Ihr. 151. RMnntffletrtS'IMinomodi: ßwonnements- Preis pränumerand» i Bierteljährl. a&) DU, mono«. 1,10 ÜW, WSchenMch SS Pf«, frei ins Haus, Einzelne Rummer 5 Pf«, EonnwgS. Nummer mit illustrierter Sonntag». Beilage.Di« Reue Welt» 10 Pf«, Post. Monnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-ZeitungS. PretSllfts. Unter«reuzOand für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Marl, für das übrige«uSIand S Marl pro Monat. LI. Jahrg. Vk Insertion!-Ledllhp letriigt für die sechsgespaltene flolonel. zeile oder deren Raum 40 Pfg,, für politische und gewcrlschaftliche Vereins. und BersamminngS-Anzeigen SS Psg. „Meine �nreigen", das erste(sett- gedruckteZ Wort 10 Psg., jedeS weitere Wort S Pfg, Worte über IS Buchstaben zühlen für zwei Worte, Jnleralc für die nächste Rummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Testtagen vis« Uhr vormittag» geäffnet, trfdjtlnt tigiich aufitr Illsntsg». Vevlinev VolkSvl�kk. Telegramm- Adresse: „S«,>sis«m»ltl»t kerlio" �entralorgan der fozialdcmokrati fchen parte! Deutfchlands. Redahtion; 8Al. 68, Lindenetraee« 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Donnerstag, den BO. Jnni 1904. CxpedMon: SM. 68, Lindcnetraeee 69. Fernsprecher: Amt IV. Rr. 1984. HboflneiDents-Linladiing. mit dem 1. Juli 1904 eröffnen wir ein neues Abonnement auf den„Vorwärts" mit seinem wöchentlich fünfmal ertcheinenden änterhaltungsblatt und der Sonntagsbeilage„Die tleue Stell". Für Berlin nehmen sämtliche Zeltungsspediteure sowie unsre Cxpeditlon, Cindenstrasse 69, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von 1 l�ark 10 Pfennig frei ins Raus. für das übrige Deutschland nehmen sämtliche Postanstalten Bestellungen zum Preise von 1 JMarh 10 Pfennig pro jVIonat (ausschliesslich 14 Pfennig pro Monat Bestellgeld) entgegen.(In der Post- Zeitungsliste sind jetzt die Zeitungen nicht mehr nach Hummern, sondern nach dem Alphabet geordnet.) Die Einziehung des Zeitungsgeldes von den bisherigen Postabonnenten erfolgt gegen Quittung durch die Briefträger, die zur vollgültigen Quittungsleistung berechtigt sind. Heu hinzutretende Postabonnenten können die Zustellung der Zeitung und die Einzahlung des Zeitungsgeldes auch schriftlich bei der zuständigen Postanstalt beantragen. Für derartige Bestell- schreiben etc. wird eine Gebühr nicht erhoben. Im fluflande kann der„Vorwärts" gleichfalls bei der Post bestellt werden; der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich in Belgien 5 Fr. 1 Cts.; Dänemark 3 Kr. 86 Oere; Holland 3 Fl.; Italien 5 Circ 61 Cts.; Luxemburg 4 Mk. 12 Pf.; Portugal 1455 Reis; Rumänien 6 Lei; Schweden 3 Kr. 87 Oere; in der Schweiz 5 Fr.; in England, Frankreich, Spanien, den Vereinigten Staaten von Hordamerika und andren zum Weltpostverein gehörenden Ländern 9 mark. Unter Kreuzband direkt von der Expedition bezogen kostet der „Vorwärts" pro Monat 2 Mark innerhalb Deutschlands und seiner Kolonien, in Oestreich-Ungarn und Luxemburg, im Ausland Z Mark pränumerando. Redahtfon und Expedition des„Vorwärts1'. Tolftoj über den japanifch-rnsfischen Krieg. London, 27. Juni.(Cig. Ber.) Die folgenschweren und zulunftSschwangeren Ereignisse, die sich gegenwärtig in Ostasien abspielen, haben die verschiedensten Kom« mentare hervorgerufen. Wir hatten geschichtliche Abhandlungen von Diplomaten, strategische Betrachtungen von militärischen Schriftstellern, weltwirtschaftliche und socialrevolutionäre Erwägungen imperialistischer und soeialistischer Denker, aber leine derselben kann sich an unmittelbarer ergreifender Wirkung auch nur annähernd ver- gleichen mit den Worten Tolstojs, die heute in etwa zwölf Spalten der„Times" veröffentlicht werden. Die ganze Kraft des slavischen Geistesheroen: die Unerschrocken- Heft eines alttestamentlichen Propheten, das mystische Feuer eines astatischen Religionsgründers, die sittliche Energie eines durch Askese und innere Kämpfe geläuterten Herzens, verbunden mit der Formen- gewandtheit und Harmonie des Oecidents— alles ist konzentriert in den Strafworten, die er den Machthabern seines großen und doch so unglücklichen Volkes entgegenschleudert. Die Kritik verstummt vor der Gewalt dieser Worte, die kalte vernunftgemäße Analyse erscheint momentan ganz belanglos, und man überläht sich den Schauern, die die unvergleichliche Propheten- stimme in der Seele weckt. »«0 » „... Etwas Unbegreifliches und Unmögliches an Grausamkeit, Falschheit und Thorheit wird jetzt zur Wirklichkeit. Der russische Zar, derselbe Dtaun, der die Völker zur Friedensliebe ermahnte, er- klärt jetzt, daß den Japanern das gethan werden soll, was sie uns thun wollen, d. h. daß man sie abschlachtet. Er erklärt ferner, daß er große Anstrengungen gemacht habe, den seinem Herzen teuern Frieden aufrechtzuerhalten. Seine Anstrengungen bestanden darin, daß er andrer Leute Land stahl und es militärisch besetzte... Männer der Wissenschast und der Rechtslehre bemühen sich, den Beweis zu erbringen, daß zwischen der Ein- ladung der Völker zur Haager Konferenz und der jetzigen Aufteizung zum Krieg kein Widerspruch bestehe.... Die Zeitungs- schreiber wetteifern mit einander, ihren Lesern zu beweisen, daß nur die Rnssen gerecht, stark und gut seien, während alle Japaner in jeder Beziehung nichts taugten; ebenso schlecht und unfähig seien alle, die Rußland feindlich gegenüberstehen, wie die Engländer und Amerikaner.... Eine Menge sogenannter aufgeklarter Leute, wie Profefforen, Soeialreformer, Studenten, Kanfleute geben den bittersten Gefühlen gegenüber den Japanern, den Engländern und Amerikanern Ausdruck und bekunden ihre Servilität gegenüber dem Zaren, in dessen Interesse sie sich aufopfern wollen. Dieser un- glückliche, schwankende junge Mann, der anerkannte Führer von 130000 000 Menschen, wird fortwährend betr�en und gezwungen, sich selbst Lügen zu strafen; vertrauensselig danft er den De- monstranten und segnet die Truppen, die er seine eignen nennt, und schickt sie auf Raub und Mord aus... Alle schenken sich gegenseitig abscheuliche Bilder, an die nicht nur die Gebildeten nicht glauben, sondern auch von dem einfachen Bauer nach und nach verleugnet zu werden beginnen;— alle bücken sich vor diesen Bildern und halten aufgeblasene und trügerische Reden, an die niemand mehr glaubt.... Betäubt durch Gebete, Predigten und Mahnreden, durch Prozessionen, Bilder und Zeitungen, eilen hunderttausende Leute zu den Fahnen, um Menschen zu erschlagen, die sie gar nicht kennen.... Und diejenigen, die es unternehmen, die Leute über ihr Thun aufzuklären, werden als Verräter bettachtet und laufen Gefahr, in brutalster Weise mißhandelt zu werden durch eine Menge, die keine andre Waffe als brutale Gewalt besitzen kann. „Es ist, als ob es nie einen Voltaire, Montaigne, Pascal, Swift, Spinoza oder Kant gegeben, die mit großer Kraft das Wahn- sinnige und Zwecklose des Krieges geschildert hätten; und überhaupt, als ob Jesus und seine Lehre von der GotteS- und Menschenliebe nie existiert hätten. Angesichts der Dinge, die man jetzt um sich sieht, empfindet man weniger die Schrecken des Krieges, als den Schrecken aller Schrecken— das Bewußtsein von der Machtlosigkeit der menschlichen Vernunft. Die Vernunft, die allein den Menschen vom Tiere unterscheidet, erscheint als überflüssig; sie ist nicht nur ein nutzloses, sondern ein verderbliches Anhängsel, wie die Zügel, die vom Kopfe des Pferdes herunterfallen, seine Beine verwickeln und es nur hemmen.... Die heuttge Welt gleicht einem Menschen, der, nachdem er sich vom geraden Wege verirrte, immer mehr bewußt wird, daß er sich auf dem unrichtigen Wege befindet. Aber je größer seine Zweifeh desto schneller und verzweifelter eilt er voran in der Hofft, ung, daß er irgendwo anlangen müffe. Die Zeit kommt indes, wo er sich vollständig klar wird, daß der Weg, den er wandelt, nur zu einem Abgrund führen kann, den er bereits zu sehen be- ginnt... ES ist klar, wenn wir unser Leben, das sowohl privat Ivie staatlich nur unser eignes Wohl sucht, so fortsetzen wie bis jetzt, und wenn wir unser Wohl mir durch Gewalt sichern wollen, wir unaufhörlich gezwungen sein werden, die Gewaltmittel zu erhöhen und Staat gegen Staat zu hetzen. Wir werden erstens den größten Teil unsrer Produktion fiir Rüstungen verwenden und den physisch best entwickelten Teil der Bevölkerung in Kriegen vernichten. Die Folge kann nur sein physische und moralische Ver- kommenheit.... Ein auftichtiger, ernster und vernünftiger Mensch kann sich nicht mehr mit dem Gedanken trösten, daß man diesen Uebeln abhelfen könne durch das Mittel eines Universalreiches, wie es die Römer, Karl der Große und Napoleon wollten, oder durch eine Weltgemein- schast, wie die mittelalterlichen Päpste sie herbeizuführen suchten, oder durch heilige Alliancen, durch das Gleichgewicht des europäischen Konzerts. Es ist unmöglich, ein Universalreich oder eine Universal- republik aufzubauen, denn die verschiedenen Rationalitäten lassen sich nicht in einen Einheitsstaat pressen... Aber unsre Staatsmänner sahen dies alles nicht. Gedanke und Rede dient ihnen nicht, um die menschliche Thäftgkeit in die richttgen Wege zu leiten, sondern um jede Thätigkeit, so verbrecherisch sie auch sein möge, zu rechtferttgen. Dies zeigte der Boerenkrieg, ebenso der japanische Krieg, der jeden Augenblick in eine universelle Schlächterei ausarten kann.... Wir eilen einem Abgrund entgegen und wir nähern uns seinem Rande. *** „Dieser Artikel war bereits fertig, als die Nachricht vom Unter- gange des„Pettopawlolvsk" eintraf. Diese nutzlosen Leiden und schrecklichen Verluste müßten doch die Leute aufklären, die die Ursache dieser Menschenveniichtung sind. Ich meine nicht Makaroff und seine Offiziere— diese wußten wohl, was sie thaten, und kannten die Gründe ihrer Handlungen—, aber ich denke an die unglücklichen Menschen, die, teils durch religiösen Schwindel, teils durch Furcht vor Sttafe, aus allen Teilen Rußlands zusammen- geschleppt wurden und in diese grausame, sinnlose Maschine gesteckt wurden, ohne je auf irgend welche Vorteile von ihren Gefahren und Entbehrungen rechnen zu können... Tausende Menschen werden im fernen Osten ihr Leben verlieren auf Befehl von Nikolaus Romanoff und Alexis Kuropatkin. Tausende von unglücklichen russischen Arbeitern, die an ihrem Unglück unschuldig sind und von dem Kriege nicht den geringsten Nutzen haben können, werden im Interesse von Spekulanten ge- opfert, die in Korea und China Länderraub treiben wollen.... Unsre Zeitungen sagen ganz offen, daß die Verluste zur See durch Siege zu Lande ausgeglichen werden müssen. Sie meinen, der Hauptfaktor des russischen Erfolges liege in unserm»nerschöpf- lichen Menschenmaterial. Das heißt: unser Volk soll mit seinem Leben für die Fehler der Regierung zahlen I Wenn kriechende Heu- schrecken einen Fluß überschreiten wollen, so geschieht es oft, daß so viele von den unteren Schichten ertrinken, bis die Leichen eine Brücke für die oberen Schichten bilden. In derselben Weise wird unser Volk behandelt. Ich hatte soeben die letzten Manuffripte abgesandt, als die schrecklichen Nachrichten über die Schlacht am Dalu einttafen.... Die rohen und servilen Sklaven der Sklaven haben wieder Tausende von ehrenhaften, guten und fleißigen Arbeitern der Vernichtung entgegengeführt. Und dieses Verbrechen weckt weder Nachdenken noch Neue bei den Herrschenden, sondern wir hören von allen Seiten, daß wir noch mehr Menschen brauchen, um sie zu verstümmeln und abzuschlachten und noch mehr russische und japanische Familien in Trauer zu versetzen.... Die einmal begonnene schreckliche Arbeit wird fortgesetzt: Plünderung, Gewalt, Diebstahl, Heuchelei, Mord, und was noch schlimmer ist: Verzerrung der religiösen Lehren von Jesus und Buddha.... Wann wird die ein Ende nehmen? Wann wird sich einmal das Volk erheben und sagen:„Ihr Zaren, Mikados, Minister, Bischöfe, Geistliche, Generale, Zeitungsschreiber, Spekulanten, die Ihr Krieg wollt. geht selbst unter den Regen von Kugeln und Granaten; wir wollen keinen Krieg und wollen uns nicht gegenseitig erschlagen. Laßt uns in Ruhe, um zu ackern, zu säen, auf- zubauen und auch Euch Müßiggänger zu füttern!"... Die Haltung vieler Leute diesem Krieg gegenüber ist ein« ganz andre als im Jahre 1877. Was sich jetzt ereignet, hat sich noch nie ereignet. Die Zeitungen erzählen von den, Enthusiasmus, mit dem der Zar, der die Leute zum Morden hypnotisieren will, überall auf seinen Reisen empfangen wird. Thatsächlich verhält sich die Sache anders. Von allen Seiten höre ich Berichte über die Unwilligleit der Reservisten, in den Krieg zu ziehen. Mehrere Reservisten haben Selbstmord begangen und überall find die Seenen, die sich bei der Abreise der Reservisten abspielen, herz- zereißend. „Der große Kampf unsrer Zeit ist nicht der, welcher sich zwischen den Japanern und Russen abspielt, noch der, welcher zwischen der weißen und gelben Rasse entflammen kann, und auch nicht der Kampf, der mit Bomben, Minen und Kugeln geführt wird. Es ist ein Kampf zwischen dem sich klärenden Menschenbetvnhtsein und der Dunkelheit und Last, die die Menschheit bedrücken."— PoUtifche CUberficbt. Berlin, den 29. Juni. Eine Mirbach-Kirche. Zur Freiwilligkeit der Mirbach- Spenden dürste folgendes Ge- schichtchen einen Beitrag liefern: Gelegentlich eines Kirchenbaues in Homburg wandte sich der dortige Bürgermeister an einige reiche Leute, legte ihnen nahe, daS Portemonnaie möglichst weit zu öffnen— kleine Beiträge„allgemein unbeliebt" I— und stellte ihnen den baldigen Besuch des Freiherr» v. Mirbach in Ausficht. Einer, übrigens ein Jude, gab 25 000 M. Ein andrer, ein aus dem Judentum Ausgettetener antwortete, daß er ablehne, einen Beittag zu geben; er würde seinerseits die Diskretion über den Schritt des Bürgermeisters wahren und stellte es dessen Takte anheim, wie er Herrn v. Mirbach von der Absicht dieses Besuches abbringe. Darauf einneuesSchreiben, in dem daS Interesse des Kaiserpaares für Homburg im allgen, einen und gerade für diese Kirche im speciellen betont wurde; es handle sich um die Freileguug der Kirche, denn Bau und Ausstellung seien sicher gestellt; also Herr v. Mirbach würde sich doch die Ehre geben. NZeue Ablehnung des Hom- burger Bürgers, er lege absolut keinen Wert anf Orden und ähn« liche Auszeichnungen, sähe sich nicht veranlaßt, Gelder für die Zwecke dieser Kirche beizusteuern, und bäte, daß der Besuch deS Herr« v. Mirbach unterbleibe. Der dritte Brief des Bürgermeisters teilte daraufhin in lakonischer Weise mit, wann Herr v. Mirbach sich die Ehre geben würde. Der Homburger antwortete dann, er sei an dem betreff e nTeu Tage geschäftlich verreist und bäte, Herrn v. Mirbach davon zu verständigen...._ Mirbach-Flucht. Es wird fortgesetzt vermutet, daß der preußische Minister des Jimern der Mirbach-Interpellation im Abgeordnetenhanse auszu- weichen gedenkt. Die Vorlage, die das Abgeordnetenhaus bis zum 18. Oktober vertagt, liegt bereits vor; wenn Herr v. Hammerstein die Beantwortung der Interpellation nicht für einen der allernächsten Tage noch zusagt, wenn er andrerseits die Antwort auch nicht ablehnt, worauf eine alsbaldige Besprechung eintreten kann, so würde die Verweisung der Angelegenheit in den Herbst von jedermann nur als Flucht vor der parlamentarischen Besprechung der Mirbachiade aufgefaßt werden müssen. Uns scheint zunächst, als beruhte diese Flucht auf über« t r i e b e n e n Angstvorstellungen. Es ist zwar sicherlich selbst ftir einen Minister von den großen Geistesgaben deS Herrn v.Hammer- stein eine dornige Aufgabe, die Beantwortung dieser Interpellation zu leisten, ohne das leicht erregbare Mißfallen der maßgebenden Hofmeisterkreise zu erregen. Aber man sollte dennoch meinen, die preußische Regierung müßte die Interpellation mit besonderer Freude empfangen. Denn ohne Zweifel findet hier die Regierung Gelegen- heit, die Mirbach-Aergernis derjenigen, die sich durch jeden Köder be- friedigen lassen, zu mildern und so die Situation der in die An- gelegenheit gezogenen hohen Persönlichkeiten einigermaßen zu lindern. Die Interpellation befaßt sich nur mit einer, wenn auch sehr interessanten Nebensächlichkeit der Mirbach-Affaire. Sie behandelt lediglich die Benutzung des behördlichen Apparats zur Klingel- beutelei des Oberhofmeisters. Es möchte scheinen, daß die Besprechung dieser Einzelftage dem Minister nicht nur keinerlei Schwierigkeiten bereiten kann, sondern ihm willkommen sein muß. Die ungehörige Be- Nutzung des amtlichen Apparates ist nicht eine Neuerung des Herrn v. Mirbach. Wie oft werden Staats- und Reichsbehörden durch die Minister und Staatssekretäre zu parteipolitischen Zwecken benutzt, die ihrer Benifsaufgabe fern liegen. Bücher und Zeitungen gegen die Socialdemokratie zu verbreiten, ist eine den Landräten ständig zugemutete Aufgabe; vor einiger Zeit erst wurde ihnen die Ver- breitung der Bülow-Reden aufgettagen. Wenn aber auch ber Minister zugeben müßte, daß Frhr. v. Mirbach, ohne ihn zu unterrichten, den Sammelerlaß an die Oberpräsidenten hat ergehen lassen, so könnte gerade er, als der Uebergangene, dem Oberhofmeifter das Zeugnis ausstellen, daß eine Uebergehung ministerieller Befugnisse von ihm nicht beabsichtigt gewesen sei. Es würden dann all: Parteien des Abgeordnetenhauses das Ver- fahren des Freiherr« in dieser Hinsicht mißbilligend besprechen und Herr v. Hammerstein könnte schließlich die Sache würdig mit der Erklarimg abschließen, daß Freiherr v. Mirbach selbst ihm ver- sichert habe, er bedauere den formalen Jrrtuin, aber jede Absicht, an die behördlichen Organe vom Hof aus Anordnungen ergehen zu lassen, habe ihm natürlich ganz fern gelegen. So könnten schließlich Freiherr v. Mirbach und der Hof aus der Interpellation Honig ziehen. Warum dennoch die Flucht vor der Interpellation? Sie läßt sich nur dadurch verstehen, daß der starke Präsident des Abgeordneten- Hauses, Herr v. Kröcher, nicht als stark genug befunden wird, den starken Herrn v. Hammerstein vor der A u f r o l l u n g eines größeren Teils des Kirchenbau- und Hofbank- skandals zu schützen I— Flotte n-Diner. Vor der Abreise des Königs von England hat ein noch- maliger Rede-Austaus ch zwischen ihm und dem deutschen Monarchen stattgefunden. Es wird darüber telegraphisch be- richtet: Kiel, 23. Juni. Während des heutigen Diners ergriff Seine Majestät der Kaiser das Wort, um darauf hinzuweisen, daß die Anwesenden in Seiner Majestät dem König von England den Höchstkommandierenden der englischen Flotte vor sich zu haben die Ehre hätten. Seine Majestät erinnerte daran, wie er schon als Knabe von seinen Eltern nach England geleitet, in Portsmouth und Plynionth die englische Marine kennen und bewundern gelernt habe. Er habe danmls unter kundiger Leitung manche Fahrt auf dem„Delphin" und der „Alberta" gethan und Panzerkolosse entstehen sehen, die seitdem ihren Dienst gethan hätten und von der Rangliste verschwunden wären. Das gewaltige Treiben auf See im Mittelpunkt der größten Kriegsmarine der Welt habe damals auf sein jugendliches Gemüt einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Beim Rückblick auf diese Jugendeindrücke werde es der König verstehen, wenn der Kaiser das,'was er einst als junger Mensch in England gesehen und was sich ihm tief ein- prägte, später versucht habe als Regent in einer den Ver- Hältnissen seines Landes entsprechenden Weise zu verwirk- lichen. Wenn das Kennerauge des Königs die Schiffe des deutschen Geschwaders trotz ihrer geringen Anzahl und ihre Mannschaften anerkennend beurteilt habe, so spreche der Kaiser dafür Seiner Majestät den innigsten Dank auS. Seine Majestät der Kaiser forderte zum Schluß die Anwesenden auf, ihre Gläser zu erheben auf das Wohl Seiner Majestät des Königs Eduard VII, gleichzeitig aber auch der Kameraden von der eng- tischen Marine zu gedenken, derjenigen, die heute hier weilten, derjenigen,»üt denen wir vor Peking gestanden hätten und aller derjenigen, deren liebenswürdige Gastfreundschaft wir an so vielen Punkten der Erde genossen hätten. Seine Majestät der König Eduard VH. Hipp, Hipp. Hurra. König Eduard erwiderte in deutscher Sprache, daß die Worte des Kaisers ihn tief gerührt hätten. Er kenne das Interesse, das der Kaiser au der englischen Marine seit jeher genommen habe. Er sei überzeugt, die deutsche Marine werde durch das Interesse und die Kenntnisse des Kaisers immer hervorragender werden. Er sei ferner davon überzeugt und es sei sein Wunsch, daß die beiden Flotten immer in freundschaftlichem Verhältnis stehen und daß sie immer erfreut sein würden, sich zu sehen und sich zu begrüßen, in welchem Lande es auch sei. Er danke dem Prinzen Heinrich für das schöne Diner und habe sich sehr gefreut, so viele distinguierte Admirale und Offiziere zu sehen. Er wünsche noch- mals seinen Dank zu bezeugen für die Gastfreundschaft, die ihm hier geboten worden sei und denen, die mit ihm gekommen wären. Sein Aufenthalt hier werde ihm immer in bester Erinnerung bleiben. Er kehre zurück mit den angenehmsten Eindrücken..Ich trinke auf das Wohl Seiner Majestät des Kaisers, mit dem mich innige Freundschaft verbindet, seit wir uns kennen. Seine Majestät der Kafter lebe hoch!" Zur Beurteilung der politischen Beziehungen zwischen England und Deutschland geben auch diese Reden nichts Neues und Bemerkens- wertes. Interessant ist nur, daß der König von England versichert. es habe ihm mit dem Kaiser„innige Freundschaft verbunden, seit wir uns kennen." Wenn auch die Ueberschwänglichkeit all solcher Besuchsreden in Rechnung gestellt wird, so zeigt dieses Wort doch in besonderer Eindringlichkeit, wie wenig die persönlichen Beziehungen zwischen Monarchen die staatlichen Beziehungen ihrer Länder bestimmen können. Die„innige Freund- schaft" zwischen dem englischen Oheim und dem deutschen Neffen hat nicht verhindert, daß das politische Verhältnis zwischen den beiden Nationen seit zehn Jahren ein stets gespannteres wurde. Peking und dergleichen hat gegenüber dieser leider festzustellenden Thatsache keine Bedeutung. Und so kann der Politiker auch nicht erwarten, daß aus den Dinerreden von Kiel die zukünftigen Beziehungen zwischen England und Deutschland Besserung gewinnen werden. Hierzu bedarf es durchaus andrer Mittel, die wir wiederholt besprochen haben. I n n e r politisch von Interesse ist in der Rede des Kaisers der Hinweis auf die geringe Zahl der deutschen Kriegsschiffe. Obschon die Marinevorlagen der Regierung, abgesehen von unwesentlichen Kleinigkeiten, stets durch den Reichstag bewilligt wurden und obschon das große Flottenbauprogramm bis 1920 alles, was die Regierung nach wiederholter Uebergipfelnng früherer Programme als nötig an- gab, leisten soll, erscheinen dem Kaiser die deutschen Kriegsschiffe noch immer in„geringer Zahl". Freilich, der Kaiser erzählt von dem unauslöschlichen Eindruck, den er in seiner Jugend von der großen englischen Flotte erhalten habe und von seinem Streben, diese englischen Leistungen auf deutsche Verhältnisse zu übertragen; kein Wunder, daß bei solchem Zergleich die deutsche Flotte noch immer gering an Anzahl erscheint, denn allerdings hat England, seitdem Deutschland ihm auf diesem Gebiete eifrig nachahmt, mindestens die gleiche Zahl der Kriegsschiffe neu erbaut als die gelehrigen Schüler. So bleibt die deutsche Flotte in aller absehbaren Zeit von„geringer An- zahl". Wir wünschen nur dem englischen Volke, daß König Eduard nicht aus der Kennwis der gewaltigen Landarmee Deutschlands das unauslöschliche Streben gewinne, auch für England zu der großen Marine ein riesenhaftes stehendes Heer zu schaffen. Bis jetzt hat England in kriegerischem Rüsten nicht so eifrig von Deutschland ge- lernt als Deutschland von England. Uebrigcns: so sehr das Streben des deutschen Kaisers, englischem nachzueifern, seine geistige Regsamkeit beweist, mancher, der England kennen lernte, mag der Meinung sein, daß dort vielerlei politische und sociale Einrichtungen herrschen, die weit- inehr nachstrebenden Eifer? würdig sind als gerade die Panzer- loloßbauten von Portsniouth und Plymouth.— Deutfchcs Reich. Ter Wahrheit die Ehre. Zur dritten Beratung der An sie de- l u n g s b o r l a g e, die am Donnerstag erfolgt, haben die Polen eine Reibe von Anträgen gestellt, von deuen ivenigstens einer An- nähme finden sollte; er bezweckt nämlich zu verhüten, daß das Aus- nahmcgesetz nicht unter einer Lüge segelt. Da es bekanntlich zu den Haupttugendcn des Deutschtums gehört, die Wahrheit unter allen Umständen zu achten, so werden die wütenden Germanisatoren des Landtags hoffentlich durch Annahme des Antrags den Polen ihre Dankbarkeit beweisen, daß sie das Bekenntnis der Wahrheit zu fördern versuchen. Nach dem neuen polnischen Antrag sollen nämlich in der lieber- schrift hinter den Worten„betreffend die Gründung neuer Ansiedc- lungen" die Worte eingefügt werden: „beziehentlich die Erschwerung und Hinderung von Ansiedelungen preußischer Staatsbürger polnischer Nationalität. Das ist der Zweck des Gesetzes, und man sollte mit deutscher Ehrlichkeit sich zu dieser That lvenigstens bekennen. Hat das Deutschtum nicht einmal den Mut seiner Gewaltthaten, so wäre es wirklich schade um jeden Deutscheu, den die Pole» nicht„ver- drängen". Auch die Annahme eines zweiten Antrages sollte selbstverständ- lich sein: Folgenden neuen Artikel V aufzunehmen: Das Gesetz findet keine Anwendung auf diejenigen Landgüter, welche nachioeislich vor dem 11. Februar 1904 zum Zwecke der Aufteilung erworben worden sind. Einem allgemeiner gehaltenen Antrag zur zweiten Lesung, daß das Gesetz keine rückwirkende Kraft erhalten solle, widersprach Herr v. Hammerstein mit der Bemerkung, daß seit dem Bekanntwerden der Vorlage von den polnischen Banken ungeheuere Strecken Landes zur Parzellierung angekauft worden seien. Der jetzige polnische Antrag schlägt dieses Argument— das übrigens ohnehin unglaublich ist; denn die polnischen Banken werden schwerlich Neigung gehabt haben, sich mit voraussichtlich unverkäuflichem Besitz zu belasten— dem Minister aus der Hand; nur auf diejenigen Landgüter soll da- nach das Gesetz keine Anwendung finden, die vor der Ver- öffentlich» n g des Entwurfs erworben worden sind. Schließt sich das Abgeordnetenhaus diesem Antrag nicht an, so sanktioniert es einen Akt schnödester Konfiskation von Eigentum.— Geistesfunken des Polizeiministcrs. Der Tollheit der anti- polnischen Ansiedelungsvorlage entsprach die Intelligenz, mit der sie verteidigt wurde. Herr v. Hanimerstein hatte es bei der ersten Lesung mit dem Centrum verdorben, weil er den Abg. Roeren gemahnt hatte, den Mund nicht so voll zu nehmen. Der Minister batte offenbar den bündigen Auftrag, bei der zweiten Lesung den falschen Zungenschlag zu reparieren und das mächtige Centrum durch eine artige Schmeichelei wieder zu versöhnen. Herr v. Hammerstein strengte denn auch seinen Witz an und die Schmeichelei fiel— nach dem anitlichen Stenogramm— also aus: „Nun habe ich zu Ihnen allen", so rief er dem Ccntrum zu, „das festeste Vertrauen, daß Ihr Deutschtum ebenso stark und fest ist, wie das der Mehrheitsparteien. Sie haben das bestätigt im Kriege 1370, da ging es auch gegen eine katholische Macht, und da haben Sic nickst deshalb, weil die Macht katholisch war, sich auch nur lässig in der Ausübung ihrer Pflicht erwiesen sUnruhe im Centrnm), sondern als echte Deutsche ihre Pflicht voll gethan. Aber glauben Sie mir, auch hier handelt es sich nicht um den Katholizismus, sondern um die politische Machtstellung des Vater- landes, und diese politische Machtstellung, wie wir sie 1370 er- worbeu haben nach außen szunebnieude Unruhe), so wollen wir sie im Innern durch die notwendigen Maßregeln für immer er- halten und stärken(fortgesetzte große Unruhe), und deshalb bitte ich Sie: überlegen Sic sich noch einmal, ob Sie nicht mit uns für dieses Gesetz eintreien können!(Lebhaftes Bravo! rechts, leb- haste Unruhe im Centrum.) Mit dieser feinen Schmeichelei versetzte der Herr Minister natürlich dem Centrum die tödlichste Kränkung, die ihm überhaupt begegnen konnte; denn die ministerielle Anerkennung setzt die Möglich- keit des Verdachts eines hochverräterischen Ultramontnuismus vor- aus, wie er in den Kulturkanipszeiien auch ausgesprochen wurde. Das Ccntrum lärmte denn auch gehörig, und der Lärm wäre wohl noch größer gewesen, wenn das Haus nicht durch die Absurdität der Beschwörung im Augenblick vollständig verblüfft gewesen wäre. Die„Kölnische Volkszeitung" quittiert über diese nußglückte Schmeichelei wie folgt: „Also nach der Auffassung eines preußischen Ministers war der Krieg gegen Frankreich ein Krieg gegen eine katholische Macht! Und da macht man den deutschen Katholiken immer wieder den Vorwurf, sie trügen konfessionelle Gesichtspunkte in alle möglichen Dinge hinein, wohin sie nicht gehören I Es ist den deutschen Katholiken doch nicht eingefallen, den deutsch-frauzösischen Krieg unter dem konfessionellen Gesichtspunkte zu betrachleu— das haben sie andren Leuten überlassen—; es war für sie ein Krieg gegen den damaligen Gegner ihres Vaterlandes, und damit basta! Der„Katholizismus Frankreichs, mit dem es übrigens so eine Sache ist, kam dabei für sie nicht in Betracht. Welches Maß von Taktlosigkeit gebört doch flir einen Minister dazu, mit solchen Erwägungen zu operieren I Den deutschen Katholiken gewissermaßen ein Lob zu spenden, daß sie wie ihre übrigen Volks- und Landesgenossen in einem Krige gegen ein auswärtiges Volk ihre Schuldigkeit gethan haben, was doch etwas ganz Selbst- verständliches ist! Zweifellos hat der preußische Minister des Innern gestern seinen vielen rednerischen Entgleisungen eine bemerkenswerte neue hinzugefügt." Vielleicht beruht aber das Hanimersteiusche Argument auf einem im schwimmenden Ministcrhotel zu Kiel gefaßten Regiernngsbeschluß. Herr v. Hammerstein kam ja gerade von der See, die doch flir die Ausweitung des staatsmännischen Blickes so außerordentlich fördersam sein soll.— Mit einer Aussperrung polnischer Landarbeiter drohte im Abgeordnetenhaus der nationalliberale Rittergutsbesitzer Sieg, indem er den Polen zurief: „Seien Sie doch froh, daß die deutschen Arbeitgeber keinen Haß gegen die Polen fühlen, und daß sie deshalb ruhig polnische Arbeiter beschäftigen. Wenn wir uns auf den rein deutschen Stand- Punkt stellen und keine polnischen Arbeiter beschäftigen wollten, dann sind Sir Pleite!" „Wie nun aber, verehrter Herr, wenn die polnischen Landarbeiter st r e i k t e n", fragt mit ätzender Bosheit die„Köln. Volksztg.". Ja, dann würden die rein deutschen Rittergutsbesitzer rein deutsches Militär requirieren, damit die Polen gewaltsam wieder zur Arbeit getrieben würden. Aber die Siegsche Drohung hat doch auch ihre Bedeutung. Denn wenn die Arbeitgeber bereits mit dem Gedanken einer A u s- sperrung von Landarbeitern spielen, dann können doch selbst die beschränktesten Agrarier nicht mehr das den Landarbeitern bisher verwehrte Streikrecht weigern. Wenn die deutschen Grundbesitzer aus nationalen Gründen die polnischen Arbeiter entlassen, so können natürlich auch die polnischen Arbeiter aus nationalen Gründen den deutschen Arbeitgebern ihre Hände eutzieheu. Das von derselben preußischen Regierung, von der die Ansicdelungsvorlage ausgeheckt wurde, erzeugte Kontraktbruch-Gesctz muß nach Herrn Sieg die Wirkung haben, die Polonisation zu fördern, indem es die polnischen Arbeiter geradezu an die d e u t s ch e Scholle fesselt. Die beiden Gesetze arbeiten folglich gegen einander.— Ei» parlamentarischer Zwischenfall. Als am Dienstag im preußischen Abgeordnetenhause der Centrumsführer Bachem gegen- über einer Bemerkung des Grafen Limburg-Stirnm behauptete, das Centrum habe nicht gleich den Konservativen die erste Rede des Herrn v. Dziembowski durch laute Privatgespräche gestört, kam von rechts der schrille Ruf: Lüge! Die„Tägliche Rundschau" leugnet heute, daß der Zwischenruf gefallen. Vergebens!„Lüge" wurde nicht von einem, sonder» von mehreren Konservativen, und nicht einmal, sondern wiederholt hintereinander gerufen. Es herrschte eben— Zollkampfstimmung bei den edlen Herren auf der Rechten!—■ Keine Abnahme der Soldatcnmißhaudlungeu. Nach der amtlichen Miniinalsiatistik für das deutsche Heer und die kaiserliche Marine hat im Jahre 1903 die Zahl der wegen Miß- Handlung von Untergebenen Bestraften 773 betragen gegen 777 im Jahre 1902 und 770 im Jahre 1901. Die Zahl der bestraften Soldatenschinder, die ja bekanntlich weit geringer ist, als die der nugemeldet oder uuentdcckt gebliebenen, ist also während dreier Jahre durchaus die gleiche geblieben. Nach so manchem unbegreiflich milden Kriegsurteil kann diese Thatsache ja auch nicht überraschen.— Schwere Soldatenprügeleien kamen vor dem OberkriegZgericht in Breslau am Dienstag zur Aburteilung. Drei Musketiere vom 22. Infanterieregiment in Beuthen, sogenannte„alte Leute". lvareu in Gemeinschaft mit Rekruten in ein Bierlokal eingekehrt. Als ein Bieruntersatz herunterfiel, befahl einer der drei Angeklagten dem Rekruten Burkhardt, denselben aufzuheben. Da dieser dem „Befehl" nicht nachkam, ereilte ihn abends in der Kaserne ein Strafgericht. Die Rekruten wurden mit Fäusten und Klopfpeitschen geschlagen, geohrfeigt und einer von ihnen mit dem Seitengewehr so zugerichtet, daß er 16 Tage lang krank lag. Gegen das Urteil des Kriegsgerichts, das gegen die Prügelhelden 2—3 Monate Gefängnis ausgesprochen hatte, legte der Gerichtsherr Beruftmg ein. Er forderte höhere Bestrafung, da durch solche Mißhandlungen sehr oft Rekruten zur Fahnenflucht getrieben würden. Das Ober-Kriegsgericht erkannte auf zwei, drei und vier Monate Gefängnis.— Die Begründung der Berufung durch den Gerichtsherrn wäre bei mißhandelnden Vor- gesetzten auch sehr oft angebracht. Der Staat ist in Gefahr! In Freiburg, der badischen Universitäts- stadt, wollten unsre Genossen eine öffentliche Versammlung abhalten mit der Tagesordnung:„Die Ausweisungspolitik der badischen Re- gierung". In der Versammluugseinladung war zur Begründung des Themas auf die Ausweisung russischer Studenten und eines ausländischen Gewerkschaftsführers hingewiesen. Die Polizeibehörde hat nun diese Versammlung verboten, unter Berufung auf Z 4 des badischen Vereins- und Versammlungsgesetzes, der von der„ G e- fährdung des Staates und der ö ff entlichen Sicher« h e i t" spricht. Die socialdemokratische Landtagsfraktion hat sofort, wie uns aus Baden geschrieben wird, eine Interpellation eingebracht, in welcher sie anfrägt, was die Regierung zur Verhinderung der- artig widerrechtlicher Beschränkung der Versammlungsfreiheit thun will. Wahrscheinlich giebt das wieder eine recht lebhafte Landtags- Verhandlung, denn bisher war es in Baden nicht üblich, Versamm- lungen zu verbieten oder aufzulösen. Die letzte verbotene Versamni- lung war eine Märzfeier 1899 in Mannheim, bei der unser Liebknecht die Festrede halten sollte.— Ein Kurpfuschergcsctz ist— wie uns aus Baden berichtet wird — im badischen Landtag doch noch durchgedrückt worden. Die parlamemarische Kommission hat sich durch die Blamage der Zurück- Verweisung ihrer Vorschläge nicht abhalten lassen, ihren Spiritus auf ein Polizeigesetz gegen nicht zünftige Aerzte und gegen die Presse zu verschwenden. Den Anstrengungen des„demokratischen" Kommissions- Vorsitzenden Venedey ist es gelungen, das Machwerk unter Dach zu bringen. In der Kommission sind einige anstößige Bestimmungen gefallen, insbesondere solche gegen Heilmethoden und nichtapprobierte Heilkundige. Dafür sind grobe Verschlechterungen in das Gesetz gekommen, welche sich hauptsächlich gegep die Preffe richten. So z. B. die echte polizeiliche Kautschukbestimmung, daß bestraft wird, wer gewisse im Gesetz verbotene Ankündigungen und Anpreisungen verbreitet,„ob- w o 1, l e r nach ihrem Inhalt wissen muß", daß sie unter das fragliche Verbot fallen. Tie socialdemokratische Fraktion stimmie allein gegen das Gesetz.— Ein Angriff auf das Gemeindewahlreckst in Elsaß-Lothringen. Mülhausen i. Elf., 27. Juni.(Eig. Ber.) Der Gemeinde- Wahlsieg unsrer Partei vom 19. d. M., der dritte entschiedene Ge- mcindcwahlsieg innerhall' zweier Jahre, der der so selbstbewußten Bourgeoisie Mülhausens die Hoffnung benimmt, ihre im Jahre 1902 gebrochene Rathausherrschaft in absehbarer Zeit wieder zu errichten, hat eine Folge gezeitigt, die zwar für uns Socialdemokraten nichts Ucberraschendcs hat, die aber doch auch über das Weichbild unsrer Arbeiterstadt hinaus die öffentliche Beachtung verdient. Der liberale „Erpreß"(„Industnd Alsacicn"), das dem nationaMberalrn Reichstagsabgeordneten Theodor Schlumberger persönlich ganz nahe stehende Organ unsrer oberelsässischen Großindustriellen, erhebt laut für die Abänderung des in Elsas« Lothringen bestehenden Gemeinde- Wahlrechtes seine Stimme. Ilnd zwar zielt der Angriff dahin, das schon durch die Köllersche Gemeindc-Ordnung von 1895 verkümmerte allgemeine Stimmrecht im Sinne eines Censns- und Klassenwahl- rechts nach preußischem oder belgischem Muster zum Nachteil des arbeitenden Volkes noch mehr zu beschneiden. Als eines der wenigen guten Vermächtnisse ans der französischen Zeit besteht siir die Gemeinde-, Kreistags- und Bezirkstagswahlen in Elsaß-Lothringen noch ein Wahlrecht, das unserm Rcichstagswahl- recht nicht sehr weit nachsteht. In der Frühlingszeit des zweiten Kaiserreichs, in den Tagen der kaiserfroheu französischen Plebiscite, war durch Gesetz vom 7. Juli 1352 das französische Kammerwahl- recht auch auf die Wahlen zum Gemeinderate ausgedehnt worden. Nach diesem Rechte aber, d. h. gemäß den Artikeln 12 und 13 des organischen Dekrets vom 2. Februar 1852 über die Wahl der Ab- geordneten zum gesetzgebenden Körper, waren, auch ohne daß sie Steuern zahlten, alle Bürger im Besitze des Wahlrechts, welche die bürgerlichen und politischen Rechte besaßen und wenig st ens 21 Jahre alt waren. Die Aufnahme in die Wählerliste war nur an einen wenigstens sechsmonatigen Aufenthalt in der Gemeinde geknüpft. Nach der Vereinigung Elsaß-Lothringens mit dem Deutschen Reiche machte sich die Wohlthat der Bismarckschen Um- armung der„wiedergewonnenen Brüder" zunächst in der Weise geltend, daß durch das Gesetz vom 24. Januar 1873 die Wahl- berechtigung in der Gemeinde auf diejenigen Bürger beschränkt wurde, welche im Vollbesitze der staatsbürgerlichen Rechte waren und das 2 5. Lebensjahr zurückgelegt hatten. Hingegen wurde die Ausübung des Wahlrechts in der Gemeinde durch dieses Gesetz von einer bestimmten Aufenthaltszeit nicht mehr abhängig gemacht,— galt es doch, gegen die protestlerische einheimische Bevölkerung durch die sofortige Gewährung auch des Gemeindewahlrechtes an das ein- wandernde deutsche Element(Beamte, Kaufleute usw.) eine Art Gegengewicht zu schaffen. Als dann mit den Reichstagswahlcn von 1890 und 1893 das Protestlertum endgültig zusammenbrach, pfiff der Wind bald aus einer andern Richtung. Man entdeckte plötzlich, daß durch die Gewährung des aktiven Gemeindewahlrechtes an alle angesessenen und nichtangesessenen, besitzenden und nichrbcsitzenden Gemeinde-Einwohner in ganz gleicher. Weise„das Schwergewicht der Macht bei den Gemeindewahlen in den nichtbesitzenden Teil der Bevölkerung gelegt" werde.„Die Gefahren dieses Systems", sagt mit großer Offenheit der vom Oberregierungsrat A. Hallet) verfaßte Kommentar zu der neuen Gemeindc-Ordnung vom 0. Juni 1395, „traten umsomehr hervor, je mehr sich bei einem Teile der Be- völkerung Anschauungen Eingang verschafften, die die Grundlagen der gesamten socialen und wirtschaftlichen Ordnung und die ruhige und stetige Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens ernstlich zu gefährden geeignet sind." Es war� also, wie in diesem bürgerlich-gouverne- mentalen Kauderwelsch offen eingestanden wird, die wachsende social- demokratische„Gefahr", welche eine Verkümmerung des Gemeinde- Wahlrechts zum Nachteil der arbeitenden Klassen angezeigt erscheinen ließ. Diese Rechtsverkürzung, einseitig gegen die Arbeiterklaffe ge- richtet, wurde durchgeftihrt, indem die neue Gemeinde-Ordnung das Erfordernis des dreijährigen Wohnsitzes in der Ge- ni e i n d e für die Ausübung des aktiven Wahlrechts einführte, jedoch zugleich bestimmte, daß nur e i n Jahr in der Gemeinde zu wohnen braucht, wer„ein Wohnhaus besitzt, oder ein stehendes Gewerbe oder Landwirtschaft selbständig betreibt, oder ein öffentliches Amt aus- übt oder Religionsdicner, Lehrer an öffentlichen Schulen oder Rechtsanwalt ist". Tausende von proletarischen Wählern sind im Vergleich zur Reichstagswahl allein in der Stadt Mülhausen durch diese Bestimmung bei den Gemeinderatswahlen rechtlos gemacht,— aber unsrer Bourgeoisie genügt dies Privilegium, nachdem die klassenbewußte Arbeiterschaft auch Off dem neuen ungünstigeren Rechtsboden Siege zu erringen weiß, nicht mehr. Anknüpfend an den socialistischen Wahlcrfolg von diesem Monat wirft im französischem Teile des»Expreß" ein Angehöriger der besitzenden Klaffen die Frage auf, wie viel« unter den IS 000 eingeschriebenen Wählern der Stadt Mül- Hausen„keine Abgabe bezahlen" und wie viele unter den 8000 siegreichen Wählern(Socialdemokraten und social-radikale Centrümler) zu jenen gehören, für welche die Stadt, da sie unter 1300 Ml Jahreseinkommen haben, die Lohn- und Besoldungssteuer zur Deckung aus den Oktroieinnahmen übernommen hat? Ferner, wie viele unter den 24 socialdemokratischen und katholisch-socialen Gemeindemitgliedern überhaupt Lohn- und Kapitalsteuer bezahlen, und endlich, wie viel Eigentümer und selbständige Gewerbetreibende sich unter ihnen befinden?— Der Einsender, dessen Zuschrift von der Redaktion der allgemeinen Beachtung empfohlen wird, bemerkt ausdrücklich, daß er diese Fragen nicht nur zum Nachdenken für die „Mülhauser" aufwerfe, sondern auch„pour servir de guido ä nos legislateurs",— um unfern Gesetzgebern eine Nicht- s ch n u r z u g e b e n. Es ist also der formelle Wunsch des Organs unsrer elsäfsischon Grohindustriellen mit Kommerzienrat Theodor Schlumberger, dem nationalliberalen Reichstagsabgeordneten, an der Spitze, daß das reichsländische Gemeinde- Wahlrecht im plutokra tischen Sinne nach rück- wärts revidiert werde. Daß der Abgeordnete Theodor Schlumberger persönlich ein grundsätzlicher Gegner des allgemeinen Wahlrechts ist, zeigte er übrigens auch bei der vorjährigen Reichstagswahl, wo bei der Fest- setzung seines Wahlprogramms in einer nichtöffentlichen ordnungs- parteilichen Wählerversammlung von einer Seite der Vorschlag ge- macht wurde, für Elsas;-Lothringen die Einführung des'allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Stimmrechtes für die Landesausschutz- Wahlen zu fordern, und auf seinen persönlichen Ein- spruch hin die Aufnahme dieses Punktes in das Wahlprogramm unterblieb. Man begnügte sich, eine„freiheitlichere Ausgestaltung" des Landesausschutz-Wahlrechtes zu fordern, d. h. eine Redensart zu gebrauchen, die zu gar nichts verpflichtet. Wäre es der nationalliberalen Partei des deutschen Reichs- tages wirklich ernst mit der Erhaltung des allgemeinen Wahlrechtes, so mützte sie auch mit diesem hinter ihr stehenden Führer elsässischer Wahlrechtsescamoteure einmal ein ernstes Wörtlein reden.— SüdweftafrikanischeS. Generallieutenant v. Trotha telegraphiert aus Okahandja unterm 27. Juni: Von Major v. Estorff wurde Osombu Karupuka fOkawa- puka) am Omuwamba, von v. d. Heyde Okosondusu ohne Kampf er- reicht. Zwischen allen drei Abteilungen Funkenvcrbindung hergestellt. Zu Major v. Glasenapp, der im Vormarsch auf Otjire, geht 9. Com- pagnie und Rest Maschinengewehr-Abteilung Dürr morgen ab. Auf Patrouillenritt von Epukiro aus erreichte Oberlicutcnant v. Winkler Otjensondn, halbwegs zwischen Owikolorero und Okosondusu, wo er angehalten und von der Heyde zugeteilt wurde. Vom Feinde und von Vieh ist West-Nord- und Ost-Distrikt Gobabis bis zum Eisebflntz vollkommen frei. Epukiro, Gobabis, Rietfontein S. O. jMicr) diesseits noch besetzt. Nene Verluste. Das Hauptquartier telegraphiert aus Oka- handja: Lieutenant Haas, früher im 2. Niederschlcsischen Jnfanterie-Rcgiment 47 ist durch einen Unglücksfall am 18. Juni in Outjo v e r st o r b e n. Reiter Max Wunderlich. Transport Puder, an: 2S. Juni am Typhus gestorben. Weitere Truppentransporte nach Südwcstafrika. Nach der„N. P. K." ist jetzt bestimmt, daß um den 20. Juli drei Compagnien als Ersatztruppcn nnd vier Wochen später noch eine weitere Compagnie, sowie zwei Batterien, gleichfalls als Ersatztruppcn. nach- geschickt werden, lieber die Zusammensetzung und Aufstellung einer Feldtelegraph en-Abteitlung finden noch Verhandlungen statt; diese Abteilung wird Anfang August nach Südwestafrika abgehen. Außerdem werden, was die„N. P. K." nicht berücksichtigt, auch weitere E i s e n b a h n t r p p e n in erheblicher Stärke nach Südwestafrika entfeudet werden. Wie aus Königsberg gemeldet ivird, wird folgende Aufforderung an dortige militärpflichtige Bürger versandt: Haliptmcldeaint Königsberg. Den 24. Juni 1904. Eilt sehr! Nach einer Verfügung der Inspektion der Verkehrstruppen ist die Entsendung weiterer Eisenbahntruppen nach Südwepafrika in Aussicht genommen. Sie haben umgehend dem Hauptmeldeamt zu melden, ob Sie zum Eintritt in diese Truppe bereit sind.— Hueland. Frankreich. Zur Karthäuscr-Asfaire. Paris, 20. Juni. Der Staatsanwalt Cottignies hat der Untersuchungskonmiission in der Karthäuser-Angclegcnheit mit- geteilt, daß die Untersuchung gegen Chabert wegen BestechungS- Versuchs eingestellt sei. Von nationalisttscher Seite wird be- hauptet, in dem Schreibe» Cottignies' heiße es auch, ans den bei Chabert beschlagnahmten Papieren gehe hervor, daß z w i s ch en ihm, Lagrave und Millerand sehr enge Be- z, ehunaen bezüglich großindnstriellerAngelegen- heiten be st an den hätten, mit denen sich Millerand sowohl als Advokat wie als Minister b e- schäftigt habe. Oppositionelle Mitglieder hätten die Ansicht ausgesprochen, daß Cottignies diesen Brief infolge von Weisungen des JustizministerS und Ministerpräsidenten geschrieben habe. Die Untersuchungskommission hat übrigens sofort die Vorlegung dieser Schriftstücke verlangt, in denen angeblich auch von Ordensauszeichnungen die Rede fem soll. Am Dienstagabend erhielt der Vorsitzende der Kommission ei» Schreiben Millerand S, worin dieser unter Hinweis auf den Brief Cottignies' ver- langt, von der Kommission möglichst auch in dieser Angelegenheit vernommen zn werden. Er befürchte keine Verleumdung und verlange nur, daß diese Angelegenheit präzisiert werde. Der Abgeordnete Sem bat(Soc.) hat im Budgetausschnß beantragt, daß der Ntinisterpräsident und der Minister des Innen: am Freitag in: Ausschuß Erklärungen über die Kredite abgeben sollen, die für die französische Botschaft beim Vatikan einzu- stellen sind.— Italien. Der Fall Barbato und die italienischen Genossen. Rom, 26. Juni.(Eig. Ber.) Wir dachten, den Fall Barbato den deutschen Gcuossci: ersparen zu können. Da nun aber deutsche bürgerliche Blätter(vergleiche z. B. das Morgenblatt der„Frankfurter Zeitung" vom 20. Juni) sich recht eingehend damit beschästigen, ist es vielleicht nicht unangebracht, ihn kurz darzulegen. Jedenfalls ist eine objektive Darlegung des Falles am besten geeignet, die Anschuldigungen gegen die italienische Partei, die von bürgerlicher Seite erhoben wurden, abzuweisen. Vor einigen Monaten ging durch die italienische Presse die Nach- richt, daß der Abgeordnete Genosse Barbato durch wirtschaftliche Notlage gezwungen sei, nach Amerika auszuwandern. Für eine so arme Partei, wie die unsre, die ihren Llbgcordnetcn keine Diäten geben kann, ist diese Thatsache an sich obwohl zweifellos bedauer- lich, doch durchaus kein Vorwurf. In dem besonderen Fall kan: aber hinzu, daß Barbato als Arzt in Sizilien eine ziemlich gesicherte Existenz hatte nnd seine Praxis aufgab, um sein Mandat als Paria- mentsmitglied für Cora to ausüben zu können. Zu diesem Schritt ließ Barbato sich nach langem Bitten bewegen. nachdem sich die Genossen von Avulien und die Partei- leitung verpflichtet hatten, ihm jährlich 4000 Lire zur Berfiigung zu stellen; 2800 Lire sollten die Genossen durch freiwillige Spende,: aufbringen. 1200 gab die Centtalkasse. Barbato ließ sich daraufhin in Trassi in Apnlien nieder und widmete » sich der Propaganda in den apulischen Provinzen. Nun sind ja gewiß 4000 Lire keine große Summe, besonders für einen Mann, der eine Familie zu erhalten hat. Bedenkt man aber, daß das Leben in einer kleinen Stadt Apuliens sehr wohlfeil ist, daß ferner Barbato seine ärztliche Thätigkeit fortführen konnte und vergegenwärtigt man sich die Finanzlage unsrer Partei, so kann man den apulischen Genossen wahrhaftig nicht den Vorwurf der Knauserigkeit machen. Wem: Enrico Ferri, der lediglich von seiner Arbeit lebt, als Chefredakteur des „Avanti" 3000 Lire jährlich bezieht— dasselbe, was Bissolati bezog— während doch die Leitung einer Zeitung einen großen Teil der Arbeitskraft eines Menschen erfordert— so sind auch 4000 Lire für Barbato kein„Hungerlohn". Die ausbedungene Summe wurde vom Februar 1902 bis August 1903 regelmäßig bezahlt. Im Seprember stellten einige Genossen die Beiträge ein und im November verließ Barbato Trani. Die ganze Sache wäre als interne Partei-Angelegenheit behandelt worden, wenn Barbato nicht im„Avanti" Anfang dieses Monats einen langen Brief veröffentlicht hätte, in dem er die apulischen Genossen beschuldigt, ihn nicht bezahlt und ihn un: seine Arbeitskraft betrogen zu haben. Wie die Geier fielen die bürgerlichen Zeitungen über den Brief her, der für sie ein kostbares Dokument war. Kaum eine, die ihn nicht abdruckte und Barbato uuter die Heiligen und Märtyrer versetzte. Daß dieselbe Bourgeoisie, die ihm jetzt zujubelt, im Jahre 1894 zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt hatte, thut natürlich nichts zur Sache. Und doch hängt der Fall Barbato sehr eng mit dieser Verurteilung zusammen. Vor dem Kriegsgericht hielt Barbato damals— es war nach den: Aufstande in Sizilien— seine berühmte Rede, in der er mit mannhafte,» Stolz sein socialistisches Glaubens- bekcnntnis ablegte, auf jede Verschleierung, jede Abschwächung seiner Grundsätze verzichtend. Diese Rede und die 16 Jahre Gefängnis(»ach zwei Jahren wurden alle begnadigt) haben einen Glorienschein um Barbato gewoben. Der ganze Heroenkultus, zu dem die Masse neigt, konzentrierte sich zeitweilig ans den sizilianischen Genossen. Man glaubte, daß ein Mann, der so tapfer für seine Ueberzeugnng ein- steht, auch ein guter Agitator, ein für die Organisationsarbeit be- fähigter Mensch sein müsse. Das alles ist nun Barbato nicht. Ihn: geht vor allen: die schlichte Zugänglichkeit im Verkehr init dem Volke ab, sowie die Fähigkeit, sich neuen Verhälttlissen anzupassen, körper- liche Unbequemlichkeiten zu ertragen. Barbato ließ gelegentlich an- gesagte Versammlungen im Stich, um nicht in einem primitiven Gasthof übernachten zu müssen. Mit einen: Wort: man hatte ihn, ohne seine Schuld, für einen andern gehalten als er war. Sobald die Genossen seine thatsächlich geringe Berwertöarkeit für die Agi- tatton einsahen, begannen die Schwierigkeiten mit der Zahlung. Da die Kasse ganz auf freiwillige Beiträge augewiesen war, ist das nichts Ungeheuerliches. Gefehlt wurde auf beiden Seiten durch Unkenntnis: Die Genossen, die Barbato nach Apnlien beriefen, hatten ihn falsch beurteilt, desgleichen hat Barbato, als er auf den Vorschlag einging, sich selbst unrichtig eingeschätzt. Wenn Barbato eine so schwere Anklage im„Avanti" erhebt, so vergißt er, daß es sich hier nicht um einen beliebigen Arbeitsvertrag handelt, zwischen Kapitalist und Arbeiter, sondern un: eine Ab- machung unter Genossen, die durch große, einen: gemeinsamen Ideal gebrachte materielle Opfer zum Teil wenig bemittelter Ge- »offen aufrechterhalten wurde. Selbst wenn säumige Zahler darunter waren, so mußte sich Barbato, ehe er die Genossen einer ganzen Landschaft als Ausbeuter denunzierte, ftagen, ob nicht an ihm selbst ein Teil der Schuld liege.— Spanien. Die Organisationen der spanischen Landarbeiter dürsten berufen sein, mit der Zeit eine hervorragendere Rolle im EmnncipationS- kämpfe des spanische»: Proletariats zu spiele»: als die Organisationen der Jndustric-Arbeiter. Das erklärt sich aus dem geringe»: Umfange der Industrie, die nur in einige»: wenigen größeren Städten ver- treten ist, während das Land in seiner Aligeineiiiheit ein Agrarstaat ist. Mehr nnd>nehr sagen sich die Landarbeiter auch von der anarchlstischci: Taktik los und befolgen die der socialistischen Partei. Dies trifft namentlich für die Landarbeiter der Provinz Kastilien zu, »velche fast alle der socialistischei: Partei beziehentlich der„Allgeineincn Arbeiter-Uinon" angehören. Die Wut der Grundbesitzer über das Erwachen der Arbeiterschaft, welche mit Hilfe ihrer Organisatton versucht, ihre erbärmliche Lage in etwas z»: verbessern, kennt denn auch kcii:e Grenzen. Unternehmer-, Polizei- und Pfaffeittun: wer- einigen sich, uin die Arbeiter mit Gewalt niederzuhalten. Ruftland. Die finnischen Aerzte und Bobrikow. lieber die letzten Stunden des getöteten Tyrannen bringen die russische»: Blätter bemerkenswerte Einzelheiten. So enthält das russische konservative Organ, das„Nowoje Wreinjn" eine Korrespondenz aus Finnland, in der es heißt: «Den schwer leidenden Generalgouverneur trug man ans de»» Senat in sein Haus. Sofort Ivurde nach den: ausgezeichneten Chirurgei: Bonsdorf geschickt. Er untersuchte den Kranke»: und er- klärte, zu Hause könne»nan keine Operation vornehmen, der Kranke »nüsse in die Klinik gebracht werde»:. Die Offiziere trugen den General auf Bahren in die chirurgische Klinik, aber dort war zur Aufnahme des hohen Beamten, der ersten Person in Finnland, keinerlei Vorbereitung getroffen»vorbei:, und Bobrikow mußte etwa eine Viertelstunde auf der Bahre liegen. Dann mußte die Operation vorgenommen»verde»:— da war der Chirurg nicht zur Stelle. Man stürzt sich auf die Suche nach Bons- dorf; es wird erzählt, daß er gefrühstückt hat; als er nach 20 Minuten erschien, erklärte er. daß er Operationen nur in seiner eigenen Klinik ausführe. Und da ergreift das Messer nicht Bonsdorf und nicht KrogiuS— sondern ein ganz unbekannter Arzt, der sich absichtlich oder unabsichtlich zur Stelle fand. Es ist zwar richtig, daß nach allgemeiner Ueberzeugung die Operation tadellos ausgeführt wurde— aber der Generalgouverneur Bobrikow war doch wert, sogar von Bonsdorf selbst operiert zu»verde::. In- zwischen hatte aber dieser Zeitverlust den Blutverlust verursacht, dessen Folge der Tod eben war." Hierzu, schreibt die altslavische Zeitung„Swiet":„Es wäre nicht iibel, wem: der Professor Bonsdorf sich daran erinnern Ivollte, daß die Weigerung, einein in Todesgefahr stehenden Menschen Hilfe zu bringen, durch die Gesetzgebung aller Läi:der als Ver- brechen angesehen wird— von der Verantivortlichkeit des Arztes ganz zu schweigen. Wenn der Verivundete nicht der General- Gouverneur von Finnland, N. I. Bobnioiv— sondern der Ver- räter Nußlands, der ehemalige Senator, Separattst und Revolutionär Leon Mechelin gewesen Iväre—, hätte auch er eine Viertelstunde warten müssen, bis alles in der Klinik vorbereitet gcivcsen Iväre. und 20 Mnuten, bis Herr BonSdorf fein Frühstück einnehmen wird? Und würde der ausgezeichnete Chirurg auch dann Schwierigkeiten wegen des Zimmers gemacht haben, in dem er die Operation vor- nehmen soll? Die Losung dieser Frage»: wird N. I. Bobrikow den: Leben nicht wiedergeben— sie sind aber prinzipiell sehr inter- essant." Wir können nicht beurteilen, ob die Berichte der chauvinistischen Regiernngspresse der Wahrheit entsprechen. Ist dies aber der Fall7 so kann man daraus ersehe»:, welch grenzenloser Haß sich in der filmischen Bevölkerung gegen ihren Tyrannen angesainmelt hat.— Serbien. Belohnung für Königsniord. Belgrad, 29. Juni. Major Luka Lacarewitsch, einer der Hauptführer der Königsmvrder-Bande, wurde zum Oberstlieutenant ernannt.— Bulgarien. Aufsehen erregt in Sofia dieRede des Kriegsministers anläßlich der Jnspektton des Truppenlagers, in der er uuter andern: sagt, die Armee»nüsse so schlagfertig dastehen, daß sie den ernsten Aufgaben, die in nächster Zeit an sie herantreten, gewachsen i st.— Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Angebliche Barbareien der Japaner. Petersburg, 23. Juni. Der Korrespondent der„Birschewija Wjedomosti" meldet aus Taschitschiao, den 27. d. M.: General Kuroki scheiitt seinen früheren Operattonsplan geändert zu habe»:. Anstatt einen Flankenmarsch auszuführen, griff er ain 26. d. M. die Vorhut von 27 Batailloi:en in einem hügeligen Engpaß an. Unsre Truppen hielten bis zun: Morgen gegen 30 000 Japaner stand. An: 27. d. M. früh wiederholte General Kuroki den Angriff. Nach einen: erbitterten Kampfe zogen sich die Russen in eine Stellung drei Werst zurück. Der Rückzug geschah in so guter Ordnung, daß General Kuroki keine Verfolgung unternahm. Es ist be- bäuerlich, auf die Art und Weise hinweisen zu müssen, wie sich die Japaner den ver»vun beten Russen gegenüber ans dem Schlachtfelde be- nahmen. Dr. Stankewitsch von der Abteilung des Generals Mischtschenkow hat eine Anzahl photographische Aufnahmen gemacht voi: Soldatei:, die den Grausamkeiten der Japaner zum Opfer ge- fallen sind. Diese photographischen Aufnahmen sollen als Beweis- stücke den: Haager Schiedsgerichtshofe unterbreitet werde»:. Diese Opfer machen entsetzlichen Eindruck, manchen war die Zunge ausgerissen, andren waren die Hände abgehauen und sie zeigten an zahlreichen Körperstellen Bajoimettstiche. Ein Offizier, der noch lebend aufgefunden wurde, erzählt, daß ein Japaner, der ihn verwmidet auf dem Boden liegend fand, trotzdem dreiinal auf ihn geschossen habe, glücklicherweise sei keine der Verwundungen tödlich gewesen. Die Offiziere, die hierüber einpört waren, nahmen ein Protokoll über diese Angelegenheit auf. Gei:eral Roma»: off teilte dein Roten Kreuz andre Fälle von G r a u s a m k e i t e n n: i t. Insbesondere hätten die Japaner eS gcivagt, auf die Krankemvagen und auf ärztliches Personal zu schießen; mehrere Krankenträger und Lazarettgehilfen seien getötet ivorden. Der Arzt Dr. Rojkow ivurde Verivundet, während er mit einen: gefangen genommenen Soldaten beschäftigt war. Der gedachte Kampf ain 26. d. M. war sehr vorteilhaft für uns. Die Japaner zogen sich bis auf 27 Werst zurück. Wir halten diese Bezichtigungen der Japaner trotz der so be- stimmt klingenden russischen Anschuldigungen für unglaub- >v ü r d i g. Ihnen widerspricht auch ein Armeebefehl Knropatkins, in dein er befiehlt, japainsche Verwundete genau so zu behandeln, wie Russen. Dieser Armeebefehl stellt eine Aittwort dar auf die ausgezeichnete Behandlung, die russischen Verwundeten durch daS japanische Sanitätspersoiml zuteil geworden ist. Die russischen Anschuldigungen sind sicher nur ein Versuch, Japan bei den »»eutralei: Machten anzuschwärzen. So»verde»: sie auch auf japanischer Seite aufgefaßt. Eine a in t l i ch e japanische Meldung besagt: Tokio, 29. Juni. Die von russischen Preßorganen verbreiteten Gerüchte über angebliche Mißhandlungen der Verwundeten hat in hiesigen Militärkreisen große Indignation hervor- g e r i: f e n. Man betrachtet die Aussprengung der erfundenen Thatsache»: als einen Versuch zu einer systematischen Verhetzung der öffentlichen Meinung Europas und eine überraschende Verleumdung angesichts der den russi- scheu Verwundeten japanischerscits stets erwiesenen Für- sorge. Landgefechte bei Port Arthur? Tokio, 29. Juitt, Z'/e Uhr nachmittags.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Ein über die Einnahme dreier Forts bei Port Arthur hier eingega>:gener ni ch t amtlicher Bericht sagt: Die Forts Tschikwan schau, Tschitanschan und Sotschoschan wurden an: Sonntag nach einem Gefecht, das den ganzen Tag an- dauerte, e i n g e n o n: n: e n. Das Gefecht hatte mit einen: Kampf der beiderseitigen Artillerie begonnen; auf japanischer Seite nahinen Truppen aller Waffengattungen an den: Gefecht teil. Das Fort Sötschoschan lvurde zuerst geiwmmen, die beiden andren Forts fielen bald danach. Die Russen zogen sich in westlicher Richtung zurück; sie hatten vierzig Tote, die Zahl der Verwundeten ist noch unbekanitt. Die Japaner verloren an Toten und Verwundeten drei Offiziere und 100 Maim. Zwei russische Geschütze nebst Munition sind von den Japanern erbeutet worden. partei-s�ackrickten. Schippe! und die Handelspolitik. Genosse Schippe! veröffentlicht in der„Chemnitzer Volksstimme" den siebenten der Artikel, in denen er seine klare und unzweideutige Ansicht zu den Fragen der deutschen Agrarzölle geinäß dem Wunsche der ReichStagsfraktion darlegen— soll. Bis'jetzt ist über diesen Punkt noch kein Wort weiter in den Artikeln gesagt wie der Satz: „Wer Handelsverträge will, muß unter allen Umständen auch— Zölle wolle»:,— unter besonderen Umständen auch Agrarzölle." In eine Erörterung der Artikel einzutrete»:, ist deshalb zunächst noch nicht angezeigt, da das Elttscheidende hoffentlich noch koimnt, dagegen erscheint es notwendig, aus dem jüngsten Artikel, der sich mit Kantsky beschäftigt, eine Stelle wiederzugeben, die zwar mit der strittigen Frage an sich»nchts zu thui: hat, die aber dennoch nicht unbeachtet bleiben kann. Schippe! schreibt zur Einleitung dieses Artikels: „Ich möchte also ,:ur»viederholen:»nein Wille war es nicht, nnch mit unfern: liebenswürdige»: Genossen zn unterhalten, llnd gar >:och über Handelspolitik. Ich gehe dieser Art, Handels-»vis andrer Politik, schon lange sorgsam aus den: Wege. Noch 1901 habe ich freilich— ich denke mit einigen: Schaudern darai: zurück — das Kautskysche Schriftchen„Handelspolitik und Socialdemo- kratie"*) pflichtschuldigst gelesen; indes, seitdem... schenke ich mir ähnliches, grundsätzlich»ind unbedingt, soloeit das von meinem Willen abhängt. Darin braucht weiter keine besondere Gering- schätzung zu liegen. Ich muß so vieles hinunterschlucken und ttotz- den: noch immer so vieles Beachtenswerte ungekanitt beiseite lassen, daß ich eine Ausscheidung»venigstenS des Allerentbehrlichsten gar nicht umgehen kau»:. Nun ist an dein genannten Schriftchen die eine Hälfte, die„Socialdeniokratie", zweifellos ganz beachtens- wert. Aber ich bin doch auch— da manche Parteigenossen das ganz und gar nicht mehr zu wissen scheinen, so darf ich es hervorheben— seit rund und gut zwanzig Jahre»: ungefähr in den gleichen marxistisch- theoretisch und parteitraditionellen Aiffchauungen aufgewachsen wie der Verfasser des Schriftchens; ich habe gleichfalls lange Jahre hindurch alltäglich nnd allivöchcntlich diese übcrkoninienen Schablonen in der gleichen Weise gchandhabt »vir der Verfasser des Schriftchens**)— ganz zuftiedenstellend. wie viele behaupten— manche sagen sogar: wem: ich mich wieder uin annähernd zwanzig Jahre zurückentwickeln könnte, so wäre ich eigeittlich der geborene Führer dieser Jungen, die heute gegen mich zum Sturine läuten möchte»:, wenn sie nur wüßten, wo die Glocken hingen. Aber der Mensch kann i:un einmal nicht immer in den Zwanzigern bleibe»:, und jedenfalls: was soll mir, heute noch, der Verfasser des Schriftchens neues über die„Socialdemokratie" sagen können? Die zweite Hälfte aber, die„Handelspolitik"... Sinn darüber wird sich der Leser bald klar sein. Kurzum, ich muß, wo es geht, an Zeit und Mühe sparen, und seit drei bis vier Jahren *) Handelspolitik ui:d Socialdemokratie. Populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen von Karl Kautsky, Berlin 1901. **) Friedrich Engels charakterisierte 1859 die Hegelianer:„Die ganze Hinterlassenschaft Hegels beschränkte sich für sie auf eii:e pure Schablone, mit deren Hilfe jedes Thema zurecht konstruiert lvurde, und auf ein Register von Wörtern nnd Wendunge»:, die keinen andern Zlveck»nehr hatten, als sich zur rechten Zeit einzustellen, wo Ge- danken und posittve Kenntnisse fehlten. So kam es. daß, wie ein Bonner Professor sagte, diese Hegelianer von nichts etwas ver- standen, aber über alles schreiben konnten. Es war freilich auch danach." lese ich deshalb dergleichen nicht mehr. CS geht wahrhaftig auch ohnedies. Dazu kommt flir mich noch ein besonderer Anlaß, den ich nicht fiern erwähne, den zu berühren mir jedoch in diesem Falle gestattet ein muß. Ich habe mir in den letzten Jahren allmählich eine vollkommen andre Existenz geschaffen, schaffen niüssen, mühsam und mit nicht geringen Opfern. Diese Existenz setzt voraus, daß ich meine sonstige öffentliche Bethätignng oiS zur äußersten Grenze ein- schränke, denn ich muß so schon zu meinem Erwerb die Abende und die Sonntage in reichlichem und überreichlichem Maße heran ziehen und kenne eigentlich seit Jahren einen freien Tag nicht mehr. Was thuts? Ich kann auf diese Weise unabhängig meinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen und auch der Partei wahr- scheinlich mehr nützen als sonst. Das hat mich innerlich zuletzt vollauf für alle notgedrungene größere Zurückgezogenheit entschädigt— wenn man will: für alle Lähmung nach außen hin. Es giebt in der Fraktion noch andre, denen ihr Erwerb ähnliche Einschränkungen auferlegt, die Chemnitzer Genossen haben mir bisher darüber keine Vorwürfe gemacht, und cS kann auch rasch einmal wieder anders kommen. Was ist also weiter dabei! Aber seit dem und so lange habe ich allerdings einen sehr triftigen zweiten Grund, mir alle irdisch-vergänglichen Partei„fälle" mit der unberührten Ruhe des Weisen und mehr aus den Wolken herab anzusehen; ich bin, in irgendwelchen_ Streit mitverwickelt, gar nicht in der Lage, den Handel auszufechten. Andre können das und ich gönne es ihnen von Herzen � was wäre für viele die Partei überhaugt, ohne tändel? Kür mich ist jede derartige Beteiligung zugleich ein Stück chercn ökonomischen Ruins, und damit scheide ich für diese Art Parteibethätigung ein für alle mal aus. Ich habe das soeben wieder an meinem Leibe ausprobiert; die ganzen letzten Wochen und Monate hindurch habe ich ein Werk, dessen Abschluß im wesent- lichen nur noch einen kürzeren Aufenthalt im Auslande voraussetzte, unvollendet da liegen lassen niüssen, wo die„Affaire" einsetzte. Und wenws nach andren ginge, so würde ich dieses Vergnügen, wegen eines, von mir in keiner Weise provozierten, vollkommen überflüssigen Zankes meine ganze Existenz preiszugeben, vielleicht rettungslos preiszugeben, noch eine paar Iveitere Monate genießen können. Dazu habe ich jedoch nicht die geringste Lust und nicht den geringsten Anlaß. Ich würde vielmehr gegebenenfalls einfach die Chemnitzer Genossen bitten, mich von meinem Mandat zu entbinden." Parteipresse. Die Auflage des.Hamburger Echo' hat die 40 000 Überschritten. Die Hamburger Genossen sind demnach nicht mehr weit davon, daß die Hälfte unsrer Reichstagswähler Abonnenten des Parteiblattes sind. Das fft ein sehr erfteulicher Zustand. Ein Grabdenkmal für Franz Hofmann. Auf dem Grabe unsres Parteigenossen Franz Hofmann ist jetzt ein Grabdenkmal errichtet worden. Schlicht und bescheiden, wie der Verstorbene war, ist auch das Denkzeichen für ihn. Die Einfassung des Grabes besteht aus rotem Meißner Granit. Am Kopfende des Grabes erhebt sich ein Obelisk� aus schwarzem schwedischen Granit, an dem ein Medaillon bildnis, das die treuen Züge des Verstorbenen wiederaiebt, angebracht ist. Das Medaillon ist von May in DreSden-Blasewitz modelliert und in Bronze gegossen. Die Inschrift am Obelisk lautet: Ein Sohn des Volkes. Franz Hofmann Abgeordneter de« 22. sächsischen Reichstags-Wahlkreises. * 26. Febr. 1852 t 4. Nov. 1903. Obwohl Du uns verließest, Unvergeßlicher. Der Unfrige bleibst Du doch. Gcwerkrchaftlidhce. Internationale Streikstatistik. Der meist beobachtete Rückgang der Streikbewegung im Mai trat nach der.Arbeitsmarkt-Korrespondenz' auch dieses Jahr ein. Während in Deutschland, Frankreich und England zu- sammen im April 206 Ausstände gezählt wurden, waren eS im Mai nur 167. Die Zahl der Beteiligten ging in England und Frankreich von 40 447 im April auf 17 679 im Mai zurück. So erheblich dieser Rückgang auch ist, so bleibt doch die Streikbewegung im Mai 1904 noch immer erheblicher als im BergleichSmonat des Vorjahres, wo in Deutschland, Frankreich und England zusammen nur 113 Streikfälle gezählt wurden. Die Zahl der Streikbeteiligten be- trug im Mai 1903 in Frankreich und England 16 193. Am lebhaftesten von den drei genannten Ländern war wie schon im Bormonat wieder die Bewegung in Frankreich, auf das nicht weniger als 93 Fälle mit 13 236 Streitenden entfallen. Vor allem spielte sich im Mai ein großer Ausstand in der Landwirt« s ch a f t ab. an dem sich ca. 4000 Arbeiter beteiligten. Sodann traten an sehr vielen Hafenplätzen die Dockarbeiter in Aus- stand. Auch in Italien streikten Land- und Hafenarbeiter in erheblicher Zahl. Der Gewerkschaftsbund der Landarbeiter der Lomellina proklamierte am letzten Mai den allgemeinen Ausstand. Die Arbeiter verlangen den Achtstundentag. Ein großer Ausstand im Baugewerbe begann Ende Mai auch in Rom. Beteiligt waren bei Beginn des Streiks etwa 8000 Arbeiter. In der Umgegend von Mailand streiften außerdem gegen 3000 Textilarbeiter. In Amerika nimmt die Streikbewegung wieder zu, obwohl die Lage des Arbeits- markteS wenig Erfolg für größere Ausstände verspricht. Vor allem sind die Arbeiter im Verkehrsgewerbe an der Streikbewegung beteiligt. In New Aork streikten die Frachtverlader, denen sich mehrere tausend Angehörige verwandter Berufszweige, darunter 8000 Fuhrleute anschlössen. In B a h i a ist ein Generalstreik aus- gebrochen. Ein solcher wird auch aus Callao sPcru) gemeldet. Die Ursachen der beiden zuletzt erwähnten Ausstände find politischer Natur und werden teilweise von den Arbeitgebern begünstigt. In Japan ist seit dem Ausbruch des Krieges die Streikbewegung bis auf ein Minimum zurückgegangen. In den gewerblichen Betrieben werden alle Konflikte entweder zu vermeiden gesucht oder doch ihr Austrag bis nach Beendigung des Krieges möglichst, verschoben. Aus dieser Haltung der Arbeiter geht deutlich die Solidarität der Interessen hervor, die bei dem rusfisch-japanischen Kriege alle Kreise der japanischen Bevölkerung eng verbindet. Serlln und tlmgegend. Zum Streik der Holzbildhauer. Bis gestern hatten 17 Firmen mit 82 Gehilfen die Forderungen ganz und 6 Firmen mit 17 Ge- Hilfen teilweise bewilligt. Bei 19 Firmen mit 136 Gehilfen dauert der Streik unverändert weiter. Die Firma Kümmel hat es bereits versucht. Arbeitswillige von außerhalb heranziHiehen; so wurden z.B. Kollegen aus Leipzig, die hier anfangen sollten. von den Streikenden gestellt und eines besseren belehrt.— Am Dienstag haben Verhandlungen mit den Arbeitgebern stattgefunden, die indessen noch nicht zum Abschluß gelangt sind. Die Arbeilgeber hatten am selben Abend noch eine Besprechung, um sich über die Forderungen der Gehilfenschaft definitiv schlüssig zu werden. Zum Streik der Steinsetzer und Rümmer ist zu berichten, daß sich auf den meisten Bauten jetzt auch die Steinmetzen, welche die Granitplatten und Bordschwellen bearbeiten, mit den Streikenden solidarisch erklärt haben. Dadurch ist vielfach den wenigen Arbeits- willigen, die stehen geblieben find, die Arbeitsgelegenheit genommen worden. Auch der Gewerkverein der Steinsetzer hat sich in der über« wiegenden Mehrheit dem Streik angeschlossen. Da die Streikenden sich auf eine große Anzahl von Orten, beispielsweise Potsdam, Brandenburg, Belzig, Wriezen usw. verteilen, konnte die genaue Zahl der Ausständigen noch nicht festgestellt werden, jedoch sind wenigstens 900 Steinsetzer und ca, 600 Rammer am Streik be- teiligt. Heute wollen die Ausständigen eine Vertretung an den Oberbürgermeister und die sonstigen in Betracht kommenden Körper- schaften abschicken. Die Stimmung unter den Ausständigen ist aus- gezeichnet._ Die Organisation der Straßenbahner ist gegenwärtig an zwei Konflikten beteiligt, in Potsdam und Spandau. Bei der Potsdamer Straßenbahn, die am 1. Januar d. I. in städtischen Besitz übergegangen ist, herrschen für die Angestellten schon seit langem die denkbar schlechtesten Zustände. Bei einer täglichen Arbeitszeit von 16 bis 13 Stunden erhalten sie 75 bis 85 M. Monats-„Gehalt". Im Monat bekommen sie drei ganze und sechs halbe Tage frei. Strafgelder in Höhe von 1— 5 M. sind keine Seltenheit. Eine frühere Petition der Angestellten an die damalige Gesellschaft um Aufbesserung der Arbeitsbedingungen wurde abgelehnt mit der Begründung, die Regelung werde erfolgen, wenn die Straßenbahn städtisch geworden sei. Nachdem aber sechs Monate vergangen sind, ohne daß die Stadtverwaltung auch nur eine Miene gemacht hätte, die Lage der Straßenbahner um irgend etwas zu verbessern, so petitionierte das Personal von neuem, diesmal an die städtische Straßenbahn-Verwaltung. Bescheiden baten die Angestellten nur um eine Verminderung der Strafgelder und eine geringe Lohnerhöhung. Die Antwort lautete ab- s ch l ä g i g. Eine Erhöhung des Lohnes sei zur Zeit nicht an- gängig, die Strafgelderfrage solle geprüft werden. Nunmehr be- schloffen die Angestellten, sich dem Handels-, Transport- und Ver- kehrsarbeiter-Verband« anzuschließen, um mit Hilfe der Organisation eine Aufbesserung ihrer Verhältnisse durchzusetzen. Von diesem Vorhaben bekam die Betriebsleitung jedoch Kenntnis, und um ein warnendes Exempel zu statuieren, gab sie dem Schaffner K., dem Verfasser der Petition, plötzlich die sofortige Entlassung mit der Begründung, daß SoZaldemoftatcn in Potsdam nicht als Straßenbahner geduldet werden könnten! Begreiflicherweise herrscht unter den Angestellten jetzt eine große Erregung über das schroffe Verhalten der städtischen Straßenbahn-Verwaltung, und es ist noch nicht abzusehen, wie sich die Angelehenheit weiter entwickeln wird. In Spandau hat die Direktion der dortigen Straßenbahn ebenfalls eine vom Verkehrsarbeiter-Verband im Namen der Air gestellten beantragte Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen abgelehnt. Da die Spandauer Straßenbahn den Berliner Elektricitätswerken gehört, so wandten sich die Angestellten noch mit einem Gesuch an die Generaldireftion dieser Werke, jedoch mit dem gleichen negativen Erfolge. Der tägliche Dienst beträgt dort für das Personal 12— 14 Stunden bei einem Anfangslohn von 83 M., steigend von zwei zu zwei Jahren um 2 M. bis zum Höchstbetrage von 100 M. pro Monat. Es ist den Angestellten kaum möglich, ihr Essen einzunehmen, da die Haltezeit an den Endstationen mir auf 4 Minuten bemessen ist; auch der Dienst ist äußerst anstrengend, weil dort das Zahlkasten- System besteht, der Fahrer also, weil leine Schaffner— außer Hilfsschasfnern des Sonntags existieren, außer seinem eigentlichen Dienst auch noch die Zahlung des Fahrgeldes überwachen muß. Kürzlich wurde nun eine Linie verlängert, jedoch kein neues Personal dazu eingestellt. Vielmehr erfolgte eine Vermehrung des Dienstes für die bisherigen Angestellten unter gleichzeitiger Verminderung der freien Tage. Statt bisher jeden neunten Tag giebt es jetzt nur jeden zehnten Tag frei.„Das rechnet sich besser," hatte der Inspektor gemeint.— Auch hier läßt sich noch nicht abschätzen, wie der Konflikt auslaufen wird. Das Spandauer Publikum bezeugt große Sympathie mit den bescheidenen Forderungen der Straßenbahner. Deutfcbes Reich. Maurer! In Nordhausen sind die Maurer in den Streik eingetreten, nachdem alle Bemühungen, einen friedlichen Ausgleich zu schaffen, mißlungen sind an der Hartnäckigkeit der Unternehmer. Die Gesellen verlangen eine Lohnerhöhung von 2 Pf. pro Stunde. Diese Erhöhung wollen die Unternehmer bewilligen, aber erst im Herbst, wenn sie keine Arbeiter beschäftigen. Zuzug fernhalten. Metallarbeiter! Die drohenden Differenzen in der Tiefbohr und Kälte-Jndustrie-Altiengesellschaft in Rordhausen sind durch die Bewilligung der Forderung der Arbeiter erledigt. Es trat eine Lohnerhöhung und eine Regulierung der Löhne ein. Ter Malerstreik in Posen ist nach einem sechswöchentlichen schweren Kampfe beendet. Die Arbeit wurde am Montag dieser Woche wieder aufgenommen, und zwar nach Vereinbarung eines neuen Lohntarifes auf drei Jahre, welcher für dieses Jahr einen Aufschlag von 2 Pf., für das nächste Jahr 1 Pf. und für das dritte Jahr abermals 2 Pf. pro Stunde vorsieht. Bekanntlich wollten die Posener Malermeister den so sehr verhaßten Centralverband (Vereinigung der Maler usw. Deutschlands) vernichten und sperrten am 16. Mai alle Maler aus, welche nicht einen Revers unter- schrieben: daß sie„dem Hamburger Verband nicht mehr an- gehören und zu den alten Bedingungen weiterarbeiten wollten". Den Herren ist dieses Unterfangen nicht gelungen; es scheint viel- mehr als hätten sie aus diesem Streik bedeutendes gelernt, denn— man höre und staune— in der letzten Sitzung nach Abschluß des Tarifes erklärten sie, ohne von den Gehilfen dazu aufgefordert zu werden, auf Ehrenwort, daß sie nunmehr keinen Gehilfen mehr einstellen wollten, der nicht organisiert i st. Die Gehilfen sollten ihnen dafür behilflich sein, die Schmutz- konkurrenz zu bekämpfen. £luol»nd. Der Ausstand der Tapezierer in Kristiania ist in der vorigen Woche, nachdem er neun Wochen gedauert hatte, durch ein Ueber- einkommen mit den Arbeitgebern beendet worden. Der Minimal- lohn wurde auf 40 Oere die Stunde festgesetzt, die Arbeitszeit auf 57 Stunden wöchentlich. Der Ausstand hat den Skandinavischen Sattler« und Tapeziererverbaud 12 000 Kronen gekostet. Ter Streik im Gebiete von Ferrara nimmt ungeheure Dimensionen an. Den Landarbeitern und-Arbeiterinnen haben sich die Knechte und Stallleute angeschlossen; insgesamt sollen ca. 9000 Streikende vorhanden sein und immer neue Ortschaften schließen sich dem Ausstände an. Die Grundbesitzer weigern sich, mit den Arbeitern in Unterhandlungen einzutreten und versuchen. Streik- brecher heranzuziehen. Unter den Streikenden befinden sich zahl- reiche Frauen. Den Streikbrechern gegenüber verhalten sich die Ausständigen vollkommen korreft. Ueberflüssig hinzuzufügen, daß trotzdem ein großes Militäraufgebot im Streikgebiet zusammen- gezogen ist.__ Versammlungen. Centralverband der Braucreiarbriter(Settion 1). In der Ver- sammlung vom 19. Juni gab der Vorsitzende H o d a p p als ge- wesener Delegierter den Bericht vom Verbandstage, indem er die zu Beschlüssen erhobenen Anträge eingehend besprach und mit Ge- nugthuung konstatierte, daß sich darunter sämtliche von Berlin I gestellten Anträge befinden. In der Disftlssion bezeichnet H e y d e r den diesjährigen VerbandStag als einen der erfolgreichsten und als einen Markstein in der Geschichte der Brauereiarbeiter- Bewegung und bringt eine demenffprechende, gegen fünf Stimmen angenommene Resolution ein. Zum Hamburger Streik wurde getadelt und ist diesem Tadel nach Hodapp auch schon auf dem Delegierten- tage durch Tröger Ausdruck gegeben worden, daß der Hauptvorstand sich so zugeknöpft verhält. Unter„Verschiedenem" verliest der Vorsitzende ein Schreiben der Agitationskommission der Konsumvereine Berlins und Umgegend, worauf eine lebhaste Debatte über die Konsumvereine anhebt, aus welcher hervorzuheben ist, daß Funk mitteilt, er sei persönlich Anhänger der Konsumvereins- beweguug. aber im 6. Wahlkreise werde seitens des Wahlvereins Propaganda gegen diese Bewegung gemacht. Die meisten nach- folgenden Redner sind für Anschluß an die Genossenschaften. Jflr» als mehrjähriges Mitglied findet nicht die erwarteten Vorteile und schiebt dies der Leitung resp. dem mangelhasten Einkauf zu. Hodapp giebt bekannt, daß die verschiedenen Vereinbarungen mit den Brauereien jetzt in Buchform zusammengestellt sind und wird dazu beschloffen, dieselben für 15 Pf. an Verbandsmitglieder und 25 Pf. an Nichtmitglieder abzugeben. Heyder regt noch mal die Heraus- gäbe eigner Sammellisten an, und tadelt die geringe Benutzung unsrer Bibliothek; dieselbe soll nach dem Gewerkschaftshause verleg: und im Anschluß an Versammlungen sollen dort die Bücher aus- geliehen werden. Die Arbeiter der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft waren am Sonntag sehr zahlreich in den„Germania-Sälen" versammelt, um den Bericht der Kommission über die erneuten Verhandlungen mit der Direktion wegen Errichtung eines Arbeiter-Ausschusses entgegenzunehmen. Wie erinnerlich sein dürfte, hatte eine frühere Versammlung den Entwurf der Direktion teilweise ab- gelehnt, weil mehrere Ausschüsse gebildet werden sollten, während die Arbeiterschaft einen Ausschuß für das ganze Werk für zweck- mäßiger hielt. Eine Verständigung über diesen Puntt konnte bei den letzten Verhandlungen mit der Direktion nicht erzielt werden. Dennoch glaubt die Kommission einen Mittelweg entdeckt zu haben,_ um zu verhindern, daß bei der Bildung mehrerer Ausschüsse ein Aus- schuß gegen den andern ausgespielt werden könne. Der Versamm- lung wurde daher folgender Vorschlag gemacht: Die Kommission wird nochmals beauftragt, bei der Direktion vorstellig zu werden, um dem§ 7 des Ausschuß-Statuts nachstehenden Anhang zu geben: „Die einzelnen Fabrikausschüsse haben jederzeit das Recht, ein Mit« glied aus einem andern Ausschuß derselben Fabrik mit beratender Stimme zu den Sitzungen hinzuzuziehen". Diesem Borschlage stimmte die Versammlung zu, um nicht die ganze Vorlage zu Fall kommen zu lassen. Tempelhof. Ueber„Religion der Worte und Religion der Thaten" sprach am Dienstag, den 21. Juni, Frl. Ida Altmann in einer öffentlichen Bolksversammlmig, welche im Lokale von M. Müller, Bcrlinerstr. 41/42, stattfand. In der Diskussion nahm Frau Thiel das Wort, und indem sie sich den Ausführungen der Referentin an- schloß, forderte sie die Anwesenden, welche von der Hohlheit und Nichtigkeit der kirchlichen Lehren überzeugt sind, auf, ihren Austritt aus der Landeskirche zu erklären. Nachdem noch der Vorsitzende Alb. Schmidt in beredten Worten die Anwesenden ermahnt hatte, das, was sie gehört haben, auch zu beherzigen, wurde die Ver- sammlung geschlossen._ Letzte J�acbnchten und Depefchcn. Darmstadt, 29. Juni.(B. H.) Der Sohn des Millionen- deftaudanten Schade, Otto Schade, der der Beihilfe verdächtig war und sich in Untersuchungshaft befand, ist heute morgen gegen eine Kaution von 10 000 M. entlassen worden. Die Karthäuser-Angelegenheit vor der Nntersuchungs-Kommisfion. Paris, 29. Juni. Die Untersuchungs-Kommission vernahm heute den Advokaten Ract, den Vertreter des flüchtigen Bankdirektors Lepöre. Ract erklärte, Lepöre habe nicht mit den Karthäusern in Grenoble, sondern mit denen in Freiburg in der Schweiz Geschäfts- Verbindungen unterhalten. Die Freibnrger Karthäuser behaupten, Lepöre habe sie um 300 000 Frank geschädigt. Im weiteren Äerlaufe der Verhandlung der Karthä»ser-Kom- Mission lehnte der mit der Voruntersuchung gegen die Karthäuser bettaute Untersuchungsrichter es ans Grund des Berufs- geheimniffes ab. Aussagen zu machen. Hierauf wurde Millerand über die bei Chaberl beschlagnahmten Papiere vernommen, in denen von ihm wegen Dekoricruug zweier Industrieller die Rede sein sollte. Millerand that dar, daß diese Auszeichnungen völlig zu Recht erteilt seien, und verwahrte sich mit Entrüstung gegen die Anichuldigung, die man gegen ihn erhebe. Bei seinem Austritt aus dem Ministerium fei er armer gewesen als zur Zeit seines Ein- trittes. Er werde kein Vermögen hinterlassen und wünsche, daß sein Name ein ehrlicher bleibe. Mehrere Kommissare erheben Einspruch gegen die Art, wie gewisse Behörden Informationen sammelten. Die Kommission beschloß, die Erklärungen Millerands unverzüglich zu veröffentlichen._ Paris, 29. Juni.(B. H.) In der Untersuchung gegen den Hauptmann D'Autriche, der der Fälschung der Kassenbücher im Generalstab verdächtig ist, wurden heute drei weitere Offiziere der- uommen, die während des Dreyfus-Prozesses in RenneS im General- stab gedient haben, und zwar der Overstlieutenant Rollin, und die Hauptleute Franyois und Mareschal. Infolge dcS Verhörs ordnete der die Verhandlung leitende Hauptmann Cassel die sofortige Ver- Haftung her drei genannten Offiziere an, welche nach dem Militär- gefängnis abgeführt wurden. Paris, 29. Juni.(W. T. B.) Die.TempS' schreibt über den Besuch König Eduards in Kiel: Diese Begegnung war notwendig; sie war beiderseits herzlich und hat nicht nur für die Gegenwart jeden Gedanken von Antagonismus beseittgt; sie dürste auch für die deutsch-englische Zeitungsfehde mildernd einwirken, mehr aber darf man von dieser Begegnung nicht verlangen. Dampferunglück.j Rom, 29. Juni.(B. H.) In JglefiaS(Sardinien) ließen Reeder ttotz der schlechten Verfassung, in welcher sich ihr Dampfer befand, diesen schwer belastet und mit zehn Passagieren an Bord, in See stechen. Der Dampfer war kaum zehn Meter vom Ufer entfernt, als der Boden des Schiffes durch die Last eingedrückt wurde und dasselbe unterging. Alle Paffagiere erttanken. Pom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Tirntfin, 29. Juni.(Meldung des„Reuterschen Bureaus'.) Wie verlautet, haben die Russen gestern 25 Werst östlich von Hait- scheng eine Niederlage erlitten. Wegen des raschen Vorrückens der Japaner ziehen sich die Russen bei Taschiffchiao schnell nach Norden zurück, da sie befürchten, daß sie abgeschnitten würden. Petersburg, 29. Juui.(W. T. B.) Auf der battischen Schiffswerst erfolgte auf dem Torpedoboot„Delphine" während eines Versuchs eine Explosion, wodurch das Schiff zum Sinken kam; 3 Offiziere und 23 Mattosen erttanken; 2 Offiziere und 10 Mattosen wurden gerettet. Konstantinopel, 29. Juni.(Meldung des Wiener k. k. Tele- lzraphen-Korrespondenz-Bureaus.) Da bei Maskat in der Umgebung !>eS persischen Golfs die Cholera ausgebrochen ist, wurde flir Provenienzen aus Maskat eine ftinstägige Quarantäne angeordnet. Die Quarantäne fiir Provenienzen aus Port Said und Aden wurde aufgehoben. Tanger, 29. Juni.(Meldung des„Reuterschen BnreanS'.) Aus juter Quelle verlnutet, Frankreich treffe Vorbereitungen, um das in Algerien stationierte Zuavenbataillon fiir den hiesigen Polizei- dienst zu organisieren. Das Geschwader der Vereinigten Staaten unter Konteradmiral Jewell ist in See gegangen. New Aork, 29. Juni.(B. H.) Der verflossene Montag war der heißeste Tag seit 23 Jahren. Viele Personen starben an Hitz- chlag. Gegen Abend entlud sich ein furchtbares Gewitter. Der Sturm deckte zahlreiche Häuser ab. Ein Dampfer mit 40 Passagieren ging unter. 6 Personen erttanken. New Dork, 29. Juni.(B. H.) Eine sensationelle Entdeckung wurde in Jack-Creek(Wiskonsin) gemacht. In der Umgebung dieser Ortschaft befindet sich ein Hügel, der aus Quarz und Kiesel besteht. Es genügt, mit einem Pflug über den Hügel zu fahren, um Gold- körnet von großem Wert aufzudecken. Eine Tonne dieser Erde soll angeblich Gold für zwei Pfund Sterling enthalten. Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt PaulSi»gerScCo..BerlinLW. Hierzu 2 Beilagen u. ttaterhaltungsblalt Ar. 151. 21. Jahrgang. eilGt des.FsrMs" Kerl« Uslksdlslt. Donnerstag, 30. Inni 1904. Der Erzherzogssohn als Kellner. AuS Wien wird uns vom 25. Inni geschrieben: Ein alter Skandal des Habsburgischen Hofes ist soeben durch eine Broschüre neu aufgerollt worden. Das Buch trägt folgenden, ebenso umfänglichen als marktschreierischen Titel: Ein Justizmord! Enthüllungen dcL Erzherzogssohnes Baron Ernst W a l l b u r g über die morgct- natische Ehe seines Vaters Erzherzog Ernst. Geschrieben von ihm selbst— und behandelt, wie man erkennt, jene feine Geschichte, die unter dein Titel der Affaire Wallburg die Oeffentlichkeit wieder- holt beschäftigt hat und zum letztenmal in einer Gerichtsverhandlung in Laibach verhandelt worden ist. Im Wesen besteht die.Affaire" aus einem Kampf um ein Erbe— um den Nachlaß des im Jahre 1889 verstorbenen Erzherzogs Ernst, der sei.- vier Kindern, eben jenen Wallburgs, entzogen und von dem Bruder des erzherzoglichen Vaters, vom Erzherzog Rainer, in Anspruch und natürlich auch in Besitz genominen wurde. Daß die Wallburgs— es sind zwei Söhne und zwei Töchter— die Kinder des Erzherzogs Ernst und der Laura von Skublitz waren, steht außer allem Zweifel; dafür erbringt jene Broschüre durchschlagende Beweise. Aller- dings wiirden sie schon bei Lebzeiten des Vaters verleugnet; der willensschwache Mann scheint eingewilligt zu haben, daß sein Interesse für die Kinder von der Vaterschaft aus den Charakter eines Tauf- Paten uiid also„Gönners" reduciert werde, daß man sie in mäßig kostspieliger Weise versorge, im übrigen aber der„Skandal" von vier„natürlichen" Mndern in unauffälliger Art verwscht. Ob ihnen deshalb ein sonst ganz unbekannter Vater erfunden wurde oder ob man damit irgend späteren Rekriminationen wegen der Erbschaft be- gegneu wollte, steht dahin; sicher ist, daß der dritte Vormund der Kinder, ein Sekretär des Erzherzogs Rainer, Plötzlich „Taufscheine" fand, lvonach der Vater der Wallburgs ein preußischer Offizier sein soll, von den, freilich weder früher noch später etwas vernommen wurde. Daß diese Vaterschaft eine Fabel und die sie beweisenden Trau- und Taufscheine Fälschungen sind, ist so wahrscheinlich, daß man es annehmen kann. Die Versorgung der Erbherzogssprossen mißlang nun vollständig. Der eine Sohn, den man beim Gericht untergebracht hatte, endete durch Selbstmord, die eine Tochter ist schwachsinnig und der Gatte der zweiten— übrigens der zweite; der erste, ein alter Provinzadvokat, den man ihr auf- genötigt hatte, ist gestorben— wurde keiner Offizierscharge beraubt, als irgendwo im Ausland über die„geheime Ehe des Erzherzogs Ernst" ein Buch erschienen war. Diese Dame, Frau Clotilde v. Szimic, scheint übrigens der charaktervollste der erzherzoglichen Sprößlinge zu sein; obwohl ihr schweres Unrecht angethan wurde — hat man sie doch als Mitschuldige an der Laibacher Fälschung in Haft genommen, trotzdem es offenkundig war, daß sie damit mchtS zu thun hatte— hat sie die Oeffentlichkeit nie in Anspruch ge- nommen und lebt anscheinend in gleichmütiger Verachtung ihrer »Verwandten" ein Leben für sich. Die mannigfaltigsten Schicksale hat jener Ernst Wallburg er- lebt, von dem das Buch stammt und der derzeit vom Bndapcster Gericht wegen Betrug, begangen durch Fälschung einer öffentlichen Urkunde, verfolgt wird. Es wäre ungerecht, zu sagen, daß alle Schuld dafür den Hof trifft; nicht minder Anteil an semem Geschicke trägt der junge Mann selber, der zwar eine gewisse Begabung und Energie zu befitzen scheint, aber auch mit dem ganzen Hochmuts- leichtsinn eines Erzherzogssohnes behaftet ist. Er war zuerst Offizier, und mit der Protektion des Palais Rainer ausgestattet, hätte ihm rasches Avancement nicht gefehlt. Denn es ist ein- leuchtend, daß der Hof. ohne sein eignes Budget zu belasten, wohl in der Lage ist, einen Günstling emporzubriitgen— sei es als Beamter oder Soldat; und daß man es bei Hof nicht vorweg darauf angelegt hatte, den Sohn des Erz- Herzogs der Kellnerlaufbayn oder dem Zuchthaus zuzuführen, ist selbstverständlich. Aber in die Rolle eines bescheidenen Proteges konnte oder wollte sich Wallburg nicht schicken und so verlor er zuerst die Gunst des Erzherzogs Rainer, uin sich allmählich dessen Haß zuzuziehen. Zuerst»mße er als Offizier quittieren, dann verlor er das Amt bei den Staatsbahnen, das ihm ein Wort des erzherzoglichen Onkels verschafft hatte, mid schließlich hörten auch alle materiellen Zuwendungen auf. Baron Wallbura war auf sich selbst gestellt und daß er da nicht ganz unterging, ist vielleicht das, was ihm am meisten zur Ehre gereicht. Er wurde Omnibuskutscher, dann Stallmeister, später ein geschätzter Roten- kopist, bis ihn unvermutet das Interesse der alten Prinzessin Montleaut, die auch in einem Wiener Arbeiterbezirk sehr viel Gutes gewirkt hat, von allen Röten befteite. Nach dem Tode dieser Dame nahm er nun den Kamps um sein Erbe auf. Mit einem in Wien gewonnenen Freunde namens Staudinger will er in Laibach, bei den Nachforschungen nach der Ehe seiner Mutter, in der Taufmatrikel des dortigen Garnisonsspitals zwei lose Blätter� gefunden haben, auf welchen die ordnungsgemäße Trauung seiner Mutter mit dem Erzherzog Ernst verzeichnet ist, die also ein rechts- wirksames Dokument für den Nachweis seiner ehelichen Geburt wären. Diese Eintragung soll nun eilte Fälschung sein; nach der Behauptung der Anklage hätten Staudinger und Wallburg aus der Tauftnatrikel heimlich zwei leere Blätter herausgerissen und Staudinger, der ein notorischer Schristenfälscher sein soll, hätte die das Datum des 26. April 1858 wagende Vermcrkung hineingefälscht. Staudinger wurde darob angeklagt und im Jahre 1902 in Laibach zu vier Monaten Kerker verurteilt. Wallburg selbst war mittler- weile ungarischer Staatsbürger geworden, und die ungarischen Gerichte lehnten die von Oesterreich begehrte Auslieferung ab. DaS Verfahren gegen ihn ist aber noch anhängig; waruin es zu einer Gerichtsverhandlung noch immer nicht gekommen ist, ist nicht bekannt geworden. Ob jene Eintragung wirklich eine Fälschung war, ist schwer zu sagen. Dem Buche des Wallburg ist das Photogramm der zwei Blätter beigegeben, und es müßte eine sehr geschickte Hand gewesen sein, welche eine so kunstvolle Fälschung trifft. In der Ver- Handlung hat sich Staudinger zu der Fälschung bekannt, wogegen von ihm Briefe herrühren, worin er den Wallburgischen Advokaten bittet,„Wallburg doch dahin zu bringen, daß er sagt, von wem er die Originalblätter hat". Das widerspricht dem Geständnis sicherlich sehr entschieden, aber nicht minder auch der Darstellung, die Wallburg von der Sache giebt: daß Staudmger die ausgefüllten Blätter gefunden hat. Wallburg deutet alich an, daß Staudinger zu dem Geständnis bestochen worden sei, aber das ist doch zu unwahrscheinlich. Daß mit der erwiesenen Fälschung nur der B e w e i s für jene Eheschließung vernichtet ist und nur e i n Beweis, ist übrigens klar; es kann auch so sein, daß Wallburg, vor der Unmöglichkeit stehend, die ihm als Gewißheit erscheinende Ehe Ju beweisen, zu dem Mittel der Erzeugung eines falschen Beweises ür eine sichere Methode griff— wie es einmal in der Affaire Drehfus der Oberlieutenant Henry gethan. Für die Eheschließung soll noch ein'Beweis zeugen: ein dreizehn Seiten langer Brief des Erzherzogs Ernst aus dem Jahre 1399, der an seine Tochter Clotilde gerichtet ist und das strikte Bekenntnis enthielt, daß der Erzherzog mit der Mutter der Wallburgs kirchlich verheiratet war. Allerdings wird auch dieser Brief als eine Fälschung erachtet, wenn er auch, da von ihm kein Gebrauch gemacht worden ist, zu einer gerichtlichen Verfolgung nicht geführt hat. Die Behauptung einer Fälschung findet eine gewisse Unterstützung in dem Umstände, daß der Brief verschwunden ist und lediglich in einem Photogramni eirkuliert. turistisch mag also die Sachlage nicht so ausgemacht sein, als ensattonsbuch deS Baron Wallburg behauptet, aber in inoralischer Hinsicht steht sie nicht controverS. Mit den Wallburgs wurde nämlich über einen Ausgleich unterhandelt, und init dem Betrag von dreinial- hunderttausend Gulden wäre das Entstehen des Skandals verhüllt worden. Aber der Ausgleich wurde abgewiesen und Baron Wallburg, der unbezweifewar« Sohn ernes Mitgliedes des kaiserlichen Hause«, dem der Sendling des Hofes, der aus vielen Hofaffairen sehr unrühmlich bekannte Advokat Bachrach, prophezeite, er werde verhungern, wurde... Oberkellner im Cafs New D o r k i n Budapest! Es ist das gewiß ein sehr ehrenhafter Beruf und zweifellos achttmgSwerter als der eines vom Hof„Apanagierten"; aber man begreift doch, daß es nicht das Normale für Erzherzogs- söhne ist. Und weil ans der Geschichte hervorgeht, daß Reichtum, Macht, Ansehen nicht davor schützen, daß der Hunger nach Geld alle andren Empfindungen zurückdrängt,' haben wir die Historie zur Er- bauung der Leser erzählen zu sollen geglaubt.— Verbandstilg der Graveure und Ciselenre. Köln, 24. Juni. Der Centralverband der Graveure, Ciseleure und verwandten Berufe hielt in der vergangenen Woche in Köln seine vierte General- Versammlung ab. Es waren 31 Delegierte erschienen, und zwar je 3 aus Berlin und Leipzig, je 2 aus Köln, Pforzheim und Schwäbisch-Gmünd, je einer aus Stuttgart, Nürnberg, Heilbronn, München, Eßlingen, Mannheim, Mainz, Frankfurt a. M,, Düffel- dorf, Krefeld, Lüdenscheid. Hannover, Hamburg, Friedrichshagen, Dresden, Annaberg, Döbeln, Nadeberg und Breslau. Ferner waren Centtalvorstand, Kontrollkommission, Redaktion und Preß- kommission durch insgesamt fünf Kollegen vertreten. Der von dem Verbandsvorsitzendcn E. Brückner erstattete Bericht des Hauptvorstandes umfaßt 2'/, Jahre, die Zeit seit dem im November 1901 in Stuttgart abgehaltenen Verbands- tag. Damals hatte der Verband, der am 1. Februar 1897 ge- gründet wurde, 1330 Mitglieder. Heute beläuft sich die Mitglieder- zahl auf 2260. Die größte Filiale ist Berlin mit 768 Mitgliedern, dann folgt Leipzig mit 200, Köln mit 104, Pforzheim mit 103, Schwäbisch-Gmünd mit 94, Dresden mit 59, Heilbronn mit 55 usw. Der Z 153 der Gewerbeordnung brachte dem Verband zwei Ver- urteilungen seiner Mitglieder. Ter Bericht sagt treffend darüber: Der größte Lump ist heute in der Lage, einen anständigen Menschen hinter die Gefängnismauern zu bringen; er, der Lump, braucht sich nur gegen den Beitritt zur Organisation zu sträuben und unter die Fittiche des Staatsanwalts zu flüchten; sofort ist die Anklage nach § 153 fertig, und ein ehrlicher Mensch geht abermals ins Gefängnis und erhebt die geballte Faust gegen den Ort seines Vaterlandes, wo es möglich ist, auf Grund gemeiner, gehässiger Denunziationen anständige Arbeiter, die in Ausübung ihrer Koalitionspflichten und -Rechte einmal mit einer landläufigen Redensart den indifferenten Arbeiter bezeichneten, in das Gefängnis zu werfen.— Der Borsitzende geht ausführlich' auf die innere Entwicklung des Verbandes, auf die Lohnkämpfe usw. ein. Er läßt sich auch über die Frage: „Berufsorganisation oder Jndufttieverband?" aus und wandte sich gegen das Verlangen, die Graveure und Ciseleure etwa dem Metall- arbeiterverband zuzuweisen. Die beiden Berufe arbeiteten nicht nur in Metall, sondern je nach den Fabrikationszweigen in Stein, Holz, Masse oder Glas. Die Graveure und Ciseleure hätten oft rein gar nichts mit der Metallindusttie zu thun, und gerade, weil die Berufskollegen so weit verstteut in sämtlichen Jndusttiezweigen thätig sind, sei die bestehende Berufsorganisation unentbehrlich. Den Kassenbericht erstattete S i e w e r t. Die Ein- nähme betrug in der Berichtszeit. 2V- Jahr, bis Ende März, 74 667,65 M., die Ausgabe 77 831,03 M., der Kassenbestand Ende März 11 835,39 M. An Stteik- und Gemaßregelten-Ilnterstützung wurden ausgegeben 14 292 M., an Arbeitslosen-Unterstützung 3406 Mark, an Sonder-Unterstützung 636 M., an Sterbegeld 75 Mk., an Rechtsschutz und Gerichtskosten 383 M, für die Fachzeitung 10 700 Mark usw. Im Anschluß an den von Hoffmeister erstatteten Bericht der Preßkommission wurde n. a. folgende Resolution gegen eine Stimme angenouimen:„In Erwägung, daß es eine der vornehmsten Aufgaben einer Gewerkschaftspresse ist, die Mitglieder in gewerkschaft licher und politischer Beziehung aufzuklären und sie zu zielbewußten Arbeitern zu erziehen, erklärt sich die Generalversammlung mit der Haltung des Fachblattes einverstanden und erwartet, daß dieses ferner im Interesse der Arbeittrschaft aufklärend wirken möge." Ein Anttag, das Fachblatt, das bis jetzt dreimal monatlich erscheint künftig wöchentlich erscheinen zu lassen, wird abgelehnt. Dem Ver- bandstag lagen weit über hundert Anträge zum Statut vor, die zu ausgedehnten Debatten führten. Es wurde beschlossen, den Beitrag von jetzt 30 Pf. pro Woche zu erhöhen vom 1. Oktober dieses JahreS an auf 40 Pf., vom 1. Oktober nächsten Jahres an auf 50 Pf.— Die Arbeitslosen-Unter st ützung wird in folgender Weise erhöht: Es erhalten die Mitglieder nach einjähriger Mitgliedschaft für 24 Wochentage, nach zweijähriger für 30, nach dreijähriger für 36, nach vierjähriger für 42 und nach fünfjähriger Mitgliedschaft für 48 Wochentage Arbeitslosen-Unterstützung, und zwar Ledige pro Tag 2 Mk., Verheiratete 2,50 Mk. Die Wartezeit bettägt 3 Tage. Nach einer noch nach fünf aufeinander- folgenden Wochen dauernden Arbeitslosigkeit erhalten nach zwei- jähriger Mitgliedschaft die Kollegen einen Metszuschuß.— Die Streikunter st ützung bettägt je nach der Dauer der Mitglied- schast für Ledige pro Tag 1,50— 2 M., für Verheiratete 2— 2,50 Mk. und pro Kind und Woche 1 M Als Neise-Unterstützung wird pro Kilometer Bahnsttecke 2 Pf. gezahlt, und zwar je nach der Dauer der Mitgliedschaft 10— 40 M., der letztere Betrag nach mehr als vierjähriger Mitgliedschaft.— An Umzugs-Unter- st ü tz u n g wird künftig gewährt je nach der Mitgliedschaft 20— 50 M. Eine lebhafte Debatte entsteht über den Antrag, zwei b e- soldete Beainte im Hauptvorstand anzustellen. Der Antrag wird in namentlicher Abstimmung abgelehnt. Dagegen wird ein- stimmig beschlossen, den Vorsitzenden künftig alS besoldeten Beamten anzustellen, rmd zwar mit 20Ü0 M., steigend bis 2400 M, Weiter wird beschlossen, die Expedition der Fachzeitung dem für die Filiale Berlin anzustellenden Verwalttingsbeamten zu übertragen, wodurch es der Filiale möglich ist, diesen Kollegen zu besolden. Zum besoldeten Vorsitzenden wird E. Brückner, zum Kassierer Streicher- Berlin, zum Berliner Filialbeamten T h u r o w gewählt. Ueber die im verflossenen Jahr aufgenommene Berufs- st a t i st i k berichtet Thurow. Danach sind die Löhne der Graveure und Ciseleure ttotz teilweiser Errungenschaften im grvßen und ganzen schlecht, die Arbeitszeit ist in der Mehrzahl noch länger als 54 Stunden pro Woche. WaS an Uebersttmden gesündigt wird, geht nicht auf eine Kuhhaut. Von den 2496 Kollegen, die die Frage- bogen ausfüllten, wurden in dem betteffenden Jahr insgesamt 64 450 1l eberstunden gearbeitet. Die arbeitslose Zeit betrug nur 21 000 Stunden. Somit wurden dreimal mehr Uebersttmden gemacht als die Kollegen arbeitslos waren. Das zeigt den großen Einfluß der U eberarbeit aus die ArbeitSlosig- keit. Durch die Vermeidung der ersteren läßt sich die Arbeitslosig- keit in ganz hervorragendem Maße bekämpfen. DaS Ergebnis wäre noch erschrecklicher, wenn nicht die schlimmsten Fälle ganz auS den Fragebogen fern geblieben wären, da die betteffenden� Arbeiter sich mit Recht schämten. ES wurde in 1215 Fällen Sonntags, in 294 nachts gearbeitet. 211 Kollegen waren Heimarbeiter. Es erklärten sich 1456 Kollegen für den Berufsverband, 284 für einen Jndusttie- verband; und zwar verteilt auf den Metall-, den Holz-, den Buch- druckerverband u. a.— In einer Resolution erklärt« sich die Generalversammlung für die Erringung und gesetzliche Festlegung eine? höchstens achtstündigen Arbeitstages, vor alleyt aber für die soforttge Herbeiführung des Neunstundentages durch den Verband... �. Zum Punkte Arbeitsnachwels wurde eme Resolufion einstimmig angenommen, die sich für eine einhettliche Arbeitsvermitt- lung innerhalb deS Berufes ausspricht, die sich in den Händen ver Arbeiter zu befinden hat.— Als nächsten Tagungsort wählte die .Generalversammlung Nürnberg.__ Hue InduCtrle und Handel. Zur Erneuerung des Kalisyndiknts. Die Entscheidung, ob daS Kalisyndikat seine sünfundzwanzigjährige Thätigkeit, die für seine Teilnahme ebenso gewinnbringend wie für die Konsumenten aus- benterisch war, fortsetzt, muß in diesen Tagen, bis Ende dieses Monats, entschieden sein. Die Verhandlungen darüber haben am Montag hier in Berlin begonnen, aber noch zn keiner Einigung geftihrt, und sollten nun am gestrigen Mittwoch fortgesetzt werden. In der Zwischenzeit sollte die Vermittelungskommission nochmals versuchen, die widerstteitenden Werke zu einigen und einen Ausgleich der Beteiligungsziffern herbeizuführen. Es handelt sich bei dieser Erneuerung des Syndikats vornehmlich um einen Kampf um die Beteiligungsziffern, dann aber auch um die Festlegung einer neuen Organisation des Syndikats, die schon langen Vorberatungen unterliegt. Das Kalisyndikat hatte seine größten Erfolge seit 1893, in dem der vorletzte Syndikatsvertrag abgeschlossen wurde, der dem jetzt gülttgen noch im wesentlichen entspricht. Diese Erfolge seit 1893 stellt die„Köln. Ztg." wie folgt zusammen: Während der ersten 25 Jahre seines Bestehens, also von 1879 bis Ende 1903 hat das Syndikat insgesamt rund 41 000 000 Doppelcentner reineS Kali (1 Doppelcentner reines Kali entspricht etwa 8 Doppelcenwer Kaimt oder 11'/4 Doppelcentner Kantallit) abgesetzt. Hiervon entfallen auf die ersten fünf Jahre 9,4 Proz., auf die folgenden 10,5, 16,6, 24,6, 33,9 Proz. Von diesen Mengen wurden rund 13 000 000 Doppelcentner reines Kali für gewerbliche Zwecke verwandt und zwar in den vorher genannten Zeiträumen 18,2, 18,4, 18,1, 20,1 und 25,2 Proz. Zu landwirtschaftlichen Zwecken wurden dagegen in 25 Jahren rund 28 000 000 Doppelcentner reines Kali, und zwar in denselben Zeittäumen 5,5, 6,8, 15,9, 26,6 und 45,2 Proz. abgesetzt. Schließlich sind in den 25 Jahren insgesamt rund 836 000 000 M. umgesetzt worden, wovon auf die ersten fünf Jahre 11,7 Proz., auf die folgenden 12,3, 17,4, 23,4 und 35,2 Proz. entfallen. Aus diesen Zahlen ergiebt sich, daß die Steigerungsfähigkeit des Umsatzes fast ausschließlich in dem landwirtschaftlichen Absatz liegt. Die Be- deutung der Organisation und der Wirksamkeit des Syndikats aber ergiebt sich daraus, daß der Zeitraum, in dem sich der Absatz an die Lanowirtschaft am stärksten vermehrte, unmittelbar auf die Neu-Organisation des Syndikats Ende 1893 folgte. Während bis Anfang 1898 die zehn Mitglieder des Syndikats einen direkten Einfluß auf die Geschäftsthätigkeit hatten, wurde nun nach größerer Freiheit und Schnelligkeit gestrebt und nian wählte für die neue Organisation die Form der Aktiengesellschaft. Zur Konttolle des Vorstandes, der sehr freie Hand bekam, wurde dem Anfsichtsrate der Aktiengesellschaften entsprechend ein Ausschuß ge- wählt. Nach dreijähriger Thätigkeit dieser Organisationsform traten neue Schwierigkeiten dadurch auf, daß dem Syndikat die Eigenschaft der juristischen Persönlichkeit fehlte. Ilm diesem Mangel abzuhelfen. und dem Syndikat eine geschlossene einheitliche Form zu geben, wuede ein Vertrag entworfen, der die Bildmig einer Gesell- schaft mit beschränkter Haftung vorsieht. Dieser VerttagSentwurf unterliegt nun seit inehr als einem Jahre lang- wierigen Vorberatunaen, idie erst seit November vorigen Jahres etwas posittvere Erfolge gezeitigt haben. Der Hauvtkampf aber dreht sich um die BeteilignngS- ziffern. Hierüber ist es auch am Montag noch zu keiner Einigung gekommen. Der Berghauptmann Dr. Fürst von, preußischen Fiskus gab zu Beginn der Sitzung eine allgemeine Uebersicht über de» Stand der bisherigen Verhandlungen und richtete sodann an die- jenigen 13 Werke, welche die von der Vermittelungskommission angebotene Beteiligungsquote für nicht annehnibar erklärt hatten, die Frage, ob sie nunmehr gewillt seien, die Beteiligungsquote anzu- nehmen. Im Interesse der Sache erklärten sich die Werke„Hohen- zollern".'„Mansfeld",„Alexandershall" und„Wintershall" hierzu bereit. Da die andern Werke jedoch auf ihrem ablehnenden Standpunkt verharrten, weil die eingangs erwähnte VermittelungS- kommission gewählt, die bis gestern noch einmal ihr Heil versuchen sollte. Kommt das Syndikat in diesen Tagen nicht zu stände, so wird es zweifellos zwischen den in Frage kommenden Werken einen der wütendsten Konkurrenzkämpfe geben, und da es sich um eine Industrie handelt, die der Landwittschaft einen unentbehrlichen Pflanzennährstoff, der chemischen Industrie einen wichtigen Rohstoff liefert, so ist das Interesse an diesen augenblicklichen Verhandlungen weit über die eigentlichen Kali-Jnteressenten hinaus geweckt. Die ShndikatSpresse, allen voran die„Kölnische Zeitung", füllt Spalten m,t Beschwörungsartikeln an die einzelnen Werke, das Syndikat zu halten. Sie lobt das Syndikat und seine Wirksamkeit über den Klee, und vertritt dadurch natürlich einzig und allein die Produzenten, die Kali- Magnaten; die"Köii- sumenteu kommen für diese Presse nicht in Betracht. Im Interesse dieser Konsumenten aber, im Interesse einer Ver- billigung des Kali ist nur zu wünschen, daß die Verhandlungen sich endgültig zerschlagen I Ostastikanische Eisenbahngesellschaft. Nachdem im Reichstage der Fischzug für die ostaftikanischen Bahnen so glänzende Erfolge gehabt hat. geht die Sache jetzt ihren gesicherten kapitalistischen Weg. Am gesttigen Mittwoch wurde unter der Firma Ost afrikanische Eisen bah ngesellschaft von der Deutschen Bank, der Direktion der Disconto-Gesellschaft, Mendelssohn«. Co., S. Bleichröder, Delbrück, Leo u. Co., von der Heydt u. Co., Robert Warschauer u. Co.. der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Arthur Koppel und Philipp Holzmann u. Cie., G. m. b. H., die Kolonial-Gesellschaft für den Bau und Betrieb der Eisenbahn von Daressalaam nach Mroqroro gegründet. Das Kapital beträgt 21 000 000 M.»nd zerfällt in Anteile von je 100 M. zu 3 Proz. verzinslich und rückzahlbar zu 120 Proz. Für die Verzinsung und Rückzahlung hat bekanntlich das Reich die Garantie übernommen. In den V e r lv a l t u n g s r a t wurden gewählt die Herren Kominerzienrat Max Steinthal als Vorsitzender, MInisterial- direktor a. D. Jose; Hoeter als stellvertretender Vorsitzender, Otto BraunfelS, Ludwig Delbrück, Karl von der Heydt. Bankdirektor Atthur Gwinner, Geheimer Kominerzienrat Hugo Oppenheim, RegierungS- und Baurat Otto Riese, Eisenbahndirettor a. D. Karl Schräder, Dr. Ernst Springer, Justus Strandes, Johann Warnholtz. Die Direktion bilden die Herren Geheimer Oberregierungs- rat z. D. Fttedrich Vormann und Gerichtsassessor a. D. Dr. Ernst Kliemke. Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Berlin. Internationale Warenhäuser. Das Warenhaus Hermann Schmoller u. Co. in Frankfurt a. M. ist dieser Tage durch Kauf in den Besitz der Firma Looiötö des Grand Bazars in Brüssel über- gegaitgen, welche Gesellschaft zur Zeit in Frankfurt a. M. einen eignen Warenbazar größten Stils erbauen läßt. Der bisherige Be- sitzer des Frankfnrter Warenhauses wird Direktor des neuen Unter- nehmenS der Brüsseler Firma. Deutscher Wettbewerb in England. Der Stahlwerksverband be- treibt dem Auslände gegenüber natürlich genau dieselbe Politik, wie seine andern Kattellgeschwister, er verkauft zu so wesentlich billigeren Preisen dotthin, daß die Preise auf dem Auslandsmarkte förmlich stürzen. So macht sich auf dem englischen Stahlniarkte, wie auS Birminghant berichtet wird, der deutsche Wettbewerb, welcher drei Monate nicht zu spüren war, wieder derart bemerkbar, daß die Preise von Knüppeln von 92'/z Sh£iuf 87ll3 Sh. herabgedruckt worden sind; Stabeisen ist ebenfalls um 5 Sh. billiger geworden. Auch in Wales und Staffordshire sind ähnliche Preisermäßigungen zu verzeichnen. Vom Petroleumkaiupf. In Oesterreich mid Rumänien haben Rockefellers Gegner nicht unbedeutende Erfolge erzielt. So kauften die österreichischen Petroleumraffinerien für mehrere- Jahre Rohöl von den Podocer Gruben, welche die be- beutendsten Rohölgniben außerhalb des Rohölkartells sind. Hier- durch würde der Bacumn-Oil-Compagnie die Möglichkeit verschlossen, in Oesterreich Rohöl zu beziehen. In Bukarest versagte sodann das'Gericht der neuerrichteten rumänisch-amerikanischen Petroleum- gcsellschaft, der Gründung der Standard Oil-Compaguie, wegen eines Formfehlers die Bewilligung der Betriebsaufnahme. Nene Bankfusio». Die außerordentliche Generalversammlung des A. Schaaffhausenschen Bankvereins am Dienstag in Köln genehnngte nach kurzer Diskussion mit allen Stimmen gegen einen Aktionär mit 1280 Stimmen die Fusionsverträge mit der Westdeutschen Bank vormals Jonas Cohn in Bonn und mit der N i e d e r r h e i n i s ch e n Kreditanstalt Kommandit-Gesell- schaft auf Aktien, Peters u. Co. in Krefeld. Ferner wurden die Erhöhung des Aktienkapitals um 25 Millionen Mark sowie ver- schiedene Abänderungen des Statuts einstimmig gutgeheißen. Soziales. Ein ärztlicher Scharfmacher. Der Führer der Leipziger Verbandsärzte, Dr. Kormann, schreibt in den„Aerztlichen Mitteilungen": „Alles dieses, zusammen»nt den von den Kassenorganen ver- breiteten ärztlichen Boykottlisten, die der Verordnung der königlichen Kreishaupwiannschaft hohnsprechen, und schließlich die Gründung des SanitätsverctnS, der die Streikbrecher wieder als Figuren in dem socialdemokratischen Schachspiel benutzen will, sollte die Re- gierung bestimmen, dem unwürdigen Spiel, das mit ihr getrieben wird, ein Ende zu machen. Man würde schließlich doch denen glauben, die da sagen, daß nur die Angst vor einigen derben Artikeln in der„Volkszeiümg" und vor den hochtönenden und doch so harmlosen Resolutionen einiger Volksversammlungen die Regie- nuig abhielt, fest zuzupacken und die Folgerungen des einmal be- tretenen Weges zu ziehen; denn auf diesem halben Wege können die Dinge nicht stehen bleiben; lieber eine kurze, schmerzhafte Ope- ratio» als ein langes Siechtum. Es kann doch der Regierung un- möglich angenehm sein, wenn öffentlich bekannt wird, wie die März- Erlasse zu stände gekommen sind." Vom Segen der freien Arztwahl. Bei der„Kranken- und Begräbniskasse des Verbandes deutscher Handlungsgehilfen zu Leipzig" besteht freie Arztwahl. Uebcr deren Segnungen verbreitet sich der letzte Geschäftsbericht der Kasse wie folgt: „Die Zulassung jedes approbierten Arztes zur Begründung von Kassenansprüchen bei Bezahlung der Einzelleistungen mit meistens 1 M. für die Beratungen und 1,60 M. für Besuche— bei Specialisten entsprechend höher—, sowie besondere Hilfeleistungen nach den Minimalsätzen der staatlichen Gebührenordnung und die peinliche Sorgfalt, mit der wir es immer zu vermeiden gesucht haben, der ärztlichen Empfindlichkeit zu nahe zu treten, alles das hat unsre 5liasse nicht davor zu bewahren vermocht, daß der gegenwärtig herrschende Kampf auch gegen unsre Kasse gerichtet wird.... Nehmen wir z. B. räumlich verbundene Gemeinwesen wie Elberfeld-Barmen und Rheydt-M.-Gladbach an: In einem Orte lehnt man es überhaupt ab, kaufmännischen Hilfskassen irgendlvelche Vergünstigung einzuräumen, empfiehlt dagegen den Aerzten, die Kassenmitglieder nur als Privatpatienten zu behandeln, im andern ist man ebenso human wie in vielen tausend Städten Deutschlands. Während M.-Gladbach die Behandlung aller Kasscnmitglieder zu Vertragssätzen ausgeschlossen haben will, deren Einkommen 2000 M. übersteigt, ungeachtet dessen, ob sie verheiratet sind und vielleicht für eine zahlreiche Familie zu sorgen haben, ist man in Rhehdt nicht so engherzig.— Das Nonplusultra ärztlicher Machtvollkommenheit bietet Düsseldorf, wo man der Kassenlcitung die Verpflichtung ab- verlangt hat, halbjährlich ein genaues Verzeichnis der versicherungs- Pflichtigen Mitglieder zu liefern, und jedem Arzte vorbehält, sich den letzten Steuerzcttel von seinen Patienten zeigen zu lassen, und in jedem Falle, wo ein Bkitglied als nicht versicherungspflichtig fest- gestellt werden sollte, soll sich die Kasse zur Bezahlung von 30 M. Strafe verpflichten! Alle Vorstellungen gegen die Ilndurchführbarkeit solcher Bedingungen haben nichts genützt; die Vertragsabschließung ist ohne diese unverständige Forderung einfach verweigert worden. In einem kleinen Kreise Ostpreußens, wo lediglich versicherungs- Pflichtige junge Leute mit recht bescheidenen Gehalten kürzlich erst aufgenommen worden sind, hat der Aerzteverein beschlossen, daß für jede Beratung 2 M. und für Unterschrift jedes vorgedruckten Krqnkenformulars außerdem 2 M. zu berechnen seien. Andernorts wird wieder verlangt, daß kein Mitglied sich von einem Arzte, der nicht dem Acrztevereine angehöre, behandeln lassen dürfe, und in einer Stadt der Provinz Brandenburg regte sich ein Arzt darüber auf, daß die Beitrittslustigen nicht gezwungen sein sollten, die Auf- nahme-Untersuchung allein von ihm vornehmen zu lassen— die Folge davon war, daß der Verein das Untersuchungshonorar auf 5 M. festsetzte. Die Aerztevereine von Bonn, Köln usw. fordern 1,50 M. für Beratungen und 2 M. für Besuche, und wenn diese Honorarbemessung sich verallgemeinern sollte, würden wir mit jähr- lich vielleicht 100 000 M. Arzthonorar mehr zu rechnen haben. Ob unter solchen Umständen die seit Oktober erst erhöhten Beiträge auf die Tauer ausreichen werden, ist allerdings fraglich." Die freie Arztwahl spielt auch auf dem österreichischen Kranken- kassentage� eine Rolle. Der Referent dazn sagte: „Diese Frage hat eine große Bedeuwng, wie verschiedene Vor- gänge in Deutschland beweisen. Die Schlachtrufe sind:„Freie Aerztewahl!" und„Zwangsärzte I" Wir würdigen die Leistungen der Aerzte und wissen, daß sie einen nahezu unbeschränkten Einfluß auf die Verwendung der Kassenmittel haben. Die Aerzte sind un- zufrieden; wir geben zu, daß sie Ursache dazu haben. Entschieden müssen wir aber bestreiten, daß die Krankenkassen daran schuld sind. Die Krankenkassen sind die Krücken, auf denen eine große Zahl Aerzte erst Eingang in die Praxis und damit die Grundlagen der Existenz gefunden hat. Freie Aerztewahl würde die Lage der Aerzte nicht bessern, aber die Kassen und auch viele Aerzte schädigen." Zur Alters- und Invalidenversicherung nahm der öfter- reichische K r a n k e n k a s s e n t a g folgende Resolution an: „Die Delegierten sprechen auf Grund ihrer langjährigen Er- fahrungen die Ueberzeugung aus, daß die Krankenkassen nur bei vorübergehender Erwerbsunfähigkeit die physische und wirtschaftliche Not der Arbeiterschaft zu lindern vermögen. Bricht das schwer er- kranfte Mitglied nach Erschöpfung deS Unterstützungsanspruches zusammen, ist heute sein und seiner Angehörigen Ruin besiegelt. Durch den Tod des Ernährers werden Witwe und Waisen dem physischen und moralischen Verderben preisgegeben. Die Einführung der JnvaliditätS- und Altersversicherung, der Witwen- und Waisenversorgung ist daher längst ein Gebot social- politischer Fürsorge. Der Krankenkassentag protestiert auf das entschiedenste gegen die von der Regierung beliebte Ausnützung der Invalidenversicherung zu politischen Zwecken und gegen die systematische Verschleppung der längst in Aussicht genommenen Vorlage. Er fordert die ungesäumte Veröffentlichung des fertigen Entwurfes, zu der die gegenwärtige Regierung sich mehrmals feierlich verpflichtet hat. Der Krankenkassentag muß die Beranwortung für alle un- gestillte Not, alles Elend, das der Mangel einer Invalidenversicherung hervorruft, jenen zuschreiben, die im Widerspruch mit der ge- samten öffentlichen Meinung die Einbringung einer Vorlage auch zu einer Zeit verweigert haben, wo ihr das Parlament keinen Wider- stand hätte entgegensetzen können. Der Krankenkassentag fordert, daß die Regierung endlich ihre so oft wiederholte Zusage einlöse und das Gesetz über die Alters- und Jnvaliditätsversicherung, Witwen- und Waisenversorgung den kompetenten Korporationen zur Begutachtung vorlege, damit es raschestcns im Parlament zur Beschlutzfassung gelangen könne." )Zus der fraucnbcwegung. Einen glänzenden Sieg haben nach einem Streik von wenigen Tagen die Tclephonistinnen eines Londoner Fernsprechanctes er- ruugen. Die jungen Damen de-s Holborn-Amtes, die bisher eine Arbeitszeit von 8 beziehentlich 8Vz Stunden und des Sonnabends eine solche von 7 Stunden zu leisten hatten, sollten nach einerneuen Dienstordnung 9, in einzelnen Fällen 10 Stunden täglich im Bureau sein, ohne eine höhere Bezahlung zu erhalten. Dieses Amt ist in der Regel das Versuchsfeld für neue Arbeitsmethoden, die dann bald auf die übrigen ausgedehnt werden. Die jungen Mädchen streikten, wählten eine Deputation, die erst mit dem Direktor, schließ- lich mit dem Generaldirektor unterhandelte und das Resultat war, daß die Arbeitszeit nunmehr auf 7>/z(mit Ausschluß einer Stunde Frühstückspause) für 5 Tage in der Woche und auf 5, beziehentlich 0 Stunden des Sonnabends festgesetzt Ivurde. Die Tele- phonistinnen, deren Zahl in London gegen 5000 beträgt, beabsichtigen die Gründung einer Organisation. Singegangene Vruckfcdriften. Protokoll der Verhandlungen des ersten dentfchen TranSp ortarveiter- Kongresscs. 4.-6. April 1904 in Berlin. 78 Seiten. Berlin 1904. Verlag der Buchhandlung„Courier", Engcl-User 21. Dr med. Georg Liebe.„Werde gesund!" Zeitschrist für VolkSgesund- heitspflcge und Krankheitsverhütung. Fünftes Heft. Preis: viertehährlich 75 Pf. Monatlich erscheint ein Heft. Universitats-Buchhandlung Theodor Krische. Erlangen. Dr..Hermann Kornfeld. Verbrechen und Geistesstörung im Lichte der altbiblischen Tradition. 30 Seiten. Preis 30 Pf. Verlag Karl Marhold. Halle a./S. FMir den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Puvliknm gegenüber keinerlei Beranttvortnng. Udeater. Donnerstag, den 30. Juni. Ansang 7'/, Uhr: Nenes Opern- Theater. Der Nastelbinder. Deutsches. Rose Bernd. Lessing. Zapfenstreich. Belle-Allinnce. Die Goldhexe vom Königsce. Anfang 8 Uhr. Schiller«.(Wallner. Theater.) Oberon, König der Elfen. Schiller Al.(Friedrich-Wilbelmstädt.) Der Geizige. Der eingebildete Kranke. Berliner. Mamzclle Nitouche. Westen. Im bunten Rock. Neues. Einen Jux will er sich machen. Kleines. Fräulein Julle. Residenz. Die 300 Tage. Central. Madame Bonivard. Carl Weist. Der Weg zum Herzen. LNetroPol. Ein tolles Jahr. Wiuter-Gartc». Specialitäten. Apollo. Liebesgötter. Specialitäten. Rcichshallen. Stettiner Sänger. Passage-Theatcr. Specialitäten. Urania. Tanbenstrastc 48/4V. Die Insel Rügen. Jnbalidenstrastc 37/tiL. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Mm Theater, Schiffbanerdamm 4a— 5. Einen Jux will er sich machen. Ansang 8 Uhr. Morgen: Linen lux«i» er eiek mache». Central-Theater. 8 Uhr: Gastspiel des königl. Schau- spielers Lmil Richard u. Joseline Dora. Oukel Bräsig. Lebensbild in 5 Alten von Fr. Reuter. Freitag, Sonnabend: Der Herr im Hanse. Sonntag: Onkel Bräsig. RefidtilMheiltkl Heute 8 Uhr: Die 300 Tage. schwank in 3 Akten von Paul Gevault und Robert Charvey. Deutsch von Aisred Halm. eemMaozeTMl Gesundbrunnen. Badstr. 58. Heute: Elite-Tag. Abschieds- Vorstellung des groBartigen Juni-Programms. Die Toehter des Heimgekehrten. Pank Coradtnt. Im Saale; Elite-Ball bei verstärktem Orchester. Anfang 4>/, Uhr. Enwee 30 Ps., numerierter Platz 50 Pf. �«hinei'-ThSatvi'. Schiller- Theater O. (Wallner-Theater). Mortvist-Oper. Donnerstagabend 8 Uhr: Oheron, KUnig der Elfen. Freitagabend 8 Uhr: Der Wildschütz. Sonnabendabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Biitel. Hartha, oder: Der Markt zu Richmond. Der Sommcrgarten ist eröffnet. Schiller-Theater IV. (Friedrich-Wilbelmstädtisches Theater) Donnerstagabend 8 Uhr: Letzte Vorstellung vor den Ferien. Iber<,elziKe. Lustspiel in 5 Akten von Mokiere. Hieraus: Ber eingebildete Kranke. Lustspiel in 3 Akten von Moiisre. Im Garten täglich gr. Militär-Konzert. r Xax KHstn's Sommer-Theater Hasenheide 13—15.— Artistische Leitung: Paul Milbitz. Wied: Ks. Konzert, Theater- u. Specialitäten-Vorstellung. Jeden Montag: Sommerfest.— Jeden Mittwoch: Die beliebten Kinderfeste.— Jeden Donnerstag: Elite-Dag. NM- Die Kaffeeküche ist täglich von 2 Uhr ab geöffnet."T&Q 2 hochelegante Kegelbahnen, Würjelbuden, Konditorei, Blumenstand je. In den Sillcn: Orosser Ball. Urania. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theator; Die Snsel Flügen. Sternwarte SS! CASTAN'S Priedrichstr. 165. Die vielbeminderten zusammengewachsenen Schwestern Rosa und Josefa: !! einzig dastehend in der Welt!! Der lange Josef 16 Jahre alt, 217 cm gross. Der Eelchenrand in Charlottenburg. Originalgrup|ie nach Aufnahmen an Ort und Stelle naturgetreu dargestellt, ohne Extra-Entree. Kleines Theater. Unter den Linden 44. pfäulein�ulie. Ansang 8 Uhr. Morgen: Nachtasyl. W. Noacks Theater Direktion: Rob. Dill. Brunnenstr. 16. Heute zum letztenmal: Unser Lottchen oder: Berliner Klimbim. Rani Rochelll, der Urkomische. Das vorzügl. Specialität.-Programm. Ansang«Uhr. Kaffeekllchc ZUhr. llall. 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Forbes, amerik. Excentrics Cwmont Lion, Zauberkünstler. Lydia Dobranow, Feuertänzerin. Professor Maboul, kom. Jongleur. Perzinas dressierte Affen. Gebrüder Schwarz, Parodisten. Will Mora, Reckkünstler. Heloise Titeomb, sangenn Die 4 Milans, Kraftnummer. Neiss-Familie, akrobatischer Akt. „Pas de deux". Cavini und Härtel. Eebendc Photographien vom KriesHMchuuplatz. Weim-üM Am KSnigsthor. Am Friedriehshain. Täglich: Theickr-NorjitllW mit wechselndem Programm. Am 1. und 15. jeden Monats Specialitäten- Wechsel. Zum Schluß: Die Reetzenburg. Volksstück mit Gesang in zwei Wien. Entree SO Pf. Täglich:| Jeden Mittwoch! jßützowstr. 111/112. T U g i 1 c h im 4» arten oder Saal: Vorsts Norddeutsche Humoristen und QuartettsSänger. Ans.: Woche 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. kons baden GBIilgkeit. Thea f er 79 Täglich: Goldene iierzen. Pantom.: Im Nachtasyl. Harris, Krastjongleur. The Jarrey.— Ulpts.— Langäe. Ball, Konzert, Speciasität. Ansang 4 Uhr. Eintr.30 Pf. Rum. PL 50 Pf. Iteichs hallen ir Simer. Sanssonei. Koltbnser Thor— Etat, der Hochbahn. Täglich im Garten: Hottmsims Norddeutsche Sänger. Sonntag, Montag, Donnerstag: Räch der Soiree: Tanz. _ Wochentags haben Vor« zugsknrten, auch die zu den Theater- abenden ausgegebenen, Gültigkeit. Satt.| Kinderfest Konzert- Garte» >zbe Jeden Freitag: 48. Hurburxer Sänger. Ansang 8 Uhr. Enwee 20 Ps. VorzugSkarten und Passepartouts iltta. Nachher: Kränzchen. Jeden Sonntag: Gr. Frelkonzert und Ball. Ansang 4 Uhr. Flundern, dem Rauch nur 1,90 M. Postd. sett- niesende Matjes, H. 3'/, M. Ernst Napp Macht., Swinemündc Rr. 56. Etabliffrment KuMuhagea Moritzplatz. Täglich von 12—4 Uhr: Mittagstisch. Im groste» schattigen Natur» garten jeden Abend 8 llhr: Konzert. Dienstags, Donnerstags, Sonntags: Etthrmann— Horst— Walde* Sixnger. Sonnabends im Kaisersaal: Tanz. Ostbahn-Park. Am Kilstrinerplatz. RQdersdorferst. 71. Hermann Imbs. Täglich: Gr. Konzert, Theater und KpeeiaUtäten- NorstellnnA. 8!' ! Wilhelm Trapp | Sommer-Theater. Tegtl, Bahnhofstrahel. Jeden Sonntag u. Donnerstag: Großes Gorten-Koviert z> N. Specialitäten-Vorstellung. Enwee 10 Pfennig. Sonntags 0 reserviert 20 Ps. 55242*(> ———»t i a rosse Treihurger Doinbau-Lotterie. Ziehung 6.-9. Juli 1004. Haupttr: 1UO WOO, 40 09«. 20 OOO. lO OOO usw. 53441-*! Orig.-Lose 3.30 J. Rachor, KouÄr, Mainz. Meine äußerst haltbaren ZekmMerkAse aus Vollm.mild pikant schmeckend, etw. exquisit Feines, äußerst baltb.. Steine v. 3Psd. Gew., offeriere in Staniolpackung, 4'/,Kg. netto zu M.6 sr. Nachn. G. Maisch Nacht., Memmingen(bah er. Allgäu). Steife Jterren-yilzhute in grau und braun, 53101-* feine Qnalltllt m. Atlasfutter,. Stück l925Markf| im Hut-Engros-Lager Neue Königstr. 48,*££ Trete Volksbühne Qeneral- Versammlung: Donnerstag, den 30. Juni 1004, abends S'l, Ulir, in den Industrie-Pestsälen, Beuthstraße. Tagesordnung: 1. Tortrag des Schriftstellers Herrn Jolins Bab über: Sociale Dramen. 2. Geschäfts- und Kassenbericht dos Vorstandes für das verflossene Vereinsjahr. Revisionsbericht. Diskussion. Neuwahl des Vorstandes, Ausschusses, der Revisoren und Obleute, der Ordner. Anträge und Verschiedenes. Zutritt ist nur Mitgliedern gegen Vorzeigung ihrer alten Mitgliedskarte, die in der Zahistelle abgeholt werden kann, gestattet. Pf"* � die KSorwitz-Oper ÄÄ liegen in unsorn Zahlstellen I. Parkett- Billcts aus (Kassenpreis 2,50), für die Mitglieder der Freien Volksbühne ermässigt auf 1,60 M. inkl. Garderobe zu allen Abendvorstellungen. Rechtzeitige Vorbestellung in den Zahlstellen ist zu empfehlen. Secesslons-Karten a 25 Pfennig sind zu haben in den Zahlstellen von G. Schulz, Admiral- strassa 40a(SO.); Beyer, Veteranenstr. 13(N.); P. Lorsch, Gewerkschaftshaus(SO.); Vogel, Koppenstr. 83(0.) und Kumke, Bülowstr. 59(W.). Die mtglleds- Karten müssen in den Zahlstellen abgegeben werden mit der Erklärung bezüglich der weiteren Mitgliedschaft. IJnisclireibdngcn aus der bisherigen Zahlstelle in eine andre können nur im Juli und August nach Begleichung von etwaigen Beitragsresten vorgenommen werden, jedoch rauss die neue Karte für 1904/5 aus der alten Zahlstelle abgeholt werden. 229/6 Der Torstand. I.A.: G. Winkler. ücue Freie Volksbühne. Morwitz-Oper(Schiller-Tliealer 0.) Sonntag, 3. Juli, nachm. 3 Uhr:| Sonnabend, 9 Juli, abends 8 Uhr: Ssr Wildschütz. Sic Jüdin. Komische Oper von Lortzing.| Grosse Oper von HalÄvy. Karten für Mitglieder a 90 Pf., für Gäste a 1,10 M., sind in allen Zahlstollen zu haben. 150/9* Sonnabend, den lO. Jnll, In den Cfcsamtrüniuen der „Brancrel Frlcdrichshain"(am Königsthor); Sommerfest.-WK Grosses Künstler-Konzert ausgeführt von dem aussergewöhnlieh verstärkten Berliner Sinfonie- Orchester(50 Musiker). Bunte Bühne; Ftthrniann, Horst, Walde-Sünger. liebende Bilder ausgeführt von Mitgliedern des Turnvereins „Fichte".• rreiskegeln.• Bttchcrverlosnng. IM- Grosser Sommernachts-Ball.'T&Q Eintrittskarten für Mitglieder und Gäste, a 30 Pf., sind in allen Zahlstellen zu haben. Der Torstnnd. I. A.: Helnpfch Heft, Kassierer, Veteranenstr. 6. Neue Welt. Hasenheide 108/114. Arnold Scholz. == Elite-Tag!= | Gala-Monstre-Femrk% des Phrotechnilcrs A. Bock. Militär-Konzert.| SpßCialltäteil IV. Garde-Regiment zu Fuß, Letztes Austreten der Juni- Direktor Bergter.| Specialitiiten. && Grosser Ball.&& Anfang 5 Uhr. Entree 50 Pf. BilletS im Vorverkauf 40 Ps. in den mit Plakaten belegt. Handlungen. Gonnahend, 2. Juli: Konzert des Berk. Lehrer-Ges.-Bereins. Dienstag, 5. Juli: Erstes Grosfes Massen-Konzert. Partei- Speditionen: Berlin zweiter Wahlkreis: Hermann Werner, Mittemvaldei« straße 30, v. pari.— Dritter �Tabikreis: S t. F r i tz, Prlnzenstr. 31, Hos rechts parf.— Tierter Wahlkreis O.; Robert Wenzels, Gr. Franksurterstr. 133, Hos Part.— KD.: Paul Böhm, Lausitzerplatz 14/15 (Laden).— Kecbster Wr ahlkreis(Moabit): Karl Anders, Salzwedelerskr. 8, im Laden.— Weddiisg und Oranienburger Torstadt: Emil Stoltzenburg, Wiesenstr. 41/42.— Bosen» tliaier Torstadt, Gesnndbrnnnen, Beiniekendorr(Ost und West), Wlibeimsruh und Schiinholz: Hermann Raschle, Rügenerslr. 24, vorn pari, links.— Schönhauser Torstadt: Karl M ars, Kastanien- Zlllee 95/96.— �.it-«iieuieke: W. Pries, Rudowerstr. 63.— t'hai-I Ottenburg: Gustav Schar nderg, Sesenheimerstr. 1, Ecke Goethestraße, vorn 1.— Deutsch- Wilmersdorf: SB. Nickel, Berlin erstr. 130, III.— Friedrichsberg- Fricdrlchsfelde- WTlhelmsberg- Hohenschönhausen: Otto Settel, O. 112, Kronprinzensiraße 50, I.— Grünau; E. Pseil, Königstraße 1.— Bixdorf; M. Heinrich, Prinz Handjerystraße 7, im Laden.— Schiiueherg: Wilhelm B ä u in l e r, Martin Lutherstr. 51, im Laden.— Dher- Schüne- weide: Otto Münzet, Ohmstraße 1 a, 2 Treppen.— Wieder» Schöneweide: BonakowSkh, Berlinerstr. 8.— Johannisthal: Paul Mann, Bismarckstr. 7.— �.diershof: Paul Schmidt, Bismarckstraße 7 II.— Königs»Wusterhausen: H. D letze, Schuhmacher.— Köneniek: Friedrich W o i ck, Grünstr. 29.— Friedeuau-Stegiitz: H. Bernsee, Schloßstr. 115, Gartenhaus I, in Steglitz. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: H. Mohr, Düppelstr. 8, und Fr. S ch e l l h a s e, Zlhornstr. 15 a.— Baumschuieu» weg: Stock, Ernststr. 2,11.— Treptow: 91. Voigt, Eisenstr. 37, vorn HI l.— Ten-Wcisscnsec: W. R e Z k e, Gäblerstr. 46, pari. — Bummeishurg: Forgbert, Prinz Albertstr. 5a.— Tegel, Borsigwalde, Dalidorf und Waidniannsinst: Paul Kienast, Borsigwalde, Schubartstr. 43.— Pankow: K. Kümmert, Florastr. 43. Außerdem ist sämtliche Parteilitteratur sowie alle wissenschaftlichen Ztttch werden Inserate für Werke dort zu haben. den„Vorwärts" ent Holzbildhauer Donnerstag, den 30. Juni, abends SVa Uhr, im Gelverkschaftshause, Engel- Ufer Nr. 15, Saal 1: Oeffentlicbe Oerfamrolung. Tagesordnung: Das Resultat unsrer Verhandlungen unsre Stellungnahme hierzu. Kein Holzbildhauer sollte in dieser Versammlung fehlen. mit der Meistervereinigung und 21/11 _ Die Lohnkommissio». Kummer'* iiKuchenis schmecken :: Hochfean. Eine feine Mischung backfertiger Kuchenmasse! Die besten]Vaplknchen,| Sandkuchen, Tanllle- knehen, Schmalzgebäck etc. etc. in 8 Bln. fertig gerührt.] Jede Hausfrau backe nur „Kummers Kuchen". Zuhabon in allen Kolonial n Dellkatcsswarcn». Mehl- und Torkost-Geschüfteu. Paket für 6 Personen 45 Ptg., für 12 Personen 65 Pf. Prenziauerstr, 46. KIXXXZXZXZZTZZZXZa teppdeeken Gelegenheitskauf. 2, Ii llOe, Farben S.OQ Normal- fl Q Schlafdecken 2,00,3,00 Special- Haus bantfarbig, alle Farben Bcsp"n ÖraiiieBstrasse 158. Bitte anssc gegeng hneldcu. enommen. Oeff entliehe Versammlung sämtlicher Ztrbeiter nnd Arbeiterinnen der Wäsche- nnd Krawattenbranche am Donnerstag, den 30. Juni i9.V Buss in N o w a w e s. 170/8 Wir ersuchen die Kollegen und Kolleginnen, recht zahlreich in dieser Versammlung zu erscheinen. Agitationskommission des Vereins deutscher Schuhmacher. »Ulli Mitgl. d. Arbeiter-Radsahrer-""�dSSf Bundes„Solidarität". Sonntag, den 3. Juli, vormittags 9 Uhr, im Gewerkschaftshause. Engel-ttfer 13(großer Saal): Oeurritl-Urrsammlung. TageS-Ordnung: 1. Bericht der Staiutenberawngs-Kommisiion. 2. Wahl des Gesaintvorstandes und der Revisoren. 3. Verschiedenes. Bundeskarte oder Abzeichen legitimiert. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet._ Der Vorstand. iSocialdemokratisehJaWvrai für den jO.BerlirterßolshstayswaliM.I Todes- Anzeige. Am Dienstag, den 28. Juni, I | verstarb unser Mitglied, Zimmerer> Hermanu Schulz Dalldorserstraße 13. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung jindei am Freitagnachmittag 4 Uhr von der Halle des Dankes- Friedhoses (Tegeler Chaussee, Blankestraße) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung er» sucht 247/14 Der Vorktand. Verband derNortefeMer In der Nacht vom 23. bis 24. Juni verstarb plötzlich unser Kollege Wilhelm Uöhmann im Alter von 28 Jahren. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 30. Juni, vor- mittags 9 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen LuIsen-KirchhofeS, Hermamistraße, aus statt. 109/13 Die Ortsverv/altung. i Invaliden- üflterÄnriskassE ISteindruckepn.LitliögrapheD. Die Beerdigung deS verstorbenen f Lithographen Paul(Zernsjäxer I findet statt am Donnerstag, den ! 30. Juni, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Central- FriedhoseS in Friedrichsfelde. 1 2387b Das Komitee. Danksagung. die Beweise herzlicher nähme bei der Beerdigung meines ür her Teil- lieben Mannes Hermann Sternberg sagen wir allen Beteiligten unsern innigsten Dank. 2378b Hohen-Schönhausen, 30. Juni 1904. Witwe A. Sternherg nebst Söhne. An Kllmpsi« Mngklmht! Folgende Bäckermeister haben den Tarif unterschrieben und sind deshalb der Liste des letzten Sonntag nachzutragen: Mle Wanzen werden nebst Brut durch mein Mittel vollständig vertilgt.— Fl. 30 Ps. u. 1,00.— Ebenso Schwaben, Russen, Franzosen, Blattläuse m Schll. 80 Pf., 60 Ps. ii. 1,00. 54162* Zahlreiche Anerkennungen. 1000 Mark zahle demjenigen, der mir einen Nichf erfolg nachweist. Nur allein echt bei Hugo Barth, Drogerie, jetzt Brunnenstraße 14, früher Nr. 18. IN Norden. Triftstr. 43, Heinrich Siaehr. iSk/U Carl Dzienian. Koloniestr. 71, Carl Richert. Rügenerstr. 3, Hmblein. Ackerstr. 5. Dahlke. Wöriherslr. 44, Thiel. Oentrnn». GipSstr. 7, L. Lisken. Osten. Memelerstr. 7, E. Knocke. 20, L. Howe. Mühlenstr. 51. I. Schön. Krantstr. 22, Arndt. Nordwest. Waldenserslr. 28, F. TreSIow. Südwest. Bergmannstr. 10, Knofiu». Die Bewilligung Bäckermeister: Norden. Liebenwawerftr. 31, Jäckel. Usedomstr. 20, Sommerseld. Hussitenstr. 15, Müller. Koloniestr. 23, Osburg. Hagenauerstr. 13, F. Wemmer. Steglitz. Schloßstr. 116, Eduard Kramer. Welssensee. Langhansstr. 122, Krön(dieser Herr hat irrtümlich schon 14Tage unter: Ihren, Langhansstr. 133, ge- standen und bitten wir das geehrte Publikum, Herrn Krön wieder zu' berücksichtigen, da fewiger noch n t e zurückgezogen hat). Blxdorf. tobrechtstr. 71, Grünhagen. aiser Friedrichstr. 7, Herrmann. Bergstr. 32, Rob. Kießling. Bergstr. 134,\ Richardplatz 7,} Rich. Liebenow. Steinmetzstr. 29,'' Mainzerstr. 56, Joh. Brehmer. Knesebeckstr. 146, A. Hentschel. Herzbergstr. 28, W. Stange. Pannierstr. 13, Karl Junker. Eisenstr. 82, Franz Pietsch. A. Wartenberg. C. Schulz. E. Lelleick. Joh. Laserich. Eaftr. 10, Edmund Krocker. lelftr. 3, L. Marmul. >instr. 64. Godawa. Lessingstr. 22, Aug. Jahnke. Bergstr. 77, Otto Gabbert. Adlershof. In Adlershos ist zwischen nebenstehenden Meistern und unsrer Orga» nisation durch Ver» Mittelung des bor- tigenGewerkschasts» kartells ein be» sonderer Tarif zu stände gekommen. Nledersehönhausen. Kaiser Wilhelmstr. 37, Achterhagen. 27. Höhm. UHIandstr. 3. Lübach. Beuthstr. 11, Manie. Blankenburgerstr. 11, M. Zugwurst. Buchholzersir., G. Remter. 86, M. Geisler. zurückgezogen resp. durchbrochen haben folgende Ackerstr. 47, Barz. . III, Dolli. , 128, Hossmeister. Nordwesten. Berlichingenstr. 1, Sander(Inhaber Freyer). Osten. Küstrinerplatz 2, Börner. Stralauer Allee 17. Lipski. Pallisadenstr. 58, H. Hecht. 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Niederlage Große Fraukinrterstraßc 9, parterre, � rrofi.&+37» Kerantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Jnstratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchoruckerei u. VerlagSanMt P.aul Emger L- Co.. Kerlin SW, 5t. 151. 21. Jahrgang. 2. jWge i>ks Lmiirls" Kerlim UiIKsM Donnerstag, 30. Juni 1904. lokales. Succesfive— und wenig merNich. In den letzten Tagen soll in Berlin zwischen den Herren Haus- Wirten und ihren Metern wieder eine niedliche Zahl von Briefen gewechselt worden sein. Spätestens drei Monate und drei Tage vor Wlauf des Mietsvertrages— so bestimmen es die meisten der Ver- träge— muß eine etwaige Wohnungskündigung erfolgen. Gewöhnlich wird aber der Kündigungsbrief bezw. die Miets- steigerungsnachricht lieber noch ein paar Tage früher abgeschickt, damit der Termin ja nicht verpaßt wird. Ob die Briefträger diesmal mehr Kündigungen den Wirten oder mehr Steigerungen den Mietern überbracht haben, das entzieht sich der Feststellung. Wir vermuten aber, daß wieder die Mehrzahl dieser angenehmen Schreibebriefe an Mieter gerichtet gewesen ist. Die berehrlichen Hausbesitzer können es sich ja in den meisten Stadtteilen leider immer noch leisten, dieMietenweiter in die Höhe zu schrauben. Ein Portier erzählte uns, er habe diesmal 26 Briefe zur Post tragen müssen; da sei auch nicht ein einziger Mieter im Hause, dem nicht der Wirt eine Mietssteigerung beschert habe. Er übte in grimmigen Worten eine so drastische Kritik an diesem Steigerungseifer, daß sein Herr Wirt sie nicht hätte hören dürfen. Die Hausbesitzer fühlen sich recht wohl und behaglich bei dem ebenso einträglichen, wie mühelosen Geschäft des Mietesteigerns, den Mietern aber wird anders dabei. Wenn man freilich in die Preß- organe der Hausbesitzervereine hineinblickt, dann könnte man glauben, daß die Herren Wirte mit schwerem Herzen daran gehen, die Wohnungsmieten wieder noch ein bißchen höher zu schrauben und ihre Mieter noch mehr auszuwuchern. Sie thun es nur un- gern, aber sie können leider nicht anders, die Bedauernswerten; denn die Hypothekenzinsen sind in den letzten Jahren gestiegen, die Bau- und Reparaturkosten sind größer geworden, die Materialien sind heute teurer, die Arbeiter— diese Begehrlichen— kriegen mehr Lohn und so weiter. Da ist noch gar nicht daran zu denken, daß die Wohnungsmieten wieder mal heruntergehen— wenn es über- Haupt noch einmal dazu kommt. Auch um Beschönigungen andrer Art ist man im Lager der Hausagrarier nicht verlegein Eine spaßige Probe davon finden wir im.Grundeigentum", dem Blatt der Berliner Grundbesitzervereine. Darin wird auseinandergesetzt, daß selbst unterdem englischen Erb- b a u r e ch t, das den Bodenreformern immer als Ideal vorschwebe, Mietssteigerungen und hohe Meten möglich seien. Als Bei- spiel wird angeführt, daß in London einem Modewaren- haus, das seinen demnächst ablaufenden Pachtvertrag auf 66 Jahre erneuern will, jetzt von dem Besitzer des Grundstücks, dem Herzog von Westminster, die maßlosesten Bedingungen auf- erlegt werden. Das seien, sagt das Hausagrarier-Organ, die ganz natürlichen Konsequenzen einer künstlich zurückgehaltenen Wert- steigerung de? Bodens; dabei sei es gleichgültig, ob das Land dem Herzog von Westminster oder einer Gemeinde bezw. dem Staat gehöre..Die Wertsteigerung muß einmal zum Ausdruck gebracht werden, und den Nachteil haben eben immer die Mieter, die die Wertsteigerung beim Erbbaurecht plötzlich und auf ein- mal realisieren miisien, während sie bei privatem Grundbesitz succesfive und wenig merklich in die Er- scheinung tritt." Die Berkner Hausbesitzer zeigen, daß s i e es in der That ver- stehen, die Meten ihrer Wohnungen und den Wert ihrer Grundstücke .succesfive" zu steigern. Die Mieter, die das in den letzten Jahren mit durchgemacht haben, werden ihnen das ohne weiteres bestätigen. Dagegen wird dem Hausbesitzerblatt schwerlich ein Mieter darin recht geben, daß diese Steigerungen„wenig merklich" gewesen seien. Auch„succesfives" Steigern wird schließlich selbst dem gefülltesten Portemonnaie nur zu merklich. Der Hund, dem man den Schwanz stückweise abhackt, pflegt dieses successive Ver- fahren sogar noch schmerzlicher zu empfinden als den Gewaltstreich des Unmenschen, der ihm gleich den ganzen Schwanz nimmt. Das Vorkaufsrecht, das für die Stadtgemeinde Berlin auf einer großen Zahl von Grundstücken grundbuchlich eingetragen steht, hat nach dem neuesten Verwaltungsbericht der städtischen Grund- digentums-Deputation dem Grundstücks-Erwerbungsfonds infolge von Ablösungen im letzten Etatsjahre eine bare Einnahme von Ä006 M. gebracht. Die Gesamteinnahmen dieses Fonds aus der Ablofung von Vorkaufsrechten betragen nunmehr seit dem Jahre >1882 die Summe von 116 063 M.. d. i. durchschnittlich pro Jahr 6276 M. Mit diesem Vorkaufsrecht hat es folgende Bewandtnis: Der Stadtgemeinde Berlin gehörte in früheren Jahren ein größerer Grundbesitz in Reinickendorf, Boxhagen, Rummelsburg, Treptow, Rixdorf, auf dein Wedding und dem Gesundbrunnen. Bei der Erb- Verpachtung des Vorivcrkes Boxhagen im Jahre 1783 hatte sich die Stadtgcmeinde in den meisten Fällen verschiedene Rechte, unter anderm auch das Vorkaufsrecht, vorbehalten. Im Laufe der Jahre sind diese verschiedenen Erbpachtgrundstücke in eine große Zahl von Parzellen geteilt worden, so daß zur Zeit noch gegen 3 0 0 dieser Grundstücke in den genannten Ortschaften, auf dem Gesund- b r u n n e n und dem W e d d i n g mit dem städttschen Vorkaufsrecht belastet sind. Dieses beschränk den Eigenttimer des betreffenden Grundstückes bei jeder Verfügung über dieses derart, daß das Grundstück in den meisten Fällen nur schwer beliehen oder veräußert werden kann. Im Laufe der Zeit ist das Vorkaufsrecht durch die erschwerenden Bestimmungen des Gesetzes ein Hindernis für den Privateigentümer und für den I m m o b i l i e n verkehr geworden. Die städtischen Behörden haben deshalb der Grundeigentums- Deputation des Magistrats die Befugnis erteilt, im Falle der Nicht- ausübung des Vorkaufsrechtes unter bestimmten Voraussetzungen in dessen Löschung zu willigen. Wegen der Höhe der für die Aufgabe des Vorkaufsrechtes zu verlangenden Entschädigung bestehen keine festen Bestimmungen. Sie soll von Fall zu Fall festgestellt werden, und hat in der letzten Zeit 3 Proz. und mehr des Kaufpreises bc- tragen. Die Erzeugung guter Kindermilch, welche allen hygienischen Anforderungen entspricht und dabei erheblich billiger ist wie sie bisher von einzelnen Molkereien al« Specialität geliefert wurde, hat sich der„Verband der Milchhändler-Genossenschasten ftir Molkereibetrieb E. G. m. b. H. Berlin" zur Aufgabe gemacht. Nach längere,: Ver- suchen ist aus kleinen Anfängen ein genossenschaftlicher Molkerei- betrieb hervorgegangen, der unter der Firma„Hygienische Stadt- Molkerei" in der Großen Frankfnrterstr. 120 etabliert ist und ausschließlich Kindermilch erzeugt, die mit 30 Pf. pro Liter an das Publikum verkauft wird. Eine Besichtigung des Molkereibetriebes. zu der die Presse am Mittwoch eingeladen war, überzeugte uns, daß wir es in der„Hygienischen Stadtmolkerei" in der That mit einem Musterbetriebe zu thun haben, der so eingerichtet ist, daß er seiner Aufgabe: eine den gesundheitlichen Anforderungen entsprechende Milch zur Eniährung der Säuglinge zu liefern, durchaus gerecht werden kann. Das Institut steht unter ständiger Aufsicht eines Tierarztes, es hat ein eignes, mit den neuesten und zweck- mäßigsten Apparaten ausgestattetes batteriologisches und chemisches Lavoratorium, wo Proben der gewonnenen Mich jeder Zeit nach wissenschaftlicher Methode geprüft werden können. Die notwendige Voraussetzung einwandfteier Milch ist natürlich eine gesunde Kuh. Demgemäß wird jede neu angekaufte Kuh be- sonders auf Tuberkulose untersucht und so lange in einem besonderen Ouarantänestall abgesondert gehalten, bis sich ihr Gesundheitszustand als zweifelsftei erwiesen hat. Zu Versuchen mit der Milch tuberkulöser Kühe— die selbstverständlich nicht in den Handel kommt— steht dem ärztlichen Leiter der Anstalt eine große Zahl Meerschweinchen als Versuchstiere zur Verfügung. Gegenwärtig verfügt die Molkerei über etwa 100 Milchkühe, während die Stallungen Raum für 200 Kühe bieten. Von einem ländlichen Kuhstall unterscheidet sich die„Hygienische Stadtmolkerei" in derselben Weise wie em allen Anforderungen der Neuzeit ent- sprechender industrieller Betrieb von der engen und dumpfen Werk- statt des Kleinmeisters. In den geräumigen, luftigen Ställen herrscht peinliche Sauberkeit. So bietet der Betrieb der„Hygienischen Stadtmolkerei" die Möglichkeit, ein Produtt zu liefern, welches den Anforderungen der Sauberkeit und der Hygiene in jeder Hinsicht entspricht. Bedenkt man, daß gute Kindermilch bisher nicht unter 60 Pf. pro Liter zu haben war, und daß die„Hygienische Stadtmolkerei" das Liter zu 30 Pf. abgiebt, so ist die Frage der Säuglingsernährung ihrer Lösung näher gerückt, wenigstens für die, welche nicht mit dem Pfennig rechnen müssen. Für viele Proletarier wird leider selbst der verhältnismäßig billige Preis unerschwinglich sein, und das zeigt wieder, wie be rechtigt unsre Forderung ist, daß die G e m e i n d e n die Milch Versorgung in die Hand nehmen müssen, um das für das Gedeihen der Kinder unentbehrliche Nahrungsmittel dem Publikum zum Selbst- kostenpreise zu liefern und damit ein Werk wahrhaft socialer Für- sorge zu thun. Der gemeinsame Unterricht der beiden Geschlechter hatte in Berlin bei einer ganzen Reihe von Gemeindeschulen, namentlich bei katholischen Schulen, sich in den unteren Klassen und vereinzelt auch in den mittleren noch erhalten. Der Grund war der, daß bei einer Trennung der Geschlechter die betreffenden Klassen dieser Schulen nur schwach besetzt geblieben wären. Aus demselben Grunde ist auch in den Nebenklassen für die schwachbefähigten Kinder der ge- meinsame Unterricht von Knaben und Mädchen üblich geworden, so daß an den Berliner Gemeindeschulen seit der Einführung dieser Nebenklassen die Zahl der Klassen mit Geschlechtermischung noch sehr erheblich zugenommen hat. Nur an einer dex�Gemeindeschulen, an der 16. Schule in der Mohrenstraße, waren selbst in den oberen Klassen Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet worden, und das geschieht dort auch jetzt noch. Diese Schule steht aber gegen- wärtig hiermit nicht mehr allein da. In dem laufenden Sommer- Halbjahr werden an drei Berliner Gemeindeschulen in den obersten Klassen Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet: an der 16. Schule(Mohrenstraße) in der ersten, der zweiten und der dritten Klasse, an der 239. Schule(Weitzenburgerstraße) in der ersten und der zweiten Klasse, an der 266. Schule(Memelerstraße) in der zweiten und den beiden dritten Klassen(eine erste besteht hier nicht). Zwei dieser Schulen haben übrigens in den meisten ihrer Klassen Geschlechtermischung. An der 16. Schule sind sieben von überhaupt elf Klassen gemischt, außer den oberen Klassen auch die unteren, an der 266. Schule sind es sogar elf Klassen von überhaupt fünfzehn, außer den oberen auch die unteren und die meisten der mittleren Klassen. Die Millionen des Bankers Priester. Wie ein Testament nicht gemacht werden soll, hat auch der verstorbene Bankier P r i e st e r gezeigt, der, wie schon kurz gemeldet, seinen Erben rund sechs Millionen Mark hinterlassen hat. In seinem Nachlasse fanden sich nicht weniger als drei Schriftstücke, in denen der Verstorbene feinen letzten Willen niedergelegt zu haben glaubte. Zwei von diesen„Testamenten" scheiden von vornherein als ungültig aus, weil sie den gesetzlichen Formvorschriften nicht genügen. Das dritte Schriftstück ist zwar vom Erblasser eigenhändig ge- und unter- schrieben, auch richtig dattert, aber es enthält zahlreiche Zusätze und Aenderungen, so daß man eigentlich nur von einem Testaments- Entwürfe reden kann. Aus diesem Grunde haben auch die Erben dies Schriftstück als Testament nicht anerkannt und die gesetzliche Erbfolge beanttagt. Auch die Witwe des Verstorbenen möchte einen Erbschaftsstteit vermeiden; trotz- dem sie das Testament ebenfalls nicht anerkennt, möchte sie den in jenem Schriftstück zum Ausdruck gebrachten Willen ihres Gatten in Hinsicht auf die Zuwendungen an wohlthätige Anstalten Geltung verschaffen. Der Verstorbene hatte nämlich eine Summe von einer Million für eine zu gründende Altersversorgungs-Anstalt und ein Kapital von etwa 66 000 M. für fünf gemeinnützige Anstalten, darunter die Reuter st iftung, ausgesetzt. Der Anteil der letzteren würde kaum 13 000 M. bettagen. Frau P. will der Stadt aber im Vergleichswege 16 600 M. für die Reuterstistung auszahlen lassen, vorausgesetzt, daß der Auseinandersetzungs-Verttag mit den übrigen Erben abgeschlossen wird. Da sich die Reuterstiftung bei diesem Vergleiche auf jeden Fall am günsttgsten stellt, so hat der Magistrat bei der Stadtverordneten-Versammlung die Genehmigung des Vergleichsvorschlages beanttagt. Bewegungsspiele in der Ferienzeit. Die städttsche Schuldeputation schreibt uns: Die seit mehreren Jahren eingeführten Bewegungs- spiele für die Schüler und Schülerinnen der hiesigen Gemeinde- schulen sollen auch diesmal während des Sommers vom 11. Juli bis 13. August 1304 abgehalten werden. Zu diesem Zwecke werden die in der Anlage bezeichneten Schulhöfe bezw. Spielplätze Wochen- täglich von 8—12 Uhr vormittags und 3—7 Uhr nachmittags für die hiesige Schuljugend geöffnet sein. Die Kinder, welche während dieser Zeit den Gefahren des Straßenverkehrs entrückt sind, unterstehen der Leitung und Aufsicht zweier Lehrer beziehungsweise Lehrerinnen, die sie in der Veranstaltung von Spielen unterstützen, ihre etwa vorkommenden Stteitigkeiten schlichten, ihnen sonst jedoch möglichst viel Freiheit lassen sollen. Allwöchentlich wird ein Ausflug— meist in zwei Abteilungen, die älteren und die jüngeren Kinder gettennt,— in die nähere Um- gegend Berlins unternommen. Es kommen in Bettacht für die Ferienspiele für Knaben: 1. Alt-Moabit 23(31. Gem.-Schule), 2. Bremerstraße(Spielplatz), 3. Ackerstraße 67(17. Gem.-Schule), 4. Danzigerstraße 23&(162. und 197. Gem.-Schule). 5. Schulstraße 100(65. und 77. Gem.- Schule), 6. Derfflingerstraße 18».(167. und 164. Gem.-Schule), 7. Am Urban(Spielplatz). 3. Schmidtstr. 38(62. Gem.-Schule). 9. Reichenbergerstraße 131(146. und 161. Gem.-Schule), 10. Blumen- straße 63a.(49. Gem.-Schule), 11. Gipssttaße 23a(8. und 63. Gem.- Schule), 12. Manteuffelstraße 7/8(193. und 196. Gem.-Schule). Für Mädchen: 1. Gerhardstr. 4/6(187. Gem.-Schule), 2. Turmstr. 75(82./90. Gem.-Schule), 3. Kurfürstenstr. 160(63. Gem.- Schule). 4. Wilhelmstr. 117 t27./44. Gem.-Schule), 6. Kastanien- Allee 82(16. Gem.- Schule), 6. Prenzlauer Allee 227/228 l106./121. Gem.-Schule), 7. Prinzen-Allee 8(140./194. Gem.-Schule), 8. Wasserthorstr. 4(Malerschule), 9. Naunynstt. 63(42. Gem.-Schule), 10. Köpnickerstr. 125(29. Gem.-Schule), 11. Krautstr. 43(38. Gem.- Schule). 12. Fruchtstr. 88(52./71. Gem.-Schule), 13. Keibelstt. 31/32 (84. Gem.-Schule). „Herzenszwang". Die„Tägliche Rundschau" schreibt:„Uns geht folgende Mtteilima zu, die wir nicht glauben würden, wenn sie nicht aus zuverlässigster Quelle stammte:„Die jungen Mädchen aus dem Bürgerstande, die in dem hiesigen Ursulinennnen-Kloster unterrichtet werden, müssen beim Verlassen der Schule, also etwa 14jährig. ihrem Kaplan das Versprechen geben, keinen Protestanten zu heiraten, nachdem sie schon früher ihm gegenüber sich durch Handschlag dazu verpflichtet haben". Bei diesem ungeheuerlichen Herzeuszwang kommt nicht bloß die konfessionelle, sondern auch die pädagogische Seite in Betracht. Wo in aller Welt spricht man denn mit Sch'fttindem von oder gar unter 14 Jahren vom Heiraten? Was sagt denn die zuständige Schulauffichtsbehörde dazu?" Man braucht keine Jesuitenmoral zu predigen, um zu dem Schluß zu kommen, daß das den höheren Töchtern im Ursulinerinnen- Kloster abgeforderte Gelübde moralisch nicht anders dasteht, wie das in Saarabien und anderswo den Aroeitern abgepreßte Versprechen, keiner Gewerkschaftsorganisation anzu- gehören. So wie ein pflichtbewußter Arbeiter unter dem Druck der Verhältnisse ein solches Versprechen nur mit dem heiligen Vorsatz abgiebt, es nicht zu halten, so werden auch gewiß die Mädchen aus dem Ursulinerinnenstist mit Vergnügen bereit sein, das alberne„Gelübde" zu brechen, sobald der Rechte kommt und dieser Rechte zufällig nicht der katholischen Religion angehört. Das mutz schon ein ganz verblödetes Geschöpf sein, das ein solches Versprechen ernst nimmt, und daher meinen wir, daß die ganze An- gelegenheit nicht die Bedeutung verdient, die die„Tägl. Rundsch." ihr beizumessen scheint. Soweit von moralischer Schuld die Rede sein kann, fällt sie eben ausschließlich dem Kaplan zur Last, der angeblich das„Gelübde" abninunt. Etwas weltfremd ist die Entrüstung darüber, daß überhaupt in der Schule mit vierzehnjährigen Mädchen über Heirat und Ehe ge- sprachen wird. Vierzehnjährige höhere Töchter pflegen über gewisse Dinge zumeist schon einigermaßen unterrichtet zu sein und daher wäre es nur von Vorteil, wenn ihnen in diesen Angelegenheiten in sittlich einwandfteier Weise Belehrung zu teil würde. Ob man solcher von tüchttgen Pädagogen gestellten Forderung im Ursulinerinnen-Kloster genügt, wissen wir allerdings nicht. Ein großer Platz im Norden. Der Stadtverordneten- Ausschuß zur Vorberatung der Maaistratsvorlage über die Festsetzung von neuen Baufluchtlinien auf einem Teil des Geländes des Platzes neben dem bekannten Exerzierplatz an der einsamen Pappel an der Schönhauser Allee hat beschlossen, daß dieser Platz in einer Größe von 34 600 Quadratmeter, das ist dreimal so groß als der Leipziger Platz, zwischen Gleim- und Gaudystratze bez. Schwedtersttaße und der Straße IX augelegt und im Bebauungsplan aufgenommen wird. Saarabien in Berlin. Dem Buchbindermeister Wilhelm Kämmerer, Kochstratze 70/71, beliebt es,„seinen" Arbeitern folgende„speciellen Bedingungen" beim Arbeitsantritt zu stellen: „Verweigerung der Arbeit, Ruhe, Ordnung und die Arbeit störendes Betragen, Mitteilungen über Geschäftsangelegcuheiten an andre Personen, Agitation sowie das Les e n des„Vor- wärts" oder ähnlicher Zeitungen und Schriften berechtigen jederzeit zu sofortiger Entlassung." Wir haben bisher geglaubt, daß die Gewerkschafts- organisation der Buchbinder stark genug sei, um die ihr an- gehörenden Arbeiter davor schützen zu können, daß der Unternehmer sich erdreistet, ihnen wegen ihrer Zeitungslektüre Vor- schriften zu machen. Sind wir mit dieser unsrer Meinung über den Buchbinderverband im Recht, dann verdienen die bei Herrn Kämmerer beschäftigten Buchbinder die ihnen dort zu Teil werdende Behandlung. Rehabilitieren können sie sich in den Augen der Oeffentlichkeit, wenn sie zunächst Gleiches mit Gleichem vergelten und den Unternehmer verpflichten, daß er sich hinfort nicht mehr unterstehe, in ihrer Gegenwart den„Lokal-Anzeiger" zu lesen. Tausende von Brieftauben sind bei einem Weit« und Preisfliegen verloren gegangen, das eine Anzahl Militär- Brieftaubenvereine in Rheinland-Westfalen und in Ostpreußen am Sonntag von Spandau aus veranstalteten. Es waren aus beiden Richtungen in voriger Woche ungefähr 16 000 Brieftauben mit der Eisenbahn eingetroffen mit der Bestimmung, daß sie am Sonntag aufgelassen werden sollten. Gegen allen Brauch wurde der Aufflug auf den Bahnhöfen bei heftigem Sturm und starker Bewölkung vorgenommen; die Folgen zeigten sich bald. Nur wenige Tiere vermochten bei dem Unwetter gleich die Flugrichtung zu finden. In dichten Scharen schwebten sie unaufhörlich in den Lüften über der Stadt und der näheren Um- gebung, um nach vergeblichen Versuchen, die Flugrichtung zu finden, wieder nach dem Ort der Auflassung zurückzukehren; dies Schauspiel hat bis Dienstag gedauert, und in der Zwischenzeit sind Hunderte von Tauben verschlagen worden oder dem Raubzeug zum Opfer ge- fallen. Scharenweise kamen sie auf den Bahnhöfen hernieder und wurden von mitleidigen Personen gefüttert, da sie gänzlich erschöpft waren. Man befürchtet, daß kaum die Hälfte der aufgelassenen Tauben an ihrem Ziel im Westen oder Osten des Landes eintreffen werden. Der Briefmarkenhäudler Sury aus Belgien, der, wie gemeldet, wegen Verkaufs gefälschter Briefmarken verhaftet wurde, soll eine namhafte Kaution für seine Freilassung angeboten habe». Ob jedoch dem Antrage des Sury stattgegeben wird, hängt von der Entscheidung des Untersuchungsrichters ab. Bauunfälle. Bei der Arbeit schwer verunglückt ist gestern vor- mittag der Dachdeckergeselle Unverdorbe aus Pankow. Er war da- mit beschäftigt, die Front des Grundstücks Gartenstr. 40 abzuputzen, als er infolge eines Fehltrittes vom Gerüst fiel und aus der Höhe der zweiten Etage herabstürzte. Bewußtlos blieb er am Boden liegen; ein doppelter Schädelbruch und schwere innere Verletzungen waren die Folgen des Unfalles.— Der Verunglückte wurde»ach dem Lazarus-Krankenhause gebracht, wo er lebensgefährlich erttankt daniederliegt.— Bei Ausschachtungsarbeiten verschüttet wurde der Arbeiter Wilhelm Bzezatz aus der Schliemannstr. 7. B. ist bei den Planierungs- und Ausschachtungsarbeiten zur Herstellung der neuen Straße zwischen Berg- und Gartenstraße beschäftigt. Gestern mittag stürzte hier eine Böschung ein und begrub B. unter sich. Der Einsturz war so gewaltig, daß dem Verunglückten beide Oberschenkel gebrochen wurden. B. fand in der Unfallstation Eichendorffstratze die erste Hilfe und wurde später der Charitö zugeführt.— Zwei Unfälle auf Neubauten werden weiter aus Charlottenburg gemeldet. Vor dem Grundstück Knobelsdorfs« straße 60 ist ein Gerilst aufgeführt, auf dem gestern einige Querbalken in der Höhe der zweiten Etage in die Tiefe rutschten. Die dort beschäftigten Maurer Franz Engel aus der Wörtherstr. 27 und Anton Leibhold aus der Gleimstr. 60 fielen mit den Balken in die Tiefe und erlitten schwere Verletzungen am Kopf und an den Schultern. Die Verunglückten wurden nach der Rettungswache gebracht. Dorthin brachte man bald darauf auch den Arbeiter Wilhelm Räter aus der Waldstr. 12, der auf einem Neubau auf dem Floraterrain aus der ersten Etage abgestürzt war. R. hatte einen Schulterbruch erlitten. Jugendliche Diebe. Auf ftischcr That ergriffen wurden drei Diebe, welche die Eckertsche Fabrik in der Frankfurter Chaussee heim- suchten. Sie hatten sich eine größere Menge von Maschinenbestand- teilen, insbesondere Messingteile zu Milchcentrifugcn, �angeeignet rind wollttn gerade init ihrer über 1400 M. betragenden Beute davonschleichen, als sie von einem Fabrikwächter bewerft und mit Hilfe einiger Passanten festgenommen wurden. Die Diebe s i ii d sämtlich noch schulpflichtige Jungen, die bei ihren Eltern wohnen. Tie Firma Eckert ist vor kurzem von einem ähnlichen Diebstahl betroffen worden; die zugendlichen Misse- thäter leugnen jedoch, den ersten Diebstahl begangen zu haben. Die hvsfnungsvollen Bürschchcn sind nach Moabit überführt worden. Ans der herrlichsten der Welten. Das Elend hat den 27 Jahre alten Schlosser Julius Rippel aus der Heidestr. 33 in den Tod ge- trieben. Der Mann war seit drei Jahren verheiratet und Vater eines zweijährigen Sohnes. Seine Frau liegt sei vier Wochen in der Charit«, wo sie operiert werden mußte. Rippel konnte seit einem Jahre schlecht sehen, fand daher nur schwer Arbeit und hatte die letzten sechs Wochen gar keine Beschäftigung. Schon hatte ihn die Not gezwungen, einige Stücke aus der Wirtschaft zu verkaufen, damit er nur das nackte Leben fristen konnte. Verzweifelt griff er ZUM Strick. Ms eine Hausgenossin Frau Hinze in seine Wohnung kam, um sich einmal nach ihm umzusehen, fand sie den Dtann als Leiche am Spiegelhaken hängen. Der kleine Sohn, den bisher Frau Hinze in Pflege hatte, ist jetzt bei Verwandten untergebracht. I» der Werkstatt seines Vaters erschossen hat sich der 19 Jahre alte Sohn Gustav des Pianoforte-Fabrikanten Kuhla ans der Watt- straße 17/18. Der junge Mann war, wie auch seine beiden Brüder, seit einem Jahr in der Fabrik seines Vaters, die 100 Arbeiter beschäftigt, thätig. Die Arbeiter, die morgens um 7 Uhr zuerst kamen, fanden ihn tot neben seiner Drehbank liegen. Er war nachts heim- lich aufgestanden und in die Werkstatt gegangen und hatte sich dort eine Kugel in den Kopf geschossen. Was ihn in den Tod getrieben hat, ist nicht bekannt. Theater. Paul Lincke, der beliebte Berliner Komponist, wird seine Operette„Venus auf Erden", welche ani Sonnabend, den 2. Juli er., im Ap ollo-Th eater neu einstudiert in Scene geht, persönlich dirigieren. Hus den Nachbarorten. Rmnmelsburg. Sonntag früh 7>/z Uhr findet eine Flug- blatt Verbreitung statt. Die Genossen werden ersucht, sich zahlreich und pünktlich in folgenden Zahlstellen einzufinden: Otto Wengers, Neue Prinz Albertstr. 17; Gast. Tempel, Alt-Boxhagen 36; Werner, Schillerstr. 24; Faul Jage, Prinz Albertstr. 13/14; Burg- meyer, Kantstr. 44; Schulz, Kantstratze Ecke Goethestraße. Odcr-Schöiicwcidc. Die Parteigenossen werden ersucht, zu der heute abend stattfindenden Flngblattverbreitung sich recht zahlreich und pünktlich in den bekannten Lokalen einzufinden. Der Vertrauensmaim. Kein Teufelsbiindnis. Gegen den Gemeindeschöffen Bauunter- nehnier F i e ck in Staaken bei Spandau hatte der Kreis- a u s s ch u ß eine Untersuchung eingeleitet, weil er mit dem Teufel, nein, mit der Socialdemokratie ein Bündnis geschloffen haben sollte. Dies Verfahren ist jetzt unter folgender Begründung eingestellt vorden: „Unzweifelhaft würde Fieck, wenn er die Aeutzerungen, die den Gegenstand der Anklage bilden, gethan hätte, aus seinem Amte entfernt werden müssen, denn ein Gemeindebeamter, welcher in irgend einer Weise den Bestrebungen der socialdemokratischcn Partei Vorschub leistet, ist der A ch t u n g, d e s V e r t r a u e n s und des Ansehens, die sein Amt erfordern, voll- k o ni m e n unwürdig. Bei der Unzulänglichkeit der Zeugen aussagen liegen jedoch ausreichende Beweise dafür, daß Fieck die inkriminierten Aeußernngen �Empfehlung der socialdemo kratischen Kandidaten) gethan habe, nicht vor. Hierzu kommt, daß nach den wiederholten Bekundungen einwandfreier Zeugen Fieck bisher niemals irgend etwas gethan hat, was darauf schließen lassen könnte, daß er socialdeniokratische Gesinnung hege oder die Bestrebungen der socialdemokratischen Partei in irgend einer Weise unterstütze. Es wird dem Fieck im Gegenteil all- gemein das Zeugnis eines sowohl in seinem Privat- wie in seinem Berufsleben durchaus patriotischen und königstreuen Mannes aus- gestellt. Bei diesem Ergebnis der Voruntersuchung mußte deshalb die Einstellung des Verfahrens erfolgen." Bei dem Fortschreiten des socialistischcn Gedankens kann es auch .n Preußen nur eine verhältnismäßig kurze Zeit dauern, bis nan ein derartiges Verfahren gegen einen Beamten allgemein :benso einschätzt wie heute die H e x e n p r o z e s s e der guten alten Zeit. VermifeKtes. In der Angelegenheit der Eingemeindung von Lichtenberg und Gummelsburg, um welche vom Gruudbesitzerverein Friedrichsberg- Boxhagen petitioniert ist, liegt jetzt der Bericht der Gemeinde- kommission des preußischen Abgeordnetenhauses vor. Nach dem Be- cicht hat der Regierungsvertreter sich in der Sache wie folgt ge- äußert:„Die beiden ganzen Gemeinden der Stadt einzuverleiben, wofür die beteiligten Gemeindebehörden vielleicht zu haben sein würden, trage die Regierung Bedenken. Ein zwingender Anlaß dazu liege thatsächlich auch noch nicht vor. Zweckmäßiger als die Ein- gemeindung erscheine der Regierung vorderhand, darauf hinzuwirken, daß, wenn möglich, auch hier a» der Peripherie von Berlin all- mählich ein eignes Gemeinwesen sich bilde, das den Aufgaben eines Vororts der Hauptstadt gerecht werden könne. Nach den Erfahrungen im Westen von Berlin vollziehe sich diese Eutwickelung aber eher unter selbständiger Verwaltung, als wenn diese in Berlin centralisiert wird, wo das Uebermaß der ständig wachsenden Verwaltungs- aufgaben mit der jetzigen Organisation schon ohnehin sehr schwer zu bewältigen sei." Nach dieser Erklärung hat die Gemeindekommission beschlossen, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Gerichts-Leitung. Die Ausschreitung zweier angetrunkener Rnsie», der Studenten Sergius Turoweroff und Alexander D i t t m a n n, beschäftigte gestern die siebente Strafkammer des Landgerichts I in längerer Sitzung. In der Nacht zum 22. April hatten die Genannten durch- gekueipt. Gegen 6 Uhr morgens kamen sie in stark bezcchtem Zu- stände nach der Rehfeldschen Schankwirtschaft in der Hannoverschen- straße. Hier betrugen sie sich so unmanierlich, daß die Wirtin ihren Ehemann wecken mußte, der die beiden unliebsamen Gäste vor die Thür setzte. Nun machten diese auf der Straße solchen Länn, daß eiu Schutzmann erschien. Dessen Bemühungen, die Tnmultuanten zu beruhigen, fielen auf einen unfruchtbaren Boden, Turoweroff stürmte mit erhobenen Fäusten und unter dem Rufe: „Ich bin ein Ruffel" auf den Beamten ein und versetzte ihn: einen Schlag ins Gesicht. Gleich darauf kam er zu Falle und am Boden liegend umklammerte er die Beine des Schutz- inanneS und versuchte, auch ihn zu Boden zu ziehen. In diesem Augenblick ging der Händler Johann Prokop an der kämpfenden Gruppe vorüber und ließ dabei eine über fußlange eiserne Stange so dicht neben den am Boden liegenden Russen fallen, daß dieser sie mit der Hand erreichen konnte. Dieser deutliche Wink Ivurde aber nicht beachtet. Nun fand Prokop sich veranlaßt, thätlich für den Russen Partei zu nehmen, er schlug auf den Schutzmann ein und dasselbe that der Freund Turoweroffs, der Student Ditt- mann. Nun zog der bedrohte Beamte den Säbel. Alle drei Angreifer erlitten Verwundungen, die indessen nicht erheblich waren. Sie mußten alle drei zunächst nach der Charits gebracht und verbunden werden. Während des Auftritts auf der Straße hatte sich natürlich eine bedeutende Menschenmenge angesammelt. Viele der Zuschauer nahmen gegen den Beamten Partei. Zu diesen gehörte auch der �Straßenbahnschaffner Paul Arndt, welcher wiederholt rief:„So behandelt man keinen Menschen, nicht einmal ein Vieh I" Vermöge seiner Dienstkleidung konnte seine Persönlichkeit festgestellt werden. Es sollten nun gestern vier Personen auf der Anklagebank Platz nehmen, die beiden Studenten und der Händler Prokop wegen thätlichen An- griffes auf einen Beamten und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, der Schaffner Arndt wegen Verübung groben Unfugs. Der Student Dittmann war nicht er- schienen, er hat es vorgezogen, nach Rußland zurückzukehren. Der Staatsanwalt beantragte nach Schluß der Beweisaufnahme gegen Turoweroff sechs Wochen Gefängnis und vier Wochen Haft, gegen den vorbestraften Prokop sechs Monate Gefängnis und gegen Arndt vier Wochen Hast. Die Verteidiger, Rechtsanwälte Kobeiinski und Barnau, plädierten für ein niedrigeres Strafmaß. Der Gerichtshof verurteilte Turoweroff zu 300 M. Geldstrafe, Prokop zu drei Monaten Gefängnis und Arndt zu 30 M. Geldstrafe. Ceutralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Teutschlands(Bezirk Berlin). Heute Donnerstagabend 9 Uhr in den Arminhallen, Kommandantenstr. W: Sitzung. Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltung. Einen grauenhaften Fund haben Arbeiter in Halle a. S. auf einem Holzplatz gemacht. Unter einem aufgeschichteten Haufen von Holzklötzen zogen sie aus einem der Luftschächte die stark verweste Leiche eines etwa achtjährigen Knaben hervor, der der größte Teil des Fleisches durch Natten von den Knochen gefressen war. Bald ergab es sich, das; es die Ucberreste eines Arbeiterkindes waren, das seit dem 11. April vermißt wurde. Aus Furcht vor Strafe war der Knabe davongelaufen und hat offenbar in dem Holzschacht genächtigt. Bei dem Versuche, wieder herauszukriechen, haben sich die Holzklötze verschoben und der Unglückliche vermochte das Freie nicht mehr zu gewinnen. Er ist zweifellos verhungert und von Ratten aufgefressen worden. Ein /Mord auf der Alpe. Aus Mürzzuschlag wird der „Grazer Tagespost" gemeldet, daß der in Sport- und Touristen kreisen unter dem Namen„Almpeter" weit bekannte Herbergsvater des Rosegger-Schutzhauses auf der Petrnlalpe, Peter Bergner ermordet aufgefunden worden ist. Touristen fanden den Bcwirtschafter des der„Waldheimat-Gesellschaft" in Mürzzuschlag gehörenden Hauses im Kellerraum des Gastzimmers der Hütte, in welchen man durch eine Fallthür von jenem Gastzimmer aus gelangt. Die Leiche Bergners war bereits kalt. Die Geldlade war erbrochen und sämt- liches Geld— es dürften bei 100 K. gewesen sein— geraubt worden Der Mord dürfte bereits am Freitag voriger Woche verübt sein. Die Gendarmerie in Retteneg verhaftete einen der That dringend verdächtigen Mann Namens Joseph Giebler, 30 Jahre alt, der sich am Sonnabend auf der Pretulalpe aufgehalten hatte. Bemerkenswert ist, daß Bergner vor einiger Zeit bereits das Opfer eines Mordversuches war. In der ihm gelieferten Milch hatte man Gift vorgefunden. Seit jener Zeit nährte er sich fast ausschließlich von Konserven. Bergner war wegen seiner Leutseligkeit und wegen seines Hilmars allseits beliebt. Er bewirtschaftete Sommer und Winter das Schntzhaus, das im Winter von zahlreichen Skiläufern besucht wird. Das Leben da oben gefiel ihm und die Alpe war sein Himmel. Alle Touristen hatten den lebensfrohen Mann sehr gern, plauderten mit ihm stundenlang, der ihnen wohl auch seine poetischen Erzeugnisse vorlas. Das einzige Lebewesen in seiner Alpeneinsamkeit war sein auch den Touristen gut bekannter Hund Lidi. Zur Brandkatastrophe des Dampfers„General Slocum" meldet der Telegraph aus New Jork: New Jork, 29. Juni. Das Leichenschaugericht hat entschieden daß das Unglück auf übles Verhalten der Direktoren der Knicker- bocker Dampfschiffsgesellschast zurückzuführen sei. Auch der Kapitän van Schaick vom verunglückten Dampfer und der Kapitän Peaze von derselben Gesellschaft seien strafrechtlich verantwortlich. Gegen die Direktoren und die Offiziere, im ganzeil elf Personen, ist die An klage auf Totschlag erhoben. Ihre Verhaftung ist angeordnet worden, doch werden sie gegen Bürgschaft frei- gelassen. In einer Meldung an den„Hamburgischen Korrespondent" findet sich folgende Auslassung eines amerikanischen Schiffsoffiziers über die Katastrophe:„Der Kapitän ist auf alle Fälle schuldig, eines der wichtigsten ungeschriebenen Gesetze der See verletzt zu haben, daß man bei Feuersgefahr das Schiffshinterteil immer mit dem Winde gehen lassen mutz. Da er den Wind gegen sich hatte, trieb dieser die Flammen vor sich hin und sie sprangen so in wenigen Minuten über das ganze Schiff. Jeder andre hätte das Schiff gedreht, so das Feuer lokalisiert und wenigstens einen Versuch machen können. es zu löschen. Auch hätte er fast im nächsten Augenblick das Schifl zum Stranden bringen können, anstatt sich so verhängnisvoll zu spät einen Punkt auszusuchen, der durch ttefes Wasser und zahlreiche Klippen die Rettung der über Bord Springenden fast ausschloß. Es gab genug Möglichkeiten, um das Schiff so ans Land zu tteiben daß die Passagiere direkt auf festen Boden hätten springen können Weiter heißr es in der Korrespondenz:„Wieder mit Schrecken wird man die Aktion des Kapitäns verstehen lernen, wenn ich die Worte des Chefoffiziers vom Zollkutter„Seminole" citiere:„Es ist ein verhängnisvoller Fehler geschehen, dem man auch bei den andren Gesellschaften dieser Art begegnen würde. Jeder Kapitän hat für Fälle wie jene des„General Slocum" stritte Order, die Schiffe nur dort auflaufen zu lassen, wo die Möglichkeit irgend eines Schadens, für den dann die Compagnie aufzukommen hätte, nicht besteht. Ich bin überzeugt, daß. falls der Kapitän seetüchtig genug gewesen wäre, um sich an diese engherzige Order nicht zu kehren, alle Passagiere zu retten gewesen wären. Er aber minderte nicht einmal die Geschwindigkeit seiner Fahrt, sondern fuhr mit voller Kraft in den Gegenwind hinein, der dem Feuer erst seine Todeskraft verliehen hat." Nur wer mit den lokalen Verhältnissen der Unglücks- stelle vertraut ist. kann ermessen, was diese Anklagen zu bedeuten haben. Das Menschenleben wurde eben thatsächlich bloß für so viele Cents eingeschätzt, als das Passagegeld per Kopf betragen hatte. Kein Zweifel, daß heute, morgen schon der große Beschönigungs Prozeß beginnen wird." Zweihundert russische Wallfahrer ertrunken. Eine schreckliche Katastrophe ereignete sich am 24. d. M. auf dem Flusse Choper in der Nähe von R o st o w am Don. Eine Partte von Wallfahrern, bestehend aus 230 Frauen und Kindern, bestieg' eine Fähre, um in der Nähe der Station Sotowskaja den Fluß Choper zu übersetzen. Der Boden der Fähre war morsch, und als sich diese in der Mitte des Flusses befand, brach der Boden entzwei. Es entstand eine furchtbare Panik, während der die Wallfahrer sich teils ins Wasser stürzten, teils voin Strome erfaßt und unter die Räder der vielen Wassermühlen getrieben wurden. Von den 230 Wallfahrern ertranken 200. 60 Leichen wurden bereits geborgen. Ans einer dänischen„kleinen Garnison". Die Geschichte einer Wechselfälschung, in ivelcher ein königlicher Prinz und eine Frau Oberst die Hauptrolle» spielen und die mit der Jnternierung der Oberstin in eiu Irrenhaus abschließt, erregt zur Zeit in hohem Grade das öffentliche Interesse Dänemarks. Die Dame, eine geborene Komtesse mit großem Vermögen, lebte in der Garnison ihres Mannes, des Kommandeurs eines Dragonerregiments, ein überaus extravagantes Leben, zu dessen übermäßigen Bedürfnissen die Mittel nicht mehr reichten. Da erschien sie plötzlich in der Hauptstadt und versuchte, einen mit der Namensunterschrift des Prinzen Harald von Dänemark versehenen Wechsel unter Geldlentcn abzusetzen. Man zweifelte die Echtheit der Unterschrift an und meinte darum, der Dame wie dem Prinzen einen Dienst zu erweisen, wenn mau den Wechsel aus der Welt schaffe". Das geschah auf diese Weise. daß man der in Geld- fachen wenig erfahrenen Dame für den Wechsel eine ungülttge Bank- anweisung aushändigte, die natürlich nicht houoriert wurde. Als die Frau Obest merkte, daß sie„betrogen", geriet sie in Raserei, worauf ihr Herr Gemahl erschien und sie in ein Irrenhaus abfiihrte. Der Oberst machte seinen Offizieren hiervon Mitteilung und sagte, er wünsche den Namen seiner Frau beim Regimente nicht mehr genannt. Die Frau Oberst behauptet, dem Prinzen vor längerer Zeit 20 000 Kronen beschafft zu haben, die sie nun einzukassieren wünschte, da sie für das Geld selber Gebrauch hatte. Der Prinz leugnet die Echtheit seiner Unterschrift und will von der ganzen Sache nichts kennen. Die Oeffentlichkeit aber ftihlt sich bei diesem Abschluß der im ganzen sehr mystischen Angelegenheit nicht recht befriedigt, indem ihr weder die Fälschung der Unterschrift noch auch der Wahnsinn der Obcrstin genügend nachgewiesen ist. Prinz Harald ist ein Sohn des Krön- Prinzen und dient augenblicklich als Husaren-Lieutenant in Kopen- Hägen. Der blamierte Laudgerichtsrat. Den folgenden köstlichen Scherz aus dem Gerichtssaal teilt dem„Neuen Wiener Journal" ein Abonnent mit:„Vor einem Wiener Gericht war ein Rabbiner der schuldbaren Crida angeklagt. Auf die Frage des Vorsitzenden, was der Augeklagte sei, antwortete er:„Rabbiner, Lehrer und Schochet". Der Vorsitzende, dem dieser Ausdruck unbekannt war, erfuhr auf sein Befragen, daß Schochet„Schlächter" heiße. Der Herr Landgerichtsrat besaß nun das Taktgefühl, den Rabbiner fortwährend mit„Sie Schochet" zu apostrophieren. Die Verhandlung ging zu Ende, der Rabbiner wurde freigesprochen. Nach Verkündigung des Freispruchs erbat sich der Rabbiner einige Worte reden zu dürfen, was ihm der Vorsitzende nach einer barschen Abfertigung endlich gestattete. Der Rabbiner sagte nun:„Ich möchte mir nur erlauben, den Herrn Vorsitzenden darauf aufmerksam zu machen, daß ich Rabbiner für die Juden, Lehrer für die Jugend, Schochet jedoch nur für Ochsen bin!" Also geschehen im Jahre des Heils 1904 unter Vorsitz des Herrn Landgerichtsrats... Na, lassen wir für heute den Namen. Ein Advokat, der bei der Verhandlung zugegen war." Eingegangene Druckschriften. Die„Socialiftischen Monatshefte"(Administration: Berlin SW. 19 Beuthstraßc 2) haben soeben das I u l i- H e s t ihres 10. Jahrganges er- scheinen lassen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Edouard Anscelc: Die belgischen Wahlen.— Otto Hue: Saarabien.— Paul Kampfsmeyer: Karl Lamprccht und Karl Marx.— Max Schippe!: lieber den Brüsseler Freihandelskongreß von 1847 und die Marxsche Rede.— Eduard Bernstein: Was treibt England zum Reichszollverein?— Friedrich KIccts: Der Ausbau der Invalidenversicherung zu einer allgemeinen Volks- Versicherung.— Ernst Roth: Koalitionsrecht und Erpressung. Ein Beittag zur Geschichte der deutschen Rechtsprechung.— Wirtschast von Max Schippe!.— Politik von Richard Calwer.— Soeialpolitik von Paul Kampfsmeyer.— Sociale Kommunalpolitik von Dr. Hugo Lindemann.— Socialistische Be- wegung von Hugo Poctzsch.— Gewerkschaftsbewegung von Ernst Dcinhardt. — Gcnossenschastsbewegung von Gertrud David.— Geistige Bewegung von Ernst Roth.— Socialwissenschasten von Paul Kampffmeyer,— Bildende Kunst von Anna Plehn.— Buchbesprechungen von Dr. L. Arons mid I. Bloch._ BriefKaften der Redaktion. Verkehr. Der Bau von fünf Straßenbahnlinien durch die Stadt- gemeinde ist von der Verkehrsdeputation und vom Magistrat beschlossen worden, aber nun hat erst noch die Stadtverordnctcn-Versammlung ihr Ja zu sagen, lieber die Höhe der Gehälter der anzustellenden Schaffner usw. ist selbstverständlich noch nichts bestimmt. Bewerbungen um Anstellung sind vorläufig zwecklos. Bis zur Inbetriebsetzung der Linien können noch Jahre vergehen.— N. N. 1. Ja. 2. Nein.— Pferdebahn. ES giebt drei Straßenbahnlinien„ G e s u n d b r u n n e n— K r e u z b e r g". Welche meinen Sie? Der Bcttieb mit Pserden hörte aus: bei der Linie„Gesund- brunncn— Spittelmarkt— Krcuzbcrg" am IS. Juli 1833, bei der Linie„Ge- sundbrunnen— Moritzplatz— Kreuzberg" am 16. Juli 1839, bei der Linie „Gesundbrunnen— Opernplatz— Kreuzberg" am 8. Oktober 1301(nach den uns an zuständiger Stelle gegebenen Auslünsten).— Wo blieb Ihre Zeitungs-Ouiltung? JurifttTcber C«U. Tic juriftischc Tprcchstundc findet täglich mit AnSnahme de? SonuabeudS von 71/, bis 9'/, Mir abends statt. Geöfinet- 7 Mir. Alter Abouiient. Die Höhe der Rente richtet sich u. a. nach der Art der Beitragsmarken. Etwa 150 M. mag die Rente in Ihrem Falle be- tragen. Genaues läßt sich ohne Einsicht in die Karten nicht sagen.— P. G. 104. Fordern Sie den Wirt aus, die Rechtmäßigkeit� und Rechts- gültigkeit Ihrer Kündigung anzuerkennen und klagen sie eventuell schleunigst aus Anerkennung Ihres Rechts und erwirken eine einstweilige Verfügung. Zuständig ist das'Amtsgericht Berlin II, Hallesches Ufer 29/31. — A. P. in M. Zum Kleinhandel init Branntwein oder Spiritus ist Konzession nach§ 33 G.-O. erforderlich.— K. 3. 40. Ihre alte Police läuft weiter, ohne daß Sie ein neues Exemplar erhalten.— K. H. Er muß leider weiter dienen.— R. H. 70. l. u. 2. Nein. 3. Beantragen Sie beim Magistrat unter Darlegung des Falles Ersatz und wenden Sie sich eventuell an die Stadtverordneten- Versammlung.— K. M. Ja. — M. T. Die von Ihnen gewünschten Entscheidungen finden Sie in den über 50 Bände umsassendcn gedruckten Entscheidungen des Reichsgerichts in Eivilsachen. Die Kataloge der öffentlichen Bibliotheken können Sic dortselbst einsehen. Wir sind außer stände, Ihnen mitzuteilen, in welchen Bänden sich Entscheidungen vorfinden, die auf einen uns unbekannten Sachverhalt vielleicht Anwendung finden. Das Ihnen Passende müssen Sie selbst heraussuchen.— H. V. 0. 1. Das Mädchen ist nicht krankenversicherunas« pflichtig. 2. Da das Mädchen die Ausnahme in ein Krankenhaus abgelehnt hat, steht ihm gegen die Herrschast kein Anspruch mehr zu. Mit einer Klage aus Ersatz der Kosten würden Sie nicht durchdringen.— W. M. 101. Nach vollendetem 25. Jahre.— X. V- 3- 000. Nicht mehr möglich. — 3t. 35. Sie erben die Schulden mit. Zu diesen Schulden gehört die Mictssordcrung. Der Wirt ist also im Recht. Vielleicht empfiehlt es sich für Sie, aus die Erbschaft überhaupt zu verzichten. Der Verzicht muß innerhalb sechs Wochen bei Gericht eingegangen sein, notarielle oder gericht- liche Beglaubigung ist erforderlich.— St. 3. 8. Soweit ersichtlich, wird der Anspruch Ihres Bruders voll berücksichtigt. Er thut gut, darum ein- zukommen, daß ihm ein Eivilversorgungsschein ausgestellt tverde. Einen klagbaren Anspruch aus solchen hat er aber nicht.— W. Th. Die rückständigen Beiwäge sind bis zum Auswitt oder Ausschluß zu zahlen und können eingeklagt werden.— M. M. Nein. — 08 G. A. 1. Nach dem von Ihnen geschilderten Sachverhalt scheint ein Betriebsunfall vorzuliegen! Sie inüsscn aber beweisen, welches plötzliche Ereignis den Blutsturz herbcisührte. 2. Sie können so viel verdienen, als Ihnen möglich ist. 3. Wenden Sie sich an das Arbeitersekretariat Berlin, Engeluser 15.— A. H. 54. Nach Ihrer Schilderung hat der Droguist sür den llnsall des Kindes in vollem Umfange zu hasten, weil der erteilte Aus- wag an das Kind, eine mehrere Centner schwere Ware abzufahren, gegen die guten Sitten und gegen die specicllen Pflichten des Chefs verstößt, die Dienstleistungen so zu regeln, daß der Arbeiter gegen Gefahr sür Leben und Gesundheit so weit geschützt ist, als die Natur der Dienstleistung eS gestattet. Ferner hastet der Chef deshalb, weil er ein noch nicht 12 Jahre alles Kind beschäftigt und dadurch eine unerlaubte und strafbare Handlung begangen hat. Trotz der Nichtigkeit des Arbeitsverwagcs hat der Chef den volle« Wochenlohn zu zahlen. Da es strittig sein kann, ob das Gewerbeaericht zuständig ist, so ist zu raten, zuerst beini Gewerbegericht zu klagen und erst, wenn dies durch Urteil sich sür unzuständig erklärt, das Amts- oder Land- gericht anzugehen. Der sosortigen Ausforderung zurZahlungftehtnichtsim Wege. — 044. Sie müssen erst auf Ungültigkeit des Patents oder des Muster- 'chutzes(Ihre Darstellung läßt nicht erkennen, welche dieser Arten zutrifft) lagen.— K. Sch. 010. Ihrer Tochter ist entschieden abzuraten, nach tv. zu gehen. Der Brief stellt ein Engagement lediglich in Aussicht. las in Aussicht gestellte Gehalt ist ein im Verhältnis zu den dortigen Preisen niedriges. Rechtlich ist Ihre minderjährige Tochter nicht ermächtigt, ohne Ihre Zustimmung ein Engagement in'Afrika anzunehmen. Sie könnten behördliche Hilse zwecks eventueller Zurücksührung in Anspruch nehmen. Etwas andres ist es, ob Sie Ihre Tochter nicht sür alt genug halten, ein icheres Engagement dort anzunehmen. Durchaus erforderlich ist, daß sür reie Rücksayrt gesorgt wird, lieber den Charakter des betreffenden Geschäfts, über Klima, Preise/ Verkehr usw. werden Sie am ehesten in der Ausknnfts- stelle Schellingstr. 4 und vom Auswärtigen Amt Nachricht erhalten.— ST. Ja. vom LS. Juni 1004. morgens 8 Uhr. Stationen L S 5 i c Wetter Swincmdc. 763 ANW Hamburg j 766 NW Berlin j 765 zranks.a.M. 767 ' 767 765 München Wien N NO «ÄO 4 wolkig 2 bedeckt 3bedcckt 3wolkenl llwostenl libedeckt rs s? W& Stationen i s Hapnrai!dai758N Petersburg Cork 'Aberdeen Paris 753� SO 765 SSO 766 ONO Wetter 2 wolkig 1 Nebel 2bcdcckt 2 wölken! »ES ga W_k0 17 14 10 14 Wetter-Prognose für Donnerstag, den 30. Jnni 1004. Wärmer, vorwiegend heiter und wocken, bei schwachen nordöstlichen Winden. Berliner W c t t e r b u r e a u. Marttpreise von Berlin am 28. Juni 1904 nach Ermittelungen des kgl. Polizeiprästdiums. Weizen, gut D.-CK. mittel gering. Roggen, gut inittel gering. fGerste, gut mittel gering IHaser. gut mittel, gering Richtstroh Heu Erbsen Spciscbohnen Linsen f frei Wagen und ab Babu. Kartoffeln, neue D.-Cw. Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch. Schweinefleisch. Kalbfleisch Hammelfleisch. wutter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schiere Bleie Krebse 60 Stück 1 kg per Schock 8,00 1,80 1,40 1,60 1,80 1,80 2,60 3,60 2,00 2,80 2,80 2,20 2,00 2,80 1,40 16,00 5,00 1,20 1,10 1,00 1,20 1,20 2,00 2,20 1,40 1,40 1,20 1,20 0,80 1,20 0,80 3,00 Vercmtw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlm SW.