Ur. 99. HbonncmcntS'Bcdingungcn: Abonnements- Preis pränumerando! Bierteljährl. 3,30 Mk,, monatl, 1,10 Ml., wöchentlich 28 Pfg. frei inS Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags» nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Well» 10 Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. S1. Jahrg. vle lnlerNonz-Ledühr beträgt für die sechSgcfpaltene Kolone!» zeile oder deren Raum 40 Pfg., fit« politische und gewerlschaftliche Vereins« und BerfammlungS-Anzeigen 23 Pfg. „Kieiru Hnieigen", das erste(fett» gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 3 Pfg. Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 3 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen» tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Crfchtlnt»glich außer montags. Derlinev VolksblÄtk. Telegramm»Adreffe: „Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der rozialdemokrati leben Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Llndenstraese 69. Kernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Donnerstag, den Ä8. April 1904. Expedition: SM. 68» �.indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Ein neuer Waldersee-Feldzug. Wir gaben bereits gestern der Befürchtung Ausdruck, dah dem Reichstag schon in nächster Zeit neue Forderungen für weitere Truppennachschube nach Südwestafrika unterbreitet werden würden. Diese Vermutung scheint sich über Erwarten schnell bestätigen zu sollen. Im„Lokal-Anzeiger" befindet sich in dem heutigen Abend- blatt folgende höchst eigenartige Notiz: „In hiesigen parlamentarischen Kreisen kursierte heute mittag das mit voller Bestimmtheit auftretende Gerücht, Oberst Leutwein habe seine Demission als Tnippenführcr angeboten und vorgeschlagen, seine Thätigkeit auf die Gonvernementsgeschäfte zu beschränken. Hiermit in Verbindung wird die Frage der Entsendung neuer, bedeutender Verstärkungen nach Südwestafrika erörtert, mit denen zugleich als Ober- bcfchlshaber der gesamten Streitmacht Generallieutenant v. Trotha hinausgehen würde. An hiesiger amtlicher zuständiger Stelle war bisher eine Bestätigung dieser Nachrichten nicht zu erlangen." Es ist ja hinlänglich bekannt, datz der„Lokal-Anzeiger" die vorzüglich st en Verbindungen mit der Regierung unterhält, daß er vielfach geradezu als amtliches Publi- kations-O rgan benutzt worden ist. Erst in letzter Zeit konnte er sich ja rühmen, dD einzige deutsche Blatt zu sein, das dem Kaiser in unverstümmeltem Zustand zu Gesicht kommt I Wenn also dies Blatt ein solches„Gerücht" weiter kolportiert und nur hinzufügt, dah eine„Bestätigung"(man beachte: kein Dementil) an„zuständiger Stelle" bisher nicht zu er- langen gewesen sei, so beweist das, daß es sich nicht um müßige Konjekturen, sondern um ein von sehr beteiligter Seite erwogenes Projekt handelt, das morgen schon in Gestalt einer Gesetzesvorlage an den Reichstag gelangen kann. Man kann also schon sagen: die Entsendung„bedeutender" neuer Truppen« Nachschübe nach Südwestafrika steht bevor und ein General- lieutenant soll als afrikanischer Waldersee einen Feldzug größten Stils gegen die schwarzen„Boxer" mscenieren l Nach dem China-Kreuzzug also ein afrikanischer Krcuzzug mit dem obligaten Gepränge und den dazu gehörigen enormen Kosten! Wozu noch kommt, datz der afrikanische Kreuzzug wahrscheinlich noch viel mehr Menschenopfer verschlingen wird, als die Waldersee-Episode berüchtigten Angedenkens I Der Typhus als Verbündeter der Hcrcros. Der„Lokal-Anzeiger" schreibt in seiner heutigen Morgen- nummer: „Die betrübenden Nachrichten von dem schlechten Gesundheitszustände bei der Kolonne Glasenapp müssen wir leider noch dahin ergänzen, daß auch unter den übrigen Marine- truppen der Typhus in bedenklichem Umfang ausgebrochen ist. Offenbar hängt die in unsrer gestrigen Abendausgabe gemeldete Berufung des Oberstabsarztes Schian nach Südwestafrika mit diesen Vorgängen zusammen. Halbamtlich wird jetzt mit- geteilt, daß Oberst Dürr krankheitshalber in die Heimat zurückkehrt." In seiner heutigen Abendausgabe fügt das Blatt dieser HiovS- Post folgende Einzelheiten an: „Die Besorgnisse, welche die Nachrichten von dem Ausbruch einer Typhusepidemie bei unfern Truppen in Südwestafrika erregt haben, finden leider ihre Bestätigung in einer weiteren Meldung unsres die Kolonne Glasenapp begleitenden Special- berichterstatters Hauptmanns a. D. Dannhauer. Danach hat die Truppe seit dem 13. März d. I. insgesamt einen Verlust von «3 Proz. ihrer Offiziere und von 3o Proz. der Mannschaften erlitten. Ein von Otjihaenena durch den Heliographen nach Windhuk, von dort durch den Draht weiterbefördertes Privat- Kabeltelegramm meldet uns: Otjihaenena, 25. April. Da bei den schlechten Wasser- Verhältnissen in Onjatu die Typhuscrkrankungen zunahmen— es starben außer den bereits gemeldeten noch Feldwebel K a m m 0 l z und Sersoldat Lenz von der I.Kompagnie, Seesoldat Fingerle von der 4. Kompagnie des SeebataillonS und die Soldaten der Schuytruppr R e st e r und Wansler— so marschierte das Dctachement Glasenapp am 21. von Onjatu nach Otjihaenena, wo wir gestern eintrafen. Sofort wurde heliographisch die Verbindung mit Okahandja via Secis und Windhuk hergestellt. Stabsarzt Wiemann richtet hier, wo die Verhältnisse besonders günstig liegen, ein festes Lazarett ein. Hier erwartet auch das Detachement Ersatz für die durch Gefechte und Krankheit ausgefallenen Offiziere» Mann- fchafte» und Pferde, sowie auch weitere Zufuhr von Proviant und Winterkleidung. Am 13. März früh, vor dem Ge- bei Owikokorer», war die Kopfstärkc des Detachements 2 Offiziere und 476 Mann; davon fielen 8 Offiziere und 56 Mann. Verwundet wurden 4 Offiziere und 18 Mann; an Krankheiten starben 8 Mann. Krankheitshalber wurden zurückgeschickt zwei Offiziere und 62 Mann. Momentan typhus- krank find 44 Mann. In der letzten Woche sind heftige Regengüsse gefallen; außerdem gab es starke Nachtfröste, die sich in den Biwaks sehr fühlbar machten. Heute biwakirrt unsre Ost- abteilung zum 70. mal. Auf dem Marsche hierher war nichts von Hrreros zu bemerken. Der„Lokal-Anzeiger" spricht im Anschluß an dies Telegramm die Erwartung aus, daß der von Major Glasenapp verlangte Ersatz an Offizieren und Mannschaften ohne weiteres bewilligt und schleunigst nachgesendet werden würde. Sollte das auch die Ansicht der Regierung sein, so müßten wir gegen eine solche Unbesonnenheit mit allem Nachdruck Protest erheben! Denn eS wäre ganz unverantlv ortlich, wenn man dadurch gesunde Mann- schasten der Gefahr der Infektion durch die völlig der« feuchte Truppe des Majors Glasenapp aussetzen wollte l Der„Lokal-Anzeiger" behauptet zwar, daß man in Regierungs- kreisen mit dem Ausbruch einer solchen Typhus- epidemie von vornherein gerechnet habe. Der Typhus breche in Südafrika während der Regenzeit eben jedes Jahr aus. Mit dem Ende dieser Regenzeit, das jetzt einttete, werde auch der Typhus jedenfalls seinen Höhepunkt überschritten haben und von selbst er- löschen. Nach der vorherrschenden medizinischen Auffassung jedoch ist der Typhus eine Infektionskrankheit, deren Ansteckungsgefahr durch direkte Uebertragung vomMenschen zumMenschen eine größere ist, als die Infektion durch Trinkwasser. Dieser persönlichen Ueberttagnng(Kontaktinfektion) wird gegenwärtig die größere Ursache der Verbreitung von Typhus- Epidemien zugeschrieben. Diese kontagiöse Ueberttagnng ist aber um so größer, als der Typhus-Bazillus sich durch besonders große Dauerhaftigkeit(Tenacität) auszeichnet. Er soll seine Lebens- und Ansteckungsfähigkeit Wochen und Monate bewahren. Eine Berührung neuer Truppen mit dem völlig verseuchten Corps Glasenapp würde also aller Voraussicht nach die Infektion auch der frischen Mannschaften zur Folge haben. Die Erfahrungen mit der Schutztruppe dürfen insofern nicht als maßgebend betrachtet werden, als eine einmalige typhöse Erkrankung gewöhnlich für das ganze Leben! immunisiert. Die Ansteckungsgefahr für die Mannschaften der Schutzttuppe, die bereits einmal am Typhus erkrankt waren, ist also viel geringer, als für die aus Deutschland nachgesandten Mann- schasten, die wohl sämtlich noch niemals am Typhus erkrankt waren. Man könnte also den Hercros gar keinen größeren Gefallen thnn, als die Reste der Abteilung Glasenapp mit den neuen Mannschaften zusammenzubringen. Aber so sehr sind selbst wir noch nicht hererorisiert, daß wir nicht gegen ein solch unbesonnenes Vorgehen der südwest- afrikanischen Kriegsleiwng aus Rücksicht für das Leben und die Ge- sundheit unsrer Truppen den entschiedensten Einspruch erheben sollten! » WaS zu dem südwestafrikanischcn Kriegsabenteuer im allgemeinen zu sagen iväre, haben wir bereits gestern gesagt. Es handelt sich um die Alternative: entweder ein unerhört kostspieliger Fcldzug& la Wnldersee, nur mit viel größere» Menschenopfern, oder Friedens- Verhandlungen mit den zum Verzweiflungskampf Getriebenen unter den Gesichtspunkten der Vernunft, der Gerechtigkeit, der Humanität »ud der Ersparnis von nationalem Gut und Blut! Bei der Regierung und vor allen Dingen der bürgerlichen Mehrheit deS Reichstags steht es noch immer, zwischen diesen beiden Wegen zu wählen! Es gehört freilich nicht allzu viel Prophetengabe dazu, den Entscheid vorauszusagen. Gleichviel: Im Namen des Volkes, im Namen der nationalen Wohlfahrt, im Namen der Vernunft erheben wir noch einmal in elfter Stunde unsre warnende Stimme!_ poUtifche Geb er ficht. Berlin, den 27. April. Wahlprüfungen— Börsengesetz. Die meisten der Mandatsprüfungen, die gestern als erster Punkt auf der Tagesordnung standen, wurden sehr rasch erledigt; das Haus bestätigte durchgängig die Beschlüsse der Kommission. Einen lebhafteren Zusammenstoß gab es zuerst bei der Wahl des Abg. Fürst Bismarck für den Wahlkreis I e r i ch 0 w. Unter genauen Angaben der beteiligten Orte und Personen behauptet der Wahlprotest, datz in 28 Orten durch Ausweisung der socialdemo- kratischen Vertrauensmänner die Oeffentlichkeit der Wahl beeinträchtigt worden ist, und datz neben einer Anzahl andrer Gesetzwidrigkeiten die Geheimhaltung der Wahl durch Auffchichtung der Wahlzettel und Protokollierung der Wähler in der Reihenfolge ihrer Abstimmung durchbrochen worden ist. Auf Grund dieser übrigens gar nicht be- strittenen Behauptungen forderten unsre Genossen Gold- st e i n und Geyer, datz zum mindesten Beweis über die Vorgänge im Wahltteise Jerichow erhoben würde, Die Freisinnigen G 0 t h e i n und K 0 p s ch hatten gut unsre Genossen zu unterstützen. Sind eS doch ihre Parteigenossen, die verschuldet haben, datz Fürst Bismarck mit großer Mehrheit in den Reichstag gewählt worden ist. Auf diese große Mehrheit beriefen sich der Centrums-Abgeordnete Well st ein und der Nattonalliberale Dr. W a l l a u, die für die Gültigkeit der Wahl eintraten. Dieser wagte dabei anzudeuten, daß sich die Socialdemokraten wahr- scheinlich ungebührlich in den Wahllokalen benommen hätten. Ihnen gegenüber wies Genosse Fischer- Berlin nach, daß es bei einer solchen unrechtmäßig zu stände gekommenen Wahl gar nicht auf die Stimmenzahl ankomme, die sich der Gewählte durch ungesetzliche Mittel verschafft habe. Das wisse auch die Mehrheit, aber sie wolle nicht den Träger des Namens Bismarck mit dem Makel der Mandatskassierung behaften. In der Abstimmung wurde natürlich die Wahl für gültig erklärt, ebenso natürlich die unsres Genossen Braun in Frankfurt-Lebus kassiert. Die Vorgänge, um die es sich handelt, sind bekannt. Der Re- gierungspräsident hat zu Gunsten des konservativen Herrn Fetisch Wahlbeeinflussung getrieben gegen die Socialdemokratie und hat, als der nattonalliberale Schlvabach aufgestellt ivurde, wiederum diesen begünstigt. Weil diese doppelte Wahlbccinflussung zu Ungunsten unsrer Partei erfolglos geblieben ist, muß natürlich der Sieg unsres Genossen Braun annulliert werden. Auf eine Debatte ließen sich die Vertreter dieser Anschauung nicht ein. Sie ließen den Genossen Fischer und Herrn v. G c r l a ch von der Freisinnigen Vereinigung ruhig das Unsinnige dieser Art von Wahlprüfung brandmarken und stimmten dann unsre Anttäge auf Beweiserhebung nieder. Be- merkenswert ist, daß der Nachfolger des Herrn Eugen Richter in der Redaktion der„Freisinnigen Zeitung", Herr Dr. Müller-Sagan, mit der reaktionären Mehrheit, aber allein von der freisinnigen ParteU, an dieser„Verhöhnung des Wahlrechts" teilnahm. Für ungültig wurde auch das Mandat des Demokraten Blumenthal aus Sttaßburg- Land erklärt. Sein Frakttons- genösse Herr P a y e r von der süddeutschen Volkspartei wies zwar nach, datz von klerikaler Seite amtliche und geistliche Wahlbeeinflussung in viel schlimmerem Matze gettieben worden ist. Aber da man einen Ausgleich des Unzulässigen auf diesem Gebiet nicht anerkennen konnte, mußten auch die engeren Freunde des Herrn Blumenthal dem mit großer Mehrheit gefaßten Beschluß des Hauses zustimmen. Nach Erledigung der Wahlprüfungen, zu denen sich wohl an die 306 Reichstags-Abgeordnete eingefunden hatten, setzte das HauS die Beratung der Börsennovelle fort. Einer gründlichen und sachgemäßen Beratung dieses Gesetzes kann es jedenfalls nicht dienlich sein, daß die Debatte stückweise und vor ermüdetem Hause geführt wird. Gestern war ein Redner aus dem Hause zu Wort gekommen. heute hatten in vorgerückter Stunde die Vertreter der beiden größten Parteien dieses Glück. Genosse Robert S chmi dt- Berlin wies den agrarischen Börsen- feinden nach, daß der Terminhandel eine wesentlich günsttge Wirkung auf die Stabilität der Preise gehabt habe, allerdings in einem sehr engen Rahmen. Denn diese Bedeutung der Börsentermingeschäste wird von den Reaktionären in der ungeheuerlichsten Weise überschätzt. Sie machen diese für die Schäden verantwortlich, die in Wahrheit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem anhaften, das das Schwanken der Preise nach dem Gesetze von Angebot und Nachfrage zu seiner Grundlage hat. Mißstände selbst erkennen wir durchaus an. Wir halten es für sehr bedenklich, wenn an Stelle des redlichen Erwerbes die Jobbergewinne tteten, wenn wir auch die Agrarier bei ihrer Vorliebe für die Rennwetten, die sie ja noch in nächster Zeit gesetzlich verbreiten wollen, nicht für berufen halten, gegen das unsittliche Börsenspiel als Tugendprediger aufzutteten. Wir verkennen die großen Gefahren nicht, die aus den engen Beziehungen von Finanz und Presse, von Finanz und wirtschaftlicher Arbeit hervorgehen, aber wir wissen, daß all das unttennbare und unvermeidliche Begleiterscheinungen der henttgen Wirtschaftsordnung sind und verlangen nichts weiter als Freiheit für die Arbeiterschaft, die allein diese Mißstände zu überwinden im stände ist. Mit einem Appell an die Regierung, sich nicht von den Scharf- machern fortteißen zu lassen, schloß unser Redner seine tief in die Materie eindringenden Ausführungen. Der Centrumsredner, Abg. B u r l a g e, wiederholte nur mit weniger Temperament und geringerer Sachkenntnis das gestrige Bekenntnis des Grafen Kanitz zu unentwegter Börsenfeindschaft. Immerhin will das Centrum in der Kommission„prüfen", ob das Börsengesetz von 18SS zu Verstößen gegen Treu und Glauben anreizt. Nach einer unwesentlichen Erwiderung des Handelsministers Möller wurde die Weiterberattmg auf Donnerstag 1 Uhr vertagt. Vorher geht die dritte Lesung der Novelle zum Krankenfürsorge« Gesetz für Seeleute._ Militärjustiz. ES wird gemeldet, daß drei Richter, welche im Bilse-Prozeß geurteilt haben, den Abschied erhalten haben. Nachdem schon vor einiger Zeit der Divisionskommandeur General von Tippelskirch, der Gerichtshcrr im Bilse-Prozeß verabschiedet worden war, wird jetzt der Abschied gemeldet von Overstlieutenant Geisel, Jnfanterie-Regiment S8 und Major Hirsch desselben Regiments. Nach dem Bilse-Prozeß verlautete, datz die Nicht- Ausschließung der Oeffentlichkeit in den höheren Militärtteisen übel vermerkt worden sei, und es soll damals eine Order ergangen sein, der die vermehrte Ausschließung der Oeffentlichkeit in neuester Zeit ge« schuldet ist. U n s i st a u f g e f a l l e n. datz neuerdings in Prozessen gegen Offiziere fast systematisch die Oeffentlichkeit aus- geschlossen wird. Wenn die Verabschiedung der militärischen Richter im Bilse« Prozeß mit diesen Bestrebungen gegen die Öffentlichkeit im Gerichts« verfahren einen Zusammenhang hat, so giebt sie den denkbar eindring- lichsten Beweis von der Unmöglichkeit der Justiz durch Militär- Personen, die jederzeit, ohne geordnetes Verfahren, ans ihrer Stellung verabschiedet werden können. Offiziere, die bei Ausübung richter- sicher Handlungen jeden Augenblick die Verabschiedung besorgen müssen, sind völlig ungeeignet, unabhängige und unparteiische Richter zu sein.—_ Schwindeleien der Flottentrciber. Die vom General Keim in Dresden namens des Gesamtpräsidiums des Flottenvereins vertretenen Forderungen— Ferttgstellung der bis zum Jahre 1917 vorgesehenen Flottcnbauten bereits bis zum Jahre 1912 und gleichzeitige Schaffung eines dritten Doppelgeschwaders von Linienschiffen mit den„dazu gehörigen" Kreuzern und Torpedo- divisionen— hat begreiflicherweise in Deutschland um so mehr Be- unruhigung hervorgerufen, als die mündlich und telegraphisch den Flotteutteibern übermittelten Glückwünsche sehr hoher und einflußreicher Persönlichkeiten die Flottenpropaganda der Herren in besonders gefährlichem Lichte erscheinen lassen mußte. Nachdem wir zuerst die Ungeheuerlichkeit dieser neuen Marine- fordcrungen zahlenmäßig als unerhörtes Attentat gegen die Taschen des deutschen Volkes nachgewiesen, bemächtigte sich auch die bürgerliche Presse der Angelegenheit. Herr Müller- Fulda be- zeichnete im Reichstag die Forderungen als„abenteuerliche". Als ihm dann General Keim wegen einer harmlosen persönlichen An- zapfung auf den Leib rückte, leistete der tapfere Centrumsabgeordnete nicht nur demütige Abbitte, sondern er machte sogar daZ unbegreif- liche Zugeständnis, daß ihm nachträglich die Forderungen der Flottentreiber gar nicht mehr so ungeheuerlich vorkämen. Die Centrumspresse hat sich freilich nicht so leicht von der Bescheidenheit der Forderungen überzeugen können. So rechnet die„Kölnische V o l k s z e i t u n g" noch in ihrer Montagsnummer eine Mchrfordcrung von 1 138 MO MO M. bis zum Jahre 1912 heraus. Gcgeir diese Berechnungen wendet sich nun heute nochmals das Organ des Deutschen Flottenvereins mit einer Berechnung, die in ihren plumpen Dupierungsversnchen so grotesk ist, daß sie ausführlich wieder- gegeben zu werden verdient. Das Organ schreibt: „Der Deutsche Flottenverein erstrebt den Bau eines dritten Doppelgeschwadcrs mit den zugehörigen Kreuzern und Torpedo- boots- Divisionen, aber ohne Flottenflaggschiffe und Material- reserve, also unter Zugrundelegung der durch das Gesetz von 1900 festgesetzten Formationen: IG Linienschiffe 4 Graste Kreuzer 12 Kleine Kreuzer 8 Torpedoboots-Divisionen. Hierauf würden die durch das Gesetz von 1900 bewilligten Flaggschiffe{2 Linienschiffe) und die Materialrescrve s4 Linien- schiffe, 3 Graste und 4 Kleine Kreuzer) in Anrechnung kommen. Mithin verbleiben, wenn man die Kostenanschläge des Marine- Etats von 1904 zu Grunde legt: 10 Linienschiffe zu 24 Mill. Mark----240 Mill. Mark 1 Groster Kreuzer zu 19„„— lg„ 8 Kleine Kreuzer zu 7„„ 66 8 Torpedoboots-Divisionen zu 7„— 56 371 Mill. Mark Da die Regierung seiner Zeit für das Aus- land 6 Große Kreuzer— 114 Mill. Mark 7 Kleine Kreuzer-�- 49„ 163 Mill. Mark als erforderlich bezeichnet hatte, eine Regierungs- forderung, die nach wie vor besteht, so betragt die Mehrforderung des Deutschen Flotten-Bereins tatsächlich nur............ 208 Mill. Mark auf 9 Jahre verteilt 23 Mill. Mark im Jahr. Da wir aber von der Annahme ausgehen, dast wir zu- künftig gröstere Linienschiffe und schnellere Panzerkreuzer bauen müssen, so berechnen wir unsre Mehrfordcrung unter Vc- rücksichtigung dieses Umstandcs auf 250 000 000 M., wie bereits in den M. D. F.-V. Nr. 12 vom 23. April 1904 angegeben ivorden ist. Als Ersatz- und Neubauten sind in den Jahren 1913— 1917 Vorgesehen; 7 Linienschiffe zu 24 Mill. M.= 168 Mill. M. 4©roste Kreuzer„ 19„„— 76,. 9 Kleine Kreuzer„ 7„„— 63 307 Mill. M. die nach dem Flottengcsctz von 1900 bereits bewilligt sind und nur schneller aufzubringen wären, als bisher vorgesehen. Zllsammenfassend must wiederholt betont werden, dast die Mehrforderung des Deutschen Flotten-Vercins über den Rahmen des Flottcngesetzes von 1900 und die einstweilen zurückgestellte Krcnzervorlage hinaus rechnerisch 208 Millionen Mark, von uns abgerundet auf 2aO Millionen Mark beträgt. Demgegenüber hat ein Teil der Presse es fertig gebracht, ihren Lesern vorzurechnen, die Mehrfordermig des Deutschen Flotten-Bereins uiache mindestens 794 Millionen oder gar IVz Milliarden Mark aus I Ein drittes Doppelgeschwadcr von Linienschiffen ohne Flagg- schiff zählt 16 Linienschiffe. Dazu gehört als Materialreserve ein weiteres Linienschiff. Da aber der Flottenverein darauf verzichten will, bleiben 16 Linienschiffe. Hiervon zieht nun aber das Organ der Flottcntreiber einfach 6 Linienschiffe(2 Flaggschiffe und 4 Schiffe der Materialrescrve) ab, ebenso die Krcuzerreserve I Wenn das von Anfang an so gedacht gewesen wäre, warum hat man da statt eines „dritten DoppclgeschwaderS" nicht einfach verlangt 10 Linienschiffe (statt 16), 1 grasten Kreuzer(statt 4), 8 kleine Kreuzer(statt 12) usw.?I Aber diese wunderlichen SnbstraktionSkunststückchen macht man ja nur, um eine m ö g l i ch st winzige Summe heraustiftcln zu können. Käme es erst zu der Flottenvorlage, so würden alle die gestrichenen Schiffe>v ieder auf der Bildfläche erscheine"! Aber selbst das dritte Doppclgeschwader uur in dem angeblichen Sinne des Flottenvereins verstanden, ergäbe sich an Bankosten dafür der Betrag von 371(nicht 250) Millionen Mark. Um die 250 Millionen herauszubringen, greift man zu dem zweiten Kunststückchen, die Kosten für die in Aussicht gestellte AuSlandskreuzer-Borlage der Regierung einfach abzuziehen, 371 minus 163 Millioucn ergicbt dann den Betrag von 208 svlillioncn Mark, den der Flottcnverein in Anbetracht der Verteuerung der Schiffsbauten auf 250 Millionen abrundet. Zu diesen 250 Millionen kämen dann aber noch die 307 Millionen für die eigentlich 1913— 1917 zu erbauenden, nach den Forderungen des Flotten Vereins aber schon bis 1912 fertigzustellenden Neubauten. 250-s- 307 Mllioncn sind aber bereits 537 Millioiicn. Rechnet man auch hier die unausbleibliche B e r- t euer un g Hinz», so haben wir schon 600 Millionen. Dazu müsse» aber auch die 163 Millionen für die Auslandskreuzer gerechnet werden, die die Rechnung des Flottenvereins ganz unmotiviert ab- gezogen hat. Wir wären dainit schon zu der Summe von 763 Mit- lionen gekonuncn. Dabei wären aber die Kosten für die I n- D i e n st- S t e l- l u n g e n usw. noch gar nicht in Anschlag gebracht worden. Mit Recht sagt darüber die„Kölnische Volkszeitung": „Mit den Schiffen allein ist es nicht gcthan, mit denselben mllstten auch die Werften, Docks, Kasernen, Werk- statten, Lazarette usw., das Personal an O f f i z i e.r e n, Technikern, Mannschafte», A e r z t e n, die Bestände an Munition, H e i z in a t e r i a l ciitsprechend vermehrt werden. Alle Ausgaben für die Jndiensthaltung, Verpflegung nsw. würden sich entsprechend steigern und nicht allein 2000 Offiziere, Ingenieure und Beamte, sondern auch 18 000 Maunschaftc» bis zum Jahre 1912 mehr eingestellt werden muffen." Somit kommt das Ccntrumsorgan auf eine Gesamtsumme von 1 138 000 000 M., wobei es aber die Kosten des Keimschen Projekts nur auf 650, nicht wie wir auf 763 Millionen Mark veranschlagt hat. Die Kosten würden also in Wirklichkeit nicht 1 138 000 000, sondern 1 251 000 000 M. betragen, also gerade fünfmal so viel, als der Flottenverein zugiebt! Aber auch damit wäre die wirkliche Mehrausgabe noch immer nicht erschöpft. Denn wie wir aus dem Geheime» Tirpitz-Erlatz wissen, sind die Summen für die Judicnst- Haltungen bei dem Flottengesetz von 1900 viel zu niedrig angegeben »vordeu. In dem Erlast hiest es ja bekanntlich, dast in dem Gesetz die planmästige Steigerung der Jndiensthaltungen bei den Berechnungen hätten a u st e r acht gelassen werden müssen, da derartige Berechnungen so hohe Bcdarfszahlc» ergeben haben würden, dast dadurch die Flottenvorlage anfs äußerste gefährdet worden wäre. Zieht man also diese Steigerungen in Rechnung, so sind l'/z Milliarden der Mindcftbctrag, um den durch das Projekt der Flottentreiber die Marine-Ausgaben bis 1912 erhöht werden würden I Wenn dies Projekt keinen„ungeheuerlichen" Anschlag gegen die Taschen des arbeitenden deutschen Volkes darstellt, so giebt es überhaupt nichts Ungeheuerliches mehr I— Ein Arbcitcr-Miuistcrium. Nach tclegraphischen Meldungen aus Australien hat dort zum erstenmal in der Geschichte des neuen Staatenbundes, des Australian Commonwealth, ein mit Ausnahme des Attorney-Gencrals(General- staatsnnwalts) nur aus Arbeiterführern bestehendes Ministerium die Staatsgeschäfte übernommen— das erste Arbeiter-Ministerium eines grosten Staates. Den Anlast zu diesem Ereignis gab die Einbringung eines Schiedsgerichts-Antrages durch die Arbeiter- Partei im Bundesparlament, der die Einrichtung eines ähnlichen Buudesschicdsgerichts zur„Beilegung der Konflikte zwischen Kapital und Arbeit" forderte, wie es durch Gesetz vom Jahre 1894 in Neuseeland eingeführt ist. Ein solches Gesetz anzunehmen war das liberal-konservative Ministerium Dcakin auch bereit, das seit den allgemeiuen Wahlen zu Ende des vorigen Jahres die Regierung führte; aber es stellte die Forderung, dast diesem Gesetz die im Staatsdienst beschäftigten Arbeiter nicht unterstehen sollten. Ein Vorschlag, zu dem sich die Arbeiterpartei in Anbetracht der Vorkommnisse beim letzten grosten Eisenbahnarbeiter- Streik in Victoria, wo die dortige Regierung daS KoalitionSrecht der Eisenbahn-Angestellten schnöde ignorierte, absolut nicht verstehen wollte. Die Folge war ein erbitterter Kampf im Parlament, in dem das Ministerium Deakin unterlag, da ein Teil der oppositionellen radikal-libcralcn Partei sich auf die Seite der Arbeiterpartei schlug, während ein andrer Teil sich der Abstimmung enthielt, so dast der Antrag der Arbeiterpartei im Hanse mit 38 gegen 29 Stimmen zur Annahme gelangte. Unter diesen Umständen blieb, da der Führer der Radikal- Liberalen Neid nicht zur Uebernahme der Regierung geneigt schien, dem englischen Generalgouverneur Lord Northcote nichts andres übrig, als dem Führer der mächtigen Arbeiterpartei, Watson, die Bildung des neuen Bundcsministeriums anzubieten. Ein Auftrag, den dieser bereitlvilligst übernahm und derart durchführte, dast heute sämtliche Posten des neuen Kabinetts bis auf den des Generalstaats- walts mit Mitgliedern der Arbeiterpartei besetzt sind, die aus dem Arbcitcrstand hervorgegangen sind. DaS neue Ministerium ist also im eigentlichsten Sinne ein Arbeiter-Ministerium. Allerdings günstige Umstände sind es gerade nicht, unter denen die Arbeiterpartei zum Regiment gelangt. Das australische Bundes- Parlament besteht aus drei fast gleich grosten Gruppen: der kon- scrvativ-liberalen Partei, deren Führerschaft bisher die Bundes- regierung in Händen hatte, der freihändlerisch- liberalen Gruppe (Radikal-Liberale) unter Reids Leitung, und der Arbeiterpartei unter Watsons Führung, während im Buudcsseuat, zu welchem jeder der Bundesstaaten sechs Repräsentanten entsendet, die Arbeiterpartei 14, die konservative ebenfalls 14 und die freihändlerisch-liberale Partei 8 Sitze innehaben. Das neue Kabinett ist also auf die Unterstützung der Reidschen Partei angewiesen, diese aber ist freihändlcrisch gesinnt, die Arbeiterpartei, deren Bestreben es ist, die in Australien noch in den Anfängen steckende Industrie möglichst bald zur Entfaltung zu bringen, hingegen schutzzöllncrisch, zum Teil sogar hochschutzzöllnerisch. Und da die handelspolitischen Fragen zur Zeit in Australien eine groste Rolle spielen, dürfte es kaum an Anlässen zu Zwiespalten fehlen. Wenn kapitalistische Blätter von einem socialistischen Regierungs- Experiment in Australien reden, so ist das nichts als Humbug. Mit der socialistischen Bewegung hat die australische Arbeiterpartei nichts zu thun. Die letztere vertritt rein gewerkschaft- liche Anschauungen, und zwar zum gröhten Teil kon- servativ- gewerkschaftliche Anschauungen. Den Klassenkampf als Basis ihrer politischen Aktion anzuerkennen, hat sie bisher strikte ab- gelehnt. Ihr Ziel ist lediglich die Hebung der Lebenslage der in Gewerkschaften organisierten Arbeiter unter Anerkennung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Von diesem Standpunkte aus fordert sie die Erschwerung der Einfuhr fremder Arbeiter, speciell der farbigen, die Verpflichtung des Staates und der Gemeinden, nur Gewerkschaftsmitglieder zu beschäftigen, die Förderung der industriellen Entwicklung des Landes durch eine entsprechende Handels- und Zollpolitik usw. Das sind andre Ziele, als sie sich die socialistische Arbeiterschaft der europäischen Industrieländer gc- steckt hat. Oeutfcken Keick. Rormann-SchnmannS Rückkehr. Eine Schwalbcnpost aus dem Süden bringt uns die verbürgte Nachricht, dast im Exil des Spitzelfürsten in Luzern herzerquickende FrllhlingSwonne einzog: v o n R o r»i a n n- S ch u m a n n i st de r Bannfluch genommen, der den Beleidiger seiner kaiserlichen Majestät zwang— abgesehen von seinen nicht gar seltenen merk- würdig furchtlosen Gastspielreisen nach Berlin—, das trockene Brot der Verbannung unter dem gastfreundlichen Dach der Republik zu kaue». Tie Versolgiing wegen Majeslätsbeleidigiiiig ist von. der Verlincr Behörde eingestellt, der Strafantrag zerrissen, Normann-Schuülänn hat wieder freien Past auf der deutschen Scholle. Was dazu noch sonderbar erscheint: der an unbekannten Orten lebende Verbannte empfing seine Frciheitskunde etliche Zeit, bevor die staatserhaltende Hcrmandad die Weisung erhielt, den Verletz« der Majestät aus der Kandidatenliste im Fahndungsblatt zu streichen. Womit sich der Herr lvohl diese Gunst erworben hat? Offenbar hat nian sich spät, aber um so gründlicher von seiner Unschuld überzeugt. Nachdeni die Behauptung Normann-SchnmannS von keiner Seite bestritten ivorden ist, dast der höchste deutsche Offizier, Graf Waldersee es gewesen sei, der seinem König die Treue durch Anstiftung und Verbreitung gröblichster Majestätsbcleidiguiigcn bcthätigte, während Normann-Schumann lediglich das Werkzeug deS Generalissimus war. Konnte Graf Waldcrsee, der wirkliche Majcstätsbe- leidiger, in höchsten Ehren ungestraft sterben— der neueste„Simplicissi- mus" lästt ihn erst im Himmel von der Strafe ereilt werden—, so war cS ein schöner Akt der Gerechtigkeit, dast man nun dem armen un- schuldigen Allcrweltsspitzel den Steckbrief abnahm. Man darf gespannt sein,'in wessen Diensten sich der freie Normann-Schumann nunmehr nach seiner Weise erlustigen wird. Willkommen in der Heimat, wo selbst ein Gencralfcldmarschall so unabhängig ist, dast er seinen allerhöchsten Kriegsherrn mit Eifer und Ausdauer beleidigen kann!— Die wahre Farbe des NntionallibcraliSmus. Der nationalliberale LandtagS-Abgcordncte Menck, der in Altona gewählt ist, fetzt trotz der Protesterklärung der national- liberalen Parteileitung die Poltereien gegen das Rcichstags-Wahl- recht fort. Er wendet sich— auch das kennzeichnet den„National- liberalen"— mit seinen Ergüssen an die„Hamburger Nachrichten", das Blatt für Ausnahmegesetze und Umsturz. Er erklärt sich für den Gedanken des Staat s st reiches als— Drohmittel gegen die rote und schwarze Internationale; aber zur Beseitigung des NeichStagS-WahlrcchtS bedürfe es gar nicht einmal des Staatsstreichs, das lasse sich auch„auf gesetzlichem Wege" machen. BcmerkcnSivcrter als diese Geständnisse der eignen RcichSfcindschaft sind die An- s ch u.1 d i g"" g e st, die Herr Menck gegen seine Parteifreunde er- hebt. Er meint, die Anhänger des ReichstagS-Wahlrechts seien unter den„Industriellen. Kausleuten, selbständigen Gewerbetreibenden und Gebildeten" i c h r d ü n n gesät, und fährt dann fort: „WeShalb erklären sich nun diese Ivetten Kreise nicht offen gegen das allgemeine Wahlrecht? Weil einer sich vor dem andern fürchtet! Es wird eban irrtümlicherweise angenommen, dast auf gesetzlichein Wege das allgemeine Stiinmrecht nicht inehr beseitigt werden kann, so daß eine Erklärung gegen das allgemeine Stimmrecht gleichbedeutend mit dem Verlangen nach dem Staatsstreich sei. Keiner will als Vertreter der Rc- volution von oben erscheinen. Im Herzen sind wir alle für die Aufhebung deö allgemeiue» Stimmrechts, das ist die Antwort, niit der nian sich begnügen muh. Da niuh man sich doch fragen: ist es statthaft, mit solch innerer Unwahrheit Politik treiben zu wollen? Als ehrliche Männer sind wir verpflichtet, offen Farbe zn bekenne n." Herr Menck erhebt gegen die eigne Partei den Vorwurf der inneren Unwahrheit und fordert, daß sie endlich die wahre Farbe bekenne. Wie nun immer die Nationalliberalen sich zu dieser schwersten Anschuldigung des Nationalliberalen stellen werden, beachtenswert bleibt die Meinung, die Herr Menck über„seine Kreise" hat;.er beschuldigt sie nicht uur des politischen Verbrechens gegen die Grund- rechte des Volks und gegen die Fundamente des Deutschen Reichs, sondern auch des moralischen Verbrechens der hartnäckigen Heuchelei und Uuwahrhaftigkeit. Dieser Abgeordnete Menck scheint sich um jeden Preis interessant niachen zu wollen und er blamiert damit seine Partei bis über die Ohren._ Tie socialdemokratische Rcichstagsfraktion hat beschlossen, bei der dritten Lesung des Etats die heillosen Mißstände in den Gefängnisse» zur Sprache zu bringen, die durch die Veröffentlichungen zahlreicher Aktenstücke in jüngster Zeit bekannt geworden sind. Es wird eine Resolution eingebracht, in der Forderungen zur Beseitigung der Miststände erhoben werden.— Die tclcgraphisch nngewicseiie Dreimillionen-Wohlfahrt für Eisen- bahner wird, wie die„Norddeutsche Allg. Ztg." berichtet, in einer einmaligen Staatsbeibilfe zu einer Kranken-Zuschustkasse der prcusti- schen Eisenbahnbediensteten bestehen. Auch mit diesen drei Millionen wird der durch nichts begründete Unterschied nicht beseitigt, dast die Eisenbahnangestelltcn mit Beamten- charakter zwar mit Recht während einer Erkrankung das volle Gehalt weiter beziehe», während die Eisenbahnarbeiter in der Regel uur die Hälfte des Arbeitsverdienstes als Krankengeld auf Grund des Kranken- versicherungs-Gesetzcs erhalten. Es wäre längst die Pflicht der mit ungeheueren Ueberschüssen arbeitenden Staatsverwaltung gewesen, auch für ihre Arbeiter während der Krankheit den vollen Lohn zu bezahlen, wie für ihre Beamten. Die drei Millionen Zuschust helfen da verzweifelt wenig, namentlich wenn man bedenkt, dast die Zahl der Mitglieder bei den BetriebS-Krankenkassen der Eisenbahn über 250 000 beträgt.— Ausgestaltung des Urheberrechtes. Der„Reichsanzeiger" ver- öffentlicht den Gesetzentwurf über das Urheberrecht an Werken der bildenden K ü n st e und der P h o t o g r a p h i e, der jetzt dem Bundesrat vorliegt. Die Neuregelung hat, für das Gebiet der bildenden Künste, die urheberrechtliche Gleichstellung der Werke der a u g e w a u d t e n K u n st und der B a u k u n st mit den übrigen Werken der bildenden Kunst im Auge. Ferner handelt es sich um die Beseitigung oder Abänderung verschiedener Bcstimnmngen des geltenden Rechts, welche disWefugnisse des Urhebers zu sehr beschränken oder nach der heutigen Rechtsauffassung entbehr- lich find. Einzelne Vorschriften sollen die ideellen und persönlichen Interesse» des Schöpfers eines Werkes in weitergehendem Mäste gegen Mistbrauch schütze». Auch in Ansehung der p h o t o g r a p h i s ch e n Erzeugnisse soll der Schutz nach verschiedeneu Richtungen hin ver- stärkt werden. Es kommt hier hauptsächlich in Betracht die Verlängerung der Schutzdauer, das Verbot der Nachbildung, auch wenn sie auf andrem als mechanischem Wege erfolgt, sowie die Beseitigung der Beschränkung, ivelche sich aus der Freigabe der Benutzung von Photographien ergiebt. die mit industriellen Erzeugnissen in Verbindung stehen. Auch die Bc- seitigung der urheberrechtlichen Verpflichtung zur Angabe des Namens und Wohnortes des Verfcrtigers und des Kalenderjahres des Erscheinens gehört hierher. Für beide Gebiete ist ferner neu eine Einschränkung der Befugnisse des Urhebers durch Einführung eines Schutzes des Abgebildete» gegen Verbreitung und öffentliche Schaustellung des Bildnisses.— Die Ursache der Isolierung Deutschlands. Wir haben kürzlich darauf hingewiesen, dast ein Hauptgrund der Isolierung Deutschlands in der reaktionären jimkerlich-klerikalen Politik liegt. Aus demselben Grunde vollzieht sich gegenwärtig der Znsammenschlust der mehr demokratisch gerichteten Staaten: England, Frankreich, Italien. Bei der Anwesenheit Wilhelms Ü. in Catania, die gleichzeitig mit den Pariser Stadträten erfolgte, sonderten sich diese Gegensätze und Sympathien mit aller wünschenswerten Klarheit. Aus den jetzt vorliegenden Berichten erkennt man, dast der einzige nicht socialistische Stadtverordnete von Catania beim Kaiser tafelte, während die übrige Stadtderivaltung, an der Spitze Gen. Dcfclice, die Franzosen begrüstte. Ebenso stellten sich die monarchistischen und klerikalen Vereine zum Empfang Wilhelms II. auf, während die radikalen Korporationen den Franzosen zujubelten. Findet Wilhelm II. so die Shmpathien der Reaktionäre des Auslandes, so ergiebt sich, dast die von ihm vertretene Politik dem offiziellen Deutschland d i e Staaten entfremden muh, in denen die äusterste Reaktion nicht an der Herrschaft ist.— Bon der russischen Grenze. Wie der„Myslowitzer Anzeiger* mitteilt, wurde ein deutscher Staatsangehöriger, der ohne einen russischen Past die deutsche Grenze zu erreichen suchte, indem er die Przcrusa durchwatete, von einem russischen Grenzposten erschossen. Was wird die deutsche Regierung thun, uni diese Tötung eines Deutschen zu ahnden?— Soldatcnniißhaiidlung. Aus Baden schreibt man uns: In der jüngsten Garnisonstadt des Landes, in Lahr, treten die Soldaten- misthandlungcn nun auch schon in die Erscheinung. Dort beschäftigte sich daS Divisionsgericht mit der Anklage gegen einen Unter- o f f i z i e r der 4. Batterie des Feldartillerie-RegimentS Nr. 66. Da man von den Terminen solcher militärischen Gerichtsverhandlungen vorher nichts erfährt, ist für die Beurteilung nur das Wenige ver- fügbar, was amtlich veröffentlicht wird. Der Unteroffizier, dessen Name nur durch das Initial B. angedeutet wird, wurde zur Degradation und zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten und drei Tagen verurteilt. Er scheint somit sich schwer an seinen Unter- gcbcncn vergangen zu haben. Auf eine Anzapfung durch unsre badischcn Partci-Organe mustte auch eine offiziöse Notiz im AmtS- blatt der Garnison Offen bürg einräumen, dast in der dortigen Kaserne in letzter Zeit ebenfalls Soldatenmihhandlungen stattfanden, derentwegen Untersuchung eingeleitet ist.— Kommunale Wahlrcform in Frankfurt a. M. Mit knapper Mehrheit(27 gegen 22 Stimmen) wurde am Dienstag, so wird uns aus Franksurt a. M. geschrieben, nach längerer Heister Debatte ein Antrag Dr. Ouarck(Soc.)- Dr. Zirndorfer(Dem.) angenommen, das bestehende Wahlgesetz für Frankfurt a. M. vom Jahre 1867 da- hin abzuändern, dast als vcrsteuerbareS Mindesteinkommen statt„700 Gulden"(gleich 1200 Mark) eingesetzt wird: „900 Mark". Bisher war niemand wahlberechtigt, der nicht 1200 Mark versteuerte: daher erklärte es sich, dast in Frankfurt a. M. die Socialdemokraten aus eigner Kraft noch keinen Genossen zum Stadtverordneten zu wählen vermochten; Genosse Ouarck selbst wurde mit Hilfe der Handwerkerpartei gewählt.— ES wird unS geschrieben: In der neuesten Nummer seiner Wochenschrift„Sachsenstimme" schreibt der frühere Parteigenosse L e b i u s, er wolle„heute einmal aus der Schule plaudern". Er klagt dann über schlimme Erfahrungen, die er voriges Jahr gelegentlich des Tabakarbeiter-Kongresses in Dresden als Berichterstatter gemacht habe. Er habe die Bericht» crstaltttng übernommen, nicht aus Interesse an den Verhandlungen, „sondern weil solche Berichte die Finanzverhältnisje eines nicht mit Glücksgütern gesegneten freien Schriftsteller» für einige Zeit auszubesser« pflegen". Fn dieser Annahme sah sich Lebius gelegentlich des Tabak- arbeiter-Kongresses offenbar getäuscht, deshalb„plaudert er". Zunächst beschwert er sich, dasi Genosse Riem von der„Sächsischen Ardeiter- Zeitung" mitzumachen wünschte und daß Lebius deshalb habe teilen müssen. Mit den Redakteuren müsse sich ein Schriftsteller gut stellen, denn sie seien seine Arbeitgeber. Ein zweites Pech habe Lebius be- troffen dadurch, dafj der„Vorwärts" nur einige Zeilen aus dem Bericht gebracht habe. Das dritte Mißgeschick sei gewesen, daß von andern Parteiblättern das Honorar nur mit Mühe eingezogen werden konnte. Lebius„plaudert" dann über die angebliche Weigerung des „Volksblatts für Halle", seine Forderung anzuerkennen. Da das„Berliner Tageblatt", die„Deutsche Tageszeitung und andre bürgerliche Blätter die Phantasien des Herrn Lebius unter der Spitzmarke„Die Socialdemokratie als Arbeit- geber" oder,„Wie die Socialdemokratie ihre geistigen Arbeiter bezahlt", wiedergeben, ist es zlveckmäßig, der„Plauderei" mit einigen Worten näher zu treten. Lebius erzählt, er habe für den Bericht vom Genossen Ad. Thiele pro Zeile 5 Pfennig verlangt (33 Mark 89 Pfennig), obwohl er nach dem Statut des Vereins Arbeiterpresse 40 Mark 68 Pfennig habe verlangen können. Thiele habe aber den Preis„noch mehr herabgedrückt" und schließlich über- Haupt nichts bezahlt. Nach' viermonatlichem Warten und nach er- folgloser Mahnung durch einen Rechtsanwalt sei von Lebius Klage gegen das„Hallesche Volksblatt" angestrengt worden, worauf Riem umgehend 7,50 Mark erhielt. Der arme Lebius dagegen habe die Klage fortführen müssen, der Prozeß sei monatelang verzögert worden, «da Thiele als Zeuge nicht zu erlangen war, weil er leine Abgeordneten- tätigkeit stets vorschützte". Endlich,„nachdem dieHerrcn vom„Volksblatt" die Verwendung des Artikels nichts mehr ableugnen konnten", sei der Prozeß zu Ende gegangen und„das„Volksblatt" verurteilt, an Lebius 7,50 M. zu zahlen", während Lebius die Kosten für die Beweisführung, wahrscheinlich mehr als 100 M., zu tragen habe. Nach dieser Darstellung des Sachverhalts kommt Lebius zu dem Schlüsse, das„Volksblatt für Halle" habe„nur mit Hilfe der Gerichte zur Zahlung des Lohnes an einen seiner Kopfarbeiter gezwungen werden können", und Genosse Ad. Thiele habe als Vorsitzender des Vereins Arbeiterpresse einen neunmonatigen Prozeß führen lassen, um das vom Statut des Vereins auf 6 Pfennig festgesetzte Zeilen- Honorar auf zwei Pfennig herabzudrückcn. Die Phantasie des Herrn Lebius ist wesentlich größer als seine Wahrheitsliebe. Der Bericht über den Dresdener Tabakarbeiter- Kongreß ist vom„Volksblatt für Halle" d«r„Sächsischen Arbeiter- Zeitung" nachträglich und in gekürzter Form entnommen worden. Lebius' hat kein Manuskript direkt geschickt; unser Hallisches Partei- organ wußte nicht einmal, von wem der Bericht war. Als einige Wochen später Lebius eine Honorarrechnung von ca. 34 Mark an die Redaktion des„Volksblattes" schickte, hat ihm Thiele sofort ge- antwortet, das sei für einen nicht direkt zugesandten, erst nach- träglich und verkürzt aufgenommenen Bericht ein zu hoher Preis, solche Berichte über Kongresse einzelner Gewerkschaften im Nachdruck würden doch nur mit 10 oder höchstens 15 M. honoriert. Lebius zählte sich damals noch unsrer Partei zu und antwortete in sehr schroffer Weise, er sei auch von Riem beauftragt, klagbar vor- zugehen. Erst jetzt erfuhr Thiele, daß außer Lebius noch ein zweiter an der Verichterstattung beteiligt sei. Auf Anfrage beim Genossen Riem erwiderte dieser, er halte nach Lage der Sache ein Honorar von 15 M. für den Bericht für angemessen, er seinerseits denke nicht ans Klagen und habe auch Lebius, der damals noch ständiger Mit- arbeiter der„Sächsischen Arbeiterzeitung" war, zu bewegen gesucht, von einer Klage abzusehen. Genosse Riem erhielt unverzüglich seinen Anteil, und die gleiche Summe Ivurde Lebius zur Verfügung gestellt. Lebius zog die Klage vor. die gegen den Verlag des„Volksblattes" gerichtet war. In dem Prozeß, der etwa vom Oktober oder November bis kurz vor Ostern spielte, ist Thiele überhaupt nicht als Zeuge vernommen worden, er hat sich deshalb auch nicht hinter seine Abgeordnctenthätigkeit oder seine Immunität zu verstecken gebraucht. Thiele ist vielmehr, als kurz vor Ostern ivieder ein Termin stattfand, ungeladen und freiwillig hingegangen und hatscincAussagegemacht. Alle Bcwcisanträge, über deren Kosten Lebius klagt, sind von ihm bezw. von seinem Anwalt gestellt worden. Auch der Sachverständige, ein bürgerlicher Redakteur, war vom Anwalt des Herrn Lebius geladen worden. Und dessen Gutachten deckte sich so vollständig mit der Herrn Lebius von vornherein gebotenen Summe, daß die Klage auf die weitere Forderung abgewiesen und Lebius in die Kosten verurteilt wurde. Das ist der nackte, un- verdrehte Sachverhalt. Lebius weiß sehr genau, daß der im Statut des Vereins Arbeiterpresse festgesetzte Zeilenpreis von 6 Pf. nicht ausgeworfen ist für Berichte wie der scinige einer war. Trotzdem wärmt er der Welt sein Märchen auf.— Husland. Frankreich. Ein Unternehmer-Streik. Paris, 25. April.(Eig. Ber.) Der Streik der Schiffs- k a p i t ä n e in Marseille ist nicht gegen die Reeder gerichtet, sondern gegen die Matroscn-Gcwerkschaft. Dieser letzteren war es gelungen, die Absetzung oder Versetzung einiger brutaler Kapitäne zu erringen. Daher der Streik. Die Offiziersmannschaft der Handelsschiffe fordert die Wiederanstcllung der entlassenen Kollegen und für die Zukunft die Sicherung ihrer Herreu-Situation, ungeachtet der Beschwerden der Matrosen-Gewerkschaft. Unnütz zu sagen, daß die Streikenden im Einver- ständnis mit den Schiffsbesitzern handeln. Das ist übrigens offenkundig zu Tage getreten. Die Regierung hat, wie üblich, den Reedern die nötige Osfiziersmannschaft der Kriegs- marine zur Verfügung gestellt,>vie sie ihnen bei Matrosenstreiks die Kriegsmatrosen zur Verfügung stellt. Aber siehe da! Die Unter- nehmer lehnten in diesem Falle die sonst so willkommenen Arbeits- willigcndienste der Regierung ab. Zur Sicherung des Postdicnstes werden nun Kriegsschiffe verwendet werden. Die streikenden Offiziere protestieren ihrerseits gegen die Einmischung der Regierung und drohen mit einem Generalstreik der Handelsmarinc-Offiziere in allen Häfen. Der Sekretär der Matrosen-Gewerkschaft. Rivelli, erklärt, daß der arbeiterfeindliche Streik absichtlich am Vorabend der Gemeindewahlen eingeleitet worden sei, um die Gewerbetreibenden gegen die social- demokratisch gesinnten Gewerkschaftler, denen die Verantwortung fiir den Streik in die Schuhe geschoben wird, einzunehmen und so die Wahlgeschäfte des bisherigen antisocialistischen Gemeinderats von Marseille zu besorgen.—_ Die„Partei der Gelben Frankreichs". Paris, 25. April.(Eig. Ber.) Die in einem Landesverband organisierten„gelben" Gewerkschaften, die im Dienste der Unter- nehmer stehenden arbeiterverräterischen Organisationen, gehen nun daran, auch eine eigne politische Partei zu gründen. Der Gründungs- kongretz soll im nächsten November stattfinden. Das Manifest der Partcigründer beginnt natürlich mit der Verwerfung des„dummen und verbrecherischen Klassenkrieges", der vom Socialismus aller Richtungen gepredigt werde. Die„Partei der Gelben Frankreichs" wolle vielmehr„alle Franzosen" umfassen,„Bourgeois und Arbeiter. Aristokraten und Unternehmer": sie alle könnten mit gleichem Recht„Gelbe" sein und so«am großartigen Aufblühen der nationalen Wiedergeburt mitwirkeir"... In der That, das Geld hat keinen Geruch. Der verlumpte Gencralstab der Gelben nimmt es dankbar aus jeder Hand entgegen. Das Manifest hat wohlweislich nur die für die neue Partei wichtigste Mitwirkung der— klerikalen Demagogie verschiegen. Die lange Tagesordnung des kommenden Kongresses enthält neben vagen socialreformerischen Formeln und Kampfabsichten gegen politische Streiks und gegen den„Staatskollektivismus" noch folgende Punkte: Gewinnbeteiligung, Wohlthätigkeitspläne, Festsetzung der Arbeitszeit in Uebereinstimmung mit den Unternehnrern und diverse „Freiheiten", darunter die absolute„Gewissensfreiheit", d. h. die seit dem Beginn des antiklerikalen Kampfes von den Klerikalen aus- gegebenen Schlagworte.— Türkei. Ein griechisch-türkischer Zwischenfall. Ein peinlicher Zwischenfall ereignete sich in Smhrna. Als der Sekretär des griechischen Konsulats Delyannis einige Läden von Griechen, die wegen Nichtzahlung der Steuern geschlossen waren, wieder öffnen lassen wollte, kam es zu einem b l u t i g e n Streit mit den türkischen Soldaten. Delyannis wurde leicht verletzt und schoß dann auf die Soldaten. Später wurde Delyannis ebenso wie zwei Kawassen des Konsulats in Hast genommen und erst nach Vermittelung des französischen Konsuls wieder entlassen. Die griechische Flotte macht seit Dienstag morgen klar; wie es heißt, wird sie nach S m y r n a gehen, wo große Erregung herrscht. Der türkische Gesandte in Athen hatte eine lange Unter- reduug mit dem Minister des Auswärtigen. Diesen Zwischenfall sucht die russische Presse schleunigst zu fruktifizieren. Das„Journal de St. Petersburg" schreibt: Der Zwischenfall in Smhrna, wo der Sekretär des griechischen Konsulats von türkischen Soldaten verwundet und verhaftet worden ist, hat das patriotische Gefühl der Griechen auf das p e i n l i ch st e berührt. Dieses Vorkonnnnis wird nicht er- mangeln, einen gleichen Eindruck in allen orthodoxen Ländern und besonders in Rußland hervorzurufen. Es giebt alte Erinnerungen, lvelche Griechen und Russen durch gleiche Sympathien und Traditionen ver- binden, was ebenso zurückzuführen ist auf den gemein- samen Ursprung unsrer Kirche wie auf Jahrhunderte von Kämpfen für dieselben Hoffnungen und unter denselben Fahnen... Seit der Eröffnung der Feindseligkeiten zwischen Rußland und Japan hat das griechische Volk bei mancher Gelegenheit einen deutlichen Beweis seiner Sympathien für Rußland gegeben. Uns gehen aus verschiedenen Teilen Griechenlands begeisterte Zuschriften und Ansichten aus griechischen Blättern zu, welche den Beweis herz- lichen Mitempfindens liefern. Das griechische Volk erinnert sich in den Stunden unsrer Prüfung, daß Rußland in hohem Maße zu seiner Befreiung beigetragen und das junge Königreich bei seinen ersten Schritten beschützt hat." Einstweilen wird ja wohl Rußland seinen ostasiatischen Handel erst zu Ende führen müssen, bevor es daran denken kann, im Balkan Zettelungen gegen die Türkei anzufangen!— Reichsfinanz-Reform. Am Mittwoch wurde in der Vndgetkommission des Reichstags die erste Lesung der Finanzreform-Vorlage zu Ende gestihrt. Zu dem§ 3 der Vorlage, der bestimmt, daß der budgetmäßige Betrag der Matrikularbeiträge in der Regel den Betrag der von den Bundesstaaten in den fünf Vorjahren durchschnittlich empfangenen Ucberweisungen nicht übersteigen soll, nahmen der Referent Speck ebenso wie der Korreferent Dr. Südekum ablehnende Haltung ein, da es nicht angehe, die Einzclstaaten in so weitgehender Weise von dem Risiko erhöhter Reichsausgaben zu entlasten. Schatz- sekrctär v. Stengel verteidigte die Vorlage und bemerkte, daß die Vorschrift denn doch zu einer vorsichtigen Wirtschaft im Reiche anreize. Wenn das Reich dauernd nicht in der Lage sei, die Mittel zur Erfüllung seiner Aufgaben selbst aufzubringen, dann bleibe doch nichts andres übrig, als neue Einnahmequellen zu eröffnen, d. h. also: dem Volke neue Lasten aufzulegen. In den Etats der Einzclstaaten stiegen die Ausgaben für Kulttir- aufgaben beständig; auch vom Standpunkt der Socialdemokratte bestehe doch keine Veranlassung, den Einzelstaaten die Erfüllung ihrer Aufgaben zu erschweren. Man solle z. B. die Lage der immer wieder vertrösteten Beamten in den Einzelstaaten bedenken. Er bitte wenigstens auszudrücken, daß es nicht die Absicht sei, die Einzel- staatcn fort und fort mit Mattikularbeittägen zu überlasten.— Abg. Müller- Fulda meinte. schon die Klugheit solle uns gebieten, das Interesse der Einzelstaaten an den Reichsfinanzcn aufrecht zu erhalten, zumal in den vorigen Paragraphen dieses Interesse thatsächlich schon herabgemindert worden sei. Der§ 3 sei die wahre Anreizung zu neuen Steuern. Die Regierung habe bisher aber noch nicht bewiesen, daß sie bei neuen Steuern die leistungsfähigen Schultern zu finden wisse. Der bayrische Geh. Rat Vurckhardt bemerkte, daß die Einzel- staatcn den allergrößten Wert auf die Annahme des Z 3 legten. Dieser reize die Regierungen gerade zur größten Sparsamkeit an; in der Sparsamkeit liege die eigentliche Finanzreform. Die Ab- lehnung des§ 3 füge den Bundesstaaten einen Schaden zu. Abg. Dr. Arendt sprach für die Vorlage, da er den§ 3 für unbedenklich halte; deshalb werde er aber auch für das Gesetz stimmen, wenn der Z 3 gestrichen werde. Er sei eigentlich nur eine Art Resolution. Abg. v. R i ch t h o f e n erklärte sich gegen die Aufnahme eines Paragraphen in ein Gesetz, der lediglich den Charakter einer Re- solution trüge. Abg. Singer bekämpfte die Auffassung, als ob etwa die Matrikularbeiträge eine Art unsittlicher Einrichtung seien, die man je eher je besser abschaffe. Im Gegenteil nuisse man für Aufrechterhaltung der Matrikularbeiträge eintreten. Der§ 3 scheine den Zweck zu haben, die Reibungen zwischen Preußen und den kleineren Staatcn zu vermeiden. Die Matrikularbeiträge seien doch das einzige Mittel, um den ü b e r st i e g e n e n Flotten- und Militärplänen entgegenzuwirken. Wir seien immer bereit, Kulturaufgaben zu fördern; dazu sei aber nötig, daß die Einzelstaaten zur Durchführung einer sparsamen Wirtschaft im Reiche gezwungen würden durch das Risiko hoher Matri- kular- Beiträge. Die Annahme des§ 3 würde notwendig zu neuen Steuern anreizen.� Es sei erfreulich, daß auch das Ceutrum jetzt bei neuen Steuern die t r a g f ä h i g e n Schultern belasten wolle; aber da müsse man zu direkten Reichssteuern kommen, wenn diese Erklärung nicht bloß platonisch bleiben solle. Durch Ablehnung des§ 3 wollten wir das Rückgrat der kleinen Staatcn gegen Preußen stärken. Abg. Graf v. O r i o l a legte der im§ 3 behandelten Frage gar keinen Wert bei. Deshalb brauche man den Paragraphen in das Gesetz gar nicht aufzunehmen. Der badische Bundesratsvertreter S ch e r e r bestritt, daß der§ 3 die Reibungen zwischen Preußen und den kleineren Staaten decken solle. Der' Abg. Singer habe für ungedeckte Matrikularbeiträge förmlich geschwärmt, obschon sie doch als Kopssteuer sonst von den«ocialdcmokraten principiell verworfen würden. Abg. Gröber wies ans den Gegensatz zwischen der Ver- fassungsbestimmung über die Matrikularbeiträge und dem§ 3 der Vorlage hin. Zur Verhinderung übermäßiger Ausgaben sei der Bundesrat besser geeignet als der Reichstag; deshalb müßten die Einzelstaatcn stark an Sparsamkeit interessiert werden. Mit indirekten Stenern könne man im Reiche nicht viel mehr machen; das Gebiet sei abgegrast, viel sei nicht mehr zu holen. Es bliebe also nur übrig, mittelbar die direkte Steuer durch Matrikularbeiträge einzuführen. Das Centrum stehe auf dein förderativen Standpunkt und könne daher fiir Ncichs-Einkommensteucrn sich nicht engagieren. Die Reichs-Einkommensteuer bedeute den Einheitsstaat. Abg. v. S t a n d y polemisierte gegen Abg. Singer und meinte, man müsse mit dem Finanzwesen des Reiches„andre Wege" einschlagen.(Zuruf: Also direkte Steuern I) Er habe nicht die Absicht, sich im einzelnen darüber auszusprechen, aber die Pumpwirtschaft gehe nicht so weiter. Auf direkte Steuern könne er sich nicht einlassen. Nach einigen Bc- merkungen der Abgg. H u g und v. O r i o l a stellte Abg. Singer einige Mißverständnisse richtig. Er habe die Matrikularbeittäge nur empfohlen,„so weit sie notwendig sind"; diese Beiträge seien unzweifel- hast das beste Mittel, die Einzclstaaten gegen Preußen zu stärken und zur Sparsamkeit zu veranlassen. Auch seien die Matrikular- beitrüge doch unzweifelhaft direkte Steuern, entsprächen also, trotz einiger Bedenken, die gegen ihre Form gelten') gemacht werden könnten, unserm Steuerideal. Abg. Gröber polemisierte gegen die Ausführungen des Abg. Hug und schloß sich den Darlegungen Singers über die Matrikularbeiträge an. In seinem Schlußwort legte Referent Speck dar, daß doch die Einzelstaaten bisher sehr gut gefahren seien; sie hätten rund 347 Millionen Mark mehr erhalten als gezahlt. Der Wunsch des Staatssekretärs, in dem Bericht möchte doch wenigstens angegeben werden, daß die Mehrheit der Kommission nicht gerade das Gegenteil des§ 3 wolle, sei für den Referenten unausführbar. Er selbst werde alles thun, um das Gesetz vor den. Scheitern zu bewahren, dem§ 3 könne er aber seine Zustimmung nicht geben. Abg. Dr. Südekum faßte die Argumente gegen Z 3 nochmals zusammen und benrerkte gegen den Gcheimrat Scherer, daß die Schäden der bloßen Kopfsteuer nichts mit dem Wesen der Matrikularbeittäge zu thun haben. Nur durch die Gefahr, scharf zu Mattikularbeittägen herangezogen zu werden, könne man die Einzelstaaten zum Widerstande gegen phantastische Pläne bewegen. Die jetzige schlechte Lage der Finanzen sei wesentlich durch das unqualifizierbare China-Abenteuer verursacht. Damals sei die Verfassung nicht respektiert worden, aber von einem energischen Widerstände der Bundesstaaten habe man nichts gehört. Wie viel weniger noch würden sie den Mund aufthun, wenn das Reich sie. dank hohen Zollcinnahmen. kaum noch zu fragen brauche! Der Vorsitzende rügte die Behauptung des Abg. Dr. Südekum, beim China-Abenteuer sei die Verfassung des Reiches gebrochen worden. Der§ 3 wurde gegen die Stimme des Abg. Arendt abze- lehnt. Zur zweiten Lesung der Vorlage lag ein Antrag Dr. Spahn vor. wonach die Maischbottichsteuer nach Aufhebung des Z 8 des Zolltarifgesetzes von 1385 den Bundesstaaten zu überweisen sei; statt Tabak und Zölle, der Branutwein-Verbrauchsabgabe und der Stenipel- abgaben sind also hinfort nur noch diese, die Branntwein-Vcrbrauchs- abgäbe und die Maischbottichsteuer als Ucberweisungssteuern zu be- trachten. Abgg. Speck und Müller- Fulda brachten ihren gestern zurückgezogenen Antrag wieder ein. Staatssekretär v. Stengel begrüßte für seine Person den Antrag Spahn auf Aufhebung der clausula Franckeustein. Dadurch gewinne das Reich freiere Hand; sonst würde man aus den Kämpfen mit den Einzelstaaten gerade kurz vor und nach der Einführung des neuen Zolltarifs nicht herauskommen. Die Maischbottichsteuer habe nur noch vorübergehende Bedeutung; sie verwandle sich mehr und mehr in Zuschläge zur Verbrauchsab'gabe und falle dann von selbst unter die Ucberweisungssteuern. Bedenklich sei die Ueberweisung der immerhin sehr unsicheren Stempelabgaben. Vielleicht solle man sie auf Lotteriestempel beschränken. Der Antrag Spahn bilde vielleicht die Basis einer Verständigung. Abg. Müller- Fulda begründete kurz seinen Antrag und gab Auskunft über seine finanzielle Trag- weite. Ueberwiesen werden müßten danach etwa 290 Millionen zur Zeit, später etwa 320 Millionen Mark. Der Antrag Spahn stelle gegen die Beschlüsse erster Lesung eine Verbesserung dar, doch bc- dürfe er noch der Ergänzung. Der Schatzsekretär v. Stengel sprach sich gegen den primären Antrag Speck- Müller aus und empfahl den Antrag Spahn für den Eventualantrag aus redaktionellen Gründen. Abg. Dr. Südekum charakterisierte noch einmal scharf den Antrag Spahn und ironisierte besonders die„Klarheit", die er in das Gefüge der Rcichsfinanzen bringe. Abg. Gröber widersprach der Ansicht des Schatzsckretärs, daß die Stenipelabgaben sich nicht zur Ueberweisung eigneten. Der An- trag Spahn dürfe nicht verändert werden, wenn er im Plenum angenommen werden solle. Abg. Dr. Dietrich schlug einige redaktionelle Veränderungen vor und wandte sich dagegen, daß die Umwandlung der Maischraumstcuer als etwas Selbstverständliches hingestellt werde. Abgeordneter Speck formulierte einen neuen Antrag, der eine Verschmelzung der Anträge Spahn und Speck darstellt und nunmehr lautet:„Die Vorschrift' über die Ueberweisung eines Teiles der Zölle und der Tabaksteuer an die Bundesstaaten(Z 8 des Gesetzes vom 24.Mai 1885, clausula Franckenstein) wird aufgehoben. Der Reinertrag der Maischbottichsteuer und der Branntweinmaterialsteuer ist den einzelnen Bundesstaaten nach Maßgabe der matrikularmäßigcn Be- völkerung, mit ivelcher sie zum Gebiete der Branntweinsteuer- gemeinfchast gehören, zu überweisen." Zum§ 2 bemerkte Abg. Richter, daß vorgesehen sei, den Einzelstaaten zu erstatten, was am Etatsoll hinter Ueberweisungen zurückbleibe. Ungedeckte Matrikularbeiträge seien aber ein wesent- licher Teil der Verfassung; daran müsse man also festhalten. Aus den Erträgen der direkten Steuern müsse ein Teil der Lasttn dds Reiches gedeckt werden; am besten durch dirette Reichs- steuern, lvenn nicht anders durch Matrikularbeittäge. In erster Reihe sollten nach der Vorlage die Ueberschüsse des' Reiches den Bundesstaaten zu Gute kommen. Das sei ungerechtfertigt und eine Ironie in Ansehung der Behauptung, daß man die Ueber- schllsse zur Schuldentilgung verwenden wolle. Schatzsekretär v. Stengel betonte, die Matrikularbeittäge hätten immer nur fnbsidiären Charakter getragen. Nachdem die Einzelstaatcn auf alle Einnahmemöglichkeitcn ans den Zöllen verzichtet hätten, dürfe man sie nicht noch stärker anspannen. Abg. Gröber trat diesen Ans« führnngen bei und erwartete die Aufstellung eines rattoncllcn Schnld'cnttlgungsplanes. Abg. Dr. P a a s ch e vermißte Klarheit in der Vorschrift, sprach sich in der Sache aber für die Vorlage aus. Abg. Richter bemerkte, daß der Abg. Gröber eigentlich vorschlage, der Bestimmung ein Schnippchen zu schlagen. Der 8 2 wurde in der Fassung der ersten Lesung angenommen. § 3 wurde gestrichen.§ 4 wurde so angenommen, daß das Gesetz mit Wirkung vom 1. April 1904 ab in Kraft treten soll. Damit ist die Finanzreform-Borlage, modifiziert nach den Wünschen des Centrums, angenommen worden.— parlattientanlchcs. Die Pctitionskommission deö Reichstages verhandelte in ihrer Sitzung am Mittwoch über mehrere Petitionen betreffend Aendcrung der Vorschriften über das Entmündigungsverfahren. Es wurde beschlossen, diese Petitionen dem Reichskanzler als Material zu überweisen. Der Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands in Breslau petitioniert um Einfübrung einer besonderen Eidesformel fiir Dissi- dcntc». Die Petenten protestieren gegen den Gewissenszwang, dem die Dissidenten unterworfen seien, indem man sie zwingt, einen persönlichen helfenden Gott, an den sie nicht glauben, zum Zeugen anzurufen. Der anwesende Regierungskommissar erklärte, daß er keine Auskunft geben könne, wie sich die verbündeten Regierungen gegen- über der Forderung der Petenten stellen. Doch sei eine Kommission eingesetzt worden, lvelche sich auch mit dieser Frage beschäftigen würde. Die Kommissioir beschloß, diese Petitton dem Reichskanzler als Material zu überweisen. Derselbe Beschluß wurde gefaßt bezüglich mehrerer Petitionen, welche gegen die Aufhebung der Kurierfreihcit und gegen die etwa beabsichtigte Abänderung des§ 35 der Gewerbe-Ordnung protestieren. Ein vom Reichskanzler an die Landesregierungen erlassenes Rund« schreiben lasse beftirchten, daß eine Aenderung des genannten Paragraphen zu gunstcn der approbierten Aerzte vom Reichskanzler beabsichtigt sei._ partcl-JVachricbtcn. In Chemnitz führte der Socialdcmokratische Verein die Debatte über die Landeskonferenz zu Ende. Zu Beginn!dieser vierten Ver- sammluug mahnte der Vorsitzende. Genosse Landgraf, zum Frieden. In Rücksicht auf die auswärtige Presse, so sagte er weiter, die die hiesigen Parteigenossen beschuldigte, daß Verwirrung in unfern Reihen eingerissen wäre und daß die„VolksstimmeC im Re» visionismus herumplätschere, sei festzustellen, daß die ganze An- gelcgenheit mit Revisionismus gar nichts zu thun habe. Die ganze unliebsame Diskussion drehe sich lediglich um die Frage, ob das Agitationskomitee seine Schuldigkeit gethan habe. Er ersuchte, die Angriffe auf die„Volksstimme" unerörtert zu lassen, darüber würde in Kürze an andrer Stelle gesprochen werden. Es sprachen dann eine Anzahl Redner noch über den Fall Göhre, das Verhalten der Komitees und den Beschluß der Landeskonferenz zur Kandidatenaufstellung. Mit großer Mehrheit billigte darauf die Versammlung den Beschluß der Landeskonferenz. Das alte Chemnitzer Agitations- komitee wurde jedoch nicht wiedergewählt. Gewählt wurden die Genossen Landgraf. Jrmscher und Mehnert. Anwesend waren 342 Parteigenossen. Ein Jubiläum der Socinldcmokratie Kopenhagens wurde am Sonnrag in der Römersgade 22, dem ältesten der vier eignen Versammlungsgcbäude der Kopenhagener Arbeiterschaft, gefeiert. Am Tage vorher, dem 23. April, waren 25 Jahre verflossen, seit dieses Haus eingeweiht wurde und unsre Genossen zum erstenmal ihren Fuß auf eignen Grund und Boden setzen konnten. Die Er- richtung eines eignen Heims war notwendig geworden, weil infolge der Polizeichikanen für die den Lokalinhabern sowieso nicht viel Ge- winn bringenden Socialdcmokraten keine Lokale mehr zu haben Ivaren. Hatte ein Wirt ihnen sein Lokal zur Verfügung gestellt, so wurde er sofort mit allerlei Drohungen und Chikanen von der Polizei belästigt und das Ergebnis war allemal, daß unsre Genossen hinaus mußten.— Das Unternehmen hatte selbstverständlich in den ersten Jahren mit ungeheuren Schwierigkeiten zu kämpfen, wie die jetzt so großartig entwickelte Arbeiterpartei Dänemarks selbst.— Im Jahre 1883, während des deutschen Socialistengesetzes, fand in dem Gc- bäude der Parteitag der deutschen Socialdemo- kratie statt. poUrellldKo, Oericbtlichcs uto. — Die gestrigen Mitteilungen über die Bestrafung eines Re- dakteurs des Hannoverschen Parteiblattes werden durch den Bericht des ,, Volkswillen" bestätigt. Der bestrafte Redakteur ist der Genosse W e st m e y e r. Der mitbestrafte Arbeiter Hapke, der den Genossen Westmeyer angeschwindelt hatte, ist in Untersuchung gezogen und vernommen worden, ehe Westmehec von einer Klage in Kenntnis ge- setzt war. Er hatte auch dem Untersuchungsrichter bereits ein- gestanden, daß er dem Redakteur die unwahren Angaben gemacht habe. Politisch interessant ist an dem Falle, daß die Verurteilung Westineyers erfolgte wegen der Behauptung, Hapke sei wegen seiner politischen Gesinnung entlassen worden. Darin wurde die Behauptung einer unwahren Thatsache erblickt, die geeignet sei, den Kläger verächtlich zu machen und in der öffent- lichen Meinung herabzusetzen. Demgegenüber wies der Verteidiger Westmeyers treffend darauf hin, daß ja in allen Staatsbetrieben Arbeiter wegen ihrer politischen Gesinnung entlassen würden. Nach der Beurteilung, die Westmeyers Behauptung bei Staatsanwalt und Gericht fand, müßte auch das Verfahren dieser Behörden geeignet sein, sie verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Allerdings meinte der Staatsanwalt, bei den Behörden sei das etwas andres, sie müßten die Disciplin aufrecht erhalten. Das nehmen aber doch die Privatunternehmer auch für sich in Anspruch und maßregeln deswegen Arbeiter wegen ihrer Polstischen Gesinnung. Hat sich doch Herr v. Oldenburg erst jüngst im Reichs- tage gerühmt, daß er einen Vorarbeiter entlassen habe, weil er frei- sinnig gewählt habe. Ist das nun eine verächtliche Handlung oder nicht? Das Hannoversche Gericht mag die Frage beantworten. )Zug Industrie und Handel. Das internationale Stahlkartell. Die seit einiger Zeit von der Leitung des neugegründeten Stahl- Werksverbandes aufgenommenen Versuche, mit den großen ameri- kanischen und englischen Stahlwerken zu einer Verständigung über die Einhaltung gewisser Exportbcdingungen und Exportpreise zu ge- langen, können als völlig gescheitert gelten. Die nordamerikanischen Werke haben wenig Neigung zu einer Preisvereinbarung, und noch weniger sind die englischen Stahlproduzenten, wie wir schon vor einigen Tagen berichteten, zu Verhandlungen mst ihren heftigsten Konkurrenten auf dem englischen Markte bereit, haben doch die Massen- exporte und Preisunterbietungen der im deutschen Stahlwerksverband vereinigten Firmen in erster Linie die jetzige Notlage des englischen Stahlmarktes verschuldet. Auch die„Rheinisch-Westfälische Zeitung", das bekannte Organ der westfälischen Montan-Jndustrie, giebt jetzt zu, daß die Ver- einbarungsversuche gescheitert sind.„In London," schreibt es, „finden bekanntlich gegenwärtig, angeregt von deutscher Seite, Be- sprechungen statt, die eine internationale Regelung der Ausfuhr von Eisen und Stahl sowie andrer einschlägiger Fragen herbeizuführen bestimmt sind. Man ist jedoch in England der Ansicht, die zu über- windenden Schwierigkeiten seien so schwerwiegender Natur, daß ein Mißlingen der Bemühungen kaum irgendwelche Ueberraschung hervorrufen dürfte. Tagegen, so meint man, sei es eher möglich, in gewissen Zweigen der fraglichen Industrie, in denen in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten bereits eine Organi- sation besteht, zu Verabredungen zu gelmigen, so z. B. dürfe man den seitens der Röhrenwalzwerke in den genannten drei Ländern bereits seit längerer Zeit verfolgten Bestrebungen ein schließliches Gelingen wohl in Aussicht stellen. Andrerseits erscheine es aber durchaus unmöglich, und auch als wenig ratsam, die hinsichtlich ihrer Interessen so außerordentlich weit auseinandergehenden Stahlwerke Großbritanniens unter einen Hut bringen zu»vollen, zumal da die britische Stahlindustrie völlig ohne Schutzzoll arbeite, während letzterer bekanntlich m Deutschland und auch in den Vereinigten Staaten ein recht hoher sei. Ein allgemeines Stahl- Syndikat, das die sämtlichen Interessenten in Deutschland, Großbritannien und Nordamerika umfasse, habe deshalb auch tvenig Aussicht auf Verlvirklichung, dagegen biete die angestrebte Vereinbarung zwischen den Röhren- fabrikanten mehr Aussicht auf Erfolg. Diese aus den Interessenten- kreisen Großbritanniens stammende Anschauung verdient sicherlich jede Berücksichtigung._ Vom Coaksmarkt. Der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung" zu- folge haben sich die Verhältnisse auf dein Coaksmarkt gegen den Monatsschluß nicht erfreulicher gestaltet, so daß die vom Kohlen- syndikate vorgesehene Einschränkung von 25 Proz. voll innegehalten werden muß. Der Saatenstand im deutschen Reichsgebiet. Um die Mitte des Monats April war nach dem Bericht de? Statistischen Amtes der Stand der Saaten im ganzen Deutschen Reiche folgender sNr. 1 sehr gut. Nr. 2 gut. Nr. 3 mittel Durchschnittlich). Nr. 4 gering. Nr. 5 sehr gering): Winter- Winter- Weizen Roggen Klee Luzerne Wicken Deutsches Reich April 1904 2.4 2.4 2.S 2,4 2.4 1903 3.2 2.9 2,5 2,6 2,5 1902 2,2 2,2 2.4 2.3 2.4 "„ 1901 3,6 2,8 2,9 2.« 2,5 Die Witterung des Winters war im allgemeinen für die Saaten günstig. Trotz der fehlenden oder nur dünnen Schneedecke haben die Saaten keinen erheblichen Frostschaden erlitten. Die wegen Auswinterung umgepflügten Flächen sind daher sowohl bei den Halmfrüchten als auch bei den Futtergewächsen bis jetzt Verhältnis- mäßig gering. Die Bestellung der FrühjahrSsaatcn ist vielfach»vegen naßkalter Witterung noch weit im Rückstände, in andren Gegenden aber, in denen die Witterung der letzten Wochen günstiger war, bedeutend fortgeschritten, zum' Teil auch bis auf das Aussetzen der Kartoffeln beendet. Vereinzelt ist die Sommersaat schon auf- gegangen. Ans Kommerzienrntskreisen. Wie an der heutigen Börse be- kannt wurde, fft der Kommerzienrat Julius Ribbert, Miteigentümer der in der Kali-Jndustrie bekannten Firma Moritz Ribbert in Hohen- Pgratttw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw. limburg, unter Hinterlassung einer Schuldenlast, die sich auf 8 bis 9 Millionen Mark belaufen soll, nach England entflohen. Wie ver- lautet, hat er hinter dem Rücken seines Vaters, des Kommerzienrats Heinrich Ribbert, des Haupteigentümers der obengenannten Firma, auf diese zahlreiche Wechsel ausgestellt und außerdem in London er- hebliche Lombardvorschüsse aufgenommen. Obgleich der Geflohene ein enormes Vermögen besaß, das er durch den Verkauf der Gewerkschaft„Einigkeit" an den amerikanischen Düngertrust, die Virginia Chemical Co., noch bedeutend zu ver- mehren wußte, soll er sich doch in der Sucht, neue Reichtümer auf- zuhäufcn, mehrfach in recht ziveifelhafte Geschäfte und Gründungen eingelassen haben. Bekannt ist besonders seine Gründung der Kali- Gesellschaft Heldburg, deren Nominalkapital auf 20 Millionen Mark fixiert wurde, obgleich die eingebrachten Kalibergtverke als teilweise stark abgewirtschaftet galten. Diese und andre bedeutende Speku- lationen hatten schließlich den finanziellen Zusammenbruch und die erwähnten Wechselgeschäfte des Herrn Kommerzienrats zur Folge. Wie es heißt, hat sich die Firma Moritz Ribbert, d. h. also der Vater des Geflohenen, zur Einlösung der Wechsel und zur Deckung aller Verbindlichkeiten bereit erklärt und bereits einen Teil der Accepte ohne»veiteres eingelöst. Da das bedeutende Vermögen des Herrn Heinrich Ribbert ihm gestattet, ohne allzu große Schmerzen 3 bis 9 Millionen Mark zu„entbehren", werden aus dem Vor- kommnis der Firma ernste Folgen nicht erwachsen: als charakteristisches Zeichen der herrschenden Spekulationssucht bleibt der Vor- gang aber immerhin interessant. (Zewerksedaftlickes. Berlin und llmgegend. Achtung, Bauklempner! Der Betrieb von A r o n a d e ist gesperrt. Die Kollegen haben dort die Arbeit niedergelegt. Mit dieser Firma war ein Einzelvertrag abgeschlossen, den die Firma jetzt nicht voll eingehalten hat. Ver- suchte Verhandlungen sind gescheitert.— Zuzug ist streng fern- zuhalten. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverivaltung Berlin. Achtung, Metallarbeiter! In der chemischen Fabrik vormals Schering streiken die Kupferschmiede. Der Betrieb ist gesperrt und ersuchen»vir, die Anfertigung von Streikarbeit zu verlveigern. In Dresden sind in einer Baubeschlägefabrik Differenzen aus- gebrochen. Zuzug von Drehern, Schlossern, Formern, Schmieden und Gürtlern ist streng fernzuhasten. Deutscher Metallarbeiter-Verband. OrtSverlvalttmg Berlin. Die Leitrrgerüstbauer waren am Sonntag im„Englischen Garten" zahlreich versammelt, um zunächst den Bericht über den Verlauf des Streiks bei der Firma Funk u. Co. sAltmann), Char- lottenburg, entgegenzunehmen. Aus dem Brückst, welchen Werner gab, geht hervor, daß es der Firma gelungen ist, 11 Kolonnen, welche zu ztvei Dritteln aus ungeübten Arbeitern zusammengesetzt sind, auf die Beine zu bringen. Daß die Firma mit diesen Leuten ihre Auf- träge nicht bewälttgen kann, ist daraus zu ersehen, daß von feiten derselben verschiedene andre Firmen angegangen werden, Streik- arbeiten zu übernehmen. Eine größere Berliner Firma wandte sich an Funk u. Co., die gleichzeitig einen Handel mit Rüstzeug betreiben, um Ankauf von einigen Fuhren neues Rüstzeug; da solches nicht vor- handen tvar, erbot sich Herr Altmann, der betreffenden Firma leih- weise vier Fuhren altes Rüstzeug zu überlassen. Dieser Umstand ist ein Betveis dafür, daß Herr Altmann sich in einer Kalamität be- findet, da er sonst sein altes Zeug notwendig selbst gebraucht. Ein Teil seiner Kundschaft hat sich mit Aufträgen an Berliner Firmen gewandt, welche diese nun auch in Zukunft bedienen werden. Mit Rücksicht darauf, daß sämtliche Streikende, außer ztvei jungen Platz- arbeitern, bei den Berliner Firmen in Arbett getreten sind, empfiehlt der Berichterstatter die Aufhebung des Streiks und Verhängung der Sperre über die Firma Funk u. Co. so lange, bis dieselbe den im Leitergerüst-Gewerb« bestehenden Tarif tvieder unterschristlich an- erkennt. In der sich hieran anschließenden Diskussion werden noch verschiedene Fälle angeführt,»vonach sich Herr Altmann um lieber- nähme von Streikarbeitcn an die Firmen Pusch, Machule, Hartleib K. geivandt haben soll, jedoch ohne Erfolg.— Es wurde dann einstimmig beschlossen, den Streik aufzuheben und die Firma laut Vorschlag des Berichterstatters zu sperren. Die Antvescnden verpflichteten sich noch besonders, für strikte Durchführung der Sperre Sorge zu tragen. Nachdem nun noch die Wahl eines neuen Sektionsleiters, welche auf den Kollegen G. Birkholz fiel, vollzogen tvar, und einige geschäftliche Angelegenheiten ihre Erledigung gefunden hatten, fand Schluß der Versammlung statt. Ter Bautischlerstreik von Steglitz und Gros«-Lichterfelde dauert unverändert fort. Die Unternehmer, welche noch immer Arbetts- willige heranziehen, nach außen hin aber den Schein zu erwecken suchen, daß sie genügend Arbeitskräfte haben, um die nötigsten Arbeiten fertigzustellen, suchen durch ihren Schutzverbandsvorsitzenben in der Fachzeitung der Tischlermeister ihre Sünden auf die Tischler- gesellen abzutvelzen. In der Fachzeitung veröffentlicht Herr Sebastian einen Arttkel, in dem es heißt: Verschiedene Einigungsversuche sind gescheitert, da die Gesellen triumphierend erklärten, die Streikenden sind zum größten Teil untergebracht, und müssen die Unternehmer über kurz oder lang doch nachgeben. Des weiteren hätte in der Meisterversammlung große Heiterkeit hervorgerufen, sowie zu festem Zusammenhalten der Meister geführt, daß die Feinde erklärt hätten, wenn am dritten Osterfeiertage der Friede noch nicht geschlossen ist, setzen wir gleich den dritten Pfingstfeiertag fest, wo wir verhandeln wollen. Außerdem wollen die Herren schon höhere Preise gezahlt haben, wie in Berlin gezahlt werden. Dies alles sind bewußte Un- Ivahrheiten, wie man sie von dem frommen Herrn Sebastian, der seine Arbeitswilligen zum Beten anhält, nickst erwartet hätte. Erstens sind Einigungsversuche nur einmal gemacht, aber durch die Herren selbst vereitelt worden; desgleichen geht die Faselei vom dritten Oster- und Pfingstfeiertag« nur von de» Unternehmern aus. Um die dritte Acußerung besonders festzunageln, wird bekannt sein, daß in der Sonnochendnummer des„Vorwärts" eine Karte abgedruckt war. welche im Streikbureau einging, und von einem bekehrten Arbeitswilligen herrührte, dem 3,25 M. als höchster und 1,50 M. als niedrigster Lohn pro Tag bei oben erwähntem Herrn gezahlt wurden. Außerdem ist nachträglich noch eine Karte von dem er- wähnten Arbeitswilligen eingegangen, worin derselbe erklärt, daß er 'ein eignes Werkzeug den andren Arbeitswilligen noch zur Benutzung überlassen mußte. Was nun der ganzen Sache die Krone aufsetzt, ist, daß der Mann noch klagbar werden mußte, um überhaupt zu seinem Gelde zu gelangen. AuS alledem kann sich wohl jeder ein Bild von der wahren Sach- läge machen. Die Forderung der Gesellen beträgt 7—8 Proz. Auf- schlag bei Akkord- und 10 Proz. bei Lohnarbeiten. Was die lieber- tragung des Maschinengcldes vom Gesellen auf den Meister anlangt, so hat dieselbe mst dem Auffchlag nichts zu thun. Und das nannten die Herren Unternehmer eme stivole Forderung. Die Meister, welche derattiges behaupteten, müssen aber zu ihrem Leidwesen sehen, wie die Firmen, welche bewilligten, sich von Tag zu Tag vergrößern, und neue Unternehmen entstehen, um ihnen die besten Bissen wegzu- schnappen. Die Streikleitung ersucht nochmals die Berufskollegen allerorts, den Zuzug nach Steglitz und Groß-Lichterfelde zu unter- lassen. Deutkcbes Reich. Der Streik der Maler in Frankfurt a. O. ist durch Ver- gleich beendet. Die Ausständigen haben am Montag sämtlich die Arbett wieder aufgenonunen. „Das Streikpostenstehen ist bei Strafe verboten. Die Polizeivertvaltung. Ziem." Große Plakate dieses Inhalts an Telegraphenstangen und Mauerecken verkünden in Senstenberg. wie wenig notwendig es ist. als Leiter der Polizei die Gesetz« und die hundettfach wiederkehrenden : Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstatt Entscheidungen der höheren Gerichte zu keilnett. Das Streikposten» stehen ist gesetzlich erlaubt, der Z 152 der Gewerbe-Ordnung hebt ausdrücklich alle Verbote auf. die sich gegen die Ausübung des Koalitionsreckstes richten; aber eine beliebige Polizeivertvaltung ver- fügt: Das Streikpostenstehen ist verboten. Ursache des polizeilichen Vorgehens ist ein Streik, der im Maurergewerbe zu Senstenberg ausgebrochen ist. 129 Maurer legten die Arbeit nieder, weil die Arbeitgeber jede Verhandlung mit der Lohnkommission ablehnten. Der Streik der Maler und Lackierer in Hannover dauert un- verändert fort. Am Orte sind nur noch 160 Streikende vorhanden, 400 sind abgereist. Die Streikunterstützung konnte infolgedessen für Verheiratete um 3. für Ledige um 1 M. erhöht werden.— In Leipzig wurde der Streik durch eine Vereinbarung beendet. Der Mindestlohn beträgt bis zum 31. März 1905 53 Pf., vom 1. April 1905 ab 55 Pf. pro Stunde. Für Maler- und Lackierergehilsen, die noch nicht länger als seit einem vollen Jahre die vierjährige Lehrzeit beendet haben, sowie für die Anstreicher ist der Minimal- Stundenlohn um 5 Pf. niedriger. Der Vertrag gilt bis zum 31. März 1906 und läuft solange stillschweigend weiter, als er nicht von einer Seite mit halbjährlicher Frist gekündigt wird. Arbeitswillige Revolverhelden. Am Montagabend gegen elf Uhr geriet in Köln der Abbruch- Vorarbeiter Georg Schreiner mit einigen ausständigen Abbruch- arbeitern aneinander. Der Arbeitswillige, der Bruder eines Abbruch- untemehmers, zog dabei einen Revolver und feuerte auf den vierzigjährigen Albert T i e b o l d drei Schüsse ab, die alle trafen und den Mann sofort töteten. Der Arbeiter Andreas Grein erhielt eilten Schuß in die Leber und wurde schwerverletzt ins Bürger- Hospital geschafft. Auch er wird wohl sterben. Dem Revolver- Helden wurde bei der Gelegenheit eine Schulter aus- einandergerissen, so daß man ihn ebenfalls in das Hospital schaffte. Der Getötete wird als ein ruhiger und sehr besonnener Mann geschildert, von dem nicht anzunehmen sei, daß er den Schreiner, wie dieser behauptet, habe schlagen wollen. Dagegen soll Schreiner schon in der vorigen Woche gesagt haben, wer ihm jetzt zu nahe komme, den werde er über den Haufen schießen. Einem andern arbeitswilligen Abbruch- arbciter mußte dieser Tage von einem Polizeibeamten auf Ver- anlassung von Ausständigen ein Revolver abgenommen werde», womit er auf der Straße geprahlt hatte. Das sind die Früchte des sogenannten Arbeitswilligenschutzes. Die Steinsetzer in Bernburg haben die Arbeit niedergelegt, weil ihnen zugemutet wurde, an Stelle eines geregelten Lohntarifes über Land nur in Accord zu arbeiten und außerdem pro Quadratmeter Pflaster 5 Pf. als Garantiebetrag stehen zu lassen.— Zuzug ist fernzuhalten. Hiistand. Ter Streik der Budapester Pflasterer ist gestern nach nahezu zwölfwöchiger Dauer siegreich beendet worden. Die wichtigsten Er- rungenschasten sind Einführung der neunstündigen Arbeitszeit, An- erkennung des Lohntarifes und der Arbeiterorganisation. l�et2te Nachrichten und Depefchen, Oestreichisches Abgeordnetenhaus. Wien, 27. April.(SB. T. B.) Die Verlesung des Einlaufs dauert bis 2V« Uhr. Nach drei namentlichen Abstimmungen will der Präsident die aus der Tagesordnung stehenden Wahlen, darunter diejenige der Quotendeputation, vornehmen lassen. Als Choc da- gegen protestiert, setzt das Haus die Verhandlung der Dringlichkeits- antrüge fort. Sileny begründet den Dringlichkeitsantrag betreffend den Absatz von kleingewerblichen Erzeugnissen. Die Verhandlung wird dann unterbrochen. Der Präsident erteilt Steinwender, welcher bei dem Protest Choc gegen die Wahl der Ouotendeputation> dem Präsidenten zugerufen hat:„Lassen Sie den dummen Kerl reden, was er will", einen Ordnungsruf. Choc beantragt wegen dieses Rufes die Einsetzung eines Mißbilligungsausschusses; dieser tritt morgen vormittag zusammen. Die Sitzung wird hierauf geschlossen. Vom rnssisch-jnpnnischen Kriegsschauplätze. Mulden, 27. April.(Meldung der Russischen Telegraphen- Agentur.) Nach hier eingetroffenen Meldungen setzte eine japamsche Abtellung gestern bei Tagesanbruch beim Dorfe Sindagu über den Aalu. wo sie vom Feuer des russischen Kundschaster-Kommandos empfangen wurde. Durch die russische Artillerie wurde die von den Japanern nördlich von Widschu geschlagene Brücke zerstört. Der Uebergang erfolgte südlicher von Widschu auf Pontons. Ein Teil der Jnsanterie, welche mit einer Batterie über den Fluß gesetzt war, marschierte auf die russische Stellung bei Tuenschen, wurde aber so zurückgeschlagen, daß die Batterie nicht einmal das Feuer zu eröffnen vermochte._ Gleiwitz, 27. April.(B. H.) Durch den Einsturz der SicherungS- bühne auf dem Südschacht der Grube Guido I ber Makoschau sind heute morgen drei Heuer getötet worden. Hamburg, 27. April.(B. H.) Bon dem hier angekommenen Hamburger Schiff„Elio" sind infolge Unwetters und stürmischer Se» auf hoher See fiinf Mann der Besatzung von Sturzwellen von Deck gespült und ins Meer geschleudett worden. Plauen, 27. April.(W. T. B.) Dem. Vogttändischen Anzeiger" zufolge sind hier in der vergangenen Nacht kurz nach 4 Uhr drei starke E r d st ö ß e verspürt worden. Nürnberg, 27. April.(B. H.) In dem Hauptbetriebe der Vereinigten Fränkischen Schuhwarenfarik, A. G., ist die gesamte Arbeiterschaft in den Ausstand getreten. Wien, 27. April.(W. T. B.) Bei den heuttgen beiden Er- gänzungswahlen zum Gemeinderat in der vierten Kurie haben die Christlich-Socialen gegen die Socialdemokraten gesiegt. St. Gallen, 27. April.(B. H.) In der Ostschweiz ist bis auf 800 Meter herab Reuschnee gefallen. Venedig, 27. April. macht wird.(Beifall links.) Niemand will den Zehntansendeii von Ortsvorstehern im Deutschen Reiche die Gelegenheit nehmen, ihre subjektive Auffassung über die Wahl des Kandidaten zum Ausdruck zu bringen, ebenso wenig wie man den geistlichen Ortsvorstehern, den Herren Pfarrern. das Recht nehmen Ivill. ihrer- scits in politischer Hinsicht auf die weibliche» Gemeinde- genossen einzuwirken.(Sehr gut I liiilS.) Ich bin der Meinung, daß es ziemlich gleichgültig ist, ob jene Bürgermeister ihren amtlichen Charakter unter den Wahlaufruf gesetzt haben, denn jene Gemeinden sind so klein, daß den Einwohnern dieser amtliche Charakter sehr wohl bekannt sein muß.(Sehr richtig! links.) Rian müßte tonsequenterweise dann auch die geistlichen Vorsteher in der Freiheit ihrer Meinungsäußerung beschränken, insoweit sie bei Armensachcn, Schwursachen usw. mitwirken(Sehr richtig! links), denn da haben sie nicht bloß über das Seelenheil ihrer Gcmeindegenossen zu entscheiden, sondern auch über schwer- wiegende materielle Fragen der Gemeinden mitzusprechen. Ich bin nicht der Meinung, daß die Gefahr in den polizeilichen Funktionen der Ortsvorsteher liegt. Dagegen kann man sich auf den, Rechtswege schützen. Nicht schützen aber kann man sich gegen die Benachteiligungen, die aus den Entscheidungen der Ortsvorsteher in materiellen Fragen hervorgehen. Die Kommission ist zu dem Resultat gekommen, daß die Stellung der Bürgermeister in Elsaß- Lothringen eine andre ist als im übrigen Deutschland, da sie nicht ans der freien Wahl der Gemeinden hervorgehen, sondern von den Bczirlspräsidenten ernannt werden, ausnahmsweise sogar aus Personen hervorgehen, die nicht dem Gemeinderat angehören. In öffentlichem Gegensatz zum übrigen Deutschland habe man es hier mit von der Regierung ab- hängigcn Beamten zu thun. denen außerdem gewichtige polizeiliche Befugnisse gegeben sind. Gegen diese Auffassung find in der Koni- Mission triftige Bedenken erhoben worden, denen ich mich anschließe. Auch im übrigen Deutschland gehen die Bürgermeister durchaus nicht immer aus der freien Wahl der Gemeinden hervor. Ueberall ist der Regiermrg mindestens ein Bestätigungsrecht vorbehalten. Ich möchte behaupten, daß jene 13 Bürgermeister sämtlich aus der freien Wahl ihrer Gemeindegenoffen hervor- gegangen sind. Ferner ist dieses Amt in Elsaß-Lothringen ein Ehrenamt, mit dem nicht der geringste sinanzirlle Bezug verknüpft ist, sodaß die Regierung auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bürgermeister keinerlei Einfluß hat. Ihre polizeilichen Befugnisse sind durchaus nicht größer als in andren deutschen Staaten. Ich kann»»ich daher nicht überzeugen, daß diese Bürgermeister gegenüber der Regierung abhängiger sind als in andren deutschen Staaten. Ich erinnere hierbei an den Fall des Reichstags-Abgeordireten Spieß, eines clsaß-lothringischc» Bürger- Meisters, der gegen seinen eignen Kreisdirektor in den Reichstag gewählt worden ist. Wer will behaupten, daß die Regierung in Elsaß-Lothringen die Wahl des Kandidaten Blumenthal gewünscht habe. Angesichts des freundlichen Berhältnisses. das Herr v. Köller mit dem Centn»» aufrecht zu erhalten Iveiß, konnte man nur annehmen, daß der Lnndesregiernng die Wahl des seitherige« Centrumskandidatcu am erwünschtesten gewesen wäre.(Sehr richtig! links.) Die Unterschrift der Bürgernieister konnte daher nur als Ausfluß ihrer persönlichen Ueberzeugung angesehen werden. Die Kommission hat sich hier aus einen etwas zu sormalistischen Standpunkt gestellt.— Weiler hat man bemängelt, daß ein freisinniger Wahlaufruf von Eisenbahnbeamten unterschrieben worden ist. Darin erblickt»ian eine Beeinflussung der diesen Beamten unterstellten Beamten. Es sollen so zahlreiche Beamten unterschrieben haben, daß man daraus schließen müsse, die Regierung wolle die Wahl des Abg. Blumcnthal. Dieser Schluß geht entschieden zu weit, abgesehc» davon, daß eben die Regierung von Elsaß-Lothringen die Wahl des Abg. Blumenthal gar nicht wünschen konnte. Die Wähler wußten sehr gut. daß es sich um einen.Kampf zwischen den Liberalen und den Klerikalen handelte und jeder», ann ivar orientiert, daß wenn die Regierung für eine von beiden Parteien Stellung„ahm, sie jedenfalls nicht fiir die linke Seite eingetreten wäre.(Sehr richtig!) Es handelt sich hier »in« keine Wahlbeeinflusiung, sondern um den Versuch, eine rito zu stände gekomniene Wahl unter dem Schein einer amtlichen Wahl- beeinflussung ungültig zu erklären. Das wollen wir verhindern. (Lebhaftes Bravo! links.) Abg. Wellstrin(T.): ES kommt nicht darauf an, ob die Kandidatur Blunienthal abiolut der Regierung gefallen hat, sandeln darauf, ob sie ihr relativ gefallen hat im Verhältnis zu etwaigen andern Kandidaturen. (Lachen links.) ES kommt auch nicht auf die Absicht der Bürger- meister an, sondern ans die Wirkung, die ihre Nnterschrift thatsächlicki ans die Wähler ausübte. Schließlich kommt eS auch nicht darauf au, welchen Einfluß die Regierung auf die Bürgermeister hat, sonder» welchen Einfluß sie durch die Bürgermeister auf die Bevölkerung ausgeübt hat. Die Kommission war deshalb durchaus im Recht, als sie die Wahl für ungültig erklärte. Abg. Dr. Arendt(Rp.) würde mit der Mehrheit der WahlprilfungS-Komniission der Ansicht sein, daß die Wahl des Abg. Blnmenthal zn kassierm ist, wenn der polizeiliche Charakter der Bürgermeister in Elsaß-Lothringen festgestellt ist Es freut mich, daß der Abg. Payer heute in Bezug auf amtliche Wahlbeeinflustung Knschaunngen geäußert hat, die wir stets vertreten haben.(Sehr gut! rechts.) Hoffentlich bleibt diese Anschanung nicht auf diesen einzelnen Fall beschränkt, Ivo es sich um einen Abgeordneten der Linken handelt.(Sehr gut! rechts.) Selbstverständlich ist jede amtliche Wahlbecinfluffung streng zu verwerfen, diese Ansicht hat ineine Partei stets vertreten.(Große Heiterkeit links.) Ich hoffe, daß die Herron auf der Linken von jetzt ab ihre neuen Anschauungen auch bethätigen, wenn es sich bei der Wahlprüfung um Mitglieder der Rechten handelt.(Sehr gut! rechts.) Aus diesen Gründen stimme ich für die Gültigkeit der Wahl. des Abgeordneten Blumenthal.(Heiterkeit; Beifall links.) Abg. Dr. Bonderscheer(Elsässer): Es ist in keiner Weise richttg. daß die Bürgernieister in Elsaß- Lothringen von der Regierung voUkommen unabhängig sind. Bürger- 1 meister Spieß ist erst nach setner Absetzung in den Reichstag gewählt toorbcn. Weiter ist z.)8. Kollege Dr. Ricllin iElsässcr) nach seiner Wahl vom Bezirlspräsidenten nicht wieder als Bürgermeister bcstätiat worden. Avg. Dr. v. JnzdzcwSki(Pole): Wir werden für den Beschlusz der Kommission stimmen, da wir gegen jede amtliche Wahlbeeinflnssung sind. ES drängt unS dazu der politische Selbsterhaltungstrieb, denn nirgends sind die amtlichen Wahlbecinslnssungen grösser als in den polnischen Provinzen. Abg. Gothci»., darüber; ob sie, wiewohl sie Vorstandsmitglieder der nationalliberalen Partei des Wahlkreises Frankfurt- LebuS waren, dennoch das Flugblatt zu Gunsten der Kandidatur des Herrn Fclisch unterschrieben haben, weil die Aufstellung eines nationallibcralen Kandidaten nicht beabsichtigt war, bezlv. ob sie diese Unterschrift auch gegeben härten, wenn die Aufstellung eines nationallibcralen Kandidaten beabsichtigt gewesen wäre. Weitere Vernehmung des Herrn Direktors Hoffpauer darüber, daß er seine Unterschrist für Felisch später zurückgezogen bezw. sein Bedauern darüber aus- gesprochen hat, daß er Herrn Felisch irrtümlich als gemeinsamen Kartellkandidaten aufgefaßt habe. B) Informatorische Vernehmung des Herrn Oberpräsidenten v. Windheim darüber: a) ob er seine Unterschrift unter das im Januar 1903 ver- breitete Flugblatt zu Gunsten der Wahl des Herrn Felisch gegeben habe, weil Herr Felisch der Kartellkandidat war; b) ob diese Unterschrift sich gegeil die Kandidatur Schwabach gerichtet habe: o) ob er seine Unterschrift für Felisch später zurückgezogen habe bezw. unter die weiteren Flugblätter für Felisch nicht mehr gegeben habe, weil Felisch später nicht mehr der gemeinsame Kandidat der bürgerlichen Parteien war. (?) Informatorische Vernehmung des Herrn Bürgermeisters Zeidler in Fürstenwalde darüber: ob er im Dezember 1902 in einer Wählerversammlung dortselbst für die Kandidatur Felisch gewirkt und zur Unterschrift für dieselbe aufgefordert habe, weil Felisch da- mals als Kartellkandidat galt, obgleich er später für die Kandidatur Schwabach seine Unterschrift gegeben habe. O) Erdliche Vernehmung des Bnreauvorstehers Felber, Junker- straße 16, und des Schuhmachers Siedow, beide in Fürstenwalde, darüber: daß Bürgermeister Zeidler in Fürstenwalde in jener Wählerversammlung im Dezember 1902 für die Wahl des Kartell- kandidaten Felisch gewirkt und einzelne Personen zur Unterschrift des Flugblattes zu Gunsten Felisch aufgefordert hat. Abg. v. Gerlach(Hosp. der frs. Vg.): Ich bin entgegen dem Beschluß der Kommission der Ansicht, daß die Wahl deS Abg. Braun für gültig erklärt werden muß. Die WahlpriifnngS-Kommission hat es abgelehnt, einen Punkt des Gegen- Protestes, den ihr der Reichstag zur Prüfung überwiesen hatte, zu prüfen. Sie hat sich gewissermaßen als oberste Instanz gegenüber dem Plenum etabliert. Sie begründet dieses Vorgehen mit der Be- rnfung auf§ 4 der Geschäftsordnung, weil keine neue Thatsache in den, Protestpunkt enthalten sei und der Protest nicht zeitig genug eingegangen sei. 8 4 der Geschäftsordnung sagt aber nichts davon, daß Gegenproteste innerhalb zehn Tagen einzubringen sind, sondern er spricht nur vom Inhalt des Protestes selbst. Gewiß war eS bisher Praxis der Wahlprüsungs-Kommission, auch Gegenproteste nur zu berücksichtigen, wenn sie innerhalb einer gewissen Zeit eingelaufen waren. Wenn aber das Plenum erklärt: wir verlangen, daß das gesamte neue Material von der Wahlprüfungs-Kommilsion geprüft wird, so kann die Kommission sich nicht darauf berufen, daß das sonst bei ihr nicht üblich sei. Das ist ein bedenkliches Vorgehen der Kommission. (Sehr richtig! links.) Daß es der Wille des Hauses war, das ge- samte Material prüfen zu lassen, geht aus den Verhandlungen, auch aus den Reden der Mitglieder der Kommission deutlich hervor. Aber auch ganz abgesehen davon müßte man zur Gültigkeitserklärung der Wahl kommen. Es handelt sich darum, daß im Januar 1903 der Regierungspräsident v. Windheim seine Unterschrift unter dem Wahlaufruf für Felisch gesetzt hat. Damals war Felisch der einzige Kandidat der vereinigten bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie. Als später die Nationalliberalen den Kandidaten Schwabach ausstellten, veränderte sich der Charakter der Kandidatur Felisch. Unter einen erneuten Wahlaufruf ftir Felisch fehlte dann die Unterschrist des Regierungs- Präsidenten. Auch die„Frankfurter Oder- Zeitung" hat damals betont, daß dies geschehen sei. weil eben Felisch nicht mehr gemein- samer Kandidat gegen die Socialdemokratie war. Die Kommission allerdings liest etwas anderes aus der Zurückziehung der Unterschrift heraus, sie etabliert sich als Gedankenleserin und sagt, der Regierungs- Präsident habe es gethan, weil die Zeitungen geschrieben hätten, daß seine Unterschrift den Charakter der Wahlbeeinflnssung trage. Diese Folgerung ist nichts weiter als eine Möglichkeit; eS kann die Unterschrift ebensogut aus dem Grunde erfolgt sein, um nicht mehr ftir den betreffenden Kandidaten einzutreten. Jedenfalls haben die Nationallibcralen mit dieser Zurückziehung gute Agitation ge- trieben. Es wäre ja auch ein ungelvöhnliches Armutszeugnis für ihre eignen Parteigenossen, das die Nationalliberalen hier ausstellen würden, wenn sie behaupteten, daß damit nicht agitiert worden ist. In der Tchat hat sich die Stimmenzahl der Liberalen seit 1898 um 2000 gehoben. Wenn man nicht die Thatsachen auf den Kopf stellen will, muß man doch da sagen, hätte die Wahl- beeinflussung im Januar für den Konservativen Erfolg gehabt. so hätte die Wahl kassiert werden müssen. Nachdem sie aber rechtzeitig zurückgezogen worden ist, diese Zurückziehung bekannt und ausgenutzt wurde, hat sie den Nationalliberalen sicherlich mehr genutzt als geschadet. Meiner Ansicht nach sollte man die Wahl ohne wettere Beweiserhebung für gültig erkläre».(Lebhafter Beifall links.) Abg. Fischer-Berlin(Soc.): Wir haben unfern Antrag gestellt, weil wir der Ansicht sind, daß die Wahlprüfungs- Kommission den Plenarbeschluß des Hauses nicht befolgt hat. Der Beschluß des Hauses ging dahin, die neu ange- führten Thatsachen zur erneuten Prüfung zurückzuweisen. Nun schreibt Artikel 4 der Geschäftsordnungs- Kommission vor. daß die Wahl- anfechftingen oder Eiiiivendungen dagegen 10 Tage nach Eröffnung des Reichstages oder Feststellung des Wahlergebnisses eingereicht werden müssen. Die Kommission meintenun, derReichstag habe nichts weiter be- schließen wollen, als sie solle nach Artikel 4 verfahren; das heißt nicht einen Beschluß ausführen, sondern eine Form finden, ihn zu umgehen.(Sehr gut! bei den Socialdemokratcn.) Seit jeher hat man sich bei der Wahlpriifnng nicht an die Frist gehalten, wenn die Thatsachen, die nachträglich berücksichtigt werden sollten, aus der eignen Kenntnis des Hauses stammten. So hat bei der Prüfung der Wahl des Nachfolgers v. Sttnnm die Prüfmigskommission in ihrer Mehr- heit wörtlich an den Reichstag berichtet, nur die Kommission habe sich an diesen Artikel gehalten, der Reichstag brauche sich nicht an dixse Grenzen zu binden(Hort! hört l bei den Socialdcmokraten), und nun,>vo der Reichstag der Wahlprüfungs-Kommission ans- drücklich aufträgt, die neuen Thatsachen zu prüfen, weigert sie sich dessen und beruft sich auf den Artikel 4. Die Wahlprüfungs-Kommission sagt ferner, ob die in der Er- gänzung behaupteten Thatsachen wahr oder unwahr seien, sie könnten nicht auf ihre Auffassung vom Stimmergebnis einwirken. Dabei sollte die Kommission erst prüfen, ob überhaupt eine Wahlbeeinflnssung stattgefunden hat. und dann erst, wie groß ihr Einfluß war. Im Plenum ist dieser Standpunkt von den Abgg. Grober, Arendt, Sattler, Träger mit vollkommener klebereinstimmung anerkannt worden. Sie haben verlangt, daß die Kommission die neuen That- fachen prüfen sollte, daß festgestellt wird, ob der Wahlaufruf über- Haupt zur Verbreitung gelangt ist und ob er mit dem Amtscharakter unterzeichnet war. Statt dessen hat die Wahlprüfungs-Kommission die Thatsachen einfach nicht mehr geprüft und nicht festgestellt, und dadurch dem Hanse unmöglich gemacht, sich über das Vorliegen oder NichtVorliegen und das Maß der Beeinflussung ein Urteil zu bilden. Aber selbst wenn ich mich mit der Mehrheit der Kommission zu der Auffassung entschließe, daß Artikel 4 eine Prüfung neuer That- fachen verbiete. hätte die Kommission doch unsre Ergänzungs- behauptungen prüfen müssen, denn sie beziehen sich alle auf Be- Häuptlingen des Protestes und bringen keinerlei neue Behauptungen vor. Im Protest wird eine amtliche Beeinflussung gegen den liberalen Kandidaten Schwabach behauptet. Wir behaupten ja, daß die Wahlbeeinflnssung sich nicht gegen Herrn Schwabach richtete, daß seine eignen Parteigenossen und die nationalliberale Partei- leitung den Aufruf mit unterzeichnet und verbreitet haben. Wir behaupten weiter, daß eine amtliche Wahlbceinfluffmig zu Gunsten von Schwabach stattgefunden hat. Da erklärt die Kommission, all dies konnte ihre Auffassung von dem Charakter und dem Einfluß der Wahlbeeinflnssung nicht ändern. Das heißt doch, die Thatsachen aus der Welt schaffen, weil sie unangenehm sind, nicht nach der Sache, sondern nach der Person oder der Partei entscheiden, um die es sich handelt. Vielleicht könnten unsre ergänzenden Mitteilungen falsch sein. Aber das schützt die Wahlprüfungs- Kommission nicht vor der Beweis- erhcbnng. Ich gehe deshalb gar nicht darauf ein, ob sich die Wahl- beeinflussung nur gegen socialdemokratische Kandidaten gerichtet hat und ob der Regierungspräsident aus ganz bestimmten Gründen seine Unterschrift zurückgezogen hat. Solange das nicht widerlegt ist, sind es Thatsachen, die das Urteil über das Stimmergebnis wesentlich beeinflussen müssen. Man konnte doch nicht folgern, weil die Wahlbeeinflussung für Schwabach nicht von Erfolg war, so wird die Wahl jetzt kassiert, damit die künftige Wahlbeeinflussung von Erfolg ist. Aber so ge- schicht es jetzt. Weil die Wahlbeeinflnssung gegen den socialdemo- kratischen Kandidaten überhaupt nicht von Erfolg war, wird die Wahl des Socialdcmokraten kassiert, und, weil die Wahlbeeinflnssung zu Gunsten von Schwabach ohne Erfolg war, wird die Wahl auch kassiert. Das heißt beschließen, daß Wahlbeeinflussungcn gültig und zulässig sein sollen, wenn sie zweimal zu Ungunsten der Socialdemo- kratic verübt werden. Stellen Sie sich auf diesen Standpunkt, so werden wir uns damit abfinden, aber sprechen Sie ihn wenigstens aus I(Lebhafter Beifall bei den Socialdcmokraten.) Dannt schließt die Diskussion. In seinem Schlußwort protestiert der Berichterstatter Abg. v. O ersten gegen die Behauptung des Abg. Fischer, daß die Wahlprüfungs-Kommission sich bei ihrem Beschluß durch die Thatsache habe beeinflussen lassen, daß es sich um die Wahl eines Socialdcmokraten handelt. Abg. Fischer-Berlin(Soc.) bemerkt dem gegenüber, er habe nur gesagt: Die Logik des Beschlusses der Kommission führe zu der An- nähme, daß dieser Beschluß nur entstanden sei, weil es sich um die Wahl eines Socialdemokratcn handelt. Bei der Abstimmung werden die Anträge Auer gegen die Stimmen der Socialdcmokraten, der Mehrheit der beiden frei- sinnigen Parteien, der Antisemiten und Polen abgelehnt. Die Wahl des Abg. Dr. Braun wird für ungültig erklärt. Hieraus wird die erste Beratung der Börsengesetz-Novelle fort- gesetzt. Abg. Robert Schmidt-Berlin(Soc.): (Die ersten Ausführungen des Redners bleiben bei der großen Unruhe des Hauses auf der Tribüne unverständlich.) Graf Kanitz hat in scharfer Weise gewisse Manipulationen an der Börse verurteilt. Er erklärte aber trotzdem das Börsengesetz für einen civilisatorischen Fortschritt. Auch wir sind uns jederzeit darüber klar gewesen, daß es Auswüchse im Börsen- und Banken- verkehr giebt, die durch gesetzliche Bestimmungen kauni unter- drückt werden. Das ist natürlich, weil eben die Börse mit allen ihren Fasern zusammenhängt mit dem ganzen modernen Kapitalismus. Das Verbot des Terminhandels hat sich als sehr unzweckmäßig erwiesen und hat zum Teil schwere wirtschaftliche Nachteile zur Folge gehabt, weil die durch die Vertretung der Land- Wirtschaft gegebene Grundlage der Preisbildung vollständig unge- nügend war. Die Landwirtschast kann nicht wie die Industrie jederzeit die Produktion nach dem Bedarf schnell steigern, außerdem ist sie auf den Bezug vom Ausland angewiesen, daher ist für sie das Zeilgeschäft eine Notwendigkeit. Es hat mich gefteut, daß Graf Kanitz Amerika heranzog. Ich hätte es auch gethan, aber um das Gegenteil zu beweisen. Ich wollte damit beweisen, daß viele Vorgänge im Handelsverkehr mit dem Terminhandel gar nichts zu thun haben. Sie(nach rechts) be- trachten die meisten Vorgänge im Wirtschaftsleben als Produkte des Einflusses der Börse, als hauptsächlich aus ihrem Wirken hervor- gegangen. Das ist eine ganz verfehlte Auffassung. So war auch nicht der Handel mit nicht thatsächlich vorhandenen Waren der Grund zu der Preissteigerung, sondern der Handel mit wirklich vor- handenen Waren, die aufgekauft und vom Markt ferngehalten wurden. Das hat mit dem Terminhandel nicht das mindeste zu thun. Es sind kapitalistische Handelserscheinungen und darum konimen die wildesten Ausschreitungen auch in Amerika vor, wo der Kapitalismus seine tollsten Formen entfalten kann, wo die Kapitalkonzentration am stärksten ist und einzelne Kapiralmagnaten auf das gesamte Wirtschaftsleben unübersehbaren Einfluß gewinnen können. Diese Preisbewegungen sind sowohl auf dem amerikanischen wie auf dem hiesigen Markte nicht durch eine Anzahl von Borsenoperationen hervor- gerufen, sondern haben den effektiven Handel zum Hintergrund, ohne den eine Preissteigerung gar nicht möglich ist. Sticht weil sich eine Anzahl Jobber zuiammenthun, was ja zweifellos vorkommen kann, sondern weil wirklich keine Ware zn finden ist. tritt die Preis- steigerung ein, die keineswegs durch Fiktionen hervorgerufen ist. Es handelt sich um den Ausdruck der thatsächlichen Markwerhältnisse und um ihre Benutzung, und nicht darum, unabhängig von ihnen Preis- bewegungen zu iiycenieren. Die Baumwolle konnte z. B. lange Zeit einfach gar nicht geliefert werden, man konnte keine Waren an den Markt heranbringen. Das ist eine Eigentiim- lichkeit der kapitalistischen Gesellschaft, von der Sie sie nicht entfernen und frei machen können, eine Erscheinung des kapitalistischen Handels, die Sie weder durch Börsen- noch durch andre Einrichtungen beseitigen können. Mehr kann doch der Termin- Handel wirklich kaum bewirken, als auf lokalen Märkten den Preis um 50 Pf. oder eine Mark heruntertteiben, und je mehr Handel und Verkehr sich ausdehnen, desto mehr setzt sich, unabhängig von den Bestrebungen der einzelnen Personen, das Gesetz von An- gebot und Nachfrage bei der Festsetzung der Preise durch. Das Börsengesetz sollte eine dreifache Aufgabe erfüllen. Erstens sollte die Sicherheit des soliden Geschäftsverkehrs an der Börse gefördert werden. Diesen Bestrebungen ist von meiner Partei volle Unter- stiitzung gewährt worden. Zweitens sollte das Publikum vor Der« lnsten bei Börsenspekulationen geschützt werden. Diesem Argument stehe» wir schon gleichgültiger gegenüber, denn diese Spekulationen sind dem größten Teil des Volkes fremd. Ich halte es für sehr bedenklich, eine gesetzgeberische Thätigkeit in der Richtung zu entwickeln, daß man jede Dummheit polizeilich schiistt. Drittens sollte durch das Terminhandelsverboi eine Preisbeeinflussung zu Gunsten der Produzenten stattfinden. Diese Wirkung ist nach unsrer Ansicht nicht eingetreten. Allerdings sind die Preise in den folgenden Jahren gestiegen, aber auch für Produkte, die an der Börse überhaupt nicht gehandelt werden. Besonders ist das der Fall für zwei Produkte, die als die Grundstoffe aller industriellen Thätigkeit zu bezeichnen sind: Kohle und Eisen. Für die Preisbildung auf diesem Gebiete sind die Syndikate von ausschlaggebendem Einfluß. Bei Eisen hatten wir in der Periode 1893—1902 den niedrigsten Preis im Jahre 1895 mit 49,2 M., im Jahre 1900 den höchsten Preis mit 90,71 M., das ist also ein Aufschlag von 45 Proz. Bei der Kohle war in derselben Periode der niedrigste Preis im Jahre 1893: 8,20 M., der höchste Preis im Jahre 1901: 14 M., das ist ein Aufschlag von 41 Proz. Diese kolossalen Preisschwankungen sind nicht eine Folge des Borsengesetzes, sondern gehen in erster Linie von den mächttgen Monopolgesellichasten ans, die für die Preisbildung viel wichtiger sind als der Terminhandel. Ich verstehe es, wenn sich die Agrarier für ihre Produkte eine ähn- liche Preissteigerung wünschen, aber es liegt nicht im Interesse der Konsumenten, ihren Feinden ein ähnliches Machttnittel für die Preis- bildung auf den Getreidcmarkt zur Verfügung zu stellen, wie es daS Kohlen- und Eisensyndikat für die industriellen Rohstoffe bedeutet. (Beifall bei den Socialdcmokraten.) Das Getreidemonopol wäre schon eher etwas für die Herren Agrarier gewesen; es hätte Ihnen schon Preise gebracht, besonders unter einer Regierung, die Ihnen so entgegenkommt, wie die jetzige. Wir wollen aber Ihre Macht nicht stärken!(Sehr richtig! bei den Socialdcmokraten.) Werden Ihnen Mittel zur Preissteigerung des Getreides gewährt, so be- deutet das für die Arbeiterklasse eine Vermehrung ihrer Aus- powerung.(Sehr richtig! bei den Socialdemokratcn.) Graf Kanitz hat gemeint, es sei ganz gleichgiilttg, daß nach Verbot des Terminhandels sich die ganze Spekulation dem Kassa- markt zugewendet hätte. Durch den vermehrten Andrang aber ist der Verkehr an der Börse nicht verbessert und nicht solider geworden. wie es wünschenswert und Aufgabe einer Börsengesetzgebung in unsrem Sinne wäre. Zweifellos Hat nicht die Boriengesetzgebung, sondern der wirtschaftliche Rückgang, die Krisis, den Kurssturz der Jndustriepapiere bewirkt..Andrerseits ist es aber richtig, daß in den Jahren wirtschaftlichen Niedergangs der Terminhandel den rapiden Kurssturz mäßigt. Es liegt auch im Interesse der Arbeiter, eine wirtschaftliche Deroute nicht plötzlich eintreten zu lassen, die ihre Rückwirkung auf die Lage der Arbeiterklasse ausübt. Es läßt sich in der That nicht bestreiten, daß es eine bedenkliche Wirkung der Börsengesetzgeüung ist, wenn der solide Markt dadurch unsicher gemacht wird, daß man auf der einen Seite das Spiel ausschließt und ins andre Lager hinüberdrängt. ES wird weiter behauptet, daß ein großer Teil des Börsenverkehrs ins Aus- land gegangen sei. Für die Richtigkeit dieser Thalsache sprechen eine ganze Reihe gewichtiger Momente. Auch wir müssen eS vom Wirt- schaftlichen Standpunkte des Arbeiters für richtig halten, daß unser Geldmarkt die flüssigen Mittel Mid Kapitalien behält und sie nicht ins Ausland gedrängt werden. Ein flüssiger Geldstand ist eine Anregung für Industrie und Handel, und wir müssen als Vertreter der Interessen der Arbeiter wünschen, daß Industrie und Handel nicht gelähmt, sondern gefördert werden. Eine höchst sonderbare Erscheinung ist es, daß die Herren Agrarier sich mit solcher Heftigkeit gegen das Spiel des Termin- Handels erklären. Gewissen Spielen sind sie doch gar nicht ab- geneigt, so dem Lotteriespiel, dem Spielen am Totalisator, bei deni die Regierung jetzt halbpart niit dem Renn- verein machen will.(Heiterkeit bei den Socialdcmokraten.) ES ist höchst bedenklich, wenn man eine vermeintlich schlechte Sache bekämpft und sich ihrer dann bedient. Wenn wir sehen müssen, daß auch die schlimmsten Feinde der Börse von den Früchten dieses Gift- baumes so gerne naschen.(Sehr gut! bei den Socialdemokratcn.) Die Fama behauptet auch, daß unsre Kornhäufer, die mit Subventton der Regierung errichtet sind, nur da florieren, wo sie ein bißchen Terminhandel betreiben.(Heiterkeit bei den Socialdemokratcn.) Bedenklich bei der Konzentration des Kapitals sind die großen Pfründen, welche die Banken und großen industriellen Unternehmungen gewähren. Es ist symptomatisch, daß häufig Regierungsvertteter als Direktoren in solche Banken oder industrielle Uuternehmungcn ein- treten. Ich verdenke ihnen das nicht, denn selbst das Einkommen eines Ministers ist so kolossal verschieden von dem Gehalt, das ein solcherBanidireftor bezieht, wie etwa dasGehalt eines Stiefelputzers von dem des Ministers, abgesehen davon, daß die Stellung eines solchen Direktors weit angenehmer ist als die eines Ministers. So haben wir es z. B. erlebt, daß die elekttische Straßenbahn von Berlin sich ihren Direktor aus dem preußischen Ministerium geholt hat. Und der Erfolg der fteundschaftlichen Beziehungen zum Ministerium war dann, daß ihr die Konzession von der Regierung auf eine ganze Reihe von Jahren hinaus verlängert wurde. lieber solche Borkommnisse regen sich die Herren Agrarier nicht im geringsten auf. Ein andrer bedenklicher Einfluß des Groß- kapitals macht sich auf gewisse Teile der bürgerlichen Presse bemerkbar. Wir haben es ja bei den letzten Bankkrachen gesehen, wie weit die Korruption um sich gegriffen hat, daß ein Blatt wie das„Dresdener Journal", das einen amtlichen Charakter hat, einen Börsenredakteur hatte, der es nicht verschmähte, sich aus kapitalistischen Gründungen honorieren zu lassen. Diese Zeitung verklagte den„Vorwärts" wegen einer formalen Be- leidigung, aber die Herren Redakteure empfanden es nicht als Uebel- stand, unter sich einen derartigen Kollegen zu haben. Es ftägt sich. ob wir eS bei der Revision des Börsengesetzes weiter gestatten dürfen, daß ein Mann 14 bis 15 Aufsichtsrats-Aemter übernimmt und ob wir nicht Vorkehrungen treffen, um die Minorität in den Generalversammlungen der Aftiengesellschaften mehr zu schützen. Auch die Frage der Gründung von Tochtergesell- schaftcn ist durch die Bankkrache aufgerollt worden. Aber durch alle solche Präventtvmaßnahmen ist es doch nicht möglich, den Tendenzen deS Großkapitalismus erfolgreich gegenüber zu tteten. Das Großkapital wirkt auch niit bei den Bestrebungen auf Unter- drückung der Arbeiter auf polittschem Gebiete, um sie gefügiger zu machen; und hier wünschen wir der Regierung allerdings eine mög- lichst große Freiheit von dem Einfluß des Kapitalismus. Wir wünschen, daß sie das Vereins- und Versammlungsrecht der Arbeiter nicht unter« drückt. Wir wünschen, daß sie es nicht unternimmt, eine gewisse un- abhängige Stellung der Arbeiter, die jetzt besteht, anzutasten. Wir wünschen, daß sie sich dem Einflüsse der Scharfmacher entzieht, und daß der iibermächttge Einfluß des Kapitals im wirtschaftlichen und politischen Leben zurückgedrängt wird.(Lebhafter Beifall bei den Socialdcmokraten.) Abg. Burlage(C.) kann deni Vorredner nicht zugeben, daß der Terminhandel eine geeignete Grundlage ist, eine gesunde Preisbildung herbeizuführen.(Lebh. Sehr richtig! rechts.) Wir wollen gern prüfen, ob durch das Borsengesetz Treu und Glauben verletzt worden sind. Aber erst wollen wir Thatsachen, die das beweisen. Warum verstößt die Ein- tragung in das Börsenregister gegen Treu und Glauben?(Sehr gut! rechts.) Das verstehe ich allerdings, daß die kleinen Provinz- bankiers durch den Widerstand der großen Berliner eine gewisse Scheu gegen die Eintragung bekamen.(Zuruf links: Die großen Berliner Banken stehen ja alle im Register!) Lassen Sie doch diese Unterbrechungen!(Lachen und Unruhe links.) Wir sind auf keinen Fall gewillt, diese Bestimmungen, die so wohl- thätige sociale Folgen gezeitigt haben, wieder rückgängig zu machen. (Beifall rechts und im Centrum.) Preußischer Handelsminister Möller: Dem Herni Vorredner gegenüber wiederhole ich, was ich gestern betont habe, daß an den Grundpfeilern des Gesetzes von 1896, dem Verbot deS TerniinhandelS und dem Borjenregister. nicht gerüttelt werden soll. Vor dem Vorkommen von Ehrlosigkeiten wollen wir den Kaufmannsstand schützen. Darin können sie uns nur unter stützen. Ich habe nicht davon gesprochen, dasi der Termin- Handel notwendig sei, sondern das Zeitgeschäft, insbesondere bei Getreide.'Die betreffende Bestimmung der Vorlage stammt nicht von uns, sondern ist uns zugetragen worden im Börscnausschuß, sie ist formuliert worden von den Vertretern der Landwirtschaft(Hört! hört! links), die anerkannt haben, dah ein Zeitgeschäft innerhalb verständiger Grenzen eine Notwendigkeit ist. Wir sind doch nicht von einer chinesischen Mauer umschlossen, daß wir uns bor den Konjunkturen auf dem Weltmarkt schützen könnten. Das Zeitgeschäft ist ein notwendiges Glied in unserm ganzen Wirtschaftsleben. Durch die Novelle soll nur die Möglichkeit genommen werden, die Handhabe des Differenz- und SpieleinwandeS mißbräuchlich an- zulvenden. Darauf vertagt sich das Haus auf Donnerstag 1 Uhr. Auf der Tagesordnung stehen: 1. die dritte Lesung der Novelle zum Krankcnfürsorgr-Gcseli für Seeleute. 2. Fortsetzung der ersten Beratung der Börsennovclle. Schluß 61/4 Uhr._ Soziales» Zlerzte und Krankenkassen. Nach der„Leipziger Volkszeitung" sind jetzt für die Orts-Krankenkasse 73 Distriktsärzte thätig und 10 sollen im Laufe des Monats April noch eintreffen. Mit einer weiteren Anzahl schweben noch Verhandlungen. Das„Leipziger Tageblatt" meldet, die Kreishaupt- Mannschaft habe die von der Kasse nachgesuchte Fristverlängerung abgelehnt. Was aber die Kreishauptmannschaft danach zu thun ge- denkt, wird noch nicht mitgeteilt. Die„Post" jubelt schon über die Ablehnung der Fristverlängerung. Sie sollte ihren Jubel noch ein wenig zügeln, denn es kommt vor allem darauf an, was weiter geschieht. Bis dahin wollen auch wir mit unsrenl Urteil zuriickhalten. Zur Geschichte der Schwindelkassen. Vor einiger Zeit ging eine Notiz durch die Presse, daß der „Direktor" Winkelmann der„Deutschen Bcrficherungs- Kranken- und Unterstützungs- Zuschußkasse zu Gelsenkirchcn" dort verhaftet sei und ein Rechtsanwalt Klarholt in Gelscnkirchen teilte dazu mit, daß über das Vermögen der Kasse Konkurs er- öffnet sei. Ein andrer Rechtsanwalt wieder bestritt dies in einer Zuschrift an Zeitungen. Wir können die Richtigkeit der Angabe nicht nachprüfen, wollen aber dafür ein Dokument ver- öffentlichen, das zur Kennzeichnung dieser Art Kassen dienen möge. Die„Subdirektivn sämtlicher Bersicherungsbrancheu, Bank- und Hypotheken verkehr" Peter u. Rättig in Berlin, Alexander- straße 1, läßt uns das folgende, anscheinend an ihre Agenten gerichtete Rundschreiben zugehen: Deutsche Bersichcrungs-Kranken- und Unterstützungs- Zuschuß- kasse Köln(Eingctr. Hilfskassc). Berlin, den 27. April 1S04. Von nachstehendem wollen Sie gefl. Kenntnis nehmen, und das hier Gesagte evcnt. auch Ihren inzwischen unruhig gewordenen Mit- gliedern möglichst sofort unterbreiten: 1. Die verschiedenen Zeitungen, auch in Ihrer Gegend, brachten zum Teil unwahre Berichte über nnsrc Kasse. Sie wollen gütigst umgehend solche Zeitungsnachrichten, die Ihnen in dieser Beziehung bekannt sind, nach§ 11 des Preßgesetzes zur Richtigstellung auf- fordern, wie der hier einliegende Bericht des Borstandes besagt. Diese Aufnahme muß jede Redaktion, die falsch berichtet hatte, unver- züglich und unentgeltlich zum Abdruck bringen. 2. Ferner wollen Sie Ihren Mitgliedern, Aerzten und Apotheken, insofern solche noch Ansprüche an die Kasse haben sollten, sofort die Nachricht zusende», daß der neugewählte Vorstand vorläufig nicht in der Lage sei, irgendwelche Angelegenheit, sei es Krankengeld oder sonstiges usw.. jetzt schon zu erledigen, da sämtliche Bücher, Schriften usw. usw. bei der Aufsichtsbehörde sind, die eine Kontrolle ausübe, bezüglich Strafsache Winkelmann. Seit Montag, den 18. April er., ist der neugewählte Vorstand in sein neues Amt getreten, und ist vorläufig nur in der Lage, neu- eingelaufene Sachen zu erledigen und darüber Beschlüsse zu fassen; Reklamationen irgendwelcher Art, die auf frühere Zeit zurückführen. müssen einstweilen so lange unerledigt bleiben, bis die Aufsichtsbehörde die sämtlichen Sachen freigegeben hat. 3. Wiederholt ist in diesen Tagen leider konstatiert worden, daß Mitglieder, zumeist aus dem Arbeitcrstmide, ohne jeglichen Rückhalt, Anzeigen bei der Behörde gemacht haben, und anscheinend die Kasse bei der Behörde diskreditieren wollten. Gegen dieses ungerechte und nach 0 des Statuts zuwiderhandelnde Gebühren müssen unsre Herren Mitarbeiter ganz energisch Front machen. Unter derartigen Molesten erschweren die Mitglieder in der Thar unsre jetzt in allen Teilen neuorganisierte Thätigkeit. Was Herr Winkelmann sich hat zu schulden kommen lassen, entzieht sich ganz unsrer Beurteilung; wir vom neuen Vorstände können unmöglich— ohne Einsichtsnahme in die alten Bücher usw.— irgendwelche Aufschlüsse geben, noch Zahlungen alter Angelegenheiten leisten. Es mutz dies vorläufig unerledigt bleiben. 4. Ueber die weitere Thätigkeit der Herren Vertreter für die Kasse ist der jetzige Vorstand nnt neuem Vertragsentwurf eifrigst beschäftigt. Nach einem einheitlichen und gesunden System sollen die Herren Vertreter von nun an thätig sein, zum Wohle der Kasse und zur Zufriedenheit der angestellten Mitarbeiter im allgemeinen. Neue Verträge sind zu diesem Zivecke unerläßlich, sofern die Kasse ihre Existenz gesichert haben will. Wie Herr Winkelmann Verträge schloß, sind uns in diesen Tagen leider vorgeführt worden, und können solche unmöglich fortbestehen. Es bedarf daher in allen Teilen, wie bereits hier oben erwähnt, einer vollständigen Reorganisation, und dieses zu erreichen, ist lediglich der jetzige Vorstand bemüht. Prozesse, Klagen usw. würde die Kasse zu Grunde richten, und wer dieses vollführt, vcrnichter nicht allein die Kasse im allgemeinen, sondern auch Tausende von Mitgliedern, die mit am Aufblühen be- strebt waren. Ebenso Drohungen sollen möglichst vermieden werden. denn sie alle erschweren dem jetzigen Vorstand die Thätigkeit, nämlich die Kasse in die notwendige reine Bahn zu bringen. Zur endgültigen Regelung und zur weiteren streng durchführbaren Kontrolle, wozu noch ein Revisions-Komitee die Oberaufsicht führt, wurde in der letzten Generalversammlung ein neuer Vorstand gewählt und aus- schließlich dazu berufen. Die jetzigen Vorstandscnnter sind wahrlich nicht zu beneiden. Wir ersuchen daher sämtliche Mitarbeiter, uns in jeder Weise voll und ganz zu unterstützen, damit der sogenannte Neubau auch bis zum Dach fertig gelingt, und nicht in der Mitte baufällig wird. Das Fundament ist gegeben, die Arbeit des Weiterbauens darf nicht unier- krochen werden. Wollen Sie dies mstanstrcben, dann rechnen wir bestimmt auf Ihre weitere Unterstützung an diesem neuen Werke. Hochachtungsvoll Subdircktion Peter u. Rättig, Alexanderstr. 1, via Bahnhof. Der sogenannte„Bericht", von dem in diesem kassubisch-deutschen Aktenstücke die Rede ist— gemeint ist nämlich eine Berichtigung— lautet: „Zur Richtigstellung unsrer vor kurzem gebrachten Notiz über die Deutsche Versicherungs-Kranken- und Unterstützungs-Zuschußkasse zu Gelsenkirchen, wonach diese Kasse durch die Verhaftung des Direktors Winkelmann in Verfall geraten soll, wird uns mitgeteilt, daß die Kasse ihren Sitz nach Köln verlegt hat und dort weiter- geführt wird. Der jetzige Vorstand ist ncugewählt worden und liegt in fachmännischen Händen. Was Winkelmann zur Last gelegt wird, �ll die Kasse nicht betreffen. Die Kasse ist gesichert." Man sieht: Die„Subdircktion sämtlicher Versicherungsbranchen" mißhandelt die Wahrheit ebenso dreist wie die deutsche Sprache. „Die Kasse ist gesichert" I(Der Fettdruck rührt von uns her.) So mutet man der Presse zu schreiben zu, während die Herren selber in dem Schreiben an ihre Agenten sagen, es seien neue Verträge mit den Angestellten oder den Agenten nötig, wenn die Existenz der Kasse ge- sichert sein soll. Die bisherigen Verträge könnten unmöglich fortbestehen. Wenn eS aber die alte Kasse ist, wie behauptet wird, dann hängt es von dem guten Willen der Angestellten und Agenten ab, ob sie sich auf neue Verttäge einlassen wollen. Da allerdings die Kasse bloß dieser Verttäge wegen da ist, so ist es wahrscheinlich, daß sich die Herren zu Konzessionen bereit finden lassen werden. Alte Sachen, das heißt Geld auszahlen an die kranken Mit- glieder, kann der„neue Vorstand" vorläufig nicht erledigen; aber „die Kasse ist gesichert". Der neue Vorstand kann nur„neu ein- gelaufene Sachen" erledigen; das heißt, er kann nur Geld ein- nehmen. Dieser neue Vorstand ist unwissend wie ein— Lamm. Was der Herr Winkelmann gemacht hat, davon hat er keine Ahnung. Dabei steht der„neue Vorstand" der Subdircktion sämtlicher Versicherungs- brauchen genau so nahe wie der alte; sie handelt genau so im Namen des neuen Vorstandes, wie sie im Namen des alten ge- handelt hat. Einen interessanten Inhalt scheint der uns leider unbekannte § 0 des Statuts zu haben, der den Mitglieder» nach Meinung der Subdircktion verbieten soll, die Behörde auf die faulen Geschichten auftnerksam zu machen. Wir möchten auch gern das neue System kennen lernen, das dem Wohle der Kasse und der Zuftiedenheit der Angestellten dienen soll. Alles in allci�, wo man das Dings auch anfaßt: überall zeigt sich, daß es sich um nichts Iveiter wie um eine Gründung zum Wohle der Gründer handelt und diese Gründer haben wir wohl in der Subdircktion sämtlicher Versicherungsbranchen zu suchen. Die Kosten zahlen die Dummen, die sich von den schönen Versprechungen der Agenten ködern lassen. Wir warnen wiederholt dringend vor dem Eintritt in derarttge Krankenkassen. Das erste Kennzeichen, daß es sich um eine unsolide Gründung handelt, ist der Mitglieder sammelnde Agent selber. Niemand lasse sich von einem Agenten zum Eintritt in eine Kranken- kasse bewegen, bevor er nicht sachkundige, persönlich uninteressierte Personen zu Rate gezogen._■ Bei der Gewcrbezcrichtswahl in Bruchsal fBaden) erhielt die Liste der freien Gewerkschaften 346 und die der chrutlichcn 169 Stimmen. Da für die Besetzung der Mandate das Verhälttnssystem gilt, so er- halten die christlichen Gewerkschaften etwa ein Drittel und die freien zwei Drittel der Beisitzer. Das Gewerbegericht ist erst eingerichtet worden. Bruchsal galt bisher als eine Hochburg der Schwarzen. berliner partci-Hngelegcnbcitcn. Neuenhagen(Oftdahn). Die Maifeier des socialdemokrattschen Vereins findet statt am Sonntag, nachmittags 2 Uhr, bei Nagel in Bruchmühle. Frirdrichsfelde. Zu der in der dritten Abteilung zur Gemeinde- Vertretung am Freitag, den 29. d. M., stattfindenden Ersatzwahl ist in der gestrigen Versammlung beschlossen, Wahlenthaltung zu üben. Der zu Wählende muß Angesessener sein, einen solchen Kandidaten haben wir nicht. Trotz unsrer großen Sttmmenmehrheit müssen wir das Mandat den Bürgerlichen überlassen. Tempelhof. Sonntag, nachmitlags S'/s Uhr, ist eine Volks- Versammlung im Lokale von Martin Müller, Berlinerstt. 41/42, in der Genosse Stadtverordneter Paul Hirsch über„Die Be- deutung des 1. Mai" spricht. Nach der Versammlung in den ge- samten Räumen große Maifeier; für Unterhaltung ist bestens gesorgt. Der Vorstand des socialdemokrattschen Wahlvereins. Klein-Schöncbcck-Fichtcnau-SchSneichc-Münchhofe. Zur Maifeier ist folgendes Programm aufgestellt: Sonntag früh 8 Uhr Spazier- gang nach Münchhofe, Zusammenkunft bei Carl Clasen, Schöneiche. Nachmittags 3 Uhr im selben Lokale Volksversammlung. Vortrag des Genossen Wienecke über„Die Bedeutung des 1. Mai". Nach der Versammlung: Tanz. Die Genossen werden ersucht, sich mit ihren Familien zahlreich zu beteiligen. Der Vertrauensmanii. Lokales» Wissenschaft und Arbeiter. Herr Dr. Magnus H i r s ch f e l d, der sich im Verein mit dem Wissenschastlich-humanitären Komitee" seit einer Reihe von Jahren um die Beseittgung des§ 176 des Strafgesetzbuches bemüht, hat Untersuchungen über die Zahl jener Personen angestellt, die dieser in andern Kulturländern nicht bestehenden Strafbestimmung zum Opfer fallen können. Es hat sich dabei ergeben, daß etwa 2,2Proz. der Bevölkerung mehr oder weniger anormal veranlagt sind; eine Ziffer, die, wie Herr Dr. Hirschfeld meint, nur den Laien in Er- staunen setzt, den Mann jedoch, der sich mit dem Studium des Lebens jener Unglücklichen befaßt hat, nicht weiter befremden kann. Herr Dr. Hirschfeld hat das Ergebnis seiner Untersuchungen in einer Broschüre niedergelegt, die denen, welche sich für die angeregte Frage interessieren, vielseitige Aufschlüsse und Belehrungen bietet. Es ist an dieser Stelle nicht angängig, uns mit den bekanntgegebenen Resultaten im einzelnen zu beschäftigen; und wir erwähnen die wertvolle Arbeit hier nur wegen eines mehr nebensächlichen Umstandes, der mit der wissenschaftlichen Bedeutung des Werkes kaum etwas zu thun hat. Die hauptsächlichsten Ergebnisse der Arbeit sind durch zwei Umfragen festgestellt worden, von denen die eine an die Studierenden der Technischen Hochschule in Char- lottenburg, die andre an die organisierten Metallarbeiter Berlins gerichtet war. Beide Umfragen, die durch Karten bewerk- stelligt wurden, ergingen, mit einer Erläuterung der wissenschaftlichen Bedeutimg des Unternehmens versehen, so diskret wie es der Gegen- stand nur immer zuläßt, und ließen die Persönlichkeit der Befragten in keiner Weise ans Licht treten. Der Ernst der Enquete wurde denn auch von einer bettächtlichen Anzahl beider Kategorien der Befragten erkannt; von 3000 Briefen, die an Studierende gerichtet waren, kamen 1693 brauchbar beantwortete zurück, von 8721 an Metallarbeiter gerichtete 1912, wobei zu bemerken ist, daß bei der letztgenannten Umftage 1871 Briefe überhaupt nicht in die Hände der Adressaten gelangten, also eigentlich nur von 4894 An- ftagen die Rede sein kann. Nun ist das Verhalten eines Teils der Presse sowohl wie auch der Befragten sehr beachtenswert. Während zumeist, wie gesagt, der ernste wissenschaftliche Wert der Umfragen anerkannt wurde, haben etliche Blätter, selbstverständlich nur solche reaktionärer Richtung, ein heilloses Geschrei erhoben. Von unerhörtem Unfug und Verführung war die Rede und das Blatt des Herrn Oertel, die „Deutsche Tageszeitung" riet den Studenten, sich beleidigt zu fühlen und gegen das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee die Klage zu erheben. In einer Studentenvcrsammlung aber, wo ein Pastor Philipps sprach, kam eine Protestresolution zu stände, in der die Befragten aufgefordert Ivurden, dem Vorstand eine» akademischen Vereins»Ethos" ihre Namen mitzuteilen, damit man gemeinsam die Staatsanwaltschaft zum Einschreite» gegen die Urheber der Sendungen veranlassen könne. Ist dies schon in hohem Grade befremdlich, so ist es noch schlimmer, daß die Staatsanwaltschaft sich wirklich der Denunziation angenommen und im öffentlichen Interesse Herrn Dr. Hirschfeld in Anklagezustand versetzt hat. Herr Hirschfeld gedenkt beider Würdigung dieses Falles der Erfahrungen, die andre Wahrheits- sucher machen mußten, und führt an, daß der Mann, dessen statisti- schen Forschungen es zu danken ist, daß das Kindbettfieber seine Schrecken verloren hat, seiner Zeit auf Betreiben ärztlicher Denunzianten seines Amtes entsetzt wurde. Jetzt ist diesem Manne, Dr. Semmelweiß, ein Denkmal errichtet worden. Selbstverständlich wäre es ungerecht, der Studentenschaft im großen Ganzen das Denunziantentreiben zur Last zu legen; vielmehr ist anzuerkennen, daß der Zweck der Forschungen in vielen Zuschriften Befragter durchaus gewürdigt wurde. Zur Beantwortung der Frage nun, wie in A r b e i t e r k r e i f e n die Enquete aufgenommen wurde, giebt Herr Dr. Hirschfeld einen Briefe bekannt, den ein Metallarbeiter an ihn gerichtet hat: „Nun habe ich in diesen Tagen durch die Tageszeitungen er- fahren müssen, daß die Enquete zu einer Klage gegen Sie Ver- anlassung gegeben hat, weil die Leute durch Ihre diskrete Anfrage in ihrem Sittlichkeitsgefühl verletzt sein wollen. Ich möchte hier als Arbeiter mit Huß sagen:„O heilige Einfalt I". Wie glücklich in dieser Beziehung sind doch wir„einfältige" Arbeiter; denn ich kann wohl sagen, daß die Enquete unter den Arbeitern durchwegs als das gewürdigt wurde, was sie sein soll und ist, nämlich: eine wissenschaftliche Forschung. Mein Bekanntenkreis unter den von der Enquete betroffenen Arbeitern ist ein zienilich großer und ich kann wohl sagen, daß unter diesen allen sich auch kaum einer gefunden hat. der nach dem übersandten Anschreiben der Enquete so verständnislos gegenübergestanden hätte, daß er diese nicht als eine Wissenschaft- iiche Arbeit angeschen und bezeichnet hätte. Wohl fanden sich einige, welche es für die Arbeiterschaft als überflüssig be- zeichneten, solche Feststellungen vorzunehmen, jedoch haben Ihre Vzstündigen Ausführungen in der Drehervcrsanimlung sowie kurze erläuternde Diskussionen von den Kollegen, welche von der Wichtig- keit der homosexuellen Frage schon einmal rauschen hörten, diese Zweifler in fast allen Fällen, die mir zu Gehör kamen, schnell überzeugt, so daß ich wohl behaupten kann, die denkende Arbeiterschaft Berlins versteht, was wissenschaftliche Arbeit ist; und wird stets geneigt sein, die Wissenschaft durch ihre Mitarbeit, soweit dies möglich ist, zu unterstützen, und das dürfte nicht zu unterschätzen und speciell für Sie und Ihr humanitäres Streben nicht ohne Interesse sein." Zur Würdigung des Themas„Wissenschast und Arbeiter" sind die von Herrn Dr. Hirschfcld bekannt gegebenen Erfahrungen außer- ordentlich beachtenswert, wenn auch in ganz anderm als dem von Lassalle diesem bekannten Schlagwort beigelegten Sinne. Die unentgeltliche Lieferung von Lernmitteln an Kinder unbemittelter Eltern soll in den Berliner Gemeinde- schulen ja auf das Beste geordnet sein. Wenigstens wird dies ständig im Rathause versichert, wenn unsre Parteigenossen auf be- stehende Mängel hinweisen; besonders wirksam ist dann der Trumpf, daß die für die Lernmittel angesetzten Summen gar nicht einmal aufgebraucht worden seien. Wie dies sonderbare Merkzeichen vom Wohlstande der Berliner Bevölkerung aber an die Wand gezaubert Ivird, darüber giebt die an uns gerichtete Zuschrift einer Mutter eine drastische Auskunft. Sie lautet: „Es ist ja gewiß auch für eine Witwe, die durch ihrer Hände Arbeit eine Anzahl Kinder zu ernähren hat, eine Freude, wenn sie zur lieben Osterzeit vernimmt, daß ein jedes ihrer Lieben mit der entsprechenden Censur versetzt worden ist. Aber das Be- Hägen über die Fortschritte in der Schulbildung von Hannchen. Lieschen und Friedchen erhält einen sehr unangenehmen Beigeschmack, wenn es heißt, Schulbücher und andre Lernmittel anschaffen. Wo soll eine Mutter mit wenigen Mark wöchentlichem Einkommen das Zehnmarkstück hernehmen, das erforderlich ist, um ihre Kinder mit allem zu versorgen? Man rechnet hin und rechnet her, aber das Resultat ist immer dasselbe; mit dem besten Willen und aller Anstrengung ist es nicht möglich, das Geld zu beschaffen. Hart, sehr hart ist es, betteln zu müssen, aber der schwere Gang muß gemacht lverden, und mit dem bedrückenden Gefühl, das einer noch nicht von aller Rücksicht entblößten Almosenanwärterin nun einmal eigen ist, meldet man sich beim Rektor der Schule. Dieser Herr nimmt den Fall auf, und nun ist man— fertig, meint der Leser? Ja, wer das glaubt! So leicht geht es, trotz der glaubhaft ge- machten Bedürftigkeit, denn doch nicht. Es beginnt jetzt vielmehr eine ganze Skala von Demütigungen und Beängstigungen. Ein Rechercheur erscheint zunächst, ein Herr von der Schulkommisfion. Er sieht sich in der Wohnung um. fragt nach allen Umständen, nach dem Einkommen und entfernt sich dann, um schnursttacks zum— Hauswirt zu gehen. Das ist die erste Demüttgung für alle, die ihre Armut nicht vor der lieben Nachbarschaft zur Schau stellen möchten. Hat man auch bis dahin seine Miete pünktlich bezahlt und sich sonst nichts zu schulden kommen lassen, was dem Hauswirt, der sich der Armut gegenüber gern als Zensor aufspielt, zum Einschreiten veranlassen könnte, hat man auch still vor sich hingelebt und der Nachbarschaft keinen Anlaß zum Gerede gegeben— von dem Augenblick an, wo der Rechercheur beim Haus- Wirt vorgesprochen hat, ist man.gezeichnet. Um diese erste schlimme Demütigung zu verhindern, geben manche dem Rechercheur ein gutes Wort, doch vom Besuch beim Hauswirt abzustehen. Hat der Mann ein Einsehen, so unterläßt er den gefürchteten Schritt, aber nötig hat er's nicht. Ist diese Qual überstanden, so darf man im glücklichen Falle mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß man nach geraumer Zeit zum Rektor gehen und den Schein unterschreiben darf, der zu- gleich als Quittung für die in Aussicht gestellten Bücher dient. Aller- dings kommt es vor. daß irgend ein Buch nicht aufgezählt ist oder daß dessen Anschaffung erst nachträglich an- geordnet wurde, worauf dann dieselbe beschämende Prozedur von vorne anfängt, wenn die Mutter nicht vorsieht, sich das Geld für die neu verlangten Bücher doch lieber vom Munde abzudarben. Selbstverständlich vervielfachen sich die Leiden mit der Zahl der zu versorgenden Kinder; soviel Sprößlinge man in die Schule zu schicken bat, soviel Recherchen, Aengste und Demütigungen hat man zu erdulden. Ueber all diesen Nachforschungen ist geraume Zeil verstrichen und die Kinder können von Glück sagen, wenn sie sechs bis acht Wochen nach Schulanfang im Besitz der neuen Lernmittel sind. Was das für die Fortschritte im Unterricht bedeutet, das mögen die Lehrer und Lehrerinnen gefälligst auseinandersetzen. Ein andrer Ilmstand noch niacht einer mittellosen Mutter schwere Kopfzerbrechen, nämlich die Beschaffung des Materials für den Handarbeits-Unterricht. Dafür sind 76 Pf. in jedem einzelnen Falle erforderlich, und daß auch in diesem Stück eine mittellose, zahlreich mit Töchtern gesegnete Mutter in schlimme Verlegenheit kommen kann, das scheint man im Rarhause überhaupt nicht bedacht zu haben. Diese Lernmittel muß auch die ärmste Witwe aus der eignen Tasche bezahlen; macht man deswegen dem Rektor Vorstellungen, so erklärt er sich außer stände, für die Lieferung dieser Sachen einzutreten. Die Kinder kommen weinend nach Hause und klagen der Mutter, daß es Prügel gebe. wenn morgen nicht endlich das Geld gebracht sei, während vielleicht die letzten Groschen für Brot und Schmalz ausgegeben sind! Wenn auch die Herren Kommunalfreisinnigeii die unentgellliche Lieferung der Lernmittel nun einmal dem Bündnis mit dem leib- haftigen Zukunstsstaat gleich erachten, so sollten sie wenigstens doch soviel Einsicht haben, daß sie im Interesse des Unterrichts an die Beseitigung der geschilderten bnreaukratischen Mißstände herangehen. Es ist schon hart genug für die Armen, daß sie die Bewilligung der Lernmittel mit Spießrutenlaufen erkaufen müssen; aber die Schule sollte»nan doch nicht unter dem Mißstand leiden lassen." ®a3„Insel" Grnndstück, dessen Ankauf von den städtischen Be- Hörden beabsichtigt wird, gehört heute zur Schlohinsel und bildet deren östliche Spitze, seinen Ramm aber verdankt es dem Umstand, daß es früher einmal eine besondre kleine Insel war. Zwischen ihr und der Straße An der Fischerbrücke floß noch im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts ein schmaler Wasserarm. Erst als im Jabre 1725 die Gebrüder Wegeli die Insel gekauft hatten, um auf ihr eine Wollfabrik einzurichten, wurde dieser Wasserarm zugeschüttet, so daß die bisher selbständige Insel, die die Bezeichnung..Das Eiland auf der Spree' geführt hatte, mm mit der größeren Schloßinsel der einigt wurde. Das„Eiland" mar zu jener Zeit noch gar nicht alt. Es war erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus d e r Spree emporgestiegen, als infolge des 1ö58 begonnenm Baues der neuen Fcstungsgräbcn der Wasserspiegel des Flusses sich gesenkt hatte. Das Fleckchen Erde, über das vor einem Vierteljahr- tausend noch die Spree hinflutete, lostet beute über 3 Miflioiicn Mark. Das hätte damals, als das neu entstandene„Eiland auf der Spree" von dem kurfürstlichen Amt Mühlenhof in Besitz genommen war nnd zunächst als Bleichplatz verwendet werden konnte, kein Berliner sich träumen lassen. Neue höhere Schulen. Die gemischte Deputation zur Vor- beratung über die Lage bezw. Neuregelung des höheren und mittleren Schulwesens in Berlin hat unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters K i r f ch n e r beschlossen, zunächst die Errichtung einer Realschule, der 14. städtischen, und einer neuen Ober-Realschule, der 2t. höheren Lehranstalt, in Aussicht zu nehmen. Beide Schulen sollen in nörd lichcn Stadtteilen erbaut werden. Zu diesen kommt dann noch eine höhere Mädchenschule, die in der Pankstraße errichtet wird, und eine zweite höhere Mädchenschule, die für den Süden schon geplant worden ist. Der Stadtlierorductcn-Auöschils! zur Vorberatung der Magistrats Vorlage über den Neubau der O r a n i e n b r ü ck e hat die Anträge aus eine Erweiterung der Brücke in der Diagonale der Dresdener- straße und auk eine Aenderung des Namens der Dresdenerstraße zwischen Oranienplatz und Kottbuser Thor abgelehnt, dagegen einen Antrag, Fußwege direkt von der Brücke zur Naunynstrahe und von der nördlichen Dresdenerstraße zur Brücke anzulegen, angenommen. Die Magistratsvorlage winde dann unverändert angenommen. Die Stadtverordiicteil-Versammlung hat sich in ihrer heutigen Sitzung unter anderm mit folgenden Gegenständen des Tages- ordnung zu befassen: Entwurf des Neubaues der beiden Liegehallen der Heimstätte für brustkranke Männer in Buch.— Berichterstattung über die Vorlagen betreffend die Verstärkung des Feuerwehr- Personals nnd die Erhebung von Gebühren für Gewährung von Sicherheitswachen in den Theatern,— den freihändigen Erwerb des Jnselsp eicher- Grundstückes— und die Genehmigung des speziellen Projekts und Kostenanschlages zum Erweiterungsbau der Pumpstation V in der Holzinarktstr. 31/33»,— Vorlagen betreffend die erfolgte Bauabnahme des Um- nnd Erweiterungsbaues der Feuerwache in der Oderbergerstr. 24/25,— die Mietimg von Räumlichkeiten auf dem Grundstück Grüner Weg 109 für die Färberei- Abteilung der Webeschule,— die Ueberlassung eines Platzes auf der nördlichen Straßcninsel deS Karlplatzes zur Errichtung eines Denk- mals für Rudolf Vircholv. Tie Straßenbenennungsschilder werden in Berlin bekanntlich in der Regel an den Eckhäusern befestigt. Waren an den Straßenecken keine Häuser vorhanden, so erfolgte die Befestigung der Straßen- schilder früher an Zäunen, Mauern oder einfachen hölzernen Stielen. Erst seit wenigen Jahren ist der Magistrat dazu übergegangen, in solchen Fällen die Straßenschilder an Gaskandelabern oder aa eigens dazu gefertigten, schmiedeeisernen, einfach aber künstlerisch aus- gestatteten Pfosten anzubringen.— Nach dem soeben erschienenen Verwaltungsbericht des Magistrats bezifferten sich die Ausgaben für die Straßenschilder im Jahre 1898 ans 4063 Mark; 1899 auf 1959,70 Mark; 1900 auf 5989,85 svkark; 1901 auf 2469,30. Mark und im Jahre 1902 auf 8118,25 Mark. Zwei Liebeödrmnen haben sich Dienstagabend in Berlin er- eignet. Im ersteren Falle versuchte ein verschmähter Liebhaber, der 20jührige Malergehilfe Otto R e i n b r e ch t die l8jährige Plätterin Ida B n ch w a l d zu ermorden und tötete sich dann selbst durch einen Schutz in den Kopf. Die beiden jungen Leute wohnten seit dem>. Oktober vor. Js. in demselben Hause Licbenwalderstraße 22, und Reinbrecht, der die Geschwister der Buchwald kannte, versuchte mit dem jungen Mädchen in Verkehr zu treten, was dieses jedoch ablehnte. Nun verfolgte er die Buchwald sortgesetzt. Die Plätterin machte dcrPolizeihiervonMitteilung.jedoch konnte die Behörde nicht ein- schreiten. Am Montag vor 8 Tagen griff der verschmähte Liebhaber die B. in der«.eesiraße thätlich an und würgte sie. Beim Hinzu- kommen von Passanten ergriff er zwar die Flucht, doch wurde gegen den Maler wegen dieses UeberfalleL ein Strafverfahren eingeleitet. Nunmehr beschloß Reinbrecht, das Mädchen zu töten. Am Donners- tag voriger Woche gab er seine Stellung bei einein Malermeister in Reinickendorf auf und kaufte sich einen Revolver. Mehrere Tage ließ er das Mädchen unbehelligt. Gestern abend gegen 6 Uhr betrat R. das Mertenssche Geschäft und machte nochmals den Verftich, die B. umzustiinmen. Das Mädchen flüchtete nach der neben dem Plätt- zimnier belegenen Wohnung, ivohin ihr Reinbrecht folgte, und mit den Worten:„Jdchen, Du machst mich durchaus unglücklich", drückte er den bereit gehaltenen Revolver viermal auf die Fliehende ab. Alle vier Kugeln trafen die Unglückliche in den Rücken, das eine Geschoß hatte auch die Lunge verletzt. Die Verwundete schleppte sich bis nach dem Hofe, wo sie besinnungslos zusammenbrach. Nun richtete Reinbrecht die Waffe gegen sich und tötete sich durch einen Schuß in den Mund. Seine Leiche wurde nach dem Schauhause ge- bracht, während die Buchwald nach dem Paul Gerhardt-Stift über- führt wurde. Eine Eifer suchtsscene spielte sich Acgeu 12 Uhr nachts in der Friedrichstraße zwischen Französische- und Jägerstraße ab. Der in Gipsstr. 29 wohnende, 30 Jahre alte Händler Willy G r e u b e l unter- hielt ein Liebesverhältnis mit der Wjährigen Kellnerin EliseKrämer, die in der Marienstr. 27 wohnte nnd zuletzt eine Stelle in einem Damen-Restaurant in der Charlottenstraße inne hatte. Grenbel machte seiner Geliebten häufig EifecsuchtSscenen, weil er nicht dulden wollte, daß Gäste der Lokale, in denen das Mädchen servierte, es berührten. Auch Dienstagabend war es deswegen wieder zwischen Beiden zu einem Streit gekommen, den Grenbel, der die K. ans den» Lokal abgeholt hatte, auch auf der Straße fortsetzte. Die Kellnerin drohte, ihren Geliebten aus der Straße stehen lassen zu wollen, als der Handelsmann plötzlich einen Revolver hervorzog und zwei Schüsse aus die Krämer abfeuerte. Die eine Kugel ging fehl, während die zweite ihr in den Kopf drang. Ein drittes Geschoß jagte sich Grenbel in die Schläfe. Die beiden Verletzten wurden nach der Unfallstation in der Kronenstraße»nd von dort, nach An- legnng von Notverbänden, nach der Charitö gebracht. Die Ver- letznng der Krämer ist nicht lebensgefährlich, da die Kugel an der Schädeldecke abgeprallt ist. Dagegen ist der Zustand Grcnbcls hoffnungslos. Zu dein Mordversuch in der Friedrichstraße wird noch gemeldet: Der Posttartenhändler Willy Grenbel, der die Kellneri» Elise Krämer durch zwei Revolverschüsse verletzte und dann ans sich selbst einen Schuß abgab, ist bald nach seiner Einlicferung in die Chaiftö ge- storbcn. Die Kugel war tief in das Gehirn eingedrungen. Greuvel ist der Sohn des Hausinspektors einer süddeutschen Universität. Er war nacheinander Reisender, Verkäufer und schließlich Postkarten- Händler. Es war indessen nur ein Scheinhandel, den Grenbel führte; in Wahrheit ließ er sich von seiner Geliebten, der Elise Krämer, er- nähren. Diese befindet sich außer Lebensgefahr, so daß sie bereits gestern vcrnehnumgsfähig war. Uebcr die Veranlassung zur That machte sie Angaben, die ei» furchtbares Bild der Verworfenheit geben: Seit etwa einem halben Jahre verlangte Greubel, der der Polizei als berüchtigter Zuhälter bekannt war. daß sich die Krämer einem schimpflichen Lebenswandel hin- gebe, damit er in der Lage wäre, mit dem von ihr erworbenen Gelde ein beguemes Leben zu führen. Der Zuhälter selbst suchte keinerlei Beschäftigung. Mehrfach gab sie ihn, erheb liche Geldnuttel. Als sie in den letzten vier Wochen aber den er- höhten Forderungen des Menschen nicht nachkommen konnte, tani eS zu lebhaften Austritten zwischen dem Paare. Schließlich erklärte das Mädchen, das lasterhafte Leben aufzugeben, um ihren Bedränger loszuwerden. Dienstagabend suchte Gr. eine Aussöhnung herbeizu- führen, um sein Opfer zu neuen Geldgabeu zu bewegen. Als er am späten Abend aber auf seine Forderungen ivieder zurückkam, begann der Streit aufs neue. Er suchte das sich sträubende Mädchen zu beschwichttge» und fiihrte sie in eine Bar in der Friedrichstraße. Als beim Verlassen des Lokals die Krämer mit größter Entschiedenheit erklärte, sie verbäte sich von nun an jede Belästigung von seiner Seite und er solle sie auf der Stelle freigeben, ivarf Gr. sie in blinder Wut zu Boden, mißhandelte sie durch Fußtritte und griff dann zur Waffe. Die That war offenbar vorher von ihm geplant, denn der Revolver war voll geladen. Verhaftung eiurS Wettlmreaudrsitiers. Verhaftet wurde gestern ftüh der Inhaber des Sportlvettbureans„Rhenania", Karl Welter, aus der Kronenstr. 19, nachdem vorher die Polizei die Bücher ic. beschlagnahmt hatte. Welter richtete im Laufe des letzten Jahres neun öffentliche Filialen nnd außerdem viele Zweigstellen in Cigarren- lüden und Gastwirtschaften ein. Er nahm Wetten für in- und ans- ländische Rennplätze an, setzte aber die eingezahlten Beträge nicht ani Totalisator, sondeim buchte sie„in sich". So sparte er schon die Totalisatorsteuer und andre Ausgaben und brauchte daher auch keine Gebühren zu nehmen. Die Kriminalpolizei beschlagnahmte in den Geschäften außer Schriftstücken ungefähr 0000 M. Wegen der Höhe der Strafe, die er zu erwarten hat. wurde Welter in Haft behalten. An den geschäftlichen Bureaus ist angeschrieben, daß die Wetten morgen nach Erscheinen des Sportblatts„Le Jockey" reguliert werden sollen. Daraus wird mm nichts werden. Das Opfer eines Unfalles ist nach zchnwöchigem Krankenlager der 39 Jahre alte Steinkutscher Gustab Bendisch aus der Kaiser Friedrichstraße 29 zu Rixdorf geworden. Als er mit einer Stein- führe den Rixdorfcr Güterbahnhof verließ, schleuderte sein Wagen, neben dem er herging, und preßte ihn gegen den Thorpfeiler. Der Verunglückte erlitt einen mehrfachen Beckenbruch und starb daran jetzt im Krankenhaus Bethanien. Er hinterläßt seine Frau mit sechs Kindern im Alter von 11 Jahren bis 9 Monaten in sehr bedrängter Lage. Zu dem Selbstmord der Arbeiterin Anna Ballach auS Rirdorf, worüber wir gestern berichteten, wird uns mitgeteilt, daß eine Liebesaffaire der That nicht zu Grunde liegt. Biclmehr sprechen allerhand Anzeichen dafür, daß die Unglückliche ihrem Leben in geistiger Umnachtung ein Ende gemacht hat. Der Jugendfreund, von dem in dem Bericht die Rede war. steht zu dem traurigen Er- eignis in keiner Beziehimg. Die Leiche ist übrigens gestern am Schlesischen Busch aufgefunden worden. Feucrbcricht. In der Nacht zum Mittwoch lief ein Alarm von der Heilandskirche im Kleinen Tiergarten ein. An der Ostseite der selben ist zur Zeit ein Gerüst angebracht, um einige Ausbesserungen vorzunehmen. Gegen Mitternacht bemerkten nun Passanten, daß der obere Teil dieses Gerüstes infolge des Sturmes stark ins Schwanken geriet und riefen daher die Feuerwehr. Diese befestigte es wieder und beseitigte so die Gefahr des HerabstürzeuS. Eine Stunde später ivurde die Wehr nach der Laubenkolonie an der Prenzlauer Allee gerufen, weil hier auf nicht ermittelte Weise ein kleiner Band ent- standen ivar. Möbel und Kleidungsstücke gingen vorher in der Tresckowstr. 56 in Flammen auf. während in der Neuen Königstr. 70 allerlei alter Hausrat und Verpackungsmaterial Feuer gefangen hatte. In der Frankfurter Allee 130 mußte im dritten Stock in einer Küche ein Brand beseitigt werden, der den Fußboden und die Balkenlage ergriffen hatte. Ein Kellerbrand wurde zur selben Zeit aus der Muskauerstr. 35 gemeldet. Gerümpel, Kisten zc. brannten. Alle übrigen Alarmienmgen, die in den letzten 24 Stunden noch einliefen, waren auf unbedeutende Brände zurückzuführen, die ein sonderliches Eingreifen der Wehr nicht erforderten. Perantiv. Ncdaktenr: Paul Büttner, Berlin. Arbeiter- Samariter- Kolonne. Wir machen die Arbeiterschaft Berlins und der Vororte darauf anftnerksam, daß am 2. Mai in der Centrale, Dresdenerstr. 45, und in der Filiale, Brunnenstr. 154, je ein neuer Kursus zur Ausbildung in der ersten Hilfeleistung bei plötzlichen Unglücksfällen beginnt. Der erste Vortrag in jeder Ab- teilüng lautet„Ueber Anatomie"(Bau des menschlichen Körpers) mit Demonstrationen an Bilder» und Präparaten; eS steht jedem der Besuch als Gast frei. In einer großen Stadt wie Berlin kommen in Fabriken und auf Bauten Unfälle in großer Zahl vor und es dauert oft längere Zeit, bis ein Arzt zur Stelle ist. Hier kann ein im Samarilerwescn Ausgebildeter dem Verunglückten sehr viel nützen; oft sogar ist sofortige Hilfe entscheidend für das Leben des Verletzten. Ein alter Arzt sagt: das Schicksal eines Verwundeten hängt von demjenigen ab, der den ersten Verband anlegt. Sehr mit Recht, denn wenn unzweckmäßige Mittel angewandt werden, so sind die Folgen einer falschen Behandlung oft in Wochen und Monaten nicht wieder gut zu machen. Der Zweck der Arbeiter- Samariter-Kolonne ist nun nicht, das Heer der Kurfuscher zu ver- mehren, sondern wirklich brauchbare Samariter heranzubilden, welche befähigt sind, bei Unglücksfällen oder Verletzungen einzuspringen und dem Arzte vorzuarbeiten. Zu dem Zwecke unterhält die Kolonne halbjährliche Kurse, in welchen unter Leitung bekannter prattischer Aerzte die Teilnehmer durch theoretische und praktische Belehrungen und Uebungen unterrichtet werden. Außerdem stehl zum häuslichen Studium eine reichhalttge Bibliothek zur Verfügung. Mitglied kann -der Arbeiter und Arbeiterin werden, wenn sie das achtzehnte Lebensjahr erreicht haben. Aus Wunsch werden Lehrpläne vom Vorsitzenden E. Stein, Charlottenburg, Kaiser Friedrichstr. 40 zugesandt. Hierher sind auch alle Anfragen sowie Aufträge für die dienstthuende Abteilung zu richten. Die Vorstände resp. Komitees, welche Samariter zu de» Sommerfesten usw. wünschen, werden gebeten, dies recht frühzeitig dem Vorsitzenden mitzuteilen. Zur Maifeier werden die Mit- glieder der Abteilung auf sämtliche Lokale verteilt. Das zweite Arbeitcr-Sportfest findet am Sonntag, den 24. Juli . I., in den Gesamträumcn der Etablissements„Miiggelschloß" und �.Strandschloß" in Friedrichshagen statt. Der engere AuS- chuß besteht aus folgenden Genossen: Vorsitzender: Richard Müller, 0. Weidenweg 88; Schriftführer: Ad. Kadisch, C. Augustsir. 46; Kassierer; Eduard Möller, SO. Reichenbergerstr. 16. Auskunft usw. erteilt der Vorsitzende R. Müller. Theater. Das Schiller-Theater bringt in beiden Häusern zwei Stücke, die in Berlin noch nicht gespielt worden sind.„D i e Tyrannei der Thränen", Lustspiel in 4 Akten von E. Haddon Chambers, deutsch von Bertha Pogson, und„Das H e i r a t S n e st", Lustspiel in vier Aufzügen von Gustav Davis. � Im Bürgerlichen S ch a u s p i e l h a u s e sEarl Weiß-Theater) dürfte die Aufführung des Zolascheu Schauspiels„Der Totschläger", welcher dort am kommenden Sonnabend zum erstenmal in Scene geht. Interesse erregen.— Frank Wedekiud bat sein neuestes Werk„Hidalla" Dr. Brahm zur Aufführung übergeben, der es als eine der ersten Novitäten der Spielzeit im Lessing-Theater bringen wird._ 3uö clen Nachbarorten. Niederschönhause». Bei der gestrige» Ersatzwahl zur Gemeinde- Vertretung erhielt der socialdemokratische Kandidat L. Salomon» Lessen 105 Stimmen, der Kandidat der bürgerlichen Parteien Fabrikant Weber 141 Stimmen; 6 Stimmen wurden außerdem noch siir Redakteur Günther, den ein paar Manu vom Micterverein auf- gestellt hatten, abgegeben. Unser Kandidat ist demnach unterlegen. Gegenüber der Hanptivahl am 16, März haben wir einen Zuwachs von 10 Stimmen zu verzeichnen, während die Bürgerlichen einen Rückgang von 63 Stimmen aufweisen. In zwei Jahren werden wir, wenn sich inzwischen nicht sonst eine Gelegenheit bietet, wieder antreten, stärker und gekräftigter als heute.— Wetter-Prvgnase für Tonnerstag, den 28. April 1904. Ziemlich kühl nnd veränderlich, vielfach wollig mit etwas Regen und ..........._____________________ mähigcn nordwestlichen Winde». Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Spandau. Endlich scheinen sich die städtischen Körperschaften ent- schließe» zu Ivollc», auch einmal etwas Arbeiterwohlfahrt zu be« treiben. Jahrelang brachten unsre Genossen bei den verschiedensten Anlässeil eine Reihe Wünsche für die städtischen Arbeiter im Stadiparlament zur Sprache, zumeist jedoch vergeblich. Jetzt brachten plötzlich die Stadtvv. Jenne und Genossen jlib.) einen Antrag ein, den städtischen Arbeitern einen Sommerurlaub zu gewähren. Stadtverordnete und Magistrat wählten eine gemein- same Kommission zur Vorberatung der Angelegenheit. Die Kommission hat nun am Montag getagt und sich dahin verständigt, daß allen städtischen Arbeitern mit einer Dienstzeit von ein bis drei Jahren ein Erholungsurlaub von vier Tagen, Arbeiter mit höherem Dienstalter ein Urlaub von einer Woche alljährlich gewährt werden soll, und zwar bereits in diesem Jahre beginnend. Eine Umfrage bei den Verwaltungs- deputationen über die Kostenfrage soll schleunigst veranstaltet und alsdann der Stadtverordneten-Versammlung eine entsprechende Vor- läge unterbreitet werden. Die Erkeimtnis schreitet langsam zwar, aber dennoch sicher vor; sicherlich das Hauptverdicnst der social- demokratischen Gewissensschärfer. Die Gemeinde Wilmersdorf beabsichtigt wegen der geplanten umfangreichen Gemeindebautcn ein Darlehen von 2 675 000 M. aufzunehmen. Davon sind bestimmt 900 000 M. zum Bau des Refonn- Realgymnasiums, 600 000 M. zum Bau einer vierten Gemeinde- schule, 99 000 M. zum Erweiterungsbau der im Halenseer Ortsteil gelegenen Gemeindeschule, 976 000 M. zu dem bereits ziemlich vollendeten Neubau der Victoria Luise-Schule und 100000 M. zu den ersten Vorarbeiten für das am Fehrbelliner Platz zu errichtende neue Rathaus._ Gerichts-Zeitung. Ueber einen Gattenmord-Prozeß wird berichtet:„Die Sonne bringt es an den Tag!" Mit diesen Worten begann der Staats- anwalt in einem Prozeß, der vor einigen Tagen vor dem Schwur- gericht zu S t a r g a r d in Pommern stattfand. Die Hebamme Karoline Bölter war beschuldigt, am 18. Juli v. I. ihren Ehe- mann, den Stellmacher Bölter mit Phosphor vergiftet zu hahen. Der Gang der Voruntersuchung bot eine Reihe interessanter Mo- mente. Im Oktober v. I. waren bei einem Baucrnhofsbesitzer mehrere Schweine durch Vergiftung mit Phosphor eingegangen. Man forschte vergeblich nach dem Thäter. Durch Umfragen in den benachbarten Apotheken fahndete man nach Gistscheinen über Phos- phor und deren Aussteller. In der Apotheke zu Naugard fand sich am 17. Juli v. I. ein Giftschein, unterzeichnet: Karoline Bölter. Obgleich mit Sicherheit feststand, daß die Hebamme Karoline Bölter zu der im Oktober vorigen Jahres erfolgten Schweinevergiflung in keiner Beziehung stand, wurde sie beftagt, zu welchem Zweck sie sich das Gift beschafft habe. Die Beftagte bestritt zunächst, daß der Giftschein von ihr herrühre, als sie dies dann aber zugeben mußte,»lachte sie über den Verbrauch des Giftes die ividersprechendsten Angaben. Dies erregte Verdacht, nnd da stellte sich plötzlich heraus, daß am Tage nach der Ausstellung des Gift- scheines, am 18. Juli, der Ehemann der Beschuldigten, der bis dahin gesund und arbeitskräfttg gewesen, plötzlich schwer ertrankt und am 19. Juli, mittags, verstorben war. Der Verdacht lag nahe, daß die Angeklagte das Gift zu verbrecherischen Zwecken, zur Beseitigung ihres Ehemanns verwendet habe. Zwischen dem Tode des Bölter und dem Auf- tauchen des Verdachts lag eine Frist von fünf Monaten. Der Verstorbene war s. Z. ohne Verdacht beerdigt worden. Phosphor ist ein äußerst schnell veränderliches Gift, und es kam nunmehr in Frage, ob noch die Möglichkeit eines Nachweises der Phosphorvergiftnng bestehe. Gerichtschemiker Dr. Bischof erhielt vom Untersuchungsrichter zu Stargard am 2. Dezember v. I. die Anfrage, ob es möglich sei, in einer Leiche, welche fest den, 20. Juli in der Erde liege, noch Phosphor nachzuweisen und welche Teile der Leiche am besten zur Untersuchung gesandt werden sollten. Dr. Bischof berichtete dahin, daß es ihm schon gelungen sei, noch nach drei Monaten in einer Leiche Phosphor in unveränderter Form festzustellen trotz der leichten Veränderlichkeit des Giftes. Wenn besonders günstige Nebeuumstände. schneller Verlauf der Vergiftung und konzentrierte Form des Giftes, z. B. Phosphor-Latwcrge, vorlägen, sei die Aussicht auf chemischen Nachweis größer. Sei der Entnahme der Leichenteile fei besonders vorsichtig zu verfahren und der Darm möglichst in geschlossenem Znstande zu übersenden. Die Ausgrabung erfolgte demgemäß. Es gelang Dr. Bischoff, nach sechs Monaten noch unveränderten Phosphor im Darmkanal nachzuweisen, ein Er- gebnis, das wohl als ein Unikum in der Gerichtschemie dasteht. Die Angeklagte legte nun ein offenes Geständnis ab. Sie hatte sich ihres Mannes entledigt, weil er ein unverbesserlicher, arbeitsscheuer Trunkenbold war. Sie wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt. Haftpflicht für einen Zuchthäusler. Ein Insasse deS Zuchthauses in Waldheim(Sachsen), welcher eine mehrjährige Strafe zu ver- büßen hatte, wurde am 23. März 1897, früh 6 Uhr, in seiner Zelle auf dem Boden, i» Krämpfen liegend, gefunden; er hatte erhebliche Brandwunden, Ivelche durch eine explodierte Petroleumlampe ent- standen waren, die der Zellenbewohncr beim Fallen umgerissen hatte. Ter Gefangene ist durch die erlittenen Verletzungen dauernd er- Iverbsunfähig geworden; er strengte deshalb Klage gegen den sächsischen Staatsfiskus auf Entschädigung an. Das Landgericht Dresden hat die Klage für begründet angesehen, indem die Ge- fängnisbccnnten die Schuld tragen, weil sie dem an Epilepsie leidenden Gefangenen zur Verrichtung der Arbeit eine Petroleum- Stehlampe mit in die Zelle gegeben hatten. Ter Staat ist haftbar für die Schuld seiner Beamten. Dem Kläger wurde eine jährliche Rente von 900 Mark und über 500 Mark Kurkosten zugesprochen. Gegen dieses Urteil hatte der Fiskus Berufung beim Oberlandes- gericht Dresden eingelegt. Sie hatte teilweisen Erfolg, indem das Urteil des Landgerichts dahin abgeändert lvurde, daß dem Kläger außer den Kurkoften eine lebenslängliche Rente von nur 300 Mark zuerkannt wurde. Das Beruftingsgericht hat eine grobe Bernach- lässigung der gebotenen Vorsicht darin gefunden, daß dem Kläger eine Srehlampe mit in die Zelle gegeben worden ist. Die Ver- Minderung der zuerkannten Rente war aber geboten, weil die Er- Iverbsfähigkeit des Klägers auch ohne diesen Unfall infolge seines sonstigen ungünstigen Gesundheitszustandes auf die Hälfte des nor- malen herabgesetzt sei. Der Staatsfiskus beruhigte sich aber auch nicht mit diesem Urteil, sondern ergriff das Rechtsmittel der Revision beim Reichsgericht. Der 6. Civilsenat des höchsten Gerichtshofes hat aber die Revision für unbegründet angesehen und das Urteil des Oberlandesgcrichts bestätigt. Uns wundert, woher der Fisluö den Mut nahni. bis in die höchste Instanz zu gehen. Fühlt er wirtlich nicht die Verpflichtung in sich, das durch sein Verschulden angerichtete Unheil wieder gut zu machen? Zwei öffentliche Versammlnnaen der selbständigen Barbiere „nd Friseure Berlins mn Donnerstag, den 28. April, abends 8 Uhr in jolgcnben Lokalen: 1. Bei Henfcl. Jnvalidcnstraße 1; 2. bei Kolwig, Grobe Frankfurterstrabe 90. Tagesordnung: 1. Wollen wir durch die Gewerbe- Ordnung§ 41 b den Schlich an den zweiten Feiertagen Herbeiführen? 2. Diskussion._ WitteruiigSüberffcht vom 27. April 1004. morgen» 8«Hr. Statten en 764 Ii B.f Swinemde. Hamburg Berlin Franlf.a.M.?S4i N Ill N W t nW W Wie» SSO 763 S i7S3!S . 76 t N 702 NW 781 NNW Setter t» 8- s?- f II Zk l heiter I 2 bolb bd. I heiter 4bedeckt SRegei, ffbcdetft Siattonen Lß 5: s Haparand» Petersburg Cork Aberdeen Paris 761© 76-1$© 766 35© Wetter 2, voltig bedeckt wolkenl H S> Nr. 99. 21. Jahrgang. 2. ßtiliujt des Jorairts" ßttlinrt ßultelilitl. Zonnerstag, 28. April 1904. Myrdprozeß Walther. Zweiter Tag. Nach Eröffn-ung der Sitzung durch den Vorsitzenden, Landgerichts d-ireltor Grabs v. Haugsdorff, wird in der Beweisaufnahme fortgefahren. Frau Helene Thomas, die Schwester der verstorbenen Frau Walther, bekundet, daß sie von Oktober 1S02 bis April 1S03 in der Samariterstratze und von da cm bis 1. April 1904 in Zehlendorf, c-tahnsdorferstr. 1. gewohnt habe. In ihrer Wohnung in der Samariterstratze hat autzer ihrer Schwester nur noch ein Mädchen eingewohnt. In der vorher imregehabten Wohnung in der Waldemar- stratze hat zwar ein junger Mcnrn eingewohnt, es ist aber nie etwas Anstöhiges zwischen der Schwester und dem jungen Mann vor- gekomme». Richtig ist es, datz sie(Zeugin) sich einmal aus dem Fenster ihrer Wohnung in der Smnariterstratzc gestürzt hat. Sie ist acht Jahre verheiratet und lebt mit ihrem Manne recht glücklich; aus unbedeutender Veranlassung ist sie mit ihrem Marme eines Tages in Streit geraten, der Mann hat ihr heftige Worte gesagt und da hat sie sich in Erregung und Benommenheit vier Stock hoch aus dem Fenster gestürzt. Sie ist auf Gartenerde gefallen und hat keinen glotzen Schaden genommen. Es sei nicht wahr, datz sie cms Lebens- Überdruß wegen einer Untreue ihres Mannes sich das Leben habe nehmen wollen, ebenso unwahr sei es, datz ihr Mann mit ihrer Schwester nähere Beziehungen unterhielt. Ihre Schwester sei an- fänglich, nachdem ihr Mann von ihr sich getrennt hatte, etwas schwer- mütig gewesen, nachher sei sie aber durchaus heiter und lebenslustig geworden und habe nie Selbstmordgedanken geäußert. In dem mir Gumnntypen hergestellten Brief, der am 6. September bei ihr für ihre Schwester abgegeben wurde, habe gestanden, datz sie zu dem Rendezvous am Lehrter Bahnhof allein kommen solle. Die Schwester konnte sich nicht recht entschließen, es wurde erst verabredet, datz die Zeugin mit ihr gehen sollte, abends hatte sich die Schwester aber wieder anders besonnen und wollte überhaupt nicht hingehen, da ihr die Bemerkung.Kommen Sie aber allein" etwas bedenklich ivar. Die Zeugin hat der Schwester zugeredet, doch zuzusehen, ob sie sich vielleicht verbessern könnte; sie ist am Montag. 7. September, verhindert gewesen, mit nach dem Bahnhof zu gehen, und seitdem hat sie ihre Schwester lebend nicht mehr wiedergesehen. Am 23. September hat sie diese als vermißt angemeldet; daß der Mann der Schwester hier in Berlin gewesen, wußte sie nicht. Die Be- hauptung des Angeklagten, daß ihr Mann mit der Schwester ein Liebesverhältnis gehabt habe, sei ganz unwahr— im Gegenteil, sie habe ihren Mann manchmal aufgefordert, nicht so schroff gegen die Schwester zu sein. Diese sei ganz gesund gewesen, sie habe gern ge- tangt, aber keineswegs einen zu tadelnden Lebenswandel geführt. Die Zeugin Frau B r a d e m a n n, bei der Frau Walther in Fricdrichsberg gewohnt hat, giebt dieser das Zeugnis einer sehr ordentlichen und anständigen Frau. Als diese am 7. September früh aus Zehlendorf heimkehrte und sich zum Gange nach der Fabrik um- zog, hat sie der Zeugin den Brief mit der Aufforderung zum Rendez- vous am Lehrter Bahnhof gezeigt und ihn dann zu sich gesteckt. Die Zeugin hat der Frau Walther gesagt, sie solle sich vorsehen, der Brief- schreibcr sei gewiß ihr Mann. Darüber sei Frau Walther sehr er- freut gewesen und habe die Hoffnung geäußert, datz sich ihr Mann wieder mit ihr vertragen würde. Sie sei sehr lustig gewesen und habe niemals Todesgedanken geäußert. Nach einer Mitteilung der Frau Walther habe sie ihr Mann einmal mit dem Revolver bedroht. Zeugin Emma Schiele zu Lichtenberg ist eine Arbeitskollegin der Frau Walther gewesen. Diese sei eine gute, fleißige, anständige, lebenslustige Person gewesen, die jeder gerne gehabt hat. Sie sei auch gutmütig und harmlos gewesen, ging aber gern zu Ver- gnügungen und renommierte gern damit, datz die Herren sehr hinter ihr her wären, datz sie viele Briefe bekäme und, wenn sie wollte, drei oder vier Herren an der Strippe hätte. Zu unanständigem Verkehr mit Herren sei sie viel zu harmlos gewesen.— Auf Befragen eines Geschtvorncn erklärt die Zeugin, daß Frau Walther in Berlin und Umgegend sehr unbekannt war. Ob sie früher schon einmal in Dallgow gewesen, weiß die Zeugin nicht. Der nächste Zeuge ist der Apotheker Eckart aus Dallgow. Er hat. zusammen mit dem Gemeindevorsteher Barthel, die Leiche der Frau Walther zuerst vorgefunden, und zwar am 8. September, nachmittags nach ö Uhr. Nach seinen Wahrnehmungen lvar das Haar der Leiche, die an einem Haselnutzstrauch hing, oder vielmehr nicht hing, sondern mit dem Gesäß auf einer Böschung ruhte, voll- ständig in Unordnung. Die Kleider dagegen ivarcn geordnet und glatt, und dieser Umstand hat dem Zeugen den Verdacht nahe gebracht, datz es sich vielleicht doch nicht um Selbstmord handeln könnte. In der Nase und im Munde der Leiche zeigten sich(wie der Zeuge bei seinen ersten Vernehmungen gesagt hat) Maden, während er jetzt nur von Maden spricht. Tie Leiche hing an einer geschützten Stelle, so datz das Haar vom Winde nickst zerzaust sein konnte. Fußspuren seien nicht bemerkbar gewesen, ebensowenig Anzeichen dafür, datz die Leiche geschleift worden wäre. Der Stamm, cm dem die Leiche hing, sei nicht ganz so dick wie ein Handgelenk gewesen, die Schlinge habe zwar fest am Halse gelegen, man hätte aber den Kopf ganz gut aus der Schlinge herausbringen können. Gemeindevorsteher Barthel aus Dallgow schließt sich dem Vorzeugcn im ollgemeinen an. An den Händen der Leiche waren Abschürfungen; Maden oder Fliegeneicr hat er nicht wahrgenommen. .— Rechtsanwalt Morris: Hätte man nicht in der Umgegend die Hilferufe einer Person hören müssen, die gewaltsam ermordet wurde? — Der Zeuge bezweifelt dies. In dem Portemonnaie der Leiche find etwa 3 M. vorgefunden worden. Der Cigarrenhändler Engelbrecht aus Rohrbeck hat das Walthersche Ehepaar am 7. September gesehen, als es vom Dallgower Bahnhof kam. Die Frau war sehr vergnügt, sie trällerte vor sich hin und hopste auch einmal über einen Stein. Auch dieser Zeuge hat die Leiche am nächsten Tage gesehen und Fliegeneicr an ihrem Halse wahrgenommen. Frau Helene Feldmüller aus Dallgow wohnt etiva 259 Schritte von der Stelle, wo die Leiche gefunden worden ist. Sie hat Auffälliges nicht gehört, dagegen sollen Arbeiter einer andren Frau erzählt haben, daß sie am 7. September abends einen Schrei gehört haben. Die Zeugin hat, als sie die Leiche sah. das unbestimmte Gefühl gehabt, datz Selbstmord wohl nicht vorläge. Zeuge Thomas, der Ehemann der vernommenen Zeugin Thomas, bestreitet mit Entschiedenheit, datz er mit der Frau Walther jemals geschlechtlich etwas zu thun gehabt habe. Was den Sturz seiner Ehefrau aus dem Fenster betrifft, so behauptet der Zeuge im Gegensatz zu seiner Ehefrau, datz diese sich aus dem Fenster gestürzt habe, weil er einmal einen Brief gefunden, aus dem er entnehmen zu können glaubte, daß seine Frau etwas Unerlaubtes mit einem Manne vorhabe.— Frau Thomas giebt zu, datz ihr Mann ihr des- halb Borwürfe gemacht habe und dies der Grund zu ihrem Selbst- Mordversuch gewesen sei.— Zeuge Thomas erklärt auf Be- fragen der Verteidigung noch, daß Frau Walther zwar sehr lustig gewesen sei; er halte es aber für ganz ausgeschlossen, datz sie einen unsittlichen Lebenswandel geführt habe. Bahnh-fswirt Ewald Wille auS Dallgow hat das Ehepaar Walther nach der Ankunft in Dallgow in seinem Lokale bedient. Die Frau sei sehr vergnügt und lustig, der Mann dagegen sehr niedergeschlagen gewesen. Als sie sich entfernten, sagten sie, datz sie sich das Döberitzcr Lager ansehen und um 11 Uhr zurückfahren würden. Aber weder mst diesem Zuge noch mir dem letzten Zuge an jenem Abend sei der Mann oder die Frau von Dallgow zurückgefahren. In Bezug auf den Zustand der Leiche schließt sich der Zeuge dem Zeugen'Eckart an. Er hat Maden an der Leiche ge- sehen, ebenso die zerzausten Haare bemerkt und ist mit dem Zeugen der Meinung, datz es an jenem Tage nicht windig war, während der Gemeindevorsteher Barthel die gegenteilige Ansicht vertritt.> Rechtsanwalt Morris beantragt die Einholung einer Aus- kunft des Meteorologischen Instituts. Der Gerichtshof beschltetzt demgemäß. Gerichtsasstssor Dr. Stern hat am 19. September v. F. in Dallgow die Leichenschau abgehalten. Die Leiche hatte auffallend viele Schmucksachen, Spuren einer Beraubung oder eines stattgehabten Kampfes waren nicht vorhanden, insbesondere ist ihm an den Haaren nichts aufgefallen. An den Fingern haben sich einige Ritzwunden gezeigt. Die Frau war sehr auffallend gekleidet und er habe in das Leichenschau-Protokoll geschrieben: Die Leiche mache den Eindruck solcher einer Prostttuierten. Auch die Gesichtszüge und die Haarfrisur hätten diesen Eindruck verstärkt. Er habe mit dem Äreis- arzt Dr. Jaenicke die Möglichkeit erwogen gehabt, daß vielleicht doch nicht Selbstmord, sondern ein Verbrechen vorliegen könnte, mangels weiterer Anzeichen eines solchen sei dann aber die Beerdigungs- Erlaubnis erteilt worden. Verschiedene Heiterkeitskundgebungen seitens des Publikums begleiten die Aussagen des nächsten Zeugen, Stellmachers Johann K u l i ck aus Potsdam. Er hat auf der Reise von Dortmund nach Berlin am 5. September unterwegs den An- geklagten keimen gelernt und aus dessen Aufforderung mit ihm in Berlin zusammen gewohnt. Am nächsten Tage habe er ihn gebeten, ihm einen Brief nach Zehlendorf zu besorgen, der Brief war jje- druckt und an eine gewisse Meta gerichtet. Die Adresse war nicht ganz genau angegeben, er sollte sich nach der Adresse und auch nach den» sittlichen Ruf der Meta erkundigen, denn der Angeklagte drückte sich so aus, als ob er den Verdacht hätte, daß sie ein Frauen- zimmer sei. Zeuge hat dann den Brief an die Adressatin selbst über- reicht und diese hat erklärt, datz sie am 7. September zur festgesetzten Zeit am Lehrter Bahnhof sein werde. Nach der ihm gewordenen Weisung hat der Zeuge erklärt, er würde auch dabei sein, nachher hat ihm aber Walther gesagt, er brauche nicht mitzukommen.— Präs.: Sie haben dann mit dem Angeklagten nach umhergekneipt und sind durch die Friedrichstratze gekommen. Nun erzählen Sie mal, was dort passiert ist.— Zeuge: Da sahen wir viele Frauen- zimmer.— Präs.: Ja, das glaube ich Ihnen, hat Ihnen aber Walther da nicht auch etwas gesagt?— Zeuge: Ja, er hat gesagt: Wenn das nieine Zukünftige lvützte, dann würde sie mich nicht mehr ansehen I— Präs.: Warum denn nicht? Hatten Sie sich denn mit Sttatzendirnen eingelassen?— Zeuge: Nein! Nein! Wir haben nur Wörter gesagt.— Präs.: Was denn für Wörter? — Zeuge: Das kann ich nicht genau sagen.— Präs.: Waren es denn schmutzige, schweinische Worte?— Zeuge(eifrig): Ja I ja! (Heiterkeit.)— Präs.: Welche„Zukünftige" sollte es denn sein?— Zeuge: Das kann ich nicht sagen.— Präs.: Na, war es denn eine Amerikanerin, ein« Engländerin oder sonstwie?— Zeuge: Ich habe von ihm gehört, datz er ein Holländer sei, und da habe ich gedacht, datz es vielleicht eine Holländerin sei.— Präs.: Hat er Ihnen nicht auch eine Photographie seiner Zukünftigen gezeigt?— Zeuge: Ja, in der Friedrichstratze.— Präs.: Wie sah denn die Photographie aus?— Zeuge: Ja, eS war eine Persönlichkeit darauf.(Heiterkeit.) Der Angeklagte behauptet, datz er dem Zeugen die Photographie seiner Cheftau gezeigt habe.— Ein Geschworener: Hatte die Frau auf der Photographie einen Hut?— Zeuge: Nein.— Rechtsanw. Morris: Der Zeuge hat offenbar den Herrn Ge- schworenen mißverstanden. Der Herr Geschworene sprach von einem „Hut", er scheint aber„Hund" verstanden zu haben.— Zeuge (beleidigt): Ich kann doch ganz gut einen„Hut" von einem„Hund" unterscheiden.(Heiterkeit.) Dem Zeugen lvird eine bei den Akten befindliche Photographie und eine andre Photographie vorgelegt, die der Angeklagte aus seiner Zelle holen mutz. Der Zeuge glaubt nicht, datz die ihni gezeigte Photographie so ausgesehen habe. Magazinverwalter Martin Bauer- Bautzen: Der Angeklagte habe frühere Jahre längere Zeit in der Waggonfabrik in Bautzen ge- arbeitet und sich zur Zuftiedenheit geführt. Auf eine Anftage seitens der Schwester des Angeklagten hat Zeuge sich bereit erklärt, ihn ivieder in Arbeit zu nehmen. Der Angeklagte sei dann am 19. September bei ihm in Bautzen erschienen. Bei seinem Erscheinen sei ihm sofort dessen auffallend blauschwarz gefärbter Schnurrbart und sein unstätes Benehmen aufgefallen. Walther habe ihm u. a. gesagt, in Holland sei es so unsicher, datz er immer einen Revolver bei sich ttage. Auf die Frage nach seiner Fran hat der Angeklagte geantwortet: Diese triebe sich in Berlin als Dirne umher, er liege in Scheidung, diese könnte jeden Tag perfekt werden; dann ver- heirate er sich mit einer Rheinländerin, die ein sehr braves Mädchen sei.— Präs.: Was sagen Sie dazu, Angeklagter?— A n g e k l.: Ja wohl, ich wurde durch die Frage nach nieiner Frau an deren Auftreten in Berlin erinnert und da konnte ich mich nicht anders aus- drücken, als es geschehen ist. Man wird bei solcher Stellung- suche auch nach seinen Familienverhältnissen befragt und es macht innner einen schlechten Eindruck, wenn diese nicht geordnet sind. Deshalb habe ich diese Ausrede gebraucht. Der Zeuge Bauer erklärt auf die Frage eines Geschworncn, datz der Angellagte seiner Zeit beider ersten Beschäftigung in der Waggon- fabrik selbst Typen geschnitzt habe, die heute noch dort in Gebrauch seien.— Präs.: Konnte der Angeklagte denn annehmen, datz er sofort in Bautzen in Arbeit treten könnte?— Zeuge: Ich hatte ihm eine Anstellung erst zum 1. Januar versprochen. Er konnte nicht glauben, sofort einfteten zu können.— Aus Antrag des Rechts- anwalts Morris wird festgestellt, datz der Angeklagte seiner Zeit eine Depesche von seiner Mutter erhalten hatte mit dem Inhalt: „Sofort Stellung antreten".— Präs.: Diese Depesche datiert vom 13. August und der Angeklagte fft erst am 5. September„sofort" abgereist. Sehr eingehend wird die Zeugin Brrnhardine Klein vernommen. Sie ist 21 Jahre alt. Auf Vorhalt des Präsidenten erklärt sie, datz der Angeklagte nicht bloß zu ihr, sondern zu allen sehr freundlich gewesen sei. Er sei ein sehr zuvorkommender Mann. — Präs.: Haben Sie mit dem Angeklagten in geschlechtlichem Verkehr gestanden?— Zeugin: Nein, niemals! Er hat mir so etwas auch niemals angeboten.— Präs.: Der Angeklagte hat es aber bei einer Vernehmung selbst zugegeben.— Zeugin: Dann soll es mir Herr Walcher einmal ins Gesicht sagen!— Präs.: Na, er hat schon zugegeben, datz er diese Angabe aus irgendwelchen Gründen falsch gemacht habe.— Jtzliif weiteres Befragen erklärt die Zeugin: Der Angeklagte sei dann einmal verreist, nachdem er eine Depesche von seiner Mutter erhalten hatte. Er sagte dabei, er wolle gleichzeitig Berlin angehen, sich nach dem Treiben seiner Frau er- kundigen und sehen, datz er einen Grund zur Scheidung erhalte. Den Schnurrbart habe er sich zu diesem Zwecke gefärbt. Als Walther von der Reise zurückkehrte, habe sie ihn vom Bahnhof abgeholt, sie habe ihn nach seiner Mutter und seiner Schwester geftagt und die Antwort erhalten, datz die Mutter ftbr schwach sei.— Präs.: Hat er Ihnen nichts von semer Frau erzählt?— Zeugin: Nein, so sehr habe ich für Herrn Walther mich nicht interessiert.— Präs.: Er soll Ihnen sogar einmal einen HeiratSanttag gemacht haben.— Zeugin: Als Herr Walther zu uns zog, haben wir ihm alle beim Einzug geholfen. Da hat er gesagt, ivenn er von seiner Frau geschieden wäre, könnte ich seine Frau werden. Ich habe darauf gar keine Antwort erteilt. denn mit einem verheirateten Manne würde ich nie in Verkehr treten.— Präs.: Er von seiner Seite mag aber wohl solche Hoffnung gehabt haben?— Zeugin: Das mag fein.— Präs.: Hat er Ihnen nicht auch noch eine Erzählung von Detektivs und Polizeibeainten mitgeteilt?— Zeugin: Er hat der Schwester erzählt, er habe seine Frau durch zivei Detektivs uns einen Schutzmann bei einem unsittlichen Treiben in einer Gartenlaube beobachten lassen. In dem Augen- blicke, als sich die Frau habe Geld geben lassen, habe der Schutz- mann eingegriffen.— Präs.: Nun sagen Sie, Walther, was haben Sie denn da den Mädchen erzählt?— Angelt.: Die Zeuginnen haben das falsch aufgefatzt. Was ich ihnen erzählt hatte, stammte von dem Gespräch her, welches ich mit meiner Frau hatte.— Staatsanwalt Dr. Schindler(zur Zeugin): Hat der Angeklagte Ihnen Liebkosungen irgend welcher Art zuteil werden lassen?— Zeugin: In keiner Weise.— Staatsanwalt: Hat er Ihnen auch keine Geschenke gemacht?— Z e u g i n: Er hat mir ein Kleid und einen Hut geschentt. Ich habe dies aber nicht als Geschenke betrachtet, denn wir haben viele Arbeit ftir ihn gethan. Der Zeugin wird noch der Brief vorgelesen, den sie nach einer Aufstellung des Angeklagten an dessen Schwester geschrieben und in welchem von späterem verwandtschaftlichem Verhältnis und davon die Rede war, datz„die Liebe ihren Einzug gehalten" habe. Die Zeugin erklärt, daß sie sich bei diesem Briefe gar nichts gedacht habe. Die nächste Zeugin, Arbeiterin Marie Kalauch aus Mügeln bei Pirna, ist das Dienstmädchen, welches von dem An- geklagten ohne Wissen seiner Frau angenommen worden und von ihm mit nach Holland und auch nach Emmerich gegangen war. Die Zeugin war dicht daran, einen Meineid zu leisten und ist durch ernsten Vorhalt des Präsidenten davor bewahrt worden.— Präs.: Haben Sie mit dem Angeklagten Geschlechtsverkehr gehabt?— Zeugin(zögernd): Nein.— Präs.: Nein?I Das kommt so zögernd heraus.'Prüfen Sie sich ja sorgfältig und denken Sie daran, datz Ihnen noch Be- weise entgegengestellt werden könnten! Der Verräter schläft nicht! Also ich frage Sie nochmals: Haben Sie Geschlechtsverkehr mit dem Angeklagten gehabt?— Zeugin: Ja!— Präs.: Nun sehen Sie! Seien Sie froh, datz Sie noch rechtzeitig der Wahrheit die Ehre gaben!— Die Zeugin bekundet auf iveitcres Befragen: Der Angeklagte hat wiederholt gesagt, datz er sich scheiden lassen wolle. Zur Bernhardine tvar er sehr freundlich. Kriminalkommissar Nasse: Er sei beim Transport des An- geklagten nach Berlin mit thätig gewesen. Unterwegs habe ihn: dieser Angaben über seine Begegnung mit seiner Frau am 8. Sep- tember vor dem Anhalter Bahnhof gemacht und dabei dreierlei verschiedene Angaben gemacht.— Präs.: Der Angeklagte be- hauptet, datz bei einer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter, bei der Sie zugegen gewesen, Sie ihm als Thatsache vorgehalten hätten, datz ja Bernhardine von ihm sogar geschwängert sei und datz er darauf zugegeben habe, datz er mit ihr in geschlechtlichem Verkehr gestanden, obgleich es nicht wahr sei. Er habe dies gethan, damit Bernhardine Klein entweder ihn selbst oder Sie verklage. — Kommissar Nasse: Der Kommissar Meixncr aus Emmerich hatte mir mitgeteilt, daß nach dorttgen Gerüchten die Bernhardine von dem Angeklagten geschwängert sein sollte. Als Walther dann bei der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter geschlechtlichen Verkehr ableugnete, habe ich eingegriffen und ihm gesagt: Das Mädchen soll doch sogar von Ihnen geschwängert sein. Da hat wohl der Angeklagte bei sich gedacht:„Donnerlvetter, nun ist es bekannt" und hat es zugegeben, datz er geschlechtlichen Verkehr gehabt.— Rechtsanwalt Dp. S i l b e r st e i n: Hatten Sie ihm nicht gesagt, datz Sie bezüglich der Schwängerung eine positive Mitteilung hätten?— Zeuge: Rein.— Dr. Silber st ein: Vielleicht haben sie den Zweck gehabt, durch Aufftellung einer solchen Behauptung von dem Angeklagten das von Ihnen Gewünschte herauszubekommen.— Rechtsanwalt Morris: Der Angeklagte behauptet sogar, datz Sie ihn sehr böse und schroff behandelt haben.— Zeuge: Datz ich jemand, der unter dem Verdacht des Giftmordes steht, nicht gerade mit Glacehandschuhen anfasse, ist doch begreiflich. Das muß ich dem Verteidiger oder andern Leuten über- lasten.— Rechtsanwalt Morris: Diese Acutzerung spricht für sich selber. Hält es der Zeuge auch für seine Aufgabe, wenn er bei dem Untersuchungsrichter gewissermaßen als Zeuge mitwirkt, den Angeklagten schroff zu behandeln?— Zeuge: Ironisch bin ich ge- Wesen.— Rechtsanwalt Dr. Silber st ein: Der Angeklagte be- hauptet: höhnisch.— Staatsanw.: Der Angeklagte hat auch einen Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis gemacht?— Zeuge: Ja, er sagte, er sei nur ausgebrochen, um in den Rhein zu gehen. Ich sagte ihm darauf: Ach, wahrscheinlich über den Rhein. Kriminalkommissar Meixner aus Einmerich: Er habe dem Kommissar Nasse erzählt, datz ein Gerücht in Emmerich be- sage, datz Bernhardine Klein geschwängert sei. Solche? Gerücht habe in Einmerich bestanden, es habe sich aber nicht bewahrheitet. Gegen die Töchter des Herrn Klein könne er nichts Nachteiliges sagen. Untersuchungsrichter Landrichter Dr. Hornemann, nochmals vorgerufen, bekundet: Er habe natürlich die Vernehmung geleitet, bei einzelnen Punkten, wo eS sich um Mitteilungen des Angeklagten an den Kommissar Nasse handelte, habe dieser selbständig gefragt. Der Kommissar habe den Angeklagten etwas schärfer angefaßt als er selber, er sei dabei aber nicht über die zulässigen Grenzen hinaus- gegangen. Sodann wird Kriminalinspektor Braun vernommen und läßt sich über die ersten Nachforschungen nach den begleitenden Umständen des Todes der Frau Walther aus. Der Vorsitzende verliest noch die vom Meteorologischen Institut eingegangene Auskunft, wonach bei Spandau am 7. September abends bis 1 Uhr nachts mäßiger, nachher schwächerer Nordwestwind geherrscht hat. Hierauf wird die Verhandlung abgebrochen und auf Donnerstag 9'/z Uhr vertagt._ Mus der Frauenbewegung. Der Bildungsverein für Frauen und Mädchen zu Ober-Schönewcide hielt am 15. d. Mts. unter guter Beteiligung seine Mitglieder- Versammlung ab. Frau Dr. W. Zepler sprach über:„Welchen Wert hat die Bildung ftir die Arbeiterin?" An den sehr interessanten Vortrag, welcher mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde, schloß sich eine rege Diskussion. Hierauf wurde beschlossen, die inzwischen notwendig gewordene Neuwahl der ersten Vorsitzenden in einer außerordentlichen Generalversammlung vorzunehmen. Näheres hier- über wird noch bekannt gegeben. Marktpreise von Berlin am 26. April 1904 nach Ermittelungen des(gl. Polizeipräsidiums. 17,30 "Welzen, gut D.-Ctr. « mittel. gering. "Roggen, gut mittel„ gering. fGerste, gut mittel. gering„ fHaser, gut , mittel .. gering Richtstroh Heu Erbsen Speisedohnm„ Linsen " ad Bahn. f frei Wagen und ab Bahi». 13, IS 13,11 13,07 14.20 13,00 11,80 16,00 14,00 13,00 4,00 7,30 40,00 60,00 60,00 13,13 13,09 13,05 13,10 11,90 10,80 14,10 13,10 12,10 3,66 5,00 28,00 26,00 25,00 Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch. Keule 1 de. Bauch„ Schweinefleisch, Kalbfleilch t ammeifleisch utter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 kg Per Schock t.OO 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 3,60 2,00 3,00 3,00 2,20 2,00 3,00 1,40 15,00 6,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 2,60 1,20 1,40 1,20 1,20 0,80 1,40 0,80 3,00 ßrlefkalten der Redaktion, A. E. Ivv. Noch nicht. Jurittitdner Cell. Sic juristische Sprechstunde findet täglich mitNiiSnahmc dcS Sonnabends »0»?>/, bis»>/, Uhr abends statt. Geöffnet: 7 Uhr. Erster Mai. Zossen. Die von Ihnen in Bezug genommene Polizei- Verordnung kennen wir nicht, können also weder mitteilen, welche Bedingungen danach zu ersüllen sind, noch ob die Verordnung rechtsgültig ist, Die allgemeine Rechtslage ist die. dag ö s s c n t I i ch c Lustbarkeiten und dergleichen von der Polizei nicht genehmigt zu werden brauchen, die Polizei also auch berechtigt ist, von bestimmten Bedingungen die Genehmigung ab- hängig zu machen, eventuell die Veranstaltung gewaltsam zu hindern und die Veranstalter zur Bestrafung zu'ziehen."— H. W.. Lsichenerstrastc. 1. Nein, 2. Bei der Distriktsverwaltungsbehördc seines Wohnortes,— (?.-6. 100. S. 36 bis 40 des dem„Rrbeiterrccht" bcigesügtcn Führers sinden Sie die betreffenden Tabellen. Das Buch liegt in de» öffentlichen Lesehallen aus. Beweis für Ihre Behauptung könnenle Wildente. Sonnabendabend 8 Uhr: Das grobe Hemd. Thalia-Theater. Belle-Ällianee-Theater. Dresdenerstr. 72/73. Amt lV 4440. Bcllc-Allianccstr, 7/8. Amt VT 283. Ans. 71/2 Uhr. 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Mts,: Benefiz- Vor- stellung für Fräulein Martha Mohuke. f rde WiksMItne Sonntag, den 1. Mai, nachmittags 23U Uhr; liesslng-Theater 14./i5. Abteilung: Zapfenstreich. Der Vorstand. I. A.; G. Winkler. Metropol-Theater 11. /12. Abteilung: Frau Warrens Gewerbe. 228/17 Brauerei Trledrichsham früher Lipps(Oekonom: E. Niemann) am kbuigsthor. DMf- Driisster Ronaiertsaal Berlins. ans von Heute und folgende Tage, anf kurze Zeit: Wx- KONZERT IBC Johann Strauss Wie.i Dirigent der k. u. k. östreichischen Hofballmusik mit seiner gesamten Kapelle. 50182» Ansang 8 Uhr. Entree 50 Ps. Reserv, Pl. 1,00. Ill'SIllS. Taubenstr. 48/49. 8 Uhr: ESas Land Tirol. Sternwarte ANOPTICUM. Friedriohstr. 165. Letzte Woche! Die Tunesen-Truppe (Afrika in Berlin!) Crosse VOlkcrschan. Die schUnen Harems- Damen ans Tunis. Apollo-Theater. Abends 8 Uhr; PträDotueiiäle Specialitäten. 83/4: DieSensations-Xovitüt: Liebesgötter. Im dritten Bild; Der Götterzug und die grandiose Apotheose._ Carl Weiss-Theater. Bürgerliches Schauspielhaus. Grosse Franksurterstr. 132. Gastspiel des königl, Hosschauspielers Emil Richard: Die beiden Reichenmüller. Posse mit Gesang in 4 Akten von Anton Anno. IM- Ansang 8 Uhr. HW Morgen: Dieselbe Porstellung, s. , IIVMWIIW II1WWVV1I Direktion; Robert Dill. Brnnnenstrasse 10. Steffen Langer ans Glogan oder: Der Zar und der Seiler. Volksstück v, Charlotte Birch-Pseisser Ansang L Uhr. Entree 30 Ps. Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt, 7'/,. s uhr:„Dnfnrrnlifbf." 8'/.; DaS brillante April-Programm, Markert, fr. am Lejsing- Theater:c. g uhr: Zärtliche lterwandte. Sonntagnachmittag 4 Uhr:„Hotel Klingobusch." Austreten der neuen Specialitäten, tage-Mer. Anfang: Sonntags 3 Uhr. Wochentags 5 Uhr.— Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr. Drittletzter Tag. Jeden Abend 10 Uhr: Grosse internationale Ringkampf- Konkurrenz. 20 preisgekrönte Ringkämpfer. Oskar Fürst» Lina Goltz Humorist. Soubrette. 14 erstklassige Nummern. Anfang 8 Uhr! Sonnabend: Zum 250. Male. Deutsch- Amerikanisches THEATER Köpnickerstrasse 67. Jeden Abend; Gastsp. Ad. Philipp Üebern GROSSEM TEICH. Stadt-Theater Moabit Alt-Moabit 47/49. Heule Donnerstag, den 28, Zlprll: Beniltöi'il Rose-Theater-Enseinhle. Der Mann mit der eisernen Maske. Drama in 5 Abteilungen nach dem Französischen von Lebrun. jjBF" Ansang 8 Uhr."Wl Nach der Vorstellung: Grosset* Ball. Sonntag, den 1. Mai: Grosse Maifeier. Gebrüder Herrnfeld- Theater. Heule Donnerstag, den 28. April: Abschiedsvorstellung. Schluss der XII. Spielsaison wegen Gcsamt-Gastspield.Herruseld-Thcaters in Köln'a, Rb. Die grossen Herrufcld-Schlager jlsnanfSemJ&pi! Nachspiel zu„Nur eine Nacht" und Kur eine Itfaeht! 2 Akte aus einer Ehe mit den Autoren in de» Hauptrollen Ab 7, Mai: Gastspiel L, Köhlers Baucrn-Thcater-Tegernsee. Palast- Theater Burgstrasse 22, früher Feen-Palast Heute sowie folgende Tage: Lie Liehe im Leltee. Lustspiel in 2 Micn von C o s m a r, Im phramidalen Specialitätenieil: Miss Stoors, die musikalische Laube, Emmeline Hochberg, Vortr.-Ioubrettc, Deamando und Anni, akrobat,- equilibristischcr Mclangc-Akt, Die Weber. Eharaktergemälde mit Musik von W, Gericke, Schlnss der Saison: Zonnabeild, den 20. April 1904. Letzte Vorstellungen Kellino-Truppo Italienische Akrob. Paul Conchas In seiner Scene im Bivouak. Robinson Baker-Trio Springer. Helene Land Vortrags-Soubrette. Costantino Oernardi V erwandlungsschauspieler Siegwart Gentes Humorist. Drfords Wunder-Elefanten. Peschkoff-T ruppe RussischeTänzer. Die Blumenkönigin Tanzdivertissem. Biograph. �an�Houci. Kotlbuser Thor— Stak, der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag: hokkmglins Nontcteiitsctie Sänger. Nach jeder Soiree: Tanz. Neue Welt Hasenheide 108/114. (Hrnold Scholz.) Donnerstag, den 28. April: Grosse Abschieds■ Vorstellung i des Berniiarilllose-TlieatfiF-EnsenilJlES Busch-Lies'l. Volksstück mit Ges. in 4 Akten. Nach der Vorstellung: Familien-Ball. Anfang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Kelch s hallen Stettiner Sänger Zum«chluss: Neu! Cirkus Lenz und Cirkus Pnsch. Köiugsisdt-Ztasino Holzmarktstr. 72, Ecke Alexanderstrasse. Nur noch bis 30. d. Mts. Austreten v. Franz Sobanski. Curt Moreno, Ada Thomsen, Marga Plessner, Gustav Isano. Bruno Gaffron sowie: Ein foubereS Kleeblatt. Posse in 1 Akt, E. und C. Bernhard/(Versuchung des Eremiten). Mittwoch, Sonnabend, Sonntag nach der Vorstellung: Tanz. Herren-AniltgKtiffe, Reste, cinpsiehtt spottbillig 43442� Tuehbanillunii Feil Setiolz, Reinickendorf-West, Eichbornstr. 64. Spandau. Allen Parteigenossen sowie Frcun- den und Bekannten empseble bei Ausflügen mein alles Parteilokal. Für gute Speisen und Getränke sorgt bestens 852b v. Rupprecht, Bismarckstrasse 6. I Karl Engel. h Knaben= und � Jüng!ing:s= Garderobe f. d. 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Wahlkreis(Ost): Brauerei Friedrichshain(Lipps), am Königsthor. Kellers Festsäle, Koppenstr. 29. Mentes Volksgarten. Lichtenberg, Rüderstr. 6. 4. Wahlkreis(Süd-Ost): Sanssouci, Kottbuserstr. 4a. Joels Victoria-Garten, Treptow, Köpnicker Landstrasse. Ludwigs Park-Restaurant, Treptow, Köpnicker Landstrasse. &. Wahlkreis: Elysium, Landsberger Allee 40/41. T elto w-Beesko w: Köpenick: Wilhelmsgarten(Kcheer). „ Hotel Kaiserhof. „ Restaurant Ringeltaube, Wilhelmstraße. „„ Seibel, Grünauerstraße. „„ Reichel, Lindenstraße. Schöneberg: Obst, Meiningerstr. 8. Wilmersdorf: Uolbsgarten, Berlinerstr. 40. Charlottenburg: Uolbshaus, Rosinenstr. 3. Kirdorf: Kereinsbrauerei, Hermannstr. 214-219. „ Nietoria-Kale, Hermannstr. 48/49, „ Thiel, Bergstr. 151/152. Niveten-Bsmim: Lichtenberg- Friedrichsberg: Höstichs„Schwarzer Adler", Frankfurter Chaussee 120. Pankow: Ebersbachs Knrfnrsten-Kale, Serliuerkr. 103. Stralau-Rummelsbnrg: Ww. Schonert, Restaurant „Ren-Seeland". Weißensee: Schloß Weißensee. Ein reichhaltiges Programm, bestehend in: Mdilistaeitil-iiiVoInl-M Theater, Lebenden Bildern turnerischen Aufführungen, Torträgen ernsten und heiteren Inhalts, Fenerwerk, Tanz n. liindcrbelnBtignnsen wird die Maifeier zu einem wahren Volksfest machen. Der Festgesang wird von den Gesangvereinen des Meiter-Sängerbimdes ausgeführt Anfang; 4 Uhr. Entree äO Pf. ErUITnnng der Kaffeckttche 2 Ehr. Alles Nähere die Plakate und Billets der einzelnen Wahlkreise. Um recht zahlreiche Beteiligung in allen Kreisen ersuchen Die Verfranenslente Berlins und Umgegend. . e Hotzarveiter!""PS Sonntag, den 1. Mai, mittags 1% Uhr: Oeffentliche Versammlung im Saale der„Neuen Welt", Hafenheide. Tages. Ordnung: Die Bedeutung des ersten Mai. Eduard sternstein. Die Versammlung wird pünktlich erössnet. 83H* Der Einberufer, VI. Wahlkreis. Sonntag, den u Mai 1904: O IKai'leler der Sodaldemohraten des sechsten Kreises in folgenden Lokalen: Kerliner Prater, Kastanien-Allee 8/9. Fröbels Allerlei- Theater» Schönhauser Allee 143. Wernaus Festsäle, Schwedterstraße 23. Jägerhaus, Schönhauser Allee 102/103. Aallschmieder, Badstraße 16. Weimanns Uolksgarten, Badstraße 56. Marienbad, Badstraße 36. Feldschlößchen, Müllerstraße 142. Norddeutsche Krauerei, Chausseestraße 58. Kronen-Krauerei, Alt-Moabit 47/49. Walhalla, Alt-Moabit 104/105. Krauerei Patzenhofer, Turmstraße 25/26. IWMP. FeM. Iistnitntal-Köizert. Theater- ri SueciaiHMiii Tum 7aeUel-?olonaise. TANZ. Seilende 3Uder. Anfang S Ehr nachmittags. Anfang S Ehr nachmittags. Da wir leine Billets ausgeben, sondern es dem Ermessen der Parteigenossen überlassen, z» den Nnlosten der Mai-Feier beizutragen, infolgedesse» es auch dem wirtschaftlich Schlechtgestellten möglich machen, sich an der Mai-Feier zu beteiligen, hoffen wir auf recht zahlreichen Besuch. Bns Komitee. Hcbtungl Hcbtung! Portefeuillei*. Sonntag, den 1. Mai 1904, mittags 12 Uhr, in der Berliner Ressonrcc, Kommandautenstr. 57 zur Feier des 1. Bai ÖeffentUehe Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Die Bedeutung des 1. Mai. Referent: Reichstags-Mgeordneter HFoIfgang Beine. 2. Diskussiom 3. Verschiedenes. 109/9 HB Pflicht eines jeden Mitgliedes und Berufsangehörigen ist es, in der Berfammlung zu erscheinen. Her Elnbcrnfer. TrcITpnnkt bei Wählisch, Adalbertstr. 4, um 10 Uhr vormittag Die in Rixdorf wohnenden Kollegen treffen sich um 10 Uhr bei Lutz, Wiijinannstr. 10. Die im Norden und in Weistensee wohnenden Kollegen treffen sich am Königsthor und gehen gemeinschaftlich zu Bieberstein, Adalbertstr. 61. Achtung I Achtang Kolzbearbeitnngs- Dtasehinenarbeiter. Am Sonntag den 1. Mai, mittags 12 Uhr Oeffentliche Verfammlung in Knsslns Festshlen, Andreasstraße 21. Tages-Ordnung: Die Bedeutung des ersten Mai. Referent: Genosse Emil Bftske. NB. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. 75/11- Her Einhernfer. Kenn. Ramlows Weiss- 11. Bayrischbiei-Lokal SchUnhanser-AlIcc 185. 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Flelfcr,„ Rosenthalerstr. 57. Wlrth,„ Augnststr. 51. Wlttchow,„ Kleine Hamburgerstr. 87, Ecke Elsasserstraße, IVlesc,„ Luisenftr. 80. Da eine neue Mitgliederliste ausgestellt wird, bitten wir alle Mit- glieder, welche eine Kontrollkarte noch nicht ausgefüllt haben, ihre genaue illdresse, Nnnimer des Mitgliedsbuches, Name, Stand, Wohnung(resp, bei wem) �0�01� Per Postkarte(2 Pfennig Porto) an den Kassierer L.eopoIll Liepmann, NO. 43, Linien« Strasse 242, i, gelangen zu lassen. Derartige Karten sind auf Wunsch in den Zahlstellen zu haben. Wir bitten dringend dies zu beachten, 245/6 Der Borstand. Fortuna lächelt«och!!! Mrienllorter Hoehbaaterrain! 800 Baustellen von M. 3000.— an, prachtvoll geschnitten M. 3.— u. 4.— pro Quadratmeter netto Bauland, zur Straße nichts mehr abzutreten, Kanalisation, Gas, Wasserleitung, elektrisches Licht, 3 Minuten vom Endpunkt der elektrischen Bahn Behrenstraße— Mariendors. Verkäuser, auch Sonntags, von 3—8 Uhr aus dem Terrain. Eigentümer A. 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WWW Direkt am Alexanderplatz.■ Die frauen und die politih � Bon Lilt» Brau». Preis SO Pfg, ilgitationS- Ausgabe 20 Pfg, In«armen, zu Herzen dringenden Worten fordert die Berfasferin die prolelarischen Frauen auf zu tätiger Mit- arbeit bei den OraamsationS- befnebungen derÄrbeiter. Die Revolution der Maschine hat die Frau der Ausbeutung des Kapitalismus überantwortet: die Maschine ebnet aber auch den Weg zur Befreiung der Frau aus den ökonomischen, rechtlichen und sittlichen Fesseln, in die vergangene Zei- ten sie geschlagen haben. Die Versasfenn zeigt, wie dieses Ziel erreicht werden kann, Uorwärts ßucbbandlung Berlin SW. 68, Lindenstr, 69 Alle Wanzen werden nebst Brut durch mein Mittel vollständig verttlgt,�— Fl. 50 Pf, u, 1.00,— Ebenso Schwaben, Russen, Franzose», Blattläuse te. Schtl, 30 Ps,, «0 Pf, u, 1.00, 4S25L' Zahlreiche Anerkennungen.■— 1000 Mark zahle demjenigen, der mir einen Nichts erfolg nachweist. 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