N». 8«. Bbonnemenfs-Bedlngungen: Abonnements• Preis pränumerando! Bierteljährl. 3,30 Mb, monatl. UV MI., wöchentlich 28 Pfg, frei inS HauS, Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags- nummcr mit illustrierter Sonntags- Vellage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen m die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungam S Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 21. Jahrg. Die TnltrflonS'GebOftr betrügt für die fechSgefpaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschaslliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen 2S Pfg. „Kieine anzeigen", das erste ssett- gedruckte) Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nunimer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn, und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöfstiet. erscheint»glich außer Dlontags. Devliner DalfeWaff. Telegramm-Adresse: „Sozialdemokrat verlio". Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte» Deutfchlandd. Redahtion: 8 öd. 68, Lftidenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Mittwoch, den IB. April 1904. Sxpedtttom 6 Cd. 68, Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Budde- Spitzel. Wie man einen Spion fängt. Durch Zufall wurde dem Vertrauensmann des Eisenbahner- Verbandes bekannt, daß der in der E i f e n b a h n- W e r k st a t t Grunewald beschäftigte Schlosser Adolf Spieler sich der Polizeibehörde angeboten habe, für ein Monatsgehalt von 300 M. der Behörde alles auf den Hamburger Eisenbahner- Verband Bezügliche zu verraten. Da Spieler sich als Mitglied des Eisenbahner- Verbandes stets unliebsam hervorzudrängen versuchte, so war von vomherein Mißtrauen gegen ihn vorhanden. Es fand sich dann auch leicht eine Gelegenheit, unter fingierter Adresse Anknüpfung mit Spieler zu erhalten. Auf die Anforderung, einen Ort für ein Zusammentreffen anzugeben, bestimmte Sp. in einem Briefe„Brandenburger Thor, Standbild Kaiser Friedrichs Hl.", als Zeit Sonnabend. 9. April, abends 8>/, Uhr. Ms Erkennungszeichen sollte eine in der Hand getragene Papierrolle dienen. Zur angenommenen Zeit fand sich ein vertrauter Genosse, der Sp. nicht kannte und von ihm nicht gekannt war, am verabredeten Orte ein. Im Hintergrunde warteten die Vertrauensleute der Eisenbahner, in der Voraussetzung, Spieler würde sich nicht bewegen lassen, an die ver- abredete Stelle:„Schultheitz-Ausschank". Unter den Linden, mitzu- gehen. Der Vertrauensmann der Partei hatte sich kaum am Treffpunkt eingefunden, als auch Sp. auf ihn lossteuerte und, seiner Sache an- scheinend sicher, ohne weitere Umschweife begann, seine Absicht darzulegen, ohne daß unsre Genossen auch nur den Versuch zu machen brauchten, sich mit dem Nimbus der Polizeigesandtschast zu umgeben. Spieler konnte nicht ahnen, daß auf sein Angebot an die P 0 l i z e i sich jemand anders einfinden könnte, als eben ein Abgesandter der Polizei. Anfangs wollte er von dem Besuch eines Lokales nichts wissen und zog einen Spaziergang im Tiergarten zur Erledigung des unsauberen Geschäftes vor. Kurz vor der Stelle aber, an welcher die Genossen, die ihn stellen wollten, seiner harrten, drehte er wieder um und nun ge- lang es dem vermeintlichen Kollegen Spielers, ihn mit Rücksicht auf das unfreundliche Wetter zum Besuch des verabredeten Lokales zu bewegen. Kurze Zeit später fanden ihn hier die Ver- trauensleute der Eisenbahner in eifrigem Gespräch mit den, Ver- trauensnmnn, der ihn in Enipfang genommen hatte. Da Spieler sie nicht sofort bemerkte, so ließ man ihn noch eine Zeit gewähren. damit er Gelegenheit fand, seine Pläne vollständig entwickeln zu können. In der kurzen Zeit hat er dann auch seine ganzen Geheimnisse zum besten gegeben. Er er- zählte, daß er seit acht Jahren gegen ein Monatsgehalt von 25 Mark im Dien st e der Polizei stände, daß er dieser in Kiel und Posen bereits viele Mitteilungen aus der Arbeiterbewegung gemacht habe. Er wolle nun- mehr aber nicht mehr durch einen„Zwischenmeister" mit der Behörde arbeiten, sondern selbständig werden. Die Abhängigkeit von einem andern untergeordneten und ihm gleichwertigen Polizei-Organ behage ihm nicht. Was er wisse, könne er besser bezahlt erhalten, wenn er xs dirett einliefere und nicht wie bisher durch eine dritte Person. Als Material wolle er alle Korrespondenzen, die zwischen dem Vorstand des Eisenbahnerverbandes und den Vertrauens- leuten gewechselt würden, der Behörde einliefern. Jetzt erhalte er nur mündliche Mitteilung aus diesen Korrespondenzen. In acht Wochen, spätestens einem Vierteljahr aber iväre er Ver- trauenSmann der Ortsgruppe Charlottenburg, die er zu gründen im Begriff sei. Dann erhalte er auch die Korrespondenzen von dem Vorstande dirett, und er würde nicht nur die Liste der Mitglieder in Händen haben, für die er„Vertrauensmann" werden wolle, sondern auch Angaben über Mitglieder in andren Orten niachen können. Im übrigen wäre auch das Material, das der Minister Budde gegen den Eisenbahner-Verband im Abgeordneten- Hause verwandt habe, von ihm geliefert. Kurz. Spieler hat hier einem vermeintlichen Polizcibeamten gegenüber nicht nur mit dem bisherigen Verrat, den er an seinen Arbeitsgenossen verübt hatte, sich gerühmt, sondern einen vollständigen Plan entwickelt, wie er diesen Verrat in größerem Matzstabe gegen höhere Bezahlung weiter ausführen wolle. Er hat dabei viel Zutreffendes berichtet. Besonders trifft zu, daß er schon seit längerer Zeit bemüht ist, eine Ortsgruppe der Eisenbahner in Charlottenburg, wo er Kantstr. 111 bei Bartsch wohnte, zu errichten. Nur weil man ihm nicht traute, wurden diese Versuche bisher abgewiesen. Es ist also über die Absichten Spielers kein Zweifel. Dieser war aber sofort behoben, als die ihn beobachtenden Ver- trauensleute an den Tisch traten, an welchem er seine schändlichen Pläne entwickelte. Er zeigte das Gebaren, das bisher jeder ent- larvte Spitzel offenbarte. Zitternd und blaß und keines Wortes mächtig saß er da. Das Verhalten eines Verbrechers, wenn er keinen Ausweg mehr findet. Als schließlich dann der Vertrauens- mann, den er in seine Geheimnisse eingeweiht hatte, an die drei hinzugekommenen Genossen die Frage richtete:„Nun, Parteigenossen, habe ich meine Sache gutgemacht?" brach er plötzlich völlig zusammen und verließ, ohne ein Wort hervorbringen zu können, an allen Gliedern zitternd, das Lokal. Von welcher Art dieser Mensch ist. geht aber daraus hervor, daß er sich nicht entblödete, Tags darauf an den Vertrauens- mann der Eisenbahner folgendes zu schreiben: Ich bemerke, daß die gemachten Angaben auf vollständiger Unwahrheit beruhen. Ich benachrichtige Sie rechtzcittg. um Sie vor eventuellen Nachteilen zu warnen. Ich ersuche Sie, in Ihrem eignen Interesse, die Angelegenheit nicht öffentlich zu behandeln, da ich über die zu meiner Kenntnis gelangte Organisation nicht gern sprechen möchte. Sollten Sie nach dem univahren Material, welches Ihnen durch den bewußten Herrn, den ich so veralbert, mitgeteilt wird, hervortteten, so zwingen Sie mich, ebenfalls alles der Oeffentlichkeit zu übergeben. Von meiner Seite ist bis jetzt noch kein Material der Oeffentlichkeit übergeben worden. Die Folgen tragen sie selbst. Spieler. Das ist nach Lage der Sache, nach der ganzen Art, wie das Ab- fangen Spielers eingeleitet war, jedenfalls der Gipfel der Un- verfrorenheit. Da dem Menschen von vornherein kein Vertrauen entgegengebracht worden ist, so hat er auch weder von den Kor- respondenzen, noch von den Personen Kenntnis, die Mitglieder des Eisenbahner- Verbandes sind. Diese Mitglieder können also völlig beruhigt fein. Wenn Spieler auch den guten Willen hat, er wird doch nichts ver- raten können, weil es hier nichts zu verraten giebt. Dem Mnister Budde und denen, die aus solchen Quellen Material gegen die Arbeiterorganisattonen sich etwa bieten lassen, gratulieren wir zu diesen Errungenschaften. Herr Budde läßt in allen Betrieben seines gewaltigen Reiches gegenwärtig seine Reden unter dem Titel„Dienstliche Treue" ver- breiten. Das aber sind die notwendigen Folgen seines Systems, daß sich die„dienstliche Treue" in solchen schändlichen Verräter- diensten besonders hervorzuthun drängt, wie bei diesem Spieler. Wir möchten glauben, daß Herrn Budde diese Art von„dienst- licher Treue" selbst widerwärtig ist, daß er mit solchen Burschen nichts gemein haben will. Ist diese unsre Vermutung richtig, dann vermeide er aber auch alles, was verworfene Subjekte auf den Gedanken bringen muß, es sei ein besonderes wohlgefälliges Werk„dienstlicher Treue", als frei- willige Budde-Spitzel die Gesinnungen der Arbeitsgenossen zu denunzieren. Die polittschen Gesinnungen der.Eisenbahner gehen den Minister gar nichts an. Er hätte allen Anlaß, dies den Arbeitern zu erklären und zugleich darauf hinzuweisen, daß Denunzianten statt Belohnung Ausstoßung aus den staatlichen Betrieben zu erwarten haben würden. Das französifch-englische Abkommen. Paris, 10. April.(Eig. Ber.) Die„herzliche Entente" zwischen Frankreich und England ist nun zur greifbaren Form eines Vertrags- mätzigen Abkommens gediehen. Die allseitige Schlichtung der Kolonialdifferenzen, die sich seit reichlich 20 Jahren zwischen den beiden Ländern angehäuft haben, ist schon an sich ein bedeutsames geschichtliches Ereignis. Die gründliche Ausmerznng jeglichen Streit stoffes schafft für die absehbare Zukunft zwischen den zwei grötzten maritimen und kolonialen Mächten ein freundschaftliches Verhältnis, das wohl dauerhafter ist als mancher in Paragraphen forinulierte Allianzverttag. Was fpeciell Frankreich betrifft, so ist es kolonialpolitisch bereits gesättigt, genauer übersättigt. Von einigen wenigen fanatischen Kolonialfcxen abgesehen, denkt man allseitig nur daran, den ge- wonnenen enormen Kolonialbesitz zu festigen und auszunutzen. An der richtigen Ausnutzung desselben hapert es ja ganz besonders. Der einzige noch für notwendig gehaltene koloniale Vorstoß gilt dem „kranken Mann" von Marokko, dem Nachbarland Algeriens. Und in diesem wichtigsten Punkt hat nun England Frankreichs Wünschen vollauf stattgegeben, wie es in den andren Punkten die Festigung des französischen Kolonialbesitzes dirett und indirekt gefördert oder ermöglicht hat. Daher die innere Dauerhaftigkeit des neuen Ver- hältnisses, von der französischen Seite betrachtet. Vom englischen Standpunkte ist am wertvollsten Frankreichs Verzicht auf seine alten Ansprüche in Aegypten. Thatsächlich wird dadurch zwar nichts geändert. In Frankreich hat man schon seit langem mit der englischen Herrschaft in Aegypten als mit einer vollendeten Thatsache sich abzufinden gelernt. Indem aber das Ab- kommen ausdrücklich den Verzicht Frankreichs konstatiert, durch die Forderung einer zeitlichen Beschränkung der englischen Occupation oder auf andre Weise die britische Aktion in Aegypten zu hemmen iß 1 des Abkommens), wird die wichtigste Ursache des alten feind- seligen Verhältnisses ausgemerzt. Und die materielle Folge davon ist der Verzicht Frankreichs auf seine Politik der Nadelstiche in Aegypten, besonders auf seine finanzpolitische Obstruktion, die von der britischen Verwaltung sehr unangenehm empfunden wurde. Marokko und Aegypten— das sind die zwei wichtigsten Aus- tauschwerte des Abkommens. Dem strengen Parallelismus der beiderseitigen Zugeständnisse in Nordastika entspricht noch die gegen- seitige Verbürgung des Freihandels in Marokko und Aegypten für die Dauer von 30 Jahren, sowie die gcgenseittge Unterstützung bei der Durchfühnmg des Abkommens. Weniger gleichwertig sind die sonstigen Punkte der Abmachung. Wenn in Bezug auf Nordafrika beide Mächte— nach dem zutreffenden Ausdruck des„Tcmps"— von einander mehr empfangen als sie einander geben, so ist anderwärts das Abkommen für Frankreich in der Hauptsache viel günsttger als für England. Für den Verzicht auf die thatsächlich immer unhaltbarer werdende ausschlietzliche Benutzung der Westküste von Neufundland zu Fischereizwcckcn erhält Frankreich nicht nur die Rückgängigmachung einer neufundländischcn vexatorischen Maßregel, des seit 1886 geltenden Verbotes deS Verkaufes von Köderzeug an fremde Fischer, und die Anerkennung seines Rechtes auf den Hummernfang, sondern auch wichtigere Zugeständnisse in Westafrika: die Abtretung der Loos-Jnseln, die den französischen Hafen von Konakry beherrschen, die naturgemäße Abrundung seiner Grenzen zwischen dem Nigerfluß und dem Tschadsee nach dem Süden hin, was ihm eine Straße in fruchtbarem Gebiet sichert, und eine Grenzberichtigung ani Gainbieflnß, die ihm den Zutritt zum schiff- baren Teile dieses Flusses gewährt. In Bezug aus S i a m wird das Abkommen von 1896 dahin geändert, daß die beiden Mächte einander freie Hand lassen im Osten bezw. im Westen vom Gebiete des Menam- Flusses. Endlich wird ein letzter Rest alten Mißtrauens beseitigt durch den Verzicht Englands auf seinen Protest gegen die französische Schutz- zollpolittk auf Madagaskar. Man sieht, die französische Oeffentlichkeit hat allen Grund, dem Abkommen zuzujubeln. Nur die nationalistische Presse, die den Haß gegen England zu einem patriotischen Glaubensartikel erhoben hat, mutz aus innerpolitischen Gründen schmollen oder auch schimpfen, was übrigens keinerlei Bedeutung hat. Die verantwortlichen Organe verkennen auch nicht die weltpolitische Bedeutung des Ab- kommens, zumal gerade in der Zeit des ostastatischen Krieges. Es ist klar, daß die intime Annäherung zwischen dem Ver- bündeten Rußlands und dem Verbündeten Japans nach menschlicher Berechnung jede Möglichkeit einer Ausdehnung jenes Krieges auf die zunächst interessierten Westmächte aus- schließt. In diesem Zusammenhange ist noch zu betonen die ausdrückliche Anerkennung der Neutralität des Suez» Kanals durch England. Andrerseits ist es unzweifelhaft, daß die russische Diplomatie der französisch-englischen Freundschaft von Anfang an wohlwollend gegenüber stand, wie auch, daß diese ihr besonders im Kriege mit Japan wertvoll sein niuß.... Das ist vom frei- h e i t l i ch e n, antizaristischon Standpunkte die Kehrseite des französisch- englischen Abkommens, so lange Frankreich mit dem Zarenreich verbündet ist. Die franko-russische Alliance aber ist fest wie nur je. Denn das so günstige Abkommen mit England ist in Wahrheit Frankreichs erster positiver Gewimt, den es indirekt jener Allianz schuldet. Was Deutschland betrifft, so sind die Erwägungen, die an dieser Stelle im Beginn des franko-englischen Einvernehmens aus- gesprochen wurden, jetzt erst recht am Platze. Wenn England seinem alten Rivalen und dem Verbündeten seines Ivahren„Erbfeindes", Rußlands, so wertvolle Zugeständnisse gemacht hat, um seine Freund- schaft zu erkaufen, so kann eS sich durch nichts andres leiten lassen, als durch den Wunsch, Deutschland in der Weltpolittk matt zu setzen. Die Schcrgendienste der deutschen Regierung für den Zarismus sind. von allem andren abgesehen, ein lächerlich unbeholfenes Gegengewicht gegen die neue Weltlage, wie sie zum Nachteil Deutschlands durch das französisch-euglische Abkomnien eingeleitet wird.--- poUtifche Gebcrficbt. Berlin, den 12. April. Kanzler-Allerlei. Fast ist der Reichstag sogleich in der ersten Sitzung nach den Ferien als beschlußunfähig aufgeflogen. Das Münz-Gesetz, das neue Fünfzigpfcnnigstllcke bringen soll, stand als erster Gegen- stand auf der Tagesordnung. Die neuen Fünfzigpfenniger, von denen Proben vorgelegt wurden, wetteifern an Geschmacklosigkeit mit den neuen Postmarken Podbiclskischer Herkunft; sie unterscheiden sich von den bisherigen dadurch, daß sie kleiner und dicker sind. einen wulsttgen Rand haben und daß die Inschrift'/e Mark statt wie bisher 50 Pfennig lauten soll. Nach längerer Debatte mußte über den Antrag, daß die Vorlage zunächst einer Konimission über- wiesen werde, abgestimmt werden. Konservative und Social- dcmokraten stimmten in seltener Harmonie stir die Kon, missionS- beratung, die ganze Mitte dagegen. Die Schriftführer ver- mochten minutenlang nicht festzustellen, wofür die Mehr- heit vorhanden sei, eine Auszählung aber hätte die Beschlnßunfähigkeit ergeben. Schließlich wurde das HauS vor dieser Lächerlichkeit bewahrt, indem sich das Präsidialbureau entschloß, die Mehrheit für die Kommissionsberatung festzustellen. War der Reichstag nur sehr mittelmäßig besetzt, so waren die Zuschauertribiinen übervoll; rtian erwartete einen bedeutenderen Tag, da der Etat des Reichskanzlers vorlag. Der Tag brachte aber wenig Bedeutendes, und am wenigsten trug der Reichs- kanzler dazu bei, der Beratung seines Etats irgend welche Höhe zu verleihen. Vielmehr begann die Beratung in mehrfach zerstreuten Plänkelgefcchten, es gab keine das ganze Interesse fesselnde Schlacht. Dr. Spahn begann mit berechttgter Kritik gegen die Ver- hüllung unangenehmer Vorkommnisse durch die Amtsverschwiegenheit von Beamten, die nicht nur im bekannten Hilger-Prozesse, sondern selbst bei Untersuchungen in Wahlprüfungs-Angelegenheiten gegen Beschlüsse des Reichstages geübt worden ist. Staatssekretär Nieberding erwiderte mit dem der Centrun�partei gebührenden Entgegenkommen, ohne in der Sache gewisses zuzusagen. Unser Parteigenosse Dr. David nahm die Frage der Schiffahrtsabgaben wiederum auf, die fortdauernd das größte Interesse erheischt. Im Gegensatz zu den Erklärungen, die der Reichskanzler Graf Bülow in der ersten Etatsberatung gegeben hat, arbeiten die preußischen Agrarier eifrigst und unter dem Schutze des preußischen Ministeriums an der Einführung von Schiffahrts- abgaben auf Rhein und Elbe. Zwar untersagt die ReichSverfassung solche Abgaben, aber die Agrarier versuchen sie durch gezwungene Auslegung der Verfassung dennoch durchzusetzen, um daS ausländische Getreide, das auf den Strömen hereinkommt, und damit da» von ihnen selbst produzierte Getteide den Konsumenten zu verteuern. Graf Posadowsky gab eine Antwort, die den Verdacht. daß thatsächlich derartige Abgaben durchgesetzt werden sollen, im höchsten Maße verstärkt. Die Nationallibcralen sind unter allen Parteien die phhsto- gnomielosesten und ihr Matador Dr. Sattler ist der schreckliche Musterredner der absoluten Langeweile. Das bewies er wieder, in- dem er in peinigender Flachheit an allerlei polittschen Dingen herumnagte. Er streifte die auswärtige Politik! er wünschte, daß der Herero-Aufstand zum Aulaß für vermehrte Kolouialauflvcndungen werde; er verlangte eine größere Flotte; er betonte das Zusammen- wirken aller bürgerlichen Parteien gegen die Socialdemokratie und bedauerte,— nun kam die erwartete Jesuitenpauke— daß die Re- gierung durch ihr Entgegenkommen an den Ultramontanismus die Einigkeit der bürgerlichen Parteien erschwere. Nun hatte der Reichs- kanzle r die Gelegenheit erhalten, über allerlei Fragen sich aus- zusprechen. Ueber wenigsagendes Geplauder kam er nicht hinaus, wobei er mehrfach ans Fragen einging, die er erlvartet haben mag. die aber gar nicht gestellt waren. Gegen das neue französisch- englische Abkommen sei nichts einzuwenden; im ostasiatischen Kriege bewahre Deutschland legale Neutralität; Konzessionen an den Ultra- nlontanismuS auf Kosten des S taaiswohls habe er nicht gemacht, ermüsse aber mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Rücksicht nehmen auf die stärkste Partei des Reichstags; in Südwestafrika werde hoffentlich der Krieg den Beginn einer neuen und besseren Acra bedeuten. Fast allenthalben Allgemeinheiten ohne sachlichen Gehalt. Die Fortsetzung der Debatte am Mittwoch dürfte ernstere Worte in das belanglose Geplauder bringen.— Prenstisches Abgeordnetenhaus. DaS Abgeordnetenhalls hat am Dienstag seine Beratungen wieder aufgenommen und bei schwach besetztem Hause die zweite Lesung des Etats fortgesetzt. Erledigt wurde das Kapitel„Universitäten" sowie die auf die Universitäten bezüglichen Positionen im Extra-Ordinarmni des Kultusetats. Von einer allgemeinen Universitätsdebatte größeren Stils nahm das Haus Abstand, es sei denn, daß man den im Bülowscheu Stil gehaltenen Beschimpfungen der russischen Studenten seitens des freikonservativen Abgeordneten Rewoldt— man lvill die«Schnorrer" durch höhere Kollegiengelder ab- schrecken!— irgendwelche Bedeutung schenken wollte. Im übrigen kamen rein lokale Fragen zur Erörterung. Am Mittwoch stehen das Kapitel„höhere Lehranstalten" und„Kunst und Wissenschaft" auf der Tagesordnung. Die wasscrwirtschilftlichcn Borlngen. Dem Preußischen Abgeordnetenhouse sind heute die lange er- warteten sogenannten„wasserwirtschaftlichen Borlageu", deren wesentlichste Bestimmungen nebst einem kurzen Auszug aus der Be- gründung wir au andrer Stelle zum Abdruck bringen, zugegangen. Die betreffenden Gesetzesvorlagen zerfallen in fünf Teile; vier behandeln Vorflutfragen, einer bezieht sich auf Schiffahrrsanlagen. Zur Ver- Minderung von Hochwassergefahren und zur Verbesserung der Vorflut in der unteren Oder, Havel und Spree werden bis zu 60 820 000 M. verlangt, zur Verhütung von Hochwassergefahren in der Provinz Brandenburg und im Havelgcbiet der Provinz Sachsen bis zn 2 330 000 M., zur Regelung der Hochwasser-. Teich- und Vorflut- verhältnisse an der oberen und mittleren Oder 60 000 000. Eine Ergänzung dieser Gesetze bildet der Gesetzentwurf betr. die Frei- Haltung des Ueberschweinmungsgebicts der Wasscrläufe, der für den ganzen Umfang der Monarchie gelten soll. Der Gesetzentwurf betr. Herstellung und Ausbau von Wasserstraßen endlich fordert für Herstellung eines Schiffahrtskanals vomRhein nach Hannover 197 150 000, für Herstellung eines Großschiffahrtsweges Berlin— Stettin sWasserstraße Berlin— Hohensaathen) 43 000 000, für Verbesserung der Wasserstraße zwischen Oder und Weichsel sowie der Schiffahrtstraße der Warthe von der Mündung der Netze bis Posen 21 175 000, für die Kanali- sierung der Oder von der Mündung der Glatzer Neiße bis Breslan sowie zu Versuchsbauten für die Strecke von Breslau bis Fürstenberg a. O. 18 950 000 M., zusammen 280 275 000 M. Die Ausführung der genannten Bauten wird davon abhängig gemacht, daß die beteiligten Provinzen oder andre öffentliche Verbände der Staatsregicrung gegen- über bis zum I. Juli 1906 in rechtsverbindlicher Form bestimmte Verpflichtungen übernehmen. Um die Agrarier der Vorlage geneigter zu machen, wird in der Begründung betont, daß darauf Rücksicht genommen werden soll, daß bei Inangriffnahme und Durchführung der Arbeiten der Landwirtschaft möglichst wenig Arbeitskräste entzogen werden. Bezüglich der Schiffahrtsabgaben will die Regierung innerhalb der durch die Reichsverfassung ge- gebenen Grenzen Abgaben erheben,„welche die Betriebs- und Uitterhaltungskosten sowie die Zinsen und Tilgungsbeträge deS Anlagekapitals decken." Die Kritik der Vorlagen mit der beigegebenen umfangreichen Begründung und den sechs Denkschriften muß natürlich bis nach deren Studium verschoben werden, so viel aber läßt sich schon heute feststellen, daß die Regierung sich mit äußerster Sorgfalt bemüht hat, den Jnteressenforderungen des ostelbischen Großgrundbesitzes dienstbeflissen die weitestgehenden Zugeständnisse zu machen. Nicht nur insofern, als das Mittellandkanal-Projekt trotz des bekannten Ausspruchs„Gebaut wird er doch!" vorläufig völlig fallen gelassen worden ist— diese Konzession der Regierung an die Macht des Junkertums war vorauszusehen— sondern auch was die Heranziehung der beteiligten Provinzen und Bezirke zu den Baukosten der Wasserstraßen und besonders was die Fest- setzung der Schiffahrtsabgaben betrifft. Der Osten erscheint vor dem Westen in jeder Weise bevorzugt. Wie es in der Begründung beut- lich genug heißt, hält es die Staatsregierung für ihre Aufgabe, „durch Festsetzung der Abgabe ns die inländische Erzeugung thunlichst zu fördern", d. h. in gewöhnliches Deutsch übertragen: die Frachttarife auf den geplanten westlichen Kanälen so einzurichten, daß der landwirtschaftlichen Produktion aus dem Trausport ausländischer Bodenprodnkte auf den westlichen Wasserstraßen keine verstärkte Konkurrenz erwächst. Zirr Erreichung dieses Zweckes werden die Güter in verschiedene Klassen eingeteilt und für diese verschiedene Einheits-Frachtsätze ein- geführt, und zwar sind diese Sätze für die östlichen Wasserstraßen weit niedriger als für die westlichen. Beini Dortmund— Rhein-Kanal sind z. B. bei den Vcrkehrsermittelnngen drei Güterklassen mit 2, 1,5 und 1 Pfennig Abgabe für 1 Tonnenkilometer wirklicher Ladung angenommen, beim Kanal Bevergern— Hannover ebenfalls drei Klassen mit 1, 0,75 und 0,5 Pfennig Abgabe. Dagegen sind für die Wasserstraße Berlin— Hohensaathen, für die Wasserstraße Oder— Weichsel auf der Strecke von der Dragemündung bis Brahe- münde und für die Kanalisterung der Oder von der Mündung der Glatzer Neiße bis Breslau die im Osten der Monarchie bestehenden vier Güterklassen beibehalten, und die Abgaben bei den beiden erst- genannten Wasserstraßen zu 0,6 b e z lv. 0,5, 0,4 und 0,3 Pfennig für 1 T o iru e n k i l o in e t e r wirklicher Ladung augesetzt worden. Trotz dieser und andrer Konzcssionen an die ostelbischen Agrarier scheint indes die Regierung nicht die Annahme de? Teils der Vor- lagen, der die Verlängerung des Dortmnnd-Ems-Kanals betrifft, für gesichert z» halten; denn sie hat die Vorlage so eingereicht, daß dieser Teil bequem abgetrennt und— abgelehnt resp. zurückgestellt iverden kann, bis die Agrarier sich weitere Konzessionen gesichert haben.—_ Bom Textilstrcik.— CombcS Rede. Paris, 11. April. lEig. Bcr.) Die wichtigste Acnderung im Stand des TextilstreikS ist die für heute beschlossene Wiederaufnahme der Arbeit durch die B a u m w o l l s p i n n e r von Lille. Dieser Beschluß ist die Folge eines Ausgleichs, der versuchsweise für die Dauer eines Monats gelten soll. Die Arbeiter willigten ein in eine Lohnerhöhung von 3 Proz., wogegen die Unternehmer sich ver- pflichteten, daß die Lohnhöhe mit der Einführung des Zehnstunden- tages mindestens derjenigen des 10'/z-Stundentages gleichzukommen hat. Die Liller Weber verharren nach wie vor im Streik, und sie werden von den in Arbeit tretenden Spinnern Unterstützung erhalten, wie bisher schon von den Webern von Armentiores-Houplines. In R o n b a i x dauert der Kampf ziemlich unverändert fort. Herr Motte, der starke Mann der französischen Bourgeoisie, hat richtig jede koimnunale Hilfsaktion zu Gunsten der Familien der Streikenden barsch verweigert. Er verweist sie auf die— Armen- unterstützung!— Ja, er hat sich selbst geweigert, das kommunale Volksküchsngerät der Genossenschaft„La Paix" zur Verfügung zu stellen. Nichtsdestoweniger sind Volksküchen bereits in Thätigkeit. Der Nordpräfekt steht ostentativ zu Motte. Auf ein Schreiben des Streikkomitees hat er eine feindselige Antwort gegeben durch Vermittelung des Arbeiterfcindcs Motte! Die O r.duungs retter'ei der Regierung hat in A m i e n s, wo 5000 Arbeiter der Textil- und Bauindustrie im Streik stehen, einen besonders blutigen Verlauf genommen. Selbst der Berichterstatter des„Temps" meldet H u s a r e n a t t a ck e n mit entblößtem Säbel auf eine friedliche Menge, die vor dem bereits vollbesetzten Lokal der Arbeitsbörse sich an- gesammelt hat. Es gab zahlreiche Verwundete. Während der wilden Jagd auf die Arbeiter in den engen Gäßchen, wo die Menge notgedrungen immer wieder aufgestaut wurde, hat u. a. ein Hauptmann einem als„unschuldig" erkannten Anstreicher eine Kopf w n n d e mit dem Säbel beigebracht. Vorher erlitt ein Arbeiter, Boivin, einen schweren Schädel- b r u ch. Diese anfänglich für tödlich gehaltene Wunde war der Ausgangspunkt einer spontanen Straßenkund- gebung, in deren Verlauf den Streikenden fremde Elemente Schaufenster eingebrochen und Waren geplündert haben. Die Ausschreitungen dienten dann am folgenden Tage zum Vorwand der blutigen� Husarenattacken auf eine f r i e d- l i ch e Menge.... Jetzt erst hat der Friedensrichter seine schieds- gerichtliche Vermittlung angeboten. Die Textil- und Bauarbeiter acceptierten sie sofort, ebenso die Weberfabrikanten, die vorher zum größten Teil jegliche für die Arbeitszeitverkürzung entschädigende Lohnerhöhung abgelehnt hatten. Ueber die Ordiinngsretterei in Roubaix schreibt als Augen- zeuge Genosse Bracke ini„Socialiste":„... Man hat nichts Aehnliches gesehen selbst unter den aus das Niederschiehen versessensten Ministerien, selbst unter Waldeck nicht. Jedermann erinnert sich der schönen Umzüge der Bergarbeiter von Montceau während des letzten Streiks(unter Waldeck-Rousseau): sie wickelten sich ab ohne Hindernis. Zum erstenmal hat der Nordpräfekt letzten Freitag einen Beschluß gefaßt, der im ganzen Departement„Ansammlungen von mehr als zehn Personen" verbietet. Das ist der kleine Belagerungszustand. Diejenigen Arbeiter, die unter dem Kaiserreich gelebt haben, erinnern sich nicht, damals einem ähnlichen Schauspiel beigewohnt zu haben..." Mit Recht führt weiter Genosse Bracke aus, daß das Kabinett Combes sich gar nicht zu scheuen brauche, die öffentliche Macht in den Dienst des Kapitals zu stellen. Die Ministeriellen würden ihm auf jeden Fall treu bleiben. Ihm müsse einzig daran liegen, die Reaktionäre und das große Unternehmertum zu befriedigen... In der That, keine einzige ministerielle Zeitung sagt ein Wort gegen die empörende Behandlung der Streikenden durch die Regierung. Die empörenden Thatsachen selbst werden nach Möglichkeit verschwiegen, oder in einem entlegenen Zeitungswinkel versteckt. Dafür finden die ministeriellen Blätter Raum genug, um den vollen stenographischen Text der gestrigen Fe st rede Combes' in Laon zu veröffentlichen und sie langatmig zu beloben. Bei keinem der Lobschreiber strauchelt die Feder an den blutigen Handlungen des Ministeriums, die das unmittelbare Vorspiel zur demokratischen Rede des Ministerpräsidenten bilden.— Ein Punkt dieser sonst im üblichen Geleise sich bewegenden Rede ist besonders aktuell und zu- treffend. Combes wendete sich siegreich gegen die reaktionäre Finte, sein Ministerium wäre ein Werkzeug der„ s o c i a l i st i s ch e n Tyrannei":„Gewöhnlich zeigt sich eine derartige Tyrannei in votierten Gesetzen, in getroffenen Matznahmen, in vollzogenen Hand- lungen. Wo sind nun diese Gesetze, diese Maßnahmen, diese Hand- lungen?.. Ja, wo sind sie? Darauf mag Combes' unentwegter Lobschreiber, G s r a u l t- R i ch a r d, in der„Petite Röpublique" antworten und der Vertreter der jauresistischen Departements- föderation, B o u t o t, der auf dem Bankett in Laon den ver- antwortlichen Urheber der kapitalistischen Ordnungsretterei im Streik- gebiet in einem byzantinisch-widerlichen Trinkspruch beweihräucherte. Deiitfckea Reich. Zum Verkauf des„Fürst Bismarck". Der Schnelldampfer „Fürst Bismarck", der bisher der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt- Gesellschaft gehörte, liegt im Hafen von L i b a u und ist zweifellos bereits in den Besitz der russischen M a r i n e v e r w a l t u n g übergegangen; andre deutsche Schiffe sollen, wie verlautet, demnächst in russischen Besitz übergehen. Wir haben jüngst geprüft, ob die Neutralität, deren Jnnehaltung Graf Bülow am Dienstag wiederum im Reichstage betonte, bei solchen Verkäufen gewahrt ist, und wir haben die Ansicht ausgesprochen, daß bei strengerer Auffassung des Völkerrechts der Verkauf nicht zulässig ist. Diese Ansicht wird weiter verstärkt, wenn man in Erwägung zieht, daß der„Fürst Bismarck" keineswegs lediglich ein Schiff der Handelsmarine ist, sondern ein Hilfskreuzer der deutschen Kriegsmarine. Der„Fürst Bismarck" ist das größte derjenigen Handelsschiffe, die mit erheblicher Armierung versehen die Bestimmung haben, im Kriegsfalle Kreuzerdienst zu thun. Er ist für M aschine ngeschiitze und Schnellladekanonen eingerichtet und daher ausdrücklich im offiziell unterstützten Almanach für die Kriegsmarine in der Kriegs- schiffsliste eingezeichnet! Unter diesen Umständen wird es zweifellos, daß durch den Verkauf des„Fürst Bismarck" an Rußland die deutsche Neutralität nicht gewahrt worden ist.— „Der Paladin". Unter diesem Titel bespricht die„ M ü n ch n e r P o st" den Fall des Grafen Waldcrsee, über den bisher die gesamte Presse sich aus- schweigt. Die„Münchner Post" hatte zuerst und wiederholt vor mehr als Jahresfrist, also zu Lebzeiten des Generalissimus, die Affaire aufgedeckt. Sie erinnert jetzt an folgende Zeugenaussage aus dem Tausch- Prozeß: Vorsitzender: Haben Sie den früheren Agenten Normann- Schumann gekannt? Zeuge Brentano: O ja, sehr genau I Vorsitzender: Sie Ivaren früher Chefredakteur der„Saale- Zeitung"? Zeuge: Bis zum April 1897. Vorsitzender: Gehörte Normann-Schumann zu den Mit- arbeitern Ihrer Zeitung? Z e u g e: Ja... Er kam eines Tages zu mir nach Halle sehr aufgeregt und sagte mir, er habe heute eine Unterredung mit einer sehr hochstehenden Persönlichkeit gehabt und er habe die Gewißheit, daß der Sturz des Grafen Caprivi bevorstände und Fürst Bismarck wieder Reichskanzler würde.... Nach einigen Monaten erschien er wieder bei mir und sagte, das Prosekt Bismarck-Reichskanzler habe man fallen lassen, und es sei jetzt feststehende Thntsache, daß Graf Waldersce Rcichskauzler würde. Da schrieb er mir nun eine Reihe Artikel, die mich nach und nach stutzig machte» und die ich auch zum großen Teil nicht mehr brachte. Vorsitzender: Der Inhalt dieser Artikel lief auf eine Glorifikation Waldersccs hinaus, während Graf Caprivi abfällig beurteilt wurde? Zeuge: Ja. Da hat er nun eine ganze Reihe Artikel geschrieben und viele dieser Artikel richteten sich schließlich auch gegen den Hof und teilweise gegen den Kaiser selbst— nicht gegen den Kaiser, aber es wurden Artikel geschrieben über die angebliche Krankheit des Kaisers, und es wurden schließlich darin Ausdrücke gebraucht, die mich derart stutzig machten, daß ich daran dachte, den Mann mir auf alle Fälle von, Halse zu schaffen. Z. B. er hat mir Artikel geschrieben— ich bemerke, daß sie keine Aufnahme fanden—, da hieß es unter andrem: das Ohrenleiden des Kaisers sei so heftig, in der Nacht habe er die furchtbarsten Schmerzen daher kämen seine spruug- haften Verfügungen und dergleichen... Diese Artikel schickte ich ihm natürlich zurück und fragte ihn, ob er verrückt wäre, oder ich verrückt wäre, wenn er glaube, daß ich solche Artikel auf- nähme... Zu meinem großen Erstaunen bemerkte ich nun, daß diese Artikel, wenn ich sie abgelehnt hatte, kurze Zeit darauf in auswärtigen Blättern erschienen, in östrcichischen Blättern, in französischen Blätter». ... er kam noch zwei-, dreimal nach Halle und preßte mir verschiedene Schriftstücke ab, daß er mir das und das nicht ge- geben oder das und das nicht gesagt hätte. Vorsitzender: Was gab er für einen Grund für diese Schriftstücke an? Zeuge: Die sollten an seine Hintermänner gehen. Vorsitzender: Warum denn? Zeuge: Das weiß ich nicht. Ich mußte schriftlich geben, daß ich keinen Namen genannt hätte.(Nämlich dem Reichs- ka! ler. D. Red.)... er(Normann-Schumann) sagte mir drei-, viermal: mein Koffer ist gepackt: in dem Augenblick, wo ich als Zeuge vernommen werden soll, bin icki über der Grenze; denn das, was ich weiß, will ich nicht als Zeuge verpuffen; das kann ich vielleicht später einmal besser gebrauchen. Normann-Schumann hat Wort gehalten. Er ist über die Grenze gegangen und hat später seine Wissenschaft„besser gebraucht", indem er in Prozeßakten behaichtete, Graf Waldersee sei der Urheber jener— wie der Zeuge Brentano sagte—„wahnwitzigen Umtriebe gegen Kaiser und Reich." Zutreffend schließt die„Münchener Post" ihre Betrachtungen: Aus der Aera der Majestätsbeleidigungs-Prozesse wird die Geschichte uns einen Fall zu berichten haben, der aus die Ehre seines Urhebers selbst dunkelste Schatten wirft. Und der Fall dieses Einen ist von den Gerichten totgeschwiegen worden, tot- geschwiegen von der gutgesinnten Presse, die sich tagtäglich über wcialdemokratische Untergrabung der Autorität in Entrüstungs- krämpfen windet, totgeschwiegen von der Armee, die sich in diesem Einen als ganzes getroffen fühlen mußte! Dieser Eine freilich trug keine rote'Gesinnung im Herzen, sondern rote Streifen an den Hosen, und über seinem Grabe donnerten die Kanonen.— „Erstklassige Menschen." Wir werden um Aufnahme der folgenden Zuschrift ersucht: „Auf einer Oricntreise begriffen, erhielt ich am 10. März in Alexandrien ein Zeitungsblatt, das in den Reichstagsverhandlungen auch einen mich persönlich aufs schwerste beleidigenden Zwischenruf zu meiner Kenntnis brachte, der eine sofortige Genugthuung meinerseits erfordert. Ich habe daraufhin umgehend an den Herrn Präsidenten des Reichstages, Herrn.Grafen v. Ballestrem die Bitte gerichtet, mir, den Namen desjenigen Herrn Abgeordneten zu nennen, der meine Ehre aufs schwerste verletzt hat. um die Angelegenheit alsdann.sofort in ge- eigneter Weise zum Austrag bringen zu können. Die Antwort des Herrn Präsidenten, welche besagt, daß die Geschäfts- ordnung des Reichstages ihm keine Handhabe gäbe, einen am 4. März während der Plenarsitzung gefallenen, von der amt- lichen Stenographie nicht wiedergcgebenen Zwischenruf der Er- Mittelung durch Vorlesung meiner Eingabe dem Reichstage ent- gegenzuführen, erhielt ich erst jetzt nach meiner befchleunigtcn Rückkehr in Dresden. Demgemäß habe ich selbstverständlich jetzt sofort die weiteren mir geeignet erscheinenden Schritte gethan. Dresden, den 11. April 1904. Wolf Graf v. Baudissin (Freiherr v. Schlicht.) Die Zuschrift beweist, daß der Graf Baudissin noch durchaus in den LebenSanfchauungen der„erstklassigen Menschen" befangen ist. Auch aus diesem Grunde läßt sich nicht annehmen, daß der Graf die Absicht gehabt haben könne, aus Militärhaß in wahrheitswidriger Weise die Offiziere anzugreifen. Er wollte vielmehr durch Geiseln die Sitten bessern I Jener Zwischenruf fiel aus der Mitte„erstklassiger Menschen". Unter anständigen Menschen dürfte es selbst- verständlich sein, sich unter solchen Umständen zu nennen!— Das Lco-Hospiz. Die„Germania" sieht„keine Veranlassung", auf unsre gestrigen Mitteilungen über die Beziehungen des Bischofs Kopp zum Berliner Lco-Hospiz einzugehen. Sie giebt lediglich zu, daß sie die erste Versammlung der Interessenten des Leo-Hospizes totgeschwiegen habe, wie sie es„nicht für opportun hielt, einen Be- richt zu bringen". Ferner muß sie eine Erklärung des Dr. Hille aufnehmen, in der dieser feststellt, daß— entgegen den Behauptungen der„Germania"— das Leo-Hospiz in voller Uebereinstimmuug mit allen maßgebenden Personen der alleinseligmachenden Kirche gegründet wurde. Wie denkt nun die„Germania" über die finanzielle Haftpflicht des Fürstbischofs Kopp? Warum ist sie bei diesem Skandal in der schwarzen Garnison so auffällig schweigsam, sie, die doch wohl ein Dutzend Artikel über die angebliche Korruption in der Charlottenburger Socialdemokratie gebracht hat, obwohl diefe Korruption nur in ihrer verleumderischen Einbildung bestand und auch nicht durch die bescheidenste Thatsache belegt werden konnte?— Ein weiterer Ecntrumsumfall. Wie bereits mehrfach in dieser Session des Reichstages das Centrum bei Militärforderungen seine anfängliche in der Kommission geübte Opposition im Plenum wieder aufgab, so jetzt wiederum bezüglich des Etats für die Expedition nach O st a s i e n. Die Budgetkommission hatte unter Befürwortung des Centrums unter 32 geforderten Oberlieutenantsftellcn 13 nur noch bis Ende September d. I. bewilligt. Jetzt wird ein Antrag eingebracht, der die Beibehaltung der Oberlieutenantsstellen fordert und damit die fortdauernde Etablierung des Expeditionscorps in Ostasien begünstigt. Unterzeichnet ist der Antrag von Abgeordneten des CentrumS'in rührender Harmonie mit bewilligungsfrohen Nationalliberalen.— Die Sünden der Frauen sollen heimgesucht werden an den Männern! Die-».-Korrespondenz meldet: Wegen Beleidigung des Kaisers verurteilte die Strafkammer zu Leipzig die Frau eines dortigen Postbeamten zu vier Monaten Ge- fängnis. Dem Vernehmen nach soll dem Gatten der letzteren be- deutet worden sein, um seine Pensionierung einzukommen! Seit wann werden in Reichsbettieben die Beamten für Ver- fehlungen ihrer Frauen zur Rechenschaft gezogen? Diese Praxis wird jedenfalls nur auf Unterbeamte an- gewendet werden; denn wir erinnern, daß sehr hochgestellte Herren keinerlei Nachteil erlitten haben, obwohl ihre Sprößlinge in sehr böse Konflikte geraten sind. Und für die Kinder ist der Vater doch moralisch bis zu einem gewijfen Grade verantwortlich!— Drei Jahre und 14 Tage Gefängnis erhielt der Musletier Gustav Ochmann vom 23. Jnfanterie-Negiment in Tarnowitz wegen Gehorsamsverweigerung, thätlicherWidersetzung und Selbstbefreiung als Gefangener zudiktiert. Der Soldat war von einem Oberlieutenant aufgefordert worden, nicht mehr in ein Tanzlokal zu gehen, da er angetrunken war. O. ging doch hinein und warf sich auf die Erde, als ein wach- habender Unteroffizier ihn hinausdrängen wollte. Nach seiner Ver- Haftung entlief er dem Transporteur, der vergeblich auf ihn schoß. Er suchte über die Mauer in seine Kaserne zu klettern und rief: »Ihr dummen Kerls, ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr schießen werdet." Dafür drei Jahre und 14 Tage Gefängnis. Die Berufung des O. wurde verworfen, da seine Trunkenheit nicht als sinnlose angenommen wurde. Er wird seine drei Jahre im Ge- fängnis schmachten. Wegen Beleidigung und Verhöhnung der Polizei war der Vor- sitzende eines Sokolvereius angeklagt, weil er für jeden Abend in der Woche Turnstunden der Bcuthener Polizei augemeldet hatte, ob- wohl solche nur zweimal in der Woche stattfanden und überwacht wurden. Das Gericht sprach den Uebelthäter jedoch frei. Vom preußischen Fiskus. Vor kurzem beschäftigte sich der Bezirksausschuß in Oppeln mit einer vcrwaltungsrechtlichen Streitig- leit, die in Obcrschlesien größeres Aufsehen erregt und demnächst auch iin� preußischen Landtage zur Sprache gebracht werden soll. In der fiskalischen Friedrichshütte bei Tarnowitz wurden vor zweiJahren fünf Röstöfen ailsgestellt, die auf Grund eines vom Fiskus für 400 Ol)» M. erworbenen englischen Patents konstruiert waren. Nach dem neuen Verfahren wird die RLstglut nicht mehr mit der Hand, sondern durch einen Mechanismus geschürt, der den Betrieb rationeller gestaltet, insbesondere aber auch Arbeitskräfte erspart. Die neuen Röstöfen wurden in Betrieb gesetzt, ohne daß der Fiskus es für nötig hielt, die gesetzlich erforderliche ge werbe- polizeiliche Genehmigung einzuholen. Bald zeigte sich jedoch, daß die neuen Oefen für die umliegenden Ortschaften geradezu schreckliche Wirkungen hatten. Die nieder- schlagenden schwefligen Säuren hinderten erheblich das Wachs- tum auf Feldern und Wiesen, die erzielten spärlichen Bodenfrüchte aber waren für Mensch und Vieh ungenießbar oder doch nur mit Schaden an der Gesundheit zu genießen. Auch auf das Wachstum des Viehes übten die giftigen Dämpfe großen Nach- teil, in manchen Fälle« ging das Vieh direkt zu Grunde. Die ver- g'.fteten Abwässer vernichteten dazu den Fischbestand in der Stale. Bald aber zeigten sich auch bei Menschen erhebliche Störungen der Gesundheit und nun fanden sich schließlich Leute, die den Mut hatten, gegen den Betrieb der neuen Röstöfen bei der Behörde Einspnlch zu erheben. Die Arbeiter und Beamten der Hütte, die naturgemäß am schwersten unter der Vergiftung der Lust zu leiden hatten, konnten natürlich einen Einspruch nicht riskieren. Erst nachdem diese unerhörte fiskalische Wirtschast zwei Jahre ge- d u>i e r t hatte, wurde ein Termin zur Prüfung der Einsprüche an- gesetzt. Nicht weniger wie fünf Gemeinden, die DonnerSmarcksche Verwaltung und über 200 Privatinteresscnten hatten Einspruch gegen den Betrieb erhoben. Im Termine bestritt der Fiskus die Schädlichkeit der giftigen Gase für den menschlichen Körper, behauptete im übrigen jedoch, daß SchadenSersatz-Ansprüche in entgegenkommendster Weise erfüllt worden seien. Dagegen tourde u. u. vom Gemeindevertreter von Piassetzna nachgewiesen, daß die letztere Behauptung durchaus unwahr sei! Viele vom Kreistaxator beanspruchte Sätze seien ganz bedeutend, z. B. von 188 M. auf 42 M. herabgesetzt worden. Die schwer geschädigten Arbeiter und Angestellten der Hütte klagten nicht aus Furcht vor Entlassung. Die Einsprüche wurden an den Bezirksausschuß weitergegeben und dieser vernahm mehrere Sachverständige, die in ihren Gut- achten die Klagen und Beschwerden der Interessenten größtenteils für berechtigt erklärten. Daraufhin hat dann der Bezirksausschuß in Oppeln vor kurzem den vom königlichen Hüttenamt jetzt srnich zwei Jahren!) gestellten Antrag auf Konzessioniernng der Anlage abge- lehnt und die Kosten des gesamten Verfahrens dem Hüttenwerke auferlegt. Neuerdings wird die Sache im Handelsministerium bearbeitet, von wo aus auch schon ein Geheimrat nach Friedrichshütte geschickt ward, um die Sache näher zu untersuchen. Bemerkenswert ist aller- dings sowohl die Leichtherzigkeit, mit der man Hunderttausende aus Staatsmitteln zur„Prüfung" eines neuen Patents opfert, wie die Verstocktheit, mit der den wirtschaftlichen Interessen, ja Gesundheit und Leben der Steuerzahler hier seitens des Fiskus begegnet wurde.— Hueland. Erpreßter Patriotismus. Ans Rußland erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Allenthalben, besonders in Südrußland wird geflissentlich die Nachricht verbreitet und die in den ungebildeten Bolkskreisen hervor- gerufene Ansicht genährt, daß die Juden heimlich Verbündete der Japaner seien, ja man pflegt die Juden schlechthin als Japaner zu beschimpfen. Die Verängsteten schleppen alle ihre Habe heran und opfern sie für den Krieg, ohne darum doch die aufgewühlten Wogen des Hasses beruhigen zu können. Die Behörden haben das er- presferische Treiben in ein System gebracht und zur Blüte aus- gebildet. Vielfach wird den Juden eine bestimmte große Summe Geldes für den Krieg abgefordert mit der Androhung der Ausweisung, sofern die Zahlungen nicht binnen einer bestimmten kurzen Frist erfolgen würden. Zum Ueberfluß wird sicherem Vernehmen nach zur Zeit von den Ministern ein von Plehwe befürworteter Plan beraten, nach dem alle unabhängige Zeitungen Odessas, die nicht antisemitisch sind und in denen auch etwas andres als die bloßen Verhimmelnngen der Rcgierungspolitik und die russischen Siegesnachrichten gebracht wird, suspendiert werden sollen, so daß außer der von uns bereits gekennzeichneten Snamja des berüchtigten Kruschewan nur noch eine„patriotisch" und antisemitisch redigierte Zeitung geduldet werden würde. Alle andren Zeitungen werden schlechthin als Juden- zeitungen verschrien. Die Korruption der inneren russischen Verhältnisse wird be- leuchtet durch die Thatsache, daß, wie sich vor kurzem herausgestellt hat, das Vermögen des russischen roten Kreuzes um mehrere Millionen bestohlen worden ist, was dem Adel Anlaß zur Grün- dung einer selbständigen Krankenpflege-Organisation für den Krieg gegeben hat. Auch folgender Vorgang verdient Erwähnung, der ein Schlag- licht auf die Disciplin, die nioralische Qualifikation der russischen Behörde wirft. Auf einem der Tnippentransporte draitgeit Soldaten unerlaubter- weise auf einer Station an daS Bahnhofsbüffett, um sich Nahrungsmittel zu kaufen. Als der dienstthabende Gendarmerie-Offizier einen der Soldaten hinanSwies, wurde ihm der Gehorsam verweigert. Als der Offizier nunmehr dem Soldaten einen Schlag ins Ge- ficht versetzte, rief dieser noch fünf oder sechs andre Kameraden zu Hilfe, und sie verprügelten gemeinschaftlich den Offizier, bis er dem Tode nahe liegen blieb. Fünf Soldaten sind wegen dieses Vorfalls bereits hingerichtet worden. Daß im Finanzmiiiisteriuin zur Zeit eine neue Kommission zur Beratung der Mittel zur Kriegsführung tagt, ist anderweit schon be- richtet.— Frankreich. Die außerparlamentarische Marinekommission trat am Montag- nachmittag unter Vorsitz des Marincministers Pelletan zusammen. Derselbe führte in einer Rede aus, daß die Regierung ihre ganze Unterstützung dazu bieten werde, um über die Punkte betreffend die nationale Verteidigung Licht zu verbreiten. Die Kommission Werde ihr Werk vollenden, ohne Rücksicht auf eine Person zu nehme» und werde nur das öffentliche Wohl und die Stärke Frankreichs im Auge behalten. Nach der Debatte wurden die Berichterstatter er- nannt und beauftragt, die Berichte über die Lage der Flotte, der Truppen, über den Bau der Schiffe und über die Verteidigung der Kolonien abzufassen. Sodann vertagte sich die Kommission bis zum 2ö. Mai.— Luise Michel. Es ist ein seltsames Geschehnis, daß in der vorigen Woche der Tod Luise Michels gemeldet wurde, so daß ein Zweifel an der Meldung ausgeschlossen schien. Jetzt stellt sich heraus, daß die Greisin zwar schwerkrank war und als im Sterben liegend angesehen wurde, daß sie aber in Wahrheit lebt und auf dem Wege der Genesung ist.— Spanien. Eiu Attentat auf den Mimstcrpräfidcnten. Madrid, 12. April. Nach einem Telegramm aus Barcelona wurde heute gegen den Ministerpräsidenten Maura, als er daS GeneralratSgebäude verließ, ein Anschlag verübt. Maura wurde von einem D o l ch st i ch e verwundet. Einzelheiten fehlen.— Madrid, 12. April. Nach weitereir Meldungen aus Barcelona hat sich der heutige Vorfall wie folgt abgespielt: Ein junger, gut- gekleideter Mann stürzte sich mit geballter Faust auf den Wagen des Ministerpräsidenten Maura und suchte diesen zu treffen. Er wurde sofort verhaftet._ Straßentumulte. Bei einer am Montag in Madrid ab- gehaltenen religiösen Prozession veranstalteten eine große Anzahl von Antiklerikalen Gegen-Kundgebungen unter Hochrufen auf das Heer. Als einige Schüsse fielen, bemächtigte sich der Menge eine Panik. Die Veranstalter der Kundgebungen warfen mit Steinen nach dem Hause des Bürgermeisters. Die Polizei gab darauf Feuer und verwundete mehrere Personen. Es wurden mehrere Ver- Haftungen vorgenommen.— England. Die Beschlüsse der socialistischcn Kongresse. London, 8. April. Die Socialdemokratische Föderation hielt in den ersten drei Tagen des laufenden Monats ihren 24. Jahres- kongreß in Burnley ab. ES waren 69 Delegierte anwesend, die 62 Zweigvereine vertraten. Die Beratungen waren zum großen Teile inneren Organisationsfragen gewidmet. Von den angenommenen Resolutionen sind folgende bemerkenswert. Socialistische Einigkeit: Die Föderation soll alles aufbieten, die socialistischen Elemente Englands zu einer Partei zu vereinigen. Municipalsocialismus: Die Socialdemokratie soll alle Unternehmungen unterstützen, die die Socialisierung an Stelle des Privatunternehmers setzt. Die Gemeinden können vorläufig ihre Aufgabe am besten erfüllen, wenn sie ihren Arbeitern die bestmöglichen Bedingungen gewähren und sich nur solcher Produktionszweige und Dienste bemächtigen, die zu Preisen geliefert werden könnten, welche die Produktionskosten und Abschreibungen decken und noch einen Profit zur Ausdehnung der Unternehmungen abwerfen! jedoch müssen die Gemeinden es soweit als möglich ver- meiden, die Profite zur Herabsetzung der Lokalstenern zu verwenden. Zollpolitik: Jit Erwägung, daß das Herumpfuschen um die zollpolitischen Einrichtungen keinen Nutzen den Arbeitern bringen kann, ferner daß die Frage der sogenannten„Finanzreform" nur aufgeworfen wurde, um die Arbeiter irre zit führen, gicbt der Kongreß seiner Genugthuung darüber Ausdruck, daß die Zollagitation allem Anschein nach gescheitert ist, und hofft, daß dies zu einer Stärkung der socialistischcn Bewegung, der einzigen Befreierin der Arbeiterklasse führen wird. Der Kongreß verurteilte die Fremdenvorlage, ebenso die Ordonnanz betreffend die Chinesen-Einfuhr nach Transvaal. Der zwölfte Jahreskongreß der Jndependent Labour Party tagte in Cardiff. Es waren 140 Delegierte anwesend, darunter mehrere Frauen. Der Jahresbericht wies auf die Fortschritte der Partei hin, die auf allen Gebieten gemacht worden snrd. Die Partei nahm an Mitgliedern, an Finanzen und Erfolgen bei Lokallvahlen zu. Das Wochenblatt der Partei, der„Labour Leader", wurde von acht auf zwölf Seiten vergrößert. Es wurden Resolutionen angenommen, die die südafrikanische Chineseneinfuhr, die Zollagitation und das Schwitz- system verurteilen. Es wurde die Errichtung eines Arbeitsministe- rinms und durchgreifende staatliche Fürsorge für die Arbeitslosen verlangt. Die Resolution über die staatliche Festsetzung eines Minimallohnes rief eine lebhafte Debatte herbor, in der I. R. Macdonald, der Sekretär des Labour Repräsen- tation Committee, gegen die Festsetzung des Minimal- lohneS sprach, indem er die Ansicht vertrat, daß die Parteiarbeit, die zur Erreichung dieser Maßregel entfaltet werden mühte, viel besser für die Propaganda des Socialismus verwendet wäre. Diese Haltung Macdonalds ist mit Genugthuung zu be- grüßen. Sie ist wahrscheinlich das Resultat der Einsicht, daß bloße Lohnftagen den Gesichtskreis der Arbeiter verengen. Die Resolution wurde jedoch angenommen. Ueber die Frage der socialistischen Einigkeit beschloß der Kongreß, von einer Diskussion abzusehen und es der Parteileitung zu überlassen, darüber zu entscheiden. Auf beiden Kongressen wurde die Speisung der Schulkinder als Mittel der Anfrechterhaltung der physischen Tüchtigkeit Englands empfohlen. Ebenso wurde gegen den Zug nach Tibet protestiert.— In die Lei- tung der I. L. P. wurden zwei Frauen gewählt.— Zur Tibct-Expcditio». London, 12. April. Unterhaus. Das HauS trat heute nach den Osterferieu wieder zusammen. Der Ministerpräsident B a l f o u r teilte mit, daß es infolge der T ibet-Verwickeluugen nötig sein wird, gemäß den Gesetzen das Haus um Ermächtigung z u bitten, die indischenTruppen ait her halb der indischen Grenze verwenden zu könne n. Die Regierung wird demgemäß einen darauf bezüglichen Beschlußantrag morgen einbringen. Das Budget wird ain 19. April eingebracht werden.— Ruftland. Schulbildung in Sibirien. Im Jahre �1902 zählte nach einem soeben erschienenen russich-amtlichcn Bericht Sibirien eine Bevölkerung von 4 991 974 Seelen auf einem Terrain von 2 881 347 Quadrat- Meilen. An Volksschulen waren vorhanden 2433, so daß auf 1284 Ouadratmeilen und 2952 Einwohner je eine Schule kam! Unter- richtet wurden iusgesammt 95 309 Kinder oder auf 1000 Einwohner je 19 Kinder. Nimmt man nun die Zahl der Kinder im Schulalter wie üblich auf 10 Prozent der ganzen Bevölkerung an, so bettägt sie 499197. Da indessen nur 95 309 Kinder Unterricht genossen, so ergiebt sich, daß rund 403000 Kinder ohne Unterricht blieben! Mit andren Worten genießen nur 21 Prozent der sibirischen Jugend Schulunterricht, die andren Kinder sind der totalen Un- bildung geweiht, denn der etwaige Privatunterricht im Hause der Eltern bettägt soviel wie Null Komma Null Null!— Asien. Der Oberbefehlshaber der indischen Armee Lord Kitchcner hat einen Tagesbefehl erlassen, in welchem er seine Schluß- folgerungen hinsichtlich der allgemeinen Bereitschaft des Heeres in Indien zusammenfaßt. Er warnt darin die Armeeernst- lich gegen falsche Schätzungen, nach denen sie fähig wäre, es mit jedem Feinde, mit den: sie es zu thun haben könne, auf- zunehmen. Das Heer müsse ein System der Ausbildung für den Krieg, das den heutigen Umständen angepaßt sei, befolgen und veraltete Ueberlieferungen fallen lasse». Der Befehl führt sodann verschiedene Aeudsnmgen an, die General Kitchener zu den gedachten Zwecken einzuführen beabsichtigt; er be« tont die Notivendigkeit, einen gründlich ausgebildeten General st ab zu besitzen, und kündigt an, daß demnächst eine An st alt zur Ausbildung von General st abs» offizieren in Indien errichtet werde.— Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Port Arthur, 11. April.(Meldung der„Russischen Telegraphen- Agentur.) Infolge von Beschädigungen der Telegraphen durch Regengüsse, lvar der telegraphische Ver- kehr einige Zeit unterbrochen. In der Nacht vom 10. April traf Großfürst Boris Wladimirowitsch ein. In der Osterwoche wurde allgemein ein neuer Angriff der Japaner erwartet, daher wurden energische Schutzmaßregeln getroffen. Vice-Admiral Makarow, welcher allnächtlich die getroffenen Vorsichtsmaßregeln persönlich überwachte, verbrachte die Osternacht ans einem Wachtboot. In der Osternacht wurde der Gottesdienst in der Kirche bei verhängten Fenstern celebriert; nur dieser Umstand mit der rings um die Kirche wie in der ganzen Stadt herrschenden Dunkelheit erinnerte an die Möglichkeit eines feindlichen An- griffs. Der Ostersonntag verlief ganz ruhig in Festtagsstimmnng und bei gutem Wetter. Die Truppen verlebten das Fest auf ihren Positionen in gehobener Stimmung. Heute kehrte das russische Geschwader, ans allen großen Schlachtschiffen und Torpedobooten bestehend, das zu einer Kreuztour weit in See gegangen war, in den Hafen zurück. London, 12. April. Den„Times" wird aus Niutschwang vom 8. d. M. gemeldet: In der ganzen Süd- Mandschurei sind durch starke Regen fälle die Eisenbahnen überschwemmt llnddieStraßen unwegsam gemacht. Die Feldtclcgraphen sind unterbrochen, der Verkehr durch das Land ist lahm gelegt. Tokio, 12. April.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die aus russischen Quellen herrührende Anklage, daß die s a p a- nischen Truppen bei Tschön-dschu das Privilegium der Roten Krenzfiagge mißbrauchten, indem sie Zuflucht in einem zu einem Hospital eingerichteten Hause gesucht hätten, wird hier in Abrede gestellt, und erklärt, daß diese Erfindung beabsichtige, die Japaner in den Augen der Welt zu verunglimpfen. Eine amtliche Nachforschung nach diesem Gerücht ergab, daß die Japaner eine Bcrbandstntion hinter ihrer Fcncrlinie eingerichtet hatten und dieselbe uur benutzten, um dir Verwundeten zu pflegen. Die Verpflegung der zirrischen Armee. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Die Gerüchte, daß in den Militärtransportzügen die Hälfte der Soldaten erfroren ankommt, bestätigen sich. Unterwegs erkranken und sterben die Soldaten massenhaft. Man transportiert sie in offenen Güterwagen und teilweise ohne warme Bekleidung. Aus Port Arthur erfahren wir, daß dort die Lebensmittelvorräte nur für ein Jahr reichen(und nicht für fünf Jahre, wie ver- sichert wurde) und obendrein ist das Mehl verfault. In P e n s a ist jüngst ein Bataillon auf dem Wege nach dem Osten eingetroffen und wollte Rast nehmen. Es stellte sich heraus, daß von der Intendantur gar nichts vorbereitet war. Der Magistrat mußte rasch Brot und andres einkaufen und bewirtete kärglich die Soldaten.(Solche Nachrichten beziehen sich selbstverständlich immer auf einzelne Wahrnehmungen, und es ist nicht so leicht, danach über das Ganze der Mobilisation zu urteilen. Aber auch diese und die früheren von uns gebrachten Nachrichten genügen, um die Meldungen von der Art des Obersten Gädke vom„Berliner Tageblatt", der aus jeder Station sein Entzücken über die tadellose russische Mobi- lisation drahtet und schildert, in einem eigentümlichen Lichte erscheinen zu lassen. Die Redaktion des„Vorwärts".) Krise, Hunger und Brandschatznng. Man schreibt aus Odessa: Unsre Stadt wird infolge des Krieges immer mehr von der Handels- und Jndustriekrife heimgesucht. Viele Etablissements haben ihre Arbeit verkürzt, einige sind ganz geschlossen worden, die Löhne sind gesunken, die Anzahl der Arbeitslosen wächst von Tag zu Tag. und gleichzeitig steigen zum Ueberfluß auch noch die Lebensmittelpreise. Das Brot ist schon um 1 Kopeke pro Pfund gestiegen und weitere Verteuerung Wird erwartet. Im Stadtviertel, wo die ärmere Bevölkerung wohnt, sogen. Moldawanka, ist schon der Hungertyphus ausgebrochen. Nur zwei Branchen arbeiten jetzt fieberhaft: der Getreide-Export und die Eisenbahnen: hier läßt man das Personal sogar Ueber- stunden arbeiten, dafür aber werden die Arbeiter für pattiotische Zwecke unbarmherzig gerupft. Die Verwaltung der Eisenbahnen zieht einfach jedem Angestellten und jedem Arbeiter für das Rothe Kreuz 1 Proz. ab; doch nicht genug damit, außer dieser obligatorischen Spende wurde dem Personal„anheimgestellt", noch„frei- willig" mehr zu geben, also 2 Proz. bis 3 Proz. des Verdienstes. Als diese allgemeine Mahnung der Verwaltimg gar keinen Erfolg hatte und sich kein„freiwilliger" Liebhaber von Spenden meldete, wurden die Arbeiter einzeln aufs Bureau gerufen und„ermahnt". für den Krieg zu opfern. Diese Methode ist natürlich gleich von Erfolg gekrönt wotden. Das folgende Beispiel diene zu ihrer Illustration. Ein Arbeiter, der verheiratet und Vater mehrerer Kinder ist, verdient 30 Rubel monatlich; der eiuprozentige Abzug ist für ihn schon ein empfindlicher Verlust und er wendete sich deshalb an die Direktion mit der Erklärung, daß er positiv nicht im stände sei, die 30 Kopeken aus seinem kargen Budget zu entbehren, man möge ihn von der„freiwilligen" Kriegs- steucr befreien. Die hiesige Verwaltung antwortete, daß sie dazu nicht berechtigt sei, und riet dem Arbeiter, sich an die Eisenbahn- direktion zu wenden. Das that er auch und nach einiger Zeit kam die telegraphische Antwort: Den Arbeiter entlassen! Krieg dem Kriege. In Rostow am Don ist in einer jüngst abgehaltenen socialdemokratischen Versammlung eine scharfe Resolution gegen den Krieg und die Regierung angenommen worden, die mit den Worten schließt:„Die Versammlung protestiert gegen den Krieg und fordert alle Genossen auf zum Kampfe gegen den Absolutismus, der stets die Volks interessen zu Gunsten der Interessen der Ausbeuter und der eignen Selbsterhaltung aufopfert. Die Versammlung erkennt nur die internationale Socialdemottatie als die einzige zuverlässige Bürgschaft des Friedens und der Völker- Verbrüderung, sie sendet ihre Grüße den japanischen Arbeitern, die gegen den Krieg vrotestierten. und drückt ihre feste Ueberzeugung aus, daß weder dieser Krieg, noch die internationalen Verwicklungen, die er hervorrufen kann, das Wachstum und den Vormarsch der Socialdemokratie aufzuhalten im stände sein werden. ES lebe die Völkerverbrüderung I Fort mit dem Kriege l Nieder mit dem Ab- solutismus!" GewerklchaftUcbcd. Ueber die Vorgänge bei den Beratungen zur Schaffung eines „Allgemeinen deutschen Arbeitgeber-Berbaudcs" berichtet eine Korrespondenz: Die gestern unter Vorsitz des Geh. Kommerzienrats Vogel- Chemnitz im Kontinental-Hotel zu Berlin begonnenen Verhandlungen wurden auf heute vertagt, um abzu- warten, ob die Kompromißvorschläge, die seitens des Vorsitzenden Geh. Kommerzienrats Vogel dem Ausschusse des „Centralverbandes deutscher Industrieller" vor- gelegt werden sollten, von diesem angenommen werden würden. Da die Ablehnung dieser Kompromißvorschläge erfolgte, beschloß die heutige freie industrielle Versammlung: „In der Erwägung, daß ein Teil der bestehenden oder in der Entstehung begriffenen Arbeitgeber-Verbände der vom Centralverbaud deutscher Industrieller ins Leben gerufenen„Hauptstelle" sich derzeit noch nicht anschließen kann, daß oder die Zusammenfassung auch dieser Verbände wünschenswert erscheint, beauftragt die heutige Versammlung den Vorstand des„Gesamtverbandes der Metall- industriellen Deutschlands", die Vorbereitungen für eine spätestens in zwei Monaten abzuhaltende Versammlung derjenigen Verbände, die der„ H a u p t st e l l e" noch nicht angeschlossen, sind in die Hand zu nehmen, wenn möglich zwecks An- glieberung," Dieser Beschluß bedeutet nichts weiter, als eine wenn auch widerwillige Unterwerfung unter den Centralverband. Der Central- verband setzt dem Bund den Fuß auf den Nacken. Die Nieder- zwingung der Arbeiterschaft dürfte weniger leicht werden. Kerlln iincl vlmgegend. Zur Lohnbewegung der Berliner Bäckergesellen. Ueber 2000 Mitglieder des Bäckerverbandes hatten sich gestern in Kellers Festsälen versammelt, um zu der bereits mitgeteilten brüsk ablehnenden Antwort der JnnungSvorstände gegenüber den Gesellen- forderungen Stellmig zu nehmen. Der Andrang zur Versammlung war derartig stark, daß hunderte, die der Organisation noch nicht beigetreten waren, keinen Einlaß finden konnten. Hetzschold unterzog in seinem Referat das schroffe Antwortschreiben der In- mmgen einer scharsien Kritik. Der Verband habe alles gethan, um eine friedliche Verständigung im Wege der Verhandlungen von Organisation gu Organisation herbeizuführen; es scheine jedoch als wenn die Jnnungsvorstände ohne Rücksicht auf hunderte der kllfinen Bäckermeister den Streik direkt provo- zieren wollen. Unter solchen Umständen sei eS denn auch erklärlich, daß die JnnungSleiter die untvahrsten Nachrichten über die angeblich glänzende Lage und den Arbeitsverdienst der Gesellen in die Presse lancierten. Das Gros der konsumierenden Bevölkerung wisse jedoch, was es von derartigen Schönfärbereien zu halten habe; es sei nur zu bekannt, daß die Bäckergesellen zu den schlechtest gestellten Ar- beiterkategoricn zphlen, während die dicken Jnnungsgrößen nach und nach schwer reiche Rentiers geworden sind. Redner erörtert dann die Anstrengungen, die gegenwärtig von den Jnnungsvorständen gemacht werden, um die noch außenstehenden Meister in die Innungen hineinzulotsen. In einem Rundschreiben des Obermeisters Bernard an solche Meister heißt es u. a.:„Eintrittsgeld in die Innung wird nicht erhoben, die Gebühren sind mäßig, sogar bei täglicher Entnahme von zwei Pfund Hefe aus dem Jnnungs-Hefenbezuae frei." Wenn das nicht zieht, zieht gar nichts »i'ehr. Geradezu Großartiges leisteten die Jnnungsvorstände aber in der Verunglimpfung des Gesellenverbandes und seiner leitenden Personen. In einem von den Obermeistern beider Innungen, den Herren B e r n a r d und Vogler unterzeichneten Flugblatte„An die Bäckergesellen Berlins" heißt es zum Beispiel: „Die Berliner Mitgliedschaft des Verbandes der Bäcker und Bernfsgenossen will die Bäckergesellen Berlins in einen Streik hineinhetzen. Eine kleine Minderheit nimmt sich das Recht heraus, der Mehrheit ihren Willen aufzwingen zu wolle». Nicht um das Los der Bäckergesellen zu verbessern, wie jene Hetzer vorspiegeln, sondern lediglich um ihre eignen Interessen zu verfolgen. Diese Interessen aber sind nicht diejenigen der Gesellen, sie sind vielmehr ganz ent- gegengesetzter Art. Wir wenden uns deshalb an den gesunden Sinn der Gehilfen, daß sie sich nicht von Leuten bethören lassen, die sie nur zur Erreichung ihrer Zwecke ausnutzen wollen. ... Die Leiter der Berliner Mitgliedschaft sind aufs engste verbunden mit der neuen Bäckereigenossenschaft, die jetzt in Reinicken- dorf fünf neue Patentöfen baut l Man rechnet so, daß bei einem Streik oder Bohkott die Bäcker- meister nicht backen können oder keine Abnehmer finden. Dann aber hat die Genossenschaft Kunden und macht gute Geschäfte, so daß die Herren eine hohe Dividende einstreichen können.... Die Meisterschaft Berlins hat noch immer das ihrige gethan, die Lage der Gehilfen zu verbessern: Die Löhne sind gestiegen, die Arbeitszeit ist verkürzt und die Arbeit durch die neuen Einrichtungen erleichtert worden. Unmögkche Forderungen zu erfüllen, müssen jedoch die M e i st e r entschieden ablehnen." UUnd diese selben Meister beklagen sich in ihrem Antwortschreiben an die Gesellenausschüsse noch über angebliche Beleidigungen, die ihnen von den Verbandsleitern zugefügt sein sollen! Uebrigens be- merkte Hetzschold: Gerade die„Hetzer" seien es gewesen, die eine Dividendenjägerei in der Genossenschaft unmöglich gemacht hätten, um außer andren Verbesserungen in dem Betriebe in nächster Zeit auch schon die achtstündige Arbeitszeit einführen zu können. Im übrigen habe die Lohnbewegung mck der Genossenschaft natürlich nicht das geringste zu thun. Redner empfahl schließlich, ehe zum äußersten geschritten werde, nochmals an die Innungen mit einem Verhandlungsvorschlage heranzutreten und auf dieses Ultimatunr bis zum Sonntag, den 24. April endgültig Antwort zu fordern. Auch der anwesende Verbandsvorsitzende Allmann-Hamburg sprach seine Geimgthmmg darüber aus. daß sich die Berliner Gesellen endlich einmal zu einem energischen Schritt in der Verbesserung ihrer miserablen Lohn- und Arbeitsverhältnisse aufgerafft hätten. Er erkannte an, daß die Forderungen gegenüber dem, lvas in andern Städten für die Gesellen bereits längst erreicht ist, überaus bescheiden seien und sicherte die nachdrücklichste Hilfe der Gesammtorganisation zu, falls es hier in Berlin durch die Starrköpfigkeit der JnnungS- meister zun: Streik kommen sollte.— Die Versammlung nahm als- dann eine Resolution an, in der sie die schroff ablehnende Antwort der Jnnungsvorstände bedauert. Gleichzeitig aber, um der Oeffeuilichkeit zu zeigen, daß die Gesellen nichts unversucht lassen lvollcn, um eine friedliche Verständigung herbeizuführen, wurde der Vorstand und die Gesellenausschüsse beaustragt, nochmals auf Ver- Handlungen zu dringen, im übrigen aber an den nur zu berechtigten und sehr leicht erfüllbaren Forderungen strikte festzuhalten. Im Falle einer abermaligen Ablehnung macht die Versammlung jedoch die Innungen und deren Führer fiir die Folgen allein verantwortlich. Die Konditoren waren gestern abend in den„Arminhallen" ebenfalls zahlreich versammelt, um ihre weitere Stellungnahme zu der ablehnenden Antwort der Bäcker-Jnmmgen zu präcisieren. Nach einem Referat des Genossen S t r ö b e l über die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in den Konditoreien wurde das brüske, herausfordernde Verhalten der Jnnungsvorstände von Wcidler und ander» eingehend besprochen. Die Versammlung war sich darüber einig, an den Forderungen der in den Bäckereien beschäftigten Konditoren unbe- dingt festznhalten und mit den Bäckergesellen Hand in Hand zu gehen. In Anbetracht des in der Bäckerversammlung gefaßteil Beschlusses gelangte auch hier eine Resolution zur Annahme, die in dem Ver- halten der Jnnungsvorstände zwar eine direkte Provokation zum Streik erblickt, jedoch im Interesse einer friedlichen Erledigung der Lohnbewegung gleich den Bückern eine nochmalige Verhandlung mit den Innungen durch den Vorstand der Organisation anzubahnen empfiehlt. Im Falle einer abermaligen Abweisung verpflichten sich die Konditoren indessen, in Gemeinschaft mit den Bäckern ihre Interessen ebenfalls in ernstem Kampfe zu vertreten. Zur Lohnbewegung der Droschkenkutscher. Montagabend tagte in den Jndustriesälcn, Bcuthstratzc, eine Versammlung von Ver- trauenöinännern der Droschkenkutscher Berlins und der Umgegend. in d«r gegen 160 Juhrhöse vertreten waren, um den Bericht der Schlichiungskommission entgegenzunehmen und eventuell einen neuen Lohntarif aufzustellen. Es wurde berichtet, daß die Fuhrherren in der am Freitag abgehaltenen Sitzung der Schlichtungskommission die Lohnforderungen der Kutscher abgelehnt, dagegen folgende Vorschläge gemacht haben:„Die Fuhrherren zahlen vom 1. Juli d. I. ab: bei einer Tageseinnahme von 13 M. einen Grundlohn von 2 M. und 25 Proz., oder bei einer Einnahme von über 10 M. 30 Proz., unter 10 M. 23 Proz. bei einem Grundlohn von 1,30 M. Der Tarif hat fünf Jahre Gültigkeit." Weiter wird berichtet, daß jetzt bereits 76 Fuhrherren, die ihre Kutscher ausgesperrt hatten, den alten Lohn und noch darüber zahlen; nur wenige Fuhrhöfe im Osten und Südosten verhalten sich noch ablehnend. Nach lebhafter Debatte wurden die Angebote der Fuhrhcrren einstimmig abgelehnt und die alten Forderungen aufrecht erhalten. Dieselben lauten:„Grund- lohn 1,30 M. und 23 Proz. der Einnahme; bei einer Einnahme von 10 M. und darüber 30 Proz. und ein Grundlohn von 1,30 M. Der Tarif gilt bis 1. Juli 1005." Es gelangte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme:„Die am 11. April 1004 in Mendts Festsälen, Bcuthstraße, tagende Versammlung der Vertrauens- märmer der Droschkenkutscher Berlins und Umgegend nimmt Kenntnis von der Verhmidhmg der Schlichtungskommission und erklärt, in Anbetracht, daß die Fuhrherren in keiner Weise auf die von unsrer Seite gemachten Vorschläge eingegangen sind, fest an unsrer Forde- rung des Lohnes zu halten. Sollten die Fuhrherren nicht darauf eingehen, soll die Schlichiungskommission einen Schiedsspruch durch das Einigungsmnt des Berliner Gewerbegerichts herbeiführen." Der Streik der Leifienvergvlder ninimt immer größere Dimensionen an und gestaltet sich schon mehr zu einem Generalstreik der bei den Ringfabrikanten und bei deren Zwischenmeistern beschäftigten Ar- beitern und Arbeiterinnen. In einer am Montag abgehaltenen Ver- sammlung sämtlicher Grundierer und in Grundierereien beschäftigten Arbeiter haben dieselben sich mit großer Majorität dem Vorgehen der Vergolder angeschloffen und eine Resolution angenommen, in der sie sich verpflichten, keine Arbeit für die Ringfabrikanten zu machen und die Arbeit nicht ftüher aufzunehmen, als bis auch die Forderungen der Vergolder bewilligt sind. Außerdem fordern alle in den Grundierereien Beschäftigten neunstündige Arbeitszeit bei einem Minimallohn von 24 M. pro Woche für erwachsene Grundierer und außerdem 10 Proz. Aufschlag auf die zur Zeit gezahlten Löhne. Diese Forderungen sollen von feiten der Vergolderorganisation den Grundierereibesitzern zugestellt werden. Durch diese Solidaritätserklärung ist die Zahl der Streikenden bereits auf 600 angewachsen; weitere folgen noch nach, so daß nun alle Betriebe fast still stehen. An den Fabrikanten liegt es nun. die Hand zum Frieden zu bieten; von seiten der Organisation der Ver- golder ist die Geneigtheit zu Unterhandlungen gleich nach Ausbruch des Streiks erklärt worden. Der Bautischlersweik in Steglitz und Groß- Lichterfclde erstreckt sich nun bereits auf die neunte Woche. Die Unternehmer suchen auf allen erdenklichen Wegen Arbeitswillige heranzuziehen, was ihnen auch teilweise gelingt. Die Arbeitswilligen werden von der Polizei nach der Arbeit begleitet und wieder abgeholt wie Gefangene. Trotz alledem machen sich wohl die Folgen des Streiks bei den Unter- nehmern bemerkbar, da die Streikenden insofern wieder einen Erfolg zu verzeichnen haben, als zwei Meister mit zusammen sieben Gesellen den prozentualen Auffchlag wieder bewilligten und die Accordarbeit in ihren Betrieben abgeschafft werden soll. Die Streikenden, deren Zahl bis auf 64 reduciert ist, da sie teilweise abgereist, teilweise anderweitig untergebracht sind, halten mit allen Fasern an den ge- stellten Forderungen fest. Da die Unternehmer versuchen, Arbeit nach außerhalb zu vergeben, werden die Bautischler allerorts ersucht, derartige Arbeit zurückzuweisen, sowie die Streikorte zu meiden. Tie Zimmerer befinden sich seit Montag in Spandau im Ausstande. Die Arbeitseinstellung ist eine allgemeine; nur die Poliere und einige ganz alte Gesellen arbeiten noch. Gefordert wird der Neunstundentag und ein Stundenlohn von 63 Pf. Eine Firma hat diese Forderungen bereits seit längerer Zeit anerkannt. Deutsches Reich. Wenn die Schwalben wiederkehren. erscheinen in Deutschland mit jedem neuen Jahr auch die Trupps italienischer Bauarbeiter, welche von den deutschen Unternehmern als Ersatz für die„unbotmäßigen" heimischen Arbeiter herangezogen werden. Leider aber— für den Unternchmerprofitl— gewinnt die socialistische Aufklärung auch in Italien iinmer mehr an Verbreitung und man kann die Leute meist nur unter der Versicherung heran- ziehen, daß sie keine Streikbrech erdien st e leisten sollten, sondern es nur an einer genügenden Anzahl deutscher Kräfte fehle. Auch die Unternehmer der Unterweser-Orte, die soeben ihre Arbeiter auf die Straße geworfen haben, versuchen es zum Ersatz mit Italienern; bis jetzt mit geringem Erfolg. Am Sonnabendabend sowohl wie auch am Sonntag trafen je ein Trupp italienischer Maurer— im ganzen etwa 20 Man»— in Bremerhaven ein, die vom Arbeitgeberverband nach den Unterweser-Orten verschrieben worden waren und dort für die Ausgesperrten die Arbeit verrichten sollten. Den Ausgesperrten gelang es jedoch, sie rechtzeitig über die Sachlage zu unterrichten. Mit Reisegeld versehen, zogen die Italiener es darauf vor. sofort wieder abzureisen.— Etwa 50 italienische Maurer, die ebenfalls auf Veranlassung des Arbeitgebervcrbandes für die Unterweser-Orte nach Bremerhaven reisen wollten, wurden bereits in Hannover angehalten und über die Falle, in die man sie gelockt, aufgeklärt. Sie verzichteten darauf bereitwilligst auf die Weiterreise. Die Unternehmer hatten also auch in diesem Falle das Nachsehen. Man wird die„nützlichen Elemente" Italiens, denen niemand bisher die dortige anarchistische Bewegung zum Vorwurf zu machen sich erlaubte, bald auch zu den„Schnorrern und Verschwörern" rechnen. Nicht bombenwerfende Wirrköpfe, sondern organisierte Klassenkämpfer sind ein„Terror" für das Unternehmertum! Holzarveiterstrcik in Fürth. In der Möbelfabrik von Lorenz Scheidig in Fürth sind am Montag 70 Stuhlschreiner, Polierer und Maschinenarbeiter in den Ausstand getreten. In der Fabrik herrscht noch die Unsitte, daß die Arbeiter die nötigen Materialien, wie Politur, Spiritus usw., selbst stellen müssen. Die Arbeiter ver- langten, daß die Firma die Materialien selber stelle und den ge- geringen Lohn um 20 Proz. erhöhe. Da eingeleitete Verhandlungen zu keinem Ergebnis führten, wurde die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist fernzuhalten. Auslösung eines christliches Lokalverbnndes. Um den im Schwarz- Walde christlich organisierten Uhrenindustrie-Arbeitern eine bessere Interessenvertretung zu ermöglichen, beschloß der Verband der christ- lichen Uhrenindustrie-Arbeiter des Schwarzwaldes seine Auflösung und Angliederung der 304 Mitglieder an den christlichen Holzarbeiter- resp. Metallarbeiter-Verband. Husfond. Die Aussperrung in der Tiamantinduflrle. In Antwerpen haben nun diejenigen Arbeitgeber, die die Bedingungen des Verbandes anerkannt haben, eine Vereinigung gegründet und beschloffen, zu versuchen, eine Schlichtungskommission zu bilden, die aus zwei Mitgliedern ihrer Bereinigung, zwei der alten Arbeitgebcr-Organisation und aus zwei Vertretern des Diamantarbeiter-Verbandes bestehen sollte.— Tie alte Arbeitgeber- Vereinigung hat jedoch am Sonnabend, veranlaßt durch den dort anwesenden Sekretär der Amsterdamer JuwelierS-Vereinigung, be- schlössen, keinerlei Vermitteln ng, von welcher Seite sie auch ausgehe, anzunehmen. Nur schriftliche Vorschläge vom Ant- werpener Diamantarbeiter-Verbande sollen zur Beratung gestellt werden, wenn solche einlaufen. Versammlungen. Ter Verband der an Holzbearbeitungsmaschinui deschäftlgten Arveiter Berlins und Umgegend hielt am 11. April im Gewerlschafts- hause seine Generalversammlung ab. Vor Eintritt in die Tages- ordnung ehrte die Versammlung das Andenken ihrer verstorbenen Mitglieder Krüger, Grundmann und Adolf Schmidt. Dann verlas der Kassierer Z i m p e l den Kassenbericht vom verflossenen Quartal. Die Einnahmen betrugen, einschließlich des alten Bestandes von 11 440.63 M., 20 726,25 M. Die Ausgaben— darunter 2640 M. für Kranken- und 2202 M. für Streik- und Matzregelungs- Unterstützung— 6203,45 M. Es bleibt also ein Bestand von 14 317,80 M. Die Zahl der Mitglieder ist im Laufe des Quartals von 1170 auf 1248 gestiegen.— In die Arbeits- Nachweis- Kommission wurde T r e t t i n gewählt. Die Kollegen Weslsal und Scholz wurden ihrem Antrag entsprechend nach längerer Diskussion wieder in den Verband aufgenommen. Bei dem Punkt Gewerkschaftliches machte der Vorsitzende auf die vom Verband auf« zunehmende Unfallstatistik aufinerksam und forderte die Mitglieder auf, alle vorkommenden Unfälle der Organisation zu melden und den dazu bestimmten Unfallbogen auszufüllen. Ferner wies der Vorsitzende auf die Lohnbewegung in Köpenick hin und warnte die Mitglieder, dort Arbeit anzunehmen. kommunales. Die Elngcmc'nidungSfragr oder die Frage,„sind Schritte möglich. um Groß-Berlin nunmehr eventuell ins Leben zu rufen", beschäftigte am Dienstag, den 24. September 1003, zur Vorberatung des An- träges des Stadtv. Dr. Prcuß und Genossen eingesetzten Ausschuß der Stadtverordneten. Der Autrag Preuß ging dahin, den Magistrat zu ersuchen, mit den benachbarten Stadt- und Landgemeinden in Ver« bindung zu treten, um gemeinsame Einrichtungen für die Wahrnehmung und den Ausgleich kommunaler Interessen innerhalb dieses Verwaltungsbezirks vorzubereiten. In der Sitzung vom 3. No- vember 1003 hatte der Ausschuß Vertagung bis nach Eingang der im Magistrat vorbereiteten Denkschrift über die Beziehungen zwischen Berlin und seinen Nachbarorten beschlossen. Diese Broschüre, ver- faßt vom Magistratsrat Homburger, ist inzwischen erschienen. Ihr reicher Inhalt ist seiner Zeil von uns besprochen. In der Diskussion, an der sich der Oberbürgermeister Kirschner, die Stadt- verordneten Cassel, Dowe, Haberland, Preuß und Singer beteiligten, wurde neben den aus den nachfolgenden Anträgen erhellenden Gesichtspunkten der des AbWartens geltend gemacht. Dieser Auf- die-lange-Bank-schiebe-Gedanke siegte. Gestellt waren folgende Anträge: 1. vomStadtv.Dr.Preuß:„DieVersammlung ersucht den Magistrats mit den Vorortgemeinden in Verbindung zu treten über die Bildung eines von Berlin und den Vororten gemeinsam zu beschickenden Aus- schusseS. Dieser Ausschuß soll aus Mitgliedern aller Gemeindevorstände und Gemeindevertretem bestehen und folgende Funktionen haben: 1. Die beteiligten Gemeinden verpflichten sich, das Gut- achten des Ausschusses einzuholen: s) bei kommunalen Streitigkeiten zwischen zwei oder mehreren der im Ausschuß vertretenen Gemeinden, d) bei Verhandlungen mit Reichs-, Staats- oder Provinzialbehördcn soweit dadurch das Interesse mehrerer Gemeinden berührt wird; es bei allen Verträgen über Gegenstände, die das Interesse mehrerer Gemeinden berühren. 2. Der Ausschuß soll befugt sein, den beteiligten Gemeinden gutachtliche Vorschläge zu machen: a) über solche Einrichtungen des Verkehrswesens, der Beleuchtung, der Be- und Entwässerung, durch welche die Gebiete mehrerer Gemeinden in Anspruch genommen werden, d) über gemeinsame Einrichtungen im Steuer-, Armen-, Kranken- Hans- und Schulwesen, besonders auch über die Voraussetzungen, unter denen die Benutzung der Anstallen einer Gemeinde den An- gehörigen der andren beteiligten Gemeinden ebenso wie den eignen Angehörigen zustehen soll, o) über gemeinsame Grundsätze des Bebauungsplanes, d) über Anträge an die staatliche Verwaltung oder Gesetzgebung bezüglich der Organisation von Groß-Berlin." Ferner beantragte der Stadtv. Singer: „Die Versammlung ersucht den Magistrat, unter Zuziehung von Mitgliedern der Versammlung, mit Vertretern der VorortSgemeinden Verhandlungen darüber zu führen, ob und auf welche Weise eine gemeindliche Gesamtorganisation zur Förderung gemeinsamer Jnter- essen zu schaffen ist." Endlich schlug der Stadtverordnete Haberland folgenden Antrag vor:„Die Versammlung hält es für notwendig, durch eine möglichst umfangreiche Eingemeindung der Vororte einen Ausgleich kommunaler Interessen herbeizuführen, und ersucht den Magistrat, dies Resultat durch Verhandlungen mit den Staats- beHorden herbeizuführen." Diese sämtlichen Anträge wurden abgelehnt, und zwar der Antrag Dr. Preuß gegen die Stimmen des Antrag- stellers, der Antrag Singer gegen drei Stimmen Abg. Raab(Antis.) schließt sich der Kritik der beiden Vorredner an und macht insbesondere auf die Aehnlichkeit der neuen Stücke mit den östreichischen Zehnhellermünzen aufmerksam. Vielleicht ermögliche eine Legierung mit Aluminium eine deutlichere Unter- scheidung. Dem entschwundenen Thalcr weine nicht nur Dr. Arendt, sondern das ganze deutsche Volk eine Thräne der Sehnsucht nach. (Heiterkeit.) Abg. Dr. Pachnicke(freis. Vg.): Mit Herrn Dr. Hieber wünschen wir möglichste Berücksichtigung der ästhetischen Empfindungen. Aber das ist kein Grund für die Kommissionsberatung: wir stecken schon viel zu viel in die Kommissionen. Sehr wünschenswert wäre eine vermehrte Prägung der goldenen Zehnmarkstücke. Frhr. v. Stengel: Ich muß anerkennen, daß das Zehnmarkstück sich einer großen Beliebtheit beim Publikum erfreut, Thatsache ist aber auch, daß das goldene Zehnmarkstück sich verhältnismäßig viel leichter abnutzt als das Zwanzigmarkstück. Für den Verkehr der kleinen Leute eignet sich jedenfalls am besten das Silbergeld, auf dessen vermehrte Ausprägung daher das Hauptgewicht gelegt wird. Nach weiteren Bemerkungen des Abg. Kirsch(C.) schließt die Be- ratung. Für den Antrag Arendt auf Einsetzung einer Kommisston von 14 Mitgliedern erheben sich die Konservativen und die Socialdemo- kraten.'(Große Heiterkeit.)— Da die Bänke des CentrumS und der Nationalliberalen sehr schlecht besetzt sind, verkündet Graf Ballcstrem unter erneuter Heiterkeit des Hauses, daß das Bureau sich über das Resultat der Abstimmung zweifelhaft sei. Bei Vor- nähme der Gegenprobe einigt sich das Bureau dahin, daß jetzt die Minderheit steht.— Der Antrag Arendt ist also angenommen. Es folgt die zweite Beratimg des Etats des Reichskanzlers.— Am Bundes, atStische haben noch Staatssekretär v. Nieberding und Freiherr v. Richthofen Platz genommen.— Hierzu liegen Resolutionen der Soeialdemokraten und des Centrums vor, die sich auf die Arbeitsverhältnisse der Arbeiter in den Staatswerkstätten und auf die Submissionsbedingungen für Staatslieferungen beziehen. Auf Antrag Singer(Soc.) wird beschlossen, diese Resolutionen nach Beendigung der allgemeinen Diskussionen gesondert zu beraten. Abg. Dr. Spahn((£.): In der vorigen Session sind die Akten über die Erhebungen zu den Beanstandungen derWahldes Ab- geordneten Prietzel nicht mehr an uns gelangt. Ein in- zwischen geführter Prozeß hat eS in höchstem Grade wahrscheinlich gemacht, daß in der That bei dieser Wahl von feiten der Beamten schwere Wahlbeeinflussungen stattgefunden haben. Für die Wahl des Herrn Prietzel ist uns das ja gleichgültig. Unzulässig aber erscheint es uns, daß nachdem die WahlprüfungS-Kommission des Reichs- tags Erhebungen anzustellen beschlossen hat, die Regierung den Beamten plötzlich das Siegel der Amtsverschwiegenheit ausdrückt. Sie hätte sich vorher in der Kommission mit uns darüber verständigen müssen; so stellt das Verfahren der Regierung eine Erhebung über den einen gesetzgebenden Faktor dar(Lebhaftes Sehr richtig!), die es dem Reichstag unmöglich macht, die Legitimation seiner Mitglieder künftighin selbst ausreichend zu prüfen. Auch zu einer andern Er- wägung regt dieser Prozeß gegen den Redakteur Leven an. Er ist verurteilt worden, obgleich man es ihm dadurch, daß man den Be- amten die Aussage verbot, unmöglich gemacht hatte, den Wahrheits- beweis zu führen. Das ist zwar vollkommen gesetzmäßig, aber unsres Erachtens sollte in solchen Fällen Freisprechung eintreten. (Bravo! im Centrum.) Staatssekretär Dr. Nieberding: Diese letztere Frage wird in der Kommission zur Reform der Strafprozeß-Ordnung ausgiebig erörtert werden. Zu der ersteren vom Vorredner angeregten Frage ist thatsächliches Material weder dem Reichskanzler, noch der Reichsverwaltung bekannt geworden. Ich erkenne aber an, daß die Stellung des Reichstags verlangt,. daß alle Verwaltungen jede mögliche Rücksicht auf die von ihm beschlossenen Erhebungen nehmen. Wir werden uns mit den Einzelstaaten in Verbindung setzen und die hier gegebene Anregung in die wohlwollendste Er- wägung ziehen. Abg. Dr. David(Soe.): Ich möchte einen Fall zur Sprache bringen, in dem der Präsident des preußischen Staatsministeriums sich im geschlosienen Gegensatz zum deutschen Reichskanzler befindet. Es betrifft die Angelegenheit der Schiffahrts- abgaben. Der Herr Reichskanzler hat zu Beginn der EtatSver- Handlungen eine Erklärung abgegeben, die offenbar dazu bestimmt war, die große Beunruhigung, die in der Bevölkernng besonders des RheingebieteS herrschte, zubeschwichtigen. Inzwischen ist eine weitere Erklärung in derselben Sache von dem preußischen Minister Herrn Budde abgegeben worden, die sich im unvereinbaren Widerspruch zu der Erklärung des Herrn Reichskanzlers befindet. Man könnte an- nehmen, daß der für die im Namen des preußischen Stagts- Ministeriums von Herrn Budde abgegebene Erklärung Verantwortliche Reichskanzler einmal der Welt recht drastisch hat zeigen wollen, daß er kein Konsequenz macher sei.(Sehr gut! bei den Soeialdemokr.) Aber damit, glaube ich, wird sich die Bevölkerung nicht zufriedengeben. Der ent- scheidende Punkt bei der Angelegenheit ist: dürfen Abgaben erhoben werden für, Vertiefungen und Korrekturen der Fahrrinne natürlicher Wasserläufe, die dlirchBaggeruiigeii, Dammbauten und ähnliche Vor- richtungen sich vollziehen? Ist die Abgabenfreiheit der Ströme auch da, wo solche Regulierungen stattgefunden haben, garantiert durch § 54 der Reichsverfassung oder nicht? Die Erklärung des Herrn Reichskanzlers beantwortet die Frage ganz unzweideutig, indem sie die Erhebung solcher Abgaben für ausgeschlosien erklärt. Der Reichskanzler bezog sich auf das Gesetz von 1886, durch welches ausnahmsweise die Erhebung solcher Abgaben auf der Unter- weser gestattet wurde, und betonte, daß damals ausdrücklich hervor- gehoben worden sei, zu einer solchen Ausnahme sei ein Reichsgesetz notwendig unter Wahrung der Bestimmung des Art. 78 der Reichs- Verfassung, der vorschreibt, daß Abweichungen von der Verfassung zu ihrem Gesetzwerden einer Dreiviertelmehrheit des Bundesrats be- dürfen. Herr Budde dagegen hat in seiner Erklärung gesagt, es läge durchaus im Rahmen der Grundsätze des Art. 54, daß auch auf natürlichen Wasserläufen für Benutzung erst kürzlich geschaffener Tiefen Gebühren zur Deckung der Herstellungs- und Erhaltungs kosten erhoben werden können. Dieser Widerspruch ist vollständig unerklärlich und ich bin außerordentlich ge- spannt, wie der Reichskanzler ihn zu lösen versucht. Ein gleicher Widerspruch wie zwischen den Erklärungen des Reichskanzlers und des Ministers Budde findet sich in den Er- klärungen der konservativen Partei, wie sie hier und im Landtag abgegeben worden sind. Hier erklärte Graf Limburg- Stirum, er hätte Bedenken gegen die Stromabgaben, die sich auf eine bloße Vertiefung der Fahrrinne stützen. Dort sprach Graf Arnim seine Befriedigung über die endliche Erfüllung dieses seines lang gehegten Wunsches aus. Nun habe ich selbst für meine Person nach einer Erklärung des Widerspruches gesucht und da scheint mir sein Zusammenhang mit den preußischen, wasserwirtschaftlichen Vor- lagen ganz unbestreitbar. Herr v. Zedlitz-Neukirch hat im„Tag" die Bedingungen formuliert, unter denen die agrarischen Jnterefsenten bereit sein könnten, auf diese Vorlagen einzugehen. Unter ihnen ist auch die bindende Einwilligung der preußischen Regierung zu Schiffahrts abgaben auf den planmäßig regulierten Strömen. Die Kalkulation, die von den agrarischen Interessenten dabei angestellt wird, ist die, daß auf den großen Strömen auch die Massenartikel des überseeischen Imports, insonderheit Getreide eingeführt wird Wenn man nun diese Einfuhr durch Schiffahrts- abgaben unterbindet, so verlieren die großen Ströme ihren Charakter als Zufuhr st raßen für die kleinen Flüsse und Kanäle und dadurch wird die Gefahr beseitigt, daß das Kanalsystem dem Import ausländischen Brotgetreides dien st bar gemacht werden kann. Die preußische Verwaltung will offenbar mit Rücksicht auf die Chancen ihrer wasserwirtschaftlichen Vorlagen diesen agrarischen Berechnungen nachgeben. Aber das deutsche Volk in seiner großen Mehrheit ist nicht bereit, diese Rechnung für die Wasser- wirtschaftlichen Vorlagen Preußens zu zahlen. Es ist zu viel zugemutet, daß es den Schaden davon haben soll, daß die preußische Regierung ihren Willen in der Kanalvorlage durchsetzt. Das kann die Regierung auch, wenn sie sich nur zu größerer Energie gegen die Junker auftaffen wollte. (Lautes Lachen rechts.) Durch die Schiffahrtsabgaben würde das gesamte deutsche Wirtschaftsleben schwer geschädigt, der Transport der Massen-Roh- Materialien und-Nahrungsmittel verteuert. Zunächst käme das Transportgewerbe in eine außerordentlich schwierige Situation. Nach zwei Seiten würde es s u ch e n, die Kosten dieser neuen Steuer abzuwälzen, einmal auf die A r b e i t e r ni a s s e n, die im Schiffahrtsgewerbe thätig sind. durch Lohnreduzie- r un gen bei den Heizern, Maschinisten usw. Dann würde durch eine Preiserhöhung der Materia- lien die Konsumentenschaft im höchsten Grade belastet werden. Das wäre namentlich bei einer Reihe von Massen- artikeln möglich, in denen die Produktion derart monopolisiert ist, daß die Monopolinhaber jede Transportverteuerung ruhig auf die Masse der Konsumenten abwälzen können, z. B. beim Petroleum, bei Kohlen. Steinkohlen usw. Darum würde die Bevölkerung nicht ruhig stillhalten, wenn die Regierung ihre wasserwirtschaftliche Vor- läge mit Hilfe der Schiffahrtsabgaben durchsetzen will. Jedenfalls bin ich genötigt, den Herrn Reichskanzler um eine Aufklärung des Widerspruchs der beiden Erklärungen zu bitten, und im Interesse des Volkes wäre es jedenfalls wünschens- wert, wenn er unzweideutig erklärte, daß die frühere Erklärung, die er hier abgegeben hat, zu Recht weiter bestehen soll.(Bravo I bei den Soeialdemokraten.) Staatssekretär Graf Posadowsky: Ich b e d a u e r e, daß diese Frage hier bei diesem Etat zum Austrag gebracht werden soll. Dieselbe Frage liegt der P e t i t i o n s- k o m m i f s i o n vor, und wenn man gewartet hätte, bis dort darüber gesprochen worden wäre, so hätte der preußische Mini st er der öffentlichen Arbeiten sicherlich G e- l e g e n h e i t genommen, dort seinen Standpunkt sowohl nach der juristischen wie nach der technischen Seite hin klarzulegen und m cusm concreto den Nachweis zu führen, daß zwischen seiner Er- klärung und der des Herrn Reichskanzlers kein innerer und kein gesetzlicher Widerspruch besteht. Ein solcher Widerspruch ist bei der Stellung des Reichskanzlers als preußischer Ministerpräsident auch vollkommen ausgeschlossen. Würde sich ein Widerspruch in der praktischen Aus- sührung einer Bestimmung der Reichsgesetze zwischen einem Bundes- staate und den, Reichskanzler ergeben, so würde der Bundesrat zur Entscheidung dieser Frage berufen sein. Was nun die Sache selbst anlangt, so. bestimmt Artikel 54 der Reichsverfassung, daß auf natürlichen Wasserstraßen Abgaben nur erhoben werden dürfen für besondere Anlagen, daß aber auf künstlichen Wasserstraßen die Er- Hebung von Abgaben zulässig ist. Diese Bestimmung würde sehr klar liegen, wenn in der Reichsverfassung gesagt wäre, was unter »besonderen Anlagen" und»natürlichen Fluß- läufen" zu verstehen ist.(Sehr richtig I) Man wird zugestehen müssen, daß natürliche Wasferläuse einer solchen Veränderung unterworfen werden können, daß sie unter Umständen als künstliche Wasserstraßen zu betrachten sind. Nehmen wir an, ein Strom ist infolge seiner vielen Krümmungen der Versandung aus- gesetzt, so daß der Verkehr von großen Fahrzeugen auf ihm un- möglich wird, und nun würden diese Kurven durch geradlinige Durch- stiche beseitigt werden, so müßte man sagen, daß diese Durchstiche nicht mehr eine natürliche Wasserstraße sind.(Sehr richtig! rechts.) Und jedenfalls hätte dann der Staat, der solche Durchstiche vor- nimmt, das Recht, auf ihnen Abgaben von den Interessenten zu er- heben. Wo ein Fluß einer solchen Veränderung unterworfen worden ist, das ist eine Thatfrage, die sich nicht grundsätzlich entscheiden läßt. Auch darüber wird die Auffassung schwanken, wann der Zeitpunkt eintritt, wo ein Reichsgesetz notwendig wird, wenn man auf einem veränderten natürlichen Flußlaufe Ab- gaben erheben will. Unter Umständen kann ein Flußlauf durch Verlegung und Verkürzung so verändert werden, daß er als künstliche Wasserstraße betrachtet werden muß, und dann ist ein Reichsgesetz nicht notwendig. Anders liegt es wieder, wo durch die Kanalisierung nicht ein neues Flußbett geschaffen wird, und das ist der Fall bei der Unterweser. Aber hier kann man zweifelhaft sein, ob es sich überhaupt um einen Fluß handelt. Die Unterweser ist eine große Reede, die durch Beleuchtung und Betauung einen großen Hafen darstellt. Es giebt Fälle, wo es vollständig ausgeschlossen ist, daß die Lasten auf die Schultern des Staates genommen werden, wenn nicht den Interessenten Abgaben auferlegt werden. Nehmen Sie an, ein preußischer Minister fäßte den Plan, bei der Loreley durch großartige Sprengungen die Fortsetzung der Schlepp- schiffahrt zu ermöglichen. Der Schiffahrt würden dadurch so außer- ordentlich große Vorteile erwachsen, daß es an und für sich gerecht- fertigt wäre, Abgaben zu erheben. Ich resümiere mich dahin: Es ist unzweifelhaft, daß nach der Reichsverfassung ans natürlichen Wasser- läufen Abgaben nicht erhoben werden dürfen. Aber zweifelhaft ist es: auf welchen Strecken und unter welchen Verhält» nissen kann man natürliche Wasserstraßen für künst- liche erachten, und wenn man zugesteht, daß eine natür» liche Wasserstraße trotz einer Verbesserung eine natürliche geblieben ist, unter welchen Umständen ist ein Reichsgesetz zur Erhebung von Abgaben notwendig? Die Fälle liegen nach einer Denkschrift des preußischen Ministers für öffentliche Arbeiten, die ich gelesen habe, sehr verschieden. Der Herr Vorredner hat auf die wirtschaftlichen Folgen hin- gewiesen, die die Erhebung solcher Abgaben auf Rhein und Elbe haben würde. Ich kann ihn beruhigen. Ich bin ja auch Mitglied des preußischen Staatsministeriums und kann erklären, daß bisher der preußische Minister für öffentliche Arbeiten auch nicht den leisesten Gedanken innerhalb des preußischen Staatsmini st eriu ms geäußert hat, auf Rhein und Elbe Abgaben zu erheben. Ob das immer der Fall sein wird bei den wachsenden Ansprüchen der Schiffahrt und bei den kolossalen Ausgaben für Verbefserung der Ströme ist eine Frage, die jeder Finanzmann und jeder Minister der öffent- lichen Arbeiten für die Zukunft sich offenhalten mutz. Wir sind aber zunächst auf dem Rhein Holland gegenüber und auf der Elbe Oestreich gegenüber vertragsmäßig gebunden, die Freiheit der Schiffahrt zu gewähren. Wenn wir da eine Aenderung eintreten lassen wollten, könnten wir es mir auf Grund neuer Abmachungen, und die beiden Staaten werden keinem Abkommen ihre Zustimmung geben, das der Schiffahrt als solcher irgendwie nachteilig ist. Aus diesen Ausführungen, die in der Kommission noch ein- gehender gegeben werden können, werden Sie ersehen, daß selbst, wenn man bei sehr scharfer Auslegung des Wortlautes der beiden Erklärungen einen Widerspruch glaubt herausdeduzieren zu können, die Erklärungen des Reichskanzlers und des Ministers für öffentliche Arbeiten nicht wörtlich, aber thatsächlich vollständig übereinstimmen. (Bravo I) Abg. Dr. Sattler(natl.): Ich zweifle nicht daran, daß beim Etat des Reichskanzlers Fragen, die Deutschland zur Zeit tief be- wegen, zu ausgiebiger Erörterung gelangen werden. Solange sie aber nicht von andrer Seite in die Diskussion gezogen werden, will ich mich bescheiden, einige Fragen zu stellen und dem Herrn Reichs- kanzler zu überlassen, wieweit er sich in der Lage fühlt, sie zu be» antworten. Zunächst ist in der auswärtigen Politik, wie wir in den letzten Wochen wieder gehört haben, der Drei bu nd die unerschütterliche Grundlage unsrer Stellung. Aber sonst haben sich Verfchiebungen ergeben, die auch auf unsre Politik zurückwirken können. Ich frage ferner, wie weit die Bemühungen zum Ab- schluß neuer Handelsverträge gelangt find, der Verträge, die auch wir für durchaus Wünschens- und erstrebenswert halten? Kann der Herr Reichskanzler uns weiterhin neue Nachrichten über die Vorgänge in unsren Kolonien, insbesondere iy Südwest- afrika, machen? Die gegenwärtige Lage Deutschlands ist viel schwieriger ge- worden als früher je. Angesichts dieser schwierigen Lage bedauern wir doppelt, daß das deutsche Volk nicht einig ist. Zunächst richte ich mich an die Männer, die zwar allen Be- völkerungsllassen gerecht werden wollen, aber nicht gewillt sind, abzudanken zu Gunsten einer einseitigen Klaffen- Herrschaft. Wenigstens ist diese auf ein enges Zu- fammenwirken der gegenwärtigen Zeit durchaus angewiesen. Da ist es bedauerlich, daß die tiefgehenden, geschichtlich begründeten kon- fessionellen und religiösen Gegensätze ein Zu- sammenarbeiten der Bevölkerung aufs äußer st e erschweren. WaS dem einen als Blüte der Unterordnung unter die geniale Idee einer religiösen Idee erscheint, erscheint dem andern lediglich als Organisation zur Niederzwingung deS politischen Gegners. Unter solchen Umständen sollte jeder Teil auf den andern Rücksicht nehmen und nicht vorübergehende Macht benutzen, den Volksgenossen tiefgehende Wunden' zu schlagen. (Fronisches Sehr richtig I im Centrum.) Nicht gegen den Katholi- zismus, sondern gegen den Ultramontanismns'kämpfen wir an (Widerspruch im Centrum), gegen das Streben, auf politischem Ge- biete einseitig Macht zu gewinnen.(Sehr richtig! bei den National- liberalen.— Unruhe im Centrum.) Ich will nicht wiederum von Handelsgeschäften sprechen, das wäre hier, wo ich nur bei enier kleinen Minderheit Resonnanz finde(Sehr richtig! im Centrum), unklug und auch ungerecht, denn ich muß Ihren Versicherungen glauben, daß solche Handelsgeschäfte nicht vorlagen. Aber ein ver- hängnisvolles Dunkel, ein Unstern schwebt über dem Zugeständnis der letzten Jahre. Sie folgen oder gehen voran mächtigen politischen Aktionen, zu deren Durchführung man die Centrumsstimmen gebraucht. Gegenüber den Ausführungen des Herrn Reichskanzlers muß ich richtig stellen, daß zwar früher ein Teil auch hervorragender Mitglieder meiner Partei, so Herr v. Bennigsen und Herr Baffer- mann für Aufhebung des§ 2 gestimmt haben, daß aber seit 1898 meine Freunde in ihrer überwiegenden Mehrheit immer gegen diese Auf- Hebung stimmten. Was die Rechtsgültigkeit dieses Gesetzes betrifft, so liegen ja allerdings Präeedenzfälle vor, wo auch nach Ablauf der Legis- laturperiode ftühere Beschlüsse des Reichstags sanktioniert worden sind. Man sollte doch aber hier irgend eine Grenze setzen. Wollte der Bundesrat z. B. heute einen Mehrheitsbeschluß des Reichstags vom Jahre 1874 in Kraft setzen, so wäre er in der Lage, Mecklenburg zum Erlaß einer Verfassung zu zwingen. In der Bevölkerung herrscht das Gefühl vor. als sei der Wille der Einzelstaaten bei dieser Angelegenheit nicht mit der erforderlichen zarten Rücksicht behandelt worden. Man hat auch im Volke das Gefühl, daß nicht allein sachliche Motive beim Zustandekommen des Gesetzes geltend gewesen find, sondem auch andre Motive. Ein solches Vorgehen trägt nicht zur Förderung des konfessionellen Friedens bei, sondern zur AuZei'nanderreißunI boit Kreisen, die zusammen wirken müssen und soHom(Sehr richtig I bei den Nationalliberalen.) Aber auf die Gefühle des andren Bevölkerungsteils, auf die staats- rechtlichen Verhältnisse wird keine Rücksicht genommen: kaum ist ein Wunsch erfüllt, wird ein andrer als Forderung gestellt. Gegen dieses Vorgehen protestiere ich mit dem ganzen Ernste der Uebcrzeugung, die uns zur Verfügung steht.(Bravo I bei den Nationalliberalen, Ohorufe im Centrum, Heiterkeit.) Ich bedauere, dast das Vorgehen der Regierung in den hetzten Monaten nicht zur Stärkung des kon- fessionellcn Friedens beigetragen hat.(Lebhaftes Bravo I bei den Nationalliberalen.) Reichskanzler Graf Biilow: Der Herr Vorredner hat auf dem Gebiete der auswärtigen Politik eine Reihe von Fragen an mich gerichtet, von denen er mir selbst zugeben wird, daß sie leichter zu stellen als zu beantworten sind. Er hat speciell von einer V e r- schiebung der europäischen Lage gesprochen. Ich kann das nur beziehen auf das vor einigen Tagen in die Oeffentlichkeit gelangte französisch- englische Kolonialabkommen. Ich möchte den Vorredner zunächst darauf aufmerksam machen, daß sich über dieses Abkommen die englischen Minister erst heute abend im Parlament aussprechen wollen, und daß die französischen Minister sich noch nicht ausgesprochen haben. Da wird er es gewiß begreifen, daß ich nnch nicht des längeren und breiteren über diesen Vertrag auslassen kann. Zudem habe ich in meiner Eigenschaft als Minister des Auswärtigen die Pflicht, von dieser Stelle aus solche Dinge zu sagen, die wenn möglich das Interesse des Landes zu fördern und jedenfalls nicht zu schädigen geeignet sind. Aber ich will doch über diesen Punkt soviel sagen, daß lvir keine Ursache haben anzunehmen, daß dieses Abkommen eine Spitze gegen irgend eine andre Macht hat. Was vorzuliegen scheint, ist der Versuch, Differenzpunkte, die zwischen Frankreich und England bestanden, auf dem Wege gütlicher Verständigung aus der Welt zu schaffen. Dagegen wird vom S t a n d p u n k t d e r d e u t s ch e n I n t e r e s s e n nichts ein- zuwenden sein. Denn ein gespanntes Verhältnis zwischen Frankreich und England ist für Deutschland schon deshalb nicht zu wünschen, weil es eine Gefährdung des Weltfriedens wäre, dessen Aufrechterhaltung wir dringend wünschen. Was speciell den Kernpunkt des Abkommens, Marokko, angeht, so sind wir wie im Mittelmeer überhaupt, so in Marokko wirtschaftlich interessiert. Deshalb haben wir auch erhebliches Interesse daran, daß dort Ruhe und Ordnung herrscht. Es liegt aber kein Grund vor. zu besorgen, daß von feiten irgend einer andern Macht unsre wirtschaftlichen In ter- essen in Marokko mißachtet oder verletzt werden könnten. Was den Krieg in Ostasien angeht, so ist unsre Haltung sehr einfach. Nachdem es leider nicht gelungen ist, den Frieden aufrecht zu erhalten, thun wir, was uns möglich ist, damit aus dem Duell im fernen Osten sich kein Weltkrieg entwickelt. Das ist der Hauptgrund für unsre durchaus klare Neutralität. Daß wir keinen Grund haben, uns in den Krieg einzumischen, geht schon daraus hervor, daß deutsche Interessen nicht direkt berührt werden. Endlich ist diese Neutralität auch das sicherste Mittel, um unsren Handel und unser wirtschaftliches Leben thunlichst vor Schädigung zu bewahren. Es ist vielfach der Vorwurf erhoben worden, sogar von einem Fraktionsgenossen des Herrn Dr. Sattler im andren Hause, daß wir durch den Ausbruch des russisch-japanischen Krieges überrascht worden sind. Ich habe sogar gelesen, daß wir durch unbegründeten Optimismus andre zu thörichtcr Sicherheit ver- leitet haben. Darauf könnte ich erwidern, daß die leitenden Minister in London, Paris, Petersburg und selbst die japanischen Vertreter in Paris und Petersburg thatsächlich von dem Ausbruch des Krieges überrascht worden zu sein scheinen. Ich könnte auch betonen, daß selbst diejenigen nicht japanischen Staatsmänner, die der Ansicht waren, daß der stark geheizte japanische Kessel bald Dampf aeben würde, nicht vorausgesehen haben und nicht voraus- sehen konnten, daß die Regierung in Tokio für den Abbruch der diplomatischen Verhandlungen gerade den Augenblick wählen würde, den sie lhatsächlich gewählt hat. Ich will hier einfach darauf hinweisen, daß in solchen kritischen Augenblicken die Regierung die großen auswärtigen Interessen des Landes wahrzunehmen hat und daß sie vor allem dafür zu sorgen hat. daß das Schiff des Landes nicht in diesem Sturm aus Klippen gerät. Wenn wir damals beim Ausbruche des Krieges eine pessimistische Sprache geführt hätten, pessimistischer als sie anderswo geführt wurde, so würde das in Petersburg nicht mit Unrecht Mißtrauen erregt haben können. Andrerseits hatten wir keine Veranlassung, der japanischen Regierung kriegerische Absichten nachzusagen, solange Japan nicht selbst den Krieg erklärt hatte. Wir mußten also ebenso ruhig bleiben als alle die andren Centren der europäischen Politik, vielleicht sogar noch etwas ruhiger, da wir weniger interessiert waren als die andren. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit noch gegen einen andren Vorwurf wenden, der uns aus Anlaß des ostasiatischen Krieges gemacht worden ist. Man hat uns vorgeworfen, daß wir uns für das Neutralisieren von China in ter- essiert haben. Unsre Haltung in dieser Beziehung geht aber aus sehr klaren und einwandfreien Motiven hervor. Es lag und eS liegt im Interesse aller Mächte und auch der deutschen Politik, daß sich aus dem Kriege in Ostasien nicht ein Weltkrieg entwickelt. Daß das nicht geschieht, dazu trägt wesentlich bei, wenn das chinesische Reich nicht in einen Krieg hineingezogen wird. Die Neutralisierung Chinas trägt aber auch weiter bei zur Beruhigung des chinesischen Hofes. Die Furcht, in den Krieg hinein- gezogen zu werden, hätte den chinesischen Hof veranlassen können, Peking zu verlassen, was wiederum eine Be- drohung der Sicherheit der in China lebenden Europäer nach sich gezogen haben würde. Also auch in dieser Beziehung glauben wir durch unser Eintreten für die Neutralität Chinas, die außerdem der beste Beweis war gegen die vielfach erhobenen Ver- leumdungen, wir wollten den Krieg benutzen, um uns ein Stück von China anzueignen, das Richtige getroffen zu haben, und sowohl dem allgemeinen Frieden wie auch� speciell unsren Interessen am meisten gedient zu haben. Was die Ausführungen des Herrn Abg. Sattler über die kirchen- politischen Fragen angeht, so will ich gern anerkennen, daß sich Herr Sattler in sehr vorsichtiger Weise ausgedrückt hat. Ich will auch zu- geben, daß ich den ersten Teil seiner Ausführungen über die Not- wendigkeit des konfessionellen Friedens fast Wort für Wort unter- schreiben kann. Die Geschichte lehrt, und gerade Herr Sattler als Historiker wird mir das zugeben, daß kein Land unter dem konfessionellen Hader inehr gelitten hat als Deutschland, daß bei keinem Volke so sehr sich der kon- fessionelle Hader als das allerschädlichste herausgestellt hat und daß kein Volk so viel Anlaß hat wie wir, den konfessionellen Streit zu vermeiden. Wer auch an dieser Stelle stehen mag, der wird, wenn er anders das Wohl des Ganzen über Parteiungen, über subjektive Empfin- düngen und populäre Strömungen stellt, in erster Linie bemüht sein, durch eine Politik, die sich über dem Hader der Konfessionen hält, den konfessionellen Frieden und damit die Geschlossen- heit der Nation aufrechtzuerhalten. Herr! Abg.' Sattler hat zwar theoretisch die Notwendigkeit des Friedens unter den Konfessionen betont; er hat aber doch eine Reihe von Angriffen gegen das Verhalten der Neichsregiernng und der preußischen Staats- regierung ans kirchenpolitischem Gebiete gerichtet. Er hat auch wieder von Zugeständnissen gesprochen. Ich kann nur mein Bedauern darüber aussprechen, daß er sich auch hier mehr in Wendungen all- gemeiner Natur ergangen hat, als daß er seine Vorwürfe specifizicrt hätte. Ich würde ihm sehr dankbar sein, wenn er mir sagen wollte. Ivelche Zugeständnisse ich dem Ultramontanismus gemacht haben soll auf Kosten der Interessen des Reichs. Ich glaube nicht, daß er in der Lage ist, nur ein solches Zugeständnis zu nennen, und ich bestreite jedenfalls auf das allerentschiedenste. daß ich in dieser Beziehung irgend eine Konzession gemacht hätte, die zum Nachteil des Reiches wäre, die ein Unrecht Iväre gegenüber der evangelischen Kirche. Wenn aber der Abgeordnete Sattler ein Mittel weiß, wie ich die Geschäfte des Reiches in verfassungsmäßiger Weise— und da unterstreiche ich dreimal das Wort„verfassungs- mäßig"— führen kann ohne jede Rücksichtnahme auf die stärkste Partei in diesem Hause— ich spreche das ganz offen aus— dann soll Herr Abg. Sattler die Güte haben, mir diei es Mittel anzusagen. Ein solches Rezept muß er doch in der Tasche haben; sonst wäre es doch im höchsten Grade ungerecht, mir einen Vorwurf daraus zu machen, daß ich mit den gegebenen Verhältnissen rechne. Also heraus mit"diesem Mittel, heraus mit diesem Rezept. Wenn das nicht der Fall ist, so erinnert auch das Vorgehen des Herrn Sattler an eine Anekdote, die der verewigte Fürst Bismarck an irgend einer Stelle erzählt von einem kleinen Fürsten, der seinem Minister befahl, er möchte sein Volk glücklich machen. Wie er aber das Volk glücklich machen sollte, das sagte Serenissimus deni Minister nicht.(Große Heiterkeit.) Was die Haltung der nationalliberalcn Fraktion zur Aufhebung des Z 2 des Jesuiteugesetzes betrifft, so gebe ich gern zu, daß ein Teil der nationalliberalen Fraktion der Beseitigung dieses Z 2 nicht zugestimmt hat, aber auch Herr Sattler wird mir zugeben müssen, daß ausgenommen den Abg. Sattler die führenden Geister der nationalliberalen Partei(Heiterkeit) ausnahmslos auf der andern Seite standen und daß diese Differenz nicht weiter in die Oeffentlichkeit getreten ist. Ich muß mich also nochmals dagegen verwahren, daß mir Verleugnung der Staats- interessen, als Schädigung« des Protestantisinus,' als Gang nach Kanossa, als Kuhhandel, und wie die Schlagworte alle lauten, in der Herrn Sattler nahestehenden Presse vorgeworfen wird, wenn ich eine Forderung des hohen Hauses, die alle Parteien und auch die des Herrn Abg. Sattler aufgestellt haben, erfülle. Nun hat hier Abg. Sattler auch Anspielungen gemacht auf Vor- gänge im Bundesrat. Daß ich über Vorgänge im Bundesrat und die' Beziehungen zwischen deutschen Fürsten nichts sagen kann, das brauche ich wohl nicht ausdrücklich hervorzuheben. Wenn aber der Abg. Sattler angedeutet hat, es wären da Gegensätze hervorgetreten, es wäre da überstimmt und vergewaltigt worden, so erkläre ich auf das allereutschiedenste, daß die vertrauensvollen Be- Ziehungen zwischen den Bundesstaaten und Regierungen in keiner Weise verletzt oder erschüttert worden sind. Daß 25 Regierungen nicht immer und in allen Fragen derselben Ansicht sein können, das ist ziemlich natiirlich. Aber weder haben Preußen und Bayern es irgend einer andern Regierung verargt, daß sie gegen die Beseitigung des§ 2 gestimmt hat, noch ist es von irgend einer andern Seite Preußen und Bayern ver- argt worden, daß sie für die Beseitigung dieser Bestimmung ihr Votum abgegeben haben. Daß ein Teil des Bundesrates sich dem andern hat fügen müssen, das ist schon früher vorgekommen; ich erinnere nur an die Errichtung des Reichsgerichts in Leipzig. Ich möchte aber noch eins hinzufügen. Diese vertrauensvollen Beziehungen unter allen Bundesregierungen find doch zn wichtig, als daß es nicht vermieden werden sollte, ohne Not unbegründete Zweifel in dieser Beziehung zu äußern. Von der Not- wendigkeit vertrauensvoller Beziehungen unter den Bundes- regierungen ist jedenfalls niemand mehr durchdrungen, als ich, das habe ich bewiesen, seitdem ich an dieser Stelle stehe. Von meiner Seite ist niemals irgend etwas geschehen, was irgendwie wie eine Verletzung, Vergewaltigung der Bundesstaaten hätte aussehen können. Also die dies- beziiglichen Vorwürfe muß ich mit Entschiedenheit zurückweisen. Endlich hat auch der Abg. Sattler die Vorgänge in Südwestafrika berührt. Ich glaube, daß wir uns mit diesen Verhältnissen besser be- schäftigen werden bei der Beratung des Kolonial-Etats. Heute will ich nur dem zustimmen, was der Vorredner über die Notwendigkeit gesagt hat, Südwestaftika zu halten. Wir denken nicht daran, auch nur' einen Fuß breit dieses Bodens aufzugeben, den wir besetzt haben und auf dein deutsches Blut geflossen ist. Wir werden alles thun, um die Aufruhrer, die sich gegen unsre Autorität erhoben haben, in ihre Schranken zurückzuweisen, und alles thun, um der Wiederkehr ähnlicher Ereignisse fiir die Zukunft vorzubeugen; wir werden, hoffe ich, auch aus den gemachten Erfahrungen lernen und es dahin bringen, daß die gegenwärtige Krisis der Beginn einer neuen und besseren Aera für Südwest-Afrika sein wird. Ich schließe mich auch den Worten des Vorredners an über die Offiziere und Mannschaften, die in Südwcst-Aftika in den Tod ge- gangen sind. Wir gedenken mit Wehmut der Toten, aber auch mit freudiger Gcnugthuung für die Tapferkeit, mit Anerkennung für die Bravour, die sie an den Tag gelegt haben. Und es ist mir Bedürfnis, zu sagen, daß unsre tapferen Soldaten und Offiziere der Dankbarkeit. Anerkennung und des Vertrauens des Landes sicher sein können.(Beifall.) Danach wird die Weiterberatung auf Mittwoch 1 Uhr vertagt. Der Kongreß von Bologna. Bologna, den 10. April. Dritter Tag. Die Diskussion über das Verhalten der Partei der Regierung und der Staatsform gegenüber wird fortgesetzt. Als erster Redner für die mittlere Tendenz ergreift R i n a l d o R i g o l a, Abgeordneter für Biella, das Wort. Rigola, ein Holz- schnitzer, der infolge einer Berufsverletzung das Augenlicht verlor und vollständig blind ist, wird von mimitenlangcm Beifall begrüßt. Rigola sagt, er und seine Freunde hätten die mittlere Tages- ordnung eingebracht. Er könne sich in manchen theoretischen Punkten mit Bissolati, in. andren mit Labriola für einverstanden erklären, besonders, seit dieser seine Tagesordnung nach Deutschland zur Reparatur geschickt hat.(Heiterkeit.) Aber praktische Erwägungen trennen ihn von beiden Referenten. Die Streitfrage hat einen praktischen Ausgangspunkt. Als die parlamentarische Situation im Frühjahr 1901 die Partei- fraktion bestimmte, für die Regierung zu stimmen, begann im Proletariat eine Gegenströmung, die mit der Zeit immer stärker wurde. Diese Gegenströmung hat die Fraktion nicht beachtet und hat begonnen, die politische Organisation der Partei, von der sie ausging, gering anzuschlagen. Statt dessen stützte man sich auf die Gewerkschaften, auf die breite Masse und ging so weit, dieser die dcialistische Propaganda vorenthalten zu wollen. Redner verweist auf die reine Gewerkschaftspolitik in der ersten Periode des Refor- iniSmnS. Man that damals, als werde die sociale Frage in den Gewerkschaften gelöst. Heute sprechen nun die Reformisten von der Kollaboration der Klassen. Freilich giebt es eine Kollaboration der Klassen. Die Liberisten, die doch rein bürgerliche Grundsätze haben und bürgerliche Zwecke verfolgen, arbeiten auch für das Proletariat, wenn sie die Zölle auf den Lebensmitteln vermindern, wie sie gegen das Proletariat arbeiten, wenn es sich darum handelt, dem Freihandel mit der Arbeit durch Schutzgesetze Schranken zn ziehen. Es giebt also eine Mitarbeit, aber kann das auf unsre heutige Frage Einfluß haben? Giebt das uns ein Recht, heute vom Parteitag das Recht zu fordern, ein Ministerium zn unterstützen? Jetzt, heute, denn in einer 'ernen Zukunft, in der radikalen Regierung einer Republik können die Socialistcn auch in ein Kabinett eintreten. Der Irrtum der Reformisten ist nur. daß diese heute schon glauben, mit einem Giolitti diese neue radikale Regierung anfangen zu können. Redner muß deshalb die Tagesordnung Bissolati bekämpfen, weil sie eine Jndeinnitätsbill für die vergangenen Irrtümer ein- chließt.(Beifall.) Wir können nicht voraussehe», was die Zukunft bringt, was aber die Vergangenheit gebracht hat,� das müssen wir berücksichtigen und belverten. Die Taktik der systematischen Unter- tiitzung war eine falsche Taktik und deshalb hat sich die Partei von ihr abgekehrt. Daraus analysiert Rigola die Tagesordnung Labriola. Labriola ist ein scharfer klarer Denker, aber seine Theorie paßt, diesmal nicht zn der von ihm vorgeschlagenen Praxis. Was sollen wir im Parla- ment, wenn wir nur protestieren? Nur ein böseres Gesicht machen, als die bürgerlichen Abgeordneten? Und wie kann es sein, daß die Reformen die Grundftruktur der Gesellschaft nicht antasten, wenn sie doch das Proletariat stärken und heben? Indem sie das thun, be» ginnen sie eben die Umgestaltung der Gesellschaft, thun sie das aber nicht, dann können sie auch unterbleiben. Was das Recht auf Ge- walt betrifft, so lvird es auch von den Reaktionären anerkannt. Den Reformisten sagt der Redner: Kann sein, daß Euer Weg bester sei, kürzer, bequemer. In der Masse ist aber kein lebendiger Glaube an ihn, die Masse vertraut auf die alte Kampstaktik. Solange das Proletariat nicht an Eure Methode glaubt, kann sie nicht von der Partei angenommen werden. Zu den Revolutionären gewendet sagt Rigola: Habt Ihr einen Gegenaltar errichten, dem Reformismus einen Damm entgegenstellen wollen, dann ist es gut, dann ist es aber auch für setzt genug. Dann zerbrecht Euch nicht weiter die Zunge, um uns plausibel zu machen, warum Ihr an die Reformisten nicht glaubt und sie doch wollt. Dann haltet nicht Eure unmögliche Tagesordnung länger auftecht. Seiner mittleren Tagesordnung hat man Mangel an Logik, hat man Widersprüche vorgeworfen. Eme besonders schöne Tagesordnung soll es ja auch gar nicht sein, es soll nur eine sein, die den Reformisten und den Revolutionären unannehmbar ist. Wir wollen keine Konfusion. Die Revolutionären und die Reformisten sagen: trennen wir uns, so werden wir uns um so besser vertragen. Da haben wir andern doch noch ein Wörtchen mitzureden. Wir wollen nicht, daß die Partei sich spalte um Dinge, die das Proletariat nicht fühlt. Darum hat man eine Resolution vorgelegt, die die Streitftagen der beiden Pole, um die sich die getrennten Partei gruppieren sollte, ausschließt: Die unsocialistische Auf» sassung der Entwicklung aus der einen, die dem Klassenkampf wider- fprechcnde Teilnahme an der Regierung auf der andren Seite. Am liebsten wäre ihm, Redner, eine Tagesordnung, die lautete:„Der Kongreß konstatiert, daß er eine Menge Zeit verloren hat, erklärt sich für die alten Grundsätze des Socialismus und geht zur Tages- ordnung über". Er fchlägt vor, über die drei Reio- lutionen gleichzeitig abzustimmen.(Lärm, Protest, langandauernde Unterbrechung.) Im Namen der Auftichtigkeit und Ehrlichkeit stimme man so ab, ohne taktische Kunststücke und Kon- zentratiost der Stimmen. Mag kommen, was will.(Beifall.) Ihm folgt Marangoni, für die revolutionäre Richtung. Mit Erstaunen sieht er, daß man aus der Kraft der Partei nicht die Begründung fiir eine energischere Aktion, sondern vielmehr für ein schlapperes, vorsichtigeres Vorgehen zieht.(Beifall.) Er beklagt ferner, daß die Partei, nachdem sie so lange und so heftig die bürger- liche Demokratie bekämpft hat, jetzt selbst die Methoden dieser Demokratie annehme und daß Turati ein zweiter Cavallotti ge- worden ist. Redner kritisiert die Reden seiner Vorredner der re- formistischen Richtung. Erinnert daran, daß niemand heftiger als Turati die Genosienschaftsbewegung bekämpft hat. Was die Gewalt betrifft, so fingen alle Tendenzen an. ihr ihr Recht zuzugestehen, tvahrfcheinlich aus Konkurrenz. Die Getoalt kann uns nicht von den Reformisten trennen. Freilich trennt sie uns ebenso wenig von den Anarchisten. Redner erinnert ferner daran, daß es, wie Kautsky gesagt hat, unblutige Revolutionen giebt, wie es Reformen giebt, die Ströme von Blut kosten. Nachdem der Redner noch die revolutionäre Auffassung der Reform in dem Sinne der Tagesordnung dargelegt hat, schließt er mit dem Wunsche, daß man ihn in die Vendsejjseines von revisionisti- schen ländlichen Proletariats zurücksende mit einem ausdrücklichen Votum, das den Klassencharakter der socialistischen Aktion von neuem betone.(Lebhafter Beifall bei den Revolutionären.) Die Nachmittagssitzung beginnt mit dem Bericht der Mandatsprüfungs-Kommission. Es sind zugegen 881 Delegierte, von den 69 italienischen Provinzen sind nur drei nicht vertreten und zwar Cascrta, Chieti und Sassari(Sardinien). Kontestiert sind drei Mandate, vorbehaltlich der Entscheidung über die secessionistischcn Gruppen Mailand» und andrer Orte. Nach einem heftigen Zwischenfall, der durch die Frage nach der Thätigkeit der Reformisten in Genua veranlaßt wird, nimmt Turati das Wort. Langandauernder Beifall begrüßt ihn, wie er die Tribüne betritt. Turati glaubt, daß keine Stimme mehr zu gewinnen, keine mehr zu verlieren ist. Wenn ein Kongreß so weit krystallisiert ist, dann ist eben die Einheit zerbrochen, es sind verschiedene Gruppen, die nicht mehr im Austausch miteinander stehen. Wir nennen, sagt er. unsren Kongreß einen socialistischen Kongreß. Er ist das aber nicht. Er ist ein Kongreß Verschiedeiter Gruppen. Wie kann es sein, daß man fragt: sind wir wir oder sind wir unsre Feinde? Diese Absurdität ist möglich geworden, weil die sogenannte Ceittrumstendenz es aus gutem Willen für die Einheit möglich ge- macht hat, hier eine Konfusion zu schaffen. Daß die Lage nicht normal ist, sieht man allein daraus, daß wir hier die Grundsätze der Partei diskutieren, nach 11 Jahren Parteithätigkcit. In Jmola ist die heutige Frage schon gelöst worden. Auf das Handeln kommt es an: heute revolutionär, morgen reformistisch, jetzt mit oder gegen die Regierung in den Gewerkschaften, in den Korporationen, in den Gemeinden, immer für das Proletariat. Mit Labriola habe er einen Punkt gemeinsam: die Kongresse ändern nichts, sie konstatieren nur. Was kommen muß, die brutale Notwendigkeit geht doch ihren Weg. Kein Votum ändert da etwas. Rigola. Reina und andre wähnen hier Frieden zu schaffen durch eine geschickte Tagesordnung: das heißt an Beschwörungsformeln glauben. Wo heute die Spaltung noch nicht ist, wird sie morgen kommen. Glaubt Ihr, wir fühlen nicht fiir die Einheit der Partei, nicht für die einfache Formel: ein Proletariat, eine Partei. Aber wie alle einfache Formeln, ist sie falsch. Einheit ist natürlich Kraft, aber eS muß Einheit sein, nicht zwei aneinander gekoppelte Gegner, die sich gegenseitig zerfleischen. Mag sein, daß Labriolas Methode besser ist als meine; ich weiß es nicht. Ich weiß es aber, daß es keine schlimmere Methode giebt als unsre beiden zusammen: der eine sieht nach der einen, der andre nach der andren Richtung. In Italien ist noch die ganze Arbeit der Demokratie zu thun, ihre Reformen zu vollenden. Aber die Partei läßt diese Arbeit nicht zu. Die Revolutionären haben ihn, Turati, bekämpft, wie keine bürgerliche Partei ihn bekämpft hat. Wie Redner über die Reform anders denke als die Revolutio- nären, so auch über die Republik. Ihm läge mehr daran, ein repu- blikanisches Volk zu erziehen, als eine Krone herunterzureißen. Des- gleichen sei er auf den Gegenpolen in seiner Wertung der Gewalt. Die Gewalt schafft nicht, sie zerstört nur.(Zivischenrnf: Die Kom- mune I) Ja, auch die Kommune war>cin Unglück für die demokratische Bewegung Frankreichs, die sie um mindestens zwei Jahrzehnte zurückwarf. Wir brauchen die Loyalität nicht so weit zu treiben, wie die deutsche Partei, die die Wahlentrechtung in einem deutschen Staate zuließ ohne eine revolutionäre Bewegung. Aber wir dürfen dennoch nicht die Verantwortung auf uns nehmen, in unser un- wissendes, leidenschaftliches, anarchistisches Proletariat die Lehre von einem Recht auf die Gewalt zu tragen. Die Revalutionären haben die Thätigkeit, die Worte, die Per- sonen der Reformisten öffentlich verspottet und mißachtet und dann sich gewundert, daß die Reformisten nichts zu Wege brachten. Als die Partei gegen Sonnino für ein weniger reaktionäres Ministerium eintrat, war sie eine starke, gefürchtete und geachtete Partei. Damals hatten wir Einfluß auf die Regierung. Erst der innere Zwiespalt hat uns um jeden Kredit gebracht. Langsam, allmählich müssen die Reformen vom Blocke der kapitalistischen Privilege etwas abbröckeln. Wenn man die Arbeits- zeit vermindert, schafft man für die Gesittung und Freiheit des Proletariats. Dabei muß es auch zu einem Zusammenarbeiten der Klassen kommen. Wenn wir z. B. die Lage der Reisarbeiterinnen bessern wollen, so wird es gut sein, nicht den Reisbau in Italien aufzuheben, was Hunderttausende arbeitslos machen würde. Das ist die berüchtigte Kollaboration der Klaffen. Was die Teilnahme an der Regierung betrifft, so ist sie nur denkbar, wenn hinter dem socialistischen Minister ein organisiertes Proletariat steht. Ohne ein solches wäre die Teilnahme an der Re» gierung eine Thorheit. Redner sagt ferner, die mittlere Tagesordnung verlängere nur die Konfusion. Mocchi habe die Tagesordnung des Eentrums den ReformisymS ohne Logik genannt. Mit denlselben Rechte könne er, Turati, sie den LabrioliSmus ohne Logik nennen. E-1 ist Pflicht, der Zweideutigkeit, dem Mißverständnis endlich ein Ende zu bereiten. Jeder muß die Verantwortung für seine Thaten auf sich nehmen. Nur so ist cS möglich, dem Proletariat den Glauben wieder zu geben an eine Einheit des Socialismus, eine Einheit im Leben, nicht im Tode, wie sie das Centrum will. (Minuteulanger Beifall.) Von andauerndem Klatschen und Hochrufen wird auch F e r r i begrüßt, der um Ve5 die Tribüne betritt. Turati habe gesagt, wir hätten keinen Kongreß vor uns, nur die Kampfstelle zweier Parteien. Wer so empfindet, der hat freilich jedes Gefühl für die Partei- einheit verloren. Wer, wie Turati es gethan hat, das ausspricht, daß der Socialist dem Socialist gegenüber steht, wie heute der Russe dem Japaner, dem habe er, Ferri, nichts zu sagen.(Beifall). Aber nicht alle werden vergessen haben, daß hinter denen, die die Einheit wollen, das Proletariat Italiens steht, das von dem theoretischen Streit nichts weiß. Ferri hebt darauf hervor, daß es auf die Agitation in den Massen ankonime. Die Reformisten verlangten allerdings die Prin- cipien propagiert, aber ohne sie wären die Resultate von Reggio Emilia unmöglich gewesen. Nun ist freilich die Agitation nicht alles. Turati argumentiert so: wir brauchen die Reform, können aber von unsren dreißig Ab- geordneten nicht erwarten, daß sie sie durchsetzen. Deshalb müssen wir gemeinsam mit der radikalen Bourgeoisie arbeiten. Gicbt es aber in Italien eine solche? Niemand weiß von ihr, wozu soll man also darüber reden? Turati erklärt, er werde nur mit der Zustimmung des Prole- tariats in ein Ministerium treten. Ein wirklich klassenbewußtes Proletariat wird ihm diese Zustimmung niemals geben.(Beifall.) Wir haben keine radikale Bourgeoisie. Kann die Partei sie init der Methode Turati schaffen? Gewiß nicht: wenn sie zu schaffen ist, so nur durch klare Betonung des Klassenkampfes in seiner intransigenten Form. Redner analysiert darauf die Tagesordnung Bissolati. Sie sagt. man werde sich der bestehenden Staatsform„bedienen". Das soll den Reformisten den Eintritt in ein Ministerium offen halten. Des- halb kann er, Redner, sie nicht annehmen. Labriola repräsentiert die andre extreme Richtung innerhalb der Partei. Redner kann sich mit ihm nicht einverstanden erklären aus zwei Gründen: 1. seiner Stellungnahme zur Frage der Gewalt, 2. den Reformen gegenüber. Die Gewalt habe in unsrem Programm nichts zu suchen: wenn sie auf unsrem geschichtlichen Wege liegt, werden wir uns ihrer be- dienen, aber es ist unnötig, vorher davon zu reden. Die Reformen, so lange sie auf dem Boden des Klassenkampfes errungen werden, gelten ihm als Mittel, die zwar die Ketten des Proletariats nicht brechen, wohl aber sie lösen. Ferri reicht zum Schluß folgende Tagesordnung ein: „In der Ueberzeugung, daß die Methode des Klassen- kampfes mit der Unterstützung eines Ministeriums oder der Teilnahme der Socialisten an der Ne- g i e r u n g nicht vereinbar i st, erklärt der Kongreß, daß für die umfassende Wirksamkeit der socialistischen Partei vielfache Formen der täglichen Aktion nötig sind, die auf die Bildung des socialistischen Klassenbewußtseins, auf die kritische Brandmarkuug des Ausbeutungs- und Schmarotzersystems und auf die Erörterung wirtschaftlicher, politischer und administrativer Reformen gerichtet sind und bestätigt auf der Grundlage der discipliniertcn Unterwerfung der Minderheit als in der gemeinsamen Arbeit aller Socialisten die Einheit der Partei." Ferri schließt mit einem Appell an die Einigkeit: Achten Sie nicht auf die Persönlichkeiten, schonen Sie sie nicht; wollen Sie die Partei.(Beifall.) Es bleibt noch den Referenten ihr Schlußwort. Die Versamm- lung ist sehr müde— es ist 6 Uhr— sehr nervös und unruhig. Labriola begründet mit erstaunlicher oratorischer Schneidig- keit seine Tagesordnung, steht aber in der äußerst abstrakten Fassung etwas über dem Verständnisniveau der Versammlung. Sein Grund- gedanke gipfelt in den beiden Sätzen: Der Socialismus entsteht nicht durch eine Reihe von Reformen und die Ueberführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesellschaft vollzieht sich nicht im Parlament. Wer so urteilt, kann nicht teilnehmen an der reformistischen Thätigkcit, die den staatlichen Organismus umgestalten will. Man darf vom Parlament nicht mehr erwarten, als es geben kann: es ist nur eine Platform, ein Mittel zur Belehrung des Prolet?'icits. r'n Kontrollorgan weiter nichts. ! ,.e Tagesordnung, sagt der Redner, hat den Vorteil, nnS deutlich von den Reformisten zu scheiden. Die Trennung ist un- abwcisbar. So grundverschiedenes kann nicht zusammenbleiben. Aon der socialistischen Partei müssen sich in allen Ländern die los- lösen, die ihrem Wesen nach und dem Wesen der Interessen nach, die sie unbewußt vertreten, nicht in der Partei Platz, keine socia- listisch-proletarische Funktion in der Geschichte zu erfüllen haben. Seine Tagesordnung soll Klarheit bringen, wieviel Stimmen sie er- hält, sei ihm gleichgültig! Bissolati, der letzte Redner des Tages, wiederholt die Ge- danken in seinem Referat und beruft sich auf dieses. Er spricht vor einer sehr unruhigen Versammlung und ist teilweise nicht der- stündlich wegen des Lärms, der zum großen Teil von den ihm Beifall fpendenden Reformisten herrührt. Für ihn repräsentiert der äußerste linke Flügel eine Versteinerung des Ueberlebten: er ist anarchistisch, nurgewerkschaftlich, republikanisch. Nur hat er nicht die Logik dieser überwundenen Stadien. Redner kann die Revolutionäre nicht als Socialisten ansehen. DaS Centrum will den innern Streit, die innere Unwahrheit weiterführen. Reformisten und Revolutionäre in einer Partei werden sich gegenseitig vernichten. Man sagt, die Bourgeoisie würde über unsere Spaltung lachen. Sehr viel mehr wird sie aber morgen zu lachen haben über unsere Einheit. Aus morgen endlich die Abstimmung. Ueber die Abstimmung erhalten wir folgendes Telegramm: Die erste Abstimmung ergicbt für die revolutionäre Resolution Labriola 410(?) Stimmen, für die reformistische Resolution Bissolati 12 25ö Stimmen. 12 560 Anhänger der mittleren Tendenz enthalten sich der Stimme. Bei der zweiten Abstimmung erhält die(linke) Resolution Ferri 16 304, die(rechte) R e- solution Rigola 14 844 Stimmen. Die Stimmenzahlen er- klären sich aus dem Modus der Abstimmung, daß jeder Delegierte soviel Stimmen abgiebt, als er eingetragene Mitglieder vertritt. Die für die Resolution Labriola bei der ersten Abstimmung ab- gegebene Stimmenzahl scheint uns unrichtig wiedergegeben zu sein, schon deshalb, da bei der zweiten Abstimmung 5923 Stimmen mehr abgegeben wurden als bei der ersten Abstimmung. partei-I�admeKten. Arbeitersekrctariate. Nachstehend veröffentlichen wir die Adressen der zur Zeit in Deutschland errichteten Arbeitersekretariate. Die Veröffentlichung soll periodisch erfolgen, jedesmal bei Beginn eines neuen Quartals. Wir ersuchen die Interessenten, uns in der Vervollständigung des Verzeichnisses zu unterstützen und von einer Adressenänderung uns rechtzeitig Kenntnis geben zu wollen. Arbeitersekretariate bestehen in: Altenburg(S.-A.), Wallstr. 9. I. Altona, Große Bcrgsw. 204 I. Berlin 80.. Engel-User 15. Bochum, Maarbrückerstr. 17, l. Bremen, Osterthorstr. 26 I. Breslau, Messergasse 13/19 l Lromberg, Jakobstr. 17. Cassel, WildemannSgasse 20 II. Darmstadt, Elisabethstr. 31. Dortmund, 1. Kampsw. 73 l. Essen, Kirchstr. 18. Frankfurt a. M.» Am Schwimmbad 8/10. Gera, Hospitalstr. 21 I. Gelscnkirchen, Vercinsstr. 29. Gotha, Erfurterstraße(altes Gerichtsgebäude). Halle a. S., Geiststr. 21. Hamburg, Gänsemarkt 35 II. Hanau, Mühlenstr. 2. Hannover, Artillericstr. 13. Harburg a. Elbe, Erste Bergstr. 72. Iserlohn, Lerchenstr. 15. Jena, Saalbahnstr. 3. Kattowitz, Rathausstr. 6. Kiel, Gasstr. 24 parterre. Köln a. Rh., Perlengraben 20 I. Kronach, Kirchenplatz 74. Landcshut i. Schl.,„Gasthof zur Sonne", I. �ripzig, Härtelstr. 12, part. Lübeck, Johannisstr. 46, Part. Mannheim, 8. 3, 10. Meißen, Poststr. 4. Mühlheim(Hessen), Wiesensw. 3. München, Baaderstr. 1 I. Neu-Ruppin, Poststr. 1. Nürnberg, Egydienplatz 22. Posen, Breitensw. 21. Remscheid, Kölnerstr. 18. Stricgau, Ziganswaße. Stuttgart, Eßlingerstt. 17/19. Waldenburg-Altwasser. Wolgast, Maarbrückerstr. 17, 1. Würzburg, Ärücknerstr. 6, I. Berlin, den 11. April 1904. Der Parteivorstand. _ Kreuzbergstr. 30. Genosse Schippel ersucht uns, das Folgende zu"veröffentlichen: Um lveiterer, ganz überflüssiger Ereiferung vorzubeugen, möchte ich hiermit ankündigen, daß ich nächste Woche mit einer Artikelserie über die Zollfrage in der Chemnitzer„Volksstimme" zu beginnen ge- denke. Ich hatte das auch bereits auf der sächsischen Landeskonferenz als Ivahrscheinlich und nahe bevorstehend bezeichnet. An verschiedene Parteiblätter— wie Märkische, Magdeburgische, Frankfurter„Volksstimme", die sich, wie ich aus dem„Vorwärts" ersehe, zuweilen mit mir beschästigen— hätte ich eine Bitte: nämlich die, PnnktfürPu n kt und b e st im m t und klar zusagen, welche meiner früheren Aeußerungen sie eigentlich parteiwidrig finden. Bisher war es beinäheremZusehengewöhnlichso, daß die Klageführenden überhaupt niemals sich die Mühe geno mfm e n hatten, nreine Aeußerungen zu lesen. Sie kannten sie gar nicht, aber sie erklärten sie für überaus unklar, tvenig zielbewußt oder auch für ganz ziellvidrig. Die ganze Begründung, die ich bis- her fast stets zu hören bekam, war: ja, ich denke... ja, es wurde doch oft genug behauptet... ja, aus den Aeußerungen gegnerischer Blätter glaubte ich doch schließen können zu müssen... und ahn- liches. Vielleicht erfahre ich nach dieser Aufforderung endlich etwas Greifbares. Die betreffenden Zeitungsnummern würde ich mir zuzusenden bitten. Berlin HIV., Turmstr. 37. MaxSchippel. *** Wir begrüßen diese Ankündigung des Genossen Schippel; ersehen wir doch aus ihr, daß in Schippel ein Drang nach«etwas Greif- barem" erwacht ist, der das Beste hoffen läßt. Richtigstellung. In unsern» gestrigen Arttkel, der die Aeuße- rungen der Parteipresse über die sächsische Landeskonferenz wieder- giebt, ist uns leider ein Versehen passiert. Wir teilten mir, daß die „Brandenburger Zeitung" erkläre, sie stehe auf dem Standpunkt Heines. In Wirklichkeit erklärte das Blatt, es stehe nicht auf dem Standpunkt Heines. Wir stellen dies mit dem Ausdrucke des Be- dauerns hierdurch richtig._ Socialdemokratische Provinzialkonfcrenz für Hcssen-Nassau. Im Gewerkschaftshause in Frankfurt a. M. tagte am Sonntag eine hessen-nassauische Provinzialkonferenz, die von 67 Genossen aus den Kreisen Frankfurt, Höchst, Hanau, Marburg, Wetzlar, Wiesbaden, Dillenburg-Herborn, Limburg, sowie den bayrischen Wahweisen Aschaffenburg und Lofir und dem hessischen Wahlkreis Friedberg be- sucht war. Zweck der Ziisainmenkunft war die Schafsimg einer festeren Organisation für diese Wahlkreise. Im Gegensatz zu andern Provinzen fehlte bisher für Hessen-Nassau eine einheitliche Provinzial- organisation. Vor dreizehn Jahren, im Februar 1891, also bald nach dem Fall des Socialisten- Gesetzes wurde der Vcr- such gemacht, für die Provinz eine festere Organisation zu schaffen. Es blieb aber damals bei dem Versuch. Man suchte sich in der Weise zu behelfen. daß die einzelnen Wahlkreise sich Organi- sationen schufen, die aber den Mangel hatten, daß ein einheitliches Zusammenarbeiten sehr schwer war. Die Entwicklung der Partei- Verhältnisse drängte aber mit Notwendigkeit auch in Hessen-Nassau auf einen festeren Zusammenschluß. Diesen zu erreichen war die Kon- ferenz einberufen. Wenn nian bedenkt, daß in den in Betracht kommenden Kreisen bei den letzten Reichstagswahlen insgesamt 72 884 socialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, daß aber in den zehn Kreisen kaum 6000 Genossen politisch organisiert sind, so erhellt schon aus dieser Thatsache die Notwendigkeit einer besseren Organisation. Der erste Punkt der Verhandlungen betraf die Organisation und Agitation in Hessen-Nassau. Dazu lag ein vom Genossen Vetters-Gießen ausgearbeiteter Organisattonsentlvurf und eine vom Frankfurter Parteivertrauensmann Meier ausgearbeitete Resolution vor. Nach eingehender Beratung wurde der Entivurf des Genossen Vetters angenommen. Er gipfelt darin, daß für den Regierungs- bezirk Wiesbaden und für die ihm angrenzenden Wahlkreise ein Agitationsbezirk geschaffen wird, dem auch Aschaffen- bürg. Lohr und Friedberg sowie Marburg beitreten können. An die Spitze dieser Organisation wird ein Agitationskomitee von fünf Mtgliedern gestellt, das seinen Sitz in Frankfurt a. M. hat. Zur Beratung wichtiger Fragen kann dieses Komitee die Vorstände der Kreisorganisationen und die Kandidaten der einzelnen Wahlkreise hinzuziehen. Es hat alljährlich einen Parteitag für die Provinz einzuberufen. Dazu können Parteiorte im Bezirk bis zu drei Delegierte entsenden. Die Beschlüsse des ProvinzialpartcitageS sind für die Genossen im Bezirk bindend. Jeder Wahlkreis hat pro Jahr und Kopf seiner organisierten Genossen 20 Pf. als Beitrag zur Be- zirkskasse zu leisten. Die einzelnen Wahlkreise haben jährlich durch ihre Vertrauensleute kurze Berichte über die Parteiverhälwisse im Kreise an das Agitationskonntee zu erstatten. Publikationsorgane deS Komitees sind die Frankfurter„Volksstimme", das„Offenbacher Abendblatt", die„Mainzer Volkszeitung" und die„Mitteldeutsche Sonntagszeitung". In den gcschästsführenden Vorstand der neuen Organisation wurden gewählt: Gewerlschaftssekretär Hüttmann. Arbcitcrsckrctär Gräf, Konsunwercinsverwalter Althaus, Gcwerkschafts- sekretär Dorsch» und Parteisekretär Dittmann. Damit war der erste und Hauptpunkt der Tagesordnung er- ledigt. Die weiteren Verhandlungspunkte betrafen Gemeinde-Angelegen- heiten und Presse._ Totenliste der Partei. In F ü r st e n w a l d e a. d. Spree starb der Cigarremnacher A u g u st S ch a r l i b b e im Aller von 56 Jahren. Der Verstorbene geborte schon Ende der sechziger Jahre dem All- gemeinen deutschen Arbeiterverein an. Unter dem Socialistengesetz wurde er sowohl aus Berlin als auch später aus Hamburg-Altona ausgewiesen. DaS hat ihn indes nicht gehindert, bis an sein Lebens- ende für seine Ueberzeugung aufs eifrigste zu lvirken. Die Partei wie die Gewerkschaftsbewegung verlieren in ihm einen stets opfcr- bereiten Kämpfer. polireilicbes, Oencbtlichcs ulw. — Wegen Beleidigung eines Gutsbesitzers wurde der Redakteur der Erfurter„Tribüne", Genosse Hennig, zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt._ Soziales» Zlerzte und Krankenkasse». Die alten Leipziger Aerzte haben folgendes beschlossen: „Die am 8. April im Hotel Palmbaum fast vollzählig vcr- sammelten Leipziger Aerzte erklären gegenüber den Ausführungen des Herrn Ministers v. Mctzsch in der Zweiten Kammer am 7. April einstimmig, daß die freie Arztwahl, so wie die Leipziger Aerzte sie fordern, das zlvcckmäßigste System der ärztlichen Versorgung für Krankenkassen darstellt und � keineswegs geeignet ist, sie zu Grunde zu richten. Augenscheinlich ist es dem Herrn Minister unbekannt, daß die freie Arztwahl in vielen großen und kleinen Städten zur Zuftiedcnheit der Kassen und der Aerzte durchgeführt ist. Sie cr- klären ferner, daß sie die von der Kasse lediglich als Kampfmittel in Aussicht genommene Abschaffung der Familienbehandlung für einen socialpolitischen Rückschritt und für eine Maßnahme halten, die unter den obwaltenden Verhältnissen nur Not und Elend über weite Kreise der Bevölkerung bringen wird. Denn da diese Maßregel einzig und allein nur den Zweck haben soll, die Leipziger Aerzte zu schädigen, so werden diese sich zu ihrem Bedauern genötigt sehen, Angehörigen der Kassenmitgliedcr auch weiterhin ihre Hilfe zu versagen. Äe Verantwortung für das hieraus entstehende Unglück müßten sie den- jcnigen überlassen, die solche Maßnahmen beschließen und gutheißen würden. Sie toerden deshalb, im Bewußtsein, für die Freiheit und das Ansehen ihres Standes zu kämpfen, auf dem betretenen Wege un- beirrt wcitergehcn und mit denselben Mitteln Ivie bisher ihr hohes Ziel zu erreichen suchen." Tie Aerzte wollen bekanntlich die Angehörigen der Versicherten im Auftrage der Kasse nicht behandeln, auch wenn diese die Einzel- leistung nach der staatlichen Taxe honoriert: der an die Wand ge- malte Notstand, wenn cr vorhanden tväre oder einträte, wäre demnach gar nicht die Folge der erst beabsichtigten Aufhebung der Familien- Versicherung, sondern müßte schon jetzt auch bei dem Bestehen der Fmnilicnversicherung vorhanden seia. Die Sorge der Herren um die Familicnversicherung ist demnach ganz gegenstandslos. Wenn also Notstmrd bestände, dann bestände er einzig darum, weil die Aerzte die Hilfeleistung auch dann verweigern, wenn ihnen die Angehörigen der Versicherten zu vollkommen freier— Arztwahl und zu vollkommen freier Selbstbestimmung des Honorars überantwortet werden. Es scheint demnach, daß den Herren der Kassenpatient doch lieber ist wie der freie Patient. Das ist auch begreiflich; den freien Patienten zwingt kein Gesetz zur Beschaffung„ausreichender ärztlicher Hilfe", wozu die Kasse gezwungen werden kann. Ter Schmerz der Herren ist ja nur, daß im Leipziger Falle der Zwang gegen die Kasse nicht angewandt wurde. Und daß er auch in Zukunft nicht angelvandt werden kann, dafür wird die Kasse sorgen. In der nächsten General- versanunlung wird darum die Familienbehandlung vorübergehend suspendiert lverden. Für die 140 000 Mitglieder selbst reichen die bis jetzt vorhandenen 83 TistriktSärzte vollständig aus; kommen doch dabei auf einen Arzt nur etwa 1900 Versicherte. Dazu kommen aber noch die reichlich mit Aerztcn besetzten drei Beratungsanstalten. Es ist darum auch ganz begreiflich, wenn die neuen Aerzte der Kasse in einer öffentlichen Erklärung darlegen, daß sie auch die Behandlung der Angehören sehr ivohl ausführen können. Aus der beachtenswerten Erklärung sei folgendes wiedergegeben: „Es ist nicht wahr, daß kranke Kassenmitglieder seit dem 1. April ohne die nötige ärztliche Pflege geblieben sind. Wenn auch die neue Ordnung noch nicht völlig ausgebaut ist. wenn auch in unsern Reihen noch Lücken bestehen— wir leugnen das nicht— so ist bisher doch für jeden Kranken, der Hilfe verlangt hat, ausreichend, in vielen Fällen sogar mehr als ausreichend gesorgt worden. Denn wir neuen Aerzte stehen alle für einen, einer für alle. Wo irgend das Bedürftns vorliegt, tritt einer für den andern ein, iveil wir nicht mehr, wie früher, auf das Honorar zu sehen haben, sondern nur unserm hohen ärztlichen Berufe dienen und nur den Kranken der Kasse. Daher können wir auch gegenüber den Ausstreuungen, daß die Orts-Krankenkasse Ivenigstens vorübergehend die Behandlung der Familienangehörigen ihrer Mitglieder einstellen werde, hiermit die bestimmte Versicherung abgeben, daß wir freudig bereit sind, auch den Angehörigen nach wie vor die nötige Hilfe angedeihen zu lassen; wir können uns nach unsern bisherigen Erfahrungen sogar dafür verbürgen, daß auch in dieser Hinsicht keine einzige berechtigte Klage über unzureichende ärztliche Versorgung laut werden wird; wenn trotzdem auch künstig entgegen- gesetzte Nachrichten ausgestreut werden, so liegt diesen Unkenntnis oder Uebertrcibung oder böser Wille zu Grunde. Es ist nicht wahr, daß die Kassennntglieder unS Mißtrauen entgegenbringen. Gesät wird Mißtrauen gegen uns mehr als zuviel� aber es findet nur ganz selten fruchtbaren Boden; und selbst da, wo es den für den Augenblick gefunden hat, verschwindet es schnell wieder. Diese Thatsache steht unumstößlich fest; daran ändern keine Eingaben, Petitionen und Beschwerden etwas mit ihren notdürftig erbettelten oder gar erzwungenen Unterschriften. Unsre Kranken verstehen sogar vortrefflich zu unterscheiden, wie unendlich viel günstiger sich ihre ärztliche Behandlung gegen früher gestaltet hat. Wie oft haben sie früher gegen private Kranke zurückstehen müssen. Solche Unterschiede bestehen nicht mehr in den Beratungsanstalten, die sich eines ge- waltigen Zuspruchs erfreuen, und in den Sprechstunden ist jeder Kranke dem andern gleich, wird jeder mit der gleichen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit behandelt. Ehenso ist es bei den häuslichen Be- suchen; sie werden in der Reihenfolge der Wohnungen und außer der Zeit in der Reihenfolge der Anmeldungen erledigt— und zwar bei Tag und bei Nacht. Gegenüber dem Beschlüsse der Leipziger Aerzte vom 8. d. M., den Angehörigen der Kassenmitglieder ihre Hilfe auch dann zu ver- sagen, wenn die Kasse die Behandlung der Familien vorübergehend einstellen sollte, erklären wir hiermit folgendes: Auch wenn der Kassenvorstand beschließen sollte, für kurze Zeit die Angehörigen der Mitglieder von der freien ärztlichen Be- Handlung auszuschließen, werden wir fortfahren, auch den Familien nach wie vor in alle» Krankheitsfällen ohne jedes be- sondere Entzelt ärztliche Hilfe zu leisten. Nachdem uns sogar in den ersten Tagen dieses Monats, als die geringste Anzahl von Aerztcn vorhanden war, die volle Versorgung gelungen ist, so können wir uns jetzt sogar dafür verbürgen, daß in der Behandlung der Familienangehörigen auch künftig keine Unter- brechung eintreten und keine berechtigte Klage laut werden wird. Wir können versichern: Wir sind hergekommen mit dem Bewußt- sein, daß wir vor schwere Aufgaben gestellt werden, daß große und ernste Hindernisse unsern Weg sperren würden. Aber schon die ersten zehn Tage unsrer Thätigkeit haben in uns allen das erhebende Be- wußtsein erweckt, daß wir hier unsern Beruf in einer so vollkommenen und idealen Weise ausüben können, wie es uns die kühnsten Vor- stellungen niemals haben erwarten und erhoffen lassen. Un- bekümmert um materielle Sorgen dienen wir einer hohen und edlen socialen Arbeit, leben wir der ärztlichen Wissenschaft viel mehr, als es sonst dem praktische» Ärzte möglich ist, und erfreuen uns eines kollegialen Zusammenwirkens und-lcbcns, wie es in gleicher Un- getrubtheit in unsern: Stande selten zu finden ist. Das ist gewiß: Wären im Reiche nur einigermaßen wahre Nachrichten über die hiesigen Verhältnisse bekannt gewesen, das An- gebot der Aerzte würde das Bedürfnis der Orts-Krankenkasse bei weitem übertroffen haben." Am 5. April beschäftigte sich die Generalversammlung der Ortskasse der Möbclpoticrer zu Berlin mit der Aerztefrage und legte ifjre Meinung in folgender einstimmig angenvmmenen Resolution Nieder: „Die l�eute in Frankes Festsälen, Sebastianstraße 39, tagende ordentliche Generalversammlung der Orts-Krankenlasse der Möbel- Polierer weist den Vorwurf, welchen Herr Dr. Mugdan im Reichs- tage gegen die Kassenverwaltungen erhoben hat, daß diese im Gegen- satz zu den Mitgliedern in der Frage der Aerzteversorgung einen andern Standpunkt einnehmen, mit Entschiedenheit zurück. Das Auftreten des Herrn Dr. Mugdan war nur geeignet, etwaige Anhänger der freien Aerztewahl von diesem Standpunkt abzubringen. Die heutige Generalversammlung erklärt sich mit den Maß- nahmen des Vorstandes und des Gewerks-Krankenvereins zur zweck- mäßigen Festlegung der bestehenden Arztversorgung durch lang- fristige Verträge einverstanden. Die Versammlung protestiert energisch gegen die den Thatsachen nicht entsprechende Behauptung des Dr. Mugdan, daß die Kassen für socialhygienische Verbesserungen nur Worte besitzen und kennzeichnet die Ausführungen des genannten Herrn in der Kassenfrage als un- erwiesene Unterstellungen, die geeignet sind, das Selbstverwaltungs- recht der Kassen zu schädigen." Eine Statistik über die tägliche Arbeitszeit der belgischen Arbeiter, die kürzlich veröffentlich wurde, zeigt folgendes: Von ca. 609 000 Arbeitern haben nur 70 000 einen Arbeitstag von weniger als 10 Stunden; einen Ivstündigen Arbeitstag haben 215 OO'O Arbeiter, einen 10V-stündigen Arbeitstag haben 91 000, einen llstündigen 100 000 Arbeiter, und mehr als 11 Stunden täglich müssen noch immer 125 000 Proletarier arbeiten. Die Ergebnisse der italienischen Berufs- und Gewerbezählnng, die am 10. Februar 1301 zusammen mit der Volkszählung zum erstenmal stattfand, werden soeben veröffentlicht. Als hauptsächlichstes Resultat springt hierin zuerst ins Auge, daß Handel und Industrie gegenüber der Landwirtschaft weit größere Fortschritte gemacht haben, als man anzunehmen geneigt war. Der landwirtschaftlichen Bevölkerung von 9,6 Millionen stehen heute schon 5,2 Millionen Personen gegenüber, die von Industrie und Handel leben. Unter den Industrien stehen an erster Stelle die Bekleidungs- und Konfektionsbranche mit 1.1 Millionen Beschäftigter, dann die Webereien und Spinnereien mit% Millionen. Die freien Berufe umfassen 800 000 Personen und zwar giebt es 70 000 Aerzte, 34 000 Advokaten, 173 000 Staatsbeamte, 129 000 Geistliche und Ordensmitglieder, 103 000 Lehrer und Lehrerinnen. Etwa 2 Proz. der Bevölkerung, nämlich rund 600 000 Personen, werden als solche, die von ihren Renten leben, aufgeführt. Jim Industrie und Kandel. Nochmals die Helios-Angelegenheit. Unser Kölner Partei- Organ, die„Rhein. Ztg.", veröffentlichte jüngst einen Brief des Herrn Rechtsanwalts Eltzbacher, Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Helios-Gesellschaft, in welchem dieser behauptete, daß die Bilanz der Gesellschaft Felix Smger u. Co. für das Jahr 1898/99 gefälscht gewesen sei. Der Brief, der von verschiedenen Blättern fauch von uns) zum Abdruck gebracht worden ist, scheiitt Herrn Felix Singer sehr verschnupft zu haben, denn er hat Herrn Justizrat Dr. Hermann Staub beaufttagt, von Herrn Eltzbacher in Köln eine Revokation der betreffenden Briesstelle zu verlangen. Darauf ist Herrn Staub, wie er verschiedenen Blättern mitteilt, folgende Zuschrift zugegangen: Köln, den 7. April 1904. In Erwiderung Ihres Schreibens vom 2. cr. spreche ich zunächst meine Entrüstung und mein Bedauern darüber mis, daß ein Privat- brief von mir aus dem Jahre 1900, welcher lediglich für den Adressaten bestimntt war, infolge eines unerhörten Vertrauensbruchs jetzt in die Oeffentlichkeit und damit auch zur Kenntnis des Herrn Felix Singer gelangt ist. Ich habe den Brief damals auf Grund der mir von einem Vor- standsmitglied des Helios gemachten Mitteilungen unter dem Ein- druck geschrieben, daß dem Helios bei derllebcrnahme der Elektricitäts- Aktiengesellschaft Felix Singer u. Co. eine falsch aufgemachte Bilanz unterbreitet worden sei; dieser Auffassung hat auch der Helios kurz darauf in einer gegen die Berliner Bank als Garantin angestrengten Klage Ausdruck gegeben, welche später im Vergleichswege erledigt wurde. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß der in jenem Briefe von mir bezüglich des Herrn Singer gebrauchte Ausdruck sich nach den im Verlaufe der qu. Prozesse mir gewordenen Aufklärungen durchaus nicht als gerechtferttgt erwiesen hat, und nehme denselben hiermit zurück. Sie wollen gefälligst von Gegenwärtigem dem Herrn Singer Kenntnis geben, dem ich auch anheimstelle, davon den ihm gut scheinenden Gebrauch zu machen. Hochachtungsvoll ergebenst (gez.) Eltzbacher. Einen eigentlichen Wert hat diese Zurücknahme nicht; sie be- zieht sich nur auf die gegen Herrn Singer persönlich gerichteten Anschuldigungen, läßt aber die Frage, ob Irreführungen bei dem Uebergang der Singer-Gesellschaft in den Besitz des Helios vor- gekommen seien, ganz unberührt. Hoffentlich bringen die gericht- lichen Verhandlungen Aufklärung. Arbeiter-Entlassungen im oberschlesischen Kohlenrevier. Auf der Hedwigswunsch- und Ludwigsglück-Grube sind von der Borsig- schen Verwaltung 700 Arbeiter entlassen worden. Wie der«National- Zeitung" aus Breslau gemeldet wird, ist diese Maßnahme durch lokale Ueberproduttion veranlaßt, nicht aber durch eine angebliche Verschlechterung des Kohlenmarktcs oder Differenzen mit der Oberschlesischen Kohlenkonvention. Der„Schles. Ztg." zufolge ist die Borsiasche Verwaltung weder aus der Konvention ausgeschieden. noch kann sie vor Ablauf des Konventionsvertrages, d. h. vor Sep- tember 1907, austreten. Ter segenspcndcnde Stahlwerks-Verband. Kaum war der Stahlwerks-Verband gegründet, so wußten auch schon einzelne rheinische Unternehmerblätter zu berichten, daß die Gründung die ge- samte Eisenindustrie zu lebhafterer Thätigkeit angeregt habe, und seitdem geht die Mär von der„belebenden Wirkung" des Stahl- wcrks-Verbandes durch alle Börsenkritiken. Dieser Stimmungsmache gegenüber ist es recht interessant, daß nach der„Köln. Aolksztg." der Märzbericht des Düsseldorfer Arbeitersekretariats deutscher Ge- werkvercine auf Grund einer veranstalteten Umfrage in Rheinland und Westfalen erklärt, daß der vom Stahlwerks-Verband erwartete Antrieb im Grotzgewerbe bisher nicht nachzuweisen sei. Bedbnrger Wollindustrie. Das sonderbare Verhalten des Auf- sichtsratcs der Bedburger Wollindustrie, das wir erst gestern wieder bei der Schilderung der vor einigen Tagen abgehaltenen General- Versammlung charakterisierten, fordert zu schärfster Kritik heraus. Trotzdem er bisher mit seiner Vcrtuschunspraxis wenig Erfolg gehabt hat. scheint cr sie dennoch fortsetzen zu wollen. Wie nämlich die „Köln. Ztg." meldet, besteht das nachgelassene Vermögen Shlverbergs, das nach der Aufstellung des Aufsichtsrates sich auf 495 000 M. be- läuft, größtenteils aus Aktien und Kuren jener Gesellschaften, deren Verwaltung Shlverberg angehörte, und zwar seien diese Papiere übertrieben hoch angerechnet. Dabei sollen die meisten der vor- handcnen Werte als Sicherheiten für Bankforderungen verpfändet sein, so daß für die Forderungen der Bcdburger Wollindustrie nicht viel übrig bleibe. Diese dem Aufsichtsrat bekannten Verhältnisse habe dieser verschwiegen. Eisenmarkt und Bahnban in den Bereinigten Staaten von Amerika. Gegenüber den von einigen einflußreichen amerikanischen Blättern verbreiteten Stimulierungsnachrichten, in denen ein neuer Aufschwung der amerikanischen Eisenindustrie angekündigt wird, haben wir schon neulich darauf hingewiesen, daß die jetzige lebhaftere Nachfrage auf dem amerikanischen Eisenmarkt im wesentlichen der regelmäßig im März einsetzenden sogenannten„Frühjahrsbelebung" des Eiscngeschäfts zu danken ist. Von einem neuen Aufschlvung könne schon deshalb keine Rede sein, weil weder die Bauthätigkeit in den Städten noch der Eisenbahnbau, der in den letzten Jahren Haupt- sächlich die Ausdehnung der Eisen- und Stahlindustrie gefördert habe, Aussicht auf ein flottes Geschäft böten. Was den Bahnbau anbelangt, wird diese Auffassung jetzt von der Fachzeitung„Railwah Age" bestätigt.„Die Aussichten für den Bau von Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten," schreibt das Blatt,„sind nicht so viel ver- sprechend wie vor einem Jahre. Eine vollständige Erholung von der Aussetzung neuer Arbeiten, tvelche im letzten Sommer auf die Störung in der Finanzwelt folgte, hat nicht stattgefunden� und wenn auch eine große Menge Bauten geplant werden, wird ein guter Teil derselben doch aufgehalten, bis die finanziellen Verhältnisse günstiger sein werden. Es sind zur Zeit 6908 Meilen neuer Bahn- linien kontraktlich vergeben oder auch im Bau begriffen, und von weiteren 1790 Meilen wird erwartet, daß die Arbeiten für den Bau derselben während des Jahres in Angriff genoinmen werden. Vor einem Jahre wurden aber 8500 Meilen als kontraktlich vergeben berichtet, von denen etwas mehr als 68 Proz. oder 5786 Meilen während des Jahres fertiggestellt wurden." )Ziis der Frauenbewegung. Das preußische Ober-Bcrwaltungsgrricht gegen die Frauen-Wahlvereine. (Aus dem schriftlichen Erkenntnis.) DaS Ober-Verwaltungsgericht in Berlin hat unlängst den von socialdemokratischer Seite in verschiedenen Gegenden Preußens ge- gründeten Frauen-Wahlvereinen die Existenzberechtigung abgesprochen, indem es zugleich das Verbot einer Ver sammlung des lediglich für die Zeit der Reichstagswahlen nach der ordentlichen Bekanntgabe des Wahltermins ge schaffenen Frauen- Wahlvereins für den Kreis Teltow-Beeskow für zutteffend erklärte. In Preußen ist es bekanntlich der § 8 des Vereinsgesetzes, der unter anderm den Frauen verbietet, politischen Vereinen anzugehören. Nun bcsttmmt aber§ 21 Abs. 2 desselben Gesetzes:„Wahlvereine unterliegen den Beschrän kungen des§ 8 nicht." Davon glaubten die socialdemokratischen Frauen profitieren zu können und gründeten jene Frauen- Wahl vereine, die auch meist von der Polizei nicht behelligt wurden.— DaS Urteil des Ober-Verwaltungsgerichts in dem erwähnten Falle, der augenscheinlich extra zur Entscheidung der Frage nach der gesetzlichen Zulässigkeit von Frauen Wahlvereinen„geschaffen" wurde, sagt nun in seinem allge meinen entscheidenden Teile(in der schriftlichen Aus. fertigung):„Durchschlagend sind folgende Erwägungen: Die bevorrechttgte Stellung als Wahlverein hat das Gesetz einem von Frauen, also von Personen, die selbst nicht wahlberechtigt sind, offenbar nicht einräumen wollen. Wahlvereine bezwecken die Vorbereitung von Wahlen durch Aufstellung von Kandidaten und Beeinflussung der Wahlberechtigten im Sinne der aufgestellten Kandidaturen. Die Verfolgung eines derartigen Zweckes durch Vereine nicht wahlberechtigter Personen kann der Gesetz geber nicht haben begünstigen wollen, weil dieses in Wider spruch stände mit den Bestimmungen über die Regelung des Wahlrechts. Der Gesetzgeber ordnet das Wahlrecht so, wie es nach seiner Auffassung dem Staatswohl entspricht. Daher kann es auch nicht in seiner Absicht liegen, Vereine zu begünsttgen, welche die vom Wahlrecht ausgeschlossenen Personen zur Beeinflussung der Ausübung des Wahlrechts bilden. Die Bevor rechttgung der Wahlvereine soll zur zweckenffprechenden Ausübung des Wahlrechts dienen und muß sich deshalb auf Vereine der Wahl- berechttgten beschränken. Daher muß man als zum Be griffe der Wahlvereine im Sinne des Z 21 des BereinSgesetzes gehörig erachten. daß der Verein aus wahlberechtigten Personen besteht. Das Recht zur Bildung von besonders bevorrechteten Wahl vereinen beruht auf dem Recht zu wählen, und st e h t darum den nicht wahlberechtigten Personen nicht zu."— DaS Urteil nimmt dann auf§ 17 des ReichstagSwahl Gesetzes Bezug, der bestimmt;„Die Wahlberechtigten haben das Recht, zum Betriebe der den Reichstag betreffenden Wahl angelegenheiten Vereine zu bilden-c.". Dieser Paragraph sei aller dings mit Rücksicht auf mecklenburgische Verhältnisse geschaffen und wolle weitergehende Landesgesctze nicht einschränken, so daß für die Nichtzulässigkeit von Frauen- Wahlvereincn ohne weiteres daraus nichts folge; indessen könne auS dem Herausgreifen der Wahl berechtigten durch das Reichsgesetz eine Bestättgung der obigen Auffassung des landesgesetzlichen Begriffs der bevor- rechteten Wahlvereine gefunden werden. Auch wenn also der socialdemokratische Wahlverein der Frauen des Kreises Teltow- BeeSkow- Charlottenburg mir die einzelne vorjährige Wahl bettoffen habe und insofern in den Grenzen der Zwecke eines WahlvereinS im gesetzlichen Sinne geblieben sei, so stehe ihm nach den obigen Ausführungen die Ausnahmebestimmung, welche zu Gunsten der Wahlvereine im§ 21 des Vereinsgesetzes gegeben(sei, doch nicht zur Seite. Daraus folge, daß die Beschränkungen des § 8, soweit sie nicht aufgehoben seien, auf den Verein Anwendung fänden, denn als politischer Verein sei er fraglos anzusehen. Da nun nach§ 8 Vereine, die in Versammlungen politische Gegenstände zu erörtern bezweckten, keine Frauenspersonen aufnehmen dürfen, so dürfe ein solcher Verein auch von Fronen nicht gebildet werden. Und Versammlungen eines solchen Frauenvereins seien un- zulässig, denn d-izu gehörten l Frauen, und Frauen dürften nach ß 8 Abs. 3 den Versammlungen polittscher Vereine nicht bei- wohnen.— Wir setzen zur Erläuterung die Bestimmungen der beiden Para- graphen des preußischen BereinSgesetzes im Wortlaut hierher; vielleicht gelingt es einem unsrer Leser, dieses uns unverständliche Urteil zu verstehen. „ß 8. Für Vereine, welche bezwecken, politische Gegenstände in Versammlungen zu erörtern, gelten außer vorstehenden*) Be- stimmungen nachstehende Beschränkungen: o) sie dürfen keine Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge aufnehmen; d) sie dürfen nicht mit andern Vereinen gleicher Art zu ge- meinsamen Zwecken in Verbindung treten, insbesondere nicht durch Komitees, Ausschüsse, Centralorgane oder ähnliche Einrichtungen oder durch gegenseitigen Schriftwechsel. Werden diese Beschränkungen überschritten, so ist die Ortspolizei- behörde berechtigt, vorbehaltlich des gegen die Beteiligten gesetzlich einzuleitenden Strafverfahrens den Verein bis zur ergehenden richter- lichen Entscheidung zu schließen. Frauenspersonen. Schüler und Lehrlinge dürfen den Versamm- lungen und Sitzungen solcher politischen Vereine nicht beiwohnen. Werden dieselben auf die Aufforderung des anwesenden Mgeordneten der Obrigkeit nicht entfernt, so ist Grund zur Auflösung der Ver- sammlung oder der Sitzung vorhanden." „8 21. Auf die durch das Gesetz oder die gesetzlichen Autoritäten angeordneten Versammlungen und die Versammlungen der Mit- glieder beider Kammern während der Dauer der Sitzungsperiode finden die vorstehenden Bestimmungen keine Anwendung. Wahlvereine unterliegen den Beschränkungen des§ 8 nicht." Und nun rufen wir alle Juristen auf, uns zu sagen, waS der Schlußsatz des 8 8 bedeuten soll, wenn das Ober-Verwaltungsgericht recht hat mit seiner Entscheidung. *) das heißt in vorhergehenden Paragraphen enthaltenen. Rixdorf. Verein gewerblich thätiger Frauen und Mädchen von Ripdorf und Umgegend. Am 6. April fand im Lokal Thiel, Berg- straße 151/152 die Mitgliederversammlung des Vereins statt. In derselben hielt Schriftsteller M. H. Baege einen Vortrag über „Babel und Bibel", der mit reichein Beifall aufgenommen wurde. Alsdann gaben Vorsitzende und Kassiererin ihre Jahresberichte, die ohne Widerspruch angenommen wurden. Zum Punkt Neu- wähl wurden Genossin Zirkel als Vorsitzende, Genossin Lehmann als Kassiererin wiedergewählt und die Genossinnen Schreiter, Freudenberg und Klopsch als Rebisorinnen neu gewählt. Zu Hilfskassiererinnen wurden die Geiiossinnen Heinrich, Mohr, Schmal, Henning und Döge gewählt. Im„Verschiedenen" wurde auf das siebenjährige Bestehen des Vereins austnerksam gemacht, wobei Genossin Jeetze mit kurzen Worten die Gründung desselben schilderte. Mit einem Hoch auf den Verein wurde die Versammlung geschlossen. Gleichzeitig sei auf das am 16. April in Thiels Fest- sälen, Bcrgstr. 151/152, stattfindende Stiftungsfest des Vereins hin- gewiesen. Mitwirkende: Die bekannte Reuter-Recitatorin Frl. Anna Hedeler; Frl. Ch. Jäger, Konservatoristin; Herr K. Stripp, Vor- tragsmeister, sowie das Georg Schonertsche Künstler-Ouartett. Durch ein reichhalttges Programm verspricht der Abend ein genußreicher zu werden. Billets a 20 Pf. sind bei den Genossinnen Zirkel, Lenaustr. 12, Cigarrengeschäst; Lehmann, Richardstr. 63, vorn IV; Schliebitz, Britz, Jahnstr. 2; Galkaun, Warthestr. 63; Klimke, Lessingstr. 26, vorn III, sowie in allen mit Plakaten belegten Ge- schästen zu haben. Anfang 3 Uhr. Um zahlreichen Besuch bittet _ Der V o r st a n d. Lriekkasten cier l�eäaktion. Juriftifcber Cell. ttic juristischc Svrechstunvc findet tänlich mit illiiSnahme des Sonnabends von?>/, bis O'lt Nl>r abends statt. Geöffnet! 7 llbr. Dittscheit. Kündigen Sie die Mitglicdichait nach Maßgabe der Statutenbestimmungen. Bis zum Abbruch der Kündigungsfrist müssen Sie zahlen.— ZI. V. H., Eberswalde. 1. Ja. 2. Ja.— Brandt. Jeder Stcuerpflichtige ist wahwcrechtigt, sofern die sonstigen allgemeinen Voraus- sctzungcn vorliegen.— Tegel. Er dar! den Kranz niederlegen, Sie dürfen ihn aber wieder entsernen.— LLeigel. 1. Nein. 2. 30 Jahre nach gerichtlicher Festsetzung der Kosten.—' R. S. 1. Ja. 2. Nein.— 105 H. K. Sie bekommen nichts zurück.—.V. N» Z» Nicht möglich. — F. B. 1860. Beantragen Sie Einleitung des Entinündignngs-Ver- sahrens. Ob in dem Fall der von Ihnen beabsichtigte Erfolg erreicht werden kann, ist olme genaue Kenntnis des Falles selbst nicht zu ermessen.— L. C. 100. 1. Soweit ersichtlich, ist der Ehcs im Recht. Ob dem jungen Manne außer dem Gehalt ein Anfpruch aus Durchschnittsprovision zusteht, ist aus Ihren Angaben nicht zu ersehen. 2. Durch Muster- oder Marken- schütz geschützte Zeichen dürfen Sie nicht verwenden.— Radfahrer. 1. 2. 3. Für den Fall einer Klage würden Sie zur Zahlung des gesamten Restes zu verurteilen sein.— M. 88. Antwort brauchen Sie nicht zu erteilen. Ob und welche Ansprüche etwa Ihrem Manne noch zustehen, ist ohne Einsicht in die Papiere nicht zu sagen.— ZK. B> 3- Nein. — A. I. 6. Wenn Sie im Jahre 18Z4 geboren find, so sind 520 Marke» die Mindestzahl von Klebemarken, um die Altersrente erlangen zu können. Geben sie an, an welchem Tage Sie geboren sind, so kann Ihnen genau die Zahl der erforderlichen Marken mitgeteilt werden.— W!. Z. Ob ein f Hausbesitzer zu wählen ist, richtet sich nach der Zahl der gesamten Haus- esitzcr. Ist der Hausbesitzer nicht ausgeschieden, so hat eventuell das Lo» zu entscheiden. Soweit die Sachlage nach Ihrer Schilderung zu ersehen ist, hat überhaupt noch keine Neuwahl stattzusinden.— P. 91. Sie können mit Aussicht aus Erfolg aus Unterlassen der Störung Ihres Eigentums und aus Schadensersatz gegen den FiZkuS klagen.— M. F. 21. Haben Sie eine Auskunst der Art, wie sie der Bries erwähnt, erteilt, so hasten Sie für den Bewag, sonst nicht. Den Beweis hat Ihr Gegner zu führen. — I. ft, 1. Das ist möglich. 2. Nein. 3. Nein.— M. E. 35. Gewerbesteuer ist nicht zu zahlen, wenn weder das Anlagekapital 3000 noch der JahreSverdicnst 1500 M. übersteigt.— Invalide. Sie können soviel verdienen, als Ihnen möglich ist.— E. K. 1. Zu dem Abzug ist der Ehes nicht berechtigt. Klagen Sie Ihren Lohnrest ein. 2. Die Berjährungssrist bettägt zwei Jahre. Haben Sie widerspruchslos lange Zeit hindurch den Zlbzug für Feiettage sich gefallen lassen, so wird dies als Vereinbarung zu Ihren Ungunsten selbst dann erachtet, wenn Ihnen ein Anspruch aus �csttagslohn zusteht. Solcher Lohn steht Ihnen zu, wenn Sie in festem Lohn(Wochcnlohn, Monatslohn oder dergleichen) standen.— Zk. Z). Rein. Ceutral- Verband d-Jünmerer Ventschtands Zahlstelle Berlin u. Umgegend (Bezirk 13 Charlottcnburg.) Zlm Sonntag verstarb nach langem Leiden unser tteues Mitglied ÄIIKvIm Keim. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am 1 Mittwoch, den 13. April, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle, Fürstenbrunner Weg, aus! stalt. Um rege Beteiligung bittet 254/11 Der Vorstand. H-HM!» E. H. Xo. 89. Unser Mitglied Herr Bernhard Räche ist im Alter von 64 Jahren ge- starben. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung fmdet heute Mittwoch, den 13. April, nachmittags 3'/, Uhr, vom Krankenhaus Bethanien auS nach dem EmmauS-Kirchhof, Hermannfttaße (Rixdorf) statt. 196/10 ver Vvrstanil. Am Sonntag, den 10. April, abends 6 Uhr, entschlief sanft im 79. Lebensjahre meine liebe Frau ziigusle Flickselm geb. Dracke. Die Beerdigung erfolgt am Donnerstag, nachmittags 4'/, Uhr, aus dem Kirchhose in Wilmersdorf. Im Namen der trauernden Familie Rudolph Flicksohu. 4277b Danksagung. Für die rege Teilnahme bei der Bc> crdigung meines lieben ManncS sage ich allen Freunden und Bekannten, besonders den Kollegen der Firma 0. Sehivsrr meinen ttesgesübltcn Dank. 430b Wliwe llrüger nebst Kind. fleppdecken 1 tauft man am creiä. wertesten mit direkt in der Fabrik. 72 ivfoll- strafte 72, wo auch alt» Steppdecken aufgearbeitet werden. V. Strohmandel, Berlin 14. Illustrierter Preiskatalog grartS. Unserm Fritze Briinger und seiner lieben Frau zur heurigen Vermählung die herzlichsten Glück- wünsche I 429b 0io Genossen d. 5. Abteilung. Berlin 5. B Vorwärts- Suchhandltttig Berlin SW. 68, Lindenstraße 69, Laden. s Soeben ist erschienen: Secialdemokrat. Agitations- Bibliothek Zeitbilder aus dem Klassen. Staat. I. Heft: 01 Preis 20 Pf. 10 Wer billigst 1 Rolle v. tO Ff. an I in jedem Genre, wie hochelegant, neuesten stilvoll.| kaufen will, verlange den Gratis- katalog von Cbr.UaMM Tapeten- Versandhaus Gandersheim japeten einfach in den Mustern Piamno.°°' Bcl'ri'mf!itf' 1 Ritterstr. 120, pari. I. Dr. Schünemann Specialarzt für Haut-, Harn- und Frauenleiden,««xtlslsti». 9. ■/,18-'J.8, Sonnt. 9-11 rorfif Monatlich ICUll.- 10 Mark- liefere Anzüge Paletots nach Maß. Per Kasse auch billigste Preise. J. Tüfflporowsld, Pffegte55. Charlottenburg. M Allen Freunden und Genossen hier. mit zur Kenntnis, daß ich Knobels- dorferstraste«0 ein 43722 Restaurant eröffnet habe. Um regen Zuspruch ersucht W. Uhrliardt. Verantw. Redakteuri Pgiil Büttner« BuLll. Ws i(Si Inseratenteil verMtv.; Glöckke Berlin. Arnck u. Verlag: Vorwärts BuKrnckerei u. VerlagsanMt Paul.Singer& Lo.« Vsckm SÄ St- 86. 2L 2. Dtllllßt Die wasserwirtschaftlichen Vorlagen in PrenHen. Dem Hause der Abgeordneten sind fünf Gesetzesvorlagen zu- gegangen, von denen sich vier mit Vorflutfragen beschäftigen, die fünfte sich auf Schiffahrtsanlagen bezieht. Durch einen Gesetzentwurf betreffend die Verminderung von Hochwassergefahren und die Verbesserung der Vorflut in der unteren Oder, Havel und Spree wird die Staatsregicrung ermächtigt, zur Beteiligung des Staates nachfolgende Beiträge zu verwenden: 1. Zur Verbesserung der Vorflut in der unteren Oder bis zu............ 41 865 800 M. 2. Zur Verbesserung der Vorflut- und Schiffahrts- Verhältnisse in der unteren Havel bis zu.. 9 83ölXX)„ 8. Zum Ausbau der Spree bis zu.....> 9119 200„ Zusanrmcn bis zu... M 820 000 M. Mit der Ausführung der unter 1. vorgesehenen Arbeiten in der unteren Oder ist nur dann vorzugehen, wenn die Provinzen Branden- bürg und Pommern sowie die zu bildenden Deichverbände in rechts- verbindlicher Form die(im Gesetzentwurf bezeichneten) Ver- pflichtungen zu den dafür angesetzten Fristen iibenwmmm haben, und zwar: 1. die Provinzen Brandenburg und Pommern zu den Bau- losten bis zu 5 III 000 M. zusammen beizutragen, 2. die Deichverbände a) für etwaige aus der Bauausführung den Grundeigen- tümern entstehende Wirtschaftserschwernisse aufzukommen, b) einen Bankostenanteil bis zu 4 109 000 M. jährlich mit 3 Proz. zu verzinsen und mit'/z Proz. und den ersparten Zinsbeträgen zu tilgen, o) die Deiche mit den zugehörigen Anlagen zu übernehmen und zu unterhalten. Die Deichverbände des Ober- und Nieder-Oderbruchs haben für die staatsseitige Uebernahme der Unterhaltung des Vorflutkanals Hohensaathen—Stützkow— Schwedt eine Abfindung von 300000 M. an die Staatskasse zu entrichten, und zwar das Deichamt des Ober- Odcrbruchs eine solche von 10 000 und das des Nieder-Oderbruchs 290 000 M., die erstere ist in einer Summe, die letztere in fünfzehn Lahresraten zahlbar. Zu den Baukosten der unter 2. bezeichneten Verbesserung der Vorflut- und Schiffahrtsverhältnisse in der unteren Havel, abzüglich des auf die Schiffahrtsverbesscrung entfallenden und vom Staate ganz zu übemchmenden Anteils, tragen die Provinzen Brandenburg und Sachsen ein Fünftel bis zu 1 555 000 M. bei, und zwar Branden- bürg mit 85 Proz. und Sachsen mit 15 Proz. Zu den Baukosten des unter 3. bezeichneten Ausbaues der Spree, abzüglich des auf die Schiffahrtsverbesserung entfallenden und vom Staate ganz zu übernehmenden Anteils, tragen die Provinzen Brandenburg und Schlesien ein Fünftel bis zu 1329 300 M. bei, loobei 39 000 M. von Schlesien und der Rest von Brandenburg auf- zubringen sind. Mit den Bauausführungen ist nur dann vorzugehen, wenn die(im Gesetzentwurf gekennzeichneten) Vorflutanlagen gesetzlich geregelt sind. In der Begründung zum Gesetzentwurf lvird darauf verwiesen, daff die Arbeiten hauptsächlich zur Verminderung derHochwassergefahren und Verbesserung der Vorflut in der unteren Oder, Spree und Havel dienen sollen. Es sollen durch eine völlige Umgestaltung der unteren Oder die von Natur ungiinsttgen AbwässerungsverhälMisse der miterhalb Hohensaathen gelegenen Niederung in hervorragender Weise verbessert werden. Abweichend von dem ftühercn Plane wird neben der Ost-Oder, die später hauptsächlich dem Schiffahrtsverkehr zwischen Stettin einerseits und der Warthe nebst der oberen Oder andrerseits dienen soll, der Oderbruchvorfluter von Hohensaathen bis Friedrichsthal im Anschluß an die West-Oder als Schiffahrtsweg zwischen Stettin und Berlin für 600 Tonnenkähne ausgebaut werden. Die auf 60 820 000 M. veranschlagten Ausgaben des Staates sollen ohne Rückaewähr geleistet werden, ausgenommen 4 109 000 M., die von den künftigen Deichverbänden an der unteren Oder zu ver- zinsen und zu tilgen sind. n. „Gesetzentwurf betreffend Massnahmen zur Verhütung von Hochwassergefahren in der Provinz Brandenburg und im Havrlgebiete der Provinz Sachsen". Diese Vorlage behandelt nicht nur die untere Havel und die Spree, sondern auch die brandenburgischen Strecken der Lausitzer Neiße und des Bobers. Zu den Kosten dcS'Ausbaue» in Brandenburg werden im§30 des Gesetzentwurfs Staatsmittel bis zur Höhe von 1 364 000 M.— 4/s der Baukosten ausgeworfen, während das letzte Fünftel bis zu 466 000 M. von der Provinz Brandenburg bei- zutragen ist. Von dem Gesamtkostenbetrage von 2 330 000 M. entfallen auf die Lausitzer Neiße 990 000 M.(20 000 M. davon auf die schiffbare Strecke), aus den Bober 1340 000 M.(710 000 M. davon auf die schiffbare Strecke). Sodann werden der Ausbau und die Unterhaltung der genaimten beiden Flüsse und der Spree, soweit sie nicht schiffbar sind, ferner der neuen Vorflutanlagen im Gebiete der unteren Havel im An- schlusse an die Grundsätze des schlesischen Hochwasserschutzgesetzes geregelt. Der Ausbau erfolgt durch die beteiligten Provinzialverbände als Bauherrn. Jedoch übernimmt der Staat die Bauausfiihrung für deren Rechnung. Die künstige dauernde Unterhaltung der Wasser- läufe und Anlagen übernchnren gleichfalls die Provinzialverbände. Es soll die Möglichkeit gegeben werden, auf dem Wege der Kommunal- besteuerung diejenigen Kreise, Gemeinden und Interessenten, die von der Unterhaltung Vorteil haben, zu den Lasten in entsprechender Weise Heranzuziehen. in. In engem Zusammenhange mit dem elfteren Gesetzentwurfe steht ferner der Gesetzentwurf betreffend Massnahme» zur Regelung der Hochwasser-. Deich- und Borflutvcrhältuisse an der oberen und mittleren Oder. Beide Gesetzentwürfe bezwecken eine Verbesserung der Vorflut- Verhältnisse in der Oder herbeizuführen. Der für die o b e r e und>n ittlere Oder ausgearbeitete Gesetzentwurf soll vornehmlich die Handhabe zur Durchführung aller derjenigen Maßnahmen bieten, welche zur möglichsten Verhütung künftiger Hochivasierkatastrophen als technisch notwendig anerkannt sind. Dem Oberpräsidentcn von Schlesien wird nach verschiedenen Richtungen hin die Befugnis einer über die Grenzen der Provinz Schlesien hinausgehenden Einwirkung auf die geplanten Maßnahmen und ihre Durchführung beigelegt. Den durch die angeordneten Maßnahmen betroffenen Grundbesitzern wird in einfacheren Fällen Entschädigung in Geld, in Verwickelteren Fällen in, Wege eines von der Generalkommission zu leitenden Umlegungsverfahrens Eni- schädigung in Land gewährt. Für die Aufbringung der erforderlichen Mittel ist der Grundsatz maßgebend, daß die Kosten von demjenigen zu tragen sind, welcher den Vorteil an den auszuführenden Arbeiten hat. Die Verteilung der auf öffentliche Mittel entfallenden Kosten und Beihilfen zwischen Staat und Provinz erfolgt in derselben Weise, wie nach dem schlesischen Hochwasscrschutz-Gesetz vom 3. Juli 1900 im Verhältnis von 4/s zu Vv Die Gcsamtkosten des Planes dürfen den Betrag von 60 000 000 M. nicht übersteigen. Wegen der Beteiligung der Provinzen Brandenburg und Schlesien an den Kosten, ivelche durch die Ausführung der ge- planten Arbeiten entstehen, hat der Entwurf den Provinzial- landtagcn beider Provinzen zur Aeutzerung vorgelegen. Beide Provinziallandtage haben ihre grundsätzliche Zustimmung zu dem Gesetzentwurf ausgesprochen. te Jpraiiirts" Sttlintt| Um die Einbringung dieses wichtigen Gesetzentwurfes nicht zu verzögern und die zusammengehörigen Ivasserwirtschastlichen Vor- lagen dem Landtage einheitlich zur Beschlußfassung unterbreiten zu können, war die königliche Ermächtigung zur Vorlegung des Eni- Wurfes bereits vor dem Zusammentritt des schlesischen Provinzial- landtagcs erwirkt worden. Eine abschließende nochmalige Beratung des Entwurfes durch die Staatsregicrung unter Berücksichtigung der von den Provinziallandtagen von Brandenburg und Schlesien ae- faßten Beschlüsse war nach Lage der Verhältnisse vor der Einbringung der Vorlage an den Landtag der Monarchie nicht mehr zu ermöglichen. Jedoch wird die Staatsregicrung bei den Verhandlungen über das Gesetz im Landtage Gelegenheit haben, zu jenen Anträgen Stellung zu nehmen. IV. Gcsctzesvorlage betreffend die Freihaltimg des NeberschwemmungSgebieteS der Wasscrläufe. Dieser Entwurf enthält Bestimmungen zur Freihaltung aller dem Hochwasserabfluß schädlicher Veranstaltungen aus den lieber- schwenimungsgebietcn der Wasserläufe und aus den Wasserläufen selbst. Zur Verhinderung ballernder Einschränkungen des Ueberschwemmungsgebietes ist eine Erweiterung des Deichgesetzes vom 28. Januar 1848 dahin vorgeschlagen, daß in Zukunft alle Erhöhungen der Erdoberfläche und alle über die Erd- oberfläche hinausragenden Anlagen vom Bezirksausschuß genehmigt werden müssen, Ivährend zur Zeit nach maßgebenden Entscheidungen des Ober- Verwaltungsgerichts gefährliche Abflußhindcrnisse, wie z. B. Gebäude und Pflanzungen, dieser Genehmigung nicht bedürfen und nur von der Ortspolizeibehörde unter Umständen verhindert werden können. V. Gesetzentwurf betreffend die Herstellung und den Ausbau von Wasserstrasscn. Der§ 1 sieht folgende Ausstihrungen vor: 1. für Herstellung eines Schiffahrtkanals vom Rhein nach Hannover und zwar für a) einen Schiffahrtkanal vom Rhein in der Gegend von Ruhrort bis zum Dortmund— Ems-Kanal in der Gegend von Herne (Dortmund— Rhein-Kanal), einschließlich cincS Lippe-Seitenkanals von Datteln nach Hamm 70 500 000 M., b) verschiedene Ergänzungsbauten am Dortmund— Ems-Kanal in der Strecke von Dortmund bis Bevergern 6 150 000 M., o) einen Schifffahrtkanal vom Dort- mund— EmS-Kanal in der Gegend von Bevergern ilach Hannover mit Zweigkanälen nach Osnabrück, Minden und Linden, einschließlich der Kanalisierung der Weser von Minden bis Hameln oder der Her- stellung von Staubecken an Stelle dieser Kanalisierung 120 500 000 M., zusammen für den Kanal vom Rhein nach Hannover 197 150 000 M., 2. für Herstellung eines Großschiffahrtsweges Berlin— Stettin (Wasserstraße Berlin— Hohensaathen) 43 000 000 M., 3. fiir Ber- besserung der Wasserstraße zwischen Oder und Weichsel sowie der Schiffahrtstrasse der Warthe von der Mündung der Netze bis Posen 21 175 000 M., 4. für die Kanalisierung der Oder von der Mündung der Glatzer Neiße bis Breslau sowie zu Vcrsuchsbauten für die Strecke von Breslau bis Fürstenberg a. O. 18 950 000 M., zusammen 280 275 000 M. In den folgenden Paragraphen wird die Ausführung davon abhängig gemacht, daß die beteiligten Pro- vinzen oder andre öffentliche Verbände der Staatsregierung gegen- über bis zum 1. Juli 1906 in rechtsverbindlicher Form bestimmte Verpflichtungen übernehmen. Erstens sollen die Beteiligten für den durch SÄiffahrtabgaben und sonstige laufende Einnahmen des betreffenden Unternehmens etwa nicht gedeckten Fehlbetrag der alljährlich entstehenden gesamten Betriebs- und Unter- Haltungskosten bis zu einem bestimmten Betrage aufkommen. Ferner sollen die Beteiligten sich verpflichten, anteilig für die drei- vrozeutige Verzinsung von einem Drittel des veranschlagten Bau- kapitals der Hauptanlagen und von der Hälfte des veranschlagten Baukapitals der Zweigkanäle sowie vom sechzehnten Betriebsjahre ab für die Abschreibung dieser Anteile mit'/e Prozent jährlich nebst den ersparten Zinsen aus eignen Mitteln einzutreten, soweit die laufenden Einnahmen des Unternehmens nach Abzug der wirklich entstandenen Betriebs- und Unterhaltungskosten zur Verzinsung und Tilgung des gesamten thatsächlich verausgabten Baukapitals mit zusammen ll'/z Prozent nicht ausreichen. Die so von den Beteiligten zu verzinsenden und zu amortisierenden Baukostenanteile sind für die vorbezeichncten fünf verschiedenen Unternehmungen auf 23 500 000 M.. 43 950 000 M.. 14 500 000 M.. 6 300 000 M. und 5 100 000 M. normiert. Die Behandlung der Interessenten- beitrüge, Verwendung der Ueberschüsse usw. wird in dem Entwurf im einzelnen noch näher geregelt. Insgesamt beträgt die Jnanspruch- nähme der Interessenten an jährlich zu gewährleistenden Einnahmen für Unterhaltungskosten.... 2 968 500 M. „ Verzinsung und Tilgung.. 3 267 250„ zusammen 6 235 750 M. gegenüber einer Gesamtbelastung des Staates mit jährlich 6 603 975 M. Die westlich von Hannover geplanten Anlagen und der Berlin- Stettiner Kaual für 600-Tonnenschiffe sollen annähernd in den Ab- Messungen des Dortmund— Ems-Kanals, die an der Oder und östlich davon vorgesehenen Bauten dagegen für 400-Tonnenschiffe ungefähr mit den Maßen des Oder— Spree-Kanals zur Ausführung gelangen. Bei der Inangriffnahme und Durchführung der Arbeiten wird die Staatsregicrung— so heißt eS in der Begründung— der all- gemeinen wirtschaftlichen Lage, der Anzahl der zur Verfügung stehenden technischen Kräfte und der Leistungsfähigkeit der zur Aus- führung heranzuziehenden Bauunternehmer Rechnung tragen sowie darauf Rücksicht nehmen, daß der Landwirtschaft möglichst wenig Ar- beitskriifte entzogen werden. lieber die Frage der Schiffahrtadgabcn wird in der Begründung gesagt: „Die Staatsregierung hat das Bestreben, auf den in diesem Gesetzentwurf behandelten Schiffahrfftraßen innerhalb der durch die Reichsverfassung gegebenen Grenzen Abgaben zu erheben, welche die Betriebs- und Unterhaltungskosten sowie die Zinsen und Tilgungöbeträge des Anlagekapitals decken. Dabei wird die Staatsregierung bemüht sein, durch die Fest- setzung der Abgaben die inländische Erzeugung thunlichst zu fördern. Die Regierung hat das Abgabenwesen auf den östlichen preußi- schen Wasserstraßen neu geregelt, dabei die wirkliche Ladung an Stelle der Tragfähigkeit zu Grunde gelegt und statt der ftüher meist vorhandenen zwei Güterklassen deren vier eingeführt. Im allgemeinen wird dabei beabsichtigt, die Abgabe» auf den westliche» Kanälen höher» ans den östlichen niedriger zu bemessen. Beim Dortmund— Rhein-Kanal sind bei den Verkehrs- ermittelungcn drei Güterklassen mit 2, 1,5 und 1 Pf. Abgabe für 1 Tonnenkilometer wirklicher Ladung angenommen. beim Kanal Bcvergern-Hannover ebenfalls drei Klassen mit 1, 0,75 und 0,5 Pfennig/Tonnenkilometer Abgabe, auf der kanalisierten Weser ebenfalls drei Klassen mit 0,75, 0,5 und 0,25 Pfennig/Tonnenkilometer Abgabe. Bei den NerkchrSermittelungen und Ertragsberechnungen für die Wasserstraße Berlin-Hohensaathen, für die Wasserstraße Oder- Weichsel auf der Strecke von der Dragemündung bis Brahemünde und für die Kanalisicnmg der Oder von der Mündung der Glatzer Neiße bis Areslau sind die im Osten der Monarchie bestehenden vier Güterklassen beibehalten, und die Abgaben bei den beiden erstgenannten Wasserstraßen zu 0,6, bezlv. 0,5, 0,4, 0,3 Pf. für 1 Tonnenkilometer wirklicher Ladung, bei der kanalisierten Oder zu 4 bezlv. 3, 2, 1 Pf. für 1 Tonne wirflicher Ladung und jede Schleuse bemessen. Die auf der Oder einzuführende Abgabe Mittivoch, 13. April 1904. beträgt, auf 1 Tonnenkilometer berechnet, etwa 0,63 bezw. 0,47» 0,32, 0,16 Pf. Floßholz auf der Oder— Weichsel-Wasserstraße und der dem alten Finow-Kanal verbleibende Verkehr sollen unver- ändert die bisher dafür festgesetzte Abgabe bezahlen." Der Begründung sind sechs Denkschriften beigegeben. Die Denkschrift betreffend die Herstellung eines Großschiffahrts- Weges Berlin— Stettin(Wasserstraße Berlin— Hohensaathen) giebt eine Beschreibung des geplanten Großschiffahrtsweges, erörtert seine loirtschaftliche Bedeutung in Bezug auf Industrie, Handel und Ver- kehr, auf die Landeskultur und Fischerei, sowie auf das Schiffer- gewcrbe, würdigt die Wasserstraße nach ihrer finanziellen Seite hin und bespricht zum Schluß die Gründe, die die Staatsregicrung ver- anlaßt haben, dem vorliegenden Projekte vor der sogenannten Ost« Ii nie den Vorzug zu geben. Nach der Denkschrift, betreffend den Einfluß der Wasserstraßen auf die Ansiedelung der Industrie»nd deren Dccentralisierung, sind Ermittelungen angestellt worden, in welchem Umfange die nord- deutschen Wasserstraßen in besonderen Fällen auf die Ansiedelung einzelner Industriezweige eine Anziehungskraft ausgeübt und da- durch zur territorialen Verteilung industrieller Anlagen mitgewirkt haben. Denigemäß wird in 13 textlich erläuterten Farbenkarten als Anlagen zur Denkschrift an einer Reihe von Wasserstraßen dar- zustellen versucht, wie an ihnen die industrielle Entwicklung in neuester Zeit und vor etwa zwanzig Jahren sich bethätigt hat. Be- sonderen Wert wird hierbei der Beantwortung folgender Fragen beigemessen: a) Welche Gründe sind für die Ansiedelung der betreffenden Be» triebe an der Wasserstraße als ausschlaggebend anzusehen? b) Welche Bedeutung ist den fraglichen Betrieben im Ver- ffleiche zu den übrigen nicht an oder in der Nähe der Wasser- traßen belegenen gleichartigen Unternehmungen der Umgebung bei- zulegen? c) Hat die Wasserstraße durch Verbilligting der Beförderungs- kosten neue, init der Gewinnung bisher wertloser Bodenerzeugnisse sich befassende Unternehmungen hervorgerufen? d) Inwiefern hat die Ansiedelung der Betriebe an der Wasser« straße dazu beigetragen, eine Mehrung der durch allzu große Menschen- ansammlungen in den großen Jndustriecentren verursachten socialen Mißstände zu verhüten? Die Denkschrift kommt zu dem Schluß, daß die schiffbaren Wasserstraßen im Zusammenwirken mit den Eisenbahnen auf die Industrie eine besonders Anziehungskraft ausüben, und zwar in höhcrem Grade als die Eisenbahnen allein es gethan haben. Die Wasserstraßen erscheinen daher sehr geeignet, decentraliflerend zu wirken und die großen, in den Kohlenrevieren zusammengedrängten Jndustriebezirle zu entlasten. Serlmer partei-�lngelegendeiten. Heute, Mittwochabend, halten die Wahlvereiue aller Berliner Wahlkreise in den bekannten Lokalen ihre Zahlabende ab. An die Parteigenossen des zweiten Wahlkreises! Heute Mittlvoch, abends 8l/2 Uhr, finden in allen� bekannten Lokalen die Zahlabende des Wahlvereins statt. An demselben Tage tverden die neuen Mit- gliedsbücher an die Mitglieder, welche noch nicht im Besitz der Bücher sind, ausgegeben. Die Zahlstellen sind aufgehoben und be- stehen nur noch als Meldestellen. Der Beitrag wird von den Bezirks« führern kassiert; alle Mitglieder, die den Monat März bezahlt haben, erhalten neue Bücher. Die Mitglieder, die ihrer Zahlungspflicht schon im voraus nachgekommen sind, haben darauf zu achten, daß bis zu dem bezahlten Monat Marken nicht geklebt, wohl aber abgestempelt werden. Für diejenigen, die restiercnde Beiträge inklusive Februar zu zahlen haben, wird in den alten Büchern geklebt. Neu auf- genommenen Mitgliedern wird das Mitgliedsbuch durch den Bezirks- sührer zugestellt. Wir erwarten, daß alle Mitglieder in den Zahl» abenden erscheinen. Der Vorstand. Groß-Lichterfeldc-Lankwitz. Am Donnerstagabend 8 Uhr findet im Richterschen Saale, Chausscestr. 104, eine öffentliche Versammlung mit dem Thema:„Ist Religion Privat« fache?" statt. Das einleitende Referat hält Reichstags-Abgeord- »eter Genosse Ed. Bernstein. Zu dieser Versammlung sind auf ihren Wunsch brieflich eingeladen: die Herren Prof. Dr. Pfleidcrer, Pastor Muß, Pastor Stolte, Schriftsteller Nonnemann und Graf HoenS« brocch..Die Parteigenossen werden ersucht, für den Besuch dieser Versammlung, die pünktlich eröffnet wird, eifrig zu agitieren. Die Vereinsversammlung am Mittwoch fällt aus. Der Vorstand deS WahlvereinS. Britz. Am Freitag findet bei Weniger, Werdcrstr. 27, die Generalversammlung des WahlvereinS statt. Tagesordnung: Bor- trag. Bericht des Vorstandes. Reinickendorf. Bei Franke in der Eichbornstraße findet heute abend die Mitgliederversammlung statt. Aus der Tages« ordnung stehen: Vortrag. Maifeier. Beisitzerlvahl. Lokales. Amerikafahrt der deutschen Wissenschaft. Gegenwärtig verweilen fünf deutsche Professoren in Nordamerika, wo sie besonders in Chicago als Ehrengäste der Universität einer außerordentlichen Ehrung an den Tagen vom 20. bis 24. März teil- haftig wurden. Es wird uuS von dort geschrieben: Am ersten Abend gab es ein solennes Fest in der großen Aula der Universität vor 5000 Personen zur Verherrlichung des Deutschtums und seiner Wissenschaft. Die deutschen Gesang- und Turnvereine produzierten sich dabei. Ein Mitglied des Arbeiter-Turnvereins„Vorwärts", Karl Neuburger, wünschte den: Vertreter der Berliner Universität, dem Professor Dr. Josef K o h l e r. der in der Amts- tracht des Dekans der juristischen Fakultät anwesend war, als Landsmann aus Offenburg(Baden) vorgestellt zu werden, um den berühmten Sohn seines ehemaligen Volksschul-Obcrlchrers Kohler persönlich begrüßen zu können. Auf dem Podium des Auditoriums gab es nun eine rührende Scene, welche von der«Chik. Abendpost" also geschildert wird: Professor Kohler sank dem Arbeiter.stumm an die Brust, küßte ihn herzhaft ab. wobei ihm die Thränen aus den Augen quollen und nahm dann, von Rührung übermannt und vergeblich nach Worten ringend, wieder auf seinem Stuhle Platz." — Ein englisches Blatt sagt:„mssing hün on tha check in Gennan fashion to tha astonishment of the Amoiican scholars." (Zum Erstaunen der amerikanischen Studenten küßte der Professor dem Arbeiter nach deutscher Weise die Wange ab.) Diese nicht- programmgemäße Verbrüderung von Arbeit und Wissenschaft war als Symbol wohl der ergreifendste Augenblick: sie gefiel offenbar besser als die offizielle Rede des Professors Berthold Delbrück, der von den demokrattschen Einrichtungen Deutschlands sprach und zu diesen neben dem Wahlrecht und der Arbeitcrversicherungs-Gesetzgebung auch die demokratische Heereseinrichtung zählte, welche„der Gefahr der Trennung in eine untere und obere Gesellschaftsklasse dadurch am besten vorbeugt, daß der Sohn eines Millionärs und der eines Bauers durch dieselbe herbe Schule gehen müsse». Bei uns ist der Staat der Produzent von Menschenglück.... Wir sind nicht geneigt. auf andre Nationen herabzusehen, denken aber auch nicht daran, ein Volk als über uns stehend anzuerkennen." Professor Köhler brachte am 24. März bei einem Bankett der Badenser ein Hoch auf den Präsidenten der Nepubtik und den deutschen Kaiser, die Förderer der Kunst und Wissenschaft, aus. Die deutschen Professoren reden in allen Zungen und Tonarten und können selbst beweisen, daß in Deutschland die Demokratie obenauf ist. Bon der„socialdemokratische» Nevenregierung". Wie weit der Größenwahn innerhalb der Socialdemokratie be- rcits gestiegen sei, das ergebe sich, so schreiben die„Berliner Politischen Nachrichten" des Herrn Schweinburg, aus der vom„Vorwärts" veröffentlichten Schilderung eines Vor- kommniffes in der städtischen Irrenanstalt Dalldorf, der Beerdigung eines dort verstorbenen Irren, von dessen Tod die Witwe nicht rechtzeitig Kenntnis erhalten hatte. Wir hatten nämlich fest- zustellen gesucht, warum die vom Anstalt-Zburcau abgesandte Todesnachricht als unbestellbar nach Dalldorf zurückgegangen war.„Unsre Nachforschungen inr Briefträgerzimmer des Postamts haben", so schrieben wir,„nicht ergeben, ob einen Briefträger die Schuld trifft". Hieran knüpfen die„Berliner Polit. Nachrichten" die Bemerkung:„Also, die„Genossen", die in der Redaktion des „Vorwärts" vereint sind, etablieren sich als Nebenregierung und stellen durch Recherchen innerhalb der Beamtenschaft fest, ob einen Beamten eine Schuld trifft oder nicht. Nun, so weit sind wir ja noch nicht, daß über Schuld oder Unschuld von Beamten die Social- demokratie entscheidet, jedoch läßt es sich verhindern, daß seitens der letzteren in Bricfträgcrzimmern von Postämtern Recherchen angestellt werden. Wahrscheinlich beruht die Darstellung des„Vorwärts" wieder einmal auf Flunkerei und ist nur darauf berechnet, der Menge die Vorstellung beizubringen, als sei bereits die socialdemokratische Nebenregierung etabliert." Herr Schweinburg weiß offenbar nicht, daß zum Briefträger- ziminer jedermann Zutritt hat, der einen Briefträger zu sprechen wünscht, um nach einem nichtbcstellten Briefe zu forschen. Wir hatten übrigens die Vorsicht gebraucht, uns vorher von der Witwe ausdrückliche Ermächtigung zu unsren �Nachforschungen geben zu lassen, so daß wir in ihrem Auftrage handelten. Man wird über das Schreckgespenst der„socialdemokratischen Nebenregierung", die Herr Schweinburg da etabliert hat, um graulig zu machen, wahrscheinlich gerade in postalischen Kreisen am lautesten lachen._ Die Armendirektion verhandelte in ihrer letzten Sitzung auch über die vom Stadtv. H i n tz e bei der Etatsberatuntz vorgebrachten Beschwerden, die darin gipfelten, daß in manchen Fallen zu geringe Unterstützungen gezahlt zeien. Zur Prüfung der Beschwerden wurde eine K o m m i s s i o n von fünf Mitgliedern eingesetzt, der auch Ge- noffe Antrick angehört. Mit der Armen-Speisungs- a n st a I t soll erneuert verhandelt werden, um das gegenseitige Ver- hältnis mehr zur Klärung zu bringen und der Armendirektion einen größeren Einfluß zu sichern. Auch hierzu wurde eine Kommission ernannt.— Ferner wurde beschlossen, die Sitzungen der Direktion uin 10 Uhr statt wie bisher um 11 beginnen zu lassen. Gegen die Ueberfüllnng des Sicchenhanses und des Friedrich WilhelmS-Hospitals soll nun. endlich eingeschritten werden. In seiner gestrigen Sitzung hat das Kuratorium der beiden Anstalten be- schlössen, fünf Baracken errichten zu lassen, und zwar sollen davon drei in der Pallisadenstraßo und zwei in der Fröbelstraße zu stehen kommen. Im ganzen bieten diese Baracken 30 Personen Platz. Hoffentlich wird dieser Beschluß schleunigst ausgeführt. Die Stadtverordneten-Versammlung hat sich in ihrer Sitzung am Donnerstagabend S Uhr u. a. mit folgenden Gegenständen der TageZ- Ordnung zu beschäftigen: Vorschläge deS Ausschusses für die Wahlen von unbesoldeten Gemeindebearnten.— Vorlagen, betreffend die Uebernahme der Erundstücks-Vc- und Entwässerungspolizei durch die Stadtgemeinde, — die Vermietung des städtischen Grundstücks am Südufer 14/15 an die Elektricitätswerke,— den Nachtrag zur Ordnung für die Er- Hebung einer Gemeindesteuer bei dem Erwerb von Grundstücken im Bezirk der Stadt Berlin,— die Vermehrung der Zahl der Mitglieder der Verkehrsdeputation,— die Nachzahlung von Krankenkassen- beitrügen für die an den städtischen Schulen beschäftigten Reinmache- frauen an die Betricbskrankenkasse der Stadtgemeinde Berlin,— und die Ausführung einer systematischen Untersuchung des Spree- Wassers innerhalb der Weichbildgrcnzen.— Berichterstattung über die Vorlage, betreffend die Erwerbung eines Schulgrundstückcs an der neuprojektiertcn, die Senefelderstraße schneidenden Straße.— Vorlage betreffend: die Annahme des für die städtische Blindenanstalt bestimmten Vermächtnisses der verstorbenen Witwe Auguste Eyffert, geb. Schiff,_— die Abänderung des Stadtverordneten-Beschlusses vom 24. Mai 1831 in Bezug auf die Aufnahme von Grundstücken in die städtische Feuersocietät,—• die Einführung des Millenium- lichtes auf dem alten Schlachthofe und in der Rindermarkthalle,— und die Uebernahme der B a d e a n st a l t c n des Berliner Vereins für Volksbäder seitens der Stadtgemeinde,— Berichterstattung über die Vorlage betreffend die Auswahl der im Rechnungsjahre 1904 neu- und nmzupflasterndcn Straßen und Plätze,— die Enteignung einer Fläche des alten Drei faltig k ei ts-Kirchhofs ain Potsdamer Platz,— den Etat für das Nikolaus-Bürger-Hospital und die von demselben verwaltete Gustav und Emilie Lipp-Stiftung für das Etatsjahr 1004— 1906,— die Bewilligung von Ehrenpreisen für die Fachausstellung des Verbandes deutscher Klempnerinnungcn, — die Uebernahme des ehemaligen Schweinemarkt-Grundstücks in Rummclsbucg in den unmittelbaren Kämmereibesitz und die Ver- äußerung eines Teils dieses Grundstücks au die Landgemeinde Rummelsburg,— die erfolgte Bauabnahme der neuen Turnhalle für die 69. Gemeiudeschule, Kl. Frankfurterstr. 6— und den Erlverb des zur Freilcgung der Straße 62 b, X 2, noch erforderlichen eisen- bahnfiskalischen Geländes.— Berichterstattung betreffend Wahl eines Bürgerdepnticrtcn für die Schuldeputation, von zwei Stadtverord- neten für das 5!uratorium der Jagor-Ttiftung, und eines Bürger- deputierten für das Kuratorium der Handwcrkerschulci? und der Baugewerkschulen. Eine zweite Gruppe von Schulbaracken wird jetzt auf einem der Stadt gehörenden Grundstück der Bremerstraße in Moabit errichtet. Sie wird kleiner sein als die erste«schulbaracken-Grichpe, die in der Nahe deS Friedrichshains auf einem städtischen Grundstück der Olivaerstraße errichtet wurde und seit dem Spätherbst 1903 in Be- Nutzung ist. In den acht Baracken an der Olivaerstraße sind 16 Ge- meindeschulklasien untergebracht, die sechs Baracken an der Bremer- straße werden Raum für 12 Klassen bieten. Die Arbeiten sind eben erst in Angriff genommen worden, sie sollen aber so rasch ge- fördert werden, daß sie Ende April oder Anfang Mai beendet sein können. Ikufallversichcrmig im städtische» Rcgiebandctricbe. Im Jahre 1902 wurden nach dem soeben erschienenen VerwaltnugSbericht des Magistrats im Regiebaubctriebe der Stadtgcmeinde Verlin durch- schnittlich 509 versicherungspflichtige Personen beschäftigt. Davon erlitten 13 Personen Unfälle. Von diesen nahmen 6 Personen nach kurzer Zeit die Arbeit iviedcr ans. Bei 3 Verletzten wnrdc der Rentenanspruch abgelehnt, während die übrigen 4 Unfall- reuten erhielten.— Es bezogen im Berichtsjahre im ganzen 27 Personen Unfallrenten in, Gesamtbeträge von 7407,50 M. Außerdem wurden noch gezahlt: an Kosten des Heilverfahrens 152 M.; an Verpflegungskosten für einen im Krankenhaufe verpflegten Verletzten 45 M.; für ärztliche Untersuchungen und Gut- achten 62.20 M. und an Schiedsgerichtskosten 114,05 M Von letzterer Summe konnten aber 110 M. für verkauftes Inventar bei Auslosung des Schiedsgerichts nach Maßgabe des Gesetzes vonr 5. Juli 1900, betreffend die Abänderung der Unfallversicherungs-Gesetze in Abzug gebracht werden, so daß nur 4,50 Mark als Anteil der Stadtgcmeinde zu den Kosten der Unterhaltung des Schiedsgerichts vervlieben. Demnach betrugen die Kosten der Unfall- Versicherung im Jahre 1902 insgesamt 7670,75 M.— Berufungs- fühige Bescheide wurden 12 erteilt. Von vier Personen wurde gegen den ihnen erteilten Bescheid Berufung eingelegt und von einer Person gegen das Urteil deS Schiedsgerichts der Rekurs. Die vier Berufungen wurden noch im Berichtsjahre durch Urteil des Schieds- gerichts erledigt, während das Rcichs-Versicherungsamt erst im darauffolgenden Jahre über den Rekurs entschied. Der Neubau des Rudolf Birchow-Krankcnhauscs, der größten Krankenanstalt deS Kontinents, geht seiner Vollendung entgegen. Die Anstalt besteht in der Hauptsache aus dem Hauptgebäude, das im Rohbau vollendet ist, und ans 21 Baracken, einem Gebäude für männliche Geschlechtskranke und einem Gebäude für loeiblickie Geschlechtskranke, sowie einem Leichcnhause, einer Kochküche, einer Waschküche, femer einem Kessel- und Maschinenhanse mit Wasserturm, einem großen Dampf- schornstein mit Feuerungsanlagen, Dnmpftnndstrang- Kanal, maschinellen Anlagen für Heizung, Beleuchtung usiv. Am Haupt- gebände, dem Thorgebäude, den Aufnahmeflügelu und den Treppen- Häusern ist der äußere Fassadenputz fertig und mit der inneren Ein- richlung begonnen loordcn. Die Baracken werden mit Mobiliar aus- gestattet Die Fenster find verglast und die Heizungsanlagen w. fertiggestellt. Der innere Ausbau der Baracken hat große Fortschritte gemacht. Die beiden Geschlechtskrankenhäuser sind ebenfalls im Rohbau vollständig fertig und die Fassaden geputzt. Der innere Ausbau ist im Gange. Das Leichenhaus ist im Rohbau fertig, auch die Kochanlage ist im Rohbau vollendet, ebenso die Waschküche, so daß mit dem Ausbau begonnen werden konnte. Die große Kesselhalle mit den Kesselstmdamenten sowie die Cysterne gehen ihrer Fertigstellung im Laufe der nächsten Monate entgegen. Von den maschinellen Anlagen sind seither acht Doppelkessel aufgestellt, an der Einrichtung wird tüchtig gearbeitet. Die Futtermauer und die Duuggrube sind vollendet. An den Schornsteinen ist nur noch wenig zu machen. Die Terrainregulierung der Bewässerungsanlage und der Rundstrang sind fertig. Die Anpflanzungen haben bedeutende Fortschritte gemacht, so daß, da auch die Beamtenwohnhäuser in der Ausführung begriffen sind und die Apotheke mit dem Werkstatt- gelände ihrer Vollendung entgegengehen, die Vollendung der Anstalt sicher im nächsten Jahre zu erwarten ist. Stadt und Fiskus. Im Jahre 1001 verlangte der Eisenbahn- fiskus für die Abtretung von zwei kleinen Flächen Landes an der ehemaligen Stettiner Eisenbahn in der Nähe der Hochstraße sGesund- brunnen) 20 M. pro Quadratmeter. Der Abschluß verzögerte sich damals, weil sich die Verhandlungen mit den Rudolphfchen Erben in die Länge zogen. Nachdem diese beendet sind, verlangt der Fiskus statt 20 M. nunmehr 45 M. pro Ouadratineter d. h. mehr als das Doppelte des früheren Preises. Der Magistrat muß diesen Preis bewilligen, weil die Flächen zur Freilegung der Straße nach dem Brunnenplatz gebraucht werden. Die Stadtverordneten-Versammlung ist ersucht worden, dem Ankauf der beiden Flächen, die jetzt über 30 000 M. kosten, zuzustimmen. Das jüdische Krankenhaus in der Anguststraße entspricht schon längst nicht mehr den polizeilichen Anforderungen und die Behörde hat unter Androhung einer Schließung des Krankenhauses dessen Umbau gefordert. Bei onderS beanstandet wird, daß das ausgedehnte Hauptgebäude nur einen Ausgang besitzt. Die Angelegenheit wurde in der letzten Sitzung der Repräsentanten-Versammlung zur Sprache gebracht und es dürfte mit dem Umbau des Krankenhauses baldigst begonnen werden. Ungarischer Heiratsschwindel. In hiesigen Blättern erscheint seit geraumer Zeit eine Heiratsanzeige, die in der Form zwar zuweilen verändert wird, aber im allgemeinen innner dem folgenden Schema ähnlich sieht: Heiratsantrag I Eine Freundin, die auf diesem Wege glücklich verheiratet ist, riet mir, da ich eine Waise, ohne jede verwandtschaftliche Stütze bin, diesen Weg einzuschlagen, vielleicht gelingt es mir, einen soliden, ehrenhaften Mann zu finden. Bin Waise eines Industriellen, 26 Jahre all, christlicher Religion, besitze 150 000 Mark Barvermögen. Ernste Reflektanten melden sich mit genauer Adresse unter„Hymen", postlagernd Finme(Ungarn). Strengste Diskretion versichere. Ms kürzlich ein junger Mann ans diese Anzeige hin seine Adresse einsandte, erhielt er folgende Zufchrist aus Budapest: Bezugnehmend Ihres Gesch. sub. Chiffre„Hymen". Post- lagernd Finme, teile Ihnen mit, daß mir selbes seitens der Dame behufs Besorgung der nötigen Jnfonnation und weiteren Jnter- bention übermittelt wurde. Gleichzeitig erhielt ich die Ver- ständigung, daß zwischen den Eingelangten Ihr werter Antrag entsprach. In der Voraussetzung, daß Sie Ihren Antrag voll- kommen ernst stellten, diene zur gefl. Darnachrichtung: Die Dame ist eine Waise, 26 Jahre alt, Christin, besitzt ein Barvermögen von 150 000 M. Ihr Vater mar ein Industrieller(Maschinen- fabcikant). Sie ist sehr hübsch, gebildet, häuslich erzogen, spricht perfekt deutsch. Die Dame hat deshalb bis heute noch nicht ge- heiratet, weil ihre Mutter, eine kränkliche Dame, erst voriges Jahr gestorben ist und das Fräulein sich vorgenommen hat, ihrer Mutter eine aufopfernde Pflegerin zu sein und erst nach ihrem Ableben zu heiraten. Bei ihrem Zukünftigen legt das Fräulein kein Haupt- gewicht auf Vermögen, sondern trachtet nur, einen charaktervollen und soliden Gatten zu bekommen. Insofern Sie auf meine Jnter- vention reflektieren, bin ich gern bereit, Ihre Interessen zu ver- treten und stelle folgende Bedingungen: 2 Proz. der erhaltenen Barmitgift, zahlbar 30 Tage nach der Hochzeit, nebst der Vor- h e r s e n d u n g von 40 M. zur Deckung meiner auflaufenden Spesen, nach deren Erhalt ich Ihnen das Bild der Dame sofort übersende und alles weitere zu Ihrer vollsten Zufriedenheit ver- anlassen werde. Indem ich Sic noch der strengsten Diskretion der- sichere, erwarte Ihre umgehende werte Antwort. Hochachtend Sattler Miksa. Wenn unter der halben Million Leser der drei großen Tage- blätter Berlins sich auch nur 15 Dumme finden, die die verlangten 40 M. opfern, so kommen 600 M. zusammen. Zivciinaligcs Inserieren bringt 1200 M. bei außerordentlich geringen Unkosten. Ein gutes Geschäft auf Kosten derer, die nicht alle werden. De? DamenhcimS Ende. Die Wohnungsgenossenschaft„Damen- beim" hat, wie vorauszusehen war, gestern den Konkurs angemeldet, weil nach der letzten Bilanz die Passiva die liquiden Mittel erheb- lich(ca. 150 000 M.) übersteigen. Die ungünstige Lage der Genossen- 'chaft ist dadurch herbeigeführt worden, daß sie in dein Grundstück Marchstratze 4/5 einen zur Zeit noch durchaus unrentablen Besitz hatte, der sehr bedeutende Zuschüsse verlangte. Trotzdem hätte die Sanierung der Genossenschaft voraussichtlich durch- zcsührt werden können, wenn nicht ein unerwarteter Zwischen- 'all sich ereignet hätte. Der frühere Aufsichtsrat hatte, wie Ivir seinerzeit berichteten, und wie ja auch im Prozeß gegen den ehemaligen Direktor Kurtze zur Sprache kam, die Haftung für die- jenigen 51 000 M. übernommen, die Kurtze der Kasse des Damen- heims für„anderweitige Zwecke" entnommen hatte. Jetzt hat nun der frühere Aufsichtsrat erklärt, daß er sich nicht mehr für haftbar halte, und er hat die Genossenschaft wegen der 51 000 M. verklagt. Dadurch sind aber die Kapitalisten, die von neuem größere Summen der Genossenschaft zur Verfügung stellen lvollten, in ihrem Vertrauen derart erschüttert worden, daß sie die Hergäbe weiterer Geldmittel ablehnen. Die erste Heliammc für Südmestafrika tritt in diesen Tagen ihre Ausreise nach dem neuesten deutschen Hebammenbezirk Windhoek an. Es ist dies eine Frau Ncugebauer aus Dorf Falkenhagen bei Seege- seid, welche vor kurzer Zeit ihre Prüfung in der Charits abgelegt hat. Frau N. lebte bisher in Windhoek, woselbst ihr Mann als Stellmacher thätig ist. Da eine Hebamme für die Frauen der deutschen Kolonisten dortselbst fehlt, entschloß sich Frau N. ans An- raten des dortigen deutschen Arztes, nach Berlin zu fahren, um sich für den Beruf vorzubereiten. Der Milchhiindler Herr Wilhelm Thiele, Mexandrlnenstr. 61, ersucht uns mitzuteilen, daß er mit dem im Gerichtsbericht genannten Herrn gleichen Ramens nicht identisch ist. Bei einein Holzdicbstahl wurden am Sonntag der Kürschner- meister B. mit seinem Gesellen I. auf dem Neubau des Hauses Friedebergerstr. 1 abgefaßt. Die beiden hatten in aller Ruhe Nutz- holz im Werte von 100 M. auf einem Handwagen verladen, waren bei dieser Arbeit jedoch von einem Anwohner abgefaßt und der Polizei überliefert worden. Nach Feststellung ihrer Personalien wurden beide vorläufig entlassen. Von Brettern verschüttet wurde gestern nachmittag um 6 Uhr der 15 Jahre alte Tischlerlehrling Ernst Lundershausen aus der Prinzenstraße 37. Als er mit noch zwei Lehrlingen einen Wagen entlud, indem er die Bretter von unten her herunterzog, rutschte ein Teil der Ladung nach und begrub ihn unter sich, nachdem er hin- gefallen war. Der Verunglückte zog sich einen Schlüsselbeinbruch und Quetschungen des rechten Oberschenkels zu. Gesellen, die in der Nähe waren, befreiten ihn und ließen ihn niit einem Lückschen Rettungswagen nach dem Krankenhause am Friedrichshain bringen. Eine Fnmilien-Tragödie liegt allem Anscheine nach einem Leichen- ftmde zu Grunde, welcher am Sonntag im Tegeler See gemacht wurde. Dortselbst Ivnrde gegenüber der Kolonie Tegelort die Leiche einer etwa fünfzigjährigen Frau an der Insel bei Rciswerder angetrieben. In unmittelbarer Nähe der Fundstelle wurde der Körper eines 13 Jahre alten Knaben entdeckt, welcher zweifellos der Sohn der erstgenannten Frau, mit dieser gemeinsam den Tod gefunden hat. Auffällig ist es. daß bisher weder Frau noch Kind als vermißt gemeldet sind und fehlt somit jeglicher Anhalt über die Personalien der beiden Leichen. Aus der Nrbting. Zwei alte Einbrecher namens Karl CilliS und Max Lantzke kamen am Sonnabend zu gleicher Zeit aus dem Ge- fängnis, in dem sie lange Zeit zugebracht hatten. Kaum hatten sie die Kerkcrmaueru hinter sich, da verabredeten sie auch schon, bei ihrem alten Gewerbe zu bleiben, und eS zunächst einmal mit Schailkasteneinbrüchen zu versuchen. In Ripdorf erbeuteten sie gleich eine Anzahl Anzüge. Aber die lange Entwöhnung hatte sie doch ungeschickt gemacht, und so kam es. daß sie gleich beim Verschärfen der ersten„Ware" in Berlin von Kriminalbeamten erwischt und wieder hinter Schloß und Riegel gebracht wurden. Das Heimweh hat die 42 Jahre alte Schmiedefrau Luise Zermack geb. Bosse aus der Rostockerstr. 1 in den Tod getrieben. Zermack ivohnte mit seiner Frau und einem achtjährigen Kinde früher in Küstrin. Bor vier Wochen kam er nach Berlin und fand Arbeit bei Ludwig Loewe. Nun ließ er am 1. April Frau und Kind nach- kommen und bezog, nachdem er bis dahin eine Schlafftelle gehabt hatte, mit ihnen eine Wohnung in der Rostockerstraße. Frau Zermack fühlte sich in der Großstadt noch weniger heimisch als in Küstrin und sehnte sich nach ihrer Heimat in der Gegend von Meseritz zurück. Sie wurde schioernuitig und erhängte sich gestern mit einer Schnur an der Flurthür der Wohnung. Als ihr Mann zum Essen nach Hause kam, sie fand und abschnitt, war sie schon tot. Liegen gelassen(hat gestern mittag ungefähr �2 Uhr in einem Straßenbahnwagen der Linie 51 der Sohn des Oderbergerstr. 34 wohnenden Herrn F. Prill 10 Stück Serbische Rente a 405 M. und 20 Couponbogen Deutsche S1/, Proz. Staatsanleihe, eingewickelt in einer Frankfurter Zeitung. Mitteilungen über eventuellen Fund wolle man an obige Adresse gelangen lasten. Feucrbcricht. In der Nacht zum Dienstag wurde die Wehr nach der Prenzlauerstr. 4 gerufen, weil hier in einer Kellerwohnung Betten, Möbel und Kleidungsstücke in Flammen standen. Die Gefahr konnte in kurzer Zeit beseitigt werden. Auch in der Warschauerstr. 13 und in der Brunnenstr. 161 gab es abends Wohnungsbrände abzu- löschen, bei denen im wesentlichen ebenfalls Möbel, Decken und Kleidungsstücke beschädigt wurden. Vorher erfolgte ein Alarm nach der 127. Gemeindeschule in der Pankstr. 8, wo durch Ueberkochen von Teer auf dem Dache ein Brand entstanden war, der indes leicht unterdrückt werden konnte. Allerlei Gerümpel und Verpackung-.- materiol hatte etwas später in der Alten«chönhauserstr. 14/15 in einem Keller Feuer gefangen. Bald nach Mitternacht brannte es in der Dunckcrstr. 3. Außerdem liefen in den letzten 24 Stunden noch von einigen andern Stellen Alarmiernngen ein, die jedoch auf ganz unbedeutende Anlässe zurückzuführen waren. Ein schwerer Unglücksfall wurde gestern in der Friedenstraße durch das leichtfertige Fortwerfen von O b st ü b e r r e st e n herbei- gefiihrt. Der 53jährige Invalide Herrmann, dessen rechtes Bein ge- lähmt ist, trat, als er die Friedenstraße passierte, ans ein Stück ans dem Bürgersteige liegende Apfelsinenschale, glitt aus und fiel so uu- glücklich, daß er mit dem Hinterkopfe auf das Stratzenpflaster auf- schlug. H. blieb, aus einer Kopfwunde stark blutend, besinnungslos liegen und wurde nach dem Krankenhanse Friedrichshain gebracht. Er hatte, wie die Aerzte feststellten, eine Gehirnerschütterung er- litten. Die Verletzungen sind glücklicherweise nicht lebensgefährlich. Theater. In dem Volks stück„Das grobe Hemd" von E. Karlweis, das Freitag, den 15. d. M. im S ch i l l e r t h e a t e r 0. (Wallnertheater) zum erstenmal zur Aufführung gelangt, werden die Hauptrollen von MarPategg(Schönhofer), Bernhard Herrmann(Max), Elisabeth Gußmaun �(Franzi), Jos. Danegger(Wendelin), AgneS Werner(Frau Wendelin), Ferdinand Onno(Rudolf), Marie Mallingcr(Christine) und Franz Rolan(Baiere) dargestellt.— Else Eichbaum» De utlofs absolviert am Donnerstag, den 14. d. M., ein einmaliges Gastspiel als„ S a f f i" in„ Z i g e u n e r b a r o n" im Centraltheater. Die Vorstellung findet in erster Besetzung :, mit verstärktem Orchester und Chor, sowie Balleteinlage. Die Wintergarten-Affaire. Nach dem Selbstmorde des Direktors Kanlmsetzer wird voraussichtlich der frühere Direktor des Winter- gartens Herr Dorn die Leitung dieses Etablissements Iviedcr über- nehmen. Es haben bereits darauf bezügliche Verhandlungen statt- gefunden. Gestern vormittag fand in dieser Angelegenheit eine Sitzimg deS Aussichtsrates der Centralhotel-Betricbsgesellschaft statt. Ilmlmn des Thalia-Theaters. Nach langen Verhandlungen mit der Behörde find die Pläne für den Umbau dcS Thalia-Theaters nunmehr genehmigt worden. Die Direktoren Kren und Schön- eld haben auf Grund dieses genehmigten Umbaues das Theater auf weitere zehn Jahre gepachtet. Da der Bau etwa vier Monate in Anspruch nimmt, so beschließen die genannten Direktoren die diesjährige Saison(die füiüte ihrer Direktion) bereits am I.Mai: da sie sich auch das Vellealliance-Theatcr für längere Zeit gesichert haben, so wird das Ensemble trotz des früheren Schlusses in jenem Theater noch zusammenbleiben.— Was nun den sehr umfangreichen Umbau selbst anbetrifft, so handelt cS sich vor allem uin die Schaffung zweier großen Foyers iin Vestibül und im ersten Rang und um eine vollständige Umgestaltung der Logen und des 1. Ranges. Dieser erhält in de: neuen Anlage in seiner ganzen Ausdehnung Logen, und hinter dieser erst die Sperrsitzplätze. Der Zuschauerraum tvird vollständig ab> geschlossen, die Kasse wird in das Vestibül verlegt. Die Sitzplätze werden durch die Vergrößerung des Hauses um mindestens hundert vermehrt, die Garderoben-Ablagcn vergrößert, so daß auch bei großem Andrang eine freie Cirkulation möglich ist. Jugendkonzcrte. Von Herrn Battke, dem Begründer und Leiter der Jugendkonzerte erhalten wir die Mitteilung, daß die am 15. März von uns gerügte Anordnung der zwei Arten Plätze beim letzten Konzert eine Generalprobe für die Gruppierungsmöglichkeit im nächsten Jahr gewesen ist. Es sollen dann Knaben und Mädchen getrennte Plätze erhalten: ferner sollen tausend Freikarten an Ge- meindeschüler verausgabt werden und zwar möglichst unter Be- Nutzung vorgeschriebener Plätze. Es sei übrigens unrichtig gewesen, daß die Kinder in den Gängen zu stehen gezwungen waren, da unter den Logen noch hunderte von Sitzplätzen vorhanden gewesen seien. Der„Verein von Freunden der Treptow- Sternwarte(il uis; c% äll s« H& Stationen Li Saparanda eterSburg Cork Aberdeen Patts 751 751 « B i| Still S 761 SO Wetter --i°i --Ä -4!I ht 10 bedeckt bedeckt üwolkenl 8 Wettrr-Prognose für Mittwoch, den 13. April 1904. Etwas wärmer, trocken und vorwiegend heiter bei ziemlich frischen öst- lichen Winden. Berliner Wette rbureau. Briefkasten der Expedition. Achtung. Fliesenleger Z In Ihrem Inserat zum Freitag sehst die Angabe des Lokals. Für den Jubalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keiuerlei Verantwortung. UKeater. Mittwoch, den l3. April. Slnsang Tl, Uhr: Qbcriihans. Do» Juan. Schauspielhaus. Der Compagnon. Deutsches. Nora. Berliner. Die große Null. Lessing. Aapsenstreich. Weste». Rigoletto. Neues. Minna von Banihelm. Residenz. Die alten Junggesellen. Central. Die Fledermaus. Bellc-Sllliauce. Freut Euch des Lebens. Thalia. Der Hochtourist. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wnllner- Theater.) Der Geizige. Der eingebildete Kranke. Schiller X.(Friednch-Wilhelmstädt.) Ferrsol. kleines. Des Pastors Riele. Luisen. Romeo und Julia. Triano». Das eiste Gebot. Hierauf: Der Dieb. Carl Weiß. Othello. Deutsch-Amerikanisches. Ueber'n grogen Teich. Gedr..Herrnfeld. Nur eine Nacht. Am andern Morgen. Metropol. Ein tolles Jahr. Casino. Der Raub der Sabine« rinnen. Palast. Die Weber. Winter-Carteu. Specialitäten. Apollo. Liebesgötter. Specialitäten. Reichshallcn. Stettiner Sänger. Passage-Dhcater. Specialitäten. llrania. Danbenstrasie-18/49. Um 8 Uhr: Frühlingstage an der Riviera. Uin 4 Uhr: Aus dem Haushalt der freien Natur. Jnvalidenstrasie 37/62. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis U Uhr. Hörsaal 8 Uhr: Herr Dr. Naß:„Die Arbeit des WafferS.__ Neues Theater. Schiffbauerdamm 4a— 5. Minna von Barnhelm. Anfang T'/a Uhr. Morgen: Polleas und MelisanJe. Centrai-Theater. Heute VI, Uhr: Die Fledermaus. Morgen: Der Zigcunerbarou. Freitag: Geschlossen. Sonnabend: Gastspiel Pauls pkorm zum erstenmal: Der Sonnenvogel. Operette in 3 Akten v. G. Okonkowsky und Rudolf Schanze.. Musik von Victor Holländer._ Luisen-Theater. Slbends 8 Uhr: Romeo und Julia. Donnerstag zum erstenmal: Dr. Wespe. Freitag: Der Veilchenfresser. Sonnabend: Dr. Wespe. Sonntagnachmittag: Romeo und Julia.— Abends: Dr. Wespe. Montag: Dr. WeSpe._ Rejidkiiz-Thkatkl Direktion S. Lautenburg. Heute: .Aclolt Sonnen thal als Gast. Die alten Junggesellen Donnerstag: Der keusche Casimir. Vorher: Die Empfehlung. Freitag: Vorletzte» Austreten Adolf Sonnenthals: Xathand. Welse. Metropol-Theater Zum 30. Male: Gin tolles Jahr. Gr. dramatisch-satirische Kevue in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaendor. In Scene gesetzt vom Direktor Eichard Schultz. 1. Bild: Am Kleinkindersee. 2. Bild: Was giebt's Neues. 3. Bild: Das Ordensfest. 4. Bild: Der neue Zapfenstreich (Parodie). 6. Bild; Briefe, die ihn erreichten (Ballett). Anfang 8 Uhr. Hauchen überall gestattet. Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt.'/,8. Heute vorletzte Aufführung: „vgl NM lies 8gdil!ösimtön". Vorher das vollst, neue Zlprilprogramm Freitag, den Ib. April: Premieren- Wend. Sonntagnachm. 4 Uhr: Der Raub der Sabinerinnen mit Max Waiden aiS Gast.__ Apollo-Theater. Abends 8 Uhr; Neue Speeialitäten. 8�/. Uhr; liiebesgötter. Im dritten Bild; Der grosse Götterzug und die Sensatlons- Apotheose Sehillei' Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Mittwochabend 8 Uhr:' Der Geizige. Lustspiel in 5 Auszügen von Moliere. Hieraus: Der eltix-ehllelete Kranke. Lustspiel in S Akten von Moliere. Donnerstagabend 8 Uhr: Der Geizige. Hieraus: Der cingeb. Kranke. Theater. Schiller-Theater V. (Friedrich-WilhelmstädtischeS Theater). Mittwochabend 8 Uhr: EerrSol. Schauspiel in 4 Auszügen von Victorien Sardou. Donnerstagabend 8 Uhr: Eerr6ol. Freitagabend 8 Uhr: Der CelzlAe. Hierauf: Der elngob. Kranke. Thalia-Tlieater. DreSdencrstr. 72/73. Amt IV 4440. Ans. 7,/i Uhr. Direktion Jean Kren Heute und solgcnde Tage: Der Hochtourist mit neuen Gesangseinlagen. Guido Dhielscher in der Titelrolle. Sonntagnachmittag 3>/z Uhr: Ohoi'Iov» Tante. Dette-ättiauce-Itieater. Bclle-Allianccstr. 7/8. Amt VI 283. und Alfreu Lehönfeld. Ans. 7'/, Uhr. Heute und folgende Tage: Freut Euch des Febeus. Große Ausst.-Posse m. Gesang u.Tanz in 3 Alten. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der Sohn ,1er Wildnis. IX. Berliner Saison. Cirkus Busch. Abends 7V3 Uhr: Fortsetzung der Große» iuternationalen\ Rittgkampf-Konknrrenz 1 unter dem Ehrenprotettoratdes Herrn Prof. Dr. llegas.(Beginn ca. 8'/ mit auswechselbaren 1 Metallnoten von 18 Mk. aufwärts. Phonographen nur erstklassige, vorzüglich J fttnhtionieren- 'de Apparate von SOJIk. aufwärts. Bespielte und nnbespielte Walzen la. Qualität. Accordeons In sehr reicher Aaswahl, | sehr preiswerte Instrumente in allen Preislagen, Zithern aller Arten, ■wie Accord-, Harfen-, Duett-, Konzert-, Gsitarre- Zithern etc. Bial& Freund m Breslau II. 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Revue dcS geistige» und öffcnlliche» Stuttgart. Furthbachstr. 12. Täglich erscheinende Zeitungen. Mannheim..VoNSstimme" R 3, 14. Mnlhansen i.Abgcordnctcn Heinrich Pens über: Tie Bedeutung der Konsumgeiiosseuschafts-Bewegnng für die deutschen Arbeiter. 2. Diskussion. 3. Ergänzungswahlen zur SektionSleituna. 1. Geschästlichcs. 67/16 Zu dieser Versammlung sind sämtliche Bcruse des Handelsgewerbes ein- geladen und ist es Pflicht eines jeden Nollegen sowie Nollegin, in dieser Versammlung bestimmt zu erscheinen. _ Die Scktionsleltnng. I. 31,: E. Haerling. Mutig! Tliesetileged Freitag, den 15. April, abends 8'/. Uhr: Oeffe»ttliche Versammlung sSmtlielier sliesevteger LerZins uvll vmgegeolt. Tagcs-Ordnung: 1. Wie denken die Fliesenleger Berlins über die Schnffniig einer einheitlichen Organisation? Neserent: P. Winzler. 2. Diskussion. KB. Kollegen, jeder von uns wird über die heutigen Organisations- Verhältnisse den Kops schütteln und den Wunsch haben, dag es besser werden möge i deshalb sorge jeder für guten Besuch der Versammlung. 137/17 Ter Sektionstiorstand. I. A.: Frilz Rabe. Sehoneberg. Freunden und Bekannten mdnnciicröffnefes Weiss- n. Bayrisch- Bicrlokal mit Bereinszimmer. 18422* Emil Witte, Martin Lutherftr. 77. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Verwaltungsstelle Berlin. Bureau: Eugel-Nfer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Tonnerstag, den 14. April 1904. abends 8 Uhr, bei Granmann, Nauiihnstraste 37: WM" ¥erssmmSung"WW aller in der Mktutlsltjrlinbenbrunltjt bMäft. Arbeiter».Arbtiterilmeu. Tagcs-Ordnung: 1. Bericht über die Erhebung der Lohn- Verhältnisse. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert das Erscheinen aller Kollegen und Kolleginnen.__ Tonnerstag, den 14. April, abends 8 Uhr, in den Mariannen- Jälrn, Mariannen-Ufer 3: Versammlung"VM föintüdjft in der Drahtindustrie beslhästigten Arbeiter. T a g c s- O r d n u n a: l. Vortrag. 2. Unser Tarif. 3. Diskuision. Das Erscheinen aller Kollegen in dieser Versammlung ist notwendig.— Still Eingänge zum Lokal erhält jeder Kollege den neuen Taris eingehändigt. 114/5 Die Ortsverwaltnng. MobeS auf Teilzahlung. Günstige Deding. I tfailornann Pnttkamerstr. 45, nahe J. hc!lcllllullll) Friedrichstr. u. Apollolheater.* Orts- Krankenkasse der Leklosssr und verwandten Gewerbe. Ortlentlielie General- Versammlung am Mittwoch, den 20. April, abends 8 Uhr, im Dresdener Garten, Dresdenerstraste 45. Tages- Ordnung: Gemeinschaftliche Sitzung der Arbeit- geber und Arbeitnehmer. t. Bericht der Kommission zur Prüfung der Jahrcsrechnung pro 1903 rcsp. Entlastung des Rechnungslcgers. 2. Staluten-Abändernngen:§ 12 und 65.* 4066 3. Besprechung über die Verfügung des Obervräsidcnten vom 10. Dezember 1903, die Aushebung dieser Verfügung vom 24. Februar 1904 und Beschlußfassung über die Höhe der Äassenbeiträge. 4. Bericht über die tzlrztsrage. 5. Verschiedenes. Die Herren Delegierten werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. Die zugesandte Legitimation ist am Ein- gang vorzuzeigen. Der Verstand: P. Heinrich, Vorsitzender, Neue Wilhelmstr. 12. von . Rosien Berlin N., Schwedterstr. 26 Fernsprecher; Amt III, 6800. Iii in grosser Auswahl. Caffa cfewäbre 5 proz. Rabatt, 4537 L* Orts- Krankenkasse der Drechsler und verwandten Gewerh« An der Stralauer Brücke 4. 3lls Vertreter der tzlrbeitgeber resp. Mitglieder werden Sie hierdurch zu der Ordentlichen GeMsgl-Vmammliilig am Montag, d. 35. April, abends 8 Uhr, imDresdcner Garte», Dresdenerslrage 43, ergebenst ein« gelade». Tages-Ordnung: 1. Rechenschaftsbericht pro 1903. 2. Bericht desRechnungsausschusses. 3. Bericht oer Beichwerdekommijsion und evcnt. Neuwahl. 4. Zlerztesragc. 424b 5. Regelung der BeamtengehAter. 6. Verschiedenes. Der Verstand. I. A.: G. T i e d t, Vorsitzender. Central-ßranben-n. Sterbe- Kasse der Waler und verw. Berufsgen. Filiale I Nord. Donnerstag, den 14. April 1904, abends 8ftz Uhr, im Rcstaur. Dietrich,'Brnnncnstr. 41: Wgtieder-ziersanmtnng. Tagesordnung: 1. Vierteljährlicher Kassenbericht. 2. Kassen-Angelegcn- hciten. Bericht über den Protest. 288/15 Die Drlsvenealiung. Orts-Krankenkasse der Strumpfwirker. Donnerstag. 31. April, abends 8 Uhr, in Feinds Salon, Weinstr. 11: TageS-Ordnung: 1. Rechnungslegung für 1903. 2. Bericht des Rcchnungsprüsungs- Zlusschusses und Entlastung des Rcndanten. 3. Wahl eines aus- geschiedenen Vorstands- Mitgliedes. 4. Verschiedenes. Um pünktliches Erscheinen der Delegierten ersucht 272/17 Der Vorstand. Pkcutcr stücke OeSentl. Aufführung garantiert. „Versuchsbühne Deutscher Autoren." Berlin, Friedrichstr. 243. Man verlange Prospekt. 87/11* M r aisisBi Jedes Wort: Pfennig Das erste fettgedruckte Worte mit mehr t 10 Pfg, Buchstaben zählen doppelt. /deine ßn v\—„ für du: nächste Anzeigen Nummer werden in den Annahmestellen für Berlin blslUhr.fiirdie Vororte bis lil/br, in der Hauptexpedition Linden- Strasse 69 bis S Uhr angenommen. :bste JL Verden •rlin jsHI M Verkäufe. Maifestzeiche«, Vereinsabzeichcn, Turnbänder, crtra von Gemasircgcltcn vcrscrtigt, licsert das GewcrkschastS- kartest Lörrach, Göll, Spitatstrasie 30, Lörrach i. Br. 2194K* Eltrestaurant billig zu verkaufen. Näheres Nöslwerstrasze 5 im Clgarren- geschäst._ 220 I.K* Gardinenhaiio GrosieFianksurler. stratze 9, parterre.-jZ7* BorjährigeHcrrcnanzüge, Winter- Paletots, Beinkleider, aus seinsten Maflstosicii spottbillig täglich, zurück- gesetzte Paletots, Beinkleider, Zlnzüge, Havelocks, Joppen entsprechend bil- liger. Sonntagsvcrkaus. 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(Zahlstelle Berlin.) l02/tl ' in zllö In der Menbmbö besebält. Arbeiter BJrbeiterinneD! 30. März Die am 30. März cr-. in der Alhambra" tagende außcrordenllichc Versammlung der Fitiale Berlin hat über nachfolgende der Goldlcislcn- sabrikantcn-Vcreinigung Berlins und Umgegend angehörende Firme» und die für dieselben arbeitenden Zwischen- meister infolge des proklamierten Streiks die Sperre verhängt, und ersucht unterzeichneter Vorstand die dort noch beschäftigten Kollegen und Kolleginnen, keine neue Arbeit vor» zunehmen und nach Fertigstellung deS betreffenden AccordS die Ärbeitsstätte sofort zu verlassen und sich aus unsrem Streikbureau, Audreasstr. 26, Restau» rant Merkowski, in der Zeit von vorm. 9—11 und nachm. von 2—4 Uhr zu melden. Als gesperrt gelten: Mothlow 4 Co., Köpnickcrstraße. Adolf Werkmeister, Schmidstrahe. August Werkmeister, Brunnen straße. C. Härtels, Michaelkirchstraße. Kubitz 4 Imberg, Reichenbergerstraße. Leonhardt, Schlejischeslraße. Neumann 4 stennig� Zeughofftraße. Leopold Rosenow, Schmidstraße. Baer 4 Co., Gollnowstraße. D. Scholz, Lottumstraße. Deutsch 4 Lachmann, Büschingstraße. Ruthenberg, Weißcnsee, Lehderstraße. Nachsolgende sind Zwischenmeistcr, welche für obige Firmen arbeiten: CSptert, Blnmensttaße. Grosse, Lausitzerstraße. Kretschmann, Rirdors, Jägerstraße. Loose, Rirdors. Stcinmetzslraße. Klinke, Köpnickerstraße. Kuntzendorf, Muskaucrstraße. Krumbholz, Landwehrstraße. J. Müller, Barnimftraße. Heinrich, Zionstirchstratze. Brockmann, Soldinerstraße. Müller 4 Vogler, Naunynstraße. Gummersbach, Krautstraße. Irrgang, Admiralstraße. Kiring, Melchiorstraßc. R. Biering, Koloniestraße. A. Biering, Wolgasterstratze. Fietz, Frcienwalderstraße. Rautenstein, Prinzen-Allee. Bathe, Eisenbahnstratze. Kuhlmann, Prinzen-Allee. Günther, Andreasstraße. Gestner, Rirdors, Schönwalderslraßt. Meissner, Stettincrstraße. Mostroph, Blumenstraßc. Wsidig, Wienerstraße. Seiht, Saarbrückcrstraße. Cliesohke, Wcißcnsce, König-EHaussee Klingeheit, Weißensee, Kronprinzenstr. Weinsteck, Weißensee, Weißenburgjtr. Durczlnski, Weißensee, Streustraße. Bohrend, Viescntbalerstraße. Wostphat, ElisabetHftratze. Sichler, Greisswalderstraße. Gelsslor 4 Büttner, Löwcstraße. Westermann, Adalbertstraße. Gutschmidt, Rixdors. Schulze, Rixdors. Berlinerstratze. Grundicr-Anstalten: Hilgendorf, Andrcasstratze. Grussau 4 Heinrich, Warfchauerftr. S. Probst, Barnimftraße. Hilscher, Köpenickerftraße. Wienecke, Görlitzer User. Gauglitz 4 Tänzer, Brunnenstraße. Desgleichen warnen wir alle Holz« arbeiter, in oben bezeichneten Be- trieben Arbeit als Fournierer und Zlusschneider anzunehmen. Der Borstand 225/10 des Berbandes der Bergolder. J. A.: H. Späthr. Singer& Co., Berlin SW,