Nr. 144. nbonnementS'ßedtogvngen s HBonnemcntä- Preis pränumerando: Sierteljährl. SM Mk., monav. 1,10 m., wächenMch 28 Pfg, frei WS Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" lv Pfg. Post- Wonnement: l.lll Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für da» übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Tl. Jahrg. kifchelnk täglich außer Montag». Verlinev Volksbl�kk. vi« salertlons-Stvah» »«trügt für die fechsgespaltene Kolanck- zeile oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerkschaftliche BereinS- und Versammlungs-Anzeigen 25 Pfg. „Kleine Hnxeigen", das erste(fett- gedruikte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen biS 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen biS 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm-Adresse: „Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der rosialdemohrati feben Partei Dcutfcblande. Redaktion: 8m. 68, Lindenstraese 69. ffctiiflirctficr: Amt IT, Nr. 1983. Bxpedition: 8m. 68, Lindenstraeee 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Wohnungsfürsorge in Deutschland. Entsprechend einer im vorigen Jahre vom Reichstag an- genommenen Resolution hat das Reichsamt des Innern eine Denk- schrift über die Gesetzgcbungs- und Verwaltungsmaßregeln aus- gearbeitet, welche im Reich und in den einzelnen Bundesstaaten zur Regelung des Wohnungswesens und zur Förderung des Wohnungs- baues für die minderbemittelten Klassen gettoffen sind. Mit anerkennenswertem Fleiße ist in der umfangreichen Denk- schrift alles einschlägige Material zusammengetragen, die Litteratur über die Wohnungsfrage ist um einen wertvollen Beitrag bereichert. Wenn man aber von der litterarischcn Bedeutung der Denkschrift absieht und zu der Betrachwng dessen übergeht, was bis- her Posittves zur Besserung der Wohnungsverhältnisse in Deutsch- land geschaffen ist, so ist das Resultat ein recht beschämendes. DaS Reich überweist die Wohnungsfürsorge den Einzelstaaten und diese wieder den Gemeinden, die infolge des den Hausbesitzern in fast ganz Deutschland gesetzlich gewährleisteten Einflusses der Lösung einer so wichtigen Aufgabe ohnmächtig gegenüberstehen. Wir müssen es uns versagen, an dieser Stelle ausführlicher auf Einzelheiten einzugehen und begnügen uns daher mit einer all- gemeinen Betrachtung unter Hervorhebung einiger besonders charatteristischer Momente. Was zunächst die WohmmgSfürsorge deS Reiches anbelangt. so beschränk sich das Reich darauf, in seiner Eigenschaft als Arbeit- geber einem Teil seiner Arbeiter und Beamten bessere und billigere Wohnungen zu verschaffen. Entweder bauen oder mieten einzelne Betriebsverwaltungen Häuser auf eigne Rechnung und überlassen die oarin enthaltenen Wohnungen den Angestellten als Dienst- oder Mietwohnungen oder aber es werden gemeinnützigen Ballgesellschaften Darlehen gewährt. Doch geht das Reich mit großer Vorsicht zu Werke, eS ist ängstlich darauf bedacht, den privaten Bauunternehmern nicht zu nahe zu treten, und gewährt deshalb Darlehen nur dort, wo nach Ansicht der veteiligten Behörden wirklich ernste WohnungSmißstände vorliegen. Im großen und ganzen aber bleibt die Beftiedigung des Wohnungs- bedürfnisses der ReichSbeamte» der privaten Unteniehmerthättgkeit überlassen. Als ein Fortschritt ist es zu bezeichnen, daß das Reich in neuester Zeit dazu übergegangen ist, Baugelände zu Erbbaurecht an Genossenschaften zu vergeben. Durch ein solches Vorgehen wird jede Bodenspekulatton ausgeschlossen und bewirkt, daß eine etwaige Steigerung des Bodenwertes dem ReichSfiskus und mithin der All- gemeinheit zu gute kommt. In weit höherem Grade als das Reich sind die Landes- v e r s i ch e r u n g s- A n st a l t e n der Befriedigung des Wohn- bedürfnisses zu Hilfe gekommen: sie haben bis Ende 1003 im ganzen lOll'/z Millionen Mark an Gemeinden, Kommunalverbände, öffent- liche Sparkassen, Genossenschaften u. Vgl., teilweise auch an Arbeit- geber zu einem mäßigen Zinsfuß ausgeliehen und diesen dadurch die Möglichkeit zur Herstellung verhältnismäßig billiger Wohnungen gegeben. Unter den Einzel st aaten geht Preußen natürlich voran, tvcnigstens in der äußeren Anordnung des Stoffes der Denkschrift. Würde es danach gehen, was die Einzelstaaten im Verhältnis zu ihren Mitteln geleistet haben, so würde Preußen wohl an letzter Stelle stehen. Zum Bau von Wohnungen für Staatsarbeiter und Beamte hat der größte deutsche Bundesstaat durch verschiedene Gesetze bis zum Jahre 19 03 im ganzen 44 Millionen zur Verfügung gestellt, Iveniger uin die Wohnungsverhältnisse zu verbessern, als um sich einen gefügigen Stamm abhängiger Arbeiter zu sichern. So gut Ivie nichts ist zur Verbesserung des Wohnungswesens der minder bemittelten Bevölkerungskreise im allgemeinen geschehen. Die in dieser Beziehung getroffenen Gesetzesmaßnahmen sind völlig belanglos. Es sind durch das Gesetz betteffend Er- richtung einer allgemeinen Gebäudesteuer vom 21. Mai 1861 für die Wohngebäude der kleinen Handwerker, Fabrik- arbeiter und dergleichen in solchen ländlichen Ortschaften, in denen die Veranlagung der Gebäudesteuer nicht nach bedungenen Miet- preisen zu erfolgen hat, ermäßigte Steuersätze nachgelassen, eine Bestimmung, die, nachdem die staatliche Gebäudesteuer den Ge- meinden überlassen ist, fast für keine Gemeinde mehr Bedeutung hat. Ferner gewährt das neue Einkommensteuer- Gesetz gewissen Genossenschaften einige Erleichterungen, und auch dem Gewerbesteuer- Gesetz unterliegen Wohnungsvereine, deren statutenmäßiger Zweck in der Beschaffung gesunder und billiger Wohnungen besteht, nur dann, wenn sich ihr Geschäftsbetrieb durch Hinzutreten besonderer Merkmale als Gewerbebetrieb kennzeichnet. Attiengesellschasten, Ge- nossenschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung, deren statutarischer Zweck ausschließlich darauf gerichtet ist. unbemittelten Familien gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu billigen Preisen zu ver- schaffen, sind von der Enttichtung der Stempelsteuer befreit, falls die Dividende auf 4 Proz. beschränkt bleibt. Weiter ist zu er- wähnen das Gesetz betreffend die Umlegung von Grund- stücken in Frankfurt a. M., das der Landtag durch Streichung der Ausdehnutigsbcstinnnung auf andre Gemeinden wirkungslos gemacht hat, und endlich die Zulässigkeit der Erhebung komnumaler Bauplatzsteuern, die aber nur auf dem Papier steht, da alle Ver- suche, von dieser Befugnis Gebrauch zu machen, in der Praxis bisher gescheitert sind. Im übrigen beschränkt sich die Thättgkeit Preußens auf VcrwaltungSmaßnahmen, auf Ministerial-Erlasse, in denen den Gemeinden gute Ratschläge gegeben werden, die sie nicht zu befolgen brauchen, auf einige Polizeivorschriften über die Aufnahme von Kost- und Ouarttergängern und über die Unterkunft von Arbeitern in Ziegeleien, Steinbrüchen und dergleichen oder von Wander- arbeitern in landwirtschaftlichen Betrieben. Vorschriften, an die sich mangels einer geeigneten Wohnungsinspektion kaum ein Unternehmer kehrt. Eine Wohnungsaufficht kennen nur wenige Gemeinden, durch Landesgesetz ist diese wichttge Frage nicht geregelt. Die preußischen Städte haben sich, falls sie überhaupt der Wohnungsfrage ihre Aufmerksamkeit widmeten, meist mit dem Bau von Wohnungen für städtische Arbeiter oder mit der Unterstützung von Genossenschaften begnügt, nur ganz vereinzelt haben sie einen Versuch mit dem Bau von Wohnungen in eigner Regie für E meinde-Angehörige, ohne Rücksicht darauf, ob sie im Dienst der Stadt thätig sind, unternommen, und nirgends sind sie im stände gewesen, der Bodenspekulatton entgegenzutreten und das kolossale Anschwellen der Preise für Grund und Boden zu hindern. Nebenbei bemerkt, ist es ein empfindlicher Mangel der Denkschrift, daß sie über die Preisbewegung von Grund und Boden keine Angaben enthält. Nur wenige Gemeinden haben es ver- standen, sich durch eine weitsichttge Boden- und Baupolittk nennenswerten Grundbesitz zu sichern, oft sind sie beim Bau von Schulen, Krankenhäusern u. a. den Bodenspekulanten auf Gnade und Ungnade überliefert. In einer Reihe von Ge- meinden sind nach Angabe der preußischen Regierung Versuche, mit dem selbständigen Bau von Arbeiterwohnungen vorzugehen, an dem Widerspruch der Stadtverordneten-Versammlungen ge- scheitert— ein Beweis siir die Gemeingefährlichkeit deS Hausbesitzer- Privilegs, an dem die gesetzgebenden Fattoren aus Furcht vor dem Eindringen der Socialdemokraten in die Gemeindevertretungen mit zäher Energie festhalten. Wenden wir uns nun zu den übrigen Bundesstaaten, so bleibt auch hier noch viel zu wünschen übrig, aber es finden sich doch immerhin einige Ansätze, um, soweit das innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung überhaupt möglich ist, die Wohnungsverhältnisse der Minderbemittelten zu verbessern. Abgesehen von dem Bau von Wohnungen für Staatsarbeiter, den fast alle Bundesstaaten in Angriff genommen haben, sind in einzelnen von ihnen Gesetze erlassen, mit denen in gewissem Umfange prattische Erfolge erzielt sind. In Bayern können Rücksichten der öffent- lichen Gesundheitspflege unter Umständen ein Bauverbot herbei- führen s den Gemeinden ist siir Zwecke der Bau- und Wohnungs- Hygiene insolveit ein Enteignungsrecht eingeräumt, als es sich um Vorkehrungen zu wesentlich notwendigen sanitäts- oder sicherheits- polizeilichen Zwecken handelt, es ist eine Verordnung über die Wohnungsaufficht erlassen, und wiederholt sind die Gewerbe-Aufsichts- beamten angewiesen, den Arbeiterwohnungsverhältnissen ein sorgsames Augenmerk zuzuwenden. In einer Reihe bayerischer Gemeinden sind Wohnungskommissionen eingesetzt, in andren finden sich Wohnungsinspektoren, in Gemeinden mit mehr als 5000 Einivohnern werden regelmäßige Wohnungserhebungen vorgenommen. In steuer- licher Beziehung ist die Besteuerung derjenigen Grundstücke in Aus- ficht genommen, deren Preise eine zur nattirlichen Ertragsfähigkeit der Grundstücke außer Verhälttüs stehende Höhe erreicht haben. Neben dieser Grundwertsteuer trägt man sich mit dem Gedanken der Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses. In Sachsen ist die Einführung einer Wohnungsaufsicht und ihre Organisatton den Gemeinden überlassen. In W ü r t t e m b e r g ist die Wohnungsaufsicht für die Oberamts- städte und die sonsttgen Gemeinden mit mehr als 3000 Ein- wohnern obligatorisch� auch in Hessen ist die Wohnungsaufficht eingeführt, während in einer Reihe andrer Staaten die Wohnungs- konttolle durch die Polizei ausgeübt wird. Natürlich haben die Wohnungsinspettionen, ebenso wie Enqueten und ähnliche Maßnahmen nur dann überhaupt einen Zweck, wenn sie als Vorbedingungen für eine positive Wohnungspolittk dienen, sie können stets nur Mittel zum Zweck, niemals aber Selbstzweck sein. Eine wirklich ersprießliche Wohnungspolitik muß sich die Er- schließung möglichst reichlichen Baugeländes und die Verhinderung einer ungesunden Bodenspekulation zum Ziel setzen. Dies Ziel jedoch ist so lange nicht zu erreichen, wie der Grund und Boden sich im Privatbesitz von Leuten befindet, die ohne Rücksicht auf die Be- dürsttisse ihrer Nebcnmenschen einzig und allein darauf bedacht find, sich selbst auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern. Die Vergesellschaftung von Grund und Boden', wie sie von der Socialdemottatte angesttebt wird, ist in erster Linie herbeizuführen. Erst wenn diese Forderung verwirklicht ist, ist auf eine Besserung der Wohnungsverhältnisse zu hoffen. Hier ist der Hebel, an dem anzusetzen ist. Die herrschenden Klassen haben sich, wie die amtliche Denkschrift beweist, ohnmächtig erwiesen, um Er- sprießliches auf dem Gebiete des Wohnungswesens zu leisten, geschweige denn um die Wohnungsfrage zu lösen. Brechen wir die Macht der herrschenden Klassen, sorgen wir dafür, daß das Proletariat den ihm gebührenden Einfluß auf Gesetzgebung und Verwaltung erlangt, und wir können sicher sein, daß eine neue Denkschrift auch über positive Erfolge zu berichten weiß! Entscheidende Schläge scheinen jetzt auf dem ostasiattschcn Kriegsschauplatze bevorzustehen. Allem Anschein nach haben die Japaner die Kolonne des Generals Stackelberg von neuem angegriffen, wenigstens wird aus L i a u y a n g gemeldet, daß in der Nacht zum 20. Juni gewaltiger Kanonendonner südlich von Haiffcheng her gehört worden sei. Die Armee Stackelbergs, die furchtbare Verluste erlitten hatte, ist durch bedeutende Nachschübe verstärkt worden. Es ftagt sich, ob diese ver- einigte russische Armee im stände ist, den Angriffen der Japaner standzuhalten, die diesmal von zwei Seiten angegriffen haben dürften, vom Süden durch die Armee N 0 d z u s und vom Osten her durch die über Siujen vorrückende dritte japanische Armee. Es ist nicht unmöglich, daß die Armee StackelbergS vollständig aufgerieben wird, bevo-, es ihr gelingt, sich mit den von L i a u y a n g neuerdingS nach Süden entsandten Truppen zu vereinigen. Zwar macht General Kuropatkin alle Ansttengungen, bei H ai t sch e ng, 60 Kilometer südwestlich von Liauyang, eine starke Truppenmacht zu konzenttieren, allein da die Entfernung von T e l i s s u bis Haitscheng 181 Kilometer in der Luftlinie bettägt, wäre den Japanern Gelegenheit genug gegeben, die Armee Stackelbergs auf dem Marsche anzugreifen. Ein solcher Angriff soll nicht nur nach der Meldung von dem gehörten Kanonendonner bereits statt- gefunden haben. Nach— amtlich noch nicht bestättgten— Meldungen soll Stackelberg 30 englische Meilen westlich von Siujen, also in der Nähe von Kaiping, durch General N 0 d z u abermals an- gegriffen worden sein und 5000 Mann verloren haben. So wahrscheinlich die Nachricht auch klingt, so bleibt doch die offizielle Bestättgung einstweilen abzuwarten. Die letzte amtliche Meldung über das Schicksal der Kolonne Stackelberg wurde am 18. Juni von Kuropatkin an den Kaiser abgesandt. Das heißt: Neuere Meldungen werden natürlich in Petersburg eingegangen sein, allein man hat es für besser gehalten, sie nicht offiziell bekannt zu geben. Das Telegramm vom 11. Juni meldet, General Stackel- berg habe über die Schlacht bei Teliffu noch berichtet: „Der Gegner ist aus Wafangou nicht weiter vorgerückt. Wie gemeldet Ivird, entwickeln sich seine Truppen auf der Front Wafangou- Foutschou. Nach dem zweitägigen Kampfe und zwei ermüdenden nächtlichen Märschen auf schwierigen GebirgS- wegen haben die Truppen sich ausruhen können. Ihre Stimmung ist sehr gut. Ueber unsre Verluste konnten genaue Angaben noch nicht erhoben werden, und vorläufig ist nur folgendes festgestellt worden: Von der ersten ostsibirischen Schützen- division sind 15 Offiziere gefallen und 40 verwundet; 12 Offiziere sind auf dem Schlachtfelde geblieben, von denen es unbekannt ist, ob sie getötet oder verwundet sind. Ferner sind 386 Mann ge- fallen und 992 verwundet. Auf dem Schlachtfclde sind 868 Mann geblieben, von denen es unbekannt ist, ob sie getötet oder ver- wundet sind. Vom 33., 38. und 36. Regiment sind 120 Offiziere und Soldaten gefallen sowie 19 Offiziere und 604 Mann ver- wundet; ferner werden 96 Mann vermißt. Die erste Artillerie- brigade hat 10 Offiziere und 103 Mann verloren, die neunte Arttlleriebrigade 28 Offiziere und Soldaten. Vom Regiment Tobolsk sind 3 Offiziere und Soldaten gefallen und 40 Offiziere und Soldaten verwundet. Vermißt werden 3 Mann. Vom Regiment Marschansk sind 6 Offiziere verwundet, 11 Mann ge- tötet und 131 verwundet. 3 Mann werden vermißt." Stackelberg beziffert also jetzt selbst bereits feine Verluste auf 3200 Man»! Nach japanischen Meldungen sollen sie bekanntlich 10 000 Mann betragen haben! Und diese Verlustliste reicht höchstens bis zum 18. Juni, wieviel Verluste er seitdem gehabt hat, wird man ja bald erfahren. Denn es ist ganz unglaubhaft, daß General Nodzu den so furchtbar geschlagenen Feind nicht verfolgt haben sollte I Umsomehr, als nach einer russischen Meldung die Japaner von Siujen energisch gegen H a i t s ch e n g und Kaiping vor- gestoßen sind und es an der geschickten Cooperation dieser Truppen mit denen des Generals Nodzu abhängt, ob Stackelberg seinen Rückzug nach Haitschcng bewerkstelligen kann oder unterwegs ge» stellt wird. Die betreffende Meldung lautet: Petersburg, 21. Juni. Ein Telegramm des Generals Ssacharow au den Generalstab vom 19. d. MtS. besagt: Seitdem 16. Juni werden Anzeichen wahrgenommen, die auf einen sich vorbereitenden Vormarsch der Japaner von Siujen auf drei Wegen, die nach Haitscheng, der Station Taschitschao und nach Kaitschou führen, schließen ließen. Auf dem erstgenannten Wege ist eine kleine Abteilung der Vorhut des Gegners nach Wansiapudsa vorgerückt. Auf dem zweiten Wege halten Truppen der Borhut den Paß zwischen Nandsiabei und Pantschialju besetzt, auf dem dritten südlichen Wege sind andre Truppen bis zu den Dörfern Chiuniak und Tamiarlogou vorgegangen. Die Vorhut hat ferner denTschapailin-Paß eingenommen, während die Hauptkräfte, gegen fünf Regimenter Infanterie mit Kavallerie und Gebirgs- ärtillerie, zwischen dem Kianzgour-Paß und Chansa staffelsörnnge Aufstellung genommen haben. In den letzten Tagen haben russische Vorposten-Abteilungen auf diesen Wegen den Vormarsch des Gegners aufgehalten, wobei gegen 10 Mann getötet und ver- wundet und ein verwundeter Offizier mit drei verwundeten Kosaken gefangen genommen wurden. Diese Scharmützel werden auch von japanischer Seite bestätigt, nur wird der russische Verlust auf 50 Tote und 3 Gefangene be- ziffert. Aus Föngwangtscheng meldet endlich der„Daily Chronicle"-Korrespondent: Die Russen dringen südlich von Liaojang vor und konzen» trieren sich auf Haitscheng. Es scheint dies auf einen Vorstoß der Russen gegen die zweite japanische Armee zu deuten. Die der erstem Armee gegenüberstehende russische Macht wächst täglich und dürste versuchen, die erste Armee zu isolieren. Die auf deren Flanken sehr thätigen Russen sind gut mit Artillerie versehen. Ein Zusammenstoß steht bevor. poUtifcbe Gcbcrficbt, Berlin, den 21. Juni. Preußisches Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus erledigte am Dienstag in zweiter und dritter Beratung eine Reihe kleinerer Vorlagen, darunter den Gesetzentwurf betreffend die Befugnis der Polizeibehörden zum Erlaß von Polizeiverordnungen über die Verpflichtung zur Hilfeleistung bei Bränden. Der Entwurf gelangte niit einer Resolutton zur Annahme, in welcher eine gesetzliche Regelung der Unfallversorgung für Feuerwehrleute und eine Beitragsleistung der Feucrversicherungsges ellschaften zu den Kosten des Feuerlöschwesens gefordert wird. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die Besprechung der agrarischen Interpellation über das Aus- führungsgesetz zum Schlachtvieh- und Fleisch- beschau-Gesetz. Wie erinnerlich sein dürfte, haben vor etwa einem Monat im Herrenhause einige Oberbürgermeister für die Schlachthausgemeinden das Recht in Anspruch genommen, das auswärts bereits tierärztlich untersuchte Fleisch einer noch- maligen Untersuchung in den städtischen Nntersuchungsämtern zu unterwerfen. Der Landwirtschaftsminister v. Podbielski hat gegen diese Auslegung des Gesetzes sofort protestiert. Aber offenbar gilt Herr v. Podbielski selbst seinen agrarischen Freunden nicht als Autorität auf dem Gebiet der Auslegung von Gesetzen. Deshalb richteten sie an die Regierung die Anfrage, welche Auslegung sie den betreffenden Gesetzes- Paragraphen giebt. Da nun die übrigen Minister zur Zeit durch Festlichkeiten der verschiedensten Art ungewöhnlich stark in Anspruch genommen sind, so mußte wiederum der brave Podbielski auf der Bildfläche erscheinen, der natürlich dieselbe Rede wie im Herrenhause hielt, aber— und das ist charakteristisch für die Art, wie bei uns Gesetze gemacht werden— hinzufügte, die Regierung sei der Meinung, daß die Gerichte in anderm Sinne entscheiden könnten, da der ß 5 des Gesetzes nicht deutlich genug gefaßt sei. Eine Novelle, um das Gesetz klarer zu fassen, glaubt die Regierung nicht in Aussicht stellen zu können. In der Debatte platzten, wie stets bei derartigen Gelegew heiten, die Anschauungen der Agrarier und der Städter auf einander. Die Agrarier und mit ihnen ihr Schirmherr Podbielski sind der Meinung, daß die tierärztliche Untersuchnng genügt, daß eine nochmalige Untersuchung in städtischen Schlacht- Häusern hygienisch zwecklos sei und nur das Fleisch verteuere. Die Vertreter der Städte dagegen halten, gestiitzt auf ein einwandfreies statistisches Material, die Untersuchung des Fleisches durch ländliche Tierärzte nicht immer für ausreichend .md betonen die Notwendigkeit einer Nach-Untersuchung, um Leben und Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Ein praktisches Ergebnis zeitigte die Debatte nicht. Am Mittwoch stehen kleinere Vorlagen, Petitionen und die Interpellation über den masurischen Schiffahrtskanal auf der Tagesordnung. Auch die Herrenhäusler, die geborenen Gesetzgeber, treten am Mittwoch wieder zusammen.— Badische Schulreform. Aus Karlsruhe wird uns geschrieben: In flmf langen Sitzungen der Zweiten Kammer beschäftigte man sich mit der Volks- schule. Im Gegensatz zu Preußen und Württemberg wurden wenigstens einige kleine Fortschritte erzielt. Das nächste Ziel der jcnigen, denen es mit einer Reform ernst ist, geht mif größeren Ausgleich zwischen städtischer und ländlicher Bildung, Entlastung und besserer Bezahlung der Lehrer hinaus. In einigen größeren Städten ist die Volksschule nicht gerade schlecht; läßt auch der Lehrplan und die Unterrichtsmethode infolge der Ueber- füllung der Klassen sehr viel zu wünschen übrig, so werden in dem rund SOstündigen Unterricht wöchentlich doch immer noch leidliche Resultat erzielt. Auf dem Lande dagegen beträgt die wöchentliche Unterrichtszeit lehrplanmäßig 16 Stunden, wovon drei Stunden Religionsunterricht abgehen, auch dann, wenn etwa wegen Lehrermangel oder aus sonstigen Gründen diese 16stündige Unterrichts- zeit noch verkürzt wird. Die Zweite Kammer hat nun beschlossen, daß die Unterrichtszeit auf dem Lande auf 20—24 Stunden erhöht werden soll. Ferner sollen auf einen Lehrer regelmäßig nur 70 und in Ausnahmefällen nicht mehr als 100 Kinder kommen, welche in zwei Klassen zu unterrichten sind. Bisher ist gesetzlich festgelegt, daß auf einen Lehrer regelmäßig 100 und ausnahmsweise 130 Kinder kommen dürfen. Die Vermehrung der Stundenzahl und die Entlastung der Lehrer hat natürlich einen größeren Bedarf an Lehrern zur Folge; deshalb sollen neue Seminare errichtet werden und, was die Haupt- fache ist: die Kammer verlangt bessere Bezahlung der Lehrer, damit der Zugang zu diesem Berufe verstärkt werde. Jetzt haben Unter- lehrer jährlich S00 M. und Hauptlehrer 1100—2000 M. Gehalt. Die Forderung der Lehrer geht auf lö00— 2300 M. Gehalt, bei ent- sprechender Aufbesserung der Unterlehrer. Bis auf die Gehalts- fragen hat die Regierung die Erfüllung der Landtags- wünsche zugesagt; es soll dem nächsten Landtage ein Gesetz vorgelegt werden, welches die vorstehenden Reformen verwirklicht. Nur in der Gehaltsstage will sie nicht nachgeben, sie möchte die Lehrer, die schon vor zwei Jahren eine Zulage von 150 M. erhielten, wieder mit einer solchen außergesetzlichen Zulage abspeisen. Was die konfessionelle Frage anlangt, so haben wir eine Art konfessioneller Simultanschule, das heißt: es ist gesetzlich bestimmt, daß in vorwiegend katholischen Ortschaften katholische Lehrer und in protestantischen protestantische Lehrer thätig sein müssen. Außerdem find die Ortsvfarrer gesetzliche Mitglieder der Ortsschulräte. Der Centrumsführer im Landtag hat nun anläßlich der Schuldebatte erklärt, daß sie diese Simultanschule als historisch gewordene Ein- richtung hinnehmen und nicht angreifen würden. Sollte aber weiter gegangen werden, das heißt offenbar, sollte eine wirkliche Simultan- schule oder gar eine konfessionslose Schule eingeführt werden, dann würde das Centrum auf seine alte Forderung der konfessionellen Schule zurückgreifen. Es ist nicht zu erwarten, baß diese Drohung so bald wahr ge- macht wird, denn die Nationalliberalen denken nicht daran, die Schule völlig dem Einfluß der Kirche zu entziehen. Zwei Redner haben zwar die Haltung der preußischen Nationalliberalen in dieser Frage offen im Landtag mißbilligt, im gleichen Atemzuge aber den bestehenden Zustand verteidigt und besonders der Mitwirkung der Geistlichkeit im Ortsschulrat das Wort geredet.— Es braucht kaum betont zu werden, daß nicht nur diese Halb- heit, sondern auch die schwächlichen Reformen scharfe Kritik von socialdemokratischer Seite erfuhren; eine große Zahl weitergehender Anträge unsrer Fraktion wurde abgelehnt. Es wird in zwei Jahren, wenn die gesetzliche Reform kommen soll, nochmals mit Eifer ge- arbeitet werden müssen, um der Volksschule einigermaßen zu geben, was ihr gebührt.—_ Die Socinlpolitik der Musterbetriede. Es scheint nun festzustehen, daß die Interpellation über den Saarbrücker Prozeß im Abgeordnetenhause nicht zur V er- Handlung komnien wird. Diese Verhinderung der Interpellation ist eine wichtigere politische Thatsache, als die Verhandlung selbst ge- Wesen wäre. Denn es ist ausgeschlossen, daß das Dreiklassen- Parlament die Neigung und Fähigkeit gefunden hätten, die volle Wahrheit über Saarabien auszusprechen. Man braucht deshalb die Vereitelung der Interpellation sachlich gar nicht zu bedauern; man hat daran nichts verloren, höchstens um den zu erlvartenden lustigen häuslichen Krieg und Verrat der Mitschuldigen— Oberschlesien kontra Saarbrücken— ist es schade. Inzwischen wird die socialdemokratische Presse dafür zu sorgen haben, daß die saarabischen Aufklärungen über die Wirkungen und Leistungen des socialen Königtums nicht verloren gehen. Unmittelbar vor dem Prozeß hat der Regierungsassessor Alexander v. Brandt eine Schrift„Zur socialen Entwicklung im Saargebiet" veröffentlicht(Leipzig, Duncker u. Humblot), die ein prangendes Idyll von den Herrlichkeiten Saarabiens entwarf und die heute, nach dem Prozeß, etwa wie eine russische Sieges- depesche anmutet. In dem Buch wird das Saarrevier als„Typus des patriarchalischen Systems" gefeiert, dessen Vorzüge u. a. darin bestehen,„daß die industriellen Etablissements sich in Zeiten steigender Konjunktur nicht gegenseitig die Arbeitskräfte streitig machen", d. h. die Löhne nicht in die Höhe steigern. Die Schrift des Regierungsassessors selbst aber ist ein„Typus des patriarchalischen Systems" in der Nationalökonomie, jene Systems, das in väterlich wohlwollender Willkür mit dem scheinbar wissenschaftlichen Apparat spielt. Das Buch ist ein Musterbeispiel für jene Aftermethode in der Volkswirtschaftslehre, die— allen „Dogmatismus" und„doktrinäre Systematik" vermeidend— nur die„Thatsachen" reden zu lassen vorgiebt, während es in Wirklichkeit nur gilt, die vorausgesetzten herrlichen Dogmen von der unbefleckten Empfängnis und der Unfehlbarkeit der herrschenden Ordnung, im vorliegenden Falle insbesondere des patriarchalisch schaltenden Staats- kapitalismus in Preußen mit einem Aufputz verrenkter Statistik und offiziös geschminkter Deskription zu beweisen. Es ist ein höchst bequemes, aber auch höchst unehrliches Mittel, daß man scheinbar sich gegen den Kultus ewiger Wahrheiten wendet und nur auf„That- fachen" schwört, um dann scheinbar auf dem Wege der„Induktion" die für einen preußischen Regierungsassessor von vornherein vorgeschriebenen ewigen Wahrheiten mit schlecht gespielter Ueberraschung hinterher zu entdecken. Die Schrift Brandts ist typisch für diese staatserhaltende Fopperei wissenschaftlicher Forschung. Nirgends dient die Stattstik zur Erzielung eines klaren Bildes. Und wo die Statistik auch bei aller Zurechtknetung immer noch das Gegenteil der assessoralen ewigen Wahrheit beweisen würde, wird plötzlich auf die„Thatsachen" überhaupt verzichtet und aus der Himmelsbläue der guten Gesinnung eine strahlende allgemeine Weis- heit als nicht erst zu beweisendes Dogma gegriffen. So untersucht Herr v. Brandt, der wissenschaftliche Regierungs- assessor, voll des heiligen Geistes der Stumm, Hilger, Möller und Budde, auch die bedeutsame Frage des Einflusses der staatlichen Industrie auf die private. Die Wirkung ist, wie es sich bei Muster- betrieben schickt, natürlich äußerst segensreich. Der Staat beschäftigt im Saarrevier(1302) 42 000 Mann, die übrige Industrie nur 19 000. Also üben die staatlichen Bergwerke einen entscheidenden Einfluß auf die private Industrie.„Tritt eine Aufwärtsbewegung der Berg- arbeiter-Löhne ein, so müssen die Hüttenwerke nachfolgen, da sich andernfalls der junge Nachwuchs vorzugsweise der Grubenarbeit zu- wendet.... In ähnlicher Weise ist auch das Beispiel der Berg- Verwaltung maßgebend auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege."... Und dann wird die„vorbildliche" Wirksamkeit der Staatsbetriebe hinsichtlich der Löhne und Wohlfahrtseinrichtungen als beweisloses Assessorendogma gepriesen. Zahlen, Thatsachen und dergleichen fehlen an dieser Stelle vollkommen. Und doch ist die Statistik äußerst lehrreich. Im folgenden sei die Lohn- und Preisbewegung der fiskalischen Kohlenzechen mit den privaten des westfälischen Jndustriebezirks verglichen: Jahres-Arbeitsverdienst Flammkohle ab Werk Ruhr- Saar- � Tonne Bezirk Bezirk Essen bx�en 1891.. 1086 1137 11,0 10,4 1892.. 976 1042 9.3 10,4 1893.. 946 923 7.6 9.9 1894.. 961 921 8,7 9.7 1893.. 963 929 8.1 9.6 1896.. 1033 966 8.0 9.4 1897.. 1128 932 8.6 9.7 1898.. 1173 1013 8.8 9.8 1899.. 1233 1019 9.1 10,8 1900.. 1332 1044 10,0 11,9 1901.. 1224 1042 10,0 12,3 1902.. 1131 1053 9,7 12,0 Die Preise fielen in den Staatsgruben von 1891 bis 1896 von 10,4 auf 9,4 M., also um eine Mark— 9,61 Proz. Die Löhne von 1137 im Jahre 1891 auf 921 M., also um 216 M.--- 19,2 Proz. Die Preise stiegen von 9,40 M. im Jahre 1896 auf 12,80 M. im Jahre 1901, also um 3,40 M.— 37,23 Proz. Die Löhne stiegen von 921 M. im Jahre 1894 auf 1033 M., also um 132 M.--- 14,33 Proz. Das ist also die Lohnpolitik der staatlichen Musterbetriebe. Fallen die Preise, so sinken die Löhne rapid. Steigen sie, so hinken sie ganz langsam nach. v. Brandt selbst erklärt(S. 99), daß in der zweiten Hälfte der 90er Jahre eine Prosperität geherrscht habe,„die alles bisher Dagewesene weit überstieg". Er behauptet zwar eine Seite weiter, daß auch die„Löhne durchweg eine Erhöhung" erfahren hätten. Die dabei mitgeteilte Statistik beweist das aber nicht, sondern sie zeigt vielmehr, daß nicht nur die Löhne nicht«alles bisher Dagewesene weit überstiegen", sondern nicht einmal den Stand von 1891 er- reichten. Das Verhältnis zur Privatindustrie aber zeichnet sich in den obigen Zahlen so ab: 1891 waren die Preise in den Privatzechen höher, die Löhne niedriger als in den Staatsbetrieben. Seitdem hat sich unter dem Einfluß des Stummscheu Systems das Ver- hältnis umgekehrt. Die Staatsbetriebe sind allerdings„vorbildlich". Sie sind der Privatindustrie gegenüber die Prcisfechtcr in der Hoch- Haltung der Preise und in der Hcrabdriickung der Löhne. Sie über- treffen also in der Genialität, den Profit auf Kosten der Produ- zenten, der Arbeiter, wie der Konsumenten zu steigern, den Privat- kapitalismus bedeutend. Niemand versteht die Ausbeutung besser als der Staat: Hohe Preise, niedrige Löhne I Das ist die„bor- bildliche" Politik der staatlichen Musterbetriebe. Deutfebes Reich. Der Königsberger Prozeß. Mehrere unsrer Parteigenossen in Königsberg und Berlin, die im Hochverrats- und Zarenbeleidigungs-Beihilfe-Prozeß als Zeugen gewünscht werden, haben soeben aus Königsberg die Nachricht er- halten, daß sie sich für den 11. Juli und die folgenden Tage bereit halten sollen; ferner: es seien für die Hauptverhandlung zehn Tage in Aussicht genommen. Plötzlich hat es also die Königsberger Justiz äußerst eilig� Bisher hat sich die Voruntersuchung weit mehr als ein halbes Jahr hindurch geschleppt. Vor kurzem konnten wir mitteilen, daß der Staatsanwalt endlich an der Ausarbeitung der Anklageschrift ist. Noch ist die Anklageschrift aber den Angeklagten nicht zugegangen und schon heißt es, daß in nicht drei Wochen die Hauptverhandlung stattfinden soll. Den Angeklagten ist es gewiß recht, wenn der Gerichtshof so bald als möglich über die Zarenbeflissenheit der Staatsanwaltschaft urteilt. Aber erst der Inhalt der sehr umfangreichen Anklageschrift kann sie lehren, welche Schritte sie zu thun haben, um die Anklage zu entkräften. Wenn der Staatsanwalt fast dreiviertel Jahre gebraucht hat, so muß den Angeklagten, wenn sie es für nötig erachten, eine längere Frist zur Vorbereitung ihrer Verteidigung gewährt werden. Jedenfalls geht nun dieser in der preußisch-deutschen Geschichte einzige Prozeß seiner Entscheidung entgegen. Wir müssen erwarten, daß der Gerichtshof, dem die schwierige Aufgabe gestellt ist, hier Recht zu finden, sie würdig lösen wird. Schwierig ist diese Aufgabe, weil politische Fragen hinein gezogen sind, weil die preußische Regierung und die Reichs- regierung durch Herausforderung des Strafantrags von der russischen Regierung sowie durch ihre Haltung zu den in Deutschland sich aufhaltenden Russen unheilvoll Partei genommen haben. Wir hoffen, daß der Gerichtshof, dem diese Aufgabe zufällt, politische Erwägungen in seine Urteilsbildung nicht einfließen läßt und frei das Recht sucht.— Milde Militärrichter. Die Berliner„Milit.-Gerichtskorresp." berichtet: Wegen Mißhandlung Untergebener hatten sich am Dienstag zwei Unteroffiziere vom Garde-Füsilicr-Regiment vor dem Kriegsgericht der ersten Garde-Division zu verantworten. Auf dem Uebungsplatz in Döberitz saß der Unteroffizier Hintze von der 11. Compagnie am 29. Mai d. I. mit mehreren Kameraden in einer Baracke, als an der offenen Thür ein Mann seiner Korporalschaft, der Füsilier Schmidt, vorüberging. Hintze rief den Untergebenen heran, packte ihn vorn am Waffenrock und fragte, warum er, Schmidt, bei einer kurz vorher stattgefundenen Schießübung sich nicht in der Schützenlinie hingelegt habe. Der Füsilier gab auf diese Frage keine Antwort, wandte vielmehr in der Furcht, von dem Vorgesetzten gemiß- handelt zu werden, den Kopf nach links. Auf den von Hintze gegebenen Befehl:„Die Schnauze geradeaus" nahm der Füsilier die frühere Haltung wieder ein und erhielt nun im nächsten Augenblick einen Schlag ins Gesicht, so daß Blut aus Mund und Nase floß. Vor dem Kriegsgericht jeugnete der Unteroffizier anfänglich, erst wollte er überhaupt nicht geschlagen, dann ihn versehentlich beim Ausziehen seiner Jacke mit dem Aenuel gestreift haben, bis er schließlich, durch die Zeugenaussagen in die Enge getrieben, die Mißhandlung ein- gestand. H. wurde mit Rücksicht auf sein anfängliches, hartnäckiges Leugnen zu zehn Tagen mittleren Arrest verurteilt. Eine ähnliche Brutalität hatte sich der Unteroffizier Glasemeyer von der 12. Compagnie desselben Regiments zu schulden kommen lassen. Als ihm am 6. Juni morgens der in seiner Korporalschaft stehende Füsiler Eggert Dienst- schuhe ungeschmiert zurückgab, warf ihm der Unteroffizier mit den Worten:„Du Biest, bist Du noch nicht drunter", das ziemlich dickleibige Kammerdienstbuch an den Kopf. Der Füsilier erlitt durch den Wurf blutende Bcrlehungen im Gesicht und eine Geschwulst an den Lippen. Da der Unteroffizier bereits wegen Mißhandlung v o r b e str a ft war, so.wurde er vom Kriegs- geeicht zu vierzehn Tagen gelinden Arrest verurteilt.— München, 21. Juni. Die Korrespondenz Hoffmann schreibt: Die gestern aufgetauchte Frage des eventuellen Rücktritts des Staats- Ministers Frhrn. v. R i e d e l ist dahin entschieden, daß Freiherr v. Riedel in seinem Amte bleibt.— Der vereinigte erste und dritte Ausschuß der Kammer der R e i ch s r ä t e lehnte einstimmig das Wahlgesetz ab, ebenso den Antrag des Grafen Moy, betreffend das Wahlrecht der Geistlichen.— Palastrevolution im Lager der badischen Nationalliberalen. Die Jungliberalen fangen an, so wird uns aus Baden geschrieben, recht unbequem zu werden. In Baden, wo sie seit etwa drei bis vier Jahren in latentem Konflikt mit der Parteileitung der National- liberalen stehen, scheint es jetzt offen zum Bruch kommen zu wollen. Die badischen Nationalliberalen sind eine so reaktionäre Spielart, daß sie den preußischen nicht viel nachstehen werden. Die Kammerinitglieder wehrten sich bis vor vier Jahren noch mit Händen und Füßen gegen eine Wahlreform im fortschrittlichen Sinne, besonders gegen das direkte Wahlrecht. Da machten die Jungliberalen etwas Feuer dahinter und die Kammerftattion schwenkte um. Der Führer, der sich auf die alte Politik an, stärksten festgelegt, trat zurück, und es kam eine Politik des Unbestimmten: Heute vorwärts, morgen rücklvärts. Der vor zwei Jahren einsetzende Klostersturm wurde von den Jungliberalen allein gemacht, den Alten war er sogar sehr un- angenehm. Während der gegenwärtig tagenden Landtagssession haben die Jungliberalen wiederholt Stoff zur Unzufriedenheit mit den Alten gehabt; sie waren unzufrieden mit der Haltung gegenüber den Forderungen der Eisenbahner, mit der Haltung gegenüber der Schule und den Lehren, zc. Aber noch immer gelang es, die auftauchende Unzufriedenheit schnell zu ersticken. Da kam die Preisgabe der Simultanschule durch die preußischen Nationalliberalen; die Jung- liberalen hielten in Offenburg sehr scharfe Reden, und wenn sie auch in anerzogener Feigheit fast auf der ganzen Linie zurückgehuft haben, der stille Trotz gegen die Alten komm, nimmer heraus. In Karlsruhe kam es in der Generalversammlung des nationalliberalen Vereins wieder zum Bruch. Scharfe Worte fielen gegen die Polittk der Alten und es blieb diesmal nicht dabei, auch bei der Abstimmung zeigte sich die Spaltung. Mit knapper Mehrheit wurde der Vorstand, der zugleich geschäftsführender Ausschuß der Partei für ganz Baden ist. wiedergewählt, eine große Minorität vereinigte sich auf jungliberale Kandidaten. Infolge dieser Wahl kam es wieder zu heftigen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf den Jungen das Wort abgeschnitten wurde. Diese wollen nun eine Protestversammlung abhalten. Verschiedene Jungliberale mit an- gesehenen Namen sind infolge dieser Vorgänge aus der nattonal- liberalen Partei ausgetreten.—_ Aus Südwestafrika ist eine neue Verlustliste eingegangen, die den Tod weiterer zwölf Soldaten meldet. Sämtliche zwölf Mann sind mit einer Ausnahme Krankheiten erlegen, fünf an Typhus, drei an„Herz- schwäche". Einer der Todesfälle ist älteren Datums, die übrigen elf Mann starben in der Zeit vom 26. Mai bis zum 14. Juni. Wenn die Sterblichkeit an Krankheit so anhält, dürfte die Verlustliste noch gewaltig anschwellen.— Husland. Ein Brief an den Zaren. Eine Stockholmer Zeiwnq veröffentlicht einen Brief den Eugen S ch a u m a n n kurz vor Ausführung seiner That gegen den Tyrannen seines Landes geschrieben haben soll. Der für den Zaren bestimmte Brief soll diesem zeigen, daß seine Beamten ihn vollständig falsch über die Zustände in Finnland und im übrigen Rußland unter- richten. Die politisch ungereifte Auffassung, als könne durch ein Attentat von dem schlecht unterrichteten an den besser zu unter- richtenden Zaren appelliert werden, erweckt freilich zunächst Zweifel an der Echtheit des Briefes. Er lautet: „Ew. Majestät I Mit Hilfe des Prokurators und des Senates Ew. ivkajestät für Finnland, welche ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz dem Befehle des Generals Bobrikow blind ge- horchen, ist es dem Generalgouverneur Bobrikow gelungen, voll- ständige Verwirrung und Rechtlosigkeit hier im Lande zu schaffen. Durch Lügen und falsche Darstellungen ist es dem General- gouverneur und dem Minister-Staatssekretär v. P l e h w e gelungen, Ew. Majestät zu bewegen, Verordnungen zu erlassen und Beschlüsse zu fassen, welche den Gesetzen wider st reiten, die Ew. Majestät bei der Thronbesteigung fest und unverbrüchlich in voller Kraft zu wahren versprachen. Die gesetzesttenesten, kundigsten Be- amten des Landes werden ohne gesetzmäßige Untersuchung und Ur- teil abgesetzt. An deren Stelle werden ernannt unwissende Glücks- jäger, heruntergekommene Individuen, sowie Personen, die nach den LandcSgesetzen zur Bekleidung von Staatsämtern unberechtigt sind. Die intelligentesten und treuesten Bürger werden verhaftet und verbannt. Die Sicherheit der persönlichen Freiheit existiert nicht mehr. Da der Minifterftaatssekrctär, welcher Ew. Majestät d,e das Großfürstentum Finnland betreffenden Angelegenheiten vorgetragen hat, kein Finnländer und mit den Sitten und Gesetzen des Landes nickt verttaut ist, und da er mit General Bobrikow gemeinsame Interessen hat, so bekommen Ew. Majestät nicht zu wisse», weder wie der wirkliche Zustand ist noch was die Landes- gesetze gebieten. Da keine Aussickit vorhanden ist, daß inner- halb eines übersehbaren Zeitraumes eine wahre Darstellung des wirklichen Zustandes an Ew. Majestät gelangen wird, und daß Generalgouverneur Bobrikow abberufen wird, so bleibt nur noch übrig, zur Notwehr zu greifen und zu versuchen, ihn un- schädlich zu machen. Das Mittel ist gewaltsam, aber es ist d a s e i n z i g e M i t t e l. Bei der Gelegenheit opfere ich mein eignes Leben mit eignen Händen, um zu versuchen, Ew. Majestät noch mehr davon zu überzeugen, daß im Großfürstentum Finnland, wie in Polen und in den Ostseeprovinzen, ja im ganzen russischen Reich Mißstände herrschen. Meinen Beschluß habe ich nach reiflicher Ueberlcgung allein gefaßt. Majestät, mit dein Tode vor Augen schwöre ich bei Gott, daß hier keine Verschwörung vorliegt. Da ich das gute Herz und die edlen Absichten Ew. Majestät kenne, so bitte ich Ew. Majestät nur um das Eine, sich Klarheit über die wirklichen Zustände des Reichs zu verschaffen, darunter eingerechnet Polen, Finnland und die Ostseeprovinzen. Ich verbleibe mit tiefster, unterthänigster Ehrfurcht der aller- unterthänigste und treueste Unterthan Ew. Majestät Eugen Schaumann.* Oesterreich-Ungarn. Parteilichkeit der Richter. Wie bereits gemeldet, find die Führer de? ungarischen Eisenbahnerausstandes, die wegen Verweigerung der Amtspflicht unter Anklage gestellt waren, freigesprochen worden, weil die Angestellten keine öffentlichen Beamten waren und nach dem öffentlichen Rechte nur denjenigen Schutz ge- nassen, den auch die Angestellten der Privatbahnen genießen. Der Gerichthof mußte unter diesen Umständen auf Freisprechung erkennen. Um jedoch zu beweisen, daß es auch in Ungarn unparteiliche Richter Siebt, leitete der Gerichtsvorsitzende die Urteilsverkllndigung mit einer eltsamen Rede ein, in der es hieß: „Der königliche Gerichtshof stand in diesem Prozesse vor einer undankbaren Aufgabe und befand sich in einer schwierigen Situation. Es war uns nicht möglich, unsre richter- liche Ueberzeugung mit unsrer persönlichen Auffassung in Einklang zu bringen. Wir, die Mit- glieder des Gerichtshofes, sind nicht nur Richter, sondern auch Bürger und treue Söhne dieses Landes. Auch wir fühlen voll- kommen, was diesem Lande Schmerz und Bitterkeit verursacht.... Wie hätten wir also nicht ebenfalls jene Bewegung im h ö ch st e n Maße verurteilt, welche eine krisenhafte Erkrankung in unserm Vaterlande bedeutete. Wir sitzen jedoch auf diesem Platze nur als Richter und so mußten wir dieses persönliche Gefühl unterdrücken. Deshalb war unsre Situation schwierig und undankbar, denn wir konnten gegen unsre Ueberzeugung als Richter mit dem Gesetzbuche in der Hand die Angeklagten nicht schuldig sprechen." Die Richter bedauerten also, daß ihnen das Gesetzbuch leider nicht die Macht gab, im Namen des Ausbeuter-Staates und der herrschenden Klaffen diejenigen in den Kerker zu werfen, die als die Vertrauensleute von Staatsproletariern zu dem scheinbar einzig er- folgreichen Mittel griffen, um ihr trauriges Los endlich einmal halb- Wegs durchgreifend zu verbessern I Den.Berliner Neuesten Nachrichten" genügt freilich diese Er- klärung der Solidarität mit der herrschenden Klasse noch nicht. Sie trösten sich nur damit, daß bei uns in einem ähnlichen Falle eine Freisprechung ganz ausgeschlossen sei.— Frankreich» Die Karthäuser-Affaire vor der UntersuchnngSkommission. Die Kommission verhörte im weiteren Verlaufe ihrer Sitzung den Untersuchungsrichter de Balles, der aussagte, am 14. April sei er vom Staatsanwalt beauftragt worden, eine Untersuchung, und zwar wegen Versuchs des Betruges einzuleiten. weil angenommen Wörden sei, es habe jemand den Karthäusern schwindelhafte An- gaben über seinen Einfluß gemacht, um sie zur Hergabe von Geld zu bewegen. Er sei ferner vom Staatsanwalt beauftragt worden, Lagrave als Moralitätszcugen zu vernehmen, um zu beweisen, daß Edgar Combes, weit entfernt, von den Kar- thäusern eine Million zu verlangen, vielmehr die Annahme dieser Summe abgelehnt habe. Er habe Lagrave vor dessen Abreise nach Amerika vorgeladen und Lagrave habe seine bekannte Aussage ge- macht. Auf die Bitte, den Namen desjenigen zu nennen, der den Vorschlag bezüglich der Zahlung der zwei Millionen gemacht habe. habe Lagrave versprochen, er werde ihn seinem vorgesetzten Minister, der damals M i l l e r a n d war, nennen. Er habe dann Edgar Combes vernommen und zwischen diesem und Lagrave habe sich eine Unterhaltung darüber angesponnen, ob die Version. daß die Zahlung an eine Kasse für nützliche, öffentliche Zwecke erfolgen sollte, richtig sei, oder die andre Version, daß sie an die Kasse der geheimen Fonds erfolgen sollte. Edgar Combes behauptete, die Version sei die richtige, daß die Summe der Regierung zur Verfügung gestellt werden sollte. Lagrave habe dieser Korrektur zu- gestimmt. Die Kon, Mission beschloß dann, Lagrave und Edgar Combes einander gegenüberzustellen. Als beide in den Saal gerufen waren, kam es zu einen, lebhaften Zwischenfall. Auf eine Frage des Präsidenten versichert Edgar Combes, er habe von Lagrave kemen Brief erhalten und mit diesen, über den Inhalt eines solchen gesprochen. Lagrave behauptet darauf, er habe einen Brief an Edgar Combes geschrieben und ab- gesandt, und versichert. Edgar Combes habe mit ihm zu wieder- holten Malen über diesen Brief gesprochen. Edgar Combes erwidert: „Das bestreite ich auf das entschiedenste." Lagrave erwidert darauf:„Sie lügen." Edgar Combes antwortet:„Ich wieder- hole ebenfalls:„Sie lügen". M i n i st e r p r ä s i d e n t Combes erklärt, die Angaben in den Briefen Lagraves an Millerand seien nicht richtig. Er bestreitet, Lagrave ermächtigt zu haben, den Namen des Unterhändlers zu verschweigen, als der Generalstaatsanwalt Lagrave gesagt habe, daß die Untersuchung eingestellt werde, wenn dieser Name nicht genannt würde. Er habe den Handelsminister Trouillot angewiesen, die Angabe des Namens zu verlangen. Der Ministerpräsident versichert weiter, er habe Lagrave nicht in Anwesenheit Edgar Combes gesehen, er habe von Lagrave keine Bitte uin Ennächtigung erhalten und er habe von ihm keine Bedingungen mitgeteilt erhalten, die er übrigens auch nicht an- genonimen haben würde. Der Ministerpräsident fügt hinzu, er habe gewollt, daß Lagrave die Beweggründe für den von ihm unter- nommenen Schritt wiederholte, den er— der Ministerpräsident— für unüberlegt gehalten habe; er habe nicht geglaubt, daß Lagrave bei der Angelegenheit persönlich interessiert sei. Paris, 21. Juni. In den Er örterungen der Blätter über die gestrige Sitzung der Untersuchungskommisston spiegelt sich die große Bewegung wieder, welche die Gegenüberstellung LagraveS mit Edgar CombeS und dem Ministerpräsidenten in Kammerkreisen hervorgerufen hat. Die regierungsfeindlichen Blätter erklären, die Aussagen Lagraves hätten dem Ministerpräsidenten und seinem Sohn einen unheilbaren Schlag versetzt. Das Ende des Ministeriums Conibes sei als b e v o r st e h e n d an- zusehen. Die radikalen und ministeriellen Zeitungen meinen, alle Treibereien der Gegner der Regierung könnten die Thatsache nicht aus der Welt schaffen, daß der Ministerpräsident der Kammer das Ausweisungsgesetz vorgelegt hat, trotz der unter Waldeck-Rousscau zu Gunsten der Karthäuser abgegebenen Gutachten. An dieser Thatsache müßten die verleumderischen Manöver der Nationalisten und Klerikalen scheitern. In Deputiertenkreisen hält man es für möglich, daß die gestrigen Vorgänge in der Untersuchungs-Koninüssion bereits heute in der Kammer zur Sprache kommen werden. Den Anlaß werde vielleicht ein Antrag Sembat jSoc.s bieten, für die Untersuchungs-Kommission gerichtliche Gewalt zu verlangen. Amerika. Die Nationalkonvention der republikanischen Partei findet in diesen Tagen in St. Louis statt. Ter Bannerträger der Partei ist der jetzige Präsident, Theodor Noosevelt. Seine Popularität im Lande ist unbestreitbar groß, seine Nomination als Präsidentschaftskandidat in St. Louis ist unbedingt sicher, seine Wiederwahl im nächsten November ist höchst wahrscheinlich. Gegen die Macht, die seine Popularität ihm verleiht, können einige kleine, feindliche Strömungen im republikanischen Parteilager nicht aufkommen. Roosevelt selbst ist übrigens ein scharfer Politiker, der es wohl ver- steht, die Parteimaschine nach seinem Gefallen arbeiten zu lassen. Er ist ehrgeizig und hat Glück. Als er im November 1900 als Vice- Präsident mit Mac Kinley gewählt wurde, hatte er sich nicht träumen lassen, daß er den nächsten September schon auf dem Präsidentenstuhr sitzen würde.(Am 6. September 1901 fand das Attentat auf Mac Kinley statt und eine Woche später starb er.) Roosevelts Ehrgeiz ist es, vom Volk« selbst gewählt zu werden, und er hat die Zeit und Gelegenheit so gut ausgenützt, daß jetzt von irgend einem andern Kandidaten der Republikaner im Ernst gar keine Rede ist. Gegenstand der Spekulation war nur der Vicepräsident- schaftsposten.— � Chicago, 21. Juni.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Die Nominierung Roosevelts für die Präsidentschaft ist gesichert. Gestern abend hat die Delegation des Staates New Jork für den republikanischen Nationalkonvent einstimmig beschlossen, die Kandidatur des Senators F a i r b a n k für die Vicepräsident- schaft zu unterstützen. Dadurch ist auch die Frage der Aufstellung des republikanischen Vicepräsidentschafts- Kandidaten thatsächlich ge- regelt.—_ Staatsanwalt und Bankchristen. Ein kleiner Saal im zweiten Stockwerk, dessen Fensterscheiben alle zehn Minuten von den Paukenschlägen vorüberziehender Regiments- kapellen erzittern, drinnen ein müdes, von der Hitze halb ein- geschläfertes Publikum, nicht größer als es jeder gewöhnliche Taschen- dieb hat— es ist wahrlich keine glänzende Ausstattung, in der sich am Dienstag der letzte Akt des Possendramas zu entwickeln begann. Sechs Stunden lang— von kurzen Unterbrechungen abgesehen— redeten gestern die Staatsanwälte. Zunächst Herr Beeck, trocken und nüchtern. Er thut gethane Arbeit, denn ungefähr dieselbe Rede hat er schon vor einem Jahre gehalten, damals, als die Geschicklichkeit der Verteidigung den An- geklagten eine einjährige Erholungspause verschaffte. Abermals zieht das altbekannte Bild vorüber: die abenteuerlichen Schätzungen und Beleihungen fingierter Werte, die Abschiebung der faulen Ge- schäfte auf die Schachtelbanken— ein eintöniges Resümee der That- fachen, kaum hie und da von juristischen Ausführungen durch- brachen. nirgends von persönlichen Auffassungen durchleuchtet. Nur hie und da. wenn Herr Beeck den Angeklagten gute Ratschläge erteilt, wie sie es als ehrbare Kaufleute hätten anstellen müssen, kommt ein ungewollter Humor in die Sache. Der kleine redliche Gewinn, die Vermeidung alles Risikos, die Ausschaltung aller Spekulation, kurz alle Bürgertugend, durch die man Millionär wird und zu hohen Ehren kommt, erscheinen als der leuchtende Hintergrund, von dem sich die beiden gefallenen Engel der Mirbach- Kirche schwarz genug abheben. Nur ganz nebenbei— so in zwei drei Sätzen— hebt daS Geheimnis des K.- Konto? sein verhülltes Haupt.„Frommt'S den Schleier aufzuheben, wo das nahe Schrecknis droht?" Auch Herr Beeck tastet nicht an das„Princip der Diskretion". Er per- sönlich ist der Meinung, das Geld sei in die Taschen der Angeklagten geflossen. Wie vertrauensvoll doch mitunter auch ein Staatsanwalt denken kann l Nach Herrn Beeck tritt Herr Musiol in die Schranken, einer vom jüngeren Typ der Staatsanwälte mit mehr schneidiger Eleganz. Seine juristischen Ausführungen trägt er stellenweise mit gutem Ausdruck vor und erntet dafür ein zustimmendes Nicken des Ober- staatsanwalts Jsenbiel. Das scheint ihn zu ermutigen, denn sein Redeschmuck wird reicher, seine Bilder werden kühner, und wie er zum Schluß mit schrecklichem Pathos versichert, daß die Angeklagten, wenn alle Thränen, die die kleinen Sparkapitalisten ihretwegen ver- gössen hätten, in diesem Saale zusammenflössen,„ertrinken, ersticken und ersaufen" würden, hindert nur der Ernst des Augenblicks einen ungewollten Heiterkeitserfolg. Denn man steht vor dem spannungs- vollsten Augenblick: vor dem Strafantrage. Sechs Jahre Ge- fängnis für Schultz, fünf für R o m e i ck. für den Fall der Nichtcinbringlichkcit der erkannten Geldstrafen für jeden zwei weitere Jahre Gefängnis I Der Staatsanwalt klappt sein Heft zu und verläßt sein Rede- Pult. Der Vorsitzende erhebt sich. Erst am Donnerstag— denn am Mittwoch ist der Gerichtshof obdachlos— erhält die Verteidigung das Wort. Zur Thür hinaus, zwischen Personal und Verteidigern, die ihm respektvoll Platz machen, schiebt sich der weltmännische zuversichtlich dreinschauende Romeick, ihm folgt etwas bedrückter der untersetzte blondbärlige Schultz. Bald verschwinden sie, über denen die Drohung einer acht- und siebenjährigen Gefängnisstrafe schwebt, frei und ungehindert im Getümmel, das die Gänge füllt. Nicht jedem Angeklagten, dem so schwere Strafe droht, ist gestattet, frei den Gerichtspalast zu verlassen. Aus dem Gerichtssaale wird berichtet: Jm Pommernbank-Prozeß nahm am Dienstag sofort Staatsanwalt R. Beeck das Wort zur Schuldfrage: Bei der ungeheuren Fülle des Materials wolle er von allgemeinen einleitenden Betrachtungen Abstand nehmen und sich sofort in meckias res begeben. Er habe für die Vergehen der Angeklagten im vorigen Jahre das Wort Falsch- m ü n z e r e i gebraucht und müsse dieS aufrecht erhalten. Im Publikum gelten Pfandbriefe als goldsichcre Papiere; wer sie ausgiebt, ohne genügende Deckung, steht mit einem Falschmünzer auf gleicher Stufe. Nach einer weiteren Dar- stellung der Verhältnisse der Pommernbank wandte sich der Staatsanwalt den wirklichen Verhältnissen der Immobilien- Verkchrsbank zu und erörterte insbesondere die Zustände auf dem Terrain der Schönhauser Allee. In einer eingehenden Würdigung der von den einzelnen Sachverständigen abgegebenen Taxen kommt der Redner zu dem Schluß, daß den Schätzungen der von dem Ge- richt berufenen Sachverständigen, die im großen und ganzen mit den Schätzungen der staatlichen Kommission übereinstimmen, der Vorzug zu geben sei, während die Schätzungen der Sachverständigen der Angeklagten an offenbaren Fehlern leiden. Dann ging der Staatsanwalt zu dem specicllen Teil der Anklage über und hielt diese fast in allen Punkten aufrecht. Die Angeklagten hätten sich nicht um Statut und Gesetz gekümmert. Wenn das Statut befolgt worden wäre, dann wären die kolossalen Verluste nimmermehr eingetreten. Der Redner erörterte weiter die Untreue, die in der Geldentnahme aus der Pommernbank liege, und bleibt dabei, daß die Effekten Plasmon-Anteile, Shares usw. illiquide Werte für die Bank gewesen und durch die Abschiebung derselben durch die Angeklagten Schultz und Romeick die Bank geschädigt worden sei. Auch das gemeinsame Conto der beiden Angeklagten aus dem Jahre 1900 stelle eine Untreue dar, denn man habe der Pommcrnbank die dort stehenden Summen entzogen und dafür schlechte und ertragslose Hypotheken hingegeben. Fragt man sich. wo dies Geld geblieben ist. so sei ja ein Heiner Teil durch das Zeugnis des Frhrn. v. Mirbach aufgeklärt. Die übrige Summe von über 300000 M. schwebt völlig in, Dunkel. Es bleiben zwei Möglichkeiten übrig: Entweder haben die Angeklagten diese Gelder in die Tasche gesteckt oder sie haben sie zu Ausgaben zum Zwecke der Förderung der Interessen der Bank verwendet. Man könnte sich aber den Kopf darüber zer- brechen, zu welchen reellen Interessen denn diese große Summe hätte Verwendung finden können. Der Staatsanwalt begründete schließ» lich eingehend die Anklage, soweit sie sich auf die Fälle der Bilanz» Verschleierung bezieht, behandelte das Thema der Bilanzfälschung durch künstliche Erhöhung des Reingewinnes und Verteilung zu hoher Tantiemen und erörtete noch einige Specialia der Anklage gegen Schultz und Romeick.— Auch die Schuld des Angeklagten Bohl hält der Staatsanwalt für erwiesen. Nach kurzer Pause ergriff Staatsanwalt Musich das Wort, um zunächst eingehend die Verhältnisse zu erörtern, die bei der Strelitzbank in Frage kommen, und den Nachweis zu führen, daß sich die Angeklagten schon durch die Geschäfte mit der Strelitzbank von Anfang an der Untreue schuldig gemacht haben. Schon in der Gründung der Strelitzbank sei eine Untreue zu erblicken. Zum Strafmaß äußerte sich der Staatsanwalt wie folgt: Die Thatsache, daß die Angeklagten bis jetzt unbestrafte Leute Ivaren, muß in diesem Falle bei der Sttafabmessung ausscheiden. Es handelt sich hier nicht um hergelaufene Menschen, die in irgend einer Gasse aus Not etwas pecciert haben, sondern es handelt sich um Direktoren einer Bank, die dieser Treue und gewissenhaftes Handeln schuldig waren. Sie haben zehn Jahre lang fortgesetzt diese Thaten verübt, deren sie beschuldigt werden; sie haben sie verübt unter Aufwendung großer Klugheit und außerordentlichen Scharfsinns," unter Mißbrauch der ihnen von Gott gegebenen großen Geistesgaben, durch deren richttge Anwendung sie so viel Gutes hätten stiften können. In die Wag- schale müssen auch die kolossalen Verluste fallen, unter deren Folgen zahllose Menschen, eine ganze Legion, zu leiden hatten. Der Angeklagte Schultz hat kürzlich mit gebrochener Stimme eine Anklage gegen alle Welt geschleudert: gegen die- jenigen, die die Untersuchungshaft über ihn verhängt haben und gegen die Nachfolger in der Direktion der ehemaligen Pommenibank. Die Untersuchungshast haben sich die Angeklagten selbst zuzuschreiben. Die Untersuchung war eine schwierige und umfaßte eine Zeit von zehn Jahren, die Thaten der Angeklagten sind so verwickelt und ein- gehüllt und in den Büchern so versteckt und verborgen, daß die Auf- klärung unendliche Mühe machte. Die Untersuchungshaft war ge- rechtfertigt durch die Höhe des Schadens und durch die Schwierigkeit. den Treibereien der Angeklagten nachzugehen. Der Angeklagte hat auch hefttge Vorwürfe gegen die jetzige Verwaltung der Bank gegemacht. als ob ihn diese ungerecht mit Arrestansprüchen fortgesetzt verfolge, daß er gewissermaßen als ein Bettler dasteht, der kaum das Hemd aus dem Leibe sein eigen nennen könne. Nun, wer den Angeklagten Schultz hier sieht, wird nicht den Eindruck haben, daß er der Bettler ist, als welcher er gelten will. Er besitzt gewiß persönlich nichts mehr, aber er dürfte doch Personen hinter sich haben, die noch Geld haben, und er wird wohl kaum als armer Mann ans dieser Verhandlung herausgehen. Er sagt: er habe sich ein Herzleiden in der langen Untersuchungshaft zugezogen. Ich bin dagegen nicht gefühllos. Was aber will dieses Herz- leiden bedeuten gegenüber dem Weh und dem unsagbaren Kummer und Herzeleid, das er über so viele Leute gebracht hat!? Wenn alle diese Akttonäre und Pfandbriefgläubiger, all' die kleinen Leute, die ihre erdarbten und erhungerten Spargroschen verloren haben, hier hereinträten und Sie, Herr Schultz, mit ihren Thränenströmen überfluteten, Sie würden darin ertrinken, ersaufen, erstickenl Die Strafanträge des Staatsanwalts gingen dahin: Gegen Schultz wegen Untreue gegen die Pommernbank 3 Jahre Gefängnis und 20 000 M. Geldstrafe, wegen Untreue gegen die Strelitzbank gleichfalls 3 Jahre Gefängnis und 20 000 M. Geldstrafe, wegen der Bilanzverschleierung bei der Pommernbank 3 Monate Gctängnis und 1ö 000 M. Geldstrafe, bei der Strelitzbank gleichfalls 6 Monate Gefängnis und IS 000 M. Diese Einzelstrafen beantragte der Staatsanwalt zusammenzuziehen auf eine Gesamtstrafe von 6 Jahren Gefängnis und 70 000 M. Geldstrafe, event. noch für je IS M. 1 Tag Gefängnis mit der Maßgabe, daß diese sub- stitnierte Gefängnisstrafe das Höchstmaß von 2 Jahren nicht über- steigt. Außerdem 10 Jahre Ehrverlust. Gegen R o m e i ck: Wegen Untreue gegen die Pommernbank 3 Jahre Gefängnis und 1S000M., gegen die Strelitzbank 21/3 Jahre Gefängnis und IS 000 M. Geldstrafe, wegen der Bilanzverfälschunaen bei der Pommenibank und der Strelitzbank je sechs Monate Ge- fängnis und je IS 000 M. Geldstrafe. Diese Einzelsttafen beantragte der Staatsanwalt zusammenzuziehen auf fünf Jahre Ge« fängnis und 4ö 000 M. Geldstrafe evenwell IS M.— 1 Tag Gefängnis, gleichfalls im Höchstmaß von noch zwei Jahren Gefängnis. Außerdem 10 Jahre Ehrverlust. Gegen den Angeklagten B o h l 3 Monate Gefängnis. Der Vorfitzende Landgerichtsdirektor H e i d r i ch schloß hierauf die Sitzung und beraumte die nächste Sitzung aus Donnerstag 9 Uhr an._ SozialcQ. Aerzte und Krankenkasse». In Krefeld sprach der Kassenrendant Jserloh in einer Versammlung über das Verhältnis zwischen Aerzten und Kranken- lassen. Dabei besprach er auch die Frage, Ivas angemessenes Honorar sei, von dem Gesichtspunkte der Aufwendung per Kopf des Ver- sicherten. Seinen Ausführungen über diesen Punkt entnehmen wir folgendes: Bei fortgesetzten Untersuchungen, was angemessenes Honorar sei, sei Redner zu folgendem Resultat gekommen. Wie schon hervor- gehoben, seien im Jahre 188S 2972 Einwohner auf je einen Arzt entfallen. Die holländischen Aerzte, die die Verstaatlichung des Aerztewesens anstrebten, forderten auf je 2000 Einwohner einen Arzt. Wolle man nun die Verhältnisse in Krefeld untersuchen und feststellen, was hierfür angemessen sei, so seien bei der örtlichen Lage, den guten Verkehrsverhältnisien 2760 Einwohner auf je 1 Arzt eine Zahl, die nicht zu hoch gegriffen sei. Krefeld habe heute bei 110 400 Einwohnern 60 Aerzte oder je 1840 auf einen Arzt. Der höchste Bedarf an Aerzten, wenn man 2760 Einwohner auf einen Arzt rechne, sei mit 40 Aerzten gedeckt. Setze man für jeden Arzt 9000 Mark fest, so hätte Krefeld für seine Einwohner im ganzen 360 000 Rtark oder 3,25 Mark pro Kopf aufzubringen. Die Kassen müßten aber heute schon für jedes einzelne Mitglied 3,50, 3,75 und 4 Mark bezahlen und damit seien viele Aerzte noch immer nicht zufrieden. Die Steigerung des Pauschalsatzes von 3,25 Mark auf 4 Mark, also um 75 Pf. auf jeden Einwohner, würde aber das Durchschnitts- einkommen eines jeden der 40 Aerzte, mit denen Krefeld sehr reichlich auskomme, von 9000 auf 11 040 Mark steigern. Diese Darlegungen stimmen durchaus mit dem überein, was wir an verschiedenen Einzelbeispielen schon mehrfach bargelegt haben. Wir sind der Meinung, daß die Aufwendungen der deutschen Krankenkassen für ärztliche Hilfeleistung im Durchschnitt hoch genug sind und eine allgemeine Erhöhung ganz ungerechtfertigt ist. Die Aerzte als Gewerbetreibende werden trefflich beleuchtet durch eine Mitteilung, die dem„Volksblatt für Anhalt" zugeht. Ein Leser des Blattes hat Abschrift genommen von einem Schreiben des Dessauer Aerztevereins vom Oktober 1903. In diesem Briefe wird mitgeteilt, daß die Mitglieder sich ver- pflichtet haben,„dem Kreisirankenhause Patienten, Kassen- wie Privatkranke, zur Untersuchung und ambulanten Behandlung nicht mehr zuzuweisen, weil durch die poliklinische und ambulatorische Untersuchung und Behandlung im Kreiskrankenhause das Arbeits- und Erwerbsfeld der die allgemeine oder specialistische Praxis aus- übenden Aerzte ohne Not eingeschränkt wird." Der diesen Brief dem„Volksblatt" mitteilt, hatte vor kurzer Zeit, ehe er von diesem Brief« Kenntnis hatte, Gelegenheit zu er- fahren, daß sich die Aerzte nach diesem Beschlutz richten. Sein eigner Arzt, mit dem er über die Frage, ob Kreisttankenhaus oder Privat- klinik zu beraten hatte, hielt zäh« am Privatkrankenhaus« fest. Nur »itf energisches Drängen wurde schNetzlich eine auswärtige Universitätsklinik gewählt, die ein vortreffliches Resultat erzielte und im Vergleich zu den Dessauer Privatkliniken äußerst billig lvar. Der das Schreiben des Desfauer Aerztevereins als Schriftführer unterzeichnet hat, ein Dr. Günther, ist selbst Besitzer eines Privat- krankenhauses. Dieses rücksichtslose Erwerbsinteresse läßt auch die L e i p z i g e r Äcrzte erklären, daß die von der dortigen Ortskasse eingerichteten Beratungsanstalten standesunwürdig sind. Für die Kassen sind aber solche eigne Polikliniken außer- ordentlich wünschenswert. Die Erfahrungen der Chemnitzer Orts- krankenkasse mit ihrer schon seit vielen Jahren bestehenden Poliklinik sind im höchsten Grade erfreulich. Nicht nur, daß die Kasse jährlich erhebliche, in bar ausdrückbare Ersparnisse macht, auch die leichte Benützbarkeit durch Erwerbsfähige hat sehr günstige vorbeugende Wirkungen gehabt. » In Braunschweig erklärten die Delegierten der dortigen Centralkommission in einer Sitzung, daß sie auf die Forderung der freien Arztwahl und der Honorarerhöhung nicht eingehen können, weil die Aerzte erklärt haben, daß sie die Staatsbahnkaffe und die Postkasse von ihren Forderungen ausnehmen! Das Verhalten der Aerzte ist ebenso natürlich wie daS der Staats- und Reichsbehörden. Für die Aerzte ist es nicht standeS- unwürdig, sich von einem Post- oder Eisenbahndirektor bc- oder mißhandeln zu lassen; die Post- und Eisenbahnarbeiter brauchen auch nicht„den Arzt ihres Vertrauens", ihr Vorgesetzter ist der Arzt ihres Vertrauens; der ist Leibes- und Seelenarzt zugleich. Die Behörden haben nur dort für die„Interessen der Versicherten" zu sorgen, wo sie nicht als Vorgesetzte diese Interessen schon reichlich wahrnehmen können. Aus diesen Gründen gilt für Aerzte und Behörden gegenüber den fiskalischen Betriebskassen etwas ganz andres als wie für Ortskassen. Krankenkassenschwindel. In Hannover wurden am Sonnabend der Vorsitzende der Krankenkasse„Thalia", Karl Schomburg, und der Bureauchef dieser Kasse, Karl K u r r e, unter der An- schuldigung des Betruges vom Untersuchungsrichter in Haft ge- nommen. Den Betrug sollen die beiden bei der Gründung der in- zwischen polizeilich geschlossenen Schwindelkasse„U n i o n" verübt haben. Die„Thalia", die sofort nach Schließung der„Union" begründet wurde, ist nichts als die Fortsetzung des Schwindels. Höchst beachtenswert, sowohl für Arbeiter wie für Arbeitgeber. ist eine Entscheidung, die kürzlich in Königsberg das Gewerbe- geeicht in einem Prozeß traf. Es klagten zwei Steinsetzergesellen gegen einen Unternehmer auf Entschädigung wegen unterlassener Kündigung. Der Unternehmer hatte Pflasterarbeiten übernommen und mit der betreffenden Behörde einen Kontrakt abgeschloffen, in dem sich auch der Passus befand, daß er, wenn sich seine Arbeiter gegen die Vertreter der Behörde„ungebührlich" benehmen, auf Ver- langen der letzteren die Arbeiter auf der Stelle entlassen müsse. Der Unternehmer führte an, daß sich dieser Passus in fast allen Ver- trägen, die Behörden mit Unternehmern schließen, befinde.(II) Tie beiden Steinsetzergesellen hatten angefangen zu arbeiten, da sei ein Bauassistent gekommen und habe zu dem einen gesagt, daß die Fugen zu breit seien, er möge dichter pflastern. Darauf hat der Steinsetzer den Hammer zur Erde geworfen und erklärt, daß er die Fugen vor jedem Bauinspektor vertreten könne. Das war das „ungebührliche" Benehmen vor dem Herrn Vauassistenten, und es wurde auch mit sofortiger Entlassung bestraft. Der Unter- uehmer gab vor Gericht an, daß der Geselle dem Bmiassistenten nicht hätte widersprechen sollen. Er habe sich an seinen Kontrakt halten müssen. Das Gericht erklärte jedoch, daß den Arbeiter die Be- dingungen, die der Unternehmer mit der Behörde vereinbart habe. nichts angehen. Für ihn gelte nur die Gewerbe- Ordnung und der Unternehmer sei nicht berechtigt gewesen, die Arbeiter sofort zu entlassen. Er müsse also zur Zahlung verurteilt werden. GewerKlcKaftlicKes. An die in den Asphaltbetrieben und Pappdachfabriken, sowie der im Straßenbau(StampfaSphalt) beschäftigten Arbeiter! Kollegen! A-enn wir uns an Euch wenden, dann geschieht eS, um Euch aus der Gleichgültigkeit und der Jnteressenlosigkeit aufzu- rütteln. Wohl kaum dürfte es noch einen andern Beruf geben, in dem die Arheiter unter solchen traurigen Lohn- und Arbeits- bedingungen zu leiden haben wie wir. Wir fragen aber, Kollegen, soll es denn so weiter gehen? Wollt schr unter den ob« loaltenden Umständen auch fernerhin Eure Arbeitskraft hingeben? Soll die unheimlich lange Arbeitszeit, sollen die niedrigen Löhne auch fürderhin bestehen? Wir glauben, und es ist uns hundertfach bestätigt worden, daß die Arbeitsgenossen mit den bestehenden Zu- ständen nicht zufrieden sind. Wenn es doch anders würde! Wie ist das mm zu erreichen? werdet Ihr fragen. Wir wollen's Euch sagen. Der Einzelne kann nichts und wird nichts erreichen; indessen wird er im Verein mit seinen Klassengenossen, und das sind seine Arbeits- und Berufskollegen, in der Berufs- orgauisation verbunden, es erringen. Seit ein paar Jahren besteht hier der Verband der Asphalt- arbeiter und Pappdachdecker. Der Verband hat es sich zur Aufgabe gemacht, die materielle und geistige Lage der in unserem Berufe lhätigen Arbeiter zu heben. Und wir können trotz unsrer jungen Organisation mit Genugthuuug auf unsre Erfolge blicken. So manche Verschlechterung, die seitens der Unternehmer geplant war, ist durch das bloße Vorhandensein der Organisation, des Verbandes der Asphalteure, verhütet. Aber wir wollen nicht nur Verschlechte- rungen verhüten, sondern wir wollen neue Vorteile; wir wollen eine einigermaßen anständige Lebenshaltung für uns und unsre An- gehörigen erringen. Daher. Ihr Arbeiter der Asphaltfabriken, Ihr im' Straßenbau beschäftigten und Ihr Pappdachdecker, schüttelt Eure Gleichgültigkeit, Eure Jnteressenlosigkeit von Euch ab. Fangt einmal an nachzudenken über Eure Lebens- Haltung, und dann werdet Ihr einsehen, daß nur durch die Organisation eine Besserung in unsren Lohn- und Arbeitsver- Hältnissen eintreten kann. Unsre Organisation ist der Centralverband der Asphalteure. Wollt Ihr, daß Ihr wirtschaftlich nicht immer mehr degeneriert werdet, wollt Ihr nicht länger willenloses Werk- zeug in den Händen der Unternehiner sein, ivollt Ihr Euch nicht von der Reaktion und dem Muckertum niederblltteln lassen, dann ist es Eure Pflicht, Euch dem Centralverband der Asphalteure und Papp- dachdecker anzuschließen. Hinein in den Verband I Gekämpft für bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse für uns und unsre Familien! Hoch die Organisation! Hoch der Centralverband der Asphalteure Deutschlands I Alle arbeiterftcundlichen Blätter bitten wir höflichst um Abdruck des vorstehenden Aufrufs. Alle Zuschriften und Anftagen wegen der Organisation richte man an F. Weiglin, Berlin N�v., Beusselstr. 31. ßerlin und tkmgegend. Partielle Lohnbewegung der Holzbildhauer. Gestern abend be- faßte sich eine gut besuchte Versammlung der Holzbildhauer mit der endgültigen Formulierung ihrer seit längerer Zeit geplanten Lohn- forderungen sowie des Umfangs der Lohnbewegung. Die Ver- sammlung kam zu dem Entschluß, nicht bei allen, sondern nur bei den besseren Geschäften wegen der Lohnerhöhung vorstellig zu werden; bei diesen aber die gegenwärtige günstige Konjunktur entsprechend auszunutzen, da die bisherigen Durchschntttslöhne von 60—33 M. für die zu leistende qualifizierte Arbeit entschieden zu niedrig bemessen sind. Beschlossen wurde: den von der Versammlung bestimmten 25 Firmen am Morgen des 22. Juni die Forderung einer Lohnerhöhung nicht unter 10 Proz. zu unterbreiten. Die Prinzipale sollen ersucht werden, sich bis Sonnabend, den 25. Juni, zu erklären, ob sie zur Bewilligung der Forderung geneigt sind oder nicht. Jeder Obmann einer Werkstatt ist angewiesen, das Resultat der Unter- redung mit den Prinzipalen unverzüglich im Bureau der Bildhauer- orgauisation zu melden. Am Montag soll dann eine neue öffentliche Versammlung stattfinden, um über die weiteren Maßnahmen Beschluß zu fassen. Zum Rammerstreik ist mitzuteilen, daß am heuttgen Tage noch- mals eine kombinierte Versammlung der Steglitzer und Berliner Steinsetzerinnungen stattfindet, die sich mit dem Rammerstreik be- schäfttgen wird.— In Stetttn haben bereits zwei außerhalb der Innung stehende Firmen die sämtlichen Forderungen der Steinsetzer und Rantmer bewilligt. Deutsches Reich. Vertragsbrüchige Unternehmer. Nach einem mehr als 3 Monate langen Kampfe im vorigen Jahre schlössen die Krefelder Maurer mit den Bauunternehmern einen Vertrag, in welchem ein Minimal- lohn von 45 Pf. bis zum 1. April 1904 festgesetzt wurde. Von diesem Zeitpunkt bis zum 1. Juni 1905 sollten 47 Pf. und dann 50 Pf. Stundenlohn gezahlt werden. Die Arbeitszeit durste zehn Stunden nicht überschreiten. Der Lohn von 45 Pf. wurde gezahlt, doch weigerten sich nach dem 1. April eine ganze Anzahl Unter- nehmer, die 2 Pf. Zuschlag zu geben, obgleich der Vertrag schriftlich stipuliert ist. Verhandlungen haben schon stattgesimden, um die Unternehmer zu ihrer Pflicht zurück zu rufen— doch vergeblich. Die Maurer, der ewigen Verhandlungen müde, haben nun be- schlössen, den Vertrag als auch für sie nicht bindend zu erklären, wenn die Unternehmer bis zur nächsten Lohnzahlung nicht allgemein die 47 Pf. zahlen; sie werden dann 50 Pf. Stundenlohn verlangen. — Da die Bauperiode, durch Inangriffnahme mehrerer großer Bauten momentan sehr günstig ist, haben auch die Bauhilfsarbeiter Forderungen aufgestellt, und zwar verlangen sie 37 Pf. Stunden- lohn. Bis jetzt haben sich die Unternehmer auf diese Forderungen noch nicht geäußert. Gleichzeittg sind die Zimmerer in eine Lohn- bewegung eingetreten, sie beanspruchen einen Stundenlohn von 50 Pf.— Kommt nicht in letzter Stunde noch eine Einigung zu stände, dann wird Krefeld einen allgemeinen Ausstand der Bau- arbeiter zu verzeichnen haben. JluslsBd. Die große Steinhauer-AuSsperrung in Bohuslän wird von den Unternehmern unverändert aufrecht erhalten. Bei den Einigungs- Verhandlungen, die kürzlich unter Vorsitz des Landeshauptmannes Lagerbring stattfanden, versuchten die Unternehmer lediglich die Arbeiter zu bewegen, die Sperren über die Verladung der Steine aufzuheben und wollten dafür das Versprechen geben, nach vier Wochen mit den Arbeitern über die Arbeits- bedingungen zu verhandeln. � Daß unter diesen Um- ständen eine Einigung nicht möglich war, ist selbstverständlich.— Die Steinarbeiter-AuSsperrung in Glanshammer, ist zu Gunsten der Arbeiter beendet worden. Die Differenzen, die Steinhauer betteffend, werden durch ein Schiedsgencht er- ledigt; fiir die ausgesperrten G r o b a r b e i t e r ist ein Tarifvertrag abgeschlossen worden, durch den die Stundenlöhne um 4 Oere, und die Accordpreise ebenfalls erhöht werden. Versammlungen. Berliner Gewerkschaftskommission. In der am Montag ab- gehaltenen Delegiertenversammlung wurde die Wahl eines dritten Beamten für das Bureau der Kommission vorgenommen. Wie Wiesenthal namens des Ausschusses berichtete, haben sich für die ausgeschriebene Stelle 20 Bewerber gemeldet, von denen der Ausschuß drei als geeignet erachtet. Er empfiehlt die Wahl des Buchbinders Eugen Brückner. Auf Antrag aus der Versammlung wurden auch die beiden andren vom Ausschutz als geeignet bezeichneten Bewerber zur Wahl gestellt. In geheimer Abstimmung erhielt Eugen Brückner 60 von 75 abgegebenen Stimmen, er ist somit gewählt. Ferner stimmte die Versammlung einem Vorschlage des Ausschusses zu, weicher dahin geht, daß für die drei Beamten der Gewerkschaftskommission folgende, dem Beschluß des letzten Ge- werkschastskongresses entsprechende Gehaltsskala gilt: Anfangsgehalt 2000 M., in den ersten fünf Jahren um je 100 M., dann jährlich um 50 M. bis zur Höchstgrenze von 3000 M. steigend. Ueber denStreikderRammer machte K ö r st e n folgende Mitteilung: Seit deei Wochen streiken die Rammer, um einen Stundenlohn von 60 Pf. zu erhalten. 520 Rammer traten in den Ausstand. 23 Firmen, die 140 Rammer beschäftigen, haben die Forderung bewilligt. Infolge des Rammerstreiks sind 230 Stein- setzer ausgesperrt, davon sind 80 abgereist. Im ganzen sind 530 Personen zu unterstützen. Die Organisation der Arbeiter hat alles versucht, um eine Verständigung mit den Arbeitgebern herbei- zuführen. Die Innung in Steglitz zeigte sich anfangs zu Verhand- lungen geneigt. Die Berliner Innung dagegen weigert sich, vor dem Einigungsamt zu verhandeln, sie hat auch in diesem Sinne au; die Steglitzer Innung eingewirkt, die infolgedessen die zugesagten Verhandlungen vor dem Steglitzer Gewerbegericht hinauszuschieben ücht. In der nächsten Woche soll in Steglitz verhandelt werden. Die Berliner Innung hat noch in allerletzter Zeit beschlossen, nichts von den Forderungen der Arbeiter zu bewilligen; sie würde es gern sehen, daß der Ausstand der Ramnier sich auch auf die Steinsetzer ausdehnt, um einen Aufschub der Arbeiten zu erlangen. Unter diesen Umständen wird der Streik, der durchaus günstig steht, noch einige Wochen dauern. Auf Antrag der Steinsetzer-Organisation empfiehlt der Ausschuß die Ausgabe von Sammellisten— Die Versammlung stimmte dem zu. An Stelle Brückners, der infolge seiner Wahl zum Bureau- beamten aus dem Ausschutz scheidet, soll in der nächsten Versammlung ein neues Ausschußmitglied gewählt werden. Nicht anwesend waren die Delegierten der Bildhauer, Brauer, Brauereihilfsarbeiter, Blumen- und Blättcrarbeiter, Hutmacher, Konditoren, Mühlenarbeiter, Masseure, Schlächter, Xylographen. Letzte Nachrichten und Depefchcn. Die Rede des Kaisers bei der Preisverteilung in Cuxhaven. Cuxhaven, 21. Juni. CW. T. B.) Auf dem Dampfer„Deutsch- land" fand heute abend die Preisverteilung statt, bei welcher der Kaiser den Sievern bei der heuttgen Regatta freundliche Worte sagte. Bei dem hierauf folgenden Diner brachte Bürgern, eister Mönckeberg einen Toast auf den Kaiser auS, loorauf Seine Majestät in längerer bedeutsamer Ansprache erwiderte. Der Kaiser und Prinz Heinrich verweilten nachher längere Zeit im Kreise der Segler. Die Rede, mit welcher S. M. der Kaiser bei dem heutigen Diner auf der„Deutschland" den Trinkspruch des Bürgermeisters Dr. Mönckeberg beantwortete, hatte folgenden Wortlaut: Euer Magnifizenz danke ich von Herzen für den freundlichen Willkommen, den Sie uns soeben geboten haben. Ich danke Ihnen, meine Herren, daß Sie es mir vergönnt haben, wieder einige Stunden unter Ihnen als Ihr Kamerad und Mitsegler zu verweilen. Ein herrliches Bild haben Eure Magnifizenz soeben von unfern sportlichen und unsern sonstigen Fortschritten im Lande entworfen. Ich kann es nur aus vollem Herzen unterschreiben. Ein jedes Wort, was hier gesprochen ist, war mir aus der Seele gesprochen. Ich glaube, ich kann hinzufügen, daß jedem objektiven Be- obachter der Vorgänge auf unserem Erdenkreise die eine Beobachtung sich aufdrangen muß, daß allmählich die Solidarität unter den Völkern der Kulturländer unstreitig Fortschritte macht auf verschiedenen Gebieten, lind diese Gebiete erweitern sich. Diese Solidarität geht unmerklich, aber unwiderstehlich in daS Programm sowohl der StaatSkenker über, wie kn die Gedanken der sich selbst regierenden freien Bürger. Diese Solidarität wird gewährt und gepflegt auf verschiedene Weise, sei es in ernster politischer Beratung, sei es auf Kongressen, sei es im Wettkampf und Spiel. Und �in dieser Beziehung kann man wohl sagen: Es liegt ein tiefer Sinn im kindischen Spiel. Nun, meine Herren, wir sind hier zusammen, um auf dem Spiel der Wellen uns zu messen, die Kräfte, die Geister, die Mannschaften und unsre Boote. Wir vereinigen in wenigen Tagen fast alle Flaggen der Kulturvölker. Es wird neben unsern Farben wehen Englands Flagge, das Sternenbanner, die Trikolore in friedlichem Wettstreit, und damit auch im Verein. Ich glaube bestimmt, meine Herren, daß niemand unter Ihnen ist, der nicht mit mir die Ansicht teilt, daß auch in der Kieler Woche diese Solidarität, von der ich vorhin sprach, gepflegt, gehegt, fester geschmiedet und fester geknüpft wird. Dieser Solidarität ver- dankt es der Kaufmann, der Industrielle, der Ackerer, wenn er in ruhiger Arbeit sich fortschreitend entwickeln kann. Denn er hat auf die Zukunft Vertrauen, und das ist die Hauptsache. Ich, meine Herren, sehe mit absoliiter Ruhe und Vertrauen in die Zukunft, fußend auf das Bild, das uns soeben entworfen wurde. Und in diesem festen Vertrauen erhebe ich mein Glas und trinke auf die Zukimft, das Blühen und Gedeihen der Stadt Hamburg, des Norddeutschen Regattavereins und aller Nachtklubs. Die Stadt Hamburg Hurra, hurra, hurra!_ Das KultuSdudget vor der Zweiten Kammer. Karlsruhe, 21. Juni. sW. T. B.) In der heuttgen Sitzung der Zweiten Kammer kam das Kultusbudget bezw. die Jnter- pellation über die Ordensniederlassungen in Baden zur Ver- Handlung. Der Abgeordnete Obkircher als Berichterstatter bemerkte, daß auch diesmal für das Domkapitel ca. 44 000 M. eingestellt seien. Die Kommission stehe einmütig auf dem Standpunkt daß eine rechtliche Verpflichtung des Staates zu derartigen Leistungei. nicht vorliege. Er bitte die Regierung um Auskunft, zr welchen! Ergebnis die Verhandlungen mit Preußen geführt hätte: betreffend Leistung eines größeren Beitrages für Hohenzollern zr den Kosten der erzbischöflichen Diözese. Abgeordneter W i l ck e n s lnationalliberal) kritisiert die Stellungnahme der badischen Regierung bei der Aufhebung des§ 2 des Jesuitengesetzes. Kultus- minister Dr. von Dusch betonte, die Regierung vollziehe in der Dotattonsftage lediglich einen Akt staatlicher Fürsorge; bezüglich der Beteiligung Hohenzollerns seien die Verhandlungen noch im Gange. Hinsichtlich des Paragraphen 2 des Jesuitengesetzes stehe die badische Regierung auf dem Standpunkt, den der Reichskanzlel im Reichstag und preußischen Landtage dargelegt habe. Du Aufhebung sei eine Maßregel gewesen, geboten durch du politische Situation. Gerade aus der nattonalliberalen Parte hätten große Männer ftir die Aufhebung gestimmt. Du Entschließung der badischen Regierung_ sei einem einstimmiger Beschluß entsprungen. Für Baden fei noch maßgebend gewesen, daß Baden bei irgend welchen entstehenden Gefahren durch Landesgesetze geschützt sei; eine Jnittative habe Baden nich ergriffen. Was die Klosterfrage betteffe, so stehe die Rc- gierung bezüglich der Bedingungen, unter denen Kloster- Niederlassungen. zuzulassen seien, mit der Kurie in Ver- Handlungen, welche sich noch im vorbereitenden Stadium befinder und über die er sich nicht äußern könne. Im übrigen verwies der Minister darauf, daß in den letzten drei Landtagen mit großer Mehr heit der Forderung nach Männerorden zugestimmt worden sei. E> erkenne zwar nicht an, daß ein Kammerbeschlutz für die Regierung bindend sei, aber eines sollte man doch nicht außer acht lassen und dies sollte auch eine liberale Partei nicht thun, daß auf du Dauer die Anschauung einer solchen Mehrheit nicht unberücksichtig gelassen werden darf. Die Regierung habe zu erwägen, ob du Verhältnisse für die Zulassung einiger Klöster sprechen. Er könnt nur wiederholen, daß die Regierung sich bemühen werde, die Kloster- ftage einer befriedigenden Losung zuzuführen. Gera, 21. Juni.(W. T. B.) Während eines mit Hagelschlag verbundenen Gewitters schlug der Blitz heute nachmittag in du Kirche in dem benachbarten Orte Oberndorf und zündete. Die Kirch» ist vollständig vernichtet._ Französische Depntiertenkammer. Paris, 21. Juni.(W. T. B.) Die Beratung des Militär- gesetzes wurde unterbrochen wegen der Beratung einer Jnterpellatton Firmin-FaureS über die in der gestrigen Sitzung der Untersuchungskommission vorgekommenen Zwischensälle. De» Ministerpräsident Combes verlangte die Vertagung der Jnrerpellation Trotz des Widerspruchs der Oppositton wurde mit 384 gegen 220 Stimmen beschlossen, die Angelegenheit zu vertagen bis der Bericht der Kommission vorliegt. Die Sitzung wurde sodann ge- schlössen._ Die Karthänser-Angelegenheit vor der Kommission. Paris, 21. Juni.(W. T. B.) Die Kommission zur Untersuchung der Karthäuser-Angelegenheit vernahm heute Millerand, welcher er» klärte, er habe seinen ftüheren Aussagen nichts hinzuzufügen. Da die Erklärungen Millerands mit denen des Ministerpräsidenten Combes und seines Sohnes in Widerspruch stehen, ist eine Gegenüberstellung der Genannten angeordnet worden. Im weiteren Verlaufe der Verhandlung ereignete sich ein sehr bemerkenswerter Zwischenfall. Die anttministcrielle Mehrheit äußerte die Absicht, die Kammer sofort mit der Prüfung der Widersprüche zwischen den Aussagen LagraveS und Edgar Combes zu befassen. Dies rief große Erregung hervor, und die Minderheit verließ den Sitzungssaal. Paris, 21. Juni. tW. T. B.) Der heuttge Zwischenfall in der UntersuchungSkoinmission war von unglaublichen Scenen begleitet. Als ein Mitglied der Mehrheit einem der Minderheit das Wort Bandit zurief, entstand ein Handgemenge. Tintenfässer flogen durch die Luft, Schläge wurden ausgerauscht und erst nach mühe« vollen Anstrengungen, welche die Mitglieder machten, die ihre Kalt- blütigkeit bewahrt hatten, gelang eS die Streitenden zu tteimen. Italienische Deputiertenkammer. Rom, 21. Juni.(W. T. B.) Bei der Berattma des Heeresbudgets führt Ministerpräsident Giolitti unter allgemeiner Auf- merksamkeit aus, da ein Redner das technische Gebiet verlassen habe, um sich dem der Politik zuzuwenden, habe er eS für notwendig gehalten, einige Erklärungen abzugeben. Seit der Ver- abschiedung der Gesetze vom Jahre 1901, welche die Heeresausgaben iestsetzten, sei nicht nur keine Thätsache eingetreten, die eine Erweiterung der Landesverteidigung notwendig mache, man habe so- gar im Gegenteil die Bündnisse und Freundschaftsverhältnisse enger geknüpft. Nicht mit Rücksicht auf die Wahlen habe daher die Regierung keine neuen Aufwendungen für das Militär gefordert, sondern weil sie keine Notwendigkeit dazu sehe. Wenn sie sie für notwendig erachtete, würde sie sie ohne Zögern 'ordern und diese Forderungen im Gegenteil zur Grundlage ihre? Wahlprogramms machen(Lebhafter Beifall), da sie überzeugt sei, daß das Land denjenigen eine strenge Lektion erteilen würde, die etwa behaupten wollten, daß daS Land schwach und unverteidigt bleiben müsse.(Lebhafter Beifall.) London, 21. Juni.(W.T.B.) Oberhaus. Im Laufe der Beratung über die Hcercsorganisation erklärte der Unterstaatssekretär des Kriegsamts, Earl of Donougmore, daß die Frage der Reorgani» 'ation des Heeres gegenwärtig erwogen werde. Die Regierung hoffe, eine Verminderung der Zahl der regulären Armee in der Heimat durch eine Erhöhung der Schlagfertigkeit derselben auszugleichen. Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt Paul Singer ä-Co., Berlin LW. Hierzu 2 Beilagen u. UnterhaltungSblatt Dr. 144. 21. IahrganK. 1. DkilGt te Jsrmirts" ßtrlinet WliMM Mittwoch. 22. IM 1904. Hbgeordnetcnbaus» 87. Sitzung am Dienstag, den 21. Juni 1904, vormittags 11 Uhr. Am Ministertische: v. Podbielski. Auf der Tagesordnung steht u. a. die Interpellation Arendt- Labia»(l) betr. das Fleischbeschau-Gesetz. Die Interpellation lautet: Welche Auslegung giebt die königliche Staatsregienmg den für die gesamte Landwirtschaft ungemein wichtigen Bestimmungen des K 5 des Ausführungsgesetzes zum Schlacht- betrieb- und Fleischbeschaugesetz vom 23. Juni 1902 gegenüber der Thatsache, dah einige Vertreter größerer Städte im Herrenhause am 9. Mai 1904 für die Schlachthausgemeiuden das Recht in Anspruch genommen haben, das auswärts bereits tierärzlich untersuchte Frisch einer abermaligen Untersuchung in den städtischen Uutersuchungs- änitern zu unterwerfe»? Minister v. Podbielski erklärt sich bereit, die Interpellation so- fort zu beantworten. Abg. Winckler(!.) begründet die Interpellation. Mit der Aus- leguug, die der Herr Landwirtschastsminister im Herrcnhause dem <5 5 des Ausführungsgesetzes zum Fleischbeschau-Gesetz gegeben hat, sind wir vollkommen einverstanden. Wir wünschen aber, dag nicht nur der Herr Minister persönlich, sondern das Staatsministerium als solches zu den abweichenden Aeuherungen der Bürgermeister im Herrenhause Stellung nehmen möge. Das bezweckt unsre Interpellation. Minister v. Podbielski: Die Gründe für meine im Herrenhaus geäußerte Auffassung sind folgende: Vor Einführung der allgemeinen reichsgesetzlichen Fleischbeschau bestanden in Deutschland zahlreiche partikularrechtliche Vorschriften über die Untersuchung von Vieh und Fleisch. Da diese aber sehr verschieden gestaltet waren, bestand meist der Grundsatz, daß eine an andrer Stelle bereits vor- genommene Unterstützung für spätere Stellen nicht wirksam sei. Die hierdurch bedingte Häufung der Untersuchiukgen führte in Handelskreisen zu lebhaften Klagen. Der§ 20 des Reichsgesetzes bestimmte nun, daß eine abennalige Untersuchung grundsätzlich unzulässig sei und nur gestattet sein solle, um festzustellen, ob das Fleisch inzwischen verdorben sei oder sonst eine schädliche Veränderung erlitten hätte. Nach meiner Meinung sollte durch diese Bestimmung nicht etwa eine neue Rechtsgrundlage für eine wiederholte Unter- suchung geschaffen werden, sondern es sollte lediglich das allgemeine Kontrollrecht der Nahrungsmittel-Polizei aufrecht erhalten werden. Z 20 Absatz 2 des Reichsgesetzes enthält dann allerdings eine weitere Ausnahme-Bestimmung, wonach die landesrechtliche Be- stimmung Geltung erhalten sollte, kraft deren in den Gemeinde- Schlachthäusern frisches, eingeftihrtes Fleisch nochmal untersucht werden kann. Eine solche Bestimmung befand sich in dem preußischen Schlachthausgesetz. Durch§ ö des preußischen Ausführungs-Gcsetzes ist diese Befugnis aber eingeschränkt worden. Es ist dort gesagt, daß das in die Schlachthäuser eingeführte Fleisch nur untersucht werden dürfe, um festzustellen, ob es inzwischen verdorben sei oder sonst eine schädliche Veränderung erlitten habe. Aus der Uebereinstimmung der Fassung dieser Bestimmung mit dem§20 des Reichsgesetzes schließe ich, daß dadurch lediglich das Kontrollrecht der Rahrungs- »nittel-Polizei aufrecht erhalten werden soll. Das war auch die Auf- fassung der Kmnmisston dieses Hauses. Die Antwort der Staats- regierung auf die Interpellation ist folgende: Die Staatsregierung ist der Ansicht, daß bei den ZZ 5 und 14 des Ausführungsgesetzes die Absicht dahin ging, daß hinsichtlich des bereits tier- ärztlich untersuchten Fleisches auch in den Schlachthäusern den Gemeinden erst die Nahrungsmittel, polizeiliche Kontrolle zusteht. sBeifall rechts.) Sie verkennt aber nicht, vnß die Frage in der von dem Herrn Oberbürgermeister Kirschner im Herrenhause angedeuteten Weise zur gerichtlichen Entscheidung gebracht werden könnte, und sie kann nicht unterlassen, auf die Möglichkeit hinzuweisen, daß die Gerichte anders entscheiden, da die Absicht des HausrS im Text des Gesetzes nicht mit der genügenden Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht ist. Das Haus beschließt auf Antrag des Grafen Limburg- S t i r u m(k) die Besprechung der Interpellation. Abg. Fischbeck sfrs. Vp.): In den: letzten Punkte kann ich dem Herrn Minister nur Recht geben, die Gerichte werden entscheiden und ich bin überzeugt, daß sie im Gegensatz zu der Ansicht des Herrn Landwirtschastsministers entscheiden werden. In den Motiven zum Fleischbeschau-Gesetz wird gesagt, die wiederholten Untersuchungen, Wie sie bisher bestanden, werden entbehrlich, wenn durch reichsgesctzliche Regelung die Sicherheit geschaffen wird, daß überall das Fleisch in ausreichendem Maße geprüft worden ist. Dieser Grundsatz bedarf einer gewissen Einschränkung. Zunächst muß die wiederholte Untersuchung insoweit zugelassen werden, als seit der Bornahme der Fleischbeschau Veränderungen eingetreten sein können, die das Fleisch nicht mehr als genußfähig erscheinen lassen: ferner ist es selbstverständlich, daß die Polizei- liche Nahrungsmittel-Kontrolle nicht aufgehoben wird. Diese beiden Fälle werden in zwei ganz verschiedenen Paragraphen be- handelt. Uebrigens hat sich auch der Minister Freiherr von Hammerstein seiner Zeit durchaus in diesem Sinne aus- gesprochen. Wenn Herr Winckler meinte, das Fleischbeschau- Gesetz sei zum Schutze der Landwirtschaft gemacht, so war nach An- ficht meiner Freunde der oberste Grundsatz bei Schaffung des Gesetzes, dafür zu sorgen, daß das Volk gesundes Fleisch bekäme. (Lebhaftes Sehr richtig I links.) Von einer Verteuerung des Fleisches durch die nochmalige Untersuchung kann im übrigen nicht die Rede sein, da ja die Untersuchung in den städtischen Schlachtviehhöfen kostenlos stattfindet.(Sehr wahr! links.) Abg.». Erffa(k.) stimmt der Auffaffung des Ministers zu, wünscht aber eine authenttsche Interpretation der ZK 6 und 14 durch das Staatsministerium. Abg. Wolff- Biebrich(natl.) schließt sich den Ausführungen des Abg. Fischbeck an. Abg. Rewaldtjj(fk.) hält die Auslegung desj Paragraphen für zweifelhaft und wünscht Vorlegung einer authentischen Deklaratton innerhalb 24 Stunden.(Bravo I rechts.) Abg. Posseldt(fts. Vg.): Da« Verbot einer nochmaligen Unter- suchung des Fleisches würde zu den bedenklichsten Konsequenzen führen. Die bisherigen Erfahrungen haben ergeben, daß etwa 4(1 bis 50 Proz. des tierärztlich untersuchten eingeführten Fleisches sich bei der Nachnntersuchung als minderwertig erwiesen haben.(Hört! hört! links.) Von einer Verteuerung des Fleisches durch die Unter- suchung kann keine Rede sein. Der Magistrat selbst hat das größte Interesse daran, das Fleisch so billig wie möglich zu halten, eine Verteuerung des Fleisches durch eine hohe Fleischbeschau-Gebühr würde gegen den Magistrat selbst einen Sturm der Entrüstung in der Bevölkerung erzeugen.(Sehr wahr! links.) Abg. Herold(C.): Wir sind der Ansicht, daß eine einmalige Untersuchung des Fleisches in sanitärer Beziehung durchaus genügt, wir wünschen aber nicht, daß das inländische Fleisch schärfer unter- sucht werden soll al? das ausländische. Sie(nach links) aber wollen, daß das ausländische Fleisch möglichst wenig, das inländische mög- lichst scharf untersucht werde.(Sehr richtig I im Centrum, Wider- spruch links.) Redner wünscht Vorlage einer Novelle bereits in den nächsten Tagen, welche eine authenttsche Interpretation der KZ 5 und 14 bringt. Minister v. Podbielski: Eine bindende Erklärung, schon in den nächsten Tagen eine derartige Novelle vorzulegen, kann ich nicht geben. Dazu ist die Materie doch zu schwierig. Eine Ver- reuerung des Fleisches findet durch die Untersuchung in der That statt, nicht so sehr infolge der Gebühren, fondern durch die ent- stehenden Transportkosten. Abg. Dietrich-Thorn(Hosp. der frs. Vp.) bestreitet, daß das Fleisch durch die zweite Untersuchung verteuert werde. Die Städte mit Schlachthäusern werden zweifellos durch die Auslegung der§§ 6 und 14, wie sie der Herr Minister gab, schwer geschädigt, während die Landwirtschast nicht den geringsten Vorteil davon hat. Abg. Lnsensty(natl.): Ein Teil meiner Freunde steht auf einen: von dem unsres Fraktionsredners abweichenden Standpunkt. Wir find der Meinung, daß die einmalige Untersuchung des Fleisches durch approbierte Tierärzte genügende Gewähr dafür bietet, daß es allen gesundheitlichen Anforderungen entspricht. Es wird gesagt, die Städte wollen die Untersuchung umsonst vornehmen. Fest steht aber, daß doch viele Velästtgungen mit dem Hinschaffen des Fleisches nach den: Schlachthof für die Konsumenten und Produzenten ver- bundcn sind. Abg. Müustcrberg(frs. Vg.) bestätigt die Ausführungen des Ab- geordneten Posseldt, daß vielfach Fleisch, das von ländlichen Tier- nrzten untersucht sei, nachher als minderwertig befunden worden fei. Als vollständig unrichtig muß ich die Behauptung des Abg. Herold zurückweisen, als ob wir das ausländische Fleisch besser behandelt wissen wollten, als das inländische.(Bravo I links.) Ein Schlnßanttag des Abg. Heydebrandt v. d. Lasa(k.) wird hierauf angenommen. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Nächste Sitzung: Mittwoch 11 Uhr.(Rechnungssachen; Int«. pellation v. Staudy(k.) betr. den Ausbau des masurischen Kanals; Petitionen.) Schluß 2'/« Uhr._ Die städtische Verkehrsdeputation hat am Dienstag unter Vorsitz des Oberbürgermeisters in mehr- stündiger Sitzung— der letzten vor den Ferien— beschlossen, den Gemeindebehörden die Errichtung einer Hafen- und Speichereianlage zu empfehlen. Dem vom Stadtbaurat aufgestellten Projett war bereits nach eingehender Erörterung in einer früheren Sitzung zugestimmt und beschlossen worden, vor Stellung des Ausführungsantrages bei den Gemeindebehörden mit den Aeltesten der Kaufmannschaft und der Handelskammer über etwaige finanzielle Beteiligung dieser Körper- schafteu zu verhandeln. Nachdem diese, durch eine�Subkommission gefübrten, Erörterungen zu dem Ergebnis geführt haben, daß seitens der kaufmännischen Kollegien eine angemessene finanzielle Beteiligung zugesichert ist, soll, nachdem die Beteiligungsbcdingungen in vertragsmäßiger Form stipuliert sind— womit die Subkommifsiou beauftragt ist— der Antrag bei den städtischen Behörden gestellt werden, am Stralau« Anger und auf dem Gelände der ehemaligen städttschen Wasserwerke eine Hafen- und Speicherei-An- läge mit Eisenbahu-Anschluß usw. zu errichten. Die Kosten der vorläufig projektierten Hochbauten(Speicher, VerwaltungS-, Zollabfertigungs- und sonstiger Gebäude)— Er- Weiterung bei Bedarf ist vorgesehen— sowie der Wasser-, Ufer- und Bahnanlagen sind auf 8 Millionen Mark ohne den Wert des städtischen Grundbesitzes veranschlagt, deren Deckung durch Anleihe erfolgen soll. Von anderen wichtigeren Beschlüffen heben wir hervor die Ge nehmigung eines dem Minister für öffentliche Arbeiten zu über reichenden generellen Plans eines städtischen Unterpflaster- bahn- Netzes, dessen Ausführung späterer Zeit vorbehalten bleiben soll. Die Berliner elektrische Straßenbahu-Aktien-Gesellschaft(im Besitz der Stadt befindliche Linien Mittelstraße— Pankow und Bchrensttaße— Treptow) beabsichtigt die Linie Mittelstraße— Pankow nach Nieder-Schön Hausen zu verlängern. Da die Stadt durch den Aktienbesitz dieser Gesellschaft an dem Unternehmen interessiert ist. hat die Gesellschaft von ihrer Absicht der Verkehrs- deputation Kenntnis gegeben. Die Deputation stimmte dem Plan zu. Die Gemeinde Treptow hat angefragt, was für eine Stellung die Deputatton zu der von der Gesellschaft ftir den Bau von Untergrundbahnen beabsichtigten Verlängerung der Straßen bahn Schlesischer Bahnhof— Treptow nach Nieder-Schöne- weide einnimmt. Es handelt sich hierbei um die Herstellung einer anbaufähigen Straße auf dem im Besitz der Stadt befind lichen Terrain der Gemeinde Treptow. Die Deputation beschloß in Verhandlungen mit Treptow über diese Frage einzutreten. Die im Besitz des durch die Spree— Sttalau— Treptow führenden Tunnels befindliche Gesellschaft für den Bau von Untergrund bahnen will, um die Leistungsfähigkeit ihrer Linie von Stralau »ach Treptow zu erhöhen, neben dem Tunnel die Ueberfahrt durch Dampfer einführen und ersucht um die Genehmigung zu einer Anlegestelle auf städttschem Terrain. Die Deputation Iprach sich im Princip für die Genehmigung des Gesuchs aus: die Bedingungen sollen auf dem Verhandlungswege festgestellt werden. Die Beseittgung der in der Paulstraße zwischen Lutherbrücke und Flemmingstraße liegenden unbenutzten Straßenbahn- Geleise wird in Rücksicht auf etwaige spätere Verwendung ab- gelehnt. Die Verhandlungen mit Siemens u. Halske wegen des Baues der Untergrundbahn Potsdamer Platz— Spittel- markt sowie wegen eventueller Anlegung einer neuen Straße zwischen Hausvoigteiplatz und Spittelmarkt bezw. Dönhoffsplatz— Alte Leipzigerstraße, durch das ehemalige Abgeordnetenhaus, sollen möglichst beschleunigt werden. Die Englische Gasgesellschaft ersucht um Ge- nehmigung zur Einrichtung einer beweglichen Schurre von einer auf den: Grundstück Gitschinerstraße zu errichtenden Bahn nach dem Landwehrkanal zwecks VerladenS von CoakS und Asche in Kähnen. Die Genehmigung wird unter Festsetzung einer jährlichen Gebühr erteilt. DaS Gesuch der Dampfergesellschaft„Stern' auf Vernnetung des Brandenburger Ufers zu Dampferanlegestellen auf 80 Jahre— die Gesellschaft will dort größere bauliche Anlagen ereichten— wird abgelehnt und beschlossen, mit der Gesellschaft über die eventuellen Vertragsbedingungen in Verhandlung zu treten. Die zur Besprechung auf' die Tagesordnung gestellte, gegen daS Mitglied der Deputation Stadtv. Cassel gerichtete Erklärung der „Großen Berliner' wird wegen vorgerückter Zeit, und da Herr Cassel nicht anwesend ist, vertagt. partei-I�admebten. Mailand, 21. Juni.(Privatdepesche deS„Vorwärts'.) Nachdem der Parteivorstand der italienischen Socialdemokratte auf Grund des Ausfalles des Referendums beschlossen hat, autonome Parteisekttonen nicht anzuerkennen, erttärt„Jl Tempo' den Austritt der Reformisten aus der offiziellen Parteiorganisation. Das Blatt fügt hinzu, trotz mangelnden Etikettes werde das Proletariat erkennen, daß die echten bewußten Socialisten auf feite der Reformisten stehen. pollreNicfies, Sericbrlicbes ufw. — Die Neu-Aufnahme dreier Arbeiter in den socialdemottatifchc» B«rin des Kreise« Qucrfurt wurde der Ortspolizei-Verwalwng auf einem Zettel angezeigt, der unter der Ueberschrist:„Ergänzung der Mtgliederliste' Namen und Stand der neuen Mitglieder aufwies. aber nicht unterzeichnet war und den Verein auch sonst nicht nannte. Diese rechtzeittge Anzeige ließ die Behörde nicht gelten, weil sie nicht ordnungsmäßig sei. Die Vorstandsmitglieder der in Betracht kommenden Filiale des Vereins wurden wegen Uebertretung der ßs 2 und 18 des Vereinsgesetzes angeklagt und auch in zweiter Instanz zu Geldstrafen verurteilt Das Landgericht ging davon aus, daß die Anzeige mindestens er- kennen lassen müsse, u:n lvelchen Verein es sich handele, was hier aus dem Zettel nicht zu ersehen gewesen sei! Es könne deshalb nicht anerkannt werden, daß hier gemäß§ 2 des Vereinsgesetzes binnen drei Tagen eine ordnungsmäßige Anzeige der eingetretenen Mitgliederveränderung erfolgt sei. Für die Unterlassung haftbar seien alle Vorstandsmitglieder der Filiale ohne Rücksicht auf ein persönliches Verschulden. Die Angeklagten legten Revision ein und hoben die unstreitige Thatsache hervor, daß d:e Ortspolizei wußte, welcher Verein in Betracht kam. Sie habe ja wegen der Formmängel den Zettel an den Filialvorstand zur Vervollständigung der Anzeige zurückgegeben. Keinesfalls sei unter den obwaltenden Umständen— eine formgerechte Anzeige erfolgte am sechsten Tage nach der Aufnahme der Mitglieder— eine Bestrafung möglich. Der Strafsenat des Kammergerichts verwarf jedoch die Revision mit folgender Begründung: Es unterliege keinem Bedenken, daß den gesetzlichen Bestimmungen über die Anzeige von Mitglieds- Ver- änderuugen nicht ein Zettel entspreche, der nicht unterschrieben sei und nicht nachweise, um welchen Verein es sich handele. Es komme nicht darauf an, daß die Polizei Kenntnis davon hatte, sondern maßgebend sei, daß der Vorstand des Vereins die Verantwortung für die Anzeige zu übernehmen habe. Wenn der Vorstand erkläre. bestimmte Personen seien dem Verein beigetteten, dann garanttere er für die Richtigkeit der Anzeige. Die Verurteilung der Angeklagten sei gerechtferttgt._ Die Zöllner hinter den Coulifsen. Hof, den 20. Juni 1904. (Dritter BerhandlungStag). Der Prokurist Jäger bemertt: Eine eigentliche Inventur zwecks Aufftellung der Jnterims-Bilanz vom 30. Juni 1895 sei nicht ge- macht worden, es sei nur eine Inventur auf Grund der Bücher vor- genommen worden.— Garnagent P a e tz als Sachverständiger kommt zu dem Schluß, daß die Bilanz richttg sei.— Der An- geklagte. Direktor S ch n: i d bemerkt, daß die einzelnen Ziffern richtig seien, werde gar nicht besttitten. Er frage den Sach- verständigen, ob er die Lagerbestände geprüft habe?— Sach- verständiger: Nein.— Schmid: Eine Bilanz, an deren Aufftellung bei einem solch umfangreichen Etablissement eine große Anzahl Menschen viele Wochen arbeiten müssen, könne von einem einzigen Menschen nicht innerhalb drei Tagen hergestellt werden. Er behaupte ferner, eine Bilanz, die Ende November für den 30. Juni ausgemacht werde, könne nicht richtig sein. Sachverständiger, Fabrikant Hofmann: Wenn im ersten Halb- jähre ein Verlust von 97 000 M., im zweiten ein Verdienst von 60 000 M. berechnet war, so müsse im zweiten Halbjahre ein Gewinn von 157 000 M. erzielt worden sein, er halte das aber für un- möglich.— Verteidiger: Ich frage den Herrn Sachverständigen, ob es möglich ist, eine solche Inventur nach rückwärts in 3—4 Tagen aufzunehmen?— Sachverständiger: Das halte ich allerdings kaum für möglich.— Vertteter des Privatklägers: Es kommt doch dabei auf das Personal an, das herangezogen worden ist.— Prokurist Jäger bemertt auf Befragen, daß 15 Personen an der Auf- stellung der Bilanz mitgearbeitet haben.— Sachverständiger: Das Personal sei ja hierbei in Betracht zu ziehen, immerhin halte er es nicht für möglich, angesichts der vielen Arten von Garnen eine ordentliche Inventur bezw. eine Bilanzaufftellung in drei bis vier Tagen zu machen.— Auf Beftagen des Privatklägers giebt der Sachverständige zu, daß, wenn die Garnkonten täglich abgeschlossen werden, dies allerdings die Bilanzaufstellung wesentlich erle:chtere.— Sachverständiger Kaufmann Wunderlich: Er halte es für un- möglich, daß eine Inventur, wie geschehen, in 3—4 Tagen gemacht werden könne. Die Beweisaufnahme wird geschloffen. Rechtsanwalt Ströbel-Hof, Vertreter deS Privatttägers: Wenn der Angeklagte sich in uneigen- nlltziger Weise der Erben angenommen hätte, dann müßte man vor dem Angeklagten den Hut ziehen. Allein der Zeuge Nürnberger habe diese Illusion vollständig zerstört. Dieser habe bekundet: Der Angeklagte habe vorgeschlagen: ein Konsortium zwecks Ankaufs des Münchschen Etablissements zu bilden. ES wäre geradezu Wahnsinn gewesen, wenn der Privatkläger zu Rudolf Münch gesagt hätte: Euer Vater hat sich lange Jahre großer Steuerhinterziehungen schuldig gemacht. Der Privatkläger hätte sich alsdann selbst der Gefahr der Bestrafung ausgesetzt. Jedenfalls habe der Privatkläger gesagt: Eine gerichtliche Austtagung müssen denn eS ist nicht gut, Ivenn die Behörde Bücher bekäme und daraus ersehen würde, sich zeitweise in großen Schulden befunden hat. habe die Bilanz in der geschehenen Weise ausstellen lassen, da ein- mal die Erben eine schleunige Bilanzaufftellung verlangten und andrerseits die Rechtsbeistände des Privatklägers dazu geraten hatten. Rechtsanwalt Strubel sucht im weiteren den Nachwe:s zu führen, daß die Bilanz vollständig ordnungsmäßig und richtig war. Jeden- falls sei in keiner Weise nachgewiesen, daß der Privatklnger die Erben irgendwie benachteiligen wollte. Aber auch im zweiten Anklage- punkte sei zeugeneidlich nachgewiesen, daß der Privatkläger im Aufsichtsrat und in der Generalversammlung denselben Standpunkt eingenoinmen habe wie im Reichstage. Generalkonsul Steub, der das Protokoll geführt, habe zeugeneidlich bekundet: Der Privatkläger habe in der Auffichtsratssitzung gegen den Antrag gesprochen. Der Privat- klüger habe allerdings im Auffichtsrat in der Enbloc-Abstimmucg dafür gestimmt, da eS nicht üblich war, eine abweichende Meinung zu Protokoll zu geben. Die Hauptsache sei doch aber, daß der Privatkläger an Direktor Leube vor der Generalversammlung tele- araphiert habe:„Mein Attienbesitz stimmt gegen den Antrag". An dem Charatter des Privatklägers hafte also nicht der geringste Makel. Der Angettagte habe auch durch den Artikel im„Hofer Anzeiger' wider besseres Wissen gehandelt. Er beanttage für die erste Beleidigung einen Monat, ftir die zweite, die wider besseres Wissen begangen sei, zwei Monat Gefängnis. Er beantrage diese Strafe zusammenzuziehen a»f 2 Monate 15 Tage Gefängnis, dem Angeklagten ferner die Kosten beider Instanzen zur Last zu legen und gemäß§ 200 deS Strafgesetzbuches auf Publilations- befugnis zu erkennen. Verteidiger Rechtsanwalt Fröhlich-Bayrenth: Der Privatkläger wurde durch daS Vertrauen feiner Mitbürger in den Reichstag gewählt: dies Vertrauen hat er in schmählichster Weise verletzt. Er ist für Erhöhung der Webereizölle und Er- Mäßigung der Spinnereizölle eingetreten. Der Privatkläger hat dies im Reichstag damit begründet. daß er sagte: D:e Spinner schwimmen in: Golde und erdrosseln die Weber. Selbst die Ober- fränttsche Handelskammer hat dies Verhalten deS Privatklägers als unerklärlich bezeichnet. Der Privatkläger hat eine arge Schädigung der heimischen Spinnerei-Jndustrie bewirkt, eS war daher das gute Recht des Angeklagten, gegen die Wiederwahl des Privatklägers zun: Reichstags- Abgeordneten aufzutteten und zu sagen: KommerzienratWalther Münch- Ferber habe in Berlin seine engere Heimat vergesien. Es lag nahe, daß der Angeklagte bei dieser Gelegenheit auch die Auseinander- fetzung mit den Kindern seines verstorbenen SociuS der Oeffeutlich- kett mitteilte. Und daß sich der Privatkläger in dieser Beziehung einwandsftei benommen hatte, w:rd niemand behaupten, der die Verhandlung aufmerksau: verfolgt hat. Wäre der Privatkläger in: Recht gewesen, dann hätte er sich zweifellos nun und niunnerinehr dazu verstanden, infolge Eingreifens des Angeklagten 300 000 M. mehr, als wie er es ursprünglich wollte, an die Erben herauSzuzahl-n. nur wir vermeiden, Einblick in die daß Euer Vater Der Privatkläger ES ist vollständig unglaublich, daß Kommerzienrar Rudolf Münch sen. nur Schulden hatte. Hätte Rudolf Münch sen. wirklich nur Schulden gehabt, dann würde der Privatkläger wohl nicht 550 000 Mark herausgeholt haben. Die Verleumdung und Verkleinerung des Kommerzienrats Rudolf Münch, der ein Ehrenmann war vom Scheitel bis zur Sohle, geschah lediglich, um dem Publikum Sand in die Augen zu streuen, um öffentlich sagen zu können: Die Erben haben ja überhaupt nichts zu verlangen. In den Briefen des Rudolf Münch sei nicht ein beleidigendes Wort enthalten, der Ton in den Briefen des Privatklägcrs sei dagegen geradezu unanständig zu nennen. Der Umstand, daß der Angeklagte in dem Comptoir von Regeusburger einmal geäußert habe: man könne ein Konsortium zum Ankauf des Münchschen Etablissements bilden spreche durch- aus noch nicht gegen dessen Uneigennützigkeit. Der Privatkläger erklärte: Bis Ostern ItKM habe ich das Familien-Testament nicht gekannt. Aber lange vorher hatte der Privatkläger an Rud. Münch jun. geschrieben: Vor advokatorischen oder richterlickien Ein- griffen warne ich Euch, denn um dies zu vermeiden, haben Dein Vater und ich ein Testament gemacht. Wäre ein solches Testament vorhanden, dann wäre es auf dem Tisch des Hauses niedergelegt worden. Das Testament existiert eben nicht. Aber man versuchte die Erben einzuschüchtern. Die Münchschen Kinder mußten befürchten: es könnte im letzten Augenblick ein Testament produziert werden, das den Passus enthalte: Wer sich meinem Willen nicht fügt und prozessiert, den enterbe ich. In dem Briefe steht noch der Satz: „Wenn die Angelegenheit zum gerichtlichen Austrag käme, da würde die Welt die Augen aufreißen über Vorkommnisse aus den 1870er Jahren." Ich frage, meine Herren Richter, hat die Verhandlung auch nur das geringste ergeben, das auf ein Vorkommnis aus den 1870er Jahren hindeutet, über das die Welt die Augen aufreißen würde? Ist das nicht eine Drohung, eine Einschüchterung im Sinne des§ 253 des Strafgesetzbuchs? Ob diese Drohung Erfolg gehabt hat oder nicht, ist gleichgültig. Auch der Versuch eines solchen Verbrechens ist strafbar. An der beschworenen Zeugenaussage des Rudolf Münch jun. ist nicht zu zweifeln. Und was hat der Herr Kommerzienrat zu Rudolf Münch gesagt:„Ich warne Euch vor gerip tlichen Schritten. Dein Vater hat jahrelang große Steuerhinterziehungen begangen. Diese würden alsdann zu Tage kommen und Euer Vermögen wird bis auf den letzten Pfennig draufgehen: ich kann es aushalten." Ist das nicht eine Drohung, eilte Einschüchterung, wie sie im Buche steht? Ich erachte von diesem Punkte aus den Wahrheitsbeweis für derartig erbracht, wie er über- Haupt nur erbracht werden kann. Der Verteidiger sucht ferner nachzu- weisen, daß die Bilanz falsch und daß dies dem Privatkläger bekannt war. Das Handelsgericht am La..ogericht Hof habe im Dezember 1895 entschieden, daß eine solche Bilanz kein klares Bild ergeben könne. Eine solche Bilanz entspreche nicht den Grundsätzen von Treu und Glauben. Wenn man sage: diese Bilanz sei gefälscht, dann treffe man den Nagel auf den Kopf. Wenn jemand eine solche Behauptung aufftelle, dann werde man doch nicht sagen können, man habe rechts- widrig gehandelt. Man werde in Deutschland doch noch die Wahr- heit sagen können, ganz besonders bei einer Wahl. Nicht der Ver- gleich enthalte etwas, woraus dem Privatklägcr ein Vorwurf gemacht werden könnte, sondern das, was dem Vergleichsabschluß wie die Einschüchterung, die Vilanzaufstellung usw. vorausgegangen sei. Man sage nicht zuviel, wenn man behauptet, die ganze Erb- fchaftsauseinandersetzung sei eine schmutzige Sache. Wenn der Angeklagte dies in öffentlicher Versammlung gesagt und außerdem auf die— milde ausgedrückt— schwankende Stellung des Privatklägers im Reichstage hingewiesen hätte, dann würde er doch nur seine Pflicht als Mensch und Staatsbürger gethan haben. Der Angeklagte hatte geradezu dk Pflicht, zu verhüten, daß ein solcher Mann weiter den hiesigen Wahlkreis im Reichstage ver- trete. Angesichts dieser Thatsuchen wirke es geradezu komisch, daß wegen dieses Anklagepunktes ein Monat Gefängnis beantragt worden sei. Man könne den ersten Teil der Anklage, wobei es sich um einen Todesfall handle, als Trauerspiel, den zweiten Teil betreffs der Tantieme-Angelegenheit als Lustspiel bezeichnen. Der Ver- teidiger erwähnt alsdann in eingehendster Weise das Ver- halten des Privatklägers im Reichstage und in der Aufsichtsrats- sitzung der Süddeutschen Rückversicherungsgesellschast betreff der Tantiemezahlung. Es wäre Pflicht des Privatklägers gewesen, in der Aufsichtsratssitzung zu sagen: ich bin im Reichstage im entgegen- gesetzten Sinne aufgetreten, ich muß daher den Antrag auch hier mit aller Entschiedenheit bekämpfen. Aber der Privatkläger sprach nicht nur nicht dagegen, sondern stimmte sogar dafür, da Enbloc ab- gestimmt wurde. Der Angeklagte war zweifellos im Recht, wenn er dem Privatkläger die Inkonsequenz vorwarf. Wenn trotzdem der Vertreter des Privatklägers dies bestreite und eine Strafe wider besseres Wissen von zwei Monaten Gefängnis beantrage, so könnte er mit viel größerem Recht wegen der Widerklage 3 Monate Ge- sängnis gegen den Privatkläger beantragen.(Lachen im Zuhörer- räum.) Er habe die Ueberzeuguug, der Gerichtshof werde den An- geklagten nicht nur freisprechen und den Privatkläger und Wider- beklagten zu einer entsprechenden Strafe verurteilen, sondern auch in der Urteilsbegründung das Verhalten des Privatklägers in ge- bührender Weise würdigen.— Der Vorsitzende teilt danach mit, daß das Urteil am Montag, den 27. d. M., nachmittags'/zb Uhr, gesprochen werden wird. lokales. Die Beziehungen zwischen Schule und Familie werden leider recht wenig gepflegt. Die meisten Eltern kümmern sich überhaupt nicht um die Unterrichtsanstalt, in die ihr Kind hineingewiesen wird oder um die Lehrpersonen, deren Einfluß sie es überlassen müssen. Die Schule aber thut ihrerseits nichts Nenneswertes, um Beziehungen zu den Eltern anzuknüpfen. Vor mehreren Wochen haben wir diesen bedauerlichen Zustand in längerer Betrachtung geschildert. Wir fügten hinzu, daß einzelne Lehrpersoncn durch ihr kühles Verhalten sogar dazu beitragen, die Eltern von Anknüpfungsversuchen abzuschrecken. Und als ein besonders krasses Beispiel teilten wir mit. daß in der 146. G e- meindeschule(Hannoverschestraße) ein Vater namens SÄ., der sich mit dem Lehrer Knebel wegen eines von diesem be» gangenen Mißgriffes in Verbindung setzen wollte, von Herrn Kn. in schroffer und beleidigender Form zurück- gewiesen worden sei und nachher auch beim Rektor Kühn einen nicht sehr ermutigenden Empfang gefunden habe. Der Vater hat nun aus seinem Recht bestanden, sich um die seinem Kinde in der Schule widerfahrene Behandlung zu kümmern, und hat sich an die S ch u l d e p u t a t i o n gewandt. Er hat jetzt eine Antwort erhalten, die in mehrfacher Hinsicht interessant ist. Herr Sch. hatte der Deputation Mitteilung gemacht von den An- gaben seines Jungen, wonach dieser vom Lehrer Kn. an zwei auf einander folgenden Tagen geprügelt worden sei, zuerst wegen Ver- geßlichkeit, daim wegen Fehlens eines Lehrmittels(zu dessen Anschaffung es damals dem Vater an Geld fehlte) und schließlich tvegen mangelhafter Leistungen. Sch. hatte um Untersuchung gebeten, hatte ein Arztattest über die Folgen der Prügelei beigefügt und zum Schluß bemerkt:„Es ist mir durch Herrn Knebel selber unmöglich gemacht worden, mich mit ihm zu verständigen. Ein Brief, den ich ihm erst durch meinen Sohn übergeben und dann durch die Post zustellen ließ, ist beide Male uneröffnet durch ihn zurückgegeben worden." Die Schuldeputatiyn antwortet jetzt, die Untersuchung habe ergeben, daß der Schüler bestraft wurde, weil er mehrmals häus- liche Arbeiten nicht gemacht hatte, nicht weil ihm das Lehrmittel fehlte.„Uebrigeus haben wir", schloß der Bescheid,„Herrn Kn. für die Zukunft ganz besondere Mäßigung bei Ausübung des Züchtigungs- rechts anempfohlen." Herr Sch. ist damit zuftieden, daß man dem Eifer deS Herrn Kn. Zügel angelegt hat. Er wundert sich aber darüber, daß die Angabe seines Jungen, er sei auch wegen Fehlens des Lehrmittels geprügelt worden, unzutreffend sein soll. Allerdings hatte schon der Rektor die überraschende Auskunft gegeben, daß gerade über den Schlag, den der kleine Sch. wegen des Lehrmittels erhalten haben will, im Klassenbuch nichts vermerkt sei.(Jede Züchtigung, auch die geringste, muß in das Klassenbuch eingetragen werden.) Das be- merkenswerteste an der Antlvort der Deputation ist ihr völliges Schweigen über die schroffe Zurückweisung, die Herr Sch. durch Herrn Kn. erfahren hat. Gerade dieser Beschwerdepunkt ließ sich ganz zweifelsfrei erweisen. Sch. hat den zweimal zurück- gegebenen Brief noch uneröffnet dem Rektor gezeigt. Auch stand von Kn.'s Hand auf der Rückseite:„Herrn Sch. Bin täglich für Sie nur amtlich im Amtszimmer des Herrn Rektors der 146. Gemeinoe- schule von 11— 12 Uhr zu sprechen. K." Hat denn die Deputation diesen Punkt nicht untersucht? Hat sie ihn für keiner Unter- suchung wert gehalten? Sie wird sich nicht wundern dürfen, wenn etwa der Vater aus ihrem Bescheide schließt, daß auch ihr das rechte Verständnis für den Wert der Beziehungen zwischen Schule und Familie fehlt. Wir sind der Ansicht, daß ein Lehrer, der sich dergleichen er- laubt, sehr nachdrücklich darauf hingewiesen werden müßte, wie er sich Elten: gegenüber zu betragen hat, und daß dem Vater mit- geteilt werden müßte, ob die vorgesetzte Behörde das gethan hat. Ein Vater schreibt der Schuldeputation im höflichsten Ton, daß der Lehrer seines Kindes ihn in einer Form zurückgewiesen hat, die doch jeder anständige Mensch als beleidigend empfinden muß; aber die Deputation hat hierauf nicht ein einziges Wort der Er- widerung! Genügt eS nicht, daß Leute wie Lehrer Knebel das Vertrauen der Eltern zur Schule untergraben? Muß die Schuldeputation durch ihr Stillschweigen die Sache noch verschlimmern? Die Acrztezunft. In der„Aerztekorrespondenz" bedauert ein Mediziner, daß kein öffentliches Abzeichen für A e r z t e bestehe. Die Männer der medizinischen Wissenschaft wären dem Publikum gegenüber oft in schwieriger und peinlicher Situation, ohne geschützt zu sein. Äls Muster empfehle sich zum Beispiel eine weiße Armbinde mit dem roten Kreuz, welches in der Mitte den Aeskulapstab zeigt, oder ein B r u st s ch i l d mit demselben Zeichen, an einer Halskette zu tragen. Es solle jeden: Arzte freistehen, dieses Abzeichen zu tragen. Bei plötzlichen Unglücksfällen auf der Straße. bei Konflikten mit Geisteskranken und bei dem Zusammenwirken mit öffentlichen Organen würde die Thätigkcit des Arztes wesentlich erleichtert und seine Autorität gehoben werden. Die Verleihung des ärzrlichen Abzeichens könnte durch die Staatshoheit ohne gcsetz- geberischen Akt, als äußeres Zeichen der ärztlichen Approbation und der damit erlangten rechtlichen Stellung erfolgen. Ein Verstoß gegen das Reichsgesetz zum Schutz des„Roten Kreuzes" würde durch cutiprechende Vorichriften leicht zu verhüten sein. Das von: Arzt selbst nach vorgeschriebenem Muster zu beschaffende Abzeichen solle von dem zuständigen Kreisärzte mit dem Dienstsiegel ver- sehen werden, um Mißbrauch zu verhüten und die Berechtigung, es zu tragen, mit dem Verlust der Approbation entfallen. Seine wider- rechtliche Anlegung soll strafbar sein. Wenn wir uns auch nicht gut vorstellen können, daß ein Arzt, der bei einen: öffentlichen Unglücksfall hilfreiche Hand leisten will, das Publikum gegen sich hat und dadurch in eine peinliche Situation kommt, so findet der Vorschlag des ärztlichen Zünftlers doch unsren lebhaften Beifall. Nur gehen wir weiter und sagen uns, daß die Halskette mit dem vom Kreisarzt abgestempelten Dienstzeichen allein nicht genügt, um dem Arzt die heute vermißte Autorität zu verschaffen. Dazu ist notwendig, daß der Doktorhut und der hübsche Scharlachmantel der Vorzeit wieder ans Tageslicht kommt: auch der lange Stock mit dem goldenen Knopf und vor allen Dingen die Allongeperrücke darf nicht fehlen. Auf diese Weise ausstaffiert, wird die ärztliche Autorität z. B. im Streit mit einer renitenten Kranken- lasse wie das blaue Wunder wirken. Die Parkdcpiitation beschloß gestern, den Magistrat zu ersuchen, der Ausschreibung für die Plane des N o r d Parks und der Bewilligung von Prämien in Höhe von 5000, 3000 und 2000 M. zuzustimmen. Einem Gesuch des Turnvereins„Fichte", den Mtglicdern des Vereins fiir sechs Sonntagvormittage den öffentlichen Spielplatz im Friedrichshain zu Uebungen zu überlassen, wurde stattgegeben. Die Arbeiterlöhne auf dem städtischen Bich- und Schlachthofe. Das Kuratorium des städtischen Vieh- und Schlachthofes beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit einem Antrage des dortigen Ärbeiterausschusses, der auf Aufbesserung der Löhne hinausging. Die Forderung eines Aufangslohnes von 4,50 M. pro Tag für Hand- loerker und 4 M. für Arbeiter wurde gegen die Ausführungen des socialdemokratischen Vertreters als viel zu hoch angesehen. Viel Wohlwollen gab es und Vertröstungen auf den nächsten Etat, bei dessen Beratung die Anträge der Arbeiter auf „Recht und Billigkeit hin", soweit„sie sich in bescheidenen Grenzen hielten", geprüft werden sollten. Ein„Erfolg" muß aber doch verzeichnet werden. Den Arbeitern, deren Lohn pro Tag 3,75 M. beträgt, wurden lieberstunden mit 40 Pf. bezahlt, während der Betrag nach dem Tagelohn berechnet �°/z Pf- ausniacht. Auf eine Kritik des Stadtv. H o ff m a nn wurde erwidert, daß man des bequemeren Rechnens in den Bureaus wegen den Betrag nach unten abgerundet hätte, worauf Genosse Hoffmann antwortete, daß, wenn man abrundet, man das doch anstandshalber nach oben thun sollte. Das Kuratorium beschloß dann, da es„ohne Etatschwierigkeiten" möglich sei, künftig 42 Pf. zu berechnen. Der Berliner Spar- und Banvcrein hatte am Sonntag seine Mitglieder und Gönner zur Grundsteinlegung seiner fünften An- siedelung nach dem neu erworbenen Terrain an: Nord-Ufer(zwischen Buch- und Fehmarnstraße), in der Nähe des Bahnhofes Putlitzstraße, eingeladen. Auf dem 6000 Quadratmeter großen Grundstück, welches durch Guirlanden und Fahnen festlich geschmückt war, hatte sich eine große Zahl Mitglieder mit threi: Frauen sowie ge- ladene Gäste und Gönner des Vereins eingefunden, unter anderm der Oberbürgermeister Kirschner und die Rats-Manrer- mcifter Menzel und Krebs. Kurz nach 1 Uhr wurde die Feier durch Musik und Gesang des Kurzschen Liedes„Krönt den Tag"(ausgeführt von den Sängern der drei Berliner Ansiedelungen) eröffnet. In der nun folgenden Festrede gab der Vor- sitzende L. Schmidt nach Begrüßung der Gäste und Mit- glieder einm Rückblick über das Wirken des im Jahre 1892 mit 37 Mitgliedern ins Leben getretenen Vereins, welcher heute nahezu 3000 Mitglieder zählt. Bereits im Jahre 1894 konnte die erste An- siedelung in der Sickingenstr. 7—8 mit 86 Wohnungen bezogen werden: im Jahre 1896 wurde aus Westend(Ulmen- und Elchen- Allee) ein schmuckes Landhaus errichtet, welches 21 Familien Unter- kunft gewährt. In den Jahren 1897/98 wurde in der Schreiner-, Mirbach- und Proskauerftraße eine Ansiedelung mit 120 Wohnungen fertiggestellt, welcher im Jahre 1900 eine ebenso große in der Greifenhagener- und Stargarderstraße folgte. Die rapid steigende Mitgliederzahl machte es zur zwingenden Notwendigkeit, die Bau- thätigkeit bald fortzusetzen. Schwierigkeiten mit der Gemeinde Tempelhof verhinderten bis jetzt die geplante Ausführung eines Baues daselbst. Eine Ansiedelung großen Stils soll nach Fertigstellung der Straßen voraussichtlich im Herbst dieses Jahres in der Nähe des Bahnhofes Westend in Angriff genommen werden: dort hat der Verein ein 35 814 Quadratmeter großes Grundstück für den Preis von 41 M. pro Quadratmeter sich ge- sichert, auf welchen: eine Ansiedelung mit 1000 Wohnungen, Läden. großem Saal usw. errichtet werden soll, welche einen Kostenaufwand von 6 Millionen Mark erfordert. Die im Jahre 1901 von der Stadt geschaffene König Friedrich-Stistung. welche den Zweck hat. minderbemittelten Einwohnern Berlins bei Erlangung billiger und gesunder Wohnungen behilflich zu sein, gewährte den: Verein zur Errichtung auf dem am Nord-Ufer belegenen Terrain ein Darlehen von 500 000 M. zu 3 Proz. Auf diesen: mit 115 Dieter Straßenfront am Nord-Ufer liegenden Grundstück, welches anderseits von der Buch- und Fehmarnstraße begrenzt wird, soll bis zum nächsten Jahre eine Ansiedelung mit 200 Woh- nungen und 7 Läden für Bäckerei. Kolonialwarenhändler usw. entstehen, welche außer einem 60 Quadratmeter großen Bibliotheksraum einen 100 Quadratmeter fassenden Saal erhalten wird, in ivelchem Versammlungen, Vergnügungen sowie belehrende Vorträge für die Mitglieder stattfinden sollen. Die drei Höfe erhalten gärt- nerischen Schmuck sowie Spiel- und Turnplätze für die Kinder; außerdem erhält die Ansiedelung an der Uferfront einen 7>/z Meter breiten Vorgarten. Die Kosten für Grunderwerb(360 000), Bau- ausführung(1 000 000), Bauzinsen und verschiedene Unkosten(40 000), betragen im ganzen 1 400 000 Mark. Die Mieten betragen für eine Stube und Küche 270 M., zwei Stuben und Küche 340— 400 Mark und für drei Stuben und Küche 480— 560 Mark. Nachdem der Vorsitzende den Vertreten: der Stadt Berlin für die gewährte Beihilfe gedankt und die Mitglieder aufgefordert hatte, nicht zu erlahmen in ihrer genossenschaftlichen Belhätigung, schloß er mit einem Hoch auf den Verein. Nach Verlesung einer Urkunde, in welcher die Entwicklung des Vereins geschildert, folgte ein von den Sängern stimmungsvoll vorgetragener Festchor mit Orchesterbegleitung: Dichtung und Kömposition von dem bekannten Leiter des Berliner Oratorienvereins, Professor Mengewein. Unter den Klängen der Musik vollzog sich dann die Einmauerung der Urkunde. An der üblichen Ceremonie, begleitet von drei Hammerschlägen unter Her- sagen kurzer Sprüche, beteiligten sich der Oberbürgermeister, die geladenen Gäste, der Vorstand und Aufsichtsrat des Vereins. Be- sonders bemerkenslvert ist außer dem Baubureau auf dem Terrain eine große komfortabel eingerichtete Baracke für die beim Bau be- schäftigten Arbeiter. Unglücksfall auf der Obersprre. Ein aufregender Vorfall er- eignete sich Montagnachmittag vor dem Restaurant von Fritz Regelin in Treptow. Vom dortigen Bootsverleiher hatten sich ein Herr und zwei Damen ein Boot gemietet. Nach Beendigung der Fahrt wollte der Herr zuerst das Boot verlassen, betrat aber unvorsichtigerweise die Bordkante, was das Kentern des Kahnes zur Folge hatte. Un- glücklicherweise fuhr noch ein Dampfer vorüber, dessen Wellen die Verunglückten noch mehr in Bedrängnis brachten. Mit Mühe und Not wurden der Herr und eine Dame aus dem Wasser gezogen, während sich die andre Dame selbst durch Schwimmen rettete. Das Seminar für orientalische Sprachen hat in diesen: Sommer- Halbjahre 156 Studierende<6 weniger als im Vorjahre, 58 weniger als im letzten Winter). Unter den Seminaristen sind 70 Juristen. davon 45 Dragomanarsaspiranten(von denen einer die Diplom- Prüfung schon bestanden hat), 29 Gelehrte, Lehrer und Angehörige der philosophischen Fakultät, 18 Beamte, Kaufleute und Privat- Personen, 19 Postbeamte, 13 Offiziere, 2 Mediziner, 3 Theologen, 2 Techniker. Die Zahl der Ausländer beträgt 10. Die chinesische Klasse wird von 16 Teilnehmern besucht, die japanische von 8, die arabische von 26. Persisch studieren 3, Türkisch 14, Suaheli 19, Haussa 6, Bantu-Lautlehre. Herero, Duala, Ephe je 1, Englisch 42, Französisch 30, Neugriechisch 7, Russisch 33, Spanisch 9 und Realien 67. Die nichtamtlichen Lehrkurfe für Kaufleute. Bankbeamte und Techniker besuchen im Chinesischen 7, im Russischen 30, in: Spanischen 24 Personen. Ferner nehmen 1 Hospitant und 12 Hospitantinnen am Seminarunterricht teil. Die Zahl der Be- sucher beträgt hiernach 230, gegen 229 im Vorjahre und 466 im Winterhalbjahre. 32 Lehrer und Lektoren sind am Seminar thätig. Zu der Angelegenheit des Masseurs Köhler, der bekanntlich den Leichnam der in seiner Wohnung verstorbenen Frau Radaws zer- stückelt hat, weiß eine Lokalkorrespondenz zu berichten, daß es viel- leicht zu einer gerichtlichen Verhandlung überhaupt nicht konmit, da sich die Anzeichen dafiir mehren, daß Köhler unter der Wucht der Nachwirkungen seines Verbrechens und seiner unheimlichen Um- stände in Verfolgungswahnsinn verfällt. Der mutmaßliche Mörder der Lucie Berlin, Zuhälter Berger, wurde gestern im Polizeipräsidium abermals den Eltern des er- mordeten Mädchens gegenübergestellt und dann einem längeren Verhör unterzogen, in dem ihm Gelegenheit zum Nachweis seines Alibis gegeben werden sollte. Dieser ist ihm aber ebenso mißglückt wie an den Tagen vorher. Borger behauptet, er sei am Tage der Ermordung, an: Nachmittage jenes Donnerstags, von 1 Uhr ab überhaupt nicht im Hause Ackerstr. 130 gewesen und hätte darum zu jener Zeit auch nicht die Wohnung der Liebetrut betteten können. Sein Hinweis, daß er gegen 2 Uhr, in der Stunde, zu der nach An- nähme der Behörde der Mord in der Liebetrutschen Wohnung aus- geführt wurde, sich außerhalb des Hauses befunden habe, ist durch die gegenteiligen Angaben der Frau Berlin und der andren Flur- nachbarn widerlegt worden.— Die Leiche der kleinen Lucie ist für die Beerdigung freigegeben worden; der Tag der Beisetzung ist aber noch nicht festgesetzt. In der Durchfahrt des Rathauses, nahe der Jüdenstraße, erblickt man, wenn man von dieser Sttaße eintritt, rechter Hand im dritten Aushangskasten des Standesamts XI in der Gartensttaße das Auf- gebot des wegen Ermordung der kleinen Lucie Berlin in Unter- suchungshaft befindlichen Arbeiters B e r g e r. Vor dem Standesamt hat der Verhaftete, der bekanntlich wegen Sittlichkeits-Verbrechen und Kuppelei wiederholt vorbestraft ist, als seinen Beruf den Handelsstand angegeben; er nennt sich hier„Händler August Karl Theodor Berger". Sohn der Arbeiter Theodor Bergerschen Ehe- leute zu Berlin. Und was das Interessanteste an dem Aufgebot ist: seine Verlobte ist die Friseurin Johanna Wilhelmine Liebetrut, Tochter der Drechslernieister Liebetrutschen Eheleute zu Neu-Weißensee. Das standesamtliche Aufgebot Beider ist, wie aus dem Aushange ersichtlich, am Mittwoch, den 15. I u n i, beanttagt worden, also einen Tag vor der Ver- Haftung der Brautleute. Wie erinnerlich, versuchte Berger, der sich in der Wohnung der Liebetrut. während diese im Frauengefängniffe eine Haftsttafe verbüßte, aufhielt, den Verdacht der Thäterschaft auf den Arbeiter Lenz zu lenken, am 15. Juni vormittags bestellte Beraer das staudesamtliche Aufgebot und am selben Tage nachmittags fand die erste Haussuchung in der Wohnung der Liebetrut statt; die letztere wurde ebenfalls in Haft genommen, aber bald wieder freigelassen. Man wird in der An- nähme wohl nicht fehl gehen, daß Berger durch die gerade in den kritischen Tagen der Haussuchung bewirtte Anmeldung des Aufgebotes 'einer Verlobten eine gesetzliche Handhabe bieten wollte, ihr Zeug- nis gegen ihn verweigern zu können. Dies scheint den: Verdächtigen hinterher fteilich nicht gelungen zu sein, denn bisher 'oll die Liebetrut ja mit ihrer Wissenschaft in keiner Weise zurück- gehalten haben. Verlassen. Die 21 Jahre alte Arbeiterin Frida Wolff, die für sich allein in der Köpnickerstr. 150 wohnte, hatte zwei Jahre lang ein Berhälttns mit einem 24jährigen Bäckergesellen. Nachdem sie nicht ohne seine Schuld krank geworden war, ließ der Ungetreue sie im Sttch. Sie grämte sich darüber so sehr, daß sie am Sonntag Lysol trank, nachdem sie sich in Briefen von ihrem Vater und ihrer Großmutter verabschiedet hatte: Nachbarn, die sie besinnunglos auf einem Stuhle sitzend fanden, ließen die Unglückliche in ein Kranken- Haus bringen. Dort erlag sie den Wirkungen des Giftes. Die durch die letzte Mordthat hervorgerufene Beunruhigung des Publikums spiegelte sich wieder in einem Vorfall, der gestern nachmittags in der Schönhauser Allee große Auflegung hervorrief. Ein junger M-'nn hatte ein elfjähriges Mädchen angesprochen, angeblich, um die Lage einer ihm unbekannten Sttaße zu erflagen. Paffanten, die das beobachteten, nahmen an. daß ein Sittlichkeitsverbrechen geplant sei und wollten den jungen Menschen der Polizei übergeben, so daß der Bedrohte sich durch schleunige Flucht etlvaigen Unannehmlich- leiten zu entziehen suchte. Es entstand nun eine wilde Jagd, an der sich Hunderte von Passanten beteiligten. In kurzer Zeit war das Gerücht verbreitet, daß ein Mädchen von dem Fliehenden an- gegriffen und durch zwei Messerstiche verletzt worden sei, und auch der hinzukommende Schutzmann wurde von dem„Attentat" der- ständigt. Der Bedrohte flüchtete ans einen Straßenbahnloagen, und hier gelang es dem Beamten endlich, ihn zu stellen. Zu seiner eignen Sicherheit mutzte der junge Mann, ein Handlnngsreisender B., nach der Polizeiwache gebracht werden, wo sich die Harnflosigkeit des ganzen Vorfalls herausstellte. Ehr Einbruch wurde am Dienstagnachmittag in der Wohnung der Witwe Schlowien in der Danzigerstrahe 71 ausgeführt. Die Diebe hatten ihre Beute, aus Wäsche und Silberwaren bestehend, in einem grotzen Reisekorbe zu einem in der Nähe wohnenden Hehler Ernst Heise in der Christinenstratze 40 gebracht. Bei der bald von der Polizei vorgenommenen Durchsuchung der Heiseschen Wohnung wurde nur die gestohlene Wäsche gefunden. Die Frau Heise wurde sofort verhastet, während ihr Ehemann, der aller Wahrscheinlichkeit nach das Silberzeug in Sicherheit zu bringen suchte, sowie die Diebe bisher noch nicht ergriffen sind. Vermißt wird seit dem 3. Juni d. I. aus Tempelhof der Schuh- macherlehrling Ernst Raasch, am 27. März 1887 in Schöneberg ge- boren. Beschreibung: 1.50 Meter grotz, hellblondes Haar, blaue Augen, etwas abstehende Ohren, blasse Gesichtsfarbe, untersetzte Gestalt, v-Beine. Bei seinem Fortgange war Raasch bekleidet mit dunkelgrauem Jackettanzug, schwarzem weichen Filzhut, Schaftstiefeln: Wäsche gez. R R. Besondere Kennzeichen: Unter dem linken Auge blau- unterlaufene Stelle. Nachrichten über den Vermitzten nimmt jedes Polizeirevier und die Kriminalpolizei, Zimmer 334 des Polizei- Dienstgebäudes, Alexanderplatz, schriftlich oder mündlich entgegen. J.-Nr. 6235 IV 23. 04._ Die Ausstellung von Original-Lithographien, Radierungen und Holzschnitten im Kunstsalon Wertheim wird noch bis Anfang Juli verlängert; ein grotzer Teil der reichhaltigen Kollektion ist durch sehr interessante neue Blätter ersetzt worden. SSuglingsmilch an Unbemittelte. Beim Beginn der heitzen Jahreszeit machen wir darauf aufmerksam, datz das Komitee zur Beschaffung guter Säuglingsmilch an Unbemittelte(Abteilung des Vereins für häusliche Genmdhcitspflege) an zwei Ausgabestellen Marken verteilt. Für den Norden: Elsasserstr. 27, Mittwochs und Sonnabends von 10'/z— 11>/„ Uhr. Für den Nordwesten: Turm- stratze 34 I, Mittwochs von Si/g— ö'/z Uhr. Schwimmsport. Der Berliner Schwimmklub„Vorwärts". Mit- glied des Arbeiter-Schwimmer-Bundes, beabsichtigt in Char- lottenburg eine Abteilung zu gründen. Zu diesem Zwecke findet heute abend 8V2 Uhr im Volkshause, Rosincnsw. 3, eine Vcrsamm- lung statt, zu ivelcher alle Freunde und Gönner der Schwimmerei eingeladen sind. Ein alkoholfreies Sommerfest feiert am Sonnabend die Orts- gruppe Berlin des deutschen Arbeiter-Abstinentenbundes in Pankow, Berlincrstr. 102. Näheres über das vortrefflich arrangierte Fest bringt das Inserat der heutigen Nummer. /Zus den ISacbbarorten. Charlottenburg. Heute abend findet im Volkshaus, Rosinen st ratze 3, eine Volksversammlung statt,' in welcher Genosse Dr. Leo Arons über„Preuhische Schul- gesetzgebung" referieren wird. Gerade jetzt, in der Zeit der reakttonären Attentate gegen die Schule, ist es für jeden Genossen und jede Genossin doppelt wichtig, sich über die einschlägigen Ver- Hältnisse genau zu unterrichten. Wir erwarten deshalb einen zahl- reichen Besuch der Versammlung. In Stralau-RummrlSburg findet am Sonntag im Lokal der Witwe Schauert das V 0 l k s f e st der dortigen Parteigenossen statt. Da alles Mögliche aufgeboten ist und die Karten zum Fest nur 15 Pf. kosten(an der Kasse 20 Pf.), so ist gewitz auf zahlreichen Besuch zu rechnen. Ans der Schöncberger Stadtverordneten» Versammlung. Eine Debatte entspann sich über den Verteilungsplan der aus der Hassel- meyerschen Erbschaftssache verbleibenden Barmasse von ca. 37 000 M., trotzdem die Sache nach dem Wunsche des Vorstehers sekret be- handelt werden sollte. Unter einer Anzahl entfernter Verwandten der Erblasserin, die vollständig leer ausgingen, werden nunmehr nach einem früheren Beschlüsse der Versammlung ein Fünftel, das sind etwa 5000 M., nach dem Grade ihrer Hilssbedürftigkcit verteilt, die verbleibenden vier Fünftel werden zu einer Stiftung verwandt, deren Zinsen hilfsbedürftigen Mädchen, die erwerbsunfähig sind, zukommen sollen. Der Antrag des Stadtv. Seele auf Vermehrung der Frei st eilen an der hiesigen Mittelschule hatte ein recht klägliches Resultat. Von den Socialdemokraten war dazu bean- tragt worden, datz 75 Proz. der Freistellen an der Mittel- und Realschule den vom Schulkollegium vorgeschlagenen begabteren Kindern der Gemeindeschulen verbleiben und die Liste der überwiesenen Kinder jährlich den Stadtverordneten zugänglich gemacht werde. Für Freiichüler sollen die Lernmittel unentgeltlich abgegeben werden, ausgenommen in dem Falle, datz die Eltern fteiwillig daraus ver- zichten. Genosse K ü t e r begründete diesen Antrag eingehend. Nach längerer Debatte lehnte die Versammlung den socialdenrokrattschen Antrag gegen die fünf Stimmen unsrer Parteigenossen ab und nahm den Ausschutzanttag in folgender Fassung an:„Der Magistrat wird ersucht, in Erwägung zu ziehen, wie weit über den Rahmen der bisher gewährten Freistellen hinaus besonders begabten Schülern der Volksschulen Freistellen an der Mttelschüle und den höheren Schulen gegeben werden können." Den letzten Punkt der Tagesordnung bildete der Anttag der Stadtvv. K ü t e r und Genossen:„Der Magisttat wird ersucht, den S 0 m m e r u r l a u b der in den städttschen Betrieben beschäftigten Arbeiter noch in diesem Jahre in Kraft tteten zu lassen."— Trotzdem schon seit länger als 14 Tagen eine gemischte Deputation Erhebungen anstellen und geeignete Vorschläge machen soll, ist diese bisher noch nichl zusammengetreten. Unsre bürgerlichen Stadtverordneten wollen erst immer das Vorgehen andrer Gemeinden abwarten. Auf unsre l bestimmten Forderungen gab Oberbürgermeister Wilde die Erklärung ab, die gemischte Deputation noch in dieser Woche einzuberufen und am nächsten Montag der Versammlung entsprechende Vorschläge zu unterbreiten, wonach unsrerseits der gestellte Anttag zurückgezogen wurde. Die Angelegenheit der Erholungsstätten scheint jetzt, dank dem thatkrästigen Vorgehen humanitärer Vereine in Berlin, Frank- furt a. M. usw. endlich etwas in Flutz kommen zu sollen. Selbst unsre Nachbarstadt Spandau beschäftigt sich zur Zeit mit dieser längst akuten Frage, und zwar veranlatzt durch einen Anttag der socialdcmokratischen Stadtverordneten, zu dessen Vorberatung seiner Zeit von den städtischen Körperschaften eine gemischte Kommission eingesetzt worden ist. 1 Die Arbeiten dieser Kommission wollten bisher nicht recht vom Fleck konimen. nun aber wird sie in ihrer heutigen Sitzung einen Jnformationsvortrag des durch sein eifriges Wirken in den Berliner Volks- Erholungsstätten vom„Roten Kreuz" bestens bekannten Arztes Dr. Becher hören. Hoffentlich trägt dieser Vorttag dazu bei, datz auch die Spandauer städtischen Körperschaften in dieser Sache ein be- schleunigteres Tempo einschlagen. Ein StoatSverbrcchcn hat— so schreibt man uns aus Spandau— der Gemeinde schösse, Bauuntern chmcr F i ck in Staaken bei Spandau begangen, wenigstens nach der Anschauung jener Per- sonen, die ihn vor einigen Wochen b-ftm Landratsamt in Nauen denunziert haben, weil der Mann vorurteilslos und einsichtig genug gewesen sein soll, gelegentlich der letzten Gemeindcwahl in Staaken für den s 0 ci a l d e m 0 kr a t i s ch-e n Kandidaten Jahn zu „agitieren"! Worin die„Agitation,"' bestanden haben soll, ist nicht recht klar, jedenfalls alier hatte das Landrats- aint in Nauen auf jene Denunziation hin eine hoch- notpeinliche Disciplinaruntersuchung gegen Herrn Fick ein- zuleiten. Kürzlich fanden in Staaken selbst umfangreiche Ver- nehmungen in dieser Angelegenheit statt. Diese Thaftache scheint nun unter den Staakener Ordnungssäulen ziemlich heftige Kämpfe entfacht zu haben, denn einige Tage darauf veröffentlichten Spandaucr Zeitungen eine geharnischte Erklärung einer grötzeren Anzahl Staakener Notabeln, in welcher sie die betreffende Anzeige als jeder Begründung entbehrend und niedrigen Motiven ent- springend bezeichneten, gleichzeitig auch natürlich den Patriotismus des Verdächtigten bis über den grünen Klee lobten. Ob die Erklärung wirklich den Erfolg habe» wird, das Landratsamt von der Schäbig- keit der Denunziation zu überzeugen, muh abgewartet werden. Ein grötzeres Staatsverbrechen giebt es ja auch in Preutzen-Deutschland nicht, als wenn Organe einer Behörde auch estnnal zur Abwechslung für eine socialdemokratische Wahl eintreten, statt— wie es die Tradition erfordert— konservative Wahlbeeinflussungen zu be- treiben I Ne»-Weißcnsee. Die Orts-Krankenkasse für den Amtsbezirk Weitzensee hat in der letzten Generalversammlung eine Gehaltsskala für ihre Beamten festgesetzt. Die Kasse teilt die Beamten in drei Klassen, und zwar in Klasse 1: den Rendanten mit einem Anfangs- gehalt von 2400 M., alle zwei Jahre um 120 M. steigend bis 3000 M.; Klasse 2: der dienstälteste Jnnenbeamte als stellvertretender Rendant mit einem Anfangsgehalt von 2100 M., alle zwei Jahre um 120 M. steigend bis 2700 M.: Klasse 3: für sämtliche Innen- und Auhenbeamten ein Anfangsgehalt von 1680 M., alle zwei Jahre steigend bis 2400 M., und autzerdem für die zwei Kaffierer und den Verwalter der Tageskasse eine Zulage von jährlich 30 M. Die Skala tritt am 1. Juli 1904 nach dem Minimalgehalt in Kraft und erfolgt die erste Zulage von 120 M. am 1. Juli 1906. Schmargendorf. Wegen„gleichzeitiger Behinderung" des Amts- Vorstehers Hohmann und der Schöffen ist mit der Führung der Amtsgeschäfte der Major a. D. Neuling vom Landrat kommissariscki bis auf weiteres betraut worden. Bei den durch die Gemeindevertretung in nichtöffentlicher Sitzung erfolgten Neuwahlen für die verschiedenen örtlichen Kommissionen wurde unser Parteigenosse Arthur P u d l i tz in die Armen- k 0 m m i s s i 0 n gewählt: er ist zum Armenpfleger für den 4. Bezirk (umfassend Breitestr. 13—38, Cunostratze, Gasanstalt, Südostseite des Hohenzollerndammes, Nordseite der Spandauersttatze und das von diesen Stratzen umgrenzte Gebiet) bestellt worden. In den andern Kommissionen ist die Arbeiterschaft nicht vertreten. Hier ist ein heitzer Streit darüber entbrannt, ob der S ch u l- resp. K ü st e r g a r t e n der politischen Gemeinde oder der evangelischen Kirchengemeinde gehört. Die Gemeindevertretung hat sich in ihrer Sitzung vom 20. Juni dahin entschieden, datz die Sache gütlich zum Austtag zu bringen sei; sie setzte eine Kommission ein, die mit einer zu ernennenden Kirchenkommission in gemeinsame Verhandlungen treten soll. Auch die hiesigen Katholiken stellen Forderungen. Auf Grund ihrer gesetzlichen Rechte verlangen sie die Bewilligung der Kosten eines erweiterten katholischen Religio ns-Unter- r i ch t s. Die hierfür etatsmätzig festgesetzte Summe von 180 M. jährlich erhöhte man deshalb ans 360 M. Eine Unmenge Aende- rungen, wesentliche und unwesentliche, sollen am neuerbauten Feuer- webrdepot vorgenommen werden: es sind hierzu 1800 M. zur Verfügung gestellt. Die freiwillige Feuerwehr hält aber bis zu 5000 M. für erforderlich, vornehmlich für umfassende Aenderungen und eventuell gänzlichen Umbau des Steigerturms. Sie hat der Gemeinde den Krieg erklärt und stellt einen vollständigen Streik in Aussicht. In Ober-Schönewcide hat die Gemeindeverttetung in geheimer Sitzung über die Angelegenheit des Gemeindevorstehers E ck a r d t beraten, der, wie am Sonntag berichtet worden, vorläufig seines Amtes enthoben und einem Disciplinarverfahren unterworfen worden ist. In öffentlicher Sitzung hatte der socialdemokratische Gemcindeverordnete Grunow bereits gefordert, datz die Ein- Wohnerschaft von dem Wechsel in der Amtsftihrung amtlich in Kenntnis gesetzt werden möge, da die Geheimnisthuerei nur zu weiteren Gerüchten Anlatz gäbe.— Der socialdemokratische Gemeindeverordnete, Hausbesitzer Lange hat sein Mandat nieder- gelegt Wohl in der Hoffnung, datz es unsrer Partei nicht so leicht gelingen werde, einen neuen angesessenen Kandidaten zu finden, hatte Gemeindeverordneter Hegewaldt beantragt, sofort eme Neu- Wahl vorzunehmen. In einem andern Falle, wo es sich um einen Gemeindeverordneten der ersten Wählerklasse handelte, ist das Mandat ein halbes Jahr lang unbesetzt geblieben. Es wird sich zeigen, ob jetzt die Gemeindevertretung es eiliger hat. Gerichts-Leitung. In Braunschweig ist am Montag der Redakteur der dortigen „Landeszeitung", Dr. Eugen Sierka, zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Er sollte die Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg durch einen Artikel in seinem Blatt beleidigt haben, in welchem ein Aufenthalt der Prinzessin an der Riviera mit einer bedenklichen Angelegenheit zweier Prinzessinnen des grotzherzoglich Strelitzschen Hauses ver- glichen wurde. Den Namen des Verfassers der Korrespondenz zu nennen, weigerte der Angeklagte sich selbstverständlich. Nach beendigter Belveisaufnahme beantragte der Verteidiger des Angeschuldigten, Rechtsanwalt Thieniann, unter Ueberrcichung mehrerer Zeittmgsblätter, den Freiherrn v. Plettenberg- Washington und die Herzogin Sophie Charlotte noch vernehmen zu lassen. Die Herzogin habe Herrn v. Plettenberg herzliche, innige Neigung geschenkt, und das sei der Grund gewesen, weshalb Freiherr v. Plettenberg nach Washington versetzt worden sei, und zweifellos habe auch das Verweilen der Herzogin an der Riviera dazu dienen sollen, die im Herzen der Herzogin erwachte Liebe zu ertöten. Aufgefallen sei auch, datz der Grotzherzog von Oldenburg im März d. I. nach Washington gereist sei, wo er drei Tage geweilt und jedenfalls eine persönliche Unterredung mit Herrn von Plettenberg gehabt habe. Der Staatsanwalt bat, den Antrag abzulehnen, da er für die Beurteilung der Sache belanglos sei.' Wenn eine Fürstin, in deren Adern auch menschliches Blut rolle, einem hochachtbaren Kavalier ihre Neigung schenke, so sei darin nichts zu finden, sondern es könnte einer so hochstehenden Dame nur zur Ehre gereichen. Der Gerichtshof lehnte den Beweisantrag mit der Begründung ab, datz die diesem zu Grunde liegende Behauptung ruhig als wahr unter st ellt werden könnte. Das Urteil des Gerichtshofes lautete, wie schon mitgeteilt, auf vier Monate Ge- fängnis. In der Urteilsbegründung wird unter anderm hervor- gehoben, ein Vorwurf, wie ihn der inkriminierte Artikel nach Ueber- zeugung des Gerichts enthalte, treffe schon ein Mädchen„niederen" Standes und deren ganze Familie in unangenehmster Weise, und im vorliegenden Falle handelte es„sich um eine schwere Beleidigung einer Dame der„höchsten" Gesellschaftsstellung", und diese mutzte vom Gericht in energischer Weise in Schutz genommen werden. ES sei daher im vorliegenden Falle um eine Gefängnisstrafe nicht herum- zukommen gewesen. Wir sind weit entfernt davon, dem verurteilten Redakteur der „Braunschiveigischen Landeszeitung" eine besondere Sympathie ent- gegen zu bringen, denn die Herzensangelegenheiten einer Herzogin brauchen dem Philister ebenso wenig zum Frühstück serviert zu werden wie etwa die Herzensangelegenheiten der Tochter des Kommerzienrats Kohn. Aber auf diesem Standpunkt scheint das Gericht nicht zu stehen, da es eine besonders strenge Strafe ausspricht, weil nach seiner Ansicht die Ehre einer Prinzessin höher bewertet werden mutz wie die Ehre eines Mädchens aus„niederem" Stande. Mau sollte denken, datz es in dieser Hinsicht nur eine Frauenchre giebt. Vom Rechtsboden des Gerichts aus kann der ZeittmgSrcdakteur auch ein höheres öffentliches Interesse für sich geltend machen, weil eben eine Herzogin und nicht eine Bankierstochter oder Fabrikarbeiterin die Heldin seiner Klatschgeschichte ist. In andrer Hinsicht giebt es ja bei deutschen Richten! übrigens längst eine verschiedenartige Be- Wertung von Beleidigungen. Man vergleiche nur die strengen Sttafen, die durchweg in Streikbeleidigungsprozessen über Arbeiter verhängt tverden mit den wenig fühlbaren Geldstrafen, zu denen rüpelhafte Studenten wegen Beleidigung ehrbarer Frauen zulveilen verurteilt worden sind. Eine Millionenerbschaft schwebte im Hintergründe eines Pro- zesses, der sich am Dienstag vor der ersten Sttafkammer am Land- gericht II abspielte. Der Gegenstand des Prozesses war zwar nicht die Erbschaft selbst, sondern nur eine kleine Episode aus der Jagd nach den Millionen, die der im Jahre 1869 in Argentinien ver- storbene Bierbrauer und Bergwerksbesitzer Schönauer hinterlassen hat, und die den vermeintlichen Erben nach ihrer Ansicht von der bayrischen Regierung vorenthalten werden. Eine Anzahl Leute, die sich für Erben des argenttnischen Krösus halten, hatten sich zusamniengethan und einem Kaufmann Rossel sowie einem Herrn Schmiedel Generalvollmacht zur Er- langung des Erbes erteilt. Die beiden Generalbevollmächtigten glaubten nun in der Person eines stellungslosen Bureauvorstehers, jetzigen Inhabers eines Rechts-Auskunfts- und Detektivbureaus, Namens Valerius den geeigneten Mann gefunden zu haben, der die Fähigkeit besitze, die ungezählten Millionen flüssig zu machen. Die Generalvollmacht wurde also Herrn Valerius übertragen und ihm durch Vertrag eine Provision von 30 Proz. des zu erlangenden Erbes zugesichert. Bald nach dem Abschlutz dieses Vertrages reute den einen der Kontrahenten, den Kaufmann Rossel, das Geschäft, und seilt Sohn, seines Zeichens Kunstmaler. ging zu Valerius, erbat sich den Vertrag, um ihn einem Rechtskundigen zur Begutachtung zu übergeben. Er erhielt auch das Schriftstück, händigte es seinem Vater ein und der neubestallte Generalbevollmächtigte sah es niemals wieder. Valerius, der die 30 Proz. der fabelhaften Erbschaft seinen Händen entgleiten sah, setzte die Staatsanwaltschaft in Bewegung und diese erhob auch gegen Rossel Vater und Sohn Anklage wegen Unterschlagung und Beiseiteschaffung einer Urkunde. Nach der Beweisaufnahme beantragte jedoch der Staatsanwalt selber die Freisprechung beider An- geklagten und das Gericht erkannte demgemätz. Eine Volksversammlung, einberufen vom Verein zielbewußter Händler, findet heute abend 9 Uhr in der Berliner Ressource, Kommandantenstt. 57 statt. Herr Senna Höh spricht über:„Der Reichsoerband gegen die Social- deniottatie". Zahreichen Besuch erwartet Der Einb eruser. Socialdemokratischer Wahtt'erein Potsdam. Donnerstag, den 23. Juni, abends 8'/, Uhr: Auszerordcntliche Generalversammlung. Tagesordnung: Stellungnahme zur Kreiskonserenz in Nauen. Wahl der Dele- gierten. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Lese- und Diskutierklub Moabit. Heute abend im Lokale Bachstein, Salzwedelerslr. 16: Sitzung. Gäste willkommen. Vermiscbtes. Brünn, 21. Juni. Bei einem in Krumpach ausgebrochenen Brande kamen eine Frau und ihre fünf Kinder in den Flammen um. Trieft, 21. Juni. Der Buchhalter Lächer der hiesigen Filiale der Internationalen Transport-Akttengesellschaft wurde verhaftet: er soll sich an den Unterschleifen des flüchtig gewordenen Kassierers dieser Gesellschaft beteiligt haben. Finme, 21. Juni. Im hiesigen Hafen wütete letzte Nacht ein Riesenbrand, welcher bedeutenden Schaden anrichtete. Ein grotzes Lagerhaus, vollgefüllt mit Getreide uud Kolonialwaren, sowie ein Materialmagazin der Adria-Gesellschast wurden vollständig ein- geäschert. Zwei Dampfer, welche bei dem Magazin verankert waren, fingen Feuer, konnten aber gerettet werden. Brand des Irrenhauses zu Bicetre. Aus Paris wird berichtet: In dem Irrenhaus von BicStre brach Montagabend an fünf Stellen gleichzeitig Feuer aus. Die Kranken in dem Flügel der Gemein- gefährlichen konnten nur mit grötzter Anstrengung gerettet werden. Der Sachschaden ist ziemlich beträchtlich. Das Feuer soll von einem Geisteskranken angelegt sein, der bereits vor Jahren einen Mord- versuch gegen einen Anstaltsarzt verübt hat. DaS Brautkleid der Königin Draga, das gestern in Belgrad versteigert werden sollte, wurde vom Kurator Welikowitsch ins Aus- land in Sicherheit gebracht und nunmehr, wie die„Berliner Ztg." ineldet, an das Panoptikum in London für angeblich 80 000 Frank verkauft. Zur New Dorker Dampferkatastrophe wird berichtet, datz 93 Leichen vom„General Slocum" gestern geborgen worden sind, so datz jetzt im ganzen 730 Leichen geborgen sind. Vermitzt werden noch 300. Ein Riesenbrand in Japan. Am 3. d. Mts. brach in Otaru, der westlichen, blühenden Hafenstadt Hokkaidos, ein Brand aus, der in kurzer Zeit 2745 Häuser vernichtete. Zerstört sind unter andern das Postamt, das Zollhaus, eine Primarschule, sechs Banken. eine Reisbörse, drei Hospitäler, zwei Tempel, das AuSwandererheim und das Steuerbureau. Glücklicherweise kam nur eine Person ums Leben. Mehrere wurden verwundet. Otaru hatte schon vor einem Jahre eine ähnliche Feuersbrunst zu bestehen. Der Kaiser und die Kaiserin schenkten 2500 Den für die Abgebrannten. Der Gesamt- schaden beziffert sich über sechs Millionen Mark. Man vermutet Brandsttstung._ ßrtcfkartcn der Redaktion. K. 10. 1. Das läßt sich mit Sicherheit nicht angeben. Vielleicht wenden Sie sich gegebcnenfalleS an ein Bureau für Adressenschreiber. 2. Die Summe dürste ausreichen: allein es kommt sehr aus die Älrt des Geschiistes usw. an.— G. L. 51. Wir können die Adresse der abrik nicht seststellen.— A. M. 13. Läßt sich durch uns ohne nähere cobachtung nicht sagen.— S. S. 11. Berliner Rudcrvcrein„Vorwärts". Sitzung Donnerstags 9 Uhr abends im Bootshause Sttalau, Tunnclftt. 17. Alles Nähere erfahren Sie nach mündlicher oder schnstlicher An- frage.— H. K. 5000 und A. Sch. 6000. Zwei« und Füns- Markstücke. Friedrich I. und Wilhelm II.- A. A. 1. Nein. 2. Ja. — H. W. Die Rede wurde zwischen dem 6. und 12. Oktober 1895 in Breslau gehalten. Man konstruiette daraus eine Verletzung des tz 95 des Str.-G.-B., also eine Majestätsbeleidigung.— 444. Nein.— Tisciplin. 1. Französisch. 2. Ja, endgültig. 3. Noch ganz unbestimmt. 4. Die An- gaben darüber schwanken so sehr, datz man darüber nichts Sicheres ver» osicntlichen kann. Vielleicht sragen Sie darüber an unier nachstehender Adresse: voutsolror Looialäemolcratisdisr ttosoolub. 82, Rue Notre- Darno-de-Nazoreth, 82. Paris. Brasserie Des Trois Suisses.— G. P. 1. Schriftlich an die Verwaltung der Krankenheilstättc zu B. 2. Fragen Sie deswegen an unter der Adresse: Eugen Simanowski, Engel-User 15, Zimmer 37. — M. P. 20. 1, Die Anzahl dieser uniformierten Vereine konnten wir leider nicht ermitteln. 2. Antwort ersolgt demnächst brieflich.— Süd- deutschland. Das erfahren Sie am besten durch hiesige bierologische Specialisten und Fachleute.— 345. 1. Nein. 2. Ja.— B. M. 91. Wir erwarten täglich ihren Besuch zwischen 11 und 1 Uhr.— A. L. Aus- kunst darüber können Sie mündlich oder schristlich erhalten durch Herrn Eugen Simanowski, Engel-User 15, hier, Zimmer Nr. 37.— Belgien. Verein„Vorwärts".— 1. Beide wurden früher als Schristsührer, in der letzten Zeit F. als Vicepräsident in Aussicht genommen. Sch. kommt sür den Vorschlag nicht mehr in Bettacht.— 2. Es kommt„licht", nicht„leicht". — P. M. 91. Bitten nochmals: Arzt I— O. F. 100. Das erfahren Sie genau durch das Bureau der„Stern"-Dampser-Gesellschast zu Berlin, Jannowitzbrücke.— Reform 100. Der Verein ist in den ersten Ansängen bereis vorhanden. Ein politischer Embryo.— M. X. 1. Wir können Ihnen überhaupt nicht dazu raten. Vielleicht besuchen Sie uns zwischen 11 und 1 Uhr.— Brieg. Streng sachgemäße Auskunst erhalten Sie durch die Redaktion der„Metallarbciter-Zeitung", Stuttgart, Rötestr. 16b. Wo Quittung?— Dresden. Kaution. Wir kennen kein derartiges enwfehlens- wertes Geschäft. Wo Quittung 7— M. K. Fragen Sie in der Sache an bei Herrn H. Mahler, Redakteur der„Lederarbeiter-Zeitung", hier, Engel« User 15. Andre Adressen haben wir nicht.— 1234. Nein.— U. Z. Ja. — O. S. 57. Wir können Ihnen nur raten, die Sache mit dem Ver- trauensmann Ihres Kreises in Güte zu regeln. Zwingen will und wird Sie niemand.— ft. E. 123. 1. und 2. Sic erhalten über beide Fragen ausreichende, sogar präcise Auskunst durch einen Blick in das Kursbuch. 3. Wenden Sie sich wegen fachmännischen Ausschlusses an Herrn Joh. Scherm, Redatteur der„Metallarbeiter-Zeitung", Stuttgatt, Rötestt. 16b. Frankiertes Eouvert für Rückantwort legen Sie wohl bei.— Tischler 300. Fragen Sie an bei Herrn Redakteur Georg Davidsohn, Berlin, Heiners- dorferstrahe 8. Uebrigens, soll man„Spargroschen" immer sesthalten. — R. W. 80. Benutzen Sie sür Ihren Ziredf folgende Adresse: Alwin Körstcn, Mitglied des Reichstages, hier, Engel-User tS. Gewerkschastshaus. 331. Nein.—(2. S. 11. Alles Nähere erfahren Sie durch die Volks- badeanstalt an der Schillinasdrücke�— F. D. 10. Wenden Sie sich schrist- lich an nachstehende Adressen: l. Bürger-Rcttungs-Jnstitut 2. Friedrich Wilhclms-Anstalt jür Arbeitsame. 3. Bindersee- Stiftung. Alle drei im Berliner Rathaus.— Steglitz.(Wöchnerinnenpslcge.) Um als Wochen Pflegerin ausgebildet zu werden, thun Tic am besten, sich an das Wöchnerinnenheini, Urbanstr. 33, zu wenden. JuriltilcKe? Cell. Die jiiviftifific Sprechstiinde findet täglich mltZlnSnahm« de? Sonnndcnd! twii?-/, bis O'/i II hr abend» statt,«eiiffnet: 7 Uhr. W. R. Da Sic am 28. November 1836 geboren find, so müssen Sie mindestens 636 Klebemarken lbcziehcntlich Nachweise anrechnungssähiger Krankheitswochen) ausweisen können, um Altersrente zu beanspruchen.— Alter Abonnent H. Ivo. Nein.— M. X. Die Stempel steue r für schriftliche Mietsvert rüge beträgt bei einem Mictszins von jährlich bis 300 M. nichts, von mehr als 300 bis 500 M. 50 Ps., von mehr als 500 bis 1000 M. t M., von mehr als 1000 bis 1500 M. 1,50 M., von mehr als 1500 bis 2000 M. 2 M. und so sort von jeden angefangenen 000 M. 50 Pf. Die Mietsstcuer wird nicht durch Stempelmarken entrichtet, vielmehr hat der Vermieter ein Mictsverzeichnis auszustellen und der zur liebcrwachung hinreichender Ernährung des fiskalischen Magens eingesetzten Behörde einzureichen. Dieser Behörde wie dem Fiskus gegenüber hastet für richtige Speisung nur der Vermieter. Ob diesem gegenüber der Mieter zur Erstattung verpflichtet ist, richtet sich nach dem MietSvertrage. — F. I.. Rummelsburg. Nein.-.«riegerlos 1870. 1. Nein. 2. Nach vorausgegangener Klage- ja.— 131 u. Eine Klage hätte Aussicht auf Erfolg.— R. G. 1. und S. Ja. 3. Sie müssen innerhaw der in Ihrer Veranlagung ausgesprochenen Frist von vier Wochen reklamieren. Ist die Frist verstrichen, so ist eine Reklamation nutzlos.— Bettelstab. Wenden Sie sich an die Direktion.— 17. Jnni. Eine Klage des Eigen- tümers gegen den Nachbar oder eine solche des Mieters gegen den Eigen- tümcr hätte Aussicht aus Erfolg. Masigcbend ist die Vorschrift des Z 306 des Bürgerlichen Gesetzbuches: der Eigentümer eines Grundstücks kann die Zuführung von Gasen, Dämpfen. Gerüchen, Rauch, Riisj, Wärme, G c- r ä u s ch. Erschütterungen und ähnliche von einem andern Grundstück aus- gehende Einwirkungen insoweit nicht verbieten, als die Einwirkung die Be- Nutzung seines Grundstücks nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt oder durch eine Benutzung des andern Grundstücks herbeigesührt wird, die nach den örtlichen Verhältnissen bei Grundstücken dieser Art gewöhnlich ist. — M. 3. 1. und 2.: Ja.— Reform 1000. Ihr Mann ist überhaupt nicht zur Zahlung verpflichtet. Sic sind an sich zur Zahlung verpflichtet, weil Sie den Vertrag geschlossen haben. Sie können es aber in Ihrem Falle aus eine Klage ankommen lassen und die Zlbweisnng der Klage sowie Zurückzahlung der Anzahlungen verlangen, weil der Prospekt Sie in den Irrtum versetzt hat. dasi das Vulver nutze. Nehmen �ie sich den Fall zur Warnung vor knustigen Unterschriften sür derlei Sachen. Alle diese Mittel, die reklamenhaft als sichere Mittel zur Verhütung der Mutterschaft an- gepriesen werden, sind unwirksam, unverschämt teuer und meist auch gesundheitsschädigend. Liegen Gründe zur Verhütung vor, so ist der allein verständige Rat der: man konsultiere einen Arzt. — Armer. Zunächst richten Sie eine Beschwerde an die Armendirektion. Das Bundesamt ist für Ihre Beschwerde nicht zuständig.— M. R. 17. Eine Klage hat wenig Aussicht auf Erfolg. Sie mühten(eventuell durch Sach- verständige) nicht nur beweisen, dag Ihre Annahme möglich oder wahrscheinlich das richtige trifft, sondern dasi sie in der That zutrifft.— Herms- dorf. H. K. 1. Was nicht geschützt ist, darf jeder anfertigen. 2. An das Patentamt. 3. Zunächst 30 M., nach erlangten! Patent ist eine von Jahr zu Jahr steigende Gebühr zu zahlen.— K. 1000. New.— BS. 9. XS. Bei einer Kündigungsfrist von drei Monaten und drei Tagen muß die Kündigung spätestens im Lause des 27. Juni in den Händen dessen sein, dem zu kündigen ist.— A. Z.. Nieder-Schöneweidc. Tie sind im Recht. G. K. Lamoll. l. Sind Sie noch nicht volljährig, jo ist der Vertrag für Sie nicht bindend. Sind Sie volljährig, so scheint die Firma, soweit das .....--——°°ückn ,tet jen haben, empfiehlt es sich, sie auszuführen. Zuständig sür die Strafanzeige ist die Staatsanwaltschaft, sür die Ciuilklage das Amtsgericht des Bezirks, in dem die Firma wohnt. 2.„Stadthagen, Arbeiter-recht" und der demselben beigefügte Führer durch das Bürgerliche Gesetzbuch sind bei Dietz, Stuttgart, erschienen. ohne Einsicht in den Prospekt usw. zu ersehen ist. zur Rücknahme vei zu sein. Die Drohung war nicht zweckmäßig. Nachdem Sie sie ausgestoßen BSiiterungSiiberflcht vom 31. Juni 1904, morgen» 8 Uhr. »eller tos c� S«. s» Stationen ss o-S c 5 Iwolkig »bedeckt 1 wolkig 3 heiter 3 halb bd. —Dunst aparanda eterSburg Cork Llbcrdeen Paris -ö e i 1 Weiter öS c S» » ts it 753 SSW 757!® 762WNW 767NO 2 heiter 1 Nebel »�wolkig 2 wolkig 13 13 13 13 Büetter-Prognose für Mittwoch, den 33. Jnni 1904._ Etwas kühler, vielfach wollig mit leichten Rcgensällen und mäßigen westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Kür den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zhcztcr. Mittwoch, den 22. Juni. Ansang 7'/, Uhr: Reueö Opern> Theater. Orpheus in der Unterwelt. Den tscheö. Rose Bernd. Lessing. Zapfenstreich. BeSe-Attianee. Dr. ZangelS Jagd- adenteuer. Anfang 8 Uhr. Schiller v.(Wallner- Theater.) Oberon, König der Elfen. Schiller 3i.(Friedrich-Wilhelmstädt.) Ein unbeschriebenes Blatt. Berliner. Mamzelle Nitouche. Westen. Im bunten Rock. Neues. Einen Jux will er sich machen. Kleines. Nachtasyl. Residenz. Die 300 Tage. Eentral. Der Raub der Gabine- rinnen. 0 Ps. Morgen: Elite-Tag. fassage-Theater. Anf. Sonntags 3, Wochentags 5 Uhr, Anfang der Äbend- vox-stellung 8 Uhr. Jim und Jam. 14 erstklassige Nummem. fliA«»' Specialitäten-Theater, IfltKA Landsberger Allee 76/78. Direkt Ringbahnstation. Ob schönt Täglich Ob Regent im herrlichen Garten od. gr.Taal: Das neue konkurrenzlose Programm, ca. 36 erSklassige Nummtrn u. a. mit stürmischem Beifall: Die 6 Wolsons S 4 Vnlkonos, bester Clichnic-Akt. Die Berliner Lieblinge Orig.: Mita Roselli, Tanz-Soubrette, Orig.: Fritz Brand, Humorist. Org.: Marco et Tatjana. Org.: The 3 Schönbrunns usw. Kaffeeküche. Volksbelustigungen. Sonntag, Montag und Sonnabemt bis 2 Uhr: Bai L_ Entree 20 Ps. Am Königsthor. Am Friedrichshain. Täglich: Hr- i Speci tat Bolköbeluftiguugen und Ball. Jeden Mittmoch Kinderfest und Kindcr-Fackelpolonaise. Zum Schluß: Mikfe's Pliittanstalt. VolkSstück mit Gesang. Entree 30 Ps. IMllh Helena, Bravour-Sfingerin. Mason u. Farbe», amertk. Excentrics Clement Llon, Zauberkünstler. Lydia Dobranow, Feuertänzerin. Professor Maboul, kom. Jongleur. Perzinas dressierte Affen. Gebrüder Schwarz, Parodisten. Will Mora, Reckkünstler. Heloise Tileomb, sangerm Die 4 Milans, Kraftnuramer. Neiss-Familie, akrobatischer Akt. „Pas de deux", Cavini und Härtel. liebende Photographien vom Krlefiiachuuplatz. Schlosspark WilhelniineDho! Oberspree. Ibcrapi Station Nieder-Schöucweide. Jeden Sonntag, Mittwoch, Donnerstag: (taer SUtc-SaU. Kalfesküohe v. 2 Uhr an geöffnet. Ausspannung. Volksbelustigungen aller Art. Chr. Fennei. f4l>12L' Jeden Mittwoch:- Sl| Gratisverlosmig| silberner Damen- und Herren-llhren. il Das neue Programm. � Ans. 4 Uhr. Entree 15 Ps. Morgen, Donnerstag: Elite-Tag. Monstre-Feuerwerk. Fröbels Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. (vrosier Sonderabend. SV Garten-Konxert. Theater und MpecialltHten. B«S~ 18 neue Nummern."SBQ Extra-Tanz. 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WaHltretscs und seinen Freunden auS der Kreuzbergstr. 12. Die trauernde ttzitwe 21335 Ufarle Schul«, Sroinemünlierft. 68. Danksagung. Für die Beweise inniger Teilnahme owohl wie für die so reichen Kranz- spenden bei dv Beerdigung unsres Gretchen allen Beteiligten hiermit unfern herzlichsten Dank. 213Sb Die trauernden Eltern Rodert ßabron mi Frau. Dr. Schünemann Specialarzt für Haut-, Harn-«nd rnnenlcidc«, Scz-dclsiti-. S. iochentag«>/.A»-'/.». lialaekord«, LehestChle, Babybetten kaufe BCels direkt na cli Fabrikkata- logaeite 90/31 von i. Tretbar, Grimma J34 Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. n«,«.*.» 2. Ifilniif iiw JttmWü" Jnliitn lolWlnlt Die„Victoria" vor Gericht. Aus Wien wird uns geschrieben: Drei Wochen, vom 25. Mai bis zum 11. Juni, beschäftigte sich daS Wiener Schwurgericht mit der Versicherungs-Mtiengesellschaft „Victoria zu Berlin". Sie hatte gegen einen ihrer früheren Generalagenten namens A g a i, der sie in Zeitungsartikeln und in einer Broschüre heftig angriff, die Ehrenbeleidigungsklage erhoben. In Oesterreich urteilen über Beleidigungen, die in der Presse be- gangen werden, Geschworene, und das ist mit ein Grund, wenn auch nicht der einzige und ausschlaggebende, das gerade kapitalistische Unternehmungen die Leute, von denen sie beleidigt werden, nicht verklagen. Es ist einer der wenigen Vorzüge Oesterreichs, daß derjenige, der etwas am Gewissen hat, nicht zu Gericht gehen und sagen kann, was ihm in der Presse vor- geworfen wurde, sei wahr, er fühle sich aber durch die„Form" beleidigt. Wer bei uns einen Journalisten mit Erfolg verklagen will, muß ein reines Gewissen haben— aber welche kapitalistische Unternehmung kann das von sich sagen? Die„Victoria" ist schon oft in österreichischen Zeitungen angegriffen worden; sie hat aber nicht geklagt. Daß sie diesmal das Wagnis untemahm, hat seinen Gruird in der Person des Angreifers. Nicht aus ehrlichen Motiven, nicht, um die Korruption auszurotten und um den Schwachen zu nützen, hat dieser Agai einen Feldzug gegen die „Victoria" geführt. Der Zweck seines lange Zeit hindurch betriebenen Kampfes war, von der„Victoria" Schweigegeld zu erpressen. Dieses System wird in Wien von gar vielen Abenteurern betrieben, und von ihm leben nicht nur so kleine Leute wie dieser Agai, sondern auch Zeitungsherausgeber, die fürstliche Einkommen haben. Mit einem Menschen, besten Unsauber- keit leicht zu beweisen war, hat sich die„Victoria" getraut, den Kampf vor den Geschwornen autzunehmen, aber selbst in dieser für sie so günstigen Situation hat sie kein besonderes Glück gehabt. Agai ist wohl verurteilt worden, aber nur Weiler kein an- st ä n d i g e r M e n s ch ist. Viel härter als ihn trifft der Ausspruch der Geschwornen die„Victoria". Aber selbst in den Kampf mit dem von vornherein kompro- mittiertcn Menschen hat sich die große„Victoria" nur sehr ungern eingelassen. Sie hätte ihn gern vermieden, wenn ihr das nur nicht so teuer zu stehen gekommen wäre. Bescheidene Erpresser haben bei der„Victoria" ihre Rechnung gefunden. Aber der Herr Agai stellte übertriebene Ansprüche, die sie, offenbar um nicht den Appetit andrer von seinem Schlage zu reizen, abwies. Der Mann war von 1898 bis 1899 ein Jahr lang in Wien Generalagent für die„ B o l k s v e r s i ch e r u n g" der„Victoria". Nachdem man ihn weggeschickt hatte, wollte er weiter von der„Victoria" leben. Er wollte deshalb in den „Wiener Karikaturen", einem nur die ärgste Zote pflegenden „Witzblatt", eine Artikelserie gegen die„Victoria" veröffentlichen, und zwar so lange, bis ihm die„Victoria" die Einstellung der Artikel abkaufte. Vorbilder hatte er, denn auch die„Victoria" hatte ihm solche geliefert. Er scheint aber dabei von dem Herausgeber des lumpigen Blattes angeschmiert worden zu sein, denn nachdem sechs Artikel erschienen waren, ließ ihn der Herausgeber nicht lveiter schreiben, aber einen Lohn bekam Agai dafür nicht. Nun ging er zu einem andern Zotenblatt, den„Pschütt- Karikaturen", und die schufen für ihn einen„Volkswirt- schaftlichen Teil". In dreißig Artikeln— es waren, damit der Revolver recht lange geladen bleibe, auch ganz kurze Arttkelchen darunter— erzählte hier Agai mit der durch seme Absicht gebotenen Breite, was er über die„Victoria wußte, und das waren ja recht arge Sachen. Die„Victoria" ließ natürlich auch bei dem Herausgeber dieses Blattes für Schweinereien und Er- Pressungen anklopfen. Der Mann verlangte aber, wie er in der Verhandlung erzählte, ohne den Widerspruch des Verteidigers Agais zu erfahren, 20 000 M. und das war der„Victoria" zu kostspielig. Sie klagte deshalb, nachdem die Artikel auch als Broschüre erschienen waren, gegen Agai und den Herausgeber der„Pschütt-Karikaturen" wegen Ehrenbeleidigung. Um aber der Verhandlung Vörden Geschworenen zu entgehen, suchte sie eine Ehrenerklärung zu erlangen, und als das geeignete Mittel dazu erschien ihr eine Strafanzeige wegen Erpressung gegen die beiden Be- leidiger. Der Heransgeber, den jetzt ein Gruseln überkam— er stand gerade vor dem Antritte einer dreimonatlichen Strafe wegen Veröffentlichung von schweinischen Bildern— leistete der „Victoria" Abbitte. Die„Victoria" zahlte ihm dafür und war höchlichst zufrieden, dem Ehrenbeleidigungsprozeß entgehen zu können, obwohl ihr Agai ihre Ehrenhaftigkeit nicht bestättgte. Er setzte aber sein Gewerbe fort. Mit den Blättern andrer hatte er schlechte Er- fahrungen gemacht, und so gründete er selbst im Jahre 1901 ein Blättchen. das er„Die Korruption" nannte, und das sich fast ausschließlich mit der„Victoria" beschäftigte. Es erschien bis zum vorigen Monat und wurde von den Konkurrenten der „Victoria" erhalten. Agai war aber für die„Victoria" nicht käuflich. nämlich nicht um billiges Geld— ein paar hundert Mark, sagte ihr Vertreter, hätte sie ihm vielleicht gegeben. Sie verklagte ihn des- halb abermals, und so kam es zur Verhandlung, der längsten, die jemals in Oesterreich in einem Ehrenbeleidigimgsprozesse geführt wurde. Agai hatte der„Victoria" hauptsächlich vorgeworfen, daß sie ihre Generalagenten ausbeute und daß sie suche Leute zur Volksversicherung heranzuziehen, die nicht lange die Prämien entrichten, weil sie daraus einen Vorteil ziehe. Den Beweis für die erste Behauptung haben die Geschwornen für voll erbracht angesehen. Mit ihrem Agentenwesen ttieb auch die„Victoria" grauenvollen Unfug. Sie suchte die„Volksversicherung" rapid einzubürgern und wollte in kurzer Zeit das ganze Feld abgrasen. Während andre Gesellschaften, wenn sie neue Gebiete zu erwerben suchen, ihre er- probtesten und verläßlichsten Leute hinausschicken, that das die „Victoria" nicht. Vielleicht ging das auch nicht bei der Riescnjagd, die sie nach neuen Geschäften unternahm. Um viel Versicherte zu bekommen, brauchte sie viel Agenten. Die Gesellschaften, die zu ihren Vertretern ihrer verläßlichsten Leute machen, können es nun diesen ruhig über- lasten, den Agenten, deren Provisionsverdienst erst dann fällig wird, wenn eine Feit lang Prämien gezahlt sind, Vorschüsse zu erteilen. Die.Victoria' hatte aber in Oesterreich diese verläßlichen Vertteter nicht, und deshalb ersann sie folgendes Mittel: Sie suchte General- agenten, die einige tausend Mark Kaution erlegen mußten. Ver- sicherungsagent wird man in der Regel nur, wenn man in seinem früheren Berufe Schiffbruch gelitten hat. Aber Schiffbrüchige mit einigen tausend Mayf sind ja nicht die Regel. Um nun diese Leute zum Erläge des Restes ihres früheren Besitzes oder des Geldes ihrer Freunde zu bewegen, muß man ihnen glänzende Versprechungen machen. Das thaten nun die„Victorianer" sehr ausgiebig, und sehr viele, die Generalagenten wurden, hatten nach kurzer Zeit einen Teil ihres Vermögens, wenn nicht das ganze, ein- gebüßt. Es sind Fälle vorgekommen, daß die Generalagenten während ihrer ganzen Thättgkeit nicht so viel Gehalt bekamen, als sie an Kaution verloren hatten. Die Ursache der Kautionsverluste war die: Die Generalagenten, die sich nur fo lange halten konnten, als Agenten für sie Geschäfte machten, wiesen den Agenten auf die in Zukunft zu erwerbenden Provisionsvorschüsse an, die von der Kasse der„Victoria" ausbezahlt, aber dem Generalagenten von der Kaution abgeschrieben wurden. Wenn sder Agent nun den Vorschutz nicht abverdrenen wollte oder konnte, hatte der Generalagent den Verlust. Wie die Sachverständigen in der Verhandlung sagten, würde ihn bei andern Gesellfchastcn diese tragen. Die Berttäge mit den General- agenten haben die Geschworenen auch deshalb erbittert, weil sie folgende Bestimniung enthalten: Es gilt sechzigtägige Kündigungsfrist; vom Tage der Kündigung an bekommt aber der Generalagent kein Gehalt mehr, sondem nur, wenn er Geschäfte bringt, die Provision. Damit ist die ganz abscheuliche Konkurrenzklausel verknüpft, daß der Generalagent, der innerhalb der Kündigungsfrist, während er kein Gehalt bekommt, die Dienste der„Victoria" verläßt oder für die Konkurrenz arbeitet, dreitausend Mark Strafe zahlen muß. Für Oesterreich hat die„Victoria" alle diese Be- stimmungen abgeschafft— die Konkurrenzklausel hätte jedes Gericht als gegen die guten Sitten verstoßend erklärt, und hier zahlte sie fett 1897 Gehalt für die in einem Nachtrag zum Vertrag festgesetzte Mtägige Kündigungsfrist— aber in Deutschland bestehen diefe „Henkersparagraphen" und„Korsarenbriefe", wie sie Agai nannte, noch immer, und das und die Verluste und Enttäuschungen, die die österreichischen Generalagenten erlebten, er- bitterte die Geschworenen so sehr, daß sie erklärten: Agai hat den Wahrheitsbeweis dafür erbracht, daß die„Victoria" die Generalagenten mit„Henkersparagraphen", Korsarenbriefen, „gewissenlos",„grausam-tückifch", mit„Raffinement", mit„Vor- fpiegelung falscher Thatsachen", mit„Ausbeuterei" behandelt und eine„Hekatombe" Generalagenten finanziell und materiell zu Grunde gerichtet hat. Daß die„Victoria" an den Leuten, die 1 M. 50 Pf. sin Oester- reich 1 Krone 50 Heller) Einschreibegebühr und während der ersten drei Jahre Prämien zahlen, für die sie dann mchts bekommen, Nutzen hat, ist nicht bewiesen worden. Aber die vom Gericht be- stellten Sachverständigen, zwei Direktoren von Versicherungs-Ge- fellschaften, haben zuerst erklärt, daß die 1 700 000 Menschen, die ihre Versicherungen auf diese Art fallen ließen, 71/2 Millionen Mark verloren haben. Dann schätzten sie die Verlustsumme auf vier Millionen, von denen sie allerdings behaupten, daß sie in Verwaltungs- kosten für diese Versicherten aufgegangen seien. Aber einen guten Eindruck hat die Thatsache, daß die„Victoria" eine ungeheure Reklame betrieb und�daß Leute als Versicherte angeworben ivurden, die in ihrer Einfalt eine Versicherung eingingen und sie nach kurzer Zeit mit Opfer an Geld fallen ließen, auf die Geschwornen nicht gemacht, zumal der Wucher, der im Versicherungsgeschäfte leicht betrieben werden kann, ihnen deutlich erkennbar war. Die„Victoria" hat 1 200 000 M. eingezahltes Aktienkapital. Mit diesem Betrage erwarben nun die Aktionäre im Jahre 1903 1485 494 M., also eine Verzinsung von mehr als 120 Proz. Der Generaldirettor G e r st e n b e r g, der zur Verhandlung nach Wien kam, gab als Zeuge sein Einkommen im Jahre 1903 mit 333 000 M. an. Daß es andern Versicherungsaktiouären nicht schlechter und sogar besser geht, hielt die Geschwornen nicht ab, zu erklären, daß erwiesen wurden:„Machinationen" der„berüchttgten"„Victoria", daß Ver- sicherte zu„Opfern" werden, daß Herr Gerstenberg von der „Victoria"-„Schandwirtschaft" in Ungarn wußte und daß solche ent- ehrende Handlungen bciviesen seien, daß die Wendung„Keine Achtung vor der„Victoria" l" gerechtfertigt sei. Zu diesem Urteil wurden die Geschwornen gewiß auch dadurch bestimmt, daß den Leitern�der„Volksversicherung", K r 0 j a n k e r und Stahl, die ihr jährliches Einkommen mit 50 000 und 35 000 bis 40 000 Mark bezifferten, Dinge nachgewiesen wurden, die recht wenig ehren- Haft sind. Wo so viel als bewiesen erklärt wurde— von 23 Stellen, die die Geschwornen für beleidigend hielten, die Wahrheit der Angaben in 20— ist die Verurteilung Agais wegen acht Stellen ein magerer Trost ftir die Gesellschaft. Für nicht bewiesen erklärten sie es, daß die„Victoria" Millionen zufammengestohlen habe, ihre Angestellten „Tintensklaven" seien, daß Direktor Gerstenberg„Quacksalber- Reklame" treibe und ein„unbarmherziger" Mensch sei, und daß die „Victoria" eine Urkundenfälschung verübt habe. Aber man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß die Ver- urtcilung Agais durch die Geschwornen nur erfolgt ist, weil er seine Angriffe erhoben hatte, um von der Gesellschaft Geld zu erpressen, und daß ein anständiger Angreifer freigesprochen worden wäre. Die Strafe, die Agai von den Berufsrichtcrn zudi kttert wurde, ein Monat Arrest, ist auch deshalb so niedrig ausgefallen, weil die Richter die wuchtige Verurteilung der„Victoria" berücksichtigen mußten, die in dem Aus- spruch der Geschworenen lag. Das hat die Verhandlung allen, die es»roch nicht wußten, gelehrt: der Arbeiter zahlt»vie alles auch die Versicherung teuerer als Idcr Besitzende, und die„Volksversicherung" ist ein sehr ein- trägliches Geschäft für Kapitalisten, die sich n icht bei jeder ihrer Handlungen Skrupeln machen. Eine Versicherurrg, die nicht Wucher- gewinn abwerfen soll, darf nicht von Aktiengesellschaften betrieben werden._ Huö Induftrie und Handel. Zur Stilllcgung der Zechen. Am letzten Sonnabend hielt der „Verein für die bergbaulichen Interessen des Oberbergamts-Bezirks Dort in und" in Essen seine Generalversammlung ab. Nach den jetzt vorliegenden Berichten darüber ist dort eine der unglanblichsten Komodien a»lfgefiihrt worden, die nur begreiflich wird, wenn man von vornherein fest- hält, daß in diesem auch sonst berüchttgten Verein ausschließlich die Herreu vom K 0 h l e n s h n d i k a t das große Wort führen und die Macht haben. Man„beschäftigte" sich nämlich ain letzten Sonnabend dort auch mit dem Stilllegen der Zechen und nach Referaten des Geh. Bergrats Dr. Weidtinann und des Bergwerks-Direktors Dr. Haßlacher wurde eine Resolution angenommen, die so ziemlich das tollste leistet,' was an einseitigster großkapitalistischer Jntcressenpolitik überhaupt möglich ist. In dieser, dann natürlich einstimmig angenommenen Resolution heißt es zunächst, daß durch das Stilllegen der Zechen„bei dem starken Begehr nach Arbeitskräften im Bergbau kein Arbeiter Einbuße an Beschäftigung hat zu erleiden brauchen" und „daß auch für die angesessenen Bergarbeiter bergmännische Arbeits- gelegenheit auch ohne die Notwendigkeit eines Wechsels der Wohnstätte fich bietet, daß damit die behaupteten erheblichen Schädigungen zahlreicher Gemeinden nicht zu befürchten sind". Dann bekommen diese Gemeinden, die diese Schädigungen zu behaupten und gar dagegen anziikänipfen wagten, gehörig die Meinung gesagt; jede industrielle Gemeinde„müsse im übrigen aber gegenüber den ihr durch die Industrie zuwachsenden Borteilen auch mit der Möglichkeit des Eingehens einzelner steuerlicher� Quellen rechnen", und nun wird von den Herren des Kohlensyndikats einfach dekretiert, daß„danach(!) die Klagen, so weit nicht über- Haupt unbegründet, jedenfalls matzlos übertrieben sind". Nach den Gemeinden kommen die bürgerlichen Parteien heran, die es diesmal auch wagten, ein wenig gegen den Stachel zu löken. Es wird„auf das lebhafteste bedauert, daß bei der Erörterung dieser Angelegenheit in völlig agitatorischer Weise Bevölkerungskreise teilgenommen haben, bei welchen eine ruhige und sachliche Erwägung der Frage erwartet(!) werden durste". Insoweit haben die Syndikatsherren hier recht, daß sie „eine ruhige und sachliche Erörterung" d. h, ein möglichstes Ver- tuschen von feiten dieser bürgerlichen Parteien„erwarten" durften, und es ist ja schließlich auch nicht die Schuld des Bürgertums, daß diese Erwartung getäuscht wurde. Man weiß ja, daß diese Ent- rÜstuna des Bürgertums nur dadurch provoziert wurde, daß eigne Interessen des in Mitleidenschast gezogenen Kleinbürgertums in Frage kamen und daß auch die katholischen Arbeiter rebellierten, zwei Bevölkerungsschichten, die vor allem das Centrum als Wähler so bitler not hat. Zum Schluß der Resolution heißt es dann wörtlich:„Die Generalversammlung ver- wahrt sich deshalb aus das nachdrücklichste dagegen, daß unter dem Drucke der entstandenen Erregung Maßnahmen der Ver- waltung oder Gesetzgebung in die Wege geleitet werden, ivelche einen mit unsrer Rechtsordnung unvereinbaren Ein- griff in die Unverletzlich keil des Eigentums dar- stellen." Dieser Schluß reiht sich, wie man zugeben wird, dem übrigen Inhalt der famosen Resolution würdig an. Die Wirkung der Resolution nach außen ist denn auch, soweit bis jetzt Aeußernngen darüber vorliegen, erfreulicherweise derart, daß die sich gerade in den bürgerlichen Parteien in letzter Zeit schon wieder langsam verlaufende Opposition gegen das Kohlensyndikat erneut angefacht wird. Die„Deutsche TageS- zeitung" z. B. erklärt rundheraus, daß„angesichts der oft dar- gelegten wirklichen Lage der Dinge dieser Entschluß nur als ein be- dauerlicher Ausfluß nackte st er Jnteressenpolitikzu bezeichnen sei, der höchstens auf das H a n d e I s m i n i st e r i u in sonst aber nirgends Eindruck machen loerde". Es unterliegt für sie auch fkeinenil Zweifel,„daß die Gesetzgebung eingreifen muß". Die„Germania" schließt sich diesem Urteile an. und die Urteile der organisierten Bergarbeiter werden erst recht nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lassen. Die Herren des Kohlensyndikats dürften über die Wirkungen ihrer Resolutton also schwerlich sehr erfreut sein. Die Industrie über das Inkrafttreten»euer Handelsverträge. Während selbst über den Stand der Handelsvertrags- V e r h a n d- l u n g e n noch alles Wesentliche völlig im Dunklen liegt, beginnt die Industrie schon energisch die Frage zu erörtern, welche Frist für das Inkrafttreten des neuen Zolltarifs und neuer Handelsverträge in Betracht kommen werde. Mag diese eingehende Erörterung der Frage arnh noch reichlich früh sein, da ja noch gar nicht abzusehen ist, ob überhaupt irgend etwas zu stände kommt und in Kraft tretcir kann, fo ist die Frage doch an sich wichtig genug. Ursprünglich glaubte man ganz all- gemein, mit einer Uebergangszeit von einem Jahre rechnen zu können, da diese Frist in den bestehenden Handelsverträgen für den Fall der Kündigung vorgesehen ist. Allein da eine Verkürzung der Frist im Wege der Vereinbarung zwischen den verttagschließenden Staaten nicht ausgeschlossen erscheint, so müssen die Interessenten möglicherweise mit ei»e>n kürzeren Uebergangsstadium rechnen. Darüber nun, inwieweit eine Verkürzung der in Rede stehenden Frist befürwortet werden könne, hat die Handelskammer zu C h e»» n i tz bei den verschiedenen Industrie- und Handelszweigen eine Umfrage veranstaltet, aus der die„Kölnische Zeitung" längere Auszüge mitteilt, die ergeben, daß im allgemeinen die An- ficht vertreten wird, daß die einjährige Frist beizubehalten sei, und nur einige Industrien haben eine Verkürzung für unbedenklich erklärt. Die Möbel st off Weberei, die Spinnerei, die Kleider st offweberei und die Wirkivarenindustrie treten vor allem mehr oder weniger energisch für die ein- jährige Uebergangsfrist ein. Die letztgenannte Industrie, die gerade von Chemnitz und Umgegend große Mengen ihrer Er- Zeugnisse ins Ausland sendet, hält eine Verkürzung der Frist schon deshalb für unangebracht, weil mindestens ein Jahr zur Räumung solcher überseeischen Lager für deuffche Rechnung erforderlich ist. die nur in gewissen Jahreszeiten verkäuflich sind, und die, wenn in kürzerer Frist niedrigere AuSlandSzölle ein- träten, entwertet und dann nur init Verlust der Zolldifferenz ver- käuflich sein würden. Auch die Posan, entenlndustrie und im wesentlichen auch die M a s ch i ,1 e n i n d u st r i e und die Bunt- und Chroni Papierbranche, dann die Spielwaren- industrie, die chemische Industrie, der Kolonial- Warenhandel und die Müllerei sind für eine einjährige Uebergangsfrist. Die Holz st off- und Holzpappenbranche und die Industrie der Steine und Erden dagegen sehnen sich sehr nach„besseren Handelsverträgen" aus Grund des neuen Tarifs und möchten daher die K ü n d i g u>i g s f r i st e n der laufenden Verträge auf ein möglichst niedriges Maß herabgesetzt wissen. Mit der Hoffnung auf bessere Verträge für sich argumentiert besonders die erstgenannte Industrie, tvährend die letztgenannte vor allem fürchtet, daß bei langer Uebergangszeit und höheren Zollsätzen zwecklos iverdende Betriebserweiterungen vorgenommen werden, um in der noch bleibenden Frist möglichst große Absatzmengen zu den niedrigeren Zollsätzen zu erzielen, oder, falls die Zollsätze niedriger werden, eine unvcrhälttiismäßig lange Stockung im Absatz entsteht, weil die Lieferanten bis zum Einttitt ermäßigter Zollsätze mit den Lieferungen zögern. Auf dem Wege zum deutschen Cement- Syndikat. Die Kartel- lierung der oberschlesischen Cement- Vereinigung mit den Stettiner Werken ist nach Meldung des„Bresl. Gen.-Anz." auf 5 Jahre abgeschlossen. Beide Fabrikgruppen haben ihre Absatzgebiete abgegrenzt, so daß die Stettiner Fabriken jetzt in der Lage sind, ihre Preise auf gleiche Höhe mit den oberschlesischen zu bringen. Die oberschlesischen Cementfabriken haben in diesem Jahre bereits einen gegen das Vorjahr um 25 Pf. erhöhten�Preis. An den Zusammenschluß- Verhandluiigen nahm auch die hannoversche Gruppe teil, und man erwartet, daß diese sich in allernächster Zeit entweder dem West- fälischen oder dem Oberschlesischen-Stettiner Syndikat anschließen wird. Es bestehen also sehr große Aussichten, daß das allgemeine deutsche Cement-Syndikat für 1905 zu stände kommt, obwohl nicht außer acht zu lassen ist, daß schon seit ein paar Jahren solche Aus« sichten öfters vorhanden zu sein schienen, ohne daß sie sich schließlich doch realisierten. Vom oberschlesischen Eisenmarkt berichtet die„Schles. Ztsi." u. a.: Der Beschäftigungsstand der Walzwerke blieb aus der bisherigen Höhe, so daß nach wie bor für Fein- und Mitteleisensorten Liefer- fristen von 6 bis 9 Wochen und für Stab- und Baueisensorten, Winkel,' Wellen und Breiteisen 4—6 Wochen gefordert werden. Die Abladungszisfern für April und Mm sowie in der ersten Hälfte Juni haben dabei eine noch nicht dageweseneHöhe erreicht. In Bandeisen haben die Werke namentlich flott zu thun; der Eingang von Bestellungen hatosich nun auch für die stärkeren Sorten wesentlich gehoben. Huö der frauenbewegung. Johannisthal. Mittwoch, den 22. Juni, abends SVa Uhr. hält der Verein ftir Frauen und Mädchen von Schöneberg und Umgegend eine Wanderversammlung bei Merttn, Roonstr. 2 ab. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. Sommerfeld. 2. Diskussion. 3. Ver- schiedenes. Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen. Püntt- liches und zahlreiches Erscheinen aller Mitglieder erwartet _ Der V 0 r st a n d. Marktpreise von Berlin am 20. Juni 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. »Wetzen, gut D.-Ctt. mittel . gering »Roggen, gut . mittel gering fE erste, gut . mittel gering fHafer, gut , mittel . gering Richtstroh Heu Erbsen spcisebohnen Zinsen » ab Bahn. f frei Wagen und ab Bahn. 17.40 17,32 17.24 13,30 14,50 13,10 11,70 15,00 14,10 13,30 4,00 7,40 40,00 50,00 60,00 17,36 17,28 17,20 13,20 11,80 10,40 14,20 13,40 12,60 3,66 5.20 28,00 25,00 25,00 Kartoffeln, neue D.-Ctr. Rindsleisch, Keule 1 kg 60. Bauch, Schweinefleisch, Kalbfleisch Haminelfleisch. mttcr Eier Karpsen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebs« 60 Stück 1 kg per Schock 7,00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 3,60 2,00 2,80 3,00 2,20 2,00 2,80 1,40 16,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 2,20 1,40 1,40 1,20 1,20 0,80 ILO 0,80 3,00 (sei Zweigverein Berlin,- Sektion der Gips- u. Cementbranche, Donnerstag den 23. Juni, abends S'f, Uhr, im Gewertschaftshause, Engel-Ufer 15, grofter Saal s Oeueral Uersammlung. Tages-Ordnung: 144/85 1. Die Ausgestaltung unsres Bureaus und Wahl eines zweiten an- zustellenden Kollegen. 2. Beratung über die Verlängerung rcsp. Verbesserung unsres am 30. September 1304 zu Ende gehenden Vertrages. 3. Verschiedenes. In der Versammlung wird das Protokoll der 8. Gaukonserenz an die Mitglieder unentgeltlich verteilt. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist das Erscheinen aller Mit glieder notwendig. Mitgliedsbuch legitimiert; ohne dasselbe kein Zutritt. Ilei- Vorstand. I. A.: Otto Haese« IerKaWsmMckeMmrbk! Folgende Bäckermeister haben bsrvilUgk resp. den Tarif unterschrieben und sind deshalb in der Liste des letzten Sonntag nachzutragen: Dkutscbkr Holzarbeiter-Verband. Heute, Mittwoch, abends S'i, Uhr, im Gcwerkschaftshause, Engel-Ufer 15: Vertrauensmänner- Versammlung sämtlicher Bezirke und Branchen. Tages-Ordnung: 1. Das Krankcnkasscn-Gcsetz und die Acrztc- frage. Referent: Kollege C. Klingner. 2. Streiks und Differenzen. 3. Verbandsangelegenheiten. 85/14 SPV" Jede Werkstatt entsende Delegierte. Mitgliedsbuch nebst Ver- trauensmänner-Karte legitimiert. Die Ortsverwaltung. Am Donnerstag, den 23. Juni er., abends S'/s llhr, im Lokale des Herrn Pfeffer, Rosenthalerstraße 57: Oeffentliche Versammlung aller in Berlin und Umgegend als Kasteaaiachtr bklWizt. Stcllmachcr. Tages-Ordnung: t. Die Lohn- und Arbeitsverhälwisse der Berliner Kastenmacher. 2. DiS- kussion. 3. Verschiedenes. nie Kommission. Achtung! Achtung! Fliesenleger-Hilfsarbeiter! Verband d. Bau-, Erd- u. gewerbl. Hilfsarbeiter Deutschlands. Freitag, den 24. Juni 1904, abends 7'/, Uhr, im Rosenthaler Vereinshause, Rosenthalerstr. 57: Mitglirder-Uersammlung Tages-Ordnung: 1. Aus welche Weise können wir die Solidarität zwischen Mesenlegcrn und Hilfsarbeitern sichern? 2. Ist es möglich, unfern Vertrag aus der ganzen Linie zur Anerkennung zu bringen? 3. Verschiedenes. 33/12- Der wichtigen Tagesordnung wegen ist das Erscheinen aller Kollegen erforderlich.— Die Fliesenleger sind ganz besonders zu dieser Versammlung eingeladen. Die BerbandSleitnng. I. A.: Karl noiäomann. gtahlissement Snggeahagen = Jßoritzplatz.= hat für den Sommer 1905 seine Gesamträumlichkeiten an den Sonntage» an verehrliche Bereine, Gewerkschaften-c. zu vergeben. Für die Winter- Saison 1905/00 steht der obere Saal(Kaiser-Saal) an den Sonn- abenden zur Verfügung. 55572- Norden. Buttmannstr. 20, Hirsch. Kastanien-Allee 103, Adamitz. 13/14, Pape. Kolonicstr. 34, Muche. 28, A. Schneider. Köslincrftr. 3, C. Schmidt. Wiesenstr. 28, Secger. Ravensstr. 1, Ernst(hat schon Sonnabend beivilligt). Ackerstr. 153, Müller. Brunnenstr. 27, O. Hanke. 95, O. Hanke. Ruppinerstr. 12, O. Hanke. SiOdost. Admiralstr. 22, C. Blümcl. Lübbenerstr. 29. Gierz. Naunhnstr. 7, Fielitz. Waldemarstr. 66, P. Hamel. Osten. Memelerftr. 47, Nickisch. 8el»«nel>erg. Barbarossastr. 78, Wetzet. Rlxdorf. Folgende Nixdorser Bäckermeister haben den vor dem Einigungsamt festgelegten Tarif unterschrieben und bitten wir die Rixdorfer Bevölkerung, nur diese Bäckereien zu unlerftützen, alle übrigen Bäckereien in Rixdors sind gesperrt. Bergslr. 73, M. Kupfernagel. 122, Conrad Pente. Delbrückstr. 35, F. Ecke. Berlmerstr. 20, A. Voigtländer. 85, R. Lcinau. Emserstr. 44, M. Jeschal. Falksir. 3, Rabatt-Sparverein Südost. „ 21, M. Lehmann. Falkstr. 25/26, G. Persicke. Hobrechtstr. 1, P. Neubauer. Hohenzollernplatz 13, Dornbusch. vermannstr. 42, M. Firnstein. Jansenstr. 2, O. Hacker. Juliusstr. 65, I. Scholz. 31. Otto Ecke. Kaiser Friedrichstr. 12, A. Braun. Knescbeckstr. 38. E. Gruhlke. „ 68, R. Richter. Kirchhosstr. 32, Carl Hoffmann. 2, Rabatt-Sparv. Südost. Prinz Handjerystr. 24, Brix. 38, Leuchte. Richardstr. 104. Handtke. Ringbahnstr. 25, P. Scholz. Thomasstr. 7, R. Lobbes. 37. Arndt. Walterstr. 18, C. Pritschkow. Steinmetzstr. 39, R. Senstleben. , 129, Rab.-Sparv. Südost. Folgende Bäckermeister, lvelche die Bewilligung zurückgezogen oder durchbrochen haben, sind von der letzten Sonntagsliste ZU streichen: Norden. Christinen str. 27, Schaaf. Kastanien-Allee 29, A. Feuerherm. Gaudftstr. 9, I. Bauer. Gleimstr. 11, Giestler. Gartcnstr. 41, H. Schmidt. Gerichtstr. 6l, de la Motte. Metzerstr. 13, A. Hcnnig. Wichcrtstr. 153, H. Krause. �.chonh..Allee 70o, Vudritzki. „ 81, Schmidt. 126», W. Schwienhagen. Treskowstr. 26, A. Schulz, vormals Deubach(dieser Herr macht mit Vorliebe die Polizei aus unsre Kollegen, welche Konwolle stehen, aufmerksam). Reinickendorferstr. 57, Zicgler(dieser Herr ist besonders thätig in der Agitatton gegen unfern Verband und hat sämtliche Mitglieder des Verbandes aus seiner Bäckerei enttassen). Südost. Adawertstr. 85. Schulz. Lausitzerstr. 34, Schütze. Osten. Barnimstr. 17, Dorndorf. Langestr. 78, Wanjeck. Nordost. Marienburgcrftt. 48, Müller. Acr Uorftand des Uerlmudes der Mdier und Skrnfsgenossen Deutsdilands. 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Faul Kampttmo/or;„Wandlungen in der Theorie und Taktik der Social- demokratie." 75 Ps. 5408L- Nähercs durch den Verlag von G. Birk<& Co., München. Verlagsverzeichnis umsonst u. frei. Dr. Simmel, Specialarzt für[8/3* Ilant- und Harnleiden. 10—2, 5— 7. Sonntags 10—12 2—4. Jeden Donnerstag: Kopnicker Landstraße 25/26 Haltestelle d. Straßenbahn Siemens u.HalSke Kinder-Kostümfest und Ball. Kaffeeküche täglich geöffnet. Zu Sommer- und Wintersesten halte meine Lokalitäten bestens empfohlen. Villen-Kolonie Nieder-Sehönhansen Baustellen in schönster Lage Nieder-Schönhausens an vollständig regulierten Straßen mit Gas- und Wasserleitung; nur hochliegendes, trockenes Land. Per V0N 85 M. SN. 46192- Auskunft jederzeit im Bureau, Kaiserweg 3, Nieder-Schfinhausen. Jedes Wort: Pfennig. Das erste fettgedruckte Wort 10 P/r. Worte mit mehr als IS Buchstaben zählen doppelt. f€!eine ßmeigen. 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