Nr. 140. RbonnementS'Redlngungen: Sreonncmcntä- Preis pränumerando! Lierteljährl. 3,30 SSM., monatl. 1,10 Ml., wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Bellage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mar! pro Monat. Eingetragen in die Post- ZeitungS. Preisliste. Unter Kreuzband fiir Deutschland und Oesterreich- Ungar» 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Tl. Iahrg» vi« Insertion;-Sedlidr ««trägt für die sechsgespallenc Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschastlichc Vereins- und Versammiungs-Anzeigen 25 Pfg, „Kleine Hnseigcn", das erste(sett- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 1b Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. «rfchtlnt tilg»» uBtr Dlcnlagj. Vevlinev Telegramm-Adreffe: „Sozialdenwlirat Berti»". Zentralorgan der rozialdemokratifchcn Partei Deutfchlands. Redaktion: SM. öS» Lindenstraose 69. Kernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Freitag, den 17. Juni 1904. Expedition: SM. 68» Lindenstraese 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Prentzische Gesetzmacherei. Mit einem bedeutsamen Erfolge der Socialdemokratie schlicht die Tagung des Reichstages. Unsre Interpellation über das preußische Kontraktbruch-Gesetz wurde zu einer beispiellosen Bloß' ftellung der preußischen Gesetzmacherei. Anfangs hatten die bürger- lichen Parteien vielleicht wiederum gedacht, es ließe sich die Taktik anwenden, die socialdemokratische Aktton mit Lug und Spott kurz zu erledigen; die Erklärungen der Konservativen und Nattonal- liberalen waren noch ein Ueberbleibsel dieser ursprünglichen Absicht, die damit gerechnet haben mochte, die Reichsregierung werde wieder wie jüngst es ablehnen, über innere Angelegenheiten Preußens Rede zu stehen. Roch in den berühmten Maireden der Herrenhäusler entriistete sich Herr v. Manteuffel über die besonders arge social- demokrattsche Gemeinheit, daß Bebel einige scharfe Wendungen über die preußische Kontrattbruch-Vorlage im Reichstag zu äußern gewagt habe, die doch so milde sei, daß eine Verschärfung ihrer Straf- bestimmungen„ganz gut" wäre. Wie solle man gegen derartige Angriffe, meinte Herr v. Manteuffel, mit geistigen Waffen ankämpfen? Als damt die Kontraktbruch-Vorlage im Abgeordnetenhause zur ersten Lesung kam, machten nur die Freifinnigen Opposition. Das Centrum zog sich auf eine mittlere Linie zurück und die National- liberalen erklärten ihr Wohlwollen. Aber schon im Abgeordnetenhause spielte sich fast unbemerkt ein Lorgang ab, der die blutigste Verhöhnung der Gesetzesvorlage dar- stellte. Der preußische Justtzminister, der mit seinem Namen den Entwurf gezeichnet hatte, mußte sofort einräumen, daß die Vorlage in der gegenwärtigen Form unmöglich sei und verbessert werden müsse. Das ist die Art, in der man in Preußen ungeheuerliche Gesetze macht. Millionen von Landarbeitern sollen unter ein Aus- »ahmegesetz gestellt werden, das— wie heute im Reichstage der Redner der polnischen Fraktion bemerkte— die Zwangsarbeit, die nach dem Grafen Bülow im Zukilnftsstaat herrschen soll— fiir die ländlichen Arbeiter insofern einführen will, als niemand mehr Arbeit finden darf, der sich aus unerträglichen Verhältnissen„kontrakt- brüchig" befreit hat. Diese gesetzliche Berrufserklärung, mit der die Landarbeiter bedroht werden, wird wie ein„Husarenritt" unter- nommen und ihre gesetzliche Formulierung stellte sich sofort als eine Unmöglichkeit heraus. So gesellt sich zur reaktionären Gewissen- losigkeit die Leichtfertigkeit, die mit dem Schicksal von Menschen wie mit dem Rechte gleichermaßen spielt. »• ♦ lieber den Gesetzentwurf selbst schreibt in der neuesten Nummer der„Socialen Praxis" Professor Francke: «Wir hoffen, daß das letzte Ende der Verhandlungen- ein Begräbnis des Entwurfes sein wird. Er verdient in derselben Grube zu liegen, in die der Reichstag zornig im Herbst 1000 die Zuchthausvorlage unseligen Angedenkens geworfen hat. daß einzelne Arbeitgeber und Vermittler nach dem Wortlaut des Gesetzes von der Strafe ereilt werden. Sinn und Zweck aber ist, die Arbeiter und Dienstboten auf den: Lande entweder an ihren Arbeitsvertrag zu binden, auch wenn dieser unerträglich und unwiirdig ist, oder die Kontraktbrüchigen an der Er- langung neuer Arbeit zu verhindern. Boykott oder Fesselung— das ist die Alternative. Und das thut man Arbeitern und Dienstboten an, die ohnehin schon unter Ausnahmegesetzen leben und ein Mindermaß von Rechten als die übrigen Staats- biirger besitzen: Sie haben kein Koalittonsrecht, der Streik wird besl'rast, der Kontraktbruch gleichfalls; dafür aber haben sie lang- fristige Verträge von oft unerträglicher Härte, die dem modernen Rechtsbewnßtscin und den guten Sitten häufig widersprechen. In zahl- reichen Fällen ist der Vertragsbruch der einzige Weg, auf dem der ländliche Arbeiter und Dienstbote sich aus Not und Schmach retten kann. Wir verurteilen jeden Kontraktbruch an sich, aber nirgends giebt es so viele mildernde Umstände dafür als beiin Landarbeiter und beim Dienstboten, deren ganze Persönlichkeit von dem Arbeitsvertrage erfaßt und beherrscht wiro." „Ganz glücklich sind natürlich die Socialdewokraten über diesen neue» prachtvollen Agitationsstoff, der ihnen den bisher oft so schwierigen Zugaug zu deu Landarbeitern eröffnet. Sofort haben sie auch die Gelegenheit ergriffen und im Reichstage eine Interpellation eingebracht. Ob diese Freude der Socialdemokraten den Anhängern des Gesetzes die Augen öffnen wird? Oder macht sie die trügerische Hoffnung auf eignen Nutzen blind für die Folgen ihres Thuns? Dieses Gefühl muß den bürgerlichen Parteien auch über Nacht gekommen sein. Man empfand, daß man diesmal der Social- d emokratie nicht das Anklagemonopol überlassen dürfe, noch dazu auf einem Gebiete, wo die Gefahr bestand, das ganze Landproletariat dem„Umsturz" zu gewinnen. Die Verhandlung über unsre Jnter- pellatton im Reichstag gestaltete sich geradezu zu einer feigen und ängstlichen Flucht vor dem Gesetz, für das man eben noch so viel Wohlwollen geäußert hatte. Alles rückte von diesen preußischen Gesetzmachern ab. Stadthagen begründete in fast 2>/z stündiger, die ganze Materie erschöpfender Rede die Jnterpellatton.' Er wies die formelle Unvereinbarkeit mit Reichsgesetzen und die sachliche Verwerflichkeit dieses brutalen Ausnahmegesetzes nach. Herrn Nieberding war die beschämende und verwirrende Aufgabe zugefallen. daS Erzeugnis der preußischen drei starken Männer Podbielski, Hammerstein, Schönstedt zu alimentteren. Der Anne wandte sich wie ein Paragraph, um doch seiner Aufgabe Herr zu werden. Ja, in einem Anfall von selbstmörderischer Verzweiflung gestand er mit verblüffender Offenherzigkeit ein: die Vorlage sei in ihrer jetzigen Form allerdings derart, daß die Kompetenzen des Reiches und der Einzelstaaten verwischt würden. Damit war alles zugegeben, und die juristischen Verrenkungen, die dieses Ge- ständnis begleiteten, verzichteten von vornherein auf jede Wirkung. Im Hause waren die starken Männer anwesend: die K r ö ch e r und Oldenburg. Als Herr v. Kröcher sich erhob, erwartete man eine Rede. Aber er strebte lediglich nach den Lorbeeren des Herrn v. Normann. Er war s 0 stark, wie man es selbst von ihm nicht erwartet hätte. Er glaubte einen tödlichen Witz zu entsenden, als er in einem Satz konstatierte, die Socialdemokratte habe kein Recht, die Gesetze des Reiches zu verteidigen, da fie ja dieses Reich vernichten wolle. Der Erfolg dieser Eingebung seiner„schneidigen Muse" aber blieb aus. Man war in keiner Herrenhausstimmung. Das allgemeine Wahlrecht— die Kröcher wollen ja diese Grundlage des Deutschen Reiches vernichten— gestattet nicht die Bequemlichkeit, ohne geistige Waffen auszukommen. Herr v. Kröcher wurde aus- gelacht und ziemlich verdrießlich zog er sich in sein Inneres still zurück. Der Freisinnige Müller- Meiningen ging frisch mit guten und scharfen Gründen gegen das Gesetz los, auch Herr D 0 v e von der Freisinnigen Vereinigung und der Pole Brejski zerzausten das preußische Fabrikat. In einer ganz besonders fatalen Lage befand sich das Centrum. Auf seine Anregung und Zustimmung ist ja die Vorlage im Grunde zurückzuführen. Herr Herold versuchte den Rückzug, den er schon im Abgeordnetenhause ausgeführt hatte. Das Centrum wollte nicht, daß alle Arbeitgeber bestraft würden, die kontraktbrüchige Arbeiter in Dienst nähmen, sondern nur diejenigen, die direkt zum Kontrakt- bruch verleiten. In diesem Sinne würde mau die Vorlage abzu- ändern versuchen. Das Leugnen ist vergeblich. Es steht fest, daß schon am 4. Juni 1902 der Centrums führer Fritzen im Abgeordnetenhause ausdrücklich das Einverständnis seiner Fraktion erklärte, baß Arbeitgeber bestraft würden,„welche in doloser Weise die Arbeiter zum Kontraktbruch verleiten,»der welche solche Arbeiter, wissend, daß sie im Kontraktbruche stehen, dennoch in doloser Weise zur Arbeit annehmen und darin behalten". Das aber ist der Inhalt dar jetzigen Vorlage, die auf einmal das Centrum nicht gewollt haben will. Jämmerlich haltlos und zugleich komisch wie immer waren die Nationalliberalen, deren Redner— im Abgeordnetenhause hatte man sich mit dem EntWurfe einverstanden erklärt— Bedenken äußerte, aber die Jnterpellatton für verfrüht erklärte; man solle doch erst warten, was aus der Vorlage würde. Das ist nationalliberal: sie protestieren erst dann gegen die Gesetze, wenn sie Gesetzeskraft er- langt haben. Herr G a m p von der Reichspartei war über den Gang der Debatte so fassungslos geworden, daß er sich, nachdem er gegen den „Herrn Müller" und gegen socialdemokrattsche Verleumdungen pattiarchalisch gepoltert, sogar zu der Behauptung verstieg: seine Partei sei stets gegen die Bestrafung des Konttaktbruchs gewesen. Das hätte Herr v. Stumm noch erleben müssen. In knappen, eindringlichen Worten faßte unser Genosse Haase, der aus seiner Königsberger Anwaltspraxis das ganze Elend des ländlichen Proletariats kennt, das Ergebnis der Debatte zusammen. Er hob besonders hervor, daß auch die Abschwächung, auf die sich das Centtum jetzt zurückziehen wolle, außerordentlich gefährlich sei und die Rechtsunsicherheit der Landproletarier, die schon jetzt herrsche, noch verschärfen werde. An ein paar erschütternden Fällen wies er nach, wie schon heute die Gerichte über„konttaktbrüchige" Arbeiter entscheiden. Wir können mit dem Erfolg unsrer Interpellation zufrieden sein. Ueber die preußischen Gesetzmachcr ist ein vernichtendes Urteil ge- fällt worden. Verteidigt hat die Angeklagten niemand. Aber die Gefahr ist nicht vorüber. Es gilt nunmehr die Landbevölkerung selbst aufzuklären über das, was ihnen bevorsteht, und dann endlich auch für die Rechtlosen des Landes Schutz und Freiheit von Reichs- wegen zu schaffen. politifcke(leberfickt. Berlin, den 16. Juni. Reichstag. Nachdem die Besprechung der Interpellation über das preußische Kontraktbruch-Gesetz beendet war, ging der Reichs- tag an die rasche Erledigung der Gesetze, die vor der Ver- tagung unter allen Umständen verabschiedet werden sollten. Es wurde zunächst der Nachtragsetat für die Schutzgebiete, welcher die Gelder für die Bahn Dar-es-Salaam-Mrogoro und die Togo- bahn bereit stellt, und ebenso die Entwürfe dieser Bahn selbst in dritter Lesung genehmigte; der Servistarif, der mit der Klasseneinteilung der Orte verbunden bleibt, nach den Beschlüssen der zweiten Lesung unverändert angenommen, das heißt so, daß er nnr bis zum Jahre 1966 gilt. Ein eigentlicher Kampf entspann sich noch bei der dritten Lesung der Kaufmannsgerichte. Für unsre Partei erklärte Genosse Singer, daß wir unbedingt an dem aktiven und passiven Frauen-Wahlrecht festhalten und der Heraufsetzung des akttven Wahlalters auf 25, des passiven auf 80 Jahr unter keinen Umständen zustimnien können. Er verspottet den Reichskanzler und den Staats- sekretär, denen er ein wenig von dem Verständnis für die Forderungen der Frauen wünschte, das ihre Frauen gegen- über dem internationalen Frauenkongrcß soeben bewiesen hätten. Aber ihm schlössen sich nur die freisinnigen Parteien an. Die übrigen Parteien stimmten den bekannten Kompromiß- antrügen zu, die sich den'Regierungswünschen in Bezug auf Frauenwahlrecht und Wahlalter fügen und nahmen in dieser Form das Gesetz endgültig an. Schließlich hielt das Haus nach einer viertelstündigen Pause noch eine neue Sitzung, die hundertste, ab, um auch noch das Gesetz zur Abänderung des Reichs-Schuldbuches in der dritten Beratung zu erledigen. Nachdem dies geschehen war, verlas der Reichskanzler die Vertagungsurkunde, die den Reichstag mit seiner Genehmigung bis spätestens zum 29. November vertagt. Nach den üblichen Ceremonien ging der Reichstag in die Ferien.— Preußisches Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus erledigte am Donnerstag eine reichhalttge Tagesordnung. In dritter Lesung gelangte das Wildschongesetz und in zweiter Lesung die Sekundärbahn-Vorlage zur Annahme. Ein zur Sekundärbahn-Vorlage gestellter An- trag Herold(C.), wonach die Regierung ersucht wird, dahin zu wirken, daß eine Verzinsung und Amorttsatton der zum Bau von Nebenbahnen der Staatsregierung überwiesenen Grunderwerbszuschüsse aus den Reineinnahmen der betr. Eisenbahnsttecken gewährt werde, insoweit diese eine Ver- zinsung des Anlagekapitals von 5 Proz. übersteigen, wurde der Regierung zur Erwägung überwiesen. Ein weiterer, von dem Abg. Freiherrn v. Zedlitz(fk.) gestellter Antrag bezweckt die Regelung des Ausbaues des Staatsbahnnetzes. Es sollen danach beim Bau neuer Linien neben dem Verkehrszuwachs andrer Bahnsttecken auch die von der neuen Linie zu er- wartenden Frachtermäßigungen berücksichtigt und fiskalische Rücksichten zurückgestellt werden, sobald wesentliche Verkehrs- politische Gesichtspunkte vorliegen; weiter soll der Ausbau bauwürdiger Linien durch leistungsfähige und zuverlässige Privatuntcrnehmungen gefördert werden, sofern der Staat zum Ausbau nicht bereit ist, und endlich soll notleidenden Landstrichen eine besonders wirksame Fürsorge durch Anschluß an den Eisenbahnverkehr zu teil werden. Der Anttag wurde nach kurzer Beratung der Budgetkommission überwiesen. Mit unwesentlichen Aenderungen nahm das Haus dann noch in zweiter Lesung den Gesetzentwurf betreffend die Be- strafung des Spiels in außerpreußischen Lotterien, und weiter in dritter Lesung den Gesetzentwurf betteffend die Ver- tretung des Staatsfiskus auf den Kreistagen und bei den Wahlen für den Provinziallandtag in Posen sowie in zweiter Lesung den Gesetzentwurf betteffend die Verpflichtung zum Besuch ländlicher Fortbildungsschulen in Hessen» Nassau an. Freitag: Kleinere Vorlagen.— Saarabien im Landtage. Fast die gesamte bürgerliche Presse hat den Saarbrücker Prozeß totgeschwiegen. Sie verwandelte sich in ein HilgerscheS SchlafhauS, in das keine Meinung hineinkommen kann, die den Mächtigen nicht gefällt. Obwohl das ganze System der preußischen Staatsindustrie vor Gericht stand, obwohl die unerhörtesten Dinge gerichtskundig wurden, sogar obwohl es„Sensattonen" die Fülle gab, blieb man stumm. Die ganze Scherl-Presse regte sich nicht. Von der liberalen Presse Berlins brachte nur die„Vossische Zeitung" ausfiihrlichere Berichte, von der konservattven nur die„Post". Auch die„Morgen- post" hatte keinen Raum. Aber selbst die„Germania", die doch die Angelegenheit zunächst angehen sollte, brachte kein Sterbenswörtchen. Ihre Leser werden denn nicht wenig überrascht sein, als sie heute das Folgende lasen: „Der Beleidigungsprozetz in Saarbrücken, über den wir in den letzten Tagen ausführlich berichtet haben— sthatsächlich hat sie erst am 1 ö. I u n i, als ihr die Jnterpellatton wohl schon bekannt geworden war, einiges aus dem Prozeß erwähnt)— wird nun noch— wie vorauszusehen war— ein parlamentarische» Nachspiel erfahren. Von dem Abg. Marx ist nämlich mit Unter« stützung der gesamten Centtumsftaktion im preußischen Abgeordneten- Hause folgende Interpellation eingebracht worden: Hat die königliche Staatsregierung Kenntnis genommen von den im Prozeß gegen den stüheren Bergarbeiter Krämer in Saarbrücken ergangenen Zeugenaussagen iiber Wahl- bedriickungr» und Wahlkonttollen, wie sie nach diesen Aussagen von Beamten der königlichen Bergwerksdirektion zu Saar- brücken vorgenommen worden sind? Was gedenkt die königliche StaatSregiernng zu thun, um der Wiederkehr solcher Vorkommnisse endlich und endgültig Einhalt zu thun? Da diese Jnterpellatton in den nächsten Tagen im Ab- geordnetenhause zur Verhandlung kommen wird, so glauben wir, bis dahin von einer Erörterung dieser Angelegenheit absehen zu sollen." Wir wollen hoffen, daß nichts dazwischen kommt und daß die Interpellation, die nach der Geschäftsordnung des Abgeordneten- Hauses leicht verhindert werden kann, noch vor den Ferien wirk- lich beraten wird. Man munkelt nämlich bereits von allerlei Schwierigkeiten. Wenn dann die Nattonalliberalen in der Verteidigung Saar- brückens sich ans Oberschlesien berufen, so kann die Beratung wertvoll werden.—_ Das verzweifelte Finnland. Seit Jahren wird Finnland durch russische Barbarenwillkür niedergetreten. Vergewaltigung über Vergcwalttgung wurde über das treffliche Volk verhängt. Ungeheuere Erbitterung mußte sich aufsammeln. Jetzt bricht die Erbitterung und Verzweiflung des schmählichst getretenen Volkes in die Antwort der Gewalt aus wider das oberste Werkzeug des zarischen Systems, wider de» Generalgouverneur Bobrikow gekehrt. Es wird gemeldet: Helfingfors, 16. Juni. Gencralgouverneur Boirikow wurde heute vormittag im Senat von einem Senatsbcamten durch Revolver- fchüsse schwer verwundet. Der Thäter hat sich erschossen. Helsingfors, 16. Juni.(Meldung der Russischen Telegraphen- Agentur.) Generalgouverneur Bobrikow ist von zwei Kugeln ge- troffen, deren eine in den Unterleib drang und eine schwere Ver- Wundung verursachte. Der Mordanschlag geschah auf der Treppe des Senats.— DeutfcKes Reich. „Ein unliebsames Vorkommnis'. Da?„Offenbacher Abendblatt", unser Partei-Organ, war am 20. Februar d. I. in der Lage, Mit- teilungen aus dem geheim gehaltenen Entwurf des Waren- Verzeichnisses zum neuen Zolltarif zu veröffentlichen. Der„Vor- wärts" sowie die übrige Presse haben diese wertvollen Mit- teilungen übernommen und weiterverbreitet. Jene Mitteilungen zeigten, wie die Regierungen sich beeifeni, ihre Hochschntzzoll-Politil durch chikanöse Bestimmungen des Warenverzeichnisses und der Zoll- abfertigung noch weiter zu verschärfen. Es wird uns bekannt, daß diese Veröffentlichung jener Rc- giernngsabsichten argen Verdruß bei ihren Urhebern erregt hat. ES ist daher bald nach der Veröffentlichung ein Schreiben des Schatz- kanzleramtes ergangen, in dem über das„unliebsame Vorkommnis" geklagt und nochmals um die strengste Geheimhaltung ersucht wird. Wir meinen, die Regierungen könnten sich allen Verdruß und alle derartigen Mahnungen ersparen, wenn sie sich der ganz u n- nötigen und doch undurchführbaren Geheimhaltung von Akten- stücken enthalten würden, welche die gesamte Oeffentlichkeit interessieren und der öffentlichen Diskussion unterliegen müssen. Der Herr Schatz- sekretär sieht: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Socialdemokratie.— Der Hilger ist los! Der„SimplicissimuS" brachte nach der Brüsewitz-Äffaire einmal ein Bild mit der Ueberschrift:„Der Lieutenant ist los." Es wird da dargestellt, welche Panik dieser Schreckcnsrnf überall hervorruft. Eine ähnliche Wirkung scheint im Bezirk Halle die Nachricht gc- habt zn haben, der Geheiinrat Hilger solle von Saarbrücken nach Halle versetzt werden. Wenigstens ist folgendes Telegramm noch ganz von Schrecken und Furcht erfüllt: Halle a. d. S., den 16. Juni. Die Nachricht von der Ver- setzung des Bergrats Hilger von Saarbrücken nach Halle, die im hiesigen Bezirk Vcunrnhigung hervorgerufen hatte, wird nach der „Hall. Ztg." als unzutreffend erklärt. Das sieht beinahe so ans. als ob man in Halle in Bezug auf Herrn Hilger ganz umstürzlerisch den„Zuzug fernhalten" will.— BolkSschnlkampf in Württemberg. Stuttgart, 16. Juni. Die Kammer der Abgeordneten hat in ihrer heutigen Sitzung bei der Beratung von Petitionen über die gescheiterte Volksschulnovelle verhandelt und mit 62 gegen 17 Stimmen< Centrum und zwei Privilegierte) eine Resolution angenommen, besagend: Die Kammer der Abgeordneten überweist, nachdem die Kammer der Standesherren den Gesetzentwurf zu Fall gebracht hat, die Eingaben des Württcmbergischen Volksschullehrer- Vereins und des katholischen VolkSschullehrer-Vereins betreffend die zeitgemäße Gestaltung der staatlichen Aufsicht über die Volksschule der königlichen Regierung zur Berücksichtigung und spricht die Er- Wartung aus, daß es der Regierung gelingen werde, diese Reform gebotenen Falls durch»»verweilte Einleitung einer Berfassungs- revision zur Durchführung zu bringen. Der Kultusminister Dr. v. Weizsäcker erklärte im Laufe der Sitzung, daß die Staatsregierung von ihrem Standpunkt aus gegen die Annahme der Resolution nichts zu erinnern habe. Die Regierung habe alles für die Volksschule gethan und weise etwaige politische Folgen, die sich aus dem Scheitern der Novelle ergeben, weit von sich. Sie wisse sich mit der Mehrheit dieses Hauses darin einS, daß im Interesse einer notwendigen Förderung der Volksschule auf die Regelung der in der gescheiterten Novelle behandelten Fragen nicht verzichtet werden könne. Die Regierung werde daher auf sie zur rechten Zeit zurück- kommen und sich überlegen, ob nicht auch dringenden Bedürfnissen auf dem Gebiete des Volksschulwescns ausdemVerwaltungs- Wege abgeholfen werden könne.— Südtvestafrikanisches. Die Händler nicht die allein Schuldigen. In einem Ende April aus Windhuk an die Deutsche Kolonial- gesevschaft abgesandten Privatbriefe heißt es mit Bezug auf die amtlichen Berichte in Nr. 7 des KolonialblatteS: „Es herrschte unter der Bevölkerung allgemeine Er- regung darüber, daß die Herren Oberlichter Richter und Bezirks- amttnann Duft als U r s a ch e des A u f st a n d c s einfach die Uebergriffe der Wanderhändler bezeichnen,„was ebenso bequem wie kurzsichtig ist. Als Herr Duft von den Vor- würfen hörte, teilte er uns mit, daß ans seinem amtlichen Berichte bei der Veröffentlichung die weiteren von ihm angesührtcn Gründe wie Reservate usw. fortgelassen seien, wovon wir öffentlich Gebranch machen wollen." Weiter heißt es dann:„Es ist von feiten der Regierung uu- gerecht, den Händlern die Schuld zuzuschieben, was schon daraus hervorgeht, daß die H e r e r o s die Händler Martens auf O t j o t a f u und Ludwig C o n r a d t vom Nosob am Leben ließen; letzteren setzten sie ans ein Pferd, gaben ihm Proviant und schickten ihn fort. Auch hat Samuel Befehl gegeben, die Kanflente Nitsche, Schmcrcnbeck, Voigts und Wecke nicht totzuschlagen. Ein derartiger Befehl über Beamte ist nicht bekannt geworden." Man entschuldigt also die Händler dadurch, daß man die Beamten anklagt! Uebrigens beweist die einzelnen Händlern wider- fahrene Schonung wohl, daß die HereroS ernstlich bemüht waren. zwischen Schuldigen und Nichtschuldigen sorgfältig zu scheiden, aber ganz und gar nicht, daß die Mehrzahl der Händler durch ihr Ver- halten nichts verschuldet hätten. Denn gerade der Vriefschreiber betrachtet ja die Ermordungen der HereroS als Racheakt für persönliches Verschulden I lieber die Thphnscpidcmie macht ein weiterer im„Fränk. Kur." vorliegender Privatbrief eines gegen die HereroS im Felde stehenden Marinesoldaten, datiert vom 19. M a i aus JackalS water und gerichtet an seine in Ansbach lebenden Verwandten recht trostlose Mitteilungen. Er giebt ferner Einblicke in die Stimmung des Briefschrcibcrs, die auch die- jenige der meisten seiner Kameraden ist, in den Stand der Typhus- epidemie und in das Leben im Busch. Die markantesten Stellen lauten: „Die Sehnsucht aller nach der Heimat ist groß: hoffentlich kommen wir bald wieder nach Deutschland zurück. Am 23. Mai wollen wir wieder ein Kesseltreiben veranstalten: da werden wohl wieder viele Hereros fallen, und unser Seebataillon vielleicht auch vollends. Man kann sagen, daß vielleicht nur»och der vierte Teil von den Marine Mannschaften vor- Händen ist, die mit mir herübergekommen sind. Die Hälfte ist gefallen und die andern liegen am Typhus schwer darnieder. In SeeciS und Waldan find allein 107 Seebataillon er am Sterben, und von den bei Major Glafcnapp stehenden sind nur noch 30 Mann am Leben, lvornnter auch ich mich befinde."_ Das„Volksfest" des HalSbrechenS. Jedermann ans d e m Volke. Von allen offiziellen Ver- anstaltnngen des letzten Jahres soll auch das Gordon Vennet- Rennen, das an diesem Freitag den schönen Taunus nnsicher inachen wird, zu einer ivclthistorischen Schaustellung lverde». Ans der großen Oper weiß man, daß zn jeder ordentlichen Handlung auch „Volk" gehört, und so bemüht man sich auch, für den Benzin-Wett- kämpf die Massen zu gewinnen. Die Frankfurter Unternehmer ver- senden Rundschreiben, in denen das Personal von Druckereien usw. aufgefordert wird, Urlaub für das Gordon Bennet-Rennen zu nehmen, damit es zu einem„Volksfeste" werde, dem„Jedermann" beilvohnt. Wir erwarten, daß nun auch das Unternehmertum Franksiirts für den„Urlanbstag" vollen Lohn gewährt und außerdem dem bei solchen Gelegenheiten so beliebten„Jedermann" 60 M. für einen Tribünenplatz spendet: denn„Jedermann" wird doch nicht im Ge- dränge und Staub stehen sollen. Hat dann„Jedermann" den Lohn und die S0 M. empfangen, so wird er, falls er normalen Geistes ist, mit seiner Familie irgendwohin in die Freiheit fahren, wo das Gordon Bennet-Rennen nur wie eine Fabel aus unholden Zeiten düster und geheimnisvoll umgeht. Die Monarchen. Großer Schmerz tobt um die Saalburg. Alle fremden Fürstlichkeiten und Staatsoberhäupter haben abgesagt: König Eduard, Franz Josef, Humbert, Loubet. Nur der Sultan von Lahore vertritt den exotischen Monarchismus. Und dann ist auch der Montenegriner da. Unnachahmlich fügt eine Benzin- Korrespondenz dieser Trauer- künde aufatmend und tröstend hinzu: lim so reicher wird die Kaiser- Tribüne an der Saalburg von deutschen Fürstlichkeiten besetzt sein. Mit dem Kaiser kommt Prinz Heinrich, der vergötterte Liebling der Automobilisten, als Protektor des deutschen Automobil- Verbandes. Von seiner Fahrgcschicklichkeit .und seinen mit gutem Humor ertragenen Automobil- Abenteuern wissen manche Fahrer nicht genug zu erzählen, wobei natürlich auch viel Auto-Latcin mit unterlaufen mag. Mit ganz besonderem Stolze erfüllt es die Herren naturgemäß, daß in den letzten Tagen nun auch der Kaiser einen eleganten Selbstfahrer bestiegen hat und, mit Huppe, Steuer und Bremse wohlvertraut, seine Fahrten bis ins Döberitzer Lager und bis nach Potsdam ausgedehnt hat." Auto-Ferien? Antomobilfreundliche Kreise sollen erwarten, daß die Ober-Schulbchörde von Wiesbaden für den Renntag Ferien giebt. Die Schuljugend soll sich für den„Wettstreit zwischen der deutschen und ausländischen Industrie" begeistern können. Nächstens werden wir erlebe», daß man einen internationalen Stierkampf veranstaltet und die Kinder dazu einlädt, damit sie sich „begeistern" für den Wettkampf zwischen deutschen und ausländischen Stieren, und so die Kraft des nationalen Rindviehs schätzen lernen. Die Korrespondenz, der wir die Nachricht entnehme», fügt übrigens hinzu: „Angesichts der Thatsache, daß der Kaiser trotz dringender Vorstellungen des Deutschen Automobilklubs nur 1500 Soldaten zur Absperrung bewilligt hat und der Klub trotz größter Mühe die noch fehlende Wachmannschaft nicht ganz heranzubringen ver- mochte, erscheint es geratener, die Schuljugend von dem Schauspiel fernzuhalten, einmal wegen des dabei nnverhüllt zn Tage tretenden, unvermeidlichen„Schnclligkcitsivahnsinns" und wegen der innnerhin möglichen Unglücksfälle, was kaum einen günstigen Einfluß auf das Kindergcmllt haben dürfte, und dann zum andern aus der rein technischen Erwägung, daß die Anivesenheit der Kinder eine doppelte Sicherung der Rennstrecke verlangen würde." Höllisches. Die mehrfach erwähnte Korrespondenz schreibt von den Genüssen der Vorrage: Eine Fahrt auf der Rennstrecke, gleichviel in welchem Gefährt, noch lveniger aber ein Spaziergang gehörte zu den Annehmlichkeiten dieser Erde. Alle Augenblicke sauste ein Rennwagen in der charakteristischen Projektilform vorüber, höllischen Lärm und noch höllischeren Gestank verbreitend. Geschwindigkeiten bis zu 120 Kilo- meter in der Stunde waren nichts Seltenes und wie ein Wunder mutet eS den, der die pfauchenden Ungetüme aus nächster Nähe beobachten konnte, an, daß außer einem gestern umgeworfenen Reisewagen und einem heute von Sallerons Mors Wagen an- gerannten Telegraphenstange kein weiteres Unheil zu vermelden war. Der Taunus wird aufatmen, wenn sich die Todeswagen und mit ihnen die penetranten Benzin- und Oelgerüche aus seinen sonst so würzig duftenden Wäldern wieder verzogen haben werden. Zur Förderung des Verkehrs. Für das Rennen ist eine besondere Polizeiverordnung ausgearbeitet worden, der wir folgende Kleinigkeiten entnehmen: § 2. Die Straße», welche die Gordon Bennet-Rennstrecke bilden, sind mit der im§ 6 vorgesehenen Ausnahme am 17. Juni 1904 von 6 Uhr morgens bis zum Schluß des Rennens, welcher amtlich verkündet werden wird, für jeden Fußgänger-, Fahr-, Reit- und sonstige» Bcr- kehr gesperrt. 8 4. Die im Reimen laufenden Kraftwagen sowie die im Renndienst stehenden Kraftfahrzeuge sind während der Dauer des Rennens mit der in§ 6 vorgesehenen Ausnahme einer Beschränkung der Fahr- gcschwindigkeit aus der Rennstrecke nicht unterworfen. 8 s. Sämtliche in die Rennstrecke einmündenden Straßen und Wege sind für die Dauer des Rennens(§ 2) vor ihrer Einmllndnng in die Rcnnstraßc gesperrt. 8 6 bestimmt dann, daß die Ortschaften Usingen, Weilberg, Limburg. Königstei», Oberursel und Homburg von dein eigentlichen Wcttrennbctriebe ausgenommen seien: hier dürfen die Wagen nicht schneller als 15 Kilometer die Stunde fahren. Indessen wird auch hier hinzugefügt:„Aiif polizeiliche Anordnung kann jedoch im Interesse deS RcnnenS eine zeitweise Beschränkung des Verkehrs statt- finden." 8 7. In den nicht neutralisierten Ortschaften, durch welche die Renn- strecke führt, werden erforderlichen Falls neben der Rennbahn durch Drahtgitter gegen sie abgrenzende Fußgängerpfade eingerichtet. Diese Pfade dürfen nur bei dringender Notwendigkeit benutzt werden. Unnötiges Verweilen oder Stehenbleiben auf ihnen ist un- statthaft. 8 0. Es ist verboten, auf den zur Vennittelnng des Verkehrs zwischen beiden Seiten der Rennbahn dienenden Fußgängerbrücken und Unter- führungen länger als zum Passieren notwendig ist, zu verweilen. HuöUnd. Frankreich. Die Karthäuser- Millionen. Paris, 15. Juni. Bei seiner Vernehmung vor der parlamen- tarischen Kommission zur Untersuchung der Karthäuser-Angelegenheit präcisierte Ministerpräsident Combes seine in der Kammer über diese Sache abgegebenen Erklärungen! und legte aus- sührlich die Thatsachen dar. Ter Ministerpräsident wies die Un- richtigkeit der gegen seinen Sohn Edgar erhobenen Beschuldigung nach. Schritte in der Angelegenheit unternommen zu haben, und zeigte, daß Lagrave sich der Verwerflichkeit des Auftrages nicht be- tvußt gewesen sei, mit dem er an. den Generalsekretär des Ministeriums des Innern Edgar Combes betraut war. Lagrave habe Edgar Combes mitgeteilt, daß eine andre Person ihm einen Auftrag zu übermitteln habe, ohne jedoch selbst einen solchen zu haben. M i l l e r a n d, der darauf vernommen wurde, erklärte: C h a b c r t habe keine Beziehungen zu dieser Sache. Von der Zwei- Millionen- Angelegenheit habe er(Millerand) erst durch die Mitteilungen Lagravcs Kenntnis erhalten. Er sei Chaberts Advokat gewesen. 1902 habe sein ehemaliger Kabinettschef Lagrave ihm mitgeteilt, daß Chabcrt eine große Summe für Wahlzwecke hergeben wollte. Am 28. April 1903 habe Lagrave ihm telegraphiert. Trouillot wünsche den Namen Chaberts zu wissen. Er(Millerand) habe es für unrichtig gehalten, daß die Namen von Personen, die dem Kabinett Waldeck- Ziousseau ihren Beistand ge- liehen, der Oeffentlichkeit überliefert würden. Er sei dann zu Trouillot und Combes gegangen. Es geht weiter aus MillerandS Aussage hervor, daß Chabert jene Summe vor den Wahlen dem Komitee Rcpublicain du Commerce zugestellt hatte, das den ministeriellen Kandidaten patronisierte. Die Hergabe der 100 000 Frank durch Chabert stehe in keiner Beziehung zur Karthäuser- Affaire.— Türkei. Heber die armenischen Metzeleien wird von dem offiziösen Wiener Telegraphenbureau aus'Musch über Konstantinopel ge- nicldet, daß vom 25. April bis zum 29. Mai dieses Jahres im Bezirk Sassun 3000 armenische Männer, Frauen und Kinder getötet, 50 arnienische Dörfer zerstört und in der Stadt Müsch 31 Armeniern gehörende Läden demoliert worden seien. Die Zahl der in Müsch befindlichen Flüchtlinge belaufe sich auf 1000, welche nahezu ohne alle Lebensmittel seien. Ohne das Dazwischentreten des französischen Konsuls in Müsch wäre es zu einer großen Metzelei in der Umgehung dieser Stadt gekommen. Im Sandschak Müsch sollen aber die Grau- smnkeiten gegen die Armenier noch fortdauern. Der armenisch- gregorianische Patriarch Ormanian protestierte sehr energisch gegen diesen Zustand.—_ Der Krieg in Ostasien. Zlvei blutige Gefechte scheinen am Sonnabend und am Dienstag aus der Liaotnng- Halb- insel zwischen den Japanern und den russischen Truppen unter General Stackelberg stattgefunden zn haben. Ucber das zweite, am Dienstag stattgesimdene Gefecht liegt eine amtliche russische Meldung vor. Ein Petersburger Telegramm vom 16. meldet: Petersburg, 16. Juni. Wie Generaladjutant Knropatkin unter den, gestrigen Datum meldet, wurden auf russischer Seite im Kampfe bei Wofangou am 11. Juni 24 Offiziere und 311 Manu getötet oder verwundet, und zwar verlor das 1. Schützenregiment 12 Offiziere und 200 Mann und die 1. Artilleriebrigade 6 Offiziere und 50 Mann. Die Nacht auf den 15. Juni verlief ruhig. Gegen 2 Uhr morgens hatte die Vorpostenkette auf dem rechten russischen Flügel ein kurzes Scharmützel. Um 5'/.z Uhr morgens begann auf dem linken russischen Flügel eine Kanonade. Schon früher, gegen 5 Uhr morgens, bemerkte die Kavallerie aus dem rechten Flügel bedeutende' feindliche Streitkräfte südlich von Tnfanschin. Die japanische Infanterie eröffnete das Feuer auf die russische Kavallerie, die sich auf den Höhen zwischen Tafanschin und Lunkoo befand. Der Feind stand an einem Waldrande, etwa zwei Werst von diesen Höhen entfernt. � Gegen Ö'/a Uhr morgens machte der Gegner in einer Stärke von etwa einem Regiment Infanterie mit Artillerie aus diesem Walde einen Vorstoß zwischen Tafanschin und Lunkoo. Inzwischen war die Kanonade auf dem linken russischen Flügel lebhafter geworden. Um 6Vz Uhr ging General Baron Stackelberg mit einem Teil seiner Streitkräfte unter Umgehung des rechten feindlicben Flügels in der Richtung auf Fafanwozen und Gonin zum Angriff vor. Einen andern Teil seiner Truppen schickte er gegen die Front des Gegners. Gegen 10 Uhr morgens entwickelte der Feind gegen den rechten russischen Flügel etlva eine Brigade Infanterie mit einer Batterie und Kavallerie und machte nach Zurückdrängnng der russischen Kavallerieabteilung den Versuch, über Lunkoo den rechten Flügel der russischen Stellung zu umgehen. Um dies zn verhindern, schob Baron Stackelberg um Vzll Uhr seine Reserve von Ssissan vor. Die gesamte Streitmacht der Japaner, die inzwischen be« deutende Verstärkungen herangezogen hatten, betrug um diese Zeit mehr als drei Divisionen. Bei diesem Gefecht sind dieser Meldung nach auf beiden Seiten starke Truppenanfgebote ins Feuer geführt worden; drei japanische Divisionen, denen wahrscheinlich mindestens zwei russische Divisionen gegenüber gestanden haben werden. Aller Boraussicht nach dürfte am 15. da§ Gefecht fortgesetzt worden sein. Diesem Gefecht am Dienstag soll nun nach mehreren überein- stimmenden Meldungen bereits am Sonnabend ein andres vorher« gegangen sein, das angeblich noch weit blutiger verlaufen ist und mit dem fluchtartigen Rückzug der Russen, die eine DeVision stark gewesen sein sollen, geendet habe. Der Schauplatz deS Gefechtes soll sich ganz in der Nähe des Gefechts-Schauplatzes vom 11. Juni befunden haben: nordöstlich von Futschou. lieber dies Gefecht wird gemeldet: Tokio, 16. Juni.(Meldung des Rcuterschen Bureaus.) In dem Kampfe bei Tcliss», nordöstlich von Futschou, hatten die Russen öOV Tote; 300 wurden gefangen genommen; ferner ver» lören sie 14 Kanone». Der Berlnst der Japaner beträgt 1000 Mann. Nach andren in London eingegangenen Nachrichten hätten die Russen 1000 Mann und ihre sämtlichen Feldgeschütze verloren. Ihre Stärke habe 7000 Mann betragen. Die Wladitvostok-Flotte„aufgebracht"? Die aus drei Kreuzern bestehende Wladiwostok-Flotte, welche bor einigen Tagen den gescheiterten Versuch unternahm, in den Hafen von Port Arthur einzulaufen und seitdem die japanische Schiffahrt beunruhigte, soll voin Admiral K a m i m u r a«aufgebracht", d. h. genommen worden sein. Vorher scheint sie durch Zerstörung zweier japanischer Transportschiffe den Japanern einen empfindlichen Verlust beigebracht zu haben. Die beiden bis jetzt amtlich noch nicht be« stäftgten Nachrichten lauten: Tokio, 16. Juni.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Das Transportschiff„Hinomaru", das nach Moji zurückgekehrt ist. berichtet, daß eS gestern vormittag 11 Uhr 20 Meilen westlich der Jki-Jnscln dem Wladiwostok- Geschwader begegnet sei. Das Transportschiff„Hinoinaru kehrte sofort um, signalisierte eine Warnung an die Transportschiffe„Kanazawamaru" und„Jwrimaru" und entkam mit diesen. Zlvei andre Transportschiffe, nämlich„Nitachimarn" und„Sadomaru" von etwa je 6000 Tonnen Gehalt, wurden gwei Meilen westlich von den Zlusien gesehen sowie fchnell umzingelt. Das Geschick derselben ist nicht bekannt, der Menschenverlust ist wahrscheinlich ein schwerer. Köln, 16. Juni. Die„Kölnische Zeitung" meldet aus Tokio von gestern: Drei russische Kriegsschiffe, die in der Straße von Tsuschima kämpften(vielleicht das Wladiwostok-Geschwader), wurden vom Admiral Kamiinura aufgebracht. Em Induftrie und Handel. Zum SchiffahrtSkrieg. In einer Unterredung, die ein Mit- glied der Redaktion der„Hamburger Nachrichten" mit General- direktor Ballin hatte, erklärte dieser, daß alle Mahnahmen der Cunard-Linie im Kampfe gegen die kontinentalen Gesellschaften letztere nur wenig berühre». Er könne nur für die Hamburg- Amerika-Linie sprechen und sich auch für diese nur unverbindlich äußern; aber seine Meinung gehe doch dahin, daß kein Grund für die Annahme vorhanden sei, daß die Dividende der Hamburg- Amerika-Linie infolge des Konkurrenzkmnpfts mit der Cunard- Linie für das gegenwärtige Jahr geringer sein werde als für daS Jahr vorher. Kartelle in der Ccmentindustrie. Nach Meldungen der„BreSl. Zeitung" ist zwischen den Stettiner und oberschlcsischen Werken und der Rlldersdorfer Cementfabrik ein Kartell zu stände gekommen. Das Kartell wird als vorbereitender Schritt für ein allgemeines deutsches Ccmcnt» Syndikat angesehen. Außer dem nenaeschlossenen Kartell bestehen noch ein nordwest-mittcldcntscheS, ein rheinisch-westfälischeS und ein süddeutsches Ccmcnt-Syndikat. Auch bisher lvaren schon mehrere Versuche zn einer gemeinsamen Kartellierung der deutschen Cemcnt- industrie gemacht" worden, die>ndes bei der Ueberproduktton keinem Ergebnis führten. Da sich inzwischen die Absatzbedingungen gebessert haben und durch die Kanalbauten voraussichtlich noch weiter bessern werden, scheint man in den Kreisen der Industriellen stärkere Hoffnungen auf einen gemeinsamen Zusainmenschlutz zu hegen. Der Deutsche Stahlwerksverband wird nach einer Düsseldorfer Meldung der„Franks. Ztg." die Trägcrpreise vom 1. Juli ab um 3 M. pro Tonne erhöhen. Saatenstand im europäischen Rußland. Nach der„Torz. Prom. Baz." soll der Saatenstand im europäischen Rußland trotz ungünstiger Witterung im Frühjahr als über mittel bezeichnet werden können. Der Stand des Winterweizens sei im allgemeinen mittelgut zu nennen. Gut steht der Weizen in der Krim und am Asowschen Meer, in dem mittleren Teil des Zartums Polen, in einem Teil der baltischen Gouvernements sowie auch in einzelnen Kreisen der Gouvernements Tambow, Pensa, Kursk, Charkow, Bessarabien und Minsk. Schlecht und unbefriedigend sei der Stand der Saaten im südlichen Teil der Gouvernements Bessarabien und Kijew, in einigen Gegenden am Dnjepr und in einem Teil des Gouvernements Witebsk. In den übrigen Gegenden Rußlands sei der Stand des Winter- Weizens im ganzen befriedigend. Der Stand des Winterroggens sei im Durchschnitt besser als mittelgut. Schlecht und unbefriedigend stehe der Roggen Haupt- sächlich im südwestlichen Gebiet, besonders im südlichen Teil deS Gouvernements Bessarabien und in den mittleren Kreisen Podoliens, in einigen Kreisen des Gouvernements Poltawa, Witebsk und Kur- land. In den übrigen Gegenden Rußlands sei der Stand des Winterroggens im allgemeinen befriedigend. Der Stand der Sommersaaten könne im allgemeinen als über mittel gelten. Als gut wird er bezeichnet hauptsächlich im nord- östlichen Rayon, in de» Kreisen an den Flüssen Wjatka, Kama und Belaja, fast an der ganzen Wolga, im größten Teil der centralen Gouvernements, besonders in den angrenzenden Kreisen der Gouvernements Tambow, Woronesh, KurSk und Orel, in der Krim, am Asowschen Meer und am unteren Lauf des Dnjepr sowie noch in einigen andern vereinzelten Kreisen. Unbefriedigend und zum Teil schlechter sei der Stand des Sommergetreides in den südlichen Kreisen des Gouvernements Bessarabien, den mittleren Kreisen des Gouvernements Podolien, im größten Teil des Gouvernements Tschernigow, in den angrenzenden Kreisen des Kuban- und Tcrek- Gebiets und in den südlichen Kreisen am Ural. In den übrigen Gegenden sei der Stand der Sommerungen im ganzen befriedigend. Einwanderungen in Nordamerika. Der amerikanische Ein- Wanderungskommissar giebt in seinem letzten Bericht, der die Ein- Ivanderungsverhältnisse des mit dem 30. Juni 1903 zu Ende ge- gangenen Fiskaljahres betrifft, interessante Daten über Geschlecht, Alter und Kenntnisse der Einwanderer, die in die Vereinigten Staaten und Kanada Einlaß haben wollten. Danach waren von insgesamt 357 046 im Zwischendeck anlangenden Ausländern 613 146 männlichen und 243 900 weiblichen Geschlechts, 102 431 unter 14 Jahre alt, 714 053 zwischen 14 und 45 Jahre, 40 562 fünfundvierzigjährig und älter. Im einzelnen kommt der hohe Vor- sprung der männlichen Auswanderung vor der weiblichen besonders bei den romanischen und flavischen, vielfach nur als eine Art über- seeischer Sachsengänger wandernden Völkerschaften des europäischen Südens und Südostens zur Geltung, namentlich bei den Italienern (189 000 zu 44 000), Kroaten und Slovenen(zusammen 29 000 zu 3600), Griechen(14 000 zu 491). Die englische, deutsche, holländische, skandinavische Auswanderung aber rekrutiert sich dagegen zu einem Drittel und mehr aus Frauen. Die weibliche Ein- Wanderung überwog die männliche nur unter den Iren(19 000 zu 16 000). Von den über 14 Jahre alten Einwanderern waren 668 038 deS Lesens und Schreibens kundig, 3341 konnten lesen, aber nicht schreiben, 185 667 waren völlig Analphabeten. Unter letzteren bildeten annähernd 89 000 Italiener das Hauptkontingent, aus Deutschland rechneten 2433 Personen, d. h. 3 Proz. der deutschen Auswanderung, zu dieser Gruppe. Auswärtiger Handel Japans. Der Wert des auswärtigen Handels von Japan einschließlich Formosas stellte sich in den ersten fünf Monaten d. I. auf 28 128 000 Pfd. Sterl.(-j- 3 089 000 Pfd. Sterl.)._ Die Dampfer- Katastrophe, worüber gestem aus New U o r k berichtet wurde, ist noch weit entsetzlicher gewesen, als aus den veröffentlichten Depeschen zu ent- nehmen war; die Zahl der Opfer wird auf rund tausend geschätzt; zumeist sind deutsche Familien von dem an den Theaterbrand in Chikago erinnernden Unglück betroffen worden. Die folgende Meldung des„Bureau Lassan" läßt die Furchtbarkeit der Kata- strophe erkennen: Der Vergnügungsdampfer„General Slocum" war, als der Brand ausbrach, mit gegen 1500 Ausflüglern nach einem Ausflugs- ort im Long Island Sund unterwegs. Die Ausflügler waren Mit- glieder der lutherischen St. Markusgemeinde und in der Mehrzahl Deutsche. Der Brand entstand kurz nach 9 Uhr morgens, als das Schiff sich in Gast River befand. Die Ursache ist noch nicht auf- geklärt. Von einer Seite wird behauptet, in der Küche sei siedendes Fett übergekocht, andre sagen, ein unvorsichtiger Raucher habe einen brennenden Cigarrenstummel weggeworfen und dadurch ein Faß Benzin zur Explosion gebracht. Der Kapitän des Schiffes glaubt, das Feuer sei unter einem der Kessel zum Ausbruch gekommen. Der Dampfer, ein Dreidecker, war bis auf das letzte Plätzchen be- setzt, größtenteils mit Frauen und Kindern. Die Flammen griffen mit rasender Schnelligkeit um sich und erreichten bald die oberen Ver- decke, wo sie sich, von einer starken Brise angefacht, bald dem Heck des Schiffes näherten. Dort hatte sich eine große Menge Frauen und Kinder zusammengedrängt. Eine furchtbare Panik brach unter ihnen aus. Viele klammerten sich an die Reelings, von wo sie durch den Ansturm der Nachdrängenden weggedrängt wurden. Mütter, denen der Schreck jede Ucberlegung geraubt hatte, warfen ihre Kinder über Bord, andre sprangen mit ihren Kindern im Arm ins Wasser. Viele Famen wurden ohnmächtig und wurden von der Menge zu Tode getrampelt. Der Kapitän und die Besatzung des Schiffes schienen bei dem plötzlichen Hereinbruch des Unglücks völlig den Kopf verloren zu haben. Es wurde offenbar überhaupt kein Versuch ge- macht, den Feuerlöschapparat in Thättgkeit zu setzen. Anstatt den Dampfer im nahen seichten Wasser auflaufen zu lassen, versuchte der Kapitän, die eine halbe Seemeile entfernte Northbrothers-Jnsel zu erreichen. Die Flammen griffen dabei immer weiter um sich, bis schließlich die Verdecke zusammenbrachen und die oben Befindlichen in das Flammenmeer unten stürzten. Binnen einer halben Stunde war das Schiff bis zum Wasserrand niedergebrannt. Die See war mit treibenden Leichen und Trümmern bedeckt, durch welche die zur Rettung herbeieilenden Dampfer und Boote durchfahren mutzten, um die Ueberlebenden zu retten und die Leichen aus dem brennenden Schiff herauszuholen. Bald lagen am Ufer zahlreiche gelandete Leichen und mit schweren Brandwundcpt bedeckte Gerettete, die ein Schleppdampfer von den Radkästen, an die sie sich angeklammert hatten, geholt hatte. Bei vielen an Bord gebrachten Leichen fehlen Kopf und Glieder. Zahlreiche verkohlte Körper treiben noch mit dem niedergebrannten Schiff im Sund. Alle Hospitäler in der Nähe des Hafens waren nach Beginn der Rettungsaktion bald überfüllt. Hunderte von Aerzten, Pflegerinnen und Ambulanzen wurden für die Rettungsaktion in Anspruch genommen. Der Kapitän und der größere Teil der Besatzung retteten sich. Er sowie der Loffe wurden verhaftet. Der Kapitän sagt aus. als er den Ruf„Feuer" hörte, habe er die Feuerspritze in Thätigkeit treten lassen und den Befehl über das Schiff dem Lotsen überttagen, während er sich selbst unter Deck be- gab, um die Ursache des Feuers zu ermitteln. Während er versucht habe, die Fahrgäste zu beruhigen, sei seine Kleidung in Brand ge- raten. Er habe darauf dem Lotsen befohlen, den Dampfer, der 50 Fuß von der Küste entfernt war. auflaufen zu lassen. Dann sei er, da seine Kleidung an mehreren Stellen brannte, über Bord gesprungen und an Land geschwommen. Mehrere Augenzeugen be- häupten, die Schiffsbesatzung habe verabsäumt, die Rettungsboote auszusetzen, und habe das Schiff im Stich gelassen. Man schätzt die Zahl der Opfer jetzt auf etwa tausend. Unter den Geretteten befindet sich der Pastor Haas, der ins Wasser ge- sprungcn war; er hat aber Frau und Tochter verloren. Bei der Rettungsarbeit wurden viele heldenmütige Thaten vollbracht. Die Bemühungen, dem brennenden Schiffe Hilfe zu bringen, waren dadurch, daß durch den Kanal des Helt-Gate ein reißender Wasscrstrom braust, sehr erschwert worden. Bis Mittwoch spät abends waren 447 Leichen geborgen. Die Mehrzahl der Fahrgäste waren Deutsche aus den unbemittelten Schichten des Ostviertels von New Jork. Nur 2 Proz. der Leichen sind erkennbar. Ueber den Hergang bei dem Brandunglück an Bord des „General Slocum" soll eine eingehende Untersuchung an gestellt werden. Von der Besatzung des Schiffes ist nur ein Mann (ein Steward) umgekommen; die andren befinden sich in Haft. Es lvird erzählt, daß die Rettungsgürtel nicht erreichbar angebracht und überdies ein Teil derselben alt und unbrauchbar gewesen sei. Dem Kapitän wird vorgeworfen, daß er nicht sofort auf die nächste Ufer- stelle zugesteuert habe. Was sich eigentlich zugetragen hat, ist schwer festzustellen, da von den Ueberlebenden viele immer noch wie von Sinnen sind. Uebereinstimmend wird berichtet, daß eine plötzliche Panik ausbrach und ein allgemeines Drängen nach dem hinteren Teil des Schiffes folgte. Infolgedessen zerbrachen die Reelings und viele stürzten ohne Rettungsgürtel ins Wasser. Da viele unter den Frauen und Kindern nicht englisch ver- standen, wurde die Verwirrung noch größer. Im mittleren Teil der Oststadt ist kaum eine deutsche Familie, die durch das Unglück nicht einen Angehörigen verloren hat. Präsident Roosevelt hat dem in tiefe Trauer versetzten Pastor Haas und der St. Markus- Gemeinde telegraphisch sein herzliches Beileid ausgesprochen. New Jork, 16. Juni.(W. T. B.) Das Leichenschauamt und der Chef der Feuerwehr beziffern übereinstimmend den Verlust an Menschenleben auf dem„General Slocum" auf annähernd tausend. New Kork, 16. Juni./z Proz. waren das ganze Jahr hindurch krank. Einnahmen und Ausgaben der Verbandskasse inkl. der Bestände balanzieren in der Summe von 5 212 364,50 M. Veraus- gabt wurden u. a.: an Reise-Unterstützung 242 857,65 M., Arbeitslosen-Unterstützung 542 798,50 M., Unterstützung an vorübergehend Arbeitsunfähige 533 672,28 M., an dauernd Arbeitsunfähige 169 303,75 M., Begräbnisgekd 33 291,95 M. usw. Das Vermögen des Verbandes beträgt 3 428 014,83 M. Die Herstellung des Verbandsorgaus„Cor- respondent" erforderte eilten Zuschuß von 13 379,33 M. Aus der Central-Jnvaliden lasse in Liquidation, die einen Ver- mögensstand von 545 769,46 M. aufweist, sind an 131 invalide Mitglieder 48 337 M. Unterstützung gezahlt worden. Die Zahl der vom Verbände zu unterstützenden dauernd arbeitsunfähigen Mit- glieder ist seit dem Vorjahre von 394 auf 445 gestiegen. Der Bericht rügt die häufige Verweigerung der Annahme von Aushilfsstellen, indem er sagt: Die wirtschaftliche Entwicklung bringt es mit sich, daß die Fertigstellung größerer Arbeiten in kürzerer Zeit, als dies früher üblich war, verlangt wird, und sich dadurch ganz selbstverständlich die Zahl der AushilfSkondittonen vermehrt, eine Thatsache, mit der die Kollegen immer mehr rechnen müssen, wollen sie nicht durch Ablehnung derartiger Konditionen zur Ver- i Nehrung des Ueberstundenunlvesens beitragen. Serlin un» clmgegenck. Der Streik der Rammer. Gestern nachmittag tagte bei Wille in der Brnnnenstraße eine zahlreich besuchte Versammlung der streikenden Rammer und der durch den Streik in Mitleidenschaft gezogenen Steinsetzer. Wie der Leiter der Stteikkommission berichtete, haben bis jetzt 26 Firmen, die ca. 140 Rammer beschäftigen, die Forde« rnngen ganz bewilligt. Die Zahl der noch streikenden Rammer beträgt 380, wovon 80 erst im Laufe des Stteiks dem Verband bei- getreten sind. Die Haltung der Streikenden ist musterhaft, bis jetzt ist keiner zum Stteikbrecher geworden. Von den Steinsetzern sind noch 150 im Ausstand, über 50 wurden durch den gut funktionierenden Arbeitsnachweis der Steinsetzer in Arbeit gebracht.— Des weiteren berichtete der Vcrbandsvorsitzende Knoll, daß die Steglitzer Steinsetzer- Innung, zu der die meisten Vororte Berlins ge- hören, wohl geneigt wäre, auf einen Kompromißvorschlag ein- zugehen, wonach bis zum 1. März 1905 57>/z Pf. Stundenlohn, und von da ab auf ein weiteres Vertragsjahr 60 Pf. samt Fahrgeld bezahlt werden soll. Auf dieser Grundläge wäre es möglich, einen Tarifvertrag der Rammer nnt der Innung festzulegen. In der Berliner Innung sind aber offenbar einzelne Scharfmacher vor- handen, die dieser vernünftigen Regelung der Arbeitsbedingungen durch einen Bertrag von Organisation zu Organisation entgegenzu- wirken suchen. Die Steglitzer Jnnungsmeister scheinen geneigt zu sein, in der nächsten Versammlung der Berliner Innung für eine Einigung auf der angegebenen Grundlage einzutreten. Werden diese Vorschläge angenommen, so kann die Arbeit höchst wahrscheinlich schon am Montag wieder aufgenommen werden.— Der Referent wies auf die Vorteile hin, die ein solch schriftlich festgelegter Verttag bietet. Die Versammlung beschloß nach lebhafter Diskussion, in der allerdings mehrere Redner für Aufrcchtcrhaltung der Forderung deS 60 Pfennig-Stundeulohnes sprachen, der Kommission freie Hand bei den Verhandlungen mit den Meistern zu lassen. Der Lohnkampf im Bäckergewerbe beschäftigte gestern wieder eine gutbesnchte Gesellenversammlung, die bei Keller in der Koppenstraße stattfand. Vor Eintritt in die Tages- ordnung teilte Schneider u. a. mit, daß auch jetzt noch täglich Briefe oder persönliche Erklärungen von Meistern im Verbands- bureau eingehen, des Inhalts, daß sie ihre Bewilligungen keines- wegs zurückgezogen hätten, vielmehr annehnren, daß ihre Unter- schriften unter den angeblichen Zurückziehungen gefälscht sein müßten. Im Anschluß hieran bemerkte Schneider: Wenn die Verbandsleitung auch nur entfernt mit ähnlichen Mitteln gegen nichtstreikende Gesellen gearbeitet hätte, wie das der Boykott- Abwehr-AuSschuß den bewilligten Meistern gegenüber thnt, dann vielleicht die Mitglieder der Streikleitung einige Zeit hinter schwedische Gardinen gekommen wären. H e tz s ch o l d gab darauf einen Rück- blick über den Stand der Bewegung und ging besonders auf die vielfachen Entstellungen der Jnnungspresse ein. So heißt es in einem dieser Organe, der Bäckerverband hätte nur 769 Gesellen während des Stteiks in Arbeit gebracht, ein Zeichen, wie gering die Beteiligung am Ausstand gewesen sei. In Wahrheit traten sofort 4083 Gesellen in den Streik, von denen circa 800 gleich am ersten Tage bei bewilligten Meistern wieder in Arbeit gingen; 3200 Geselle» sind bis zur Beendigung des eigent- lichen Streiks vom Verbände aus in Arbeit geschickt worden. Gegen« wärtig zählt die Organisation der Gesellen in Berlin 4300 Mit» glieder, von denen ca. 4000, also 4/5 der gesamten Berliner Gesellen zu den neuen Bedingungen arbeiten. Die Streikleitung ist sich bewußt, daß sie es niit einem verschlagenen Gegner zu thun hat, dem jedes Mittel recht ist, die Errungenschaften der Gesellen wieder illusorisch zu machen. Deshalb heiße es, die Organisation innerlich zu festigen, um nicht nur den gegenwärtigen Kleinkrieg siegreich zu Ende zu fübren, sondern auch ettvaigen neuen Ueberraschungen der Innungen kampfgerüstet die Spitze zu bieten. Zur Tarifbcwegnng der Bananschläger. Nachdem die Bau- anschläger der Schlosserinnung bereits vor einigen Monaten Vor- schlage zu einem Tarif machten, hat es die Innung bis jetzt noch nicht für nötig erachtet, näher darauf einzugehen, und bemüht sich offenbar, durch alle möglichen Mittel die Angelegenheit zu ver- schleppen. Am Mittwoch tagte im„Englischen Garten" eine sehr zahlreich besuchte Vcrsamnilung der Bauanschläger, in der Cohen über das Verhalten der Arbeitgeber und die daraus erwachsenden Folgen sprach. Es ist bemerkenswert, welche Ausflüchte die Innung ebrauchte, um die Verhandlung über den Tarif hinauszufchieben. gmächst mußte es als ein hinreichender Grund gelten, daß der )bermeister der Innung auf der Badereise, sein Stellvertreter eben- falls verreist war. Dann passierte den Meistern das sonderbare Versehen, daß sie die Antwort an eine verkehrte und ganz un» bekannte Adresse sandten und offenbar ganz plötzlich die des Metallarbeiter-Verbandes, die ihnen vordem doch ganz genau bekannt war. vergessen. hatten. Daß die ArbeiterZnach diesen Vorgängen nicht an einen guten Willen der Innung zu ftiedlicher Regelung der An- gelegenheit glauben können, ist selbstverständlich. Der Referent erklärte denn auch unter allgemeiner Zustimmung, daß man sich so bald wie möglich auf einen Kampf mit der Schlosserinnung vor- bereiten müsse. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung der Bauanschläger ist damit einverstanden, daß die Kommission im Sinne der Ausführungen des Kollegen Cohen arbeitet. Die Versammelten verpflichten sich, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Atztteln dazu beizutragen, daß die Vorbereitungen zu einem energischen Vorgehen baldigst erledigt werden." Veutkesies Reich. Achtung, Fensterputzer! Die bei der Glaser-Jnnuug in Leipzig beschäftigten Fensterputzer sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Wir ersuchen daher, de» Zuzug nach dort auf das strengste fern- zuhalten. Ceutral-Verband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands. Ortsverwaltung Berlin I. Sektion Fensterputzer. Die Maurer im Waldenbnrgcr Jndustriebczirk sind am 14. früh in den Ausstand getreten. Sie fordern 35 Pf. Stundenlohn und leVs Stunden Arbeitszeit. Verhandlungen führten zu keinem Resultat. Die Arbeitgeber offerierten 33 Pf. Der Manrerstreik in Mühlhausen in Thüringen endete mit einem Siege der Gesellen. Daneben wurde die Lohnerhöhung zugestanden und vom nächsten Frühjahr ab wird auch die Arbeitszeit um eine halbe Stunde verkürzt.— In Gera ist es den Gesellen gelungen, auch die letzten auswärtigen Streikbrecher zum Beitritt in die Or- ganisation oder zur Abreise zu bewogen. Das war die Antwort auf das Verlangen der Unternehmer, die Gesellen sollen die Arbeit be- dingungslos bis zum Montag wieder austiehmen. Wer ordentlicher Gevossenschaststng des Central- Verbandes deutscher Konsumvereine. Hamburg, 15. Juni 1904. An den beiden Nachmittagen der beiden vorhergehenden Tage fanden Sonderverhandlungen derjenigen Genossenschaften statt, welche Bäckereibetriebe haben und welche Transportarbeiter beschäftigen: den Gegenstand der Verhandlungen bildeten die Entwürfe zu Tarif- Verträgen mit den bezüglichen Arbeitergruppen. Den Tarifentwurf, den der Eentral-Verband der Bäcker vorlegte, enthält eine Reihe von Forderungen, die in fast allen Bäckereien von Konsunigenossen- schasten nicht nur erfüllt, sondern zum Teil recht erheblich über- schritten sind. Wenn einzelne Bestimmungen auch eine angeregte DiSkusfion hervorriefen, so ist es bei dieser Sachlage doch nicht überraschend, daß schließlich folgender Antrag Kretschmer an- genommen wurde:„Die Versammlung empfiehlt den Genossen- schasten die Einführung des vorliegenden Tarifs. Etwaige durch örtliche Verhältnisse bedingte Aenderungen zu erledigen ist Sache der Genossenschaften unter Hinzuziehung des Verbandes der Bäcker." Die Annahme erfolgte mit L0 gegen 16 Stimme».(Jeder Verein hat nur eine Stimme). Die 16 ablehnenden Vereine wollten sich aber hiermit nicht gegen einen Tarif überhaupt aussprechen, vielmehr erklärte der Vertreter von Leipzig, Johannes, daß er gegen den Antrag gestimmt habe, weil er für einen andern, nunmehr erledigten, der rhm weiter zu gehen schien,(sofortiges Inkrafttreten des Tarifs) stimmen wollte. Allerdings muß hervorgehoben werden, daß der Centralverband eine zwingende Dia cht gegen die einzelnen Vereine nicht hat. Nicht so harmonisch gestalteten sich die nun folgenden Ver- Handlungen mit den Vertretern der Transportarbeiter. Den von diesen vorgelegten Entwurf konnte der Vorstand nicht zur Annahme empfehlen, weil er der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Konsum- vereine gar nicht Rechnimg trage und in jeder Beziehung die Transportarbeiter anders, und zwar wesentlich günstiger als die Bäcker behandeln wolle. Sollte, wie vermutet Ivurde, der Tarifentwurf auf Abhandeln eingerichtet sein, so sei das sehr ungeschickt, denn dadurch würden die an sich schon komplizierten Verhandlungen unnötig erschwert. Der Vertreter des Transportarbeiter-VerbandeS, Schumann, suchte die gegen den Entwurf erhobenen Einwendungen zu entkräften. Schließlich gelangte ein Antrag Johanncs-Leipzig zur Annahme, wonach dem nächstjährigen Berbandstag ein neuer Entwurf, der die Grundlagen des angenommenen Bäckertarifs mehr berücksichtigt, zur Beratung vorgelegt werden soll. Damit war der Gegenstand der Sonderverhandlungen erledigt. Soziales. BorschlKgr für die nächste Berufszählung. In der«Socialen Praxis" macht Konrad A g a h d den Vor- schlag, bei der nächsten Berufs- und Gewerbezählung auch Fragen über Kinderarbeit zu stellen, um Material zu gewinnen zu gesetzgeberischem Vorgehen gegen die Kinderarbeit in der Landwirtschaft und im Gesindedienste. Zu diesem Zwecke sollen auch Fragen ge- stellt werden, aus denen Urteile über die Wirkungen des jetzigen Äinderschutz-Gesetzes abgeleitet werden können. Agahd formuliert zu diesem Zwecke einen ausführlichen Fragebogen. Im„Deutschen Verein für Versicherungswissenschast" stellte jüngst Professor Dr. Bleicher, Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Frankfurt a. M., die Forderung auf, daß bei der nächsten Berufs- zählung die Familienstatistik ausführlich behandelt werde zu dem Zwecke, Unterlagen für die reichsgesetzliche Versicherung der Witwen und Waisen zu gewinnen._ National und international laufen die Gastwirte Sturm gegen den Schutz ihrer Angestellten, die zu den Ausgebeutetsten der Aus- gebeuteten gehören. Ebenso wie auf dem jüngsten deutschen Gast- wirtstage wurde auch auf der jetzt in Genf abgehaltenen General- versamnilung des internationalen Vereins d/r Gasthofsbesitzer ge- fordert, daß die BundesratSverordimng unter Berücksichtigung der Interessen der Gastwirte revidiert werde. Es giebt bloß eine Revision des Arbeiterschutzes, die dem unvernünftigen Ausbeutungs- interesse genügt: Das ist die Beseitigung jedes Arbeiterschutzes und Einführung eines jährlichen Arbeitstages von365mal 24 Stunden. Ländliche Krankenfürsorge. Bei der Beratung des neuen Kontraktbruch-Gesetzes, das sich gegen die landwirtschaftlichen Arbeiter richtet, sind einige Redner des Landtags wieder auf das„patriarcha- lische" Verhältnis zwischen«Herrschaft" und«Gesinde" zu sprechen gekommen. Dazu bildet ein interessantes Gegenstück das folgende Schreiben, das ein günstiger Zufall einem Parteigenossen in Neiße in die Hände spielte. Franzdorf, Kr. Neiße, 13. Mai 1904. Herrn Dr. Baumann, Hochwohlgeboren Moywitz. Wir nehmen hierdurch Veranlassung, Sie freundlichst zu ersuchen, fernerhin nur diejenigen Personen in ärztliche Behandlung zu nehmen, welche durch einen schriftlichen Anweis Ihnen zugewiesen werden. Für Waltdors geschieht dies durch den dortigen Inspektor Herrn Vehr. Außerdem bitten wir, Ihre Besuche aufs äußerste einzuschränken. Sie waren bei der K n e ch t s f r a u Drotsch- mann in einer Woche vier Mal, und so häufige Besuche eutsprechcn nicht unser« Wünschen. Hochachtungsvoll Gräflich von Francken-Sierstorpffsche Güterverwaltung. Witteck. Wenn die socialdemokrattsche Partei Ausdehnung'der Kranken- Versicherung auf das Gesinde und die ländlichen Arbeiter verlangt, begegnen die Agrarier diesem Verlangen mit der Versicherung, daß auf dem Lande die Kranken schon aus menschlichen Gründen des Mitgefühls genügend versorgt und unterstützt werden. Obiges An- schreiben stammt nun von einem Großgrundbesitzer, der es nicht nötig hätte, so zu sparen. Wie mags oft bei den Kleinen stehen? Ob die gräfliche Güterverwaltung sich auch beschweren würde, wenn der Tierarzt ein krankes R o ß so oft besucht, als Dr. Baumann die Knechtsftau?— Die italienische Auswanderung im Jahre 1904. Rom, den 9. Juni 1903. Der Senator B o d i o, Generalkommissar fiir die Auswanderung, hat soeben dem Ministerium des Aeußern den dritten Jahresbericht über die Thätigkeit des 1901 ernannten Answanderungskommissariats vorgelegt. Nach einer ungefähren Schätzung gehen alljährlich eine halbe Million Italiener ins Ausland. Etwa die Hälfte von ihnen ergießt sich über Mitteleuropa als Saisonarbeiter— es sind vorzüglich Maurer, Steinmetzen und Steiuhaucr, Ziegel- arbeiter. Landleute und Erdarbeiter. Trotz aller Anstrengungen des klassenbewußten italienischen Proletariats thun leider noch immer viele von diesen Arbeitern Streikbrecherdienste. Eine erhebliche Vewito, Redakteur: Paul Büttner, Berlin- Inseratenteil verantw.: Besserung ist freilich zu bemerken— so haben sich z. B. in Genf die italienischen Maurer sehr wacker gehalten—, aber eS ist schwer, der Unwissenheit, namentlich der Bergbewohner, Meister zu werden. Den schlechtesten Ruf als Streikbrecher haben in Italien die Leute aus Friul und der Provinz Bergamo. Die andre Viertelmillion unsrer Auswanderer wendet sich in überseeische Länder, hauptsächlich nach Amerika: nur ein kleiner Bmchteil läßt sich dort mit seiner Familie dauernd nieder. Ueber die Zahl der Zurückkehrenden ist es schwer, genau Nottzen zu haben, da für die Rückkehr auf dem Landwege jede Kontrolle fehlt. Um die aus Amerika Zurückkehrenden annähernd festzustellen, nimmt man die Zahl der in italienischen Häfen ausgeschifften Passagiere dritter Klasse zur Grundlage. Für die Vereinigten Staaten N.-A. betrug sie im Jahre 1903 80 000 oder 37 Proz. der in dem- selben Jahre nach Amerika eingeschifften. Nach ungefährer Schätzung befanden sich am Ende des Jahres 1901 im ganzen gegen ll'/z Mllionen Italiener im Auslande, und zwar in Europa 654 000, in Afrika 168000, 745 000 in Nord- a m e r i k a und 1 852 000 in Südamerika<618 000 in Argentinien und 1 100 000 in Brasilien). Von 97 Schiffen, die das Patent zum Auswandererttansport haben, fahren 40 unter italienischer Flagge, 13 unter englischer, 13 unter deutscher, 24 unter französischer und 7 unter spanischer. Der größte Teil der Auswanderer schiffte sich in Neapel(181 681), Genua(62 308) und Palermo(16 516) ein. Was die Rekrutterung der Auswanderer nach Regionen betrifft, so steht der Süden für die überseeische, die Provinzen an der Alpen- grenze für die Saisonauswanderung obenan. Hier wie dort ist die Auswanderung Folge bitterer Notlage, da dem Italiener die Trennung von seiner Familie in seiner Heimat furchtbar schwer fällt. Der Ausgewanderte kennt auch kein höheres Ideal als die baldige Heimkehr, daraufhin spart er mit einer fast beispiellosen Hartnäckig- keit. Die meisten schicken ihre Ersparnisse nach Hause, weil sie dort ihre Familien zu erhalten haben. Die überseeischen Geld- sendungen, die jetzt alle durch die Banka di Napoli vermittelt werden, betrugen im Jahre 1903 die kolossale Summe von 23 576 694,63 Lire; aus den Vereinigten Staaten kamen in runder Zahl ISVg Millionen, aus Brasilien 3 Millionen, und aus Argentinien 2 Millionen. Die geringen Summen aus Argenttnien und Brasilien erklären sich teils aus der ungünstigeren Wirtschafts- läge dieser Länder, teils aus dem Umstand, daß dorthin vielfach ganze Familien auswandern, wodurch das Heimsenden der Er- sparnisse wegfällt. Der Bericht spricht auch noch über die bessere Behandlung unsrer Auswanderer an Bord, ihren Schutz durch das Kommissariat und die Konsulate, ihre Belehrung durch das Bulletin über den aus- ländischen Arbeitsmartt. Auf das Bulletin kann das Kommissariat in der That stolz sein. Ueber Behandlung und Schutz— nainent- lich durch die italienischen Konsularbehördeu— wollen wir lieber schweigen. Was da an Lob gespendet wird, kann wohl nur ironisch gemeint sein. Wenn der„Avantt" Raum hätte, könnte er eine eigne Rubrik mit den Klagen über unsre Konsularbehörden füllen. In der Beziehung ftihlt sich jeder italienische Arbeiter in seinem Konsulat wie zu Hause: Schutz und Recht giebt es für ihn nicht. Versammlungen. Die Schlgchtergesrllen und Verkäuferinnen Berlins und Um- gegend hielten am 12. Juni im„Gesellschaftshause Berliner Musiker" eine sehr stark besuchte Versammlung ab, in der man sich über die bevorstehende Lohnbewegung aussprach. Zunächst referierte Karl H e tz s ch o l d, Vorsitzender der Berliner Bäckergesellen, über d i e Erfolge der Bäckergesellen Berlins und die Le-hren, welche die Schlächtergesellen daraus zichen'sollen. Er ging hierbei auf den diesjährigen Bäcker» streik ein, welcher dank der kräftigen Unterstützung des Publikums siegreich verlief und erläuterte die Einigungsversuche, welche vor und während des Streiks gemacht seien. Der Wunsch des Ober- meisters Bernhardt, der den Gesellen noch vordem ein«Viel Glück zum Bäckerstreik I" zurief, sei in Erfüllung gegangen, auch wenn er in Wirklichkeit nicht so gemeint war. Wider alles Erwarten sei es mit den Bäckermeistern anders gekommen, als diese sich vorgestellt hatten. Sie wollten, daß die Gesellen zu chnen gekrochen kämen; doch umgekehrt war es. Tie Bäckermeister haben sich in einer Weise erniedrigt, die die Streikleitung manchmal bald selbst angeekelt hat. Das zeigten dieselben so recht bei der Abholung der Plakate. Hier waren dickbäuchige Bäckermeister und Bäckermeisterinnen nur zu- frieden, wenn sie sich durch das große Heer der Streikenden durch- zwängen konnten, nur um die Forderungen unterschreiben zu können und in den Besitz eines Plakates zu gelangen. Der Boykott sei diesen Herren eben ein Schreckgespenst. Das Gleiche trifft sicher auch zu, wenn die Schlächtergesellen nun endlich daran denken, die erbärmlichen Lohn- und Arbeitsverhältnisse in ihrem Berufe zu bc- seitigen. Man solle sich nicht noch fernerhin durch Versprechungen vertrösten lassen, denn die Innungen predigen heute die Moral: „Wortbruch ist Ehrensache". Daß das Solidaritätsgcfühl dieser Herren ein sehr mangelhaftes sei, versteht sich fast von selbst. Zwar haben wir einen ganz schönen Erfolg gehabt, doch sind wir keineswegs damit zufrieden; es muß besser kommen, damit wir uns als Menschen betrachten können. Wollen die Schlächtergesellen auf ähnlichem Wege zu besseren Verhältnissen gelangen, dann ist es notwendig, daß sie sich gründlich organisieren, damit sie eine Macht bilden und geschlossen vor der Innung dastehen. Nach weiteren Ausführungen bezüglich der Organisationsfrage schließt Redner seine mit brausendem Beifall aufgenommenen Aus- führungen.— Es spricht hierauf der Vorsitzende des Verbandes, Paul Hensel, über die Notwendigkeit einer ein- heitlichen Organisation aller Schlächter- gesellen Deutschlands. Vorerst wäre es an der Zeit, daß hier in Berlin die sämtlichen Schlächtergesellen-Vereine sich der modernen Organisation anschließen oder sich mit dieser aufrichtig solidarisch erklären. Nur durch Einigkeit könnte man etwas er- reichen. Die erbärmlichen Lohn- und Arbeitsverhältnisse hätten es schon längst gefordert, dagegen gemeinsam vorzugehen. Gerade jetzt, wo sich die Berliner Fleischer-Jnnung in so schofliger Weise zeigt, daß sie noch gegen die Bäckerorganisation Front machen will, sollte man ernsthaft zeigen, daß auch die Schlächtergesellen es nunmehr ernst meinen mit den Forderungen. Von uns werde stets ein ge- setzlicher Maxinral-Arbeitstag von 10 Stunden verlangt, währeno der hiesige Altgeselle und Vorsitzende deS christlichen Bundes, Junge, nunmehr für eine gesetzliche Ruhepause von 11 Stunden, demnach also für eine 13stündlge Arbeitszeit sei. Eine derartige geteilte Ansicht der Gesellenorganisationen dürfe nie vorkommen, da dies ein Hindernis für jeden Fortschritt sei. Redner ist der Ansicht, daß dieser Standpunkt nur von dem Betreffenden selbst, nickst aber von den Mitgliedern des Bundes vertreten wird. Er empfieylt den Vertretern der Korporationen, für eine Verschmelzung aller Vereine zu sorgen, damit wir geschlossen dem Ziele entgegengehen können. Die Diskussion bewegte sich im Rahmen des Referats beider Vor- redner. Von den anwesenden Vertretern der übrigen Gesellenvereine meldete sich trotz Aufforderung keiner zum Wort. Die Versammlung nahm hierauf folgende Resolution an:«Die heutige Versammlung der Fleischergesellen Berlins und der Umgegend erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten vollständig einverstanden. Die An- wesenden versprechen, dafür Sorge zu tragen, daß in unserm Berufe die Organisation baldmöglichst auf den Höhepunkt kommt. Die Anwesenden beauftragen die leitenden Kräfte, die im vorigen Jahre aufgestellten Forderungen der Gesellen den Meistern, speciell den Innungen, abermals zur Bewilligung zu unterbreiten. Werden die Forderungen abermals rücksichtslos zurückgewiesen, dann bleibt den Berliner Fleischergesellen nur noch der Weg übrig, in diesem Herb st e in eine größere Lohnbewegung ein- zutreten, die eventuell zum Streik führen kann, vor dem auch die Fleischergesellen in keiner Weise zurückschrecken werden. Der Grund der allgemeinen Lohnbewegung ist die Beseitigung der Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt miserablen Lohn- und Arbeitsverhältnisse im Fleffchergelverbe, dl« fast noch schlimmer sind, als diejenigen im Bäckergewerbe." Eine Einigungskommission wurde gewählt, die sofort betreffs der Verschmelzungsfrage mit den Vorständen der andren Korporattonen in Verbindung treten soll. Dem Verbände traten 43 Kollegen bei. Cingegangene Dmcfcrcbnftei». Mendes Tascheu-AtlaS von Berlin und feinen Vororten. Mit einer Uebersichtskarte, einer aus 84 Sektionen bestehenden Specialkarte und zahl- reichen Verzeichnissen. Bearbeitet, gezeichnet und herausgegeben von A. Ewan und A. Mende. Preis kart. 30 Ps.. geb. 75 Ps.. eleg. geb. 1.50 M. Berlin 1094. Verlag Alsred Mende, Oranieustr. 176. Dr. I. von Renauld. Entwicklung der Grundrente und Wohnuugs- frage in München. Preis 6,40 Marl. Leipzig 1904. Verlag von C. L. Hirschscld. Der Dropeilpflanzer. Zeitschrist sür tropische Landwirtschaft. Nr. 6.— Beihefte zum Dropenpflanzer. Nr. Z und 4. Verlag Berlin, Unter den Linden 40, I. Letzte IVachncbtcn und Depcfchen. Berlin, 16. Juui.(W. T. B.) Die verstärkte Justiz- kom Mission des Abgeordnetenhauses hat den Gesetz- entwurf betteffend Salzabbau-Gerechtigkeiten in der Provinz Hannover ein st immig in der Fassung der Re- gierlMgSvorlage angenommen. AutomobU-Unfall. Homburg v. d. Höhe, 16. Juni.(W. T. B.) Abends zwischen 6 und 7 Uhr wurde in der Nähe von Dornholzhausen an der Karls- brücke das von der Saalbnrg mit großer Geschwindigkeit an- kommende Automobil des Berliner Hoteliers Uhl aus der Brücken- kurve ins Feld geschleudert; Uhl und ein zweiter Insasse wurden erheblich verletzt._ Grubenunglück. Bochum, 16. Juni.(W. T. B.) Auf Schacht 6 der Grube .Konstantin" sind drei Gesteinsarbeiter verschüttet worden. Einer ist mit gebrochenen Beinen zu Tage gefördert, die beiden andern sind noch nicht geborgen: sie sind vermutlich tot. Verurteilung eines Soldatenschinders. Magdeburg, 16. Juni.(B. H.) Das Kriegsgericht der siebenten Division verurteilte den Sergeanten König vom 65. Infanterie- regiment wegen Mißhandlung von Untergebenen zu zwei Monaten Gefängnis. König hatte einen Musketier das Priemen dadurch abgewöhnen wollen, daß er ihn so lange schlug, bis dieser ohnmächtig war. Zwei Unteroffiziere, die an der Sache he- teiligt sind, erhielten je 14 Tage Mittelarrest. Französische Tcputiertenkammer. Paris, 16. Juni. W. T. B.) F er rette(Nationalist) wünscht die Regierung über die Maßnahmen zu interpellieren, welche sie mit Bezug auf Lagrave zu ergreifen gedentt. Die Interpellation wird auf Verlangen der mit der Untersuchung der Karthäuscr- Angelegenheit beauftragten Kommission bis zum Tage der Dis- kussion über den Bericht dieser Kommission vertagt. Das Haus geht zur Beratung des Milttärgesetzes über. Paris, 16. Juni.(W. T. B.) Der Kommissar bei der Welt- auSstellung in St. Louis Lagrave ist hier eingetroffen und hat sich alsbald in das Palais Bourbon begeben zur Vernehmung durch die Untersuchungskommission für die Karthäuser-Angelegenheit. Zur Ermordung Bobrikow's. London, 16. Juni. Wie dem«Reuterschen Bureau"«ms Petersburg gemekdü wird, ist der Anschlag auf den General- gouverneur Bobrikow in Helfingfors von dem Sohne des Senators Schauman verübt worden. Durch die beiden Schüsse erlitt der Gencralgouverneur außer der schweren Verwundung im Unterleib. bei der der Magen gettoffen wurde, eine leichte Verletzung am Halse. Charkow, 16. Juni.(B. H.) Wie das hiesige Amtsblatt meldet, erhielt die Stadtverwaltung von der Regierung Befehl, für die Unterbringung und Beköstigung von demnächst hier eintreffenden 3000— 4000 japanischen Gefangenen Vorsorge zu treffen. Ebenso mutz die Stadtverwaltung für die Wohnungen von gefangenen japanischen Offizieren- sorgen. vom rusfisch-japanischen Kriegsschauplatz. London, 16. Juni.(B. H.)„Daily Chronicle" meldet aus Tokio: Nach Privatmeldungen hatte der japanische Kreuzer«Rikata" in dem Gefechte mit drei Kreuzern des Wladiwostok-GeschwaderS schwere Beschädigungen erlitten, doch blieb er manövrierfähig. In Tokio ist man über das Schicksal von 10 bis 12 Handelsschiffen. welche von Moje abgegangen find, sehr beunruhigt. Gerücht- weise verlautet, das Wladiwostok-Geschwader sei nach Osten ent- kommen. Tokio, den 16. Juni.(Meldung des„Reuterschen BureauS'.) Die Transportschiffe Nitachimaru und Sadomaru sind, wie jetzt bekannt wird, durch das Wladiwostok- Geschwader szunr Sinken gebracht worden. 397 Ueberlebende von dem erstgenannten Sckjiff sind in Moji. 153 Mann von der Sadomaru find in Kokura aiigekommen. Tokio, 16. Juni.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Ueber- lebende von den Transportdampfern„Sado-Marn" und„Hitachi- Maru" erklären, die Schiffe seien durch Torpedos zum Sinken ge- bracht worden. Paris, 16. Juni.(B. H.) Der«New Dork Herald' berichtet über das Gefecht bei Wafangien noch: Die Japaner kämpften in einer Stärke von 20 000 Mann. Die Rnffen versuchten, die Japaner zu umgehen, aber diese veränderten ihre Frontstellung. Das Gefecht dauert noch fort. Tokio, 16. Juni.(W.T. B.)(Amtliche Meldung.) Der kommandierende General der japanischen Armee auf der Halbinsel Liauttmg berichtet folgendes: Am 14. Juni rückte die japanische Hauptmacht in zwei Kolonnen vorwärts vor an der Eisenbahn entlang und vertrieb den Feind aus der Gegend östlich von Wafandiam. Um 5 Uhr nachmittags hielt der Feind an der Linie Lungwangmiao- Tasangschan stand. Bein: Einbruch der Nacht nahmen die Japaner nach zlveistündiger Kanonade die Linie Pangchiatou-Juhotou. Eine zweite Kolonne, die den rechten Flügel des Feindes bedrohen und die Flanke und den Rücken der Japaner decken sollte, marschierte östlich von Futschau und rückte auf der Linie von Tengchiakau nach Rachialing vor. Der Feind in der Nähe von Lungwangmiao erhielt Verstärkungen. Am 15. d. M. besetzten die Russen, die in Stärke von 2l/2 Divisionen nahe Telissu standen, eine Stellung zioischen Tasangschan und Chengtsuchan. Die Japaner eröffneten bei Morgendämmerung den Angriff. Ihre Hauptmacht ging längs der Eisenbahn vor, eine weitere Kolonne avancierte von Touchiatus aus. Um 9 Uhr morgens was die den linken Flügel bildende Kolonne von Tunglungkau ein und mittags die Kavallerie von Chachiatong. Der Feind war so in der Nähe von Telissu eingeschlossen. Er ivurde nach einem heftigen Gefecht um 3 Uhr nachmittags schließlich geworfen und zog sich nach Norden zurück. Die japanischen Verluste werden, soweit bekannt, auf weniger als 1000 Mann getötet. Die Japaner erbeuteten russische Fahnen und 14 Schncllfeuergeschütze und nahmen gegen 300 Mann gesangen, darunter den Kommandeur des 4. Scharffchützen-Regiments. Ueber 500 Tote und Verwundete ließ der Feind auf dem Schlacht» ielde zurück. Japanische Patrouillen sahen, wie der Feind in diesem Gefecht unter japanischer Flagge marschierte. Die japanische Artillerie wnrde dadurch irregeführt und stellte zeitweise das Feuer ein. Paul Singer L-Co.. Berlin S W. Hierzu 2 Beilagen u.Unterhaltungsbli"- »r 110. 2!. Inftrgin;. j Atilllgt lltS„U0WKltS" KtlliM NlllliSllllltt. km.«-..7.90i Reichstag. SS. Sitzung. Donnerstag, d en 16. Juni 1S04, mittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: Dr. N i e b e r d i n g. Erster Punkt der Tagesordnung ist die Interpellation Auer(Soc.) und Genoffen betreffend oen preußischen Gesetzentwurf über den Kontraktbruch landwirtschaftlicher Arbeiter und des Gesindes. Sie lautet: „Seitens des Herrn JnstizministerS, des Herrn Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten und des Herrn Ministers des Innern des Bundesstaates Preußen ist am 6. Mai 1904 dem preußischen Abgeordnetenhause ein„Gesetzentwurf betreffend die Erschwerung des Vertragsbruches landwirtschaftlicher Arbeiter_ und des Gesindes" vorgelegt worden. Da dieser Gesetzentwurf im Widerspruch zu Vorschriften der Reichs- gcsetzgebung, insbesondere der ReichSvcrfassung, des Freizügigkeits- gesetzes, der Gewerbe-Ordnung, des Bürgerlichen Gesetzbuches und des Strafgesetzbuches Vorschläge enthält, welche landwirtschaftliche Arbeiter und Dienstboten, die vermeintlich einen, Arbeitgeber zu landwirtschaftlicher Arbeit oder zu», Gesindedienst noch der- pflichtet sind, in Verruf zu erklären geeignet sind, die- jenigen mit Strafe bedroht, welche mit solchen landwirt- schaftlichen Arbeitern oder Dienstboten irgend einen Dienstvertrag schließen oder für solche Arbeiter einen neuen Dienst vermitteln, und so Arbeitswillige hindern, in Arbeit zu treten, so fragen wir: iv as gedenkt der Herr Reichskanzler zu thun, um dem Bundes st aat Preußen gegenüber die Reichs- gesetzgebung zur Geltung zu bringen? Staatssekretär Dr. Nieberding erklärt sich bereit, die Jnter- pellation sofort zu beantworten. Z» ihrer Begründung erhält das Wort Abg. Stadthagen(Soc.): Der Gesetzentwurf, den die preußische Regierung dem Ab- geordnetenhause vorgelegt hat, will die landwirtschaftlichen Arbeiter und das Gesinde in einer Weise in Verruf erkläre», die im Wider- spruch steht nnt allem, was sonst in Deutschland und Preußen rechtens ist. Mit zahllosen Bestimmungen der Strafgesetzgebung steht dieser Entwurf schon seinem Wortlaute»ach in unauflöslichem Widerspruch. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, würde doch dgr Reichstag das größte Jntereffe daran haben, gegen einen Eitzwurf zu protestieren, der den, ganzen Geist unsrer Verfassung Hohn spricht: der Gesetz- entwurf will auch die Arbeitgeber, besonders Kleinbauern, die vermeintlich kontraktbrüchige Arbeiter in den Dienst nehmen, mit Strafe belegen. Und was gilt in Preußen alles als Kontrakt- bruch l Wir haben es ja erlebt, daß selbst Peitschenhiebe nicht für ein ausreichender Grund erklärt wurden, das Dienstverhältnis zu lösen, und daß die Verführung der Mägde durch den Inspektor diese nicht berechtigte, den Dienst zu verlassen. Wenn ein Arbeiter durch Ouälerei, Rechtlosigkeit und jammervollen Lohn zum äußersten getrieben seinen Dienst verläßt, so soll jeder Arbeit- geber bestraft werden, der ihm einen Bissen Brot giebt. Das Gesetz will ferner die Gesindevermittler bestrafen, die Vermittler für landwirtschaftliche Arbeiter, wenn sie einem dieser Unglücklichen eine Stelle nachweisen, obwohl auch dies Gewerbe reichsgesetztich geregelt ist. Das Gesetz will drittens jeden bestrafen, der den Arbeiter verleitet oder zu verleiten unternimmt, widerrechtlich seinen Dienst nicht anzutreten oder ihn zu verlassen. Wenn also ein Arbeiter zum andern sagt, wir brauchen unS diese Mißhandlung nicht weiter gefallen lasten, wir wollen auf und davon gehen, so wird er bestraft: wenn ein Vormund das körperliche oder sittliche Wohl seines Mündels für gefährdet erachtet und es vom Dienste wegnimmt, so wird er bestraft. Wenn das Gesetz überhaupt eine Folge haben wird, so könnte es nur die haben, daß die Arbeiter»och viel stärker i» die Industrie abströmen, daß Treu und Glaube» veruichtrt und daß Un- moral und Unsitte geradezu mit einer Prämie ausgestattet werden. Schon im Juni ISOO, als wir andre Verstöße gegen die Reichs- gcsetzgebung hier rügten, wollte der Sekretär im Reichsjustizamt nicht anerkennen, daß die Verrufsgesetze gegen ländliche Arbeiter in Braunschweig, Anhalt usw. und jene» Gesetz, welches in Lübeck gegen das Streikpoftenstrhen erlassen wurde, Reichsgesetze verletzen. Unter der Gefahr bestraft zu werden, hat damals mein Parteigenosse Molkenbuhr, indem er öffentlich zum Ungehorsam gegen das Gesetz aufforderte, die Entscheidung des Reichsgerichts herbeigeführt, daß eS ungültig sei Schon damals regte Herr Spahn die Schaffung einer Instanz an, die weiteren Einbrüchen in das Rrichsrecht entgegentreten sollte. Die Gerichte sind dazu nicht ausreichend, weil sie bald so, bald so entscheiden und nur durch Zufall eine Sache an das Reichsgericht gelangen kann; dann, weil auch dieses verschiede» urteilen kann und geurteilt hat. Vor allem aber widerspricht es dem Gedanken eines tHechtSstaates, daß einzelstaatliche Gesetze sich als Eingriff in die ReichSverfassung darstellen, denn die Beamten haben einen Eid auf die Verfassung geleistet und jeder VerwaltungS- und richterliche Be- amte, der ein der Reichsverfassung widersprechendes Gesetz zur An- Wendung bringt, begeht einen, wenn auch straflosen Meineid. Aber viel schlimmer, als be» jener Streikpoftenvcrorditung ist, daß bei dem Gesetze gegen die ländlichen Arbeiter und im vollen Bc- wußtsein des Verstoßes gegen Verfassung, Reichsgesetze seit Ansang der Wer Jahre als Ausnahmegesetze geschaffen werden. Von der ganzen Rechtswissenschaft ist übereinstimmend der allgemeine Grundsatz ausgesprochen worden, daß die partikulare Gesetzgebung solche Gegenstände nicht begreifen kann, die entweder dem Wortlaut oder der ganzen Richtung nach bereits von der Reichs-Gefetzgebung in Angriff genommen find, lieber diesen Grundsatz herrscht absolute Einigkeit unter allen Juristen. Ob mittelbar oder umnittelbar, durch Schweigen oder durch Anordnung, ein Gebiet durch Reichsgesetz in Angriff genommen ist, Treu und Glauben verlangt, daß dir Einzel- staaten sich von ihm fernhalten. ES bedarf nicht einmal einer ausdrücklichen Regelung im Gesetz. Es genügt, daß der Reichstag die Einführung einer entsprechende» Bestimmung abgelehnt hat und daß der Geist der Reichsgesetzgebung dem Sinn der Partikulargesetze widerspricht. Da ist nicht die Ueberschrist. sondern die Auslegung nach Treu und Glauben entscheidend. Einen dieser allgemein anerkannten Grund- sätze hat der Justizminister im Abgeordnetenhause geleugnet. Er meinte, weil das Strafgesetzbuch diese Materie nicht ausdrucklich regelte, könnte partikulares Strafrecht eingreifen. Aber diese Auffassung ist vom Reichsgericht bei der Beihilfe und Verleitung zum Selbstmord, bei der partikularen Ausdehnung des groben UnfugSparaaraphen entschieden abgelehnt worden. Freilich. wenn man nach dem Prinrip des Fürsten Bismarck nur Richter aus- sucht, die erkennen, wie er will, dann wird auch die Gefahr starker. daß auch derartige Gesetze für gültig erklärt werden. Dieses Gesetz. das ein System der Aushungerung und Verrufserklärung gegen die Arbeiter einführt, widerspricht dem Standpunkt der persönlicken Freiheit, der Gleichheit aller vor dem Gesetz. Wo innerhalb der preußischen Gesetzgebung steht es, daß die preußischenGroß- grundbesitzer ausgehungert werden sollen, wenn fie ihren Arbeitern die Kontrakte brechen?.... Die Großgrundbesitzer sehen sich offenbar gezwungen, mit diesem Gesetzentwurf in die persönliche Freiheit der Landarbeiter einzugreifen, weil fie eS durch ihre schlechte Behandlung und schlechte Entlohnung dahin gebracht haben, daß die italienische Regierung und der galizische Landtag und auch die russischen Behörden ihre einheimischen Arbeiter auf das dringlichste davor warnen, nach Deutschland in Arbeit zu gehen. Da» ist der Hauptanlaß, warum versucht wird, ein derartige» Gesetz zu machen. Man hat die Lage der ländlichen Arbeiter so jammervoll gestaltet, daß selbst italienische und galizische Arbeiter davonlaufen. Ich werde Ihnen nachweisen, daß dieses Gesetz so offenbar gegen verschiedene Reichsgesetze verstößt, daß selbst ein Justizmimster darüber Inicht im Zweifel sein konnte. In der Lerfassung heißt eS: Das Reich ist ein Bund zum Schutze des inner« halb desselben geltenden Rechtes sowie zur Pflege der Wohlfahrt des Deutschen Reiches. Femer wird darin bestimmt, daß Reichsgesetz vor Landesgesetz geht, und daß Bestimmungen über Freizügigkeit, Gewerbebetrieb, über das gesamte Bürgerrecht und Strafrecht der Regelung durch das Reich vorbehalten sind. Gegen diese Verfassungs- bestirnmungen verstößt das preußische Gesetz offenbar, indem es sich anmaßt, in ein Gebiet hineinzukommen, das ausdrücklich dem Reiche vorbehalten ist. Warum kommt man nicht mit dem Entwurf an das Reich? Ich will es Ihnen sagen: weil das Reich Ihnen einen derartigen Gesetz- entwurf vor die Füße werfen würde. sSehr richtig! bei den Social- demokraten. Unruhe rechts.) Im Landtage haben ja die Centrumsherren Herold und Klose für den Gesetz- entwurf gestimmt, sie haben ihn gefordert- Herr Klose hat noch be- sondere Vertragsbruchstrafen gegen Arbeiter verlangt. In der katholischen Presse aber ist das Gesetz auf dieselbe Stufe mit der Zuchthausvorlage gestellt worden.(Lebhaste Zustimmung bei den Socialdemokraten. Unruhe rechts.) Ich kenne kein Gesetz, das derartig in der schlimmsten Weise dem Arbeitswucher Vorschub leistet, der in so hinterlistiger Weise denselben Erfolg zu erzielen sucht wie das Leibeigenschaftsgesetz. (Lebhafte Zustimmung bei den Socialdemokraten; Unruhe rechts.) Wehe dem Arbeiter, der sittlich und menschlich genug ist. einen Arbeiter in Schutz zu nehmen, der der Knute seines Herrn davon- läuft. Er verfällt dem Kontraktbruchgesetz. Wollen Sie etwa, daß das in der Verfassung ausgesprochene Wohlwollen des Reiches auf- hören soll für den ländlichen Arbeiter? Das Gesetz widerspricht auch offenbar dem Princip der Freizügigkeit, wonach jeder Deutsche das Recht haben soll, sein Brot zu suchen, wo er es findet. Der Großgrundbesitzer darf ungestört fortgesetzt Schulden machen, wenn aber sein Arbeiter ausgerissen ist, weil er seine sittliche Würde wahren wollte(Lachen rechts.)...— Nun, ich werde Ihnen nachher Beispiele geben und ich nehme an. daß sie soviel sittliche Würde haben, daß Sie in diesen Fällen selbst den Arbeitern den Rat gegeben hätten, das Arbeitsverhältnis zu fliehen. Weiter werden Grundsätze der Gewerbe-Ordnung durch das vor- liegende Gesetz verletzt. Es ist eigentümlich, daß der Justizminister des größten Staates in Deutschland nichts davon hat entdecken können, ß 1 der Gewerbe-Ordnung sagt, der Betrieb eines Gc- werbes steht jedermann frei, soweit nicht durch dieses Gesetz Ans- nahmen oder Beschränkungen vorgesehen sind.§ 41 desselben Gesetzes bestimmt, daß in Bezug auf Zahl und Ort der von einem Gewerbetreibenden anzunehmenden Arbeiter keinerlei Be- schränkungen festgesetzt werden dürfen außer den in der Gewerbe- Ordnung selbst enthaltenen. Nun hat im preußischen Abgeordnetenhause ein Nationalliberaler Abgeordneter erklärt, der§ 144 der Gewerbe-Ordnung rechtfertige das Kontraktbrnchsgesetz. Wie lautet nun dieser Paragraph? Es heißt dort: Inwiefern, abgesehen von den Vorschriften über die Entziehung des Gewerbebetriebes. Zuwiderhandlungen von Gewerbe- treibenden gegen ihre Berufspflichten außer den in diesem Gesetz erwähnten Fällen einer Strafe unterliegen, ist nach dem bestehenden Gesetz zu beurteilen. Ich hänge diesen Paragraphen niedriger, um es zu kennzeichnen, daß einer Ihrer Freunde im Landtag diesen Paragraphen, der absolut nichts damit zu thun hat, heranzog, um das Kontraktbruchgesetz als berechtigt hinzustellen. Eine solche Hinderung Arbeitswilliger, in Dienst zu treten, ist empörend und niederträchtig.(Zurufe rechts.) Ich weiß wohl, daß eine verwirrende Presse es so darstellt, als ob sich das Gesetz gar nicht gegen die Arbeiter richtet, aber ich sehe ganz ab von der lieber- schrist„zur Erschwerung des Kontraktbruches ländlicher Arbeiter". Wer will behaupten, daß sich die Hungerstrafe der Verrufserklärung nicht gegen die Arbeiter richte? Das hieße sie geradezu verhöhnen. Gegen eme solche Presse, die flir gute Bezahlung den Interessen der Großgrundbesitzer dient und schreibt, was sie selbst nicht glaubt, lohnt es sich überhaupt nicht mehr ein Wort zu verlieren.(Ironische Zu- stimmung und große Heiterkeit rechts.) Der ganze Gesetzentwurs steht ferner im Widerspruch zu den §§ 35 und 38 der Gewerbe-Ordnung, die die gewerbsmäßige Ber- nnttelung von Arbeitsstellen ausreichend und erschöpfend regeln. Auch für sie gilt 8 1 des Gesetzes in vollem Umfange. Noch im Jahre 1899 hat der LandwirtschaftSminifter Freiherr v. Hammerstein im Landtage sich auf eine reichsgesetzliche Regelung dieser Frage be- rufen, und im Jahre 13vird aber ferner auch durch die führende Stellung der Frau in der Friedensbewegung be- wiesen, daß die Konsequenz der Gedanken auch für die moderne und emanzipierte Frau noch immer etwas ist, was sie nicht besitzt. Daß die Frauen der Friedensschwärmerei verfallen, entspricht ihrer Natur. Ursprünglich enthielt der Artikel über diesen Punkt noch etwas mehr. Zwischen dem letzten und dem vorletzten Satze stand nämlich noch folgender Satz: Denn wollte man den Gedanken eines ewigen Friedens kon- scquent zu Ende denken, so würde sich ergeben, daß ein Staat, dem der ewige Friede garantiert ist, nur der socialdemokratische Zukunstsstaat sein kann, wie er von Marx und Engels gedanklich konstruiert ist. Dieses Zugeständnis an die Socialdemokratie, daß sie der Menschheit den Frieden bringen, sie von der Kriegsbarbarei befreien werde, ist den Postredakteuren, denen noch immer der„Esel" ihres hochseligen Vater Stumm in den Gliedern liegt, zu bedenklich er- schienen; sie strichen ihn sorgfältig heraus und glauben nun Anspruch auf besondere Gescheidtheit zu haben. DaS Referendum über dir autonomen Zirkel. Rom, 13. Juni. Mit dem heutigen Tage schließt die Abstimmung in dem vom Parteivorstand angesetzte,! Referendum über die Existenz- berechtigung mehrerer socialistischer Organisationen in einem Orte. Das Resultat ist folgendes: Von etwa 1300 stimmberechtigten Partei-Abteilnngen nahmen am Referendum teil 97S. Der Tagesordnung des Vorstandes, die eine einzige Organisation in jedem Ort zuläßt, haben zugestimint 754 Abteilungen; mit nein beantwortet haben sie 24. Die Tagesordnung des Komitees der Reformisten haben eingesandt 142 Sektionen; für die Zulassung der beim Parteitag von Bologna bereits existierenden autonomen Zirkel haben gestimmt 31 Abteilungen; für die Zulassung von Doppel- organisationen von Fall zu Fall 3. Schließlich haben 15 ihre Teil- nähme ain Referendum abgelehnt und 6 ein unklares Votum ein- gesandt._ Internationaler Frauenkongretz. Berlin, 16. Juni 1904. Den heutigen Verhandlungen brachten die Teilnehmerinnen des Kongresses nur ein sehr geringes Interesse entgegen. Die Damen waren zwar auch heute wieder sehr zahlreich erschienen, aber die Tagesordnung mochte nur wenige von ihnen fesseln. Man ging aus einem Saal in den andren, man horchte in diese, in jene Sektion hinein, ohne sich in einem der vier Verhandlungssäle dauernd nieder- zulassen. An der im Foyer belegenen Gratisausgabe für Citroncn- limonade und Sana-Cakes herrschte zeitweise ein verhältnismäßig stärkerer Besuch und ein lebhafteres Interesse an den dargebotenen Genüssen, wie in den Sitzungsräumen. Das unablässige Hin- und Herfluten der Menge veranlaßte schließlich die Sektions- leiterinnen zu eingreifenden Maßnahmen. Die als Saal- ordnerinnen fungierenden jungen Damen wurden angewiesen, während der Reden niemand aus- oder einzulassen. Die gewissen- haftesten der jungen Thürhüterinnen führten diese Anordnung denn auch so strenge durch, daß es Vertretern der Presse, wollten sie nicht einen störenden Disput mit den Ordnerinnen führen, oft nicht möglich war, gerade die Referate anzuhören, für die sie besonderes Interesse hatten. Die Sektion I verhandelte heute über höhere Mädchen- schulen und M ä d ch e n- G y m n a s i e n. In der Sektion II wurde unter sehr schwacher Beteiligung die Krankenpflege als weiblicher Beruf besprochen. In der Sektion III stand die Gefangenen-Fürsorge und die Alkohol-Bekämpfung auf der Tagesordnung. Hier wurde zu Beginn der Sitzung mitgeteilt, daß eine der Referentinnen, Fräulein Marie Meli ien, eine Dame aus der evangelischen Frauenbewegung, die als erfolgreiche Arbeiterin auf dem Gebiete der Gefangenen-Fürsorge bezeichnet wird, heute Plötzlich verstorben ist. Man ehrte das Andenken der Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen.— Lady Battersea sprach über die Gefangenen-Fürsorge in England.— Frl. Thekla Friedländer- Berlin referierte über die Reform der deutschen Frauengefängnisse. Sie führte u. a. aus: Die in Preußen nach der Organisation des Geheimen Ober- Regierungsrats Dr. Krahne eingerichteten Frauengefängnisse sind musterhast. Sie beruhen auf dem System des erzieherischen Straf- Vollzuges. Jede Gefangene hat eine Einzelzelle. Mit Ausnahme des Direktors sind sämtliche Beamtenstellen mit Frauen besetzt. An der Spitze der Frauenabteilung steht eine Oberin. Das Wärterinnen- Personal ist ausgebildet und gut vorgebildet. Das Uebergewicht, welches Erziehung und Bildung giebt, tritt bei der Einwirkung auf weibliche Gefangene außerordentlich hervor. Das beste Ge- fängnis wäre das, wo auch die Unterbeamtenstellen mit gebildeten Frauen besetzt würden. Die Rednerin bezeichnet es als Aufgabe der Frauenvereine, mit den Regierungen in Verbindung zu treten, und wo unzureichende Gefängniseinrichwngen bestehen, für EiufüHnmg der bezeichneten Reformen einzutreten. Schließlich bezeichnete die Rednerin den Erlaß eines einhettlichen Strafvollzugsgesetzes für das Deutsche Reich als ein dringendes Erfordernis. Lebhaftes Interesse erregten die Ausführungen eines weiblichen Advokaten, Frl. vr. jur. van Dorp aus Holland. Die Fürsorge für die Gefangenen, sagte die Rednerin, sei gewiß gut, aber besser wäre es, dafür zu sorgen, daß Gefängnisse nicht mehr nötig sind. Nicht Vergeltung, sondern Erziehung der Verbrecher müsse der oberste Grundsatz der Justiz sein. Die Gefängnisstrafe sei eine Grausamkeit und habe gar keinen Sinn. Sie bessere den Verbrecher nicht, und wenn sie als Schutz der Gesellschaft oder gefährlichen Individuen gedacht sei. dann niüßte man konsequenterweise jeden Verbrecher zeitlebens ein- sperren. Unverbesserliche Verbrecher seien anormal veranlagte Menschen, sie müßten allerdings von der Gesellschaft gettennt, aber nicht in Gefängnisse gesperrt werden. Frauen in kommunalen Aemtern war der Verhand- lungsgegenstand der Sektion IV. Die deutschen Referentinnen ver- traten den Standpunkt, daß den Frauen nicht nur der Zutritt ge- währt werden müsse zu allen kommunalen Aemtern, die die Männer inne haben, sondern daß den Frauen bestimmte Gebiete, für die gerade Frauen besonders befähigt sind, zur berufsmäßigen Ausübung zu überlassen seien. Besonders gelte das für die Armen-, Kranken- und Waisenfürsorge. Man habe wohl von den Behörden eingesetzte Waisen Väter, aber keine Waisen mütter, die doch für die Pflege und Erziehung der Kinder wichttger seien wie die Männer. Weiter wurde gefordert, daß die Waisenpflege von der Armenverwaltung getrennt und als gesonderter Zweig kommunaler Thätigkeit eingerichtet werde. Die Hauspflege der Waisen- und Haltekinder iniißte von beamteten Frauen berufsmäßig konttolliert werden. Die Mitwirkung von Frauen in den Schuldeputationen wurde gleichfalls als ein zu erstrebendes Ziel bezeichnet. In dieser Sektion kam das Thema: Die„Kaufmanns- gerichte und die Frauen in einem' Referat des Frl. v. R o h- Königsberg zur Sprache. Die Rednerin begann mit dem Hinweis, daß die Handlungsgehilfinnen-Vereine für die weiblichen Angestellten das aktive und passive Wahlrecht zu den KaufmannSgerichten fordern. Dann warf sie die Frage auf: Was haben die Frauenvereine gethan, um diese Forderung zu unterstützen? In ihrer großen Mehrheit zeigten die organisierten Frauen wenig Interesse für diese Forderung. Schuld daran ist dieser Kongreß. Die Vorbereitung desselben nahm die Frauenorganisationen so in Anspruch, daß sie nicht Zeit hatten, für die Forderung der Handlungsgehilfinnen etwas zu thun. Gestern— sagte die Rednerin— wurde in diesem Saale vor fast leeren Bänken über die Frau im Handelsgewerbe verhandelt. Wir hatten erwartet, daß man hierherkommen würde und noch im letzten Augenblick, ehe der Reichstag das Wahlrecht der HandlungS- gehilfinnen endgültig ablehnt, für unsre Forderung die Stimme zu erheben. Statt dessen diese Interesselosigkeit. Die Vertreter der Regierung haben uns ja empfangen, aber als Damen, nicht als organisierte Frauen, die ihr Recht fordern. Schließlich richtete die Rednerin einen Appell an die Frauenvereine, den Handlungs- gehilfinnen bei der Durchsetzung ihrer Forderungen behilflich zu sein.— Man klatschte der Rednerin lebhaft Beifall, auch die Vor- sitzende gab der Erwartung Ausdruck, daß der Appell nicht un- berücksichtigt verhallen werde. Eine Höflichkeitsform, wie sie auf diesem Kongreß selbstverständlich erscheint, die aber zu nichts ver- bindet. Daß die Socialdemokratie mit aller Entschiedenheit für das Wahlrecht der weiblichen Handelsangestellten im Reichstage kämpft, das hielt die Vertreterin der Handlungsgehilfinnen nicht für er- wähnenswert. Davon spricht man auf diesem Kongreß nicht. Huö der Frauenbewegung. Auf zum Protest! Heute Freitagabend 8'/, Uhr Frauen und Männer zur Versammlung bei Keller, Koppenstt. 29, um zu pro- testieren gegen die Unterdrückung des Frauenrechtes bei den Kauf- mannsgerichten. Außer der Referenttn, Genossin Zetkin, Wird auch die Genossin Alte belli aus Bologna, die Organisatorin der Reisarbeiterinnen, eine Ansprache halten. Ober-Schönewride. Der Bildungsverein für Frauen und Mädchen zu Ober-Schöneweide hält am Montag, den 20. Juni, abends 8'/z Uhr, im Lokale von Schulte, Wilhelminenhofstr. 43, eine Ver- samnilung ab. in der Frau Dr. Hofmann einen Vorttag über„Die wirtschaftliche Entwicklung der Neuzeit" halten wird. Da dieser Vortrag ein recht interessanter sein wird, so ersuchen wir um einen recht zahlreichen Besuch.__ Der Vorstand. Vernufcbtea. Der Dampfer„Brake" der Oldenburg-Portugiesischen Dampfschiffs- reederei hat, wie aus Tanger berichtet wird, unweit Mazagran Schiffbruch gelitten und ist verloren. Zwölf Personen find ums Leben gekommen. Blutthat eines italienischen Bergmannes. In der Nacht zu gestern überfiel in der Nähe von Bensber� ein italienischer Berg- mann einen deutschen Kollegen und brachte ihm derart schwere Ver» letzungen bei, daß er, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, verstarb. Der Mordbube entfloh, wurde aber ergriffen und in daS Gefängnis eingeliefert, wo sich herausstellte, daß er eben erst aus den! Zuchthause entlassen war. Für de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. "Cdeater- Freitag, den 17. Juni. Ansang 7'/, Uhr: Opernhaus. Die weiße Dame. Neues Opern-Theater. Die Geisha oder: Eine japanische Theehaus- geschichte. Deutsches. Nora. Leffing. Zapsensweich. Belle-'Alliancc. Der kleine Kürassier. Hieraus: Die Automaten-AIm. Anfang 8 Uhr. Uerliner. Mamzelle Nitonche. Westen. Im bunten Rock. Schiller O. sWallner- Theater.) Ein unbeschriebenes Blatt. Schiller X. sFriedrich-Wilhelmstädt.) Pension Schöller. ReueS. Einen Jux will er fich machen. Kleines. Nachtasyl. Residenz. Die 300 Tage. Central. Hosgunst. Carl Weist. Der Weg zum Herzen. ivtetropol. Ein tolles Jahr. Winter-Garten. Specialitäten. Apollo. Liebesgötter. Specialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Paffage-Dheater. Specialitäten. Urania. Daubenstrafte 48/49. Um 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzmann. Jnvalidcnftraste S7/SL. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 biS 11 Uhr. ~ Max Kliern's Sommer-Thealer~ Hasenheide 18-15.— Artistische Leitung: Paul Milbitz. Täglieh: Gr. Konzert, Theater- u. Specialitäten-Vorstellung. Jeden Montag: Sommerfest.— Jeden Mittwoch: Die beliebten Kinderfeste.— Jeden Donnerstag: Clite-Dag. VW" Die Kaffeeknch« ist täglich von 2 Uhr ab geöffnet.-MW 2 hochelegante Kegelbahnen, Würselbuden, Konditorei, Blumenstand?c. In den SiUen: Orosser Ball. {Schiller Schiller-Theater O. (Wallner-Theater). Freitagabend 8 U h r: bin anbescbriebenes Blatt. Lustspiel in 3 Aufz. v. E. v.Wolzogen. Sonnabendabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Böteli Her Tronbadonr. Sonntagnachmittag 3Uhr: Das Nachtlager in Granada. Urania. Taubenatr. 48/49. üm 8 Uhr im Theater: Von der Zagspitze zam Watzmann. Sternwarte£%£ Kleines Theater. Unter den Linden 44. NsvMsszfl. Ansang 8 Uhr. Morgen: Nachtasyl. Theater. Schiller-Theater BT. (Fricdrich-WilhclmstädtischeS Theater). Freitagabend 8 Uhr: Pension Schttller. Sonnabendabend 8 Uhr: Horltnrl (Teja, Fritzchen, Das Ewig-Männliche). Sonntagnachmittag 3 U h r: Panllne. Im Garten täglich gr. Militär-Konzert. 0010CISCHER GARTEN Täglich nachmittags ab 5 Uhr: Witar-Loppel-jtart. Eintritt 1 M., ab 6 Uhr abends 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren dl« Hälsle. In der Arena nur noch kurze Zeit: UW?" Raubtier- Schule. Vorstellungen: tägl.'IJä u. 7 Uhr. Eintritt 30 Pf., Kinder d. 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Centrat-Verband der Kanrer Deutschlands. Zweigverein Berlin. Freitag, den.17. Juni, abends 8'/2 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engel-Nfer 15, Saal 1: NO" Kau- Deputierten-Uersammwng."WU TageS-Ordnung: Die Zustände ans den Bauten. Keiner darf fehle», jeder Bau uiiisi vertreten sein. Die Verbandsleitung. 144/6__ J. A.: E. Thons. . n Irf Unis. JVIitgUedöcbaft Kerlin XX. Sonntag, 19. Juni, vormittags lO'/a Uhr, im Königstadt-Kasino, Holzmarktstr. 72: Mitglieder sVersammlung. Tages-Ordnung: 1. Verbandsangelegenheit. 2. Ausnahme neuer Mitglieder und Verschiedenes. HB. Kollegen, welche»och keine Fragebogen haben, können in dieser Versammlung noch welche bekommen, desgleichen werden Billets zu unsrem Tonnnervergnügen ausgegeben. 19/8 Es ist Pflicht eines jeden Kollegen, in dieser Versammlung zu erscheinen._ Der Borstaud. der Krankenkassen Iii Beruls- Bezirksgruppe Berlin-Brandenburg Am 14. d. Mts. verstarb unser Kollege hsnl vollmvZf (Orts-Krankenkasse der Maler.) Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung fand gestern, Donnerstag, nachmittags 6 Uhr, in Reinickendorf statt, 290/18 Der Borstaud. Invaliden-»nterMnngskasse d. Steindrucken iilithoppiien. Die Beerdigung des am 14. Juni verstorbenen Stcindruckers Paul Koppen findet statt am Sonnabend, den 18, Juni, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Georgen- Kirchhofes, Landsberger Allee, 202tb Das Komitee. Danksagung. Für die rege Beteiligung und zahl» reichen Kranzspenden bei der Beerdi- gung meiner lieben Frau Johauua Kablert geb. Woelke sage allen Verwandten und Bekannten, sowie meinen Kollegen und dem Ge- sangverein„Unter uns" meinen herz» lichsten Dank, go� Ernst Kablert. Dr. Simmel, Specialarzt für[8/3* Hant- und Harnleiden. 10—2, 5— 7. sonntags 10—12. 2—4. Bekamttmachuttg. Das Kassenlokal der Ort«-Hranhenha«se für das Barbiergewerbe befindet sich jetzt tfatdemarstr. 89, pari. Zum Rendantcn obiger Kasse ist Herr Otto Krüger ernannt. Derselbe wird werktäglich von 8 bis 12 Uhr vormittags Sprechstunden ab- halten. 274/4 Berlin, den 15. Juni 1904. Der kommissarische Borftand der Orts- Krankenkasse für daS Barbiergewerbc.Stralauerstr. 3—6. G e r b i n g, Magistratssekretür. [TdleBlurne \Smfra/ Pepöt: Sommer. Bergstr. 3» D überall häuft ich! Dr. Schünemann Specialarzt für Haut-, Harn- nnd Kranen leiden, Seydelstr. 9. Wochentags',,1«-'/,». Eentral-Krttnlten-tt. Sterbe- baffe der Tischler und andrer gewerblicher Arbeiter. (E. H, 3 Hamburg.) Verwaltung Berlin D. Moabit. Sonntag, den IN. Juni 1994, vormittags 10 Uhr, in der PaNenhofcr Brauerei(Abt, Moabit), Turmstr. Ä5 2t>, kl. Saal: TageS-Ordnum 1. Festsetzung der Entschädigung für die Verwaltungsmitglicder und Bei- tragsammler. 2. Wahl der Orts- Verwaltung, Beitragsammler und des Vertrauensarztes. 3. Kassenangelegen- Helten. 182/4 Mitgliedsbuch legitimiert. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Ble Ortoverwaltnng. Allg. Kranken- n.Sttrbtbaffe der Metallarlreiter. (Emgeschr. HUsst, Rr. 29, Hamburg.) Filiale Berlin 4. Sonnabend, d. 18. d.M., abds. 9 Uhr, Mitglieder-Versammlung bei Slerkowski, Andreasstr. 26. TaaeS-Orduung: 1. Kassenbericht pro Mal. 2. Wahl der OrtSverwaltung. 3, Bericht- erstattung über die Generalversamm- lung. 4. Verschiedenes, 116/14 Um zahlreiches und pünktliches Er- scheinen der Mitglieder ersucht Die OrtSverwaltung. ThSIdtes Grand Restaurant„Ostend". •jßyk A Schönstes Lokal an der Oberspree am Wald und Wasser gelegen. A Billigste Dampfcrsahrten von Michaelbrncke, Wochentags 20 Pf.(mit Kysfhäuser-Dampser) Sonntags 40 Pf., ca. halbstündlich. id Sali. Sonntags: Grosses 7rei-Konzed un l)Mg~ Meine Säle sind noch einige Sonnabende an Vereine, Gesell- schasten���������b������ fl, jtaoust Schmidt, �■BiUigste Bezugsquelle �5 et'------- Berliner Volks- Brauerei Schnupf', Baueh Clgarren, Clgaretten.-- Amt IV, 7300 DMGMMWgG Gegründet 1883. G--- KUpenlckerstr. 4 Tabakfabrlk für alle Sorten VW und Kautabake, 63631,*. Gräfe- Strasse Mo. S. 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Juni 1994, von vormittags 11 Uhr ab im Schntzenhanse zn Nauen: Geifentl. soeialdemohrat.Kreishon|erenz. Tages-Ordnung: 1. Bericht und Kassenbericht des KreisvertrauenSmanneS. 2. DiStussicn. 3. Agitation und Organisation. Referent: Genosse Dr. Karl Lileb- knecht. 4. Presse. 5. Wahl der Delegierten zur Provinzialkonserenz und Parteitag. 6. Wahl des KreisvertrauenSmannes. Jeder Ort kann 1—3 Delegierte entsenden. 290/17 Hierzu ladet ein Der Kreisvertrauensmann Aug. Paris, Velten, Luisenstr. 17. VsmnignngdstfimiMkslieiMI. Bureau: Berlin 0, 54, Dragonerstr. 15, H. I.Aufg.I. Telephon Amt HI, Rr. 5028. Sonntag, den 19. d. M., vorm. 19 Nhr. in de» Jndnstrie-Aestsäleu, «euthstr. 49/39: Versammlung des Müs Der an Berllis und WM TageS-Ordnuna: 257/11 1. VereinSangelegenheiten. 2. Vortrag des Genossen Bäge:„Die Eist- stehung deS neuen Testaments". 3. Distussion. 4. Berufliches und Verschiedenes. Käste sehr willkommen.. Der Vorstand. Verband des technischen Bühnen-Personals. Sonnabend, den 18. d. M.. abends 11 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel-ttfer 15: PF"Versammlung.'MW Tages-Ordnung: 190/5 1. Bericht der Krankenkassen-Delegierten. 2, Anträge zum BerbandS- tage und Wahl der Delegierten zu demselben. 3. Verbands-Angelegenheiten. Um zahlreiches Erscheinen bittet_ Per Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute Freitag, abends 8'/, Uhr, SS/10 im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 15: Tlheung der Ortsirerwaltung. Her mm Verwaltongastelle Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1— 5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Den Vertrauensleuten der Former und Bernssgenossen zur Kenntnis, das; die Former-Stattstiken angelommen find und Im Bureau zur Ausgabe gelangen. Diejenigen Former und verufsgenofse« deS Nordens, welche geneigt sind die Ausstellung für Unfallverhütung und Arbeiter. Wohlfahrt zu besuchen, werde» ersucht, sich am Sonntag, den 19. Juni, mittags 12 Uhr bei Plath. Retnickenborferstr. 60 c, einzufinden. Für Moabit bei Gatttav Pewlta. Sicktngenstr. 4». Di« Ansftellung defindet sich Frauenhoferstrafte 11 u. 12 in Ghar» lottenburg.. �. Des weiteren geben wir den Kollegen der A. G. G. bekannt, daß die für den 19. b. Ml«, geplante Versammlung aus ver» schiedeneu Ursache» erst am 86. b. Mts. stattfinden kann. 116/13_______ Die Ortaverwaltang. Handels-, Transport- und Verkehrs-Arbeiter. Ortaverwaltung StegUta. Sanatag, den 19. Juni 1904, im„Birkenwäldchen" ,a Steglitz: JP Großes Volhe-fcst bestehend in gonjert, Theater, hnmoristischen Vartriigen nnd Kalt. (Theater und humoristische Vorträge werden ausgeführt von der Berliner Volkssänger-Gescllschast l,ewantl»wsk>.) Lebende Bilder. X X Kinderbelustignngen. JedeS Kind erhält eine Stocklaterne gratis. Entree 25 Ps., Kinder frei. 68/8 Was Komitee, Peranttv. Redaljeur: Paul Büttner. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th, Alock», Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanttalt Paul Singer Ll Se.. Berlin SW. It. 140. 21. 2. KeilU des Jprrairts" Kerl« KolMlntl Freitag, 17. Zum 1904. kommunales. Stadtverordneten-Versamallung. 23. Sitzung vom Donnerstag, den 16. Juni 1904, nachmittags ö Uhr. Der Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung um KV, Uhr. In den Ausschuß zur Vorberatung der Vorlage betreffend die unentgeltliche Abtretung des zum Bau des Teltow- Kanals erforderlichen städtischen Geländes in der Gemarkung Treptow sind unter anderm die Stadtvv. Hintze. Voigt und Jeimann .(Soc.) gewählt. Vor Eintritt in die Tagesordnung giebt Stadtv. Cassel(St. L.) folgende Erklärung ab: „Der Aufsichtsrat und die Direktem der Großen Berliner Straßenbahn haben sich veranlaßt gesehen, in einer Erklärung auf Ausführungen einzugehen, welche von mir in der Sitzung der Stadt- Verordneten-Versammlung vom 2. d. Mts. gemacht sind. Ich gestatte mir zunächst, eine von mir beregte Thatsache der Erklärung gemäß dahin richtig zu stellen, daß der Herr Ministerialdirektor a. D. Dr. Micke nicht vier Wochen, sondern bereits anderthalb Jahre vor der_ der Großen Berliner Straßenbahn erteilten Konzessions- Verlängerung seinen Uebertritt von seinem Amte in dem für die Straßenbahnen zuständigen Ministerium in den Vorstand der Großen Berliner Straßenbahn bewirkt hat. was indes für die Beurteilung dieser Konzessionsverlängerung selbst durchaus unerheblich ist.(Sehr richtig!) Im übrigen bleibe ich bei allen meinen in der Sitzung vom 2. Juni d. I. gemachten Slnführungen durchaus bestehen. (Bravo!) Auf den Inhalt der Erklärung des weiteren einzugehen, wird sich bei den bevorstehenden weiteren Beratungen in dieser Ver- sammlung über die Vorlage des Magistrats betreffend den Bau und Betrieb von Straßenbahnen durch die Stadtgemeinde im städtischen Interesse Veranlassung ergeben. Es wird sich dabei zeigen, daß diese Erklärung für die Entscheidung dieser Frage durchaus keine Bedeutung besitzt und daß in dieser Versammlung— wie sich auch die Ansichten über die erwähnte Vorlage des Magistrats gegenüber- stehen mögen— so wie im Jahre 1999 so auch jetzt die Beurteilung des Verfahrens der Großen Berlinec Stratzenbahn-Gcsellschast zwecks Erlangung der bewußten Konzessionsverlängerung und über die dabei in Betracht kommenden Vorgänge eine nahezu einhellige ist. !tBravol Sehr richtig!) Ablehnen muß ich es meinerseits, mich in eine Diskussion mit den Herren des Vorstandes und des Aussichts- rates über den Inhalt ihrer Erklärung cinzulasien, weil diese Herren nicht das städtische Interesse zu vertreten haben. >(Zuruf.) Ich finde es sehr erklärlich, daß die Auffassung dieser Herren von der meinigen abweicht. Sie haben als Funktionäre der Großen Berliner Straßenbahn deren Interessen zu vertreten. Diese Interessen' mögen große sein, wie schon aus der Reihe von Namen aus der hohen Finanz, die die Erklärung unterschrieben haben, hervorgeht, sie sind aber Sonderinteressen. Ich aber habe in dieser Versammlung das allgemeine— das st ä d t i s ch e I nt e r e s s e zu vertreten.(Bravo!) In dieser Vertretung werde ich mich wie seit Jahren, so auch in Zukunft nur von meiner nach reiflicher Prüfung gewonnenen Ueberzeugung leiten lassen."(Leb- hafter Beifall.) Das Gaswerksgrundstück in Friedenau an der Kaiser- Allee sollte nach dem Magistratsvorschlag für 2 859 999 M. verkauft werden. Der niedergesetzte Ausschuß hat dieses Angebot für zu niedrig erklärt, die Offerte abzulehnen und das Grundstück öffentlich auszuschreiben empfohlen mit der Ermächtigung für den Magistrat. den Kaufvertrag abzuschließen, sobald ein Mindestverkaufspreis von 2 859 999 M. erreicht oder überschritten wird. Stadtv. Borgmann(Soc.): Ich bitte den Magistratsantrag abzulehnen und ebenso den Antrag des Ausschusses, soweit er sich aus die Festsetzung eines Mindestverkaufspreises bezieht. Sehr ge- fährlich erscheint mir die Festsetzung eines Minimalpreises; es ist nicht ausgeschlossen, daß die Interessenten sich zusammenthun und nicht mehr als diesen Minimalpreis zahlen. Wenn Sie schon ver- kaufen wolle», so kann ja der Magistrat die Straßen selbst anlege», die Blocks selbst aufteilen und so selbst den Unternehmergewinn er- langen. Besser wäre es freilich, das Terrain ganz zu erhalten, denn Groß-Berlin dürfte es einmal sehr nötig haben. Stadtv. Wallach(A. L.): Der Standpunkt des Herrn Borg- man» und seiner Freunde ist ja bekannt: es soll überhaupt nichts vom städtischen Grundbesitz verkauft werden. Dann aber hätten wir die Slngclcgenheit erst gar nicht an einen Ausschuß zu verweisen brauchen. Die einfache Zinsrechnung könnte Herrn Borgmann zeigen, daß der Zinsverlust größer wäre, tvenn das Grundstück tot liegen bleibt, als wenn wir eine Preissteigerung des Bodens noch abwarten wollen. Stadtv. Borgmann: Ich bin der festen Ueberzeugung, daß der borgeschlagene Minimalpreis noch nicht der richtige ist. Nur mit Stimmengleichheit ist er im Ausschusse zu stände gekommen. Stadtrat NamSlau: Für die Stadt ist das Terrain als Ganzes, etwa für ein Krankenhaus oder eine Schule, nicht verwendbar. Der Magistrat soll nur irgendwie bevollmächtigt werden, das Grundstück verkaufen zu können; gegen die Festsetzung eines Minimalverkaufs- Preises haben wir nichts. Stadw. Tinse(N. L.), der durch seine Stimme im Ausschuß den Ausschlag gegeben hat, tritt den Ausführungen Borgmanns«nt- gegen. Er hält die Festsetzung eines Minimalpreises für nicht so ausschlaggebend als die Notwendigkeit des Verkaufes selbst. Bis auf dieses Terrain werde die Stadt Berlin auf keinen Fall jemals ausgedehnt werden. Stadtv. Borgmann entgegnet dem Stadtrat, daß, wenn Groß- Berlin erst bestehe, es auch in der Lage sein werde, den Bebauungs- plan dort zu ändern. Die Eingemeindung sei seiner Zeit nicht zur Perfektion gelangt weil eine Gruppe in der städtischen Verwaltung. mit Einschluß des Dr. Langerhans, sie nur innerhalb der Ringbahn zulassen wollte. Unter den heutigen Verhältnissen könne man sich doch an diese Grenze nicht mehr binden. Daraus wird die Magistratsvörlage abgelehnt und der Ausschuß- antrag inkl. des Minimalpreises angenommen. Stadtbaurat Krause soll nach Amerika zum Besuch der Welt- ausstellung in St. Louis und zum Studium der Verkehrsverhältnisse und Speicheranlagen nordamerikanischcr Städte entsandt werden. Für diese Studienreise werden 5999 M. gefordert. Stadtv. Buchow(Fr. Fr.) beantragt, 19 999 M. zu bewilligen und dem Stadtbaurat einen Adjunkten mitzugeben. Stadtv. Cassel stellt anheim, die Sache einem Ausschuß zu über- geben. Stadtv. Dinse ist für den Antrag sympathisch gestimmt. Es sei ganz unangemessen, nur eine Person hinüberzuschicken, die vielleicht im Leben nicht wiederkomme, und dann hätte man das Geld umsonst weggegeben.(Stürmische Heiterkeit.) Oberbürgermeister Kirschner bittet, die 5999 M. zu bewilligen und nur die Frage im Ausschuß zu prüsen, ob noch eine zweite Kraft hinübergesandt werden soll. Für Herrn Krause scheine ja Uebcreinstimmung der Meinungen zu herrschen.(Zustimmung.) Stadtv. Haberland(A. L.) bittet, den Antrag mit dem An- trage Buchow sofort anzunehmen; ebenso spricht sich Stadtv. Borg- mann aus. Stadtv. Cassel tritt seinerseits jetzt dem Vorschlage des Ober- bürgcrmeisters bei. Es empfehle sich nicht im Interesse der Ver- waltung und Finanzgebarung, den neuen Gedanken des Antrages Buchow ohne weiteres anzunehmen. Die Versammlung genehmigt die Bewilligung der 5999 M. Der Antrag Buchow geht nach längerer Geschäftsordnungs-Debatte an einen Slusschuß. Die Festsetzung neuer Baufluchtlinien auf einem Teil des Ge ländes des Platzes dl Abt Xl des B-bauunosvlans zur Voll endung der Unterführung der Gleimftraße unter die Nordbahn ist vom Magistrat beantragt. Stadtv. Barth(A. L.) beantragt Ausschußberatung, des- gleichen Stadtv. B o r g m a n n, der die vorgeschlagenen Slende- rungen des alten Bebauungsplanes für so erheblich hält, daß gründ- liche Ausschuhprüfmrg nicht zu umgehen sei. Die Vorlage wird einem Ausschutz überwiesen. Am 9. April haben die Stadtvv. Sl n t r i ck u. Gen. folgende Anfrage an de» Magistrat gerichtet: Welche Matznahmen gedenkt der Magistrat zu treffen, um die unberechtigte Ver!v endung von städtischen Mitteln, wie solche bei der Beratung des Etats für das Arbeitshaus in Rummelsburg zu Tage getreten ist, in Zukunft unmöglich zu machen? Des weiteren: Was gedenkt der Magistrat zu thun, um diese Mittel der Stadthauptkasse wieder zuzuführen? Unterm 31. Mai hat sich der Magistrat zur Beantwortung bereit erklärt. Von der gleichzeitig gegebenen vorläufigen Aufklärung haben wir den Lesern bereits Mitteilung gemacht. Stadtv. Borgmann begründet die Anfrage: Sie werden sich der erheblichen Differenzen erinnern, welche bei der Beratung des Etats des Slrbeitshauses zwischen Mitgliedern der Verwaltung und der Deputation auftraten. Der Decernent, Stadtrat Fischbeck, wies die gegen seine Verwaltung gerichteten Vorwürfe zurück, indem er hervor- hob, daß die Verpflegung in der Filiale Reinickendorf wesentlich besser sei als in der alten Anstalt in Rummelsburg; er habe diese Ver- pflegung insofern verbessert, als er Ersparnisse, die dort gemacht seien, dazu verwendet habe. Er habe z. B. an einem Sonntage 51 Rationen Beurlaubter erspart und das Essen der übrigen damit verbessert, den Wochenzettel reicher ausgestattet. Gegen diese Sache an sich haben wir nichts einzuwenden, aber der eingeschlagene Weg war nicht der richtige; er alteriert das Etatsrecht der Versammlung. Nun sagt der Magistrat in seiner Zuschrift, daß nach Rücksprache bei der Verwaltung der Armendirektion die Sache anscheinend auf ein Mißverständnis zurückzuführen sei. Ich mutz gestehen, die Aus- spräche des Stadtrats Fischbeck bei der Etatsberatung war klar wie Kryswll, aber die Mitteilung des Magistrats und der Armendirektion ist sehr unklar. Der Magistrat scheint sich allerdings auf dem Rück- zuge zu befinden und giebt halb und halb zu, daß hier ein Irrtum der Verwaltung vorlag. Wenn aber Herr Fischbeck mit solcher Schärfe und Energie von den einzelnen Mitgliedern der Deputation verlangt, daß sie ordnungsgemäß ihre Pflicht ausüben, dann muß er selbst doch erst recht seine Pflicht am korrektesten ausüben, und ich bestreite, daß Herr Fischbeck das in diesem Fall« gethan hat. Seine Anordnung hatte einen sehr löbliche»> Zweck, aber wenn«r korrekt verfahren ivollte, inutzte er diese Entscheidung zunächst der Deputation zur Beschlutzfassung vor- legen. Er hat als Decernent keine Verfügung über diese Mittel; die Deputation hätte auch sicherlich Zweifel über diese Verwendung ausgesprochen. Wäre dieser unerläßlich notwendige Weg gegangen worden, so hätte Herr Fischbeck nicht erst in der Etatsberatung den Rechtsboden für sein Verfahren zu suchen brauchen. Auch aus Rück- sichten auf die rechnerische Kontrolle war die Sache unzulässig. Ich habe dem Rechnungsausschuß zehn Jahre angehört und muß be- stätigen, daß seine Arbeiten äußerst mühevoll und eigentlich oft doch ohne rechten Effekt sind. In diesem Falle hätte ich erwartet, daß auch seitens des Ausschusses gegen diese Verwendung Einspruch erhoben worden wäre. Für den Magistrat hatte die Sache ja ihre Schwierig- leiten; er hat damit zu rechnen, daß er manchmal mit einzelnen Mitgliedern zu thun hat, die nicht von der Pike auf gedient haben und außerdem noch event.«tlvas selbstherrlich veranlagt sind. Aber auf alle Fälle muß das Etatsrecht der Versammlung gewahrt bleiben; die einzelne Verwaltung darf nicht Verfügung treffen, wie es ge- schehen ist. Der Magistrat hat ja auch eingesehen, daß die Sache nicht ganz korrekt vor sich gegangen ist. Ich gaube, die Sache als erledigt ansehen zu können. Oberbürgermeister Kirschner: Die Anfrage geht von der Auf- fassung aus, daß bare Mittel erspart worden sind in der Weise, daß diejenigen Ausgaben für Portionen, die nicht notwendig waren, Iveil die betreftenden Hospitaliten, für die sie bestimmt waren, den Tag nicht in der Anstalt zubrachten, erübrigt wurden. Nach den Erklärungen, die hier seiner Zeit gefallen sind, konnte ,nan diese Auffassung gewinnen: ich hatte sie auch. Sie trifft aber nicht zu. Barbeträge sind überhaupt nicht erspart worden, sondern nur die- jenigen Teile der Portionen, Ivelche nicht zur Verwendung kommen konnten, weil die Betreffenden beim Verzehren der Mahlzeiten nicht anwesend waren, und die nun später zur Verbesserung der MaHI- zeiten verwendet worden sind. Das ist eine durchaus sachgemäße Verwendung, wenn man die Dinge nicht verkommen lassen wollte. Von einer unberechtigten Verwendung von Mitteln kann also nicht die Rede sein. Damit ist die Anfrage erledigt. Nach Erledigung einiger weiterer unerheblicher Vorlagen schließt die öffentliche Sitzung um 7V. Uhr. Wo blieb das Geld? Am gestrigen Berhandlungstage des Poinmernbank- Prozesses kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen über die Vermögenslage der Angeklagten Schultz und R o m e i ck. Es handelte sich um einen Antrag des Staatsanwalts Beeck, in welchem behauptet wurde, daß die beiden Angeklagten noch ein größeres Vermögen hinter sich haben müßten. In dem Antrage wird auf Grund specialisierter Angaben behauptet, daß der Angeklagte Schultz aus den Geschäften mit der Immobilien-V crkehrsbank und deren Anhang Verdienste in Höhe von über 5 Millionen gehabt haben müsse. Es wird ferner behauptet, daß der Angeklagte Schultz der Bank im wesentlichen nur solche Vermögensstücke ver- pfändet habe, deren Beiseiteschaffung nicht möglich gewesen. Der Wert der verpfändeten Vermögensstücke belaufe sich auf höchstens 1 Million Mark. Daß er nicht sein ganzes Vermögen verpfändet habe, folgert der Staatsanwalt daraus, daß der Slngeklagtc noch im Ottober 1999 rund 449 999 M., die ursprünglich bei der Pommern- bank auf seinem Conto standen, auf seine Frau habe überttagen lassen und daß dieser Betrag teils von der Frau, teils von ihm abgehoben worden sei. Diese 449 999 M. seien der Bant nicht verpfändet worden. Einen Teil dieser Gelder müsse er noch hinter sich haben. Dafür spreche auch das Verhalten der Frau, die sich der Leistung des Offenbarungseides entzogen habe. Dazu komme, daß unmittelbar nach der stürmischen Aufsichtsratssitzung von: 12. März 1991 der Slngeklagte Schultz seine Safes leerte und daß bei der späteren Be- schlagnahme fast nichts vorgefundcn worden sei. Am Tage der Verhaftung des Angeklagten Schultz sei auch dessen Schwager Heinrich Schauenburg plötzlich ins Ausland gegangen. Dieser habe jetzt die Haftkaution von 199 999 M. für Schultz und 39 999 M. für Romeick gestellt.— Bezüglich des Angeklagten R o m e i ck behauptete der Bcweisantrag. daß derselbe nur das, was er nicht habe verheimlichen könne», verpfändet habe, nämlich seine Villa in der Kaiser-Allee und sein Gut Kaukern. Es wird behauptet, daß er aus dem Handel mit Pominernbank-Akticn. Strclitz- Aktien und Aktien der Immobilien- Verkehrsbank 859 999 M. verdient habe, wozu noch Verdienste aus Terraingeschäften usw. träten. Jetzt besitze Romeick kein Vermögen mehr, sondern habe Ende 1993 den Offenbarungseid geleistet. Angekl. Schultz: Tie Angaben des Bcweisantrages sind voll- kommen unrichtig. Ich habe wiederholt zu erklären, daß ich mein esamtes Vermögen freiwillig zur Verfügung gestellt habe; ich esitze nichts, als ein bißchen Wäsche und Zeug und sonstige Kleinigkeiten. Ich habe nichts beifeite gebracht. Meine Frau hat von mir bekommen, das war aber auf Verabredung vor eingegangener Ehe, weil Kinder au» erster Ehe vorhanden waren, so daß ich sie sicher stellen wollte. Meine Frau hat im ganzen etwa 299 999 Mark bekommen; was heute davon übrig ist, weiß ich nicht; viel wird es nicht sein. Die Behauptung, ich hätte 4 999 999 Ml verdient, muß ich entschieden bestreiten. Ich habe nie im Leben mehr besessen, als zwei Millionen. Entschieden zurückweisen mutz ich die Be- hauptung, daß ich bei Verpfändung meines Vermögens wissentlich Wertobjekte beiseite gebracht habe. An sich war ich gar nicht ver- pflichtet, der Bank auch nur einen roten Pfennig zu geben, die Bank war gar nicht in der Lage, gegen mich mit Arrest vorzugehen, sie war sogar gezwungen, mir bis Oktober meinen Gehalt zu bezahlen. Was wir verpfändet haben, ist von uns ganz freiwillig geschehen, ich bin der Bank nichts schuldig gewesen, ich ging aber von dem Ge- danken aus. daß, wenn ich etwas schuldig sein sollte, ich dann selbst mein Hemd versetzen würde, um alles zu bezahlen. Es wird he- hauptet, ich hätte den Safe geöffnet. Dasselbe, was Herr Budde fälschlich von Schumacher behauptete. Das ist völlig falsch. Auch von meinem Schwager wird allerlei behauptet; mein Schwager hat von mir nichts mitgenommen. Er hat einige in meinem Besitz be- findliche auf andre Hypothekenbanken bezügliche Papiere mit» genommen und ich danke meinem Gott, daß er weggefahren ist. Daß ich meine Frau nicht veranlassen konnte, zurückzukehren, wird jeder begreifen. Aber binnen vier Wochen wird meine Frau zurück sein und bezeugen, daß sie diese 449 999 M. nicht bekommen hat. Die Bank, die fälschlich behauptet, ich hätte Vermögensstücke beseitigt, wollte mich durch Slusbringung von Arresten zwingen, den Offenbarungseid zu leisten. Ich habe der Pommernbank nicht nur meine Immobilien angeboten, sondern auch die meiner Frau zur Verfügung gestellt, aber man hat trotzdem alles versiegelt! Angekl. Romeick: Auch ich mutz den größten Teil der Behauptungen, die in dem Antrage des Staatsanwalts enthalten sind, für völlig unrichtig er- klären. Mit der freiwilligen Verpfändung meines Vermögens steht es genau so, wie bei meinem Kollegen Schultz. Ich habe auf den Rat des Herrn Schappach seiner Zeit mein Vermögen freiwillig der Bank verpfändet. Ich erkenne Regreßansprüche der Bank nach keiner Richtung hin an. denn ich bin mir bewußt, daß ich mein Amt stets gewissenhaft erfüllt habe. Dennoch habe ich den größten Teil meines Vermögens zur Verfügung gestellt, eine ganz genaue Auf- stellung meines Vermögens gegeben und die wenigen Vermögens- stücke, die ich hinter mir behielt, mit voller Kenntnis der Herren behalten. Die Verdienste, die mir der Staatsanwalt nachrechnet, stimmen kcinestvegs. meine Verdienste erreichten auch nicht an« nähernd diese Höhe. Zeuge Geh. Rat Budde: Nach den Aeußerungen des Angeklagten Schultz gewinnt«S. wieder den Anschein, als wenn ich als persönlicher Gegner gegen ihn- vorgegangen tväre. Das bestreite ich entschieden. Wir sind uns vorher gleichgültig gewesen und werden uns nachher gleichgültig sein. Ich bin von Jugend auf gewohnt, überall da. wo ich hingestellt werde, meine Pflicht zu thun und thue das rücksichtslos gegen mich und gegen andre, wenn es sein mutz, und sei es auch mein eigner Bruder. Wenn ich gewußt hätte, was ich hier durchzumachen habe bei diesem Prozeß, so erttäre ich Ihnen ganz offen: ich hätte die Stellung nicht angenoinmcn, denn ich brauchte es nicht.— Richttg ist, daß der Angeklagte Schultz mit Slrresten verfolgt wird. Ich habe das gethan und thun müssen, und daß die gestellten Anträge nicht grundlos waren, zeigt die Thatsache, daß das Gericht ihnen Folge gegeben hat.— Was die Slngeklagte» in Betreff der Verpfändung ihres Vermögens gesagt haben, ist richtig. Ich kann bestätigen, daß nach ihrer Verhaftung bei sämtlichen Beamten der Bank die Ueberzeugung vorherrschte, daß die Angeklagten nicht schuldig seien und daß ihre Verhaftung nur kurze Zeit dauern würde. Ich habe mich persönlich vom Gegenteil überzeugt, und daß die An- geklagten vieles gethan haben, was sie nicht hätten thun sollen. Das ist aber in den Büchern so versteckt und eine so komplizierte Sache, daß nach meiner Ueberzeugung die Beamten eben nicht unter- richtet waren, wenn sie jene Ansicht hatten. Wenn also damals der Aufsichtsrat vorzog, von dem Angeklagten freiwillige Erklärungen wegen der Verpfändung entgegen zu nehmen, so hielt er dies wohl für den richtigen Weg. auch in Rücksicht auf die Angeklagten, die er damals nach keiner Richtung für schuldig hielt. Ich bin aber über- zeugt, daß auch damals das Gericht, wenn Arreste,, ausgebracht worden wären, diese ebenso angelegt hätte, wie es sie jetzt angelegt hat. WaS in dem Beweisantrag über die Verpfändung gesagt ist» ist objektiv richtig. Inwieweit ein Verschulden bei den Angeklagten und eine Vermögensverschleierung vorliegt, wird ja der Gerichtshof! zu beurteilen haben. Wegen der 449 999 M. habe ich allerdings die Ueberzeugung, daß diese noch irgendwo stecken müssen: denn sie sind vorhanden gewesen und abgehoben worden, und ich kann mir nicht vorstellen, wo sie geblieben sind. Aus diesem Grunde habe ich diese Sache verfolgt bis zum äußersten. Ich betone: das Gericht wird wohl derselben Ueberzeugung gewesen sein, sonst hätte es den Schritten, die ich gethan habe, nicht seine gerichtliche Hilfe geliehen. Angekl. Schultz verwahrte sich nochmals dagegen, daß er eine falsch« Vermögensaufftellung gemacht oder daß seine Frau von den 449 999 M. etwas abgehoben habe. Sln den beiden letzten Tagen lvurde noch eine Reihe von Beweis- antragen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung erledigt.! Es kamen dabei wiederholt die Direktoren Geh. Rat Budde und Regierungsrat G u t m a n n, die Sachverständigen H u s ch k e und Kruse. Ohme und B a ch m a» n, sowie Bankdirektor Man- k i e w i c z zu Worte. Letzterer glaubte u. a. in einigen Grup- pierungen in den Bilanzen Verschleierungen erblicken zu müssen und verblieb auch dabei, trotz gegenteiliger Ausführungen der Angeklagten und der Vetteidiger. Die nächste Sitzung findet am Freitag statt. Da nur noch wenige Punkte der B�oeisanträge unerledigt sind, hofft der Vor- sitzende, an diesem Tage die Beweisaufnahme beendigen zu können. lokales. Au» der Stadtverordneten-Versammlung. In der gestrigen Sitzung wurde vor Eintritt in die Tage»- ordnung vom Stadw. Cassel auf die Erklärung geantwortet, die die Direttion der. Großen Berliner Straßenbahn' durch Zeitungsannonce gegen ihn veröffentlicht hat. Herr Cassel berichtigte einen thatsächlichen Irrtum, der ihm unterlaufen war, hielt aber im übrigen alles aufrecht, was er vor vierzehn Tagen gegen die„Große' gesagt hatte. Er fügte hinzu, in der Versammlung werde das Verfahren, das die„Große" zur Erlangung der bekannten Konzessions- Verlängerung eingeschlagen habe,„nahezu einhellig" verutteilt. Sollte da Herr Cassel nicht doch etwas zu hoch von der Mehrheit der Ver» sammlung und im besonderen von seinen eignen Fraktionsgenossen denken?— Gegen den Rückkauf eines der Stadt Berlin gehörenden Grund- st ü ck e S. das in Friedenau liegt und einst zur Errichtung eines Gaswerkes bestimmt war, erhob Genosse Borgmann erfolglos Einspruch. Sein Hinweis auf die Möglichkeit, daß bei Schaffung eines Groß» Ber Itn das Grundstück noch einmal von Berlin selber gebraucht werden könne, gab dem Stadtrat Namslau wie dem Stadt- verordneten D i n s e{31. L.) Anlaß, wieder einmal die Grundsätze ihrer mutig zurückweichenden Eingemeindungspolitik zu entlvickeln. Nach Erledigung dieses Punktes folgte eine überflüssig lange Debatte über die Bewilligung von Mitteln zu einer Studienreise, die der Stadtbaurat Krause oder eventuell noch ein zweiter Beamter der Bauverwaltung zur Weltaus st ellung in St. Louis machen soll. Herr D i n s e sprach das große Wort gelassen aus, es sei doch eine riskante Sache, eine einzige Persönlichkeit nach Amerika zu schicke», man könne doch nicht wissen, ob sie wieder- kommen werde. Die Versmninlnng hat lange nicht so gelacht wie gester», als sie diese Begründung hörte. Ueberraschend kurz war die Verhandlung über die Anfrage der socialdem akratischen Fraktion, die eine in der Verwaltung des Arbeits Hauses vom Stadtrat Fischbcck begangene Eigenmächtigkeit betraf. Die Anfrage war bereits am 9. April gestellt worden, der Magistrat hatte sich aber erst jetzt bereit erklärt, sie zu beant- Worten, nachdem inzwischen Herr Fischbeck dem Magistrat gegenüber sich dahin geäußert hatte, daß man im März seine Ausführungen zum Arbeitshans-Etat nur mißverstanden habe. Herr Fischbcck hatte nämlich damals renommiert, daß im Filialhospital des Arbeitshauses das Essen anSgczeichnct fei, weil die nicht auf- gebrauchte Kost beurlaubter Insassen unter die übrigen Insassen verteilt werde. Nachträglich hat er dem Magistrat gegen- über seine Darstellung dahin eingeschränkt, daß das.nicht in allen Fällen" geschehe. Genosse Borgmann wies gestern darauf hin, daß ja gegen die Sache gar nichts einzuwenden sei, daß aber die Entscheidung nicht dem Dccernenten, sondern dein ganzen VcrwaltungSkuratorium zustehe. Gerade Herr Fischbeck, der gegen die socialdemokratischen Stadtverordneten Angustin und Hoff» mann strenges Festhalten an der Instruktion gefordert hat, hätte allen Grund gehabt, auch seinerseits sich streng an die Instruktion zu halten. Oberbürgermeister K i r s ch n e r beantwortete die Anfrage mit wenigen Worten, und dainit war die Sache erledigt. Wilhelm H. gegen die„Rinnstcinkunst". Unter der Ueberschrist.Front gegen die moderne Richtung" wird der.Nhcinisch-Wcstfälischen Zeitung" von einem Berliner Kunst- Historiker ein Aufsatz geschickt, dem wir folgendes entnehmen: Die Spannung zwischen Charlottenburg(Secession) und Moabit (Große Berliner Kunstansstellnng) und die persönliche Stellungnahme des Kaisers in Kunstdingen bereiten dem Dezernenten für blldende Kunst im Kultusministerium oft unangenehme Situationen, da er nur zu oft, der kaiserlichen Kunstneignng folgend, seine Ansicht und die von Künstlern und Kunstgelchrten, deren Rat er einzuholen pflegt, unterdrücken muß. Ich ivciß so beispielsweise, daß sich der Geheim- rat bei der Beschickung der Kunstsammlungen in St. Louis in einer so großen Verlegenheit befand, daß er sich mit Worten der Vcr- zweiflung an eine Reihe von Kunstgelchrten mit der Bitte um Rat wandte.... Der Herr Geheiinrat machte nun einen Versuch, beim Kaiser eine Versöhnung zwischen Moabit und Charlottcnbnrg an- zubahnen: Ans dem Munde eines völlig unabhängigen Mannes sollte der Mmiarch Aufklärung erhalten. Dieser unabhängige Mann muß schon bedeutende Qualitäten besitzen, da man in Knnstdiiigen dem Kaiser bei seinem grundehrlichen, unerschütterlichen Glauben an die Nichtigkeit seiner Kunstanschauung nicht mit gegenteiligen Anschauungen imponieren kann. Allerdings konnte der Dezernent keinen besseren Vermittler finden als in der Person dcS in Kunstkreisen allgemein verehrten Ordinarius für Kunstgeschichte an der Berliner Universität, Heinrich Wölfflin. Der Geheimrat kalkulierte nun, daß der Monarch doch für die Ansicht eines so angeschenen Knnstgclehrten wie Wölfflin zugänglich sein würde. Wölfflin erhält vor einigen Tagen von dem Dezernenten eine Anffordernng, nach Moabit zu kommen, wo er den, an diesem Tage dort weilenden Monarchen v o r g e st e l l t werden sollte. Am Eingange stehen zum Empfange des Kaisers die AusstellungSIeiter, unser Gehcimrat mit Professor Wölfflin. Der Kaiser kommt an, durchschreitet eilend den Eingang. Der erste Augenblick, Wölfflin vorzustellen, ist verpaßt. Wölfflin und sein Führer schließen sich nun dem Gefolge des Kaisers an. Bald glaubt der hohe Beamte wieder einen günstigen Augenblick nahe, um Wölfflin vorzustellen. Er hat den Kaiser schon angeredet, da... Pech... Wölfflin ist vor einem Bilde stehen geblieben, der Vorzustellende fehlt. Kurz gegen Ende des Besuchs findet dann der Geheiinrat Gelegenheit, den Professor vorzustellen. Wölfflin verneigt sich und statt der erwarteten Ein- leitung eine» kleinen Gesprächs über Kunst,(sagt der Kaiser nichts als:„Machen Sie in i r. bitte, ordentlich Front gegen die moderne R i ch t u n g I"... Ohrenzcugen wollen den kaiserlichen Befehl in einer noch mehr sagenden Fassung gehört haben. Nicht„Machen Sie mir Front!", sondern„Sie machen mir. bitte, ordentlich Front gegen die moderne Richtung!" Das„Berliner Tageblatt", da» schon früher eine Mitteilung ähnlichen Inhalts gebracht hat, bestätigt, daß der Kaiser sich dem Prof. Wölfflin gegenüber in der energischeren Form über die moderne Richtung geäußert hat. Merkwürdigerweise bringt keines der beiden Blätter etwa» über die Antlvort, die der Professor dein Kaiser wohl oder übel gegeben haben muß. Diese kann doch nur gelautet haben, daß er als Knnstgelehrter in keiner Weise gesonnen sei. seine Anschauungen in Fragen der Kunst plötzlich zu ändern und daß er zumal von dem Kaiser als einem Laien in Kunstfragen sich nickt bestimmen lassen könne, andre Wege zu gehen als die, die er nach seiner Ueberzeugung für die richtigen halte. Falls Herr Wölfflin aber aus irgend einem Grunde keine Gelegenheit gcstmde« hat, dem Kaiser sofort zu antworten, so wird er als Mann von Charakter gewiß das Nötige gethan haben, um den Monarchen nach- träglich von seiner ja ganz selbstverständlichen Weigerung in Kenntnis zu setzen. I Oder� solltej diesj noch nicht ge- schehcn sein?_ Zur Frage der Zuführung«. des Reisegepäcks macht die Staats- bahn-Verwaltnng darauf austnerksam, daß laut Bertrag die Berliner Paketfahrt-Gescllschaft für die im Postbcstcllbezirk Berlin be- legenen Wohnungen innerhalb zlvci bis drei Stunden nach Ankunft der Züge die Zuführung des Reisegepäcks in die Wohnungen, Hotels zc. bewirken läßt."Nach den Vororten findet zweimalige Bestellung täglich statt. Der Antrag auf Zuführung des Gepäcks kann schon unterwegs bei der Fahrt nach Berlin gestellt werden, zu welchem Behufe die Zugschaffner Formulare unentgeltlich verab- folgen. Nach Ausfüllung der Formulare ist der Reisende aller Sorgen um das Gcväck lcdig. Die Abholung des Gepäcks ist in der Weise geregelt, daß die Gesellschaft das Gepäck aus den Wohnungen-c. abholt und zwei Stunden vor Abgang des ZugeS an die amtliche Gepäckabfertigungsstelle abliefert, falls der Antrag beim Centralbnreau, Ritterstr. 98/99, fünf Stunden vor Ab- gang des Zuges eingegangen ist. Daß die Paketfahrt-Gesellschaft auch Fahrkarten und Gepäckscheine gegen eine mäßige Gebühr besorgt, haben wir bereits mitgeteilt. Herr v. Vorrics und die Schutzleute. Bei einem Fest, das diese Woche im Garten des Reichskanzler-Palais abgehalten worden ist, hat Polizeipräsident v. Borries folgende Worte in einen zur Be- lustigung aufgestellten Phonographen hineingesprochen:„Die vor- nehmste Aufgabe des Schutzmannes ist, seinem Namen Ehre zu machen, also zum wirklichen Schutze des Publikums zu dienen. Er wird dies immer mehr thnn können, wenn dies auch stets vom Publikum anerkannt, und er nicht häufig als Feind des Publikums angesehen würde. Seine Aufgabe wird leicht erfüllt werden können, wenn er darin vom Publikum unterstützt wird, und es ist zu hoffen, daß dies immer mehr der Fall sein wird." Wir find überzeugt, daß die Unterstützung auf feiten des Publikums nicht ausbleiben wird, sobald sich die Schutzleute erst das öffentliche Vertrauen erworben haben. Um diesen wünschenswerten Zustand herbeizuführen, wäre es angebracht, au jedem Revicrbureau einen Phonographen aufzustellen, der die Worte des Polizeipräsidenten etwa allstiindlich laut wiedergäbe. Deuiiiizianten-Ehrc nnd Studentenschaft. Man erinnert sich wohl noch, daß Dr. H i r s ch f e l d zn Charlottenbnrg einer wissenschaftlichen Umfrage wegen von vier Studenten Ivegen Beleidigung denunziert worden war und daß er auch zn 209 M. Geldstrafe verurteilt wurde, obivohl das Gericht ihm ausdrücklich„edle Motive" zuerkannte und somit gar kein zwingender Grund vorlag, eine Be- leidignng„festzustellen".— Wer hinter den angeblich beleidigten Denunzianten stand, hat ja auch Adolf Brand in einem Wochen- bericht der„Gemeinschaft der Eignen" nachgeiviescn. Er hat in dem Artikel„Pa st or Philipps und die Sittlich- k e i t" die für Kirche und Staatsanwaltschaft sehr unangenehme Thatsache aufgedeckt, daß das ganze Vorgehen der vier Studenten gegen Dr. Hinchfeld b e st e l l t e A r b e i t war. Und er hat ferner gesagt, daß es unlviirdig für die akademische Jugend sei, sich zum Werkzeug pfäfsischer Ignoranz und pfäsfischcr Unduldsamkeit zn machen.— Die Studentenschaft der kgl. Technischen Hochschule zn Charlottenbnrg hat ja dann in einer Protestversammlung auch zn erkennen gegeben, daß sie den Standpunkt dieses Wochenberichts vollständig teilt und daß sie daS Vorgehen der vier Denunzianten als mit der Ehre eines deutschen Studenten unvereinbar hält. Nichtsdestoweniger hat nun einer der vier Denunzianten, der s t u ck. j u r. Bruno S e n k p i e l, gegen Adolf Brand, als Herausgeber des Wochenberichtes nnd indirekten Veranlasser der Protestversammlung, Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Die Beleidigung wird seitens der Staats- anwaltschaft in der scharfen Kritik gefunden. Das Verfahren, desscnt- ivegen morgen die erste Vernehmung bereits erfolgt, scheint„iin öffentlichen Interesse" zu geschehen. Invalidität bei der Feuerwehr. Abermals sollen 16 Obcrfcuer- männer, Maschinisten und Fcuermänner unsrer Feuerwehr wegen andauernder Krankheit in den Ruhestand versetzt werden. Es sind die» der Obermaschinist Wilh. Zorn, die Oberfeuermänner Heinrich Lohmann nnd Gottfr. Lorenz sowie die Fenermänner Alb. Bolsch, Franz Eifert, Karl Krause, Aug. Heckmann, Gnst. Hoffschild, E. Feindt, Äug. Jahrmärker, W. Weske, Mich. Haberski, Gust. Marten, Ferd. Schirmer. L. Kerbcr und Aug. Sommer. Alle 16 sind dienstuntauglich und müssen deshalb pensioniert werden. Fast ohne Ausnahme haben sie sich ihre verschiedenen Leiden im Dienst zugezogen. So hat z. B. der Feuermann Heckmann durch die Einwirkung von Stauch und Hitze bei einem Brande ain 3. Juli 1993 sich eine Entzündung der Regenbogenhaut des Auges zugezogen, die den grünen Staar und vollkommenen Verfall der Sehkraft des linken AugeS herbei- geführt hat. Feindt hat am 31. August 1992 eine Rauchvergiftung erlitten, die eine Erkrankung der Lunge und einen Verfall der Körper- kräfte im Gefolge hatte. Sommer leidet an chronischen! Muskel- und Gelenkrheumatismus. Aus ähnlichen und denselben Ursachen müssen auch die übrigen braven Männer pensioniert werden. Der jüngste, F. Eifert, ist erst 28 Jahre alt, er hatte sich am 39. Mai vorigen Jahres bei einem Brande in der Prinzenstr. 9/19 eine starke Ranchvergiftung zugezogen. Der älteste von ihnen ist 56 Jahre alt. Die Pensionen, die sie erhalten, richten sich nach der Dienstzeit und chwanken zwischen 699 und 1599 M. Mangel an Hydranten auf den fiskalischen Eiseudahttgeländen. Wiederholt ist schon darauf hingewiesen worden, daß es auf den Terrains der Eisenbahn meistens an der genügenden Anzahl von Hydranten fehlt, die bei ausbrechendem Feuer in Thätigkeit gesetzt werden können. ES ist das, wie wir vor einiger Zeit mitteilten, aus dem Lehrter Güterbahnhof in der Lüneburgerstraße der Fall, wodurch die Feuerwehr wiederholt bei Bränden genötigt war, das Wasser aus sehr großen Entfernungen herbeizuholen. Auch bei dem in gestriger Nummer berichteten Riesen brande am Bahnhof P n t l i tz st r a ß e machte sich dieser Mangel an Hydranten sehr bemerkbar. Die erforderlichen Wassermengen mußten fast durch- weg aus sehr langen Schlauchleitungen— die kürze st e war 259 Meter lang— aus der Ouitzow-, Wilhelmshavenerstraße und vo>n Südufer herbeigeholt werden. Dieser Umstand hat wohl auch wesentlich dazu beigetragen, daß das Feuer eine so große Aus- dehnung erlangte, weil die Anlage solcher langen Schlauchleitungen doch immerhin mit erheblichem Zeitverlust verknüpft ist. Es wäre daher dringend geboten, daß die Eisenbahnbehörde auf größeren Lagerplätzen, namentlich dort, wo leicht brennbare Stoffe sich be- finden, auch für die genügende Anzahl Hydranten sorgt.— Die Brandstelle am Bahnhof Pntlitzstraße macht jetzt den Ein- druck eines riesigen Kohlcnweilers. Große schwarze Holzhaufen be- decken das etwa 25 Morgen große Gelände. Trotzdem während der ganzen Nacht zum Donnerstag drei Dampfspritzen in Thätigkeit waren und unaufhörlich Wasser gaben, war DonnerStagmittag die vollständige Ablöschnng noch nicht beendet. Es glimmten immer noch neue Holzstapel und so mußte noch den ganzen Tag hindurch Wasser gegeben werden. Der eingestellte Bahnvcrkehr ans den Ring- bahngeleiscn zwischen Gesnndbruunen und Beusselstraße, sowie zwischen dem Lehrter Hauptbahnhof nnd Spandan wurde bereits Mittwoch- abend von 7 Uhr an wieder aufgenommen, wenn auch in beschränktem Maße. In den Nachmittagsstunden, wo ein Passieren der Geleise überhaupt nicht möglich war, wurden die Züge aus Spandan über die Stadtbahn geleitet; ebenso ging der Personenverkehr auf diesem Wege nach Westen und Osten. Die Höhe des entstandenen Schadens dürfte 199 999 Mark"weit über- steigen, wenn man berechnet, daß jede einzelne Schwelle einen Wert von 5 bis 6 Mark hat. Leider ist es bei dem Brande auch nicht ohne Verletzungen abgegangen. Der Feuermann L ä n g n e r erlitt durch herabfallende Schwellen eine schwere Beinverletzung, während die Wehrmänner R o s e n b e r g und R u d o w s k i durch Stich- flammen an den Beineu Brandwunde» davontrugen. Einen Hitz- schlag erlitt der Feuermann Ulbrich. Gestern vormittag meldeten sich, wie vorauszusehen war, außerdem noch eine größere Anzahl Fenermänner hauskrank. Ein Krankenhaus brauchte niemand aufzu- suchen._ Zur Ermordung der Lncie Berlin. Wegen des Mordes an der Lncie Berlin ist eine neue Vcr- Haftung erfolgt. Der Verdacht der Thäterschaft richtete sich schon längere Zeit gegen den am 26. Mai 1869 zu Ouedlinburg geborenen „Arbeiter" Theodor B e r g e r, der sich bei seiner Geliebten, einer gewissen L i e b e t r u t. in der Ackerstraße 139 aufhielt. Berger ist seit dem Jahre 1887 Zuhälter, wegen Körperver- letzung, Sittlichkcitsverbrechens und Kuppelei wiederholt bestraft, ein mittelgroßer, schlanker Mensch mit blondem Schnurr- und Spitzbart. Da er sich in demselben Hanse mit ihren Eltern aufhielt, so kannte er Lucie Berlin und diese machte wie für andre Hausgenossen auch flir ihn und seine Geliebte öfter kleine Besorgungen. Berger war es, der zuerst den Verdacht auf den ihm bekannten Lenz lenkte, mit dem er öfter verkehrte. Er kam wiederholt mit angeblichen Beobachtungen, die geeignet waren, Lenz zu belasten, so auch, als er nach dem Polizeipräsidium geladen war, um sich in einer neuen gegen ihn schwebenden Kuppclsache vernehmen zu lassen. Bei der Kriminalpolizei erregte dieser Eifer gegen Lenz gleich einen gewissen Verdacht. Sie folgte zwar allen Spuren, die Berger andeutete, ließ aber gleichzeitig diesen auf Schritt und Tritt beobachten. Mittwoch- nachmittag fanden nun neben den ergebnislosen Absuchnngcn des Humboldthains und des anschließenden Geländes Durchsuchungen mehrerer Wohnungen in der Ackerstr. 139 und 125 und in einem Hause in der Bergstraße statt. Dabei fand die Kriminalpolizei in einem Kasten zusammengepackt in der Wohnung der Liebctrnt m i t Blut besudelte Wäschestücke und in diese eingewickelt ein großes Messer. Während nun im Spandauer Schiffahrtskanal der Kopf und die Arme der Ermordeten gefunden wurden, holte man Berger nach der Wache des 59. Reviers, von wo er später nach dem Polizeipräsidium gebracht wurde. Das Verdachtsmaterial hatte sich so verdichtet, daß man zugreifen konnte. Berger hat sich an den kritischen Tagen allein in der Wohnung der Liebetrut aufgehalten. da diese im Gefängnis in der Barnimstraße eine Strafe wegen Verstoßes gegen die sittenpolizeilichen Vorschriften verbüßte. Die Liebetrut wurde ebenfalls in Gewahrsam genommen. Berger bestreitet die Thäterschaft nnd versucht den Alibibeweis zu führen. Die Angaben, die er dazu bisher machte, wurden ihm alle widerlegt. Ter Lustmord ruft in der Ackcrstraße von Zeit zu Zeit immer wieder große Aufregung hervor. Als gestern mittag zwischen 12 und 1 Uhr zwei Kriminalbeamte aus der Wohnung der Liebetrut einen Teppich abholten, um ihn zur chemischen Untersuchung auf Blutspuren mit einer Droschke wegzubringen, sammelten sich vor dem Hause Nr. 139 wohl 799 Menschen. Die Menge zerstreute sich nur langsam wieder, nachdem die Beamten abgefahren waren. Die Ehe- lcme Berlin werden von Neugierigen überlaufen und mit allen mög- lichcn Fragen belästigt. Da sie nicht wissen können, mit wem sie zu thnn haben und ob nicht ihre Auskunft zur Verdunkelung des Verbrechens ausgebeutet werden könnte, so geben sie Unberufenen über- Haupt keine Antwort mehr. Sie erhalten auch unzählige Briefe, meist Beileidschrcibcn. aber auch Zuschriften ganz verworrenen In- Halts. Im S ch a u h a n s e fand gestern nachmittag eine genaue B e s i ch t i g n n g und Untersuchung der im Spandauer Schiff- fahrtskanal gefundenen Leichenteile statt. Es erschienen dazu der Erste Staatsanwalt Dr. Steinbrccht, Staatsanwalt Lindow, der Untersuchungsrichter Dr. Maßmann, der GcrichtZarzt Professor Dr. Stratzmann, der Gerichtschcmikcr Dr. Jeserich, RegicrungSassessor Dr. Lindenau vom Polizeipräsidium, Kriminal« inspektor Braun und die Kriminalkommissare WannowSki und Wehn. Auch der Vater der Ermordeten und mehrere Zeugen wohnten der Besichtigimg. zu der die Verhafteten Berger und Lenz von Kriminal- beamtcn vorgeführt wurden, bei. Die Schnittflächen der Leichenteile. die der Mörder fest zusammengeschnürt hatte, um ein möglichst kleines Paket zu bekommen, passen genau zu denen des Rumpfes. Die Rckognition durch die Eltern wurde also durch den Befund noch bestätigt. Sie zeigen auch, daß der Mörder die Gliedmaßen mit roher Gewalt vom Rumpfe abgetrennt hat. Nach der Be- sichtigung wurden die Verhafteten angesichts der Leiche mehreren Zeugen gegenübergestellt und verhört. Dann brachten Krinnnalbcanite Berger wieder nach dem Polizeipräsidium und Lenz nach dem Untersuchungsgefängnis, in das er gestern, DonnerStngvorinittag— nicht schon vorgestern— übergeführt worden war. Beim Verlassen des SchauhauseS wurden die Verdächtigen von der Menge, die sich vor dem Hause angesammelt hatte, mit Verwünschungen empfang e n. Man erhob gegen sie drobend die Stöcke und die Beamtcn beeilten sich, mit ihnen davon zu fahren, um sie etwaigen Thätlichkeiten zu entziehen. An Berger fällt eine starke Aenderung der Gesichtsfarbe auf, während Lcnz ein ruhiges Wesen zeigt, obwohl auch gegen ihn das Belastungsmaterial sich stark vermehrt hat. Eine Frau N. ans der Hochstraße bekundet, daß sie ihn am DonncrStagnachmittag mit einem kleinen Mädchen an der Hand im Humboldthain gesehen habe. Das Mädchen habe Bonbons gegessen. Diese Wahrnehmung steht mit den veränderten Zeitangaben nicht in Widerspruch, im übrigen muß aber auch diese Behauptung noch weiter nachgeprüft werden. Zu der Besichtigung im Schauhanse sei noch mitgeteilt, daß Berger an der Laiche behauptete, das ermordete Mädchen nicht zu kennen. Wenn man behaupte, daß eS Lncie Berlin sei. so werde es ja wohl stimmen, er. könne es aber nicht sagen. Aufgabe des Gerichtschemikers ist eS nun, alles, was man an Wäsche und Klcidnngsstücken an den Leichenteilen und in der Wohnung der Liebetrut gefunden hat, ebenso das Messer und den Tcppich auf Blut genau zu untersuchen. Zu dem Lcichenfunde im VerbiudungSkanal, der die Charlotten- bnrger Polizeidirektion beschäftigt, wird uns mitgeteilt, daß am Sonntag, den 12. d. M., nachmittags 5 Uhr, auf dein Tegeler Schießplatz ein Fund gemacht wurde, der vielleicht mit diesem Ver« brechen zusammenhängt. In der Nähe der Scharnweberstraße fand man unter einer strauchartigen Kiefer einen stark mit Blut besudelten, dunkelblauen wollenen, mit schwarzen Sternen und zackigen Streifen gemusterten Frauenrock. Dieser war eingewickelt in ein Exemplar der„Berliner Morgenpost" vom 17. Mai d. I. Darüber befand sich noch eine Umhüllung von braunem Packpapier. Personen, die über die Herkunft dieses Nockes sachdienliche Mitteilungen machen können, werden gebeten, sich bei der Charlottenburger Kriminalpolizei oder auf dem ihnen am nächsten liegenden Revier zu melden. Zur Verhütung von Bcrkchröstockungrn auf dem Bahnhof Central- Markthalle hat die königl. Eisenbahndirektion folgende Anordnung getroffen:„In der Zeit vom 1. Juli bis 31. Oktober jeden Jahres nnd in der Zeit der Verkürzung der Ladefristen werden Wagen- ladungen nach den Anschlußgeleisen der Central-Markthalle an andre Interessenten als die Standinhaber, denen die Erlaubnis hierzu dauernd erteilt ist, nicht befördert. Sendungen für nicht zur Benutzung der Anschlußanlagen berechtigte Empfänger werden auf dem Schlesischcn Güterbahnhof zur Entladung gestellt. In derselben Zeit muß die festgesetzte Entladefrist für Wagen« ladiingSgüter genau eingehalten werden. Bei Ueberschreitung derselben und bei Verweigerung der Annahme einer Wagen- ladung wird der Wagen in jedem Falle auf Kosten des Empfangsberechtigten oder de» Absenders nach dem Schlesischen Güterbahnhofe befördert. Einmal znrückbefördcrte Wagen dürfen nach der Central- Markthalle— selbst mit neuem Frachtbriefe— nicht wieder überführt werden." Außerdem hat die städtische Markt- hallen- Deputation angeordnet, daß nenhinzukommenden Stand- inhabern die ständige Benutzung des Eifenbahnanschluffes der Central-Markthalle für Wagenladungen nicht erteilt wird. An dem Empfang von Stückgütern wird jedoch nichts geändert. Das Opfer eines Unfalls ist der 49 Jahre alte Zimmermann Julius Henschel aus der Kastanien- Allee 52 geworden. Er be« gleitete eine Bretterfuhre nach dem Virchow-KrankenhanS und setzte sich dann hinten ans den Klappsitz, um mit dem Rest nach einem andern Bau zn fahren. Bei der Ausfahrt von: Hofe des Kranken- hause» nun löste sich eine Kette, die die Bretter hielt; Henschel fiel vom Wagen, schlug mit dem Kopf auf die Bordschwellen der See- straße auf nnd zog sich einen Schädelbruch und eine Gehirn- crschüttcrung zn. Der Verunglückte starb im Paul Gcrhardt-Stift. Er hinterläßt seine Frau mit sieben Kindern von 5 bis 17 Jahren. Wegen KindeSmordeS ist eine Dienstmagd Marsch aus der Passaucrstr. 35 verhaftet worden. Sie fiel der Dienstherrschaft durch ihr verändertes Wesen auf, und eine Hebamme, die gerufen wurde, fand in ihrer Kommode die Leiche eines neugeborenen ans- gewachsenen kräfligcn und schönen Knaben, defscn Genick einen bis auf den Halswirbel gehenden Schnitt auswies. Ein brennender Mensch rief Mittwochabend gegen 6 Uhr in dem Hanse Goethestr. 2 in R i x d o r f große Auflegung hervor. Es handelte sich um den 15jährigen Rohrlegerlehrling Heinrich Gellert aus der Prinz Handjerystr. 59, welcher auf dem Boden genonnten Hauses einen: Rohrleger Handreichungen zn machen hatte. Als der Lehrling ans einer mit Spiritus gefüllten GlaSflasche eine brennende Lötlampe nachfüllen wollte, schlug die Flamme in die SpiritnSflasche, welche explodierte, während der brennende Spiritus sich über den jungen Mann ergoß. In der Angst stürzte G. die Treppen hinab. wodurch die Flammen noch angefacht wurden. Durch das Geschrei des Brennenden eilten Hansbewohner herbei, welche mit Hilfe des dem Lehrling nachgeeilten Rohrlegers die Flammen durch Ueber- werfen von Decken erstickten. Aber der unglückliche G. hatte bereits entsetzliche Brandwunden am Kopf, im Gesicht, an den Händen und am ganzen Oberkörper davongetragen. Die Haut hing in Fetzen herab, die Haare sind verbrannt, die Augen anscheinend schwer ver- .etzt. Gellert wurde nach dem Rixdorfer Kranlenhause gebracht. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Die Gewcrbe-Deputation hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen. dem Magistrat zu empfehlen, daß er die Stelle des ersten Direktors an der ersten Handwerkerschule ausschreiben lasse. Auf Antrag des Stadtverordneten Borgmann wurde ferner beschlossen, die Beratung über einen Antrag der Bäcker- Innung Concordia zu vertagen, der daraus hinausgeht, daß der Magistrat zu der von der Innung beschlossenen Abänderung des Sprechwesens die erforderliche Zustimmung gebe, die vom Geselle nausschust verweigert worden ist. Es sollen Erhebungen darüber angestellt werden, wie sich das System bei der Innung Germania bewährt hat; auch soll der Gesellenausschuß Gelegenheit erhalten, sich über die Gründe seiner Weigerung zu ändern. Schreckenstat einer Mutter. In dem Hanse Stephanstr. 32 ver- giftete Mittwochnachmittag die 2ö Jahre alte Bierfahrerfrau Anna Grap geb. Silkin ihre beiden 2'/z Jahre und 9 Monate alten Kinder .nid sich selbst. Die Frau und das älteste Kind sind tot, das jüngste Kind lebt noch. Der 29 Jahre alte Bierfahrer Ludwig Grap ist seit t'/z Jahren verheiratet und lebt in guten Verhältnissen. Beschäftigt .st er bei der Moabiter Abteilung der Patzenhofer Brauerei. Seine Frau war vor ihrer Verheiratung sehr verschlossen, unterhielt sich .nit keinem Menschen, las aber viele Romane. Dieses Wesen änderte sich auch in der Ehe nicht. Selbst mit .ahen Verwandten, die ganz in ihrer Nähe wohnten, verkehrte sie .licht. Es ist anzunehmen, dah geistige Verwirrung sie zu der Schreckensthat trieb. Grap kam Miltwochabcnd später als sonst nach Hause, weil er eine Zeitlang bei dem Brande in der Pntlitzstraste icwesen war. Er fand keinen Einlast, weil seine Frau die Sperr- kette vorgelegt hatte, und mustte mit Gewalt öffnen lassen. Das Bild, das sich ihm beim Eintritt bot, lähmte ihn an allen Gliedern. Seine Frau lag tot auf einem Bette, das sie am Fustboden aus- lebreitet hatte. Sie hatte zu einer weihen Jacke, die sie über dem Hemde trug, und Lackstiefeln ihren Schmuck angelegt. Das Bettchcn ihres Sohnes und den Korbwagen der kleinen Tochter hatte sie mit Kresse lild Weinlaub vom Balkon geschmückt. In seinem Bettchen lag der L'/z Jahre alte Sohn tot, im Korbwagen das neun Monate alte Töchterchen noch lebend,»eben dein Madchen lag eine halb- gefüllte Saugeflasche mit Lysol. Die Aerzte Dr. Ruft und Dr. Anders machten an der Kleinen Wiederbelebungsversuche, flöstteu ihr Milch ein, pumpten ihr den Magen aus und liesten sie dann»ach dem Moabiter Krankenhaus bringen. Sie hat sich ebenso, wie die beiden Toten, Mund und Speiseröhre schwer verbrannt. Ans einen Zettel. den man in der Wohnung fand, hatte die Frau allster den Adressen von Verwandten nur geschrieben:.Lebe wohl, lieber Louis! Mein Sparbuch ist bei Holzmann!" seinem Kaufmann in der Nähe). Die Leichen wurden nach Aufnahme des Befundes nach dem Schallhause gebracht. Der Platz vor dem Görlitzer Bahnhof wird behufs UmPflasterung vom 16. d. Mts. ab bis auf' weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Die Zufahrtstraste zum Güterbahnhof wird dadurch nicht betroffen. Beim Baden ertrunken. Bodenloser Leichtsinn hat am Donners tagvormittag wieder einmal ein Menschenleben vennchtet, während ein andrer, bei dem Unfall beteiligter junger Manil mit knapper Not dein sicheren Ertrinklingstode entronnen ist. In der eisten Vor- lnittagSstunde begab sich nämlich der 18jährige Sohn des am Spandauer Schifsahrtskanal wohnenden Kaustnanns Klein iil Ge- meinschaft eines gleichaltrigen Kanierade» nach dem Horrmannschen Petrolcumschnppcn, um hinter diesem im Kanal zil baden. In ihrem Leichtsinn schwamnien nun beide dem gerade heraufgefahrenen Schleppdampfer„Elnma" der Berliner Mörtelwcrke entgegen und suchten diesen in der Weiterfahrt dadurch aufznhalten, dah sie kreuz und quer schwammen. Der Maschinist gab nun plötzlich Konter- dampf und beide jungen Männcr kamen unter den Dampfer, wobei K. in die Schraube geriet und dadurch in die Tiefe gezogen wurde, so dast er seinen Tod in den Wellen fand. Sein Kamerad indes, der mit großer Anstrengung gerettet werden konnte, muhte, da er schwere innere Verletzungen erlitten hatte, nach dem Charlottenburger Krankenhause geschafft werden. Eintrittskarten zur Ausstellung der Scccsfion zum ermästigten Preise von 2ö Pf. statt 1 M. stehen den Gewerkschaftsmitgliedern auch diesmal zur Verfügung. Die Organisationsvorstände können diese Karten im Bureau des G e w e r k s ch a f t s a u s s ch u s s e S in Empfang nehmen. Arbeiter-BildungSschnle Berlin. Der Unterricht in Rede Hebung fällt am Freitag aus, ebenso der Unterricht für Fortgeschrittene am Sonntag. Ferner kann der Unterricht iir Geschichte am Dienstag nicht ftattsinden, da der Lehrer Herr Dr. Steiner verreist ist. £iis den jST nigs-Wusterhausen-Mittenwalde 0,75 M. Eberswalde, Freienwalde-Oderberg 1,25 M. Eberswalde. Jagdschloß Hubertus- stock, Kloster Chorin.. 1,00 M. Freienwalde und nächste Umgebung nebst Führer..... 1,00 M. Freienwalde, Wriezen, Oderberg 1,00 M. Grunewald und westliche Vororte Berlins....... 1,00 M. Potsdam, Stadtplan mit nächster Umgebung nebst Tourenverzeichnis 0,75 M. Potsdam und Werder. 1,00 M. Spreewald m. praktischem Touristen. sührer....... 0,75 M. Strausberg und der Blumenthal 1,00 M. Tegel- Heiligensee, Schulzendorf. tzermsdors, Haselhorst und Hacken- selbe........ 0.75 M. Ferner empsehlen als sehr praktisch: Daschenatlas von Berlin und Um- gebung, enthaltend 21 Karten und Pläne mit Führer, leichthandliches Format....... 2,00 M. Wanderbuch für die Mark Brandenburg. 3 Bände. Zu- sammen....... 5,00 M. I. Teil: Nähere Umgebung Ber- lins, umsaht die Gegend von Potsdam, Spandau, Oranienburg, Königs-Wusterhausen.. 1,50 M. II. Teil: Westliche Hälfte der Um- gebung Berlins bis Branden- bürg a. H., Stendal, Tangermünde, Neu-Ruppin, Neu-Strelitz 1,50 M. III. Teil: Oestliche Hälfte der Um- gebung Berlins JMS Eberswalde, Frankfurt a. O., Schwedt, Küstrin, Lübben, Spreewald, MuSkau 2,00M. Diese Wanderbücher bieten Pracht- volle Schilderungen der Mark, viele detaillierte Karten und Pläne und sind so dem Wanderer ein zuverlässiger Führer und Berater. 234/11* Kerren-Kragen, reinleinen, garantiert 4fach. verschiedene FayonS in allen Weiten, ir üntzend 3 Hk. und 3 Illk. 50 Hg. anschetten, prima, garant. 4sach, V» Dutzend 1,80 II. 2,25 Mk. Oberhemden, Serviteurs, Krawatten in größter Auswahl, Trlcotagen, Strümpfe, Hosenträger, Handschuhe. Detailverkauf zu Engrospreisen. Ernst Harcnse, Munzstr. 23. Dt- Zahlstelle C. der Orts- Krankenkasse der Mdbelpolierer ist von der Oranienstr. 197 nach der kaimpsirKse 6 Ä verlegt. Der Borstand. Sinsen, Kteiderröehe, Unterröcke, hervorragend schttn nnd billig. 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