Nr. 85. HbonnemcntS'ßedlnsungen: SBonncmentS• Preis pränumerando: Sierteljährl. 3�0 Mk., monall. l.lv SU., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntag?- Vellage»Die Neue Welt' lll Pfg. Post. Wonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Mark, für das übrige«uSIand 3 Mark pro Monat. 21. Jahrg. Crfdldit tZgllch auBtr Hlontagi. Vevlinev VolKsblstk. Die Insertion»-Lebllhr Neträgt für die fechSgefpaltene Kolonel« zeile oder deren Raum 10 Pfg., für politische und gewerlfchastNche Vereins- und Verfammlungs-Anzeigen 25 Pfg. „Ulelne Hnzeigen", das erste(fettgedruckte) Wort 10 Pfg., jedes wettere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und gesttagen bis 8 Uhr vormtttagS geöffnet. Telegramm- Adresse: „Sozialdtmohral Berlin". Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8 Cd. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Dienstag, den 12» April 1904. Expedition: 8 öd. 68, Lindcnetraeee 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. „Der Rückgang der Soeialdemokratie". Schon mehrfach wurde in bürgerlichen Zeitungen aus dem Aus fall der Reichstagsnachwahlen frohes Hoffen geschöpft und der frei- konservative Abgeordnete Dr. Arendt kündet jetzt feierlich im „Tag" den Rückgang der Soeialdemokratie, den er in langem Artikel der sehnsuchtsvollen bürgerlichen Welt bietet. Dr. Arendt stellt eine Uebersicht auf, in der die socialdemo kratischen Stimmen bei den neuen Nachwahlen mit den Stimmen vom 16. Juni 1863 in Vergleich gestellt werden. Es sind bei diesen Nachwahlen 69 483 socialdemokratische Stimmen abgegeben worden gegenüber 84211 Stimmen am 16. Juni, es ist eine Verminde- rung um 14 728 Stimmen eingetreten. Nur die einzige Nachwahl, die vor dem Dresdener Parteitag stattfand, im Wahlkreise Anhalt-Dessau, hat einenZuwachs an socialdemokratischenStimmen ergeben, die acht Wahlen nach dem Parteitag zeigen einen Rückgang um 16 173 Stimmen. Die Ursache dieses Rückgangs sucht Dr. Arendt in der„Gegen bewegung der Gesamtbevölkerung gegen die Soeialdemokratie". die erhebliche Fortschritte gemacht habe. Er bespricht dann die Ergeb- nisse in einzelnen der Wahlkreise, die in Rachwahl standen, und er gelangt zu dem tröstlichen Ausgang, daß zwar die Soeialdemokratie nicht verschwinden werde, daß aber„der 16. Juni 1903 wirklich ein historffcher Wendepunkt unsrer Geschichte geworden ist? er bezeichnet den Höhepunkt der socialdemokratischen Bewegung; seitdem beginnt der Rückgang der Soeialdemokratie". Dr. Arendt ist gnädig genug zu gestatten, daß die Social- demokratie„nicht verschwinden wird", welches Geschick Herr Dr. Arendt für seine eigne Partei allerdings befürchten muß. Die frei konservative Partei ist eine von denjenigen bürgerlichen Parteien, die am schnellsten und intensivsten den Krebsgang gehen. Es ist an- genehm, sich über den Abbruch der eignen Partei mit der Hoff- nung des Rückgangs der Partei zu Wösten, welche die siegreichste ist. Nun liegt uns nichts ferner, als uns zu den Lehren der Nach- Wahlen blind zu stellen. Günstig sind diese Wahlen für uns nicht gewesen, und es ist nicht nur Aufgabe unsrer Parteigenossen in den betreffenden Wahlkreisen, sondern auch Aufgabe der Gesamtpartei, die Dinge gründlich zu prüfen. Es ist daS umso- mehr erforderlich, als sicherlich Dr. Arendt darin recht hat, wenn er auf die überaus verschärfte Gegenbewegung der bürgerlichen Parteien und ihren Zusammenschluß gegen die Socialdemokratte weist. Diese Gegenbewcgung ist bereits nach der Hauptwahl am 16. Juni 1963 stark in die Erscheinung getreten und hat in den Stichwahlen dazu geführt, daß die Soeialdemokratie manch aussichtsvoll scheinendes Mandat nicht errang. Die gewaltig anschwellende socialdemokratische Stimmenzahl erfüllt die bürgerlichen Parteien mit Schrecken und von der äußersten konservativen Rechten bis zu Eugen Richter schmelzen sie zusammen, um die Social- demokratie abzuwehren. Diese„Gegenbewegung" haben wir längst festgestellt und unsre Partei rechnet mit ihr. Wir sind uns darüber nicht im Zweifel, daß künftige Wahlkämpfe schwieriger denn je sein werden, denn die bürgerlichen Parteien kämpfen den VerzweiflungS- kämpf. Unsre Partei hat daher die Aufgabe, überall ihre Organisationen noch weit mehr hieb- und stichfest zu machen als bisher, damit die- selben im stände sind, den vermehrten Kraftaufwand der Gegner zu überwinden. Wenn jedoch Dr. Arendt meint, die bisherigen Nachwahlen köimtcn bereits beweisen, daß die Soeialdemokratie der vermehrten bürgcr- lichen Bemühungen Herr zu werden außer stände sei, so ist sein Hoffen allzu eitel. Unter den acht Nachwahlkreisen, in denen die Verminderung der socialdemokratischen Stimmen eingetreten ist, sind zunächst vier, in denen der Sttmmenrückgang, so sehr er gewiß zu bedauern ist, sich einfach daraus erklärt, daß in ihnen die Möglichkeit des Sieges des socialdemokratischen Kandidaten ausgeschlossen war; es sind da? die Wahlkreise Stallupöncn. Schrimm, Osnabrück, Lüneburg. In solchen Fällen, wo der entscheidende Kampf zwischen andren Parteien geschlagen wird, ist bei Nachwahlen erfahrungs- mäßig die ausfallende Partei stets der Stiinmenverminderung aus- gesetzt. Wenn hieraus der socialdemokratische Rückgang wahr- scheinlich gemacht werden soll, so hätten die Nachwahlen auch in allen früheren Legislaturperioden den doch nie eingetretenen Rück- gang angekündigt. Die Wahl im Kreise Eschwcge- Schmalkalden brachte eine Ver- Minderung unsrer Stimmen von 6436 auf 6337, also um 648, obschon unsre Partei in diesem Kreise sich mit Aussicht auf den Sieg tragen durfte. Das ist ein Ergebnis, das allerdings nicht hätte vorkommen dürfen, das sich aber einigermaßen aus besonders ungünstigen örtlichen Verhältnissen erklärt, in die der Kandidat unsrer Partei selbst unliebsam verwickelt war. Allgemeine Schlüsse aus diesem Einzelfalle zu ziehen, ist unmöglich. Es bleiben die drei sächsischen Wahlen. Auch der Kreis M i t t- Weida, in dem wir gegen den 16. Juni 1993 um 3233 Stimmen zurückgingen, gilt dem Abg. Dr. Arendt als Glied in der Reihe seiner Hoffnungsseligleiten. Und doch waren bei dieser Nachwahl, in der wir unter der Ungunst kämpften, daß der Vertreter unsrer Partei das Mandat abgegeben hatte, die gegnerischen Hoffnungen ganz andre; man rechnete aus die Eroberung dieses Kreises. Aber wir siegten mit gewaltiger Majorität. Die Stimmenminderung jedoch war teils die Folge der allgemein geringeren Wahlerregung bei der vereinzelten Nachwahl, teils die Folge davon, daß überaus zahl- reiche Arbeiter zu Unrecht an der Stimmabgabe gehindert wurden, weil sie aus dem Orte, in dessen Wählerliste sie eingezeichnet sind, verzogen waren. Anders lag es im Kreise Reichenbach, wo wir mit 3334 Stimmen weniger als am 16. Juni siegten; hier war der einzige gegnerische Kandidat Graf Hoensbroech, dessen Kandidawr selbst aus den bürgerlichen Parteien heraus stark angefeindet war, so daß überhaupt keine lebhafte gegnerische Wahlagitation zu stände kam und unser Sieg ziemlich sicher war; hieraus ergab sich die geringere Wahlbeteiligung. Es bleibt die Wahl in Zschopau- Marienberg, deren unglücklicher Ausgang lediglich in den be- kannten Wirrnissen innerhalb unsrer Reihen seine Ursache hat. So zerrinnen vor der gründlicheren Betrachtung die allgemeinen Schlüsse, die Dr. Arendt aus den Nachwahlen schöpft. So wenig wir uns Selbsttäuschungen hingeben mögen und so ernst wir die Nachwahlen beurteilen, so dürfen wir dennoch die neuen Prophe- zeiungen der bürgerlichen Hoffnungsinbrunst zu den alten legen. Jedesmal nach einem socialdemokrattschen Siege sollte die Partei ihren Höhepunkt erreicht oder überschritten haben. Kein Sieg der Soeialdemokratie, ohne daß aus irgendwelchen Scheingründen die Prophezeiung vom Rückgang der Soeialdemokratie laut geworden wäre. Es lassen sich tausend derartige Zeitungsäußerungen citieren, mit denen die bürgerlichen Parteien hinter der großen Geschichte der Soeialdemokratie herlaufen, ohne sie je zu erreichen. Der Zufall erinnert uns an eine kleine Schilderung, die Johann Most 1376 in seinen„Erlebnissen in der Bastille am Plötzensee" gab; da erzählt er: „Dagegen besuchen mich die Inspektoren und der Schulmeister öfters. Meistens wird über Socialismus gesprochen, wobei natür- lich die allergewöhnlichsten Zeitungsplattheiten herausgesteckt werden, was mich um so mehr amüsiert, als ich so Gelegenheit habe, die Leutchen gründlich eck absurckum zn führen. Ob mit solchen Diskussionen die angekündigte„Besserung" erzielt werden soll, weiß ich nicht, vermute es aber. Wenigstens wüßte ich sonst nicht, zu welchem Zweck man mir z. B. immer mit einem vor Freude strahlenden Gesichte vom„Rückgang der Soeialdemokratie", wie er sich angeblich zusehends vollziehen soll, erzählt, obgleich ich stets erkläre, daß ich an keine Zeitungsenten glaube." 1876 zählte die Socialdemokratte erst 360 000 Stimmen und schon vollzog sich zusehends ihr Rückgang I Das vor Freude strahlende Gesicht des Herrn Dr. Arendt und aller seiner Mitfreudigen wird ebenso enttäuscht werden wie einst die Schulmeister und Inspektoren am Plötzensee. Die bürgerlichen Parteien können ihrem Wesen nach niemals begreifen, daß und warum die Socialdemokratte zu stets größerer Ausbreitung gelangen muß. Sie graben nach allerlei Nebensächlich- leiten und Zufälligkeiten, während die gesamte wirtschaftliche Eni- Wicklung die materielle und kulturelle Lage imnier weiterer Volks- kreise zu einer durchaus unbefriedigenden macht und sie so zur Soeialdemokratie zwingt. Die gesteigerte Gegenbewegung der bürgerlichen Parteien wird die Arbeiterklasse nur um so fester zusammenschließen und um so mächtigere Begeisterung für die großen Menschhcitsidcale in ihr entfachen. Und wenn einige Nachwahlen auch unter unsren Wünschen blieben, so erfüllen sie entfernt nicht die Wünsche der Feinde. Viel- mehr fordert diese Erscheinung uns miß Mängel in der Organisation zu beseitigen, örtliche Fehler abzustellen und über die Irrungen uns zu erheben, die hier und da die eignen Reihen störten. Neue Kämpfe mit den Hereros. Am 2. und 9. April haben in Deutsch- Südwestafrika neue Gefechte stattgefunden, bei denen die deutschen Truppen schließlich zwar die Hereros zurückgeworfen haben, bei denen sie aber außerordentlich schwere Verl u st e erlitten: einige vierzig Tote und srchsundzwanzig Verwundete. Die Verluste der HereroS sollen noch beträchtlich größere gewesen sein, doch wurde die strategische Absicht der westlich von Windhoek und Okahandja openerenden deutschen Slbteilungen, die in den Onjattbergen befind- lichen starken Streitkräfte der HeroroS zu umzingeln und entscheidend aufS Haupt zu schlagen, allem Anscheine nach nicht erreicht. Der KricgSPlan der deutschen Truppen war der folgende: Im Westen waren die in den Onjattbergen befindlichen Hereros — nach dem Gefechtsbericht des Oberst Leutwein gegen 3000 Mann — eingekreist. von den Detachements des Oberlieutenants v. E st 0 r f f mit 273 Mann und 2 Geschützen und des O b e r st Dürr mit 646 Mann, 8 Geschützen und 6 Maschinengewehren. Estorff bildete den nördlichen. Dürr den südlichen Flügel. Im Süden, östlich von Windhoek, befand sich O b e r st Leutwein mit 230 Mann und einem Geschütz. Von Osten her sollte Major G l a s e n a p p mit 631 Mann und 4 Geschützen den Umzingelten das Entweichen nach Osten unmöglich machen. Im Anmarsch be- anden sich ferner vom Süden her weitere 220 Manu mit 2 Geschützen und 1 Maschinengewehr. Die gesamten deutschen Streitkräfte, die zur Vernichtung der in die Onjattbergen befindlichen Hereros zur Verwendung gelangten, betrugen also 1900 Mann mit 17 Geschützen und 6 Maschinengewehren. Der Plan der Cernicrung, Vernichtung oder Gefangennahme dieses Teils der HereroS ist nunmehr als gescheitert zu betrachten. Zunächst hatte die östliche Kolonne des Majors Glasenapp Pech. Glasenapp unternahm am 13. März jenen verhängnisvollen RekognoscierungSritt nach Owikorero— nordöstlich von den Onjattbergen— bei dem 7 Offiziere und 19 Mann sielen und eine weitere Anzahl von Mannschaften verwundet wurden. Die Hereros. die ihm diese böse Schlappe, bei der auch 1 oder 2 Maschinengewehre verloren gegangen sein sollen, beigebracht hatten, teilten sich. Ein starker Trupp zog nach Norden ab, ein andrer Teil wandte sich südlich nach dem schützenden Bergland. Major Glasenapp scheint sich an die Verfolgung dieses nach Süden abschwenkenden Teils seiner Gegner nunmehr nur sehr vorsichtig herangetraut zu haben, war er doch am 2. April, seinem zweiten Unglückstag, erst bei O k a h a r u i, d. h. 30 Kilometer südlich von Owikorero, angelangt. Nichtsdesto- weniger ereilte ihn hier abermals das Verhängnis in Gestalt der diesmal zum Angriff übergehenden Feinde. Im Buschland wurde seine Truppe plötzlich angegriffen. Die Hereros wurden schließlich zwar blutig zurückgewiesen, allein auch 33 deutsche Soldaten deckten das Schlachtfeld, außerdem wurden 1b Mann ver- wundet. Von amtlicher Seite liegt außer dem von uns im Depeschenteil der Sonntagsnummer bereits mitgeteilten kurzen Tele- gramm einstweilen nur folgende Verlustmeldung vor: Berlin, 10. April. Die diesseitigen Verluste in dem gestern gemeldeten Gefecht bei Okaharui am 2. April sind folgende: Gefallen: 1. Compagnic Secbataillon: Reserve-Licutenant Nörr, Sergeant Martin Brühl, Unteroffiziere Willibald Dickhoff, Otto Hargens; Scesoldatcn Karl Bettin, Johann Geyer, Wilhelm Hacker, Johann Haas, Joseph Hahn, Georg Hrilmann, Andreas Hubcr, Philipp Kohl, Peter Krngcr, Rudolf Lirbau, Michael Mack, Walter Mack, Heinrich Panlsen, Joseph Sachskorn, Peter Weiler, Johann Stachowsky; Gefreite Christian Hackcrt, Wilhelm Seeliger, Karl Srllert, Einjährig-Gefreite Dietrich Mennenga, Karl Sponnagcl; Tamboure Walter Weyand, Ott» Bottge; Hornist Michael Schreiner. 4. Compagnie Seebataillon: Unteroffizier Johannes Hahl; Sccsoldat Georg Klein; von Sanitätskolonne: Ober-Sanitätsgast Oskar Btahnkc; vom Ersatztransport: Gefreiter Hermann Actzcl, Reiter Otto Kahlcrt, gestorben 4. April. Verwundet: 1. Compagnie: Lieutenant Karl Hildcbrandt, KonwstonSschuß rechte Schulter; Unteroffiziere Robert Fritzsche, Weichteilschuß linken Oberarm und obere linke Rumpfhälfte; Arno Lungwitz, Streif- schuß linker Fuß; Seesoldaten Johannes Frank, rechte Schulter; Gustav Selke, rechte Seite; August Scherber, Streifschuh linke große Zehe; Ludwig Vollmer, Weichteilschuß linker Oberschenkel; Rudolf Lorenzen, linker Unterschenkel; einjährig Gefteiter Heinrich Michaelsen, Beugefläche rechter Unterarm. 4. Compagnie: Seesoldaten Reinhold Gran, Weichteilschuß linker Oberschenkel; Emil Willjen, Wcichteilschuß Rücken; einjährig Gefreiter Johannes Schmidt, Rückcnschuß, linke Lunge verletzt. Bon Schutztrnppr: Gefreiter Heinrich Vogel, leicht, rechte Ferse. Bon Aiaschincnkanonen-Abteilung: Oberfeucrwerksmaat Alwin Krätzing. Streiffchuß linke Brust und Arm; Obermatrose Herniann Theuerkauf, Streifschuß rechte Hand. Dagegen erhält der„Tag" von seinem Specialberichterstatter folgenden ausführlichen Gefechtsbericht: Biwak Oniatu, 6. April. Am ersten Ostertage marschierte das Detachcment v. Glasenapp früh morgens von Okaharui nach Oniatu. Der Weg führt durch Dornlvald mit dichte nr Dorngebüsch und mit nur wenigen, etwas lichteren Flächen. Nordöstlich von Okaharui, in einer der dichtesten Waldstrecken, kam es auf dem Marsch zu einem schweren Gefecht unsrer Arrieregarde(der Compagnie Fischer) mit großen, gut bewaffneten, zum Teil berittenen Hererohaufen, welche die C 0 m P a g u i e zu umfassen suchten. Als die Schutztruppen durch die Compagnie des Grafen Brockdorff und Artillerie unter dem Oberlieutenant Manshold ver- stärkt war, wurden die Herero geworfen und später noch eine Stunde weit verfolgt. Desgleichen wies die Avantgarde(Compagnie Lieber) andre große Hererohaufen nach einstündigem Gefecht ab, bei Ivclchcm auch die Fahne des Seebataillons ins Feuer kam. Neben der Fahne fiel Unteroffizier Hahl. Unsre Gesamtverluste betnigcn: Lieutenant Nörr, vier Unteroffiziere und 28 Mann tot, Lieutenant Hildcbrandt, vier Unteroffiziere und elf Mann verwundet. Die Verluste der HereroS sind sehr bedeutend. Die Rebellen, die ihre Toten und Verwundeten, wenn irgend möglich, mitnehmen, hatte» noch auf dem Gefcchtsfelde 42 Tote zurückgelassen. Unsre Artillerie, welche auf einer lichteren Stelle günstige Positionen fand, und desgleichen unser Kleingewehrfeuer hatte brillant gewirkt. Wahrscheinlich hatten die Hereros versuchen wollen, unsre Nachhut von dichtem Buschwerk aus niederzuschießen und sich dann einiger der Proviantwagen zu bemächtigen. Leider machte sich, wie jetzt immer, unsre viel zu geringe Anzahl Kavallerie fühlbar. Die unsreS Detachements verfügt nur noch über 21 vollständig gebrauchs- fähige Pferde, welche vor Beginn des Gefechtes zur Aufklärung mehrerer vorwärts liegenden sehr schlimmen Wegstellen voraus- geschickt waren. Das Gefecht hatte von 8'/z Uhr morgens bis 12 Uhr mittags, die Verfolgung bis 1 Uhr gewährt. Nachmittags begruben wir unsre Toten in gemeinsamem Grabe auf dem Gefechtsfeld, wo wir nachts biwakierten." Es folgt dann noch eine Verlustliste, welche als tot mehrere Soldaten nennt, deren Namen in der amtlichen Verlustliste nicht enthalten sind. Es scheint demnach, als ob noch einige Mann mehr gefallen seien. Aus dem Bericht geht ferner hervor, baß die Hereros schließlich zwar zurückgetrieben wurden, daß sie aber den Rückzug unter Mit- nähme ihrer Verwundeten vollziehen konnten. Abweichend von dem ersten offiziellen Telegramm spricht der Bericht ferner von nur 42 gefallenen Hereros, die aufgefunden wurden, während der amtliche Bericht die Zahl der aufgefundenen feindlichen Toten auf 92 beziffert. Da der Berichterstatter des„Tag" das Detachement Glasenapp persönlich begleitet, dürfte seine Mitteilung wohl die richtige sein. Der„Sieg" Glascnapps ist also recht fragwürdiger Art. Glasenapp wird von einem Unstern verfolgt. Von seinen 331 Mann hat er seit Mitte März bereits ca. 60 durch Tod und weitere 20 bis 30 durch Verwundungen eingebüßt. Er wird deshalb außer stände sein, den Rückzug der Hereros nach Norden und Osten zu verhindern. Viel geringere Verluste kostete der Angriff der westlichen Kolonnen Dürr undEstorff, die, wie heute gemeldet wird, am 9. April mit andren Teilen der in den Onjatibergen befindlichen Hereros zusammenstießen. Der amtliche Bericht über dies letzte Gefecht lautet: Berlin, 11. April. Gouverneur Leu tw ein meldet aus Okahondja unter dem heutigen Tage: Ich habe am 9. mit vcr- einigter Hauptabteilung(Dürr) und Westabteilung(Estorff) die Hauptmacht deS Feindes, etwa 3000 Gewehre, bei Ongnnjira an- gegriffen. HercroS in starker, kreisförmiger Höhenstellung. Front nach Nordwesten. Zuerst feindlicher linker Flügel umfaßt und zurückgeworfen, dann Angriff gegen Mitte und rechten Flügel. Zwei energische Gegenstöße des letzteren gegen unfern linken Flügel abgewiesen. Mit Einbruch der Dunkelheit nach achtstündigem Gefecht feindliche Stellung durchbrochen. Gegner nach allen Seiten, mit Hauptkrästen anscheinend in nordöstlicher und östlicher Richtung, zurückgegangen. Diesseitige Verluste: Tot: Oberlieutcnant v. Estorff, Lieutenant V. Erffa, zwei Reiter. Schwer verwundet: Lieutenant v. Rosenbrrg, 5 Reiter; leicht verwundet: 15 Reiter. Verluste des Feindes noch nicht festgestellt, aber dank guter Artillericwirknng schwer. Von der Ost-Abteilung lGlasenapp) nichts Neues. Gouverneur Lcutwein meldet ferner die genaue Verlustliste im obigen Gefecht: Gefallen: 1. Oberlieutcnant Otto v. Estorff aus Veerßen bei Uelzen, 2. Lieutenant Dr. Burkard Freiherr v. Erffa aus Werne- bürg, Kreis Pößneck, 3. Gefreiter Kowl der 3. Batterie aus Jagcnow, Kreis Kobchin» 4. Gefreiter Heinrich Schroll der 4. Feld- compagnic auS Kanlbach bei Homburg fHessen). Schwervcrwnndct: 1. Lieutenant Richard v. Roscnberg aus Kassel, der 1. Feldcornpagiüe, früher Franz-Regiment, Schuß in den Oberkiefer, 2. Sergeant Gustav Liedtke der 4. Fcldcompagnie, aus Lengen, Kreis Bartenstein. Schuß in rechten Ellenbogen, 3. Gefreiter Otto Lucas der 4. Feldcompagnie aus Alt-Landsberg bei Berlin. Schuß durch beide Beine, 4. Reiter Heinrich Müller, 4. Fcldcompagnie, aus Groß-Burgwedel bei Hannover, Schutz rechter Unterarm, 5. Sergeant Wieland der 1. Feldcompagnie, aus Buchenbronn, Kreis Pforzheim. Brustschuß links, 9. Kriegs- freiwilliger von Blanc der 1. Feldcompagnie, aus Berlin, Schuß durch linken Unterschenkel. Leichtverwundet: 1. Feldwebel Schladitz der 1. Feldcompagnie aus Gürznow, Kreis Lissa, rechter Zeigefinger abgeschossen, 2. Reiter Kube, 1. Feldcompagnie, aus Miloslowa, Kreis Birnbaum, Streif- schütz rechter Unterschenkel, 3. Gefreiter Warnte, 1. Feldcompagnie, ans Tichentin, Kreis Ludwigslust, Verlust zweier Finger der linken Hand durch Schuß, 4. Gefreiter Georg Krüger, 1. Feld- compagnie, aus Berlin, Streifschuß rechter Oberschenkel, 5. Gefreiter Emil Effocrt, 1. Feldcompagnie, aus Schönlanke, Kreis Czarinkau, Streifschuß rechter Unterarm. � Die Verluste der deutschen Truppen sind also verhältnismäßig gering: 4 Tote und 11 Verwundete, wogegen die der Hereros schwere gewesen sein sollen. Aber der Zweck des Gefechts wurde auch hier nicht erreicht. Die Hereros wurden nicht nach den Onjati- bergen zurückgeworfen, sie entkamen, wiederum unter Miwahme der Verwundeten und ihrer Beute, nach Norden und Osten. Die nach Norden Abgezogenen werden sich gegen Waterberg hin wenden, wo noch andre starke Teile der Hercro-Macht stehen. Vielleicht wird es dann hier zu erneuten blutigen Gefechten kommen. Die nach Osten Zurückweichenden werden sich möglicherweise mit der Herero-Abteilung vereinigen, die am 2. April Glasenavp angriff, so daß das KommandoGlasenapp möglicher weise nochmals einen Angriff auszuhalten haben wird. Die Umzingelung und Unschädlichmachung des Teils dcr HereroS, die in den Onjatibergen den deutschen Truppen den Kampf anboten, ist alles in allem voll ständig mißglückt. Die Hcreros werden sich weiter zurückziehen, voraussichtlich immer weiter, bis sie schließlich über die Landesgrenze flüchten werden. Wohl aber hat uns diese Phase des Krieges 100 Tote und Verwundete gekostet. Der Gang der Ereignisse zeigt, wie recht wir mit unsrem Rat hatten, mit den Hcreros in ehrliche Friedensverhandlungen ein- zutreten. DaS viele vergossene Blut wäre dann gespart worden. Ob man jetzt endlich zur Vernunft kommen wird? Schwerlich' Dem kolonialen Furor werden auch fernerhin zahlreiche ivcitere Menschen- leben und weitere Dutzend: von Millionen geopfert werden. Dafürkönnen wir uns denn auch rühmen,„Weltpolitik" zu treiben! WaS dies thörichte, nutzlose, frivol heraufbeschworene Kriegs- abenteuer kostet, geht schon aus folgender Meldung hervor: „Der„Schlesischcn Zeitung" wird aus Berlin gemeldet, daß die Kosten für die seit dem 24. März in drei Abteilungen ent- sandte Verstärkung dcr Schutztruppe um 1050 Mann einschließlich Artillerie nahezu zehn Millionen Mark betragen. Der bezügliche Nachtragsetat werde dem Reichstage bald zu- gehe n." Die gefangenen HereroS gehängt und erschösse»! In cineniBrief des am 13. März gefallenen Lieutenants. Th ie Sinei er heißt es: „Der Herero ist als Viehzüchter nicht zu gebrauchen, da er einfach wachsen läßt, was wächst, und hierdurch sein Viehstand degeneriert und für alle Seuchen empfänglich wird. Insofern hat der Krieg etwas sehr Gutes, als der Herero nicht mehr den Weißen in der Viehzucht Kon- k u r r e n z machen wird, jl) Man verlangt hier dringend, daß alle Kapitäne und Großlcute jalso alle, die bisher Besitz hatten), soweit sie nicht im Gefecht fallen, nachher erschossen werden, als Sühne für die vielen Weißen, die durch sie und ihre Leute er- mordet wurden. Was bisher gefangen wurde, ist aufgehängt oder erschossen worden. Weiber und Kinder wurden geschont. Das Truppenkommando wird die Praxis der bisherigen Patrouillen nicht weiter befolgen, da nunmehr in größeren Verbänden ge- kämpft wird, wodurch regelrecht Gefangene gemacht werden können./ Hoffentlich wird die Gefühlsduselei in Deutschland die einzige richtige Lösung der afrikanischen Frage nicht vereiteln. Ttfr schlimmste Fehler dcr deutschen Kolonisation ist die Humanitäts- dnselei...." S Deutsche koloniale„Humanitätsduselei"! Man thnt sich offenbar noch etwas darauf zu gut, daß man nicht auch Weiber und Kinder gehängt hat l Eine andre Briefstelle Thiesmeiers lautet: „Man schätzt die Zahl der so Umgekommenen auf ca. 100. Frauen haben sie meist am Leben gelassen, ebenso Kinder. Wenn sie sich an Frauen und Kindern vergriffen, geschah es meist nur bei Trunkenheit der Großlcute. Schnaps hatten sie beim Ausplündern der Stores genug bekommen." Nach den amtlichen Berichten sind insgesamt nur zwei Frauen und zwei Kinder getötet lvorden I Trotzdem verbreitet unsre bürger- l i ch e Presse auch heute noch die Märchen von den abgeschlachteten Frauen und Kindern! poliüfcbe üeberficbt. Berlin, den 11. April. Die Parlamente kehren am Dienstag zur Arbcir zurück, die ihrer überreichlich wartet. Reichstag und Landtag haben vor Ostern die Etats nicht fertiggestellt. In das neue Wirtschaftsjahr sind das Reich und Preußen mit Notgesetzen eingetreten. In Preußen ist das längst üblich geworden, aber auch der Reichstag ist dem Ucbel verfallen durch die Schuld der Regierung, die ihn zu spät einberief und nichts thut, um die Beschlußfähigkeit zu ermöglichen und die Arbeiten zu fördern. Beide Parlamente werden also zunächst den Etat zu Ende beraten. Der preußische Landtag wird aber in der Etatsberatung alsbald schon unterbrochen werden durch die neuen Wasser- w i rtschaftlichen Vorlagen, wie jetzt die einstige Kanal- Vorlage heißt, nachdem das beste Stück, das den Mittellandkanal schuf, herausgebrochen ist. Wie bereits bekannt wird, setzt sich diese Nicht-Kanalvorlage aus fünf einzelnen Gesetzentwürfen zusammen mit sechzehn Anlagen und Denkschriften. Der Gesamt- kostcnanschlag soll sich auf 700 Millionen belaufen. Es wird ver- mutet, daß Graf Bülow schon am Dienstag zu einer Erläuterung dieser Vorlage das Wort nehmen will. Weiter liegen dann den beiden Häusern des Landtages nicht weniger als 26 Regicrungs- entwürfe vor; dazu kommen zahlreiche Anträge aus den Parteien und den Koinmissionen sowie Iveit über 2000 Petitionen. Unter den Anträgen sind für die Oeffcntlichkeit von besonderer Bedeutung die konservativen und liberalen Vorschläge zum D r e i k l a s s e n- Wahlrecht, die insgesamt nichts andres bedeuten als eine Korrektur des Wahlrechts zwecks gründlicherer Erhaltung des Unrechts. Dcr Reichstag setzt ein mit dein Etat des Reichs- kanzlers. Vielleicht wird es dabei zu Auseinandersetzungen über das Jesuitengesetz, über die Handelspolitik, über die Beziehungen zu den auswärtigen Staaten, über den ostasiatischen Krieg kommen. Es folgen dann in der Beratung die Etats des auswärtigen Amtes, der Schutzgebiete; mit der Beratimg des Reichs-Schatzaintes dürfte die zweite Lesung der R e i ch s- F i n a n z r e f o r m zusammenfallen, loelche noch in der Budgetkommission liegt, wo dcr Schatzsekrctär auf die vom Centrum gestellten neugierigen Fragen über die zu- künftige Gestaltung dcr Finanzen möglichst unbestimmte Antworten erteilen wird; diese Antworten werden aber genügen. um das jesuitenbcschenkte Centrum für die lex Stengel gefügig zu machen. Weiter hat der Reichstag noch eine Fülle von wichtigen Gesetz- entwürfen sowie die zahlreichen socialpolitischen Resolutionen zu behandeln. Unter diesen Resolutionen betrifft die wichtigste den Normalarbcitstag. Unter den Gesetzentwürfen, die zum Teil noch nicht einmal in erster Lesung beraten sind, sind die wichtigsten: Entschädigung für unschuldig Verhaftete; Kaufinanns- gcrichte; Militärpensionen; Börsengesetznovelle nebst Novelle zum Stempelsteuergesctz. Es ist daher in keiner Weise abzusehen, daß der Reichstag alle diese Aufgaben in der laufenden Session bewältigen kann.—_ Kardinal Kopp und das Lco-Hospiz. Man schreibt uns: Endlich ist der„ G e r m a n i a" in Sachen desLeo-Hospizes die Zunge gelöst, aber erst nachdem der„Vorwärts" durch seine Vertretung der Interessen der armen Leute das fromme Blatt der „einzigen sittlich erlaubten Partei" dazu gezwungen hat. Als der Karren so verfahren war, daß die öffentliche Meinung als Vorspann angerufen werden mußte, war die„Germania" wiederholt gebeten worden, für die katholischen Arbeiter und für die Gcschenkgcber und Gläubiger des Leo-Hospizes einzutreten, und ivar von allen Blättern allein zu der ersten öffentlichen Versammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen des Leo-HospizeS eingeladen worden. Obschon sie einen ihrer Redakteure als Berichterstatter geschickt hatte, brachte sie doch anfangs nichts darüber, und erst ans wiederholtes Drängen teilte sie in dürren Worten mit, daß die Versammlung stattgefunden habe. Als Entschuldigung mag sie sich gedacht haben:„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe". Infolge dessen waren dann zu dcr zweiten öffentlichen Versammlung deS genannten Vereins, zu welcher, wie auch zu der ersten, jedermann freien Zutritt hatte, auch die Vertreter andrer Blätter eingeladen worden. Von der„Germania" war niemand erschienen. Die objektive Verichter stattung deS„Vor- wärt S" sowie sein energisches E i n t r e t e n in seinem Artikel in Nr. 80 hat den Interessenten a m L c o- H o s p i z mehr genutzt als alles andre, was bisher für dieselben geschehen ist. Denn obgleich Kardinal Kopp, auch ein Aktionär der „Germania", erklärt hatte, daß das Leo-Hospiz ein Privat- unternehmen sei und ihn als solches nichts angehe, kann die „Germania" doch jetzt nicht mehr umhin zuzugebe», daß„aus jeden Fall ein großes öffentliches Interesse bestehe, diejenigen, welche ihre Ersparnisse in gutem Glauben hergclichcn haben, zu befriedigen." Das ist wenigstens etwas, aber es ist noch nicht alles; denn außer den »Gläubigern müssen auch die Geschcnkgeber und die Arbeiter be- friedigt werden, zu deren Gunsten ihre Gaben gespendet worden find. Das Zugeständnis der„Germania" ist aber lediglich imd allein dem Drucke der öffentlichen Meinung zu verdanken, zu deren Sprachrohr sich dcr„Vorwärts" gemacht hat, wofür ihm D a n k g e b ü h r t. Eine gute Th at soll man alich beim Gegner anerkennen; wir thun es rückhaltlos und bitten de»„Vorwärts", gütig st f o rtzufah ren, so lange auf dem dicken Fell dcr zahlungsfähigen Zahlungspflichtigen herumzuhämmern, bis alle Empfangsberechtigten vollständig befriedigt sind. Dr. Stephan hat in seinem Bericht an die Delegierten dcr katholischen Arbeitervereine im vorigen Jahre außer allem Zweifel gestellt, daß das Leo-Hospiz als öffentliches Institut be- absichtigt toar und als solches feierlich ins Leben gerufen worden ist und, abgesehen von dem letzten Ausspruch des Kardinals Kopp, Giesen Charakter heute noch hat. Dr. Stephan sowohl als auch sein Vorgänger Dr. Hille waren vom Itardinal Kopp amtlich als Leiter der Anstalt berufen, in welcher u. a. auch öffentlicher Gottesdienst stattfand, und waren amtlich den G l ä u- b i g e n als solche empfohlen worden, welche berechtigt waren, Spenden für das Leo-Hospiz in Empfang zu nehmen und für das- selbe zu verwenden. Kardinal Kopp hatte in den wärmsten Worte» die Katholiken von ganz Deutschland aufgefordert, Bei- träge zum Lco-Hospiz zu geben, und ist ihnen mit einer Gabe von 5000 M. mit dem besten Beispiel vorangegangen. Auf diesen öffentlichen Charakter der An st alt, auf ihre amtliche Stellung als deren Leiter und auf die oberhirtliche Empfehlung haben sich Dr. Hille und Dr. Stephan mit Recht berufen, als sie auch Leute bewogen haben, ihnen Darlehen für das Hospiz zu geben. Diese würden ihnen, zumal sie meistens arme Leute waren, die Darlehen ganz sicher nicht gegeben haben, hätten sie ihnen gesagt, daß das Leo-Hospiz nur ein Privat- unternehmen sei, um welches die kirchlichen Behörden sich nicht weiter bekümmerten. Wäre aber das Leo-Hospiz in der That nur ein Privat- unternehmen, dann hätten sich die beiden des Betruges schuldig gemacht, wenn sie dasselbe als ein öffentliches hin- gestellt hätten, und Kardinal Kopp müßte sie als erster selbst dem Staats an!v alt überantworten, gerade wie er einen Mann be- handeln würde, welcher unter dem Vorwande, daß sie für eine Kirche seien, Gaben sanimelte, um sich dafür ein Privathaus zu bauen. Wenn wir daher den fürstbischöslichcn Delegaten, weil der Kardinal fast ganz ausschließlich selbst gehandelt zu haben scheint, und den Pfarrer und Erzpriester, weil er sich ganz fern gehalten hat, hier aus dem Spiele lassen, so folgt aus den auf amtliche Aktenstücke basierten Ausführungen des Dr. Stephan an die Delegierten dcr Llrbeitervereine, daß er, Dr. Hille und Kardinal Kopp den katho- lischcn Arbeitern, den Schenkgebcrn und den Gläubigern des Leo- Hospizes solidarisch haftbar sind. Da aber Dr. Hille und Dr. Stephan, loelche selbst jeder mit einer namhaften Summe Gläubiger des Leo- Hospizes sind, sich außer stände erklären, die ungeheuren Summen aufzubringen, so bleibt Kardinal Kopp allein als derjenige übrig, welcher zu guterletzt Ivird zahlen müssen, weil er es kann. Wer von seinen Gönnern ihm dabei helfen will, ist lediglich ihre Sache. Kein M o r a l i st, selbst wenn er ein Jesuit wäre, würde im stände sein, die unbestreitbare Restit utionspflicht des Kardinals Kopp fortzudcducieren; und wehe ihnen, wenn sie es ver- suchen sollten; denn damit würden sie ihr ganzes Moral gebäude für das siebente Gebot über den Haufen werfen, und der Unfall könnte leicht ein gerichtliches Nachspiel haben. Die „Germania" möchte die ganze Schuld und damit die Ersatzpflicht auf Dr. Hille und auf Dr. Stephan abwälzen; ihren hohen Aktionär nennt sie gar nicht. Wir leugnen nicht die Mitschuld von Dr. Hille und von Dr. Stephan, wenn die„Germania" solche etablieren kann; wir konstatieren lediglich die Mitschuld des Kardinals Kopp und sagen weiter, daß die Verantwortlichkeit nicht eine pro rata, etwa bis zuin Betrage ihrer Aktien, sondern daß ihre Haftbarkeit eine unbeschränkte und solidarische ist, so daß Kardinal Kopp für die beiden andern eintreten muß, wenn sie nichts haben. Wenn Kardinal Kopp nicht ersatzpflichtig wäre, wer ist es denn? Wer soll die Summen für die ungedeckten Darlehen heraus- rücken, wenn Dr. Hille und Dr. Stephan sie nicht haben, die aber auch sogar die„Germania" den armen unglücklichen Gläubigern zu- kommen lassen möchte? Wer soll die immer unruhiger werdenden Gläubiger befriedigen? Etwa die m i s o r a p i s b 8? Die dürfte sich wohl schönstens dafür bedanken, wie Dr. Stephan er- fahren hat. Die seitherigen W o h l t h ä t e r des Leo-Hospizes haben das Recht zu verlangen, daß ihre Gaben, wozu sie Kardinal Kopp aufgefordert hat, zu dem Zwecke ordnungsmäßig verwendet werden, zu welchem sie erbeten und gegeben worden sind, und die katholischen Arbeiter, zu deren Gunsten das Leo-Hospiz gegründet worden ist und jene Gaben hineingesteckt worden sind, haben durch Annahme dieses Gesckienkes ein Recht darauf, daß ihnen dasselbe ordnungsmäßig zugute kommt. Auch diesen Gc- schenkgebcrn und den katholischen Arbeitern sind Kardinal Kopp und seine untergebenen Leiter des Leo-Hospizes verantwortlich und eventuell ersatzpflichtig. Das sind sehr einfache und klare Grund- sätze der katholischen Moral und des katholischen Kirchenrechtes. Die größte Blöße geben sich aber die Herren dadurch, daß sie sich diese Grundsätze, die sie doch selbst so gut kennen, v o in„ B o r iv ä r t s" müssen ins G e- dächtnis zurückrufen lassen. Diese Blöße zu verdecken. wird selbst der frommen„Germania" gewaltige Anstrengungen kosten; sie wird's dem„Vorwärts" ankreiden. Allein das macht nichts, denn er thut auf jeden Fall ein gutes Werk, wenn er für die Armen eintritt, wo die„Gennania" ihre Pflicht nicht thut, auch wenn die Armen Katholiken sind. Wenn da- durch die Katholiken den Socialdemokraten näher gebracht werden, und wenn das ein Unglück ist, so haben das die Verantwortlichen für die„Germania" und das Leo-Hospiz noch obendrein auf ihrem Gewissen. Jetzt hat die „Germania" wieder das Wort.— Oeutfckett Keicd. Anslieferiiug von Deserteuren. Der Kropper Fall ist bisher unaufgeklärt. Dagegen wird man gut thun, die Versicherung der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", daß Deserteure von Preußen grundsätzlich nicht ausgeliefert werden, als ein bloßes Spiel mit Worten zu betrachten. Die preußischen Behörden„liefern" zwar nicht„aus", aber sie„weisen" die„Deserteure" über die Grenze zurück. Das hat niemand anders wie der preußische P o l i z e i m i n i st e r selbst am 22. Februar d. I. als geltende Praxis zugestanden. Herr v. Hammerstein erklärte nämlich: „Wenn eine Zurückweisung an dcr Grenze notwendig ist, wenn mittellose, nurichtig legitimierte Personen an irgend einer Grenze im Grenzort erscheinen, so erfolgt die Zurückweisung selbstverständlich über diejenige Grenze, von welcher diese Personen gekommen sind." Da die russischen Deserteure durchweg„unrichtig legitimiert' sein werden, so liefert eben Preußen danach jeden Deserteur an Rußland, indem es ihn„selbstverständlich" über die Grenze zurück- weist. Das ist aber ein Brauch, dcr„selbstverständlich" auch allem Völkerrecht Hohn spricht. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hat hiernach mit ihrer Ablcngnung lediglich Worte, aber nicht die Thatsachen dementiert. Zu dem kommen noch jene bisher nicht in Abrede gestellten Fälle, daß russische Deserteure von weit her über die Grenzen„zurück- gewiesen" werden. So wurde kürzlich ans N e u ß ein solcher Fall berichtet. Der Begriff des„Grenzorts" scheint danach sehr dehnbar und ganz Preußen nur als ein einziger russischer Grenzort betrachtet zu werden.—_ Graf Bülow— ein Schnorrer und Verschwörer? So ernst der Hintergrund, der Kasus reizt zum Lachen... Des Deutschen Reiches Riisscnkalizlcrs Knutcnrcde ist in— Rußland als staatsgcfährlich beschlagnahmt worden. Der ultramontane„Westfälische Merkur" in Münster berichtet, daß seine Nummer mit Graf BülowS Russenrede, Ausweisung der russischen Studenten betreffend, wegen Gefahr politischer Verhetzung von dcr Departements-Censurbehörde in Warschau beschlagnahmt worden ist. Mehr kann man nicht verlangen. Graf Bülow verteidigt in Deutschland russische„Kultur" und Deutschlands Geheimbündelei mit der russischen Polizei und die�Lob- und Verteidigungsrede wird in Rußland als staatsgefährlich beschlagnahmt I Anscheinend hat man in Rußland noch eine Spur von Verständnis für das Schmachvolle der preußisch- russischen Menschenjagd. Das offene Bekenntnis zur �Schcrgenpolitik hält man in Deutsch- land für einen Akt staatscrhaltender Diplomatie, diese Politik selbst für ein erlesenes Ruhmesblatt im Kranze deutscher Herrlichkeit und Größe— und in Rußland befürchtet man von dem Bekanntwerden der systematischen Mcnschenjagd und deren Verteidigung staatS- gefährliche Aufreizung I Entweder ist man selbst in Rußland wenigstens so national gesinnt, daß man' die Beschimpfung russischer Freiheitskämpfer als Schnorrer und Verschwörer als Beleidigimg empfindet, oder Graf Bkllow ivirkt auf russische Posizeigcsiirne durch seinen übertriebeneu Zarismus selbst als Schnorrer und Verschwörerl— Der Friedensfürst mit Verspätung. Der Fürstbischof Kopp soll der„Breslauer Zeitung" zufolge durch seine Vcrmittelung bewirkt haben, daß sowohl die Staatsanwaltschaft Meineidsklagen gegen die Zeugen im Beuthener Prozeß wie diese Zeugen Beleidigungsklagen gegen die nachträglich mit„Erklärungen" operierenden Geistlichen unterlassen. Auch diese„Friedensliebe" kommt wieder zu spät. Herr Kopp hätte vor allem die Erklärungen verhindern sollen, die doch nichts bedeuten als den Vorwurf des Meineids. Die Friedensliebe beweist jedenfalls, wie der oberschlesische Klerikalismus nochnmlige gerichtliche Belastungsproben verträgt.— Von der Schnorrcrschlacht. Die Tapferkeit der preußischen Polizei kennt keine Grenzen; sie macht auch nicht Halt vor wehrlosen Frauen und Kindern. Wir be- richteten, daß Genosse W e t s ch e s l o f f in absontia verhastet werden sollte. Er ist in der That verreist und entging so durch Zufall dem Geschick, vielen seiner Freunde gleich auch die Freuden deutschen Gefängnislebens kosten zu müssen. Die Gendarnierie giebt sich aber nicht damit zufrieden, daß der gefürchtcte und staats- gefährliche Schnorrer weder in Kisten, noch in Schränken, noch unter den Betten zu finden war; sie erneuert die Durchsuchungen und Kreuzverhöre. Der damit beauftragte Gendarm scheint ein besonders energischer Herr zu sein, der im Verkehr mit Damen wohl nur wenig Hebung besitzt. Bisher ist es ihm trotz allen Eifers nur gc- lnngen, die mit zwei Kindenr und ohne jede Unterstützung allein- stehende, des Deutschen kaum mächtige Frau durch sein Austreten in Aufregung zu versetzen und die Kinder zu verängstigen. Die damit erwiesene Schneidigkeit ist ja an sich in hohem Maße anzuerkennen. Sollte es aber keine andern Mittel und Wege als die Einschüchterung von Frauen und Kindern geben, um den preußischen Staat zu schützen?— Ein neuer Missionsbrief über den Herero- Anfstaud. Der Präses der rheinischen Herero-Mission, Missionar Diehl I, hat unterm 12. Februar 1804 einen Brief über den Herero-Aufstand geschrieben, den wir im„Neichsboten" abgedruckt finden. Herr Dich! schreibt u. a. � „Ich bin nach dem Aufstande öfter von Offizieren und andern höher gestellten Beamten gefragt worden, was ich für die Ursache des Aufstandcs halte. Ich' habe geantwortet: Zu- nächst Mißstimmung und allgemeiner Haß gegen das Herein- kommen und die Besitzergreifung des Landes durch die Deutschen. Dann aber auch die vielfach ungerechte Bchandlungsmcise, die sich namentlich Farmer und Fellhändler gegen die Eingeborenen zu Schulden kommen ließen. Auch habe die Reservatangelegenheit wohl zum Teil mit dazu beigetragen. Das ihnen als Reservat zugedachte Stück Land sei zu klein und ungelegen gewesen, eine fast wertlose Wüste in den Augen der HercroS. Dazu kam der Verdacht, sie sollte:« dort eingepfercht werden und ihres übrigen Landes für immer verlustig gehen. Es wurden schon bald nach den Reservats� Verhandlungen im Volke Stimmen laut:„Nun machen wir keine Garten mehr usw.. wir werden ja doch von den Deutschen weggejagt." Wer die Verhältnisse genauer kennt und unparteiisch urteilen will, muß zugestehen, daß auf beiden Seiten gefehlt worden ist. Die Leute werden bedrückt in mancherlei Weise. Aber an vielem trugen sie s e l b st Schuld. Ihre Lage war noch keines tvegs verzweifeltv i r d. Uebrigcns sprachen ffch sämtliche Abgeordnete von Kopen- Hagen gegen die Prügelstrafe aus. Der konservative Juri st Goos erklärte am Schluß der Debatte:„Wird dieser Gesetzentwurf angenommen, so übernimmt die civilisierte Gesellschaft die Rechtsauffassung der Rowdhs und Barbaren". Die Gerichtsrcsorm, eine der bedeutendsten parlamentarischen Arbeiten der letzten Jahre, ist als g e s ch e i t e r t anzusehen. Die konser- vativen und freikonservativen Mitglieder eines gemeinsamen Ausschusses der beiden Thinge, dem der Entwurf zur Prüfung vorlag, haben er- klärt, daß das Landsthing nicht der Einführung von Laiengerichten zustimmen werde, wenn diese direkt oder in- direkt auf Volkswahlen basieren sollten. Nachdem daS Landsthing sich so strikte ablehnend den wichtigsten Bestimmungen des Entwurfs gegenüberstellt, erscheinen die weiteren Verhandlungen aussichtslos.- Asien. Die Lage in Tibet. Die Tibetaner haben südlich von Changma eine 1600 Meter lange Mauer quer durch das Thal gebaut. In der letzten Nacht jedoch haben sie diese Position aufgegeben, nachdem sie mit einer Abteilung berittener englischer Infanterie in ein Gefecht verwickelt worden waren. Sie verschanzten sich alsdann sechs Kilo- meter südlich von Lampa. 40» Tibetaner sind acht Kilometer südlich von Gyangse aufgestellt.— Die Lamas haben erklärt, sie würden nur für die Verteidigung ihrer Residenz kämpfen.— GeYverKfcKaftttcKes. Berlin und tlmgegend. Zur Lohnbewegung der Bäckergefellen. s?te Forderungen der Berliner Bäckergesellen sind von den Bäckerinnungen in der schroff st en Weise abgelehnt. Der Vorstand des Verbandes hatte am 2. April folgendes Schreiben an die Innungen gesandt: Berlin, den 2. April 1904, An den löbl. Vorstand der Bäckcrinnung zu Berlin, zu Händen des Herrn Obermeisters B e r n a r d. Einem verehrlichen Vorstande der Bäckennming zu Berlin erlauben sich Unterzeichnete folgendes zu unterbreiten. Nachdem in mehreren außerordentlich stark besuchten Vcrsamm- lungen die Bäckergesellen von Berlin und Umgegend sich eingehend mit einer Aenderung ihrer zur Zeit bestehenden Lohn- und Arbeits- bedingungen befaßt haben, beauftragte die geschlossene Verbands- Versammlung vom 29. März d. I., welche von über 2000 Mitgliedern besucht war, die Unterzeichneten, folgende Forderungen, welche wir als tariflich festzulegende Vereinbarungen anzusehen wünschen, den löbl. Vorständen der in Betracht kommenden Innungen zu unter- breiten. Forderungen. 1. Kost und Logis wird den Gesellen vom Arbeitgeber nicht mehr verabfolgt, dafür wird ein Lohnzuschlag von 12 M. gewährt(pro Woche). 2. Ter Wnimallohn beträgt in Betrieben mit 1 bis 3 Gesellen 21 M. » 3„ 7„ 23„ „ 8 und mehr„ 25„ Die Löhne verstehen sich als Wochenlöhne. 3. Bisher bezahlte höhere Löhne dürfen incht gekürzt werden. 4. Kaffee mit Gebäck sowie Brot im Werte von 50 Pf. pro Tag darf von, Lohn nicht in Abzug gebracht werden. 6. Gesetzliche Ueberstunden sind pro Stunde mit 40 Pf. zu bezahlen. 6. An den drei hohen Festtagen Ostern, Pfingsten und Weih- nachten darf in der Zeit vom 1. Feiertag morgens 8 Uhr bis 2. Feiertag abends 11 Uhr kein Geselle beschäftigt werden. 7. Sonntagabend darf vor 11 Uhr die Arbeit nicht beginnen. Wo dieselbe Sonntagmorgen erst V-10 Uhr beendet ist, darf der Beginn der Arbeit abends vor V-12 Uhr entsprechend der gesetzlichen 14ftündigen Sonntagsruhe nicht erfolgen. 3. Ter Arbeitsnachweis wird auf paritätischer Grundlage geregelt. 9. Zum Zweck der Abholung der Verbandsbeiträge haben die hierzu Beauftragten freien Zutritt zu den Bäckereien. 10. In allen Bäckereien ist an einer den Arbeitern leicht zu- gänglichen Stelle, deutlich sichtbar, eine Tafel mit vorstehenden Be- stimmungen auszuhängen. 11. Zur Durchführung des Tarifes sowie zur Beilegung von Differenzen, die aus demselben resultieren, ist eine aus 3 Meistern und 3 Gesellen mit einem unparteiischen Vorsitzenden bestehende Schlichtungskommission einzusetzen. Die Beisitzer sind von beiden Teilen selbst zu erwählen. Den Vorsitzenden ernennt das Einigungsamt des Berliner Gewerbe- gerichts. Wir erklären uns um so mehr bereit, in einer gemeinschaftlichen Sitzung des Jnnungsvorstandes mit dem Gesellenausschuß und drei Vertretern des Deutschen Bäckerverbandes diese Wünsche der Gesellen eingehend zu begründen. � � m Den löbl. Vorstand der Bäcker, nnung zu Berlin ersuchen wir nun höflichst, an die Adresse Carl Hetschold, Rheinsberger- str. 17. bis spätestens Sonntag, den 10. April er., eine gefällige Rückäußerung gelangen zu lassen, ob der löbl. Vorstand respektive Innung gewillt ist, in gemeinschaftlichen Beratungen eine gütliche Erledigung und eventuelle Erfüllung der Wünsche der Gesellenschaft anzustreben. Wir geben uns der Hoffnung hin. daß es gemeinsamen, fach- lich geführten Verhandlungen gelingt, eine im beiderseitigen JntereE überaus wünschenswerte Einigung und Verständigung herbeizu- führen, was bei einigermaßen gutem Willen beider Teile nicht allzu- schwer sein kann. Hochachtungsvoll für die Gesellenausschüsse. I. A.t Fr. Hagemeister, Altgeselle. Für den Vorstand der Bäcker und Berufsgenossen Deutschlands (Mitgliedschaft B-rlin). gez. Carl Hetschold. Darauf sandte die Innung folgende Antwort k Berlin, den 8. April 1904. An den Gesellenausschuß der Bäckerinnung zu Berlin. zu Händen des Altgesellen Hagemeister. Den Empfang des Schreibens vom 2. April d. F. bestätigend, erklärt der Jnnungsvorstand die in demselben in elf Punkten aus- gestellten Forderungen für unerfüllbar und lehnt dieselben ab. Desgleichen lehnt der Jnnungsvorstand zede Verhandlung mit den Vertretern des Deutschen Bäckergesellen-Verbandes ab. Er findet es befremdlich, daß dieselben Personen, die den JnnungS- vorstand bei jeder Gelegenheit beschimpfen und beleidigen, nun um Verhandlungen mit ihm nachsuchen. Dagegen erklärt sich der Jnniingsvorstand bereit, m,t dem Ge- sellenauSschusse, als dem gesetzlichen Vertreter der bei den Jnnungs- Mitgliedern arbeitenden Gesellen, in Verhandlung zu treten, wenn solche nachgesucht wird. Der Jnnungsvorstand. I. Bernard, Obermeister. Die Antwort der„Konkordia" ist zwar etwas höflicher, aber dem Sinne nach dieselbe.. Mit dieser schroff ablehnenden Antwort ist die Bewegung in ein andres Stadium gerückt. Zu bemerken ist, daß die Antworten nicht an die gewünschte Adresse der Organisation, sondern— und das zeigt so recht die lächerliche Organisationsfeindschaft der Innungen— an die Altgesellen, die doch selbst Mitglieder der Organisation sind. Die heutige Versammlung, die bei Keller. Koppenstraße, stattfindet, wird zu diesen, selbst die einfachsten Formen der Höflichkeit beiseite lassenden provozierenden Antworten der Jnnuiigen Stellung nehmen.. In dieser Versammlung wird der Vorsitzende des Verbandes, Allmann-Hamburg, anwesend sein. Die Gesellenausschüsse beider Innungen nahmen heule in kam- binierter Sitzung zu �en Antworten der Innungen Stellung und faßten folgende Resolution: Nach Kenntnisnahme der äußerst schroffen Antworten der Bäckerinnungen auf die höfliche Eingabe der Forderungen der Gc- sellenschaft sprechen die am 11. April 1904 in kombinierter Sitzung versammelten Gescllenausschüsse über die wenig einsichtsvolle Stellung der Innungen als Arbeitgeber-Organisationen gegenüber dem Deutschen Bäckerverbande als Arbeisilehmer-Organisation ihr lebhaftes Bedauern aus. Sie erklären, daß sie in ihrer Gesamtheit Verbandsmitglieder sind, und als solche mit den Acutzerungen und Handlungen des Vor standes ihrer Organisation voll und ganz einverstemden sind. Sie ertlären ferner, daß sie(jeder Ausschuß für sich) nur einen Bruchteil der Gesellen vertreten und daß sie— weil außerhalb der Innungen ein nicht unerheblicher Teil Bäckereibetriebe sieht— sich nicht als legitime Vertreter aller Bäckergesellen Berlins betrachten tönnea Die Thätigkeit und die Funktionen der Gesellcnausschüsse liegen auf einem Gebiete, das durch das Gesetz vom 26. Juli 1897 eng be- grenzt ist, mit der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen aber nichts zu thun haben. Wir find aber gern bereit, bei Tarifverhandlungen mitzuwirken, — den alleinigen Abschluß eines solchen Tarifes als Vertreter der gesamten Geselleiischaft fühlen wir uns jedoch nicht im stände vor- zunehmen. Unser vollstes Vertrauen sowie das Vertrauen der gesamten Kollegcnschaft besitzt einzig und allein der Deuffche Bäckerverband. und können die versammelteii Gesellcnausschüsse nur wünschen, daß im Interesse einer friedlichen, für beide Teile nutzbringenden Einigung die Bäckerinnungen ihrer nach keiner Seite zu rechtfertigende Feindschaft gegen die Gesellenorganisation aufgeben. Andernteils würde den Bäckerinnungen für den Ausbruch eines für beide Teile schädigenden Streiks vor der Oeffcnllichkeit die alleinige Verantwortung treffen. Die Gesellcnansschüsse werden nur mit ausdrücklicher Zu- stimmuirg oder im Auftrage des Bäckervcrbandes mit den Innungen über die Tariffrage verhandeln. Der Gesellenausschuß der„Bäckerinnung zu Berlin". Der Gesellenausschuß der Bäckerinuung„Konkordia". Der Achtstundentag der Putzer ist ohne jede Schwierigkeit auf der ganzen Linie durch- geführt. Wie am Sonntag in einer Mitgliederversammlung der Sektion der Putzer mitgeteilt wurde, haben sich die Befürchtungen, welche in der Versammlung, die den Achtstundentag beschloß. geäußert wurden, als unbegründet erwiesen. Seit dem 6. April arbeiten die Berliner Putzer mit verschwindenden Ausnahmen acht Stunden. Seitens der Unternehmer ist ihnen bis jetzt nicht der geringste Widerstand entgegengesetzt toorden. Die Unternehmer haben auch nicht die Abschlagszahlungen mit Rücksicht auf die ver- kürzte Arbeitszeit herabgesetzt. Es haben sich also keinerlei Differenzen wegen der Einführung des Achtstundentages er- geben. Es erscheint zwar nicht sicher, ob der Verband der Baugeschäste nicht noch nachträglich etwas gegen die Ver- kiirzung der Arbeitszeit unternehmen wird, aber einen Erfolg könnten derartige Maßnahmen nicht haben, da die Putzer gerüstet sind, um alle Gegenmatzregeln gegen die Durchführung des Achtstundentages abzuwehren. Die Arbeitszeit der Putzer währt jetzt von 1/£ bis 5 Uhr, des Sonnabends bis iUo. In der Versammlung wurde auch der Kassenbericht für das erste Quartal gegeben. Die Hauptkasse schließt in Einnahme und Ausgabe mit 2888,65 M. ab. Die Lokalkasse hatte einschließlich des alten Bestandes von 42 076,43 M. eine Einnahme von 47 109,98 M., eine Ausgabe von 5411,49 M., so daß ein Bestand von 41 693,49 M. bleibt.— Von der Abhaltung einer Mitgliederversammlung am 1. Mai wurde Abstand genommen. Dir Leitcrgerüstbauer waren am Sonntag im Gewerkschaftshause aus allen Betrieben zahlreich versammelt, um den Bericht über den Stand des Streiks bei der Firma Fenk u. Co.(Altmann) in Charlottenburg eiilgegenzunehmeu. Es wurde festgestellt, daß zur Zeit nur drei Kolonnen beschäftigt werden, wohingegen Herr Alt- mann selbst zugestanden hat. daß so viel Aufträge vorhanden sind, daß 15 Kolonnen vollauf Beschäftigung hätten. Die Situation ist also günstig. Bis dato haben sich geübte Gerüstbauer als Streik- brecher nicht gefunden. Die Stinmiung unter den Ausständigen, von welchen— soweit die Gerüstbauer in Frage kommen— keiner abtrünnig geworden ist, muß als eine gute bezeichnet werden. Am Freitag hat eine Verhandlung zwischen Herrn Altmann und einem Vertreter des Centralverbandes der Handels-, Transport- und Vcrkehrsarbeiter stattgefunden, welche aber zu keinem Resultat führte. Es fand eine Resolution Annahme, laut welcher sich die bei sämtlichen Berliner Firmen in Arbeit stehenden Kollegen mit den Ausständigen solidarisch erklärten, und des iveiteren wurde der Beschluß gefaßt, daß jeder arbeitende Kollege für die erste Woche eine Mark und für die folgenden Wochen pro Woche zwei Mark zur Unterstützung der Streikenden zu zahlen hat. Es wurde ferner die Sperre über die Firma verh>ängt und beschlossen, daß alle Organisierten dafür Sorge zu tragen haben, daß kein Gerüstbauer, so lange Differenzen in Charlottenburg bestehen, dort Arbeit annimnit. Deutlckes Reich. Zur Maurerdewegung in Königsberg ist mitzuteilen, daß die dortige Filiale des Mkurerverbmrdes und die lokale Vereinigung, der Verein zur Wahrung der Interessen der Maurer, H a n d in Handgehen. Darum schließt die Behörde auch beide mit gleicher Inbrunst in ihr Herz. Am Freitag mutzten die beiden ersten Vor- sitzenden und die beiden ersten Kassierer beider Maurerorganisationen auf der Polizei erscheinen. Dort wollte man Auskmist über eine etwaige Liste der Arbeitswilligen vom vorigen Streik haben. Da niemand von einer derartigen Lifte etwas wußte, wurden die Kassenbücher der beiden Vereine bei ch lagnahmt. Die äußere Veranlassung zu der Beschlag- nähme soll sein, daß der Maurer Julius Brachhaus geoeir einen Maurer Strafantrag wegen Nötigung und Bedrohung gestellt hat. Daraus läßt sich dort aber das Vorgehen der Polizei kaum er- klären. Die Sache muß also einen andern Haken haben. Bon der Justiz in Crimmitschau. Dieser Tage mußte sich der Genosse Albert Rothe in Crimmitschau vor dem Schöffengericht verantworten. Er soll den Stadtrat zu Crimmitschau in einer Versammlung in Meerane dadurch beleidigt haben, daß er erklärt habe, an dem Unglück im„Deutschen Haus" trage der Stadtrat einen Teil der Schuld. Rothe giebt zu, diese Worte gebraucht zu haben. Infolge der Entziehung des Wortes sei es ihm nicht möglich gewesen, dies näher begründen zu können. Wäre das ermöglicht worden, dann hätte man eine Beleidigung des Stadtrates in der Aeußerung nicht erblicken können. Er habe damit sagen wollen, wenn der Stadtrat daß die Worte nicht in gehässiger Weise borgetragen worden seien. Wegen Beleidigung des Stadtrats zu Crimmitschau wurde Rothe zu 30 M. Geldstrafe eventuell sechs Tagen Hast verurteilt.— Bemerkenswerter als die Verhandlung selbst und ihre Ursache ist wohl die Thatsache, daß an derselben der Fabrikant Schön selb, einer der Preßhelden des Spinner- und Fabrikantenvereins, teilnahm. Derselbe fühlte sich unbefangen genug, im Schöffenamt bei der Ver- nrteilung eines der hervorragendsten Ausstandsleiter mitzuwirken. Er trat von seinem Amt auch nicht zurück, als der Vertreter des An» geklagten ihm gegenüber die sehr naheliegende Besorgnis der Befangen- heit äußerte. Und das Gericht bestärkte den Herrn in seiner Unbefangenheit, indem es erklärte, eine Ursache zur Befangenheit liege nicht vor: einmal sei der Streik(lies: Aussperrung) beendet, und dann sei Beleidigter der Stadtrat von Crimmitschau, und Herr Schönfeld — wohne nicht in Crimmitschau, sondern in Leitelshain I Die Aussperrung in den Nnterweser-Orten nimmt ihren Fortgang. Der Unternehmerverband nimmt zu den gewöhnlichen Mitteln des Terrorismus und der Lüge seine Zuflucht. Um die Arbeiter auch ganz sicher zu Paaren zu treiben, entzieht man ihnen nicht nur die Arbeit am Orte, sondern versendet auch eine „schwarze Liste", die den brutal auf die Straße geworfenen Arbeitern unmöglich machen soll, anderwärts Brot und Arbeit zu finden. Die„schwarze Liste" wird durch folgendes Schreiben ein- geleitet: Bremerhaven, den 6. April 1904. Sehr geehrter Herr Kollegel Die Maurer, Zimmerer und Arbeiter in den Unterwescr- Orten Bremerhaven, Geestemünde und Lehe haben die Arbeil niedergelegt aus dem alleinigen Grunde, weil sie den von uns erreichten Arbeitsnachweis nicht cmertennen wollen. Es liegt somit klar auf der Hand, daß ein solcher Ausstand um nichts nur eine Machtfrage sein kann. Die verehrten Herren Kollegen bitten wir daher dringend, uns in dem Kampf um die Macht, in welchen wir hineingczwungen sind, zu unterstützen, indem den streikenden Bauhandwerkern und Arbeitern, welche dort um Arbeit anfragen, die gebührende Auskunft zu teil wird. Bereits angestellten Leuten bitten wir aber anheimzugeben, in ihr früheres Arbeitsverhältnis zurückzukehren. Die Namen der Streikenden folgen nachstehend. Mit kollegialischem Gruße Der Vorstand für das Baugewerbe an der Unterweser. A. Knackstedt, Vorsitzender. Tann folgen fein säuberlich alphabetisch geordnet die Namen der Ausgesperrten und zwar 403 Maurer, 125 Zimmerer und 327 Arbeiter(Bauarbeiter), in Summa also 855 brave Arbeiter und zwar größtenteils Familienväter welche durch diese schwarze Liste dauernd brotlos gemacht werden sollen, weil sie der Unternchmerwillkür einen steifen Nacken entgegengesetzt haben. Ab- gesehen davon, daß die Liften unvollständig und viele Namen un- richtig aufgeführt sind, ist das bemerkenswerte an denselben, daß auch Schlesier, Ostpreußen, Polen, Galizier, Ungarn, Italiener usw. in dieselbe mit aufgenommen worden sind, die man durch den Arbeits- Nachweis der Unternehmer erst mühsam herangezogen hat. Das ist mit ein Beweis dafür, daß dem Unternehmertum zwar die Arbeiter aus rückständigen Gegenden sonst als Lohndrücker und Hermisreißer hochwillkommen sind, daß sie aber ebenso rücksichtslos aufs Pflaster geworfen werden wie ihre aufgeklärteren Kollegen, sobald sie mit diesen Hand in Hand gehen zur Verbesserung ihrer Erwerbsverhältnisse. Die Behauptung in dem Begleitschreiben zu der„schwarzen Liste", die Arbeiter hätten die Arbeit niedergelegt und wären in den Ausstand getreten, um eine Machtfrage aus- zukämpfen, ist eine hahnebüchcne Untoahrhcit, beweist aber cm- scheinend wenigstens, daß die Herren sich sogar ihren eignen Kollegen gegenüber schämen, die Wahrheit über die Aussperrung in dm Unterwcscr-Orten und ihre Ursachen zuzugestehen. Die Arbeiter haben gar nicht daran gedacht, in einen Streik einzutreten. Die Arbeiter haben in ihren Versammlungen beschlossen, dieses Frühjahr keine Forderungen zu stellen, sondern sich bereit erklärt, zu den alten Bedingungen weiter zu arbeiten. Die Unternehmer aber haben einen Konflikt seit dem vorigen Herbst systematisch vorbereitet, und als die Arbeiter sich zu einem Ausstand nicht provozieren ließen, sperrten sie dieselben einfach aus._ Letzte Nachrichten und Depcfchen« Vom russisch-japanischen Kriegsschauplätze. Niuffchwang, 11. April.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Berichte über die rege Thätigkeit der Japaner in Korea und über die Ankunft japanischer Transportschiffe auf dem Dalu halten die hiesige Garnison zur Wachsamkeit an gegen einen möglichen japanischen Angriff. Als gestern abend an der Mündung des Liauflusses auslaufenden Schiffen Lichtsignale gegeben wurden um die Wassertiefe anzuzeigen, gaben die Forts, welche die Signale mißverstanden hatten, 24 Schüsse auf Lotsenboote und ein nach auswärts bestimmtes Kauffahrteischiff ab. Das Feuer beunruhigte die Einwohner der Stadt, da diese glaubten, die Japaner griffen Riutschwang an. Auch unter den Soldaten entstand Auf- rcgung, so daß zwei chinesische Matrosen, die über den Fluß setzen wollten, von Schildwachen erschossen wurden. Eröffnung der Session der Gcneralräte. Paris, 11. April.(W. T. B.) Die Session der Generalräte wurde heute eröffnet. Bisher stimmten mehrere Gcneralräte dafür, den Präsidenten Loubet zu seiner Reise nach Italien sowie zu dem französisch-englischen Abkoimnen zu beglückwünschen. Andre Generalräte treten dafür ein, der Regierung Sympathieadressen zu überweisen, noch andre legten Verwährung gegen die Entfernung der Kruzifixe aus den Gerichtssälen ein. Entlassungsgesuch des Oberst Marchand. Z Paris, 11. April.(W. T. B.) Es heißt, der Oberst Marschand habe um seine Entlassung nachgesucht, weil der Kriegsminister ihm die Erlaubnis verweigerte, sich nach dem ostasiatischcn Kriegsschauplatz zu begeben, wo er auf besondere Einladung des Kaisers Nikolaus den militärischen Operationen folgen wollte. Verhaftung von neun Republikanern. Barcelona, 11. April.(W. T. B.) Neun Republikaner sind verhaftet worden, weil sie den Ministerpräsidenten Maura aus- gepfiffen hatten._ Eisenbahnunglück. Lüdenscheid, den 11. April.(B. H.) Zwei Kinder des Berg- arbeiters Rütsing wurden gestern nachmittag von einem Personen- zuge überfahren. Einem der Kinder wurde der Kopf vom Rumpfe gelrennt, während dem andern Kinde ein Bein abgefahren wurde. München, 11. April. Gegenüber der Meldung der„Münchener Post", daß Finanzniinister Frhr. v. Riedel am 1. Juni in den Ruhe- stand trete und Bundesratsbevollmächtigten Mmsterialdireltor Ritter von Geiger zu seinem Nachfolger ausersehen sei, stellt die Korre- spondenz Hofsinann fest, daß die Meldung unzutreffend und in maß- gebenden Kreisen nichts davon bekannt ist.— Wien, 11. April.(B. H.) Von gut unterrichteter Seite wird versichert, daß die Frage wegen der Weinzölle mit Italien gelöst sei. Dem Abschluß des östreichisch-italienifchen Handelsvertrages steht damit kein Hindernis niehr im Wege. Sofia, 11. April.(B. H.) Am Sonnabendabend wurden zwischen 71/2 und 11 Uhr mehrere schwache Erdstöße verspürt, die sich am Sonntag früh 4 Uhr 23 Min. und 10 Uhr 23 Min. wiederholten. Diese letzteren Stöße dauerten l'/z Minuten und hatten eine Stärke von 4 Grad. Heute früh 3 Uhr und 6 Uhr 18 Minuten wurden zwei weitere Erdbeben, die gleichfalls l1/» Minuten dauerten, verspürt. PörKlltjp. Siitatei Psul Büttner. Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt PaulSingerLiCo.,BerIin3VV. Hierzu 3 Beilagen». Unterhaftungsblatt sir ss. MMg. i. Keilsge des JmhiW leiiiiiet KolksblÄ. Der Kongreß von Bologna. Bologna, den 8. April. Erster Tag. Im städtischen Theater, dem größten Theater der Stadt, hat heute um Uhr Genosse Bentini den achten Kongreß der italieni- schen Socialisten eröffnet. Zugegen sind etwa 900 Delegierte, so ziemlich alle unsre Abgeordneten und einige 60 Journalisten. Bentini heißt die Delegierten in Bologna willkommen. Er bittet sie, ein- gedenk zu bleiben, daß ein hunderttausendköpfigcs Proletariat seine Blicke auf den Kongreß gerrchtel habe und von ihm nützliche Eni- scheidungcn erwartet. Man möge also keine Akademie, keinen Wort- kämpf der Dialektiker hier abhalten. Auch die persönlichen Leiden- schaften, persönlicher Ehrgeiz und persönliche Bitterkeit sollen schweigen hier zum Besten einer gemeinsamen Arbeit für den Socialismus. Man wählt darauf durch Acclaniation Andrea Costa zum Präsidenten. Er ist der ständige Präsident aller italienischen Kongresse und wird von einem Beifallsjubel begrüßt, wie er seinen Sitz einnimmt. Die Revolutionären schlagen darauf zum Vice- Präsidenten Costantino Lazzari vor, einen Mailänder Arbeiter und alten Parteigenossen, der einer der Führer des extremen linken Flügels ist. Bei der Wahl, die erst durch Erhebung des Armes. dann durch Teilung der Delegierten in die beiden Hälften des Saales erfolgt, unterliegt Lazzari. und eS werden nunmehr zu Vicepräsidentcn gewählt: Majola, Bertini, Bcndini und Mocchi, Ver- treter aller Stimmungen innerhalb der Partei. Die Begrüßungsreden eröffnet Viktor Adler aus Wien, der halb deutsch, halb italienisch spricht. Er sei der erste Oestreicher, der auf eineni italienischen Parteitage das Wort nehme. In der socialistischcn Partei seien ja die nationalen Gegensätze auf- gehoben. Man lönire nicht durch Italien reisen, ohne Spuren zu finden der fluchwürdigen Unterdrückung, die Ocstreichs herrschende Klaffen hier ausgeübt haben, wie sie sie bis heute noch in Ocstreich ausüben. Aber der Redner wolle hier, obwohl er auf dem klassischen Boden der Klassenkämpfe steht, nicht der Vergangenheit gedenken. Er sende seinen Gruß dem Italien der Zukunft. Adler sagt ferner, er wolle sich nicht mischen in unsre Kämpfe im Innern der Partei. Das ausländische Proletariat hat ein Interesse an diesen Kämpfen: daß die italienische Partei st a r k aus ihnen hervorgehe, und stark kann sie nur sein, wenn sie einig ist. Es lebe der italienische Socialismus, es lebe die internationale Socialdemokratie I lLangandauernder Beifall.) Nachdem C i c c o t t i den Gruß der Tricstiner Genossen gebracht hat. ergreist Genosse Michels aus Marburg für die deutsche Partei das Wort. Die deutsche Socialdemokratie, sagt er, blickt mit Interesse und Liebe auf die italienische Bewegung, aber auch mit Besorgnis, nnt jener Besorgnis, mit der der ältere Bruder auf den von einer Gefahr bedrohten jungen blickt. Redner giebt einen Ueberblick über die Lage in Deutschland und hob dann hervor, daß man nur dank der strengen Disciplin, der Unterwerfung der Minderheit unter die Mehrheit so weit gekommen sei. Dieses Beispiel sollte auch dem italienischen Socialismus unverloren fein. Es lebe der italienische, es lebe der internationale Socialismus I sBeifall.) Darauf bringt Costa ein Begrüßungsschreiben deS Bürgermeisters von Bologna zur Verlesung, der den Kongreß in der Stadt willkommen heißt und ihm fruchtbare und friedliche Arbeit wünscht sdie Stadtverwaltung von Bologna ist radikal). Ferner werden Begrüßungstelegramme der belgischen Partei, des inter- nationalen Bureaus und der französischen Socialisten verlesen. Nach- dem Bianchi vorgeschlagen und der Parteitag beschlossen hat, der schwerkranken Louise Michel ein Sympathictclcgramm zu senden und L o l l i n i den» Gedächtnis Antonio Labriolas warme Worte gewidmet, tritt der Kongreß in den ersten Punkt seiner Tagesordnung: Bericht des politischen Sekretärs des Parteivorstandes. Referent Varazzani schildert kurz die Thäfigkeit des Vorstandes und verweilt besonders bei den zwei kritischen Punkten in der Parteigeschichte seit Jmola: dem Redaktionswechsel des„Avanti" und dem Austritt eines Teils der Mailänder Socialisten unter Führung Turatis aus der lokalen Partei-Organisationen. Auf Grund der ihm in Jmola zugewiesenen Machtbefugniffe erachtete sich der Parteivorstand für inkompetent und berief darum den Parteitag ein. Dem Berichte folgen eine Reihe von Kritiken und Beschwerden. Man wirst dem Parteivorstand vor, die wahre Lage des„Avanti" in Jmola verheimlicht zu haben, man beklagt, daß er am Vorabend des jetzigen Kongresses, in zwölfter Stunde, den Beschluß der römi- schen Sektion kassiert habe, der den früheren politischen Redakteur des„Avanti" wegen öffentlicher Schmähung der Partei aus der Organisation ausgestoßen hatte. Die Diskussion droht sich in? Endlose zu dehnen, als Arturo Labriola das Wort nimmt. Er wünscht zunächst zu Protokoll zu geben, daß er protestiert gegen die Teilnahme der Mailänder Secessionisten am Kongreß. Im übrigen bittet er, jetzt von Kritiken der Thätigkeit deS Parteivorstandes abzusehen. Diese Thätigkeit war ein Ausfluß der allgemeinen Lage der Partei, ihre llnzuläng- lichkeit ein Symptom der inneren Zerrissenheit. Anstatt Symptome zu betrachten, betrachte man die Grundursache, die bei der Diskussion iiber die Tendenzen zur Sprache kommen wird. Einstweilen inöge der Parteitag den Bericht des polittschen Sekretärs— was den administrativen Teil betrifft— gut heißen. Die Einwände gegen die organischen Fehler der Parteileihing mögen an andrer Stelle Platz finden. , Lazzari teilt die Auffassung nicht. Er meint, es wäre besser ans den Symptomen das Wesen und den Ernst der Krankheit zu er- schließen. Es thäte not, daß die Partei den Reformismus an seinen Früchten erkenne. Da er aber überzeugt ist, daß die Theoretiker ihn überstimmen werden, schlägt er vor, die Thätigkeit des politischen Sekretariats nicht zu billigen, sondern zu sagen: nach Kenntnisnahme des Berichts geht der Parteitag zur Tagesordnung über, vor- behaltlich einer eingehenden Diskussion der Eiiizelftagen an andrer Stelle. In diesem Sinne beschließt der Parteitag. Wie vorauszusehen war, beschließt man am Nachmittag, die. Tagesordnung zu verschieben und gleich die Frage nach dem Ver- halten der Partei der Regierung und der Staatsform gegenüber zu verhandeln. Labriola hat bereits die Rednerbühne bestiegen, als ein Präjudizialantrag von Saldi und Leone der Präsidentschaft zugeht. Dieser Antrag will vor jeder Diskussion die Einheit der Partei in einem feierlichen Votum betonen und eS aussprechen, daß, welchen Ausgang auch die Diskussion habe, die Minderheit sich der Mehrheit beugt. Es komnit zu einer sehr lebhaften Diskussion. Longobardi und Merlani bekämpfen den Antrag. Die Diskussion über die Frage der Tendenzen könnte logische Unvereinbarkeiten zu Tage fördern oder zur Fornrulierung praktischer Normen führen, die ein Teil der Ge- nassen nicht annehmen kann. Vor Klärung der Lage soll man nicht von Einheit reden, da vielleicht keine Einheit mehr existiert. Turati, von langandauerndem lauten Beifall begrüßt, bittet, den Präjudizialantrag abzuweisen. Man hat gesagt, der Kongreß solle für das Wohl deS Proletariats arbeiten. Wie kann man aber die ersten Seiten einer neuen Weltgeschichte beginnen mit einer Seuchelei? Eine Heuchelei wäre es aber, jetzt in einem Votum eine inheit zu proklamieren, die wir nicht fühlen, von der wir nicht wissen, ob sie nröglich ist. Disciplin ist eine schöne Sache. Aber man vergesse nicht, daß sie daS Opfer eine« Teiles unsrer Ueber- zeugung einschließt. Wie kann man sich zu solchen Opfern ver- pflichten, ohne vorher zu wissen, welchen Teil seiner Ueberzeugung man opfern muß? Vielleicht verlangt man von uns ein Verzichten auf den größeren, den wesentlichen Teil zu Gunsten eines für uns nebensächlichen. DaS ist dann die Disciplin deS Galeerensträflings, das ist die Prostitution der Ueberzeugung. Lehnen Sie den An- trag ab. Nach einigen andren Rednern bittet auch Enrico Ferri, den ein Beifallsjubel begrüßt, den Antrag abzulehnen. Wir brauckicn keine sentimentalen Erklärungen, keinen Vorschuß zu Gunsten der Einheit. Diese ist da und kann aus der Diskussion nur mit größerer Klarheit und Deutlichkeit hervorgehen. Nicht aus den Worten, aus den Ideen selbst soll die Einheit hervortreten. Saldi verficht seinen Antrag und bittet ben Parteitag, sich die Geschichte der deutschen und der französischen Socialdemokratie vor Augen zu halten. Der Antrag wird aber mit großer Mehrheit ab- gelehnt, worauf man in die Frage der beiden Tendenzen eintritt. Da die Referate im Druck vorliege«, wird gleich die Diskussion eröffnet. T r e in i o m o bringt ein langes Citat zur Verlesung, indem jede systematische Unterstützung der' Regierung verworfen und die Notwendigkeit betont wird, eine Älassenpolitik zu treiben und sich deutlich gegen die bürgerlichen Radikalen abzugrenzen. Das Citat ist aus einem Buch von Turati.(Heiterkeit.) Seitdem sei Turati umgeschwenkt, aber richtig seien seine' Gründe nach wie vor. Redner empfiehlt die Tagesordnung Labriola. Fontanini, ein Arbeiter, tritt für dieselbe Tagesordnung ein. B a r b e n i, gleichfalls ein Arbeiter, erinnert daran, daß Giolitti bei seinem Eintritt in das Kabinett gesagt hat, daß man den Socialismus nicht mit der Reaktion bekämpft, sondern indem man sich ihm nähert. In der That hat Giolitti die Partei gezähmt durch ein paar elende Reformen, die man ihr hingeworfen hat Ivie einem Hund einen Knochen. Die Partei hat zu viel versprochen, sie hat das Proletariat genarrt, sie hat seine Vertreter der Regierung prostituiert. Der Kongreß mutz eine Richtschnur geben. Die Partei darf sich nicht in der Politik herumwinden Ivie ein Tier, von dem man nicht weiß, wo es den Kopf und wo es den Schwanz hat.(Beifall.) Er empfiehlt die Tagesordnung Labriola. Loncao will gleichfalls den Klassencharakter der Partei wieder betont sehen. C a l l i, ein Arbeiter, sagt, daß der Reformismus in der Partei das ist was der TransformisnuiS unter Dcpretis in der Politik war. Wie kann man einer so rückständigen und engherzigen Bourgeoisie gegenüber, wie es die italienische ist, den Glauben hegen, in ihrer Gemeinschaft, mit ihrer Mithilfe Reformen zu erlangen? Die Reformen wird die Regierung von selbst geben müssen, nicht aus Liebe, sondern aus Furcht vor dem Proletariat. Nichts, gar nichts haben wir von der Regierung zu hoffen. Zweiter Tag. Bologna, 9. April. Gleich nach Eröffnung der Sitzung giebt Costa dem französischen Genossen Rappaport das Wort, der die Grütze der Parteifraktion GueSde-Vaillant überbringt. Er spricht seine Genugthuung über die Entwicklung der italienischen Partei aus, besonders über ihr mann- hafteS Verhalten dem Zaren gegenüber. Redner geht kurz auf französische Parteiverhältnisse ein, auf den italienischen inneren Streit, und schließt mit dem Wunsche, die Einheit der Partei möge aus diesem Kongreffe gefesttgt hervorgehen auf der unerschütterlichen Grundlage des revolutionären Marxismus.(Beifall.) Genosse Costa, der die Rede übersetzt, fügt Worte der Sympathie für die französischen Genossen hinzu, für die Socialisten aller Fraktionen, deren Aktionen die italienische Partei mit Liebe und Interesse verfolge. Der Kongreß nimmt darauf die Diskussion wieder auf über die Stellungnahme der Partei der Regierung und der Staatssorm gegenüber. Die ersten drei Redner, Sola, Croce und Ceccaroni sprechen für die revolutionäre Refolution. Croce meint, von einer Spaltung der Partei kann nicht die Rede sein. Höchstens könnten diejenigen ab- schwenken, die bei einer Selbstprllfung gewahr würden, eben doch bürgerliche Radikale, nicht Socialisten zu sein. Es folgen zwei reformistische Redner. A r t i o l i, ein alter Landmann, betont die Notwendigkeit, Schritt für Schritt, ohne Ueber- eilung und Illusion fortzuschreiten. Nur so könne das Proletariat in die neue Aufgabe hineinwachsen, die ihm der Socialismus zu- weise. S t o r ck i, ein Rechtsanwalt, hebt hervor, daß alle revolutio- nären Genossen, die bis jetzt gesprochen haben, am Reformismus auszusetzen hatten, daß er aber die Reformen nicht brächte.«Das hätte er, Redner, auch auszusetzen, suche die Schuld dafür aber bei den Revolutionären. Die Reformen kommen nicht, weil daS Proletariat nicht ernst an dre Reform arbeitet. Was Ihr Reformismus nennt, daS ist der Socialismus von heute. Morgen wird es einen andren, übermorgen wieder einen andren Socialismus geben.(Ge- lächter, Applaus.) Auch die Reformisten glauben an die Revolutton und sind zu ihr bereit. Wo wirklich gearbeitet wird, arbeiten beide Tendenzen zuiamnien. Das ganze Wirken des Socialismus ist eine Reihe von Kon- Zessionen, von Kompromissen, von Pakten mit der Bourgeoisie. Die Tagesordnung Labriola weisen wir zurück, weil sie unsre jahrelange Arbeit negiert, nicht das bißchen Arbeit im Parka- ment, sondern die große Arbeit im Lande, in der Gewerkschaft, in den Kommunen. Als nächster Redner spricht der Abg. Cabrini, der folgende auch von Rigola, Agnini und anderen angenommene mittlere Tagesordnung vertritt: „In Erwägung, daß die Vergesellschaftung der Produktions- mittel nur verwirklicht werden kann durch den Klassenkampf des Proletariats gegen jedes ökonomische und politische Privileg, erklärt der Kongreß von neuem, daß die Partei in ihrem Wcien antt- monarchifch ist und zur ganzen polittschen und ökonomischen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft in Opposition steht; er erklärt weiter, daß die Teilnahme der Socialisten an der Regierung unzulässig und daß in der gegenwärtigen Phase des politischen Lebens Italiens die Fraktion verpflichtet ist, ihre Unterstützung jeder Regierung� zu ver- weigern, weik weder der liberale, noch der radikale Flügel der äußersten Linken irgend welche Garantien bietet, eine Regierung auftichtiger und einschneidender Reformen zu bilden: der Kongreß erklärt: 1. daß alle Anstrengungen gemacht werden müssen, um daS Bewußtsein der Masten für eine gründliche Erkenntnis des Socialismus zu gewinnen und zwar nicht nur durch eine unermüdliche pnncipielle Propaganda, sondern auch durch eine sottgesetzte Beleuchtung der Thatsachen vom Standpunkt der socialistischen Kritik und Theorie; 2. daß die Partei die Pflicht hat, die Ausbeutung in jeder Form unaufhörlich und wirksam zu bekämpfen; 3. daß eS notwendig ist, wirffchaftliche, polittsche und Ver- waltungsreformen zu erkämpfen, sei eS durch den beständigen Druck des organisierten Proletariats, sei es durch den direkten Ernfluß der politischen Vertreter der Partei, auch durch Ausnutzung gelegent- lichen Zusammenfalle»? unserer Bestrebungen mit der Aktion andrer Klassen; der Kongreß erklärt, daß die Minorität die Pflicht habe, sich der Entscheidung der Majorität zu fügen, und proklamiert auf dieser Grundlage die Einheit der Partei." Dieser Tagesordnung stehen Ferri uud viele Hervonagende Parteigenoffen sympathisch gegenüber. Cabrini kehtt in seiner Rede ferner den vermittelnden Charakter der Resolution hervor. Sie weist ab: von der rechten Seite den Eintritt eines Socialisten in ein Ministerium, nicht aber die systematische Unterstützung eines Kabinetts, die ihm allerdings heute nicht opportun erscheint; von der linken Seite die katasttophische Auffassung der Entwicklung, die er als anarchistische definiert. Wenn man wirklich glaubt, die Reformen festigen die Herrschaft der Bourgeoisie, so darf man an ihnen nicht mitarbeiten. Man steht also seitab der ganzen Thätigkeit der Partei, die unerläßlich ist, einmal um dem Proletariat bessere Lebensbedingungen zu sichern, dann um es auf die Verwaltung der Gesellschaft vorzubereiten. Heute verhöhnt die eine Fraktion die Reformen, die andre die Propaganda unsrer Grundsätze. Wir brauchen das eine und das andre. Redner schließt mit der Bitte, dem inneren Hader endlich ein Ziel zu setzen, damit jeder sein Teil der großen Arbeit in Ruhe und Frieden thun könne.(Beifall.) B e g z i vertritt gleichfalls die mittlere Tagesordnung. Socio- listtsche Minister oder shstemattsche Unterstützung der Regierung ist aber für ihn ein und dasselbe. Heute ist die Partei nicht reif für die Mitarbeit. Todeschini, Abgeordneter für Verona, sagt, wenn man alle Dokumente ausgraben wollte wie B e l t r a m i gestern an- fing, so könnte man auf Turati zurückgehen, der seit 1894 gar manches geschrieben hat, daS er heute nicht mehr vertritt. Der Socialisnms soll nicht homöopathische Medizin treiben, er soll der Chirurg, der Operateur der Gesellschaft sein. Redner war gegen den Eintritt Prampolinis in die Kommission über das Unterttchtsministerium. Er selbst wird für Labriola stimmen, empfiehlt aber allen, für die Freiheit der Pattei zu wirken. In der Nachmittagssitzung wird Schluß der Rednerliste be- anttagt: es sind 40 Redner eingetragen. Diesem Um- stände gegenüber beschließt man, wie in Jmola, je drei Redner für jede Tendenz zu ernennen. Einige fordern drei Redner für das linke, drei für das rechte Centrum. Dieser Auffassung ttitt aber der Kongreß nicht bei. Es werden nach längerem Debattieren ernannt: Turati, C h i e s a, V e r g n a n i n i fiir die Reformisten; Longobardi. Mocchi, Marangoni für die Revoluttonäre, und Ferri, R e i n a und Rigola für die mittlere Tendenz. Als erster kommt Longobardi an die Reihe, der die Grund- sätze der Revolutionäre verttitt, unter besonderer Hervorkchrung des republikanischen Standpunktes. Seine Rede, die am Preffetisch schwer verständlich ist, wird von seiner Fraktton mit großem Beifall aufgenommen. Ihm folgt Vergnanini(Reformist), der die hohe Blüte der socialistischen Bewegung in Reggia Emilia auf d.e reformistische Takttk zurückführt. Er schildert die Entwicklung des Genossen- und Gewerkschaftswesens, die nur der unermüdlichen Arbeit zu danken sei. Wenn Ihr wollt, sagt der Redner, daß der Socialismus wirklich die große Maschine sei, die das Proletariat vorwärts treibt, dann laßt uns hinabsteigen bis zu dem armen, gequälten, leidenden Proletariat, damit wir es langsam aufwärts führen zu besseren Zu- ständen.(Langandauerndcr Beifall.) Ich würde die Sache der Arbeiter verraten, wenn ich nicht hier die Tagesordnung vctträte, die uns am meisten Garantte bietet vor Ueberraschungen und un- überlegten Gewaltakten. Alle, die die Sache des Proletariats auf- richtig lieben, mögen mit mir stimmen.(Beifall.) R e i n a(mittlere Tendenz) sagt, seine Fraktton wolle nicht gewaltsam Unvereinbares verbinden. Wenn der innere Hader so weiter gehen soll, dann wollen wir nicht zusammen bleiben. Glaubten wir nicht, daß hier Wandel zu schaffen wäre, so hätten wir keine niittlere Tagesordnung eingebracht. Wo sind die Streitpunkte? Da ist zunächst die Frage des Republikanismus. Dürfe» wir heute diese Frage zu unsrer Haupt- frage machen? Riskieren wir dann nicht, ein Gefäß zu schaffen, in das die Bourgeoisie ihren Inhalt thut? Verschwenden wir nicht die Kraft, das Blut des Proletariats I Anders ist's, wenn die Monarchie sich in unfern Weg stellt. Dann mögen wir auf die Barrikaden gehen. Die Notwendigkeit kennt kein Gebot. Nun die Reformen. Darin, daß wir sie wollen, sind wir einig. Wie wollen wir sie erreichen? Durch die Pression des organisierten Proletariats. Je stärker die Pression, um so besser die errungenen Reformen. Man sagt, die Reformen ändern den Mechanismus der Gesell- schaft nicht.' Freilich, daS thut nur der Socialismus. Aber trotzdem können wir nicht die Hände in den Schoß legen und warten, bis der SocialiSmuS kommt. Warum nehmen wir denn nicht die Resolution Biffolatt an? Weil sie eine Thür offen läßt zum Mißbrauch. Wir wissen, daß die Bourgeoisie aus ihrem Klasscnintcresse heraus die Reformen giebt. aber diese Reformen würden dem Proletariat weniger nützen, wenn nicht seine polittsche Verttetung, eben die Partei, sich mit aller Wucht dafür einsetzte, um ihnen Richtung und Ausdehnung zu geben, die das Interesse der Arbeiter fordert. Mocchi will eine Analyse der Tagesordnung der Revoluttonäre» geben, damit nicht nachher von Anarchie, Barrikaden usw. die Rede sei, wie da« nach Brescia der Fall war. Vergnanini habe_ keinen Zusammenhang zwischen seiner Praxis und der Theorie des Ministerialismus gezeigt. Er hätte beweisen müssen: 1. daß die Revolutionären die von ihm geschildette Thättgkeit abgelehnt hätten; 2. daß es wirklich socialistische Arbeit war, die geleistet wurde, ob es wirklich eine Annäherung an den SocialiSmuS war; 3. worin sich auf dieser Basis die Tagesordnung Bissolati aufbauen müsse. Wer hat denn gesagt, daß die Revolutionären keine Korporationen bilden dürfen? Man soll doch die große Frage nicht so verkrüppeln I Die mittlere Tagesordnung will den Reformismus, ohne den Mut zu haben, die Turatischen Konsequenzen zu ziehen und thut deshalb so, als ob sie die Zeit noch nicht für gekommen halte. Mocchi beklagt, daß alles nun in einen Tops geworfen und ge- halten werden soll. Heute stehen die in der Mitte, die die Stunde nicht verstehen. Es handelt sich zwischen zwei Methoden zu wählen, wie man in allen Ländern wählen nmß, nur daß in Italien die Frage aktueller, dringender ist. als in irgend einem andern Lande außer Frankreich. Im Interesse der Aufrickitigkeit sollte man sagen, ob man schwarz will oder weiß und nicht die Konfusion und Unklarheit verewigen. Weil Redner an diesem Versuch nicht mitschuldig sein will, wird er und seine Freunde, um nicht die mittlere Tagesordnung durchgehen jm lassen, nach Zurückweisung der Tagesordnung Labriola für Bissolati stimmen.(Unruhe.) Redner analysiert die Einwände gegen die Tagesordnung Labriola, gegen den Vorwurf der Anarchie, gegen die Mchtteilnahme an der Reformarbeit. Diese sei nicht in absolutem Sinne zu ver- stehen. Teilnehmen wollen die Revolutionären, aber sie wollen nicht unter ihrer Verantwortung die Reformen durchbringen, nicht ihre Namen unter die Gesetze setzen. Mocchi lobt die Konsequenz und den Mut Turatts und bittet die Partei, auch Mut und Konsequenz zu zeigen, um nicht die Konfusion sondern die alten revoluttonäre» Grundsätze der Partei wieder auf unsre Fahne zu schreiben. Die Rede, die zweifellos die bisher größte oratorische Leistung des Kongresses ist, wird mit langanhaltendem Beifall von den Re- volutionären aufgenommen. Costa bringt darauf ein Telegramm der revoluttonäre» Socia- listen Rußlands zur Verlesung, das einen minutenlangen"'-ifall hervorruft. Man erhebt sich von den Stühlen und ruft: Es lebe die russische Revolution! Nieder mit dem Zaren! Der Parteitag ist anscheinend müde, ttotzdcm giebt man noch dem Abgeordneten C h i e s a. einem Arbeiter, daS Wort, der an praktischen Beispielen aus der Provinz Genua die Richtigkeit des Reformismus darlegen will. Er glaube selbst nicht, daß die So- cialisten heute schon in ein Mnisterium eintreten sollten. Wenn eS ihm morgen nützlich erschiene, würde er es ohne weiteres vertteteu. „Wenn Ihr das nicht wagt, ruft der Redner auS, so habt Ihr ja Angst vor Eurer eignen Kraft!"(Langandauernder Beifall bei den Reformisten.) DaS Proletariat braucht zu seiner Hebung Reformen und die Arbeit das Ringen fiir diese Reformen. Gebt mir ein fitt- sich erzogenes, geschultes und gebildete« Proletariat und ich will Euch heute die Revolutton machen!" Die Sitzung wird darauf auf morgen, den entscheidenden Tag. vertagt. Alle drei Tendenzen versammeln sich heute abend in drei besonderen Lokalen. Für die revolutionäre Tagesordnung sprechen ferner B a s s o (Akademiker) und die Arbeiter Gerosa, Rango und R a p p o. Letzterer sagt, die Reformisten führten Marx immer im Munde. Marx hätte aber alles Recht, sie wegen Verleumdung zn verklagen. Er hätte gesagt: Proletarier aller Länder, vereinigt Euch I: die Reformisten sind so vorsichtig geworden, daß sie vielen Arbeiter- grnppen sagen: vereinigt Euch nicht! Mau riete sogar den Staats- arbeitern ab, sich den Arbeitskammern anzuschließen. Wir sind zahm und zahmer geworden. Alles soll nur legal und wieder legal sein. Wenn aber die Stunde in der Geschichte schlägt, die die Gewalt will, so muß sie die Partei bereit finden. Wir müssen den revo- lutionären Geist in uns pflegen: keine Götzen, wir dürfen uns nicht Turatianer, Ferrianer, Labriolaner nennen. Der Geist der Auf- lehnung gegen die Autorität muß in uns sein. Rechtsanwalt Beltrumi, ein Reformist, verliest das Verhör von Lazzari und Croce vor dem Mailänder Gericht im Jahre 1804. Aus den Antworten Lazzaris und Croccs geht hervor, daß beide für den legalen, der Gewalt feindlichen Charakter der Partei eintraten. B a l z a n o tritt für die mittlere Tagesordnung ein: keine systematische Unterstützung eines Kabinetts, wohl aber gelegentliche, wenn die Umstände es heischen. Lazzari vertritt den Standpunkt des äußersten linken Flügels. Früher haben wir die Regierung nnt Pulver und Blei bekämpft, heute mit den Pillen und Arzneien der Socialreform. Damit hat man uns gezähmt, um uns dann 250 Millionen mehr Heeresausgaben aufzuhalsen, was kein reaktionärer Minister gewagt hätte. Bissolatt sage in seiner Tagesordnung, der wesentliche Charakter der Partei als Klassenpartei solle erhalten bleiben. Damit hat noch jede Partei ihre Abschwenkungen bemäntelt. Das ist aber nicht möglich, im Parlamente mit der Bourgeoisie schön zu thun und im Lande den Klassenkampf zu führen. Als letzter Redner spricht S i n i g a l l i, ein Reformist, der den Wunsch ausspricht, einige Hauptredner beider Fraktionen möchten die Frage in ihrem Hanptzuge behandeln. Die mittlere Tendenz solle nicht allzusehr nach Vermittelung streben. Aus lauter Sucht zu vermitteln drohte sie zur Kupplerin zu werden. Hierauf vertagt sich der Kongreß ans morgen. Die sächsische Landeskonferenz und die Parteipresse. Wir teilten in der letzten Nummer mit, daß bisher nur wenige Parteiblätter ihre Meinung zur sächsischen Landeskonferenz äußerten. Ihre Auslassungen besonders zu citieren, lag kein Grund vor, da sie ohne Umschweife und mit wenig Worten den Beschluß über das Äcr- fahren bei Kandidaten-Aufstellungen guthießen. Jetzt liegen jedoch einige ausführlichere Betrachtungen vor, aus denen lvir das Charakteristische wiedergeben wollen. Die„Leipziger Volks- z e i t u n g" schreibt über Revisionismus und sagt: „An und für sich hat der Revisionismus mit der ganzen Frage gewiß nichts zu thun, und wir haben schon hervorgehoben, daß auch revisionistische Organe sich gegen die Kandidatur Göhres im zwanzigsten Wahlkreise ausgesprochen haben. Aber mindestens einzelne Revisionisten haben es dann für angezeigt gehalten, den Streit um Göhres Kandidatur zur Sache ihrer Richtung zu machen, und sie hatten damit den lebhaftesten Beifall der bürgerlichen Presse ge funden. Da begreift es sich denn, daß der Chemnitzer Beschluß diese Presse auss bitrerste enttäuscht hat, insofern als er die Partei voll kommen entschlossen zeigt, ihre Reihen so geschlossen wie je zu halten. Es ist nichts mit einer Spaltung der Partei, weder in der Gegen- wart noch in der Zukunft; zeigt sich irgendwo ein leiser Riß in ihrer eisernen Rüstung, so wird er mit schnellen und starken Schlägen zu- sammengehämmert. Hierin liegt die wesentliche Bedeutung des Chemnitzer Beschlusses. Praktisch wird er an dem bisherigen Gange der Dinge nichts besonderes ändern. Die Schreckgespenster, die mit der„Allmacht der Ausschüsse" an die Wand gemalt werden, sind eben Gespenster. Irgend eine Parteiinstanz, die diesen Beschluß mißbrauchen wollte, um aus Laune, Willkür oder gar aus Cliqueninteresse einem Wahlkreise einen Kandidaten aufzuzwingen, den er nicht will, oder einen Kandidaten wegzunehmen, den er will, würde sich nur selbst ihre Grube schaufeln. Das wird in der Zukunft so wenig vorkommen, wie es in der Gegenwart vorkommt oder in der Vergangenheit vorgekommen ist. Auch die Kandidatur Göhre hätte durch keine Parteiinstanz beseitigt werden können, wenn die ungeheure Mehrheit der Partei sie nicht für verwerflich gehalten hätte." Die„ A r b e i t e r- Z e i t u n g" m Dortmund sagt: „Bei dem Falle Göhre muß man zwei allerdings innerlich eng zusammengehörende Dinge auseinanderhalten: die spccielle Organi- sationsfrage und die allgemeine Frage des Revisionismus. Was die erstere betrifft, so ist in Chemnitz Klarheit geschaffen worden: mit 66 gegen 0 Stimmen, also mit überwältigender Majorität ist eine Resolution angenommen worden, die die Mitwirkung der Partei- instanzen, in letzter Linie des Parteivorstandes und der Kontroll- kommifsion, bei der Aufstellung von Kandidaten fest regelt. Das ist zu begrüßen und es ist zu wünschen, daß auf dem Bremer Partei- tage eine ähnliche Regelung für die Gcsamtpartei getroffen werde. Die von den Heine u. Co. mit so großer Emphase geforderte völlige Autonomie der Wahlkreise ist von den sächsischen Genossen strikte verworfen worden." Sie geht dann auch ans den Fall Schippe! ein, der ja gleichfalls in Chemnitz gestreift wurde, und sagt, da Schippe! erklärt habe, klarer als bisher könne er sich über Zollsragcn nicht äußern, so möge er aus seiner Haltung die allein richtige Konsequenz ziehen und die Partei verlassen, die er durch sein ferneres Verbleiben nur schädige. Schippe! sei Agrarzöllner und als solcher längst kein Socialdcmokrat mehr. Auch die„M ä r k i s ch e V o l k s st i m m c" in For st sagt aus Anlaß der Rede Schippels in Chemnitz: „Wenn ein socialdemokratischer Abgeordneter den Feldzug gegen die Zöllnerei mitmacht, in dem den Kleinbauern gesagt und unter Beweis gestellt wird, daß sie von der Zöllnerei mehr Schaden als Nutzen haben— und wenn dann dieser selbe Abgeordnete innerlich ganz andrer Meinung ist, dann freilich hört verschiedenes auf. Wir sind neugierig, wie lange Schippe! es noch in dieser unbehaglichen Zwitterstellung aushält. Er mutz doch einmal ein Ende machen, er— oder die Partei!" In der Ni a g d e b u r g i s ch e n„ V o l k S st i m m e" schreibt br. über die Angelegenheit. Er billigt den Beschluß zur Kandidaten- aufstellung vollständig, ist aber der Meinung, daß im Falle Göhre, obwohl dieser durch seine Mandatsniederlegnng und die bald darauf wieder erfolgte Annahme der Kandidatur Fehler gemacht habe, doch das Eingreifen der Partei-Jnstanzen nicht genügend gerechtfertigt war. Er behauptet auch— was mehrfach geschehen—, daß wir mit Göhre den Kreis zweifellos gewonnen hätten. Vielleicht! Indes: womit will man das beweisen? Das Gegenteil läßt sich mit derselben Sicherheit behaupten. Der Artikel geht aber dann von den Betrachtungen über den Fall Göhre zum Falle Schippe! über mit der Wendung, daß, wenn im Falle Göhre schon das Eingreifen gerechtfertigt sein solle, es dann im Falle Schippe! erst recht notwendig wäre. „Der Fall Göhre mag vielen äußerst unsympathisch sein; der Fall Schippel ist einfach widerlich. Der Fall Göhre spielt seit heute und vorgestern, der Fall Schippel spielt seit Jahren. Göhre hat als Genosse zu Genossen gesündigt, er hat aber ini Kampf mit den Gegnern, so lange er zu uns gehört, discipliniert seinen Mann ge- standen. Schippel macht längst keine innerparteilichen Dummheiten mehr, aber er ist uns mit seiner Schutzzöllnerei in entscheidnngS- vollen, aufgeregten Monaten in den Rücken gefallen, und er verharrt nach wie bor in dieser eminent parteischädlichen Haltung. Göhre stellt sich in der Parteidiskussion wie es sich gehört: offen und frei; Schippel weicht beständig derErörterung aus und ist unerschöpflich in Winkelzügen und Vorbehalten. Göhre fügt sich dem Beschluß der Partei-Jnstanzen und agitiert für Pinkau in Zschopau-Marienberg; Schippel erklärt, er wisse nicht, ob er dem Fraktionsbeschluß Rechnung tragen werde. Ich frage: wer schädigt mehr die Partei, der akademische Neuling oder der akademische Veteran? Und gegen wen wäre ein Eingreifen notwendiger: gegen den ersteren oder den letzteren? Göhre ist matt gesetzt; für absehbare Zeit ist er ans der Reihe der Reichstags kandidaten verschwunden. Schippel aber freut sich seines Mandates und seiner Schriftstellerei, mit der er der Partei Schlvierigkeiten über Schwierigkeiten bereitet. Auf der sächsischen Landeskonferenz hat man von ferne ja auch daran erinnert, daß es einen Fall Schippel giebt und daß er uns längst recht heiß auf den Nägeln brennt. Aber man ist ihm nicht zu Leibe gerückt; nicht entfernt so weit, wie die Kompetenz dazu reichte Und die Genossen des Chemnitzer Agitationskomitees. an ihrer Spitze Riemann, der an Göhre kein gliteS Haar ließ, haben äugen scheinlich die Meinung, daß der Fall Schippel ganz belanglos ist, daß Schippel an Disciplin nnd parteigenössischer Einordnung da Menschenmögliche leistet. Sie decken ihn mit ihrem Vertrauens Votum, während sie Göhre jeden Mann und jeden Groschen ver wöigern. Stellt man sich diesen Widersinn klar vor Augen, dann muß man zu der Meinung kommen, es gäbe bei uns zweierlei Recht eines für Göhre, eines für Schippel; eines für schwache, eines für starke Wahlkreise." Die„Rheiirische Zeitung" in Köln schreibt: „Was die Kandidatenfrage betrifft, so sind wir nach wie vorder Meinung, daß Göhre, nachdem er sein Mandat niedergelegt hatte, einen Fehler beging, kurz darauf die Kandidatur in Zschopau Marienberg anzunehmen, daß aber andrerseits kein Grund vorlag, ihm die Kandidatur streitig zu machen, nachdem die Genossen des Kreises ihn einmütig aufgestellt hatten. Bis jetzt ist es den Kreisen überlassen gewesen, ihre Kandr baten selbständig zu nominieren; im allgemeinen werden sie sich dabei wohl mit den höheren Instanzen, den Landes- oder Provinz- Organisationen oder dem Parteivorstand benomnien haben— aus Zweckmätzigkeitsgründen, nicht auf Grund irgend welcher staint- mäßiger Verpflichtung. So war es auch in«Sachsen, sonst hätte man in Chemnitz auf der Landeskonferenz nicht einen besonderen Beschluß zu fassen brauchen. Wir sind aber der Meinung, daß hier der allgemeine Parteitag zu sprechen hat; es geht nicht an, daß Sachsen hier ein Sonderrecht hat, daß hier die Kandidaten der Ge- nehmignng durch die Landesversammlung oder das Ccntrallomitee und bei mangelndem Einvernehmen durch den Parteivorftand be dürfen, während im übrigen Reiche die Wahlkreis- Organisationen selbständig verfahren können. Hier hat der allgemeine Parteitag eine für den Gesanitbereich der Partei gültige Norm zu schaffen, Wir vermögen keinen Bruch mit dem demokratischen Princip darin zu erblicken, wenn den Landes- oder Provinzial-Organisationcn da Recht der Mitwirkung oder der Zustimmung bei der Ausstellung der Kandidatur eingeräumt wird, erkennen im Gegenteil die Zweck- Mäßigkeit eines solchen Modus an— aber dazu ist es nötig, daß der Parteitag einen allgemein gültigen Beschluß faßt, schon damit Auseinandersetzungen, wie sie sich an Zschopau-Marienberg geknüpft haben, vermieden werden." Gegen den Beschluß wendet sich das„Volksblatt für Ä n h a l t" in folgendem: „Dieser Beschluß kann sehr leicht eine Ouelle endloser Partei streitereien werden. Wahrscheinlich aber bleibt er fiir die meisten Kreise auf dem Papier stehen. Ein Wahlkreis mit einer kräftigen Organisation wird seinen Willen schon durchzusetzen wissen, und der Parteivorstand wird sich hüten, diesen Willen zu durchkreuzen Nur Wahlkreise ohne kräftige Eigenorganisation werden sich die Be- vormundung gefallen lassen. Würde sich Anhalt II von Anhalt I in Bezug auf seinen Kandidaten Vorschriften machen lassen?" lind die„Brandenburger Heitun g" erklärt, daß sie auf dein Standpunkt des Genossen Heine stehe. Billigend haben sich zu dem Chemnitzer Beschlüsse ausgesprochen die„Chemnitzer V o l k s st i m m e", das„Zwickauer Bolksblatt", die„Erfurter Tribüne", die„Bremer B ü r g e r- Z e i t u n g". der, L ü b e ck c r V o l k s b o t e", die Norddeutsche Volks st imnre" in Bremerhaven. Die ,. V o l k s st i m m e" in F r a n k f u r t a. M. stellt unter der lleberschrift„Schippel als Parteigenosse" einige Aeußerungen aus dessen Chemnitzer Rede zusammen nnd beschließt sie mit der Frage, ob man es da noch mit einem nonnalen Parteigenossen zu thun habe._ Erster Internatisnaler Kongreß für Schnl- Gesundheitspstege/ Nürnberg, 9. April 1904. Ans den Abteilungen ist noch einiges nachzutragen. Dr. Max B r e i t u n g- Koburg sprach über„die Schule als social politischer Faktor" und forderte in seinem Vortrage eine dem�Gang der Kultur entsprechende Umwertung der Schule. Die Hauptaufgabe des Staates sei die Herbeiführung socialer Reformen, wobei die Schule als Fattor im Dienste der Socialreform in An- sprnch zn nehmen sei. In der obersten Klasse jeder Schule müssen Unterweisungen über das Wesen der verschiedenen Staats- und Regienmgsformen, Parlamente:c., sowie Belehrungen über die bürgerlichen Rechte und Pflichten erfolgen. Unter Anführung konkreter Beispiele ist die Socialgesetzgebung in ihren verschiedenen Zweigen zu erörtern. Die Vorzüge des S o n d e r k l a s s e n s y st e m S, wie es in Mannheim besteht, besprach Dr. Moses- Mannheim vom ärztlichen Standpunkte ans, während Dr. S i ck i n g e r- Mannheim die päda- gogische Seite der Frage beleuchtete. Die Sonderschulen haben sich ur Kinder, die durch Krankheit länger� Zeit am Schulbesuch gehindert waren und vorübergehend in einer Sonderklasse Aufnahme finden mußten, für Kinder mit Seh- und Hörstürungen. für schlecht ernährte, nervöse und leicht zur Ermüdung neigende Kinder stets besonders wertvoll erwiesen. Das System gewährt der Schulleitung die dringend erwünschte Gelegenheit zu Versetzungen und RückVersetzungen bei Eintritt von Besserung oder Verschlechterung in der Leistungs- nhigkeit der Schüler. Alkohol und Schule war das Thema, das sich Dr. B l i t st e i n- Nürnberg ausgewählt hatte. Er schilderte die chädlichcn Wirkungen des Alkoholgcnusses auf die Kinder, woraus der Schule die unabweisbare Pflicht erwachse, zu der Frage Stellung zu nehmen. Er stellte den Antrag, nach dem die Schule kraft ihrer disciplinären Befugnisse den Schülern jeden Alkoholgcnuß zu unter- ngen habe und sowohl im Unterricht wie in den hygienischen Vor- trägen der Schulärzte und ans den Elternabenden auf die Gefahren des AlkoholgennsseS eindringlichst aufmerksam zu machen sei._ Den Eltern der ueueintrctendcn Schüler sei bei der Anmeldung ein ent- brechendes Merkblatt einzuhändigen. Interessante Darlegungen machte Lehrer Graupner- Dresden über„Die Ergebnisse der Messungen von 57 000 Dresdener Volksschülern in Bezug auf Längenentwicklung und Verteilung der Schulbänke". Der Vortragende wies aus diesen Ergebnissen den Parallelismus von 'ocialer Lage und Körperläuge der Kinder nach. In Dresden be- suchen 13 000 Kinder wohlhabender Eltern die Bürgerschulen und 44 000 Kinder minderbemittelter Eltern die Bczirksschulen. Erstere sind den letzteren um ein Jahreswachstum voraus, während in nnzeknen Stadtteilen, wo die socialen Unterschiede besonders scharf lud, die Bezirksschüler sogar unr zwei Jahresivachstume hinter den Bürgerschülern zurückbleiben. Die Schüler der Bezirks- chule erreichen erst im dritten Schuljahre die Größe, die die Bürgerschülcr bei ihrem Eintritt in die Schule hatten. Die Bürgerschülcr, die auf die höheren Schulen übersiedeln, also die geistig rüstigeren, sind durchschnittlich 1'/» bis 2 Centimcter größer als die zurückbleibenden Kameraden. Der Parallelismus ergicbt sich auch mit untrüglicher Sicherheit aus dem Vergleich der normal aus- rückenden und der sitzenbleibenden Schüler, welch letztere durchschnitt- lich um ein Jahrestvachstum hinter den ersteren zurück sind. Die zweimal sitzeitgebliebenen Kinder sind noch kleiner, am kleinsten die dreimal sitzen gebliebenen. Ans diesen Thatsachcn gewinnt man Anhaltspuntte für das Normalmaß der Kinder und eine Unterlage dafür, wie viel von jeder Schulbanknummer bei Schulneubauten an- geschafft werden müssen, damit jedes Kind eine seiner Größe ent» sprechende Schillbank erhält. Um feste Normen zu gewinnen, find an den verschiedensten Orten ähnliche Messungen vorzunehmen. Die Notwendigkeit landwirtschaftlich- ge» lv erblich er Kolonien betonte Fräulein v. Wolfring- Wien. Oberregierungsrat Dr. Mathias- Berlin äußerte seine Sympathie für ihre Borschläge. Die Abteilung beschloß die Ver- legung der Erziehungsanstalten, besonders solcher, die der öffentlichen Fürsorge dienen, auf das Land zu empfehlen. Dadurch kann man der Erziehungshygiene durch die Beschäftigung der Kinder mit leichter Handarbeit gerecht werden. Angenoinmen wurde ein Antrag Dr. Bauer- Schwab.- Gmünd ans Bildung eines Bureaus, das schnlhygienische und all- gemeinhygienische Auskünfte, die Bearbeitung guter schulhhgienischer Themata sowie schulhygienische usw. Quellennachweise gegen inäßiges Entgelt vermittelt. Dieses Bureau der Hygiene für das gesamte Unterrichtswesen sowie der Wohlfahrtsei nrichtungen läßt sich die Abhaltung von vorübergehenden oder ständigen schulhygienischen Ausstellungen an- gelegen sein. Die Mängel der Schulhäuser auf dem Lande be- handelten Dr. R e ck n a g e l- München und Dr. Pelikan- Schlan in Böhmen. Dr. S t a n g e r- Trautenan besprach die Frage „Rauchverbot oder Rauchfreiheit für die Stil- dierenden der obersten Klassen". Er schilderte die überhandnehmende Unsitte des Rauchens, die auch aus die Frauen und die Jugend überzugreifen droht. An dem Untergange des deutschen Volksliedes mißt er dem Tabak einen hervorragenden Anteil zu. Er fordert ein allgemeines Rauchverbot fiir die studierende Jugend. In der letzten Plenarsitzung am Sonnabend erörterte Dr. Liebe r- mann- Budapest die Aufgaben und die Ausbildung von Schulärzten. Er fordert Entlastung von allen über- flüssigen Dingen und erklärt als eines der wichtigsten Mittel zur Verbreitung hygienischer Kenntnisse in weiteren Kreisen den hygienischen Unterricht. Unter lebhaftem Widerspruch legt er dar, daß die philosophische Richtung in den klassischen Sprachen an den Gymnasien und Mittelschulen überwuchere und schlimme gesundheitliche Folgen hervorrufe. Die Nattirwissenschaften und die Technik haben einen riesigen Aufschwung genommen, aber die Gymnasien sind in der Stundenzahl der einschlägigen Lehrfächer nicht nur stehen geblieben, sondern auch erheblich zurückgeschritten. Der Redner bezeichnet die Realschulen nnd Realgymnasien als ver- fehlte Versuche, den an den Gymnasien herrschenden Uebelständen abzuhelfen, und fordert einheitliche Mittelschulen nicht nur vom praktischen, sondern auch vom hygienischen Standpunkte aus. Die Ausbildung der Schulärzte muß sich neben der speciell ärztlichen auf die wissenschaftliche Hygiene und Pädagogik ersttecken, für die hygienische und pädagogische Ausbildung ist ein besonderer Nach- weis zu fordern, wie er in Ungarn seit zwei Jahrzehnten schon besteht. Nack> einigen weiteren Vorträgen über verschiedene Fragen folgte eine Geschäftssitznng, in der die von den Abteilungssitzungen empfohlenen Anträge angenommen wurden. Alsdann gab Dr. Forster- Niirnberg einen Ueberblick über die Beteiligung am Kongreß. Es waren vertreten: Preußen mit 144, Bayern mit 356, das übrige Deutschland mit 121, also aus ganz Deutschland zusammen 621 Delegierte. Belgien sandte 9, Bulgarien 4, Euba 1, Dänemark 9, Frankreich 9, England 48, Holland 51, Japan 5, Italien 4, Luxemburg 3, Nor- wegen 2, Oestteich 322, Portugal 8, Rumänien 3,"Rußland 60, die Schweiz 26, Serbien 3, Spanien 15, die Türkei I, Nordamerika 11, Uruguay 1, Ungarn 19 Delegierte, insgesamt 1247, wozu noch 181 eingezeichnete Teilnehmer kommen sowie 82 Inhaberinnen von Damenkarten. In den Plenarsitzungen wurden 8, in den Abteilungs- sitzungen 153 Vorträge gehalten. Der Kongreß hat das ihm vor- gclegene Material vollständig aufgearbeitet. Darauf dankten die Vertreter der einzelnen Nationen für die gastliche Aufnahme und um 1 Uhr mittags wurde der Kongreß geschlossen._ GlUltiig der Arbeiter-WMer. Am ersten Osterfeiertag fand in S a n d o w bei Kottbus der Gautag des Gaues IX des Arbeitcr-Radfahrerbnndes„Solidarität" tatt. Ans deniselben lvaren 47 Vereine durch 57 Delegierte ver- treten, 42 Vereine hatten keine Vertreter entsandt. Die Ver- Handlungen betrafen fast ausschließlich Anträge zu dem diesjährigen Bundestag, welcher während der Pfingstfciertage in Erfurt statt- indet. Aus der großen Zahl derselben sei u. a. hervorgehoben: die Erhöhung der Unterstützungssätze bei Unfällen, die Gewährung von Rechtsschutz usw. Aus dem Bericht des Ganvorsitzenden Genossen Fischer geht hervor, daß die Zahl der Bundesvereine im Gau IX (Provinz Brandenburg) von 60 auf 95, die Mitgliederzahl von 1600 auf 2500 gesttegcn ist. Namentlich in den Provinzstädten und auf dem Lande sei die Entstehung vieler Arbcitcr-Nadfahrervereine zu verzeichnen und würde die Zeit nicht mehr fern sein, in der alle radfahrenden Arbeiter dein Arbeiter-Radfahrcrbunde„Solidarität" angehören.__ Kaufmännische Kranken- und Dterbckasse von 1883(E. H. 7t.) Dienstag, den 13. April er., abends 8 Uhr, im Restaurant Frädrich, Alte Jakobstr. 89: Swung. Achtung, Konditoren! Dienstag, den' 12. April, abends 81l2 Uhr, Kommandantenstr. 20, Arminhallen: Oefsentliche Versammlung: Warum müssen die Konditoren unbedingt ihre Forderungen durchsetzen? Referent Genosse Ströbel. Der Stand unsrer Lohnbewegung in den Bäckereien und Konditoreien und eventuell Beschlußfassung über weitere Maßnahmen. Er« Scheinen aller ist Pflicht. Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallardeiter d. M., nachmittags die Stichwahl statt. (E. H. 29, Hamburg). Filiale 9. Mittwoch, den 13. von 5 bis 9 Uhr, findet bei Gundlach, Waldenserstr. 24, "Weizen, gut D.-Cw. mittel gering "Roggen, gut mittel gering Gerste, gut mittel gering IHafer, gut Nuttel gering Richtsttoh Heu Erbsen spcisebohncn Linsen * ab Bahn. Marktpreise von Berlin am 9. April 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidium?. 17.65 17,59 17,53 13,05 12,99 12,93 13,80 12,80 11,80 15,00 14,00 13,10 4,00 7,10 40,00 50,00 60,00 17,62 17,56 17,50 13,02 12,96 12,90 12,90 11,90 11,00 14,10 13,20 12,30 3,66 5,00 28,00 26,00 25,00 Kartoffeln, neue D.-Cw. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch. Schweinefleisch„ Kalbfleisch Havimelsicisch. ttnttcr Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 kg per Schock rci Wagen unv ab Bahn. 8.00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 4,00 2,40 3,00 3,00 2,20 2,00 3,00 1,40 15,00 6.00 1,20 1,10 1,00 1.20 1,20 2,00 2,60 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 Wttterungsiibcrsicht vom 11. April 1904, morgens 8 Uhr. Stationen 2 c ca gp— Haparanda Petersburg dort Abcrdeen Patts "2 � i«■ 747 S 748 23: l66 Wetter � K e" gti e»& LSchnee Ibeiedt l.wolkenl 8 Wetter-Prognose für Dienstag, den IS. April 1004.' 3 Ziemlich kühl, zeitweise ausklarcnd. vorwiegend trübe mit geringe» Niederschlägen und mäßigen westlichen Winden. Berliner Betterbureau. Für beu Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Dienstag, den 12. April. Anfang Vj, Uhr: Opernhaus. Cavalleria rusticana. (Bauern ehre.) Das Mädchen von Navarra.(I.a Ikavarraiso.) Sla- vische Brautwerbung. Echan, pielhaus. Götz von Ber- lichingen mit der eisernen Hand. Anfang 7 Uhr. Deutsches. Novella d'Andrea. Berliner. Maria Theresia. Lessing. Zapsenstreich. Westen. Die Prinzessin vonTrape- zunt. Neues. Koketterie. Salome. Residenz. Nathan der Weise. Eentral. Der Rastelbinder. Belle-Alliauce. Freut Euch des Lebens. Thalia. Der Hochtourist. lkarl Weis«. Prceiosa. Zlnsang 8 Uhr: Schiller O.(Wallucr- Theater.) Lumpaeivagabundus. Schiller X.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Der Geizige. Der eingebildete Kranke. Kleines. Märtyrer. Elektro. Luisen. Die Fledermaus. Trianon. Das elfte Gebot. Hierauf: Der Dieb. Deutsch-Rinerikanisches. Ueber'n großen Teich. Gebr. Herrnfeld. Nur eine Nacht. Ilm andern Morgen. Metropol. Ein tolles Jahr. Casino. Der Raub der Sabine- rinnen. Palast. Die Weber. Winter-Garten. Speeialitäten. Slpollo. Liebesgötter. Speeialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Passage-Dbeater. Speeialitäten. Urania. Tanbeustraste 4«/4S. Um 8 Uhr: Frühlingslage an der Riviera. Um 4 Uhr: Aus dem Haushalt der freien Natur. Jnvalidenstrasie 37/(52. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Herr Huelling:„Die physische Beschaffenheit der Himmelskörper." KsAtrAT-Lkgatsr. Heute abend 7'/, Uhr: Letztes Gastspiel Eduard S t e i n b e r g e r. Der Rastelbinder. Operette in 3 Akten v. Franz Lchär. Mittwochnachm. 4 Uhr letzte Kinder- Vorstellung in dieser raison, halbe Preise: Der gestiefelte Kater. Zlbends 7'/. Uhr; Die Fledermaus. Neues Theater. Schifsbauerdainm 4a— 5. Salome. Vorher zum erstenmal: Koketterie. Anfang Vi, Uhr. Morgen: Minna von Barnhelm. Luisen-Theater. Ab" ids 8 Uhr: Gastsp::! hey Zentral- Theaters mit :s vie kieäermaus. Mittwoch: Romeo und Julia. Donnerstag zum erstenmal: Dr. Despe. Freitag: Der Veilchensrcsser. Sonnabend: Dr. Wespe. Sonntagnachmittag: Romeo und Julia.— ZlbendS: Dr. Wespe. Montag: Dr. Wespe._ Rksidkliz-Tistliter Direktion S. Lautenburg. Heule: Gastspiel v..Acholf lSonncirtlial. Nathan der Weise. Mittwoch: Die allen Jünsj-csellen. Donnerstag: Der keaMche Casimir. V o rh er: Die Empfehliins- Metropol-Theater iZuin 29. Male: Ein tolles Jahr. Gr. dramatisch-satirische Revue in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaender. In Scene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. 1. Bild: Am Kleinkindersee. 2. Bild: Was gieht's Neues. 8. Bild: Das Ordensfest. 4. Bild: Der neue Zapfenstreich (Parodie). 5. Bild; Briefe, die ihn erreichten (Ballett). Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. ISeiclisliallen StettinerSänger Zum Schluß: Neul Cirkus Lenz und Cirtus Pusch. IksIiA'Idküiör. gelle�iliavee-IkkAiet'. Dresdenerstr. 72/73. Amt IV 4440. Ans. 7'/, Uhr. Direktion lean Kren Heute und folgende Tage: Der Hochtonrist mit neuen Gesangscinlagen. Guido Thielscher in der Titelrolle. Sonntagnachmittag 3ll, Uhr: Charleys Tante. Belle-Alliancestr. 7/8. Amt VI 283. und Alfred Schönfeld. Ans. VI, Uhr. Heute und folgende Tage: Freut Euch des Lebens. Große Ausst-Posse m. Gesang u.Tanz in 3 Akten. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der 8ohn der Wildnis. s�cSalller-Tlieater. Schiller-Theater IV. (Friedrich-Wilhclmstädtisches Theater). Dienstagabend 8 Uhr: Der<4elDlNe. Lustspiel in 5 Auszügen von Moliere. Hieraus: Der eingebildete Kranke. Lustspiel ui 3 Akten von Moliere. Mittwochabend 8 Uhr: Ferreol. Donnerstagabend 8 Uhr: Ferreol. Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Dienstagabend 8 Uhr: I-nnipacivagabnndns. Zaubcrvosie in 3 Ausz. v. Joh. Nestroy. Musik von Adolf Müller. Mittwochabend 8 Uhr: Der«einige. Hieraus: Der elnjxei». Kranke. Donnerstagabend 8 Uhr: Der iZel�iAe. Hieraus: Der elnAeh. Kranke. IX. Berliner Saison. Cirkus Busch. I Abends TVs Uhr: Fortsetzung der Groszen internationalen Ringkampf-Konknrrenz \ unter dem Ehrcnprotektorat des HerrnPros. Dr. Segas.(Beginn ca. 8'/» f aliiitokiteriiuien. Donnerstag, den 14. April, abends S'l, Uhr, bei Wllke, Brunnenstr. 188(nahe dem Nosenthaler Thor): Sefsentliehe VerfaimnUing. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Reichstags-Abgeordneten Hermann Molkenbuhr. 2. Bericht der. Delegierten vom Heimarbeiterschutz-Kongresi. 187/4 I. A.: Karl Buir/. Vefwaltnngsstelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Mittwoch, den 1?. April, abends S'l, Uhr, bei Schcllhasc, Ahornstraste 15a: Sezirks-Versammlung für Steglitz. Tages-Ordnung: 1. Bericht der Bezirksleitung. 2. Diskussion. 3. Bericht der Kartell- delegierten und Neuwahl derselben. 4. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet 114/4 _ Die OrtsverTvaltong. Deutseher Holzarbeiter-Yerhand. Donnerstag, den 14. April, abends 8 Uhr. im«etverhsehaft»- hause, Engel-Ufer 15(Saal V): KMiheil-UtrsiiiMliW der Purlikttleger Berlins und Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Bericht der Kontrollkommission vom t. Ouartal 1904. 2. Bericht über die Verhandlungen mit den Arbeitgebern. 3. Verschiedenes. 82/7 Es ist Pflicht eines j e d e n Kollegen, rege zu aaltieren, dah jeder am Platze ist._ Die Kommission. Fachverein der Tischler Berlins u. Umgegend. Angeschlossen der Freien Vereiniyunjj der Tischler Deuischlands. Mittwoch, den 13. April er., abends S'l, Uhr: Kxzirks- Uer sammlungeu im Osten bei 7rsnke, Zorndorferstr. 8; im Sllclosten bei �Irügsr, Naunynstr. 6. Kollegen! Wir erwarten nun von allen Werkstcllen, dasi dieselben in den Bczirks-Versammlungcn vertreten sind und zwar durch alle dort be> schäftigten Kollegen._(486/15)_ Die Ohlcnte. Orts- Krankenkasse Donnerstag, den 21. April 11 abends S'l, Uhr: im Lokale der Frau Weigel, Dürrschmidstr. 45. Tages-Ordnung: 1. Jahresbericht. 2. Bericht der Revisoren. 3. Gehaltserhöhung der Kassenbeamtcn. 4. Verschiedenes. Die Einladungskarten dienen als Eegitimation und werden am Eingang des Versammlungslokals abgenommen. Der Vorstand. 6inladiinc[ zur Ordsntl. General-Versammlung der Orts-Krankenkasse der Tabak fakrikarkeiter r.u Berlin am Montag, den SS. April IDOl, abends S'L Uhr, im Lokale des Herrn Gastwirt JFeindt, Weinstr. 11. Tagesordnung: 1. Beschlugsassuiig über die Abnahme der Rechnung des Vorjahres. 2. Verschiedenes. 272/16 Berlin, den 8. April 1904. Der Borstand der Drts-Kraiikcn» J. A.: Budde. 272/15 lasse der Tabakfabrikarbeiter. Ungewittsrs XsutsdsK ist als bester seit 40 Jahren in Berlin bekannt und gern gekauft. Verlangt Uncgvwrii'i'tSi'S iCau-tabak* Zu haben in Cigarreu-Specialgeschästcn.- 44702* Fö«iÄnerbe8":fer Frilz Hämraerer, Berlin, Frankiurier Allee 33. : M arienburger Geld- Lotterie. / V» mr Ziehnnjs schon 14.— 16. April.-Mm ~ Gew. OO 000-50 000-40 OCO Mk. etc. Lose a 3 Mark(Porto u. Liste 30 Pf. extra) empfiehlt J. 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Holz- und Borstenwaren Servierbretter 4 Grössen 1.50 bis 2.25 Kaffeebretter 5 Grössen 1.50 bis 2.75 Kaffeebretter mit Einlage 2.60 Mk. Plättbretter bezogen 2,40, unbezogen 1.20 Ärmelplättbretter bezogen 60 pr. Putzkasten 42, 75 pr. Eierschränke 42 pr. Gardinenspanner 1 1.50 Mk. Wäschetrockner Bürstenbleche Fensterleder 1.20 Mk. 1.30 Mk. 40pf., 60 pr., 85 pr. Haarbesen graue 70pf, 90 px. 1.15 Handfeger graue 42pf., SOpr. 60pf. Rosshaarbesen 1.30,1.50,2.10 Rosshaarhandfeger 65, 75 pr., 1.10 Teppichbesen 1 Mk,, 1.25 Mk. Teppichhandfeger 35 pe, 42 pr., 50 px ») poliert 65 Pf., 75 Pf. 85 Pf Teppichkehrmaschinen 6.75, 9.50 Bohnerschrubber 4.50, m.Poister5.75 Bohnerbürsten mit Gurt 2.60 Mk. Schrubber 32, 35, m. Wurzel 30 pr. jgeiaBtfa Redakteur? Paul Bitttner, Berlin. Für den Jnstratentell Verantw.:?h. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsantzatt Paul Swg»& Berks SNC 9.85. A.w-.., Z. Keilage des Lllmärls" Kerlim NsIksdlM. partei-l�ackrickten. Bei ieu HercrokSmPfe» in Südwestnftikn ist auch ein Zunger Nürnberger Socialdemokrat gefallen. Am Soimtag erhielt unser alter Parteigenosse Wilhelm Huber in Nürnberg, seit mehr als dreißig Jahren einer der fleißigsten Agitatoren für unsre Sache, au§ Südwestafrika folgendes Telegramm: „In einem Gefecht bei Okaharui starb Seesoldat Audrea-Z Huber, Nähere Angaben folgen so bald wie möglich. Seien Sie innigster Anteilnahme versichert usw. Das I. Seebataillon." Der Gefallene war keiner von den„schlecht schießenden, aber gutgesinnten Soldaten" des preußischen Kriegsministers, Trotz seiner Jugend war er schon ein eifriger Verfechter des Socialismus, Noch bei der vorjährigen Reichstags-Wahlagitation entfaltete er eine rüh- rige Thätigkeit, um unsrer Partei neue Anhänger zuzuführen. Auch für seine Gewerkschaft, den Deutschen Metallarbeiter-Verband, war er bei jeder Gelegenheit ein fleißiger und erfolgreicher Agitator. Voriges Jahr wurde er zum I. Seebataillon ausgehoben, am IS. Januar mußte er nach Südwestafrika abrücken, wo er jetzt gc- fallen ist. polizeUtches» GcnchtHchcs ulto. Eine Zusammenkunft von WahlmannS-Kandidatcn als politische Versammlung. Jin 6. Distrikt Altonas lvaren am 25. September 1903 im Klubzimmer des RestaurateurS Osdorf etwa 50 Vertrauenspersonen des socialdemokratischen Vereins, die zu Wahlniännern für die preußische Landtagswahl ausersehen waren, zusammen gekommen, hm sich durch ein Referat deS Genossen Block über die verzwickten Gesetzesbestim- inungen, die Landtagswahl angehend, sowie über die zur Wahl- beteiligung ergangenen Parteibeschlüsse, insbesondere über das Verhalten bei Stichwahlen informieren zu lassen. Einberufer war der Cigarrenarbeiter Kühler. Die drei genannten Personen wurden wegen Uebertrewng der KZ 1 und 12 des preußischen Vereinsgesetzes angeklagt, weil eS sich hier um eine Versammlung handele, in der öffentliche Angelegenheiten Härten erörtert werden sollen und erörtert worden seien, die also der(unterlassenen) Anmeldung bei der Polizei bedurft hätte. Das Landgericht Altona als Berustmgsinstanz verurteilte auch die Angeklagten zu Geldstrafen und führte unter andcrm auS: Die Zusammenkunft stelle sich dar als eine„Versammlung". Gleichgültig sei, daß kein Bureau gewählt wurde und daß keine andre,! Personen, als die geladenen Bezirks- führer, die Wahlmänner werden sollten, zugelassen worden seien. Auch sei in den Ausführungen Blocks, der sie nicht gesprächsweise, sondern in Form eines richtigen Referats gemacht habe, eine Er örterung öffentlicher Angelegenheiten zu sehen. Er habe die Vertrauens- bezw. Wahlmänner befähigen wollen, bei der Wahl zu agitieren und als Wahlmänner ihr Wahlrecht richtig und im Sinne der Parteibeschlüffe auszuüben. Das Kammeraericht verwarf die gegen dieses Urteil eingelegte Revision, welche Rechtsanwalt Dr. Behrend vertrat, mit folgender Begründung: Die Begriffe„Versammlung" und„Erörterung öffent- sicher Angelegenheiten" seien voin Landgericht nicht verkannt. Bei dieser Zusammenkunft von SO Leuten, die zu Wahlmännern aus- ersehen waren, handle eS sich rechtlich genau um dasselbe, wie bei einer Versammlung schon gewählter Wahlmänner, wo versucht werde, auf ihre Stimmabgabe Einfluß zu gewinnen. Klus Inäultrie und Handel Die Helios-Gesellschaft und die Berliner Bank. Etwas spät hat endlich die Berliner Bank sich dazu bequemt, sich über ihr Verhältnis zum Helios und den von ihr vermittelten Uebergang der Bank für elektrische Industrie in den Besitz der letzt- genannten Gesellschaft zu äußern.„Aus der im Jahre 1899 er- folgten Uebemahme der Aktiven der Bank für elektrische Industrie und der Elektricitäts- Gesellschaft Felix Singer u. Co. von feiten der HelioS- Elektricitäts- Akttengesellschaft in Köln kann," erklärt der Vorstand der Berliner Bank,„irgend ein wie immer ge- arteter Vermögensnachteil die Berliner Bank nicht treffen. Die Berliner Bank hat im Jahre 1899 die vorgenannten Aktiven ledig- sich für Rechnung eines Aktionärkonsortiums von der liquidierenden Bank für elektrische Industrie laut Generalvcrsammlungs-Beschlusses vom 8. Juni 1899 erworben, und sie hat diese Aktion für Rechnmrg desselben Konsorttums unter genau den gleichen Bedingungen, mit Ausnahme zweier Objekte, Liegnitz und Bamberg, welche noch heute im Besitze des Konsortiums sind, an die HelioS- Gesellschaft weiter verlauft. An diesem Konsortium beteiligte sich die Berliner Bank mit etwa einen: Viertel. Die Bilanzen, auf Grund deren die Uebertragung der Aktiven an die Helios- Gesellschaft erfolgt ist, sind von der Helios- Gesellschaft vor Abschluß des Kaufes in allen Einzelheiten materieller und formeller Natur geprüft worden. Garantien in dieser Angelegenheit hat die Berliner Bank aus- schließlich für das vorerwähnte Konsorsium geleistet. Ein auS dem Ilebergangsvertrage zwischen der Helios- Gesellschaft und der Berliner Bank im Jahre 1900 entstandener Rechtsstreit ist im Jahre 1902 im Vergleichswege beendet worden. Die Dividenden- garantie, welche das mehrerwähnte Konsorsium für die Aktten der Elektricitätswerke Liegnitz übernommen hatte, ist mit Ende 1903 erloschen. Irgend welche Verpflichtungen aus den Gesamt« Trans- aktionen bestehen nicht." Die Aeußerung mag vielleicht die Aktionäre der Berliner Bank befriedigen, die gefürchtet haben, diese könnte für die Vorgänge bei der Uebemahme der Bank für elektrische Industrie noch nachttäglich pekuniär in Anspruch genommen werden; aber für die breite Oeffent- lichkeit ist mit dieser Erklärung die Sache keineswegs erledigt, beim für diese handelt es sich darum, ob der Berliner Bank noch aus den damaligen Transakttonen Vermögensnachteile erwachsen können, sondern ob sie um die in dem Briefe deS Kölner Auffichtsrats- Mitgliedes der HelioS-Gesellschaft behaupteten Bilanzfälschungen der Singer-Gesellschaft gewußt hat, bezw. ob sie diese bei einiger Vor- ficht hätte erkennen müssen. Da die Angelegenheit von der Staats- anwaltschaft in die Hand genoinmen ist, werden voraussichtlich die gerichtlichen Verhandlungen darüber Aufschluß bringen. Neue Zcchenankäufe. Während in den Zeitungen in er- müdendcr Breite darüber gestritten wird, ob die Stillegung der weniger leistungsfähigen Zechen und die Uebcrnahme ihrer Be- teiligungsziffer auf die besser rentierenden Zechen einen Wirtschaft- lichen Fortschritt bedeutet, ob die Regierung berechtigt sei, auf Grund des Berggesetzes zu intervenieren usw., setzen die großen Bergwerks- Gesellschaften unbekümmert ihre Ankäufe fort. Aus Bochum wird gemeldet, daß die Generalversammlung der Bochumer Coaks- und Kohlenwerke den Verkauf ihres gesamten Gesellschaftsoermögens der Zechen Berncck und Glückwinkelburg au die Zeche Konstantin für ü Millionen Mark genehmigte, vorbehaltlich der Genehmigung der Uebertragung der CarkS- und Kohlenbeteiligung seitens des Kohlen- syndikats. Der Vorstand führte betreffs des Verkaufs aus, daß man seit dem Jahre 1896 für die Zeche Berneck 945 633 M. für Anlagen und 1 074 353 M. für Zuschüsse ausgegeben habe. Glückwinkelburg habe ca. 2S9 404 M. Zuschuß erfordert. Eine Rentabilität der Werke sei iu Zukunft nicht zu erlvarten, man müsse jährlich 100 000 Mark Abschreibungen für Berneck, 00 OOJJ M. für Glückwinkelburg, 30 000 M. für die Kokerei rechnen, ferner müsse man ca. 100 000 M. Umlage für das Coaksshndikat zahlen, so daß eine Verzinsung des Aktienkapitals unmöglich sei. Konstantin der Große übernehme die Schulden der Gesellschaft, die ca. 952 397 M. bettügen, und bezahle das Aktienkapital von 3 Millionen Mark voll(d. h. zum Nominal- wert) aus, doch hätten die Aktionäre die geringe Vermittlungsgebühr und die Liquidationskosten zu tragen. In der gleichzeitig abgehaltenen Gcwerkenversammlung der Zeche Konstantin der Große bewies hingegen Bergrat Pieper, daß der Ankauf von Berneck und Glückwinkelb'nrg durchaus als vor- teilhaft zu betrachten sei. Die Beteiligungsziffer beider Zechen beim Kohlcnsyndikat betrage 260 000 Tonnen Kohlen, die Beteiligungs- ziffcr der mit den Zechen verbundenen Kokerei 130 000 Tonnen. Da nun die Gewerkschaft Konstantin der Große an den von ihr ge- förderten Kohlen 2 M. pro Tonne, am Coaks 2,50 M. verdiene, mache sie, wie man sich nachrechnen könne, bei dem Ankauf immerhin noch ein recht gutes Geschäft. Die Versammlung genehmigte denn auch einstimmig den Erwerb der Bochumcr Coaks- und Kohlenwerke und erklärte sich damit einverstanden, daß zur Beschaffung der not- wendigen Geldmittel eine 4V-prozentige Anleihe von 21/, Millionen Mark ausgegeben wird, die von 1906 an mit 10 Proz. amortisiert werden soll. Ferner werden nähere Einzelheiten über die Bedingungen be- kannt, unter denen die Hibernia-Bergwerksgcsellschaft das Berg- weriseigentum der Aktiengesellschaft Alstaden übernimmt. Danach giebt die Hibernia an Alstaden für nominell IV- Millionen. Mark ihrer Aktien: eine Summe, die sich, da die alten Hibernia-Attien zur Zeit auf 200, die jungen auf 192 stehen, auf ungefähr 3 Millionen Mark berechnet. Da das Aktienkapital von Alstaden 1,44 Millionen Mark beträgt und außerdem 5250 Genutzscheine im Umlauf sind, so ergiebt sich, daß bei Bewertung der?llstader Aktien zum Pari-Kurse die Hibernia für den Genutzschein etwa 300 Mark zahlt. Die Hibernia giebt zum Zweck des Ankaufs für 2V- Millionen Mark neue Aktien aus: davon dienen IV- Millionen Mark zmn Ankauf, der Erlös aus der übrigen Million, die fest begeben werden soll, wird vorläufig zurückgestellt. Vielleicht hat man noch weitere An käufe in Aussicht genommen. Durch die Angliedcrung von Alstaden erhöht sich die Beteiligung Hibernias um 350 000 auf 4 380 000 Tonnen. Die Gesellschaft rangiert damit aber immer noch im Syndikat an dritter Stelle. Die Generalversammlung der Aktionäre der Bodburgcr Moll- industric, die am Freitag in Köln stattgefunden hat, ist,>vie bei der Verteilung des Aktienbesitzes kaum anders zu erwarten war, ohne nennenswertes Resultat verlaufen. Eine Revisionskommission, die gesetzlich verpflichtet gewesen wäre, einen offiziellen Bericht über die Sachlage zu erstatten und zu diesem Zweck eine sorgfältige Prüfung vorzunehmen, ist nicht gewählt worden, sondern nur eine sogenannte „Vertrauenskommission",— welche die Geschüstsgebahrung der Ver waltung prüfen und eventuelle Negretzanspräche gegen den Vorstand und den Aufsichtsrat in Erwägung ziehen sowie Vorschläge machen soll, wie das durch die Fälschungen verursachte Defizit zu be- seitigen ist. Den großen Mionüren— in erster Linie kommt die bekannte Kölner Familie Trimborn in Betracht— ist nämlich die ganze Sache höchst unangenehm, besonders da zioci Mitglieder die>cr Familie, die Herren Wilhelm Trimborn und Justizrat Balduin Trimborn den aus vier Personen bestehenden Aufsichtsrat angehören und ersterer in diesem den Vorfitz führt; zeugt es doch kaum von sorgfältiger Stachprüfung der Abrechnungen, daß ihnen die jahrelang betriebenen Unterschleife des Direktors Kommerzienrat Sylverberg völlig un- bekannt bleiben konnten, ganz abgesehen davon, daß bei einem ge richtlichen Vorgehen gegen die Sylverbergschen Erben leicht die Frage der Regreßpflicht der AufsichtSräte zu ernstlicher Erwägung koinmen könnte. So suchte denn Herr Balduin in der General- Versammlung die kleineren Akttonäre möglichst zu beschwichtigen, indem er nochmals die in der Denkschrift der Verwaltung angegebenen Gründe aufzählte, die den Aufsichtsrat bestimmt hätten, die Unterschlagungen vorläufig geheim zu halten und zugleich erklärte, die wiederholt ausgesprochene Vernnitung, daß die Mit- glieder des AufsichtsratS die Zwischenzeit zwischen ihrer Entdeckung am 29. Januar 1904 und der ersten Veröffentlichung am 29. Februar dazu benutzt hätten, sich ihres Akttenbesitzcs zu entledigen, entbehre jeder Grundlage. Von vornherein sei es dem AufsichtSrat als selbst- verständliche Pflicht erschienen, kein Stück aus seinem Besitz zu ver kaufen. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Fabrikbesitzer Trimborn, besitze noch heute 267 Attien, das Aufsichtsratsnntglied Heck 151 Aktten, die Aufsichtsratsmitglieder Latwcsen und Justizrat Trimborn 5 und 6 Aktten ivie früher. Die 257 Aktien SylverbergS, die er im vorigen Jahre im Besitz hatte, seien ebenfalls noch vorhanden. Natürlich fand er auch sonst an dem Verhalten des Auffichtsrats nichts auszusetzen. Sylverberg habe allein und ohne Beihilfe die Abschlüsse angefertigt. Der Aufsichtsrat sei allen Anforderungen bei deren Prüfung nachgekommen. Der Vorsitzende Wilhelm Trimborn, Besitzer mehrerer Fabriken, Mitglied mehrerer Verwalttingen, sei als kritischer Prüfer der Bilanzen bekannt und sogar gefürchtet, und dieser sei mit der Prüfung der Aufstellungen insbesondere bettaut gewesen. Vor dem 21. Mai soll eine neue Generalversammlung ein- berufen und in dieser darüber Beschlutz gefaßt werden, ob man von einer gericktlichen Verfolgung der Angelegenheit absehen und die Vergleichsvorschläge des Verwalters des Sylverbergschen Nachlasses annehmen wolle. Erntestatistik. In den! ersten Vierteljahrsheft zur Stattstik des Deuffchen Reiches 1904 werden die Ergebmffe der Erntestatisttk für das Jahr 1903 veröffentlicht und in eingehender Weise besprochen. Hiernach bettug die Ernte im Jahre 1903: im ganzen vom Hektar an Winterweizen. „ Sommerweizen. „ Winterspelz.. „ Winterroggen. „ Sommerroggen „ Sommergerste. „ Hafer.... „ Kartoffeln.. davon gesunde , Kleeheu... „ Luzerneheu.. Wiesenheu 3 002 444 552 620 447 982 9 732 409 172084 3 323 639 7 873 385 42 901 530 40 310 599 9 727 987 1 323 939 26355 027 Tonnen 193 217 1,49 1,66 1,18 1,95 1,84 13,25 5,16 5,86 4 45 Dem Vorjahre gegenüber beträgt der Zuwachs an Brotgetteide, d. h. an Weizen, Winterspelz und Roggen 29 872 Tonnen, der au Klee. Luzerne und Wiesenheu 399 184 Tonnen. Dagegen betrug die Minderernte an gesunden Kartoffeln 410 865 Tonnen. Sommergerste und Hafer, die hauptsächlich zur tterischen, in gewissem Umfange aber doch auch zur menschlichen Ernährung dienen, ergaben zusammen- gefaßt eine Mehrernte von 629 547 Tonnen. Alles in allem kann das Cnttejahr 1903 für die Gesamtheit der hier erwähnten Früchte als ein sehr günstiges gelten. Gesellschaft für elekttische Hoch- und Untergrundbahnen» Berlin. Mit dein Beginn des Jahres 1903 hat bekanntlich obengenannte Ge- sellschaft den Bahnhetrieb für eigne Rechnung in die Hand genom- men, während für das Jahr 1902 Siemens u. Halske noch eine Garantte für eine 4prozcnttge Verzinsung zu leisten hatten. Um so größeres Interesse beansprucht das Geschäftsergcbnis des letzten Jahres. Die Betriebseinnahmen bettagen 3 813077 M., die Bettiebskosten 2 002 525 M. Aus der Vermietung von Wohnhäusern u. dergl. ist eine Reineinnahme von 307 830 M. entstanden. Der Schuldendienst für 7,8 Mllionen Obligationen erfordert 312 000 M.. die Rücklage für den Tilgungsfonds der Bahnanlage 72 000 M. Nach Dotierung des Erneuerungsfonds mit 425 000 M. und Einstellung eines Fonds von 100000 M. für außergewöhnliche Ausgaben, sowie nach Ab« schreibungen in Höhe von 69 463 M. bleibt ein Reingewinn von 1 150 475 M.(1058 480 M.), aus dem eine Dividende von 3 l/2 Proz. auf das 30 000 000 M. bettagende Aftienkapital verteilt und der Ueberschutz ans neue Rechnung vorgetragen werden soll. Befördert wurden in 1903 29 628 463 Personen. Stettiner Vulkan. Der Aufsichtsrat beschloß in seiner heutigen Sitzung, der Generalversammlung die Verteilung einer Dividende von 14 Proz. ftir 1903 zur Genehmigung vorzuschlagen. VerUncr parteL-?Zngelegenkeiten. Erster Wahlkreis. Morgen Mittwoch hält der Wahlv erein in den bekannten Lokalen seinen Zahlabend ab. Reger Besuch wird erwartet. Schönebcrg. Heute Dienstagabend findet im Obst scheu Saale, Meiningerstr. 8. eine Volksversammlung statt. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag deS Reichstags-Abgeordneten Georg Ledebour:„Der KosakenkurS". Zahlreicher Besuch wird erwartet. Obrr-Schöncwcide. Mittwochabend 8'/, Uhr hält der Wahl- verein seine Mitgliederversammlung bei Kaufhold, Wilhelminenhofstr. 18, ab. Tagesordnung: Bortrag über den russisch-japanischen Krieg. Diskussion. Maifeier. Vereinsangelegen- heften. Verschiedenes. Lohakd. Das Sprachrohr des Branddirektors. Zu der Verstärkung des Feuerwehrcorps, die nach der Vermehrung der Theaterwachposten vom Branddirektor und vom Polizeipräsidenten für erforderlich gehalten wird und Ivegen der Auf- bringung der Kosten auch die städttschen Behörden beschäftigt, be« mertten wir in voriger Woche, daß nunmehr etwa das ausgeführt werde, was wir vor Monaten im Hinblick auf jene Theaterwachposten- Vermehrung in einer Reihe von Arttkeln als notwendig bezeichnet hatten. Wir fügten hinzu, daß uns damals in der bürgerlichen Presse und auch in einem Abteilungsbefehl des Branddirektors ge- antivortet worden sei, es werde nur Unzufriedenheit durch uns erregt, wir verständen nichts vom Dienst der Feuerwehr, und so weiter. ES scheint nun sehr verschnupft zu haben, daß wir diesen Wider- spruch zwischen den damaligen Erwiderungen und den jetzigen Be- schlüssen festgestellt haben. Der Berichterstatter des Magistrats und zugleich der Feuerwehr hat daraufhin den Zeitungen eine Notiz übersandt, in der erzählt wird, der„Vorwärts" schreibe jenen seinen Artikeln den Erfolg zu, daß die Behörden endlich die Feuerwehr verstärken. Diese Legende habe bei allen Beteiligten große Heiterkeit erregt. Der„Vorwärts" sei schlecht unterrichtet, noch vor jenen Veröffentlichungen seien Verhandlungen über eine Verstärkung des Feuerwehrcorps eingeleitet gewesen. Durch die„Vorwärts"-Arttkel seien die Verhandlungen nur verzögert worden, so daß die Ver- mehnmg der Mannschaften nicht schon am 1. April habe eintreten können. Die Notiz ist selbstverständlich im Auftrage verfaßt worden, aber sie ist so plump geraten, daß durch sie die Auftraggeber geradezu bloßgestellt werden. Wir haben mit keiner Silbe davon gesprochen, daß der Plan einer Verstärkung der Feuerwehr durch unfern da- maligen Arttkel erst veranlaßt worden sei. Wenn die„Betefligten" das aus unsren Darlegungen herausgelesen haben sollten, so müßten sie sehr flüchtig gelesen haben— flüchtiger, als es Leuten, die be- richtigen wollen, erlaubt ist. Wir zlveifeln nicht, daß auch die„Be- teiligten" und gerade sie sich sofort klar waren über die Unhaltbar- keit der Zustände, die durch die Vermehrung der Theaterlvachposten geschaffen worden waren— wiewohl das in jenen Erwiderungen nicht zugegeben wurde. Welchen Einfluß unsre Veröffentlichungen auf das schließliche Zustandekommen des Verstärkungsplanes ausgeübt haben, ist uns nicht bekannt. Aber es hat uns genügt, zu konstatteren, daß man damals mit dein Vorwurf der Erregung von Unzufriedenheit daS abzuthun gesucht hat, was heute als berechtigt anerkannt wird. Wenn jetzt das Sprachrohr des Branddirettors posaunt, daß sogar schon vor unsren Arttkeln Ver« Handlungen eingeleitet gewesen seien, so läßt das die damaligen Berichtigungen noch verwunderlicher erscheinen. Die Behaupttmg, durch die„Vorlvärts"-Arttkel sei die Sache verzögert worden, scheint selbst der bürgerlichen Presse zu starker Tabak gewesen zu sein. So viel wir gesehen haben, hat kein Blatt die Nottz abgedruckt, wir haben vergeblich darauf gewartet. Man fürchtete wohl, hiermit bei den„Beteiligten", zu denen außer dem Branddirektor und seinen zwei Dutzend Offizieren noch über 100 Chargierte und über 700 Feuerinänncr gehören, starkes Kopf- schütteln hervorzurufen. Aber es ist vielleicht doch gut, Ivenn nun wenigstens durch uns bekannt wird, was der Berichterstatter des Magistrats und zugleich der Feuerwehr über die Feuerivehrverstärkung zu erzählen hatte._ Einschulung. Die jungen A-B-C-Schützen beiderlei Geschlechts kamen gestern zum erstenmale in die Schule. Ein aufregender Tag für die Eltern sowohl wie für die Kinder. Etliche wenige der Kleinen tteten mit Siegesmut den Weg an, andre mit Herzklopfen, ein Teil gar kann die Thränen nicht zurückhalten. Sehr besorgte Mütter mchen der Lehrerin ein Zuckerdütchen zu übermitteln, damit das Eräulein am Schluß der am ersten Tage glücklicherweise nur kurzen ehrstunden dein Hcrzblättchen damit eine Aufmunterung bereite. Solche kleinen Kunstgriffe mögen entschuldbar sein, ob sie notwendig sind, ist eine andre Frage. Wohl aber sollte die Schule selber den Kindern die Geschichte nicht aar zu abschreckend machen. Mit ge- lindem Grauen wird manche Mutter in Berlin des gestrigen Einschulungstages gedenken, denn von neuem wiederholte sich, was so oft schon zu tadeln war. U e b e r- füllun g der Klassen und damit Abweisung vieler Kinder war wieder auf der Tagesordnung. Ein Fall, der uns gemeldet wurde, darf zur Keimzeichming der heutigen Schulzustände Berlins der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten werden. Es ist niorgens 7 Uhr; zu dieser Stunde sind die Eltern init ihren Sprößlingen nach dem RektoratSzinnner der Gemeindeschule in der Muskauerstraße geladen worden. Es dauert ein Weilchen bis der Leiter der Schule kommt; endlich zählt er seufzend die Häupter der Kleinen und schüttelt den Kopf, lieber 100 Mädchen habe er schon eingeschult, obgleich nur für 52 Platz da sei. Den jetzt noch harrenden Eltern bleibe nichts übrig als ihre Kinder nach der Schule in der Manteuffelstraße zu bringen. Die Karawane macht sich auf die Sttümpfe. In der Manteuffelstraße ist das Leiden aber erst recht groß. An Auf- nähme gar nicht zu denken; alles überfüllt. Nun geht v mit den müde und ungeduldig gewordenen Kindern wieder zurück nach der Muskauerstraße. Neues Parlamenticren mit dem Rektor, der sich abermals heftig gegen die Ausiiahme sträubt. Die Kinder sind dem Weinen nahe, den Elten! geht gleichfalls die Geduld aus; es fallen gereizte Worte. Zum Schluß erklärt der Rektor sich dann wenigstens mit der vorläufigen Aufnahme der von PontiuS zu Pilatus geschickten Kleinen einverstanden. Wie die armen Würmer unter- gebracht werden solle», weiß er selber nicht. WaS ist das aber für ein Schulanfang? Mit freudigen Gefühlen werden die Kinder nicht den ersten Schultag verlebt haben. DaS Projekt einer städtische» Straßendahn Balteuplatz— Stcttincr Bahnhof gab gestern nachmittag der Magistratskommission Anlasz zu einer„Streckcnbesichtigung". bei welcher Stadrat Krause den Führer machte. Die Fahrt ging durch die große nördliche Gürtel- jtraße, deren Bebauung zum Teil durch den rückständigen Äauali- sationsanschluß verzögert worden ist: Elbinger-, Danziger-, Ebers- walder-;c. Straße. Diese„Wüstenbahn" war. wie erinnerlich, in der außerordentlichen Magistratssitzung vom 7. November vorigen Jahres abgelehnt worden, nachdem der Stadtrat, Geh. Baurat Kalle, sie für völlig unrentabel erklärt hatte. Infolge der Agitation der Bewohner des Nordostens ist das Projekt aber wieder aufgenommen und beschlossen worden, in eine nähere Prüfung der örtlichen und Verkehrsverhältnisse einzutreten, wobei auch der ganz vernünftige Gesichtspunkt maßgebend war, daß der Stadt- gemeinde es nicht anstehe, bei einem neuen Verkehrsunternehmen gleich den finanziellen Vorteil in den Vordergrund zu stellen. Wie verlautet, hat man sich auch davon überzeugt, daß ein Verkehrsbedürfnis thatsächlich vorliegt und eine Straßen- bahn von der Viehhofs- Gegend, in der die Häuser wie die Pilze aus dem Boden schießen, nach dem verkehrsreichen Gebiete des Stettiner Bahnhofes, wie von hier nach dem dicht bevölkerten W e d d i n g und weiter nach dem Rudolf V i r ch o w- Kranken- Hause, bei dem ja auch bald ein neues„Stadtviertel" entstehen dürste, in absehbarer Zeit auch Rentabilität verspricht. Der Direktor des Wintergartens, Herr Gustav Kammsetzer, hat sich Sonntagnachmittag in seiner Wohnung, Nürnbergerstraße 30, erschossen. Kammsetzer, der die Direktionsstelle am Wintergarten seit zwei Jahren inne hatte, war in artistischen Blättern viel- fach angegriffen worden und er hatte der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß diese Artikel seine Stellung erschüttert hätten und er seine Kündigung erwarten müsse. Hierzu kam noch, daß Direktor K. zuckerkrank war und unter der Einwirkung des Leidens sich bei ihm schon seit längerer Zeit eine starke Nervosität bemerkbar machte. Diese Umstände mögen wohl die Ver- anlassung zu der bedauerlichen That gegeben haben. Frau Direktor' Kammsetzer, eine Schweitsr der Hofschauspielerin Eharlotte Basto, war besuchsweise in Dresden gewesen und kehrte nachmittags nm 0 Uhr von dort zurück. K. schickre das Dienst- mädchen nach dem Anhalter Bahnhof, um seine Frau abzuholen. Gegen 6 Uhr traf Frau K. mit ihrem Bruder, der aus Dresden mitgekommen war, in der Wohnung in der Nürnbergerstraße ein und in dem Augenblick, als sie das Hans betreten wollte, siel plötzlich ein Schuß. Beim Betreten der Wohnung fand die Frau ihren Galten aus einer Wunde in der rechten Schläfe blutend, besinnungslos aus dem Chaiselongue liegend vor. In der rechten Hand hielt er den Revolver, in dem sich noch fünf Schüsse befanden. Die sofort herbeigerufenen Aerzte Dr. Ouandt und Dr. Rosenstein vermochteir keine Hilfe mehr zu bringen; das Geschoß war durch die Schläfe in das Gehirn gedrungen und K. verstarb gegen 1t) Uhr abends, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben. Der Per- storbene war eine in der Theaterwelt bekannte und beliebte Persön- lichkeit. Er war früher Mitdirektor des Lobe-Theaters in Breslau und übernahm später die Leitung des Central-Theaters in Dresden, die er bis zu seiner Uebersiedelung nach Berlin iin Anfang des Jahres 1902 inne hatte. Seine Frau wirkte früher im Lesfing-Theater, Von andrer Seite wird uns noch gemeldet, daß der Aufsichts- rat der Centralhotel-Aerwaltung Herrn Direktor Kammsetzer auf- gefordert habe, gegen die Urheber der fraglichen beleidigenden Artikel klagbar vorzugehen. Dies wurde jedoch von Herrn K. entschieden abgelehnt. ES verhält sich mit den Angriffen folgendermaßen: Im Januar und Februar dieses Jahres waren in dem Artisten- Fachblatt zloei Artikel erschienen,„Immer Lustik" und„Scherz und Ernst" überschrieben. In dem ersten hieß es unter anderm in Bezug auf den" Direktor des Wintergartens:„Wer kann es ihm wehren, wenn ihn sein Blut, sein Temperament, seine Begeisterung für das Schöne in jene Rendezvous der Lebewelt lockt, wo Sektpfropfen Inallen und sengende Strahlen aus dunklen Frauen- äugen blitzen? Wer wird einen Stein auf ihn werfen, wenn er in diesen olympischen Regionen auch die Balleteusen seines Etablissements aus dem überschäumenden Nektarbecher der Lebens- freude nippen läßt? König„Immer Lustik" haßt schwermütiges Grübeln und pedantisches Ueverkegeil, mit dem gewöhnliche Spießbürger sich abgeben." Aber nicht die direktoriale Liebe zu seineir weiblichen Mitgliedern wurde Kammsetzer von dem Schreiber des Artikels zum'Vorwurf gemacht? er wurde beschuldigt, daß er„dann und wann auch in Geldnöten gewesen sei und in diesem Stadium schon Leute angeborgt haben soll, die in gewisser Abhängigkeit von ihm standen...." Es ivurde ihm weiter zuin Vorwurf gemacht, daß er„schwer bezecht die Internationale Artisten- löge arg beschimpfte", daß er„noch weniger nüchtern war", als ihn ein Journalist in einein Rcstauraiit wegen seines Benehmens zur Rede gestellt hatte. ES sollen sogar, heißt es,„auf Dienstreisen, die der Prüfung neuer Nmnmern galten, noch seltsamere Fälle passiert sein: Abfällige Urteile über neue Nummern am Variete, deren Besichtigung der alkoholfreundliche Direktor einfach— verschlafen halte." Auf alle diese Angriffe hatte Direktor Kammsetzer nicht geant- wortet, trotzdem er eine Erwiderung hätte finden müssen. Denn§ S3 der Gewerbe-Ordnnng schreibt vor, daß die Konzession zurückgezogen werden kann, wenn ans Handlunge» oder Unterlassungen des In- aberS der Mangel derjenigen Eigenschaften klar erhellt wird, ivelche ei Erteilung der Konzession vorausgesetzt werden mußten. Nachdem Thatbestand der Dinge hätte Direktor Kammsetzer fürchten müssen, daß ihm die Konzession, die es ihm ermöglichte, die Direktion im Wintergarten zu führen, entzogen werden könnte. So lange aller- dings das Gericht fiel, mit dieser Angelegenheit nicht beschäftigte, konnte der verantwortliche Dezernent am Polizeipräsidium auch nicht die KonzessionSentziehuilg beantragen. Vor der Einmischung der Gerichte hatte aber Direktor Kammsetzer begreifliche Scheu. So wurden nach und nach die Verhältnisse für den Beschuldigten un- haltbar. Kammsetzer hat wohl seine Schuld eingesehen, denn er hat unlängst bei der Internationalen Artistcnloge um Verzeihung gebeten. In der Generalversammlung sollte ihm, so verlautet, ein neuer Vertrag zur Unterschrist vorgelegt werden, in dem ausdrücklich bc- stimmt war, daß die Gesellschaft sofort ihrer Pflichten entbunden fein würde, wenn Kammsetzer auch nur einmal Excesse begehen sollte. Auf diese Eventualität war Kammsetzer nicht gefaßt, er glaubte viel- mehr, wie bemerkt, daß er seines Amtes sogleich enthoben werden sollte. Alle Vorhaltungen seiner Freunde hatte er in die Luft gc- schlagen.„Js ja alles ganz egal," äußerte eo oft:„Lange habe ich so wie so nicht mehr zu leben." Und er trank wieder und wüstete weiter. So hatte er sich selbst zu Grunde gerichtet und seinen Untergang beschleunigt.... Die„Wintergarten G. m. b. H." teilt unS mit, daß das bedauer- liche Ende des artistischen Direktors, Herrn Gustav Kammsctzer, die Geschäfte der Gesellschaft nicht beeinträchtigen wird. Es liegt weder eine Schädigung der Gesellschaft vor, noch wird die Führung des Etabkisscnients irgend ivelche Unterbrechung oder Aenderung erfahren. Die Angelegenheit des Rechtsanwalts Dr. Bcnscher, die nach einer von den Verwandten dieses Herrn gegebenen Versicherung sich durchaus harmlos aufgeklärt haben soll, scheint doch recht bedenklich zu liegen. Hiesige Blätter berichten, daß der verheiratete Mann mit seiner früheren Geliebten, die jetzt auch verschwunden ist, noch Be- Ziehungen unterhalten habe. ES ist dies ein Fräulein Kämmerling, der Benfcher in der Bahnstraße 43 zu Schöncberg eine luxuriöse Wohnung eingerichtet hatte. Dr. Bcnscher hat von New Jork aus mit der Vertretung seiner Interessen einen ihm bekannten Anlvalt betraut, da Rechtsanwalt Dr. Messow sein bisheriges Amt als Geschäftspfleger niedergelegt hat und das Gericht ersucht hat, einen solchen zu ernennen. Die Anwaltskammcr wird übrigens sich eben- falls mit dieser Angelegenheit beschäftigen. Weiter berichtet das „Berl- Tgbl.": Was die Umstände betrifft, die Bcnscher zu seiner Flucht veranlaßt haben, glaubt man jetzt nähere Anhaltspunkte ge- suuden zu haben. Sie deuten auf Beziehungen hin, die der Flüchtige mit einem Herrn gehabt hat. in deren Verlauf es schon einmal zu einem Prozesse gekommen ist. Die Geliebte Dr. Benschers ist vorläufig nicht auffindbar. Eine Spur deutete nach Groß-Lichterselde hin, doch ist die Frau bisher dort nicht ermittelt worden. Auch in ihrer rheinischen Heimat, wohin sie sich begeben wollte, ist sie- noch nicht eingetroffen. Da sich die Staatsanwaltschaft der Sache noch nicht angenommen hat und„Frau Dr. Kämmerling" einen großen Vorsprung auszunutzen in der Lage ist, sind die Er- Mittelungen nach ihrem Verbleib sehr schwierig. Der neue Rechts- beistand Dr. Benschers wird vermutlich auch gegen die Schuldner seines Klienten vorgehen. Wie sich jetzt herausgestellt hat, hat Dr. Benscher stets eine offene Hand für seine Bekannten gehabt, und es fiel diesen nie schwer, mitunter sehr bedeutende Darlehen von dem leichtlebigen Herrn zu erhalten. Rechlsanwalt Dr. Benscher hat an seine hiesigen Verwandten von New Dort aus ein Telegramm gerichtet, in dem er mitteilt, daß er sich heute wieder nach„Europa" zurückbegiebt. Ob er nach Berlin kommt und ob er seine Patentangelegenheit in Amerika erledigt hat, darüber sagt er in der Depesche nichts. Vom Submissionöwesen. Zur Herstellung der neuen Schöncberg- Tempelhofcr Verbindungsstraße muß am Doppelbahnhof Papestrafze eine Unterführung dieses Weges unter den Geleisen der Anhalter- und der Ringbahn hergestellt werden. Die hierzu erforderlichen Erdarbeiten waren vom Magistrat Schöneberg im Wege der Sub- Mission ausgeschrieben worden. Das Ergebnis war eine Höchst- forderung von 260 000 M. und eine Mindestforderung von 72 000 M., d. h. 188 000 M. weniger. Die Folge war, daß niemand den Zu- schlag erhielt und eine engere Konkurrenz stattfindet. Fräulein Löwys Opcrcttenschnle. In dem Hause Flensburger- straße 14 bewohnte seit l'/z Jahren eine 3ä Jahre alte Sängerin Fanny Löwy sechs wohleingerichtete Zimmer mit Zubehör. Die Dame saug früher in Wien unter dem Namen Fanny Kraft und nennt sich auch hier noch so. Bald nach ihrer Uebersiedelung nach Berlin gründete sie eine Operettenschule. Ihre Schülerinnen waren überwiegend junge Wienerinnen, Töchter angeschener Bürger- familien. In der Nachbarschaft fiel es schoir länger auf, daß die „Operettenschule", in der nur junge Mädchen ausgebildet werden sollten, so sehr viel von Herren besucht wurde. Gleicbwohl würde die Schule noch heute bestehen, wenn die Leiterin keine Unvorsichtigkeit begangen hätte. Fräulein Löwy hatte einer Frau S., die in demselben Hause, wohnte, ihre Wäsche anvertraut. Als sie darauf etwas warten mußie, da sie nicht so rasch trocknete wie die Wäscherin geglaubt hatte, so ließ sie Frau S. durch ihr Dienst- mädchen fragen, ob sie die Sachen vielleicht versetzt habe. Entrüstet ließ ihr die Wäscherin antworten, sie sei eine ehrliche und an- ständige Frau und lvürde auch niemals wie sie eine Kupplerin lverdeu. Als Fräulein Löwy sie darauf wegen Beleidigung ver- klagte, trat Frau S. durch ihren Anwalt den Wahrheitsbeweis an, und das Ergebnis der Ermittelungen brachte die Klägerin in das Untersuchungsgefängnis. Die fünf Dienstmädchen, die sie in den 11/, Jahren gehabt'hatte, bekundeten Dinge, die die„Operetten- schule" in einem ganz unzweideutigen Lichte erscheinen ließen. Während der„Hebungen" erschienen Grafen, Barone, Doktoren usw., und den Unterrichtsstunden folgten ausgelassene Schäferstunden, die für die Leiterin außerordenrlich gewinnbringend waren. Die ehe- malige Sängerin hatte sorgfältig Buch geführt. Trotz ihrer Vorsicht, die sehr zahlungsfähigen Besucher nur mit dem Vornamen auf- zuführen, fand die Kriminalpolizei doch genügende Anhaltspunkte, um davon mehrere zu ermitteln. Auch die Vernehmung der Schülerinnen fiel für die Gcsanglehrerin sehr belastend aus. So kam es. daß Fräulein Löwy verhaftet und in das Unterfuchungs- gefängnis gebracht wurde, trotz ihres Leugnens. Von dem Umfang des Geschäfts geben die Zahlen eine Vorstellung. Eine einzige Schülerin der Lehrerin verdiente in einer Woche über 1000 M., natürlich nicht durch Singen. Bankierssöhne als Dcfrandanten. Die Witwe deS Bankiers Döbblin in Rathenolv führte nach dem Tode ihres Mannes das alte Bankgeschäft als Universalerbin Iveitcr und stellte ihre beiden Söhne Willy und Karl als Prokuristen an. Zahlungsschwierigkeiten führten dahin, daß vom Gericht ein Bücherrevisor mit der Prüfling des Geschäftsbestandes beauftragt wurde. Diese ergab, daß Depots im Betrage von ISO 000 M. fehlten. Willy Döbblin wurde daraufhin verhastet, während sich Karl seiner Festnahme zu entziehen wußte. Der Verfolgte wohnte unter falschem Namen in einem Berliner Hotel. AlS man ihm auf der Spur war, muß er eine feste Wohnung genommen haben. Er kam nicht mehr in das Hotel zurück und ließ seine Sachen im Stich. Voil der Staats- anlvaltschaft init der Verhaftung des Flüchtigen beauftragt, ermittelte die Kriminalpolizei, daß er am Sonnabend nach Frank- surt a. O. gefahren war und gestern hier auf dem Bahnhof Friedrichstraße wieder eintreffen sollte. Während man ihn aber hier erwartete, stieg Döbblin auf einer Vorstation aus und fuhr von dort aus nach seinem Schlupfwinkel in Borsigwalde. Nachdem man auch diese Spur gefunden hatte, begaben sich gestern nachmittag zwei Beamte nach Borsigwalde, um den Gesuchten, der Revolver und Gift bei sich trug, festzunehmen. Als sie einen Mann, auf den die Beschreibung paßte, aus einen: Hinterzimmer iibcr den Hof nach einem in demselben Hause gelegenen Cigarrenladen gehen sahen, sprachen sie ihn mit dem Namen Döbblin an. Sosort zog der Manu, der wohl Unheil witterte, seinen Revolver aus der Tasche, doch bevor er ihn auf sich richten konnte, war er schon überwältigt. Die Beamten hatten den Richtigen- gefaßt. Döbblin wird nach Rathenow zurückgebracht. Heldentum im Elend. Der SO Jahre alte Maurer Friedrich Jänsch, ein Junggeselle, war seit Ende November vorigen Jahres krank und arbeitslos und lebte von einigen Spargroschen, die er früher zurückgelegt hatte. Einer Krankenkasse gehörte er nicht an. Seine Wirtin riet ihn: wiederholt, sich an den Armenvorsteher zu wenden, damit er Unterstützung erhalte oder ins Krankenhaus komme. Aber der Kranke, der viel an Schüttelfrost litt, lehnte jede Unter- stütznng ab, um sein Wahlrecht nicht zu verlieren. An: Sonnabend toaren die Ersparnisse aufgezehrt. Für die letzten fünf Pfennige kaufte sich Jänsch noch Zwieback. Nachdem er diesen gegessen hatte. befestigte er mit einem Nagel eine Schlinge an der Wa>td, setzte sich auf seinen Koffer mit den geringen Habseligkeiten und erhängte sich in dieser Stellung. Als seine Wirtin abends nach Hause kam, war er tot. Straßensperrungen. Die Lynarstraße von der Tegeler- bis zur Sparrstraße wird behufs Wiederherstellung des gemauerten Kanals der städtischen Kanalisationswerke vom U.d.M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt? ebenso die Eiserne Brücke behufs Erneuerung des Oberbelagcs vom 12, d. M. ab. Ein schwieriges Werk wurde am Aiontag von der Feuerwehr in der Stallschreiberstraße 32 glücklich vollendet. Dort war infolge des herrschenden Sturmes ein etwa 5-�-6 Meter hoher eiserner Fabrik- schornstein ins Wanken gekommen. Er drohte einzustürzen und daS Dach zu durchschlagen. Da Gefahr im Verzuge war und Menschenleben in Gefahr schwebten, wurde die Feuerwehr benachrichtigt, die den Schornstein umlegte. Ein neuer Kursus im Schreiben auf der Schreibmaschine System Bar-Lock, Ideal und Remington wird in der 7. städtischen Fort- bildungsschule für Jünglinge und Männer, Gräfestraße 8S/87, an der Kottbuser Brücke, jetzt eingerichtet. Der Unterricht findet Dienstags oder Freitags abends von 7Vz— O'/a Uhr statt. Jedem Teilnehmer werden auf Wunsch noch besondere UebungSstunden ein- gerichtet. Das Unterrichtsgeld beträgt halbjährlich nur 2 M. An- Meldungen nimmt Herr Rektor Faltz noch täglich von 12—1 Uhr und von 7—3 Uhr abends im Amtszimmer entgegen. Klus clen dsackbarorten. Wilmersdorf. Es bedarf der ganzen Anstrengung der Arbeiter- 'chaft, wenn unsre Kandidaten Adler, Natusch, Giebler, Hilpert, Kieser und Schröder bei den heute und morgen stattfindenden Stichwahlen zur G c m e i n d e v e'r t r e t u n g den Sieg davon- tragen sollen. Die Gegner arbeiten im Stillen mit außerordentlicher Emsigkeit und schleppen weit mehr Reserven heran als zur Haupt- wähl. Wer nicht will, daß die Rathauspartei unumschränkt die Herrschaft ausüben soll, wem daran liegt, daß die arbeitende Be- völkerung in der G emeind ev ertretung ein Wort mitzureden hat, der trete möglichst heute noch an den Wahlttsch. Soll der Socialdemo- kratte diesmal der Sieg zufallen, dann muß die Arbeiterschaft von Wilmersdorf sich weit energischer rühren als vor vierzehn Tagen. Namentlich die Berliner Arbeiter werden ersucht, in der Werkstatt, auf dem Bau ihre Wilmersdorfer Kollegen auf die Bedeutung der Wahl hinzuweisen. Die Wahlhandlung geht vor sich vornnttagS von 10 bis 2 Uhr und nachmittags von 4 bis 8 Uhr? WahUokal ist der Viktoria-Garten, Wilhelinsaue 114. Kein Wilniersdorfer Arbeiter darf seine Wahlpflicht versäumen! Nen-Weißcnsec. Der Voranschlag deS Haushaltsplans für 1904 ist nun auch den Gemeindevertretern zugegangen. Der Etat der ordentlichen Verwaltung beläuft sich in Einnahme und Ausgabe auf 966 000 M. und zwar: Allgemeine Verwaltnng: Einnahme 44 280 M., Ausgabe 147 482 M. Armenverwaltung: Einnahme 29 2S0 M., Ausgabe 85 808 M. Schulverwaltung: Einnahme(inkl. höhere Schule) 56 605 M., Ausgabe 329 015 M. Verkchrsvcrwaltung:/z und 11 Uhr fanden in Sofia einige schwache Erdstöße statt. Am Sonntag früh um 4 Uhr 23 Minuten und vormittag um 19 Uhr 53 Minuten wurden starke, je eine und eine halbe Minute dauernde Erdstöße verspürt. Auch gestern früh um 3 Uhr und um 6 Uhr 18 Minuten früh ivurden Erdstöße wahrgenommen. Nennenswerter Schaden wurde nicht angerichtet. LHekKasten der Redaktion. �stmftifchcr C«U. Tic juristische Sprechstunde findet täglich mit ZluSiiahme deS Sonnabends von 7'k bis O'/j llhr abends statt. Geöffnet: 7 Ubr. Hans Pr. Ein Ausländer hat lein Recht ans Naturalisation. Für das Ermessen der Behörde kann alles mögliche maßgebend sein. Nach dem von Ihnen berührten Umstand erkundigt sich die Behörde nicht, Sie haben keine Veranlassung ihn anzuführen. Das Gesuch um Naturalisation ist an die Polizeibehörde zu richten.— W. 3. Die Mutter erbt'/«, die Kinder "1, des Nachlasses. Haben Sie seinerzeit das Geld als Darlehn gegeben, so kommt es als Nachlaßschuld zur Anrechnung. Näher liegt die Annahme, daß Sie das Geld Ihrem Pater geschenkt haben: dann steht Ihnen eine Nachlaßforderung wegen der Geldhingabe nicht zu.— H. 23. B. kann nur gegen A. klagen.— Heinrich Hendel. Die Polizeibehörde ist in Ihrem Falle im Recht. Wiederholt kann wegen Nicht beiblingung der Bescheinigung aus Strafe nicht erkannt werden.— Carl tthde. Wenden Sic sich be- schwerdesührcnd an die Polizeidjrcktion und an das Amtsgericht. — W. f. Rathenow. Es empfiehlt sich, den letzten Satz des K 3 zu streichen. Sonst sind die beiden Testamente gültig, wenn die Form gewahrt ist. Eine Enterbung an Geschwister oder Schlvägern oder Nichten und Äefsen auszusprechen, ist nicht erforderlich. Schwäger sind nicht erbberechtigt, Geschwister, Neffen und Nichten nur dann, wenn lein Testament vorliegt. Pslichtteilsbercchtigt, also auch gegenüber einem anders lautenden Testament erbberechtigt, sind nur die Eltern, der Ehegatte und die Kinder des Testamentierenden.— Zl. R. Sie müssen bei der in Ihrer Einschätzung angegebenen Behörde reklamieren.— O. W. S. Ja. — R. B. 1. Ihnen steht ein Anspruch aus Ersatz der aus der unvcr- verschlossenen Baubude fortgcnommenen Sachen gegen den Unternehmer zu. Das Nichtzuschließen ist eine Fahrlässigkeit, die der Unternehmer zu vertrete» hat. Die Ausbewahrungspflicht des Arbeitgebers bildet einen Teil des Arbeitsvertrages. So ist mehrfach z. B. vom Wilhelmshavener Gewerbe- gericht am 28. September 1901 entschieden. 2. Ist kein Kündigungsausschluß vereinbart, so steht Ihnen Schadensersatz sür 14 Tage zu. Eure Vereinbarung des Ausschlusses eüier Kündigungsfrist kann auch aus der Thatsache entnommen werden, daß der Tarifvertrag solche Vorschrift enthält und daß der Arbeiter zu der Organisation gehört, die den Vertrag ab- geschlossen hat. Die weitergehende Ansicht, daß auch Arbeiter oder Arbeit- gebcr, die nicht zu den Gruppen gehören, sür die der Vertrag geschlossen ist, oennolb davon betroffen werden, wird in Theorie und Praxis von Einigen verfochten, ist aber mit dem Wesen eines freien Arb eitsvcrtrageS unvereinbar. Wohl aber kann aus der Kenntnis eines solchen Kontrahenten von der tariflichen Vereinbarung und seinem Stillschweigen entnommen werden, er wolle diese Vereinbarung wessen. Hierdurch die traurige Nachricht, daß am Sonnabend, den 9. April, abends 10 Uhr, meine innig geliebte Frau, unsre gute Mutter, Schwester, Tochter und Schwicger- tochter klmw Leutner geb. Eicbwede nach langem, schwerem Leiden im 31. Lebensjahre sanft entschlafen ist. Die Beerdigung findet Mittwoch, den 13. Ülprii, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des EmmauS- Kirchhofes aus statt. vis trauerndon Hinterbliebenen. Todcs-Anzeige. Am 11. April verstarb uujer zweiter Sohn KieM Lösche. Er war das hervorragend be- gablcstc unsrer fünf Kinder.— Unsre größten, schönsten Lebens- Hoffnungen senken wir mit ihm in die Grust. Die Beerdigung findet am Donnerstag, 14> April, nach- mittags S'/z Uhr, aus dem Zwölf Apostel-Kirchhos in Schömberg (Bahnhos Ebersstraße) statt. AuKnst liösche, Sophie tiösche geb. Jahna, 405b Courbisrestr. 7. WcksWNg. Allen denen, die an der Beerdigung meines lieben Mannes teilgenoinmen haben, besonders dem Vorstande des Ecntralverbandcs der Schuhmacher, sowie dem Redner Proscssor Göhrkc sür seine trostreichen Worte am Grabe meinen innigsten Dank. 423b Lisi.! Johanna Neitzseb. Am 9. April verschied nach kurzem, schwerem Leiden unser inniggclicbter Vater, der Holz- bearbeitungsmaschincn-Zlrbester Wilhelm Liebke. Dies allen Freunden und Be- kannten zur Nachricht. Im Kamen der iiinierbliebenen Cinstav liiebke. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. April, nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Emmaus-Kirchhoss aus statt. llenlscher Holzarbeiter-Yerband. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege, Maschinenarbeiter Wilhelm Liebke am 9. April verstorben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. April, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- Kirchhofes aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 82/3 Die Ortsverwaltung. Dr. Simmel, Specialarzt sür[86/15* Hant- und Harnleiden. 10—2,5-7. Sonntags 10-12, 2-4. Dr. Schünemann L-pecialarzt für Haut-, Harn- und Frauenleiden, Seydeisdr. 1>. S,'1,9— V,», Somit. 9-11 Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Ntctallarbeiter Richard Stocker am 7. d. Mts. gestorben ist. Ehre seinem Andenken I 114/3 Die Ortsverwaltung. Todes- Anzeige. Men Freunden und Bekannten die traurige �Nachricht, daß unser lieber Vater, Schwiegervater und Großvater, der Tischler August Weilte im 75. Lebensjahre am Sonntag früh 2 Uhr nach kurzem Kranken- lager sanst cntschlascn ist. Die Beerdigung findet am Mitt- Wochnachmittag 4 Uhr von der Leichenhalle des Enimaus- Kirch- Hofes aus statt. 402b Die trauernden Hinterbliebenen. Danksagung. Für die zahlreichen Beweise inniger Teilnahme, sür die schönen Kranz- spenden, insbesondere aber dem Ge- sangvcrem„Rote Nelke I* am Grabe unfres Vaters sagen wir allen unfern herzlichsten Dank. 411b Die trauernde Familie Schnuti. Für die vielen Bciveise der Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Mamies, nnsrcs guten Vaters, des Restaurateurs 420b Karl Grandke sagen allen Kollegen, Bekannten und Verwandten unfrei, tiesgesühltcn Dank. Wwe. Marie Grandke nebst Kindern. sür Vaidoiamisliist und OnigeptL Am Freitag, den 3. April, ver- starb unser Mitglied, der Stein- drucker Karl Kohr in Waidmannslust an Lungenentzündung. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 12. April, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle in Lübars aus statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet 222/3 Der Torstand. Todes-Anzelge. Am Freitag, den 8. April, ver- schied nach kurzem, schwerem Leiden mein inniggeliebter Mann, unser guter Vater, der Siein- drucker K»rl Kohr im 39. Lebensjahre. Die Beerdigimg findet am 12. Slpril, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle in Lühars aus statt. Die trauernden Hinterbliebenen. i—Eine Mark wöchentliche Teilzahlung liefere Bestellungen n. Maß, tadcll. Auss.| Werkstatt im Hause. J.Werg, NeiieKonigstrJll «M Direkt am Alexanderplatz. I teppdeeken in Gelegenheitskauf. I, alle Farben Siisei, Parten 6, Xormai- n n Seblaftlecken 2,00, 3,00 m, Speeial- Haits Oraflienstrasse 1S8. Thür. 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