anfangs Januar der Spenglergchilfe M i g d e n verHaftel worden, angeblich weil er russische revolutionäre Broschüren nach Rußland bringen wollte. Derselbe sitzt seit zwei Monaren im Krcisgericht in Tarnopol in Haft, ohne daß ein strafbarer Thatbcstand vorliegt, denn wegen Hochverrat am russischen Staat kann man den Mann nicht anklagen. Der Untersuchungsrichter habe dem Manne auch gesagt, er solle nur mitteilen, wer ihn a n g e st i f t e t habe, die Schriften nach Rußland zu bringen, dann werde er freikommen. Jeder Oestreichcr, sagt die Interpellation, muß es als brennende Schmach empfinden, daß östreichische Behörden sich so weit erniedrigen, dem Zarismus derlei schändliche KncchtcSdicnste zu leisten. Die Jnter- pellation fordert die Beseitigung dieser Zustände und behördlichen Maßnahmen. AnS Krakau wird uns hierzu geschrieben: In der letzten Zeit sind auch aus Galizien zahlreiche Thatsachen bekannt geworden, in denen die östreichischen Behörden au dem internationalen Polizeikonzert, das von den drei Kaiserreichen auf- geführt wird, rege teilnahmen. So wurden in Lemberg HauS- suchungcn veranstaltet, um russische und ruthenische socialistische Schriften zu suchen; russische Socialisteir wurden auf galizischem Boden verhastet und schließlich verbot man Versammlungen, in denen über die Stellung dcS Proletariats zum ostasiatischen Krieg ge- sprachen werden sollte. Die hiesigen Genossen entsinnen sich noch recht gilt der Zeiten, in denen die galizische Polizei mit den russischen Gendarmen in engster Fühlung stand. Man entsinnt sich auch der„Ausweisungen" „an die russische Grenze" durch galizische Konnnissare, von denen eine damit endete, daß der Ausgewiesene sich in der Grenzstation Granica vor die Räder des hcranbrausenden Zuges warf. Ihm war der Tod lieber, als die Qualen der russischen Justiz. Jetzt wird im„Naprzod" eine Thatsache bekannt gegeben, welche auch in Tentschland Interesse- beansprucht. Ein Krakauer Genosse erhielt am 20. d. M. folgendes amtliche Schreiben: L, 8046. Krakau, den 19. März 1904. An Herrn Karl S... in Krakau. Die von Herrn... in C h a r l o t t c n b u r g am 27. Februar unter Ihrer Adresse aufgegebene Sendung wurde durch die hiesige k. k. Polizeidircktion vollständig konfiSciert aus dem Grunde, daß sie socialistische Flugblätter enthielt, wovon Sie hiermit bcnach- richtigt werden. k. k. Postamt. Unterschrift. Damit steht fest, daß die Sendung entweder durch die Post eröffnet und in diesem Zustande der Polizei übergeben lvurde. oder aber von der Post uneroffnct der Polizeibehörde zur Verfügung gestellt und von dieser erbrochen wurde, in beiden Fällen ohne An- Wesenheit des Adressaten, ohne richterlichen Befehl. Schließlich steht fest, daß man den Adressaten erst nach 3 Wochen von dcnt That- bestand benachrichtigt hat. Damit ist das östreichische Gesetz über den Schutz des Briefgeheimnisses aufs gröblichste verletzt worden, das nur dem Richter die Beschlagnahme oder Qvffmmg von Postsendungen erlaubr und die sofortige mit Gründen versehene Benach- richligung des Beteiligten fordert. Es entsteht aber die lveiicre Frage: Wer hat die Post bezlv. die Polizei in Krakau darauf auf- inerisam gemacht, daß in der Sendung socialistische Flugschriften zu finden sind'i Wer hat diese Behörden zur Beschlagnahme auf- gefordert? ES hat den Anschein, als ob hier eine Spitzclhand mit im Spiele wäre— vielleicht in Krakau— vielleicht auch lv o anders!—_ Der geistesgestörte MajcstiitSbeleidiger. Der Schneidergcfelle Adolf Kaiser beging am Geburrslage der Kaiserin eine Be- leidigung von Mitgliedern des königlichen Hauses. Dafür erhielt er zwei Jahre Gefängnis. Nachdem Kaiser 18 Monate dieser Strafe abgebüßt hatte— bald nach seiner Ver- Haftung beobachtete man Zeichen von Gcisicsgcstörtheit an ihm—, wurde er im Wicderaufnahme-Verfahren freigesprochen. Tie Sach- verständigen bekundeten, daß Kaiser bereits bei Begehung der Straf- that geisteskrank gewesen ist.— TaS Verhalten dcS Berliner StadtfrrifinnS findet die Verständnis- volle Zustimmung der Schweinburg und Konsorten. Ter Freisinn wird von dieser Seite mit der ehrenvollen ZitzUlitimg bedacht, nuit seinerseits die Konsequenz zu ziehen und dafür zu sorgen, daß die Socialdemokraten nirgends mitarbeiten dürfen, z. B. eine Gesetzes- änderung durchzusetzen, welche die Socialdemokraten aus der Kranken» kaffen-Berwaltung ausschließt. Der Freisinn der Berliner Kommunalführung ist eben nur noch Firmcnverschleiernng. Herr F i s ch b e ck geht thatsächlich lieber mit Kröcher als mit Barth, und die„Deutsche Freie Presse" des Herrn M ü l l e r- S a g a n will ja selbst nicht mehr„Freisinnige Zeitung" heißen, seitdein sie etwa die Richtung der„Post" potenziert mit der „Sraatsbürgcr-Zeitung" vertritt.— Tic liberale Wahlrcchts-Vcrschlechtcrung, welche die vereinigten Nationalliberalen und Freisinnigen im preußischen Abgeordneten- Hause beantragen, wird in den freisinnigen Blättern mit den dümmsten und unehrlichsten Arglimentcn moralisch zu retten versucht. Man rühmt sich, daß man den„Widersinn" beseitigen wolle, daß man in einem Bezirk bisher mit 13 Mark Wähler erster, im andern mit 100 000 M. Steuern noch nicht einmal Wähler zweiter Klasse sein konnte. Diesen kleinen„Widersinn" beseitigen_ wollen, bedeutet, das widersinnige Princip des Wahlrechts selbst anerkennen und verschärfen; gerade in dieser Bezirks drittelung lag ein Element der Zersetzung des Dreiklassensystems. Es ist die vornehmste liberale und freisinnige Sorge, das plutokratische Princip von dieser Abschwächung und Verunreinigung zu befteicn. Und übrigens wird der besondere Widersinn in dem allgemeinen Wahnsinn durch den liberalen Antrag nicht einmal beseitigt. Auch wenn man künftig g e m e i n d e lo e i s e zwölftclt, kann man in einem Wahlkreise mit 100 Mark Steuern in die erste, im andern Wahlkreise mit 1000 Mark in die dritte Klasse gelangen. Wenn den Liberalen also so außerordentlich viel an der absoluten Gleichheit in der Funktion der Tollheit liegt, fo müßten sie schon beantragen, daß im Durchschnitt des ganzen Staatsgebietes gezwölftelt wird, so daß man mit der gleichen Steuersumme in ganz Preußen auf die gleiche Klasse Anspruch hal. Durchaus zutreffend bemerkt die„ P o st":»Der radikale Liberalismus stellt sich also in Preußen thatsächlichZfauf den Boden des geltenden Drciklassen-Wahlsystems mit öffentlicher Stimmabgabe". Und die„Post" weift, wie wir, darauf hin, daß man sich nicht ein- mal auf den„ZweckmäßigkcitSgrund" berufen könne, denn die ge- forderte Neu- Einteilung der Wahlkreise sei„nach den wiederholten Erklärungen der Mehrheitsparteicn völlig aussichtslos". Sonach werden wir den Freisinnigen— als Ergebnis ihres Antrags lediglich noch eine Verschlechterung des elendesten aller Wahlsysteme zu verdanken haben.— Für neue Flottenpläne beeifert sich bereits ein Teil der Blätter. Der„Reichsbote" ist fchon der Meinung, daß seit 1900„so manches geschehen ist, das uns das damals angenommene Flottengesetz nicht mehr als genügend Erscheinen läßt". Und das„Berl. Tageblatt" will zwar sein Urteil über Möglichkeit und Durchführbarkeit des Planes zurückhalten, veröffentlicht dann aber„von fachmännischer Seite" einen Artikel, in dem, außer den im Flottengesetz geplanten Schiffsbauten, der sofortige Bau eines weiteren Kriegsschiffs- geschwaders von acht Schlachtschiffen mit zugehörigen Kreuzern und Materialreserven gefordert wird. Sobald das freisinnige Organ den ersten jüdischen Marine-Offizicr d. R. entdeckt haben wird, wird eS begeistert mit seinem Fachmaitn neue Flottenrüstungcn als dring- lich erklären.— Eine Begnadigung der letzten ZuchthauSopfer von Löbtau regte in der sächsischen Kammer der Abg. Günther an. Er führte auS: „DaS sogenannte Löbtauer Urteil wurde seinerzeit nicht nur in Arbeiterkreisen, sondern auch in andren Bevölkerungsschichtcn mit Schrecken und Bestürzung aufgenommen. Daß sich die da- maligen Angeklagten strafbar gemacht haben, bestreitet niemand. aber ein Strafmaß von zehn Jahren Zuchthaus hatte niemand erwartet. Bcinr Löbtauer Fall konnte allerdings ein Menschen» leben in Gefahr kommen, aber durch den Zusammenbruch der Leipziger Bank sind zahlreiche Existenzen vernichtet und einzelne Personen zum Selbstmord getrieben worden. Vergleiche man die in beiden Fällen erlassenen Strafen, werde man kein Verständnis für solche Urteile im Volke finden." Natürlich fand diese Anregung in der Kammer kein Echo. Herr Günther klagte auch über die Nebenbeschäftigung von Richtern. So bekleidet der Landgerichtspräsident in Leipzig eine mit 10 000 Mark dotierte Aufsichtsratsslellc.—_ Ein neues Gefecht in Südwcstafrika. Berlin, 25. März. Nach einem Telegramm des Gouverneurs L e u t w e i n vom heurigen Tage hat Major v. Estorff ab Wasser- stelle O k a m i t o am 23. März gemeldet, daß er am 24. März in Okahan dja eintreffen werde. Am 16. März sind am Omatakoberg Hereros mit diesseitigem Verlust von zwei Toten und zwei Verwundeten zurückgeworfen worden. V e r I u st des Feindes etwa 10 Tote. Am 19. März wurde eine Hcrero-Werft überrascht, 355 Rinder und 530 Stück Kleinvieh er- beutet. Die Gegend nördlich Okahandja bis zum Omuramba ist frei vom Feinde, große Massen desselben befinden sich am Watcr- berg(etwa die Mitte zwischen Windhuk und Grootsontcin), am unteren Omuramba und am oberen Swakop. In dem Gefecht am Omatakoberg sind gefallen: Gefreiter Franz Kaiser und Gefreiter Otto Schultka; schwer verwundet: Reiter Johann Weidner, zwei Qberschenkelschüsse; leicht verwunder: Unter- offizier Karl Hiege, 3. Comp. d. Seebataillons. aus Kreuzbcrg, Ost- preußen, Streifschuß am rechten Arm. Beide Verwundete sind im Lazarctr Okahandja. Wach einer weiteren Meldung des Gouverneurs Leutwein ist die Kolonne des Majors v. Estorff am gestrigen Tage in Oka- h a n d j a eingetroffen.—_ Falsche Nachrichten über die HereroS. Die bürgerliche Presse, die es, mit Ausschluß von zwei oder drei Blättern, noch immer nicht für nötig gehalten hat, die Briefe der Missionare über den Herero-Aufstand nachzudrucken, veröffcnt- licht jetzt wieder eifrig allerlei Briefe von Angehörigen der Schutz- trappe, in denen natürlich wieder die angeblichen Grausamkeiten der Hereros gegenüber Frauen und Kindern in übertriebenster and direkt unwahrer Weise geschildert werden. So bringt z. B. die„Köln. Ztg." in Sperrdruck folgende Schilderung des im Gefcchtjbci Lwikororo gefallenen Lieutenants der Reserve'Th iesjm e y er über angebliche Bestialitäten der Hereros in der Umgebung von Windhuk: „Einige Frauen haben sie leben lassen, mehrere sind aber in ganz grauenerregender Weise umgebracht worden. Zuerst wurden sie von den Großleuten der Reihe nach geschändet, während vier Mann die Weißen Frauen hielten Dann wurden ihnen die B r u st und sonstige abschit eidbare Teile bei leben- d i g e m Körper a b g e s ch n i t t e n u n d ringsherum an d i e B ä u m e gehängt. Wenn die Frau dann noch lebte, haben sie sie mit Knüppeln totgeschlagen. Das ist ein Fall, wie er von einem Augenzeugen erzählt ist. Es war der eigne Mann; er hatte einen Schuß in die Brust bekoinnien und war umgesunken. Er ist später, nachdem er gesehen hatte, wie seine Frau gemartert wurde, von einem Hottentottenweibe zum Teil getragen, nach Windhuk gelangt." Lieutenant Thiesmeyer hat diese schreckliche Geschichte zweifellos im besten Glauben weitererzählt, sie ist aber nichtsdestoweniger von Anfang bis zu Ende unwahr! Denn in dem inzwischen eingelaufenen amtlichen Berichte vom 8, Februar— der Brief ThieS- ineyers ist älteren Datums— ist von dieser Schauergeschichte. die man sich sicher nicht hätte entgehen lassen, da man im übrigen alles für die Hereros Ungünstige sorgfältig zusammengetragen hat, mit keinem Worte dir Rede. Wohl werden unter den Getöteten auch zwei Frauen erwähnt— alle übrigen Frauen werden auS- drücklich als geschont aufgeführt!— aber von einem Notzüchtigen und Verstümmeln dieser Frauen ist. wie gesagt, mit keinem Wort die Rede! Außerdem wurden mit diesen beiden Frauen auch gleich- zeitig deren Männer getötet, sodaß keiner von ihnen die Schauergeschichten erzählen konnte, die man Lieutenant ThieSmeyer aufgebunden hatte. Gleichwohl erzählt unsre Bourgeoispresse diese Räubergeschichten in aller Biederkeit weiter! Mit derselben Unverfrorenheit giebt— ohne jede Anmerkung!— die„Kreuz-Zeitung" unwahre Bricfstellcn dcS inzwischen ebenfalls einer Verwundung erlegencn Lieutenants v, Wöll Warth- Lauterburg wieder. So diejenige, in der behauptet wird, daß im Bezirk Windhuk sechs Frauen und vier Kinder von den HereroS ermordet worden seien. Wie wir gestern schon feststellten, wurden nach dem amtlichen Bericht vom 8. Februar— der Brief v. Wöllwarths ist dagegen vom 29. Januar datiert— überhaupt nur zwei Frauen und zwei Kinder getötet! Das mußte auch der „Kreuz-Zeitung" bekannt sein— aber es macht sich doch besser, wenn inan den„schwarzen Bestien" ein paar Schandthaten mehr an- dichtet I Bemerkenswert sind aus den Berichten des letztgenannten Offiziers zwei Stellen, an denen über Gefechte berichtet wird. Da heißt es über einen Zusammenstoß bei Aris: „Die Bocren hatten ihr Vieh dort zusammengetrieben, um eS vor Räubereien zu schützen. Von denselben hörten wir, daß ein Trupp H e r e r o s in der Nähe säße. Wir gingen gegen die- selben vor und hatten ein kurzes, ziemlich harmloses Gefecht. Die Hereros rissen aus wie Schafleder. Von uns wurde niemand verletzt. 8 Hereros fielen." Ferner von einem Gefecht in der Nähe von O k a h a n d j a: „Heute wurde noch die Umgegend durch Mannschaften der hiesigen Besatzung abgesucht. Es sind gestern ungefähr 25 Hcrcros gefallen, aber fast alle erst auf der Flucht, da die Stellungen so vorzüglich gedeckt waren. daß ihnen da gar nicht beizukommen war." Beide Male wurden die Hereros also auf der Flucht niedergeschossen. Seltsam, daß dabei gar nichts über Verwundete gemeldet wird, die man gefangen nahm. Schon Bebel äußerte im Reichstag seine Verwunderung darüber, daß alle Hereros gleich tödlich verletzt worden sein sollten!— Entlastung des RcichSgcrichtS. Im Reichs- Justizamt ist eine Konferenz abgehalten worden zur Beratung der Frage, wie die Civilsenate entlastet werden können. Zu der Konferenz sind Mit- glieder des Reichstages aus allen Parteien außer der Social- d e m o trotte geladen worden. Die Mehrheit der Konferenz sprach sich für den Vorschlag der Regierung aus. die Revisionssumme von 1500 auf 3000 51'?. zu erhöhen, wodurch, wie man erwartet, sich die beim Reichsgericht anhängigen Revisionsverfahren bis zu 30 Proz. vermindern würden. Das ist die allers cht echteste Lösung der Frage, wenn diejenigen Volksklassen, die um geringere Summen Rechtsstreitigkciten führen, um das Siecht der Revision gebracht werden.— „Hau'» Sic die Kerle mit den Stiefeln mif Kopf und Buckel Diese Weisung, die der Wachtmeister Gäbe! vom Leib- Kürassier- Regiment in Breslau, ein ehcntaliger Kutscher, dem Eskadrous- Schuhmacher erteilte, wurde von dem Apostrophierten mit großer Promplhcit ausgeführt. Die vor dem Militärgericht erschienenen Kürassiere bestätigten, daß sie infolgedessen viel Hiebe erhalten haben, wenn sie mit schlechten, zerrissenen oder schmutzigen Stiefeln zum Schuhmacher kamen. Der Anklagevertreter ivar der Dteinung. daß sich der Wachtmeister erheblich strafbar gemacht habe, und beantragte zwei Monate und zwei Wochen Gefängnis. Das Gericht hielt den Wachtmeister für gereizt und verurteilte ihn nur zu zehn Tagen gelindem Arrest!— Ein außergewöhnlich schneidiger Gendarm stand am Donnerstag bor dem Brcslauer Kriegsgericht. Er ist in P Uß(Oberjchlesieii) stationiert. Als er am 23. Dezember v. I. den Arbeiter Jecha in Borin suchte, traf er die Tochter desselben, schickte die Kinder auS der Küche und gestattete sich im Dunkeln bei dein 20jährigen Mädchen allerhand unerlaubte Griffe, die sich als thätliche Beleidigung charakterisieren. Auch später versuchte er noch einmal einzudringen, fand die Thür aber verschlossen. Die Nachbarin, Arbeiterfrau Katharina Schott, lud ihn ein, wiederzukommen. Ueber diese Verhöhnung wütend, schlug er sie mit dem Säbel zehnmal und drohte, sie mit dem Revolver zu erschießen. Der untersuchende Arzt bekundete, daß ihre Verwundungen von einem mit empörender Roheit ausgeübten Gewaltakt herrühren, eine Schlag- a d e r iv a r der Frau zerschnitten. Der Gendarm will sie nur zweimal mit der Säbelscheide gestoßen haben und stellt sich als ein Opfer polnischen Hasses gegen preußische Beamte hin. Dabei ist die Frau mit blutunterlaufenen Ge- schwülsten und Hantabschürfungen bedeckt. Der Anklagevertreter bc- autragte Degradation, Entlassung und sechs Monate zehn Tage Gc- fängnis. Das Gericht beschloß Vertagung der Sache zur weiteren Vernehmung von Zeugen.— Großherzogtnm Sachsen-Wcimar.(Eig. Bcr.) Der Landtag hat beschlossen, daß zur Vorbcratung des Berggesetzes der Rechts- gcsctzgebuugs-Ausschuß außerhalb der Tagungspcriode des Landtages zusammentreten soll. Zur Erbauung der neuen Universität Jena hat der Landtag 150 000 M. bewilligt, 750 000 M. sind durch freiwillige Spenden in Jena aufgebracht, jeder der übrigen Erhalter- staaren hat 50 000 M. aufzubringen, so daß die auf 1 050 000 M. berechnete Bausumme gesichert ist. Als Bauplatz ist daS alte Schloßgrundstück in Jena in Aussicht genommen. Ter Wert der Bc- rcchtigung als?lbsteigcquartier für den Großhcrzog im alten Schlosse ist auf 32 600 M. festgesetzt, der Kronfiskus verzichtet auf diese Sumnie nicht--. Sobald das Erbschaftssteuer-Gesetz, der Bau eines Magazingebäudes zur größeren Feuersicherheit des Hoflhcaters und der außerordentliche Etat beraten ist, soll der Landtag auf un- bestimmte Zeit vertagt werden.— HudlamL «chlveiz. Bern, 25. März. Vom eidgenössischen Justizdcparicmcnt ist dem Bundesrat der Entwurf eines einheitlichen Schweizerischen Civilgesetzbuchs nebst einem Entwurf einer begleitenden Botschaft an die Bundesversammlung unterbreitet worden.—'_ Freiwillige Proportionalwahl. Zürich, 23. März. lEig. Ber.) In der Stadt Zürich haben sich die Parteien im Hinblick auf die bevorstehenden städtischen Wahlen auf eme proportionale Verteilung der 125 Sitze im Großen Stadtrat geeinigt. Danach erhalten die Socialdemolratcn 44, die Frei- sinnigen 50 und die Demokraten 31 Sitze. Die Socialdemokraten bringen ein Opfer, indem sie diese Vereinbarung eingingen, weil ihnen andernfalls die 40 Sitze in Außersihl, wo sie die sichere Mehr- heit haben, gewiß wären. Gegenwärtig hat unsre Partei 32 Vertreter in dieser Behörde, sie könnte also noch 17 dazu gewinnen, während nach dem vereinbarten Proporz ihr Gewinn nur 12 Sitze beträgt. Llber sie erhält nach der Vereinbarung in allen fünf Kreisen der Stadt eine ihrer Stärke entsprechende Vertretung, während sie ohne dieselbe nur Vertreter dcS dritten Kreises hätte. die Bürgerlichen nur solche der vier andern Kreise, aber keinen aus dem dritten Kreis. Mit der alimahme der Vereinbarung und dem Verzicht auf fünf sichere Sitze beweisen unsre Genossen, wie ernst es ihnen mit ihrer Forderung nach der Proportionalwahl ist und diese Taktik kann der Verwirklichung des Proporzgcdankens durch die Gesetzgebung nur förderlich sein. Genf, 23. März. fEig. Ber.) Der Große Rat hat die von der soeialdeniokratischen Fraktion beantragte Abschaffung des berüchtigten Antistreikgesetzes mit großer Mehrheit abgelehnt, inzwischen brachten aber die Arbeiter 3723 Unterschriften auch für ein Jnitiativbegchren betreffend die Abschaffung des verhaßten Gesetzes, über das nun vom Volke abgestimmt werden muß. Wären die bürgerlichen Parteien nur etwas einsichtig, müßten sie selbst die Hand zur Beseitigung dieses Wcchsclbalges von einem Gesetze bieten.— Frankreich. Millcrand ausgepfiffen. Paris, 24. März.(Eig. Ber.) Millerands Gefolgschaft im 14. Pariser Bezirk, eine Gruppe, die nach seinem Ausschlüsse aus der P. S. F. ihrerseits diese Partei verlassen hatte, veranstaltete gestern eine Festvcrsammlung zu Ehren und unter dem Vorsitz des großen Chefs. Der jüngste Streich Millcrauds, seine imnisterstllrzende Interpellation, hat aber den Zorn und den Haß weiter socialistischer Kreise wider den überschlauen Politiker von neuem besonders leb- hast entfacht. Die vorsichtige Besetzung des Saales durch treue An- Hänger, besonders durch Postangestellte, sowie die Zurück- Weisung unsicherer Elemente, ungeachtet der im voraus ge- lösten Eintrittskarten,— haben Millerand vor der gefiirchteten Kundgebung nicht gerctter. Die Zurückgewiesenen harrten draußen aus und begleiteten Millerand bei seiner Ankunft und seiner früh- zeitigen Abfahrt mit Pfeifen und allen möglichen Schmährufen. Auch seine— höchst verlegene— Rede, worin er das Kabinett CombeS von neuem angriff, um seine Ueberläuferci zu rechtfertigen, wurde durch die in den Saal hineinschallenden Schmähnife gestört. Bei seiner Abfahrt wurde er von einem starken— P o l iz e i a u fg e b o t geschützt. Er hat das wohl verdient!— Eine Soldatcnmißhandlung vor dem Pariser Kriegsgericht. Paris, 24. März.(Eig. Ber.) Soldatenmißhandlnngen kommen in der französischen Annee selten vor, ebenso selten, wie sie in der deutschen häufig sind. Die jeglichem Militarismus innewohnende Tendenz zur körperlichen Mißhandlung des moralisch entwürdigten Soldaten loird in Frankreich wirksam abgeschwächt vor allem durch das hier in allen Schichten lebendige demokratische Gleichheitsgesühl. Die Offiziere sind von den Gemeinen durch keine kastenmäßige Kluft getrennt. Den politisch reaktionären Gesinnungen der Hocharmee zum Trotz ist die große Masse der französischen Offiziere vom spezifisch militärischen Hochmut viel freier als in politisch rückständigen Ländern. Das französischc Bürgertum hat eben doch nicht umsonst seine Revolution gründlich durchgemacht. Endlich ist die Kontrolle der demokratischen Presse und der Parlamentstribüne hier eine ganz anders gcfürchtete Macht als in Preußen-Deutschland. In den seltenen Fällen aber, wo ein französischer Soldat gcmiß- handelt wird, macht sich der Corpsgeist des Offizierentums ebenso geltend wie überall sonst. Das hat sich drastisch gezeigt im gestern vor dem Pariser Kriegsgericht verhandelten Prozeß des Hauptmanns Blanchard. Dieser Offizier hatte bei einem Rundgang durch die Kaserne den Soldaten Angelin geohrfeigt, weil sich unter dessen Effekten eine nasse Leinwandbluse befand. Die Mißhandlung geschah in Anwesenheit von Stubenkameraden Angelins und des Lieutenanten G o n f e, eines Sohnes des aus der Dreyfns-Affaire traurig bekannt gewordenen Generals. Trotzdem aber wurde die Beschwerde des Miß- bandelten von Oberst d � E n n e r y vereitelt. Der eingeschüchterte Soldat zog die Beschwerde zurück durch eine i h m v o m O b e r st in die Feder diktierte Erklärung, worin die Mißhandlung harmlos umgedeutet wurde. Erst die Enthüllungen der Presse haben die Vertuschung des Falles unmöglich gemacht. Der Kriegs- minister Andre ordnete darauf eine neue Untersuchung an, die den Hauptmann Blanchard vor das Kriegsgericht führte. Die Beweisaufnahme hat die Schuld des Hauptnranns vollauf bestätigt. Der„Rcgierungskommissar"(Staatsanwalt) hat ihm herb seine kläglichen Ausreden vorgeholten, welche die Ohrfeige in eine „leb holte Geste", in eine„Handanflegung" nmznlügen suchten. Und der Kommissar verlangte die Verurteilung des Offiziers. Er sagte dabei unter anderm in deutlicher Anspielung auf die deutschen Soldaten- Mißhandlungen:„Zu einer Zelt, wo Mißhandlungen in ausländische» Armeen gedulde! werden, schickt es sich am wenigsten, derartige Sitten bei uns sich einwurzeln zu lassen____" Es sei noch erwähnt, daß Lieutenant Ganse, der Sohn lejnes Vaters, vom GerichtSvorsitzeiidc» herb angefahren wurde wegen seiner lügen- hast gewundenen EntlastnngSauSsage. Der alngcllagte wurde einstimmig für schuldig erklärt unter Zubilligung von mildernden Umständen. Strafe: 2 0 Tage Ge- fängnis, die aber durch die 23 Tage Untersuchungshait als vcr- büßt erachtet wurde. Ein gemeiner Soldat würde freilich wegen der Ohrfciguug eines Offiziers, kraft des barbarischen Militärkodex, zum Tode verurteilt werden. Immerhin aber ist die Verurteilimg des Hauptmanns Blanchard in der militärgerichtlichen Praxis eine Neuheit, der unter den gegebenen Umständen eine symptomatische Bedeutung zukommt.—_ Am Vorabend des ZchnsümdcntagcL. Paris, 23. März.(Eig. Ber.)?lm l. April ist die letzte Ueber- gairgSetappe des Gesetzes Milleraud-Colliard fällig. In den„gc- mischten" Betrieben(mit männlichem, weiblichem und minderjährigem Personal) muß die Arbeitszeit auf 10 Stunden verkürzt werden— anstatt 10>/z Stunden seit April 1902 und 11 Stunden seit April 1900. Wie zur Zeit der ersten zwei Etappen, müssen die Slrbciter jetzt wieder für die Auftcchterhaltung der alten Löhne kämpfen beziehnngS- weise für eine der Verkürzung der Arbeitszeit entsprechende Erhöhung des Lohntarifs. Um diese Forderung wurde belaimilich schon im ncnlichcn nordischen Tcxtilstreik gekämpft, mit dem Erfolg, daß die Streikenden von?trmentiörcS-HonpliiicS die Zusage erlangten, den Zehnstimdentag ohne Lohnverkürzung eingeführt zu sehen. Ferner hat sich zum gleichen Zugeständnis der Textilkönig und albgcordnetc von Ronbaix, Motte, öffentlich verpflichtet. Sonst aber wird es ohne Kampf nicht abgehen. Die Gewerkschaften treffen danach ihre Maßnahmen. Die „Konföderation der alrbcit". die allgemeine GewerkschastSorganisation, sowie der am meisten interessierre allgemeine Textilverband haben soeben die Ilgitation eingeleitet. Im Aufruf dcS letzteren wird eventuell ein allgemeiner Streit in Aussicht gestellt, wie das aus dem vor- jährigen Textilkongreß beschlossen worden ist. äluch die Stegiernng rüstet sich zum Kampfe. Das treu ministerielle Blatt„Action" meldet bereits umfassende mili- t ä r i s ch e„ B o r s i ch t S"- Bk a ß n a h m e n. Andrerseits läuft der Senat gerade jetzt Sturm gegen das Zehnstunden-Gesetz selbst. Die bisherigen schweren Durch- I ö ch e r u n g e n dieses' Gesetzes durch Dekrete des HandclSministerS Trouillot, welche zahllose„Ausnahmen" statuiert haben: ferner durch die Entscheidung des KassationshofeS, der den Begriff der„gemischten" Betriebe bezw. den AnSdrnck:„in denselben Lokalen" dem offen- kundigen Sinne zuwider so sehr eingeengt hat, daß die Unternehmer dem Gesetze wohlfeil entgehen können, indem sie das diverse Personal desselben Betriebes in verschiedenen, aber aneinander stoßenden Werkstätten arbeiten lassen; endlich die dadurch verursachte Erschwerung und Vereitelung der ohnehin mangelhaften Kontrolle der Gewerbe- Inspektion— das alles genügt dem Unternehmertum noch immer nicht. Der gegen- wärtig vom Senat beratene Gesetzentwurf will auch das tvcnige vernichten, was noch vom Zehnstundengesetz in der Praxis übrig geblieben ist. Und die Regierung in der Person dcS Handelsministers hat das arbeiterfeindliche Beginnen keineswegs von sich gewiesen. Sie will vielmehr niit sich reden lassen!— Italien. Parlamentarische Versumpfung. Rom, den 21. März.(Eig. Ber.) Das italienische Parlament droht, bei lebendigem Leibe zu ver- faulen. Eine Kammer von ähnlicher Faulheit und Würdelosigleit hat Italien noch nie besessen. Am vorigen Freitag sah sie es thatenlos mit an, daß Giolitti in der unverschämtesten Weise in die Rechte des Präsidenten eingriff und von ihm die Räumung der Journalistentribiine forderte, heute gar zeigte sich die absolute Gleichgültigkeit unsver Herren Volksvertreter dadurch, daft beim Beginn der Sitzung nicht zwölf Abgeordnete zur Stelle waren. Ein einziger Unterstaatssekretär — der des Krieges— zierte den Ministertisch, aber für die Jnterrogation, auf die er antworten wollte, fehlte der Fragesteller. Für die nächste Jnterrogation fehlte der Unterstaatsselretär usw., so daß man zu den Interpellationen überging und da fehlten wieder die Minister! Der Präsident erklärte, nachdem man eine Viertel- stunde vergeblich gewartet hatte: mir bleibt nichts übrig, als die Abwesenheit der Regierung zu beklagen und die Sitzung aufzuheben. Schließlich haben dann die per Droschke in alle Winde auSgcsandten Pförtner ein paar Minister zur Stelle gebracht und man hat eine Stunde lang Parlamentsverhandlung gespielt. Wie lange soll diese Schandwirtschaft noch dauern?— Selbstmord eines italienischen Offiziers. Rom. den 21. März. Eine Zeitimg von Bologna, il„? u x n o d i? s r r o", veröffentlicht das Testament eines Offiziers. Hauptmanns Manfredt vom 40. Infanterie-Regiment in Bologna, der am 7. Februar d. I. durch Selbstmord aus dem Leben schied. Das Testament ist an die Behörden adressiert und lautet wörtlich: „Meines Daseins müde, habe ich beschloffen, mir daS Leben zu nehmen, zu welchem Beschluß mich hauptsächlich die Niederträchtig- leiten bestimmen, die im Heere begangen werden. Man ordne eine strenge und mnsichtige Erhebung an, so wird man ohne Zweifel du Wahrheit meiner Behauptung erkennen." Es folgen dann Bestintmungen, durch die der Offizier über sein gesamtes Vermögen zu Gunsten von Wohlthätigkeitsanstalten ver- fügt und diese Schlußworte: „Ich will in einem Wagen Hl. Klasse auf den Friedhof gebracht werden, ohne Blumen und ohne militärisches Geleite, weder von Soldaten noch— dies am allerwenigsten— von Offizieren. Ich wünsche, ausdrücklich zu erklären, daß ich im vollen Besitze meiner Geisteskräfte handle, und bescheinige diese meine letzten Erklärungen init meinem Namen." Bologna, den 7. Februar. Vittorio Manfred i. Spanien. Spanische Justiz. Vergangene Woche wurde gegen unsren Genossen JglesiaS wegen angeblicher Beleidigung der Polizei ver- handelt. Jglcsias hatte in seinem Organ„El Socialista" daS Vorgehen der Polizei, welche sich in gesetzwidriger Weise gegen das Publikum vergangen hatte, scharf kritisiert. Der Staats- anwalt, der über den ganzen Sachverhalt wenig oder gar nicht informiert war, schien nur von der Llbsicht beseelt, unsren Genossen so lange als möglich unschädlich zu machen; er beantragte, denselben vier Jahre neun Monate und elf Tage des Landes zu verweisen. Der Aer- teidiger, Genosse O y n e l o s, deckte in brillanter Rede alle Irr- tümer des Staatsanwalts schonungslos auf. Seine Rede hatte einen großen Erfolg und jedermann war überzeugt, daß dieselbe die Freisprechung des Genossen Jglesias herbeiführen müsse. Dem war aber nicht so, denn der Gerichtshof verurteilte denselben zu einem Monat un d 21 Tagen streu gen Arrestes, sowie zu einer Geldstrafe von 125 Pesetas. Gegen dieses Urteil wird er Berufung einlegen, nicht, weil er die Illusion hegt, daß dasselbe aufgehoben werden würde, sondern damit die ersten Vertreter der spanischen Gerichtsbarkeit klar erkennen mögen, daß die von ihm so scharf aber gerecht kritisierten Vertreter des Gesetzes und Hüter der öffentlichen Ordnung sich ärger als die Wilden betragen haben. Selbst die strengsten Urteile können auch in Spanien den socialistischen Geist nicht' mehr ertöten.— Ruftland. Ein Blutbad unter Sachfcugängerinnen. Die„Posener N. Nachricht." melden: Beim preuhisch-russischen Grenzdorfe Wyszanow ertranken fünf polnische S a ch s e n g ä n g c r i n n e n, die heimlich ohne Paß die Grenze überschreiten wollten, im Flusse Prosna. Drei andre Frauen wurden durch russische Grenzsoldaten erschossen und etwa dreißig Sachsengänger gefangen genommen.—_ Hus Induftne und Handel. Helios und Berliner Bank. Unser Kölner Parteiorgan, die „Rheinische Zeitung", setzt ihre Enthüllungen über das Drechen der Elektricitäts-Gesellschaft„Helios" fort.„Wie im„Helios" gc- wirtschaftet wurde," schreibt sie,„geht aus folgendem hervor: Eine Tochtergesellschaft des genannten Unternehmens wurde mit der Singcr-Gcscllschaft in Berlin verschmolzen unter der Firma Aktien- gesellschaft für elektrische Uitkernchmtingen, woran nnsreS Wissens der„Helios" stark beteiligt blieb. In dieser Angelegcnhett ging von einem hervorragenden Kölner alufsichtsratsmitglied des„Helios" an den Direktor einer Berliner Bant am 31. Juli 1900 folgendes Schreiben ab: „Singcr-Gesellschaft: Die Bilanz dieser Gesellschaft vom 28. Februar 1000 ist im Rohen fertiggestellt und zeigt sich immer- mehr, daß die vorigjährige Bilanz gefälscht war. Natürlich ohne Wissen(II) des Auffichtsrates. Z. B. in der vorigjährigen Bilanz ist ein antizipierter Gewinn aus Thor», welcher sozusagen falsch war, von ca. 186 000 W. erwähnt worden und jetzt stellt sich heraus, daß der Bau Thorn im ganzen einen Verlust von 200 000 Mark gebracht hat.?lchnlich verhält es sich mit dem Lichtiverk Licgnitz usw. Ich werde unter diesen Umständen persönlich die ganze Situation prüfen, bevor etwas in dieser Sache geschieht� alber das ist mir schon gewiß, daß S, ins Zuchthaus gehört und der Aufsichtsrat im höchsten Grade kompromittiert ist.«seiner Pflicht V. zur Prüfung ist er gar nicht nachgekommen, sonst hätte er solch krasse Dinge konstatieren müssen. Die Bilanz schliefst mit über 800 000 M. Verlust, wesentlich entstanden durch Temesvar, Fiume und dem zu Unrecht im Vorjahre verrechneten antizipierten Gewinn." Ein vom selben Tage von demselben alufsichtsratsmitglied an einen Pariser Finanzmann gerichteter Brief sagt: „In Beantwortung Ihrer Znschrifr vom 30. er. verfehle ich nicht, Ihnen mitzuteilen, daß der Rückgang des Kurses der Hclios-alkricn in keiner Weise durch innere oder äußere Vcr- hältnissc der Gesellschaft verursacht ist. Der Grund des Rückganges liegt vielmehr in der allgemeinen schlechten Börsenlage, insbesondere für elektrische Werte." In dem ersten Schreiben wird zugegeben, daß der„Helios" durch seine Tochtergesellschaften aufs äußerste belastet ist, im zweiten ist wieder alles in bester Ordnung— und alles an ein und demselben Tage. Wir behalten uns vor. auf diese Angelegenheit eingehender zurückzukommen, besonders was die Empfehlung zum Ankauf von „Helios"-Aktien und-Obligationen seitens hiesiger Bankiers angeht Wir sind mit dem Brieffchreibcr vollständig übereinstimmend der Ansicht, daß Zuchthausstrafe für Leute ain Platze ist, die aus Verlust Gewinn zu machen verstehen, d, h..., fälschen", aber auch diejenigen verdienen nicht leer auszugehen, denen die Fälschungen bekannt sind und die dennoch nichts rhu», um da» Publikum, das ihnen und ihren Worten blindes Vertrauen entgegenbringt, vor Schaden zu be- wahren." Die alngabcn sind nicht genau, da sie anscheinend von jemand verfaßt sind, der mit den früheren Transaktionen des„Helios" nicht genau bekannt ist. Unter der„Aktiengesellschaft für elektrische Unter- nehmungen" ist jedenfalls die„Bank für elektrische In« d u st r i e" in Berlin zu verstehen, die 1897 mit einem Kapital von 4 Millionen Mark gegründet wurde, zur finanziellen Durchführung der Elektricitäts-Gesellschaft Felix Singer u. Co., hier, von deren 1000 Stück Aktien sie»93 übernahm. Diese„Bank für elektrische Industrie" ging 1899 in den Besitz der Helivs-Gesellschaft über. Ter„Helios" gab zu diesem Zwecke für 6 Millionen Mark neue Aktien aus, die von der Berliner Bank übernommen wurden. die dafür die gesamten Vermögensbestände und Schulden der„Bank für elektriscke Industrie" dem„Helios" überließ. Zum Verständnis obiger Briefe fei erwähnt, daß 1LSS keine Dividende verteilt, sonder» Set Reingewinn mit 645 895 5D?. einem„Reservekonto für schwebende Geschäfte" überwiesen wurde und dieser Form cm den„Helios" fiel. Unter der erwähnten Kölner Bank ist jedenfalls die Firma I. L. Eltzbacher u. Co. zu verstehen. Herr C. Eltzbacher ist zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats der Helios-Gesellschaft. Sonderbar ist, datz die Berliner Bank sich nicht zu den Eni hüllungen äußert. Der Jahresbericht der Kölner Handelskammer konstatiert nach einem Auszug der„Köln. Ztg." auch für den dortigen Bezirk eine Befferung der industriellen Verhältnisse im abgelaufenen Jahre. Besonders war die Eisenindustrie gut beschäftigt, und zwar hat nicht nur für die Roheisen-Produktion, sondern auch für die eisen- verarbeitenden Industriezweige sich die Marktlage im Vergleich zum Vorjahr gebessert. Dies gilt insbesondere von dem Absatz der Walz- werke, Eisengießereien, der Fabriken für Fassoneisen, gelochte Bleche, wenn auch die Preise noch nicht beftiedigen konnten. Dagegen klagen die Eisenbcchnräder- sowie die Draht- und Drahtwarensabriken über Fortdauer der bisherigen ungünstigen Lage. Der Gasmotorenbau war gut beschäftigt, während die Lage der Dampflesselfabriken, teil weise infolge des Wettbewerbes der Gasmotoren, gedrückt blieb. Di« Maschinenfabriken, namentlich auch die Werkzeug-, Bergbau- und Brauereimaschinen-Fabriken, waren nicht in der Lage, ihren Absatz wesentlich zu heben, was unter anderm auf das unbefriedigende Ausfuhrgeschäft bei geringem inländischen Bedarf zurückgeführt werden mutz. Der Abiatz in landwirtschaftlichen Maschinen war da- gegen besser, obgleich die Preise noch ungenügend waren. Auch in der Sensen- sowie in der Nadelfabrikation blieb nach wie vor trotz befriedigenden Absatzes die Preislage ungünstig. Der Zunahme der industriellen Thätigkeit entsprechend hat auch der Arbeitsmarkt sich im Kölner Bezirk während des letzten Jahres etwas günstiger gestaltet, wenn auch die Lage der Arbeiter gegenüber derjenigen in den Zeiten des Aufschwunges immer noch eine ge- drückte geblieben ist. Bei der Allgemeinen Arbeitsnachweis-Anstalt in Köln wurden im Jahre 1903 32 412 offene Stellen angemeldet, 6524 mehr als im Vorjahre, dagegen wurden 61 760 Arbeitsuchende eingeschrieben, 8167 mehr als im Vorjahre. Gegen das Jahr 1902 Wurden 6590 Stellen mehr vermittelt, nämlich 28 317 gegen 22 227. Ter Zwist im Stahlwerks-Verbande. Das„Berliner Tage- kilatt" veröffentlicht eine Zuschrift des Direktors Lob, in welcher dieser die in rheinisch-westfälischen Kreisen aufgetretene Version denrentiert, wonach sein Nichteintritt in den Vorstand auf seine Haltung in der Frage zurückzuführen sei, daß der Stahlverband nur mit einigen Banken in Geschäftsbeziehungen stehen solle, nicht zu allen Banken, die den einzelnen Werken näher gestanden haben. Diese Bankenfrage sei, so schreibt Direktor Lob, erst verhandelt worden, als er den ihm angebotenen Posten bereits ausgeschlagen hatte und in den Beirat des Verbandes eingetreten war. Wir haben schon kürzlich hervorgehoben, daß nach uns zugegangenen Mit- terlungen die Ursache des Zwistes in einem Rivalitätsstreit zwischen verschiedenen Personen des Vorstandes besteht. Auf dem amerikanischen Eiscnmarkt hat sich seit Beginn des März der Absatz weiter günstiger gestaltet, doch läßt sich nach den Meldungen nicht entscheiden, ob es sich nur um ein vorübergehendes Nachlassen des Druckes infolge des Einsetzens des Frühjahrsgeschäftes oder um das Weichen der Krise handelt. Nach einem Situations- bericht der„Köln. Ztg." sind die aufgelaufenen Vorräte in Roheisen durch die scharfe Einschränkung im Dezember und Januar auf- gezehrt; dieFebruar-Erzeugung ist damit wieder an 1 250 000 Tonnen herangekommen, gegen knapp 900 000 Tonnen im Dezember; davon haben die Hütten mit eignen Stahlwerken stark 755 090 Tonnen er- zeugt. Die Vorräte sind trotzdem im Februar um fast 50 000 Tonnen zurückgegangen. Die wöchentliche Erzeugungsfähigkeit am 1. März war etwas über 313 900 Tonnen, gegen fast 499 999 Tonnen am 1. Juni v. I. Trotz dieser Vermehrung der eignen Erzeugung hat die Stahlvereinigung von den Bessemeröfen gegen 190 999 Tonnen Roheisen angekauft und damit überhaupt das Zeichen zu starken Ab- schlüssen gegeben. Die Ausfuhrthätigkeft hat auch schon wieder leb- haster eingesetzt._______ Gcwerhrcbaftllcbes. Centrum und Terrorismns. Wir brachten vor einigen Tagen eine Mitteilung aus M a g d e- bürg des Inhalts, daß zwei Arbeiter dort zu einem Monat und drei Wochen Gefängnis verurteilt wurden, weil das Gericht in dem Verlangen an einen Kollegen, er möge die Verbandsmarke kleben, „sonst melden wir das dem Vertrauensmann", eine Drohung im Sinne des 8 153 erblickte. Die„Germania" teilt das ihren Lesern mit unter der etlvas deplacierten Spitzmarke„Socialdemokratischcr TerroriSmnS", denn in dem Bericht ist nirgends davon die Rede, daß eS sich bei den Verurteilten um Socialdemokraten handelt, und richtet dann folgende Fragen an uns: „Ist das Koalitionsfreiheit, wem, die„Genossen" in dieser Weise in Magdeburg wie in zahllosen andren Fällen gegen nichtsocialdemokraftsche Mitarbeiter vorgehen, oder ist das nicht vielmehr Koalitionszwang? Und ist der KoalitionS- zwang nicht ebenso moralisch verwerflich, wie er gesetzlich verboten ist? Wie ist dieser KoalitionSzwang mit der Freiheit vereinbar, welche die Socialdemokratie an- geblich erstrebt? Was ist seitens der socialdemokratischen Parteileitung geschehen, um dieser in der Social- demokratie allgemein üblichen Praxis des KoalittonS- zwangeS und eines Terrorismus, der selbst vor Gewaltthätigkeiten gegen Nichtorganisierte und anders- organisierte Arbeiter nicht zurückschreckt, entgegenzuwirken? Glauben die Socialdemokraten etwa damit für die Erweiterung der Koalitions f r e i h e i t Propaganda machen zu können, daß sie an deren Stelle den Koalitions zwang zur Maxime machen?' Hier die Antwort: Der„Vorwärts" hat stets den Terrorismus der Arbeiter untereinander getadelt und die Arbeiterschaft zur Erreichung ihrer Zwecke auf den Weg der Propaganda verwiesen. DaS weitz auch die„Germania" und ihre Fragestellung ist daher nichts weiter als ein Jesuitenkniff, der bei ihren Lesern den Glauben erwecken soll, als wäre das Gegenteil der Fau. Die Parteileitung besorgt die BerwaltungSgeschäfte der Partei und hat weder die Aufgabe, noch die Möglichkeit, ihr völlig unbekannte Arbeiter von Unbesonnenheiten zurückzuhalten. Soweit sie in ihren Publikationen genötigt war, Urteile wie das obige zu besprechen, hat sie stets die Gelegenheft wahrgenommen, vor Ueber- griffen zu warnen. Nun unsrerseits aber ein paar TerroriSmus-Fragen an die ver- ehrliche„Germania": Wie stellt sich die„Germania" zu der Aushungerung ehrenwerter Arbeiter, die von ihrem Koalitionsrecht Gebrauch machten, durch die Herausgabe sogenannter„schwarzen Listen" seitens der Unter- nehmer? Wie stellt sich die Parteileitung des Centrums dazu, wenn ein Centrums ab geordneter stein der Parteileitung fernstehender Arbeiter) die Herstellung solcher schwarzen Listen in seinem Betriebe zuläßt, durch welche zahllosen christlichen Arbeitern das Schicksal der Aushungerung bereitet werden soll? BtrUn und llmgegencl. Achtung, Konditoren! Die Berliner Kollegen sind in eine Be- weaung zur Abschaffung von Kost und Logis beim Arbeitgeber und eines Lohntarifs in Gemeinschaft mft den Bäckerei- weaung zui Festlegung Arbeitern eingetreten. Wir bitten dringend, Zuzug fernzuhalten. Um Abdruck in arbeiterfteundlichen Blättern wird gebeten. Eentralverband der Konditorgehilfen. Deutkcbes Reich. Die Maler in Hannover haben den Streik beschloffen. Die Meister wollen zwar im Gegensatz zu früher die neunstündige Arbeits- zeit bewilligen, dagegen sträuben sie sich gegen die Festsetzung eines Minimallohnes.___ Der Schneiderstreik in Halle beendet. Aus Halle erhalten wir folgende Privatdepefche: Halle, 25. März. Der Schneiderstreik ist nach fünftägiger Unter- Handlung mit dem Arbeitgeber-Verband beendet. Es sind geregelte Tarife anerkannt._ In der Thüringer Blech-Emballagcn- und Maschinenfabrik A.-G. in Jena sind Differenzen ausgebrochen. Die Lithographen und Steindrucker, insgesamt 14 Mann, haben die Kündigung eingereicht. Die Metallarbeiter stehen noch in Verhandlungen. Ein gar zu„Arbeitswilliger"! Ein Kronzeuge aus den BreSlauer Terroristenprozessen gegen die Maurer stand am Donnerstag vor Gericht. Dieser brave Arbeitsloillige hat auf dem Vau, auf dem er sich als besonders nützliches Element erwies, Dielungsbretter in großer Zahl zum Bau eines Schweinestalles gestohlen. Es stellte sich heraus, daß er bereits dreimal wegen Diebstahls vorbestraft war. Der Brave erhielt fünf Monate Gefängnis und ein Jahr Ehrverlust. Tie Schmiede der Waggonfabrik der Firma Stein furt in Königsberg, 64 an der Zahl, haben die Arbeit eingestellt. Sie verlangen die Festsetzung bestimmter Preise. Obwohl die Firma erklärt hat, die Forderungen wären gerecht und anzuerkennen, ist bisher das Verlangen der Schmiede abgelehnt worden. Die Einig- keit unter den Streikenden ist vorzüglich. Vor Zuzug nach Königs- berg lvird gewarnt. Alle arbeiterfreundlichen Zeitungen werden um Abdruck gebeten. Anfragen sind zu richten an den Vorsitzenden des Schmiedeverbandes Fr. Lange, z. Z. in Königsberg, Plantage 29 HI, bei Nikolaus. Der Streik der Stukkateure in Essen ist beendet. Vor dem Polizei-Jnspektor Hapke haben beide Parteieu, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, einen korporativen Arbeitsvertrag abgeschlossen. Der- selbe enthält die Festlegung einer 19 stündigen Arbeitszeit für den Sommer, für die vier Wintermonate eine 9 resp. 8 stünbige Arbeits- zeit. Für selbständige Stukkateure wird ein Stundenlohn von 69 Pf. und mehr gezahlt. Der Mindestlohn für ganz junge Kräfte ist auf 49 Pf. festgelegt worden. Werlstattsiukkateure erhalten 59 bis 52 Pf., Jnn-'.iiputzer 59 Pf. Stundenlohn. Ueberstunden werden mit 25 Proz. und Nacht- und Sonntagsarbeit mit 59 Proz. Aufschlag vergütet. Weiter sind beiderseitig die Organisattonen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer als vertragschließende Faktoren anerkannt worden. Das sind große Erfolge der gewerkschaftlichen Organisation. Der Streik der Holzarbeiter der Waggonfabrik in Dessau ist nach viertägiger Dauer durch Vergleich vor dem Gewerbegericht beendet. is standhafte Verhalten samtlicher 35 Ausständigen bewog die Direktion, selbst das Einigungsamt anzurufen, vor dem sie dann auch die Hauptforderung der Ausständigen glatt und einige Nebew forderungen zum Teil bewilligte. Drohender Bergarbeiter-Stteik. Köln, 25. März. sPrivatdepesche des„Vorwärts".) Wie die Duisburger Zeitung" meldet, droht die Belegschaft deS Schachts 3 der Zeche„Deutscher Kaiser" mit Streik, falls nicht die entlassenen socialdemokratischen Arbeiter wieder eingestellt werden. Eine von 890 Arbeitern besuchte Versammlung in dieser Lugelegenheit hat bereits stattgefunden.___ Gummibandwcbcr des In- und Auslandes! In der Gummiband- Weberei und Hosenträgerfabrik von I. Heymann in Fürth bei Nürnberg war wegen Maßregelung eines Kollegen, Verweigerung eines Arbeiterausschusses und sonstiger Mißstände ein Streik aus- gebrochen, welcher nach achttägiger Dauer abgebrochen wurde, da die „Hirsche" mit vier Mann stehen blieben und die Herren Hehmann vorsorglich weitere neun Mann vertraglich gebunden hatten. Offen- bar war es auf eine Zertrümmerung der sich kräftig entwickelnden Filiale des Texularbeiter-Verbandes abgesehen. Nach Abbruch des Kampfes hielten die Herren scharfe Auslese und wiesen 39 Arbeiter und Arbeiterinnen von der Arbeit zurück, darunter Leute, welche sich die Firma durch Vorschüsse bis zu 299 M. nach dort ge- lotst hatte. Unter den aufs Pflaster Geworfenen befanden sich sechs Verheiratete. Die Verhinderung des Zuzuges ist die einzige Mög- lichkeit, den Herren beizubringen, daß die Arbeiter ein Recht habe», sich gegen Vergewaltigung zu wehren. Gummibandweber I Meidet den Betrieb der Herren Heymann in Fürth. Alle Arbeiterzeitungen werden um Abdruck ersucht. Die Tapezierer schloffen in München vor dem Einigungsamt einen Vertrag ab, der am 1. April d. I. in Kraft tritt und für drei Jahre Gültigkeit haben soll. Die Arbeitszeit ist eine 9 stündige, Sonnabends eine 8 stündige. Der Minimallohn bettägt 2 Jahre nach beendeter Lehrzeit 49 Pf. Auf die derzeitig gezahlten Löhne erfolgt ein Aufschlag von 5 Proz. Busland. Internationale Streikfiatistik. Wenn im Februar die internattonale Streikbewegung im Ver- gleich zum Vorjahre viel stärker war. so ist das nach der„Arbeits- niarkt-Korrespoudenz" vor allent auf die überaus zahlreichen Aus- stände zurückzuführen, die in allen Weingegenden Frank- r e i ch s von den Winzern unternommen wurden. Nicht weniger als 43 solche Streiks, an denen sich mehr als 8990 Personen beteiligten, faitden im Februar statt. Durch die Belvegung der Winzer hat die Zahl der Streiks in Frankreich eine ausnahmsweise Höhe erreicht. Im ganzen wurden während des Februar in De u t s ch l a n d, Frankreich und England zusammengenommen 147 Streikfälle gezählt gegen 86 im Vorjahre. Die Zahl der Streikenden betrug, soweit diese Ziffern schon festgestellt sind, in Frankeich 14 255 gegen 3489 im Februar vorigen Jahres, und in England 3497 gegen 3658. In England ist die Zahl der Streikenden gegenüber dem Vorjahre noch' zurückgegangen. Es begannen nur zwei größere Streiks, die mdeffen voit ziemlich kurzer Dauer waren. In Holland und Belgien sind die Diamantarbeiter teils ausständig, teils aus- gesperrt worden. Die Ausstandsbewegung der Hafenarbeiter und See- leute in Spanien ging im Februar zu Ende, neue Streiks von Be- deutung kamen nicht vor, so daß der Arbeitsmarkt in Spanien gegen Ende Februar von Streiks ziemlich verschont war. Ein ziemlich großer Tabakarbeiter-Streik. der schon Ende Januar begann, wurde aus Rußland gemeldet. In einer Tabakfabrik in Grodno legten 2209 Arbeiter die Arbeft nieder. Die Arbeiter sind sämtlich Juden, die durch die Drohung der Fabrikleitung, den Betrieb ganz � oder mindestens für drei Monate zu schließen, großem Eleud ausgesetzt wurden, da es in Grodno keine andre Fabrik giebt und die jüdischen Arbeiter infolge der bestehenden Ansiedelungsvorschriften nur sehr schiver in eine andre Stadt ziehen können. Ueberdies sind in dem Judenrayon, wo mehr als fünf Millionen Juden zusammenwohnen, alle Orte überfüllt und ist die Arbeitslosigkeit unter den jüdischen Arbeitern erheblich. Sehr lebhast war die Streikbewegung in den südamerikanischen Staaten. Der argentinische Eisenarbeiter-Streik, der lähmend auf Handel und Wandel wirkt, löste den Streik der Hafenarbeiter in Buenos Aires ab. Auch die Maschinisten drohten, sich dem Ausstände anzuschließen. Zur selben Zeit brach in Chile ein Grubenarbeiter-Streik aus, an dem sich 5909 Grubeitarbeiter beteiligten. Die Streikbewegung in den Bereinigten Staaten war ziemlich ruhig; doch befürchtete man einen Streik der Weichkohlenarbeiter, da auf einer Konferenz der Vertreter der Arbeitgeber und Arbcfter die bestehenden Differenzen nicht alisgeglichen wurden. Lohnbewegiingen in Ungarn. In Ungarn, namentlich in Budapest, finden augenblicklich umfangreiche Lohnbewegungen statt. Die be- bedeutendste derselben ist wohl die der Maßschneider in Budapest, die ursprünglich 7999 Personeil umfaßte, von denen eine Anzahl jedoch nach Bewilligung ihrer Forderungen zur Arbeft zurück- kehrte. Die Schlosser, von denen 399 ausgesperrt waren, stehen gegenwärtig in Unterhandlungen. Seit 14 Tagen streiken auch 490 Maler und Anstreicher, nachdem ebenso vielen von ihnen ihre Forderungen bewilligt worden find. Seit ebenfalls 14 Tagen streiken die P f l a st e r e r. Die T i s ch l e r führen seit zwei Monaten eine Reihe von Werkstättenstreiks. Die Kellner sichren einen zähen Kanlpf gegen die Stellenvermittler. Ausgesperrt bezw. im Streik befindlich sind außerdem 1099 Schuhmacher und ein Teil der Klempner und Installateure. Weiter streiken in der Provinz: die Buchdrucker in Szegzard, Szegedin, Ungvar und Stuhlweißenburg; die Maurer und Zimmerer in Groß- Kanizsa, Hawaii, Csaba, Grotz-Becskerek und Ada; Maurerstreiks stehen bevor in Oroshaza, Bonczhida, Mako, Miskolcz, Kaposvar und SzenteS, während in Zombor ein Maurerstreik soeben mit dem Siege der Arbeiter endete; im Streik stehen ferner die Tischler in Raab, Esieg, Miskolcz und Szegedin sin Kecskemet und Zombor stehen Tischlerstreiks bevor), die Faßbinder in Promontor und Füllfkircheil, die Schneider in Paya, Bekescsaba, Debreczin und Szabadka, die TabakfabrikS- Arbeiter in Ermihalyfalva. Der Streik der Eisenbahnwerk st ätten-Arbeiter der Kaschau-Oderberger Eisenbahn in Ruttka hat mft einem Siege der Arbeiter geendet._ Die AnSsperrnng in der Tiamantindustrie. Jetzt sollen, wie von Arbeitgeberseite erklärt wird, in Antwerpen schon 779 Arbeitswillige thätig sein. Der Vorsitzende der Antwerpener Ouion ckss kabrilcauis äticuaentairss bezeichnet in einem Telegramm an die Juweliervereinigung in Amsterdam jede andre Zahl für er» logen. Dagegen halten die Leiter der Arbeiterorganisation ihre specialisierten Angaben, wonach eine viel geringere Zahl und zum größten Teil Eigeuwerkmacher an die Arbeit gegangen sind, durchaus ausrecht. Wie aus Antwerpen gemeldet wird, sind die Arbeitgeber ängstlich bemüht, jede Kontrolle ihrer Angaben zu verhindern. Sie lassen Streikende, die an den Fabriken eine Zählung der Arbeitswilligen vornehmen wollen, durch die Polizei, die auch dort den Unternehmern Handlangerdienste leistet, vertreiben. Sogar dem Vertreler deS liberalen Blattes.Nieuwe.Gazete". der sich durch Zählung der Arbeitswilligen in den Fabriken von der Nicktigkeit der Angaben der Unternehmer überzeugen wollte, wurde der Zutritt nur in zwei Fabriken gestattet; bei allen übrigen Fabriken mußte er sich mit den Mitteilungen der Fabrikleitung begnügen.— Ueber die Oualifikation der Streikbrecher wird mitgeteilt, daß es sich meist um Leute uetuMt, die unter gewöhnlichen Umständeil nirgends Arbeit fiudcii könne«, inn Invaliden und Minderbefähigte, zum großen Teil Rosettenschleifer.— Eine Versammlung der Streikenden fand am Mittwochilachmirrag in Antwerpen statt. Sie war, wie Romeo erklärte, hauptsächlich dazu bestimmt, die Lügen der Arbeit- geber über die Zahl der Arbeitswilligen zu widerlegen. Er teilte in seinem Bericht die bereits gestern im„Vorwärts" wiedergegebenen Zahlen mit.— Gerüchtweise verlautet, daß in Antwerpen binnen kurzem Verhandlungen zwischen den beiden Parteien angeknüpft werden. • Ein Telegramm aus Amsterdam meldet: Der erneute Vorschlag des Ministerpräsidenten Kuyper, als Vermittler im Diamantschleifer-AuSstande thätig zu sein, ist von den Arbeitergewerkschaften angenoinmen, jedoch von den Arbeitgebern abgelehnt worden._ Letzte Nadmebten und Depefeben. Die Nachwahl in Zschopau-Marieuderg hat mit dem Siege des Antisemiten geendet.— Ein Privat- Telegramm aus Zschopau meldet uns: Der Socieldemokrat P i n k a u ist mit 11 169 Sttmmen gegen den Anttsemiten, der 11 956 Sttmmen erhielt, unterlegen. Dieser Ausfall lehrt von neuem, daß unsre Genossen stets in der Hauptwahl ihre ganze Kraft einzusetzen haben, wollen sie nicht den Gegnern den Sieg in die Hand spielen. Französische Tepunerienkammer. Paris, 25. März. fW. T. B.) Der Minister des Aeußeren Delcasse reicht eine Kreditvorlag« für die Reise des Präsidenten Loubet nach Italien ein. Der socialistlsche Abgeordnete de Preffense erklärt, daß die Budgetkoitimission dieser Kundgebung zustimmt, die dazu beittagen wird, die Freundschaft Frankreichs und Italiens zu befestigen.< Anhaltender Beifall.) Dagegen erhebt der Nationalist Boni de Caslellane Einspruch wider den Besuch des Präsidenten im Quirinal, durch den die Dynastie verherrlicht erscheint, welche das Papsttum aus seinem Besitze vertrieben hat.(Hefttger Widerspruch auf der Linken.) Der Präsident Brisson knüpft an diese Worte an und äußert, man dürfe es nicht geschehen lassen, daß von dieser Stelle aus eine Beleidigung gegen ein befteundetes Volk geschleudert werde. Lasies(Anttsemit) erklärt, er und seine Freunde werden für die Kredite stimmen. Sembat(Soc.) begrüßt freudig die Annäherung zivischon dem republikanischen Frankeich und dem italienischen Volke. Gochin(Kons.) erklärt, es würde eine schlechte Politik sein. den Präsidenten verhindern zu wollen, daß er den Papst besuche. Doumer erwidert, in der Budgetkommission seien von niemand irgend welche Bedingungen an die Bewilligung der Kredite geknüpft worden. Nach einigen weiteren Bemerkungen der Abgeordneten de Preffense und Millevoye werden die Kredite mft 592 gegen 12 Sttmmen genehmigt._ Paris, 25. März.(W. T. B.) Heute vormittag wurde hier der Klempnergeselle Philipp verhaftet, der der Mitschuld an den Lütttcher Attentaten verdächtig ist. Marseille, 25. März.(SS. T. B.) Heute nachmittag kam eS auf den Quais zu einem Zusammenstoß zwischen der Polizei und einer Anzahl Arbeiter, welche die aus zwei der Gesellschaft Axel Busc gehörigen Dampfem arbeitenden Arbeiter zur Rieder- legung der Arbett veranlassen wollten. Es wurden mehrere Schüsse abgegeben, durch die einzelne Polizisten und etwa zwanzig Arbeiter verletzt wurdem__ Born russtsch-fapanischen Kriegsschauplatz. Tokio, 25. März.(Meldung deS Reuterschen Bureaus.) Im Abgeordnetetihause wurde heute eine Dankeskundgebung für General Togo und seine Offiziere angenonunen. Bor der Abstimmung hielt der Marineminister eine Rede, in welcher er ausführte, die Mitglieder des Hauses möchten nicht allzu sanguinische Hoffnungen aus eine schnelle Beendigung des Krieges setzen, aber fie möchten versichert sein, daß eS den vereinigten Bemühungen der Soldaten und Civilisten. hoch und niedrig, sicherlich gelingen werde, den Krieg zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Söul, 25. März.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Russische Abteilungen von 299 und 599 Mann sollen Jnd'chu(?) und Choakow(?) in der Nähe von Tomenko geplündett haben. Die Landleute flüchten nach dem Süden. Kopenhagen, 25. März.(W. T. B.) Der Folkething lehnte bei der zweiten Lesung des Gesetzentwurfs betreffend Einführung der Prügelstrafe für gewaltthätige Verbrecher mit 54 gegen 50 Stimmen einen Abändcrmigscuitrag a b, nach welchem die Prügelstrafe durch Strafarbeiteil ersetzt werden soll. Der Gejetz- entwiirf wurde daraus mit 57 gegen 32 Stunmen angenommen. Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Duchdr.u. VerlagSanstaft Paul Singer& Co.. Berlin SW. Hierzu 3 Beilage». Nr. 73. 21. Jahrgang. 1 KilU des Jormätts" Sttlinet ilolbtilstt. Sonnabend, 26. März 1904. Kardmal Kopp-Prozeß. Beuth en. den 24. März.(Eig. Ber.) Vor Eintritt in die Verhandlung erklärt der Verteidiger Dr. S e h d a: Dem Angeklagten und mir ist gestern vom Vor- sitzenden mit Rücksicht auf die befürchtete Verletzung des religiösen Empfindens der Zeugen nahegelegt, auf jenen Teil der Aussagen zu verzichten, die sich mit Vorgängen im Beichtstuhl befassen. Wir haben das aus gestern dargelegten Gründen leider ablehnen müssen. Ich will heute noch hinzufügen, daß wir auch deshalb ablehnten, weil der Herr Kardinal Kopp nach seiner kommissarischen Vernehmung privatim zum Ver�idiger sagte, er wünsche selbst, durch den Prozeß zu erfahren, was oenn von diesen Dingen wirklich wahr sei. Der Sachverständige Prälat Buchmann erläutert sein gestriges Gutachten dahin, daß nach kirchlichem Recht für die Beicht- krnder eine Pflicht zum Verschweigen dessen, was im Beichtstuhl vorgegangen. nicht besteht, daß aber immerhin moralische Gründe dafür geltend gemacht werden könnten. Es seien auch Fälle inöglich, in welchen solche Mitteilungen ohne Verletzung moralischer Gefiihle erfolgen könnten. Zeuge Häusler Cmiel: Ich bin Katholik und gehe mit den Polen, weil ich nur polnisch verstehe. An Agitation habe ich mich nie beteiligt. Eines Tages verteilte unser Pfarrer Witschet Wahlfltigblätter für das Centrum, ich nahm jedoch keins, weil ich schon eins bekommen hatte. Bei einer Fcstandacht in der Kirche sagte darauf der Pfarrer, Zeuge und noch ein andrer Ortsangehöriger seien schlechte Leute, aufdiemannichthören dürfe. Arbeiter Langer in Kudjenietz: Der Pfarrer Ko» stelle k in Kodno verbot von der Kanzel herab das Lesen des .Gornoslazak". weil es keine reine Zeitung sei. Wer die Zeitung noch halte, sei kein Parochiane mehr. Zum Zeugen sagte der Pfarrer: .Du bist ein SocialdemokratI Komm' mir nicht zur Beichte!" Zeuge erklärt, nicht Socialdemokrat, sondern katholischer Pole zu sein. Bergmann Wiczek in Bogutschiitz sollte in der Beichte ver- sprechen, daß er den„Gornoslazak' nicht mehr lese, und da er sich dessen weigerte, mnßte er ohne Absolutiou davongehen. Pfarrer Skowronnek redete die Leute in der Kirche an:.Da sieht man ja lauter Korsantys I' und den anwesenden Frauen sagte er:.Ihr Evas seid auch solche I' Im Dorfe hat das Austreten der beiden Geistlichen viel Erregung verursacht. Selb st in der Kirche gaben die Leute ihrem Mißmut durch Hu st en und Scharren mit den Füßen Ausdruck. Versicherungsinspektor LewaSzinki aus Oppeln: In der Beichte lourde mir und andren Lesern der Gazeta Opolska" gesagt, wir sollten nur machen, daß wir hinauskommen. Erst nachdem wir versprochen, daS Blatt nicht mehr zu halten, erhielten wir Absolution.— Vors.: Haben Sie denn Ihr Wort gehalten?" — Zeuge:.Noch nicht.(Heiterkeit.) Ja ich muß das Blatt aus ? geschäftlichen Rücksichten halten.— Vors.:„Sind Sie von Ge- iunung Pole?— Zeuge: Nein, ich gehöre allen Parteien an. (Große Heiterkeit.) Ich bin heute Pole und morgen Jude, aus ge- schäftlichen Gründen.(Große Heiterkeit.)— Vors.:„Aber gewählt haben Sie doch den polnischen Kandidaten?"— Zeuge:„Nein, ich habe den Centrumskandidaten gewählt." Auch andre Zeugen, Handwerksmeister und Hausbesitzer in Oppeln, bekunden dasselbe wie Zeuge Lcwaszinski, auch sie haben aber ihr Versprechen, daS radikal-polnische Blatt nicht mehr zu lesen, nicht gehalten, was der Vorsitzende als sehr unehrlich rügt. Hausbesitzer Lukas in Oppeln sagt, es»erlebe sein religiöses Einpfiudrn, daß die Geistlichen im Beichtstuhl Politik behandelten, es sei ihm als Katholik aber auch unangenehm, hier über Dinge aus der Beichte auszusagen.— Der Verteidiger verzichtet darauf auf die Vernehmung des Zeugen. Hausbesitzer M e i n k e: Ich mußte auch das Versprechen in der Beichte geben, das polnische Blatt nicht mehr zu halten.— Bor- sitzender: Halten Sie denn nun das Blatt nicht mehr?— Zeuge: Nein, meine Frau hält es.(Große Heiterkeit.) Andre Zeugen bekunden, daß sie keine Absolution erhielten, weil sie sich wclgerten, das Abonnement aufzugeben. Arbeiter K u r e tz k i: Ich sagte in der Beichte, ich lese den .Gornoslazak" nicht, obwohl ich ihn doch lese.— Vors.: Warum haben Sie in der Beichte gelogen?— Zeuge: Ich mutzte in der Osterbeichte doch die Absolution haben.(Große Heiterkeit.) Zeuge sagt weiter, der Pfarrer in Schoppinitz habe von der Kanzel herab erklärt, wer socialdemokratische oder polnische Zeitungen halte, sei kein Katholik mehr. Der Pfarrer schimpfte so auf Polen und Socialdemokraten, daß die Leute in der Kirche unruhig wurden, einige ärgerten sich, andre lachten. Pfarrer Abramski sagte auf der Kanzel, für die Polen sei Korfanty der Papst und die Leser des„Gornoslazak" seien alle Socialdemokraten. Agent K 0 b u S in Schoppinitz: Kaplan Woitek sagte, als ich beichten wollte: Leute, die den.Gornoslazak" lesen, sollen nicht zur Beichte kommen. Als ich doch ging, sagte er:„Schämen Sie sich und machen Sie, daß Sie hinaus kommen." AIS ich ein Wort dagegen sagte, rief er:„Wenn Sie nicht gehen, dann lasse ich Sie rauswerfen l"(Bewegung.) Auf der Kanzel sagte Pfarrer Abramski zu den anwesenden Frauen:„Ihr Frauen, wenn zu Euch ein Agent des„Gornoslazak" kommt, so nehmt den Besen und haut ihm den Buckel voll!" Der Staatsanwalt ftagt den schon verbotene polnische Schriften geführt habe? Der Verteidiger Frage mit dem Beweisthema zu Staatsanwalt lehnt die Beantwortung der Frage a b. Der Verteidiger beantragt. die Frage nicht zuzulassen, das Gericht beschließt jedoch die Fragestellung. Der Zeuge erklärt darauf, solche Schriften nicht verbreitet zu haben. Bergmann Mai: Als ich heiraten wollte und das kirchliche Susgebot beim Pfarrer Jauemik anmeldete. verweigerte dieser dir Trauung so lange, bis er, Zeuge, die Agentur des„Gornoslazak". die er führte, niedergelegt haben würde. Der Zeuge erfüllte die Forderung und wurde dann getraut. Der geistliche Sachverständige Rat Buch mann erklärt aus die Frage des Verteidigers die Verweigerung der Trauung aus solchem Grunde an und für sich nicht gerechtfertigt. Er selbst würde sie nicht verweigert haben, schon deshalb, weil er ge- fürchtet hätte, den Betroffenen dann Veranlassung zum Konkubinat zu geben. Der Zeuge Reichs, und LandtagS-Abgeordneter Korfanty giebt eine längere Darstellung der Vorkommnisse bei der Verweigerung seiner kirchlichen Trauung Als nach mancherlei Schwierigkeiten, die sonst nicht üblich sind, der Tag der Trauung festgesetzt war. las Zeuge in der„Grcnzzeitung". daß er nicht getraut werden sollte. Er stellte später sest. daß diese Nachricht aus dem Bureau des Polizeirats Mädler stammte. In der That wurde Zeugen zunächst eine sogenannte„stille Trauung" zugemutet, was er zurückwies. Dann forderte man von ihm die bekannte Erklärung, daß er die Angriffe auf die Kirche bereue und verspreche, sie nicht wieder zu erheben. Die Bescheinigung über die thatsächlich erfolgten kirchlichen Aufgebote stellte Erzpnester Schmidt so aus. daß Zeuge sie für eine Trauung im Ausland« nicht benutzen konnte. Durch hohe kirchliche Würdenträger in Galizien wurde Zeugen dann dort die kirchliche Trauung ermöglicht. Zeuge meint,«an habe ihm jene entwürdigende Erklärung im letzten Zeugen, ob er nicht aus Galizien ein- fragt, was diese thun habe. Der Augenblick vor der erwarteten Trauung abzupressen versucht, um ihn dann politisch totzumachen. Als das nicht gelang hoffte man, Zeuge werde sich an der standesamtlichen Trauung genügen lassen müssen, um ihn dann als im Konkubinat lebend bei den Katholiken herab- zuwürdigen. Zeuge hat sich über das Verhalten der oberschlesischen Geistlichen beim Papst beschwert, doch ist die Sache noch nicht ent- schieden. Der Staatsanwalt fragt den Zeugen Korfanty, ob er nicht insofern zum Renegaten geworden sei, als er zunächst katholische Theologie studieren wollte und auf diese Voraussetzung hin vom Erzpriester Schmidt die Mittel zum Studiuni empfangen, dann aber diese Erwartungen nicht erfüllt habe? Trotz Widerspruchs des Verteidigers läßt das Gericht die Fragen zu. Korfanty sagt, in der Jugend hatte er die Absicht, Theologe zu werden, in reiferen Jahren aber sei er davon abgekommen. Die Frage, ob er vom Erzpriester Schmidt die Mittel zum Studium erhalten habe, will Zeuge nicht beantworten, obwohl der Vorsitzende erklärt, er habe kein gesetzliches Recht, die Antwort zu verweigern. Zeuge sagt, die Beantwortung der Frage solle ihn nur als einen undankbaren Menschen erscheinen lassen und in der öffentlichen Meinung herabsetzen. Wenn er Wohl- thaten vom Erzpriester Schmidt empfangen habe, so seien sie von diesem doch nicht gegeben, damit er, Zeuge, damit seine Ueberzeugung ver- kaufe. Der Vorsitzende läßt es bei dieser indirekten Beantwortung bewenden. Bezüglich der Frage, ob Korfanty bei den Reichstags- Wahlen mit den Socialdemokraten„paktiert" habe, erklärt Zeuge, daß er den von der socialdemokratischen Partei für seine Unter- stützung in der Stichwahl aufgestellten Forderungen zustimmen konnte, da sie nur Punkte enthielten, die auch die polnische Partei in ihrem Programm habe. Zeuge bekundete dann noch, daß seine Partei den Stand der katholischen Geistlichkeit als solchen hochschätze und nie angreife oder gar in den Kot ziehen werde. Der Sachverständige, Geistlicher Rat B u ch m a n n, erklärt auf Befragen der Verteidigung, daß er die Verweigerung der Trauung im Falle Korfanty für eine Unklugheit halte. Zeuge Paschte, Auszügler in Sohrau, behauptet, sein Kaplan habe in einer Predigt die Wahl polnischer Abgeordnete in Oberschlesien scharf verurteilt und am Schlüsse in großer Erregung gesogt:„Ich verfluche das katholische Boll in Oberschlesicn." Die Leute verließen darauf weinend die Kirche. Bei der Uebersetzung des polnischen Wortes für„verflucht" werden Zweifel geltend gemacht, ob es nicht alS„beschwören" verstanden werden könne. Die meisten Zeugen erklären, daß sie in der Beichte allerdings versprachen, die radikalpolnischen Blätter nicht weiter zu halten, daß sie dies Versprechen aber nicht hielten. Der Vorsitzende hält einem dieser Zeugen vor, daß er doch dann den Herrn Pfarrer belüge. Der Zeuge erklärt:„Ich werde daS mit Gott abmachen. Ich halte es auch ftir keine Sünde. Ich muß doch Absolution für meine Sünden erhalten." In der Nachmittagssitzung wird die Zeugenvernehmung fort- gesetzt. Der 7Sjährige Invalide Polka wurde nach seiner Aussage vom Erzpriester Kobus aus der Beichte mit heftigen Worten fort- gejagt, weil er angeblich polnischer Agitator war. Einige Zeugen bekunden, daß mehrere Pfarrer von der Kanzel herab die polnischen und die socialdemokratischen Führer als Leute bezeichneten, die bloß Geld verdienen ivollten. In der Kirche zu Rybnik nannte ein Kaplan Schmikalla die polnischen Kandidaten Kolwalczyk und Korfanty„Rotzlöffcl". Vor der Stich- Wahl hielt der Kaplan wieder eine politische Ansprache in der Kirche und sprach dabei mit überlauter Sttmme. Die Besucher wurden nach der Aussage mehrerer Zeugen so erregt, daß lauter Lärm entstand und Zwischenrufe:„Wir lv ollen keine Politik in der Kirche!" erschallten. Alles lief dann aus der Kirche heraus. Es war nach der Aussage eines Zeugen schlimmer wie in einer Wählerversammlung. Als der Borfitzende einer Zeugin ivider darüber Borwürfe macht, daß sie den Pfarrer belogen habe, als sie in der Beichte ver- sprach, das polnische Blatt nicht mehr zu lesen, sagt die Frau kurz: Das ist doch meine Sache!— Vorsitzender(erregt): Gewiß ist das Ihre Sache. Sie haben das mit Ihrem Gewiisen abzumachen, wenn Sie Ihren Beichtvater belügen! Stellenbesitzcr K u I i> ch in Vorowo ivar mit dem Pfarrer seines Ortes wegen seiner Sympathien für die polnische Bewegung in Differenzen geraten. Als er beim Ableben seines Kindes nicht in ''er Lage war, die BcgräbniSgebühren gleich zu bezahlen und den Pfarrer daher um Stundung bat, sagte dieser nach der beschwornen Aussage des Zeugen: Tu Lumpenkcrl kommst ohne Geld? Soll ich Dir es borgen? Begrabe Dein Sind, wo Du willst, mcinetwcgeu uuter dem Zaun! Vorsitzender: Aber hören Sie mal, daS ist doch nicht glaublich. Würden Sie bei Ihrer Aussage bleiben, wenn Ihr Pfarrer hier vor Ihnen stände?— Zeuge: Ja, gewiß, es ist ja die Wahrheit. Ich habe sonst nichts gegen unsren Pfarrer. Zeuge hat nach seiner Erklärung da-Z Versprechen. daS er dem Pfarrer gegeben, das nattonalpolnische Blatt nicht mehr zu lesen, auch gehalten. Er lese jetzt gar nichts mehr. Zeuge Mainusch aus KoSwardzin sagt auS, daß sein Pfarrer ihn und andre Arbeiter der dortigen Zuckerfabrik dem Be- sitzer derselben durch einen Brief als Leser polnischer Blätter denunzierte. In der Kirche ließ dieser Geistliche für die CentrumS» Wähler beten, dann aber auch für die Gegner, damit sie vom heiligen Geiste erleuchtet würden. Andre Zeugen bekunden, daß manche Pfarrer und Kapläne auch Frauen und jungen Mädchen die Vergebung der Sünden verweigerten, zum Teil, weil diese selbst, zum Teil auch nur, weil die Eltern junger Mädchen, ja selbst schulpflichtiger Kinder die nationalpolnischcn Blätter lesen. Weinend kamen die nicht absolvierten Kinder nach Hause. Andern Kindern wurde die Teilnahme am Bcichtunterricht versagt. Eine Anzahl Zeugen sind zum Beichten über die Grenze nach Oestrcich gegangen. Dort erhielten sie Absolutton und die Geistlichen sagten ihnen, sie könnten ruhig den„Gornoslazak" lesen, eS sei ein gut katholisches Blatt. Bergmann G a st y r a auS Bogutschiitz: Mein 65 jähriger Schwiegervater war schwer krank und wollte beichten. Pfarrer Kwirtek kam mit dem Allerheiligsten in die Krankenstube, sah dort am Spiegel eine Postkarte mit Korfantys Bild und riß dieselbe heraus. Der alte Mann erzählte uns später, daß der G eistliche ihm dann einen Schwur abforderte, von der polnischen Bewegung zu lassen und nicht mehr den„Gornoslazak" zu lesen. Erst nachdem der alte Mann den Schwur geleistet, wurde er absolviert. Die Tochter des Alten bestätigt diese Darstellung in allen Punkten. Zahlreiche weitere Zeugen aus den verschiedensten Gegenden Oberschlesiens bekunden noch, daß ihnen die Gnadenmittel der Kirche wegen ihrer Zugehörigkeit zur polnischen Partei verweigert wurden, in mehreren Fällen wurde ihnen auch gesagt, daß sie aus einem christlichen Friedhof nicht begraben werden würden, wenn sie von der Bewegimg nicht lassen würden. Andre zahlreiche Zeugen bekunden, daß viele Geistliche noch grobe Schimpfworte gegen den„Gornoslazak" und die Führer der polinschen Bewegung ausstießen, auf der Kanzel und vor dem Altar, lieber die Kollegialität der Geistlichen giebt die Aussage eines Zeugen Auskunft, der bekundet, daß sein Pfarrer diejenigen Geistlichen, welche auf feiten der Polen stehen, als Judasse bezeichnete. Der Staatsanwalt behielt sich vor, mehrere der hier arg kom- promittterten Geistlichen noch an Gerichtsstelle zu laden, damit man nicht nur eine Seite höre. Da Freitag ein katholischer Feiertag ist, vertagt das Gericht die weitere Verhandlung auf Sonnabendvormittag 10 Uhr. Zur Erwiderung auf den Artikel „Tempo und Taktik".� („Vorwärts" Nr. 298, erstes Beiblatt.) Da ich weder Zeit noch Neigung habe, die Leser deS„Vorwärts" mit einer vom Hundertsten ins Tausendste gehenden Polemik zu belästigen, beschränke ich meine Erwiderung auf den im Titel er- wähnten Artikel des Genossen 8. auf zwei Puntte. Erstens. 8. stellt die Sache so hin, als hätte ich der Partei eine auf die Zusammenbruchstheorie zugespitzte Takttk, Hyperradika- lismus und dergleichen vorgeworfen. Das genaue Gegenteil ist aber der Fall. Ich habe von Anbeginn meiner Kontroverse an wiederholt darauf verwiesen, daß die wirkliche Takttk der Partei, im Gegensatz zu einer gewissen hyperradikalen Phraseologie, nicht auf das Schema der Zusammenbruchstheorie zugespitzt ist. Speciell hatte ich da die u. a. von Parvus seiner Zeit in der„Sächsischen Arbeiterzeitung" ent- wickelten Ideen im Auge, die in dem Satz gipfelten:„Gebt uns auf ein halbes Jahr die Regierungsgcwalt— und die kapitalisttsche Gesellschaft gehört der Geschichte an". Das ward im März 1893 geschrieben, und mit Rücksicht auf diese Art Ansichten, die damals zur Verurteilung gewerkschaftlicher Tarifverträge zc. führten, habe ich erklärt, daß die wirtschaftliche Entwicklung im allgemeinen und die der Arbeiterklaffe im besonderen dazu noch nicht reif seien. Wenn jetzt 8. in seiner Antwort ausftihrt, daß wir„vielleicht schon in einem Menschcnalter die Masse deS Volkes auf unsre Seite ge- bracht haben werden": daß man dann— also etwa um 1939 bis 1940— eine Demokratisierung des StaatslebenS„wohl oder übel dulden müssen werde"; daß die Eroberung der polittschen Macht „nicht gleichbedeutend mit Errichtung des Zukunfts- staateS sein, aber uns die Möglichkeit geben wird, schritt- weise, organisch unsre socialistischen Ideale in die Wirklichkeit zu übertragen"— so gebe ick ihm ohne weiteres zu, daß das wirklich kein HhperradikaliSmus ist. Ich fürchte vielmehr, daß eS dem Genossen 8. in den Geruch des— Hyperrevisionismus bringen wird. Ob Genosse v. Elm jemals die politische Bewegung gegenüber der Gewerkschafts- bewegung als sekundär hingestellt hat, weiß ich nicht, möchte es aber bezweifeln. Daß ich selbst von solcher Auffassung weit entfernt bin, zeigt das Kapitel„Demokratie und Socialismus" in meiner Schrift „Die Voraussetzungen des Socialismus" und habe ich in unzähligen Vorträgen in GewerkschastS- und polittschen Versammlungen aus- cinandergesetzt. Der erft« Vortrag, den ich nach meiner Rückkehr für eine Gewerkschaftsversammlung übernahm, trug den Titel:„DaS Reich der Gewerkschaften und seine Grenzen". Ueberhaupt darf ich mich auf meine Vorttäge als greifbarste Widerlegung der 3.'schen Unterstellungen berufen. Soviel über diesen Punkt und nun zum zweiten. ES handelt sich um meine Stellung zur Kolonialfrage. Zuerst führt da 3. aus, daß, weil ich geschrieben habe, im kolonialen Erwerb liege nichts von vornherein Verwerfliches, ich logischerloeise die Weltpolitik, den MariniSmuS, den Militarismus und der Hiimnel weiß Ivas noch unterstützen m u ß. Ich weiß nicht, ob Genosse 8. Kaffee trinkt, Cigarren raucht und Baumwollen-Wäsche trägt. Thut er eS, so mache ich mich anheischig, ihm mit mindestens der gleichen Logik nachzuweisen, daß er Malayen in Hörigkeit hält, auf Kuba zc, Plantagenwirtschast treibt und in den Vereinigten Staaten Neger lyncht. Es ist ein starkes Stück, in dieser Weise Folgerungen abzuleiten. Aber, sagt 8., den englischen Genossen empfiehlt ja auch Genosse Bernstein die Kolonialpolittk; wenn er für Deutschland noch nicht dasselbe gethan hat, so liegt das entweder an einem Mangel an Offenheit oder an Konsequenz des polittschen Denkens. Zunächst quitttere ich dankend das hierin liegende Kompliment der Feigheit und Konfusion. Ich kenne die Weise, ich kenne den Text:c. zc. Also ich habe den englischen Arbeitern auch„die Kolonial- Politik" empfohlen. Kolonialpolittk ist ein vieldeutiges Wort. Welche Kolonialpolittk habe ich den englischen Genossen„empfohlen"? Es kann sich hier offenbar nur um Kolonial e r w e r b S Politik, Ein- treten für Vermehrung von Kolonialbesitz handeln. Hören wir also meinen Arttkel aus dem Jahre 1900, auf den zu verweisen Genosse 8. so liebenswürdig ist. Ich unterschreibe ihn auch heute noch von Anfang bis z u Ende. „Es liegen aber eine ganze Reihe Anzeichen dafür vor, daß auch England am eignen Leibe zu spüren haben wird und teilweise auch schon spürt, daß man nicht ungestraft über eine ge- wisse Grenze hinaus Kolonien besetzen kann."... „Schließlich ist aber die Anschauung(durch die Kolonien) so stark geworden, daß seine(Englands) internationale Führerschaft in der industriellen Entwicklung darüber in die Brüche zu gehen droht, ja zum Teil schon in die Brüche gegangen ist."... In dem Maße, als es in der technischen Leistungsfähigkeit hinter andern Ländern zurücktritt, wird die Aufgabe, seinen Kolonialbesitz zu halten, immer schwerer, beginnt derselbe, ernsthaft als eine drückende Last empftmden zu werden und auf die Entwicklung des Heimatlandes hemmend einzu- wirken"... England ist politisch und social zu vorgeschritten, als daß sich die Rückwirkung des Drucks seiner Kolomalaufgaben in Form direkter Reaktton äußern könnte. Selbst in diesen Tagen imperialistischer Hochflut hat die Demokrattsierung seiner Jnsti- tuttonen weitere Fortschritte zu verzeichnen. Ader wer genauer zusieht, wird bald entdecken, daß das Tempo seiner Reformbewegung sich mindestens relattv— im Verhältnis zu der andrer Länder— verlangsamt und solches Verlangsamen ist in seiner Wirkung ebenfalls Reaktion... Kurz, man kann heute auch von Englands Kolonialbesitz sagen: weniger wäre mehr".(Socialifttsche Monatshefte, Mai 1900, S. 557/558.) Das war im April 1900 geschrieben, mehrere Monate vor der offiziellen Annexion des Transvaal. ES Logik dazu gehören, auS diesen Sätzen deS Artikels eine„Empfehlung" deS herauszulesen. Thatsächlich ist eS eine S m e h r u n g d e s Kolonialbesitzes. d. h. daß England für seine industrielle überbürdet ist, habe ich mich damals ausgesprochen. Erst vor kurzem wieder. Redaktton der„Contemporary Review" um einen Artikel Gründe des Wachstums des deutschen Exportes würde eine eigenttimliche und dem sonstigen Inhalt Erwerbes neuer Kolonien Larnung vor Ber» Und in gleichem Simre, Spannkraft kolonial und seitdem wiederholt habe ich, als mich die über die ersuchte. diesen Arttkel, der im Dezemberheft der genaimten Zeit- schrift abgedruckt ist, ausführt, daß mich in der Zukilnst der deutsche Export wachsen wird, in durchsichtiger Nutz- anwendung mit den Worten geschlossen:„Diese Entwicklung haben nach Ansicht deS Schreibers nur diejenigen Nattonen zu fürchten, welche ihr Unterrichtswesen vernachlässigen, mehr geistige Kräfte, als sie erübrigen können, für über- seeische Unternehmungen aufbrauchen und durch ihre Handels- und Gewerbepolittk oder andre Experimente das Leben und die Arbeit daheim künstlich verteuern."(„Contemporary Review", Dezember 1903, S. 787.) Sehr ermunternd für loloniallüsterne Eng- länoer, nicht wahr? •) Leider hat sich infolge des Stoffandranges namentlich während der Tagung der Parlamente der Abdruck dieser Entgegraing bis heute verzögert. Glücklicherweise handelt es sich bei dieser Diskussion um Fragen, die heute„och ebenso der Erörterung Ivert sind, wie vor Monaten. Der Zufall hat es sogar gewollt, daß sowohl das von Bernstein erörterte Kolonialproblem als auch die vom Genoffen K o l b in einer andren Entgegnung, die wir nächster Tage bringen werden, erörterten anderweitigen takttschen Fragen durch die bekannten in letzter Zeit geführten Diskussionen sozusagen wieder „aktuell" geworden sind. Die Red. Ebenso wie mit der Behauptung, ich„empfehle" den englischen Genossen„die Äolonialpolitik", steht es mit der Unterstellung, ich ließe es in Deutschland an Offenheit über meine Ansichten betreffs der Kolonialfrage fehlein Sie ist absolut aus der Luft gegriffen. Die Artikel, in denen ich meinen principiellen Stand- Punkt zur Kolonialfrage entwickle, sind sämtlich in deutscher Sprache geschrieben und in deutschen socialdcmokratischen Büchern und Zeit- schriften von niir veröffentlicht worden, und wenn Genosse 8. Lust hat, erteile ich ihm gern die Erlaubnis, alles das in einer Broschüre zusammengestellt dem öffentlichen Urteil zn unterbreiten. Verlangt er mehr? _ Wer die betreffenden Artikel nachliest, wird in ihnen einen ganz bestimmten, theoretisch durchdachten Standpunkt ausgedrückt finden. Und man wird mich jederzeit bereit finden, ihn in sachlicher Dis- kussion zn verti eten. Ob er mich aber nötigt, einer Regierung Mittel fiir Kolonialzwecke zu bewilligen, das hängt von einer ganzen Reihe von Umständen ab i genau so wie die Bewilligung jeden andern Postens im Etat nicht lediglich von den» allgemeinen theoretischen Urteil über die Aufgaben des betreffenden Verwaltungszweiges, sondern stets auch von der politischen Stellung zu der betreffenden Regierung und dem Urteil über ihre Verwaltungspraxis und den Wert der einzelnen Neuerungsvorschäge bestimmt wird. Daß man das noch ausdrücklich feststellen mutz, ist für die bei uns eingerissene polemische Methode charakteristisch genug. Schon in Dresden habe ich eine ähnliche Ungereimtheit zurückweisen müssen. Was Genosse 3. als„Mangel an Konsequenz des politischen Denkens" hinzustellen so liebenswürdig ist, ist d i e bisherige Praxis untrer Partei in der Frage der Budgetbewillignngen. Nach der Folgerungsweise, die er mir in Bezug auf die Kolonial- frage aufdiktieren will, dürfte die Partei fortan kein Budget mehr verwerfen, ohne sich des„Mangels an Offenheit oder an Konsequenz des politischen Denkens" schuldig zu machen. Damit sei es für diesmal genug. Ich bin jederzeit bereit, auf bestimmt gestellte Fragen Antwort zu geben, möchte aber nicht meinerseits dazu beitragen, datz sich die Debatte in endlose Allgemein- heiten verzettelt. Berlin, den 25. Dezember 1903. _ Ed. SS ernst ein. partei-JVacbncbtcn. Landgemeinde-Wahlen in Hessen-Nassau. Man schreibt uns: In diesem Monat haben in einer Reihe von Orten in Hessen- Nassau die Ergänzungswahlen zu den Gemeindevertretungen statt- gefunden. Dabei ist die erfreuliche Erscheinung zu Tage getreten, datz die Arbeiter in den Landorten viel mehr wie früher den Gemeinde-Angelegenheiten Interesse entgegenbringen und sich infolge- dessen an den Wahlen beteiligen. Zugleich sind diese Wahlen ein Beweis dafür, wie die Socialdemokratie auch auf dem Lande Fort- schritte macht und trotz aller Schwierigkeiten des Wahlgesetzes in die dörflichen Gemeindeverwaltungen eindringt. Zum Teil erklärt sich das wohl aus den veränderten wirtschaftspolitischen Verhältnissen im Reich, die eben ihren Einfluß auch aus die Landgemeinden aus- üben. Gemeinden, die vor 10 und 20 Jahren noch einen bäuerlichen Charakter hatten. sind heute infolge der Entwicklung der Industrie proletarisiert. Das gilt namentlich von einer ganzen Reihe von Gemeinden am Main entlang und in der Nähe von Frankfurt. Der industrielle Einfluß Frankfurts erstreckt sich bis in die entlegenen Orte des Taunus, Spessart und Odenwald und der Lahngegend. Viele der Arbeiter in den betreffenden Landorten sind durch die Berührung mit der Großstadt, durch ihren Verkehr in den Gewerkschaften zur Erkenntnis ihrer Klassenlage gekommen und diese Erkenntnis drückt sich eben auch in der regeren Beteiligung an den Gemeindewahlen aus. Als die Landbürgermeister und die besitzende Klasse in diesem Jahre das merkten, ließen sie freilich alle Minen springen, um den Arbeitern die Beteiligung an den Wahlen so viel wie möglich zu erschweren. Dazu bietet ja die neue Landqemeinde-Ordnung reichliche Handhaben. In erster Linie wurde die Einsichtnahme der Wählerlisten erschwert, dann wurde die Wahlzeit für die dritte Klasse auf einen möglichst un- günstigen Termin anberaumt, um den Arbeitern die Ausübung des Wahlrechtes zu verekeln. Dieser Trick wurde namentlich von einer Reihe von Bürgermeistern im hinteren Taunus angewandt, die die Wahl auf die Zeit von 10 bis 12, 12 bis 2 ze. festsetzten, so daß die Arbeiter dieser Orte, die zumeist in Frankstirt arbeiten, eines ganzen TageS- Verdienstes verlustig gingen, wenn sie ihr Wahlrecht ausübten. Viele haben dieses Opfer gebracht. Beschwerden gegen solche Willkürlichkeiten waren fruchtlos. Hohnvoll wurde den Arbeitern erwidert, zu Reichs- tags- Wahlzeiten käme es ihnen ja auch nicht auf einen Tag an. Nur ein Bürgermeister ist unS bekannt, der einsichtig genug war, den Wünschen der Arbeiter Rechnung zu tragen und die Wahl auf einen Sonntag anzuberaumen, das war der Bürgermeister von Vocken- hausen mr Taunus. Trotz alledem haben wir in einer Anzahl von Gemeinden gute Erfolge zu verzeichnen. Soweit sich die Wahlen bis jetzt übersehen lassen und uns Meldungen von dem Resultat zu- gegangen sind, sind etwa 30 so cialdem akratische Gemeindevertreter gewählt worden. Sie verteilen sich auf die Orte Praunheim, Gries- heim a. M. und Nied bei Frankfurt. In letzteren zwei Orten sind je drei Vertreter unsrer Partei gewählt worden. Gut ge- wählt haben auch einige Orte des hinteren Taunus. wie Niederhöchstadt, Oberhöchstadt, Hornau, Eschborn, Rupperts- Hein, Eppstein, Vockenhausen, Dotzheim und Schlierstein bei Wiesbaden und einige Orte um Hanau herum, wie Kesselstadt, Langendiebach. Langenselbold. Radolzhausen, Döringheim, Bischofsheim, Wachenbuchen. Charakteristisch ist, daß kleinere Orte mit einer gemischten kleinbäuerlichen und Arbeiter- bevölkerung viel besser ihren Unwillen über die Mißwirtschast in den einzelnen Gemeinden zum Ausdruck gebracht haben, als die Orte, die in direkter Nähe von Frankfurt liegen und durchweg proletarische Bevölkerung aufweisen, wie z. B. Fechenheim, Heddernheim, Ginn- heim, Preungesheim, Eschersheim, Hausen usw. In diesen in nächster Nähe Frankfurts liegenden Orten sind unsre Kandidaten unterlegen, zum Teil direkt infolge der Wahlfaulheit unsrer Genossen. In Heddernheim vollzog sich das häßliche Schau- spiel, daß sich zwei gewerkschaftlich organisierte Schriftgießer von den Bürgerlichen als Gegenkandidaten gegen unsere Genossen aufstellen und wählen ließen. Iii Fechenheim machte sich der unheil- volle Terrorismus der chemischen Fabrikverwaltung geltend, wozu noch kam, daß Kriegervereinler und Ultramontane nebst Evangelischen geschlossen gegen unsre Kandidaten gingen. Die Oeffentlichkeit der Wahl that dann ein weiteres, um ängstliche Arbeiter von der Wahl fernzuhalten. Aber trotz dieser Niederlagen können wir mit den Resultaten im allgemeinen zustieden sein. Was die Hauptsache ist: das Interesse für die kommunalen Angelegenheiten ist bei den Arbeitern geweckt und auch hier zeigt sich, daß trotz aller Schwierig- leiten bei einiger Energie Erfolge für die Socialdemokratie zu erzielen find._ Parteipreffe. Das„Volksblatt" für Gotha, das bis jetzt dreimal in der Woche erscheint, wird vom 1. Oktober an täglich erscheinen. Der Führer durch das Jnvalidenvcrsicheningz. Gesetz ist soeben in neuer Bearbeitung im Verlage der Buchhandlung Vorwärts, Berlin 8 IV. 68, erschienen. Das Heft ist ein überaus prakttscher Führer durch das Jnvalidenversicherungs-Gesetz, mit dessen Inhalt sich jeder Arbeiter vertraut machen sollte. Die übersichtliche Darstellung, wie sie der„Führer" bietet, ist leichter verständlich als der Wortlaut des Gesetzes, das auch des hohen Preises wegen von Arbeitern nicht ge- kaust werden kann. Die neue Ausgabe ist durch Musterformulare für die am häufigsten vorkommenden Eingaben ec. vermehrt worden. Der Preis beträgt wie bisher 25 Pf. An derartigen Führern durch die. Gesetze sind noch vorhanden: Führer durch das Gewerbe-Uufall- versicherungs-Gesetz. 0,25 M.; Führer durch das Bau-Unfallversiche- rimgs-Gesetz, 0,25 M.; Führer durch das Unfallversicherungs-Äesetz für Land- und Forstwirtschaft, 0,25 M.; Führer durch das Vereins- und Versammlungsrecht— zugleich ein Wegweiser bei Reichstags- wählen—, 0,30 M.; Führer durch die Strafprozeß-Ordnung; Rechte des Angeklagten vor Strafgericht und Polizei, von Dr. H. Heine- mann, 0,40 M. Diese Führer sind in allen Parteibuchhandlungen zu haben und werden von jedem Kolporteur und jedem Zeitungs- austräger, in Berlin von den Parteispeditionen besorgt. Die norwegische Arbeiterpartei hat dieser Tage einen bedeutenden Zuwachs erhalten, indem die Buskerudsamts-Arbeiter- Vereinigung auf ihrer Jahresversammlung, wo 10 Arbeiter- vereine durch 48 Delegierte vertreten waren, einstimmig beschloß, sich der Arbeiterpartei anzuschließen. Außerdem wurde beschlossen, eine socialdemokratische Zeitung für Dranimen und Buskerudsamt zn gründen, die den Titel„Framtiden"(„Die Zukunft") führen soll. Buskerudsamts- Arbcitervereinignng war schon einmal, vor mehreren Jahren, der Arbeiterpartei beigetreten. Damals herrschte unter den Mitgliedern aber noch eine solche Socialistenfurwt, daß ein Verein nach dem andern von der Amtsorganisation abfiel, so daß man, um die Vereine wieder zu sammeln, beschloß, aus der Partei auszutreten. Seitdem ist eine unermüdliche Aufklärungsarbeit geleistet worden, die den Erfolg hatte, daß die Arbeitervereine des Amtes, wie namentlich auch ihre Haltung bei den Storthingswahlen bewiesen hat, jetzt für die Socialdemokratie endgültig gewonnen sind. Soziales. Slerzte und Krankenkassen. An den Vorstand der Orts-Krankenkasse in Leipzig ist folgende Verordnung ergangen: Den Vorstand der Orts-Krankenkasse veranlasse ich, die nach- stehende Verordnung zur Kenntnis der Mitglieder der Orts-Kranken- lasse zu bringen. Durch das Krankenversicherungs-Gesetz ist den Orts-Kranken- lassen das Recht der Selbstverwaltung und damit die Befugnis ver- liehen, die Mittel, durch die sie die Versorgung ihrer Mitglieder mit ärztlicher Hilfe in Krankheitsfällen beschaffen zu können glauben, sich selbst zu wählen. In Leipzig hat auf Grund eines von der Orts-Krankenkasse mit den Kassenärzten am 4. Mai 1901 geschlossenen Verttages seither das System der beschränkt freien Arztwahl bestanden, infolgedessen von den etwa 400 Leipziger Aerzten gegen 250 die Stelle von Kassen- ärzten bekleideten. Der Umstand, daß diese Kassenärzte allseitig und gleichzeitig ihre Stellungen für den 1. April dieses Jahres gekündigt haben, hat dieses System zum Fallen gebracht und die Kasse genöttgt, zum Ersatz der zurückgetretenen auswärtige Aerzte anzuwerben und mit festen Ge- halten bei der Kasse anzustellen. Hierdurch ist bei der Orts-Krankenkasse Leipzig das System der Disttiktsärzte eingeführt, und diese Maßregel ist eine endgülttge, weil die großen, von der Kasse infolge der Kündigung der Aerzte eingegangenen Verpflichtungen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Der Kampf, der gegen diese, auf vollkommen gesetzlichem Wege zu stände gekommene Organisation von einem ins Leben gerufenen „Schutz- und Trutzbündnisse" der Aerzte geführt wird, ist aussichts- los. Das„Bündnis" zählt nach seinen eignen Angaben in der Presse 14 000 Mitglieder, während nach einer Mitteilung des Stattstischen Amts die Gesamtzahl der deutschen Aerzte mehr als 29 000 bettägt. Das„Bündnis" umfaßt daher noch nicht die Hälfte der Aerzte und enthält gewiß der Mitglieder genug, die nichts weniger als über- zeugte Anhänger dieses Unternehmens sind. Die Bestrebungen der letzteren drohen einen Notstand herbei- zuführen, bei dem die Mitglieder der Ortskrankenkasse solange jeder ärztlichen Hilfe entblößt sein würden, als nicht der Vorstand der Kasse die von den Aerzten gestellte Bedingung der Einführung der freien Arztwahl erfüllt hätte. Aber dieser Notstand wird nicht eintteten. Denn weder wird das„Bündnis" im stände sein, die Aerzte zu zwingen, im einzelnen Fall ihre Hilfe zu versagen, noch wird es ihm gelingen, die An- Werbung von Distriktsärzten zu verhindern. Finden auch auf die Ausübung der ärztlichen Praxis die Grund- sätze der Gewerbe-Ordnung formell Anwendung, so wird doch der vermöge seines edlen Berufes so hoch geachtete Aerztestand die ärzt- liche Hilfeleistung nicht als eine Ware angesehen wissen wollen, die ihr Besitzer zu einem beliebig hohen Preise und unter beliebigen Bedingungen losschlagen oder zurückbehalten kann. Allgemein ist vielmehr die Annahme, daß der Arzt die Verabreichung dieses un- entbehrlichen Lebensbcdürstnffes nicht um eines bloßen PrincipS willen verweigern wird. Fälle, die bekannt werden sollten, daß ein Arzt einem vor ihm stehenden Kranken die ärztliche Hilfe nicht wegen persönlicher Behinderung, sondern bloß deshalb versagt hätte, weil dieser Mitglied der Orts-Krankenkasse oder auch nur ein Familien- ungehöriger eines solchen wäre, würden das peinlichste Aufsehen er- regen und diesen Arzt in Gegensatz zu den Anschauungen in der ganzen civilisierten Welt stellen. Ebensowenig können die Vereinbarungen mit auswärttgen Aerzten gewaltsam unwirksam gemacht werden. Diese Verträge stehen unter dem Schutze der Gesetze. Der einseitige Rücktritt von denselben wäre ein Vertragsbruch, gegen den die Hilfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen sein würde. Nachteile, die auch nur mit einem Scheine von Recht den treffen könnten, der davor zurück- schreckt, ein in einem ehrlichen Handel gegebenes Wort zu brechen, giebt es nicht. Der Vorstand der Orts-Krankenkasse hat vorläufig 75 Distrikts- ärzte engagiert, drei Berattingsanstalten eingerichtet und sich ver- pflichtet, bis auf weiteres die sich neben der Praxis der Distrikts- ärzte etwa nötig machende ärztliche Behandlung der Kassenmitglieder und ihrer Famittenangehörigen durch andre Aerzte nach dem unver- kürzten Minimalsatze der Gebührentaxe von 1389 zu honorieren. Er hat damit alles gethan, was zur Versorgung der Mitglieder mit ärztlicher Hilfeleistung geschehen konnte. Die Mitglieder der Orts-Krankenkasse mögen sich deshalb keinerlei Besorgnissen hingeben und überzeugt sein, daß kein Grund vorliegt, warum sie sich nicht der Segnungen der social- politischen Gesetzgebung weiterhin in Ruhe und Frieden erfreuen könnten. Königliche Kreishauptmannschast (gez.) v. Ehrenstein. Aus dem G e r a e r Aerztestreik resultieren eine Anzahl Beleidigungsklagen, die kürzlich vor dem Schöffengericht in Leipzig verhandelt wurden. Angeklagt war in allen Fällen Dr. H a r t m a n n, der Vorsitzende des Leipziger Aerztevcxbandes. In zwei Fällen hat er den Fabrikanten L u b o l d t in Gera, den Vorsitzenden der dortigen Texttlbetriebskasse, beleidigt. Dafür wurde er zu 160 M. Geldstrafe verurteilt. Aus diesen Klagen ist die Aeußerung des Dr. Hartmann kennzeichnend, daß die Aerzte es müde seien, sich von Arbeitern und reich gewordenen Webergesellen beherrschen zu lassen. Im dritten Falle wurde Hartmann zu 100 M. Geldstrafe verurteilt wegen Beleidigung der Geraer Aerzte Dr. Weisker und Dr. Hennicker. Er hatte in Beziehung auf diese von ärztlichem Kehricht gesprochen. Schließlich wurde er noch in einem vierten Falle wegen einer andern Beleidigung des Dr. Hennicker zu 50 M. Geldstrafe verurteilt. Eine fünfte Sache wurde zum Zwecke der Zeugenladung vertagt. In Elmshorn fordern die Aerzte von der Orts-Krankenkasse Bezahlung der Einzelleistungen nach der Maximaltaxe mit der Ein- schränkung, daß sie bei Ueberschreitung des Maximalhonorars von 11 000 M. bei einem Mitgliederbestande bis zu 3000 einen Nachlaß von 30 Proz. gewähren wollen. Der Äassenvorstand wird jedoch an einem Pauschale von höchstens 3,60 M. pro Kopf festhalten. Die Aerzte hatten bereits die Einstellung ihrer Thättgkeit für den 31. März angekündigt, jedoch, als sie auf die vertragsmäßig bestehende Kündigungsfrist aufmerksam gemacht wurden, die Kündigung am 1. April zum 1. Oktober in Aussicht gestellt Die am 22. März cr. tagende Mitglieder-Versamm- lung der Orts-Krankenkasse der Schneider. Schneiderinnen und verwandten Gewerbe zu Berlin er- klärt nach eingehender Würdigung des gegenwärtigen Standes der Aerztebewegung, daß der finanzielle Stand der Kasse die allgemein gestellten Forderungen der Herren Aerzte nicht zuläßt. Ferner weist die Versammlung die Anschuldigungen der Aerzte, insbesondere die des Herrn Dr. Mugdan entschieden zurück, spricht dem Vorstand das volle Vertrauen aus und verpflichtet denselben, nur solche Ver- ttäge mit den Aerzten einzugehen, welche die Existenz der Kast'e garantieren._ Das patriarchalische Arbeitsverhältnis in Ostpreußen. Man schreibt unS: Ein im Waisenhause erzogenes, etwa 16jähriges Mädchen ver- mietete sich im Jahre 1897 bei dem Gutsbesitzer Thiesies in Naggen, Kreis Jnsterburg, als Dienstmädchen für einen jährlichen Lohn von 20 Thalern, sowie ein Kleid, zwei Pfund Wolle und zwei Hemden. Das Mädchen hat nun sechs Jahre lang bei diesem Besitzer recht schwer gearbeitet. Es mußte größtenteils auch die Arbeiten eines Knechtes verrichten. Nach Ablauf des ersten Jahres erhielt das Mäd- chen nur zehn Thaler Lohn. Der Besitzer gab an, nicht mehr zu haben. Am andern Tage forderte er dem Mädchen aber auch dieses Geld ab und versprach ihm, dafür Zinsen zu geben. Durch gutes Zureden und indem man dem Mädchen klar zu machen verstand, daß eS ja das Geld nicht brauche, man werde ihm schon die nöttgen Bedürfnisse kaufen, es wäre doch besser, wenn es viel Geld auf einmal erhalte, hat der Besitzer seinem Dienstmädchen für die ganzen 6 Dienstjahre den Lohn vorenthalten. Mit den notwendigen Kleidungsstücken wurde das Mädchen so schlecht versorgt, daß es sich schämen mußte, unter Menschen zu gehen. Es hate keine Verwandten. Als das Mädchen einigemal an eine ihm bekannte Frau schreiben wollte, wurde es jedesmal durch Zureden vom Besitzer und dessen Frau daran gehindert. Wenn der Besitzer angetrunken nach Hanse kam, war eS nicht mit ihm auszukommen. Manchmal prügelte er seine Frau, beschimpfte und bedrohte das Dienstmädchen mit Prügel, so daß dasselbe manche Nacht außer dem Hause in der Scheune übernachten mutzte. Als der Besitzer am 19. August v. I. wieder einmal den wilden Mann spielte und schließlich unter Schimpfen und Drohungen das Mädchen vom Hofe jagte mit den Worten, es möge sich nicht mehr bei ihm sehen lassen, verließ dieses unter Zurücklassung seiner wenigen Hab- seligkeiten den Dienst und wanderte zu der, ihm aus der Kindheit bekannten Frau K. im Labiauer Kreise. Dort kam das Mädchen ohne einen Pfennig Geld, vollständig zerlumpt an. Die Frau K. ging nun am andern Tage mit dem Mädchen zu dem Amtsvorsteher in USzupönen und bat um dessen Vermittelung wegen Herausgabe des Lohnes für sechs Jahre sowie der Sachen und Papiere des Mädchens. Der Amtsvorsteher sagte, es sei alles nicht wahr, was das Mädchen von seinem Herrn erzähle, es solle sofort in den Dienst zurückgehen und dem Herrn dankbar sein, daß er den Lohn so lange aufbewahrt habe. Das im Waisenhause auferzogene Mädchen hatte dort zwar ge- lernt, bescheiden, zufrieden und dankbar gegen ihre.Brotherrschast" zu sein. Es hatte auch gelernt, daß es eine von Gott eingesetzte Obrigkest gebe, die das gleiche Recht fiir alle schütze und kein Unrecht gegen„Hoch" oder„Niedrig" ungestraft lasse. Es hatte aber nicht gelernt, daß eS ein Sondergesetz, die Gesinde-Ordnung, in Preußen giebt, welches den Herrschaften fast alle Rechte, dem Gesinde aber nur Pflichten auferlegt. Deshalb ließ das Mädchen sich von seinem natürlichen Rechtsbewutztsein leiten und ging nicht mehr zu der Dienstherrschast zurück, die ihm für sechs Jahre Lohn schuldete und es dabei noch schlecht behandelte. Die Folge davon waren sechs Strafbefehle im Betrage von 12 bis 36 M., die dem Mädchen zu- gestellt wurde» und die dann der Besitzer von dem rückständigen Lohne des Mädchens bezahlte. Beschwerden dagegen wurden vom Land- rat sowie von dem Regierungspräsidenten als unbegründet zurück- gewiesen. Das Dienstmädchen klagte nun bei dem Landgericht zu Jnster- bürg gegen den Besitzer Th. auf rückständigen Lohn für die Jahre von 1897 bis 1903 sowie auf Lieferung der Kleidungsstücke im SSe- ttage von 342 M. Auch beantragte es die Gewährung des Armenrechtes zur Klage. Das Landgericht lehnte die Bewilligung des Armenrechts ab, weil daS Mädchen den Dienst unberechtigterweise verlassen habe. Da der Besitzer einen Teil des Lohnes zur Be- zahlung der Sttafen verwandt und eine Gegenforderung gestellt habe, außerdem auch gegen die Forderung des rückständigen Lohnes ftir die Zeit von 1897 bis 1901 bei Gericht sich auf Berjährung berufen habe, so bettage das Objekt der Klage weniger als 300 M. und deshalb sei das Landgericht nicht mehr zuständig. Der Besitzer bestteitet die Forderung gar nicht, aber er beruft sich auf den Verjährungsparagraphen des Bürgerlichen Gesetz- buches und ohne datz das Mädchen auch nur einmal vor Gericht gehört worden ist, wird es des schwer verdienten Lohnes für drei Jahre von Rechtswegen für verlustig erklärt. Eine Beschwerde bei dem Oberlandesgericht wurde zurückgewiesen. Der Lohn für die andren Jahre wird von dem Besitzer für Strafgelder, Entschädigungen für Ersatz der Arbeitskraft des Mädchens, welche der Besitzer mit 2,50 M. pro Tag berechnet, aufgerechnet. Die wenigen Habseligkeiten und das Dienstbuch werden einbehalten und immer weitere Strafen festgesetzt, weil das Mädchen bei diesem Besitzer, der es fertig gebracht hat, den Lohn für sechs Jahre auf die hier bezeichnete Art zu verrechnen, nicht mehr dienen will. Das Mädchen steht vollständig mittellos da. Sieben Monate wartet das Mädchen bei den Leuten, welche es aus Mitleid aufgenommen haben, auf ihr Recht. Jetzt hat der Amtsvorsteher aus Uszupönen es auch durchgesetzt, datz diese Leute dafür bestrast werden, daß sie das Mädchen nicht auf die Straße werfen. Fünf Mark haben die Leute bereits Strafe bezahlt und das Mädchen doch nicht hinausgeworfen. Jetzt ist gegen eine viel höhere Sttafsestsetzung Widerspruch erhoben. Nach den Akten geschildert! Konsumtöter Budde. Nunmehr ist auch der Konsumverein„Biene" in Schönebeck bei Magdeburg auf den Index gesetzt. Wie die Magdeburgische„Volks- stimme" erfährt, ist„den Arbeitern der Hauptwerkstatt Salbke durch Anschlag bekannt gegeben worden, daß sie, sofern sie Mitglied des Konsumvereins„Biene" in Schönebeck sind, aus dem Verein aus- zutreten haben. Um den Arbeitern einen Ersatz dafür zu bieten. wird zu gleicher Zeit Umfrage gehalten, warum diejenigen Arbeiter, die Soldaten gewesen sind, nicht den bestehenden Kriegerveremen beitteten'il Fräulein Kube vor Gericht. Unter großem Andränge des Publikums begann gestern die Ver- Handlung gegen die Naturheilkundige Fräulein Minna Kube aus Charlottenburg und die praktischen Aerzte Dr. Adolf Schlesinger und Dr. Fred C o l e m a n n. Der Prozeß, der besonders Mediziner und Naturheilkundige sowie deren Anhänger interessiert, findet seines Umfange» wegen im großen Schwurgerichtssaale statt. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirckior Hoffheinz, die Anklagebehördc vertritt' Staatsanwaltschaftsrat Walter, die Verteidigung liegt in den Händen der Rechtsanwälte Justizrat W r o n k e r und Chodcziesner. Dr. Werthauer und Justizrat S e l l o. Es sind gegen 40 Zeugen und 15 Sachverständige geladen, zu den letzteren gehören u. a. i ie Profesiore?» Dr. Landau, Schwenninger, Dührssen, Sanitätsrat Dr. G r o ch t- mann und eine ganze Anzahl praktische Aerzte. Es handelt sich um zwei F�lle der fahrlässigen Körperverletzung, begangen durch un- zwecknläßige Behandlung von Kranken und um einen Fall der fahr- lässigen Tötung aus derselben Ursache. Die Angeklagte Kube, welche durch ihr Auftreten und ihre Aus- druckswcise den Eindruck einer vollendeten Dame macht, gab an, daß sie 1858 in Frcienwalde geboren sei und dort die Gemeindeschulc be- sucht habe. Ihr Vater sei Kaufmann gewesen und jetzt Bademeister in Charlottenburg. Sie habe sich früh für die Naturhcilkundc ausgebildet, aber diese erst ausgeübt, nachdem sie viele Jahre hindurch bei bekannten Professoren Vorlesungen in Anatomie, Dia,,..ose, Gynäkologie und andren Zweigen der ärztlichen Wissenschaft gehört. Dann habe sie bei Naturärzten Praxis geübt und dann erst die Heil- anstalt„Hephata" in Charlottenburg als Leiterin- übernommen. Im Anfang 1892 Hove sie das Unglück gehabt, wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 999 Ml. verurteilt zu werden. Sie habe sich gesagt, daß ihr. im Wiederholungsfälle das Gefängnis drohe, sie habe die verantwortliche Leitung der Anstalt nicht länger übernehmen wollen und daraus sei der Mitangeklagte praktischer Arzt Dr. Schle- stnger als Leiter in die Anstalt eingetreten. Dr. Schlesinger sei viermal wöchentlich nach Charlottenburg gekommen, um die sich meldenden Patienten zu empfangen und ihnen Rat zu erteilen. Sie habe lediglich für die Ausführungen seiner Anordnungen gesorgt. Dr. Schlesinger habe in vielen Fällen gynäkologische Massage und mit Vorliebe auch die magnetische Heilmethode zur Anivendung gebracht. Er habe aber in jedeni Nkenschen nur den Patienten gesehen, ohne auf dessen sociale Verhältnisse Rücksicht zu nehmen. Dadurch sei es gekommen, daß viele Patienten außer stände waren, die ihnen in der Elektrischen Lichtanstalt gewährte Behandlung zu bezahlen. Tie Anstalt arbeitete während der Thätigkcit des Dr. Schlesinger mit Verlust, deshalb sei das Verhältnis mit ihm gelöst worden und an dessen Stelle der Mitangeklagte Dr. Colemann eingetreten. Während der Wirksamkeit des Dr. Colemann sei auch eine Frau Schubert als Patientin in die Anstalt gekommen. Dr. Colemann habe sie untersucht, ein Unterleibsleidcn festgestellt und Massage angeordnet. Dies habe sie ausgeführt und ausführen müssen. Eine Verantwortung könne ihr dafür nicht aufgebürdet werden und wenn die Frau infolge der unrichtigen Behandlung gestorben sei. tvas nach der Anklage behauptet werde, so sei sie daran schuldlos. Ganz gleich liege es mit den beiden Fällen der fahr- lässigen Körperverletzungen, in denen die beiden angeklagten Aerzte in je einem Falle eine falsche Behandlung angeordnet und dadurch die betreffenden Patientinnen geschädigt haben sollen. Stach Aufruf der Sachverständigen lehnte der Verteidiger Justizrat Wronker den Professor Dührssen als Sachverständigen ab, da er befürchte, daß dieser in seinem Urteil befangen sei. Der Gerichts- Hof gab diesem Antrage statt und beschloß, Professor Dührssen nur als Zeugen zu vernehmen. Ter Angeklagte Dr. Schlesinger gab an, daß er mit einem Fixum von!j999 M. bei der Anstalt als dirigierender Arzt ein- getreten sei, wofür er in derselben an vier Nachmittagen in der Woche Sprechstunden abzuhalten hatte. Uebernahm er die Behandlung eines Patienten persönlich, so sollte er' hierfür Extrahonorar erhalten, welches er aber mit Fräulein Kube zu teilen hatte. Es habe bald mit seiner Honorierung gehapert und deshalb habe er das Verhältnis bald wieder gelöst. Er habe die Uebcrzeugung, daß Fräulein Kube auch selbst und nach eigner Diagnose behandelt habe.— Fräulein Kube stellt dies entschieden in A b r e d e. Der Angeklagte behauptet des weiteren, daß er die Dame, welche mit einem ansteckenden Unter- leibsleiden behaftet war und die er falsch behandelt haben solle, zunächst einer eingehenden Untersuchung unterworfen und dann voll- ständig zweckentsprechend und den Regeln der Wissenschaft gemäß behandelt habe. Wenn die gegnerischen Sachverständigen bchaup'.en sollten, daß eine Geschwulst im Unterleibe nur durch operative Ein- griffe und nicht durch die Mirtel der Naturheilkunde beseitigte werden könne, so stehe er auf einem andern Standpunkt. Er entsinne sich eines Falles aus seiner Praxis, in welchem er durch seine Methode einen guten Erfolg erzielt habe. Tie Sachverständigen Professor Dr. K o b l a n ck und Dr. M a n a s s e richten über diesen Punkt mehrere Fragen an den Angeklagten. Ter dritte Angeklagte, Dr. Colemann, erklärt, daß er bei seinem Eintritt in die Anstalt streng betont habe, daß er sich aus- schließlich die Direktive vorbehalten habe. Er sei hierauf um so mehr angewiesen gewesen, als die Aerztctämmer den ihr unterstehenden Aerzten verboten habe, in Gemeinschaft mit Fräulein Kube zu praktizieren. Tic Parientin, die bei dem ihn berührenden Anklagefall in Betracht komme, habe eine Geschwulst im Unterleibe gehabt, die er nicht gerade für bösartig hielt. Er habe eine sofortige Operation nicht für notwendig gehalten, da er erst erfahren wolle, ob und in welchem Grade die Geschwulst wachse. Dann habe er Fräulein Kube beauftragt, nach dieser Richtung hin die Patientin sorgfältig zu untersuchen und ihm sofort Bescheid zu geben, wenn ihr Zustand sich verschlimmere.— Präsident: Herr Doktor, halten. Sie es mit ihrem standesgemäßen Pflichtgefühl vereinbar, daß Sie eine der Damen der Anstalt mit der Beobachtung einer so Erkrankten betrauen?— An gell.: Ja, denn diese Damen und besonders Fräulein Kube, sind so geschult, daß man ihnen dies ruhig übertragen darf.— Auch in dem zweiten ihm zur Last gelegten Falle behauptet der Angeklagte, völlig pflichtgemäß gehandelt zu haben. Die Beweisaustiahme beginnt mit der Vernehmung eines Zeugen aus der Provinz, dessen Ehefrau an Blutungen litt und von dem Angeklagten Dr. Schlesinger behandelt worden ist. Nach Angabe des Zeugen ist das Leiden seiner Ehefrau wieder aufgetreten, sie ist wieder bettlägerig geworden. Er hat an Dr. Schlesinger für die Behandlung 2499 M. gezahlt. Die zweite Zeugin ist die Frau, die an einem Gewächs im Unterleibe litt, erst von Dr. Schlesinger erfolglos behandelt und dann von Professor Dührssen operiert wurde. Bei ihrem Eintritt in die Kubesche Anstalt sei sie von Fräulein Kube und noch einer Dame untersucht worden. Ihr sei lediglich ein warmes Heusamenbad und zweimal wöchentlich Massage des ganzen Körpers. auch des Leibes verordnet worden. Als sie nach einigen Wochen die Anstalt einmal wieder besucht habe, sei Dr. Schlesinger fort und an seiner Stelle Dr. Colemann dort gewesen. Dieser habe ihr gesagt, daß sie operiert werden müsse, wenn die Geschwulst wachsen sollte. Nach weiteren drei Wochen sei dann die Operation erfolgt. Der Frau, die infolge unzweckmäßiger Behandlung in der Kubcschen Heilanstalt gestorben sein soll, eine Frau Schubert, wurde nach der Anstalt von der Zeugin Winter begleitet. Die Kranke habe an heftigen Blutungen gelitten. Sie sei mit warmen Sitz- bädern behandelt und von Frl. Kube am Unterleib massiert worden. Es kommen im Laufe der Verhandlung Dinge so sekreter Natur zur Sprache, daß deren Wiedergabe nicht angängig ist. Von der Ver- teidigung sind viele Zeugen geladen, welche bekunden, daß sie in der Kube'schen Anstalt nnt Erfolg behandelt worden seien. Ein Kutscher Holz singt besonders das Lob des An- geklagten Dr. Schlesinger, der ihn von schwerer Krankheit geheilt habe, nachdem andre Aerzte ihn ohne Erfolg behandelt hätten. Allerdings habe er neben der magnetischen Kur höchst diät leben müssen und keinen Schnaps triukeit dürfen. Derartige zur Sprache. Bei vielen der Geheilten den Magnetismus durch Auflegen der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Werthauer sei, dem Gerichtshofe und den übrigen Fälle kommen mehrere hatte Dr. Schlesinger Hände erzeugt. Der erklärt, daß er bereit Prozeßbeteiligten den Magnetismus objektiv vor Augen zu führen. Der Gerichtshof verzichtet auf diesen Beweis. Ein Chemiker bekundete, daß er ein an Gehirnhautentzündung erkranktes Kind zum Dr. Schlesinger ge- bracht habe. Die Körpertemperatur des Kindes sei unmittelbar vorher gemessen und auf 49 Grad festgestellt worden. Dr. Schlesinger habe an dem Körper des Kindes mit den Händen streichende Be- wegungen vorgenommen und es dadurch nmgnetisiert. Sofort sei die Temperatur um 2Vz Grad gesunken. Nach acht Tagen habe das Kind wieder auf der Straße gespielt. So reihte sich ein Fall an den andren. Eine Frau aus Nauen, welche 19 Jahre lang schwer an Krämpfen gelitten hat, will in wenigen Sitzungen so weit gebessert sein, daß die früher bisweilen dreimal am Tage auftretenden Krämpfe jetzt nur selten vorkommen. Eine Dame, die am Kindbettfieber daniedergelegen, schilderte das Gefühl beim Magnetisiertwerden durch Dr. Schlesinger so, als wenn es ihr abwechselnd warm und kalt über den Körper laufe. Sie habe die Wirkungen seiner Handbewegungen ge- spürt, obgleich er zwei bis drei Schritte von ihrem Bett stand und sie unter einer seidenen Steppdecke lag. Nachdem noch einige Zeugen vernommen sind, wird die Ver- Handlung bis Sonnabendvormittag 9 Uhr vertagt. Areircligiöse Gemeinde. Sonntag, den 27. März, vorm. 10'/, Uhr, in Kellers großem Festsaal, Koppcnstr. 29: Feier der Jugendweihe (Konsirmation). Die Festrede hält Herr Dr. Bruno Wille. Vor- und Nach- spiel aus dem Mustel-Harmonium aus Paris. Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen._ �Weizen, gut D.-Ctr. mittel gering »Roggen, gut mittel gering fGerste, gut mittel gering i'Haser. gut mittel gering Richtstroh Heu Erbsen spcisebohnen Linsen * ab Bahn. Marktpreise von Berlin am 24. März 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse f srei Wagen und ab Bahn. Kartoffeln, ncueD.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 kx do. Bauch, »Schweinefleisch„ Kalbfleisch, Hammelfleisch mtter 60 Stück 1 kg per Schock 8.00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 4,00 2,40 3,00 3,00 2,20 2,00 3,00 1,40 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 2,80 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 WitternngSübersicht vom SS. März 1994. morgens 8 Uhr. Stationen L S O g C B 5 C c a 8*— Swinemde. Hamburg Berlin Frankf.a.M. München Wien sii 8« 769© 767 ONO 767 SO 762 NO 761-Still 768 SSO Wetter ßü c.'t bi& Stationen äg £ S O-S S5 4 wolkig 3bedeckt 3heiter 3bedcckt —-heiter 2, heiter Petersburg Cor! Werdeen Paris aParanda-77öWSW 781Still 760 RNO Wetter 2 wölken! - wölken! 2bedeckt c T» II 5? -7 -3 8 Wetter-Prognose für Sonnabend, den 29. März 1994. Nachts noch kühl, am Tage wärmer, vorwiegend heiter und trocken bei mäßigen südöstlichen Winden. Berliner W c t t e r b u r e a u. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Bcrantwortung. UKeater. Sonnabend, den 26. März. Ansang V/, Uhr: Opernhaus. Der Ring des Nibc- lungcn. Zweiter Abend: Siegfried.(Ansang 7 Uhr.) Schauspielhaus. Julius Cäsar. Deutsches. Monna Vanna. Berliner. Waterlant. Nachmittags 3 Uhr: Erstarrte Menschen. Lessing. Zapfenstreich. Westen. Der lustige Krieg. Neues. Königsrecht. Residenz. Der tcusche Casimir. Vor» he'' Die Empfehlung. Een'<(. Das Schwalbennest. c �mittags 4 Uhr: Der gestiefelte Kater. stelle> Zlllimiee. Götterweiber. Thalia. Resemanns Rheinsahrt. Ansang 8 Uhr- Schiller 4».(Wallner. Theater.) Die Kinder der Exccllcnz. Schiller Vi.(Friedrich-Wilhclmstädt.) Lumpacwagabundns. Kleines. Des Pastors Riele. Luisen. Uricl Acosta. Triniion. Das eiste Gebot.— Der Dieb. Carl Weift. Ein Mädchen aus dem Volke. NachmiltagS 4 Uhr: Dornröschen. Deutsch-Aiuerikauisches. Ueber'o großen Teich. Easino. Kulden. Gastspiel. Raub der Sabincrlnncn. Gebr. Hcrrufcld. Nur eine Nacht. Winter-Garten. Nvctte Guilbcrt. Costanline Bernardi. Spcciali- täten. Apollo. FrühlingSliist. Blüten- Hochzeit. Spccialitüten. Metropol. Ein tolles Jahr. Reichshallcu. Stcttiner Sänger. Paffage-Thcater. Caicedo. Specia- litäten.'Ansang 5 Uhr. tlrania. Taubenstrafte 48/49. Um 8 Uhr: Das Land Tirol. Um 4 Uhr(kleine Preise): Gletscher- und Eiszeit. Juvalideustrafte S7/9S. Stern« warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Mm Theater. Schiffbauerdamm 4a— 5. Seliwester Beatrix. Vorher: Der Kammersäncer. Ansang VI, Uhr. Morgen: ftlinn» von Barnhelm. Hcliiller-Tlieater. Schiller-Theater Vi. (Friedrich-Wilbelmstädlischcs Tbeater). Sonnabendabend 8Ubr: liUniparivagahundiiH. Zauberposse mit Gesang in 3 Auszügen von Johann Nestroy. Sonntag nachmittag 3Uhr: Pauline. Sonntagabend 8 Uhr: Lnmpacivaacabnnduit. Schiller-Theater O. (Wallner-Thealer). Sonnabendabend 8 Uhr: Die Kinder der Excellenz. Lustspiel in 4 Aufzügen von E. v. Wolzogen u. W. Schumann. Sonn tag nachmittag 3Ubr: Her Fleck auf der Ehr'. Sonntagabend 8 U b r: Die Kinder der Excellenz. Thalia-Theater. Dresdenerstr. 72/73. Amt IV 4440. Ans. T1/, Uhr. Direktion Jean Kren Heute und folgende Tage: Resemanns Jlheinfahrt. Schwank in 3 Akten. Sonntagnachmittag 3 Uhr: _ Charleyw Tante._ Belle-Alliance-Theater. Bcllc.Alliancestr. 7/8. Amt VI 283. und Alfred Schönfeld. Ans. V/, Uhr. Heute und folgende Tage: Götterweiber. Ausstatt.-Posse mit Gesang und Tanz. Sonntagnad/m. 3 Uhr bei ll. Preisen: Dehorah. Zchlnft der Saison Mittwoch, den 6. April 1904, um meinen neuen prachtvollen Stcinbau-CirkuS, in Wien an der Wcstbahn gelegen, zu eröffnen. Lirltus Schumatm. Heute Sonnabend, den 29. März 1994. abends 7'/, Uhr: Oala-Sport- V orstellung. Direktor Albert Schumann mit seinen neuen u. modernen Dressuren. Großer Rcitkünstler- und Reitkünstlcriilucn-Äoiigrcß. Die Löwenherde des Herrn Jui. Seeth. Freres Skremka, Adolf und Coco, die Uniocrsal-ClownS. Babel. Größte Ausstattungs-Pantomime der Gegenwart. Morgen nachmittag: Ködert und Kertram. Höchst komische Pantomime. Ein Kind frei. Urania. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Das I. a n<1 Tirol. Um 4 Uhr(kleine Preise); Dr. Schwahn: Gletscher u.Eiszeit. Sternwarte[%%%'. Kleines Theater. Unter den Linden 44. Sez Kastors ftieke. Ansang 8 Uhr. Morgen: Nachtasyl. BEUTE: 214. AUFFÜHRUNG. Anfangs Uhr. Ende 10 Uhr 30. Deutsch- Amerikanisches THEATER KSpnickerstrasse 67. Jeden Abend: Gastsp. Ad. Philipp Uebern GROSSEN TEICH. CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Afrika in Berlin!!! Tunesen=Truppe. Grosse VOlkcrschan. Die sch«nen IIa, eins Dumen in Tunis. Luisen-Theater. AbcndS 8 Uhr: Uriel Acosta. Sonnlagnachm.: Egmont. Abends: Das Schloß am Meer. Monlag: Egmont. Dienstag zum erstenmal: Der Kaufmann von Benedig. Mitlwoch: Der Verschwender. Donnerstag: Der Veilchensrcsscr. Freitag: Geschloffen. Sonnabend: Das Käthcheu von Heilbronn. Singer Nähmaschinen. Einfache Handhabung! Gräfte Haltbarkeit! Hohe Arbeitsleistung! Weltausstellung rifanA Dri-v höchster Preis; paris 1900: VirallU rTlA jer Ausstellung. Unentgeltlicher Unterricht, auch in moderner Kunststickerei. 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Ringkampf Konkurrenz."WD Nachmittags findet der am Donnerstag unentschieden gebliebene Kamps statt zwischen Rani Beliing(Berlin) und Ewertsen (Schweden). Dieser Kamps muß bis zur Entscheidung ausgerungen werden."TPEI Central-Theater. Heute nachmittag 4 Uhr, halbe Preise, Kindervorstellung: Der gestiefelte Kater. Märchenspicl in 4 Bildern mit Gesang und Tanz. Zum viertlctztenmal: Abends 7ffzUhr: Das Tchwalbennest. Operette in 3 Akten vonM. Ordonneau. Musik von Henry Hablay. Sonntagnachm. 3 Uhr, halbe Preise: Madame Sherry. Abends VI, Uhr: Das Schwalbennest. Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. 71/,. Der Raub der Sabinerinnen. Strisc: Bax Waiden a. G. Kaiserl. russ. Hosschausp., sr. Mitglied des Schitter-Theaters. Vorher: Das drill. MSrr-Programm. Die beste Drcff.-Nummer: Der Weltfriede. Soniitagnachm. 4 Uhr: Hätel Klingebusch. Trianon-Theater. Georgenstraße, zwischen Friedrich- und Universitätsstraßc. Das elfte Gebot Hieraus- Der Dieb. Ansang 8 Uhr. Sonntagnachmittag:„Madame X." Apollo-Tbeater. 8Ubr: Trühlingsluft mBaneeu Blütenhochzeit. O1/-— 11 Uhr: Das grosse Specialitäten-Programm. Mab Dersy. Les Brunin. Tom Hearn. Robert Steidl. X Heinrich Blank. Boston Ball Tanz-Ensemble. Sonntag, den 27. Bilrz, nachm. 3 Uhr: FrUhllngsInft und Spcciallttttcn. MciiMIMr Direktion S. Lautenburg. Abends VI, Uhr: Dle6mpfeblunfl[. Abends 8 Uhr: Dir wischt iofimii. I Direktion: Robert Dill. Brnnnenstrasse 16. Extra-Bencfiz-Vorstellung für Georg Heinz, Udo Horst und Karl Reich: Der Stabstrompeter. Ansang 8 Uhr. Entrce 30 Ps. Ball. Bernhanl Rose-Theater Gesundbrunnen. Badstr. 58. Heute: Keine Vorstellung. Morgen Sonntag, den 27. März 1904, nachmittags 3 Uhr: Die Bettlerin und ihr Kind. Abends 7 Uhr: Mnttersegen. Montag, den 28. März: Benefiz Lina und Karl Möller: Pech- schulze. Steidl-�Theater! Linien Strasse 132 Oranienburger Thor, j Letzte Woche! vor der Abreise nach Rußland. Mittwoch, den 30. März: Ebschieds- Yorstellnnd Fröbels Allerlei-Theater sr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Am Palmen-Sonntag: Grosse Extra-Vorsfellung. Karburger Sänger. Ansang 6'/, Uhr. Eintritt 30 Ps. Montag: Goethe- Ensemble. Grosser Theaterabend. Kndreas-Qarten AndreaS-Strafte 29. Kleine und große Säle zu Verfamm- lungcn, Hochzeiten und Festlichkeiten noch einige Sonnabende zu vergeben. Frcmdenlogis. Kegelbahn. Für gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. 4277L* Eranz Herbowski. Melropol-Theater Zum 15. Male: Ein(olles Jahr. Gr. dramatisch-satiriBcho Revue in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaender. In Scene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. I. Bild: Am Kleinkindersee. 2. Bild: Was giebt's Neues. 3. Bild: Das Ordensfest. 4. Bild: Der neue Zapfenstreich (Parodie). & Büd: Briefe, die ihn erreichten (Ballett). Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Carl Veiss- Theater. Grofte Frankfurter Strasse 132. Nachmittag 4 Uhr, Kindervorstellung Dornröschen. Kindermärchcn mit Gesang in S Akten von Bolten-Bäckers. MM" Abends« Uhr:"VG Ein Mädchen aus dem Balte Volksstück mit Gesang in 3 Akten (S BUdern) von Sepp! I. Simonsohn U. E. Ritterseid t. Musik v.A. Wicher. Sonntagnachmittag 3 Uhr(Parkett Sll Pf.): Der liebe Gebot. Abends 8 Uhr: Ein Mädchen aus dem Volke. fiebrüder Herrnfeld- Anfang Th/aafft** Sonntags 8 Uhr. i nedier. 7 Uhr. teilte und folgende Tage errnfeldsche Sensationsstück Kur eine Mehi l Zwei Wie auS einer Ehe. Vorher: K«ji»»tIvivlr«II und Bcndix und Kdi Stadler. In Vorbereitung: Im andern Nachspiel zu„Rur eine Nacht«. Komödie von A. und D. Herrnseld. Passage-Theater. Anfang Sonnt. 3, Wochentags 5 Uhr. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Das Pubfikum schreit vor Lachen bei dem Redestreit der beiden feindlichen Improvisatoren Holländer u.Steinitz. Mar noch drei Tage: Caicedo der berühmte DrahtseflkSnig. 14 erstklassige Nummern. Königstadf'Kasino Hotzmarktstr. 72, Ecke Sllexanderstraße. Täglich: I?rnn» Hobunntf. Die närz-8pecialltdten. Zum Schluß: Kulicke auf Sommerwohnung. Posse mit Gesang. Stach der Vorstellung: Mitwochs, Sonnabends u. Sonntags: l'aa«. Keine erhöhten Preise! Yvette Guilbert Paulton u. Ooley KomischeRadfahrer Kamevals-GeisterTanz-Divertissem. Imro Fox Zauberkünstler. Leo Billward Komischer Jongleur. Msdsleinc Noc� Sängerin. Prosper-Truppe■ Akrobaten. Costantine Bernardi Verwandlungsschauspieler. Lony Elastisch-equilibr. Akt. The Seidoms Plast. Darstellungen. jlchtung! Baumschulen weg! - Sonntag;, den 27. März, vormittags 10 Uhr'TDß im Restaurant P. 8treichhan: Vereinsversammlung des Turnvereins„Jahn", Wichtigster Punkt der Tagesordnung: Settritt zum Urbetter-Turnerbund. Lllle Freunde und Gönner der Rrbeiter-Turnsache, welche dem Verein als akttve oder passive Mtglieder beizutreten wünschen, werden hiermit freundlichst eingeladen. Der Borftand. Verband der Jftöbelpolierer. Heute abend, 8'/, Uhr, in Weissenseo, König-Chauffee 53: Versammlung. Tage s-Ordnung: f. Vorfrag des Kollegen Nitschke über: Rusilands Freiheitskämpfer in Sibirien. 2. Diskussion. 3. Wahl eines Delegierten. 4. Bericht über die bestehenden Differenzen. 5. Verschiedenes und Ausnahme neuer Mtglieder. Montag, den 28. März, abends 81/, Uhr, in Lichtenberg, Friedrich Karlstr. 11: Versammlung. Tage S-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Barenthien über: Etwas aus dem Klassen- kämpf. 2. Diskussion. 3. Wahl. 4. Verschiedeues. Montag, den 28. März, abends 8'/, Uhr, Admiralstr. 18 c: Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen Davidsohn über: Das Finanz-, Justiz- und Kultusministerium. 2. Diskussion. 3. Stellungnahme zum außerordentlichen Delegiertentag. 4. Verschiedenes und Ausnahme neuer Mitglieder. Mittwoch, den 30. März, Blumenstr. 38 VorstaudS'Sitzu 145/19 Der Vorstand. n g. r\'oi Biograph. Sanssouci. Kottbuser Thor— Stat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag Hoffmann« Norddeutsche Sänger und Tanzkränzchen. Sonntag: Extra• Vorstellung. Schauspiel in 4 Lllten. Beielts hallen Stettiner Sänger Zum Schlutz: N eu I Cirkus Lenz und CirkuS Pusch. MMn Metallarbeiter-Verband. Vevwaltnngsstelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Tonntag, den S7. März 1901. vormittags Punkt 1« Uhr: Allgemeine Versammlung der ftobrleger u. Keifer Sertins u. Umgegend im Gewerkschaftshaus, Engel-User 15, Saal IV. TageS-Ordnung: 1. Stellungnahme der Rohrleger und Heiser zur bevorstehenden Rohr- leger-Konserenz Deutschlands. 2. Ersatzwahl der Schlichtungs-Kommisfion. 3. Diskussion. 4. BerbandSangelegeuneiten. 113/11 Kollegen I Es ist Eure Pflicht, für starken und pünktlichen Besuch der Versammlung Sorge zu tragen. Die Versammlung wird unbedingt um 19 Uhr eröffnet._ Die Ortsverwaltung. ichtig für Radfahrer und solche, die es werden wollen. Tonntag, den 87. d. Mts., vorm. 10 Uhr, in Viernaus Festsäle«, Schwedterstrahe 23/24: Ocffentllebe Vcrfanunhing ier„Produktiv- und EinkauIs-GenossensiM lilr Mabrer Ifcran II". TageS-Ordnuna: 1. Technische Neuheiten auf dem Gebiete des Fahrradwesens(mit Demonstrationen). 2. Diskussion. Hierzu werden alle Interessenten sreundtichst eingeladen.—„Voran II"- Räder stehen während der Versammlung zur Besichtigung aus. 19(5/19_ Der Einbcrnfer. Partei- Speditionen: Berlin««'elter Wahlferei«: Hermann Werner, Mittenwalder- strahe 39, v. pari.— Dritter Wahlkreis: S t. Fritz, Prinzenstr. 31, Hos rechts Part.— Vierter Wahlkreis D.: Robert W en g e 1 s, Gr. Franfsurterstr. 133, Hos Part.— 8D.: Paul Böhm, Lausitzerp latz 14/15 Laden).— Nvchster Wahlkreis(Boabit): Karl Anders, Zalzwedelerstr. 8, im Laden.— Weddln« und Oranienburger Vorstadt: Emil Stoltzenburg, Wiesen str. 41/42.— Rftaen- thaler Vorstadt. Gesundbrunnen. Kclnlckendorf(Ost und West), Wilhelmsruh und SchOnhoIz: Hermann Raschle, Rügenerstr. 24, vorn Part, links.— Schönhauser Vorstadt: Karl Mars, Kastanien- Allee 95/99.— Alt- Glienicke: W. Pries, Rudowerstr. öS.— Charlotten bürg:: Gustav Schömberg, Sesenheimerstr. 1, Ecke Goethestrahe, vorn I.— Deutsch-Wilmersdorf: W. Nickel, Uhlandstr. 198, part.— Frledrlchsberg- Friedrlchsfelde- Wllhelmsberg:• Hohenschönhausen: Otto Seikel, O. 112, Kronprinzenslrahe 59, I.— Grünau: E. Pfeil, Königstrahe 1.— Blxdorf: M. Heinrich, Prinz Handjerystraße 7, im Laden.— Schöneberg: Wilhelm Bäumler, Martin Lutherstr. 51, im Laden.— Dher- Schöne weide; Otto Wüuzer, OHmstraHe 1», 2 Treppen.— Mieder Schöneweide: Bonalowsky, Berlinerstr. 8.— Johannisthal: Paul Mann, Bismarcksir. 7.— Adlershof: Paul Schmidt, BismarckstraHe 7 II.— Könixs- Wusterhausen: H. D i e tz e, Schuhmacher.— Köpenick: Friedrich W o i ck, Grünstr. 29.— Friedenan-Stesllt«: H. Bernsee, Schlotzftr. 115, Gartenhaus l, in Steglitz. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: H. Mohr, Düppelstr. 8, und Fr. S ch« l l h a s e, Ähornftr. 15 o.— Baumschulen weg: Stock, Ernststr. 2,11.— Treptow: R. Voigt, Elscnstr. 37, vorn Hl l.— Meu-Weissensee: W. ReSke, Gäblerstr. 46, Part. — Rnrnmclsbarg: Forgbert, Prinz Awertstr. Sa.— Tegel, Borsigwalde. Dalldorf und Waidmannsinst: Paul Kieuaft, Borsigwalde, Schubaristr. 43.— Pankow: K. Kümmert, Florastr. 43. Außerdem ist sämtliche Partcilstteratur sowie alle wiffenschastlichen Werlo dort zu Haben. Auch werden Inserate für den„Vorwärts" entgegengenommen. nag- Bitte ausschneiden.-MW Wo? ist der schönste Ort für Landpartien und Ausflüge per Dampfer, Kremser«nd zu Fuß durch de» Grunewald zu erreichen? Auf der Jufcl Pichelswerder, Wirtshaus zum Freund. Sei schlechtem Wetter Unterkunft für 1500 Personen. ?aradiesgarteti Sirhenuierder, am linterm«Hleu-T«e. 29056* Mache meinen werten Genossen hierdurch aufmerksam, daß bei mir am Karfreitag, den 1. April ein Warst- und Eisbein-Essen stattfindet. Es ladet freundlichst ein_ H. Gürllcke. Palast-Theater Burgstrasie 88, früher Peen-Palast. Tankteufelebsn. Operette v. Linderer. Musik v. Kolle. 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Dr.Simmel, Specialarzt für(76/16* Bant- nnd Harnleiden. 10—2, 5— 7.«sonntags 10— 12. 2—4. �Verlm SW. . 73. 21. 2. KeilGt ilks Jotmitb" Knlm WMM Sottvabend, 26. Mar; IM. Deutscher Handelstag. E. In der heutigen Sitzung gelangen MeResolutionen über den Z o l l- tarif, die Kaufmannsgerichte und über den Verkehr mit Nahrungs- und Genußmitteln zur Beratung. Außerdem finden am Schluß der Tagung die Wahlen für den Ausschuß statt, aus welchem satzungsgemäß zwölf Mitglieder auszuscheiden haben. Vor- geschlagen find zunWahl: Barthels- Barmen, Beckmann- Solingen. C r a e m e r- Sonneberg, G ä t ck e- Altona. Herder- Bonn, I ü d e l- Braunschweig, v. Pflaum- Stuttgart, S ch l u m- b e r g e r- Mühlhausen, Schach- Hildesheim, Servaes- Düssel- dorf, S e h f f a r d t- Kvefeld, Vogt- Kassel. Die vom Ausschuß vorgeschlagene Resolutton über den Ver- kehr mit Nahrungs- und Genußmitteln hat folgenden Wortlaut:„Zur Beseittgung oder Minderung erheblicher Mißstände, die m der Behandlung des Verkehrs mit Nahrungs- und Genntzmitteln durch die Behörden und die Gerichte zu Tage getteten sind, macht der Deutsche Handelstag folgende Vorschläge: 1. Her- stellung einerSammlung vonBegriffsbestimmungen und Handelsgebräuchen im Gebiete des Nahrungs- und Genußmittelgewerbes, um die Bedingungen festzulegen, unter denen nach Ansicht der beteiligten Industrie- und Handelszweige Nahrungs- und Genußmittel als handelsübliche, unverfälschte und nicht gesund- heitsschädliche Waren gelten sollen. 2. Ausstattung des Bundes- rat es oder des kaiserl. Gesundheitsamtes mit der Be- fugnis, darüber zu entscheiden, unter welchen Bedingungen be- stimmte Nahrungs- und Genußmittel zu beanstanden oder nicht zu beanstanden sind. Zur Vorbereitung der Entscheidungen sind.in ausreichendem Maße Prattiker. also Nahrungsmtttel-Fabrikanten- und Händler, auf Vorschlag der zur Vertretung von Industrie und Handel berufene« Körperschaften zuzuziehen. 3. Veröffentlichung der technischen Materialien für in Aussicht genommene Verordnungen und Gesetze in Bezug auf den Verkehr mit Nahrungs- und Genußmitteln. 4. Aufhebung des§ 867 Nr. 7 des Strafgesetzbuchs, wonach bestrast wird, wer verfälschte oder verdorbene Gettänke oder Eßwaren feilhält oder verkaust. Es sollen in dieser Hinsicht nur die Strafbesttmmungen des NahrungSmittel-Gesetzes gelten. S. Fürsorge dafür, daß vor der Erhebung von Anklagen und während des weiteren Verfahrens Sachverständige auf Vor- schlag von Handel und Industrie als Gutachter zugezogen werden. Viel besprochen wird ans dem Handelstage die Thatsache. daß bei dem gestrigen Festmahl kein einziger Mini st er erschien. Graf Posadowsky ließ sich entschuldigen und Minister v. Möller hatte plötzlich eine Italien- reise angetreten. Die heuttge Verhandlung wird eröffnet mit dem Referat des Kommerzienrats Juckschwerdt- Magdeburg über das Inkrafttreten des neuen Zolltarifs und der neuen Handelsverträge. Redner empfiehlt für den Notfall eine Uebergangsfrist von einem halben Jahre und schlägt die(von uns bereits mitgeteilte) Ausschußresolution zur Annahme vor. Redner bittet, Einzelwünsche zurückzustellen, damit eine einmüttge Kundgebung deS Handelstages Eindruck auf die Reichsregierung mache.(Bravo!) Seiler- Nürnberg spricht sich gegen die Forderung der Reso- lution betreffend eine sechsmonatige Uebergangszeit aus. Ein solcher Kompromiß könnte für die Exportindustrie insofern schädlich werden, als diese sechs Monate vielleicht in die tote Zeit fallen. Deshalb müssen diejenigen Exportindustrien, die auf die Saison angewiesen sind, ans einer Uebergangsfrist von mindestens einem Jahr bestehen. Geheimrat Morig- Eichborn- Breslau beantragt Ab- stimmung über die einzelnen Absätze der Resolutton, H i l l e r- Lahn befürwortet eine Frist von einem Jahr, Dr. v. Martins- Berl,n empfiehlt die Resolutton. Dr. B r a n d t- Düsseldorf wendet sich gegen die sechSmonattge Frist. Die plötzliche seinerzeitige Beendigung des Zollkrieges mit Spanien mit ihrer Herabsetzung von Zollsätzen, die dem Handel schweren Schaden brachte, habe gezeigt, daß man sich in dieser Beziehung auf den Bundesrat nicht verlassen könne. Juckschwerdt-Magdeburg plädiert nochmals für unveränderte Annahme der Resolution. Bei der Abstimmung werden zunächst die ersten drei Ab- s ä tz e der Resolution, in welchen eine einjährige Uebergangs- frist gefordert wird, mit großer Mehrheit angenommen. Ueber Absatz 4, der eine Mindest-Uebergangsfrist von sechs Monaten fordert, wird namentliche Abstimmung veranstaltet. Sie ergiedt, daß dieser Absatz gestrichen wird. Ueber den folgenden Punkt der Tagesordnung: .�aufmannsgerichte" referiert sodann Kammersyndikus Schloßmacher- Offenbach: er giebt eine kurze Geschichte der Entstehung der Kaufmannsgerichte und geht dann auf den Deutsch-nationalen Handlungs« gehrlfen-Verband über, dessen gewaltige Eni- Wicklung in den letzten zehn Jahren nur seiner der Socialdemokratie verwandten radikalen Tendenzen. denen er ein antisemitisches Mäntelchen umhängt, zu verdancken hat. Redner führt aus, daß er in Bezug auf die Angliederung der Kauf mannsgerichte an die Amtsgerichte und die Frage der Wahl bezw. Ernennung von Beisitzern zu diesen Gerichten aus dem- selbm Standpunkte stehe wie stüher. Er empfiehlt eine Restlutton, die sich gegen die Bildung von besonderen Kaufmanns- gerichten ausspricht, falls aber solche doch gebildet werden sollen, derrn Angliederung an die Amtsgerichte fordert. Syndikus Dr. Hatschek- Frankfurt a. M. polemisiert gegen den Vorredner.©S handle sich hier um große Gruppen wirtschaftlich Schwacher, denen geholfen werden müsse. Die vom Vorredner be- fürchtete Störung der Rechtseinheit werde kaum eintreten. Syndikus Dave- Berlin warnt vor einer Zersplitterung der Rechtskräfte und stimmt den Ausführungen des Referenten Schloß- mich» zu. Er trrtt für das aktive Wahlrecht der weib- lichen Angestellten ein. An dieser Forderung sei die Vor läge im Reichstage beinahe gescheitert. Und da konnte man als Schlußwort von beiden Seiten hören:.Sta. schadet mchtS I' tHeiteckeit.) Syndikus Hindenberg- Minden erklärt, seine Handelskammer «erde gegen die vorliegende Resolutton sttmmen. Die Gewerbe- gerichie ebenso wie die Einigungsämter hätten sich als Wohlthat erwiedn. Dr. K e m m e r- Regensburg plaidiert für Annahme der Resolttion. Syndikus Dr.L oh mann-Görlitz bittet, der Resolution einen PaffuS hinzuzufügen, daß der Handelstag auf keinen Fall die direkte und geheime Beisitzerwahl billigt und in dieser Beziehung entgegen den KommissionSbeschlüssen auf dem Boden der Regierungsvorlage steht._ Ein Schlußantrag wird angrxommen. In seinem Schlußworte plädiert Referent Schloß- maher nochmals für unveränderte Annahme der Resolution. diedeun auch gegen vier Stimmen angenommen W ird. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung: „Berkehr mit Nahrungs- und Genußmitteln", reseurt in längeren Ausführungen Dr. Humann-Darmstadt. Die Durchführung des NahrungSmittel-Gesetzes von 187g habe zu Mißtänden geführt, die unbedingt Abhilfe erheischen. Redner geht die enzelnen Absätze der eingangs reproduzierten Resolution durch und empfiehlt deren Annahme. Es wird Punkt 1 der Resolutton einstimmig angenommen. Zu Punkt 2 der Resolutton beantragt Dr. v. Martins namens derHandelskammer Berlin zu setzen: Ausstattung des Bundesrats ode deS kaif. Gesundheitsamtes mit der Bestignis, im Ber or'nungswege Bestimmungen zu erlassen:c. Dr Kays er, Geschäftsführer des Bundes der Nahrungsmittel» äbrikanten, beantragt Beseittgung des Absatzes 2 der Resolution. fiese wird in der Slbsttmmung abgelehnt. Syndikus Schloß- macher beanttagt einen Zusatz, in welchem die Schaffung von Grundsätzen für die einheitliche Gestaltung der Nah- rungs mittelkontrolle gefordert und den Sachverständigen aufgegeben wird, durch Belehrung und Warnung für Aufklärung zu sorgen. Dieser Zusatz wird angenommen, ebenso der Rest der Resolutton. Dann werden die eingangs aufgeführten Vorschläge für die Wahlen in den Ausschuß einstimmig angenommen, worauf Geheimrat Frentzel die Versammlung schließt. Der Prozeß Ganswindt. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzenden Landgerichts- direktor Lauffer wenden sich die Erörterungen den von Gans- windt über seinen Flugapparat und die von ihm erlassenen Aufrufe und Einladungen zur fincmziellen Beteiligung au seinem Unternehmen zu. Der Angeklagte sucht auch hier darzulegen, daß er kein Schwindler, sondern zu den in seinen Äustufen enthaltenen Angaben und Ver- sprechungen durchaus berechtigt gewesen sei. Die Anteilscheme, die ausgegeben wurdep, lauteten auf 100 bis 1000 M. Er sei voll davon überzeugt gewesen, daß der Flugapparat eine kolossale Zukunft habe und namentlich für militärische Zwecke von unberechenbarer Bedeutung sei und den Anteilnehmern großen Gewinn in Aussicht gestellt werden konnte. Zu der Bildung des Schutzkomites sei er durch die gegen ihn gerichteten heftigen Zeitungsangriffe veranlaßt ivorden. Daß er mit seiner Erfindung nur so langsam vorwärts ge- kommen, sei darauf zurückzuführen, daß ihm allerlei Hindernisse berettet und Knüttel zwischen die Füße geworfen wurden. In einem Aufruf vom 6. April 1003 wurde den Anteilnehmern außer 5 Proz. Vorzugszinsen für je 100 Ml— 1000 M., für 300 M. — 3000 M. in Aussicht gestellt. Der Angeklagte bemerkt hierzu, daß er trotz aller Schwierigkeiten, trotz der Untersuchungshast usw. schon die Zinsen bezahlt habe, die erst am 1. April fällig werden. Nach den weiter vorgetragenen Schriftstücken ist Ganswindt vielfach mit den Militärbehörden wegen Förderung seiner Erfindung in Verbindung getteten. Am 3. Oktober wandte er sich mit einer Immediateingabe an den Kaiser. Diese wurde dem Kriegsministerium überiviesen, dies gab es an den Grafen Waldersee ab, von dort ging die Sache an das Eisenbahn- regiment. Dann äußerte sich der Oberst Knappe, noch bevor das Modell besichtigt worden war, dahin: daß die Abteilung ein Ein- gehen auf die Sache nicht für nötig halte, weil das Hauptmoment der Ersindung, der selbstthättge Motor, fehle und die Abteilung es ablehnen müffe, auf eine Erfindung sich einzulassen, mit der man, wie es in der Immediateingabe hieß, in 8 Tagen voin Nordpol zum Südpol fahren könne. Die Verwendbarkeit sei bei Herstellung in größeren Abmessungen vollständig ausgcschloffen und eine staatliche Unterstützung sei abzulehnen. Auch dem kühneu Gedanken des Herrn Ganswindt, einen Pulvermotor zu erfinden, näher zu treten, lehne die Abteilung ab.— Es ging daraufhin voin Kriegsminifterium der Bescheid an Ganswindt, daß eine staatliche Beihilfe zur Förderung seiner Ersindung nicht befürwortet werden könne. Alsdann wandte sich Ganswindt an das Geheime Civilkabinett; von dort wurde die Sache direkt an« den Generalstabschef abgegeben und Graf v. Schlieffen ordnete an, daß der Apparat Vertretern des Kriegsministeriums vorgeführt werden solle. Diese Vorführung fand am 7. Februar 1890 statt. Das Eisen- bahn-Regiment wurde zum Bericht aufgefordert: er ging dahin, daß der Apparat nicht dazu angethan sei, die Militärverwaltung zu einer Förderung des Unternehmens zu veranlassen. Daraufhin erhielt Ganswindt vom Gcneralstabschef v. Schlieffen den Bescheid, daß er mit Interesse von dem Flugapparat Kenntnis genommen habe, daß er aber für militärische Zwecke leider nicht verwendbar sei. Da der Angeklagte Ganswindt zur wetteren Verbesserung und zur Herstellung des Pulvermotc'.s keine Mittel mehr hatte, wandte er sich mit einem Gesuch au das Civilkabiiectt, ihm mindestens die Unkosten der Borführung zu ersetzen, da nunmehr sein letztes Geld draufgcgangcn fei. Er habe etwa 30 000 M. darauf verwendet und zwar 10 000 Vdark eignes und 20 000 Mi von Dost hergegebenes Geld. In der Eingabe an das Civilkabinett wurde auch der Bescheid des Generals o. Schlieffen erwähnt, aber nur der Vordersatz,„daß er mit Interesse Kenntnis genommen habe", mitgeteilt, während der Nachsatz weg- gelassen worden war. In der Eingabe war auch noch der Hinweis darauf enthalten, daß er sich der brutalen Macht der Thatsache» beugen müsse, aber jede Verantwortung von sich weisen müsse, wenn eine auswärtige Mpcht sich seiner Erfindung zum Schaden Deutsch- lands bemächtigen würde.— Darauf erhielt er einen sehr ablehnen- den Bescheid und das Civilkabinett bedeutete ihm, daß es die An- gelegenheit für endgültig erledigt betrachte. Ter Angeklagte hat später nochmals in einer Immediateingabe mit Rücksicht auf seine bedrängte Lage um Erstattung seiner Kosten gebeten. Der Angeklagte erklärt hierzu, daß, wenn der Chef des General- stabs von einer Flugmaschine, die das Volk immer als Hirngespinnst bettachtct,„mit Interesse Kenntnis nimmt", so sei das etwas ganz Kolossales und er habe das volle Recht gehabt, diese Kundgebung des Generals v. Schlieffen zu verwerten. In einem Bericht des Generalstabschefs an das Kriegsministerium heißt es, daß die Erfindung unter Zuziehung von Sachverständigen geprüft worden, aber als praktisch nicht verwendbar befunden worden sei. Dazu gehöre ein selbstthätiger Motor und es erscheine zweifel- Haft, ob Ganswindt im stände sei, einen solchen herzustellen. Eine Beihilfe könne nicht befürwortete tvcrden, da er aber in bitterer Not sich befinde, so iverde eine einmalige Unterstützung empfohlen. Darauf erging der Bescheid:„Wir haben keine Fonds dazu." Der Angeklagte schildert dann in sehr lebhafter Darstellung die Schwierigkeiten, die er auf Schritt und Tritt bei dem Ausbau seiner Erfindungen zu überwinden gehabt, die er aber unbeirrt und in festem Verttauen auf die Güte seiner Erfindungen überwunden habe. Die Rechtsanwälte Dr. S ch w i n d t und Ulrich suchen durch Vorführung verschiedener Stellen des Berichtes des Kommissars Rucks nachzuweisen, daß dieser in dem amtlichen Bericht doch sehr„ins Blaue hineingeschrieben" habe. Auf weiteres Bestagen der Verteidiger erklärt der Angeklagte daß ihm selbst seine Verhaftung bei seinen Teilhabern nicht geschadet habe, daß diese nach seiner Entlassung eine Resolutton zu seinen Gunsten gefaßt haben und aufs neue 200 000 M. gezeichnet worden seien. Auch sein Hauptteilhaber. Kammerherr v. Gersdorff, habe ein sehr wann gehaltenes Anschreiben an ihn erlassen. Der Angeklagte beklagt sich wieder auf Anregung der Verteidiger darüber, daß die Ullsteinsche„Morgenpost" seiner Zeit s e i n lenkbares Luft- schiff im Bilde vorgeführt und darunter geschrieben habe:»Das ist das Graf Zeppelinsche Luftschiff", und daß der„Lokal-Anzeiger" die Erfindung der Flugschraube Herrn Lilicnthal zugeschrieben und eine dagegen erlassene Berichtigung nicht aufgenommen habe. Auf Befragen des Vorsitzenden an den Angeklagten Schröder. inwiefern denn Kommissar Rucks ihn ungünstig habe stimmen wollen, erwidert dieser, daß Herr Rucks ihn bei seiner Vernehmung gefragt habe: Glauben Sie denn, daß das Unternehmen so viel Geld ab- werfen wird? Auf die bejahende Antwort habe Herr Rucks gesagt: Na, dann können Sie in Ihrem Glauben selig werden!" Die Vernehmung des Angeklagten Ganswindt ist hiermit beendet. Der Angeklagte Dost erklärt kurz, daß er das ihm zur Last gellte Flugblatt Äs Liöfllich des Schutzkomiws und langjähriger Teilhaber, der 20 000 M. hineingesteckt habe, veröffentlicht habe. Er habe darin nur Thatsache» mitgeteilt. Auch Angeklagter Schröder bestreitet, sich durch Veröffent- lichung des Flugblattes strafbar gemacht zu haben. Bei dieser Ge- legenheit wird das Verschwinden eines mit 100 M. deklarierten, nach Paris gerichteten Paketes, welches Schröder zum Zwecke der Ver- Wertung der französischen Patente an das französische Kriegs- Ministerium abgeschickt hatte, berührt. In dem Flugblatt wurde be- hauptct. daß Herr Rucks keinerlei Nachforschungen nach den Dieben angestellt habe. Es wird festgestellt, daß dies unrichtigi ist, da von der Kriminalpolizei thatsächlich Schritte nach dieser Richtung hin gethcrn sind. Im Anschluß an die Vernehmung des Angeklagten Schröder bemttragt Rechtsanwalt Ulrich eine Verlesung einer Stzelle aus den Personalatten Schröders, die beweisen solle, daß der Angeklagte zu den Ausdrücke»„raffiniert uwvahre Behauptungen" und„Er sei nicht der einzige Chikanierte" berechtigt gewesen sei. Was in dein dort enthaltenen Bericht eines Polizeibeamten, den Herr Rucks dem Angeklagten Schröder vor- gehalten, enthalten sei, sei doch das denkbar heftigste, was em Kriminalbeamter leisten könne.— Der Vorsitzende verliest diese,« Bericht, in dem es unter anderm heißt: Schröder besitze weder Bücher, noch Wäsche, noch Kleidungsstücke: was er auf dem Leibe habe, sei sein einziger Anzug: cr mache den Eindruck eines stellen- losen Menschen oder eines Kellners(Heiterkeit); einen regelrechten Beruf habe er nicht; er bummle des Abends viel in der Potsdamer- straße umher und sei entweder ein Pädcrast, Zuhälter oder Be- rrügcr.(Heiterkeit.) Sein Mittagbrot pflege aus Stullen oder Schrippen zu bestehen.(Heiterkeit.) Der Verteidiger betont, daß dieser Bericht sich gegen einen völlig unbescholtenen Menschen richtete, daß Herr Rucks dem Angeklagten diesen Bericht vorgehalten und von ihm verlangt habe, daß er ihm binnen 24 Stunden den Nachweis erbringen solle, daß er wirklich 20 000 M. als Teilhaber eingezahlt habe. Angeklagter Ganswindt beklagt sich noch darüber, daß er den Polizeipräsidenten von Schöneberg seiner Zeit zur Besichtigung seiner Apparate eingeladen, der Polizeipräsident ihm dann aber einen Polizeiwachtmeister zugesandt habe. Er pflege die ersten Geister zur Besichtigung einzuladen und nun habe man ihm einen Polizeiwacht- meisler geschickt!(Heiterkeit.) Wenn ferner die größten Zeitung«« ihren edlen Beruf darin suchten, einen armen Erfinder zur Strecke zu bringen und darin noch mit der Polizei zusammenwirke, so sei das doch nicht schöl«. Rucks habe gegen ihn, den Unschuldigen, ein Verfahren veranlaßt, in andren, ganz drastischen Fällen habe er dies aber nicht gethan. So habe er. Ganswindt, seiner Zeit eine öffent- liche Erklärung losgelassen, daß mm, die Expedition nach China doch viel billiger gestalten könne, wenn sie per Luftschiff vorgenommen werden könnte. Zu jener Zeit sei ihm nun etwas Sonderbares passiert. Neben seiner Versuchs- und Arbeitsstätte hatte sich ein Manu eine Laube gebaut und cr machte darin allerlei Schießversuche. Als er nun eines Tages ausging, sei ihm eine aus einem Tesching abgeschossene Kugel dicht am Auge vorbeigeflogen und in die Erde ge- drungen. Er habe eine Anzeige erstattet und sei darauf vor die Polizei vorgeladen worden. Dort habe man ihm gesagt, der Mann sei ein sehr tüchtiger Polizeibeamter und er schieße auf Sperlinge. Er habe darauf gesagt, er glaube das nicht, denn es sei schon so spät gewesen, daß die Speisinge überhaupt nicht mehr flögen.(Heiter- keit.) Man legte ihm nahe, die Sache doch auf sich beruhen zu lassen und er habe es auch gethan. Nach dem, was ihm später passiert sei. fasse er die Sache allerdings anders auf. Herr Rucks habe auch schwere Verbrechen nicht verfolgt. So war eines Tages ein Aiädchen aus dem Fenster gestürzt und sei tot liegen geblieben. Der Sache lag ein Verbrechen zu Grunde und Herr Rucks habe doch nichts ver- anlaßt.— Staatanioaltschaftsrat Mittag: Er habe das Ber» fahren eingeleitet, sobald er von dem Falle Kenntnis erhalten habe. Wer einen solchen Bericht zum Zwecke der Verhaftung eines Menschen verfaßt, der mache auch noch andre Sachen! Hierauf wird in die Beweisaufnahme cingetteten. Polizeipräsident Hamm acher bestreitet, daß er über den Angeklagten Ganswindt mit Zeitungsredakteuren gesprochen oder Nachrichten in die Zeitungen hineinlanciert habe. Im„Schöneberger Tageblatt", welches amtliches Publikattonsorgan sei, erschienen im lokalen Teil Artikel, die teilweise von Ganswindt selbst verfaßt waren, zu Gunsten der Ganswindtschen Unternehmungen lauteten und teilweise auch Ausfälle gegen die Schöneberger Polizei enthielten. Da Ganswindt Kummer» dieser Zeitung, in denen solche Artikel standen, zahlreich kaufte und diese dann mit dem Vermerk:„Das amtliche„Schöneberger Tageblatt" schreibt", in alle Welt gingen. so habe er, Zeuge, einmal mit Herrn Redatteur Brüning Rücksprache genommen und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß sich das mit dem amtlichen Charatter eines Blattes nicht vertrage; er würde eventuell in Erwägung ziehen müssen, was cr weiter zu thun habe.— Rechtsanwalt Ulrich meint, daß der Polizeipräsident doch keinen andern Einfluß auf das Blatt gehabt hätte, als daß er ihm eventuell die amtlichen Anzeigen hätte entziehen können. Redakteur Brüning vom„Schüneberger Tageblatt" bestätigt im allgemeinen die Aussage des Polizeipräsidenten, indem er hinzusetzt, daß er selbst Mitglied des Schutzkomitees sei. Er habe das Gefühl gehabt, daß die weitere Aufnahme Ganswindtscher Artikel ihm vielleicht schaden und dem Blatte vielleicht der amtliche Charakter entzogen werden könnte und deshalb habe er weiter keine Artikel aufgenommen. Zeuge P i n i a k, Inseraten- Redatteur des„Berliner Lokal- Anzeigers", bekundet, daß, nachdem Ganswindt aus der Hast ent- lassen worden war, ein von diesem aufgegebenes Inserat nicht mehr Aufnahme gefunden habe. Irgend eine Einwirkimg irgend einer außerhalb der Redaktion stehenden Stelle ans diese Nichtaufnahme habe nicht stattgefunden. Zeuge Oberst Cordier hat seiner Zeit das Ganswindtschc Unternehmen besichtigt und habe ihm gleich gesagt, daß er nur crns persönlichem Interesse und als Privatperson komme. Versuche mit den« Ganswindtschen Zweirad seien eine ganze Zeitlang durch Ordonnanzen angestellt worden und in einem Zeitungsartikel sei dann bald mitgeteilt worden, daß das Zweirad mit der Drahtachse sehr gut funttioniert habe. Nach seiner Ansicht sei das Rad ein vecht gutes, besitze aber doch nicht solche Vorteile, daß der ausschließliche Gebrauch der Drahtachsen empfohlen werden könne. Polizeihauptmann Vogel hat im September 1897 mit Gans- windt eine Probefahrt mtt einem Tretinotorwagen gemacht. Der Wagen hatte die bei Droschken gewöhnliche Geschwindigkeit. Der Mann, der den Motor trat, habe sich, als das Terrain etwas an- stieg, so sehr abquälen müssen, daß er krebsrot im Gesicht war und er selbst anregte, die Fahrt zu unterbrechen. Er erinnere sich noch, daß sowohl er als Herr Ganswindt Cilynderhüte ttugen und daß, als sich der Treter so sehr quälte, die Leute auf der Sttaße faule Witze machten und dem Manne zuriefen:„Sei doch nicht so dumm, laß doch die mit dem Cylinder treten!" Es haben sich bei der Probefahrt Mängel beim Bremsen und Lenken gezeigt. Ganswindt ist schließlich dahin be- schieden worden, daß der Wagen zum öffentlichen Fahrbetriebe sich nicht eigne.—Angeklagter Ganswindt widerspricht den that- sächlichen Darlegungen des Zeugen. Rittmeister a. D. v. W e n tz k i hat das Ganswindtsche Eta- blisseinent besichttgt und sich selbst ein Drahtachsenrad angeschafft. Er ist sehr zufrieden damtt und hält es für besser wie die Naumburger und amerikanischen Räder. Trr habe sich finanziell nicht an dem Unternehmen beteiligt. Ein Luftschiff müsse«md werde erfunden werden, die Ganswindtsche Erfnidung habe eittschieden Aussicht, zum Ziele zu führen, aber lvenn man Geld dafür hingebe, müsse mm» daraus gesagt sein, daß& rMint sei. Unter einigen weiteren unwesentlichen Zeugen bclun-dete der Agent für Schaustellungen(Hagenbeck usw.), Herr Palm, dah er sehr viel von den Ganswindtschen Erfindungen halte und wiederholt mit ihm korrespondiert habe, um ein Tourue damit zu Ncranstalten. Solche Tinge müssten gegen Entree weiten Kreisen gezeigt werden und ihm sei es nicht zweifelhaft, dah auf diese Weise die Zinsen des in das Unternehmen gesteckten Kapitals(nach Ganswindts An gäbe 700 000 M.) eingebracht werden können. Hierauf tritt eine Pause bis 4 Uhr ein. Nach Wiedereröffnung der Sitzung wird Verleger Rudolf Mosse vernommen: Die Stellung des„Berliner Tageblatt" gegenüber dem Angeklagten Ganswindt entspreche der Aufgabe der Zeitung, vor allen zweifelhaften Unternehmungen, die geeignet sind, das Publikum zu schädigen, das Publikum zu warnen. Es sei ganz ausgeschlossen, dah die Haltung des Blattes irgendwie abhänge von dem Geben oder dem Entziehen von Jnseraten-Aufträgen: davon könne gar keine Rede sein. Der Kriminalkommissar Rucks sei ihm gänzlich unbekannt und auch der Polizeipräsident von Schöneberg habe in seinem Blatt keinesfalls Stimmung gegen GanSwindt gemacht. Ob ein Reporter Jnforniationen bei der Polizei eingezogen habe, könne er nicht wissen. Im übrigen sei er auch für diese Frage gar nicht zuständig, sondern der für den betreffenden Teil verantwortliche Redakteur. Eine generelle Anweisung, gegen Ganswindt Artikel zu veröffentlichen, habe er nicht gegeben. Im übrigen habe Herr Ganswindt gegen ihn und eine ganze Reihe von Redakteuren, wie Dr. Moritz Friedländer, Fritz Engel und sogar den verstorbenen Schmidt-Cabanis Privatklage angestellt. Rechwcni Walt III I ft e in als Verleger der„Morgenpost" weih nur, dah die„Morgenpost" einige Artikel gegen Ganswindt ver- offentlicht habe. Aufforderungen polizeilicherseits, Artikel gegen Ganswindt zu veröffentlichen, feien nicht ergangen, ob Reporter mit der Polizei in Verbindung gestanden haben, wisse er nicht, könne er auch nicht wissen. Den Aussagen dieser beiden Zeugen tritt der Angeklagte wieder- holt mit so großer Heftigkeit entgegen, daß der Borsitzende erklärt, mit ihm nicht weiter verhandeln zu können, wenn er sich nicht mäßige und der Staatsanwalt eine Ordnungsstrafe androht. An- geklagter Ganswindt erklärt, daß die Blätter dieser beiden Zeugen ihn fortgesetzt gereizt haben. Es wird alsdann Kriminalkommissar Rucks vernommein Er sei durch zwei Strafanzeigen wegen Betruges dazu gekommen, sich mit den GanSwindtschen Erfindungen zu beschästigen. für welche m Annoncen und Aufrufen die größte Reklame gemacht und den Teilhabern goldene Berge versprochen wurden. Er wisse, dah auch der jetzige Polizeirat Liß schon einmal eine Anzeige gegen Ganswindt bearbeitet habe und dah auch der Herausgeber des be- kannten„Buches der Erfindungen" den GanSwindtschen Flugapparat als Schwindel betrachte. Er sei dann nach Schöneberg hinausgegangen, habe sich die Sachen angesehen und darauf den Bericht, um den es sich hier handelt, erstattet. Wenn er davon gesprochen habe, daß in den Flug- blättern und Prospekten G. immer nur Zeitungsberichte, nicht aber die Urteile von Fachmännern abgedruckt seien, so habe er wesentlich nur an die Mitteilungen an die Teilhaber gedacht.— Der Vor- sitzende hält dem Zeugen vor, daß in den Prospekten und Flug- blättern doch auch Gutachten von Sachverständigen, insbesondere auch das Anerkennungsschreiben des Grafen Schlieffen abgedruckt worden sei. Er habe bei seinen Ermittelungen weder vorher noch nachher mit irgend einer andern Person in Verbindung gestanden oder von irgend einer Person dazu angestiftet worden sei. Er habe sich auch keiner Mittelsperson bedient, sondern sei vollständig allein an die Ermittelungen und die Erledigung herangegangen. Er habe auch keinem Herrn von der Presse' direkt irgend welche Informationen und Aufträge gegeben. Als die Verhaftung des G. bekannt geworden, sei er natürlich von Reportern über- laufen worden und es sei nicht unmöglich, dah die Reporter aus den Gesprächen mit Beamten Stoff zu Artikeln entnommen haben: er habe ihnen aber direkt nichts gegeben. Den Wachtmeister, den er einmal zu einer Vorführung des Ganswindt geschickt, habe er nicht etwa als Gutachter entsandt, er hatte vielmehr— da er selbst mit Arbeiten überhäuft gelvesen— nur den Auftrag, nach- zusehen, ob es sich um etwas Neues handle oder ob es die alte Sache sei. Für den Bericht des Schutzmanns, der den An- geklagten Schröder observiert habe, sei er nicht vcrant- wörtlich. Er bestreitet trotz vielfacher Vorhaltungen der Rechtsanwalts Dr. Schwindt und Ulrich, daß er chikaniert habe. Der Zeuge behauptet, dah alles, was in seinen Berichten stehe, teils auf seinen eignen Wahrnehmungen beruhe, teils auf Mit- teilungen zuverlässiger Personen, teils auf seiner eignen lieber- zeugung beruhte, die er aus alledem gewonnen habe, was ihm be- kanut geworden sei. Auf die Frage der Verteidiger, wieso er dazu kam, zu behaupten, dah Ganswindt darauf hinarbeite, für verrückt erklärt zu werden, antwortet der Zeuge: Ihm sei von verschiedenen sachkundigen Leuten gesagt worden, wenn Ganswindt nicht ein raffinierter Betrüger ist, dann muh er verrückt sein. In der Geldftage sei er sehr vorsichtig gewesen. Das Geld, welches in dem Portemonnaie vorhanden war, sei sofort in Gegenwart zweier Schutzleute und eines Buchhalters gezählt und es seien 408 M. als Inhalt festgestellt worden. Nachdem die beiden Schutzleute den An- geklagten Ganswindt abgeführt hatten und wieder zurückkehrten, übergaben sie ihm zwei Tausendmarkscheine, die G. in seiner Brief- tasche bei sich hatte. Dann sei in Gegenwart der Frau G. der Geldschrank geöffnet und festgestellt worden, daß dort 213 Mark vorhanden waren! Außerdem lagen noch allerlei Papiere und Schreibereien in dem Geldschrank in großem Ehaos durcheinander, die an Ort und Stelle nicht ge- sichtet werden konnten. Er habe aus alledem ein Paket gemacht, das- selbe versiegelt und ihm die Aufschrist„Geldschrank" gegeben. Als nun behauptet wurde, dah ein Wertpapier in Gestalt einer Aktie fehlte, sei das Paket hier bei dem Untersuchungsrichter Reuter geöffnet und dabei das Wertpapier vorgefunden und herausgegeben worden. Es sei also alles durchaus korrekt erledigt worden.— Rechtsanwalt Dr. Schwindt: Wie kommt der Zeuge zu der Be- haupwng, dah Herr Ganswindt an Wohlleben gewöhnt sei und sein Wohlleben forffetzen wollte?— Zeuge: Nun, wenn man Herrn Ganswindt sieht, dann wird man doch sagen, dah er nicht schlecht aussieht.(Heiterkeit.) Eine Familie mit sieben Kindern kostet doch eine große Portion Geld, das weiß doch jeder. Ganswindt(erregt): Ich glaube auch ein Recht zu haben, besser zu leben; meine Teilhaber sind damit durchaus einverstanden, sie wollen, dah ich so lebe, um Herrn Rucks gewachsen zu sein. Der Angeklagte bezichtigt den Zeugen in verschiedenen Fällen der Unwahrheit. Der Zeuge erwidert, dah nicht er, sondern Ganswindt mit Unwahrheiten operiere. Wie weit dies gehe, zeige ein Bericht des Herrn G. vom 17. März d.J., in welchem G. von ihm behauptet, er habe ani Hinterkopf eine Verletzung gehabt und daraus erkläre sich wohl so manches. Alles was Herr G. in dieser Beziehung behaupte, sei unwahr, denn er habe keine Verletzung am Hinterkopf erlitten.— Angekl. G.: Er hat ja heute noch eine kahle Stelle, die nur überfrisiert ist.(Heiterkeit.)— Zeuge: Ich hatte einfach eine kreisförmige Haarkrankheit und auf der Stelle sind neue Haare gewachsen.(Heiterkeit.)— Präs.: Da müßte also jeder, der ein« Platte hat, eine Kopfverletzung gehabt haben.(Große Heiterkeit.)— Angekl.: Ich bleibe dabei, daß es unerhört ist, dah der Zeuge auf Grund solcher Behauptungen einen Familienvater von sieben Kindern ins Gefängnis bringen will.— Zeuge: Wenn ich meine Pflicht zu erfüllen habe, kann ich nicht darauf Rückficht nehmen, ob jemand sieben oder zwanzig oder gar keine Kinder hat. Nachdem die Rechtsanwälte Ulrich und Dr. Schwindt noch eine ganze Reihe von Fragen an den Zeugen gerichtet und Angeklagter G a n's w i n d t mit erregter Stimme besten Behauptungen zu widerlegen gesucht hat, wird diese Zeugenvernehmung vorläufig abgeschlossen. Der nächste Zeuge Landwirt G u d e ck gehört zum Schutzkomttee und stellt den Bestrebungen des Angeklagten das glänzendste Zeugnis aus. Physiker He itcheu hat sich selbst davon überzeugt, daß die Erfindungen Ganswindts nach der physikalischen, technischen und physiologischen Seite interessant und von allgemeiner Bedeutung feien. Aehnlich äußert sich ein Fabrikbesitzer V e h r e n d, der auch zum Schutzkomitee gehört. Nach Vernehmung eines Gärtners, der bekundet, daß sich der Flugapparat gehoben habe, wird eine Zeugin vernommen, die be- srätigen soll, dah bei einem offenbaren Verbrechen(Sturz eines stiudes aus dem Fenster) Herr Rucks nichts veranlaßt habe. Diese Erörterungen finden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Hierauf wird um 7l/z Uhr die Verhandlung auf Sonnabend 9 Uhr vertagt._ Berliner partei-Hngelegenbeiten. Zur Lokalliste. Der Arbeiterschaft stehen jetzt folgende Lokale zu Versammlungen zc. zur Verfügung: Rauchfaiigswerdcr: Restaurant„WaldhauS", Inhaber: Rutkowski. Neue Mühle: Restaurant Ball müller. Friedrichs selbe: Restaurant„Lindenpark", Wilhelmstr. It. Die Lokalkommission. Erster Wahlkreis. Am Sonntagmorgen 8 Uhr findet eine Flugblattverbreitung statt: die Parteigenossen deS ganzen Kreises werden ersucht, sich pünktlich bei Weihnacht, Grünstr. 21 und bei Hahn, Stralauerstr. 48. einzufinden. Die Vertrauensleute. Dritter Wahlkreis. Sonntag früh 8 Uhr findet eine Flug- blattverbreitung statt. Die Parteigenossen werden ersucht, sich pünktlich und zahlreich in den nachstehend verzeichneten Lokalen einzufinden: Schnieder, Admiralstr. 2l, Krüger, Raunynstr. 54, Flick, Simeonstr. 23, Zacharowsky, Brandenburgstr. 49, Stramm, Ritter- straße 123, Mendt, Alexandrineustr. 39. Ladewig, Kommandanten- strotze 65, Sckneidcr, Sebastianstr. 7 im Keller, Lepke, Prinzenstr. 59, Marquardt. Köpnickerstr. 113a, Bowitz, Engel-User 13, Lenz, Alte Jakobstr. 69, Otto Götze, Wallstr. 36. Alt-Glieuecke. Heute abend hält der Wahlverein seine Ver- s a m m l u u g ab. Genosse Alberti referiert. Zahlreicher Besuch wird erwartet. Klein-Schönebcck-Fichtcnau. Sonntagnachmittag 3Vz Uhr findet bei Clasen, Schöneiche, eine Volksversammlung statt, in der Genosse Welk einen Vortrag hält und die bevorstehende Stich- wähl erörtert wird. Zahlreicher Besuch ist geboten. lokales. Die Stadt und die Große. In Sachen der Feststellungsklage der Stadt Berlin gegen die Große Berliner Straheubahn-Gesellschaft wegen der geplanten Untergrundbahn Potsdamerplatz— Spittelmarkt ist kurz vor dem ersten Termin, der infolge dessen vertagt werden muh, eine nicht weniger als 200 Schrift'seiteu umfassende Klage- beantwortung von den, Syndikus F. Wusiow der beklagten und protestierenden Gesellschaft dem klägerischen Anwalt Justizrat Krause zugestellt worden. In der Klagebeautwortung wird auf ein bei- gefügtes, ebenfalls sehr umfangreiches BcwciSmaterial, bestehend in Tabellen, Statistiken usw. Bezug genommen. Es ist so umfang- reich, dah die Prüfung usw. und Beantwortung der verschiedenen Punkte der gegnerischen Behauptungen und Ausführungen vermutlich längere Zeit in Anspruch nehmen wird. In jedem Falle werden die Recht behalten, die behauptet habe», die Sache kann recht lange dauern, vielleicht noch länger als die Prozesse um die Gültigkeit der alten Konsistorial- Ordnung von 1573, die schließlich noch das Reichsgericht beschäftigt haben, nachdem sie jahrelang bei den unteren Instanzen geschwebt hatten. Der systematische» RcchtSberaubung socialdculokratischcr Geuicindc- verordneter wird iir der„Freisinnigen Zeitung" der Herren Richter und Fischbeck mit Feuereifer daS Wort geredet. Das Blatt empfiehlt rund heraus, auf Grund des 8 75 der Städte-Ordnung durch einen gemeinsamen Beschluß des Magistrats und der Stadtverordneten- Versammlung nnsre Partcigenosjcn Ho ff mann und Augustin von ihrem Amte zu entbinden. Weiter aber schreibt das Scharf- macherblatt: Darüber hinaus aber wird sich vor Neuwahlen von Mit- gliedern von Verwaltungsdeputationen in Berlin und an andren Orten empfehlen, darüber sich klar zu werden, ob oder wie weit es überhaupt noch möglich ist, Socialdemvkraten in Ver- w a l t u n g s d e p u t a t i o n e n zu entsenden. Zunächst geht die Socialdemoiratie in manchen Verwaltungszweigen vielfach von ganz andren Grundsätzen aus, wie die bürgerlichen Parteien, deren Vertreter als Mehrheit das Recht haben, ihre Grund- sätze der Verwirklichung entgegenzusühren. Man spannt aber nicht Pferde zugleich vor und hinter den Wagen. Auch wo Verschieden- heilen in den Verwaltungsgrundsätzen selbst nicht in Frage kommen, aber wie im vorliegenden Fall in der Verwaltungs- thätigkeit das Bestreben hervortritt, die Zwecke der Verwaltung der Partei-Agitation und der Untergrabung der Orb- nung unterzuordnen, ist der Ausschluh der Socialdeniokrateu von den Berwaltungsdeputationen gerechtfertigt. Selbst der einfachste Menschenverstand begreift, dah mau den Bock nicht zum Gärtner setzen kann. Die„Freisinnige Zeitung" scheint bei der naiven Ausplauderung der letzten Ziele des Kommunalsrcisinns ganz zu vergessen, daß die von ihr vorgeschlagene Gewalt'that in früheren Jahren mehr oder weniger unverblümt geübt worden ist. Widerwillig und notgedrungen hat man neuerdings erst social- demokratischen Stadtverordneten den Eingang zu Deputationen geöffnet, von denen sie früher absichtlich fern gehalten wurden, weil man Scheu trug, sich in die Karten gucken zu lassen. Auch diese schnöden Gewaltmahregeln haben der städtischen Ver- waltung Berlins den bösen Ruf verschafft, den sie außerhalb des reisinnigen Scharfmacherklüngels überall genießt. Der nun wieder in Empfehlung gebrachte, den früheren sächsischen Kammerpraktiken ähnliche Brutalitätsstandpunkt hat weiter die Wirkung hervor- rufen helfen, dah genau wie in Sachsen auch hier die Masse der Bevölkerung im Gefühl ihrer Rechtlosigkeit sich zur Social- demokratie bekennt und der herrschenden Clique mit einem für diese befchämenden Mangel an Achtung begegnet. Hat der von Wut und Hilflosigkeit diktierte Vorschlag der„Freisinnigen Zeitung" also bereits seinen Bankrott hinter sich, so wird er, wenn man sich wirklich erdreiften sollte, ihm von neueni zur Existenz zu verhelfen, bei uns nur einer h tl m o r i st i s ch e n Auffassung begegnen, lind zwar deswegen, weil er in einer Körperschaft, die fast zun» vierten Teil aus Socialdemokraten besteht, eine Wirkung haben muh, an die der herrschende Freisinusklüngel schon jetzt mit Grauen denken sollte. Wilhelm II. und der Norddeutsche Lloyd. Während die Paket- sahrt-Gesellschaft in Hamburg auf Grund einer telephouischen An- Weisung deö Kaisers den Abgebrannten in Aalcsund Hilfe darbrachte, hat ihr Konkurrent in Bremerhaven, der Norddeutsche Lloyd, dem Kaiser den ReichSpostdampfer„König Albert" zu einer Vergnügungsfahrt nach den Gestaden deS Mittelmeeres zur Verfügung gestellt. Diese Vergnügungsfahrt, die natürlich einen rein privaten Charakter trägt, ind'ct gegenwärtig statt und hat zur Folge gehabt, dah der Kaiser >en Generaldirektor vom Lloyd, den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, sowie einige andre Beamte dieser Gesellschaft mit mehr oder minder hohen Orden des preuhischen Staates erfreute. Weiter hat der Kaiser in einem Telegramm an den Generaldirektor sich über die Einrichtung und die Leistungen des ihm zur Verfügung gestellten Schiffes äußerst lobend ausgesprochen. Es heißt in diesem Telegramm: „Am Schlüsse meiner Reise auf dem mir vom Norddeutschen Lloyd zur Verfügung gestellten ReichSpostdampfer„König Albert" ist es mir eine Freude. Ihnen meine volle Anerkennung auszusprechen über die guten Leistungen des Schiffes, dessen umsichtige Führung und das vortreffliche Verhalten der gesamten Besatzung. Der innere Betrieb hat mir und meiner Umgebung gezeigt, in welcher Voll» kominenheit auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyd für die Reisenden gesorgt i st. Ich bin voll befriedigt von meinem in jeder Beziehung praktisch und bequem eingerichteten Ouartier, dem wohlthuenden und angenehmen Aufenthalt an Bord sowie dem prächtigen Verlauf der ganzen Fahrt." Nach diesem Telegramm scheint es nicht, daß Wilhelm II. auch das Zwischendeck und seine Einrichtungen besichtigt hat. Der Kanipf gegen das Polentum, so rücksichtslos und leiden- schaftlich er von der Regierung geführt wird, findet eine Schranke, sobald wenigstens dem Proletarier gegenüber der Profit in Frage kommt. Gegenwärtig wird von Potsdam nach Caputh eine Bahn gebgut. Die Bevölkerung hoffte hierbei auf eine günstige Arbeits- gelegenheit, doch war die Enttäuschung groß, als den um Be- ichäftigung anftagenden Arbeitern erwidert wurde, dah man sie nicht gebrauchen könne. Es seien polnische Arbeiter eingestellt, die schneller arbeiteten als die deutschen. Die deutschen Arbeiter in der Mark sind durch solche Antwort natürlich zu der Einsicht gekommen, daß auch die Förderung des Deutschtums nicht bei der nationalen Regierung, sondern bei der S o c i a l d e m o k r a t i e zu finden ist, und ziehen die Konsequenzen aus dieser Thatsache. Auch protestieren sie dagegen, dah die Polen sie in der Arbeit an Schnelligkeit über- treffen. Sie geben aber einen andern gegen sie sprechenden Um- stand zu, nämlich den, daß sie mehr aus die Wahrung ihrer Menschen- würde bedacht find als die in der Kultur recht weit zurückstehenden polnischen Arbeiter. Die Brandenburgische Städtcbahn wurde am Freitag dem Ver- kehr übergeben. Die Städte Brandenburg a. H., Pritzerbe a. H., Rathenow, Treuenbrietzen, Neustadt a. d. Dosse ic. hatten Flaggen- schmuck angelegt, die mit Fähnchen geschmückten Lokomotiven und Wagen der ersten Züge wurden in allen Orten von der Einwohner- schaft begrüßt und die Insassen mit„Hurra" empfangen. Für die Mark Brandenburg bedeutet die neue Elsenbahn einen großen Fort- schritt in der Entwickelung des Verkehrs. Rouiane und Erzählungen für das arbeitende Volk bringt die illustrierte Wochenschrift„In Freien Stunden", von der Heft 13 heute ausgegeben wird. Das Heft bringt die Fortsetzung von GerstäckerS Roman„Die Fluhpiraten des Mississippi" und der spannenden Erzählung„Gabriel Lambert, der Galeerensklave" von A. Dumas. Als kleinen Beitrag enthält dieses Heft„Heuchelei in der Tierwelt". Ain 1. Januar hat ein neues Abonnement begonnen, auf das wir unsre Leser auftnerksam machen. Bestellungen nehmen alle Parteibuchhand- lungen, Parteikolporteure und die Parteispeditionen entgegen. Die Hefte erscheinen wöchentlich je 24 Seiten stark zu 10 Pfennig. Bon der elektrischen Straßenbahn überfahren und getötet wurde am Freitag ein Knabe im Alter von fünf Jahren vor dem Hause Swinemün'derstraße 52. Da es nicht möglich war, das Kind zu be- freien, wurde die Feuerwehr bcnachrichrigt. Der dritte Zug unter Leitung des Brandmeisters Blicsener erschien mit Winden und holte den Knaben, der leider schon tot war, unter dem Wagen hervor. Die kleine Leiche wurde der Polizei übergeben. Wen die Schuld an dem traurigen Unfall trifft, muß die Untersuchung ergeben. Das Publikum in leicht begreiflicher Erregung nahm gegen den Fahrer Partei. Eine neue Einsturzkatastrophe. An der Stcphans-Kirche, an der Ecke der Soldinerstrahe und der Prinzen-Allee, wird die Prinzen- Allee verbreitert. Aus diesem Gnmde mußten auch die Fernsprech- kabel verlegt werden. Gestern morgen waren mehrere Arbeiter des Steinsetzmeisters Hirsch aus der Jnvalidenstr. 160 damit beschäftigt, dicht am Bauzaun der Stephans-Kirche einen 80 Ccntimetcr breiten Laufgraben auszuwerfen, um die Kabel herauszunehmen. Während sie in dem Graben standen, gab plötzlich gegen 8 Uhr das Erdreich nach und preßte sie so fest ein, daß sie nicht mehr entweichen konnten. Gleich darauf, ehe noch Anstrengungen gemacht werden konnten, sie auszugraben, stürzte der Bauzaun nach und schlug die Leute nieder, so daß sie nun auch noch zwischen Zaun und Erdreich, zum Teil auch den Granitplatten, die den Bürgersteig gebildet hatten, eingeklemnit lagen. Zum Unglück lagen gleich hinter dem Zaun einige Tausend Mauersteine aufgestapelt. Auch diese fielen nach und vermehrten die Last, die auf den Verschütteten lag. Die Verunglückten schrien uni Hilfe und die Arbeiter�vom Kirchenbau. Telephonarbeiter und andre sprangen ihnen gleich bei. Als die mit drei Zügen nach der Unglücksstelle ausrückende Feuerwehr ankam, waren die Retwngs- arbeiten im wesentlichen beendet. Der 46 Jahre alte Arbeiler Hermann Dreßling auS der Müllerstr. 50, der das Bewußtsein verloren hatte, war so arg zugerichtet, dah er kaum mit dem Leben davon kommen wird. Er hat außer inneren schwere Verletzungen am Kopfe und an der Brust erlitten. Dreßling ist verheiratet. Vater von drei Kindern und schon seit acht Jahren bei Hirsch beschäftigt. Schwer verletzt wurde auch der 52 Jahre alte Arbeiter Gustav Liedcke, der in der Stargarderstr. 21 bei seiner Schwester wohnt und seit sechs Jahren bei Hirsch arbeitet. Er zog sich ebenfalls innere Verletzungen und schwere Oueffchungen an den Ober- und Unterschenkeln zu. Diese beiden Verunglückten wurden mit einem Lückschen Rettungswagen nach dem Lazarus-Krankenhanse gebracht. wo Dreßling noch besinnungs- los danieder liegt. Mit leichteren Verletzungen kam ein jüngerer Arbeiter Hermann Raasch aus der Wichertittaße davon. Er konnte zur Arbeit zurückkehren, nachdem er au' der nächsten Unfallstatton einen Verband erhalten hatte. Die Unfallstelle wurde von Polizeibeamten, Oberpostinspektor Ulrich und mehreren Postinspektoren besichtigt. Die Arbeiten mußten eingestellt werden. Das Unglück hätte vermieden werden können, wenn die hirter dem Bauzaun liegenden Mauersteine vor Beginn der Ausschachtungs- arbeiten beseitigt und der Graben abgesteift worden wäre. Die Opfer der Profitwut. Zu dem B a u- U n f a l l in der „Flor a" wird uns heute mittag berichtet, dah es den Verunglückten verhältnismäßig gut geht. Bemerkenswert ist. daß der ftüher bei dem Abrih beschäftigt gewesene Polier aus Neu-Weihensee seirre Stellung aufgab, weil er die Verantwortung nicht länger trag-n wollte. Er verlangte für die schwierige Arbeit geschulte Leute ars Berlin, die aber mindestens 45 Ps. die stunde und Fahrgeld fordern. Da jedoch die Unternehmerin nicht mehr als 30 bis 40 Wennig die Sttinde und kein Fahrgeld geben wollte, so üierluß er seine Stelle vor acht Tagen einem Anderen. Ein schwerer Unfall bei einem Abbruch ereignete sich gestern morgen wieder auf dem Grundstück Vohstr. 27/28, das We:theim für seinen Erweiterungsbau gekauft hat. Hier glitt ein Acheiter August Hahnier im zweiten Stock auS, fiel in den Lustschacht sinab und verletzte sich am Kopfe so schwer, daß er nach der Ciaritö gebracht werden muhte. Wo der Verunglückte wohnt, weiß man noch nicht, da er noch nicht vernehmungsfähig ist. Die Boruntcrsuchung wegen des schweren E i s e n b ah n- Unfalls bei Teltow am 15. August 1908, die gegen die Lokomotivführer Karl Schuppe zu Halle a. S. und Franz Glesch zu Schöneberg geführt wurde, ist eingestellt worden. Auf Arttag der Verteidiger waren.außer dem von der Eisenbahnverwalung vorgeschlagenen Sachverständigen noch zwei andre Sachvcrstäwige gutachtlich gehört worden. Nachdem durch die Aussagen sich henus- gestellt hatte, dah ftüher als rechtzeitig das Brems- und das«tot- signal gegeben, daß aber an der Leitung zwischen der erstenund zweiten Lokomotive des Münchener v-ZugeS ein Schaden wr- gesunden wurde, vermochten alle drei Sachverständigen den beben Angeschuldigten irgend welches Verschulden nicht zur Last zu lqen. Das Landgericht II zu Berlin hat daher jetzt den Beschluß geaht, beide Angeschuldigte mangels jeglichen Beweises außer Verfolgmg zu setzen, und der Staatskasse die Kosten deS Verfahrens aufzuerlc en. Es wurde angenommen, dah infolge des erwähnten Schadens a» der Maschine die Westinghouse-Bremse versagt hat. Ihren Mlnm erstochen hat die 42 Jahre alte Handelsfrau Bertha ?eiffcr, geschiedene Liebig, geborne Böhning, aus der Alten Schön- hiuserstraße S2. Veranlassung zu der Blutthat gab ein Wortwechsel zdischen den beiden Eheleuten, Während der Gestochene sich das But zu stillen versuchte und dann mit seinem 11 Jahre alten Sohn »ch der nächsten Unsallstation ging, lief seine Frau auf den Flur hnaus und brüstete sich der Pförtnerfrau gegenüber damit, beiß sie „6 ihrem Alten einmal gründlich besorgt" habe. Pfeiffer erhielt mf der Unfallstalion in der Keibelstrasze einen Verband und ging dum wieder nach Hause. Zwei Tage später mutzte er nach dem Lizarus-Krankenhause gebracht werden. Dort starb er vorgestern. Sine Leiche wurde zur gerichtsärztlichen Oeffnnng beschlagnahmt, sene Frau gestern nachmittag um 6 Uhr von der Kriminalpolizei setgenommcn. Vermehrung der Nochlmrpostorte. Zum Verzeichnis der Nachbar- Pistorte, auf die der Geltungsbereich der Berliner Ortstaxe ans- gedehnt wird, hat der Reichskanzler soeben einen Nachtrag vollzogen lud damit in Kraft gesetzt. Zu den Nachbarpostorten Berlins kommen licl hinzu Mariendorf, Steglitz und Siidcnde. Mit 300<> M. durchgebrannt ist Donnerstagabend der 17 Jahre alt: Komtorist Otto Sänger vom hiesigen Reisebnreau„Courier", Uwer den Linden 56. Der junge Mann, der aus Wien hierher kam, vehuchte ohne Erfolg den Geldschrank zu öffnen, raffte dann beim Sälutz des Geschäfts zusammen, was er an deutschem und fremdem Gclde fand und verschwand mit der Beute, wahrscheinlich nach Lon- den. Er ist 1,76 grotz, hat ein braunes, länglich bartloses Gesicht, eine hohe Stirn, schwarze» Haar und rote Hände. Todesstnrz eines Berliner Arztes. Wie dem„B. T." aus Capri gemeldet wird, ist vom Monte Telegrafo bei Capri der Berliner Arzt Dr. Heinrich Levy abgestürzt. Seine Leiche wurde von Dr. Ewers, dem Berliner Schriftsteller, und dem Maler Hubert aufgefunden. Der Verunglückte, dessen Eltern in Friedenau wohnen, stand im 28. Lebensjahre und war als Assistenzarzt im städtischen Kranken- hause am Urban in Berlin thätig. Er befand sich seit dem 1. März auf einer Urlaubsreise in Italien. Vom Unglück verfolgt. Der 33 Jahre alte Arbeiter Ludwig Zimmermann aus der Friedenstr. 43 war ivegen Krankheit oft ohne Beschäftigung. Nackidem er zuletzt vierzehn Tage bei einem Kohlen- Händler Buchlvald gearbeitet hatte, mutzte er vor vier Tagen wegen starker Kopfschmerzen wieder aufhören. Am Donnerstag ging es wieder, und er fand Arbeit auf Tabberts Mörtelwerken in der Mühlenstratze. Als er abends mit einem Wagen in der Unterbauin- stratzc war und sich mit einem Pferde das nicht recht anziehen wollte, zu schaffen machte, schlug das Pferd aus und traf ihn am Unterkiefer und am Schädel. Schwer verletzt wurde der Unglückliche iir ein Krankenbaus gebracht, wo er gestern morgen starb. Er hinterläßt seine Frau mit drei Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren. Fenerbericht. In den letzten 24 Stunden hatte die Wehr über ein Dutzend Alarmierungen zu verzeichnen. Bauhilfe hatte sie auf dem städtischen Eckgrundslück Fischerstratze 36 und Miihleudamm zu leisten. Dort wird ein Neubau aufgeführt, dessen Fundamentiening wegen des hochstehenden Grundwassers sich schwierig gestaltet. Da die bisher benutzte Maschine nicht hinreichte, das vorhandene Wasser auszupumpen, so wurde die benachbarte Feuerwache an der Fischer- brücke dazu in Anspruch genommen, die niit ihrer Dampfspritze längere Zeit in Thätigkett trat und den Uebelstand beseitigte. Vor- her wurde sie nach der Rylesiratze 11 gerufen, weil hier ein starker Schwefelgeruch, dessen Entstehen sich die Hausbewohner nicht erklären konnten, große Beunruhigung hervorgerufen hatte. Einige Wehr- männer stellten jedoch fest, daß keinerlei Fcuersgcfahr vorlag und sorgten durch Oeffncn der Fenster für frische Luft. Gegen abend gingen in der Bocckhstrahe 12 Gardinen in Flammen auf, während in der Lichtcrfelderstratze 11 ein Schonfftcinbrand beobachtet werden mutzte. In der Kopenhagenerstratze 3 hatte der Fußboden und die Balkenlage Feuer gefangen, dessen Ablöschung längere Zeit in An- sprach»ahm. Nach dem Ringbahnhof in der Schönhauser Allee wurde die Wehr gerufen, weil hier ein mit Stroh beladencr Waggon in Flammen stand. Die Gefahr wurde leicht beseitigt. Unfug an, öffentlichen Feuermelder lag einer Alarmierung zu Grunde, die um Mitternacht aus der Görlitzerstr. 48 einlief. Der Thäter ist leider unernnttelt entkommen. Alle übrigen Feuermcldungen, die»och gestern erfolgten, waren auf ganz unbedeutende Anlässe zurück- zuführen._ Eine Berliner Schlaftänzerin. WaS München kann, leistet sich Berlin erst recht. Macht dort die Schlaftänzerin Madelaine von sich reden, so mutz man hier die gleiche Sensation haben; und da aus irgendwelchen Gründe» das Original den Jsarstrand nicht verlassen will, so lvird in der Stadt der Intelligenz eben ein Objekt entdeckt. Die zu diesem Zweck erkorene junge Dame, ein Fräulein G., gab gestern abend im Apollo-Theater ein Privatissimum, nachdem von zuständiger Seite erklärt und begutachtet worden loar, daß ihr Schlaftanz wirklich echt ist und keinerlei Mumpitz dahintersteckt. Unter anderm sollen verschiedene Nervenärzte sich für diese Echtheit verbürgt haben. Um die Duplizität der Ereignisse besonders augenfällig zu machen, trat die mit Spreewasser getaufte Schlaftänzerin in An- lehnung an ihre Miinchener Kollegin unrer dem Rame» Magdaleire an die vorläufig auf Aerzte und Redakteure beschränkte Oeffentlich- keit. Das von dem Impresario besorgte Hypnotisieren war mit zwei oder drei Strichen erledigt. Dann setzte sich ein Herr an den Flügel und spielte das schöne Lied„Heil dir im Siegerkranz". Fräulein Magdalene erhob sich mit geschlossenen Llugen und schritt mit einer Geste, die wir als patriotisches Wonnegefühl auslegten, feierlich daher. Als dann der kleine Cohn gespielt wurde, tanzte die Dame vergnügt im Schlafe; der Pilgerchor aus„Tannhäuser" löste pronipit das Empfinden der Ergriffenheit aus. Dann wurde der Schlafbann von den, Hypnotiseur gelöst und Fräulein Magdalene lachte wieder vergnügt im wachen Zustande. Aber bald wurde eine neue Hypnose über sie verhängt, die diesmal den Zweck hatte, den Zuschauern von den Gefühlen Andeutung zu geben, welche sich bei der Vorlesung mehr oder minder schöner Dichtungen in der Schlaftänzerin regen. Alö auch dies vorbei war. gab die Dame dem anwesenden Polizei- lieutenant über ihren Zustand geziemend Auskunft. Fragt man uns nun, ob die merkwürdige Eigenschaft der De- bütantin zu öffentlichen Produktionen taugt, so müssen wir entschieden mit Nein antworten. Ein Vergleich mit Jsadora Duncan ist weit von der Hand zu weisen, weil der künstlerische Wert des vorgeführten Schlaftanzes denn doch gar zu minimal ist. Besonders zweifeln wir daran, daß das an derbe Kost gewöhnte Publikum des Apollo- Theaters auf seine Rechnung kommt. Als Objekt für ein Panoptikum sollte die Dame sich aber zu schade halten. Theater. Die Direksion des Metropol-Thcaters hat ein besonderes Arrangement getroffen, damit die Besucher der letzten Sonntagsvorstellung den Bruchteil der grotzen Ausstattungs-Revue „Ein tolles Jahr" nachträglich noch kennen lernen, der infolge des KettcnbruchcS am eisernen Vorhang nicht mehr an jenem Abend zur Darstellung gebracht werden konnte. Es ist dies das vierte Bild: „Der neue Zapfenstreich" und das letzte Bild„Briefe die ihn erreichten"(Ballet). Dieser Schlntzteil geht am künftigen Sonntag. den 27. März, abends S'/z Uhr. als Separatauffiihrung in Scene. Jeder Interessent, der sein Billet vom letzten Sonntag vorweisen kann, hat zu dieser Ersatz-Aufführung Zutritt.— Die übliche Abendvorstellung der Revue beginnt an diesem Sonntag, den 27. März, ausnahmsweise um 8 Uhr.— In der neuen burlesken Operette, welche das Apollo-Theater vorbereitet, werden die ersten Kräfte dieser Bühne beschäftigt sein. Zu den Damen Grimm- EinödShofer. Anni Tharau und Ida Perry tritt noch Frl. Lucie Engelke vom Residenz-Thcater in Köln, und das Terzett der Herren Robert Steidl, Martin Kettner und Arnold Ricck erweitert sich durch das Gastspiel Alfred Schmasows vom hiesigen Schiller-Theater. ?Ziis den Nacbbaroi'ten. Wilmersdorf. Nur noch heute, Sonnabend, findet in den Stunden von 16 bis 2 Uhr und von 4 bis 8 Uhr die Wahl zur Gemeindevertretung statt. Wahllokal ist der Victoriagarten, Wilhelmsaue 114. Wer sein' Wahlrecht noch nicht ausgeübt hat, mutz dieser Pflicht auf alle Fälle heute nachkommen. Zu wählen sind in der dritten Abteilung sechs Gemeindevcrordnete. Es sind von socialdemokranscher Seile anfgestelll 1. zur Wahl auf sechs Jahre als Ergänzung a) für die tnrnnSmätzig ausscheidenden Gemeinde- verordneten: Apotheker Oskar A d l e r und Gastwirt August N a t u s ch, b) für die ausgelosten Gemeindevcrordnetcn: Stukkateur Max G i e b l e r und Gastwirt Paul Hilpert, 2. auf vier Jahre als Ersatz: Drechsler Emil Kiefer, 3. auf vier Jahre zur Vermehrung: Redakteur Wilhelm Schröder. Es ist erforderlich, daß die Namen der Kandidaten am Wahltisch genau in der Reihen- folge abgelesen werden, in der sie hier und auf den im Wahllokal verteilten Stimmzetteln verzeichnet sieben. Die Parteigenossen in Berlin werden ersucht, ihre dort arbeitenden Kollegen aus Wilmers- dorf an ihre Wahlpflicht zu erinnern. Es ist besonders am heutigen Tage eine unausgesetzto Agitation notwendig, wenn der Socialdemokratie die in Frage stehenden Mandate im ersten Wahlgange zufallen sollen. In einer am heutigen Abend 9 Uhr bei Witte, Berlinerstr. 46, stattfindenden Volksversammlung wird das Wahlresultat verkündet werden. Charlottenburg. Kunstschätze im Werte von einer halben Million Mark sind, wie wir nachträglich erfahren, bei dem von uns bereits in voriger Nummer erwähnten Wohnungsbrande in der M a a tz e n st r. 3 zu Charlottenburg vernichtet worden. ES waren das alte Meisterwerke, Gobelins, kostbare Oelgemälde, Aquarelle, wertvolle Elfenbeinschnitzereien und sonstige Kunstgegenstände, die der bekannte Gelehrte und Forscher Geheimrat v. K a u f m a n n auf seinen Forschungsreisen durch Holland, Italien und Frankreich mit schweren Geldopfern erworben hatte und in seiner Gartenvilla aufbewahrte. An und für sich war das im ersten Stock durch eine Gasflamme ausgekommene Feuer nicht beträchtlich, denn cS konnte von der hiesigen Ostwache unter Brandmeister v. Leupold mit Eimern ausgegossen werden. Gerade dieses Löschmittel wurde gewählt, weil man annahm, datz durch große Wassermengen noch weit mehr Schaden angerichtet würde. Es ist für Herrn v. Kausinann ein un- ersetzlicher Verlust, da seine berühmte Sammlung von Meisterwerken und Kunstgcgenständen teils durch das Feuer, teils durch den Rauch und das Wasser wertlos geworden ist. FriedrichShagcn. Bei der am Donnerstag stattgcfundenen Ge- meindewahl für die dritte Abteilung des zweiten Wahlbezirks wurde Genosse Otto Barth mit 231 Stimmen wiedergewählt. Noch in letzter Stunde war in einer vom Nationalen Verein ein- berufenen, von dreizehn Personen besuchten Versammlung ein Gegen- kandidat aufgestellt, der jedoch trotz aller Anstrengungen des Vereins nur 38 Stimmen erhielt.— In der zweiten und ersten Abteilung steht die Entscheidung noch aus. Seit einigen Tagen tobt unter den Wählern dieser Abteilungen wegen der Kandidatenfrage ein heftiger Kampf. Bei den widerstreitenden Interessen stellten der Haus- und Grundbesitzcrverein, der Mietervercin, der Verein der Gastwirte, die Vereinigung der Ladeninhaber, der Nationale Verein Kandidaten auf, deren Wahl sie auf das angelegentlichste empfehlen. Für die hiesige Arbeiterschaft ein ergötzliches Schauspiel, sie i st der lache ir de Dritte. Rudow bei Johannisthal. Der erste Versuch unsrer Genossen, einen Sitz in der Gemeindevertretung zu erlangen, ist fehlgeschlagen. Der Genosse Hannig erhielt 47, der Gegner 87 Stimmen. Von den Gegnern war alles aufgeboten, was irgend aufzutreiben war; der Gemeindevorsteher allein hatte Über 36 Vollmachten von Forensen, welche in Johannisthal, Ripdorf und in der ganzen Umgebung wohnen. Bei den früheren Wahlen, an denen sick» die socialdemo- kratische Arbeiterschaft nicht beteiligte, ginge» überhaupt nur die direkt dabei Interessierten zur Wahl, so datz selbst in der'dritten Ab- teilung auch nur wenige Stimmen abgegeben wurden. Mit welcher Sorgfalt die Wählerliste aufgestellt wurde, geht daraus hervor, datz von unsren Genossen einige 36, darunter die bekanntesten, in der Liste nicht verzeichnet waren. Ein schriftlicher Antrag der Betreffenden um Ausiiahme in die Wählerliste während der Aus- legnngsfrist hatte der Gemeindevorsteher mit den Worten a b g e- lehnt:„Ach was, Sie beschweren sich ja dock, ich nehme die An- träge nickt an!" Anck die Wahl selbst ging eckt ländlich-sittlick von statte». Die Wahl fand in einer Schulstube statt, welche die Wähler bei weitem nicht faßte, nur wenigen war es möglich, an den Wahl- tisch zu gelangen und ihre Stimmen in der vorgeschriebenen Weise abzugeben, die meisten riefen einfach ans dem dickten Haufen heraus, wo sie gerade standen, den Namen ihres Kandidaten. Gegen die Wahl wird von unsern Genossen Protesi eingelegt werden, um eS durchzusetzen, daß auch hier die Wahlen der Landgemcinde-Ordnung entsprechend vorgenommen werden. Ober-Schöneweide. Die beiden letzten Sitzungen der Gemeinde- vertretmig waren ausschließlich der Etatberatung gewidmet. Für das Jahr 1964 werden erhoben: Gemeindesteuer 166 Proz. Zuschlag zur Staats-Cinkommensteuer, F o r e n s a l st e u e r 166 Proz., Gewerbe st euer 156 Proz., Betriebs st euer 166 Proz., Grund'wcrtsteuer 136 Proz. Die Kreissteucr ist angesichts der ungünstigen Steuerlrast mit 4666 M. niedriger als im Vorjahre eingesetzt. Für das Gemeindcburcau wurde die Stelle eines Kassen- konttoleurs mit 2666 M. Gehalt neugeschaffen. Auf Antrag unsrer Genossen wurden die Löhne der Stratzenarbeiter erhöht, der Anfangslohn beträgt 36 Pf. pro Stunde und steigt bis 33 Pf. Das Grundgehalt der Lehrer wurde um 166 M. erhöht. Eine längere Diskussion rief eine Petitton der Lehrer lim Erhöhung der Alterszulagcn von 225 auf 256 M. hervor. Die Ber- tretcr der ersten und ziveiten Klasse stellten sich zum Teil auf den Standpunkt, datz angesichts der schlechten Finanzlage die Gehalts- erhöhung nicht angängig wäre. Von unsren Genossen wurde dem der Beschluß anf Uebcrweisung von 53 666 M. für Kirchenbautcn entgcgengebalren. dort war keine Rot. Schließlich wurde der Petition stattgegeben. Für Volksbibliothekszwecke wurden 766 M. in den Etat gesetzt, mit der Matzgabe, datz für die Bibliothek baldigst ein Raum geichaffen und sie der Ocffentlichkeit zugänglich gemacht werde. Genosse Grunow beantragt, das Honorar für d,e Schul- ärzte höher zu bemessen, da sonst eine zweckentsprechende Thättgkeit derselben nicht zu erhoffen sei. Beschlossen wurde, 666 M. für den Arzt zu zahlen(ftüher 466). Den Klagen über schlechte Finanzen Rechnung tragend, beantragten unsre Genossen, den Beitrag an die Kirchengemeinden in Höhe von 4666 M. und desgleichen den Betrag von 866 M. für den Küster der evangelischen Gemeinde für Verwaltung der Kasse des G e m e i n d e- F r i c d h o f e 6 zu st r e i ch e n. Hiermit fanden sie allerdings keine Gegenliebe.— Der Beschlutz der Gemeindevertretung. die höhere Knaben- und Mädckenschule in eigne Regie zu nehme», ist von der Regierung beanstandet worden, er soll jedoch trotzdem zur Durchführung kommen. Ein Antrag des Herrn Lehmann, für diese Schule sechs Freistellen mit event. unentgeltlicher Lehrmittelliefcrung zu schaffen, wurde angenommen. Berücksichtigt sollen begabte Kinder ans der Volksschule werden. Die nächsten Sitzungen der Vertretung werden sich mit der Beratung der Nebenctats beschäftigen. Versammlungen. Die Lithographen nahmen am 16. März in einer öffentlichen Versammlung in den Arminhallen den Bericht der beiden Delegierten zum Heimarbeiterschutz-Kongretz entgegen. Zuerst berichtete Tilchen- dörfer über die Verhandlungen und den Verlauf deS Kongresses. Hierauf ging Dübelt auf die Zustände in unsrer Hauslithographie ein. Wir haben in Berlin 39 Fabriken mit 565 Lithographen und 154 Lehrlingen; 37 Privat- beziehungsweise Hauslithographjen mit 253 Lithographen und 122 Lehrlingen. 12 bis 16 Pnvat« lithographien arbeiten nur mit Lehrlingen oder hin und wieder mal mit einem Gehilfen. In Leipzig sind die Zustände nicht viel besser. In den übrigen Druckstädten sind die Verhältnisse etwas günstiger. Datz die Arbeitsräume in den Privatlithographien recht häufig allen Anforderungen in Bezug auf Licht, Hygiene usw. Hohn sprechen, ist klar.— In der Diskussion ivurde das Geschäftsgebahren des Herrn Englofsky. eben eine solche Privatlithographie, einer herben Kritik unterzogen. Textilarbeiter-Berband. Die Dekateure hielten am 17. d. MS. im Gewerkschaftshause eine sehr gut besuchte Mtglieder-Versammlung ab. Letzten berichtete über die Aussperrung bei Ad. M ü h l b e r g. Redner ist der Ansicht, datz die Sperre nicht aufgehoben werden darf. In der Diskussion trat Mehlmann für Aufhebung der Sperre ein. Ein Antrag Mücke, die Sperre bestehen' zu lassen, wurde allein gegen die Stimme Mehlmanns angenommen. Unter Vereinsangelegenhetten kam es zwischen Mhlmann und Raasch II zu heftigen Auseinander- setzungen wegen einer Unterstützungsfrage. Die Sache wurde der Kommission wegen weiterer Beweiserhebung nochmals überwiesen. Der Vorsitzende teilte mit, datz die Abrechnung vom Stiftungsfeste noch nicht ganz fertiggestellt werden konnte, da die ausgeschlossenen und ausgeschiedenen früheren Mitglieder sich weigern. Material. Billets usw. abzuliefern. Ein Ueberschutz von 36 M. ist bis jetzt aber schon festgestellt. Die Zahlstelle Weißensee des Deutschen Holzarbeiter-Berbandes hielt am 24. März 1964 eine atitzerordentliche Generalversammlung ab. Dieselbe befaßte sich mit der Festsetzung des Lokalzuschlages zur Arbeitslosen-Unterstützung. Nachdem der Berliner Beschlutz der Versammlung zur Kenntnis gegeben war, wurde in die Diskussion eingetreten. Fast alle Redner stellten sich auf den Standpunkt, datz die Berliner Sätze zu niedrig seien. Es wurden folgende Sätze ein- stinnnig angenomnien: bei 26 Wochen 3 M. „ Ijähr. Mitgliedsch.: Verbandsunterstütz. 6 M., Lokalzuschlag 1 M. „ 2jähr. ,. 7„„ 2„ „ 3jähr.„„ 8„„ 3„ ,. 4jähr.„„ 9„ f» „ 5jähr.„„ 10„„ ß» Wenn ein Kollege länger als drei Tage arbeitslos ist, werden die drei ersten Tage mitbezahlt. Die Unterstützung wird auf acht Wochen festgesetzt. Zur Streikunterstützung wurden folgende Lokalzuschüsse an- genommen: bei einjähriger Mitgliedschaft 3 M., bei 2— 3jähriger Mitgliedschaft 4 M.. über 3 Jahre 6 M. Den Schlutzbericht der Bautischlcr-Bcwegluig gab Kollege Schröder. Der Vertrag gilt vom 1. April 1964 bis 1. Juli 1963 bei vierteljährltcher Kündigung. Vermiscktes. Ein Frauenmord in London. In einer Vorstadt Londons wurde gestern ein furchtbares Verbrechen entdeckt. Ein Mann von 33 Jahren, der Georg Albert Cotzmann heißen soll, wollte eine Blechkiste, die sehr schwer war und a�s der eine Flüssigkeit hcrausfloh, von einem Fuhr- mann wegfahren lassen: der Fuhrmann schöpfte Verdacht. Ein Mieter Cotzmanns hatte schon seit einigen Tagen Verdacht geschöpft und holte die Polizei. Cotzmann ergriff eiligst die Flucht, wurde aber von der Polizei erfaßt. In diesem Augenblick durchschnitt er sich die'Kehle mit einem Rasiermesser und starb sofort. In der Blechkiste wurde in Cement eingegossen eine zerstückelte tveibliche Leiche mit zer- schlagenem Schädel gefunden. Die Polizei sucht nach etwaigen weiteren Leichen. Cotzmann hatte vielfach Besuche von Frauen, die längere oder fürzere Zeit bei ihm verblieben. Er war bereits wegen Bigamie mit 3 Jahren Zuchthaus bestraft. SchiffSznsammcnstosi. Der Dampfer„Amerika", der Gesellschaft Fraisfinet gehörig, stieß in der Meerenge von Faro mit dem der Navigazione Generale Jtaliana gehörigen Dampfer„Solferino" zusammen. Die„Amerika" lief auf. Die Besatzung sowie die Reisenden nahmen keinen Schaden, nur ein Heizer erlitt leichte Ver- lctzungcn. Ein großer Teil der Wareir ist beschädigt worden. Der „Solferino" wurde ebenfalls beschädigt; deren Besatzung ist auch wohlbehalten. Ter Afrikareisende Dr. Genthe ermordet? Der„Times" geht aus Tanger die Meldung zu, dort verlaute, daß der Berichterstatter der„Kölnischen Zeitung" Dr. Genthe in der Nähe von Fez er- mordet worden sei. Der Leichnam, der 2 Schußwunden trug, sei 46 Meilen unterhalb Fez von Eingeborenen in einem Flußlauf ge- fimdcn worden. Diese hätten jedoch aus Furcht, des Mordes be- schuldigt zu werden, die Leiche im Flusse weitertreiben lassen. Die Pest in Südafrika. Bon pestverdächtigen Erkrankungen sind bis jetzt unter den Farbigen 69 und unter der weißen Be- völkcrung 9 Fälle festgestellt worden. Bisher sind der Seuche er- legen 36 Farbige und 5 Weiße. Das eigentliche Minengebiet ist von der Seuche bisher noch unberührt geblieben. Man hofft durch Ab- spcrrung der Kranken und durch Niederbrennen des Kuliquarticrs — letzteres sollte Ende der Woche vor sich gehen— die Seuche eindämmen zu könne1». Leide» Schiffbrüchiger. Die Ucbcrlebcnden des amerikanischen Segelschiffes„Mary A. Troop", die am Mittwoch in Southamvtvi, eintrafen, hatten eine furchtbare Geschichte zu erzählen. Das Schiff war von Pcnsacola nach Rio de Janeiro mit einer Holzladung unter- Wegs, als es im Nordatlantischen Ocean von einem Sturm ereilt wurde. Die Rettungsboote wurden weggefegt, die Masten brache». und das Schiff füllte sich mit Wasser. 26 Tage lang wurde es von gewaltigen Wogen überspielt. Am 19. Tage schwemmte eine solche Woge den Schiffszimmermann über Bord, und die übrigen Leute der Mannschaft mußten, um sich vor einem gleichen Schicksal zu bewahren, sich auf Teck festbinden. Bereits am 17. Tage erreichte die Not der Schiffbrüchigen den Höhepuntt. Sämtliche Nahrungsmittel waren aufgezehrt worden, und man besaß kein Trinkwasser mehr. Am meisten litr die Nichte des Kapitäns, der durch die Wellen ihre Ivarmc Kleidung weggetrageiijvorde» war. Um den Durst einigermaßen zu stillen, kauten die Schiffbrüchigen auf Blei, und den Hunger be- kämpfte man durch- Zernagen von Holz. Die Besatzung des un- glücklichen Schiffes war halb wahnsümig durch die Entbehrungen und zu Gerippen abgemagert, als der Dampfer„Cairnilla" von Rewcastle in Sicht kenn, dessen mutiger Kapitän, trotz des gefähr- lichen Seeganges, alle Uebcrlcbcndcn rettete. Das Wrack befand sich 266 Meilen nördlich von Bermupa.als die Rettung erfolgte. Da das Schiff Holz geladen hatte, schwamm es auf der Ladung, konnte also nicht untergehen. Wahrscheinlich hat die Besatzung. als sie ihr Schiff verließ, an Schiff und Ladung Feuer gelegt, denn in jener Gegend des Oceans ist jüngst von Dampfern ein Wrack ge- sehen worden, das fast bis zum Wasserspiegel niedergebrannt war. und in dessen Innern noch Feuer glomm. Eingegangene DrueKfdmften. Arbeiter-Sekretariat Frankfurt a. M. 3. Jahresbericht für 1963 nebst dem Jahresbericht des GewerkschastssekretärS. 133 Seiten. Union- Druckerei, Frankfurt a. M. 1301. - Verein deutscher Reichsangehöriger in Moskau. 24. Jahres- bericht 1363. 72 Seiten. Moskau 1961. Nowaja Boshedomskaja ick. Nr. 19. It. L. M. Histoiro Sommaire de l'ASaire Dreyfus. Preis 1.30 Fr. Paris 1901. Librairie Georges Bellais, Rue Cujas 17. Dr. Leo Hirschlass. Zur Gesundheitspflege des Nervensystems. Hest 3 der Arbeitcr-Gesundheits-Bibliothek. Herausgegeben unter Leitung von Dr. med. Zadel. Preis 20 Ps. Verlag: Expedition der Buchhandlung Vorwärts, Berlin, Lindenftr. 69. Franz von Borgias Schinid. Sittliche Forderungen. Brosch. 1,36 M., geb. 2 M. Verlag„Frei Nordland", Rostock i. M.-Berliu-Leipzig. Lrlekkaften der Redaktion. Handschuhmacher. Die Mitgliederliste mutz eingereicht werden. Mnans Tnedrich-Strasse 131d I. 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