Nr. 163. Bbonnemen ts-Bcdingungcn; «Bonnemmtä. Preis pränumerando\ Pierteljährl. 330 Mk. monatl. 1,10 Ml, MSid entlich 28 Pfz. frei WS HauS, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit Muflricrter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Ewgetragen In die Poft-ZeitungS- Preisliste. Unter Krcittzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Uz»» uBu nibntazs. Vevlinev VolKsblstt. 21. Jahrg. vi« InlerNonz-Ledilh« beträgt für die sechsgespaltene«olonet- geile oder deren Baum 40 Pfg., für politische und gewerlschastlichc Vereins- und BersammlungS-Anzeigen 26 Pfg. Hnzeigen". das erste ssett- gedruckte) Wort 10 Psg., jedeS weitere wort 6 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittag« in der Expedition abgegeben «erden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittag» geöffnet. Delegramm- Wrisse: „SsiUliKmekrat Berti#". Zentralorgan der Cozialdemokrati fchen Partei Deutfchlanda. Rcdahtfon: SM. 68. Linden Strasse 69. Mernsprecher: Amt IV. Rr. IS8Z. Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69. Uerusprecher: Amt IV. Nr. 1984. Die deutschen Gewerkschafts-Organisationen im Jahre 1903. Mr fahren heute mit den Mitteilungen der Generalkommission über die Gewerkschaftsorganisationen im Jahre 1003 fort. Durch nachträgliche Meldungen während der Veröffentlichung hat sich herausgestellt, daß der Kassenbestand der Centralverbände noch höher ist, als gestern mitgeteilt: er beträgt nicht 12S70S72 M. sondern 12 973 726 M. Die weiblichen Mitglieder. In Bezug auf die Organisation der Arbeiterinnen ist in den letzten Jahren ein guter Fortschritt zu verzeichnen. Die Zahl der weiblichen Gewerkschaftsmitglieder stieg im Jahre 1903 von 28 218 auf 40 666, also um 12 448 Mitglieder. Daß in 6 Organisationen ein Verlust von weiblichen Mitgliedern eingetreten, ist jedenfalls sehr bedauerlich. Zwar beträgt der Gesamtverlust nur 158 Mitglieder. von denen 52 auf solche Verbände entfallen, die überhaupt einen Mitgliederverlust zu beklagen haben. Welche Gründe für den Rück- gang der Zahl der weiblichen Mitglieder im Holzarbeiter- Verbände ausschlaggebend waren, konnten wir nicht feststellen. Die Schuhmacher haben 29,90 Proz., die Gemeinde- Arbeiter 29,15 Proz., die Buchbinder 27,32 Proz., die Buchdruckerei- Hilfsarbeiter 22,89 Proz. und die Metallarbeiter 21,43 Proz. der weiblichen Berufsangehörigen organisiert. Nicht in allen Berufen sind die gleichen Vorbedingungen für den Erfolg der Agitatton unter den Arbeiterinnen gegeben. Die Heranziehung der Arbeiterinnen zur gewerkschaftlichen Organisatton liegt aber im eigensten Interesse der Arbeiter selbst und es ist deshalb notwendig, daß die Agitation den obwaltenden Verhältnissen angepaßt wird. Die Finanzgebarung der Gewerkschaften. Die 63 Centralverbände hatten im Jahre 1903 eine Einnahme von 16 419 991 M. und eine Gesamtausgabe von 13 724 336 M. zu verzeichnen und es verblieb ihnen am Jahresschluß ein Kassenbestand von 12 973 276 M. In den vorstehenden Einnahmen sind nicht ent- halten die Einnahmen der Lokalfonds, welche von den Vorständen der Verbände nicht verrechnet werden, sowie die Einnahmen besonderer Kasseneinrichtungen. In 12 Verbänden beträgt die Einnahme in den Lokalfonds 513 431 M., welche sich auf die Organisationen wie folgt vetteilen: Bildhauer 21 940 M., Buchbinder 41 959 M., Civilmusiker 2793 M., Hafenarbeiter 8669 M., Holzarbeiter 375 345 M., Hutmacher 12177 M.. Lederarbeiter 14 073 M., Maler 16 213 M.. Schiffszimmerer 395 M., Steinsetzer 3820 M., Werftarbeiter 5651 M.. Cigarrensortierer 10 396 M. Diese Einnahmen wurden zum größten Teil für Agitation, Stteikunterstützung, sowie Arbeitslosen-, Reise-, Kranken- und sonstige Unterstützung ver- ausgabt. Die Einnahmen besonderer Kasseneinrichtungen bettagen in sieben Organisationen 35120 M. Auch diese Einnahmen dienen hauptsächlich Unterstützungszwecken. Nachstehend folgen die Organisaftonen nach der Höhe der Bei- ttäge pro Kopf der Mitglieder. Es vereinnahmten: Notenstecher 65,52 M.; Buchdrucker 54,62 M.; Buchdrucker Elsaß-Lothringens 46,89 M.; Bildhauer 40,26 M.; Barbiere 29,02 M.; Hutmacher 28,62 M.; Töpfer 27,23 M.; Formstecher 25,81 M.; Cigarrensortierer 25,37 M.; Kupferschmiede 25,04 M.; Zimmerer 24,03 M.; Porzellanarbeiter 23,21 M.: Handschuhmacher 22,94 M.; Lithographen und Steindrucker 22,66 M.; Stukkateure 22,01 M.; Gastwirtsgehilfen 20,01 M.; Maurer 19,38 M.; Müller 19,00 M.; Portefeuiller 18,45 M.; Graveure und Ciseleure 18,33 M.; Tapezierer 17,75 M.; Konditoren 17,63 M.; Glasarbeiter 17,34 M.; Bauarbeiter 17,26 M.; Lederarbeiter 17,02 M.; Bäcker 16,86 M.; Maler 16,77 M.; Veraolder 16,43 M.; Seeleute 16,03 M.; Holzarbeiter 16,85 M.; GärMer 15,82 M.; Schuhmacher 15,82 M.; Schmiede 16,76 M.; Metallarbeiter 15,68 M.; Sattler 15,83 M.; Tabakarbeiter 16,17 M.; Schneider 15,00 M.; Kürschner 14,68 M.; Steinarbeiter 14,40 M.; Buchbinder 14,23 M.; Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter 13,34 Mk.; Steinsetzer 13,50 M.; Brauer 13,20 M.; Glaser 12,46 M.; Böttcher 11,97 M.; Bureau- Angestellte 11,92 M.; Werstarbeiter 11,40 M.; Lagerhalter 11,29 M.; Hafenarbeiter 10,83 M.: Dachdecker 10,73 M.: Bergarbeiter 10,60 M.; Gemeindearbeiter 10,15 M.: Buchdruckerei Hilfsarbeiter 10,14 M.; Schiffszimmerer 10,13 M.; Civilmusiker 9,65 M.; Fabrikarbeiter 9,53 M.: Maschinisten und Heizer 9,03 M.; Handlungsgehilfen 8,72 M.; Wäschearbeiter 6,91 M.; Masseure 6,41 M.! Fleischer 4,78 M.; Blumen- und Feder- arbeiter 3,10 M. Eine llebersicht für die Verbände der Holzarbeiter und Metall- arbeiter, die in den letzten Jahren die Arveitslosenunterstützimg eingeführt haben, und für die beiden größten Verbände des Bau- gewerbes, Maurer und Zimmerer, zeigt, wie sich die BeitragSleistung in den einzelnen Verbänden im letzten Jahrzehnt gesteigert hat, beweist aber auch aufs neue, daß die Erhöhung der Beiträge den Mitgliederbestand nicht verringert, sondern erhöht und stabiler macht. Jahr 1394 1895 1396 1397 1898 1899 1900 1901 1902 1903 Holz- arbeiter G K I-J |«= tili £."*•- «- M. 26141 29 992 88 647 40 876 48 589 62 570 73 972 70 251 70 390 79732 7,27 6,85 8,32 9,25 9,87 10,28 15,- 11,83 13,88 16,85 Maurer 12 680 14 860 26 600 42 562 60175 74 534 82 964 74 535 82 228 101 155 S jj .1�5 ZN A M. 6,85 7,40 7,83 3,71 10,32 14,24 15,23 15,44 18,79 19,38 Metall- arbeiter 33 406 33 297 41095 59 890 75 431 85 013 100 762 102 905 128 842 160 135 S -TT.— c s- 1�5 Isi ». M. 7,62 8,42 8,55 8,01 7,86 10,55 11,84 12,72 12,17 17,58 Zimmerer c== .sc; oi Isi »- M. 8127 9 281 13 282 17 620 22104 23 719 25 272 24 151 24 502 27 265 8,59 8,58 9,59 9,97 11,17 15,75 12,40 11,92 20,- 24,03 59 10 884 662 M. 560 987„ 4409 855, 119 817. 150 721. 250 310„ 618 870. 1270 053, 944 059„ 189 442„ 801961„ 7 872. 14 882„ 818 908„ 164 909„ 89 318, 2 276, 304172„ 276 215. Ueber die Ausgaben, welche die Verbände im Jahre 1903 ge- macht haben, gewährt folgende Aufstellung einen Ueberblick. Es verausgabten für: Verbandsorgan......... 62 Organis. Agitation........... 60, Streiks im Beruf........ 54, Streiks in andren Berufen..... 54„ Rechtsschutz........... 62 Gemaßregelten-Unterstützung.... 41 Reise-Unterstützung........ 41„ Arbeitslosen-Unterstützung..... 28„ Kranken-Unterstützung....... 25„ Invaliden-Unterstützung...... 7„ Sonstige Unterstiitzung...... 52„ Stellenvermittelung........ 12„ Bibliotheken.......... 16„ Sonstige Zwecke......... 53„ Konferenzen und Generalversammlungen 43 Beitrag an die Generalkommission.. Prozeßkosten.......... Gehälter............ 61 Verwaltungsmaterial....... 57 Für Streiks wurden ollein 4 529 672 M. verausgabt. Der bisher höchste Betrag für Streiks aus den Kassen der Verbände betrug 1900 2 625 642 M. und die höchste Gesamtausgabe für Stteiks be- trug 1396 3 042 950 M. Die Summe, welche 1903 allein aus den Verbandskassen für Stteiks verausgabt wurde, übersteigt also ganz bedeutend die bisher in einem Jahre für Streiks insgesamt veraus- gabte Summe. Und die für Unterstützungs- und Bildungszwecke verausgabte Summe übersteigt die fiir Streiks aufgewendete noch um fast 100 000 M. Es wurden von 1891—1903 alisgegeben für Unterstützungen verschiedener Art 22 485 938 M. und für das Verbandsorgan 6 375 694 Mark, zusammen 28 861 632, während für Streiks in diesen Jahren 17 576 430 M. ans den Verbandskassen geleistet wurden. Dte für die ersteren Zwecke der Gewerkschaften gemachte Ausgabe übersteigt die für Stre»ks immer noch um 11'/« Millionen Mark, obgleich dte Unternehmer die Arbeiterschaft durch Massenaussperrungen und durch brutale Abweisung der Arbeiter bei Lohndifferenzen zwingen, immer größere Summen für den unmittelbaren Gewerkschaftskampf zu ver wenden. Für Reise- und Arbeitslosenunterstützung wurde im letzten Jahre weniger ausgegeben als 1902 und 1901. Für die Organisaftonen, welche Arbeitslosenunterstützung zahlen, wurden Vergleiche für 1893 bis 1903 angestellt und es ergab sich, daß in den letzten Jahren mit chnsftger Konjunktur, 1898—1899 pro Kopf der Mitglieder 2,79 resp. !,43 M. an Arbeitslosenunterstützung verausgabt wurden. 1901 betrug diese Ausgabe 5,67, 1902 5,52 und 1903 nur 3,95 M. Ein »och besserer Beweis dafür, daß die Gewerkschaften infolge un- ünstiger Konjunktur ungemein belastet werden, ist, daß 1903 die ildhauer und Buchdrucker 15,09 M.. dagegen 1902 die Bildhauer 23,57 M. und die Buchdrucker 17,70 M. pro Kopf der Mitglieder an Arbeitslosenunterstützung zu zahlen hatten. Von sehr großer Bedeutung ist die Erhöhung der Kassenbestände im letzten Jahre. Trotz der enormen Ausgaben ist der gesamte Reservefonds von 10 253 559 M. auf 12 973 726 M. angewachsen. Pro Kopf der Mitglieder betrug am Jahresschlüsse der Kassenbestand in den einzelnen Verbänden: Notenstecher 278,03 M.; Buchdrucker. Elsaß-Lothringen, 144,84 M. Buchdrucker 112,09 M.: Hutmacher 55,42 M.; Buchbinder 29,88 M. Seeleute 26,65 M.; Vergolder 22,98 M.; Formstecher 22,33 M.; Cigarrensortierer 21,68 M.; Zimmerer 20,47 M.; Stein arbeiter 19,74 M.; Lithographen und Steindrucker 19,16 M. Schiffszimmerer 17,85 M.; Maurer 16,99 M.; Holzarbeiter 16,94 M.; Werstarbeiter 16,53 M.; Bildhauer 16,16 M.; Portefeuiller 15,23 M.; Steinsetzer 14,81 SD?.; Stukkateure 14,23 M.; Kürschner 13,60 M.; Buchdruckereihilfsarbeiter 13,14 M.; Lagerhalter 12,85 M.; Lederarbeiter 12,53 M.; Handschuhmacher 11,93 M.; Maler 11,90 M.; Glaser 10,87 M.; Brauer 10,55 M—' Müller 9,84 SD?.; Konditoren 9,37 SD?.; GaftwirtSgehilfen 8,60 SD?.; Porzellanarbeiter 8,26 SD?.; Graveure und Ciseleure 7,99 SD?.; Sattler 7,93 SD?.; Wäsche-Arbeiter 7.85 M.; Bäcker 7,84 M.; Hafenarbeiter 7.73 M.; Kupferschmiede 7,69 M.; Bauarbeiter 7,48 M.; Bergarbeiter 7.30 M.; Schuh. macher 6,85 M.; Böttcher 6,67 SD?.; Fabrikarbeiter 5,86 M. Textilarbeiter 5,77 SD?.; Metallarbeiter 5,69 M.; Bureau Angestellte 5,49 M.; Tabakarbeiter 5,31 M.; Schneider 5,26 M.; Schmiede 5,21 M.; Tapezierer 5,07 M.; GlaS- arbeiter 4,92 M.; Barbiere 4,70 M.; Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter 3,72 M.; Genieinde-Arbeiter 3,37 M.: Töpfer 2,90 M.' Civilmusiker 2,63 M.; Gärtner 2,63 M.; SDkaschinisten und Heizer 2,30 SD?.; Fleischer 2,16 SD?.; Blumen- und Federarbeiter 1.99 M.; Handlungsgehilfen 1,64 M.; Masseure 0,66 SD?.; Dachdecker 0,01 SD?. Bezüglich der inneren Einrichtungen der Organisationen ist folgendes zu erwähnen. Es haben 59 Verbände daS Fachoraan obligatorisch eingeführt, während vier dasselbe im Abonnement den Mitgliedern liesern. Die Gesamt-Auflage der Gewerkschaftspresse beträgt 1 044 650 Exemplare. Eines dieser Organe erscheint wöchent« lich dreimal, 27 erscheinen wöchentlich.einmal, zwei monatlich drei- mal, 16 alle 14 Tage, sechs monatlich zweimal und sieben monatlich einmal. Reise-Unterstützung wird in 43 Verbänden gewährt, Arbeitslosen- Unterstützung in 30, Kranken-Unterstützung in 23 und Invaliden« Unterstützung in fünf Verbänden. Es ist jetzt kein Verband mehr vorhanden, der weniger als 15 Pf. Beitrag pro Woche erhebt. Im Jahre 1891 hatten 39 Proz. der Verbände weniger als 15 und 80 Proz. der Verbände weniger als 20 Pf. Beitrag pro Woche. 1903 hatten von den 63 Verbänden nur noch 3 oder 5 Proz. einen Beitrag von weniger als 20 Pf. pro Woche. DaS Gesamtbild, welches uns die Statistik gewährt, ist nach jeder Seite ein recht erfreuliches. Die Zahl der Gewerkschafts- anhänge: hat sich ganz beträchtlich vermehrt, die Kassen sind erstarkt trotz der riesigen Kämpfe, die mit dem Unternehmertum zu führen waren, und es ist wohl begründete Hoffnung vorhanden, daß auch in diesem Jahre die Entwicklung vorwärts schreiten wird. Aber auch die Unternehmer- Vereinigungen sind kräftiger und widerstandsfähiger geworden, und sie nehmen eine immer drohendere Haltung gegenüber unsren Gewerkschaften an. Angesichts dessen ist es notwendig, daß wir unsre Kassen immer mehr kräftigen. Wir dürfen uns in der Freude über unsre Erfolge nicht in SiegeSsicherheit wiegen, sondern wir müssen fortdauernd ernstlich bestrebt sein, unsre Organisattonen nach jeder Richtung auszubauen. Noch ist in dieser Beziehung eine gewaltige Arbeit zu verrichten. Große, starke Verbände haben doch in weiten Gebieten noch kaum Fuß gefaßt, in verschiedenen Berufen ist die Zahl der Organisierten zur Zahl der Berufsangehörigen noch eine sehr geringe, kurz, die deutschen Gewerkschaften nehmen in ihrer Gesamtheit noch nicht jene machtvolle Stellung ein, wie sie einzelne Organisationen bereits auf- zuweisen haben. Die sehr günstige Entwicklung im letzten Jahre wird jeden einzelnen Anhänger und Freund der Gewerkschaften zu neuer Thätigkeit anspornen, mitzuhelfen an der Ausgestaltung des gewaltigen Baues der gewerkschaftlichen Organisationen. poUtifcke(lebersicdt. Berlin, den 13. Juli. Der Prozeß des Zaren. Königsberg, 13. Juli. sPrivatdepefche des„Vorwärts".) Der Prozeß, der unternommen worden ist, um das russische Maß reakttonärer Möglichkeiten im heutigen Preußen zu zeigen und zugleich einen Schlag gegen die Träger der Kulturentwicklung, die deutsche Socialdemokratie zu führen, gestaltet sich zu einer Kund« gebung socialdemokraftscher Kraft und Tüchtigkeit, während die An- klage ihren Verferttgern unter den Händen zerrinnt. Die Staats- anwaltschast griff am heuttgen Tage kaum noch ein, und tvenn sie es that, recht unglücklich. Diese Angeklagten, soweit sie in der Partei eine Verttauens- stellung bekleiden, fühlen sich durchaus nicht als arme Sünder. SDftt ruhigem Stolze, ohne jeden Winkelzug. bestimmt und klar, im Gefühl politisch-geistiger Ueberlegenheit bekennen sie ihre„Verbrechen", fofern sie irgendivie mit der Sache zu thun haben und nicht bloß aus staatsanwaltlichem Mißverständnis hineingezogen sind. Sie sind durchaus nicht eingeschüchtert, obwohl in der Anklage etwas von Tod durch den Strang und lebenslänglicher Verschickung nach Sibirien geredet wird. Ihre Antworten sind so bestimmt und scharf, daß bei der Vernehmung unsreS trefflichen Tilsiter Verttauensmanns MertinS, des aufrechten, selbstsicheren Socialdemottaten, der Vor- sitzende plötzlich das Gefühl bekommt, man tteibe seinen Spott mit dieser ganzen russischen Akfton. Und er herrscht ohne jeden wirklichen Anlaß— denn MertinS Freimut äußerte sich durchaus schlicht und ernst — den Angeschuldigten an, er möge sich gefälligst mehr als An- geklagter fühlen und sich von der schweren Last der Anklage zerknirschen lassen. Wahrhafftg, eS ist ein unerhörter Frevel, daß diese Socialdemottaten durchaus nicht sich als„Verbrecher" fühlen wollen, weil ein Ungefähr sie auf eine königlich preußische Anklage- bank verschlagen hat l Einen ganz eignen Reiz hat daS Auftreten der Frauen im Prozeß, die als Zeugen erfcheinen. Dem Eindruck ihrer Zeugen- ausfagen können sich auch Richter und Staatsanwalt nicht entziehen. Da weht Luft aus einer neuen Welt. Diese Frauen sind die Kameraden ihrer Männer. Sie sind Dissidenten, aber ihr ganzes Wesen ist durchweht von dem göttlichen Glauben an ihre Sache, das unverschuldete Ungemach ihrerMännerhat sie nicht im mindesten gebengt. Sie leisten tapfer die Arbeit der Verhafteten, sorgen für ihre Familien, unterziehen sich geduldig den Belästigungen des Ver- fahren? und sind dabei doch unermüdlich für die Partei thätig. Jede fteie Stunde nützen sie für die Vervollkommnung ihrer Bildung aus, von den proletarischen Einkünften opfern sie unbedenklich dreißig Mark, um zwei arme Russen zu unterstützen. Und alle ihre socialdemokratische Erziehung kommt zum Ausdruck in ihren Zeugenaussagen, die kleine ästhetische Meister- werke sind. Mit scharfer Stimme vorgettagen, reihen sich ohne Schwankungen und Abschweifungen ihre Bekundungen aneinander. Sie werden nicht vereidigt, aber sicher hat niemand im Saale einen Zweifel daran, daß jede Silbe wahr ist. Als der Staatsanwalt die Zeugin Nowagrotztt fragt, wer der Bekannte fei, der ihr die Pakete an Klein verpackt habe, verweigert sie ritterlich ihre Aussage, um ihm nicht Scherereien zu bereiten. Und das Gencht macht keinen Versuch, der staatsanwaltschaftlichen Neugier Befriedigung zu verschaffen. Fürwahr, man vergißt völlig diese kriminelle Bureaukraten- Phantasie und giebt sich freudig den Wirkungen socialdemokraftscher Kultur hin. Neben diesen socialdemokratisch erzogenen Proletariern aber sitzen als Mitschuldige Gestalten, wie der alte littauische Bauer Kögst, der nicht lesen und schreiben kann. Er hat für gutes Geld Pakete aufbewahrt und transporttert. die dann von Schmugglern über die Grenze geschafft wurden. Und dieser Kögst soll gegen die Russen hochverräterisch konspiriert haben! Und welche» Ergebnis hat die heute abgeschlossene Vernehmung der Angeklagten gehabt? Entweder sind sie ganz und gar unbe- teiligt, wie Braun und Ehrenpfort, besten Name nur als Deckadreste von den bei ihm wohnenden Rüsten benutzt wurde, oder sie haben deren Schriften in Empfang genommen, sie aber nicht verbreitet, wie Nowagrotzki. oder sie leisteten die durchaus legitime Handlung, erlaubte socialdemottatische Schriften zu verbreiten oder ihre Ver- breitung zu fördern, um den russischen Parteigenossen gefällig zu sein. So trug denn auch Pätzel recht vergnügt die Schauermär von den Kellergeheimnissen des„Vorwärts" vor. Welch' furchtbare Geheimbündelei, die mittels offener Postkarten getrieben wird, auf denen sich der«geheime Obere" im Ausland mit vollem und richtigem Namen selbst als Absender vermerkt!— Militarismus und Menschenleben. Mngst brachten die Zeitungen zwei Nachrichten, über die man aber nur allzu schnell wieder zu andern Dingen überging. Es wurde berichtet, daß das bayrische 19. Infanterie- Regiment am 17. Juni einen sogenannten Hitzmarsch zu verzeichnen hatte, bei dem nicht weniger als 80 Mann, darunter einer bedenklich, erkrankten. Ferner wurde berichtet, daß am 25. Juni bei der Wettfahrt der KriegSschifföboote in Kiel drei Matrosen ertranken. Dabei ist zu be- merken, daß diese Wettfahrt trotz st ür mischen Wetters vor- genommen wurde, daß mehrere Boote gekentert waren und daß die Festlichkeiten durch das Ende der drei armen Teufel, die doch auch Menschen waren sozusagen, nicht im gering st en g e st ö r t wurden. Gerade jetzt tritt die Gefahr, durch uunvtige Hitzmärsche in Krankheit und Tod zu geraten, wieder an unsre Soldaten heran. Gewiß wird vielfach von den Vorgesetzten Vorsicht geübt, um das schlimmste zu verhüten, aber immer wieder finden sich doch Offiziere, die besonders schneidige Leistungen zu vollbringen vermeinen, indem sie ihre Mannschaften, die auch dem törichsten Befehl gehorchen müssen, unsinnigen Strapazen aussetzen. Es sei erinnert, was Freiherr v. G ü h l e n, obschon sein vor einigen Monaten im Reichstage besprochenes Buch vom durchaus Militarismus- freundlichem Standpunkte geschrieben ist, über diese Hitzmärsche sagt: .Wurde nicht inr Soinmer 1902 auf dem Marsche einer Infanterie- truppe trotz der glühenden Hitze mit Strenge darauf gehalten, daß die Kragen der Waffenröcke geschlossen blieben? Exerzierte nicht in demselben Jahre eine Compagnie auf dem Kasernenhof in den NachmittagSstundcn bei 24 bis 20 Grad Ncaumiir im Schatten? Mußten endlich nicht ebenfalls iin Sommer 19V2 auf einenr in der Provinz Westfalen gelegenen Truppenübungsplatz an besonders heißen Tagen Mannschaften des Beurla übten st andes, die zu einer vierzehntägigen liebung eingezogen worden waren, äußerst anstrengende Gefechte vollführen? Jedes Mal gab es Hitzschläge der ernstesten Art." Warum sind solche Vorkommnisse, wie die erwähnten, in einem civilisierteu Lande überhaupt möglich? Erstens ver- sagt hier die Reichstagsmehrheit, wie auf den meisten Gebieten, auf denen es Volksrechte zu wahren giebt, völlig. Mit ein paar Worten läßt sie sich geduldig abspeisen, weil sie im Säbclrasseln ihr letztes Heil erblickt. Sodann aber ist auch das Volk gegen die Sünden des Militarismus derartig a b g e st u m p f t, daß es sie mit einer wirklich orientalischen Gelassenheit hinnimmt. Nur diejenigen, die es mit ansehen. wie todmüde Soldaten auf der Straße niederstürzen, wie Matrosen, die bei Festlichkeiten eine Wettfahrt untemehmeu mußten, jämmerlich ertrinken oder dem Ertriirken nahe sind, erbeben vor Zorn und In- grimm; der übrige Teil der Nation aber, der diese? Spiel mit Menschenleben aus der Zeitung erfährt, regt sich nicht sonderlich auf. Es wird zwar ein bißchen geschimpft, aber dann herrscht wieder Friede. Nur wenige denken daran, daß das, was den Opfern eines Hitzmarsches oder einer Wettfahrt geschieht, ihren Brüdern, ihren Söhnen, ihnen s e l b st passieren kann, wenn sie zu einer Hebung einberufen werden. Die Militär- und Marine- behörden würden sofort mildere Töne anschlagen, wenn sie auf einen energischen Widerspruch des Gros des Volkes träfen. Die Geringschätzung, mit der der Marinismus und Milita- risnuis mit dein Leben von Soldaten und Matrosen umspringt, berührt besonders unangenehm, sobald man sich daran erinnert, in welcher Weise Leben und Gesundheit hoher Herrschaften offiziell taxiert werden. Hat eine Prinzessin oder.ein Prinz auch nur Leibschmerzen, so werden flugs Ärankheitsberichte veröffentlicht, um das natürlich ängstlich harrende Volk zu beruhigen. Und hat sich ein solcher Herr oder eine solche Dame eine ernstere Krankheit oder Verletzung zugezogen, so»rarschieren etliche erstklassige Aerzte am Krankenbette auf und wenden ihre Künste an. Kein Geld, keine Mühe wird gespart, um dem Patienten die Gesundheit wieder zu verschaffen. Und in gesunden Tagen sind solche Herrschaften gar nicht selten ständig von Polizeibeamten bewacht, um ihr Leben und ihre Gesundheit zu behüten. Die armen Soldaten, die Reservisten und Landwehrleute aber werden nur zu oft den schweren Gefahren der Sommsrhitze ohne Not ausgesetzt, und der Matrose muß, um eine Nummer in einem Festprogramm auszufüllen, sein Leben auf dem Wasser wagen. Dabei hat der Tod eines Soldaten, eines Reservisten, eines Landwehrmannes, eines Matrosen, gär nicht selten viel größere Konsequenzen, als derjenige eines Prinzen oder einer Prinzessin. Stirbt ein Soldat oder ein Reservist, so kann eine Familie in die bitterste Not geraten. Scheidet aber ein sogenannter hoher Herr oder eine hohe Dame aus dem Leben, so ist dies niemals der Fall, denn diese bevorzugten Menschenkinder sind ja nicht auf die Arbeit angewiesen. Von selbst fließen jährlich Hunderttausende, ja Millionen in ihre Kassen. Die Angehörigen eines solchen Dahingeschiedenen mögen wohl den Schmerz über den Verlust fühlen, aber die bange, furcht- bare Frage:„Was nun?" kennen sie nicht. Sie erfahren niemals von dem Elend, daS der Tod des Vaters oder Sohnes in einer armen Proletarierfamilie hervorzurufen vermag. Und darum sagen wir. auch auf die Gefahr hin, daß sämtliche Hofschranzen Krämpfe bekommen: Der Tod eines Soldaten, eines Reservisten, Landwehr- manncs oder Matrosen hat häufig viel tiefer einschneidende Folgen, als das Ableben eines sehr«hochgestellten" Herrn, eines Prinzen oder einer Prinzessin! Sind nun die übertrieben langen Märsche— von den Weit- fahrten auf dein Meere wollen wir gar nicht sprechen— zur Erziehung des Mannes für den Krieg irgendwie nötig? Davon kann gar keine Rede sein. Wird mobilisiert, so eilen Millionen zu den Fahnen, die schon seit längerer Zeit keine Stunde mehr Militär- dienst geleistet haben. Darunter sind viele Hunderttausende, die in ihrem Civilberuf wenig Gelegenheit fanden, den Körper zu stählen. Alle Reservisten und Landwehrleute, die Arbeiter, Handwerker. Schreiber:c. sind, nuissen sich erst wieder an größere Rkarschleistuugeu gewöhnen. Dies wird ihnen nicht im geringsten dadurch erleichtert, daß sie einige Jahre vorher einmal einen Marsch mitmachten, bei dem die Soldaten vor Schwäche dutzendweise niederstürzten.— DeutfcKes Reich. Conto K. Eine Korrespondenz unternimmt Entschuldigungsversuche für ein Stückchen der Mirbacherei. Die Rückgabe der Summen, welche die Kirchenbauvereine von den Pommern erhalten haben, könne nicht vom Freiherrn v. Mirbach gefördert werden, der zur Zeit gar nicht im stände sei, in dieser Sache etwas zu thun. Wohl aber, so sagt der Entschuldigungszettel weiter, habe der Vorstand des Kirchenbau- Vereins schon uack der ersten Verhaftung der Schultz und Roineick die Zurückzahlung beschlossen; es sei dies jedoch erst auszuführen, „sobald die Gerichte das letzte Wort in dieser Sache gesprochen haben"; die Beträge seien auch bereits zu diesem Zwecke zurück- gestellt. Die Korrespondenz besorgt denen, welche sie weißwaschen will, schlechten Dienst. Was sie sagt, kann nur das Lachen reizen. Sollte wirklich der Kirchenbauvorstand schon früher die Zurückzahlung b e- schlössen haben? Oder ist etwa die Frage im frommen Gemüte nur sehr platonisch erwogen worden? Wäre sie beschlossen worden, so hätte sicherlich Freiherr v. Mirbach in seiner Zeugen- Vernehmung davon berichtet, während er thatsächlich erklärte:„Wenn man das Geld zurückzahlen will, wird es nach Beendigung dieses Prozesses immer noch Zeit sein". Vor allem aber: Warum führt die Frömmigkeit nicht den angeblich uralten Beschluß aus? Der Hinweis auf„das letzte Wort des Gerichts" läßt verinuten, daß man doch, wenn es irgend noch geht, sich drücken möchte. Und Freiherr v. Mirbach soll plötzlich gar� keinen Einfluß auf dies« Angelegenheit haben I Er, der das schöne Gold that- kräftig herbeigeschafft, soll ohnmächtig sein, wenn es gilt, den un- gerechten Mammon wieder abzuwälzen. Die hartnäckige Verweigerung selbst dieser einfachsten Ver- pflichtung ist gerade denjenigen frommen Zeitungen höchst peinlich, die durch die Zurückgabe des Geldes das tolle Sittenbild des Hof- bauk-Christentums bor der Oeffentlichkeit milder erscheinen zu lassen hoffen. Daher ist besonders der„Reichsbote" höchlichst erregt, daß man sich noch immer nicht zu dem unvermeidlichen Griff in den Kirchenbausäckel entschließt. Ja, der«Reichsbote" will ein „reinigendes Gericht"; er erklärt: „Wir möchten betonen, daß die Rückzahlung der specifisch vom Kirchcnbauvereiu verbrauchten Gelder(150009 M.-j- 60000 Mark 4* 25 000 M.) keineswegs genügt, daß das ganze Conto Ii ausgemerzt werden»»iß, anch die noch nicht aufgeklärte Summe von 025 000 Mark. Was und wie ihr Verbleib auch sei— e s laufen darüber im geheimen verschiedene Versionen, eine immer dem Ansehen des Hofes aliträglichcr als die andre—, die Summe ist von dem Oberhofnreistcr Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin nr i t persönlicher Unterschrift quittiert. Die Quittung liegt bei den GerichtSakteu, ihr Zustande- kommen ist vielen noch immer ein Rätsel. Sie sollte das Conto X auflösen, wie vor Gericht gesagt worden ist, sie hat aber thatsächlich 325 000 Mark für eine iuibekanntc Hand freigemacht und gedeckt, mag man diese, wie der Staatsanwalt sagte, bei den Angeklagten suchen, oder au einen andren eventuell hochgestellten Empfänger denken. Mit ihr bleibt aber nach allen Regeln des geltenden Ge- schäftSverkehrs derjenige, der die Quittung persönlich unterzeichnet hat, auch für den Verbleib der Summe haftbar; davor hätte ihn nur ein schriftlicher Vorbehalt betvahren können, daß er sie nicht empfangen habe. Sonst.muß jeder für von ihm quittierte Geld- summen einstehen. Wie auch das Geheimnis, das anscheinend noch in der Angelegeuhcit steckt, sich auch aufklärt, an der Pflicht, daß die fehlenden 325 000 M. mitgcdeckt werden. wenn sie quittiert worden sind, würde sich nichts ändern. Auch diese Rückzahlung ist also gerade im Interesse des höfischen An- schcnS unvermeidlich. Je eher man sich das klar macht, desto besser wird es sein: mit dem verlegenen Hin- und Herschwanken, mit halben Entschlüssen, mit neue» Schiebungen wird nur kostbare Zeit und weiteres Vertrauen vergeudet." Der fromme„Reichsbote" glaubt wirklich, das„Vertrauen" in die höfische Kirchenbauerei könne wieder kommen, wenn nur das Pominern-Conto geregelt wird. Aber das Pommemgeld hatte nur die Besonderheit, daß seine Spender die Grenze des Strafgesetzes allzu unvorsichtig überschritten hatten. Daß andre Spender das Geschäft vorsichtiger betrieben, ändert nichts am Wesen ihrer Gaben und an der Art dieses Kirchenbaues. Jede Quader dieser Kirchen spricht von erbeutetem Reichtum, von weltlichen Ve- gierden, von Ordens- und Titelschachcr, nur nicht von wahrer Religion und Christentum.—_ Großherzog und Kanzler. Der Karlsruher Oberbürgermeister, der in seiner Bismarckrede den Grafen B ü l o w geschildert hat, so ungefähr wie er im„Wahren Jakob" steht, der mit deutlicher Au- spielung von hohlen, Glanz, Schein, Phrasentum, pathetischer und sentimentaler Konrödienhaftigkeit, schönen Worten, glatter Ge- schmeidigkeit und freundlichein Diplomatenlächeln gesprochen hat, hat einen Brief vom alten Großherzog Friedrich erhalten, der so anhebt: .„Lieber Herr Oberbürgermeister Schnetzler! Ich fühle mich gedrungen, Ihnen auszusprechen, wie sehr ich mich an den, treu geschilderten Verlaufe der Enthüllungsfeier des Bismarck-Denkmals erfreut habe. Wie gern hätte ich dieser Feier augewohnt, um das schöne Werk unsres talentvollen Professors Moest kennen zu lerne» und die beiden Reden zu hören, welche zu lesen mich so sehr erfreute und bewegte." Graf Bülow aber lächelt weiter. Er weiß, daß, wie die Dinge liegen, die Korrektur des höfisch gewordenen Monarchismus durch überragende Wachtmeistcrpersöulichkeiten nicht zu befürchten ist.— Ein peinliches Thema. Die Deputatton der südwestafrikanischen Farmer, die jetzt in Deutschland weilt, ist vom Kaiser nicht em- pfangen worden. Für die Verweigerung der erbetenen Audienz glaubt die„Preußische Korrespondenz" folgenden Grund angeben zu können. Zu Beginn der Unruhen se, der Kaiser höchst unwillig über die Art gewesen, in der unire Kolonialbehörden sich von dem Aufstand hätten überraschen lassen. Damals soll er gesagt haben: „Ich bitte mir dringend aus, daß von Südafrika zu mir und in meiner Gegenwart nicht mehr gesprochen wird, bis der erste Sieg da ist!" Dieses Wort sei als Befehl aufgefaßt worden und Graf Bülow warte„un auf einen Sieg, um die Deputation dann dem Kaiser vorzustellen. Sollte der Kaiser wirklich Regierungssorgcn, wie die südwest- afrikanische, ausschließlich dem verantwortlichen Reichskanzler über- lassen wollen, so wäre das ein ebenso überraschender wie erfreulicher Anfang eines konstitutionellen Regimes.— Die Wahlrcchtsfrage in Bayern. München, 13. Juli. Kammer der Abgeordneten. Das Haus setzt die vorläufige Beratung des Antrages Hammerschmidt betr. die Proportionalwahl, sowie des zugehörigen Antrages Andreae fort. Der Mini st er des Inner» Freiherr v. Feilitzsch erklärt: Ueber die formelle Zulässigkeit des Antrages Hammer- schmidt sind die Meinungen geteilt, da die betreffenden Verfassungs- bcstimmlmgen verschieden verstanden werden. Die Staatsregierung wird immer die Verfassung wahren; aber es ist überflüssig, die verfassungsrechtliche Frage heute principiell theoretisch zu erörtern, da schon praktische Erwägungen dahin führen, daß dieser Gegenstand in dieser Tagung nicht mehr erledigt werden kann. Die Verfassung bcstiinint, daß über einen Jnittativanttag, der eine Verfassungsänderung bezweckt, dreimal in Zwischenräumen von acht Tagen in Anwesenheit von Dreivierteln der Mitglieder in der Kamnier der Abgeordneten und im Reichsrat beraten werden muß. Das ist nach Lage der Sache in dieser Session nicht möglich. Eben- sowenig kann die Regierung eine Nachsession in Aussicht stellen, da die Regierung jetzt Zeit braucht zur Vorbereitung des nächsten Budgets und andrer Arbeiten. Außerdem ist stark zu bezweifeln, daß der Antrag Hammerschmidt irgendwelche Aussicht auf Annahme in beiden Kammern hat; denn die Proportionalwahl ist oft behandelt worden, hat aber bei der Mehrheit des Hauses zumeist wenig Gegenliebe gefunden. Ruedorjfer(C.) spricht sich aus materiellen wie ans formellen Griinden gegen den Antrag Hammerschmidt aus. E h r h a r t(Soc.j führt unter lebhafter Polennk gegen die Liberalen ans, die Socialdemokraten würden für den Antrag Hammerschmidt stimmen, obwohl sie ihn für aussichtslos hielten und glaubten, daß es de» Liberalen mit der Proportionalivahl nicht ernst sei. G e y g e r- München(C.) erörtert nochmals die verfassungSrecht- lichen Bedenken gegen den Antrag; für die ablehnende Haltung des Centrums seien aber sachlich- materielle Gründe ebenso maßgebend wie formelle juristische Bedenken. Nach Schluß der Debatte wurde zunächst darüber abgestimmt, ob der Antrag genügend unter st ützt wird. Nach gesetzlicher Vorschrift sind die Stinimen von 76 Abgeordneten zur Unterstützung erforderlich. Das Resultat der Abstimmung war: 59 Abgeordnete stimmten für, 08 gegen Unterstützung. Daraus folgt, daß der An- trag nicht genügend unterstützt ist und damit ist der Äntrag Hammer« schmidt uiid ebenso der zugehörige Antrag Andreae erledigt. Für Unterstützung stimmten die Liberalen. Socialdemokraten und Freie Vereiuigrmg, gegen Unterstützung: das Centrum. Damit ist der liberale Versuch begraben, durch ein Täuschung«- mauövcr die frühere Verhinderung der bayrischen Wahlreform bei der Bevölkerung in Vergessenheit zu bringen. Die Liberalen hätten niemals das Proportional-Wahllystem beanttagt. wenn sie mcht wußten, daß ihr Antrag unter den jetzigen Umständen gänzlich aus- sichtslos ist.—_ Karlsruhe, 13. Juli.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Die Badische Wahlrcchtsvorlage ist gesichert, da die Erste Kamnier sich heute in den Differenzpunkten den Beschlüssen der Zweiten Kammer angeschlossen hat.— Eine Depestbe des„W. T. B." meldet: Die Erste Kammer nahm heute den Gesetzentwurf betreffend die Verfassungsrevision mit allen gegen 4 Stimmen an, und zwar in Bezug auf das Budget nach den letzten Beschlüssen der Zweiten Kammer, sodaß als der einzige Differeuzpunkt noch das Stell- vertreterrecht der Standesherren besteht. Das VerfassungSwerk erscheint demnach gesichert. Brannschweig, 13. Juli. Major v. Sydow hat im Namen seiner wegen Mißhandlung ihrer Tochtsr zu vier Monaten Gefängnis ver- urteilten Ehefrau gegen das Urteil der Strafkammer Revision beim Reichsgericht eingelegt.—_ MajcstätsbclcidignngS-Prozcß. Vom Reichsgericht wird berichtet: Wegen Majestätsbeleidigung ist am 16. Januar vom Landgericht Zwickau Frau Dr. Rosa Luxemburg zu drei �Monaten Ge- fangnis verurteilt worden. Am 7. Juni v. I. sprach sie in Mülseu- St. Michael in einer Versammlung über den Zolltarif. Sie erwähnte dabei die Ansprache, die der Kaiser in Breslau an eine Arbeiter- deputation gehalten hatte. Die vom Kaiser geäußerte Ansicht, daß der deutsche Arbeiter jetzt bis in sein hohes Alter eine gute Existenz habe, wurde von ihr als unrichtig bezeichnet. In der Art, wie sie dies gethan, wurde eine Majestätsbeleidigung erblickt. Der Vorwurf des mangelnden Blickes für die Vorgänge im Deutschen Reiche und in bezug auf die wirtschaftliche Lage der Arbeiter sei, so hieß es im Urteile, für den Kaiser ehrenkränkend. Eine gewisse eigne Bekanntschaft mit solchen rechtlichen und thatsächlicheir Ver- Hältnissen sei für den Kaiser unerläßlich. Dieser Vorwurf sei aber für den Kaiser umsomehr ehrenkränkeud, als er gerade allen die Lohnarbeiter betreffende» Dingen das weitestgehende Interesse entgegengebracht und die Förderung der Wohlfahrt der Arbeiter als eine seiner Hauptaufgaben bezeichnet habe. Ihre Aeußerung habe die Angeklagte noch dazu in einer Weise vorgebracht, die geeignet war, den Kaiser in den Augen ihrer Hörer herabzusetzen, und zwar indem sie ihn als einen Mann hinstellte, der in China oder Japan gelebt haben müsse, um gewisse Dinge nicht zu kennen.— Die Revision der Angeklagte» kam am Dienstag vor dem Reichsgericht zur Verhandlung und lvurde von Rechtsanwalt Löwen st ein aus Berlin ver- treten. Er vertrat die Ansicht, daß das Reichsgericht, da der Wort- laut der inkriminierten Aeußerung klar vorliege, selbst an die Aus- lcguug herangehen könne und sich nicht auf die Auslegung durch das Landgericht zu stützen brauche. Er suchte dann nachzuweisen, daß bei richtiger Auslegung durchaus keine Majestätsbeleidigung in den fraglichen Worten gefunden werden müsse. Man könne dem Kaiser durchaus nicht zumuten, über die wirtschaftliche Lage aller Arbeiter orientiert zu sein, ebenso wenig könne man von ihm verlangen, daß er sich um alle einzelnen gesetzgeberischen Maßnahmen kümmere.— Der R e i ch s a n w a l t verwies jedoch daraus, daß es ständige Praxis des Reichsgerichts sei, die rechtliche Beurteilung des Land- gerichts zur Grundlage der Revision zu nehmen. Die Beurteilung des Sachverhalts lasse aber keinen„Rechtsirrtum" erkennen.— Das Reichsgericht erkannte sodann auf Berwcrfnng der Revision. In jener Breslauer Rede vor einer Arbeiterdeputation hatte der deutsche Kaiser nicht nur die sociale Sicherung der Lebenshaltung der deutschen Arbeiter ausgesprochen, sondern auch die denkbar schärfsten Angriffe gegen die Socialdemokratie erhoben. Es heißt in der Rede u. a.: Slatt Euch objektiv zu vertreten, haben diese Agitatoren(die Socialisten) Euch aufzuhetzen versucht gegen Eure Arbeitgeber, die andren Stände, gegen Thron und Altar, und Euch zugleich auf das rücksichtsloscstc ausgebeutet, terrorisiert und geknechtet, un: ihre Macht zu stärken. Nicht zur Förderung Eures Wohles, sondern um Haß zu säen zwischen den Klassen und zur Ausstreuung feiger Verleumdungen... Mit solchen Rienschen könnt und dürft Ihr als ehrliebende Männer nichts mehr zu thun haben und nicht mehr von ihnen Euch leiten lassen. Nein! Sendet uns Eure Freunde und Kameraden auZ Eurer Mitte, den einfachen, schlichten Mann aus der Werkstatt, der Euer Vertrauen besitzt, in die Volksvertretung..." Nach solche» Anschuldigungen lvar es natürliche Pflicht der socialdemokratischen Parteivertreter, in der Wahlbewegung des vorigen Jahres zur Abwehr zu greifen, und daS Urteil des 16. Juni hat dann gezeigt, wie Millionen der deutschen Arbeiterschaft über die Agitatoren und über diese Aufforderungen des deutschen Kaisers denken. Ein Zeichen der I u st i z unsrer Zeit aber ist es, daß eine Socialdemokratin, die zu den so schwer Angeschuldigten sich zählen mußte, bei so milder Kritik des hochgestellten Änschuldigers dennoch zu drei Monaten Gefängnis verurteilt werden kann. Von neuem zeigt dieser Vorgang eindringlichst die UnHaltbarkeit des MajestätSbeleidigungs- Paragraphen des Strafgesetzbuchs. Es ist ein ungerechtes Gesetz, das dem Mächttgsten jeden An- griff freistellt, aber dem Angegriffenen in der Abwehr die engsten Schranken zieht und bei jeder Ueberschreitung ihn mit schwerster Strafe bedroht.— Hireland. Im Lande des FürstcnmordeS. Anerkennung der Mörder. Salven gegenArbelter. Aus Belgrad wird vom 12. Juli telegraphiert: Heute abend fand das erste diplomatische Diner im KönigSpalais statt. König Peter trank auf das Wohl der fremden Souveräne und Staatsoberhäupter. Nach der Be- grüßung der Vertreter derselben erklärte der König, er sei glücklich, zu konstatteren, daß es ihm gelungen sei. in seinem ersten Regierungsjahre die Freundschaftsbande zwischen Serbien und den fremden Staaten enger zu knüpfen. Als Doyen des diplomatischen Corps erwiderte der österreichisch. ungarische Gesandte Dr. Dumba, er teile die Befriedigung über die glücklicheriveise bestehenden, vom König hervorgehobenen guten Beziehungen zwischen Serbien und den Großmächten. Die Aufgabe des Diplomatencorps, diese Beziehungen zu festigen, werde erleichtert durch die Fortdauer der konservativen und friedlichen Politik der Regierung. Dr. Dumba trank auf das Wohl des Königs und der königlichen Familie, sowie auf das Gedeihen Serbiens. Das ist die europäische Anerkennung des neuen KönigttimS, daS durch grausige Mordthat der höchsten Offiziere zur Macht ge- langte. Als vor Jahresfrist das serbische KöuigSpaar ermordet wurde. verhielten sich die„Großmächte" und ihre Oberhäupter zunächst kühl und abwartend. ES ging nicht an, den Völkern das Schauspiel zu geben, daß die Mordthat an einem König und einer Königin von TotteS Gnaden•— waren sie auch nach der Meinung andrer Leute schuftigste Lumpe— durch die Anerkennung des Nachfolgers auf dem Throne gebilligt und geheiligt werde. Doch nur kurze Zeit hilft auch über diese Skrupel des Gottesguadentums. Der Erfolg i st a l l e s. Nun ist Peter von Gottes Gnaden und Freund der übrigen Souveräne Europas. Wie es im Lande Peters, der bei seiner Berufung auf den Thron als überaus liberaler Mann gefeiert wurde, in Wirklich- keit aussieht, zeigt die folgende Nachricht, die uns telegraphisch aus K r a g u j e w a c, der alten Hauptstadt Serbiens, zugeht: Seit längerem wird das Militär durch die reaktionären Elemente gegen die Arbeiterschaft verhetzt. Als gestern abend Arbeiter in einem Lokale versamnielt waren, wurde eine ganze Compagnie Soldaten gegen sie aufgestellt und man gab ohne jeden Grund auf die Arbeiter mehrere Saluc» ab. Mehrere Arbeiter wurden verwundet, unser Abgeordneter Dr. Jlits wurde mit dem Tode bedroht. Ueberhaupt herrscht die wildeste Unterdrückungs- Wirtschaft gegen die Socialdemokratie. Schweiz. Bern, 13. Juli.(Meldung der Schweizerischen Depeschen- Agentur.) Die Handclsvcrtrags-Ünterhandlnngen mit Italien iverden heute abend zuni Abschluß gelangen. Der alte Vertrag bleibt über den 17. September, für welchen er gekündigt ist, in Kraft. Der neue Vertrag wird der Bundesversannnlnng erst im Dezember zur Ratifikation unterbreitet und vorläufig nicht veröffentlicht werden.— Frankreich. Schliessung kongrcganistischcr Schulen. Paris, 12. Juli.(Eig. Bcr.) Am 7. Juli ist das Gesetz bc- treffend Abschaffung des kongrcganistischen Unterrichts in Kraft ge- treten. Drei Tage daraus begann Combes mit der Anwendung des Gesetzes. Es war Gefahr im Verzuge. Denn die Scliließungs- betrete müssen laut dem Gesetz den Kongregationen und den Direktoren der zu schließenden Schulen spätestens zwei Wochen vor Ende des Schuljahres, also am 16. Juli, mitgeteilt werden. Durch die jetzt veröffentlichten Dekrete werden geschlossen: 7b1 Schulen der„Brüder der christlichen Lehre", 1054 Nonncnschulen verschiedener Unterrichtsordcn und 593 Schulen, die im Nebenberuf von.,Wohlthätigkeits"-Ordcn geleitet werden, zusammen 2398 Schulen. Damit ist die Schließungsaktion bis zum Schuljahre 1905/1906 unterbrochen. Bis auf weiteres bleiben noch bestehen 662 Anstalten der Schulbrüdcr und ungefähr 1200 Nonnenschulen, zusammen 1862 Schulen. Bei der Durchführung des Gesetzes muß nämlich die materielle Möglichkeit der sofortigen Aufnahme der kon- greganistischen Zöglinge in die öffentlichen Schulen des betreffenden Ortes berücksichtigt werden. Der Rest der Ordensschulcn wird all- jährlich in dem Matze getroffen werden, wie die notwendigen öffent- lichcn Schulbanten und was dazu gehört da fein werden. Spätestens aber sind nach dem Gesetz sämtliche Ordcnsschulen binnen zehn Jahren zu schließen. Ein Regierungswechsel im klcrikalfrcundlichcn Sinne könnte also in dieser Beziehung nur die gesetzlich festgelegte Maximal- frist voll ausnutzen, nicht mehr. So weit, so gut. Indes bedeutet die Abschaffung des kon- greganistischen Unterrichts, wie bereits mehrfach betont, keines- ivegs die Abschaffung des klerikalen Unterrichts. Tie weltlich umgekleideten Mönche und Nonnen sowie der weltliche Klerus werden bis zu einem gewissen Grade für die geschlossenen Schulen der ge- nehmigten Kongregationen Ersatz zu schaffen wissen. Die Er- fahrung mit der Schließung der nicht genehmigten Schulen hat das gezeigt. Anderseits ist ja in das Gesetz vom 7. Juli, trotz der Rc- gicrung und ihrer Kerntruppcn, die Bestimmung betreffs der > Noviziate der Unterrichtsorden hineingeschmuggelt worden, wonach die sonst auf dem Aussterbe-Etat gesetzten Orden dennoch Novizen aufnehmen dürfen, um ein Lehrpersonal für ihre Schulen im Aus- land, in den Kolonien zind in den Protcktoratsländern heranbilden zu können. F. B u i s s o n. der Berichterstatter des Schulgesetzes, ist der Ueberzcugung, daß die Noviziatsklausel die Auflösung der Unterrichtsordcn unmöglich mache und so die Wirkung des ganzen Gesetzes lähmen müsse. Jedenfalls ist auch das neueste, relativ ein- schneidenste Gesetz bloß eine Etappe im Kampfe gegen die klerikale Schule, keine endgültige Entscheidung dieses Kampfes zu Gunsten der weltlichen Schule.—>_ Paris, 13. Juli. Deputiertenkammer. Zur Beratung stehen die indirekten Steuern. Magniaude(Soc.) will wegen der Einkommensteuer interpellieren. Der Finanznnnistcr und der Minister- Präsident versprechen, daß diese Frage beim Wiederzusammentritt des Parlaments im Oktober zur Beratung gestellt werden wird. Der Antrag Magniaude wird darauf mit 346 gegen 119 Stimmen abgelehnt.— Italien. Frankreich dementiert. Aus Rom wird telegraphiert: Um den von einigen Blättern verbreiteten Gerüchten die Spitze abzubrechen, ist die französische Botschaft ermächtigt worden, der italienischen Regierung zu erklären, daß der französischen Regierung wie dem französische« Genrralstab der Kapitän Ercolesst sogar dem Namen nach unbekannt war und sie ihn erst durch die Nachricht von seiner Verhaftung erfuhren.— Ein neuer socialistischer Sieg wird aus Bordighera ge- meldet. Dort siegte bei den am Sonntag stattgehabten Ergänzungs- wählen zum Gemeinderat die socialistische Liste mit großer Mehrheit über den antisocialistischen Block. Vor dem Hause des mit großer Majorität zum Bürgernreifter gewählten Genossen Advokat Rossi fand eine imposante Demonstration statt.— Ruhland. Ein Socialdemokrat vor Gericht. ES wird uns berichtet: Am 16. Juni hat in der Stadt Kamenetz eine interessante Gerichts- Verhandlung stattgefunden. Ein mehrfach„vorbestrafter" russischer Sociakdeniokrat, Namens Michael Nasarjew, sollte sich vor dem„Gericht der Ständevertreter" verantworten— einer Art Geschworenengericht, zu dem die zarische Negierung in den Fällen Zuflucht nimmt, wo ihr die Öeffenllichkeit der Gerichtsverhandlung unbequem ist. Nasarjew war als Mitglied der Russischen Socialdemokratischcn Partei und des Auswärtigen Verbandes russischer Socialdemokraten wegen politischer„Umtriebe" angeklagt und das Besondere dieses Falles lag eben darin, daß er vor ein bürgerliches Gericht gestellt wurde, statt, wie gewöhnlich, auf„administrativem Wege", das heißt durch Gendarmen und Polizei abgeurteilt zu werden. Nasarjew benutzte auch die Gelegenheit. um in einer ausführlichen Rede die Motive seiner politischen Thätigkeit und die Grundsätze der Socialdemokratie auseinanderzusetzen. N. hat auch be- reits ein bewegtes Leben hinter sich: zweimal war er in Ruß- land als Agitator verhastet und verurteilt, zweimal in den Petersburger Gefängnissen schwer durch Schläge mißhandelt worden, und merkwürdigerweise dasselbe sollte er auch in der freien französischen Republik auslosten; im März 1902 hatte er nämlich bei seiner Anwesenheit in Paris an der damaligen Demonstration der Arbeitslosen teilgenommen, wurde von den Agenten des Herrn Lspine schwer geschlagen und zum Schluß zu drei Monaten Ge- fängniS, sowie zur Ausweisung aus Frankreich verurteilt. Die Richter in Kamenetz hörten ruhig und aufmerksam den Ausführungen des russischen Socialdemokraten zu, ohne ihn zu unter- brechen oder zu stören. Er wurde verurteilt zu L'/z Jahren Arrestantencompagnie.— Türkei. Allerlei Unruhen. Konstantinopel, 13. Juli.(Meldung des Wiener K. K. Tclegr.-Korr.- Bureaus.) Zu derselben Zeit, als bei Badoma das Eisenbahnunglück stattfand, kam es bei Amatovo auf der Strecke Saloniki— Uesliib zwischen den die Eisenbahnlinie bewachenden Soldaten und Komitatschis zu einem Kampfe. Letztere wurden zerstreut, ein Soldat wurde schwer und ein Eisenbahnaufseher leicht verletzt. Seitens der Regierung wurden die notlvendigen Maßnahmen getroffen, um in wirksamster Weise(?) Anschlägen gegen die Eisenbahnzllge vorzu- beugen. DaS Gerücht, daß die bei Station Amatovo vorgefundene Dynamitmine zu einem Anschlage auf die Stellvertreter der Civil- agenten hätte benutzt werden sollen, ist unbestätigt und auch un- wahrscheinlich. In diplomatischen Kreisen ist man der Ansicht, daß dieser Anschlag nicht als Wiederbeginn der Komitee- b e w e g u n g gedeutet werden dürfe, da das Komitee entgegen- gesetzte Weisungen gegeben habe. Trotzdem dürften die Maßnahmen an der bulgarischen Grenze verschärft werden. Auch die Demobili- sieruug wird infolge des Anschlages möglicherweise hinausgeschoben werden. Vorläufig ist beschlossen, die Hälfte der mobilen Redif- bataillone zu entlassen und dafür die Nizambataillone zu verstärken und zehn Redifbataillone zweiter Klasse einzuberufen. Bei Bandenkämpfen in Guemenksche iin Bezirk Jenidsche-Vardar, Wilajet Saloniki, am 2. Juli wurden über 30 Häuser nieder- gebrannt und geplündert. Der Generalinspektor erhielt von den Vorgängen erst durch die Civilagentcn Kenntnis, da der Wali von Saloniki das Vorgefallene zu vertuschen suchte. Der die Schuld tragende Kaimakam von Jenidsche-Vardar ist abgesetzt und dem Gericht überwiesen worden, was durch telegraphffches Cirkular in den drei Wilajets bekannt gegeben wurde. Die Civilagenten entsandten ihre Stellvertreter zur Untersuchung nach Guemenksche. Die offizielle Meldung des Kaimakams über den Kampf von Guemenksche, wonach Feuer durch Bombenwürfe entstanden und von den Komitatschis 29 gefallen wären, erweist sich als unrichtig. Die richtige Darstellung ist folgende: Nachdem die türkischen Behörden er- fahren hatten, daß sich in einem bulgarische» Hause in Guemenksche der Unterführer Bosin des Baudenführers Apostol mit sechs Mann verborgen halte, wurde das Haus umringt. Der Kanipf dauerte von 2 Uhr nachmittags bis zum Eintritt der Dunkelheit. Nachdem bis 5 Uhr nachmittags die Ueberwältigung der Bande nicht gelungen war. wurden die Häuser in Brand gesteckt. Der Zweck dieser Maßregel wurde nicht erreicht, indem eine große Feuersbrunst entstand, in welcher 33 Hänser eingeäschert wurden und 110 Familien obdachlos wurden. Der Schaden wird auf 30—35 000 Pfund geschätzt. Während des durch das Feuers entstandenen Wirrwarrs entkam die Baude. Ein Komitatschi ergab sich, drei Personen wurden auf türkischer Seite verwundet. Da ein großer Teil der durch das Feuer und die Plünderung Geschädigten Griechen sind, hat das ökumenische Patriarchat beschlossen, bei der Pforte Vorstellungen zu erheben.— Amerika. Santiago de Chile, 12. Juli. Der hiesige Korrespondent der „Agence Havas" hatte mit dem Finanzminister Maximiliano Jbanez eine Unterredung, in deren Verlans der Minister erklärte, der äußere Kredit habe sich infolge des Aufblühens der Industrien, namentlich der Salpeter-Jndustrie, gebessert. Es sei für lange Zeit hinaus nicht notwendig, zur Aufnahme von Anleihen zu schreiten. Die Ein- nahmen des Jahres 1905 seien auf 143 Millionen, die Ausgaben auf 126 Millionen Pesos veranschlagt. Der Ucberschuß solle für Eisenbahnbauten und produktive Verbesserungen verwendet werden. Der Fonds zur Einlösung des Papiergeldes sei für 1905 verstärkt worden. Der Minister deutete an, die Regierung werde in den Kammern beanttagen, unproduktive Ausgaben zu vermeide» und die Finanzkräste des Landes für den Bau von Eisenbahnen und für andre einen Fortschritt darstellende Arbeiten zu ver- wenden.—_ Königsberger Geheimbunds- und Hochverrats-Prozeß. Königsberg, 13. Juli. Zlveiter Verhandlungstag. Die für den heutigen Tag geladenenZeugen werden bis 12 Uhr entlassen. Der Staatsanwalt fragt den Angeklagten Kugel noch über einen Brief Brauns an Treptau, in dem von Drohungen Kugels gegen die Partei die Rede ist. Kugel erklärt, sich auf keinerlei Drohungen, die er ausgestoßen habe, besinnen zu können. Dann wird in der Vernehmung der Angeklagten bei dem Angeklagten Treptau fortgefahren. Treptau bestreitet sehr entschieden, sich schuldig gemacht zu haben, und führt aus: Vor etwa drei Jahre schrieb ein russischer Parteigenosse aus der Schweiz an mich, ob ich Pakete für ihn in Empfang nehmen wollte. Später besuchte mich dieser Genosse, der sich„Skubiris" nannte, und ich ersah ans dem Gespräch, daß er ein wirklicher Sozialdemokrat war. Diese Pakete sollten von Leuten, die sich durch den Buchstaben„S" legitimierten, abgeholt lverden und wurden es auch. Warum sollte ich das nicht für einen Parteigenossen thun?— Der Vorsitzende hält dem Angeklagten entgegen, daß er aus verschiedenen Schweizer Orten und unter verschiedenen Namen solche Schriftscndungen empfangen habe. Der Angeklagte erklärt, er habe darauf kein Ge- wicht gelegt, weil er wußte, daß sie von„Skebikis" kamen.„Auf einer Durchreise nach Rußland", erzählt der Angeklagte Treptau weiter,„hat Skubbik einen Koffer mit Wäsche und Schriften bei mir gelassen und verlangte ihn später von der Schweiz aus von mir zurück. Ich schickte ihn aber nicht. Der Polizei gegenüber habe ich jede Aussage verweigert, weil ich dieses ganze Verfahren gegen russische, doch in Deutschland nicht verbotene Schriften für ungesetzlich hielt. Die bei mir vor- gefundenen Schriften stammen ans der letzten Schweizer Sendung. Schließlich erhielt ich noch von Charlottenburg durch den Tischler Ehrenpfort mit mehreren Briefen einige Sendungen, die auch auf den Buchstaben„8" abgeholt wurden. Nunmehr richtet der Vorsitzende an Treptau die Frage nach den Zielen der deutschen und russischen Socialdemokratie.— Der Angeklagte beruft sich auf ein Gespräch mit„Slubikis", auö dem er die Identität der deutschen socialdemokratischen und der russischen socialdeniokratischen Ziele ersehen habe. Von einer terra- ristischen Richtung weiß ich nichts. Ich weiß nur, daß Alexander Hl. an dein Mordverinch gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien be- tciligt war. Daß grade die s o c i a l d e m o k r a t i s ch e Presse besonders häufig Majestätsbeleidigungen begeht, i st mir nicht bekannt. Blätter aller Parteien sind deswegen ver- urteilt worden.— Vors.: Aber die socialdemokratische Presse be- handelt doch den russischen Zaren wenig glimpflich.— V e r t.: Das macht die liberale Presse doch ebenso.— Vors.: Bitte, da? können Sie in der Verteidigungsrede ausführen. Der Angeklagte' Treptau wird nun über die Herkunft der an ihn gerichteten Sendungen befragt und gicbt als möglich zu, auch aus andren Orten im Jnlande als Charlottcnburg russische Schriften empfangen zu haben. Das Bestellgeld hat der Augeklagte nach seiner Aussage ausgelegt, aber schließlich, weil er es nicht zurück- erhalten und noch Vorwürfe erfahren habe, den ganzen Ver- mittelnngSvcrkehr eingestellt— lieber die Unterstützung Kugels sagt der Angeklagte aus. dieser habe wieder- holt Unterstützungen von 100, 50, 20 Mark usw. erhalten. Er sei wie alle Parteigenossen durch seine Thätigkeit für die Partei schwer geschädigt worden und sei im übrigen ein fleißiger gelvissen- hafter Arbeiter gewesen. Schließlich wird auf Befragen der B e r- t e i d i g u n g festgestellt, daß Treptau als Vertrauensmann in Memel lettische Flugblätter zur Reichstagswahl im Austrage der social- demokratischen Partei verbreitet habe. Nunmehr werden die Briefe von und an Treptau zum Gegenstand der Verhandlung gemacht.— Zunächst wird der Brief des Tischlers Linde aus Königsberg verlesen. In dem heißt es: «Wenn die Russen das Geld für Kugel noch nicht gegeben haben, so schreibe mir." Nach der Erklärung der Angeklagten Treptau und Kugel bezieht sich das darauf, daß russische Parteigenossen bei Kugel logiert haben, ohne ihn zu bezahlen.— Es kommt weiterhin die ganze Korrespondenz Treptaus als Vertrauensmann zur Verlesung. In einem Briefe des Rechtsanwalts Haase heißt es:„Bilder aus dein Auslande zu schicken ist eine russische Unvor« sichtigkeit. Reklamieren Sie sofort bei dem„Provinzialsteuer- Direktor". Sonst enthält der Brief privatrechtliche Auskünfte und Erkundigungen. Weiterhin wird ein Brief der Königsberger Partei- leitung, gezeichnet Julian Borchardt, verlesen, durch den Treptau seines Vertrauensamtes entsetzt wird. Treptau wird darin wegen der Einbehaltung des Ktoffers getadelt, um den sich der Russe die Finger wund geschrieben habe. Treptau habe russische Broschüren verkauft und das Geld für sich behalten. Nur weil er aus Not gehandelt habe, habe man von seinem Ausschluß aus der Partei abgesehen. Es folgen Briefe des„Skubikis". Der letzte ist mit Bleistift während der Fahrt Skubbiks von Rußland nach Zürich in der vierten Wagenklasse geschrieben. Skubbik schildert die ständige Angst, in Nußland verhaftet zu werden, und schildert die Fortschritte der revolutionären Propaganda in Rußland. Das Land sei ein Revolutionskessel, es müsse zum Kriege kommen. Die hohen Herren in Petersburg machten sich schon vor Angst in die Hosen. Zum Schluß steht eine Mahnung wegen des Koffers, in dem Taschenbücher— in den Akten der Verteidigung steht, wie der Verteidiger Haase hervorhebt, Taschen- tücher— seien. Ein andrer Brief ist nicht unterzeichnet. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß die Handschrift ganz anders als die Skubbiks sei. Der Unbekannte bittet um Uebermittelung etlva bei Treptau eingelaufener Briefe für ihn. Treptau leugnet die Bekanntschaft mit dem Schreiber. Verteidiger Liebknecht erklärt, daß die Ver- teidigung den Belveis dafür antreten werde, daß solche Aufträge an vertrauenswürdige Parteigenossen oft ohne vorherige Verständigung erfolgten. Ferner stellt Verteidiger Haase auf Befragen fest, daß Treptau im Auftrage Peter Struves und Lina Struves Briefe in den Kasten befördert habe.— Wettere Korrespondenz betrifft zwei Postkarten von Skubbik.— Verteidiger Liebknecht: Herr Direktor, wollen Sie vielleicht feststellen, daß anfder Vorderseite der Karte mit deutlicher Handschrift„Ed. Skubbik" als Absender steht.— Vors.: Allerdings, die Postkarten enthalten Mahnungen nach dem Koffer, nach zwölf Nummern der„Morgen- röte", nach Herstellung eines ständigen Seeweges nach Rußland usw. — Es folgt ein Brief vom 18. Januar 1902. Auf der Rückseite des Umschlages steht„Sknbbikis". Es heißt da:„Mich für Rolans Leichtsinn verantwortlich zu machen, ist Unsinn". Im Zusammen- hang damit ist von Geldforderungen sowie von einer Erklärung Kugels die Rede, daß Skubbik von ihm nichts geborgt habe.— Vorsitzender: Angeklagter Kugel, geben Sie vielleicht jetzt zu, von Skubbik Geld bekommen zuhaben.— Angeklagter Kugel: Er hat mir einmal aus Mitleid ein paar Dittchen geschenkt, aber keine 60 Mark. Vors.: Was bedeutet hier: Schicke Ernst und mein Adreß- buch? Ist das vielleicht Ernst Rolan? und wer hat ihn über die Grenze gebracht?— Die Angeklagten Treptau unt» Kugel geben an, Rolan nicht zu kennen.— Vors.: Was heißt hier der Satz: Liegt noch Schnee ans der Grenze?— Angekl. Treptau: Das ist wegen des Schmuggels. Wenn Schnee gefallen ist, sind die Spuren zu leicht zu sehen.— Vors.: Nun, Angeklagter Treptau, Sie müssen doch bei den vielen Bitten Skubbiks endlich einmal ein menschliches Rühren empfunden haben(Heiterkeit), denn es sind bei Ihnen zwei halbauSgefüllte Zolldeklarationen ge- fundcn worden.— Angekl. Tr e p t a u: Die sind von Klein bei der Abscndung des KofferS von Skubbik geschrieben, aber von der Zoll- bchörde als ungenügend zurückgewiesen worden.— Schließlich werden Briefe eines jungen Parteigenossen Kombartzki aus Hcydekrug bei Memel verlesen, der um Parteilitteratur bittet und einen socialdemokratischen Verein in seinem Wohnort gründen will. Sein Name kommt auch in einem Briefe Skubbiks vor, er ist aber nicht ermittelt worden.— Der Erste Staats- a n lv a l t und der Angeklagte Treptau vermute», daß Kombartzki zur Zeit beim Militär ist.— Es folgen Briefe, F. und W.Ehren- p f o r t unterzeichnet, mit ganz verschiedenen Handschriften. In den Briefen sind folgende Stellen bemerkenswert: Wir wollen Frau Kugel gern unterstützen, aber viel wird nicht herauskommen. Wir werden nach Kräften geben, haben abcr wenig Verbindungen mit andern Organi- sationcn. Antwort erbitten wir in geschlossenem Brief an Fritz Ehrenpfort Wenn der Jude früher kommt, so gieb ihm die Pakete aus Leipzig. — Angekl. Ehrenpfort erkennt diesen Brief nicht als von ihm geschrieben an.— Veit. Liebknecht: Ist dieser Zettel, in dem es heißt,„Antwort erbitten wir an Fritz Ehrenpfort, Charlotten- bürg, Kantstr. 132, im geschlossenen Brief",(der erste, durch den Treptau von Ehrenpfort erftihr?— Angekl. Treptau kann sich nicht entsinnen.— Erster Staatsanwalt: In diesem Brief- fragmcnt steht: diesmal kommen 40 Pakete. Das Wort„dies- mal" zeigt, daß es nicht das erste Mal ist.— Vert. Haase: Diesmal kann das erste oder das letzte Mal sein. Dagegen geht aus der unpersönlichen Forin der Adreßangabe hervor, daß dieser Brief nicht von Ehrenpfort herrührt und zum erstenmal seinen Nanien nennt.— Vors.: Diese Schluß- folgerung ist doch nicht zwingend! Vorgelesen wird ferner ein Dankbrief von zwei Russen aus Paris, die auf der Durchreise von Treptau bewirtet worden sind. Die Russen danken und grüßen Treptau und seine Verwandten. Sie schließen: Vergessen Sie gar nicht„Großmutter" zu grüßen. (Große Heiterkeit.) In einer Nachschrift heißt es: M i n k a kommt bald hierher.— Vors.: Ist dies der russische Revoluttonär E. Minka in London, von dem Sie nach Ausweis der Zoll- behörde wiederholt Druckschristen erhalten haben? Angeklagter Treptau weiß das nicht mehr.— In andren Briefen fordert Lina v. Struve den Angeklagten Treptau auf, Briefe ftir sie nach Rußland zu schicken. Solche Briefsendungen sind bei den Haussuchungen bei Treptau vorgefunden worden. Sie enthalten Nummern der„Oswoboschdenje". Ferner sind bei der Haussuchung gefunden worden: erstens ein Wahlzettel für Otto Braun. Auf der Rückseite ist von fremder Hand die Adresse von I. Weßmann geschrieben. Von diesem Weßmann liegt ferner ein Brief an Treptau vor, indem er diesen ersucht, sofort zwei Pakete Druckschriften nach Wien zu senden. Mertins habe deswegen an ihn telegraphiert.— Angekl. Mertins bestreitet das; er kenne den Weßmann gar nicht.— Angekl. Treptau erklärt, daß er die Adresse Weßmanns nicht auf den Zettel geschrieben habe, sondern vielleicht der ihn besuchende Russe. Schließlich wird ein unbenutzt gebliebener Briefumschlag an Weßmann und von derselben Hand wie die Adresse von E. Minka in London aus den beschlagnahmten Papieren vor- gelegt. Das letzte der bei Treptau beschlagnahmten Stücke ist der Ärbcitcr-Notizkaleiidcr von 1904, der di- verschiedensten, von zweifellos verschiedenen Handschristen herrührenden Adressen enthält, ferner eine Quittung über 100 Rubel an„Ernst".— Vors.: Ist das Ernst Rolan?— Angekl. Treptau erklärt, das nicht mehr zu wissen.— Vors.: In dem Kalcndimum find als Gedenktage zahlreiche Mord- tage angegeben.— Angekl. Treptau erklärt, der Kalender sei in Deutschland gedruckt.— Verteidiger Haase: Ich beantrage, das ganze Kaie ndarium vorzulesen: die Verteidigung kann unter keinen Umständen gestatten, daß hier Einzelheiten vorgetragen werden, die den Charakter gar nicht wiedergeben.— Verteidiger Liebknecht: Ich schließe mich d e m A n t r a g e an: der Kalender verzeichnet nur Mordthaten, wen» sie von historischer Bedeutung sind.— Vors.: Aber die russischen Mordthaten über- wiegen:— Vert. Liebknecht: Weil da die m ei st en vor- gekommen sind.— Nach dem Antrage der Verteidigung wird das Kalendarium der ersten drei Monate verlesen: auf den Rest verzichtet die Verteidigung. Um 12 Uhr tritt eine Pause ein. Nach der Pause wird der Angeklagte Treptau noch befragt, ob er im Feinsteinschen Wirtshause mit Schmugglern verkehrt hätte.— Angeklagter Treptau: Niemals; nur mit Kugel war ich einmal bei Feinstein zusammen.— Damit ist die Vernehmung TreptauS beendet. ES folgt die Vernehmung des Angeklagte« McrtinZ. Dieser erklärt: Im April oder März 1902 kam zu mir ein russischer Parteigenosse aus Berlin mit Erzählungen von durchaus Vertrauens- und glaubwürdiger Seite. Ueber seine Person ver- weigere ich jede Auskunft, nicht weil ich fürchtete, mich strafbar zu machen, sondern um ihm Unannehmlichkeiten zu er- sparen. Er ist wiederholt mit andern russischen Genossen zu mir gekommen. Später kamen diese allein, um russische Schriften ab zuholen. Ich bekam Sendungen von W. Pätzel aus Berlin unter der Bezeichnung„Druckschriften".— Vors.: Aber auch als„Schuh waren" deklariert.— A n g e k l.: Was die Russen dazu veranlafcr hat, geht mich gar nichts an.— Vors.: Aber diese Geheimnisthuerei und die Bezeichnung des Absenders als Papel anstatt„Buchhand- lung Vorwärts" hat viel zur Erhebung der Anklage beigetragen.— Angekl. M e r t i n s: Ich finde diese Vorsichtsmahregel bei der Freundschaft der deutschen und der russischen Polizei fthr verständlich und naheliegend.— Vors.: Wie hießen die verbreiteten Schriften und wie hießen die Russen, die sie von ihnen holten?— Angekl.: Es war die„Jskra". Die Namen der Personen habe ich nicht erfahren und auch nicht erftagt; wie leicht könnte man in einem unbewachten Augenblick die Namen verraten! Aber die Russen mußten sich hüten, der russischen Polizei derartiges zu verraten. Vors.: Angeklagter, stellen Sie sich mal zunächst gerade hin. Sie thun ja gerade so, als ob Sie hier schon als Verteidiger Ihr Plaidohrr hielten. Sie scheinen fich gar nicht als Angeklagter zu suhle»; Sie find aber angeklagt und zwar stehe» Sie unter einem sehr schweren Verdachte. Wenn Sie etwas davon auf sich lasten lassen, dürste Ihnen bald keine Gelegenheit mehr gegeben werden, ein derartiges Be nehmen zu zeigen. sGroßr Bewegung.)— Angekl.: Die Orgairi sation der„Jskra" ist rein socialdemokratisch und stimmt in ihren Zielen genau mit der deutschen Socialdemokratie überein. Nur dieser Ivollte ich als Socialdemokrat eine Unterstützung zu teil werden lassen. Ich habe demnach auf den Rat meiner russischen Freunde die Bitte um Beförderung anderer Schriften abgelehnt, ebenso eine Bitte von Skubbik und eine gleiche von Lina Struve.— Bors.: Ist Ihnen bekannt, daß in der socialdemokratischen Presse zahlreiche Majestäts- beleidigungen auch gegen den Zaren begangen werden?— Angekl.: Ueber socialdemokratische Majestätsbeleidigungen kann man ja recht verschiedener Meinung sein. Aber daß socialdemokratische Redatteure deswegen bestraft sind, weiß ich.— Der Angeklagte erklärt weiterhin, er selbst habe nie ein Paket abgesandt oder es als Schuhware deklariert. Schließlich wird noch ein Frachtbrief vorgelegt, auf dem Mertins Name steht.— Der Angeklagte erkennt dies nicht an.— Der Angeklagte K ö g st, an den eine Sendung gerichtet ist, wird über den Absender befragt; er erklärt, ich weiß nichts, ich kann nicht lesen, ich kann nicht schreiben! sGroße Heiterkeit.)— Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt Angekl. MertinS, daß er auch deutsche Flugblätter und Schriften in den 1ö Jahren, da er Vertrauensmann sei, zahlreich empfangen habe. Rechtsanw. H a a s e: Wir haben jetzt etwas ganz Neues ge- hört. Russische Freunde sollen Mertins abgeraten haben, sich mit i-okubbik einzulassen, weil dieser eine schärfere Richtung vertreten habe. Hat der Russe nicht vielleicht gesagt, die Richtung Skubbiks sei lettisch- national, im übrigen aber socialdemokratisch?— Angekl. MertinS: Ich habe der Sache keinen Wert beigelegt.— Vert. Liebknecht: Sie wissen also gar nichts davon?— An- geklagter: Rem, ich hatte mehr zu thun.— Vert. Liebknecht: Ich möchte nur namens meiner Klienten gegen die Behauptung protestieren, daß es kein Charakteristikum der deutschen socialdemokratischen Presse sei, sich in beleidigender Weise mit dem Kaiser oder andern Fürsten zu beschäftigen. Ich be- Haupte, daß die Redatteure bürgerlicher Blätter verhältnismäßig ebenso häufig wegen Majestätsbeleidigungen bestraft werden. Für die Behauptting des Gegenteils muß ich bitten, ganz bestimmte Thatsachcn anzugeben.— Vors.: Sie werden doch wohl nicht bestreiten, daß sich in den socialdemokratischen Zeittingen schärfere Angriffe gegen den Absolutismus finden als in den bürger- lichen?— Verteidiger Liebknecht: Gegen das System allerdings, gegen den Zarismus, nicht gegen den Zaren.— Vors.: Man spricht von„Väterchen I"— Vert.: Ja, als Vertreter eines Systems.— Damit ist die Vernehmung Mertins beendet. Der folgende Angeklagte Ehrenpfort giebt an: Ich habe mich auf Veranlassung eines russischen Swdenten der Chemie, Namens Gabriel, den ich in einer Parteiversammlung traf, mich zum Empfang von Schriften bereit erklärt. Da ich ver- reiste, habe ich die Adresse des Gastwirts Weber aufgegeben. Zwei Pakete sind auch angekommen und beschlagnahmt worden. Weiter ist nichts eingegangen.— Vors.: In den Briefen ist, wie Sie gehört haben, die Antwort ausdrücklich an Sie verlangt.— Angekl. Ehrenpfort: Es ist möglich, daß die jungen Russen, die bei mir wohnten, Briefe auf meinen Namen empfangen haben.— Vors.: Es haben seit dem Jahre 1896 32 Russen bei Ihnen gewohnt.— Vert. Liebknecht: Es haben auch Deutsche bei dem Angeklagten Ehrenpfort gewohnt. Zudem wohnen in der ganzen Kantstraße in Charlottenburg zahlreiche Russen, die sehr fest zusammenhalten.— Der Angeklagte giebt weiter an, daß er mit den bei ihm wohnenden Russen wenig gesprochen und von einem Verkehr nichts gewußt habe. Er sei Socialdemokrat und habe zu seiner Information die anarchistische Wochenschrift„Neues Leben" gelesen; er habe sie offen bei sich liegen lassen.— Vors.: Sie sind wohl nicht auf eine HauS- suchung vorbereitet gewesen?— Vert. Liebknecht: Bisher wurde immer erklärt, die Haussuchung bei dem Angeklagten Ehrenpfort habe nichts Belastendes ergeben, weil er sich nach den Zeitungsmeldungen über die Haussuchungen in Königs- berg vorhergesehen habe, daß auch bei ihm gehaussucht werden würde. Jetzt soll auf einmal das Gegenteil richtig sein.— Angettagter Ehrenpfort: Selb st wenn ich im voraus von einer Haussuchung gewußt hätte, hätte ich die Zeitschrift ruhig liegen lassen. Schließlich erklärt der Angeklagte, er wisse von den russischen Verhältnissen so viel, daß er mit Bestimmtheit behaupten könne, die russische Socialdemokratte oder wenigstens ihre seit Jahren überwiegende Richtung stehe gerade auf demselben Standpunkt wie die deutsche Socialdemokratie. Angettagter PSyel giebt folgende Erklärung ab: Ich habe mich bei meinen früheren Vernehmungen sehr zurückhaltend geäußert. Ich that es aus- schließlich deswegen, weil ich die rnssischrn Parteigenossen keinen Unannehmlichkeiten aussehen wollte. Sie gleichsam hineinzulegen hätte ich vor meinem Gewissen schon als Socialdemokrat nicht ver- antworten können. Auch heute würde ich jede Auskunft über die Person der Russen verweigern, selbst wenn ich sie kennte. Eines TageS kamen zwei Russen mit Empfehlungsschreiben Axelrods, dessen Name in der russischen Socialdemokratie dasselbe bedeutet wie bei uns der Bebels oder Liebknechts, zu mir in das alte Gebäude des„Vorwärts". Sie baten um die Erlaubnis, sich dahin russische Schriften senden zu lassen. Um jede Störung im Geschäft, das auch ausländische, speciell russische Schriften bezieht, zu vermeiden, schlug ich ihnen vor, als Adresse meinen Namen persönlich anzugeben. Danach wurde Jahrelang verfahren, bis ich plötzlich vor den Unter- suchungsrichter citiert wurde. Ich habe nie Schriften als Schuhwaren deklariert, aber wenn die Russen darum ersucht hätten, hätte ich es unbedenttich gethan. Hätten sie mich geftagt, hätte ich ihnen auch dazu geraten. Ich weiß ja selbst am besten, wie sie von den massenhaft herum- lungernden Spitzeln beobachtet werden. Die Pakete trugen den besonderen Stempel Blumenfelds oder Bulyanoffs, der Expedienten der„JSkra", und wurden sofort für Rußland bereitgestellt. Möglicher- weise kamen auch solche von der Wiener Partei-Buchhandlung I. Brandt. Die Sendungen von Axelrod kamen monatlich ein- •der zweimal und wurden durch einen königliche« Hofspediteur weiter befördert. Inzwischen ist die russische Polizei gekommen, um sich zu erkundigen. So ttären sich die Angaben des Kronzeugen der„Post", Abel, auf. Vom Hofe sind die Russen hineingegangen, weil der Keller, in den wir die Schriften aus Platzmangel legten, von dort ohne Störung des Ladengeschäfts sich erreichen lasse. Ich saß an meinem Pulte in der Expeditton, die auf dem dritten Hofe liegt. Zum Schluß mache ich noch darauf aufmerksam, daß bei sehr .vielen Sendungen, wenn die Besteller um Diskretion baten, mein Name als Absender statt desjenigen der Buchhandlung Vorwärts gesetzt wurde. Das geschah z. B. bei Sendungen an deutsche Beamte.— Vors.: Wie kam es aber, daß der in Berlin verhaftete Russe Popoff alias Schekoldin Ihre Adresse bei sich hatte?— Angekl.: Herr Präsident, von dieser Thatsache höre ich jetzt zum erstenmal.(Bewegung.) Verteidiger Liebknecht: Ich kenne Popoff. er ist ein intimer Freund Axelrods und verdankte diesem Pätzel's Adresse.— Vors.: Kennen Sie den Dr. v. Wetscheslaff? War er einer der Russen, die zu Ihnen kamen?— Angekl.: Nein, er hat nur Schriften beim„Vorwärts" gekaust und war mir deshalb ein lieber Mensch, weil er oft und viel bei mir kaufte.— Unter allgemeiner großer Heiterkeit wird allseitig auf die Auskunft des Steueramtes Berlin verzichtet. PätzelS Vernehmung ist damit beendet. Als nächster Zeuge wird der Angeklagte Losmann Kögst aus Bajohren vernommen. Er ist sehr schwer verständlich, spricht schlecht deutsch und erzählt lange Schmuggler-Gcschichten.— Vors.: Sind Sie auch Schmuggler?— Angekl.: Nein, nein I(Große Heiterkeit.) Es ergiebt sich, daß Kögst für je einen Rubel Pakete aufbewahrt, vom Spediteur abgeholt und den Schmugglern zuge- ttagen habe. Einmal ist er dann angeblich, wie die Schmuggler ein Paket abholten, nachts aber immer wieder auf seinen Hof zurückbrachten, mit diesem Paket über die Grenze gefahren und ein Unbekannter hat es an einen russischen Offizier für 26 Rubel ver- kauft. Ein andres Mal habe ein Paket beim Aufladen„gekullert". Da habe er fich gesagt:„Erst kommt das Paket hier an, ohne daß die Fracht bezahlt ist, und dann sind die Kisten leer. Da muß ich doch einmal nachsehen." Sein 12jähriger Sohn, der lesen könne (Heiterkeit), habe den Deckel abgerissen. In dem Paket seien Druck- chriften gewesen, die dann bei ihm beschlagnahmt worden seien.— Damit ist das Verhör des Angeklagten beendet. Es beginnt die Zenzeiwernehmung. Als Zeugin wird zunächst Frau Nowagrotzki, 33 Jahre alt, vernommen.— Staatsanwaltschaftsrat D r. Caspar macht auf das krankhafte Aussehen der Zeugin aufmerksam und bittet sie, sich zu setzen. Die Zeugin erklärt, sie sei durch die ständigen Verfolgungen ihre? Mannes schwer angegriffen, könne die Vernehmung aber stehend aushalten. Sie bestättgt durch weg die Angaben ihres Mannes. Auch sie habe den einen Russen, der bei ihnen war, wegen seines eleganten Auftretens, feines HauS- »ohen Stehttagens und wegen seiner Kleidung, die nicht gewesen 'ei, wie bei andern Menschen(große Heiterkeit), für einen Spitzel gehalten. Die Sendungen an Klein habe sie durch einen Bekannten wegschicken lassen, der immer mehrere Pakete in eins zusammenband. So erklärt es sich, daß statt 22 empfangener Pakete nur ö bis 6 von ihr abgeschickt seien. Den Namen des betteffenden gefälligen Freundes will die Zeugin nicht nennen, um ihm nicht Scherereien zu machen. Sie versichert aber, daß es keiner der Angeklagten ge wesen sei. Zeugin Frau Braun kann nur wiederholen, daß ihr Mann, an dessen ganzer Thätigkeit sie seit dem Tode ihres Kindes teilnehme. von der Hanssuchung und der Hineiuziehung in die Anklage aufs äußerste überrascht worden sei. Der folgende Zeuge Julian Borchardt- Königsberg, Redakteur der.Königsberger Volkszeitung", sagt über seinen Brief an Pätzel aus, gegen Treptau seien bei der Königsberger Parteileitung Be- chwerden wegen Nachlässigkeiten bei der ReichstagSwahl eingelaufen, die sich als unbegründet herausgestellt haben. Doch habe sich ergeben, daß er einem russischen Genossen seinen Koffer l1/« Jahre vorenthalten habe, um gleichsam einen Erpressungsversuch zu machen. Darauf sei das Urteil gesprochen und durch ihn an Treptau über- mittelt worden. Zeuge Tischler Linde-Königsberg hat, als Klein ihm von der aussuchung bei sich benachrichttgte. folgendes geschrieben: Rege ssch deswegen nicht auf, wenn Du vernommen wirst, bestreite alles, gieb so wenig als möglich Antwort, äge: Du weißt nichts oder kannst Dich nicht besinnen. Außergewöhnliches telegraphiere mir sofort. Der Zeuge giebt als Grund für dieses Schreiben an, daß er Klein für w e n i g ge- wandt halte und aus Erfahrung wisse, daß bei polizeilichen Ver- nehmungen die Protokolle sehr oft sich nicht mit den Aussagen decken.— Der Staatsanwalt beanttastt. den Zeugen wegen des Ver- dachts der Begünstigung nicht zu vereidigen.— Verteidiger H a a s e widerspricht. Der Zeuge habe wohl seine ungeschickten und von niemand mehr als von der Verteidigung bedauerten Briefe genügend aufgeklärt. Der Gerichtshof schließt sich de« Ausführungen des Staats- anwalts an und läßt dir beiden Zeugen unvereidet, ebenso die beiden Ehefrauen.— An den nächsten Zeugen Kriminalkoinmissar Wohl- r o m m erklärt Verteidiger H a a se eine große Anzahl Fragen richten zu müssen. Die Verhandlung wird deswegen auf Donnerstag S Uhr vertagt. Außer Wohlfromm sollen morgen 20 Zeugen ver- nommen werden. Schluß 3>/z Uhr._ Versammlungen. Ueber die Lage der Möbelpolierer Deutschlands prach Genosse Barenthin in einer Vertrauensmänner-Ver- ammlung der Möbelpolierer, die am 6. d. Mts. im Gewerkschafts- hause stattfand. Er führte etwa aus: Durch die Enquete des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes, welche im Jahre 1962 ver- anstaltet wurde, ist man in der Lage, sich über Lohn- und Arbeits- bedingungen im Beruf der Möbelpolierer Kenntnis zu verschaffen. 2168 Möbelpolierer in 24 Städten hätten sich an dieser Enquete beteiligt. Die Arbeitszeit betrage im Durchschnitt über 66 Stunden. in einzelnen Städten sogar 69— 60 Stunden. Bedenke man, mit welchen gesundheitsschädlichen Stoffen, wie denaturiertem Spiritus. verschiedenen giftigen Farbstoffen usw., gearbeitet werden müsse, so ei in Verbindung mit der langen Arbeitszeit erklärlich, daß der Organismus der Arbeiter ungeheuer darunter leide. Daher auch das niedrige Durchschnittsalter. Auch der Lohn sei ein trauriger. Im Durchschnitt würden 20,70 M. erzielt. In einigen Städten sinke der Lohn bis auf 14 M.. Dazu kämen noch dieAuslagenfürMaterialien; in dieser Beziehung stehe Dresden an der Spitze. 11 Poliererinnen müssen hier für Schleis-, Grundier- und Poliermaterial nebst Lack jährlich 2433 M. ausgehen; macht pro Person 226 M. das Jahr. Die Arbeiter würden gezwungen, die Materialien vom Unternehmer zu entnehmen und teurer als anderwärts zu bezahlen. Obgleich § 115 der Gewerbe-Ordnung den Unternehmer verbietet. Werkzeuge und Stoffe für Accordarbeften zu höheren als den ortsüblichen Preisen zu verabfolgen, kämen solche Gesetzesübertretungen seitens der Unternehmer gar zu häufig vor. Die Arbeiter seien auch diesen Schamlosigkeiten der Unternehmer gegenüber vielfach machtlos, weil ie im Falle der Weigerung oder Anzeige mit Entlassung und Arbeitslosigkeit zu rechnen hätten. Diese 11 Poliererinnen hatten 'einen Dürchschnittsverdienst von 14,09 M. Ziehe man die Aus. gaben für Poliermaterial ab, so bleihe bei 67stündiger angestrengter Arbeitszeit pro Woche ein Verdienst von 9,73 M. im Durchschnitt. Ost sei bei Beratung des Uebertritts zum Holzarbeiter-Verbande geltend gemacht, daß wegen der übermäßigen Accordarbeit seitens der Tischler eine Vereinigung unmöglich sei. Das sei aber jetzt nicht mehr aufrecht zu erhalten. In 80 Proz. der Werkstätten arbeiten die Polierer im Accord, die Tischler nur in 16,7 Proz. Von den 2168 an der Enquete beteiligten Möbelpolierern seien 1272 im Holzarbeiter-Verbande, 14 Hirsch-Dunckerianer, 2 christlich, 296 sonstig und 686 nicht organisiert. Bei Veranstaltung der Enquete seien im Verbände der Möbelpolierer noch nicht 1000 ge- Wesen. Angesichts der traurigen Lohn- und Arbeitsbedingungen müsse man ans Besserung derselben, speciell in den Provinzen, bedacht sein; das sei aber nur möglich, wenn die Polierer ihren Einfluß im Holzarbeiter-Verband geltend machen könnten, indem sie sich demselben anschlössen. Nach Beendigung des mit Beifall aufgenommenen Vortrages erstatteten die Bezirksleiter Bericht. Nicht vertteten waren Rixdorf und Friedrichsberg._ Letzte lyachnchtcn und Depclchcn. Köln, 13. Juli.(W. T. B.) Die„Kölnische Volkszeitung" meldet aus Neuwied: Vom Landgericht Neuwied wurde heute der ehemalige Direktor der Fabrik feuerfester Produtte zu Vallendar, Leo Otto Böing. zum Ersatz desjenigen Schadens verurteilt, welcher verschiedenen klagenden Aktionären dadurch entstanden ist, daß sie sich durch die gefälschten günsttgen Bilanzen und die künstlich hochgeschraubten Dividenden zum Ankauf von Aktien bestimmen ließen. Soweit die Klage gegen den Aussichtsrat und das Vorstandsmitglied Emil Böing gerichtet war, ist sie abgewiesen worden; die Verhandlung gegen das Vorstandsmitglied Arthur Böing wurde auf den 14. Oktober dieses Jahres vertagt._ Parlamentsschluß in Frankreich. Paris, 13. Juli.(W. T. 83.) Nachdem die Deputiertenkammer und der Senat noch das Budget der direkten Steuern bewilligt hatten, wurde die Session des Parlaments geschlossen.— Paris, 13. Juli.(W. T. 83.) Der Senat hat den von der Kammer bereits genehmigten Gesetzentwurf angenommen, nach dem die Einfuhr von tunesischem Getreide in Frankreich zollftei sein soll, sobald die Einftihr ftemden Getteides in Tunis mit dem ftanzösischen Mindestzollsatz belegt ist. Paris, 13. Juli.(W. T. 83.) Wie aus TarbeS, Pau, Agen und Bordeaux gemeldet wird, wurden dort Erderschütterungen wahr- genommen._ Beschuldigung deutscher Marine-Offiziere. London, 13. Juli.(W. T. B.) U n t e r h a uS. M o n t a g u fragt, ob die Aufmerksamkeit der Regierung auf die Thatsache gelentt worden sei, daß deutsche Marine-Offiziere die Festungswerke und Schiffswerfte von Devonport photographiert haben, ferner, wenn das der Fall sei, ein Einschreiten im Interesse der nattonalen Verteidigungswerke beabsichttgt sei und ob schließlich englischen Offizieren in deutschen Kriegshäfen gleiche Zu- geständnisse gewährt würden. Der Civil-Lord der Admiralität, Lee. erwidert, über den angeregten Vorfall sei nichts bekannt, wenn aber irgend etwas Ungehöriges vorgekommen sein sollte, würde es von den verantwortlichen Behörden gemeldet worden sein. Es ist anzunehmen, daß fich die Anschuldigungen MontaguS als haltlos erweisen werden._ Vom ostasiatischen Kriegsschauplätze. Petersburg, 13. Juli.(W. T. B.) Wie Generattieutenant Ssacharow dem Generalstabe von gestern meldet, errichtete der Feind am 10. Juli auf den Höhen zwischen der Eisenbahnlinie und der Fahrstraße Kaiffchou— Tafchitschiao Feldbefestigungen. Feindliche Vorposten-Abteilungen standen, wie Rekognoszierungen in der Nacht auf den 11. Juli ergaben, von Maolingou bis Sangoischi, 8 Werst von Kaitschou, und bis zur Eisenbahn. Als eine russische Ausklärungs- abteilung bei Tagesanbruch bei Sinschilipu erschien, zogen sich die feindlichen Vorposten von Maolingou nach Schuanlinsy zurück und die Erdarbeiten auf den benachbarten Höhen wurden eingestellt. Am Morgen des 11. Juli unternahmen zwei japanische EskadronS eine Rekognoszierung im Westen von der Eisenbahnlinie. Gegen 9 Uhr morgens eröffnete eine japanische Compagnie im Norden von Jaolindsa das Feuer auf eine russische Feldwache, die ein Dorf be- setzt hielt. Als die Russen Verstärkungen erhielten, zogen sich die Japaner zurück. Auf russischer Seite wurden zwei Schützen ver- wundet. Eine feindliche Abteilung in einer Stärke von einem Bataillon und drei ESkadrons ist bei Saodsiatun, 12 Werst nordöst- lich von Kaitschon, gesehen worden. Auf der Linie Siujan— Taschitschiao befinden sich Abteilungen der japanischen Vorhut im Thale des Nantahe von Judiatin(14 Werst östlich von Kaitschou)� bis Panschipfusa, 6 Werst südlich von Tschiadiagou. Von Siaohotan (30 Werst südöstlich von Taschitschiao) und von den Schwarzen Bergen rückte der Feind bis zum Morgen des 11. Juli nicht vor. Am 10. Juli wurde bemerkt, daß der Gegner Geschützschanzen bei Liaokuschan und auf den Höhen bei Oheju aufwarf.— In der Umgegend von Ssemagiu, 8 Werst vor dem Pchanlinpah, auf der großen Straße Ssimulschen-Fönghwangtscheng bemerkte eine russische Streif- wache ein feindliches Biwak von etwa zwei Bataillonen Infanterie. Abteilungen der japanischen Vorhut halten das Thal des Lanhe, 50 bis 60 Werst östlich von Liaujang, besetzt.— Bei Anpin, 40 Werst üdwestlich von Liaujang, sind Chunchusen-Banden aufgetaucht. Petersburg, 13. Juli.(W. T. 83.) Wie Generallieutenant Ssacharow dem Generalstabe unterm 12. Juli weiter meldet, fuhr der eind am 11. d. M. fort, seine Stellungen am Nordabhange der öhen zwischen Maolingou und Pinsai, 3 bis 10 Werst nördlich von ..aitschou, zu befestigen. Japanische Kavallerie- und Infanterie- Abteilungen, die sich in der Umgebung der Eisenbahn zeigten, wurden von Schützen und von der Grenzwache vertrieben. Auf russischer Seite wurden in Scharmützeln, die an diesem Tage stattfanden, 7 Mann verwundet. Die Russen fanden 2 tote Japaner und nahmen einen 8Zerwundetcn gefangen. Am Morgen des 11. Juli zeigten sich japanische Vorposten im Thale des Nantahe; gegen abend wurden japanische Feldwachen im Osten auf der Linie Hupeiju— Muguju— Tindiatin gesehen. Am Morgen desselben Tages rückte der Feind von Muguju nach dem etwa 4 Werst von Kutiadsi befindlichen Patz vor. Japanische Schützenketten und eine Batterie zeigten sich 9 Werst udöstlich von Tantschi. Die Batterie eröffnete das Feuer auf die russische Stellung bei Kutiadsi. Berichte über die weiteren Einzel- heiten sind noch nicht eingegangen. Auf der Linie Dalinpaß— Simutschen— Haitscheng sind keine Veränderungen eingetreten. Im Osten vom Pchanlinpaß in der Umgebung der nach Fönghwangffchöng ührenden Straße erhält der Gegner Verstärkungen. In der Um- gegend von Liaujang tauchen Chunchusen-Banden auf, mit denen russische Wachtposten Scharmützel hatten. Petersburg, 13. Juli.(W. T. B.) Eine Mitteilung des General« tabes bestätigt die gestrige Meldung der„Russischen Telegraphen- Agentur" aus Mulden, daß die Japaner bei Port Arthur 30 000 Mann verloren hätten._ Belgrad, 13. Juli.(Meldung deS Wiener k. k. Tel.-Corr.-BureauS.) Nach amtlichen Angaben kam es gestern in Kragujewatz zwischen. Offizieren und socialdemottattschen Arbeitern zu einer Schlägerei, die, da die Stadt infolge des Geburtstages de? Königs sehr belebt war, durch Beteiligung de§ Publikums einen größeren Umfang annahm; auf beiden Seiten wurden von Waffen Gebranch gemacht. Gegenüber Gerüchten, daß bei der Schlägerei gegen 100 Personen getötet oder verwundet worden seien, wird amtlich mitgeteilt, daß bisher nur festgestellt worden ist, daß ein Arbeiter verwmrdet wurde. Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: VorwäctsBuchdr.u.VerlagSanstaltPaulSingerLiCo.. Berlin SW. Hierzu 2 Beilagenu.Unterhaltungsbl�tt gueB. 2u.iw i. Keilllge des Jormörtf Kerlinel iolfolilöH 14?nii mL Der Ausgang des Wahlrechtskampfes in der hesfifchen Zweiten Kammer. Ans Hessen wird uns berichtet: Die hessische Zweite Kammer hat die Wahlrechtsvorlage in fünf- tägiger Verhandlung erledigt, und zwar, wie bereits gemeldet. in z u st i m m e n d e m Sinne. Das Plenum hat sich dabei im allgcnicinen den Ausschuß- antragen angeschlossen. Nicht acceptiert aber hat es die vom Ans- schütz vorgeschlagene Lösung der Wahlkreis frage. Der Ausschuh hatte gehofft, den Widerstand der agrarischen Vertreter i legen die in der Ncgicrnngsvorlage vorgesehene Vermehrung der tädtischen Mandate um fünf dadurch überwinden zu können, datz er auch fünf neue Landwahlkreise in Vorschlag brachte. Die Kammer würde danach 60 Sitze, 45 ländliche und 15 städttsche, erhalten haben. Der nationalliberal-banernbündlerische Flügel wollte aber von einer solchen Vermehrung der Kammersitze um zehn nichts wissen; angeblich„wegen der hohen Kosten", in Wahrheit, weil ein Teil der neugebildeten Wahlkreise eine vorwiegend socialdem akratische Bevölkerung aufwies. Letzteres ergab sich einfach aus der Thatsache, datz die stark angewachsenen Bezirke in der Umgegend der grötzeren Städte unbedingt geteilt werden mutzten, sobald die Aufgabe gestellt wurde, neue Wahlkreise mit einigermaßen gleichgroßen Bevölkerungszahlen zu bilden. Wollte man ausgleichende Gerechngkeit durch Vennehrung der Mandate üben, so kam man um diese der Socialdemo- kratie günstige Gestaltung nicht herum. Daher die Abneignng der Agrarier gegen diese Art der Lösung. Andrerseits aber hatten die terren früher und nenerdnigs erklärt, daß sie für die einseitige ermehrung der städtischen Mandate gemäß der Negicrungsvorlage nicht zu haben seien. So schien denn die Vorlage auch diesmal rettungslos der Klippe zuzutreiben, an der sie das vorige Mal ge- scheitert war. Das war auch die Hoffnung aller offenen und ver- kappten Gegner des ganzen Gesetzes. Datz diese Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen ist, verdanken die Feinde der Reform in erster Linie dem blindwütigen Vorgehen ihres Häuptlings, des Freiherrn v. Hehl. Der Wormser Leder- könig hatte es fertig gebracht, durch die unwahren und gehässigen Angriffe gegen die Führer der eignen Landtagsfraktion, die Abgg. Haas und R e i n h a r t, eine solche Empörung im nationalliberalcn Lager hervorzunifen, datz man es nunmehr als Ehrensache ansah, dem Wormser Diktator zum Trotz die Vorlage durchzubringen. Und dasselbe Motiv mag mit dazu beigetragen haben, datz auch die Re- gierung, gegen die das Heyls-Organ nicht minder gehetzt hatte, dies- mal viel wärmer für die Reform eintrat als das vorige Mal. Aus dieser Stimmung heraus wurde ein Kompromiß zwsichen Bauern- bündlern, Nationalliberalen und Centrum geboren, der die Lösung der heißumstrittenen Wahlkreisfrage brachte. Nach diesem K o m p r o m i tz a n tr a g B ä h r und Genossen erhalten die fünf grötzeren Städte Darmstadt, Gießen, Mainz, Offen- bach und Worms die ihr in der Regierungsvorlage zugewiesenen fünf neuen Mandate; dafür aber müsse» die drei kleinen Städte Bingen, Fricdberg und Alsfeld ihre Sondcrmandate preisgeben. Der Um- stand, datz die Mandate der beiden letztgenannten Städtchen sich in freisinnigen Händen befinden, und die Hoffnung, diese nacki Zu- teilung einer genügenden Anzahl von Landorten für sich erobern zu können, veranlatzte die obcrhessischen Bauernbündler. diese Lösung vorzuschlagen. Zugleich bestanden sie auf der Zuweisung der beiden socialdemokratischen Axbeiterorte Wicseck und Heuchelheim zu den Gietzcner Stadtkreisen, wodurch sie ihre Position in dem derzeitigen Kreis Gietzen-Land erheblich verbesserten. Die Leidtragenden bei dieser Regelung der Sache waren die Freisinnigen, die ihre beiden kleinstädtischen Sondermandarc aufgeteilt und ihre Hoffnung auf das neue städtische Mandat Gießen II zerstört sahen. Jnfolgedeffen kündigten sie die weitere Gefolgschaft und gingen unter Führung des Abg. G u t f l e i f ch ins Lager der Gegner der ganzen Vorlage über. Die S o c i a l d e m o k r a t i e war zu den Kompromitzverhand- lungen nicht zugezogen worden. Sie sah sich vor den fertigen Antrag Bähr und Genossen gestellt. Principielle Bedenken gegen die Beseitigung der MandatSprivilegicn der drei kleinen Städte konnten wir keine haben. Im Gegenteil, die Beseitigung dieser kleinen Sonderbezirke mit 4000 bis 0600 Ein- wohnern beloegte sich durchaus in der Richtung der von uns beantragten glatten Durchteilung von Stadt und Land. Wir selbst hatten darum auch bereits im vorigen Landtag die Austeilung der kleinstädtischen Sonderbezirke verlangt, waren dabei aber auf den heftigsten Widerstand derselben Leute ge- swtzen, die jetzt mit diesem Antrag kamen. Was die Zuteilung der Landorte Heuchelheim und Wieseck zu Gietzen-Stadt betraf, so ließ sich auch dagegen principicll nichts einwenden. Gießen mit seinen 23 500 Einwohnern hätte für sich allein keinen zahlenmähigen An- fpruch auf zwei Mandate gehabt. Nach Zuteilung der beiden Land- orte erhält eine Bevölkerungsmasse von 28 406 Einwohnern zwei Mandate. Diese beiden Stadtwahlkreise bleiben auch damit noch beträchtlich unter der Durchschnittsgrötze der übrigen Kreise. Freilich wird unsre Position in dem Wahlkreis Gietzen-Land durch die Aus- scheidung der beiden Arbeiterorte erheblich verschlechtert; dafür werden aber unsre Aussichten in dem neuen städtischen Wahlkreise Gießen II ebenso erheblich verbessert. Es lag also weder ein principieller noch ein plastischer Grund vor, den, Antrag Bähr und Genossen unsre Zustimmung zu versagen. Unsre sechs Stimmen sicherten ihm die verfassungsmäßige Zweidrittelmehrheit; er gelangte mit 37 gegen 10 Stimmen zur Annahme. Die auf Grund dieses Antrages vorgenommene Neueinteilung der Wahlkreise bedeutet einen guten Schritt vorwärts auf dem Wege zur Ausgleichung der seitherigen Größenunterschiede. Der seit- herige Zustand zeigte einen Abstand in der Bevölkerunas- ziffer der städtischen Wahlkreise von 4864 bis 49 868; ein Bewohner von Alsfeld hatte das clffache Wahlrecht eines Bc- wohner» von Offenbach. Nach Wegfall der kleinstädtischen und Vermehrung der großstädtischen Mandate schivanken die Einwohnerzahlen der städtischen Wahlkreise nur noch zwischen 14 200etzung von Kaiping vom 5. bis 7. Juli werden auf 24 Mann, darunter 4 Tote, geschätzt; die Verluste vom 3. und 9. Juli betrugen ungefähr 150 Mann. Mit dem Vormarsch der Südarmee(Okus) ist auch die Südost- armee, die sogenannte Takuschan-Armee, wieder in lebhaftere Aktion getreten: Tokio, 12. Juli.(Meldiing de« Reuterschen Bureaus.) Die Takuschan-Armee. die in zwei Abteil, ingen in n o r d w e st- l i ch e r Richtung vorrückt, hatte am 9. und 10. d. Mts. eine Reihe kleiner Gefechte mit dem Feinde zu bestehen. Ain 10. vertrieb die gesamte Armee in der Frühe den Feind von den Höhen westlich von Sinsckaiaku und später aus seiner starken Stellung bei K s i u t e ch i k o n. Bildung einer japanischen Wladiwostok-Zlrmee? Aus Wladiwostos verlautet, dort herrsche Besorgnis vor einem neugebildeten japanischen Corps, das die Aufgabe haben soll, den russischen General Lenewitsch von Wladiwostok abzudrängen._ ©cwerkfcbaftUcbca. Aus der Werkstatt der Scharfmacher. Der Düffeldorfer.Volkszeitung" wehte der Wind folgendes Cirlular auf den Redaktionstisch: Verein deutscher Eisengießereien. Elberfeld, den 23. Juni 1004. Sekretariat. Vertraulich! P. P. Unser Mitglied, die Firma Meyer u. Co., Oldenburg i. Gr., schreibt uns unter dem 24. d. M.:„datz, nachdem die Kommission der streikenden Former erheblich von ihren Forderungen nachgelassen hatte, der Streik durch Entgegenkomme» der Firma in einigen andren Punkten zu Ende gebracht worden i)t. Der Haupt- rädelsführer(Richard Klapproth, geboren 6. März 1361) ist nicht wieder in Arbeit genommen und dies auch von der Gegenseite nicht zur Bedingung gemacht worden."' Es wird daher die ,nit diesseitigem Rundschreiben vom 6. d. Mts. über 19 Former verhängte Sperre— unter Ausnahme des Obeiibezeichiieten— hierdurch aufgehoben. Hochachtungsvoll Verein deutscher Eisengießereien. Der Geschäftsführer: Ernst Scherenberg. Also der„Haupftädelsführer" soll dem Hungertode über- antwortet werden, weil er den Mut hatte, die gerechten Forderungen seiner Kollegen dem Unternehmer gegenüber zu vertreten. Wenn man von Terrorismus reden will, so ist dieses Vorgehen der Eisen- gietzer terroristisch und brutal in jeder Beziehung zu nennen. Es kümmert diese Staatsstützen auch nicht, datz das Reichsgericht vor ganz kurzer Zeit»och entschieden hat, datz eine derartige Aechtung ungesetzlich und der Veranlasser einer solchen schadenersatzpflichtig ist. Hoffentlich nimmt der Geächtete Veranlassung, dem Gericht Mit- teilung von diesem Cirkular zu machen. Vielleicht gelingt es ihm, ein für sich günstiges Urteil zu erlvirken und die Scharfmacher zu zwingen, die Aechtung aufzuheben. Berlin un&/z Stunden pro Woche Arbeitszeit zu bewilligen. Ein Antrag, diese Arbeitsregelung sofort in Kraft treten zu lassen, wurde angenommen. Für Bau- und Möbeltischler und Glaser wurde ein Uschlag von 5 Proz. auf den bisher gezahlten Lohn belvilligt. Der ommission soll so weit Spielraum gelassen werden, daß weitere 5 Proz. eventuell bis zum 1. Oktober 1904 bewilligt werden sollen. Für qualifizierte Maschinenarbeiter wurde ein Durchschnittslohn von 42 Pf. für Dresden festgesetzt, für minder geübte Arbeiter unterliegt die Festsetzung des Lohnes der freien Vereinbarung; der den Arbeitgebern vorgelegte 97 er Tarif soll entsprechend erhöht und umgearbeitet werden. Die Lohnauszahlungen am Ende der Woche sollen möglichst be- schleunigt werden. Außergewöhnliche Arbeiten, die sich tariflich nicht vereinbaren lassen, unterliegen der Vereinbarung. Die Abschlags- zahlung bei Accordarbeiten bleibt dem Ermessen der Meister anheim- gestellt. Die Abrechnung und Auszahlung erfolgt am ersten Zahltag nach der Fertigstellung der Arbeit. Die Lohnüberstunden werden bis 9 Uhr mit 29 Proz. und die Nachtarbeit von 9 Uhr an gerechnet mit 39 Proz. Zuschlag bezahlt, wenn die festgesetzte Zeit von 55%. Stunden erfüllt ist. Bei Accordarbeiten unterliegt ein Zuschlag der freien Vereinbarung. Die einzuführenden Lohnbücher werden den Gesellen mit den Lohn- und Accordeintragungen am Zahltage ausgehändigt und bleiben Eigentum des Meisters. Werkstattgesellen, die länger als einen halben Tag außerhalb des Stadtbezirks arbeiten, erhalten einen Zuschlag nach freier Vereinbarung.— Ueber die Stellung der Gehilfen zu diesem Angebot ist uns noch nichts bekannt. ZZuslsnck. Der Streik im Baugewerbe Stockholms hat sich wiederum weiter ausgedehnt. Nachdem Ende der vorigen Woche die Ziegelträger beschlossen, bei allen Firmen, wo die Forderungen nicht bewilligt sind, die Arbeit einzustellen, haben am Montag auch die Bautischler und Zimmerleute denselben Beschluß gefaßt. Da nun mehrere Firmen die Forderungen bereits bewilligt haben, umfaßt der Streik bei weitem nicht alle Arbeiter dieser Berufe. Wie es scheint, hat der Streik eine gute Wirkung auf die Unternehmerorganisation aus- geübt, die jetzt einen neuen Versuch gemacht hat, um die Arbeiter zur Aufhebung des Streiks zu veranlassen. Der geschäftsführende Ausschuß der centralen Arbeitgeber-Organisation und die Vertreter der Baumeister-Vereinigung haben nämlich am Montag in einem Schreiben an die in Betracht kommenden Fachvereine den Vorschlag gemacht, ein aus zwei Arbeitern und zwei Arbeitgebern bestehendes Schiedsgericht unter einem unparteiischen Vorsitzenden mit der Schlichtung der Differenzen zu betrauen unter der Bedingung, daß die Arbeit sofort aufgenommen wird. Ob die Arbeiter auf dieses Angebot eingehen, ist zweifelhaft, zumal die Situation für sie sehr günstig zu sein scheint._ Der Streik der Petroleumgruben-Arbeiter. Der Streik der Erdölarbeiter von Boryslaw dauert in un- geschwächtem Maße fort; die Zahl der Streikenden beträgt jetzt 6999. Das Rohöl fließt aus den Bohrlöchern ab und überströmt Straßen und Plätze; die Flüsse und Bäche schwellen an von den Petroleummassen, die sich unausgesetzt in ihr Bett ergießen und die Luft ist mit Petroleumdunst geschwängert. Der kleinste Zufall kann eine Brandkatastrophe bringen, die den ganzen Ort mit seinen zu- nieist hölzernen Häusern vernichtet. Diese große Gefahr, die das Eigentum und das Leben vieler Tausender Proletarierfamilien be- droht, gilt den Petroleummagnaten nichts. Man muß die Forde- rungen der Arbeiter kennen, um die Hartherzigkeit und Brutalität der Unternehmer in ihrer ganzen Größe begreisen zu können; die Arbeiter wollen die achtstündige Arbeitszeit in den Naphtha- gruben, gesunde Wohnungen, trinkbares Wasser, Errichtung eines Bades und eines Spitals und die Errichtung eines Konsumvereins, der unter der Verwaltung der Arbeiter stehen soll. Borhslaw ist, seitdem man den dorttgen Petroleumreichtum entdeckt hat, mächtig emporgewachsen. Die reichen Aktiengesellschaften bemächtigen sich des Reichtums, der aus dem Erdinnern quillt, ziehe» tausende von Arbeiten! dahin und kümmern sich natürlich um deren Wohlbefinden in keiner Weise. So fehlt es an Wohnungen, an einer Wasserleitung und einem Krankenhause, Dinge, auf die Anspruch zu erheben man doch selbst dem bediirfnis- losesten Proletarier nicht streitig machen wird. Die Direktion ver- weigert aber all dies; es sei Sache der Gemeinde, für Wohnungen und Krankenhaus zu sorgen. Die Gemeinde aber das find sie und ihre Clique. Der Statthaltercirat Piwocko, der nacki Boryslaw entsandt. worden ist, versucht eine Verständigung herbeizuführen, bis jetzt ver- geblich. Trotzdem sich die Arbeiter ganz ruhig verhalten, werden unge- heure Mengen Soldaten ins Streikgebiet entsandt; bis jetzt sind bereits ganze drei Regimenter dort zusammengezogen. Boryslaw, 13. Juli. Die gestrigen Verhandlungen zwischen den Naphtha-Unternchmern und den Ausständigen sind ergebnislos geblieben. Nach Ablauf der für die Wiederaufnahme der Arbeit gestellten Frist wurde daher heute mittag mit der Auszahlung des Lohnes und der Zurückgabe der Dienstbücher begonnen. Die Ruhe wurde bisher nicht gestört. An 1599 Ausständige sind von hier ab- gereist.— Die Erdwachsarbeiter der Galizischen Kreditbank, welche die Arbeit bereits wieder aufgenommen hatten, sind neuerdings wiederum in den Ausstand getreten. Sämtliche Gruben werden militärisch bewacht. K r o s n o(Galizieu), 13. Juli. In Rovno und Rogi ist ein Teilausstand, in Potok ein allgemeiner Ausstand der Petroleum- grubcn-Arbeiter ausgebrochen und infolgedessen Militär dorthin ent- sandt worden._ Die Streikbewegung in Brest nimmt immer größere Dimensionen an. Jetzt haben auch die Bauarbeiter den Generalstreik erklärt; sie fordern die Abschaffung der Accordarbeit, eine Erhöhung des Lohnes um 50 Cent, pro Tag mit einem Minimallohn von 4 Fr. pro Tag, gänzliche Beseitigung der Sonntagsarbeit und eine Maximalarbeits- zeit von 10 Stunden pro Tag. Rom, 11. Juli.(Eig. Ber.) Den telegraphischen Meldungen über die Arbeitseinstellung der Bäcker in Rom ist hinzuzufügen, daß alle Betriebe ruhen und heute nacht 169 Soldaten den Unternehmern zur Verfügung gestellt wurden. Die Ausständigen sind etwa 1909, unter denen 999 organisiert sind. Der Streik wurde in geheimer Abstimmung mit 697 gegen 59 Stimmen beschlossen. Gefordert wird 1. die Einhaltung der 1897 durch einen Streik eroberten Tarife; 2. Gewährung eines Ruhetages in der Woche; 3. Uebertragung des gesamten Arbeitsnachweises an die Gewerkschaft unter Ausschluß aller Vermittler; 4. hygienische Reformen in den Werkstätten.— Daß in der römischen Brotbäckerei nur wenig über 1909 Arbeiter beschäftigt sind, erklärt sich ans dem Umstand, daß hier, wie in allen größeren Städten Italiens, die Brotfabrikation Großbetrieb ist, mit mechanischer Kraft und Maschinen. Die Regierung setzt sich in offenem Widerspruch zum Gesetz, indem sie Streikbrecher in Unifonn den Unternehmern überläßt. Sozialca. Tie Gelsenkirchener Typhus Epidemie und die Wasserversorgung. Unser Solinger Partei-Organ macht zu den bisherigen Prozeß- ergebnissen folgende beachtenswerten Bemerkungen: In der Gerichtsverhandlung wegen des Wasserwerks haben in einer ganz auffallenden Weise Zeugen und Sachverständige über be- stimmte für den Prozeß wichtige Thatsachcn und Zustände ihre Aussage we r w e i g e r t. Diese Weigerungen beziehen sich durchweg auf die Zustände in der Wasserversorgung der Städte, die an Ruhr- und Typhus-Epidemien in den letzten Jahren gelitten haben, und auf die bei dieser Wasserversorgung be- schäftigten Personen. Nun hat die Oefsentlichkeit ein ganz dringendes Interesse daran, daß in dieser Sache Klar- heit geschaffen wird, und daß alsdann auf Grund des ge- fundcnen Thatbestandes vom Staate gründliche Maß- nahmen getroffen werden, um für die Zukunft Zuständen in der Wasserversorgung der großen Städte vorzubeugen, die vor allem auch der arbeitenden Bevölkerung eine Unsumme von Krankheit und Unglück gebracht haben und bei nicht strenger staatlicher Aufsicht vermutlich noch bringen würden. Es muß verlangt werden, daß die Regierung alles thut, um gelegentlich dieses Prozesses Klarheii über die Wasser- Versorgungsfrage und leitende Gesichtspunkte für die Zukunft zu ge- Winnen. Gerade jetzt, wo man Männer wie Koch und Gaffy im Reichs-Gcsundheitsamte zur Verfügung hat, sollte man in großen Zügen die in unfern Städten mit starker Arbeiterbevölkerung so häufig auftretenden Epidemien bekämpfen und nicht bei aufgedeckten Schäden sich mit dem Mantel der Geheimniskrämerei zu decken suchen. Dr. Springfeld sowohl wie Bürgermeister Graff haben sich bei ihren Aussageverweigerungen zum Teil auf ihre vorgesetzte Dienst- behörde berufen, zum Teil die Aussage ohne Angabe näherer Gründe wohl deshalb verweigert, weil es sich um Angelegenheiten handelt, die ihnen durch ihre amtliche Thätigkeit bekannt geworden sind. Wir halten es für dringend nötig, daß die Regierung alle in Frage kommenden Beamten anweist, in vollem Ilmfange über alles für den Prozeß Wissenswerte, was ihnen amtlich oder nichtamtlich zur Kenntnis gekommen ist, auszusagen. Aus ber Socialrechtsprechiiiig. Wann ist ein„Ber- gleich" in U n f a l l s a ch e n gültig? Hierüber hat daS Reichs-Versicherungsamt kürzlich eine bemerkenswerte Entscheidung gefällt. Einem Arbeiter war für die Folge eines Unfalls von der Berufsgenossenschaft eine Rente von 59 Proz. gewährt worden, die das Schiedsgericht auf 69 Proz. erhöhte. Die Berufsgenossenschaft focht das Schicdsgerichtsurteil im Rekurswege an und machte geltend, die Festsetzung der 59prozentigen Rente beruhe auf einer Ve r- e i n b a r u n g zwischen ihrer Rentenfestsetzungs-Kommission und dem Verletzten, wonach diesem statt der ihm gebührenden Rente v-on 69 Proz. nur eine solche von 59 Proz. und ein künstlicher Vorderarm nebst Hand gewährt werden solle. Der Ver- letzte gab zwar z», daß er von der Kommission befragt worden sei, ob er mit dem Bescheide, wonach er 59 Proz. Rente erhalten sollte, zufrieden sei, und daß er in dem durch die Bemerkung, er werde genug erhalten, bestärkten Glauben, er könne eine höhere Rente nicht fordern, die Frage bejaht habe. Dagegen bestritt er das Zustandekommen des von der Berufsgenossenschafr� behaupteten Vergleichs, zumal ihm nichts davon gesagt worden sei, daß ihm eine Rente von 69 Proz. zustehe. Das Reichs-Versicherungsamt wies den Rekurs der Berufs- genossenschaft mit folgender Begründung zurück: Zwar seien Ver- gleiche in geeigneten Fällen nicht ausgeschlossen und auch die mangelnde Schriftform mache sie an sich nicht ungültig. Aber wie das Reichs-Versicherungsamt auf dem Gebiete der Invaliden- Versicherung und auch sonst betont hat, entspricht es dem Wesen des im allgemeinen schriftlichen Rcntenfestsetzungs- Verfahrens und empfiehlt sich auch aus Zweckmäßigkeitsgründcn, daß ein Vergleich in gehöriger Form schriftlich niedergelegt wird. Nach 8 779 des Bürgerlichen Gesetzbuches bedinge ein Vergleich aber auch ein gegenseitiges Nachgeben, durch das ein Streit oder die Ungewißheit über ein Rechtsverhältnis beseitigt wird. Von einem „Nachgeben" der Berufsgenossenschaft sei aber nichts ersichtlich; fodann aber hatte der Verletzte noch gar keine bestimmten Forde- rungen erhoben und war auch über die Grundlage und den Umfang seines Rechtes völlig im Unklaren. Einen gegenteiligen Beweis könne die Berufsgenoffenschaft nicht führen, denn die drei Kommissions- Mitglieder, die sie als Zeugen für den Abschluß des Vergleichs be- nennt, dürften nicht als solche vernommen werden, weil sie selbst Vertreter einer Partei sind. Die Berufsgenossenschaft ist hier also mit ihren Bemühungen, einen Verletzten durch„Vergleich" über den Löffel zu barbieren, ab- geblitzt. Das ganze Verhalten der Berufsgenossenschaft aber zeigt, wie's zuweilen„gemacht" wird. Tie Kenntlichmachung von Jnvalidenmarken. Zur Auslegung des 8 139 des Jnvalidenverficherungs-Gesetzes hat das Reichs- Versicherungsamt jüngst entschieden: Die Durchlochung der Beitragsmarken in der Form von Buchstaben oder in einer andern den Arbeitgeber kennzeichnenden Weise ist unzulässig. Alle durch das Gesetz nicht vorgesehenen Eintragungen und Vermerke in oder an der Quittungskarte seien verboten und mit Strafe bedroht. Als ein derartiger Vermerk müsse auch die auf einer eingeklebten Beitragsmarke befindliche Durchlochung angesehen werden. Außer- dem würde hierdurch die Arbeitsstelle des Karteninhabers erkennbar gemacht werden; die Quittungskartc soll aber nicht erkennen lassen, bei wem der Inhaber arbeitet oder gearbeitet hat. lokales. Strastcntanfen. Für eine neue Straße einen Namen zu finden, ist in einer Großstadt wie Berlin keine geringe Aufgabe. Je mehr die Stadt wächst und je größer die Zahl ihrer Straßen wird, desto kleiner wird ftir die Namensucher die Auswahl. Und seit zwischen Berlin und seinen Vororten vereinbart ist, daß keine der Gemeinden von Groß-Berlin einen Straßcnnamen wählen soll, der sich bereits in einer andren Gemeinde findet, sind die Schwierigkeiten noch bedeutend gewachsen. Wer den Rainen für eine neue Straße aus der Erdkunde eut- lehnen will, mutz bereits im Auslande Umschau danach halten. In der Provinz Brandenburg ist kaum noch ein beachtenswerter Ort, der nicht schon für eine Straße Berlins oder Groß-Berlins als Taufpate fungiert hätte. Auch die übrigen Provinzen Preußens, ja sogar die meisten der deutschen Bundesstaaten sind stark abgegrast. Daher begegnen wir in einer Liste von neuen Berliner Straßen- »amen, die die letzte Nummer des„Gemeindeblatt" bringt, wieder mehreren Namen, die recht weit hergeholt sind. Da ist eine Amster- damerstraße, eine Malinöerstraße, eine Dänenstratze, eine Türken- stratze. Mit der Benennung von Straßen nach Personen ist es ebenfalls ein eigen Ding; auch hier ist die Auswahl nicht mehr groß. Solche Personen sollen ja immer so etwas wie eine Berühmtheit sein, die Berühmtheiten wachsen aber nicht so schnell nach, wie in den Groß- städten und ihren Vororten die neuen Straßen. Gekrönte Häupter nebst Prinzen sind vergriffen, Generale und Staatsmänner werden es nächstens gleichfalls sein, und selbst die Gelehrten und Künstler fangen schon an rarer zu werden. Auch hier müssen zum Teil die Importen aushelfen. So enthält die Liste neuester Straßennamen u. a. eine Pasteurstraße und eine Carmen Sylvastraße. Unsre Vorfahren hatten die Sache viel leichter. Für ihre paar Straßen stellten sich die Benennungen von selber ein. ohne daß es erst des Suchens bedurfte. Von einem Ort wurde der Straßen- namen entlehnt, wenn die Straße wirklich nach dem Ort hinführte. Wo es aus Alt-Berlin nach Spandau hinausging, da war natürlich die Spandauerstraße. Bei der Benennung nach Personen zerbrach ,nan sich nicht lange den Kopf darüber, ob der Taufpate eine Be- rühmtheit war oder nicht. Wer an der Ecke wohnte, der mußte den Namen dazu hergeben. Die heutige Parochialstraße hieß im 16. Jahrhundert Jdensgasse nach dem Besitzer des Eckhauses nahe dem Molkenmarkt, im 17. Jahrhundert Rcezengasse, weil das HauS inzwischen in den Besitz eines Rcez übergegangen war. Reez war Stadtkämmerer, also immer noch ein Stück Berühmtheit. Aber jener Peter Zilge, nach dem die heutige Rittergasse vor Zeiten Peter Zilges Gasse oder auch„Petersiliengasse" genannt wurde, weil er in ihr wohnte, war gewiß nicht mehr als jeder andre Bürger. Reste dieser Sitte haben übrigens selbst in Berlin sich doch noch bis heute erhatten. Bis in die neueste Zeit hinein sind Straßen offiziell nach Männern benannt worden, die das einzige Verdienst hatten, darin zu ivohnen oder wenigstens Grundstücke darin zu besitzen. Im Nordosten der Stadt bekamen wir im vorigen Jahre die Bötzowstraße, weil die Bötzows bei dem Verkauf ihrer dortigen Ländereien— noch reicher geworden sind, als sie es schon waren. Und das erwähnte Verzeichnis neuester Straßennamen ftihrt unter andenn eine simple Schröderstraße auf als Namen einer zwischen Berg- und Gartenstraße neu angelegten Stratze. Der Mann, dessen Name da an die Straßenecken genagelt wird zu ewigem Ge- dächtnis, ist anscheinend auch nichts weiter als ein beteiligter Grund- besitzer. Das Verdienst solcher Taufpaten pflegt sehr rasch in Ver- gessenheit zu geraten— rascher noch, als„der Verdienst" aufgezehrt ist. den sie eingeheimst haben. Aber selbst größeren Berühmtheiten passiert es, daß schon die nächste oder nächstnächste Generation, wenn sie die ihrem Andenken geividmeten Straßennamen erklären 'oll, sich ratlos fragt:„Wer kann das sein?" Wer ahnt denn z. B. heute noch, daß die 1827 benannte Albrechtstraße einpn damals 18jährigen Prinzen verewigen sollte? Da war unsre Zeit doch vor- sichtiger. Sie nannte die Zimmerstraßen-Berlängerung. durch die der Ruhm eines andren Prinzen Albrecht der Nachwelt überliefert werden sollte, die Prinz Albrechtstraße. Nun weiß man's doch I Wie lange wird man noch wissen, daß das 1872 benannte Friedrich Karl-Ufer gleichfalls einem Prinzen gilt? Als 30 Jahre später die Stallstraße umgetauft wurde, machte man aus ihr eine Prinz Friedrich Karlstratze. Die Menschen sind eben undankbar und vergessen schnell, da muß man sie schon mit der Nase darauf stoßen, wer gemeint ist. In den Vororten hat man meist von vornherein die Vorsicht gebraucht, den Straßennamen die Titel hinzuzufügen. Karlshorst hat über ein halbes Dutzend Prinz so und so- Straßen, eine Prinz Adalbert-, Prinz August-, Prinz Eitel Fritz-, Prinz Friedrich Wilhelm- straße und noch ein paar mehr. In andern Vororten giebt es ähn- liche Straßennamen, wenn auch nicht in solcher Häufung. Die famose Prinz August von Württembergstraße gehört zu Tempelhof. In Friedrichsfelde giebt es eine Fürst Bismarckstraße. Schöncbcrg hat eine General Papestraße, aber die Eisenbahnverwaltung ist un- höflich genug, die benachbarte Ringbahnstation nur Papestraße zu nennen. Das Adelsprädikat wird von den Straßentäufern noch wenig respektiert. Berlin hat eine v. d. Heydtstratze, das ist ja lvohl alles. Sonst müssen überall die Edelsten der Nation an den Straßenecken ihr„von" ablegen. In Nieder- Schönhausen hat man sich jetzt eine Podbielskisttatze geleistet, aber das anfangs beabsichtigte„von" ist noch im letzten Augenblick gestrichen worden. Wird nicht die Nach- weit streiten, ob der Landwirtschaftsminister gemeint ist, der den Nieder- Schönhausern die benachbarte Schönholzer Heide wegschlgen ließ, oder ein armseliger polnischer Erdarbeiter, der bei der An- legung der Straße karren half? Konsum- Genossenschaften. Der Umsatz im Monat Juni betrug in der Konsum-Genossenschaft Berlin und Umgegend 71 330 M.(bei 16 Verkaufsstellen), also durchschnittlich per Verkaufsstelle 4453 M., im Berliner Konsumverein 50 860 M.(bei 13 Verkaufsstellen), also per Verkaufsstelle 3912 M., in der Spar- und Produktiv- Genossen- schaft Rixdorf 42 400 M. sbei 13 Verkaufsstellen), per Verkaufsstelle 3262 M., im Konsumverein Charlottenburg 12 822 M.(bei 3 Ver- kaufsstellen), also per Verkaufsstelle 4274 M., im Konsumverein Adlershof 12 811 M.(bei 3 Verkaufsstellen), also per Verkaufsstelle 4270 M. Die genannten fiiitf Vereine hatten denmach in ihren 48 Verkaufsstellen im Juni einen Umsatz von 190 223 M. Die gestohlene Amtskctte. Einbrecher haben dem Berliner Stadt- verordneten R. die Amtskette gestohlen, mit der schwerlich etwas anfangen können. Die Spitzbuben benutzten die Abwesenheit des Stadtverordneten, um die Wohnung zu erbrechen, wobei ihnen die Amtskette, die sie wahrscheinlich für pures Gold gehalten haben, in die Hände fiel. Da die Kette unverkäuflich ist, können die Diebe sie nur einschmelzen und dann werden sie sehr enttäuscht sein, denn die Kette besteht nur aus vergoldetem Silber. Es ist eben auch in der Berliner Kommunalverwaltung nicht alles Gold, was glänzt I Bei der Aufstellung der Gemeindewähler-Listen ist in Berlin diesmal eine erheblich höhere Steuersumme als im vorigen Jahre für die Abgrenzung der Wählerabteilungcn zu berücksichtigen ge- Wesen. Im Jahre 1903 hatte die für die Abteilungsbildung zu- fammengetragene Steuersumme sich auf etwa 563/4 Millionen Mark belaufen, das war um rund 3>/z Millionen Mark weniger als im Jahre 1902. Nach der Neugestaltung des Berliner Gemeindesteuer- Wesens s1895) war das Jahr 1903 das erste, in dem bei der Ab- grenzung der Wählerabteilungen ein Rückgang des zu berücksichtigenden Gesamtbetrages der Steuern beobachtet wurde. Im Jahre 1904 ist nun die Steuersunmie wieder gestiegen. Sie beträgt jetzt ziemlich 593/4 Millionen Mark und ist damit um rund 3 Millionen Mark höher als im vorigen Jahre. Hinter der Steuer- summe von 1902, die sich auf etwa 6OV4 Mill. M. belaufen hatte, bleibt diejenige von 1904 allerdings immer noch um rund Va Million Mark zurück. Wenn aber die Zunahme fortdauert, so durfte das Ergebnis von 1902 schon in 1905 weit überholt werden. Um die Konzcssion für eine elektrisch betriebene Bahnlinie Berlin— Hamburg soll der„Franks. Ztg." zufolge eine amerikanische Gesellschaft die preußische Regierung angegangen sein. Die Züge sollten in einer Geschwindigkeit von 200 Kilometer die Stunde ver- kehren. Wenn es einmal zum Bau einer elekrischen Schnellbahn kommen sollte, so wird ja wohl auch eine deutsche Gesellschaft sie auszuführen im stände fein. Vorläufig hat es damit ja noch gute Weile. Aus dem Reiche des Herrn Budde. Zu unsrer Nottz„Abermals ein Opfer des Eisenbahnbetriebes" wird uns von einem Leser ge- schrieben: Ich sah, wie der verletzte Rangierer Otto D. am Sonntagnachmittag auf dem Bahnhof Friedrichsfclde zur Beförderung nach Berlin in einem Güterwagen transportiert wurde.. Am Abend desselben Tages nahm ich Veranlassung, mich nach dem Verunglückten, dem eine Hand und ein Bein abgefahren war, zu erkundigen und die Ursache des Unglücks zu ermitteln. Dabei wurde mir von zwei Leuten das folgende gesagt: Der Bahnhof ist stark belastet, namentlich die Kolonne, der der Verletzte angehörte. Es müßten täglich 60—80 und mehr Güterzüge umgesetzt werden, namentlich geschieht dies in der Nacht und da ist an ein Beachten der Vorschriften, die ein Auf- steigen während der Fahrt verbieten, nicht zu denken. Beim Einhalten dieser Vorschriften würde nicht der dritte Teil der Arbeit geschafft werden können. Auch der Verletzte hat sich nicht danach gerichtet und ist dann zu Schaden gekommen. Wer sich aber nach der Vorschrift richten würde, wäre unbrauchbar!" Auf meine Frage an die Leute, ob sie glmibten, daß der Verletzte mit dem Leben davonkomme, erhielt ich zur Antwort:„Nein, er hat zu lange gelegen, der Blutverlust ist zu groß. Es ist auch besser für ihn, denn es erginge ihm schlecht, weil er die Vorschrift nicht ein- gehalten hat, und wovon soll er als Krüppel leben?" Die Bewegung zu Gunsten des Achtuhr-Ladcuschlusscs für Berlin hat, wie bürgerliche Blätter berichten, in den letzten Wochen ganz bedeutende Fortschritte gemacht. Der Ausschuß der vereinigten Ladeninhaber und Gehilfen zur Herbeiführung eines einheitlichen Achtuhr-Ladenschlusses hatte schon im vorigen Jahre etwa 4000 Unter- schriften von Geschäftsinhabern gesammelt, die sich für den Achtuhr- Ladenschluß aussprachen. Nachdem der Ausschuß nunmehr seine Forderungen insofern eingeschränkt hat. als er den Achtuhr-Laden- schluß für alle Werktage, aber mit Ausnahme des Sonnabends ver- langt, an dem die Geschäfte bis 9 Uhr wie bisher geöffnet sein sollen, haben sich weitere 2500 Ladeninhaber durch Unterschrift für den Achtuhr-Ladenschluß erklärt. Im Polizeibezirk Berlin kommen etwa 8—9000 Geschäftsinhaber in Frage, die erforderliche Zwei- drittelmehrheit für den früheren Ladenschluß ist also vorhanden. Ein Antrag der Geschäftsinhaber sämtlicher Branchen mit Ausnahme der Lebensmittel- und Ciaarrenhändler liegt dem Polizeipräsidenten bereits vor, und es soll zu erwarten sein, daß die amtliche Ab- stimmung bald vorgenommen und der Achtuhr-Ladenschluß in Berlin noch in diesem Jahre eingeführt wird. Wenn dieser Opttniismus nur berechtigt ist! Die Schwimmbäder im Freien haben nicht nur die einfache Be- deutung eines Reinigungsbades, sondern sie sind in hervorragender Weise geeignet, den Körper abzuhärten und zu kräftigen. Die Schwimmbewegung nimmt alle Mustelgruppcn in Anspruch; sie befördert dadurch den Stoffwechsel, wie wenige andre körperlichen Uebungen, und das Hungergefühl, welches sich nach einem Schwimm- bade einzustellen pflegt, ist die gesunde Wechselwirkung. Ein Schwimm- bad kann auch länger genominen werden als ein Flußbad ohne Schwimmen, weil in letzterem Falle der Wärmeverlust für den Körper ein zu großer würde, da er bei dem ruhigen Verhalten nicht die Wärmemengen neu bildet, welche beim Schwimmen durch die Bewegung entstehen. Freilich soll auch das Schwimmbad in seiner Dauer nicht übertrieben werden. Es ist stets ein Zeichen, daß die Wärmebildung des Körpers nicht mehr mit dem Wärmeverlust in Einklang steht, wenn in Form einer sogenannten Gänsehant ein leises Frösteln sich eiifftellt, und es soll dann unter allen Umständen das Wasser verlassen und die Kleidung angelegt werden. Das gleiche Zeichen ist auch bei dem Luftbade von größter Bedeutung. Es ist im allgemeinen wohl zu raten, nach dem Verlassen des Bades und nachdem der Körper abgetrocknet ist— durch die Luft den Körper abtrocknen zu lassen, führt sehr leicht zu ernsten Erkrankungen— einige Zeit unbekleidet sich in der fteien Luft, oder noch besser im Sonnenschein, aufzuhalten. Aber auch dann ist die Belvcgung der Ruhe vorzuziehen und auf keinen Fall die Dauer des Luftbades über das Eintteten des Frostschauers auszudehnen. Es würde flir unsre Jugend ein Gewinn sein, wenn gleich dem Turnen auch das Schwimmen, wo immer die Wasserverhältnisse es gestatten, ein obligatorischer Lehrgegenstand wäre. Zur Geschichte der Tcltowcr Rüben berichtet die„Brandenburgia": Der Bau der Teltolver Rüben ist alt. Sie wurden auch früher schon nicht nur in brandenbnrgischen Landen geschätzt, sondern waren auch ein weit verbreiteter Handelsartikel. Der HistorikerBeckmaim erzählt von ihnen 1769:„Zu Teltow werden die kleinen oder sogenannten Steck- oder Treugerüben gebaut, und sind nicht allein binnen Landes sehr beliebt, sondern werden auch bis in die Seestädte, bis nach Portugal verführt." Buchholz, ein Zeitgenosse des eben genannten Geschichts- schreibers, rühmt überhaupr von dem märkischen Rübenbau,„daß er alles dergleichen in Deutschland überträfe". Den Preis unter allen Rüben bauenden Orten erteilt er auch der Stadt Teltolv, die er das„rechte Vaterland der schmackhaften Rüben" nennt. In betreff der Zubereitung der Rüben giebt es in Teltow eine eigne Tradition. Man darf, so heißt es, die Rüben nicht schaben, sondern muß nur die feinen Würzelfasern, die überall an ihnen vorkommen, mit Sand abreiben, dann das Kopf- und äußerste Schwanzende abschneiden und sie schließlich nur noch sauber waschen. Auf diese Weise soll sich namentlich das feine, unmittelbar unter der Schale sitzende Aroma erhalten. In Berlin scheint man dies auch allgemein so gehandhabt zu haben, wenigstens deutet hierauf die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts noch viel- fach übliche Redeweise hin, daß man Teltower Rüben nur fegen dürfte. Als besonderer Verehrer der Teltower Rüben ist zu nennen: Joh. Hcinr. Voß, der berühmte Dichter und Uebersetzer. Dieser ließ sich nach seiner Uebersiedelnng nach Heidelberg dorthin Rübensamen schicken, allein die Rüben selbst wurden viel zu groß und entbehrten des pikanten Geschmackes. Papst Pius IX. ließ sich Teltower Rübchen nach Rom senden. Auch Goethe war ein großer Freund der schmackhaften Rübchen, die ihm sein Berliner Freund Zeller alljähr- lich mehreremal nach Weimar senden mußte. Zu der Entgegnung der Straßcnbnhndircktion, die wir gestern veröffentlicht haben, wird uns vom Verband der Handels- und Transport-Arbeiter geschrieben, daß bei der Direktion etliche Irrtümer vorhanden sein müssen. Was die Bremsfähigkeit des Wagens be- treffe, so müsse darauf hingewiesen werden, daß der Fahrer Eichberg in einer Entfernung von 120 Meter schon zu bremsen angefangen habe, aber nicht nur die Handbremse, sondern auch die Stroinbremse hätten völlig versagt. Der Sand lag 40 Meter weit auf den Schienen und der Wagen war glatt darüber hinweg gefahren. Wäre auch nur die leiseste Bremswirkung vorhanden gewesen, so hätte der Sand entweder zerrieben oder gar zerstäubt werden müssen, da vollständig trockenes Wetter gewesen war. Daß der Wagen ohne jede Reparatur der Bremse wieder in Betrieb genommen werden konnte, beweise nichts, denn es würden auf den Bahnhöfen Reparaturen vorgenommen, ohne daß Meldungen an die Direktion erstattet würden. Mit der Berichtigung, daß der Wagen Nr. 1243 in zwei Monaten nicht 26mal, sondern nur siebenmal gemeldet sei, habe die Direktion scheinbar recht. Offiziell sei der Wagen zwar nicht siebenmal, sonhcrn elfmal gemeldet worden; ferner aber seien noch mündliche Meldungen wegen mangelhafter Bremse an den Bahnhofsschlosser ergangen und zwar so oft, daß die Zahl 26 noch recht niedrig sei. Die Thatsache, daß es die Fahrer heiß und kalt überlaufe, wenn sie mit bestimmten Wagen losfahren müßten, sei nicht aus der Welt zn schaffen. DaS Tablett des OffizicrcorpS. Wie leicht es manchen Denun- zianten gemacht ist, unbescholtenen Personen die Polizei ins Haus zu schicken und Haussuchungen zu veranlassen, zeigt folgender Fall: Ein Goldwarenhändlcr hatte vor einigen Tagen ein silbernes Tablett gekaust und es einigen Geschäftsfreunden zur Ansicht gezeigt oder zum Kauf angeboten. Kurz darauf erschienen im Geschäftslokal des Händlers in dessen Abwesenheit zwei Herren, die sich als Polizei- beamte vorstellten und der Ehefrau des Händlers sagten, daß ihr Mann ein gestohlenes Tablett gekauft habe. Sie hätten auch Auf- trag, nach dem Tablett Haussuchung vorzunehmen. Die beiden Beamten kehrten sich an die Einwände der Frau denn auch gar nicht, sondern durchsuchten die Geschäfts- und Wohnräume in Ab- Wesenheit des Inhabers mit das gründlichste. Die Haussuchung war erfolglos, da das Tabl�t bereits verkaust war. Die beiden Polizeibeamten mußten also unverrichteter Sache abziehen. Der Behaussuchte will jetzt aber die Sache nicht stecken lassen und den Denunzianten für seine wider besseres Wissen der Polizei gemachte Anzeige zur Verantwortung ziehen. Daß die Polizei auf die Anzeige irgend eines Denunzianten hin aber eine Haussuchung vornahm, die nicht im geringsten berechtigt war, geht aus einer Bescheinigung folgenden Wortlautes hervor, die sich der Behaussuchte sofort vom Verkäufer des Tabletts erbat:„Hiermit bescheinige ich dem Herrn F. R.. Berlin,... daß ich demselben am 26. Juni d. I. ein silbernes Tablett, mit dem Namen eines Offiziercorps versehen, sowie mit dem eingravierten Datum..... verkauft habe. Das Tablett wurde mir anläßlich meiner Hochzeit von dem Offiziercorps, dem ich angehört habe, geschenkt und war daher mein ausschließliches Eigentum." Die Fcrien-Halbkolonic», die in den westlichen Berliner Stadt- teilen und in Schöneberg gebildet sind, haben ihre Ausflüge nach dem Grunewald begonnen. Mittags werden vom Nollendorfplatz und von der Apostel Pauluskirche aus täglich mehrere Straßenbahn- züge abgelassen, welche die aus mehreren hundert Köpfen bestehenden Kinderscharen nach den am Rande des Grunewalds gelegenen Miets- Häusern bringen und abends von dort wieder abholen. Von den Lokalen aus ziehen dann die Kinder in den Wald, wo sie spielen, Lieder singen oder sich auf irgend eine andre Art unter Aufsicht von Lehrern und Lehrerinnen belustigen. Für gute Verpflegung der Kinder ist gesorgt. Ter Fall des Professor Dr. Jacob. Uns wird geschrieben: In der Berichtigung, die Herr Professor Dr. Paul Jacob in der Sonnabendnummer dieses Blattes veröffentlicht, hat er es zwar verstanden, keine positive Unwahrheit zu sagen, aber die Punkte, auf die es ankam, wiederum—— verschwiegen. Die beiden letzten Tuberkulininfusionen sind vielleicht in der That ohne Einfluß auf den Krankheitsverlauf geblieben; Herr Professor Jacob hat aber verschwiegen, daß er 14 Tage vorher bereits zwei andre Lungeninfusionen, mit Hetol, an der in Frage stehenden Patientin vorgenommen hatte; er hat verschwiegen, daß durch sein eignes Krankenjournal, in voller Uebereinstimmung mit dem offiziellen Journal der Charite nachgewiesen worden ist. daß er den Luftröhrenschnitt bereits mehrere Wochen vor dem Tode bei relativem Wohlsein der Patientin ausgeführt hat, und nicht, wie er im Verein für innere Medizin falscherweise angab, zim die Patientin vor dem Erstickungstode zu retten. Endlich ist der Einwand, daß er für den „sechsten Fall" in seinem Vortrage keine Zeit mehr übrig hatte, geradezu geschmacklos, denn Herr Prof. Jacob hatte, um seine übrigen 5 Fälle zu schildern, eine besondere außerordentliche Sitzung in Scene gesetzt, die volle 2 Stunden in Anspruch nahm. Ei» Lebensretter. Der Polizeipräsident erlätzt folgende Bekannt- machung: Der Handwerkerlehrer Herr Herinann Kaiser. Hierselbst Gräsestr. 78 wohnhaft, hat am 15. Juni d. I. den acht Jahre alten Knaben Fritz Heinz, welcher beim Spielen am Kottbnser Ufer in den Landwehrkanal gefallen war, vom Tode des Ertriukens gerettet. Ich bringe diese von Mut und Entschlossenheit zeugende That hiermit belobigend zur öffentlichen Kenntnis. Ein Student, der anscheinend nicht dem Verein abstinenter Studenten angehört, suchte gestern früh in seltsamer Verfassung das Wachtkommando des Döberitzer UebungSplatzes auf. Nur mit dem Hemd bekleidet, bor Frost zitternd, bat er flehentlich um Aufnahme. In Anwesenheit des Platzkommandanten, Generallieutenants v. Spalding, der ihn zuerst für einen Landstreicher hielt, erzählte er seine Leidensgeschichte. Er sei ein Student aus Berlin und habe am Tage vorher mit einein Kommilitonen einen Ausflug nach Döberitz unternommen. Nachdem sie in den Wirtschaften beim Barackenlager reichlich Bier getrunken, hätten sie beabsichttgt, wieder heim zu fahren. Beim Bahnhof wären sie aber in einen thätlichen Streit verwickeli worden, bei dem sie den kürzeren gezogen hätten. Seinem Gefährten wäre es noch gelungen, sich durch schleunige Flucht in den bereit stehenden Eifenbahnzug in Sicherheit zu bringen, er selbst habe sich aber ins benachbarte Gehölz retten müssen. Unter der Einwirkung der ge- nossenen Getränke habe er bei Anbruch der Dunkelheit gewähnt, er befände sich zu Hause, und habe sich entkleidet. Beim Erwachen habe er die Kleidungsstücke nicht wieder finden können.— Der Student wurde von den Soldaten aufgenommen, und später fand man im Freien auch seine Kleiduugsstücke, so daß er, allerdings in recht gedrückter Stimmung, gegen Mittag nach Berlin zurückfahren konnte.... Selbsthilfe gegen Radlcr-Fallen. Eine drollige Meldung geht uns vom Berliner Motorrad- Klub zu: Betreffs der be- kannten Radler- und Automobil-Falle Wannsee erlaubt sich der unter- zeichnete Klub an Hand der am Sonntag, den 10. Juli, erfolgten Versuche folgendes mitzuteilen: Es ist möglich, mit ca. sechs Personen, welche nur Warnungen abzugeben brauchen, ganz Wannsee so zu besetzen, daß Strafverfolgungen von Wagcnbesitzern und Radfahrern kaum noch stattfinden können. In der Zeit von 9 bis 5 Uhr gelang es zwei Klubmitgliedern, ungefähr 70 Radfahrer vor den drei an der Moorlaker Ecke am Reichsadler postierten Polizeibeamten zu warnen bezw. sie zum Absteigen zu veranlafsen, während sie gleichzeittg jedes durchkommende Automobil auf die wirkliche Schnelligkeit usw. kontrollierten, so daß der Gemeinde Wannsee hierdurch mindestens 300 M. an„Strafgeldern" entgangen sind. Der Zweck dieser Mitteilung soll nur sein, die Berliner Siadfahrer- und Automobil-Vereine endlich einmal zu gemeinsamem Vorgehen zu veranlassen, und wäre es erlvünscht, Ivenn diese ihre Vertreter am Freitag, den 15. Juli, zur Sitzung des Berliner Motorrad- Klubs nach dem„Alten Askanier", Anhaltstr. 14, abends 9 Uhr, entsenden loollten. Der Beweis der Durchführbarkeit ist durch nur zwei Personen geliefert worden, und es wäre ein leichtes, mit sechs Personen Wannsee, mit je zwei Personen Hundekehle, Johannisthal, Adlershof und Grünau so zu besetzen, daß ein Erfolg in kürzester Zeit gewährleistet erscheint. Ei» Opfer der Strasicnbahn ist die Wäscherin Marie Zellin ans der Veteranenstr. 18 geworden, die vor dem Hause Schönhauser Allee Nr. 120 überfahren wurde. Sie starb in der Charits an Brüchen des Schädels und der Wirbelsäule. Ein falscher Kriminalbeamter treibt in den westlichen�Bezirken sein Unwesen. Zur Frau des Bahnarbeiters Z. in der Siegfried- straße in Schöneberg kam ein gntgekleideter junger Mann und er- klärte, er sei Kriminalbeamter und beauftragt, bei der Tochter des Hauses, die in Berlin in einem Geschäfte thätig ist, eine Haussuchung abzuhalten. Es handle sich uni den Diebstahl einer Uhr, Frl. Z. sei bereits verhaftet. Die alte Frau war durch das sichere Auftreten des Besuchers so verblüfft, daß sie ihm auf Verlangen das Zimmer ihrer Tochter zeigte. Der angebliche Kriminalbeamte durchwühlte nun alle Schränke und Behälter, nahm keinen Anstand, einzelne Schlösser mit einem Dietrich zu öffnen, während die geängstigte Frau Z. der sonderbaren Haussuchung zuschaute. Natürlich wurde nichts Ver- dächtiges gefunden. Dem Erndringling war es unbequem, daß außer der alten Frau noch ihr Sohn zu Hause war, so daß er den offen- bar beabsichtigten Diebstahl nicht ausführen konnte. Um den jungen Mann zu entfernen, verlangte er, man möge ihm sofort einen Schlosser holen, da eines der Schlösser seinen Dietrichen widerstand. Darauf wollten sich aber weder Frau Z. noch ihr Sohn einlassen, so daß der falsche Kriminalbeamte unverrichteter Sache abziehen mußte. Ein kleines Kästchen mit barem Gelde war der Auf- mcrksamkeit des„HauSsuchendeic" entgangen. Als Fräulein Z. abends auS dem Geschäfte heimkehrte, stellte sich heraus, daß der angebliche Beamte ein abgefeimter Schwindler war, der es entweder auf einen sofortigen Diebstahl oder auf das Auskundschaften einer Dicbstahlsgelegenheit für später abgesehen hatte. Offenbar dürfte der Mann seinen Trick mit der Haussuchung auch an andren Stellen versuchen. Zwei große und recht gefährliche Brände beschäftigten in der vor- letzten Nacht die Feuerwehr aus dem Gesundbrunnen und in der D r e s d en e r st r. 50/51, gegenüber der Alexandrinenstraßc. Auf dem Gefundbrunnen standen nachts zwischen 11 und 12 Uhr olz- und Lagerplätze an der Behmstratze, unmittelbar am Bahnhos esundbrunnen, in großer Ausdehnung in Flammen. Die Grund- stücke dieser noch nicht regulierten Straße gehören den Wollankschen Erben und sind zu Lagerzweckcn, als Stätteplätze vernnetet. Auf einem dieser Plätze Ivar das Feuer, vermutlich durch Funken, aus- gekommen und hatte an den Holz- und vielen andren Vorräten reiche Nahrung gefunden. Als die Feuerwehr erschien, standen schon mehrere Schuppen in hellen Flammen. Wegen der Gefahr, die durch den starken Wind noch vermehrt wurde, wurde„Mittelfeuer" an alle Wachen gemeldet und unverzüglich mit allen Kräften von mehreren Seiten energisch vorgegangen. Den vereinten An- strengungcn der unter Leitung des Branddirektors Giersberg stehenden Löschzüge gelang es, den Brand zu lokalisieren und nach und nach an Terrain zu gelvinnen. Kaum ivar dort die Gefahr beseitigt, als ein neuer Alarm die Feuerwehr nach der Dresdenerstraße rief, wo die bekannte Cichorienfabrik von F. F. R e s a fl, die schon vor Jahren einmal vom Feuer heimgesucht worden ist, in Flammen stand. Es brannte die Getreiderösterei im Ouergcbände, das Dachgeschoß und der Dachstuhl des Quergebäudes. Brand- inspektor Dransfeld ließ drei Schlauchleitungen vornehmen und damit kräftig Wasser geben. Die Flammen hatten hier an dem durch die permanente große Hitze von der Rösterei ausgedörrten Holz-c. gute Nahrung gefunden und gefährdeten die angrenzenden Gebäude. Es gelang aber, diese zu fchützen und gegen 4 Uhr den Brand zum Stillstand zu bringen. Die Ausräumung der Brandstellen nahm noch längere Zeit in Anspruch. Während die Feuerwehr ausgerückt war, lies eine Feuermeldung von der Admiral-Brücke ein. Inner- halb weniger Stunden die zweite von dort, die ans groben Unfug zurückzuführen ist, ohne daß es gelungen, den Thäter zu er- wischen. Im Schiller-Theater entstand gestern abend während der Vorstellung elektrischer Kurzschluß in der Beleuchtung. Die Ge- fahr wurde sofort bemerkt und gleich beseitigt, so daß nur un- bedeutender Schaden und keine Störung entstand. Eine angenehme Uebcrraschung wurde einem am Kottbuser Damm wohnhaften Gastwirt bereitet. Bei demselben erschien ein Kriminal- beamter und überbrachte ihm eine wertvolle goldene Herrenuhr, die der Gastwirt sofort als sein Eigentum erkannte, deren Verschwinden er jedoch nock gar nicht bemerkt hatte. Ein Kutscher Hasse und ein Arbeiter Wilhelm Schulze, beide aus Britz, waren tags vorher bei dem betreffenden Wirt eingekehrt und hatten dabei Gelegenheit gefunden, die Uhr nebst einem kleinen Geldbetrag aus der Ladenkasse zu entwenden. Als Hasse abends die Uhr bei einem Rixdorfer Uhrmacher verkaufen wollte, sich aber über deren redlichen Erwerb nicht ausweisen konnte, erfolgte seine Verhaftung. Nach längerem Leugnen gestand er, die Uhr dem betreffenden Gastwirt gestohlen zu haben. Auch Schulze wurde ermittelt und festgenommen; er gab bei seinem Verhör an, daß Hasse schon wiederhol- bei dem betreffenden Gastwirt die Laden- lasse erheblich geplündert habe, wenn sich hierzu die Gelegen- heit bot. Ucberfahren wurde am Sonntagnachmittag um 2 Uhr vor dem Hause Miillerstr. 127 szwischen Kamerunerstraße und dem Paul Gerhard-Stift) der 17 Jahre alte Max Z ü r k e r von einem Wagen der Linie Tegel-Weddingplatz. Der junge Mann wurde von dem Wagen etwa dreißig Meter mitgeschlcift und erlitt schwere Ver- letztingen, ist aber nicht tot, wie einige Blätter mitteilten. Augen- zeugen des Vorfalles werden von der Mutter des jungen Mannes, Frau Gryczewski, Müllerstr. 131, vorn 3 Treppen, um Angabe ihrer Adresse gebeten. Straßensperrung. Die südliche Verbindungsstrabe des Königs- Platzes mit der Straße vor dem Krollschen Garten wird behnfs Asphaltierung vom 14. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Ihr hundertstes Lebensjahr vollendet, wie unS mitgeteilt wird, am 18. Juli die in dürftigen Verhältnissen lebende Wittwe Lina Jacoby, welche mit ihrer siebzigjährigen unverheiratet gebliebenen Tochter im Hanse Bülowstraße 78, 3 Treppen, wohnt. Die Tochter hat 40 Jahre lang Wäsche genäht, bis sie von Lungenblute» befallen wurde und jegliche Arbeit aufgeben mußte. Die Heiden Frauen er- nähren sich vom Zimmervermieten und kleinen Unterstützungen, die ihnen zu teil werden._ Die Berliner Niederlage der Pariser„Midincttcs".„Für das Vaterland I" ist ein ergreifendes Klagelied betitelt, das der schalkhafte Henrh Bidou im„Journal des Dsbäts" anstimmt.„Laßt uns nnsre Niederlage mit Würde tragen", schreibt er.„Zeigen wir nichts von unserer patriotischen Trauer und feiern wir unser Nationalfest trotz alledem. Stellen wir uns dem Schicksal mit eiserner Stirn gegen- über. Die Midincttes kehren besiegt zurück I Fünf waren es; fünf Midincttes mit stramnier Wade und feinem Knöchel, die wie junge Rebhühner durch die Straßen trotteten, waren die Heldinnen dieses internationalen Ereignisses. Als sie eines Morgens im Triumph von Paris nach Nanterre trabten und Preise erhielten, geriet Deutschland, das immer eifersüchtig auf Frankreich blickt, in Aufregung. Es fürchtete, daß uns schon die nächste Saison eine Generation von idealen Infanteristen bringen könnte. Ihm war plötzlich die Wahrheit aufgegangen, daß man, um gute Soldaten zu erhalten, sie schon in der Urzells vorbereiten muß. und es ging sofort ans Werk, seine Modistinnen, die von schönster Rasse sind, zu trainieren. Eine wissenschaftliche Ernährungsweise gab diesen trefflichen Muskn- laturen solche Elasticität, daß sie sich schon im wunderschönen Monat Mai auf dem„Turf" zeigen konnten. Dort schienen ihre Mittel so zu befriedigen, daß Deutschland die Französinnen herauszufordern beschloß. Die fünf Siegerinnen, die Elite der Elite, nahmen die Heraus« forderung an und verzichteten auf die Hoffnung, am 14. Juli in Paris zu defilieren. Sie gingen nach Berlin. Dank der vorsichtigen Zurück- Haltung der Regierungen konnten neue diplomatische Komplikationen verhütet werden. Sonntag fand das Rennen statt. Wer kann Ursache und Wirkung_ wägen? Die lange Eisenbahnfahrt, die unbekannte Rennbahn, die Luft der Fremde, die Aufregung darüber, daß der Ruhm von Paris in die Ferne getragen werden sollte, das alles mochte die Damen nervös gemacht haben. Anstatt eines Wettganges mit weitem Ziele gab es einen Wettlauf bei einer kleinen Strecke von 400 Meter. Bei so kurzer Strecke konnten die Schwestern der Ulanen von der ganzen Ueberlegenheit ihrer„Heizungsfläche" profitieren. Sie rasten los wie mit 80 R?. und alle fünf kamen ans Ziel.„Hoch I" schrie das Publikum. Die Musik spielte„Die Wacht am Rhein" und die Siegerinnen bekamen 300 bis 200 und 100 Mark. Unsre MidinetteS waren traurig, aber nicht ent- mutigt. E§ fand ein zweiter Lauf statt. Hier findet unser nattonales Gefühl einen schmerzlichen, aber schönen Trost. Vier von den deutschen Jungfrauen stürmten wieder mit Automobilkrast dahin; eine Französin aber holte nach übermenschlicher Anstrengung die fünfte ein und überholte sie. Die nationale Ehre war gerettet und wir blicken vertrauensvoll in die Zukunft. Die Rue de la Pnix kann ruhig flaggen. Wenn ein Armeecorps oder auch nur eine einzelne Modistin nach der ersten Niederlage, statt mutlos den Kampf aufzugeben, sich fähig fühlt, es besser zu machen und mit der Energie der Verzweiflung sich von neuem in das Schlachtgewühl stürzt, kann das Vaterland ruhig sein. Bravo Kleine I Man sollte sie auf die Jenaer Brücke führen, und der Kriegsminister sollte sie vor der- sammeltem Volke umarmen!" Die neue Ausstellung im Kunstsalon Wertheim, Voßstr. 81, ent- hält neben den Arbeiten der Impressionisten Baar-Wien, Bach-Baden, Jaschke-Wien und Nowak-Wien, letzterer mit einer pointclistischen Arbeit„Abend", eine arkadische Landschaft darstellend, eine Fülle interessanter Gemälde. Hauptsachlich ist diesmal Oesterreich vertreten und zwar durch Böttinger-Prag, Brunner-Wien, Göth-Wien, Gsur- Wien, Klingenstein-Prag u. a. m. Aber auch München kommt hervor- ragend zu Worte. Wir sehen Arbeiten von Korzendörfer, KotowSki, Parin, Perschke, Picpho, Rieper, Stumpf u. a. m. Außerdem nennen wir noch Eisenblätter-Königsberg, Poppe Folkers-Königsberg, Frey- Karlsruhe, Fritsch-Dresden, Macco-Düsseldorf und viele andre. Ein sehr interessantes Schauspiel wird sich am Sonntag, den 24. Juli, in dem beliebten Ausflugsort Friedrichshagen mit seinem herrlichen Müggelsee den Berlinern bieten. Das zweite Arbeiter-Sportfest wird an diesem Tage dort abgehalten. Vielen ist leider der Sport nur als Unterhaltung der besitzenden Kreise bekannt und ihnen erscheint seine Ausübung durch Arbeiter geradezu überflüssig. Da ist es angebracht, auf das Urteil ärzt« licher Autoritäten hinzuweisen, daß das Radfahren, Rüdem, Segeln, Schwimmen, die Athletik usw. der Gesundheit in hohem Grade förderlich ist; und da Gesundheit das höchste Gut auch de? Arbeiters ist, so mag sich mancher die Frage vorlegen, ob er in Zukunft seine wenigen freien Stunden dazu benutzen will, in Kneipenlust seinen Körper widerstandsunfähig zu machen oder ihn in frischer Luft und gesunder Ausarbeitung zu stählen und zu kräftigen. Gelegenheit zur Beobachtung bietet der erwähnte Sonn- tag, wo die Vereine zeigen werden, welche Macht der Arbeitersport aus kleinen Anfängen heraus geworden ist. Ob zu Wasser oder zu Lande, alle werden sie wetteifern, um das Fest großartig zu gestalten und neue Genossen ihren Reihen zuzuführen. Aus den Nachbarorten. In FriedrichShagrn hält der Arbeiter-Bildungsverein Sonnabend bei Patznick. Friedrichstr. 104, seine V e r s a m m l u n g ab, in der Neuwahlen auf der Tagesordnung stehen. Weißens«. Wir machen die Mitglieder auf den am Sonntag stattfindenden Besuch der Treptow-Sternwarte aufmerksam. Lichtbilder-Vortrag, Besichtigung des astronomischen Museum» jc. Im Interesse der gemeinnützigen Veranstaltung erwarten wir zahl- reiche Beteiligung. VilletS a 20 Pf. sind an den bekannten Stellen zu haben. Der Vorstand des Socialdemokratischen Wahlvereins. Die Gemeinde Pankow und ihre sociale Fürsorge für die arbeitende Bevölkerung. Der Magistrat von Rixdorf hatte vor längerer Zeit ein Rundschreiben an sämtliche Vororte gerichtet, in welchem der Wunsch ausgedrückt wurde, ein gemeinsames Ortsstatut für die Krankenversicherung der Heimarbeiter auszuarbeiten und gleichzeitig eine statistische Aufstellung über die Heimarbeit in den Vororten zu schaffen. Eine ganze Reihe von Vororten beschäftigen sich seit Monaten mit dieser Vorlage. In der letzten Sitzung der Gemeinde- Vertretung in Pankow wurde von socialdemokratischer Seite an- gefragt, ob das Rixdorfer Rundschreiben nicht eingegangen wäre, und gleichzeitig ausgeführt, daß für Pankow die Kränken- Versicherung der Heimarbeiter eine zwingende Notwendigkeit sei. Der Gemeindevorsteher antwortete in sehr gewundener Form, daß ja die Borlage in einer der nächsten Sitzungen erledigt werden könnte. Durch nachträgliche Informationen erhalten wir bestätigt, daß Herr Vorsteher Gottschalk die Anfrage selbst beantwortet hat und zwar in dem Sinne, daß ein Bedürfnis der Versicherung der Heimarbeiter für Pankow zur Zeit nicht vorliegt. Wir können nun dem Herrn Gottschalk verraten, daß in Pankow als einem nördlichen Vororte von Berlin, welcher 23 000 Einwohner zählt, eine große Anzahl von Betriebswerk st ätten existieren. Eine Fabrik elek- Irischer Lampen beschäftigt eine Unzahl von Heimarbeitern und die Haussegenfabrikation desgleichen. Eine einzige An- ftage an die Gewerbe-Jnfpektion oder an die diese Betriebe kontrollierenden Gendarmen hätte genügt, den Gemeindevorsteher aufzuklären. Wenn wir auch zugeben, daß die einzige verantwortliche Person mit Arbeiten und mit der Aufftellung von Projekten für Kaiser- Standbilder sehr belastet ist, so muß im Interesse der Pankowcr Be- völkcnmg dafür gesorgt werden, daß die socialen Aufgaben nicht leiden. Wer ist der Bat«? Die Uebcrreichung eines Bittgesuches an den Kronprinzen gab am Montagabend in Potsdam Veranlassung zu einer dramatischen Scene mit pikantem Hintergrunde. Als der Kronprinz gegen 10'/« Uhr beim Regimcntshause in der Mammonstraße vorüberritt, um sich nach der Kaserne des ersten Gardcrcgiments zu Fuß zu einer Nachtübung zu begeben, verließ eine elegant gekleidete junge Dame mit einem Kinde auf dem Arm plötzlich eine Droschke I. Klasse und warf sich, eine Bittschrift hoch- haltend, vor das Pferd des Kronprinzen, diesen laut um Hilfe an- flehend. Derselbe hielt sofort sein Pferd an und fragte, das Gesuch abnehmend, nach den Wünschen der Dame. Diese behauptete nun, daß eine hochstehende Persönlichkeit ails dem kaiserlichen Hofhalt der Vater ihres Kindes sei, sich aber um das arme Wesen nicht kümmere, und bat deshalb um Vermittelung des Kronprinzen in der delikaten Angelegenheit. Im Borort Maricndorf ist ein Streit zwischen Amtsvorsteher und Gemeinde ausgebrochen. Die Ursache ist der Sttaßenstanb, der sich in unangenehmster Weise fühlbar macht. Bereits im März forderte der Amtsvorsteher auf Grund eingegangener Beschwerden den Gemeindevorstand auf. die Stcglitzerstratze betpreiigen zu lassen und wiederholte seine Ausforderung, als sie unbeachtet blieb. Als auch das ziveite Schreiben keinen Erfolg hatte, ordnete der Amts- Vorsteher einfach an, daß die Straße auf Kosten der Gemeinde so lange von der Südender Fenerlvehr besprengt wird, bis die Ge- meinde selbst das Sprengen übernimmt. Gegen diese Verfügung hat die Gemeinde Mariendorf beim Kreisausschuß Klage erhoben. Hohen-Ichöiihaiiscn. Ein bescheidenes Verlangen hat die hiesige Terrain-Aktiengesellschaft an die Gemeindevertretung gerichtet. Sie will nämlich, daß die Gemeinde einen Teil der durch die Parzellierung ihres Terrains und die Straße nanlage ent- stehenden Kosten trage. Die Gemeinde lehnte schon in Rücksicht auf die Leere ihrer Kasse das Verlangen ab.— Der Redakteur Steffen von dem einen der hier am Orte erscheinenden beiden Lokal- blätter hat seinen Wohnsitz nicht in der Gemeinde, sondern im Gnts- bezirk Hohenschönhausen und ist daher als„Fremder" nicht zu den Sitzungen der Gemeindevertretung zugelassen lvorden. Sein Antrag, die öffentlichen Sitzungen regelmäßig als Berichterstatter besuchen zu dürfen, wurde ohne weiteres abgelehnt, trotzdem der socialdemo- kratische Gemeindevertreter T h i e l e die Zulassung der Redakteure beider Ortsblätter beantragt hatte. Welchen Zweck diese Abschließung wohl haben soll? Gerichts-Leitung. Unschuldig verurteilt? Einer Roheit, wie sie Streikbrecher nicht selten gegen anständige Arbeiter ausüben, sind die organisierten Arbeiter Hermann Krüger und Richard Brenseberg bezichtigt worden. In einer Jnstrumentenfabrik im Norden Berlins war im März d. I. ein Streik ausgebrochen. Die Ausständigen waren pflichtgemäß be- müht, die noch Arbeitenden für sich zu gewinnen. Am Abend des 28. März befand sich der Tischler Lehmann, welcher zu den Arbeits- willigen gehörte, in einer Schankwirtschaft in der Schönhauser Allee. Er traf dort mit mehreren Streikenden, u. a. auch dem Angeklagten, zusammen. Es kam zwischen ihnen zu gegenseitigen Hänseleien. Gegen 10 Uhr entfernte sich der etwas angetrunkene Lehmann, der in Pankow wohnte, um nach dem Bahnhof zu gehen. Als er in den Zug einstieg, bemerkte er, daß drei Perjonen, von denen er die beiden Angeklagten wiedererkannt haben will, ihm gefolgt waren und eben- falls den Zug bestiegen. Lehmann stieg in Pankow aus und schlug den Weg nach seiner Wohnung ein. Bald bemerkte er, daß die drei Personen ihm folgten. Beunruhigt, sing er an zu laufen. Seine Verfolger holten ihn aber bald ein. Sie schlugen ihn zu Boden und dann mißhandelten sie ihn. Mit scharfen Instrumenten brachten sie ihm blutende Wunden am Kopfe bei und verfetzten ihm eine Menge Fußtritte gegen seinen Oberkörper. Während Lehmann am Boden lag, hörte er, wie einer seiner Peiniger die Worte ausstieß:„So holen wir Euch Streikbrecher alle aus der Bude heraus, nun könnt Ihr wieder hingehen und arbeiten I" Der Mißhandelte wurde be- wußtlos; als er wieder zu sich kam, waren die Feinde verschwunden. Er ist über 4 Wochen arbeitsunfähig gewesen und will noch an den Folgen der Mißhandlung leiden. Im gestrigen Termin bestritten die Angeklagten, die Thäter zu sein und meinten, daß der Zeuge Lehmann, der angetrunken gewesen fei, sich in ihren Persönlichkeiten geirrt haben müsse. Ter Staats- anwalt beantragte gegen die Angeklagten je 9 Monate Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Galland, bemühte sich vergebens, den Nachweis zu liefern, daß die Angeklagten die Opfer einer Personen Verwechselung geworden sein könnten, der Gerichtshof hielt sie für zweifellos überführt und ver- urteilte sie bei der Schwere des Vergehens zu je neun Monaten Gefängnis. Von einer sofortigen Verhaftung wurde Abstand genommen. Daß Streikbrecher anständige Arbeiter mit dem Revolver traktierten und dann außerordentlich glimpflich davon gekommen sind, ist bekanntlich schon dagewesen. Selten hingegen ist ein Vorfall, wie er den beiden Ausständigen zur Last gelegt wird; wenn ausständige Arbeiter von bürgerlichen Richtern mit den üblichen schweren Strafen belegt wurden, so handelte es sich vielfach um Fälle, wo die An- geklagten triftige Entschuldigungsgründe für sich hatten. Der Ge- danke, daß die beiden Verurteilten das Opfer einer Verwechselung geworden sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Dummheit und Bosheit. Aus Mitleid und Freundschaft sollte der Hausdiener Wilhelm Berlin, welcher gestern vor dem Schwur- gericht des Landgerichts I stand, einen wissentlichen Meineid geleistet haben. Sein Freund, der frühere Postbote Rudolf Rybarczik, befand sich wegen Anstiftung zum Meineide auf der Anklagebank. Berlin legte ein offenes Geständnis ab. Er und Rybarczyk hatten zusammen in Rathenow bei den Husaren gedient und waren im Jahre 1902 gleichzeitig entlassen worden. R. unter- hielt seit Jahren ein Verhältnis mit einem Mädchen in Rathenow, er war Vater eines Kindes geworden. Als er dann später in Berlin bei der Post Beschäftigung fand, lernte er ein Mädchen kennen, das ihm besser gefiel als seine damalige Braut und das er heiraten wollte. Nun fiel es ihm bei seinem kleinen Gehalt schwer, das Pflege- geld für sein Kind abzustoßen, er wollte gern von dieser Last befreit sein, auch fürchtete er wohl, daß er in den Augen seiner neuen Braut verlieren würde, wenn diese die Sache erführe. R. klagte seinem Freunde Berlin seine Not und schlug vor, daß er sich wegen des Ver- pflegungsgeldes von der Mutter des Kindes verklagen lassen wolle. Er wolle seine Zahlungsweigerung damit begründen, daß er erfahren habe, sein Freund Berlin habe zur fraglichen Zeit auch mit dem Mädchen geschlechtlich verkehrt. Er, Berlin, werde dann als Zeuge geladen werden, und wenn dieser dann die aufgestellte Behauptung mit seinem Eide bekräftigen wolle, so würde er, Rybarczik, von der Verpflichtung, weitere Pflegegelder zu zahlen, befreit werben. Berlin ließ sich überreden und der schuftige Plan wurde zur Ausführung gebracht. Das Gewissen rührte sich aber bald bei Berlin, cr zog es vor, sich durch ein offenes Bekenntnis seiner Schuld Ruhe zu ver- schaffen. Im gestrigen Termine legte der Angeklagte sich energisch aufs Leugnen, er wurde aber durch den Mitangeklagten Berlin sowie durch die Beweisaufnahme für überführt erachtet. Die Geschworenen sprachen beide Angeklagte schuldig. Berlin wurde zu einem Jahre, Rybarczik zu einem Jahre drei Monaten Zuchthaus verurteilt, wovon je zwei Monate durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erachtet wurden. In Betreff des Angeklagten Berlin ist von den Geschworenen ein Begnadigungsgesuch eingereicht worden. Beerdigimg und VereinSgesrh. An der Beerdigung de? Ratö« Herrn einer kleinen preußischen Stadt hatte auch der Feuerwehr- wehrverein mit Musik teilgenommen. Dieser Verein marschierte nach der Beerdigung geschlossen zurück, voran die Musik unter Leittmg des Dirigenten Schröter. Herr Schröter wurde demnächst wegen Ueber- tretung des Vereinsgesetzes angeklagt, weil er an einem nicht genehmigten öffentlichen Aufzuge teilgenommen und ihn geleitet habe. Er wurde indessen in zweiter Instanz fteigesprochen. Das K a in m e r g e r i ch t als Revisionsinstanz hob jedoch dies Urteil wieder auf und verwies die Sache zu nochmaliger Ver- Handlung und Entscheidung an das Landgericht zurück. Be- gründend wurde ausgeführt:- Ein Leichenbegängnis beginne mit dem Zusammentritt des Trauergefolges und schließe mit dessen Auseinandergehen. Dies erfolge meistens auf dem Friedhof. Keineswegs aber könne das noch zum Leichenbegängnis gezählt werden, wenn ein organischer Teil des Trauergefolges, ein Berein, gemeinsam vom Friedhof zurückmarschiere. Dieser Rückmarsch könne fehr wohl sich als öffentlicher Aufzug im Sinne des VereinSgesctzes darstellen, zu dem eine polizeiliche Erlaubnis erforderlich sei, selbst wenn das Leichenbegängnis an sich ein„gewöhnliches" war und keiner Erlaubnis bedurfte. Das Landgericht müsse darum feststellen, ob der Rückmarsch die Form eines Aufzuges hatte. Sei dies der Fall, dann müsse S. verurteilt werden. Revision im Prozeß Höffert. Die am Sonnabend von der dritten Strafkammer es Dresdener Landgerichts wegen Betruges zu sieben resp. drei Jahren Gefängnis verurteilten Frau Mila Höffert und Ludwig Paul Höffert haben sich dem gegen sie ergangenen Urteil noch nicht unterworfen. Beide Verurteilte werden Revision durch ihr« Verteidiger einlegen lassen. Frau Mila Höffert ist bekanntlich auf freiem Fuße ohne Kautionsstellung belassen worden, während ihr Sohn sich im Untersuchungsgefängnis befindet. Er ist bereits aus dem Verband des Offizierskorps, dem cr als Lieutenant der Land- wehr angehörte, ausgeschieden. In nächster Zeit findet übrigens noch ein Höffert-Prozcß zweiter Auflage vor dem Dresdener Land- gericht statt. Ludwig Höffert hat sich noch einmal wegen Betruges zu verantworten, denn es mutzten in der jetzigen Hauptverhandlung mehrere unter Anklage gestellte Betrugsfälle wegen Nichterscheinens der Zeugen ausgeschieden werden. Frau H. befindet sich zur Zeit in überaus dürftigen Verhältnissen, und man bringt der Frau, die schon seit langen Jahren infolge der Doppelehe ihres Mannes schwer zu leiden hatte, und die niehr als ein Opfer ihres leichtsinnigen Sohnes zu betrachten ist, Mitleid entgegen. Verein der Berliner Buchdrucker und Tchriftgietzer. Donnerstag, den 14. Juli, abends 8>/,Uhr: Vereinsverfammluna im GewerkichaftShause, Engeluser IS. Tag-Sordnung: 1. Vorttag deS ReichStagS-Abgeordneten Herrn Ed. Bernslein:„Die Eigentümlichkeiten des englischen GewerkschastS- Wesens." 2. Vereinsmitteilungen. 3. Fragelasten. Arbeiter- BildungSschule. Der letzte Unterrichts. Wend in Nationalökonomie findet Donnerstag, den 14. Juli, abends g Uhr, im Gewerkschastshauje, Saal 8, statt. Vermischtes. Ein großer Haidebrand ist auf der Strecke Hannover-Hamburg hinter der Station UntcrlunS ausgebrochen. Im Laufe deS gestrigen Tages hat der Brand sich mehrere tausend Morgen weit ausgedehnt. Am Nachmittag mutzte aus Celle das 77. Jnfanterie-Negiment im Extrazug zur Hilfe herbeieilen. Ein bedauerlicher Unfall ereignete sich auf einem SchulanSfluge in Zerre bei Spremberg. Während der Lehrer mit den Kindern auf einer Wiefe Spiele veranstaltete, hatten sich zwei Knaben unbemerkt entfernt und die Hülse einer abgeschossenen Patrone mit Zündblättchen gefüllt. Als der eine die Hülse zwischen zwei Steinen zur Eitt- zündung brachte, wollte der Gefährte, der zwölfjährige Sohn des Maschinenführcrs Grund, die Explosion beobachten, wobei ihm die ganze Ladung ins Gesicht flog. Der 5knabe schwebt in Gefahr, voll- ständig zu erblinden; er befindet sich in einer Augenklinik zu KottbuS in Behandlung, wo man hofft, wenigstens die Sehkraft auf einem Auge etlvaö zu erhalten. Neb« den Selbstmord eines Redakteurs wird ans Wien be- richtet: In einem hiesigen Bade erschoß sich gestern der Redakteur der„Zeit" Dr. Boris M i n z e S aus Furcht vor Wahnsinn. MinzeS ist in Rußland geboren, wurde dort politischer Umtriebe halber aus- gewiesen, woraus er in Bulgarien eine reiche politische und publizistische Thättgkeit entfaltete. Minzes war einer der genauesten Kenner der Balkanverhältnisse. Bei Schwimmüdnngril im Rhein, die gestern nachmittag von der 5. Eskadron des in Düsseldorf garnisonierenden Wests. Ulancn-Regi« ments Nr. 5 vorgenommen wurden, stürzte, wie man aus D ll s s e l- d o r f meldet, ein Kahn um. Sechs Ulanen sielen ins Wasser, zwei davon ertranken. Warum die Bevölkerung von Kasan bestürzt ist. Aus Kasan meldet der Telegraph:„Das wunderthättge Bild der heiligen Mutter von Kasan, das sich im Bogoroditzky-Kloster im Ccntrum der Stadt befindet und in ganz Rußland große Verehrung genießt, ist heute nacht von Dieben gestohlen worden. Tos Bild ist wegen seiner Ein- sassung mit Edelsteinen sehr wettvoll. Tie Diebe sind nicht auf- gefunden worden. Unter der Bevölkerung herrscht große Bestürzung." Da in Rußland nach einem Ausspruch Nikolaus I. jedermann stiehlt und höchstens Bücher vor Diebstählen sicher sein sollen, so darf cS nicht Wunder nehmen, daß aua; einmal ein diamantenbesetztes Wunderbild der Verehrung des abergläubischen Volkes entrückt wird. Ueber ein Grubenunglück wird aus Recklinghausen be- richtet: Dienstagabend 9>/z Uhr erfolgte im Schacht 3 und 4 der Zeche„General Blumenthal" eine Entzündung schlagender Wetter. Ein Bergarbeiter wurde getötet, drei wurden schwer und fünf leicht verletzt. Da die Betriebs- und Wetterführung in Ordnung geblieben war, konnten die übrigen Mannschaften ungehindert hinausgeschafft werden. Auf der Unfallstelle wurde eine durch Hackenhiebe be- schädigte Sicherheitslampe gefunden. Die Untersuchung wurde sofort eingeleitet. Ein Lustmordvcrsuch. AuS Erling am Ammersee geht den „Münchener Neuesten Nachrichten" folgende Mitteilung zu: Gestern nachmittag ging eine Anzahl Kinder zum Erdbeerpflücken. Ein Bursche von etwa 17 Jahren gesellte sich zu ihnen, lockte erst ein Mädchen, das ihm entwischte, dann ein andres zehnjähriges an sich und vergewaltigte eS. Mit einem großen Schnitt im Unterleib und mit durchschnittener Kehle blieb das Kind im Sonnen- brand und den zahllosen Mücken ausgesetzt liegen, bis es nach fast endlosem Suchen nachts um zehn Uhr noch lebend gefunden und zu einem Arzt gebracht wurde. Trotz der gräßlichen Verletzungen be- steht einige Hoffnung, daß das Mädchen am Leben bleibt. Der Thäter ist noch nicht verhaftet, doch glaubt man seine Spur zu haben. Ein polnischer Judustricort nird«gebrannt. Nach einem Tele- gramm hat eine gewaltige Feuersbrunst den Jndustrieort Przysucha m Rnssifch-Polen, Gouvernement Petrikau, eingeäschert. Vollständig niedergebrannt sind gegen vierhundert Wohnhäuser und drei Fabriken. Fünftausend Obdachlose kampieren auf den Feldern. ßriefhaften der Expedition. Spätlie, Lichtenhain. Da wir die dortigen postalischen Verhältnis� nicht kennen, so können wir Ihnen genaue Auskunft darüber nicht geben. Aber jedenfalls müssen Sie die neueste Nummer längstens am nächsten Tag morgens bekommen. Beschweren Sie sich eventuell wegen unpünlUicher Lieferung bei der dortigen Postanstall. Wafferstand am 12. Juli. Elbe bei Aussig— 9,5» Meter, bei Dresden— 2,00 Meter, bei Magdeburg 4- 0,44 Meter.— U n st r u t bei Strausisutt 4 0,90 Meter.— O d e r bei Ratibor ff- 0,34 Meter, bei Breslau Ober- Pegel 4 4,44 Mct'r. bei Breslau Unter> Pegel— 1,30 Meter, bei Frankfurt 4 0,44 Meter.— W e i ch j e l bei Brahcmunde 4 2,02 Meter.— Warth« bei Posen 4 0,02 Meter. Netze bei Usch 4 9,35 Meter. Wetter» Prognose für Donnerstag, den 14. Inlt 1904. Zunächst ctwaS wärmer, vielfach heiter bei schwachen südösUIchen Winden- spät« zunehmende Bewölkung und Gewitterneigung. Berliner Wetterbureaa. Berantw. Redakteur: Paul Büttucr, Verlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Le Co.. Berlin SW. Kr. 163. 2L Jahrgang. 2. fite des JotiDirts" Kerlim WldsdlM. Donnerstag, 14. Inli 1904. Euq Induftrie und Handel Petroleum-Produtte-Aktien-Gesellschaft, Berlin. Die in 1902 mit 8 Millionen Mark Grundkapital gegründete Gesellschaft, an der die London Shell Transport u. Trading Co. interessiert ist, hat nunmehr laut Eintragung ins Handelsregister ihren Sitz von Hamburg nach Berlin verlegt. Die Gesellschaft hat bekanntlich in diesem Jahre ihr Aktienkapital von 3 auf 9 Millionen erhöht und mit der Deutschen Bank ein Abkommen getroffen, wonach sie den Alleinvertrieb des ge- samten rumänischen Petroleums der Deutschen Bank übenümmt. Siemens-Schuckert-Werke. Aus den von der Gesellschaft beim Patentamte bewirkten Patentanmeldungen auf die neue, bereits er- wähnte elektrische Lampe geht hervor, daß es sich dabei um das Patent auf eine Liliputlampe und um das Patent auf eine Lampe, die aus dem Princip des Tantulfadens beruht, handelt. Da- bei wird ein mit Chlorstictstoff imprägnierier Faden verwandt. Diese Lampe wird von mehreren Blättern als eine Konknrrenz der von der Auer-Gesellschast hergestellten Osmiumlampe bezeichnet. Die ersterwähnte Liliputlampe befindet sich bereits im Handel. Der Außenhandel Belgien? im Jahre 1903 hat wiederum bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Die Gesamteinfuhr vermehrte fich um 12,9 Proz.; sie betrug 4447 Mill. Frank gegen 3940 Mill. Frank im Jahre 1992. Die Gesamtausfuhr hat sich um 12 Proz. gehoben; von 3473 Mill. Frank im Jahre 1902 auf 3890 Mill. Frank im Jahre 1903. Die specielle Einfuhr und Ausfuhr, ohne den Transitverkehr, betrugen davon 2656 Mill. Frank, beziehungsweise 2110 Mill. Frank. Für diese Special- Einfuhr und- Ausfuhr ergiebt sich des näheren, daß Deutschland und Frankreich um den ersten Platz im Handelsverkehr Belgiens mit dem Auslande noch immer rivalisieren. Für die Special- Einfuhr kommt Deutschland mit Waren im Werte von 340,2 Mill. Frank in Betracht. Frankreich mit 412,3 Mill. Frank; dann kommt England mit 326,4 Mill. Frank; die Vereinigten Staaten von Amerika mit 266,2 Mill. Frank und Holland mit 229,3 Mill. sfrank. Bei der Special-A u s f u h r steht Deutschland nach wre vor an erster Stelle mit 459,3 Mill. Frank, Frankreich erreicht nur 393,1 Mill. Frank, England 364,8, Holland 232,6 Mill. Frank. Für die Einfuhr aus Deutschland betrug die Ver- mehrung nach Angaben der.Franks. Ztg." bei Kohle 3,4 Mill. frank, bei'Vegetabilien, besonders Hopfen, 3,07. Leinengarn 2,65, rzen 2,42, Metallen, Stahl 2,37 Mill. Frank. Eine Verwinde- r u n g traf die Einfuhr von Farbstoffen um 12,61 Mill. Frank; hierbei ist jedoch zu bemerken, daß die Gesamteinfuhr von Deutsch- land, der Transitverkehr eingeschlossen, sich um 20 Mill. Fr. hob. Ferner verminderte sich unter anderm die Einfuhr von Korn und Getreide um 1,6 Mill. Fr., chemische Produkte um 1,24 Mill. Fr. Die Ausfuhr nach Deutschland erfuhr eine Ver« mehrung für Vcgetabilien. Oelsamen um 6.3, Felle 6,3, Dünger 4,76, Wollfaden 3,77, Kautschuk 3,10, Leinenfaden 1.8, Maschinen 1,59, Seidenfaden 1,52, Blei 1,46, Farbstoffe 1,41, Steinkohle, Cokes 1,28. Eine Verminderung erlitten Getreide um 4,8, Tierstoffe 3,4, Drogerien 2,3, Textilwaren, Rohwolle 1,4, Harz, Pech 1,3. chemische Produkte um 4,8 Millionen Frank. Bei der Beurteilung des belgischen Außenhandels fällt an allen Stellen die scharfe Konkurrenz zwischen Deutschland und Frankreich auf, und es ist ganz zweifellos, daß der deutsche Handel in einer handelsvertragslosen Zeit von Frankreich ziemlich verdrängt werden könnte. Es wäre daher nur zu wünschen, daß bei dem am 22. Juni in Brüssel vorläufig abgeschlossenen neuen deutsch-belgischen Handelsvertrage etwas halbwegs Vernünftiges herausgekommen sei. Der Kampf der Standard Oil Co. in Rumänien scheint zu- nehmend erschwert zu werden. Die rumänische Regierung hat sich je länger je mehr völlig auf die Seite der kontinentalen Kapitalisten gestellt, und während sie den Gesellschaften der Deutschen Bank und der Diskonto-Gesellschaft alle möglichen Erleichterungen gewährt, will sie der Standard Oil Co. möglichst keinen Fuß breit rumänisches Land überlassen. Bei der offiziellen Reise, die der rumänische Ministerpräfident Sturdza kürzlich in das Pahovaer Petroleumgebiet unternahm, hat er diesem Kampf um rumänisches Land und dieser Wsage an die Unter- nehmungen des Herrn Rockefeller eine besondere Rede gewidmet, die jetzt von der„Frankfurter Zeitung" in ausführlicher Wiedergabe verbreitet wird. Danach hat Herr Sturdza förmlich einen Schwur geleistet, Herrn Rockefellers Liebeswerben kein Gehör zu schenken und nur an die vier Länder, in denen Rumänien auch sein Getreide absetzt, an Deutschland, England. Frankreich und Italien rumänisches Petroleum abzulassen. Er schloß seine Rede mit den Worten:„Hütet Euch vor der Standard Oil Co. und jenen, die sich derselben angeschlossen haben." Das klingt sehr energisch wie die ganze übrige Rede, aber es gehört keine große Propheten- gäbe dazu, um zu sagen, daß schließlich doch Herrn Rockefellers kapitalistische Macht über Herrn Sturdzas politische siegen wird. Marktpreise von Berlin am 12. Juli. Nach Ermittelungen des kgl. Polizei-Präsidiums. Für t Doppel-Centner: Welzen»«), gute Sorte 17,25—17,23 M., mittel 17,21-17,19 M., geringe 17.17-17,15 M. Roggen'»), gute Sorte 13,70-13,«8 M.. mittel 13,00-13,64 M., geringe 13,02-13,00 M. Futtergerste»), gute Sorte 14,50-13,40 M.. mittel 13,30 bis 12,20 M., geringe 12,10-11,00 M. Hafer»), gute Sorte 10,00— 15,30 M., mittel 15,20— 14,00 M, geringe 14,50—13,90 M. Erbsen, gelbe, zum Kochen 40,00-28.00 M. Sveisebohnen. weige 50,00—20,00 M. Linsen 00,00—25,00 M. Kartoffeln 12.00-8,00 M. Richtftroh 4,32-4,00 M. Heu 7.20-5.00 M. Für 1 Kilogramm Butter 2,60—2,00 M. Eier per Schock 3,80—2,40 M. ») Frei Wagen und ab Bahn.»') Ab Bahn._ Für den Jnliale der Injerare «vernimmt die Redaktion dem Publik«!« gegenüber keinerlei BerantworNing. UKeater. Donnerstag, de» 14. Juli. Anfang VI, Uhr: ReueS kgl. Opern. Theater. Or- pheus m der Unterwelt. Belle-Alliance. Gastspiel von Emil Wintcr-Tymians in diesem Genre einzig dastehenden sächsischen 15 Humoristen und Sängern. Lieder, Couplets und Einatler. U. a.: Die strenge Gouvemanle. Zum Schluß: In du Ballett. schule. Ansang 8 Uhr. Schiller 4».«Wallner- Theater.) Di« welß« Dame. KQesten. Mamzelle Nitouche. Neues. Einen Jux will u sich machen. Kleines. Nachtasyl. Central. Hanne Nüte und sin lütter Pudel. Carl Weift. Der Weg zum Herzen. Ttadt-Theater Moabit. Großstadt- zauber. Meiropol. Ein tolle? Jahr. Winter- Garten. Edith Helena. Heloise Titcomb. Specialitälen. Apollo. Venns aus Erden. Specialt. täten. Reithshallen. Stettin« Sänger. Pieske bei Bat« Philipp. Passage-Tdeatcr. Terta Semmeloff. Specialitälen. Anfang 5 Uhr. Urania. Taubcnftrafte 48/49. Die Insel Rügen. Jnvalideusirafte 57/62. Stern. warte. Täglich geöffnet von 7 bi» 11 Uhr. Lediller-Idester 9. (Wallner-Tdeat«). Morwift-Oprr. Donnerstagabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötet. l>le weiaae Dame. Freitagabend 8 Uhr: Populäre Vorstell, bei halben Preisen: Oberon, Kttnie der Elfen. Sonnabendabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötet. Aleaaandro(Stradella. Der Sommergarten ist eröffnet. Im Garten des Schillcr-TheaterS N. täglich große« Militär-Konzert. Neues Theater. Schisibaucrdamm 4a— 5. Einen Jux will er sich machen. Ansang 8 Uhr. Morgen: maeken. Linen tu»«1» er«loh Kleines Theater. Unter den Linden 44. Nachtasyl. Morgen: Kollegen. tplele. Ansang 8 Uhr. Märtyrer, llebetträume. Serenieelmus• Zwischen- Central-Theater Fritz Kenter-Cyklna zu ermäßigten Preisen. 8 Uhr: Gastspiel de« kgl Hosschau. sptelerS Emil Riehard u. Joeeflne Oora. f anne Nüte n lütter Pudel. Lebensbild in 5 Allen von Fr. Reuter. Freitag und Sonnabend: Dieselbe Vorstellung. Sonntag: Onkel Brüsig. Carl Weiss-Theater. Große Franksurterstr. 132. Nur noch wenige Ausführungen: Der Weg zum Herzen. Ansang 8 Uhr. Sonntagnachmittag 3 Uhr, Heine Preise: Othello, der Mohr*on Venedig. Im Garten Vorstellung. Ans. 5 Uhr. Sonnabend: Gr. Sommerselt und Benesi der Herren Scheibach u. Free. Urania. Taubenstr. 48/49. Dm 8 Uhr im Theater: Die Insel Rügen. Sternwarte ,"""iden str. 57/62. ) CASTANS ANOPTICUM Friedrichetr. 165. Die vielbewunderten zusammengewachsenen Schwestern Koaa und Joaera: I! einzig daatehond In der Welt!! Da» Kärenweib, lebend. Der 16 Jährige Riesenknabe Der lange Josef 217 Ctm gross._ Nada und Mnemos, fM| Gedankenleeer. Der l-elchen To n d. Aga, die schwebende Jungfrau. Alles ohne Bxtra-Entree. Passage-Theater. Terka Semmeloff Farcical-Sou breite. Die mysteriöse Uhr. Vierzehn erstklass. Nummern. Apollo-Theater. 7'/, Uhr:«r. Garte nkou/.ert. 8 Uhr; Die Attraktionen des großen Juli■ Specialitälen• Programms und Emmi Kröchert. O1/, Uhr: Venns auf Erden. Operette von Paul Lincke. Metropol-Theater Der grösste Erlolg dieses Jahres; Gr. dramatisch-satirisohe Kevne in 6 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor HoUaender. Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Fröbels Allerlei-Theater ft. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Täglich: Konzert Theater, Speelalitäten. Durchschlagender Erfolg, neu u. aktuell; Arbeit bringt Segen. BolkSstück mit Ges. in 2 Akt. v. Braune. Extra- Tanz. Tanzlehrer P. Hoppe. Ansang 4>,, Uhr. Entree 30 Ps. Flotten-Sciiauspiele Knrrttrstendamtn 153/156. Grie teeratiispiele Ger M Täglich awei Voratcllnngen, um 4 und 8 Uhr. Sonntags drei Vorstellungen, um 3, 5'/, und 8 Uhr. Die Flotte im Frieden nnd im Kriege. Beschiessung von Port Arthur durch die japanische Flotte. ♦ Vollständig gedeckte Tribüne.* Konzertmusik. 6 Preise der Plätze: Mittellqge M. 4,10, Seitenloge M. 3,10, Parkett M. 2,10, I. Platz M. 1,60, II. Platz M. 1,10, Stehplatz 55 Pf., in den Nachmittags-Vorstellungen Preisermäßigung. Die Tageskasse ist von lO Ihr vormittags an geöffnet. 15/7» Neue Welt. Hasentieide 108/114. Arnold Scholz. Donnerstag, den 14. Juli 1904: t Gala- Monstre- Feuerwerk t Vollständig neue pyrotechnische Prachtschaustücke. l» chl u»« front: Unsere JKUrine. 57282 1 Militär-Konzert d. Reg.-Musik IV.Gardc.Rtg. z.F. Dir. Erz. A. Bergter. Anfang 5 Uhr. BilletS im Vorverkauf 40 Ps. Entree 50 Pf. PasscportoutS haben Gülttgkeit gegen Nachzahlung von 25 Pf. 8gee!aI!M-Vgi'stellugg. _ Das sensationelle Juli-Programm."913 " Max Jlliem's Sommer-Theater* Hanenhelde IS— 15.— Artistische Leitung: Paul MilbiU. Täglich; Gr. Konzert, Theater- u. Specialitäten-Vorstellung. 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I.ebende Photographien vom Krieesschanplats. W. Noacks Tbeater. Direktion: Rob. Dill. Brunnenstr. 10. Grosse Extra-Vorstellung. Ein KjjlhttldrnMtr, ober: Zwei in der Mausefalle. Dazu die vorzüglichen Specialitälen. Ansang 6 Uhr. Kaffeeküche v. 3 Uhr ab. IMT B A Li Ii.-W« Sarasani (Tchicklcrstrafte). Täglich abends 8 Uhr: barcatMe Vorstellungen. Mittwoch und Sonntag: Zwei UorsteUungen 4 Uhr nachmittags u. 8 Uhr abends. BMF» Nur die hervorraaendsten Attraktione» auf sämtlichen Ge- bieten der circeusischen Künste. Preise der Pläfte: Logcnsift 3 M., Sperrsift» M.. 1. Plast 1 M.. ü. Plast 75 Pf.. 3. Plast 50 Pf.. Gallerie 30 Pf. Karten-Vorverkauf bei Paul Grimm, Elgarren-VersandhauS, Ecke Linden. und Friedrichstraß«. 57542* Täglich nachmittags ab 5 Uhr: «ilitsir- Doppel-Konzert Eintritt 1 M., ab 6 Uhr 50 Ps. Kinder unter 10 Jahren die Hälste. Belle-Alliance-Tbeater. Im Theater abends VI, Uhr: Gastspiel von Emil Winter-Tpians in bicicm Genre einzig dastehenden sächsischen 15 Humoristen u. Sängern. Im Sommergarten von 0 Uhr ab: Cur! Goldmann-Konzert. Von 8 Uhr ab; Große Specialitäten-Vorstellung. WM- Nur allererste Attralttonen. tSMT» 8 8««« t. Kottbuler Thor— Stat. der Hochbahn Täglich im Garten> Hoffmanns Norddeutsche Sänger. Sonnlag. Montag, Donnerstag: Nach der Soiree: Tanz. _ Wochentags haben Vor« zugstarten, auch die zu den Theater- abenden ausgegebenen, Gülttgkeit. JEntzorozlr. 111/112. T& s 1 1 c h im Garten oder Saal: tforsts Korddeutsche Jiuraonsten und QuartettsSänger. Ans.: Woche 8 Uhr. Sonntag» 7 Uhr. kons baden Gültigkeit. Gahliffemknt Knggenhllgtn Klorltzplatz. Täglich von 12—4 Uhr: Mittagtllsoh. Im groften schattigen Natur- garten irden Abend 8 Uhr: Dienstags, Donnerstags, ßonntags: Führmann— Waide-Sänger. Sonnabends T s m v im Kaisersaal:'«"■ iliniwr Täglich: Vineta. Pantonr.: Kalamitäten In der Küche. Satanello-Trio. Wardlni*. Clown Steffi. Romeos. Ball, Konzert, Speelalitäten. Ans. 4 Uhr. einlr.30Ps.Num. PI. 60P|. IjlBZ Landsberger Allee 76/79. 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VollSftück mit Gesang in zwei Akten. Entree SO Pf. Täglich:| Jeden Mittwoch: Sa!!.| Kinderfest. ; Wilhelm Trapp5 ii Sommer-Theater.;> ! 1 Tegel, Bahnhofstriche 1.!! ][ Jeden Sonntag u. Donnerstag: J[ j i Großes Garten-Konjert j j u. Speciatttäten-Borstellung.<» onntagS j 4L Entree 10 Pfennig reserviert Ps. 5524 Chik»Itaus 72. Kommandanten- Strasse No. 72. Jeden Tonntag: 548, 32» «rosser Ball. Empsehle meine drei Fiestsäl>e z« Berfammliingen u. Festlichkeicen. tobe noch Tonnabende und onntage frei. H. Ebert. 8 teppdeeken Gelegenheitskauf. bnntfarbls, � 05 alle Farben ij.(jjj SHSie. Farben 6,00 Normal- fl Q Schlafdecken �oiuoo re. Berlin freie Volksbühne Die Vorstellungen der I. Serie im Berliner Theater beginnen am 4. September mit Groethe: Götz von Berlichingen. (Der Mann mit der eisernen Hand.) ——— Schauspiel in 5 Akten.——— II. Serie im Metropol-Theater: Henrik Ibsen: Die Komöllie tierLiek Die Mitglieds- Karten müssen in den Zahlstellen abgegeben werden mit der Erklärung bezüglich der weiteren Mitgliedschaft und können gegen die neuen Karten für 1904 bis 1905 eingetauscht werden. Umschreibungen aus der bisherigen Zahlstelle in eine andre können nur im Juli und August nach Begleichung von etwaigen Beitragsresten vorgenommen werden, jedoch muss die neue Karte für 1901/5 aus der alten Zahlstelle abgeholt werden. lÄorwitz-Oper fSohill6r Für die liegen in unsern Zahlstellen Theater O.) I. Parkett- Bidets aus (Kassenpreis 2,50), für die Mitglieder der Freien Volksbühne ermässigt auf t,60 M. inkl. Garderobe zu allen Abendvorstellungen.(Sonntags 50 Pf. mehr,) Hecht- zeitige Vorbestellung in den Zahlstellen ist zu empfehlen. 229/7» Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. Der Kmvfm Mergkimbc! Folgende Bäckermeister haben am Mittwoch, den 13. d. Mts., den Tarif anerkannt und unterschrieben, sind als geregelt zu betrachten und in der Sonntagsliste nachzutragen: Vörden. Greisenhageneistr. 15, 21. Nikiasch. Rixdorf. Prinz Handjerystr. 75, O. Lemke. Bergstraße 16, O. Wicnecke. Die Forderungen folgende Bäckermeister zu streichen: Centrum. Gipsslr. 17, O. Trumpf. Vord-Osten. Pallisadenstr. 100, Kukwa. Lippehnerstr. 26, SR. Lange. Outen. Boxhagencrstr. 33, P. Sturm. Matterustr. 2, W. Zef'lin. durchbrochen resp. zurückgezogen haben und sind deshalb aus der Liste der Bewilligten Elbingerstr. 19, PiotrowSkl Schreinerstr. 4, Langsritz. 8Ud-Osten. Gkogauerstr. 2, Kotzan. Jlottbufci Tamm 20, Böhme. Wienerstr. 49, Heinrichs. üiüdcn. Gräfestr. 10, Krause. Schönleiiistr. 23, Anders. Urban str. 49, W. Hein. Camphauscnstr. 6, Zündler. Fichtestr. 22, Bcrguer. IVeisscnsee. König-Chaussee 46, P. Springer. Marlendorf. Chausseesie. 3, Franzke. . 11, Tech. , 85, Kaliski. Die Verbaiidöleitung. Bureau: Gipsstr. S. Telephon Amt IH, 1243. Sonnabend, den 16. Juli lOOd, findet in den Gesamträumen des Böhmischen Brauhauses, Landsberger Allee 11/18 unser diesjähriges LtittunIS- Fest statt, bestehend in: Grossem Sommernachts- Ball sowie der Feier des SOjährigeu GeseUen-dubiläums unfret beiden Mitglieder Krnst Köhl und Herrn. Altstcin wozu wir die Mitglieder, Freunde und Gönner unsres Vereins einladen, recht zahlreich zu erscheinen. Anfang 8Vz Uhr. Ende??? Eintrittskarten hierzu sind vorher bei den unterzeichneten Komiteemitgliedern zu haben: H. Girke, Waldemarstr. 49, Part. C. Mahn, Eisenbahnstr. 31, II. Büchner, Elisabeth-Ufer 36. Posteur, Schulstr. 102, 5. Ausg. II. Schwanz, Kolonie- ftrasje 3/4, H. III. Schiller, Wrangelstr. 56, Part. Jahn, Usedomstr. 10, 1. Stsl. II. aiujjcibcm bei den Mitgliedern Herren: Bandlow, Langestr. 13 im Restaurant. Brunzel, Wilsnackerstr. 61, Stsl. III. Schacht, Prenzlauer Allee 209a. Seidel, Derfslingerstr. 20. Abendkasse findet nicht statt 25826 Das Komitee. Nur noch einige Tage! 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I., daS = Stiftungsfest in Fröbels Allerlei-Theater, Schönhauser Allee 148 stattfindet.— Wir bitte» die Otewerkschaften, da wir im Streik stehen, uns recht zahlreich zu besuchen. 174/4* Der Vorstaeed. Scheruchs Festsäle Küdersdorferstr. 45. Säle und BereinSzimmer von SO— SBOOO Personen fassend für Bersaniiulnngeu und Festlichkeiten»och einige Sonuadeude und Sonntage frei.— Coulanteste Bedingungen._ 5632g* Flundern, dem Rauch nur 1,90 M. Postd. fett- titcscnde AUatjes, H. 3'/, M. llrnat Napp Nacht.. Swinemünde Nr. 56. Alle Wanzen werden nebst Brut durch mein Mittel vollständig vertilgt.— Fl. 50 Ps. u. 1,00.— Ebenso Schwaben, Russen, Franzosen, Blattläuse ec. Schtl. SO Ps., 60 Ps. u. 1,00. 5416g* Zahlreiche Anerkennungen.— 1000 Mark fielohuung zahle demjenigen, der mir einen Nicht- erfolg nachweist. Nur allein echt bei Hugo Barth, Drogerie, jetzt Brunnen- strafie 14, früher Nr. 18. 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I. beschlossene Abänderung der ZA 32 und 62 des Statuts die Genehmi- gung der zuständigen Behörde er- halten hat. 274/13 Infolge dieser Aenderung kann das Mahnversahren gegen säumige Arbeit- geber schon eingeleitet werden, wenn dieselben mit den Beiträgen länger als vier Wochen im Rückstände geblieben sind, und die ZwangSbeitreibung er- folgt, sosern der vorausgegangenen Mahnung nicht binnen einer Woche Folge geleistet wird. Diese Aenderung tritt mit dem heutigen Tage in Kraft. Berlin, den 14. Juli 1904. Der Borstand. Gustav Wolter, Vorsitzender. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Kachrnf. Den Mitgliedern zur Kenntnis, dag der Kollege, der Tischler �ozek kleugevsuer am 7. Juli plötzlich verstorben ist und am 11. Juli zur letzten Ruhe gebettet wurde. Ehre seinem Andenken! 86/11 Bio Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Yerbandi Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß| unser Mitglied, der Former Heinricli Sctimidt am 11. d. Mts. gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. d. Mts., nachmittags 5'/» Uhr, von der geichenballe des neuen Nazareth- Friedhofes in Reinickendorj, Ber« linersttage, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 117/19 Oie Ortsverwaltung. Todes-Anzeige. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, der Tischler Wilhelm Heine nach langem, schweren geiden im Alter von 52 Jahren verstorben ist. Bitte um stilles Beileid. Die Beerdigung findet Freitag, nachmittags 5 Uhr, von der geichenhalle des Thomaskirchhofes aus statt. 2674b Die trauernde Witwe Ernestine Heine geb.Buhrs. Düsseldorfer Lotterie au Gunsten der 8t. Rechus-Klrohe Ziehung schon itS. Juli 13,379 fiewlnne I W. von Mk 120000 Lote a 2 M.— 1) St. UM) il, (Porto u. List« 30 Pf.) OscaiBiaoerSCoNacM. GmbH. Bankee-chatt. Berlin W.. Friedrirhatr. 181. Filialen; X W.. WllsnacUcrntrnnne 83, O, Andreasstra�se 46a. MO.. Oraalenotranae 177. Soeialdemokratiseh. Wahlverein {iir Marienilor! und Am 12. Juli verstarb unser Mit- glied, der Parteigenosse Lrnst Gruse. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet Freitag, den 15. d. M.. nachmittags 6 Uhr, von der Halle des Mariendorser Kirchhoses(Friedenstrage) aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 203/15 Der Boritand. Danksagung. Sage allen Freunden und Be» kannten, insbesondere den Kollegen, für die innige Tellnahme bei der Be» erdigung meines geliebten Mannes meinen liesgesühllen Dank. Frau Kamlnskl 2673b nebst Kindern. • es Dr. Simtnel, Specialarzt für[13/8* Haut- und Harnleiden. 10—2, 5— 7. Sonntags 10—12 2— 4. KtSÄSSy ftleine fin zeigen. M _ uchstaben zählen doppelt. ÜH � w Strasse 6 Verkäufe. Jattettanzuge. Gchrockanzügc, Sommerpalelots, Herrenhosen, Riesen- lUSwahl, spottbilligste Preisnotierung. Psandlcihhaus Weidenweg 19. 137* Borteilhaftcste EinkausSquelle� «luslteuerwäsche, Betten, Gardinen, Steppdecken, Regulatcure, Frei- ,chwinger, Herrenuhren, Damenuhren, Herrenketten, Damenketten, Trau- ringe, Spiegel, Nachlafibetten. 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Fernsprecher: Amt 4 Nr. 1670. 144/15 Vsrbanü der ftlöbelpolierer. ___ Der Arbeitsnachweis für Sudo/t und Rixdors befindet sich nur beiTzschacksch.Naunynstt. 6.(Telephon- Amt IV Nr. 5729.) Bei Mohn, HeinrichSPlatz, wird Arbeit für Möbelpolierer nicht mehr vermittelt. ES ist Pflicht aller Kollegen, ihre Arbeitgeber aus obigeS sofort aus« merksam zu machen. 146/20* Der Vorstand. � Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.