Nr. 1 UtonnmentS'Uedlngnngn: UbannementS• Preis pränumerando 1 vterteljährl. 830 MI, monatl. 1,10 MI, WSchentlich 28 Pfg. frei WS HnuS. Sinzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mU illustrierter Sonntags. Beilage.Die Reue Well' 10 Pfg. Post. Lbonnement: 1,10 Marl pro Monat, Swgetragen w die Post.ZeitungZ. Preisliste. Unter ttreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn » Marl, für das übrige ausländ 3 Marl pro Monat. S1. Jahrg. «che!»««glich uBer montagi. Vevlinev Volksblertk. Dfe Tnlertlons-Gebüfir lieträgt für die sechsgespaltcne Kolonel- zeile oder deren Rauni.0 Pfg, für politische und gewerkschaftliche Bereins. und Persammlungs-Anzcigen 23 Pfg. „Kleine anzeigen", das erste(fett. gedrulNe) Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tage» bi» 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr voruüttagS geöffnet. Telegramm- Adresse: „Sozialiltnslint Berlin". Zcntralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deirtfcblanda. Redaktion: 8M. 68, Lindenstraese 69. Kernsprechcr: Amt IV. Nr. It>8Z. Expedition: SAl. 68, tdndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Englische Armee und Politik. London, Lg. Juli. England ist bekanntlich der einzige europäische Kulturstaat, der von seinen Bürgern leine militärischen Pflichten verlangt. Wie so viele andre seiner Institutionen beruht die Wehrorganisation Eng- lands auf dem Princip der Freiwilligkeit. Wer Lust und Fähigkeit zum Kriegshandwerk hat, wird unter gewissen Bedingungen in die Armee eingereiht. Da im privatwirtschaftlichen oder aus Klassen zusammengesetzten Staate das Princip der Freiwilligkeit zu Ungunsten der Nichtbesitzenden ausschlägt, so fällt die Last des Kriegsdienstes im großen Ganzen auf die schwächsten Schultern,— auf die allerärmsten Schichten der Bevölkerung. Es sind gewöhnlich die arbeits- und ProfessionSlosen jungen Proletarier, die— mangels eines lohnenderen Berufs in die Armee eintreten. Jni einzelnen setzen sich die Wehrkräfte Englands folgender- maßen zusammen: 1. Die stehende oder reguläre Armee, im Eng- lischen die„Hsxulws" genannt, die aus den Geworbenen besteht. Diese verpflichten sich auf mehrere Dienstjahre und erhalten eine ziemlich gute, wenn auch mit der kontinentalen nicht zu vergleichende Aus- bildnng. 2. Die Hilfstruppen, oder„�Umliniv Forces", wie Miliz, Volontäre, Deomanry(lies: Jumenry— Kavallerie-Freiwilligen), die eine ganz ungenügende militärische Ausbildung erhalten. Die Hilfs- truppen bilden zwar die eigentliche Heimatsverteidigung, sind aber in Wirklichkeit nur dazu da. um die Civilbevölkerung mit dem militärischen Geiste zu befreunden und um zuweilen tüchtigere Elemente für die reguläre Armee zu gewinnen. Auf dem Papier verteilen sich die britischen Wehrkräfte gegen- wärtig wie folgt: Reguläre Armee, im Vereinigten Königreich und den Kolonien, 213 000 Mann; desgleichen in Indien 77 000; eingeborene Reguläre der direkt von England verwalteten Provinzen in Indien 153 000 j verschiedene koloniale Reguläre 18 000; Armee- reserven 73 000; Miliz 91 000; Volontäre 2-10 000, Flotte 126 000, Flottenreserven 46 000. Insgesamt 1 042 000 Mann. In diesen Zahlen sind die kolonialen Hilsstruppen und die Wehrkräfte der indischen, nur indirekt von England verwalteten Provinzen nicht eingeschlossen. Diese Wehrkräfte des britischen Reiches würden wohl den ihnen gestellten Aufgaben genügen können, wenn sie in Wirklichkeit vorhanden und tüchtig organisiert wären. Dies ist indes nicht der Fall; der südafrikanische Krieg hat die Untüchtig- keit und die Desorgonisation der britischen Armee vor aller Welt offenbart. Und doch zahlt das englische Volk rund 30 Millionen Pfund Sterling für die Organisafton seiner Armee. Aus diesem Gegensatze zwischen Ausgaben und Leistungen ergiebt sich das Problem einer Armeereform, an dem seit vier Jahren gearbeitet wird. Im Jahre 1001 wurde die Armee durch den damaligen Kriegsnnnistcr Mr. B r 0 d r i ck reorganisiert. Die Reorganisation war ein fataler Miß- erfolg. Die königliche Kommission, die zur Untersuchung des südwestafrikanischen Krieges eingesetzt wurde, beschäftigte sich zum größten Teile mit einer Reform des Kriegsministeriums und der Schaffung eines Generalstabes und Nachrichtenbureaus. Die andre königliche Kommission, die zur Untersuchung des.A.uxüikuy Forces eingesetzt wurde, kam in ihrer Mehrheit zum Schluß, daß die Lösung des Problems nur in der Einführung der allgemeinen Militärpflicht gefunden werden könne. Die Kommission wollte thatsächlich eine neue Volksmiliz. wie sie die konttnental-enropäischen Demokratten verlangen und wie sie in der Schweiz besteht. Die Kommission kam so weit dem Volke entgegen, daß sie nicht einmal die Ausbildung in Kasernen verlangte. Allein der kapitalistische Liberalismus, der England beherrscht, findet es eines freien Volkes würdiger, die allerärmsten Proletarier für einen Tagelohn von einer Mark zu kaufen und sie die Schlachten des britischen Reiche« schlagen zu(lassen. Die Vorschläge der Kommission wurden deshalb vertvorfen. Auch die kon- servative Regierung hat nicht den Mut. den Gedanken einer Volksmiliz aufzunehmen. Was der jetzige Kriegssekretär Mr. Arnold F 0 r st e r am 14. d. M. dem Unterhause vorlegte, ist nur Pfuscherei. Er will die reguläre Armee und die Miliz reduzieren, dafür aber die Kriegsleitung verbessern und die Volontäre ermutigen. Er kuriert die Symptome und läßt die Ursachen der Wehrunfähigkeit Englands unberührt. In Bezug auf die Reorganisation der Wehrkräfte giebt es in England drei Richtungen. Eine ist die sogenannte„Line Wnter School"(die maritime Schule), die in der Flotte das Hauptwehrmittel erblickt. Sie argumentiert: England ist ein insularer Staat. Die Hauptentscheidung im Kriege muß deshalb zur See fallen. Ist unsre Flotte siegreich, so brauchen wir eine reguläre. tüchtig ausgebildete Armee, um den Sieg auszunutzen und den Krieg ins Feindesland zu tragen. Wird aber unsre Flotte geschlagen, so ist' alles verloren: der siegreiche Feind hat es dann gar nicht nötig. eine Landung zu unternehmen; er wird uns einfach die Lebensmittel- zufuhr abschneiden, und da unsre Nahrungsmittelvorräte nur etwa sechs. acht Wochen dauern können, so nrüssen wir uns unmittelbar nach einer entscheidenden Flottenniederlage den Bedingungen des sieg- reichen Feindes unterwerfen und Frieden schließen. Die Hauptsache ist also eine starke Flotte; es hat demnach keinen Zweck, dreißig Millionen Pfund Sterling auf die Armee, d. h. auf die Regulars und AuXiliarios auszugeben, �iu-teil dieses Geldes sollte lieber der Flotte zugewandt werden. �._ Die zweite Richtung ist der Ansicht, daß eine unglückliche See- schlacht den Krieg nicht beenden und daß der siegreiche Feind eine Landung unternehmen wird. Die Lebensmittelzufuhr kann uns nicht abgeschnitten werden; dies würden die Amerikaner, die uns mit Lebensmitteln versorgen, nicht zulassen. Um eine Landung zu ver- hindern, mü*en wir eine Volksmiliz nach schweizeris�em Muster haben. Diese Richtung will deshalb eine ziemlich starke Flotte und eine Volkswchr. Die dritte Richtung hat keine Rcformgedanken; sie will nur eine Ausbesserung des gegenwärtigen Zustandes. Diese Richtung wird von der großen Mehrheit des Parlaments vertreten und beruht auf Gcistesträghcit. Allen diesen Richtungen aber liegt der politische Ge» danke zu Grunde, daß Deutschland früher oder später die englische Seeherrschast kriegerisch angreifen wird. Wenn Engländer jetzt von einer Invasion ihrer Heimat sprechen, so haben sie nur De u t s ch l a n d im Auge. Denn von Rußland haben sie einzig und allein einen Angriff auf Indien zu befürchten, und da der oft- asiatische Krieg die russische Regierung auf Jahre hinaus lahmlegen wird, so bleibt thatsächlich nur Deutschland, mtt dem England rechnen mutz. Und daß England mit dieser Möglichkeit rechnet, zeigt die intensive Beschäftigung mit militärischen Problemen, dann das Ab« kommen mit Frankreich, die Beseitigung aller Streitpunkte mit den Vereinigten Staaten, schließlich die ganze diplomatische Thätigkeit Lansdowncs, Deutschland isoliert zu halten. Dieses Bestreben ist so ernst und festbegründet, daß sich gegenwärtig in politischen Kreisen Londons sehr bemerkenswerte Stimmen erheben, Rußland nicht zu sehr schwächen zu lassen, denn ein schwaches Rußland fördert die Macht Deutschlands in Europa. Es ist diese englische Diplomatie, die das offizielle Deutschland zwingt, eine freundlichere Haltung gegenüber England zu suchen. Ein Beweis dafür ist das in den letzten Dagen abgeschlossene Schiedsabkommen zwischen den beiden Mächten. Genau be- sehen hat das Abkommen in einer Richtung eine ernstere Bedeutung. Zwischen Deutschland und England wurde am 16. Oktober 1900 ein Vertrag, betreffend China, abgeschlossen, über dessen Be- deutnng die Ansichten in Deutschland und England scharf ausein» andergchen. Die ersten zwei Bestimmungen dieses Vertrages lauten: „1. Die an den Flüssen und an den Küsten Chinas gelegenen Häfen sollen dem Handel und jeder sonstigen erlaubten wirtschaftlichen Thätigkeit für die Angehörigen aller Nationen frei und offen bleiben. 2.'Beide Regierungen... werden ihre Politik darauf richten, den Territorialbestand des chinesischen Reiches unvermindert zu erhalten." Aus diesem Wortlaute ergeben sich zwei Punkte: erstens, daß beide Mächte für die Politik der„offenen Thür" in China sind; zweitens, daß beide Mächte für die Integrität Chinas eintreten. Diese Jnter- pretation des Vertrages wurde aber vom deutschen Reichskanzler be- stritten. Graf B ü l 0 w meinte, die Mandschurei gehe Deutsch- land nichts an. Das heißt Wohl, daß Rußland in den chinesischen Häfen der Mandschurei nach Belieben schalten und walten und die „Thür" zusperren darf. Das heißt ferner, daß die Mandschurei nicht mehr zu China gehört. In England ist man andrer Meinung. Hier wird der Vertrag so erklärt, wie er meines Er- achtens politisch-geographisch und völkerrechtlich erklärt werden mutz, nämlich, daß die Mandschurei ein integrierender Bestandteil des chinesischen Reiches ist. Die Deutschen meinen ferner, jener Vertrag gewähre ihnen im Aangtsebecken dieselben Rechte, die England in dieser seiner Einflußsphäre genießt. Darauf sagen die Engländer: entweder bezieht sich jener Vertrag auch auf die Mandschurei, in welchem Falle Deutschland gegen Rußland auftreten müsse, oder aber Deutschland bricht den Vertrag, indem eS sich um die Mandschurei nicht kümmern will, und dürfe deshalb auf eine Gleichberechtigung im Dangtsebecken nicht rechnen. Bisher wollte die deutsche Regierung die Interpretation Eng- lands nicht acceptieren. Sie wollte der russischen Politik Gefällig- leiten erweisen— und zwar auf Kosten Englands. So lange die deutsche Regierung auf dieser Ansicht beharrte, konnte selbstredend das Schiedsabkommen nicht zustande kommen. Aus der Thatsache, daß es nun zustande gekommen ist, darf offenbar der Schluß ge- zogen werden, daß Deutschland geneigt ist, der englischen Ansicht bei- zutreten. Denn man kann nicht annehmen, daß deutsche Staats- männer Schiedsverträge abschließen, ohne sich deren Tragweite be- wüßt zu sein.— politifche Qcb er ficht. Berlin, den 22. Juli. Der Prozeß des Zaren. Königsberg. 22. Juli.(Privatdepesche deS„vorwärts"). Die Strafen, die die Staatsanwaltschaft heute beantragte, lassen Zweifel entstehen, ob wir Ursache haben, allzu hochmütig auf die administrative Rechtsprechung Rußlands herabzusehen; nur die Anklage wegen Zarenbeleidigung wurde fallen gelassen, weil hier keine Gegenseitigkeit existiert und die Beschuldigten jedenfalls nicht das Bewußtsein haben, daß sich in den Schriften MajestätS- beleidigungen finden. Dagegen wurden alle— alle I— Angeklagten von dem Staatsanwalt des Hochverrats gegen Rußland und der Geheimbündelei angeklagt und über sie Strafen von sechs Monaten bis insgesamt 18 Monaten verlangt. Dabei wurde in einer ge- heimnisvollen Arithmetik der Strafabmessung berechnet, daß die Hochverräterei jedes Angeklagten eigentlich genau doppelt so schlimm sei als seine Geheimbündelei. Die Festungsstrafen für Hochverrat wären durchweg doppelt so hoch zu bemessen, wie die Gefängnisstrafen für Geheimbündelei. Auch Kögsts hochverräterische Verbrechen sind aufs Doppelte seiner Verschwörungsthättgkeit eingeschätzt worden. Weil Brmin den Auftrag Klein« an Nowagrotzki übermittelte, dieser möge»ach Memcl die bei ihm lagernden russischen Schriften senden, meinte die Staatsanwaltschaft, Braun müsse ans 4 Monate ins Gefängnis und auf 8 Monate m die Festung gesteckt werden. ES sei demnach jeder gewarnt, irgend waS irgendjemand zu senden. Man kann nie wissen, ob nicht Hochverrat gegen den Zaren und Geheimbündelei dahinter steckt. Und schließlich, wer weiß, ob es nicht überhaupt zu einer straf- baren Handlung wird, auch nur in Preußen zu leben I Der Umstand, daß der Ankläger nicht einmal auf Braun ver-- zichtcte, zeigt, welche Nolle der Staatsanwaltschaft in diesem Prozesse- zugefallen ist. Mit erstaunlichem Aufwände psychologischer Deutungskuns t suchten beide Staatsauwalte nachzuweisen, daß der Irrtum, den Kleit t in Bezug auf die ihm zugesandten Schriften zuerst begangen» dann aber widerrufen hatte, die einzige Wahrheit seft Nicht Braun habe einen Auftrag Kletus an Nowagrotzki übermittelt, sondern Klein habe den Auftrag von Bremm empfangen. Es ist zwar nach allen Aussagen sonnenklar, daß diese Deduktion falsch ist und daß Nowagrotzki und Braun von Anfang an in jedem Punkte die Wahrheit gesagt haben. Abeir gerade so viel Wahrheit, die sich nicht ein einziges Mal in einen Widerspruch zu verwickeln weiß, scheint der staatsanwaltlicheil Psychologie verdächtig. Freilich, sie müssen sich schon an KIeir»s Irrtum klammern, sonst würden sie ja bekennen, daß Braun nicht eine einzige Minute zu Recht verhaftet gewesen ist. Auf juristische Deduktionen ließ sich der Erste Staatsanwall nicht weiter ein. Gelehrten Richtern gegenüber, meinte er, feien solche Erörterungen überflüssig. Ihm lag es ob, die großxn Gesichtspunkte der Anklage in marligen Zügen zu e»t- wickeln. Der größte Gesichtspunkt war die Aueinand«r- reihung von Kraftstellen über den Zaren, die ilhm zu der bewegten Frage veranlaßten, ob sich etwas Schaudbariircs denken lasse, als wenn Deutsche und Preußen sich zu solchen Dieußten hergeben. Die Staatsanwälte in der typischen Reaktionszeit der Dcmagogenverfolgung hielten es ftir das schandbarste, wenn deutsche Jünglinge hochverräterisch für die deutsche Einheit konspirieicten. Aber selbst s i e sind nicht auf den Gedanken gekommen sei, daß eS auch schandbar sei, gegen den russischen Absolutismus zu wirken. Der deutsche Königsbergcr Prozeß ist politisch wie juristisch der erste dieser Art. Zudem war die Freude des Ersten Staatsanwalts an. dem Belastungsmaterial deshalb völlig unerklärlich, weil ja sein Gdhilfe, der Zweite Staatsanwalt, der die Aufgabe hatte, die Absichten seines Kollegen in juristische Formen zu Ileiden, unmittelbar ixuauf die Anklage auf Zarenbcleidigung preisgab. Mit besonderem. Eifer verteidigte der Erste Stateanwalt nochmals die Fälschungeai des russischen Generalkonsuls in Königsberg. Der Zweite Staatsanwalt Verlveudete den größten Teil) seiner Ausführungen auf den weitgesponnenen Nachweis, daß S-chriften überhaupt verbreitet und geschmuggelt worden sind, und bewies ungemein scharfsinnig, was allgemein zugestanden war. Seine Deduktionen wären nur dann notwendig gewesen» wenn die Angeklagten geleugnet hätten, was sie in Wirklichkeit offen und heiter bekannt haben, soweit sie an der Schriftenvectreibung eben beteiligt waren. Je intelligenter und verbindlicher din Formen waren, in denen der Gehilfe des Ersten Staatsanwalts die Anklage juristisch zu alimentieren suchte, um so abstoßender wirkte diese müh- sanie und unklare Operation mit RcchtSbegriffen. Es war ein feines Wort, das Herr Dr. Caspar, der Zwe'tte Staats- anwalt, sprach, daß es sittlich schlimmer sei, den Zaren nach ei«em schein- baren Prozeßverfahren hinzurichten, als selbst ihn zu morden. Das Wort gilt von aller Justiz, auch von diesem Prozeß. Der Zweite StoiatSauwall hielt den Begriff der Gegenseitigkeit durch das Versprechest des Bot- schafterS erfüllt, obtvohl doch— selbst dies zugegeben— mindestens das Versprechen schon zur Zeit der Begehung der That hätte vorliegen müssen. Den Eindruck, daß eS sich bei der« Schriften- vertrieb um eine geheime Verbindung gehandelt habe, suchte er durch die Ausführlichkeit zu erwecken, mtt der er die Organisation des Schmuggels wie eine abgeleugnete Enthüllung behandelte, während doch niemand ein Hehl daraus gelmacht hatte. Nun galt es aber noch eine letzte Schwierigkeit z« beseitigen, den objekttven Hochverrat und das subjektive Bewulßtsein des Hochverrats bei den Angeklagten zu beweisen. Das war eine unlösbare Schwierigkeit, weil in keinem einzige» Falle nachgewiesen werden konnte, daß die Angeiklagten be- stimmte terroristische Schriften verbreitet hatten, abgesehen davon, daß sie sich auch ihres Inhalts nicht bewußt sein kvnnten. Mit einer funkelnagelneuen Deduktion überraschte Dr. Caspcqr, um dieser Schwierigkeit Herr zu werden. Er erklärte, es sei ganz gleichgülftg, ob die Schriften den Terror predigten oder nicht, da in Rußland kein gesetzlicher Weg offen steht, um zu Reformen zu gelangen, und da eS ein Hirngespinst sei. anzunehmen, daß ein Zar jemals so vernünftig sein würde, freiwillig eine Verfassung zu geben,— nebenbei eine unwillkürliche schwere Zarenbeleidigung I— so köwnen die Ziele der Socialdemokraten aller Richtungen nur mit Geiwalt erreicht werden, und der sie fordert, begeht eben Hochverrat. Das wisse jeder, auch die Angeklagten, daher fei der Doilus erwiesen. Es war ein unlösbarer Widerspruch, daß derselbe Staatsanwalt zu gleicher Zeit meinte, die Angeklagten hätten sich übcir die russische Socialdemokrafte getäuscht, als sie bei ihr dieselbe Loyalität annahmen, wie bei der deutschen Partei, d. h. sie haben eben nicht den Dolus gehabt; und es war ein durchaus nicht minderer Wider» fpruch, daß er die liberale Richtung Peter von StruiveS ausnahm. Aber mag immerhin auch die harmloseste russische Schrift im Sinne preußischer Staatsanwälte hochverräterisch sein— damit man schuldig werde, ist doch wenigstens der Nachweis der Verbreitung erforderlich. Nur in Rußland ist es strafbar, wenn Schriften bei jemand bloß gefunden werden, und bei einzelnen Angeklagten, wie bei Braun und Treptau ist nicht einmal auch nur eine einzige Schrift vorhanden gewesen. Keine Schriften aufzubewahren, ist selbst in Rußland nicht strafbar. Andre Angeklagten, wie Noiivagrotzki, haben nachweislich keine einzige russische Schrift weiter befördert und im Sinne des Gesetzes verbreitet, d. Iv ans Publikum gebracht, hat keiner der Angeklagten auch nur e r�t Blatt. So ttelt geht selbst der kühnste dolus eventualis nicht, daß der Ver- breitung hochverräterischer Schriften hinreichend verdächtig ist, wer hinreichend verdächtig ist. Gegner deZ russischen Absolutismus zu sein. Aus den dunklen Spinnweb- Winkeln der staatsanwaltlichen Rechtskonstruktionen führte der Verteidiger H a a se in das Reich des wahren und freien Rechts. In dreistündiger packender Rede zeichnete er die politische Perspektive dieses Prozesses und seine juristische UnHaltbarkeit. Sonnabend werden die Plaidohers fortgesetzt. Der preußische Justizminister hat binnen drei Tagen die Ankunft des russischen Bescheides über das Gegenscitigkeitsgesetz in Aussicht gestellt. Bis zu seinem Eintreffen wird man wohl das Urteil vertagen. Der andre Grenzstant. Ans Wien wird uns vom 20. Juli geschrieben: An dem nützlichen Werke, die geistige Grenze des Zarenstaates zu durchbrechen und nach Rußland aufklärende Schriften zu bringen, beteiligen sich selbstverständlich auch österreichische Genossen. Man hat nun auch in Oesterreich versucht, den russischen Gewalt- habern frcundnachbarlich beizuspringen, hat aber den Versuch rasch als vergeblich aufgegeben. Angesichts der in Königsberg herausgekommenen juristischen Monstrositäten wird eine Darlegung des österreichischen Rechts in Bezug auf den Schutz Rußlands nicht -ohne Interesse sein. Das österreichische Strafgesetz hat nämlich in Sachen des„Hoch- Verrats" eine auffällige Achnlichkeit mit dem russischen Gesetz. Der eeussische§ 241, der jedes Verbrechen gegen das Leben, die Gesund- lhcit und die„Ehre" des Zaren mit dem Tode bestraft, entspricht !t>em Z 58 des österreichischen Gesetzes, wonach das Verbrechen des Hoch- lterrats begeht, wer etwas unternimmt, wodurch die Person !ses Kaisers an Körper, Gesundheit oder Freiheit verletzt wird. ivie Strafe ist gleichfalls der Tod. Man entnimmt aus dieser Alnalogie ziemlich deutlich, was das Uebersetzungswort„Ehre" hier kledeuten soll. Hochverrat an einem fremden Staate ist in Oester- reich das Verbrechen der Störung der öffentlichen Ruhe und eS ist t»erfolgbar.„insofern von den Gesetzen des fremden Staates vider durch besondere Verträge die Gegenseitigkeit ver- b>Argt und im Kaisertume Oesterreich gesetzlich kundgemacht ifit". Für das Verbrechen der M a j e st ä t s b e l e i d i g u n g(K 63) bi»steht nach österreichischem Recht Gegenseitigkeit nicht; die Be- leedigung auswärtiger Monarchen ist also eine Ehrenbeleidigung w>ie jede andre, und der alleinige Vorzug, den der Zar von Rußland in Oesterreich hätte, wenn er jemand wegen Beleidigung seiner Majestät verfolgen wollte, wäre der, daß er sich keinen»Advokaten be stellen brauchte, sondern mit der Verfolgung den Staatsanwalt betrauen könnte. Aber man würde die„Majestätsbeleidigung" als U»eb er tretung beim Bezirksgericht so verhandeln wie Schimpfe- reien zwischen Hausmeistern und Dienstboten; nur wenn die Be- leiltignng durch die Presse verübt wäre, käme sie als Vergehen dork Schwurgericht. Der„ausländische" Hochverrat setzt also Gegenseitigkeit durch Gejjetze oder Verträge voraus, welche Gegenseitigkeit— und darin unterscheidet sich das österreichische Recht sehr vernünftig von der deutschen Schlamperei— öffentlich kundgemacht sein muß. In dem Falle ist das Verbrechen dann kein Antragsdelikt, sondern fällt in die Ermessenssphäre der Staatsanwaltschaft wie jede andre AnkTage. Der einzige Staat, mit dem Oesterreich jene Gegenseitigkeit vereinbärt hat, ist nun Rußland; die rechtsgültige Verlautbarung darüber erfolgte mit der Verordnung vom IS. Oktober 1860. Und zwar geht diese„Gegenseitigkeit" in Oesterreich sehr weit; sie be- schränkt sich, nach einer ministeriellen Belehrung vom Jahre 1863, nicht etwa auf Handlungen, die auf österreichischem Gebiete unter- nommen wurden, sondern erfaßt„alle gegen die Sicherheit des russischen Staates gerichteten Handlungen ohne alle Beschränkungen bezüglich des ThatorteS". Trotzdem ist die Möglichkeit eines solchen Prozesses, wie der in Königsberg ist, in O e st e r r e i ch schleöhthin ausgeschlossen. Nicht bloß deshalb, weil man in Oesterreich die Weisheit jener juristischen Auslegung noch ver- schmäht,, wonach Verbrechen auch ungewollt, zufällig, eventuell begangeti werden können idas österreichische Strafgesetzbuch, das zwar aus dem Jahre 1803 stammt, aber dennoch sehr logisch denkt, fängt m it dem Satze an: Zu einem Verbrechen wird böser Worsatz erfordert), sondern vor allem deshalb, weil der„ausländische" Hochverrat(sowie auch der gegen das eigne Land) als politisches Delikt in die Kompetenz der Geschworenen fällt. Und daß man Geschworenen den juristischen» Unsinn einer solchen Anklage vorfiihren könnte, ist einfach undenkbar. Einen Augenblick haben ja galizische Staatsanwälte im borigen Jithre mit dein Gedanken einer solchen Verfolgung gespielt, aber die Bierhafteten sind rasch entlassen worden, ohne daß es zu mehr gekommen wäre als zu einer Verurteilung von zwei Tagen Arrest ivegcin Uebertretung des Kolportageverbotes. Wie wenig Geschworene geneigt wären, von der österreichischen Justiz Rußland Schergendienste leisten zu lassen, zeigt ein Prozeß, der jüngst in T a r n o p o l(Galizien) verhandelt wurde und dessen Details an die Vorgänge an der russisch-preußischen Grenze sehr deutlich geraahnen. Obivohl von der»Verhandlung schon berichtet wurde, möpie sie hier noch einmal genau dargestellt werden. Dem Prozeß lagen folgende Thatsachen zu Grunde: Im Augplst vorigen Jahres kmn in das Dorf Zadmiszowka, das von Rußland nur durch den Fluß Pruth getrennt ist, ein Student Ncumens D o l i n s k i, der zwei Schmuggler, die»Bauern Nazar und Bendery, fiir 20 Gulden mietete, daß sie ihn und einen Korb mit TUichern im Gewicht von etwa 50 Kilogramm über den Fluß tragen und ihm dort einen Wagen bestellen sollten, mit dem er die Bücher weiter befördern könne. Wie es verabredet worden war, so geschah es. Die beiden schafften Dolinski und seine Bücher über den Fluß und brachten ihm einen Wagen zur Stelle. Als der Student in!den Wagen steigen wollte, bemerkte er darin ein Armeegewehr.&r erkannte, daß er verraten worden sei, und suchte zu fliehen. Der Kutscher aber, der ein maskierter russischer Gendarin war. hielt ihn fest und auf ein Signal kamen von allen Seiten Sol- daten herbeigeeilt, die ihn banden und nach Kiew eskortierten. Einige Tage darauf kamen nach Zadmiszowka Briefe aus Rußland, worin das Geschehene mitgeteilt worden war und es stellte sich auch heraus, daß die beiden Schmuggler von den russischen Gendarmen 30 Rubel dafür er- halten hatten, daß sie ihnen den DolinSki ans- lieferten. Die Auftegung im Dorfe war ungeheuer und schließ- lich mußte sich auch das Gericht damit beschäftigen. Die beiden Schmuggler wurden des Verbrechens nach Z SO Str.- G. angeklagt, wonach derjeklige, der ohne Vorwissen und Einwilligung der recht- mäßigen Obrigkeit sich eines Menschen mit List oder Gewalt be- mächtigt. um ihn wider seinen Willen an eine auswärtige Gewalt zu überliefern., das Verbrechen des Menschenraubes begeht. Die Geschworenen von Tarnopol— darunter acht Bauern— bejahte» die Schuldfragen einstimmig mrd die beiden Airgeklagten wurden zu jeeinemJahre Kerker, verschärft mitFasten, ver- urteilt. So gemütlich wie in Königsberg ist man in dein verschrienen Oesterreich denn doch nicht.— DcutTchce Rdcb. Um Mirbach mühen sich die Sauberen des Bürgertums fort und fort. Die unsittliche Allianz von Kirchcirbau mit Finanz berührt sie nicht im mindesten, aber„den Fall" wollen sie ausräumen, auf daß alles Ivicdcr in Ordnung sei. Wiederum giebt Geheimrat»Budde Anlaß zu Erörtenmgen über die Pommernspenden an Mirbach. Herr Budde teilt der „Kölnischen Ztg." mit, die Mirbach-Vereine hätten auch dies. weiteren 60 000 M. aus dem Jahre 18SS zurückgeben wollen, aber er selbst habe»Bedenken getragen, diese Summe anzunehmen, weil die Schädigung der Bank durch diese Spende nicht erwcisbar sei. ES ist. so muß gefolgert werden, also zu erwarten, daß die Mirbach- Vereine alsbald die Abführung der 60 000 M. in andrer geeigneter Art an die Geschädigten des Hofbankgeschäftes besorgen werden. Weiter will Herr Budde den Oberhosineister gegen die bösen Gerüchte schützen, die über den Verbleib der 325 000 M. um- laufen; er— Budde— halte diese Gerüchte„für absolut unwahr". Wären sie lvahr, so müßte Mirbach in erster Linie wissen, wo das Geld gebliebe», Mirbach aber„in klarsten Worten jede Kennwis von dem Verbleib der 325 000 M. verneint". Herr Budde kündigt ferner au, daß in einem bürgerlichen Streitverfahren gegen Schultz und Roineick, welche, wahrscheinlich Schultz allein, das Geld für sich behalten haben dürsten,„die Wahrheit bis zum letzten »Pünktchen" ermittelt werden wird. Leider ist Herr»Budde, trotz seiner jetzigen eiftigen Aussprache mit dem Oberhosmeister, noch immer nicht in der Lage, aufzuklären, wie dcu» Freiherr v. Mirbach über 325 000 M. quittieren konnte, ohne die Summe zu empfangen und ohne zu wissen, wo sie ver- bleiben werde. Ferner unterschätzt Herr Budde, indem er annimmt, daß Schultz die Summe für sich verwandt hat, die wiederholte Er- kläruug des Schultz sowie des Rechtsanwalts S e l l o, daß die Diskretion über den Verbleib des Geldes gewahrt bleiben werde. Die„Kölnische Zeitung" selbst begleitet ihre Mitteilung der Buddeschen Zuschrift mit der Forderung, daß gegen Schultz und Romeick ein neues Strafverfahren wegen Unterschlagung der 325000 M. oder wegen Betrug eingeleitet werden müsse. Der Wahrheils- und Säuberungseifer hat sich, wie man sieht, außerordentlich stärkt entivickelt. Der geldgewandic Hofmeister und die hofgewandten Pommerndirektoren haben den Hof und die christ- liche Kirchenfrömmigkeit nicht nur, sondern— die schwerste Todsünde!— das zeitgenössische Geldgetriebe schmählich komproinittiert. Es gilt, ein Opfer darzubringen, auf daß der kapitalsfähige Hof und das hoffähige Kapital entsühnt werde. Der Mirbach soll fallen, auf daß die Autoritäten der Ordnung neu gereinigt und gefestigt er- scheinen vor der spottenden, drohenden Menge.... Kardorff, der Ganzgescheite, will im„Tag" den Professor Del- brück zu der Meinung bekehren, daß die„Genossen" Wahl- terrorismus treiben.„Herr Professor Delbrück", so schreibt er,„hat ja völlig recht, wenn er für Großstädte, Wahlbezirke von Tausenden von Wählern, die Vehauptung verficht, eine Konttolle der Stimm- abgäbe sei ausgeschlossen.—»Wenn er aber glaubt, in kleinen Land- städren besäßen die Genossen kein Mittel, um festzustellen, ob der mit Boykott bedrohte Handwerker. Gastlvirt, Materialienhändler usw. den socialistischcn Stimmzettel wirklich abgegeben, so irrt er ge- waltig. Die Genossen drohen mit solchem Boykott nur, wenn sie in der Lage sind, sich zu vergewissern, ob ihrer Order Folge geleistet wird." Herr v. Kardorff vergißt dabei ganz, daß gerade die Social- demokratcn entschiedene Gegner der zu kleinen Wahlbezirke sind, wie sie vor allem in den zurückgebliebenen Kreisen beliebt werden und für Konservative und Scharfinacher pronipte Ergebnisse liefern. Es bleibt aber fraglich, ob er mit den„Genossen"— er schreibt das Wort ohne Gänsefüßchen— uns oder am Ende gar seine eignen Genossen gemeint hat.— Kölnische Melancholie, lieber den„Mangel an gegenseittger Achtung in der deutschen»Presse" predigt die„Kölnische Zeitung" mit umdüstertem Gemüt. Welches Leid ihr widerfahren, klagt sie selber: „Erlauben sich große vollständig unabhängige Zeitungen, die ein Gegenstand des Neides sind, weil sie zumeist an masigebenden Stellen sich zu unterrichten in der Lage sind, eine offene selbständige Beurteilung der lim Falle Mirbach) aufgedeckten, der Religion, dem«taate, der Monarchie, dem VolkSbcwutzlsein gleich schädlichen Ucbelstände, so schreibt man.„das ist offensichtlich keine private Redaktionsleistung, sondern sickert ans sehr offiziösen Quellen", oder„die Zeitung arbeitet, wie schon früher, als offiziöses Organ der Wilhelmstraße". Wirklich, wer unparteiisch in das deutsche Zeitungsgewimmcl hineinsieht, dem mutz unwillkürlich der Gedanke kommen: toie ist es nur möglich, daß kaum eine Zeitung voir einer andern anzunehmen scheint, daß auf deren Redaktion Männer thätig sind, die gediegene Bildung genossen haben, die ihre per- sönliche Anschauung zur Geltung zu bringen suchen, und denen ihr gesamtes Vorleben so viel moralische Denkfähigkeit und Urteils- kraft mitgegeben hat, daß sie trotz der eigenen Partcibrille oder auch der»Partcibrille ihres Chefs bei Dingen, die das ganze deutsche Volk erregen, ihrer wirklichen Meinung Ausdruck geben. Diese Mißachtung der deutschen Presse unter sich sollte aufhören, dadurch würde sie sicher an»Achtung im Volke gewinnen." Was die Parteibrille der Firma Du Mont-Schaubcrg plötzlich so düster färbt, ist nicht recht einzusehen. Ist es denn wirklich ein Zeichen von mangelnder Achtung, wenn man von einem»Blatte sagt, es sei offiziös? Und will die Kölnerin, die aus bewährtem Geschästsprincip allen lebenden Größen liebedienert, alle gefallenen aber beschiinpft, wirklich beschwören, daß sie allen Bismarck und Bonaparten gegenüber ihre hundertjährige Mädchenehre rein erhalten hat? Und ist es wirklich bon so großem Belang, ob der„Chef", dessen„»Partcibrille" e i n g e st a n d e n e r m a ß c n die„moralische Denkfähigkeit" der gediegenen Redaktion beeinträchtigt, in der Berliner Wilhclmstraße oder in der Kölner Breitcnstratze thront?— Ich spitzle, du spitzelst, er spitzelt. Eine größere Zahl von Geheimagenten ivird nach der„Magd. Ztg." in Antwerpen von der russischen Regierung gehalten, die die»Aufgabe haben, alle Verladungen der- nach Ostasien gehenden Dampfer ans das sorg- fälttgste zu überwachen. Auf die Angaben dieser russischen Spione hin sollen die beiden Schiffe„Prinz Heinrich" und„Malacca" als verdächtig angesehen und dann beschlagnahmt worden sein. In Memel und TUfit lauem deutschte Spitzel auf die Konter- bände des russischen inneren Feindes. In Antwerpen lauern russische Spitzel auf die Konterbaude des russischen äußeren Feindes. Spitzel über Spitzel I Die Schelme ttauen einander nicht!— Ruhmloses KriegSministcr-Eudc. Es ist nicht nur in Bayern die bedauerliche Erscheinung hervorgetreten, daß sehr hohe militärische Persönlichkeiten gegenüber den Parlamenten mit der Wahrheit in einer»Art zurückhalten, die am wenigsten der vielgeriihmten militärischen Geradheit ansteht. Dem Verhalten des preußischen Kriegsmrnisters v. Einem, dein die sehr genaue»Bekanntschaft mit den Arenberg-Vorgängen erst mit der Zange entlockt werden mußte, hat sich jetzt das noch auffälligere Verhalten des bayrischen Kriegsministers v. A s ch angereiht. Herr v. Asch hatte soeben die unangenehme Angelegenheit mit dem Abgeordneten Dr. P i ch l e r überwunden, da läßt er sich dazu verführen, einen G e h e i m c r l a ß in der Duellangelegenheit Seitz- Pfeiffer, über den er in der Kammer beftagt wurde, abzuleugnen. Er konnte nicht annehmen, daß der Erlaß sich in den Händen des Dr. Heim, der ihm die Falle gestellt, befinde, und so leugnete er den Erlaß ab, der eine u n g e s e tz l i ch e B e g ü n st i g u n g des ungesetzlichen Duells bedeutete. Ein Minister, der so vor aller Welt bloßgestellt� ist, kann un- möglich ans seinem Platze bleiben und Herr v. Asch scheint sich über daS Ende seiner Laufbahn selbst klar zu sein, denn in einer Erklärung, die er am Donnerstag vor der Kammer abgab und iu der er vergeblich sein Verhalten zu entschuldigen versuchte, mußte er selbst gestehen, daß er gefallen seil— Ans Baden. Laudtagsschluß und weitere Aussichten. Aus Karlsruhe wird uns geschrieben: Nach nahezu achtmonatiger Tagung ist der badische Landtag am Mittwoch geschlossen worden. In letzter Stunde sollte noch eine Acrzte-Ordnung, die nicht iveniger als 63 Paragraphen umfaßt, durchgepeitscht werden, da aber diese Aerzte-Ordnung für die Kranken« kassen mancherlei Gefahren mit sich bringt, widersetzte sich die social- demokratische Fraktion einer übereilten Erledigung, so daß man auf eine Beratung verzichten mußte. Ist auch das positive Ergebnis der verflossenen LandtagSsession bescheiden, so war sie trotzdem nicht uninteressant. Die Eni- Wicklung der Parteiverhältnisse in der Richtung der Verdrängung der Nationalliberalen durch das Centrum hat weitere bedeutende Fort- schritte gemacht. Das Centrum zeigte sich der Regierung gegenüber von verblüffender Willfährigkeit. Und es ging so weit, gewisse liberale Einrichtungen aus der antiklerikalen Blütezeit ohne weiteres anzuerkennen— wahrscheinlich mit dem stillen Vorbehalt des Wider- rufes in der Zeit der Macht. Der Regierung ist diese Wendung offenbar sehr angenehm; sie kommt dem Centrum artig entgegen und wenn etwa die Neuwahl unter dem direkten Wahlrecht im nächsten Jahre eine relative CentrumSmehrheit bringen sollte, darf man sicher sein, daß die Regierung keinen Anstoß nehmen wird, mit dieser Majorität zu regieren. Die Wandlung in derRegierung ist offenbar mit beeinflußt vom Hofe. Die regierenden Herrschasten sind sehr alt und die Frömmigkeit nimmt am Hofe stets zu; besonders die Großherzogin soll aus Frömmigkeit schon keinen großen Unterschied in der Beurteilung der Konfessionen mehr machen. In der Hof- Politik ist aber die Großherzogin von ziemlichem Einfluß. Dazu kommt die rückschrittliche Gesinnung des Ministers des Innern, und so sind alle Voraussetzungen gegeben, daß der„liberale Musterstaat" sich in den„klerikalen Versuchs st aat" verwandelt. Von den Neuwahlen im nächsten Jahre hängt alles ab. Der Landtag wird in seiner Gesamtheit neu gewählt und wahrscheinlich wird es von der Socialdemokratie, die in ca. 15 Kreisen den Ausschlag giebt, abhängen, ob die ultramontanen Bäume oder die national- liberalen die niedrigeren sein werden.— Im Zeichen des»JiussenkurseS. Am Dienstag wurde in Tilsit bei dem Kassierer des socialdemokratischen Wahlverems, Genossen D u tz, eine Haussuchung nach politischen Schriften vorgenommen. Genosse Dntz war nicht zu Hause. Die Polizei ließ von einem Schlosser sämtliche verschließbaren Gegenstände öffnen, wodurch die Schlösser beschädigt wurden. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, Genossen Dutz vorher davon zu benachrichtigen. da er nicht weit entfernt von seiner Wohnung arbeitete. Russische Schriften wurden nicht gefunden. Dagegen wurde» die Kassenbücher des»Wahlvcreins beschlagnahmt. Wozu diese Staats- aktion eigentlich eingeleitet worden ist, bleibt allen ein Rätsel. Vielleicht suchte die Königsberger Staatsanwaltschaft noch im letzten Augenblick Belastungsmaterial zu dem famosen Russcnprozeß.— »Polen-Bekehrung. Hier drei Nachrichten, die wiederum den Reichtum der trefflichen Mittel beweisen, durch welche man die polnische Bevölkerung zur deutschen Kultur erzieht:, Haussuchungen. Der in G l e i w i tz O.-S. erscheinende „Glos Slaski" schreibt: „Anscheinend auf Befehl höherer Behörden haben in letzter eit zahlreiche Haussuchungen in polnischen Häusern stattgefunden. inen besonderen Eifer zeigte man in Bezug auf die Bibliothekare der polnischen Bibliotheken. In Gleiwitz'wurden 13 Personen -vernommen, die man befragt hat, ob sie in Galizien nicht das Lied„Noch ist»Polen nicht verloren" gesungen hätten." Ausweisungen. Aus Strelno(Posen) wird einem polnischen Blatt über die Ausweisung des polnischen Arbeiters Peter Gaziolowski berichtet. Gaziolowski, der russischer Staatsangehöriger ist, hat den Befehl erhalten, innerhalb eines Monats das preußische Staatsgebiet zu verlassen. Gaziolowski ist als fünfjähriges Kind nach Preußen gekommen und zählt heute fast 60 Jahre. Er hoffte nächstens die »Altersrente zu erhalten. Run hat er die Rente als— Ausweisungs- bcfehl! Ein preußischer Lehrerbrief. Der„Dziennik Poznanski" veröffentlicht folgenden Brief des Lehrers Bensch aus Kozieglowy bei Glowno: „Ich habe in Erfahrung gebracht, daß sich in Posen eine Genossenschaft gebildet hat. um auch kleinere bäuerliche Grundstücke anzukaufen und dieselben mit deutschen Landwirten zu besetzen. Gerade in der hiesigen Gegend iväre es dringend notwendig, das Deutschtum zu stärken, und es bietet sich Gelegenheit, einige Wirtschaften aus polnischen Händen anzukaufen. »Als Beamter und deutscher Mann ivill ich mich gern zu Diensten der deutschen Sache stellen, um bei Einkauf der Grund- stücke als»Vermittler wirken zu können. Ich bin der polnischen Sprache vollständig mächttg und es würden durch mich leicht einige schöne Wirtschaften in deutsche Hände übergehen können. Es wollen nämlich drei Wirte ihre Grundstücke, jedoch nur an Polen, verkaufen. Ich versichere aber, daß die hochgeehrten Herren diese Wirtschaften durch meine Ver- Mittelung leicht ankaufen können." DaS sind die Früchte der preußischen Polenpolitik I Schon heute hat die polnische Bevölkerung nicht das mindeste Verttaucn zu dem preußischen Schulsystem, zu dem System der Germanisation und der Nichtberücksichtigung der Muttersprache. Die Schule kann aber keine Erfolge zeitigen— wenn ihr die Beteiligten kein Vertrauen ent- gegenbringen. Wie weit soll es aber kommen, wenn ein Lehrer als Agent für eine deutsche Parzellattonsbank austritt, und zwar zum »Ankauf von Grundstücken, von denen er selbst sagt, daß die Besitzer nur an»Polen wieder verkaufen wollen. Das sind die Früchte einer kulturwidrigen und volksfeindlichen Politik!— Husland. Urabstimmung über einen neuen WahlrcchtSstreil in Schweden. Der Vorstand der Socialdemokratischen Arbeiterpartei gab in seiner Sitzung vom März dieses Jahres dem Vollziehungs- a u s s ch u ß der Partei den Auftrag, die Stimmung der organisierten Arbeiter hinsichtlich eines neuen und wenn nötig langdauernden Generalstreiks zur Erringung des allgemeinen Wahlrechts zu er- forschen, und zwar bis zu dem im Februar 1S05 stattfindenden Parteitage. Der VollziehungsauSschutz erledigte sich nun seiner Ausgabe in der Weise, daß er eine regelrechte llr- abstimmung unter den organisierten Arbeitern sowohl in den der Partei angeschlossenen als auch den ihr nicht angeschlossenen Gewerkschaften vornehmen läßt. Jedem Mitglied wird ein Stimmzettel mit folgenden sechs Fragen, die mit Ja oder Nein zu beant- Worten sind, übergeben: „1. Sehen Sie den Generalstreik als ein zweckmäßiges Kampf- mittel an, geeignet, um unter gewissen Voraussetzungen als ein- drucksvolle Maßregel zu politischen Zwecken gebraucht zu werden?— 2. Sind Sie gewillt, zu geeignetem Zeitpuntte— der eventuell vom Parteikongrcß im Februar 1005 festgesetzt wird— auf u n b e st i m m t e Zeit an einem Generalstreik zur Erlangung einer vorteilhaften Lösung der Wahlrechtsfrage teilzimehmen?— 3. Sind Sie bereit und gewillt, ohne Entschädigung für die Zeit des Generalstreiks an einem solchen teilzunehlnen?— 4. Meinen Sie, daß die F a ch v e r e i n e und Fachverbände die Verantwortung für die nach einem solchen Generalstteil eventuell vorkommenden Maßregelungen übernehmen sollen?— 5. Sind Sie. auch unter der Voraussetzung, daß die Fachverbände erklären, den Schutz gegen eventuelle Repressalien, wie Aussperrungen usw.. nicht übernehmen zu können, gewillt, am Generalstreik teilzunehmen? 6. Sind Sie gewillt, zu einer Zeit, die der Partei- kongreß bestimmt, von neuem einen Tagesverdienst zum General- streikfonds zu zahlen, aus welchem Fonds Personen unterstützt werden sollen, die ohne eignes Verschulden eventuell durch die Behörden verfolgt werden, zu Gerichtslosten und dergleichen?' Diese Fragen sollen, wie es in dem Cirkular an die Gewerl- .chaften heißt,.ohne Beeinflussung, frei und ungezwungen" von ,edem Mitglied beantwortet werden. Die Abstimmungen sollen bis zum tö. November beendet sein, das Resultat, durch die Arbeiter- kommunen gesammelt, am 1ö. Dezember in Händen deS VollziehungS- utsschusseS sein. Wie man sieht, wird die Frage des Generalstreiks, wie es dem Lrnst eines solchen außerordentlichen Schrittes entspricht, von msern schwedischen Genossen mit der größten Gewissenhaftigkeit geprüft.— Ocsterreich-Nngarn. Budapest, 22. Juli. Abgeordnetenhaus. Die Gesetzesvorlage, tie Erhöhung der Civilliste betreffend, ist mit 154 gegen 66 Stimmen mgenommen.— Türkei. Konstantinopel, 22. Juli. Alle Agenturen der ausländischen Schiffahrtsgesellschaften haben ihren Botschaften gegen die türkischen Lollbchörden, welche willkürlich hier und in der Provinz auf deren Geschäftsthätigkeit das neue, von den Mächten nochnicht an- genommene Stempelgesetz anwenden, schriftliche Beschwer- Zen übermittelt. Sic erklären, daß sie durch diese Willkür in ihren Interessen in hohem Maße geschädigt und daß der Gang ihres Gc- schäftes dadurch gehindert werde. Ueberdies fahre die Zollbehörde fort, das neue Gesetz in gleicher Weise auch gegen die fremden Kauf- eute zur Anwendung zu bringen. Die Botschafter sind entschlossen, oagcgen energisch vorzugehen. Asien. Armenische Gräuel. Wie der„Franks. Ztg." gemeldet wird, wmmt aus Armenien über Sofia solgende Drahtnachricht: Trotz ver Anwesenheit der europäischen Konsuln fahren die türkischen So l d a t e n und die Kurden fort in der Umgegend von Müsch ,n plündern und zu morden. Die Ortschaften Gomar, Drinig, Dadragon, Araks, Chckhpussouf und Alidan sind fast vollständig zer- stört. In der Ortschaft Orezgunk wurden 19, in Tcrgerank 9, in Ghegachene 8 Personen getötet. Viele Leichen liegen noch unbe- .rdigt; zahlreiche Frauen und Mädchen verüben Selbstmord, um sich Vergewaltigungen zu entziehen. Die europäischen Konsuln stnd oft Augenzeugen hcrzzcreißendcr Sccnen, ohne wirksame Hilfe leisten zu können. Die türkische Polizei läßt sich, unter dem Vor- .vande aufständische Armenier zu suchen, empörende Grausamkeiten zu Schulden kommen. Den Armeniern ist verboten, sich mit den Konsuln in Verbindung zu setzen. Königsberger Geheimbnnds- und Hochverrats-Prozeß. lFortsetzung aus der 1. Beilage.) Verteidiger Haase: Ich gehe jetzt auf die 88 102 und 103 ansreS Strafgesetzbuchs ein. Binding sagt in seinem Kommentar, daß dem Deutschen Reiche nur ein Strafanspruch erwächst, .Venn die Gegenseitigkeit verbürgt ist. Er sagt weiter, daß die Gegenseitigkeit schon zur Zeit der That nnd nicht erst zur Zeit der Verfolgung verbiirgt sein muß. Das Gesetz des ausländischen Staates muß auch bereits zur Zeit der Begehung der Handlung in Kraft getreten sein. Läßt sich das nicht genau feststellen, so muß die Einstellung des Versahrens oder Freisprechung erfolgen. Was heißt aber„verbürgt sein"? Wenn ein Botschafter eine Erklärung abgicbt, besonders der Botschafter eines Reiches mit russischen Zuständen, so kann man doch nicht sagen, daß das„verbürgt" heißt. Die Er- klärung der Regierung, daß sie geneigt sei, in derartigen Fällen die Gegenseitigkeit zu gewähren, genügt nach Binding nicht, noch weniger eine Erklärung für einen einzelnen Fall. War nun bei Begehung der That die Gegenseitigkeit verbürgt? Ganz gewiß nicht. Die Bedingungen, von denen nach russischem Recht die Gegenseitigkeit abhängt, sind ein besonderer Staatsvertrag oder ein in Rußland publiziertes Gesetz. Die Er- klärung des Botschafters ist aber nicht bindend, denn ein russisches Gericht darf sich nach einem nicht vorschriftsmäßig publizierten Gesetz gar nicht richten. Die Anklage wegen Zarenbeleidigung fällt nach Z 103 des Strafgesetzbuchs ohne weiteres weg, weil hier nicht die Gegen- seitigkeit vorgesehen ist. Ebenso fällt meiner Ansicht nach die An- klage wegen Hochverrats weg. Ich kann nicht zugeben, daß die An- geklagten Schriften mit den Zaren beleidigenden Inhalts überhaupt besessen haben. Ich erinnere Sie an die Bilder aus dem „Simplicissimus". Gewiß waren sie grausig wegen des Gegen- standes, aber künstlerisch in der Darstellung, wie wir eS von dem genialen Thomas Theodor Heine erwarten. Sie sollten der Förderung der Humanität dienen, indem sie darstellten, wie der Fürst, der sich Friedenszar nennen läßt, ruhig an zahllosen Galgen und Gehängten vorübergeht. Die Bilder dagegen, die die russische Censur verbreiten läßt, sind roh, brutal und nur auf die tierischen Instinkte berechnet. Hat der Staatsanwalt die Anklage wegen Majestätsbeleidigung ebenso aufgegeben, wie die wegen Hochverrats bei denjenigen Schriften, von denen man nicht weiß, wo sie gefunden sind und wem man sie anrechnen kann, dann weiß ich überhaupt nicht, wie man zu einer Verurteilung wegen Hochverrats noch kommen kann. Objektiv ist zum Begriff des Hochverrats im Sinne des§ 85 die Verbreitung von Schriften notwendig. Welche Schriften find nun nnd von wem nach Rußland verbreitet worden? Der Staatsanwalt hat uns bis jetzt nichts davon gesagt.„Vcr- breiten" heißt zugänglich machen an das Publiku m. Giebt man die Schriften zur Post, so begeht man nur eine vor- bereitende Handlung. Gerade wenn man mit dem Staatsanwalt eine Geheimverbindung annimmt, so ergicbt da? Verschicken unter den Mitgliedern noch keine Verbreitung. Ich wiederhole: wer hat denn eine Burzeffsche«Schrift nach Rußland gebracht? Sind aber die Schriften nicht verbreitet worden, so könnte immerhin noch der Thatbestand des 8 86 erfüllt sein. Aber das Reichsgericht hat ausdrücklich anerkannt, daß Darlegungen theoretischer Natur überhaupt nicht als Aufforderung zum Hochverrat gelten können. Als K a m p i tz in der Burschenschafterzeit eine derartige Aus- legung versuchte, wies man seine Auffassung entschieden zurück. Hier aber handelt es sich ausschließlich um sehr ausführliche akademische Erörterungen, ob man den Terrorisnius in das Parteiprogramm aufnehmen wolle oder nicht. Damit hat Burzeff niemanden zum Morde getrieben. Solche Schriften haben niemanden zum Attentat veranlaßt. Weder Burzeffs Tollheiten noch sonstige Propaganda- schristen habe» jemand überzeugt, daß er niorden müsse, sondern die Brutalitäten des Zarismus haben Abwehr oder Rache herausgefordert. Erst nachher hat Burzeff als historischer Theoretiker sie zu recht- fertigen versucht. Ebensowenig wie die objektive ist die subjektive Voraussetzung des Hochverrats gegeben. Der Staatsanwalt hat sich in lauter Widersprüche vcr- wickelt. Wie kann er wegen des fehlenden Dolus bei Majestäts- beleidigungen Freisprechung und trotzdem bei Hochverrat Verurteilung beantragen? Er sagte, in Rußland sei eine Aenderung der Verfassung nur auf dem Wege der Revolution möglich. Aber die Socialdemokraten betonen unaufhörlich, daß sie hoffen, daß eS nie dazu zu kommen braucht. Der Staatsanwalt selb st nimmt an, daß sich die Angeklagten über die Ziele der russischen Socialdemokraten getäuscht haben. Wo bleibt dann der Dolus? Wenn weiterhin eine Verfassung in Rußland nur durch eine Revolution erreicht werden kann, wie steht es dann mit dem liberalen Peter v. Struve, der doch auch eine demokratische Verfassung fordert. Entweder— oder! Lio Rhodus, hio salta! Wenn alle, die eine Verfassung wollen, Hochverräter sind, dann sind eS auch die Liberalen und die Konser- servativen wie Loris Melikoff. Man braucht aber diese Frage nur aufzuwerfen, um die Antivort zu finden. Und diese Angeklagten sollen sich, selbst wenn der Staatsanwalt mit seiner Auffassung von der Revolution recht hätte, nach seiner eignen Ansicht doch über die russische Socialdemokratie getäuscht haben. Da scheinen sie also einen Hochverrat nicht einmal in eveota gewollt zu haben! Hinterher niachte sie der Staatsanwalt in einer merkwürdigen Darlegung für das verantwortlich, was sie nicht gewollt haben. Der Wille ist ja schwer zu ermitteln. Hier aber ist er in eine einwand- fteie und zweifelsfreie Erscheinung getreten. O u e s s e l, dessen Glaubwürdigkeit nach dem Staatsanwalt unzweifelhaft ist, versichert, daß er, Nowagrotzki und Sknbbik ausschließlich socialdemo- kratische Schriften haben verbreiten wollen. Wir haben gehört, daß auch Gebetbücher nach Rußland geschmuggelt werden müssen. Wenn nun die Adresse eines gläubigen Katholiken mißbraucht wird, um atheistische Schriften z u verbreiten, deren Inhalt der Katholik nicht kennt, weil er die fremde Sprache nicht lesen kann, wer wird dann diesen Katholiken verantwortlich machen wollen? So hat der Staats- anwalt Objektives und Subjektives durcheinander gemischt und nach keiner Seite etwas bewiesen. Und ich muß sagen: So viel PlaidoyerS ich auch in meiner langen Praxis schon ge- hört habe— ein derartiges Plaidoyer ist mir noch nicht vorgekommen.» Es handelt sich nun darum, ob die Angeklagten einem Geheimbunde angehört haben im Sinne des 8 128 des Strafgesetzbuches. Es kommt, wie ich dem Staatsanwalt zugeben will, nicht darauf an. daß diese Verbindung geheim war, sondern darauf, ob ihre Geheim- Haltung bezweckt war. Die Angeklagten haben bereitwillig die Schriften zur Prüfting herausgegeben. Nowagrotzki hat freilich die Auskunft darüber verweigert, an wen er die Schriften weiter versandt hat. Das war aber sein gutes Recht, denn der Beamte sagte ausdrücklich zu ihm:„Mit den übrigen Schriften können Sie thun, was Sie wollen." Und später:„Wenn Sie den nicht angeben, dem Sie die Schriften geschickt haben, werden Sie sich Unannehmlichkeiten machen." Nowagrotzki war also als anständiger Mensch zur Geheimhaltung verpflichtet, wenn er dem andern nicht Unannehmlichkeiten be- reiten wollte. Gegen das Vorhandensein eines Geheimbundes spricht doch das ganz offene Auftreten des Skubbik in Deutschland. Er schreibt seine volle Adresse unbcdcullich aus offene Postkarten und auf die Rückseite eines Briefes. Das ist doch ein sonderbarer Geheimbündler. T r e p t a u bewahrt sich Geheimbnndspapiere sorg- fältig auf! Solche Geheimbündler müssen noch einmal gefunden werden! Herr v. R i ch t h o f e n hat im Reichstage selbst gesagt: „Ich möchte auch noch darauf hinweisen, daß man sich nur strafbar macht, wenn man selbst russische Schriften nach Rußland hineinbringt" und Herr Kriminalkommissar W y n e n ans Berlin bekundete ja auch, daß man nicht nur davon weiß, daß Schriften versandt werden, sondern daß das Berliner Polizeipräsidium auch die Fäden der Verbindung kennt, und daß man dagegen nicht eingeschritten sei, weil man das seit langen Jahren für erlaubt hielt. Fischer uad B r y n s haben ausdrücklich zugestanden, daß sie solche Schristen versandt haben. Der Land- rat von Memel hat auch verftigt, daß gegen die Einhändigung von Schriften an Klein nichts einzulvenden sei. Bei Klein. Treptau nnd M e r t i n S sind Russen ein- und ausgegangen, ohne daß irgend etwas verheimlicht worden wäre. Die Thätigkeit der Russen im Keller deS„Vorwärts" und in der Buchhandlung wurde ebenfalls nicht verheimlicht. Für diese geheime Verbindung wäre auch eine Einwirkung auf die öffentlichen Zustände Deutschlands die notwendige Voraussetzung. Die Schristen bezwecke» aber nur die Herbei- führung besserer politischer Zustände in Rußland. Ob aber die russischen Zustände geändert werden oder nicht, macht für die öffentlichen Angelegenheiten Deutschlands im strafrecht- lichen Sinne gar nichts aus. Die„Post" hatte ja den Artikel Abels schlankweg auf- genommen, aber das hat den Polizeipräsideuten ebensowenig vcr- anlaßt, etwas gegen den berühmten„Vorwärts-Kcller" zu unternehmen, wie der direkte Besuch und die Denunziationen des Herrn Abel bei ihm. Die Polizei wollte eben nicht erkunden, was sie längst wußte und sich nicht einer freiwilligen Blamage aussetzen. Damit ist die Notorität und Publizität der Schriftenverscndung erschöpfend dargelegt. Man hält dem Angeklagten P ä tz e l die Vcr- schickung als„S ch u h Iv a r e n" vor. Aber die Schriften waren doch vorher unter richtiger Deklaration durch das Ber- liner Zollamt gegangen. Mertins hatte dem Gendarm Stadie längst ausdrücklich gesagt, daß in den Paketen Schriften seien. Der Staatsanwalt wollte aus dem Umwege über Berlin die Absicht der Geheimhaltung folgern. Aber es ist notorisch und vom Minister selbst zugestanden, daß es gerade in Berlin eine Menge russischer Polizei-Agenten giebt. Auch an der Grenze schnüffeln russische Agenten, wie zwei Zeugen eidlich bekundet haben, herum. Von russischen Agenten hat die Polizei die Schriftenniederlage bei Millart erfahren, und der Polizist Skudik hat bekundet, daß er von dem Polizeinieistcr in Polangen über die Grenze geschickt worden sei, um Schriftenniederlagen zu erforschen. So entfaltete die russische Polizei ihre vielfach abgeleugnete Thätigkeit auf deutschem Boden. Giebt doch der russische Staat 950000 Rubel jährlich für seine Grenzagentnren aus. Das alles zeigt deutlich, daß man nur vor der nissischen Polizei die Versendung geheimhalten wollte und gute» Grund dazu hatte. Wir haben von dem Zeugen B u ch h o l z eine drastische Schilderung gehört, wie vorsichtig man gegenüber nissischcu Vigilanten gerade in Deutschland sein muß. Er hat uns er- zählt, daß seine Aeußerungen im intimen Kreise schon der russischen Polizei bekannt waren, als diese seine Frau verhaftete, weil sie einige Nummern der„Jskra" auf deutschem Boden verkauft hatte. Aehnlich ging es im Falle Kugel. Warum empfiehlt denn Skubbik dem Treptau, die Adressen abzuschneiden? Die deutschen Behörden haben sie doch schon bei der Zollabferti» gung gesehen; aber die prusten ftMön fr? fira�r wim etwaigen Absang von Schmugglern erfahren. Warum schlägt Skubbik dem Klein Deckadressen vor? Ob der Arbeiter Klein oder der Arbeiter Peter Paul Schristen bekommt, ist gegen« über dem deutschen Zollamt ganz gleichgültig. Aber die russischen Behörden und Agenten sollten es nicht so leicht haben, gerade bei einem umspitzelten Vertrauensmann der Socialdemokratie auch die russischen Schriften zu finden. Der häufige Adressenwechsel Skubbiks erklärt sich sehr einfach ans seinem häufigen Wohnungswechsel. Daß von den Russen Adressen benutzt werden, ohne den angeblichen Absender vorher zu fragen, haben die Zeugen Hintz. Buchholz und Ouessel unter ihrem Eide be- kündet. Man hat die Schriften durch Berlin gehen lassen. Dabei ist die politische Polizei nirgends so aufmerksam unp von einem so großen Stabe von russischen Dolmetscher» umgebe» wie in Berlin, und vor der russischen Polizei Geheim- nisse zu haben, ist ja in Deutschland noch immer nicht verboten. Bei dem«Schmuggeln ging es allerdings geheimniS- voll zu, aber wir haben gehört, was alles geschmuggelt wird: Geschichtsbücher von Malwina v. Mcysenburg, die„Memoiren einer Jdealistin" und 20 000 Katechismen pro Jahr.(Heiterkeit.) Und die Leute, die da schmuggeln, legen sich falsche Namen bei. Wenn daS ein Geheinibund ist, wie vielen Gehcimbünden müssen dann Kögst und Kugel angehört haben, oa sie Dutzende von Gegenständen geschmuggelt haben l(Große Heiterkeit.) Aber ein Moment ist durchschlagend. Der Vorsitzende hat selbst angegeben, wie verbotene Bücher nach Deutschland geschmuggelt werden. Da steckt man Bilses Roman in einen Umschlag von „Elses Goldhaar" oder in die„Hosen des Herrn v. Bredow" (Sehr große Heiterkeit), um die Zollbehörde zu täuschen. Haben aber hier die Angeklagten auch nur einen der auffallend grell-roten Umschläge der Broschüren verdeckt, trotzdem dies Rot dem Staatsanwalt und der Polizei so unangenehm in die Augen fällte? (Heiterkeit.) Und wie steht es nun mit den andren Voraussetzungen der Geheimbündelei? Nach einer Reichögerichts-Entscheidung ist zeit- weiliges, gelegentliches Zusammenwirken, auch wenn es wiederholt wird, nicht ausreichend für das Er« fordernis der Daurr. Das nihilistische Aktionskomitee in Zürich, von dem die„Königsberger Harwngsche Zeitung" fabelt, ist nicht entdeckt worden. Ferner erfordert die Mitgliedschaft eines GeheimbundeS die Unterordnung unter den irgendwie zum Ausdruck gebrachten Willen der Gesamtheit und unter die— wenn auch un« geschriebenen Satzungen. Die Mitgliedschaft verlangt fest begrenzte Rechte und Pflichten. Hier aber bestanden die denkbar locker st en Beziehungen. Eineinhalb Jahre lang antwortete Treptau überhaupt nicht und hielt Skubbik seinen Koffer vor. Welches waren seine Rechte, welches seine Pflichten? Die meisten Angeklagten hatten keinerlei Bcziehnngcn, keine Bekanntschaften mit einander. Es müßten also drei bis vier verschiede neGeheimbündevorliegen. Wenn Spediteure und Frachtführer Sachen aufbewahren, sind sie doch ebenso wenig Mitglieder eines Geheimbundes, wie hier Millart, Kögst und Kugel, und Kögst und Kugel haben doch ebenso gut für den Saunus litauische Schriften verbreitet. Ich komme nun zu der Schuld der einzelnen Angeklagten. N o w a g r o tz k i hat in seinem ganzen Leben ein einziges Mal Schristen bekommen. Daß er dauernd solche in Empfang nehmen wollte, hat er niemals gesagt. Hat er dadurch schon einem Geheim- bund angehört? Wenn man dem Ersuchen der Verteidigung ent- sprachen und mir die Titel der inkriminierten Schristen rechtzeitig mitgeteilt hätte, so wäre eS möglich gewesen, durch Nachforschungen in der Schweiz festzustellen, von wem Nowagrotzki die Bnrzeffschen Schristen erhalten hat. Nowagrotzki hat die revolutionären Schriften sicherlich nicht von Skubbik bekommen, vielmehr ist seine Adresse vielleicht durch einen Vertrauensmißbrauch oder durlh einen Griff in den Briefiasten Skubbiks von irgend einem Agenten der russischen Polizei erfahren worden. Ganz erstaunt war ich über die Ausführungen des Staatsanwalts über den Angeklagten Braun. Man kann doch der Aussage eines Angeschuldigten, zumal wenn er diese Aus- sage später abändert, nicht so viel Gewicht beimessen, daß man daraufhin die Schuld eines andern Angeklagten aufbaut. Klein hat damals die Unwahrheit gesagt; das hat er jetzt selbst zugestanden, während die Aussagen Brauns und Rowagrotzkis trotz der Un- Möglichkeit der Verbindung zwischen ihnen von Anfang an überein« stimmten. Was die Vorstrafen Brauns anbetrifft, so sind das alles politische Vergehen. Kugel ist allerdings keine Leuchte der Wahrhaftigkeit(Heiter- keit), aber er ist S ch m u g g l e r wie alle. Er hat sich von der „Berliner Morgen-Zeitung" zum„Vortvärts" entwickelt.(Heiter- keit.) Jetzt, wo er die Unannehmlichkeiten eines Socialdemokraten er- fahren hat, will er eine RückWandlung vornehmen.(Heiterkeit.) Jedenfalls ist bei ihm auch nicht ei» einziges anfechtbares Exemplar gefunden worden. Wenn in einer bei ihm aufgefundenen Schrift Offiziere znm Bruch des Treueides aufgefordert werden, so ist das doch ein sehr umstrittenes Gebiet. Ich erinnere Sie nur an den«Stand- Punkt, den der preußische Ober st Gädke im„Berliner Tage- blatt" eingenommen hat, daß dem Offizier da? Vaterland höher stehe, als selbst der beschworene Eid, und an das Verhalten der serbischen Offiziere. Kugel hat übrigens nie an der Verbreitung von Schristen in Rußland mitgewirkt. Der Angeklagte Klein ist ein Hafenarbeiter, ein biederer. ehrlicher Mensch, der bis zum Abend arbeitet und sich dann durch deutsche Bücher und Zeitungen bildet, so gut er kann. Die Schristen. die er bei sich gehabt hat, hatte der Landrat ausdrücklich für die Ber- breitnng freigegeben. Von Nowagrotzki als altem Parteigenossen konnte er wirklich nur socialdemokratische Schriften erwarten. Bei Treptau hat man überhaupt nichts gefunden außer ein paar Briefen. Wie will man behaupten, was er verbreitet hat? Daß bei ihm Schmuggler ausbezahlt worden sind, ist doch nichts Unerlaubtes. Mertins ist mit einer Offenheit sondergleichen aufgetreten. Er hat gesagt: Ich bin Socialdcmokrat und will mit den russischen Parteigenossen für eine bessere Zukunft Rußlands kämpfen. Die angebliche Depesche an Wetzmann hat offenbar Skubbik unter Mertins Adresse abgeschickt. Was soll ich viel über Kögst reden.(Große Heiter- keit.) Er hebt Pakete billig für 1 Mark auf und bringt sie für 1 Rubel an die Grenze.(Stürmische Heiterkeit.) Er kann nicht schreiben und nicht lesen, sein lOjähriger Sohn liest ihm die Paketadrcssen vor, er kann auch nicht deutsch. Als der Gendarm zu ihm kam, hatte er gerade ein Paket Schriften geöffnet und zeigte es ihm. DaS ist dir Geheimhaltung.(Heiterkeit.) Die Motive, aus denen er die Kiste geöffnet hat, liegen recht nahe. aber ich will meinen Klienten nicht beleidigen.(Stürmische Heiter- keit.) Jedenfalls hatte er etwas Kostbareres als bedrucktes Papier erwartet. Er sagte enttäuscht zu seinem Sohn, er sei betrogen- sGroße Hetterlett.) Und dieser Mann soll ein Hoch- Verräter sein.(Erneute große Heiterkeit.) Charakteristisch für die Anklage ftst, daß man auch gegen Ehrenpfort, der nicht eine Zeile geschrieben hat, Strafe beantragt. Daß P ä ß e l seine Aussage" in der Voruntersuchung mit gutem Recht verweigert hat, ging aus dem heutigen Plaidoyer des Staatsanwalts hervor. Dieser sagte, Pätzel sei schon danrals in Berlin verdächtig gewesen. Es ist durchaus anzuerkennen, wenn Angeklagte im Konflikt mit höheren sittlichen Pflichten nichts aussagen und verschweigen, was sie loissen. Aus den Broschüren, die Pätzel vertrieben hat, hat der Staatsanwalt nicht eine einzige nennen können, die nicht social istisch war. Er hat nur zwei Acußerungen gefunden, die zwar nicht strafbar sind, aber vielleicht dem Staatsanwalt nicht angenehm ins Ohr geklungen haben. Wenn Sie sich nun, meine Herren Richter, auf Grund des vor- liegenden Materials, das wir sorgsam geprüft haben bis inS einzelne hinein, die Frnge vorlegen, ob hier Geheimbündelei oder Hochverrat vorliegt, werden Sie mit nein antworten müssen. Die Angeklagten sind keine Geheimbündler, keine Hochverräter! Ich bitte Sie, sämtliche Angeklagte nicht nur formell, sondern auch aus sachlichen Gründen frei- zusprechen. Der Vorsitzende teilt noch mit, daß der Justizminister den Eingang der russischen Auskunft aus Petersburg für spätestens Montag angezeigt hat. Hierauf wird die Verhandlung auf Sonnabend!> Uhr vertagt. Genosse Plechanoff sendet uns diese Zuschrift: Verehrte Genossen! In Ihrer Nummer vom IS. Juli finden sich die folgenden Zeilen: „Die Minister haben Plechanoff, Axclrod, Mandelstamm und Dr. v. Wetscheslaff fiir die Dauer des Prozesses freies Geleit gewährt." Diese Mitteilung ist nicht genau. Ich habe lediglich eine Aufforderung erhalten, als Zeuge in Königsberg zu erscheinen. In dieser Aufforderung stand kein Wort über das„freie Geleit". Daher war ich nicht in der Lage nach Preußen zu kommen und deshalb habe ich meinen ablehnenden Brief an den Präsidenten des Gerichtshofes gerichtet. So viel ich weiß, hat Axelrod ebensowenig„fteies Geleit" erhalten. Mit ganzer Frenndschast und Ergebenheit Lhr Georg Plechanoff. Hud Industrie und Handel. Rrichsbank. In der gestrigen Sitzung des Centralausschusscs der Rcichsbank hob nach Vortrag der Wochenübersicht vom 15. d. M. der Vorsitzende, Dr. Koch, hervor, daß nach der großen Anspannung am Vierteljahrsschluß zwar eine erhebliche Kräftigung der Reichsbank eingetreten, die Gesamtlage aber dennoch weniger gut sei als im Vorjahre. Die Anlage übersteige mit 956 Millionen die von 1903 noch um LS Millionen, die von 130L um 100, von 1900 um 1L3, von 1899 um 35 Millionen Mark und sei nur gegen 1901 um 79 Millionen kleiner. Der Metallvorrat sei mit 91L Millionen um 10 Millionen kleiner als 1903, um 115 Millionen kleiner als 1902. Die fremden Gelder seien um etwa 11 bezw. 33 Millionen geringer als in diesen beiden Vorjahren. Die steuerfreie Notenreserve betrage mit 142 Millionen 49 bezw. 137 Millionen weniger. Auch die Deckung für Noten und fremde Gelder sei schwächer. Der Privatdiskont an der hiesigen Börse habe sich all- mählich auf 2V. Prozent ermäßigt und sei niedriger als in London. Gold sei allerdings in der letzten Woche in erheblichem Betrage vom Auslände hereingekommen, während die Ausfuhr nur ganz gering ge- Wesen sei. Eine Diskontveränderung werde um so weniger beabsichtigt, als neue Anforderungen des Reichs und im weiteren Verlauf des Viertel- jahrS auch des Verkehrs bevorständen. Ausfuhrprämien-Mogelei. Nach einer Meldung der„Köln. Ztg." aus Bendorf a. Rh. hat die Bendorfer Concordiahütte von Gebr. Lossen G. m. b. H. für größere, angeblich nach dem Auslande bestimmte Roheisenlieferungem die in Wirklichkeit jedoch nach dem Jnlande gegangen sind, Ausfuhrvcrgütungen in Anspruch genommen. DaS genannte Werk soll daher zur Rückerstattung der erhaltenen Vergütungen verpflichtet werden. Das Werk ist vom Roheisen. Syndikat bereits in eine Vertragsstrafe von 75 000 M. genommen. Litteranfcbes. Der Nene Welt-Kalender für das Jahr 1905(Hamburg, Ham- burger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer u. Co.), der in seinem 29. Jahrgang vorliegt, enthält u. a.: Kalendariuin.— Postweseu.— 1893—1903(Statistisches).— Rückblick.— Messen und Märkte.— Im Kreislauf des JahreS.— Frühling. Erzählung von Wilh. Schmidt.— Der Dichter. Gedicht von Karl Henckell.— Die letzten preußischen Landtagswahlen. Von Leo Arons.— Schonet die Augen. Von Dr. R. Sußmann(mit Illustrationen).— Verlust. Gedicht von Ernst Preczang.— Winke für Gartenfreunde. Von Curt Grottewitz (mit Illustrationen).— Kinderlieder. Bon Paul Remer.— Der lange Halm. Erzählung von Wilh. Holzamer.— Die zwei Sensen. Gedicht von Detlev v. Liliencron.— Elektrische Schnellbahnen. Von Bruno Borchardt(mit Jllnstrationen).— Aus früheren Kämpfen. Von Ed. Bernstein.— Crimmitschau. Von C. Legion.— Th. A. Steinlen. Von Wilh. Holzamer(mit Illustrationen).— Emil Rosenow(mit Porträt).— Der Krieg in Ostasien. Von A. Conrady (mit Illustrationen).— Sprüche.— Fliegende Blätter.— Der Brief. Bon C. Buhffe.— Für unsre Rätselloser.— Trächtigkeits- und Brütekalender.— Hierzu vier Bilder: Aehrenleserinneu— Der Lots«— Junge Mutter— Arbeit.— Ein Dreisarbendruck auf Kunst- druckpapier: Ein Quartett.— Ein Wandkalender. SewerKfcKaftlicKes. So agitiert man nicht! Die christliche Centrums- und die freigeistige liberale Presse sind beide gleich eifrig bemüht, Material für eine neue Zuchthausvorlage heranzuschleppen. Uneriniidlich sind sie auf der Suche nach sogenannten „TerroriSmuSfällen". die sie in Ermangelung wirklicher Vorkommnisse dieser Art evenwell auch auS den schmutzigen Fingern saugen. Leider ist nicht zu bestreiten, daß in einzelnen wenigen Fällen gewerkschaftlich organisierte Arbeiter sich wirklich zu verurteilenS- werten Handlungen gegen andersgesinnte Berufsgenossen hinreißen ließen. Ist dieS der Fall, dann haben wir und die Presse der freien Gewerkschaften nie mit unsrem Tadel zurückgehalten. Ein Steinsetzer in Schöneberg hatte einen neu eintretenden Arbeiter nach seinen Organisationsverhältnissen gefragt und darauf die kurze Antwort bekommen:„Das geht Dich gar nichts an!" Ein Wort gab das andre und schließlich versetzte der Fragesteller dem neuen Ankömmling mehrere rohe Schläge ins Gesicht und vor den Leib. Er wurde zu einer Geldstrafe von 43 M. verurteilt. Die„Steinsetzer-Zeitung" teilt nun mit, daß die Organisation dem Manne diese Art der„Agitation" energisch untersagt hat. Es wurde ihm gesagt, daß er in solchen Fällen keinerlei Rückhalt bei der Organisation, also keinen Rechtsschutz zc., finden würde.— Jeder Einsichtige wird dieses Verhalten der Organisation nur billigen. So agitiert man nicht! Wer von den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern die nötige Selbstbeherrschung nicht besitzt, die dazu gehört, von christlicher oder patriotischer Seite fanatisierte Arbeiter in aller Ruhe von der Un- richtigkeit ihres Standpunktes zu überzeugen, überlasse diese Art der Agitation ruhigeren Kollegen. Jeder bedenke, daß er nicht sich selbst allein, sondern der gesamten Arbeiterbewegung un- säglichen Schaden zufügt, wenn er sich durch rüpel hafte Antworten zu Handlungen fortreißen läßt, die von den Scharfmachern aller Glaubens- und Parteibekennwisse mit einem wahren Jndianergeheul begrüßt und gegen die Koalitionsfreiheit ausgebeutet werden. Mit notorischen Streikbrechern verkehre man überhaupt nicht; Andersgesinnten aber, die auf eine ruhig gestellte Frage nach ihrer Organisationsangehörigkeit höhnische und provozierende And Worten geben, kehre man den Rücken und warne die Kollegen vor ihnen. Nie aber lasse man sich durch deren Auftreten zu Thätlich- leiten oder Schimpfworten hinreißen. Dadurch nützt man der Organisation nicht, sondern schadet ihr! Berlin und2 fand in Tilsit deswegen ein Ver- fahren statt, aber besonders schwunghaft war der Schmuggel i n d e n letzten Jahren, und alle Angeklagten waren darin verwickelt. All die geschmuggelten Schriften nun, selbst die, die auf dem Boden des socialdemokratischen Programms stehen, wollen die Herrschaft des Zaren beseitigen, den Absolutismus zu Fall bringen und für Rußland selbst eine Verfassung einführen. Zu diesem Programm haben sich die Angeklagten bekannt, und es ljt klar, daß seine Verwirklichung auf dem Wege, wie in einer konstitutionellen Monarchie, in Rußland nicht möglich ist. Der Sachverständige Professor v. Reußner, hat ausgesagt, daß eS in Rußland keine PctitionS- und keine Versammlungsfreiheit giebt. Rur auf dem ungesetzlichen Wege der Gewalt konnte dieses Ziel erreicht werden. Das i st es, lvas den An- Seklagten zum Vorwurf gemacht wird und worin sie sich gegen den 102 des Strafgesetzbuches vergangen haben. Ich will Ihnen die Bedeutung des ß 102 nicht weiter darlegen, meine Herren Richter, ich will nur noch auf die Erklärung aufmerksam machen, die in dem bekannten Urteil daS Reichsgericht dem Begriff der„Porbereitung" gegeben hat. Ueber die Rechtzeitigkeit und die Rechtmäßigkeit der Form drS Straf- antragcs haben wir auf den Wunsch der Verteidigung schon am zweiten Tage der Verhandlung diskutiert. Der Gerichtshof hat sich damals schon meiner Anfsassimg angeschlossen. Ich bemerke nur, daß auch der Angeklagte Pätzel von dem Strafantrage umfaßt wird. Jetzt wirft die Verteidigung ein, daß die Gegenseitigkeit noch nicht verbürgt ist. Schon im ersten Strafantrag hat der russische Bot- schafter namens seiner Regierung die Gegenseitigkeit verbürgt. Auch im russischen Strafgesetzbuch wird der Hochverrat bestraft, und so kann die Verbürgnng der Gegenseitigkeit durch die Erklärung der russischen Regierung erfolgen. Und wenn sie dicS erklärt, so ist daS für das deutsche Gericht maßgebend. Dieser Ansicht sind auch die hervorragendsten Praktiker und Theoretiker wie L i s z t und v. O l s« hausen. Sollte das Gericht sich aber wirklich auf den Standpunkt stellen, daß es uns etwas angeht, ob§ 260 des russischen Strafgesetzbuches ein ausdrücklich und allgemein publiziertes Gesetz für die Gegenseitigkeit verlangt, so wäre dies im Z 102 des deutschen Strafgesetzbuches gegeben. Die beiden Be- stimmungen ergänzen sich und ersetzen jede Vereinbarung. In idealer Konkurrenz mit Hochverrat find die Angeklagten der Majestätsbeleidigung gegenüber dem russischen Zaren schuldig. Hier ist ebenfalls der Strafantrag rits gestellt und die Gegenseitigkeit ver- bürgt. Ich habe das wegen der Wichtigkeit für die beschlagnahniten Schriften arlsdrücklich hervorgehoben. Läge Majestätsbeleidigung nicht vor, so könnten die bei Millart gefundenen und sonst nicht strafbaren socialdemokratischen Schriften nicht einbezogen werden. Demgegenüber ist der Einwand, daß die Angeklagten weder russisch noch lettisch könnten und sich schon drshalv nicht strafbar gemacht haben könnten, hinfällig. Zunächst kann Kugel trotz seines Leugnens russisch, aber darauf kam gar nichts an. Die Angeklagten mußten mit der Möglichkeit rechnen, daß der Ver- trieb der Schriften darauf abzielt, den AbsolutiSimis zu be- ieitigen und m Rußland eine Verfassung einzuführen. Und wenn sie damit gerechnet haben, haben sie sich strafbar gemacht. Von den einzelnen Fällen will ich nur den Königsberger Fall herausgreifen, die Angelegenheit der Angeklagten Nowagrotzki und Brau n. Der Verteidiger H a a s e hat behauptet, die An- geklagten hätten immer die Wahrheit gesagt. Hätte er gesagt: immer dasselbe I so wäre ich einverstanden gewesen. Braun hat es immer so dargestellt, als hätte er aus reiner Gefälligkeit eine Bestellung Kleins von Nowagrotzki ausgerichtet. Hervorheben will ich, daß diese Schriften die blutrünstigsten von allen gefundenen sind. Nun ist es wohl ausgeschlossen, daß diese Anregung zur Versendung von Klein ausgegangen ist. Dieser hat es in fünf gerichtlichen Vernehmungen in Abrede gestellt; das hat er ungezwungen und ungedrängt von vornherein gesagt und auch bei der Gegenüberstellung mit Nowagrotzki aufrecht erhalten Erst bei der Konfrontation mit Braun hat Klein seine Aussage geändert. Und nun sehen Sie sich diese beiden Angeklagten an I Braun ist Parteiführer und ein hochintelligenter Mann. Ihm gegenüber hat Klein völlig versagt. Es unterliegt demnach durchaus keinem Zweifel, daß Kleins e r st e Aussage r''' i g ist. Danach hat Braun offenbar schon vor seiner Memeler e mit Nowagrotzki konferiert, hat um die Ver- breitung gewußt und Klein dazu aufgefordert. Der Brief Kleins, in dem er von Nowagrotzki Schriften fordert, ist nirgends gesunden worden, und niemand hat ihn gesehen. Daß Nowagrotzki und seine sonst durchaus glaubwürdige Frau davon sprechen, beweist wenig, denn diesen beiden Personen kommt natürlich alles darauf an, den Parteiführer Braun aus her Affaire zu ziehen. Wie diese Schnsten zur Polizei gekommen sind, haben wir ja nun alle erfahren. Wir wissen, daß sie das Stcueramt dahin gegeben hat, daß die Polizei sie mangels eines Dolmetschers dem russischen Generalkonsul überreicht hat, daß es diesem nicht möglich war, den ganzen Berg von Schriften durchzusehen und daß seine Angaben über Nadeschdins„Wiedergeburt des Revolutionismus in Rußland" für die weiteren Maßnahme» der Polizei und Staats- anwaltschast maßgebend gewesen sind. Nun ist hier öffentlich die Behauptting aufgestellt worden, daß diese Inhaltsangaben nicht zu- treffend gewesen sind. Die eine Stelle auf Seite 37 der Broschüre, die angeblich völlig erfunden sein soll, steht dem Inhalt nach auf Seite 38. Alle andren Fehler, soweit solche nachzuweisen sind, sind mit der Eile der Uebersctzuug zu entschuldigen und unerheblich. Die Verteidigung hat also hier die Sorgfalt, mit der sie sonst alle Broschüren von Anfang bis zu Ende durchsah, vermissen lassen, als sie den Vorwurf der Fälschung erhob. Der Sturm der Entrüstung, der über die Einleitung des Ver- fahrens ausgebrochen ist, ist g ä n z l i ch unbegründet, und es ist ja begreiflich, daß die preußische Regierung dem befreundeten russischen Reiche Kenntnis geben und aufragen mußte, ob die Regierung von ihrem Rechte des Strafantrages Gebrauch machen wollte oder nicht. Sie wissen, meine Herren Richter, daß dann nach dem Königsberger Falle einer der Beteiligten nach dem andern entdeckt und diese geheime Verbindung aufgedeckt wurde. Auch hier verzichte ich darauf, die Voraussetzungen des ts 128 näher darzulegen. Ich hebe nur hervor, daß Geheim- bündelet nach bekannten Präjudizeil keine weitere Voraussetzung hat, als„gemeinsamen Zweck" und„Geheimhaltung". Ferner muß der Bund öffentliche Interessen behandelt haben, die nicht nur solche Deutschlands, fonder» auch Rußlands sein können. Sollten Sie aber da? Erfordernis verlangen, daß deutsche öffentliche Angelegenheiten behandelt worden sind, so muß bei der Jutcrnationalität der staatsfeindlichen Gesinnung auch die Einwirkung auf daS benachbarte Deutschland als unvermeidlich erwartet und vorausgesetzt werden. Damit kamr ich meine allgemeinen Ausführungen schließen und bitte zur Dar- legung der Schuld der einzelnen Au geklagten meinein Herrn Kollegen das Wort zu geben. StaatSanwaltschastsrat Dr. Caspar: DaS Verfahren hat seinen Ausgang genommen davon, daß bei Nowagrotzki Schriften in russischer Sprache gestinden worden sind. Diese Schriften sind von der Polizei geprüft und der Staat«- anwaltschast eingereicht worden mit dem Beinerken, daß die Schriften strafbaren Inhalt hätten und zwar nach den 102 und 103 des Strafgesetzbuches. Bevor ein Strafantrag der russischen Regierung vorlag, stand der Einleitung eines objektiven Strafverfahrens nichts mehr entgegen. Es lag aber auch nahe, ein subjektives Straf- verfahren einzuleiten. Es war auffällig, daß bei dieser That be- teiligt waren Nowagrotzki in Königsberg. Q u e s s e l in Stettin lind Personen in Zürich. Es mußte also die Annahme nahe liegen, daß eine Verbindung bestehe zwischen diesen räumlich so Ivcit getreimten Personen. Es wurde dann der Staatsanwalt- schaft mitgeteilt, daß auch bei Klein und Treptau in Memel solche Schriften angekommen seien. Bei Treptau wurde eine ausgedehnte Korreipondenz gestinden, bei Klein ferner ein Schreiben, in dem Kugel erwähnt war. Als man die Kor- respondenz durchsah, fand man, daß besonders viele Briefe von dem Sttldenten S k u b b i k in Zürich vorhanden waren. Ferner wurden die Adresse von E. Minka in London und mehrere Briefe aus Charlottenburg, unterzeichnet mit dem Namen des Angeklagten Ehrenpsort, gefunden. Die Beziehungen Treptaus gingen also nach London, Charlottenburg und nach verschiedenen großen Centren der Schweiz. Es war offenbar, daß es sich um einen organisierten Zusammenhang zum Vertrieb russischer Schriften handelte. Die geringe Quantität der Schriften, die die Angeklagten aus dem Auslände erhielten, nötigte aber zu der Annahme, daß im Inlands größere Depots solcher Schriften bestanden. In einem Briefe von Ehreirpfort war auch gesagt:„Wenn die Leipziger Schriften rechtzeittg ankommen, so lassen Sie die Berliner und Charlottenburger Schriften zurück." Es bestand damals die Ver- mutung, daß große Redaktionen und Buchhandlungen große Sendungen solcher Schriften bekamen. Man wollte nun ermitteln, durch welche Personen die Schriften über die Grenze ge- schmuggelt Ivurden. Der von dem Landrat in Memel damit beauftragte Gendarm kam auch zn Kögst und fand ihn gerade damit beschäfligt, eine als„Schuhwaren" bezeichnete Kiste von dem Schuhmacher MertinS in Tilsir aufzumachen, in welcher letttsche Schriften enthalten waren. Bei MertinS fand man dann noch weitere Pakete mit lettischen Schriften von dem Expedienten der Buchhandlung Vorwärts in Berlin, Pätzel. Nun war daS Bild vollständig. Jetzt sah man, daß die Schriften aus dem Auslande erst nach der Centrale in Berlin gingen und von da nach den kleinen Depots an der Grenze spediert wurden. Jetzt wurde es klar, daß im Auslande Verbindungen von russischen Polittkern bestanden, die mit Hilfe von VertranenSpersonen in Deutschland russische Schriften nach Rußland einschmuggelten. ES ist dies ja auch von dem Zeugen O u e s s e l. dessen Glaub- Würdigkeit, wenn er auch unvereidigt geblieben ist, für mich über jeden Zweifel erhaben ist, bestättgt worden. Zu dem Schmuggel nach Rußland benutzt man teils direkte Verbindungen, teils gehen Emissäre nach Deutschland, um Verbindungen anzuknüpfen. DaS hat der Student S k n b b i k auch hier im Osten flethan. So waren die Vorbedingungen für die geheime Verbindung gegeben. Denn die Leute, die sich in der Schweiz zum Versand von russischer Litteratur zusammengethan haben, bilden eine solche Verbindung, und wer sie unterstützt, wird Mitglied dieser Verbindung. Es braucht keine Erklärung vorzuliegen, dauernd bei der Verbindung zu bleiben, die einzelnen Mitglieder brauchen sich auch nicht zu kennen, es genügt, wenn die Centrale von ihnen allein weiß.„. ,.r. Gehe ich nun zur Schuld der einzelnen Angeklagten über, so muß ich bei Kugel beginnen. Er hat schon lange geschmuggelt, er ist dazu eine äußerst geeignete Persönlichkeit. lHeiterleit.) Er hätte loahrscheinlich auch geschmuggelt, wenn es etwas andres als Schriften gewesen wäre. Und doch trägt dieser Schriftenschmuggel einen besonderen Charakter. Geivitz sind nicht politische GesichtSpunlte allein für Kugel ausschlaggebend gewesen, sein politisches Beivußtsenl ist nicht so stark ausgesprochen.(Heiterkeit.) Aber er hatte gemerkt, daß man mit Schriftenschmuggel mehr verdienen könne, als beim Warenschmuggel. Schon aus den Aussagen Skudiks allein könnte man den Beweis führen, daß Kugel ganz hervorragend geschmuggelt hat. Man kann doch schließlich dem Mann, der auch Polizist lst. keinen Vorwurf daraus machen, daß er Nachrichten, die er erhielt, der Polizei übermittelt hat. Auch Feinstem ist doch dem Kugel nicht geradezu feindlich gesinnt, etwa wegen der nicht gezahlten Miete. Aber Kugel hat sich gerade bei dieser Mietszahlung. für die er daS Geld von der Partei erhielt, besoi»ders unzuverlässig gezeigt. Man wird also FeinsteinS belastenden Aussagen Glauben schenken müssen. Kugels Erzählungen sind in dreifaches Dunkel gehüllt: in das Dunkel der Nacht, in daS Dunkel einer längst vergangenen Zeit und in das Dunkel eines kranken, schwachen� Gedächtnisses. Dieses Dunkel soll daiin entschuldigen, wenn seine Erzählungen nicht mit der Wahr- heit übereinstimmen. Nachher hat er wieder ein ausgezeichnetes Gedächtnis, so daß der Zeuge Perkamch nicht mitkam und erklärte, von allen diesen Märchen nichts zu wissen. Man wird also allen diesen Geschichten, die Kugel erzählt, keinen Glauben beimessen dürfen. Auch den Verkehr mit Skubbil wird man trotz seines LeugnenS als erwiesen ansehen müssen, denn Skubbik läßt in allen Briefen den Kugel grüßen und zeigt sich ganz mit dessen Familienverhältnissen vertraut. Dieselben Zeugen, die Kugel belastet haben, haben auch bekundet, daß sie Schriften in Memel in einem Uhrladen gegenüber dem Gronauschen Hause erhalten haben. Dies ist der Laden Trepta us. Bei ihm finden sich schon ein Notizkalender für 1900, die Züricher und Londoner Adressen. Schon im Jahre 1900 hat er nach der Auskunft des Hanptsteueramts Sendungen erhalten. Die Briefe von Skubbik beweisen seine intime Vertrautheit mit ihm, schon durch das selbst bei Parteigenossen keineswegs durchweg übliche„Du" und die Anrede„Lieber Hermann". Wenn Skubbik dem Kugel bei der Rückkehr aus Rußland schreibt, es brodle, ivie in einem RcvolutionS- kessel, und nächstens müsse der Krach kommen, so will er sich gar nichts dabei gedacht haben— das harmlose Gemüt. Die Briefe von Weßmam: und die mit der Unterschrift EhreichfortS beweisen, wie iveit seine Verbindungen reichen. Von Nowagrotzki wissen wir nur, was Onessel und Nowa» grotzki selbst uns mitgeteilt haben. Nowagrotzki bekommt eines Tages eine Menge verschiedener Pakete aus allen möglichen Städten der Schweiz und nun entsinnt er sich eines über ein Jahr zurückliegenden Gesprächs mit Ouessel und nimmt sofort an,� daß dies die damals angekündigten Schriften sind. Er will uns erklären, er habe alles für harmlos gehalten. Aber er hat auch gesagt, Schriften der Heilsarmee seien es nicht; er hat also doch gewiß den Unter- schied zwischen diesen Schriften und Erbauungsbüchern gewußt. (Heiterkeit.) Nowagrotzki lvollte die Empfänger seiner Sendungen nicht nennen, wie er selbst sagte, um sie nicht strafbar zu machen. (Widerspruch der Verteidiger.) Und warum sollte denn Frau Nowagrotzki die Sachen so ichnell fortschaffen, wenn sie sie filr un- bedenklich hielt? Zum mindesten der Beihilfe zur Verbreitung dieser Schrift ist der Angeklagte Nowagrotzki schuldig. Mit dem Herrn Ersten Staatsanwalt nehme ich an, daß KleinS erste Aussage richtig ist. Er wäre mir sonst ein psychologisches Rätsel.(Große Heiterkeit.) BraunS Vertrautheit mit der Sache zeigt auch der Briefwechsel mit Treptau. Der Brief hängt mit dem Borchardtschen zusanunen. Er ist gewissermaßen der wettere Nach- klang zu dem Heroikum.(Heiterkeit.) Da wird dem Treptau der Vorwurf gemacht, daß er Geld aus dem Verkauf russischer Schriften für sich behalten habe. Klein hat ebenfalls ohne jeden Zweifel den Vorsatz gehabt, zu Gunsten der Verbindung Schriften'zu verbreiten. Er selbst hat auch bekannt, daß er einen Teil der ihm von Nowagrotzki übersandten Schriften verbreitet babe. An ihn richtet auch Skubbik die Aufforderung, einen ständigen Seeweg her- zustellen. Dem Angeklagten Ehrenpsort glauben wir ohne weiteres, daß die Briefe nicht von seiner Hand sind. Er sagt, es hätten auch Deutsche bei ihm gewohnt. Das Iväre in Charlottenburg viel weuiger auffallend, als die vielen Russen. Seine Hinneigung zu diesen zeigt doch schon die Lektüre der„OSwoboshdenie". Er ist ein politisch intelligenter Mann, der auch anarchistische Organe liest, und da sollte er nicht init den vielen Russen, die bei ihm wohnten, gesprochen haben, sollte er nicht gewußt haben, daß die Russen seine Adresse benutzten? In einem«Falle, wie beim Zeugen Hintz, mag ja die Benutzung seiner Adresse ohne Vor- wissen des Genannten stattgefunden haben. Aber Ehrenpsort hat offenbar zu dem Schriftenschmuggel seine Dienste bewußt ge- liehen. Auch seine Gemeinschaft mit Klein, Kugel und Treptau scheint mir durch den Erkennungsbuchstaben„8" bewiesen. Der Angeklagte Mertins war uns nicht mehr unbekannt, als ivir ihn bei Kögst als Absender der Kiste entdeckten. Wir hatten durch einen Brief bei Treptau erfahren, daß Merttns an Minka in London um Schriften telegraphierte. Die Angeklagten Pätzel und Mertins haben ihre Beteiligung an dcr Schristenverbrettung zugestanden. Mertins hat ganz kon>cgucnt jede Verbreitung der liberalen „Oswoboshdenje" abgelehnt. Ich kann nun nicht nachweisen, daß diese Gruppe mit Skubbik rmd den Königsbergcrn in Ver- bindung stand, aber sicherlich doch mit der Centrale. Die Verbindung, die ich hier nachzuweisen versucht habe, ist, wie§ 128 verlangt, dauernd gewesen. Die Absicht, die Verbindung geheim zu halten, bestand mindestens bei den Leitern, und das genügt. Skubbik wechselt beständig seine Adresse und rät den deutschen Genossen, ihre Namen bei der Weiterverscndimg von Paketen abzureißen. Ebenso beweist die Absicht der Geheimhaltung die etappenweise Verschickung von Zürich nach Berlin, nach Königs- berg oder Tilsit und nach der Grenze. Sinn sagen die Angeklagten, daß sie die Verbreitung vor der russischen Polizei geheim Halten wollten. Wenn wir daS ihnen hätten glauben sollen, so hätte die Verteidigung so manche Frage nicht stellen dürfen. Nicht, daß die russische Polizei in Deutschland ihren Spuren nach- gehen würde, haben die Angeklagten befürchtet, sondern daß die preußische Polizei cS der rusfischcn mitteilen würde. Alle Polizei- beamten haben diese sälsikstich vermutete Verbindung der russischen mit der preußischen Polizei bestritten, aber die Fragen der Ver- leidiger danach haben zur Geniige gezeigt, daß die Anneklagten das Dasein oder den Zweck ihrer Verbindung oder wahrscheinlich beides auch vor den deutschen Behörden haben geheimhalten wolle». Das Bestehen der Verbindung und die Beteiligung der Angeklagten an derselben halte ich für nachgewiesen. ES wird den Angeklagten aber auch noch vorgeworfen, daß sie auf- riihrcrische Schriften gegen Rußland verbreitet haben. Ich möchte zunächst auf den Rechtsstandpunkt eingehen, denn seit der Ein- l e i t u n g des Hauptverfahrens hat sich d i e Rechtslage ver- schoben. Bei Einleittmg des Hauptverfahrcns schien§ 241 des russischen Strafgesetzbuches maßgebend, doch hat uns Proseffor v. Reußner gesagt, daß in der Praxis bei MaicstStsbelcidigiingcn die Verurteilungen nach§ 240 erfolgen. Es ist auch bekanntlich notwendig, daß die Gegenseitigkeit verbürgt ist. Im z 200 werden besondere StaatSverträgc oder besondere publizierte Gesetze zur Ber« bürgung der Gegenseitigkeit verlangt. Was sind daS mm für Gesetze? Ich verstehe es' nicht, Ivie scharffinnige Juristen darauf konmien konnten, zur Verbüraimg der Gegenseitigkeit ein russisches Gesetz zn verlangen. ES handelt sich hier um die Beurteilung d e u t s ch e r Staatsbürger, und russische Gesetze gehen uns gar n t chts an. In dem Strafantrag vcrbürgi die russische Ne- gierung dem Deutschen Reiche die Gegenseitigkeit und das genügt uns. Ei» Teil der Politischen Presse ist mit der ganzen Sache bereits fertig und ist der Ansicht, daß die Anklage zusauuncnfallcn wird. Ich beneide die Herren um die Schnelligkeit ihrer j u r i st i s ch e n Exegese. Es handelt sich nun darum, ob die Gegenseitigkeit ein Thatbestandsmerkmal oder eine Bedingung der Straf- barkeit ist. Das Reichsgericht hat in einem Falle entschieden, daß sie eine Bedingung der Strafbarkeit ist. Diese Entscheidung ist aber auf den vorliegenden Fall nicht anwendbar, iveil die Frage nur nebenbei erwähnt worden ist, so das? wir sagen können, das Reichs- gericht hat noch nicht entschieden. In den Motiven zur Novelle zum deutschen Strafgesetzbuch ist gesagt, das; die Bestimmungen, welche früher die Gegenseitigkeit der Verträge verlangten, nicht mehr dem Völkerrecht entsprächen; jede Regierung habe ein eignes Interesse daran, Leute, die gegen einen fremden Staat konspirieren, zu be- strafen. Diesen Ausführungen hat sich der Reichstag angeschlossen. In dem Kommissionsbericht heißt es, daß die Kommission der Ansicht sei, es verstehe sich von selbst, daß der fremde Staat einen Strafantrag stelle oder das Aus- wärtige Amt bei dem fremden Staate anfrage, ob er die Be- strafung der betreffenden Personen wünsche, weil er von dem Ver- brechen vielleicht keine Kenntnis habe. Der Berichterstatter der Kommission sagte:„Ich weiß sehr wohl, daß die Grundsätze, die wir bisher in dieser Beziehung in unserm Strafgesetzbuch gehabt haben, nämlich, die Bestrafung von der verbürgten Gegenseitigleit abhängig zu innchen, nicht mehr de» völkerrechtlichen Ver- Hältnissen entsprechen. Eine Reihe von Staaten hat zwar solche Gegenseitigkeitsverträge abgeschlossen, aber ich weiß auch, daß eine ganze Reihe von Staaten sich auf solche Verträge gar nicht einläßt. Diese Staaten geben sich damit zufnedeii, daß bei jedem einzelnen Fall die Gegenseitigkeit versprochen wird." Daraus geht hervor, daß man die Gegenseitigkeit nicht zur Vorbedingung der Strafbarkeit machen wollte. Damit fallen alle Einwendungen gegen die Zulässigkeit des Strafantrages zusammen. Ich glaube ja aller- dmgS, daß die Verteidiger bemüht sein werden, falls das Gericht sich ihren Ausführungen nicht anschließt, die Entscheidung des höchsten Gerichtshofes herbeizuführen. Nun zur Frage des Hochverrates. Die Tonart in den hier behandelten Schriften ist im Grunde überall dieselbe, hier etwas milder, dort schärfer. Man kann ihren Inhalt in die Worte zusammenfassen: Nieder mit dem Zaren! Es lvird zwar immer geschrieben: Zarismus, aber wenn ich jemand ins Gesicht schlage und dann sage: Ich habe dir gar nichts thun wollen, sondern ich wollte nur Deinen Stand treffen, so wird dieser auch nicht sagen: Ich habe gar keinen Anlaß, mich beleidigt zu fühlen. Ich loerde mich hierin mit den Ausführungen der Herren B n ch h o l z und D i e tz in Widerspruch setzen, nicht weil ich in ihre Aufrichtigkeit den geringsten Zweifel setze, sondern weil ich sie als Angehörige einer der Richtungen nicht für ganz objektiv halte. Es ist gesagt worden, daß die Parteiverhältnisse so liegen, daß es eine socialistische Arbeiterpartei mit einem Programm und eine socialrevolutionäre Partei ohne Programm giebt. Sind denn die Parteiverhältnisse sin Rußland wirklich schon so abgeklärt? Wir haben gesehen, daß diese Parteien viel zusammen arbeiten. Zwar ist die Partei der„Jskra" schon mit einem Programm, ähnlich dem Erfurter Programm, hervorgetreten, aber man weiß ja nicht, ob die revolutionären Parteien nicht das- selbe Programm haben und nur in der Taktik verschieden sind. Auch unter den deutschen Parteien, bei den Nationalliberalen in der Schulfrage und bei den Socialdemokraten anläßlich der Bernsteinschen Schriften kommen Differenzen vor, und wir sehen, daß die beiden genannten russischen Parteien sich gegenseitig unterstützen, wenn eine von ihnen angegriffen wird. O u e s s e l hat ja auch gesagt, daß die Gliederung der Parteien einfach die sei: Socialdemokraten mit und ohne Terror. Die äußerste Form ist: der Terror als Kampf- mittel. Es fragt sich, ob man Burzeff zu einer dieser Gruppen rechnen kamt. Herr D i e tz sagte, Burzeff werde von allen als kompletter Narr betrachtet, er ist rein pathologisch zu beurteilen. Die Gefährlichkeit seiner Schriften wird aber dadurch nicht kleiner. Es ist anch nicht erwiesen, daß Burzeff keine Gruppe hinter sich hat. Der Einfluß Burzeffs ist ganz unberechenbar. Wenn Sie noch be- denken, daß die Russen im Auslande sehr zusammenhalten und daß sie für revolutionäre Schriften sehr empfänglich sind, so können Sie die Gefährlichkeit der Burzeffschen Schriften, auch der angeblich rein historischen, ermessen. Bemerken möchte ich noch, daß die social-revolutionäre Kampf- organisation den Attentäter Balmafcheff und andre für sich in An- spruch genommen hat. Darin liegt überhaupt kein Unterschied zwischen den Socialdemokraten und den Socialrevolutionären, daß diese den Terror als offizielles stampfnnttel aufnehmen. Ist denn das wirk- lich eine Frage von so fundamentaler Bedeutung, die eine endgültige Trennung verlangt? Da sind viele Uebergänge, vor allen die Gruppe Radeschdins. Nadeschdin soll seinen früheren Standpunkt modifiziert haben. Principiell hat er seinen Standpunkt überhaupt nicht geändert. Im Hauptblatt seines„Echo" giebt er sich als Socialdemokrat, im Beiblatt steht er zum Terror ganz anders. Da spricht er sich zwar auch nicht socialrevolutionär aus, verlangt aber von der Socialdemokratie, daß ihre Parteileitung den Terror als Kampf- mittel organisiert. Damit komme ich zur letzten Stufe der russischen socialdemo- kratischen Arbeiterpartei. Gewiß hat die„Jskra"- Partei zahllose antiterroristische Artikel veröffentlicht, aber doch immer nur mit dem Zusatz:„gegen den exzitativcn Terror" oder„gegen den Terror als Kampfmittel". Da liegt die Erklärung einer südrussischen Partei- gruppe vor, die jedem freistellt, sich zu stellen, wie er will: es sei Sache des Temperaments: der eine antworte ans Peitschenhieve mit Selbstmord, Vera Sassulitsch mit einem Schuß. Nicht der politische Verzweiflungsmord, sondern der Terrorismus als Vergeltung wird empfohlen. Es soll gerade auf die späteren Zeiten eingewirkt werden. Die Regierung soll erschreckt werden, so will es anch die„Jskra". Nirgends wird jeder politische Mord klar und scharf verurteilt, nirgends für tief unsittlich und verwerflich erklärt. Was gegen den Terrorismus' spricht, ist mehr der Kauf- mann, der da sagt:„Was wird aus meinem Geschäft werden, wenn meine Konkurrenz mit dem zwar unsittlichen. aber sehr lockenden Mittel handelt?"„Ein großer Teil der Socialdemokratie erkennt den Terrorismus an und unterivirft sich nur dem Parteizwange", sagt Nadeschdin wohl mit Recht, und so bleibt es jedem einzelnen überlassen, Terrorismus zu üben. So haben sich die Angeklagten in einer vollständigen Täuschung befunden, wenn sie glaubten, die russische socialdemo- kratische Partei stehe mit ihrer Litteratm auf dem Standpunkt der deutschen Partei! Eine ungeheure Selbsttäuschung! Die deutsche Socialdemokratie betont unaufhörlich'durch ihre berufenen Vertreter, daß derartige Mittel ihr verhaßt seien, daß sie lediglich auf gcsevlichem Wege siegen will. Bei der russisch- socialistischen Litteratur kann es ganz dahin- gestellt bleiben, welcher Richtung die verbreiteten Schriften ange- hörten. Denn schon dadurch, daß die Angeklagten russisch-svcialistische Schriften in Rußland verbreitet haben, haben sie sich im Sinne des tj 102 schuldig gemacht. Herr Professor v. Ä e u ß n e r hat uns über die staatsrechtlichen Zustände Rußlands unterrichtet. UnS hat er nichts Neues gesagt. Wie kann ina» in Rußland auf friedlichem Wege die erstrebte Republik herbeiführen wollen, wenn es dort nicht einmal ein Petitionsrecht giebt? Da ist von vornherein nur Kämpf möglich. Sie werden doch nicht an- nehmen wollen, daß eines Tages der Zar unter dem Eindruck der socialdcmokratischen Lehren vom Thron steigt und nur Bürger unter Bürgern sein will? Es kann in Rußland nur die Frage sein, wer der Stärkere ist. Ich erinnere Sie nur an die merkwürdige Redensart vom„Blutvergießen". Sämtliche Angeklagte sind unzweifelhaft schuldig, die Verfassung des russischen Reiches haben ändern zu wollen, denn sämt- liche Angeklagte haben in bewußt willensinäßiger Thätigkeit social- demokratische Litteratur eingeführt. Beifügend habe ich nur noch zu bemerken, daß die Kenntnis hoher Beamten von ihrem Treiben die Angeklagten nicht entschuldigen kann; auch hochgestellte Personen können irre». Ich gehe zum Schluß auf die Zarenbeleidigungcn über. Objektiv vorliegend sind sie. Das beweisen deutlich die so zahlreichen und groben Beleidigungen. Trotzdem bin ich nicht in der Lage, deswegen Strafantrag zu stellen, weil in dieser Beziehung das rechtliche Material nicht vorliegt.(Bewegung.) Auch die Erwägung, daß sie in Schriften verwandter Art häufig vorkommen, würde nicht hinreichen, um den Angeklagten zuzurufen: Ihr mußtet wissen, was darin steht! Vor allem fehlt der objektive Thatbestand der Verbreitung der Schriften, die Majestätsbeleidigungen enthalten. Ich beantrage demnach, die Angeklagten ans Grund der 8§ 102 und 128 zu verurteilen und»ach§ 103 auf Einziehung der Schriften zu erkennen. Erster Staatsanwalt Dr. Schütze: Ich kann mich den ausführlichen Darlegungen meines Kollegen nur anschließen. Er hat meine gedrängten Ausführungen über Hoch- verrat treffend ergänzt. Ich füge thatsächlich noch hinzu, daß der Angeklagte Mertins nicht nur das Telegramm an Weßmann ab- gestritten hat, sondern auch, daß er die Pakete als Schuh- waren deklariert habe, loas ihm durch das Zeugnis Grieschkats nachgewiesen worden ist. Kugel und Kögst sind, wie uns Herr Dr. Rost mitgeteilt hat, in dem in Tilsit im Saumus-Prozeß beschlagnahmten Buch mit je 12 M. Belohnung als Schmuggler ein- getragen. Auch hinsichtlich der Majestätsbeleidignngen schließe ich»sich meinem Vorredner an." Ich bemerke aber, daß auf Einziehung der Schriften mir erkannt werden kann, wenn die Gegenseitigkeit als ge- geben angesehen wird. Für erwiesen erachtet die Anklagebehörde, daß die Angeklagten sich in realer Konkurrenz gegen die 8§ 102 und 128 vergangen haben. Nach dem Strafgesetzbuch ist auf F e st u n g s h a f t und G c- f ä n g n i s gesondert zu erkennen. Bei der Abmessung der Strafen wird davon auszugehen sein, in welchem Grade, für welche Zeit und mit welcher Intensität die Angeklagten sich an dem Treiben der Ver- bindung beteiligt haben, ob sie Vorstrafen erlitten haben oder noch unbestraft sind, und welchen Charakters die etwaigen Vorstrafen sind. Dann ist hervorzuheben, daß Braun schon viermal vorbestraft worden ist, darunter zweimal wegen Aufteizuug zum Klassen- haß, einmal wegen Majestätsbeleidiguug. Auch Nowagrotzki hat bereits ivegen Majestätsbeleidigung eine Gefängnis- strafe erlitten, Kugel und Kögst sind wiederholt, aller- dings wegen nichtpolitischer Vergehen, vorbestraft. Von der Zeit der Beteiligung ist zu sagen, daß Klein erst, seitdem er 1903 Ver- trauensmann geworden ist, sich an der Schriftenverbreitung beteiligt hat und daß man auch Nowagrotzki nur einen Fall ans jüngster Zeit hat nachweisen können. T r e p t a n dagegen ist seit 1900, Kugel seit langer Zeit, Mertins nach seiner eignen An- gäbe mehrere Jahre, K ö g st auch schon lange am Schriftenschmuggcl beteiligt. Auch Ehrenpfort sind mehrere Fälle nachgewiesen. In Berücksichtigung all dessen beantrage ich: Gegen Nowagrotzki auf Grund des§ 128(Teilnahme an einer geheimen Verbindung) drei Monate Gefängnis, auf Grund des Z 102(Hochverrat) sechs Monate Festungshaft; gegen Braun wegen derselben Vergehen vier Monate Gefängnis und acht Monate Festung, ebenso gegen Kugel sechs Monate Gefängnis und ein Jahr Festung; gegen Klein drei Monate Gefängnis und sechs Monate Festung; gegen T r e p t a u sechs Monate Gefängnis und ein Jahr Festung, gegen Mertins vier Monate Gefängnis und acht Monate Festung, gegen K ö g st zwei Monate Gefängnis und vier Monate Festung, gegen Ehrenpfort zwei Monate Gefängnis und vier Monate Festung und gegen P ä tz e l fünf Monate Gefängnis und zehn Monate Festung. Bei letzterem kommt in Betracht, daß er der Leiter des deutschen CeutralbureauS gewesen ist. Verteidiger Haase: Der Herr Staatsanwalt hat in den stärksten Worten seinem Abscheu über den Inhalt der einzelnen Schriften Ausdruck gegeben und im besonderen sich über diejenigen Personen entrüstet, die An- schlüge auf hohe Personen gemacht haben. Nur in dem Falle Karpowitsch neigte er zu einer milderen Auffassung, da dieses Attentat aus rein akademischen Gründen hervorgegangen wäre. Mir ist nicht klar geworden, welcher moralische Unterschied zwischen einem Attentat aus politischen und einem solchen aus akademischen Gründen besteht. Wahrscheinlich aber verstand er dieses Attentat seinem Milieu nach besser. Wenn man ei» Attentat aus den politischen Verhältnissen des Landes begreiflich !t, so billigt man es noch lange nicht. Ganz vermißt habe ich in den Ausführungen des Herrn Staatsanwalts ein Wort der Entrüstung über die politischen Zustände in Rußland, über die Willkür und Grausamkeiten, denen taufende hochsiuniger Männer und Frauen ausgesetzt sind. Von unserm deutschen Standpunkt aus können wir die scharfen Worte in den Schriften nicht begreifen. Man kann sie aber begreifen, wenn man die Urteile selbst hochstehender Männer in Ruß- land betrachtet. Ich erinnere nur an das Urteil des Grasen Leo Tolstoj in seinem Buche:„Du sollst nicht töten", und an seinen in der letzten Zeit erschienenen„Times"- Artikel, in welchem er den Zaren auch mit den Worten „Henker" und„Meineidiger" belegt. Dabei hat Tolstoj sich gegen jede Geivalt, selbst in der Notwehr, ausgesprochen. Nach dem Erscheinen des„Times"- Artikels hat die russische Negierung beraten, ob sie nicht doch gegen Tolstoj strafrechtlich vorgehen müßte, aber sie that es nicht, weil sie wußte, daß dann die ganze gebildete Welt sich zu seinen Gunsten erheben würde. Soll man denn glauben, daß diese Zustände in Rußland ewig find? Der Herr Staatsanwalt hat uns keinen Weg zu ihrer Aenderung angegeben. Ist es denkbar, daß ein kraftvolles Volk, welches Männer wie Tolstoj, Dostojewski, Puschkin, Turgenjew, Tschechow und Gorki hervorgebracht hat, dauernd unter diesen Zuständen leidet? Das Volk müßte dann moralisch zu Grunde gehen! Aus den Schriften klingt eine Sehnsucht heraus nach Kultur, nach der Aufnahme in die Familie der we st- europäischen Völker. Auch ans den Darlegungen des Herrn Professors V. Reußner klang der Schmerz über die Zustände in seinem Vaterlande heraus. Einige Male hörten wir das Wort „leider", daS er im nächsten Augenblick gleichsam verschlucken wollte. Als ich zum erstenmal von Burzeff hörte, dachte ich, das müßte ein Mann sein, der alles von unten nach oben kehren will. Aber er ist ja nach dem Inhalt seiner Forderungen nicht einmal ein bescheidener Radikaler. In seiner Schrift:„Nieder mit dem Zaren!" sagt er:„Wir werden sofort ebenso entschieden gegen den Terror sein, wenn wir in Rußland eine freie Bewegung haben, wie wir jetzt für denTerror sind." Als das Attentat gegen den Präsidenten G a r f i e l d in Amerika verübt wurde, da wurde von den russischen Revolutionären aufs schärfste dagegen protestiert und gesagt: In einem fteien Lande ist ein Attentat ein eben solcher Despotismus, wie der, den man in Rußland beseitigen wolle. In allen Schriften kommt die Sehnsucht nach einer freien modernen Entivicklung Rußlands zum Ausdruck. Alle diese Revolutionäre sind glühende Patrioten. Es ist eine ganz falsche Auffassung, wenn man davon ausgehen wollte, daß sie blutdürstige Leute sind. Wir haben ja in der letzten Zeit gesehen, daß selbst ein so monarchischer Mann wie der Finnländer Schauman zum Attentat getrieben wurde. Alle Zeitungen, selbst die„Post", haben dieses Attentat als begreif- lich anerkannt. Wir haben gestern gehört, daß in Kischinew mit Be- willigung der Regierung 45 Personen getötet und 600 verwundet wurden. Wenn in Deutschland Graf Pückler in einer Broschüre zur Ermordung aller Juden auffordert, so ist das seine Sache. Er steht nicht unter der Censur. Aber wenn in Rußland zu diesen Mordthaten aufgefordert wurde, so geschah es unter Be- willigung der Censur und der Regierung. Wie sind denn die Zustände in Rußland? Von Recht und Gesetz ist dort keine Rede, die Arbeiter haben keine Koalitionsfreiheit, die Unabhängigkeit der Richter, die einzige garantierte, wird immer mehr illusorisch gemacht durch die Ein- setzung von Hilfsrichtern. Der Gouverneur Fürst Obolenski läßt einmal alle Männer eines friedlichen Dorfes in Gegenwart ihrer Frauen durchpeitschen und dann die Frauen in Gegenwart ihrer Männer durch die Kosaken vergewaltigen. Das war das Hauptmotiv für das Attentat auf den Fürsten Obolenski. Es ist in Ruß- land auch nicht gestattet, zu einem andern Glauben überzutreten. Sie haben ja gehört, was Burzeff in seine furchtbare Gemüts- Verfassung gebracht hat: Die entsetzliche Roheit im sibirischen Kara- Zuchthause, einem jungen Weibe hundert Peitschenhiebe auf den nackten Körper zu geben, ist eine selbst in Rußland noch nicht da« gewesene Exekutton!(Rufe des Entsetzens aus dem Zuhörer- r a u m.) Wenn man Frauen, die in friedlicher Weise über ihre Wirt- schaftliche Lage beraten, mit dem gelben Billet versieht und als Prostittiierte brandmarkt, so wird man die Attentate, wenn auch nicht billigen, so doch entschuldigen können. So haben wir gestern vom Zeugen Buchh olz gehört, daß lange Zeit in friedlicher Aktion verstrich und erst eine Bnitalität den Schuß der Wera Sassulitsch hervorgerufen hat. In den Verteidigungsreden der Mörder Alexanders II. klingt noch immer der Schmerz hindurch über das Ende der„schwärmerischen, rosigen Jugend". Sie bedauern, daß sie kämpfen mußten, weil das Bater- land ihr Opfer wollte. Man kann diese Attentate für verwerflich und und polittsch schädlich halten— Heroismus aber liegt in dieser Selbstaufopferunng. Und wieder kamen lange friedliche Zeiten. Als aber Bogelepoff die Studenten, die ihn bei einem akademischen Festatte auspfiffen, mit Peitschenhieben und Blei verwunden ließ, da brach jene Empörung aus, die die nächste Reihe der Attentate zur Folge hatte. Die Studenten verlangten die Absetzung des KosakenhauptmanuS und— eine merkwürdige Thatsache!— der Bericht Wannowskis und Witte 5 gab ihnen recht. Aber was geschah? Die Studenten wurden mit der Einreihung ins Militär bedroht, gleichviel ob sie gesund oder Krüppel waren. Und als das Gerücht umging, daß einige von ihnen erschossen worden wären, ein Gerücht, das geglaubt werden konnte, weil die unterdrückte Presse in Rußland es nicht berichtigen konnte, — da verließ Karpowitsch, ohne seinen Freunden ein Wort zu sagen, in seinem tiefsten Innern als Mensch und Kommilitone auf- gerüttelt, Berlin und ermordete den Kultusminister. Wer will leugnen, daß der Gedanke so manchem kommen muß: „Wer so brutal handelt, wie dieser Minister, der muß beseitigt werden." Wir alle bedauern und empfinden es schtKerzlich, daß es so weit kommen mußte, aber wir begreifen die Theten, wir begreifen es, daß Lagowski seinen Angriff gerade auf PobjedonoSzew richtete, der jeden Versuch einer fteieren Bewegung in Rußland mit der Knute unterdrückte. Auch S s i p j a g i n war in einer für die ganze Kulturwelt unerhörten Weise vorgegangen. Bedenken Sie, daß ein russischer Kultusminister in Rußland Studenten erlaubt hat, Versammlungen abzuhalten, um gegen die infamen Beleidigungen, die der Herausgeber des„Grash- danin" gegen sie gerichtet hatte, zu protestieren, und daß ein Ssipjagin ihre Protestkundgebungen unterdrückte. Dazu kam ein in Deutschland ganz unbegreiflicher Vorgang, daß man verbot, für hungernde Bauen» Sammlungen zu veranstalten und das Elend durch private Mildthätig- keit zu lindern. Und nun zu Wahl. Friedliche Arbeiter demonstrieren in W i l n a am Sonnabend vor dein 1. Mai und lassen die konstituttonelle Freiheit hoch leben. Nach ihrer Verhaftung empfängt sie Wahl mit den Worten:„Für Euch habe ich etwas Besonderes" und läßt sie ans den entblößten Körper peitschen. Wir haben gehört, daß einige nach den ersten Schlägen ohn- mächtig geworden sind. Die Gefängnisaufseher und die Bewohner der umliegenden Hänser flüchteten weit weg vor dem entsetzlichen Wehgeschrei. Muß sich da nicht ein Freund und Mitarbeiter, dessen (riedliche Kampfgenossen so aller menschlichen Würde beraubt wurden, lagen, daß jemand, der derartige Brutalitäten verübt, nicht weiter leben darf? Damit komme ich sofort zur, Stellung der einzelnen politischen Parteien zum Terrorismns. Der Herr Staatsanwalt hat eine scharfe Grenze nicht inne- gehalten, sondern sich selbst ein ungefähres Bild zurecht gemacht und glaubt sich objektiver und weitsichtiger als die Zeugen Dietz und Bnchholz, dessen Sachkunde wir in den letzten Tagen angestannt haben. Ich muß gestehen, ich habe vqn Buchholz und Herrn Professor v. Reußner manches gehört, was ich mir trotz meiner Stellung im öffentlichen Leben nicht hätte träumen lassen. Der Staatsanwalt verglich die Parteien in Rußland mit den Strömungen innerhalb der nationalliberalen Partei oder der Socialdemokratie. Aber da haben wir doch eine einheitliche Organisation, und wer sich nicht fügen will, scheidet eben ans. In Rußland aber haben wir ganz verschiedene Parteien mit grundverschiedenem Programm, ver- schieden in ihrer Stellung zur Intelligenz, zu den Arbeitern und zu den Bauern, ganz verschieden in bezug auf ihre Taktik, und des- wegen gerade schärfste Gegner. Wir haben in Rußland ganz ver- schiedene Parteileitungen, verschiedene Pretzerzeugnisse, verschiedene Versandstellen. Axelrod und Plechanoff haben nichts mit den Socialrevolutionären gemein, es sei denn, daß ein Maifest- Flugblatt, aus das der Staatsanwalt, wie er in der Verhandlung ankündigte, noch zurückkommen wollte. Aber er wird doch nicht deshalb, weil er mit den Nalionalliberalen in einer Versammlung gegen das Umsturzgesetz protestiert hat. den nattonalliberalen Pro- fessor Prutz der Hinneigung zur Socialdemokratie verdächtigen! (Heiterkeit.) Alle Zeugen und Sachverständigen haben überein- stimmend bekundet, daß die russische Socialdemokratie in der schärfsten Weise den Kampf gegen den Terror in jeder Form führt, gegen den Terror des Einzelnen und gegen den Terror einer Partei. Es wird mit aller Entschiedenheit ausgesprochen, daß man unmöglich allen Mitgliedern einer Partei die Verpflichtung auferlegen könnte, Gewaltakte mit Gewaltakten abzuwehren. Aber die Art der Abwehr Ijängt ab von der Natur des Einzelnen. Von diesen Naturen werden »ach solcher Prügelexekution einzelne glauben, das; sie nicht mehr den nächsten Tag erleben und die Sonne erschauen dürfen, und werden ihr Leben wegwerfen, andre werden sich durch einen Schuß rächen. Hätte der Staatsanwalt die Proklamation der südrussischen Gruppe der «socialdemokratie, die er begonnen hatte, zu Ende gelesen, so hätten Sie schonvorhergehört, daß es da heißt:„DieGruppe tritt fest und entschieden gegen den Terror aus und verwirft als schädlich jeden Versuch, ihn wieder aufleben zu lassen. Sie fordert alle socialdemokratischen Or- ganisationen auf, ebenfalls entschlossen gegen den Terror aufzu- treten und ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen." Das ist doch die denkbar klarste und entschiedenste Stellungnahme, und genau auf demselben Boden steht der„Jüdische Arbeiterbund", die„Litauische Socialdemokratie" und die„Socialdemokratische Partei PolenS". Nur aus nationalen Gründen haben sie verschiedene Organisationen. Keine einzige nimmt eine andre Stellung zum Terrorismus ein, als die russische socialdemokratische Partei. Gegner aller dieser Parteien sind die„socialistischen Revolutionäre", die den bedingten Terrorismus billigen. Nadeschdin schwankt: er hätte sich zweifellos mit der Zeit zum Socialdemokratcn ent- wickelt, wenn er nicht gestorben wäre. Er hat zum Schluß an die exzitative Bedeutung des Terrorismus nicht mehr geglaubt. Nun ist der Staatsanwalt in einer mir völlig unverständlichen Folgerungswcise zum Schlüsse gekommen, daß dieser Widerruf eines so ehrlichen Menschen nicht ehrlich gewesen sei, weil er seine früheren Ausführungen mit abgedruckt habe. Aber Liebknecht hat z. B. seine Schrift„Ueber den Parlamentarismus" als historisches Dokument immer wieder abdrucken lassen und nur in einem Vorwort den Widerruf seiner früheren Ansichten gegeben. Gerade diese Art der Widerlegung ist die wirksamste, wenn man zu- nächst den früheren Standpunkt charakterisiert. Nadeschdin sagte, daß seine ftiiheren Ausführungen zu großen Mißdeutungen Anlaß gegeben hätten, und daß ihm Ansichten zu- geschrieben worden seien, die er gar nicht gehabt habe. Deshalb habe er den Nachtrag geschrieben. Er halte es für gefähr- lich, den Terrorismus zu predigen, weil das leicht zu einem„Fabrik- Terrorismus" führen könnte, und bezeichnet den Zarenmord als fruchtlos. Alles in allem kann man seine Schriften nicht so bcur- teilen, wie der Herr Staatsanwalt; hochverräterisch sind sie jeden- falls nicht. Auch B u r z e f f steht allein, das haben wir von allen Seiten gehört. Das ersieht mau auch daraus, daß während der 18 Monate, die er im Gefängnis saß, kein Burzcffsches Flugblatt verbreitet wurde. Der Staatsanwalt sagt: Wenn die socialdemokratische Partei auch gegen den Terrorismus ist, so muß sie doch die Revolution wollen, denn anders wird Rußland eine Ver- sassung nicht erhalten. Liegt darin nicht eine Hcrabsetziing des jetzigen und aller künftigen Zaren? Kann denn nicht einmal ein Zar ans dem Thron sitzen, der aus freiem Willen dem Volke eine Konstitution giebt? Wen» es keinen solchen Zaren geben wird, dann wird es allerdings auf Grund der historischen Entwicklung zu einer Revolution kommen miiffen. Wenn aber das Verlangen nach Konstitution schon Hochverrat ist, dann waren auch alle uiisre Großväter Hochverräter und ebenso die Burschenschafter, die vor 1848 für die Preßfreiheit eintraten. Eine Revolution ist immer ungesetzlich, aber sie ist nicht immer unrichtig, eine Revolution kann eine heilige Pflicht sein, wenn sie sich gegen Willkür und Unterdrückung richtet. Kant, der uns den kategorischen Imperativ und das Sittcngesetz gegeben hat, schrieb über die französische Revolution, daß sie die Gemüter aller Zuschauer mit einer Teilnahme erfüllte, die an Enthusiasmus grenze. Wir kennen zahllose Aeußerungen Wohls, Treitschkes, G n e i st s über das Recht der Völker auf Revolution. Die Aktions- komitees der socialrevolutionären Partei können verglichen werden mit den deutschen Fehmgerichten. Wenn man sich sagen muß: es giebt kein Recht, wenn man bei der geringsten Bitte an den Minister Gefahr läuft, Freiheil Leben einzubüßen, so muß das Volk selbst ein Ger.H� einsetzen. Gerade in diesen Aktions- komitees ist ein giM�ser Rechtsgedanke vorhanden, und be- denken Sie das schlechte Beispiel, das die russischen Herrscher i» Bezug auf Hochverrat gegeben haben. Vom Volt ist nur ein einziger russischer Herrscher vom Thron gestoßen worden. Die andren sind teils von hohe» Adelige», teils sogar von ihren An- gehörigen umgebracht worden. Kann eine Regierung, die selbst mit Bomben und Attentaten arbeitet, gegen diese Revolutionäre straf- rechtlich vorgehen? (Schluß im Hauptblatt.) Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Kuropatkins Rückzugslinic bedroht. Nach mehrfachen, wenn auch einstweilen nicht offiziellen Meldungen tobt nördlich von Liaujang ein schwerer Kanipf zwischen dem rechten Flügel Kurokis und dem linken russischen Flügel. Die Russen sollen schwere Verluste erlitten haben, ihre Stellung soll sogar be- reits durchbrochen sein, so daß der russischen Hauptarmee nunmehr die Rückzugslinie nach Norden abgeschnitten wäre. Die offizielle Bestätigung dieser Berichte bleibt abzuwarten, immerhin ist es au- gesichts der ganzen Sachlage höchst wahrscheinlich, daß wirklich der Beginn der Katastrophe bereits über die Arnice Kuropatkins herein- gebrochen ist. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß es den Japanern faktisch gelingen wird, den Russen ein vernichtendes Sedau zu bereiten. Die Meldungen lauten: London, 22. Juli. Dem„Dailh Telegraph" wird aus Mulden vom IS. d. M. gemeldck, daß feit zwei Tagen ein noch anhaltender heftiger Kampf tobte. Die Japaner griffen mit überlegenen Streitkräften und großer Tapferkeit die Russen an. Letztere verteidigten sick vorzüglich. Die Umgehung der Russen durch die Japaner in östlicher Richtung sei die eigentliche Ursache des russischen Rückzuges. Es sind schwere Verluste gemeldet. Das Blatt fügt hinzu, das Telegramm scheine durch die C e n s u r stark ver st ii m m e l t zu sein. London, 22. Juli. Nach einer Meldung aus Tokio ist seit Dienstag ein schwerer Kanipf im Gange.' Nördlich vom Motten- Paß bei Kiaton wurde den ganzen Dienstag über ge- fochten. Der russische linke Flügel ist ernstlich bedroht. Auch bei Taschitschian erwartet man einen entscheidenden Kamps für die nächsten Tage. London, 22. Juli. Der Berichterstatter der„Daily Mail" drahtet aus Mulden, IS- Juli, daß ein zweitägiger Kanipf statt- gefunden habe und noch fortdauere, ohne den Schauplatz des Treffens anzugeben. Die Japaner, die.mit überlegener Stärke und mit großem Ungestüm die Russen angriffen, behaupteten das Terrain glänzend. Petersburg, 22. Juli. Das M-Skaucr Blatt„Russkij Listok" veröffentlicht eine Depesche von heute, wonach Kuroki den linken Flügel der russische» Armee durchbrochen hätte und die Japaner auf Mutdeu losmarschierten. Ter rnssisch-englische Konflikt hat von seiner Schärfe noch nichts eingebüßt, da die russische Regierung sich in unbegreiflicher Bummelei noch nicht bewogen gc- siihlt hat, irgend welche Entscheidung zu treffen. Da die Engländer aber nicht die übermenschliche Geduld des Königsberger Gerichtshofs besitzen, schlägt die englische Presse gegen Rußland einen überaus scharfen Ton au. London, 22. Juli. Dem„Reuterschen Bureau" wird aus Peters- bürg von heute gemeldet: Dem britischen Botschafter ist bis jetzt von der russischen Regierung keine Antwort auf die Protestnote, die er wegen der Wegnahme des Dampfers„Malacca" überreicht hat, zugegangen. Hier ging gestern abend das Gerücht, daß die Freigabe'des Dampfers thatsächlich angeordnet worden sei. Wenn dies jedoch der Fall wäre, hätte, wie man annehmen sollte, sofort der britische Botschafter davon in Kenntnis gesetzt werden müssen. Diesen Morgen wurde hier die Meldung verbreiiet, daß die Angelegenheit eine befriedigende Erledigung finden werde. Aber wie auch die Entscheidung der russischen Regierung in der„Malacca"-Angelegenhcit lauten wird, es wird immer die wichtigere Frage des StatnS der Schiffe der russischen Freiwillige» Flotte bestehen bleibe». Die natürliche Folge der britischen Note ist, daß England seinen Standpunkt über den irregulären Charakter dieser Schiffe beibehält und sich, ivenn es erforderlich sein sollte, mit Gewalt nicht nur einer Besitzergreifung, sondern auch einer Durchsuchung englischer Schiffe durch Schiffe dcr'russischcn Freiwilligen- Flotte widersetzen wird. Im russischen Auswärtigen Amte wurde er- klärt, daß der Angelegenheit volle Aufmerksamkeit von feiten der Regierung geschenkt werde. London, 22. Juli.„Daily Telegraph" schreibt zur „Malacca"frage: ES ist n i ch t m e h r a n d e m E r n st d e r G e- spanntheit z Iv i s ch e n England u n d Rußland zu zweifeln. Der Zwischenfall ließe sich vielleicht für beide Nationen ohne Verletzung ihrer Würde beilegen, ivenn nicht die schwierige Frage bliebe, welcher Charakter Schiffen von der Art der„Petersburg" zuerkannt werden m ü s s e. Wir verstehen, daß dem Kaiser von Rußland erklärt wurde, daß auf diese Schiffe der russischen Flotte geschossen werden würde, wenn sie ver- suchen sollten, englische Schiffe anzuhalten oder zu durchsuchen, und daß man sie als Seeräuber in den Grund bohren werde, wenn sie von ihrem Verhalten nicht ablassen sollten. Wir verstehen ferner, daß die O t t o m a n i s ch e R e g i e r u n g S ch r i t t e thun wird, um die Durchfahrt solcher Schiffe durch die Dardanellen zu verhindern. Die Frage hat absolut nichts mit dem Kriege im fernen Osten zu thun. London, 22. Juli. Der„Standard" schreibt: Die Abreise der„Malacca" von Port Said unter russischer Bewachung hat die Krisis bedeutend verschärft. Uusre Würde und Selbst- achtung vcrlnngt, daß der Dampfer freigegeben wird, ehe er im Bal- tischen Meere ankommt. Der Adniiral der Mittelmeer- flotte hat seine I n st ruktionen erhalten. und wenn die „Malacca" nicht freiwillig ausgeliefert wird, so wird sie abgefangen werden, bevor sie die Straße von Gibraltar passieren kann. London, 22. Juli.„Daily Telegraph" glaubt, das Ergebnis zweier Kabinettssitzuiigen am gestrigen Tage sei gewesen, nicht zu- zugebe», daß die„Malacca" einen russischen Hafen erreiche. Es sei nicht unmöglich, daß die englische Regierung die Einfahrt in einen neutralen Hafen erlauben werde, wo die Ladung geprüft und fest- gestellt werden könnte, ob die Munition für das englische Geschwader bestimmt sei. „Daily Telegraph" fährt fort: Wir glauben, daß der russischen Regierung klar gemacht ivurde, zu russischen Kreuzern um- gewandelten Handelsschiffen könne unter keinen U m st ä n d e n die Berechtigung zuerkannt werden, sich in die englische Schiffahrt einzumischen. berliner Partei Angelegenheiten. Nieder-Schötthansen. Sonntag findet das S o m m e r f e st der hiesigen Parteigenossen in Wenzels„Lindengarten", Lindenstraße, statt. Der geräumige, schattige Garten ist durch andre Partei- vergnügen bereits bekannt; er bedarf also keiner neuen Empfehlung. Volksbelustigungen, Musik und Tanz werden für Kurzweil und reiche Abwechselung sorgen. Wir bitten daher nicht nur die Nieder-Schön- hausener Parteigenossen, sondern auch die der umliegenden Orte und namentlich die Berliner, sich recht zahlreich einzufinden. Amüsieren wird sich sicherlich jeder. Johannisthal. Die nächste Versammlung des Socialdemokratischen Wahlvxreins findet heute, Sonnabendabend 8Vz Uhr bei Palm, Köpnickerstraße 81 in R u d g w statt. Genosse Jnlrus Hilde- b r a n d t spricht über„Die Junker einst und jetzt". Nieder- Schöncwcide. Heute abend 8'/z Uhr findet bei Franz, Griinauerstr. 5, die Versammlung des Wahlvereins statt. lokales. Die Schutzvorrichtungen der Straßenbahnwagen. Kürzlich hörten wir auf dem Vorderperron eines Straßenbahn- Wagens eines jener Gespräche über Straßenbahn- Unfälle, wie man sie in Berlin auf Straßenbahnfahrten alle Tage hören kann. Zwei Fahrgäste unterhielten sich über die Häufigkeit der Unfälle durch Ueberfahren und über die Mittel zur Milderung der Folgen solcher Unfälle. „Jahr fürJahr werden in Berlin," so rief einer der Diskutierenden, „durch die Straßenbahn Hunderte von Personen totgefahren I Die meisten davon könnten mit geringen Verletzungen oder ganz unverletzt davonkommen, wenn unsre Straßenbahnwagen eine Schutzvorrichtung hätten." Der Mann übertrieb; denn die Zahl der durch die Straßenbahn totgefahrenen Personen bleibt im Jahre noch weit unter einhundert. Wir hörten jedoch schweigend zu, weil man uns nicht einlud, an dem Gespräch teilzunehmen. Dafür ergriff aber der Fahrer das Wort und wies den Kritiker mit strengem Tadel zurück. Ob er denn nicht sehe, daß die Wagen mit Schutzvorrichtungen ausgerüstet seien? Und er nannte die Federweste aus Bandeisen, die an dem Vorderperron angebracht sei, damit die von einem Wagen angerannte Person nicht zu unsanft berührt werde und eventuell sich daran festklammern könne, sowie den hölzernen Nahmen, mit dem die Räder umgeben seien, damit er einen davor liegenden Körper oder einzelne Gliedmaßen wegschiebe. Der Kritiker markierte Verwunderung und rief aus:„Ach so, das wußte ich nicht, daß dieser Plunder als Schutzvorrichtung gelten soll!" und dann kramte er aus der VorratSkamnier seines verblüffend guten Gc- dächtnisseS eine ganze Reihe von Unfällen aus, bei denen die „Schutzvorrichtungen" versagt hatten. Das war recht brav von dem Fahrer, daß er seine Brotherren so tapfer, wenn auch erfolglos verteidigte. Dieser Eifer entspricht durchaus den Wünschen der Direktion. Es macht sich überhaupt sehr nett, wenn eine Kritik selbst der offenkundigsten und schreiendsten Mißstände den Fahrgästen, die darunter leiden müssen und ihrem gepreßten Herzen Luft machen, durch die Straßenbahnangestellten verwiesen wird. Kein Mensch, der ein Geschäft betreibt, hat es gern, daß man es ihm tadelt. Nicht einmal im Ranffchbazar ist das erlaubt. Auch die schäbigste Ware muß in dem Angestellten, wie der Herr Chef und Brotherr ihn sich wünscht, noch ihren Lobredner finden— und wehe dem Kunden, der daran zu mäkeln wagt! Bei dem oben geschilderten Wortwechsel mußten wir aber im stillen doch dem Kritiker, nicht dem tapferen Fahrer, recht geben. Uns fiel nämlich der damals allerneueste Unfall ein, den der Mann mit dem guten Gedächtnis merkwürdigerweise noch gar nicht zu kennen schien. Da haben sie in W e i tz e n s c e in der vorigen Woche wieder einmal ein Kind totgefahren. ein elfjähriges Mädchen, das dem Vater das Mittagessen nach der Werkstelle getragen, es mit ihm zusammen ausgelöffelt hatte und dann fröhlich nach Hause sprang. In der Nähe der Ningbahnstation lief es über die Straßenbahngeleise. Dabei wurde es von einem Straßenbahnwagen angerannt und von der famosen Schutzweste z« Boden geschleudert, und nun ging der Schutzrahinen vollständig über den Körper des Kindes hinweg. Das Kind wurde von der„Schutz- Vorrichtung" tot gequetscht! Der„Vorwärts" hat über diesen ent- setzlichen Unglücksfall berichtet, und andre Blätter haben dieselbe. Darstellung gebracht. Bisher haben wir aber vergeblich gewartet. daß die Direktion der„Großen", die doch sonst so berichtigungseisrig ist. diese Darstellung berichtigen sollte. Die Mutter des Kindes. die lvir aufgesucht haben, erzählte uns unter Thränen. wie zerfetzt die Leiche gewesen sei, und sie schalt dabei auf den Fahrer, der„das Unglück verschuldet" habe.„Liebe Frau," antworteten wir ihr,„hier trifft doch wohl nicht den Fahrer die Schuld, sondern die Straßcnbahngesellschaft. Wen» jemand dicht vor einem Wagen die Geleise überschreitet, so hilft eben kein bremsen mehr, dann kann höchstens noch eine Schutz- Vorrichtung retten— falls sie brauchbar ist." Jener andre Fahrer. der den Schutzvorrichtungs-Kritiker so schneidig zurückwies, würde namentlich auch hier wieder seiner Direktion getreulich zur Seite gestanden haben. Wir wollen ihm wünschen, daß er nie andren Sinnes zu werden braucht, daß er selber nie das Unglück hat, einen Menschen zu überfahren, nie mit zitternden Knien von seinem Wagen zu steigen braucht, um den Ueberfahrenen unter dem Schutzrahmen hervorzuholen, nie den gräßlichen Anblick einer zerfetzten Leiche mit nach Hause zu nehmen braucht. Sollte er aber einmal in diese Lage kommen, dann würde er vielleicht doch seine Direktion nicht mehr preisen, sondern ihr fluchen, daß sie ihren Angestellten eine so furchtbare Verantwortung auferlegt. Wir mußten, als wir jenes Perrongespräch über die Schutz- Vorrichtungen mit anhörten, noch an einen andern Unfall denken, bei dem ebenfalls ein Kind totgefahren wurde. Er passierte in der N e i ch e n b e r g e r st r a ß e und im Jahre 1900, aber die Erinnerung daran ist eben jetzt wieder aufgefrischt worden durch die Angaben, die ein kürzlich von der„Großen" entlassener Burcan-Assistent dem Leiter des Verbandes der Straßenbahner ge- macht hat, und die in der letzten Nummer des Verbandsorgaus „Kleine Mitteilungen" veröffentlicht sind. Der Mann behauptet, da- mals sei die Schutzvorrichtung des UnglückswagenS mangelhaft gewesen, aber nach dem Unfall seien er und andre Angestellte beauftragt worden, die Schutzvorrichtung durch Ein- setzung eines neues Teiles zu ändern, und nachher habe sie sich dann dem untersuchenden Sachverftäudigen als tadellos präsentiert. Man wird hoffentlich bald hören, was die Direktion hierauf zu ant- Worten hat._ Der Fall Jacob beginnt nun endlich, nachdem die Ocffcntlichkeit so unzweideutig ihre Meinung ausgesprochen hat, auch für die Herren, die es von vorn- herein zunächst anging, in ein energisches Fahrwasser zu kommen._ Herr Jacob ist auf Urlaub gegangen!„Freiwillig" natürlich; er hat bei der Direktion des König!. Krankenhauses darum „nachgesucht". Das Urlaubsgesuch wird, wie die„Pr. Korrespondenz" ausführt, seitens der zuständigen Aufsichtsbehörde mit einer gewissen Genugthuung begrüßt; es beseitigt die unangenehme Notwendigkeit, heißt es weiter, den Professor noch vor wenigstens einstweiliger Auf- klärnng der Sachlage zu suspendieren, wie sie andernfalls angesichts der Schwere der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen vorgelegen hätte. Im Kultusministerium sei man sich völlig klar darüber, daß strengste Prüfung des Verhaltens Prof. Jacobs bei seinen vielbesprochenen Tuberkulin-Heilversuchcn und bei der Be- richterstattung über sie geboten ist. Da Herr Jacob seine Thätigkeit an der Charitee bis auf weiteres eingestellt habe, cke kacto also dem ärztlichen Personal des Krankenhauses einsttveilen nicht mehr an- gehört, könne die Aufsichtsbehörde in aller Ruhe abwarten, zu welchem Spruch das zunächst zuständige Forum koneme. Nach dem Privatdocentcn- Gesetz(Lex Arons) ist dies die medizinische Fakultät der Berliner Universität, seitens deren die er- forderlichen Maßnahmen bereits getroffen worden sein sollen, wie die genannte Korrespondenz versichert. Man kann nur wünschen, daß diese Angaben auf Wahrheit beruhen, und daß die medizinische Fakultät sich etwa mit derjenigen Schnelligkeit und Gründlichkeit der Sache annehme, wie seiner Zeit die philosophische Fakultät der politischen„Verfehlungen" eines ihrer Mitglieder. Im Falle Jacob handelt es sich ja freilich nur um Menschenleben. Dienstmädchen-Los. In unsre Betrachtung über dieses Thema hat sich ein sinnentstellender Fehler eingeschlichen. Dem Dienst- mädcheu des Kreisphysikus Pape, das trotz bester Zeugnisse es der Frau Kreisphysikus niemals recht machen konnte und sich dann durch einen Sprung aus dem Fenster zu befreien suchte, war bei ihrem Zuzug nach Berlin auf dem Polizei-Bürcau gesagt worden:„Sie haben ja brillante Zeugnisse. Aber lassen Sie sie(d. h. die Zeug- nisse) hier nur nicht verderben; das thun sie(d. h. die Herrschaften) in Berlin gern." In unserm Artikel stand irrtümlich:„Aber lassen Sie sich hier nur nicht verderben." „Wider die Pfaffenherrschaft", Kulturbilder aus den RcligionS- kämpfen des 16. und 17. Jahrhunderts. Von Emil Rosenow. Soeben erscheint Heft 15, mit dem der 2. Teil des Werkes beginnt, in dem die Kämpfe gegen die Weltherrschast des Papstes geschildert werden. Auch das vorliegende Heft ist reich illustriert mit Bildern aus der geschilderten Zeit. Unser Parteiblatt, die„Fränkische Tagespost", urteilte über die Illustrationen des Werkes: „Uneingeschränktes Lob verdienen die Bilder, die der Verlag dem Text beigegeben hat. Es sind alte Holzschnitte und Kupfer« stiche aus dem 15. und 16. Jahrhundert, auch manches intike Bild oder Münze ist aufgenommen. An' ihnen merkt man die Hand des Sachkenners auf Schritt und Tritt. Sie geben dem Texte eine Belebung, Abwechselung und Anschaulichkeit, wie kaum ein zweites Werk über diese Zeit es bietet." In jeder Woche erscheint ein Heft für 20 Pf. Abonnenten können jederzeit eintreten und die bereits erschienenen Hefte nachbeziehen. Jede Parteibuchhandlung und jeder Kolporteur nimmt Bestellungen entgegen. Ein Schulveteran, der Gemeindeschullehrcr Wilhelm Berk- holz, der zuletzt an der 146. Gemeindeschule in der Prinzeu-Allee unterrichtet hatte, ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Ostern 1364 hatte er sein fünfzigjähriges Lehrer-Jubiläum feiern dürfen. Er hatte sich dann pensionieren lassen, hat aber den wohlverdienten Ruhestand nur noch bis zu diesen Sommerfcrien genießen dürfen. Die Panke befindet sich gegenwärtig in einem unglaublich schmutzigen Zustande. Die Flutung des Baches, dessen Wasserstand infolge der anhaltenden Trockenheit ebenfalls bedeutend zurück- gegangen ist, ist verhältnismäßig schwach, so daß sich das Wasser nicht von selbst reinigt und stellenweise einen stagnierenden Zustand au- genommen hat. Die Verunreinigung ist eine so bedeutende, daß das Wasser grauschlammig aussieht und die Schmutzmassen auf dem Grunde ablagern. Stellenweise ragt der Unrat, kleinen Inseln gleich, aus dem 15 bis 26 Centimeter hohen Flusse hervor und auch an den infolge des niedrigen Wasserstandes freiliegenden Ufern befinden sich bedeutende Schmutzablagcrungen. Es wäre wünschenswert, daß die Sanitäts-Polizei dem gegenwärtigen Zustande der Panke eine cr- höhte Aufmerksamkeit widmet und die schleunige Reinigung des Fluß- bcttes veranlaßt. Nun ist auch der Omnibus für Hunde freigegeben. Wie im Betriebe der Großen Berliner Straßenbahn ist nunmehr auch bei dem Omnibus-Betrieb das Mitnehnien von Hunden gestattet, sofern die Tiere nicht zu groß sind und auf den Schoß genommen werden können. Die vierbeinigen Passagiere haben jedoch genau so wie jeder Fahrgast fljten Platz zu bezahlen und zwar für die ganze Tour mit zehn und für die Teilstrecke mit fünf Pfennige. Keine echten Pocken. Der gestern gemeldete verdächtige Fall. der den Knaben Maximilian Ncubnrg aus der Nollendorfstr. 20 Be trifft, hat sich als eine schwere Erkrankung an Windpocken heraus� gestellt. Trotzdem wird daS Kind vorläufig unter Absperrung be- handelt und die Mutter hat sich einer Schutzimpfung unterzogen. Ein Grund zu irgendwelcher Besorgnis besteht also auch bezüglich dieses Borfalls nicht. Eine Dampferfahrt ist ein Vergnügen eigner Art, besonders wem: sie mit Hindernissen verbunden ist. Am Donnerstag sind neun Berliner Dampfer mit etwa 4500 Personen in Erkner auf der Rück- fahrt vor der Woltersdorfer Schleuse liegen geblieben. Die Sceneii die sich dabei abgespielt haben, sind kaum zu beschreiben. Die Hin fahrt verlief, wenn sie auch infolge des niedrigen Wasserstandes mehr Zeit, als fahrplanmäßig vorgesehen, in Anspruch nahm, ohne Störung. Als aber die Dampfer abends um 8 Uhr vow besetzt die Heimfahrt antreten wollten, begann die Komödie. Unter den Brücken in Erkner lag ein Schleppzug, der weder vorwärts noch rückwärts konnte. Der Schlepp dampfcr war außer stände, die Zillen flott zu machen. Ein mit KieZ beladcner Kahn saß auf dem Grund und alle Bemühungen, das Schiff fortzubringen, waren vergeblich; schließlich erlitt auch der Schlepper noch eine Beschädigung. In- zwischen verrann die Zeit, es wurde Nacht und die Fahrgäste, die nach Berlin zurück wollten, wurden ungeduldig. Festgekeilt in dem engen Fahrwasser, verhöhnt von den Schiffern und verspottet von dem vielen Publikum, das sich über die Berliner, die natürlich keine Antwort schuldig blieben, weidlich lustig machten, wurde die Stimmung immer gereizter. Viele verlangten ausgeschifft zu werden; dies war aber wegen der Beschaffenheit der Ufer und der Oerd lichkeit mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Schließlich legten sich die Dampfer Bord an Bord und es gelang mit Hilfe von Booten, nach und nach die Hunderte auszuschiffen, die dann eiligst nach dem Bahnhofe in Erkner liefen, um dann in später Nachtstunde mit den Zügen weiter befördert zu werden. Die Berliner Dampfcr mußten so lange warten, bis der Kahn geleichtert war. Da dies mit vollständig unzulänglichen Kräften geschah, so wurde es Tag, bevor die Dmnpfer passieren konnten. Wie in den übrigen Fällen, so war auch hier wieder die Strompolizei, die für freies Fahrwasser hätte sorgen müssen, nicht zu sehen. Aus Erkner war ein Schutzmann gekommen, der aber mit den Achseln zuckte, als man ihn auf die Gefahren aufmerksam machte. Die in Berlin zurückgeblie- benen Angehörigen der vielen Fahrgäste waren natürlich ob des Ausbleibens ihrer Lieben in großer Sorge, denn statt um 10 Uhr kamen sie erst in später Nachtstunde, ja viele erst gestern daheim an. Wann wird die Strompolizei in Erkner eine strenge Kontrolle über den Tiefgang der den dortigen Kanal passierenden Schiffe ausüben? Diese Frage ist nur zu berechtigt. Die Verhältnisse werden nämlich dort nicht nur wegen des abnehmenden Wassers, sondern auch wegen der durch die Dampferschrauben usw. verursachten Aufwühlung des Grundes und die Versandung der Fahrrinne ganz auffallend schnell schwieriger und schließlich unhaltbar. Den Gipfel der Frechheit rrklouu» ein Händler Max Salbach, ein löjähriger Bursche aus der Wilmcrsdorferstr. 17 zu Charlotten- bürg. Er hatte in der Goethestr. 13 eine Wohnung ausfindig ge- macht, deren Mieter verreist ist. Dort brach er ein und richtete sich dort mehrere Tage und Nächte häuslich ei», erbrach und verdarb die Möbelstücke und nahm sogar wiederholt Mädchen von der Straße mit in das erbrochene Quartier. Am 19. d. M. kam Salbach zu einem Rückkaufshändler Bobath nach der Krummestraße, um dort einen Herrenpelz mit Nerzkragen, einen schwarzen Damen-Winter- mantel und einen grauen Theatermantel zum Kauf an. Der Trödler schöpfte Verdacht und rief die Polizei. Salbach war aber unter Zurück- lassung der Sachen verschwunden. Während die Kriminalpolizei die Kleider musterte, entfiel aus dem Herrenpelz ein Futteral mit einer Schmuckgarniwr alter Goldschmiedekunst— Armband, zwei Ohrringe, eine Brosche.— Bei der Ermittelung ergab sich, daß S. den richtigen Namen genannt hatte. Er wurde verhaftet, als er gestern in einer Droschke nach der Wohnung kam. Man fand bei ihm einen auf „Dragert" lautenden Hinterlegungsschein der Deutschen Bank. DragertS Wohnung.ZGoethestr. 13, war erbrochen, indem das Schloß ausZ der Thür geschnitten lvar. Das Loch war mit einer Zeitung verstopft, die Thür von innen verstellt. Als man von hinten eintrat, sah man. daß Salbach dort tagelang gelebt und sich gütlich gethan hatte. Ein Chekbuch der Deutschen Bank war ausgefüllt, um das Geld zu erheben. Die Handschrift hatte er sich in der Wohnung eingeübt. Die Wohnung bot einen wüsten Anblick. Salbach, der geständig ist, wurde von der Charlottenburger Kriminalpolizei dem Untersuchungsrichter zugeführt. Zu eng geschnürt hatte sich ein junges Mädchen, welches gestern nachmittag in der Bülowstraße, nahe am Nollendorfplatz, plötzlich zusammenbrach. Die junge Dame, die 17jährige Tochter eines in der Kleiststraße wohnenden Kaufmanns B.. wurde nach einem Hausflur gebracht, woselbst ihr ein herbeigerufener Arzt die erste Hilfe zu teil werden ließ. Wie d«r Arzt feststellte, hatte das Mädchen sich derartig eng geschnürt, daß Atembeklenimungen eingetreten waren. Nachdem sich Fräulein B. wieder etwas erholt hatte, konnte sie nach ihrer Wohnung überführt werden. Sorgen um die Zukunft haben den Kaufmann C. aus der Linien- straße in den Tod getrieben. Der 03jährige Mann war Witwer und hatte der Aufforderung seines verheirateten Sohnes, mit ihm zu- sammen zu ziehen, nicht Folge geben wollen. C. behauptete, noch kräftig genug zu sein, um sich selbst ernähren zu können und betrieb einen Engros-Handel mit Schuhwaren. Das Geschäft ging ver- mutlich nicht, und der Kaufmann, der erst vor einigen Tagen einen größeren Posten Stiefel erworben hatte, befürchtete wohl, sein Geld zu verlieren. Er wurde gestern in seiner Wohnung erhängt auf- gefunden. Aus Furcht vor dem Jrrenhause hat gestern nachmittag die in der Seelandstraße IL in Weißensee wohnende Frau K. sich das Leben zu nehmen oersucht. Die K., die schon seit längerer Zeit gemüts- krank war und von ihren Angehörigen nicht genügend überwacht werden konnte, hatte zufälligerweise mit angehört, daß sie am 22 Juli nach einer Irrenanstalt überführt werden sollte. Um sich der Unterbringung in der Heilanstalt zu entziehen, sprang die K. aus dem Fenster ihrer im dritten Stock belegenen Wohnung auf den Hof hinab und erlitt schwere innere Verletzungen. Sie wurde nach dem Kranlenhause Friedrichshain gebracht. Feurrbcricht. Wegen der Explosion eines Spirituskochers im 4 Stock in der Französischenstr. 20 wurde die Feuerwehr gestern abend alarmiert. Gardinen und Möbel waren dabei in Brand geraten, konnten aber bald gelöscht werden._ Fast gleichzeitig hatte sich Terpentin in einem Kochkessel in der Linienstr. 213 entzündet. Auch dort konnte die Gefahr auf den Brandherd beschrankt werden. Ferner erfolgte w i e d e r e i n m a l ein Alarm nach dem Exerzier- Platz an der Schwedterstrnße, wo der Zaun brannte, der schon einmal in Brand gesteckt worden ist. Schwefel brannte m der Duucker- «raße 84, Möbel, Gardinen u. a. in der Buchholzersw 3. Leipziger- straße 60, Pankftr. 3c, Kronenstr. 50, VI und andre» Stelleu. Landsberger Platz. Norden: Sportplatz Behmstraße. Sammel- platz: Bahnhof Gesundbrunnen und Bahnhof Schönhauser Mee. Nord-West: Spielplatz Habsburger Ufer. Sammelplatz: Bahnhof Beusselstraße. Nach beendetem Spiel werden die Kinder wieder zu den Sammelplätzen zurückgeführt. Das zweite allgemeine Arbciter-Sportfest, das morgen, Sonn- tag, den 24. Juli, in Friedrichshagen stattfindet, beginnt bekanntlich früh 8 Uhr. Während der Vormittagsstuiiden fahren die einzelnen Sportgruppen an. Um 12 Uhr wird sich dann die Segelregatta als Eröffnung des Hauptprogramms anschließen. Der Segelregatta folgt die der Ruderer, dann der Korso der Radfahrer um l/23 Uhr, und ohne Unterbrechung werden sich die Vorführungen der übrigen Gruppen anreihen. Das Programm(für 5 Pf. erhältlich auf dem Festplatz) ist ein reichhaltiges und wird jeden Festteiluehmer be- friedigen. Die ermäßigten Preise für die Dampferfahrten gelten nur für die das Fest besuchenden Gäste. Es ist daher zu empfehlen, sich vorher mit Billets zum zweiten allgemeinen Arbeiter- Sportfest zu verschen. Auf der Treptow-Sternwarte spricht Direktor Archenhold am Sonntaguachmittag um 3 Uhr über„Die Bewohnbarkeit der Welten", und um 7 Uhr lautet das Thema:„Ein Tag auf dem Monde". Da am Sonntag und Montag der Mond noch günstig zu beobachten ist, während dann zwei Tage lang die blendende Helle des Vollmondes seine Beobachtung hindert, ist dieses Thema besonders interessant, bauptsächlich für diejenigen, welche, daran anschließend, den Mond beobachten wellen. Als Bortragsthema für Montag, um 9 Uhr abends, ist angesetzt:„Altes und Neues vom Mond". Be- obachtet werden mit dem großen Fernrohr bei Tage die S o n n e und ihre Flecken, abends von 8'/- bis 10 Uhr der Mond, und von 10 bis 12 Uhr nachts abwechselnd Mond und Saturn mit seinen Ringen. Vernrilchtca. unterbrach auf um sich deren sintemalen nach diese„zumeist Braunschweig- Die Kinderspiele, welche für dieses Jahr vom Turnverein Fichte" an sechs Sonntagen veranstaltet werden, nehmen heute ihren Fortgang; sie fallen in die Tageszeit von 8— UV» Uhr. Der Ab- nmrfch von den einzelnen Sammelplätzen ist pünktlich 8V- Uhr. Tie Kinderspiele sind für die einzelnen Stadtteile wie folgt angeordnet: Süden und Süd-Ost: Großer Spielplatz im Treptower Park. Freiarchenbrücke(Schles. Busch). Rord-Ost: Huö den JSacbbarortcn. Lichtenberg. Die Gemeindevertretung Wunsch etlicher Terrain- Gefellschaften ihre Ferien, berechtigten Interessen" nicht hinderlich zu zeigen, der Ansicht der Mehrheit der bürgerlichen Vertreter auch die Interessen der Gemeinde seien". Die Hannoversche Hypothekenbank wünscht eine neue Straße auf dem Terrain der Köhueschcn Konkursmasse, um das„Objekt"(es handelt sich um beiläufig 1 600 000 M.), das von ihr stark beliehen ist, „besser" verwerten zu können, in, Interesse— der Gemeinde! Die „Informationen", die die Beauftragten der Gesellschaft einigen „Führern" der Majorität über die guten Absichten der Gesellschaft angedeihen zu lassen für notwendig fanden, führten dazu, daß in geheimer" Sitzung die Gemeindevertretung die„Sache" zu vertagen beschloß. Auf Antrag des Gemeindevertreters Grauer wurden auch die Gesuche der Süddeutschen Jmmobilienbank in Mainz und des Kaufmanns Franz George um Erteilung von Pflasterkonscusen ur die auf dem Gelände zwischen Frankfurter Allee und Weserstraße aufzuschließenden neuen Straßen vertagt. Gemeiudevertrctcr Grauer machte für die Vertagung„öffentliche Interessen" geltend. Das ganze Terrain wird bebaut etwa 30 000 Seelen beherbergen, die einzige dort vorhandene Schule in der Kronprinzenstraße ist über ullt, aber Fürsorge für die Zukunft ist nicht getroffen, und die dort Millionen„verdienenden" Spekulanten weigern sich, dieser drohenden Kalamität durch Hergabe einiger Fetzen Landes zu begegnen! Es wurde beschlossen, ein mit 700 M. pro Ouadratrute angebotenes Terrain für 400 M. pro Ouadratrute zum Schulbau anzukaufen, vorausgesetzt, daß sich die Beteiligten dazu verstehen, das„Opfer" zu bringen. Die Gemeindevertreter Grauer und Schulz besprachen noch die unwürdigen Zustände, die durch Liegenlassen der Pflaster- arbeiten in der Prinzon-Allee eingetreten seien, und ver- anlaßten den Gemeinde-Baumeisier zu der Mitteilung, daß die Gemeinde wohl die laufenden Reparaturen dem Steinsetzineister Dellos übertragen habe, nicht aber gehindert sei, Arbeiten auch a» andre" zu vergeben! Gelegentlich werden die socialdemokratischen Gemeindevertreter darauf zurückkommen. Die vom stellvertretenden Gemeindevorsteher gemachte Mitteilung über Ablehnung des Gesuches an die Regierung wegen Verleihung der Stadtrechte wurde mit ge- bührenden Randbemerkungen aufgenommen. Die Besprechung des Schreibens wurde jedoch bis zur Rückkunft des Gemeindevorstehers vertagt. Daß das von Hohn triefende Antwortschreiben des Re- gicruugspräsidenten nicht ohne Widerspruch hingenommen werden kann, meinen sogar die— allergetreuesten Seelen in der Gemeinde- Vertretung. g Rixdorf. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich in der Kaiser Friedrichstraße in Rixdorf. DaS S'/zjährige Söhnchen des Molkereibesitzers Hermann Ewert kletterte auf dem Grundstück seines Vaters auf einen bespannten Wagen und spielte mit der Pferdeleine. Infolgedessen wurde das Pferd scheu und jagte auf die Straße. Hierbei stürzte der Knabe vom Wagen herab, geriet unter die Räder und wurde überfahren. Der nacheilende Vater mußte das Unglück mit ansehen, ohne dasselbe verhüten zu können. In wenig hoffnungsvollem Zustande wurde das schwerverletzte Kind nach dem Rixdorfer Krankenhaus gebracht. Bei der gickrutcumtShebung verhaftet wurde in Rixdorf der zu Stargard geborene Arbeiter Paul Kirchhoff. Ein verheirateter Kollege hatte vor einiger Zeit den K. aus Mitleid bei sich aufgenommen. Aus Dankbarkeit hierfür stahl K. seinem Wohlthäter ein Fahrrad und trieb sich seitdem in den westlichen Vororten umher. Da er jetzt zur Stellung nach Rixdorf mußte, nahm ein Kriminalbeamter die Ge- legcnhcit wahr, ihn festzunehmen. Verschwunden ist der 13jährige Kaufmannslehrling. Paul Sandow ans Frauzösisch-Buchholz, der in der Schon, horststr. 4/3 seine Lehr- zeit durchmachte und am Mittwoch mit 80 M. aus dem Geschäft fortgeschickt wurde. Ob ihn, etwas zugestoßen oder ob er in leicht- sinnige Gesellschaft geraten ist, wo er das Geld verbrachte, ist„och nicht bekannt. Er ist von großer Gestalt, dunkelblond, hat blaue Augen, hat eine dicke geschwollene Nase, kleine Pickel im Gesicht und trug einen schwarzen Kammgarn- Anzug, einen grauen Filzhut und einen grauen Sommerüberzieher. Einen Bart hat er noch nicht. Gerichts-Leitung. Wegen homosexueller Kuppelei fand gestern vor dem Landgericht I in Moabit gegen den Hotelier Sch. und seinen Compagnon die Haupt- Verhandlung statt. Es wurde den Angeklagten zur Last gelegt, in ihren, Hotel, in dein zumeist ein sehr distinguiertes Publikum ver- kehrte, auch zum geschlechtlichen Umgang Gelegenheit verschafft zu haben. Die Angeklagten bestritten jede Schuld. Sie verteidigten sich unter andern, damit, daß ja auch Kaplan Dasbach monatelang bei ihnen wohnte und daß auch er, der Reichstags- Abgeordnete, katholische Geistliche und Centrumsführer, bei ihnen einen sehr zahlreichen Verkehr mit jungen Männern hatte, der absolut nicht identisch war mit der Erpressergeschichte, die Kaplan Dasbach in Köln erlebte.— Jedenfalls wußten sie nichts davon. wenn in den Räumen der Hotelgäste ein geschlechtlicher Verkehr stattfand. Der Gerichtshof„ahm jedoch nach den Bekundungen der Dienstboten dieses Wissen als erwiesen an und verurteilte beide An- geklagte zu je einem Monat GefängniShaft. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 24. Juli, vorm. 8'|4 Uhr, in der Schul-Aula. Kleine Frankfurtersw. 6: Versammlung. Freireligiöse Vorlesung. Um 10'/. Uhr öo, mittag? ebendaselbst: Vortrag de? Herrn Dr. Bruno Wille:„Die Paulinische Christus-Idee". Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen. Tocialdemokratischer Ngltatiousvcrein für de» Reichstags- Wahlkreis Kalau-Luckau. Sonntag, den 24. d. M., nachmittags 3 Uhr: Generalversammlung bei Tempel, RummelSburg, Alt-Boxhagen öS. Kein Mitglied darf jehien. Gäste willkommen. Charlottenburg. Die Genossen dcS sünsten Bezirk? veranstalten am Sonntag einen Familienausslua nach Schmargendorf(Restaurant Sans- soud). Treffpunkt um l'h Uhr im Bezirkslokal, Scsenheimerstr. 11. Sammelplatz: Ober________. Svielvlatz im Friedrichshain. Sammelplatz: Krieger-Denkmal am_______________ -- Perantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.' Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Von der Schiffahrt. Die trostlosen Flußschiffahrtsverhältnifse (Pegel in Magdeburg heute 0,14 Meter) haben sich nun dermaßen zugespitzt, daß die Elbschiffahrtsgesellschaftcn sich seit einigen Tagen veranlaßt gesehen haben, den Verkehr einzu st eklen. Der niedrige Wasserstand zwingt die Gesellschaften nunmehr, den Thal- verkehr ab Böhmen und Sachsen, sowie den Bergverkehr ab Hamburg-Lübeck und Magdeburg ab oberhalb gelegenen Stationen nach Sachsen und Böhmen vollständig einzustellen. Die Gesellschaften trachten danach, im Verkehr von Hamburg-Lübeck nach Magdeburg den Betrieb in beschränktem Umfang nach Maßgabe des vorhandenen Schiffsraumes und soweit der Wafferstand und die be- reits vorhandenen und etwa noch eintretenden Schiffahrtshindernisse es gestatten, aufrecht zu erhalten. Für die ohnehin nicht günstige Lage� der F l u ß s ch i f f e r be- deutet diese Maßnahme eine weitere Schädigung in ihren Existenzbedingungen. Von allen Verladeplätzen der Elbe wird gemeldet, daß jetzt die Bootsleuteentlassen werden. Für die nächste Woche ist auch die Entlassung der Steuerleute in Aussicht genommen. Eine derartige Kalamität ist seit Menschengedenken noch nicht dagewesen. Selbst unter den günstigsten Bedingungen können Wochen vergehen, bevor an eine Wiederaufnahme der Güterbesörde- rung nicht bloß auf der Elbe, sondern auch auf der Oder und auf dem Rhein zu denken ist. Da die Bootsleute ein Monatsheuer von durchschnittlich 80— 90 M. haben, kann man sich einen Begriff davon machen, wie sehr das an sich schon vorhandene Elend in Schiffer- kreisen durch die Wasscrnot noch an Umfang zunehmen wird. Selten ist so drastisch bewiesen worden, wie jetzt, daß die Löhne der Schiffer usw., wie es die Organisation verlangt, mindestens so hoch sein müssen, daß die Arbeiter derartige unfreiwillige„Ferien" ohne harte Einbuße am Einkommen überstehen können! Natürlich partizipieren an diesen traurigen Zuständen auch die Mannschaften der Schleppdampfer, für die es jetzt ebenfalls nichts zu thun giebt. DaS Daniederliegen der Schiffahrt hat naturgemäß zu einem bedeutend gesteigerten Verkehr auf der Eisenbahn geführt. Aus den Kohlenzentren gehen täglich eine Menge Extrazüge nach den größeren Jndustrieorten ab, da auf dem Wasserwege Kohlen überhaupt nicht mehr befördert werden. Dasselbe ist mit sämtlichen Kaufmannsgütern der Fall.— Somit steht die Schiffahrt vor einer großen Krise, von der nur zu wünschen ist, daß sie nicht zu viel Existenzen vernichtet. Das ist aber nur möglich, wenn aus den Quellengebieten der Flüsse bald bessere Nach- richten einlaufen. Zur Zeit ist leider wenig Aussicht vorhanden. Tic Miingstcner Brücke wird gegenwärtig gestrichen. Es ist ein eigenartiger Anblick, die Leute in schwindelnder Höhe unter den mächtigen Eisenbogen arbeiten zu sehen. Oft genug sehen die Spaziergänger aus dem Müngstener Thal und den Dorper Anlagen hinüber zu den Anstreichern, und manchem von jenen drängt sich un- willkürlich die Frage auf:„Was mögen die Leute wohl verdienen?" — und dann kommt der Nachsatz:„Wenn ich das machen sollte, ich müßte so und so viel dafür bekommen!" Dabei wird dann ein Tagelohn genannt, der so hoch ist, daß daran kaum ein organisierter Arbeiter zu denken wagt, und wie ihn ein biederer Arbeitgeber nur in schrecklichen Träumen sieht.— Zu diesem Kapitel wird uns ge- schrieben:„Die Verhältnisse der Anstreicher an der Müngstener Brücke lassen die organisierten Kollegen Solingens nicht zur Ruhe kommen. Die Firma Gebr. Jäger in Kostheim bei Mainz stellt nämlich für diese gefährliche Arbeit teils gelernte, teils ungelernte Arbeiter ein, welch letztere 37— 45 Pf., erstere sogar den horrenden Lohn von 42 bis zu 55 Pf. pro Stunde(für einige besondere Leuchten der Brücken- anstreicherei) verdienen. Von einem prozentualen Äuffchlag auf den normalen Stundenlohn, wie er bei derartig schweren Arbeiten üblich und ganz am Platze ist, kann hier also keine Rede sein. Die Arbeit wird noch gefährlicher durch die zwölf Stunden dauernde lange Ar- beitszeit. Zu beachten ist auch, daß bei Brückenarbeit auch die Gefahr, von Vergiftung durch Farben ereilt zu werden, besonders groß ist. Zu alledem kommt noch, daß sogar die Gerüste zu wünschen übrig lassen. Die Bodenbretter liegen viel zu weit auseinander, was keine Kleinigkeit ist, zumal die ungelernten Arbeiter derartige gefähr- liche Arbeitsstätten weniger gewohnt sind."— Die Schilderung zeigt so recht, wie sehr Staat und Gemeinde— in diesem Falle ist es die Eisenbahnverwaltung— verpflichtet sind, bei Vergebung von Ar- betten an Privatunternehmer durch Vertragsklauseln auf die June- Haltung ordentlicher Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu dringen. Aber so etwas giebt es noch nicht,— �um Teil deshalb nicht, weil die Arbeiter zu wenig Interesse für ihre Organisation haben l DaS Eisenbahnunglück von Midvale-Wanaquc. Ungefähr um dieselbe Stunde, um welche die lutherische Geistlichkeit Deutsch-New forkS am Massengrabe der unbekannten Opfer der„Slokum"- atastrophe auf dem lutherischen Friedhofe in Middle Village of Long Island eine ergreifende Trauerfcier veranstaltete, der viele Tausende beiwohnten, wurde, wie bereits telegraphisch gemeldet worden das Deutschtum abermals von einem furchbaren Unglück be. troffen' das wiederum auf grobe Fahrlässigkeit zurückgeführt werden muß. Der erste Plattdütsche Klub Hobokens hatte für den 10. Juli einen Sonntagsausflug nach Greenwood Lake geplant. Etwa tausend Personen, fast ausschließlich Deutsche, waren in den 12 Wagen des Sonderzuges untergebracht, den die Eisenbahn gestellt hatte. Bei Midvale-Wanaque, 34 Kilometer hinter Hoboken, hielt der Sonder- zug an, um Wasser einzunehmen. Während dies geschah, fuhr der wenige Minuten später abgelassene fahrplanmäßige Zug, gleichfalls nach Greenwood Lake bestimmt, und, wie der Sonderzug, mit zwei Maschinen bespannt, auf den Sonderzug auf, wobei die letzten beiden Wagen ineinandergeschoben wurden. 17 Personen, Kinder, Frauen und Männer, fanden dabei den Tod, und mehr als 30 trugen Ver- letzungcn davon. Der Kessel der ersten Maschine des zweiten Zuges explodierte, und die Trümmer, unter denen Tote und Verwundete meist festgeklemmt waren, drohten von den glühenden Kohlen der Seizanlage, wie das in solchen Fällen häufig geschieht, Feuer zu sängen, doch gelang es den Ueberlebenden, die emporzüngelnden Flammen zu ersticken. Einige der Opfer waren geköpft, andern war der Rumpf förmlich entzwei geschnitten. In das Wehklagen der Verwundeten, die mit unsäglicher Anstrengung befreit wurden, mischten sich Verwünschungen gegen einen Maschmisten, ausgestoßen von einigen Milizsoldatcn, die zufällig Augenzeugen der Katastrophe waren. Die Soldaten versuchten, den Maschinisten, der wahrscheinlich schuldlos ist, mit einer Axt zu erschlagen, doch gelang es dem Manne, nach dem nahen Walde zu entkommen. Nach der Erklärung der Bahngcsellschast hatte der Wärter im Signalturm verabsäumt, das Blocksignal vorschriftsmäßig zu geben. Oldenburg, 22. Juli. Hier ist der T h p h u S ausgebrochen, bis sind jetzt 38 Fälle vorgekommen, von denen 3 tödlich verliefen. Man fübrt das Ausbrechen der Krankheit auf den niedrigen Stand des Grundwassers zurück. Auf Anordnung der Behörden sind in den Vor- städten 12 Brunnen geschlossen worden. Höfheim(Taunus), 22. Juli. In der vergangenen Nacht drangen Einbrecher in das hiesige Stationsgebäude und entwendeten den Kaffenschrank, den sie auf dem Sationskarren fortfuhren. Der Kassenschrank enthielt außer Papieren 300 M. in Briefmarken und 100 M. in bar. Mainz. 22. Juli. Auf einem Felde bei Höchstheim wurde in der vergangenen Nacht ein Strohhaufen böswillig in Brand gesteckt, wodurch auch die noch stehenden Früchte, sowie verschiedene Wirt- schaftsgeräte, darunter eine Dreschmaschine, eingeäschert wurden. Der hierdurch entstandene. Schaden wird auf 20 000 M. geichatzt. Ein auf dem Felde übcrnächtigender Arbeiter Namens Oswald Kolano aus Wien erlitt lebensgefährliche Brandwunden. Zell am Harmersbach, 22. Juli. � Hier brach nachts eine Feuers- brunst aus, durch die in wenigen Stunden 18 Gebäude eingeäschert wurden; etwa 40 Familien sind obdachlos. Der Schaden wird auf mehrere hunderttausend Mark geschätzt. Tie Ursache des Brandes ist unbekannt. Nr. 171. 21. Jahrgang. 2. SkilM des Jurmitlü" ßnlintt KMM, Zonnabend, 23. Juli 1904. Zur Aerztefrage. Erwideneng ans dir gestrigen Ausführungen Dr. Zeplers. Die angeblichen Widersprüche und der vollendete Nonsens, die Dr. Zepler in unsrer Notiz gefunden haben will, existieren nur in feinem 5iopfe. Was eine angemessene Honorierung der ärztlichen Einzelleistung ist, das zu zeigen, ist nicht unsre Aufgabe, sondern die der Aerzte, welche die Bezahlung des Arztes nach Einzelleistungen für daS allein richtige und die feste Anstellung des Kassenarztes für standesunwürdig halten. Wir können es nicht zeigen. Die Er- fahrung, daß es bei ernsten Streitigkeiten niemals zu einer Einigung darüber kommen, niemals ein allgemein gültiger, unanfechtbarer Magstab dafür gefunden werden kann, welche Honorierung der Einzel- Icistung angemessen, das heigt der Leistung angemessen ist, ist einer der Gründe, die uns in unsrer Beurteilung der Frage bestimmt haben. Der Wiesbadener Fall ist ein schreiendes Beispiel dafür, daß die Aerzte selbst darauf verzichten, ihre Honorierung nach der Leistung zu bemessen und deswegen haben wir den Fall durch unsre Bemer- kungen unterstrichen. Auch Dr. Zepler verzichtet auf die Bemessung des Honorars nach der Leistung, und es sollte uns auch verlangen zu hören, wie er z. B. die ärztliche Verantwortung in schweren Fällen und das von ihm selbst hervorgehobene Risiko an der Ehre in jedem einzelnen Fall genau in Geld auszudrücken vermöchte. Daraus er- giebt sich dann allerdings die Zahlungsfähigkeit deS Patienten als einzig möglicher Magstab. Wenn Dr. Zepler das„standeswürdig" findet, so ergiebt sich daraus nur eine Verschiedenheit der Auffassung von Standeswürde, die wir bedauern und recht gern dadurch ändern möchten, daß wir den andern Teil zu unsrer Auffassung bekehren. Dr. Zepler hat darin ganz recht, datz es augerhalb der Kassen- Praxis zur Beseitigung des von uns als unwürdig bezeichneten Zu- standes keinen andern Ausweg giebt, wie die Verstaatlichung, viel- leicht auch Kommunalisierung der Aerzte. Das kann gewiß unter den bestehenden politischen Zuständen manche Schattenseiten haben, aber bekanntlich fordert unser Parteiprogramm in Punkt 9 Unentgeltlich- keit der ärztlichen Hilfeleistung und das kann nur dadurch erreicht werden, daß der Arzt von Staat oder Gemeinde besoldet wird. Von »socialer Fürsorge für die Kommerzienräte" ist das socialdemokratische Programm wohl nicht diktiert. Was sich aus diesem von unserm Programm geforderten Zu- stände für die Aerzte an Vorteilen ergäbe, das könnte bei den 5tranken- lassen sehr leicht durch feste Anstellung der Aerzte erreicht werden. Was Dr. Zepler über die Ausbeutung der festangestellten Aerzte und ihre unwürdige Stellung sagt, sind ganz unbewiesene Behauptungen. Sollte Dr. Zepler Beweise dafür zu bringen versuchen, so werden wir ihm zahlreiche Beweise für das Gegenteil und zahlreiche gegenteilige Behauptungen von Aerzten entgegenhalten. Wenn Dr. Zepler von ärztlichen Monopolen redet, die durch die fest« Anstellung geschaffen werden, so verweisen wir auf die durch zahlreiche von uns veröffent- lichte Beispiele schon bewiesene Thatsache, daß bei der freien Arztwahl erst recht Monopole entstehen. Bei jeder Kasse mit freier Arztwahl g'ebt es Aerzte, die viele Tausend Mark, und solche, die nur einige Groschen von der Kasse beziehen. Die angeblich schlechte Behandlung der Kranken durch den fest angestellten Arzt, von der Dr. Zepler redet, existiert nur dort, wo zu wenig Aerzte angestellt sind und wo die Versicherten nicht die aus- schlaggebende Rolle in der Verwaltung spielen. In Betriebskassen, wo der Arzt im Dienste des Unternehmers steht, und in ähnlichen andern Kasseneinrichtungen, da sind allerdings die kranken Kassen- Mitglieder oft nur ein lästiges Objekt und müssen sich vielfach vom Arzte so behandeln lassen, wie sie sich in der Fabrik vom Unternehmer behandeln lassen müssen. Wenn die Mitglieder solcher Kassen die freie Arztwahl als einziges Abwehrmittel gegen schlechte Behandlung fordern(das übrigens auch nur in größeren Städten wicksam ist, wo genug Konkurrenz unter den Aerzten besteht), dann ist die For- derung als Mittel zum Zwecke nur zu billigen. In Kassen jedoch, die von den Mitgliedern selber verwaltet werden, haben diese auch bei fester Anstellung der Aerzte alle Mittel in der Hand, sich eine gewissen- hafte und humane Behandlung zu sichern. DaS muß immer unterschieden werden und das bestimmt unser Verhalten: Wir halten es vom socialistischcn Gesichtspunkte aus für richtig, den Arzt zum angestellten Beamten zu machen, aber Voraus- setzung für socialistische Einrichtungen ist uns immer die demokratische Selbstverwaltung und das Selbstbestimmungsrecht der Beteiligten; auf die Kassen angewendet heißt das, die Versicherten sollen selbst be- stimmen können, welches ärztliche System sie wünschen; wo aber die Versicherten die Kasse selbst verwalten, da sind nach unsrer Ueber- zeugung alle Vorteile für die Kassen als Ganzes und für die Ver- sicherten als einzelne bei dem System der fest angestellten Aerzte. Und die Aerzte haben davon keinen Schaden. Wir haben das vft genug auseinandergesetzt und müssen dafür auf Früheres ver- Iveisen. Eben das müssen wir auch thun gegenüber der Bemerkung Dr. Zeplers:»Ja, wenn die Kassen in der Lage wären, alle Aerzte. die es wünschen, fest anzustellen." Wir verweisen dem gegenüber auf frühere Darlegungen über die Zahl der notwendigen Aerzte, über die Vermehrung der Aerzte usw. Wem das alles umsonst gesagt worden ist, dem ist auch durch die Wiederholung nicht gedient. 5. Gkneralversammlung des Nereins der Lithographen) Zteiudrucker und Kerufsgenosseu Deutschlands. Dresden, 21. Juli. Vormittags-Sitzung. Die Debatte zum Punkt„Presse" wird fortgesetzt. Nach längerer Debatte giebt Leinen(Preßkommission) in seinem Schlußwort Aufklärung über verschiedene Beschwerdcfälle. Die Prehkommission habe feststellen müssen, daß die vorgekommenen Fehler des Redakteurs nur auf dessen Ueberlastung zurückzuführen seien. Die Verlegung der Prehkommission an den Ort der Redaktion sei nicht zu empfehlen. Nach dem Schlußwort Obiers(Redakteur) wird beschlossen, den Posten von jeder Verwaltungsthätigkeit zu trennen und Obier nur als Re- dakteur zu beschäftigen und anzustellen. Beim Punkt„Graphische Presse" kommen nur fachtcchnstchc Momente zur Sprache. Ueber „Tarifbewegungen rciericrt S a h m. Infolge der im Berufe vor- handenen Schleuderionkurrenz hätten die Gehilfen mit den Unter- nehmern ein gewisses gemeinsames Interesse am Abschluß von Tarif- Verträgen. Diese durchzuführen sei aber nur möglich, wenn auf beiden Seiten ausreichend starke Organisationen vorhanden seien. Der Lehrlingszüchterei sei man auch mit Erfolg entgegengetreten. Um die Lohndrückerei durch die Ueberläufer aus einem Beruf in den andern zu beseitigen, sei beschlossen worden, diese Kollegen zu veranlassen. nur Stellung durch den Arbeitsnachweis der Gehilfen zu nehmen. Leider sei dieser Beschluß von den Kollegen von Berlin l nicht gehalten worden. Bei den großen Hindernissen, die hätten über- wunden werden müssen, tonne man mit dem, was durch die Tarif- bewegung erreicht worden sei, vorläufig zufrieden sein.(Bravo.) Sillier(Borsitzender) kritisiert scharf die Münchener Kollegen, die sich den Tarifbeschlüssen nicht gefügt haben. Wenn in dieser Beziehung überhaupt etwas erreicht werden solle, sei es in erster Linie nötig, daß die Kollegen selbst für die-Durchführung von Tarifen Sorge trügen. Auch ein großer Teil von Firmen habe den Tarif noch nicht anerkannt. Gegen diese müßte ganz energisch Stellung genommen werden. Die Schädlichkeit des Prämiensystems sei bekannt, aber seine Beseitigung sei erst dann möglich, wenn der Tarif überall durch- geführt sei. Für die Chemigraphen habe leider noch kein Tarif durch- gesetzt werden können, tvcil diese Kollegen bezüglich der Organisation so wenig Interesse zeigten. An dieser traurigen Thatsache trage be- sonders mit Schuld das Sondervcrbändchen der Chemigraphen mit seinen Svv Mitgliedern. Der Verband sei bereit, gegen die Schmutz- konkurrenz im Beruf die Offensive zu ergreifen, aber daraus müßten auch die Arbeitgeber ihre Konsequenzen ziehen. Diese drohen dagegen mit einem Kampf gegen die Arbeiter. Nun, man werde diesen auf- nehmen, wenn es eben nicht anders möglich sei. In diesem Sinne bittet Redner um Annahme einer hierauf bezüglichen Resolution. (Bravo I). Nachmittags-Sitzung. In der Debatte über die gehaltenen Referate versucht Wengler- Berlin das Vorgehen der Berliner in der Tarif- bewegung zu rechtfertigen. Marquart- Leipzig rügt das Verhalten der Münchener, die nicht einmal de,. Tarif im Princip anerkennen wollen. K o sk o- Leipzig: Nur bei einer starken Organisation sei eine Tarifgemeinschaft möglich. Er schildert die Schwierigkeiten zu ihrer Einführung in Leipzig und tadelt gleichfalls das Verhalten der Münchener, das auch den andern Orten die Arbeit erschwere. Die Tarifgemeinschaft habe sich in Leipzig gut bewährt, ganz besonders zur Eindämmung der Lehrlingszüchterei. Dreßler- Berlin meint, daß der Lichtdrucker-Tarif die Lage der Lichtdruckcr nur verschlechtert habe. Der Heimarbeit sei gar nicht darin erwähnt. Dabei giebt es in Berlin Retoucheure, die aus den Geschäften noch Arbeit mit nach Hause nehmen und zu Hause mehr wie noch einen Wochenlohn verdienen. Das beste sei, den Tarif ganz fallen zu lassen. S ch u b e rt- München schiebt die Schuld an der Münchener Animo- sität gegen den Tarif dem Vorgehen des Centralvorstandes zu. Tischendörfer bestreitet, daß irgendwie in der Tariffrage Mut- losigkeit eingerissen sei. Die Tarifgemeinschaft wieder aufzuheben, davon könne nicht die Rede sein Bei den Buchdruckern habe man auch erst mit verhältnismäßig wenigen Geschäften angefangen. Si l l i e r giebt den Lichtdrucker-Kollegen selber die Schuld, wenn es bei ihnen nicht vorwärts gehe. Die große Menge der 5dollegen stehe mit Ausnahme einiger Querköpfe zweifellos auf dem Boden der Tarifgemeinschaft. Es wird dazu folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die S. Generalversammlung des Verbandes der Litho- graphen, Steindrucker und Bcrufsgenossen Deutschlands bedauert auf das lebhafteste den Beschlutz der Generalversammlung des Vereins der deutschen Steindruckereibesitzer zu Frankfurt a. M., in Verhandlungen über tarifliche Vereinbarungen mit uns nicht ein. zutreten. Sie erblickt in diesem Beschluß aber kein Hindernis, weitere Schritte zur Herbeiführung einer Tarifgemeinschaft zu unternehmen. Die Generalversammlung beauftragt deshalb Vor- stand und Ausschuß ihres Vereins, die weitere Verfolgung dieser Angelegenheit energisch in die Hand zu nehmen. Ohne Zustimmung des Vorstandes und Ausschusses dürfen Schritte einzelner Orte nach dieser Richtung nicht unternommen werden." Eine weitere angenommene Resolution lautet: „Die Generalversammlung vertritt die Ansicht, daß bei Ab- schlüssen von Central-Tarifen sich alle Kollegen zu fügen haben und fordert die Münchener Lichtdrucker auf, mit aller Kraft für den Tarif einzutreten." Ueber die GefundheitSschädlichkeit der Arbeit in keramischen Druckereien referiert G i l l n e r- Frei- bürg i. B. Eingehend schildert er die Gefahren der Staubentwicklung in diesen Betrieben, für die ein schärferer Schutz unbedingt verlangt werden müsse. Bleikrankheit und Blcikolik, starke Abmagerung und Kräfteverfall seien die Folge der gesundheitsgefährlichen Arbeit in den Betrieben. In einer kurzen Debatte, an der sich u. a. Schmidt, Obier, Mössinger beteiligen, werden die Ausführungen des Referenten noch ergänzt und dann einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die 5. Generalversammlung erkennt eine größere Gesund heitsgefahr für die in keramischen Druckereien beschäftigten Per sonen an und beauftragt den Hauptvorstand: 1. genaues statistisches Material über die Arbeitsweise in keramischen Druckereien zu sammeln; 2. festzustellen, in welchen und in wieviel Betrieben die äußerst schädlichen Staubfarben mit der Hand, also ohne Anwendung von Maschinen oder sonstigen technischen Verbesserungen, verarbeitet werden; 3. festzustellen, welcher Art die Verhütungsmaßregeln(Ben- tilatoren, Schutzkleidung und dergl.) sind; auch, ob die Reinlichkeit genau beobachtet wird und ob Seife und Handtücher in geeigneter Weise geliefert werden; 4. Umfrage zu halten über die aus dieser Berufsthätigkeit resultierenden Krankheiten, wie Bleikolik, Bleivergiftung und alle andern damit zusammenhängenden Erscheinungen. Hierbei sind die Krankenkassen in ihrem eigensten Interesse um ihren Beistand zu ersuchen: S. das aus vorgenannten Positionen, insonderheit aus Punkt 4 sich ergebende Material als Petition zu verarbeiten und solche dem Bundesrate zu unterbreiten, damit dieser die Verordnung vom 31. Juli 1897 auf alle Steindruckereicn ausdehnt und für Druckereien, die keramische Artikel erzeugen, der erhöhten Gefahr wegen bedeutend verschärft, dieselben als gesundheitsschädliche Be- triebe kennzeichnet und für dieselben§ 139a der Gewerbe-Ordnung Anwendung findet, wonach Personen unter IS Jahren in diesen Betrieben nicht beschäftigt werden dürfen." Ueber den Internationalen Kongreß referierte Sillier und befürwortet warm die Aufrechterhaltung der inter- nationalen Beziehungen, wenn auch manches bemängelt werden müsse, so besonders die mangelhafte Berichterstattung des Internationalen Sekretariats über ausländische Lohnbewegungen. In der Debatte wird von einem Delegierten die Unkollegialität der französischen Be- rufsgenossen gerügt. Zu dem nächsten internationalen Berufskongreß werden Sillier, Hoch und Sahm delegiert. Rieß- Nürnberg sprichr über den Gewerkschafts- Kongreß und empfiehlt die Einbeziehung der Maifeier- Frage in die Tagesordnung des nächsten Kongresses. Mit dem Verhalten der Delegierten des verflossenen Kongresses in der Frage der Neutralität ist Redner nicht einverstanden. Doch habe ja die Versammlung schon ihr Urteil darüber gesprochen. Tischen- d ö r f e r bespricht in erregter Weise die ihm gemachten Vorwürfe, daß er an zwei Tagen den Gewerkschafts-Kongretz vor Beendigung der Tagung verlassen und protestiert gegen eine derartige Schul- meisterei und Kleinigkeitskrämerei. Er tritt für die Einrichtung gewerkschaftlicher Unterrichtskurse ein. G i l l n e r wünscht die Frage der Gründung einer deutschen Frauen-Zeitung mit auf die Tages- ordnung des nächsten Kongresses tzesctzl, da die„Gleichheit" den meisten Frauen zu hoch geschrieben sei. Mössinger erwartet eine Stellungnahme des Gewerkschafts-Kon�resses zu dem neuerdings be- liebten Vorgehen der Unternehmer bei Streiks und Aussperrungen. Gegen die von einem Delegierten verlangte Entsendung der Dele- gierten mit gebundenen Mandaten für die Beibehaltung der bisherigen Form der Maifeier wendet sich scharf Rob. Schmidt(General- kommission). Dann solle man diese auch gleich beauftragen, für die allgemeine ArbeitSruhe zu sorgen. Die Halbheit müsse aufhören. Auf absehbare Zeit sei eine Durchführung der Arbeitsruhe am 1. Mai nicht möglich. Nur der bessergestellte Arbeiter könnte feiern, während der arme Kuli weiter schuften müsse. Es sei auch endlich Zeit, zu be- tonen, daß wir uns nicht länger von den andern Nationen an der Nase herumführen lassen wollen. Die Herren Franzosen, Engländer usw. beschließen die Maifeier, scheren sich aber den Teufel um deren Durch- führung. England mit seinen starken Gewerkschaftsorganisationen sei sehr wohl in der Lage, den 1. Mai zu feiern. Statt dessen lasse es tage- und wochenlang den Betrieb ruhen, um die Preise der Kohlen oder Baumwolle zu steigern. Er sei keineswegs gegen die Maifeier an sich, sondern nur gegen die Arbeitsruhe. Sie könnte ja am Abend des 1. Mai würdig begangen werden. Jetzt arte oft bie Maifeier zu dem reinen Klimbim aus, der mit der Würde der Feier nicht im Einklang stehe. Obier- Leipzig protestiert dagegen, daß die Mai- feier zu Klimbim ausgeartet sei. Daß die Arbeitsruhe nicht durch- führbar sei, davon sei auch er überzeugt. Es wird nach einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Tischen- dörfer und Rietz über die Thätigkeit des ersteren auf den verschiedenen Kongressen der Antrag angenommen, die Besprechung der Maifeier- Frage auf dem nächsten Gewerkschafts-Kongretz zu beantragen. Auf Vorschlag werden Vorstand und Ausschuß beauftragt, je einen Dele- gierten zu entsenden, außerdem werden Lange und Mössinger zu Delegierten bestimmt. Es wird eine aus Haß- Berlin. Lernen- Dresden, Billmann- Nürnberg, Sahm- Berlin, Kosko- Leipzig. Hörlitz- München und Hicgling- Dresden bestehende Statutenberatungs-Kommrssion ein- gesetzt. Ueber den Heimarbeiters chutz-Kongreß spricht C z e ch- Leipzig und kritisiert das Verhalten der Hirsch-Dunckerschen und christlichen Organisationen, die die Beschickung des Kongresses unterließen, weil er angeblich von der Socialdemokratie einberufen worden sei. Ebenso ablehnend hätten sich die bürgerlichen Parteien verhalten, nur zwei Mitglieder der Freisinnigen Vereinigung seien zugegen gewesen. Anzuerkennen sei dagegen, daß die socialdemo- kratische Fraktion sich durch 20 Mitglieder vertreten ließ. Redner bespricht eingehend die Schäden der Heim-Fndustrie im graphischen Gewerbe, besonders die Privat-Lithographie als das Grundübcl im Beruf bezeichnend.(Bravo I) Nach einer längeren persönlichen Auseinandersetzung zwischen Tischcndörfer und Rieß— im Ausschußbericht war mit Bezug auf Tifchendörfer. von Mandatsjägerei gesprochen— und nach kurzer Debatte wurde eine Resolution angenommen, die vom Vorstand die Anlegung einer Statistik über die in der Privat-Lithographie be- schäftigten Gehilfen und Lehrlinge verlangt. Heute abend folgen die Delegierten einer Einladung des Konsum- Vereins„Vorwärts" zur Besichtigung seines Betriebes. Marktpreise von Berlin am 21. Juli. Nach Ermittelungen� des kgl. Polizel-PräsidiumS. Für 1 Doppel-Ccntner: Weizen**), gute Sorte 17,40-17,39 M., mittel 17,38-17,37 M.. gering- 17,36-17,35 M. Roggen"), gute Sorte 13,65—13,64 M., mittel 13,63-13,62 M.. geringe 13,61-13,60 M. Futtergerfte*), gute Sorte 14.60-13,60 M.. mittel 13,50 bis 12,60 M.. geringe 12,50-11,60 M. Haser*), gute Sorte 16,00-15,30 M., mittel 15,20-14,50 M., geringe 14,40-13,70 M. Erbsen, gelbe, zum Kochen 40,00-28,00 M. Spcisebohncn, weiße 50,00-26,00 M. Linsen 60,00-25,00 M. Kartossein, neue, 12,00—8,00 M. Richtstroh— ,— M. Heu— M. Für 1 Kilogramm Butter 2,60—2,00 M. Eier per Schock 3,80—2,40 M. *) Frei Wagen und ab Bahn.") Ab Bahn. Wasserstand am 21. Juli. Elbe bei Aussig— 0,72 Meter, be! Dresden— 2,18 Meter, bei Magdeburg-h 0,13 Meter.— Unstrut bet Straußsurt-s- 0,90 Meter.— Od er beiRatibor-s- 0,54 Meter, bei Breslau Ober-Pegel-s- 4,l8 Meter, bei Breslau Unter»Pegel.— 1,80 Meter, bei Franksurt-s- 0,26 Meter.— W e I ch s e l bei Brahcmünde+ 1,84 Meter.— Warthe bei Posen— 0,14 Meter.— N e tz e bei Usch+ 0,26 Meter. WitterungSUberstcht vom ZZ. Juli 1904, morgen« 8 Uhr. Etattonen Swlncmde. Hamburg Berlin Franks.a.M. München Wie» B S af L g S g S §■2 o 5 g— 763 764 WRW 764 j Still 764 S 766 W 762 WNW Wetter «S n � II g» 1 heiter 2wolkig - halb bd. 2wolkcnl 3 heiter ilDunst SlatioNt» C= 85- ■2 g taparanda 758 N eterSburg 751NW Cork Aberdeen Paris 763 ONO 765 NO WeUer 4 beb eckt 1 wolkig Ichedeckt 2.wolkcnl »s: s 5» ä. II Wfa 11 10 12 20 Wetter-Prognose für Sonnabend, de» 33. Juli 1994. Warm und schwül, vorwiegend heiter und trocken bei schwachen süd- westlichen Winden. Berliner Getterbureau. BHefharten der Kedahtion. Jurilrileber Cell. Sit(»rlsttsche epr«chft»iid/, diS»>/, Illir abendS statt. Geöffnet: 7 ltlir. ®. H. Nach Ihrer Schilderung sind Sie Gewerbcgchllse. Demnach ist daS Gewerbcgericht zuständig. Sollte Ihr uns nicht vorgelegter Verlrag ergeben, daß Sie nicht Büffeitter, sondern GeschäftSjührer sind, so könnten Sie als Handlungsgchilse erachtet werden. In beiden Fällen ist der Z 10, der dem Chef das Recht jederzeitiger Entlassung einräumt. Ihnen aber eine Frist vorschreibt, ungültig. Ihnen stände als Gcwcrbegehilse eine vierzehntägige, als Handlungsgehilfe eine scchswöchentliche KündigiingStrist zum QuartalScrsten zu. Klagen Sie beim Gewerbcgericht.. Weist dies wegen Zuständigkeit bei Amtsgerichts ab, so tlagen Sic erst nach einem dahin gerichteten Urteil beim Amtsgericht.—?). 7. Ja. — K. 34. Ihre Frage ist bereits in der Nummer voin 13. Juli beantwortet. Ihre Karte zeugt von überflüssigem Mangel an Aufmerksamkeit und Rücksicht.— OK R. Eine bestimmte'Anzahl ist für lein Regiment vor- geschrieben. Wollen Sie dort als Einjähriger eintreten, so melden Sie sich bei dem betreffenden Regiment.— Kr. 1999. Ein solcher Erlaß ist nicht veröffentlicht, existiert nicht.— C. W. 34. Ihre Schwester soll schleunigst aus vollen Unterhalt für sich und ihr Kind klagen und ferner unter Dar- Icgung des Sachverhalts beim Amtgerlcht beantragen, ihr zu gestatten, gelrennt vom Ehemann zu leben.— O. O. 7. Ja: ein im Jahre 1890 gegebenes Darlehen verjährt erst im Jahre 1920.— W. S. Unbekannt. — Landwirt 99. 1. Solche Auslunstsstellen giebt es nicht. 2. Ihr Bruder ist nicht steuerpflichtig.— OK K. 199. Beides ist möglich: für die Qualität eines Weges als eines öffentlichen sind in den einzelnen Orten sehr verschiedenartige Boraussetzungen entscheidend.—®. B. 59. Wenn Sie Grund zu der Annahme haben, das Testament sei nicht das Ihres Bruders, so lehnen Sie die Zustimmung ab. Welche Wege in cincr ErbschaslZ- fache einzuschlagen sind, ist ohne genaue Kenntnis des Falls nicht zu sagen. — Schulze 315. l. Die Herrschaft hat in Ihrem Falle über den 1. August hinaus nichts zu zahlen und kann von dem in die Krankhcltszeit fallenden Lohn bar verauslagte Kurkosten abziehen. 2. Rechtlich verpfllchlet ist dem Kranlenhause gegenüber nur Ihre Stieftochter und Ihre Frau, nlwt Sie.— Dortmnnd 5. l. Eine Klage hat leider, da Sic abgerechnet hatten, wenig Aussicht aus Ersolg. Zuständig wäre das Amtsgericht. 2. Ja. 3. Etwa 10 M. 4. Ja.— B. W. 79. Eine andre Kasse Ihnen zu cmpschlen sind wir nicht in der Lage.— F. D. Bitte zu wiederholen. — P. OK 79. Rein; nur das hiesige Standesamt ist zuständig.— F. stf. 1. Jede Gemeinde hat besondere Stcnerordnungen. Wir kennen die für Sie geltenden nicht; Sie erfahren dieselben auf dem Gemeindebureau. 2. Ja. 3. Nein, Sie können aber pfänden lassen.— Kirchensteuern. Ja.— Visen. Der Vertrag wäre rechtsgültig i die Kündigung ist in Ordnung.— N. 51. Bestrafung mit Zuchthans befreit den Bcstraslcn keineswegs von Steuerzahlung.— R. 17. 7. 94. Ein Anspruch aus Penston u. dergl steht dem Betroffenen leider nicht zu.—«. E. 1. u. 2. Können Sie in der von Ihnen angestellten Klage den Ehebruch nicht nachweisen, so sind Sie abzuweisen. 3. Die Polizei kann einschreiten, wenn das Zusammenleben '"entlichcS AeraerniS erregt. 4. Erkundigen Sie sich bei einem Vogclhändler — St. S., Rixdorf. März 1890. Das Interesse für Geschichte und gc- schichtliche Ereignisse wird dadurch abgestumpft, daß man einzelne Ereignisse ohne Zusammenhang mit der Gesamtgeschichtc heraushebt. Die Stellung Ihrer �rage zeigt, daß Sie sich auf diesem falschen Wege besinden. Die össent- lichen Lesehallen, insbesondere die in der Mcxandrinenstr. 26, geben Ihnen reichliche Gelegenheit, Ihr Wissen zu erweitern und zu sestigen. Machen Sie von dieser Gelegenheit ausgickigen Gebrauch. Auch die Bibliothek des polt- tischen und des gcwerkschastlichen Arbeitervereins, dem Sie angehören bietet Ihnen reichliche Gelegenheit zur Erweiterung Ihrer Kenntnisse über den Zusammenhang der Dinge.— Belle> Alliauceftr. 39. Spielen in a»s- wärtigen Lotierien wird in Preußen seit Meiischengedenlen mit Geld- strase bedroht.— St. L. Dt- Vorausschungen zum Gemeinde- Wahlrecht sind völlig andre als die zum Reichstags- Wahlrecht. — OK S. Spieler, die abstchilich Karten falsch mischen oder abheben oder zinken oder sonst unreell spielen, sind, falls nicht etwa von den Spielern ausdrücklich mogeln sür erlaubt erachtet ist, wie jeder andre Betrüger wegen Betruges strasbar.— M. 79. Ist die Krankheit Folge eines Betriebs- Unfalles, ja, sonst nein.— A. N. 8. Wenn Sie die fchristliche Erlaiibuls des Jagdbcrechtigten und des GrnndstücksbesitzerS zum Fangen wilder Kaninchen haben, so können«ie diese fangen. In den meisten preustischen Orten ist durch gültige Polizcivcrordnungen sonst das Fangen mit Strase belegt.— Unfall 59. Ja.—©. R. 1. u,•>. Nein, es sei denn, daß es sich um Besuch zu unzüchtigen Zwecken handelt.— Peter K. 1. Ja. 2. Nein. 3. Kein Land ist o e r p s l i ch t e t, die Niederlaslnng von Alls. landern zu gestatten.— 999. Dadurch, daß eine Mutter es ablehnt, dm Vater ihres Kindes zu heiraten, verliert weder sie noch das Kind irgend welche Rechte. Der Vater hat zu zahlen.— R. O. 99. 1 u. 2. Nein. f'iit den Inhalt der Inserate hernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Bcrantwortnng. 'Cheater. Sonnabend, den 23. Juli. Ansang?>/, Uhr: Neues königl. Opern- Theater. Die Fledermaus. Belle-Alliance. Gastspiel von Emil Winter-Thmians in dicsein Genre einzig dastehenden sächsischen 15 Humoristen und Sängern. Zum Schlug: Ein Polterabend- scherz bei Leutnants. Ansang 8 Uhr. Schiller O.(Walliier» Theater.) Undine. Westen. Liebcshandel. Central. Olle Kamellen. Läuschen und RimclS. Hanne Nütcs Ab- schied. Jochen Päsel. Ein kleiner Beamter. Carl Weift. Von Berlin 0. bis zu den Hcrcro. Metropol. Ein tolles Jahr. Apollo. Venus aus Erden. Special!- täten. Ttadt-TheaterMoabit. Großstadt- zauber. Reichshnllc». Gastspiel von Oskar Junghähnels humoristisch. Herren- gescllschast. Passage-Theater. Tarka Semnicloff. Spccialitäten. Ansang 5 Uhr. Urania. Tanbenstrafte 48/tS. Die Weltausstellung in St. Louis. Der Gardasec. Jnvalidenstrafte 57/62. Stern- warte. Täglich gcöfsnet von 7 bis ll Uhr. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Die WeltaussteiluDg in St. Louis. Hierauf: Der Gardasee. Sternwarte St, SS: ANOPTICUM. Friedrichstr. 165. Der anverwüniare . FakirSS Die zusammengewachsenen Schwestern Rosa u. Josefa. Sehiller-Thealer 0. lWallner-Thcater). Morwift-OPer. Sonnabendabend 8 U h r populäre Vorstell, bei halben Preisen: llndlne. Sonntag» ach niittag 3 Uhr bei halbe» Preisen: Die Flodermuns. Sonntagabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötet. Fra Dlavolo. Montagabend 8 Uhr: Die Entführung aus dem Serail. Der Sommergarten ist eröffnet. Stn Garten des Schiller-Theaters dl. täglich grobes»ilitür-Konzert. D lUuu�unuiii Das Dlivenwvib, lebend. Der 16jährige Riosenknabo Der lange Josef 217 clm gross. Ij«»~ Nada und Mncmos, Gedankenleser. Derl-clc heu fand. Aga, die schwebende.Tungfrau. AUes ohne Extra-Entree. Passage-Theater. Tevka Semmeloff russische Tänzerin. »raaiva,japanischeTruppe. Vierzehn erstklass. Nummern. Centrai-Theater 8 Uhr: Einakterabcnd ans FriN Reuters Werken: 1. Olle Kamellen. 2. Lauschen und Riemels. 3. Hanne Nütes Abschied. 4. Jochen Päsel. 5. Bräsigs letztes Stündlein. 6. Ein kleiner Beamter. Emil Richard, kgl. Hosschauspieler, a. G. Morgen und folgende Tage: Die- sewe Vorstellung. HetropoI-IIieater Der psste Erfolg dieses Jahres; • Gr. dramatisch- satirische Kevue in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor HoUaender. Anfang 8 Uhr. Rauchen tiberall gestattet. Etablissement Kuggenhagen Korltzplatz. Täglich von 12—4 Uhr: Mittagstisch. Im groften schattige» Natur- garte» jeden Abend 8 Uhr: Konzert, Dienstags, Donnerstags, Sonntags: Führmann— Waide-Sänger. Sonnabends T_ im Kaisersaal; I«i Ii Za Cirkus Sarrafani. Grössler u. elegantester Zelt-Cirkus Europas. Pferden Bären Löwen. Täglich- ü Apollo-Tlieater, 7'/« Uhr: Or. Gartenkonzert. 8—9«/, Uhr: Das gr. Juli-Specialitäten-Programm. 9'/, Uhr; Tenus auf Erden. Operette von Paul Lincke. Viederauftreten von Robert Steidi. Carl Weiss-Theater. Groffe Franksurterstr. 132. WM- Noch bis zum 31. Juli täglich: Der Weg zum Herzen. Ansang 8 Uhr. Sonntagnachmittag 3 Uhr: Der Weg zum Herzen. Im Garten täglich Vorstellung. Ansang 5'/, Uhr. Heute: Graftes Sommernachtsfest. Sanssouci. Kottbuser Thor— Stat. der Hochbahn Täglich im Garten: Hofkmaims Norddeutsche Sänger. Sonntag, Montag, Donnerstag: Nach der Soiree: Tanz. _ Wochentags haben Vorzugskarten, auch die zu den Theater- abenden ausgegebenen, Gültigteit. Reiehsliallen-Theater. Gastspiel des berühmten Oskar Iunghähnel mit seiner «Wf /p? humoristisch. Herren» Jfmy/ Gesellschaft. Grossartiges, völlig origin. Programm. W Ans. 8 Uhr. ¥ Sonniags 7 Uhr. Beile-Äliiance- Theater. Im Theater abends?>/, Uhr: Iii Wer-Ipzoz Hiiraoristen mit urdrolligem, neuem Programm. Im Sommergarten: fr.voftMoiIiLde�ommmedtM Entree 1 Mark. Täglich Im Garten oder 8aal: Vorsts Korddeutsche Humoristen und Quartett»Sänger. Ans.: Woche 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. kons baden linltigkelt. Eröheis Allerlei-Theater (r. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Heute: Großes Sommerfest. Roircert, Theater, Special! Mi?' 15 neue Diummcm.__ Arbeit bringt Segen.~ Vollsstück mit Ges. in 2'Akt. v. Braune. Sommeruachts-Tanz. Anfang 4«/, Uhr. Entree 30 Ps. W. Noaeks Theater. Direktion: Rod. Dill. Brunnenstr. 16. Großer Premiereu-Abend. Adel und Nadel, oder: Berlin W. und Berlin M. Polksstüik mit Ges. in 2 Akt. v. Leibold. Ansang ti lkhr. Käffeeküche v. Z Uhr ab. Bei s l&r BALI, chlechtem S5 Wetter Vorst, im Saal. Bernhard Bose-Thealer Gesundbrunnen, Badstraffe 58. Zteuto: Grosses Sommerfest verbunden mit Garte» Konzert und THeaterborstelliing. Außerdem das neue Juli-Programm: Elown I-oi»et« dress. Klapperstörche. O. C. Sliields, foni. Jongleur. Powcl und Powel, Excentries am Tranipolin-Barren. Oie kW llüttii Min in 00 Stunilen. Ansang 4'/, Uhr. Entice 39 Ps., numerierter Platz S9 Pf. fiOMl!«Ile U««M TsnnKsg, Äsn 24. Juli, zum l i| ärleiter- am herrlichen Müggelsee bei Friedrichshagen. Anfang früh B ühr. iillets h Person 20 Pf.? gf Der BaHnverkeHr zwischen Friedrichs Hagen— Berlin und umgekehrt ist am Festtage ein 7«/, Minuten-B erkehr, also stündlich 8 Zuge.— Dampferverkehr: Stern-Gesellschast von früh 8 bis 12 Uhr nach Bedarf ab Jannowitz- Brückc und Schlesischcs Thor.— Ab„CafH Alsen", Vor dem Schlcsischen Thor 2: Abfahrt mittags t Uhr, 1«/, Uhr und 2 Uhr.— Ab Michael- Brücke: Dampser„Polarstern" um 2 Uhr, pro Person 35 Pf., Kinder über 6 Jahre 29 Pf.— Borverkaufs-Billets: Ab Stralauer Brücke(Station Kahnt u. Hertzer), früh 7 Uhr find zu haben bei Richter, Wasserthor- straffe 1/2 IV: früh 10«/, Uhr: bei Hackenberg, Maybach-Ufer 5 Ts; nach- uiittags«/.Ii Uhr: bei Ed. Möller, Reicheubergerstr, t6, Restaurant Hübner, Koppenstr. 68, Restaurant Krause, Alcranderstr. 13, Eigarrcngeschäst Franz 5lcller, Torellstr. 2(hier auch zur Abfahrt um 19«/, Uhr), pro Person 39 Ps., Kinder über 6 Jahre 15 Ps.— Ucberfahrt a» der Fähre Friedrichshaaen- Müggelschlöffchcn geschieht mittels Dampfer, 2 Motorhootcn, Dampjsähre (ca. 399 Personen fassend) und 6 Kähnen, pro Person 5 Ps., Kinder sind srei.— Dampser-Zlücksahrten nach Berlin halbstündlich._ 291/19 Jf ax Kliera's Sommer- Theater" Haseniieide 13—15.— Artistische Leitung: Paul Milbitz. Täglieli: Gr. Konzert, Theater- u. Specialitäfen-Vorsteüüng. Jeden Montag: Sommerfest.— Jeden Mittivoch: Die beliebten Kinderfeste.— Jeden Donnerstag: Elite-Tag. Die Käffeeküche ist täglich von 2 Uhr ab geöffnet. 2 hochelegante Kegelbahnen, Würfelbuden, Konditorei,' Blumenstniid�e. In den 8iUen: CTrosser Ball. Flotten-Sehaus Knrflirstcndautm 153/136. Fernsprecher: Amt Wilmersdorf Na. 343. Strassenbahn-Verbindung mit Linien 91, A, T, V, A/E. Täglich zwei Vorstellaug/en, um 4 und 8 Uhr. Sonntags drei Vorstellungen, um 3, 51ll und 8 Uhr. Die Flotte im Frieden und im Kriege. Beschiessung von Port Arthur durch die japanische Flotte. � Vollständig gedeckte Tribüne. � Konzertmusik.# Preise der Plätze für die 8 Uhr-Vorstellung: Mittelloge M. 4,19, Seitenloge M. 3,19, Parkett M. 2,19, I. Platz M. 1,69, II. Platz M. 1,19, Stehplatz 55 Pf.; in den Nachmittags-Vorstellungen: Mittelloge M. 3,19, Seitenloge M. 2,69, Parkett M. 1,69, I. Platz M. 1,19, II. Platz M. 9,85, Stehplatz M. 9,49 inklusive Programm. Zwei Kinder auf nicht num. Plätzen Eintritt auf ein Billet. Die Tageskasse ist von 16 Uhr vormittags an geöffnet. Vorverltaufskarten sind in den durch Plakate kenntlichen Geschäften v. Lioeser& Wolff und im Warenhaus A. Wertheini zu haben. 15/29 nss' Salon-WW 85 Grosso Frankfhrter Strasse IVo. 85. 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Die Beerdigung unsresGenoffen Bennaim Ratlmann findet nunmehr am Sonntag- nachmittag 3'/, Uhr von der Leichenhalle des Emmaus- Kirch- hoses aus statt. 243/19 Die Leiche war von der Staats- anwaltschast beschlagnahmt und konnte die Beerdigung daher nicht stattfinden. Um zahlreiche Betelligung ersuch! Der Borstand. Allen Freunden die traurige I Nachricht, daß mein lieber Mann j und treusorgender Vater, der \ Maurer Richard Trage Jim Alter von 31 Jahren j 18. d. M. durch ruchlose g plötzlich verstorben ist. 1 Die Hinterbliebenen Hedwig Trage und Tochter. Die Beerdigung findet am Sonn- I tag, den 24. Juli, nachmittags 3 21/, Uhr von der Halle des Schöne- Iberger Kirchhofes in der Max- ! straffe aus statt. 5335L UiMemeMeher Waiilvereinj für Schöneberg. Am Montag, den 18. Juli ver- 1 starb plötzlich und unerwartet, durch eine feige That nieder- gestreckt, unser langjähriges Mit- glicd, der Maurer Bichard Trage. Ehre seinem AudenkenE Die Beerdigung findet am s Sonntag, den 24. Juli, nach- mittags 2'/z Uhr von der Leichen- Halle des Schöneberger Fried- Hofes, Maxstraße, aus itatt. Uni zahlreiche Beteiligung der| Mitglieder ersucht 15/29 Ber Vorstand. Centfal-ferhand der Maurer Deutsehiamls. Zweigverein Berlin. Am Montag verstarb unser Kollege, der Maurer Bichard Trage ün den Verletzungen, welche ihm von ruchloser Hand zugefügt waren. ! Die Kollegen werden an ihn als einen der treuesten und besten Kollegen denken. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 24.' Juli, nach- mittags 21l2 Uhr, von der Leichen- halle des Schöneberger Kirchhofs, Maxstraße, aus statt. 144/29 Um re"e Beteiligung ersucht ���Di�Berbaudsleitun�� Gksang-Uerem Freiheit Weste«. Durch feige, ruchlose That wurde unser Sangesbruder 65/11 Bichard Trage im Alter von 31 Jahren plötzlich vom Tode ereilt. Wir verlieren in ihm nicht nur einen treuen Sangesbruder, auch einen treuen Genossen. Sein ruhiges Wesen sowie die Zlusopserung für die Zlrbeitersache sichern ihm bei uns ein dauerndes Andenken. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 24. Juli, nach- mittags 21/, Uhr, von der Halle des Schöneberger Friedhofes in der Maxstraße aus statt. Beul8Cher Buchbinder-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, daß unser Kollege, der Buchbinder Willy Ehting am 19. d. M. plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! �Die Beerdigung findet heute Sonnabendnachmiitag um 5 Uhr von der Leichenhalle des Reinicken- dorser Kirchhofes aus statt. Rege Beteiligung erwartet 24/7 Die Ortsverwaltnng. Todes Anzeige. Am 29. d. M. verstarb meine liebe Frau Klara Hetzel geb. Fränkler. Die Beerdigung findet am Sonn- tag, den 24. Juli, nachmittags 39, Uhr von der Leichenhalle der Eyaritö aus nach dem Charitö- Kirch hos statt. 28S2b vis ti-suermlen Hinterbliebenen. David Hetzel, Prinzen-Allee 91. % W. Zapel Hut-Fabrik, Skalitzerstr. 131. jBBBt Grösstes Special-Geschäft für Seiden- und Filz=Hüte. Lugcr In Schirmen und mutzen."Wi[55678* Deutscfier Metallarbeiter-Verband. Ternaltangsstellc Berlin. Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 3353. Sonntag, 24. Juli, vormittags Punkt 10 Uhr, im Gewerkschaftshanse (Taal 4). Per Cassa von 6 Pfd. an 3 Proz. Sconto und 3 Proz. Jahresumsatzprämie. S. Piket, Kevrets- und Knaben- Ciarderobeu, jetzt 44, Priiizeustr. 44. Laden. Zeige meiner geohrton Kundschaft hierdurch ergebenst an, dass ich mein Geschäl t von Priiizeustr. 77 in die beilciitcnrt vergrüsserten Känine 44 Pränzensl«*. 44, verlegt habe. gegenüber dem alten Geschäft, 5361 L* m Moiiiits-tJarüerohc. Meiter-Badfaker-Sund„Ssiyarität" = dan 9 Provinz Srawdenburg.= Zur Aufklärung! Unter dieser Ucberschrist findet sich in Nr. 160 des„Vorwärts" eine Veröffentlichung, unterzeichnet:„Der Vorstand des Arbeiter-Nadsahrer-Bundcs„Freiheit", I. A.: F. Lichr", in welcher der Arbeiterschaft lundgcgcben wird, daß neben dem Arbeiter-Nadsahrcr-Bund„Solidarität" in Berlin der Zlrbeiter-Nadsahrer-Bund„Freiheit" erstanden ist. Zugleich werden dort auch die Motive angegeben, weiche zu dieser Neugründung geführt haben. Da jene Aussührungen überaus unklar und für den Nichteingeweihtcn vollkommen unverständlich sind, sehen wir uns veranlaßt, der Arbeiterschaft der Provinz Brandenburg die Verhältnisse innerhalb des Arbeiter-Radsahrer- Bundes„Solidarität", specicll den Sportsgenossen aus den früheren Bundesvereinen, klarzulegen. Der Zirbeiter-Radsahrer-Bund„Solidarität", welcher jetzt nach 1V jährigem Bestehen ca. 20 000 Mitglieder zählt und sich thntsächlich über ganz Teutschland erstreckt, bietet sciiicn Mitgliedern sür ein Eintrittsgeld von 60 Pf. und jährlichen Beitrag von 2,40 M.(monatlich 20 Pf.) folgendes: 1. Unentgeltliche Lieferung unsres BilndcSorgans„Der Arbeiter-Radsahrer", 2. Bei Nadunsällcn, wo Erwerbsunsähigkeit eintritt, euie Unsall-Unter- slützung, und zwar im ersten Jahre der Mitgliedschaft pro Woche 6,00 M., im zweiten Jahre 7,50 M. und darüber 0.00 M. 3. Zollfreie Grenzüberschreitung nach dem Auslände. 4. Graiislicserung gntcr Wegckärten an die Vereine, und 5. Kostenlosen Rechtsschutz. Der Bund ist in 22 Gaue geteilt, wovon der Gau 9(Provinz Branden« bürg) 82 Vereine mit ca. 2400 Mitgliedern zählt. In letzter Zeit hatten sich nun insosern arge Mißstände heraus- gebildet, daß sich an verschiedenen Orten mehrere Buudesvercine bildeten und so der Vereinsmeierei und-Spielerei Thür und Thor offiicten. Bestanden doch in Berlin selbst 19 Vereine, von welchen nur fünf eine'einlgcrmckßckt respektable Zahl an Mitgliedern aufwiesen, die übrigen 14 bestanden durchweg aus 10—20 Mitgliedern, welche außerdem einer starken Flultuatton unterworfen waren. Da sich die Mitglieder ausschließlich aus Arbeitern rekrutieren, lag es nahe, alle diese zerstreuten und zersplitterten Kräfte zu einet einzigen Organisation znsammcnzusassen, und zwar hauptsächlich deshalb, um einerseits der Leitung des Bundes Arbeit und Geldkosten zu ersparen, andrerseits aber den Mitgliedern durch nlöglichst niedrige Beiträge(welche in den kleinen Vereinen eine ost unerträgliche Höhe erreichten) die Zu- gehörigkcit zum Arbeiier-Radfahrer-Bund zu erleichtern. Der Gedanke der Ceuttalisation(Verschmelzung) wurde schon seit einigen Jahren in den Vereinen ventiliert und diskutiert, und so lagen auch dann dem letzten Bundestage (Pfingsten 1904 in Erfurt) dahingehende Anträge vor. Ein Antrag aus Darmstadt, welcher lautete:„Ssti jedem Ort darf nur ein Bundcs-Verein bestehen, in großen Städten ist es dem betr. Verein gestattet, sich in Scllionen zu teilen", wurde mit großer Majorität lind zwar mit 49 gegen 6 Stimmen angenommen. Auch die 7 Delegierten des Gau 9 stimmten sür diesen Anttag. Dieselben waren mit erheblicher Stimmenzahl gewählt, trotzdem sie als Besürworter der Ccntralisations-Anträge bekannt waren, demnach auch gar keinen Grund hatien, gegen ihre Heber- zeuguiig zu stimmen. Thatsächlich sind auch nun fast alle Berliner Bundesgenossen dem Beschliiffe nachgekommen bis aus eine kleine Zahl von ca. 200, welche aus dem Bunde ausgetreten siiid, und damit dolumentieren, daß sie nicht so viel demokratisches Gefühl besitzen, um sich einem sehr wichtigen und mit großer Majorität gefaßten Beschluß zu fügen. Daß es den Herren„Führern" dieser ausgeschiedenen Vereiuchen hauptsächlich um die Vereinsspielerei zu thun ist, beweist, daß 6 dieser Vercinchen mit ca. 125 Mitgliedern den neuen Zlrbeiter-Nadsahrer-Bund„Freiheit" bilden, weicher, wie der Vorsitzende bombastisch ankündigt, am Sonnabend daS erste 1000 Abzeichen an seine(125) Mitglieder ausgiebt. Wir überlassen es getrost dem Urteil der gesamten Arbeiterschaft, zu entscheiden, wer hier recht gehandelt hat, und raten jedermann, einem von vornherein verfehlten Unternehmen, als welches sich dieser Bund„Freiheit" in der Oessentlichkcit präsentiert, fernzubleiben. Jedem klassenbewußten Arbeiter und jeder Arbeiterin empfehlen wir, sich dem Arbciter-Radfahrer-Bund„Solidarität" anzuschließen. Berlin, den 21. Juli 1904. 13/9 Dcr Giul-NluRmid des kau 9 des Arbklter-Radfchrer-Klludes„Solidarität". _ I. Zt.: Carl Fischer, Gau-Vorsitzender, Berlin KW., Waldstr. 8. Orts- Krankenkasse der Bnchbinder uuil verwandter Oewerhc. Montag, den 1. August, abds. S'/j Uhr, im Gewerkschattshause, Engel- User 15, Saal 1: Nusjerordcntl.Geiicralversaniliiliing. Tagesordnung: 1. Wahl von zwei Kasseiibeanitcn. 2. Ergänzungs- wähl sür den Vorstand. 3. Beratung der Dicnstuertrüge. 4. Verschiedene Kassenangelegenheiten. 274/15 Des weiteren machen wir hiermit bekannt, daß die 5. Abänderung des rcvid.Kassciistatuts vom BezirkS-Aus- schuß genehmigt ist und am Montag, den 25. Juli d. I., in Kraft tritt. Die Zlbänderung besagt, daß den versicherungspflichtigen Mitgliedern die Beiträge in den Oilittungsbüchern nicht mebr abgestempelt werden, jon- dern daß bei Lösung des Arbeits- Verhältnisses eine Bescheinigung vom Arbeitgeber erteilt werden muß. Außerdem machen wir noch be- kannt, daß bei unsrer Kasse zwei Stellen als Kassenbeamte(Buchhalter) sofort zu besetzen sind. Das Anfangsgehalt beträgt 1800 M. jähr- lich und steigt bis zum Höchstgehalt von 2400 M. Reflektanten müssen Mitglieder der Kasse sein und einen eignen Haus- stand haben. Selbstgeschriebene Os- serten sind bis zum 27. Juli an den Porsitzeuden Beruh. I o st, Blumenstr. 61, zu richten. Der Vorstand. Ceutral-ßranktn-u. Sterbe- baffe der Dachdtlber Deutsch- lands„EiniBkit" Filiale Berlin. Sonntag, den 24. Juli er., vorm. 10 Uhr. bei Felud, Wcinstr. 11: Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom II. Quartal 1904. 2. Verschiedenes und Kassenangclegen- hciten. 54/20 Ter Vorstand. Kinderwagen neu! hocIidELtmU unverwüstlich und beispiellos billig, weil direkt v. der ältesten, größten sÄchsiscbea Kinderwagenfabrik J. Tretbar, Grimma 134 MoinKatalogDeinRat- geber. Sage beim Ka- ob gegen Bar mit 10% icme Tcilzahl. gewünscht. Erklärung! Die Unterzeichneten, als Delegierte zum 4. Bundestag des Arbeiter- Radsahrer-Bundes„Solidarität" gewählt, erklären hiermit folgendes: 1. Wir hatten nie aus unsrer Gesinnung betreffs Verschmelzung der Vereine ein Hehl gemacht, sondern sind stets in Wort und Schrift dafür eingetreten. Dies war den Mitgliedern des Gau IX, unfern Wählern bekannt. 2. Haben ivir einstimmig, entsprechend unsrer Ueberzeugung, sür den Anttag Darmstadt gestimmt. Die Sportsgenossen in der Provinz, welche kein Interesse an der in Berlin grassierenden Vereinsmeierei hatten, hatten doch ebenfalls sür uns gestimmt und es lag sür uns somit kein Grund vor, einem kleinen Häuflein Gegner zuliebe gegen unsre Ueberzeugung zu handeln. 3. Halten wir es für die Pflicht eines jeden demokratisch fühlenden Arbeiters, sich dem in legaler Weise zu stände gekommenen Beschluß zu fügen. Berlin, den 2t. Juli 1904. 13/40 C. Fischer. M. 1 iil>l<5. 1, Ostrowski< Berlin. E. Kraose-Rüchovf. Nehrlseli-Luckcnwaldc. A. Xoack-gorftl.L. |ickciistr.U. Gr. Frunkfurterstr. 80. Die 23. Preisliste 1904 wird losten- los und portofrei zugesandt. Bei Bestellung von Hosen ist die Bundweite und die Schrittlänge, bei Jacketts und Kitteln die Bruitweite anzugeben. 56402* — Versand von 20 M. an sranco.— Aexler Ilohlweins Schlösschen. Treptow, KSpenicker Landstp. 27. NM- Großer schattiger Garten"T&Q Jedcu Sonntag: Frei-Kouzert. Ä Grosser Ball. Kafsccküche»/, Liter?».-/.Liter 40 Ps. 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