Ur. 87. klbonnementz.keäingungen: WonnementS- Preis pränumerando i LierteljShrl. 3.30 SD«., monall. 1,10 Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well" 10 Pfg. Pofl- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-ZeitungS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für dai übrige Ausland S Marl pro Monat. 81. Jahrg. kllchtlM«glich außer Montag». Verlinev Volksblcrtt. vle Inlertlonz-eedilhe leträgt für die fechSgefpaltene Kolonel- geile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und VcrsammlungS-Anzeigen 25 Pfg. „Atelne Zllnreigen". das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Psg., jedes weiter« Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöfsnet. Telegramm- Adresse: „SotliMcinoknt Berlin". Zentralorgan der fozialdcmokratifcbcn Parte! Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Kernsprecher: Amt IV, Nr. 1S8S. Expedition, SM. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Erfolge des Strafvollzugs. Die Technik der staatZerhaltcnden Preßkorruption arbeitet im wesentlichen mit drei Mitteln, wn unangenehme Enthüllungen aus dem Gegenwartsstaate zu beseitigen. Glaubt man, daß die Ankläger nicht jedes Wort urkundlich beweisen können, so leugnet man dreist ab, erklärt die Behauptungen für zu dumm, für Hundstagsphantasien, stellt nebensächliche Einzelheiten„richtig", um die Wahrheit des Wesentlichen zu entkräften und schleudert pappene Entrüstungsgranaten gegen die Hetzer. Giebt es aber kein Entrinnen, wird die Wahrheit aktenmäßig und n�u r aktenmäßig bewiesen, so wendet man die zweite Methode an: man>schweigtl Wird man schließlich doch zum Reden gezwungen, so bleibt als letzte Zuflucht das bedauernde Ein- geständnis„schlimmer Auswüchse und beklagenswerter Ausnahmen"-» folgt dann wieder die Entrüstungskanonade gegen die Umstürzler, die alles verallgemeinern und übertreiben. Ein Ungefähr hat die ftirchtbaren Zustände in unsren Gefängnissen ans Licht gebracht. Die„Zeit am Montag" und der„Vorwärts" haben in nackten und dürren Aktenstücken, die selbst dieI„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" nicht aus der Welt dementieren konnte, die Schrecken des preußischen Strafvollzugs enthüllt. Hätten wir nicht die Akten selbst mitgeteilt, sondern nur auf Grund der Akten eine allgemeine Schilderung entworfen— kein Zweifel, die Offiziösen hätten sofort alles abgestritten. Hier aber sprachen Urkunden und �so griff man zur zweiten Waffe: zum Totschlagen der Wahrheit durch verstocktes Schweigen. An dieser elenden Ver- schwörung des Schweigens beteiligen sich aber nicht nur Regierungs- organe, konservative und nationalliberale Blätter, sondern auch die klerikale und freisinnige Presse deckt fast ausnahmslos dicke Teppiche über die blutigen Opfer unsres„humanen" Bollzugs. Man schweigt. schweigt, schweigt. Es giebt kein öffentliches Gewissen mehr in der bürgerlichen Welt. Humanität ist ihr ein lächerliches Ideal. So ist kein Schrei des Entsetzens durch die bürgerliche Oeffentlichkeit ge- gangen, sondern in verbrecherischem Schweigen hat man den aus- gedeckten Barbareien Hehlerdienste geleistet. Unter diesen Umständen bleibt kein andrer Weg, als das Anklage- Material zu Bergen zu häufen, bis selbst die gewissenlosesten Ver- schworenen des Schweigens zum Reden gezwungen werden, d.h. zu jener dritten Methode der Lüge zu greifen, dem heuchlerischen Be- dauern über dunkle Ausnahme-Erscheinungen, die man aber nicht übertreiben dürfe... *» Wronke, den f. Oktober 1899, Konrgk. CentrakgefängniS Wronke. Liebe Elternk Es geht mir sehr schlecht. Ich bin bereits am 18. d. Mts. 4 Jahre in Gefangenschaft. Die ganze Zeit über ging es mir traurig, aber so wie es mir jetzt geht, ging es noch nie. Es ist rein zum Verzweifeln über die Ungerechtigkeit die heutzutage noch herrscht. Ich ging namendlich die letzte Zeit viel mit Selbstmord- gedanken um. Aber im Gedenken, daß ich Euch, liebe Eltern, schon soviel Schmerz und Kummer berettet habe, wollte ich Euch gern den letzten und größten ersparen. Mir ist das ganze Leben so verhaßt, daß ich eine solche That nicht scheue. Hier ist jeden Sonntag Kirche. Da heißt es aber nicht, wer gehen will, sondern du mußt gehn. Und da hört man gewöhnlich immer: Mit der Wahrhett kommt man am weitesten, und: Haltet fest an der Wahrheit— und noch mehr solche Sprüche. Aber die Wahrheit immer obendran. Ich habe es erfahren wie weit man mtt der Wahrhett kommt, hier im Gefängnis und auch gleich am ersten Tag nach meiner Verhaftung. Da hieß es immer: sage man die Wahrheit; es wird ja nicht so schlimm; es ist ja ganz gleich ob es ein Diebstahl ist oder zwanzig. Es giebt deshalb doch nicht mehr und nicht weniger Strafe. Wir konnten sie keinen Diebstahl nach- weisen, nur einen, den ich selbst eingestanden. Nun wollten sie wher mehr wiffen. Im guten ging es nicht, da fingen sie mit Schlägen an. Das half auch nicht. Da ließen sie mir hungern boten mir dann ein gutes Frühstück an. Es half alles nichts. �ch war auf einen falschen Namen zu Protokoll vernommen und wgox abphotografiert. Da kamen in der einsamen Zelle die Ge- ' ob es nicht besser fft. du sagst die Wahrheit, vielleicht .mA M'6 dann etlixH Rücksicht deiner Jugend halber. Ich war ■JVntxi?' 17 Jahre alt. Also ich habe meine Schuld eingestanden. est envr,�a£>e'ch sehr lange in Untersuchung sitzen müssen. Als Termin kam, wunderte ich mich nicht wenig als 'r,".Iw; jeden Diebstahl soundsoviel Jahre. So ist meine Im Ä � Lahre 6 Monate gestiegen. Damit wollte ich Euch S."1 geben, wieweit man mit der Wahrheit kommt. ö«r-('5fCovl! v. c§ keine Wahrheit mehr und wenn ich mir nicht allem bepe e, die Anstalt und die Kirche kann es nicht. Ich will letzt schließen und grüße Euch herzlich Euer Sohn „.... Willy Schirm er. Verfügt:' Zu den Akten! 2. 10. 99. gez. Ru,tow� Dieser nicht an den Adressaten beförderte, sondern„zu den Akten gegebene Brief Sauriers war das letzte Produkt seiner klaren Vernunft. Seine Einzelhaft � vermutlich nichts andres gewesen, als eine Vereinsamnngshaft, wie sie in den Gefängnissen allen denen zu teil wird, die nicht durch besondere Umstände, Herkunft, Talente, Verstellungskünste usw. em echohiez Interesse der Beamten, Geist- y: ittrTS OY____ j..... v.. n v... rr?.. zu ordnen; er durchläuft die Stadien der sogenannten Einzelhaft- Psychose und wird, wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt, unfehlbar geisteskrmik. Nachdem Schttmer 3 A Jahre in Wronke eingesperrt loar. erwies sich, daß er an Halluctnationen und Bewußtseins- störungen litt. Dem Anstaltsarzt fiel gelegentlich einer Dis- ciplinierung das seltsame Benehmen auf. Es wurde dem Herrn leicht, die beginnende oder vorgeschrittene Verblödung Schirmers»u konstatteren; er bezeigte auch soviel Interesse für den Bedauerns- werten, daß er dessen Verlegung in Gemeinschaftshast beantragte und vorschlug, ihn nach Plötzcnsee zu überführen, wo Einrichtungen beständen, den Kmnken vor gänzlicher Geistcsumnachtung zu be- wahren. Der Oberstaatsanwalt entschied diesem Antrage entsprechend. In Plötzensee angekommen, wurde Schirmer nach kurzer Be- obachtung im Lazarett in Gemeinschastshaft verlegt. Er hatte das Glück, einen Stationsaufseher zu finden, der nicht, wie viele andre, die, mürrisch und mit sich selbst unzuftieden, nichts thun, als die Gefangenen reizen und quälen, sondern einen Mann, der seinen Dienst auf menschliche Art that. Nachsicht gab es bei ihm allerdings nicht; aber so hoch versteigen sich die Wünsche der Gefangenen auch gar nicht, sie find schon dankbar, wenn der Beamte nur streng und nicht brutal und chikanös dazu ist. Dieser vortreffliche Beamte ver- mochte den geistig nicht gesunden und mithin leicht reizbaren Schirmer zu lenken wie er wollte. Nur ein Augenwink, und Schirmer be- teiligte sich an allen, auch den schmutzigsten Arbeiten der Kalefaktorcn, wozu sich sonst keiner freiwillig findet. Er betrug sich ruhig, höflich und bescheiden. Sein Stationsaufseher hatte Ursache, ihn gut leiden zu kömien. Darüber waren etwa 6 Monate vergangen. Wie. immer zur Winterszeit, so mußte auch Ende 1999 für die steigende Zahl der Zugänger in Plötzensee Platz geschaffen werden. Zu diesem Zwecke werden Leute mit kurzen Reststrafen in die umliegenden Gerichts- gefängnisse übergeführt. Es sollen dazu, wie ausdrücklich bestimmt ist, nur gesunde und disciplinarisch sichere Gefangene ausgesucht werden, weil sonst durch Rücktransporte usw. unnötige Kosten cnt- stehen. Zu diesen ausgesuchten Leuten gehörte auch Schirmer. Ob man ihn als gesundet betrachtete oder sich um seinen Zustand und seine Akten gar nicht gekümmert, steht dahin. Im Dezember 1999 erfolgte seine Ueberführung in das Gerichtsgefnngnis z» Lübbe». Was nun wurde, mögen die weiteren Akten erzählen. Gehorsamste Anzeige. Lübben. den 13. II. 91. Heute früh beim aufschließen der Kojen wurde ich vom Strafgefangenen Schirmer mit folgenden Worten angerufen: „Gehen sie weg von die Thüre oder ich gieße ihnen den ganzen Nachttopf ins Gesicht." Als ich nun aufschloß, goß mich der p. Schirmer den Topf ins Gesicht und wollte auf mir zu kommen. Ich schlug sofort die Koje wieder zu und ließ selbigen drin sitzen. Bitte Euer Hochwohlgcboren zur weiteren Veranlassung. ganz gehorsamst gez. Panfe, Hülfsgefangenaufseher, An den Herrn Gefängnisvorsteher. Hochwohlgeboren Hier. Lübben, den 13. II. 01'.- Vorgdführt erscheint der Strafgefangene Schirmer. Dem- selben wurde die Anzeige des Gefangenaufsehers Pause von heute mttgeteilt, worauf er erklärte: Ich weiß von Nichts. Demnächst erscheint der Gefangenaufscher Pause und erklärt: Gestern Nachmittag im Arbeitssaal forderte ich Schirmer auf, nicht zu faullenzen. Hierüber war er augenscheinlich gereizt. Ich nehme an, daß er hierdurch zu seinem heutigen Benehmen mit veranlaßt ist. Meine Anzeige von heute enthält die reine Wahrheit. Hinzuzufügen habe ich noch, daß Schirmer heute ge- sungen hat, nachdem er mir den Inhalt seines Nachttopfes ins Gesicht gegossen hatte und daß er nachher zu einem anderen Ge- fangenen sagte: Nun werde ich doch einmal sehen, was sie mit mir machen werden. Die Richtigkeit dieser meiner Angaben ver- sichere ich amtlich. V. g. u. gez. Panse, Hülfsgefangenaufseher, Beschlossen und eröffnet: Der Strafgefmigcne Schirmer wird wegen schweren Verstoßes gegen§ 59 der Gefängnisordnung mit einer Arreststrafe von zwei Wochen belegt und zwar wird diese geschärft durch Ver- dunkelung der Zelle während der ganzen Zeit und Entziehung des Bettlagers während der ersten Woche. Nachdem dies eröffnet war, erfrechte sich Schirmer noch zu Redensarten wie:„Packen Sie nur immer noch was zu, das ist mir ganz egal, usw." Hieraufhin wurde eröffnet: Obiger Beschluß wird dahin er- tzänzt, daß für die g a n z e Arrestzeit das Bettlagcr entzogen wird. A. u. s. gez. Dr. Schubart, Referendar. gez. Niehoff, Amtsgerichtsrat. Verfügt: 1. Strafbuch. 2. Vorzulegen H. Gefängnißinspcktor zur sofortigen Aus- führung. 3. Herrn Sanitäisrath Annuske zu ersuchen, morgen den P. Schirmer daraufhin anzusehen, ob die Vollstreckung nebenstehender Strafe unbedenklich erscheint. 4. Nach zwei Tagen event. mtt Anzeige. gez. Niehoff, ack 2, die Strafe ist von heute nachmittag 1 Uhr ab zu vollstrecken. 13. II. 91. gez. W. Gef. Inspektor. Lübben, den 15. Februar 1991'. An die Direktton des Gcrichtsgefängnisses in Lübben. Der Strafgefangene Schirmcr, der zurzeit eine Arreststrafe in dunkler Zelle verbüßt, mußte heute behufs ärztlicher Bcsichti- gung, da er auf dem Boden der dunkele» Zelle mit abgewandtem Gesichte lag und auf Anrufen nicht reagierte, von vier Mit- gefangenen gewaltsam aus der Zelle gebracht und auf eine Bank gelegt werden. Schirmer hatte die Augen offen, lag, von den Leuten an Armen imd Beinen gehalten, ruhig, und reagierte auf wiederholt an ihn gestellte Fragen nach seinem Befinden etc. in keiner Weise. Nach kurzer Zeit machte er Anstrengungen, sich zu befreien, ohne dabei einen Laut von sich zu geben. Schirmer wurde darauf wieder in die Zelle gebracht. Seit Antritt der Dis- ciplinarstrafe(13. II. Mittags) soll Sch. keine Nahrung zu sich genommen haben. Aus der heutigen Besichtigung ist ein Urthcil über einen ev. Zustand krankhafter Geistesstörung bei Sch.� nicht zu gewinnen. Indessen ist in den Personalakten des Sch. wieder- holt von Geistesstökungen desselben die Rede» insbesondere ver- weise ich auf das Schreiben der Gcfängnisdireftion in Wronke, in dem die Bitte, Schirmer in Gemeinschaftshast zu legen, folgender- maßen' begründet wird:„Schirmer ist hier(Wronke) wiederholt wegen Schlaflosigkeit und Hallucinattonen ärztlich behandelt worden und erst am 13. d. Mts.(März 1999) aus dem Lazareth entlassen. Nach dem Gutachten des Anstaltsarztes ist zur Ver- hütung von Rückfällen seine Ueberführung in eine Anstalt mit dauernd gemeinschaftlicher Hast erforderlich."— Auf Grund vorstehenden Gutachtens und der Vorgänge im hiesigen Gerichts- gefängniß, die durch Bewußtseinsstörungen erklärt werden können, ist die Annahme, daß Sch. sich in einem Zustande krankhafter Geistesstörung befindet, wahrscheinlich. Demgemäß halte ich die Ueberführung des Schirmer in ein Gefängnis mit Lazareth» gez. Dr. Annuske, Kreisphysikus. station zur Beobachtung seines Geisteszustandes für erforderlich. Am 16. Februar 1991 wurde die Arreststrafe, auf dies Gut- achten hin, unterbrochen. Lübben, den 16. Februar 1991. Eurer Hochwohlgeboren berichte ich unter Anschluß der schriftlichen Erklärung des hiesigen Gefängnisarztes, Kreisphysikus Dr. Annuske, von gestern, der Anzeige des Gefangenaufsehers Pause vom 13. d. Mts., der Ver- Handlung vom 13. d. Mts. und der Personalakten des Straf- gefangenen Schirmer. unter der Bitte um Rücksendung dieser Piecen, gehorsamst: Der Strafgefangene Schirmer verbüßte vom 13. d. Mts. nachmittags 1 Uhr ab seine Disciplinarstrafe. Es er» scheint mir sehr zweifelhast, ob derselbe etwas an Geistesstörung leidet, oder ob er solche nur simuliert. Letzteres scheint mir doS Wahrscheinlichere zu sein, weil ein Theil der hierher überführten Gefangenen, zu denen offenbar auch Dräsche und Schirmer ge- hören, gern nach Plötzcnsee zurückmöchten. Als einziger Weg, dies zu erreichen, mag ihnen die Simulierung von Geisteskrankheit erscheinen, weil sie wissen, daß sie dann einer Lazarettstation überwiesen werden müssen, die hier fehlt. Eine Aussetzung der Berbüßung der Tisciplinarstrafe Seitens des P. Schirmer er- scheint mir durchaus unangängig solange Schirmer hier ist, weil dadurch, falls er nur simuliert, alle Disciplin im hiesigen Ge- fängnis untergraben würde, was mir umso bedenklicher erscheint, als unter den von Plötzensee hierher überführten 25 Gefangenen sich eine größere Anzahl offenbar recht frecher Bursche befindet. gez. Niehoff, AmtSgerichtSrat, Gefängnisvorsteher. An den Herrn Overstaatsanwalt ' beim Königlichen Kammergericht zu Berlin. Entweder auf das Gutachten des Arztes oder auf diesen eigen- händigen, für die Anschauungen gewisser Gefängnisbeantten charakte- risttschen Bericht des Amtsgerichtsrats und Gefängnisvorstehers, er- schien es dem Oberstaatsanivalt geboten, den Rücktransport deS Schirmer nach Plötzensee anzuweisen. Anfangs März 1991 wurde er daselbst wieder eingeliefert. Am 17. 4. Ol fragte das Amtsgericht zu Lübben bei der Direktton des Strafgefängnisses an, ob die gegen den p. Schirmer erkannte Disciplinarstrafe nunmehr vollstreckt sei. Verfügt: Mit den Personalakten und sämtlichen Anlagen, Briefen an den Kaiser und die Kaiserin, an Herrn Sanitätsrath Dr. Pfleger zur gefl. gutachtlichen Aeußerung, ob an dem p. Schirmer zurzeit die ihm in Lübben zuerkannte Arreststrafe(noch 11 Tage ge- schärften Dunkelarrest) vollstreckt werden kann. Plötzensee, den 19. 4. 91. Direktion gez. W i r t h. Von den beigelegten Briefen hatte der am wenigsten confuse, diesen Inhalt: Plötzensee, den 19. April 1991. Ich wölke euer Hochwohllöbliche Majestät des Kaisers höslicht ersuchen mich doch jetzt entlich mal beistand zu leisten. Da ich Euer hochwohllöbliche Majestät schon mehre remal gebittet habe aber immer erfolglos. Ich bin ein junger schwächlicher Mensch meine Kraft ist mir genommen worden im Gefängniß. Ich sehe nun bald ein das mein bitten und beten bei Euer Majestät des Kaisers bis jetzt auch keinen Anklang gefunden hat, bitte ich doch die Sache weiter zu durchsuchen. Weil mir meistenteils alle mein« Gesuche die ich an die Ober Staatsanwaltschaft abgesandt habe unterdrückt sind. Weil ich nie keine richtige Antwort von der Anstalts BeHerde bekommen habe. Also bitte ich noch mals dringend mich von dem Rest meiner Straf« zu entbinden. Da ich mich nicht halb sondern ganz gebessert fühle. Wenn ich von der Anstalt entlassen werde, beabsichtige ich ein nützliches Mitglied der Menschlichen gesellschaft zu werden. Ich habe bereits Aufttag gegebe», einen größeren Waldkomplex einzufriedigen in welchem ich eine Dressuranstalt für allerlei wildes Gethier einrichten lassen will wobei mir eine 599 starke Mannschaft von der Leibwache beistehen soll, nach- dem diese Dressur denn vollendet ist, loerde ich einen Cirkus in welchem diese Thiere in Freiheit dressiert vorgeführt werden, ein- richten. Da ich meine kostbare Zeit nicht unnütz vergeuden möchte, so bitte ich dringend meine Haft abzukürzen. Ich bin gern bereit als gegen leistung ein paar in Freiheit dressiert« wilde Himde ab- zutreten. Ihnen stets ihre Wünsche gern erfüllend bleibe ich gern ihr allergnätigster unterthan Willy Schirmer. Nach Durchficht der Atten und der Briefe begutachtete der Herr Sanitätsrat Dr. Pfleger: Die Strafe kann vollstreckt werden, doch muß, da Schirmer psychisch verdächtig war» von Verdunkelung der Zelle abgesehen und auf ihn besonders geachtet werden. Plötzensee, den 23. 4. 91. gez. Dr. Pfleger. Am 23. April erklärt der AnstaltSarzt von Plötzensee den zweifel- los geisteskranken Menschen fiir fähig, die Arrcsfftrafe zu erdulden. An, 28. April tritt Schirmer diese Strafe an, nun aber ereignet sich ein Zwischenfall, der zu einer erneuten Untersuchung führt: Verfügt: Mit 1 Vol. Personalakten und allen Anlagen dem Herrn Ge- heimrat Dr. Bär und Herrn SanitätSrat Dr. Pfleger zur gefl. gutachtlichen Neuerung vorzulegen, ob der Schirmcr geisteskrank oder nicht. Ms er gestern eine ihm vom Gefängirisvorstande zu Lübben zuerkannte Arrcststrafe von noch 11 Tagen angetreten hatte, wurde er tobsüchtig, zerschlug alles, was in der Arrestzelle zerstörbar nmr Vorher war er nach seiner Rückkehr von Lübbe» hierher(6. 3. Ol) fügsam und verständig, abgesehen von den 3 hier beiliegenden an den Kaiser und die Kaiserin gerichteten Briefe vom 2. 10. und 26. d. MtS. Plötzensee, den 29. 4. Ol.®'lc™v0?,L gez. Wrrth. Der p. Schirmcr hat, wie es scheint, in Wronke infolge der Einzelhast einen kranlhasten Zustand seiner Geistc-Zthätigkeit über- standen.< Einzelhaftpsychose). Derselbe ist geistig beschränkt und zu krankhafte» Affekten geneigt. Während seiner Beobachtung im hiesigen Lazarett sals er von Wronke kam!) hat er sich einsichts- voll, ruhig und geordnet benounnen. Es ist dringend erwünscht, denselben während seiner letzten jetzt bevorstehenden Strafzeit in freier Luft zu beschäftigen. Plötzensee, den 23. 5. 01. Gez. Dr. Baer. Gez. Dr. Pfleger. Als der Direktor, der Geheime Justizrat Dr. Wirth, am 29. April 1901 das Ersuchen um Aensternng an die Anstaltsärzte richtete, hatte er zlveifellos die Absicht, dem Schirmcr die Strafe zu erlassen, falls seine geistige Erkrankung als feststehend begutachtet ivnrde. Daß die beiden AnstnltSärzte sich zur Abfassung des klassischen Attestes vier Woche» Zeit nehmen mußte», konnte der Herr nicht ahnen. So kam es denn, daß der ganze Fall Schirmer in Vergessenheit geriet. Ter Bemitleidenswerte blieb im Arrest, bekain keine Beschäftigung in freier Luft und wurde dann acht Wochen später, als seine Strafzeit beendet, mittellos auf die Straße gesetzt. Was aus dem Unglück- lichen geworden sein mag. kann man sich unschwer vorstellen. Wenn man seinen ersten Brief liest, und dann hört, daß er ein Jahr später„geistig beschränkt und zu krankhaften Affekten geneigt" ist, braucht man über unsren herrschenden Strafvollzug keine Auf- klärnng mehr._ Die Organisation des Terrors. So ist denn das große Werk gelungen. Die kleine Gruppe widerstrebender Elemente unter den Industriellen, denen vor dem Schutze des Centralvcrbandes graute, hat vor der Uebermacht nach- geben müssen und sich„im Interesse vergüten Sache" der Haupt- stelle deutscher Arbeitgebcrver bände angeschlossen. Wehmütig mußte in der Dclcgicrtcnversammlnng des Central- Verbandes deutscher Industrieller Herr Kommerzienrat V o gel-Chemnitz vor der Hartnäckigkeit der Vuecklente die Segel streichen. Er habe ein- gesehen, gegen den Wunsch des Ccntralverbandcs sei nicht anzukämpfen. Er habe nur ein Ziel gehabt, die ganze deutsche Industrie gegen die Socialdemokratie zusammenzubringen. Roch gestern habe er das Ziel in letzter Stunde zu erreichen gesucht, es sei nicht gelungen. Deshalb habe er es aufgegeben, jetzt noch Einwände zu machen. Er halte es für viel besser, sich, wenn man sei» eignes Ziel nicht habe ganz erreichen können, einzufügen, als beiseite zu stehen, zu grollen und den Grundgedanken fallen zu lassen. Und der Grundgedanke, in dem beide Teile von vornherein einig waren, ist der: Knebelung der Arbeiterschaft bis zur völligen Unfähigkeit, sich wirtschaftlich zu regen, Beseitigung der Koalitions- Möglichkeit, schiverste Strafe dem, der sich von dem Unternehmertum nicht freiwillig und freudig ausbeuten lätzt l In der Rede, mit der Herr V o p e l i u s die Sitzung eröffnete, nahm er den Titel„Scharfmacher" als einen Ehrentitel in Anspruch. Mit Bedauern erinnerte er sich der Zuchthaus- vorläge, der ei» Begräbnis erster Klasse bereitet worden sei— als solches sprach der Herr die elende Berscharrnng dieses Gesetzes- monstrnmS an— nnd schloß: „Nun, meine Herren, heute stehen Sie vor der Frage: Wollen Sie die berechtigte Forderung Sr. Majestät, soweit es an Ihnen liegt, zur Erfüllung bringen? Ich zweifle nicht an Ihrer Antwort." Also ein privates Znchthansgesetz will das Scharf- machcrtum über die deutsche Arbeiterschaft verhängen! Staatsanwalt, Polizei, Gerichtshof und Nollstrecknugsbehörde wird die„Hanptstelle" des Scharfmacherbundcs sein, als Strafmittel Ivird man je nach der Schwere des Vergehens zeitweilige Ans- hungerung, Vertreibung aus der Heimat oder den gänzlichen Hunger- tod verhängen. Wer mit dem Lohne, mit der Arbeitszeit, mit der menschenunwürdigen Behandlung oder den schauerlichen sanitären Verhältnissen in einem Betriebe nicht zufrieden ist, den wirft man einfach auf die Straße und überläßt xs dem Hunger, den Unbotinäßigen zu zähmen. Wer gar einer Organisation angehört, dem Ivcist man nicht nur in einem Betriebe die Thür, sondern dem macht man dnrch die hohnvoll als„Arbeitsnachweis" bezeichnete Einrichtung unmöglich, in irgend einem andern Betriebe des Ortes Arbeit zu finden. Wer aber gar zu den„Führern", zu den„Hetzern" nnd„Auf- wicglern" zählt, d. h. wen das Vertrauen seiner Kameraden mit der Leitung der VerbandSgcschäftc, vielleicht gar mit ivcit harmloseren Ehrenposten— etwa dem eines Gewerbegcrichts-Beisitzcnden— bedacht hat, den verfolgen schwarze Listen über die Grenzen des HciinatsorteS hinaus und machen es ihm unmöglich, überhaupt irgendwo wieder Arbeit für seine Hände und Brot für seine Familie zu bekommen. Wer dagegen als„Arbeitswilliger" unter seinen Genossen ver- schrien ist, dem winkt auch eine Belohnung: ihm soll eine Stelle verschafft werden, wo er sicher und ungefährdet arbeiten kann— billig natürlich und so lange, daß auch die größte ArbcitSwilligkeit Befriedigung findet, nnd in Hundedemul darf er als Ansporn zu seinen Thaten seinem Herrn die Hand küssen.-- Hauptaufgabe der neuen Organisation wird es sein, nach dem berühmten Muster des Kühnemänncr-VerbandcS überall Unter- n e h in e r- A r b e i t S n a ch w e i s e ins Leben zu rufen. Dann soll dahin gewirkt Ivcrdcn, daß die Streikklausel möglichst allen Verträgen mit Behörden und Privaten eingefügt werde. Das heißt: die Auftraggeber sollen sich verpflichten, die Lieferzeit in Streik- fällen jedesmal um die Dauer des Streiks zu verlängern. Den Privatleuten wird man solche Verträge einfach aufzwingen; Behörden gegenüber wird man damit etwas rücksichtsvoller sein. Trotz aller Scharfmacherci sind in der Oeffcntlichkcit ja noch immer gewisse sociale Strömungen vorhanden, denen die Behörden Rechnung trageir müssen, so daß daran sich vielmals die Vergebung eines Auftrages an ein Mitglied des Scharfmacherverbandes wegen der Forderung der Streikklausel zerschlagen könnte. Kommt es dennoch in einem solchen Falle zum Streik, so wird Herr B u e ck schon Mittel und Wege zu finden wissen, die Behörden zur Nachsicht zu veranlassen.— W:r so intime Verbindungen sogar mit dem Reichsamt des Innern hat. dem wird es doch eine Kleinigkeit sein, sich mit einer lumpigen Provinzial- oder gar bloß städtischen Behörde auf guten Fuß zu setzen! Den Arbeitgebern, welche von einem Streik betroffen werden, sollen Geldmittel aus den reichen Mitteln des Centralverbandes zur Verfügung gestellt werden, wie dies schon in Crimmitschau geschah. Ihnen wird versprochen, daß die bei ihnen in einen Streik getretenen, ja auch die von ihnen ausgesperrten Arbeiter anderwärts nicht eingestellt werden, und sie müssen die gleiche Verpflichtung den andern Unternehmern gegenüber eingehen.--- Unverkennbar; Den Gewerkschaften ist in der neuen„Hauptstelle deutscher Arbeitgeber-Verbände" ein Gegner entstanden, wie er ihnen zweifellos noch nicht gegenüber gestanden hat. Gewiß sind die Interessen der verschiedenen in der Haupfftelle vereinten Organi- sationen nicht dieselben. Aber die Hoffnung, daß diejenigen Jndustriegruppen, welche auf besonders qualifizierte Arbeiter an- gctvicscn sind und infolgedessen selbst ein gewisses Interesse an einer besseren Lebenshaltung der Arbeiterschaft haben, daß diese Gruppen das Handeln des Centralverbandes ivesentlich beeinflussen und den Verband von einem allzu scharfen Vorgehen zurückhalten könnten, ist eine viel zu vage, um ernsthaft gehegt werden zu können. Die Scharfmacherei ist Trumpf: das hat der ganze Verlauf dieser „Einigungs"- Komödie des Unternehmertums gezeigt. Es handelt sich nämlich um gar keine„Einigung" derselben, sondern einfach um eine Aufsaugung der übrigen Unternchnwrgruppen durch den Central- verband. War der Scharfmacher-Verband den ihm verwandten Organi- sationen gegenüber skrupellos, so wird er der Arbeiterschaft gegenüber alle Machtmittel springen lassen, und ob die Gewerkschaften ihm dabei gewachsen sein werden, ist eine bange Frage. Seine Rücksichts- losigkeit ivird aber auch den Grund legen zu seiner endlichen Ver- uichtung. Einen Ehrentitel hat Herr Vopelius den Namen„Scharfmacher" genannt. Soweit es sich darum handelt, daß der Scharfmacher-Verband Unternehmer nnd Behörden gegen den socialen Fortschritt scharf macht, neiden wir den Herren die Stirn nicht, sich das als ein Verdienst anzurechnen. Aber er ivird auch dazu beitragen, die Arbeiter scharf zu machen und sie ihre Klassenlage erkennen lehren. Den christlich organisierten Arbeitern, den Hirsch-Dunckcrschcn Arbeitern, denjenigen Arbeitern, welche die politische Neutralität ihrer Organisation als die höchste Errungenschaft ansehen, ihnen allen droht von den Scharfmachern die gleiche Gefahr, sie alle stehen denselben mehr oder weniger ohnmächtig gegenüber. Und können sie wirtschaftlich gegen dieselben nichts ans- richten, so werden sie geradezu auf die politische Bethätigung hingedrängt. Sie werden ihrerseits die ihnen nahestehenden Parteien gegen den übermächtigen Feind aufrufen. Vergebens! In a l l e n Parteien, mit Ausnahme der Socialdemokratie, sitzen die Vertreter des mächtigen Centralverbandes. So bleibt den Arbeitern nichts übrig, als sich in Massen der Socialdemokratie zuzuwenden. Im Kampfe mit dieser aber nmß auch der Scharfmacher-Verband unterliegen!_ politircbc(leberlicbt. Berlin, den 13. April. Neichstag. Die Fortführung der Äanzler-Dcbatte am Mittwoch bot nur zwei Momente von Belang, die Aeußernngen zur Handels- politischen Situation nnd die Offenbarungen des Ministers v. Hammerstein über das wahre Wesen der Königs treue. Was sonst über innere und auswärtige Politik durch die Diskussion lief, war unbeträchtlich: auch die Wciterspinnung des Jesuiten- gezänkcs, wobei die Konservativen sich als Mahner zur Friedfertig- keit nnd zur Sammlung aller bürgerlichen Parteien gegen die Socialdcmokraten aufführten, brachte nichts neues mehr; diese Weide ist abgegrast. Die konservativen Abgeordneten v. Kardorfs und H e y d c- b r a n d v. d. L a s a erhoben von neuem grimmige Klage, daß die endgültige Erfüllung ihrer Zollerhöhnngs-Wünsche noch immmer nicht gekommen ist nnd daß keine Gewähr gegeben ist, wann sie kommen wird. Der Dcntsch-Konscrvative Hehdebränd ist im Reichstage ein neuer Mann, seine Fraktion hat ihn ans dem Abgeordnctcnhausc geholt, wo er bisher gewaltet, da sie unmöglich alle rednerischen Lorbeeren dem Herr» v. Normann allein lassen kann: Herr Hehdebränd v. d. Losa ist wirklich für einen Konservativen rednerisch ein Held, dabei von so wenig germanischen Zügen und so lebhafter Beweglichkeit, daß die antisemitischen Nachbarn ihn leicht zu seinem FraktionSkollcgcn Limbnrg-Stirum-Ebers werfen möchten. Die konservativen Redner begehrten zu wissen, in welchen: Stadium sich die handelspolitischen Verhandlungen befinden, und sie führten Beschtvcrde, daß nicht wenigstens die Kündigung der Meist- begiinsligungsverträge erfolgt ist; das Gespenst der völlig zu Grunde gehenden Landwirtschaft wurde gegen den Reichskanzler drohend heraufgeführt, der viel versprochen habe, aber nun die Erfüllung nicht bringe. Zur Antwort war Freiherr v. R i ch t h o f e n verurteilt, während der Reichskanzler den besseren Teil des Schweigens wählte. Von der Schncidigkcit, die der Staatssekretär des Auswärtigen in der Beleidigung tapferer Russcnjugend gezeigt hat, war jetzt nichts zu verspüren. Matt und müde gab er das Geständnis der völligen V e r f a h r e n h e i t der handelspolitischen Situation. Die Arbeit, die auf Grund der vielen Positionen bei den eingeleiteten Vertrags- vcrhandlungen geleistet werden solle, sei außerordentlich groß, nnd es sei alles geschehen, was möglich ist, ein schnelleres Tempo sei nicht zu erreichen. Außer dem bekannten Abschluß des leichtesten der Handelsverträge, desjenigen mit Italien, ist über den Zeitpunkt für den Abschluß aller andren und über ihren Inhalt nicht das mindeste mitzuteilen. In der Nacht zun: ersten Adventssonntag 1902 wurde unter Jubel und Gebet der Wnchertarif erkämpft, jetzt ist die Regierung völlig ratlos, wie sie die Befehle der Agrarier, denen sie sich gebeugt, verwirklichen soll. Fünfzehn Monate nach Schaffung des beglückenden Zolltarifs ist die handeis- politische Zukunft Deutschlands unklarer und wirrer denn je. Der Abgeordnete G o t h e i n von der Freisinnigen Vereinigung warnte daher die Regierung mit Recht, daß sie sich nur nicht von den agrarischen Freunden auch noch zur Kündigung der bisherigen Ver- träge vor Abschluß neuer Verträge treiben lasse. Der welfische Abgeordnete v. Bernstorff führte berechtigte Beschwerde über die behördlichen Bedrängnisse, denen seine Partei- genossen in der Provinz Hannover, besonders aber Mitglieder von Kriegcrvereincn, ausgesetzt sind, und er gab so dem Minister v. Hamnierstein Gelegenheit zum höchst interessanten Bekenntnis der Königstreue auf Verjährung. Im Kricgcrvcreinshurra eiferte der einstige Unterthan des Königs von Hannover für die preußische Königstrcue und wider die welfische Treue. An Geistesschärfe würdig, einen Kriegerverein zu leiten, begab sich der Minister auf einen Boden, den seine Ministerkollegen selbst ihn mit Zagen be- schreiten sahen. Die Vorkommnisse von 1866, die dem König von Hannover das Land genommen, seien verjährt und die einstigen llntcrthancn jenes Königs sollten demjenigen König allein treu sein, den ihnen nun der liebe Gott gegeben! So malt sich das Gottcsgnadentum und die Königstreue in einem preußischen Minister, der einst dem Welfcnhaus Treue gelobt hat. Dem Unglücklichen, den die Macht vertrieb, Treue zu halten, ist verwerflich nnd ehrenvoll ist es, auf den Erfolgreichen die Treue zu übertragen. Allerdings ist solche Königstrcue des Uebcrläufcrtums für die Ueber- läufcr oft von Nutzen gewesen, aber sie giebt kein Recht, diejenigen zu schmähen, die in ihrer beschränkten monarchistischen Auffassung ihre alten Ueberzengungen wahren auf die Gefahr hin, keine Posten zu erklimmen und imr die Hammersteine als Minister zu sehen. Schließlich bemühte sich der antisemitische Graf Reveutlow in einer mit kleinen Bosheiten gegen die Regierung gespickten. sachlich wertlosen Rede seinem Parteifreund Liebermann einige Konkurrenz zu bereiten. Am Donnerstag hat zunächst Bebel das Wort. Höhere Lehranstalten. Das preußische Abgeordnetenhaus hat am Mittwoch die zweite Lesung deS Kultusetats fortgesetzt und das Kapitel„Höhere Lehranstalten" beraten. Die Debatte drehte sich im wesentlichem um die Lage der Oberlehrer. deren Gleichstellung mit den Richtern von den verschiedensten Seiten gefordert wurde. Auch die Frage der Schulreform nahm einen breiten Raum in der Erörterung ein. Non Wichtigkeit ist die Erklärung des Ministers S t u d t, daß die Reformschulen sich zwar gut bewährt haben, daß aber das humanistische Gymnasium dadurch nicht nur nicht verdrängt, sondern sogar noch vervollkommnet sei. Im allgemeinen äußerte sich der Minister sehr vorsichtig, da die Erfahrungen nüt den Reformschulen noch nicht abgeschlossen sind. Auch die allgemeine Bildung der Gymnasiasten wurde geprüft. Mit Recht sprach Abg. v. Dzienibowski(Pole) sein Bedauern darüber aus, daß die Gymuasialabiturienten wohl die Verfassung der alten Rönier und Griechen, nicht aber die des Deutschen Reiches lernen. Ter polnische Redner erregte dadurch den Zorn deS konservativen Herrn Pallaske, der unter der Zustimmung seiner Freunde der Ansicht Ausdruck gab, daß der Unterricht in der Verfassungsgeschichte die Gymnasiasten zum politisieren veranlassen würde. Politisierende Gymnasiasten sind den Konservativen beinahe so staatsgefährlich wie denkende Gymnasiasten, und deshalb wollen sie unbedingt den Ausschluß aller die heutige Welt bewegenden Probleme der Kultur und Wissenschaft. Ein andrer konservativer Redner, Abg. Klitzing verlaugte die Einschränkung der Freizügigkeit für Gymnasiasten: der Besuch der höheren Lehranstalten in Großstädten solle auf die Kinder solcher Eltern beschränkt werden, die in diesen Städten wohnen. Derartige geistreiche Ideen können aller- diugs nur im preußischen �unkerparlamcut ausgeheckt werden. Am Donnerstag erwartet man beim Kapitel„Kunst und Wissenschaft" eine längere Kunstdebatte.— Veutfcke» Reich. Neue Russeiidienste. Ans Königsberg i. Pr. wird uns geschrieben: Ein etlva 23 Jahre alter Russe wurde Mittwoch, den 6. d. M. abends auf dem Bahnhof in Jnsterburg von einem preußischen Gendarm verhastet. Um den Russen auf dem Jnsterburger Bahnhofe zurechtzuweisen, hatte ihn ein Parteigenosse aus einer andern Stadt begleitet. Am Ausgange des Bahnsteiges stand ein Gendarm nnd fragte zuerst unser» Genossen nach seinem Namen. Nachdem dieser sich legitimiert nnd der Russe als Reiseziel Berlin genannt hatte, erklärte der Gendarm den letzteren für verhaftet. Er ineinte: hätte er als Ziel seiner Reise England oder Amerika angegeben, dann wäre er nur nach der Answanderer-Station gebracht worden, nun müsse er ihn aber ins Polizei-Gcfängnis abliefern. Der den Verhafteten bis ans Gefängnis begleitetende Genosse konnte nichts über das weitere Schicksal des Russen erfahren. Man konnte auch nicht erfahren, in welchem Auftrage der Gendarm handelte und wie er dazu kam, gerade diese beiden Fahrgäste am Ausgange des Bahnsteiges, den täglich viele hundert nach alle» Richtungen verkehrende Personen passieren, zu empfangen und nach Legitimationen zn fragen. Wird man den Verhafteten, der g'är nicht hier bleiben wollte, nun aus Deutschland ausweisen, oder wird man ihn bis zur russischen Grenze bringen und an Rußland aus- liefern? Diese Fragen stehen noch offen.— Interpellation. Die socialdcinokratische Reichstags-Fraktion hat die folgende Interpellation am Mittwoch eingebracht: „Welche Maßnahmen gedenkt der Herr Reichskanzler zu er- greifen, mn die durch Bcrgwerksgesellschaftcn, Mitglieder»deS Kohlensyndikats, im R n h r r e v i e r veranlaßte Außerbetriebsetzung von Kohlengruben nnd die dadurch hervorgerufene Arbeitslosigkeit unter den Bergarbeitern zn beseitigen sowie die damit ver- knüpfte Existenzvcriiichtniig von Bancr», Handwerkern und Geschäfts- lcutcn jener Gegend zil verhindern? Zu gleicher Zeil hat im preußischen� Abgeordnetenhaus das Centrum dieselbe Angelegenheit zum Gegenstand einer Interpellation gemacht. Es wird angefragt: „1. Ist der kgl. Staatsregierung bekannt, daß infolge der Zn- teilung der Förderungen seitens des Kohlensyndikats an die einzelnen Zechen von den größeren Zechen(Gewerkschaften) die kleineren im Ruhrrevier angekauft und stillgelegt werden, um das Förderquantnm zu übernehmen? 2. Was gedenkt die königliche Staatsrcgierung gegen diese die betroffenen Gemeinden und deren Einwohner, insbesondere die Bergleute und Gewerbetreibenden, in bedenklicher Weise schädigende Politik zu thun?" Das Vorgehen der beiden Fraktionen ist geschehen, ohne daß die eine von der Absicht der andern wußte. Aus vielfachen Gründen ist der Reichstag weit mehr zur Be- Handlung dieser allgemeinen politischen Frage geeignet als da» Abgeordnetenhaus.—_ Die badische Wahlreform gescheitert? Ans Karlsruhe wird telegraphiert: In der VerfassungZ- konmnfsion gab die Regierung auf die Beschlüsse betreffend Ab- änderung der Verfassung folgende Erklärung ab: 1. Die Regirrung ist mit der Berufung eines Abgeordneten der Organisation der Arbeiter jArbeiterkammer) in die erste Kammer nicht einverstanden. Bezüglich des Handelsstandes besteht sie �>uf der Forderung von drei, nicht bloß von zwei Abgeordneten Air ersten Kammer. 2. Die Regierung ist einverstanden, daß die Städte der Städte- ordnung durch zwei Oberbürgermeister in der ersten Kammer ver- treten werden. 3. Die Regierung ist ferner einverstanden, daß die der Städte- ordnung nicht unterstehenden Städte mit mehr als 3000 Einwohner» durch einen Abgeordneten in der ersten Kammer vertreten und zwar dnrch die Gcmeinderäte gewählt werden. 4. Die Regierung erklärt, daß auch die Kreisauöschnsse durch einen Abgeordneten in der ersten Kammer zu vertreten sind, gewählt durch Mitglieder der Ausschüsse. 5. Nach Meinung der Regierung soll eine Vermehrung der Mit- glieder der zweite» K a m m e r nur bis zu 70 stattfinden. 6. Bezüglich des Bndgetrechts und der die Behandlung des Finanzgesetzes regelnden Paragraphen tritt die Regierung der durch die Kommission festgesetzten Fassung nicht bei. Darüber würden noch weitere Erörterungen nötig sein. Nach dieser Erklärung, so meldet uns ein Pnvattelegramm. er- scheint die Wahlrechtsrcform gescheitert. Die Regierung lehnte alle Verbesserungen der Kommission ab. Bleiben die Parteien bei ihren früheren Erklärungen, so ist die Vorlage gefallen.— Der Fall Kropp. Ein Kieler Blatt veröffentlicht folgende Erklärung des Be- gründers der Kropper Anstalten, des nicht gerade vorteilhast be- kannten Pastors Paulsen: „In der letzten Nummer Ihres Blattes nahmen Sie Bezug auf eine Erklärung der Anstaltsverivaltung in Sachen der Aus- Weisung des Schwachsinnigen Pniover. Diese Erklärung beruht, wie sich herausgestellt hat, auf irrigen Informationen. Allerdings hat die jetzige Anstaltsverwaltung mit der AuS- Weisung nichts zu schaffen und ist von derselben überrascht worden. Ein Geschäftsführer hat die irrige Auskunft gegeben, daß infolge einer allgemeinen ministeriellen Anordnung alle» militärpflichtige» Russen der Aufenthalt in Deutschland versagt worden sei. Deshalb sei auch Pniover ausgewiesen. In der That hat der frühere Geschäfts- führer v. Loebell im Juni 1002, also vor zwei Jahren, ohne jede Er- mächtigung die Ausweisung des Pniover beantragt. Nach dem Gesellschaftsstatut darf die Ausweisung eines Eingekauften nur erfolgen nach einer schriftlichen Genehmigung des Pastors Paulsen in Kropp. Diese ist nie erfordert und nie erteilt. Mithin konnte die Verwaltung auch nicht ahnen, daß der frühere Geschäftsführer eine solche Maßregel widerrechtlich getroffen habe. Die Akten der Verwaltung erhalten nicht den geringsten Beweis für diese Handlung. Jedenfalls ist aber klar, das; den Minister v. Hammcrstcin nicht der geringste Vorwurf trifft, daß vielinehr die Regierung nur einem Antrage des früheren Geschäftsführers stattgegeben hat. Bemerken will ich noch, daß Herr v. Loebell 1002 im Gespräch von einer event. beabsichtigten Entfernung des Pniover gesprochen, worauf ich sofort Protest gegen eine derartige Handlung eingelegt habe. Damit hielt ich die Sache für abgethan. Der Geschäfts- führer hat sich aber nicht darum gekümmert und nun nach zwei Jahren erfolgt plötzlich die Ausweisung, deren Grund hier niemand ahnte. Eine schriftliche Auswcisungsordcr ist der Verwaltung nicht mitgeteilt. Kropp, den 11. April 1001. Johannes Paulsen, Durch diese Zuschrift wird der seltsame Fall keineswegs auf- geklärt. Zunächst ist es nicht der für das erste Schreiben verant- wortliche Geschäftsführer der Anstalt, der das Wort ergreift, sondern der unbeteiligte Pastor Paulsen. Der Geschäftsführer der Anstalt hatte geschrieben: „Uns ist vom Regierungspräsidenten der Befehl zugegangen, Pniover an die russische Grenze zu bringen, weil die russische Re- gierung an die preußische Regierung die Bitte gerichtet habe, die in Preußen anwesenden, in militärpflichtigem Alter stehenden Russen an die Grenze zu bringen." Das soll ein Irrtum win. Ja, wie ist denn dieser tolle„Irrtum" entstanden? Eine schriftliche Auswcisungsorder ist der Verwaltung nicht zugegangen. Wer hat denn nun die Ausweisung„befohlen", a u f welchem Wege, mit w e l ch e n G r ü n d e n? Da die jetzige Anstaltsleitung nichts von dem früheren— übrigens auch seltsamen, widerrechtlichen und nicht in den Akten vorfindbargn Antrag des Herrn v. Loebell wußte, so mußte sie doch irgend eine Auskunft verlangen, warum sie den Russen an die Grenze schaffen solle, sonst würde siesganz und gar gewissenlos verfahren sein. Und wie kam der Anstaltsleiter zu der Behauptung, der Regierungs- Präsident habe aus militärischen Gründen die Ausweisung be- fohlen?.Die Behauptung eines„Irrtums" genügt nicht, es inuß an- gegeben werden, wie dieser Irrtum veranlaßt werden konnte. Auch mit der Erklärung der„Nordd. Allg. Ztg." sind die An- gaben des Pastors Paulsen nicht vereinbar. Die„Norddeutsche" sprach von zwei Brüdern, deren Entfernung von der Anstalt bc- antragt worden sei. Nach Herrn Paulsen handelt es sich nur um eine Person. Ferner sind die Daten sehr auffällig. Nach Paulsen hat v. Loebell seinen Antrag in, Juni 1902 gestellt. Aber erst im März 1903 soll der Regierungspräsident, der„Nordd. Allg. Ztg." zufolge, den Antrag an den Minister weitergegeben haben, und iviedcr ein Jahr später ist erst die Ausweisung erfolgt. Da stinnnt etwas nicht! Man wird weitere Aufklärungen abwarten müssen!— ZciigniSzwang auf Veranlassung eines Zeitungsverlegers. Die Beseitigung des Zcugniszwangcs für die Presse ist das gemein- fnme Interesse aller Zeitungen. In Rostock aber hat sich das Un- erhörte ereignet, daß der AllenveltS-Vcrleger der dortigen liberalen „Rostocker Zeitung" und des konservativen„Rostockcr An- zeiger", B o l d t, durchgesetzt hat, daß unser Genosse Groth von der.Volkszeitung" gerichtlich als Zeuge befragt wurde über die Verfasserschaft eines den Boldt angeblich beleidigenden Artikels. Weil Groth sein Zeugnis natürlich verweigerte, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Zcitungsverlegcr haben eine Standesorganisation. Was iverden sie gegen den Mann unternehmen? Der Vorsitzende dieser Organisation, Herr Jänccke, hat am 15..Januar 1001 im Reichstag erklärt: „Ein Mitglied einer Zeitung, das ihm anvertraute Dinge preiSgicbt, wird von der ganzen Presse mit Recht verachtet. Es wird kein Verleger s!!) einen solchen Redakteur mehr an- nehmen, und ich glaube auch, daß kein anständiger Leser ein solches Blatt mehr in die Hand nehmen wird..." Wird nun Herr Boldt von Verlegern, Redakteuren und Lesern boykottiert werden?— Der freisinnige Bruderkrieg ist jetzt so weit gediehen, daß das Organ des Herrn Müller-Sagan von der Volkspartei Privatbriefe des Herrn Nathan von der Freisinnigen Vereinigung vcröffent- licht. Herr Nathan hat anläßlich der Stichwahl in Pirna am 21. September 1800 folgendes Schreiben an einen Parteigenossen gerichtet: Berlin, 21. 0. 1809. Sehr geehrter Herr! Die Wahl in Pirna hat zu denr Ergebnis geführt, daß der S o c i a l d em o k r a t mit dem A ntisemiten in die Stichwahl kommt. Die frei- sinnigen Stimmen geben dabei den Ausschlag, und ich hoffe, daß dieselben nicht für den Antisemiten stimmen werden. Wenn Sie in der Lage sind, hierzu etwas unter der Hand zu thun, so versäumen sie dies nicht, eine laute Agitation ist. jedoch nicht zweck- mäßig. Hochachtungsvoll und ergebenst Dr. Nathan. Für die diplomatische Leisctrcterei auch des links stehenden Bürgertums ist der von zarter Freundeshand veröffentlichte Brief ja charakteristisch. Immerhin hat die Barthgruppe der Freisinnigen Vereinigung seitdem zugelernt. In der letzten Stichwahl in Eschlvcge-Schmal- kalden hat man nicht nur unter der Hand, sondern auch offen die erfolgt?"�llegcbcn, für den Socialdemokraten zu stimmen, freilich A» die Adresse der„Germania" richtet der„Gornoslazak", das Organ des Abg. Korfanty die folgende kräftige und durchaus be- rechtigte�Charnkteristik: "fA C �5"trumsblätter machen mit unerhörter Dreistigkeit dem polnffchen Volke, welches in Beuthen mit wahrem Herzen nn- guujllge---»ige von seine» Scclenhirten aussagen mußte, den iSorwurf ves Meineides und unsrer Redaktion den Vorivurf der Verleitmig zum Meineide. Wer die Kühnheit hat, seinen Nächsten des Verbrechens des Meineides zu bezichtigen, handelt nichtsnutzig. und so handeln die Centrumsblätter, welche in frechster Weise Dutzende unsrer Mitbürger, nüchterner Leute, musterhafter Katholiken, vffcntllch dieses Verbrechens zu beschuldigen wagen, und die-s nur zu dem Zwecke, um die Ehre ihrer eignen Partei zu retten. Aus dein ganzen Benehmen der Centrumslcute geht eins hervor, was wir schon langst behauptet haben: Wenn es sich um das Interesse der Ecntrunispnvtci handelt, dann vergessen die Ecntrumsleute das Jntcreste der Kirche, ihre Lehren und Vor- lchrifte». Worauf gründen nun die Centrumsleute ihre nichts- nutzigen Beschuldigungen 1 Auf bloße leere„Berichtigungen" l Auf der einen Seite haben wir vor uns Aussagen ehrbarer, an- gesehener Leute, guter Katholiken, erhärtet durch den Eid vor Gott, auf der andern Seite leere„Berichtigungen". Wenn es sich nun darum handelt, wem man unter diesen Verhältnissen glauben soll, so erklären wir, daß wir den Zeugen glauben." Inzwischen hat sich ja Herr Kopp als Fricdcnsfiirst etabliert! Auch Kopp kann nicht verhindern, daß die Gärung in Oberschlesien zunimmt. Innerhalb des Ecntrums selbst versucht jetzt die Kattolik- Gruppe de» Polen dadurch den Wind aus den Segeln zu nehmen, baß sie sich unabhängig organisiert. Der„Kattolik" schreibt: „Da die Breslauer Centrumsführer durch die„Schlesische Volks- Zeitung" verkünden ließen, sie würden ihre Politik nicht ändern, so bleibt nunmehr nichts andres übrig, als das gesmnte polnische Volk Oberschlesiens unter der eignen volksparteilichen Standarte zu sammeln. Ungefähr eine Million polnischen Volkes in Oberschlesien hat gar keine Veranlassung, sich dem Willen der Breslauer Centrumsleute zu beugen. Im Gegenteil werde dies polnische oberschlesische Volk noch Kraft genug finden, um seine Rechte und seine Zukunft auf der nationalen Grundlage zu schützen."— Sind Stadtverordnete berechtigt dem Magistrat einen Tadel aus- zusprechen? Mit dieser Frage beschäftigt sich gegenwärtig das Stadt- verordneten-Kollcgiuni in Halle, wie man uns von dort berichtet. Durch ein Versehen des früheren Stadtrats, jetzigen Geheimrats P ü t t e r in Berlin war der Stadtkasse ein Schaden zugefügt worden. Dieserhalb hat das Stadtverordneten- Kollcgimn auf Beschluß der Finanzkonunission dem Magistrat ein Tadclsvotum ausgesprochen. Der Magistrat ivill aber den Tadel nicht einstecken, und behauptet, das Rügerccht stehe nur der vor- gesetzten Behörde zu. Um Klarheit über die Sache zu schaffen, wurden die juristischen Mitglieder des Kollegiums mit der Prüfung der Angelegenheit betraut. Auf den Ausgang der Sache darf man gespannt sein. Vom Grnbcnlegcn im Nnhrrcvicr. Aus dem Ruhrrcvier lvird uns geschrieben: Die über die voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen der Still- lcgungcn von Gruben allmählich in Fluß kommenden Erhebungen haben schon zur Gewißheit werden lassen, daß die Störungen und Umwälzungen viel, wettgehender und von viel tiefer eingreifender Wirkung sein werden, als man in den beteiligten Kreisen bisher ait- genommen und sich vorgestellt hat. Aus diesem Umstand erklärt sich auch die mit jedem Tage wachsende Erregung, die schon so stark ist, daß in Angriff genommene Bauten kurzerhand stillgelegt werden, bedeutende Geschäfte in beschleunigter Eile Vorkehrungen treffen, deit von der wirtschaftlichen Vernichtung bedrohten Ort zu ver- lassen. Jedenfalls werden die Ortschaften nördlich von Dortmund, Bochum, Essen, Oberhauscn nicht nur eine starke Bcvölkerungs- zunähme, sondern auch ein starkes Auwachsen jeder Art Geschäfte zu verzeichnen haben— zum Segen des Haus- und Grundbesitzes. Der Entwertung aller Objekte in den Bergbaubezirken des Ruhrthals steht dort eine Steigerung der Grundrente und der Wohnungsmieten gegenüber. Hier wie dort müssen die eigentlichen Erwerbsthätigcn bluten; besonders für die Arbeiterschaft wird sich die Steigerung der Mieten unliebsam bemerkbar machen. Zur Illustration, wie verheerend das Grubenlegen in einzelnen Gemeinden wirkt, mögen einige Angaben aus den im Kreise Hoerde belegenen Gemeinden dienen, die vom Grubenlegen betroffen werden. In diesen Gemeinden ist der Bergbau als die fast einzige Industrie die Trägerin des gesamten Wirtschaftslebens. Diese Gemeinden stehen vor der Gefahr vollständiger Verarmung, denn sie liegen von den auf- strebenden Bergbaubezirken viel z» weit entfernt, um irgendwie er- möglichen zu können, die Bergarbeiter hier als Einwohner zu er- hallen, während sie auswärts arbeiten. Eine vollständige Ent- völkerung und Verarmung vieler Gemeinden wird damit unabwend- bar. Allein in drei Gemeinden wohnen ca. 6000 Bergleute mit rund 20 000 Familienangehörigen. Ein überwiegender Teil dieser Familien unterhält ein kleines aus Einfamilienhaus und kleinem Gärtchen bestehendes, angeerbtes. oder durch bedeutende An- strengungeu erworbenes Antvesen. Aber alle„Eigentümer" sind ver- schuldet,— es gießt kaum ein Auweseu ohne ansehnliche Hypotheken- last. Beleiher sind ivieder fast ausschließlich Sparkassen. In zwölf Millionen Mark Hypothckenguthabcn in den in Betracht kommenden Gemeinden teilen sich sechs Sparkasse». Mit Abwanderung der Hypothekengläubiger erfolgt eine ganz eminente Wertverminderung der Objekte, die Eigentümer werden kam» einen Pfennig herausbekommen und für die Sparkassen werden die billig zufallenden Anwesen schlver drückender Baltast. Die „Eigentümer" werden bettelarm und die nenen Besitzer erzielen kaum Gewinn. Achnlich verhält es sich mit den übrigen Bauten und Be- fitzungen, besonders die Geschäftswelt und die Hypothekengläubiger müssen mit bedeutenden Verlusten rechnen, unter denen manche Existenz vollständig zusammenbrechen wird. lind wie steht es mit den politischen Gemeinden? Fast alle haben bedeutende Anleihen-c. machen müssen für Schulbautcn und andre öffentliche Anlagen. Obwohl in verfchiedencn Gemeinden die Schulklassen vollständig überfüllt sind, müssen doch schon zur Deckung der Gemeinde-Ausgaben überall 240 bis 280 Proz. Zuschlag zur Einkommen-, Grund- und Gcbäudesteuer erhoben werden. Wie sollen die Gemeinden ihre Haushaltsbudgets balancieren, wenn mit dem Fortzug taufender Arbeiter und Gewerbetreibender die beste Steuer- kraft versiegt, durch Stilllegung der Gruben auch die Stcuerleistung von dieser Seite fortfällt? Weiter ist auch nicht zu unterschätzen der Schaden, den die Landwirtschaft daran trägt. Für diese geht ein großer, direkter Absatz verloren, der um so fchwerer wiegt, als viele Betriebe sich auf den direkten Absatz und der dafür geeigneten Produkte eingerichtet haben. Wie groß der Kreis der Personen ist, die durch die neueste Entwicklung in Mitleidenschaft gezogen werden, läßt sich genau noch nicht angeben, man weiß noch nicht, welche Gruben alle von der Stilllegung ereilt werden. In den beiden zunächst in Betracht kommenden Bezirken: Witten und Hattingen sind rund 23 000 Berg- arbeiter beschäftigt, außerden, werden betroffen Belegschaften im Bezirke Dortmund in Stärke von circa 7000, Wattenscheid 2500, Oberhausen 1000 und Werden 1000 Mann, ins- gesamt ca. 35 000 Mann, was einer Familienkopfzahl von über 100000 entspricht, ungerechnet die Handwerker. Kaufleuts usw. Was geschehen soll zur Milderung der drohenden Zerstörungen, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Herr Bergmcister Engel, der anscheinend, zum Wortführer deS Syndikats bestellt ist, hat nun schon zweimal im„Glück auf" Stellung zu der Augelegen- heit genomincii, um durch„ivohlerwogcne" Ratschläge die Aufregung der Bevölkerung zu dämpfen. Zuerst schlug Herr Engel vor, die bedrohten Geineinden schleunigst nach den großen zugehörigen Städten einzugemeinden. Daß solcher Ratschlag ebenso billig ist, wie es Brombeeren sind, aber noch weniger wert als solche, wird jedenfalls der Retter der Syndikatspolitik so gut wissen wie jeder Bürger- Meister, er wird aher auch wohl zur Einsicht gekommen sein, daß er mit solchem Rat keine Katze hinter dem Ofen hervorholt. Bergmeister Engel hat nun, wie schon berichtet wurde, etwas Neues. Er schlägt vor, in weitem Maße das Straßenbahnnetz in der Weise auszubauen, daß die Bergarbeiter aus den in Betracht kommenden Orten zu den nächsten Betrieben günstige Fahrgelegenheit erlangen. Dann könnten die Arbeiter in ihren gewohnten' Verhältnissen bleiben, Grund- und Gebäudebesitz blieben vor Entlvcrtung bewahrt usw. Auch dieser Rat hat nicht viel Wert. Zunächst liegen, wie bemerkt, verschiedene Orte viel zu weit von den Betriebsorien entfernt, dann aber auch würden die betreffenden Gemeinden durch neue Anlagen in neue Un- kosten gestürzt. Gegen Entschädigungszahlungen an Haus- und Grundbesitz spricht Herr Engel sich fchlankweg aus. irgend welche Rechtstitel könnten für solche Forderungen nicht angezogen werden. Danach dürfen die Beteiligten sich darauf einrichten, daß das Grubenkapital zu irgendwelchen Leistungen und Entschädigungen sich nicht verstehen wird. Einige schöne Worte vom Zwang der Verhältnisse, das wird alles sein, was die Syndilatsherren bieten.— Aus Siidwcstafrika sind seltsamerweise bis zur Stunde noch keine genaueren Nachrichten über die letzten Gefechte eingegangen. Dagegen liegen aus dem Gebiete der Bondclzwarts Nachrichten vor, nach denen die Bondelzwarts sich keineswegs als besiegt ansehen, vielmehr geneigt sein sollen, es auf einen nochmaligen Waffengang ankommen zu lassen. Die in Swakopmund erfcheineude„ D e u t s ch- S ü d w e st- afrikanische Zeitung" behauptet sogar, daß einige der als befreundet geltenden Hottentotteustämnre durchaus nicht als Zweifel- lose Freunde Deutschlands gelten dürften. Selbst die Witboi-Hotten« totten werden als zweifelhafte Bundesgenossen bezeichnet. „Was helfen uns 300 verbündete Hottentotten, wenn wir 300 eigne Soldaten dazu benötigen, diese Verbündeten zu überwachen? Bei dem für uns doch immer noch sehr zweifelhaften Charakter der Eingeborenen ist eine solche Ueberwachung natür- lich nötig; findet sie nicht statt, so wäre das ein furchtbarer Leichtsinn, dein wir vielleicht eines Tages ein großes Unglück zuzuschreiben haben würden. Halten doch ältere Be- lvohner des Landes ein solches Unglück nachdem Tode des alten Hendrik Witboi nicht für aus- geschloffen. Zu was also solche Verbündeten, die doch weiter nichts sind, als sehr schwache Beweise von der Richtigkeit der bis« herigen Eingeborenen-Politik!" Es ist allerdings möglich, daß auch die jetzt deutschfreundlichen Hottentottenstämme dem'Beispiel der Hereros und Bondelzwarts folgen könnten, falls man Miene machen sollte, sie aus Bundes- genossen in Hörige zu verwandeln und sie zu diesem Behufe zu- uächft zu entwaffne n. Unsre Südwestafrikaner glauben aber, daß es jetzt an der Zeit sei, allen Eingeborenen ohne Ausnahme den Fuß auf den Nacken zu setzen, gleichviel, welche Opfer eine solche Unterjochungspolitik Deutschland kosten würde! Uebrigens scheinen unsre kolonialpolitischen Scharfmacher that- sächlich den Sieg davontragen zu sollen. Nachrichten aus Swakop- inund melden den bevorstehenden Rücktritt des Gouverneurs Leutwein, der bei aller Schwäche gegenüber den beutegierigen Kolonial- abenteurern, die allerdings in Berlin den nötigen Rückhalt besaßen, doch immerhin eine den Eingeborenen freundliche Politik zu ver- folgen versuchte. Der Herero-Äufstand, den die wirklichen Urheber, die Arenberge und Beutepolitiker, dem„zu milden" Regiment Leut- lvcins in die Schuhe schoben, scheint dem Gouverneur thatsächlich den letzten Stoß versetzt zu haben. Die Nachrichten aus Swakopmund besagen: Gouverneur Leut- wein habe wegen eines Beinlcidens ein Urlaubsgesuch eingereicht. Die Nachricht dürfte sich, so schreibt das„B. T.", bestätigen: mit der Absicht auf Urlaub zu gehen, trägt der Gouverneur sich bereits feit einigen Monaten. Das Beinleiden, mit dem er sein Urlaubs- gcsuch begründet, plagt ihn schon seit Monaten. Bereits während des Bondelzwarts-Aufstandes fesselte es ihn in Keetmannshoop ans Haus. Selbstverständlich bezieht_ sich das Gesuch des Gouverneurs auf einen n a ch der Niederwerfung des Herero-Aufstandes ihm zu gewährenden Urlaub; im gegenwärtigen Moment auf Urlaub zu gehen, wird Leutwcin selbst nicht beabsichtigen. Daß die leitenden Stellen ihm den erbetenen Urlaub vorher gewähren sollten. darf als ausgeschlossen gelten. Die Prejfe nennt auch bereits als mutmaßliche Nachfolger Leutweins verschiedene Kolonialbeamte. Gefangene werden nicht gemacht! Auch ein Brief aus Karibib, den ein gewisser HanS Weber st adt geschrieben, bestätigt die bereits von ver- schicdenen Seiten gemachte Mitteilung, daß zum Beginn des Krieges keine Gcsaugcncn gemacht, sondern alle gefangenen und verwundeten Hereros getötet wurden. Frühere Briefe desselben Verfassers enthalten auch interessante Mitteiluugcir über den tro st losen, zum Landban völlig u n- geeigneten Charakter unsrer teuren Kolonie. Er schreibt: „Einem ausgesprochenen Wunsche gemäß, das Land kennen zu lernen und nicht auf einem Flecke zu hocken, wurde ich auf Patrouille nach dem Süden geschickt in das Land der Hotten- totten und Bastards, teils um die zwischen Gibeon und Windhoek bestehenden Heliographenstationen zu revidieren, teils um über die Wasser- und Weidcverhältnisse des Südens zu berichten. Die Reise, welche— mit zwei Pferden für mich, einem Packesel und zwei auf Eseln beritten gemachten Hottentotten— über sechs Wochen dauerte, gab mir Gelegenheit, cine» guten Teil des Südens kennen zu lernen und führte mir vor Augen, wie erschreckend trocken das Land ist. Dcun seit über 3>/„ Jahren hat es so gut wie gar nicht geregnet. Auch die Hoff- nung, daß die diesjährige Regenzeit, die im Dezember anfing, genügend Regen bringen ivürde, hat sich bisher als nichtig erwiesen. Infolge des mangelnden Wassers und der dürren Weide magert das Bich zusehends ab, das Vcrknufsvich wird dadurch minder- wcrtigcr und der Nachwuchs geht infolge des Fehlens der Mutter- milch vielfach ein. Der einzige Absatzmarkt ist die Kapkolonie, aber das Vieh muß erst' dorthin getrieben werden, und die Gefahr, daß die Tiere beim Durchqueren der un- geheueren Strecken, die ohne genügendes Wasser und ohne Weide sind, eingehen, ist sehr groß. Deswegen ist die Viehzucht, die einzige, die noch cine Zukunft hat, augenblicklich nicht sehr rentabel. Acker- und Gartenbau im großen zu betreiben, ist bei der Dürre des Landes und dem Mangel an Abnehmern undenk- bar. Aber in Berlin tauchen noch immer Leute auf, welche durch nllz» rosige Schilderung der hiesigen Verhältnisse falsche Vorstellungen vom Lande erwecken und Leute ohne genügendes Kapital heraus- locke»... „Ich habe aber auf meiner fünfwöchcntlichen Reise, auf der ich etwa 2000 Kilometer im Sattel gewcscu, ein gut Stück vom Lande der Hottentotten und Bastards gesehen, mich von der geradezu erschreckende» Dürre desselben überzeugt und erkannt, daß das Land sich in keiner Weise zum Ackerbau eignet." Und für ein solches Land haben wir bis jetzt— die Kriegskosten eingerechnet— weit über 100 Millionen zum Fenster hinaus- geworfen. Kluslanä. Das mysteriöse Attentat in Barcelona. Das erst gemeldete, dann dementierte Attentat allf den spanischen Mini st erPräsidenten Maura soll nun doch ver- übt worden sein. Der„Attentäter" soll Maura keinen Faustschlag versetzt haben, sondern sein Dolchstoß soll nur in seiner beabsichtigten Wirkung durch die dicke Goldstickerei der Uniform abgeschwächt worden sein, so daß Maura nur eine relativ unbedeutende Verletzung davon- getragen habe. Nach einer Meldung soll der Attentäter, ein Bedienter Namens Michel Arial, durch den Stockhieb eines Polizisten getötet worden sein, nach einer andren Meldung ist auch daS unrichtig. Einige der' so widerspruchsvollen Telegramme lauten: Madrid, 12. April. Daß ein Attentat eines katalonischen An- archisten heute vormittag in Barcelona auf den Premierminister Maura stattgefunden hat, wird jetzt amtlich bestätigt. Ministerpräsident Maura fuhr in G a l a- U n i f o r m in einein Wagen nach Hause, nachdem er dem Trauergottesdienst für die Er- königin Jsäbella beigewohnt hatte. Er wurde durch den Dolchstoß des Anarchisten nur leicht verwundet. Der Eindruck des Attentats ist hier der einer allgemeinen Bestürzung. Es ist noch hervorzuheben, daß Ministerpräsident Maura persönlich die Nachricht von dem Attentat an die Minister und seine Familie hier telephonicrte. Doch soll der Blutverlust ziemlich bedeutend gewesen fein. Madrid, 12. April. Aus Barcelona wird telegraphiert, der Attentäter schrie, als er den Dolch zückte, den er unter einem schwarzen(!) Taschentuch verbarg:„Hoch der An- archismus!" Er ergab sich dann der Polizei ohne Widerstand in dem Glauben, er habe den Ministerpräsidenten Maura getötet. Maura zog selb st den Dolch aus der Wunde heraus und warf ihn in den Wagen. Der Dolchstoß war durch einen Rock knöpf abgelenkt worden und traf nur das Fleisch über der vierten Rippe. Maura begab sich sofort in das Provinzialgebäude. loa der Leibarzt des Königs ihn unter- suchte und ihm Bettruhe anordnete. Hier sind die Gemüter aufs äußerste erregt. Die Entrüstung ist yllgemein. Barcelona, 13. April. Nach den letzten amtlichen Berichten rst der Zustand der Wunde des Ministerpräsidenten Maura gut und rasche Vernarbung zu erwarten: der M i n i st e r p r ä s i d e n t w i r d d r e Reise fortsetzen können. Die gestern aufgetauchte Nachricht, daß A r t a l, der Urheber des Anschlages. infolge eines e r- halten en Stockschlages gestorben sei, wird für unrichtig erkläri Die Polizei machte die Entdeckung, daß der Anschlag seit acht Tagen borbereitet war. Arial folgte Maura seit mehreren Tagen; er hatte einen Mit- verschworenen, der letzte Nacht verhaftet worden ist. Beide gehörten einer revolutionären Jugendvereini- g u u g a n. Wieviel Schwindel in all diesen Nachrichten enthalten ist, wird sich schwerlich feststellen lassen. Die Polizei wird ihr möglichstes thuu, um die Wahrheit so viel als irgend möglich zu entstellen. Der„Vosfischen Zeitung" wird noch aus Madrid vom Mittwoch gemeldet: In Barcelona sind bereits über 20 WO Unterschriften zu der Protestkundgebung gegen den Mordanschlag auf M a u r a gesammelt lvorden. Die Börse, Vereine und Behörden veranstalten ein feierliches Danksagungs-Tedeum für die Rettung des Premierministers. Dieser wird in spätestens acht Tagen geheilt sein. Der König besuchte ihn und hörte mit großer Teilnahme aus seinem Munde den Bericht über den Mordanschlag. Arial erllärte, keinen Mitschuldigen zu haben, und bekennt sich zum Anarchismus. Er hat das Verbrechen mit Vorbedacht begangen und ist Maura seit mehreren Tagen auf Schritt und Tritt gefolgt. Er ist schlank und hat eine blasse Gesichtsfarbe und gleicht nach dem Aus- sehen einen, Sem inari st en. Er bereitete sich eine Zeitlang für den geistlichen Beruf vor, wurde aber dann Meßdiener und zuletzt Hausdiener. Sein Bruder ist Exbürgermeister, feine Schwester bereitet sich zum Klo st er st and vor. Schweden. Die Civilehe. Beide Kammern des schwedischen Reichstags haben am Sonnabend ein Gesetz angenommen, das auch den Per- sonen das Recht der bürgerlichen Eheschließung zuerkennt, die bisher ausschließlich auf die kirchliche Trauung angewiesen waren, also auch in all den Fällen, wo Braut und Bräutigam beide der Staatskirche augehören, die Civilehe möglich macht.— Ei»t russisches Linienschiff gesunken. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat bei Port Arthur am Mittlvochvormittag eine große Seeschlacht stattgefunden, bei der die Russen anscheinend eine schwere Niederlage erlitten haben. Japanische Meldungen liegen noch nicht vor; die russisch-offiziösen Nachrichten lauten so lakonisch und unbestinimt, daß man ihnen die Absicht an- merkt, die volle Größe des Unglücks erst allmählich durchsickern zu lassen. Die Nachrichten lauten: Tengtschou{ Schantung), 13. April.( Meldung des Reuterschen Bureaus.) Heute früh 6>/z Uhr wurden zwischen hier und Port Arthur Schüsse gehört, die auf ein sehr starkes Feuern schließen ließen. Man nimmt hier an. daß es zu dem langerwarteten Seegefecht im Bereiche der Miautau-Jnseln g e k o in m e n i st. T s ch i s u, 13. April.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Gestern wurde das japanische Flaggschiff „Asahi" auf der Höhe von Tschifu, westwärts fahrend, gesichtet. Man hegt hier wenig Zweifel, daß das Geschwader nicht weit vom Flaggschiff sein wird. Der von Nintschwang hier eingetroffene Dampfer „Lockshan" berichtet, er habe in der Richtung auf Port Arthur zwei Stunden lang anhaltendes Feuern gehört. Petersburg. 13. April, 4>/z Uhr nachmittags. Hier ist das Gerücht im Umlauf, daß Admiral Makarow tot fei. Petersburg, 13. April. Es heißt. daß bereits für morgen ein Trauergottesdienst für Admiral Makarow und die Offiziere des Panzerschiffes „Petropawlowsk" angeordnet worden ist. Petersburg, 13. April.(Meldung der„Russischen Trlegrapben- Agentur".) Bor Port Arthur ist das Panzerschiff„Petropawlowsk" untergegangen. Nur vier Offiziere sind gerettet, darunter Großfürst Kyrill Wladimirowitsch, der verwundet ist. , Petersburg, 13. April. Telegramm I des Hafcnkommandanten Konteradmirals Grigorowitsch an den Kaiser aus Port Arthur von heute: Panzerschiff„Petropawlowsk" geriet auf Mine, explodierte, kenterte. Unser Geschwader blieb unter dem Goldenen Berge. Das japanische Geschwader nähert sich. Telegramm II: Admiral Makarow ist anscheinend umgekommen. Telegramm III: Großfürst Kqrill Wladimirowitsch ist gerettet, leicht verwundet. Tschifu. 13. April, 7 Uhr abends.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Ein Privattelegramm von Port Arthur meldet, daß die Japaner heute mit Tagesanbruchangriffen. Dieganze Flotte unter Admiral Makaro lv ging in See und vertrieb m it Unter st ützung der Forts den Feind. Die Stadt hat keinen Schaden erlitten; eine Wirkung der Beschießung auf die Forts oder die Flotte wird nicht e r>v ä h n t. Es steht also fest, daß das Linienschiff„Petropawlowsk" gesunken ist. Der Panzer hatte 11 400 Tonnen Deplacement, eine Armierung von vier 30-Centimeter-Geschützen und zwölf IS-Centimeter-Ge- schützen und 700 Mann Besatzung. Da das Schiff kenterte. also sehr rasch versank, ist die ganze Besatzung umgekommen, bis auf vier Offiziere, darunter der Großfürst Kyrill Wladimirowitsch. Der Untergang des„Petropawlowsk" ereignete sich nach der russisch-offiziellen Nachricht vor dem Beginn der eigentlichen Seeschlacht. Welchen Verlauf diese Schlacht genommen, darüber schweigt sich die Regierung einstweilen noch aus. Wäre der Angriff ohne weitere Verluste abgeschlagen worden, so hätte man das zur Minderung des Eindrucks der ersten Unglücksbotschast doch jedenfalls schleunigst gemeldet. Die Russen scheinen also weitere schwere Ber- luste erlitten zu haben! Dafür spricht vor allen, auch die Nachricht von dem Tode des Admirals Makarow. Dieser befand sich nicht auf dem„Petropawlowsk", sondern auf seinem Flaggschiff, das also ebenfalls schwer beschädigt worden sein mutz. So s ch w e i g s a m der russische offizielle Telegraph über die wichtige Seeschlacht ist, so geschwätzig erzählt er von einigen belanglosen Scharmützeln am Daluflutz: Petersburg, 13. April. General Kuropatkiu berichtet an den Zaren, General Kaschtalinski habe in der vergangenen Nacht eine Abteilung Schützen nach dem linken Dalufluß gegenüber von Widschu ausgesandt; die Abteilung unter dem Befehle eines Offiziers und eines Unteroffiziers landete auf der Insel Solande, wo sie eine japanische Anfklärungstruppc gerade in dem Augenblick überraschte, als diese, auf drei Boote verteilt, an der Ostküste landen wollten. Die Russen ließen sie herankommen und gaben dann er st eine Salve ab. Die meisten Japaner wurden ge- tötet oder ertranken. Petersburg, 13. April. Nach den amtlichen Berichten, welche vom 8. bis zum 12. d. M. von dem Kriegsschauplatze eingegangen sind, ist im Rayon der Mandschurischen Armee und m Port Arthur alles ruhig und es sind keinerlei Veränderungen im Laufe von drei Tagen eingetreten. Seit dein 8. d. M. herrscht in der Mandschurei stürmisches Wetter mit Schneegestöber und in Kwantung starker Regen. Die Abteilungen der Vorhut der Japaner haben das linke Ufer des Dalu erreicht, Widschu und Jönampho besetzt und sich»ach dem Flusse Pomaschua hin gezogen. Gegenüber Schach edsi verschanzen sie sich; dort arbeiten Leute in koreanischer Kleidung.— Nach Er- wähnung des schon gemeldeten Gefechtes eines russischen Mrgntw, Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil veranttv. Kundschasterkommandos mit den Japanern auf der Insel Samolin meldet der offizielle Bericht: In der Nacht vom 11. d. M. näherte sich ein Fahrzeug n, it sichtbaren Feuern der Liau-Mündung von der Barre her. Auf 2000 Schritt wurde auf dasselbe ein Schuß abgegeben; es begann sich noch schneller dem Ufer zu nähern, indem es die Feuer verdunkelte, und entfernte sich erst nach einigen Iveiteren Schüssen. Als das Schießen begann, stießen vom rechten Ufer von der Seite des Bahnhofes her Boote ab, auf welche unsre Schützen feuerten; d a r a u f schlugen die Boote den Rückzug ein. Diese„Sieges"meldungen sind wahrscheinlich auch noch über- trieben. Nur das eine geht aus ihnen hervor, daß die Russen die Absicht zu haben scheinen, die Japaner am Ueber- gang über den Dalu zu hindern. Es find ja auch bereits allerhand Gerüchte über eine Schlacht an, Jalu verbreitet, die aber keinerlei Bestätigung gefunden haben. Partei- I�ackricdten. Ein socmldemokratisches Blatt für St. Gallen und Umgegend zu gründen, beschloß vergangenen Montag dort eine von 400 Mann be- suchte Versammlung mit allen gegen eine Stimme. polireilicbes.©enchtlichcs uto. — Wege» angeblicher SchutzinannSbeleidiguiig, begangen durch die Presse, hatte sich am Dienstag der Redakteur der„Königsberger Volkszeitung", Genosse Julian B o r ch a r d t, vor der Straf- kammer zu verantworten. Der Sraatsanwalt beantragte einen Monat Gefängnis. Borchardt wurde jedoch freigesprochen. Die beiden Einsender der fraglichen Notiz, die sich selbst als die Einsender bezeichnet hatten, wurden zu je 30 M. Geldstrafe ver- urteilt. Hus Induftrie und Handel. Die Arbeitsleistung der Bergarbeiter im Kohlenbergbau. Mehrfach ist in letzter Zeit, besonders wenn der Ausbruch eines Streiks in den Kohlenrevieren drohte, von der Unternehmerprcsse die Behauptung aufgestellt worden, daß die Arbeitsleistung der Berg- arbeiter im rheinisch-westfälischcn Kohlenbergbau stetig abnimmt. Selbst wenn sich ein Rückgang der Durchschnittsförderung pro Mann und Schicht nachweisen ließe, wäre diese Behauptung noch nicht be- rechtigt, denn es ist selbstverständlich, daß mit dem Vordringen zu größeren Tiefen oder mit der Aufnahme des Abbaues an von den Schächten weit entfernten Stellen die auf den einzelnen Arbeiter entfallende Fördermcnge eine Einbuße erleidet. Außerdem aber vermehren sich zugleich mit dem Vordringen in größere Tiefen auch die mannigfachen Nebenarbeiten. Doch die Behauptung ist überhaupt unwahr, wie sich aus den Geschäftsberichten einer Reihe der größten Zechen nachweisen läßt und wie aufs neue die soeben erschienene Jahresabrechnung der Gewerkschaft Friedrich der Große bei Herne bestätigt. Nach den in diesem Bericht enthaltenen Aufstellungen ist die Tagesleistung von 1601 Tonnen in 1002 auf 1767 Tonnen oder um 10.3 Proz. und die Durchschnittsleistung pro Mann und Schicht von 0,71 auf 0,74 Tonnen oder um 4,22 Proz. gesttegen. Die Hauerleistung betrug 1,05 Tonnen(1,88 Tonnen), d. h. 3,72 Proz. mehr. Dagegen stieg der Durchschnittslohn nur von 4,03 auf 4,11 M. oder um rund 2 Proz. Beschäftigt wurden 2798(2572) Mann. Die Zechen-Ankäufe und Stilllegunge» im Ruhr-Revier werden ungeachtet aller Proteste von den großen Bergwerksaesellschaften fortgesetzt. Auch der Uebergang der Zeche Bickefeld-Tiefbau(Appler- beck) an die Gewerkschaft Graf Bismarck ist als abgeschlossen zu betrachten. In der vorgestern in Dortmund abgehaltenen GeWerken- Versammlung der Zeche Bickefeld-Tiefbau wurde das Angebot der Zeche Bismarck, wonach diese gegen eine Zahlung von 2,2 Millionen Mark oder 2200 M. pro Kux das gesamte Vermögen der Zeche Bickefeld nebst ihren Verbindlichkeiten(1050000 M.) übernimmt, einstimmig genehmigt. Vorläufig soll die Einstellung der Förderung, wie verlautet, nur auf dem Applerbecker Schacht erfolgen. Auf der Zeche„Eiberg", die von der Gewerkschaft Ewald ange- kauft ist, hat inzwischen die Verminderung der Förderung begonnen; 300 Bergleute erhielten die Abkehr. Ein Komitee arbeitet eine Denkschrift und eine Petition zwecks staatlichen Einschreitens aus. Einzelne Kuxeninhaber erhoben gegen den Verkauf Eibergs gericht- lichcn Einspruch, weil der gezahlte Preis dem wirklichen Wert nicht entspreche. Von irgend welchen von der Regierung geplanten Maßregeln verlautet bisher noch nichts. Der seit einigen Tagen mit mehreren Räten im Kohlenrevier weilende Ober- Berghauptmann Vclsen-Berlin wird heute, wie die„National-Zeitung" erfährt, das Ruhrrevier verlassen, nachdem er in mehrfachen Konferenzen mit dem Berghauptmann Bauer, den Mitgliedern des Oberbcrgamtes und Zechcnverttetern die Frage der Zechenverkäufe und Stilllegung einzelner Zechen eingehender besprochen hat. Wenngleich an ein Einschreiten der Regierung auf Grund öffent- lichen Interesses vor der Hand nicht gedacht werden könne, so widmet dennoch, versichert das Blatt, die Staatsregie- rung den obigen Vorgängen die allergrößte Aufmerksamkeit und es werde alles unternommen, um die etwaigen socialen Schäden von den einzelnen Gemeinden sowie der Bevölkerung des Ruhrreviers abzuhalten. Elektricitätswerke Südwest, Aktiengesellschaft, Schöne- b e r g. Der Betriebsgewinn des Jahres 1003 stellt sich auf 856850 M, der Reingewinn nach Datierung des AbschrcibungS- beziehungsweise Amortisationsfonds mit 140 000 M. auf 272 432 M. Als Dividende gelangen 5 Proz. zur Verteilung, während 306 M. vor- getragen werden. Der Dampferdesitz der Hanptschiffahrtsländer stellt sich nach den letzten Aufzeichnungen des Britischen Lloyd in folgenden Ziffern dar: Voran steht England mit 7530 Schiffen und 13 410 894 Brutto- Tonnen, wozu noch die englischen Kolonien mit 1023 Schiffen und 782 688 Tonnen treten. An zweiter Stelle folgt Deutschland mit 1425 Seedampfern und 2 704 311 Tonnen. Die Oceandampfer- flotte der Vereinigten Staaten zählt 862 Fahrzeuge mit 1 220 905 Tonnen. Frankreich folgt mit 717 Dampfern und 1153 761 Tonnen. Nor- wegen hat 962 Dampfer und 935 229 Tonnen, Spanien 459 mit 720 822 Tonnen, Italien 365 mit 704 100 Tonnen, Holland 360 mit 613 219 Tonnen, Rußland 573 mit 578 343 Tonnen, Oestreich-Ungarn 267 mit 557 745 Tonnen, Schweden 750 mit 502 581 Tonnen, Däne- mark 385 mit 483 968 Tonnen. Gegen das Jahr vorher haben mit Ausnahme von Spanien, das 15 000 Tonnen Rückgang hatte, alle Staaten ihre Tonnage vermehrt. Die Vereinigten Staaten haben mit einer Zunahme um 125 000 Tonnen Frankreich überflügelt, das nur 49 000 Tonnen ge- Wonnen hat. England hat wieder 513 000, seine Kolonien haben 23 000 Tonnen mehr. Deutschland hat um 153 000 Tonnen zu- genommen. Norwegen hat um 68 000, Italien um 120000, Holland um 58 000, Rußland um 22 000, Ocstreich- Ungarn um 23 000, Schweden um 33 000, Dänemark um 44 000 Tonnen seine Handels« flotte verstärkt. Amerikanische Gründergewinnr. Recht interessante Enthüllungen über die Höhe der amerikanischen Gründergewinne lieferte jüngst eine New Uorker Gerichtsverhandlung, der eine Klage des Gründers der„Amalgamated Copper Company"(Bereinigte Kupfergesellschaft), des Herrn Thomas W. Lawson gegen den bekannten Standard Oil- Interessenten Henry H. Roger zu Grunde lag. Nach eidlicher Be- kundung Lawsons haben nämlich er und zwei oder drei andre Macher bei der Gründung der Kupfergesellschaft nicht weniger als insgesamt 46 Millionen Dollar verdient. Wie der„Franks. Zeitung" aus New Dork berichtet wird, war Rogers außer Lawson am stärksten bei der Gründung der„Amalgamated Copper : Ttz.Glockk, Berlin. Druck u..Berlag:.VorwärtsBuchdr.u, Verlagsanstalt Company" beteisigt. Später hatten beide ein gemeinschaftliches Geschäft in Anteilen der„Bay State Gas Company" eingeleitet und daraus stammen die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen, welche nunmehr in der Form von Klagen und Wiederklagen vor Gericht gekommen sind. Herr Lawson machte die erwähnte aufsehenerregende Angabe, als er von dem Vertteter seines ftüheren Gründungsgenossen ins Kreuzverhör genommen wurde. Weitere Ermittelungen haben ergeben, daß die Gründer z. B. die Aktien der „Anaconda Copper Company", die ja auch im Trust aufgegangen ist, zu 30 Dollar das Stück kauften, um sie dann bei der Gründung der„Amalgamated" mit 60 Dollar in Rechnung zu bringen! Das Kapital der Anaconda- Gesellschaft beträgt 30 000 000 Dollar, von welchem Betrag die Gründer 75 Proz. in ihre Hände gebracht hatten, bevor sie Iveiter verkauften. Dann kauften sie ferner„Butte u. Montana"- Aktien zu 4V Dollar und brachten sie zu Pari in den Trust. Boston und Montana wurden zu 300 Dollar ge- kauft und um 100 Dollar höher verkauft. Als die„Amalgamated Copper Company" gegründet wurde, erhielt das Publikum nur wenig Information über ihre Verhältnisse. Da der Prospekt aber die Unterschriften der Herren Lawson und Rogers trug, und ein gewisser Teil der Finanzpresse sehr enthusiastisch war, fanden sich bald Käufer in Scharen. Noch zu 130 wurde das Papier gekauft. Die Gründer konnten ihre Aktten zu 100 Dollar höher veräußern. Sobald sie ihre Aktien loS waren, entstanden die bekannten juristischen Schwierigkeiten in Montana, die Metallpreise fielen und die Dividende mußte von 8 auf 2 Prozent herabgesetzt iverden. Das Publikum, welches den Gründern mindestens 150 Millionen Dollar für die Aktien gezahlt hatte— den Pariwert oder niehr— begann ängstlich zu werden und es wurden starke Liquidationen vorgenommen. Die Herren Lalvson u. Rogers halfen durch Baissenianöver nach und kauften erst wieder, als die Aktien auf 50 gefallen waren. Jetzt besitzen sie lvieder, dem Vernehmen nach. 85 Proz. der ganzen Emission. Gegen die Herren, welche die„Amalgamated Copper Company" gründeten, sind die Gründer des Schiffsbautrusts wirklich noch recht bescheidene Leute gewesen. Der Baumwollcnbau der Bereinigten Staaten von Amerika scheint unter dem Einfluß der hohen Preise für Rohbaumwolle eine Aus- dehnung zu erfahren. Aus verschiedenen Gegenden wird eine Ver« größerung der Anbaufläche gemeldet. Ankäufe von Dungstoffen, landwirtschaftlichen Geräten und Mauleseln werden in großem Umfange gemacht. In Texas sind Unterrichtskurse eingerichtet worden. um die Farmer zur Annahme wissenschaftlicher Bebauungsmethoden zu veranlassen. Diese Maßnahme ist augenscheinlich erfolgreich und hat zum Bezüge großer Mengen Baumwollsamen aus Nord-Carolina und andren Staaten des Ostens geftchrt. Das Baumwollareal im Norden und Nordwesten dürste dem Vorjahre gegenüber eine Zunahme von 20 Proz. aufweisen. Im Norden Alabamas und Mississippis rechnet man nnt einem Anwachsen der Anbaufläche um 20— 33 Proz., in Tcnnefsee um 20 Proz. und in Nord-Carolina um 10— 20 Proz. Auch in den meisten Distrikten Georgias wird Baumwolle in weit größerem Maße angebaut werden als in der letzten Saison. Eine Ausnahme bildet nur das östliche Georgia. Im westlichen Tennessee liegen die Verhältnisse in diesem Jahre ebenfalls sehr zufriedenstellend; die finanzielle Lage der Farmer ist günstig, und man rechnet mit einer größeren Zunahme der Anbaufläche als je zuvor. Werste I�admcbten und vepefckcn. Vom südwestafrikanischen Kriegsschauplatz. Berlin, 13. April.(W. T. B.) Oberst Leu t wein meldet aus Okahandja unter dem heutigen Tage:„Verfolgung ergab, daß geschlagener Feind in Gegend Otjitasu, Eundo, Katjapia zurückging. Vom Feinde gefunden achtzig Tote und ftische Gräber. Etwa 350 Stück Großvieh erbeutet." Englisches Unterhaus. London, 13. April.(W. T. B.) Der Staatssekretär für Indien brachte heute den angekündigten Beschlußantrag ein, indem das Haus um die Ermächtigung gebeten wird, die indischen Truppen infolge der Tibetverwicklungen außerhalb der indischen Grenze vcr- wenden zu können. Nachdem Brodrick in längerer Rede den Antrag begründet hatte, wurde die Resolution mit 270 gegen 61 Stimmen angenoinmcu. Vom russisch-japanischcn Kriegsschauplatz. Petersburg, 13. April.(W. T. B.) Hier verlautet gerächt- weise, daß Konteradmiral Fürst Uchtomski, welcher einsttveilen den Befehl über die Flotte von Port Arthur übernommen hat. sich heute nachmittag im Gefecht mit 18 japanischen Schiffen befunden habe. Petersburg, 13. April.(W. T. B.) Aus Port Arthur meldet Konteradmiral Grigorowitsch nachstehendes viertes Telegramm: Allerunterthänigst melde ich Ew. Majestät, daß bis jetzt vom Petra- pawlowsk außer dem Großfürsten der schwerverwundete Kapitän ersten Ranges Fakowlew, die Lieutenants Jenisch, Unkowski, die Midshipmen Schmidt, Jakowlcw, Schlippe und 32 Mann teils schwer, teils leicht verwundet, in Sicherheit gebracht sind. Gefunden sind die Leichen des.Kapitäns zweiten Ranges Wassiljew, des Lieutenants v. Knorring I., des Midshipman Jekimow und Buratschka, des Ober- arztes Wolkowitsch und von 12 Mann. Die japanische Flotte hat sich zurückgezogen. Weitere Einzelheiten werden vom Konter- admiral Fürsten Uchtomski berichtet werden, der das zeitweilige Kommando über das Geschwader übernommen hat. Petersburg, 13. April.(W. T. B.) Ein Telegramm des Stadthalters Alexejew an den Kaiser aus Mulden von heute lautet: Auf Grund eines soeben vom Generallieutenant Stösszl erhaltenen Telegrammes berichte ich mit tiefer Trauer allerunterthänigst Eurer Majestät, daß die Flotte des Stillen Oceans emen neuen schweren Verlust erlitten hat in der Person des Viceadmirals Makarow. ihres ruhmvollen und erfahrenen Chefs, der mit dem Flaggschiff„Pctro- pawlowsk" unterging. Petersburg, 13. April.(W. T. B.) Ern Telegramm des Gcneralatjutanten Kuropatkin an den Kaiser von heute besagt: General Kaschtalinski meldet: Am Morgen des 12. April wurden bei einem Vorpostengefecht mit den Japanern der tapfere Offizier des 12. Regiments Obcrlieutenant Temidowitsch. der Unterofsifzier Lutschkin, welcher bereits zu zwei Dekorierungen vorgeschlagen war, und zwei Schützen getötet sowie zwei Schützen verwundet. Petersburg, 13. April.(W. T. B.) Ein weiteres Telegramm des Stadthalters Alexejew an den Kaiser meldet: Nach Berichten des Kommandanten von Port Arthur gingen die Panzerschiffe und Kreuzer unter der Flagge des Kommandanten der Flotte in See als der Feind sich zeigte. Sie verfolgten einen Teil der feindlichen Streitkräfte und kehrten, da jene sich bis auf 30 Schiffe vermehrten. auf die Reede zurück. Hierbei geriet das Panzerschiff„Petro- pawlowsk" auf eine Mine; dies hatte den Untergang des Schiffes zur Folge. Großfürst Kyrill Wladimirowitsch. der sich auf dem„Petro- pawlowsk" befand, ist gerettet. Er ist leicht verwundet. Das ganze Geschwader ist in den inneren Hafen eingelaufen. Das japanische Geschwader befindet sich bei Liauteschan. Vom Kommandanten der Flotte sind bis zum Augenblick des Abganges dieser Depesche keine Berichte eingegangen. Darmstadt, 13. April.(B. H.) Der Reichstag- und Landtags- Abgeordnete Graf O r i o l a hat bei einer Wahlmannerversammlung in Friedberg wegen Ueberbürdung mit Reichstagsarbeiten sein hessisches Landtagsmandat niedergelegt. An seiner Stelle wurde der Bürgermeister Ullmann aus Nieder-Erlenbach als Kandidat auf« gestellt._ Paul Singer SiCo., Berlin SW. Hierzu 2 Beilaien». Nnttrhaltnnsstlntt Nr. 87. 21. Jahrgang. 1. firilaat des„ " Kerl« MM Donnerstag, 14. AM IM. R.eLcKst:ag. So. Sitzung. Mittwoch, den 13. April 1304, 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: Graf Posadowsky, Dr. Nieder- ding, Frhr, v. R i ch t h o f e n. Die zweite Beratung des Reichshaushalts-Etats wird bei dem Etat für den Reichskanzler und die Reichskanzlei fort- gesetzt. Abg. v. Kardorff(Np.): Zur auswärtige» Politik will ich nur das Eine bemerken, daß das ganze Land Vertrauen zu dem Reichskanzler hat; wir billigen seine Politik, sich weder im fernen Osten noch in deni Wettcrwinkel des Balkan, der nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert ist, unnötig zu engagieren. Von dem russisch- japanischen Kriege ist Rußlands viel gepriesene Diplomatie genau so überrascht worden wie wir. Nur der verewigte Graf Waldersee h a t mir schon vor einen, Jahre den Ausbruch desKrieges genau für dieseZeit vor- ausgesagt.a darf sie sich nicht wundern, wenn die Regierung, die damals thr zu willen war. jetzt nach dem Willen der heuttgen ReichStagsmehrhett die damals beschlossenen Ausnahmegesetze aus- hebt. Was denkt übrigens Herr Dr. Sattler von der Minderheit st"!*? el8nen Partei, die nach seinen eignen Worten hinsichtlich� res§ 2 auf unsrem Standpunkt steht? Treibt die auch„einseitige ultramontane" Parteipolitik? Herr Dr. Sattler war eS. der auf dem nationalliberalen Parteitag davon sprach, daß neben leder Regierungsvorlage das Centtum mit hohler Hand stehe. Und doch kann ich— ebenso wieder Reichskanzler— mit gutem Gewissen die Erklärung abgeben, daß m unsrer Fraktion von Tauschgeschäften nie die Rede gewesen ist. Seit ihrer Begründung hat sich die Ccntrumspartei ledtgllch von nationalen Gesichtspunkten leiten lassen. Sie hat ihre Entscheidungen, sei es bei Militär« oder Flottensragen, sei cö bei andren Vorlagen, nie vom konfessionellen Entgegen- kommen der Regierung abhängig gemacht. Sie hat auch nie besondere Gegenliebe bei der Regierung gesunden. D a- gegen zeigt der Herr Reichskanzler eine recht edenkliche Zuneigung zu den Nationalliberalen (Große Heiterkeit), und ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von Ministern nennen, die aus der nationalliberalen Partei hervor- gegangen sind.(Abg. Dr. Spahn spricht allmählich immer leiser, so daß seine Ausführungen über die juristische Zulässigkeit der Zu- stimmung des Bundesrats zu einem NeichStagsbeschlutz aus einer früheren Session auf der Tribüne unverständlich bleiben.) Er schließt mit den Worten: Ich teile den Wunsch des Herrn Dr. Sattler nach einem friedlichen Zusammenwirken der Konfessionen, es ist ein inner- staatliches Bedürfnis, ein Bedürfnis für die Aufrechthaltung unsreS Ansehens nach außen. Aber dieses einige Zusammenwirken kann nicht genommen werde» durch die Aufrechterhaltung von Ausnahme- gesehen, die, selbst wenn ihre Wirkung nicht versagen sollte, unfein und unschön wären. Nur wenn Sie den.Katholiken vollkommene Parität in jeder Beziehung zukommen lassen, ist der Friede in Deutschland gesichert.(Lebhaftes Bravo I im Centrum.) Abg. v. Hcydcbrand und der Losa(k.): � Was die Erhebung von Abgaben auf schiffbaren Strömen betrifft, so gebe ich zu, daß die Fassung des Artikels S4 keine glückliche ist. Der Ausdruck„An- lagen" ist nicht sehr klar. Jedenfalls hat sich seit Erlaß der Verfassung eine außerordentliche Wandlung in solchen Flußregulierungen vollzogen(Sehr richtig! rechts), und wir wären bereit, einer näheren Bestimmung dieser Vorschriften zuzustimmen, sofern sie die Interessen des Ver- kehrs und der Steuerzahler nicht außer acht läßt. Wir halten eine Erhebung von Gebühren mit der Entwicklung des Verkehrs für durchaus vereinbar, und in diesen Grenzen entsprechen solche Gebühren nur der Gerechtigkeit und Billigkeit. (Sehr richtig! rechts.) Die preußische Staatsregierung scheint ja der Meinung zu sein, daß eine Abänderung des Artikels 54 nicht nötig wäre. Wir werden abwarten, welche Konsequenzen sie daraus im Abgeordnetenhause zieht. Welche Stellung wir dann dazu ein- nehmen, darüber äußere ich mich jetzt ebensowenig, wie über die Frage des Herrn Abg. David über das Schicksal des Mittelland- Kanals. Wir müssen uns unsre Stellung in dieser Beziehung vollständig vorbehalten. Was die Aus Hebung des§ 2 des Jesuitengesetzes betrifft, so sind meine Freunde über die Zulässigkeit derselben geteilter Meinung. Jedenfalls haben wir die Form bedauert, in der die Zustimmung zur Aufhebung im Bundesrat herbeigeftihrt worden ist. Einer weitergehenden Abbröckelung dieses Gesetzes würden wir im Interesse der evangelischen Kirche auf keinen Fall zustimmen. Die evangelischen GlaubenSbrüder draußen im Lande möchte ich auffordern, nunmehr daftir zu sorgen, daß eine Beruhigung eintritt und abzuwarten, wie sich die Sache weiter entwickelt. Die Worte des Herrn Reichskanzlers über die traurige EntWickelung der Verhältnisse in Süd- westafrika haben eimm lebhaften Widerhall bei meinen politischen Freunden geftmdcn. Wir sind stolz darauf zusehen, wie dort Deutsche für unser Vaterland zu kämpfen und zu sterben wissen. Wir werden bewilligen, was notwendig ist, um eine Politik der deutschen Jnter essen und der deutschen Ehre, die dort engagiert ist, durchzusetzen, aber wir können uns nicht verhehlen, daß sehr erhebliche Fehler vorgekommen sein müssen. Vor allem wünschen wir, daß nach Beendigung der jetzigen Unruhen mit aller Rücksichtslosigkeit und Strenge diejenigen Mast nahmen' getroffen werden, die für die Zukunft deutsches Blut und deutsche Ehre absolut sichern.(Bravo! rechts.) Was die auswärtige Politik anlangt, so kann ich es ja dem Herrn Reichskanzler nachempfinden,' daß solche Anfragen nicht gerade sehr bequem sind. Aber das Volk hat ein Recht darauf, wenigstens in großen Zügen zu wissen, wohin die Fahrt geht. Meine politischen Freunde sind mit der Stellung die das Deutsche Reich im rnssisch-japanischen Konflitt eingenommen hat. vollständig einver- standen. Eine ganz korrekte Neutralität ist das Einzige, was dort den deutschen Interessen entspricht. Zum Schluß möchte ich noch mein großes Bedauern aussprechen darüber, daß der Herr Reichskanzler nicht eingegangen ist auf die Frage, in welchem Stadium unsre handelspolitischen Verhandlungen sich zur Zeit befinden, wir wissen nicht einmal offiziell ob überhaupt ein Handelsvertrag abgeschlossen worden ist, ob die Aussicht besteht, daß in dieser Session noch Handelsverträge zur Beschlußfassung vorgelegt werden. Ganz unverständlich ist es, daß nach den Erklärungen der Regierung über ihre Fürsorge für die Landwirtschaft die Kündigung der Handelsverträge noch heute nicht erfolgt ist, so daß auch dieses Jahr das Getteide noch»nter dem alten Tarif verkaust werden muß, weil man nicht rechtzeitig dafür gesorgt hat, die Segnungen des neuen Tarifs der Landwirtschaft zu gute kommen zu lassen. S" soll das Vertrauen zur Regierung herkommen, wenn in solchen Fragen, wo es sich um das tagliche Brot der ländlichen Bevölkerung handelt, nichts geschieht. Ich möchte die dringende Bitte aus sprechen, daß der Herr Reichskanzler thut, was notwendig ist, um diese beste Stütze unsre» Vaterlandes zu erhalten.(Lebhaftes Bravo! rechts.) Staatssekretär Frhr. v. Richthofen: ES hätte der letzten Drohung des Vorredners nicht bedurft, um die Regierung zu veranlassen, bei oen HandelSvcrtragö-Verhandlnngcn die Interessen der Landwirtschaft wahrzunehmen. Geht doch von jeher unser ganzes Bemühen bei diesen dahin, der Landwirtschaft einen höheren Schutz zu erwirken als sie bisher hatte. Herr v. Kardorff hat das Vertrauensvotum, das er dem Reichskanzler erteilte, nicht auf daö Gebiet der Zoll- und Handelspolitik ausgedehnt. Er bemerkte, daß unsre Unterhändler dieselben seien wie bei der Brüsseler Zuckcrkonvcntion. Demgegenüber muß ich doch betonen, daß die damalige Thätigieit unsrer Unterhändler nicht nur von der Reichsrcgierung. sondern auch vom Reichstage gebilligt ivordcn ist; es dürste doch sehr schwer sein, zu ermessen, ob nicht die Lage der Zuckerindustrie Deutschlands bedeutend schlechter sein ivürde, wenn wir von der Kon- v e n t i o n ausgeschlossen wären. Ich kann unfern Unter- Händlern jedenfalls das Zeugnis geben, daß sie gerade gegenüber England zu der Grenze gegangen sind, bei der ein Nicht-Zustandc- kommen der Konvention zu fürchten war.— Herrn v- Kardorffs heutige Ausführungen habe ich so verstanden, daß er sagen wollte, daß die Forderungen unsrer Unterhändler daS Minimum dessen darstellen. was jene gewähren müssen, wenn sie zu Handelsverträgen gelangen wollen. Ich glaube, er wollte dadurch die Stellung der nterhändler gegenüber dem Auslande stärken.(Lachen links.) Ich sehe, daß vielfach die Mühe und Arbeit bei Abschluß eines neuen Handelsvertrages, namentlich eines solchen auf Grund eines neuen Tarifs mit so vielen Positionen wesentlich unterschätzt wird. Hätten tvir einen nahen Kündigungstermin fest- gesetzt, so wäre rein technisch der Abschluß neuer Handelsverträge unausführbar gewesen. Dieser bedurfte geraumer Zeit und einer Arbeit sondergleichen. Wenn Sie hier in einem Paket die Forderung einer einzigen Macht vor sich haben(der Staats- sekretär zeigt dem Reichstage vier starke Ouartbände), so können Sie erkennen, welche Mühe und Arbeit ein solcher Handelsvertrag macht. — Soweit über den Stand der Verhandlungen fetzt eine Auskunft möglich ist, will ich sie gern geben. Nachdem wir die Vorarbeiten auf Grund des neuen Zolltarifs beendet hatten. sind wir im August des vorigen Jahres mit der russischen Negierung in mündliche Verhandlungen über einen neuen Handelsvertrag eingetreten. Es folgten Unterhand- l u n g e n mit Spanien, der Schweiz, Belgien, Schweden und Italien, die zum Abschluß eines Ver- trageS mit Italien geführt haben. Die Verträge mit den andren Staaten sind noch nicht zum Abschluß ge- langt. Mit O e st r e i ch und R u m ä n i e n ivcrden die Wünsche voraussichtlich noch im Laufe dieses Monats aus- getauscht werden. Wir haben also mit sechs von acht Vertraqsstaaten teils einen neuen Handels- vertrag geschlossen, teils st ehe» wir in regsten Verhandlungen. Wer das Maß der Arbeit kennt, wird uns das Zeugnis geben, daß in fünfviertel Jahr geleistet worden ist, was hat geleistet werden können. Das Tempo unsrer Arbeiten ist von keiner andren Nation übertroffen worden. Wir setzen alles daran, um bald zum Abschluß der Handelsverträge zu gelangen; aber inmitten schwebender Unterhandlungen mit sechs Mächten ist es für uns unmöglich, mit einer Kündigung der bestehen den Verträge vorzugehen. Auchkönnen wirnichtsagen, wo und wann eine Kündigung möglich sein wird. Auch die Kündigung der Meistbegünstigungs- Verträge gehört in das Gesamtgebiet der Handelsvertrags- Unterhandlungen und kann davon nicht losgelöst werden. Auch die Gründe für und wieder können jetzt hier nicht erörtert werden; daß ste bis ins Eingehendste erwogen worden sind, werden Sie selbst an- nehmen. Diese Erwägungen haben dahin geführt, daß bis jetzt eine Kündigung der Meistbegünstigungsverträge nicht stattgefunden hat. Herr v. Kardorff sprach die Hoffnung aus, daß im Vertrage mtt Italien deutsche Interessen genügend gewahrt sind. Ich schließe mich dieser Hoffnungen an und hoffe, daß der Vertrag, wenn er dem hohen Hanse vorgelegt wird, auch seine Zuftiedenheit finden wird und daß die Unterhändler die Anerkennung finden werdet», die ste von Ihnen erwarten können. Abg. Dr. Rickkin(Elf.): So wohlthätig wie die Aufhebung des Diktaturparagraphen in Elsaß-Lothringen gewirkt hat, so wohlthätig wird auch die Aufhebung des§ 2 des Jesuirengesetzes wirken. Hoffentlich tvird nun auch der ganze Wust napoleonischer Gesetze fallen, unter dem tvir noch zu leiden haben. Die staatsrechtliche Stellung Elsaß- Lothringens ist außerordentlich verworren. Wir sind, wie ein Staatsrechts- lehrer sagt, ein merkwürdiger Bundesstaat. Noch heute haben Reichstag und Bundesrat das Recht, über den Kopf des Landes- Ausschusses hin- weg Gesetze für Elsaß-Lothringen zu erlassen. und im Bundesrat hat Elsaß-Lothringen weder Sitz noch Stimme. In Elsaß-Lothringen sollte doch nicht bloß eine Ltriegsbeute, ein Feftungsglacis gesehen iverden. Dann wäre aber der Satz von den wiedergewonnenen Brüdern nichts als eine leere Phrase, und das wollen wir zur Ehre des deutschen Volkes nicht annehmen. Wir haben ein geschichtliches Anrecht aus st a a t s- rechtliche Gleichstellung mit den andren Bundesstaaten. Jetzt sind wir staatsrechtlich schlechter gestellt, als wir es unter sran- zösischer Herrschaft waren. Es ist die moralische Pflicht der deutschen Bundesfnrsten, Bundesstaaten und des deutschen Voltes. uns staatsrechtlich gleichzustellen. Schwierigkeiten sind gewiß vor- handen, aber bei gutem Willen sind sie zu überwinden. An den Herrn Reichskanzler möchte ich die Frage richten, welche Aussichten der Wunsch des Elsaß-Lothringischen Ausschusses hat, daß die elsatz- lothringische Regierung im Bundesrate eine Stimme erhalte, zum wenigsten Ivenn eS sich um e l s ä s s i s ch e Angelegenheiten handelt. Wir sind durchaus loyale Deutsche, wenn wir es uns auch verbitten müssen, daß man unser Deutschtum erst dann für aufrichtig hält, wenn tvir eine ostentative Feindschaft gegen Frankreich zur Schau tragen. Dazu Iverden Ivir nie zu haben sein. Man sollte doch endlich den Ausnahmezustand für Elsaß- Lothringen beseitigen und zum mindesten solche kleine Chikane aufheben wie das Verbot der französischen Schilder für K a u f l e u t e. Der Kritik des Herr» Blumenthal können wir uns nicht anschließen. Wohin die jetzige Strömung des Liberalismus in Elsaß-Lothringen führt, beweist, daß seine Wahl unter der Parole „lieber rot als schwarz" zu stände gekomnien ist, nachdem der oberste Beamte des Bezirks in einer Wahlversammlung für den Kandidaten mit dem Rufe eingetreten war: Krieg den Schivarzen bis zum letzten Tage. Wir werden die katholischen Beamten in Elsatz- Lothringen über die Absichten des Liberalismus aufklären und nehmen den zugeworfenen Fehdehandschuh auf. Die Liberalen fürchten, aus der maßgebenden Stellung bei der Re- gierung durch uns verdrängt zu werden, die wir gemäß unsrer An- zahl ans eine solche Stellung Anspruch hätten. Herr v. Köller ist aufrichtig bestrebt, ein gerechtes Regiment zu führen, er ist ohne jede kntturkämpferische Neigung. Es ist aber eine Verdächtigung, als ob die katholische Partei in Elsaß-Lothringen regierungsfähig geworden sei. Abg. Gothein(fts. Vp.): Wer den zweiten Teil der Rede des Herrn Vorredners hörte, der konnte auf die Vermutung kommen, daß der Name des deutschen Reichskanzlers nicht Bülow sondern Blumenthal ist(Heiterkeit), so- weit ist ja der deutsche Liberalismus allerdings noch nicht. Mit den Ausführungen des Herrn Hevdebrandt über die aus- wärtige Politik kann ich mich vollständig einverstanden erklären.— Das Abkommen zwischen England und Frankreich ist ein deutliches Zeichen einer ontsnts ooräints zwischen diesen Ländern, zugleich aber auch ein Zeichen einer gewissen Erkaltung der Verhältnisse zwischen England und Deutschland. Ich mache dafür den Reichskanzler nicht sowohl verantwortlich, als vielmehr eine gewisse Presse und die ungesunde Exportpolitik der Syndikate. Ich habe für die Aufhebung des§ 2 des Jesuitengesetzes gestimmt, kann aber Herrn v. Kardorff in seiner Kritik der Maßnahmen des Reichskanzlers nicht ganz unrecht geben. Immerhin glaube ich, daß es für den inneren Frieden Deutschlands nur günstig sein kann, wenn dem Centrum em so tvillkommener AgitationSftoff ge- nommen wird. Der Reichskanzler hat ja ausdrücklich als seine Aufgabe hingestellt, durch kleine Geschenke die größte Partei bei guter Laune zu erhalten. Daraus sind gerade die Befürchtungen der protestantischen Kreise entstanden. Wir haben ja auch ein so bedenkliches Geschenk erlebt wie die Zulassung der Marianische» Kongregationen. Solche Konventikek, protestantische wie katholische, köimen nur den Geist konfessioneller Unduldsamkeit großziehen. (Sehr richtig! links.) Die Regierung giebt ja sonst immer vor, über den Parteien zu stehen. Dazu paßt freilich nicht recht, daß zum Beispiel bei den preußischen LandtagSwahlen die Beamten Mann für Mann aufmarschieren muhten, um im Interesse der jeweils herrschenden Parteien abzustimmen.— Auch in einer andren Frage chcint die Regierung den Wünschen der herrschenden Parteien nach- kommen zu wollen. Ich wäre heute nicht auf die Frage der Schiffahrtsabgaben eingegangen, wenn ich nicht betonen wollte, daß diese Frage ausschließlich zur Zuständigkeit des Reich?- tages gehört. Der Widerspruch zwischen den Erklärungeil des Reichskanzlers, die den Reichstag und die andren Bundes- taaten, und denen des Ministers Budde, die Preußens Konservative beruhigen sollten, tvird dadurch nicht weggeschafft, daß man ihn leugnet. Der Grundirrtiim des Grafen Potadowsky liegt in der Berken nung des geschichtlichen Begriffs der natürlichen Gewässer; diese können durch keinerlei Re- ulier ungsarbeiten eine künstliche Anlage werden. in deutscher Sttom bleibt ein deutscher Strom. Die Reguliernngcn erfolgen auch vielfach gar nicht ausschließlich im Interesse der Schiff- ahrt, das könnte ich z. B. für die Oder leicht nachweisen. Kanal kann man aber nur ein Gewässer nennen, das nicht der Vorflut, ondern nur der Schiffahrt dient, ß 54 der Reichöverfaffung spricht auch nicht von„künstlichen Anlagen" sondern von„künstlichen Anstalten". Danach kann z. B. für Stauwerke und Schleusenbenutzung eine Gebühr erhoben werden, nicht aber für Befahre» des kanalisierten Mains oder a n d r e r Wasserstraßen, die immer natürliche bleiben. Historisch läßt sich meine Auffassung mit leichter Mühe als die allein richtige nachweisen, aber jetzt versucht man, der Verfassung einen Sinn unterzulegen, den man bisher dahinter nicht vermutet hat. Der Staatssekretär hat uns ja gewissermaßen eine Ehrenerklärung aogegeben. Wir haben immer behauptet, daß das„vorziig- liche Justrnineut" des neuen Zolltarifs mit seinen 946 Positionen die Verhandlungen über einen neuen Handelsvertrag nur er- schweren würde. Daß andre Länder uns gegenüber eine aktive Handelsbilanz haben, beweist mir gar nichts, denn sie führen nicht Fertigfabrikate, sondern Rohstoffe und Halbfabrikate ein, die sie nicht in genügender Menge haben. Den Mcistbegünstigungsvertrag mit Argentinien zu kündigen, hätte nur den Zweck, an Stelle des argentinischen Weizens russischen, nordamcrikanischen oder Donau-Weizen um so viel mehr herein zu bekommen. Dazu hätten wir einen Zollkrieg mit Argentinien durchzufechten. Uusire Unterhändler müßten in der That liebermenschen sein, wenn sie mit dem neuen Zolltarif wirklich brauchbare Handelsverträge zu stände bringen könnten. Die Industrie und den Handel hat der Minister des Auswärtigen heute ebensowenig erwähnt wie der Reichs- lanzler in, Laudwirtschaftsrar. Industrie und Handel sind heute vollständig quantite uegligeable. In der That hat auch der land- wirtschaftliche Arbeiter kein Juteresse an steigenden Getreidepreisen, sondern lediglich der Großgrundbesitzer. sSehr richtig! links.) Abg. Graf v. Brrnstorff sWelfe) tadelt, daß bei den Wahlen in Hannover das Wahlgeheimnis dadurch verletzt sei, daß man»ach- geforscht habe, welche Mitglieder von Kricgcrvcrciucu für Welsen gc- stinimt hatten. Redner kommt des weiteren auf die Rede deS Ministers Hammersteiu in Hannover gegen die Welsen zu sprechen. Der Vorwurf des Ministers, daß wir deutsche und preußische Treue trennen, ist vollkommen unberechtigt. Wir glauben, daß gerade durch Herstellung der Rechtsgrundlage Preußen' sowohl wie Deutsch- land außerordentlich gestärkt würde. Ich wende mich an die verbündeten Regierungen und das hohe Haus, uns in der Aus- Übung der verfassungsmäßigen Rechte zu schützen.(Bravo l bei den Welsen.) Preußischer Minister des Innern Freiherr v. Hammersteiu: I ch k a n n d e m Vorredner nicht versprechen, auf die Kriegcrvcreinc cinzuwirkcil, daß sie von ihrer jetzigen Praxis ab- weichen- sie thun sehr recht daran, die Mitglieder zur Treue gegen ihren Kriegsherrn zu ermahnen. Meine Aeußernngen in Hannover halte ich vollkommen ausrecht. Ich finde eS unerhört, daß ein Redner hier ungestört von„Rechtsbruch und Gewalt gegen Hannover von 1866" hat sprechen können. Einmal hätten 38 Jahre ein lln recht schon wieder fast zu Recht werden lassen(Widerspruch bei den Welsen) und dann kann von Vergewaltigung oder Treubruch gar nicht die Rede sein: es war ein gerechter Krieg und das Volksgcricht hnt für uns entschieden.(Lachen bei den Social- demokraten.) Ist es richtig, daß Sie das Königreich Hannover wiederherstellen wollen oder nicht?(Zuruf bei den Welsen.-Jawohl!— Große Heiterkeit.) Das könnte nur durch einen großen Krieg geschehen, der Deutschland zu Grunde richtet. Sie, die ivelfischen Agitatoren, lassen den inneren Frieden dort nicht be- stehen; Sie beginnen noch jetzt Ihre Versammlungen mit einem Hoch auf den Herzog von Cumberlaud. Da werden Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben haben, wenn Sie sich weiter gegen die Obrigkeit auflehnen und gegen den König, den der liebe Gott Ihne» gesetzt hat.(Stürmisches Gelächter bei den Socialdemokraten.) Mögen Sie Ihren Einfluß aus die Bevölkerung nach der Richtung geltend machen, daß Sie für Kaiser, Vaterland und Reich eintreten! (Lebhaftes Bravo! rechts.) Präsident Graf Vallestrem: Der Herr Bevollmächtigte zum Bundesrat, preußischer Minister des Innern, Freiherr von Hammer- stein, hat mit einem bezeichueuden Blicke aus diese Stelle gerügt, daß der Herr Abgeordnete Graf Bernstorff ohne Korrektur von Treu- bruch und Vergewaltigung im Jahre 1866 hat sprechen dürfen. Das hat Graf Bernstorff nicht gesagt! Er hat das Jahr 1866 gar nicht erwähnt und nur als Princip seiner Partei hingestellt, daß sie gegen Treubruch und Vergewaltigung sei. Was er sich dabei gedacht hat, weiß ich nicht,(Stürmische Heiterkeit) aber wenn er das Jahr 1866 genannt hätte, so hätte ich das nicht d n r ch g e h e n lassen. Abg. Graf Reventlow(Autis.): Wir haben weder die auswärtige, noch die Handelspolitik des Reichskanzlers jemals unterstützen könne», können es aber am wenigsten nach seinen gestrigen Auseinander- setzungen. Vor allein richte ich an ihn die dringende Bitte, dafür einzutreten, daß der Bundesrat dem Reichstagsbeschluß über Gcioährung von Anloesenheits- oder Tagegeldern endlich s e i n e Z u st inim u n g giebt. Dann habe ich zu erklären, daß wir die bei Aufhebung des§ 2 des Jesnitengesetzes erfolgte Zu- stimmung des Bundesrats zu den Beschlüssen eines nicht mehr ver- sammelten Reichstages für v e r f a s s n u g s w i d r i g halten. Redner tadelt es, daß die Namen der gefallenen. Mannschaften in Südwestafrika stets erst viel später veröffentlicht werden als die der gefallenen Offiziere, und erörtert des weiteren das Verhältnis des Reiches zum„WolffschciiTelegrapheubureau". Das W.T.B. istmitderZeit ein rein geschäftliches Unternehmen geworden, das durch Aufkauf eines der bedeutendsten parlamentarischen Bericht- erstattungsbureaus die ganze Berichterstattung schon jetzt beherrscht und seine Herrschaft noch dadurch auszudehnen sucht, daß es den Abnehmern seiner Depeschen in mehr oder weniger zwingender Weise nahe legt, auch seine Berichte zu nehmen. Wir können der Verbreitung der Wolffschen Berichte keinen Wert beilegen und das W. T. B. thut das selbst nicht, denn es verkaust seine Berichte und Stimmungsbilder zu Schundpreisen. Das kann den selbständigen und ordeutlicheu Journalismus nur schädigen. Wenn die Regierung ihre Nachrichten einem Bureau übermittelt, welches in dieser Weise einen R amschhandel treibt, so möchte es ja sein, daß die offiziös veräußerten Nrichrichten diese Art der Ver- äußerung verdieneu(Heiterkeit), aber wünschenswert ist das nicht. Es werden dem Wolffschen Tclcgraphenburcau direkte Zuwendungen ans Reichsmitteln gemacht; wenn es irgendwohin telegraphiert, so gehen seine Depeschen als dringende Depeschen zum Preise einfacher Depeschen(Hört! hört I); wenn cS noch ein H. C. davorfetzt, so werden sie gar vor sämtlichen andren dringenden Depeschen befördert.(Hört l hört!) Auch gewisse Privilegien hinsichtlich der Ferudruck- apparate genießt daS Bureau. Wir bitten den Herrn Reichs- kauzler, diesen Fall zu prüfen und dafür zu sorgen. Die Ausführungen des Reichskanzlers über Marokko haben uns mit Beschämung e r f ü l l t. Frankreich und England rechnen Aegypten auf gegen Marokko und wir haben den großen Vorteil, daß uns nichts zu Leide geschieht.(Sehr gut! rechts.) Wenn die'Welt geteilt wird, müßten iv i r doch eine etwas andre Stellung einnehmen. Sollte die Aufgabe uusrer auswärtigen Politik einfach darin be- stehen, die Reibungsslächen zu vermindern, da möchte ich doch vor- schlagen, die Leitung der auswärtigen Politik einfach der Frau v. Suttner in die Hände zu legen. Die kann das auch!(Heiterkeit rechts; Unruhe links.) Wir sollten uns nicht darauf beschränken, stets nur auswärtigen Staaten Höflichkeiten zu erweisen, wobei manchmal zweifelhaft ist, ob die nationale Würde genügend gewahrt wird. Dieses schwächliche Vorgehen gegenüber dem Auslände finden wir ganz unwürdig gegenüber(Abg. S i n g e r: Gegenüber Rußland!) — gegenüber E n g l a n d.(Heiterkeit.) Unser Verhältnis zu Ruß- land zu erörtern überlasse ich den auf jener(zu den Social- demokraten) Seite sitzenden Autoritäten.(Heiterkeit.) Wir sollten gegenüber England mehr Selbstbewußtsein zeigen! Das Fehlen dieses Selbstbewußtseins hat sich wieder in der Entschädigungsfrage der in Transvaal lebenden Deutschen gezeigt. Unsre diplomatische Vertretung im Ausland entspricht keineswegs imseru Anforderungen. Ich weise hierbei besonders auf den deutschen Botschafter in den Vereinigten Staaten hin. Wenn er die belvährte Auffassung des Fürsten Bismarck, unsres größten Staatsmannes, zum Gaudium der amerikanischen Reporter für ver- öltet erklärt, wenn er erklärt, zugleich mit d e n d e u t s ch e n die amerikanischen Interessen vertreten zu wollen, wenn er»och im Dezember, wie ich dem ganz oder halb offiziellen „Berliner Tageblatt" cutnchnie(Große Heiterkeit), die Beschwerden der deutschen Kaufleutc über die amerikanischen Einfuhrzölle als übertrieben bezeichnete, so möchte ich doch vorschlagen, die Bereinigten Staaten zu veranlassen, jedenfalls die Halste des deutschen Botschastergehalts auf ihre Kappe zu nehmen.(Stürmische Heiterkeit.) Herr v. Richthofen erweckte zunächst den Anschein, als ob er uns Auskunft geben wollte.(Heiterkeit.) Er ist über den italienischen Vertrag sehr befriedigt, die italienische Presse ist ganz derselben Meinung.(Große Heiterkeit.) Wenn lvir daran denken, wie der Staatssekretär in der Zollkommission immer die Interessen der italienischen Gemüsebauer in den Vordergrund stellte, so haben wir alle Garantie, daß wir bei diesen ersten Verhandlungen genau so abgeschnitten haben, wie bei de» Verhandlungen der 90er Jahre. Wenn der Reichskanzler noch einmal eine Krise von 19 Jahren über die deutsche Landwirtschaft verhängt, so wird er sie zu Grunde richten. Er kann ja doch aus die Dauer nicht ausschließlich mit dem Centrum regieren, selbst dann nicht, wenn ihn die ganze Linke unterstützt, die Linke, die in fünf Jahren aus 119 Social- demokraten und 1�/z Freisinnigen bestehen wird.(Große Heiterkeit.) Möchte der Kanzler durch eine kräftige Mittelstandspolitik in Deutsch- land eine starke Mittelpartei begründen. Möchte er etwas vom Hauche Bismärckischen Geistes verspüren und den Mittelstand in Deutschland kräftigen.(Lebhafter Beifall rechts.) Danach vertagt das Haus die Weiterbcratung auf Donnerstag 1 Uhr. Schluß 6>/2 Uhr-_ Die Kolonialverwaltnnq und das Budgetrecht des Reichstages. Die Budgetkommission des Reichstages nahm am Mittwoch ihre Verhandlungen wieder auf und beriet den Etat für das s ü d- West afrikanische Schutzgebiet in Verbindung mit den Nach- forderuugen zur Bekämpfung des H e r e r o- A u f st a n d e s.- Vor dem Aufstand dachte die optimistische Kolonialdirektion an die Errichtung einer E i n g e b o r e n e n k o m p a g n i e, für die 94 999 M. gefordert werden. Die Regierung giebt selbst zu, daß jetzt von einer Eingeborenenkompagnie nicht die Rede sein könne. DerKolonial- direktor bat aber die 94 999 M. doch zu bewilligen, da er— das Geld zu andren Zwecken nötig habe, nämlich für die Verpflegung der Schutztnippe. Gegen die eigenartigen Auffassungen des Kolonial- direktors über das Etatsrecht legte der Abg. Dr. Arendt Ver- Wahrung ein und schlug die Erhöhung jenes andren Postens vor, für den der Kolonialdirektor größere Ausgaben voraussieht(Ver- pflegung der Schutztruppen). Abg. Müller- Fulda regte an, die höheren Verpflegungskosteu der Schutztruppe aus dem eben bewilligten Polizeifonds zu decken, da ja die Schutztruppe auch die Polizei stellen müsse. Dagegen machte der Kolonialdirektor einige Bedenken geltend. Abg. Dr. S ü d e k u m legte dar, daß die Kolonialdirektion that- sächlich„eigenartige Auffassungen" über das Etatsrecht habe; die Bemerkungen Dr. Stübels seien aber im höchsten Grade bedenklich und scharf zurückzuweisen. Man wisse ganz genau, daß man die 94 999 M. nicht zu dem angegebenen Zweck verwenden könne und wolle sie doch bestehen lassen; das schlage allen Grundsätzen der Etatsaufstellung ins Gesicht. Auffallend sei, daß der Staatssekretär des Reichsschatzamtes seine Stellung zu der Frage nicht darlege. Die Ueberführuug der 94 999 Mark als „Ersparnisse" in den sogenannten Reservefonds der Kolonie, aus dem sie dann zu irgend einem andern als dem unmöglichen angegebenen Zwecke wieder hervorgeholt würden, sei unthunlich. Abg. Dr. Paasch e schlug als Ausweg aus dem Dilemma vor. das Dispositiv der Forderung zu ändern, d. h. der Regierung dadurch das Recht einer andern Verwendung zu gewähren. Auf die priucipielle Bedeutung der Frage legte Abg. Singer das meiste Gewicht: Es handele sich um eine Verletzung des Budgetrechts, avenn die Regierung lediglich aus Bequemlichkeitsrllcksichten nach dem Vorschlage des Kolonial- direktors vorgehen würde. Die Leitung des Reichsschatzamtes thue gut daran, dem Kolouialamte einmal eine Generalanweisung über die Aufstellung des Budgets zu geben. Nach dem Schweigen des Reichs- schatzsekret'ärs sei es dringende Pflicht zu fragen, ob er denn solche Experimente für zulässig halte. Sei das der Fall, dann sei das Budgetrecht des Reichstags überhaupt hinfällig und man könne der Regierung ruhig ein Pauschale von 2999 Millionen bewilligen mit dem Auftrage:„Nun regiert damit nach eignem Ermessen." Der Sckiatzsekretär v. Stengel ließ seinen Amtsbruder aus dem Kolouialamte nicht im Stiche und meinte, der Reservefonds sei die Rettung; es dürfe wohl zulässig sein, die 94 999(zu einem unmög- lichen Zweck geforderten I! Red.) Mark als Ersparnisse dem Reserve- fonds zuzuführen und dann anders zu verwenden. Dagegen erklärte der konservative Abg. v. R i ch t h o f e n: Man dürfe nichts wissentlich Falsches in den Etat einsetzen und deshalbseien die geforderten 94 999 M. zu streichen; eine andre Etatsposition entsprechend zu erhöhen, halte er für angängig. Nach einigen Bemerkungen des Abg. Müller- Fulda über den inneren Zusammenhang der Forderuiigen für die Polizei und der für die Schutztruppe wandte sich Abg. Dr. P a a s ch e nochmals gegen die Darlegungen des Schatzsekretärs, die er als unhaltbar bezeichnete. Dem Reichstage stehe aber das Recht zu, für Summen, die der Bundesrat bewilligt habe, andre Zweck- bestimmungen in den Etat einzusetzen; daher sei eine„Trans- ferierung" der 94 999 M. möglich. Abg. Singer betonte, die Bestimmung über den Reservefonds, wonach die Kolonialverwaltung aus ihm unvorhergesehene Ausgaben und auch„notwendige" Mehrausgaben leisten dürfe, gäbe dieser vollkommen freie Hand und vernichte so geradezu das Etatsrccht des Reichstags. Eine Trans- ferierung des geforderten Betrages könne nur geschehen, wenn ein direkter Antrag des Bundesrats vorliege; daran müsse zunächst fest- gehalten werden. Die Dotierung des Reservefouds mit der ver- langten Summe sei jedenfalls ganz unzulässig. Nachdem der Schatzsekretär darauf hingewiesen hatte, daß die Kolonial- Verwaltung natürlich über den Reservefonds genau Rechnung zu legen habe, erklärte Abg. Müller- Meiningen, daß er für die Streichung und gegen die Transferierung des Betrages sei. Abg. Dr. S ü d e k ü m suchte die Haltung des Schatzsekretärs aus freundnachbarlicher Gesinnuiig für den Kolonialdirektor zu erklären, dem er eine neue schwere Niederlage vergeblich zu ersparen hoffe. Die Forderung wurde e i n st i m m i g gestrichen. Bei der Position für Verpflegung der Schutztruppe beantragte nunmehr der Abg. Dr. Arendt die Erhöhung der geforderten Summe um die vorhin abgelehnten 94 999 M. Abg. Pa her warnte vor unüberlegter Schaffung von etatsrechtlichen Präzedenzfällen. Früher seien Transferierungen nur zwischen innerlich zusammen- hängenden Positionen ausgeführt worden. Das sei hier nicht der Fall. Solange die verbündeten Regierungen keine Forderung ge- stellt und keine Rachweisungcn für die Notwendigkeit geliefert hätten, dürfe der Reichstag nichts bewilligen. Man wisse ja auch gar nicht, wieviel die Mehrkosten der Verpflegung ausmache» würden. Abg. Singer protestierte dagegen, von einer„Transfericrung" der 94 999 M. zu sprechen, da die erstgeforderten 94 999 M. durch Streichung erledigt worden seien. Wir hätten stets auf dem Stand- punkte gestanden, daß der Reichstag selbständig Positionen erhöhen könne; der Bundesrat habe das sonst immer bestritten. Hier habe die Regierung nichts dagegen, weil es ihr gerade in den Kram passe. Nach der bisherigen Praxis bleibe nichts übrig, als eine neue Vor- läge oder Ueberschreitungcn zu machen.— Der Antrag Dr. Arendt wurde mit Stimmengleichheit abgelehnt; das Centrum teilte sich bei dieser Abstimmung. Zu dem Kapitel: Reservefonds bemerkte der Abg. Dr. P a a s ch e, daß das Dispositiv nur in diesem Etat vorkomme. Dieser Reserve- fonds sei so groß und derartig belastet, daß man darin eigentlich einen neuen Etat versteckt habe: bei einzelnen Positionen habe man 69—299 Proz. der ordentlichen Bewilligungen aus diesen„Reservefonds" übernommen. Diese Art sei nicht zu billigen. Die EtatSüberschreitiingcn würden hier verschleiert. Den Fonds müsse nian einschränken. Ein Antrag Dr. Arendt will diese Eiuschränkung durch die Streichung des Wortes„einmalige" Aus» gaben erreichen, geradeso wie Dr. Paaschs. Dr. Arendt möchte an Stelle der Einzelbewilligungen in den Kolonial-Etats lieber die Bewilligung von Pauschquanten setzen. Legationsrat Dr. S e i tz riet von einer Aeuderung des Dispositivs ab, da es sich an die Begründung des Gesetzes über die Kolonial-Etats von 1892 anlehne. So lauge keine Aeuderung des Systems beliebt sei, bleibe nichts übrig, als einen Reservefonds zu belassen. Abgeordneter Prinz A r e n b e r g meinte, die Bewilligung von Einzelsummen für die Kolonien sei bei dem unentwickelten Zustande unsrer Kolonien noch nicht angängig. Abg. Dr. S ü d e k u m wies nach, daß sich die Regierung zu Unrecht auf das Gesetz von 1892 berufe; damals sei nur ein Reservefonds für unvorhergesehene Ausgaben gc- plant gewesen, die Regierung habe sich auf die Verfügung über den Reservefonds für die ihr„notwendig" dünkenden„Mehrausgaben" erweitern lassen. Dadurch werde der ganze specifizierte Etat nur zu einem schmückenden Beiwerk für diesen Reserve- fonds. Man dürfe der Kolonialverwaltung umsoweniger eine so weitgehende Freiheit lassen, als sie mit einer gewissen Nonchalance sich über die Grundsätze des Etatrcchtes hinweg- letze. Auch Abg. Paaschs bestritt, daß das Dispositiv dem Gesetze von 1892 entspreche. Der ganze Kolonialetat bestehe ja eigentlich nur aus Pauschalsummen und wie die Offiziere und Assessoren bisher gewirtschaftct hätten, dürfe man ihnen keine Pauschale in die Hand geben. Abg. Dr. Arendt beantragte, die steie Verfügung der Ne- gierung über den Reservefonds dadurch einzuschränken, daß er durch Streichung des Wortes„einmalige" nur diejenigen Summen dem Reservefonds zugeführt wissen will, die wirkliche Ersparnisse darstellen. Abg. Dr. Südekum suchte indessen die Kontrolle der Regierung zu verschärfen, indem er ihr in einem Antrage überhaupt nur die Verfügung über den Reservefonds zu unvorhergesehenen Ausgaben ließ. Dieser Antrag wurde nach längerer Debatte mit 11 gegen 19 Stimmen angenommen. In dem Nachtragsetat fordert die Regierung erhebliche Summen zur Unterstützung der durch den Ausstand geschädigten Farmer. Da über die Grundsätze einer solchen Geldverteilung noch keine Klarheit herrscht, soll die Regierung zuerst eine Denkschrift darüber vor- legen. Die Kommission vertagt sich deshalb bis zum kommenden Dienstag._ Der Kongretz von Bologna. Bologna, den 11. April. Vierter Tag. Die Sitzung wird eröffnet mit der Mitteilung des Präsidenten von dem plötzlichen Tode des Genossen Onofri aus Parma. Um das Andenken des Verstorbenen zu ehren, erheben sich die Anwesenden von den Sitzen. Costa erteilt darauf das Wort zu Erklärungen über die Ab» stimmung. M o r g a r i erklärt, die Tagesordnung R i g o l a- C a b r i n i. die er auch unterzeichnet hat, aufrecht zu erhalten. Mit ihm vertreten sie serner: Rigola, Cabrini, Reina, Rondani, Sacco und andre. Seine Tagesordnung ist als larbierter Reformismus, als ver- kappter Revoluttonarismus bezeichnet worden. Man sagte, die Unter- zcichner der Tagesordnung wollen den Fuß in zwei Steigbügeln halten. DaS wollen sie in der That, denn sie wollen fest im Sattel sitzen stir den Kampf zum Besten für den Socialismus. Man wolle nicht über die große unbekannte Masse, über das Kanonenfutter, das von allen geopfert wird, fortschreiten mit der revolutionären Phrase. Die Unterzeichner wollen einen Socialismus ohne Adjektive. Ueber die A r t d e r A b st i m m u n g verkündet C o st a, daß erst über die beiden äußersten Tagesordnungen abgestimmt wird, L a b r i o I a und Bissolati, dann über die beiden mittleren. Ob nach Delegierten oder nach den Vertretern von jedem Vertretenen gestimmt werden soll, darüber habe der Kongreß zu entscheiden. Zur Geschäftsordnung spricht F e r r i, der die Abstimmung in der Weise empfiehlt, daß jede Srimme eines Delegierten gezählt wird für so viele Stimmen, als der Delegierte vertritt. Modigliani vertritt die entgegengesetzte Ansicht, für die übliche Abstimmung. Unter großer Erregung wird abgestimmt durch Abgabe der Delegiertenkarte. 429 stimmen für, 339 gegen die Abstimmung nach Zahl der vertretenen Mitglieder. Cabrini, Ferri, Bissolati. Labriola, Agnini, Soldi und andre gaben Erklärungen zur Abstimmung ab. Cabrini und Ferri empfehlen die Stimmenthaltung bei der Abstimmung Labriola- Bissolati. Labriola empfiehlt den Seinen, der größeren Verwandtschaft wegen in zweiter Abstimmung für Ferri zu stimmen. Endlich um 11 Uhr beginnt die namentliche Abstimmung, die verhältnismäßig ruhig verläuft und drei Stunden dauert. DaS Resultat ist folgendes: Für Bissolati....... 316 Für Labriola....... 198 Der Abstimmung enthalten.. 31S DaS Resultat befremdet insofern, als mau sowohl für Bissolati wie für Labriola eine geringere Stimmeuzahl erwartet hatte. Der Zahl der vertretenen Mitglieder nach stehen die Resultate wie folgt: Bissolati........ 12 255 Labriola........ 7 410 Der Abstimmung enthalten. 12 560 Da keiner die Majorität(die Hälfte der Abstimmenden pluS 1) davongetragen hat, wird namentlich über die beiden noch bleibenden Resolutionen, Rigola(rechtes Centrum), Ferri(linkes Centruin) ab» gestimmt. Auch diese Abstimmung erfordert beinahe drei Stunden und vollzieht sich in ziemlich lärmender Weise. Das Resultat wird um 9 Uhr abends bekannt gegeben. Gestimmt haben, wie wir bereits telegraphisch mitteilten, 894 Sektionen mit 31 384 Stimmen, 424 mit 16 394 Stimmen fiir Ferri. 377 mit 14 844 Stimmen für Rigola.,■_„ Das Resultat, das die Partei-Einheit auf der Basis des Anti- ministerialisnius bestätigt, wird mit großem Jubel von den Genossen des linken Flügels aufgenommen. Man ruft: Es lebe Ferri, eS lebe der Socialismus!,... M u r i a l d i schlägt vor, den Parteivorstand ohne Vertretung der Minorität zu bilden. Er beantragl ferner, die Bildung zweier und mehrerer Parteisektionen in einem Orte zu sanktionieren, damit die, die nun einmal nicht gemeinsam arbeiten können, in besonderen Organisationen zu wirken die Möglichkeit haben. G u a r i n o pflichtet der Ansicht bei, was die Bildung des Parteivorstandes betrifft. Die Frage der secessionistischen Abteilungen bittet er, dem Parteivorstand zu überweisen. L i b o r d i, der Chefredakteur der„G i u st i z i a", der eigentlich mit dem Vorredner gemeinsam Referent sein sollte, sagt, er werde dem Kongreß in dieser Stunde und angesichts der großen Erregtheit nicht einen Organisationsentwurf vorlegen. Nur wolle er die Auffassung Riurialdis vertreten, mehrere Organisationen in einer Stadt zuzu- lassen. Wie man eine einige Parteileitung wolle, die eine, nicht beide Tendenzen einschließe, so müsse man auch die Bildung einheit- sicher lokaler Sektionen zulassen._. Der nächste Redner vertritt die Idee derMinoritäts- Vertretung in der Parteileitung, erregt aber den allerhestigsten Widerspruch der Reformisten, die rufen:„Wir verzichten, lvir danken dafür!" Ferri sagt, in der Theorie sei die Minoriiätsvcrtretung eine Garantie für die Billigkeit und Gerechtigkeit. In der Praxis hat sie sich leider nicht bewährt. Die einen haben auf der einen, die andren auf der andren Seite gestanden. Er, Redner, verträte daher die Bildung des Parteivorstandes aus der Mehrheit allein. Das Gefühl der Verantwortung werde eine Garantie gegen Uebergriffe bieten, ferner müsse man den Parteivorstand der Kontrolle der organisierten Socialisten unterstellen, indem man jede Frage durch Referendum entscheidet, lvenn 59 Parteiabteilnngen ein Referendum über diese Frage wünschen. Redner schlägt vor, die Sache der SccessionS-Abteilungeu durch Referendum zu entscheiden, da der Kongreß nicht.die nötige Muße habe. Ferner beantragt er, den Parteivorstand ans fünf vom Kongreß zu wählenden Mitgliedern zu bilden, zu dem die Fraktion einen Vertreter delegiert und dem als 7. Mitglied der Chefrcdaltcnr des„Avanti" angehört. Bona Vita will die bis jetzt bestehenden autonomen Sektionen anerkannt sehen. Sie jetzt auszuschließen, hieße die Gewalt miß- brauchen. Als nächster Redner nimmt L a z z a r i das Wort, um zu bean- tragen, daß die fünf vom Kongreß zu wählenden Mitglieder nicht Abgeordnete seien. O p i z i o vertritt die Ansicht, daß das Zusammenarbeiten der Vertreter zweier Tendenzen in vielen Orten unmöglich sei. F e r r i formuliert seine Vorschläge in einer Tagesordnung, zu der mehrere Amendements eingebracht werden, unter anderm eins von Mocchi, das die Fraktion der Kontrolle des Parteivorstandes unterstellt. Modigliani sagt, je länger er hierbleibe, um so mehr fühle er den Strick, der sich uni den Hals der Minoritätzusaminenschnüre. Er ziehe demnach seine Vorschläge zurück. lHeftiger Widerspruch, lang an- dauernde Unruhe.) Mocchi zieht darauf seinen Zusatzantrag zurück. ES wird nun eine Tagesordnung Guarino- Ferri angenommen, die 1. den Parteivorstand beauftragt, ciir Organisationsstatut aus- zuarbeiten und durch Referendum darüber abstimmen zu lassen, 2. bestimmt, daß der Parteivorstand aus 7 Mitgliedern zu bilden ist, die der Kongreß wählt, aus einem Delegierten der Parteifraktion und dem Chefredakteur des„Avanti". Durch Acclamation wird die folgende Liste gewählt: Guarino, Marangoni, Longobardi, Benedetto Croce, Romeo Soldi, Fabi und Giovanni L e r d a. Die ersten vier gehören der Tendenz Labriola an. Man geht nun zur Diskussion über den Bericht des „Avanti" über. Ferri verweist auf seinen im Druck erschienenen Bericht, aus dem hervorgeht, daß die Zeitung nüt einer mittleren Auflage von etwa 30 000 Exemplaren swährend des Prozesses Bettolo wurde eine solche von 70 000 Exemplaren erreicht) finanziell selb- ständig ist und die nach den, Weggang von V i s s o l a t i von den Genossen aufgebrachte Summe von 30 000 Lire unangetastet ist. Referent erklärt, die Kritik und Vorschläge zu erwarten. Aber ein Genosse schlägt vor. durch Acclamation Ferri in seiner Stellung zu bestätigen, was der Kongreß thut. Von feiten der Neforinisten wird gerufen: Labriola soll den„Avanti" übernehmen!(Heftige Proteste.) Da es Mitternacht ist und viele Genossen morgen abreisen müssen, beschließt man, die schwebenden Fragen der Parteileitung zun, Studium zu überweisen. Der Parteitag wird darauf geschlossen ohne große Begeisterung. Er hat vor allem gezeigt, daß eine so zahlreiche Versammlung nicht geeignet ist, praktisch und sachlich, ohne Zorn und Eifer, zu ver- handeln. GeYverKscKaftlicKes. Der wahre Zweck der christlichen Gewerkschaften. Mit dem in Nr. 78 des„Vorwärts" unter dieser Spitzmarke enthaltenen Artikel über die Quertreibereien der„Christlichen" im Saargebiet befassen sich die dortigen Dasbach-Blätter. Es wird uns dazu geschrieben: Ohne die geringste sachliche Be- rcchtiguug wirst die Dasbach- Presse dem„Vorwärts"„gehässige und verleumderische Ausfälle" gegen die christlichen Gcwerk- schaften und„Beschimpstmg bezw. böswillige Verdrehung" vor. Wer den Artikel des„Vorwärts" liest, wird darin vergebens auch nur nach einem Schein von Berechtigung für diese Schimpfereien suchen; dagegen wird er finden, daß die Dasbach- Presse den eigentlichen Inhalt des Artikels unterschlägt. In diesem Arttkel ist dem Centrum unwiderleglich nach- gewiesen, daß es sich um die Arbeiter im Saargebiete nie ernstlich gekümmert hat, obwohl von feiten des Ccntrums selber die saarabischen Lohn- und Arbeitsverhältnisse als sehr schlecht, die dortigen Arbeiter aber als sehr kirchentreu geschildert werden. Das Centrum und seine„christlichen" Gewerkschaften würden nach wie vor die Arbeiter in der weltberüchtigten saarabischen Knechtschaft und in Not und Entbehrung schmachten lassen, wenn es nicht in letzter Zeit den freienGewerkschasten trotz der größten Schwierigkeiten gelungen wäre, der gewerkschaftlichen Organisafion dort Eingang zu verschaffen. Nun erst kommt das Centrum mit seinen arbeiterzersplitternden Gegenorganisationen, und nun e r st, nachdem die Gencralkommission der freien Gewerkschaften ein Arbcitersekretariat im Saargebiet er- richtet, wollen auch die„Christlichen" eins schaffen. Damit ist die Behauptung des„Vorwärts" bewiesen; daß man nicht der Arbeiter willen die christlichen Gewerkschaften im Saargebiet und auch anderswo einführt, sondern nur um die Geschäfte des CentrumS zu besorgen. Daran ändern die Schimpfereien und Verdrehungen der DaSbach-Presse gar nichts. Den w a h r e n Z w e ck der christlichen Gewerkschaften verrät denn auch der Dasbach-Arttkel zum Schluß selbst. Er gicbt der Hoffnung Ausdruck, daß den katholischen(I) Gewerkschaften„seitens der in Betracht kommenden Behörden keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Es wäre ein Fehler, wollte man von feiten der Arbeit- geber die königs- und staatstrcuen Arbeiter an dem ihnen durch das Gesetz gewährleisteten gesetzlichen Zusammenschluß hindern. Denn nur auf soltfie Weise kann gegen die socialdemokratische Agitation, die bekanntlich schon durch Flugblätter usw. kräftig eingesetzt hat, ein wirksamer Damm entgegengestellt werden. Das liegt doch wohl nicht nur im Interesse der Arbeiterschaft selbst, son- dern ebenso im großen Interesse der Arbeitgeber, z. B. der Bergbehörden wie auch der allgemeinen Wohl- fahrt."— Klarer kann man nicht gut die wahre Absicht der christ- lich-ultramontanen Demagogen enthüllen: Im Interesse der Arbeitgeber betreibt inan die Organisation der Arbeiter in an- geblich„christlichen" Organisationen. Berlin und tlmgegenck. Zum Streik der Lcitcrgerüfibauer bei der Firma Funk u. Co. (Altmann), Charlottenburg, ist zu berichten, daß derselbe unverändert >ortdcl't lefitungsfähig. da sie aus ungeübten Arbeitern zusamn, engesetzt sind. Die vorliegenden Aufträge können nach alledem auch heute nicht erledigt werden. Es ist Pflicht eines jeden geübten Gerü,l- bauers, den Beschluß der Soniitagsversammlung hochzuhaltei, und bei Altmann leine Arbeit anzunehliien. D a d i e G e r ü st e zum Teil von un geübten Arbeitern aufge st ellt werden, ist den dieselben benutzenden Malern größte Vor- ficht zu e m p f e hie n. Es wird vermutet, daß die Firma Gutsche, Friedenau, Arbeit für Altmann übernommen hat. Die dort be- schäftigten Arbeiter mögen darauf acht geben. Zum Malcrftreik in Frankfurt a. O. Die Unternehmer geben sich alle Mühe, durch Herumreisen Arbeitskräfte aus den kleineren Provinz- städten heranzuziehen. Auch durch Inserate in den Provinzblättern sucht die Innung für ihren Arbeitsnachweis Malergehilfcn mit dem Versprechen. 40 Pf. Sfimdenlohn zu zahlen. Obgleich der Streik die zweite Woche dauert und die Arbeiter nichts mehr als den oben versprochenen Stundenlohn von 40 Pf., ja sogar für I u n g g e h i l f e n und Anstreicher 5 Pfennige weniger verlangen, hat sich die Innung bis jetzt nicht dazu ver- stehen können, mit den Arbeitern in Verhandlung zu treten. Die Innung wird wohl zu spät einsehen, daß sie cS durch ihr Verhalten selbst verschuldet, wenn in der Hochsaison nicht die ge- niigcnden Kräfte vorhanden sind, denn es haben bereits die Hälfte der in Bewacht kommenden Arbeiter den Ort verlassen. Es wird nun dringend ersucht, den Zuzug nach Frankfurt streng fern zu halteii. Die in Betracht kommenden Provinzblätter werden um Abdruck von vorstehendem gebeten. Die Agitatio n s-Konr Mission der Provinz Brandenburg. Deutlcbes Reick). Tie Schneider in Danzig sind in eine Lohnbewegung ein- getreten. Ter Centralverband, der in Tanzig eine ziemlich starke Filiale hat, ist zu diesem Zweck mit de»„Hirschen" und„Christ- liehen" zusammengegangen. Alle drei Organisationen sind durch eine Lohnkommission vertreten. Die Schneider haben einen Lohntarif ausgearbeitet, dem auch die meisten Arbeitgeber sympathisch gegen- überstehen. Der Tarif fordert eigentlich keine Lohnerhöhung, sondern vielmehr eine gleichmäßige Berechnungsweise der Arbeit. Jetzt giebt cs soviel Lohnklassen, als es Schneider giebt. Ilm den Tarif nicht zu gefährden, hat mau von weitergehenden Forderungen, wie Abschaffung der Heimarbeit und Einführung von Betriebs- Werkstätten, Abstand genommen. Bei Festsetzung der Lohnsätze ist mau sogar noch unter die schon heute von den anständigen Arbeit- gebcnt gezahlten Sätze herunter gegangen. Trotzdem aber giebt es Arbeitgeber, die die Forderungen als unverschämt bezeichnen. So hat ein Meister erklärt:„Wenn die Schneider erst S ch n e e f r e s s en, dann werde» sie auch mit 3,00 M. für einen Rock zufrieden sein!" Es ist jedoch große Aussicht vorhanden, daß die Lohnbewegung friedlich verlaufen wird. Bemerkenswert ist, was in einer Versammlung ein Arbeitgeber Gutzki den Harmonie- Aposteln, den Hirschen, gesagt hat. Dieser Herr hat ausgeführt, daß eine allgemeine Harmonie zwischen Arbeiter und Arbeitgeber un- möglich sei. Der Widerstreit der Interesse» sei durchaus«ölig. Die Arbeiter müßten nur nicht so viel von der Einsicht und Nachgiebigkeit lder Arbeitgeber erhoffen, sondern deren Widerstand organisiert niederkämpfen. Ein andrer Weg führe nicht zum Wohl der Arbeiterl Eine Wendung hat die Lohnbewegung der Bauhilfsarbeiter in Königsberg geiioiiimen. Am Dienstag haben die Herren Arbeit- geber beschlossen, d i e S p e r r e a u f z u h e b e n. Sie behaupten. es hätten sich genügend Arbeitswillige gefunden. Das ist gänzlich unwahr. Wohl haben die Herren aus der Provinz einige Dutzend unwissender Arbeiter importiert, wohl haben sich in Königs- berg selbst einige ältere, invalide Arbeiter hergegeben, als Arbeitswillige zu fungieren, doch daß damit die Herren die Arbeiten ausführen können, ist ganz unmöglich. Weit über 1000 Bau- Hilfsarbeiter sind organisiert, und von diesen denkt niemand Streik- hrecher zu werden. Das Ganze soll jedoch nur dazu dienen, um Verwirrung in die Kreise der Bauarbeiter hineinzubringen. Das wird natürlich nicht gelingen. Außerdem arbeiten die Maurer auch mit Arbeitswilligen nicht zusammen. Die Maurer, die sich auch in der Lohnbewegung befinden, werden in diesen Tagen, da die Arbeit- geber ihre Forderungen zurückgewiesen haben, entscheidende Be- schlüsse fassen. Bei der Lohnbewegung im Jahre 1902 versprachen die Arbeitgeber, den Maurern im Jal?re 1904 56 Pf. pro Stunde zu zahlen. Als jetzt die Maurer die Arbeitgeber aufforderten, das Versprechen einzulösen, waren die Herren nicht zu Hause. Und die Maurer von Königsberg, die fast alle organisiert sind, werden sich nun wohl das Versprechen erkämpfen müssen. Man sieht wieder einmal, was man auf ein Ehrenwort der Arbeitgeber geben kann. Sämtliche StciiimeXgchilfc» in M ii n ch e n(mit Ausnahme derer von zwei Firmen, welche die Forderungen bewilligten) haben die Arbeit niedergelegt. Die Ausständigen verlangen neunstündige Arbeitszeit, zehnprozentige Lohnerhöhung, an den Sonnabenden um 5 Uhr Feierabend. Garantie eines Mindcstlohnes von 60 Pfennig für Akkordarbeiter. Auf Grund der Mitteilungen der Tagespresse hat Gewerberichter Dr. P r e u e r unter Anwendmig des§ 65 des Gewerbegerichts-Gcsetzcs mehrere Vertreter des Arbeitgeber-Ver- bandes sowie die Vertreter der Organisatton vor das Einigungs- amt geladen. Nach längerer Verhandlung einigte nian sich auf folgende vom Gewerberichter gemachten Vermittelungs- Vorschläge: Neunstündige Arbeitszeit, eine fünfprozentige Lohn- erhöhung sofort, ab 1. August 16 Proz. Arbeitsbeginn fW Uhr, je eine halbstündige Frühstücks- und Vesperpause sowie eine 1l/»stündige Mittagspause ist zu gewähren. Durch vorstehende Vereinbarung darf keine Verschlechterung bisheriger Arbeitsverhältnisse eintreten. Die Arbeitgeber verpflichten sich, die ausständigen Arbeiter nach Bedarf einzustellen. Diejenigen Arbeiter, die während des Streiks neue Arbeitsverhältnisse eingegangen sind, sollen von ihren Posten entfernt werden. Die Arbeiter verpflichten sich, bis spätestens 1. Ok- tober den Arbeitgebern einen Tarifvertrag vorzulegen, die Arbeit- geber verpflichten sich, innerhalb einer angemessenen Zeit in Tarif- Verhandlungen einzutreten. ZZusl»nd. Die Bäckcrgchilfcn Wiens beschlossen in einer am Montag ab- gehaltenen Versammlung, falls die Meister ihre Forderungen nicht bewilligen, am 1. Mai in den allgenieinen Ausstand zu treten. Der Trschlerstreik auf der HelsingörS Schiffswerft dauert un- verändert fort. Die Direktion hat sich noch nicht zu Verhandlungen bereit gezeigt. Dagegen wird der Versuch gemacht, Arbeiten im Ausland anfertigen zu lassen, namentlich in England. Da der dänische Tischlerverband aber die ausländischen Holzarbeiter- Organisationen bereits von der Umständen unterrichtet hat, wird die Werst wohl keinen Erfolg mit diesen Versuchen haben. Soziales. Zur Abhaltung der internationalen Arbriterschuli- Konferenz im Mai 1905 hat die deutsche Regierung dem schweizerischen Bundes- rat ihr Einverständnis erklärt. Der Arbeiterschutz im Gastwirtsgcwerbe. Der Vollzug der Bundcsratsverorduung vom 23. Januar 1002 betreffend die Beschäftigung von Gehilfen und Lehrlingen in Gast- und Schaukioirtschastc» läßt, wie die Jahresberichte der b a y e r i- scheu Fabrik- nnd Gcwerbeinspcktorcn für das Jahr 1903 be- weisen, noch alles zu wünschen übrig. Da auch hier die Kontrolle in erster Linie leider den Ortspolizeibchördcn übertragen ist, so haben die Beamten der Gewerbcmspektio» nur ganz wenige Nachrevisionen abgehalten, die man kaum als Stichproben bezeichnen kann. Von den in die Kataster eingetragenen 6850 Betrieben niit 20 481 Arbeit- nehmern wurden nur 133 Betriebe mit 720 Arbeitern von der Ge- Werbeinspektion revidiert. Fast die Hälfte chieser Revisionen(62) entfällt aber auf den Jnspcktionsbezirt Oberbaycrn. Hier wurde in 36 Betrieben das vorgeschriebene Verzeichnis nicht richfig geführt und in 41 Betrieben wurden die Ruhezeiten nicht richtig eingehalten. In den großen Betrieben in München seien zwar die vorgeschriebenen Ruhezeiten nach den von den Arbeitnehmern unterschriebenen Ein- traguiigcii in die Verzeichnisse richfig gewährt worden, doch habe sich herausgestellt, daß die Eintragungen häufig nicht den Thatsachen entsprechen. Solche Mißstände seien in- dessen nur durch Zufall oder im Laufe eines längeren Ge- spräches zu erfahren, da das Personal sehr wenig Ver- ständnis für die Thätigkeit der Gewcrbeinspekfion habe und dies durch abweisendes und zurückhaltendes Benehmen zum Ausdruck bringe. Eine Kellnerin, die der Assistentin richtigen Aufschluß über die wirklichen Ruhezeiten gab, w u r de noch am gleichen Tage entlassen. Wo übrigens die vorgeschriebene Ruhezeit gewährt wird, soll es nicht selten vorkommen, daß Kellnerinnen an den freien Tagen in einem andern Betriebe aushelfen oder daß sich die Unternehmer an diesen Tagen das Personal ausborgen. Ganz ähnliche Verhältnisse werden aus Schwaben berichtet. Der dortige Beamte teilt mit, daß die An- gestellten häufig— aus Furcht, die Stellen zu verlieren oder auch des Verdienstentgangcs wegen— die im Verzeichnisse vorgetragenen Ruhezeiten, auch wenn sie nicht gewährt worden sind, untcrschriftlich anerkennen. Der Inspektor bemerkt hierzu:„Für den kontrollieren- den Beamten ist es höchst unerfreulich, erkennen zu müssen, daß er von denjenigen, deren Rechte er wahren soll, irregeführt wird." Auch die andern sechs Gewcrbeinspekroren, die sich im übrigen herzlich wenig um das Gastwirtsgciverbc gekümmert haben, geben zu, daß die Durchführung der Vorschvisten viel zu wünschen übrig läht- Die Ursachen dieser Zustände sind unschwer zu finden._ Es ist in erster Linie der Mangel jeder gewerkschaftlichen Organisafion. die das in Frage kommende Personal über seine socialpolitischen Rechte und über die Wichtigkeit des Arbeiterschutzes aufklären könnte. In München besteht zwar noch ein vor mehreren Jahren von bürger- lichen Elementen gegründeter Kellnerinnen-Verein, der indessen die auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt; er fristet nur mehr kümmerlich sein Dasein, da sich fast sämtliche Unternehmer weigern, organisierte Kellnerinnen zu beschäftigen. In zweiter Linie fällt ins Gewicht, daß die Ortspolizeibehörden zur Ueberwachung der Aus- führung von Arbeiterschutzbestimmungen ganz ungeeignet sind. Das deutet auch der Inspektor für Mittelfranken an. Er sagt, nach Lage der Verhältnisse sei anzunehmen, daß die Ruhezeiten sehr häufig nicht eingehalten werden.„Bei den seitens des Stadtmagistrats Nürn- berg zahlreich erfolgenden. Revisionen dieser Betriebe ergaben sich jedoch sehr wenige Beanstandungen." Endlich werden die Unter- nehmer, die die Schutzgesetze verletzen, mit so lächerlich geringen Strafen belegt, daß sie dadurch sicherlich nicht zur Beachtung der Gesetze angespornt werden. Während nach 8 147 der Gewerbe- ordnung Zuwiderhandlimgen gegen die Bestimmungen von Ver- ordnungen des Bundesrats mit einer Geldstrafe bis zu 300 M. ge- ahndet'werden können, sind nach den Mitteilungen des schwäbischen Gewerbcinspektors 18 Besitzer bezw. Führer von Gast- und Schank- wirtflsiaften mit je 3, 5. 6 und 0 M. bestraft worden.— Solange diese Ursachen nicht beseitigt sind, wird weder in Bayern noch in andern Gegenden an eine einigermaßen befriedigende Durchführung der Bundesrats-Verordnung vom 23. Januar 1902 zu denken sein und die Herren Unternehmer werden nach wie vor auf die Ver- ordnung pfeifen._ Die Bauk-ntrolleure aus dem Arbeiterstande sind dem Deut- scheu Arbeitgeberbund für das Baugewerbe ein Dorn im Auge, des- halb fordert er in einem an die deutschen Städteverwaltungen ge- richteten Rundschreiben kurzweg die Beseifigung dieser Einrichtnng. da sie viele Mitzfiände gezeitigt habe. Der Stadtmagistrat N u r n- berg lehnte es ab. sich mit dem Gesuch überhaupt näher zu befassen. da die Arbeiterkontrolleure seiner Zeit auf dringende Empfehlung der Regierung geschaffen wurden und keinerlei Mißstände zu Tage getreten sind. Eine feine Krankenkasse ist die„Thalia, Krankenkasse für ganz Deutschland" in Hannover. Wir berichteten schon früher über Prozesse gegen Beamte dieser Kasse. Inzwischen hat der Kontrolleur Hennes, der unter dem Verdacht des Betruges in Untersuchungshaft sitzt, die Kasse auf rückständiges Gehalt im Betrage von 975 M. ver- klagt. Der Kontrolleur bezog ein Monatsgehalt von 350 M. Am 23. Juni v. I. wurde ein bares Kassendermögen von 7,09 M.(sieben Marl und neun Pfennige) festgestellt. Vier Wochen danach wurde das Gehalt des Kontrolleurs auf 375 M. erhöht. Weil nichts da war, konnte ex jedoch nichts bekommen. Darum klagte er nun. Bei Vollstreckung eines von ihm erwirkten Arrestes am 1. Dezember v. I. fand der Gerichtsvollzieher auch nicht einen Pfennig Vermögen vor. Am 20. März d. I. fand der Gerichtsvollzieher bei Ausführung eines Pfändungsbefehls ganze 2,06 M. in der Kasse. Es sind mehr als 1006 M. ffirankengeldsordmingeii ausgeklagt; die Titel können nicht vollstreckt werden, weil nichts da ist. Eine ganze Anzahl Krankengeld- Prozesse sind anhängig. Und diese Kasse wird nicht geschlossen, sie besteht ruhig fort._ Dritter Derliandstag der Gastwirtsgehilfen. Erfurt, 12. April. � Heute früh traten die Delegierten des Verbandes deutscher Gastwirtsgehilscn zu ihren Verhandlungen im Restaurant„Zu den drei Linden" zusammen. Vertreten sind 30 Ortsverwaltungeii durch 39 Delegierte. Die Verhandlungen werden abwechselnd von P o e tz s ch- Berlin und von Z i l l m a n n- Hamburg geleitet. In der heutigen Sitzung gab der Verbandspräsident P o e tz s ch einige Erläuterungen zum Geschäftsbericht des Vorstandes, aus dem wir bereits das Wesentlichste mitgeteilt haben. Die Stellung der Gastwirtsgehilfen zur A n t i- A l k o h o l- B c>o c g u n g prä- cisiertc der Redner dahin, daß die Gastwirtsgehilfen keine Ver- aiilassuiig haben, sich dieser Bewegung feindlich gegenüberzustellen, wie es die Gastwirte thun. Dem Kellner könne es gleichgültig sein, ob er den Gästen Limonade oder alkoholische Getränke serviert. Die Gastwirtsgehilfen müßten als Angehörige ihres Bernfes der Anti- Alkohol-Bcwcgung neutral gegenüberstehen. Den Gastwirtsgehilfen als Konsumenten könne empfohlen werden, dem Alkohol weniger zu- zusprechen, als es bei einem Teil von ihnen der Fall ist.— Zum Kassenbericht machte der Verbandskassierer S t r ö h I i>i g e r einige erläuternde Mitteilungen, denen ein Bericht des Ausschusses folgte, welchen Reiter- Hamburg erstattete.— An die Geschäfts- berichte schloß sich eine längere Debatte, in der hauptsächlich interne Vcrbandsangelcgenheiteii erörtert wurden. Wesentliche Aus- stellissigen an der Geschäftsführung des Hauptvorstandes wurden von keiner Seite erhoben. Unter anderm kam auch die Stellung der organisierten Gastwirtsgehilfen zu den Gewerkschaftshänsern in der Diskussion zur Sprache. Vereinzelt wurde die Ansicht ausgesprochen. daß die Gewerkschaftshäuscr, was die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Kellner anbelangt, Musteranstalteii sein müßten, die mehr leisten wie bürgerliche Unternehmungen. Dem hielt P o e tz s ch. unter- stützt von andren, namentlich Hamburger Delegierten, seinen im Ge- schaftsbericht vertretenen, von uns bereits mitgeteilten Standpunkt entgegen, daß von den Gewerkschaftshäusern nicht mehr verlangt werden könne loie von andren derartigen Wirtshausbetricben. Die zum Geschäftsbericht angenommenen Anträge haben kein allgemeines Interesse. Dasselbe gilt von dem folgenden Punkt der Tagesordnung: Bericht über die Gaukonferenz für Rheinland-Westfalen, mit dem der erste Sitzungstag endete�_ Hub der Frauenbewegung. Eine internationale Franenstimmrechts-Konferenz wird dm 3. und 4. Juni stattfinden. Sie bezweckt die Gründung eines inter- nationalen Verbandes aller Vereine für Frauenstimmrecht. Kein allgemeines Frauenwahlrccht in Norwegen. Die Mehr- hcit des Konstitutionskomitees des norwegischen Storthings hat einen Vorschlag der Frauenwahlrechts-Vereinigimg, das kommunale Wahlrecht der Frauen allgemein zu machen, verworfen. Man will zunächst mehr„Erfahrungen sammeln", ehe man zu einer weiteren Ausdehnung des Frauenwahlrcchts übergeht. Drei Mitglieder des Konstitutionskomitees haben sich jedoch vorbehalten, den Vorschlag der Frauenwahlrcchts-Vereinigung im Odclsthing zu vertreten. Hinsichtlich der Suspension des Wahlrechts wegen A r in e n u n t e r st ü tz u n g empfiehlt das Konstitutionskomitee ein- stimmig einige neue Bestimmungen, die eine Verbesserung des gegen- wärtigen Zustandes darstellen, darunter die Besfimmung, daß Krankenhau sbehandlung, Aufnahme in ein Asyl oder Deckung der Ausgaben für andre Krankenbchandlung nicht den Verlust des Wahl- rechts herbeiführen sollen. Das Recht der unverheirateten Mütter und ihrer Kinder in Norwegen. Veranlaßt durch einen der Regierung vorliegenden Gesetzentwurf über'das Erbrecht der unehelichen Kinder hatte kürzlich in Kristiania die Frauenvereinigung der Norwegischen Arbeiterpartei eine öffentliche Versammlung veranstaltet, in der nach einem Vor- trage von Frau Katti Anker Möller und darauf folgender Diskussion folgende Resolution angenommen wurde: „Die Massenversaminlung von Frauen und Männern erklärt, daß eine Revision des Gesetzes über die außerhalb der Ehe geborenen Kinder höchst notwendig ist, und spricht sich dafür aus. daß durch ein neues Gesetz den unverheirateten Müttern während der Schwanger- schaft, bei der Niederkunft und bei der Versorgung des Kindes größerer Schutz gewährt werden muß. Außerhalb der Ehe geborene Kinder müssen dasselbe Recht auf ihres Vaters Namen und dasselbe Erbrecht ihrem Vater gegenüber erhalten, wie die in der Ehe ge- borenrn Kinder." Mgemeine OrtZ-Krankenkasse für die vereinigten Gewerbebetriebe Charlottenburgs. Wir Inden hiermit die Delegierten zu einer ordentlichen General- Versammlung ouf Sonntag, den 24. April er.. vormittags 10 Uhr, nach dem VolkS- vause in Charlottenburg, Rosinen- straße 3, ein mit der 272/20 Tages-Ordnung: I. Geschäftsbericht des Ztassen-Vor- standes für das Jahr 1903. L. Bericht der Revisionskommission und Beschlußfassung über die Eni- lastung von der Jabrcsrechnung. über einen mit 3. Beschlußsassung den Aerzten Vertrag abzuschließenden Mutig! Fliesenleger! Freitag, de» 15. April, abends 81;,«Hr. in den Industrie--. Säle». Beuthstr. 20-22:" Oeffentliche Versammlung sSrnllleder Fliesenleger Kerlins unö Umgegeml. Tages-Ordnung! 1. Wie denken die Fliesenleger Berlins über die Schaffung einer ein- heitlichcn Organisation V Referent: P. Winzler. 2. Diskussion. NB. Kollegen, jeder von uns wird über die heutigen OrganisatlonZ- Verhältnisse den Kops schütteln und den Wunsch haben, daß es besser werden möge i deshalb sorge jeder für guten Besuch der Versammlung. 137/17_ Der Sektionsvorstand. I. A.: k Frilz Rabe. Vertrag. 4. Beschlußfassung über eine Sta- tuten-Aendcrung betreffend die Bezahlung von Krankengeld auch für die Sonntage. Vor der Generalversammlung und zwar von S— 10 vormittags findet ebenda eine Wahlverfammlung der Arbeitnehmer- Delegierten statt zwecks Bornahme der Wahl eines den- selben angehörenden Vorstands-Mit- gltedes an stelle des ausgeschiedenen Herrn Schröder für die Wahlperiode bis zum 31. Dezember 1905, wozu die Arbeitnehmer-Delegierten hiermit besonders eingeladen.werden. Die Delegierten erhalten außerdem eine besondere Einladung zugesandt, ivelche als Legitimation zur Teilnahme an der Generalversammlung dlent. Charlottenburg, den 10. iilprll 1901. Der Kasienvorsband! st. Scheel. r ii ir Orts-Krankenkasse für den VenMebM liehteniierg. Einladung zur ordentl. Generalversammlung am Sonnabend, den 2». April er., abends 3 Uhr, bei HUflich, Franksuvter Chaussee 120, im Zimmer rechts vcim Hauptcingang. Tagesordnung: 1. Kassen, und Rewtsionsbericht für das Jahr 1903. 2.»Abnahme der Jahresrechnung und»Antrag aus Eni- lastung des Rendanten. 3. Neuseft- sehung der Gebühren PP. für das Mahnversahren(ckr.§ 58 Abs. 10 der Satzungen). 4.'Beschlußsassung über die Aerzte-»Bertrüge. 5. Kassenange- legenheiten. 273/2 Der Norsüand. P. I-evyn, Vorsitzender, Magdalcncnst»'. 31. Maifest-Abzeichen, Abzeichen für Gesangvereine u.Turn- vereine mit Text:»Zrei-Heil". Katalog kostenlos roib franko. ilbin Laiiger, Brühl 22. ft01**""«' Parkettleger! Heute, Donnerstag, den 14. April, abends 8 Uhr: Vranchen-Verfammlung d. Parkettleger _ im Gewerkschaftshause. Engel-Ufer 15(Saal 5). Die Kommlssionsmitglieder und Vertrauensleute werden ersucht, iktlich u pünktlich um T'/i Uhr zu erscheinen. Der Obmann. 2£S9Ll Einsetzer! Die Kollegen folgender Firmen: Reddemann, Pochert dt Kreazer, Hlrcher& Corudwen, Krause- Rixdorf und I-annen sind zu einer Besprechung zum Freitag, den 15. April, abends 7 Uhr, im Gewerkschaftshans«, Engel-Ufer 15, Zimmer 11, eingeladen,— Erscheine» unbedingt notwendig. 32/9___ Der Obmann. Raturheilv. Reform, Kuranft. Köpiitckerftr. 72, Sprcchst.ll— 2,«—8. + Wuuer-Vorlrsg JL morgen Freitag,„Arminhallen", Kommandantenetr, 20, IIM Dienetag, 19.,„Engl. Garten", Alexanderstr. 27c, ab.S'h; � Sexuelle Neurasthenie deren Ursachen und Folgen für jeden Mann wichtig, vom prakt. Naturheilk. Grundmann, EinWitt nebst Broschüre 20 Bs. Wir eröffneten sür den Oet- bezirk Kopernikusalr, 20, Stadt- und Hoohbahn Warschauerstrasso eine neue moderne staturheilanetalt. Sprechstunden für Kranke jeder Art, tpeciell grauen und Kinder, 3—9, 3—4, Westbezirk Charlottenburg, Bcrlinerstr. 40, Sportsbaus iüggclhcim Fernsprecher; Amt Köpenick 186. DV Den geehrten Vereinen sowie Fabriken zur Kenntnis, daß ich mein Lokal durch Bau eines großen Saales so erweitert habe, daß ich den größten Gesellschaften zu Dainpser- sowie Landpartien Platz bieten kann.— Verpflegung wie Bedienung in bekannter Güte, 4811L* W. Troppens. Achtungsvoll Möbel "'Ä«9- H.**. front, Zahl-Bedingungen. Ornnienntr. 181. Rixdorf. Verein gewerblich thätiger Trauen n. Rädchen Sonnabend, den 16. April 1904, abends 8 Uhr, in Thieles Lokal, Bergstr. 151/152: Stiftungs=Fest bestehend in Recitationea au6 ÄnzengruliEr, Liliencron«nd Reuter, � Xnstrutnental-Konzert. Festrede, gehalten vom Eeichstagsabg. F. Znbcll. Programme a 20 Pf. sind bei den bekannten Mitgliedern des Vorstandes und dos Vergnügungs- Komitees zu haben. Abendkasse findet nicht statt. Zahlreichen Besuch erwartet Das Komitee. Orts- Krankenkasse der Schmiede. Sonnabend, den 28. April 1904, abends 8l/2 Uhr, bei Tabcrt, Markusstr. 14: General- Versammlung der Delegierten der Kasse. Tages-Ordnung: 1, Vorlage der Jahresrechnung pro 1903. 2. Bericht der Revisoren und Llntrag aus Erteilung der Dccharge. 3. Wahl eines Vorftandömitgtiedcs seitens der Arbeitnehmer(Ersatzwahl). 4. Verschiedenes. 273/3 Der Torstand. Ad. Pllgrirn, Vors., Admiralstr. 24. Orts- Krankenkasse der Kürschuer und verw. Gewerbe zn Berlin. DienStag. den 10. April 1004, abends 8'/, Uhr, in der Brauerei Bötzen, Prenzlauer Allee 242—247: Ordentliche General-Versammlung der Delegierten. TageS-Ordnung: 1. Verlesung der»Präsenziiste und des Protokolls. 2. Jahresbericht- 3. Bericht der Revisoren. 4. Antrug Jägers und Genossen:»Anstellung eines besoldeten Krankenkontrollcurs. 5. Kassenangclegenheiten. Um recht zahlreiches Erscheinen der Delegierten wird ersucht. 272/19 Der Torstand. I. St.:®. Setbenfvanj, Vors. Duchstandlung vorwärts Berlin SV.«8. Lindcnstr. K9. Nieder mit de» Sozialdemolsrattn von Wilhelm Bracke istsoeben in neuer Ueberarbeitung herausgegeben. Freit» Flg. Forte 3 Flg. „Nieder mit den Sozialdemo- Iraten" ist eine der ältesten, aber noch immer wirkungsvollen Slot- tationsbroschürcn sür die ländliche Bevölkerung. Bracke hat die land- läufigsten'Vorwürfe, die gegen unsre Partei erhoben werden, in volkstümlicher, allgemein ver- ständlicher Weise widerlegt. Die Märchen vom„Teilen", von der „Zerstörung der Familie und Religion", die auch heute noch in entlegenen Gegenden von unfern Gegnern kolportiert werden, find in überzeugenden Worten zurückgewiesen. Heute, Freitag u.Sonnabend unwiderruflich letzte Zuventur Sci)Iuss [I ureka hPi�spc; Selten günstige für Hotels, Pensionateetc. Be|.Iln Oranienslr.158. Imtur-Eitraliste u. Katalog"■ 600 gratis und Illustration. Mraneo. I TT* El Dr. Schünemann Specialarzt für Haut-, Harn- und Araiicnteidrn. Soydeltttr, O, -/.12--/.8. Sonnt. 9-1 1 WsifftgiAsim ---------------- cÄ,Weff(l]he!ii Freitag SBiialad soweit der Vorrat reicht: Kooserveim Wolgahühner sta«. 1.45„. 1.ss Ananas 78«. Wachsbohnen v.doo. 38 pr. Schoten« 38 pr. Feine Schoten.. 55 pr. Feine Schoten'/»dos« 33 pr. Extra feine Schoten v.d, 85 pr. Extra feine Schoten v.o. 48 pr. Kaiser-Schoten.1 Si«-. Kaiser-Schoten>/.i,oe« 63 pr. Schoten u. Karotten»/.v. 55 pr. Schoten u. Karotten v.o. 33 pr. Tomaten-Mark v.o°e.1.35«k. Stangenspargel II•/, 0.1.15»». Stangenspargel II v.d. 63 pr. Stangenspargel Ia v.o.l.4O«i- Stangenspargel I* v,do..75 pr. Stangenspargelex,r'im«1.65*0». Stangenspargel'S«. 85 n Bruchspargel I v.dom 85 pr. Bruchspargel gapf... 60 pr. Karotten Jfe 50, � 30 pc Karotten I � 60, Ä 35 pr. Kohlrabi% o<», 26, v-oo«- 1 8 pr. Champignons Ia v,o. 1.60,v, 0. 90, v< o. 50, v.o. 35 pt Reineclauden'�o.e 85,£0Ie 48 pr. Melangefrüchte v! 1«2., � 55 pc Erdbeeren>/. v-..« 1. 1 Smu. Pflaumen>/. 0°,. 48 pc Ananas(gan"M 1.10, �65 pc Preisseibeeren ca0S2 Pfd. 60, a'pfd, 1 50, w'prd.2,85 Gem. Marmelade FHipm. 2 :Mk. Diverse Gelees gim 40 pc Bratheringe vo». 45 pc Bismarckheringe„ 45 pt. Delikatessheringe.. 78 pc Delikatessheringe v.do» 50 pr. Appetit Süd vo». 32 pc Rollmöpse« 40 pc Aal in Gelee.. 80 pc Lachs-Koteletten„ 85 pc Sardinen in öi 42, 60p«;, 1.1 5 Franz. Sardinen 80 pc Franz. Sardinen 1 ,35 HülseeMchte Victoria-Erbsen pruna 1 4 pr. Erbsen oda. nw„» 1 7 pr. Kleine Erbsen 13pr. Grüne Erbsen.. 1 5 pr. Mittelgrosse Linsen 1 3 pr. Grosse Linsen.. Iöpc Runde Bohnen.. 12". Mittel-Bohnen.. 1 6 pc Grosse Bohnen.. 20 pc Salamiwurst m. 1.10». Cervelatwurst""""S? 1.10 m. Westfäl. Rotwurst»«, 40», Apfelsäneni du, 24, 35, 40 pr- Messina Dtz. ÖOpC Blut SOu. Pf* Citroneini otz. 30u. 38pf. Backobst Backobst«>--hu-g u pne 32 pc Backobst«i»-duoe> p«. 45 pr. Kaliforn. Pflaumen pr± 33, 38, 45 pc Amerikanische Ringäpfel p«. 38 pc GeteMBter 1D)< so,*) crliaffec-... 'Kermitw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Inseratenteil verantw,: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Ginger ö- Co., Berlin 9t. 87. A. Zchgmg. 2. Dtllllßt Lohaled. Sie„lassen sich nicht drängen". In den städtischen Heimstätten für Genesende ficht es setzt böse aus. Von Woche zu Woche wächst die Schar der Auf- nahmebegehrenden, steigt die Zahl der Vormeldungen, verlängert sich die Wartezeit. Ende voriger Woche waren nur in Heinersdorf ige- nesende Männer) noch drei Betten frei, in den andern vier Anstalten waren sämtliche Betten belegt. Für Blankenburg(genesende Frauen) waren schon 6S Personen vorgemeldet, Blaukenfelde und Malchow (beide für lungenleidende Frauen) hatten zusammen 7« Vor- Meldungen, und in Gütergotz(lungenleidende Männer) war die Zahl der Vormeldungen sogar auf 128 gestiegen. Die Wartezeit betrug nun bereits: für Blankenburg 30 Tage, für Blankenfelde und Malchow 12 Tage, für Gütergoy 45 Tage. Noch ist der Frühling nicht völlig da, und schon herrschen Zustände, wie sie selbst im Sommer, wo der Andrang zu den Heimstätten an sich größer wird, nicht als zu- lässig angesehen werden können. Als in der Stadtverordueten-Versanimlung bei der Beratung des diesjährigen Etats Genosse Singer auf die U n z u l ä n g l i ch k e i t der vorhandenen Heimstätten hinwies, suchte der Ober- bürgermeister die städtischen Behörden zu decken mit der Erwiderung. es sei ja in Buch eine neue Heimstätte in der Bauausführung be- griffen.„Wir glauben," fügte er hinzu,„durch diese Heimstätten eine Leistung auf uns genommen zu haben, die gar nicht einmal der gesetzlichen Pflicht entspricht, aus Wohlwollen gegen die armen Be- völkerungsklassen, und wir sind gern bereit, in dieser Beziehung weiteres zu leisten; aber uns drängen zu lassen, in der Weise, daß, wenn an einer Stelle einmal nicht alles parat ist. Forderungen ge- stellt werden— damit nehmen Sie der Verwaltung die Freudigkeit, auf diesem Gebiete weiter vorzugehen." Es ist wahr, die Heimstätte Buch ist im Bau, und sogar schon recht lange. Aber sie könnte trotz der Langsamkeit der Bau- ansführung längst fertig sein, weim rechtzeitig die Mahnungen der socialdemokrattschen Stadtverordneten beherzigt worden wären. Am 23. September 1807 beschäftigte sich die Stadtverordneten-Vcr- sammlung mit einem socialdemokratischen Antrag, noch zwei Riesclgüter zur sofortigen Aufnahme von Lungenleidenden ein- zurichten. Der Ausschuß, dem dieser Antrag überwiesen wurde, schwächte das„sofort" in ein„baldmöglichst" ab, und am 4. No- vember 1807 erklärte sich die Stadtvcrordneten-Versammlung ein- verstanden damit. Am K. November 1897 faßte das Heimstätten- Kuratorium den Beschluß, dem Magistrat den Bau einer neuen Heimstätte zu empfehlen. In seiner Sitzung vom 14. Januar 1898 nahm der Magistrat die Einrichtung des Schlosses Gütergotz zu einer neuen Heimstätte für Männer in Aussicht. Bezüglich der neuen Heimstätte für Frauen, die in dem socialdemokrattschen Antrag gleichfalls gefordert worden war, wollte der Magistrat weitere Entschließungen von den zukünftigen Verhältnissen abhängig machen. Gütergotz war damals von der Landesversicherungsanstalt Berlin gemietet und sollte am 1. Mai 1900 frei werden. Hinterher niußte aber der Mictsverttag um zwei Jahre verlängert werden, so daß Gütergotz erst im Sonuner 1902 älS Heimstätte für lungenleidende Männer in Benutzung genommen und dafür die ältere Heimstätte Malchow den lungenleidenden Frauen eingeräumt werden konnte. Mt Rücksicht auf den Plan, den Verttag über Gütergotz zu verlängern, hatte das Heimstätten-Kuratoriiun int Januar 1899 nochmals den Bau einer neuen Anstalt angeregt. Im März 1899 kam es dann endlich dazu, daß Magistrat und Stadtverordueten-Versamntlung diesem Vorschlag zunächst ihre principielle Zustimmung gaben. Auf- siellung und Genehmigung der Entwürfe erforderten beinahe noch ein ganzes Jahr, und hinterher wurde die Ausführung des Baues noch durch nachträgliche Aenderungen verzögert. Die Folgen jener Bcrschleppnngspolitik von 1897 und 1898 zeigen sich nun; die Heimstätten erweisen sich jetzt schon im Frühjahr als völlig un- zureichend. Herr Kirschner erklärt, daß die städtischen Behörden„sich nicht drängen lassen", und wenn ,nan die Geschichte der Heimstätte Buch betrachtet, könnte man wirklich auf den Gedanken kommen, daß es so sei. Aber der oberste Beamte der Stadtgemeinde hat dem Magistrat und der Stadtvcrordneten-Versammlung mit diesem Aus- spruch doch wohl ein klein wenig unrecht gethan. Sie möchten sich nicht drängen lassen, das glauben wir gern, aber sie werden gedrängt. Sähen ihnen nicht die Socialdemokraten auf dem Nacken, so wären wir heute mit den Heimstätten noch viel lveiter zurück, als wir es leider sind, und die neue Heimstätte in Buch wäre wahr- scheinlich„och nicht einmal beschlossen. Auch das können wir nicht so ganz glauben, daß dem Magistrat und der Stadtverordneten- Versammlung die rechte Freudigkeit, ihre Pflicht zu thun, abhanden kommt, wenn sie durch die Dränger an diese ihre Pflicht— eine sociale Pflicht!— erinnert Iverden. Es müßte denn' sein, daß es mit der„Freudigkeit" von vornherein nicht weit her war. Fischbeck, der Kröcher von Berlin, hat unfern Genossen Hoffmann lind Angustin das Protokoll über die Sttzung des Obdach-Kuratoriums vom 19. März, in der die bekannte Maßregelung unsrer Genossen von khin proklamiert wurde, vorgestern auch noch förmlich zustellen lassen. Das Protokoll giebt die Ausführungen Fischbecks wörtlich wie folgt wieder: „Die Herren Stadtverordneten Hoffmann und Augustin hatten am 5. Februar 1904, abends 9 Uhr, das nächtliche Obdach ohne... Ermächtigung revidiert und die von ihnen festgestellten Mängel im „Vorwärts" unter der Uebcrschrist„Notschrei des Massenelends" veröffentlicht, ohne sie zuvor zur Kenntnis der Kuratoriumsleitung zu bringen. Durch dieses Versahren haben sie die ihnen als Beamte obliegenden Pflichten verletzt. Er(Fischbeck) sehe sich daher genötigt, freiwillige, nicht angeordnete R e- Visionen nicht länger(!) zu gestatten. Insbesondere müsse er_ aber auch den Stadtverordneten Hoffmann und Augustin den Eintritt z um Arbeitshaus und O b d a ch s e l b st, ohne seine besondere Zustimmung, untersagen. Die Entscheidung darüber, ob er ihnen fernerhin Revisionen übertragen werde, behalte er sich vor. Die Anstaltsleiter seien entsprechend angewiesen." Die Genossen Augusttn und Hoffmann haben imilmehr alle zu- lässigen Rechtsniittel sowohl im VerwaltungSstreitvcrfahren wie im Aussichtswege gegen die cnsaristischen Gelüste jenes Mustervertreters der liberalen Selbstverwaltung, insbesondre gegen das Verbot des Zutritts zum Obdach und Arbeitshaus, das ffch als eine gesetzwidrige Disciplinar-Maßregel darstellt, ergriffen- Da« Ober-Verivaltuiigsgericht und die Aufsichtsbehörden werden also Gelegenheit bekommen, sich mit diesen Fischbeckiaden zu beschäftigen. De«, Handel mit Eintrittskarten z« den königlichen Theatern sollte durch die Verfügung, wonach Vorbestellungen keine Berücksichtigung inehr finden, die Existenzbedingung genominen iverden. Die Händler lachen aber ob der Verordnung vom grünen Tisch. Zu allen Vorstellungen, die starken Besuch verspreche», stellen sie und ihre Boten stch an der Kasse auf, kaufen die Billets dutzendweise und des JoroW wissen es so einzurichten, daß das Theaterpublikum das Nachsehen hat. Eine Stunde nach Eröffnung der Kasse sind die Karten der- griffen, und wer ärgerlich nach vergeblichent Warten und Drängen dennoch ins Theater will, muß sich auswuchern lassen. Die Herren fordern oft 190 Prozent Aufschlag; ein Platz im dritten Rang, der an der Kasse 2 Mark kostet, muß ihnen mit 4 Mark bezahlt werden, für Plätze zum 2. Rang fordern und erhalten sie 6 bis 7 Mark, für Parkettplätze 8 bis 10 Mark. Bewundernswert ist auch die Ungeniertheit der Händler. Sowie die Schutzleute die inneren Kasscnräume betteten, stellen sie sich am Eingang der Kasse auf und bieten ihre Karten zu de» erwähnten Wucherpreisen aus oder locken das Publikum in einen Weißbierkeller in der Jägersttaße, um es dort auszubeuten. Kurz, die Zustände sind heute schlimmer als vor Erlaß der angeblich dem Interesse des Publikums dienenden Verfügung. Deutsche und ausländische Bcrsichcrungsgcscllschaftcn. lieber den Gesetzentwurf über den Versicherungsvertrag, der demnächst den Reichstag beschäfttgen wird, haben schon Verhandlungen im Deutscheu Handelstag, im Centralverband deutscher Industrieller, in verschiedeneu Handelskammenr und Vereinen zc. stattgefunden. Es kam dabei die alte Erscheinung wieder ans Licht, daß deutsche Gesellschaften zu- weilen durchaus nicht auf der Höhe sind. Eine alte englische Feuerversicherungsgescllschaft zum Beispiel giebt jetzt bedingungslose Policen für die Mobiliarversicherung aus. Für 20 000 M. Versicherungssumme werden 20 M. Präntie d. h. 1 pro Tausend verlangt. Die Policen sind frei von allen Bedingungen, während die deutschen Policen unzählige Klauseln enthalten, die wie die Fußangeln nicht beachtet werden. Der durch die englische Police erteilte Schutz ist auch erweitert worden und deckt nicht nur das Eigentum des Versicherten, sondern das seiner Familienglieder, Besucher und Bediensteten. Eigentum, das zeit- weise nach irgend einem andern Privathause, Logierhause oder Hotel, nach einer Bank oder einer Wäscherei geschafft ist, ist eben- falls ohne Extrakosten eingeschlossen. Mail vergleiche damit unsre deutschen Policen und die fetten Dividenden der Gesellschaften. Die englischen Gesellschaften zahlen auch bei Gasexplosionen, bei Explosionen von häuslichen Dampfkesseln, bei Blitzschlag usw., die deutschen weigern sich und machen den Versicherten selbst bei kleinen Bränden Schwierigkeiten und Abzüge, besonders für Abnutzung und dergleichen, bei oft weit höheren Prämiensätzen. Die englischen Gesellschaften zahlen hohe Beträge zur Ausrüstung und Erhaltung der Feuerwachen, die deutschen sträuben sich und über- lassen das Zahlen der Bürgerschaft. Die Berliner st ä d t i s ch e Fcuer-Societät für Jmmobilien-Versicherung allerdings erhebt nur 4 Va Pf. für 100 M. Versicherungssumme, zahlt aber trotzdem IVz Millionen Mark jährlich für die Feuerwehr und würde noch mehr zahlen können, wenn sie auch die Versicherung von Wiobilien pflegen würde. Im übrigen aber haben die deutschen Gesellschaften noch manches von der ausländischen Konkurreitz zu lernen. Abermals hat der Eisciibahiibctricb ein Opfer gefordert. Der Rangiermeister Josef Spittler, ein Mann Mitte der vierziger Jahre, geriet auf dem Hofe der Eiscnbahmverkstätte der Niederschlesisch- Märkischen Bahn zwischen die Puffer zweier Wagen und zog sich so schwere Quetschungen zu. daß er bald darauf im Krankenhause Be- thanien starb. Woche um Woche ist über Vernichtung von Menschenleben im Eisenbahnbetriebe zu berichten, während Herr Budde ehrenhafte Ar- better und Beamte maßregelt, weil sie durch gewerkschaftliche Orga- uisation die traurigen Zustände, unter denen sie schaffen müssen, bessern wollen. Es ehrt die Eisenbahnarbeiter, daß sie sich trotz aller Spionage, trotz aller Maßregelungen nicht einschüchtern lassen und tapfer an der Beseitigung von Mißständen arbeiten, die für den socialisteiitötenden Staat der Socialreform nur zu charakteristisch siird. Im Interesse der weibliche» Telcphonbeamten veröffentlichen wir folgenden Notschrei:„Vielleicht vermag ein Hinweis in der Presse einem Nebel abzuhelfen, das die Beamtinnen des Telephon- dienstes bei der Neichspost mit steter Lebensgefahr bedroht. Wohl die wenigsten wissen, daß das übermäßige Kurbeldrehen Leben und Gesundheit der Damen steter Gefahr aussetzt; mehr als einmal ist dadurch ein bis dahin blühendes Menschenleben vernichtet worden, ohne daß die Oeffentlichkeit davon erfahren hat. Und doch würde die Bekanntgabe derartiger Unglücksfälle am Ende das Gewissen des Publikums schärfen. Es sollte zunächst energischer darauf hin- gewiesen iverden, daß mehrfaches Drehen der Telephonkurbel für die Angestellten gefahrbringend ist; dann aber sollen die Apparate so eingerichtet werden, daß die Kurbel zur Zeit immer nur einmal ge- dreht werden kann. Hoffentlich nimmt das Publikum sich die hier ausgesprochene Bitte so zur Notiz, daß Unglücksfälle wie der gesttige seltener werden. Denn abermals trat dieser Tage der Fall ein, daß ein junges Mädchen, das morgens früh gesund aus dem Hause ging, völlig gelähmt wieder zurückgebracht wurde. Hier kann vereintes Wirkon von Staat und Bürgern wirklich manches schwere Unglück verhindern." Hoffentlich findet diese Mahnung die gebührende Beachtung in der Oeffentlichkeit. Uiisires ErachtenS würde die Postverwaltung allerdings auch ihr Teil zur Verringerung der geschilderten Unglücksfälle thun können, wenn sie die Beamtinnen nicht überlastete und für eine schnellere Bedienung im Fern- sprechbetriebe sorgte. Zu bestimmten Stunden kann dem- jenigen, der gezwungen ist, ans Telephon heranzutreten, ob des langen Wartens und der häufigen Mißverständnisse nur zu oft der Geduldsfaden reißen. Die Hinzuziehung vou Fachleuten als Sachverständige bei Er- teilung von Schankkonzessionen durch den Stadtausschuß will der Verband der Gast- und Schankwirte in einer Eingabe an den Magistrat verlangen. Namentlich soll die Beurteilung der Be- dürsirisfrage lediglich durch Laien oft zu Klagen in Gastwirtskreisen Veranlassung geben. Das Opfer einer Flaschenvcrwechselung ist nach ihrer Darstellung die 25 Jahre alte Kaufmannsfran Paula Grünebaum aus der Wol- denbergerstr. 0 geworden. Grünebaum siedelte vor einiger Zeit von Leipzig hierher über und hatte eine Anstellung in einem Porzellan- geschäft in der Spandauerstraße. Erst Ende voriger Woche kam seine junge Frau nach. Nachdem sie gestern morgen Schwefelsäure zum Putzen geholt hatte, verließ sie mittags in großer Eile ihre Wohnung und fuhr nach der Spandauerstraße, um ihren Mann auf- zusuchen. Vom Straßenbahnwagen aber mußte sie nach der Unfall- statton in der Brüderstraße gebracht werden und dort starb sie nach kurzer Zeit unter den Händen der Aerzte. Wie sie angab, hatte sie zu Hause ein Glas Wein trinken wollen, statt der Weinflasche aber die Flasche mit Salzsäure genommen und von der gifttgen Flüssigkeit gewunken. Ihren Hausgenossen hatte sie von ihrem Mißgeschick nichts gesagt; sonst wäre sie durch rechtzeitige ärztliche Hilfe wohl gerettet worden. Beim Besteige» eines Straßenbahnwagens ist gestern die Gatttn des Untcrstaatssekretärs v. Fischer schwer verunglückt. Die Dame hatte mittags ihre Wohnung von der Hehdfftr. 4 verlassen, um sich mit der Straßenbahn zu ihrem Schwiegersohne in der Königgrätzer- straße zu begehen. An der Haltestelle Lützowstraße, Ecke Lützowplatz, bestieg sie einen Wagen der Linie Charlottenburg(Westend)— Dönhoff- platz in dem Augenblick, als ein Geschäftswagen haarscharf an dem noch haltenden Straßenbahnwagen vorbeifuhr. Frmi v. Fischer, die sich bereits auf dem Trittbrett deS Wagens befand, wurde von dem vorbeijaaenden Gefährt heruntergerissen, etwa zwei Meter am Boden mitgeschleift und kam unter das Pferd, dessen Hufe sie am Kopfe trafen. Die Verunglückte wurde ohnmächttg emporgezogen und zum Arzt gebracht, der ihr den ersten Verband anlegte. Frau v. Fischer hat eine große Kopfwunde erlitten: die Hirnschale ist zwar bloß- gelegt, doch erscheint eine Gefahr für das Leben der Dame nicht vorhanden. Die Verletzte, deren Schmerzen durch Morphium- Domerstssg, 14. April 1904. einspritzungen gelindert wurden, befindet sich in ihrer Wohnung in der Behandlung des Geh. Sanitätsrats Thielen. Unterstaatssekrctär v. Fischer erhielt die Nachricht von dem Unglücksfalle während der Sitzung im Reichstage. Er begab sich sofort an das Krankenlager seiner Frau. Der schuldige Kutscher wurde nach der Polizei sistiert. Durch herabfallende Mauersteine schwer verletzt wurde vorgestern nachmittag der 51 Jahre alte Rohrleger Karl Bartsch, der seit sechs Jahren bei der städtischen Verwaltung beschäftigt ist und in der König-Chaussee 47 zu Neu-Weißensee wohnt. Bartsch arbeitete an. der Kanalisation der Schreinerstraße und stand unten im Schacht, als oben auf dem Rande ein Arbeiter einen Schubkarren mit Mauer- steinen umkippte. Hierbei fielen ihm zwei Steine ans den Kopf und verletzten ihn so schwer, daß er bewußtlos vom Platze getragen werden mußte. Der Verunglückte wurde nach der Unfallstation rn der Warschauersttatze und von dort mit einem Lückschen Rettungs- wagen nach dem Krankcnhause am Friedrichshain gebracht. Für eine Brieftasche, deren Inhalt ans zwei Mietskauttakten, Familienbriefen, Geschäftskartell und einer Mitgliedskarte besteht, sur den Finder vollständig wertlos, für den Verlierer aber sehr wert- voll ist, soll der eventuelle Finder von dem aus dem Mietskontrakte ersichtlichen Besitzer eine Belohnung erhalten. Feucrbcricht. Ein Fabrikbrand, der leicht eine große Ansdehining hätte amrehmen können, beschäftigte die Wehr in der Nacht zum Mittwoch in der Uscdomsttaße 31. Im Maschinenräume der mechani- scheu Faß-° und Holzbearbeitungs-Fabrik der Gebrüder Raabe war dort das Feuer auf nicht ermittelte Weise bald nach 10 Uhr aus- gekommen, war durch die Transmissionen auf die angrenzenden Lagerräume übergesprungen und hatte hier einen Posten Hölzer er- faßt. Zum Glück wurden die Flammen rechtzeittg bemerlt, so daß die Wehr die Gefahr in verhältnismäßig kurzer Zeit beseitigen konnte. Immerhin beträgt der entstandene Schaden einige tausend Mark. Der Bettieb konnte gestern nur in beschränktem Maße aufrecht erhalten werden, wird aber jedenfalls schon heute wieder voll auf- genommen.— Sonst hotte die Wehr in den letzten 24 Stunden verhältnismäßig viel Ruhe. Nur aus der Elsasserstraße 97 und der Möckernstraße 96 liefen noch Alarmierungen ein und brauchten die Löschzüge in beiden Fällen mir ganz kurze Zeit in Thätigkcit zu treten. Theater. Im Luisen-Theater geht am Donnerstag erst- malig„Dr. Wespe", Lnstspiel von Roderich Bcnedix, in Scene. In den Hauptrollen sind beschäfttgt die Damen: Dolski, Sylva, Hüftel und die Herren Rnff, Kruszynski, Hüner. Oehmig und Wald. Huö den Nachbarorten. Treptow-Baumschulcnwcg. Heute Donnerstag findet bei Schmidt. Kiefholzstt. 22, abends Vz9 Uhr, eine Wahlvereins-Persammlung statt. Tagesordnung: Vorlesung dcS Genossen Baloh. Es ist Pflicht eines jeden zu erscheinen. Das Mitgliedsbuch ist mitzubringen. In der StadtwerdungSfrage von Wilmersdorf hatten gestern drei Deputierte der Gemeindebehörde von Wilmersdorf bei dem Minister des Innern eine Audienz, deren Ergebnis war, daß die Regierung die Stadtwerdung Wilmersdorfs in absehbarer Zeit ermöglichen wird, lieber die Audienz wird berichtet: Freiherr von Hammerstein betonte bei dem Empfange sein Wohlwollen zu der Frage; er könne es verstehen, daß die Bewohnerschaft von Wilmersdorf ein Interesse habe, aus dem Kreise auszuscheiden. Auf der andren Seite stehe das Interesse des Kreises, der zur Zeit die leistuugs- fähige Gemeinde für die Lösung seiner bedeutsamen Aufgabe— die Vollendung des Teltowkanals ist hiermit gemeint— noch brauche. Von einer besonderen Dringlichkeit der Stadtwerdung vermochte sich der Minister nicht zu überzeugen. Er gab zu bedenken, daß die Selbständigmachung einmal hohe Kosten verursache, über deren Umfang nian sich zunächst klar werden solle, sowie daß die Bebauung von Wilmersdorf noch große Lücken aufweise und keinen geschlossenen Charakter habe. Im weiteren Verlauf der Unter- redung ließ aber der Minister die Deputation nicht cm Zweifel darüber, daß die Verleihung der Stadt- rechte an Wilmersdorf sowie an einen zweiten Vorort im Osten Berlins nur noch eine Frage der Zeit sei. Zunächst denke die Regierung Wilmersdorf Stadt iverden zu lassen, in zweiter Linie dann die Gemeinde im Osten, die der Minister zwar nicht mit Namen bezeichnete, die aber nur Lichtenberg sein kann. Einen ge- naueren Zeitpunkt für das Ausscheiden der beiden Gemeinden wollte der Minister nicht angeben. Er enipfahl, der Genreindevorstand möge sich vorerst mit dem Landrat über die Bedingungen für das Ausscheiden der Gemeinde aus dem Kreise ins Einvernehmen setzen; dies könne innerhalb eines halben Jahres geschehen sein. Auf die Eingemeiudungsfrage im allgemeinen sowie auf die vielfach befür- lvortete Bildung neuer Stadtkreise um Berlin vermied der Minister, bei der heutigen Audienz einzugehen. Bei den gestrigen Gemcindcwahlen in Wilmersdorf sind unsre Genossen unterlegen. Die Rathauspartei siegte mit ungefähr 1000 Stimmen, während ans die Kandidaten unsrer Partei etwa 850 Stimmen entfielen. Dieses Resultat ist zurückzuführen auf den Umstand, daß die Gegner von ihrer wirtschaftlichen Uebermacht in der rigorosesten Weise Gebrauch machten und die Gemcinde-Arbeiter und-Beamten in der schamlosesten Weise beeinflußten. Aus den Spandaner StaatSwerkstätten. Vor einiger Zeit be- richteten wir, daß die Heeresverwaltung mit der Absicht umgehe, die Männerarbeit durch Frauenarbeit zu ersetzen, um— Ersparnisse zu erzielen. Inzwischen haben z. B. im FeucrwerkS-Laboratorium Erhebungen stattgefunden, welche auch ergeben haben sollen, daß eine Reihe von Arbeiten wohl vou Frauen ausgeführt werden könnten, und sich also damit Ersparnisse an Löhnen würden erzielen lassen. Aber nichtsdestoweniger will man doch, wie verlautet, von einer weiteren Verdrängung der Männcrarbeit durch die Frau Abstand nehmen, wahrscheinlich, um die Legende von den„MnsterwcrZstntten" nicht vollends zu zerstören. Die hierin offenbarte sociale Gewissen- haftigkeit ist wahrhaft rührend, und sicherlich hat sie den Effekt, das; sich bie Spandauer Staatsarbeiter nun in hellen Scharen von der Socialdemokratie abwenden und in das Lager des„schlichten Mannes" Pauli übergehen. Hinter verschlossenen Thürcn, wo ihn die social- demokratische Kritik nicht sofort erreichen konnte, sprach kürzlich Herr Pauli-Potsdam zu„seinen Staatsarbeitern", denen er Bericht er- stattete, über— sein Auftreten im Reichstage bei der Staatsarheiter- Debatte. Natürlich rückte der gute Mann sein Verdienst gehörig in das rechte Licht, an der Socialdemokratie und ihrer alljährlichen Kritik der Mißstände in den„Musterwerkstätten" lieh er selbstredend keinen guten Faden. Herrn Paulis Getreue suchten bei dieser Ge- legenheit auch Kapital für die konservative Sache herauszuschlagen. Sämtliche Eintrittskarten trugen auf der Rückseite eine Beitritts- crklärung zum„Neuen Wahlvercin", und Viccmeistcr und Aufseher, d. h. alle die berufsmäßigen Agitatoren der Paulianer, bemühten sich fleißig, möglichst viele Schäfchen für die konservative Wahl- organisation einzufangen. � Unsre Parteigenossen sollten dem Ordnungsmann kräftig nacheifern und unsre eignen Kampfrcihcn zu stärken suchen. Rixdorf. Für die Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung am Donnerstagabend stehen einige recht wichtige Vorlagen zur Be- ratung. So ist zunächst die Ersatzwahl für zwei ausgeschiedene Mitglieder festzusetzen. Es handelt sich in beiden Fällen um Erwählte der 3. Wählerklasse, den Stadtv. Heinrich und den von hier verzogeneu Genossen Wach.— Ferner soll nun endlich im Bau von Schulturnhallen ein flotteres Tempo eingeschlagen werden und sind KU diesem Zweck zwei Neubauten vorgeschlagen.— Ein mit umfangreicher Begründung versehener Entwurf eines Ortsstatuts betreffend die Krantenversicherung der B a u Z g e>v e r b c- treibenden ist gleichfalls der Versammlung zugegangen� Nachdem bereits im Frühjahr 1002 eine gemischte Deputation zur Vorbereitung eines solchen niedergesetzt worden war, gerieten die Beratungen zunächst durch die seitens des Bundesrats seiner Zeit gcäutzerte Absicht, diese Materie von Reichs wegen allgemein zu regeln, ins Stocken. Da nun aber bei dem bekannten Schnecken- tcmpo der Socialreform in der Acra Bülow es wieder einmal bei der Absicht blieb, so wurden die Vorarbeiten von der Deputation wieder ausgenommen, so daß nun endlich die geringen Vorteile der Kranken- vcrsicherungs-Gesetzgebung auch der ihrer so sehr bedürftigen Haus- inhistrie zugängig gemacht werden sollen. In der Hauptsache ent- spricht der Entwurf den Bestimmungen des Ortsstatuts der Stadt Berlin. Abweichend von dem letzteren ist jedoch in der Vorlage ab- sichtlich vermieden, nach oben hin eine Grenze festzulegen, bis zu welcher Hausgewerbetreibende als versicherungspflichtig anzusehen find. Während Berlin bestimmt, daß nur die nicht zur Gewerbe- fteuer veranlagten Hausgewerbetreibenden versicherungspflichtig sind, wird in der Begründung des vorliegenden Entwurfes gesagt, daß es ungerechtfertigt sei, weder eine solche sicher zu niedrige, noch eine andre Grenze festzulegen, die— wie in andren Städten— nach der Höhe der gezahlten Einkommensteuer sich richtet. Es sollen viel- inehr alle Angehörigen der Hausindustrie im weitesten Sinne und soweit sich dieser Begriff überhaupt begrenzen läßt, als versicherungs- pflichtig anzusehen sein. Obwohl dem Entwurf noch verschiedene Mängel anhaften, die sich allerdings aus der Schwierigkeit der Marerie zum Teil erklären, so ist er doch im Interesse der unter den elendesten Arbeitsbedingungen schmachtenden Hausindustriellen zu begrüßen. Pankow. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung fand die Einführung der wieder- und neugewählten Gemeindeverordneten statt. Unter den ncugewählten Vertretern befinden sich die Genossen Kubig und Fenaler. Da die Gemeindevertretung die Gültigkeit der Wahlen beschlossen hat, so sind nunmehr fünf Socialdemokra'teu Mit- glicder des Pankower Ortsparlaments.— Die Straßenbahn-Gesell- Ichaft Siemens u.Halske verfolgt seit längerer Zeit den Plan, die Linie Mittelstraße— Pankow in eine Zweiglinie Mittelstraße— Pankow— Nieder-Schvnhausen umzuwandeln. Der der für Pankow abgeschlossene Vertrag mit der Gesellschaft für die Gemeinde sehr ungünstig ist, so verlangt die Gemeinde für die Durchlegung gewisse Vergünstigungen, wie sie Berlin und auch andre Vorortgemeindcn haben, ferner die Zusicherung, daß der Fünfminuten-Verkchr bis zur Kirche bestehen bleibt-, die Forderungen lehnt die Gesellschaft rundweg ab und bietet der Gemeinde eine einmalige Abfindung von 3000 M. Die Vertretung beschloß die Ablehnung der 3000 M. und versagte die Genehmigung zur Benutzung hiesiger Straßen zur Durchlegung der Bahn nach Nieder-SchönHausen. Die Gcmciudevertrctuiig zu Groß-Lichterfelde hat in ihrer letzten Sitzung dem zweigeleisigen Ausbau der elektrischen Bahn von Siemens u. Halske vom Centrum des Ortes, der sogenannten Wiesen- bände, bis zum Bahnhof Groß-Lichterfclde-Ost zugestimmt, wodurch eine wesentliche Vcrkehrsverbesserung herbeigeführt wird. Die Nacht- arbeiten ani Tcltowkanal sollen fortan schneller gefördert werden. Die Gemeindevertretung hat sämiliche im vorigen Monat stattgehabten Gemcindevertreter-Wahlen für gültig erklärt. Ein ergreifendes Nachspiel hatte der in voriger Woche verübte Selbstmord des Lokomotivführers Karl Schmidt in Spandau, der sich auf der Lehrter Eisenbahn von einem Güterzuge überfahren ließ und am Montag beerdigt worden ist. Am andern Tage früh nach 6 Uhr, etwa um dieselbe Zeit, als ihr Ehemann seinen Tod gefunden hatte, erschien dessen Witwe in Trauerkleidung mit einem Kranze ans dem Geleise der Lehrter Eisenbahn und warf sich auf die Schienen, während ein Zug heranbrauste. Zwei in der Nähe be- schäftigte Gärtner, die die Frau beobachtet hatten, eilten indes schnell herbei und rissen sie noch kurz vor den Rädern der Lokomotive von den Schienen weg. Die Unglückliche wurde darauf ihren vier Kindern wieder zugeführt, die von dem schrecklichen Vorhaben der Mutter keine Ahnung hatten. Der Ehemann war freiwillig in den Tod gegangen, weil er, im Älter von 3S Jahren, wegen eines Augen- lcidcnS seinen Dienst nicht mehr versehen konnte und pensioniert werden sollte._ Gerichts-Zeitung. Tie beschlagnahmte Nr. 42 des„Simplicissimus", die schon so viel Staub aufgewirbelt hat, bildete den Ausgangspunkt einer An- klage gegen den Redakteur der„Welt am Montag", Max 2 u d w i g. die gestern vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I ver- handelt wurde. Ter Angeklagte hatte sich wegen Verletzung des 2S des Pretzgcsetzes zu verantworten, wonach während der Dauer der Beschlagnahme' die Verbreitung der von derselben betroffenen Druckschrift oder der Wiederabdruck der die Beschlagnahme vcran- lassenden Stellen unstatthaft ist. Die Nr. 42 des„Simplicissimus" ist durch Verfügung des Untersuchungsrichters in München beschlag- nahmt worden; aus der beschlagnahmten Nummer hatte die„Welt am Montag" den Artikel„Die sittliche Erziehung. Eine Fasten- predigt von Abraham a Santa Clara II." abgedruckt. Der An- geklagte erklärte, daß er allerdings von der Beschlagnahme Kenntnis gehabt, unmöglich aber habe annehmen können, daß dieser Artikel mit inkriminiert worden sei. Allgemein sei die Ansicht vorherrschend gewesen, daß. da ein Vergehen gegen die Religion die Maßregel veranlaßt haben sollte, zwei Illustrationen in jener Nummer zur Beschlagnahme geführt hätten.— Der Staatsanwalt war der An- ficht, daß, wenn dem Angeklagten auch der direkte Dolus nicht nach- zuweisen sei, hier doch ein Schulfall des dolus eventualis vorliege, da der Angeklagte, ohne zu wissen, ob der fragliche Artikel mit niiter die Beschlagnahme fiel, diesen skrupellos abgedruckt habe. Der Strafantrag lautete auf 100 M. Geldstrafe eventuell 20 Tage Gefängnis. Der Verteidiger führte aus, daß die in den§8 23, 24 und 20 deS Preßgesctzes festgestellten Voraussetzungen einer Beschlagnahme nicht beobachtet worden seien. Bei diesem Mangel müsse auf Freisprechung erkannt werden, die sich auch aus subjektiven Gründen älS not- wendig erweise.— Der Gerichtshof folgte den rechtlichen Ans- führungen des Verteidigers nicht, da es sich hier um eine Beschlag- nähme dilrch Verfügung des Untersuchungsrichters handelte. Objektiv seien die Voraussetzungen zur Anwendung dcS§ 28 gegeben und in subjektiver Beziehung liege dolus eventualis vor. Der Gerichtshof erkannte auf 2 00 Mark Geld st rase eventuell 20 Tage Ge- sängnis und Unbrauchbarmachung der Platten und Formen. ' Vorsitzender und Verteidiger. Wie ivir s. Z. mitteilten, kam es in der letzten Tagung des Schwurgerichts am Landgericht 1 zu einem Konflikt zwischen dem Vorsitzenden Lmidgcrichtsrat Easp er und dem Verteidiger Rechtsanwalt Bahn wegen einer Acußernug, die der Vorsitzende nach einer Zeugcnbefragung durch den Verteidiger gethan hatte und die dahin ging, er müsse es den Herren Ge- schivorenen überlassen, was sie von derartigen Fragen des Ver- teidigers halten wollten. Die hiergegen erhobene Beschwerde ist vom Landgerichts-Präsidenten in diesem Punkte für begründet erachtet worden. In dem Herrn Rechtsanwalt Bahn zugegangenen Bescheide heißt es:„Wenn der Vorsitzende der Meinung war, daß die fernere Befragung' eines Zeugen überflüssig war. so hätte er von seinem gesetzlichen Rechte aus§ 240 Str.-G-B. Gebrauch machen und die gestellte Frage zurückweisen können. Es erscheint nicht angebracht, nach Zulassung der Frage eine solche Aeußeruna zu machen, da eine derartige Kritisierung geeignet erscheint, das Ansehen der Verteidiger vor den Geschworenen herabzusetzen. Dem Vorsitzenden ,st diese Ansicht zum Ausdruck gebracht worden." Zwei weitere Beschwerde- punkte sind als begründet nicht erachtet worden.— Bekanntlich hatte der Verteidiger infolge der Aeußerungen des Vorsitzenden sein Mandat niedergelegt und das Gericht hatte ihm die Kosten des Termins auferlegt. Die hiergegen eingelegte Beschwerde schwebt noch beim Kommergericht. Eine Anklage wegen Majestätsbcleidigung, die die erste Straf- kammer des Landgerichts II zu verhandeln hatte, richtete sich gegen den Arbeiter Traugott M unsk i. Der wegen Bettelns-c. schon mehrfach vorbestrafie Angeklagte wurde von inchreren Ohrenzeugen beschuldigt, am 22. Oktober v. I. in einem Schanklokale über die Person des Kaiser? beleidigende Bemerkungen gemacht zu haben. Er inachte vor Gericht geltend, daß er manchmal nicht wisse, was er thue, da er nicht ganz zurechnungsfähig sei. Der Kreisarzt Dr. Ketteier begutachtete, daß der Angeklagte kein ganz normaler Mensch, sondern geistig minderwertig sei, aber nicht als unzurechmmgs- fähig im Sinne des§ 51 St.-G.-B. zu gelten habe. Der Angeklagte lvurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Geburtstagsfeier, die ein blutiges Ende nahm, gelangte gestern vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I zur Erörterung. Am Abend des 12. Januar gab es bei dem Restaurateur Tesch in der Sellerstraße anläßlich seines Geburtstages Freibier, dein die Gäste fleißig zusprachen. Die Wirkungen äußerten sich sehr verschieden, während die meisten von großer Lustigkeit ergriffen wurden, machte sich bei dem Arbeiter I o h a nn L a n g e eine entschiedene Neigung geltend, Skandal und Streit anzufangen. Er trieb es schließlich so arg, daß alle übrigen Gäste darin einig wurden, daß der Störenfried hinausbefördert werden mußte. Als man ihn bis zur geöffneten Thür gedrängt hatte, drehte Lange sich plötzlich um, und jagte sein Taschenmesser dem ihm zunächst stehenden Gegner, dem Droschkenkutscher Bethge in die Brust. Der Getroffene brach schwer verletzt zusammen. Der Stich hatte beinahe die Lunge getroffen und wäre dann tödlich gewesen. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten eine Gefängnis- strafe von drei Monaten, der Gerichtshof war aber der Ansicht,' daß dem Unftlg, bei jeder Gelegenheit zum Messer zu greifen, energischer entgegengetreten werden müsse und erkannte auf neun Monate Gefängnis._ Versammlungen. Vierter Wahlkreis(Osten). In der Generalversammlung des Socialdemokratischen Wahlvcreins, die am Dienstag im Lokal „Königsbank" stattfand und außergewöhnlich zahlreich besucht war, hielt der Direktor der Treptower Sternwarte, Herr Archen hold, einen sehr interessanteil mid lehrreichen Vortrag über„Welt- anschauung und H i m m e l s k u n de", der lebhaften Beifall fand.— Darauf wurde die Ergänzungswahl zum Vorstand vor- genommen. Die statutengemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder: der zweite Vorsitzende Vogel, der zweite Kassierer Jansen und der zweite Schriftführer G u z y wurden einstimmig wiedergewählt. — Dann wurde über einen Antrag des 179. Bezirks beraten, wo- nach bei jedem Sterbefall dem verstorbenen Mitgliede eine Todes- anzeige im„Vorwärts" und ein Kranz mit roter Schleife gewidmet lvcrden sollte. Nach kurzer Debatte wurde jedoch auf Antrag des Vorstandes beschlossen, nur dann verstorbenen Mitgliedern, die mindestens 3 Monate dem Verein angehören und mit ihren Bei- trägen nicht länger als 3'Monate im Rückstand sind, außer der Todesanzeige einen Kranz mit roter Schleife zu widmen, wenn kein Geistlicher bei der Beerdigung mitwirkt. Grund zu dieser Einschränkung gab, wie in der Debatte von mehreren Genossen hervorgehoben wurde, der Umstand, daß es häufig wegen des Kranzes zu Acrgernis erregenden und die Feier störenden Aus- einandersetzungen mit dem Geistlichen gekommen ist.— Ferner wurde auf Antrag des Vorstandes beschlossen, neben dem zweiten Mittwoch im Monat, dem allgemeinen Zahlabend für die Parteigenossen Berlins, noch einen E x t r a z a h l a b c n d für den vierten Wahlkreis Osten festzusetzen und zwar auf den vierten Dienstag im Monat. Es haben schon bisher für den vierten Wahlkreis Osten zwei Zahlabende im Monat bestanden, so daß es sich also in dieser Hinsicht um keine Neuerung handelt.— Dann wurde beschlossen, eine Herreilpartie am Himmelfahrtstage zu machen; die näheren Bestimmungen darüber zu treffen, wurde dem Vorstand überlassen.— Schließlich gab der Vorsitzende L i t f i n noch bckmmt, daß der Vorstand folgende Mitglieder aus dem Wahl- verein ausgeschlossen hat. weil sich bei den Wahlen herausgestellt hatte, daß sie nicht als Socinldemokraten angesehen werden können: Gastwirt Fritz Lade ma n n, Barbier Richard A u g n st i». Blumenhändler Ernst Emmerich und Zahnkünstler L e g a r t h. Die Stiikkakenrc befaßten sich am Montng in einer von der hiesigen Verbandsleitung einberufenen öffentlichen Ver- sammlung mit Tarifängelegciiheiten. Krebs als Referent wies auf mehrere Tarifverbesserungen hin, die laut Vertrag mit dem I.Mai dieses Jahres in Kraft treten, und ermahnte die Anwesenden, für deren unbedingte Durchführung Sorge zn tragen. Bisher habe ein Teil der Kollegen leider einen bedauerlichen Mangel an Selbst- bewußtsein den Unternehmern gegenüber gezeigt, was dazu führte, daß von einer ganzen Anzahl Arbeitgeber die Bestiinniungen des Tarifvertrages nicht innegehalten worden sind. So ist verschiedentlich die 8>/„stündige Arbeitszeit überschritten worden, auch habeil sich die Stukkateure häufig das Material selbst Heraugetragen, wodurch die Unter- nehmer die Ausgaben für Hilfsarbeiter wenigstens zeitweise ersparten. Redner kam zu dem Schluß, daß zur Durchführung des Tarifs und damit zur Hebung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter nicht unbedingt imincr nur eine gute Geschäftskonjunktur notwendig fei, sonderil daß hierbei in erster Linie die Stärke der Organisation den Aus- schlag giebt. Zur Annahn, e gelangte folgende Resolution: „Die Versammlung erwartet von jedem Kollegen, daß er für die Hochhaltung unsres Tarifvertrages in allen feinen Punkten eintritt und ersucht besonders jeder Stukkateur, etwaige Tarifdurchbrechungen sofort der Organisation zu melden." Alsdann auf die paritätische Arbeitsver Mittelung im Berufe eingehend, stellte Krebs fest, daß die„Freie Vereinigung" nach wie vor ihren eignen Arbeitsnachweis aufrecht erhält, obwohl sie unterschriftlich den laut Vertrag errichteten paritätischen Arbeitsnachweis anerkannt habe. Auch die Unternehmer machen sich jenen Sonder-Nachiveis zu Nutze, indem sie dort häufig Arbeitskräfte herbeziehen, und die Poliere holen sich sogar Leute von auswärts herbei, obgleich Dutzende von Arbeitslohn am Orte vorhanden und in dem paritätischen Nachweisregister eingeschrieben sind. Es handle sich hier um eine flagrante Umgehung der Vertragsbestimmungen, der künftig mit aller Energie entgegengetreten werden müsse.— In der Diskussion, an der sich Mitglieder der Freien Vereinigung nicht beteiligten, wurde zwar allseitig empfohlen, den paritätischen Arbeits- Nachweis mehr wie bisher zu benutzen, bemängelt wurde jedoch, daß die Arbeitsuchenden dort so lange Zeit warten müßten, ehe sie Beschäftigung nachgewiesen erhielten.— Außer der Tagesordnung empfahl Krebs namens der SchlichtungS- kommisston, den Kollegen der Firma S ch i r m e r. Schapcrstraße. die Arbeit wieder aufzunehmen, da ein Teil der Differenzen durch entsprechende Zusagen des Unternehmers erledigt seien, der andre Teil aber, soweit er rückständige Lohnforderungen betrifft, gclverbegericht- lich zum Austrag gebracht werden soll. Neu-Weißensee. Der Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse hielt Montag, den 11. April, eine gut besuchte Mit- glicderversammlung ab, in welcher Herr Dr. Röder einen Vortrag über„Wirbelsäulenverkrümmungen" hielt.'In klarer, anschaulicher Weise schilderte Redner die Ursachen uttd die Verhütung dieser Krank- heit. Aufmerksam folgte die Versammlung den interessanten Aus- führungen. Namens des Vereins dankte die Vorsitzende Herrn Dr. Röder für den lehrreichen Vortrag. Berliner Tanzlehrer- Berein(Freie Vereinigung). Sitzung jeden Freitagabend Uhr, im Englischen Hos, Neue Rvßstr. 3. Tanzlehrer als Gäste ivillkonimcn.___ Vermischtes. Ei»„räuberischer Ueberfall" in Berlin, den ein jugendlicher Abenteurer seiner Zeit ersonnen hatte, fand gestern vor der zweiten Strafkammer des herzoglichen Landgerichts in Braunschweig seine Sühne. Angeklagt war der 18jährige Kaufmannslehrling Otto Rotte, der vor einigen Monaten seinem Chef in Wolfenbüttel die Summen von 500 Mark unterschlagen hatte, die er bei der Post einzahlen sollte. Der Defraudant flüchtete nach Berlin, wo er in wenigen Tagen das Geld bis auf den letzten Pfennig verjubelte. Dann fingierte er einen räuberischen Ueberfall, indem er sich in seinen, Berliner Absteigequartier an Händen und Füßen fesselte und auch einen geladenen Revolver neben sich legte. Die Berliner Kriminal- Polizei erkannte aber sofort, daß der Ueberfall völlig aus der Lust gegriffen war. Der„Ileberfallene" wurde verhaftet und nach Braun» schweig zurllcktransportiert, wo ihn jetzt die Strafkammer wegen Unterschlagung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilte. Eiseubahuunfall. Dortmund, 13. April.(Amtliche Meldung.) Gegen 5V2 Uhr heute vormittag hat Güterzug 8005 bei Block Zink» Hütte Kilometer 122,5 in, Zinkhüttengeleis das auf Halt stehende Signal und den Prellbock überfahren. Lokomottve und sechs Wagen sind entgleist. Zinkhüttengeleis und beide Halb-Geleise waren ge» sperrt. Schnellzug 0 wurde über Courl bis Meppen und Expreß- zug 12 über Unna geleitet. Ganz-Geleis Hamm bis Dortmund ist um 7 Uhr wieder frei. Die Züge fahren von dort zwischen Dort- mund und Scharnhorst eingleisig. Geleis Dortmund bis Hamm wird voraussichtlich um 0 Uhr wieder fahrbar sein. Materialschaden gering. Personen nicht verletzt. Es giebt noch Gemütsmenschen. In einer Allensteiner Zeitung ist folgende Anzeige zu lesen:„Meine Verlobung mit dem Pumpenwärter Gottlieb Teyke aus Allenstein erkläre ich für auf- gehoben, da er mit seiner Frau noch immer nicht geschieden ist. Franziska Wischnewski." Bon Dieben geplündert worden ist die Kirche in Borgund, in der seiner Zeit die durch das Brandunglück bettoffenen B e- w 0 h n e r von A a l e s u n d untergebracht wurden. In der Sakristei wurde Feuer angelegt. Die Kirche brannte gänzlich nieder. Von den zahlreichen Altertümern, tvelche die aus dem zwölften Jahrhundert stammende Kirche enthielt, wurde nichts gerettet. Einzelne Wertgegenstände, wie Altarkelch und Altarlcuchter, wurden auf dem Felde geftinden._ Eingegangene Druckfchnfteii. Alkohol und Verkehrswesen. Vortrag von Eisenbahndircktor de Terra. 2. Aufl. Mit einem Anhang: Die Wirkung geringer Alkohol« mengen aus die Gehirnthätigkeit. Verlag H. Hildebrandts Buchhandlung, Stolp i. P. Zeitschrift für Kolonialpolitik, Kolomalrecht und Kolonialwirtschaft. Heft 2. Februar 1904. Jahrg. VI. Einzelnummer 1,25 M. VerlagS-Buch- handlung. Berlin IV. 30, Goltzftr. 24. A. Nüdiger-Miltcnberg. Der gerechle Weg. Ein neuer Versuch und Vorschlag zur Lösung der socialen Frage. Preis 2,60 M. Bibliographisches Institut für Versichcrungs-Wisscnschast. Berlin W. 62. Marktpreise von Berlin am 12. April 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. Weizen, gut D.-Ctt. 17,65 17,62 mittel„ 17,56 17,50 gering„ 17,53 17,50 Moggen, gut„ 13,05 13,04 mittel„ 13,03 13,02 gering„ 13,01 13,00 IGerste, gut. 13,80 12,90 mittel. 12.80 11.90 gering„ 11,80 10,90 tHaser, gut, 15,00 14,10 mittel. 14,00 13,20 gering„ 13,10 12,30 Richtstroh. 4.32 4,00 Heu. 7,40 5,00» Erbsen.' 40,00 28,00 Spcisebohnen. 50,00 26,00 Linsen. 60,00 25,00 * ab Bahn. f frei Wagen und ab Bah».' Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 Kg do. Bauch„ Schweinefleisch„ Kalbfleisch, Hammelfleisch Butter Eier Karpsen Aale Zander t echte arsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 kg per Schock 8,00 1.80 1.40 1,60 1.80 1,80 2,60 4,00 2.40 3,00 3,00 2,20 2,00 3,00 1,40 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2.00 2,80 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1.40 0,80 3,00 Witterungsübersicht vom 13. April Ivv4, morgens 8 Uhr. Stationen Swineindc. Hamburg > Berlin Franks.a.M München fflien BeUer 69K gg» uro 3 wolkenl 3 bedeckt 2 wolkig 1 halbbd 2 wolkig i I halbbd.! Stationen S S •t s Haparanda 7e0N Petersburg! 757 NW Corl■■ Werdcen Paris 763S Wetter 2 heiter rwoltcnl Owollig Vitt eÄ. II Wfo —3 -0 13 Wetter-Prognose für Donnerstag, den 14. April 1904. Ziemlich trübe mit Regensällcn, lchasten südlichen Winden, wärmerer Nacht und wenig veränderter Tagestempcratur. Berliner Wette rbureau. ßnefkasteti der Redahtton. Tibet. 1. 2 Millionen Quadratkilometer mit 2 Millionen Einwohner. Ein Einwohner aus einen Ouadratkiloinctcr. Größtes Hochland der Erde. 2. Regent der Dalai-Lama, der Hohepriester, jetzt eine machtlose Puppe in der russifch-englischcn Politik. 3. Hauptstadt Lhasa, das Ccntrum des tibc- tanischcu Buddhismus.— H. H. Niemals.— W. O. Ja.— M. 8. 1.«ein. 2. Ja.— F. 2ch. 1. Andreas sw. 75. 2.«ein. 3. Fragen Sic Stöcker selbst. Adresse: Reichstag. 4. Direkte Beweise nicht vorhanden.— Radium. Dir.— M. E. 35. 1. Nein; giebt eS nicht. 2. Im juristischen Teil erledigt.— Arbeiterversicherinig. Troschel, Gruiiewald-Kolonieii.— Fried richsfelderstraffc. Spictsragcn entscheiden wir grundsätzlich nicht. — A. Z. 1., 2., 3. und 6. Das Berliner Polizeipräsidium am Alexander» platz könnte wohl Auskunst geben. 4. Wenden Sie sich einen Tag vor der Sitzung an einen Ihnen bekannten Abgeordneten oder an die Ausgabestelle der Karten. 5. Ja.— P. K. Ersuchen Sic zunächst den betteffenden Klassenlehrer oder den Rektor um eine geeignete Auskunst.— M. W. Man kann Ihnen von Ihrem Plan nur dringend abraten.— Ltcgniiicrstr. Für centralamcrikanische Verhältnisse ist das ein niedriger Gehaltssatz.— B. Z. 2. Erkundigen Sie sich brieflich bei dem Abg. Baudert, Apolda darnach.— A. T. Wenden L-ie sich an die Redaktion der„Deutschen Bäckcrzeitung", Hamburg, Maxstr. 27.— P. O.«ein.— Sch. 17. Das wird Ihnen aus jedem Polizeirevier milgeteilt.— Propriötö. Eigeulum ist Diebstahl. Zuerst von Brissot einem Führer der Girondisten in der großen französischen Revolution ausgesprochen, dann um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von Proudhon als neue Weisheit ausgewärmt. Wollankstr. Zum Reichstage sind Sie vom 25. Lebensjahre� ab, zum Landtage vom 24. Jahre ab wahlberechtigt.— Schroeter. Der Suezkanal ist am 16. November 1869 eröffnet worden. Erbaut wurde der Kanal von einer Privatgesellschaft, der die ägyptische Negierung 1856 eine aus 99 Jahre geltende Konzession erteilte. Die Baukosten stellen sich mit Zinsen und Amortisation ans 427 Millionen Frank. Die Gesellschaft erhebt auch die DurchsahrtSgebühren. Die Länge des Kanals betragt 161 Kilometer. Jm-iltikcstei- Cell. Die juristische Sprechstunde findet täglich mit ZluSuayme deS EonnabtUdS von?>/i dis»-/, Uhr abends statt. Geöffnet: 7 Ilyr. Mclittc Th. Die eingebrachten Sachen des Untermieters unterliegen dem Pfandrecht des Vermieters nicht. Sie könne» ans Herausgabe und eventuellen Schadensersatz klagen.— A. T. W Nach§ 45 Absatz 6 des Krankenversichernngs-Gesebes steht es dem Vorstand, der Generalvcr» samnilung und dem durch die behördliche Anordnung betroffenen Vorstands- Mitglied der Kasse frei, gegen die Verfügung der Aussichtsbehörde binnen vier Wochen nach der Zustellung das Verwalluiigssweilvcrsahren einzuleiten. — Biansfelder Seekreis. Ihre Anfragen sind in Nr. 63 vom 15. März beantwortet. Meinen Sie eine andre Anfrage, so wiederholen Sie diese. — TP. 91. Sühiictcrmi» ist vor Anstellung der Beleidigungsklage nur dann erforderlich, wenn beide Parteien in derselben Geincindc wohnen.— Tf- M. 100. Bauklempner, ja.— Karl Friedrichstr. 125. Daß§ 2 ausgehoben ist und wie die Sach- und Rechtslage ist, ist des eingehendsten von uns dar- gelegt. Schlagen Sie die März, und Aprilnummern unsrer Zeitung nach. — P. S. 50. 1 Ja 2. Das würde unnütze Kosten verursachen.— C. H. 49. Die falsche Angabc könnte zu einer Anklage wegen versuchten Betruges führen und Ihre Rechte ans dem Versicherungsantrage ausheben. — Unter 49. Der unterliegende Teil hat die Kosten des Prozesses in der Regel zu tragen. Der siegende Kläger kann aber, wenn der Beklagte kernen Anlaß zur Klage gegeben und den Kläger sofort llaglos gestellt hat, zur Kostenzahlung verurteilt werden. Der siegende Kläger bleibt auch für Vor- schußzahlimg verantwortlich.— Vetcraneubrihilse. Die B. ist an bedürsiige Kriegsteilnehmer zu zahlen und beträgt 120 Mark jährlich.— I. B. Soweit ersichtlich, liegt Verjährung vor.— Rieb.» O. K. 89. Stenern. O. E. 5. Nein.— S. S. Hagen. Haben Sie gegen einen politischen Strasbcsehl richterliche Entscheidung verlangt, so wird gerichts- festig Termin anbcraumi. Haben Sie lediglich den Sttasbcschl„zurück- geschickt", so wird er rcchtslrästig. Die Verjährungsfrist(3 Monate) ist durch den Strasbesehl unterbrochen.-- Brau» 83. Was ans dem Tisch beim Schwören steht, geht Sie nichts an.— P. D. 03. t. Liegt die Sache. >vie«ie sie darstellen, so haben Sie nichts zu zahlen. 2. Dazu liegt keine Veranlassung vor.— I. W. Warschauerstraffe. 1. Ja. 2. Leider nicht. Kür de» Inhalt der Inserate überniuimt die Redaktion dem Publik»»« gegenüber keinerlei Bcrautwortung. UKeater. Donnerstag, den 11 April. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Manon. Schauspielhaus. Götz von Bcr- lichingen mit der eisernen Hand. Ansang 7 Uhr. Dcntsches. DerPfarrervon Kirchseid. Berliner. Maria Theresia. Lcssing. Zapfensireich. Weste». Die Prinzessin von TraPc- zunt. Neues. Pelleas und Melisande. Residenz. Der keusche Casimir. Vorher: Die Empfehlung. Central. Der Zigeunerbaron. Bellc-Alliance. Freut Euch des Lebens. Thalia. Der Hochtourist. Anfang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner- Theater.) Der Geizige. Der eingebildete .(kranke. Schiller(Fricdrich-Wilhelmstädt.) Ferrsol. Kleines. Nachtasyl. Luisen. Dr. Wespe. Trianon. Das elfte Gebot. Hieraus: Der Dieb. Carl Weift. Ein Mädchen aus dem Volle. Deutsch- Amerikanisches. Ueber'n großen Teich. Gebr. Herrnfeld. Nur eine Nacht. Am andern Morgen. Metropol. Ein tolles Jahr. Casino. Der Raub der Sabine« rinnen. Palast. Die Weber. Winter-Garten. Speciaiitäten. Apollo. Liebesgötter. Speciaiitäten. Rcichöhallen. Stettiner Sänger. Passagc-Theater. Speciaiitäten. llrauia. Taubenstrafse 18/1S. Am 8 Uhr: Frühlingstage an der Riviera. Hörsaal 8 Uhr: Pros. C. Müller: Tierstaaten und Vergesellschaftung >m Tierreich. Jnvalidenstrafse 57/63. Stern- „Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Neues Theater. Schifsbauerdamm 4a— 5. Pelleas und Melisande. Ansang 7'/. Uhr. Morgen: Minna von Barnhelm. Ccntral-Theater. Heute 71/, Uhr: Gastspiel Eichbaum-Deutloff. � Der Zigeunerbaron. iireitag. Sonnabend, Sonntag, abends VI, Uhr, in erster Besetzung: »er Zlgeuncrbaron. Josefihe Vettori, Oskar Braun, Rudoll Ander. «onutagnachm. 3 Uhr: Hefgunst. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Dr. Wespe. Freitag: Der Veilchenfresser. Sonnabend: Dr. Wespe. Sonntagnachmittag: Romeo und Julia.— Abends: Dr. Montag: Dr. Wespe. Rejidenz-Theatkr Direktion S. Lautenburg. Der keusche Eusiuiir. Vorher: Freitag: Vorletztes Austreten Actolf Sonnenthals: Nathan d. Weise. Sonnabend: Letztes Austreten in Berlin: Nathan der Weise. Sonntag: Der keusche Casimir. Vorher: Die Empfehlung. Nachmittags 3 Uhr: Eeeniines Ehemänner. Hetropol-Theater Zum 31. Male: Ein tolles Jahr. T'1- dramatisch- satirische Revue m o üilrlorn von Julius Freund. Musik von Victor Hollaender. iscene. gesetzt vom Direktor i-Riia ,loll5rd Schultz. o n'ii" wm Kleinkindersee. 5: Bild: Das ÖnlenlfesT63' 4- B(P�odfc,.nCUO ZaPfenstreich 5' B(BallSefe' die ihn erreichten Anfang 8 Uhr. Rauchen uberall gestaffaf HEUTE: Zum 232. Male; Anfang 8 Uhr. Ende 10 Uhr 30. Deutsch- Amerikanisches THEATER Köpnickerslrasse 67. jeden Abend; Gastsp. Ad. Philipp Ücbern «ROS8EX TEICH. Carl Weiss-Tliealer. Bürgerliches Schauspielhaus. Direktion M. E. Fischer. Grosse Fsrnnkfurter Straffe 133. Ein Mädchen aus dem Volke. Volksstück mit Gesang in 3 Akten von S. Simonsohn und E. Ritterseldt. nmr Anfang 8 Uhr."Tpß Morgen zum erstenmal: Zv/isehsn 3«ei Herron. filcbiiier-T'beator O. (Wallncr-Thcater). Donnerstagabend 8 Uhr: Der Oeizige. Lustspiel in 5 Auszügen von Molifete. Hieraus; Der eingebildete Kranke. Lustspiel m 3 Akten von Molifere. Freitagabend 8 Uhr: Zum erstenmal: 0as grobe iiemd. Sebiller-'rbeater ST. (Friedrich-Wilhelnistädiisches Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: iFerrdoI. Schauspiel in 4 Auszügen von Victorien Sardou. Freitagabend 8 Uhr: Der Cieizige. Hieraus: Dcreingeb. Kranke. Thalia-Theater. Belle-Alliaiice-Thealer. Dresdeners�. 72/73. Amt IV 4440. Ans. VI, Uhr. Direktion Jean Kren Heute und folgende Tage: Der Hochtourist mit neuen Gesangseinlagen. Guido Thielscher in der Titelrolle. Sonntagnachmittag 3ll, Uhr: _ Charleys Tante. Belle-Alliancestr. 7/8. Amt VI 283. und Alfred Schönfeld. Ans. VI, Uhr. Heute und folgende Tage: Freut Euch des Febens. Große Ausst.-Posse m. Gesang u. Tanz in 3 Sitten. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der 8»bn der Wildnis. IX.. Berliner Saison Cirkus Busch. Abends 7>/z Uhr: Fortsetzung der Grossen internationale» Dmer de �----- ��.liuu�cn). Urban Christoph, der rheinische Riese gegen Dirk van den Berg (Holland). Nach Ausscheidung der bisher im Vorringen viermal gc- worfenen Ringer spielen sich gegenwärtig die Endkämpfe zwischen den nunmehr als die acht besten Ringer ermittelten Teilnehmern ab, von denen jeder einzelne mit seinen sieben Konkurrenten ringen muß. Jeder Sieg zählt sür einen Punkt, und ergeben die meisten Punkte den Haupt- sieger. Ferner:(Neg- Anftreten des i?Ionsieur Rforok. _ Das Tollkühnste auf dem Gebiete des RadsahrsportS: ÜV Der Saltomortale mit dem Xneirad. Aus den Aflpen, Bemerkenswert: Der Antomobilstnrz. freie Volksbühne Sonntag, den 17. April, nachmittags 23li Uhr: Kletropol-Theater 1 Uessing-Theater 7./8. Abteilung: 10./11. Abteilung: Frau Warrens Beruf.| Zapfenstreich. 228/15 Der Torstand. I.A.; G. Winkler. Urania. Taufaenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Frühlingstage an der Biviera. Hörsaal 8 Uhr: Prof. C. MüUer: Tierstaaten und Vergesellschaftung im Tierreich. Sternwarte Ä: CASTANS PANOPTICUM Friedrichstr. 165. Letzter Monat der Tunesen-Truppe. (Afrika in Berlin!) Grosse Völkerschaustellung! Die schönen Harems- Damen aus Tunis. Trianon-Theater. Georgenstraße, zwischen Friedrich und Universitätsstraße. DM- Abends 8 Uhr:"SSst! Das elfte Gebot. Hieraus: Dev Dieb. Kleines Iheeier. Unter den Linden 44. NsvkRsszfl. DGt- Anfang 8 Uhr.-MU Morgen: lies Pastors kieke. tzeiie-Iheafer. Abends 8 Uhr: Heue ZpeeisllMeu. 83/4 Uhr: Liebesgötter. Im dritten Bild: Der grosse Götterzug und die Scnsations-Apotheose. Casino-Theater. Loihringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt,'/a8- Heute letzte Aufführung: „Her Raub der Sabinerinnen". Vorher das vollst, neue Aprilprogramm Freitag, den 15. April: Premieren- Abend. Sonntagnachm. 4 Uhr: Der Raub der Sabinerinnen mit Max Waiden als Gast. Passage-Theater. Anfang: Sonntags 3 Uhr. Wochentags 5 Uhr.— Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr Jeden Abend 10 Uhr: Grosse internationale Ringkampf- Konkurrenz. 20 preisgekrönte Ringkämpfer. Oskar Fürst* Lina Goltz Humorist. Soubrette. 14 erstklassige Nummern. �ans�onci. Kottbuscr Thor— Stat. der Hochbahn. Sonniag, Monlag und Donnerstag: K o f f in a n n s Norddeutsche Sänger, Nach jeder Soiree: Tanzkränzchen. Dicnslag, den 19. April: Vorletzter Theaterabend: Ein geadelter Kaufmann. Pvllsjiück i» ü Alten von G ö r n e r. I • 1IWUWUW 1 UVUIVI• Direktion; Robert Dill. Brnnncnstrasso 10, Zum letzteumal: Kabale und Liebe. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Freitag: Der Better in tausend Aengsten. Gchrttdcp Herrnfeld- Theater. Lachen ohne Ende!-ML Witz aus Witz I-ML Schlager aus«chlager!*ML Ein Bombenerfolg!"ML so lautet die einstimmige zgM- Prcmiercn-Kritik-MW über die Anton u. Donat Herrnseldsche Novität AmsnliernKiirgen! Dazu täglich die zwciallige Ehekomödie Kur eine Nacht I mit den Autoren in den Hauptrollen. Ansang 8 Uhr präcisc. DM- Schluß der diesjährigen Spiclsaison: Donnerstag. 28. April, wegen Gesamt-Gastspicl dcsHerrnseld- Theaters in Köln a. Rh. Ab 7. Mai: Gastspiel des Original- Tegernseer Bauern-Theaters. Palast- Theater Burgstraffe 23, früher Feen-Palast. Die Weber. Eharaltergcmälde mit Musik von W. Gerickc. Im pyramidalen Spccialitätcntcil: Miss Darnett, athletische spiele. Miss Aida, Trapez-Künstlerin. The Crullers Comp., der Satan a. Reiter Nedda Petraca, jugendliche Soubrette. Miss Cayra, Handstand-Künstlerin. Emmeline Hochberg, Vortr.-Soub reite. Miss Sloers, die musitalische Laube. Freitag, den l5. April, abends 8 Uhr: Der Hüttenbesitzer. Schauspiel m 5 Akten von G. Ohnct. r Hasenheide 108/114. (Hrnold Scholz.) Jeden Donnerstag: Neue Weltl » > i i • Heute: pccbfcbulze. Gesangsposse in 4 Akten von' Salingre. Nach der Vorstellung:> Familieukränzclien. Anfang 8 Uhr. Entree 30 Pf.> Vorzugskarten gelten. Königstadt-Kasino Holzmarktstr. 72, Ecke Alcxandcrstraßc. Grosse Extra-Vorstellung. Um 9 Uhr: Die Erbtante. Zum Schluß aus�viclseitigez Verlangen Die weiße Dame. Große SPecialilätcn-Vorstcllung. Keine erhöhten Preise. Anjang 6 Uhr.-ML Stadt-Theater Moabit Alt-Moabit 47/49. Heute Donnerstag, den 14. April: BerDtiacil Hose-Tlieater-Enseinlile. Muttersegen. Schauspiel mit Gesang in 5 Akten von G. Lcmoine. ntf Ansang 8 Uhr.-MW Nach der Vorstellung: Orossei* Ball. Sonntag, den 17. April: Berlin wie cd weint und lacht. Belvl»!3liall«n Stettiner Sänger Zum Schluß: N e u! Cirkus Lenz und Cirkus Pusch. Keliine-Truppe Italienische Akrob. Littke Carlsen Im Ball-Foyer. Paul Conchas In seiner Scene im Bivouak. Robinson Baker-Trio Springer. Helene Land Vortrags-Soubrette. Gostantino Bernardi Verwandlungsschauspieler Siegwart Gentes Humorist. Orfords Wunder-Elefanten. Peschkoff-Truppe RussischeTänzer. Die Blumenkönigin Tanzdivertissem. Biograph. FrötiBlsAllfirlei-Theatei' Schönhauser Allee 148. Sonntag 6 Uhr: Karburger Sänger Nach der Vorstellung: Grosser Extra-Tanz. Montag 8'/. Uhr: Burmeisters Goethe-Ens. Grosser Theater-Abend. Dr. SimmeS, Specialarzt für[86/15* Hnnt- und Harnleiden. 10—2,5— 7. Sonntags 10—12 2—4. [—Eine Mark wöchentliche Teilzahlung liefere Bestellungen n. Maß, tadell. Auss. Werkstatt im Hanse. �.il!iMg,äeiieWllck.l?. MSH Direkt am Alexanderplatz. I f„ArminsHallen" IKommandantettstrasse 20. Zur beverstehenden Saison empfehlen wir nnsren großen, schattigen • Aatnr-Garten nebst grobem Saal mit Nebenräumen, insgesamt über 2000 Pers. fassend, zu Sommer- festen, Sommernachtsbälle»:c.(Für Vereine auch Kaffecküche.) Gleichzeitig bringen wir unsrc 8 Vcreinszimmer verschiedener Größe in enipsehlcnde Erinnerung. Unsrc Säle mit Garten und sämtlichen Nebenränme» am Mai noch zu vergeben. Ergebenst 4835L* «ehr. Hieiitz,„Armin-Hallen", Kommandantenstr. •SHKSHMHKSJHKOHH:«! I M 1. M. 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Die Beerdigung findet am Frei- tagnachmittag 4 Uhr vom Moabiter Krankenhause nach den: neuen Johannes-Kirchhos in Plötzensee statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 294/5 Der Vorstand. Todes- Anzeige. Dienstagvormittag 11 Uhr ent- schlief sanst. nach langem Leide» mein lieber Mann, unser Herzens- guter Vater, Bruder und Schwager, der Restaurateur AM Memel im Alter von 46 Jahren. Dies zeigt tiesbetrübt an Im Namen der Hinterbliebenen:! Witwe Bmiiie Hemel. Berlin, den 13. April 1904. Die Beerdigung findet aml Freitagnachmittag 3 Uhr vom Trauerhäuse, Pappel-Allee 132/ aus nach dem Central- Friedhofe in Friedrichsselde statt. 4ö5b I Danksagung. Sagen hiermit allen denjenigen, die unsern lieben Bruder, Schwager lmd Onkel Hiehard Stocker zur letzten Ruhe geleitet haben, insbesondere aber dem Sparverein„Hoffnung" und d em Deutschen ZRetallarbeiter-Verband sür die schönen Kranzspenden unsern herzlichsten Dank. 469b Die trauernden Hinterbliebenen: L. Stocker«. Frau, Falckensteinstr.43,1. 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