Nr. 83. nbonnanentS'lkdlnfiUiwn: aSonntmenlS- Preis prinumrrando! »ierteljährl. S,Z0 Mk. mmaü. 1,10 SW., wöchentlich 28 Pfg. frei in» Haus. Sinz-Ine Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags« Beilage.Die Neue Seit- 10 Pfg, Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat, Cingetragen in die Post- ZeitungZ» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oeslerreich. Ungar» Z Mark, für das übrige«uSland S Mark pro Monat. LI. Iahrg» CriiKint Wich außer montsa«. Verltnev Volksblskk. Ok InTertlons-GtbObr betrögt für die fechZgespallene Kolonek- geile oder deren Raum 10 Psg„ für politische und gewerkschaftliche Lerem». und BersammlungS-Lnzeigen 25 Pfg. ,, Kleine Hmeigen", das erst«(fest. gedruikte) Wort 10 Pfg., jede» weiter« Wort 6 Pfg. Worte über 15»uchstaden zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bi» 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen» tagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bi» 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm. Adresse: „SozUldemoKrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemohrati fchcn Partei Deutfchlandd. Redahtlon: 8M. 68, Lindenstraese 69. Kernsprecher: Amt IV, Rr. 1983. Sonnabend, den 9« April 1904. Sxpeditiom SM. 68, Lindenstraese 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Der Textilstreik in Nordfrankreich. PoriS. S. April.(Eig. Ber.) Die Streikbewegung anläßlich der Einführung des Zehnstunden tagcZ hat nach und nach einen massenhaften Umfang gewonnen. Sie unterscheidet sich vorteilhaft von dein urwüchsigen Generalstreik versuch des vorigen Herbstes durch ihre planmäßige Organisation, für welche der allgemeine Textilverband gesorgt hatte. Die For dcrtlngen der Arbeiter waren lange vorher durch eine Umfrage bei den einzelnen Gewerkschaften sorgfältig ausgearbeitet und von den verschiedenen Arbeiterkategorien in öffentlicher Versammlung gut' geheißen worden. Und der Einfluß der Organisation erwies sich immerhin stark genug, um binnen wenigen Tagen einen Massenstreik mit mehr als 30000 Teilnehmern hervorzurufen. Die wichtigsten Mittelpunkte der Bewegung sind Roubaix, Lille und Tourcoing. Nebst ihrer Umgebung zählen diese drei Städte etwa 140 000 shundertundvierzigtausend) Textilarbeiter. Um an- nähernd allgemein zu werden, nlüßte also der Streik um das Vier- fache anschwellen. Erst heute und morgen— nach den Ostertagcn — wird sich zeigen, ob die Aufwärtsrichtung der Bewegung weiter anhält. Der Kampf geht zunächst um die L 0 h n f r a g e. Die Unter- nehmer erklären sich zwar bereit, die alten Löhne weiter zu zahlen, trotz der Verkürzung der Arbeitszeit von 10'/, auf 10 Stunden. Die Arbeiter können aber damit nicht zufrieden sein. Denn erstens haben sie einen triftigen Grund, dem Versprechen der e.inzelnen Unternehmer nicht zu trauen. Die Erfahrungen mit den zwei ersten Verkürzungsetappen der Arbeitszeit haben ergeben, daß die Unternehmer ihr Versprechen vielfach in der Weise umgehen, daß sie in den so häufigen Zeiten der Arbeitslosigkeit das alte Personal entlassen, um es durch neue, namentlich belgische Arbeiter zu ersetzen, die dann zu niedrigeren Löhnen arbeiten. .Ihren" Arbeitern halten also die Unternehmer das Versprechen, so lange eben sie die„Ihren" bleiben. Die Streikenden fordern daher einen Kollektivvertrag zwischen dein Gewerkschaftsverband und dem ebenfalls in einem Verband organisierten Unternehmertum der betreffenden Region bezw. Stadt und Umgebung, sowie einen einheitlichen Lohntarif für die verschiedenen Kategorien. Zweitens sind die bisherigen Löhne so niedrig, insbesondere die Wcberlöhne, daß der Textilverband unbedingt den Versuch mache» mußte, eine ablsolute Lohnerhöhung über die„entschädigende", relative Erhöhungsquote hinaus durchzusetzen. Diese zwei Forderungen gelten für das ganze Streikgebiet. In Roubaix wird im besonderen gefordert: ein Lohnminimum von 4 Frank täglich und die Zusicherung von fünf Arbeitstagen in der Woche, letzteres zum Zwecke einer gleichmäßigen Verteilung der Arbeit unter eine größere Arbeiterzahl, da die Unternehmer sonst es vorziehen, die männlichen Arbeiter allein bis zwölf Stunden arbeiten zu lassen.(Der Zehnstundentag gilt ja nur für das„gemischte" Personal. Uebrigens scheuen sich die Unternehmer nicht, auch das weibliche und das minderjährige Personal über die gesetzliche Arbeits zeit hinaus arbeiten zu lassen.) Die Höhe des in Roubaix verlangten Lohnmininmms straft schon die unternehmerliche Behauptung Lügen, wonach der durchschnittliche Wochenlohn 2S Frank betragen soll. Nach der Angabe eines gewerkschaftlichen Beamten beträgt der Durchschnittslohn— unter Berücksichtigung der arbeits- losen Zeiten— nicht mehr als 12'/, Frank in der Woche. Dabei sind die Existenzmittel im Norden teuer. In Lille wird gefordert: 1. eine sofortige provisorische Lohnerhöhung von 8 Proz. über) den Tarif hinaus, der durchschnittlich in den fünf am besten zahlenden Betrieben der Stadt besteht; 2. Einsetzung einer gemischten, aus Arbeitern und Unternehmern bestehenden Kommission, welche für die ganze Umgegend einen Minimaltarif auszuarbeiten hätte, der dann je nach den örtlichen Bedingungen erhöht werden könnte. Die Liller Specialforderung steht in ursächlicher Verbindung mit dem Ergebnis des Herbststreiks in Armentidres- H 0 u p l i n e S. Die Unternehmer dieser Zwillingsstätte haben am 1. April, geniäß der im Herbst beschlossenen Abmachung, den Lohn um 8 Prozent erhöht, aber vorläufig nur für zwei Monate, unter der Bedingung, daß die Betriebe der Umgegend, vor allem in und um Lille, die in Bezug auf die Leinwandweberei mit ihnen kon- kurrieren, eine entsprechende Lohnerhöhung bewilligen. In Armen- tiöreS-HouplineS wird daher nicht gestreikt. Die dortigen Arbeiter überlassen nun den gesamten Betrag ihrer acht- prozentigen Lohnerhöhung, 12 000 Frank wöchent- lich, den Streikenden von Lille. In diesem Falle hat also der lokale Erfolg deS Herbststreiks die Unternehmer- solidarität ebenso sehr durchbrochen. wie die proletarische enger geknüpft. Außerdem aber sind bisher nur ver- einzclte Untewehmer auf die Forderungen der Streikenden ein- gegangen. In den betreffenden Betrieben wurde die Arbeit wieder aufgenommen, wobei nach dem Beispiel von Armentieres der Betrag der Lohnerhöhung der Streikkasse zugeführt wird. Sonst gehen die Unternehmer solidarisch vor. Der Unter- nehmerverband steht gegen den Arbeiterverband— das ist das besondere Kennzeichen des gegenwärtigen Streiks. Und überall ist die Haltung der organisierten Unternehiner die gleiche: Sie. die sie für sich selbst das Recht der Organisation ausnutzen, weigern sich hartnäckig, mit der Arbeiterorganisation zu verhandeln! Sie wollen nur„ihre" Arbeiter anerkennen I Erst diese Nichtanerkennung der Gewerkschaft hat zum Ausbruch des Streiks gefühlt. Der Kampf gestaltet sich vaher durch die Schuld der Unternehmer zugleich zu einer Machtfrage zwischen kapitalistischer und proletarischer Organisation. In Roubaix Kitt der Klassenkampf- Charakter des Streiks besonders handgreiflich hervor. Der kapitalistische Anführer, Textil- könig Motte, ist ja zugleich der politische Führer der dortigen Bourgeoisie, der Abgeordnete und der Bürgermeister der Stadt. Die gesellschaftliche Schichtung von Roubaix bietet ein klassisch reines Musterbild kapitalistischer Entwicklung. Hie Proletarier, hie Kapitalisten. Einen Mittelstand giebt eS nicht, wenn man als solchen nicht die kleinen Krämer und Schankwirte ansprechen will, die auf die proletarische Kundschaft angewiesen sind. Die dünne und einflutz- lose kleinbürgerliche Schicht wird übrigens durch die mächtige prole- tarische Genoffenschaft„1,«.?aix"(„Der Frieden") niedergehalten, die eine mechanische Bäckerei(45 000 Dreipfund- Brotlaibe in der Woche), eine Spezerei, ein Kohlenlager und eine Schankwirtschaft vereinigt. Die industrielle Königin des hochindustriellen Nordens gehörte denn auch zu den ftühesten Eroberungen der französischen Arbeiterpartei(Guesdisten). 18V2 hat die Arbeiter- Partei den Gemeinderat besetzt, 1893 wurde Jules G u e S d e in die Deputiertenkammer gewählt. Aber Ende der 90er Jahre beginnt das Unternehmertum sich politisch zu organisieren unter der Führung des ersten TextilmillionärS, Motte. Unter Ausnutzung ihrer ökonomischen Uebermacht und mit Hilfe des Klerikalismus gelingt es der Kapitalistenpartei, den rückständigen Teil der Arbeiterschaft, der übrigens sich durch belgische Zuzügler vermehrt, politisch zu unterjochen bezw. der Arbeiterpartei abspenstig zu machen. Die ideologische Hülle des Profitinteresses ist natürlich der patriotische Kampf gegen die„VaterlandSloscn". 1898 wird an Guesdes Stelle Motte zum Deputierten gewählt; 1900 wirst Motte eine erhebliche Minderheit in den Gemeiilderat, 1902 erobert er den Gemeinderat, in welchem die Arbeiterpartei nur noch durch sieben Mitglieder(unter 36) vertreten ist, und im gleichen Jahre wird er in die Kammer gegen Guesde wiedergewählt. In diesem klassengegensätzlich gespannten Milieu wickelt sich der Streik in Roubaix ab. Die ständige Spannung wird aber noch durch einen besonderen Umstand gesteigert. Der Streik trifft zufällig mit dem Beginn der Gemeindewahl- Campagne zu- sammen. Der König Stumm von Roubaix hat also auch das dringendste politische Interesse an einer Niederlage der Streikenden, von tvelcher er sich die Aufrechterhaltung seiner Gemeindeherrschaft verspricht. Natürlich ober ist es Motte, der den Streikführern politische Zwecke unterschiebt, tvie auch er, der politische Vorkämpfer der Kapitalistenpartei, den Fabrikanten die Parole ausgegeben hat: „Mit unsren politischen Gegnern unterhandeln wir nicht!" Die politischen Gegner sind die— GewerkschaftSvorständc. Zugleich führt er, Leiter des Fabrikantenverbandcs, den Krieg gegen den Gcwerkschaftsverband in seiner Eigenschaft als— Bürgermeister! Auf die gewerkschaftlichen Plakate antwortet er durch offizielle Gcgcnplakate, die ailf osfiziellem weißen Papier gedruckt und von der Maine(RathauS) ans datiert sind!... Ueberall in Frankreich wo der Gemeinderat nicht nur in socialistischen, sondern einfach in bürgerlich-demokratischen Händen ist, werden die Streikenden so oder anders von Gemeindewegen unterstützt. In Roubaix unter Mottes Herrschast ist davon natürlich keine Rede. Unsre Genossen haben übrigens den Stadtherrn auf die Probe gestellt. Die socialistische Minderheit verlangt von ihm die schleunige Einberufung des Gemeinderats zwecks Einrichtung von Volksküchen und der Be- Ivilligung von Geldern für die Familien der Skcikenden. Andrer- seits hat die Genossenschaft„La Paix" dem Bürgermeister 5000 Fr. zur Verfügung gestellt, falls der Gemeinderat unentgeltliche Volks- küchen einrichten wollte. Diese Genossenschast. die zugleich das Volkshaus von Roubaix (nach belgischem Vorbild) ist, bildet überhaupt den Mittelpunkt deS gewerkschaftlichen Widerstandes. Anläßlich deS SKeiks hat sie voraus nehmend 10000 Fr. Dividenden ausgezahlt. Die Gewerkschaft hat ihrerseits 20 000 Fr. unter die Streikenden verteilt. Weitere HilfS- mittel sind, wie erwähnt, in Roubaix wie im ganzen Strcikgebiet, die Beiträge der Arbeiter in den vereinzelten Betrieben, wo die Gewerkschaftsforderungen anerkannt werden, Beiträge in der Höhe der bewilligten Lohnzulage. Indes ist für den Erfolg des Streiks ergiebige Hilfe von auswärts unbedingt notwendig. Die Streik- leitung hat sich soeben niit einem bezüglichen Auftuf an die ftan- zösischen Arbeiter, an die Gewerkschaften und die Genossenschaften gewendet. Es sei zugleich erwähnt, daß der Osternkongreß der belgischen Arbeiterpartei eine Hilfsaktion zu Gunsten der ftanzösischen Textilarbeiter, sowie der Dianiantarbeiter von Antwerpen, beschlossen hat. Der„Peuple", das belgische Centralorgan, wird dem- gemäß eine Geldsammlung eröffnen. Die Regierung beobachtet die übliche Haltung. Sie hat das SKeikgebiet mit Militär überschwemmt. Und der politische Gegner des Kabinetts CombeS, Motte, übernimmt es als Bürgermeister, in einem Plakat die ihm als Fabrikanten von der Regierung ge- leistete Hilfe zu rechtfertigen. Die militärische Besetzung der Stadt, so köstet er die Arbeiter, habe keinen andren Zweck als„die Auf- rechterhaltung des socialen Lebens(!)"... Die Straßenkundgebung sind vom Präfekten im Einverständnis mit CombeS überall verboten, nachdem der radikale Bürgermeister von Tourcoing eine solche Kundgebung gestattet hat, ohne daß das„sociale Leben" dadurch ge- fährdet worden wäre. Die militärischen Maßnahmen zeitigen die unvermeidlichen Folgen: eS kommt immer wieder zu militärischen Uebergriffe» und zu Zusammenstößen. Einige Verwundete sind be- reits aus dem Altar der Ordnung geopfert»vorden. Unter auderm wurde in Roubaix—»ach der Meldung der„Temps" — ein Arbeiter in den Rücken durch einen Säbel st ich von einem Lieutenant verwundet. Der Säbel drang vier Centimeter tief ein. Dabei ist der Ver- wundete ein„hannloser Passant", ein nichtstreikender Maurer.... Auch die Gerichte haben bereits ihre ordnungSretterische Arbeit begonnen. Mehrere Streikende wurden in Lille vom Zucht- polizeigcricht streng verdonnert. Die Staatsanwaltschaft hat gar eine Untersuchung eingeleitet gegen die 48 Mit- glieder des Streikkomitees von Roubaix, in welchem drei Verketer pro Gewerkschaft sitzen. Die Justizaktton beruht auf dem „anarchistischen" Ausnahmegesetz von 1894, da» die anarchistische wie auch nichtanarchistische Propaganda unter der Armee zum Zwecke ihrer Abwendung von den militärischen Pflichten mit Gefängnis von drei Monaten bis zu zwei Jahren und mit Buße von 100 bis 2000 Fr. bestrast. Das Streikkomitee soll sich der besagten Propaganda schuldig gemacht haben durch einen zahmen Aufruf an die Soldaten, der also lautet: „Soldat! „Proletarier von gestern und von morgen, wirst Du für die Schmarotzer und gegen die Arbeiter einketen? F�r die Satten und gegen die Hungernden? Für die Herren und gegen die Sklaven? Wirst Du Dein Ohr verschließen den Klagen der brotlosen Armen. dem Schluchzen der Mütter? Wirst Du nur auf die verblendende Disciplin hören? Oder aber wirst Du auf die Stimme des Ge» Wissens hören und die große Pflicht der Brüderlichkeit erflillen? „Wirst Du sein der Soldat der Befreiung oder der Soldat der Unterdrückung?" „Bruder! Denke an die Deinen, die in diesem Augenblick mit uns etwas weniger Elend, etwas mehr Freiheit fordern, und handle danach I" In Frankreich wurden in Streikzeiten mehrfach schon viel heftigere Aufrufe an die Soldaten gerichtet. Niemand aber hat noch deswegen das„verbrecherische" Ausnahmegesetz in den Dienst des Kapitals gestellt. Soll das nun unter dem demokratischen Kabinett Combes anders werden? Will der Ministerpräsident durch seine OrdnungSretterei neue LobeSgesänge des Kapitalistenblattes„TempS" verdienen? « Nach neuesten Meldungen soll der Streik bereits im Abflauen begriffen sein. So meldet ein„Herold"-Telegramm vom 8. April aus Roubaix: Das Streikfhndikat teilt mit, daß die Streikenden den Kampf aufgeben. 1500 Streikende haben die Arbeit wieder aufgenommen. Jy Tourcoing hat die Zahl der durch den Skeik beschäftigungslos ge- wordenen Arbeiter zugenommen. Andre Gruppen Aus- ständiger in der Stärke von 2—3000 Mann begaben sich vor eine Fabrik, wo noch gearbeitet wurde, und wollten die Arbeiter zwingen, die Arbeit einzustellen. Kavallerie-Patrouillen mutzten einschreiten und die fiundgeber zerstreuen.— In Lille beschloß eine Ver« sammlung der Ausständigen, die Arbeit am nächsten Mon« tag wieder aufzunehmen, nachdem sie eine Lohn» erhöhung von drei Prozent erzielten, die von den Arbeitgebern versuchsweise eingeführt wird. Der Kongreß von Bologna. 11. Rom, den 6. April. Die Fragen, die bor der nach dem Verhalten der Partei zur Regierung und zur Staatsform zurückketen müssen, sind zum Teil von sehr großer Bedeutung für das italienische Parteilcben, so daß man wünschen muß. daß der Kongreß wenigstens einigen von ihnen eine ruhige Erwägung zu Teil werden lasse. In Italien ist es auf all unfern Kongressen Sitte gewesen, die Referate der offiziellen Referenten mehrere Wochen vor deni Parteitag im Druck erscheinen zu lassen. Wahrscheinlich sind die Erfahrungen von Jmola daran schuld, wenn dieses Jahr mehrere Referenten davon abgegangen sind. Die Erinnerung an den vorigen Kongreß, wo so ziemlich kein Teil der Tagesordnung— nach den beiden Tendenzen— zu seinem Recht kam, inag unsre Genossen vor dem Ausarbeiten eines Berichtes zurückgeschreckt haben. Zum leichteren Verständnis der Kongreßverhandlungen seien hier klirz die wichtigsten Fragen skizziert, über die vom Parteitag Beschlußfassung erwartet wird. Die Frage der socialen Gesetzgebung hat von jeher in Italien zu Diskussionen Anlaß gegeben. Besonders hat man viel über den Wert und Unwert dcrArbciterschutz-Gesetzgebung diskutiert, mit einer starken Tendenz zu allgemeinen Urteilen und theoretischen Gedaukengebäuden, was sich wohl daraus erklärt, daß man keine praktische Grundlage hat. weil in�talien von einer wesentlichen Arbeiterfchutz-Gesetzgebung gar keine Rede ist. Enttvcder greift nun der Kongreß die Frage wieder vom allgemeinen Gesichtspunkte auf, dann erleben wir eine Wiederholung der Debatte der zwei Tendenzen. da die Reformisten den Gedanken vertreten werden, daß die Re- fornien eine schrittweise Verwirklichung des SocialiSmus sind, wäh- rend die Revolutionäre sie als eine Anpassimg der Bourgeoisie an die veränderten Verhälttnsse, also als den Widerstand der Bourgeoisie vermehrend darstellen werden. Der Referent, Gino Murialdi. der nicht sein Referat, wohl aber seine Resolution drucken ließ, ver- Kitt in der Bewertung der Reformen den Standpunkt TuratiS. Was den Inhalt der Reformen bekifft, so fordert er als die dringendsten Maßregeln: 1. Schutzbestimmungen für die am meisten verelendeten Arbeitcrgruppen(Reisarbeiterinnen, Arbeiter der Schwefelbergwerke«.). 2. Verleihung der Rechtsfähigkeit an die Gewerkschaften. 3. Gesetzliche Festlegung von Normen für den einzelnen und kollektiven Arbeitsvertrag. 4. Reform und Ausbau der Gewerbegerichte. 5. Die Schaffung einer Arbeiterversichcrung. Abgesehen vom Punkt 2 dürfte der Kongreß an diesen Vor- schlügen nichts auszusetzen haben. Ueber das Wollen ist man da einig, es kommt nur auf daS Können an. Ander» steht es mtt der Frage der Rechtsfähigkeit der Gewerkschaften, von der Murialdi wünscht, daß sie durch bloße Einreichung des betreffenden Statuts an das Reichsarbeitsamt zu erreichen sei. Dieser Vorschlag ist starken Widerspruchs sicher. Solange das heutige Gesetz über die Rechts- fahigkeit kesteht, nach dem eine rechtsfähige Körperschaft unter direkter Aufficht des Präfekten steht, der jederzeit Einsicht in ihre Mitglieder- listen und Bücher verlangen kann und sie auflösen darf, falls sie von ihrem statutenmäßigen Zweck abweicht, kann man wahrhaftig nicht wünschen, den Arbeiterorganisationen diesen Mühlstein an den Hals zu binden. Es steht sehr dahin, ob die Erlangung der Rechts- fähigkeit auch bei einem liberaleren Gesetz anzustreben wäre, wegen der Gefahr, den Schadensersatzklagen etwa durch Streiks geschädigter Unternehmer den Weg zu bahnen. Der Vorschlag des Genossen Murialdi erklärt sich aus den Bestrebungen, die besonders in G en u a und in der Emilia sich geltend machen, genossenschaftliche Unter- nehniungen an die Gewerkschaften anzulehnen. Ueber das Eisenbahnproblem hat Genosse N o f r i, wie schon zum Parteitag von Jmola, ein ausftihrlichcs Referat vorgelegt, in dem er die Uebernahme der Eisenbahnen in Staatsbetrieb verficht. Die Frage ist für Italien in hohem Grade aktuell. Im Juni 1905 laufen die Verträge mit den drei Betriebsgesellschaften ab, die die zum größten Teil dem Staate gehörigen Linien gepachtet haben. Die Socialisten vertreten nun die Uebernahme der Bahnen in Staatsbetrieb, sie fordern sie im Interesse des Verkehrs,— der be- kanntlich heute sehr viel zu wünschen übrig läßt— im Interesse der Staatsfinanzen(die Linien haben dem Staat etwa fünf Milliarden gekostet, die sich bei dem heutigen Regime so gut wie gar nicht der- zinsen) und im Interesse des Personals, von dem sie erwarten, es werde in dem Staate einen besseren Unternehmer vor sich haben als heute. Nvfri widerlegt die verschiedenen Einwände, die von Partei- genossen(Arturo Labriola) und andren gegen die Verstaatlichung gemacht wurden. Er beantragt, daß die Partei für die Uebernahme der Eisenbahnen durch eine autonome staatliche Verwaltung eintrete, serner für Decentralisieruug der Leitung und Bildung eines Verkehrs- rateZ aus Vertretern des Unternehmertums und der Arbeiterschaft. — Auch außerhalb der Partei besteht eine ziemlich starke Strömung zu Gunsten der Verstaatlichung. Ueber die s ü d i t a l i e n i s ch e Frage hat der Referent Ciccotti, Abgeordneter für Neapel, leider kein Referat ein- gereicht. Es handelt sich hier darum, die Politik der Partei bei der Regenerationsarbeit der südlichen Provinzen festzulegen, die die Re- gierung einerseits, die bürgerliche Opposition andrerseits auf ihre Fahne geschriebenr haben. Keine Partei hat ein so großes Interesse an der Regeneration des Südens, wie die socialistische, denn gerade infolge seiner materiellen und sittlichen Verelendung ist der Süden die Hochburg der Reaktion. Es ist deshalb höchst wahrscheinlich, daß die Regierung am allcrlvenigsten daran denkt, im Ernst etwas für den Süden zu thun, der nur dank seiner Verelendung und Kor- ruption die Pflanzschule der ministeriellen Majorität ist. Der Partei liegt es ob, diese doppelzüngige Politik der Regierung dem Lande zu denuncieren, imnier wieder zu zeigen, lvie ja die Regierung selbst die Korruption im Süden erhält und Profit daraus schlägt. Schließ- lich muß die Partei positive Vorschläge machen, die ihren Abgeord- neten zur Richtschnur dienen können. Die von Sonnino skonser- vative Opposition) formulierten Reformpläne, die eine Ausnahme- gesetzgebung für den Süden anstreben, können unsrer Propaganda in jenen Gegenden sehr schädlich sein. Die Partei, die sie nicht an- nehmen kann, hat auch im Hinblick auf die ParlamentswahlenJnter- esse daran, sie kritisch zu beleuchten und ihnen ihre eignen Reform- Vorschläge entgegenzustellen, die auf die Enttvicklung der industriellen Energien des Südens hinauslaufen. Von Fragen allgemeiner Politik liegen dem Kongreß noch die der A b g a b e n r e f o r ni und die der Handelspolitik vor. Sollten sie zur Diskussion kommen, so dürften sie den Parteitag wenig vorbereitet finden. Was die Abgabenresorm betrifft, so liegen die wesentlichen Grundsätze der Partei fest. Mit Details und Ueber- gangsformen hat man sich in den weiteren Parteikreisen wenig be- schäftigt; die Frage einer Abgabenreform ist für Italien— bei aller Wichtigkeit— leider nicht aktuell. Auch die Frage der Zoll- und Handelspolitik ist in Parteikeisen nicht reif. Die Mehrheit ist fteihändlerisch gesinnt. Ein Teil der Reforntisten tritt für Schutz- zolle für Produkte der nationalen Industrie und Landwirtschaft eilt. Doch ist dieser Konflikt in der Partei zur Zeit noch latent. Bleibt noch die Frage der Partei-Organisation. Mit Recht hat sie Ferri die wichtigste praktische Frage des Kongresses genannt. Seit Jahren"müht sich die italienische Partei um eine geeignete Organisationsform, bei der die Einheitlichkeit im wesent- Rebellion und Fürftenmord auf Befehl des Zaren. ii. Als nach dem letzten russisch- türkischen Kriege Rußland den Battenbcrger aus den Thron von Bulgarien gesetzt und ihm russische Beamte als Mmister und russische Offiziere in die Armee beigegeben hatte, glaubte es damit Bulgarien zu einer vorgeschobenen Provinz seines Reiches gestaltet zu haben. Als mit den Jahren das Selbst- bewußtsein de? Battcnbergers und das des bulgarischen Volkes er- wachte und erstarkte, suchte Rußland bald den Fürsten gegen das Volk, bald dieses gegen den Fürsten auszuspielen, um über beide zu herrschen. Es begann die Politik der Verschwörung gegen den Fürsteir und die der Aufwiegelung des Militärs und des Volkes gegen Fürst und Regierung. Bereits im September 1882 spricht der früher als diplomatischer Agent in Rumänien beschäftigte und dann zum Direktor des Aus- wältigen Amtes beförderte Iwan Alexejewitsch Sirowjew von der russischen„Initiative in der Frage der E n t- fernung des Fürsten aus Bulgarien", und organisierte den Widerstand gegen den Fürsten, indem er rät,„die Handlungen des Fürsten zu tadeln und ihm die Verantwortlichkeit für den Staatsstreich zuzuschieben". Am 13. November 1883 spricht I o n i n, außerordentlicher diplomatischer russischer Agent sn Sofia, in einem„vertraulichen" Briefe an den Generalkonsul in Rustschuk: „Doch unsre Hauptaufgabe besteht in der Entferrkung deS Prinzen Battenberg. Hierzu giebt es zwei Mittel: durch Auf- st a n d oder auf gesetzlichem Wege." Er führt dann des längeren aus, warum er vorläufig letzteren Weg für den besseren hält: weil ein Aufstand leicht zu einem Zusammenstoß mit dem Souzerän, dem Sultan, führen könnte. Am 20. März 1886 beginnt die Stimmungsmache der russischen Beamten gegen den Fürsten: der Konsulatsvcrweser in Rustschuk meldet an den Direktor des Asiatischen Departements in Petersburg, daß der Battenberger eine wahres Schreckensregiment führe, förmliche„Räuberbanden unterhalte",„Gerichte und Staats- anwalte seien vollkommen von den Polizei- Agenten abhängig"— er schildert also eigentlich ganz mssische Zustände— und fährt dann fort: „Der dem Konsulat bekannte Thoma Kirdstew, welcher öfter seine Ergebenheit für uns bewiesen hat und an der Spitze der hiesigen liberalen Partei steht, benachrichtigte mich im geheimen von der Absicht der liberalen Partei, hier und in andren Centren Exekutiv-Komitees zu gründen, zum Zwecke, den Fürsten Alexander und feineRegierung z u stürzen. Die Komitees werden auf dem Bcrschwörungsweg und im geheime» thätig sein...... Herr Kirdjiew bittet mich, zur Bildung der Exekutiv- k o m i t e e s ihm leihweise bis zur Errichtung der provisorischen Regierung 20 000 Fr. zu geben." lichen Hand in Hand geht mit der größtmöglichen BelvegungS- freiheit. Auch hier erscheinen die berechneten Tendenzen wieder auf der Bildfläche. Die Reformisten, die man deshalb auch Autonomisten nannte, sind für volle Autonomie der ein- zelnen Partei- Abteilungen, und ein Teil von ihnen trat bekanntlich in Jmola für die Abschaffung der Partei- l e i t u n g ein, ohne damit durchzudringen. Diesen Vorschlag hat man diesmal fallen gelassen, ohne jedoch einen durchgearbeiteten Organisationscntwurf vorzulegen, bei dem doch vor allem die Kompetenzen der Lolalsektionen, der Kreis-, Provinzial- und Land- tage festgesetzt werden sollten und die Vertretungsberechtigung auf Parteitagen abgeändert werden müßte. Wir stehen noch immer unter einem Organisationsstatut, das der größer gewordenen und an allen politischen Lebensänßerungen des Landes teilnehmenden Partei nicht die nötige taktische Einheitlichkeit sichert und, was das schlimmste ist, infolge der schon in Rom beschlossenen Notwendigkeit der Abänderung praktisch fast so behandelt wird, als ob es gar nicht existiere. Der Referent, L i b o r d i, Chefredakteur der in Reggio Emilia erscheinenden Tageszeitung„G i u st i z i a" begnügt sich, die Bildung eines vom Kongreß zu wählenden Parteivorstandes— sieben Personen— vorzuschlagen und den Organisationen von Jugend- lichen, die nach dem Muster der belgischen jonnss garder socialistcs in Italien entstanden sind, die Existenzberechtigung abzusprechen. Von einem eigentlichen Organisationsstarut, wie es E t t o r e Ciccotti in Rom, Giovanni Lerda in Jmola verlegte, ist nicht die Rede. Die Frage, ob Abgeordnete im Parteivorstaude Sitz haben sollen oder nicht, sowie die, ob der Parteivorstand auch eine Vertretung der Minorität haben soll, überläßt Libordi dem Parteitage. Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen, hat der Parteitag schon seine Arbeit begonnen, von der wir wünschen, sie möge all' den Er- Wartungen entsprechen, die das italienische Proletariat in sie zu setzen berechtigt ist._ PoUtifcbe dcbcrficbt. Berlin, den 8. April. Auslieferung von Deserteuren. Die�Offiziösen rühren sich nicht. Die Notwendigkeit, erst Er- kundigungen einzuziehen, kann an dem Schreien nicht schuld sein, denn eine derartige Jnformalion kann in fünf Minuten festgestellt werden. Das preußische Polizeiministerium muß doch wohl wissen, ob die Behauptung der Verwaltung der Kropper Anstalten, daß die Auslieferung eines geisteskranken Russen auf Befehl der R e- gierung erfolgt sei, richtig ist. Wir haben gestern bereits darauf hingewiesen, daß die Aus- lieferung von Deserteuren den elementarsten Grundsätzen des Völker- rechts Hohn spricht. Selbst der berüchtigte preußisch-russische Aus- lieferungsvertrag verpflichtet keineswegs die Regierung, sich durch Auslieferung von Deserteuren der Verachtung der ganzen civilisierten Welt zu überliefern. Jener Vertrag vom Jahre 1883— es ist nützlich, sich seinen In- halt ins Gedächtnis zurückzurufen— verbürgt die Gegenseitigkeit im ersten Artikel: 1. bei Verbrechen und Vergehen gegen den Landes- Herrn(Totschlag, Thätlichkeit, Körperverletzung und vorsätzliche Be- raubung der Freiheit), 2. wegen Mordes oder Mordsversuchs, 3. wegen rechtswidriger Herstellung oder rechtswidrigen Besitzes von Dynamit oder andren Sprengstoffen. Allerdings weitet der Artikel 2 das Gebiet ins Unbestimmte aus, indem er verfügt: „In allen andern Fällen, in denen von der königlich preußischen Regierung die Auslieferung wegen eines Verbrechens oder Vergehens beantragt wird, welches nicht im Artikel 1 erwähnt ist, wird der Antrag der kaiserlich russischen Regierung in Er- wägung genommen, und demselben, wenn nichts entgegensteht, mit Rücksicht auf die freundnachbarlichen Beziehungen, welche die beiden Länder verbinden, Folge gegeben." Der Bösartigkeit dieses Paragraphen entspricht dann Artikel 3, der ausdrücklich erklärt: „Der Umstand, daß das Verbrechen oder Vergehen, wegen dessen die Auslieferung beantragt wird, in einer politischen Absicht begangen ist, soll in keinem Falle als Grund dienen, um die Auslieferung abzulehnen." Am 2. April antwortet ihm der Direktor des Asiatischen Departements, daß das kaiserliche Ministerium des Aeußeren befohlen hat, das verlangte Geld zu geben. Er giebt dann Anweisung, wie nach Meinung der Verschworenen zunächst nur gedruckte Prote st e gegen Fürsten und Re- gierung verbreitet werden sollen, „radikalere Mittel seien erst dann zu ergreifen, sobald die offenkundigen Proteste des Volkes nicht zu dem gewünschten Er- gebnis ftihren. Jedenfalls ist die Ausführung deS Volksbeschlusses: Verjagung des Prinzen Battenberg aus Bulgarien und Rücktritt der gegenwärtigen Regierung, dem Heere auf- z u e r l e g en, indem zu diesem Zwecke die uns ergebenen bulgarischen Offiziere ausgewählt werden.... ... Ich halte es hierbei für nötig, zur Bildung der Exekutivkomitees die Agenten nnsrcr Geheimpolizei zu Rate zu ziehen." Darauf wurde denn auch laut Mitteilung von: 28. Juli auf Befehl des Direktors der Staatspolizei der Staatsrat Mischtschenko nach Bulgarien geschickt, um die Verschwörung zu organisieren. Am 21. August 1886 wurde darauf Fürst Alexander durch Militär- Revolution seines Thrones entsetzt und als Gefangener � nach Rußland(Rem) entführt. Das bulgarische Heer erhebt sich in seiner Mehrheit für den Baltenberger, er kehrt zurück und dankt ab. Es folgt die Regentschaft Stambulow, Rußland verwendet sich für die gefangenen Verschwörer, die Regierung muß die Verschwörer Gruew und Benderew freilassen, ebenso den russischeln Hauptmann Nabokow, der in russischem Auftrage im Mai und November in Burgas Putsche insceniert, der berüchtigte Kaulbars herrscht in Bulgarien, die Bulgaren bitten bei dem europäischen Höfen um Schutz gegen Rußland und am 8. Dezember ivird dein Koburger Ferdinand der Thron von Bulgarien angeboten. Gegen den Fürsten Ferdinand beginnt die russische Regierung die gleiche Hetze wie gegen den Battenberger. Hatte sie bei dem Battenberaer mit der Entthronung sich begnügt, so verlangt die russische Regierung jetzt die Ermordung des Kobnrgers. Am 10. August 1887 teilt in einem chiffrierten Telegramm der Direktor des Asiatischen Departements an den Gesandten in Bukarest unter Berufung auf die russische Cirkular- Note an die europäischen Regierungen gegen den Fürsten mit: „daß die kaiserliche sR e gier ung entgültig beschlossen hat, den Prinzen Koburg als Usurpator, als außerhalb des Gesetzes stehend, zu betrachten, deswegen auch alle Hand- lungen, Ivelche gegen Koburg zum Zweck seiner Entfernung aus Bulgarien gerichtet sind, nicht als gerichtlich strafbar anzuerkennen." Das heißt doch in dürren Worten eine Prämie auf die Er- mordung„des Koburgers" setzen! Damit aber kein Zweifel darüber obwalte� was die r u s s i s ch e R e g i e r u n g meine, heißt es un- inittelbar daran anschließend: „Indem ich Ihnen obenstehende endgültige Entscheidung der kaiserlichen Regierung initteile, bitte ich Sie, Vertrauens- werten Personen, welche bereit sind, t h ä t i g c n Anteil an der Entfernung des Prinzen Koburg aus Bulgarien zu nehmen, Ihre Unterstützung angedeihen zu lassen." Mit Recht sagt der Staatsanwalt Grosch in einem Werke über das deutsche Auslieferungsrecht:„Der Vertrag setzt sich in seiner Behandlung der politischen Delikte und seiner unbestimmten Fassung des Artikels 2 in Gegensatz zu allen andern neueren Ver- trägen und zur völkerrechtlichen Theorie des Auslieferungsrechts." Aber selbst dieser mehr als sibirische Artikel 2 verpflichtet Preußen keineswegs zur Auslieferung von Deserteuren; denn er ist an die Voraussetzung geknüpft:„Wenn nichts entgegensteht." Hier steht aber etwas entgegen, nämlich ein unverbrüchlicher, bei allen Kulturvölkern geltender Grundsatz des Völkerrechts, der die Aus- lieferung von Deserteuren und Militärpflichtigen verpönt. Sogar der preusische Polizeiminister hat ja eine solche Beschuldigung als „infame Lüge" zurückgewiesen. Freilich, es ist kaum mehr zu bezweifeln, daß auch diese Schuld über Preußen gekommen ist. Preußen hat die Zumutung Rußlands nicht nur nicht schroff zurückgewiesen, sondern sie mit Begier erfüllt. Stur eine Regierung kann solch' eine Handlung wagen, die ein das Volk völlig entrechtendes Wahlfystem selbst vor jeder ernsthaften parlamentarischen Kritik schützt. Wir raten Herrn v. Hammerstein, sich alsbald im Reichstage einzufinden,— zu neuen Siegen über die Socialdemokratie, die dort das Völkerrecht gegen die Kischinewskis der preußischen Politik und die nationale Ehre zu verteidigen hat.— veutschea Reich. Ein Hercro- Gedenkblatt. Der Kaiser hat ein Gedenkblatt entworfen und von dem Marinemaler HanS Bohrdt ausstihren lassen, das an die Hinterbliebenen der in den Kämpfen gegen die Hereros Gefallenen verteilt werden soll. An der linken Seite des Blattes erblickt man eine gewappnete Germania, die Kaiserkrone auf dem Haupte, die rechte Hand leicht auf den mit dem Reichsadler ge- schmückten Schild gestützt, die linke weit vorgestreckt und einen Lorbeerkranz leicht herabneigend. Ein von dem Kranze herab- wallender Schleier trägt die Widmung:„Gedenkblatt zur Erinnerung an...(folgen Name, Geburts- und Todestag des Gefallenen). Er starb für Kaiser und Reich. Ehre seinem Andenken." Auf dem unteren Drittel des Gedcnkblattes erblickt man das leicht gekräuselte Meer. Ans ihm nähert sich in langsamer Fahrt ein vollgetakeltes Segelschiff mit der halbmast gesenkten Flagge und dem langen Heimatswimpel, dem heimischen Gestade, von dem das Licht des Leuchtturn, es herüberstrahlt. Stirn und Fuß des Blattes schmücken die Symbole des christlichen Glaubens: oben das Kreuz mit der flammenden Sonne, unten der Christuskopf mit der Dornenkrone. Daneben steht die Tröstung des Evangelisten Johannes:„Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde." So starkes persönliches Mitgefühl jeder mit den im Kampfe Gefallenen haben mag, mit Christentum hat aber die südwest- aftikanische Kolonisation wahrlich nichts gemeinsam.— Prügel für Geistesschwäche. Dr. Weygandt-Würzburg veröffentlicht in der„Psychiatrisch- Neurologischen Wochenschrift"' einen Aussatz über die Leitung von Jdiotenanstaltcn, in dem ein neuer Beitrag erbracht wird für die wahrhaft mittelalterliche Geistesverfassung, die weithin die angeblich aufgeklärtere Gegenwart erfüllt. Er teilt mit, es sei ihm be'aunt, daß in Norddeutschland vor wenigen Jahren noch Fälle vorkamen, in denen Ohrfeigen und Stockschläge gegenüber Geistesschwachen eine Rolle spielten. Weiter aber teilt er mit, daß es in Deutschland Pflegeanstalten für schwachsinnige Kinder giebt, die nach den behördlich geiichmigten Prospekten S t r a f l i st e n führen, nach denen die Kranke n für ihre durch die Krankheit bedingten Handlungen mit Schlägen und Rahrungs- entzichiiiig bestraft iverden. Eine dieser Anstalten— so teilt die„Frankfurter Zeitung" aus dem Aufsatz Dr. WeygandtS mit— (es ist die Sankt Josefs-Versorgnngsanstalt zu llrsberg in, b a y- r i s ch e n Kreise Schwabe n), die laut§ 2 den Zweck verfolgt, „schwachsinnigen, taubstummen, epileptischen und Irüppelhaften Per- fönen beiderlei Geschlechts Pflege, Erziehung und Unterricht au- gedeihen zu lassen," enthält folgende Strafliste: I.Ermahnungen, freundliche und ernste; 2. Allein-Stehen, Allein-Sitzcn und Allein-Essen; 3. Entziehung des Zwischen- b r o t e s; 4. Ausschluß von den Spaziergängen, von Spielen und sonstigen Unterhallungen; 5. Anzeige bei der Oberin und bei dem Supcrior; 6. bei Schülern, sofern hier- gegen nicht ein ärztliches Bedenken besteht, körperliche Züchtigung innerhalb der für die Volksschule gezogenen Grenzen; 7. unter der- Solche„vertrauenswerte Personen" fanden sich. Am 10. Oktober bereits konnte ihm der Gesandte Hitrowo melden, daß der Dragoman des russischen Konsulats in Rustschuk einen russischen Artillerie-Lieutenant Kolobkow kenne, der intime Beziehungen zu einflußreichen bulgarischen Offizieren, diesen neuesten „Führern der Nation", habe. Er habe Kolobkow nach Bukarest kommen lassen, dieser sei auch bereit, Rußland bei der Entfernung des Koburgers nützlich zu sein. „Nach der Meinung des Herrn Kolobkow ist das Miß- I i n g e n der Rustschuker Revolution den, humanen Auftreten des erschossenen Majors Usunow zuzuschreiben. Um in Zukunft solchen Folgen auszuweichen, empfiehlt der Lieutenant Kolobkow den Major P a n, tz a, welcher, wenn er einverstanden ist, bei der Entfernung des Prinzen Koburg aus Bulgarien in den zun, Ziele führenden Mitteln nicht wählerisch sein wird, und daß nur unter solchen Bedingungen auf Erfolg gerechnet werden kann." Am 18. Oktober, in einem chiffrierten Telegramm an den russischen Gesandten in Bukarest, empfiehlt der Direktor des Asiatischen Departements, „dem Herrn Jacobson einzuschärfen, im gegebenen Falle äußerst vorsichtig zu sein, damit unsre Teilnahme an der Entfernung des Prinzen Koburg aus Bulgarien durch Verschwörung nicht bekannt werde." An, 4. November schärfte der Direktor des Asiatischen Departe- ments dem Gesandten nochmals ein, daß die Unterhandlungen mit dem Verschwörer Panitza einen privaten Charakter tragen sollen; am 18. November, daß ein Kaufmann Nowikow in Sofia Leute zu finden hoffe,„den Prinzen Koburg auf den, V ers ch w ör ung s- w'e g e aus Bulgarien zu entfernen," am 3. Dezember antwortet der kaiserliche Gesandte in Bukarest, daß der Gesaudtschaftsselretär mit dem Major Panitza unterhandelt habe und daß dieser a ch t Bedingungen gestellt habe, deren erste lautet: „Die kaiserliche Regierung liefert Waffen und Munition zu einem Aufftande in Macedonien." Unterm 20. Dezember antwortet der Direktor deS Asiatischen Departements in Petersburg, daß dieser ersten Bedingung nicht entsprochen werden könne,— nur höre man den Grund, warn in die russische Regierung die„Bedingung" der Verschwörer ablehnt—: „weil in gegebener Zeit ein Aufstand in Macedonien, selbst bei günstigem Ergebnis, nicht in unsre in Interesse liegt." Die Verschwörung gegen den Fürsten geht aber ruhig weiter. Am 23. Januar 1888 meldet der russische Gesandte in Bukarest, daß der obengenannte Kaufmann Nowikow als Waffenlieferant für die bulgarische Armee austreten wolle. «Als Waffcnlieferant für die dortige Armee wird Herr Nowikow wärend seines Aufenthaltes in Bulgarien ungehinderter die Bcrschwörnng gegen den Prinzen Koburg betreiben können." Am 10. Febniar erklärt sich das russische Kriegs- m i n i st e r i u m bereit, „dem Kaufinann Nowikow die gewünschte Anzahl von Waffen aus unsren Fabriken zur Lieferung für die bulgarische Armee zu über- lassen." felBen Voraussetzung Verlängerung einer Freiheitsstrafe bis z u sechs Stunden; 8. unter der nämlichen Voraussetzung Ent- ziehung von einer oder zwei Mahlzeiten; 9. Ausschluß aus der Anstalt. Eine andre Anstalt für Unheilbare bestimmt in einem ihrer Paragraphen: Üebertretungen der Satzungen der Anstalt, der Hausordnung Verden durch den Vorstand der Anstalt durch 1. heilsame Er- Mahnungen, 2. Verlveise, 3. Verbot, den Garten zu besuchen, 4. Abzug an der Kost, und 5. kürzer oder länger andauernde Trennung von den übrigen Pfleglingen bestraft. Dr. Weygandt betont in seinem Aufsatz mit Recht, wie ver- werflich die Anwendung körperlicher Züchtigungen gegen solche Kranke ist: Jedem Jrrenwärter und jeder Jrrenpflcgerin wird sofort beim Eintritt in den Dienst eingeschärft, daß körperlicher Zwang bei geistig Abnormen durchaus zu vermeiden ist, daß körperliche Züchtigung verwerflich ist und mit Entlassung bestrast wird, und daß bei einer durch die Züchtigung verursachten Körperverletzung Anzeige an den Staatsanwalt erfolgt. In den nicht ärztlich geleiteten Anstalten für geistig Abnorme, insbesondere für geistesschwache Kinder, sind jedoch körperliche Züchtigungen nicht nur nicht ausgemerzt, sondern sie werden öfters noch durch die Anstaltssatzungen sanktioniert.... Daß das nichtärztliche Regime der Jdiotenfiirsorge derartige Früchte zeitigt, wird niemand wunder- nehmen, der sich erinnert, daß zum Beispiel der Vortrag eines an- gesehenen Jdiotenanstalts-Direktors auf der achten Konferenz für das Jdiotcnwesen(Heidelberg 1893) zu dem Resultat kam:„Wer nicht hören will, muß fühlen, und da thut erfahrungsgemäß eine hölzerne Schrift auf die Kehrseite des Jungen außerordentlich gute Dienste." Demgegenüber verwirft der ärztliche Standpunkt jede körperliche Züchtigung auf das allerentschiedenste, insbesondere bei allen geistig Abnormen, Kindern wie Erwachsenen.— Verkauf deutscher Schiffe an Rußland. Die Hamburg- Amerikanische Paketfahrt-Gesellschaft hat den Amerika-Dampfer „Fürst Bismarck" an Rußland verkauft. Daß gerade der„Fürst Bismarck" in russischen Besitz übergeht, ist eine shmbolische Würdigung der Politik des Mannes, dessen Namen das Schiff trägt. Ebenso soll der Schnelldampfer„Kaiser Friedrich" an Rußland ver- kaust werden. Die Beurteilung der Verkäufe unter dem Gesichtspunkt der Neutralität ist nicht ganz zweifellos. Der moderne Grundsatz der Neutralität verbietet dem neutralen Staat schlechterdings jede direkte oder indirekte Unterstützung einer kriegsführenden Macht; hierher gehört insbesondere Lieferung von Kriegsschiffen und Schiffen zum Truppentransport. Es ist klar, daß es sich bei den Käufen der russischen Regierung um Truppentransportdampfer handelt. Nur ist es eben nicht der Staat, sondern eine private Firma, von der die Schiffe verkauft werden. Indessen ist es auch die Pflicht des neutralen Staates'eine A n- gehörigen zu zwingen, alle diejenigen Handlungen zu unter- lassen, die er selbst nicht ausführen darf. Insofern hätte die Regierung die Hamburger Reederei nötigen müssen, von dem Geichäft abzusehen. Indes ist das heute geltende Völkerrecht gerade in diesem Punkte inkonseguent und gerät in Widerspruch mit seinen eignen Grundsätzen. In dem Bestreben, die Handels- freiheit auch im Kriege zu sehen, verbietet es auch die private Lieferung von Kriegsmaterialien nicht geradezu, wenn es auch den Ausschluß von derartigen Hilfeleistungen für wünschenswert hält. In unsrem Falle hätte man allen Anlaß gehabt, den strengsten Maßstab der Neutralität anzuwenden, da die Hamburger Gesellschaft staatliche Subventionen bezieht und insofern eine Art staatlichen Charakter hat. Auch ist daran zu erinnern, daß während des Boeren- krieges die Lieferung von Waffen und Pferden an die B o e r e n seitens deutscher Firmen von der Regierung verhindert wurde.— Oberschlesien im Rheinland. Auf dem in Köln abgehaltenen Delegicrtcntag der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine von Rheinland und Westfalen berichtete der Aachener Delegierte Brunn, daß in seinem Gebiet das Vorgehen der katholischen Geist- lichen den Gewerkvereinen viel schade. Als er in seiner Eigenschaft als Agitationsleiter beispielsweise in dem Ort Weiden eine Ver- sammlung abhalten wollte, um einen Ortsverein zu gründen, habe der Pfarrer morgens in der Kirche gepredigt:„Die Pest ist in Weiden eingebrochen; wer ihr anheimfällt, ist verloren!"— Obcrschlesicn überall, wo das Centrum herrscht!— Ein Pfarrer wegen Sittlichkeitsverbrechen st eck- brieflich verfolgt. Die Staatsanwaltschaft in Aachen erläßt einen Steckbrief hinter dem 53 Jahre alten in Köln geborenen katholischen Pfarrer Ernst Ritzenhoff aus Höngen, im rheinischen Kreise Heinsberg, weil dieser sich eines Sittlichkeitsverbrechens schuldig gemacht hat.— Ein halbes Jahr später aber tragen die höchsten russischen Beamten keine Scheu mehr, ihrer Regierung offen die Ermordung des Fürsten zu empfehlen. Am 23. Dezember 1838 sendet der Direktor des Asiatischen Departements an den kaiserlichen Geschäftsträger in Bukarest folgendes Telegramm: „Der Präsident der slavischen Wohlthätigleits-Gesellschaft— (das war Herr Jgnatieff, der„Vater der Lüge", der früher� russische Gesandte in Konstantinopel, der auch einmal zum Fürsten von Bulgarien ausersehcn war)— „hat den Direktor der Staatspolizei gebeten� die B e a m t e n des Departements anzuweisen, den Bulgaren bei der Entfernung des Prinzen Koburg aus dem Fürstentum und bei der Beseitigung der dortigen Machthaber behilflich zu sein. Die nach Bulgarien in der V e r k l e i d u n o von Fischern gesandten Agenten haben dem Wirklichen Staatsrat Durnowow gemeldet, daß sie nach Untersuchung der Eisenbahn Rustschuk-Varna die Gegend bei Jschukur-Tschiftlik als am besten geeignet gefunden haben, eine Entgleisung des Zuges herbeizuführen. Herr Durnowow fügte dieser Mitteilung hinzu, daß seine Agenten, welche die Ausführung dieses Planes leiten könnten, in Jsmaila wohnen und, wenn nötig, als Fischer nach Rusischuk kommen könnten. Infolgedessen bitte ich Sie, gnädiger Herr, den Personen, welche sich bereit erklärt haben, den Plan auszuführen, mitzuteilen, daß Sprengstoffe und ein Situationsplan ihnen von russischen Fischern in Rustschuk zu bestimmter Zeit übergeben werden wird. Ich bitte, dies gleichfalls dem Gendarmerie- kommandantcn in Jsmaila mitzuteilen." Am 14. Juni 1889 endlich meldet der Gesandte Hitrowo nach Petersburg u. a.: „Außerdem bittet Herr Tzankow persönlich, ihm die nötigen Geldmittel zur Verfügung zu stellen, um sie an einige Personen auszuteilen, welche sich b e r e i t j: r k l ä r t haben, thiit- lichcn Anteil an der Ausführung des Staatsstreichs zu nehmen, und sich in i t andren verabredet haben, den Prinzen Koburg zu töten."' Und der famose russische Gesandte schlägt vor, diese Gelder durch den r u s s i s che n Gesandten in Belgrad auszahlen zu lassen, weil Herr Tzankow„bis zum Staatsstreich" sich dort auf- halte. Acht Tage später, am 22. Juni, weist der Direktor des Asiatischen Departements Herrn Hitrowo an, durch den G e- sandten in Belgrad an T z a n'k o w 59 999 Frank aus- zahlen zu lassen. Die Verschwörung geht also— dank dem russischen Golde— weiter. Arn 26. September begnügt sich die russische Regierung nicht mehr mit ihrer Zustimmung zum äst o r d e, sondern sie verlangt sie. Der Direktor des Asiatischen Departements schickt dem kaiserlichen Gesandten in Bukarest eine geheime Mitteilung, worin es u. a. heißt: „Die kaiserliche Regierung kann nicht damit einverstanden sein, daß Prinz Koburg auf demselben gesetzlichen Weg wie der Prinz Battenberg beseitigt wird"... (Prinz Battenberg wurde bekanntlich durch eilte Militär- verschwörung gefangen genommen und nach Rußland ge- schleppt— das nennt der russische Beamte:„gesetzlicher Weg" Ist Zum Beichtstuhl-Prozeß. AuS Kattolvitz wird berichtet: Der Prozeß gegen den„Gontoflazak" dürfte noch weitere Kreise ziehen. Bekanntlich hat ein Teil der durch die Zeugenaussagen angegriffenen Geistlichen Berichtigungen veröffentlicht, in denen sie gegen einzelne Zeugenaussagen Verwahrung einlegten. Einige der beteiligten Zeugen haben aber nunmehr Beleidigungsklagen gegen die Geist- lichci! angestrengt.— Zur Frage der Arbeitskammcrn. In der b a d is ch en Ab- geordnetenkammer haben unsre Parteigenossen die Frage der Arbeiter- kanunern wiederum aufgerollt. Dabei gab die Regierung die folgende Erklärung ab, nachdem sie auf die Aeußerungen, die der Staats- sekretär Graf v. Posadowsky im Januar und Februar d. I. über diese Angelegenheit machte, Bezug genommen hatte: „... Hiernach steht in Aussicht, daß die Schaffung von Arbeiter- Vertretungen von den Organen der Reichsgewalt in die Hände ge- nommen wird. Die großherzogliche Regierung ist bereit, im Bundesrate dazu mitzuwirken, daß von Reichswegen Vorschriften erlassen werden, welche es den gewerblichen Arbeitern möglich machen, durch geordnete Vertretungen (Arbeits- oder Arbeiterkammern) ihre Wünsche und Anschauungen bezüglich der die Interessen der Arbeiter betreffenden Angelegenheiten zur Kenntnis der maßgebenden Behörden nnd Organe zu bringen. Bei dieser Sachlage hat die großherzogliche Regierung zur Zeit keinen Anlaß, über eine etwaige lan desrecht- liche Regelung des gleichen Gegenstandes Entschließung zu treffen."—_ Ein Brief Samuel Maharcros. In einem Briefe des Missionars Brockmann aus Okahandja, 29. Februar, den die Rheinische Missionsgesellschast ver- öffentlichi, heißt es: Gestern abend kam uns ein Herero-Brief in die Hände, den Samuel Maharero am 11. Januar, also einen Tag vor Ausbruch der Feindseligkeiten, an seine Großleute geschrieben hat. Aus demselben sieht man, wie sehr den Leuten darum zu thun war, daß auch uns Missionaren nichts von ihrem bösen Vorhaben bekannt wurde. Der Brief lautet in Uebersetzung wie folgt:„Okahandja, den 11. Januar 1994. An alle Großleule meines Landes. Ich bin der Oberhäuptling der Herero, Sam. Maharero. Ich habe ein Gesetz erlassen und ein rechtes Wort und bestimme es für alle meine Leute, daß sie nicht ihre Hände legen an folgende: nämlich Missionare, Engländer, Bastard, Bergdamara, Narna, Buren. An diese alle legen wir unsre Hände nicht. Thut diese Sache nicht. Ich habe einen Eid dazu gethan, daß diese Sache nicht offenbar werde, auch nicht den Missionaren. Genug. Ich bin der Häuptling Sam. Maharero, Okahandja." Mit diesem Brief können wir allen bösen Ver- leumdungen, als hätten wir vorher um die Sache gewußt, ent- gegentreten.—_ Gouverneur Leutwcin meldet aus Okahandja, daß die Haupt- abteilung am 7. April, nachmittags 4 Uhr den Vormarsch auf Otjosasu augetreten hat.—_ Zur Berichtigung des Reichstags-Abgcordneten Dr. Burckhardt. Herr Dr. Burckhardt hat uns bekanntlich eine Berichtigung zu- gesandt, in der er erklärte, daß die Freisprechung des von ihm wegen Beleidigung verklagten Redakteurs vom„Herb. Tageblatt" einzig und allein mit Rücksicht auf den 8 193 des Strafgesetzbuchs erfolgt sei. Wir begnügen uns dieser Berichtigung gegenüber mit folgendem Auszug aus dem schriftlich ausgefertigten Urteil des Hervorner Schöffengerichts: „In dem fraglichen Artikel ist dem gegnerischen Kandidaten (Herrn Burckhardt) der Vorwurf gemacht, daß er über die Stellung des nationalliberalen Kandidaten bezw. Abgeordneten, Amtsgerichts- Rats Hofmann, zur Frage der italienischen Arbeiter eine falsche Meinung in den einheimischen Arbeitern erweckt und dadurch einen geradezu fanatischen Haß derselben gegen Hofmaun erregt habe. Er, Burckhardt, habe zunächst die betr. Rede des Abgeordneten Hofmann(gehalten im Reichstag am 18. Januar 1992) überall bei seinen Agitationsreden und Parteiversammlungen s o besprochen und interpretiert, als sei Hofmann für die italienischen Arbeiter wegen deren angeblich besseren Leistungen eingetreten, er habe damit den wahren Sinn jener Aeußerungen gerade in ihr Gegenteil verkehrt, da sie besagen sollten, daß gerade für die deutschen Arbeiter in erster Linie ge- sorgt werden müßte und nicht für die ausländischen, die vielmehr durch Verbilligung der Rückreise und andre Mttel, die Konkurrenz mit den einheimischen Arbeitern zu verhüten bezw. zu beseitigen, zum Abzug veranlaßt werden müßten; die in diesem Zusammenhang von Hofmann gesprochene Aeußerung, daß die Italiener wegen ihrer besonderen Tüchtigkeit zu „Prinz Koburg hat durch Bestechung, Schreckensherrschaft und Gewalt von der Regierung des Fürstentums Besitz ergriffen und folglich muß dies Verbrechen nicht durch eine e.i n f a ch e Ver- j a g u n g aus Bulgarien gesühnt, sondern einem Volks- gerichr zu strenger Strafe übergeben werden." Nun folgen Verhandlungen mit den Verschwörern, wie dies „Volksgericht" zu gestalten sei, und am 17. Dezember 1339 kann der russische Gesandte Hitrowo den ihm durch den Organisator der Verschwörung, den extra nach Bulgarien entsandten russischen Lieutenant Kablokow, übergebenen„Beschluß des Militär- Revolutionskomitees in Sofia" nach Petersburg melden. Punkt 3 dieses Beschlusses heißt nach dieser Depesche: 3. Den Prinzen Koburg als Hauptschuldigen .... mit dem Tode zu bestrafen, zu welchem Zwecke er einem Gericht aus Volksvertretern zu übergeben ist, welches von dem Militärkomitee zu er- nennen i ft." Wir brauchen hierzu keine Kommentare zu liefern— der Wortlaut dieser Mordpläne, die von der russischen Regierung ja nicht bloß gebilligt, sondern direkt provoziert werden, spricht zu deutlich. Am 19. Januar 1999 teilt der kaiserliche Gesandte in Bukarest frohlockend mit, daß Major Panitza an den Lieutenant Kablokow meldet:„Prinz Koburg, das Ministerium und die Polizeibehörden sind in unfern Händen." Und Herr Hitrowo fügt hinzu: „Wollen Sie die kaiserliche Regierung um schleunige Er- ncnnung eines kaiserlichen Kommissars und seine Ab- reise nach Belgrad ersuchen. Jeder Aufschub ist für die Sache äußerst gefährlich." Aber am 21. Januar muß Hitrowo nach Petersburg tele- graphieren, daß in der Nacht vorher der„Major Panitza und andre Teilnehmer an dem Anschlage gegen den Prinzen Koburg" in Sofia verhaftet tvorden sind. Auch Lieutenant Kablokow wurde verhaftet, die Teilnahme der russischen Regierung an dieser Verschörung wird offen gelegt. Am 17. Juni 1899 wird Major Panitza vor der gesamten Garnison in Sofia erschossen, der zu neun Jahren Gefängnis verurteilte Lieutenant Kablokow aber im August nach Rußland ausgeliefert. Die russische Regierung hat bis heute die Ermordung des Coburgers nicht erreicht. Aber— fragen wir— ist jemals eine Regierung so schamlos gewesen bei der Jnscenicrung von politischen Verschwörungen und bei Anstiftung zum Fürstcnmord, wie hier in diesen amtlichen Depesche» die russische Regierung sich gießt? Ist da noch ein qualitativer Unterschied gegenüber den serbischen Königsmördern? Hat man aber je gehört, daß die Großmächte ihre diplomatischen Beziehungen zu der von Herrn Giers und Alexander III. repräsen- ticrien Regierung infolge des Bekanntiverdens der russischen Mord- Pläne abgebrochen haben? Im Gegenteil— wir erleben, daß andre Regierungeor der russischen Regierung bei der Verfolgring ihr nicht genehmer Politiker vorbehaltlos Glauben schenken und Hilfe leisten! Erdarbeiten bielfach bevorzugt würden, habe also gerade die Not« wendigkeit besonderen Schutzes gegen dieselben für die einheimischen Arbeiter betonen wollen. Statt besten behaupte das von dem Privat- klüger verfaßte„Christlich-Sociale Handbuch für Jedermann":„Hof- mann tritt für die italienischen Arbeiter ein, die unsre deutschen Arbeiter in ihrem Erwerb schädigen. Das mögen sich die Arbeiter merken", und als dem Privatkläger nun von gegnerischer, nationaler Seite, dies vorgehalten worden sei, habe er die von ihm verbreiteten unwahren Behauptungen dadurch von sich abzuwälzen ge- sucht, daß er sich auf seinen Parteigenossen v. Oertzen berufen, der jenen Satz im Wahlbüchlein aus der Hofmannschen Rede ausgegraben und ihm zugestellt habe. Aber auch dann, als ihm die Unwahrheit seiner— die Hofmannsche Rede betreffenden Behauptungen— bekannt sein mußte, habe er nichts gethan, um die Sache aufzuklären, so daß ihm der Vor- wurf gemacht werden müsse und auch gemacht worden sei, er habe wissentlich unwahre Behauptungen verbreitet, um die Arbeiter gegen den bisherigen Abgeordneten aufzuhetzen. Nach dem Ergebnis der heutigen Beweisaufnahme ist nun allerdings so viel ais er- wiesen zu erachten, daß der Privatkläger jene Aeußerungen in der Reichstags-Rede vom 18. Januar 1992 zu Angriffen gegen seinen Parteigegner bewußt und z w a r f o r t g es e tz t benutzt und ausgebeutet und jenem hierdurch ganz außer- ordentlich geschadet hat, in dem Maße, daß sofort der Ruf„Italiener" ertönte, wenn nur die Parteigenossen des Ab- geordneten Hofmann von dessen Wohlwollen für die Arbeiterschaft etwas sagten. Dieses Verfahren des Privatklägers als nicht aufrichtig zu kenn- zeichnen, muß als ein gutes Recht des Gegners erachtet werden, und da der fragliche Artikel in Nr. 155 des„Herborner Tageblatts" ohne erkennbar nach Form oder Inhalt auf das Vorhandensein einer Beleidigung hinweisende Umstände diesen Sachverhalt hervorhebt, so steht dem Angeklagten hierfür der Schutz des§ 193 St.-G.-B. zur Seite. Es wird also hier die objektiv in dem Vorwurf der absicht- lichen Entstellung der Hofmannschen Rede zu unlauteren Zwecken liegende Beleidigung hinfällig durch die Vertretung eines berechtigten — politischen— Interesses seitens des Angeklagten."— Hueland. Schweiz. Ein Anarchistengesetz. Der Schweizer Ständerat hat einstimmig ein Gesetz angenommen, durch welches die Verherrlichung von Ver- brechen der anarchistischen Propaganda mit Ge- fängnis bestraft»vird. Es bleibt einstweilen abzuwarten, ob dies Gesetz, das nur eine Konzession an drängende Nachbarn darstellt, auch die Billigung des Nationalrates findeü wird. Vom Standpunkt der Demokratie und Vernunft aus ist jede Unterdrückung der Preßfreiheit verwerflich. Gerade die absurden Auswüchse der Preßsreiheit können nur dadurch paralysiert werden, daß man ihnen durch vernünftige Argumente entgegentritt, daß man durch sociale Reformen, durch Uebung der Volksbildung, durch demo- kratische Institutionen jedem denkfähigen Menschen die Neigung zu Gewaltthätigkeiten benimmt. Durch UnterdrückungS- und Polizei- maßregeln verleiht man terroristischen Bestrebungen nur einen Nimbus, schafft man Märtyrer, die der verfolgten Sache nur nutzen, statt sie dem Fluche der Lächerlichkeit preiszugeben, der sicherer tötet, als alle Polizeimatzregeln. Hinzu kommt, daß ein Gesetz wie da? vom Ständerat an- genommene zu m i ß b r ä u ch l i ch e r Anwendung geradezu verlockt. Denn was heißt„anarchistische Propaganda". was versteht man unter„Verherrlichung von Ver- brechen"? Ist die politische und psychologische Erklärung von Notwehr alten gegen Regicrungssysteme, die eine gesetzliche Bethätigung des Volkes nicht dulden, bereits eine„Verherrlichung"? Gilt nicht eine gerechte Be- urteilnng der Motive solch eines Attentäters vielleicht mich schon als„Verherrlichung"? Wir hoffen deshalb, daß der Nationalrat gesundes demokratisches Empfinden genug besitzen wird, dieses Gefälligkeitsgesetz gegenüber rückständigen, antidemo- kratischen Nachbarn abzulehnen. Die Schweiz selbst braucht den Anarchismus nicht zu fürchten. Die sich bedroht fühlenden ftemden Mächte aber mögen sich durch innere Reformen gegen die„Propaganda der That" sichern.— Frankreich. Ueber das französisch- englische Abkommen werden noch folgende Einzelheiten gemeldet: Von den Schriftstücken wird nur der Neufundland und Westafrika betreffende Vertrag die Unterschriften von Lord Lansdowne und dem französischen Bot- schafter Cambou tragen. Außer den Grenzberichtigungen an der wcstafrikanischen Küste findet seitens Englands die Ab- tretung der an der Küste vouFranzösisch-Guinea gelegenen Los- Inseln und des Gebietes von Sind ei an Frankreich statt. In der Vereinbarung betreffs Maroklos erklärt England, daß es sich feines Einflusses in Marokko begebe. Dafür verpflichtet sich Frank- reich, weder Tanger noch die Gibraltar gegen- überliegenden Küstenstriche zu befestigen. Ferner gestattet Frankreich der ägyptischen Regierung, den 259 Millionen betragenden Ueberschuß der Schuld zu verwende». Von politischen Zugeständnissen bezüglich Aegyptens sei während der ganzen Ver- Handlungen überhaupt nicht die Rede gewesen. Bezüglich Siams werden die Verpflichtungen Frankreichs und Englands nur etwas genauer bestimmt. Die Note betreffend die Neuen Hebriden bezweckt lediglich eine Revision der dortigen fran- zösischen und englischen Gerichtsbarkeit.— Die Marine-UntersuchungSkommission ist nunmehr vom Minister« Präsidenten Combes im Einvernehmen mit dem Marineminister Pelletau zusammengestellt worden. Derselben gehören u. a. die Deputierten Doumer, Lockroy, Lanessan nnd Chaumet an, welch letzterer Pelletan sehr scharf angegriffen hat. Die Obmänner der fünf ministeriellen Kammergruppen, darunter Jaurös, ferner der Senator Clemeiiccau sowie eine Anzahl hoher Beamter der Marine- Verwaltung, des Staatsrates und des Rechnungshofes gehören der Kommission ebenfalls an. Die Liste umfaßt im ganzen 63 Mitglieder, und zwar 32 Deputierte, 18 Senatoren und 13 höhere Offiziere und Civil- beamte.— Italien. Die Villa des Herrn Nasi. Der„Kölnischen Zeitung" wird aus Rom geschrieben: Das in Palermo erscheinende socialislische Blatt„La Battaglia" entwirft nach eignen Nachforschungen folgendes Bild von den erfolgreichen Bemühungen des Abgeordneten und ehe- malige« Unterrichtsministers Nasi, sein Heim in Trapani aus Sizilien nett und— möglichst kostenlos einzurichten: das Besitztum des Herrn Nasi liegt auf einer Landzunge, die ins Meer vorspringt, und besteht aus einer Villa mit Garten und anstoßender großer Fischerei. Die Fischereigerechtsame erlangte er im Oktober 1898 durch das Marineministcriuin, als er Minister für Post und Tele- graphie war. Sie umfaßt 129999 Quadratmeter, gilt für Fischzucht und verwandte Gewerbe, hat eine zeitliche Dauer von 99 Jahren und kostet dem Berechtigten eine jährliche Abgabe von 129 Lire. Im Juni 1992, als Nasi Unterrichtsminister war, tauschte er einen Teil der gemieteten Wasserfläche gegen eine andre geeignetere um. Bier Jahre zahlte Nasi trotz wiederholter Mahnungen die schuldige Pacht nicht; erst im Januar, als sich der Sturm bereits gegen ihn erhob, holte er das Versäumte nach. In seiner Pachtzone trieb i fisn Fang von Luxusfischen und Hummern das ganze Jahr hindurch 7- ohne Nückstcht auf die gesetzliche Schonzeit und ohne dah ihn jemand daran gehindert hätte. Zum Schutze gegen den Wellenschlag der Westwinde veranlagte er als Unterrichtsnnnister den Bau eines Dammes von seinem Eigentum nach einer benachbarten Felsklippe auf Staatskosten für 16 000 Lire, unter dem Vorwande, daß der Bau für den Hafen des Ortes notwendig sei. Dem möglichen Ein- sprach der Fischer, die einer bequemen Durchfahrt beraubt wurden, begegnete� er durch Sammlung von etwa 100 Einwilligungs- Unterschriften. Die Villa baute fast kostenlos für ihn ein Unter« nehmer, der alle städtischen und staatlichen Ausschreibungen zugeschlagen bekam und reich dabei wurde, und der nachher durch Nasis Bernnttelung den Orden der Ritter der Arbeit erhielt. Die Jnnenmalereien führten mehrere Professoren kostenlos aus. die dafür durch Verbesserung ihrer Stellung, durch Verleihung von Lehrämtern, durch Titel usw. entschädigt wurden. Die elektrische Beleuchtungsanlage stellte ein Ingenieur für 5000 Lire aus seiner Tasche her gegen Ueberweisung einer Lehrstelle an der höheren Handelsschule zu Trapani. Die Möbel sind grotzenteils Geschenke von Nasis Verehrern oder Leuten, die ihm Ver- günstigungen verdankten oder solche von ihm erhofften. Die prächtige Bücherei stammt von einem Manne, der wegen Tötung des Gegners im Duell zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war und ourch Rast feine Begnadigung erlangte. Den Garten der Villa schmücken Pflanzen aus dem Stadtpark; städtische Arbeiter haben sie unter Aufsicht eines Forstbeamten gesetzt. Die 200 Meter lange, schmale und verkommene Straße, die zur Villa führt, wurde für 3000 Lire verbreitert und wiederhergestellt— aus dem Stadt säckel. Ebenso trug die Stadt die Kosten der Anlage der Master- lcitung, und außerdem zahlte der Minister nicht einmal für den Wasserverbrauch. Man sieht, Herr Rast war in Trapani allgewaltig, und so lange er am Ruder war, nahm man ihm das nicht einmal iibel. Kosteten feine noblen Passionen auch ein hübsches Stück Geld, so sorgte er doch auch anderseits dafür, daß das Geld durch andre Kanäle wieder reichlich zurückfloß. Allein aus den Unterstützungsfonds kamen während seiner Ministerschaft rund 0000 Lire an allerlei Vereine, die persönlichen Bevorzugungen von Landsleuten nicht gerechnet. Ob die Darstellung des socio listischen Blatte? in allen Punkten richtig ist, wird wohl die über Nasis Verwaltung verhängte parlamentarische Untersuchung ergeben, deren Bericht im Mai fällig ist. WaS die italienische Regierung für ihre Gefängnisse ausgiebt. Rom, 6. April.(Eig. Ber.) Einem Allegat des Budgets des Ministers des Innern zufolge gicbt die italienische Regierung im ganzen 28 870 000 Lire im Jahre für das Gefängniswesen aus. Die Summe wird— nach dem Voranschlag für 1004— wie folgt verteilt: Leitungs-, Vcrwaltungs- und Aufsichtspersonal... 7 307 000 Unterhalt der Gefangenen, Brennmaterial u. Eßgeräte 13 177 000 Kleidung und Reinigung der Wäsche....... 1 000 000 Transport der Gefangenen.......... 1348 000 Miete für die Anstalten und Unterhaltung der Baulichkeiten............... 1426 000 Rohmaterial und andre Anschaffungen für die Gefängnis- Werkstätten............... 3 958 000 Zwangsdomizil.............. 654 000 An Gefangenen und Gefängnispersonal zählt nun Italien 70 000 Menschen. Es kommen also auf jeden Kopf 411 Lire. An Verpflegung kommen aber auf den Gefangenen etwa 200 Lire jähr lich, wobei noch zu bedenken ist, daß die Submissionslieferanten mindestens ebenso viel abgaunern, wie durch die Beschaffung und Herrichtung im großen gespart wird. Das bedeutet, daß man in den italienischen Gefängnisfen hungert. Der Staat giebt 23 Millionen aus— ungerechnet die Zinsen und die Amortisation des Anlage- kapitals für die Baulichkeiten—, um 70 000 Personen langsam an Leib und Seele zu Grunde zu richten. Spanien. Kein Attentat auf den König. Daß es sich bei der Bombenexplosion in Barcelona um kein .anarchistisches Attentat gegen den König, über- Haupt um kein ernsthaftes Attentat handelte, wird heute bereits zu- gestanden. Dem„Liberal" zufolge brach in dem Augenblick, wo die Petarde in Barcelona explodierte, eine Panik aus unter den Leuten, die auf der Rambla del Centro waren und die nach allen Seiten flohen. Das Haus, in dessen Thorweg die Petarde gelegt war, erlitt keine bedeutenden Zerstörungen; einige E i s e n st ü ck e und einige Reste j!) von Bleikugeln wurden im Innern vorgefunden. Die Fenster der benachbarten Häuser zersprangen und eine Mauer erhielt einen Riß; drei Personen wurden verletzt. Der Urheber des Anschlags ist unbekannt. Die Polizei sucht nach zwei Individuen, die in der Rambla del Centro bemerkt wurden und die schnell im Moment der Explosion verschwanden. Man kennt weder ihre Namen noch ihren Aufenthalt. Der„Agence Havas" wird gemeldet, daß die Petarde um 9 Uhr abends in der Rambla del Centro platzte. Sie war vor das Portal des Hauses Nr. 19 gelegt und richtete nur im Innern dieses Hauses Schaden an. Der Vorfall hat keine Bedeutung; um ein Attentat handelte es sich nicht. Die Person, welche die Petarde gelegt hat, hat den Z w e ck verfolgt, Unruhe hervor- zurufen. Richtig ist indessen, daß zwei Personen leicht ver- letzt wurden und eine Person verhaftet worden ist. Der„Correspondencia de Espana" zufolge war die Petarde mit einer Dynamit enthaltenden Röhre versehen. Es hat sich also entweder um den groben Unfug eines thörichtcn Burschen oder, was viel wahrscheinlicher, um eine Polizei« D e m 0 n st r a t ifo n gehandelt, die bezweckte, einen Anarchisten- schreck zu erregen, um die Polizei wieder einmal als die Retterin der„Ordnung" erscheinen lasten zu können. Den herrschenden Klasten, speciell den kapitalistischen Ausbeutern und den Pfaffen ist die Niederbüttelung der Proletarier ja viel an- genehmer, als eine ruhige aber kraftvolle Arbeiterbewegung, die den Unternehmern Zugeständnisse abringt und durch zielbewußte Auf- klärungsarbeit die Herrschast der Pfaffen erschüttert.— Asien. Der erste japanische Handelsvertrag, auf den Japan sich einließ, wurde vor nunmehr fünfzig Jahren zwischen ihn: und Amerika abgeschlossen. Damit war das Land den Ausländern geöffnet, während vorher nur ein chinesisches und zwei holländische Schiffe nach Nagasaki kommen durften. Ueber die Steigerung des japanischen Handels geben folgende Vergleichszahlen Aufschluß:' Im Jahre 1863 betrug die Einfuhr Japans ungefähr 33 Millionen Mark, die Ausfuhr ca. 22 Millionen; dagegen belief sich 1902 Japans Einfuhr auf mehr als 500 Millionen Mark, die Ausfuhr sogar auf beinahe 600 Millionen. In dem 36jShrigen Zeitraum von 1868 bis 1004 hat sich der japanische Handel also um das Zwanzigfache vergrößert. Die wichtigsten Einfuhrartikel sind: Eisen, Papier, Petroleum, Zucker, die wichtigsten Ausfuhrartikel Japans: Baumwoll- stoffe, Kampfer, Kohle, Scidenwaren.— Amerika. Nach der amtliche» Volkszählung betrug im Jahre 1903 die Be- bölkerung der Vereinigten Staaten mit Ausnahme Alaskas und der Inseln, 79 900 000 Seelen, was eine Zunahme um 3 906 900 feit 1900 bedeutet. Die Einwohnerzahl belief sich in New Dork auf 3 716 000, in Chicago auf 1874000, in Philadelphia auf 1368000, in St. Louis auf 600 009.— Der Krieg in Ostafie«. Port Arthur, 7. April.(Meldung der Russischen Telegraphen- Agentur.) Im Rayon ist alles ruhig. Die Einwohner der Stadt bereiten sich zur Osterfeier vor. In den finsteren mondscheinlosen Nächten tvird ein Angriff des Feindes erwartet, der sich in den be- nachbarten Gewässern gezeigt hat. Zur Verhütung von Epidemien, die im Frühjahr in der Mandschurei auszubrechen drohen, werden nach einer„Laffan"-Meldung bereits Vorkehrungen getroffen. Der Militärgouverneur von Sibirien veröffentlichte einen Befehl d e S Generals Kuropatkin a n die Truppen, die gesund- heitlichen Vorschriften streng zu beobachten, besonders in den Gebieten hinter Jrkutsk, da andren Falles die ganze Eisenbahn eine Brutstätte der Ansteckung sein würde. Die Truppen werden in dem Armee- befehl weiter angewiesen, den Eisenbahnbeamten und den Aerzten Gehorsam zu leisten. Dazu berichtet der Korrespondent der„Nowosti" unter dem 29. März n. St. aus Charbin: Den russischen Truppen drohen in naher Zukunft ernste Gefahren. Die Brunnen in Charbin sind nicht tief und liegen dicht bei den Abzugs- leitungen, die nicht zementiert sind. Es müjsen sofort Desinstzierungs- mittel geschickt werden. 300« Kosaken abgeschnitten? Aus Söul meldet der Sonderkorrespondent des„Daily Telegraph", daß es 2000 Kosaken und andren berittenen russi- scheu Truppen unmöglich sein dürfte, der Gefangennahme durch die Japaner zu entgehen. Weiter stehen keine russischen Truppen mehr in Korea. Die Russen schlagen bei Koshan eine Brücke über den Aalu.—_ Parteitag der uugarlimdischen Soeialdemokratit. In Budapest fand am 3., 4. und 5. April ein Kongreß der Parteigenossen Ungarns statt, der von nicht weniger als 651 Tele- gierten besucht war. Ter Bericht der Parteileitung, von Jakob W e l t n e r erstattet, stellt eine starke Vermehrung der organisierten Arbeiter fest, obwohl die Verfolgungen durch die Behörden noch nie so brutal waren wie jetzt. In der Debatte wurde die Taktik der Parteileitung in dem Kampfe ums allgemeine Wahlrecht bemängelt. Ein Redner tadelte, daß die Parteileitung in diesem Kampfe mit der Unabhängigkeits- Partei in Fühlung getreten sei. Der Bericht wurde schließlich gegen die 13 serbischen Stimmen genehmigt. Am zweiten Verhandlungstage wurde über die Presse ver- handelt. Das Referat erstattete Garamat. Nach einer mehr- stündigen lebhaften Debatte wurde beschlossen, daß die in der Pro- vinz erscheinenden Parteiblätter in Bezug auf ihren redaktionellen und auch den Inseratenteil unter die strengste Kontrolle der Central- Parteileitung zu stellen sind. Ferner wird die Parteileitung an- gewiesen, die jetzt einmal wöchentlich erscheinende„Repszava" in allerkürzester Zeit in ein Tageblatt umzugestalten. Die auf dem Parteitag anwesenden Genossen übernehmen die Pflicht, bis 1. Oktober d. I. für eine Abonnentenzahl von 25 900 zu sorgen. Die Parteileitung wird schließlich beauftragt, das bisher einmal wöchentlich erscheinende deutsche Partei- Organ„Die Volksftimme" in kürzester Zeit zweimal wöchentlich erscheinen zu lassen. In der Rachmittags-Sitzung wurde über den Ausbau der Partei-Organisation referiert. Als der Referent K a r d 0 s das Verhalten der Regierung in scharfen Worten kritisierte, wurde er von dem anwesenden Regierungsvertreter Toth unterbrochen. Die Kongreßteilnehmer protestierten gegen diese Ein- schränkung der Redefreiheit durch stürmische Zurufe, und dem Vor- sitzenden gelang es nur schwer, die Ruhe wieder herzustellen. Die Wahl der Parteileitung, die am zweiten Verhandlungstage vorgenommen wurde, und gleichfalls Anlaß zu lebhaften Debatten gab, hatte folgendes Resultat: D. Bokanyi, Buchinger, A. Csizmadia, Dr. A. Goldner, Daranyi, M. Großmann, Garbatsi, I. Kardos, Klarvi, Malaschitz, I. Weltner. In die Kontrollkommission wurden gewählt: Gogoli, Kowats, Balyi, Sziller und Ptatznik. Zur Organisationsfrage wurde die Parteileitung beauftragt, das ganze Statut zu ändern und dem nächsten Parteitage zur Be- schlutzfassung vorzulegen. Nach Verhandlungen über die Organi- fation der Feldarbeiter wurde über Gemeindepolitik verhandelt und beschlossen, daß die Parteileitung dem nächsten Parteitage ein Ge- meindeprogramm vorlegen soll. Dann wurde eine Resolution angenommen, die das allgemeine. gleiche und direkte Wahlrecht mit geheimer Abstimmung fordert. Nach dem Referat des Delegierten K a r d 0 s über die Natinalitäten und die socialdemokratische Partei wurde eine von« Referenten beantragte Resolution gefaßt, in welcher der Parteitag erklärt, daß er, auf dem Boden des Partei- Programms stehend, die volle Gleichberechtigung aller im Lande lebenden Nationen fordert, weil er ohne Rücksicht auf deren Nation und Sprache zwischen Mensch und Mensch einen Unterschied nicht anerkennt. Bei dem folgenden Referat des Delegierten Dr. G 0 l d n e r kam es zu einem Zwischenfall, der eine Unterbrechung der Beratungen herbeiführte. Als der Referent das Vorgehen der ungarischen Regierung gegenüber den Partei-Angehörigen ein Verbrechen nannte. erhob Stadthauptmann Toth Einspruch gegen diese Bemerkung und drohte mit der Auflösung des Parteitages. Das gleiche geschah auch, als in der Debatte Weltner das Verbot der Gcldsammlungen scharf kritisierte und die Delegierten entgegen der Ministcrialverordnung aufforderte, auch weiterhin Geldsammlungen für Parteizwecke vor- zunehmen. Dem Vorsitzenden des Kongresses gelang es nur mit großer Mühe, sowohl auf die aufs höchste erregte Versammlung als auch auf den Stadthauptmann Toth beruhigend einzuwirken. Auf Antrag des Referenten Weltner wurde ferner beschlossen, zu dem am 14. bis 20. August d. I. stattfindenden internationalen Socialistenkongreß in Amsterdam einen Delegierten zu entsenden. Der Antrag Pelczeder-Budapest, dem nächsten Kongreß den Enttvurf eines Agrarprogramms vorzulegen, wurde ein- stimmig angenommen. Ferner wurde die Parteileitung angewiesen, gegen den Alkoholismus einen energischen Kampf zu führen. Ein weiterer Antrag, an Stelle der angestellten Genossinnen bei der Partei Genossen anzustellen, wurde mit überwiegender Majorität abgelehnt. Damit fanden die Beratungen ihren Abschluß. Hue Induftrie und Ftandel Zechen-Profite. Liest man die Geschäftsberichte der großen Kohlenbergbau-Gefellfchaften durch, stößt man fast regelmäßig an hervorragender Stelle auf den Satz, daß der Absatz wie die Preise manches zu wünschen übrig lassen— hinterher aber findet man, daß der Geschäftsgewinn sich wiederum recht ansehnlich vermehrt hat, so daß trotz enorm hoher Abschreibungen und Rückstellungen be- trächtliche Dividenden herausspringen. Zu dieser Art der Geschäftsberichte gehört auch der soeben erschienene Bericht der„Concordia" in Oberhausen. Zu Anfang der Ausführungen wird erklärt, daß das im Jahre 1900„verloren gegangene Gleichmaß zwischen Leistungsfähigkeit und Absatz bei den Zechen des Bezirks im verflossenen Jahre immer noch nicht wieder- gewonnen werden konnte, daß vielmehr auch in diesem Zeitabschnitt der Kohlenbergbau mit einer erheblichen Einschränkung rechnen mußte". Die spätere Abrechnung weist aber recht günstige Ergebnisse auf. Der Reingewinn stellt sich nämlich nach 650 624 M.(494059 M.) Abschreibungen einschließlich 464 738 M.(wie i. V.) Bortrag auf 1 989 039 M.(wie i. B.). woraus wieder 1 440 000 M. a l s 18 P r 0 z. Dividende verteilt werden sollen, so daß nach Abzug von 84 301 M.(wie i. V.) für Gewinnanteile 464 738 M. unverändert auf neue Rechnung vorgetragen werden. Die Gesamtsume der Ab- fchreibungen ist so bemessen, daß derselbe Reingewinn verbleibt. Die Anlagen stehen nach Abzug der Abschreibungen mit 11312683 M.(9 645 096 M.) zu Buch. An Wertpapieren werde» 2 879 662 M.(2 886 662 M.), an Bargeld 54 936 M.(57 425 M.). an Ausständen 1 800 200 M.(3 571 658 M) und an Vorräten 44 414 M. (7422 M.) ausgewiesen. Bei 8 000 000 M. Aktienkapital, einer An- leihe von 328 000 M.(378 000 M.) und einer Steinpattanleihe von 712 000 M.(776 000 M.) enthält die Rücklage 2 538 002 M. e f a h r" bezeichnete und woraus er eine der inneren Politik herleitete. Für gewöhnliche Sterbliche sind das groteske Widersprüche; für Bernstein bestehen diese Widersprüche nur in der Verleumdungssucht perfider Wider- sacher. Sei es drum! Auf das liebenswürdige Angebot, seine Artikel als Broschüre herauszugeben, muß ich leider verzichten, da ich an einen finanziellen Erfolg nicht glaube. Sein mir sehr ver- ständliches Bedürfnis, ein Kolleg über Logik zu hören, tvird Bernstein ja wohl auch anderweitig bewicdigen' können. Und seine Artikel kann er ja auszugsweise im diesjährigen„Großen Mißverständnis abdrucken lassen. Völlig aus der Luft gegriffen ist die Behauptung Bernsteins, ich habe die von ihm unterlchiedenen Formen des Imperialismus nicht genügend auseinandergehalten. Ich habe lediglich in einem eingeschalteten Satz über seine ideologische Auffassung des englischen ReichSeinheitSgedankens gespöttelt, im übrigen aber nachgewiesen, daß Bernstein auch gegen die Kolonial e r w e r b s Politik nichts einzuwenden hat. Daß er uns das letztere heute des langen und des breiten nochmals bestätigt, ist recht liebenswürdig von ihm. Sein erneutes Geständnis verliert nichts an Interesse durch den total hinkenden Vergleich des englischen Kolonialerwerbs mit— der lieber nähme von einzelstaatlichen VerlvaltungSaufgabcn durch das Deutsche Reich! Bernstein ist eben der Begriff einer p r i n c i p i e l l e n Be� kämpfung der kapitalistischen Kolonialpolitik völlig unfaßbar. In England darf ein Socialist koloniale Eroberungspolitik ruhig unter stützen(über Frankreich schiveigt Bernstein trotz meiner Provo- kationen bezeichnenderweise!) und in Deutschland ist sie nur deshalb zu bekänipfen, weil dessen halb absolutistisches Regiment nicht die- jenigen Friedensgarantien bietet, die Bernstein mit der ihn zierenden Naivetät bei einer kapitalistischen„Demokratie" wie England natür- lich als gegeben voraussetzt. Mitzuteilen, daß Bernsteins Mai-Artikel sich gegen Pastor?!au mann wandte, war in meinem Falle um so überflüssiger, als ich ja Bernsteins Motiv der Ablehnung deutscher kolonialpolitischer Forderungen mit nur denkbarster Klarheit hervorhob. Genug: ich habe Bernsteins Ausführungen nicht in einem einzigen Punkte durch Auslassungen oder Hinzufügungen entstellt. Er vermag ja auch nichts zu widerlegen, sondern nur wehleidig zu räsonnieren, eine Erleichterung, die ich ihm von Herzen gönne. _ H. 8. Der Parttitag der holländischeu Socialdemlikratit. An» ersten Ostertage wurde im Lokal„MufiS Sacrum" zu Dordrecht der zehnte Kongreß der socialdemokratischen Arbeiterpartei der Niederlande eröffnet. Der Parteivorsitzende Henri Polak sagte in seiner Eröffnungsrede: „Dieser Kongreß ist einer der bedeutendsten und wird als einer der merlwürdigsten der Partei erscheinen. Er gicbt einen durch- schlagenden Beweis dafür, daß die Stürme, die über uns hinweg« gegangen sind, keine schädlichen Folgen hinterlaffen haben. Wenn die Partei wirflich etwas gelitten hat, so hat sie sich auf das schnellste wieder erholt. Sie besitzt die Spannkraft, Zähigkeit und Dauerhaftigkeit, die die Kennzeichen der Arbeiterbewegung sind.—' Wir haben alles durchgemacht, was eine Partei wie die unsre durchmachen kann', und tvir haben es glänzend überstanden.—— Unfre Stimmenzahl, unser politischer Einfluß steigt, der Anarchismus verschwindet, je länger je mehr, auch ans der Gewerkschaftsbewegung; unsre Partei ist eine starke und dauerhafte, sie kann den heftigsten Stürmen die Stirn bieten; wie klein sie auch im Vergleich mit einigen Bruderparteien ist. sie ist ein würdiges Bataillon der großen internationalen Armee der Arbeit." Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde die Redezeit fiir die Referenten auf eine halbe Stunde festgesetzt, mit Ausnahme des Reserats über die Einfuhrzölle von Troelstra, wofür eine Stunde zugestanden wurde. Die Redezeit der Diskussionsredner wurde für das erste Mal auf 15, für das zweite Mal auf 5 Minuten fest- gesetzt. Der Parteisekretär teilte mit, daß 85 Abteilungen der Partei durch 114 Delegierte vertreten sind. Zunächst wurde dann über den Jahresbericht und über den Kassenbericht diskutiert. Die Verhandlungen, die sich wesentlich auf innere Partei-Angelegenheiten bezogen, endeten damit, daß die Be- richte gutgeheißen und dem Genosten van Kuijkhof Decharge erteilt wurde. Hierauf kamen die auf die parlamentarische Thätig- keit bezüglichen Punkte der Tagesordnung, und davon zuerst der RegierungSentwurf über die Regelung des Arbeitskontraktes zur Verhandlung. Der Referent Genosse T a k gab eine sehr sack- verständige und gründliche Kritik des Entwurfs, dessen zunächst auf- fallender' Fehler darin besteht, daß die Bestimmungen über den Arbeitsvertrag dem Bürgerlichen Gesetzbuch einverleibt werden sollen und den Eindruck machen) als sei der Verkauf und die Ver »netung der Ware Arbeitskraft nichts andres als der Handel mit irgend einer andren Ware. Neben einigen anerkennenswerten, stehen eine Anzahl Bestimmungen, die den Entwurf unannehmbar mache«! und ebenso verwerflich erscheint es, daß die Rechtsprechung dem Kantonrickter überlassen werden soll und nicht, wie zum Beispiel in Deutschland, besondere Gewcrbegerichte dafür eingesetzt werden. — Die DtskussionSredner waren int wesentlichen mit dem Referenten einverstanden. Von einer besonderen Beschlußfassung über diesen Punkt wurde Abstand genomnten. Zur Verhandlung über den Bericht der Kammer« fraltion gab Genosse Van Kol auf besonderen Wunsch der Abteilung Amsterdam E eine Erklärung über seine Stellungnahnte in der Kolonialdebatte in der Zweiten Kammer und seinem Vor- schlag, einen Teil der ostiudischen Besitzungen zu verkaufen, ab. Er schloß mit den Worten:„Das große Ziel unsrer Kolonialverwaltung mutz sein: Erziehung zur Selbstverwaltung, zur Unabhängigkeit. Die einzige Möglichkctt, um dazu die Mittel zu finden, ist: Be- schränkung unsreS gegenwärtigen kolonialen Besitzes."— Da die Partei sich im nächsten Jahr bei Aufstellung des Kolonial- Programms über diesen Punkt äußern wird, wurde jetzt auf eine gründliche Behandlung der Frage verzichtet.— Im allgenreinen erklärten sich die Delegierten mit der Stellungnahme der Kammerftaktion zu den verschiedenen parlamentari>chen Fragen einverstanden. Eine längere Diskussion, die sich bis zum Mittag des zweiten KongrehtageS erstreckte, wurde über das Partei-Organ„H e t Volk" geführt. Es handelte sich hierbei um Wünsche und Beschwerden ver- schiedener Art. Von Amsterdam EX wurde eine Resolution vor- geschlagen, wonach das Blatt mehr Attikel agitatorischen Charakter? bringen soll. Die Resolution wurde jedoch schließlich zurückgezogen. Genosse Tal wurde einstimmig als Hauptredakteur wiedergewählt. Sodann befaßte sich der Kongreß mit der S ch u tz z o ll f r a g e. Genosse Troelstra gab eine gründliche Uebcrsicht über die Entwicklung des Freihandels in England sowie deS Schutzzollsystems in Deutschland und erörterte dann die prin- cipiclle Stellung der Soeialdemokratie zu dieser Frage. Er schloß diesen Teil seiner Ausführungen mit der Erklärung, daß, wenn in dieser Frage eine Resolution angenommen werden solle, er keine bessere wüßte als die vom deutschen Parteitag im Jahre 1893 angenommene Resolutton Bebel-Kautsky(die der Redner verlas). Darauf ging der Redner des näheren auf den Schutzzoll- Gesetzentwurf der niederländischen Regierung ein. Er schloß mit den Worten:„Wir werden so energisch wie möglich gegen diesen Entwurf kämpfen, aber aus unsre Art. Dogmatische Freihändler sind wir niemals gewesen. Wir werden auch in diesem Kampfe christlicher und nnchristlicher Heuchelei die Maske vom Gesicht reißen, und die Kleinen überzeugen, daß ihre Interessen bei den Kapitalisten nicht sicher sind, sondern daß sie zu uns gehören."— Ohne daß ein Beschluß hierzu gefaßt wurde, erklärt sich der Kongreß mit Troclstras Ausführungen einverstanden. Hierauf kam die Frage des Generalstreiks zur Ver- Handlung. Das einleitende Referat hielt Frau Roland Holst. Die Diskussion kam erst am dritten Kongretztage zum Abschluß. Folgende Resolution des Parteivorstandes wurde mit 135 gegen 39 Stimnien angenommen: „Der Kongreß der Socialdemokratischen Arbeiterpartei, er- wägend, daß es wünschenswert ist, hinsichtlich der„allgemeinen Ar- beitseinstcllung" den Standpunkt der niederländischen Socialdemo- kratie festzulegen, erwägend, daß die notlvendige Bedingung des Erfolges einer Arbeitseinstellung größeren Maßstabes eine starke Organisatton und eine selbst gelvollte DiSciplin der Arbeiter- klaffe ist, erachtet die absolute allgemeine Arbeitseinstellung in dem Sinne, daß alle Arbeiter zu einent gegebenen Augenblick die Arbeit nieder- legen, für unhaltbar, weil sie jede Extstenz, also auch die des Proletariats, unmöglich macht: erwägend, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nicht das Restiltat einer solchen plötzlichen Kraftanspannung sein kann, daß eS dagegen möglich ist, daß eine Arbeitseinstellung, die sich über einzelne für das wirtschaftliche Leben wichtige, oder ans eine große Anzahl Betriebszweige erstreckt, ein äußerstes Mittel sein kann, wichtige gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen oder sich gegen reaktionäre Angriffe auf die Rechte der Arbeiter zu verteidigen, warnt die Arbeiter davor, sich ins Schlepptau nehmen zu lassen durch die Propaganda für die allgemeine Arbeitseinstellung, die von anarchistischer Seite getrieben wird, um sie abzuhalten von dem wirklichen Kampf, der Tag für Tag mittels der geiverkschaftlichen und politischen Thätigkeit und der Kooperation gekämpft wird, und fordert sie auf, durch Entwicklung ihrer Organisation ihre Einheit und Macht im Klassenkampf zu stärken, weil, ivenn die Arbeitseinstellung für einen politischeir Zweck einmal nötig und nützlich erscheinen sollte, das Gelingen davon abhängt." Dieser mit so starker Majorität angenommenen Resolution des Parteivorstandes gegenüber stand eine andre von Amsterdam EX, die besonders vom Genossen Vliegen verteidigt wurde. Sie besagte, der Parteitag möge erklären, daß die all gcnr eine Arbeits- niederleg rtng keinerlei Platz einnehmen könne unter den Kampfmitteln des Proletariates. Die Resolution ist später in Amsterdam EX verworfen worden, wurde auf dem Parteitag dann von Amsterdam VI übernominen, jedoch nach Annahme der Resolution des Parteivorstandes zurückgezogen. Die Aussprache des Parteitages über diese Frage ist darum von be« sonderer Bedeutung, weil sie dem bevorstehenden internationalen Kongreß zur Vorlage dienen wird. Nach Erledigung dieses Punktes wurde über verschiedene Anträge auf Verringernitg des Abonnementspreises von „Het Volk" und auf Gründung einer eignen Partei- d r u ck e r e i beraten. Hierzu wurde dem Parteivorstand aufgetragen. in absehbarer Zeit ein Gutachten über die Möglichkeit der Errich. tung einer eignen Druckerei abzugeben. Ueber die für nächstes Jahr bevorstehenden Wahlen zu dei, General st aaten(Reichstag) fand eine nur kurze Aussprache statt Es wurde beschlossen, diese Sache dem Parteivorstande zu überlassen.— Von mehreren OrtSabteilnngen waren Anträge auf A tt- st e l l u n g besoldeter Agitatoren eingebracht worden Diesen Wünschen konnte jedoch ans finanziellen Rücksichten nicht nachgekommen werden. Auch diese Sache wurde dem Parteivorstande überlassen. Der Parteivorstand hat vorläufig den Genoffen L o o p u i t als allgemeinen Agitator der Partei angestellt, was vom Parteitage einstimmig gutgeheißen wurde. Hiernach wurden noch einige auf die Provinzpresse, die Organi- sation und die Statuten bezügliche Anträge erledigt. Genosse O u d e g a a st gedachte in kurzen Worten des Kampfes der Diantant- arbeiter und bemerkte, daß es an der Zeit sei, daß die ganze Arbeiterschaft den Ausgesperrten moralische und finanzielle Unter- stützung zukommen lasse. Sodann schloß der Vorsitzende unter Hin- weis auf die bevorstehenden Wahlen den Parteitag, der sich unter den Klängen des Socialistenmarsches auflöste.— Eine Anzahl Punkte der Tagesordnung konnten wegen Mangel an Zeit nicht erledigt werden, darunter der RegierungSentwurf zu einem Alkoholgesetz und die A g r a r f r a g e, die auf den nächsten Parteitag zurückgestellt wurde._ Erster Internationaler Kongreß für Kchnt- Gesiindheitspflege. Nürnberg, 7. April 1994. In Gruppe El. referierte Professor Dr. Denker- Erlangen über seine Untersuchungen betreffend daS Thema:„Die-Hot» fähigkeit und die Häufigkeit des Vorkam meitS von Infektionskrankheiten im kindlichen und jugendlichen Alter". Seine Forschungen haben ihn dazu geführt, als unbedingtes Erfordernis zu verlangen, daß mindestens in jedem Jahre einmal sorgfältige Untersuchungen der Hörfähigkeit bei den Schülern vorgenommen werden, um den durch die Ohren- krankhciten bedingten schädlichen Einfluß auf die geistige Eni- Wicklung der Schulkinder zu vermindern. Die Untersuchungen sollen zu- nächst durch den vom Ohrenarzt instruierten Klassenlehrer vorgenommen werden, der die herausgefundenen Schwerhörigen dem Ohrenarzt zu überweisen habe. Ueber Hilfsschulen für Schwachbegabte sprach Frenze!- Stolp in Gruppe IT. Als Bedingung dafür, daß die Hilfsschulen den an sie gestellten hohen Anforderungen nachkommen können, bezeichnet er die Notwendigkeit, diese Hilfsschulen als öffent- licht und selbständige Unterrichtsanstalten zu begründen und zu unterhalten, den Schulzwang für alle schwachbegabten Kinder ein- zuführen und die Schulpflicht bis zum vollendeten sechzehnten Lebensjahre auszudehnen. Da die Erziehung und Bildung der Schwachsinnigen weitgehende Individualisierung und päda- gogische und unterrichtlicke Eondermaßnahmen erfordert, sei von den Lehrern der Hilfsschulen eine specielle Borbildung für ihre berufliche Thätigkeit zu verlangen. Zur Ueberbürdungsfrage äußerte sich noch Proscffor B r ü t t- Hamburg, dem die Forderungen der Schulhygieniker in Bezug auf Entlastung der Lehrpläne an den höheren Schulen viel >u weit gehen. Die'Ueberbärdung sei noch keine erwiesene That- .acht, sondern noch eine offene Frage. Jnternattonale Verein- barungen über Verminderung des Lehrstoffs seien vollständig aus- geschlossen. Zu derselben Frage spricht Dr. H e r g e l- Aussig i. B. die Ansicht aus. daß die Ucberbürdung der Jugend thatsächlich bei weitem nicht in so hohem Maße vorhanden sei, als vielfach be« hauptet werde. Die Schuld an der thatsächlichen Ueberbärdung falle weit weniger auf die Schule selbst, als auf die andren Erziehungs- faltoren: Familie und Lebein Die Lehren aus dein Fall D i p p o l d zog Dr. H e I l e r- Wien in seinem Vortrage über Gefährdung der Kinder durch krank- Haft veranlagte und sittlich defekte Aufsichtspersonen. Die in den Familien wirkenden Erzieher und Aufsichtspersonen sind gewisser- mästen zu einer pädagogischen Großmacht geworden, was Haupt- sächlich zurückzuführen ici auf die Erwerbsthätigkeit vieler Mütter, auf die Inanspruchnahme vieler Frauen durch sogenannte gesellschaft- liche Pflichten und auf das zunehmende Unvermögen, die eignen Kinder zu erziehen— eines der charakteristischen Anzeichen socialer Degeneration. Verschiedene in der letzten Zeit an die Oefsentlichkeit getretene Uebelstände nötigen dazu, den Familien- Pädagogen erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden, wobei aber nicht aeueraUsiert werden dürfe, denn kein andrer Stand weise neben schleckten Elementen so viele Beispiele von Selbstaufopferung und Pflickttreue auf wie der Erzieherftand. Tuberkulose und Syphilis sind mit der Pflege und Erziehung nicht vereinbar, die Nervosität führt zu Perversitäten besonders auf dem Gebiete des Geschlechts- lebens, und eS ist gar nicht so selten, das; Kinder durch pervers der- aulagte Erzieher beiderlei Geschlechts sittlich verdorben werden. Die gemeinhin als Prügelpädagogen bezeichneten Erzieher sind besonders im Auge zu behalten, weil sich unter ihnen viele sadistisch veranlagte Naturen befinden. Das beweise der Fall Dippold. Die Prügelstrafe sei unter allen Umständen be- dingungSIos zu verwerfen. Auch Epileptiker eignen sich nicht zu Erziehern wegen der schlimmen Charaktereigenschaften, die solchen Leuten vielfach anhaften. Gegenüber allen Erziehern sei die peinlichste Wachsamkeit zu bcobacktcu. lieber die sexuelle Aufklärung der Schüler wurde in Gruppe C verhandelt. Dr. B l a s ch k o- Berlin betonte die Not- tvendigkeit und Zweckmässigkeit der sexuellen Aufklärung, die aber großen Schlvierigkeiten begegnet, da aus den Lchrplänen absichtlich jtdcr� biologische Unterricht ferngehalten wird, um nicht mit der biblischen Anschauung in Konflikt zukommen, noch lveniger würden die maßgebenden Kreise dazu schreiten, die Unterweisung über Entstehung und Zeugung des Menschen in den Lehrplan auszunehmen. Der heutige Lehrerstand wäre auch mangels einer biologischen Vorbildung gar nicht dazu geeignet, solchen Unterricht zu erteilen. Dies müsse erst nach- geholt werden, ehe man an die Einführung eines solchen Unterrichts denken könne. Leichter sei es, die heranwachsende Jugend in den Fortbildungs-, Fach- und Hochschulen bezlv. bei der Entlassung aus dem Schulverband über die Gefahren des außerehelichen Geschlechts- Verkehrs und über die Geschlechtskrankheiten aufzuklären, und zwar durch Vorträge, Flugschristen und Flugblätter. Lehrer T l u ch o r- Wien erklärt es für unsittlich, der reifenden Jugend die nötige Belehrung vorzuenthalten, und verlangt eine gründliche Entlastung der Mittelschulen durch Streichung alles nutz- losen Ballastes, dagegen sei über die Hygiene auf allen Stufen in einer dem jeweiligen Alter entsprechenden Weise Belehrung zu bieten. Prof. Dr. S ch u s n y- Budapest tritt dafür ein, daß die Auf- klärnng über die Geschlechtsverhältnisse schon vor Eintritt der Pubertät erfolgt, dann werde, wenn diese Periode kommt, der Schüler nicht so vom Reiz des Mystischen erfaßt sein, wie jener Schüler, der nach den Regeln der hergebrachten höheren Sittlich- leit erzogen wird. Den Schülern müsse auch Abstinenz gelehrt werden. Die hygienische Unterweisung für alle Lehr er wird von Prof. Dr. Blasius- Braunschweig und Prof. Dr. Wer- n i ck e- Posen als erforderlich erklärt. Sie soll sich erstrecken auf Anatomie und Physik des gesunden menschlichen Körpers, Schüler- krankheiten, Bau und innere Einrichtung des Schulhauses, Spiel- Plätze, Hygiene des Unterrichts, hygienische Ueberwachung der Schüler. Die Schulhygiene sei künftig in den Prüfungen für das Lehramt möglichst als verbindliches Fach anzuführen. In der Plenarsitzung ain Donnerstag berichtete Professor Dr. Johann essen- Norwegen über den Stand der Schul- gesundheits pflege in Norivegen, wo seit 186t) durch Gesetz der Gesundheitslchre in der Schule ein Platz eingeräumt ist und die hygienischen Schuleinrichtnngen stets weitere Fortschritte machen. Das fei daraus zurückzuführen, daß in den Schul- kommissionen je ein Arzt den Vorsitz führe. Für jede Schule ist gesetzlich ein Schularzt vorgeschrieben, in jeder Mädchen- schule fungiert eine Schnlärztin. Ueber die Wechselbeziehungen zwischen Schülern und Lehrern in Bezug auf ansteckende Krankheiten berichtete Dr. Legendre- Paris: er schilderte die Fälle der Ueber- tragung von Tuberkulose zwischen Lehrern und Schülern und wandte sich dann den nervösen Störungen zu, bei denen eine Uebertraguna zwischen Lehrer und Schüler möglich ist. Bei der Entdeckung und Bekämpfung dieser Wechselbeziehungen könne der Schularzt wichtige Dienste leisten. Die Organisation großer Volksschulkörper nach d e r n a t ü r'l i ch e n L e i st u n g s f ä h i g k e i t d e r K i n d e r be- handelte Dr. S i ck i n g e r- Mannheim in einem außerordentlich interessanten Vortrage, indem er eine richtige Bemessung nicht nur der körperlichen, sondern auch der geistigen Arbeitsleistung in der Schule nach dem„System der Auslese" verlangt, d. h. Absonderung der begabten und Minderbegabten Schüler in Parallelklassen. Er schlägt drei Bildungswege vor: 1. für die mittel- und besser be- fähigtcn Schüler; 2. für die mäßig schwachen Schüler; 3. für die krankhaft schwachen Schüler. Das System, daS bereits in Mannheim durchgeführt ist, habe sich dort trefflich bewährt. Ueber oie Verhütung von Infektionskrankheiten in der Schule sprach Professor Dr. H u e p p e- Prag. Nach eingehender Schilderung der verschiedenen JnfektionSarten enipfahl er strenge Wachsamkeit, sorgfältige Desinfektion, als deren wirksamste Art er die Erziehung zur Steiiilichleit bezeichnete, und Abhärtung des Körpers. Die Ferienkolonien müßten in den Dienst der Prophylaxe gestellt werden. Mitgeteilt wurde, daß der nächste internationale Kongreß Anfang August ISO? in L o n d o n stattfindet. Außer- dem lourde ein Antrag angenommen, dem zufolge eine fünfgliederige Kommission mit der Ausarbeitung von Grundsätzen für den schul- ärztlichen Dienst beauftragt wird. Die Lohn- und Arbtitsverhältmffe in der Lerliurr Mttullindustrie. Die Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiter-Ver- bandes hat sich der ebenso mühevollen Ivie dankenswerten Aufgabe unterzogen, über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Berliner Metallindustrie umfangreiche statistische Erhebungen anzustellen. Zu diesem Zweck gab sie im Herbst 1962 für Berlin und dessen sämtliche Vororte mit Ausnahme von Köpenick sachgemäß aus- gearbeitete Fragebogen an die Mitglieder der Organisation heraus. Das Gesamtergebnis dieser statistischen Erhebungen konnte nach kundiger Sich- tung des eingelaufenen Materials allerdings erst anfangs dieses Jahres veröffentlicht werden und ist in einer 114 Druckseiten umfassenden Broschüre niedergelegt worden. ES läßt sich wohl mit Recht sagen: diese Leistung der Berliner Metallarbeiter dürfte einen dauernden Wert haben, denn nicht alleinc, daß sie eine sichere Schöpfquelle besten Agitationsstoffes für den Metallarbeiter-Verband darstellt, bietet sie auch den Außenstehenden ein äußerst schätzenswertes Hilfs- mittel in der Beurteilung der socialen Lage der in der Berliner Metallindustrie thätigen Arbeitermassen. Die Erhebungen erstrecken sich auf 1612 Betriebe, in denen 33479 Metallarbeiter beschäftigt waren, und zwar kommen in Betracht 684 Kleinbetriebe mit je 1 bis 199 beschäftigten Arbeitern, ferner 136 Mittelbetriebe mit je 1 Beziehung sah nordöstlichen Eisen- und Stahlöerufsgenosscnschaft schätzungslveise auf rund 199 999 angegeben. In den 1942 Betrieben gehörten von je 199 beschäftigten Per- sonen einer Geiverkschaft an: Bauklempner 88,53; Drücker 71,56; Mctallformer 69,74; Metalldreher 66,93; Dreher 64,24; Schleifer 62,63; Heizungsrohrleger 62,39; Gürtler 69,68; Schrauben- und Revolverdreher 54,92; Eisen- und Metallformer 52,48; Gas- und Wasserrohrleger 51,72; Feilenhauer 51,37; Schraubendreher 46,69; Klempner 45,89; Gold- und Silberarbeiter 41,95; Tischler 41,29; Schlosser 4 1,94; Ei seuformer 49,62; Schmiede 37,24; Mechaniker 36,96; Drahtarbeitcr 35,19; Hobler, Fräser zc. 31,39 und Maler und Lackierer 25,87. Die llnterschiede in den einzelnen Gruppen sind recht auffällig. Während von den Bauklempnern mehr wie vier Fünftel organisiert waren, ist dies bei den Malern und Lackierern nur zu einem Viertel der Fall. Freilich darf auch hier nicht übersehen werdeu, daß sich die Zahlen nur auf cttva den dritten Teil der gesamten Berliner Metallarbeiter beziehen. In mehreren Gruppen weisen die Kleinbetriebe den höchsten Prozentsatz an Gewerkschaftsmitgliedern auf, so bei den Mechanikern, Eisenfornicru, Klempnern und Gürtlern Dagegen findet sich der höchste Prozentsatz an organisierten Schlossern und Drückern in den Mittelbetrieben, an Schleifern aber in den Großbetrieben. Die Arbeitszeit ist vorherrschend neunstündig; jedoch ist auch in allen Betriebsgrößen noch die zehnstündige Arbeitszeit recht häufig anzutreffen. In einer Reihe von Großbetrieben arbeiten ver- schiedene Branchen auch nur acht Stunden; diese Einrichtung ist aber größtenteils auf Wcchselschicht zurückzuführen. In drei Groß- betrieben mußten die Hobler, Stoßer, Fräser, Stanzer und Maschinen arbeiter sogar noch elf Stunden arbeiten. Die durchschnitt- liche höchste Arbeitszeit hatten die Drahtarbeiter, Schmiede und Former mit 91/i— 10 Stunden; unter neun Stunden arbeiten im Durchschnitt die Schleifer und Mechaniker. Die Lohnverhältnisse der Arbeiter gestalteten sich folgendermaßen. Es wurden ermittelt: Arbeiter in mit einem Wochenverdienst Klein- Mittel- Groß- Betrieben 81 35 98 69 147 93 612 834 1327 1176 2119 1689 1862 2214 1239 2653 875 1773 449 1351 155 724 47 366 7 131 4 45 8 2392 unter 19 M......... 99 über 19—12 M........ 119 „ 12—15......... 233 „ 15—18........ 528 „ 18—21........ 1346 „ 21—24......... 2193 „ 24—27........ 2239 „ 27—39„....... 2288 „ 89—33„....... 1566 ,. 33—36......... 663 „ 36—39......... 215 „ 39—42„....... 115 „ 42—45„....... 33 „ 45-48„....... 5 6 2942 „ 48 M......... 17 Ter Verdienst war nicht zu ermitteln 2252 Fassen wir die 15 Lohnklassen in drei Hauptgruppen mit einem Verdienst bis zu 15 M., dann über 15—33 M. und weiter über 33 21k. zusammen, so hatten von je 199 Slrbeitern in einen Wochenverdicnst Klein- Mittel- Groß- Betrieben bis 15 M....... 3.99 3,61 1,59 über 15— 33 M..... 87,99 88,99 78,56 über 33 M...... 9,19 7,49 19,94 Mit der Arbeitszeit verglichen ergiebt sich, daß der verhältnismäßig niedrigste Verdienst gleichzeitig mit der längsten Arbeitszeit zu- sammenfällt, so z. B. bei den Drahtarbeitern und Feilenhaueru Freilich giebt es auch Gruppen, wie die Schmiede, die mit Bezug auf den Verdienst ziemlich günstig, mit Bezug auf die Arbeitszeit aber ungünstig dastehen. Die Löhne der Arbeiterinnen zeigen folgendes Bild mit einem Wochen- verdienst unter 19 M.. über 19—122«. 12 15„ 15—18„ 18—21 ,. 21-24„ 24 M... Verdienst nicht ermittelt bei in Klein- betrieben Arb. % Ol lo 162 17,49, 327'35,31 296 31,97 19,91 191 28 7 5 103 3,02 0,76 0,54 1 84,77 10,91 4,32 in Mittelbetrieben Arb. 298 198 423 138 8 5 1 220 °/o o/ lo 27,88) 18,52485,97 39,57,) 12,72 9.75 9,471 0,99 12,72 1,31 in Großbetrieben Arb.' % °/o 234 14,20 366 22,21| 695 42,17 264 6 4 79 522 16,02! 0,36 0,24 4,80 78,58 16,02 5,40 Der große Unterschied zwischen der Höhe des Arbeitslohnes für Arbeiter und der für Arbeiterinnen zeigte sich darin, daß die höchste Lohnklasse, die über 33 M., bei den Arbeiterinnen gar nicht vertreten war. Denn die Löhne der Arbeiterinnen über 24 M. gehen in keinem einzigen Falle über den Betrag von 33 M. pro Woche hinaus. Ebenso bezeichnend ist aber auch die Rolle, welche die unterste Lohnklasse bei den Arbeitern und bei den Arbeiterinnen spielte. Von den Arbeitern waren in der untersten Lohnllasse: in Kleinbetrieben... 3,99 Proz. „ Mittelbetrieben... 3,61„ ,. Großbetrieben... 1,59„ der beteiligten Arbeiter. Bei den Arbeiterinnen dagegen stellten sich die betreffenden Sätze auf 84,77 Proz., 85,97 Proz. und 73,58 Proz. Während also von den Arbeitern nur eine verschlvindende Minder- hcit mit einem Wochenlohne bis 15 M. abgefunden wurde, wurden von den Arbeiterinnen die allermeisten(3/, bis 4/s) mit einen« so geringen Verdienste nach Hanse geschickt, schließlich zeichneten sich ne Großbetriebe noch darin aus, daß sie 4,89 Proz. ihrer Arbeiterinnen mit einem Lohne über 24 M. anführte««, während der entsprechende Satz bei de» Kleinbetrieben nur 9,54 Proz. beträgt. Lehrlinge wurden zun««veitauS größten Teil(3255) mit einen« Wochenverdienst von unter 19 M. entlohnt. Rur 164 erhielten bis zu 12, vereinzelt auch bis 18 Bk. In allen Betriebsgrößen wurde erheblich häufiger im Stücklohn als iin Zeitlohn gearbeitet; besonders stark entwickelt ist das Stücklohn- 'ystem jedoch in den Großbetrieben.— Die Lohnzahluugsperiode ist tn der Regel auf eine Woche bemessen, nur vereinzelt ist««och 14tägige Lohnzahlung üblich; dagegen findet fast überall eine Ein- beHaltung des Lohnes statt und zwar in den Kleinbetrieben für meistens zwei Tage, in vielen Mittel- und den meisten Großbetrieben aber für mehr als zwei Tage, sogar bis zu ein bis ztvci Arbeits- Wochen. Was die sanitären Verhältnisse anbelangt, so gab es 'ür alle Branchen und in allen Betriebsgrößen verhältnisniäßig viele Betriebe, in denen die Abfälle tagelang auf den Arbeitsstätten liegen blieben. In der größeren Hälfte der Werkstätten aller Betriebs- größen wurde die Luft durch Ausdünstungen von Materialien, Naschinen, Apparaten oder Säuren verschlechtert. Ventilation «u«d Beleuchtung waren in der größerei« Hälfte der Klein- betriebe gut, in den Mittel- und Großbetrieben dagegen chlecht. Gute Schutzvorrichtungen fehlten in mehr als einen« Viertel sänitlicher Betriebe, von den Kleinbetrieben zeichnete sich ein noch größerer Teil durch ungenügende Schutz- Vorrichtungen aus. Ein großer Teil der Betriebe hat keine getrennten Arbeitsräuine für die Geschlechter. Besondere Speiseräume«varen in den Kleinbetrieben ganz außergewöhnliche Erscheinung, in den Mittelbetrieben Ivaren in mehr als der Hälfte und in den Groß- betrieben zu mehr als zwei Drittel vorhanden. Wasch- und Ankleide- räume wiesen ungefähr dasselbe Verhältnis auf. Für die Aborte lvar in einem Fünftel der Betriebe«richt genügend gesorgt; in dieser eS in den Mittel- und Großbetrieben nicht besser aus als wie in den Kleinbetrieben. Kündigungsfrist war in 916 von den 1918 in Frage kommenden Betrieben vertraglich aus- geschlossen. Strafgelder wurden in den Großbetrieben fast ausnahmslos erhoben, in den Mittelbetrieben zu zwei Dritteln und in den Kleinbetrieben zu einen« Drittel. In der größeren Hälfte der Betriebe, die Strafgelder erhoben,«vurde den Arbeitern kein Kontrollrecht über die Verwendung der Strafgelder eingeräumt. Das L e h r I i n g s w e s e n ist in verschiedenen Branchen förmlich zu eiirer Lehrlingszüchtcrei ausgeartet, so z. B. bei den Schlossern. Schmieden und Mechanikern. In der Schlosserei gab es je einen Betrieb mit 89 Arbeitern und 45 Lehrlingen „„„ 88„„ 43„ 37.... 39 1»„ 25 „„„ 13„„ 12„ „ 1?„„ 26 und so fort. In einer 24 Lehrlinge, Mechaniker-Werkstatt zählte man auf 29 Arbeiter in einer andern 13 Arbeiter, 19 Arbeiter««, nen und auch 19 Lehrlinge. Ein Mittelbetrieb der Schmiede beschäftigte bei 197 Arbeitern nicht weniger als 53 Lehrlinge usw. An eine vernünftige Ansbildung der Lehrlinge ist unter solchen Umständen natürlich „ich: zu denken, sie dienen den Meistern lediglich als AusbeutungS- objektc. Interessant ist noch eine Zusaminenstellung der Löhne«n den drei größten Betrieben Berlins, der Allgemeinen Elektricitäts-Gesell- schaft, der Firma Siemens u. Halske und der Union-ElektricitätS- Gesellschaft. Bei der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft verdiei«ten von den erii,ittelten Arbeitern pro Woche: 1,59 Proz. bis zu 15 M.; 87,46 Proz. über 15 bis 33 M. und 10,95 Proz. über 33 M. Dagegen von den Arbeiterinnen 86,21 Proz. nur bis zu 15 M.; 6,02 Proz. über 15 bis 18 M. und 7,77 Proz. über 18 M. Bei Siemens u. Halske stellt sich das Verhältnis folgender- maßen: Arbeiter: 2,66 Proz. bis 15 M.; 82,73 Proz. über 15 bis 33 M. und 14.61 Proz. über 33 M. Arbeiterinnen: 79,25 Proz. bis 15 M.; 27,27 Proz. über 15 bis 18 M. und 2,48 Proz. über 18 M. Bei der Union verdienten Arbeiter: 9,32 Proz. bis 15 M.; 49,33 Proz. über 15 bis 33 M. und 59,35 Proz. über 33 M. Arbeiterinnen: 59 Proz. bis 15 M. und 59 Proz. über 15 bis 13 M. Bernerkt fei hierbei, daß Arbeiterinnen- löhne unter 19 Mark pro Woche bei der Union nicht, bei Siemens u. Halske nur vereinzelt, bei der Allgemeinen ElekwicitätS- Gesellschaft jedoch an ein Fünftel der daselbst beschäftigten Frauen und Mädchen gezahlt«vurden. Die A. E. G. entlohnt ihre Arbeiterinnen demnach am schlechtesten. Dieser Auszug aus der Statistik zeigt zur Genüge, wieviel der Organisation noch zu thun übrig bleibt,„in die wirtschaftliche Lage der Berliner Metallarbeiter und-Arbeiterinnen in ihrer Gesainthcit auf ein befriedigendes Niveau zu heben. Die Organisation hat zwar ein reiches Arbeitsfeld vor sich, sie«oird aber auch weder Mühen noch Opfer scheuen, dasselbe in Blüte zu bringen. Paitei-I�aclmckten. Strafconto. In den Monaten Januar, Februar und März d. I. bezifferte sich das Strafconto der Genossen auf insgesamt 6 Jahre, Monate und 2 Tage Gefängnis ui«d 6926 M. Geldstrafe. Die Polizei im Kampfe wider den Umsturz in«ltramontanrn Revieren. Unsre Parteigenossen in Koblenz haben kürzlich einen socialdemokratische«« Verein gcgrii«ldet, was die ultrainontanen und die behördlichen Hüter der Ordnung dieser frommen Stadt gleicher- inaßei« in Aufregung versetzt hat. Am Osterinontag veranstaltcten «insre Genossen eine«« Spaziergang nach der benachbarten Karthaus. chon geraume Zeit vor der für den Abmarsch bekannt gegebenen Zeit fand sich in der Nähe des als Treffpunkt bestirnmten Nassauer Hofs ein ungewöhnlich starkes Polizei-Ailfgebot ein. Die Spazier« gänger zogen in Gruppen znin Ziel. Kaum waren sie auf der Karthaus, so fanden sich nicht weniger als fünfzehn Polizei- b Z a in t e, darunter zwei Kommissare und ein Wachtmeister, ein. Einer der Kommissare fragte den Wirt, wie er eine nicht angemeldete socialdemokratische Versainmluug dulden könne, und bei den All..« flüglern erkundigte er sich nach dem„Vorsitzenden". ES wurde ihm geantlvortet, daß kein Mensch etwas von einer Versammlung wisse. Trotzdem forderte der Beamte auf, binnen fünf Minuten das Lokal zu verlassen. Und in der That sind diejenigen, die nicht gingen, von der Polizei notiert worden. Selbstverständlich wird es bei diesem a,«_ Rußland gemahnenden polizeilichen Uebergriff gegen harmlose Spaziergänger nicht sein Bewenden haben. Weniger ernst verlief ein Osterspaziergang unsrer Freunde in Trier. Auch sie wurden bis an die Grenze der Stadt von der Polizei begleitet. Auf dein Grüneberg wurden sie von zivci Gendarmen bewacht, die andauernd einen nach dem andern besahen, als ob sie jemand suchten. Als die Ausflügler zmn Awelcrthal gingen, kamen die Gendarmen nach. Lange«varen die Genossen im Zweifel, was ihnen denn diesen außerordentlichen Schutz verschaffte, bis sie endlich des Rätsels Lösung erfuhren. Die Wächter des Gesetzes suchten den Genossen Molkenbuhr, der zwar zu der Zeit in 'einer Heimat Hamburgweilte, nach den„Informationen" der Trierer Polizei aber an der schönen Mosel eine Versammlung abhalten 'ollte. Neulich suchte die Polizei rmtcr ähnlichen Umständen unser«« Kölner Genossen Dr. Erdmann, nächstens vielleicht den Genossen Bebel und so fort, bis all' die für die Trierer Polizei so schreck- haften Nanien erschöpft sind. Totenliste der Partei. In Lübeck ist einer der dortigen ältesten Parteigenossen, der Schneidermeister W. Bleuß, gestorben. Er war viele Jahre hindurch einer der Thätigsten und überall dabei, wo es galt, euvas für die Partei zu leisten. Die Genossen Lübecks werden den Verstorbenen stets in gutem Andenken behalten. In eine gelinde Geistesverwirrung ist die„Frankfurter Zeitung* über den Beschluß der sächsischen Landesversammlung geraten. Sie schließt ihre Betrachtungen mit diesem Satze: „Autorität, nicht Majorität, so lautete der kürzlich von der konservativen„Kreuz- Zeitung" gegen freiheitliche Forderungen proklmnierte Grundsatz. Die socialdemokratische Parteikonferenz in Sachsen hat ihn sich zu eigen gemacht." Die Chemnitzer Koirferenz hat doch gerade das Recht der Majorität gegenüber der Minorität proklamiert; was will denn also die„Frankfurter Zeitung" von uns? Erklärung. Nach dem Bericht des„Vorwärts" vom 7. April d. I. lNr. 81) Über die sächsische Landeskonferenz unsrer Partei soll ich gelegentlich geäußert haben:„Wie kann ich für die Partei arbeiten,«venn man mir ein Mandat nach den« andern nimmt?" Der Satz, den der„Vor- lvärts" durch Sperrdruck hervorhebt,«st geeignet,«nich bei de«« Partei- genossen von neuem aufs schwerste zu verdächtigen. Ich erkläre, daß ich diesen Ausspruch nicht gethan habe. Berliir-Zehlendorf, 8. April 1994. Paul Göhre. Eine polnische Parteikonferenz, die von Delegierten und Ver- trauensleuten der rheinisch-lvestfälischcn Mitglieder der polnischen ocialistischen Partei Deutschlandsvie er selbst zugiebt, infolge der Krastanstrengung auf das glatte Trottoir. So der Vor- gang, wegen dessen auch Peikert Strafantrag stellte. Er wurde ab- gewiesen und auf den Weg der Privatklage verwiesen. Die Ver- Handlung in dieser Sache fand am Donnerstag statt und ergab obige? Bild. Und nun das Urteil. Der Arbeitswillige Zirtz, der den Peikert geschlagen, wird für schuldig, aber straffrei erklärt und der Privatkläger mit den Kosten des Verfahrens belastet. Da Peikert den Schlagenden von sich abgewehrt hat, seien die beiderseitigen Mißhandlungen kompensiert! SerUn und CkmgcgcncL Achtung! Metallarbeiter! Die letzte Nummer der Arbcitgcber-Zeitung bringt eine Notiz über den Streik bei K n o l l und, wie das ja nicht anders zu er- warten, tverden darin die Arbeiter ins Unrecht gesetzt. DaS ist ja auch weiter nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß die Zeitung Von den Verbänden der Arbeitgeber unterhalten wird. Nachdem jetzt auch diese Zeitung das von der Vereinigung ver- sandte Rundschreiben veröffentlicht' hat, womit zweifellos gesagt werden soll, daß die Herren ihre Behauptungen vom Unrecht der Arbeiter, trotz unsrer Gegenäußening. aufrecht erhalten, möchten wir nochmals erklären, daß derStreik beiKnoll nichts mit der Lohnbewegung vom vorigen Herb st zu thun hat. Der Streik bei Knoll ist ein Einzelfall, durchaus in sich ab- geschlossen. Vorgegangen sind die Arbeiter hier, weil die Lohn- und Arbeitsbedingungen gar zu schlechte waren. In Streik getreten wurde, weil die Arbeiter trotz ihrer Bemühungen auch nicht einnial einigermaßen Entgegenkommen fanden. Um abmessen zu können, wie bescheiden die Arbeiter von Anfang an waren, genügt es. fest- zustellen, daß die gestellten Forderungen in keiner Position an die seit Jahren gezahlten Preise andrer Betriebe heranreichen. Jede gegenteilige Behauptung ist unwahr. Wir möchten hiermit die Vereinigung öffentlich anffordern, mit uns vor ein unparteiisches Forum zu treten, um festzustellen, wer die Wahrheit berichtet und wer die Unwahrheit sagt. Wir schlagen hierzu das Einigungsamt des Gewerbegerichts vor. Die Herren werden ja, davon sind wir von vornherein fest überzeugt, nicht zum Gewcrbegericht kommen. Angeblich, tvcil es gegen ihre Grundsätze verstößt; aber der wahre Grund ist das böse Gewissen. Die Herren werden zweifellos mit der Ausrede kommen: wir haben unser Einigungsamt, nämlich die Vertrauens- kommission. Doch weiß ja jeder, dcr� die Kühnemänner kennt, was von der Unparteilichkeit dieser Kommission zu halten ist. Nachdem wir mm aber den obigen Vorschlag gemacht haben, ist unsrerseits alles gcthan, was wir thun können, um zu verhindern, daß wegen eines kleinen Werkstattstreiks wiederum die gesamte Pro- duktion in der Metallindustrie gestört wird. Der Kampf wird uns von der Verewigung aufgezwungen, wir nehmen ihn auf in der festen Ueberzeitgung, daß nicht tvir, sondern die Vereinigung von allen Einsichtigen als Störenfried betrachtet werden wird. Deutscher Metallarbeiter-Verband. _ Ortsverwaltung Berlin. Packer, Hausdiener und Hilfsarbeiter Berlins! Aus den Berichten des„Vorwärts" wird Euch bekannt sein, daß sich unsre Kollegen in den Goldleistenfabrikeu mit den Vergoldern solidarisch erklärten und mit in den Streik eintraten. Dieselben wollen dadurch versuchen, ihre überaus traurigen Lohnverhältnisse zu verbessern. Die Unternehmer versuchen nun mit allen Mitteln Arbeitswillige anzuwerben. Besonders ist es die Firma Adolf Werkmeister, Schmidsiraße, welche durch Annoncen im„Lokal- Anzeiger" und in der„Morgenpost" Hofarbciter sucht, die aber that- sächlich als Packer Arbeit verrichten sollen. Kollegen! Einem jeden von Euch� ist bekannt, daß gerade bei dieser Firma die aller- erbärmlichsten Löhne bezahlt wurden. Wir appellieren daher an Euer Solidaritätsgefühl und erwarten, daß niemand, so lange der Streik dauert, in den Goldleistenfabriken Arbeit annimmt. Die Ortsverwaltung I des Centralverbandes der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeitcr Deutschlands. Achtung, Schuhmacher! Der Streik in der Schuhwarenfabrik von Maleck in Luckenwalde ist durch Vergleich vor dem Einigungs- amt beendet worden. Der von den Arbeitern vorgelegte Lohntarif ist anerkannt worden bis auf den Lohnsatz der Stepperinnen, welche anstatt IS M. 12 M. Wochenlohn erhalten sollen. In den Betrieb können jedoch augenblicklich nur S von den in Ausstand getretenen Personen zurückkehren, darunter auch der Vertrauensmann, dessen Entlassung mit die Ursache zum Ausstand gebildet hatte. Der Grund, daß nur eine solche geringe Zahl die Arbeit wieder ausnehmen kann, ist darin zu suchen, daß Herr Maleck sich in Auseinandersetzung mit den Gläubigern befindet und die Eröffnung des Konkurses eintreten kann. Zuzug gelernter Arbeitskräfte hat nicht stattgefunden. Die Mehrzahl der Ausständigen war auch bereits abgereist. Die Agitationskommission. veutkcbes Keicki. Der Malerstreik in Magdeburg ist durch einen Vergleich beendet. Der neu abgeschlossene Tarif gilt vom 1. April 1904 bis 31. März 1905. Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden und darf nicht über 6 Uhr abends dauern. Außerdem regelt der Tarif noch die Lohnfrage. Da über die Hälfte der Maler bereits zu den von den Gehilfen geforderten Bedingungen arbeitete, hielt es schwer, die Gehilsenversammlung für den Vergleich zu gewinnen. Erst nach heftiger Opposition wurde der vom Jnnungsvorstand und der Lohnkommission vereinbarte Entwurf mit 112 gegen 60 Stimmen angenommen. Die Stukkateure sind in Ma g d eb urg in einen Abwehrstreik getreten.— Zuzug ist fernzuhalten. Die Portefeuiller regelten auf ihrem Verbandstag noch ihre inter- nationalen Beziehungen und beschlossen dann noch, Urabstimmungen nur in ganz besonderen Füllen vorzunehmen, in denen aber die Ab- Haltung einer Gcneralversaininluna nicht thunlich erscheint. Bisher bedurfte jeder Beschluß des VervandStages über eine Beitrags- erhöhung der Genehmigung der Mitglieder, die durch Urabstimmung eingeholl ivurde. Ein Verbandstag solle alle drei Jahre stattfinden. Das neue Statut tritt am 1. Januar 1905 in Kraft, dagegen soll die Ae�deruiig mis Verzichtleistung der Agitation unter den Etuis- und Papiergalanterie-Arbeitcrn sofort in Kraft treten. Bei der Wahl der Verbandsleitung wird zuerst ein Arbeitsvertrag mit dem Beamten angenommen, ivonach jeder Seite halbjährliches Kündigungsrecht zu- steht. Zum besoldeten Beamten wird Weinschild-Offenbach ein- stimmig iviedergewählt. Kassierer wird Eisig-Offenbach, Vorsitzender des Ausschusses Heindke-Berliu. Der nächste Verbandstag findet 1907 in Berlin statt. Huvlsnd. Die Aussperrung in der Tiamantindustrie. DaS Kartell der Amsterdamer Arbeiterorganisationen, der „Bestuurdersvond" organisiert jetzt eine große Bewegung zur Unter- stützung der Ausgesperrten. Zur Einsammlung von Geldern sollen sowohl in Amsterdam als auch in allen Orten, wo es möglich ist, Kommissionen gebildet werden, die durch Hausbesuch auch danach trachten sollen, möglichst für die Dauer des Kampfes regelmäßige Wochenbeiträge einzusammeln. Durch Versendung von Cirkularen, Verbreitung von Maistfesten und durch Vorträge soll in weitesten Dreisen das Interesse für die Ausgesperrten wachgerufen werden.— Alle Gelder sind an den Sekretär des„Bestuurdersbond", S. J.»Pothuis, RegulierSdovarsstraat 73, Amsterdam, zu senden. In A n t w e r p e n sind am Sonntag und Montag recht ernste Ausschreitungen vorgekommen, aber nicht unter den Ausständigen, sondern unter den Arbeitgebern, indem diejenigen, die zu den Be- dingungen des Diamantarbeiter-VerbandeS arbeiten lassen, von den andren arg verprügelt Ivurden. Einer der Mißhandelten hat die Prügelhelden verklagt. Im übrigen ist die Situation unverändert. Die Streikenden harren einmütig aus im Kampfe und die Mehrheit der Arbeitgeber scheint auch noch nicht die Absicht zu haben, nachzugeben. Es liegen zwar wiederum Einigungsvorschläge von zwei Arbeitgebern vor, doch hat sich die Arbeitgebervereinigung noch nicht darüber ausgesprochen. Der Verband socialistischer Korporationen von Belgien hat 40 000 Fr. für die Streikenden bewilligt. Die Vcrbandsversammlung der Diamantarbeiter Antwerpens faßte am Dienstag den Beschluß, den Beitrag der arbeitenden Mitglieder zur Ulsterstützung der Streikenden auf 25 Proz. zu erhöhen. Unter diesen Umständen ist vorerst kein Mangel an Mitteln zur Fortsetzung des Kampfes vorhanden._ Soziales. Heimarbeiter bei PosadowSky. Die„Tägliche Rundschau" berichtet über eine Audienz, die dem Hauptvorstande des Gctocrkvereins der Heimarbeiterinnen Deutschlands vom Grafen PosadowSky gewährt wurde. Die Depu- tation sprach den Wunsch nach Ausdehnung der Kranken- und Invalidenversicherung auf die Heimarbeiter der Bekleidungsindustrie ans und überreichte eine entsprechende Petition. Als Okularbeweis sür die Notwendigkeit der Invalidenversicherung gehörte der Deputation auch eine Heimarbeiterin an, die mit 42 Jahren völlig invalide ist. Graf PosadowSky sagte den Bittstellern, daß er zunächst die Einführung der K r a n k e n v e r s i ch e r u n g s- P f l i ch t der Heim- arbeiter für die dringendste Aufgabe halte, der erst später die Invalidenversicherung folgen solle. Er halte es für bedenklich, die so schlecht bezahlten Heimarbeiter auf einmal mit den Beiträgen für beide Versicherungen zu belasten. Als ihm jedoch die Bittstelleriiiuen sagten, daß sie die Belastung mit den Beiträgen für den Vorteil der Versicherung gern auf sich nehmen würden, soll Graf PosadowSky sofort umgestimmt worden sein und die gleichzeitige Einführung beider Versicherungsarten inS Auge gefaßt haben. Wenn Graf PosadowSky so leicht umzustimmen ist, dann könnte mau annehmen, daß er die Notwendigkeit, vor allen Dingen Maß- regeln zur Hebung der Löhne der Heimarbeiter zu ergreifen, wohl eingesehen hätte, wenn er die Heimarbeits-Ausstellung des jüngsten Kongresses für Heimarbeiterschutz im Gewerkschastshause besichtigt hätte. Denn so nützlich die Versicherung der Heimarbeiter gegen Krankheit und Invalidität sind, so sind das doch gegenüber der herrschenden Not gänzlich unzulängliche Maßregeln; die Hebung der allgemeinen Lage der Heimarbeiter ist unendlich wichtiger. Am Schlüsse der Audienz soll der Staatssekretär auch die Not- wendigkeit und Wichtigkeit der Organisation der Heimarbeiter an- erkannt haben. Leider merken die Arbeiterorganisationen nichts davon, daß die Regierung sie für notwendig hält. Für die Leipziger Orts-Krankenkasse sind jetzt bereits 80 DistristS- ärzte thätig. Es laufen noch täglich neue Bewerbungen ein. Serickts-Leitung. Tie„Kümmelkirchc". Eine Angelegenheit, welche in de« Trinitatis-Gemeiude zu Charlottenburg viel Staub arif- gewirbelt hat und auch bereits in der Friedrich-Werder-Synode zur Sprache gebracht ist, beschäftigte gestern die zweite Strafkammer des Landgerichts Ii. Auf der Anklagebank befanden sich folgende Per- sonen: 1. Bankbeamter, Kirchenkassenrcndant der Trinitatis-Gemeinde und Mitglied des Kirchenrates derselben Gemeinde, Heinrich Boll» in a n n, 2. Bäckermeister Emil Karl L a u r i s ch. 3. Baptistenprediger Benjamin Schilling und 4. Arbeiter und Glöckner Alwin R o s ch e, sämtlich zu Charlottenburg. Den Beschuldigten wird Be- leidigung des zweiten Vorsitzenden des Trinitatis-Wohlthätigkeits- Vereins, Pfarrers Andreae, vorgeworfen, weil sie behauptet haben, daß in dem unter Andreaes Aufsicht stehenden Wohlfahrtshause in der Nacht des Palmsonntages des Jahres 1892 bis in die Karwoche hinein getanzt worden sei. Das Wohlfahrtshaus, welches in Char- lottenburg im Volksmunde vielfach„die Kümmelkirche" genannt wird. befindet sich Schillerstr. 42 zu Charlottcnburg. Im Vorderhause be- finden sich Mietswohnungen, während das Hintergebäude von der Krippe, dem Kinderhort, den Räumen für die Diakonissinnen, sowie einem großen und einem kleineren Fcstsaal ausgefüllt wird. Diese beiden Säle sind dazu bestimmt, zu religiösen und humanitären Zwecken vermietet zu werden. Das Wohlsahrtshaus untersteht der Leitung des Predigers Andreae. Als der Angeklagte Bollmcmn die vorangeführte Behauptung in der Synode zur Sprache brachte,«erhob Pfarrer Andreae sofort entschieden Einspruch dagegen. Er behauptete. daß au dem fraglichen Abend der große Festsaal überhaupt nicht vermietet gewesen sei und im kleinen Saal eine Sitzung der Ver- trauCTismänner der kirchlich-positiven« Partei stattgefunden habe, deren Vorsitz der Oberlehrer Heinecke geführt habe. Bollmann hielt trotz- deni seine Behauvtung aufrecht und zeigte den Prediger Andreae beim Synodal-Borstmid an. Andreae beantragte dagegen Einleitung des Disciplinarversahnens gegen Bollmann un«d stellte gleichzeitig Straf- antrag bei der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung. Diese Behörde lehnte es ab, gegen Bollmann einzuschreiten, da angenommen werden müsse, daß er sich in Wahrnehmung berechtigter Jntereffen befunden habe. Erst eine Beschwerde des Predigers hatte den Erfolg der Ein- leitung des Verfahrens. Da Bollmann die drei Mitangeklagten als seine Gewährsmänner bezeichnete, so Ivurden auch diese zur Ver» antwortung gezogen. Der Glöckner Rosche soll seiner Abneigung gegen das Wohlsahrtshaus wiederholt dadurch Ausdruck gegeben haben, daß er es„Vcrfl..... Kümmelkirche" nannte. Im gestrigen Termin trat Prediger Andreae als Nebenkläger auf, es ftcrnd ihm Recktscmwalt Hahn als Beistand zur Seite. Der Angeklagte Boll- mann wurde vom Rechtsanwalt Stettiner, Laurisch vom Rechts- anwalt Dr. Schwindt verteidigt. Vor Eintritt in die Verhandlung machte der Vorsitzende Vergleichsvorschläge. Der Nebenkläger er- klärte sich bereit, den Strafantrag zurückzuziehen, falls sich ein Weg finden lasse, wodurch seine vor der Gemeinde herabgesetzte Ehre wieder hergestellt werde. Die Verhandlungen über diesen Punkt scheiterten an der Weigerung der Angeklagten, eine Erklärung in der von ihnen ver- langten Form abzugeben. Der Angeschuldigte Bollmann erklärte zur Sackie selbst, daß ihm vielfache Klagen darüber zugegangen seien. daß im Wohlsahrtsgcbäude Vergnügungen stattfänden, welche dem Zweck und dem Charakter des Gebäudes nicht entsprächen. Als ihm von den Mitmigeklagten Laurisch und Rosche mitgeteilt worden sei. daß mi dem fraglichen Abend über die erlaubte Zeit hinaus getmizt worden sei, habe er sich für verpflichtet gehalten, dies in der Ge- mcindesitzung zur Sprache zu bringen. Die Mitangeklagten wollen nur von andren Personen Gehörtes an Bollmann wester getragen haben. Sänitliche Angeschuldigten stellten in Abrede, es auf eins Beleidigung des Nebenklägers abgesehen zu haben. Geh. Regierungsrat Kautz bekundete als Zeuge, daß seiner Ansicht nach der Kässcnrcndant Bollmann wissen mutzte, daß die von ihm in der Sitzung vorgebrachten Mißstände bereits als unwahr ge- kennzeichnet worden waren. Pfarrer Andreae erklärt« als Zeuge, daß das Wohlsahrtshaus im wesentlichen seine Schöpfung sei. Er habe leider die Erfahrung machen müssen, daß die Einrichtung vielfach angefeindet wurde. Rektor F i e b i g, der folgende Zeuge, stellte dem Angeklagten das Zeugnis aus, daß er ein Mmm von besonderer Wahrhests- liebe sei. Staatsanwalt Schwarz hielt es für erwiesen, daß im Wohl- fahrtshause nicht in der N a ch t zum Palmsonntage in die Karwoche hinein getanzt worden sei. Durch die Hart- näckigkeit, mit der der Angeklagte Bollnumn seine falsche Behauptung aufrecht gehalten, sei Pfarrer Andreae in den Augen feiner Gemeinde herabgesetzt worden. Nehme der Gerichtshof an, daß Bollmann in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt, sa müsse er frei- gesprochen werden, andrenfalls beantrage er gegen ihn eine Geld- strafe von 100 Mark. Gegen die übrigen Angeklagten beantragte der Staatsanwalt je 30 Mark Geldstrafe. Die Verteidigung beantragte Freisprechung, weil den An- geklagten der Schutz des tz 193 Str.-G.-B. zur Seite stehe. Der Gerichtshöf schloß sich dieser Ansicht mi und erkannte auf Zreiff�cchung sämtlicher Angeklagten. Das BcaiistanduiigSrecht des Magistrats. Das Ober-VerwaltungS« gericht hatte die Frage zu entscheiden, ob gegen die Beschlüsse einer Stadtverordneten-Versammlung über die Gültigkeit von Wahlen dem Magistrat neben dem Klagerccht noch das Recht der Beanstandung wegen Gesetzwidrigkeit solcher Beschlüsse zusteht. Die Beanstandung ist im Gegensatz zur Klage an keine Frist gebunden. Der Stcttiner Magistrat hatte einen Beschluß auf Gültigkeit zweier Stadtverordiietenwahlen nicht durch Klage an- gefochten. ihn aber nach Ablauf der Klagefrist auf Anweisung der Regierung beanstandet, weil jeder der beiden Gewählten alleiniger Besitzer eines Hauses hätte sein müssen, was nicht der Fall war. Die Stadtverordneten-Versammlung klagte auf Aufhebung der Beanstandung und machte geltend, daß das Macht- mittel der Beanstandung dort wegfalle. Ivo ein Klagerecht gegeben sei. DaS Ober-Verwaltuiigsgericht erkannte zu Ungunsten der Stadtvcrordiicten-Versammluug und sprach aus, daß trotz des Klage» rechts auch noch die Beanstaudung zulässig sei. Daß die Klagefrist verstrichen war, sei darum unerheblich. Vom Grafen Pücklcr. Aus G log au wird brachtet: Graf Pückler-Kleiii-Tschirne, der wegen Beleidigung des Stationsvorstehers von Klein-Tschirne angeklagt war, blieb der für gestern angesetzten Straskammerverhmidlung unentschuldigt fern. Der Termin wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. -Weizen, gut D.-Ctr. „ mitte! gering »Roggen, gut mittel gering fGerste, gut „ mittel gering tzHaset, gut „ mittel gering Richtstroh iöcu Erbsen Speijebohncn Linsen * ab Bah«. Marktpreise von Berlin am 7. April 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. 17,75 17,67 17,59 13,00 12,96 12,92 13,80 12,80 11,80 15,00 14,00 13,10 40,00 50,00 60,00 17,71 17,63 17,55 12,98 12,94 12,90 12,90 11,90 11,00 ■14,10 13,20 12,30 28,00 26,00 25,00 Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindsleisch, Keule 1 kg do. Bauch„ Schweinefleisch, Kalbfleisch Hammelfleisch ~ uttei; Eier Karpfen Aale Zander t echte arsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 kg per Schock stet Wage« und ab Bahn.. 6.00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 4,00 2,00 3,00 3,00 2,20 2,00 3,00 IAO 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 2,80 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 Kür de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berantwortuug. UKeater. Sonnabend, den 9. April. Ansang 7-/, Uhr- Opernhaus. Tristan und Isolde. Ansang 7 Uhr. Echansptelhaus. Götz von Ber- lichingen mit der eisernen Hand. Anfang 7 Uhr. Deutsches. Der Pfarrer von Kirch- seid. Berliner. Die große Null. Lessing. Zapfenstreich. Westen. Die Prinzessin von Trape- zunt. Reue». Minna von Barnhelm. Residenz. Vater und Sohn. Neutral. Der Rastelbindcr. Nachm. 4 Uhr: Der gestieselte Kaier. Bclle.Sllliancc. Freut Euch des Lebens. Dhalia. Der Hochtourist. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallncr- Theater.) LumpacioagabunduS. Schiller sgriedrich.WilhelmstSdt.) Die Wildente. Kleines. De« Pastors Ricke. Luisen. Kohlenschulz'n von Berlin. Trianon. DaS elfte Gebot.— Der Dieb. Narl Weift. Zwischen zwei Herzen. Deutsch> Nmerikan ischeS. Ueber'n großen Teich. «cbr. Herrnfeld. Nur eine Nacht. Am andern Morgen. Metropol. Mein Leopold. Nasino. Wie einst im Mai. Winter-Garten. Specialitätc». Apollo. Liebesgötter. Spccialitäten. ReichShallcn. Etettiner Sänger. Passaar-Dheater. 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Sonnabend: Gastspiel v..ildotflSoiinvntluiI. Vater und Sohn. Sonntagabend VL Uhr: Der keuache Casli Ii*. vorher: Die Empfehlnng;. Nachmittags 3 Uhr: lieontlnena KhentHnncr. Montag: Gastspiel v. Adolf Sonnenthal. Die alten.Vnnjggeaellen. Metropol-Theater Zum SO. Male: Ein tolles Jahr. Gr. dramatisch- satirische Eevne in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaender. In Scene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. I. Bild; Am Kleinkindersee. 2. Bild: Was giobt's Neues. 3. Bild: Das Ordensfest. 4. Bild: Der neue Zapfenstreich (Parodie). 5. Bild; Briefe, die ihn erreichten (Ballett). Anfang 8 Uhr. Hauchen überall gestattet. Apollo-Theater. Täglich 8 Uhr; Das grosse Aprii-SpecialitSten- Programm. 0 ü h r; Die sensationelle Novität liiebesgötter. Burleske Operette von Schlack und Herrmann. Im dritten Bild: Der grosse Götterzug und die SenBatlong-Apotheoae, Schiller Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Sonnabendabend 8 Uhr: l-ninpaclvagahnndno. Zauberposse mit Gesang in 3 Auszügen von Johann Nestroy. Musik von Adols Müller. S o n n t a g» a ch m i t t a g 3 U h r: Daria 8tnart. Sonntagabend 8 Uhr: I.ampaclvaixalmnduo. Montagabend 8 U b r: _ I�winpnclvagahnndim._ Thalia-Theater. Heute und folgende Tage: Der Hochtourist mit neuen GcsangZcinlagen. Guido Dhielscher in der Titelrolle. Sonniagiiachmiitag 3>/z Uhr: C'harleys Tante. Theater. Schiller-Theater M. (Friedrich-Wilhclmstädlisches Tbcaier). Sonnabendabend 8 Uhr: Die Wildente. Schauspiel in 5 Aufz. v. Henrik Ibsen S o ii n t a g n a ch m i i t a g 3 U h r Die Stützen der Geseilschait. Sonntagabend 8 Uhr: Heimat. Montagabend 8 Uhr: Der Oelzlgc. Hieraus: Der eingebildete Krnnh e. ßelle-Älllance-Thealer. Drcsdcnerstr. 72/73. Amt IV 4440. Bclle-Allianc-str. 7/8. Amt VI 283. Ans. 7l/3 Uhr. Direktion Jean Kren und Alfred Schönfeld. Ans. V!, Uhr. Heute und solgende Tage: Freut Euch des Fedens. Große Ausst.-Posfe m. Gesang u. Tanz in 3 Akten. 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Morgen: Des Pastors Riske. Trianon-Theater. Gecrgenstraste, zwischen Friedrich- und Univerjitäiöfiraffe, DM" AbendS 8 Uhr:-WHi Das elfte Gebot Hierauf: Dev Dieb. Gsrl Velzs-Ttiesler. Lürgerliehes Sehsuspieikaus. Direfiion M. E. Fischer. Grefte Frankfurter Strafte 132. Nachm. 4 Uhr halbe Preise: Kinder- Verstellung: Dax nnd Boritz-. Abends 8 Uhr: Die zärtlichen Verwandten. Lustspiel in 3 Alten v. Rod. Benedlx. Morgen nachm. 3 Uhr: Preciosa. Abends VI, Uhr: Die schöne Ungarin. Cebrüder Herrnfeld- Anfang ThA«fAr Ansang 8 Uhr. lliemeu. 8 Utjv. Stiirmischkn Fachjadel konstatiert die gesamte Presse in der AWF' Premieren-Krttik über die Hermseldsche Novität Am andern Brgen! Nachspiel zu„Nur eine Nacht I" Lachen ohne Ende I Das Publikum kreischte vor Ber- gnllgen! DaS Beste, was Herrufelds bisher geboten! DaS Stück ist ein Bombenersolg I Witz aus Witz. Schlager aus Schlager! Stürmischer Applaus des aus- verlausten Hauses! Lachen in Permanenz I Jubelnder Beifall prasselte mitten in die Scene hinein! Täglich präcise 8 Uhr: Ite eine Kaeht! 2 Akte ouS einer Ehe. Hierauf: Am andern Uargenl mit den Autoren in den Hauptrollen. MM- Schluff der diesjährigen Gpiclsaiion: Donnerstag, 28. April, wegen Gcsamt-Gastspiel deSHerrnscld- Theaters in Köln a. Rh. Ab 7. Mai: Gastspiel des Driglnal- Tegernsoer Bauern-Theaters. Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen. Badstr. 58. Heute Sonnabend, den 9. Slpril: Kein« Torstellnng. Morgen Sonntag, den 10. Slpril: Schiitzenlis�l. Große Posse mit Gesang in 4 Akten von Leon Treptow. gV Ansang 7 Uhr.-WM Nach der Vorstellung: Hrcsscr Ball. f. Direktion: Robert Gill. Rrnnnenstrasse 10. Grosso Extra-Vorstellung. Der Vetter in tausend Aengstcn. Lustspiel in 3 Alien v. Rod. Bencdir. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Ball. Palast-Theater Vurgstrafte 2)J, früher Feen-Palasl. Der Mnckebold. Schwank von Gustav v. Moser: Muck, Rentier: Direktor R. Winkler. 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Cosianiino Bernardi Vcrwandlungsschanspieler Siegwart Gentes Humorist. Ortords Wunder-Elefanten. Peschkoff-Truppe RussischeTänzer. Die Blumenkönigin Tanzdivertissem. Biograph. Reiclishalleii Stettiner Sänger Zum Schluß: Neu! Cirkus Lenz und Cirkus Pusch. ei. Kotlbuser Thor— Stai. der Hochbahn. Sonntag, Montag und Donnerstag: H o f fm a n n b Norddeutsche Sänger, Nach jeder Soiree: Tanz-Ei-AnBClien. Dienstag, den 12. April: Keine Vorstellung. Frielsillerlei-Mer Schönhauser Allee 148. Sonntag, den 10. April: Grosse Extra-Vorotellung. Karburger Sänger Ans. 6 Uhr. Cntree 30 Pf. Montag 3(i, Uhr: Burmeisters Goethe-Ens. Grosser Theater-Abend. tt Restaurant Jtene ÜSühle ®ar~ Dampfer-Station."WW Robert Riedel. Empfehle den geehrten Vereinen und Geiellichaften mein herrlich an Wald und Wasser gelegenes Etablissement. Großer Garten, 2000 Perionen fassend, verdeckte Hallen und Veranden, zwei Kegelbahnen. Bestgepflegie Biete und Werne erster Häuser. 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Bd.: Der Gefamtprozeß der kapitalistischen Produktion. Zwei Teile. M. 10,—; in Halosrz. gebd. M. 1-1,— Die Klaffcnkämpre in Frankreich 1848—50. Mit einer Einleitimg von Friedrich Engels. M. 1,— Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse dcS Generalrats der Intet- nationalen Arbeiter- Asiociation. M.—.30 EiithüUiinge» über den Komm«- nisten- Prozeft zu Köln. Mit Einleitung von Fr. Engels und Doklimcnien. M.—,25 Lohnarbeit und Kapital. Separat- abdruck aus der„Neuen Rheinischen Zeitung" vom Jahre 1849. M.—,20 DaS Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons„Philo- sophic des Elends*. Deutsch von Ed. Bernstein und K. Kautsky. Mit Vorwort und Noten von Fr. EngeiS. Brosch. M. 1.50; gebd. M. 2,- Marx vor den Kölner Ge- schworenen. Prozeß gegen den Ausschuß der rheinischen Demo- kraien wegen Aufrufs zum be- waffneten Widerstand(9. Febr. 1849). Mit Vorwort von Fr. Engels. Neue Auslage. M.—,20 Revolution und Konter-Revo- lution in Teutschland. Deutsch von Karl Kautsky. Brosch. M. 1.50; gebd. M. 2,— Der 18. Brumaire des SouiS Bouaparte. M. 1,— Ikdkk Arbeiter, Jeder Handwerker sollte zur Arbeit die Lederhose Doi-lrale« tragen. Allein-Verkaus. Sehr starkes Lcder in praktischen grauen u. braunen Streifen, auch einfarbig. Am JÖund aus einem Stück gearbeitet. Sehr feste Kapp« nähte. Haltbarste Pilot- Taschen. ~" In--—- Große Flicken umsonst. Die Hose � 4 Mk. bei Entnalimc von 6 Stück 26 Mk. so Echtblo.ueS Monteur-Jackett IM. 90 Echtblaue Monteur- Hose.. 2 M. 50 Echtblaues Monteur- Jackett Prima Köper-Gewebe.. 2 M. 50 Echtblaue Monteur- Hose Prima Köper-Gewebe.. 3 M. 10 Monchester-Hose 8,75.5,50,4,50, 3 M. 50 Gefüttert. Maiichest.-Jackctt 14,50 8,75 Weiße Friseur. Jacketts 3,50, S M. 75 Konditor-Jacken, 2reihig... 4 3H. 50 Maler-Kittel... 3,-, 2,50, SM.- Mechaniker-Kittel(braun) 3,—, L M. 40 Weiße Leder-JackettS, 2reihig 7,50, S M. 75 Weiße Lederhoscn... 4,50, S M. 90 Keffelreiniger- Anzüge, blau, nach Vorlchrist...... 5 SDl. 50 Die Preise gelten sür normale Größen. 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Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer&. Co.. Berlin SW. Nr. 83. 21. Jahrgang. I KcilM des Jormärts" Kerlim lolUIntt. Sonnabend, 9. April 1901. Der bekannte Trakehner Schulprozetz wurde gestern noch einmal vor der siebenten Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz des Landgerichts-- Direktors H e i d r i ch verhandelt. Die Vorgeschichte des Prozesses ist hinlänglich bekannt. Die abermalige Verhandlung ist dadurch notlvendig geworden, daß das Reichsgericht das erste Urteil (200 M. Geldstrafe) auf die Revision des Angekl. Lehrers Nickel- Trakehnen hin aufgehoben hat. Die Revision des Sanitätsrats Dr. Paalzow, der als Verfasser des im„Pferdefreund" er- schienenen, den Landesstallmeister v. Oettingen beleidigenden Artikels in erster Reihe zur Verantwortung gezogen wurde, ist durch den in- zwischen erfolgten Tod des Dr. Paalzow erledigt. Zur heutigen Verhandlung ist mir ein Zeuge erschienen.— Der Angeklagte Lehrer Otto Nickel ist aus Trakehnen zum Termin hierher gekommen. Er wird vom Rechtsanwalt Sounenfeld verteidigt, die Anklage vertritt Staatsanwalt Beeck.— Unter Anklage steht ein Artikel in Rümmer S des „PferdefreundeS" vom 10. Februar 1900 unter dem Titel„Graf Lehndorff und die preußische Justizverwaltung", zu welchem der Angeklagte Mckel dem Dr. Paalzow das Material geliefert hatte, soweit die Verwaltung des Herrn v. Oettingen und die Zustände in Trakehnen in Frage kamen. Herrn v. Oettingen wnrde in dem Artikel Zwiebeln und Knechten der Lehrer, allerlei Chikanierungen derselben, Verletzung gesetzlicher Vorschriften über die Sonntagsrühe und die verschiedensten Maßnahmen zum Vorwurf gemacht, durch die die Zahl der socialdemokratischen Stimmen zugenommen hätten zc. Der verstorbene Sanitätsrat Dr. Paalzow hat seiner Zeit bei seiner ersten verantwortlichen Vernehmung die volle Verantwortung für den Artikel übernommen und die Nennung eines Gewährsmannes ab- gelehnt. Angekl. Nickel erklärt, daß er den SanitätSrat Dr. Paalzow bis dahin nicht gekannt habe. Dieser habe sich eines Tages mit der Anfrage an ihn gelvandt, ob er ihm über die Zustände in Trakehnen. über welche ihm viele Beschwerden zu- gegangen seien, zuverlässige Angaben machen könne. Lediglich dies habe er gethan und Herrn Dr. Paalzow nackte Thatsachen mitgeteilt, durch die einige Beschwerden bestätigt wurden. Er habe Dr. Paalzow nicht ersucht, die Sache in die Zeitung zu bringen, ini Gegenteil habe er ihm gesagt, daß er nicht etwa in socialdemokratischen Blättern etwas in der Angelegenheit untrrnehinen möchte. Dr. P. habe ihm darauf geantwortet, daß er vielleicht in:„Pferdefreund" das Material verwerten werde. Der bei ihm vorgefundene angebliche Korrektur- bogen sei ein Bürstenabzug, der ihm kurz nach dem Erscheinen des Artikels zugesandt worden sei. Der Inhalt einer bei ihm vor- gesimdenen Korrespondenz mit Lehrern und andren Personen be- ziehe sich allerdings auf einzelne Beschwerdepnnktc, zum Teil handle es sich aber um Thatsachen, die zwar zum Gegen- stand der Anklage gemacht sind, wegen deren aber eine Verurteilung nicht erfolgt ist. Der Schwerpunkt der bei dem Angeklagten beschlagnahmten Skripturen liegt in dem schon erwähnten Korrekturbogen, der die Anklage wegen Beihilfe hauptsächlich stützen soll. Der Korrekturbogen enthält mehrfache Verbesserungen orthographischer und grammatikalischer Art. Der Angeklagte be- screitet, daß die Verbesserungen von ihm herrühren und behauptet, daß ihnen dieser Bürstenabzug nach dem Erscheinen deS Artikels per Post zugeschickt worden sei. Wenn es sich um einen„Korrektur- bogen" handelte, hätte man ihn doch nicht bei ihm vorfinden können denn da hätte er ihn doch zurückschicken müssen.— Staatsanwalt Beeck: Giebt der Angeklagte zu, kurz vor dem Erscheinen des Artikels zu mehreren Personen geäußert zu haben:„Nächstens wird im „Pferdefreund" eiir Artikel erscheinen und dann wird der Land- stallmeister gehen?"— Angekl.: Nein, das habe ich nicht ge- äußert.— Der Staatsanwalt überreicht zwei vom Angeklagten her- rührende Eingaben an die Schulaufsichtsbehörde vom 20. Juni 1900 und an den Minister vom 13. Januar 1902, aus denen hervorgehe, daß der Angeklagte sich der Verantwortlichkeit für den inkriminierten Artikel bewußt sei.— Rechtsanwalt Sonnen seid: Der An- geklagte wiederhole das, was er schon früher gesagt habe; er über- nahm die Verantwortung für die t h a t s ä ch l i ch e n Behauptungen des Artikels.— Auf die Frage eines Beisitzers an den Angeklagten, ob er sofort nach dem Amtsantritt des Herrn v. Oettingen begonnen habe, Material gegen diesen zu sammeln, erklärt der Angeklagte, daß dies keineswegs der Fall ser. Einige berechtigte Beschwerden, die er an Herrn v. Oettingen gerichtet hatte, seien abschlägig be- schieden worden und es habe sich nach und nach ein feindseliges Verhältnis herausgebildet.— Auf Vorhalt des Referenten giebt der Angeklagte zu, daß ihm auf eine an den Minister eingereichte Be- schwerde mehr Takt und Vorsicht gegen seine Vorgesetzten unter An- drohung disciplinarischer Strafen angeraten worden ist.— Der Referent verweist ferner darauf, daß in den Landtagsverhandlimgen vom 10. und 11. Februar d. I. der Minister v. Podbielski Herrn v. Oettingen als einen Mann geschildert habe, der seinen Pflichten voll und ganz nachkomme und bestrebt gewesen sei, die Differenzen mit seinen Untergebenen möglichst zu schlichten.— Auf den Vorhalt, daß ihm doch bekannt sein müsse, daß er nicht öffentlicher Volksschnllehrer, sondern Gestüts-. lehrer sei, bestreitet dies der Angeklagte. Seine heute noch in Kraft stehende Anstcllungsurkunde sei von der königlichen Regierung unter- zeichnet. Inzwischen haben sich diese Dinge durch die Verordnung vom Ib. März 1899 geändert. Er habe gar keinen persönlichen Groll gegen Herrn v. Oettingen, sondern sei nur bestrebt gewesen, sein Recht zu erkämpfen, denn er sei pekuniär sehr geschädigt worden.— Präs.: Wie ist denn der Sanitätsrat Dr. Paalzow gerade auf Sie verfallen?— Angekl.: Das weiß ich nicht. Er hatte wohl erfahren, dast ich mehrere Beschwerden an den Landwirtschafts- und den Kultusminister gerichtet hatte.— Präs.: Hai sich nun seit dem Jahre 1900 etwas in den Schulverhältnissen geändert? — Angekl.: Es sind Schulhäuser gebaut, die Ackerbestellung hat sich gebessert, in Bezug aus die Fuhren hat sich die Sache so gestaltet, daß einzelne Lehrer Fuhrwerk gestellt bekommen. Er selbst erhalte überhaupt kein Fuhrwerk.— P r ä s.: Ist Ihre Stellung zu Herrn v. Oettingen geändert, oder noch dieselbe?— Angekl.: Dieselbe. Ich habe der ergangenen Verordnung natürlich Gehorsam geschenkt und muß Herrn v. Oettingen als meinen Vorgesetzten be- trachten.— Auf Vorhalt des Referenten giebt der Angeklagte zu, mir den Abgg. Kops ch und R i ck e r t in Verbindung gestanden zu haben. Als einziger Zeuge wird der Expedient des„Pferdefreundes". Herr S t ü b i n g. vernommen. Er hat Nickel nie gesehen. Der Artikel sei vom Sanitätsrat Dr. Paalzow gebracht worden, das Manuskript rührte von diesem her. Ueber die Art, wie der Korrekturbogen zu dem Angeklagten gekommen, weiß der Zeuge nichts zu sagen. Die Handschrist der Korrekturen scheine ihm von dem Dr. Paalzow herzurühren. Auf die Verlesung der kommissarischen Zeugenaussagen wird verzichtet. Staatsanwalt Beeck: Der Artikel enthalte schwere Beleidigungen gegen Herrn v. Oettingen. Die Anklage wegen Beihilfe lasse er fallen und plaidiere auf Mitthäterschast. Der Korrekturbogen sei für ihn ein Beweis für die Schuld des Angeklagten. Wer sollte ihn den Bogen zugeschickt haben? Bon der Druckerei sei dies nicht geschehen JedensallS habe Dr. Paalzow den Bogen gesandt; daß dies erst nach dem Erscheinen des Artikels geschehen sei, glaube er nicht. In dem Arttkel kommen viele ostpreußische Rainen vor, die nicht jedem geläufig seien, und deshalb habe Dr. P. wohl den Korrektur- bogen an den Angeklagten geschickt. Dr. P. wollte auch in Kleinig- leiten nichts ohne Nickel thun und so haben sie denn beide voll- ständig genieinsam gehandelt. Wenn der Angeklagte sage, er habe keinen Groll gegen den Herrn v. Oettingen, so widerspreche dieser Versicherung sein Austreten in der letzten öffentlichen Verhandlung. Als diese fast zu Ende war, sei der An- geklagte, isoliert von dem Sanitätsrat Dr. Paalzow und seinem eignen Verteidiger, noch mit der schweren Anschuldigung hervor- getreten, daß sich Herr v. Oettingen gegen das siebente Gebot ver- gangen habe. Er habe sich auch nicht davon abbringen lassen, und schließlich hat sich der schwere Vorwurf als ganz hinfällig erwiesen. Er beantrage gegen den Angeklagten 200 M. Geldstrafe eventuell 20 Tage Gefängnis. Rechtsanwalt Sonnenfeld. Die Freisprechung sei zwingend geboten. Die Vorbringung des letzten, vom Staatsanwalt erwähnten Beweisantrages werde man dem Angeklagten nicht so sehr verübeln können, Ivenn nian bedenke, daß er ihn im Laufe einer aufregenden Verhandlung gestellt habe. Es handle sich hier nur um Beleidigungen nach§ 18S, und das Reichsgericht habe schon festgestellt, daß die Mitteilungen, die der Angeklagte dem Dr. Paalzow gemacht, zn einer Verurteilung desselben nicht geführt haben. Der Angeklagte habe durch seinen Brief an Dr. Paalzow bewiesen, daß er von ernstem Interesse geleitet wurde und darauf hinzielte, daß die Mitteilungen nicht etwa zu politischem Skandal ausgebeutet würden, sondern an die Stelle kämen, von der Abhilfe zu erwarten wäre. Er habe in keinerlei Beziehung zur Formengebung des Arttkcls gestanden, den Korrekturbogen habe er ohne sein Zuthun zugeschickt erhalten und hatte gar keine Rechts- Pflicht, den Sanitätsrat Dr. Paalzow von der Veröffentlichung ab- zuhalten. Sollte der Gerichtshof seine frühere Ansicht ändern und etwa§ 186 annehmen, so würde ein umfangreicher Wahrheits- beweis notwendig sein. Er beantrage die Freisprechung des An- geklagten. Diesen Antrag wiederholt der Angeklagte persönlich. Nach halbstündiger Beratung wurde das Urteil dahin verkündet: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß nicht Beihilfe, wohl aber Mit- thäterschaft vorliegt. Es gewinnt diese Ueberzeugnng aus der Stellung des Angeklagten zum Landstallmeister v. Oetttngen einer- seits und dem Dr. Paalzow andrerseits. Daß dem Angeklagten die Form des Artikels bekannt gelvesen, ergebe sich aus'den bei ihm vorgefundenen Korrekturbogen und aus einen: an ihn gerichteten Schreiben vom 19. Februar 1900. Der Gerichtshof hat deshalb den Angeklagten wieder zu 200 Mark Geldstrafe cvent. 20 Tagen Ge- fängnis verurteilt, Hern: v. Oettingen die Publikationsbefugnis im „Pferdefreund", der„Lehrerzeitung für Ost- und Westpreußen" und der„Kreuz-Zeitung" zugesprochen und die Unbrauchbarmachung der Platten und Formen verfügt. ßerllmr partd-Hngclcö(cnbeiten. Zur Lokal-Liste! Den Parteigenossen, Gewerkschaften, Ver- einen:c. zur Nachricht, daß das Lokal von C. N u t k o w S k i auf Rauchfangswerder zu einer Versammlung neuerdings ver- weigert worden ist, dasselbe ist daher nach wie vor als gesperrt zu betrachten; es wird daher ersucht, das Lokal streng zu meiden. Die Lokalkommission. I« Wilmersdorf finden am Montag, Dienstag und Mittwoch nächster Woche die Stichwahlen zur Gemeinde- Vertretung statt. Die Wahlhandlung geht wie bei der Haupt- wähl im Lokal Victoriagarten, Wilhelmsaue 114, in den Stunden von 10—2 Uhr und 4—8 Uhr vor sich. Wie bekannt, ist die Nach- lässigkeit der Arbeiterschaft daran schuld, daß es überhaupt zu einer Stichwahl gekommen ist; nur wenige Stimmen fehlten der Social- demokratie an der absoluten Mehrheit. Jetzt ist es Sache der Wähler der dritten Abteilung, den begangenen Fehler wieder gut zu machen. Die Rathauspartei steht in sich geschloffen da; von der Energie der bisher Lässigen hängt es ab, ob die Arbeiterschaft des Ortes ihre Interessen nach wie vor durch die Socialdemokratte ver- fechten lassen will oder ob Regicrungsbeamten und Terrain- spekulanten das Wohl und Wehe des Proletariats anvertraut werden soll. Die Gegner sind außerordentlich rührig; es gilt also zur Sttch- Wahl die ganze Kraft einzusetzen. In einer am Sonntagnachmittag 4 Uhr in Wittes Volksgarten, Berlinersttaße 40, stattfindenden Volks- Versammlung wird Stadtverordneter Paul Hirsch- Char- lottenburg über die Bedeutung der Gemeindewahlen einen Vortrag halten. Es wird zahlreicher Besuch erwartet. Schöncberg. Am Dienstagabend findet im O b st schen Saale, Meiningerstr. 8, eine öffentliche Volksversammlung statt. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Reichstags- Abgeordneten Georg Ledebour:„Der KosakenkurS". Hohen-Schönhausen. Die Gemeindewahl für die dritte Wähler- klaffe findet am Montag, den 11. April, nachmittags von 1—3 Uhr, bei R. Schulz statt. Kandidat ist für die Socialdemokratte wiederun: Max Thiele. Parteigenossen I Es muß Ehrensache sein, auch den letzten Wähler an die Wahlurne zu bringen. Die Wahlmogler bei der für ungültig erklärten Wahl müsscg gewahr Iverden, daß die Zeit der Mogelei vorbei ist. Die Berliner Arbeiter werden dringend gebeten, ihre in Hohen-Schönhausen wohnenden Arbeits- kollegen am Montag zu veranlassen, die eine Stunde Zeit zu opfern, selbst aber etwaige Verbindungen mit den Ortseinwohnern über Sonntag fleißig zur Propaganda auszunutzen. Schönhauser Genossen! Am Sonntag früh findet eine Flugblatt- Verbreitung von Krause aus statt. Alle Mann auf Posten! Nieder- Schöneweide. Am Sonnabendabend Uhr findet be Franz, Grünauerstr. 5, die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Um das Erscheinen aller Parteigenossen wird gobeten. Ober-Schönrwcide. Die Genoffen werden ersucht, morgen. Sonntag ftüh 7'/? Uhr in den bekannten Lokalen sich zahlreich zu einer Verbreitung einer Agitationsnummer des„Vorwärts" einzu- finden. Der Vertrauensmann. Königs-Wusterhausen. Der Wahlverein hält am 10. April seine Monatsversammlung im Lokale des Herrn Ballmüller(vorn:. Beyer) um 3 Uhr nachmittags ab. Auf der Tagesordnung steht: 1. Kassieren der Beiträge und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Maifeier. 3. Vereinsangelegenheiten. Um zahlreichen Besuch bittet_ Der Vorstand. Lokaled. Mit der Regelung der Sonntagsruhe in Fabrik-, EngroS» und Bankgeschäften befaßte Zsich die Gewerbedeputatton des Magistrats in ihrer letzten Sitzung. Bekanntlich hatte die Deputation bereits am 13. Februar vorigen Jahres beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, ortsstatutarische Bestimmungen zu treffen, welche die Sonntagsruhe in den genannten Geschäften verbieten mit der Maßgabe, daß als notwendig sich erweisende Ausnahmen zugelassen werden sollten. Leider ist der Magistrat dem Beschlüsse der Deputatton nicht beigetreten. Es wurde vielmehr noch eine Subkonmnssion eingesetzt, welche die Angelegenheit weiter prüfen sollte. Die Kommission hat nun eine Anzahl hiesiger selb- ständiger Gewerbetreibender der genannten Branchen eingeladen, um deren Meinung über das Verbot resp. die Einschränkung der ge- setzlich zugelassenen fünfstündigen SonntagSarbeit zu Hörem Wie nicht anders zu erwarten, wollten diese Unternehmer von einem gänzlichen Verbot nichts wissen. Selbst solche, die in ihren Geschäften Sonntags nicht arbeiteir lassen. sprachen sich zum Teil gegen ein Verbot oder eine Einschränkung durch Ortsstatut aus; sie wollen eben steie Hand behalten. Die Subkommission hielt jedoch den Erlaß eines Ortsstatuts für durchaus erforderlich. Ihr Berichterstatter, Stadtverordneter Maaß, beantragte deshalb am Mittwoch in der Plenarsitzung der Gewerbedeputatton, den Magistrat zu ersuchen, ein Ortsstatut zu erlassen, welches die zulässige Arbeitszeit in den Fabrik-, Engros- und Bankgeschäften an den Sonntagen auf zwei Stunden(von 8 bis 10 Uhr vormittags) beschränkt. Von dieser Beschränkung solle jedoch das Spediteurgewerbe und die Nahrungs- und Genußmittelbranche ausgeschlossen werden. In der Diskussion bedauerte Stadtv. Borgmann, daß bei der Vernehmung nicht auch die Handelsangestellten herangezogen worden seien. Er beantragte, die Sonntagsarbrit vollständig zu verbiete», im Falle der Ablehnung dieses Antrages aber die zweistündige Sonntagsarbeit auch für die Nahrungs- und Genußmittelbranche als Maximum gelten zu lassen. Von andrer Seite wurde erwidert, daß zu dem gänzlichen Verbot der Sonntagsarbeit die Zustimmung des Magistrats schwerlich zu erreichen sein würde. Man solle, um etwas zu erreichen, den An- trag der Subkommission annehmen, um dann später einen Schritt weiter zu gehen. Nach längerer Debatte wurden die Anträge Borgmann abgelehnt und der Antrag der Subkommission von der Gelverbedeputation angenommen.— Nunmehr wird sich der Magistrat mit der Angelegen- heit zu beschäftigen haben.— Wir wollen hoffen, daß er sich nicht ablehnend verhält, umsomehr, als andre Städte in dieser Frage bereits längst eingeschritten sind zum Schutze der Handels- angestellten durch Erlaß ortsstatutarischer Bestimmungen. Ist doch z. B. in Stuttgart die Sonntagsarbeit durch Ortsstatut gänzlich verboten worden. Mit dem von der Zahilkünstler-Jnnung angebotenen Beitrag von 500 M. zu den Kosten der Einrichtung einer Klaffe für Zahn- techniker an der U. Handwerkerschule erklärte sich die Gewerbe- deputation einverstanden. Ferner wurde die Genehmigung erteilt zur Ausstellung der in der Fachschule für Klempner und in deren Lehrwerkstatt gefertigten Schülcrarbeitcn auf der von: 28. Mai bis 15. Juni d. I. hier stattfindenden VIll. Fachausstellung des Verbandes deutscher Klempner- m:d Jnstallateur-Jnnungen. Zu Mitgliedern des Kuratoriums der Fachschule für Klempner wurden Stadtverordneter Meybring als Mitglied der Gewerbe- deputation und der Klempnermeister Augustin gewählt. Aus den Zinsen des Fonds für gewerbliche Ausstellungen wurden 060 M. zur Beschaffung von Reißzeugen zc. für unbemittelte Schüler hiesiger Fachschulen und der Fachschule für Klempner 300 M. aus der Weber-Stiftung bewilligt. Der Magistrat soll ersucht werden, der Frage näher zu treten, ob sich beim Bau neuer Turnhallen auf den städtischen Schul- grundstücken mit diesen Hallen zugleich Werkstätten für Fachschulen verbinden lassen. Freibäder und Badchosenzwang. An die Deutsche Gesellschaft für Volksbäder hat ein Münchener Professor eine Eingabe gerichtet, die folgenden beachtenswerten In- halt hat: Da die Hautpflege von unschätzbarem Wert für die Gesundheit ist, sollte man das Baden möglichst zu fördern und auf jede Weise dem Volke zu erleichtern suchen. Zwar muß anerkannt werden, daß in diesem Punkte in den letzten Decennicn in unsrem Vaterlande besonders infolge der Bemühungen der Deutschen Gesellschaft für Volksbäder schon viel gethan worden ist durch Errichtung von Bade- Anstalten mit billigen Schwimm- oder Brausebädern, aber im Interesse der Volkshygicne kann bezüglich der Reinlichkeit nie genug geschehen, je mehr desto besser. Von wirklich idealen Zuständen sind wir doch in dieser Hinsicht immer noch ziemlich weit entfernt. So würden sich zum Beispiel die Gemeindevorstände aller an einem Flusse oder See gelegenen Ortschaften entschieden ein Verdienst um die ganz unbemittelte Bevölkerimg dadurch erwerben, daß sie für unentgelt- liche Badegelegenheiten sorgten da, wo diese noch gänzlich fehlen, oder indem sie die bereits bestehenden Freibäder wirtlich zu solchen in des Wortes uneingeschränttcr Bedeutung machen würden und zwar durch einfache Aufhebung des Badehosenzwanges. Wie viele arme Leute würden gen: manchmal ein erfrischendes Bad nehmen, besonders wenn sie in die Gegend des sogenannten Freibades konunen, müssen es aber unterlassen, weil sie keine 5 Pfennig übrig haben, um sich an der Kasse eine Hose zu leihen! Ein Tuch zum Abtrocknen ist ja entbehrlich, aber die vor- geschriebene Schürze müssen sie haben, und so suchen sie nicht selten verbotene Stellen auf, wo sie sich der Gefahr des Ertrinkens aussetzen. Man erhebe nicht den Einwand, daß die vorgeschlagene Erleichterung des Badens aus Schicklichkeitsrücksichten nicht zulässig sei, dem: Thatsache ist, daß z. B. in den großen Schwimmbadc'» anstalten von Kopenhagen und Stockholm der Badehosenzwang nicht existiert, Ivo eben alles, vom Aeltesten bis zun: Jüngsten, im Adams- kostüme vor dem Sündenfall umhersteigt. Einsender dieser Zeilen hat sich jahrelang in der dänischen und schwedischen Haichtstaht aufgehalten, fast täglich in den Sommermonaten das Schwimmbad besucht und niemals auch nur die geringste Jndecenz daselbst bemerkt. In London erblickt n:an im Hydepark im Sommer jeden Morgen und Abend zu einer polizeilich erlaubten Stunde Hunderte von Leuten jeder Altersstufe, die zum Serpentine strömen, ganz im Freien auf der Wiese ihre Kleider niederlegen, dann vollständig unbekleidet baden und im gleichen Zu- stände nachher am Ufer umherlaufen. Dies geschieht in einem der feinsten, nicht abgesperrten Teile des Hydc-Parks. Ein normal ver- anlagter Mensch hat auch wahrhaftig keinen Grund, sich vor gleich- geschlechtlichen Personen zu schämen, ins Bad zu steigen, wie ihn Gott geschaffen. Und wohl nirgends findet sich ein Gesetz, das den Gebrauch von Schwimmhosen für solche Bade- Etablissements vorschreibt, deren Interieur den Blicken der Außenwelt vollständig entzogen ist, z. B. durch Bretterverschläge. die, wo nicht vorhanden, leicht hergestellt werden können. Ebensowenig wie beispielsweise in den beiden Ländern Dänemark und Schweden, deren Bewohner zu den civilisierresten der Welt ge- hören, wird auch in Deutschland gewiß kein erfahrener Jurist gegen das gemeinsame Baden gänzlich nackter Individuen gleichen Ge- schlechts den Groben UnfugS-Paragraphcn heranziehen wollen. So hat Verfasser dieser Zeilen noch vor wenigen Jahren auch in dem mittel- deutschen Orte seiner früheren Amtsthätigkeit mit hohen Gerichts- beamten, Offizieren, katholischen Geistlichen, dem Polizeichef und andren nicht nur älteren, sondern auch»ganz jungen Leuten gemeinschaftlich in absoluter Hüllenlosigkeit gebadet, einfach darum, weil der Anstaltsbesitzer keine Schürzen eingeführt hatte und es auch keinem Menschen einfiel, sich selbst eine solche mitzubringen. Also fort mit dem Badehosen- zwang, damit selbst der ärmste Teil der Bevölkerung icdcrzcit ein wohlthuendes Reinigungsbad ohne Kosten und Gefahr genießen kann. Denn daß die allermeisten Menschen nicht spontan, sondern nur durch das auf Polizeiverordnungen beruhende Bade- reglement gezwungen sich eines Schurzes bedienen und auf denselben gern verzichte», davon wird man sich bald auch bei uns überzeugen können, ebenso wie in den genannten nordischen Ländern, die un- bestritten, was hierbei nochmals betont werden möge, auf einer hohen Kulturstufe stehen. Unsrer außerordentlich verdienten Gesellschaft für Volksbäder würden sicher die minder bemittelten Volksklasfen Dank wissen, wenn sie die Beseittgung deS Badehosenzwanges in geschlossenen oder gehörig verdeckten Bade-Anstalten durchsetzen wollte und könnte. Eine antisemitische Albernheit. Die„Staatsbürger-Zeitung", daS diimmste Blatt Berlins, schreibt zum Kongresse der Handels hilfs-, Transport- und Berkehrsarbeiter: „Einiges Befremden hat es erregt, dah eine größere Anzahl von Angestellten der„Orts-Krankenkasse fiir Kaufleute. Handelsleute und Apotheker" sich an den Verhandlungen dieses Kongresses be- tciligtcn, obwohl man noch niemals gehört hatte, daß diese irgend- wie etwas mit dem Transportgewerbe zu thun gehabt haben. Dies muß gegenüber dem ewigen Räsonnieren der Socialdemokratie über die Beteiligung von Beamten an nationalen Kundgebungen bc- sonders betont werden, da die genannte OrtS-Krankenkasse unter socialdemokratischer Leitung steht, da die Angestellten dieser Kasse nicht dafür bezahlt werden, um an solchen Kongressen teil- zunehmen, die sie gar nichts angehen, und da man der Ucber- zeugung ist, daß diese Leute zu diesem Zwecke leinen Urlaub erhalten haben." Den antisemitischen Dummköpfen sei zunächst gesagt, daß die Socialdemokratie noch niemals darüber räsonnicrt hat und niemals darüber räsonnieren wird, wenn Beamte oder beliebige andre Leute an nationalen oder beliebigen andern Kundgebungen freiwillig teilnehmen. Kritik üben wir nur dann, wenn Beamte oder andre abhängige Leute zu Kundgebungen kommandiert werden, von denen ihr Herz nichts iveiß. Die Teilnahme einiger Angestellten der OrtS-Krankenkasse der Kaufleute und Handelsleute an dem Kon- gresse der HandelshilfS-, Transport- und Verkehrsarbeiter erklärt sich sehr einfach aus dem Umstände, daß sie als Mitglieder dieses Verbandes ein Mandat zur Teilnahme an dem Kongresse hatten. Daß sie zur Ausübung dieses Mandats Urlaub erhielten, ist ebenso selbstverständlich. Hätten sie ihn nicht erhalten, dann wäre die „Staatsbürger-Zeitung" sehr eilig bei der Hand, um über— den Terrorismus des„socialdeinokratischen" Kassenvorstandes zu zetern, der seine Angestellten an der Ausübung ihres Koalitionsrechtes hindere. Gegen den Elbkies, der jetzt statt des groben Sandes in den Berliner Straßen als Streu Material verwendet wird, macht eine kürzlich abgehaltene Versammlung von Fuhrwerksbesitzern, Automobilisten und Radsahrern Bedenken geltend. Der Elbkies be- steht der Hauptsache nach aus Quarzstiickchen, die im Laufe der Jahrhunderte glatt geschliffen sind und ist von fast runder Form. Wird der Kies sehr dick aufgetragen, so bietet er nach dem Urteil der Versammlung einen sicheren Boden für den Pferdehuf. Ein derart starkes Auftragen ist aber unthunlich wegen der hohen Kosten. Trotzdem wurde seine Einführung von den Pferdebesitzcrn anfänglich als Verbesserung empfunden, weil er nicht ganz'so schnell zu Staub zermahlen wurde, wie der früher angewendete Sand. Alsbald aber stellte sich die Schattenseite heraus. Die Quarzstiickchen sind von großer Härte. Durch den Tritt des Pferdes werden sie, besonders auf dem Asphalt, meist nicht sofort zertrümmert, vielfach aber rutschen die Pferde auf den Quarzstiickchen aus und stürzen. Dagegen werden die Steinchen durch die Räder, besonders die von Lastwagen, zerfahren. Wegen der großen Härte des Materials erhält der sich bildende Staub noch in den mikroskopisch kleinen Teilchen scharfe Kanten und nadelspitze Ecken, zeigt also eine Eigen- schaft, die ihn zunächst für die Lungen von Menschen und Pferden äußerst verderblich erscheinen läßt. Daß diese glasharten Splitterchen für Automobil- und Fahrradreifcn geradezu ver- nichtend wirken, liegt aus der Hand. Aber auch Ver- letzungen von stürzenden Pferden durch die Steinsplittcrchen sind vielfach festgestellt, besonders Verletzungen der Kniescheibe. Alle diese Uebelstände zeigt der heimisch grobe Sand in viel geringerem Maße, er ist deshalb als Abstumpfungsmaterial vorzuziehen. Die Herren, die diese Ansicht geäußert haben, empfehlen schließ- lich, mit öligen Flüssigkeiten in der Stratzenbesprengung Ver- suche zu machen. Nawentlich habe sich eine Verbindung von Wasser und Petroleum bewährt. In einer am Dienstag nächster Woche im Spatenbräu in der Friedrichstraße stattfindenden Versammlung wollen die Interessenten sich weiter nnt der erörterten Frage be- fassen. Das Plakat gegen den Milchpantschcr. Durch Anheftung eines quadratfutzgroßen roten Plakates in Augenhöhe an den seinem Geschäft nächstgelegenen Anschlagsäulen sollte die von der 139. Abteilung des Amtsgerichts I ausgesprochene Verurteilung des Milchhändlers Thiele wegen Nahrungsinittel-Berfälschung zu 73 M. Geldstrafe bekannt gemacht werden. Gegen diese Aufsehen erregende Bestrafimg hatte Th. Berufung eingelegt. Rechtsanwalt Dr. F l a t a u stützte diese darauf, daß rn Wahrheit gar keine Rahrungsmittel-Verfälschung vorliege. Der jetzt 70jährige, trotz 40 jährigen Gewerbebetriebes vollkommen unbescholtene Angeklagte sei vielmehr selbst das Opfer der Unredlichkeit seiner ländlichen Lieferanten geworden. Zwei vorgeschlagene Zeugen bestätigten auch, daß sie von demselben, in Barenthin in der Mark wohn- haften Milchlieferanten seiner Zeit hinter einander polizeiwidrige Milch erhalten hätten. Unter diesen Umständen schloß sich auch der Staatsantoalt dem Antrage der Verteidigung an, daß der Angeklagte, der seines hohen Alters wegen die Leitung seines Geschäftes an seine Ehefrau abgegeben hatte, nur wegen fahrlässiger Uebertretung zu verurteilen sei. Er beantragte, und die sechste Strafkammer erkannte auf 40 M. Geldstrafe. D a das Gesetz in Uebertretungsfällen die Bekanntmachung des Urteils nicht gestattet, kam das Berufungsgericht gar nicht in die Lage, sich über die neue, von der betreffenden Abteilung des Schöffengerichts eingeführte Art der Urteilspublikation an den An- schlagssäulen zu äußern. Bis jetzt fand eine solche regelmäßig nur bei Todesurteilen statt. „In Freien Stunden". Illustrierte Wochenschrift für daS arbeitende Volk. Heute gelangt das 15. Heft dieser Zeitschrift zur Ausgabe. Es bringt die Fortsetzung des Romans„Die Flußpiraten des Mississippi" von Friedrich Gcrstäcker; ferner die Fortsetzung des Romans„Gabriel Lambert, der Galeerensklave" von Alexander Dumas, außerdem eine kleine Erzählung„Eine homöopathische Ohr- feige" sowie„Dies und Jenes",„Witz und Scherz", die den Inhalt des Heftes vervollständigen. Jedes Heft kostet 10 Pf. und ist in allen Parteispeditionen zu haben. Die obligatorische Fortbildungsschule. Der Magistrat beschäftigte sich in der gestrigen Sitzung fast ausschließlich mit der Beratung des vom Stadtschulrat Dr. Gerstenberg vorgelegten Statuts über die Einführung des obligatorischen FortbildungS-Schulunterrichts. Das Statut wurde init einigen Aenderungen in erster Lesung im großen und ganzen angenommen. Zu der Licbestragodie im Treptower Park erfahren wir, daß die am Donnerstag erwartete Freilassung des Fabrikarbeiters Otto Lehmann nicht erfolgt ist. Das Landgericht II hat vielmehr die gerichtsärztliche Oessnung der Leiche seiner Geliebten, der 17h/„ Jahre alten Fabrikarbeiterin Alma Lawrcnz, die mit Chankali vergiftet im Park aufgefunden wurde und auf dein Wege nach der Rettungswache starb, angeordnet, und Lehmann ist daraufhin dem UntersuchungS- richter vorgeführt worden. Ein Skandalprozcß. Die Erpressungen J)cr„Privatiere" Charlotte Neumann, die einen jungen Grafen zur Strafanzeige veranlaßten, werden bereits in der nächsten Woche das Gericht beschäftigen. Die Hauptverhandlung findet am Dienstag, den 12. d. Mts., um 10 Uhr vor der 0. Strafkammer des Landgerichts I statt, voraussichtlich in ihrem ganzen Umfange unter Ausschluß der Ocffentlichkeit. Die Anklage lautet auch auf Kuppelei, da die 35jährige Lebedame nicht nur selbst junge Herren aus den höchsten Gesellschaftskreisen empfing, sondern auch Freundinnen in ihrer geräumigen und prächtig ein- gerichteten Wohnung in der Großbecrenstraße Gelegenheit zu solchen nicht ganz harmlosen und ebensolvenig billigen Zusammenkünften gab. Ob die Zeugen, die die Angeschuldigte belasten könnten, alle vor Gericht erscheinen werden, ist sehr fraglich. In Sachen der Restanrations-Vorgärten soll eine Art Ausstand von den Gastwirten und Cafötiers in den Jnnenbezirken Berlins in Scene gesetzt werden. Eine Abordnung, die in der Vorgartenfrage beim Oberbiirgenneister vorstellig wurde, ist von dessen Antwort wenig befriedigt, da sie keineswegs die Aushebung der geplanten Stenercrhöhung für die Vorgärten in Aussicht stellte. Die Frage dürfte auch in der Stadtverordneten- Versammlung zur Sprache gebracht und der Magistrat über sein Vorgehen in dieser Angelegen- heit befragt werden. Sollte auch auf diesem Wege keine Aushebung der neuen Sonderbesteuerung der Gastwirte zu erreichen sein, so wollen die Beteiligten einmütig die Benutzung ihrer Vorgärten zu Restaurationszwecken einstellen, so daß die Stadt statt der erwarteten Mehreinnahmen noch einen Verlust haben werde. Der Verein der deutschen Cafötiers will sich dem Vorgehen der Gastwirte anschließen, da auch von seinen Mitgliedern mehrere von einer ganz unVerhältnis- mäßigen Erhöhung der Gebühren betroffen wurden. Insbesondere sind Vorgärten, die an belebten Plätzen liegen, Gegenstand der Gebührenerhöhung geworden. Ein schweres Unglück, bei welchem ein Arbeiter getötet, ein zweiter schwer verletzt wurde, hat sich gestern nachmittag gegen 4 Uhr aus dem Terrain der Anhaltischen Maschinenbau-Anstalt in der Rauchlinstraße zugetragen. Dortselbst werden zur Zeit vier neue elektrische Krähne aufgestellt. Zwei Arbeiter, Baartz und Lange, waren an einem Hilfskrahn mit dem Hochwinden eines eisernen Trägers beschäftigt, als plötzlich die starke Kette riß und die schwere Last' in die Tiefe stürzte. Lange wurde von dem Eisenstück gestreift und zu Boden gerissen; er blieb besinnungslos liegen. Baartz da- gegen wurde unter dem Träger begraben; ihm wurde der Kopf ge- spalten und sein Tod augenblicklich herbeigeführt. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Der Verstorbene, der in Charlotten- bürg, Krummestr. 7 ivohnt, hinterläßt Frau und zwei Kinder. Lange, dessen Verletzungen sich nicht als lebensgefährlich heraus- stellten, wurde nach seiner Wohnung überführt. Das Opfer eines Unfalles ist der 33 Jahre alte Hausdiener Hermann Kirchner aus der Nostizstr. 21 geworden. Der Mann half vor acht Tagen nach Feierabend seiner Frau beim ZeitnngsauStragen, fiel an ihrer Seite vor dem Hause Kochstr. 07 hin, schlug mit dem Hinterkopf auf und verletzte sich so schwer, daß er bewußtlos nach dem Krankenhaus am Urban gebracht werden mußte. Dort starb er an den Folgen einer Gehirnerschütterung. Die Handelsschule für Mädchen der Aeltesten der Kaufniannschaft von Berlin eröffnet ihr 24. Unterrichtshalbjahr am Montag, den 11. April, nachmittags 0 Uhr, in der Sophienschule, Weinmeister- straße 10/17. Diese Anstalt gicbt solchen jungen Mädchen, die noch nicht im Geschäft thütig sind, die notwendige Grundlage der kauf- männischen Bildung, um sie in den Stand zu setzen, sich beim Ein- tritt in das Geschäft rasch und mit Verständnis in die Praxis ein- zuarbeiten. Die Schule war im Winter von 331 Schülerinnen be- sucht, die mit ihr verbundene Fortbildungsanstalt von 010 bereits im Gcschäftsleben thätigen Damen. Die höhere Handelsabteilung, Selecta, hat sämtliche 19 Schülerinnen nnt dem Zeugnis der Reise entlassen; sie wurden sofort in besseren kaufmännischen Stellungen untergebracht. Im wissenschaftlichen Theater der Urania wird in dieser Woche allabendlich der Vortrag„Frühlingstage an der Rivicra" zur Dar- stellung gelangen. Am Montag-, Mittwoch-, Dienstag- und Freitag- nachmirtag wird der Vortrag„Aus dem Haushalt der freien Natur" zu kleinen Preisen wiederholt iverden. Im Hörsaal spricht am Montag Herr Dr. Donath über„Wissenschaft und Praxis der photographischen Platte", am Mittwoch Herr Dr. Naß über„Die Arbeit des Wassers" und am Donnerstag Herr Professor Müller über„Tierstaaten und Vergesellschaftung im Tierreich".— Im Hörsaal der Urania-Sternwarte in der Jnvalidenstraße spricht am Dienstag Herr Hölling über„Die physische Beschaffenheit der Himmels- körper" und am Sonnabend lvird Herr Dr. Donath ebenda seinen Vortrag„Radium"»och einmal wiederholen. Theater. Im Resi den z- Theater wird das Sonnen- t h a l- Gastspiel morgen, Sonntag, durch die Aufführung des sran- zösischen Schwankes„Der keusche Casimir" unterbrochen, dem der Einakter„Die Empfehlung" vorangeht. Montag setzt Adolf Sou ncnthal sein Gastspiel in dem Sardouschen Lust- spiele:„Die alten Junggesellen" fort.— Central- Theater. Heute Sonnabend beginnt Herr Eduard Steinberger ein viermaliges Gastspiel in seiner Glanzrolle als Wolf Bär Pfefferkorn im„ R a st e l b i n d e r". Frl. Mia Werber singt die „Suza". Die andern Hauptparticn liegen in den Händen von Frl. Hcnny Wildncr und der Herren Oskar Braun, Karl Schulz und Rudolf Ander. Auf der Treptow- Sternwarte wird in diesem Frühjahrsguartal Direktor Archenhold an fünf Montagen einen Cyklus der Hum- boldt-Akademie über„die Belvohnbarkeit der Welten" halten. Die ersten Doppelstunden beginnen am Montag, den 11. April, abends 7 Uhr. Die näheren Programme sind im Bureau der Treptow- Sternlvarte und in den Buchhandlungen der Humboldt- Akademie erhältlich.— Das Thema des Vortrages am Sonntag, den 10. d. M., lautet um 5 Uhr:„Die Kant- Laplacesche EntstchungShypothese unsres Planetensystems", und um 7 Uhr:„Ein Ausflug in die Stcrnenwelten". Mit dem großen Fernrohr werden Sonnenflecke, Neptun und Doppelstcrne gezeigt. Orgelkonzert. Der Orgclvortrag in der Marienkirche am Montag, den 11. April, abends 7'/� Uhr bringt Oster-Terzette, Duette, Arien, Lieder, Strcichguartettc und Orgclstücke durch Frau Marie Schramkc-Falkner, Frl. Frieda Schramke-Falkner, dereu Schiilerinncn Frl. Anni Hoffmann und Paula Wolff und die Herren Ernst Mellin, Felix Schmidt, Paul Hirsch, Max Lange, Oskar Tiedt und Organist Reinhold Kurth. Der Eintritt ist frei. Arbeitcr-Bildungsschule Berlin. Der Unterricht in Rede- Uebung für Fortgeschrittene fällt am Sonntag, den 10. April, aus. Die übrigen Unterrichtsfächer sind zu Ende. Bis zum Wiederbeginn(Ende April) ist die Bibliothek Donnerstags abends von 3—9 Uhr geöffnet. Die Ringkämpferei ist wieder auf Tagesordnung. Cirkus Busch hat den Anfang gemacht und das P a s s a g c- T h c a t e r will diesem Institut nichts nachgeben. Es sind von hier aus Heraus- forderungeu an die starken Männer im Cirkus ergangen, die aber keine Beachtung fanden, weil die Bnschleute kontralrlich nur in ihrer Manege ringen dürfen. So müssen denn die Ringkämpfer des Passage-Theaters unter sich ihre Kraftproben veranstalten. Wir sind nicht Kenner genug, um die Bedeutsamkeit der Kämpfer nach Gebühr würdigen zu können; auch mag es an unsrem leidigen Fischblut liegen, wenn wir nicht gleich andren Leuten vor Begeisterung für diesen und jenen „Champion" aus der Haut fahren. Angenehmer als die ganze Ringerei dünkte uns die eigentliche Spccialitätenvorstellung, die recht hübsche? kümmern aufwies. Die Original-Boerenschützen van Niedeck und du Plesfis sind wirkliche Künstler ans ihrem Gebiet und wissen nicht allein durch ihre Treffsicherheit, sondern auch durch verschiedene Lassokunststücke zu gefallen. Eine ganze Reihe von Coupletsängern und-Sängerinnen treten auf, unter denen Herr Oskar Fürst ivohl der tüchtigste ist. Ein andrer Komiker ahmt gar zu sehr Otto Reutter nach, um ungetrübte Freude wecken zu können. Mit be- kannten, aber immer noch wirkungsvollen Vortrügen kommt Frl. Lina Goltz. Akrobaten und Tanzkünstlerinnen vervollständigen das Pro- gramm ganz vortrefflich. /■Ins den Nachbarorten. Ncu-Wcißcilscc. In der am Donnerstag, den 14, April, statt- findenden Sitzung der Gemeindevertretung werden die neugewählten Gemeindevcrtreter eingeführt. Bon unsrer Seite treten die Genossen Frentz und Thiermann neu in die Gemeindevertretung ein, während Genosse Garz ausscheidet. Zugleich wird der besoldete Schöffe ein- geführt und die Wahl des Vorsitzenden zum Gewerbegericht vor- genommen. Unter den 14 Punkten der Tagesordnung wird die Stellung eines weiteren Strafautraacs gegen den Eigentümer Mertens von ganz besonderem Interesse sein, wenn man nicht wieder beliebt, die in letzter Zeit üblich gewordene Methode des Ausschlusses der Oeffentltchleit zur Anwendung zu bringen. M. hat bei der letzten Wahlbewegung durch Flugschriften usw. wiederum den Gemeindevorsteher, die Schöffen und einige Genieindevertreter des Betruges und der Bei- Hilfe dazu bezichtigt und bei der Wahlverkündung unflätige Aus- drücke gegen einzelne Gemeindevertreter, welche zur Wiederwahl standen, gebraucht. Bei diesem Schauspiel für Götter werden unsre Genossen die lachenden Dritten sein.— Am darauffolgenden Tage wird man dann erst an die Feststellung des Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1904 herantreten. Man kann jetzt schon auf die Antwort gespannt sein, die der Gemeindevorsteher auf die Frage er- teilen wird, wie er es fertig gebracht hat, in der etatslosen Zeit vom 1.— 15. April die laufenden unbcwilligten Ausgaben zu decken. In eine arge Wassersnot geriet am gestrigen Morgen unser Ort. Durch Umlegung eines Wasserleitungsrohres, welches Ält-Weißensce mit Wasser versorgt, wurde in der Nacht vom 7. zum 8. April das Wasser für den ganzen Ort abgesperrt. Diese Maßnahme war aber so spät und in so ungenügender Weise zur Kenntnis der Einwohner gebracht worden, daß der übergroße Teil sich nicht mit einem ge- nügenden Vorrat von Wasser versehen konnte und die allermeisten Arbeiter ohne den üblichen Morgenkaffee, ja ohne die genügende Reinigung vorgenommen zu haben, ihre Arbeitsstätte aufsuchen mußten. Die meisten Brunnen sind versiegt und öffentliche Brunnen existieren hier nicht. In vorkommenden Fällen sollte man solche wichtigen Bekanntmachungen nicht nur allein in den wenig ver- breiteren Lokalblättchen veröffentlichen, sondern durch Anschlag an den Säulen usw. Rixdorf. Der Gewerbcdeputation lag in ihrer letzten Sitzung ein von der hiesigen Ortsgruppe des Deutsch-nationalen Handlungs- gehiifen-Verbandcs unterbreitetes Gesuch um Einrichtung einer obligatorischen kaufinännischen Fortbildungsschule vor. Mit Rücksicht darauf, daß in Rixdorf der gewerbliche Fortbildungsschulunterricht ans finanziellen Gründen zunächst nur auf fakultativer Basis möglich sei, beschloß man, das Gesuch, so wie es vorliegt, ab- zulehnen, jedoch Erhebungen über die in Betracht kommenden Ver- Hältnisse vorzunehmen.— Eine interessante Debatte entspann sich über die Frage, ans welche Weise man am besten fördernd für die gewerbliche Fortbildungsschule loirke und welche Mittel die besten sind, um den Lerneifer der Schüler anzuspornen. Es war der Vorschlag gemacht worden, zur Erreichung des letzteren Zweckes Prämien an die besten Schüler zu verteilen. Diese An- regung fand jedoch— besonders bei den der Deputation schon längere Zeit angehörenden Mitgliedern— wenig Anklang. Eine Prämiierung sei, so wurde eingewandt, schon vor Jahren Gepflogen- heit gewesen; man habe jedoch im Einverständnis mit der Lehrer- schaft dies Ivieder eingestellt, weil diese Prämienverteilung auch Rkißgunst und Unzufriedenheit unter den Schülern hervorgerufen hatte und daher nur einen zweifelhaften Wert habe; auch sei eS für den Lehrer sehr schwer, stets den Richtigen zu treffen. Besser wäre es sicher, wenn man die verfügbaren Mittel zur Beschaffung von Lernmitteln für unbemittelte Schüler verwende� Beschlossen wurde, zunächst mit einer öffentlichen Ausstellung von Schülerarbeiten einen Versuch zu machen.— Die vom Leiter der Schule, Schulrat Anders, warm befiirwortete Anschaffung eines Projektionsbilder- Apparates wurde genehmigt. Marienfelde. Bei der Etatsberatung wurden vom Gemeindevorsteher verschiedene Gehaltserhöhungen beantragt und zwar sollten Gemeindevorsteher, Steuererheber und Sekretär 300 M. Zulage er- halten. Nnser Parteigenosse Gemeindeverordneter Greulich führte dazu aus, daß an sich gegen die Gehaltserhöhung nichts einzuwenden sei; wenn man aber einmal beim Aufbessern wäre, möge man auch den Nachtwächter in der Kolonie nicht vergessen, der ganze 480 M. erhalre. Unter diesen Umständen hätten die Anträge des Gemeinde- Vorstehers ihre Bedenken, Trotzdein wurden diese Anträge mit vier gegen drei Stimmen angenommen. Lichtenberg. Der kürzlich auf so auffällige Weise erkrankte Ge- lneindeburcau-Vorstehcr Meier hatte in der Zeit, wo er„alles konnte", seinen aus dem Staatsdienste entlassenen Schwager mit Hilfe seines Verbündeten, des früheren Ortskassen- Rendanten Kauffmann, bei der Krankenkasse auf Lebenszeit anstellen lassen. Mit dem Zusammenbruch der Meier-Kanffmannschen Herr- lichkeit ging auch die Lebenslnnglichkcit des Schwagers in die Brüche und dieser Herr ist nun zu einer aufsehenerregenden That geschritten. Er hat an amtlicher Stelle Dinge mitgeteilt, die die Vernichtung von Wählerlisten, die Annahme von Geschenken durch Beamte und andre angebliche Ungehörigkeiten betreff«». Man kann sich also vielleicht auf einen interessanten Skandalfall gefaßt machen. Ein ungetreuer Beamter einer Borortgcmeinde wird von der Polizei gesucht. Der Kassierer der Rummelsburg- Boxhagener Gemeindekasse Fürst ist nach mehrfachen Unterschlagungen durchgebrannt. Er hat angeblich im Austrage des Gemeindevorstehers bei verschiedenen Steuerzahlern Quittungen präsemiert und die Beträge für sich verwendet. Andrerseits sind auch Fälschungen vor- zekominen. So ist einer Dame in Berlin, die in Boxhagen Grund- nicke besitzt, ein Betrag von 1000 M. abverlangt worden, der ohne weiteres gegeben lourde, weil der Gemeindevorsteher das Geld, ivie der Kassierer behauptete, dringend brauchte. Den Check, den Fürst über den Betrag erhielt, änderte er dergestalt um, daß er statt 1000— 10000 M. ans der Bank erheben konnte. Dort ist unbegreiflicher- weise auch der Betrag an Fürst ausgezahlt worden. Der Schwindel kam bald ans Licht, und die Kriminalpolizei setzte die Verfolgung des Kassierers ins Werk, der aber noch nicht entdeckt ist. Man nimmt an, daß er sich in Berlin verbirgt. Versamm tev, gen. (siegen die Errichtung eines Jnnungs-Einigungsamtes protestierte am Mittwoch eine zahlreich besuchte Versammlung von Mitgliedern der I n n u n g s- G e s e l l c n a u s schü s se, sowie Beisitzern a in I n n u n g s- S ch i e d s g e r i ch t. Bekannt- lich har' der Berliner Jnnungs- Ausschuß die Errichtung eines EinigungSamtcs beschlossen, tvelches für die dem Ausschuß angc- hörenden Innungen kompetent sein soll. Von den 39 hier in Frage kommenden Innungen haben die Gesellenausschüsse von 20 Innungen ihre Zustimmung zu der Errichtung des EinigungSamtes gegeben, während 13 Gesellenausschüsse Einspruch dngegen erhoben. Die Gewerbe-Deputation des Magistrats hat denn auch der Errichtung des EinigungSamtes die Zustimmung versagt, und zwar im Hinblick darauf, daß am Berliner Gewerbegericht ein Einigungsami besteht, welches das allgemeine Vertrauen besitzt, und daß die 13 Gesellen- ausschüsse, welche sich gegen das Jnnungs-Einigungsamt erklärten, die größeren Innungen vertreten, so daß also anzunehmen sei, unter diesen Umständen würde das Jnnungs-Einigungsamt bei der Mehr- zahl der in Frage kommenden Arbeiter Mißtrauen finden und daher keine ersprießliche Thätigkeit entfalten können. Ritter, der in der Versammlung über diese Angelegenheit referierte, bemertte unter andcrm: In der Presse und in Versamm- lungen sei die Behauptung aufgestellt worden, der Obcrpräsident, an den sich der Jnmmgs-Ausschuß gegen den Entscheid der Gewerbe- Deputatton wandte, solle der Errichtung des Einigungsamtes seine Zustimmung erteilt haben. Verbürgten Informationell zufolge sei das jedoch nicht der Fall. Der Oberpräsident habe noch keine Eni- scheidung iil dieser Angelegenheit gefällt.— Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde festgestellt, daß die Nachricht, welche von der Zustimmung des Oberpräside ntcn sprach, zuerst in der Fachzeitung der Berliner Tischlermeister erschien. Als nun der Obermeister der Berliner Tischler-Jnnung. der zugleich Redakteur der Fachzeitung ist. von autoritativer Seite befragt wurde, ob denn an dieser Nach- rieht etwas Wahres sei oder ob er etwas Sicheres darüber wisse, da erklärte er. er wisse nichts davon.— Recht bezeichnend für die Be- Handlung der Angelegenheit in den Jnnungs-Versammlungen tvarei, die Ausführungen vcrfänedcncr Redner, die den Gesellenausschüssen solcher Innungen angehören, welche der Errichtung des Einigungs- amtcS zugestimmt haben. Nach den Bekundungen dieser Redner ist rem(ZeseHekiausschuß reffte©eleefeftTjetf gegeBeft ttötSeft, sich unter sich über die Angelegenheit zu besprechen. Der Gesellenausschutz ist sozusagen mit dem Plan überrumpelt worden. In der betreffenden Jnnungs-Versammlung wurde die von den Meistern sorgfältig vor- bereitete umfangreiche Vorlage einfach verlesen, und ehe die Mit- Glieder des Gesellenausschusses sich völlig klar darüber ivaren, um was es sich eigentlich handele, konstatierte der Obermeister, daß kein Widerspruch erfolgt und die Vorlage angenommen fei. So ist in einer ganzen Reihe von Innungen verfahren worden, und daraus erklärt es sich, daß nur 13 Gesellenausschüsse gegen die Errichtung des Einigungsamtes Stellung genommen haben. Nachdem die An- Gelegenheit nunmehr in den beteiligten Kreisen besprochen und nach allen Richtungen erwogen ist, haben sich, wie Bartel, der Gesellen- Vertreter in der Handwerkskammer ist, ausführte, eine Anzahl der zustimmenden Gesellenausschüsse neuerdings gegen die Errichtung des Einigungsamtes erklärt. Um nun auch die übrigen Gesellenausschüsse, welche ihr zu- stimmendes Votum noch nicht korrigiert haben, über die Angelegenheit aufzuklären und sie zum Protest zu veranlassen, ist die gegenwärtige Versammlung einberufen worden. Ein derartiger Protest wurde denn auch durch die emstimmige Annahme der nachstehenden Reso- lution ausgesprochen: _„Die Versammlung der Gesellenausschüsse und Jnnungs- Schiedsgerichtsbeisitzer erhebt Protest gegen die etwaige Errichtung eines Jnnungs-Einigungsamtes. Sie schließt sich in der Be- Gründung dem Protest der 13 Gesellenausschüsse an, welche schon früher gegen die Errichtung protestiert haben. Die Versammlung erklärt, daß die Zustimmung der Gesellenausschüsse nur deshalb erfolgte, weil ihnen die Geschäftsfnhrui.g der Jnnungsvorstände die eingehende Beratung der Vorlage unmöglich machre." Diese Resolution soll, mit den Unterschriften der betreffenden Gesellenausschüsse versehen, der zuständigen Behörde übermittelt werden. Hohen-Schöiihausen. Am Donnerstag sprach in einer öffentlichen Versammlung Genosse Grauer- Lichtenberg über die Aufgaben der Soeialdemokratie in den Gemeindevertretungen. In der Dis- kussion, die dem beifällig aufgenommenen Referat folgte, versuchte einer der bürgerlichen Gemeinderäte die bisherige Thätigkeit der Gemeindevertretung zu rechtfertigen. Neben dem Referenten traten die Genossen Günter, Thiele und N e u g e b a n e r den Ausführungen des„weißen Raben", der sich in die Versammlung ver- irrt hatte, entgegen und lebhast für eine Wahlbeteilung zu Gunsten des socialdemokratischen Kandidaten Max Thiele ein. Die Schul- zustände, die Zerrissenheit des Ortes in Gutsbezirk und Gemeinde- bezirk, der Versuch, einer Privatgesellschaft auf Sl) Jahre eine Konzession zur Erbauung einer elektrischen Bahn zu erteile», waren Gegenstand der Diskussion, die nach der Mitteilung eines Redners, daß die protokollarische Niederschrift über die Abmachungen mit der elektrischen Bahn Waß- »n an n- Straße— Hohen-Schöu Hansen aus dem Protokollbuch der Ge meiden herausgerissen und verschwunden sei, stellenweise sich recht lebhaft gestaltete. Auch die Mitteilung des am Orte erscheinenden Annoneenblattes des Buchdruckerei'besitzers Steffen: Die Unregel- Mäßigkeit, die bei der für ungültig erklärten Wahl vorgekommen sei, habe„nur" darin bestanden, daß für den sich auch bei der„Arbeiter- schaft" eine? großen„Vertrauens" erfreuenden bürgerlichen Kandidaten und bisherigen Vertreters Fischer einige„Arbeiter", weil diese nicht Zeit gehabt, den Wahlakt persönlich wahrzunehmen, sich durch die darum nachsuchenden Vertreter des„Wahlkomitees der bürgerlichen Parteien" in„Vollmacht" vertreten ließen s!!), fand gebührende Aufnahme. Die angesetzte Neuwahl für das wegen„allzu drastischer Wahlmache" kassierte Mandat der dritten Wählerklasse findet am Montag, den 11. April, in der Zeit von mittags 1 bis 3 Uhr statt. Kandidat der Soeialdemokratie ist Max Thiele. Nach einer Aufforderung, daß nicht ein Genosse bei der Agitation und bei der Wahl fehlen möge, fand die Versammlung ihren Schluß. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den Ib,. April, vorm. 8'/, Uhr. in der>schul-Zlula der 69. Gemeindeschule, Kleine Franksurterstr. K: Versammlung. Freireligiöse Vorlesung. Um 10°/« Uhr, vorm., ebendaselbst: Vorwag des Herrn Prof. Dr. Albert Gehrte: Persönlicher Gott und Weltall. Gäste, Damen' und Herren, sehr willkommen.— Montag, den 11. April, abends 8'/, Uhr, pünktlich, im großen Saale des Central-Klubhauscs, Ilm Königsgraöen IIa: Beschließende Versammlung. Tagesordnung: Bericht- erstattung. Wahlen. Weiße Ouitiung legitimiert. Socialdemokratifcher Wahlverein für Waidmannslust und Um- gegend. Sonnabend, den 9. April, abends 81/3 Uhr, im„Schwarzen Adler"(W. Klesien) in Hohen-Ncuendors a. d. Nordbahn. Diskutierabend. Socialdcmokratischer Zlgitations-Berein für den Reichstags- Wahlkreis Stralsund- Franzbnrg- Rüge». Sonntag, den 10. April, vormittags 10 Uhr. bei Ramlow, Schönhauser Allee 135: General-Ber- sammlung. Neue Mitglieder werden ausgenommen. Gäste willkommen. Berein der Buchdrucker und Schriftgieher für Rixdorf-Bri«. Sonntag, den 10. April, nachmittags 2 Uhr: Versammlung in der Vereins- brauerei, Hcrmannstraßc. Vorwag des Kollegen Massini. Gäste will- kommen. Berein ehemaliger Gütergvher zur Bekämpfung der Xuber- kulose. Sonnabend, den 9. Aprll, abends 9 Uhr, im Musikerhaus, Kaiser Wilhelmstr. 18m: Sitzung. Allgemeine Kranken-«nd� Sterbekafie der Metallarbeiter (E. H. 29, Hamburg). Filiale 8. Sonnabend, den 9. April, abends von 8—10 Uhr: Stichwahl bei Kiebeck, Buttmannstr. 5.— Filiale Rixdorf. Die Wahl eines Delegierten findet am«onntag, den 10. d. M., von 9 bis 1 Uhr bei Pretzier, Ziethenstr. 69, statt. Vermiscdtes. Vom Sturm der letzten Tage. Der Nordweststurm der letzte» Tage hat an der Nord- und Ostseeküste und auch im Binnenlande arge Verwüstungen angerichtet. Im Hamburger Hafen war de der Fährdampfer„Veddel", einer der größten der Fährgcsellschaft, abends von dem gewaltigen Sturm erfaßt und mit solcher Wucht gegen das Steuerruder eines großen Lloydseekahnes geworfen, daß ihm an der Vackbordseite mehrere Platten bis unterhalb der Wasserlinie durch- stoßen wurden. Das Schiff füllte sich schnell mit Wasser und saut nach kurzer Zeit. Die Mamischaft rettete sich durch Schwimmen.— In Hagen i. W. warf der Sturm einen baufälligen Stall um. Ein Junge, der auf dem Hofe spielte, geriet unter die Trümmer und wurde vollständig zerdrückt. Ein andrer Junge kam mit leichten Verletzungen davon.— In Schwerin i. M. wurde das ganze Pappdach eines vierstöckigen Hauses weggerissen und wie ein aus- gebreitetes Bettuch über die Straße nach dem gegenüber liegenden Garten geschleudert. Auf dem Bahnhos zu Stralsund wurde eine Blcchbude in die Höhe gehoben und mehrere Meter weiter getragen, Güterwagen wurden abgedeckt und alles, was nicht niet- und nagel- fest war, wie große Bogenlampen, Dachluken usw. herabgerissen und fortgeweht. Leider sind auch Personen von herabstürzenden Ziegel- steinen und andren Gegenständen zum Teil nicht unerheblich verletzt worden. Panik in einer Shnagoge. In der großen Synagoge in Lemberg stürzte während des Gottesdienstes der Vorbeter vom Schlage gerührt plötzlich tot zu Boden. Hierdurch entstand eine förmliche Panik, wobei mehrere Frauen erheblich verletzt wurden. Dampferunfall auf der Oder. Der„Schlesischen Zeitung" zu- folge wurde gestern nachmittag, zwei Kilometer von Brieg entfernt, der Dampfer„Adler", der mit einem Schlcppzug stromaufwärts fuhr, von dem stromabwärts kommenden Dampfer„Flora" angerannt. Der Radkasten des„Adler" und mit ihm ein in der Küche beschäftigter Heizer wurden fortgerissen. Der„Adler" sank; die übrige Mmm- schaft wurde gerettet. Eisenbahnunfall. Aus Stendal wird amtlich gemeldet: Wegen Entgleisung des Etlgüterzngcs 6006 und Sperrung beider Haupt- gelcise der Haltestelle Dedenhausen verspäten sich sämtliche Züge ab Richtung Hannover, mit Eilgüterzug 6001 beginnend, auf un- bestimmte Zeit. Erdbeben. AuS Saloniki wird gemeldet: Das Erdbeben vom Ostermontag hat in Dsmnabala und Rasiogha fürchterliche Katastrophen herbeigeführt. Mächtige Fclsblöcke sind abgestürzt. Ganze Ortschaften sind zerstört.— In der italienischen Provinz F o g g i a wurde gestern morgen 9 Uhr 17 Minuten ein-1 Sekunden währendes Erdbeben verspürt. Wetter-Broguoke für Sonnabend, den 9. April 1904. Etwas wärmer, zunächst vielsach heiter bei ziemlich lebhasten südwest« lichen Winde»; später neue Trübung mit etwas Regen. Berliner Wetterbureau. (lentral-Uklband der Schmiede. ZLaiil�telle Kerli». Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege Julius Sembries nach kurzem, schwerem Leiden am 6. April verstorben ist. Wir verlieren in ihm einen wackeren, weuen Kollegen. sl76/4 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 10. April, mittags 1 Uhr,(pünktlich) vom Kranken- haus Friedrichshain aus nach dem Central- Friedhos(Friedrichsselde) statt. Rege Beteiligung erwartet Die Oelzvenvaltuuj). Central-Wen- nnii Sterte- kasse tlet1 Tischler usw. Verwaltung Berlin H. Am 6. April verstarb nach kurzem Leiden im Aller von 43 Jahren unser Mitglied Julius Lembnes. Die Beerdigung findet am Sonntag um 1 Uhr von dem Krantenhaufe Fricdrichshain aus nach dem Central- Friedhose in Friedrichsselde statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Orisverwaltung. Spar-u.Creilit-Verem Süd-Ost. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz der Genosse Julius Lembries am Mittwoch, den 6. d. Mts. ver- storben ist. Die Beerdigung findet am Ionntagnachmittag 1 Uhr, von der Leichenhalle des Krankenhauses Friedrichshain nach dem Central- Friedhof in Friedrichsselde statt. Ehre seinem Andenken l Um zahlreiche Beteiligung ersucht 288/12 Der Vorstand. OkUtLClW Metallarbeiter-Verband (Verwaltungsstelle Berlin). Xachrnf. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Ntechaniker Paul Sanpe am 31. März gestorben ist. Ehre seinem Andenken! 114/2 Die Orlsverwallung. 114/2 Am Donnerstag entschlief sanst nach kurzem, schweren Leiden mein lieber Mann, unser guter Sohn und Bruder, der Rammcr Emil Vettermann im 31. Lebensjahre. Bio trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet Sonntag, den 10. April, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle dos EmmauS- Kirchhofs, Hermannstratze. aus statt. Hierdurch die Mitteilung, datz best am Sonntag aus dem Seddin- See verunglückte Mechaniker Zelt heute gesunden wurde. Näheres über die Beerdigung im Sonntagsblatl. Familie Zeh. Verband der Möbelpolierer. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege Max Höhne im Alter von 26 Jahren an der Schwindsucht verstorben ist. Die Beerdigung findet heute, Sonnabendnachmittag 4'/, Uhr von der Leichenhalle des Weißen- wer Gemeinde-Friedhoses, Rölke- Maße, aus statt. 146/2 De? Vorstand. Orts-Krankkllkasse der Nadler und Siebmacher zu Berlin. Sonntag, den 17. April 1904, vormittags 10 Uhr, im GewerkschaftShausc, Saal 10, Engel-User 15: ßrWiciiö Geoeräl-Versammiuity. Tagesordnung: 1. Verlesung der Protokolle. 2. Kassenbericht des Rendanten. 3. Bericht des Rechiiungs-ZlusschusseS. 4. Bcschlußsassung über den Aerztc« vertrag. 5. Beschlußsassuilg über /Neuregelung des Statuts unsrer Kasse. Die Herren Arbeitgeber, welche für großjährige Kassenmitglieder Beiwäge aus eignen Mitteln zu leisten haben, sowie sämtliche großjährigen Kassen- Mitglieder werde» ersucht, recht zahl- reich zu erscheinen. 272/11 Berlin, im April 1904. Der Vorstand. Rod. Schmidt, Vorsitzender. Orts Krankenkasse jür das KolUmielleiposl)« zu Berlin. Sonnabend, de» 16. April 1904, abends 81/, Uhr. im Gewerkschafts- hause, Engel-User 15, Saal III: Ordentliche Generai-lfersanunlung sämtlicher Bcrtrcter der Arbeitgeber u. Kassenmitglieder. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Bericht der Re° visoren. 3. Neuwahl von zwei Arbeitgebern für 1904/1905. 4. Stellung- nähme zur Aerztesrage. 5. Sonstige Kassenangelegcnheiten. 272/8 Um pünklliches und zahlreiches Er- schemen wird gebeten. Der Vorstand. J. B.: llrnst Oavidshäuser, Vors. Hugo Herti, Schristführer. DM- Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. 200 nK Baustelle, Eckgrund- stüct, östl. Borort. an gepsl. Haupt- straße, günstig geeignet für Restaurant oder Materialwarenhandlg.(bepfl. mit 60 Obstb., 6jähr., Brunnen u. Laube vorhanden) u. g. Beding, z. verkaufen. Offerlen uiiter O. 5 Exped. d. Bl. i�ort verkäuflich £■111111719 Nitterftr.120, pari. 1. Freie Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend. Sonntag, den 10. April, vorm. 10 Uhr. im„Englischen Garten", Alexander-Straste Nr. 37 c: GenepaB-¥ersammBung TageS-Ordnung: 1. Abrechnung vom ersten Quartal 1904 und Bericht der Revisoren. 2. Wie stellen sich die Kollegen zur Verlängerung deS Vertrages? 3. Vereins- Angelegenheiten und Verschiedenes. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet Der Borstand. Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Zutritt. 31/3 Verband der Möbelpolierer. Heute abend werden in sämtlichen Zahlstellen Beiträge entgegengenommen. Montag, den 11. April, abends 8 Uhr, Husfitenstr. 49: IM- Versammlung."WU TageS-Ordnung: 146/3 I. Vortrag des Genossen A. Stripp über Adalbert Chamiffo mit Recitation. 2. Diskussion. 3. Verbands-Angelegenheitcn. Die Kollegen, welche einem Gesangverein angehören und bei der Gesangs-Aufführung am 1. Mai vormittags mitwirken wolle», werden ersucht, am 11., 18., 25. April abends pünktlich 7 Uhr Große Frankfurter- straße 133 zu erscheinen. Der Borstand. Mss-Msiisesmeiii„Frisch auf!" Sonnabend, den 16. April 1904, im Saale des e Tessnow, Hakenfelde: III. STIFTUNGSFEST bestehend in Tanz. Kunst- und Reigensabren, lebenden Bildern und großer Verlosung. Zur Aufführung gelangt:„Heiteres und Ernstes aus dem Radfahrcrlcben", urkomische Pantomime in einem Akt. Die Bundesoereine des Gaues 9 sind hiennit freundlichst eingeladen. 12/2 Oer Verstand. I. A.: O. H. � Hausfrauen gsbpauchet Kondensierte Aipenmilch Nestle Voller Rahmgehalt. überall käuflich, " Fehlt Ihnen etwas 5 für die neue Wohnung, so gehen Sie rechtzeitig in unser Special-Haus. Dortselbst finden 'sie eine überraschend grosse Auswahl von Neuheiten in; von M. 4.50 bis IL. 45.—, 60.— usw. 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Oertliche Verwaltung Berlin?. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die Zahlstelle von Schulz, Bernauer- und Strelitzerftratzen-Ecko, nach Wattslr. 17 b» Seeliger Beilegt worden ist. 183/3 Die Ortsverwaltung. Kran;- und Klumenbmderei von Id. A. Trotlie, Wrangelstr. 11, Markthalle IX, Staub 251/252, Eisenbahnstraste. 46142* Qardinsn- I älterer Muster in weiß und creme zu 1—4 Fenstern paffcnd.spvttbilligin dem Gardiuenfabrik-Lager von Zruno GötHer an» Plauen in Sachse», Berlin O., Grüner Weg 80, part., Eingang vom Flur(kein Laden). Probe» nach außerhalb portofrei. Orts- Krankenkasse der Buchbinder und verwandter Gewerbe. Montag, den 18. April, abends 8'/. Uhr, im Gewerkschafts- hauso, Engel-User 15, Saal 1: Ordentl. General-Versammlung Tages-Ordnung: 1. Rechnungslegung pro 1903. 2. Abänderung des Kasscnstatuts§ 35 Abs. 3 und 4 betreffend die Ouittungs- bücher. 3. Verschiedenes. 272/12 Wir bitten die Delegierten, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Der Vorsttsiid. Bernh. Jost, Georg Bässier, Vorsitzender. Schristführer. 48121)* Sofastoffe Riesenauswahl aller Qualitäten. Wolle- Daefal Plüsch- RBMBl Moquettos. Satteltaschen. Muster b. näher. Angabe franco. Emil Lefevre,"ÄV.ISB. B Vorwärts- Buchhandlung Berlin SVV. 68, Lindenstraße 69, Laden. Soeben ist erschienen: Socialdemokrat. Agitations- Bibliothek Zeitbilder aus dem Klassenstaat. I. 01 Preis 20 Pf. iE] Seit gestern!!! verkaufen wir 1000 alte»nd neue Elegante Herrenanzüge Moderne Friihjahrspalotots Hosen für jeden Zweck und zu diesen Preisen: M. 9, 19, 12, 14, 16 und höher. jM.!.7"'».59 4« i etc. von den feinsten Herr- ________„. Schäften für jede Figur (speo. Bauch) passend in allen Preislagen. JIII J nurPrinzenstr. 17, a. d. Wassor- W arm thorstr. Hochb.-St.Prinzenstr. I»» UllUJ 2,Gesch.Gr.Frankfuriersfr.ll6.__________________ Bitte, nicht mit ähnlichen Geschäften zu\ erweuiiiaoia. 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