Nr. m. RfeonnementS'Rcdtngung«»: klbonnenients- Preis pränumerando i Vierteljährig Z,M Mk.. monatlg l.l0 SO., wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer 5 Pfo Sonntags» nummer mit Austrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt» lv Pfg. Poft» Abonnement: MV Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-geitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. 21. Jahrg. Die TntertlonS'Gebtfyr Betragt für die scchsgespaltene Kolonel. zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschastliche Vereins- Und Vsrsammiungs-Anzeigen 25 Pfg. «Kleine anzeigen", das erste(fettgedruckte) Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Wort- über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Fejttagenbis s Uhr vormittags geöffnet. Crfchelat täglldi auBtr Monis»». Verliner VolksblÄtk. Telegramm-Adresse! „Sozlaldtmokriit Rtrlln". Zcntralorgan der fozi aldemokrat» fcben parte» Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68» Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Sonnabend, den 14. Mai 1904. Expedition: SM. 68» Lindenetraese 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1984. Propaganda der That! Sein diplomatisches Entgegenkommen hat dem Grafen B ü l 0 w nichts genützt. Den Geistern des reaktionären Umsturzes genügen schönrednerische Unterwerfungen, halbdurchsichtige Versprechungen künftiger Willfährigkeit nicht mehr. Sie schreien nach Thaten. Sie wissen vielleicht noch nicht ganz genau, was sie wollen, aber sie wollen es entschieden. Sie sagen auch noch nicht ganz genau, was sie wollen, aber auf alle Fälle wollen sie den Sturz des Mannes, über dessen Regierung sich am Freitag im Herrenhause eine Flut wilder Beredsamkeit ergoß. Und während die Lucius und Manteuffel Angriff und Angriff, Anklage auf Anklage häuften gegen eine Regierung, deren„Nachsicht" gegenüber der Socialdemokratie „an Schwäche grenze", und die dem fluchwürdigen geheimen Reichstags-Wahlrecht durch Einführung des Klosettgesetzes gar noch Zugeständnisse gemacht habe, spielte Herr v. Rheinbaben elegant mit seinem Bleistift, saß Herr v. Hammerstein, in sich selbst verkrochen, bei seinen Akten, bemühten sich auch die Herren V.Budde und v. Podbielski vollendete Gleichgültigkeit zu heucheln. indes der angegriffene Ministerpräsident fern blieb, sei es im Gefühle der Sicherheit seiner Position, sei es um einen verlorenen Posten rechtzeitig zu räumen. Die einzigen wenigen, aber schneidigen Worte, die im Laufe einer dreistündigen Debatte vom Ministertische fielen, richteten sich gegen den Mann, der als einziger in gewissem Sinne als Verteidiger der Re- gierung aufgetreten war: gegen den Professor Gustav S ch m 0 l l e r. Herr Professor Schmoller, der sich in demütigen Komplinienten vor dem Hause der Manteuffel erging und für die Thaten ManteuffclS, des Vaters, des Ministers der Gegenrevolution, des Rühmens keinIEnde finden konnte, der umständlich über die„Gefühls- imponderabilien des Hasses" jammerte, die„der große Gelehrte Karl Marx" in daS deutsche Volk hineingetragen hätte, verspricht sich von Gewaltmaßregeln nichts, nichts von der Diktatur eines feudal- aristokratischen Klassenregiments. Ihm, dem emporgekommenen Plebejer, der so fromm gegen den Wahn der Volkssouveränität eiferte und sich dennoch vergeblich um die Thatsache herumzuwinden versuchte, daß er im Vorjahre, anläßlich der Landtagswahlen, mit der Idee eines Kompromisses mit der Socialdemokratie zum mindestens gespielt hatte, galt zunächst der heilige Zorn und der ingrimmige Hohn seiner gebornen Kollegen. Los gegen das Reichstags- Wahlrechtl Der Mini st er des" königlichen Hauses, Herr v. Wedel- P i e s d 0 r f, war es, der am Freitag als erster in das thaten- durstige Haus das erlösende Wort warf. Er hat die fteie Zeit, die ihm der Dienst in der Nähe des Königs übrig läßt, dazu benutzt, gleich einen fertigen Plan auszuarbeiten. Abschaffung des geheimen Wahlrechts, Einführung eines mäßigen CensuS und Erhöhung des WahlalterS auf mindestens dreißig Jahre! Herr v. Wedel, der über die Gedanken, die man in seiner jetzigen Umgebung über das wichtigste Volksrecht hegt, nichts verriet, glaubte doch aus seiner früheren Erfahrung als ReichstagSmitglied mitteilen zu können, daß die Konservativen für die Beseitigung des jetzigen Reichstags-Wahlrechts zu haben wären. Wenigstens zu seiner Zeit seien alle für die Ab- s ch a f f u n g gewesen, aber keiner durfte es sagen aus Angst um die Mandate. Als sich dann später der Bicepräsident des Reichstages, Graf Stolberg, erhob, hätte ein Optimist annehmen können, er ge- denke namens seiner Fraktion gegen den Vorwurf eines so niedrigen StranchrittertumS. einer so überaus erbärmlichen und feigen Meuchelmördertaktik, entrüstet zu protestieren. Aber Graf Stolberg bestättgte nur seines vorlauteren Kollegen psychologische Erklärung. indem er behauptete, die Frage einer Aenderung des Wahlrechts, auf Grund dessen die konservativen Reichstags-Abgeordneten ge- wählt seien, sei in der RcichstagSftaktion niemals erörtert worden. Soweit sich diese Erklärung auf offizielle Fraktionssitzungen bezieht, mag es mit ihr vielleicht ihre Richtigkeit haben. Der Minister des königlichen Hauses hatte das Ziel gezeigt. Aver wo der Weg? Wenn selbst die Herren aus Ostpreußen und Pommern die Rebellion ihrer schafsgeduldigen Wählerschaft fürchten müssen? Wenn die nationalliberale Partei aus Angst vor der ver- haßten Souveränität des wahlberechtigten Volkes dem Verräter seiner Geheimnisse, Herrn Menck, den Laufpaß giebt? Die Manteuffel und Mirbach haben darum keine Sorge. Staatsstreich? Wer wird dieses aufteizende, erbitternde Wort gebrauchen, das im ganzen Lande di>- Geister der Rebellion wachruft? Für den Staatsstreich, meint Herr v. Manteuffel, würde die Zeit vielleicht noch kommen, aber jetzt sei nicht die Zeit, von ihm zu reden. Und Graf Mirbach hat die Lösung des Rätsels in der Tasche. Wenn ein bestimmter Reichstag den Wahlrechtsraub mitzumachen zu feige ist, so appelliert man eben an einen andren Reichstag, dereine andre Mehrheit hat. Das ist natürlich so gemeint, daß bei Reichstagswahlen, di? sich unter der Parole des Wahlrechtsraubes vollziehen, das jetzige Wahlrecht auf streng legalem Wege den Bauchaufschlitz an sich selber vollziehen würde. Denn wenn Graf Mirbach es anders meinte. 1 wenn'er etwa dächte, das neue Wahlrecht solle, nach preußisch e�m' Muster, oktroyiert werden, so hätte er sich eine ebenso nichts- würdige wie durchsichtige Heuchelei zu Schulden kommen lasten, wie sie unter erstklassigen Gesetzgebern nicht möglich ist. Herr v. Manteuffel erzählt ausführlich, wie er es gemacht hätte, wenn er Anno 1903 Reichskanzler gewesen wäre. Er hätte den Reichstag gleich nach der Verabschiedung des Zolltarifs aufgelöst und wäre Ann in Arm mit Eugen Richter in den Wahlkampf f-gegen den Umsturz gezogen. Daß Herr v. Manteuffel nicht schon 1W3 Reichskanzler war, ist ja ein Fehler, der zum großen Bedauern der Socialdemokratie nicht mehr gut gemacht werden kann. Desto mehr Eile hat's, wenigstens noch die schönen Reste zu retten. Daß im Kampfe gegen die Socialdemokratie mit geistigen Waffen nicht? auszurichten sei, darüber herrscht nur eine Meinung von Herrn v. Buch, der erzählt, wie weinende Arbeit- geber, von ihren Arbeitern gezwungen, für die Socialdemokratie stimmen, bis zu Herrn L e n tz e, dem Oberbürgermeister von Barmen, der vielleicht nicht ganz ohne Bosheit die Herrenhäusler er- mahnt, zunächst der Socialdemokratie ihre Organisationen und ihre Opferwilligkeit nachzuahmen. Herr v. Manteuffel meint, im geistigen Kampfe würde es ihm und seinen Ge- sellen ergehen wie den Russen in der Mandschurei: Ein klägliches Geständnis erblicher Regierungsweisheit, das noch lächerlicher wird durch den Vorwand, die Masse sei eben nicht im stände, die erleuchtete Politik ihrer geborenen Führer zu begreifen. Die Socialdemokratie, die über den Verstand des Volkes etwas weniger pessimistisch denkt, will allerdings den Versuch noch einmal wagen, der' den Herren völlig aussichtslos dünkt. Sie wird in den nächsten Tagen dasProtokoll derHerrenhaus- sitzungen vom letzten Mittwoch und Freitag in Massen im ganzenReiche verbreiten und es der Einsicht des Volkes überlassen, ob es. wie Herr v. Wedel mathematisch be- rechnen kann, in absehbarer Zeit völlig zur Socialdemokratie übergehen oder sich noch rechtzeitig zur Erbweisheit der Manteuffel und Mirbach bekehren will. „Eine Socialistendebatte"— wird das Protokoll unter dieser Flagge seinen Weg ins arbeitende Volk nehmen dürfen? Vom Socialismus ist in dieser Debatte herzlich wenig geredet Ivorden. Als Jaurös im Jahre 1886 den blauen Republikaner und Todfeind des Socialismus, Jules F e r r y, nach dem eigentlichen Endziel seiner Politik fragte, antwortete dieser, sein Ziel sei eine Menschheit ohne Gott und ohne König. Fragt man aber einen preußischen Hcrrenhäusler, was ein Socialdemokrat fei, so sagt er: die Socialdemokraten wollen keinen Gott und keinen König. Es ist nicht das Princip des Socialismus, dem der Kampf gilt, er gilt allen modernen Forde- rungen, allem bürgerlichen Liberal i-smus, der im Westen längst zur Ueberreife gediehen ist, der aber im Deutschen Reiche keinen andren Hüter seiner vom Bürgertum schmählich im Stiche gelastenen Ideal besitzt als das deutsche Proletariat. Er gilt den Geistern der Aufklärung, dem siegreichen Gedanken der Demo- kratie, gilt dem Plane einer Staatsform, die es unmöglich macht, erkannte Interessen des Volkes unter einem brutalen Klassenregiment zu ersticken. Und wie Fürst Bismarck, als er von des verrückten Nobiling Schrotschuß erfuhr, mit der Faust auf den Tisch schlug und rief:„Jetzt habe ich sie", damit aber nicht die Socialdemokraten meinte, die er niemals unterkriegte, fondern die Liberalen, so kann der neue Vorstoß der reaktionären Pro- paganda der That wohl das deutsche Bürgertum noch ein Stück tiefer in den Staub treten, aber nichts der Socialdemokratie an- haben, die, treu erkannter Wahrheit, durch alles, was da kommen mag, ihren Meg wandelt und sich bor allenen Wedeln und'Manteuffeln so wenig fürchtet, wie vor Gespenstern der lichte Tag. Die Herrenhaus-Rcden gegen die Socialdemokiatie vom 11. und 13. Mai werden unmittelbar nach Erscheinen des amtlichen Steno- grawmS im Verlag der Buchhandlung Vorwärts als Agitations- broschüre herausgegeben werden. politische CUberficbt. Berlin, den 13. Mai. Dunkelarrest für die Wahrheit. Als der socialdemokratische Dreimillionensieg vom 16. Juni den bürgerlichen Parteien den blassen Schrecken in die Glieder jagte, wurde in der Presse eiftig über die Ursachen unsres Erfolges bis- kutiert. Im Laufe dieser Unterhaltungen wurde schließlich als ein Hauptgrund des bürgerlichen Niederganges bezeichnet, daß die bürger- lichen Parteien immer wieder der Socialdemokratie das Anklage- Monopol gegen thatsächliche Mißstände überlassen. Das müsse anders werden, auch die Staatserhaltenden müßten sich an der Kritik der bestehenden Zustände beteiligen. Anfangs schien es, als ob in der That die Lehren des 16. Juni einen Erfolg in dieser Richtung haben würden. Man wetteiferte, wie in der Socialpolitik, so auch in den kritischen Bedenken. Indessen der reaktionäre Instinkt erwies sich bald stärker als die Partei- diplomatische Absicht. Bereits bei der ersten Gelegenheit, und zwar bei einem Anlaß, wo man gerade eine besonders heftige Aufwallung der versprochenen bürgerlichen Konkurrenz-Kritik hätte erwarten sollen, stand die Socialdemokratie wieder ganz allein als Anklägerin und als Hüterin der Wahrheit, während die bürgerlichen Parteien die Socialdemokrasie mit Peitschenhieben zu vertreiben und die offenkundige Wahrheit im Dunkelarrest zu Tode zu martern suchten. Am Freitag stand im Reichstage unsre Resolution zum Straf- Vollzug zur Debatte, die bezweckt, wenigstens die schlimmsten Mißstände zu beseitigen. Siechen und Geisteskranken Pflege und Schutz zu verschaffen und in den Fällen schwerer Disciplinarstrafen den Verurteilten zuverlässige Rechtsgarautien zu sichern. Ein furcht- bares Anklagematerial war in den letzten Wochen gehäuft worden. Was jeder, der längere Zeit im Gefängnis zugebracht hat, längst wußte, wurde durch die grauenhaften Veröffentlichungen alten- kundig beweisbar gemacht. Die dürren Aktenfloskeln redeten die jedes fühlende Herz anfs tiefste erregende Sprache menschlichen Elends. Man hätte erwarten sollen, daß der gesamte Reichstag die nach- gewiesenen Mißstände beklagen, etwas über socialdemokratische Ueber- treibungen Hinzuwgen und im übrigen, wenn nicht den Wortlaut, so doch die Tendenz unsrer Resolution �billigen swürde. Nichts der- gleichen geschah. Mit einem unbegreiflichen Fanatismus, als gelte es in der TodeSmarter des Dunkelarrestes, in Peitschenhieben, in der Vernachlässigung Kranker, im Strafvollzug an Geisteskranken die heiligsten Güter der staatserhaltenden Klassen zu schützen, rottete sich alles nicht gegen die Mißstände, sondern gegen die— Socialdemo« kratie zusammen. Unter der Führung des freisinnig-volksparteilichen Arztes Dr. M u g d a n, dem von der äußersten Rechten brüllender Beifall gespendet wurde, entstanden geradezu Tollhausscenen rasenden Hasses sgegen die Socialdemokraten, der sich gerade bei einer Ge- legenheit ausspie, bei der man hätte annehmen sollen, daß sie nicht zur socialdcmokratischen Parteisache gemacht werden würde, daß alle Parteien vielmehr wetteifern würden, ihren guten Willen zu beweisen. Niemand erhob sich für unsre Resolution außerhalb unsrer Partei, nur noch der eine Herr v. Gerlach, der dafür mit höhnischen Zurufen selbst aus dem Lager seiner engsten polisischen Nachbarschaft überschüttet wurde. Auf diesen Erfolg können wir stolz sein, denn er beweist aufs neue, daß in Wahrheit alle ernsten Kulturbefttebungen nur noch von der Socialdemokratte vertreten werden. Und wenn es auch uns ekelt, mit .so niedrigen, von jedem Ideal verlassenen Gegnern uns herumschlagen zu müssen, so gewinnen wir dafür die reinliche Scheidung und das an- spornende Bewußtsein, daß in unsre Hände das ganze Heil der Kultur gegeben ist, daß wir allein alles thun müssen— gegen eine Welt von Barbaren. W i r tragen die ganze Verantwortung vor der Geschichte— und diese Verantwortung ist geeignet, unsre Kräfte zu steigern und jegliche Hindernisse zu überwinden. In einer ruhigen und klaren Rede hatte unser Genosse Grad« n a u e r die Mßstände des Strafvollzugs dargelegt, aus der Fülle des Materials einige Fälle erörtert und die Abändenmgsvorschläge begründet. Herr Nieberding erhob sich, um das Haus in seiner trockenen Manier zu-beschwören, die Resolutton abzulehnen, die ein Mißtrauen«- Votum gegen die Berivaltung darstellen würde. Was aber brachte der Herr gegen das Anklagematerial vor? Er behauptete, daß es teils übertrieben, teils falsch sei, ohne auch nur einen Punkt als irrig nachzuweisen, geschweige daß er gewagt hätte, die ver« öffentlichten Attenstücke als gefälscht oder auch nur als ungenau zu behaupten. Das scheint der neueste Trick zu sein: Stellen wir Behauptungen auf. so fordert man akteiimäßige Beweise, geben wir aber diese Beweise und kann man nicht von Fälschungen sprechen, so wird einfach be» hauptet, zehnmal behauptet, daß nichts richtig ist. Dahin schüchterte Herr Nieberding das Urteil des Hauses ein, indem er mitteilte, daß zur höheren Ehre unsrer Resolution gegen eine große Anzahl meist socialdemokrattscher Blätter, darunter gegen den „Vorwärts", Strafantrag gestellt sei. Man weiß, tvas dabei für die Feststellung der Wahrheit herauskommt: EineAnzahl Redatteure werden Gelegenheit erhalten, die Untersnchungsmethode wieder aus eigner An- schauung kennen zu lernen. Sonst hatte Herr Nieberding kein Mittel der Entkräftung und Widerlegung. Es sei denn, daß man es für eine Widerlegung hält, daß er die Glaubwürdigkeit des Herrn Leuß und seines Buches über die Zuchthauszustände durch eigentümlich mangel- haste und irreführende Mitteilungen ans den Akten zu erschüttern unternahm. Dabei belvieS der Staatssekretär, daß er selbst von den Möglichkeiten des heutigen Strafvollzuges keine Ahnung hat. Denn er versuchte Gradnauers Schilderung dadurch aus der Welt zu schaffen, daß diese Greuel durch die neuesten Verfügungen nicht mehr vorkommen könnten; Gradnauer habe diese Neuregelung des Strafvollzuges verschwiegen und ältere Fälle vorgeführt. Dabei be- ruhte die ganze Darstellung unsreS Redners ausschließlich gerade auf diesen neuesten Bestimmungen. So kläglich Herrn Nieberdings Ausflüchte waren, sie genügten, um Herrn Spahn vom Centrum vollständig zu überzeugen. Er redete eine seiner aus der Zollkampfzeit her bekannten Reichsgerichts- entschcidungen, erklärte sich für durchaus zuftieden, und verwies sogar die ganze Sache an die preußische Instanz. Schließlich aber übernahm Herr M u g d a n, der Volksparteiler, die Führung der Parteien des Dunkelarrestes, schimpfte zum Jubel des ganzen Hauses über gestohlene Attenstücke, Mßbrauch der Presse, Verleumdungen der Aerzte— niemand hatte nur ein Wort des Vorwurfs gegen den Oberarzt von Plötzensee geäußert— und „stellte fest", daß alles erlogen sei. So endete die Debatte, in die außer Graduauer noch Stadthagen von unsrer Seite eingriff, mit heftigen Auseinandersetzungen über— die Social- demokratie.— Preußischer Landtag. Das Abgeordnetenhaus beriet am Freitag Initiativanträge . Petitionen. Der freisinnige Antrag betreffend gesetz- eberische Maßnahmen zur Einführung der und e u e r b e st a t t u n g ivurde nach kurzer Debatte, in der die 'ehrhett wieder ihren frömmelnden fakultativen ---- 1.. R------; g 1 konservativ-klerikale Me,, Standpunkt vertrat, gegen die Stimmen beider freisinniger Parteien, der Nationalliberalen und einiger Freikonservativer abgelehnt, einige hierzu vorliegende Petttionen durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt. Eine längere Debatte rief ein von beiden konservativen Parteien und den Nationalliberalen eingebrachter Antrag auf Vorlegung eines Gesetzentivurfs betreffend die Unterhaltung der öffentlichen Bolksschnle» hervor. Der Antrag, der ein Kompromiß bildet und wie Freiherr von Zedlitz(ft.) in der Begründung hervorhob, ein gedeih- tWjeS Zusammenarbeiten der„staatserhaltenden" Parteien ermöglichen soll, geht davon aus, daß die Unterhaltung der Volksschulen den bürgerlichen Gemeinden oder Gemeinde- verbänden unter ergäuzungsweiser Beteiligung des Staates an den Kosten obliegt. Die konfessionelle Frage soll in folgender Weise geregelt werden: In der Regel sollen die Schüler einer Schule derselben Konfession angehören und von Lehrern ihrer Konfession unterrichtet werden. Ausnahmen sind nur aus besondern Gründen zulässig, insbesondere aus nationalen Rücksichten oder da, wo dies der historischen Entwicklung entspricht. Lehrer, welche zur Erteilung des Religionsunterrichts für konfessionelle Minoritäten an Schulen andrer Konfession angestellt sind, dürfen voll be- schäftigt werden. Erreicht die Zahl der schulpflichtigeu Kinder einer konfessionellen Minderheit eine angemessene Höhe, so hat diese Minderheit den Anspruch auf Einrichtung einer Schule ihrer Konfession. Zur Verwaltung der Schulangelegenhciten sind neben den ordentlichen Gemeindebehörden in den Städten Schuldeputationen und auf dem Lande Schulvorstäude einzu- richten, bei denen der Kirche, der Gemeinde und den Lehrern eine angemessene Vertretung zu gewähren ist. Bei Reu- regelung der Schul-Unterhaltungspflicht ist zugleich für die Beseitigung unbilliger Ungleichheiten in der Belastung der verschiedenen Schulverbände und in der Höhe des Dienst- einkommens der Volksschullehrer zu sorgen. Der Antrag legt also das Princip der Konfessionali t ä t der Volksschule fest. Ein auf seiner Grundlage zustande gekommenes Gesetz würde die Herrschast der Pfaffen über die Schule verewigen und sich nicht wesentlich von den: gescheiterten Zedlitzschen Entivurf unterscheiden. Dem Centrum geht er noch nicht weit genug, die Herren wollen überhaupt, auch nicht ausnahmsweise konfessionelle Schulen. Die Re- gierung scheint, nach den Aeußerungen des Ministers S t u d t zu urteilen, einem Gesetz auf Grundlage des Zedlitzschen Antrages nicht abgeneigt zu sein. Der Antrag wurde in seinem ersten Teile angenommen, in seinem zweiten Teile, der die konfessionelle Frage regelt, der Unterrichtskommission überwiesen. Am Sonnabend stehen kleinere Vorlagen auf der Tages- ordnung._ Die Specialberatnng des Etats im Herrenhause, die der im Leitartikel gewürdigten Generaldebatte folgte, begann beim Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung. Ein Antrag v. Rheden, der sich gegen jede Aenderung des Fleischbeschau- und Schlachthausgesetzes ausspricht, schließlich aber zurückgezogen wurde, gab dem Hause Veranlassung, die neuliche Diskussion über die Interpellation der Bürgermeister fortzusetzen. Es kam hierbei zu einem Zusammenstoß zwischen dem Berliner Oberbürgermeister K i r s ch n e r, der dem Land- wirtschafts minister einige Bosheiten sagte, und Herrn v. P o d b i e l s k i, der seiner erfolgreichen Leidenschaft für die Schweinezncht in der ihm eignen Weise unter beleidigenden Ausfällen auf die Vertreter der Städte Ausdruck gab. Am Sonnabend wird die Specialberatung des Etats fort- gesetzt._ Vom sndwestafrikanischen Kriegsschauplatz liegen Nachrichten über mehrere Zusammenstöße von geringerer Be- deutung vor. Das eine Gefecht liegt bereits weit zurück. Nach einem Telegramm Leutweins lautete die heliographische Meldung darüber: Outjo: OLerlieutenant Volkmann 28. April Gefecht mit 12 Reitern 1l> Kilometer östlich O k a n k w i n d i gegen versprengte Hereros aus Distrikt. Diesseits ein Kriegsfreiwilliger gefalle». Hereros 31 Tote. Outjo liegt 200 Kilometer nördlich von Karibik und ca. 180 Kilo- meter südwestlich von Grootfontein. Es handelte sich nur um einen zufälligen Zusammenstoß. Auffallend ist an der Meldung nur wieder, daß 31 versprengte Hereros getötet, aber lein einziger verwundet oder gefangen genommen wurde. Die Hereros haben also— um mit Leutwein und Stiibel zu reden— trotz schwerster Verwundungen weiter geschossen, so daß sie getötet werden mußten! Ferner wird deni„Tag" im Anschluß an die Meldung Leutiveins, die wir in unsrer letzten Nummer bereits wiedergaben, gemeldet: „Zand MerkerS Farm bei Okumbahe wurde von den HereroS überfallen, zwei Viehposten loeg- genommen und mehrere eingeborene Wächter getötet." * Leutwein will bleiben! Die„Nordd. Mg. Ztg." meldet: Auf eine Anfrage an den Gouverneur Leutwein wegen der ihm in einem Zeitungstelegramm aus Windhuk zu- geschriebenen Absicht, beim Eintreffen des Generallieutenants von Trotha nach Deutschland zurückzukehren, hat der Gouverneur in einer hier eingegangenen dienstlichen Meldung erklärt, er habe keine Aeußerung über eine Absicht der Rückkehr nach Deutschland getan, er werde das in ihn gesetzte Vertrauen auch fernerhin zu rechtfertigen suchen und Herrn v. Trotha redlich zur Seite st ehe n. Nun wird sich der Berichterstatter des„Lokal-Anzeigers" Herr Hauptmann D a n n h a u e r, ja wohl zu der Angelegenheit äußern I Ein königlicher Prinz in SKdwestafrika? Unter der Spitzmarke:„Ein königlicher Prinz in Südwest- afrika" meldet die„Deutsche Ltolonialzeitung", daß „gutem Vernehmen nach der zweite Sohn Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Albrecht von Preußen, Prinz Joachim Albrecht demnächst mit dem Nachschubtransport die Ausreise zum Kriegsschauplatz in Südwestafrika antreten werde." Das wird dann ja wohl auch eine Vermehrung des Stabes und des Trosses zur Folge haben! Und schon dem Generallieutenaut v. Trotha wird nach einer Berliner Meldung der Mnnchener „Allg. Ztg." ein riesenhafter Stab mitgegeben werden. Die Persönlichkeiten sollen durch das Militärkabinett vorgeschlagen werden und sind noch incht bekannt. In dem Stabe wird sich auch ein Geograph befinden, der durch Professor v. Richthofen ausgewählt wird. Die Größe des Stabes ist am besten dadurch zu veranschaulichen, daß 300 Pferde für ihn nötig sein werden.— Deutfebes Reteb. Leipzig, 18. Mai.(Telegramm.) Das Reichsgericht ver- warf heute die R e v i s i o n der Redakteure Leid und K a l i s k i vom„Vorwärts", die am 8. Januar vom Landgericht I Berlin wegen Beleidigung der Polizeibehörde in Laurahiitte aus Anlaß des Laura- hütter Wahlkrawallcs im Sommer 1003 zu 6 Monaten bezw. 4 Monaten 2 Wochen Gefängnis verurteilt worden waren. Wir kommen auf diese Entscheidung des Reichsgerichts zurück.— Aus Frankfurt-Levus. Vom Vornrittag des Wahltages wird uns aus Frank- stirt a. O. geschrieben: Soeben beginnt die Wahl. In Stadt und Land haben unsre Genossen gut vorgearbeitet und auch am Wahltage ist an Hilfs- träften lein Mangel, überall erfüllen die Genossen des Kreises freudig und gern ihre Pflicht, und außerdem stellte sich eine große Zahl erprobt tüchtiger Kräfte aus Berlin zur Verfügung. lieber den Wahlkampf selbst ist schon mehrfach berichtet worden, einige interessante Episoden aus der Fehde zlvischen den Basser- männern und den Bündlern werden noch nachzutragen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß der Bündler an 3000 Stimmen heran- kommt, ein großer Teil der Landwirte wählt gleich im ersten Wahl- gang Basserinann. Unsre Position ist sehr erschwert durch die alten Liste n. Der Fernstehende macht sich davon kaum einen Begriff. In der Stadt Frankfurt sind 2400 Wähler in andre Straßen und Bezirke verzogen; mit unendlicher Mühe gelang es, 2000 zu ermitteln, ihnen die Einladung von Parteiwegen zuzustellen und den Schleppcrdienst zu organisieren. Aber wo stecken die andern 400? Das sind fast ausschließlich Arbeiter. Jeder fünfte Wähler in Frankfurt ist verzogen. In der Sonnenburgerstraße, die fast nur von Arbeitern bewohnt wird, verzogen von 190 Wählern 112! 700 Wähler find aus Frankfurt weggezogen, zum Teil weit fort. Ein Genosse kam aus H a Ist e a. S., herbei um seine Wahlpflicht zu erfüllen. Aber natürlich ist das ein Einzelfall, hunderte können nicht wählen. Soeben kommen Wähler an, die zurückgewiesen wurden; amtliche Wahleinladungen haben sie nicht erhalten, sie wissen aber die Nummer der Liste und iveisen als Legitiination den Militärpaß vor. Aus Landorten wurde berichtet, Gemeindediener hätten angeblich ausgesprengt, Stimmen, die für Braun abgegeben werden, seien ungültig. In einem Dorf ließ der„gnädige Herr" die Guts- arbeiter antreten und eröffnete ihnen: Wenn Braun gewählt wird, wirst Du— Du— Du entlassen! Und so fort— au Protestmaterial würde es eventuell nicht fehlen. Wenn zugleich mit diesen Zeilen die Genossen im Depeschenteil des„Vorwärts" den Wahlausfall lesen, so sollen sie sich jedenfalls die mancherlei Schwierigkeiten vor Augen halten. Es erscheint fast unmöglich, daß unsre Partei ihre Stimmenzahl behauptet/ ge- lingt es ihr, dann ist dieses ein sehr großer Erfolg, der treuer hingebender Arbeit zu danken ist. Man wolle aber aus dem Wahlausfall nicht Schlüsse ziehen auf Revisionismus und Antirevisionismus. Hier arbeiteten alle Genossen ohne jede Ausnahme mit dem gleichen Eifer und es ist nicht richtig, wenn bürgerliche Blätter Frankfurt als„Revisionistenherd" bezeichnen. Wenn die Partei gut abschneidet— und das thut sie selbst bei einem Verlust von tausend Stimmen—, so mag das allerwärts aufmuntern zur gleichen Einordnung aller Genossen in die Kampfkolonnen, wie es hier thatsächlich geschieht. Die Stichwahl, die unvermeidlich erscheint, setzt die Behörde natürlich auf den ungeeignetsten Tag fest. Am Dienstag erst soll das amtliche Wahlresnltat ermittelt werden, am Freitag schon die Stichwahl sein. Auch diesem kleinlichsten aller Kampfmittel wird die Partei zu begegnen missen. Als dieser Brief zur Post geht, kommt die Vormittags-Ausgabe der„Frankfurter Oder-Zeitung" aus der Presse. Sie verkündet an leitender Stelle in einem anscheinend von einem Regierungsjuristen herrührenden Artikel: Jeder Wahlvorsteher ist befugt, Personen zurückzuweisen, welche nicht mehr im Wahl- bezirke wohnen, aber mit Ausnahme der Personen, welche zwar aus ihrem früheren Wahlbezirke verzogen sind, aber noch innerhalb derselben Gemeinde wohnen. Dieselbe Auslegung des Wahlgesetzes wie in Z s ch o p a u I Sie nimnit uns allein in der Stadt Frankfurt hunderte Wähler! Der Wahlkommissar hatte hierüber nichts publiziert, dem sub- jektiven Ermessen der Wahlvorsteher und damit der Willkür wird nun weitester Spielraum gegeben. Der Wahlvorsteher ist befugt, heißt es oben ausdrücklich. Das wird ein heilloser Wirrwarr werden.— Erstklassige Menschen vor Gericht. Der bekannte Roman„E r st- klassige Menschen" des Grafen Wolf v. B a u d i s s i n hat Anlaß zu einer Anklage gegeben, die mn Freitag die Strafkammer des Leipziger königlichen Landgerichts beschäftigte. Im Anschluß an die bekannte Rede des Abgeordneten Bebel im Reichstage über diesen Roman erschien in Nr. 69 der„Leipziger Volks-Zeitung" vom 24. März d. I. ein Artikel mit der Ueberschrift„Tartüfferie". In diesem heißt es u. a.: „Und in der That, es ist nichts andres als Heuchelei, wenn man die Schilderungen Baudiffins als Truggestalten einer unsauberen Phantasie oder doch wenigstens als böswillige Verallgemeinerungen bedauerlicher Ausnahmefälle hinstellt." Es wurden daran weitere Bemerkungen über die große Ver- breitung von Geschlechtskrankheiten des Offiziercorps, die modische Don Juanerie der Offiziere usw. geknüpft. Wie ein Telegramm meldet, wurde wegen dieses Artikels der verantwortliche Redakteur des Leipziger Bruderorgans, Richard Wagner, wegeir öffentlicher Beleidigung des deutschen Offiziercorps zu 1 Monat Gefängnis verurteilt. Genosse Bernstein ersucht uns um die Mitteilung dieser Zuschrift:', Verschiedene Parteiblätter haben an das Erscheinen der von mrr ins Leben gerufenen Zeitung„Das Neue Montagsblatt" Erörterungen geknüpft, die eine Antwort meinerseits notwendig machen. Dasselbe gilt von den Ausführungen einiger Redner in der Versammlung des socialdemokratischen Wahlvercins für den vierten Berliner Reichstags- Wahlkreis(Osten), über welche der„Vorwärts" in seiner gestrigen Nummer berichtet(„Vorwärts" vom 12. Mai, 4. Beilage). Da meine Antwort notgedrungen etivas ausführlich sein muß, ich aber nicht gern den Raum des Parteiorgans für persönliche An- gelegenheiten in Anspruch nehme, so habe ich mich entschlossen, sie im„Neuen Montagsblatt" zu veröffentlichen, und überlasse es als- dann ganz Ihrem Ermessen, ihr so viel zu entnehmen, als Sie für angezeigt halten.— Ich teile dies hier mit, damit aus meinem Schweigen keine falschen Schlüsse gezogen werden. Mit parteigenössischem Gruß __ Ed. Bernstein. Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Nach den letzten Nachrichten haben die beiden Schlachten am Motten- Patz und nördlich von T o k u s ch a n. die mit Nieder- lagen der Russen geendet haben sollten, nicht stattgefunden. Es hat sich nur um kleinere Zusammenstöße gehandelt. Dagegen tvird gemeldet, daß nunmehr die Eisenbahn- Verbindung mit Port Arthur wirklich zerstört ist. Ein Telegramm aus Dokohama besagt: Die Eisenbahn von Kintschou nach Pulantien ist auf drei Meile» Länge vollkommen zerstört, besonders anch eine eiserne Brücke. Unter den Russen soll Panik ausgebrochen sein. Es heißt, die Japan erhätte»Dalny eingenommen. Alle russischen Streitkräfte sind von Niutschwang nach Liaujang zurückbeordert worden. Das im L i a u- F l u f s e liegende russische Kanonenboot„Siwutsch" soll bei der Annäherung der Japaner in die Luft gesprengt werden.— Es heißt, daß viele der Vorräte in Port Arthur wenig haltbarer Art sind, und daß dort bald Mangel eintreten würde. i Nach einer russischen Meldung sind von den Rusicn die Hafen- anlagen von Daluh zerstört worden, um den Japanern die Landung zu erschweren. Die Anlagen haben Rußland viele Millionen ge- kostet. Tokio, 13. Mai.(Meldung des„Renterschen Bureaus".) Ein japanisches Torpedoboot wurde gestern beim Aufnehmen von M inen in der Kerr-Bucht, nördlich von Ta- lien- wan, vernichtet. Verlust siebe» Tote und sieben Bermmidetc. ES ist dies das erste japanische Kriegsschiff, das Japan in diesem Kriege ver- loren hat. k)errenkaus. 14. Sitzung. Freitag, den 13. M a i, mittags 12 Uhr. Am Ministertische: Frhr. v. Rheinbaben, Dr. S t u d t. v. Podbielski, Frhr. v. H a in m e r st e i n. ' Die Generaldebatte über den Etat wird fortgesetzt. Professor Schmoller: Herr v. Manteuffel und Graf Mirbach haben vorgestern ein allgemeines Regierungsprogramm entwickelt. Ich schicke voraus, daß ich mich beideir Herren in monarchischer Gesinnung und preußischem Patriotismus durchaus verwandt fühle. Ich höre Herrn v. Man- tcuffel gern reden— nicht etwa weil er Zuhörer von mir gewesen ist oder Iveil ich mir einbildete, daß er etwa als Zuhörer viel von mir gelernt hätte(Heiterkeit), aber er ist eine treffliche Persönlichkeit. Mir fällt, wenn er spricht, immer sein Vater ein,� für den ich sehr viel übrig habe aus genauem Studium der preußischen Verfassungs- geschichte. Der Ministerpräfident v. Manteuffel ist ein mitzkannter Mann, er hat in der That den preußischen Staat gerettet, er hat Preußen die Verfassung gegeben und die ersten vier Jahre ein musterhaftes Beispiel des Regierens über den Parteien und Klaffen gegeben. Später, unter dem Zwang der Verhältnisse, ging das aller- dings nicht mehr.__■ Was die nenlichen Reden der konservativen Führer betrifft, so kann ich weder ihre Prämissen, noch ihre Schlußfolgerungen an- erkennen. Der allgemeine Eindruck, den die Reden machen, mußten auf jemand, der etwa aus einem parlamentarisch regierten Lande kam, war der, daß es sich um einen Angriff gegen die Regierung unter Entwicklung eines neuen Programms handelte. Wir haben ja Gott sei Dank keine parlamentarische Regierung, die Minister sind Vertreter Sr. Majestät, wir haben eine monarchische Regierung und hoffentlich bleibt es dabei. Die Herren haben erklärt, daß ist unser Programm, wenn wir mal auf der Ministerbank sitzen werden. Die Herren haben an den Herrn Ministerpräsidenten energisch und dringend Forderungen gestellt, über die sie sich schon des öfteren init dem Herrn Ministerpräsidenten unterhalten und eine ablehnende Antwort bekommen haben; der Herr Ministerpräsident spricht mit den Agrariern immer wie der Vater mit seinem verzogenen Kinde. Es handelt sich um die Verteilung von Zuckerbrot; der stets bevorzugte Sohn sagt, du wirst mir doch die größte Portion geben, und der Vater antwortet, du lveißt ja, daß ich dich so gut als möglich behandle, aber sei doch nur ruhig, ich muß doch den andern Kindern auch gerechte Portionen geben.(Heiterkeit.) Die Herren haben eine ganz andre Handelspolitik und eine ganz andre Socialpolitik gewollt. Was haben sie als Mittel in Aussicht gestellt, nm zu ihrem Zielejzu kommen? Herr v. Manteuffel hat sich in den Mantel des Geheiumisics gehüllt, Graf v. Mirbach ist offener gewesen, er sprach allerdings nur im eignen Namen und verlangte eine Aenderung des Wahlrechts und Ausnahmegesetze gegen die Socialdeiuokratie. Ist denn hierfür eine Majorität zu finden? Hier im Herrenhause haben die Herren sicher die Mehrheit für sich. Wir müssen uns aber klipp und klar sagen, es ist in absehbarer Zeit ganz undenkbar, daß Reichstag und preußisches Abgeordnetenhaus, vielleicht noch undenkbarer, daß der Bundesrat den Wünschen zustimmt, die hier von den Herren geäußert wurden(Sehr richtig! links), und das ist der entscheidende Punkt. Warum spricht man nicht offen aus, Ivas man will? Jedermann vermutet doch das Geheimnis, es kann ja kein andres Mittel sein als einfach der Staatsstreich, die Konterrevolution. Ich wäre Herrn Manteuffel sehr dankbar, wenn er klipp und klar aussprechen wollte, daß er nicht auf diesem Boden steht; ich hoffe, er hat ein andres Arcanum. Gegenüber allen Gedanken an Staatsstreich und Gewalt müssen wir sagen: prineipiis obsta! Das wäre das größte Unglück für Deutschland! Auch der Vater des Herrn v. Manteuffel sowie Fürst Bismarck waren Gegner des Staatsstreichs. Das ist die große Differenz zwischen dem größeren Teil der linken Seite dieses Hauses und den Herren um Graf Mirbach und v. Manteuffel: wir wünschen eine monarchische Regierung über den Klassen und Parteien, was aber Herr v. Manteuffel wünscht, ist mehr oder weniger Partei- und Klassenregierung; dein stehen wir auf das schroffste entgegen.— Die Socialdemolratie ist nur eine Teilerfcheinung der notwendigen und heilsamen Hebung der unteren BolkSklassen. Das Beklagenswerte bei uns in Deutschland ist, daß der größere Teil unsrer gewerblichen Arbeiter unter die Leitung und Herrschast einer Organisation gekommen ist, die ganz revolutionär unsre Staats« und Gesellschaftsordnung bekämpft. Das Gefährliche sind nicht die wirtschaftlichen Pläne der Socialdemolratie sondern die politischen Theorien, die Gedanken der Bolkssouveränität, der Wahn, daß die unteren Klassen viel weiser und gerechter seien als die oberen, die Erwartung, daß man mit politischen Rezepten plötzlich das ganze Volk umbilden könne, und die größte Gefahr ist, daß die Führer der Socialdemolratie unter die geistige Herrschaft eines Mannes ge- lammen sind, der als Privatmann rein dasteht, der ein großer Gelehrter war, der aber von einer Leidenschaft de? blinden Haffes beseelt ivar, Karl Marx, und daß er diesen leidenschaftlichen Haß hineingetragen hat in die Klassenverhältnisse in Deuffchland, daß der Gedanke Platz greifen konnte, alle socialen Beziehungen sind immer nur Kampf l Das ist der absolute Wahn. Die Gefahr liegt in diesen Gefühls- imponderabilien, aber derartige Gefühlsimponderabilien heilt man nicht mit der Polizei, am allerwenigsten durch gewaltsame Unter- drückungspolitik. Dieser Wahn ist nur zu heben durch eine absolut gerechte Regierung, die über den Klassen steht, am allerwenigsten durch ein fcndal-aristokratischeS Klassenrcgiment, (Unruhe rechts), durch Ausnahmegesetze, durch Staatsstreich, durch eine Aenderung des Wahlrechts; alle derartigen Versuche würden nur Wasser auf die Mühle der Socialdemolratie sein. Das Socialistengesetz hat mehr geschadet als genützt(Oho! rechts), vor allem loegen des Ausweisungsparagraphen, der die socialistischen Führer durch ganz Deutschland verbreitet hat und dadurch, daß es nur auf drei Jahre bewilligt war, Stoff zu beständiger Agitation bot. Als im Jahre 1390 die Erneuerung des Socialistengesetzes in Frage stand, da war ja die konservative Partei schuld daran, daß es nicht erneuert wurde.— In England haben die Arbeiter jahrelang für die Torys gestimmt, weil dort die Konservativen für die Interessen der Arbeiter eintraten. Eine gerechte Regierung über den Klassen ist das Heilsame. Wenn die heutige Regierung im Deutschen Reiche mit der Politik der Mäßigung und Gerechtigkeit der Fortführung der Socialreform an das Problem der Bekämpfung der Social- demokratie herantritt, so gebe ich ihnen offen zu: eine absolute Sicherheit, daß dies zum Ziele führt, kann kein Mensch übernehmen. Noch weniger aber bei der Gewaltpolitik. Alle historische Erfahrung lehrt, daß alle Regien», geu eine Doppelpolitik zu verfolgen haben. Auf der einen Seite haben sie mit äußerster Energie gesucht, den besitzenden Klassen die absolute Sicherheit beizubringen. daß ihr Eigentum geschützt. Daneben muß jede Regierung mit gerechter Hand den Arbeitern, seien sie Socialdemokraten oder nicht, zeigen, daß sie ihr Wohl im Auge hat, sie fördern und heben will. Mit einer solchen Politik ist aber für mich die größere Wahrschein- lichkeit vorhanden zur llmbildiing der Socialdemolratie zu einer zwar radikalen, aber doch zu einer Partei, mit der man in einem bis zwei Menschenaltern verhandeln kann.(Rufe: Oho I) Die älteren Führer aus der Zeit von 1870 sind die Träger der Marxschen Traditionen, die jüngeren Führer sind alle revisionistisch. Diese alte Generation ist im Aussterben begriffen. Sie wird von dem Oberpriester Kautskh bald heilig gesprochen sein, und ihre Heiligcn-Verehrung wird dann beginnen. Dann wird Platz für die junge Generation. In einer Zeit, wo alle socialen Klassen sich organisieren, wie ist es da möglich, die Organisation der Arbeiter zu verhindern. Die ganze heutige Ärbeiterwelt in Deutschland und andern Ländern ist nur durch ihre Führer, denen sie selbst gehorcht, denen die Masse sich unterordnet, zu gewinnen. Die Massen kommen nie so weit, vernünftig zu sein. Nur durch die Aussöhnung mit den Führern ist der Friede wieder herzustellen. Ich möchte für diese Anschauung einen Zeugen für mich anführen: den Finanzmiuister Miquel. Zur Zeit, als er noch Oberbürgemieifter in Frankfurt war, hat er mir immer und immer wieder seine Erfahrungen mit der Socialdemotratie mitgeteilt, hat er mir immer gesagt: ich komme sehr gut mit ihr aus I Er hat immer betont: D»e Socialdemokraten sind mir vielfach lieber als viele Phllgter. sSehr richtig! bei den Bürgermeistern.) Und es giebt viele Bürgermeister, die unter vier Augen dasselbe sagen. Das ist die Weise, die unteren Klassen zu versöhnen, sie zu lehren, mit zu verwalten und mit zu beraten. Dadurch werden sie von ihren Utopien geheilt. Om Frage unsrer Handelspolitik möchte ich bemerken: 1891 hätte Bismarck vielleicht günstigere, aber doch ganz ähnliche Handels- Verträge abgeschlossen. Ich stehe nicht an. zu erklären, daß der Abschluß der jetzigen Handelsverträge eine rettende That gewesen ist und ich befinde mich da in recht guter Gesellschaft. (Graf v. Mirbach ruft: Es muß noch mehr gerettet werden!) Nicht die Handelsverträge, sondern die Hochkonjunktur im Welthandel hat den Niedergang der Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse herbei- geführt. In den letzten.Jahren sind doch die Preise wieder gestiegen. Natürlich konnte die Steigerung aus dem Export und dem Handel nicht allen Klassen gleichmäßig zu gute kommen. Die jetzigen Wer- träge vor dem Abschluß neuer Handelsverträge zu kündigen, heißt: alle Staaten in eine starke Mißstimmung gegen uns bringen. Und das Gelingen der Handelsverträge hängt doch davon ab, daß die in Betracht kommenden Staaten in guter Stimmung bleiben, DieFor- derung der Kündigung der Handelsverträge ist eine Schwächung unsrer Stellung gegenüber dem Ausland und bedeutet einfach eine Kün- digung des Bündnisses zwischen Landwirtschaft, Industrie und Handel. Man kann daftir nur eintreten, wenn nmn absolut der Stärkere ist, und bereit ist, aus einem Zollkrieg den wirklichen Krieg hervorgehen zu lassen.— Ich glaube, die linke Seite des Hauses ist mit mir einig, daß jene Herren im preußischen und deutschen Volke doch nur eine kleine Minorität hinter sich haben, nach der die Bundesregierungen und die preußische Regierung ihre Politik nicht einrichten können.(Lebhafter Beifall.) Finanzminister Frhr. v. Rhcinbaben: Ich halte mich für verpflichtet, dagegen Einspruch zu erheben, daß der Herr Vorredner Herrn v. Miguel als Kronzeugen für seine Anschauung über die Socialdemokratie anführt. Es mag ja sein, daß einzelne Bürgermeister in der Stadtverordneten-Versammlung sehr gut mit den Socialdemokraten auskommen. Was beweist das aber für die Thätigkeit der Socialdemokratie als Partei I(Bravo I) Professor Dr. Schmoller: Ich habe ausdrücklich erklärt, daß Herr Miguel mir das in seiner Eigenschaft als Bürgermeister gesagt hat. Ob er später als Minister andrer Meinung gewesen ist, diese Frage habe ich offen gelassen. v. Wedcl-Piesdorf: Von einer Sehnsucht nach dem Minister- Portefeuille habe ich in den Reden der Herren v. Manteuffel und Graf Mirbach nichts gemerkt.(Ruf links: Na, na I) Gegenüber dem Vergleich, den Herr Schmoller gebrauchte, möchte ich bemerken, daß meiner Ansicht nach die Landwirtschaft viel mehr da? Stiefkind ist, das nun endlich auch mal was abbekommen will.— Daß die Herren v. Manteuffel und Graf Mirbach auf den Staatsstreich hinauswollten, das glaube ich nicht, sie wollten nur energische Maßnahmen gegenüber der furcht- baren Gefahr, die dem Staatsleben von der Socialdemokratie droht. An die Wirkung von Ausnahmegesetze» glaube ich nicht recht, aber die Socialdemokratie ist groß geworden durch das Rcichstagswahlrccht, das so radikal ist, wie es kein andres Volk hat. Nur durch Ueber- Windung dieses Wahlgesetzes haben wir die Hoffnung, die Social- demokratie zu überwinden.(Sehr richtig I rechts.) Der national- liberale Herr Menck, der den Mut gehabt hat, das auszusprechen, hat damit nur gesagt, was die große Mehrzahl der Nationalliberalen denkt, was sie aber.nicht zu sagen wagt, weil sie für ihre Mandate fürchtet. Mit geistigen Waffen ist die Socialdeinokratie nicht zu bekämpfen; sie verspricht den Arbeitern weniger Arbeit und mehr Lohn. Die Ueberwindung der Socialdemokratie auf dem Wege, den der Kanzler zu gehen gezwungen ist, wird er so wenig erreichen wie seine Vor- gänger, denen er allerdings an staatsmännischcm Geschick und Einsicht überlegen ist. Auch unter ihm ist die Socialdeinokratie ständig gewachsen und der Zeitpunkt ist abzusehen, wo sie die Mehrheit im Reichstag haben wird. Das liegt an dem Optimismus, sie mit geistigen Waffen bekämpfen zu wollen. Die Liberalen, fauch die Liberalen im Centrum, werden sich über- zengen, daß andre Wege eingeschlagen werden müssen, daß das Wahlrecht reformiert werden muß. Ich verlange nicht das Drei- klassen-Wahlrecht, dasselbe ist mir viel zu plutokratisch ge- worden. Aber notwendig ist die offene statt der geheimen Wahl(Oho!) und die Heranfsetznng des- Wahlalters auf mindestens 30 Jahre.(Sehr richtig!) Mögen sich die Liberalen von dieser Notwendigkeit überzeugen, ehe der Staats- karren zu tief im Dreck steckt, ehe es zu spät ist.(Lebhafter Beifall.) Frhr. Lucius v. Bellhausen: Bei der Einführung des Reichstags- Wahlrechtslftvarcn auch die Freisinnigen nicht ohne weiteres dafür. Herr v. Sybel sprach sich für das Dreiklassenwahlrecht und die indirekte Wahl aus, wodurch die Agitatton der Massen beseitigt wird. Jetzt dagegen hat man die Wirkung der geheimen Wahl noch verschärfen wollen durch Sicherung deS Wahlgeheimnisses. Das war ganz falsch. (Sehr richtig I) In Bezug auf die Bekämpftmg der Socialdemokratie kann ich nur sagen, daß ich das 1878er Gesetz für gut und nützlich gehakten habe(Sehr richtig!), und ich bedauere sein Scheitern in: Januar 1890.(Sehr richtig!) Was erreicht denn die Bekämpfung mit geistigen Waffen? Die socialpolitische Gesetzgebung, die nirgends so ausgebaut ist wie in Deutschland, hat nirgends Dank geerntet, sondern die Socialdemokratie nur immer weiter zu ganz unerfüllbaren Wünschen angereizt. Mögen unsre Verhandlungen dazu beitragen, die Regierung zu energischem Vorgehen zu ver- anlassen.(Lebhafter Beifall.) Graf Mirbach: Von einem Staatsstreich, wie Professor Schmoller glaubte," ist gar keine Rede, aber man kann von einem Reichstag an einen midcrn appellieren, in welchem mau dann eine andre Majorität hat. Wenn man den Grundsatz salus publica suprema lex(das Gemeinwohl ist das höchste Gesetz) stets beherzigt, so wird man auch an der Schwierigkeit der Majoritäten vorüber kommen. (Lebhafter Beifall.) Mein Standpunkt zur Socialdemokratie ist nicht der, daß jeder Socialdemokrat zu verurteilen ist, aber die Führer sind Todfeinde von Religion, Gesellschaft und Staatsordnung und müssen auf das nachhalttgste bekämpft werden.(Beifall.) In Bezug auf das Wahlrecht kann ich nur wiederholen, daß die Frage der Aendemng innerhalb der konservativen Partei noch niemals erörtert ist. � Ich für meine Person verlange lediglich die Abschaffung der geheimen Wahl. Was mein neuliches Vorgehen anlangt, das als Verstoß gegen die Regierung gedeutet wurde, so betone ich, daß keine Ver- stimmung die Konservattven dazu führen wird, die Kanalvorlage anders als ruhig und sachlich zu verhandeln, und ich persönlich wünsche, daß eine Verständigung zu stände kommt. Zum Schluß macht Redner noch einmal dem Professor Schmoller den Vorwurf, daß nach dem Zeugnis des Prof. Delbrück die Pro- fessoren im Wahlkreise Teltow-Beeskow bereit gewesen seien, mit den Socialdemokraten zu paktieren. Prof. Dernburg behauptet, daß dieser Plan an dem Widerspruch der nieisten Professoren gescheitert sei. Herr v. Buch: Die Gefahren, die uns umgeben, werden unter- schätzt. Wir befinden uns bereits mitten in der Revolution. Gegen die Socialdemokratie befinden wir uns in der Defensive, und haben dabei bereits wichtige Positionen aufgegeben.(Hört! hört I) Daher ist ein energisches Vorgehen nötig.(Lebhaftes Bravo!) Frhr. v. Manteuffel bestreitet, das Verlangen nach Wiedereinführung des Socialisten- 'OefetzeS ausgesprochen zu haben. Ich habe nur seine Aufhebung bedauert und seine gute Wirksamkeit bewiesen und es für unrichtig erklärt, daß die Polen schlechter behandelt werden, wie die Socialdemokraten. Die Wirksamkeit des Socialistengesetzes kann man zahlenmäßig beweisen. Von der Aufhebung des Wahlgesetzes für den Reichstag habe ich in der offiziellen Rede keinen Ton gesagt. Auch vom Staatsstreich habe ich kein Wort gesprochen. Ich habe wirklich daran zur Zeit nicht gedacht. Er kann ja möglicherweise später kommen, aber ich habe nicht davon gesprochen. Diese Unterschiebung des Professors Schmoller muß ich zurückweisen. Ich habe gesagt, man möge nicht die Momente verpassen, in denen man den Socialdemokraten schaden kann. Ein solcher Moment ist schon verpaßt worden. Nach den Vorgängen im Winter 1902/93, als die Socialdemokratie die systematische Opposition gegen den Zolltarif trieb, war die Stimmung gegen sie so erbittert geworden, daß, wenn damals die Staatsregierung den Reichstag mit Rücksicht auf diese schändliche Haltung der Socialdemokratie aufgelöst hätte, die Wahlen ganz anders ausgefallen wären, als nachher. Das ist einer der verpaßten Momente, von denen ich vorgestern gesprochen habe. In einem Punkt stimme ich mit Professor Schmoller überein. Wir lvünschen eine monarchische Regierung, die über den Klassen und Parteien steht. Ein parlamentarisches Regiment werden wir stets bekämpfen. Nun noch einige Worte über den geistigen Kampf. Wenn wir damit vorwärts gehen wollen, gehen wir nicht vor- wärts, sondern bewege» uns weiter auf dem Rückzug, den Herr V.Buch eben geschildert hat. Prof. Schmoller sagt: eine gerechte Regierung würde die Socialdemokratie versöhnen und hat auf die Arbcitcrgcsetz- gebung in England hingewiesen. Nun, daß die Regierung bezüglich der Socialdemokratie bis jetzt eine besondere Ungerechtigkeit an den Tag gelegt habe, muß ich entschieden bestreiten. Sie ist der Socialdemokratie gegenüber von einer Nachsicht gewesen, die an Schwäche grenzt(Sehr richtig!), und n, an kann höchstens von einer Ungerechtigkeit zu Gunsten der Socialdemokraten sprechen. Dick Arbeiterschutz-Gesetzgebung, das Krankenkassen-Gesetz, die Alters- und Invalidenversicherung sind ein- geführt auf Vorschlag der Regierung; sie hat dabei schwere Kämpfe gehabt, denn die Gesetze sind mit knapper Majorität zu stände ge- kommen. Die Bekämpfer derselben waren die Socialdenio- kraten, und die Konservativen, die Torys, haben dafür gestimmt, hier wie in England. Unsre Socialdemokratie unterscheidet sich von der französischen und englischen da- durch, daß ihr der Patriotismus, die Vaterlandsliebe, der Stolz auf das Vaterland fehlt. Und der zweite Unterschied ist, daß keins der andren Länder auch annähernd ein so radikales Wahlrecht hat wie wir.— Wenn Professor Schmoller auf die berühmte Mauserung der Socialdemokratie hingewiesen hat, so bemerke ich, daß ich seit 1377 dem Reichstage angehöre, und daß dort in jedem Jahre davon die Rede war. Nun, ich glaube, jeder Vogel wäre krepiert, der sich seit 27 Jahren gemausert hätte.(Große Heiterkeit.) Die Socialdemokratie aber lebt heute noch.— Noch eines: Die Socialdemokraten gehören zu den wenig oder gar nicht Bestenerten. Aber für die Parteikasse zahlt der Arbeiter wöchentlich seinen Beitrag, der eine hübsche Steuer ergiebt. Man sagt ja, in Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf, aber die Socialdemokratie hat es zuwege gebracht, daß der Arbeiter, der sein Geld hingiebt, der socialdemokratischen Regierung gegenüber doch gemütlich bleibt. Ich wünschte, daß auch unsre Steuerzahler der Regierung gegenüber das thäten. Einer der wesentlichsten Punkte, die uns den Kampf gegen die Socialdemokratie erschweren, ist, daß so viele hoch- gebildete und anerkannte Autoritäten es nicht unterlassen können, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf die bösen, Hab- süchtigen Konservativen zu schimpfen. Meine Herren! Unterlassen Sie das und helfen Sie uns den genieinsamen Feind bekämpfen, dann werden Sie ein gutes Werk thun!(Lebhaftes Bravo I) Graf v. Stolberg: Die konservative Fraktion des Reichstages ist gewählt auf Grund des jetzt bestehenden Wahlrechts. Und ich möchte konstatieren, daß auch innerhalb der Fraktion niemals über eine Aendcrung des Wahlrechts verhandelt worden ist, und daß innerhalb der Fraktion kein Mitglied eine Aenderung angestrebt hat. Oberbürgermeister Dr. Lcnze-Barmen: Auch ich glaube, daß man mit geistigen Waffen, soweit darunter schriftliche Abhandlungen und wissenschaftliche Disputationen verstanden werden, gegen die Socialdemokraten nichts ausrichtet. Aber mit Ge- walt kommt man erst recht nicht weiter, fondern man muß die Arbeiter gerecht behandeln und ihre gerechten Beschwerden abstellen. Sie ist deshalb so gefährlich, weil sie weder Religion, noch Vater- land, noch Monarchie anerkennt und überhaupt nicht das Wohl der Gesamtheit, sondern das Wohl einer einzelnen Klasse anstrebt.— Heute und vorgestern habe ich das Wort Staatsstreich nicht gehört, aber mein Gedächwis müßte mich täuschen, wenn Graf Mirbach eS nicht vor zwei Jahren gebraucht hat.(Graf Mirbach ruft: Niemals!)— Wenn man als Wahlvorsteher die Scharen der Wähler sieht, die ihre Zettel abgeben, so kömmt man zur Ucber- zeugung, daß viele Wähler keine Uebersicht haben über das, was sie thun.— Weiter rühmt Redner die Disciplin der Socialdemokraten, ihre Organisation und ihren großen Opfermut, die den andren Parteien zum Beispiel gereichen könnten. Sie sollten sich zusammenschließen zum gemeinsamen Kampf, nicht wie jetzt in Frankfurt an der Oder sich gegenseitig bekämpfen. Man sollte bei den Arbeitern nicht den Eindruck erwecken, als ob sie ungerecht behandelt werden. Man sollte ihnen z. B. das Feiern von Festen gestatten und nicht durch kleinliche Polizeimaßnahmen den Agitatoren, die ja dafür bezahlt werden, daß sie Unzufriedenheit erregen, stets erneuten Stoff geben. Die Volksschule müßte dazu beitragen, daß die Jungens, die die Schule verlassen, mit Ekel gegen das Treiben der Agitatoren erfüllt sind. Nur auf diesem Wege und dadurch, daß wir den Socialdemokraten ihre Opferwillig- keit und Organisation nachmachen, werden wir weiter kommen. (Bravo I) Graf v. Mirbach: Jch� muß es für eine Unwahrheit erklären, daß ich jemals von Staatsstreich hier oder außerhalb des Hauses gesprochen habe. Professor Schmoller: Daß Kompromisse nicht immer aus- geschlossen sind, beweist die Thatsache. daß in Torgau die Frei- konservativen und Socialdemokraten im Wahlkampf zusammen ge- gangen sind. Ich konstatiere mit Befriedigung, daß sowohl Herr v. Manteuffel wie Graf Mirbach den Gedanken des Staatsstreichs mit großer Energie perhorresciert haben. Ich habe nicht behauptet, daß man mit geistigen Waffen die Socialdemokraten bekehren könne; im Gegenteil, ich habe die Hoffnung ausgesprochen, daß es gelingen wird, im Laufe der Zeit durch eine gerechte Staatsverwaltung und durch eins Vermeidung von Ausnahmegesetzen sie nach und nach zu ändern. Daß die Socialdemokratie verschwinden wird, glaube ich nicht, sondern ich glaube, daß sie sich verwandeln wird in eine Arbeiterpartei, mit' der man paktteren kann. Graf Botha zu Enlenburg: Ich glaube nicht, daß durch eine gerechte Behandlung allein die Socialdemokratte bekämpft werden kann. Die geistigen Waffen soll man nicht unterschätzen, ich stimme mit dem, was der Herr Vorredner über die Imponderabilien gesagt hat, durchaus überein. Wenn wir erreichen, daß alle bürgerlichen Parteien zufammenstehen, werden wir in diesem Kampfe etwas ausrichten. Dieses Ziel wird aber nicht dadurch gefördert, daß man derjenigen Partei, die ernsthaft bestrebt ist, die Socialdemokratie zu bekämpfen, stets Motive unterschiebt, die sie nicht hat und ihr brutale Gewalt verwirft.(Lebüafter Beifall.) Damit schließt die Generaldiskussion. In der Specialberatung folgt zunächst der Landwirtschafts-Etat. Dazu liegt eine Resolutton vor v. Rheden, worin die Regierung ersucht wird, alle Anttäge auf Abänderung der Anttäge der KZ 6 und 11 über die Ausft'ihrnng des Schlachtvieh- und Fleischbeschau- gesetzes abzulehnen und den Erschwerungen der Einfuhr des Fleisches in die Städte entgegenzutreten. Der Berichterstatter v. Korff teilt mit, daß der Antrag V. Rheden zurückgezogen ist und empfiehlt einen Antrag, wonach die einmalige Abstempelung des Fleisches für die Einfuhr in die Städte bereits genügen solle. Oberbürgernreister Kirfchner-Berlin bekämpft diesen Antrag. In Sachsen lasse man den Städten das Recht, das man ihnen hier nehmen wolle; so wird das Wort illustriert: Preußen in Deutsch- land voran. Die Strafbestimmuugen für Zuwiderhandlungen be- ruhen nicht auf Ortsstatut, sondern auf Landesgesetz. Ob die juristischen Dedukttonen des Landwirtschaftsministers, die ich, auch ohne den Mund voll zu nehmen, als halsbrecherisch bezeichnen würde, wenn ich nicht wüßte, daß dieser Ausdruck auf der Ministerbank nicht beliebt wäre, auch vor dem Strafrichter bestehen werden, weiß ich nicht. Zu be- tonen ist ferner, in der ganzen Welt bemüht man sich um die Be- kämpfung der Tuberkulose, und jetzt sollen wir genötigt werden, eine Schranke zu beseitigen, die wir. gegen die Verbreitung der Tuber- kulose aufgerichtet haben, und zwar auf Autoritäten hin, die nichts mit der Hygiene zu thun haben. Wenn Sie dies beschließen, ist das ein Pyrrhussieg; Sie werden, wenn sich erst einige Ansteckungsfälle ereignet haben, den Beschluß nicht aufrecht erhalten, die Ver- antwortung nicht tragen können.(Lebhaftes Bravo I) Landwirtschastsminister v. Podbielski: Oberbürgermeister Becker von Köln hat wenigstens ehrlich zugegeben, daß die Frage eine finanzielle ist(Oho!), und durchaus keine hygienische, wie der Vor- redner behauptet. Sachsen hat seine Bestimmung erneuert; aber die kleineren Staaten folgen erfahrungsmäßig eben Preußen, wie das Hamburg bereits erklärt hat. Auf die Frage, ob die Städte ein Recht auf nochmalige Unter- suchung des Fleisches habe, antworte ich mit nein. Uebrigens ist meine Erklärung keine persönliche, sondern eine solche des Staats- Ministeriums. Oberbürgermeister Becker-Köln verwahrt sich dagegen, daß er die Frage für eine lediglich finanzielle erklärt habe. Oberbürgermeister Körte-Königsberg. Die finanzielle Seite ver- anlaßt unsre Stellungnahme nicht, wenn sie auch auf dieselbe nicht ohne Einfluß sein kann. Ich möchte vor solchen Verhandlungen und Anträgen warnen, in denen die Städte als guantitö neZiiAsabls behandelt werden. Zur Wahrung des inneren Friedens trägt das nicht bei. Oberbürgermeister Kirschncr: Der Herr Landwirtschaftsminister hat vorhin ausgeführt: Der Herr Oberbürgermeister von Köln war wenigstens ehrlich genug, die finanzielle Seite in den Vordergrund zu stellen, aber Herr Kirschner usw. Darin liegt für mich der Vor- Wurf der Unehrlichkeit. Ich bestreite dem Herrn Landwirtschafts- minister auf daZ entschiedenste das Recht, mir einen solchen Vorwurf zu machen.(Bravo!) Wohin sollen wir kommen, wenn an einer Stelle, wie es das preußische Herrenhaus ist, derartige Vorwürfe erhoben werden. Minister V. Podbielski: Ich kann mich natürlich nicht ganz der Worte erinnern, die ich gebraucht habe, aber es hat mir selbst- verständlich vollkommen ferngelegen, dem Herrn Oberbürgermeister von Berlin den Vorwurf der Unehrlichkeit zu machen. Nach weiterer unerheblicher Debatte wird der Etat des Land- w i r t s ch a f t s m i n i st e r i u m s b e w i l I i g t. Eine Reihe weiterer Etats wird ohne Debatte angenommen. Nach längerer Diskussion auch der Gestüts-Etat. Vor dem Etat des Ministeriums des Innern vertagt sich das Haus. Oberbürgernreister Lcntzc: Graf Mirbach hat vorhin in sehr scharfer Forin gegen mich erklärt, es sei unwahr, daß er je in diesem Hause vom Staatsstreich gesprochen habe. Nach dem stenographischen Berichte der Sitzung vom 28 März 1895 hat Graf Mirbach gesagt: „In allen Kreisen des Landes würde es mit Jubel begrüßt werden, wenn die verbündeten Regierungen einen neuen Reichstag ans der Basis eines neuen Wahlrechts ins Leben treten ließen, und zwar unverzüglich. Die Lösung dieser Aufgabe ist schwierig. Alexander der Große stand auch vor einer schweren Aufgabe und löste sie sehr schnell."— Ich habe dem nichts beizufügen. Graf Mirbach: Ich kann nur erklären, daß mir niemals ein- gefallen ist, damit einen Staatsstteich zu empfehlen.(Lachen links.) Wenn man mir nicht glaubt, so ist das jederinauns Sache. Ich habe im Reichstag bereits die Sache klargestellt und glaubte, man würde loyal genug sein, den Vorwurf in diesem Hause nicht zu wieder- holen. Ich gebe zu, ich habe in erheblicher Erregung gesprochen unter dem Eindruck, daß dem Fürsten Bismarck vor wenigen Tagen die Ehrung zum 80. Geburtstag versagt>var. Die Herren haben dafür keine Empfindung, ich habe die Empfindung sehr lebhaft. Nächste Sitzung: Sonnabend 12 Uhr.(Fortsetzung der Etats- beratung.) Schluß 6 Uhr._ Der Bäckerstreik. Tie Polizei gegen Flugblattvertciler. Am Mittwochabend und Donnerstag früh ist die Bevölkerung Berlins durch Flugblätter, die in den Häusern verbreitet wurden. über den Streik informiert worden. Flugblattverbreitungcn sind in Berlin nichts seltenes, sie tverden von den organisierten Arbeitern unter strengster Beachtung der gq etzlichen Vorschriften erledigt, die Polizei hat deshalb keine Veranlassung, bei solchon Gelegenheiten einzuschreiten, sie pflegt sich auch im allgemeinen wenig darum zu kümmern. Diesmal war es jedoch anders. Es handelt sich ja um einen Streik, und da glaubte die Polizei, die bekanntlich auf streikende Arbeiter immer ein sehr wachsames Auge hat, auch diejenigen, die sich mit der Verteilung des den Bäckerstreik betreffenden Flug- blattes befaßten, besonders scharf beobachten zu müssen. Augen- scheinlich ist von höherer Stelle eine allgemeine Anweisung in diesem Sinne an die Polizeibeamten ergangen;. Die Stelle, welche diese Anweisung erließ, mag wohl nur au eine strenge Handhabung der Stratzenpolizei-Verordnung, die ja bei jedem Streik eine unrühmliche Rolle spielt, sowie an strikte Beobachtung der Sonntagsverordnung gedacht haben. Einzelne Beamte, deren Eifer größer ist wie die genaue Kenntnis ihrer Befugnisse, faßten die Anordnung jedenfalls so auf, daß die Verteilung des Streikflugblattes überhaupt verhindert werden solle. Nur so kann man es sich erklären, daß in vielen Fällen die mit der Flugblattverteilung beschäftigten Arbeiter von Schutzleuten in Uniform und in Civil angehalten und zur Fest- stellung ihrer Personalien nach der Wache fisttert wurden. Ja es ist sogar vorgekommen, daß Beamte den Arbeitern die Flugblätter abnahmen und mit Beschlag belegten. Eine Handlung, die jeder rechtlichen Grundlage entbehrt. In einem Falle forderte die Streik- leitung das betreffende Polizei-Bureau schriftlich auf, die wider- rechtlich beschlagnahmten Flugblätter sofort zurückzugeben. Das hatte denn auch den Erfolg, daß bald daruf ein Beamter im Streik- bureau erschien, die Flugblätter zurückbrachte und sein Bedauern darüber aussprach, daß infolge eines Versehens die Beschlagnahme erfolgt sei. Soweit Fälle von unberechtigtem Vorgehen von Polizei- beamten bekannt geworden sind, lvird dagegen selbstverständlich Be- schwerde erhoben werden. Mißglückter Streikbrecherfang. Am ersten Tage des Streiks erschien in der bürgerlichen Presse eine anscheinend aus dem Jnnungsburemi stammende Meldung, welche besagte, daß die Berliner Bäckermeister dem Streik mit voller Ruhe entgegensehen. Nach allen Richtungen seien Telegramme versandt, welche Arbeitswillige nach Berlin beordern. Der Zuzug, namentlich aus dem Osten, werde so stark sein, daß alle vom Streik betroffenen Meister mit Arbeitskräften versorgt werden könnten.— Diese stolze Zuversicht der Jnnungsfiihrer ist vollständig zu Wasser geivorden. Man hat zwar nach den verschiedensten Orten telegraphiert, aber der erhoffte Zuzug von Arbeitswilligen blieb fast ganz aus. Den aus- wärts angeworbenen Arbeitswilligen sagten die Meister natürlich nicht, daß sie Stteikbrecherdienste verrichten sollten, es wurde ihnen bielmehr nur vorgespiegelt, daß in Berlin zum bevor- stehenden Pfingstfest mehr Bäckergesellen wie sonst gebraucht werden. Aber ttotzdem folgten nur sehr wenige den Lockungen der Meister. Ganz vereinzelt brachten am Mittwoch und Donnerstag die Züge aus Hannover, Leipzig, Posen kleine Trupps von je 9— 8 Arbeitswilligen, die an den hiesigen Bahnhöfen von WgefMötM de.r Lnuungsmeist.ex, und Sön den durch die Streikleitung ausgestellten Posten empfangen wurden. Da gab es denn meist recht erheiternde Scenen. Von der eiiren Seite redete der Meister, von der andern Seite die Streikposten auf die Ankömmlinge ein, und der Erfolg dieser Rededuelle war fast ohne Ausnahme der, daß die Fremden, sobald lhnen die Situation mit wenigen Worten klar gemacht war, den Meister stehen ließen und den Streitenden nach dem Streikblireau folgten, wo sie mit Reisegeld versehen wurden um bald darauf wieder den Rückiveg anzutreten. — Als ein erfreuliches Zeichen für den Fortschritt des Gedankens der Arbeiterbewegung muß es betrachtet werden, daß es selbst bei den Arbeitswilligen, welche aus der Richtung von Posen, also aus den ostelbischen Gefilden eintrafen, nur weniger Worte der Aufklärung bedurfte, um sie zur Solidarität ynt den Streikenden zu bewegen. — Daß es bei den Unterredungen mit den angekommenen Arbeits- willigen nicht immer ohne Einmischung der Polizei abging, braucht «icht erst gesagt zu werden. Die Meister, wütend darüber, daß ihnen auch die so spärlich eingetroffenen Arbeitswilligen noch im letzten Augenblick abspenstig gemacht wurden, vcranlaßten mehrmals die polizeiliche Sistierung der Streikposten, worauf diese, um die Parität zu wahren, auch die Feststellung des Namens der Meister verlangten. und während diese Angelegenheit auf dem Polizeibureau erledigt wurde, befanden sich die Arbeitswilligen längst in sicherer Obhut streikender Kollegen und die Meister hatten das Nachsehen.— Zu einem recht belustigenden Auftritt kam es am Mittwochabend am Anhalter Bahnhof. Ein Transport von 1ö Arbeitswilligen— der größte, welcher überhaupt eingetroffen ist— war aus Leipzig an- gekommen. Zur Weiterbeförderung der sehnlichst erwarteten Arbeits- willigen hielten die Jnnungsmeister zwei Kremser bereit. Aber schon auf dem Wege vom Bahnsteig zum Halteplatz hatten sich neun der Angekommenen den Streikenden angeschlossen. Die übrigen sechs Mann wurden, von einigen Meistern sorgsam behütet, in einen der Kremser verpackt. Als aber das Gefährt sich in Bewegung setzte, und den Insassen zugerufen wurde:„Hier wird gestreikt, Ihr sollt als Stteikbrecher verwandt werden," da sprangen alle sechs aus dem Wagen, und die den Transport begleitenden Meister fuhren unter ungeheurem Hallo des Publikums allein in ihrem Kremser nach Hause. Die Situation des Streiks. Kräftig hat die Bewegung eingesetzt, mit ungeschwächtcn Kräften nimmt sie ihren Fortgang. Keiner der Streikenden ist abtrünnig geworden, ja ihre Zahl hat sich am ersten Tage des Streiks noch um wenigstens 800 vermehrt. Streikbrecher sind nicht in nennens- werter Zahl zu haben, und da auch die Sympathie des kaufenden Publikums, wenigstens in den Arbeitervierteln, unbedingt auf der Seite der Streikenden steht und deren Bewegung kräftig unterstützt, so bleibt den Bäckermeistern, die nunmehr den Ernst der Situation be- griffen haben, nichts übrig, als die Forderungen der Streikenden zu erfüllen.— Es heißt, die Leitung der Innungen habe bereits die Parole ausgegeben, zu bewilligen, da em Widerstand in der gegen- wältigen Situation als nutzlos erkannt wird. Thatsächlich sind am Donnerstag Hunderte von neuen Bewilligungen eingelaufen. Die Streikleitung hat mit der Erledigung derselben alle Hände voll zu thun, dergestalt, daß die genaue Zahl der Bewilligungen am Freitag- vormittag noch nicht festgestellt werden konnte. Ein ungeheurer Andrang nach dem Strcikbnreau herrschte am Freitagnachmittag. Durch die Menge der schmächtigen, bleichen und ausgemergelten Bäckergesellen drängten sich in endloser Reihe behäbiger Gestalten mit wohlgerundeten Leibern und dicken Wangen. In hellen Haufen strömten Bäckermeister und Backwaren- Händler in das Bureau der Streikleitung. Einer suchte dem andern zuvorzukommen, um die Unterschrift unter die Forderungen der Streikenden zu setzen und das Plakat in Empfang zu nehmen, welches dem Publikum gegenüber als Ausweis dient, daß die Forderungen be- willigt sind.— Dieselben Herren, welche noch vor wenigen Tagen glaubten, sie könnten die Bäckergesellen mit übermüttgem Hohn zurück- i reisen, gehen jetzt ganz klemtout zu den noch vor kurzem als Hetzer und Aufwiegler geschmähten Streikleitern, um ihre Kapitulation zu erklären. Natürlich denken die Bäckermeister im allgemeinen über die Gesellen und ihre Forderungen nicht anders wie zuvor, und was sie zur Kapitulatton zwang war nicht die Ueberzeugung, daß die Forde- rungen der Gesellen berechtigt sind, sondern es tvar die Rücksicht auf das kaufende Publikum, welches den Geschäften, die nicht bewilligt haben, fern blieb. Ihr geschäftliches Interesse zwang die sonst so selbstbewußten Bäckermeister zu diesem Schritt, der wohl den meisten recht schwer geworden sein mag. Diese für die Meister gewiß nicht angenehme Situation hätte ihnen erspart werden können, wenn sie, anstatt der verhetzenden Führung der Jmmngsgrößen zu folgen, sich zu Verhandlungen vor dem Streik bereit gefunden hätten. Tie öffentliche Bäckcrvcrsammlung, welche am Freitagnachmittag in Kellers Saal tagte, war Ivieder über- füllt. Es waren nicht nur streikende, sondern auch arbeitende Bäcker- gesellen anwesend. Die sicgesfrohe Stimmung der Versammelten kam spontan zum Ausdruck in brausenden Hochrufen, mit denen die Streikleitung bei ihrem Erscheinen empfangen wurde. Anknüpfend an diese Kundgebung sagte H e tz4 ch o l d: Wir haben alle Ursache, freudig gestimmt zu sein. Einen solchen Erfolg, wie wir ihn in diesen Tagen erlebten, hat sich niemand von uns träume» lassen. An diesem ungeahnten Erfolge können unsre Kollegen sehen, welche Macht die Einigkeit und die Solidarität ist. Freilich, das dürfen unsre Kollegen nicht glauben, daß sie allein diesen Sieg errungen haben. Lange genug haben sie es an dem Verständnis für die Bedeutung der Organisation fehlen lassen. Unser großer Erfolg ist in erster Linie dem kaufendem Publikum zu danken, das unfern Kampf durch seine Sympathie thatkräftig unterstützt hat. Wir dürfen uns aber durch den Erfolg nicht berauschen lassen. Es ist sicher anzu- nehmen, daß es vielen Meistern gar nicht ernst ist mit den Bewilligungen, und daß sie dieselben zurück- ziehen werden, sobald es nur möglich ist. Einzelne versuchen bereits, uns zu hintergehen. Wo wir das feststellen können, ent- ziehen wir natürlich den Betteffenden die Plakate. Vor allem ist es die sogenannte Volksbäckerei der Gebrüder Hanke, welche schon jetzt unsre Forderungen zu durchbrechen sucht. Die Geschäftsinhaber haben die Forderungen zwar unterschrieben, aber ein Teil der Filialinhaber beachtet sie nicht. In manchen Hanke- scheu Filialen, auch in anderen Geschäften, werden sogar falsche P l a k a t e ausgehängt.— Bis zum Beginn der Versammlung hatten gegen 1100 Bäckereien unsre F-rder, ingen bewilligt» inzwischen dürfte die Zahl schon auf 1200 gestiegen sein, denn der Andrang der bewilligungsbereiten Meister nach dem Streikbureau ist so stark, daß schon besondere Einrichtungen getroffen werden mußten. um alle Andrängenden abferttgen zu können.— Wenn auch unser Erfolg ein wahrhaft großarttger ist, so hat er uns doch nicht über- mütig gemacht. Wir sind auch jetzt noch bereit, die Hand zn einem ehrlichen Frieden zu bieten, und mit den Meistern über die Fest- lcgung geordneter Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu verhandeln. Wir würden jetzt allerdings nicht so viel von unsevn Forderungen ab- lassen, wie wir es vor dem Streik im Interesse des Friedens gethan hätten. Nachdem wir jetzt einen Sieg auf der ganzen Linie er- rungen haben, beginnt die größte Schwierigkeit, die Kontrolle be- züglich der Jnnehaltung rrnsrer Forderungen.— Nach einer Aufforderung zum treuen Festhalten an der Organisatton wurde die Versammlung mit einem brausenden Hoch auf den Verband der Bäcker geschlossen. Dem Hoch auf den Verband folgten begeisterte Kundgebungen für die Streikleitung. der kleinere Teil der für die gegenwartige Bewegung m �rage kommenden Betriebe. Angesichts des glänzenden Erfolges»es Bäckerstreiks wollen auch die Konditoren, soweit sie in Bäckereien arbeiten, für die Erfüllung ihrer Forderungen eintreten und dieselben auch jetzt noch durch Arbeitsniederlegung erzwingen. Z. Nkrbllvdstag des seutsche« Solzarbeiter-Verbandes. Leipzig, 11. Mai 1904. In der Vormittagssitzung, die, wie bereits mitgeteilt, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit tagte, wurde über „Unsre Taktik bei Streiks" in Verbindung mit.Lohn- bewegung" und den einschlägigen Zeitungsfragen aelprochen. Wie lebhaft die Diskussion war, erhellt aus der Thattache. daß nicht weniger als 33 Wortmeldungen vorlagen, von denen bis zur Mittagspause erst 19 erledigt wurden. Nachmittags wurde in der Debatte fortgefahren, deren Schluß um Vz4 Uhr durch einen angenommenen Schlußantrag herbeigeführt wurde. Sodann wurde die Oeffentlichkeit der Verhandlungen wieder hergestellt und zunächst noch einige Verwaltungsangelegenheiten er- ledigt. Speciell wurde dem Vorstand überflüssiger Formalismus und Bureaukratismus vorgeworfen. Auch einige Ungenauigkeiten bczw. Differenzen zwischen den Bestimmungen des Statuts und der Instruktion an die Verwaltniigsbeainten sollen vorhanden sein. K l o ß- Stuttgart verteidigt die als überflüssig und belästigend empfundenen Maßnahmen des Vorstandes als durch die Ungenmiig- keit der Abrechnungen in einzelnen Fällen notwendig geworden. Im Interesse einer straffen Kontrolle halte der Vorstand die Not- wendigkeit der getroffenen Maßnahmen für geboten. Zum Teil werden einige. Verivaltungsarbeiten auf Wunsch der General- kommission notwendig, die das dadurch gewonnene Material als Ergänzung und Kontrolle der Reichsstatistik notwendig braucht. In einem bemängelten Falle des Unterschiedes zwischen Stattlt und In- struktion liegt ein leicht zu redressierendes Versehen vor. Darauf wird in die Beratung über„Unsre Zeitung" samt den dazu gehörigen Anträgen eingetreten. Einige der letzteren wünschen eine Vergrößerung des technischen Teiles. Stubbe- Hamburg erklärt, daß die Preßkommission dieser Frage creits nähergetreten ist und dieselbe eingehend erwogen habe. Er legt den Plan einer vierzehntägig zu er- scheinenden Fahrzeitung mit Illustrationen dar. wobei es sich fragt, ob 2000 Abonnenten dafür zu haben wären. Die Redaktionsarbeiten waren zunächst nebenaintlich gedacht. Natürlich brauchten sich die Abonnenten nicht lediglich ans Berbandsmitgliedern zu rekrutieren. Wolle der BerbandStag diesem Plane näher treten, so wäre möglicherweise ein ersprießliches Resultat zu erzielen.— Im Laufe der Debatte kamen natürlich die allen Klagen wieder, daß die Zahlstellen-Berichte stark verkürzt wurden. Gegen die Haltung der„Holzarbeiter-Zeitung" werden dagegen keinerlei Reklamationen erhoben. Auch sonstige Wünsche und Anregungen mannigfacher Art werden vorgebracht, die jedoch des öffentlichen Interesses entbehren. Auch der Gedanke der Schaffung einer eigiren Druckerei analog dem Vorgehen andrer Verbände lvird aufgeworfen. R ö s k e-Hamburg erläutert die technische Unmöglichkeit, die Berichte unverkürzt zn bringen. Des weiteren erläutert Redner die oft leichtsinnige Art und Weise, mit welcher sogar per Postkarte das einfache Verlangen an ihn gestellt werde, über diese oder jene Firma die Sperre zu verhängen. Warum und um welche Berufs- gruppe eS sich handle, werde aber verschwiegen. Er würde fahrlässig handeln, wenn er derarttgen Wünschen willfahren wolle. Sein Recht der Anmerkungen zu einzelnen Artikeln verteidigt er in eingehender Weise.— L e i p a r t bringt eine anderweite Anordnung der bis- herigen vierteljährigen VerbandS-Abrechnungen in Anregung. Sie sollen nicht mehr als Zeitungsballast, sondern gesondert in andrem Format erscheinen und in Stuttgart gedruckt iverden. Es kann da- durch noch eine finanzielle Ersparnis herbeigeführt werden. Darauf erfolgt Schluß der Sitzung. )Ziis In du fr nc und ftandel. Die russische Kriegsanleihe. Endlich, nachdem schon seit Wochen die Handels- und Börfenpresse der westeuropäischen Mächte sich mit der neuen russischen 300 Millionen Frank-Anleihe beschäftigt hat, findet auch die zarischc Regierung es für angebracht, den russischen Unterthanen gnädigst Kenntnis von der Aufnahme einer neuen Staatsanleihe zu geben. Der„Regierungsbote" veröffentlicht einen Ukas betreffend die Emission einer kurzfristigen bprozentigcn aus- wärtigen Staatsanleihe im Nominalbetrage bis zu 300 Millionen Rubel, gleich 800 Millionen Frank, unter der Bezeichnung öprozentige Schuldscheine der Staatsrentei vom Jahre 1904. Die Realisierung erfolgt durch die Banque de Paris et des Pays-Bas, den Credit Lyonnais und Hottingucr u. Co. in Paris. Es werden auf den Inhaber lautende Schuldscheine über 187 Rubel 50 Kopeken gleich 500 Frank und 1375 Rubel gleich 5000 Frank emittiert. Kapital wie Zinsen sind steuerfrei. Die Tilgung hat bis zum 14. Mai 1909 zu erfolgen. Noch charakteristischer als die nachttägliche Ankündigung ist die Motivierung, die sich das Finanzministerium leistet. Nachdem so häufig durch allerlei Zahlenkunststücke nachzuweisen versucht worden ist. daß es um die russischen Finanzen und die Barmittel der Staats- lasse ausgezeichnet bestellt sei, kann nun nicht gut zugegeben werden, daß die Regierung sich in Geldverlegenheit befindet, und so wird denn offiziös die Ausgabe der neuen Schatzscheine in folgender Weise begründet: „Der ungeachtet der friedlichen Tendenzen Rußlands ent- standene Krieg mit Japan fand die nissischen Finanzen in voll- kommen günstiger Verfassung. Ter freie Kasscnbarbestand des Reichsschatzes, welcher anfangs des Jahres über 132 Millionen Rubel betrug, hat sich infolge der Reduzieruna der hauptsächlichsten Budgetposten mehr als verdoppelt; ferner beträgt der totale Kassen- bestand für Kriegszwecke über 300 Millionen. Jedoch erfordern die Kricgszeiten sehr bedeutende Ausgaben, so daß zweckmäßiger- weise rechtzeitige Hilfsquellen vorzubereiten sind. Dies könnte einerseits durch Vorschüsse bei der Reichsbank, andrerseits durch Emission von durch Gold gedeckte Kreditscheine in Höhe von 500 Millionen geschehen. Um jedoch die Verausgabung des Bar- bestcmdes und eine Beeinflussung des Geldumlaufes zu vermeiden, sowie um Rußland nach dem Kriege eine gleich feste Finanzlage, wie sie vor dem Kriege bestanden hatte, zu sichern, hielt das Finanz Ministerium eine äußere Anleihe für angezeigt." Bei den Konditoren hat der Stteik naturgemäß nicht so hohe Wellen geschlagen, wie bei den Bäckern, da ja für die Bewegung nur eine verhältnismäßig kleine Zahl von Konditoren in Frage kommt. Vor allem handelt es sich darum, daß in Bäckereien beschäfttgte Konditoren keine Arbeit der stteikenden Bäcker verrichten, wo deren Forderungen nicht bewilligt sind. Wie gestern abend in einer Ver- sanunlung der Konditoren berichtet wurde, find die Forderungen derselben in 44 Bäckereien bewilligt worden. Das ist allerdings erst GewerKfcKaftUcbes. Berlin und Llmgegencl. Zum Streik der Militär-Sattler Berlins ist zu berichten, daß außer der Firma H. Becker u. Co.. Michaelkirchfttaße 29a. die Firmen Franz Cobau. Dresdenerstratze 32/83, Wunderlich Nachf., Blanken- bürg, Aug. Loh Söhne, Wilhelmstraße 22, Carl Trcnncr, Tempel- Hof, Dorfstraße 23, A. PH. Hoffmann, Wasserthorsttahe 32, Schäfer u. Reiche, Urbanstraße 64. die Forderungen der Arbeiter, Auer- kennung des neuen Tarifs bis zum 31. Dezember 1904, Einführung .....---------- in»! Kraft treten soll, bewilligt haben. Nur die Firma Johann Friedrich Karl Ludewig, hier, Linden- sttaße 93, hat die Forderungen rundweg abgelehnt, infolgedessen haben die dortselbst beschäftigten Kollegen» mit einer einzigen Aus- uahme, die Arbeit niedergelegt. Wir richten demnach an die Sattler aller Branchen das dringende Ersuchen, diesen Betrieb zu meiden und Zuzug aufs strengste fern- zuhalten. Die Ortsvertvaltung Berlin des deutschen Sattler-Berbandes. Tie Werkstiittenarbeiter der Grossen Berliner Straßenbahn sind mit der �ire.tion in ernste Differenzen geraten, die möglicherweise den Ausbruch eines Streiks zur Folge haben können. Bekanntlich herrsche« in den Hauptwerkstätten seit geraumer Zeit Zustände, wie sie kaum>n irgend einem andern Berliner Betriebe vorzufinden sein dürften. Miserable Löhne, schlechte sanitäre Verhältnisse und eine unwürdige Behandlung haben dieses Eldorado bei der großen Mehr- he>t der Metallarbeiter geradezu in Verruf gebracht. Am Mittwoch kam nun die lange gärende sttlle Erbitterung plötzlich zum Durch- bruch. Es war nämlich kürzlich von der Polizei angeordnet worden, bei Reparaturen des Unterbaues der Wagen das bisher übliche Ab- brennen zu unterlassen. Infolgedessen sollten die Arbeiter den an dem Unterbau haftenden Schmutz mit den Händen beseitigen. Teils weil nun die Arbeit zu unreinlich war, teils weil die Leute fürchtete», sich an den vielen scharfen Kanten Verwundungen und damit leicht Blutvergiftungen zuzuziehen, verweigerten mehrere die Ausführung der Arbeit. Heißt es bei der Großen Berliner nun schon für gc- Ivöhnlich:„wem's nicht paßt, der kann gehen", so auch hier. Kurz entschlossen legten dann 13 Mann die Arbeit nieder und gingen. Tie Art nun, w i e diese Leute von ihren Vorgesetzten angefahren worden lvaren, brachte die gesamten Arbeiter in Harnisch. Am selben Abend fand noch eine Werkstattbespvechung statt, in der eine aus drei Kollegen bestehende Kommission gewählt und beauftragt wurde, in der Angelegenheit bei der Direktion vorstellig zu werden. Gleichzeitig sollten der Direktion eine Anzahl andrer Wünsche unterbreitet werden, von denen die meisten in den übrigen Fabrikbetrieben, weil selbst- verständlich, schon längst gewährt sind. Z, B. Nebenarbeiten, die mit dem Akkord nichts zu thun habe», in Lohn zu zahlen; Einrichtung genügender Ventilation. Bekanntgabe der Akkordpreise durch öffent- lichen Aushang und Lieferung von brauchbarem Werkzeug in nötiger Menge; ferner als Spezialwünsche die Anbringung von Stromaus- schaltcrn für die einzelnen Sttänge zur Verhütung von Unfällen und Errichtung einer Kantine.— Als die Kommission am gestrigen Freitag den Ingenieur Wille ersuchte, sie bei der Direktion anzu- melden, wurden sie von diesem Herrn nicht besonders höflich behandelt und— abgewiesen. Die drei Kommissionsmitglieder begaben sich hierauf zum Betriebsdirektor M a r h o l d. Dort wurde aber nur einer von ihnen vorgelassen, und diesem wurde kurz und bündig bedeutet, die Arbeiter möchten ihre Be- schwerden in einer Bittschrift im Instanzen- wege zur Kenntnis der Direktion! gelangen lassen, dann könne in Erwägungen darüber eingetreten werden.(!) Damit waren sie auch hier abgewiesen. Am Nach- mittags sind dann die Akkordbücher der Kommissionsmitglieder ein- gefordert worden, was dem üblichen Brauch zufolge gleichbedeutend ist mit ihrer Entlassung.— Vorstehender Sachverhalt beschäfttgte nun gestern abend eine Versammlung der Werkstättenarbeiter und dort wurde unter einstimmiger Annahme einer entsprechenden Resolution beschlossen, am heutigen Sonnabend abermals eine Ver- sarnrnlung stattfinden zu lassen, in der dann endgültig über die eventuelle Arbeitsniederlegung Beschluß gefaßt werden soll. Es kommen insgesamt etwa 800 Arbeiter in Bettacht. Deutliches Reich. Achtung, Former! Eine Privatdepesche aus Stettin meldet uns, daß heute auf der Schiffswerst„Vulkan" 100 Former wegen Lohnreduzierung in den Ausstand getreten sind. Um Fernhaltung des Zuzugs wird gc- beten. Die Parteipresse wird um Nachdruck dieser Notiz ersucht. Buslftnd. Die Buchdrucker sind auch in Spanien prozentual am besten organisiert. So gehören der Buchdrnckervereinigung von Madrid, die bereits über ein Vereinsvermögen von 15 000 Pesetas verfügt, die größte Zahl der im Buchdruckergewerbe beschäftigten Personen an. Diese Organisation strebt in erster Linie hygienische Ver- besserungen in den Buchdruckereien. Schassung einer Fortbildungs- schule für Lehrlinge, graduelle Einführung der neuen Tarife usw. an Nachwahl in Frankfnrt-Lebns. Wegen der Ungültigerklärung der Wahl unsres Genossen Braun fand heute die Nachwahl statt. Die Ursachen der Ungültigerklärung sind seiner Zeit ausführlich mitgeteilt worden. Bei der Wahl am 16. Juni v. I. wurden 28 IIS gültige Sttmmen abgegeben, davon erhielten Braun(Soc.) 12 317, Fe lisch(kons.) 8268, Schwabach (natl.) 7025 Sttmmen. Bei der Stichwahl siegte dann unser Ge- nasse B r a u n mit 14 685 Stimmen über den Konservativen Felisch. welcher 14 204 Sttmmen erhielt. Siehe auch unter„Deutsches Reich". Ueber den Ausfall der heutigen Nachwahl liegt folgende Privatdepesche vor: Frankfurt a. O., 13. Mai, abends 10 Uhr 30 Min.(W. T. B.) Bei der heuttgen Reichstags-Ersatzwahl im Wahlkreise Frankfurt-Lebus erhielten nach den bisherigen Feststellungen Bassermann(natl.) 11 706, Braun(Soc.) 11312 und v. Jagwitz(Wirtsch. Vereinigung) 2837 Stimmen. Es hat Stichwahl zwischen Bassermann und Braun stattzufinden._ Letzte IVaebnebten und Depefeben. Leipzig, 13. Mai.(B. H.) Die Strafkammer verurttilte den Redakteur der„Leipziger Volkszeitung", Richard Wagner. der früher Oberpostsekretär in Hanau war, wegen Beleidigung des Offiziercorps zu einem Monat Gefängnis. Dem preußischen und dem sächsischen Kriegsminister wurde die Publikationsbefugnis zu- gesprochen. Jena, 13. Mai.(Privat-Depesche des.Vorwärts'.) Der Historiker Professor Ottokar Lorenz ist gestorben. Lorenz war der„Verfasser" des„Herzog Ernst von Koburg- ___ ja", dessen Denkwürdigkeiten von ihm herrühren. Neuerdings hat sich der Mann bekannt gemacht durch eine Schrift zur„wissen- schafllichen" Verbreitung der Legende von Wilhelm dem Großen. Oberhausen, 13. Mai.(W. T. B.) Auf der Eisenhütte Ober- hausen erstickten beim Reinigen einer Gasleitung vier Leute durch Einatmung giftiger Gase. Genf. 13. Mai.(W. T. B.) Der 21jährige Rechtsstudent Fritz Mirfch aus Dresden stürzte am Moni Salöve von einer Felswand ab und war sofort tot. Paris, 13. Mai.(W. T. 83.) Bei Waldcck-Rousseau trat in der vergangenen Nacht wieder eine starke Blutung ein, die eine bedrohliche Schwäche und Ohnmacht zur Folge hatte. Die Blutung wurde gestillt: heute ist das Befinden des Kranken besser. Kopenhagen, 13. Mai.(W. T. B.) In der dänischen Eisen- industrie stand infolge Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern eine allgemeine Aussperrung der letzteren bevor. Durch Verhandlungen zwischen dem Arbettgeberverband und Ber- tretern der Arbeiter ist indes jetzt die Angelegenheit soweit geregelt worden, daß die Aussperrung unterbleibt. Aden, 13. Mai.(W. T. B.) Aden ist als pestver�uchter Hafen erklärt worden. Eisenbahn-Nnglück in Amerika. London, 13. Mai.(B. H.) Aus New Jork wird berichtet, daß der Föderal Expretzzug. welcher 1 Million Dollar in Postwerten und eine halbe Million in bar transportierte, auf einer Brücke entgleiste, als er mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern fuhr. Mehrere Wagen stürzten in den Fluß. Der Führer und der Heizer wurden schwer verletzt und starben bald. Die Wagen mit den Geldsummen werden durch Beamte überwacht. Die Ursache der Entgleisung ist noch nicht bckmint, jedoch glaubt man, daß sie herbeigeführt worden ist, um den Zug zu plündern. Perantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt Paul Singer L- Co., Berlin SW. Hierzu3Bcilogm. Ar. 02. 21. Jahrgang. L KW des„iluniiitfs" ßtrlinct WsM Zannabkud, 14. Mai 1004. Reichstag» des 90. Sitzung. Freitag, den 13. Mai 1904, nachmittags 1 Uhr. Um BundeSratstische: Frhr. v. Stengel, Dr. Nieberding. Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Lesung Gesetzes betr. Entschädigung für unschuldig er- littene Untersuchungshaft. Abg. Thiele(Soc.): Meine Partei wird gegen das Gesetz stimmen. Wir können uns nicht entschließen, den Standpunkt einzunehmen, den das Centrum bei der zweiten Lesung so lebhast vertreten hat, daß der Sperling in der Hand besser ist wie die Taube auf dem Dache. Mit solcher Taktik täuscht man die Regierung und täuscht das Volk. Die Regierung, weil man ihr Vorgehen sanktioniert, obwohl wir weder mit den Principien noch der Ausführung des Gesetzes einverstanden sind. Und das Volk, weil man sich so stellt, als sei ein neues Volksrecht errungen, während in Wirklichkeit gar nichts erreicht ist.— Von den Konservativen überrascht uns ja die Zustiminung zu dem in der zweiten Kommissionslesung so ver- schlechterten Entwürfe nicht; sie find ja noch nie für ein allgemeines Recht des Volkes eingetreten. Aber charakteristisch für sie war doch eine Beinerkuung des Abg. Himburg:„Wenigstens wird durch das neue Gesetz dafür gesorgt sein, daß nicht allzuviel Schuldige entschädigt werden." Wenn der Abg. Himburg als amtierender Richter, der er ist, diesen Standpunkt einnimmt, daß vor allem verhindert werden muß, daß mit 98 Unschuldigen nicht mich 2 Schuldige hindurchkommrn, dam, mögen sich die Angeklagten in Acht nehmen. Der Abg. Storz hat uns vorgeworfen, die von uns vorgeschlagenen Resolutionen seien nur eine Maskierung unsres Rückzuges. Das hätte er sich selbst sagen sollen, als er nach Anführung so vieler Bedenken doch für das Gesetz zu stimmen erklärte. Der grundlegende Z 1 schließt die Entschädigung derjenigen aus, die schon vom Staatsanwalt freigelassen sind, gegen die al>o beispielsweise nicht einmal genug Material zur Erhebung der Anklage vorlag. Die Regierung be- gründet diese Ausnahme damit, daß sie erklärt, es sei ein unbekanntes Gebiet, eS würde nur eine ganz geringe Zahl davon betroffen und wir seien auch schon weiter als andre Staaten. Schlimm genug, daß die Entschädigung unschuldig Verhafteter für die Justizverwaltung ein unbekanntes Gebiet ist. Das liegt nur an ihr, nicht an den Schwierigkeiten der Materie. sSehr wahr I bei den Socialdemokraten.) Die Zahl der Fälle ist auch gar nicht so gering; der Staatssekretär schätzte sie auf 20 Proz. Wir verwahren uns über» Haupt principiell dagegen, eine Prozentgerechtigkeit anzuerkennen. Auch die im Pkilitärstrafverfahren vom Gerichtsherrn Freigelassenen sollen nicht entschädigt werden, darunter litte die DiSciplin. Zum Teufel mit einer DiSciplin, die dir Gerechtigkeit nicht vertragen kann! (Sehr gut I bei den Socialdemokraten.) Es ist ja schwer, drei Juristen unter emen Hut zu bringen, aber ich bin überzeugt, wenn man alle 60 Juristen dieses Hauses zusammenberiefe, würden sie sich alle für unfern Antrag aussprechen. Man beruft sich immer aus die andern Staaten, wenn man Fortschritte verhindern will. Warum beruft man sich nicht auf sie, wenn es sich um Wahlrecht, Vereinsrecht, Gesetzgebung durch das Volk handelt? I Nun haben wir ja sehr vielen Gesetzen zugestimmt, obwohl sie mangelhaft waren, wenn wir erkannten, daß es sich um Mängel handelte, die die Regierung bei den bestehenden Verhältnissen nicht fut beseitigen könnte. In diesem Falle aber hätte eS die Regierung ehr wohl gekonnt. Es lag nur an ihrem Wille», und da halten wir einen osscnen Kampf für besser, als ein faules Kompromiß. Dadurch wird eine gesunde, frische Klarheit in unsre Verhältnisse kommen, denn die Ohnmacht des Reichstags liegt viel weniger an der Stärke der Regierung als darin, daß er seinen Willen zu wenig konsequent durchsetzt.(Sehr wahr I bei den Socialdemokraten.) Er ist doch nicht nur ein Beirat, der gehört und nicht gehört werden kann. So aber tritt ihm die Regierung in der Konnnission von vorn herein entgegen. Der Reichskanzler hat vorgestern im Herrenhause beklagt, daß er für seine sociale Thaten keine Dankbarkeit finde. Das kommt, weil die Regierung sich jahrelang dazu drängen läßt und auch dann die Aufgabe nur sehr unvollkommen erfüllt. Fürchten Sie nicht, daß das Volk die Gerechtigkeit nicht vertragen kann; nachdem es einen so guten Magen für so viele Ungerechtigkeiten gehabt hat, Ivird es auch die Gerechtigkeit ver- tragen, aber das Regierungssystem scheint sie nicht vertragen zu können. Ich möchte sehen, wie die preußische Regierung sich gegen- über einer wahrhast großen Kulturaufgabe ausnimmt. Wir wissen ja. daß, wenn wir nun gegen diesen Gesetzentwurf stimmen, die Gegner eine neue Nummer mehr im Verzeichnis der„nützlichen Fortschritte" haben werden, gegen die wir gestimmt haben. Das soll uns aber nicht hindern, uns selbst und unserem Programm treu zu bleiben.(Bmvo! bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Mlillcr-Saaan: Meine politischen Freunde werden dem Gesetz zustlmmen trotz schwerer Bedenken. In einer Sache, deren Entwicklung im Fluß ist, braucht man sich nichts zu vergeben, wenn man mit einer Abschlagszahlung zufrieden ist. Der Vorredner hat unrecht, wenn er meint, eine Resolusion legte der Regierung eine Verpflichtung auf. Er hat selbst zugegeben, daß das Gesetz eine Wohlthat ist, trotzdem ist seine Partei dagegen. Abg. Thielevir rückständigen Zeiten zum schwersten Vorwurf machen, daß Geistesftanke gemartert und gefoltert werden. Noch hent wüßten wir alle diese Dinge nicht, wenn nicht ein Anstaltsschreiber sie zufällig in die Oeffentlichkeit gebracht hätte, heute so wenig wie in den vergangenen zehn Jahren, und da dürfen wir wohl die Frage aufwerfen, was mag noch alles verborgen sein? (Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Denn das Material, das hier vorliegt, stammt ausschließlich aus den Akten von Plötzensee. Da ist es dringend notwendig, Abhilfe zu schaffen, aber Da wir den socialen Grundsatz des Zusammenhanges von Schuld und Milieu auf die Gefangenen angewendet wissen wollen, so wenden wir ihn auch auf die Aerzte und Anstaltsleiter an, welche unier Einrichtungen stehen, die zu so schrecklichen Zuständen führen müssen. Der ganze heuttge Strafvollzug- steht auf ganz falscher Grundlage. Diese ganze Art der Einsperrung ohne Licht und Luft, ohne genügende Ernährung läßt die Gefangenen geistig und körperlich immer mehr herunterkommen; lvenn er herauskommt. und die beste Kraft gebraucht, um sich wieder empor zu arbeiten, trotzdem ihm der Makel des Gefängnisses anhastet, dann ist er am weisigsten geeignet, den Kampf aufzunehmen, weil er am schlimmsten geschwächt ist. Dieser falsche Geist niacht sich auch geltend im System der Disciplinarstrasen, deren langes Register beweift, dich man nicht genug in der Strenge der Strafen und im Niederdrücken zu thun glaubt. Zu dieser falschen Auffassung der Abschreckungstheorie kommen noch zwei andre Uebel: der Fiskalismus und der Bureaukratismus. Gerade im Hinblick auf die Kosten hat der Staatssekretär jede Reform des Strafwesens stets abgelehnt. In Plötzensee betreiben, wenn ich nicht irre, anständig honorierte Nerztc eine ganz bedeutende Privatpraxis. Kein Wunder, wenn sie die Strafgefangenen im Nebenamt betrachten und in der Bureaukratie aufgehen, wo der Gefangene nur noch eine Nummer ist. Es miissen Vorkehrungen ge- troffen werden, daß schnelle und gründliche Hilfe den Gefangenen zu teil werden kann. Die Unterbeamten haben eine viel zu lange Dienstzeit, täglich 11 Stunden. Der Direktor einer Straf- anstatt hat viel zu viel Macht über die Anstalt. Er ist in seiner Weise der mächtigste Mann. Alle möglichen Strafen, auch Prügelstrafen kann er erteilen; ohne jede kollegiale Beratung. Diese Mächt ist unheimlich und bedenklich. Das Beschwerderecht ist null und nichtig. Die Leute sind viel zu unwissend für Beschwerden, sie machen Formfehler und die Briefe kommen deshalb oft nicht an die richtige Adresse. Die Aufsichtskommissionen sind nutzlos. Man läßt sich durch Geistliche, Arzt und Direktor herum- führen und erfährt nichts Wesentliches. Ich frage den Staatssekretär: Ist, seit die Dinge bekannt geworden sind, etwas geschehen zur Abhilfe? Ich weiß nur, daß man den, der die Dinge veröffentlicht hat, in ein Strafverfahren zu ziehen versucht hat.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.j Man konnte ihm indes nichts anhaben. Man hat ihn deshalb aus Berlin verweisen wollen.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Nur durch eine Beschwerde beim Ober- Präsidenten ist dies verhindert worden. In unsrer Resolution ist nur das Mindeste dessen, was wir fordern müssen, enthalten. Wir hoffen aber darüber hinaus, daß die Frage der Regelung� des Strafvollzuges in ganz andrem Maße als bisher die Oeffentlichkeit beschäftigen wird, daß der sociale Gedanke, der die Verbrechen erklärt, immer mehr an Boden gewinnt. Der Staat hat ganz anders die Pflicht, sich der Rückfälligen anzunehmen, als bisher. Namentlich der christliche Staat kann unmöglich die heutige Straftheorie weiter dulden. Ich greife dabei auf die Straftheorie der Bibel zurück. Im Evangelium Matthaei sagt Christus auf die Frage Petri, wie oft man vergeben solle, ob es genug sei, siebenmal: Nein, nicht siebenmal, sondern siebenzigmal sieben. Davon ist heute nicht das mindeste zu spüren, sondern wir habe» die Theorie der grausamsten Rache und Vergeltung. Da verlangen wir eine große Umkehr, damit eine schwere Schande unsrer Zeit beseitigt wird.(Lebhafter Beifall bei den Socialdemo- kraten.) Staatssekretär Dr. Nieberding: Unter den sieben oder acht Fällen, die der Vorredner angeftihrt hat, reichen einige in eine Zeit zurück, wo noch ein andres Regime im Strafvollzug geherrscht hat, andre Fälle wieder sind mit starker Uebertreibung und unter groben Unrichtigkeiten dargestellt, woraus ich deni Vorredner übrigens persönlich keinen Vorwurf mache. Wären die Fälle richtig, so würden sie verallgemeinert in der That ein Bild vollständiger Verwahrlosung unsres Gefängniswesens und tiefgehender Verwilderung der Beamten ergeben. Wir haben in Preußen jährlich für mehr als 23 OOS Gefangene in mehr als 60 Gefängnissen zu sorgen. Ohne die strengste Ordnung und die gewissenhafteste Aufsicht wäre eine solch große Verwaltung gar nicht zu führen: das wird jeder objektiv Urteilende von vornherein anerkennen. Ueber die heute be- stehenden Anordnungen ist der Herr Vorredner offenbar nicht in- formiert, sonst hätte er über das Krankenwesen und das Disciplinar- system in dem Gefängnis nicht Beharlptungen aufgestellt, die mit den maßgebenden Vorschriften in direttem Widerspruch stehen. Er hätte wohlgethan, wenn es ihm nicht um Sensation zu thun war, sich nicht nur die Zeitungsberichte, sondern auch die bestehenden Vorschriften und die Berichte der Ge- sängnisverwaltungen näher anzusehen. Dann hätte er sich die Frage vorgelegt, ob denn das, was in den Zeitungen steht, überhaupt wahr sein kann. Seit 1879 haben wir in Preußen eine Neuordnung des gesamten Dienstes in den Zuchthausanstalten vorgenommen. Die Verfügungen sind erlassen auf Grund einer Vereinbarung zwischen den Bundesregierungen über die gleichmäßige Behandlung der Sttafgefangenen. Die Verfügungen enthalten Anordnungen über die Behandlung der Kranken und Irren und Bestimmungen über die Thätigkeit der Aerzte und des Wärter- Personals. Aufs genaueste ist die Zulässigkeit der einzelnen Disciplinar- strafen und sehr streng ist das Beschwerdewesen geordnet, so daß die schönste Strafvollzugsordnung, die wir im socialdemokratischen Zukunftsstaat dereinst bekommen werden, nicht mehr enthalten könnte(Heiterkeit rechts). Besonders eingehend ist die Stellung der Aerzte behandelt. Nebenbei bemerkt ist es nicht richtig, daß die Aerzte von Plötzensee Privatpraxis neben ihrem Amte be- treiben. Solche Mitteilungen geben dem Ganzen ein gewisses Lustre, verführen aber zu einem ganz falschen Bild vom G e f ä n g n i's w e s e n. Ueber die Aerztevorbildung sind besonders eingehende Bestimmungen getroffen. Ihre Unabhängigkeit gegen die Anstaltsvorsteher ist sichergestellt. so daß sie nur ihren, ärztlichen Gewissen zu folgen brauchen. Ich glaube. wenn diese Vorschriften wirklich in allen Fällen, wie man erwarten muß, von den Beamten beachtet werden, dann können Fälle so schwerer Art. wie sie hier geschildert sind, überhaupt nicht vorkommen.(Zuruf bei den Socialdemokraten: Ja, wenn!) Diesen Vorbehalt muß ich machen. Die Herren Socialdemokraten wissen ja selber, daß da, wo Menschen sind, auch menschliche Jrrtümer vor- kommen. Mehr können die Verwaltungen nicht thun, als solche Vorschriften erlassen. Mehr könnte auch das Parlament nicht thun, wenn der Strafvollzug reichsgesetzlich geregelt würde. Kommen Verstöße vor und gelangen sie zur Kenntnis der Aufsichtsverwaltung, dann werden sie aufs strengste geahndet. Die Verivaltung hat auch für eine laufende Kontrolle der Durchführung dieser Vorschriften gesorgt. Die Departementsräte der Gefängnisse und die Ober-Medizinalräte müssen vierteljährlich Bericht erstatten.— Auf die einzelnen Fälle, die der Vorredner angeftihrt, bi» ich außer stände einzugehen. Dazu würde gehören, daß wir von diesen Fällen vorher Kenntnis be- kommen hätten. Wenn es den Herren darmn zu thun rst, für voll- ständige Aufklärung zu sorgen, so würden sie gut thun. uns vorher zu benachrichtigen. Wir_ sind bereit, über alles Rechenschaft abzulegen.(Sehr richttg! rechts.) Ich mutz mich also auf einzelne Fälle beschränken. In dem Buche von Leuß ist ein Fall angeführt, wo ein Kranker durch die falsche Behandlung der Anstaltsärzte zu Tode kuriert worden sein soll. Als Leuß die Strafanstalt verließ, hat er der Staatsanwaltschaft fünf Fälle mitgeteilt, wo nach seinen Beobachtungen eine Behandlung der Gefangenen stattgefunden hat, die zum Tode oder zur Verschlim- nierung ihrer Leiden geführt hat. Die Staatsanwaltschaft hat sofort Ermittelungen angestellt, um ein Strafverfahren herbeizuführen. Es hat sich ergeben, daß vier Fälle überhaupt keinen Anlaß zum Einschreiten boten. Im fünften Falle war die Diagnose des Anstaltsarztes in der That unrichtig, aber diese unrichttge Diagnose hat nach dem Urteil medizinischer Autoritäten auf den Verlauf der Krankheit— es handelte sich um Krebs des Bauchfells— keinen Einfluß. Die wirklich objektive Unterstützung der Staatsanwaltschaft(Lachen bei den Socialdemokraten.) hat hier also ergeben, daß von den wirklichen Thatsachen nicht viel übrig geblieben ist. Was den Höhne anlangt, der im Zuchthause zu Celle gesessen und an Zittern der Hände gelitten hat, so hat die Ver- waltung bis zum letzten Augenblick auf dem Standpunkt gestanden. daß der Mann ein Simulant sei.(Rufe bei den Soc.: Das ist es ja eben!) Der Mann kam in die Freiheit zurück und wurde dann wegen Meineids zu vier Jahren Zuchthaus ver u r teilt. Er betrat wieder das Zuchthaus, und nun war das Zittern der Hände vollständig verschwundenl(Hört! hört!) Dieser Fall beweist, wie nötig es ist, streng und vorsichtig gegen Simulanten zu sein.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Der dritte Fall, den der Vorredner erwähnte, ist der Fall Preiver aus der Strafanstalt Lichten- bürg bei Torgau. Dieser Mann ist von den Zeittmgen als sehr sympathische Figur hingestellt und als ein Märtyrer behandelt worden. Es heißt, er sei verurteilt worden, weil er ein 30jähriges Mädchen un- sittlich berührt habe. Thatsächlich aber ist der Mann zu l'/z Jahren Zuchthaus wegen Meineids verurteilt gewesen und hat dann wegen un- züchtiger Handlungen anKindern(Hört! hört! rechts) ein Jahr Zuchthaus erhalten. Dann ist er von neuem wegen unzüchttger Handlungen an Kindern zu einem Jahre Zuchthaus verurteilt worden.(Hört! hört! rechts.) Sie sollten sich doch wirklich unschuldigere Leute aussuchen.(Große Unruhe und Zurufe bei den Social- demokratcn: Es kommt auf die Behandlung an!) Die Strafliste zeigt doch, daß der Mann streng behandelt werden niußte. Er hat wiederholt Dunkelarrest bekommen. Das ist in der That eine sehr schwere Strafe. Aber die Form, in der damals Dunkelarrest verhängt worden ist, ist jetzt beseitigt. So häufig wie damals darf der Dunkelarrest jetzt nicht mehr verhängt werden. Eine derartige Häufung von Dunkelarreststrafen darf j e tz t nicht mehr vorkommen. Für die Vergangenheit können Sic uns doch nicht verantwortlich machen. Der Vorredner hätte besser gethan, sich mit uns in Verbindung zu setzen, wir hätten ihm gern das Material zugänglich gemacht, damit er die Fälle nach allen Seiten hin richtig beurteilen könnte. Dann wäre der Vorredner auch zu andern Schlüssen gekommen, als er sie gezogen hat. Er hat eine Reihe von Vorwürfen gegen die Strafanstalt Plötzensee, die eine der hervorragendsten Anstalten der preußischen Verwaltung ist, gerichtet. Die Vorgänge in Plötzensee sind in der Presse gefärbt mit- geteilt worden. Ich muß anerkennen, daß der Vorredner objektiv geblieben ist, und sich damit sehr von der Art unterschieden hat, wie in seinen Parteiblättern die Dinge besprochen worden sind. Die Fälle sind durch die Mitteilungen eines Gefangenen bekannt geworden, dem es durch das besondere Wohllvollen der Gesängnis- direktion möglich gewesen ist, seine Arbeiten nicht in der Zelle, sondern im Bureau der Anstatt auszuführen. Dieses Wohlwollen hat der Mann damit vergolten, daß er heimlich Akten abgeschrieben hat, die er jetzt gegen die Anstalt verwendet.(Hört! hört!) Ich erzähle das nicht, um die Mitteilung des Mannes zu diskreditieren. Wir werden jeder Mitteilung, von wem sie auch komme, nachgehe», um die Ordnung in den Gefängnissen aufrechtzuerhalten. Aber für die Bcurleilung der Wahrheit in den Angaben dieses Mannes sind diese Vorgänge doch nicht ohne Bedemung. Aus einer unlauteren Quelle kann kein reines Wasser kommen.(Lebhafte Zustimmung. Ruf bei den Socialdemokraten: Unlautere Quelle?) Unlauter allerdings, denn die Akten sind heimlich abgeschrieben. Wege» der Veröffentlichung dieser Mitteilungen ist übrigens gegen eine Anzahl Blätter Strafantrag gestellt worden. (Rufe bei den Socialdemokraten: So macht man's ja immer!) Anklagen sind erhoben gegen die„Zeit am Montag", den „Vorwärts", das„Volksblatt für Hessen", die„Märkische Votts- stimme", den„Hannoverschen Volkswillen", das Hallesche „Volksblatt" und die Magdeburger„Volksstimme". Inzwischen werden noch einige andre Blätter hinzugekommen sein.(Lachen bei den Socialdemokraten.) Es ist uns darum zu thun, den Blättern ausgiebig Gelegenheit zu geben, die Richtigkeit ihrer Angaben unter Wahrheitsbeweis zu stellen.(Rufe bei den Socialdemokraten: Der wird ja abgeschnitten und wegen formaler Beleidigung verurteilt!) Sollten die Verhandlungen ergeben, daß alle Mitteilungen richtig sind, so wird ja die Verwaltung die notwendigen Folgen zu ziehen wissen. Vorläufig sind wir der Ansicht, daß es sich um durchaus tendenziöse Darstellungen handelt, die in unverantwortlicher Weise die Verwalttmg und ihre Leitung herabgesetzt haben. Wir haben uns aber nicht bloß auf diese Anklagen beschränkt, sondern haben auch die Verwaltung von Plötzensee einer eingehenden administrativen Prüfung unterzogen. Auf Anordnung des Justiz-> Ministers hat ein hervorragender medizinischer Sachverständiger eine ganz unerwartete Revision unternommen. Unter andrem hat auch der Vorredner seinem Emsetzen über das ekelerregende Wasser in Plötzen- see Ausdruck gegeben. Es ist nun festgestellt worden, daß das Wasser des Gefängnisses auch von Beamten und ihren Familien getrunken wird, und daß es von diesen noch niemals beanstandet worden ist. Krankheiten sind durch den Genuß deZ Wassers noch niemals entstanden, trotzdem ist das Wasser einer Untersuchung im hygienischen Institute der hiesigen Universität unterworfen worden und diese hat ergeben, daß es vollständig einwandsfrei ist.(Hört I hört I) Auch die Lazaretteinrichtungen und die Krankenbehandlung sind, von einen,- Monitum abgesehen, gut. Dieses Monitum geht dahin, daß die Aerzte das Journal über die Kranken nicht so ausführlich führen, als es erwünscht erscheint. Von einer Seite, deren Autorität und deren Unbefangen- heit niemand zu bestreiten wagen wird, sind die Einrichtungen in Plötzensee also als gut befunden worden. Ich glaube, das genügt, um jedem Unbefangenen klar zu machen, wie überttiebcn die Mit- teilungen waren, wonach die Oeffentlichkeit beunruhigt worden ist. Den meisten von den Herren im Hause hier wird es schwer fallen, sich ein richtiges Bild von den Dingen zu machen, weil sie die Ein- richtungen in den Sttafanstalten nicht kannten. Um Ihnen ein Urteil zu ermöglichen, hat mich der Justtzminister ermächtigt, den Herren mitzuteilen, daß es ihm ein Vergnügen sein würde, Ihnen Zutritt zu den Gefängnissen zu gewähren.(Große Heiterkeit.) Nun noch ein Wort zur Resolutton. Es liegt keine Bcranlassung vor, uns eine Resolution zu bringen, die einen so schweren Vorwurf gegen uns enthält. Für die Kranken und Irren ist ausreichend gesorgt. Der Nr. 2 der Resolution liegt eine Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse zu Grunde, wie ein Blick in die Dienstordnung beweist.(Hört! hört! rechts.) Was die gewünschte Statistik betrifft, so ist sie in den, dicken Buche ent- halten, das die preußischen Strafanstaltsverwaltungen jährlich ver- öffentlichen. Es geschieht jetzt schon mehr, als die Resolution verlangt. Das Druckwerk noch weiter zu ver- mehren, liegt kein Anlaß vor. Auch in diesem Punkte kann ich dem Hause die Annahme der Resolutton nicht emp fehlen. Die Einrichtungen in den deutschen Strafanstalten find mindestens so gut wie in andren Kulturstaaten. Die Strafgefangenen werden bei uns gerecht und barmherzig behandelt. Einzelne Fälle mißbräuchlicher Anwendung der Vorschriften kommen überall vor. Abg. Dr. Spahn(C.): Wir haben keinen Anlaß, näher auf die Resolution ein- zugehen. Der Redner hätte weniger auf das Buch von Leuß Bezug nehmen sollen, das für uns nicht maßgebend ist. Leuß schreibt merkwürdige Dinge zum Beispiel. Der Mensch ist nicht fähig Richter und nicht fähig Zeuge zu sein. Das genügt. Das ganze Haus verwirft Mißbräuche, aber diese kommen überall vor. Der jetzige Leiter der Strafanstalten kann mit Stolz auf sein Lebenswerk Hinblicken. Einzelne Aerzte haben sich geirrt. Gewiß. Das geschieht auch im bürgerlichen Leben. Daß man sich an Simulanten vergreift, läßt sich kaum ab- ändern. Ueber die Verhängung von Disciplinarfttafen bestehen strenge Vorschriften, Anhören des Arztes, Genehmigung der Aufsichts- behörde usw. Erst wenn wir ein Reichsgesetz über den Strafvollzug haben, können wir uns mit solchen Dingen beschästigen. Bis dahin gehört das in den Landtag. Auch die Ueberansttengung der Unter- beamten bestreite ich.(Lebhafte Zustimmung im Centrum.) Abg. Dr. Mugdan(fts. Vp.): Die beantragte Resolution zeigt eine kolossale Unwissenheit; denn die Verordnungen, die darin gefordert werden, bestehen längst. Aber die Fälle zeigen auch, daß Sie mif alles hineinfalle». Auf die Angaben eines entlassenen Gefangenen hin werden„Fälle" um„Fälle" ohne jede Prüfung durch die Presse geschleppt. Dann hat Herr Dr. Grad, lauer den Mut, von dieser Stelle au§ zu sagen, er mache den. Einzelnen keinen Vorwurf. Meine Herren I Was meinen Kollegen Baer und Pfleger in den socialdemokratischen Zeitungen zugefügt worden ist, ist eine Ehrabschneidung gemeinster Sorte. (Große, lang anhaltende Unruhe b. d. Soc.) Die Wahrheit in den meisten Fällen wird ja die gerichttftbe Untersuchung ergeben. Ich kann Herrn Dr.Gradnauer vorläufig versichern, daß alle seine Fälle ans Plötzensee vollkommen unwahr sind.(Große Unruhe b.d.Sociald.) Ein Gefangener hat Aktenstücke entwendet (Große Unruhe und Zuruf bei den Socialdemokraten: Ehrabschneider ge- mcinster Sorte!), die gänzlich unvoll st ändig sind und die zu verwenden ich überhaupt für unanständig halte.(Große Unruhe und laute Zwischenrufe bei den Socialdemokraten.) Seien Sie doch still, ich überschreie Sie ja doch! Ich wiederhole es: Ihre Moral ist sehr tief gesunken, daß sie solche entwendeten Briefe und Aktenstücke verwerten.(Anhaltende Unruhe bei den Social- demottaten.) Sie werden Ihr blaues Wunder erleben, wenn Ihnen bei Gericht die vollständigen Akten vorgelegt werden.(Lachen bei den Socialdemokraten.) Hier will ich nur auf den Fall Grosse ein- gehen. Geheimrat Baer hat im„Archiv für Kriminalanthropologie" erschöpfend nachgewiesen, daß Grosse simuliert und alle seine Pläne vorher verrät. Aber was kümmert Sie, daß Sie sich schon seit einem Jahre über die Sache hätten unterrichten können. Für Sie ist der Fall nur dazu da.um wiederReklame fürdieSocialdemokratie zu machen.(Große Unruhe und laute Zurufe bei den Socialdemokraten.) Sie sind wieder reingefallen, wie bei sehr vielen andern Dingen.(Zuruf des Abg. Stadthagen.) Ja, Herr Stadthagen, Sie haben ja leider oft das Glück gehabt, in Plötzensee zu sitzen.(Lebhafter, langanhaltender Beifall rechts, in der Mitte und bei den Freisinnigen.) Abg. Dr. Lucas(natl.): Die Bekämpfung von Mißständen be- grüßen wir alle mit Freude, aber die Uebel liegen hier auf dem Gebiete des materiellen Strafrechts. Verordnungen und Verfügungen helfen hier nichts, wir haben schon zu viel. Man wird immer mit diesen bedauerlichen, sehr bedauerlichen Zufällen zu rechnen haben: derartiges kommt auch in jedem Krankenhaus einmal vor. Rechts- garantien können hier nicht geschaffen werden, eine Statistik nützte uns nichts: wir müßten auf jeden einzelnen Fall eingehen. Wir können daher der Resolution nicht zustimmen.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Werner(Antts.): Ich glaube nicht, daß wir der Einladung des Staatssekretärs folgend die Gefängniseinrichtungen selbst kennen lernen können. Dazu gehört längere Zeit.(Große Heiterkeit.) Die Resolution der Socialdemokraten scheint mir unannehmbar, weil sie undurchführbar ist; die neuen Bestimmungen genügen hier durch- aus.(Bravo I) Abg. Thiele(Soc.): Daß unsre Resolutton solchen Sturm der Entrüstung entfesseln würde, hätte ich nicht gedacht. Der Staatssekretär verwies auf die neu erlassene Verfügung; aber wir wissen, daß die Mißstände nicht auf dem bösei, Willen der Beamten beruhen, sondern auf Verhältnissen, die durch keine Verordnung geändert werde». Besonders gewundert hat mich die Verve, mit der Herr Dr. Mugdan gegen uns auftrat. Er wagte uns hetzerische Absichten unterzuschieben. Was würde er sagen, wenn ich ihm erklärte, daß er sich durch seine Rcichstagsrcden nur de» Konservativen und Nationallibcralen seines Wahlkreises in empfehlende Erinnerung bringen will. (Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Ihm, wie dem Staatssekretär muß ich immer nur das eine entgegenhalten, daß alle diese Mißstände nach dem Wortlaute der Akten hier dargestellt worden sind. Von unserm„Reinfall" kann also keine Rede sein.— Wir kennen als Redakteure socialdemokratischer Blätter ja alle aus kürzerer oder längerer Bekanntschaft, ich aus längerer, solche Dinge. (Heiterkeit.) Ich könnte Ihnen aus eigner Erfahrung Fälle erzählen, in denen ganz ruhige Gefangene wegen eines plötzlichen offenbar krank- haften Tobsuchtsanfalles zu langen Arreststrafen verurteilt worden sind. Ich bin fest überzeugt, eine künsttge Zeit wird dieses ganze barbarische System der langfristtgen Freiheitsstrafen verwerfen.— Redner geht dann in längeren Ausführungen auf zwei Streitfragen ein, die er schon in zweiter Lesung gegenüber dem Staatssekretär verfochten hat. Es handelt sich um die Forderung einer Stattstik aller ausgesprochenen Gefängnis- und Zuchthausstrafen sowie um den Fall der zwangs- weisen Vorführung des Redners vor ein Gericht in Halle trotz seiner Immunität als Abgeordneter. Abg. Fröhlich(Antts.): Die Aufdeckung von wirklichen Miß- ständen halten wir alle für wünschenswert; was an diesen heutigen Anschuldigungen wahr ist, wird ja die Untersuchung ergeben. Herr Dr. Gradnauer hätte deswegen nicht wieder dem Christentum etwas anzuhängen brauchen. Jedenfalls mutz im Zuchthause auch Strenge herrschen, es ist kein Vergnügungsort.(Lachen links.)— Redner be- handelt dann die zahlreichen Verschleppungen im Fall Gehlsen. Abg. Burlage(C.) widerruft eine Bemerkung aus der zweiten Lesung, in der er Einnahmen und Ausgaben des Zuchthauses Ludwigs- bürg falsch angegeben habe. Abg. Dr. Gradnauer(Soc.): Ich bedauere außerordentlich, daß die Debatte diesen Gang ge- nommen hat. vor allem um der Sache selbst willen. Aufsehen zu erregen, ist unser Recht und unsere Pflicht, ivenn die Uebelstände, die wir geschildert haben, nur wahr sind. Ich fürchte, daß diese Debatte der Reform des Strafvollzuges nichts genützt hat. Daß Höhne in einem späteren Gefängnis kein Händezittern gehabt hat, kann ja sein, aber der Anstaltsarzt in Brandenburg hat es doch bescheinigt. Ich bemerke dem Herrn Staatssekretär, daß ich keine der Personen, von denen ich sprach, für unschuldig erklärt habe, der Sinn meines Vortrages war, gerade auch für diese Gerechtigkeit zu verlangen.— Die Behauptung, daß wir die Nachrichten aus unlauteren Quellen haben, weise ich entschieden zurück. Mit Herrn Dr. Mugdan werde ich mich überhaupt noch näher beschäftigen.(Heiterkeit.) Vorläufig sage ich ihm nur, daß seine Aus- drücke„entwenden" usw. auf vollkommener Unkenntnis und Un- wisscnyeit beruhen.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Woher das Material kommt, darauf können wir keine Rücksicht nehmen. Wenn es sich um wichtige öffentliche Angelegenheiten handelt, können wir jedenfalls die Dinge nicht im Verborgenen lassen. Die Zeitungen haben kein Unrecht gethan, sondern sich ein Verdienst erworben, als sie diese Mißstände zur Sprache brachten. Dem Staatssekretär erwidere ich. daß die Dienstvorschriften mir genau bekannt sind. Gerade danach kann eine Disciplinnrstrafe vom Borsteher verhängt werden, und diese Machtbefugnis bekämpfen wir. Um die neueste» Fälle ist der Staatssekretär überhaupt herum- gegangen. Wenn er mir rät, in den Pfingsttagen die Gefängnis- ordnung zu studieren, so mag er sich die Gefängnisse gründlich an- sehen und sich einmal über Pfingsten einsperren lassen.(Heiterkeit.) Wir kennen die Gefängnisse besser als die Abgeordneten aller andren Parteien.(Heiterkeit.) Kennten Sie sie ebenso, würden Sie mit und nicht gegen uns gehen.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Die Fälle, die ich angeftihrt habe, haben wochenlang vorher in den Zeitungen gestanden. Die Regierung hat nicht richtig gestellt, was ihre Pflicht als loyale Verwaltung und politisch anständige Regierung gewesen wäre.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Jetzt droht sie mit dem Strafantrage. Wir wissen, die Aktenstücke kann man nicht aus der Welt schaffen, aber es giebt ja„och eine formale Beleidigung, hinter die man sich ver- kriechen kann. Das ist ein geradezu unwürdiges Gebahren seitens der höchsten Stellen. Präsident Graf Ballestrem: Ich hoffe, daß Sie damit nicht die Reichsregierung gemeint haben, sonst müßte ich einschreiten. Abg. Dr. Gradnauer(fortfahrend): Dem Staatssekretär ist in dem einzigen Falle, dm er aus- führlich dargestellt hat, ein grobes Versehen unterlaufen. Er sprach davon, daß in vier der fünf von Leuß angezeigten Fälle der Staatsanwalt keinen Grund zum Einschreiten gehabt habe, aber doch nur. weil die Körperverletzung verjährt war.(Hört I hört l bei den Socialdemokraten.) In dem andern Falle hat der Staats- auwalt ein Verschulden des Arztes ausdrücklich anerkannt. Herr Spahn hat den Strafvollzug eifriger verteidigt wie ein preußischer Justizminister. Er befindet sich in dianretralem Gegensatz zu der ihm parteigenössischen„Kölnischen Volkszeitung" und hätte die Frage doch etwas ernster und sachlicher behandeln können. Daß der Straf- Vollzug zur Zuständigkeit des Reichstages gehört, bezweifle ich nicht im mindesten. Die Schaffung einheitlicher Bestimmungen ohne ihn wäre eine einfache Umgehung des Reichsrechts.(Sehr richtig! b. d. Soc� Die Arbeitszeit ist in Plötzensee durchweg elfstündig und auch sonst vielfach nicht niedriger. Und Sie, Herr Dr. Mugda»(Lachen bei den Freisinnigen), was ist das für eine Art Liberalismus, die Sie heute wieder geoffenbart haben? Sie müssen sich ja vor der reaktionären narionalliberalen Partei schämen! Sie haben mit großen Worten um sich geworfen, uns Effekthascherei vorgeworfen; was würden Sie sagen, wenn ich Ihre Motive als Strebern bezeichnete? (Sehr gut I bei den Socialdemokraten, große Unruhe bei den Freisinnigen.) Ich denke gar nicht daran, das zu thun, aber es ist sehr bedauerlich, daß ein Mann, der sich der liberalen Partei zurechnet, solche Unterstellungen macht. Zur Sache hat Dr. Mugdan nichts gesagt. Er ist auf keinen Fall sachlich eingegangen, sondern nur mit möglichst plumpen und groben Worten gegen die Socialdemokratie zu Felde gezogen.' Soweit ich in Betracht komme, muß ich aufs entschiedenste den Vor- Ivurf zurückweisen, Herrn Dr. Baer verdächtigt oder auch nur an- gegriffen zu haben. Das hat der Staatssekretär auch anerkannt, der überhaupt viel ruhiger und sachlicher gesprochen hat als der freisinnige Volksmann Dr. Mugdan. Ich gestehe ihm offen zu, daß ich den Aufsatz von Dr. Baer nicht kannte. Aber Herr Dr. Baer selbst hat am 20. Juni 1903 geschrieben: Grosse ist geistig nicht gesund. (Hört! hört! bei den Socialdemokraten.)— Die Simulation ist ja ein sehr schwieriges Kapitel; ich glaube, sie ist lange nicht so häufig, wie man denkt. Wirklich Geisteskräfte simulieren sehr oft. Auf die Autorität eines einzelnen Arztes kann man da nichts geben. Grosse hat jedenfalls 1902/03 die verrücktesten Briefe an den Kaiser, den Reichstag usio. geschrieben; beim Prinzen Aren- berg hat man jedenfalls alles gethan, um die Geistes- siörung festzustellen.(Sehr wahr! bei den Socialdemokraten.) Nur noch wenige Worte über die Resolution. Meine gesamten Aus- führungen haben ihre Notwendigkeit bewiesen. Die Statistik, auf die auch Herr Dr. Nieberding verwies, ist mir bekannt. Aber sie genügt uns nicht. Wir verlangen mehr, wir wollen kommentierte Zahlen, akteumäßige Darstellung über den Anlaß der schweren Disciplinarstrafen. Nicht jede kleine Disciplinarstrafe will ich auf den Instanzenweg verwiesen haben, wohl aber die schwereren, die nicht der einzelne Vorsteher, sondern nur ein richterliches Kollegium verhängen dürfte. Ich bedauere die ablehnende Haltung der Parteien zu unsrer Resolution. Sie ver- anlaßt uns aber nicht, auch nur das geringste zurückzunehmen. (Lebhaste Zustimmung bei den Socialdemokraten.) Wir haben nur unsre Pflicht gethan. Wenn Sie die Resolution ablehnen, dann fällt auf Sic die Verantwortung, daß nichts geschieht.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Sie nehmen das leicht, wie sie alle Miß- stände leicht nehmen. Wir aber nehmen sie nicht leicht, und wenn rvir Ihren Beifall nicht haben, die deutsche Ocffentlichkeit wird uns Beifall spenden.(Lebhafter Beifall bei den Socialdemokraten.) Staatssekretär Dr. Nieberding: Der Vorredner hat behauptet, meine Darstellung der fünf von Leuß erwähnten Fälle und ihres Verlaufs sei unrichtig. Die Staatsanwaltschast habe die Strafver- folgung abgelehnt, weil in'svier Fällen Verjährung eingetreten sei. Wäre das richtig, dann würde auf dem Arzte der ehrenrührige Ver- dacht liegen bleiben, daß er ärztliche Fehler begangen habe. In Wirklichkeit ist aber die Darstellung des Vorredners unrichtig und unvollständig. Mir liegt eine Erklärung der Staatsanwaltschaft vor, iusder es heißt:„Die übrigen vier Fälle liegen vor 1894 und sind verjährt, hätten aber auch sonst keinen Anlaß zu strafrechtlichem Einschreiten ge- boten." Abg. Stadthagen(Soc.): Wenn unste Presse in manchen Fällen verurteilt worden ist, so will das wenig besagen. Denn das Reichsgericht z. B. hat zugegeben, daß Richter sich geirrt haben können und daß trotzdem das Reichs- gortcht das Urteil nicht habe korrigieren können. Die von uns erwähnten Fälle beruhen vollständig auf Wahrheit. Der Fall meines Parteigenossen Levy ist außerordentlich erschwerend. Das haben Sie nicht wegdeuteln können. Dem Abgeordneten Dr. Spahn erwidere ich, daß z. B. Plötzensee dem Minister des Innern nicht untersteht und die neuen Vorschriften dafür nicht gelten. Die 10— 11 stündige Arbeitszeit trifft in Plötzensce nicht zu, sonder» die 13— 14s.ü»dige! Dabei ist der Gefängnisdienst sehr aufreibend. Die Instruktion mag ja anders bestimnien, aber sie wird nicht inne gehalten. Dem Abg. Dr. Mugdan erwidere ich. daß wir gegen den Sanitätsrat Baer gar nicht voreingenommen sind, sondern wir haben ihn früher öffentlich lobend erwähnt. zum Beispiel wegen seiner Bekämpfung des Alkohols. Wir haben auch heute den Dr. Baer nicht angegriffen, sondern .wir haben nur darauf hingewiesen, daß man seine Anforderungen nicht befolgt hat. Dr. Mugdan fragt, woher wir die Kenntnis der Akten hätten. Das ist doch gleichgültig. Mugdan sagt zwar, es wäre alles falsch.(Abg. Mugdan nickt.) Ja. Sie nicken mit dem Kopfe.(Jemand ruft: Pfui!) Gewiß ein dreifaches Pfui verdienten wir, wenn wir, nur um Sensation zu erregen, die erwähnten Fälle vorgebracht hätten. Es wäre genau so, wie wenn Dr. Mugdan, um ein Mandat zu erlangen, seine Religion wechselte.(Allgemeine Heiterkeit.) Daß unsre Aktenstücke richtig sind, ist zugegeben; dann ist es aber gleichgültig» woher wir unsre Kenntnis genommen haben. Dr. Spahn erwidere ich, daß allerdings schon jetzt der Strafvollzug zur Kompetenz des Reichstags gehört. 8 3 der Grundlinien des Strafrechts giebt uns dazu das Recht. Dr. Spahn selbst hat früher erklärt, jeder einzelne Rechtsfall im Deutschen Reiche gehöre zur Kompetenz des Reichstags; ebenso ist es mit dem Strafvollzug. Wir haben das Recht, zu verlangen, daß sobald als möglich der Strafvollzug ge- regelt wird. Im Interesse des geringen Vertrauens, das vielleicht noch die Rechtspflege in Deutschland besitzt, bitte ich Sie, unsrer Resolution zuzustimmen.(Lebhafter Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Mugdan(stf. Vp.): Wir find deshalb gegen die Resolution, weil wir heute nicht noch einmal f e st l e g e n wollen, daß Mängel im Strafvollzuge gestehen. Es ist unwiderlegt, daß die Aktenstücke von dem Herrn entwendet sind.(Zuruf bei den Socialdemokraten: Nur abgeschrieben!) Es ist doch kein Unterschied, ob ich ein Aktenstück ganz entwende, oder ob ich ein Aktenstück nur für einen Augenblick entwende, um es ab- zuschreiben. Um den Reinfall der Herren Socialdemokraten in der heutigen Sitzung zu vervollständigen, möchte ich noch darauf hin- weisen, daß die Herren den großen Fehler gemacht haben, nicht alle Aktenstücke zu veröffentlichen, sondern nur einen Teil. Ich kann zum Beispiel einen Brief des Herrn Grosse verlesen, woraus hervor- geht, daß er simuliert.(Zuruf bei den Socialdemokraten: Borlesen!) Bei den Gerichtsverhandlungen kann ja der Brief verlesen werden. Eine Presse muß priifen, ob die Angaben, die sie veröffentlicht, auch richtig sind.(Sehr richtig I bei den Freisinnigen.) Namentlich wenn jemand auf unrichtige Weise in den Besitz gekommen ist. Der Staatssekretär hat erklärt, daß Strafantrag gegen die betreffenden Zeitungen gestellt worden ist. Ich weiß nicht, ob das mitzuteilen politisch richtig war. Denn man darf jetzt auf die Sache nicht weiter eingehen. Bei dem Ohrenkranken, von dem heute die Rede war, hat sich ganz genau herausgestellt, daß Sie(zu den Social- demokraten) im Unrecht find. Ich habe das aus den Akten ersehen.(Zuruf bei den Socialdemokraten: Woher haben Sieden n das Material?) Ich habe es aus denjenigen Ouellen, die die allersichersten sind. Ihre Presse hat anständige Leute verleumdet ohne Unterlage(Sehr richtig! rechts und bei den Freisinnigen.). Das halte ich für die größte Gemeinheit! Das be- kenne ich als Liberaler und weil ich für die Freiheit der Presse kämpfe. Aber die Vorbedingung ist, daß die Presse die Freiheit nicht mißbraucht.(Lebhafte Rufe: Sehr richtig I Stürmische Unterbrechungen bei den Socialdemokraten und Rufe: DaS sagt jeder Reaktionär!) Es ist ein Mißbrauch, wenn Ihre Presse für und fiir ehrenrührige Angriffe heut gegen ein Mitglied dieses Hauses, morgen gegen ein Bundesratsmitglied und über- morgen gegen einen Arzt richtet. Ich muß befürchten, daß die Freiheit der Presse schließlich Schiffbruch erleiden muß, wenn es so weiter geht, und weil ich diese Gefahr sehe, deshalb bekämpfe ich sie als liberaler Man».(Bravo!> Herr Dr. Gradnauer hat zugegeben, »daß er im Falle Grosse unrecht gehabt hat.(Lebhafter .Widerspruch bei den Socialdemokraten.) Kein Mensch hat hier behauptet, daß dieses Aktenmaterial unrichtig ist, wohl aber, daß viele Aktenstücke fehlen und zwar gerade solche, die das veröffentlichte Aktenmaterial als unbrauchbar erkennen lassen. Die Niederlage der Socialdemokraten wegen der Ver- leumdungen, die in ihrer Presse gestanden haben, muß vollständig sein.(Lebhafte Zustimmung.) Wenn sich einige bürgerliche Blätter zuerst günstiger zu diesen Veröffentlichungen gestellt haben, so ist mir das sehr begreiflich. Als ich die Fälle las, mußte auch ich mir sagen: hier liegen ja außerordentliche Mißstände vor. Aber ich war vorsichtig genug, mich erst zu überzeugen, ob die Angaben richtig waren. Die bürgerliche Presse aber hat der socialdcmokratischen Presse ohne weiteres geglaubt. Das ist ein großer Fehler.(Sehr richtig! rechts.) Ich halte es ja auch für n o t w e n'd i g, daß einige Mißstände auch bei uns beseitigt werden: die übermäßige Belastung der Unter- beamten und der Mangel an ärztlichem Personal. Aber der große Lärm der socialdcmokratischen Presse, die so thut, als bc- stünde in unsren Gefängnissen eine geradezu mittelalterliche Barbarei, ist unbegründet.(Sehr richtig!) Was wollen selbst einzelne Fälle besagen, wenn wir hören, daß 23 000 Strafgefangene jährlich vorhanden sind. Ich würde noch lveit mehr mit Wasser aus dem Dresdener Jungbrunnen begossen werden, wenn ich ans der Thatsache, daß täglich Arbeiter wegen Unzucht und wegen Diebstahls verurteilt werden, die Folgerung ziehen würde, daß die Arbeiterklasse Unzucht und Diebstahl begeht. Das würde mit Recht als blödsinnig bezeichnet werden. Die Socialdemokraten aber sagen immer: dieser Fall ist typisch für die bürgerliche Gesellschaft. Ihre Kritik geht nicht darauf aus, Mißstände abzuschaffen, sonder» nur für Agitationsstoff zu sorgen, und dadurch tragen Sie am meisten zu den socialen Schäden der Gesellschaft bei.(Gelächter bei den Socialdemokraten. Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Gradnauer(Soc.): Herr Mugdan hat eben erklärt, daß die Motive, die uns bei einer Aktion leiteten, ausschließlich darin beständen, Aufsehen, Unruhe und Verwirrung hervorzurufen. Einige Minuten vorher aber hat er selber sich bequemt, zu erklären, daß ja Mißstände im Gcfängniswcsen vor- handen seien. Freilich ans ihre Abstellung hat er nicht ernsthaft gedrungen. Wenn wir Unrecht hatten, so war es Pflicht der betreffenden Stellen, uns so gut zu informieren, wie sie Dr. Mugdan informiert haben. (Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Denn sonst sind sie daran schuld, daß nicht nur wir, sondern auch die„Kölnische Volkszeitung". um im Jargan des Herrn Dr. Mugdan zu reden, hereingefallen ist; aber gegen die Regiernng wagt Herr Dr. Mugdan natürlich nichts z» sagen.(Heiterkeit und Bravo! bei den Socialdemokraten.) Es ist eine vollkommene Verschiebung der Verhältnisse, ein trauriges Manöver, statt Mißstände zu bekämpfen, zu fragen, wer sie an die Ocffentlichkeit gebracht hat. Aber Herrn Dr. Mugdans Darstellung ist noch obendrein unrichtig. Der Gefangene, der als Schreiber be- schäftigt war, hat pflichtgemäß die Akten unter sich gehabt und jeden- falls nichts kriminell Strafbares gethan. Jedenfalls hat er das Ver- dienst, daß die Sache in die Ocffentlichkeit gekommen ist. Wir haben den Mann erst aufgesucht, als seine Mitteilungen in einer nicht socialdemokratischen Zeitung unwidersprochen blieben. Wir freuen uns, lvenn das Bürgertum gute und rechte Vertreter und wir ehr- liche Gegner haben, aber wegen solcher liberalen Leute wie Dr. Mugdan bedauern wir das Bürgertum.(Lebhafter Beifall bei den Social- demokraten.) Präsident Graf Ballestrem: Das Wort wird nicht weiter verlangt. Abg. Stadthagen(Soc.): Doch!(Große anhaltende Unruhe rechts.) Ich muß doch bei der Kampfesweise des Abg. Dr. Mugdan seine Behauptungen richtig stellen; sonst sagt er wieder, wir hätten ihm alles zugeben müssen. Ich konstatiere, daß ich nie zugegeben habe, daß etwas entwendet worden ist.(Lachen rechts.) Meine Herren I Wenn Sie durch Lachen etwas beweisen könnten, könnte es auch der Abg. Mugdan.(Stür- mische Heiterkeit bei den Socialdemokraten.) Dr. Mugdan hat jetzt zugegeben, daß das, was in den Akten steht, wahr ist. Er hat das vorher als größte Gemeinheit der socialdemokratischen Presse bezeichnet. Der Vorwurf fällt jetzt auf ihn, der ihn erhoben hat, zurück. Präsident Graf Ballestrem(unterbrechend): Ich rufe Sie zur Ordnung, weil Sie einem Abgeordneten Gemeinheit vorgeworfen haben. Abg. Stadthagen(fortfahrend): Deutlicher— milder konnte die Kampfcsweise des Herrn Mugdan nicht charakterisiert werden.(Große Heiterkeit.) Wir erblicken in dem Abschreiben der Schriftstücke nichts Unberechtigtes.(Zuruf des Grafen Oriola.) Ja, Herr Graf, in den Depcschendiebstählen von Ihrer Seite aus de» 5ver Jahren erblicken wir allerdings etwas Unehrenhaftes. (Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Uns kommt es darauf an, daß die Ungeheuerlichkeiten auf dem Gebiet des Strafvollzugs fest- gestellt sind; und wenn eine Flut von Schimpfworten hinter uns heran- rauscht, kann es uns nur recht sein.(Lebhafter Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Mugdan(fts. Vp.): Ich will nur die Vermutung zer- stören, als ob ich das Material direkt oder indirekt von den Ge- fängnisbeamten oder der Gefängnisverwaltung bekommen hätte. (Lebhaste Zurufe bei den Socialdemokraten:Von wem denn?) Bon wem'ich es habe, ist ja gleichgültig.(Stürmische Zurufe bei den Socialdemokraten: Aha!— Abg. Ledebour(Soc.): Auf spiritistischem Wege! Große Heiterkeit.) Ich lasse mir das Recht nicht nehmen, wenn Sie Anklagen erheben, zu prüfen, ob sie wahr sind.(Bravo!> Damit schließt die Diskussion. Die Resolution Auer wird gegen die Stimmen der Socialdemokraten und des Abg. v. Gerlach (frs. Vg.) abgelehnt. Da die Socialdemokraten sehr zahlreich an- wesend sind, ruft die Rechte höhnisch: Mehrheit! Mehrheit I und da- zwischen: Gerlach I Genosse Gerlach I(Große Heiterkeit rechts.) Der Rest des I u st i z- E t a t s wird debattelos bewilligt; des- gleichen die Etats der Verwaltung der Eisenbahnen, der Expedition nach Ostasien. Zum Etat der Zölle und Verbrauchssteuern liegt eine Resolution Dr. Arendt(Rp.) vor betreffend Besteuerung des aus andren Stoffen als aus Rüben hergestellten Zuckers und betreffend Erleichterungen für Inländer, die durch die Ausführung des Süßstoffgesetzes unverschuldet hart betroffen sind. Die Beratung der Resolution wird ausgesetzt und soll am Sonnabend als erster Punkt auf die Tagesordnung gesetzt werden. Der Etat wird im übrigen debattelos bewilligt, ebenso eine Reihe kleinerer Etats. Zum Etatsgesetz liegt ein Antrag Dr. Spahn(C.) bor, der die Erhebung von 17 Millionen Matrikularbeiträgen vorerst für ein Jahr aussetzen will. Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel: Der Antrag ermöglicht in dankenswerter Weise noch in letzter Stunde eine Verständigung zwischen Reichstag und Bundesrat über die Finanzierung des Etats. Die Abgg. Frhr. v. R i ch t h o f e n(k.) und Dr. Sattler(natl.) stimmen dem Antrage zu. Das Haus beschließt nach dem Antrage Dr. Spahn. Der Rest des Etats wird debattelos erledigt und der Etat in der Gesamtabstimmung gegen die Stimmen der Socialdemo- kraten(bei einer Anwesenheit von im ganzen ca. 20 Abgeordneten) angenommen. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Sonnabend 1 Uhr.(Resolution zur Zuckersteuer, Gesetz betreffend Entlastung des Reichsgerichts.) Schluß 8 Uhr._ ßcrlincr Partei-)Zn gel egendeiten. Grünau. Der Wahlverein hält heute abend 9 Uhr an der Grünen Ecke eine Mitglieder- Versammlung ab. Da wichtige Punkte zu erledigen sind, so ist das Erscheinen aller Mit- glieder notwendig. Lichtenberg. Sonntag früh Uhr findet eine� l u g b l a t t- Verbreitung statt. Die Genosse» werden ersucht, pünktlich in den bekannten Bezirkslokalen zu erscheinen.— Dienstag, hält der Wahlverein bei Höflich, Frankfurter Chaussee 120, seine M o n a t S» Versammlung ab, zn der der Reichstags-Abgeordnete Südekum das Referat übernommen hat. Rummelsburg- Boxhagen. Am Sonntag, 16. Mai, morgens 7Vg Uhr, findet eine Flugblattverbreitung statt. Die Ge- nosfen werden ersucht, sich recht zahlreich zur angegebenen Zeit in den bekannten Lokalen einzufinden. Wcißcnsec. Die Flugblattverbreitung am Sonntag früh 7>,'2 Uhr findet von den bekannten fünf Abteilungslokalen aus statt. Rege Beteiligung ist sehr erwünscht. Marieudorf und Umgegend. Sonntag: Agitation stour. Treffpunkt 6V2 Uhr beim Genossen Reichardt, Mariendorf, Chaussee- straße 16; für Nachzügler 6 Uhr 10 Min. Militärbahnhof Marien- felde. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Pankow. Am Sonntag wird ein Flugblatt verbreitet. Treffpunkt früh 7 Uhr bei Clemen, Wollankstr. 122. Nieder-Schönhausen. Flugblattverbreitung Sonntag früh 7'/, Uhr bei Thiele, Eichenstraße. Reinickendorf. Morgen, Sonntag früh 3 Uhr, findet von den bekannten Lokalen aus eine Flugblattverbreitung statt. Nicdcr-Schöneweide. Heute abend Sl/2 Uhr findet bei Franz die regelmäßige Mitgliederversammlung des W a h l v e r e i n s statt. Gäste haben Zutritt. Nowawes. Am nächsten Sonntag findet eine Agitationstour statt. Treffpunkt morgens 7 Uhr bei Gruhl, Priesterstraße. Ranchfangwerder. Am Sonntagnachmittag 4 Uhr findet bei Rutkowskh eine Volksversammlung statt. Reichstags- Abgeordneter Genosse F r. Z u b e i l hat das Referat übernommen. Die Parteigenossen werden ersucht, sich recht rege an der Versamm- lung zu beteiligen._ 6mcbt9-Zeitung. Die Verhandlungen im Pommernbank- Prozeß boten gestern nichts von hervorragender Bedeutung. Die nächste Verhandlung findet am Montag statt. Ein netter Zugfiihrer. Eine grobe sittliche Verfehlung eine? Zugführers der Stadtbahn gegenüber einem weiblichen Fahrgast kam bei einer Anklage wegen wissentlich falscher Anschuldigung zur Sprache, die die 3. Strafkammer des Landgerichts II gestern gegen den Eisenbahnschaffner Otto H a u n a s k i zu verhandeln hatte. Am 3. Juni abends nach 10 Uhr fuhr das Dienstmädchen Emma Mette mit der Stadtbahn vom Bahnhof Friedrichstraße nach Johannisthal. Sie befand sich allein im Abteil und war etwas eingeschlummert. Hinter Treptow wachte sie von einem Geräusch auf und sah, daß der Angeklagte, der als Zugfiihrer fungierte und während der Fahrt das Laufbrett entlang gegangen sein mußte, in ihr Abteil getreten war und ihr gegenüber Platz nahm. Er redete sie mit den Worten an:„Na, Fräulein, nichts zu machen" und als sie ihn zurückwies, zog er die Fenstergardinen zu und berührte das Mädchen in höchst unsittlicher Weife. Als sie ihn energisch abgewehrt hatte, verließ er das Abteil mit den Worten:„Hätte ich gewußt, daß hier nichts zu machen ist, wäre ich gar nicht hereingekommen." Das beleidigte Mädchen erzählte nach ihrer Heimkehr den Vorfall ihrer Schwester und auf deren Veranlassung machte sie im Be- schwerdebuch Anzeige von ihrem Erlebnis. Dann ging das Ver- fahren gegen den Angeklagten an; das Mädchen hielt ihre Be- fchuldigung aufrecht, der Angeklagte aber bestritt alles. Er besann sich dann aber im stillen eines besseren: er ging zu dem Mädchen und bat inständigst um Zurücknahme des Strafantrages. Da er betonte, daß er Familienvater sei und evenwell brotlos werden würde, ließ sich das Mädchen bewegen, die Bitte des An- geklagten zu erfüllen. Für diese wohlwollende Gesinnung erhielt sie von ihm den Ausdruck seines ganz besonderen Dankes. Wie erstaunte sie aber, als sie bald darauf vom Angeklagten wegen Beleidigung verklagt wurde! Obwohl letzterer ganz genau wußte, daß das Mädchen das böse Abenteuer mit ihm wirklich gehabt hatte, machte er ihre Anzeige im Beschwerdebuch zur Grundlage einer Privatbeleidigungsklage! Das Motiv zu diesem Vorgehen war nicht Niederträchtigkeit, sondern S e l b st e r h a I t ungs« trieb. Die Eisenbahndirektion hatte ihm nämlich die Alternative gestellt: entweder seine Schuld zu bekennen, oder aber gegen das Mädchen die Beleidigungsklage anzustrengen, damit auf diese Weise die Wahrheit ermittelt werde. Um seine Existenz zu sichern, hat er dann wirklich die Klage eingereicht, die nun die Anklage wegen wissentlich falscher Anschuldigung im Gefolge gehabt hat. Der Angeklagte entschuldigte sich damit, daß er sich in einer peinlichen Zwangslage befunden habe und die Beleidigungsklage ja schließlich zurückgenommen worden sei.— Staatsanwalt K e s s e l e r gab die Zwangslage des Angeklagten zu, hielt es aber doch für un- erhört, daß dieser, der sich auf das gröblichste gegen die Zengin ver- gangen, sich nicht gescheut habe, das Mädchen mit einer Privatklage zu bedenken. Er beantragte drei Monate Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust.— R.-A. Dr. B a r n a u hielt die Freisprechung aus Rechtsgründen für geboten, da das Mädckien durch die Privatklage gar nicht beschuldigt sei, ihre Angaben„wider besseres Wissen" gemacht zu haben und somit von dem Angeklagten gar nicht der„Begehung einer strafbaren Handlung" bezichtigt worden sei. Eventuell empfehle sich eine niedrigere Strafe, weil zn bedenken sei, daß der Angeklagte durch seine vorgesetzte Behörde in eine solche Zwangslage gebracht worden sei. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu einem Monat Gefängnis. In dem Kuppeleiprozeß, der sich vor einigen Wochen in N ü r n- berg abspielte und von dem auch wir kurze Notiz nahmen, sollte nach Mitteilung einiger Blätter die Tänzerin Miß Jsadora D u n c a n verwickelt gewesen fein. Der Bruder der Künstlerin teilt uns jetzt aus Paris mit, daß Miß Duncan nie an einem Theater in Nürnberg aufgetreten ist, und kündet ferner an, daß gegen die Verbreiter der ehrcnkränkendcn Meldung gerichtlich vorgegangen werden soll. Wie es heißt, ist eine leichtlebige Variötökünftlerin irrtümlich mit Miß Duncan verwechselt worden. Vermifcbtes. Grubenunfällc. Das„Eislebener Tageblatt" meldet: Auf dem Klotildeschacht setzte Mittwoch abends 8>/� Uhr ein Förderkorb, worin sich 16 Bergarbeiter befanden, zu hart auf. Infolgedessen er- litten von den Insassen 10 Mann durch Beinbrüche schwere Verletzungen, während die fünf übrigen Arbeiter nur leichte Verletzungen davontrugen.— In einer Grube der Kohlen- und Eisengesellschaft zu Lerrin, Illinois, sind Mittwoch, als 325 Mann darin thättg waren. 60 Faß Pulver explodiert. Sechs Tote wurden heraufbefördcrt; 80 Mann sind verletzt; die andren sind, wie man befürchtet, unter den Trümmern begraben. In Alexandrien sind mehrere Pe st fälle vorgekommen, es ist daher in Konstantinopel eine 48 stündige Beobachtung der Herkünfte von dort angeordnet worden. In Bagdad ist die Cholera seit 33 Tagen erloschen, daher sind die Ouarantänemaßregeln auf- gehoben worden. Die Postverwaltung der Vereinigten Staaten hat Welt- aus st ellungs-Po st marken herstellen lassen. Die grüne Centmarke zeigt das Bildnis Robert R. Livingstones, der als amerikanischer Gesandter die Unterhandlungen mit Frankreich pflog, die zum Ankauf des Louisiana- Gebiets führten. Auf der roten Zwei- Cents- Marke erblickt man das Bild Thomas Jeffersons, während die Drei-Cents-Marke das Bild James Monroes und die Fünf-Cents-Marke das Bild William McKinleys zeigt. Explosion eines Luftballons. Als gestern nachmittag ein Lust- ballon in der Nähe der Place de la Bastille zu Paris niederging, durchstießen Vorübergehende den Ballon, um einen Luftschiffer zu befreien. Infolge des unvorsichtigen Vorgehens explodierte der Ballon und das Feuer ergriff ein benachbartes Haus. Bei der Explosion wurden 19 Personen verletzt. Mehrere von ihnen mußten ins Krankenhaus übergeführt werden. In unserem Verlage erscheinen unter dem zusammenfassenden Titel Kulturbilder wichtige Wschnitte auS der Kulturgeschichte, die allgemeinverständlich dargestellt und reich illustriert werden. Das Unternehmen beginnt mit der Darstellung der Rcligionskämpfe des IS. und 17. Jahrhunderts unter dem Titel: Aiiervrrfolgungcn>, die finstere Zeit der Hexenprozessc, die grausame Niederschlagung des Volkes(Bauernkriege, Bestellungen nehmen alle Partei. oder auch der Verlag entgegen. Wiedertäuferverfolgungen) und schließlich das furchtbare Elend deS 30 jährigen Krieges.... das alles steht der Leser in packender Darstellung an seinem geistigen Auge vorüberziehen. In die Zeit, deren Schilderung der erste Band unseres Werke? dient, fällt auch die Wiedergeburt der antiken Kunst; in ihr entstanden die un- erreichten Werke eines Cranach, Dürer, Holbein. Aus diesen Quellen sind unsere Illustrationen geschöpft. Der erste Band wird gegen 400 Bilder, darunter Abbildungen der gröstten Meisterwerke jener Zeiten und Bälker bringen, die, wie wir erivarten, den Beisall der gesamten Arbefter- weit finden werden. Der erste Sand wird in 50 Lieferungen ä 20 Pfennig erscheinen Jeder Band ist für sich abgeschloffen, so daß das Abonnement auf den eine» Band nicht den Bezug der weiteren Bände notwendig macht. . Wöchentlich erscheint ein Heft.:===: Buchhandlungen, Parteikolporteure, jede Buchhandlung, in Berlin sämtliche Parteispcditionen und ZeftungSspedsteur» Knchhandlung Korwarts, Kerlin LXV. 68, Lindenstr. 69. firosse 9 osten lomdsrüieri im Laden Haltestelle der Hochbahn gewesene nnd andre Herrengarderoben sollen Jetzt Belle-Alliance-Str am Slfieherplatz zn noch nie dagewesenen billigen Preisen verhanft werden: Herren- StoflTanzUge, moderne Fagons, schon für Mk. 5.75 Herren- Stoffhosen„„« n« 1 75 Herren- Paletots„ T„„„ 5.50 I-tistreJacketts, Jünglings- und Knaben-Anzüge zu enorm billigen Preisen. 107 im Laden Haltestelle der Hoehbabn 12TO8 -lO und lÄ— 6 Uhr. aooöi [1000] S. ZleMg S?KMA07MWMKWl? Ziehrag vom lt. v!«i ISO«, vormittag«, vv t« fto Mi«emtiuli üb« 240 Ml. sind txv iittiffendin ' Nimmer» tu Klammer» beigefügt.- lLhn, E errühr.) Nachdruck verdate». 37 77 Iii?[500] 207«07 830 672 867 1183 205 14 63 97 313[500] 408 75 334«2 46 85[500] 2120 358 424 89 ÜOOO] 687[10001 3081 308 448 531 53 680 706 [500] 20 65 867 82[1000] 912 4175 285 497 663 730 819 20 26 92 938 5084 150 228 326 449 96 558 656 6018 24 49 124 58 255 386 601 3 26 83 804 28 7043 [3000] 296 395 430 57 646 8266 349 948 9205 66 83 328 65 606•-«.' - 10012 84 77 134 330 98 403 66 617 648[1000] 87 733 866 946[500] 11117 214 95 024 39[3000] 62 773 848 1 2023 157 94 257 417 32 694 745[30001 818 02 910 41[300p] 62 13030 46 327 402 987[1000] 14009 29 57 113 51 59 228 387 98 476 666 07 627 67 732 13000] 845 48 1 5037 134 229 307 646[3000] 750 817 19[500] 29 66[1000) 16405 13000] 90 544 698 17028 91 140 71 391 96 460 967 1 8018 90 271 302 6 93[5001 515 11000] 626 755 884 929 1 9162 215 394 698 629 43 774 830 986 93 20066 171 254 450 531 48 63[3000] 66 748 900 85 95 21021 146 201 15 355[500] 440 520 63[500] 627 714 65 879[1000] 85 88 2 2043 231 41 50 693 776 93 816 30 65 97 23184 450 88 701 80[1000] 930[3000] 24144 45 387 654 77[3000] 930 67 25101 579 88[3000] 644 67 761 83 802 41 918 2 6207 358 597 716 43 983 27006 11 70 621 50 616 64 834 972 28024 87 442 618 66 707 29021 64 215 24[5001 670 900 50 30014 29[1000] 170[6001 240 316 27 79 703 1500] 60 72 806[800] 984 31406 725 93 800 34 77 920 32119 62 322 427 33013 141 309 63 401 621(30001 653 84 826 29 989 1500] 34082 117 33 227 40 309 42 755 824 981 35082 105 237 89 349 470 826 33 44 81[1000] 95 934 38 3Ö314 45[10001 81 650 666 718 77 83 852 920 13000] 37002 269 447 642[500] 737 862 934 58 38013 62 76 236 54 399[3000] 538 67 81 681 84 90 39070 175 635 687 705 894 40325 419 503 63 86 604 778 803 40 57 41056 174 290 93 4S7 95 536 744 926 84 42101 277 93 1500) 482 605 78 828 41 932 43014 27 140 288 343[500] 449 727 805 6 81 44162 130001 266 334 487 783 45020 166 87 381 575 064 790 868(500) 89 974 4 6010 78 254 354 77 92 699 779 843 47112 306 39 424 63 510 17 908 14 33 41 71 48004 34 142 51[1000] 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Ziebung 5. Klasse 210. Kgl. Preuß. Lotterie. Ziehung vom 73. Mot ISO«, nachmittag«. Nur Mi Äemiune über 240 Ml. sind den betreffenden Nummer» in«lammern beigefügt. [Ohne Gewähr.) Nachdruck verdolea. 8 241 374 510 29 687 776 87 882 88 994 1047 70 261 482 636 60 73 779[500] 826 937 62 sSOOl 2398«09 47 31U5 14 U(X)0| 22 13000] 211 402 649 883 4209 347 607 59 813 46 909 42[1000] 49 5004 34 97 173 396 658 77 82 96[500] 827[oOOl 902 15 6384 96 558 916 17 7167 IIOOOJ 216 44 404 90 554 734 35 58[1000] 948 8086 184 88 488 96 539 636 8313[5001 423 571 76 810 48 97 902 10036[500] 54 82 115 29 311 24 63 479 579[1000] 633 778 801 87 11000] 968 11178 284 301 418 511 [1000] 633 856 1 2076 182 535 617 707 963 1 3060 358 93 823 1 4098 267 480 554 872 940 15104 45 235 693 1 6020 110 11000] 245[1000] 85[5000] 643 [500] 805 68 1 30001 72 903 17403 507 707 20 800[5001 54 952 1 8013 23 71 119 69 230 33 486 619 774 809 [1000] 13 918 36[500] 44 1 9191 284 495 532 682 827 20045 275 329 53 812 982 21080 293 345 415 20 61 635 620 72[3000] 90 710 875 2 2023 83 484 652 801 13000] 936 23120 73 224 313 453 614 39 721 50 24033 92 107 257 322 414 693 710[5001 839 47 25640 47 62 284 426 69 88 504 646 791 802 67 005 20 2 048.8 575 93 130001 630 2 7012 149 330 406 21 567[16)0 1 649 892 917 2 8055 175 330 85 423 656 71 729[500] 76 29122[500] 448 58 70 526 658 785 30087 127 33 495 553 855 56 73 31077 112 22 49 275 445 515 3 2385 509 29 987 719 904 20 33050 [5001 76 256[1000] 68 339 44[500] 71 541 933 34173 88 89 223 31 357 78 552 614 713 15 35100 38 284 464 585 966 36114 69 214 44 49 73 75[500] 305 456 63 70 872 97[30001 803 72 37147[WO 1 71 313 53 520 25 45 787 89 824 902[500] 4 47 77 38040 144 216 19 576 77 600'29 80 87 742[500] 820 39041 54 92 84[500] 00 416 829 936 41205 96 502 610 895 979 42131 319 508 91 693 715 961 43001 29[30001 61 81 241 444 68 695 797 44019 40 167 231 431 702 4 5277 363 488 657[500] 66 719 15001 68 83 87 821 27 46023[500] 55 164 66 77 295 522 13000] 31 620 850 47003 67 204 486 500 098 744 46 M«??96648»4raJ%5|108� � 418 501® 027 42[500] 706 30 915 87 51062 117 208 30 328 51 543 72 688 780 90 870 62007 98 104 85 200 18[10001 30 308[500] 67 80 448 607 58 678 84 738[30001 888 930 53369 733 80 54046 123 [3000] 43 241 45 518 18[1000] 27 60 650 732 M 8�0 987 6 5010 30 99 181 406 43 130001 55 Ml 808 56462 Ml 48 90 655 956 67216 41 47 308 621 953 58034 62 199 220 301 602 706 73 98 882 69070[500] 73 [500] 118 23 98 280[30001 378 96 587 630 840 61 920 60063 467 607 913 40» 61127 302 81 581 15001 ---- 62034 riOOO] 13« 53 59 270 321 42 ] 63062 85 102 310 47 58 477 ■L» 94 351 512 60 609 93 785 jlOOO] 863 901 66039 78 186 334 582[1000] 66219 357 78 552 758 70 79 806 6 7310 15 39 51 475 808 26 48 53 991 68008 637 949 75 60 J83 342 516 22 667 753 092 70057 132 M 205 35 495 518 72 615 758 94«29 53 7«(125 7 1 076 330 559[3000] 701 8 79 89 72297 M9[30001 06[10001 881 86 932 44 73 7 3050 100 380 450 817[5001 906 62 74368[30001 468 573 634 7« 768 75238 301[3000] 508 723 TSOOl 72.[1000] 54 87 76101 242 43 384 509 740 836 45 64 67 79 77U8 60.354 421 614 7f—------ M 477 80063 202 94 311 15 81 476 527 727 803 8 25 90? 63 72 81185 428[SMOQs----------- 57 6« 844 80 9««tl 82022 1 »3 946 [1000] 401 79 77116 60 354 421 614 78051 riOOOt 157 374 622 51 82 477 892 941 79072 153 84 380 40175001 507 745 884 Ol 365 480 970 71............................ 68 8 6079 221 676 23 130001 39«[5001 . 575[3000] 627 728 41 .. 141 64 229 61 63 87 929 84020 102 427 65 527 635 «22 27.33.[500] j56 976.., 8.5092. 448. 592703.890�92? 30001 760 903 29 MWUWWW» 0 55« 92 614 88053 60 189 340 432 576«25[ I 89006 60 73 187 215[500] 374 93 87211 873 90000 mMS[10001 742[SOOOI 949 91045 50 179 214 318 413 60 744[3000] 972 912063 138 54 203 ..... 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IJNj«0®? zu SOCi' Kt, JIM»a MO Ml. lürÄW Ml, 21« i* "Berantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Inseratenteil verantt».: Th. Gl«cke» B-rlm. Druck u. Verlag: Vorwärt« Blichdruckerei u. BerlagsanKilr Paul Anger& To, Berlin SW. Hr. 112. 21. 2. KcilM des Jotmiirts" ßttlintt öolfotiktt. Sonnabend, 14. Mai 1904. Lokales. Wegen der Bewilligung von 7 843 000 M. für die Umwandlung des See-Wasserwerkes Friedrichshagen am Müggelsee in ein Grund- Wasserwerl ist der Stadtverordneten-Versammlung eine ausführliche Vorlage mit unifangreichen Plänen und einer Denlschrift zugegangen. Die Summe von rund 8 Millionen Mark soll aus Anleihemitteln entnommen werden. In der Denkschrift wird darauf hingewiesen, daß jetzt nur etwa SO 000 Kubikmeter Grundwasser aus dem Grund- Wasserwerk Tegel der Stadt zugeführt werden können. Der Rest von etwa 150 000 Kubikmeter muß täglich aus dem Müggelsee ent- nommen werden, dessen Wasser oft und in großem Maße ver- unreinigt worden ist. Der Wasserverbrauch ist im Steigen begriffen und hat schon 240 000 Kubikmeter pro Tag erreicht. Die Werke reichen jetzt für die Leistung kaum noch aus. Es muß deshalb bor- gesorgt werden. „Wider die Pfaffenherrschaft", Kulturbilder aus den Religions- kämpfen des 16. und 17. Jahrhunderts. Von Emil Rosenow. Das 5. Heft enthält den Schluß des 3. Kapitels:„Bei den Fürsten der Armut" und bringt den Anfang des 4. Kapitels:„Von den Heiligen, den Mönchen und den Nonnen", in dem behandelt wird: Urchristliche Askese und urchristlicher Kommunismus als Wurzeln der Möncherei und Klösterei.— Das Wesen der Askese.— Die„Väter der Wüste"— Ein paar heilige Männer und heilige Frauen.— Die Heiligen, die Herren der römisch-christlichen Kirche.— Die klugen Päpste ernennen die Heiligen.— Die anfängliche Mönch erei, ein Protest gegen Reichtum und Massenelend.— Die ersten Mönche Kommunisten.— Die Ehelosigkeit.— Benedikt von Nursia und seine Regel.— Die Klöster in Deutschland.— Die Klöster als Ausbeutungs- institute.— Die Möncherei im Sprichwort des Mittel- alters.— Mönchische Kurzweil, Trink- und Tafelfreuden.— Roheit und Lasterleben hinter den Klostermauern.— Reform- Versuche.— Novizendrill.— Die Geißel im Kloster.— Fanatismus und Unduldsamkeit.— Die Bettelmönche, ein Protest gegen das mönchische Schlemmerleben.— Franz von Assisi und die Bettel- orden.— Au Illustrationen nennen wir:„Ein deutsches Spottbild auf das üppige Leben am Hofe des Papstes Leo X., ferner, nach einem italienischen Holzschnitt:„Angebliche Niederkunft der Päpstin Johanna auf der Straße in Rom". Daneben Papst-Porträts und andre Darstellungen, die den Text ergänzen und beleben.— Das Werk soll ein wertvolles Bildungsmittel für die Arbeiterklasse sein. Es soll den Schleier zerreißen, den die Geschichtsklitterer um jene Zeit gewoben haben, und es soll dadurch die Erkenntnis von dem ge- fchichtlichen Werdegang der menschlichen Gesellschaft in der Arbeiter- Bevölkerung verbreitet werden. Die Arbeiter sind deshalb berufen, das Unternehmen nach Kräften zu unterstützen und Abonnenten darauf zu werben. Jede Parteibuchhandlung, jeder Parteikolporteur und die Austräger unsrer Parteileitungen, in Berlin die Partei- spedition und alle sonstigen Zeitungsspediteure sowie der Verlag: Buchhandlung Vorwärts, Berlin 8W. 68, Lindenstr. 69, nehmen Bestellungen entgegen. Das Heft kostet 20 Pf. Ein Denkmal für Theodor Mommsen soll neben den Stand- childern der beiden Humboldts und Helmholtz' im Vorgarten der Universität errichtet werden. Von der erforderlichen Summe, die auf 80 000 Mark veranschlagt wird, ist die Hälfte bereits durch Zeichnungen im engsten Kreise gesichert. Die andre Hälfte soll durch Sammlungen aufgebracht lverden. In dem dazu erlassenen Aufrufe des Komitees heißt es:„Nicht nur diejenigen, die dem großen Forscher persönlich nahe gestanden haben, dürfen das Recht für sich in Anspruch nehmen, hierbei mitzuwirken. Ein jeder, der an seinen Werken sich belehrt und erhoben hat, wer sich bewußt ist, ihm einen Teil seiner Bildung zu schulden, möge sich anschließen und das Denk- mal an der Stätte der langjährigen Thätigkeit Mommscns bauen helfen." Die Warm-Badeanstaltcn der Stadtgemeinde, auch„Volks-Bade- anstalten" genannt, haben im Etatsjahr 1903/04, dessen Ergebnis jetzt vorliegt, eine sehr bedeutende Steigerung ihrer Besuchs- ziffer gehabt. In allen fünf Anstalten zusammen wurden diesmal 2 495 976 Bäder genommen, während im Etatsjahr 1902/03 nur 2 176 103 Bäder genommen worden waren.(Eine Vergleichung ist nur für diese beiden Jahre möglich; die drei jüngsten Anstalten Bärwaldstraße, Dennewitzstraße, Oderbergerstraße wurden erst im Laufe des Etatsjahres 1901/02 eröffnet.) An dem Mehr von 1903/04, das weit über 300 000 Bäder— ein Siebentel der Bäder- zahl des Vorjahres— beträgt, sind sämtliche Anstalten be- teiligt. Die Zahl der verabreichten Bäder stieg in den Anstalten Moabit, Dennewitzstraße, Oderbergerstraße, Schillings- brücke. Bärwaldstraße von 310 572, 334 862, 455 860, 503179. 571630 auf 347 912. 403 339. 527 180, 569 784, 647 761. Die Reihenfolge der Anstalten nach der Bäderzahl ist dieselbe ge- Blieben. In allen Anstalten zusammen stieg die Zahl der ver- abreichten Wannenbäder, Brausebäder, Schwimmbäder von 622 703, 743 047, 810 353 auf 714 231, 872 081, 909 664. Die Wannenbäder, Brausebäder, Schwinnnbäder waren im vorletzten Jahre 29, 34, 37, im letzten Jahre 29, 35, 36 Proz. aller Bäder. Die Beteiligung der Geschlechter erhöhte sich von 1 623 418 männlichen und 552 625 weib- fllichen Personen auf 1 874 282 männliche und 621 694 weibliche. Unter je 100 lebenden Personen waren im letzten Jahre— genau so toie im vorletzten— 75 männliche und 25 weibliche. Aus der Magistratssitzung vom Freitag. Dem Magistrat ist folgendes Telegramm zugegangen:„Dem künstlerischen Geist, der «vollendeten Konstruktion und Technik, welche den Bau der Berliner Volksbäder geleitet haben, spricht die heute im Kaufmannshause zu Kassel versammelte Deutsche Gesellschaft für Volksbäder ihre An- erkennung aus und hat derselben persönlichen Ausdruck verliehen durch Verleihung ihrer großen silbernen Medaille an den Baumeister von Berlin. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann. Im Auftrage: Prof. Dr. Lassar, Vorsitzender, Baurat Herzberg, Generalsekretär."— Der Magistrat hat beschlossen, zur Vergrößerung der Rieselfelder. besonders um das Radialsystem XI im Nordosten Berlins endlich zur Ausführung zu bringen, eine Gesamtfläche von 1383 Hektar an- zukaufen. Die Flächen liegen in den Gemarkungen: Ladeburg, Rüdnitz, Bernau und Wilmersdorf bei Bernau. Der Stadt- verordneten-Versammlung wird eine besondere Vorlage gemacht werden. Zu der Frage»Was ist Wurst?" hat gegenüber der Feststellung des Kammergerichts zu Berlin, wonach Wurst unter allen Umständen nur ein Gemisch, bestehend aus Fleisch, Fett und Gewürzen, fem darf, die Versammlung der Kleischerinnung zu Berlin am Mittwoch, wie die„Dtsch. Fl.-Ztg." berichtet, wie folgt Stellung genommen: „Wurst ist sowohl ein Nahrungs- wie auch ein Genußmittel, dessen Zubereitung und Zusammensetzung je nach den Ansprüchen der Käufer, der Zeit und wann sie hergestellt wird, der Landessitte, des Ortes der Fcilbietung und der Zubereitung verschieden ist."— Was die fachwissenschaftliche Theorie in die Wurst hinein- praktiziert, dürfte den Konsumenten im Grunde— Wurst sein. Wichtiger ist ihnen die Frage, was wirklich hineinkommt. Gegen den Inhaber des Privatdetektiv- Bureaus„FidcS", den Reporter W i e n e ck e, der durch seine journalistische Thätigkeit in Könitz sowie im Griinthal- Prozeß in Sachen Ella Goltz usw. eine gewsise Berühmtheit erlangt hat, ist das Hauptverfahren wegen KonkurSverbrechens und Betruges in sechs Fällen eröffnet worden. W. war bereits vor mehreren Monaten wegen Konkursvergehens verhaftet worden, mußte jedoch, da bei der Festnahme ein Form- fehler vorlag, wieder freigelassen werden und das Verfahren wurde niedergeschlagen. Wicnecke hatte in Danzig eine Filiale seines Detektivbureaus eingerichtet. über welche auf Antrag eines Gläubig«« ebenfolkS der Konkurs ausgebracht»vurde. Obwohl die Firma handelsgerichtlich eingetragen war, existierten keine kaufmännischen Kassenbücher, aus welchem Grunde das straf- gerichtliche Verfahren eingeleitet wurde. Inzwischen liefen jedoch bei der Staatsanwaltschaft mehrere Anzeigen gegen W. wegen Betruges ein und daraufhin wurde die Verhaftung des Beschuldigten verfügt. Als dieser Anfang vorigen Monats einer geschäftlichen Auskunft wegen im Gebäude des Polizeipräsidiums sich aufhielt, traf er dort mit dem Kriminalkommissar B. zusammen, der den Haftbefehl gegen Wienecke bei sich.hatte und sich gerade nach dessen Wohnung begeben wollte. W. wurde sofort festgenommen und nach dem Untersuchungsgefängnis in Moabit gebracht. Unter den Betrugsfällen, die ihm zur Last gelegt werden, befindet sich einer von einem Gastwirt in einem Ostseebade, der durch W. um einen größeren Geldbetrag geschädigt sein will; auch kommt eine Denunziation eines Klienten in Betracht, bei dem der Privat- detektiv in einer Beobachtungsangelegenheit eine größere Anzahl von Tagen in Anrechnung gebracht haben soll, als er in Wirklichkeit observiert hat. Außerdem nimmt die Staatsanwaltschaft an, daß W. die Filiale in Danzig nur gegründet habe, um das Geld von einem Teilhaber zu erlangen und es zur Deckung von Privatschulden zu verwenden. Zur Hauptverhandlung, die im Juni stattfindet, sind 40 Zeugen geladen. Vom Polizeipräsidium ist schon vor längerer Zeit gegen Wienecke das Konzesfionsentziehungs-Verfahren ein- geleitet worden, es ist aber bis zur Erledigung des schwebenden Strafverfahrens vertagt. Die beiden Zweigbureaus„Fides" in Köln und in der Friedrichstraße in Berlin sind inzwischen geschlossen worden. Chemie, Musik und Rechtswissenschaft. Ein allzu drastisches Mittel gegen klavierspielende Nachbarn hat der Ingenieur Hans D. aus Charlottcnburg angewendet. D. wurde durch anhaltendes Klavierfpiel in den über seiner Wohnung belegenen Räumen bei seiner» Studien gestört und beschloß, die Musikliebhaber mittels einer von ihm gemachten, allerdings sehr eigenartigen„Erfindung" zu vertreiben. Er bohrte durch die Decke seines und den Fußboden des darüber liegenden Zimmers ein feines Loch und leitete durch einen Gummischlauch und eine Glasröhre Schwefelwasserstoff in die fremde Wohnung. Die erwartete Wirkung trat ein. Der penetrante Geruch des Gases vertrieb sofort die Klavierspieler aus dem Zimmer. Dieses Experiment Ivendete D. auch noch an den beiden folgenden Tagen mit gleichem Erfolge an und rühmte sich dann seiner Schand- thaten im Feuilleton des„Berliner Tageblatts". Doch der hinkende Bote blieb nicht aus. Die auf so merkwürdige Weise vom Klavier vertriebenen Einwohner stellten Strasantrag. Zu der Verhandlung waren als Sachverständige der vereidete Gerichtschemiker Dr. Jeserich und der Medizinalrat Dr. Klein geladen. Nach Anhörung dieser wurde der Angeklagte ivegen sahrläffiger Körperverletzung zu dreißig Mark Geldstrafe eventuell sechs Tagen Haft verurteilt. Abermals ein Unglück auf der Eisenbnhnftrecke. Verschüttet und getötet wurde gestern morgen der 21 Jahre alte Erdarbeiter Hermann Stizinski, der bei dem Schachtmeister Below in der Frank- furter-Allee beschäftigt war. Auf dem Güterbahnhof an der Frank furter-Allee werden die Geleise erweitert. An den Ausschachtungen, die hierzu erforderlich sind, arbeiteten gestern morgen sieben Mann. Plötzlich gab das Erdreich nach, während die Arbeiter oben am Rande einer zwölf Meter tiefen Grube standen. Sechs Mann retteten sich durch die Flucht. Sie riefen auch Stizinski warnend zu. Dieser aber achtete nicht auf die Gefahr, sondern blieb stehen. Nach wenigen Augenblicken wankte der Boden unter seinen Füßen, so daß er den Halt verlor und rücklings in die Grube stürzte. Im Fallen schlug er mit dem Kopfe auf eine vorstehende Eisenbahn- schwelle auf und zog sich einen Schädelbruch zu. Als er in der Grube lag, fiel das Erdreich nach und drückte ihm mehrere Rippen ein. Die Mitarbeiter und Leute von der Bahn machten sich sofort an die Rettung des Verschütteten. Als sie ihn etwa nach zehn Minuten ausgegraben hatten, war er schon tot. Drei Aerzte, die bald zur Stelle waren, machten noch Wiederbelebungsversuche, diese hatten aber keinen Erfolg mehr. Die Leiche wurde vorläufig im Pförtnerhause an der Dorfftraße in Lichtenberg geborgen und später nach dem Schauhause gebracht. Der verunglückte junge Mann wollte demnächst bei der Artillerie eintreten. Zwei Bootsunfälle haben sich am Donnerstag auf dem Rummels burger See ereignet. Zwei des Segelns unkundige Personen, der Metallarbeiter Pachnicke und der Holzarbeiter Schneider, liehen sich das kleine offene Segelboot„Hans" und kenterten denn auch bald in der Nähe der Liebesinsel. Zum Glück konnten sich beide durch Schwimmen retten; Klubmannschaften machten sich an die Bergung des Bootes. Ein andres Boot.„Emma", das vorzüglich geführt wurde, kenterte durch plötzliche Boen. Die Mannschaft wurde gerettet. Der vor einigen Wochen von der Rettungsgesellschaft der Wasser sport-Bereine von Berlin und Umgegend in Dienst gestellte Rettungs� Kämpfer hat am Donnerstag zum erstenmal Gelegenheit gehabt, sich zu bethätigen. Gegen 2 Uhr mittags schlug bei starkem Nordwest- lichen Winde ein Vierer etwa einen Kilometer von der Rettungs- station bei Rahnsdorf entfernt voll. Es eilten sofort mehrere Dampfer zu Hilfe, jedoch gelang es erst dem Dampfer der Rettungs- station, vier Personen der Mannschaft des Bootes zu bergen, während eine fünfte von dem Dampfer des Herrn Hagedorn vom Berliner Nachtklub aufgenommen wurde. Der freigicbige Automat. Die Wirksamkeit des Automaten soll nach einem alten Scherzwort sich derart zeigen, daß man zehn Pfennig hineinsteckt— worauf nichts herauskommt. Das es außer diesen unanständigen Automaten auch welche von ungeahnter Frei- giebigkeit giebt, erfuhren gestern mehrere junge Leute im Kriminal- gerichtsgebäude, die dort das Automatenrestaurant besuchten. Einer von ihnen muß den dort befindlichen Geldwechsel-Automaten benutzt haben, der gegen Einwurf eines Mark- oder Fünfzigpfennigstückes ein kleines Röllchen mit den entsprechenden Nickelstücken herausgiebt. Zur Verwunderung des EinWerfers kamen hier das Fünfziapsennig- stück, zwei Rollen, eine mit einer Mark, die andre mit 50 Pf. Inhalt zum Vorschein. Infolgedessen kam der Automat in den nächsten Minuten nicht eher zur Ruhe, bis er alles Kleingeld herausgegeben hatte. Dann verschwanden die vier jungen Leute, welche den Apparat umstanden hatten. Sie hatten, wie sich später herausstellte. 21 M. erbeutet. Der Apparat muß infolge Abnutzung nicht mehr richtig funktioniert haben. Uiiter die Räuber fielen in der Nacht zum Freitag zwei Männer im Süden und im Norden der Stadt. Ein Schlosser, der stark an- geheitert vom Kottbuser Damm nach der Gräfestraße ging, wurde von drei Strolchen angefallen und aufgefordert, sein Geld heraus- zugeben, wenn er nicht wolle, daß sie ihn totschlügen. Er opferte einen Thaler, ging aber dann zu einem Schutzmann und verfolgte mit diesem und andren Leuten, die dazu kamen, die Räuber, die nach der Gräfestraße zu davonliefen. Leider hatten die Strolche schon einen großen Vorsprung, so daß sie nicht mehr eingeholt werden konnten und entkameu. Einem jungen Manne in der Müller- straße folgten die Wegelagerer sogar in das Haus hinein. Nachdem er das Haus Nr. 162 aufgeschlossen hatte, hörte er auf einmal Schritte hinter sich auf dem Hofe. Vor seiner Thür fielen drei Kerle über ihn her und rissen ihm die Uhr weg. Als die Mutter des Ueberfallencn auf den Lärm die Thür ihrer Wohnung öffnete, ent- flohen die Räuber und entkamen ebenfalls mit ihrer Beute. Brand einer Kaserne. Ein Feuer kam gestern früh in der Kaserne des 2. Eisenbahn-RegimentS in der General Papestraße auf dem Tempelhofer Felde aus Der Dachstuhl stand in großer Ausdehnung in Flammen. Die Schöneberger Feuerwehr unter Leitung ihres Chefs, Brandinspektor Flöter, war bald nach Ausbruch des Feuers zur Stelle und griff mit mehreren Schlauchleitungen wacker ein. Von der Berliner Feuerwehr erschien der 11. Zug zur Unterstützung. Es gelang durch kräftiges Wassergeben die Gefahr auf den Dachstuhl zu beschränken. Der Schaden ist nicht un- bedeutend; es sind Kammervorräte verbrannt und der schöne Dach« stuhl mit dem Giebel muß erneuert werden. Nachts kurz nach 2 Uhr erfolgte Alarm nach der Haupt- straße 125 in Schöneberg, wo der Dachstuhl des Seitenflügels in feiner ganzen Ausdehnung ein Flammenmeer bildete. Am äußersten Ende des brennenden Gebäudes wohnte im Obergeschoß die 60jährige Witwe Windehof mit ihrer 16 jährigen Tochter. Beiden war der Ausweg durch Feuer und Rauch verlegt, so daß sie sich in einer be- drängten Lage befanden. Schon hatten sie ihre Betten hinab- geworfen und Anstalt getroffen, um in die Tiefe zu springen. Glück- licherweise erschien bald die Feuerwehr, die sofort auf die Rettung der Personen bedacht war. Mit der mechanischen Leiter war an das einzige Stubenfenster nicht heranzukommen, da dieses über einem einstockigen Vorbau lag. Die Feuerwehr mußte deshalb auf Haken- leitern vordringen und auf diesem Wege die beiden Frauen herab- holen. Die Ablöschung des Brandes, der den ganzen Dachstuhl zer- störte, dauerte drei Stunden. Auch die Pückler-Bersammlung, die Mittwoch an Stelle der aufgelösten Versammlung in der Neuen Welt in den Konkordiasälen in der Andreasstraße stattfand, verfiel bald nach Eröffnung der polizeilichen Auflösung. Graf Pückler begann mit dem Hinweis auf die Auflösung der letzten Versammlung, deren Berechtigung er bestritt. Noch ehe er zu dem gewohnten Aufruf zum Kampf gegen das Judentum recht überging, erhob sich der überwachende Beamte und bereitete dieser Versammlung das Schicksal ihrer Vorgängerin. Der Schlächtergeselle Herr Leopold Jacob, Rosenthalerstr. 19, bittet uns mitzuteilen, daß er mit dem dieser Tage wegen Roheits- Vergehens zu zwei Monaten Gefängnis verurteilten Kaufmann gleichen Namens nicht identisch ist.— Der Butterhändler Herr Adolf Müller, Rixdorf, Kaiser Friedrichstr. 241, teilt uns mit, daß er mit dem gleichnamigen Mann, der wegen Butterfälschungen unter Anklage steht, keine Gemeinschaft hat. Arbeiterrisiko. In den Berliner Messingwerken in der Alexandrinenstratze 107 hat sich Freitagnachmittag ein schwerer Betriebsunfall ereignet. Der Arbeiter Specht, der seit 16 Jahren in der Fabrik beschäftigt ist und im Alter von 40 Jahren steht, geriet beim Reinigen der Maschine mit der rechten Hand in die Walze. Dem Unglücklichen wurden die Hand und ein Teil des ArmeS zermalmt, so daß im Krankcnhause am Urban, wohin er gebracht wurde, sofort eine Amputation notwendig ward. Ein Damenwettlauf nach dem Muster der von den Pariser Midinettes veranstalteten Sportiibungcn gab es Donnerstag auf der kleinen Radrennbahn zu Treptow. Die ursprüngliche Absicht, einen Masscnwettlauf in der freien Natur zu unternehmen, scheiterte an dem Widerstande der gegen alles Neue sehr mißirauifchen Berliner Polizei, und so ging das Rennen auf ziemlich engem Raum vor sich. Sportliche Bedeutung hatte das Unternehmen nicht, es stand vielmehr im Zeichen des„Feez". Die meisten der Damen schienen von der Bedeutung der ihnen gestellten Aufgabe keine Ahnung zu haben, denn vielen ging bereits im Vorlauf die Puste aus. Ein Laufmädchen verstauchte sich den Fuß, ein andres den Arm, ein drittes wurde ohnmächtig. Endlich kam eS zum Entscheidungslauf, bei dem der erste Preis von 150 M. einem Fräulein Furkert zufiel. Den zweiten Preis von 100 M. gewann Fräulein Sacher, den dritten von 75 M. Fräulein Kant, den vierten von 50 M. Fräulein Senneke. den fünften von 25 M. Fräulein Hafke. Ueberdies gab es Blumensträuße und Kränze, und zum Schluß spielte die Kapelle „Heil Dir im Siegerkranz". Mehr Ehrungen konnten die Damen wahrhaftig nicht verlangen. Theater. Im Carl Weiß-Theater(Bürgerliches Schau- spielhaus) geht morgen, Sonnabend, zum erstenmal die Posse von Laufs und Kraatz„Die Logenbrüder" in Scene. Die Rollen befinden sich in Händen der Damen Helmert, Busch, Pauli, Dittmar, Jäckel, Günther, sowie der Herren Tyrkowski, Scheibach, Gadiel, Heinrich und Rosen. Direktor Fischer giebt den Franz Fischer und setzt gleichzeitig das Stück in Scene.— Am Sonntagnachmittag geht„Faust" in Scene, während am Abend„Die Logenbrüder" wiederholt werden. — Central-Theater. Am Souutagnachmittag 3 Uhr gelangt „Die Fledermaus" zur Aufführung. Im zweiten Akte wird die Ein- läge„D i e- d a" von Herrn Ferdinand Schütz zum Vortrag gebracht. Allabendlich 7stz Uhr wird„Der Sonnenvogel" gegeben. Eine Gedenkfeier für Peter Hille veranstaltet die Neue Ge- meinschaft Sonntagabend 6 Uhr in Schlachtcnfee. Seestratze 35/37. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 15. Mal, vorm. 8'/, Uhr, in der Schul-Aula der 69. Gcmeindeschule, Kleine Franksurterstr. 6: Ver- sammluug. Freireligiöse Vorlesung. Um 10°/, Uhr, vorm., ebendaselbst: Vortrag des Herrn Dr. Bruno Wille:„Christliche und heidnische Weisheit." Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen. Allgemeine Kranken, und Sterbekasse der Metallarbeiter (E. H. 29, Hamburg). Filiale Berlin 3. Sonnabend, den 14. d. Mts., abends 8'/, Uhr: Mitglieder-Bcrsammlung bei Bergener, Reichenberger- straße 157.— Male Rixdorf. Sonnabend, den 14. d. M., abends 81/, Uhr: Versammlung bei Thiel, Bergstr. 151. ßriefbaften der Redabtfon. M. St. 68. Gucken Sie Dienstag ins Blatt.— W. R. 160. Kurse in Buchsührung:c. veranstalten die städtischen Fortbildungsschulen, deren eine sich Weisienourgcrsw. 4a befindet. Ofuriftlfcber CeU. Die juristische Svrcchftimde findet täglich mit Ausnahme des Tonnabend« bou 7'lt dt« v?, Uhr abends statt. Geliffnet: 7 Ilbr. W. T. 14. Soweit wir haben ermitteln können, unterliegen derartige Platten in Dänemark einem Werlzoll von 19 Proz., in Schweden einein solchen von 2 Kronen sür 1 Kilo. Rückverstattung findet nicht statt.- 1661. Die Verjährungssrist sür das Verbrechen der Abtreibung betrügt 19 bis 15 Jahre.— G. Sch. 22. Sie find zur Rückzahlung verpflichtet.- 91. 70. Wer einen Fund nicht anzeigt und verkauft, setzt sich der Gesahr aus, wegen Unterschlagung bestraft zu werden. Die Verjährungssrist be« trägt 5 Jahre. Ob das voit Ihnen erwähnte Schriftstück irgendwelchen Wert hat, läßt sich nicht sagen.— Beusselstr. 44. Da lediglich eine un» entgeltliche Leistung vorlag, wird die Berussgenussenschast voraussichtlich einen 'Anspruch aus Unsallrente zurückweisen. Indes kann der Versuch gemacht werden, einen'Anspruch geltend zu machen, wenn die gesamten Verhältnisse ergeben, daß die Arbeit als nicht unentgeltliche Arbeit geleistet werden sollte.— E.<£. 21. 1 und 2 Nein.— Karl 23. Nein, nur die Kirchhossverwaltung. "Weizen, gut D.-Ctt. mittel gering "Roggen, gut mittel . � ,. gering f Geiste, gut Nuttel . gering tHafer, gut mittel gering Richtstroh *eit rbscn Speisebohnen Linsen * ab Bahn. Marktpreise von Berlin am 11. Mai 1904 nach Ermittelungen de§ kgl. Polizeipräfidiums. 17,95 17,46 17,42 13,19 13,96 13,92 14,29 13,99 11,89 14,89 13,89 12,89 4,16 7,49 49,99 59.99 69,99 17,48 17,44 17,49 13,93 13,94 13.- 13,19 11,99 19,89 13,99 12,99 12,99 3,66 4,89 28,09 26,00 25,00 Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 lcg; do. Bauch. Schweinefleisch„ Kalbfleisch Hammelfleisch„ mtter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche e-chleie Bleie lrtebse 60 Stück 1 kg per Schock 7.99 1,89 1,49 1,69 1,89 1,89 2,69 3,49 2.99 2,89 3,99 2,29 2,99 3,99 1,49 16,99 6.99 1,29 1,19 1,99 1,29 1,29 2.99 2,49 1.29 1,49 1,99 1.29 9.89 1,49 9,89 3.0g f frei Wagen und ab Bahn. Wetter-iprognose für Sonnabend, den 14. Mai 1664. Etwas wärmer, wecken und vorwiegend heiter bei schwachen ösMchm Winden. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Sonnabend, den 14. Mai. Anfang TV» Uhr: Opernhaus. Tristan und Isolde. Neues Operntheater. Wie die Alten sungen. Deutsches. Der Pfarrer von Kirch- seid. Berliner. Der jüngste Lieutenant. Lessing. Zapfenstreich. Westen. Gasparone. Central. Der Sonnenvogel. Belle-Alliance. Kam'rad Lehmann. Neues. Kabale und Liebe. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner. Theater.) Das grobe Hemd. Schiller X.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Pauline. Kleines. Nachtasyl. Residenz. Die 300 Tage. Trianon. Das elfte Gebot. Hieraus: Der Dieb. Carl Weist. Die Logenbrüder. Deutsch- Amerikanisches. Ueber'n großen Teich. Wtetropol. Ein tolles Jahr. Casiuo. Durch Klippen und Wellen. Berliner Herzen. Winter-Garten. Specialitäten. Apollo. Liebesgötter. Specialitäten. Gebr. Herrnfeld. Gastspiel der Tegernseer. Der Dorspsarrer. Reichshallen. Stettiner Sänger. Passage-Theater. Specialitäten. Urania. Daubenstraste 48/49. Um 4 Uhr(kleine Preise): Aus dem Haushalt der freien Natur. Um 8 Uhr: Die Insel Rügen. Jnbalidenstraste 57/K!!. Sten* warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. SeMller-Theater. Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Sonnabendabend 8 Uhr: Das grobe Hemd. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Die Kinder der Excellenas. Sonntagabend 8 Uhr: Der Geixlge. Hieraus: Der eingeb. Kranke. Montagabend 8 Uhr: Das grobe Hemd. Schlller-Thcater BT. (Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater) Sonnabendabend 8 Uhr: Danline. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der Dkarrer von Kirchfeld. Sonntagabend 8 Uhr: Pension Schöller. Montagabend 8 Uhr: Panline. j Im Garten täglich gn. Militär-Konzerf. Central-Theatev. Heute 7'/, Uhr: Gastsp. Paula Worm: Der Sounettvogel. Operette in 3 Akten v. V. Holländer. Morgen und folgende Tage: Der Sonnenvogel. Sonntagnachmittag 3 Uhr halbe Preise: Die Pledermans. Neues Theater. Schiffbauerdamm 4a— 5. Kabale UBd Liebe. Anfang 71/, Uhr. Morgen: Kabale und Liehe._ RkjidknMjMw Heute und folgende Tage: Abends 8 Uhr: Vie 300 Tage. Schwank in 3 Akten von Paul Gavault und Robert Eharvey. _ Deutsch von Alfred Halm. Der psste Erfolg dieses Jahres: Gr. dramatisch-satirische Revue in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaender. Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Apollo-Theater. Abends 71/, Uhr: Garten-Konzert."WF Abends 8 Uhr: Die neuen Specialitäten. S'l, Uhr: Isiebesgötter mit Götterzng und Sensations-Apotlicose: „Im Tempel der Glückseligkeit". Montag, den 16. Mai 1904: Robert Steidl-Jubiläum. Brauerei fHedriehshain früher Lipps(Oekonom: E. Niemann), am KSnigsfhor. Grösster Konzert-8aal und Garten Berlins. nv Hente Sonnabend:"NM Vorletztes Konzert von Johann Strauss ans Wien Dirigent der k. und k. östreichischen Hofballmusik mit seiner gesamten Kapelle. Ansang 3 Uhr. Entree 3V Pf. Reservierter Platz 1 Mark. Morgen Sonntag: DW" Hbschieds-Konzerf."MW Casino-Theater. Lothringerstr. 37. Ans. 8, Sonnt. 71/j. 8 Uhr; Durch Klippen und Wellen. S'/at Kern und Bobzen als Mimiker. Santanella— Les Aleros. 9'/a: Berliner Herzen. Sonntagnachm. 4 Uhr: Wie einet im Mai. Dazu Austreten sämtlicher Specialitäten. Schluffvorstellung: Montag, den 1«. Mai. Kloiuos Theater. Unter den Linden 44. Nachtasyl, Ansang 8 Uhr. Morgen: Frünlein drille. Trater-Theater 1 Kastanien-Allce 7/9. Heute und folgende Tage: Kontert, Tiienter, Kall. Anfang 4ffz Uhr. Eintritt 30, num.'Platz S0 Pf. Siehe Säulenanschlag. Urania, Taubenstr. 48/49. Um 4 Uhr(kleine Preise): Aus dem Haushalt der freien Natur. Um 8 Uhr im Theater: Die Insel Rügen. Sternwarte SIS* AN OP TIC UM Friedrichstr. 165. Die zusamiuengewachsenen Schwestern. Der Wdlfriede. 385 Kassandra,"IS® das delphische Orakel? Passage-Theater. Anfang: Sonntags 3 Uhr. Wochentags 5 Uhr.— Anfang der Abendvorstellung 8 Uhr. Das glänzende Mai-Propmni: Paul Oorradiui Tanz-Komiker. John Siems Karten- und Münzen-Manipulator. 14 erstklassige Nümmern. Belle-AIliance-Tbeater. (Jean Kren und Alfred Schönseid.) Im Theater 7°/, Uhr; Kam rad Lehmann. Große militärische Ausstattungsposse mit Guido Thielscher in der Titelrolle. Im Garten: Heute abend von 6 Uhr: Grosses Konzert d. Marine-iugend-Kapelle in Original Kieler Matrvien-Uniform. Entree 20 Pf., reserv. Platz 40 Pf. Saifonkart. u. Dutzendhefte a. d. Kasse. Sonntagnachmittag 31/, Uhr: Charleys Tante._ Trianon-Theater. Georgenstraße, zwischen Friedrich- und Universitätsstraße. Abends 8 Ubr: Das elfte Gebot. Hierauf: Düv Dieb. Carl Weiss-Theater. Bürgerliches Schauspielhaus. Große Franksurterstr. 132. Die Logenbrüder. Posse m 3 Akten von Karl Laufs und Kurt Kraatz. MF" A n s a n g 8 U h r. MS Morgen nachmittag 3 Uhr: Taust. Abends: Die Logenbrüder. Im Garten: Specialitäten- Vorstellung. Anfang 41/, Uhr. (er. Täglich abends 8 Uhr: Gastspiel der Tepsrnsee'r. Nur nach heute und morgen die lustige Bauernkomüdie Der Dorfprarrer. Von Maximilian Schmidt. Mit Orig.-Zitherspiel und präm. Schuhplattler. Montag, den 10. Mal: DM" Zum erstenmal"MG Darchs Standesamt oder: Die schöne Millibäuerin von Tegernsee. Oberbay. Volksstück m. Gesang, u. Tanz. Roiohs hallen StettinerSänger Zum Schluß: Neu! Cirkus Lenz und CirkitS Pusch. Die preise sind billig aber streng fest. otmtier- ?atetots moderne, ohike Form, mit senkrechten oder geraden Taschen, von mittel- oder dunkelfarbigen, melierten, gestreiften oder gesprenkelten Stoffen, teilweise auf Seide gearbeitet, elegant und tadellos sitzend: 30, 85, 80, 35, 40, 45, 50 und 55 M. Jackett- HnzUge ein- u. zweireih. 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Im Saal: Grosser Extra-Tanz. Ansang 41;.. Uhr. Eintritt 30 Pf. Am 1. Pfingstfeiertag: Vollständige Eröffnung der Sommer-Spielzeit. KottigZtAÄt-Ztasitto Holzmarkt str. 72, Ecke Alexanderstraße. Täglich: Austreten v. Carl Stephan, die fesche Nanon, Herrn. Hempel, Geschw. Lederer, C. u. E. Bernhardt), Rose Brandt, Paul Reese. Neu! Die Xante aus Polzin. Posse mit Gesang in 1 Akt. Nach der Vorstell.: Alittwoch, Sonnabend, Sonntag: Tanz. Slns. Wochent. 8 Uhr, Sonntag? 5 Ubr. Nana! Reichsberg Tnrfaiaria Spanische Sängerin lUKdJdUd und Tänzerin. De Vry's Phantasmagorien. Operettensängerin. Soeurs Salonue kJSen. Gebrüder Schwarz Parodisten. Kiners Moulin Equilibrist. Scene. De Xohry Pariser Sängerin. Die Blumenkönigin Tanzdivertissem. Die Wotperts Akrobaten. Robinson Baker-Trio Springer. Paul Conchas XÄ" Biograph. Pas de deux Sgra. Cavini u. Sgr. Cerutti. Sanssouci. Kottbuser Thor— Stat. der Hochbahn. Jeden Sonntag, Montag und Donnerstag: hofitnaims Norddeutsche Sänger. Nach jeder Soiree: Tanz. Ab Pfingsten finden die Soireen täglich im Garten statt. ütowslr. 111/112. Täglich im Garten oder Saal: n r. Ans.: Woche 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Dons haben Gültigkeit. Zum empfehle Hochs. Margarine, Pfund 60, 70 und 80 Pf., Dpeeialmarke; 90 Pf., mit Eigelb und Rahm ge- stellt, reinschmeckend, sehr nahrhaft, von feinst. Naiurbutter nicht zu unter- scheiden. Margarine, Pfund 60 Pf., wird in vielen Bäckereien und Milchgeschästen zum Backen ver- wendet. Stets fMsch zu haben im Specialgeschäst: 1278b 12. Mlillerstf. 12. 40. Pulbuserslr. 40. Kein reizendes Villengnuidstück B austeile, V orortverkehr, waldige, ozonreiche Gegend, Angelgelegenheit an waldumsäumten Teichen, verkaufe umständehalber billig mit 1000 M. Anz. Offerten„M. Z. 1435" Berlin, Postamt W. 15. Kinderwagen neu! hochelegant! unverwüstlich und beispiellos billig, weil direkt v, der ältesten, größten sächsischen Kinderwagenlabrik J, T retbar, Grimma 134 MeinKaüüogDeinRafc- geber. 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Drei sehr stark besuchte, zum Teil überfüllte und polizeilich ab- gesperrte Versammlungen fanden am Mittwochabend im Felsenkeller- Plaglvitz, Albcrtgarteu, Anger und Schiller-Schlößchen-Gohlis statt, in denen Stadtverordneter Pollen der, Reichstags-Abgeordnetcr Fräßdorf und Redakteur I ä ck h sprachen. Weitere Ver- sammlungen folgen in Kürze. Die Versammlungen nahmen einen sehr ruhigen Verlauf. Die Generalversammlungs-Vertreter, die Mitglieder des Vorstandes wurden aufgefordert, auf ihrem Posten auszuharren und stets für das Interesse der Kasse und deren Mit- glieder zu wirken. Bekannt gegeben wurde, daß sämtliche Distriktsärzte bis auf einen entschieden auf die Erfüllung ihrer Verträge bestehen und sich nicht beeinflussen lassen wollen, ihre Rechte preiszu- geben. Schließlich wurde überall eine gleichlautende Resolution ange- nommen, m der auch die„Eng) fehlung" von 70 Aerzten neben den Distriktsärzten beschlossen wurde, die andren Aerzte also zu boykottieren sind. Im Albertgartcn wurde eine weitere Resolution gefaßt, durch die die Borstände der freien Hilfs- lassen aufgefordert werden, das Vertragsverhältnis mit den Kassenärzten zu lösen und dafür Distriktsärzte anzustellen. Die Resolutionen lauteten: „Die versammelten Mitglieder der Ortskrankenkasse für Leipzig und Umgegend protestieren entschieden gegen die Beschränkung des Selbstvcrwaltungsrechts in der Ortskrankenkasse durch Me_ kreis- hauptmannschaftliche Verordnung vom 7. Mai 1904 und fordern die Arbeitnehmer iin Vorstande und in der Generalversammlung, sowie die freiwilligen Kontrolleure auf, in ihren Aemtern zu ver- bleiben, um eine völlige Diktatur der Kreishauptmannschaft in der Kassenverwalwng zu vermeiden. Die Versammlung erklärt sich damit einverstanden, daß eine besondere Kommission gebildet wird, deren specielle Aufgabe es zu sein hat, die Folgen der krcishauptmannschaftlichen Ver- ordnung zu bekämpfen. Insbesondere verwirft die Versammlung die zwangsweise Anordnung der freien Arztwahl unter»75 Aerzten und ist vielmehr gewillt, außer den bisherigen Distriktsärzten nur etwa 70 Aerzte in Anspruch zu nehmen, die durch eine gc- meinsame Liste den Kasseumitgliedcrn zu empfehlen sind. Die Arbeitnehiner im Kasscnvorstand und in der Generalversammlung werden aufgefordert, unverweilt auf die baldigste Wiedereinführung der Familienbehandlung durch das Kassenstatut zu dringen. Schließlich erklärt es die Versammlung für notwendig, in kürzester Zeit einen von möglichst allen Kassenmitgliedern unterzeichneten Protest gegen die letzte Verordnung der Leipziger Kreis- hauptmannschaft an den Reichstag zu bringen." Die im Albertgartcn gefaßte Resolution lautete: „Die heutige öffenrliche Mitglieder-Versammlung der Orts- Kraukenkasse zu' Leipzig ersucht die Mitglieder von freien Hilfs- und Gewerkschastskassen, ihre Vorstände zu veranlassen, die Ver- träge derjenigen Aerzte, die als Vertrauensärzte diesen Kassen vorstehen und am t. April ihre Thätigkeit für die Leipziger Orts- kasse eingestellt hatten, zu kündigen und diese Posten nnt Distrikts- ärzten zu besetzen." ** Auch in Halle ist es zu einem Konflikt zwischen den Aerzten und den Kassen gekommen. In einer Versammlung der Vertreter des Verbandes der Orts-Krankenkassen wurde am Mittwochabend darüber berichtet. Jene Vertreter haben mit den Vertretern der Aerzte wegen der Honorierung unterhandelt, und z. B die Honorare für Konsultationen in der Sprechstunde von 50 auf 60 Pf. erhöht, während die Aerzte 75 Pf. pro Konsultation verlangen. Ein Herr Dr. H e r z a u erteilte den Vertretern der Kasse den„wohl- gemeinten Rat", die Arbeiter sollten doch, um iich in Krankheitsfällen„besser versichern zu können", nicht so hohe Beiträge zu den politischen und Gewerkschaftsverernen zahlen. Der kluge Herr Doktor bedenkt nicht, daß. ihm die Arbeiter mit dem gleichen Rechte erwidern könnten, die Aerzte sollten nicht unnütz Geld für ihren wirtschaftlichen Verband ausgeben, um ihren„Hungerlohn" nicht noch mehr zu beinträchtigen. Natürlich blieben die Arbeiter dem Herrn die gebührende Antivort nicht schuldig. Besonders scharf spitzen sich die Verhältnisse in der Giebichen- steiner Orts-Krankenkasse zu. In jener Kasse, die 600 Mitglieder zählt, praktizierten früher 7 Aerzte, von denen ein Arzt in einem Jahre für Behandlungen 2400 M. bezog. Da die Kasse infolge der Houorierung der Aerzte nicht mehr leistungsfähig genug erschien, wurden 6 Aerzte entlassen. Die Folge davon war. daß die Kassenvorstände von dem Magistrat bei Androhung einer Strafe� von 20 M. anfgefordet wurden, innerhalb 24 Stunden zunächst einen zweiten Arzt»eben dem noch praktizierenden Dr. Kolbe anzustellen. Als die Kassen- vorstände darauf eingehen wollten, stellte eine Kommission der Slerzte aber die Bedingung, die entlassenen sechs Aerzte wieder einzustellen und dem Dr. Kolbe, der nicht zuverlässig sei, zu kündigen. Darauf ließ sich die Kasse natürlich nicht ein, und es wird nun abgewartet, wie„von oben" verfügt wird. Dem Arzt, der mit Dr. Kolbe zu- sammenarbeitcn wollte, ist es von seinen Kollegen strengstens unter- sagt worden, in den Dienst der Kasse zu treten. Inzwischen hat auch die Aerztekommission sämtliche Aerzte durch ein Rundschreiben auf- gefordert, mit jener Kasse nicht in Unterhandlung zu treten. Sämtlichen Kassen des Stadt- und Landkreises Hagen haben die Aerzte zunr 1. Juli gekündigt. Alle bisher stattgehabten Unterhandlungen sind resultatlos verlaufen. Der Aerzteverein hatte ursprünglich für Einzelmitglieder 4,50 M. und für Familienbehandlung 14,50 M. als Forderung aufgestellt. Diese Forderung wurde nachträglich auf 4 resp. 12 M. ermäßigt. Auch einen Rabatt iir Höhe von 2 M. wollen die Aerzte den Kassen ge- Währen, wenn diese mit Unterbilanz arbeiten sollten trotz Beitrags- erhöhung. Die Herren verlangen zur Kontrolle die Einsicht in die Bücher der Kassen. Die Mehrheit der Vorstände lehnten fast einstimmig die Forderung der Aerzte ab. Ein andrer vom Vorstande der Ortskaste I gestellter Antrag, der die Sätze von 4 resp. 11 M. normierte, wurde einstimmig angenommen. Seitens der Aerztekommission wurde das Anerbiete» strikt abgelehnt, wird es jedoch der Aerzteversammlung zur Beschlußfassung unterbreiten. Die von Dr. Victor Böhmert geleitete„Social-Korrespondenz" schreibt zu dem Vorgehen der Aerzte: „Der vermögenslose junge Großstadtarzt ist wie ein schlecht- bewurzelter Baum im Sturm. Ein heftiger Stoß kann ihn Wirt- schaftlich niederbrcchen, wenn er nicht sicheren und nahrhaften Boden in den großen Krankenkassen findet. Es ist heute zur Regel geworden, daß diese Kassen zahllosen Aerzten zur ersten und zuverlässigsten Stütze für den Gang in das Leben, für den Kampf um die Praxis geworden sind. In der Gegenwart bilden die großen.Krankenkassen die stärkste wirtschaftliche Grundlage des deutschen Aerztestandes. Und hier sucht dieser seit einiger Zeit mit aller Kraft einzusetzen. Er will sie, soweit eö nur immer möglich ist, unter seine Herrschaft bringen, sein Einfluß soll entscheidend ftir die innere EntWickelung, Verfassung und das Geschäftsverfahren der Kassen sein, weil nur ein solcher machsiger Einfluß ihm die Erfüllung seiner wirtschaftlichen Wünsche, seiner Honoraransprüche an die Kassen verbürgt. Natürlich führt das zu heftigen Reibungen namentlich in den großen OrtS-Kranken- lassen.... Wie gesagt, sträuben sich die Kassen, durch das kaudinische Joch dieser Aerztepolitik zu gehen und es ist zu zahlreichen ernsten Konflikten gekommen. Die Aerzte wollen die Kassen durch Ver- Weigerung der ärztlichen Hilfe mürbe machen und gleichzeitig die Aufsichtsbehörde veranlassen, zu Gunsten der Aerzte einzuschreiten, da die Kassen gesetzlich verpflichtet sind, für ausreichende ärztliche Hilfe zu sorgen. Es wird also von den Behörden verlangt, daß sie ausgesprochen zu Gunsten der Streikenden sich ins Mittel legen; also eine Politik befolgen, die in: geraden Gegensatz zu der steht, die ihnen sonst gegen streikende Arbeiter empfohlen wird, wobei sich der Socialpvlitiker unwillkürlich an Crimmitschau erinnert. Und die Behörden haben meistens die umgekehrte Politik befolgt— besonders auffällig vor einiger Zeit in Köln und vor wenigen Tagen in Leipzig—, da sie wohl zu der Ueberzeugung gelangten, daß die von den Kassen unter dem Einfluß des Streiks den Mitgliedern gewährte ärztliche Hilfe nicht ausreiche und es Pflicht der Behörde sei, für genügende Hilfe zu sorgen. Um den Kassen in dieser Beziehung Verlegenheiten zu bereiten, suchen die streikenden Aerzte, ganz wie streikende?lrbciter und oft mit sehr starken Mitteln, den Zuzug nach den Streikorten fernzuhalten.„Arbeitswillige" Aerzte Wersen von ihren streikenden Kollegen nicht viel anders behandelt als Streikbrecher von im Ausstande stehenden Lohnarbeitern. Aber ein Vorteil fällt für die streikenden Aerzte schwer in die Wagschale: sie haben nicht die Sympathie der besitzenden Klasse, wie meistens die Arbeiter, gegen, sondern für sich. Das erklärt sich aus der Klassenzusammengehörigkeit und aus der Annahme, die von den streikenden Aerzten nach Möglichkeit gestärkt wird, es handele sich bei dem Kampf der Aerzte mit den Kassen um eine Fehde gegen die Socialdernokratie. Man verquickt in unberechtigter Weise den Aerztelampf nnt der Politik, man entfesselt die Parteileideuschaft in einer Institution gesetzlicher socialer Fürsorge, die mit Politik und Partei nichts zu thun hat. So feierten manche Kreise dieser Tage auch den Ausgang des Leipziger Aerztestreiks ganz fälschlich als einen politischen Sieg. Wie liegt denn nun die Sache? Bekanntlich haben die Arbeiter gesetzlich zwei Drittel der KrankcnversicherungS- kosten zu tragen und die Arbeitgeber ein Drittel. Der Vorstand der Krankenkassen setzt sich daher diesem Verhältnis entsprechend zu ztvei Dritteln aus Arbeitern als Mitglieder der Kasse und zu einem Drittel aus Unternehmern zusammen. Es ist nun bezeichnend, daß fast überall in diesen Vorständen, was Kassenangelegenheite» an- langt, eine glückliche Ucbereinstimmung herrscht, daß niemals das Hervortreten politischer Gegensätze bei Erledigung der Kassen- geschäfte bekannt geworden ist, fast überall völlige Ueber- einstimlnung zwischen Arbeitern und Unternehmern in den Kassen- vorständen bestand, wo diese glaubten, daß eine Ablehnung ärztlicher Forderungen geboten sei. Man gewinnt als vorurteilsloser Beobachter denn doch den Eindruck, daß die Parteipolitik bei den Vorständen der deutschen Orts-Krankenkassen stets vor der Thüre bleibt, sobald es sich um die Erledigung von Kassenangelegenheiten handelt. Unsre deutschen Ortskassen sind gut verwaltete Institute. Würde in ihnen Parteipolitik eine Rolle spielen, so hätte das leinen Bestand. Die Arbeitgeber im Borstande, unter denen z. B. in Leipzig Konservative, Nationalliberale und Antisemiten vertreten sind, würden dagegen mit Recht wohl längst Verwahrung eingelegt haben. ES ist be- merkenswert, daß in Leipzig ein königlich sächsischer Kommerzien- rat Vorsitzender der Ortslasse ist und'da§ uns ein im Vorstaude sitzender konservativer Unternehmer versicherte, bei der Erledigung der Geschäfte der Krankenkasse sei die Politik niemals berührt. Eö ist im Sinne einer gesunden socialpolitischen Entwicklung notwendig, die Beschuldigung, als seien die Ortskassen gewissermaßen politische Partei-Jnstitutionen, nachdrücklich zurückzuweisen. Auf diese Beschuldigung gründen sich nämlich die Bestrebungen, das Selbst- verwaltungsrccht der Krankenkassen stark zu beschneiden oder ganz aufzuheben. Dieses Recht steht aber als Erziehungsmittel' der Arbeiterklasse so hoch, daß mau gegen seine ernstliche Schmälerung von, Standpunkt einer vorwärtsschauenden Socialpolitik Verwahrung einlegen muß." Achtung, 3 ü est erstreik! Bürger! Arbeiter! und besonders Ihr Hausfrauen! Unterstützt die streikenden Bäckerei-Arbeiter in ihrem schweren Kampfe zur Erringung menschenwürdiger Lohn- und Arbeitsbedingungen! Kaust nur Brot aus den Bäckereien, in denen unsre bescheidenen Forderungen erfüllt werden! Folgende Bäckereien sind geregelt und werden in diesen die geforderten Bedingungen erfüllt: Nord«». ruschka, Landsberger Allee 4». eue Berliner Brotfabrik, ArliNerie- ftraße 27. . Roth#, Lrunnenstr. 48. l. Ziegelsk, Grenzsir. 13. . Nentwig, Ackerstr. 171. . Libitaki, Straßburgerslr. 28. egen, ZionStirchftr. 2. ug. Kfinscher, Kastanien-Allee 57. . Haff, Elbingerftr. 88. ehr. Hagen Nachfolg., Dalldorferstratze 16. . Jonscher, Schulstr. 37. , Graul. Anklamcrstr. 36. . Seidel, Rainlerstr. 24. i. Herrmann, Prenzlauer Allee 203. eise. Wriezcnerslr. 8. Irschen, Angermündersir. 3. auber, Prenzlauer Allee 86. elsewitz, Schliemannstr. 24. rotfabrlk Wittler. Müllcrstr. 33. ermann FCrster, Greisswalderstr. 202. .Kiesewetter, Schönhauser Allee 86. ricke, Linicnstr. 87. llhrig, Wörtherstr. 34. . Schmidt, Köslincrstr. 3. lilh. Eckert, Prenzlauer Allee 42. ebhard, Straßburgerslr. 13. . Goheise, Landsberger Allee 128. ohrmann,(Kraunstr. 22. wann Thiel, Franseckistr. 4o. rnst Pfeiller, Papp°l-Mee 24. Ib. Wölfl, Eraunstr. 28. lax Loreni, RheinSbergerstr. 26. essner, Swinemünderstr. 80. r. Riebenstahl, Wattftr. 21. swald Grossmann, Swineinünder« stratze 27. I. Manne), Swinemünderstr. 82. |. Hösselbarth, Fchrbellinerstr. 27. do. Pappel-Allee 14. Mittelbach, SchönHolzerstr. 5. aul MBHer, Marienburgerstr. 48. . Backe, Ruppinerstr. 8. Goldacker, Brunnenstt. 129/130. I. Schmidt, Prinzen-Allee 53. i. Hübner, Schwedterstr. 52. akob Barkiick, Brunnenstr. 161. Villi Seemann, Marienburgerstr. 7. Berliner Genossensohafts-BSckerei, Neue Hochstr. 18. Neue Berl. Genossenschafts-BSckerel, Demminerstr. 18. Oskar Hanke, Greisswalderstr. 12. Erlte Hanke, Hagenauerstr. la. J. Szorweinka, Dunckerstr. 2. 0. Kohers, Neue Hochstr. 28. C. Sohönherr, Oderbergerstr. 46. Georg Witt, Strelitzerstr. 46. tzuasnica, Ltebenwalderstr. 60. G. Wackowski, Bernauerstr. 97. 0. Fickerl, Bergstr. 68. A. Schneider, Slolonicftr. 28. A. Grund, Demminerstr. 25. I. Hentschei, Strelltzerltr. 4. Hanke, Müllerstr. 166a. E. Voley, Liebenwalderslr. 10. H. Jaape, Putbuserstr. 14. A. Stammer, Jnvalidenstr. 109. H. Tschöke, Köslinerslr. 1. G. Mittendorf, Müllerstr. 156o. R. Schubert, Swinemünderstr. 93. Park Verschiedenes. 257/10 Der Vorstand. I. A.: Albert«luppenlata. CentralverbaRil deutscher Brauerei-Arbeiter Zwelgvcreln Berlin, Sektion 1(Brauer). Sonntag, den 15. Mai, nachmittags 2 Uhr: SP Vereins- Versammlung im Sewerkschaftshause. Engel-Ufer 15(Saal 1). TageS-Ordnung: tz.„Ein Rückblick auf die letzten 10 J«hre vom 16. Mai 1004 bis 1«. Mai 1804.« 2. Die Anträge zum diesjährigen VerbanlStage. 8. Innere Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen-rwünscht. 41/10. Der Vorstand. Verg'older! Beruf sgettossen! Filiale Berlin! Montag, den 16. Mai, akends Präc. 8 Uhr: Mitglied er-Bersamml««g I» de» Slrminhalle», Kommandartenstrafte 20(großer Saal). TageS-Ordnung: 1. Die Situation unsres Streiks. 2. Verschiedenes. t eines jeden Mitgliedes ist es, in dieser Versammlung zu erscheinen. Der Vorstand. 225/19 Deutscher WaMeiter-Verhent!. Verwaltungsstelle Berlin. Burtau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. » Sonntag, den 15. Mai, vormittags 1« Uhr: jurorgenspraehe der Schraubendreher bei Wetzel, Wrengelstr. 156. Montag, den 16. Mai 1904, abends 8Vz Uhr bei Buggenhage«, am Moritzplatz: VersammlunK irleier Tages-Ordnung: 1. Berichterstattung von der Rohrleger-Konferenz Deutschlands. 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten. Kollegen l In dieser Versammlung werden auch die Delegierten der auswärtigen Orte anwesend sein. Es gilt, den auswärtigen Kollegen zu zeigen, daß die Berliner Rohrleger und Heiser zur Stelle sind, wenn es heißt, die Lohn- und Arbeitsbedingungen unsres Berufes zu beraten. Er- scheint darum alle Maun: ttS/12 Die Ortsvcrwaltnng. Ui ülltgliedsckait Berlin II. Sonntag, den 15. d. M., vormittags lO'/z Uhr, im Königstadt-Kafino, Holzmarktfiraße 72: !VlliKcglisEl«v»'Vvr>ssmmEuiig. Tagesordnung: 1. Verbandsangelegenheit. 2. Aufnahme neuer Mitglieder». Verschiedenes. In dieser Versammlung werden die Protokolle vom letzten Verbandstage ausgegeben. 19/7 Um zahlreichen Besuch bittet dringend_ Ter Borstand. I. A.: F. Trapp. Gentral-Verband der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgen. Deutschlands. Sonntag, den 15. Mai, nachm. 5 Uhr, bei Voigt, Ritterstr. 75: DSP Versammlung."WA Tages-Ordnung: 1. Mitteilung. 2. Vortrag des Genossen Elnk über .Die Nrbeiterschutz-Gesetzgebung". 3. Verschiedenes und Fragekasten. Um regen und pünktlichen Besuch bittet 133/11 Die Ortsvcrwaltnng. Tischler-Verein zu Berlin. (E. H. 80.) 198/15 Sonnabend, den 14. Mai, abends 8'/, Uhr, Melchiorstrafte 13: üf" Versammlung."WW Tages-Ordnung: Vortrag des Herrn Ritter. Vereinsangelegen- heilen. Bezahlung der Beiträge. Ausnahme neuer Mitglieder. Montag, den 1». Juni: Großes Sommerfest in der Bleuen Vkeli, H°senhe!d- mim. Mets a 20 Pf. sind in der Versammlung bei allen Vorstandsmitgliedern zu haben. Ber Vorstand. Hotel-Restaurant„Zur Schleuse" Inhaber: Otto Ballmtillcr 1112b Nene Mühle bei Königs-Wnstevhausen. Einzig größeres, direkt am Wasser gelegenes Lokal mit großem Theatersaal und zwei kleineren Sälen, Kegelbahnen, Kaffeeküche, Dampser-Anlegestelle, Bootshasen. Logis mit und ohne Pension. Sommerwohnungen. Vorzüg- liche Küche. Empfiehlt sich den geehrten Vereinen u. Gesellschaften b. Ausslügen. einfach 0,50. Billets sind Stralauerbr. l, zu haben. Bahnstation Zeuthen Hm Sonntag, den 15. JVIai: Grosse Dampfer-Extrafahrt nach Sporthaus Ziegenhals am Krossinsee. Abfahrt 10 Uhr vormittags von Station Ksbnt 4 Hertzer. Fahrpreis hin und zurück 0,75, am Dampfer sowie beim Gastwirt Schmidt, Freunde und Bekannte lade ergebenst dazu ein. 52172 Max Mörschel. Ceuwl-KrMeu-«. Sterbe- Kasse der Tischler und andrer gewerblicher Arbeiter. Verwaltung Berlin E. Sonntag, 15. Mai, vorm. 10 Uhr: bei Herrn Raabe, Kolbergerstr. 23. Tages-Ordnung: 1. Abrechnungv.l.O.uartall064. 2. Kassen-Angelegenhett. 3. Verschiedenes. - Mitgliedsbuch legitimiert.— Um zahlreiches und pünktliches Er- scheinen ersucht 183/5 Die Ortsverwaltuug. Apbeiter-RadiahreiTOin „Berlin". Sonntag früh 6 Uhr nach Kremmen(Urack), mittags 1 Uhr nach Hennigsdorf(Ww. Eunes, Fabrik- siraße). Beide Starts: Koppenplatz. blL. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß Pfingsten die 2 Tagestour nach Freienwalde-Oderberg, die 3-Tages- tonr nach Zerbst-Dessau geht. IJtzp- Mittwoch, den 18. Mai: Bersammluug im Böhmischen Braw haus, Landsberger Allee 11—13. mma Brntcicr it. Küken■ v. 12 hochedlen Hühnerrassen verlause unter Garantie für Reell. 4/6 Desgl. Legehühner, Eni., Put., Tauben. Glucken Sf» gegen gutlegende Hühner ze. ein. Geflügelz. llerlin SO., Mariannenstr.34. Dr. Schütiemann Specialarzt für Haut-, Harn- und Frauenleiden, Seydelstr. O. Wochentags■/.12-';aS,'/-«-'/-8. 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VerlagsanMt.Paul Singer& Co.. Berlin SW.