Nr. 163. nbonnementS'Bedlngungen: WonnemcntS- Preis pränumerando i Mrrteljährl. S,Z0 Mt, Mona». 1.!0 Mr., wöchentlich 2» Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer 6 Pfg. SomitagS- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: l.lll Mark pro Monat. Ewgetragen w die Post- Zeitung». Preislifte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. 21. Jahrg. «chtli» Uigilch außer Dlontag». Vevlinev VolksblAkk. Zcntralorgan der rozialdemokrattfchcii Partei Deutfchlands. Die TnfertlonS'Gebabr beträgt für die sechsgespaltene Aolond- »eile oder deren Raum«0 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammlungS-Anzeigen 2S Pfg. „AUW« Hnzeigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen biS ö Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bi» 8 Uhr vormittag» geöffnet, Delegramm- Adresse: „SciUldcmolint Berlin". Redaktton: 9 Cd. 68» Linden Strasse 69. itcrnsprrcher: Amt IV. Nr. ISdiit. Mittwoch, den 13. Juli 1904. Expedition: 9 AI. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1S84._ Quittung. Im Monat Juni gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Altona lElbej durch H. Th. 4000,—. Berlin. Beiträge der Wahl kreise: 2. Kreis 1500,—(darunter Rabitzer der Firma Wagenknecht, Marienfelde 8,50, Reugeld an Schwahn 37,50, Schwahn und Gern gegeben 10,—, Direktor Bleil 10,—, H. SB., d. Schmidt 3,—, A. C. 4,—, Manteufel d. Schmidt 4,—.) 3. Kreis 1000,—. 4. Kreis, Ost 3000,—(darunter zuriickgezahlteS Brückengeld v. C. Freund 10,—, Ueberschuh vom Austrudeln eines Riesenhahnes 5,—, Unbekannt durch Grewe 1,—, Götsch 1,—, von den Möbelpolierern der Firma Klug. Warschauerstrahe 20,—, von den Tischlern der Firma Klug Warschauerstrahe 33,85, von den Tischlern der Firma Friedrich Fruchtstr. 80 20.—, Tischlerei Fischer, Weidenweq 64 20.—, Möbel sabrik Groschkus 30,—, Bierprozente Rode, Weberstrahe 11.—, Kranz Überschuh der Arbeiter Wengler, Mohrmann 3,—.) 4. Kreis Südost 2000,—(darunter Bierprozente der Rabitzputzer u. Berufsgenossen, Bau Jandorf 32,80, Tischlerei A. Bünger 40.—. Skatklub.Südost' durch Pietsch 10,—, Sparverein„Glückauf" durch Pietsch 10.—, Putzer durch Würdig 4,50, Abrechnung vom Frühkonzert bei Joel 15,—, Stadtbezirk HO ein Teil 10,—). 5. Kreis 600,—(darunter Liquidationskommission des aufgelösten Rabatt-Sparvereins Königs thor, letzte Rate 234,64, Monopol Biermarken 5,—, Skatklub„Grand Schwarz", WinSstr. 53, 15,—). 6. Kreis 4000,—(darunter vom Monat Mai: Skatklnb„Oller ehrlicher Seemann" 13,75, E. B., Voltastr., 100,—, Dreher der Firma Pachmann 9,00, Ueberschuh einer Feier von Genossen der Zwinglistr.(Bezirk 326) 7,—, v. Arb. der Firma Schebek, Sebastianstrahe 3,15, Antomobilfabrik Oberspree 12,45, Kolonne Prochnow, Marienheim, Köpenick 11,—, von Töpfern bei Weber, Bau Friedelstrahe 10,—, von Zu« richtern bei Eyck u. Strasser 1,50, Bierprozente der Kollegen der Firma Schubert u. Werth 37,90, Kranzüberschuh Bezirk 523 4.85, A. B. Mister 1,—; Monat Juni: Geburtstagsfeier bei Fischer. Bensselstrahe 3,05, Landpartie v. d. Ausgem., amcrik. Auktion einer Kiste Cigarren 5,75, alter Gen., Schönhauser Allee 5,—, Geburtstagsfeier b. Gaule d. König 2,—, Buchdruckerei Röwer, Kegelabend 2,80, A. B. Mister 1,—, Möbelfabrik A. Röchling, Frieden» strahe 48, Bierprozente 60,—, Tischlerei Ritter. Ramlerstr. 13. 2,—.) Berlin, diverse Beiträge: Ges. v. 4 Tabakarb. Schliemannsttahe 3,—. L. u. H B. 10.—. llebersch. d. Fünfpfennigkasse d. Tischler d. Firma Hyan 3,50. Plötzensee, von einer Geburtstagsfeier 5,—. Kranz- Überschuh durch C. O. 2,65. Bierprozente d. Bautischlerei H. Martens. Turmstr. 58 42 12,—. Dr. L. A. 100,—. Tischlerei Hischlcr u. Eon« radsen 23,—. Ueberschuh v. Kaffeekochen b. Schadow. Gesangverein LiedeSlust II, Moabit 20,—. Vom Centralverb. deutscher Brauerei« arbeiter, Berlin I, April— Juli 20,—. Die Contobucharbeiter vom Wedding 5,—. Von den Arbeitern der Firma TrebesiuS 4,15. Rote Verlobung Langeftrahe durch Strehlow 4,—. Bierprozente der Schlosser der Firma Flatow 21,—. Uebersch. einer Kranzspende d. Turbinenfabr. Dreherei T. F. 2 2.—. A. B. 50,—. P. S. 50.-. Munition zum Kampfe für Wahrheit und Recht 4,—. C. H. für Gertt. 14,—. GeburtStagsf. b. Globig, Koloniestr. 15 1,70. Jule, Ritterstr. 85, 2. Quartal 24,30. Cigarrenfabrik R. Schulze, Friedrichs- felderstr. 21 10,80. C. D. Guhrau 1,—. Uebersch. der Kranzspende H. Noack, Maler, Filiale Nord 9,90. Pattenten in Grabowsee 5,75. Gesammelt durch Harf, Dezember 1903, abgeliefert durch Thurm 4,50. Gutenberg 37.—. Sparverein Namenlos, Gasmesserfabrik Mariendorf 17.—. Mitglieder d. U.-Dr. 5,50. Mit« glieder des Verbandes deutscher Buchdrucker im„Vorwärts" 150,—. A. Qu., Glogauerstr. 17 3,—, Rote Geburtstagsfeier Schliemann« strahe 28 b.'S. 1,30. Rabitzputzer Bau Wertheim. Leipzigerstrahe 4,—.„VorwärtS"-Zinsen von Dr. A. Fr. 20,—. Desgl. Dr. C. Fr. 20.—. DeSgl. I. Gers. 13.—. DeSgl. M. Gers. 10,—. Desgl. Dr. R 200,—. Bamberg, soe. Verein 20,—. Bern 50,—. Bremen, von den Parteigenossen 500,—. Buxtehude, von den Alten, durch Weber 3,—. Breslau, soeialdemokratischer Verein 100,—. Bremerhaven. Parteibeitrag 200,—. Charlottenburg, H. A. K. 10,—. Cöpenick, Ueberschuh einer.Kranzspende von den Arbeitern der GlaS« Hütte 3,—. Ehemnitz, ohne Namensangabe. 2 Raten 10,—. Dortmund, Wahlkreis Dortmund-Hörde 1000,—. Freiburg in Schlesien, sorialdemokr. Wahlverein 20,—. Falkenberg(Oberschl.) 2,—. Fürth. Wahlverein 20.—. Flensburg, v. sorialdemokr. Verein des zweiten fchlesw.-holst. Wahlkreises 50,—. Gugelwitz, C. Sch. 20,—. Gotha, durch den Vertrauensmann 30,—. Hannover 1000,—. Hamm i. SB., sorialdemokr. Verein, 2. Quartal Verein 10,—. Höchst- Usingen wahlverein 300,—. Hagen i. SB. Monat Juni in der Spedition Jorestgrove i. Oregon(Nordamerika), A. D. Sch. 2.13. und Umgegend, Bolksverein, zweites Quartal 1904 10,—. Heidelberg, sorialdemokr. Homburg, sorialdemokr. Kreis- Auchgen'osie 2,—. Hamburg, im des„Echo" eingegangen 110,50. "Har ,50. 10,— Beitrag Wald Kiel, 7. schleswig• holsteinischer Reichstags- Wahlkreis 500,—. Karlsruhe, sorialdemokr. Verein 200,—. Landsberg a. W., Partei- beitrag eines aus dem Holzarbeiter-Verband Ausgeschiedenen 13,25. London, Machete? 5.—. Leipzig. 12. u. 13. sächsischer Reichstags- Wahlkreis 2l 000,—. Leipzig. Hugo H. 3,—. Leipzig, einige Xylo- graphen 10.40. Luckenwalde, Rnfus 5.—, Luckenwalde, Wahlkreis Jüterbog-Luckenw.- Zauch- Bclzig 50.—. Memel, F. f Magdeburg, von den Parteigenoffen 500,—. Mannheim, der Landesorganisation Badens 200,—. München. läuser 5,—. Nürnberg. S. 4.—. Niederbarnimer Wahlkreis 2000,—. Offenburg i. B.. vom 7. badischen Wahlkreis 18.—. Potschappel. 3. sächsischer Reichstags- Wahlkreis 1000.—. Rostock. 5. mecklenb. Reichstags- Wahlkreis 200.—. Remscheid, sorialdemokr. Volksverein 200,—. Ronsdorf, N.. OuartalSbeitrag 5,—. RegcnSburg. social- demokr. Verein. 2. Quartal 10,—. Stuttgart. G. U. 10,—. Slrah- bura i. E.. Altvater 5,—. Schweinfurt, sorialdemokr. Verein. 1. und 2. Quartal 20.—. Schweidnitz, Pnrteibeitrag f. d. 2. Quartal 5,—. Solingen, v. Volksverein durch d. Kreiskomitee 15.—. Teltow-BeeSkow- Charlottenburg, Centtal- Wahlverein 200.—. Torgau- Liebenwcrda Wahlkreis 20,—. Triberg, Arbciterwahlv.. 2. Quartal 6,—. Verden, 6. hannov. Wahlkreis 60,—. Würzburg. gef. am runden Revisionisten- tisch 5,—. Waldenburg t. Schl., sorialdemokr. Arbeiterverein des Wahlkreises Waldenburg lOO,—. Wunfiedel, vom sorialdemokr. Verein 5,40. Weimar, Landesorganisation Sachsen-Weimar 80.—. Württem- berg 100,—. Zeitz. Wahlkreis Zeitz-Wcihensels-Naumburg 300,—. Berlin, den 11. Juli 1904. Für den Parteivorstand: A. Gerisch, Kreuzbergstt. 30. t 1902 geführten 30 Central der Verband der Blumen, und der Verband der Portefeuiller Die deutschen Gewerkschafts-Organisationen im Jahre 1903. Ein erfreuliches Bild des Fortschrittes auf gewerkschaftlichem Gebiete gewährt uns wieder die in Nr. 27 des„Correspondenzblattes" von der Generalkommission veröffentlichte Statistik der deutschen Gewerkschaften für das Jahr 1903. Die Statistik zeigt, daß der Einfluß, den die wechselnde wirtschaftliche Konjunktur auf die Ent- Wicklung des Gewerkschaftslebcns auszuüben vermag, von Jahr zu Jahr geringer wird. Die Mitgliederzunahme in den gewcrkschaft- lichen Centralverbänden beträgt für 1903 154 492 gleich 21 Proz. Das ist eine Zunahme, wie sie seit dem Jahre 1897 nicht mehr zu verzeichnen war und eS ist keineswegs in allen Berufen ein besserer Geschäftsgang zu verzeichnen gewesen, als im Jahre vorher. Die Mitgliederzahlen der Centralverbände bewegen sich seit 1894 ständig in aufsteigender Linie; nur 1901, in dem Jahre, in welchem der wirtschaftliche Rückgang sich am fühlbarsten machte, haben wir einen geringen Rückgang in der Mitglicderzahl. Die Zunahme der Mit- glieder in den einzelnen Jahren gestaltet sich folgendermaßen: Jahr 1394 Mitgliederzahl 243 494 . 1895„ 259 175 „ 1893 329 230 . 1897 412 359 . 1898 493 742 . 1899 580 473 . 1900 380 427 . 1901 377 510 , 1902. 733 203 „ 1903.. 887 698 Zu den in der Stattstik für verbänden sind 3 neu hinzugetreten: Federarbeiter mit 304 Mitgliedern, mit 2431 Mitgliedern und der Verband der Wäsche-Arbeiter mit 367 Mitgliedern. Während für den Verband der Blumenarbeiter 1902 keine Angaben vorlagen, sind die beiden andern Verbände in der Statistik schon geführt, und zwar unter„Unabhängige" resp. „Lokale Vereine". Die Zahl der Mitglieder dieser drei Organi- sationen zusammen beträgt 3402 und bettägt also die Mitglieder- zunähme für die bisher in der Statistik geführten Centralverbände 151 090. Für die Lokalvereine liegt auch in diesem Jahre keine Stattstik vor. Die diesbezüglichen Angaben in der Stattsttk der General- kommission beruhen wie in den Vorjahren auf Schätzungen der Vor- stände der Centralverbände. Nach diesen Angaben ist auch in den Lokalvereinen ein Zuwachs von Mitgliedern vorhanden, und zwar bettägt derselbe 7437. Die Gesamtzahl der in Lokalvereinen Organisierten beträgt 17 577. Die Gesamtzahl der auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehenden Gewerkschaftsmitglieder— und hierzu darf man wohl auch die Lokalorganisierten rechnen— für das Jahr 1903 beträgt demnach 905 275. In der Statistik der Generalkommission wird seit 1903 für die Centralverbände die Mitgliedsziffer nach dem Jahresdurchschnitt an- Begeben. ES ist dies die einzige, wenn auch nicht ganz zuverlässige iffer, welche für die weiteren Berechnungen(Einnahme und Aus- gäbe pro Kopf der Mitglieder) in Betracht kommen kann. Die in der Statistik der Generalkommission angegebene Mitgliederzahl sttmmt folglich nicht mit der in den Abrechnungen der Centralverbände angegebenen Mitgliederzahl überein. denn die letztere ist die Zahl der Mitglieder am Jahresschlüsse.. Um falschen Schlußfolgerungen, die bisher gern von unfern Gegnern aus dieser Differenz gezogen wurden, für die Zukunft vorzubeugen, ist in der Statistik für 1903 (dies soll auch ferner geschehen) auch die Mitgliederzahl für die einzelnen Quartale und für den Schluß des Jahres angegeben. ES waren am Schlüsse de? Jahres 1903 in den 33 Central- verbänden 941 529 Mitglieder, also 53 831 Mitglieder mehr, als im Jahresdurchschnitt. Die Zunahme an Mitgliedern hat im Jahre 1904 angehalten, und man wird nicht fehlgehen, wenn man an- nimmt, daß Mitte deS Jahres 1904 die erste Million Mitglieder in den auf den Boden der modernen Arbeiterbewegung stehenden Centralverbänden erreicht ist. Nach ihrer Mitgliederzahl geordnet, gruppieren sich die Centtal- verbände folgend: Metallarbeiter IS0 135, Maurer 101 155, Holzarbeiter 79 732, Bergarbeiter 60 127, Textilarbeiter 54 553, Fabrikarbeiter 37 055, Buchdrucker 35 970, Zimmerer 27 265, Handels-, Transport- und Ver- kehrSarbeiter 26 800, Schuhmacher 25 563, Bauarbeiter 22 635, Schneider 21 011, Maler 19 037, Tabakarbeiter 17540, Brauer 15763, Hafenarbeiter 13 879, Buchbinder 12 254, Töpfer 9483, Lithographen und Steindrucker 9184, Gemeinde-Slrbeiter 8967, Schmiede 8902, Steinarbeiter 8624, Porzellanarbeiter 8174, Maschinisten und Heizer 6927, Böttcher 5956, Bäcker 5565, Glasarbeiter 5514, Tapezierer 4985, Steinsetzer 4865, Lederarbeiter 4711, Bildhauer 3963, Swkka- teure 3846, Hutmacher 3761, Sattler 3635, Werftarbeiter 3628, Glaser 3355, Dachdecker 3273, Kupferschmiede 3199, Handschuh- macher 3077, Seeleute 2944, Buchdruckerei- Hilfsarbeiter 2348, tandlungSgehilfeu 2713, Gastwirtsgehilfen 2471, Portefeuiller 2431, chiffSzimmerer 2124, Müller 2092, Graveure 2048, Fleischer 2028, Kürschner 1834. Vcrgolder 1567, Cigarrensortierer 1297, Konditoren 1293, Logerhalter 1033, Buchdrucker in Elsaß-Lothringen 805. Civil- musiker 682. Wäschearbeiter 667, Gärtner 663, Barbiere 458, Bureauangestellte 377, Notenstecher 328, Formstecher 321, Blumen- und Federorbeiter 304, Masseure 260. Zwei Verbände haben jetzt über 100 000 Mitglieder, während fünf mehr als 50 000 und 12 mehr als 20 000 Mitglieder zählen. Wie sich die Mitgliederzunahme im Jahre 1903 in den einzelnen Organisationen gestaltete, zeigt die folgende«lufstellung: Es ge- wannen Mitglieder: Metallarbeiter 31 293, Maurer 18 932, Bergarbeiter 18 233, Textilarbeiter 13 378, Holzarbeiter 9342, Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter 7087, Bauarbeiter 6442, Schuhmacher 4983, Maler 4734, Fabrikorbeiter 3415, Gemeinde- arbeiter 2840, Zimmerer 2763, Buchdrucker 2601, Brauer 2577, Schneider 2331, Buchbinder 2047, Schmiede 1658, Lithographen und Steindrucker 1529, Stukkateure 1293, Handlungsgehilfen 943, Töpfer 861, Maschinisten und Heizer 857, Buchdruckereihilssarbeiter 852, Bäcker 805, Steinarbeiter 624, Glaser 533. Hutmachcr 529, Gast- wirtSgehilfen 493, Kürschner 493, Graveure und Ciseleure 486, Fleischer 451, Steinsetzer 441, Lederarbeiter 381, Gärtner 351, See- leute 346, Konditoren 311, Dachdecker 299, Tapezierer 250, Böttcher 220, Lagerhalter 201, Cigarrensortierer 177, Civilmusiker 145, Müller 100, Vergolder 93, Handschuhmacher 90, Sattler 75, Buchdrucker(Elsaß) 64, Hafenarbeiter 47, Bildhauer 45, Notenstecher 39, Formstecher 32, Schiffszimmerer 32 und Bureauangestellte 6. Die Verbände der Metallarbeiter, Maurer, Bergarbeiter, Textilarbeiter, Holzarbeiter und Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter weisen allein eine Zunahme an Mitgliedern von 101 265 auf. Leider haben wir in einigen Verbänden auch eine Slbnahme an Mitgliedern zu verzeichnen. Der Verlust beträgt in 7 Organi- sationen insgesamt 1103 Mitglieder und verteilt sich auf: Barbiere 42, Glasarbeiter 129, Kupferschmiede 319, Masseure 128, Porzellan- arbeiter 71, Werftarbeiter 121 und Tabakarbeiter 193. Der Verlust ist an sich ganz unbedeutend und ist auf die verschiedensten Umstände in den betreffenden Berufen zurückzuführen. Eine Gesamtübersicht über den Stand der andren OrganisattonS- gruppen fehlt in der diesjährigen Stattstik der Generalkommission. Davon mußte Abstand genommen werden, weil die Statistik der christlichen Gewerkschaften noch nicht vorliegt. Die Hirsch-Dunckerscheu Gewerkvereine weisen eine Mitgliederzunahme von 7334 auf. Diese Zunahme entfällt fast ausschließlich auf die Fabrikarbeiter, Kausleute. Maschinenbau- und Metallarbeiter, während die Klempner, Schneider, Schuhmacher und Lederarbeiter an Mitgliedern verloren haben. Bon den 21 Gewerlvereinen haben 3 eine Gesamtmitgliederzahl von 75 739, während die übrigen 18 mit insgesamt 84476 Mit« aliedern von ganz untergeordneter Bedeutung sind. Trotzdem den iewerkvereincn nach jeder Richtung größere Freiheit gewährt wird, als den Gewerkschaften, trotzdem die Anhänger der Gewerkvereine in den Staatsbettieben Aufnahme finden, während die Mitglieder der Gewerkschaften aus denselben verdrängt werden, und ttotz 36 jähriger ungestörter agitatorischer Thättakeit haben die Gewerk- vereine am Schlüsse deS Jahres 1903 insgesamt noch lange nicht so viele Mitglieder aufzuweisen, als die gewerkschaftlichen Central- verbände in diesem emen Jahre an Mitgliedern zugenommen haben. Eine weitere Gruppe gewerkschaftlicher Organisationen find die Unabhängigen Vereine. Von diesen Organisationen steht ein Teil den gewerkschaftlichen Centtalverbänden sehr nahe. Einige vertteten vollkommen den Standpunkt der Centralverbände, wie die Verbände der Fliesenleger, Lithographen und Möbelpolierer. Andre wieder wollen mit den modernen Gewerkschaften durchaus nichts zu thun haben. Der modernen Gewerkschaftsbewegung zuzuzählen sind weiter die Organisattonen der Eifenbahnarbeiter, der Hoteldiener, der Graveure der Stoffindustrie und der Xyloaraphen. Aus ZweckmätzigkeitS- gründen ist der Anschluß dieser Verbände an die Generalkommission noch nicht erfolgt. Der Allgemeine Gärtnerverein ist am 1. Januar 1904 mit der Gärwervereinigung verschmolzen und die Gesamt- organisation der Generalkommission angeschlossen. In der folgenden Tabelle geben wir eine Zusammenstellung der in der Stattstik geführten Organisationsgruppen, deren Mitglieder- zahl, Jahreseinnahmen und Kassenbestände. Von den Lokalvereinen fehlt jede Angabe über deren Finanzgebarung. * Vier davon in den GewerkvereinSkassen 1 246 576 M. Der Rest in Kranken- und Begräbniskassen. Für die Berechnung des ProzentverhSItnisses der Organisierten zur Zahl der Berufsangehörigen mußte wieder, wie in den Vorjahren, die BerufSstattstik von 1895 als Grundlage dienen. Der Wert dieser Berechnung wird zwar von Jahr zu Jahr geringer, weil als sicher anzunehmen ist, daß die Arbeiterzahl in den einzelnen Berufen sich wesentlich verschoben hat. Gewähren unter diesem Umstände die Berechnungen auch nicht ein fianz zuverlässiges Bild von der Macht der einzelnen Organisationen, o sind die Ergebnisse derselben in Rücksicht auf die anzustellenden Vergleiche hinsichtlich der Stärke der Organisationen unter einander von nicht zu unterschätzendem Werte. Der Prozentsatz wurde nur für die Centralverbände berechnet. 1895 hatten die Berufe, für welche Centralverbände bestehen, insgesamt 5 053 056, darunter 932 848 weibliche Organisationsfähige. Von diesen waren 1902 im Jahresdurchschnitt 887 698---- 17,70 Proz. organisiert, und zwar 20,74 Proz. der männlichen und 4,36 Proz. der weiblichen Organisati onssähigen. die zur Organisation Reihe: Buchdrucker und 66 03; Glaser 63,64; Nach dem Prozentsatz der Berufsangehörigen gehörten, stehen die Verbände in folgender Buchdruckerei-HilfSarbeiter 87,08; Bildhauer Gemeinde-Arbeiter 61,45; Stukkateure 63,64; Lithographen und Steindrucker 50,63; Handschuhmacher 49,99; Kupferschmiede 49,19; Steinsetzer 47,53; Maurer 42,63; Töpfer 40,09; Tapezierer 40,04; Hafenarbeiter 39,55; Brauer 37,25; Schiffszimmerer und Werftarbeiter 36,05; Formstecher, Graveure und Ciseleure 34.36; Maler 30,14; Metallarbeiter 29,96; Buchbinder 29,94; Hutmacher 29,03; Kürschner 28,66; Vergolder 27,68; Böttcher 27,23; ttmmerer 26,76; Porzellanarbciler 26,25; Holzarbeiter 25,55; ichuhinacher 23,65; Dachdecker 23,45; Sattler und Portefeuiller 23.37; Tabakarbeiter und Cigarrensortierer 18,03; Maschinisten und eizer 17,43; Bergarbeiter 16,05; Glasarbeiter 15,44; Handels-, rausport- und Vcrkehrsarbeiter 14,89; Seeleute 14,18; Leder- arbeiter 13,77; Konditoren 12,94; Fabrikarbeiter 10,48; Schneider und Wäschearbeiter 10.35; Schmiede 9,78; Textilarbeiter 9,12; Steinarbeiter 8,87; Bäcker 7,50; Bauarbeiter 6,93; Müller 4,65; Fleischer 3,60; Barbiere 2,91; Blumen- lind Federarbeiter 2,69; Handlungsgehilfen und Lagerhalter 1,30; Gärtner 1,17; Gastwirts- gehilfen 1,15. In 7 Berufen sind hiernach bis zu 5 Proz., in weiteren 7 von 5—12 Proz., in 8 von 12—20 Proz., in 12 von 20—30 Proz., in 11 Von 30—50 Proz. und in 6 Berufen über 50 Proz. organisiert. (Schluß folgt.) politiscke(lebersickt. Berlin, den 12. Juli. Der Prozeß des Zaren. Königsberg. 12. Juli*). Schon der erste Tag der Verhandlung stellt da? Bild dieses Prozesses fest, der nicht seinesgleichen hat in der Geschichte, juristisch sowohl wie politisch. Man braucht keinerlei Prophetentalcut zu haben, um schon jetzt vorher sagen zu können, daß die folgenden Tage den heutigen Eindruck nur verschärfen, nicht verändern können. In diesem Prozeß ist alles beispiellos und rätselhaft: von der selbst in den tiefsten Reaktionszeiten Preußens nicht gewagfen Bitte der preußischen Regierung, Väterchen möge ge- statten, daß preußische Staatsbürger wegen Zareubelcidigung und Hoch- Verrats prozessiert werden, bis zu der alle Fiktionen der Strafprozeß- ordnung aufhebenden Erscheinung, daß den Zeugen ihr Bernehinungs- tcrmin früher mitgeteilt wird, als den Angeschuldigten die Anklage- schrift zugestellt, geschweige das Hauptverfahrcn eröffnet wird. Bei einem Beschuldigten ist heute schon unwiderleglich festgestellt, und das Gefühl scheint auch die Staatsanwaltschaft zu haben, daß er überhaupt mit der ganzen Sache gar nichts zu thun hat. Weil unser Memeler Vertrauensmann Klein in der ersten Verwirrung bei der Verhaftung fälschlich angegeben hatte, daß er von Braun Schriften geschickt erhalten hätte, darum mußte Braun viele Monate in Untersuchungshaft bleiben, während die von ihm sofort verlangte, aber nicht gewährte Könfrontierung mit Klein ohne weiteres den Irrtum fest- gestellt haben würde.„Aber dies"— der Irrtum nämlich— „war ja das Einzige, was gegen Braun vorlag", rief der Staatsanwalt selbst aus, als er durch das niederschmetternde Ergebnis der Anklage gegen Braun in Verlegenheit geriet. In Wahrheit besteht nämlich Brauns Geheimbündelei, Zareumörderei und Hochverräterei darin, daß er an Nowagrotzki einen ihm von Klein gewordenen Auftrag übermittelte, daß jener die bei ihm lagernden Schriften an Klein senden möge. Die Schuld Brauns steht auf demselben festen Fuße, wie die unter aufgeregten Hört! hört!- Rufen des Abgeordnetenhauses vom Justizminister vorgebrachte Enthüllung, daß wahrscheinlich der Parteivorstand an der graulichen Ver- schwörung gegen den Zaren beteiligt sei. Treptau- Memel hatte einen ihm von einem Russen zur Aufbewahrung übergebcucn Koffer nicht abgeliefert. Die Königsberger Parteileitung hatte ihm deshalb eine Rüge erteilt. Treptau appellierte an den Parteivorstand, und aus diesem gänzlich harmlosen Briefwechsel schloß der Königsberger Staatsanwalt und Herr Schönstedt die Beteiligung des deutschen Partcivorstandes. Festgestellt ist weiter, daß bis zur Stunde den Angeklagten nicht mitgeteilt worden ist, was sie eigentlich gethan haben. daß trotz zahlreicher dringender Anträge des Verteidigers Hnase ihnen der Inhalt der Schriften nicht zur Kenntnis gebracht worden ist. Der Vorsitzende bestritt das lebhaft. DaS sei ja unmöglich. Der Erste Staatsanwalt aber bestätigte die Angabe der Verteidiger und der Angeklagten mit der klassischen Entschuldigung, die Mit- tcilung sei nicht nötig gewesen, weil ja die Beschuldigten nicht russisch verständen. Da lenkte der Vorsitzende verlegen ein. Festgestellt ist endlich, daß das Gericht Akten benutzt, die den An- geklagten und Verteidigern bisher nicht bekannt sind. Ueberhaupt wird seitens des Gerichts und der Staatsanwalt- schaft mit Ueberraschungen zu arbeiten versucht, die freilich heut das Gegenteil des beabsichtigten Erfolges erreichten. So rückte der erste Staatsanwalt am Schlüsse der Vernehmung Nowagrotzkis plötzlich mit der Mitteilung heraus, daß nach Auskunft der Güterexpedition Nowagrotzki außer den zugestandenen Schriften- sendungen noch verschiedene ebenso verdächtige wie gewichtige Kollis erhalten habe, die als Umzugsgut deklariert waren. In der ganzen Vor- Untersuchung war von diesem Belastungsmaterial n'och nie die Rede. Der Staatsanwalt erlebte denn auch den Triumph, daß seine Eni- hüllung große Spammng hervorrief. Nowagrotzki ließ den Staats- anwalt geduldig ausreden. Dann erklärte er in unanfechtbarer, von niemandem angezweifelter Darstellung, daß jene revolutionären Frachtgüter der Hausrat seines Schwagers gewesen, der nach Königs- berg umgezogen wäre. Das sind nur ein paar Momente aus dem Reichtum an charakteristischen Einzelheiten, die schon die ersten Stunden dieses Prozesses zu tage förderten. Die Verhandlung fand unter starkem Andrang des Publikums statt. Bor dem Richtertisch liegen in Ballen.die beschlagnahmten Schriften, teils von Sackleinwand, teils von Packpapier umhüllt. Auf den Geschwornenbänken befinden sich als Zuhörer der Land- gerichts-Präsident Carnatz, der Oberstaatsanwalt Voswinkel und ein dritter Unbekannter, den man für einen Vertreter der russischen Behörden hält. Das Gericht rechnet mit einer längeren Dauer des Prozesses. Bis zum 18. Juli sind bündelweise einige 50 Zeugen geladen. Rechtsanwalt Haase hat noch Dietz- Stuttgart und einen Angestellten des Dietzschen Verlages als Zeugen laden lassen. Dagegen hat das Gericht den Klagen der„Post" über die überflüssige Ladung ihres Redakteurs Ruhkopf kein Gehör ge- schenkt und diesen, obwohl er nur vom Hörensagen zu berichten weiß, selbst vorgeladen. Seine Vernehmung ist notwendig, um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen gegen den„Vorlvärts"-Expedienten festzustellen. Die Verhandlung kam heute nur bis zur Vernehmung von vier Angeklagten. Jedem wurde die Frage vorgelegt, was die deutsche Socialdemokratie wolle, wie die russische beschaffen und ob man etwas von den Terroristen wisse. Das gab dem Genossen Braun Gelegenheit, einen ebenso klaren wie knappen Vortrag über die socialdemokratischen Ziele zu halten. Es war ein weiter Weg von der ruhigen und überlegenen Art der geschulten Parteigenossen Nowagrotzki und Braun, des prächtigen einfachen Arbeiters Klein, der mit seinem Herzen socialdemokratisch fühlt, bis zu dem halb ungelenken, schwerfälligen und ziemlich wirren Kugel, der erklärt, nicht mehr Socialdemokrat sein zu wollen, weil ihm das zu viel Unannehmlichkeiten bereitet. Während bei der Vernehmung der drei ersten die deutsche Socialdemokratie durch ihre Vertreter ihre Tüchtig- keit, Besonnenheit und Erziehung bewahrt, scheint bei der schwierigen Kugels sich der Prozeß in eine gewöhnliche Schmugglergeschichte aus wildem Grenzlande aufzulösen._ Deutsches Geld für russische Kriegszwecke. Als gleichzeitig mit der Meldung von Wittes Besuch bei Bülow die Nachricht auftauchte, der ehemalige russische Finanz- minister beabsichtige nnt dem Grafen Bülow nicht nur über die *) Der Bericht über den Prozeß findet sich auf der dritten Seite dieses Blattes. Handelsverträge, sondern auch über die Placierung einer russischen Anleihe in Deutschland zu konferieren, war die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mit einem ihrer ebenso feierlichen wie kurzbeinigen Dementis schnell bei der Hand. Jetzt aber melden die„Berliner Neueste Nachrichten", die Aufnahme einer russischen Anleihe in Deutschland sei längst in die Wege geleitet worden. Schon am Sonnabend sei in Wiener Finanzkreisen bekannt gewesen, daß vor drei Wochen Gesell- schafter der Firma Mendelssohn und ein Warschauer Prokurist in Petersburg mit dem Finanzminister konferiert hätten. Die An- leihe sei bereits finanziell abgemacht. Es handle sich um 250 Millionen, die zu 5 Proz. aufgenommen werden sollen. Die„Berliner Neueste Nachrichten" fügen hinzu, daß sich die Diplomatie mit der Anleihe überhaupt nicht befaßt habe, daß also bei der deutschen Regierung nicht die Absicht hervorgetreten sei, die russische Anleihe zu unterstützen und zu empfehlen. Aber deswegen bleibt es doch höchst mertloürdig, daß Herr Witte, nachdem die russische Regierung so lauge die Spröde gespielt, plötzlich ohne auf- fälligen äußeren Grund in der Sommerhitze nach Norderney fahren sollte, um dem Reichskanzler Nußlands Unterwerfung unter den Minimal-Zolltarif anzukündigen. Auf alle Fälle bleibt die Nachricht der„Berliner Neueste Nach- richten" politisch wichtig. Rußland ist heute schon in hohem Maße Gläubiger der deutschen Kaputalisten, und je böhcr seine Schuldenlast steigt, desto wärmer wird die Freundschaft. Der deutsche Kapitalismus ist an dem Gedeihen Rußlands interessiert, und heftige innere Er- schütterungen des Zarenreiches schädigen sein Geschäftsinteresse ebenso wie äußere Niederlagen. Politische Sympathien und Antipathien wiegen federleicht, weun's das Geschäft gilt, das Geschäftsinteresse wiegt dafür desto schwerer in der Politik. Daraus erklärt sich die eigentümliche Haltung mancher kapitalistischen Organe, die sich gerne durch Japanfreundlichkeit ihre Leser erhalten möchten, während das kapitalistische Interesse sie dazu zwingt, auf Rußland zu tippen.—_ Die letzten Sprenggeschosse. In der französischen Deputiertenkammer wird heute der Bericht der Kartäuser-Untersuchuugskommission verhandelt. Es war den Klerikalen und sonstigen Gegnern des Ministeriums Combes gelungen, eine antiministerielle Mehrheit in der Unter- suchnngskommission zu erlangen, die es vollbracht hat, trotz der denkbar vollständigsten Rechtfertigung des Vorgehens des Minister- Präsidenten einen Bericht zu erstatten, der das verhaßte Ministerium kurz vor der parlamentarischen Sommerpause endlich doch stürzen soll. Ueber den parteiischen Bericht der Kartäuser-Kommission schreibt uns unser Pariser Korrespondent vom 11. Juli: Der Berichterstatter der Mehrheit, Mg. Colin, hat sich in seiner Eigenschaft eines abgefallenen Ministeriellen dazu hergegeben, die Ergebnisse der tendenziösen Untersuchung in einem tendenziösen Bericht zusammenzufassen. Moralisch konnte er dem Minister- Präsidenten und dessen Sohn beim besten Willen nicht bcikommen. Er rächt sich nun dafür, indem er dem Regierungschef aus seiner moralischen Lauterkeit einen politischen Strick zu drehen sucht. Un- glaublich, aber wahr! Einer der Mehrheitsanträge«bedauert" nämlich, daß Combes„unvorsichtig und ohne zureichenden Grund eine tiefe Aufregung im Lande hervorgerufen hat, auf die Gefahr hin, zum Nachteil der französischen Interessen, den Vertreter Frank- reichs an der Weltausstellung von Saint-Louis zu diskreditieren". Diese Formel will mit einer 5tlappe zwei Fliegen schlagen. Combes soll einen Tadel bekommen, weil er die klerikal- nationalistischen Verleumdungen nicht bis zuletzt stillschweigend hat über sich ergehen lassen. Herr Michel Lagrave aber, der Weltausstellungs-Kommissar, der Schützling Millerands und folglich zur Zeit auch der Klerikal-Nationalistcn, soll in unantastbare Regionen hinaufgeschwindelt werden als Verkörperung der— französischen Interessen vor dem Ausland!... Also, wenn der französische Regierungschef seit Jahren verleumderisch der Be- stechlichkeit beschuldigt wird, wenn seinem Sohn, dem Generalsekretär des Ministeriums des Innern, zuletzt von einem Millerand in offener Kammer wider besseres Wissen das Zeugnis der Schuldlosigkeit verweigert wird, so ist das kein„zureichender Grund", den Verleumdern und ihren Helfershelfern auf den Leib zu rücken, sie vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission zur Rede zu stellen, so bildet das keine Gefahr für die„französischen Interessen". Wenn aber der verleumdete Regierungschef die mindestens zweideutige Rolle eines xbeliebigen Strebers, wie Herr Lagrave, ans. Licht zieht, so heißt das die französischen Interessen gefährden! Zum verflossenen Tabu der Armce-Ehre gesellt sich nun das heitere Tabu der französischen Ausstellungs-Ehre zu Saint-Louis. Der Jesuitismus der Kartäuser-Kommissionsmehrheit hat sich über- schlagen, hat in possenhafte Dummheit umgeschlagen. Es sei erinnert, daß Lagrave es war, der den„harmlosen" Bestechungsgedankcn des Geschäftsmannes C h a b e r t dem Sohne Combes überbracht hat. I a u r c s spricht nun, angesichts des Kommissionsberichts, der das Parlament zum Bürgen für die Ehrenhaftigkeit Lagraves und Chaberts machen will, die recht ein- leuchtende Vermutung aus, daß der.,Erpressungs"versuch des ge- heimnisvollen X. der Kartäuscrmönche wohl in Verbindung stehen könnte mit dem verdächtigen Gedankenspiel des Chabert und der Vermittlerrolle Lagraves.... Der klerikale„Gaulois" macht übrigens bereits ziemlich klare Andeutungen in dieser Richtung. Die Kartäuser-Komm-ssion aber hat natürlich alles gethan, um diesen Punkt zu verdunkeln. Sie kann daher in einem weiteren An- trag an die„tammer, den Thatsachen zum Trotz und zum Nachteil Combos, erklären, daß kein Bestcchungsversuch ermittelt worden sei. Ein zweites Tadelsvotum gegen die Regierung ist in dem Mehrheitsantrag enthalten, der„gewisse Gewaltmißbräuche auf ge- richtlichem Gebiete bedauert". Diese Mißbräuche, die in der Ab- hängigkeit der Gerichtsbeamten von der jeweiligen Regierung wurzeln, sind allerdings in der Untersuchung wieder einmal au den Tag gekommen. Es gehört aber die Heuchelei eines Tartüffe dazu, für diesen ständigen Krebsschaden der Justiz speciell das Kabinett Combes verantwortlich zu machen— im Interesse eines kommenden Kabinetts, das in diesem Punkte die eingerissenen Unsitten zu- mindest ungestört lassen würde. Zudem ist der schlimmste der be- dauerten Mißbräuche von der Kommissionsmehrhcit selb st gefordert worden— er ist die willkürliche Unter- suchung gegen Unbekannt, die einzig zum Zwecke der Haussuchung bei Chabert eingeleitet wurde. Endlich versteht es sich am Rande, daß die mönchischen Ver- leumdcr und ihre Werkzeuge in den Mehrheitsanträgen so glimpflich behandelt werden. Die Kommission beschränkt sich auf einen „energischen Protest gegen die Haltung der Ankläger, die sich ge- weigert haben, ihre Anschuldigungen zu begründen". Entlarvte Ver- leumder, darunter ein meineidiger Falschzeuge, sind also in der milden Sprache der sonst so rigorosen Kommissionsmehrheit weiter nichts als schweigsame Ankläger. Die Kommissionsanträge sind die letzten Sprenggeschosse der Reaktion und des Klüngels Doumer-Millerand gegen das Ministerium, die letzten vor den Sommerferien. Man hat gesehen, mit welchem Stoff die Geschosse gefüllt sind. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wenn die bisherige Kammermehrheit noch einen Funken politischen Sinnes und moralischen Reinlichkeitsgefühls besitzt, so müssen sie auf ihre Verfertiger zurückprallen. « Die Kammerverhandlung. Paris, 12. Juli.(Telegramm.) Die Kammer verhandelt über die Ergebnisse des von Colin erstatteten Berichtes in der Kartäuser- Angelegenheit. Martin, Jaurös und S a r r i e n beantragen eine Tagesordnung, die besagt, die Untersuchung habe ergeben, daß die Ehre des Ministerpräsidenten Combes und seines Sohnes über jeden Verdacht erhaben seien. S i m o n n e t bemängelt im Namen der Minderheit der Untersuchungskommission die Arbeiten der Kommission und lobt das Verhalten Combes, der fälschlich be- schuldigt sei, weil er seit zwei Jahren gegen den Klerikalismus kämpfe.(Beifall links.) Colin rechtfertigt seinen Bericht und zollt dem Ministerpräsidenten als Privatmann ebenfalls seine An- erkennung. F l a n d i n führt aus, die Annahme der von Martin und Jaurös vorgeschlagenen Tagesordnung würde zu Mißdeutungen An- laß geben.(Lärm links.) Redner geht dann auf die Aufgabe der Kommission ein und wirft dem Ministerpräsidenten vor, von der Tribüne der Kammer herab unbewiesene Anschuldigungen erhoben zu haben. Flandin fordert den Justiznnnisier auf. die Personen zu verfolgen, deren Treiben durch die Untersuchung festgestellt sei, und beantragt, die Kammer möge Schritte thun, um die Gerichte gegen Versuchungen seitens der Regierung zu schützen.(Beifall im Centrum.) Cochin und Fabre tadeln die Kartäuser, daß sie ihr Zeugnis verweigert hätten. Darauf wird die Debatte geschlossen. veutfckes foieb. Ostelbische Sklavenjagd. Gegen den Gesetzentwurf über die Erschwerung des Kontrakt- bruchs landwirtschaftlicher Arbeiter hat sich die letzte Konferenz der Vorstände der preußischen Landwirtschaftskammern ausgesprochen. Es genügt nämlich den Landwirtschaftskammern nicht, � daß der kontraktbrüchige Arbeiter von Gesetzes wegen in Verruf erklärt werde, sie verlangen auch noch seine besondere Bestrafung. Die„Deutsche Tageszeitung", die die Schreitaktik nur dann befolgt, wenn dabei etwas zu holen ist, sonst aber den Sperling in der Hand der Taube auf dem Dache vorzieht, ist über die allzugroße Principienfestigkeir der Landwirtschaftskammern sehr betrübt. Sie hält den Entwurf für einen„Schritt zum Bessern" und fürchtet, daß die Vorstände der Landwirtschaftskammern mit ihrer Erklärung„den Gegnern der Landwirtschaft eine gewisse Befriedigung bereitet hätten". Inzwischen fahren die staatlichen Behörden fort, die Hörigkeit der Landarbeiter als eine bereits vollendete Thatsache vorweg zu nehmen. Im„Amtsblatt der königlichen Regierung zu Potsdam" erläßt der Regierungspräsident einen förmlichen Steckbrief gegen ausländisch- polnische Saisonarbeiter— elf Männer und drei Frauen—, die ihre Arbeitsstätten unter Kontraktbruch verlassen haben sollen. Nach Aufzählung ihrer Namen heißt es: „Tie Genannten sind festzunehmen und sofort aus dem Staats- gebiete auszuweisen." So verfahren die Behörden gegenüber rechtlosen Ausländern, deren ganzes Verbrechen darin besteht, ein civilrcchtliches Verhältnis vielleicht aus sehr schwerwiegenden Gründen durchbrochen zu haben. Man wird sich schwer hüten, etwa einen westeuropäischen Kaufmann, der einen Kontrakt verletzt hat, dessenwegen zu verfolgen, seine„Fest- nähme" und seine Ausweisung anzuordnen. Ter osteuropäische Proletarier aber, der kein freier Bürger seines Staates ist, und zu Hause wie ein Stück Vieh behandelt wird, erfährt auch im ostelbischen Paradies keine bessere Behandlung und das Verfahren gegen ihn beweist, wie man am liebsten auch die Inländer behandeln möchte und in vielen Fällen auch wirklich behandelt. Der kontraktbrüchige Arbeiter ist in den Augen der Landdespoten einfach ein entlaufener Sklave, dem man die Treiber hinterher schickt.— Die Wahlrcchtssrage in Bayern. München, 12. Juli. Die Kammer der Abgeordneten begann heute die vorläufige Beratung des Antrags Hammerschmidt (liberal) auf Einführung des direkten Landtags-Wahlrcchts unter Zugrundelegung des Proportionalwahlsystems, sowie des An- träges Andrea(liberal), welcher die Staatsregierung ersucht, die endgültige Beratung des Antrags Hammerschmidt noch im Laufe der jetzige» Landtagssession zu ermöglichen. Präsident v. Orterer erklart, daß er unter Beobachtung der für diese Anträge geltenden Verfassungsbestiniinungen doch eine Debatte im weitesten Umfange zulassen werde. Abg. Hammerschmidt begründet darauf seinen Antrag und betont, daß die Proportionalwahl schon seit 1869 wiederholt in der Kammer empfohlen, und daß 1897 auch ein Mehrheitsbeschluß der Kammer der Abgeordneten zugunsten dieses Systems gefaßt worden sei. Redner schildert dasselbe als das gerechteste System und legt die Einzelheiten der von ihm in der Form eines vollständigen Gesetzentwurfes beantragten Verhältniswahl dar, welche sich durch- Wegs den in der Schweiz und in Belgien bewährten Grundsätzen anschlössen. Frank/� Uhr. Der Vorsitzende Landgerichts-Direktor Schubert eröffnete die Verhandlung. Den Gerichtshof bilden außer ihm Landgerichtsrat P o s ch m a n n, Landgerichtsrat Koschonneck, Landgerichtsrat Lublin und Gerichtsassessor Dr. Seelmann. Die Verteidigung führen für den Angeklagten Pätzel Rechtsanwalt Hugo H e in e m a n n- Berlin, für den Angeklagten Ehrenpfort Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht- Berlin, für den An- geklagten Kugel Rechtsanwalt Schwarz- Königsberg, für alle übrigen Angeklagten Rechtsanwalt Dr. Hugo H a a f e- Königs- berg, der auch den vorläufig noch nicht anwesenden Rechtsanwalt Hcinemaim-Berlin vertritt. Die Anklage vertreten der Erste Staats- anivalt Geh. Justizrat Schütze und StaatsanwaltSrat Dr. Caspar. Beim Aufruf der Angeklagten ergiebt sich, daß der Angeklagte Ehrenpfort nicht anwesend ist. Der Vorsitzende des Gerichtshofs teilt mit, daß ein Antrag, ihm die Reisekosten nach Königsberg zu bewilligen, als ungesetzlich abgelehnt worden ist, und daß weitere Nachrichten von dem Angeklagten nicht eingegangen sind. Erster Staats- anwalt Schütze beantragt den Erlaß eines Haftbefehls und die tclcgraphische BeWirkung seiner Ausführung durch das Berliner Polizeipräsidium. Rechtsanwalt Liebknecht widerspricht diesem Antrag und versichert, daß sein Klient nicht daran denke, sich der Verhandlung zu entziehen. Er bittet, ihm Zeit zu sofortiger tele- phonischer Erkundigung in Verlin zu lassen. Die Verhandlung wird darauf auf fünf Minuten unterbrochen. Während dieser Zeit erscheint der Angeklagte. Die Verhandlung wird wieder aufgenommen. Der Vorsitzende bittet die Verteidigung, Beweisanträge möglichst sofort zu stellen. Bis zum 18. d. M. seien die Zeugen vorgeladen, es sei also hinreichend Zeit, etwaige Zeugen zur Stelle zu schaffen. Verteidiger Rechtsanwalt H a a l e reilr mit, daß er den Verlagsbnchhündler Reichstags-Abgeordneten D i e tz- Stuttgart und den Leiter der Expedition der Dietzschen Buchhandlung zum 14. d. Mts. noch geladen habe. Weitere Beweis- antrüge werden vorläufig nicht gestellt. Der Vorsitzende teilt mit, daß auf einige der in der Anklage- schrift genannten Zeugen vom Gerichtshof verzichtet worden ist, so auf einen Stettiner Polizeikominissar, weil der Angeklagte Dr. Ouessel außer Verfolgung gesetzt ist, auf den erkrankten Untersuchungsrichter Land- gerichtSrat Tausch, der durch den Zeugen Aktuar Braudstetter ersetzt werden soll, und schließlich auf den Redakteur Dr. Ruhkopf von der „Berliner„Post", da dieser nur durch Hörensagen vom Zeugen Abel informiert worden sei. Verteidiger R.-A. H a a s e behält sich bezüglich dieses letzteren Zeugen einen Antrag der Verteidigung vor. Es werde doch für die Glaubwürdigkeit des B e- lastungszeugen Abel sehr wichtig sein zu erfahren, was er dem Redakteur Doktor Ruhkopf mitgeteilt habe und welche Belohnungen er etwa von der„Post" für seine Mitteilmige» empfangen habe. Der Vorsitzende teilt ferner mit, daß der Zeuge Sknbbik, der zur Zeit im Untersuchungsgefängnis in Riga sich befindet, geladen ivorden sei und die russiichen Be- Hörden ersucht worden seien, seine Vorführung zu be« wirken. Dieses Ersuchen ist abgelehnt worden, darauf hat das Gericht feine kommissarische Vernehmung beschlossen. Wenn diese statt- finden soll, ist noch nicht bekannt. Der vom Verteidiger Heinemann geladene Zeuge Mandelstamm ist geladen worden, doch ist diese Ladung als unbestellbar zurück- gekommen. StaatSanwaltschaftsrat Caspar macht darauf austnerksam, daß dieser Zeuge, wie alle andern, außer dem Konsulat, das ihn nicht gefunden habe, durch eingeschriebenen Brief geladen worden sei, dieser Brief sei noch nicht zurückgekommen. Unter den Zeugen, deren Liste nunmehr festgestellt wird, befinden sich auch die von der Verteidigung vorgeschlagenen im Auslande lebenden Russen Axelrod, Plechanow und Dr. v. WetscheSlaff. Der Präsident verliest darauf den Eröffnungsbeschluß und ver- nimmt dann die Angeklagten. Der Angeklagte Rowagrotzki bekennt sich nichtschnldig. Er schildert seine Thätigkeit auf folgende Weise: Im Jahre 1902 sei sein Freund, der frühere Uhrmacher Ouessel, der damals in Zürich studierte, zur Beerdigung seines Bruders nach Königsberg gekommen und habe ihn bei einer Unterhaltung über Pärtei-Angelegcnhciten beiläufig gefragt, ob er für einen russischen Freund einige Schriften aufbewahren wollte. Er habe zugestimmt unter der ausdrücklichen Be- dingung, daß es sich nicht nm anarchistische, sonder» nur um social- demokratische Schriften handle. Von Ouessel sei ihm dies mit Be- stimnttheit versichert Ivorden. Im September 1903 habe er nun eine mit„Sknbbik" unterzeichnete Postkarte aus Zürich bekommen. die ihn um Ausbewahrung von Schriften ersuchte und ihm den Ein- gang einiger Pakete anzeigte. Auf eine Anfrage des Präsidenten erklärte der Angeklagte, daß auf den ihm dann wirklich zugegpngenen Paketen stets andre Per- sonen als Absender genannt ivoöden seien, doch habe er sich nicht darum bekümmert. Der Angeklagte schilderte dann weiter, von den ihm zugegangenen Schriften sei je ein Exemplar auf dem Zollamt zurückbehalten worden. Die übrigen habe er in seinem Alkoven aufbewahrt. Eines Tages seien die Kriminalkommissare Wohl- fromm und Scheffler zu ihm gekommen, hätten einige der in den Paketen enthaltenen Schriften beschlagnahmt und ihn nach deren Herkunft geftagt. Die Zahl der be- schlagnahmten Exemplare bleibt streitig. Der Angeklagte beziffert sie ans weniger als 20, der Präsident gemäß der Anklageschrift auf 93. Der Angeklagte giebt weiter an. der Kriminalkommissar habe ihm gesagt, er könne mit den übrigen Schriften auf seine Verantwortung thun, was er wolle. Einige Tage darauf habe er eine Karte von Klein in Meniel, dem jetzigen Mitangeklagten er- halten, in der der Name Sknbbik erwähnt gewesen sei und in der gebeten worden sei. die übrigen bei ihm lagernden Schriften an diese Adresse zu senden. Er habe das nicht gethan, weil Klein ihm un- bekannt, die Karte schlecht geschrieben und Skubbik ihm ja in der er- wähnten Karte geschrieben hatte, er werde die Schriften selbst abholen. Zudem sei kurz zuvor ein Mann bei ihm gewesen, der sich als russischer Flüchtling ausgegeben und did Schriften von ihm verlangt habe, der aber auf ihn den Eindruck eines rnssischcn Polizei-Agenten gemacht hätte. Der Präsident hält dem Angeklagten vor. daß er in seinen bisherigen zahlreichen Vernehmungen von diesem angeblichen Spitzel nichts gesagt habe.— Angeklagter Nowagrotzki erwidert, daß er bisher auf diesen Vorfall keinen Wert gelegt hätte, und fährt dann in seiner Schilderung fort: Eines Tages, während er zu Hause gewesen sei— sein Beruf als Masseur halte ihn oft tagelang von Hause fern— habe seine Frau eine Karte von dem Mitangeklagten Braun erhalten, worin er mitteilt, er sei in Memel gewesen, Klein habe sich wegen der Schriften an ihn gewandt und Nowagrotzki sollte sie endlich abschicken. Seine Frau habe dies gethan, nur zwei kleinere Broschüren seien aus Versehen zurückgeblieben. Wiederum wenige Tage später sei der Kriminalkommissar Wohlfromm mit zwei Männern zu ihm gekommen, um auch die übrigen bei der ersten Haussuchung zurückgebliebenen Exemplare zu beschlagnahmen. Vors.: Sie haben sich damals geweigert, anzugeben, an wen sie diese Briefe geschickt haben?— A n g e k l.: Ich wollte Klein nicht denunzieren.— Vors.: Sie wußten also, daß Sie sich strafbar gemacht hatten?— Angekl.: Nein, aber der Kommissar sagte es. Zudem wollte ich andern Unannehmlichkeiten, Haus- suchungen usw. ersparen.— Der Vorsitzende stellt dann fest, daß die Karte von Ouessel bei der Haussuchung gefunden worden ist. dagegen die von dem angeblichen„Skubbikis" nicht.— Der Angeklagte entgegnet, daß er die Karte nicht vernichtet, sondern nur zufällig verloren habe.— Vors.: Sie haben früher angegeben, daß auf den Paketadressen fingierte Namen standen. Wie kamen Sie darauf?— Angekl.: Die Namen, die Angaben des Ortes der Absendung wechselten ständig.— Vors.: Sie wollten ferner den Namen deS Absenders nicht nennen. Sie sagten, er würde in Rußland Schaden davon haben. Dabei hielt sich Stubbik doch ge- wöhnlich in der Schweiz auf. Sie sind da der Wahrheit auffällig nahe gekommen.— Angekl.: Ich meinte, er könnte, falls er ein- mal nach Rußland zurückginge, Unannehmlichkeiten haben.— Vors.: Sie sagten noch, daß Sie den Absender als Russen nicht der Verschickung nach Sibirien aussetzen wollten Sie wußten also, daß er sich strafbar gemacht hatte?— Angekl.: Gewiß I Ich wußte aus der Parteipresse, daß all. Augenblicke Socinldcmokratc» in Rußland nach Sibirien verschick werden.— Vors.: Es ist doch sonderbar, daß Sie sich nicht ein- mal bei Ouessel erkundigt haben, als fiinfviertel Jahre nach dem Gespräch sich plötzlich ein Unbekannter an Sie wendete.— A n g e k l.: Ich verließ mich ganz auf Ouessel.— Vors.: Sie haben früher ausgesagt, daß Ihre Frau etwa S— 6 Pakete an Klein abgeschickt hat, Sie haben aber nach Ihrer eignen Angabe 22 er halten.(Aus einer Auskunft des Königsberger Hauptsteuer- amteS, die verlesen wird, geht hervor, daß 2 2 Pakete an Nowagrotzki aus dem Auslände eingetroffen sind.) Können Sie den Widerspruch nicht aufklären? Von wem haben Sie das Porto zurückerhalten?— Angekl.: Uebcrhaupt nicht.— Vor s.: Haben Sie oder Ihre Frau auch nicht erwartet, das Geld aus der Parteikasse zurückzuerhalten?— Angekl.: Nein. Meine Frau war froh, die Sachen loS zu sein.— Vors.: Sie haben früher gesagt, daß noch zwei andre Russen bei Ihne» waren?— Angekl.: Darüber möchte ich die Aussage verweigern, da es sich um russische Flüchtlinge handelt.— Vors.: Es ist Ihr gutes Recht, Ihre Aussage zu verweigern, aber Sie müssen sich alle Folgerungen gefallen lassen, die der Gerichtshof daraus zieht.— Angekl.: Der eine war flüchtig geworden, um dem Militär dienst zu entgehe», der andre, weil er socialdemokratische Flugblätter verbreitet hatte. Der größere von ihnen war Barbier der kleinere Lederzuri.'-ter. Sie kamen ans Memel und baten um Unterstützung. Sie erhielten von mir persönlich 30 M.. vom Rechts� anwalr Haase 60 M. Ihre Namen haben sie mir nicht genannt.— Vors.: Haben Sie diesen die bei Ihnen lagernden russischen Schriften zum Lesen gegeben?— Angekl.: Nein, ich habe mich um den Inhalt überhaupt nicht gekümmert, da ich sie ja nicht ver breiten, sondern nur aufheben sollte. Ich selbst kann weder russisch, noch lettisch, und die Leute allein wollte ich nicht in meiner Wohnung lassen.— Vors.: Sie können a lso unter Un, ständen a uch recht mißtrauisch sein? Ich stelle fest, daß Sie sich über den In- halt der Schriften nicht informiert haben, obwohl Sie eine leichte und kostenlose Gelegenheit dazu hatten.— Können Sie die Ziele der deutschen Socialdemokratie schildern? Kennen Sie den Unter schied zwischen der deutschen und russischen Socialdemokratie? Angekl.: Nein, dazu bin ich nicht genug geschulter Sociab demokrat.— Vors.: Wissen Sie etwas über die Ziele des Air archismus?— Angekl.: Die Anarchisten erstreben den Umsturz alles Bestehenden.— Vors.: Wissen Sie nicht, daß in den an archistischen Schriften direkt zum Fürstenmord aufgefordert wird?— Angekl.: Ich habe»och nie eine anarchistische Schrift gelesen.— Vors.: Sie sind doch wegen Majestätsbclcidigimg vor- Lberaft und wissen doch, daß sich in der deutsche» socialdemokratische» iPstsse zahlreiche Beleidigungen des deutsche» Kaisers und des Zaren sirern. Mußten Sie sich da nicht besonders vorsehen?— A n g e k l.: Meine Verurteilung fand unter dem Socialistengcset, statt wegen eines verbreiteten Flugblattes. Heute ist es doch ganz anders. Das betreffende Urteil vom 1. Juni 1881 wird verlesen. Da. nach wird der bisherige Barbiergehilfe Nowagrotzki wegen Majestäls. belcidigung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Rechts. anwalt Liebknecht beantragt, das damals inkriminierte Flugblatt vorzulesen, damit die Richter sich selbst ein Urteil bilde» können Der Vorsitzende erwidert, daß nur das Urteil bei den Akten sei, nicht das Flugblatt. Die Verteidiger Haase und Schwarz erklären, daß sie aufS äußerste davon überrascht seien, daß sich dieses Schrift. stück bei den Akten befinden solle; ihnen hätte es nie vorgelegen.—Vors.: Es war in einem besonderen Bündel.(Bs wcguug.) Auf den Inhalt der bei Ihnen vorgefundenen Schriften will ich nicht eingehen. Die zuerst beschlagnahmte Schrift war die „Wiedergeburt des Revolutionismus in Polen" und die beiden letzten Nummern des„Novorodoletz". Rechtsanwalt Haase: Den Angeklagten und den Verteidigern ist während der ganzen bisherigen Untersuchung nicht einmal der Titel der inkriminierten Schriften mitgeteilt worden, obwohl dies als Grundlage der Anklage nach der Strafprozeß-Ordnung hätte g e s ch e h e n müssen.— Vors.: Das muß doch aber geschehen sein.— Die Angeklagten bestätigen auf Befragen die Mitteilung des Verteidigers.(Große Bewegung auch im Zuhörerraum.)— Vors.: Das behaupten vorläufig die Angeklagten. Wir werden später die Untersuchungsrichter hören. Das Verhör der Angeklagten wird nurimehr unterbrochen, um zunächst die Bemängelung des Strafantrages durch die Verteidigung zu erörtern. Die beiden vom russischen Bot. schnfter in Berlin von der Osten-Sacken an den Freiherrn v. R i ch t h o f e n als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ge. richteten Schreiben werden von dem vereidigten Gerichtsdolmetscher für die französische Sprache, dem Prokuristen Klingcbeil übersetzt. Bert. Liebknecht beantragt den Schriftwechsel de» Aus wärtigen Amtes und des deutschen Botschafters in Petersburg über diese Frage einzufordern und wünscht insbesondere das Schreiben der deutschen Rcichsrcgierung an die nissische Regiening kennen zn lernen, in dem diese zur Stellung des Strafantrages aufgefordert wird, um zu erfahren, von wem die Aufforderung ergangen sei, dann erst ließe sich die Frage der Zuständigkeit entscheiden. Bert. Haase verlangt gleichfalls, daß festgestellt werde, o b der russische Botschafter von legitimierter Stelle beauftragt worden ist, einen Strafantrag zu stellen. In diesem selbst sei nur von einem Auftrage durch das Gouvernement die Rede; in Rußland sei aber alle Rrgierungsgewalt im Zaren verkörpert. Ferner ent- spreche der Strafantrag hinsichtlich des Angeklagten Pätzel nicht den gesetzlichen Bestimmungen. Nachdem die andren acht Angeklagten mit Namen aufgeführt seien, werde der Antrag dann auf ihre Komplizen ausgedehnt. Pätzel sei aber überhaupt erst viel später in die Untersuchung mit hineingezogen worden. Schließlich wünscht die Verteidigung auch daS Schreiben des Justizministers an die Staatsanwaltschaft'vorgelegt, in dem dieser von der Stellung des russischen Strafantrages Mitteilung gemacht ist. Staatsanwaltschaftsrat Caspar erklärt, daß diese? Schreiben sich bei den Akren der Oberstaatsanwaltschast befinde und nur mit deren Genehmigung vorgelegt werden könne. Oberstaatsanwalt VoSwinkel, der mit dem Landgerichtspräsidenten Carnatz und einem Regierungsvertreter der Verhandlung als Zuhörer beiwohnt, erteilt die Genehmigung. Erster Staatsanwalt Geheimrat Schütze: Es ist ein bekannter Grundsatz des Völkerrechts, daß der Botschafter seine Regierimg in vollem Umfange vertritt. Wenn er namens seiner Regierung einen Antrag stellt, ist seine Legitimation ohne weiteres gegeben.— Ver- t e i d i g e r Haase: Der Botschafter erklärt ausdrücklich, daß er nicht in dieser Eigenschaft, sondern im Auftrage seiner Regierung handle. Wir müssen also feststellen, wer ihm den Auftrag gegeben hat. Auch der Botschafter könne sich juristisch irren, zumal wenn es sich um das deutsche Reichs-Strafgesetz- buch handelt. Wir müssen also zunächst die Legitimation der ihn beauftragenden Behörde prüfen. Der Antrag gegen Pätzel ist nur bedingt, als» unzulässig.— Vert. Liebknecht: Der Botschafter vertritt seine Regierung nur in staatsrechtlicher Beziehung; die Stellung eines Strafantrages ist aber ein rein privatrechtlicher Akt. Wir müssen den russischen Behörden gegenüber um so vorsichtiger sein, als eine andre diplomatische Behörde Rußlands sehr leichtfertig gewesen ist. Die beglaubigten Uebcrsetzungrn des hiesigen rnssischen Konsulats sind durch und durch falsch und enthalten das gerade Gegenteil des russischen Textes. Staatsanwaltschaftsrat Dr. Caspar: Das deutsche Straf- gcsetzbuch tpricht ausdrücklich von einem Antrage der Regierung, also ist der Botschafter legitimiert, ihn zn stellen. Auch der Antrag gegen Pätzel ist nicht zu bestreiten, ebensowenig wie der allgemein für zu- lässig erachtete Strafantrag gegen einen noch unbekannten Thäter. In dem Schreiben des ruifischen Botschafters heißt es:„Et— le cas ocheanfc— contre leurs complices; das heißt nach der Ueber- setzung des vereidigten Dolmetschers:„Wenn der Fall zutrifft". Ich bitte also, die Einwände der Verteidigung gegen den Strafantrag als unbegründet zurückzuweisen. Der Gerichtshof zieht sich hierauf zurück und verkündet nach dreiviertelstündiger Beratung, daß der Antrag der Verteidigung bezüglich der Vorlegung des Schriftwechsels des Auswärtige» Amtes abgelehnt wird. Die Begründung schließt sich den Ausfnbrungen der Staatsanwaltschaft an.— Die inzwischen beantragte Ladung des Redakteurs Dr. R u h k o p f von der Berliner„Post" wird beschlossen; er soll am 16. Juni vernonimen werden, um mit dem Belastungszeuge» Abel eventuell konfrontiert werden zu können. Bert. Liebknecht kragt an, ob man vom Auswärtigen Amt nicht wenigstens eine amtliche Auskunft darüber verlangen könne, von wem der Befehl zur Stellung des Strafantrages an den Bot- scbafter ergangen sei.— Der Vorsitzende erklärt, daß der Gerichtshof sich schon über die Ablehnung ciucS solche» Antrags schlüssig gemacht habe. Der Botschafter sei als solcher berechtigt, einen Strafantrng zu stellen. Berufe er sich ans einen besonderen Auftrag, so sei das ein Luparttuum iUeberfsicßeudeS), das ihm nicht schaden dürfe. Darauf wird die Vernehmung dc§ Angeklagten Nowagrotzki fortgesetzt. Aus die Frage des Präsidenten versichert der An- geklagte, daß er außer den hier in Frage stehenden Paketen nichts iveite'r erhalten habe.— Erster StaatsanwallschaftSrat Schütze: Sie haben aber durch einen Spediteur fünf Sendungen, darunter eine als Porzellan bezeichnete, erhalten und zwa» zwischen August und Oktober t!)n2— Angekl.: Es Handelle sich da»m Umzugs-Gegeii- stände meines inzwischen verstorbenen SchtvngerS Frost aus Treptow a. d. Rega.— Bert. Haase: Ich beantrage, sofort Krau Frost zu laden.— Erster Staatsanwalt Schütze: Nach den Erklarunge» scheidet ja dieser Fall aus. Wir können ja darauf verzichten.— Die Verteidiger geben sich damit zufrieden. Es folgt die Bernehmiing des Angeklagten Knsieiirendanten Braun-Königsberg. Dieser erklärt: Ich bestreite ganz entschirde», mich im Sinne der Anklage strafbar gemacht zu haben. Von einer geheimen Verbindung weiß ich nichts. Ich reiste Ende September zu einer Versanunlung des Provinztal- WahlkoniiteeS nach Memel. Der damalige Vertrauensmann Klein bat mich ihm die Schrifte» zu beschaffen. die bei Nolvagrotzki lagen. Daraufhin schrieb ich nach meiner Rückkehr die bekannte Karte an diesen. Weiter habe ich mich um nichts bekümmert. Es war von Schrifte» die Rede, da dachte ich natürlich nur an social- demokratische. Da? Ganze betrachtete ich als einen ganz »lebensächlichen Austrag, wie man sie zu Dlitzenden bekommt. Ich war deshalb ganz perplex, als ich in diese Sache hinein� gezogen, aus meinem Berufe herausgerissen und»louate lang in Uiitrrsuchuiigshaft gehalten wurde.— Bors.: Kennen Sie die Ziele der dcuischcn Socialdemokratie? Angeklagter: Vielleicht schaffen Sie ein Exemplar des Parteiprogramms zur Stelle, da stehen sie am klarste» darin.— Vors.: Ich möchte es aber von Ihnen hören.— An gst k l a g t e r: Unser Endziel ist die Ueberführnng der gesamten Produktionsmittel in gemeinschaftliche» Besitz und Leitung der Pro- duktion durch die Gesellschaft und für die Gesellschaft. Wir wollen dadurch die unterdrückte Arbeiterklasse von ihren Leiden befreien. Dieses Ziel wollen wir auf gesetzlichen, Wege erreichen. Ueberhaupt ist die Socialdemokratie die öffentlichste Partei.— Vors.: Kennen Sie auch die Ziele der russischen Socialdemokratie? — Angekl.: Ich war im letzten Jahre infolge meines Berufes mehr auf socialpoliftschem Gebiete thätig und habe mich weniger um die Parteibewegung kümmern können. Zudem liegen in Rußland die Verhältnisse nicht so klar wie bei uns, weil die Arbeiter- bewegnng dort brutal unterdrückt wird.— Vors.: Glauben Sie, daß die Erreichung Ihrer Ziele möglich ist unter einem absoluten Herrscher?— Angekl.: Die Beseitigung des AbsolutismnS fordert in Rußland auch die liberale Partei. Auf eine weitere Frage des Vorsitzenden erklärt der Angeklagte, daß ihm von dem Bestehen einer Partei des gewaltsamen Umsturzes und TerroriSnuis nichts bekannt sei und daß er die ihm bekannten Attentate für die Thaten einzelner hielte, ferner, daß ihin vom Druck revolutionärer Schriften in England und in der Schweiz nichts bekannt sei, ebenso- wenig, daß Deutsche an der Verbreitung beteiligt seien. Andrerseits sei es selbstverständlich, daß Parteigenossen des einen Landes von Genossen andrer Länder gelegentliche Gefälligkeiten in Anspruch nehmen. Schließlich werden zwei Briefe verlesen. Der eine, von Klein an Braun schließt nach längeren Erörterungen über die Landtag«- Wahlagitation mit der Bemerkung:„Die Schriften von Nowagrotzki sind gerade noch rechtzeitig gekommen.— Die Russen haben gleich die Hälfte mitgenommen".— Der Angeklagte Braun erklärt, er hätte das nur als Dank ftir die Bestellung aufgefaßt und die neben- sächliche Bemerkung Kleins nicht beachtet. Der zweite Brief von Braun ist am 15. August 1903 an den An« geklagten Treptau nach Memel gerichtet. ES heißt darin:„WaS Du für die russischen Genossen thatest, thatest Du als Mitglied der Partei. Was Du an Ausgaben hast, kannst Du von der Partei zurückverlangen, das hast Du auch zum Teil, weitere An- sprüche hast Du nicht. Würde Kugel das thun, was Du agtest, so wäre er kein Parteigenosse mehr. Er soll seine Forderungen aufstellen, daniit daS mit den Russen geregelt wird."— Angeklagter erklärt zu diesem Brief, in Memel hätten Zerwürfnisse unter den Parteigenossen bestanden, er als Reichstags-Kandidat für Memel sei berufen gewesen diese Zer- würftiisse zu schlichten. Seine Vorwürfe gegen Treptau, der damals Vertrauensmann war, so z. B. der der Veruntreuung von Partei- geldern, hätten sich als haltlos erwiesen. Hiergegen sei nachgewiesen, daß Treptau Sachen eines russischen Genossen zu einen Gunsten verkauft habe. Deswegen wurde er natürlich zur Bekleidung von Partei-Aemteni für unwürdig erklärt, und darauf i sich dieser namens der Königsberger Parteileitung geschriebene Brief. WaS Kugel angehe, so habe dieser damals behauptet, durch eine Thätigkeit für die Partei schweren materiellen Schaden erlitten zu haben. Er habe mit Blosstelluna der Partei gedroht, wie dies bei Leuten, die nickt wirkliche Genossen sind, öfter vorkommt. Auf eine Anfrage des Vorsitzenden fügt der A nge klaffte hinzu, er halte es allerdings für die moralische Pflicht der Social« demokratie, einen Genossen zu entschädigen, der dadurch Schaden genommen, daß jemand ihn als Parteigenossen aufsucht und seine Dienste in Anspruch nimmt, mögen die andren Russen, Polen oder Deutsche sein.— Damit ist die Vernehmung des Angeklagten Braun beendet. Gegen 1'/, Uhr tritt eine Mittagspause ein. die bis 8 Uhr dauert. Dann wird die Verhandlung wieder eröffnet. Anffeklagter Klein«Memel sagt aus: Bei der Maifeier 1902 ragte mich ein Russe, ob ich russische Schriften hätte. Als ich verneinte, erklärte er, mir solche sckicken zu wollen zur Verteilung an die Russen in Memel. Eines Tage« wurde ich zur Polizei ge- laden, aber ich schickte meine Frau. Diese hat ein dort eingelaufenes Paket öffnen müssen, dann ist dieses beschlagnahmt worden. Ich dachte: Was kümmert's mich? Schließlich wurde es wieder frei- jegeben und meine Frau holte es ab. Von wem es abgesandt war, habe ich gar nicht gesehen. Im Herbst kam Skubbik zu mir.— Vorst: Lassen Sie doch diese Phantasien.— Angekl.: Jedenfalls war es nicht vor dem Maifest und e r nannte sich Skubbik. — Vors.: Woher sollte der sie denn kennen?— Angekl.: Ich war Vertrauensmann der Partei in Memel.— Vors.: Er kam also zu Ihnen als Vertrauensmann der socialdemokratischen Partei.— Angekl.: Der Russe sagte mir, ich sollte die Schriften von Nowa- grotzki mir schicken lassen.— Vors.: Wie kommt es nur, daß Sie alle Ihre Aussagen ändern? Früher haben Sie nur behauptet, Braun hätte Ihnen das gesagt, bis zur Gegenüberstellung haben Sie Braun belastet, auch den Brief von Nowagrotzki haben Sie bis zum letzten Augenblick bestritten.— Angekl.: Ich hatte es ganz vergessen.— Vors.: Das kann man Ihnen nicht glauben, man sieht eS Ihrer Handschrist an, daß es ein Ereiffnis war, wenn Sie ein Schriftstück von sich gaben. Be- kamen Sic denn mm das Paket von Nowagrotzki? Sie haben doch päter behauptet, Sie kennen ihn garnicht I— A n g e f l.: Ich habe nicht aus den Absender gesehen, weil ich nur das eine Paket er- wartet hatte.— Vors.: Es konnte doch auch eins aus der Schweiz sein?— Angekl.: Nein, dann wäre eS ja durch das Zollamt be- ' scklagnahmt worden. fLauteS Lachen im Zuhörerraum, das der Vorsitzende unter Androhung von Strafen untersagt.)— Vors.: Haben Sie die Schriften nun verbreitet?— Angekl.: Nein. es sind wiederholt Russen zu mir gekommen, einmal die Beiden, die auch Nowagrotzki unterstützt haben, davon zwei Juden, die zu Schiff von Sietlin nach Kopenhagen reisen wollten und zum Schluß noch zwei andre. Alle diese hatten Schriften mitgenommen. Näheres über diese Personen kann?lngeklagter nicht angeben. Er meinte, Ivenn sie weggingen, machte ich die Thnre von innen zu und ließ sie laufen.— Vors.: Das ist dock ein sonderbarer Standpunkt. Uebrigens waren es bei Ihrer ersten Vernehmung ein paar, dann zwei Personen und jetzt sind es drei. Sie sind jetzt mit der Wahrheit recht zurückhaltend.— Der Angeklagte erzählt weiter, daß er wieder- holt von Skubbik Briefe bekommen habe. Daraufhin habe er auch den Koffer Skubbiks von Treptau geholt und an diesen geschickt. Dagegen be st reite er. mit Treptau zusammen Schriften verpackt zu haben oder dergleickcn. Er sei überzeugt gewesen, daß es sich um soc!aldc»iotrati,chc Schriften ge- handelt habe, denn die Russen seien Socialdeniokraten gewesen. Die Versandkoslen habe er aufs Conto der Partei gesetzt; daß es verbotene, terroristische Schriften gewesen wären, sei ihm erst ans diesem Prozeß bekannt geworden. Er betrachte die russischen Sociaidemokraten ohne weiteres als Parteigenossen und glaube auch, daß sie dieselben Ziele verfolgten wie die denlscken. Der Bor sitzende zeigt nun dem Angeklagten ein bei ihm beschlagnahmtes Bild: Vor einem gehängten Menschen steht ein Mann mit der Krone auf dem Kops und einem Kind auf dem Arm. Er. wie das Kind sind sichtlich erfreut. Die lussiscke Unterschrist lautet: Nicolaus II.. nun kann ich in Frieden mit meinem Volke leben.— Vors.: Dieses Bild von sellener Scheußlichkeit haben Sie also verbreitet I Wer ist dieser Mann hier?— Angekl.: Wahr- scheinlich ein P 0 l i z i st.— Vors.: Ein Polizist mit der Krone? Ist das nicht der Zar?— Angekl.: Der wird d 0 ch n i ch t sei» Kind s e l b st so hintragen.(Slürniische Heiterkeit.) Vert. RecktSanw. Haase: Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß dieses Bild aus dem„SimplicissimnS" ist.(Enieute große Heiterkeit.) Es werden nun die bei Klein beschlagnahmten Briefe verlesen. Ein Brief Skubbiks vom 24. Februar anllvortet auf einen früheren Brief des Angeklagten. Es ftt darin von einer Beschlagnahme der erste» Sendung die Rede. Es wird gefragt, wieviel Schriften schon nach Libau verschickt seien. E» heißt iveirer:„Wie geht es an der Grenze? Merkt man jetzt viel von Spitzeln und sonstigen Schuften und leisten die deutsche» Behörde» noch immer Schcrgeiidicnstc den russische» Bluthunde»?" Ein weiterer Brief vom 17. August kündigt eine neue Sendung von Litteratur an. Ein weiterer Brief vom 17. August kündigt eine neue Sendung von Litteratur an und spricht die Bereitschaft aus, für die Ge- winnung guter und verschwiegener Seeleute größere Geldsummen aufzuwenden. Er schlägt ferner die Benutzung von Deckadressen vor und bittet wiederholt und lebhaft um Herstellung eines dauern- den Seeweges. Der Erste Staatsanwalt bittet zur Anftlärung der Widersprüche in den Aussagen dieses Angek/agten. die Protokolle seiner ftühcren Vernehmungen vorzulesen. Da Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Liebknecht widerspricht, trägt der Borsitzende etwa eine Swnde lang den Inhalt dieser Protokolle vor. Es ergiebt sich, daß der Angeklagte Klein früher, bis zur Konfrontation, behauptet hat, Braun habe ihn auf die bei Nowagrotzki liegenden Pakete hingewiesen.— An- geklagter Braun weist darauf hin, daß er schon bei der ersten Hausuichung durch Kommissar Wohlfromm sein Erstaunen darüber ausgedrückt habe und um die sofortige Gegenüberstellung oder wenigstens nochmalige Vernehmung KleinS gebeten habe.— Erster Staats- anwalt: DaS letztere geschah, aber Klein blieb doch dabei, das war doch da« einzige, was wir gegen Sie hatten.— Verteidiger Rechtsanwalt S ck w a r z bedauert, daß sich die Konfrontation nicht schon ftüher ermöglichen ließ. Klein habe bei seiner zweiten Ver- nehmung übrigens nur gesagt, er entsinne sich nicht. Es folgt' der Angeklagte Kngel: Ein Unbekannter habe ihm ack Schriften, ohne ihn zu fragen, in seine Schmiede zu Dargussen gestellt. Diesen Sack habe er dann bei seineu Umzügen erst nach Wirballen, dann nach Memel mit- genommen. Einmal sei ein andrer Fremder gekommen und habe die Schriften haben wollen, er habe sich aber nicht legiti- mieren können, deshalb habe er die Schriften nicht bekommen.— Da der P r ä s i d e n t dem Angeklagten vorhält, daß er russisch verstehen müsse, da er 4Vs Jahre in Polangen jenseits der Grenze gelebt habe, bestreitet dieser, eine genauere Kenntnis der russischen Sprache zu besitzen. Er hätte meist mit Juden zu thun gehabt, und diese ebenso wie die Schmuggler sprächen Deutsch. Lesen könne er russisch nur einige Buchstaben. Mit dem Wirte Feinstein und dem Bauern und Spitzel Karol(Schlippernick) will er nur einmal zu thun gehabt haben. Karol ffab er für Abholung einiger Pakete Geld. Er habe als Schmied gearbeitet und nicht vom Schriftenschmuggel gelebt. Bei Feinstein gingen die Schmuggler aus und ein, Feinstein war deshalb in Rußland verhaftet zur Zeit wie Frau Kugel. Bon Treptau hat er 50 M. Unterstützung erhalten. Von Skubbik habe er niemals einen Pfennig erhalten.— Der Borsitzende hält dem Angeklagten vor, daß der bei ihm gefundene Sack mit Schriften hinter Kartoffelsäcken ge- funden worden sei.— Kugel: Die Kartoffeln konnte ich doch nicht hinter die Bücher stecken, die Kartoffeln habe ich doch gebraucht. Ich wollte den Sack mit Schriften schon längst verbrennen, aber das Zeug wollte nicht brennen. Von der Socialdemokratie weiß er nichts. Auch von russischen Attentaten hat er nichts gehört, erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland hat er die„Berliner Morgenzeitung", die.Königsberger Volkstribüne" und den„Vorwärts" nacheinander gelesen. Jetzt, nachdem er durch die Socialdemokraten soviel Unannehmlichkeiten erfahren habe, sei er nicht mehr Social- demokrat.(Heiterkeit.) Damit ist die Vernehmung KugelS beendet. Morgen um 9 Uhr soll zunächst Treptau verhört werden. Schluß nach 6'/« Uhr. Letzte l�acbrlcbten und Dcpcfcbcn. Deutsch-englisches Abkommen. Berlin, 12. Juli.(W. T. B.) Ein SchiedSabkommen zwischen Deutschland und England, nach Art der zwischen England und mehreren andern Staaten bereits abgeschlossenen, ist heute in London durch den Botschafter Graf Metternich und Lord LanSdowne unter- zeichnet worden. Es handelt sich in diesem Abkommen lediglich dämm, daß die Staaten sich verpflichten, strittige Rechtsfragen durch Schiedsgericht zu lösen. Es wird daS festgelegt, was in der Praxis auch bisher schon geschehen ist. Paris, 12. Juli.(W. T. B.) D e p u t i e r t e n k a m m e r. Der erste Teil der von Martin, JauröS und Sarrien eingebrachten lgeSordnung, der besagt, die Kammer stellt als Ergebnis der Untersuchung fest, daß die Ehre des Ministerpräsidenten und der Regierung über jeden Verdacht erhaben sei. wird mit 370 gegen 32 Stimmen angenommen. Der zweite Teil dieser TageSordnunff, der die anonymen Verleumdungen und Verleumder brandmarkt, findet einstimmige Annahme. Der dritte Teil, der jeden Zusatz zurückweist, gelangt mit 306 gegen 244 und die gesamte Tagesordnung darauf mit 334 gegen 154 Stimmen zur Annahme. DaS Ergebnis der Abstimmung ist gleichbedeutend mit der Ablehnung der in dem Kommiisiousberichr gezogenen Schlüsse. einst einen Berantw. Redakteur: Paul Büttner» Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer L-Co., Berlin S W. Hierzu 2 Beilagen u. UnterhaltungSblatt st. 162. 21. zchMg. i. leilnjje des Dmillts" Kerlim Wlksbllltt. m im- Parteigenossen! Heute ist Zahlabend in allen Bezirken Berlins! Vom oftasiatischen Kriegsschauplatz. Von russischer Seite werden jetzt Nachrichten verbreitet, daß Kuropatkin sich allmählich vor den andrängenden Japanern zurückziehen werde. Die russischen Truppen seien noch immer nicht stark genug, um eine wirksame Offensive zu entfalten. Kuro- patkin werde daher versuchen, große Kämpfe möglichst zu vermeiden und einer entscheidenden Schlacht auö dem Wege zu gehen, bis die Konzentration einer genügend starken Armee vollzogen sei. Der Rückzug auf Haitschöng— Liaujang habe wahrscheinlich schon vor einigen Tagen begonnen, auch bei T a s ch i t s a o— in der Mitte zwischen Kaiping und Haitschöng— werde man jedenfalls keinen ernstlichen Widerstand leisten. So wahrscheinlich es auch ist, daß diese Darstellung dem wirk- lichen Sachverhalt und den Absichten Kuropatkins entspricht, so auffällig ist es innnerhin, daß man auf russischer Seite der Wahrheit so offenherzig die Ehre giebt. Die Japaner scheinen denn auch, vorsichtig, wie sie mit Recht sind, irgend einen geheimen Operationsplan der Russen zu befürchten. Dem»Daily Chronicle* wird wenigstens aus Tokio gemeldet: »Das Hauptquartier der japanischen ersten Armee am Motienpaß besorgt, daß hinter Kuropatkins ostentativer Zurück- nähme der russischen Besatzung ans dem Paß und aus der Bei- hehaltnng seiner gefährlichen Stellung zlvischen Kaitschau und Haitschöng eine geheime Gegenbewegung gegen die Japaner steckt. General Rennenkampfs von Infanterie und Artillerie unterstützte Kavallerie-Division ist im Nordosten sehr t hcit ig. Die russischen wie die japanischen Pferde leiden an Futtermangel." Bielleicht aber stellt auch diese durch Japan inspirierte Meldung eine Kriegslist dar, um Kuropatkin in Sicherheit einzuwiegen und einen energischen Vorstoß um so überraschender erfolgen zu lassen. Ueber die Gefechte bei Kaiping wird noch gemeldet: London, 12. Juli.»Daily Telegraph" meldet aus Tokio vom 10. Juli: General'Oku berichtet folgendes: Am ö. Juli, morgens S Uhr, schlug ein Teil der zweiten Armee 1700 Russen, die«inen Hügel drei Meilen nordöstlich von Shidchai besetzt hielten. Der Feind floh nach Norden. Die japanische Hauptmacht rückte darauf, wie früher geplant, vor und trieb die russische Kavallerie zurück und erreichte Jiaohow. Die Japaner verloren zwei Tote und zehn Verwundete. Die Russen ließen 20 Tote auf dem Platze. Am 7. Juli nahmen die Japaner die Hügel zwischen Tatsugao und dem Tahobei-Gebirge. nachdem sie den Femd bei Shakawtai geschlagen hatten. Die russische Infanterie, Kavallerie und Artillerie zog sich nach Norden zurück, wobei fie nur geringen Widerstand leisteten. Nach Meldungen Ein- geborener haben die Rüsten 20 000 Mann in der Nähe von Kaiping. 2000 Mann stehen mit Geschützen auf den Hügeln bei Seitai. Starke russische Abteilungen befinden sich ferner bei Taschitsao und Verstärkungen treffen noch ein. Die Verluste der Japaner seit dem S. Juli betrugen 2 Offiziere und 4 Mann getötet, 10 verwundet. Am 8. Juli nahmen die Russen eine Stellung zwischen Haishantai und Kaiping ein, sowie auf einer Anhöhe nörd- lich von Seitai. Am 9. Julr begannen die Japaner bald nach fünf Uhr morgens den Feind um Kaiping zu beschießen, schlugen die Rüsten zurück und besetzten die erhöhte Stellung bei Tapintun und Thaikiatun um 8 Uhr morgens. Obgleich der Feind seine Stellung bei Kaiping verloren hatte, hielt er noch ein zweitesmal stand, aber gegen Mittag schlugen ihn die Japaner in die Flucht und besetzten die Anhöhen von Seitai. Die russische Artillerie beschoß die den Feind verfolgenden Truppen von Kokischo bis Joroschi; um 8 Uhr nachmittags jedoch wurden ihre Batterien zum Schweigen ge- bracht. Generalmajor Koizumi wurde während des Gefechts am Schenkel verwundet. Nmtschwimg, 11. Juli.(Meldung des„Reuterfchen Bureaus'.) Vom Lande hereinkommende Chinesen berichten, daß sich die Russen überall vor den Japanern zurückziehen, deren baldige An- kunft hier erwartet wird. Zur Verteidigung von Taschitsao werden energische Vorbereitungen ge- troffen. Trotz dcS Ernstes der Lage wird hier weiter lebhafter Handel getrieben. Im Hafen befinden sich viele Schiffe. Japanischer Torpedo-Angriff bei Port Arthur.' Tokio, 12. Juli.(Meldung des»Reuterfchen Bureau»".) Admiral Togo berichtet: Am Montag näherten sich um Mitternacht japanische Torpedoboote der Einfahrt von Port Arthur und feuerten auf ein Wachtschiff von der»Diana"- Klasse Torpedos ab. Das Resultat ist nicht bekannt, die japanischen Boote haben keinen Schaden erlitten. Ter Gesundheitsznstand der russischen Armee. Petersburg, 12. Juli. In einer Drahtineldung des»RegierungS- boten" aus Taschitsao werden folgende Mitteilungen über den Gesundheitszustand der russischen Armee gemacht: Bis zum 28. Juni bettug die Zahl der Kranken in den Hospitälern, an Offizieren 7,136 Prozent, an Soldaten 8,943 Proz. des Effektivbestandes, einschließlich der evakuierten verwundeten Offiziere und Soldaten 10,24 bezw. 6, kl Proz. Nach Beginn der Regenzeit(9. Juli) stieg die Zahl der in die Hospitäler aufgenommenen Offiziere und Soldaten, auf 8.334 bezw, 4,646 Proz., die Zahl der JnfcttionSlrauken von 2,19 auf 8.52 Proz., darunter an Dysenterie Erkrankte 1,99 Proz. „Reichs- „Volks- Sevlwkl'ckaftttcbes. Guter Glaube. Wie der Teufel über eine arme Seele fällt der fromme böte" über folgende Veröffentlichung in der Breslauer wacht" her: »Wir, die unterzeichneten Vertreter der hiesigen BauhilfS- arbeiter, bekennen hiermit, daß wir am 2S. Mai d. I. auf den hiesigen Baustellen in etwa 1000 Exemplaren gedruckte Arbeit«- bedingungcn haben verteilen lassen, und daß wir unter dieselben auch die Namen von drei Vorstandsmitgliedern des hiesigen Arbeit- geberbimdes haben setzen lassen! wir bekennen ferner, daß diese von uns verteilten Bedingungen nicht den thatsächlich zwischen uns und dem Vorstande de« ArbeitgebcrbundeS getroffenen Vor- einbarimgen entsprechen, daß erstere vielmehr willkürlich Zusätze enthielten und wichtige Bestimmungen auslasten. Wir bekennen ferner, daß wir die Nanien der Arbeitgeber ohne jede Erlaubnis derselben unter die von unS verteilten Druckschriften haben setzen lassen. Indem- wir die von unS herausgegebenen, von uns sofort wieder einznziehenden Bedingungen hiermit ausdrücklich für ungültig erklären, sprechen wir über den ganzen Vorgang unser Bedauern au«, bemerken indes, daß wir durchweg im guten Glauben gehandelt haben.— Arbeitsbedingungen, wie sie zwischen dein«rbeitgcberbulid und uns rhatsächlich vereinbart sind, werden demnächst gemeinschaftlich herausgegeben werden. Breslau, den 8. Juli 1904. Max Lucas. Theodor Machol. Albert Langer." Das frnmbe Blatt bemerkt dazu: „Es handelt sich also bei den„Arbeitsbedingungen", welche die Vertreter der Brcslauer Bauhilfsarbeiter verbreitet haben, nach ihrem eignen Zugeständnis um nichts mehr uiid nichts weniger als eine grobe Fälschung! wo bei ihr der gute Glaube herkommen soll, ist rätselhaft. Höchstens kann er doch in dem Glauben be- stehen, der Partei zu nützen, in der inan allerdings den Satz auf- gestellt hat, daß man nur dem Genossen Treue, Wahrheit und Eid zu halten brauche, nicht dem Gegner. Dieser Glaube ist aber alles andre wie gut." Wenn der„Reichsbote" ebenso wie andre Blätter etwas weniger gierig sich auf alles stürzen würde, waS ihm anscheinend geeignet erscheint, die Bewegung der Arbeiterschaft zu diskreditieren, dann hätte er sich erst nach der Ursache dieser Erklärung erkundigt. Die Bauarbeiter Breslaus hatten mit den Unternehmern mündlich Vereinbarungen getroffen, die sie dann gedruckt auf den Arbeitsplätzen verteilen ließen. Da die Leitung der Bauarbeiter aus wenig schriftgewandten Leuten besteht, nahmen sie den Maurer tarif zur Hand und änderten aus diesem die Positionen über Lohn und Arbeitszeit in dem verabredeten Sinne. Dabei ließen die Leute ungeschickterweise einige Bestimmungen des Maurertarifs stehen, die für die Bauarbeiter nicht passen und deswegen natürlich auch nicht für sie verabredet waren. Als anständige Menschen veröffentlichten sie dann obigen Widerruf, aus dem ihnen fromme Bosheit einen Strick drehen will. Herr Ratsmanrcrmeister Simon hat den Leuten ausdrücklich den guten Glauben bestätigt, den der„ReichSbote" ihnen ab- sprechen will. Unter„gutem Glauben" versteht der„ReichSbote" allerdings sonst einen Glanben, der von den Herrschenden zur Knechtung und Unterdrückung des Volkes gemitzbraucht wird. Darin hat der „Reichsbote" recht: diesen»guten Glauben" besitzen die BreSlauer Bauarbeiter nicht; den haben ihnen die Frommen vom Schlage des „ReichSboten" gründlich ausgetrieben. Lerlin und dmgegend. Die Beschlüsse der Steinsetzer- Innung, mit denen dieselbe die Steinsetzer zur»Strafe" für ihre Unbotmäßigkeit beglücken will, be- deuten, wie schon gestern hervorgehoben— wenn sie zur Durch- fiihrung gelangen sollten— eine ganz enonne Verschlechterung der bisherigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Steinsetzer, eine Ver- schlechtcrung nicht bloß in materieller Beziehung, sondern hinsichtlich der Beseitigung der sogenannten Fünfzehnpansen sogar eine schwere gesundheitliche Schädigung der Steinsetzer. ES ist wiederholt ärztlich festgestellt worden, daß bei andauerndem Knien auf hartem Boden sich lähmungsarttge Erscheinungen einstellen, die sich über den ganzen Organismus verbreiten. ES ist ferner ärztlich festgestellt, daß durch daS bei Ausführung von Mosaik- und Kleinpflaster be- dingte Hocken die Atmung«- und Verdauungsorgane in ihrer Thätig- keit aufs Empfindlichste beeinträchtigt werden. Alle« daS könnten die Herren JnnungSprotzen auch wissen. Daß dieselben dennoch glauben, derartige an russische»Justiz" grenzende»Strafen" dittieren zu können, spricht Bände für die Denkweise dieser Herren. Die habe» sich das Wort, das der Leipziger Steinsetzer- innungS-Gewalttge vor vier Jahren einmal gesprochen hat:»Der Humanitätsdusel muß endlich einmal aus der Welt geschafft werden" — gründlich zu eigen gemacht. Eine andre Frage ist es allerdings noch, ob die Herren mit ihren schönen Absichten durchdringen. DaS Hohnlachen, mit dem die Steinsetzer— trotz der kritischen Situation, in der sie sich befinden— diese Herzensergüsse ihrer„Brotherren" aufgenommen haben, und die Versicherungen, die uns allseitig ge- geben wurden, lassen die Aussicht begründet erscheinen, daß damit die»vereinigten Stelnsetzer-Jnnungen" zum mindesten kein Glück haben werden. Einer ganz besondren Beachtung ist noch der Beschluß betreffs der Aufhebung des ArbeitStarifeS wert. Vor einem halben Jahre erst beschlossen, hielt damals die Berliner Steinsetzer- Innung gerade diesen Teil des allgemeinen TarifeS für so schön und gut. daß sie au« eigner Initiative auf die Durch- brechung desselben seitens ihrer Mitglieder eine Konventionalstrafe von 100 M. setzteil Vor Jahren schon hat einer der ärgsten Scharfmacher der Berliner Steinsetzer- Innung, der Steinsetzermeister Julius Jacob, die Einführung eines solchen Tarife« gefordert,„weil er unter dem gegenwärtigen System, wo einer dem andern die Arbeiten abtteibe, unmöglich sei, die Arbeiten so auszuführen, wie die Behörden es verlangen. Dadurch sei es gekommen, daß nur noch schlechte, minder- wertige Arbeit geleistet werde...." Es ist also anzunehmen, daß die Innungen es vorziehen, zu dem System der schlechten, minder- werttgen Arbeit zurückzukehren. Iva« unsre kommunalen Behörden doch gefälligst recht genau beachten wollen. Im übrigen können wir noch die erfreuliche Mtteilung machen, daß setzt schon mehrere Vorortgenieinden mit Vertretern der AuS- ständigen wegen der Uebernahme größerer Arbeiten in Unterhandlung stehend Zur Situation im Bäcker-Lohukampf. Die Bäcker-Jnnungen ver- künden in ihren Zeitungen einen Sieg auf der ganzen Linie. Richtig ist, daß ein Teil der Bäckermeister ihre Bewilligung durchbrochen oder zurückgezogen haben. Im großen und ganzen aber haben die Bäckergesellen einen Erfolg zu verzeichnen, der für den ersten Anlauf als ein ausgezeichneter bezeichnet werden muß. Die Innungen mit ihrem Boykott-Abwehrausschuß machten die verzweifeltsten Anstrengungen, um die Bäckermeister zum Wortbruch zu bewegen. Jeder Tag bringt einen neuen Trick der Herren. Vor einiger Zeit haben wir berichtet, daß sie ihren Gesellen einen Revers vorgelegt hatten, in welchem sich dieselben selbst da- durch beschmutzen sollten, daß sie die Forderungen der gesamten Gesellenschaft nicht anzuerkennen und auch mit den Verhandlungen vor dem Einigungsamt nicht einverstanden zu sein erklären sollten. Ein Teil der Gesellen hat nun unter dem Drucke der wirtschaftlichen Verhältnisse die Unterschrift geleistet. Damit prahlen jetzt diese„noblen",.charaktervollen" JnnungSgrötzen noch. Jetzt haben die Moabiter Scharfmacher eine Versammlung der Meister und Gesellen einberufen zwecks einer Besprechung über die „Regelung" der Arbeitsverhältnisse im Gewerbe. Obgleich die Ver- sammlung unter Ausschluß der Oeffentlichicit stattfand und deshalb nur ein Bäckerdntzend Gesellen anwesend ivaren, wurde eine Kommission von drei Meistern und drei Gesellen gewählt, die kompetent sein soll, über das Wohl und Wehe Tausender zu befinden. Selbstverständlich wurde von den 60 Meistern und IS Gesellen eine Resolution angenommen, die besagt, cS liege nicht im Interesse der Gesellen, daß die Forderungen der Streikleitung durchgeführt würden: dadurch würden nur die Genosscnschafts-Bäckereieu' großgezogen, die Selbständigkeit der An- fänger unmöglich gemacht und der Friede im Gewerbe dauernd ge- stört. Schließlich mußten die Schäfchen noch der Meisterschaft ein Vertrauensvotum ausstellen. Wie da» Beispiel von Rixdorf und Köpenick zeigt, wirken aber solche Mittelchen nicht mehr recht, und auch die Moabiter Herrschaften werden ihr blaues Wunder dabei erleben. Tic Kutscher und Arbeiter von der Firma Rich. Hoffmau» in Rixdorf, welche sämtlich im Centralverband der Handels-, Transport-' und BerkehrSarbeiter organisiert sind, legten am Montag früh ein- mütig die Arbeit nieder, nachdem ihre Forderungen auf Erhöhung des Wochenlohnes für Arbeiter von 24 auf 27 M. und für Kutscher von 27 auf 30 M. von feiten des Unternehmers endgültig abgelehnt war. Eine Verhandlung, welche am Montagabend zwischen Herrn Hofstnann und zwei Vertretern deS Verbandes stattgefunden hat, ist resultatlos verlaufen. Die Streikenden haben die obige Forderung aus dem Grunde gestellt, weil eine ganze Anzahl Rixdorfer Fuhrherren ihren Arbeitern und Kutschern schon seit längerer Zeit den hier geforderten Lohn bezahlen. Streikbrecher haben sich bis dato nicht gefunden. Sämtliche Gespanne stehen still. Die Pferde werden von einem Stallmann, der sich an dem Streik nicht beteiligt, abwechselnd vor einem leeren Wagen gespannt und erhalten die Tiere auf diese Weise die notwendige Bewegung. Die Kutscher von dem Fuhrherrn Geserigk, welch letzterer auS- schließlich Fuhren für Hoffmann leistet, beschlossen, sich mit ihren streikenden Kollegen solidarisch zu erklären und, falls G. den Lohn von 30 M. nicht bewilligt, am Dienstag früh die Arbeit ebenfalls niederzulegen. ES ist jedoch zur Arbeitsniederlegung nicht gekommen, da Herr Geserigk, ohne große Geschichten zu machen, seinen Leuten den Lohn von 30 M. bewilligte. Dies kann Herr G., obgleich Hoff- mann an jeder von ihm geleisteten Fuhre jedenfalls noch eine „Kleinigkeit" verdient. Oeutfches Reich. Auch die Bremer Brauerci-Arbeiter stehen bor einer großen Be- wegung. Bevor der nunmehr bald 2ffz Monate währende Bierboykott über die Bremer Brauereien verhängt wurde, versprachen die vereinigten Bremer Brauereien, daß sie die Forderungen der Böttcher, um die es sich ausschließlich bei dem Boykott handelt, bewilligen würden, wenn die Brauerei-Arbeiter alsdann sich schriftlich verpflichteten, bis zum 1. Oktober 190S nicht mit einer Lohnforderung zu kommen. Selbstverständlich lehnten die Böttcher dies unbillige Verlangen, eine andre Gewerkschaft in dieser Weise zu beeiufluste», ab und so wurde der Boykott verhängt. Jetzt nacki 2'/, Monaten erbitterten Kampfes, der alle beteiligten Kreise stark schadigt, erboten sich die Brauerei-Arbeiter, das Opfer zu bringen, welches die llnternchmer verlangt hatten. Anstatt der erhofften Antwort mußten die Brauerci-Arbeiter erleben, daß am Sonnabend 36 ihrer Kollegen in einer Brauerei entlassen wurden, angeblich wegen Arbeitsmangel. Man ist hier nun nicht nach der Anciennität verfahren, sondern hat Leute entlassen, die 15 Jahre und länger dort beschäftigt waren. Eine Versammlung der Brauerei- Arbeiter beschäfttgte sich am Montagabend mit dieser Angelegenheit; eS wurde aber kein bestimmter Beschluß gefaßt und die Versammlung auf acht Tage vertagt. Bis zum 14. d. M. haben auch die Unter- nehmer ihre Antwort in Aussicht gestellt und wird alsdann Beschluß gefaßt werden. Bauarb eitcrauSsperruug in Emden. Seit längerer Zeit bestehen zwischen Unternehmern und Arbeitern im Emdener Baugewerbe Differenzen, die namentlich darin begründet sind, daß hier kein die Arbeitsverhältnisse regelnder Vertrag besteht. Die Arbeitnehmer waren seit langer Zeit darauf bedacht, eine feste Grund- läge für die Arbeitsverhältnisse zu schaffen, während sich die Unternehmer bei dem alten Zustande ganz wohl fühlten. Als die Maurer dann mit der Forderung der Erhöhung des Stunden- lohnes von 45 auf 50 Pf. hervortraten und die Unternehmer diese Forderung ablehnten, verhängten sie den partiellen Streik über drei Geschäfte. Die Unternehmer anttvorteten auf diese Maßnahme, in- dem sie ein Ultimatum stellten, daß fie alle organisierten Maurer aussperren würden. wenn die Sperre nicht aufgehoben würde. Selbstverständlich kehrten sich die Arbeiter an die Drohung nicht und ehe letztere in die That um- gesetzt werden konnte. reichten auch die Zimmerer ihre Forderungen ein, die ähnlich lauten wie die der Maurer. Nun hat das Unternehmertum eine allgemeine Bauarbeiter- Aussperrung veranstaltet. Ob das Untcrnehmerwm klug ge- than hat, als es diesen Schritt unternahm, dürfte angesichts der Thatfache, daß die Arbeiter aller Bauberufe sehr gut organisiert sind, fraglich fein. Die Arbeiter werden auf dem Posten sein und im ganzen ist ihre Position dank auch der auswärtig sehr günstigen Koniunktur außerordentlich gefestigt. München, 12. Juki. Heute morgen legten am Neubau des Justiz- palastcS die Maurer und Tagelöhner die Arbeit nieder. Sie ver- langen Erhöhung des Sttmdenlohne». Hualand. Ein RiesenauSstanb in Amerika. Aus Chicago meldet der Telegraph unter dem 12. d. Mt«..: Heute ist von 50 000 PackhauSangestellten der Ausstand über das ganze Land erklärt worden, um das Inkrafttreten eine« neuen LohntarifeS sicher zu stellen, da der alte Tarif am 23. Mai ab- gelaufen ist._ Die gewerkschaftlichen Organisatianrn von Ehikago haben in den letzten Jahren riesige Fortschritte gemacht; insgesamt sind 220 000, darunter 35 000 Frauen, Personen gewerkschaftlich organisiert. Die Löhne sind demzufolge sehr gestiegen und betragen z. B. für Maurer 2>/z M. pro Stunde, in andren Berufen wird 2 M. bis 2,25 M. pro Stunde verdient. Der Reunstundentag ist fast überall durchgeführt. In den zwei letzten Jahren fanden 251 Streiks statt, an denen 135 000 Personen beteiligt waren. Serlmer Partei-Etogdegenkeitm Dritter Wahlkreis. Heute Mittwoch, den 13. Juli, am Zahlabend wird die Broschüre„Der ZukunstSstaat der Junker" umsoiist an die Mitglieder verteilt werden. Zu dem am Sonntag, den 14. August. in den gesamten Räumen der Arminhallen stattfindenden S o mm e r- fest können BilletS in Empfang genommen werden. Besuch erwünscht. Der Borftand. Charlotteuburg. Heute) Zukunft am zweiten Mittwoc a h l a b e n d für alle Bezirke; auch in 1 jeden Monats. Zu der Notiz in Sachen der Lokalliste teilt uns der Sparverein Hoffnung durch seinen Schriftführer Wilhelm Tornow, Engel- Ufer 13, mit, daß der erwähnte Berein gleichen Namen« eine Neu- grüudung eines Herrn Hepner sei und mit dem alten Verein nicht verwechselt werden sollte. Dieser Verein mache seine Partie am 27. Juli nach Tegel und lasse nur Mitglieder daran teilnehmen. Rixdorf. Heute abend 8>/, Uhr findet im Lokale von Thiel, Bergstr. 151/152, die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Da die Tagesordnung sehr interessant und reichhaltig, ist zahlreiches und pünktliches Erscheinen der Mit- glieder erforderlich. Obcr-Schönewcide. Heute, Mittwochabend 3ffg Uhr, findet die Ouartalsvcrsammlung de« WahlvcreinS bei Ernst Kaufhold. Wilhelminenhofstr. 18, statt. Tagesordnung: Vortrag:„Die Schule wie sie ist und wie sie sein soll". Vereinsangelegenheiten. Lichtenberg. Heute Zahlabend de« Wahlvereins in den be» kannten Bezirkölokalen. Erscheinen dringend notwendig. Treptow. Heute Mittwoch, abends l�O Uhr, findet bei Schmidt, Kiefholzstr. 22. Bezirksverfammlung statt. Vortrag des Genossen Zimpeli„Ueber Alters- und JnvaliditätS-Versichernng". Abrechnung deS BezirkSleilerS. Besonders werden alle„Vorwärts"» Abonnenten von Treptow gebeten, daselbst anwesend zu sein. Steglitz. Die Mitgliederversammlung des Wahlvereins findet morgen, Donnerstagabend 8l/z Uhr, bei Schellhase mit hoch- interessantem Vortrag statt. Zugleich weisen wir darauf hin, daß unser nächster Abend des Parteiprogramm-Kursus am Freitag, den 1ö. d. M., bei Schellhase stattfindet. lokales. Wenn Kinder in Armnt aufwachsen. Die Hilfe, die den Armen und Notleidenden durch die wohl- thätigen und gemeinnützigen Veranstaltungen der besitzenden Klasse geboten wird, hat nicht viel zu bedeuten. Diese privaten Be- mühungen, die mehr oder weniger gut gemeinten, erzielen meist leine andre Wirkung, als ein Tropfen auf einen heißen Stein sie auszuüben vermag. Die Helfer, die dem Hilfebedürftigen die rettende Hand reichen zu können vermeinen, sind in der Regel ohn- mächtig gegenüber der Größe des vorhandenen Elends. Trotzdem ist diese Hilssthätigkeit, auch die erfolgloseste, niemals ganz ohne Gewinn. Sie kann das Elend nicht beseitigen und oft nicht einmal lindern, aber sie gewährt der besitzenden Klasse einigen Einblick in die Lage der Besitzlosen und zeigt ihr den Zusammenhang von Ursache und Wirkung in unsren socialen Zu- st ä n d e n. Wer sich die Mühe machen will, die Rechenschaftsberichte der gemeinnützigen und wohlthätigen Vereine und Vereinchen daraufhin durchzusehen, der wird überrascht sein, wie einsichtsvoll und verständig man da und dort sich über solche Zusammenhänge äußert. Ein Beispiel für viele ist der letzte Jahresbericht des Vereins „Mädchenhort". Die 17 Horte des Vereins nehmen an den Nachnnttagen rund 1000 schulpflichtige, der elterlichen Aufsicht ent- bchrcnde Mädchen in ihre Obhut. Sie suchen durch Beschäftigung mit Arbeiten und Spiel einen erziehlichen Einfluß auf die Mädchen auszuüben und durch ärztliche Behandlung, zweckmäßige Körperpflege und nahrhafte Kost auch ihre Gesundheit zu fördern. Da das Unter- nehmen jetzt zwanzig Jahre besteht, so giebt der Bericht eine Rück- schau auf diese zwei Jahrzehnte. Der Verein glaubt„den Beweis der Notwendigkeit seiner Bestrebungen erbracht und sich zum nütz- lichen Faktor der Volkserziehung entwickelt zu haben". Manche Erfolge seien zu verzeichnen, die mit Freude und Stolz erfüllen: „Wir haben an zahlreichen Fällen das schwierige Problem gelöst, die uns anvertrauten Kinder zu brauchbaren, tüchtigen Menschen zu erziehen." Schwierig ist die Aufgabe deshalb, weil, wie der Bericht sagt,„die Kinder zum größten Teil aus anormalen Verhältnissen stammen, aus Familien, in denen wirtschaftliche Not, Krankheit, Elend, ja oft Trunksucht an der Tagesordnung find". Dieser Gedanke zieht sich durch den ganzen Bericht. Man merkt, daß der Verein„Mädchenhort" in seinem «Problem" den Zusammenhang von Ursache und Wirkung erkannt hat. Wenn Kinder in Armnt, Not«nd Elend aufwachsen, dann darf man sich nicht wundern, daß aus ihnen nichts wird. Der Verein„Mädchenhort" ist innerhalb gewisser Grenzen auch bemüht gewesen, von seinen Pfleglingen die schädlichen Einflüsse der Armnt abzuwehren. Er konnte mit diesen Versuchen nur an der Oberfläche haften bleiben, aber selbst diese dürftigen Anfänge haben durch ihren Erfolg gezeigt, was sich erreichen ließe, wenn nian dem Uebel an die Wurzel ginge.„Immer mehr kamen wir," so sagt der Bericht,„im Laufe der Jahre zu der Erkenntnis, daß ein gesunder Körper die Grundlage aller gedeihlichen Entwicklung sei, und immer ernsthafter ließen wir uns deshalb die Förderung der Gesundheit unsrer Zöglinge angelegen sein." Die meisten Kinder sind beim Eintritt in die Horte, der gewöhnlich mit Beginn des schulpflichtigen Alters erfolgt, in der körperlichen Ent- Wicklung zurückgeblieben. In einem der Horte sind nun durch einen Arzt regelmäßige Ermittelungen des Gewichts der Mädchen vorgenommen worden, um zu prüfen, wie die gesundheitlichen Maß- nahmen der Horte, die Gewährung von Kost usw auf die Mädchen wirken. Dabei ist fast überall eine Zunahme des Gewichts zu bemerken ge- Wesen, oft sogar überraschend schnell. Selbst bei Kindern im Anfangs- stadium der Schwindsucht zeigte sich noch eine Zunahme des Gewichts. Der Arzt stellt die Thatsache fest, die ja längst nicht mehr neu ist, daß„das Durchschnittsgewicht der jüngeren Kinder aus der arbeitenden Volksklasse nicht unerheblich hinter deni der Kinder aus wohlhabenden Kreisen zurückbleibt", weil„die Kinder armer Leute in den erste» Lebensjahren und ganz besonders in der Säuglings- Periode nicht dieselbe Pflege und Aufwartung genießen, wie die Kinder wohlsituierter Familien". Er findet es..nicht auffallend, daß die sechsjährigen Kinder oft mit einem Körpergewicht von 27—30 Pfund in den Hort kommen, während das Normalgewicht eines sechsjährigen Kindes etwa 36 Pfund beträgt". AuS einem Kinde, das in Armut aufwächst, kann eben nicht viel werden. Die Erfolge, die die Horte selbst bei schwächlichen Kindern noch erzielt haben, können für das einzelne Kind nicht hoch genug an- geschlagen werden, aber für die Gesamtheit der proletarischen Jugend fallen sie zu wenig ins Gewicht. Tausend Berliner Mädchen ge- nießen die Fürsorge dieses Vereins, tausend nur von hunderttausend, und auch diese nicht etwa ihre acht Schuljahre hindurch, oft sogar nicht einmal ein einziges Jahr hindurch, sondern vielfach nur ein paar Monate. Denn in den Horten herrscht ein lebhaftes Hinein und Hinaus, wie in einem Taubenschlag. Viele scheiden wieder aus, weil, wie der Bericht selber angiebt, sie zu Hause gebraucht werden, verdienen müssen, und so weiter. Man weiß ja, wie es zugeht, wenn ein Kind in Armut aufwächst. Auch in den wohlthätigen und gemeinnützigen Vereinen der besitzenden Klasse weiß nian's. Auch dort erkennt man den Zusammenhang von Ursache und Wirkung in unsren socialen Zuständen, auch dort sieht man ein, daß mit solchen halben Mitteln nichts gegen das Elend auszurichten ist. Es fehlt dieser Einsicht nur noch der Schluß, daß eS besser nur werden kann, wenn man die Ursache beseitigt, d.h. die kapitalistische Gesellschaftsordnung über den Haufen wirft. Doch so weit langt es natürlich nicht bei den edlen Helfern: denn niemand sägt gern den Ast ab. auf dem er selber sitzt._ Nochmals die arbeiterfeindliche Tifchler-Jnnimg. Der Tischler- meister Herr Ernst Sievert schreibt uns: In Nr. 167 JhreS geschätzten Blattes bringen Sie eine Beschwerde des Vorstandes der Tischler-Jnnung zun: Abdruck, die sich gegen meine Wahl zum Beisitzer des Schiedsgerichts für Arbeiterversicherung richtet. In der Beschwerde heißt es, daß man dies wichtige Amt einem Manne über- tragen hätte, der kaum 2 Jahre selbständig wäre. Diese Behauptung ist falsch. Ich bin seit länger als 7 Jahren selbständig und zahle seit dem Bestehen der Zwangsinnung Beiträge(1900). Es wäre dem Vorstande leicht geweien, sich über diese Thatsache zu in- formieren, um so mehr, als mich Herr R a h a r d t feit ca. zehn Jahren persönlich kennt. Der Zweck, weshalb man mich erst seit zwei Jahren selbständig findet, ist wohl durchsichtig genug. Man denunziert den Socialdemokraten. um den I n n u n g s- gegner zu treffen. Ich stelle es in Ihr Belieben, von diesen Zeilen Gebrauch zu machen. Städtische Alters- und Sicchenpslege. Im Friedrich Wilhelm- Hospital in der Fröbelstraße wurden am 30. Juni d. I. 252 Männer und in der Anstalt in der Pallisadenstraße 1 Mann und 639 Frauen verpflegt. In den städtischen Siecheuaustaltcn befanden sich an dem- selben Tage 467 Männer und 504 Frauen: in dem Pflegehause für Ehepaare je 36 Männer und Frauen, und im Depot für aus hiesigen Heilanstalten entlasiene unheilbare Obdachlose 36 Männer und 58 Frauen. Es wurden mithin am 30. Juni in den genannten An- stalten zusammen 2029 Personen verpflegt; außerdem befanden sich noch 88 Personen in Außenpflege. Der Stadtausschnß hält während der Zeit vom 21. Juli bis 21. September d. I. Ferien. Während dieser Zeit werden Termine zur mündlichen Verhandlung der Regel nach nur in schleunigen Sachen abgehalten. Abermals ein Opfer des Eisenbahnbetriebes. Die tödlichen Un- glücksfälle im Reiche des Herrn Budde mehren sich in erschreckendem Umfange. Sonutagnachnüttag gegen 3 Uhr ist der Rangierer Otto Dornbusch, der Hubertusstr. 52 in Lichtenberg wohnte, bei der Arbeit auf dem Bahnhof Lichtenberg von mehreren Güterwagen so unglücklich überfahren worden, daß er gräßlich verstünnnelt ins Krankenhaus Bethanien gebracht wurde und dort noch am selben Abende starb. Wie uns berichtet wird, hat Dornbusch über eine Stunde auf deni Bahnhof gelegen, bevor er in die Heilanstalt ge- bracht wurde. Die Eisenbahnarbeiter als Fachleute sind fest davon überzeugt, daß derartige Unglücksfälle ganz bedeutend vcr- mindert werden könnten, wenn mehr Arbeitskräfte eingestellt würden und dem einzelnen Arbeiter nicht eine Umsicht zugemutet würde, die seine Kräfte durchweg über Gebühr in Anspruch nehmen. Auch sind die Arbeiter der Ansicht, daß der schlinune Ausgang mancher Unfälle dem Mangel an Heilkundigen zuzuschreiben ist. ES sollte, wenn nicht ein Arzt, so doch wenigstens ein Heilgehilfe auf dem Güterbahnhofe zur Stelle sein: auch müßte immer für ge- nügendes Verbandszeug gesorgt werden. Zwar wird formell jeder Arbeiter im Samariterwcsen unterrichtet, doch ist diese Ausbildung schon um deswillen ziemlich wertlos, weil die Kollegen eines Ver- unglückten gar nicht im stände sind, mit ihren schmutzigen Händen eine Wunde zu berühren, und die Beschaffung von Wasser und Seife zum schnellen Reinigen zumeist große Schwierigkeiten macht. Visher hat Herr v. Budde seine Arbeiterfllrsorge darin bcthätigt, daß er den Angestellten verbot, in einer Arbeiter-Organisation auf die Verbesserung ihrer elenden Lage hinzuarbeiten, und daß er in diesen Tagen ihnen sogar die Möglichkeit zu unterbinden suchte, in einem Konsumverein etwas sparsamer, als dies sonst möglich ist, mit ihrem kärglichen Lohn zu wirtschaften. Allerdings hatten diese Verbote bisher nur einen sehr geringen Erfolg und auch in Zukunft wird der Eisenbahner von der Erfüllung der Organisatiouspflicht nicht lassen. Aber kennzeichnet es nicht den Staat der Socialreform, daß ihm nichts schrecklicher scheint, als wenn die in seinem Betriebe beschäftigten Männer eine Pflicht erfüllen, die jedem anständigen Arbeiter als die notwendigste und vornehmste gilt? Für die Sondcrzüge nach Hamburg, die am 16. Juli von Berlin zum Besuche der Nordsee gegen ermäßigten Fahrpreis abgelassen werden, hat jetzt die Ausgabe der Fahrkarten begonnen. Sie sind ausschließlich auf dem Lehrter Hanptbahnhof von 9—12 Uhr zu haben, außerdem vor Abgang des Zuges. Eine Erkrankung an den Pocken� ist in der Gartenstraße vorgekommen. Der 34 Jahre alte Schlosser Paul S p a l l c ck und seine ebenso alte Ehefrau Ida geborene Seifert haben sieben Kinder im Alter bis zu 12 Jahren, darunter Zwillinge Fritz und Hannchen, die\llA Jahre alt sind, und einen sieben Wochen alten Sohn Heinrich. Der kleine Fritz hatte seit acht Wochen einen Ausschlag im Gesicht und wurde von zwei Aerzten behandelt. Auf Anraten des einen ging die Mutter gestern Morgen mit ihm nach dem Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kiuderkrankenhaus in der Reinickendorfer- straße, wo der leitende Arzt erkannte, daß das Kind an den Pocke n erkrankt ist. Nach dieser Feststellung wurde Frau Spalleck mit ihrem Kinde sofort nach der für lolche Fälle stets bereit gehaltenen Charitsbaracke übergeführt. Dorthin wurden dann von der Wohnung auch die kleinsten Kinder Haunchen und Heinrich gebracht. Gegen ein etwaiges Umsichgreifen der Krankheit sind unverzüglich alle Maßregeln getroffen worden. Alle Personen, die mit dem kranken Kinde in Berührung kamen, wurden sofort geimpft, auch sämtliche Hausgenossen, die Wärter und Pfleger außerdem isoliert. Alle Sachen der Leute wurden gestern noch verbrannt, die im ersten Stock gelegene Wohnung desinficiert. Irgend eine Gefahr für die Allgemeinheit besteht nach diesen umfassenden Maßnahmen nicht. Dem Ministerium und der Sanitätspolizei wurde noch gestern über die Erkrankung berichtet. Wo sich das Kind die Krankheit geholt hat, darüber läßt sich noch nichts Bestimmtes sagen; es bedarf noch der amtlichen Ermittelung. Der niedrige Wasserstand auf der Havel hat eine weitere Be- schränkung des Tiefganges der Schiffe notwendig gemacht. Wie der andelskammer amtlich mitgeteilt wird, darf der größte i e f g a n g der äuf der Havel verkehrenden Fahrzeuge nur noch betragen: a) von Havelberg(14,5 Kilometer) bis Rathenow (61,0 Kilometer) 1,10 Meter; b> von Rathenow(61,0 Kilometer) bis Pritzerbe(87,0 Kilometer) 1,30 Meter. Alle stromauf fahrenden Fahrzeuge müssen in Havelberg anstellen, damit dort der Tiefgang der Fahrzeuge gemessen werden kann. Tiefergehende Fahrzeuge müssen ableichtern. Eine FeucrSbninst kam gestern früh 5 Uhr in der Hollmann- straße 32 aus noch unbekannter Ursache zum Ausbruch. Auf dem Grundstück befand-sich früher die Gewehrfabrik von Ludwig L o e w e u. Co., es gehört jetzt dem Baumeister Glasenapp und ist an zahlreiche industrielle Betriebe vermietet. U. a. befinden sich dort Celluloidfabriken, eine GaSglühlichtfabrik, mehrere Tischlereien, eine Waschanstalt, Niederlagen, Stallungen usw. Gegen 5t/z Uhr wurde das Feuer bemerkt. Die Flammen schlugen schon hell aus den Fenstern der Bautischlerei von Georg Prahl im ersten Stock des Seitenflügels auf dem zweiten Hofe empor. Die Werkstelle in einer Ausdehnung von 8 Fenstern Stirnseite und 20 Meter Länge brannte vollständig. Als die Feuerwehr erschien, hatten die Flamnien, die über das Haus emporschlugen, schon das zweite Stockwerk erfaßt, wo sich die Bau- und Möbeltischlerei von R. Heideklang befindet. Branddirektor Giersberg ließ„Grotzfeuer" an alle Wachen melden. In kurzer Zeit waren 16 Züge zur Stelle, die den vom 17. und 11. Zuge zu- erst eröffneten Angriff wirksam' unterstützten. Die Gefahr bestand in der Hauptsache darin, daß die beiden angrenzenden Ouer- gebäude und das auf dem letzten Hofe vor der Brandstelle stehende Stallgebäude von den Flammen erfaßt wurden. Schon brannten Teile des ersten Ouergebäudcs, die Fensterscheiben stürzten infolge der Hitze klirrend auf den Hof, der bald mit Glassplittern bedeckt war. Die enorme Hitze, der alles einhüllende Qualm und starke eiserne Türen vor allen Eingängen erschwerten das Vorgehen der Feuerwehr, der nur eine kleine Angriffsfläche zur Verfügung stand, ungemein. Die Flammen hatten an den GeschäftScinrichmngen, den Holzwänden ec. reiche Nahrung gefunden, die Hitze war so groß, daß der Mörtel des Mauerwerks an verschiedenen Stelleu die Bindekrafr verloren hat und die Klinker abblätterten. Die eisernen Maschinen sind vernichtet und die hölzernen Werkzeuge ver- brannt. Sehr gelitten hat die im Erdgeschoß etablierte Dekatur- anstatt von B. Weißbarth; besonders Tuche sind durch Wasser be- schädigt. Auch die Firma Emil Romann und die Niederlage der Buchdruckcrei von T. T. Heinze hat beträchtlichen Schaden erlitten. Der vierstöckige Seitenflügel ist fast total ausgebrannt. Die Waschanstalt„Centrum" von A. Luther sind nur wenig be- schädigt; auch die übrigen Betriebe auf dem Grundstück haben keine oder nur geringe Verluste zu beklagen. Um 8 Uhr war die Gewalt des Feuers gebrochen, langfam ging es zurück. Die vollständige Abloschung und Anfränmung nahm dann noch mehrere Stunden in Anspruch. Ueber die Entstehung de? Feuers konnte nur ermittelt werden, daß in der Fabrik für Geschäftseinrichtungen von Georg Prahl Montag- abend noch spät gearbeitet worden und daß dort das Feuer aus- gekommen ist. Die Arbeiter, die gestern früh um 7 Uhr zur Arbeit erschienen, fanden schon eine ausgebrannte Werlstelle vor. Dort und in allen übrigen Betrieben mußte die Arbeit eingestellt werden. DK Schaden, der übrigens durch Versicherung voll gedeckt sein soll, läßt sich heute auch nicht annähernd übersehen, weil minoestens sechs Be- triebe betroffen sind und das Haus selbst stark gelitten hat. Bon der Zeitschrift„In freien Stunden" liegt jetzt der erste Band deS achten Jahrganges vor uns. Die im Verlag der Buch- Handlung Vorwärts in Berlin erscheinenue Wochenschrift ist auch in diesem Bande ihrem alten Grundsatz gerecht geworden, von älteren und neueren Romanen der Arbeiterschaft das Beste zu lesen zu geben. H. Gcrstäcker, der bekannte Reiseschriftsteller füllt mit seinem Roman „Die Flußpiraten des Missifippi" einen beträchtlichen Teil der 26 Rummern des Bandes aus; und wer ergötzte sich nicht gern an den bunten Bildern, die dieser Schriftsteller aus einer Zeit bringt, in der mit dem Namen Amerika noch der Begriff einer Romanttk ver- knüpft war. die durch die Lokomotive in der zweiten Hälfte des ver- flosscuen Jahrhunderts für alle Ewigkeit zerstört ist? Ein ganz andres Zeitgemälde aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entrollt Alexander Dumas in seinem Roman„Gabriel Lambert, de» Galeerensklave". Wer diesen Roman liest, lernt begreifen, daß der Name des französischen Schriftstellers auch in Deutschland eine Popularität hatte, der sich heute kaum ein Mann der Feder rühmen kann. In eine uns näher liegende Zeit führt uns ein moderner Franzose, Emil Zola, mit seiner uns in die Kunst und Philisterci einer französischen Kleinstadt einführenden Novelle „Madame Sourdis". Weiter bringt der Band eine heitere Geschichte von A. Silberstein„Der Bleibdraus", eine Erzählung„Veilchen" von Moritz Reich und eine andre Erzählung„Der Trutzian" von dem- selben Verfasser. Zahlreiche vermischte Aufsätze machen weiter den Band lebendig und mannigfaltig. Wer eine gute, in jeder Hinsicht einwandfreie Lektüre will, dem kann nur geraten werden, sich das hübsch gebundene Werk zuzulegen. Der zweite Band des achten Jahrganges ist bekanntlich im Erscheinen begriffen. Sein erstes Heft beginnt mit dem Romane„Der Jesuit" von Spindler. Der Preis jedes Heftes beträgt nur zehn Pfennig. Zum Tode des Generalmajors v. Zoch, Artillerie-DepotinspettorS, und seines Burschen, die beide, wie wir gestern mitteilten, bei Berlinchcn ertrunken sind, wird bekannt, daß das Unglück auf der Entenjagd sich ereignete. Der General, der mit seiner Familie bei seinem Bruder, dem Forstmeister v. Zoch, sich zu Besuch befand, hatte sich vom Forsthause Rabenhütte mit seinem Burschen nach dem Buckowsee begeben und einen Kahn bestiegen, um auf Enten zu pürschcn. Bei Abgabe eines Schusses auf eine Kette von Enten verlor er dos Gleichgewicht und stürzte rücklings ins Wasser. Der Bursche sprang ihm nach, um ihn zu retten, aber beide ertranken. Die Leichen konnten geborgen werden. Es ist seltsam, daß von keiner Seite der Name des„Burscheu" gemeldet wird, der in den Tod ging, um dem General das Leben zu retten. Ist dieser Brave, der gewiß von einer Mutter betrauert wird, nicht der Erwähnung wert? Der Nickelmann. Einen neuen Trick bringt ein Schwindler zur Anwendung, der mit einem nicht unbedeutenden Kapital erfolgreich arbeitet, wie auS einer größeren Anzahl in der letzten Zeit bei der Kriminalpolizei eingelaufener Anzeigen hervorgeht. Der Gaimer, der sich als Kassenbote ausgiebt und auch eine Geldtasche bei sich führt, wie sie die Bank-Kassenboten zu benutzen pflegen, sucht Haupt- sächlich Gastwirtschaften, Cigarren- und Kolonialwaren-Handlungen auf mit der Bitte, ihm Nickelgeld abzunehmen, wovon er eine große Menge in Zahlung erhalten habe. So erschien der Betrüger dieser Tage in den Deutschen Konzerthallen, An der Spandauer Brücke, und wußte den Portier zu überreden, ihm für 25 M. Zehn- Pfennigstücke in Rollen abzunehmen. Eine Anzahl der Rollen enthielt Zweipfennigstücke, doch waren an den Enden mehrere Zehnpfennig- stücke vorgepackt, so daß bei etwaigem Aufreißen des Papieres an den Vcrschlußftellen nur die Nickelstücke sichtbar werden konnten. Zwar war der Portter so vorsichtig, mehrere Rollen durchzubrechen, doch verstand es der Schwindler,' ihm geschickt nur solche in die Hände z» spielen, die ausschließlich Zehnpfennigstücke enthielten. Der Geschädigte erleidet einen Verlust in Höhe von 8 M. Da der Schwindler das Geschäft in großem Umfange betreibt, ist es für ihn recht lukrativ. Der falsche Kassenbote ist von auffüllig großer Figur und hat einen ttef dunklen, fast schwarzen Vollbart. Um seine Festnahme im Betretungsfalle wird dringend gebeten. Mit 4000 M. durchgebrannt ist der Buchhalter Bruno Rodeit von hier. Der Flüchtige ist schon mehrfach vorbesttaft. Nachdem er einer hiesigen Firma 700 M. unterschlagen hatte, gelang es ihm durch falsche Vorspiegelungen, in der Greifswalderstraße eine neue Stellung zu bekommen. Da er annehmen mußte, daß die ge- schädigte Firma, die ihn entlassen hatte, ihn auch anzeigen werde, so benutzte er die erste Gelegenheit, sich eine möglichst große Summe anzueignen und damit das Weite zu suchen. Während er thatsächlich von der Kriminalpolizei schon gesucht wurde, erhielt Rodeit heute von seinem Geschäft 4000 M., um bei der Diskontogesellschast einen Wechsel einzulösen. Mit diesem Gelde aber flüchtete er. Der Durchbrenner ist 1,77 Meter groß, hat eine schlanke Gestalt, ein blasses längliches Gesicht, aschblondes Haar und einen Anflug von blondem Schnurrbart und pflegt einen Kneifer mit schwarzer Ein- fassung zu tragen. Die Hafenstädte zc. wurden von der Kriminal- Polizei auf ihn aufmerksam gemacht. In der Angelegenheit des vielbesprochenen Charlottenburger Lcichcnfnndcs, der in der ersten Hälfte des vorigen Monats die Be- völkerung in so großer Auftegung hielt, wird es immer fraglicher, ob der als Thäter ermittelte Masseur Martin Köhler, der sich in Untersuchungshaft befindet, wird zur Verantwortung gezogen werden können. Alsbald nach seiner Festnahme am 17. Juni zeigten sich bei dem 27 Jahre alten Manne Symptome großer seelischer De- Pression. Der Mann schien über seine entsetzliche That geistig zu- sammcngebrochcn zu sein: die Zerstückelung des Körpers der unter seiner strafbaren Behandlung verstorbenen Frau Radatus, die grauenvollen Begleitumstände bei der nächtlichen Beseitigung der Leichenteile, die Flucht nach Basel und seine Verhaftung bei der Rückkehr nach Berlin dürften heftige Gemütserschütterungen bei Köhler zur Folge gehabt haben, denen jetzt eine völlige Apathie gegenüber seiner Lage und seiner Umgebung gefolgt ist. Köhler wird deshalb im Untersuchungsgefängnis noch jetzt auf seinen geistigen Zustand hin von gerichtsärztlicher Seite beobachtet. Auch sein körperliches Befinden hat gelitten. In kurzem soll er nach der Charitö zur weiteren Beobachrung gebracht werden. Die gericht- liche Voruntersuchung ist beendet. Von dem irrenärztlichen Gut- achten aber wird es abhängen, ob gegen Köhler Anklage erhoben wird. Zur LicbeStragödie im Studentenviertel. Im Anschluß an unsre bisherigen Mitteilungen über die blutige That des Weinreisenden Eugen Schloß wird noch berichtet, daß Lieschen Hoffmann, das be- dauernSwerte Opfer des eifersüchtigen Geliebten noch immer in Lebensgefahr schivcbt, weshalb auch den Eltern des Mädchens seitens der Charitsverwaltung kein Zutritt gewährt wurde. Wie jedoch den Eltern versichert wurde, sind noch Montagabend die beiden in den Kops gedrungenen Revolverkugeln auf operativem Wege glücklich ent- ernt worden. Fräulein Hoffmann hat nicht, wie berichtet wurde, chon seit sechs Monaten außerhalb ihrer elterlichen Wohnung gelebt, sondern bis zu ihrer Uebersiedelung nach Frankfurt a. M. im Juni ansnabmslos ihre Wohnung mit den Eltern und Geschwistern geteilt. Sie verließ damals Berlin, um dem Liebeswerben des Schloß aus dem Wege zu gehen. Als dann Schloß in höchster Erregung von Lieschens Vater die Rückkehr der Tochter forderte, weil er be- hauplete, ohne sie nicht leben zu können und sie unter allen Um- täudcn, selbst gegen den Willen seiner reichen Verwandten, heiraten wolle, schrieb Herr Hoffmann an die Tochter und teilte ihr den Entschluß ihres bisherigen Verehrers mit. Umgehend antwortete die Tochter, daß sie beabsichtige, sich nach Köln zu wenden. Hiermit war jedoch der Vater nicht einverstanden. Ein geharnischter Brief von ihm bewog dann Lieschen, am 4. d. M. Versammlungen. Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Herrcn-Konfektio« wurden am Montag in einer Versammlung der Herren-Konfektions- schneider beleuchtet. Der Referent K ä m i n g führte aus, daß die Heimarbeit mit ihren beiannten Mißständen der Lohndrückerei in der Konfektionsbranche Vorschub leiste. An der Hand von Lohn- tarifen verschiedener Firmen wies er nach, daß nicht nur in jedem Geschäft andre Löhne für die gleichen Artikel gezahlt werden, sondern daß auch in ein und demselben Geschäft die verschiedensten Ab- stufungcn der Löhne bestehen, ein System, welches die fortwährende Herabdrückung der Löhne bei gleichzeitiger Steigerung der Leistungen ermöglicht. Besonders stark seien die Mißstände in der sogenannten Lohnkonfektion, einem verhältnismäßig neuen Zweig der Konfektions- branche. Der Geschäftsbetrieb der Lohnkonfektions-Firmen ist der, daß sie für große Geschäfte, welche den Stoff liefern die Arbeiten durch Zwischenmeister herstellen lassen und zwar zu so niedrigen Preisen, daß die Löhne der Arbeiter ungeheuer gedrückt werden. Die größten Waren- und Versandhäuser lassen bei Lohnkonfektions- Firmen arbeiten. Es handelt sich dabei um Artikel, die der Kon- sument meist gut bezahlen mutz. Man könne deshalb von den Waren- und Versandhäusern verlangen, daß sie die fraglichen Arbeiten in eignen Betriebswerkstätten herstellen lassen. Die Lohnkonfektions« Firmen müßten gänzlich verschwinden, denn sie seien eine Gefahr für die Arbeiter des Berufes, besonders deshalb, weil sie die Tarife, welche die Maßschneider durch schwierige Kampfe errungen haben, unterbieten und alle diese Errungenschaften in Frage stellen. Die Forderung: Einrichtung von Betricbswerkstätten. geregelte Arbeits- zeit. Zahlung angemessener Löhne und Lieferung sämtlicher Für- nituren durch die Arbeitgeber müsse an alle Firmen der Lager- und Maßkonfektion gestellt werden. Zunächst gelte es. diesen Gedanken unter der großen Masse der Konfektionsschneider zu propagieren und auch das kaufende Publikum zu unterrichten über die schreienden Miß- stände, unter denen die Arbeiter dieser Branche leiden. Wie daö Publikum den Väckerstrcik unterstützte, so müsse es auch dafür ge- Wonnen werden, daß es seinen Bedarf an Kleidungsstücken nur aus solchen Geschäften entnehme, welche die berechtigten Forderungen der Schneider erfüllen. Oeffentliche Agitation und Boykott seien die Waffen, mit denen sich die Konfektionsschneider bessere Verhältnisse erringen können. Zunächst sei es jedoch notwendig, den JndiffereM- tismus in den Reihen der Konfektionsschneider zu besettigen. Arbeitcr-Bildungsschule Berlin. Der Unterricht in National« ö k o n o m i e beginnt am Donnerstag um'/,9 Uhr pünktlich. nach Berlin zurückzukehren. Sie fand sofort Beschäftigung im Heidelberger Krug. Chausseestraße 113. Die infolge des Berufs- Wechsels eingetretene Spannung zwischen Vater und Tochter, Haupt- sächlich aber die weite Entfernung von der Chausseestraße bis zum Ende der Köpenickerstraße, wo die Eltern wohnten, veranlaßte Lieschen Hoffmann, bei der ihr bekannten Wirtin in der Philipp- straße 15 Wohnung zu nehmen. Die durch die erhaltenen Revolver- schüffe verursachten Verletzungen würden, wie ärztlicherseits bekundet wird, einen weit weniger ernsten Charakter angenommen haben, wenn man sofort nach dem Attentat die Polizei benachrichtigt und ärztliche Hilfe herbeigeholt hätte. Die Zeugen des blutigen Schau- Platzes hatten aber den Kopf verloren und längere Zeit verstreichen lassen, ehe sie den Arzt herbeiholten. Durch Messerstiche schwer verletzt wurde nachts der 20jährige Tischler Walter MUfke, Ziethenstr. 19 in Ripdorf wohnhaft, als er im Begriff war, von einer Kneiperei mit Kollegen nach Hause zu gehen. In der Nähe seiner Wohnung wurde M. plötzlich von mehreren un- bekannten Personen ohne jede Veranlassung überfallen und mit L) Messerstichen in die Brust traktiert, worauf die Messerhelden davon- liefen. M brach zusammen und wurde bald darauf von seinen Kollegen aufgefunden und nach Hause gebracht. Ein Arzt stellte fest. daß die Stichwunden zum Teil lebensgefährlicher Natur waren und ließ den bedauernswerten jungen Mann daher nach dem Kranken- hause schaffen. Hoffentlich gelingt es. die Messerstecher zu ermitteln. Tie Grosse Berliner Strassenbahn teilt uns zu den am 8. Juli gebrachten Meldungen über den llnglückswagen mit. daß Unrichtig- leiten darin enthalten seien. Die Bremsen hätten in jeder Hinsicht richtig funktioniert. Auch bei dem Zusammenstoß im November v. I. und dem Vorgang im Mai d. I. habe es sich keineswegs um ein Ver- sagen der Bremsen gehandelt; im ersteren Falle konnte der Wagen, ohne daß eine Bremsreparatur erforderlich wurde, dem Betriebe wieder übergeben werden, während im zweiten Falle nicht nur durch eine sofortige Bremsuntersuchung die tadellose Beschaffenheit der Bremsen nachgewiesen worden, sondern es auch möglich gewesen sei. den Fahrer eines unvorschriftsmäßig schnellen Einfahrens in die Gefällstrecke zu überführen. Ferner sei es unwahr, daß der Wagen 1213 während der letzten zwei Monate 26mal wegen mangel- haften Funktionierens der Bremsen gemeldet worden sei. Es fanden vielmehr während dieser Zeit nur 7 Meldungen statt; eine davon erwies sich als unbegründet; in 6 Fällen wurde einfache Regulierung des Bremsgestänges erforderlich, ein alltäglicher Vorgang, der nicht einmal Aussetzung des Wagens verlangt. In einem einzigen Falle war Aussetzung des Wagens notwendig, um die erforderliche Re- paratur vornehmen zu können. Vielleicht, daß die Gewerkschaftsorganisation, von der die am S. Juli mitgeteilten Nachrichten stammen, sich über die Angelegenheit noch äußert. Vermißt wird seit Sonntag der am 17. November 1872 zu Berlin geborene Arbeiter Franz Fiebiger, der bei seiner Mutter in der Kleinen Andreasstr. 11 wohnte. Der Vermißte, ein eifriger Jnsektensammler, begab sich am Sonntag ftüh, um seiner Lieb- haberei nachzugehen, nach Schmöckwitz und ist bisher nicht wieder zurückgekehrt. Es wird angenommen, da er ein sehr solider Mensch ist, daß er nur bei seinem Sammeleifer zu Schaden gekommen sein kann. Der Vermißte ist 1,76 Meter groß, stark ge- baut, hat schwarzen Vollbart, geht stark nach vorn gebeugt. Bekleidet war er init grüner Joppe, grauen Hosen und schwarzem'SchlapPhut; er trug eine große Ledertasche bei sich. Im Schiller-Thcater 0. sMorwitz-Oper) findet wegen Unpäßlich- keit des Fräulein Gertrud Carem die Erstaufführung von»Die Ent- sührung aus dem Serail" nicht am Mittwoch, sondern erst am Montag statt, dafür wird„Die Fledermaus" gegeben und am Freitag dafür .Oberon" als populäre Vorstellung zu halben Preisen. Die Aktiengesellschaft Aschingcr hat am Potsdamer Platz die Häuser Königgrätzerstr. 127, 123 und 129 gekauft und will hier ein großes Hotel mit Restaurant erbauen. Im Hause Nr. 127, zu dem auch das Haus Leipziger Platz 4 gehört, befindet sich der„Leipziger Hof", in Nr. 128 die„Potsdamer Stehbierhalle" und in Nr. 129 der„Fürstenhos". Hier lag an der Ecke früher der„Millionenkeller". der wegen seiner guten Braten in Berlin bekannt war. Jetzt hat dort die Weinfirma Gerold eine vielbesuchte Probierstube. Hua den Nachbarorten. Pankow und das Kaiser Fricdrich-Dcnkmal. Als wir vor kurzem die Sehnsucht andeuteten, welche der Herr Amtsvorsteher und ihm gleichgestimmte Seelen nach einem Denkmal eines Herrn aus der Hohenzollern-Dynastie habe», schrieben wir, daß das Kaiser Wilhelm- Bild für den RathauSsaal von dem Terrainspckulantcn Aschroth ge- stiftet werden sollte. Herr Aschroth hat bis heute sein Anerbieten nicht eingelöst; am Ende genügt die„Verzinsung" des an- gelegten Kapitals noch nicht seinen Ansprüchen. In Bezug auf das Kaiser Friedrich- Denkmal wurde von dem Amisvorsteher gesagt, oaß der Gemeindesäckel nicht in Anspruch genommen würde. Wenn die Ausführung ernstlich in die Hand genommen werde, seien die Mittel vorhanden. Ein mit schmunzelnder Stimme hervorgebrachter Zwischenruf„Wenn et uns nichts kostet, machen wir's" beendete den Zwischenfall. Indessen disponierte der Amtsvorsteher auf eigne Faust; in einer Baukommissions-Sitzung wurde den Mitgliedern ein Herr Bildhauer Böhe oder Bösel vorgestellt, welcher den Mit- gliedern Photographien von Denkmälern aus der Siegesallee und andre vorlegte.„Ich möchte mal Ihren Geschmack in Bezug auf das Kaiser Friedrich-Denkmal kennen lernen, meine Herren; nachher können wir gleich den Platz aussuchen, welcher dazu passend ist!" Gcmeindevertreter Freiwaldt empfahl sich selbstverständlich. In letzter Sitzung der Bau- und Wegebaukommission wurde nun im Angesicht eines 75 Centimeter großen Modells swer eS bestellt und s bezahlt hat, wissen wir nicht) über die Anschaffung der Mittel vom Amtsvorsteher referiert. Aus einer Lotterie sollen die Mittel genommen werden, um das sogenannte Pfulhaus in der Breitenstrasze anzukaufen und an dessen Stelle das Denkmal zu setzen. Mit erhobener Stimme sprach Herr Amtsvorsteher die Worte:„Ein jedes Dorf ist stolz, ein solches Denkmal zu besitzen und unser——— unser Ort hat bis heute kein Denkmal I" Die weitere Debatte zu schildern ist nicht notwendig; es genügt, wenn wir mitteilen, daß die Scheuerfrauen, den Wisch- läppen in der Hand, starr auf die Thüren des kleinen Sitzungssaales blickten, um den vielstimmigen Redekampf kopfschüttelnd zu be- wundern. Indessen muß hervorgehoben werden, daß der Vorsteher ganz im Ernst die Behauptung aussprach, die Gemeindevertretung hätte beschlossen, ein Kaiser Friedrich- Denknial aufzustellen. Die Mehrzahl der anwesenden Vertreter bestritten diese Behauptung, und im Plenum wird der Herr einen schweren Stand haben. Die GenehmigungSurknnde zum Bau und Betriebe der Unter- pssasterbahn Charlottenburger„Knie" durch die Bismarckstraße bis Krummestraße ist der Gesellschaft für den Bau von Hoch- und Unter- grundbahnen nunmehr erteilt worden. Einen guten Fang machte die Köpenicker Polizei. Ein Mann, der sich durch eine Jnvalidenkarte als der Bauarbeiter Gustav Schulz aus Nixdorf. Hohenzollernplatz 9, legitimierte, bot gestern an ver- schiedeuen Stellen in Köpenick ein fast neues Fahrrad, Marke Dür- kopp, für 6V M. zum Kauf an. Da er sich über den rechtmäßigen Besitz des Rades nicht auszuweisen vermochte, erfolgte durch einen Polizcibeamten seine einstweilige Festnahme. Auf telcphonische An- frage bei der Rixdorfer Polizeidirektion wurde festgestellt, daß sich der Bauarbeiter Schulz in seiner Wohnung befand, daß ihm aber vor ca. 3 Wochen die Versicherungskarte mit andern Papieren von einem Neubau entwendet worden ist. Nach vergeblichen Ausflüchten räumte der Festgenommene ein, der 29 Jahre alte Maurer Hermann Braatz aus Pritzwalk zu sein. Das Rad habe er in Berlin am Schlesischen Bahnhof von einem Unbekannten für 83 M. gekauft. Inzwischen gelang es der Köpenicker Polizei, zu ermitteln, daß das fahrrad am Sonntag dem Vogelhändler Ney in Oranienburg ge- stöhlen worden ist. Augenscheinlich hat Braatz noch weit mehr Dieb- stähle auf dem Kerbholz und wurde er daher dem Gefängnis über- wiesen. Die Satten gegen die Hungrigen. Gegen die Errichtung eines Ledigen- Hei ms und eines Obdachlosen-Ashls in der Nchring- bezw. Sophie-Charlottenstraße zu Charlottenburg wird in der dorttgen Bürgerschaft eine lebhafte Agitatton entfaltet. Man erblickt in der Errichtung der vom Magistrat geplanten Anstalten eine wirtschaftliche Gefahr. In einer Petition wird erklärt,' daß das Ledigenheim die kleinen Zimmervermieter in ihren Existenzbedingungen bedroht. Nach der letzten Volkszählung betrug die Zahl der Aftcrmieter, Chambregarnisten usw. 7791 und die der Schlafgänger in Familien 5188. Noch verfehlter sei der Plan, ein Obdachlosen-Asyl in Charlottenburg zu errichten, denn dadurch werde eine große Menge von arbeitsscheuen und fragwürdigen Existenzen herangezogen und der betreffende Stadtteil in sittlicher und materieller Hinsicht geschädigt. Bau und Unterhaltung beider Anstalten würde überdies den ohnehin stark belasteten Armenetat der Stadt noch weiter belasten. Wer derartige Petitionen absendet, dessen„Existenz" ist im moralischen Sinne immer noch um ein gut Teil ftagwürdiger als die des verkommensten Obdachlosen. Sericbts-Leitung. Ausübung des Wahlrechtes an zwei verschiedenen Orten. Der Maurer Karl Eberhardt in Hcrbsleben(S.-Gotha) pflegt seit Mitte der 89 er Jahre während des Sommers in Erfurt Arbeit zu nehmen. Er mietet sich dort ein Zimmer und fährt nur Sonn- abends nach Hcrbsleben zu seiner Familie. Da er zwei Wohnsitze hat, wurde er im vorigen Jahre an beiden Orten als Wähler in die Wählerlisten eingetragen. Er hat nun am 16. Juni an beiden Orten das Wahlrecht ausgeübt. Das Landgericht Erfurt hat ihn am 13. Oktober v. I. von der Anklage der Wahlfälschung{§ 198) freigesprochen und das Landgericht Gotha am 29. März ebenfalls. Beide Urteile nehmen auf ein Urteil des dritten Strafsenats des Reichsgerichts Bezug. Die von der Staatsanwaltschaft in beiden Sache» eingelegte Revision kam gestern vor dem dritten Strafsenate des Reichsgerichts zur Verhandlung. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Herz selb a»S Berlin fdcr aus einein ähnlichen Anlasse zn 14 Tagen Gefängnis verurteilt ivorden ist) suchte nachzuweisen, daß der§ 193 auf den vorliegenden Thatbestand nicht zutrifft, da von der Fälschung des Ergebnisses der Wahlhandlung keine Rede sein könne. Das Reichsgericht verwarf die Revision des Staatsanwalts gegen das Erfurter Urteil. Die Freisprechung sei begründet. In Erftirt sei der An- geklagte wahlberechtigt gewesen, denn hier habe er seinen Wohnsitz gehabt.— Dagegen hob das Reichsgericht das G o t h a e r Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Rechts- irrtümlich sei die Annahme, daß der Angeklagte in HerbSlcbcn seinen hauptsächlichen Wohnsitz gehabt habe. Nach§ 7 des Wahlgesetzes sei das Wahlrecht des Angeklagten in Erfurt materiell jedenfalls erschöpft gewesen. Die Frage sei nun, ob der Angeklagte sich strafbar gemacht habe nach§ 3 des Wahl- gesetzes, obwohl er infolge der Eintragung in die Wählerliste als lvahlberechtigt anzusehen war. Diese Frage wäre nach dem ftüheren Urteil des Senats zu verneinen gewesen. Der Gerichtshof ist aber von dieser Entscheidung abgegangen und hat deshalb die Fragen bejahen müssen. Der Senat ist jetzt der Ansicht, daß nach§ 198 sich strafbar macht nicht nur der. welcher die Unrichtigkeit der Wahlliste herbeigeführt hat. sondern auch der- jenige, welcher bewußtermaßen ein Wohlergebnis herbeiführt, das dem Geiste des Wahlgesetzes nicht entspricht. Das trifft hier in vollem Maße zu, vorausgesetzt, daß der Angeklagte mit dem er- forderlichen Dolus gehandelt hat. Allerlei trübe Sittenbilder wurden gestern in Moabit vor Augen geführt. Vor der dritten Strafkammer des Landgerichts II stand der Tischlergeselle Wilhelm Vogel. Seine eigne Ehefrau hatte Strafantrag gegen ihn gestellt, indem sie ihn bezichtigt hatte, mit seiner Stieftochter, der 13jährigen Frida N e u b e r t. welche die Mutter mit in die Ehe gebracht hatte, unzüchtige Handlungen vor- genommen zu haben. Der Angeschuldigte stellte dies entschieden in Abrede. Er lebe mit seiner Ehefrau keineswegs glücklich. Aus Rachsucht und um ihn zu Grunde zu richten, habe sie die Beschuldigung erdichtet und ihre Tochter angestiftet, ihn zu belasten. Im Termin blieb diese auch bei ihren belastenden Angaben, die Ehefrau des An- geklagten verwickelte sich aber in Widersprüche. Der Gerichtshof kam zu der Ucberzeugung, daß das Kind die Unwahrheit sage und die Mutter es beeinflußt habe. Der Angeklagte wurde nach dem Antrage des Staatsanwalts freigesprochen, die gesamten Kosten des Verfahrens wurden aber der Ehefrau auferlegt.— „Platz da, wenn ick komme I" brüllte der Klempner- geselle Konrad K a l i s ch e w s k i, als er am Nachmittage des 3. Juni quer durch den Lustgarten ging. Sein Ruf galt einer Dame. die mit einem Kinde an der Hand vor ihm ging. Bevor sie dem Be- fehle nachkommen konnte, wurde sie von dem Angetrunkenen in roher Weise bei Seite gestoßen. Als die Dame es wagte, sich über dies Benehmen zu beschweren, wurde sie mit den gemeinsten Schimpf- Worten überhäuft. Nun wandte sie sich an einen Schutzmann, der die Persönlichkeit des Unholds feststellte. Dieser erhielt eine An- klage wegen groben Unfugs, das Schöffengericht erklärte sich aber für unzuständig, da eine öffentliche Beleidigung vorliege. So kam die Sache gestern vor die vierte Strafkammer des Landgerichts l. Der Angeklagte war geständig und entschuldigte sich nur mit An- getrunkenheit. Der Staatsanwalt beantragte zwei Wochen Ge- fängnis. Der Gerichtshof ging über den Antrag hinaus mit der Begründung, daß das Publikum vor derartigen Rüpeleien an- getrunkener Personen energisch geschützt werden müsse. Es wurde auf sechs Wochen Gefängnis erkannt und davon wurden zwei Wochen durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erachtet.— Vor derselben Strafkammer stand der Gemeindcschullehrer Ernst Jung unter der Anklage des Sittlichkeitsverbrechens. Es war eine ganze Schar zwölf- bis dreizehnjähriger Schulmädchen geladen, welche als Zeuginnen gegen ihren früheren Lehrer auftreten sollten. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Aus der Urteilsverkündigung ging hervor, daß der Angeklagte von seinem Bruder, welcher Zahntechniker ist, Empfehlungskarten zum Verteilen an seine Schülerinnen erhalten hatte. Ter Angeklagte selbst besaß auch einige Kenntnisse in der Zahntechnik und bestellte die Kinder nach seiner Wohnung, um dort eine oberflächliche Untersuchung ihrer Zähne vorzunehmen. Hierbei hatte der Angeklagte nach der Ucber- zeugung des Gerichtshofes in drei Fällen die Mädchen in einer Weise berührt, welche das Schamgefühl eines normalen Menschen verletzen mußte. In zwei Fällen sollte zugegeben werden, daß der Angeklagte, wie er behauptet habe, versehentlich die Knie der Mädchen berührt, wenn er ihren Körper auf dem Operationsstuhl in die richtige Haltung rücken wollte. Da die Mädchen einen schweren moralischen Schaden nicht erlitten, so seien dem Angeklagten mildernde Umstände zugebilligt, ihm auch die bürgerlichen Ehrenrechte belassen worden. Das Urteil lautete auf sieben Monate Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte zwei Jahre beantragt. Die traurige Lage der Eisenbahnangestellten wird durch eine Gerichtsverhandlung in Landsberg a. W. grell beleuchtet. Dort verurteilte die Strafkammer den Hilfsweichensteller Hinz zu einem Jahr Gefängnis. Die hohe Strafe wurde ausgesprochen, weil Hinz im Dienst mehrfach Gelegenheitsdicbstähle an Nahrungsmitteln verübt hatte. Drei Fälle, in denen er Eier, Butter«. entwendet hatte, wurden ihm vom Gericht nachgewiesen. Wie kam der HilfS- Weichensteller Hinz zu den Diebstählen? Auf diese Frage wird der Leser eine Antwort finden, wenn er erfährt, daß der 11 Jahre lang auf dem Ostbahnhof zu Friedeberg beschäftigt gewesene Mann einen Tagelohn von zwei Mark erhielt und eine Familie von neunKöpfen satt machen mußte. Ihr laßt den Armen schuldig werden... Verrnilcktes. Grober Unfug mit Postbeamte». Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" meldet: Von der Findigkeit der Postbeamten in Nauheim zeugt folgendes Geschichtchen:„An meine liebe Braut Hedwig, zur Zeit in Bad Nauheim, Deutschland", so lautete infolge einer Wette zwischen zwei Herren in Riga die Adresse einer Post- karte, deren Adressatin sich seit einiger Zeit in Bad Nauheim im Kurhaus Lindenhof daselbst befand. AuS der dickleibigen K u r l i st e der letzten Wochen wurden mit heißem Bemühen die zahlreichen Hedwigs amtlich herausgezogen und im Briefträgerzimmcr alsdann festgestellt, daß eine darunter fast täglich Briefe und Karten aus Rußland erhielt, was als Indizienbeweis starken„VerlobtseiuS" angesehen wurde. Und richtig, diese Annahme täuschte nicht, und ohne Zeitverlust gelangte die Karte thatsächlich in die zarten Hände der ungenannten Adressatin. Nach dieser Mitteilung muß eS scheinen als ob die Postbeamten förmlich darauf brennen, daß irgend ein Spaßvogel ihre Findigkeit auf die Probe stellt und ihnen dadurch die unbändige Langeweile auf einige Stunden vertreibt. Und doch weiß jedermann, daß vor allem in einem Kurbade die Postbeamten zu- »reist über Gebühr angestrengt sind. ES versteht sich, daß in ernsthaften Fällen, wo keine böse Abficht beim Absender vor» liegt, die Post alles zu thun hat. um einen ungenau adressierten Brref zu bestellen. Aber ebenso selbstverständlich sollte sie den FindigkeitSonkeln zu verstehen geben, daß sie ihren Ulk in Zukunft anderswo anbringen mögen. Scherze wie der mitgeteilte, kehren ständig in der Presse wieder und bringen einem fast auf den Gedanken, daß die Post ihrer als Reklame bedarf. Ein Dorf abgebrannt. Das über 199 Einwohner zählende Kirch- darf Slnpia im Kreise Rawitsch ist bis auf die Kirche, Schule und wenige Gehöfte fast vollständig abgebrannt. Der Schaden ist sehr groß, weil viele Bauern nicht versichert waren. Uebcr den in Schlrttstadt verübte» Raubniord an dem Geld« briefträger Ehret berichtet das„Schlettst. Tageblatt" noch folgende Einzelheiten: Um 78/« Uhr hörte man im Hanse Ecke Walken- und Ritterstraße laute Hilferufe, ein junger Mann stürzte ohne Hut die Treppe hinunter und eilte aus der Stadt hinaus. Im Zimmer fand man den Geldbriefttäger Ehret blutüberströmt und bewußtlos. Der Mörder flüchtete über die Felder nach Ebersheim zu, von Feldhütern, Gendannen und Jägern des Jägerbataillons mit Kriegshunden ver- folgt. Der Briefträger starb gegen 8 Uhr am Thatort, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Er hatte einen furchtbaren Stich im Rücken, außerdem war die Hand mehrfach zerschnitten. Im Zimmer bemerkte man Spuren eines heftigen Kmnpfes. Hut, Manschetten und Schirm hatte der Mörder zurückgelassen. Um 11 Uhr wurde der Mörder, in einem Kornfelde liegend, von dem Oberfeldhüter König beschlichen und festgenommen. Er versuchte noch den geladenen Revolver, den er nebst 29 Pattonen in der Tasche tt»g, zu ziehen, es gelang König jedoch, ihm die Waffe abzunehmen und ihn widerstandslos zu fesseln. Der Mörder, der Ennl Böhm heißt, ist 1878 in Stratzburg geboren, war zuletzt in Kolmar als Bildhauer thätig und hatte vor einigen Tagen den Konkurs angemeldet. Er fuhr von Kolniar nach Straß- birrg, gab dort die Postanweisung auf und kehrte dann nach Schlcttstadt zurück. Bei seiner Vernehmung gab Böhm an, er habe den Briefträger nicht töten, sondern nur unschädlich machen wollen, um ihn dann zu berauben. Als der Briefträger da« Geld auf den Tisch zählte, versetzte ihm Böhm mit einem Messer einen furchtbaren Stich in den Rücken. Es entstand nun ein verzweifeltes Ringen zwischen dem Mörder und seinem Opfer, und erst als Ehret anfing, um Hilfe zu schreien, ließ der Mörder von ihm ab und lief davon. Böhm, ein junger Mensch von 26 Jahren, sieht verhältnismäßig harmlos aus, machte aber bei seiner Vernehmung einen frechen, durchaus nicht reuigen Eindruck. Dem Vernehmen nach hat er be- reits eine Zuchthausstrafe in Ensisheim hinter sich. Briefkasten der Redaktion. Luftschiffer. Nach ihrer eignen Darstellimg hat Frau Großmann un dem Tage, wo sie tödlich verunglückte, es unlerlasscn, sich den Leibriemen umzuschnallen. Ob sie schon srüher ohne diese Sicherung abgesprungen ist, geht aus dem uns vorliegenden Bericht nicht hervor, dvch ist dies wahr- scheinlich. Das Unglück geschah bei Stcrnecker in Weißensee am 12. Juni 1892. �irnftilcher Cell. Die snrlstlsche Sprechstunde studei täglich mit Ausnahme de» Sonnabend» von?>/, bis»>/, Uhr abend» statt, webiinc«: 7 Ubr. L. 2>. R. Das Amtsgericht, und wenn Ihre Forderung 399 M. über- steigt, daS Landgericht, in dessen Bezirk das Gcschäst liegt, ist für Ihre GehaltSsordcrung zuständig, weil Sie Handlungsgehilfe find.— F. B. Ein Ausländer hat kein R e ch t aus Naturalisation. Der Antrag ist aus dem Polizeirevier zu stellen. Selbstredend muß der naturalisierte, noch dienst- Pflichtige Ausländer dienen.— F. Fl. Der Antrag ist an das Kriegs» ministeriuin zu richten. Ein Recht steht der Witwe leider nicht zu. — K. 34. Nein.— M. D. 190. Der Ehes hat, da eS sich um einen Handlungsachilsen handelt, das Gehalt voll, mindestens aber sür die Dauer von sechs Wochen, und zwar ohne Krankengeldabzug, zu zahlen.— W. 21, Feurigstr. 13. Ja.— Hcruiann IVO. Der Vater eines außerehelichen Kindes hat sür daS Kind bis zu dessen vollendetem IS. Lebensjahre Unter» SalhmgSIoftcn zu zahlen. Außerdem hat er die EntbindUttzz-, SechZwocheN- tosten und etwa sonst durch die Schwangerfchast verursachte Kosten zu zahlen. Ob die Mutter schon früher geboren hatte, ist aleichgültia. Ein „Recht an dem Kinde" steht dem außerehelichen Vater nicht zu.— O. Ja. — Köpenick. 1. Falls das Kind nach dem 3t. 12. 1809 geboren ist: nein. 2. 15 bis 25 M. monatlich werden als angemessen erachtet. 3. Nein.— Gr. Lichterfelde. Keineswegs ist der Vater des unehelichen Kindes be- rechtigt, über das Kind irgendwie zu verfügen oder es gar zu verschenken. Sie haben kein Recht, das Kind dem Vater herauszugeben. Die Mutter soll die Sachlage dem VormundschastSgericht mitteilen, sallS wirklich der Vormund mit dem KindcsentziehungSplane einverstanden war, und Ersetzung des Vormundes durch einen andren beantragen.— . Men andren veantragen.— X. 0. Nein. iüdersdorferstr. Aussicht aus Freistellung hat'Ihr Freund. Er soll unter Darlegung des Sachverhalts sich mit dem Antrage aus Nach- Untersuchung an das Bezirkskommando wende».— G. S. Sie können nur eventuell Ihre außerordentliche Tochter adoptieren. Hierzu ist Antrag in notarieller oder gerichtlicher Form und Bestätigung durch das Amtsgericht erforderlich. Gleichzeitig müßten Sie Altcrsdispens nachsuchen, sallS Sie noch nicht 50 Jahre alt sind. Den Antrag kann nur stattgegeben werden, wenn Sie keine ehelichen Kinder besitzen. Lediglich der Namen kann durch das Polizeipräsidium dem Kinde, dessen Mutter Sie nicht geheiratet haben, beigelegt werden. Kostenpunkt in beiden Fällen 50 M.— Z. Z. 11. Ja. — 51. B. 1«. Der Vertrag ist gültig.— Liebe 75. Deni Vermieter steht das Recht aus die Miete bis Oktober zu, falls er nicht inzwischen die Wohnung entgeltlich vermietet hatte. Auf Einbehaltung des von Ihnen ihm übergebenen PsandeS hat er gleichsallZ ein Recht.— C. K. 63. In der Ausführung de« Vorhabens kann Urkundenfälschung erblickt werden. Wozu die Um- stände? Beantragen Sie beim Amtsgericht Auseinandersetzung zwecks Heirat. — L. X. E. Setzen Sie dem Verkäufer einen Termin, bis zu dem er die Besserung vorzunehmen hat, und drohen Sie ihm, im Fall fruchtlosen Ab- lauss des Termins würden Sie aus seine Kosten die Möbel ausbessern lassen und Schadensersatz außerdem verlangen. Sodann führen Sie nach fruchtlosem Abiaus des Termins die Drohung aus. Der Ausfall der Klage hängt wesentlich von dem Gutachten der zu vernehmenden Sachverständigen ab.— O. H. M. 1. Die Kasse ist, soweit uns bekannt, gut verwaltet. Ein Beschluß ist gültig. Einseitiges RucktrittSrccht bestehtjiicht. 2. Ver ~'amtcu igcs RucktrittSrccht steuerung' des Gesamteinkommens beider sindet statt. Remir. Nein. Marktpreise von Berlin am 11. Juli. Nach Ermittelungen deS kgl. Polizei-Präsidiums. Für 1 Doppcl-Centner: Weizen"), gute Sorte 17,15-17,13 M., mittel 17,11-17,09 M.. geringe 17,07-17,05 M. Roggen'"), gute Sorte 13,70—13,58 M.. mittel 13,55—13,54 M., geringe 13,62—13,50 M. Futtcrgcrste"), gute Sorte 14,50—13,40 M., mittel 13,30 bis 12,20 M., geringe 12,10-11,00 M. Hafer'), gute Sorte 15,00-15,30 M.. mittel 15,20—14,50 M., gering« 14,50—13,00 M. Erbsen, gelbe, zum Kochen 40,00-28,00 M. Speiscbohncn, weiße 50,00-26,00 M. Linsen 60,00—25,00 M. Kartosicln 14,00-10,00 M. Richlstroh 0,00-0,00 M. Heu 0,00-0,00 M. Für 1 Kilogramm Butter 2,60—2,00 M. Eier Per Schock 3,80—2,40 M. *) Frei Wagen und ab Bahn.") Ab Bahn. Wasserstand am II. Juli. S I b e bei Aussig— 0,55 Meter, vei Dresden— 1,95 Meter, bei Magdeburg-s- 0,51 Meter.— Unstrut der Straußsurt-f- 0,90 Meter.— O d e r bei Rattbor+ 0,68 Meter, bei Breslau Ober- Pegel 4- 4,54 Meter, bei Breslau Unter- Pegel— 1,56 Meter, bei Frankfurt-si 0.48 Meter.- W c i ch s e l bei Brahemünde 4- 2.04 Met«.- Warthe bei Posen 4- 0.02 Meter. WttternngSübersicht vom 12. In« 1904, morgen? 8 Uhr. Stationen L S c S o 2 §,=■ Swinemde Hamburg Berlin Frankf.a.M. München Wien 766 767 766 5~ s* N NNO NW 764 jN 765! D 764 NO Vetter 2wolkenl »Wolkig 3 heiter gwolkenl 3 heiter 1 wölken! c5» II ai £& 16 15 17 19 17 19 Stationen S= S=- if aparanda etersburg Cork Slberdeen Paris 762 N 755NW 767 SSO 761ONO Vetter seiter ledeckt 2 Dunst 1 halb bd UtK cS. f« H » 11 12 21 Wetter-Prognose für Mittwoch, den 13. Juli 1904. Trocken und vorwiegend heiter, nachts ziemlich kühl, am Tage warm bei mäßigen nordöstlichen Winden. Berliner Wette r b u r e a u. Für de» übernimmt Publikum gegenüber keinerlei Berantwortung. Inhalt der Inserate lt die Redaktion dem Zhcater. er sich Mittwoch, den 13. g u l t. Ansang 7'/, Uhr: Neues kgl. Opern- Theater. Die Fledermaus. Belle-Allianre. Gastspiel von Emil Winter-ThmianS in diesem Genre einzig dastehenden sächsischen 15 Humoristen und Sängern. Lieder, Couplets und Einakter. U. a.: Die strenge Gouvernante. Zum Schluß: In der Ballett- schule. Anfang 8 Uhr. Schiller«.(Wallner- Theater.) Die Fledermaus. Westen. Mamzelle Nilou Neues. Einen Jux wi! machen. Kleines. Fräulein Julie. «central. Ontel Bräfig. ,.'arl Weift. Der Weg zum Herzen. Stadt, Theater Moabit. Großstadt- zauber. Metropol. Ein tolles Jahr. Winter- Garten. Edith Helena. Helolse Titcomb. Specialltäten. Apollo. Venus aus Erden. täten. ReichShallen. Stetttner Sänger. Pieske bei Vater Philipp. Pasiage-Theater. Terka Semmeloff. Specialitäten. Ansang 5 Uhr. Urania. Taudeustrafte 48/49. Die Insel Rügen. Jnvalibeustrafte 07/02. Stern warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Urania. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Die Insel Rügen. Sternwarte TSfw. ) CASTAN S ANOPTICUM. Friedriohstr. 165. Die vielbewunderten zusammengewachsenen Schwestern Rosa und Josefa: t! einzig dastehend In der Welt!! Sehiller-Thealer 0. (Wallner-Theater). Morwih Oper. Mittwochabend 8 Uhr: IM« Fledermans. Donnerstagabend 8 Uhr: Kastspiel Heinrich«ötei. Die weisse Dame. Freitagabend 8 Uhr: Oberon, König der Elfen, Der Sommcrgarten ist eröffnet. Im Garten des Schiller-TheaterS N. täglich große» Militär- Kowert. Neues Theater. Schiffbauerdamm 4a— 5. Einen Jux will er sich machen. Ansang 8 Uhr. Morgen: ciaon tu»«ill er»leb maebon. Das DUrenweib, lebend. Der 16 jährige RiesenKnabo Der lange Josef 217 ctm gross._ DM" Nada und Mnemos, �Ml Gedankenleser. Deel, eichen f n n d. Aga, die schwebende Jungfrau. Alles ohne Extra-Entree. Passage-Theater. Terka Semmeloff Earclcal-Sonbrette. Die mysteriöse Uhr, Vierzehn erstklass. Nummern. Carl Weiss-Theater. Große Franks urterstr. 132. Nur noch wenige Aufführungen: Der Weg zum Herzen. Anfang 8 Uhr. Sonntagnachmittag 3 Uhr, kleine Preise: Othello, der Mohr van Venedig. Im Gatten Vorstellung. Ans. 5 Uhr. Heute: Großes Kinderserienscst. Kleines Theater. Unter de» Linden 44. Fräuiein Julie. Ansang 8 Uhr. Morgen: Nachtasyl. Centrai-Theater Fritz Rcnter-Cyklas zu ermäßigten Preisen. 8 Uhr: Gastspiel deS kgl. Hoffchau- spIelerS Emil Riehard u. lostflne Oora. Onkel Bräfig. Lebensbild in 5 Akten von Fr. Reuter. Morgen: Onhol Brttsig. Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraße 58. Täglich! Da« Juli- AttramonS. Programm. l*aiiA Coradlni. Clown Eolnct mit seinen dressierten Klapperstörchen. Merita Holls mit ihrer elekir. Neuheit. bepomme-Troiipe, Affenpanlomime. Außerdem: Die Reise durch Berlin in 80 Stunilen. Im Saale: Bali. Ansang 4'/, Uhr. Enttee 30 Ps., numetterter Platz 50 Ps. ReiehshaHen-Theater. Drittletzte Solree der Stetttner Sänger (vor ihrer Ferienreise). Piefke bei Vater Philipp, Ansang 8 Uhr. Metropol-Theater Der grösste Erfolg dieses Jahres: ' Gr. dramatisch-satirische Revue in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaonder. Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Apollo-Theater. 71/, Uhr: Or. Gartenbonzert. 8 Uhr: Die Attraktionen des großen Juli- Specialitäten• Programms und Emmi Kriichert. 9'/, Uhr: Venus auf Erden. Operette von Paul Lincke. Bützowstr. 111/112. THellcb im Garten oder Baal: Korsts norddeutsche Humoristen und QuartettsSänger. Ans.: Woche 8 Uhr. SonnlagS 7 Uhr. von» haben Oiiltlgkelt. Ostbahn-Park. Am Klistrinerplatz. RQdsrsdorferst. 7t. Hermann Imbs. Täglich: Gr. Konzert, Theater und Speeiaiitäteu- Uorstetlnug. * Max KtienTs Sommer-Theater*1 Hascnhelde 18—15.— Artistische Leitung: Paul Milbitz. Täglich; Gr. Konzerf, Theater- u. Specialitäten-Vorstellung. Jeden Montag: Sommerfest.— Jeden Mittwoch: Die beliebten Kinderfeste.— Jeden Donnerstag: Ellte-Tag. ■MT* Die Kaffeeküche ist täglich von 2 Uhr ab geöffnet. 2 hochelegante Kegelbahnen, Würsclbuden, Konditorei, Blumenstand:c. In den StUea: Orosser Ball. Neue Welt. Hasenheide 108/114. Arnold Scholz. Mittwoch, den 13. Juli 1904: Srstes grosses 8rnfe-fest verbunden mit 57291/ Ernte-Jestzug, Fackel-Polonaise und Gratts-Berlosnng i geldkiln Deiilt«- und Herrkil-Ulirkn.i Ansprache des Amtmanns Pelle. I Specialitäten- Vorstellung.| Grosser 8mte-7est-8aII. Anfang 4 Chr. Entree 15 Pfennig. J Morgen. Donnerstag: Elite-Tag. Monstre-Feuerwerk, Flotten-Schauspiele Knrflirstondamm 153/156. Me Wasnliauspiiile töt m Täglich zwei Vomtcllnncen, um 4 und 8 Uhr. Sonntags drei Vorstellungen, um 3, 5'/. und 8 Uhr. Die Flotte im Frieden und im Kriege. Beschiessung von Port Arthur durch die japanische Flotte. ♦ Vollständig gedeckte TribSne. ♦ Konzertmusik. ♦ Preise der Plätze: Afittelloge M. 4,10, Seitenloge M. 3,10, Parkett M, 2,10, I. Platz M. 1,60, II. Platz M. 1,10, Stehplatz 55 Pf., in den Nachmittags-Vor- steUungen Preisermäßigung. Die Tageskasse ist von 16 Ehr vormittags an geöffnet. 15/7* Schlosspark Withelminenhof 0.,""�«. Inhaber: Chr. Ecnnel Heute Mittwoch: Nur noch bis Sonntag wll.: Illumination des ganzen GartenS durch Grosses Elite-Militär- Konzert und Ball. „„nlag inkl.: Jllnminalio» des ganzen( 5000 elektrische farbige Glühlampen. Billigste tafer-Exirafahrten von der Michaeltirchbrücke nach Dtigwelwerder mit Musik. Abfahrt 9 Uhr vormittags und 2 Uhr nachmittag». Preis für Sonst 40 Pf. 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Am 1. und 15. jeden Monats Specialitäten- Wechsel. Zum Schluß: Die Rectzenburg. Volksstück mit Gesang in zwei Akten. Lntrer S6 Ff. Täglich:> Jeden Mittwoch t Satt. I Kinderfest. .rcr n-AII« 7 9 Täglich: Vincta. Pantom.: Kalamitäten in der Küche. Salanells-Trio. Wardinls. Clown Steffi. Romeos. Ball, Konzert, SpeoialltBten. Ans. 4 Uhr. Eintr.3YPs.Num.Pl.50Ps. Dr. Simtnel, K"«; Specialarzt sür(13/8* Hnnt- wnd Harzlcldcn. 10—2, 6—7, Sonntags 10—12 2—4. ZoninvisthiR GARTEN Täglich nachmittag« ab 5 Uhr: HilitSr- ljoupel-aouiert Eintrilt l M., ab 6 Uhr 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Belle- Alllance-Theater. Im Thealer abends 7'/, Uhr: GäI von Efflilffinter-Tyinians in biefem Genre einzig dastehenden sächsischen 15 Humoristen u. Sängern. Im Sommergarlen von 6 Uhr ab: Cur! Goldmann-Konzert. Von 8 Uhr ab: Große Specialitäten-Vorstellung. Nur allererste Atttatlionen. W. Noacks Theater Direktion: Roh. Dill. Brunnenstr. 16. Täglich stürmischer Lacherfolg: Verbotene Wege. 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Allen Freunden und Bekannten hierdurch die traurige Nachricht, daß der Former 2g54b Heinrich Schmidt Triststraße 41 im Alter von 51 Jahren nach langen schweren Leiden sanft ent- schlafen ist. Dies zeigen mit der Bitte um stilles Beileid an Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung sindet Don- nerstagnachmittag 5'/, Uhr von der Leichenhalle des neuen Nazareth/KirchhofeS aus statt. Mohor Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todea- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, baß unser Mitglied, der Gürtler kodv�AKsisoi' am 10. d. MtS. gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. d. MtS., nachmittags b Uhr, von der Leichenhalle deS Heiligen Kreuz- Kirchhofes in Mariendors aus statt. Rege Beteiligung erwartet 117/17 Oie Ortsverwallung. Allen Freunden zur Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Vater und Großvater vsnl Jurkat nach lurzem schweren Leiden sanft entschlasen ist. 26596 Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Witt- woch, den 13., abends 51/» Uhr, von der Leichenhalle deS Central- Friedhofes auS statt. Am Sonntagnachniittag 2>/, Uhr starb unser geliebter jüngster Sohn LpicK. Beerdigung beute nachmittag 5 Uhr Friedhos der HimmeifahrtS- Gemeinde, Nicder-Schönhausen. Gnztav Klrzcbnlcb und Frau, 2860b Uscdomstraße 23. Statt besonderer Meldung! Heute morgen verschied nach kurzer schwerer Krankheit unsre innigst geliebte Mutter, Schwieger. mutter, Großmutter und Schwester Frau Rosalie Hirschfeld geb. Opet in vollendetem 67. Lebensjahre. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen Br.med. J. Hlrttchfeld, Arzt Berlin O., den 11. Juli 1904 Petersburgerstratze 83. Die Beerdigung findet Donners- lag, den 14. Juli, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des jüdische» Friedhojes in Weißenjee aus stall. Sportwagen auftauend billig, direkt*— aus Fabrik, Sportwagen iura Liegen einstellbar« eugteich Kinderwagen. Luxuasportwagen edelster RohrgcbildarbeH und einfachste Sportkartell«, J. Trotbtr, Grimma 134 �»~- frößte, Ilt. Kindenwn'abnk Sachsen* Wähle; Baroinkmui mit 10% Rabatt od« Uuloidung Uun Eerantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Znleratenteil veranttv.: Zh Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» BuKdruckerei u. Verlagsanftalt Paul Tinger& Co., Berlin SW. Nr. 162. 21. I KeilU i>».Awlirls" Knlim MMIt. Mttwoch. 13. iHli 1904. Em umfangreicher Spielerprozetz beschäftigte gestern die neunte Strafkammer des Landgerichts l unter Vorsitz des Landgerichtsrats Kämpf. Auf die Anklage des gelverbs- mäßigen Glücksspiels hatten sich der Rentier Georg Pancritius, der Kaufmann Gustav N e u m a n n aus der Lutherstraße in Char- lottenburg und der Cigarettenmacher Simon Hirsch zu verant- Worten. Außerdem wurde der Hotelbesitzer F. beschuldigt, in seinem Lokal das Glücksspiel geduldet zu haben. Die Anklage vertrat Staats- anwalt K o h l e r, die Verteidigung führten die Rechtsanwälte Morris, Sudheim, Heymann und Rosenfeld. Pan- c r i t i u s, der schon wegen gewerbsmäßigen Glücksspiels vorbestraft ist, war früher Schlächtergeselle und später selbständiger Schlächter- meister, der einen ziemlich bedeutenden Umsatz hatte und sich in guter Vermögenslage befindet. Er huldigt seit Jahren dem Glücksspiel. Ter Angeklagte N e u m a n n hat früher mit Wäsche bei Kellnern gehandelt und besitzt jetzt ein Wäschegeschäft. Der aus Bukarest gebürtige Angeklagte Hirsch fabriziert Cigarettcn und hat seinen Absatz auch vorzugsweise in Restaurationen. Pancrilius gehörte zu der ziemlich großen Zahl von Lieferanten des„TerminushotelZ", die einen besonderen Stammtisch hatten und Montags, am Kassierungs- tage, sich zusammenfanden, gemeinschaftlich kneipten und im Anschluß daran gewöhnlich ein Spielchen arrangierten. Zuerst wurden harm- lose Spiele gespielt, wenn sich aber das Lokal geleert hatte, ging man zu Glücksspielen über. Gespielt wurde „Gottes Segen bei Cohn". „Kartenlotterie".„Meine Tante— Deine Tante",„Pole r" und Würfeln. Das Spiel beschränkte sich später nicht bloß auf die Mon- tage, man spielte schließlich auch an andern Wochentagen und ver- blieb manchmal bis spät in die Nacht hinein bei dieser Beschäftigung. Der verstorbene Besitzer des„Terminushotels", Herr Hertzel, soll die Lieferanten besonders zum Spielen animiert haben und dadurch einen großen Absatz an Wein. Champagner usw. erzielt haben. Er soll sich vergnügt die Hände gerieben und zu Dritten geäußert haben, daß er, seitdem er den Lieferanten-Stammtisch habe, 15— 20 000 M im Jahre mehr Weinumsatz habe. Bei den Spielzusammenkünften. die zumeist in einem oberen Hotelzimmer stattfanden, sollen teilweise recht große Summen verloren und gewonnen worden sein. Einzelne Spieler, die große Verluste gehabt haben, machten, wie das in solchen Fällen gewöhnlich ist, ihrem Unmut durch Verdächtigung der Bank- Halter Luft. Als solche figurierten sehr häufig die drei ersten An- geklagten, über die man nach und nach allerlei munkelte. Einzelnen Teilnehmern fiel eS auf, daß Neumann und Hirsch, die eigentlich nicht zu den Lieferanten gehörten, von PancritiuS in diesen Kreis eingeführt worden waren und ebenso wie dieser keinen Spielabend versäumten. Manche wollen auch wahrgenommen haben, daß die drei, die von einzelnen Spielern „das Kleeblatt" genannt wurden, immer besonders vom Glück begünstigt worden seien. man sprach gelegentlich wohl auch von„gezinkten Karten", kurz, man munkelte, daß nicht alles mit rechten Tingen zugehe. Diese Spiele wurden nicht allein im.Terminushotel" abgehalten, sondern auch auf Dampferpartien, die aus der Stammtisch-Kasse ver- anstaltet wurden. Während der Hin- und Rückfahrt wurde in der Kajüte fleißig gejeut und auch hier sollen die drei ersten Angeklagten besonders vom Glück begünstigt worden sein. Als Herr Hertzel ge- starben war, wollte die Witwe das Spielen im Hotel nicht mehr dulden und die Stammgesellschaft verließ deshalb das.Terminushotel". Man spielte dann in dem Hotel des vierten Angeklagten weiter, traf sich aber auch in der Wohnung des Wirtes einer hiesigen Weinstube, in der Wohnung eines Lieferanten in Mariendorf und in der Wohnung des Angeklagten Pancritius. Ebenso wie Neumann und Hirsch be- stritt namenllich auch Pancritius mit aller Entschiedenheit, aus dem Glücksspiel ein Gewerbe gemacht zu haben. Alle drei gaben zu, ihrer Spielleidenschaft gefröhnt zu haben, behaupteten aber, daß sie in einer Vermögenslage seien, die ihnen das Spielen gestatte. Pan- critius bestätigte auf Befragen des Vorsitzenden, daß er auch in Karlsbad und Warnemünde gespielt habe, er behauptete aber, daß er keineswegs zumeist gewonnen, sondern auch erheblich verloren habe. So habe er beispielsweise in Warnemünde 10 000 M. verloren. Der Angeklagte bestätigte ferner auf Vorhalt, daß er in seiner Wohnung auch ein Roulette gehabt und mit seinen Gästen Roulette gespielt habe. Alle drei Angeklagten verwahrten sich energisch gegen den Verdacht, daß sie unter einer Decke gesteckt oder unehrlich gespielt hätten; alles darauf bezügliche Gerede sei der Ausdruck des Miß- mutes von Personen, die sich über ihre Verluste ärgerten. „Leute, die 2l> Jahre und länger Karten spielen, würden sich sicher kein X für«in U vormachen lassen!" Die Vor- gänge im.Terminushotel" liegen schon einige Jahre zurück. Unter den 20 vorgeladenen Zeugen, die in größerem oder kleinerem Um- fange mitgespielt haben, befanden sich mehrere Schlächtermeister, Bäckermeister. Eierhändler, Wildhändler. Kaufleute, Handelsleute, Köche, Lotterielose-Händler, Fischhändler. Champagnervertrcter usw. Ein Handelsmann Redlich hatte besonderes Pech; er hat nach seiner Angabe im ganzen etwa 8— 10 000 M. verloren. Er will eines Abends gemerkt haben, daß Pancritius ihn beim Pokerspiel betrog und bat ihm darauf hin eine so kräftige Ohrfeige gegeben, daß jener vom Stuhl zur Erde fiel. Nachher hat er sich aber wieder mit ihm vertragen und später wieder mit ihm gespielt. Ter Angeklagte Pancritius behauptete, daß er bei diesem Vorfall betrunken gewesen sei, da er mit dem Zeugen 20 Gläser Bier und 6 Flaschen Sekt ge- trunken habe.— Einige Zeugen stimmten darin überein, daß sie einen unbestimmten Verdacht gegen die drei ersten Angeklagten gehabt haben. Ein Zeuge hat im Laufe der Zeit 4000 M., ein andrer 3000 M. verloren; die Zechen an solchen Spielabendcn betrugen oft mehrere Hundert Mark. Ein Mehlhändler Voigt hat sich sehr darüber gewundert, daß ihm von dem Angeklagten Neumann als Bankhalter in kaum einer halben Stunde im„Gottes Segen bei Cohn" ca. ISO Mark abgenommen worden sind. Neumann schien diesem Zeugen sehr„feinfühlig" in den Fingern zu sein. In der bis zum Abend sich hinziehenden Beweisausnahme, die Momente von allgemeinem Interesse nicht weiter zu Tage förderte. ließ sich Kriminalkommissar v. Manteusfel als Sachverständiger über den Charakter der hier in Frage kommenden Spiele und über einige Tricks aus. die von Falschspielern bei solchen Glücksspielen in Anwendung gebracht Iverden. Die Verteidigung stellte schließlich eine große Reihe von Beweis- antrügen, die daraus hinausgingen, daß die drei ersten Angeklagten in guicr Vermögenslage sich befinden, ferner daß insbesondere PancritiuS und Reumaim die von den in Verlust geratenen Zeugen verlorenen Summen nicht gewonnen haben und daß Pancritius ein sehr vermögender Mann ist, von den Leuten, die ihn seit Jahren kennen, als reeller Mann geachtet wird, dem sie unter keine» Umständen zumuten, geiverbSn, ätzig oder gar falsch zu spielen. Der Gerichtshof unterstellte die in difsen Anträgen behaupteten Thatsache» als wahr, ebenso die von den, Rechtsanwalt Morris festgestellte Thatsache. daß Pancritius nicht wegen gcwerbS- mäßigen Glücksspiels, sondern in Karlsbad wegen öffentlichen Spiels polizeilich vorbestraft ist. Der sachverständige v. Manteusfel bestätigte auf Befragen des Borsitzenden, daß bei gewerbsmäßigen Spielern zumeist auch immer die Neigung zum Falschspielen sich zeigt. Nach Schluß der Beweisaufnahme führte der Staatsanwalt aus, daß einige Zeugen mit der Wahrheit doch wohl zurückgehalten haben und daß andre Zeugen, die die Gerupften waren, etwas zu interessiert erscheinen. Rühmlich sei es auch für leinen der Zeugen, daß sie lange Zeit hindurch fort und fort stundenlang und oft die Nächte hindurch ihre Zeit in dieser Weise sich um die Ohren geschlagen haben. Wie jüngst im Pro- zeffe Meyer die Presse gesagt habe, daß nicht nur die Eheleute die Schuldigen seien, sondern auch diejenigen, die ihnen so leicht Kredit gewährten, so könne man auch hier sagen: schuldig seien nicht nur die Angeklagten, sondern im moralischen Sinne auch die, die den drei Angeklagten immer wieder Gelegenheit gegeben haben. als treue Kunipane mit ihnen herumzusumpfen und die Nächte am Spieltisch zu verbringen. Der Staatsanwalt erachtele, die GcloerbLmäßigkeit des Glücksspiels bei den ersten drei Auge- klagten für erwiesen und behielt einem andren Verfahren vor, die bezüglich eines etwaigen Falschspiels heute durch die Beweis- ausiiahnie gegebenen Spuren weiter zu verfolgen. Er beantragte gegen Pancritius 3 Monate Gefängnis und 1000 M. Geldstrafe; gegen Neumann zwei Monate Ge- fängnis und 500 M Geldstrafe; gegen Hirsch einen Monat Gefängnis und 300 M. Geldstrafe; gegen den Hotelier 200 M. Geldstrafe cvcnt. 20 Tage Gefängnis. Nach längeren Verteidigungsreden der Rechtsanwälte Morris, Sendheim, Hey mann und R o s e n f e l d zog sich der Gerichts- Hof in der neunten Abendstunde zur Beratung zurück. Das Urteil lautete: Gegen Pancritius auf drei Monate Gefängnis und 2000 M. Geldstrafe, gegen Neumann auf sechs Wochen Gefängnis und 500 M. Geldstrafe, gegen Hirsch auf drei Wochen Gefängnis und gegen den Hotelier auf 500 M. Geldstrafe. Huö InduFtrle und Handel. Aus der Cement-Jndustrie. Die letzten Jahre sind für die deutsche Cement-Jndustrie eine fast verbandslosc Zeit gewesen und der Preiskampf der Werke untereinander war heftig. Letzthin sind nun wieder eine Reihe von Vereinigungen zu stände gekommen, die auch schon merkliche Preissteigerungen im Gefolge gehabt haben. Immerhin sind noch große und für den Gesamtmarkt schrmiatzgebende Werke nicht wieder zu einer Syndizierung gekommen. Auf der dieser Tage in Hamburg abgehaltenen Konserenz von Leitern der unterelbischen Ccmenrfabriken, die im wesentlichen sich mit Sub- missionsfragen beschäftigte, lag nach der„Rh.-W. Ztg." auch eine Heidelberger Anregung vor, in der auf die Einigung der süddeutschen Portland-Cementfabrikcn sowie auf den Vertrag hingewiesen wurde, der seitens der schlesischcn und pommerschcn Fabriken erzielt worden sei, ferner auf die Bereitschaft der mitteldeutschen Fabriken, den Zusammenschluß zu vollziehen. Ausstehend seien einesteils noch die Entschlüsse der hannoverschen Fabriken, die' man demnächst herbeizuführen hoffe, und andernteils die Entscheidung der Fabriken an der Unterelbe. Aus den Kreisen dieser letzteren machte man in der Besprechung geltend, daß ein Zusammengehen zur Zeit wenig Nutzen verspreche, wenigstens so lange nicht, als die bisher bekämpften kleinen Fabriken einer derartigen Vereinbarung sich anschließen würden. Andernfalls führe man den kleineren Fabriken wieder Geldmittel zu, so daß der bisherige Kampf als völlig zwecklos geführt gelten müsse. Man habe daher zunächst die kleinen Fabriken vollständig auszuscheiden und lahm- zulegen, bevor an eine erfolgreiche und dauernde Vcreinheit- lichung gedacht werden könne. Immerhin machte sich in der Ham- burger Versammlung Geneigtheit geltend, auf die Heidelberger Vor- schlüge einzugehen; bindende Beschlüsse sollen einer in etwa Wochen- frist einzuberufenden Zusammenkunft vorbehalten bleiben. Deutsche HeringSfischcrci. Im Laufe des Juni hat die so- genannte„große Heringsfischerci" begonnen, die sich bis zum November ununterbrochen ausdehnt. Nach dem vom Deutschen Seefischerei- Verein herausgegebenen„Deutschen Seefischerei- Almanach" zählt unsre Fangflotte, die Loggerflotte, jetzt rund 150 Schiffe, darunter 10 Dampfer und 9 Schiffe mit Hilfsmaschinen. Die Logger sind 101 bis 288 Kubikmeter oder 55— 102 Registertonnen brutto groß. Sic haben nicht, wie der Name vermuten läßt, Loggertakelage, sondern sie sind galeasartig getakelt mit einem vorne stehenden Großmast. Tie Fänge begannen im Juni bei den Shet- land-Jnseln. Vis zum November ziehen sie sich nach und nach süd- wärts, bis sie vor dem englischen Kanal mit dem Einsetzen des Winters ihr Ende erreichen. Der gefangene Hering wird sofort an Bord gesalzen und in Fässer gepackt. Ist der Logger gefüllt, so sucht er den Ausrüstungshafen auf und läßt dort seinen Fang. Er macht bis zu vier, höchstens fünf Reisen in einer Fangzeit. Zur Organisation des TrägerhandclS. Nachdem eine im Stahl werks-Verbande vorhandene Strömung, die statt mit der V e r e i n i g u n g der T r ä g e r h ä n d l c r mit den einzelnen Händlern direkt zu verkehren wünschte, vorerst unterlegen ist, geht der Verband dazu über, die Händlervereinigungen noch weiter auszubauen. Das geschieht nun aber nicht dadurch, daß etwa zahlreiche neue Firmen in diese Vereinigungen aufgenommen werden, sondern nach der„5löln. Ztg." in der Weise, daß sich an die Händler- verbände wieder Untcrvcrbände angliedern, die ihre Geschäfts- gebiete untereinander abgrenzen und mit den bereits bestehenden Händlervcreinigungen Hand in Hand arbeiten. Dahin zielende Verhandlungen sind zur Zeit mit süddeutschen Trägerhändlern im Gange. Ei» spanisches Kohlensyndikat. Einer Mitteilung der„Times" zufolge finden zur Zeit bereits ziemlich weit vorgeschrittene Ver- Handlungen wegen der Gründung eines Syndikats der spanischen Kohlengruben statt. Diese befinden sich zumeist in spanischem und französischem Besitz, und ihre Kartcllieruug hat außer in Spanien selbst besondere Bedeutung für England, da England von den in Spanien verbrauchten 5 500 000 Tonnen Kohlen allein 2 701 907 Tonnen nach Spanien einführt. Die neuen Verhandlungen sind von einem Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Paris, dem Comte de Pradere, eingeleitet, der an spanischen Gruben stark beteiligt ist. Er fordert die andren Kvhlengruben-Jnteressenten auf, sicb vorläufig im Princip für ein Kartell zu erklären, und schildert iir seinem Cirkular sehr eindringlich die Schwierigkeiten, die zur Zeit für den Kohlen- bcrgbau angeblich in Spanien bestehen und es bewirken, daß. obwohl in Spanien den Bergarbeitern weit niedrigere Löhne als in andren Ländern gezahlt iverden, die Produktionskosten einer Tonne Kohlen daselbst höher sind als in den meisten übrigen Ländern. Der Ein- peitscher dieses beabsichtigten spanischen ÄohlensyndikatS verspricht nach dem Zustandekommen des Syndikats eine Verbilligung der zur Ablieferung bereitstehenden Tonne Kohlen um 2 Fr., von 8 Fr. auf 0 Fr. Besonders soll der Syndikatskampf daim auch gegen die hohen Transportkosten aufgenommen werden. Soziaice. Ausdehnende Auslegung des 8 3 des UnfallverficherungS-GesetzeS durch das Reichs-BerfichernngSamt. Die Ausdehnung der Unfallversicherung auf„häusliche und andre Dien st«"im Sinne des Z 3 des Gcwerbc- Unfallversicherungs-Gesctzes betrifft eine sehr wichtige Entscheidung des„Erweiterten Senat?" des Reichs-VersicherungSamts. Der Hausdiener Pagenkopf war bei einem Ueckermünder Hotelier und Gaslslallbesitzer, der zugleich einen Lohufuhrwerksbetrieb hatte, in Stellung. P. war ständig in der Lohnfuhrwerlerci und in der nichtversicherungspflichtigen Ausspannung(dem Gaststall) thätig. Die Thätigkeit im Lohnsuhrwcrksbetrieb überwog, wie später festgestellt lourde. Der Lohnfuhrwerlsbctricb ist unstreitig ver- sicherungspflichtig; er ist bei der FuhrwerkS-tierusögenossenschaft konstatiert. P. erlitt nun in der Ausspannung des Hotels einen Betriebsunfall. Die Fuhrwerks-Berufsgenossenschaft wies seinen Anspruch auf Unfallrente ab, weil P. nicht im Fuhrwerksbetrieb« verunglückt sei und auch§ 3 des Gewerbe- UnfallversicherungS-Gesetzes nicht Anwendung finden könne. Der s 3 lautet:„Die Versicherung erstreckt sich auf häusliche und andre Dienste, zu denen versicherte Personen ncban der Beschäftigung im Betriebe von ihren Arbeitgebern oder von deren Beauftragten heran- gezogen werden." Die Berufsgenossenschaft meinte, die tägliche Be- schäftigung in der nicht versicherungspflichtigen Ausspannung könne schon deshalb nicht als ein solcher„häuslicher oder andrer Dienst" angesehen werden, weil 8 3 nur gelegentliche Nebenarbeiten häuslicher und privater Natur meine, nicht aber eine st ä n d i g e Nebenbeschäftigung in einem nicht versicherten Betriebe, wie sie hier vorlag, da der Verletzte täglich in der Ausspannung deS Hotels thätig gewesen sei. TaS Schiedsgericht zu Stettin verwarf die gegen den so be- gründeten Ablchnungsbcscheid gerichtete Klage des Verletzten. Be- gründend wurde ausgeführt, daß der§ 3, der hier allein in Betracht kommen könnte, nicht anwendbar sei unter den obwaltenden Um- ständen. Und zwar deshalb nicht, weil das Gesetz im§ 3 nur beabsichtigt habe, die Versicherung nur auf häusliche oder private Dienste auszudehnen, nicht aber auf nicht versicherte gewerbliche. Auf den Rekurs des Verletzten kam dann die Sache vor das Reichs-Versiclierungsamt. Da von einer andern Sache her bereits eine Rekursentscheidung des höchsten Gerichts vorlag, die bezüglich der Bedeutung des 8 3 einen Unterschied zwischen gelegentlichen und ständigen gewerblichen Diensten macht, der verhandelnde Senat aber einer andern Auffassung zuneigte, so überwies er die An- gelegenheit dem für solche Fälle geschaffenen„Erweiterten S e n a t". Dieser hob das Urteil des Schiedsgerichts zu Stettin auf und verurteilte die Berufsgenossenschaft zur Renten- gewährung. Aus den Urteilsgründen ist hervorzuheben: Ter Erweiterte Senat sei der Ansicht, daß der Begriff„andre Dienste" im Sinne deS 8 3 sich nicht nur erstrecke auf private, persönliche Dienst- leistungen für den Arbeitgeber oder dessen Familie. Die Begründung des Gesetzes gehe offenbar von der entgegengesetzten Ansicht aus. Nach der Begründung habe aber auch keine Berechtigung die Unter- scheidung zwischen gelegentlichen und ständigen gewerblichen Diensten, wie sie die Rekursentscheidung vom 8. Januar 1904 mache. Ganz abgesehen davon, daß die Bestimmung der Grenze zwischen einer nur gelegentlichen und einer ständigen Beschäftigung Schwierigkeiten machen würde. Der in jener Rekursentscheidung angegebene Grund, daß ohne die Beschränkung deS 8 3 auf! gcl»gentliche Dienste der Kreis der versicherten gewerblichen Betriebe im Widerspruch mit den 88 1 und 2 des Gesetzes erweitert werden würde, treffe nicht zu; denn der§ 3 schütze immer nur den einzelnen Arbeiter, so daß eine Versicherung aller Arbeiter eines sonst nichtvcrsichertcn Betriebes auf Grund des§ 3 des Gcwcrbe-Unfallversicherungs-Gefetzes nur eintreten könnte, sobald und solange für diese Arbeiter die Voraus- setzungen des 8 3 vorlägen. Der fragliche Betrieb selber bleibe un- versichert, so daß Arbeiter, die ihre Haupt beschäftigung in ihm hätten, auch durch 8 3 nicht versicherungspflichtig würden. Ent- scheidend sei eben, daß die Hauptbeschäftigung im versicherten Betriebe erfolge, wie es vorliegend der Fall gewesen sei. Unberechtigt sei ferner der Einwand der Berufsgenvssen- schaft, daß die Anwendung des§ 8 auf ständige gewerbliche Neben- dienste ihr eine Last aufbürde, für die sie in den Beiträgen kein Ent- gelt enthalte; denn selbstverständlich hätten die Berufsgenossenschaften daß Recht, für Arbeiter, deren Thätigkeit in unversicherten Betrieben auf Grund des§ 3 versicherungspflichtig werde, auch von den Unter» nehmern einen entsprechend höheren Beitrag zu fordern. Betreffs der schädlichen Wirkung des Bleies auf die Nachkommen- schaft weist der österreichische Amtsarzt Dr. Kaup aus der Wiener Buchdruckerkranken-Statistik für 1890 bis 1893 nach, daß auf hundert Entbindungen bleikranker Frauen durchschnittlich bei den Gießerei- Arbeiterinnen 32,5 Proz. Fehlgeburten vorkommen. Durch Dr. Lcvy („Die Berufskrankheiten der Blei-Arbeiter", Wien 1873) und durch die französischen Aerzte Dr. Paul und Dr. Fadieu und den englischen Medizinalinspektor Legge(�Inänstrial loack poisonninp;" im„Journ. of hygiene" vom 1. Mai 1896) ist ferner übereinstimmend festgestellt, daß auch die Schwangerschaften an sich gesunder Frauen dem schädi» gendeii Einflüsse der Bleivergiftung ihrer Männer unterliegen und z>i Tod oder Fehlgeburten führen. So berichtet Dr. Levy daß von 31 Schivangerschasten bei sieben Frauen bleikranker Männer (Maler) 11 mit' Totgeburten und eine mit Abort endeten, während eine von diesen Frauen vor der Beschäftigung ihre? Mannes mit Blei sieben lebende Kinder geboren hat. Und da scheut sich der Vertreter des Reichskanzlers, augeblich aus socialpolitischen und volkswirtschaftlichen Gründen, zu einem Verbot der Verwendung von Bleifarben zu fchreiten, wie eS die französische und die schweizer Regierungen in immer größerem Umfange thrm. Er will diesem KrebSübcl mit einem Merkblatt zu Leibe gehen, mit Vermahnungen über die nötige Sauberkeit und Benutzung der Waschgeräte. Ja, wenn er nur auch auf allen Bauten Zc, für ordentliche Waschgeräte zc. sorgte._ eingegangene Druchfcbriften. Von der„Neuen Zcit�(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben daS 4t. Heft deS 22. Jahrganges erschienen. Au» dem Inhalt deS HcsteS heben wir hervor: Skandale und Skandalsucht.— Die internationalen Frauentage zu Berlin. Von Klara Zetkin.— Die Vorgänge in Colorado. Von Hermann Schlüter(New York). II.— Lohn- und Arbeitsverhältnisse im Raurergewcrbe. Von Fritz Paeplow. II.— George Sand. Von P. I. Proudhon. Aus dem Französischen übertragen von Emma Adler. (Schluß.)— Litterarische Rundschau: Margarete Bcutlcr, Gedichte. Von Franz Dicderich, Dresden. Karl Theodor v. Juama-Sternegg, Staats- wiffenschastliche Abhandlungen. Von rb. Die»Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Postmistallen und Kolportcure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen' jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Vas einzelne Hest kostet 25 Ps. Probenummern stehen jederzeit zur Bersügung. Von der„Gleichheit". Zestschrist sür die Interessen der Arbelteriimen (Stuttgart, Dietz' Verlag), ist uns soeben die Nr. 15 des 14. Jahrganges zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Ausrus und Mitteilung der VerttaucnSperson.— Der vierunddreißigste Bebel. Bon Dr. Robert Michels.— Ferien. Von Ida Raab.— George Sand. Von H. Thurow.— Aus der Bewegung.— Bilder von der Agltation im ostekbischen Junkerparadies. Von W. Kühler.— Feuilleton: Späte Rosen. Von Theodor Storm.(Fortsetzung.)— Notizenteil: Sociale Gesetzgebung.— Weibliche Fabrikinspektorcn.— Gewerkschastliche Arbeite- rümen-Organisatlon. Die„Gleichheit" erscheint all- 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Ps.. durch die Post bezogen bewägt der Abonnementspreis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf., unter Kreuzband 85 Ps. Der„Wahre Jacob» hat soeben die 15. Nummer seines 21. Jahr- gangs erscheinen lassen. Aus dem Inhalt derselben heben wir die beiden farbige» Bilder„Der madige Reichsapsel" und„Gegensätze" hervor, sowie die Jlluswalionen„Ein TeusclSbraten",„Ktrchcn-Mwbachs Pech oder Durch Nacht zum Licht nach Moabit",„Nach der Preisoerteilung",„Wmider- burschen einst und jetzt",.BergnügungSreisende".„Di- auSgeiperrte Oesientlichkeit",„Totale Mondfinsternis in Württemberg" und„Der Obst- garten Marocco". Die Nummer bringt sodann den Schluß der Serie „BourgeoiS-Typcn" von Edmund Edel sowie ein Porträt des auswalischen Premierministers I. C. Watson nebst dazu gehörigem Text. Der textliche Teil der Nummer enthält die Gedichte„Krieg",„Edler Sport",„Kiel", „Tie Geldwechsler",„Ernte" von Ludwig Lessen,„Unfaßbar",„Moderne Ballade",.Deutschland, Deatschlaiid, liberales!",„Duckniäuserprcdigt", und außer zahlreichen kleineren Beiwägen noch die größeren Feuilletons „Wahres Geschichtchen",.Da« Thal der Nebel",„Der gute Zweck heiligt die schäbigsten Mittel l' und„Russische KriegSberichterstattnng". Der Preis der 12 Seiten starken Nummer ist 19 Psennig. Anualcn deS Deutschen Reichs sür Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, Nr. 7. Inhalt: Weiteres zur Rcgentschastssrage w Bayer». Don Projessor Anton Dyroff.— Zwei Fragen bei herzogt, sächs. Thron» solgerechtS. Von Proscssor Dr. Bonihak.— Das Verhältnis der Gärtner zum Gemerberecht. Von Ltto Atbrecht.— Das vermögen. Von Dr. jur. Fritz Bcrolzheimer. Skizzen und Notizen. Jährlich l2 Helte. Halbjährlicher AboiinemcnlspreiS 8 M. 12 Heste bilden einen Band. J. Schweitzers Verlag (Arthur Sellier), München. VI. Wahlkreis. Sonntag, den 17. Juli 1904: U l firosses Sommer Jest im Qesamt-Etablissement„Moabiter Schützenhaus", Plötzensee. Grosses Garten-Konzert von morgens 8 Uhr, ausgeführt von zwei stark"besetzten HEnslk• Kapellen, Gesangs-Hufführungen von Mitgliedern des Arbeiter 8tinxerbnn tA Wjskuhkrrschast Kulwrbilder aus den ReligionskSmplen dei 16. und 17. Jahrhunderts Bon Lmil Rosenow 50 Lieferunaen reich illnftrtert » ä Lieferuna'40 Pfennig- Der Lerfasser entwirft vom Etandpunlt des hiswrischen Ma- terialismus das Kulwrbild der mittelalterlichen Pfaffenherrschaft. Er zeigt wie inmitten der zu- sammenbrechenden römischen®e- sellschafl die urchristlich-kommn- »istische Agitatton beginnt, aus der sich die ttirchenherrichatt ent- wickelt. Der Leser sieht wie daS tapstwm entsteht und wie es den ipsel seiner Macht, bis zur Welt» Herrschaft ersteigt, bis die wach- sende taviialisiische WirffchaftS» weise die Pfaffenherrschaft in Blut und Kriegsgetilmmel ersttckt. Das tiierk ist ein dauern» des, wertvolles Pildiings- mittel für die deutsch- Ar- deiterkiasse. Jedes Wort: Pfennig. Das erste fettgedruckte ' Wort tO Pfg. Worte mit mehr als IS Buchstaben zählen doppelt. f€!eine ßm r Anzeigen Z�SrlSZa in den Annahmestellen für Berlin bist Uhr, für die Vororte bis l2Ubr, in der Hauptexpedition Linden- Strasse 69 bis S Uhr angenommen. Verkäufe. Jadettanzitge, Gehrockanzüge, Sommerpaletots. Herrenhosen, Riesen- auswahl, spottbilligste PrciSnottcrung. Psandleihhaus Weidenwcg 19. �37�. Vorteilhafteste Aussteuerwäsche, Steppdecken, EintailssqucUc, Betten, Gardinen, Regulateure, Frei- schwinger, Hcrrenuhrcn, Damemlhren, Hcrrentetten. Damenketten, Trau- ringe, Spiegel, Nachlagbetten. Pfand- leibhaus Weidenwcg 19. t37» Dcppiche!(jebierbaste) in allen Grögen snr die Hälfte des Wertes im Teppichlager Brünn, Hackescher Mar» 4, Bahnhof Börse. 142,12» Hochvornehme Herren. Anzüge Paletots, Beinkleider, vorjährig, aus seinslcii Magstosseii, spottbillig. 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Bei Mohn, Heinrichsplatz, wird Arbeit sür Möbelpolierer nicht mehr vermittelt. Es ist Pflicht aller Kollegen, ihre Arbeitgeber aus obiges sofort aus- mertsam zu machen. 146/20* Der Vorstand. Nerantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.:T.h. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer&. Co., Berlin SW,