Nr. ISO. RbonnmentS'Redlnsungen s Abonnements. Preis pränumerando 5 Bierteljährl. 8,30 MI, monatl. 1,10 SKI., wöchentlich 28 Pfg. frei inS HauS, Einzelne Nummer s Pfg. Sonntags- nummcr mit illustrierter SonnwgS- Vellage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post-Zeitung S- PreiSIiste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn S Mark, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. AI. Jahrg. cncheint tilg»» au8tr Blonüsi. Nerlinev VolktsblÄkk. D?t TnI(rtlonS'GtbDI)r betrügt für die fechSgespastene«olonel- geile oder deren Raum 40 Pfg, für politische und gcwcrlschastNche Vereins- und BersammlungS-Anzeigen SS Pfg. „Aleine ZZnieigen". das erste(seit- gedruckte) Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis b Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen, tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr donnittagS geöffnet. Telegramm-Adresie: „SozUUtmölir« Btrlln". Zentralorgan der rozialdemokratlfchen Partei Deutfcblands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. l»8Z. (Quittung. Iin Monat Mai gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Altona. 6. schleswig-holsteinischer Reichstags-Wahlkreis 1000,—. Berlin, Beiträge der Wahlkreise: 2. Kreis 600,—. 4. Kreis Südost 6000,—(darunter Skatklub„Fünfzig" 10,—, v. d. Klempnern der Firma Karney 4,30, Uebersch. der Kranzspende v. d. Arb. d. Firma Lüben u. Buse 11,60, Ueberschutz der Kranzspende von den Arbeitern der Allg. E.-G. Ackerstrahe, Werkzeugbau, Saal 25 22,50). 6. Kreis 4600,—. Berlin, diverse Beiträge: Machetes 6,—. Vom Verband der Bauarbeiter anlählich der Bkai- versammlitng 50,—. Ertrag einer amerikanischen Auktion auf der Herrenpartie der Lithographenfiliale 7,05. Zweiter Wahlkreis, Tischlerei P. F. Liidtke, Gitschinerstr. 106, 18,—. Freundschaftsbund Klette 6,—. Dr. L. A. 100,—. Die Kontobucharbeiter vom Wedding 5,—. Jule II, Ritterstraße 7,20. Munition zum Kampfe für Wahrheit und Recht 4,—. Durch Gerisch 2,—. P. S. 50,- A. B. 50,—. Mitgl. d. U.-Dr., 2 Raten 10,80. Patienten in Grabowsee 4,—. Gutenberg 38,75. A. A., Schönh. A. 5,—. Arbeiter der Reuen Berliner GenossenschastSbäckerei 26,—. Bannen, socialdemokratischer Verein 200,—. Brandenburg a. H., Wahlkreis Brandenb.• Westhavelland 200,—. Bant• Wilhelmshaven, social« demokr. Wahlverein 1. Quart. 04 105,—. Beutchen O.-Schl., von den Parteigenosten 5,—. Bern 50,—. Breslau, socialdemokr. Verein 100,—. Calbe 0.©., Beitrag des Volksverems 50,—. Crimmitschau, 18. sächs. Reichstags-Wahlkreis. 300,—. Chemnitz, für Wahlagitation in Frankfurt-Lebus 10,—. Durlach, von Gerbern der Firma H. B. bei einem Glase Bier 2,40. Dortmund, Drucker« u. Sctzerpersonal d..Arb.-Ztg."50,—. Falkenberg O.-Schl. 5,—. Flensburg, Ertrag einer amerik. Aukt. am 1. Mai 2,—. Forst i. L.. social« demokr. Verein, Centralverb. Sorau-Forst 800,—. Fürth, Wahlkreis 20,—. Gotha, durch den Vertrauensmann 30,—. Großenhain, Parteibeitrag des 7. sächs. Reichstags-Wahlkreises 500,—. Hamburg, 2. Wahlkreis 5000,—. Hamburg, im Monat Mai in der Expedition des„Echo" eingegangen 193,—. Hartha, 10. sächs. Reichstags- Wahlkreis 106,—(darunter Richzenhain für April und Mai 6,—). Hüttensteinach im Wahlkr. Sonneberg-Saalfcld. Arbeiter-Bildungs« verein 10,—. Haniburg, 1. Wahlkreis 2000,—. Königsberg i. Pr., Parteibeitrag 2. Quartal 1004 100,—. Königsbrück, Maiseier der Parteigenosten im Ottendorf-Okrista, Pulsnitz u. Königsbrück 3,50. Luckenwalde, Wahlkreis Jüterbog-Luckenwalde-Zauch-Belzig 100,—. Lübeck, socialdemokratischer Verein 500,—. Luckenwalde, RufuS 5,—. München. Waldläufer 5,—. Mülhausen i. E., Einzelmitglieder der Partei 10,—. Mannheim, socialdemokratischer Verein 200,—. Nürnberg, S. 4,—. Neu-Weißensee b. Berlin, Uebersch. d. Kranzsp. v. Neubau Albertistraße 1,—. Nienburg a. W., 7. hannoverscher Wahlkreis 50,—. Reiste, B. F. 2,—. Oberlangenbielau, Parteibeitrag aus dem Eulengebirge 100,—. Offenburg in Baden aus T— s Sparkasse 0,40. Peterswaldau, vom Wahl- verein 10,—. Randow« Greifcnhagen, socialdemokr. Wahlverein, 1. Quartal 1904, 100,—. Stuttgart, G. U. 10,—. Straßburg i. E., Altvater 5,—. Solingen, durch das Kreiskomitee 50,—. Solingen, gesammelt bei der roten Taufe d. kl. Elenden aus Köln in Scharf- Hausen b. S. 2,60. Vegesack, verauktioniertes Butterbrot bei einem Mai-AuSflug 10,—. Wandsbeck, socialdemokratischer Verein 1000,—. Wolmirstedt-Neuhaldensleben. Wahlkreis, 2 Raten, 200,—. Württeni- berg 100.—. Berlin, den 4. Juni 1904. Für den Parteivorstand: A. Gerisch, Kreuzbergstr. 80. Frauenftimmrecht. Gleiches Recht für Mann und Weib! Das ist eine Forderung, die zu den Grundsätzen des social» demokratischen Programms gehört, für die seit dreißig Jahren nicht nur die weiblichen Agitatoren der Partei eintreten, die vielmehr von jedem einzelnen Socialdemokraten erhoben wird und dermaßen in Fleisch und Blut der Partei übergegangen ist, daß angesichts ihrer Selbstverständlichkeit eine Diskussion darüber nicht mehr vorkommt. Jeder Wahlkampf ist zugleich ein Kampf für die politische Gleichberechtigung des tvciblichen Geschlechts. Und wer jemals mitten darin gestanden hat, der weiß, mit welcher Begeisterung selbst die ärmsten Frauen in den verstecktesten Landorten sich als Vorkämpferinnen dieser Forderung bekennen. Aber es ist nicht nur die deutsche Socialdemokratle, die größte politische Partei Deutschlands, die diesen Standpunkt vertritt, es ist die Socialdeinokratie der ganzen Welt, die ebenso einmütig, wie gegen die Herrschaft einer Klasse über die andre, gegen die Herrschaft eines Geschlechts über das andre sich auflehnt. Die moderne Ritterschaft der Frauen ist das Proletariat. Während der letzten Tage wurde in Berlin ein Weltbund für Frauenstimmrecht gegründet, besten Verhandlungen geeignet sind, die Thatsache einmal wieder zu beleuchten, daß die bürgerliche und die proletarische Welt sich� von einander weiter trennen alS die europäischen und amerikanischen Frauen durch den Ocean. Die Anregung zu der Konferenz ging von Amerika, dem klassischen Lande des Frauenstimmrechts aus. Es ist bekannt, daß in vier amerikanischen Staaten den Frauen die vollen Bürgerrechte und in einer großen Anzahl anderer das kommunale Wahlrecht gewährt wurden, die amerikanische Stimmrechtsbewegung daher auf einen siegreichen Kampf zurückblicken darf. AuS den Stürmen der Revolution wurde sie geboren, wie es denn überhaupt nützlich ist, die revolutionäre Herkunft der Frauenbewegung ihren sanft- mutigen bürgerlichen Vertretern einmal wieder inS Gedächtnis zu rufen: Es war die französische Revolution, die Olympe de Gouges zu ihrer prachtvollen Erklärung der Frauenrechte begeisterte; cS waren die Zeiten der amerikanischen Sklavenbefreiung, der ameri- konischen Unabhängigkeitskriege, die die ersten Kämpfe und Siege der -amerikanischen Frauenbewegung gezeitigt, und unter dem Freiheits- banner des Jahres 1848 tagte die erste Frauenstimmrechts- Konferenz. Auf einer der letzten, 1902 in Washington, wurde, angesichts der Vertreterinnen aller Länder, der Beschluß gefaßt, einen internationalen Bund ins Leben zu rufen, und zwar im Anschluß an den internationalen Frauenkongreß, der 1904 in Berlin unter der Aegide des inter- nationalen Frauenbundes zusammentreten sollte. Es hat für uns kein Interesse, die im Verfolge dieses Beschlusses entstandenen inneren Differenzen und Eifersüchteleien zwischen der Frauen- stimmrechts-Vertrewng— in Deutschland repräsentiert durch den sogenannten„linken Flügel" der bürgerlichen Frauenbewegung mit Frau Cauer und Dr. Anita Augspurg an der Spitze— und der des internationalen Frauenbundes darzustellen. Die Frauen haben hier, wie anderswo, wieder gezeigt, wie wenig sie sich noch dazu erzogen haben, die allgemeinen Interessen den persönlichen überzuordnen Das schließliche Resultat der zum Teil heftigen Auseinandersetzungen war, daß die Leiterinnen der internationalen Stimmrechtsbewegung dem stärkeren Bunde sich beugten und die Gründung des Stimmrechts- bundes unter Ausschluß der Oeffentlichleit vor sich ging. Die Ver- treter der Presse hatte man allerdings zugelassen, obwohl selbst dagegen die autoritätsgläubigen Gemüter, als welche die holländischen Delegierten sich im Laufe der Verhandlung mehr und mehr entpuppten, zu opponieren versuchten. Nur ein kleiner und schwach besetzter Saal diente daher der Gründung des Frauenstimmrechtsbundes. Die Vorsitzende des deutschen Vereins für Frauenstimmrecht, Dr. Anita Augspurg. eröffnete die Verhandlungen mit einer Begrüßung der Delegierten und der Gäste. Sie ist eine gute Redneriu für gewöhnlich, und es muß Wunder nehmen, daß ihr nicht begeisterndere Worte gerade bei dieser Gelegenheit zu Gebote standen. Es genügt nicht, zu erklären, daß ein Ereignis von Welt- geschichtlicher Bedeuwng vor sich geht, man muß es für die Teilnehmer dazu zu gestalten verstehen, und der erste Redner ist es, der den Ton anschlägt, der weiter zu klingen bestimmt ist. Vor allem aber wäre es die Aufgabe der Vortragenden gewesen, an dieser Stelle und angesichts der Delegierten des Auslandes der deutschen Vorkämpfer der Stimmrechtsbewegung mit historischer Objektivität zu gedenken und die Aufmerksamkeit der Ausländer auf eine That- fache zu lenken, die ihnen, die in Bezug auf den Stand der Frauenfrage die schlechteste Meinung von Deutschland zu haben pflegen, zumeist unbekannt ist, und uns doch zur höchsten Ehre gereicht, daß achwndstebzig Reichstags-Abgeordnete nicht nur, sondern daß eine Partei von drei Millionen Stimmen seit Jahrzehnten für das Frauen- stimmrecht wirkt. Fräulein Dr. Augspurg schwieg von alledem, sie sprach zwar von ihren„politischen Freunden" im Reichstage, aber sie meinte damit nur die Herren v. Gerlach und Müller-Meiningen I Und niemand im Auditorium ergänzte ihren Bericht; ob aus Un- wiffenheit oder aus Feigheit, überlasse ich den Lesern zu entscheiden Aber nicht nur durch das, was Fräulein Dr. Augspurg ver« schwieg, auch durch das, was sie sagte, lud sie der Versammlung wie der Stimmrechts-Bewegung gegenüber eine schwer wieder gut zu»lachende Schuld auf sich: das war kein Aufruf zum Kampf, kein Trompetengeschmetter zu opfermuttgem Angriff; damit gewinnt man keine Soldaten! Die mehr als achtzigjährige Veteranin des Frauen-Sttmmrechts, Miß I. B. Anthony, wirkte allein durch ihre Erscheinung. Als Rednerin aber machte Mrs. Champman Catt den tiefften Eindruck. „Europäer waren es und Deutsche sind es gewesen", so rief sie aus, „die, enttäuscht von den traurigen Folgen des Jahres 1848, hinüber nach Amerika sahen, wo sie die Freiheit zu finden hofften, und uns thatsächlich die Freiheit brachten." Ihre zündende Schilderung der Entwicklung des Frauen-Stimmrechts in Wyoming, dem ersten Staat, der den Frauen die Bürgerrechte verlieh, der lieber auf die Auf- nähme in den nordamerikanischen Staatenbund verzichtete, als seinen weiblichen Bürgern die Rechte wieder zu entreißen, war eine ora- torische Leistung. Es war ein Glanzpunkt in der allgemeinen Oede langlvieriger Principien- und Stattttenberatungen. Der zweite Tag brachte die Annahme der Principienerklärung, die inzwischen sorgfältig jedes offensiven Charakters entkleidet worden war. Der„bedenkliche" Satz, toonach die Frauen, die an der Ge- staltung der Gesetze keinen aktiven Anteil haben, zum Gehorsam gegenüber den Gesetzgebern ebenso wenig verpflichtet werden wie zum Gehorsam gegenüber dem Einzelnen, fiel ohne Sang und Klang den allzeit geschliffenen konservativen Scheren zum Opfer, das Wort Tyrannei, mit dem die Amerikane- rinnen einen Zustand ganz richtig bezeichnen, in dem die Hälfte deS Menschengeschlechts, die polittsch völlig rechtlos ist, sich befindet, wich der vorstchttgen Umschreibung„Mißbrauch der Gewalt". Und ohne Begeisterung, wie die Verhandlung verlief, gelangten die„Principien" zur Annahme. Nur in einem Augenblick, der aber nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit geividmet war, durchbrauste jene Rührung, jene Freude den Saal, die sonst die Geburtsstunde internationaler Be- wegungen begleitet: es war, als Miß Anthony als erstes Mitglied des internationalen Bundes vorgeschlagen worden war. War es der Geist der Uneinigkeit, der umging? Oder war es nicht vielmehr der müde Geist einer absterbenden Welt, gegen den auch diese Frauen, von denen gewiß sehr viele von ehrlicher Be« geistcning für ihre Sache durchdrungen waren, nicht anzukämpfen vermögen? I ES war zweifellos eine anerkennungswerte Leistung, daß deutsche bürgerliche Frauen in Deutschland nicht nur einen Stimmrechtsverein gründeten, sondern die Gründung deS Weltbundes mitten in der Reaktion unsrer bürgerlichen Welt voll- zogen haben. Aber wir bezweifeln, daß ihr Borgehen von irgend einem Erfolg begleitet sein wird. Denn Führer brauchen solche, die geführt sein wollen. Offiziere Soldaten, die die Kriege überhaupt erst ermöglichen. Da aber eine große, millionenstarke Weltarmee, Expedition: SM. 68, I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. IS84. ein internationaler Bund von Männern und Frauen, dem kein andrer an die Seite zu stellen ist, längst besteht, so bedeutet die Gründung des Weltbundes für Frauenstiminrecht nichts weiter als die Zusammenfassung einer verhältnismäßig kleinen Zahl weiblicher Idealisten, deren Mut wir anerkennen, deren weltfremde Unkenntnis thatsächlicher Verhältnisse wir aber bedauern müssen. Nicht aus den Händen des Weltbundes für Frauenstimmrecht, sondern aus den Händen des internationalen, organisierten Prole- tariats wird das weibliche Geschlecht die politische Gleichberechtigung empfangen, die nur einer der Ausgangspunkte zur völligen Befreiung der Frauen sein wird, einer Befreiung, die mit der Befreiung der Menschheit aus den Banden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zusammenfällt. Lily Braun. pcUtiCcbe Qebcrficbt. Berlin, den 4. Juni. Blut— statt Wasser! Die für Südwestafrika bestimmte 1. Reitende Fcldartillerie« Batterie wurde am Sonnabend unter den üblich gewordenen Feierlichkeiten vom Kaiser besichttgt. In Gegenwart der Kaiserin, einer Prinzessin und zahlreicher hoher Generale ritt der Kaiser die Front ab. Zum letztenmal für lange Zeit wurde noch ein Parademarsch veranstaltet. Zuvor aber hielt der Kaiser eine Ansprache, in der er nach dem Berichte bürgerlicher Blätter etwa folgendes sagte: Er habe sie vor ihrer Abreise noch einmal begrüßen wollen. Sie möchten der Truppe, aus der sie hervorgegangen seien, Ehre machen und eingedenk sein, daß sie ins Feld ziehen, um das Blut ihrer Brüder zu rächen. Sie sollten nicht vergessen, daß sie die im Felde stehende Infanterie zu unterstützen und daß sie mit einem tapferen, umsichtigen, energischen und schlauen Feind zu thun hätten. Dieser Auftuf zur Rache erinnert ein wenig an die Rede, die der Kaiser einst an die Truppen richtete, die nach China gesandt wurden. Aber auch die gegenwärtige Situation erinnert stark an die damals. Wie die H ö p f n e r und Waldersee. bei ihrer Ankunft schon gethane Arbeit vorfindend, mit Vivat und warmen Würstchen empfangen wurden, so macht der Gouverneur Leutwein jetzt offenbar alle möglichen Anstrengungen, um seinem Nachfolger, dem afrikanischen Generalissimus v. Trotha, nichts zu thun übng zu lassen. Seine letzte Meldung besagt: Bei Okowakuaffiwi sowie bei Outjo haben in den letzten Tagen kleine Zusammenstöße mit einzelnen Hererobanden statt- gefunden. Die Heliographenverbindung Omaruru— Outjo ist wiederhergestellt. Bei Outjo ist der Seesoldat Friede der dritten Compagnie des See-BataillonS am 31. Mai gefallen. Die Herero sind nach Osten zurückgeworfen worden. Diese Erfolge sind freilich nichts weniger als entscheidend. Wie beim chinesischen Rachezug würde aber auch beim afrikanischen schließlich alle Welt zufrieden sein, ivenn sich, noch ehe der erste Mann der neuen Hilfstruppen afrikanisches Land betritt, seine Ueber- flüsfigkeit erweisen wollte. Was aber dann? Was wird daS deutsche Volk gewonnen haben, Ivenn es durch ungeheuere Opfer an Gut und Blut die Herero für 1000 Jahre davon abgeschreckt haben wird, einen Deutschen scheel anzusehen? Wenn dieser glorreichste aller Kriege zu zu Ende ist und Herr v. Trotha als Triuniphator durch daS Branden» burger Thor zieht. Was eS gewonnen oder bebauptet haben wird?„Ein wasserarmes, verdurstetes Land". DaS sagt kein Aufwiegler und kein Vaterlands- feind, sondern der alldeutsche Ueberkolonialpolitiker Dr. E. Th. Förster in einer Schrift«Reinen Tisch in Südwestaftika", die jetzt im Verlage von Süsserott-Berlin erschienen ist. Diese Schrift beschäftigt sich vornehmlich mit der„Perle" von Südwest« Afrika, mit der Ansiedelung Klein« Windhuk, die Herr Moritz Schanz einen„blühenden Garten" genannt hatte. Auf Grund von Briefen und Berichten schildert Herr Förster diesen blühenden Garten als ein Land, in dem nicht viel mehr als der Sand und die Schulden blühen. Um die Gegner der Kolonial- Politik möglichst rasch vor vollendete Thatsachen zu stellen, von denen es kein Zurück mehr gäbe, hatte man anfangs der neunziger Jahre die Bcsiedelung des Landes mit überstürztem Eifer in Angriff ge« nommen. Zwischen 1893 und 1894 waren etwa 36—40 Manner in Klein-Windhuk und Avis ansässig. Im Jahre 1896 waren aber nur noch 9 Ansiedelungen ini Bo» triebe.„Ucbernll sah man Hausruinen und leere Häuser stehen. Man hatte die Schwierigkeit der Ansiedelung bedeutend unterschätzt; die beiden hauptsächlichsten Ursachen, an denen eine umfangreichere Befiedelung gescheitert ist, waren Wassermangel und Mangel an Betriebskapital." Der Bericht fährt wörtlich fort: Bereits 1894 hat der SiedelungSvertreter Dr. Dove feiner Ge- sellschaft berichtet, daß in Klein-Windhuk höchstens für 7 bis 8 Familien ausreichend Ouellwasser vorhanden sei. Dem Publikum wurde aber davon nichts bekannt gemacht, vielmehr duldete es die SiedelungSgesellschast, ohne Widerspruch zu erheben, daß in Zeitungen und Kalendern Klein-Windhuk als„reich an Ouellwasser und vorzüglich zum Gartenbau geeignet" hingestellt wurde. Nach den ursprünglichen Vereinbarungen mit dein Reichskanzler war die SiedelungSgesellschast unzweifelhaft verpflichtet, den Ansiedlern gegen eine Wasserabgabe daS nötige Wasser zu liefern. Der Brunnenbohrer L. Conradt erbot sich, für 40 000 M. daS nötige Wasser zu beschaffen, aber die Gesellschaft scheute die Kosten und begnügte sich damit, das vorhandene Ouellwasser zu verteilen. Die meisten Ansiedler gingen dabei leer aus und dies ist der Grund, daß fast alle alten Schutztnippler daß Feld wieder räumen mußten. Im Witboi-Kriege schärfte Leutwein daS patriotische Ehrgefühl der Soldaten, indem er ihnen zurief:„Da liegen Eure Farmen, erobert sie Euch l" Die Soldaten sind aber keine Farnicr geworden. da das bloße Land tot und wertlos ist und feine Befiedelung unvcrhältnismäßige Kapitalsaufwendnngen erfordert. Beredter aber als alle Berichte spricht ein Verzeichnis, das sämtliche bis 1. September 1903 in Klein-Windhuk und Avis ansässig gewesenen und noch dort befindlichen Ansiedler aufzählt, und über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale beachtenswerte Daten fliebt. Der„blühende Garten" hat seit Beginn seiner- Vc- siedelung 74 Ansiedler aufgenommen; von diesen sind noch 32 am Platze. In den Jahren 1892— So waren 35 Ansiedler zugezogen. Davon kehrten 4 nach Europa zurück, 6 sind tot, 6 proletarisiert . also für ein Halbjahr— umfaßt, schließt mit der Kleinigkeit von 762 Ovo Frank ab. Einzelne besonders interessante Posten wollen wir hier herausheben. Da finden wir: 120 000 Fr. den Mitgliedern des Bukarester revolutionären Koniitees gemäß telegraphischer Anweisung des Ministers de? Aeußern vom 15. Dezember 1886. 75 000 Fr. dem Komitee in Giurgewo und Rustschuk. 60 000 Fr. zur Organisation der revolutionären Komitees in Bulgarien. 20 000 Fr. z» demselben Zweck. 40 000 Fr. für den Hauptmann Kristew in Silistria. lKristew organisierte den Militäraufstand vom 3. März 1887 in Silistria, wurde aber von seinen eignen Truppen erschossen.) 45 000 Fr. an den Major Usunow. sEr inscenierte am 3. März 1887 den Militäraufftand in Rustschuk, wurde am 4. März zum Tode verurteilt: Major Petrow, der Herausgeber der„Geheimen Dokumente", bestätigte am 5. März dieses Todesurteil.) 15 000 Fr. dem Hauptmann Bollmann.(Dieser wurde als Komplice Usunows mit diesem zum Tode verurteilt, auf Verlangen der russischen Regierung aber an den deutschen Konsul aus- geliefert.) 60000 Fr. dem Major Gruew und Hauptmann Benderew.(Die beiden organisierten den Staatsstreich gegen den Battenberger und entführten ihn nach Reni am 21. August 1886, wurden dann ver- hastet, aber auf Verlangen des russischen General KaulbarS am 3. Oktober 1636 freigelassen.) 4000 Fr. dem Emigranten Pentscho TschcrkowSki, als Mitglied des Rustschuker revolutionären Komitees. 8000 Fr. demselben in Sachen Mantow. 4000 Fr. dem Emigranten Milarow in Sachen Mantow (Mantow, ein russischer Agent, ist bekanntlich unter Beihilfe russischer Polizeispitzel erschosien worden). 62 000 Fr. an O f f i z i e r e und andre Emigranten zur Reise nach Rußland. 75 000 Fr. behufs einmaliger Unterstützung an Freiwillige (laut Anweisung des Chefs der Asiatischen Abteilung vom 1. Funi 1887). Mit solchen Summen konnte freilich die deutsche Polizei auch in der Maienblüte der Socialistengesetz-Zeit nicht wirtschaften, kein Wunder also, daß die Krüger und Konsorten der Glanz des russischen Rheingolds lockte und sie ihre Spitzeleien in Genf usw. auch auf. so aufzufassen, als ob Herr v. Danim und Herr Krösell nicht von der Gratis-Partie seien. Nun aber erscheint die offizielle Teilnehmerliste der Nordland- fahrt und siehe da, sowohl Herr v. Damm als auch Herr Krösell reisen mit. Nur sind diese beiden nicht Mitglieder der„Wirt- schaftlichen Vereinigung". Dafür aber ist Herr Krösell Mitglied der Fraktion der Deutschen R e f 0 r m p a r t e i und engster Bettgenosse der über die Ballin-Fahrt empörten Bruhn und Bocklcr von der„Staatsbürger-Zeitung". Nachstehende 24.Reichstags-Abgcordnete lassen sich vonHerrn Ballin freihalten: Bahn(natl.), Beck(C.), Dr. Becker(C.), Beniner(natl.), v. Damm(b. k. Fr.), v. Grabski(Pole), Dr. Hermes(frs. Vp.), Hosang(natl.), Horn(natl.), Krösell(deutsche Rrformpartci), Krzymirski (Pole), Müller-Fulda(C.). Pauli(Rp.). Riff(frs. Vg.). Schlüter(Rp.), Schmidt(C.), Schmidt(Rp.), Schwarze(C.), Sittart(C.),«speck(C.), Stockmann(Rp.), Storz(D. Vp.), Wattendorff(C.), Well- stein(C.). Alle Parteien sind also an dieser Ballin-Fahrt beteiligt, mit Ausnahme der Konservativen und der Socialdemokraten. Die Konservativen haben es offenbar nicht notwendig, auf die Geschenke Ballins angewiesen zu sein: sie können trotz der Not der Land- wirtschasr auf eigne Kosten nach Norwegen fahren. Fiilscher-Wahnfinn. Unfern Nachweis, daß sich auch der Ver- treter der Freisinnigen Volkspartei keineswegs für die Simultan- schule ausgesprochen habe, beantwortete die„Freie deutsche Presse" mit der albernen Finte, wir seien Schrittmacher der Neakrion, weil wir voni Freisinn verlangt hätten, für die konfessionslose Schule einzutreten. Wir antworteten gestern darauf, daß wir nicht so anspruchsvoll seien, solche Principienfestigkeit vom Freisinn zu verlangen. Heute will nun die„Freie deutsche Presse" wieder einmal zeigen, wie der„Vorwärts" mit der Wahrheit unispringt. Wir hätten doch dem Freisinn den Vorwurf gemacht, daß er nicht die k 0 n f e s s i 0 n s- lose Schule fordere: denn wir hätten am Mittwoch wörtlich ge- schrieben, daß die Liberalen„grundsätzlich für die konfessionslose Schule eintreten müßten". Am Mittwoch haben wir uns überhaupt nicht mit dem Freisinn, sondern mit den Natioiialliberalen beschäftigt. Daß die National- liberalen und die Freisinnigen principiell für die weltliche Schule eintreten müßten, ist selbstverständlich. Den V 0 r>v u r f gegen den Freisinn haben wir aber dahin erhoben, daß er heuchlerisch ivegen des Komproniißanttagcs Lärni schlägt, während doch sein Redner im Abgeordnetenhause und das offizielle Partei-Organ aus- drücklich die obligatorische Simultan schule ab- lehnten, daß man also nicht die bestehenden Zustände bekämpft, sondern nur die gesetzliche Festlegung dieser Verhältnisse. Gegenüber den tollen Fälschungen des freisinnigen Blattes sei einfach wieder- holt, was wir der Volkspnrtei„vorgeworfen" haben: „Der ganze Unterschied zwischen Herrn Ernst, dem Redner der Vereinigung, und Herrn Kspsch, dem Sprecher der V 0 l l S p a r t e i, besteht nur darin, daß Herr Ernst die größere Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zeigte. Herr Ernst hat für die ent- scheidende Bestimmung des Antrages gesprochen, Herr Äopsch da- gegen, thatsächlich und praktisch läuft beides auf dasselbe hinaus. Der Redner der Freisinnigen Vereinigung hatte darin recht: der Antrag legt nur die herrschende Praxis fest. Folglich mußte Herr Kopsch, wenn er rückhaltlos die S i m u l t a n s ch u l e verteidigen lvollte, nicht nur gegen die Festlegung der Praxis, fondern auch gegen die Praxis selbst sich wenden. Es gab nur eine mögliche„rückhaltlose Verteidigung" der S�i m u l t a n s ch u l e: die Forderung der obligatorischen S i m u l t a n s ch u l e. Diese Forderung aber verteidigte Herr Kopsch nicht nur nicht, er verleugnete sie im Gegenteil. Er trat für die„möglichste Berücksichtigung der Äonfessionalität" ein, und er verstand darunter,„daß dort, wo die Gemeinde einer Konfession angehört, selbstredend die Schule auch den Charakter der Konfession der Ge- meinde tragen wird". Und als der nationalliberale Redner Hackenberg meinte, die jetzige Zeit sei am wenigsten geeignet, Simnltanschuleii einzurichten, da verzeichnet das amtliche Steno- gramni:■„Zuruf bei den Freisiimigru: Wolle» wir nicht." Das offizielle Organ der Volkspartei aber erklärte noch am 15. Niai 1904 ausdrücklich:„Die Liberalen haben nicht angestrebt, die Simnltanschulen obligatorisch einzuführen." Somit erweist sich der ganze Lärm der Freisinnigen Volks- Partei gegen den christlichen Schulantrag als eitel Schwindel. Sie schreien, es möchte nicht gesetzlich ausgesprochen werden, ivas that- fäcblich ist, aber sie wollen nicht rütteln an dem, was ist; sonst müßten sie die obligatorische Simultan schule fordern, was sie aber ausdrücklich ablehnen." Wir sind sicher, daß die„Freie deutsche Presse" es nicht wagen wird, wörtlich abzudrucken, was wir der Volkspartei zum Vorwurf gemacht haben. Ihr Fälscherwahnsinn gestattet ihr nicht, so— wahnsinnig zu sein, die Wahrheit zu sagen.— „Schneidige Muse." Der Dichter Detlev v. Liliencron hat bis vor wenigen Jahren keinerlei Freundschaft in offiziellen Kreisen ge- funden; auch dem großen Publikum blieb er fremd. Da ereilte ihn das Schicksal, daß ein Brettl-Lied von ihm auf den Leierkasten geriet, und daß er— man weiß nicht durch tvelche Fügung— mit einer kaiserlichen Subvention bedacht wurde. Kurz die Russen ausdehnen ließen. Aber selbst dem russischen Kaiser waren solche Ausgaben schon früher etwas zu hoch und so schrieb denn der Direktor des Asiatischen Departements in einem „Geheimbefchl an die rnssischen Konsuln in Bulgarien" vom 3. Oktober 1882: „Bei Vorlegung'der Abrechnung über die Ausgaben zur Unterstützung der Volksbeivegung"— in Bosnien und der Herzegolvina—„hat der Kaiser eigenhändig auf das Original des von dem Staatssekretär G i e r s übergebenen Vor- träges geschrieben:„Ist es nicht möglich, die Ausgaben einzustellen und mit dem Okkupationsfonds sparsamer zu sein?" Welchen Wert solch fromme Kaiscrwünsche haben, zeigt ja obige Abrechnung. Es gilt eben auch hier: wer das System will, muß auch die M ittel wollen, aber er hat auch die V c r a n t lv 0 r t n n g zu tragen, er kann diese nicht einfach auf seine„Handlanger" ab- wälzen. Und geht dann einmal das Bibeltvort in Erfüllung: Wer das Schwert zieht, soll durch das Schwert umkommen, so kann man vom Standpunkt dieses christlichen Absolutismus aus keine Einwendung erheben, sondern muß es in christlicher Ergebung hinnehmen als Willen des allmächtigen und allwissenden Gottes oder doch als feine Zulassung. Und ist es keine Frage der menschlichen Moral, sondern nur eine solche der politischen Macht, wenn der Zar und seine Regierung Verschwörer und Mörder dingen gegen den bulgarischen Fürsten, dann ist eS eben auch bloß eine Machtfrage, Ivenn diese Verschwörungs- und Ermordungspläne sich einmal gegen den Zaren und seine Regierung richten. Aus diesem Dilemma kommen die Revolutionäre von oben, die solche Pläne inS Werk setzen, nicht heraus. *.' Das Buch enthält auch zahlreiche Depeschen als Belegstücke dafür, mit welcher Verachtung die russischen Beamten von der dent- scheu RegierungSpolittk reden: nachdem aber die deutsche Reichs- regierung selber die Liebesdienste gegen die russische Regierung und die Willfährigkeit gegen die Wünsche des Zaren als Ausgabe und Ziel ihrer Politik hingestellt hat, lohnt es sich nicht, darüber weiter zu reden. Nur wollen wir hervorheben: wenn die deuffchen Wettkriecher vor russischer Gunst und die deutschen Stiefelputzer russischer Politik unsren Kampf gegen den zarischen Absolutismus verdächtigen und die nichtswürdigen Praktiken dieses Regimentes ableugnen wollen, dann werden wir inimcr wieder auf diese amt- lichen Dokumente zaristischer Nichtswürdigkeiten hinweisen müssen. vorher hatte eine Sammlung in Alldcutschland für den bedrängten Sänger der Lebensfreude und Lebensfrische wenig mehr als 1000 M. ergeben. Nun aber feiert der in Gnaden aufgenommene Mann seinen 60. Geburtstag, und derselbe Reichskanzler, der zu jener früheren Sammlung wohl kaum etwas beigesteuert hat, beglückwünscht den Unseligen ans der Tiefe seines Geistes mit einem Telegramm, in dem es heißt: „Lassen Sie mich Ihnen danken für die vielen Gaben Ihrer schneidigen Muse, für manches tapfere Wort der Vaterlandsliebe, womit Sie deutschen Jünglingen, Mädchen und Männern ans Herz gegriffen haben." Schneidige Muse— wer denkt da nicht an eine Trikot-Allegorie aus einem Cirkus-Ausstattungsstück! Deutschen Jünglingen, Mädchen und Männern ans Herz gegriffen— sieht es nicht so aus, als ob dieser derbe Landstörzer kecker, kräftiger Sinnlichkeit Konfirmcttions- Verse geschmachtet habe! Den Glückwunsch hat der arme Detlev wahrhaftig nicht verdient!— Ein polnischer Aufrcizungsprozcß. Am 6. Dezember 1903 fand in Röhlinghausen(Westfalen) eine polnische Versammlung statt. Unter anderm führte ein Redner, Herr Brzeskot, nach den Berichten der polnischen Presse aus, die Polen kämpften heut n i ch t, wie ihre Vorfahren, mit der Waffe in der Hand, fondern durch Aufklärung und Organisation. Der überwachende Polizei- beamte Kadler reichte dagegen eine Anzeige ein, in der gesagt wurde, Brzeskot habe die Polen aufgefordert> Sense n und andre Waffen zu nehmen und auf die Deutschen loszuschlagen. Auf Grund dieser Aus- sage beantragte der Staatsanwalt im ersten VerhandlungS- termin. der vor einer Woche stattfand, gegen den An« geklagten ein Jahr Gefängnis. Die Verhandlung wurde vertagt; in der zweiten Verhandlung, wurden die vom � Angeklagten benannten zwölf Entlastungszeugen vernommen. Hier- von sagten nenn Zeugen ans, der Redner habe sich gerade entgegengesetzt ausgedrückt, als der Polizeibcamte behaupte; die übrigen wußten nicht mehr, was Brzeskot gesagt hatte. Trotzdem hielt der Staatsanwalt die Anklage aufrecht und beantragte diesmal eine Gefängnisstrafe von vier Monaten. Der Verteidiger Dr. Wallach trat der Auffassung, daß man einem Polizisten mehr zu glauben habe, als der übcrein- stimmenden Aussage von neun andren Zeugen, scharf entgegen. Das Gericht sprach auch den Angeklagten frei.— Begnadigt. Rechtsanwalt Dr. Breit aus Leipzig wurde im Dezember 1901 zu dreieinhalb Jahren Festung verurteilt, weil er am 16. August 1901 den zwanzigjährigen Studenten Ottinger aus Stuttgart erschossen hatte. Im Frühjahr 1902 trat Dr. Breit seine Strafe an. Nachdem er etwa die Hälfte seiner Strafe verbüßte, ist er jetzt begnadigt und der Rest ihm erlassen worden. So meldet die„Frankfurter Zeitung".— Polizcimacht und Versammlungsrecht. Ein für die Abhaltung von politischen Versammlungen besonders auf dem Lande lvichtigeS Urteil fällte am Mittwoch die Straf- kammcr zu Wetzlar auf Grund einer Entscheidung des Kammergerichts vom 18. April. Am Abend des 30. Mai 1903, während der Reichstagswahlbewegung, fand in einem Wirts- lokal in Weidenhausen, Kreis Wetzlar, eine öffentliche Versammlung statt, die von einem Wetzlarer Redakteur einberufen worden war. Als die Polizeistunde überschritten war, erhob sich plötzlich der Polizei- diener 5iühl aus Großrechteubach in seiner ganzen Würde und er- klärte:„Die Versammlung lös ich uff!" Auf die Frage nach dem Gcsetzesparagraphen, auf den sich sein Vorgehen gründe, meinte der Mann ohne viel Federlesens:„Das Gesetz kenn ich nct, aber die Versammlung lös ich uff." Die Leute gingen nach Hause, Der Redakteur aber erhielt später einen Strafbefchl über drei Mark wegen Uebertrctung der Polizeistunde, Er legte Berufung ans Schöffen- gericht und später anS Landgericht ein, beides ohne Erfolg. Nun kam die Sache ans Kammcrgericht in Berlin. Dieses hob in seiner Sitzung am 18. April das Urteil auf, und verwies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Strafkammer Wetzlar zurück. Es entschied, daß Beweis darüber zu erheben sei, ob der Redakteur das Lokal an dem betreffenden Abend, wie er behauptet, gemietet habe. In diesem Falle hatte das Lokal für den bestimmten Abend seine Eigenschaft als öffentliches Schantlokal im Sinne des§ 365 Abs. 1 des St,-G.-B. verloren. Nicht mehr der Inhaber des Lokals. sondern der Mieter hatte das Verfügungsrccht darüber, und die Feierabcndstundc hatte erst einzusetzen in dem Augenblick, in dem der Mieter und Einberufcr der Versammlung diese für geschlossen er- klärte. Tie von den Vorinstanzen mit Recht verneinte Frage, ob die Versammlung eine geschlossene Gesellschaft gewesen sei, sei ganz ohne Bedeutung, da nicht die Versammlung, sondern die Einzelperson. nämlich der Redakteur, Mieter des Lokals gewesen war. Der Beweis. daß dem so war, wurde nun in der erneuten Strafkammersitzung erbracht. Ter augeklagte Redakteur wurde darauf, der Entscheidung des Kammergcrichts gemäß, freigesprochen. Die Kosten, auch die- jcnigen des Angeklagten, wurden der Staatskasse aufgelegt. Richtigstellung. Wir hatten in der Nummer vom 26. Mai er» wähnt, daß der Erste Staatsanwalt Dr. B e n e d i x in geistiger Um« nachtung gestorben sei. Die Familie des Verstorbenen bittet uns nun um die Fest« stellung, daß Dr. Benedix bis in die letzten Tage seines Lebens geistig vollkommen gesund gewesen und den Folgen eines Hitz« fchlages erlegen sei; auch habe er sich in keiner Heilanstalt be« funden.— Husland. Der erste Kongreß der italienisch«» Radikale». R 0 in, 2. Juni.(Eig. Ber.) Die numerisch stärkste Fraktion der äußersten Linken, die heute 34 Abgeordnete zählende radikale Partei, hat vom 27. bis 31. Mai in Rom ihren ersten Kongreß abgehalten und die formale Basis einer Parteiorganisation geschaffen. Dieser Kongreß, den die bürger« lichc Presse nicht einmal eines Kommentars würdigt, ist in mehr als einer Hinsicht von Interesse. Einberufen wurde er wohl in erster Linie, weil die Radikalen ein wenn auch unklares Bewußtsein davon haben, daß sie im Lande an Boden verlieren. Sie spüren, daß sie an der— dank der fort- schreitenden politischen Erziehung sich vollziehenden— engeren Verbindung zwischen Wählermasse und Partei keinen Anteil haben. Und sie versuchen, diesem Mangel durch klarere Formulierung ihres Pro- gramms abzuhelfen. Es ist leicht a priori einzusehen— und der Kongreß hat es bestätigt—, daß dies ein vergebliches Bemühen ist. Denn die p 0 1 i t i s ch zum bürgerlichen Radikalismus neigenden Schichten des Kleinbürgertums sind in Italien noch mehr als in andern Ländern ein polittsch träges Element, dem ein halbes Jahr- hundert nie eingelöster Versprechungen nachgerade Vertrauen und Enthusiasmus gelähmt hat. Dazu kommt, daß das ökonomische Programm der Ztadikalen sich jeder Mittelstands- rettcrei, jeder specifisch kleinbürgerlichen Forderungen enthält. Wie soll sich da unser Kleinbürgertum besonders für die Radikalen er- wärmen, die in der Volkswirtschaft das typische Programm des reinen Liberalismus aufnehmen? Gewiß stehen auch hinter diesem Programm mächtige Jnteressenschichten: die aufsteigende, moderne Bourgeoisie, die im Erwerbsleben steht und schwer unter der Be- günstignng leidet, die den parasitären Schichten durch unser Abgaben- und Zollwesen zu teil wird. Aber einmal sind diese Schichten nicht radikal in der Politik, dann haben sie mit dem ganzen s 0 c i a l p 0 l i t i s ch e n Programm der radikalen Partei nichts gemein. Arbeiterschutz, Arbeitcrversicherung, Verstaatlichung der Eisenbahnen usw. gehören nicht zu den Forderungen eines jungen industriellen Bürgertums. So setzt sich die radikale Partei gewissermaßen zwischen mehreren Stühlen. Sie hat ein zwiespältiges oder drcispältigc Programm. Und wenn sie damit bis heute vorwärts gekommen: — sie zählte 1892 17, 1895 23, 1897 29 und bei den letzten Wahlen 34 M- geordnete— so ist darum durchaus nicht gesagt, daß der Aufstieg fortdauern werde. Ihre inneren Widersprüche traten weniger zu Tage, je mehr die Partei Angriffs- und Oppositionspartei war. An diesem Gebiet hat ihr nun gerade die socialistische Partei das Wasser abgegraben. Andrerseits hat auch die seit 1900 unleugbar eingetretene Orientierung der Regierungspolitik nach links den oppo- sitionellen Charakter der radikalen Partei notwendig geschwächt. Wir haben so die anscheinend paradoxe Erscheinung, daß die Radikalen an Bedeutung im Volke in demselben Maße verloren, als sie im Parlament an Regierungsfähigkeit gewannen. Da nun aber eine Partei zwar im Parlamente lebt, aber inr Lande geboren werden muß, so konnten die Radikalen natürlich nicht gleichgültig der Entfremdung ihrer Wählermassen zusehen, um so weniger, als die Wahlen, die dicht vor der Thür stehen, ihnen gewiß noch keine Regiernngsnnterstützung bringen werden. Die Versuche des Kongresses, der Partei neue Kraft zu der- leihen, waren ziemlich mannigfaltiger Art. Man schlug vor, den verfassungsfetndlichen, antimonarchischen Charakter herauszukehren, blieb aber in der Minderheit. Eine bürgerliche intransigent anti- monarchische Volkspartei besitzen wir in der rapid verfallenden republikanischen. Andere machten den Vorschlag, das praktische Reformprogramm auszubauen, sich auf Bernnnderung der Heeres- ausgaben, Abgabenreform usw. festzulegen. Auch hier zog man die allgemeinsten Erklärungen bor. Hierbei war die radikale Partei wohl von einem gesunden In- stinkt der Selbsterhaltung geleitet. Jntransigenz der herrschenden Staatsform gegenüber— wenn diese, wie in Italien, die höchste Stufe bürgerlicher Entwicklung schon erreicht hat— ist für eine bürgerliche Partei ein Unding, so lange sie von den Re- pnblikanern gesondert bleiben will. Sie hat ein in bürgerlichem Regime erreichbares, den Interessen eines bedeutenden Teils der Bourgeofie entsprechendes Programm und sollte nicht an der Regierung teilnehmen können? Das wäre doch Blödsinn. Und da ein Haupthindernis für eine solche Teilnahme in der Forderung der Bernlinderung der Heeresausgaben besteht— wie erinnerlich, ist daran S a c ch i s Eintritt ins Kabinett Zanardelli seiner Zeit ge- scheitert— so that die Partei von ihrem Standpunkt aus recht, sich hier nicht festzulegen. Für sie gilt es jetzt, entweder verdorren oder sich auf eine größere Fläche zu verpflanzen, zu einer Partei des aussteigenden Bürgertums. zu einer Kampfpartei gegen das Schmarotzertum im Lande, gegen die Auswüchse des bourgeoisen Regimes, nicht gegen dieses Regime selbst, zu werden. Daß diese tiefgehende, die ganze innere Struktur der Parteibe- treffende Umwairdlung, die meines Erachtens schon seit längerer Zeit begonnen hat, nicht durch einen Kongreßbeschluß sich selbst zu- erst zum Bewußtsein kommen würde, lag wohl auf der Hand. Wer konnte den Mut finden, auf dem Kongreß die bedeutenden Teile des politischen und socialpolitischen Programms preiszugeben, die dieser Umwandlung zum Opfer sallen müssen? Trotzdem bleibt der radikalen Partei kein andrer Ausweg. Nur als Erfülleriu dessen, was einst die«historische Linke" auf ihre Fahne schrieb, hat sie noch eine geschichtliche Mission, weil sie nur als solche noch die Vertreterin der Interessen einer lebens- und ent- wickelungsfähigen Bevölkerungsschicht ist. Parteien, die das nicht sind, haben abgewirtschaftet. Bei einer mächtigen Partei hat man noch Jahrzehnte an den Ruinen abzutragen, mit einer kleinen Partei, wie der radikalen, wäre inan dagegen, sobald sie einmal zu ver- fallen anfängt, sehr schnell fertig. Der Kuriosität halber sei noch erwähnt, daß die Radikalen vier Tage lang sehr ernsthaft«Partei gespielt" haben, wobei sie sich ganz wie die Socialisten geberdeten: sie hatten ihre zwei Tendenzen, ihre autonomen Cirkel, wählten eine Parteileitung nach unsrem Muster und berieten über fast all das, was in Bologna auf der Tages- ordnung stand: süditalienische Frage, Eisenbahnproblem, Abgaben- refornr, Unterrichtswesen, in allein einen durchaus fortschrittlichen, demokratischen und antiklerikalen Standpunkt einnehmend. Die AuS- arbeitung eines Organisationsstatuts wurde dem Parteivorstande übertragen. In Anbetracht der allgemeinen Indolenz in dieser Frage ist lobend zu vermerken, daß ein Votum für die baldige Ein- führung der Ehescheidung ausgesprochen wurde/ Außer den«zwei Tendenzen", deren eine im Rahmen der be- stehenden StaatSeinrichtungen Ivirken will und die andre nicht, haben die Radikalen auch ihre dritte Tendenz, die sich die der focialistischen Radikalen nennt, im Bereich des radikalen Programms wirken will und in einer Sonderversammlung beschloß, für radikale wirtschaftliche Reformen einzutreten,«als Ansporn und äußerster Flügel der Partei, auf der Direktive, die sich aus der fort- schreitenden Socialisierung des modernen Lebens und dem Princip der Zusammenarbeit der Klassen ergiebt, welches Princip unbeschadet der Thatsache des Klassenkampfes und neben dieser sich ent- faltet."- O esterrei ch-Ungarn. Die Heeresvorlage. Budapest, 4. Juni. Die ungarische Delegation begann die Beratung des Heeresbudgcts. Laszkary und Rakovszky(Volkspartei) erklären, daß sie gegen dasselbe stimmen würden, da die wirtschaftliche Lage derart sei, daß das Land eine weitere Steigerung des Heeresbudgets nicht ertragen könne. Rakovszky hob hervor, daß die noch vor 20 Jahren vor- handcn gewesene Popularität des Heeres in Ungarn stark gelitten habe infolge einer verfehlten inneren Politik und tadelte die Ber- Wendung des Militärs bei Wahlen, bei dem letzten Ausstand der Eisenbahnangestellten und andren Gelegenheiten. Okolicsanyi(Unabhängigkeitspartei) lehnt das Budget ab, weil die Souveränität Ungarns im Heere nicht zum Ausdruck komme. Hierauf wird die Fortsetzung der Beratung auf Montag vertagt.—, Belgien. Ein socialdemokratisch-liberales Aktionsdündnis gegen die klerikale Herrschaft hat nach einem Telegramm der bürgerlichen Presse der Generalrat unsrer belgischen Bruderpartei beschlossen.— Rußland. Kein Attentat. Petersburg. 4. Juni. Als Absender des nach Berlin adressierten Wertpaketes über angebliche 30 000 Rubel aus Odessa, das am 23. v. M. bei der Abstempelung auf dem dortigen Postamte explodierte, ist ein Beamter des Bessarabischen Landschafts- amtes Namens Buchalo festgestellt worden, der nach Odessa gebracht wurde. In dem Paket befand sich offenbar Schießbaumwolle, die n/ich einer Meldung aus Odessa dem Plane des Absenders gemäß erst im Postwage« explodieren sollte. Der Verbrecher hoffte augenscheinlich. eine Entschädigung in Höhe des Wertes der Sendung zu erhalten. Der Krieg in Ostasien. Ueber die Lage von Port Arthur fehlt jede Nachricht. Für die Stimmung charatteristisch ist das in London aufgetauchte Gerücht, General Stößel habe sich bereits unter gewissen Bedingungen zur Ucbergabe von Port Arthur bereit erklärt. Andrerseits laufen wieder Nachrichten von einem Ent- setzungsmarsch der russischen Hauptarmee nach Port Arthur ein. Heber die Kämpfe bei Kintschou liegt jetzt auch ein russischer Bericht vor: Petersburg. 3. Juni. Wie ein Telegramm des Generals ShilinSki an den Kriegsminister von gestern meldet, hat General Stößel unterm 28. Mai berichtet: Am Abend des 26. Mai gab ich nach einem erbitterten Kampfe, der zwei Tage gedauert hatte, Befehl. die Stellung bei Kinffchou zu räumen, da uns nicht weniger als drei Divisionen mit 120 Geschützen gegenüberstanden. Das Feuer des Feindes, vor allem das von vier Kanonenbooten und sechs Torpedo- Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw. booten, vk-rMchtets uflstt Batterien auf der Stellung M Kintschou vollständig. Das fünfte Regiment, das sich auf der Stellung selbst befand, kämpfte heldenmütig. Durch das Feuer dieses Regimentes, das Feuer unsrer Batterien und das des Kanonenbootes„Bobr", welches bei Hunuesa lag, wurden den Japanern ungeheure Verluste zugefügt. Unsre Verluste an Toten und Verwundeten betragen gegen 30 Offiziere und etwa 800 Mann. Alle Geschütze wurden von uns, soweit sie nicht vernagelt wurden, gesprengt und linbrauchbar gemacht. Die auf der Stellung befindlichen Geschütze während des heftigen Kampfes wegzuführen, war natürlich ausgeschlossen: man hätte dies dm Tage vor dem Kampfe thun müssen. Der Kampf am 26. Mai selbst begann um 5 Uhr morgens und hatte bis 8 Uhr abends gedauert, als ich den Befehl erteilte, die Stellung allmählich zu räumen. Ein Teil der Minen und Flatterminen wurde nicht ge- sprengt, da die Japaner unter dem Schutze des Feuers ihrer Schiffe unsre Stellung dirett von der Seeseite her umgingen. Der Geist der Truppen ist ausgezeichnet. ,y- Saarabien vor Gericht. n. (Privat-Depeschen des„Vorwärts".) St. Johann. 3. Juni. Erster Tag. Nachmittagssitzung. Eine Reihe Zeugen werden vernommen. Das Gericht lehnt die Ladung von ca. 30 Entlastungszeugen ab. Die weitere Entschließung wird vorbehalten. Die Zeugen Pfarrer Schütz und Küster Kürten bekunden grobe Wnhlveeinfiujsiingen, scharfe Kontrolle der Arbeiterwähler. Eine Anzahl Steiger, Lehrer und evangelische Arbeiter wissen nichts von Wahlbeeinflussung. Als der Pfarrer Schütz sagt: Arbeiter seien weinend zu ihm gekommen und hätten über Wahlterrorismus geklagt, fordert H i l g e r Namensnennung. Pfarrer Schütz ver- weigert das mit Berufung auf sein Amt als Seelsorger. Der Staatsanwalt tritt dem entgegen, die Rechtsanwälte Hilgers eben- falls. Heine weist nach, daß Schütz ein Recht zur Zeugnisverweigernng habe, weil er fürchte, die betreffenden Leute würden von feiten der Grubenverwaltung geschädigt. Schütz sei seelsorgerischer Per- trauensmann. Das Gericht zieht sich unter großer Spannung zurück und be- schließt: Schütz darf sein Zeugnis verweigern. Dagegen muß der Küster Kürten einige terrorisierte Bergleute nennen, die geladen werden. Schluß'/a» Uhr. « �» Zweiter Tag(Sonnabend). Bormittagssitzung. Beginn 9>/z Uhr. Aufgerufen werden 65 Zeugen, viele Zechenbeanite und eine An- zahl Geistlicher. Zeuge Arndst, Straßenbahndirektor in Saarbrücken, giebt zu. den pensionierten Bergarbeiter Klein nach einer Unterredung seitens Bergwerksbeamter entlassen zu haben, weil Klein socialdemokratischer Agitator. Bergassessor F r i t s ch sei extra zum Zeugen gekommen, um die Angaben über Klein zu machen.„Amtlich" sei der Bergfislus nicht vorgegangen. Der entlassene Hilfsarbeiter, frühere Bergmann Klei» bezeugt, er sei 1893 wegen eines Streiks gemaßregelt und arbeite seither als Hilfsarbeiter, wo er könne. 1903 habe er bei der Saarbrücker Straßenbahn Beschäftigung gehabt, bis Direktor Arndt ihn entließ mit der Angabe, die Entlassung geschehe „auf Beranlaffung der königlichen Bergwerksdirektion". Der Bergfiskus habe ihn(Klein) wieder um die Existenz gebracht. Zeuge Arndt schweigt dazu. Eine Anzahl Grubenbeamte wissen nichts von Ungehörigkeiten. Zeuge Bergarbeiter Rampe, SchlafhauSeinlieger, bekundet, es seien bei der Wahl keine Ungehörigkeiten vorgekommen. Jnqumert vom Rechtsanwalt Heine, gesteht Zeuge ein, er sei gestern vom Bergwerksdirektor Fischer verhört worden und habe dabei erfahren, was gestern der SchlafhauSmeister Bremer aussagte. Der Zeuge ist schließlich fast aus der Fassung, zuerst wollte er von gestern nichts wissen, nun macht er Bemerkungen, die sein Zeugnis erschüttern. Bergwerksdirektor Fischer, der ständig, auch gestern, als Zuhörer im Saale weilt, wird vorgerufen und giebt zu, mit dem Borzeugen gestern in seiner Wohnung konferiert zu haben.(Bewegung im Zuhörerraum.) Heine ftagt den Gerichtshof, ob es gut sei, die zahlreichen Bergwerksbeamte» im Saal« als Zuhörer zu belassen» da sie eventuell wie Fischer als Zeugen vernommen würden. Der Gerichtshof beanstandet die Anwesenheit der Beamten nicht. Der Staatsanwalt sagt: Der„BorwSrtS" habe einen entstellten Bericht gebracht in seiner FreitagSnummer �gemeint ist unser Vorbericht). Heine bemerkt: der„Borwärts" stehe hier nicht zur Er- örterung. Zeuge A r t m a n n bleibt trotz sehr scharfen Kreuzverhörs dabei, daß die Bergleute kolonnenweise zur Urne geführt wurden, und daß keine Wahlfteiheit herrsche. Zechenbeamte bestreiten dies. Der Stelger Büß ver- weigert auf die Frage Heines, ob ihm durch Verkehr mit Kollegen w. etwas von Wahlbeeinflussungen bekannt ge- worden, die Antwort mit Berufung auf daS Dienstgeheimnis. Der Gerichtshof beschließt, die Frage Heines sei zulässig. Hilger will beim Ministerium anfragen, ob Büß aussagen dürfe. Zeugen Pfarrer Albertz und Kaplan Tensch berichten gröbliche jlbeeinflussungen. Die Wähler sind scharf kontrolliert worden. Zeugen haben die Wahllokale und die Aufpasser photographiert. Da seien die Aufpasser«davon gestoben"(Heiterkeit). Zeuge Kuhn» Schneidermeister, bekundet ebenfalls Wahl- beeinflussungen. Die Zeugen der Zechenverwaltung bestreiten das entschieden. Heine stellt dringliche Fragen. Der Staatsanwalt will den „Ton Heines" gerügt wissen. Heine repliziert scharf und sagt, der Staatsanwalt solle sich nicht in Sachen mischen, die der Vorsitzende zu beurteilen habe. Kaplan Thomae konstattert Wahlbeeinflussungen. Die Bergleute „zitterten vor den Beamten". Hilger verlangt erregt Namennennung. Thomae lehnt das ab, weil er die Maßregelung der Leute fürchtet. Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Die Sitzung wird stellenweise d r arm a tisch bewegt. Staatsanwalt, Hilger und seine Anwalte springen achs und ver» langen nähere Angabe» über terrorisierte Bergleute:c. Heine bewahrt seine Ruhe und wehrt die Angriffe küchl ab. Der Zuhörerraum ist überfüllt. Der Borsitzende verkündet, der Prozeß werde wohl Hänger als bis Donnerstag dauern. Die Entlastungszeugen, von d?r Verteidi- gung dirett geladen, sollen vernommen werden. Hilger kündet Gegenzeugen an. Schluß der Sitzung 1'/, Uhr. Nachmittags-Sitzung. Zeuge Bergmann Köster, Vertrauensmann der Belegschaft Dndweiler, fragt vor Abgabe seines Zeugnisses, wer ihn, vor Maß- regelung schütze, wenn er unter Eid die Wahrheit sayte.(Große Sensation.) Der Vorsitzende sagt, darauf könne er keine Antwort geben. Zeuge bekundet, die vereinigten Vertrauensleute der, fiskalischen Gruben(Arbeiterausschuß laut Arbeitsordnung) hätten eiine Sitzung abhalten wollen,. um über die Lehrzeit der Schlepper zu beraten; die Sitzung sei von Hilger verboten. Hilger entgegnet: Die Sitzung sei verboten, weil Streikgelüste geherrscht hätten; das Lied:«Alle Räder stehen still" fa» erklungen, da habe er die Pflicht gehabt, Versamml«ngeu zu verbieten. Koster erwidert, es habe keine Streikversammlung stvttgefunden, sondern nur Sitzungen der Arbeiterausschüsse. Zeuge giebt weiter an, da sich die Bergbehörde um die Lohnbeschwerdcm nicht ge- kümmert habe, sich die Leute an Dasbach gewendet haben, der solle im Landtage für sie sprechen. Socialdemokraten seien siQ nicht, aber auch ihre Sitzungen würden verboten. Zeuge Obri, Bergarbeiter, ist von seinem Kameraisen Anschütz dem Steiger Schmidt wegen Centrnmswählerei denunziert worden. Der Steiger hat Obri bedroht mit wirtschaftlicher Schädigung; knapp- schastliche Unterstützung gäbe es nur an„brave" BerglerÄe, d. h. die P r i e tz e wählen. Steiger Schmidt bestreitet dies zunächst, kann sich dann nicht mehr auf Einzelheiten besinnen. Bergarbeiter Kirsch hat nach der Wahl schlechteren Lohn er- halten. Der Steiger hat ihm gesagt, das käme von der„Fuchs- Wählerei". Fuchs solle ihm mehr Lohn geben. Der Steiger entsinnt sich nicht mehr genau. Bergarbeiter Huwig ist 22 Jahre fiskalischer Arbeiter, hat während einer Krankheit leichte Arbeit gemacht, ist auf Anraten des Arztes an die Luft gegangen,„wurde denumziert", er habe verbotswidrig gehandelt und sei darauf vom Bergassessor Römer entlassen. Zeuge führt diese große Strenge auf seine polittsche Gesinnung zurück. Bergasseffor Römer giebt zu, den Huwig ohne peinliche Untersuchung entlassen zu haben. Auf Befragen Heines sagt Römer. Huwig sei schon mal «wegen Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls" bestraft worden. Nähere �Auskunft verlveigcrt der Zeuge mit Berufung auf seinen Diensteid. Heine verlangt gerichtliche Beschlußfassung. Zeuge ist sehr verwirrt und stottert verlegen. Durch nochmalige Vernehmung Huwigs stellt sich heraus, daß er sich 1903 weigerte. Ueberarbeit zu machen, die er nicht bezahlt erhalten sollte. Es er« giebt sich, daß die Bergarbeiter anscheinend gar nicht wissen, wie ihr Gedinge steht, und manche Arbeiten umsonst thun müssen. Bergarbeiter Ladwei» ist Mitglied eines Vereins gewesen, der die Anstellimg eines neuen Knappschaftsarztcs bezweck«. Hilger hat ihm gesagt:«Entweder den Verein oder die Grube". Darauf hat er den Verein aufgegeben. Heine ftagt Hilger, wie er sich die Ausübung deS Koalitions- rechtes denke. Hilger antwortet, das könnten die Arbeiter machen, wie sie wollten. Heine: Sie entlassen aber doch die betreffenden Arbeiter? Hilger: Ich brauche doch die Leute nicht zu dulden, das schließt das Koalitionsrecht nicht ein.(Heiterkeit.) Heine schließt: DaS genügt vollkommen. Edlinger, früherem Knappschafts-Aeltesten, istsdie Arbeitfgekündet, weil er sich in Püttlingen von der Lucgerpartei als Gemeinderats- Mitglied aufstellen ließ. Hilger erklärt, Edlinger habe einem Komitee angehört, daS gegen die Zechenbeamten im Gemeinderat agitierte, deshalb sei er verwarnt und weil erfolglos, entlassen worden. Heine stellt fest, daß also die Maßregelung erfolgte, weil der Arbeiter von seinem Bürgerrecht Gebrauch machte. Die Sitzung wird auf Montag früh 9 Uhr vertagt. Hud Induftrie und Handel. Vom Kalimarkt wird dem„BreSl. General-Anzeiiger" gemeldet. daß die Verladungen des Syndikats im März noch hervorragend gute waren, im April bereits nachliehen und im Mai ganz bedeutend zurückgeblieben sind. Das Geschäft stockt jetzt vollständig, weil der Handel die Entscheidung über das Schicksal des Syndikats abwartet. Daraus geht hervor, daß mit einem' Preissturz bei Auflösung des Syndikats bestimmt zu rechnen ist. Diese Wendimg. die der Markt genommen hat, hat wesentlich dazu beigetragen, die jungen Werke syndikatfreundlicher zu stimmen. Die Aussichten, daß die vom Fiskus demnächst einzuberufende Versammlung den Fortbestand des Syndikats sichern werde, sollen gestiegen sein. Letzte JVadrnchten und Depefcben. Niederländische Metzeleien Eingeborener auf Sumatra. Amsterdam, 4. Juni.(W. T. B.) Dem«Hanbelsblad" wird auS Batavia gemeldet: Die befestigte Eingeboreneu-Niederlassung Tamping in der Landschaft Gajoe(im nördlichen Teil von Sumatra) wurde von den niederländischen Truppen genommen. Auf nieder- ländischer Seite ein Offizier tot, zwei Offiziere uqd 30! Soldaten verwundet; die Eingeborenen hatten 176 Tote. Bom russtsch- japanischen Kriegsschauplatz. Petersburg, 4. Juni.(W. T. B.) Ein Telegramm des Generals Ssacharow an den Generalstab von gestern besagt: Am 31. Mai hatten ttansbaikalische Kosaken im Fenschuilin-Paß auf halbem Wege zwischen Kiantschan und Saimadza ein Gefecht mtt Japanern, die auf oen Höhen eine starke Stellung besetzt hielten. Die Kosaken griffen zu Fuß den Gegner unter lebhaftem Feuer an und zwangen ihn, die Stellung zu räumen. Ans russischer Seite wurden sechs Kosaken getötet und der Oberstlieutenant Sabotkin, ein Arzt und 22 Kosaken verwundet. Söul, 4. Juni.(Meldung des„Reuterschen Bureau»".) Gestern ?rüh fand zwischen kleinen Kosakenabteilungen und japanischen Patrouillen ein heftiger Kampf 12 Meilen nördlich von Gensan statt. Die Kosaken gerieten in einen Hinterhalt und zogen sich unter Zmück- laffung von sechs Toten in der Richtung auf Hamheung zurück. Paul Singer LcCo.,BerIin LVV. Hierzu 4Beilagen u.lhntcrI)altungSblatt Nr. 130. 21. Jahrgang. 1. Keilaze Ks Jumirts" ßttlintt flolhsliliitt. Sonnlag, 5. Juni 190i Der Centralverband deutscher Brauerei-Arbeiter hält nächster Tage in Frankstirt a. M. seinen 14. Verbandstag ab, während der dreizehnte twr zwei Jahren in Hamburg stattfand. Soeben hat nun der Hauptvorstand den Rechenschaftsbericht über die verflossene zweijährige Geschäftsperiode zur Versendung gebracht, der manches Interessante enthält. Das Streben»ach Tarifabschlüssen ist seit vier Jahren im Verbände lebendig geworden, und mit und ohne Hilfe der übrigen organisierten Arbeiterschaft war es den Brauern möglich, in den letzten zwei Geschäftsjahren mit ihren Arbeitgebern in einundsechzig deutschen Städten Lohn-, und Arbeitstarife abzu- schließen, die nicht nur Arbeitszeit-Verkürzung und Lohnerhöhung, sondern auch Fixierung der Sonntagsruhe, paritätische Arbeits nachweise im Gefolge hatten und zwar ohne Arbeitseinstellung. Allerdings ging die Regelung des Arbeitsverhältnisies nicht immer und überall so glatt vor sich: in acht Städten fanden er- folgreiche und in zehn Städten erfolglose Abwehr st reiks statt, während der Geschäftsbericht von vierzehn erfolgreichen und drei erfolglosen Angriff st reiks berichtet. Dabei ist der jetzt in Hamburg stattfindende Konflikt selbstredend noch nicht mitgezählt. Aus dem Gesagten erhellt schon, daß die Arbeits last der Vorstandsmitglieder keine geringe war, dazu kommt noch, daß laut Beschluß der Hamburger Generalversammlung der Hauptvorstand beauftragt wurde, eine Vorlage zur Anstellung besoldeter Gaubeamten auszuarbeiten und in Vorschlag zu bringen, sowie eine weitere Vorlage betreffs Einführung einer Kranken-Zuschußkasse dem Frankstirter Verbandstage zu unterbreiten. Beiden Aufgaben ist der Vorstand gerecht geworden. Er hat das Verbandsgebiet zunächst in sechs Gaue eingeteilt und schlägt einen Kranken-Zuschuß von 1 M. täglich mit gestaffelter Bezugszett je nach der Mitgliedsdauer vor. Sterbegeld ist unter gleichen Voraussetzungen S0-100 M. vorgesehen. Für weibliche Mitglieder gelten halbe Beiträge und Unterstützungssätze. Der Wochen- beittag soll dementsprechend von 30 bezw. IS auf 40 resp. 20 Pf. erhöht werden. Der Verband ist mit Abschluß deS Geschäftsberichtes auf 17 S00 zahlende Mitglieder angewachsen gegen 13 600 am 1. April 1002; da die Zahl der arbeitslosen Verbandsmitglieder 400 beträgt, hat der Verband also insgesamt 18000 Mitglieder. Die Fluktuation innerhalb des Verbandes ist eine große. 1902 ttaten 4428 männliche und SS weibliche Personen der Organisation bei; 1903 7704 männ- liche und 90 weibliche, das macht in Summa 12 287 neue Anhänger. Ausgeschieden aus der Organisation sind 7887 Mitglieder, wovon ca. 300 durch Tod abgegangen und ebenso viele nach dem Auslande verzogen sind. Ter Kassenbericht des Hauptkassierers enthält folgende Ziffern: Einnahme pro 1902 166 367,16 M.. Ausgabe 148 882,47 M., mithin Mehreinnahme.22 784.69 M. Dazu Bestand vom 1. Januar 1902 81 096,79 M., sowie Uebernahme des internationalen Unterstützungs- sonds mit 6373,81 M., ergab am 31. Dezember 1902 ein Hauptkassenvermögen von 110 285,29 M. An Unterstützungen zahlte der Verband in dem Rechnungsjahre 1902 insgesamt 65 272,61 M.; für Agitation wurden 12 726,26 M. aufgewandt? die persönlichen Ver- waltungskosten beliefen sich auf 7361,48 M. und die sächlichen auf etwa 100 M. mehr. Im Rechnungsjahr 1903 bettug die Einnahme 208 111,78 M., die Ausgabe 184005,22 M., was eine Mehreinnahme von 84 106,56 M. ergiebt. Hierzu der Vermögensbestand des Vorjahres ergiebt ein Vennögen der Hauptkasse am 31. Dezember 1903 von 164 361,85 M. Jm�Berichtsjahre 1903 wurdenZinsgesamt 72 863,79 M. an Unterstützungen ausbezahlt, darunter 11�40,47 M. für Stteikunterstützung im eignen Berufe und 3900 M. an andre Verbände? für Agitation wurden 20486,25 M. aufgewandt? die persönlichen Verwalttnigskosten veliefen sich auf 8919,70 M., darunter 7786,50 M. für Gehälter. und die sächlichen auf 3504,56 M. An die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands wurden 1902 1241,05 M. und 1903 1527,03 M. abgeführt. Außer Streikunterstützung gewährte der Verband seinen Mitgliedern noch Rechtsschutz, Umzugskosten, Unter- stützung in außerordentlichen Fällen, sowie Kranken-, Arbeitslosen« und Gcmaßregelten-Unterstützung. Der Bericht weist denn auch darauf hin, daß die Unterstützungs- Einrichtungen des Verbandes unter den Ausgaben der aufgeführten Jahresrechnungeu die erste Stelle einnehmen. Im Durchschnitt gingen bereits 50 Proz. der Ausgaben den Mitgliedern in Form von oirektenj Unterstützungen wieder zu. Wenn man die Gelder, welche für Diäten, Versäumnisse und Fahrten, entstanden durch die Lohn- vewegungen und die darauf folgenden Tarifabschlüsse, gezahlt wurden, hinzuzählt, werden wohl reichlich 60 Proz. der Gesamt- ausgaben für Unterstntzungszwecke Verwendung gefunden haben. Der Bericht über die Presse sagt, daß die Gesamt- Auflage der„Braner-Zeitung" im Jahre 1902 ca. 802 000 Exemplare oder im Durchschnitt pro Nummer 18 420 betrug, 1903 aber 908 800 Exemplare oder pro Nummer 17 420. Soweit die hauptsächlichsten Daten des Rechenschaftsberichtes. Bis jetzt liegen dem 14. Verbandstage, der am 7. Juni im Gewcrk- schaftshause zu Frankstirt a. M. beginnt und dessen vorläufige Tagesordnung 18 Punfte umfaßt, 226 verschiedene Anträge vor. die von verschiedenen Zahlstellen gleichlautend gestellten nicht mit- gerechnet. Erklärlicherweise dürsten die Ausführungen über die Hamburger Aussperrung imd den damit zusammenhängenden Boykott sowie über die Lohnbewegungen in verschiedenen andren Orten den Ver- bandStag ausgiebig beschäftigen. Partei-I�admckten. Ein Opfer des Socialistriigesebes. Mitte vorigen Monats ist in Newark bei New Dork der Schuhmacher Heinrich Szimmath im Alter von 52 Jahren an einen: Herzleiden gestorben. Der Ver- storbene gehörte zu den ersten, die 1378 aus Berlin ausgewiesen wurden. Er ging nach Hamburg, wurde dort durch Haussuchungen und eine vierzehnwöchige Untersuchungshaft mißhandelt, stets gefesselt über die offene Straße vor den Richter geführt und mußte doch schließlich freigesprocben werden. Dafür wurde er aber 1880 aus Hamburg aus- gewiesen. Darauf ging er nach Elberfeld, wo er nicht weniger als SOHauS- suchungen erlebte und auf die Denunziatton des Spitzels Palm zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt wurde. Was er an Büchern und Schriften besaß, wurde ihm gestohlen. Schließlich ging er nach Amerika und arbeitete dort für die Sache des Proletariats mit dem- selben Ernst und Eifer, den er in Deutschland bethätiat. Seine Freunde in New Uork bereiteten ihm eine würdige Leichenfeier. DaS Opfer eines Betriebsunfalles ist der Vorsitzende des social« demokrattschen Vereins in Biichcnbach bei Erlangen, der Genosse Konrad Nagel, Maurer, geworden. Er wurde an einem Neubau in Fürth, lvo er arbeitete, durch stürzendes Erdreich verschüttet und innerlich so schwer verletzt, daß er auf dem Transport zum Kranken- Hause verstarb. Der verunglückte Genosse, der erst 28 Jahre alt war, war ein eifriger vielversprechender, besonders in der Landagitatton erfolgreicher Kämpfer für die proletarische Sache. poUreittcfte», Oericbtlichea utW. Wegen Vergehens gegen das Bereinsgesev hatte sich der Arbeitersekretär S t o e s s e l am 3. Juni 1904 in Bromberg vor dem dortigen Schöffengericht zu verantworten. Ihm wurde zur Last gelegt, eine Versammlung abgehalten zu haben, welche polizeilich nicht angemeldet war. Bewiesen durch die Verhandlung wurde, daß die betreffende Versammlung keine Versammlung, sondern eine Rartellsitzung gewesen ist und deshalb den Bestimmungen des Ver- u.iSgesetzes nicht unterliegt. Die Angeklagten— neben Genossen Stoessel hatte der Lokalwirt auf der Anklagebank Platz genommen— wurden somit freigesprochen. Ter Amtsanwalt hatte 30 M. Geld- strafe für jeden Angeklagten in Vorschlag gebracht. Der Vor- sitzende führte unter anderm aus:„Wenn in der Sitzung auch öffentliche Angelegenheiten zur Tagesordnung standen, dieselben auch erörtert worden wären, so unterliege die Sitzung der Polizei- lichen Anmeldepflicht nicht, weil nicht erwiesen ist, daß die Sitzung den Charakter einer Versammlung trage." Somit ist der Entscheidung des Kammergerichts vom 14. Januar 1904 in einem weiteren Falle Geltung verschafft worden. Hoffent- licki sehen die Polizeiverwaltungen endlich einmal davon ab, engere Sitzungen als Versammlungen im Sinne des Vereinsgesetzcs zu stempeln und sie somit der Polizeikontrolle zu unterstellen. Soziales. Fabrikinspektoren über Arbeiterwohnungen. Während die Gewerbe-Jnspeftoren in den letzten Jahren einen erfteulichen Anfang damit machten, auch die Arbeiterwohnungen einer Inspektion zu unterziehen und an den mangelhasten Behausungen Kritik zu üben, zeichnen sich die diesjährigen Berichte der preußischen Gewerberäte dadurch aus, daß sie es sorgfältig vermeiden, auf das Wohnungswesen in Preußen näher einzugehen. Wenn es sich auch nicht alle Beamten so leicht machen, wie der Gewerbe-Jnspektor für Berlin, Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf, der kurzweg be- hauptet, daß infolge der regen Bauthättgkeit in Berlin und feinen Vororten und infolge der Konkurrenz, welche den Hausbesitzern durch gemeinnützige Banvereine bereitet wurde, die Wohnungsnot b e- s e i t i g t rst, so ist doch von einem wirklichen Eingehen auf die Wohnungsfrage nirgends die Rede. Nur ab und zu begegnen wir Andeutungen über scklechte und teure Wohnungen. So wurden in Göttingen, wo durch Polizeiverordnung vom 8. Dezember 1899 ftir die Beschaffenheit der Mietswohnungen und fiir das Schlafstellenwesen Vorschriften erlassen sind, welche u. a. auch eine Wohnungsinspektton im Gefolge hatten, seit April 1900 von den städttschen Organen 3381 Wohnungen revidiert, dabei 278 bemängelt und 16 als für menschlichen Gebrauch ungeeignet geschlossen. Als Ersatz baute die Stadt zwei Wohnhäuser für 14 Familien. In den Regierungsbezirken Hannover, Osnabrück und A u r i ch hat sich die Vermehrung der Wohnungen im Berichtsjahre in mätzigen Grenzen bewegt. Hervorgehoben wird, daß auf die Verbesserung derin Ziegeleien befindlichen, früher zum Teil mangelhaften Wohnungseinrichtungen ge- drungen wurde. Auch in den industriereichen Gegenden des Regierungs- bezirks Arnsberg wird über vielfach mangelhafte Wohnungs- Verhältnisse geklagt, denen gemeinnützige Baugenossenschaften und Bauvereine zu begegnen suchten. In der Stadt Posen mußte eine Arbeiterfamilie infolge der teuren Wohnungen durchschnittlich 28,32 M. mehr an Miete ausgeben als im Jahre vorher. Genauere Angaben über Mietspreise werden nur auS Köln gemacht. Hier haben die Metspreise gegenüber dem Vorjahre mit Ausnahme der Wohnungen mit einem Zimmer einen Rückgang, in den Vororten dagegen mit Ausnahme der einzimmerigen Wohnungen eine zum Teil recht erhebliche Steigerung erfahren. Ueber die Thätigkeit der Gemeinden auf dem Gebiete deS Wohnungswesens wird herzlich wenig gesagt. In F o r st haben die matzgebenden Körperschaften sich mit der Frage der Erbauung von Arbeiterwohnungen aus städtischen Mtteln beschäftigt. Die zur Vorberatung eingesetzte Kommission stellte fest, daß nur wenig Woh- nungen leer ständen und die Mietspreise erheblich gestiegen wären. Unter Zustimmung des Magistrats wurde darauf beschlossen, daß die Stadt ans städtischen Mitteln für ihre Angestellten Wohnhäuser errichtet, soweit ein BedürstnS dazu vorliegt, und daß sie alle Bau- genossenschaften und Privatunternehmer unterstützt, die sich die Erbauung gesunder und preiswerter Arbeiter- Wohnhäuser zur Aufgabe niachen. Auch in Sagau beschloffen die städtischen Körperschaften, zur Steuerung der Wohnungsnot Bau- Herren aus der städtischen Sparkasse einen Betrag bis zu 200 000 M. für den Bau von Wohnhäusern bei mäßigem Zinsfuße zur Ver- fügung zu stellen. Das ist alles, was über die Wohnungspolitik preußischer Gemeinden berichtet wird. Daneben giebt es eine Reihe Industrieller, die für die von ihnen beschäftigten Arbeiter Wohnungen gebaut haben. Es ist bei der Ueberlastung der Gewcrbe-Jnspektoren mit ihrer Specialaufgabe nicht gut möglich, daß sie eine genaue WohnungS- inspektion ausüben. Hierzu bedarf eS besonderer Wohnungsinspektoren für den ganzen Staat, die in regelmäßigen Zwischenräumen alle Wohnungen ihres Bezirks zu revidieren hätten. Leider hat man sich aber bisher in Preußen nicht einmal zu diesem bescheidenen Schritt aufzuraffen vermocht, der als Vorbedingung für eine wirkliche Wohnungspolitik anzusehen ist. Die Wohnungsinspektton so neben- her von den Fabrikinspektoren ausüben zu lasten, ist absolut zweck- los, wie die vorliegenden Berichte von neuem beweisen. Berliner partei-Hngelegenbeiten. Charlottenbnrg. Nur wenige Tage trennen uns noch vom 10. I u n i, dem Tage der Ersatzwahl für die Stadtverordneten- Versammlung im zweiten Bezirk. Parteigenossen I Obwohl die Wahl nach den Listen vom Juli 1903 stattfindet und seitdem ein zweimaliger Umzug statt- gefunden hat, darf sich unsre Stimmenzahl nicht verringern. Die schönen Resultate im 32. und 40. Berliner Bezirk— in dem letzteren ist unsre Stimmenzahl trotz dieser ungünstigen Verhälttiisse sogar noch erheblich gestiegen— müssen ftir uns ein Ansporn sein, daß Charlottenburg nicht hinter Berlin zurücksteht. Deshalb muß am 10. Juni jeder Genosse, der im Juli vorigen Jahres im zweiten Bezirk gewohnt hat, seine Sttmme für unfern Kandidaten abgeben. den Hausbesitzer, Brotfabrikant Paul Liebe. Am Mittwoch, den 8. Juni, abends 8>/z Uhr, findet im Volkshause eine Volksveriammlung statt, in welcher unser Genosse, R e i ch s t a g s-A b g e o r d n e t e r Dr. Süde- kum über„Die soeialpolitischen Aufgaben der.Ge- mein den" sprechen wird. Genossen! Agittert eiftig für den Besuch dieser Versammlung und für einen glänzenden Sieg unsrer Partei am 10. Juni. Karlshorst. Den Mitgliedern des Wahlvereins zur Kenntnis, daß umständehalber der Z a h l a b e n d Montagabend 8>/z Uhr bei Kupsch stattfindet. Da wichttge Besprechungen zu erledigen sind, werden die Mitglieder gebeten, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. Gäste willkommen. Der Vorstand. Mariendorf und Umgegend. Der Wahlverein hält seine nächste Mitgliederversammlung Dienstagabend 8'/, Uhr im Lokal des Genossen Hermann Reichardt, Mariendorf, Chausseestraße 16, ab. Genosse Wetzker referiert über:.Die Entstehung der Arbeiter- Versicherungen." Die Bibliothek ist eine Stunde vor Beginn der Versammlung geöffnet. Ober-Schöucweide. Mittwochabend 8'/, Uhr findet die Mit- gliederversammlung des Wahlvereins im Lokal des Ge- nossen Emst Kaufhold. Wilhelmincnhofstratze 13, statt. Tages- Ordnung: Vorttag über:„Sie müssen!" Diskussion. Vereins- angelegenheiten. Verschiedenes. Die Mitglieder werden um pünktliches und zahlreiches Erscheinen gebeten? auch sind Gäste will- kommen. Steglitz. Mttwochabend 8 Uhr bei Schellhase, Ahomsttaße IS-». Mtgliederversammlung deS Wahlvereins. ES toird ein reger Besuch erwartet, da außer einein guten Vorwage noch mehr wichtige Dinge auf der Tagesordnung stehen. Tcnipelhof. Dieiistagabend Punkt 8 Uhr findet im Lokale von Martin Müller, Berlinerstratze 41/42, eine Volksversammlung statt, in der Genosse Stadtverordneter Reinhold K ü t e r einen Vorttag über den Klassenkampf der Arbeiter halten wird. Außerdem steht noch die L o k a l f r a g e auf der Tageordnung. Wilmersdorf. Mittwochabend 9 Uhr findet im Volksgarten, Berlinerstraße 40, die regelmäßige Vereinsversammlung des Wahl- Vereins mit folgender Tagesordnung statt: 1. Vorttag des Reichs- tags-Abgeordneten Fritz Zubeil über:„Das preußische Junkertum und das allgemeine Wahlrecht". 2. Aeußerst wichttge Vereins-An- gelegenheit. Zahlreiches Erscheinen unbedingt nöttg. Mitglieder werden aufgenommen. Gäste, auch Frauen, haben Zutritt. lokales. Die Berliner Gewerbrriite über die Rabatt-Sparvereine. Wie außerordentlich gering das Verständnis vieler Gewerbe« Aufsichtsveamten in Bezug auf wirffchaftliche Angelegenheiten der Arbeiter ist, zeigen von neuem wieder die Jahresberichte der Königl. Preußischen Regierungs- und Gewerberäte für 1903. Es heißt dort auf Seite 78: „Eine große wirtschaftliche Bedeutting für die Arbeiterfamilien im Norden von Berlin hat der seit 1892 bestehende Rabatt- Sparverein„Norden" gewonnen, seit er im Jahre 1893 das System der Klebemarken eingeführt hat.... In den Verkaufs- stätten werden nach Maßgabe des Preises für die gekauften Waren an den Einkäufer Sparmarken verabfolgt, die, auf einer Klebekarte gesammelt, am 1. Dezember jeden Jahres von dem Verein eingelöst werden. Die Spareinlage bettägt im allgemeinen 5 Proz., in den Bäckereien 10 Proz. des Wertes der gekauften Waren. Das Sparguthaben be- trägt somit am 1. Dezember, wenn nur ftir 10 M. Waren in der Woche gekauft werden, 26 M.; bei vielen Arbeiterfamilien erreicht die Sparsumme den doppelten Bettag, so daß die Familie, ohne es zu merken, eine Summe erspart, die eS ihr ermöglicht, für die Feier des Weihnachtsfestes Aufwendungen zu machen, die sie sonst nicht bestteiten könnte." Der Verfasser dieser Stelle meint also, der Arbeiter habe einen wirtschaftlichen Vorteil. wenn er durch eine indirekte Steuer zum Zurücklegen eines Spargroschens von 30 Mark bis 80 M. im Jahre gezwungen würde, er ttitt hier, vielleicht ohne es zu beabsichtigen und zu merken, für ein Zwangssparsystem ein, etwa in der Weise, daß in jeder Woche vom Lohne 1 bis 2 M. zurückgelegt und für den Jahresschluß gespatt werden. Etwas andres geschieht auch bei den Älebemarken des Sparvereins nicht. Aus ihrer Tasche können die Verkäufer den Arbeitern die sog. Spar- marken nicht bezahlen, der Käufer muß sie im erhöhten Preise der Waren mitbezahlcn. So lange nur einige wenige Kaufleute sich zu einem Rabatt erbieten, ist es wenigstens denkbar, daß sie einen größeren Kundenkreis heranziehen und bei vermehrtem Umsatz sich in der That mit einem prozentual geriugeren Gewinn begnügen können, wie man aus diesem Grunde ja auch in großen Warenhäusern und in gut geleiteten Konsum- vereinen besser und billiger kauft als beim Krämer. Sobald aber das kaufende Publikum den Rabattmarken nachläuft und dadurch das Gros der Kaufleute gezwungen wird, sie ebenfalls zu gewähren.— die Marken des Rabatt-SparvereinS Norden werden in etwa 3000 Geschäften, also ganz allgemein, ausgegeben— fällt für den einzelne» Kansmann der Borteil des erhöhten Umsatzes fort, und die Kaufleute müssen daher den zugesagten Rabatt auf die Waren schlagen, ihn sich vorher bezahlen lassen. Für unmündige Kinder mag eS nöttg sein, sie auf solche ver- schleierte Weise zun: Sparen zu bringen, selbständige Männer da- gegen brauchen nicht einen Vormund, der eine indirekte Steuer für sie aufspart, und lassen sich auch nicht einreden, daß es für sie ein wirtschaftlicher Vorteil ist, das Jahr über Sparbeträge an einen Kaufmann m Form erhöhter Warenpreise einzuzahlen, um sie am Jahresschluß ausbezahlt zu bekommen. Wer das will, mag das Geld lieber unmittelbar auf die Sparkaffe tragen, wobei die Ge- fchäftsgebarung klar und durchsichttg ist. Wer dagegen beim Wareneinkauf Ersparnisse machen will, muß sich einem Konsumverein anschließen. Dort entsteht in der That ein wirtschaftlicher Vorteil für den Arbeiter, indem der erzielte Geschäfts- gewinn an die Mitglieder in: Verhältnis ihres Einkaufs verteilt wird, oder indem die Preise der Waren zufolge der beim Einkauf im großen gemachten Ersparnis von vornherein billiger bemessen werden. Beim Rabatt-Sparverein lautet die Losung: Teuer und schlecht, beim Konsumverein dagegen: Billig und gut! Die preußischen Gewerberäte aber preisen die wirtschaftlichen Segnungen des Rabatt-Sparvereins und wissen von der Thätigkeit der Konsumvereine nichts zu berichten. Sie geben, vielleicht un- bewußt, den mittelstandSretterischen, konsumvereinsfeindlichen Be- strebungen nach, die in den matzgebenden Kreisen der Regierung gegenwärtig die Herrschaft haben. Die Befürwortung der Rabatt- Sparvercine gegenüber den Konsumvereinen gerade von jener Stelle sollte die Arbeiter stutzig machen und sie auf den Unterschied achten lehren._____ Familie oder Anstalt— eine Waiseupflegestage. Sollen Waisenkinder in Familien oder in Anstalten untergebracht werden? Darüber wird in Deutschland sett mehr als 200 Jahren gestritten. Die Gemeinde Berlin hat für die verwaisten Mädchen 1871 entschieden, daß sie grundsätzlich in Familien zu erziehen seien. Das ist seitdem auch geschehen, und nur hei chronisch kranken und bei verwahrlosten Mädchen ist von dieser Regel abgewichen worden. Das Berliner Waisenhaus zu Rummelsburg ist seit 1871 den Knaben vorbehalten geblieben. Für Knaben bestand also nach wie vor Erziehung durch Anstalt und Erziehung durch Familie nebeneinander, aber auch hier verschob sich im Laufe der Zeit daS Verhältnis immer mehr zu Gunsten der Erziehung durch Familie, der sogenannte!: Kostpflege, weil trotz aller Vermehrung der Waisenkinder keine nennenswerte Erweiterung der Anstaltspflege mehr erfolgte. Der „Vorwärts" hat diese Entwicklung seit einer langen Reihe von Jahren aufmerksam beobachtet und verfolgt. Immer wieder haben wir auf das Bedenkliche des UeberhandnehmenS der Kost pflege hingewiesen, haben wir aus den amtlichen Berichten der Waisenverwalttmg sowie auf Grund unsrer eignen Ermittelungen Material zur Beleuchtung der in der Kostpflege herrschenden Zustände veröffentlicht. In neuester Zeit ist sogar eine Einschränkung der Anstaltspflege erfolgt, und es wird erwartet, daß die Anstalt in Rummelsburg als Erziehungsanstalt überhaupt eingehen und nur noch als Waisenlazarett benutzt werden wird. Die socialdemokratische Fraktton der Stadtverordneten wünscht eine entgegengesetzte Entwicklung. Bei der Beratung des städtischen Etats für 1904 hat sie beantragt, die Anstalten zu vermehren, damit die Kostpflege allmählich beseitigt werden kann. Der Antrag wurde in der Sitzung vom 2l. März abgelehnt, nachdem der Magistrat durch Stadtrat Straßmann erklärt hatte, die in Au- stalten erzogenen Waisen seien nachher im Leben wenig zu gebrauchen. Diese Begründung hat unter den ehemaligen Rummels« b:rr gern Verwunderung lind Enttüstung hervorgerufen, und ihr „Friedrichsverein" hat sich nun der Sache angenommen. Er hat eine Denkschrift herausgegeben, die den Fortbestand der Anstalt Rummelsburg, ihres„Vaterhauses", empfiehlt. Außerdem hatte der Verein für Mittwoch eine öffentliche Versammlung ein- berufen, die zu der Angelegenheit Stellung nehmen sollte. Das Referat hatte in dieser Versammlung ein ehemaliger Rummelsburger und jetziger Fabrikant GöSling übernommen, ver leibet aus mancherlei Grünben nicht als bie geeignetste Person bazn er- schien. In ber Diskussion sprach eine ganze Reihe von Personen, bie als Waisenkinber teils in Nnmmelsbnrg, teils in Kostpflege gewesen waren unb babei gute bezw. schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Die Debatte ivurbe interessant durch die Beteiligung des freisinnigen Stadt- verordneten G oinb ert, dein es nicht gefiel, bast der Berliner Gemeindeverwaltung bittere Wahrheiten gesagt wurden. Herr Gombert ist ehemaliger Zögling des Potsdamer MilitärwaiseiihauseS. Seit 36 Jahren ist er Mitglied des Vereins dieser Zöglinge, seit 25 Jahren Vorsitzender. Es verstand sich von selber, da st er der Anstalt den Vorzug vor der Familie gab. Er fügte aber hinzu, auch er werde dafür einstehen, daß die Anstaltspflege als die bessere erhalten bleibe— und hiermit hatte er sich bös in die Nesseln gesetzt. Der gleichfalls in der Versammlung anwesende soeialdeniokratische Stadt- verordnete Bernstein stellte fest, bah Herr Gombert in der Sitzung vom 21. März, als über den soeialdemokratischen Antrag verhandelt wurde, kein Wort zu Gunsten der Anstalten gesagt hat. Genosse Bernstein beleuchtete dann in eindringlichen Worten die hygienische Seite der zur Erörterung stehenden Frage und zeigte, daß eine nicht knausernde Verwaltimg sogar in der Säuglings- pflege mehr durch Anstalten als durch Familien erreichen kann. Herr Gombert erwiderte mit der Ausrede, er sei damals erst zu kurze Zeit Stadtverordneter gewesen, darum habe er g e s ch Iv i e g e n. Dieser selbe Gombert hat aber— das wollen wir hier feststellen— in jener selben Sitzung, eine Viertelstunde vor Beratung des Waisenhausantrages, zum Armenetat das Wort ergriffen, »im darüber zu klagen, dast nianche Leute sich doppelte Unterstützung zu verschaffen wissen. Es ist ein Skandal, daß ein Stadtverordneter es wagt, einer öffentlichen Versammlung in dieser Weise über seine Thätigkeit bezw. Unthätigkeit in der Stadtverordneten-Versammlung etwas vorzuerzählen. Wir behaupten, daß der freisinnige Herr Gombert nicht einmal für den soeialdemokratischen Antrag g e- st i m m t hat; unsres Wissens stimmte dafür überhaupt kein Frei- sinniger. Nach einer sehr langen Debatte, in die auch noch der soeial- demokratische Stadtverordnete Tolksdorf eingriff, nahm die Ver- saimnluug einstimmig eine Resolution an, die die Anstaltspflege für die dienlichste erklärt und den Fortbestand der Anstalt Rummels- bürg sowie einen weiteren Ausbau der Anstaltspflege fordert. Zelle-Deukmal. Unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters K i r s ch n e r trat gestern das Komitee für die Errichtung eines Denkmals für den Oberbürgermeister Robert Zelle im Nathause zusammen. Es wurde beschlossen, dem Bildhauer Otto Lessing die Ausführung zu übertragen und den Magistrat um die Hergabe eines geeigneten Platzes zur Aufstellung des Denkmals zu ersuchen. In Aussicht genommen ist der Vietoriapark, der unter Zelle errichtet ist. Dort soll eine Büste Zelles auf einem einfachen Postament aufgestellt werden. Berliner Brücken. Die Adalbert-Brücke wird in einigen Wochen dem Verkehr übergeben werden. Die Rampenanlagen konnten bis jetzt nicht fertig gestellt werden, weil die baulichen Aenderungen an den benachbarten Gebäuden noch nicht beendigt waren. Die MuseumSbrücken sollen am 18. Ottober d. I. mit dem Denkmal Kaiser Friedrichs dem Verkehr übergeben tverden. Der Magistrat hat dem Autrage des Polizeipräsidenten wegen Abänderung des Z 133 der Berliner Straße nordnung leider z u g e st i m m t. Danach können die den Grundstücksbesitzern und Hauseigentümern auferlegten Verpflichtungen und die strafrechtliche Verantivortlichkeit für die Erfüllung derselben auf die für die Grund- stücke bezw. Häuser bestellten Verwalter übergehen, wenn der Be- sitzer nicht auf dem betreffenden Grundstück wohnt und dieser den von ihm bestellten Verwalter unter dessen Zustimmung der Polizei- behörde als verantwortlichen Vertreter namhaft gemacht hat. Eine Abänderung war augeblich notwendig geworden, weil Gesellschaften, Banken ze. in einigen Fällen nicht veramwortlich gemacht werden konnten für Dinge, die zu den Obliegenheiten der Verwalter ge- hören. Aus der Fürsorgeerziehung. Die Gemeinde Berlin hat zur Unterbringung der Berliner Für- sorgezöglinge nur die eignen Erziehuugshäuser in Lichtenberg und Kleinbeeren. Sie denkt nicht daran, ihre Anstalten zu vermehren. Lieber will sie, soweit sie nicht die Familienpflege, die billige, vorzieht, alle möglichen und unmöglichen privaten A n st a l t e n mitbenutzen, die ihrer schwierigen Ausgabe manchmal sehr wenig oder gar nicht gewachsen sind. Aus Anlaß der sich häufenden E n t- w e i ch u n g e n von F ü r s o r g e m ä d ch e n, durch die gewisse Anstalten von sich reden gemacht haben, ist von uns die Frage er- örtert worden, ob nicht solche Vorkommnisse hauptsächlich in dem dort geltenden Erziehungssystem ihre Ursache haben. Man hat erwidert, von Fürsorgemädchen sei nicht zu erwarten, daß sie die Wohlthaten der Fürsorgeerziehung zu würdigen wissen, und es sei leider begreif- lich, daß sie eine zügellose Freiheit dem geordneten Leben der Anstalt vorziehen. Wir müssen aber gestehen, daß auch uns das„rechte Ver- ständnis" für die„Wohlthaten" fehlt, die manche private Anstalten ihren Zöglingen bieten. Die städtische Waisenverwaltung, der die Unterbringung der Für- sorgezöglinge obliegt, sollte bei jeder Entweichung aus einer dieser Anstalten sorgfältig prüfen, wie weit die Anstalt selber daran schuld ist, daß deren„Wohlthaten" von den Zöglingen verschmäht werden. Sie wird das hoffentlich auch bei dem folgenden Fall lhun, der uns aus der religiösen Erziehungsanstalt B e t h a o a r a zu Neu- Weißensee gemeldet wird. Dort war von Berlin aus ein jetzt IZjähriges Mädchen H. untergebracht worden, weil es wiederholt seinen Angehörigen entlaufen war und sich umhergetrieben hatte. Am vorigen Dienstag fand sich die H. unerwartet in Berlin bei einer den Eltern bekannten Familie ein und bat um Aufnahme. Sie war aus Bethabara entflöhe n. Auf Befragen erzählte sie. sie habe am Sonnabend während der Andacht gelacht und sei dafür aus dem Saal gewiesen worden. Als sie dann zu Bett gehen wollte und sich bis auf das Hemd entkleidet hatte, sei sie von zwei„Helferinnen" gepackt und mi t einem Riemen geschlagen worden. Am Sonntag habe man ihr obendrein Arrest gegeben und am Dienstag sei sie dann entflohen. Was daran Wahres war, ließ sich nicht feststellen, doch zeigte die H. deutliche Spuren von Mißhandlung, blaue und braune Flecke und Striemen auf Arm und Rücken. Sie wurde am Mittwoch ihren Angehörigen zugeführt und machte diesen die- selben Angaben. Man ging mit ihr nach dem Fürsorgeerziehungs- Bureau des Waisenhauses und sie wiederholte dort am Donnerstag wie am Freitag ihre Angaben. Man nötigte zugleich einen der Bureaubeamten, selber die Spuren der Mißhandlung auf dem Körper des Mädchens anzusehen. Am Freitag wurde die H. dann im Waisenhaus zurückbehalten. Was nachher aus ihr geworden ist. wiffen die Angehörigen vorläufig nicht. Hat man sie nach Bethabara zurück- gebracht? Wir wollen abwarten, was die Untersuchung ergeben wird. Die Spuren der Mißhandlung sind von neun Personen besichtigt worden. und denen gegenüber hat die H. die erste Darstellung aufrecht erl>alten. Auf dem Bureau des Waisenhauses wurde es von einem Beamten übel vermerkt, als er erfuhr, daß schon der„V o r w ä r t s" in Kennt- nis gesetzt sei. Der Mann begreift nicht, daß die Veröffentlichung all' solcher Vorkommnisse durch den„Vorwärts" notwendig ist, weil sie eine viel wirksamere Kontrolle bildet als diejenige, die die Waisenverwaltung auszuüben vermag. Will übrigens die Waisen- Verwaltung oder das Bethabarastift sich zu der Veröffentlichung der Sacke durch den..Vorwärts" äußern, so bitten wir im Voraus um eines Man verschone uns mit der Antwort, es handle sich hier um eine schlechte Person. Mit solchen Waffen hat bekanntlich die Obdach- Verwaltung durch Stadirai Fischbeck sich gegen socialdeinokratische Kritik zu verteidigen gesucht, aber dieses Beispiel darf keine Nach- ahmung finden. Wir wissen es selber, daß das Mädchen nicht viel taugt, die Familie hat es uns freiwillig und bedauernd mitgeteilt. Aber eben iveil die H. nicht viel taugt, muß eine Behandlung, wie sie sie in Bethabara erlitten haben will, von ihr ferngehalten werden. Ts kann doch niemand im Ernst glauben, daß ein 18jähriges Madchen mit solchen Mitteln gebessert wird. Eine der„Helferinnen" soll selber erst 26 Jahre alt sein. Da müßten ja allerdings eigenartige Zustände in Bethabara sein, wenn es wirklich einem 20 Jahre alten Mädchen möglich gewesen sein sollte, sich in dieser Weise an einem 18 Jahre alten Mädchen erzieherisch zu bethätigen. Wir erwarten, daß die Waisenvertvaltung die Sache aufs strengste untersucht und, falls die Angaben der H. sich bestätigen, Bethabara ohne Gnade aus der Liste der Anstalten streicht, denen sie Fürsorgemädchen überweist. Katholische Morallehre. Ein Seusationsprozeß wird morgen, Montag, die ganze Sitzung der dritten Strafkammer des Landgerichts I in Anspruch nehmen. Seine Vorgeschichte ist kurz folgender- inaßen zusainmeiiziisassen: Liguori, ein Zeitgenosse Friedrichs des Großen und Begründer des Redemptoristeii-Ordens, schrieb eine mehrbändige„Moraltheologie". Er wurde nach seinem Tode heilig- gesprochen, seine Werke wurden von den Päpsten Pius IX. und Leo XIII. zum Studium der katholischen Christenheit empfohlen und seine„Moraltheologie" für die sichere Nonn aller Fragen der Moral erklärt, mit der Aufgabe an die„Leiter des Gewissens", sie für Lehr- und Beichtstuhl zu benutzen. Vor»ugefähr zehn Jahren veröffentlichte der frühere Lehrer Graßinann zu Stettin eine Broschüre, in welcher er die Beichtregeln des heiligen Liguori der gebildeten Welt bekanntgab und zum Ausgangspunkt einer heftigen Polemik gegen das heilige Sakrament der Beichte machte. Von Ceutrums- kreisen aus wurde Anzeige erstattet und darauf die Broschüre von Nürn- bera aus im objekliven Verfahren eingezogen, während ein gleichartiger in Preußen uilternommener Versuch keinen Erfolg hatte, da Graß- mann in seiner Vaterstadt Stettin freigesprochen iviirde. Graßinann, dessen Broschüre die in Deutschland unerhörte Anzahl von 83 Auflagen erlebt hatte, fand u. a. in dem Leipziger Verleger M i n d e bald eiuen Nachahmer. Er veröffentlichte eine ihm anonym zugesandte Broschüre, die sich wiederum mit den Beichtregeln des heiligen Liguori befaßte, nachdem er sie von dem Privatgelehrteil Dr. Ernst B i s ch o f f in Leipzig hatte beglitacbte» lassen. Wiederilm wurde Anzeige erstattet, der die Leipziger Staatsanwaltschaft aber keine Folge gab, während sie in Berlin zu einer Anklage wegen Be- schimpfung der katholischen Religion gegen Minde und Dr. Bischoff führte. Als Sachverständige sind die litterarischen Kämpen im religiösen Streit, von der katholischen Seite Probst Keller aus Wies- baden— von der protestantischen Professor Nippold aus Jena, bereits gutachtlich gehört. Die Anklage wird Staatsanwaltschafrsrat Schmidt, die Verteidigung werden Justizral Drücker- Leipzig für Minde, Rechtsanwalt Dr. Halpert-Berlin für Dr. Bischoff führen. Der„Psiugstmord". Die Sehnsucht nacki der Kostbarkeit einer soeialdemokratischen Gewaltthat wird bei unsren konservativen Ilm- stürzlern um so krankhafter, je deutlicher die Arbeiterschaft erkennt, daß die Stillung solchen Verlaugens eine bodenlose Dummheit wäre. Uns soll gar nickit wundern, wenn staatserhaltende Heißsporne eine aiiiiehmbare Belohnung demjenigen aussetzten, der ein einlvandfreieS, gegen die Soeialdemokratie auszunutzendes Attentat in die Wege leitete. Da aber keiner auf solcbe Bersiichnng hiueinfallen würde, so muß die Phantasie sich künstlich ihre Fälle schaffen. Wir haben vor acht Tagen schon darauf hingewiesen, wie von buddisttscher Seite der traurige Vorgang, dem der Stationsassistent Kühn auf dem Bahnhof Alexanderplatz zum Opfer fiel, zu einem leibhaftigen socialistischen Mord aufgetakelt wurde, obgleich kein Mensch wissen konnte, ob die drei Maurer, auf deren Rüpeleien der Tod des Beamten zurückzuführen sein soll, überhaupt etivas mit der Soeialdemokratie zu thun haben lind obgleich ferner, selbst wenn dies der Fall sein sollte, man die Soeialdemokratie ebensowenig für das von den Leuten verübte Roheilsvergeben verantwortlich machen kann ivir die konservative Partei ellva für die kürzlich in Hannover von Berliner Reserve-Offizieren verübten Ausschreitungen. Aber in der Not frißt der Teufel Fliegen, und da ein soeial- demokrattsches Blutvergießen vom konservativen Standpunkt aus ein Ziel anfs innigste zu wünschen ist, so schafft die geistige Arinut sich ihr Bänkelsängerlied. Die Albernheit des erwähnten Bnddisten- blatteS wird von der vom Scharfinacherverband ausgehallenen „Deutschen volkswirtschaftlichen Korrespondenz" nachgeahmt. In einem heißhungrig von der„Post", der„Kreliz-Zeitung" usw. ab- gedruckten Arttkel dieses Blattes marschiert der erwähnte Vorfall jeibhaftig als Pfindstmord auf und ivird von dem„Vorwärts" lügenhaft behauptet, daß er das Roheitsvergehen der Maurer als harmlose Streitigkeit bezeichnet habe. Das sind unsre politischen Gegner. Wem fiele beim Anblick solchen Gesindels nicht das drastische Wort ein, mit dem der alte Fritz nach der Schlacht bei Zorndorf seine Feinde charakterisierte? Die Frauen an der Berliner Universität. Im gegenwärtigen Sommerhalbjahr sind bis jetzt 363 Frauen als Hörerinnen an der Universität Berlin zugelassen, gegen 293 im vorigen Sommer und 562 im letzten Winter. Bei der Zulassung wird noch strenger ver- fahren als früher, und es sind viele Ausländerinnen mit angeblich minderwertigen Zeugnissen abgewiesen. Immerhin beträgt die Zahl der hier studierenden Ausländerinnen noch 107, unter denen sich 60 Russinnen befinden. Die sehr eingehend geführten Listen geben manche Auskunft von allgemeinem Interesse. Unter den zugelassenen Damen sind 38 verheiratete, verwitwete und auch einige geschiedene Frauen. Viele der studierenden Frauen sind Lehrerinnen, und eine große Zahl gehört Professoren- und andren gelehrten Kreisen an. Zwei Töchter des Handelsministers Möller widmen sich der Theologie; die eine ist verheiratet und hört im besonderen jiirchengeschichte. Mehrere Damen besitzen schon das Doktordiplom, zum Teil aus Berlin, sowie andre akademische und sonstige Würden. Eine Studentin war kürzlich von einer englischen Gemeinde zur Seel- sorgerin gewählt worden. Nach einer genauen Auszählung befinden sich unter den Zugelassenen 46 mit Reifezeugnissen von deutschen Vollanstalten; dazu kommen noch 4 mit Maturitätszeugnissen von Küßnacht-Zürich. Die meisten Damen, insgesamt 256, studieren philologische, litterarische, kunstgeschichtliche, historische und philo- foxhische Fächer. 33 pflegen Naturwissenschaften, 26 Medizin, 22 Nationalökonomie, 15 Theologie. 11 Zahnheilkunde, 3 Mathe- matik und nur 2 Rechtswiffenschaft. Am Görlitzer Bahnhof wird die Sttaßenbahn-Abfahrtsstelle um- gestaltet, die sich auf dem Spreewaldplatz vor dem Bahnhofsgebäude befindet. Es wird eine Schleife gebaut, wie sie für einige andre Abfahrtsstellen der Straßenbahn bereits besteht. Die Gleise werden' um die Anlagen des Spreewaldplatzes herumgeführt, so daß die an- kommenden Wagen ohne Umsetzen und ohne langen Aufenthalt wieder nach dem Innern der Stadt zurückfahren können. Am Görlitzer Bahnhof ist eine solche Schleifenanlage besonders notwendig, weil hier fünf Straßenbahnlinien beginnen. Schon bei gewöhnlichem Betrieb treffen auf dem Spreewaldplatz in der Stunde 23 Motorwagen— ungerechnet die Anhängewagen— ein. die bei der bisherigen Ein- richtung der Absahrtsstelle sämtlich umgesetzt werden müssen. Auf den vier neben einander liegenden Ankunfts- bezw. Abfahrtsgleisen, die hier zur Verfügung stehen, sieht man in der Zeit des stärksten Ver- kehrs eine stattliche Wagenburg, in der nur der Kundige sich rasch zurechtzufinden vermag. Vergebliches Mühen. Die Anti-Trinkgeld-Liga, die von Hamburg, ihrem Stammsitz, aus allerorten ftir die Einführung auskömmlicher Löhne in den Gewerben, in denen die Angestellten noch auf Trinkgeld angewiesen sind, Propaganda machen wollte, hat ihren löblichen Zweck nicht erreicht. Die Liga hat wegen nicht ge- , lügender Unterstützung und Teilnahme des großen Publikums ihre Auflösung beschlossen. Der geheimnisvolle Leichenfiind in Chnrlottenbnrg scheint seiner Aufklärung näher zu rücken. Gestern, Sonnabend, nachmittag wurde ein neuer Fund gemacht, der wahrscheinlich mit dem Ver- brechen im Zusammenhang steht. Vom Tegeler Weg führt ein Feld- weg nach der Jungfernheide. An diesem Feldwege, der zum Teil von Gestrüpp umsäumt ist, liegen einige kleine Müllabladestellen. Eine dieser Stellen zwischen den Charlottenburger Wiesen und der Jungfernheide, in der Gegend des Hinckeldey-Deiikmalö. liegt fast in derselben Höhe wie der Fundort des RuuipfeS im Verbiuduugskaiial bei der Kuöfflerschen Fabrik. Sie bildet ein etwa zehn Meter in, Geviert messendes Loch, das zum Teil mit Müll wieder ausgefüllt ist. Die Oberfläche ist sehr uneben. An dieser Stelle suchte gester» nachmittag ein junger Schaustellergehilfe Vetter, der in jener Gegend mit seinem Wagen steht, Blechreste, aus denen er Schirme für seine Schaubudenlanipen zurecht machen will. Er stieß auf allerhand Gerümpel, zerschlagene Blumentöpfe usiv. Seine besondere Aufmerksamkeit erregte eine in der Mitte liegende hell emaillierte Miillschippe. Bei dieser fand er dann wieder ein Gemisch von Blechbüchsen und zer- brochenen Töpfen, über die eine alte Waschschüssel gestülpt war. Als er diese hernnternahm und den Trödel auseinander kramte, entdeckte er danuiter frische Knochen, die zum Teil verbrannt, zum Teil aber noch mit Fleisch behaftet und mit Stoffresten über- zogen sind. Quer über diesen Dingen lagen eine große Anzahl Korsettstange», unter ihnen Reste eines verbrannten Korbes. Vetter teilte seine Entdeckung einem der Kriminalbeamten mit, die in der Gegend nach Spuren suchte, und es kamen darauf sofort Polizei- Präsident Steifensand, Knminalinspektor Krause und Kriminal- kominissar Dr. Knoop, um den Befund aufzunehmen. Allem An« schein nach handelt es sich um die Reste der Arme und Beine, während vom Kopfe nichts gestniden wurde. Em Heer von Kriminalbeamten begann sofort mit einer erneuten Absuchuug des ganzen Geländes. Augenblicklich ist auch ein Kleiderfund, der in einem Berliner Hause gemacht wurde, Gegeustaud näherer Untersuchung. Die Ob- duktion'des Rumpfes beganu Vormittag um 11'/- Uhr in der Friedhofshalle auf Westend. Daß es sich bei dem Fund um eine zu Studienzwecken benutzte und dann beiseite geschaffte Leiche handeln sollte, ist nicht gut aiizunehine«. Der Arzt hätte dann seine Studien ivohl nicht auf die Gliedmaßen beschränkt, der Riinipf zeigt aber keinerlei Spure» einer wissenschaftlichen Bearbeitung. Die Mitteilungen und Entdecknngen Vetters wurden durch andre Beobachtuiigen noch in bemerkenswerter Weise ergänzt. Vetter ist angestellt bei der Schaubudenbesitzerin Weiding. Am Donnerstag nachmittag besuchte er einen Bekannten in der Maxstraße. Als er um 12 Uyr nachts»och nicht nach dem Wohnwagen der Truppe zurückgekehrt war. wurde Frau Weiding unruhig und machte sich Sorge um ihn. Hierbei sah sie zum Wagenfenster hinaus und be- merkte an der Stelle. Ivo der junge Mann gestern die Knocheureste 'and, einen Feuerschein. Der Wagen steht an dieser Stelle etwa 300—400 Meter entfernt. Frau Weiding machte ihren Sohn darauf aufuierksain und sagte noch: Wenn Vetter hier wäre, so würden ivir mal hingehen und sehen, ivas die da mache». Die scheinen etwas zu verbuddeln. Als nun Vetter weit nach 12 Uhr kam, er» zählten ihm die Frau und ihr Sohn die Geschichte von dem Feuer, gingen aber nicht>nehr hin, weil der Schein unterdessen er« loschen lvar. Bei der genaueren Untersuchung wurden an der Brandstelle auch noch ein tvinbakener Trauring und der Bügel eines Beutelporte- nlonnaies gesunden. Der Ring hat kein Zeichen. Das Porteinonnaie, von dem der Bügel stammt,»mß erheblich größer gewesen sein, als Damen sie z» tragen pflegen. Er hatte einen überfallenden Ver- schluß. Von den Knocheuteilen kann man nach näherer Betrachtung mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß sie die Reste der Arme und Beine der Getöleteii sind. Die weniger fleischigen Arniknochen sind fast ganz verkohlt, die Schenkelknocheu, die mehr Fleisch enthielten, besser erhalten. Vom Kopf wurde auch bis jetzt nichts entdeckt. Der ver- brannte Korb muß ziemlich groß gewesen sein. Ob er ein Reise-, Wäsche- oder Henkelkorb war, läßt sich nicht mehr feststellen. Die Stoffreste sind leider durch das ausgelaufeue Fett so stark verfilzt, daß sie nicht ohne weiteres mehr ihrer Art nach erkannt werden können. Der Korb war in eine Vertiefung gestellt. Damit die Flammen nicht zu hoch aufloderten, hatte man ihn vor dem Au- zünden oder gleich nachher mit den Blechbüchsen, der Müll- schüppe usiv. zugedeckt. Diese Dinge waren aber zugleich so ge- schichtet, daß das Feiler guten Zug haben»inßte. Nach der ganzen Sachlage ist jetzt aiizunehmen, daß die Frau in einem geschlossenen Raum abgeschlachtet wurde. Der Mörder ivarf dann den Sack mit dem Rumpfe schon in der Nacht zum Donnerstag ins Wasser. Die Gliedmaßen packte er in einen mit Petroleum getränkten Sack, von dem noch Reste übrig sind, die Kleider in den Korb. Der Plan, die Sachen an dem abgelegenen Orte zu verbrennen, hätte ivahrscheinlich zu dem beabsichligten Zweck der Spnreuverwischnng geführt, wenn nicht zufällig Vetter an jener Stelle altes Blech gesucht hätte. Eine ueue Fuhre Müll hätte genügt, sie auf immer zu begraben. Dringend wünscheusivert ist es. von jedem weiteren Funde eben« falls der Kriiniualvolizei sofort Mitteilung zu macheu. Die Obduktion des Rumpfes, die, wie wir mitteilten, um 11'/, Uhr vormittags begann, dauerte bis um 7'/, Uhr abends. Sie ergab Spuren erheblicher Gewalteinwirkiuigen, die sich in anS- gedehnien Blntdurchträiikungen der Haut in den Weichteilen, der Brust, am Rücken und am Gesäß zeigen. Hiernach muß dem Tode ein harter Kampf voraufgegangen sein. Die Todesursache konnte mit Sicherheit nicht festgestellk loerden. Die Abtrennung des Kopfes und der Arme und Beine ist höchst wahrscheinlich erst nach Eintritt des Todes vorgenommen werden. Die Getötete befand sich im dritten Monate der Schwangerschaft. Für einen Lustmord hat die Obduktioil keinerlei Anhaltspunkte ergeben. Bemerkenswert ist noch die Feststellung, daß die Getötete stark Iinigenkrank, tuberkulös, lvar. Mit diesen Feststelluugen sind wiederum einige Fingerzeige für die Erkeilnung der Persönlichkeit gegeben. Die Korbreste und die Korsettstangen wurden von der Charlotten- burger Kriminalpolizei gestern unverzüglich Sachverständigen zur Begutachtung übergeben. Der Korb, von dem die verkohlten Scharniere und Verschlußteile noch ziemlich gut zu erkenne» waren, muß nach dem abgegebenen Gutachten ein eiwa einen halben Meter langer, etwa 30 bis 40 Centtmeter hoher und etwa 30 Centi- meter breiter Reisehandkorb init Deckel gewesen sein. Die 28 Korscttstangen sind ungewöhnlich lang. Ihre außerordentlich große Zahl läßt auch darauf schließen, daß sie sich nicht in einem eigentlichen Korsett, sondern in einer Taille befnnden haben oder zur Absteifung eines Rockes dienten. Nach dem tombakenen Ring zu urteilen gehörte die Getötete wohl nicht den bessergestellten, sondern eher den unbemitelten Volksschichten an. Pommernbank und Presse. Der Geh. Kommerzienrat Gold- berger bittet unS, mitzuteilen, daß er an den Vorsitzenden des PommenibankprozesseS, Landgerichtsdirektor Heidrich, einen Brief gerichtet hat, worin er sich gegen die Auslassungen des Angeklagten Schultz wendet und u. a. erklätt: Ich habe für meine Person weder direkt und noch indirekt eine Gefälligkeit von Herrn Schultz oder Herrn Romeick angeregt, veranlaßt oder angenommen. Ebenso- wenig habe ich mit der Pommerschen Hypothekenbank oder mit irgend einem ihrer Tochterinstttute. oder mit Herrn Schultz oder Herrn Romeick jemals eine geschäftliche Beziehung irgend welcher Art gehabt. Schließlich bin ich auch mit der Breslauer Diskontobank aus Anlaß der in Rede stehenden Pfandbriefe in keinerlei Ver- bindung getreten. Es ist mir völlig unbekannt und nach dem eben Gesagten durchaus unglaubwürdig, daß mein Bruder, der nicht mehr unter den Lebenden weilt, Herrn Schultz zu seiner Zu« Wendung an den Verein Berliner Kanfleute und Industrieller oder später Herrn Romeick zu seiner Zuwendung an den Berliner Presse- klub durch Hinweis aus irgend eine Einflußnahnie n, einerseits bei Begebung oder Zulassung der Pfandbriefe veranlaßt haben könnte. Ich bitte den hohen Gerichtshof, mich über diese Punkte unter meinem Eide zu vernehmen. Falls der Gerichtshof diesem nicht gut von der Hand zu weisen- den Ersuchen nachkommt, wird da« Verhälttiis zwischen Pommern- bank und Presseklub wohl noch'zum drittenmal an Gerichtsstelle erörtert werden. Hoffentlich giebt der Gerichtshof dann auch der Oeffentlichkett noch eine anlfte Geuugthuuug. Es erregte lebhaftes Befremden, daß der Vorsitzende in einer der ersten diesjährigen Verhandlungen des Poiniiiernbankprozesses über die Frage, wie die Bank zu dem Titel Hofbank der Kaiseriii gekommen sei, keine Erörterung zuließ. Und doch wäre eine Aiifkläruug über dieie sehr wichtige Frage ebenso notwendig, wie etwa die noch zu er- wartenden Enthüllungen über den jetzt ja anscheinend mit seiner Schuldenlast in die Grube versenkten Presseklub. Das verschenkte Kind. Amtlich wird gemeldet: Mitte Mai V.J., vielleicht am 24., will eine dem Arbeiterstande angehörige Frau D. in einem Hause Berlins— Straße und Nummer verinag sie nicht mehr anzugeben— einer jungen Frau, deren Ehemann in einer Brauerei arbeite, auf ihr Ersuchen ein zwei Monate altes Kind männlichen Geschlechts geschenkt haben. Die junge Fran habe sich erboten, sie wolle den Knaben an Kindesstatt annehmen und ihn bei der Polizei anmelden. Das Kind sei mit einer rotbunten Nacht- jacke und einem weiß- und rotdurchwirkten Wickel bekleidet gewesen und habe in einem weiß-, rot- und blankarrierten Kissen gelegen. Die Arbeiterfrau will der andenr Frau gegenüber ihren Mädchen- namen Auguste Stümcr, in Marxhagen wohnhaft, angegeben und ihren Sohn„Erich" genannt haben, der am 20. März 1903 in Frank- furt a. O. geboren sei. Da die Arbeiterfrau in dem Verdacht steht, ihr Kind beiseite geschafft zu haben, so würde es für sie sehr wichtig sein, wenn sich diejenigen, die das Kind angenommen haben, oder andre Personen, welche zur Sache Angaben machen können, sich auf dem königlichen Polizeipräsidium, Kriminalabteilung, Zimmer 324, zu J.-Nr. 2003 IV. 3. 04 meldeten oder auf dem nächsten Polizei- Revier Anzeige erstatteten. Ein Straßeubrand, der einen großen Menschenauflauf zur Folge hatte, verursachte gestern gegen Abend eine Alarmierung der Feuer- wehr nach der Ecke der Strelitzer- und Anklamcrstraße. Dort war einer alten Fran beim Ueberschreiten des Straßcndammes eine große Spiritusflasche entfallen, die dann ihren Inhalt auf das Pflaster ergoß. Vorwitzige Burschen steckten nun die Flüssigkeit in Brand, so daß hohe Flammen empvrschlngen. Passanten, die den Vorgang nicht weiter kannten, glaubten, daß die Flammen von einem defekt gewordenen Gasrohr herrührten und alarmierten kurzerhand die Feuerwehr. Diese fand bei ihrer Ankunft natürlich nichts mehr zu thun, da mittlerweile die Flammen längst von selbst erloschen waren, Ein größerer Brand kam in der Nacht zum Sonnabend in der Melchiorstr. 33 zum Ausbruch und beschäftigte die Wehr fast zwei Stunden. Im linken Seitenflügel befindet sich dort die Bäckerei von E. Kießig. Als sich sämtliche Gesellen um 8 Uhr zu Bett legten, haben sie einen Brandgeruch noch nicht Ivahrgenoinmen. Aber schon eine Stunde später schlugen plötzlich helle Flammen aus den Fenstern des Backofenramnes auf den Hof. Als die sofort alarmierte Wehr aus der Köpnickerstraße eintraf, hatte das Fetter bereits die Decke zum Parterreranni ergriffen und war schon ans der einen Seite bis zur eigentlichen Backstube, auf der andern bis zu der angrenzenden Schlafstube der Gesellen vorgedrnngen. Große Berge Holz, die zur Feuerung des Backofens dienten,'sowie Mchlsäckc, Holzgestclle 2C. hatten überreiche Nahrung geboten. Obwohl die Wehr sofort tüchtig Wasser gab, dauerte es doch fast eine Stunde, bevor die Gefahr beseitigt war. Die EntstchungSnrsache ist noch nicht bestimmt er- mittclt; man nimmt Sclbstentzündnng an. I» de» den« Berliner Aquarium durch seine Tochteranstalt Rovigno jüngst zugegangenen Sendungen von allerhand Meercsbewohncrn sind besonders die sogenannten Niederen Tiere vertreten, namentlich die Krilstcr, und der Besucher gerät bei Betrachtung derselben in Verwunociung, da er eine solche Abwechselmig hinsichtlich der Größe und dabei cine derartige Mannigfaltigkeit der Gestalt und Formen innerhalv eines anscheinend so eng umgrenzten Kreises, wie ihn die„Krebse" repräsentieren, nicht für möglich hält. Zu den Zwergen zählen unter den neuen Gästen ein Dtitzend vcr- fchicdener, zum Teil noch nicht bestimmter Formen an? den Familien der Galatheen, Gespenst- und Porzellankrabben und andre. Der Riese unter den Krabben oder Kurzschwänzen ist die zur Gruppe der Dreieckkrabben gehörende große Mecrspinne oder TcufelSkrabbc, deren dreieckige, vorn zugespitzte, rötliche Kopfbrust infolge der sie tragenden langen kräftigen Beine nocki viel größer sich ausnimint, als sie in Wirklichkeit schon ist. Die ihr verwandte, nur halb so große„warzige" Mcerspinne, gewinnt dagegen insofern ein merkivürdiges Acußere, als die Körperobcrseite meist dicht mit Algen, MooSti'erchen, Polypen:c. bewachsen ist. Die Bereinigung: Die Kunst im Leben des Kindes veranstaltet gelegentlich des Internationalen Fraucn-Kongresses eine Ausstellung im Albrecht-Türcrhans, Kronenstraße 18, die neue Bilderbücher. Wandbilder, wahrscheinlich auch Spielzeug und Möbel zeigen soll. Ein besonderes Interesse werden die Kinder-Modellier-Arbeiten er- regen, die im Atelier des Bildhauers Albert Reimann angefertigt worden sind. Ter Versuch, Kinder schon vom 4. Jahre an mit plastischen Arbeiten zu beschäftigen, hat zu sehr interessanten Ergcb- nissen geführt. Tie Ausstellung wird den Juni über geöffnet sein. Es sollen an bestimmten Tagen Führungen veranstaltet werden, über die noch näheres bekannt gegeben wird. Arbcitcr-Bilditngsschule Berlin. Der Unterricht in National- O e k o n o m i e muß an diesem Montag wiederum ausfallen, da der Lehrer Max Grunwald krank ist. Sonittag, den 12. Juni: Ausflug nach Friedrichshagcn— Schöneiche. Abfahrt: Vormittags 8.38 Friedrichstraßc, 8.43 Alexander- platz, 8.50 Schlesischcr Bahnhos nach Friedrichshagen. Frühstück da- selbst im Restaurant W. Wilde. Friedrichstr. 74. Abmarsch nach Schöneiche Vzll Uhr. Nachzügler fahren bis Station Rahnsdorf und gehen die Chaussee links vom Bahnhof entlang zum Restaurant W a l d s ch l o ß(Jnh. Clascn), 25 Minuten. Um zahlreiche Beteiligung wird gebeten._ Hue den JSfachbarorten. Steglitz. Die gestrige Gemein devertreter-Sitzung gab ihre Einwilligung zur Errichtung einer neuen Lehrer st elle an der Gemeindeschule III und bewilligte die dazu erforderlichen Mittel. Der Gemeindcvorstand beantragt die Auf- nähme einer Anleihe bei der Kxeissparkasse in Höhe von 700 000 M., wovon 500 000 M. zur Erbauung der Ober-Realschule und 200 000 M. zu Straßenbauten verwendet werden sollen: die Versammlung erhob den Antrag zum Beschluß. Die rapide Ent- Wicklung unsres Vorortes kam in emem weiteren Antrag zum Aus- druck, in welchem abermals eine Vermehrung des Per- so n als des Bauamtes um zwei Mann gefordert wurde; 6000 M. lvurden zu diesem Zweck bereitgestellt. Der fast zum ständigen Tagesordnungspunkt gelvordene Titel„Nach- Bewilligungen beziehuitgs weise Etats-Ueber- schreitungen" forderte auch wieder sein Opfer: für diesmal war der hartnäckige Geselle mit rund 16 000 M. beftiedigt. Da in dieser Summe auch 600 M. zur Bearbeitung der vor langer Zeit auf- genommenen und vor noch viel längerer Zeit schon beschlossenen W o h n u n g s st a t ist i k einbegriffen sind, so nahm Herr Gemeinde- Vertreter Fsicher Gelegenheit, sich einmal nach diesem seinem Stief- kind zu erkundigen. Ans der Antwort war zu entnehmen, daß„das Wurni" zwar noch lebt, aber in der Entwicklung etwas zurück- geblieben ist; es ist indes zu hoffen, daß das Unglücksgeschöpf noch vor Erreichung des biblischen Alters sich seinen Erzeugen, Prä- sentieren wird.— Ein interessantes Eingeständnis machte der Amts- und Gcnieindevorsteher Buhrow. Auf die Beschwerde eines Gemeinde- Vertreters über den sehr mangelhasten Zustand der Zufahrtsstraße zilr neuen Fricdhofskapelle antwortete Herr Buhrow, daß es wegen starker Inanspruchnahme der G c n, e, n d e- A r b e i t e r für andre dringende Arbeiten bis jetzt nicht möglich gewesen sei, diesen Weg völlig zu regulieren: diese Leute seien häufig von morgens 4 Uhr bis spät abends angestrengt th ätig. um die Arbeit zu bewältigen. Da scheint ja glücklich die Gemeinde Steglitz den 1 6 st ü n d i g e n N o r n, a l a r b e i t s t a g erreicht zu haben. Und nun sage noch jemand, daß wir nicht an der Spitze marschieren in punoto Socialpolitik.— Vor einigen Tagen erschien eine amtliche Bekanntmachung, ivelche besagte, daß vom 1. Juni ab die Büreau- stunden auf dem R a t h a u s e in die Zeit von früh 7 Uhr bis nachmittags 2 Uhr fallen. Demnach lvird den Gemeinde- beamten der Segen des 16stündigen Arbeitstages vorenthalten. Uns erscheint dies bitter unrecht. AuS Schöncberg wird uns geschrieben: Die dringend notwendige' Neguliernng der Sedan- und Torgauerstraße wird anscheinend auf die lange Bank geschoben, da die Hausbesitzer gar nicht daran denken, das Vorgartcnland an die Stadt abzntreten. Die Herren meinen, daß die Stadt ihnen schon kommen müsse. Inzwischen möge die übrige Einwohnerschaft infolge des elenden Zustandes der Straßen weiter zu Schaden kommen. Einen Teil der Schuld an diesen Vcr- Hältnissen trägt auch der Magistrat, der sich dem von der Stadt- verordneten-Versantmlling geforderten EntcignungSverfahren wider- setzte. Der Magistrat„hofft" zwar, die Asphaltierung der Straßen- strecken noch in dieser Banperiode vornehmen zu können, aber wer unsre Hausagrarier kennt, wird nach den gemachten Erfahrnngen dieser„Hoffnung" nicht beitreten. Spandau. Eine höchst bedauerliche Entartung der besonders von den Hirsch-Dunckerianern propagierten„S e l b sr h i l f e" hat sich im Laufe der Jahre in den hiesigen Staatsbetrieben herausgebildet, so daß sich neuerdings die Direktionen der verschiedenen militär- technischen Institute zu energischem Eingreifen genötigt gesehen haben. In verschiedenen Betrieben hatten sich einzelne der besser situierten Arbeiter zu einer kleinen Gruppe vereinigt, die dann unier dem harmlosen Vorwand, die Sparsamkeit unter sich zu pflegen. durch Verniittlnng der einzelnen Mitglieder mit N i ch t Mitgliedern — ausschließlich Arbeitskollegen— Tarlchnsgeschäfte betrieben. Für die Tarlehne ließen sich diese Arbeiterbankiers für je vierzehn Tage 5 P f. Entschädigung auf die Mark zahlen; man gebrauchte dabei die Vorsicht, diese Entschädigung nicht als„Zinsen" zu be- zeichnen, weil man fürchtete, dadurch um so leichter mit dem be- kannten Wucherparagraphen in Konflikt zu kommen. Deshalb be- zeichnete man das kurioser Weise als„Strafgeld", welches das Mitglied des betreffenden Sparvereins dadurch verwirkt habe, daß es irgend einen Betrag aus der gemeinsamen Kasse entnahm, um ihn zu verleihen. Diese„Strafgelder" mußte der Darlehnsnehmer natürlich an das Mitglied resp. den Darlehnsgeber zurückzuerstatten, und sie stellten eben. in dürrenWorten gesagt, cineVerzinsungdes ausgeliehenen Kapitals um 130 Prozent im Jahre dar. Die eingesammelten„Straf- gelber" teilte dann der„Sparvcrein" am Schluß des Jahres unter seine Mitglieder. Nachdem wiederholt die Klagen Geschädigter laut wurden, beschäftigte sich auch die Presse hiermit, und daraufhin ist in allen Spandauer Staatsbetrieben ein eingehendes Ermittlungs- verfahren angestellt worden, mit dem Resultat, daß einigen der Haupt- beteiligten ihre Arbeit gekündigt und derartige Arbeiterkassen allgemein verboten wurden. Reiitickendorf. Der Centralverein für Arbeitsnachweis wendete sich mit dcni Ersuchen an die Gemeinde, einen Burcanraum für Arbeitsvermittelung zur Verfügung zu stellen. Die Gemeinde- Vertretung bewilligte diesen Raum und außerdem iiocb 100 M. als jährliche Beihilfe zu den Unterhaltungskosten. Gleichfalls wurden der Berliner Rettungsgesellschaft 100 M. als laufenden Beitrag überwiesen. Die Breslauer Diskontobank hat die Gemeinde zur Zahlung von 63 000 M. als Rcstsumme für Kanalisationsarbeiten verklagt; die Zahlung wird mit dem Bcnierken abgelehnt, daß ver- schiedene Teile der Kanalisation unbrauchbar ivaren. Dann wurden die Wahlen der Mitglieder der verschiedeneu Verwaltungskommissionen vorgenommen. Genosse Schilling wurde in die Finanz- und Kassen- revifions-Kommission sowie in den Steuerausschuß gewählt, der Genosse Prange in die Kanalisationslonimission. Der Platz an der Berliner- und Scharnweberstraßcn-Ecke soll vergrößert werden und gärtnerische Anlagen soivie eine Bedürfnisanstalt erhalten. Die Dampfheizungs-Anlagen für den Neubau der 3. Gemeindeschule werden 18 000 M. kosten. Aus Ncil-Wrißciisce schreibt man uns: Die Amtsperiode des bisherigen Gcineindevorstehcrs Feldtniann ist abgelaufen und am Montag wird eine Neuwahl durch die Gemeindevertretung vor- genommen. Wenn man nun glaubte, daß diese für eine Gemeinde doch gewiß wichtige Angelegenheit in der Oeffentlichkeit besprochen werde« müßte, da das Wohl und Wehe einer Gemeinde in der Hauptsache ganz von der leitenden Person abhängt, so irrt man sich. Im Gegenteil, in einer sogenannten„vertraulichen" Besprechung lvurden sich die Herren Gemeindevcrtretcr einig, ohne weiteres den bisherigen Genieindevorstcher wiederzuwählen. Man will also einen Mann auf wiederum 12 Jahre an die Spitze setzen, der durch Krank- heit seit Jahren schon gezwungen war, eine geraume Zeit des Jahres außerhalb des Ortes zlizubringen.„Mit Rücksicht auf die Eingemeindung von Weißensee",„Beweise sind nicht zu erbringen, daß es mit einem andern besser würde" und„Wir wollen ihm doch das 25jährige Jubiläum als Gemeindevorsteher feiern lassen", das sind die Argumente, welche die Herren bestiinmte, sich mit dieser Angelegenheit abzufinden. Die Oeffentlichkeit, die nicht gerade sehr erbaut von einer Wiederwahl Fcldtmanns ist, da man ihn zum Teil für so manche Rückständigkeit des Ortes verantwortlich macht, wird nicht gefragt. In einer Viertelstunde wird am Montag das Schicksal des Ortes auf zwölf Jahre besiegelt. Ein weiterer Beitrag zur Chronik. Lichtenberg. Zum Bericht aus der Gemeindevertretung in der Nr. 129 des„Vorwärts" wird uns berichtigend mitgeteilt, daß nicht Herr Plonz das Grundstück angekauft hat, um es jetzt zuni zwenzig- fachen Preise der Gemeinde als Krankenhaus-Bauplatz anzubieten, sondcru daß Herr Plonz in» Austrage des Besitzers Herrn Löper das Angebot gemacht hat. Herr Plonz motivierte sein persönliches Ein- greifen— auf seine Anregung sei das Angebot zurückzustihren— damit, daß es Pflicht jedes einzelnen Gcmeindevertreters sei. Um- schau nach einem möglichst für die Gemeinde günstigen Angebote zu halten. Interessant ist übrigens die Preissteigerung des frag- tichen Terrains an der nnregulierten Ruschestraße, das sich jetzt 15 Jahre im Besitze des Herrn Löper, eines durch„seine Arbeit" zum Millionär gewordenen Erbeingesessenen des Dorfes, befindet. Der Morgen ist angekauft für 1500 M. und kostet heute nach dem „billigen" Angebote dc§ Herrn Plonz 32 400 M.: also in jedem Jahre hat der Morgen Land gewiß nur durch die„Arbeit seines Besitzers" 2050 M. an Wert zugenommen I Das macht 136,6 Proz. des Anlagekapitals pro Jahr. Bei 20 Morgen handelt eS sich also um einen jährlichen Wertzuwachs von mehr als 40000 M. Im Dienst verunglückt. Von der Arbeit heimkehrende Arbeiter sahen am Sonnabend in der siebenten Stunde von der Siegfried- straße in Rixdorf sin der Nähe der Schwarzen Brücke im Zuge der Hertha- und Kirchhofstraße) auf dem Geleise der Bahn einen Beamten liegen, der kurz zuvor überfahren sein mußte. Erst durch lautes Rufen gelang es ihnen, einige Arbeiter von einem in der Nähe gelegenen Güterschuppen aufmerksam zu machen. Die Bahnarbeiter und ein herbeigeeilter Zugführer erkannten in dem Verunglückten den Eisenbahn-Assistenten Nickel. Dem Bedauernswerten, der bei der Auffindung noch Lebenszeichen von sich gab, war der rechte Arm vollständig vom Körper getrennt, der linke Unterarm sowie das linke Kniegelenk hingen nur noch an den Sehnen, während das rechte Bein vom Knie ebenfalls abgefahren war. Ans einer schnell herbeigeholten Bahre wurde der Verunglückte fortgeschafft. Wie es möglich war, daß von dem Bahnpersonal niemand den Unglücksfall wahrgenommen, wird hoffentlich die Unter- suchung ergeben. Hätten die Arbeiter den Verunglückten nicht ge- sehen, wäre er jedenfalls bald darauf von einem andern Zuge bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden. Ans Buddes Reich. Wieder ist ein Rangierer im Dienste tödlich verunglückt. Der 37 Jahre alte Schaffner Johann Fischer aus der Margaretenstraße 2 zu Lichtenberg, der seit 12 Jahren auf der Ostbahn beschäftigt ist. Am vergangenen Montogmorgen that er auf dem Bahnhof Fredersdorf Rangierdienst. Als er einen Vremsersitz besteigen wollte, fiel er. während der Güterzug sich in Bewegung setzte, von der vierten Stufe herab. Ein Rad ging ihm über Brust und Schulter. Der Vernngliickte wurde nach dein Krankenhaus Bethanien gebracht. Er erlag dort seinen Verletzungen und hinterläßt seine Frau mit sechs Kindern im Alter von 1 bis 9 Jahren. Gerichts-Leitung. Bestialische Mißhandlungen seiner achtjährigen Stieftochter führten den Böttchermeister Julius Mertitz aus Adlershof vor die erste Strafkamnier des Landgerichts H. Die Frau des Angeklagten hat ein uneheliches Kind nut eingebracht, welches bis zum vorigen Jahre auswärts in Pflege gegeben war, dann aber vom Stiefvater nach Hanse genommen wurde. Von jetzt ab begann für das Kind eine wahre Leidenszcit. Unter den ärmsten Verhältnissen in einer Keller- Wohnung hausend, war es täglich den brutalsten Mißhandlungen seitens des Angeklagten ausgesetzt. Eines Tages schickte er das Mädchen zu einer Nachbarin, unr 3 M. zu borgen. Es kam mit leeren Händen zurück inid mußte dafür eine gewaltige Tracht Prügel einheimsen. Dann mußte sie den Versuch bei der Nachbarin wieder- holen. Als das Kind wieder keinen Erfolg hatte, getraute es sich aus Furcht vor Schlägen nicht nach Hanse. Es wurde von Spazier- aängern im Walde aufgegriffen und nach dem Gemeindchause ge- bracht, von wo es den Eltern wieder zugestellt wurde. Der An- geklagte züchtigte das Kind mit einem vierkantigen Stock bis es blutete. Nachbarn erstatteten Anzeige. Der Gerichtshof ließ den Unmenschen mit einem Monat Gefängnis davonkommen, während der Staatsanwalt neun Monate beantragt hatte. Vermischtes. Solingen, 4. Juni. Ein Verbrechen, das schon Pfingsten verübt worden ist, wurde heute entdeckt. In der Nemscheider Thalsperre wurde die Leiche eines 26 jährigen Mannes anfgesunden. Die Hirn« schale war zertrünunert, in den Taschen fand man Steine. Um den Körper ivar ein Riemen geschlungen, an dem sich ein Strick befand, an dem anscheinend mehrere größere Steine befestigt gewesen waren, so daß die Leiche längere Zeit unter Wasser blieb. Ans vorgefundenen Papieren geht hervor, daß der Ermordete ein Bäcker Goldberg aus Solingen ist; derselbe war ztilctzt in Bonn beschäftigt und zu Pfingsten zum Besuche seiner Braut von dort nach Remscheid ge- fahren. Alsdann war er plötzlich verschwunden und dürste, wie sich jetzt herausstellt, ermordet worden sein. Katastrophe auf einem Dampfer. Das Memeler„Dampfboot" meldet: Als gestern der Schleppdampfer„Roland" eine Anzahl Dorsch- fischer auf die See begleitete, platzte auf demselben ein Dampf- rohr. Sieben Fischer, welche sich wegen eines aufkommenden Sturmes an Bord des Dampfers begeben hatten, wurden verbrüht. Drei von ihnen wurden getötet, die vier andern schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Der Lotsendampfer„Schlick- mann" brachte heute mittag den manövrierunfähig gewordenen „Roland" ein. Ein schweres Gritbeminglück ereignete sich, wie n>an ans Waldenburg meldet, gestern im Bahnschacht der dem Fürsten von Pleß gehörigen Fürstensteiner Gruben. Drei Berghaner wurde« verschüttet und getötet. Die Leichen konnten noch nicht ge- borgen werden. Ein gräflicher Kiiidcsmördcr? Großes Aufsehen ruft in Dresden die Freitagmittag auf Anordnung der Staatsanivaltschaft erfolgte Verhaftung des aus Oesterreich lBrünn) gebürtigen Grafen Rosse- q n i e r de M i r a m o n t hervor. Er soll verdächtig sein, fein 4>/2 Jahre altes, unehelich geborenes Kind am Mittwoch durch Herunterstürzen von der Treppe mißhandelt und dadurch den Tod des Kindes absichtlich herbeigeführt zu haben. Der Graf bewohnte mit Dienerschaft mehrere Zimmer in einem Pensionat auf der Christianstraße. Dort kam, wie es anfangs hieß, das Mädchen deS Grafen auf der Treppe zu Fall, stürzte herab und erlag nach wenigen Stunden seinen schweren Verletzungen. Jetzt soll der eigne Vater den Tod des Kindes herbeigeführt haben. Der Graf, ein stattlicher 34jähriger Mann mit großem Grundbesitz in Oesterreich, beteuert vor dem Untersuchungsrichter fortgesetzt seine Unschuld. Vo» einem riesigen Wnlfischschwarin weiß Kapitän Conwcll, der kürzlich in Philadelphia angekommen ist, zu erzählen. Was er mit- teilt, übertrifft alle Erzählungen der ältesten Kapitäne über Walfische. An Bord seines Schiffes„Thomas Winsmore" erspähte er auf dem 37. Grad nördlicher Breite und dem 74. Längengrad einen großen Schwärm von Walfischen jeglicher Größe.„Dreißig englifche Meilen fuhr das Schiff an vielen hundert Walfischen vorbei, so weit das Auge reichte, erstreckten sich die Schwärme zu beiden Seiten des Schiffes." Danach scheinen die Walfische der nördlichen Meere auswandern zu wollen. Einen furchtbaren Tod im Kamps mit einem Löwen fand in Somaliland der englische Major Ewing. Der Major hatte gehört, daß ein Mann und ein Ponny von einem Löwen getötet worden waren, und ging ins Feld, um auf das Ranbtter Jagd zu machen. Er folgte mit einem andern Offizier der Fährte des Löwen, als dieser plötzlich aus einem Gras- und Dornendickicht hervorkam und nur ungefähr zwanzig Meter entfernt von ihnen stand. Der den Major begleitende Offizier feuerte, verwundete das Tier aber nur, das jetzt gerade auf die beiden Jäger losging. Diese versuchten dem Ansprung des Löwen seitwärts auszuweichen. Major Ewing verwickelte sich jedoch mit dem Fuß im Grase und fiel hin, wobei er sein Gewehr verlor. Im nächsten Augenblick stand der Löwe über ihn», riß ihm mit einem Schlage die Schenkel auf inid zerfleischte ihn furchtbar. Der Begleiter des Majors feuerte mehrere Schüsse auf den Löwen ab, den er aber erst mit dem vierten Treffer tötete, jedoch zu spät, um den Major zu retten, der fünf Stunden später unter furchtbaren Schnierzen starb. Das verschwundene Augenglas. Einen„unersetzlichen Verlust" hat die„deutsche Augenheilkunde" und mit ihr die gesamte wissen- schaftliche Welt zu beklagen: das Augenglas des Kurpfuschers Schröter in Tilsit ist spurlos verschwunden. Man wird sich noch des Riesenprozesses gegen den Magnetopathen Max Schröter er- innen», der sich im März dieses Jahres vor der Strafkammer in Tilsit abspielte und mit der Verurteilung des skrupellosen Kur- pstlschers zu»iner empfindlichen Gefängnisstrafe endete. Zu gleicher Zeit wurde seitens des Gerichts auf Einziehung des von dem Angeflagten bei seinen Kuren zur Anwendung ge- brachten„Augenspiegels" erkannt. Dieser Augenspiegel bildete gewissennaßen das A. und 0 der Schröterschen Heilmethode, die im übrigen noch pshchologisch-phystologisch-physiknlisch-diätetisch- Hydro- terapeutisch- magnetisch- spiritistischen Grundsätzen erfolgte. Mittels dieses Angenspiegels wollte Schröter bekanntlich in den Augen bestimmte„Zeichen" für das Leiden seiner Patienten entdeckt haben, und zwar behauptete er,„daß man durch dieses Glas im Auge bestimmte Krankheitslinien sehen könnte", und ebenso, daß„die Ablagerung medizinischer Gifte im Körper des Kranken durch dieses Glas erkennbar sei". Die Ermittelungen der Staatsanwaltschaft nach dem Augenglas haben sich sogar bis nach Berlin erstreckt, wo gestern ein Journalist, der in der damaligen Verhandlung zugegen war, einem hochnotpeinlichen Verhör über den Verbleib des Glases unterworfen wurde. Natürlich konnte dieser ebensowenig wie die übrigen Prozeßbeteiligten eine Auskunst geben. Einen verzweifelten Kampf mit Riesenschlangen hatten drei Wärter der Central-Park-Menagerie in New Jork. Die Mäftiier waren in einen großen Käfig gegangen, in dem sich elf Riesenschlangen. darunter einige bis 12 Fuß lang, befanden. Den Reptilien sollte mit einer Spritze Medizin zugeführt werden, aber drei der größten wurden plötzlich rasend und griffen die Wärter an. Sie sprangen auf die Männer zu und versuchten wiederholt, sie mit den Zähnen an den ftzchlen zu packen, sich um sie zu winden, und sie dann zu zermalmen. Eine Schlange schlug ihre Zähne in den Daumen eines Wärters und brachte ihm schwere Wunden bei. Die Zähne muhten mit einem Hebel geöffnet werden, ehe der Mann befreit werden konnte. Ein andrer Wärter trug eine schwere Quetschung am Bein davon. Nachdem Hilfe herbeigerufen war, wurden die Schlangen überwältigt und ihnen die Medizin aufgezwungen. P soweit der Vorrat reicht; Dameo- Wäsche Taghemden Vorderschluss mit Spitze 1.45 Taghemdenmlfspftze1' 1.65, Stickerei 2.45 T aghemden mÄsnd-!i-k. 1.55, ilngd' 2. 1 0 T aghemden Stiekerei-Ein- u. Ansatz 2.45 Beinkleider a»-» passend 2.75 Mk. Taghemden 2.50». 3«. 6.75 Mk. Barchentröcke stlkerei 2.25, 2.70 Mk- Renforceröcke» 2.20«k. -r,____,__ mit Stickerei u. Durch- ri xr* Tsghßmdcn brucharbeit 2s4� Beinkleider/z Proz. der gesamten englischen Staatsschuldcntiteln im Besitz der Sparkassen find. Daß es vielen Sparkassen nicht schaden könnte, wenn ihre An- lagen in Hypotheken etwas beschnitten würden, ist sicher; ihre Liquidität würde dabei eiiffchicden gewinnen. Sind auch die An- griffe, die der Finanzminister in seiner vorchin erwähnten Rede gegen die Hypothekenanlagen der Sparkassen rickitete, in ihrer Allgemeinheit überttieben, so muß andrerseits doch berücksichtigt werden, daß die sich gegen jene Auslassungen richtenden Krittken der Handels- und Börsen- presse nicht von eigentlich sachlichen Mottven dikttert find, sondern von der Befiirchtung, daßj)ie Ausnahme von Hypotheken durch eine größere Festlegung von Sparkassengeldern in Staatspapieren er- schwert werden köniite. Allerdings einer ausschließlichen oder auch nur Haupt- sächlichen Anlage der Spargelder in Staatspapieren möchten wir nicht das Wort reden; erstens weil dadurch bei dem relattv niedrigen Zinserttag dieser Papiere die Zinsvergütung, welche die Sparer er- hatten, ziemlich herabgedrückt werden könnte, wie denn anch die englischen Sparkassen durchweg nur 2il2 Proz. Zins geben; zweitens aber,>veil unter gewisseii Umständen, z. B. in, Fall eines Krieges, wenn eine starke Zurückziehung der Einlagen erfolgt, die Sparkassen genötigt sein würden, eine» großen Teil ihrer Staatspapiere entweder bei der Reichsbank zu lombardieren oder zum Verkauf auf den Markt zu werfen. Weit mehr würde es sich daher einpfehlen, daß die Lebens» und Feuerversicherungs- Gesellschaften in der einen oder andren Form gezwungen würden, einen Teil ihrer Gelder in deutschen Staats- papieren anzulegen. I», Jahre 1902 hatten 30 der größten deutschen Lebensverficherungs- Gesellschaften eine Prämienreserve von 2219 Millionen Mark, von denen nur 27,6 Millionen, also etwa 1'/« Proz., in deutschen Staatspapieren angelegt waren. Dagegen hatten nach einer Stattsttk der englischen LebenSversicherungS- Gesellschaften, die Delbrück heranzieht, diese 6 Proz. ihrer Prämien- reserve in englischen KonsolS angelegt, außerdem aber noch mehr als 6 Proz. in indischen und englisch-kolonialen Regierungsicherheiteii und ferner etwa 4'/, Proz. in guten ftemden Staatspapieren. Etwas größer als der Vermögensbestand der Lebensverficherungs- Gesellschaften ist jener der deutschen Feuerversicherungs-Gesellschaften an Staatspapieren, wenngleich auch in dieser Beziehung England einen weiten Vorsprung hat. Schließlich konnten aber auch die großen Banken und industriellen Aktiengefellschaften angehalten werden, den größten Teil ihrer Reservefonds in Staatspapieren anzulegen. Das wäre noch immer äußerst wenig im Vergleich zu England. Dort hatten die Clearing- House-Bankers, d. h. die Mitglieder der Abrechnungsstelle, die unter den Londoner Banken den ersten Rang einnehmen, bei einem ein- gezahlten Kapital von 617 Millionen Mark und 401 Millionen Mark Reserven beinahe 1058 Millionen Mark in brittschen Staatspapieren in, Besitz, d. h. mehr, als ihr gesamtes eigne« Kapital betrug. Dagegen berechnet Delbrück, daß hamals die zwölf größten Berliner Banken mit einem Akttenkapital von 998 Millionen Mark und ca. 233 Millionen Mark Reserven nur 30 bis 40 Millionen Mark in Reichsanleihe-Werten und preußischen Staatspapieren an- gelegt hatten. Alle Bedenken, die gegen eine stark vermehrte Anlegung von Sparkassengeldern in Staatspapieren geltend gemacht werden köimtcn, treffen in bezug auf diese Gesellschaften nicht zu. Allerdings würden dadurch deren große Gewinnüberschüsse, wenn auch nur in geringem Maße, geschmälert werden, und diese Wirkung ist es. welche die kapitalistische Presse gegen allen Zwang in jener Richtung einnimmt. Aber das kapitalistische Interesse ist in diesen, Falle ebenso- wenig wie sonst mit dem der Gesamtheit oder dem der Arbeiterschaft identisch. Wird durch diese Maßnahmen der Gewinn der Versicherungsgesellschaften. Banken-c. vielleicht um ein Geringes ermäßigt, so erhält andrerseits bei neuen Anleihen der Staat einen höheren Geldwert und zahlt demnach auch einen eilt- sprechend niedrigeren Zins für seine neuen Schulden; d. h. die arohen Gesellschaften leisten gewisiermaffen indirekt einen Beittag zur Verzinsung der Staatsschulden. Dat. Huö der Frauenbewegung. Kommunale Thätigkeit der Frau. Um die in der Partei thättgen Frauen eingehender über Kom- munalangelegenhetten, zumal über Schulwesen, Waisen- und Armen- pflege, zu informieren, hatten sich die Vertraucnspersonen der Berliner Genossinnen an den Stadtverordneten Genossen H c i ni a n n mit der Bitte gewandt, über einschlägige, an ihn gerichtete Fragen Aufklärung geben zu wollen. Genosse Heimann sagte bereitwillig zu und hat sein Versprechen in dankenswerter, belehrender Weise eingelöst. Er betonte dabei von vornherein, daß seinen Auskünften Schranken gezogen seien. Unsre Genossen im Stadtverordneten- Kollegium erfahren nämlich von den inneren Schulangelegenheiten nur sehr wenig, da keiner von ihnen der Schulkommission angehört. Ihnen werden bloß von Zeit zu Zeit die Etats vorgelegt, und durch die Prüfung derselben erhalten sie nur einen teilweise» Einblick in die Schulangelegenheiten. Trotz wiederholter Anträge seitens unsrer Genoffen ist die Unentgeltlichkcit der Lehrmittel für alle Kinder noch nicht eingeführt, und es wird wohl auch noch geraume Zeit ver- streichen, ehe das geschieht. Angesichts der traurigen Verhältniffe, in denen sehr viele kinderreiche Familien leben, sind es daher nur verschwindend kleine Summen, welche für die Schulbücher besonders bedürftiger Mndcr von feiten der Gemeinde verausgabt werden� In früheren Jahren rühmten sich unsre Gegner im Stadtparlament, reichlich für die arme Bevölkerung Berlins zu sorgen, und be- haupteten auch, daß deren Not gar nicht so schlimm sei. Als Beweis dafür mußte herhalten, daß die für Lehrmittel ausgesetzten Summen nicht einmal aufgebraucht würden. Aber dieser Beweis ist nicht stich- haltig. Aus verschiedenen Ursachen verzichten viele bedürftige Familien darauf, für ihre Kinder unentgeltliche Lehrmittel in An- spruch zu nehmen. Wenn z. B. ein Gesuch beim Rektor eingeht, so werden zunächst alle möglichen Erkundigungen eingezogen. Sogar beim Hauswirt wird angcftagt, ob die Leute manchmal mit der Miete in Rückstände bleiben, und darüber vergeht Zeit. Es dauert im Falle der Bewilligung der Lehrmittel 2— 3 Wochen, ehe die Kinder in Besitz derselben gelangen. Wenn ihre Kameraden längst schon voll am Unterricht teilnehmen, können sie nicht recht mit fortkommen. Nicht genug daran, daß die betteffenden Schüler in der Folge von vornherein hinter der Klaffe zurückbleiben, werden sie nicht selten auch von den Mitschülern über die Achsel angesehen. Die Kinder sind meist noch zu unerfahren, um Mitleid zu fühlen, wissen auch oft nicht, unter welchen Entbehrungen ihnen die eignen Eltern häufig die Bücher beschafft haben. So ist es nur erklärlich, daß von dem für Lehrmittel ausgesetzten Gelbe früher etwas übrig blieb. In den letzten Jahren ist dagegen gewöhnlich der ganze Betrag verbraucht worden, wohl ein Zeichen dafür, daß die Not unter der arbeitenden Bevölkerung nicht geringer getvordcn ist. Dringend nötig wäre es daher, daß armen Kindern Frühstück und Mittagsbrot aus städtischen Mitteln bewilligt würde, heute überläßt man es wohlthätigen Ver- einen, für die Speisung hungernder Schulkinder zu sorgen I Wie wenig diese aber den vorliegenden Bedürfnissen genügen können, beweisen die Thatsachen. Im Laufe eines Jahres konnten in Berlin nicht mehr als 8000 M. verausgabt werden. Nur eine Verhältnis- mähig kleine Zahl von Kindern erhielt morgens etwas Milch und Gebäck. Bedürftigen Kindern Mittagessen zu verabreichen, wie es in Hamburg z. B. geschieht, daran war und ist bei der Winzigkeit der aufgewendeten Mittel gar nicht zu denken.— Die Frage der Schul- speisung führte zu einer lebhaften Disttlssion der Genossinnen. Ebenso die andre der überfüllten Schulklassen. Es wurde bercchttgte Klage darüber geführt, daß ein Lehrer bei 50— 60, unter Umständen noch mehr Schülern in einer Klasse, den einzelnen nicht genügend im Auge behalten könne. Daß ihm dabei manchmal die Galle überläuft und er dann zum Stock greift, ist kaum zu verwundern. Unter der Ueberfüllung leiden Kinder wie Lehrer gleich viel. In gesundheit- licher Beziehung sind diese überfüllten Klassen besonders verderblich. So giebt es nach den Angaben einer Genossin im Osten Berlins eine Mietsschule, in der beständig Aushilfekräfte thätig sein müssen, weil von den angestellten Lehrern gewöhnlich einer krank ist. Die Miets- schulen lassen überhaupt sehr viel zu wünschen übrig. Die neueren ordentlichen Schulhäuser sind dagegen wirklich gut. Hier giebt esBrause- bäder, welche die Kinder benützen müssen, vorausgesetzt, daß sie einen Bade-Anzug besitzen. Wer keinen Anzug hat, dem wird die Wohlthat des Brausebades nicht zu teil. Es klingt das unglaublich, und doch wird von verschiedenen Frauen die feste Versicherung gegeben, daß dem so ist. Das Bad in der Schule ist unentgeltlich. In vielen Sckmlen, und wohl hauptsächlich in solchen, wo keine Bade-Ein- richtung vorhanden ist, wird den Kindern eine Badekartc verabfolgt, welche ihnen an gewissen Tagen das Baden in öffentlichen Bade- Anstalten ermöglicht; ein Brausebad kostet jedoch in diesem Falle 5 Pf., ein Schwimmbad 10 Pf. Auch über daS Umschulen der Kinder konnte nichts Gutes berichtet werden; sind doch, von andren Nachteilen desselben abgesehen, in den Schulen die Lehrmittel noch inaner nicht einheitlich. In einer Schule schreiben z. B. die Kleinen noch auf der Tafel, in einer andren mit Blei ins Buch, in einer dritten, was wohl das beste ist, wird gleich mit Tinte und Feder ge- schrieben. Ebenso mangelt auch in andren Fächern und für größere Schüler die Einheitlichkeit. Hat ein Kind das Pech, durch Umzug oder dergleichen oft die Schule wechseln zu müssen, so kommt es sehr häufig, obgleich es vom seitherigen Lehrer für reif zum Versetzen erklärt wurde, wieder in dieselbe Klasse zurück. Einer Kritik unterzog man ferner den Handarbeitsunterricht der Mädchen. Was da alles zu- sammengestrickt und-genäht wird, ist kaum zu sagen. Heute, wo kein Mensch mehr daran denkt, ein Hemd mit der Hand zu nähen, müssen z. B. die Mädchen ein Hemd zuschneiden und nähen, genau so, wie zu Großmutters Zeiten. Gewiß ist es gut. daß ein Mädchen in Handarbeiten unterrichtet wird. Aber man soll es bor allem in dem unterweisen, was es im praktischen Leben gebrauchen kann. Statt diesen Grundsatz für den Hirndarbeitsunterricht zu berücksichtigen, geht es nach der Schablone. Uebcr die Schulärzte konnte im großen ganzen nur Rühmliches gesagt werden. Gleich nach der Einschulung untersuchen sie die Kleinen, und zwar thun sie das, nach der Bekundung der Mütter, in sehr gründlicher Weise. Die größeren Schüler werden dann und wann einer Untersuchung unterworfen. Medizin und dergleichen dürfen die Schulärzte den Kindern jedoch nicht verschreiben, weil sonst die andern, im selben Viertel wohnenden Aerzte benachteiligt würden. Die Aussprache über die Schulverhältnisse zeigte, daß in dieser Beziehung sehr viel gethan werden muß. Leider sind die Eltern selbst noch gleichgültig den bestehenden Mißständen gegenüber. Das rührt wohl mit davon her, daß sie selbst in ihrer Jugend noch viel schlechtere Schulverhältnisse gehabt haben, andrerseits fehlt«S ihnen an Zeit, sich eingehend um das Schulwesen zu kümmern. Trotz alle- dem ist es die Aufgabe der Genossinnen, wieder und wieder den Eltern zuzurufen, sich viel mehr mit den Schulangelegenheiten zu beschäftigen, als es der Fall ist. Sie sollten nicht verabsäumen, ein- schlägiges Material zu sammeln, damit es den Genossen im Stadt- Parlament zugeführt und von diesen verwendet tverden kann für den NachlveiS, wie viel noch im Argen liegt. Die weiblichen Vertrauens- Personen nehmen jegliche Klage auf diesem Gebiete entgegen und übermitteln sie den socialdemokrattschen Stadtverordneten. Wenn in breiter Ausführlichkeit immer aufs neue die Uebelstände und Mängel des kommunalen Schulwesens und die Bedürfnisse der arbettenden Bevölkerung an der Hand von Thatsachen nachgewiesen werden, deren etwaige Richtigkeit auch von den Gegnern nicht ge- leugnet werden kann, so ttägt dies dazu bei, daß allmählich ein Wandel zum Besseren kommen muß. Bei der Besprechung über Armenpflege führte Genosse Hei>» mann an, daß seit einiger Zeit neben den männlichen Armen» Pflegern auch weibliche gewählt werden können, und zwar mit ganz gleichen Rechten wie die Männer. Es wäre daher sehr Wünschens- ivert, wenn sich in den Kreisen der Genoffinnen Frauen fänden, bis bereit wären, das Amt anzunehmen. Gerade in diesem Amte kann eine Frau, welche mit den Bedürfnissen der bedürfttgen Bevölkerung gründlich vertraut ist, außerordentlich segensreich wirken! Die Herren aus den„besseren" Kreisen, denen bis jetzt fast stets diese» Amt zugefallen ist, füllen ihren Wirkungskreis durchaus nicht immer in befriedigender Weise au», besonders über ihre Behandlung der Frauen wird häufig bittere Klage geführt. Sollte es gelingen, Frauen aus unsrer Mitte zur Uebernahme des Amtes als Armen- Pflegerin zu gewinnen, ein Amt, das allerdings viel Zeit erfordert und unbesoldet ist, so ließe sich gewiß auch hier manches Gute schaffen. Als vollberechtigte Amtspersonen können die Armcnpflegerinnen mehr Bedeutung crlanaen, als die Waisenpflegerinnen, welche a seit längerer Zeit schon giebt. Letztere sind nämlich den männlichen Wlegern nicht gleichberechtigt, sondern ihnen untergeordnet, so daß ihrem Wirken besonders enge Schranken gezogen sind. Die gleich berechtigte Stellung der Armenpflegerin ist ein' Grund mehr, daß die Genossinnen dem Amte ihre Aufmerksamkeit zuwenden sollten. Friedenau. Dienstag, den 7. Juni, abends 8V- Uhr. hält der Frauen- und Mädchen-Bildungsverein von Steglitz und Umgegend bei Grube, Kaiser-Allce, eine Wanderversammlung ab. Tages- ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Gäste willkommen. Pünktlichen und zahlreichen Besuch aller Mitglieder erwartet Der Vorstand. GewerkfcbaftUchca. Berlin und Omgcgend. Mit Hilfe des Gerichts suchen die Bäckermeister, welche die Bewilligung zurückgezogen haben, die Veröffentlichung ihrer Namen im„Vorwärts" zu verhindern. Die Bäckermeister Dürre, Turm- stratze 62, Neumann, Oldenburgerstratzc 19, und Giesmann, Oldcn- bürge rstratze 3, haben eine einstweilige Verfügung des Amtsgerichts erwirkt, welche dem Genossen Hetzschold sowie der Verlagsanstalt „Vorwärts" bei Vermeidung einer Geldstrafe von 39 M. für jeden Fall der Zuwiderhandlung aufgiebt, die Namen der drei genannten Bäckermeister nicht mehr im„Vorwärts"„mit der Aufforderung, bei ihnen nicht zu kaufen, zu veröffentlichen und Behauptungen, daß ihr Verhalten ein provokatorischer Schlag sei ins Gesicht der Be- völkerung, zu unterlassen".— Die Verfügung stützt sich auf die An- nähme, datz durch die bezeichnete Veröffentlichung der Z 133 der Gewerbe-Ordnung sowie der Z 826 des Bürgerliche» Gesetzbuches verletzt seien.— Da diese Annahme in keiner Hinsicht zutrifft, so ist die einstweilige Verfügung sowohl seitens des Genossen Hetzschold, wie seitens des„Vorwärts"-Verlages angefochten worden. Dem in Aussicht stehenden Prozeß, den die Herren Dürre, Neumann und Giesmann, vertreten durch den juristischen Beirat der Innung, Rechtsanwalt Fritz Locwe, gegen Hetzschold und den .,Vorwärts"-Verlag angestrengt haben, kann man mit vollkommener Ruhe entgegensehen, denn die Voraussetzungen des Z 826 des Bürgerlichen Gesetzbuches, welcher denjenigen zum Schadenersatz verpflichtet, der einem andern in einer gegen die guten Sitten ver- stoßenden Weise vorsätzlich Schaden zufügt, sind durch die bloße Mit- tcilung, daß der und der seine Bewilligung zurückgezogen hat, natürlich nicht erfüllt. Ebensowenig kann der§ 133 der Gewerbe- Ordnung hier Anwendung finden. Uebrigens haben die Bäckermeister am allerwenigsten Ursache, den§ 133 der Gewerbe-Ordnung heranzuziehen. Wenn während des Bäckerstreils Verstöße gegen den genannten Paragraphen vor- gekommen sind, dann war es niemand anders als eine Anzahl von Bäckermeistern, die solche Verstöße in großer Zahl begangen haben und noch täglich begehen. Hierfür wollen wir nur ein Beispiel aus den letzten Tagen anführen. Im Laden eines Schöneberger Bäckermeisters erschienen fünf seiner Kollegen aus der Nachbarschaft, um ihn zur Entfernung des Plakates zu veranlassen. Als Zureden und Drohungen nicht halfen, griff einer der Eiferer nach dem Plakat, um es mit G e- walt herunterzureißen.—§ 153 der Gewerbe-Ordnung!— Ein kräftiger Schlag, den der bedrohte Meister seinem eifrigen Kollegen auf die Finger versetzte, verhinderte die unerlaubte Absicht. Nun zogen die Scharfmacher andre Seiten auf. Sie boten dem standhaften Bäckermeister zunächst 3, dann 10 M., wenn er ihnen das Plakat ausliefere. Das half natürlich auch nicht, denn für ein Trinkgeld von 19 M. wollte der Meister seine Kundschaft nicht opfern, und soweit ging die Solidarität der Jnnungshelden nicht, daß sie den Meister für alle Nachteile, die ihm der Wortbruch bringen könnte, schadlos gehalten hätten. Man sieht, daß der Kleinkrieg um die Erhaltung der Errungen- schaften des Ääckerstreiks noch fortgesetzt geführt werden muß und daß die Bäckerei-Arbeiter dabei der Unterstützung des Publikums bedürfen. Zur Moral der Bäckermeister. In den Flugblättern des Boykottabwehr-Ausschusses der Bäckermeister wird mit komischer Eni- rüstung über die Unmoralität und Unanständigkeit der„social- demokratischen VerHetzer" der Bäckergehilfen räsonniert. Wie es um die Moral und zugleich um die Intelligenz der sich als höhere Wesen fühlenden Jnnungsmeister bestellt ist, zeigt folgender Brief, den wir genau in der Orthographie des Originals zum Abdruck bringen: Berlin. 3. 6. 94. Herrn Matthes Bäckermeister in Berlin Wilhelmshav. 17. Da es heute in der Bäckermeisterversammlung des Moabiter Vereins zur Sprache gebracht wurde, daß Sie für Milliticr liefern indem Sie eine Käsern Lieferung haben und daß es unvereinbar ist, daß Sie für unser Militcr liefern, indem Sie mit den Social- demokraten gemeinsame Sache machen, und das rote Plakat im Fenster haben, wo schon so wie so kein anstentiger Mensch kauft, und die Beamten angewiesen worden sind, nur da zu kaufen wo kein Plakat im Fenster ist, so haben mehere Bäckermeister angetragen daß Ihnen die Kasernlieferung entzogen wird. Dies Ihnen hiermit zur Kenntnis, damit Sie schließlich das Plakat und die Zurück- ziehung schon gemacht haben, indem Sie den Kasernwirt zuvor kommen. Hochachtend mehere Bäckermeister von Moabit. Zum Streik der Rammer. Wie bereits berichtet, war die Lohn- kommission der Rammer von dem Obermeister der Berliner Stein- setzer-Jnnung am Donnerstag zu einer Versammlung eingeladen worden, die auch am selben Abend stattgefunden hat. In der gestrigen Streikversammlung gab nun der Obmann der Lohn- Kommission folgenden Bericht von der Versammlung: Der Obermeister D e l l o s ersuchte um eine Begründung der Lohnforderung. Ihm wurde geantwortet, es sei den Meistern ja hinlänglich bekannt, daß die Rammer im Durchsckmitt nur etwa 32— 35 Wochen im Jahre reguläre Arbeit hätten. Wenn sie auch hernach hier und da in un- regelmäßiger Beschäftigung noch ein Geringes mit Eishauen, Schnee- schippen usw. verdienten, so reiche der ganze Arbeitsverdienst doch nicht aus, um eine Familie unter den Berliner Teuerungsverhältnissen halbwegs anständig zu ernähren, umsoweniger als hier fast! der dritte Teil des Jahresverdienstes für die Wohnungsmiete ausgegeben werden müsse. Infolgedessen sei die Forderung auf Erhöhung des Stundenlohnes von 33 auf 69 Pf. fraglos durchaus berechtigt. In der darauf folgenden Aussprache stellten sich die Jnnungsmeister nun ganz unerwartet auf den denkbar protzigsten Herrenstandpunkt. Herr Lauert sagte ganz unverblümt, die Rammer hätten einfach zu den Bedingungen zu arbeiten, die von den Meistern für gut befunden würden: es wäre noch schöner, wenn die Arbeiter sich den Lohn- zumessungen der Meister nicht fügen wollten! Als ein Kommissions- Mitglied u. a. darauf hinwies, daß ein Arbeiter heutzutage doch auch seine Zeitung lesen wolle, da meinte Herr Hetzer, das Zeitungs- lesen sei für Arbeiter ein ganz unnötiger LuxuSl Und aus dem Chorus der andern Meister klang es ironisch: Natürlich, die ArbeitermüssenjaihrBlatt lesen!— Die schaurigste Ausfassung vom Dasein eines Arbeiters, die in der markantesten Weise den verbohrten Jnnungskrauter-Standpunkt charakterisiert, brachte jedoch der Obermeister D e l l o s selber zum Ausdruck. Er belehrte die Kommission etwa folgendermaßen: Es könne doch niemand die Arbeitgeber dafür verantwortlich machen, daß die Arbeiter nicht so viel verdienten um ihre Familien zu ernähren. Die Arbeiter seien eben zur Arbeit geboren, und daher sei es auch ihre Pflicht, ihre Frauen und Kinder mit auf Arbeit zu schicken, wenn der Mann allein nicht genügend verdienen könne I— Meister R. Saumann rief alsdann pathetisch aus: Es wäre ja eine Sünde, den Rammern auch nur einen Pfennig mehr zu zahlen!— Angesichts eines derartigen Verhaltens der Meister wurde es bald jedem Kommissionsmitgliede klar, daß die Verhandlungen resultatlos verlaufen mußten. Die Jnnungsherren erklärten denn auch schließlich rund heraus, daß sie Vichts bewilligen würden» sondern sie verlangten, die Rammer sollten am Montag bedingungslos die Arbeit wieder aufnehmen. Um diesem Verlangen auch gleich den richtigen Nachdruck zu geben, riefen einige Meister der Kommission noch im Gehen die Worte zu: Wenn Ihr die Arbeit nicht wieder aufnehmt, dann streikt unserthalben bis Ihr umkommt.— Daß das Resultat dieser Verhandlungen bei den Streikenden nicht gerade Freudengefühle für die Jnnungsgrößen hervorrief, dürfte begreiflich erscheinen. Die Versammlung beschloß denn auch ein- stimmig, den Streik mit aller Energie weiter zu führen.— Bekannt gegeben wurde sodann, daß 11 Firmen die Forderungen bewilligt haben. Eine weitere Anzahl Arbeitgeber hat sich zwar bereit erklärt, die geforderten Löhne zu zahlen, weigert sich jedoch, die Forderungen unterschriftlich anzuerkennen. An die Berliner Straßenhändler. Der neue Erdrosselungsversuch, als den sich die jetzt wieder geplante„Neuordnung des Straßen- Handels" charakterrsiert, hat endlich die Geduld der lange genug gequälten Straßenhändler erschöpft. Durch unsre Agitation ist es gelungen, die sofortige Annahme der Vorlage zu verhindern. Aber damit ist es noch nicht gethan. Wir müssen uns vor allem selbst helfen, wenn uns geholfen werden soll. Wir müssen eine kräftige Organisation haben, die unser Recht fordern und ver- fechten kann! Kollegen und Kolleginnen! Wir befinden uns in einem uns aufgezwungenen Kampf um unsre Existenz. Wohl haben unsre Flugblätter und Versammlungen kräftig gewirkt, sind doch allein am gestrigen Tage 115 neue Mitglieder unsrer Organisation beigetreten: aber Tausende stehen noch draußen, und keiner darf fehlen. Deshalb richten wir an Euch die dringende Aufforderung, dem Verband beizutreten. Anmeldungen sind zu richten an die Schrift- führerin Frau Böse, Alexanderstr. 23. Sie werden jedoch auch im Verbandslokal von Koch. Neue Friedrichstr. 29. entgegengenommen. Freiwillige Beiträge fiir unfern Verzweiflungskampf werden auch weiterhin von dem Vereinskassierer Otto Schulze, dl IV., Bandelstr. 1, entgegengenommen und auf Wunsch öffentlich quittiert. Am Montag und Dienstag finden je zwei, am Mittwoch drei Gruppen-(Bezirks-) Versammlungen statt, zu welcher namentlich noch unorganisierte Händler und Händlerinnen dringend eingeladen sind. Montag in Moabit bei Götze, Bandelstr. 43, und bei Wille, Brunnenstr. 188.— Eine große Mitgliederversammlung findet Donnerstag, 9. Jum, im Englischen Garten statt. Tages- ordnung: I.Ausfertigung der Bücher an die neuen Mitglieder. 2. Bericht der Kommissionen über das Ergebnis der Bemühungen bei den Mitgliedern des Stadtverordneten-Aus schusses. 3. Vortrag des der Organisation. errn Redakteurs Senna Hotz: Nutzen Gäste willkommen. Veutkcbes Reich. Streikende Arbeiter— streikende Aerzte. Das Amtsgericht in Leipzig hat einen Leiter der Schriftgietzergehilfen-Organisation und einen andern Schriftgießer wegen Vergehens nach Z 153 der Gewerbe-Ordnung zu Gefängnisstrafe verurteilt, weil sie einen Kollegen darauf hingewiesen hatten, daß er aus dem Verbände aus- geschlossen werden könne, wenn er trotz des Streiks weiterarbeite, und weil diese„Beeinflussung eine Beschränkung der gesetzlich j garantierten Arbeitsfreiheit involviert". Daß eine solche Ver- urteilung jetzt in Leipzig erfolgt, ist besonders bemerkenswert. Zwar sind derartige Bestrafungen schon oft erfolgt. Aber nicht immer wird dem Volke so deutlich vor Augen geführt, wie sehr es heute Rechtsgrundsatz geworden ist, wenn zwei dasselbe thun, es doch nicht dasselbe ist. Es werden streikende Arbeiter für Handlungen be- straft, die nur mit größter Jnterpretationskunst dehnbarer Straf- Vorschriften bestraft werden können, während stteikende Aerzte bis jetzt selbst für Handlungen nicht bestraft wurden, die schon nach dem klaren Wortlaute und dem Sinne der Gelverbe-Ordnung bei Arbeitern strafbar sind. Aber noch mehr. Selbst für Handlungen, die nach den allgemeinen Strafvorschristen zu fassen sind, haben die Aerztestreiker bisher nicht zu büßen brauchen. Das ist freilich nicht verwunderlich, da sich die Regierung des Klassenstaates cmi die Seite der Aerztestreiker gestellt hat. Buchbinderbewcgung in Nürnberg. Die Buchbindereiarbeiter und -Arbeiterinnen in den Nürnberger Kunstanstalten sind in eine Be- wegung für Einführung der neunstündigen Arbeitszeit und Festsetzung eines bestimmten Minimallohnes eingetreten. Nachdem die Unter- nehmer, die bis auf wenige im Fachverein der Besitzer chromolitho- graphischer Anstalten organisiert sind, anfangs jedes Zugeständnis verweigert hatten, erklärten sich die Vorstandsmitglieder jüngst in einer Sitzung mit der Lohnkommission der Arbeiter, an der auch der Centraivorsitzende der Buchbinder, Dietrich, teilnahm, bereit, in der nächsten Versammlung des Unternehmervereins dafür einzutteten, daß die neunstündige Arbeitszeit eingeführt wird. Eine Versammlung der Arbeiter bedauerte, daß die Unternehmer keine weiteren Zugeständnisse machen wollen, beschloß aber, im Interesse des Friedens auf die übrigen Forderungen zu verzichten, wenn bis spätestens 1. Oktober die neunstündige Arbeitszeit durchgeführt ist. / Versammlungen. In der Versammlung des Arbeitervcrtreter-BereinS, die am 2. Juni im Gewerkschaftshause tagte, berichtete A. S t u m p e über die Thätigkeit der unteren Verwaltungsbehörde bei der staatlichen Invalidenversicherung, die in Zweifelsfällen sich zu den Renten- ansprüchen zu äußern haben. Den Bericht ergänzten einige andre Arbeitnehmerbeisitzer: unter anderm sprachen außerdem noch Bauer und Simanowski dazu. Im allgemeinen ergab die Berichterstattung dasselbe Bild, wie in früheren Jahren. Die ärztlichen Gutachten fordern immer wieder in sehr vielen Fällen das Mißtrauen der Arbeitnehmerbeisitzer heraus. Ein Redner meinte, es müsse jemand schon halbtot sein, bevor erklärt werde, daß er nicht mehr ein Drittel des früheren Arbeitsverdienstes ver- dienen könne, und somit die Voraussetzung der Rente gegeben sei Die neuen Vorsitzenden der unteren Verwaltungsbehörde, junge Assessoren, richteten sich leider mit dem gerade amtierenden Arbeit geber nach dem ungünstigen Gutachten. Beklagt wurde, daß häufig Arbeiter und Arbeiterinnen selbst schuld daran seien, wenn ihnen eine Invalidenrente versagt werden müsse, nämlich in den Fällen, wo die Wartezeit nicht erfüllt, die nötige Anzahl von Marken noch nicht geklebt sei. Das liege vielfach nur daran, daß einerseits das Kleben während der Unterbrechung versicherungspflichtiger Arbeits- Verhältnisse nicht fortgesetzt und andrersetts bummeligen Arbeit- gebern gegenüber nicht darauf gedrungen wird, daß sie kleben. Das Mandat der unteren Verwaltungsbehörde läuft mit dem 31. Dezember dieses Jahres ab. Sattler gab den Bericht der Kommission in Sachen der geplanten Auskunststelle beim Schiedsgericht. Die Kommission ist nach einer Rücksprache mit dem Schiedsgerichts-Vorsitzenden zu der Meinung gekommen, daß man der Einrichtung der Auskunststelle nicht entgegenwirken solle. Jost äußerte sich im selben Sinne. Man könne ruhig zustimmen. Simanowski hatte dagegen immer noch Bedenken gegen die geplante Einrichtung beim Schieds- gericht. Der Vorsitzende P i e s ch e l befürwortete die Zustimmung. B e e l i n g wünscht überhaupt keine direkte Stellungnahme. Woldersky ist ebenfalls der Meinung, daß man die Sache ihren Gang gehen lasse und abwarte, ob der Vorsitzende alle ihm unter- breiteten Bedenken beachte. Stiegelmeyer teilt die Be- fürchtungen Simanowskis,. daß den Arbeitersekretariaten durch solche Einrichtungen bei den Schiedsgerichten schließlich Abbruch gethan werde und daß andrerseits den Arbeitern dort nicht genügend Gewähr für eine wirksame Rechtsstütze geboten sei Weitere Redner, darunter Bauer und Link, sind für ein passives Verhalten. Die Versammlung beschließt gegen wenige Stimmen einfache Kenntnisnahme des Berichtes der Kommission und Uebergang zur Tagesordnung. Der Verband der Schneider und Schneiderinnen(Filiale Berlin) hielt am 1. Juni in den Arminhallen eine gut besuchte Mitglieder- Versammlung ab. Ritter gab zunächst in einem Vortrage einen interessanten Ucberblick über die Berliner Gewerkschaftsbewegung deS Jahres 1993.— Dann nahm die Versammlung Stellung zu dem am 1. August in Dresden beginnenden achten Verbandstag. Es liegen mehrere Anträge der Ortsverwaltung vor, die Ritter namens dieser begründet und die Annahme finden. So soll dem Verbandstags eine anderweite Regelung der Diätenfrage im Z 24 des Statuts vorgeschlagen werden. An Stelle eines einheitlichen Diätensatzes von 9 M. soll bei Delegationen sowie bei Agitationsreisen gewährt werden der Ersatz eines entgangenen Tagesverdienstes in Höhe von 5 M. und dazu 6 M. Diäten. Gemäß einem Antrage Gerhard wird be- schlössen, daß erst auf 499 Mitglieder(jetzt 399) ein Delegierter und auf weitere 259 Mitglieder ein weiterer Delegierter kommen soll. Ein Antrag, die Geschäftsordnung betreffend, verlangt vom Ver- bandstage eine Aenderung der Bestimmung, wonach die örtlichen Verwaltungen möglichst Einrichtungen zum regelmäßigen Ein- kassieren der Beiträge zu schaffen haben. Nach dem zum Be- schluß erhobenen Antrage sollen von den örtlichen Verwaltungen dagegen nur Einrichtungen verlangt werden, die den M i t- gliedern Gelegenheit geben, möglichst wöchentlich ihre Beiträge zu zahlen. Matzgebend für diesen Beschluß war. daß Kollegen mit Rücksicht auf die bisherige Bestimmung verlangt haben, daß das Geld von ihnen abgeholt werde, was in der Großstadt nicht gut durch- führbar ist. Unter Allgemeinem soll im Statut ferner ein neuer Absatz vorschreiben:„Mitglieder, die noch keine drei Monate Beiträge bezahlt haben, erhalten nur acht Wochen die Zeitung."— Einstimmig angeiwmmen wird folgende Resolution:„T>er Verbandstag wolle beschließen: Der Haupworstand wird beauftragt, den Reichstag und Bundesrat in Kenntnis zu fetzen, daß Z 4 der Bundesratsverordnung vom 31. Mai 1897(§ 137 der Gewerbe-Ordnung) von den Unter- nehmern der Konfektionsindustrie derart umgangen wird, daß sie die ihnen im 8 6(bezüglich der Arbeitszeit) gewährten 69 Ausnahme- tage auf die Sonnabende verlegen, wo nach der Gewerbe-Ordnung die Beschäftigung von Arbeiterinnen nach 3V, Uhr nachmittags überhaupt nicht gestattet ist. Reichstag und Bundesrat sollen ersucht werden, ihren Einfluß auf die unteren Verwaltungsorgane» auf die ausführenden Behörden geltend zu machen, damit der Zweifels- freien Absicht des Gesetzgebers(Sonnabends Längerarbeit nicht zu gestatten), Rechnung getragen wird."— Nach längerer Debatte, in der lebhast für und gegen gesprochen wurde, beschloh die Ver- sammlung gegen 8 Stimmen, dem Verbandstage folgenden Antrag zu unterbreiten:„Der Verbandsvorstand wird beauftragt, bei zu- künftigen Lohnbewegungen, gleichviel in welcher Branche, die ein- zureichenden Forderungen genau zu prüfen und denjenigen die Zu- stimmung zu versagen, die das Lohnverhältnis der Heimarbeiter mit prozentual höheren Lohnsätzen gegenüber den Werkstattarbeitern regeln wollen. Tie zweierlei Art der Entlohnung ist geeignet, unsre im 8 2 des Statuts genannte principielle Forderung:„Errichtung von Betriebswerkstätten", nicht nur nicht zu fördern, sondern im Gegenteil ihre Erfüllung länger als notwendig hinauszuschieben." Die Wahl der Delegierten zum Verbandstage fand noch nicht statt. Es wurde nur nacb Vorschlägen der Ortsverwaltung und aus der Versammlung eine Kandidatenliste aufgestellt. Die Stimmzettel mit den gedruckten Namen sämtlicher Kandidaten werden in der nächsten Mitgliederversammlung am 7. Juni(Arminhallen) an jeden Ein- tretenden gegeben. Die nicht beliebten Namen sind zu streichen. Mehr Namen, als Delegierte zu wählen sind, dürfen nicht auf dem Zettel verbleiben. Eine Wahlkommission soll die Auszählung vor- nehmen. Mitgliederversammlung der Zahlstelle Berlin des Deutschen Kürschnerverbandes am 39. Mai im„Klubhaus", Landsbergerstt. 39. Zu Punkt 1 der Tagesordnung berichtete der Bevollmächtigte, Kollege Dittmann, daß in Hamburg bei der Firma Wachtel Lohn- diefferenzen ausgebrochen find. Am Streik sind beteiligt außer den organisierten Kollegen 22 unorganisierte. Da die Firma Wachtel in Berlin eine Filiale unterhält, fordert Kollege Dittmann die Kollegen auf. diese sowie Hamburg zu meiden. Des weiteren sind in Brüssel Differenzen ausgebrocken: es ist notwendig, daß jeder Kürfchner Brüssel meidet. Zu Punkt 2 giebt Kollege Krause die Abrechnung vom 1. Quartal 1994. Einnahme waren 712,76 M, Ausgabe 594,13 M, bleibt ein Bestand von 293,33 M. Zu Punkt 3 wird der Kollege Rudolf Kormes wegen Streikbruchs bei der Firma Herpich Söhne aus der Organisation ausgeschlossen. Wegeki Restterens der Beiträge werden die Kollegen Jos. Czalla, Eckert Swenson, Magnus Anderson, Tobias Horavitz. Walter Langer und Karl Blayer ausgeschlossen. Kollege Müller I giebt bekannt, daß die Filiale am 13. August im Böhmischen Brauhause einen Ball ver- anstaltet und ersucht die Kollegen, sich rege daran zu beteiligen. Kollege F r i ck berichtet vom Jnnungs- Schiedsgericht und zeigt, welche Angst unter den Jnnungsbrüdern herrscht, seitdem im Ge- sellenausschuß organisierte Kollegen sitzen. Socialdemokratischer Slgitations-Verein für den Reichstags» Wahlkreis Stralsund- Franzbur�-Rüge«. Sonntag, den 5. Juni, vormittags 19 Uhr, bei Ramlow, Schönhauser Mee 135: Versammlung. Neue Mitglieder werden ausgenommen. Gäste willkommen. Um zahlreiches Erscheinen ersucht der Vorstand. Arbeiter> Samariterkolonne. Morgen, Montag, abends 9 Uhr: Fortsetzung des Kursus in der Centrale, DreSdenerstr. 45. Vortrag über: Verletzungen. Wundbehandlung, Blutstillung. Nachher prakiische Uebungen. Neue Mtgliedcr können noch eintreten. Eintrittsgeld sowie Monatsbeitrag 26 Ps. Bibliothek steht zur Versüguna. HilfSkasse der Graveure, Ciseleure und verwandten BerusSgcnossen Berlins tagt jeden 1. Montag im Monat im Restaurant Eltze, Luisen-User 1, abends 8—19 Uhr._ Wttterungsüberficht vom 4. Juni 1904. morgens 8 Uhr. Stationen Ii E ° c c c Swinemde. Hamburg Berlin Franks.a.M. München Wien ■ö n £ 2 B« �"C 764 766 N Vetter big S II £» w s- 3 wölken! 15 2 wolkenl 12 Stationen O~ S5 S)= 4= I s zaparanda 763 N setersburg 759SO Vetter 4 wolkenl 1 wolkig -s« 5 1. ß? H S- 6 12 764 W Äwolkig 13 Cork 765 ND 4 wolkig 16 Slberdeen 772 ONO 1 wolkenl 14 765 NW 2woltig 15 Paris 766NO 3halh bd. 13 763' Still—wolkenl 19 Wertcr-Prognoie für Sonntag, de» 5. Juni 1904. Vorwiegend heiter und trocken, nachts kühl, um Mittag warm bei ziemlich frischen nordöstlichen Winden. Sriefkalten der Redaktion. �supiftifeber Ceil. ®. I. Sie können sich an das Kriegsministerium wenden. Aussicht aus Erfolg ist kaum vorhanden.— H- M. Anwag aus gerichtliche Enischeidung würde Ihnen voraussichtlich nur Kosten verursachen.— H. B. 78. Kommen Sie mit dem Wirt dahin überein, daß die Sachen sieihändig verkaust werden, oder verbieten Sie ihm unter Hinweis aus seine eventuelle Swasbarkeit ausdrücklich, ohne vorangegangene Klage Ihre Sachen zu verkaufen. — 00.000. 1. und 2. Ja.— W. M. 100. 1. bis 3. Ja.— Brock- haus 14. Eine Enterbung Ihres Mannes wäre nicht gültig gewesen. Da er aber vor Ihrem Schwiegervater gestorben ist, so ist ein Erbfall nicht ein- getreten. Sie treten nicht an die Stelle Ihres Mannes, sind also nicht erbberechtigt.— E. N. 10. 1. und 2. Ja. 3. Eine angemessene Zell muß Ihnen gewährt werden. Was angemessene Zeit zum Aussuchen einer andren stelle ist, hat im Streitfall unter Berücksichtigung aller Umstände der Richter zu ensscheidcn.— W. 1904. Nein. - G. M.. Ackerstraste. Nein.- Lotteriespiel. 1. Die Justizkommission des Abgeordnetenhauses ist eine vom Abgcordnetenhausc zur Vorberatung von Gesetzentwürsen wesentlich juristischen Inhalts eingesetzte Kommission. Schon heute bedroht das Gesetz einen Preußen, der durch sächsische Lose sein Geld los wird, mit Strafe.— R. D.£>. 17. Sie sind zur Zahlung verpflichtet, können aber, wenn Ihr Einkommen zu hoch veranschlagt ist, reklanncren. Verjährung liegt nicht vor.— G. Nein. — M. 20. Liegt die Sachlage so wie Sie sie schildern, so steht Ihrer reundin keinerlei Anspruch gegen Sie zu.- P. H. 41. 1. und 3. Nein. Ja.— W. 99. solange Sie die Konzession für die betteffenden Räume nicht haben, dürfen Sie die Räume zu Wirtshauszwecken nicht benutzen. Die Räume können Sie an geschlossene Vereine vermieten, dürfen aber in denselben nicht schänken.— R. Sch. 100. Die Möbel der Mutter des Mieters hasten nicht für dessen Mietsschulden. Indessen kann gegen den Sohn eine Untersuchung wegen Betruges eingeleitet werden, wenn er etwa der Wahrheit zuwider im Vertrao behauptet hat, die Möbel gehörten ihm ftiit den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publik«»» gegenüber keinerlei Beranttvortuug. �IKeater. Sonntag, den 5. Juni. Freie Volksbühne. Nachmittags 2-/. Uhr: 14./ 15. Abteil.: Metropol-Theater: Die Schmetterlingsschlacht. Ansang 7>/, Uhr: Opernhaus. Bajazzi. OavaUsria rustroana. Montag: Carmen. Neues Opern- Theater. Die Puppe. Nachm. 3 Uhr: Die Fledermaus. Montag: Das Schwalbennest. Deutsches. Der Meister. Nachm. 2l/i Uhr: Monna Vanna. Montag: Rose Bernd. Berliner. Der jüngste Lieutenant. Montag: Dieselbe Vorstellung. Lesfing. Zapsenstreich. Montag: Dieselbe Vorstellung. Westen. Im bunten Rock. Ansang 8 Uhr. Nachm. 21/j Uhr: Alt-Heidelberg. Montag: Im bunten Rock. Belle-Zllliance. Kam'rad Lehmann. Montag: Dieselbe Vorstellung. Ansang 8 Uhr. Schiller O. tWallner- Theater.) Ein unbeschriebenes Blatt. Nachm. 3 Uhr: Heimat. Montag: Der Compagnon. Schiller ZV.(Friedrich-Wilhclnistädt.) Der Coinpagnon. Nachm. 3 Uhr: Die Räuber. Montag: Ein unbeschriebenes Blatt. Neues. Einen Jux will er sich machen. Montag: Kabale und Liebe. Kleines. Märtyrer. Liebesträume jc. Montag: Nachtasyl. Residenz. Die 300 Tage. Montag: Dieselbe Vorstellung. Triano». Geschlossen. Central. Madame Bonioard. Montag: Dieselbe Vorstellung. Carl Weih. Die Zauberin am Stein. Nachm. 3 Uhr: Die zärtlichen Ber- wandten. Montag: Dieselbe Vorstellung. Gebr. Herrnfcld. Gastspiel der Tegcrnscer. Der Musterbos. Montag: Dieselbe Vorstellung. Wkctropok. Ein tolles Jahr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Wintcr-Gartcn. Specialitäten. Slpollo. Liebesgötter. Specialitäten. Montag: Dieselbe Vorstellung. Reichshalle». Stettiner Sänger. Pafiage-Tbratcr. Specialitäten. Urania. Daubenstras/e 48,49. Um 8 Uhr: Die Insel Rügen. Jnvalidenstrafie 57/SÜ. Stern- warte. Täglich geössnet von 7 bis 11 Uhr. Scliiller-Theater. Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Sonntagnachmittag 3 U h r: Heimat. Sonntagabend 8 Uhr: kin unbeschriebenes filz». Montagabend 8 Uhr: Der Compagnon. Dienstagabend 8 Uhr: Ein unbescbriebenes Blatt. Schiller Theater W. (Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater). Sonntagnachmittag 3Uhr: Die llhnher. Sonntagabend 8 Uhr: Der Compagnon. Montagabend 8 Uhr: Ein unbeschriebenes Blatt. Dienstagabend 8 Uhr: Das Heiratsnest. | Im Garten täglich gr. Militär-Konzert. Neues Theater. Urania. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater; Die Insel Rügen. Sternwarte S'/eS: ) CASTAN S ANOPTICUM. Friedrichstr. 165. Die vielbewunderten zusammengewachsenen Schwestern Rosa und Joseta: !! einzig dastehend in der Welt!! 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Vortrag des Genossen Max Schütte über: Vulkane und Erdbeben. 2. Diskussion. 3. Verbands-Angelegenheiten(Wahl eines Beitragsammlers). 4. Verschiedenes. Zahlreicher Besuch wird erwartet. 85/2 Süden und Süd-Osten;'m«v"*,Wk"• Tagesordnung: 1. Vorttag des Genossen Pawlowitfch über: 2ebcn und 2eiden im Zuchthaus und Strasgefängnis. 2. Diskussion. 3. Verbands- Angelegenheiten. NichtMitglieder und Frauen haben als Gäste freien Zutritt. Westen und Süd-Weslen: Tagesordnung: 1. Vorttag des Genossin Bterrether über Prostitution. 2. Diskussion. 3. Verbands-Angelegenheiten und Verschiedenes. Auch Richtmitglieder und Frauen haben Zuttitt. Die Versammlung wird punktlich eröffnet. Achtung! rsrlcettbDöeiileger! Achtung! Montag, den 6. Juni, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel-User 15: M Koramissions-Sitzung mit Vertrauensleuten.? Jede Firma muß vertteten sein. Her Obmann. Montag, den 6. Juni. abendS 5'/, Uhr: Bezirk Friedrichsberg M BautifcbUr-Vcrrammlung. Die Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gegeben. Steinartbeitei'. Donnerstag, den 9. Juni ct., abends 8 Uhr, im„Englischen Harten4», Alexanderstr. 27c: Mitglieder Der sammluug. Tagesordnung: 1. Vorttag. 2. Die Aussperrung in Schweden. Um zahlreiches Erscheinen ersucht[ityll] 3. Verschiedenes. Der Vorstand. Mittwoch. Charlottenburg. de« 8. d. M., abends S'l, Uhr, Rosinenstr. 3: im«olkshanse, Uolks-Uersammlnng. Tages-Ordnung: 1. Di« focialpolittschen Ausgaben der Gememden. tagS-Abgeordnetcr Genosse Hr.«Udekarn. 2. ur Stadtverordneten- Versammlung, Brotsabrikanten Diskussion. 4. Verschiedenes »ahlr Referent: Reichs- ' e des Kandidaten aal Hiebe. 203/7 Wir erwarten zahlreichen Besuch, der für die Genossen dringende _..._ j—--- hlko------- Pflicht ist. Das socialdemokratische Wahlkomitee. Verband der Sehneider u. Sehneiderinnen Filiale Berlin. Dienstag, de« 7. Juni 1904, abends«'/, Uhr: Mitglieder-Uersammlung in den„Arminhallen». Kommandanteustr. 20. TageS- Ordnung: 1. August und folgende Tag e in Dresden statt zn dem am indenden 8. VerbandSwge. 1. Wahl von zwölf Delegierten laitfindenden 8.! B a e g e über: Die Entstehung und und. 2. Vortrag des Herrn M. Inning des Menschen. 3. Mitteilungen der Ortsverwaltung. Die Mitglieder werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. AM- Das Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne dassewe oder mit über IZ wöchentlichem Ruckstand« erhalt niemand Zutritt. Auch demjenigen, der fein Mitgliedsbuch vergißt, wird ohne Ansehen der Person der Zutritt nicht gestattet."WA Die Revisoren find angewiesen, streng daraus zu achten. 83/4 Hie Ortsverwaltang. Reichels Special-Mittel töten unfehlbar Wanzen, Schwaben, Motten und jede Brut. Verstärktes„Wanzenfluid" El. 50 Pf., 1,-, 2,-. Ltr. 5,- M. Special■ Schwabenpulver „Poudre Martial" 50 Pf., 1,—, 2.—, Pfd. 4 M. Special- Mottenpulver 50 Pf., 1,—, 2,—, Pfd. 3 M. Mottenvertilgungs- Tinktur Fl. 75 Pf., 1.50 und 2,50 M. Anerkennungen aus aller Welt. Echt und garantiert wirksam nur, wenn in Originalpackung. mit dieser Marke verschlossen. Erhältlich in Oroguerlen mit Plakaten Tod u. Teufel. Otto ReichiUsÄstt�: Lieferant für Armee und Marine. Verlag M.Eiehter, Berlin SO 30. Soeben erschien. II. Aufl. Die ßornleföen, ihre Verhütung, Behandlung und Beseitigung von Dr. med. Schaper, Beilin, KsnlffgrUtentr.g?. FreUlHk Gewerbegericht zu Berlin» J.-Nr. 305 Gew.-Ger. 64. Bekanntmachung. Die zwffchen Arbettgebern und Ar« beiwehmern des Bauklempner- Ge« werbes über die Gewährung einer Fahrgeld- und Fahrzeit- Vergütung bestehenden Stteittgkeiten sind vor dem Einigungsamte des Gewerbe- gerichts zu Berlin in der Sitzung vom 9. Mai 1904, an welcher unter dem Vorsitze des Gewerberichters von Schulz teilgenommen haben: als Verttauensmänner der Arbeit- geber: Wollgarnsabrikant Maas und Kauf- mann Crohn; als Verttauensmänner der Arbeit- nehmer: Metalldrücker Lehrend und Former Körsten; als Auskunstsperson der Arbeitgeber: Ingenieur Bernhard; als Auskunstsperson der Arbeit- nehmer: Buchdrucker Majfini; durch einen Vergleich beendet worden. Die Parteien einigten fich daß die Vorschläge der Schlst Kommission vom 18. Februar dahin, chtungs- ar 1901 bezüglich des S 6 des Tarifvertrages vom 6. Mai 1903 über die Vergütung von Fahrgeld und Fahrzeit vom 10. Mai 1904 ab für die Dauer des Tarifvertrages gültig sein sollen, aber mit der Maßgabe, daß Satz 2 dieser Vorschläge am Ansang:„Ist die Arbeitsstelle mehr als 3 Kilometer vom Geschäst entsernl', folgende Fassung erhält:„Ist die Arbeitsstelle mehr als 4 Kilometer vom Geschäst entfernt". Unter Nr. 6 des Tarifvertrages werden die Sätze:„Fahrgeld- Ver- gütung innerhalb der Rmgbahn unter- liegt der freien Vereinbarung. Außer- halb der Ringbahn und nach den Vororten ist Fahrgeld zu vergüten", hiermit gelöscht und verlieren vom 10. Mai 1904 ihre Kraft. v. g. u. gez. von Schulz. Crohn. Maas. Bernhard. Ä. Körsten. Ä. Lehrend. Albert Massini. Richard Berger. E. H. Mulack. Ferd. Thielemann. Ed. Bussh. Heinrich Kunitz. Otto Conrad. Adolf Cohen. E. Denk. I. Dietrich. M. Gallrein. M. Fischer. Verwaltungsstelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 16, Zimmer 1—6. Fernsprecher; Amt IV, 3363. Achtung! Schlosser! 9R o n t« j, de« 6. J««i 1904, abends 8'/, Uhr, bei v«age«hasen, Oranienstr. 147(am Moritzplatz», grofter Saal» Allgemeine Versammlung der Schlosser Berlins u. Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Vorttag deS Reichstags- Abgeordneten Fd. Bernstein über: »Arbeitszeit und Arbeitslohn». 2. Stellungnahme zu dem prozentualen Zluffchlaa st---------''~---- Kommission Um zahlreichen Besuch bittet _____________ 116/4,., Um zahlreichen Besuch bittet Hie Ortsverwaltang. I Ausgabe von V, 8 Uhr morgens ab. Erpedition: Schtttwenst SetonttP, Ät.tatowi Psul Buttner, Berliv. Zur den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanjtalt Paul Smger& Co., Verlin SW, U Montag, den 6. Juni er., abends 81/, Uhr, bei Granmann, Naunyustrafte 27: Werkstatt- Delegierten Versammlung. AM- Die wichtige Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht. IM- Jede Werkstatt mnft vertreten sein.-MW 146/14 Her Ferstand. Riunmelsburg, Socialdemohratilcber Cdablvercin. Dienstag, den 7. Juni, ab, im Lokale der Witwe Welgel, Xü .»r. 37 t General Uersammlung. Tagesordnung: Vorttag des Genossen Bolkenbnhr über:»Unsre politische Lage». Diskussion. Bericht des VerttauensmamieS. Verladenes. 8/7 Um zahlreichen Besuch ersucht »er Verstand. vergslder keriins! Dienstag, den 7. Juni abends 8 Uhr: Außerordentliche Mltglleder-Uersammlnng im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer IS. Saal 4. Tages-Ordnung: 1. Berichterstattung der Berhandlungs-Kommissio«. 2. Verschiedenes. DWT» DaS Erscheinen aller ist dringend notwendig.-Mg 226/8 Her Ferstand. (MeH der IM-, Transport- uMeMeiler Heatschlands.— Ortsverwaltang Berlin I. Bureau und Arbeits nachwele:„Gewerkschaftshaus", Engel■ Ufer 15. II. Zimmer 13—16, geöffn. wocheni. 8—6 Uhr.— Telephon: Amt 4 Nr. 3348. Großes Haitis' Sommerfest Sonntag, den Vi. Juni, in„Menkes Volksgarten", Lichtenberg, Röderstrahe 35/36. _(Eingang auch Landsberger Chaussee.) WW 25 000 Personen fassend. Bei ungünstiger Witterung ist genügend Schutz unter den Riesenzelten. Großes Konzert* Vorstellung auf wei Kähnen: I. Harbnrger Sänger, 2. SpenalMen-Cheattr* Großer Kall* Nreis-Kegelschieben. Pappen- und Kasperle-Theater. Fackel-Pelonalse, wozu jedes Kind am Eingang eine Stocklaterne gratis erhält. Zum Schluß: Gp> Brillant-Feuerwerk« AM" BilletS a 20 Pf. sind im Vorverkauf im Bureau, in allen Zahl- stellen/bei den Bezirksführern sowie bei sämtlichen BetriebS-Verttauensleuten zu haben. An der Kasse 2b Pf. Kinder srei. 88/6 Kafieneröffnung 2 Uhr nachmittags. Ansang des Konzerts 4 Uhr. Has Komitee. �ontagsblatt IM Herausgeber: Ed. Bernstein. Bernstein. Bio. 6, Montag, den 6. Jnni: Inhalt u. a.: Zweierlei Kulturkampf.(Leitartikel.)— Glosse«.— Frankreich und der Papst.— Ein Zeuge(Buch der Woche.)— Ter- trastang and Aasbentang Im Splritnsgeschttft. II.— Ein Briet aus dem Scklesischen Busch— Kritische Wochenschau.— Gewerkschaftliche Wochenschau.— Feuilleton.— Theater.— Kunst.— Depeschen.— Lokales.— Sport Ausgabe von*i48 Uhr morgens ab. Expedition: Schützenstr. 14. N?. M. 21. Jahrgang. 3. KeilM d» Lmiirts" Krlim WIWM. Sonntag, 5. Ivvi IM. „Fides." Um die Geschäftspraxis eines Teiektiv-ButtäuZ handelte es sich bei einer Anklage, deren Verhandlung gestern vor der achten Straf- kammer des Landgerichts I begann. Die Anklage richtete sich gegen den aus seiner Rechercheur-Thätigkeit in Könitz und aus der Brillanten-Affaire der Ella Goltz weiteren Kreisen bekannt gewordene Direktor des Instituts.Fides", Max Wienecke. Er ist des ein- fachen Bankrotts, in der Form, daß er zu großen Aufwand getrieben und übermäßig viel Geld privatim verbraucht hat, ferner des wieder- holten Betruges und des Unternehmens, einen andern zur wisient- lichen Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung zu verleiten, beschuldigt.— Den Vorsitz im Gerichtshofe führt Landgerichtsrat C a s p c r, die Anklage vertritt Staatsanwältschaftsrat E l l e n d t, die Verteidigung führr Rechtsanwalt Dr. Davidsohn.— Der Angeklagte, der früher Kaufmann und dcmn Reporter gewesen ist, be- gründete im Jahre 1901 Hierselbst das.Berliner Privatdetektiv- Institut und Auskunftei Fides". Er hatte selbst keine Barmittel, bekam aber von einer ihm wohlgesinnten Frau 1900 M., die er als Betriebskapital verwandte. Infolge der notwendigen Reklame reichte dieses Kapital nicht aus und er mußte Schulden machen. Auch von früher her hatte er noch unbeglichene Schulden, die ihm lästig waren. Das Mobiliar zu seinem Bureau und seinen Wohnräumen hatte er auf Leihvertrag entnommen und die Folge ivar, daß später eine große Reihe Pfändungen fruchtlos ausgefallen ist. Das Ermitt- lungsbureau beschäftigte sich, wie dies bei derartigen Instituten zu- meist der Fall ist. vorzugsweise mit Recherchen in Ehescheidnngs- Angelegenheiten. Eine Reihe von Geschäftsbedingungen fixierte einzeln die Rechte und Pflichten des Instituts, wie der Kunden des- selben und es waren darin auch die Honoraransprüche festgestellt, wenn entweder das Honorar für jede einzelne Bemühung geleistet odei eine Pauschalsumme bezahlt werden würde. In den Reklamen und Cirkularen des Instituts wurde der Mund gewaltig voll genommen. Es wurde darauf hingewiesen, daß das Institut eine Reihe der glänzendsten Anerkennungen besitze, Aufträge aus den allerersten Gesellschaftskreisen diskret und geschickt ausgeführt habe, daß als juristischer Leiter der.Königl. Landgerichtsrat a. D. Dr. jur. Frhr. v. Kirchbach" thälig sei, daß das Institut nur ganz erprobte, ge- wissenhafte königliche Beamte a. D. beschäftige, in den verschiedensten Städten erfahrene Korrespondenten habe usw. usw. Auch die Fälle, in denen ExtraHonorare zu vergüten wären, waren in den Geschäfts- bedingungcn eingehend behandelt.— Nachdem das Institut begründet war und die Mittel nicht ausreichten, ist er mit andern Personen in Verbindung getreten, die größere Gefdmittcl hergaben und durch ihn benachteiligt sein sollen. Er erließ zu diesem Zwecke Annoncen in Provinzblättern, nach welchen er bemittelte, intelligente, zuverlässige Männer mit gutem Vorleben als Leiter einer zu errichteten Filiale zu engagieren wünschte und hat auch beispielsweise in Köln und Danzig Filialen errichtet. Die Anklage wirft ihm vor, daß er seinen Verpflichtungen den Fialisten gegenüber nicht nachgekommen sei und Gelder, die ihm von diesen Personen und andren Leuten, die sich finanziell an diesem Institut beteiligten, zu geschäftlichen Zwecken übergeben worden seien, zu andern, privaten Zwecken verwendet habe. In einer Reihe von Fällen soll er seine Auftraggeber— es waren zumeist Eheleute, die zum Zwecke der Feststellung ehelicher Untreue des andern Teils einen Ueberwachungsdienst eingerichtet hatten— dadurch geschädigt haben, daß er unter Vorspiegelung falscher That- fachen Nachhonorare forderte oder angebliche Leistungen in der Kosten- rcchnung aufgeführt haben soll, die gar nicht geleistet wordekr seien. Ter Angeklagte hat eine erhebliche Einnahme gehabt, die er selbst auf monatlich netto 1000 M. im Durchschnitt schätzt. Häufig kamen Auf- träge mit Honorarsummen von 1000 bis 1500 M. Die Anklage wirft ihm vor, daß er trotz dieser stolzen Einnahmen seine Gläubiger be- nachteiligt habe, indem er seine Schulden nicht bezahlte, sondern das Geld verjubelte. Am 19. August 1902 hat der Angeklagte den Offen- barungseid geleistet. Im Februar 1903 war von einem Teilnehmer, der für das Geschäft des Angeklagten einige tausend Mark hergeben hatte, die Konkurseröffnung beantragt worden. Das Gericht hatte den Antrag abgelehnt, weil Masse nicht vorhanden war. Der Antrag wurde später wiederholt, aber wiederum abgelehnt, der Antragsteller erbot sich zur Hinterlegung von 2000 M., das Landgericht verfügte daraufhin die Eröffnung des Konkurses, dagegen erhob nun aber wieder der Angeklagte Beschwerde, welcher stattgegeben wurde, weil der Gemeinschuldner vorher nicht gehört worden war und schließlich wurde der Antrag auf Konkurseröffnung wieder zurückgezogen. Ter Angeklagte behauptet, daß er seine Zahlungsfähigkeit nachgewiesen habe und bestreitet, überhaupt feine Zahlungen eingestellt zu haben. Der Aufwand, den er getrieben, sei vielfach durch die Eigenart feines Geschäfts bedingt gewesen. Er habe oftmals persönliche Ausgaben nicht vermeiden können, im Interesse seiner Beobachtungen und Nach- forschungen vielfach Geld drauf gehen lassen und auch Balllokale, Lokale mit Tamenbedienung usw. besuchen müssen. In allen Spezial- fällen, in denen ihm die Anklage betrügerische Benachteiligung seiner Auftraggeber vorwirft, bestreitet er seine Schuld und behauptet, daß er nur die Honorare in Ansatz gebracht habe, zu denen er nach seinen Geschäftsbedingungen, seinen mündlichen und schriftlichen Verab- rcdungen mit seinen Auftraggebern und seinen posiitivcn Leistungen berechtigt gewesen sei. Der Staatsanwalt behauptet das Gegenteil, und es soll nun?lufgabe der umfangreichen Beweisaufnahme sein, festzustellen, inwieweit die Anklage im Rechte ist. Der Angeklagte behauptet, daß die Srrafanzcigen auf das Betreiben ihm übel gesinnter Personen zurückzuführen seien und Rechtsanwalt Dr. Davidsohn stellt den 25 Belastungszeugen fast ebenso viele Entlastungszeugen gegen- über. Gestern ist erst ein Teil der Zeugen vernommen worden, die Vernehmung der größeren Hälfte steht erst für Montag bevor. Weder die Aussagen der Zeugen, noch die Einzelheiten der Fälle, in denen dem Angeklagten betrügerisches Handeln vorgeworfen wird, sind von allgemeinem Interesse. Wir werden das Urteil nach seiner Fällung unserN Lesern mitteilen. MocKeti- Spielplan der Berliner Cbeater. Königliches LperuhauS. Sonntag: Bajazzi. Oavallsria rusticana. Montag: Carmen. Dienstag: Die weiße Dame. Mittwoch: Der Barbier von Sevilla. Donnerstag: Der Waffenschmied. Freitag: Der fliegende Holländer. Sonnabend: Bajazzi. Iavottc. Sonntag: Die weiße Dame. Montag: Lohcnarin. Neues königl. Opern- Theater. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Die Fledermaus. Sonntagabend: Die Puppe. Montag: Das Schwalbennest. Dienstag: Der Jonnenvogcl. Mittwoch: Boccaccio. Donnerstag: Die schöne Helena. Freitag: Die Geisha. Sonnabend: Orpheus in der Unter» weit. Sonntagnachmiltag: Die Puppe. Sonntagabend: Die Fledermans. Montag: Die schöne Helena. Schiller> Theater O.(Wallner- Theater.) Sonntagnachmittag: Heimat.(Ansang 3 Uhr.) Sonntagabend: Ein unbeschriebenes Blatt. Montag: Der Conchagnon. Dienstag: Ein unbeschriebenes Blatt. Mittwoch: Panline. Donnerstag: Ein unbeschriebenes Blatt. Freitag: Paulinc. Sonnabend: Ein unbeschriebenes Blatt. Sonntagnachmittag: Die Ehre. (Slnsang 3 Uhr.) Sonntagabend: Der Geizige. Der eingebildete Kranke. Montag: Ein unbeschriebenes Blatt. Schiller-Theaeer Hl.(Friedrich-Wilhelmftädtisches Theater.) Sonntag» nachmittag: Die Räuber.(Anfang 3 Uhr.) Sonntagabend: Der Compagnon. Montag: Ein unbeschriebenes Blatt. DicnStag, Mittwoch und Donnerstag: Das HciratSncst. Freitag: Das grobe Hemd. Sonnabend: Pension Schöller. Sonnlagnachmittag: WaS Ihr wollt.(Ansang 3 Uhr.) Sonntag- abend: Der Pfarrer von Kirchscld. Montag: Das Heiratsnest. Deutsches Theater. Sonntagnachmittag: Monna Vanna.(Ansang 21/, Uhr.) Sonntagabend: Der Meister. Montag: Rose Bernd. Dienstag: Rosenmontag. Mittwoch: Monna Vanna. Donnerstag: Die Weber. Freitag: Rose Bernd. Sonnabend: Nora. Sonntagnachmittag: Der Psarrcr von Kirchseld.(Ansang 2ll3 Uhr.) Sonntagabend: Es lebe das Leben. Montag: Unbestimmt. Berliner Theater. Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag: Der jüngste Lieutenant. Freitag, Sonnabend, Sonntag: Mamsell Nitouche. Montag: Der jüngste Lieutenant. Lesftng-Theater. Allabendlich: Zapscnstreich. Neues Theater. Sonntag: Einen Jux will er sich machen. Montag: Kabale und Liebe. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag: Einen Jux lmll er sich machen. Freitag: Kabale und Liebe. Sonnabend und Sonntag: Einen Jux will er sich machen. Montag: Kabale und Liebe. Theater des Westens. Sonntagnachmittag: Alt-Heidelberg.(Ansang 2'l} Uhr.) Sonntagabend, Montag, Dienstag und Mittwoch: Im bunten Rock. Donnerstag: Maria Theresia. Frestag, und Sonnabend: Im bunten Rock. Sonntagnachmittag: Mt- Heidelberg.(Anfang 2'/, Uhr.) Sonntag- abend: Im bunten Rock. Montag: Maria Theresia. Restdenz-Theater. Allabendlich: Die 300 Tage. Kleines Theater. Sonntag: Der Märtyrer. LiebeSträumc. Montag und Dienstag: Nachtasyl. Mittwoch: Der Märtyrer. Liebcslräume. Donnerstag, Freitag, Sonnabend, Sonntag und Montag: Nachtasyl. Belle-Alliance-Theater. Allabendlich 7'/, Uhr: Kam'rad Lehmann. Carl Weift- Theater. Sonntagnachmittag: Die zärtlichen Ver- wandten.(Ansang 3 Uhr.) Sonntagabend und Montag: Zauberin am Stein. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag: Das Geheimnis der alten Mamsell. Sonnabend: Vineta. Sonntagnachmittag: Zwei Frauen. (Anfang 3 Uhr.) Sonntagabend: Vineta. Montag: Unbestimmt. Central- Theater. Sonntag und Montag: Madame Bonivard. Dienstag und Mittwoch: Der Raub der Sabinerinnen. Donnerstag: Madame Bonivard. Freitag und Sonnabend: Papageno. Sonntag: Der Raub der Sabinerinncn. Montag: Unbestimmt. Apollo-Thcater. Allabendlich: Liebesgötter. Specialitäten. Anfang 8 Uhr. Gebr. Herrnfeld- Theater. Gastspiel der Tegernseer. Der Muster- hos.(Slnsang 8 Uhr.) Metropol- Theater. Allabendlich: Ein tolles Jahr. Ansang 8 Uhr. Wintergarten. Hcloise Titcomb. Specialitäten. Ansang 8 Uhr. Passage-Theater. Fred! Eharwenka. Ansang 5 Uhr, Sonntags 3 Uhr. Urania- Theater. Taubenstraßc 48/49. Allabendlich: Die Insel Rügen. Ansang 3 Uhr. Smgegangene Druckschriften. vr. E. TH. Förster. Reinen Tisi 48 in Südwestasrika. Lose Blätter citcn. Verlag Wilh. Süsserott, zur Geschichte der Bestedclung. Berlin W. 30, Goltzstr. 24. Frist Brubpacher. Kindersegen und kein Ende? Ein Wort an denkende Arbeiter. 35 Seiten. Preis 30 Ps. Verlag G. Birk u. Co., München. Marktpreise von Berlin am 3. Juni 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. "Weizen, gut D.-Ctr mittel gering "Roggen, gut mittel gering fGerste, gut. 14,20 mittel„ 12,90 gering. 11,60 fHaser, gut. 15,00 mittel. 14,10 .. gering„ 13,20 Richtstroh„ 4,00 Heu. 6,90 Erbsen. 40,00 Speiscbohnen. 50,00 Linsen„ 60,00 • ab Bahn, f frei Wagen und ab Bahn. Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindfleisch, Keule 1 Kk do. Bauch„ Schweinefleisch Kalbfleisch Hammelfleisch ntter Eier Karpfen Aale Zander barsche Schleie Bleie Krebse 60 Stück 1 kg Per Schock 7,00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 3,60 2,00 2,80 3,00 2,40 2,00 3,00 1,40 16,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 2,40 1,40 1,40 1,20 1,20 1,00 1,40 0,80 3,00 Paletots u. Mäntel. 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Ehre seinem Andenken! vie Arbeiter ller Pinna Biedermann& Czarnikow. Beerdigung: Heute um 3'/, Uhr I aus dem katholischen Kirchhof in I Mariendorf. 1751b j Deutscher iMetallarbeiter-Verband! Verwaltungssielle Berlin. Todes-Anzelgse. Den Kollegen zur Nachricht, daß I | unser Mitglied, der Metallarbeiter s kravi Xaeimareek am l. d. Mts. gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am| Sonntag. den 5. Juni, nach- mittags 3>/. Uhr, von der Leichen- 1 halle des Katholischen Kirchhofes j in Maricndors aus statt. Rege Beteiligung erwartet 116/3 Die Ortsverwaltung. Verband deutscher Gastwirtsgehilten (Ortsverwaltung Berlin). Unsren Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß Kollege Vttdelm 8e!t(mM nach langem, schwerem Leiden ver- starben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findetMontag, den 6. Juni, nachmittags i'l, Uhr, von der Leichenhalle des Central- Friedhofes Friedrichsselde aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 230/7 Oer Verstand. Todesanzvise. Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, der Tischler S18SL Herrn. Bartels am 2. Juni er., abends 11 Uhr, sanst entschlafen ist. Tie trauernde Witwe. Die Beerdigung findet Sonntag, den 5. Juni, nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhause, Charlottenburg, Kaiser Friedrichstraße 60, aus statt. Allen Freunden und Bekannten hierdurch die betrübende Nach- richt, daß unser Vereinsgenosse Kenlg Gerechter am 27. Mai durch den Tod aus unserm Kreise gerissen worden ist. Ein dauerndes Andenken be- wahrt ihm der RudeF-YeFein JorwHpts" Die Beerdigung findet heute, Zionntagnachmittag'1,3 Uhr, aus dem Friedhofe der jüdischen Gemeinde in Neu- Weißensee, Lothringerstraße, statt. 17glb Todes-Anzeige. Den Parteigenossen von a Johannisthal und Rudow zur Nachricht, daß der Genosse ASHbsn in Rudow, BiSmarckstraße 45, am Donncrstagnachmittag imKranken- hause zu Britz gestorben ist. Die Beerdigung findet Sonn- tag, nachmittags 3'L Uhr, vom Trauerhause aus statt. 203/6 Um rege Beteiligung ersucht M Iforstafld des soeialdemokr. Wahlvereins. Dankfagung. Für die Beweise herzlicher Teil- nähme sowie die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unsrcS guten Vaters Mll Seydel sagen wir allen Verwandten und Be- kannten sowie den Kollegen der St. E.-G.. Brunnenstraße, unsren in- nigsten Dank. 177gb Wwe. Seydel nebst Kindern. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und unsres guten Vaters, des Schrist- setzers kuäolt Breese sagen wir allen Teilnehmern unsern herzlichsten Dank. 5484L Frau Ida Freese nebst Kindern. SZtiKer Nähmaschinen. Einfache Handhabung! 46972* Große Haltbarkeit k Hohe Arbeitsleistung! Weltausstellung SifeinH Dviv höchster Preis Paris 1900: VJ1 öliu a 1 IA oer Ausstellung, Unentgeltlicher Unterricht, anch in moderner Kunststickerei. Elektromotore für Nähmaschinenbetrteb. Singer Co. 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Ardeiltt Dil Wintos Ihr Kmchom! Unterstützt die streikenden Bäckerei-Arbeiter in ihrem schweren Kampfe zur Erringung menschenwürdiger Lohn- und Arbeitsbedingungen. Kauft nur Brot und andre Backwaren aus den Bäckereien, in welchen unsre bescheidenen Forderungen erfüllt werden. Zfttr dort sind die Forderungen bewilligt, wo die mit dem Stempel des Verbandes der SäcUer, jftitgliedscbaft Serlin, und der Unterschrift: Karl Hrtzschald, RosrnthalerllrO ll-12 versehenen Vlakate aushängen. Wir bitten das geehrte Publikum, streng auf obiges zu achten, da Von vielen Bäckermeistern versucht wird, durch Aushängen Von nachgeahmten und gefälschten Flahaten die Bevölkerung zu täuschen und irrezuführen. Wir appellieren an das Rechtsgefühl des Brot konsumierenden Publikums/ diese Versuche der Täuschung, die von den Bäckermeistern unternommen werden, zu nichte zu machen. Wir hoffen, dass uns die Sevölkemng auch ferner wie bisher in unserm berechttgten Kampfe unterstützen wird! Wir machen das verehrte Publikum darauf aufmerksam, daß eine ganze Reihe Bäckermeister und Händler die Forderungen entweder zurück- ziehen oder durchbrechen. Wir haben daher diesen Leuten unsre Plakate entzogen. Viele Meister nehmen, dureh die Innungen seharf gemaeht, unsre Mahafe aus den Fenstern und maehen den Kunden gegenüber allerhand Ausreden. Bäckermeister, die ihre Bewilligungen zurückgezogen haben oder denen die Plakate von uns entzogen sind: Zlosblt. DJ. RatzkI, Gmbenerftr. 50. Th. Neumann. DlbenBuvgtrftv. 19. Karl Peikert, LIdcnburgerstr. 14. («. Siaujock, Quitzowstr. 190. Hugo Berg. Oldenburgerstr. 23. Willi. Knetsch. Lilbcckerftr. 24. Bodenstein, Wilhclmshavenerstr. 12. With. Godt, Emdmerstr. 54. Wilh. Ballin, Stromstr. 55. H.Tchmclzer,Wilhelmshavenerstr.39. Rud. Giesmann. Oldenburgerstr. 8. G. Klimpke. Ouitzowstr. 125. O.tvi»: ffi. Weber, BreSIauerstr. 11. Karl Opalke, Frankfurter Allee 80. August Hoffmann, Petersburger- strahe 38. Sedtatschcik. Blumenstr. 54. Franke.�Koppenstr. 20. Heller, Stratzmannstr. 8. Larisch, Landsberger Allee 37. Brückner. Ebertystr. 52. Werner, Koppenstr. 23. R. Hest. Koppensir. 70. Jericho. Büjchingstr. l7. Knüpfer. Webcrstrage 1/2. W. Schlick, Kr. Frankfirrterstr. 38. P. Gent/mann, Wahmannsst. 20. ««. Drescher, Lebuserstr. 2. Heinr. Buschner, Weberstr. 52. P. Kretschmer, Gr. Franksurterft. 74. A. Ladahn, Weberstr. 30. H. Wendfand. Grüner Weg 88. Krawezewski, Weberstr. 47. Richter. Zomdorserstr. 55. M. Mitsching. Zorndorsersir. 27. Giehle, Landsberger Allee 8. Klausing, Elbingerstr. 10. I. Ktnzcl, Wrangelsir. 25. P. Hamel, Waldcmarstr. 65. <£. Schulz, MuSkauerstr. 34. H. Heinzelman», Musfauerstr. 28. l30 Pique-Brocatstoffe) Mtr- Japanische Waschseide Blusenseide blau-grün Foulards b�kt 40 Pf. Bl USen StOff eimitirt Leinen, O C mit Seidenglanzstreifen Mtr. Ww Weisse Batiste durchbrochene Stoffe in vielen Mustern � Q 50� Mtr. Pf. Organdystoffe)Wertbis Satin bedr.! I45 Leinenstoffe, Fourladineetc.) Mtr> 60 Pf. 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Das Ausbleiben großer Kriegs- ereignisse auf dein europäischen Kontinent und das unanshaltsame Vordringen neuer Ideen auf dem Gebiete der inneren Politik— zwei Erscheinungen, die niiteinander in innigem Zusainmenhange stehen— lenkt die Aufmerksamkeit der Geschichtsschreiber auf die Entwicklung des politischen Parteiwesens, die alle Keime einer künftig möglichen Gestaltung der Staatswesen in sich birgt. Und Ivährend ein an der Oberfläche haftender„Patriotismus" sich über den inneren Parteihader beklagt, der das Land zerreiße, sieht tiefere Einsicht in der aufregenden Kette moderner Tageslämpfe den wahren Krieg nnsrer Tage, der die Geschichte der Böller und Staaten vor- bereitet. Die Geschichte der politischen Parteien ist weder für Deutschland noch für Frankreich geschrieben worden. Als zeitlich abgegrenzten Teil einer französischen Parteigeschichte aber möchten wir die umfang- reiche Vorrede betrachten, die Jean I a u r s s dem jüngst erschienenen ersten Bande seiner gesammelten Kammerreden vorausgeschickt hat.") Sie behandelt den Radikalismus und den Socialismus im Jahre 188ö, und giebt nicht nur wertvolle Aufschlüsse über die Entstehung jeuer Richtung des französischen Socialismus. die man jetzt die„jaurssistische" heißt, sondern sie giebt dem deutschen Leser auch Gelegenheit, manches zu begreifen, was ihm unverständlich bleibt, wenn er die Voraussetzungen seiner eignen politischen Ver- Hältnisse aus französisches Land willkürlich überträgt. Es mag sich darum rechtfertigen, wenn wir in folgendem den Inhalt jener aus- führlichen 178 Druckseiten umfassenden Vorrede in kurzer Zusammen- sassung wiederzugeben versuchen. Im Jahre 1881 hatte die„Partei der Konterrevolution"— Monarchisten und Klerikale— bei den Kammerwahlen eine schwere Niederlage erlitten. Der Hoffnung aber, daß die Herrschaft der gemäßigten Republikaner sOpportuuisienj nunmehr gesichert sei, bc- reiteten die Wahlen von 1885 ein schmähliches Ende. Danials, als Jaures zum erstenmal in die Kammer einzog, hatten die Reaktionäre mehr als ein Drittel der Kammersitze erobert. Nnr ein eilfertig geschlossenes Bündnis zwischen Opportunisten und Radikalen, die sich im Wahlkampfe heftig befehdeten, koinite ein weiteres Vordringen der Reaktion bei den Stichwahlen verhindern. Klerikal-monarchistisch-nattonalisttsche Konterrevolutton, oppor- tunistischer Republikanismns und bürgerlicher Radikalismus waren die drei großen politischen Faktoren der damaligen Zeit. Der Socia- lismus, m Gruppen gespalten, hatte keinen bedeutenden Wahlerfolg erzielt. In seiner Hauptburg, in Paris, hatte eine socialistische Koalitton(Revolutionäre und Posfibilisten) nur 15 000 Stimmen aufgebracht gegen 160 000 radikale, 60 000 ultra- radikale, IM 000 opportunisttsche und 00 000 nationalistische. So beherrschten die Kämpfe zwischen Opportunismus und Radikalismus, zwischen Republik und Reattion, das politische Feld nahezu ausschließlich. Was die Opportunisten unter Jules F e r r y S Führung und die Radikalen, die vornehmlich Clemenceau repräsentierte, von einander schied, waren hauptsächlich Fragen der Verfassung und der Kolonialpolitik. Die Opportunisten blieben bei der Verfassung von 1875 stehen und verteidigten vor allein die Erste Kammer, den Senat, gegen die Angriffe der Radikalen, die eine Umgestaltung der Verfassung zur möglichst vollkommenen Demokratie verlangten. Die opportunistischen Beherrscher der Republik, die Verteidiger des Bestehenden, suchten die Aufmerksamkeit auf auswärtige Fragen, namentlich auf die Fragen der Kolonialpolitik zu richten. Die Ein- verleibung Tongkings in den französischen Kolonialbereich bildete den Gegenstand ertntterter Kämpfe, in denen sowohl Clemenceau wie die Monarchisten gegen die Regierung standen: der erstere im Namen der großen Revolution und der von ihr proklamierten Menschenrechte, die keine Unterjochung fremder Rassen dulde: die letzteren, uin Mißerfolge und Enttäuschungen, wie sie sich im Verfolg dieser Weltponttk reichlich einstellten, zur Erschütterung der republikanischen Regierung auszunutzen. Seinen Gegensatz zu allen Programmen auswärtiger Machtentfalttmg und sein eignes Programm der inneren Entwicklung hatte Clemenceau in wenig Worte geprägt, als er 1885 in einer Versammlung zu Bordeaux auf den Zwischenruf„Und Elsaß- Lothringen?" erwiderte:„Es ist nicht unser Wunsch, den Krieg in Europa zu entfesseln. Wenn uns der Krieg erklärt wird, werden wir ihn zu führen wissen. Aber eine bessere Revanche als die militärische ist die Revanche der Republik, die durch ihre Wieder- erhebuna. ihre weise Regierung, die Entwicklung ihrer politischen, wirtschaftlichen, socialen Institutionen, durch die Entwicklungskraft, die in ihr steckt— ohne daß sie einer andren Propaganda bedürfte als der ihres Beispiels—... dafür sorgen wird, daß dem französischen Volke wieder sein Recht wird." Für Ferry und die Opportunisten war die Politik einfach die Frage der Erhaltung, der rein technischen Regierungskunst. Den Bestand eines socialen Probien, s vermochten sie durchaus nicht anzuerkennen, und alle Richtungen des Socialismus standen für ihre bürger- liche Eintagspolittk außer aller Debatte.„WaS ist ihr Ideal?" fragt Jaurss eines Tages den führenden Politiker der regierenden Partei, und er erhält die Antwort:„Lassen Sie das sein: eine Regierung ist keine Trompete der Zukunft I" Und erst allmählich enttingt er dem zähen Schweiger die Antwort:„Mein Ziel ist eine Organisation der Menschheit ohne Gott und ohne König."„Hätte er," bemerkt Jaurös,„noch hinzugefügt:„und ohne Kapitalisten", so hätte er die vollständige Fonnel des Socialismus gegeben". Ganz anders, wie schon gesagt, Clemenceau. Sein Radikalismus war nicht ohne weite Ziele. Während Ferry in der Revolution eine vollendete Erscheinung sah und den bestehenden Zustand der Republik als das erstarrte Produkt vulkanischer Kräfte betrachtete, nahm Clemenceau die Revolutton als eine fortwirkende Kraft, die Demokratie als unerschöpfliche Gebärerin immer»euer, besserer Formen, von denen ihm allerdings alle Vorstellungen fehlten. Den revoluttonären Socialismus JuleS G u e S d e s bekämpfte er sowohl in seinem Ziel wie in seinen Mitteln. In einer Versammlung im Cirkus Fernando<1884) bezeichnet er den socialistischen Staat als den Staat der Klöster und der Kasernen, und macht kein Hehl aus seiner principiellen Gegnerschaft gegen den Staat und aus seiner individualistischen Ueberzeugung. was ihn freilich nicht hindert, hin- wiederum den Socialisten gegenüber zu erklären:„Unser Ziel ist dasselbe" und sie zu gememfamer Arbeit für gemeinsame Ideale aufzufordern. Er verwerft die Katastrophentheorie, die Idee einer gewaltsamen Erhebung und preist die Demokratie als den einzigen Hebel alles weiteren Fortschritts. Clemenceau, so entscheidet Jaurss diesen Streit, hatte den Weg. Guesde hatte das Ziel.„Die Ueberlegenheit des revolutio- nären Socialismus ist ungeheuer groß. Er hat die klare Vor- stellung des Zieles, nach dem er strebt, der Eigentumsform, die er schaffen will, und er weiß mit vollkommenster Gewißheit, daß das bürgerliche und kapitalisttsche Eigentum sein geschichtlich begründetes Daseinsrecht verloren hat." Was aber die Wahl des Weges betrifft. so hatte Clemenceau recht— auch vom Standpunkte deS Socialismus. „Da war er der Erneuerer. Die Putsch-Socialisten, die Socialisten der Barrikade und der Flinte, sie waren die Anhänger der Ueber- lieferung. die bloß routtnemäßig die vergängliche Taktik vergangener Kämpfe in die neue Zeit hinüber schleppten." *) Jean Jaurss. Discours parlarnentaires. Tome premier. d'une introduction de l'auteur Sur le sooialisme et le radicalisme en 1885. Paris. Edouard Cornbly et Cie. 1904 Clemenceau, und darin giebt ihm Jaurös wieder Unrecht, be- kämpft die Theorie vom Klassenkampf, an deren Stelle bei ihm eine vage Vorstellung des„Gemeinwohls" tritt. Wie weit sich aber, trotz dieser oberflächlichen Aehnlichkeit, die Ansichten dieser bürgerlichen Radikalen Frankreichs von denen unsrer Liberalen und Freisinnigen unterscheidet, wird der deutsche Leser nicht ohne ein gewisses satanisches Vergnügen aus den folgenden Ausführungen Clemenceaus entnehmen, die sich auf Deutschland beziehen. In der schon öfter erwähnten Versammlung im Cirkus Fernando sagte Clemenceau: „Ich lade Sie ein, über die Vogesen hinüberzublicken... Dort sehen Sie den Kampf von Klassen, die streng von einander geschieden sind: einen Kaiser, einen Adel, eine Geistlichkeit, ein Bürgertum und ein Arbeitsvolk in Stadt und Land. Mag sich doch das Arbeitsvolk der Industrie und der Landwirtschaft mit der Bourgeoisie vereinigen, nachdem diese aus ihrer Abschließung heraus- getreten i st, und der Kampf gegen die Geistlich- keit, den Adel, die Monarchie wird kurz und siegreich sein." Clemenceau glaubt also— 1884!— seine Klassengenossen in Deutschland hätten keinen anderen Wunsch, aus ihrer Abschließung herauszutreten, sich mit dem Proletariat zu vereinigen, und Monarchie, Adel und Klerisei abzuschaffen! Ganz ernsthaft fährt er fort: „Die Trennung des Volkes von der Bourgeoisie verhindert diesen Erfolg." Und zu den Versammelten gewendet: „Ihr seid politisch von keinem Herrn abhängig: Ihr braucht nur aufgeklärt sein, um frei zu sein und wenn Ihr im stände seid, ein besseres Regime einzuführen, so seid Ihr in der Lage, es zu thun." „Das deutsche Kaisertum sagt zum Volke:„Was das Bürgertum Dir verweigert, sollst Du haben: Du bekommst von mir zu essen". Dann wendet es sich zur Bourgeoisie:„Du willst Geld, nicht wahr? Ich werde Dich durch ein geschicktes Schutzzoll- system reicher machen." Schließlich aber wendet es sich zum Adel und zur Klerisei und sagt:„Die Bourgeois werden sich bereichern; sie glauben es wenig st ens.(!) Das blöde Volk ist satt ge- füttert: Ihr könnt ruhig schlafen." Wenn Clemenceau für solche Zustände die verdammte Klassen- kampftheorie verantwortlich macht, ist es Jaurss, einem besseren Kenner deutscher Verhältnisse leicht, ihn zu widerlegen.„Das deutsche Proletariat", so schreibt er.„hat stets ein hohes Ziel im Auge gehabt. Es hat verstanden, daß es dieses Ziel nicht anders verwirklichen kann als mit Hilfe der politischen Demokratie. Den Versuchungen der kaiserlichen Botschaften zum Trotze, zum Trotze der von den Höhen des Kaiserwms diktterten socialen Versicherung hat es den Kampf wider den Absolnttsmus wie gegen den Kapitalismus allezeit weiter gekämpft, und sein Fehler ist es nicht, und nicht der Fehler des Klassenbewußtseins, von dem es durchdrungen ist, wenn zwischen dem deutschen Proletariat und dem deutschen Bürgertum noch(1??) kein Bündnis zur Eroberung der polirischen Freiheit geschlossen wurde. Der Cäsarismus und die Gegenrevolutton bedürfen eines Pöbels. Aber das Proletariat hört auf Pöbel zu sein, genau in dem Maße, in dem es zur beivrißten Klasse wird...." Kehren wir nach Frankreich zurück! G n e S d e und die französische Arbeiterpartei(parti ouvrier franijais) verstanden wohl. daß es im Zeitalter des allgemeinen Stimmrechts und der Republik nicht mehr genügte, an die Gewalt zu appellieren, und alles Heil von einer plötzlichen Volkserhebung zu erwarten. Trotzdem bleibt für sie die Gewalt nicht mehr das einzige, wohl aber das ent- scheidende Mittel. Sie beteiligten sich wohl an den Kammerivahlen, jedoch nur, weil es gut sei, im entscheidenden Augenblick„ein paar Leute in der Kammer zu haben, auf die man zählen könne". Daß der Zusammenbruch der bestehenden Ordnung nah und unvermeidlich sei, war Guesdes feststehende Ueberzeugung. In den Kämpfen zwischen Opportunismus und Radikalismus konnte er nur ein Spiel mit verteilten Rollen sehen, das das Bürgertum spielte. Hatten beide abgewirtschaftet, so trat der Socialismus ihre Erbschaft an. Unter Berufung auf das eherne Lohngesctz verwarf Guesde die Konsumgenossenschaften und räumte ihnen nur soweit ein Existenzrecht ein, als sie unmittelbar politischen Zielen dienten. Eine Möglichkeit, die Lebenshaltung des Proletariats zu verbessern, sah er in der Kooperation aber nicht. Ebenso erklärte er, daß, solange die kapitalistische Wirtschaftsordnung bestehe, alle Reformen nur Sand in die Augen wären, und gegen die Heranziehung der Arbeitgeber zu socialen Versicherungszwecken wendete er ein, daß die Lasten der Versicherung von den Unter- nehmern unfehlbar auf die Arbeiter überwälzt werden würden. Durch solche grundsätzliche Bedenken sah sich GueSde allerdings nicht gehindert, sociale Reformforderungen in das Programm der fran- zösischen Arbeiterpartei aufzunehmen. Inzwischen setzte er aber alle seine Hoffnungen auf einen Plötz- lichen Zusammenbruch, dessen Anfänge er in der diplomatischen Spannung zwischen Rußland und England zu erblicken glaubte. England, der Weltrepräsentant des Kapitalismus, und Rußland, der des Absolutismus, schienen ihm bereit, in einen Kampf einzutreten, der nicht nur für die beiden Gegner, sondern auch für die von ihnen vertretenen Principien tödlich werden mußte. Der Zusammen- bruch des englischen Weltreichs würde die englischen Arbeiter revoluttonieren, während die Mattsetzung Rußlands die deutsche Klassenherrschaft ihrer besten Stütze berauben und der socialen Re- volution des deutschen Proletariats die Bahn fteimachen würde. Von einer solchen weltpolitischen Wende erhoffte Guesde den Sieg des Socialismus. Solchen Anschauungen gegenüber verteidigt Jaurös die Bedeutung der Demokratie und der legalen Entwicklung, der socialen Reform und deS Weltfriedens: „An das allgemeine Wahlrecht appellieren, sei es auch zu bloßen Agitationszwecken, heißt Vertrauen in das Princip der Mehrheit setzen. Denn diese Agitatton bleibt wertlos, wenn sie nicht eine große Menge von Köpfen erfaßt, sie bleibt wertlos, wenn sie nicht die Leiden und Beschwerden der Besitzlosen ans Licht bringt,' der Richt-Kapitalisten, aus denen beinahe das ganze Volk besteht. ... Jeder Arbeiter kann mitreden, kein plutokrattsches CensuS- Wahlrecht knebelt ihn mehr. Wenn er schweigt, obwohl er stimmen kann, ist er dumm: er ist von Sinnen, wenn er gegen sich selber stimmt. Wenn sich also ein socialistischer Agitator zum Ziel seiner Propaganda nicht die Eroberung der Mehrheit setzt.... so pro- klamiert er die ewige Unfähigkeit oder die unheilbare Krankheit jener Klasse, der er die Herrschaft über die ganze Menschheit an- vertrauen will." „Das Volk braucht volles Licht! Im vollen Lichte wird das Proletariat seinen Sieg sichern, der der Sieg der Civiltsatton ist. Und das allgemeine Wahlrecht, trotz seiner Irrtümer, seiner Unsicher- heiten, seiner Ueberraschungen ist das Licht, ist der helle Tag I... Die Geivalt, sie ist das Dunkle, das Unbekannte: denn niemand weiß, welche von den losgelassenen brutalen Gewalten siegen wird, ob nicht die Revolution, im Augenblick, da sie siegreich die Beute heimträgt, im Finster» von den Knechten der Kirche und des Kapitals.. beraubt wird." Und Jaurss eriimert an das seltsame Zusammentreffen, daß am Tage der Wahl Carnots revolutionäre Demonstrattonen gegen Ferry m Scene gesetzt wurden, gleichzeitig aber auch Boulanger und die Seinen den Staatsstreich der Säbeldiktatur vorbereiteten. Der Veranstalter dieser Demonsttationen (der Blanquist Endes) hätte nicht gewußt, daß er nichts andres sei als ein Posten in den politischen Berechnungen der Staatsstreichler. „Diese Irreführung beweist. daß der revolnttonäre Annif der I Gewalt für das Proletariat nichts andre? sein kann als eine fmcht« bare Täuschung. Auf dem Boden der Sachlichkeit und im fteien Lichte wird es seinen Weg gehen, der wicht ohne Beschwerden ist, aber sicherlich zum Ziele führt." Daß der demokratisch organisierte Stmat so ganz und gar kapi- talistisch sein könne wie die Kapitalistenklasse selbst, und daß seine socialen Reformen deshalb wertlos sein müßten, bestreitet Jaurss. Er weist Guesde ans den Widerspruch hin, daß er gleichzeitig, während er solche Behauptungen aufstelle, von eben diesem Staat Arbeiterschutz, Normal-Arbeitstag und gesetzliches Lohnminimum verlange. Der Streit sei thatsächlich abgeschlossen durch die Polittk der ganzen socialistischen Partei, die in allen Ländern die Verstaatlichung sind Verstadtlichung zahlreicher Industriezweige ansttebt. Guesde habe aber im Jahre 1885 nicht nnr die Kranken-, Alters-, In- validen- und Arbeitslosen-Versicherung, sondern auch alle Versuche der Verstaatlichung oder Verstadtlichung kapitalistischer Unter- nehmungen bekämpft. Ein Zusammenbruch der gegenwärtigen Ordnung als Folge eines großen Krieges sei nicht zu erwarten. Nicht am Kriege, sondcnr am Frieden und an der Abrüstung sei das Proletariat interessiert. Der Zusammenbruch Rußlands würde an den deutschen Verhältnissen nichts ändern— ein so grc tzer Gewinn es auch wäre. die Möglichkeit reaktionärer Interventionen Rußlands ausgeschaltet zu wissen. Denn:„die Erfahrung hat überreichlich bewiesen, daß die Methode der Jnsurrektton nicht die t*n deutschen Socialdemo- kratie sei. Sie rechnet vor allem, man könnte fast sagen, sie rechnet allein auf die Gewalt der gesetzlichen Entwicklung, und wenn auch hinter den Hohenzollern nicht der Schatten der Romanows stünde, würde sie fortfahren, sich durch die langsamen sicheren Eroberungen des allgemeinen Stimmrechts die Zukunft zu sichern." Obwohl Guesde gelegentliche Wahlbündnisse mit den Radikale» nicht scheute(wofür Jaurss nicht ohne Bosheit amüsante Beispiele zu erzählen weiß) lehnte er doch in Konsequenz seiner Auffassung ein Zusammengehen mit den Radikalen ab. Jaurss, der über die demokratische Ideologie zum Socialismus kam— 1885 bis 1389 faß er im linken Centrum der Kammer— hat diese Herkunft und diesen Zusammenhang nie verleugnet. In eiirer etwas melodramattschen Weise, die den ernsten Eindruck seiner sachlichen Ausführungen zu verwischen geeignet ist, schildert er, wie sich in jener Zeit sein lieber- gang zum Socialismus �vollzog. Die Darstellung, die Jaurss von den parteipolitischen Verhältnissen Frankreichs im Jahre 1885 giebt, verlieren durch ihre stark subjektive Färbung keineswegs an historischem Werte. Die ausführliche Polemik, die in den thatsächlichen Bericht verwoben ist, ist höchstens in dem Sinne zu bedauern, daß sie andren nicht minder wichtigen Ansftihrnngen den Raum weg- genommen hat. Man sieht wohl die Ideen, die mit einander kämpfen, in außerordentlicher Schärfe dargestellt, nicht aber die Köpfe, in denen diese Ideen entstanden sind, noch weniger die Gestalten, die diese Köpfe tragen. Besonders hätte das geistige Bild der Radikalen, das uns Deutschen so unverständlich ist, daß lvir in seine Aehnlichkeit leicht einiges Mißtrauen setzen, eine Ergänzung ins Materielle ivohl vertragen. Die innere sociale Struktur dieser Partei wäre sicherlich geeignet, manches begreiflich zu machen. Als eine bewußte bürgerliche Klassenpartei in unsrem Sinne kann die radikale Partei Frankreichs v. I. 1885 nach Jaurss Dar- stellung unmöglich aufgefaßt werden. Die gelegentliche Aeußerung. daß sich Clemenceaus Anhang in Paris vornehmlich aus Arbeiter- kreisen rekrutterte, erklärt manches. Die polemische Schärfe, mit der sich Jaurss gegen Guesde wendet, wird man in Deutschland wohl begreifen können, wenn man auch deshalb die andre Seite nicht vergessen dars. Die Republik, deren Verteidigung wider die Monarchisten Jaurss so sehr am Herzen lag, war die Schlächterin der Kommune gewesen: alle Empfindungen jenes furchtbaren Klassenkrieges waren damals— 14 Jahre nach seiner blutigen Beendigung— noch lebendig. Die fran- zösische Republik war noch nicht stabilisiert, Frankreich mochte noch immer ein Ball gelten, der zwischen der Militärmonarchic und der bourgeoisen Militärrepublik hin- und hergeworfen wurde. Ob der Friede, der zur allmählichen demokratische» Erziehung des Volkes notwendig ist, erhalten bleiben Ivürde, war durchaus ungewiß und die Hoffnung, daß eine plötzliche wirtschaftliche und polttische Erschütterung zu einem allgemeinen Umschwung der Gesinnungen und zu einer eruptiven Veränderung aller Verhältnisse führen würde, durchaus nicht unbegründet._ Ein künftiger Historiker, der Jaurss als Quelle benutzen wird, wird in manchem scharfen wider die französische Arbeiterpartei gesprochenen Tadel nur die Kehrseite großer Verdienste erkennen. In Wirklichkeit ist„die Flinte",„die Barrikade",„der Putsch". „die Insurrektion",«die brutale Gewalt" doch auch von Guesde keineswegs als ein wunderbarer Retter himmlischer Herkunft be- trachtet worden, sondern nur als die unausbleibliche Begleit- erscheinung eines plötzlichen Gesinnungsumschwungs oder-Aufschwungs der Massen, der durch hereinbrechende große Ereignisse bewirkt wird. Auch die vollkommene Demokratte kaim gegen solche Friktionen kein völlig unfehlbares Mittel sein, sicherlich aber ist sie das einzige, das hinreichende Aussicht bietet, nicht solch erfreuliche plötzliche geistige Masscnerscheinungen, wohl aber ihre menschlich traurige» Begleitumstände zu beseitigen. Wollte Jaurss aber die Möglichkeit solcher Maffenbekehrungen zum Socialismus leugnen, so könnte man ihn mit seinen eignen Argumenten schlagen; denn sie leugnen, hieße die Beweglichkeit des menschlichen Geistes leugnen, hieße die Fähigkeit der Massen leugnen, aus großen Thatsachen der Zeit die richtrgen Folgerungen zu ziehen. Eine allzu vorsichtig tastende Politik, eine Politik, die dem klaren Bttck der Massen zeitweilig die großen, grundsätzlichen Unterschiede zwischen bürgerlicher und proletarischer Weltauffassung verschwinden läßt, ist schwerlich geeignet, eine solche Bewegung der Geister vorzubereiten, die, von den Thatsachen revolutioniert, diese selbst wieder revolutionieren. Von dem Grade, in welchen! wirt- schaftliche und polittsche Beschwerden dem Volke zum Bewußtsein gelangen, von seiner Fähigkeit, aus erkannten Thatsachen die richtigen Folgerungen zu ziehen, hängt zum guten Teile das„Tempo der Bewegung" ab, und die Hoffnung aufgeben, daß sich diese Ent- Wicklung m stürmischen Progressionen vollziehen könne, hieße an der Demokratie verzweiseln und den Socialismus vertagen, hieße dein Klassenkampf die Begeisterung nehmen. Für uns Deutsche est es besonders interessant, das Gebiet näher kennen zu lernen, aus dem die beiden Strömungen des französische» Socialismus entsprangen. Auch mag das mitleidige Achselzucken, mit dem ein Clemenceau von deutschen Verhältnissen spricht, vielleicht manchen von denen stutzig machen, die, außerhalb unsres Lagers stehend, wirklich glauben, daß„Deutschland in der Welt voran" ist. Wir sehen aber auch, daß die Polittk der französischen Arbeiter- klaffe mit Verhältnissen zu rechnen hat, die wir uns für Deutschland, ohne Hochverrat in Gedanken zu begehen, gar nicht vorstellen können. Wir begreifen auch, warum sich die französischen Socialisten mittmter blusig zanken, warum der Kampf der Fraktionen dort mitunter eine persönliche Siedehitze erreichen kann, die sachliche Momente völlig auflöst. Für den französischen Socialismus giebt es aktuelle taktisch e Probleme, die glücklich-unglücklicher- weise für uns gar nicht existieren, gar nicht existieren können. Die Darstellungen Jaurss lasten den Platz deutlich genug erkennen, der der deutschen Socialdemokratie in den Reihen des internationalen Socialismus zukommt. Fürs erste— und das ist ihre nationale Aufgabe— hat sie dafür zu kämpfen, daß Deutschlands politische Einrichtungen ftirderhin nicht mehr der Spott bürgerlicher Politiker des Auslandes, nicht mehr das Hindernis einer vernünftigen und friedlichen Entlvickelung seiein Das ist der Kampf gegen die Reaktion der verbündeten herrschenden Klassen, in dem es für uns keine taktischen Probleme giebt, sondern nur die vollkommenste taktische Geschlossenheit gilt. Fürs zweite— und das ist ihre internationale Aufgabe— ist die deutsche Socialdeinokratie dazu berufen, die theoretischen Grund- lagen des Socialismus zu hüten und wissenschaftlich fort zu entwickeln. Gerade weil die eigentlichen Probleme des Socialismus ihrem Tageskampfe— leider!— noch am weitesten entrückt, die Traditionen des größten aller socialisttschen Theoretiker aber in ihr am lebendigsten sind, ist sie vernünftigerweise am ehesten geeignet, ruhig Fragen zu diskutieren, über die man in andren Ländern schon— streitet. Man kann die französischen Socialisten aller Richtungen für höchst ernsthafte Politiker halten, auch wenn man sie ingrimmig aneinander geraten sieht. Denn wenn in Augenblicken, in denen es zu handeln gilt, verschiedene Meinungen auftauchen und die Aktion zum Kunterbunter wird, kann sich leicht das Blut eines ernsten Mannes erhitzen. Die deutsche Socialdeinokratie, in der es über die Richtung des Weges für die nächste Zeit noch keine tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten geben kann, ist deshalb im stände, wissenschaftliche Probleme mit wissen- schaftlicher Ruhe zu behandeln und die Grenze einzuhalten, die theoretische Meinungsverschiedenheiten vom persönlichen Streite trennen. Gottlob, uns fordert kein bürgerlicher Politiker auf, mit der Bourgeoisie im Bunde die Monarchie, die Adels- und Kirchen- Herrschaft zu beseitigen! Gottlob, wir haben keine Demokratie, die uns in Gewissensqualen um die Wahl des rechten Weges stürze» könnte, und die höchst schaudervolle Zählung, wieviele der Partei« genossen unter so geänderten Verhältnissen in ein Kompromiß mit bürgerlichen Parteien eintreten oder sich zur„Evolution� bekennen würden, bleibt uns erspart. Es giebt keinen französischen Socialisten, er mag noch so opportunistisch sein, der, in deutsche Verhältnisse ver- setzt, nicht viel radikaler als unser Radikalster würde. Es giebt keinen deutschen Socialisten, er mag»och so radikal sein, der die Erreichung französischer Zustände in Deutschland nicht als erste Wegstation mit Jubel begrüßen würde. Bei uns stört die Ruhe des Theoretikers kein lärmendes Tagesproblem der Demokratie. Das sind Vorteile, auf die wir nicht eben stolz zu sein brauchen. aber ausnützen können wir sie doch wohl! F. L. - Tuchfabrik-Niederlage Ross-Strasse 2 Ml C.. 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