Dr. m. ntonntmtntS'Redlnsunaen: Abonnements- Preis pränumerando I Biertellährl. Z,Z0»Jf, monatl. 1,10 TO f., NiSchenNich 28 Pfg. frei WS Hau», Sinzeine Nummer S Pfg. Sonntags» nummer mit illustrierter Sonntag». Beilage.Die Neue Seit" 10 Pfg. Post. «donnement: 1,10 Mark pro Monat, Ewgettagen w die Post. Zeitung». Preisliste. Unter fireuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn » Marl, für de! Ldrige«uSIand 8 Marl pro Monat. Tl. Jlchrg. kklchelot»glich stillet lloolsg». Verlinev VolKsblÄtk. Vle InserNonz-Ledllh» keträgl für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche VerrwS- und LersammlungS-Anzeigen 2S Pfg. „Klein« Hmeigen", das erste(fett. gedruckte) Wort 10 Psg., jede» weitere Wort 5 Psg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bi» b Uhr nachmittag» in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abend», an Eonn- und Festtagen bis 8 Uhr vounMag» geöffnet. Telegramm. Kdrefle: „SozialiKmsknt Btrtln". Zentralorgan der foztaldemokrati leben Partei Deutfchlanda. Redaktion: SM. S8» Lindenetrasee 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindenstraee« 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Gerichtet! Das Attentat gegen den rnssischen Polizeiminister v. Plehwe. Im Verlauf des heutigen TageS liefen die folgenden Depeschen aus Petersburg ein: Petersburg, 28. Juli, 11 Uhr SS Min. Der Minister drS Innern v. Plehwe ist auf der Fahrt zum Warschauer Bahnhof durch eine Sprengbombe getötet worden. » Petersburg, 28. Juli, 1 Uhr 53 Min. Das Attentat auf Mnister v. Plehwe erfolgte auf dem Wege zum baltischen Bahn- Hof, von wo er fich nach Peterhof begeben wollte. Noch vor dem am Wege liegenden Warschauer Bahnhof wurde eine Bombe unter seinen Wage» geschleudert, der samt Insassen und Kutscher in die Luft gesprengt wurde. Durch die Explosion wurden auch einige Vorübergehende und mehrere Mietskutschen beschädigt. Eine der Begehung des Attentats verdächtige Person ist verhaftet worden. Petersburg, 28. Juli, 3 Uhr 40 Min. Das Attentat auf Mnister von Plehwe wurde an der Brücke des Warschauer Bahnhofs aus- geführt. Rechts von der Brücke befindet sich ein Restaurant. An einem Fenster desselben sah ein junger Mann und beobachtete aufmerksam die Vorgänge auf der Strahe. Als er den Wagen des Ministers bemerkte, schleuderte er durch daS Fenster eine Bombe, die nach einer Version unter dem Wagen, nach einer andern im Wagen Plehwes explodierte. Dem Mnister wurde der Kopf abgerissen. Von dem Wagen blieben mir die Hinterräder übrig. Der Luftdruck bei der Explosion der Bombe war so stark, daß sämtliche Scheiben der nach der Brücke gerichteten Bahnhofsfront zertrümmert wurden. Die Polizei bedeckte den Rumpf Plehwe? mit einem Tuch und brachte ihn fort. Als der Mörder das Restaurant verlassen wollte, wurde er am Eingang verhaftet. Bei ihm wurde noch eine zweite Bombe vorgefunden. » Petersburg, 28. Juli.(B. H.) Der Wagen deS MnisterS bog um eine Ecke, als zwei Bomben gegen denselben geschleudert wurden, dir eine aus Automobil, die andre auS dem Hotel Warschauer Hof. Beide Bomben platzten gleichzeitig. Die Leiche deS Ministers wurde in einem Ambulanzwagen des RotenKreuzes fortgeschafft. Kopf, Arme und Beine waren zerschmettert, der Brustkorb geöffnet und die Eingeweide drangen aus dem Unterleib hervor. Der Kutscher soll nur unerheblich verletzt sein. Unter den zwanzig Berhafteten befinden sich zwei, die die Attentäter sei» sollen. Der eine trug die Uniform eines Beamten des BcrkehrsministeriumS. Der Platz, auf ivelchem das Attentat stattfand, ist von Polizei-Agenten umstellt. Weitere Verhaftungen wurden in Petersburg �und den übrigen großen Städten vorgenommen. Petersburg, 23. Juli. 11 Uhr abends. Im Mnisterium des Innern wurde heute abend eine Trauermesse für den ermordeten Mnister Plehwe abgehalten, unter den zahlreichen Anwesenden be- fanden sich auch die fremden Botschafter und Gesandten. Dem Vernehmen nach ist der Mörder bei der Explosion selbst so schwer verletzt worden, daß es fraglich erscheint, ob er am Leben bleiben wird. Die überwältigende Kunde von der Beseitigung PlehweS bricht herein, da in allen politischen Kreisen Deutschlands die Erregung über Verlauf und Ausgang des KönigSbergcr Justizdramas dauert. Königsberg hat die russische Frage in das Centrum alles poli« tischen und kulturellen Ringens gestellt, das furchtbarste Bild des russischen GewaltsystemS ist vor Westeuropa gerichtskundig geworden; und nun bestätigt die auf den russischen Polizeiminister ge- schleuderte Bombe alles Entsetzen der russischen Zustände. AuS der unsäglichen Verzweiflung einer aus tausend Wunden blutenden Nation ist der neue Anschlag der Rache geboren. Es giebt in Ruhland, wie vor dem Gericht in Königsberg fest- gestellt wurde, kein Rechts- und Geistesleben, es giebt, wie der Staatsanwalt gestand, in Ruhland keine Möglichkeit, gesetzlich den Absolutismus und die Beamten- korruption zu beseitigen; so erhebt sich wiederum in aller Furcht- barkeit Gewalt gegen GewaltI Wir urteilen über diese? Attentat an dem mächtigsten Vertreter der russischen Polizeiwillkür nicht anders, als wir über die früheren Attentate in Ruhland geurteilt haben. Das Mitgefühl mit den zahl- losen Opfern des Systems Plehwe schließt jede Möglichkeit menschlichen Mitgefühls mit diesem Toten aus. Er ist dem unsäglichen System verfallen, das er selbst gezüchtet. Er hat die schwerste Schuld an den unsagbaren Leiden des russischen Volkes auf sich geladen. In ihm wird ein Mensch vernichtet, der Tausende getötet, der Mllionen geknechtet. Er ist hingesunken unter dem Fluche des russischen Volkes, unter dem Abscheu aller civilisierten Menschen. Und nur diese große Frage ergreist die Bettachter der russischen Entwicklung: Wird der Tod dieses unseligen Mannes die politischen Wirkungen erzielen, die der Thäter unter qualvollster Auf- opferung seines Lebens erhofft? Wird endlich, endlich die Aenderung des furchtbarsten RegierungSsystemS herbeigeführt werden, durch welche allein die gewaltsamen Schläge, die Ruhland seit Jahren mid stets gewaltiger erschüttern, vermieden werden können? Wird fich das absoluMische System, durch diese neue That furchtbar gemahnt, entschließen zu dem einzigen Mttel, den Zusammen- bruch aller Dinge zu verhüten? Oder soll das mssische Volk von Attentat zu Attentat gemartert werden? Eine Verkörperung aller rohen, blutigen, niedrigen Instinkte, die der asiatische Despotismus und der Vampyr Kapitalismus in einer skrupellosen Gewaltnatur zu entfesseln verniochte, das war Plehwe. Von Anbeginn seiner politischen Laufbahn an floh Blut und fraß der Krebs der Korruptton, wohin Plehwe seinen Fuß setzte, wohin seine Faust griff, alle Menschlichkeit zerstampfend, zerdrückend. Wir müssen auf die finstersten Gestalten der Shakespearschen Königs- dramen zurückgreifen, wollen wir ein Gleichnis für diesen jeder edlen und jeder weichen Regung baren Henker ohne gleichen finden. Plehwe war Leiter der Untersuchung nach der Ermordung Alexanders II. Der Art, wie er diese Aufgabe unter Außer- achtlaffung aller gesetzlichen Schranken erfüllte, verdankte er seine Ernennung zum Direktor des Departements der Staats- Polizei. Sqin erster Schritt war über Leichen gegangen. Ueber Leichen setzte er seinen Weg fort. 1882 organisierte er— der alle revolutionären Bewegungen den Juden in die Schuhe schob— unter dem Minister des Innern Jgnatiew die von Gortts Meisterhand ergreifend geschilderten Unruhen gegen die Juden, die zu Plünderungen ganzer Städte wie zur Ermordung von Juden führten und auf Anweisung Plehwes von den Gerichten nur aufs mildeste geahndet wurden. Nun begann eine Aktton zur Korrumpierung der revoluttonären Bewegung, die ein Seitenstück bietet zu der in Königsberg eingehend erörterten späteren Methode Subatoff. Plehwe war der Begünstiger des Gendarmeriekapitäns Sudeittn, des Subatoffs jener Zeit, der durch seine Kreaturen, insbesondere einen gewissen Degajeff, Verbindungen mit den Revoluttonären anzuknüpfen suchte. Das unter PlehweS Verantworttmg angewandte System Sudeikin« Degajeff war das systemattsierte Lockspitzeltum mit dem Zweck und dem teil- weisen Erfolge, Verschwörungen anzuzetteln und der Polizei ans Messer zu liefern, aber auch zu dem Zwecke, hochgestellte Beamte aus dem Wege zu räumen, um andren von dieser Camorra Begünstigten Platz zu machen. Ueber die teuflischen Pläne und Thaten dieser Lockspitzelorganisatton wird noch an andrer Stelle gehandelt werden; hier sei genug mit der Bemerkung, daß Sudeittn im Hause DegajeffS von diesem ermordet wurde und damit auch diese Scene des Plehwe-Dramas schloß. Bald darauf avancierte der Oberlockspitzel seiner Würdigkeit gemäß zum Gehilfen des Ministers deS Innern, in welcher Stellung er ein Jahrzehnt jbis 1393) verblieb, seinen unheilvollen Einfluß über daS ganze innere Leben Rußlands wie einen Mehltau ergießend. 1899 ward er zum Minister«StaatSsettetär über Finnland ernannt. Wie er eidbrüchig die Freiheit und das Glück dieses unglücklichen Landes erdrosselte, wie er den Zaren zum Eid- und Verfassungsbruch verleitete, das brennt der Menschhett noch stisch, ein Blutmal der Schmach, in der Seele. April 1902 endlich erklomm er den Gipfel, von dem er jetzt jählings abgestürzt ist: er ward Minister des Innern. Gleich als ob er mit Gier des Augenblicks geharrt hätte, der ihm russisch- schrankenlose Ministerwillkür in die Hand spielen sollte, warf er sich nun mit seinen ganzen gewaltigen Machtmitteln auf daS Volk, auf jede steie Regung,„wie ein reißender Wolf". Kaum ernannt, begab er sich noch im April 1902— auf den Schauplatz der südlichen Bauernunruhen, nach den Gouvernements Charkow swo Fürst Obolenstt hauste) und Poltawa. Die Bauern- Metzeleien, die Schandthaten ObolenSkiS und seiner Soldateska, die schließlich zu dem Attentat Kaffchurs�fllhrten und die uns Buchholtz im Königsberger Prozeß eindringlich geschildert hat, sie lasttn int letzten Ende auf PlehweS— Gewissen könnte man sagen, wenn nicht dieses Wort in Verbindung mit dieser Bestie in Menschengestalt ein blutiger Hohn wäre. Bekannt ist, daß den Bauern nach der Blutschröpfung noch eine unerträgliche Steuerschröpfung auferlegt wurde, die die Verzweiflung verewigte, und daß die begonnene Stattstik über die Lage der Bauern eingestellt wurde: alles Werke PlehweS. Und nun ging? Schlag auf Schlag. Im Mai 1902 Wilna, und das Attentat LeckertS auf Wahl, den Bluthund von Wilna, der aber nichts andres war, als der getteue Knecht PlehweS. Furchtbare Empörung flammte in ganz Rußland empor, als Plehwe die Thaten Wohls durch seine Erhebung zum Gehilfen deS Innern glorifizierte. Gerade dieser Erfolg gab den Vertretern deS Notwehr-TerroriSmus, wie der Königsberger Prozeß zeigte, viel Wasser auf ihre Mühlen. Im Oktober 1902 folgte Slatoust. die hinterlisttge Verhafttmg der auf Veranlassung des Gouverneurs Bogdanowitsch selbst ge- wählten Arbeiterdelegierten und das Blutbad, in dem 50 wehrlose Männer und Frauen und wohl auch Kinder umkamen, und das in dem Attentat gegen Bogdanowitsch ausklang. Der Mai und August 1903 brachten Kischinew und Hontel, die Judenmetzeleien— on revient toujours aux preiniers amours! (man kehrt immer zu seiner ersten Liebe zurück I)—, barbarische Versuche einer Niederschlagung der sich regenden jüdischen Arbeiter und demagogische Aktionen nach dem Grundsatz: ckmdo et impera, zu dem Zwecke der Verhetzung der russischen und der jüdischen Bevölkerung. Nachdem Subatoffs bekanntes System lange Zeit PlehweS Förde- rung genossen hatte, provozierte es und wuchs aus dem Boden im Sonimer 1903 über ganz Rußland eine gewaltige Stteikbewegung, die in Kiew, JekaterinoSlaff, Batum, Baku, TifliS und anderwärts unter furchtbaren Grausamkeiten und ganzen Hekatomben fried- licher Arbeiter erstickt' wurde. Nur in Odessa, wo der Suba- toffismus seinen Hauptsitz hatte, wurde nicht geschossen, da die Polizei das verbrecherische Doppelspiel Plehwes nicht rasch genug durch- schaute; die Folge dieser Sünde wider den heiligen Geist des KnutenwmS war: Die Absetzung des Stadthauptmanns von Odessa und das Ende der Subatoff-Herrlichkeit. Jeder Tropfen Blutes, der in Finnland, in Charkow und Pol« tawa, in Wilna, in Slatoust, in Kischinew und Hömel, in Kiew, JekaterinoSlaff, Batum, Baku und TifliS geflossen ist, klebt an den Händen Plehwes, dessen tausendfache Hinrichwng keine Sühne der Vernichtung jener Hunderttausende und Millionen von Menschen sein könnte. Nicht einen Tropfen Blutes konnte dieser Mensch bieten für jede von ihm gemordete, zertretene Existenz. Damit ist die Charakteristik Plehwes noch nicht erschöpft. Zu der grausamen Juden- und Arbeiterfeindschaft ttitt noch sein Haß gegen jede Spur, jeden Schein von Selbstverwaltung. Vor allem aber ist zu beachten seine Stellung zum japanischen Krieg: Getreu seinem Gewaltmenschentum und seinem Tamerlanschen Größenwahn, war er im Gegensatz zu Witte einer der eifrigsten KriegSschürer, ein Freund der Alexejew und Kuropatttn: Der Krieg war seine letzte Zuflucht aus den Wirrnissen der inneren Politik, in deren Sumpf er trotz aller Mühen, sich herauszuwinden, immer tiefer versank, eine Verzweiflungsspekulation vor dem ver- brecherischesten Bankrott, den die Weltgeschichte je gesehen. So rücksichts« lo» verfolgte dieser getteue und ehrfürchtige.Zarendiener' seine Kamarillaziele, daß er, als Obercensor, die FriedenSrede des Zaren in der russischen Presse einfach unterdrückte: Der allmächttge Herrscher der Reußen war sein Sklave I Daß ihm, als dem Ober- censor, auch die allgemeine Brunnenvergiftung und Irreführung der öffentlichen Meinung in Rußland— z. B. in Bezug auf den jetzigen Krieg— zur Last fällt, bedarf keiner Erwähnung. Ein sehr angesehener und sehr patriottscher russischer Jurist hat von einem Terroristenregiment PlehweS gesprochen, gegen daS mit Fug und Recht ein Bürgerkrieg entfesselt sei. Ganz Rußland nicht nur, nein die ganze Welt atmet auf, befteit von einem Alpdruck, nachdem dieser Blutmensch, der seine Religion drei- mal gewechselt hat und der zehnmal mehr Verbrechen begangen hat. als nötig sind, um ein Berbrecherleben zum Ueberlaufen zu füllen. von bluttger Rache zerschinettert ist. Wer das Schwert gebraucht, wird von der Schärfe des Schwertes getroffen werden I » Der größte Polizeispitzel der Welt. Vor wenigen Wochen veröffentlichte inBernsteins„Neuem Montagsblatt' Dr. Hugo Ganz eine Zeichnung deS CharatterS Plehwes, die im jetzigen Augenblick die denkbar stärkste Aktualität gewinnt. Dr. Ganz ist lange Zeit in Rußland gewesen, hatte Fühlung mit allen Parteien und Klassen der Bevölkerung. Er ist weder Socialist noch Nevoluttonär. Er schreibt: „Im Winter 1830 fand in K r a k a u einer jener großen Socialisten- Prozesse statt, mit welchen man dazumal m Oesterreich noch die importterte socialistische Bewegung zu ersticken hoffte. Der Prozeß ist in der polnischen Socialdeinokratte bekannt als der Prozeß Warynstt und Genossen. Angeklagt waren 35 Personen, darunter 20 Russen aus Wolhynien(Ukraine), zumeist Studierende vom poly- technischen Institut in Petersburg, die in Galizien bei der Agitationsarbeit verhastet worden waren. ES siel den Angeklagten während der Verhandlung auf, daß sie der Reihe nach unter irgend einem Vorwande durch eine bestimmte Thür des Bcrhandlungssaales hinausgeführt wurden, ohne daß sie sich dies sonderbare Verfahren erklären konnten. Endlich fand einer von ihnen den wahren Grund aus. ES war nämlich eine Doppel- thür niit einer tteken Nische. In dieser Nische aber befand sich alS freiwilliger Helfershelfer der österreichischen Polizei und zugleich als Spion für den eignen Dienst ei» russischer Funktionär, der unter den Vorgeführten„feine' Leute agnoScierte. Natürlich kam es nun zu schwerer Jnsultierung des Ertappten, der nur durch die Justiz- soldaten vor weiteren Mißhandlungen geschützt werden konnte. Dieser Funktionär aber war kein andrer als der heutige Geueralgewaltige von Rußland, Se. Excellenz der Minister des Innern, Herr». Plehwe, damals noch Staatsanwalt in Warschan. Mit dem geschilderten Spitzelstück, dessen sich die Polen noch heute sehr genau erinnern, fiihrte sich der providenttelle Staatsmann in der außerrussischen Welt ein. Er ist seinem Charakter getteu geblieben. Er ist auch heute, Ivo er an der Spitze der Ver- waltung deS größten Staates der Welt steht, nichts andre» als der größte Polizeispitzel der Welt. Seine Polittk ttägt alle die Merkmale der polizeilichen Ab- stammung an sich, die Polizei im macchiavellisttschen Sinne be- trachtet, als das Berbrechertu« im Dienste der Ordnung. Ich habe in ganz Rußland nicht einen einzigen Mensche» ge- sprochcn, der zur Bezeichnung deS Plehwescheu Charakters andre AuS- drücke gewählt hätte alS jene, die zur Bezeichnung der unterste» Stufe der moralischen Existenz dienen. Man darf niemandem Unrecht thun. ES soll daher betont werden, daß im Lande der allgemeinen Käuflichkeit Herrn Plehwe doch der eine Vorzug nachgerühmt wird, daß er absolut unbestechlich sei. An Plehwe hat sich noch nicht einmal die Verdächtigung heran- gewagt, die sonst auch nicht der Großfürsten schont. Aber die Russen wissen ihm für jene Eigenschaft wenig Dank. Denn Plehwe gilt als weit ärgeres, denn als ein Verschwender oder Wüstling. Er gilt als Bösewicht ohne Skrupel, als polittscher Sadist, als Bluthund und raffinierter Bettüger. Dabei als Cyniker ohne jede Gesinnung, als Vabanque- und Falschspieler, für den das politische Metier und das Spiel mit Menschenleben nichts ist als ein angenehmer Nervenreiz; kurz als Tiger in Menschengestalt. Dabei ist er von den bezauberndsten Manier««, ein Charmeur und Causeur mit dem treuherzigsten Gesichtsausdruckt Keine unglaubliche Falschheit ist das nächste, worüber alle die- lenigcn klagen, die mit ihm zu thun hatten. „JcdeS Wort, das er spricht, ist eine Lüge", ist die Bemerkung, die man am meisten über ihn hört. DaS Ver- brecherische seiner Taktik besteht nicht nur darin, daß er dem Zaren einredet, die Revolution stehe vor der Thür, und ihn durch Droh- bliese, Proklamationen u. a., die er in die innersten Gemächer, ja, in die Rocktaschen schmuggeln lästt, in fortwährender, nerven- zerstörender Angst erhält, sondern noch mehr darin, daß er faktisch Unruhen provoziert, um sie als Argumente benutzen und seine Position stärken zu können; dost er fortwährende Konspirationen entdeckt und die angeblichen Teilnehmer in der furchtbarsten Weise maßregelt, um seine Unentbehrlichkcit zu er- weisen. Das ganze Arsenal der Polizeikunststücke, die je in Despotien verübt worden sind, um Autokraten in willfährige Werkzeuge ihrer Prätorianer zu verwandeln, ist v. Plehwe geplündert lvorden, um sein System bis zur Bollkoimnenheit auszubauen. Insbesondere Polen und Inden müssen dazu herhalten, die Gefährlichkeit der Situation— lies: die Unentbehrlichkcit des Herrn Plehwe— zu rhärten. Daß die Kischinewcr Mordthaten in seinem Anftrage verübt wurden, bezweifelt in Rußland kein Mensch; der Cynismus, mit dem er Kruschewan, den Haupt- Hetzer aus Bcfsarabien, auszeichnete, mit dem er den von einem Lehrerkongreß insultierten Agitator Pronin in Schutz nahm, sind eben so viele schamlose Zuständnisse seiner That, die er auch nur bor dem Auslande, nicht aber vor seinen Getreuen verleugnet. Jede Kleinigkeit greift er ans, um eine Affaire daraus zu machen. In Warschau sind Mitgliedern eines Komitees, das für einen polnischen Sanitätszug nach dem Kriegsschauplätze Sammlungen eingeleitet hatte, von Studenten die Fenster eingeworfen worden. Sofort langte der telegrnphische Befehl ein, die Sache auf breitester Basis zu untersuchen, und wenn nicht die Geschädigten der Polizei jede Mithilfe verweigert hätten, wären wieder ein paar Dutzend kecke Demonstranten nach Sibirien geschickt worden, damit das Vorhandensein einer polnischen Revolution dar- gcthan werden könne. Ein russischer Redakteur, dessen Blatt wegen Abdrucks eines revolutionären Gedichts verboten lvorden war, wurde bei der obersten Ccnsurbehörde im Ministerium des Innern vor- stellig, um die Erlaubnis des Wiedererschcinens zu erlangen. Der Herr Sektionschef erklärte dem Redakteur, einem russischen Edel- mann, wörtlich, er möge dem Minister mitteilen, daß ihm das revolutionäre Gedicht von den Juden ins Blatt geschmuggelt worden sei, dann loerde er sofort wieder die Erlaubnis erhalten. ... In Antisemitismus, den er natürlich jedem jüdischen Be- sucher gegenüber in Abrede stellt, mache er nur, weil sehr hoch- gestellte und einflußreiche Personen, wie die Kaiserin-Witwe, Groß- fürst Sergius und andre ans der Generation Alexanders HI. fanatische Antisemiten sind. Auch sein Antisemitismus sei nicht echt; nichts sei echt bei ihm als der Spielehrgeiz, sich so lange als möglich zu bc- hanpten und den Nervenkitzel eines Seiltänzers zu habe», der über aufgepflanzten Bajonetten auf dem gespannten Seile jongliert. Das ist das Bild des Ministers des Innern, wie ihn die öffentliche Meinung in Rußland zeichnet.... Das Bezeichnendste aber, was ich über das System Plehwe hörte, lvar doch die Antwort, die ich erhielt, als ich einen recht hoch- angestellten Mann fragte, ob den» eine Besserung zu erwarten sei, wenn Plehwe einmal von seinem unausbleiblichen Schicksal ereilt worden sei.—„Nein,"' lautete diese Antwort.„So wohl- verdient auch jedes Schicksal für ihn sein wird, geholfen wird uns damit nicht. Ein andrer Mann, das ist alles. Plehwe ist nur in idealer Ausprägung, was das System verlangt. Der Polizeistaat braucht Polizeiseelen und er findet sie immer. Plehwe ist mit allen Lastern außer dem der Bestechlichkeit behastet, aber er ist durchaus kein Unikum in der russischen Bcamtenwelt. Und es ist durchaus nicht wahrscheinlich, daß etwas Besseres nachkommen würde. Wenn ganz Rußland hofft(wörtlichst, daß ihm bald der Garaus gemacht werde, so ist eS nicht, weil man davon sich eine Besserung der Zustände verspräche, sondern weil man doch irgend eine Genug- thuung erleben will, wenn das Maß einer dieser Bestien voll ist. Ein Philantrop und Rechtsfreund wird aber so wenig je Minister des Innern unter dem Absolutismus werden, wie er das Bedürsttis hätte, Scharfrichter zu werde». Nur ein andres System kann uns andre Männer bringen. Das Galgensystcm verträgt nur Henkersknechte." .' Der Eindruck der Attewtatsmeldmtg in Berlin. Als sich in der Mittagsstunde die Meldung vom Attentat gegen v. Plehwe in Berlin verbreitete, erregte sie eine außerordentliche Wirkung. ES darf gesagt werden, daß diese Mitteilung, wenn ab- gesehen wird von den schmächlichen Freunden jeder russischen Barbarei, deren auch wir uns hier zu Lande erfreuen, nirgends Mitgefühl mit dem Getöteten erweckt hat. Und in der gesamten Kulturwelt wird nur das eineEmpfinden vorherrschen, daß daS russische Gewaltsystem büßt, was es verbrochen. Es ist festzustellen, daß die reichshauptstädtische nichtsocialdemo- kratische Presse noch niemals ein politisches Attentat so besprochen hat, wie das heute in Petersburg vollbrachte. Wir fügen dieser Feststellung nur den Wunsch hinzu, daß nicht nach wenigen Tagen bereits die reaktionäre Presse Anlaß haben möge, von einer Schwenkung, von einkehrender Ernüchterung und von„Abrücken von der Socialdemokratie" zu reden. Wir verzeichnen folgende Aeußerungen der liberalen Abendblätter. Die„Bolks-Zeitung": „... Jetzt ist dieser„allmächtige" Mann eine Leiche; eine zer- stückelte, in Fetzen zerrissene Leiche wie die weiland Alexanders H, an dessen gewaltsame Tötung das heutige Attentat erinnert. Dem Toten schallen die Berwiinschnngcn und Flüche von Tausenden von Russen nach, die als Opfer seines Systems Ketten schleppen oder an Gefängniswände oder an Schubkarren angeschmiedet in den unwirtlichen Gegenden Sibiriens ein zerstörtes Leben betrauern, bis sie dem Wahnsinn verfallen oder an unheilbarem Siechtum zu Grunde gehen— mehr zum Tiere geworden als Mensch geblieben; nur, weil sie vielleicht von irgend einem denunziatorischen feilen Schufte als„verdächtig" stig- matisiert und ohne ordentliches Gerichtsverfahren, lediglich,«im Verwaltungswege" in die sibirische Hölle abgeschoben wurden, auf zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre, was bei dem mörderischen Klima in Sibirien in den meisten Fällen gleichbedeutend ist mit„lebens- länglich". Ost ist diesen Hekatomben von Unglücklichen der Tod der willkommene Erlöser aus unnennbarer Oual...— Die„ Berliner Zeitung": „Wir lehnen es ab, nach dem Recht zu den polittschen Mord- thaten zu fragen, die inmier aufs neue in Rußland ihre Opfer fordern. Diese Frage ist nutzlos und ihre Erörterung ist zwecklos. In Rußland hat der politische Mord seine Heimat, gleichwie die Nässe da ist, wo es regnet, und der Rauch da, wo das Feuer ist. Wie der Druck den Gegendruck erzeugt, so erzeugt das System des Zarismus den Mord. Zugegeben, daß auch der politische Mord etwas Un- sittliches ist, wie die Richter und der Staatsanwalt in Königsberg es wollten. Aber wenn nach Hegel der Staat die Manifestation der Sittlichkeit ist, so ist der zarische Absolutismus die Verkörperung der Unsittlichkeit, und nur Unsittliches kann die Unsittlichkeit erzeugen." Die„ V o s s i s ch e Zeitung", welche noch zum Königsberger Prozeß sich in lauester Zaghaftigkeit hielt, urteilt jetzt also: „... Daß sich die Dinge so gestaltet haben, wird allgemein dem jetzt als Opfer seines eigenen Berwaltungssystem gefallenen Herrn v. Plehwe zugeschrieben. Die Untergebenen, die Werkzeuge des Herrn v. Plehwe, diejenigen, die sich in den Dienst seines Systems stellten, wurden, wie sich aus der großen Reihe der letztjährigen Attentate zeigt, von ihren mit terroristischen Mitteln arbeitenden Gegnern persönlich für ihre Thaten und llnthaten verantwortlich geniacht. Es hätte mit einem Wunder zugehen m fl s se n, Ivenn der oberste Leiter selbst von dem blutigen Haß verschont geblieben wäre. Es konnte nicht anders sein, als daß die Terroristen auf Wege und Mittel saunen, diesen Mann, der in allererster Reihe die Bcr- antmortuug für die Unterdrückungen, Verfolgungen und administrativen Grausamkeiten trug, gewaltsam aus dem Wege zu räumen, lind Herr v. Plehlve wußte sehr genau, daß man ihm nach dem Leben trachtete. Wenn nichts andres, so hätte ihn vor einigen Monaten die vorzeitige Bombenexplosion in einem Peters- burger Hotel zur Genüge darüber belehrt. Denn auf ihn war es damals abgesehen gewesen, für ihn waren die Bomben herbeigeschafft worden. Je mehr er aber die Gefahr er- kannte. d e st o größeren Umfang nahmen die Ein- k e r k e r u n g e n an, desto schärfer wurden in ganz Rußland und ganz besonders in Petersburg die polizeilichen Maßnahmen gegen alle durchgeführt, die nicht unbedingt einer Gesinnung mit Herrn v. Plehwe waren. Und wiederum erweist eS sich, daß ein Schutzgitter niemals engmaschig genug sein kann, um einer allgemein verhaßten Persönlichkeit die ersehnte Sicherheit gegen Mordanschläge zu ge- währen. Für Leute, denen am eignen Leben nichts gelegen ist, findet sich immer ein Durchschlupf." DaS„Berl. Tagebl." schreibt: „Eine Reihe unerhörter Schandthate», die unter dem schinnenden Mantel anscheinender Gesetzlichkeit verübt wurden, mußten dem Polizeiregiment aufs Conto geschrieben werden, das Plehwe mit so unheimlicher Konsegnenz und unerschrockener Menschenverachtung zu handhabe» verstand. Sein Vorgänger S s i p j a g i n war gleich ihm unter dem Dolchstoß eines Mörders gefallen. Aber was man gegen ihn von parteipolitischer Seite vorgebracht, verschwand fast vor den furchtbaren Anklagen, die von allen Seiten gegen Plehwe ihr drohendes Haupt erhoben. Die Bcr- brechen von Kischincw, von Wilna und Charkow, d i e Vergewaltigung Finnlands, die Zerstörung der Reste der Selbstverwaltung, die sich in den Semstwos erhalten, die Kuebe- lnng der Presse, die Erstickung jeder Regung eines freiheitlichen Volksempfindens— alles das bildete eine immer höher steigende Flut von Beschuldigungen, denen der Minister mit eiserner Stirn Stand hielt. Vielleicht glaubte er wirklich im Sinne und Interesse seines kaiserlichen Herrn zu handeln, dessen weickes Gemüt von all dem keine intime Kenntnis besaß, was in seinem Namen an den unter dem Zarenscepter vereinten Nationen gefrevelt wurde....* Rcchtslibcrale Zeitungen. Die„National-Zeitllng": „Er begann sein Amt mit der Unterdrückung der Bauern- uuruhen in Poltawa, er setzte es fort mit der Bekämpfung der Arbeiterkrawalle in Südrußland, mit der Einschränkung der Frei- hciten der Semstwos, mit der Maßregelung der Adelsmarschälle. Ein rückhaltloser Verehrer Pobjedonoszews, eine Säule der Reaktion in Rußland, hat er unter seinem schweren Tritt manch' wucherndes Unkraut, aber auch zahllose viel- versprechende Keime geknickt und vernichtet. Im Kampfe gegen den mehr fortschrittlichen Witte und dessen System hat er mit seiner Auffassung gesiegt, er hat Witte zu verdrängen gelvußt und damit die russische Regierung auch von den z a r t e st e n Ansätzen einer Reform- und Social- Politik gereinigt. Als geschlossene Charaktere mag man Naturen ivie die Plehives würdigen, Sympathien kann man nicht für sie empfinden, wo steie Menschen sich zu frciheit- lichen Anschauungen durchgerungen... Die reichen und dankbaren Aufgaben, die sich ihm darboten, als das Wohl und Wehe vieler Millionen zum Teil so armseliger, so hilfebedürfttger Menschen in seine Hand gelegt wurde, hat er aber als solche nie anzusehen ver- niocht. Er kam als ein Pacifikator ins Aint, aber Ivo er Friede geschaffen, da war es der Friede des Kirch- hofeS. Wie Finnland, so bäumt sich heute der ganze Süden Rußlands ans gegen die Willkiirhcrrschaft der Plchwcschc» Kreaturen, weite Gebiete sind aufs äußerste verhetzt und verbittert. Mit dem Umfange des Zarenreiches sind anch die inneren Uebel gewachsen, und kaum etioas hat diese inneren Uebel so gefördert, wie jenes finstere, trostlose System, als dessen Repräsentant sich auch Plehwe fühlte.... ... Eine Politik der Reformen, eine Politik der socialen Fürsorge für die breiten Massen, eine Politik, welche aller lebensfähigen Keime einer neuen Zeit sich liebevoll annimmt, wird sich nicht über Nacht etablieren lasten, aber man wird den Weg zu dieser Politik suchen müssen, anstatt sich immer weiter von ihr zu entfernen. Wäre die Hälfte der Kraft, die ein Ssipjagin, ein Plehwe an die Unterdrückung jeder steteren Regung setzten, darauf verwendet worden, den einmal vorhandenen Strömungen ein Bett zu grabeu, in dem sie sich nutzvoll zu bethätigen vermögen, es wäre niemals zu jenen gräßlichen Eruptionen gekommen, die sich jetzt in so erschreckend kurzen Intervallen folgen." Die„Tägliche Rundschau": „In des Verstorbenen Charakterbild war ein„moderner" Zug: er arbeitete gern mit der ausländischen Presse. Bei Engländern und Amerikanern hatte er verhältnismäßig wenig Glück; weit eher gelang ihm das schon bei verkommenen Subjekten deutscher Abstammung, die bei der erstaunlichen Unkenntnis, die hier über russische Dinge herrscht, auch in sonst gut ge- leitete deutsche Blätter Einlaß fanden. Da ward uns denn Plehwe als der große �Patriot geschildert, der hart, aber gerecht das Land verwalte und dessen mit vollendeter Selbstlosigkeit gepaartem eisernen Willen es zu verdanken sei, wenn das Riesenreich nicht auseinanderfiele. Wer Land und Leute kannte und dabei ein Gefühl für die Pflicht der Wahrhaftigkeit hatte, urteilte freilich anders. Noch im Herbst erzählten uns Freunde, die seit langen Jahren im Kaukasus an- gesiedelt sind,— Reichsdeutsche von Geburt und ruhige, an russische Entwicklung nicht nnt dem Hsrzen engagierte Beobachter—, daß nach ihrer Auffassung Rußland vor der Katastrophe stünde. Bis in ent- legene Bergdörfer hinein reiche die Proklamation des Auf- ruhrs; allerorten fänden die Proklamattonen fieberhast er- regte Leser und Verbreiter, und an dieser Gärung sei niemand anders schuld als das System Plehwe, daS»nter cynischcr Mißachtung aller Psychologie immer von neuem Oel ius Feuer gieße... Darum können wir nicht einmal sagen, daß uns die Todesnachricht überrascht hätte. Zu viel Haß hat der Tote mit rauher Hand gesät, als daß sich in dem ausgehungerten Lande nicht ein Desperado hätte finden sollen, den es gelüstete, auf eigne Faust Vorsehung zu spielen." Konservative Ratlosigkeit. Die Konservativen sind wie auf den Kopf geschlagen. Ihre Zeitungen wissen nicht, wie sie das Ereignis behandeln sollen. Sie stammeln ratlos allerlei Widersprüche durcheinander. Freilich ist es schwierig bis zur Unmöglichkeit, die übliche Fruktifizierung gegen die Socialdemokratie zu leisten, nachdem diese selbige Presse jüngst das Attentat des Finnländers S ch a u m a n gegen B o b r i k o w in aller Gelassenheit hat gewähren lassen und gar Anläufe unternahm, es zu verstehen und durch Verständnis zu billigen. Nicht Redens wert ist über die„StaatSbürger-Zeitung", die im Entzücken über die Judenschlächterei von K i s ch i n e w jede sibirische Reaktion wonnig verherrlicht. Der„R e i ch s b o t e" so- dann stimmt schon den altgeübten Ton von der Socialdemokratie als„Jdcengenossin, ja Handlangerin dieser russischen Mörder wie überhaupt jedes revolutionären und anarchistischen Umsturzes' an. Und die„Deutsche Tageszeitung" fragt bereits:„Ob diese Reden(im KöuigSberger GerichtSsaal) nicht auch einigen Ein- flutz auf den Entschluß zur Ermordung Plehives ausgeübt haben?"; die„Deutsche Tageszeitung" beschuldigt die pre'iißische Justizbehörde, Ivelche die Ereignisse in Königsberg veranlaßt hat, der Mit- schuld an dem Untergang Plehwes I Diese Beschuldigung hat jedoch, wie wir gern bezeugen, weder der Staatsanwalt, noch der Gerichtshof, noch der Justizminister verdient. Ergötzen inmitten dieses ernsten Ereignisses bereitet die „ P o st". Ihr ist noch nicht die genügende Erleuchtung durch Chef Abel geworden und sie krankt noch an der Begünstigung, die sie im Falle Bobrikow dem„nationalen" Terrorismus gewährte. So weiß sie nur dies: „Die wahren Umstände, auf die das Attentat zurückzuführen ist, wird erst die angestellte Untersuchung ergeben, doch ist es sehr wahrscheinlich, daß ihm ähnliche Motive zu Grunde liegen, wie der Ermordung des Generals Bobrikow, ja daß das Attentat damit in einem direkten Zusamurenhang steht. Denn Plehwe war der Vorgesetzte Bobrikoivs, und auf ihn in erster Linie sind die russischerscits ergriffenen Maßnahmen zur Unterdrückung der einzelne» Nationalitäten zurnckzuführrn, um dem eigentlichen Großrussentum die ausschlaggebende Stellung im Reiche zu verschaffen und um gleichzeitig die verschiedenen Völkerkonglomerate, aus denen das Reich besteht, z>l einem einheitlichen Ganzen von ausgesprochen russischem Charakter znsaminenznschweißen. Sollte es sich bestätigen, daß dieser Mord auf finnische Umtriebe zurückzuführen ist, so würde das sehr ernstlich auf die Sympathie einwirken, deren sich die Finnen bisher in ihrem Kampfe gegen die Unterdrückung ihrer Selbständigkeit allerseits erfreut haben. Denn durch der- artige Schritte setzen sie sich selbst ins Unrecht und werden sich auch ihrerseits nicht mehr beschweren können, wenn mit Strenge und Härte gegen sie vorgegangen wird. Druck erzeugt Gegendruck und gerade in Rußland hat die Erfahrung noch immer gezeigt, daß Gewalnnaßnahmen ans der einen Seite harte Unterdrückungen auf der andren Seite zur Folge haben." Die„Post"-Spitzel erscheinen eigenartig unterrichtet über die Motive des Attentats I Sobald sich jedoch zeigt, daß nicht„fumische Umtriebe", sondern„nihilistische Umtriebe" die That erzeugten, wird die„Post" ihre Sprache wiederfinden. Noch ergötzlicher aber zappeln die �„Berliner Neue sie Nachrichten". Dieses freikonservative Blatt hat soeben den Königsberger Prozeß so beurteilt, daß u n s r e Freude über sein Urteil die größte Verwirrung in seinen Federn angerichtet hat. Das Blatt leistet in zwei umnittelbar einander folgenden Artiteln diesen heiteren Wirrwarr der Meinungen. Z u n ä ch st ist zu lesen: „Wie sein Vorgänger Ssipjagin am 1ö. April 1902 dem Revolver, so ist heute der russische Minister des Innern v. Plehwe einer Bombe der Revolutionäre zuni Opfer gefallen. So furchtbar uns jedes derartige Verbrechen erschüttert, so wenig könne» wir uns wundern, daß es verübt wurde. Denn eS waren dafür längst alle Voraussetzungen Vorhände»: Gärung im Lande, Haß gegen die Person des Ermordeten, eine organisierte Terroristen-Partei. So fehlten nur noch äußere Umstände, die trotz polizeilicher Vorsichtsmaßregeln ein Gelingen des ver- brecherischen Planes wahricheinlich machten. Sobald sie eintraten, hat man losgeschlagen... Wiederholt ist seitdem allerdings die Behauptung aufgestellt worden, Plehwe sei mildereu Ideen zugänglich geworden. Selbst der Gedanke, eine Verfassung einzuführen oder anzubahnen, wurde ihm imputtert. Schließlich ist es aber doch dabei gebliebe», daß Plehwe im Gegensatz zu Witte für de» Vertreter einer Politik galt, die im Knüppel des Polizisten und im Bajonett deS Soldaten das sicherste Mitlel zur Aufrechterhaltung von Autorität und 9i n h e sieht. Wie weiiig trotz so unerschrockener, bis zur Brutalität rück- sichtsloser Staatsmänner die revolutionären Umtriebe zu unter- drücken gewesen sind, davon haben wir erst eben im KönigSberger Prozeß Schauerliches erfahren..." Und sogleich folgt das Gegenstück: „Selbstverständlich ist es gerade jetzt, nachdem die blutige Doktrin ivieder eininal so fürchterlich in die That umgesetzt und der Minister Plehwe das Opfer der socialdemokrattsch-terroristischen Hetze geworden ist, um so mehr Recht und Pflicht aller Kultur- staateil und des benachbarten Deutschlands insbesondere, den Mordbuben in Rußland möglichst das Handwerk zu legen, der russischen Regierung zur Aufrecht« erhaltung der Ordnung zu helfen. Internationale Maßilahinen gegen Anarchisten haben sich leider immer noch als in geringem Grade erreichbar und wenig erfolgreich erwiesen. Aber dem Hochverrat, den deutsche lsocialdcmokratcn gegen Rußland begehen, wird man doch wohl beikommen können...." Die Tinge in Rußland find allzu ernst geworden, als daß russische Deutsche Gelegenheit haben, aus i ihnen für die blinde Hetzerei gegen die deutsche Socialdemokratie Kapital zu schlagen. An den elenden Buben, die noch jetzt den Mut haben, russische Gewaltherrschaft zu schützen, geht nunmehr die deutsche Oeffent- lichkeit verächtlich vorüber. politische(leb er ficht. Berlin, den 28. Juli. Das Thcatcrprogramm des ZukunftSstaatrs. Der„Rcichsverband�gegen die Socialdemokratie" ist an der Arbeit. Bor uns liegt seine neueste That, eine Flugschrift,„Die Socialdemokratie in ihren Widersprüchen, Irrwegen und Gefahren für Deutschland", die sich mit der ausführlichen Widerlegung des „Zukunstsstaates" beschäftigt. Der anonyme Verfasser erhebt erneut die dringliche Klage, daß„den bürgerlichen Zweiflern bisher noch kein klares Bild gezeigt worden sei" und ist besonders besorgt darum, was im„Zukunstsstaate" im Theater gespielt werden wird. Er schreibt: In ebenso tiefem Dunkel liegt bisher die Antwort auf die Frage:„Wie sollen dann die Schätze unsrer bisherigen heimischen und ausländischen Litteratur behandelt werden?" Vielleicht sind das gar keine Schätze, werden nur von der verkehrten bürgerlichen Anschauung als solche angesehen und können deshalb ohne Schaden verschwinden. Jedenfalls passen sie in den Rahmen des ZukunstSstaaies nicht hinein, denn sie sind dem Boden der„ver- rotteten" bürgerlichen Anschauung entwachsen; es ist doch wohl unmöglich. daß ein echter Socialdemokrar sich mit dem Geiste befreunden kann, der durch Shakespeares„Hamlet" und die„Königsdramen" weht, den man in Goethes Faust, Iphigenie, Egmont, in Schillers Wallenstein, Maria SMart, Jungfrau von Orleans verspürt, und in so vielen andren Werken bisher freudig anerkannter Dichter, Historiker, Künstler, denn auch Bildhauerei und Malerei haben zu viel Sünden gegen den allein richtigen Glauben der Socialdemokratie begangen. Alles, was Besitz, Religion, Krieg. Heldenmut, Fürstentum ec. nicht verdammt, was sich wohl gar zum Lobe dieser verwerflichen Dinge versteigt, muß das Gefühl des Genossen im Zukunftsstaate verletzen, müßte und würde als Gift angesehen werden, das die Seelen der Zukunftskinder verdirbt. Wir gestehen, daß alle unsre Versuche, un» mit der Intendantur des Zukunftsstaats-HoftheaterS in Verbindung zu setzen und sie zur Verteidigung gegen so niederschmetternde Anklagen aufzufordern, bisher schmählich mißglückt sind. Die Kcrle verstecken sich offenbar, weil sie sich mit ihren Absichten nicht recht heranswaucn. Und jene Arbeitervereine, die sich bemühen, gerade die im Zukmiftsstaat ver- Ponten Theaterstücke den Arbeitern in gediegenen Ausführungen vor- zuführen— was ihnen freilich dank der heutigen Ordnung bis- her nur in wenigen Großstädten teilweise glücken konnte,— sind bloß vorgeschobene Posten, die das wahre Theaterprogramm des Zukunftsstaates in hinterlistiger Weise zu verschleiern beauf- tragt sind. Im Zukunftsstaate, belehrt uns der Berfasier weiter, wird eine hunderttausend Beamte zählende Censurbehörde notwendig sein, die darüber zu entscheiden hat, was gedruckt wird. Stoff würde sich ffür die Schriftsteller freilich wenig finden,„weil... frei von seelischen und materiellen Konflikten immer glatt und ruhig die Fläche des socialdemokratischen Gesellschaftsmeers läge.* Wenige Seiten vorher aber hat uns der Verfasser, der offenbar eine starke dramatische Ader hat, einen solchen seelischen Konflikt aus dem Zukunftsstaate, Furcht und Mitleid erregend vor Augen geführt. Nach Abschaffung des persönlichen Eigentums an Grund und Boden, an Produktionsmitteln, nach Einführung jener Pflicht und Gewährung jenes Rechts würde doch jeder den Anspruch erheben dürfen und sicher auch erheben, in die angenehmste Gegend, das beste Klima, die vergnüglichste Stadt zu ziehen. Wer würde frei- willig auf rauhen Bergen, dürren Heiden, öden Mooren wohnen, wer geneigt sein, an der Nordseeküste, auf der Eifel, im Spessart oder der Tucheler Heide den Pflug zu führen. Vieh zu züchten. Holz zu fällen und die Produkte nach der Stadt zu schaffen, wo die Leute nach ihrer Arbeit weit mehr und angenehmere Genüsse sich verschaffen können, als er es auf dem Lande vermag? Was thun mit dem Tucheier Haidebauer, der in der Riviera eine leichte lohnende Beschäftigung sucht— vielleicht Broschüren gegen die Socialdemokratie schreiben will— und über die nngeb- lichen Bemühungen, dieses sein Zukunftsstaatsrecht zu erlangen, zum Michael Kohlhaas wird? Oder mit dem Unglücklichen, der seine Wohnung und seinen Aufenthaltsort wechseln will und das ohne Erlaubnis der Zukunftsstaatsbeamten nicht thun darf. Entrüstet fragt unser Prophet: Soll der Franzose, der Spcknier, der Italiener das Vorrecht 5 oben, in einem warmen, sonnigen Lande zu leben, wo der Boden o viel reicheren Ertrag gicbt, die Natur an Früchten so viel Lockenderes liefert, als im Norden, wo der Deutschs, der Russe, der Skandinavier sich mit Nebel und Kälte, mit Eis und Schnee herumschlägt, der kalten Erde nur mühsam kleine Erträge abringt? Zur Erzielung der Gleichheit also Rückkehr zum Nomadcntum, denn welcher andre Weg bleibt übrig? Nicht ganz leicht würde es dabei allerdings sein, für die nötige Verpflegung zu sorgen. Dieses Stück aus den„Jrrlvegen" des Reichsverbandcs dürfte zur Orientierung genügen. Vernünftig läßt es sich nur so erklären. daß der Reichsverband einen drastischen Beweis zur Erhärtung der These Manteuffel erbringen wollte, daß im Kampfe mit geistigen Waffen gegen die Socialdemokratie nichts auszurichten sei. Ver- schönt wird das Büchlein noch durch„Citate", angeblich social- demokratischer Aeußerungen, die das freie geistige Eigentum des Verfassers sind. Trotzdem glauben wir ihm bestimmt versichern zu können, daß er, wenn vielleicht auch nicht Regisseur des Zukunsts- staateS, so doch an der„Zeitung für alle, aus der etwaige andre Blätter bedingungslos die Artikel zu entnehmen hätten*(Siehe S. 3 der.Irrwege*) als Redakteur für unfreiwilligen Humor angestellt und mit.Arbeitsscheinen*(Siehe Seite 4) reichlich bedacht werden wird.— Deutsch-Nlssischer Handelsvertrag. Offiziös wird gemeldet: Der neue deutsch-niffische Handelsvertrag ist heute hier durch den Reichskanzler Grafen v. Bülow und den Präsidenten des russischen Miuisterkomitecs Herrn v. Witte unterzeichnet worden. Veutfckes foicb. Verunglückte Mirbachrcttung. Eine„Berichtigung* des nicd- lichen Falles der Luise M i ch o n hat die Homburger Kurdirektion versucht. Danach soll der Oberbürgermeister Tettenborn die Auszeichnung der würdigen Dame für eine versprochene Armenspende beantragt und durchgesetzt haben. Weiter wird ein Besuch bestritten, den der Freiherr v. Mirbach bei der Dame gemacht haben soll. Dazu schreibt der„Franks. Ztg." ihr Homburger Gewährsmann: Der mit den Vorgängen sichtlich wohlvertraute Schreiber wird sich wohl entsinnen, daß Herr v. Mirbach seine zahlreichen Besuche mit nnd ohne klingenden Erfolg bereits im Sommer gemacht und die Einzeichnung der Spenden in die Liste zum Kirchenbau entgegengenommen hat. Daß die Spende der Frau Mßchon im Betrage von 6000 M erst im Oktober, also vielleicht nach Verleihung des Ordens, zur Auszahlung kam, ist völlig gleichgültig. Die Mirbachfreunde sollten doch endlich einschen, daß jeder Versuch, den verlorenen Prozeß zur Revision zu bringen, bloß neue mißliche Thatsachen enthüllt.— Scherl als Lotto-Onkek. Herr Scherl läßt die Kleinen zu sich kommen. Nachdem es ihm nicht gelungen ist, außerhalb der preußischen Regierung für sein anti- socialdemokratisches Lottcriestistem viel Freunde zu gewinnen, wendet er sich hoffnungsvoll an das jüngere Geschlecht. Er hat dem„Haus- lehrer, Wochenschrift für den geistigen Verkehr mit Kindern," eine Artikelserie eines„Pädagogen" zugehen lassen, in der er selber folgendermaßen verherrlicht wird: Ter ist es also, der sich dieses neue Prämiensparshstem aus- gedacht hat und der hat das wohl schon vor langer Zeit gethan, jedenfalls hat er schon seit vierzehn Jahren immer mal was darüber drucken lassen; und dann hat er es auch den Ministcrn vorgeschlagen schon vor zehn Jahren; und da ist es auch gerade eben so gewesen, wie es jetzt in den Zeitungen ist.... Ich habe euch nun schon erzählt, daß Scherl ein Mann ist, der gerade dadurch viel ausgerichtet hat, daß er immer neue Zeitungen und Zeitschriften gegründet und alte Zeitungen undj Zeitschriften gekauft hat. Und das ist doch natürlich, daß der denkt, mit einer Zeitschrift ist in allen Dingen doch am meisten anzurichten und auch das Prämiensparshstem mutz eine Zeitschrift haben, schon damit man allen den Leuten antworten kann, die darauf schimpfen. Ueber die Tugenden des Lottcriespiels werden die Kleinen also belehrt: Nun meinen aber manche Leute noch, das Lotteriespielent das wäre eine schwere Sünde, und durch dies Prämiensparshstem würden sogar die sparsamen Leute, die sonst ihr Geld in die Spar- büchse thun, zum Lotteriespielen verführt. Die sind ja auch da- gegen, daß der Staat Lotterie macht.... Wenn es gelänge, durch die Volkserziehung den Spieltrieb ganz und gar auszurotten, dann würde alles das kommen, was uns dieselben Zeitungen immer als größtes Unglück prophezeien, lvenn man die Börse stört. Es würden an den deutschen Börsen in Berlin und Frankfurt a. M. und Hamburg und sonst überall fast gar keine Geschäfte mehr gemacht werden und dadurch würde großes Unglück für unser Volk kommen. Nun, liebe Kinder, über diese Sache könnt ihr vollkommen ruhig sein, das Unglück kommt nicht über unser Volk, denn der Spicltrieb hört nicht auf, solange wie es unsre jetzigen Einrich- tungen giebt. Aber viel stärker als wie er ist, wird er auch kaum noch werden. So predigt Hammerstcins Liebling dem heranwachsenden Ge- schlecht. Und dieses würdige, staatserhaltende Volkserziehunassystem. das schon nicht mehr die Kindlein in der Wiege schont, genießt höchste Protektion, indes man Konsumvereine schuriegelt und unterdrückt! Schweinburg für den Kartoffcl-Ulas. Der Erlaß Buddes, der den Eisenbahnern, wohlgemerkt nur den Eisenbahn- Unter- beamten, das Recht, wirtschaftliche Genossenschaften zu bilden, ent- zieht, wird in der antisemitischen Mittelstandspresse eifrig ver- teidigt Ihr schließt sich jetzt Herr S ch w e i n b u r g an, der in seiner Korrespondenz schreibt: Es dürfte nur der vollen Kenntnis von dem Inhalt jenes Ministcrialerlasses und der mit ihm verfolgten Absicht bedürfen, um den übertriebenen Vorstellungen in Bezug auf vermeintliche Beschränkung der Freiheit der Eiscnbahnbedienstcten in ihren privatwirtschaftlichen Angelegenheiten, welche aus irreführenden Aeußerungen der Presse erwachsen sind, den Boden zu entziehen und zu zeigen, daß jener Erlaß nicht entfernt den Zusammen- schluß der Eiscnbahnbedienstcten zu Konsumvereinen allgemein oder auch nur als Regel verbietet, sondern lediglich darauf abzielt, den Mißbrauch solcher Einrichtungen zum kastenmäßigen Abschluß der Angehörigen der Eisenbahn-Vcrwaltung nnd zu unberechtigter Beeinträchtigung des selbständig ertverbsthätigen Mittelstandes zu verhüten. Das Recht, wirtschaftliche Vereinigungen zu gründen, besteht, und wo sein„Mißbrauch" beginnt, bestimmen Verfassung und Gesetz. Die Eisenbahner brauchten, ginge nicht Gewalt vor Recht, weder bei Schweinburg noch bei Budde anzufragen, ob ihre Ausübung dieses Rechts gebräuchlich oder mißbräuchlich sei. Schweinburgs ungeschickter Vcrteidigungsversuch liefert nur einen neuen Beweis dafür, daß Herr Budde als Muster eines Arbeitgebers ein System widerrechtlicher Entrechtung und anmaßlicher Bevormundung be- treibt, das für den Arbeiter das Ende aller menschlichen und bürger- lichen Freiheit bedeutet. Die kapitalistische Gewalt des Klassen- staates wirft sich verfassungswidrig zum Gesetzgeber auf und treibt mit ihrer wirtschaftlichen Ueberlegenhcit schmählichen Miß- brauch.— Hammerstein als Ordensvcrmittler. Wie weit es ein braver Arbeiter bringen kann, erzählt die„Berl. pol. Corr.". Sie berichtet, daß es sich Herr v. H a m m e r st e i n angelegen sein lasse,„älten braven Arbeitern" das Allgemeine Ehrenzeichen zu verschaffen. Nahezu 100 alten Arbeitern wurde diese Auszeichnung zu teil. Von ihnen befinden sich zwei in einem Alter von über 80 Jahren. 17 Arbeiter stehen im Alter von 75 bis 80, 35 im Alter von 70 bis 75, 32 im Alter von 05 bis 70, die übrigen im Alter unter 05 Jahren. Der Daner der Dienstzeit nach haben 0 eine Dienstzeit von über 50 Jahren, 50 eine Dienstzeit von 40 bis 50 Jahren, 40 eine solche von 30 bis 40 Jahren zurückgelegt. Wer es rascher zu höheren Auszeichnungen bringen will, mag sich vertrauensvoll an den Freiherrn v. Mirbach wenden. Er darf aber nicht dabei vergessen, daß Spenden unter 20 M. nicht beliebt sind.— Stuttgart, 28. Juli. Ter Gemeinderat hat sich auf Auf- forderung der Regierung, sich darüber zu erklären, ob die Stadt Stuttgart die Uebernahme des Betriebes eines vom Verein für salkultative Feuerbestattung zu errichtenden Krematoriums unter strengen Kontrollvorschriften zu übernehmen bereit ist, einstimmig in bejahendem Sinne ausgesprochen. Die Stadt wird den Betrieb des Krematoriums übernehmen, sobald dieses fertiggestellt ist. An die Regierung soll jedoch die dringende Bitte gerichtet werden, die Bedingungen in ein« mildere Form zu kleiden, weil sonst die Ver- breitung der Feuerbestattung hintangehalten wird. Insbesondere soll daraus aufmerksam gemacht werden, daß die von der Regierung gestellten Vorschriften, die eine Feuerbestattung nur dann zulassen, wenn eine ausdrückliche Willenserklärung des Verstorbenen vorliegt. bei Ausbruch von Epidemien vollständig illusorisch gemacht werden würden.— Huöland. Oesterreich-Ungarn. Ein Liebesdienst für die Christlichsocialen. Wien, 27. Juli. Herr v. Koerber kehrt zu seiner ersten Liebe zurück. Seine erste That als Ministerpräsident war bekanntlich die Sanktionierung jener vom niederösterreichischen Landtage beschlossenen Gemeindewahl- Reform für Wie», wobei mit einer beispielslosen Wahlgeometrie die wankend gewordene Herrschaft der Lueger-Partei gefestigt werden sollte und gefestigt worden ist. Die Geschichte jener Wahlreform gehört zu den schmutzigsten Winkelzügen, mit denen sich je eine Regierung befleckt hat. und nur das schlechte Gedächtnis der Oesterreicher verniag es zu erklären, daß der bei dem Ränkcspiel beteiligte Minister dennoch in den Geruch gekommen ist, ein be- sonders ehrlicher und unparteiischer Mensch zu sein. Ursprünglich hatte nämlich Herr siizeger im Wiener Gemeindcrat als Bestaunung für Wien das allgemeine und gleiche Wahlrecht beschließen lassen; sämtliche 138 Mitglieder des Gemeinderats hätte» nach diesem Beschluß in allgemeiner Wahl bei gleicher Wahlberechtigung gewählt werden sollen. Nach- dem der Beschluß„gefaßt" worden war, ging Herr Lueger auf Ferien und ließ den Entwurf im Landtage, wohin er als gcsetz- licher Beschluß zu leiten war, von denselben Mameluken ablehnen, die ihm im Gemeinderat zugestimmt hatten. Der Landtag fabrizierte selbst eine Wahlreform, in welcher das allgemeine und gleiche Wahlrecht auf einen einzelnen Wahlkörpcr reduciert wurde, der im Gegensatz zu den privilegierten drei Wahlkörpeni statt wie diese mit 40 nur mit 20 Mandaten ausgestattet wurde; es wurden also nicht 138, sondern nur 20 Gemcinderäte vom allgemeinen Wahl- recht gewählt. Der Landtagsbeschluß, der noch viele andre Gemein- heilen aufweist— so z. B. die fünfjährige Seßhaftigkeit für jenen beschränkten Wahlkörper, den Ausschluß der Personaleinkommensteuer von den das Wahlrecht begründenden Abgaben usw.— erregte unter der nichtchristlichsocialen Bevölkerung den heftigsten Unwillen, der sich in unzähligen, sehr erbitterten Demonstrationen kundthat und in dem strikten Begehren an die Regierung mündete, dem aus schäbigstem Partei-Egoismus entsprungenen Mach- werk die Sanktton zu verweigern. Herr v. Koerber injcenierte nun folgende Jntrigue. Bekanntlich war er mit dem Ministerium Clary aus dem Amte geschieden, das der Zwischenregierung Wittel den Platz räumte, welches gewisse odiose Z 14- Verordnungen octroyieren sollte, zu denen sich die ausscheidenden Minister nicht verstehen wollten. Herr v. Koerber wurde zu dem Geschäft deshalb nicht ver- ivendet, weil er als künftiger Ministerpräsident ausersehen lvar. Von diesem Zwischenministerium, das genau 21 Tage im Amt war, ließ nun Herr v. Körber der Wiener RathauSpartei die Sanktionierung zusichern— so daß er, als er ins Amt trat, scheinbar ein ihn bindendes Versprechen vorfand. Diese an Roßtäuscherlist ge- wohnenden Kniffe, womit der edle Mann seine Ministerlaufbahn begann, habe», wie gesagt, nicht gehindert, daß man ihn später als das Muster eines unparteiischen und unbefangenen Mannes ausgab; die gewissen süßlichen und biedermännisch zugestutzten Reden des Ministerpräsidenten hatten den Leuten nämlich sehr imponiert. Aber Herr v. Koerber sorgt dafür, daß die Illusion nicht bleibend wird und daß man den großen Unterschied zwischen seinem Phrasen- schwoll und seinen Thaten deutlich erkenne. Er hat nämlich, wie heute amtlich mitgeteilt wird, einer zweiten von dem Luegerschen Schandlandtag beschlossenen Wahlresorm die Sanktion verschafft— einer Reform, welche die Wiener Wahlgeometrie auf die Gemeinden des Landes überträgt. Wie bedenklich der Entwurs ist, geht schon daraus hervor, daß er neun Monate im Ministerium gelegen ist, bevor sich die Regierung entschloß, ihn der kaiserlichen Bestätigung zu unterbreiten. Der Hauptgrund, der die„Reform" veranlaßre, ist der, daß durch die im Jahre 1899 eingeführte Personaleinkommen- steuer in den Gemeinden auch die Arbeiter wahlberechtigt ge- worden sind und es in manchen Kommunen auch zu Mandaten gebracht haben. Die Wahlberechtigung auS dieser Steuer beseitigt nun das Gesetz, und die Regierung hat sich bereit ge- funden, dieses antisociale und antistaaatliche Begehren zum »Recht* zu machen! Bon der Unbilligkeit ganz abgesehen, die darin liegt, die Rechte zu kassieren, die ans Lasten erworben wurden; von der Unverständigkeit abgesehen, die in dieser Steuer auf das Arbeitseinkommen verkörperte Intelligenz von der Einwirkung auf die Gemeindeverwaltung auszuschließen welche Felonie ist es vom staatlichen Standpunkt, die allgemeinste und wichtigste der direkten Steuern degradieren zu lassen I ES ist geradezu die Depossedierung des Staates zu Gunsten der Luegerschen Partei- bedürfnisse; ein Minister, der sich dieses Verrates an den Rechten der breiten Massen, den Bedürfnissen der Gemeinden und den Not- wendigkeiten des Staates schuldig gemacht, hat den Anspruch auf politische und persönliche Achtung völlig verloren. Daß Herr v. Koerber so tief gesunken ist, hat fteilich seine eignen Gründe, die weniger in seiner Willensrichtung als in seiner Feigheit liegen. Die Luegerbande ist das Schoßkind des klerikalen Flügels des Hofes; und da dieser Flügel der weitaus einflußreichste ist, so ist der Ministerpräsident den Wünschen dieser Kamarilla geradezu ausgeliefert. Diese hat nur außer der Bigotterie deS österreichischen HofcS, die ja für alles Klerikale seit altersher schwärmt, zwei be- Ivußte Organe: einerseits den Erzherzog Franz Ferdinand, der aus seinem klerikalen Fanatismus kein Hehl macht, und zweitens die Erzherzogin I o s e p h a, die aus Dresden importierte Gattin des jüngsten Neffen de? Kaisers und infolge der morganatischen Ehe des Thronfolgers die Mutter des künftigen Trägers der Krone. Die Dame ist geradezu eine Parteigängerin der RathauSanttsemiten, und der Einfluß dieser wahren Nebenregierung ist schon oft sichtbar ge- worden. Die Wahrheit ist also diese: der sich so selbstbewußt ge- berdende Herr v. Koerber ist in allen Partei-Angelegenheiten der Christlichsocialen eine Puppe in den Händen der Kamarilla, und ihren Wunsch hat er erfüllt, da er mit der Sanktionierung dcS Landtagsbeschlusscs Recht und Anstand mit Füßen trat.— Trieft, 28. Juli. Gestern abend veranstalteten 300 junge Leute von der liberalen Partei eine Demonstration, indem sie ver- schiedene Straßen durchzogen. Die Polizei schritt ein und nahm 12 Verhaftungen vor.— Budapest, 28. Juli.(W. T. B.) Während der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde von zwei Männern ein Paket Flugschriften in den Saal geworfen. Die Flugschrift führt im Namen der socialdemokratischen Partei Beschwerde über strenges Vorgehen gegen die Socialdemokratcn von feiten der Regierungsbehörden. Frankreich. Paris, 27. Juli. Der Bischof Lenordez von Dijon ist auf einen neuen Brief des Kardinal-Staatssekretärs Merry del Val hin nach Rom abgereist. Die Absendung dieses Briefes scheint in den Augen des Ministerpräsidenten Combes eine ernste Verschärfung des Konfliktes darzustellen. Präsident Loubet wird im Ministerrate am Freitag, der über die Lage beraten soll, den Vorsitz führen.— Paris, 28. Juli.(W. T. B.) Die nationalistische„Liberte* will wissen, General Negrier habe seine Entlassung als Mitglied des Obersten Kriegsrats eingereicht und um Versetzung in Disponi- bilität ersucht, weil er während einer Besichtigungsreise an der Ost- grenze Mißstände bemerkt habe, für die er die Verantwortung nicht übernehmen wolle.— Paris, 20. Juli.(Eig. Ber.) Zevaes aus seiner „Parte i" ausgeschlossen. Zevaes, der Abtrünnige der guesdistischen Partei,' hat es jetzt fertig gebracht, von seinen persön- lichen Anhängern gebrandmarkt zu werden, die ihm in dem Abfall gefolgt waren. Die von ihm geschaffene Lokalorganisation, die so- genannte„Socialistische Partei von Grenoble", hat ihn aus ihren Reihen ausgeschlossen, und zwar von Rechtswegen. Man erinnert sich noch, daß Zevaes vor einiger Zeit zum Abgeordneten von Grenoble gewählt wurde. Dem ehrsüchtigen jungen Mann genügte das nicht. Er wollte noch ein Generalratsmandat in den bevor- stehenden Departementswahlen bekommen. Seine Leiborganisation aber verweigerte ihm diesen Wunsch. Auf ihrer Wahlkonferenz vom 28. Juni nominierte sie mit allen gegen wenige Stimmen einen andern Kandidaten. Zevaes begann nun damit, sich öffentlich diesem Beschluß zu fügen. Ja, er gab sein Ehrenwort darauf. Unter der Hand jedoch bereitete er seine Kandidatur vor und stellte sie dann gegen die regelrechte Kandidatur seiner Organi- sation auf. Noch mehr. Die„Socialistische Partei von Grenoble* hesatz ein Zeitungsorgan„L'Ami du Peuple*(„Volksfrcund")— Zevaes bemächtigte sich desselben durch einen ähnlichen Gewalt- streich, wie er ihn vor zwei Jahren— übrigens vergeblich— gegen das guesdistische„Tageblatt von Grenoble*„Le Droit du Peuple" („Volksrecht") ausgcsührt hat. In dem so usurpierten Blatte greift er natürlich den von ihm aufs Ehrenwort anerkannten Beschluß der Wahlkonfercnz an und verteidigt seine eigne Kandidatur. Den verblendeten Zevaesisten ging jetzt endlich ein Licht auf über das Wesen ihres großen Mannes. Das Exekutivkomitee der ZevaeS« Organisation, das statutenmäßig in Wahlzeiten dazu befugt ist, bat in einem„brandmarkenden" Beschlutz Zevaes aus der„Partei' von Grenoble ausgeschlossen. Seit dem 10. Juli gicbt die enthauptete „Partei" ein eignes Wochenblatt heraus: die„Evolution"(„Ent- Wicklung"). Man darf einigermaßen gespannt sein, ob die Wählermasse sich auch diesmal für Zevaes Person gegen die autonome Organisation aussprechen wird, wie sie es in der neulichen Kammernachwahl zum Nachteil der guesdistischen Parteiorganisation gethan hat. In dem von ihm korrumpierten Milieu hat Zevaes für seine jüngste That ebenfalls einige Helfershelfer gesunden.— England. London, 28. Juli. Unterhaus. Der Premierminister B a l f o u r erwidert auf eine Anfrage Sir Campbell Banner- manns, er habe sehr wenig hinzuzufügen, da alles, wie er glaube, jetzt allgemein bekannt ist. Das Haus werde sich entsinnen, daß die „Malacca" am 13. d. M. von einem Schiffe der Freiwilligen-Flotte, das jüngst aus dem Schwarzen Meer ausgelaufen war, weg- genommen wurde. Die Regierung beanstandete in möglichst starker Form dieses Verfahren auf Grund der Ansicht, daß kein Kriegs. schiff aus dem Schwarzen Mere kommen könne und daß nach unsrer Beurteilung Teile der Freiwilligen-Flotte, wenn sie aus dem Schwarzen Meer kommen, und dann Handlungen ausüben, die nur Kriegsschiffen zustehen, entweder nicht das Recht hatten aus dem Schwarzen Meer auszulaufen oder aber kein Recht hatten, solche Handlungen zu begehen.(Beifall.) B a l s o u r fährt fort und sagt, die russische Regierung sei der englischen in dieser Angelegenheit entgegengekommen; er wolle zwar nicht sagen, in Bezug auf die allgemeinen Grundsätze, wohl aber in dcc'cm besonderen Falle. Die„Malacca* konnte nicht vor der Abfahrt von Port Said aufgehalten werden, aber sie wäre nach Algier gegangen und dort freigegeben worden. Die russische Rc- gierung hätte gleichzeitig die Versicherung gegeben, daß, falls die Freiwilligen-Flotte noch weitere Wegnahmen von Schiffen vor- nehmen sollte, bevor ihr Instruktionen zugegangen sein können, des Inhalts, daß, während über die Erörterung der allgemeinen Grund- sätze Verhandlungen schweben, keine Wegnahmen von Schiffen er» folgen sollen, diese Wegnahmen als nicht erfolgt angesehen werden sollen; diesem Abkommen entsprechend, seien gestern die Dampfer „Ardova" und.Formosa* freigegeben worden. B a l f o u r fährt fort, die Regierung habe die Versicherung er- halten, daß die Schisse der Freiwilligen-Flotte aus dem Roten Meer zurückgezogen werden und er habe wenig Grund daran zu zweifeln. daß Rußland keinen weiteren Wunsch hege. dieselben als Kreuzer zu beschästigen.(Beifall.) So- weit daher diese Schiffe in Betracht kämen, habe die Streitfrage ihr akutz� Stadium verlassen. Er wolle nicht sagen. daß die britische und die rrussische Regierung zu einer Einigung über das allgemeine Princip gelangt seien, er glaube aber nicht, daß man vorauszusetzen nötig habe, daß irgend welche praktische Verletzung der Anschauung, an der wir sehr stark halten, wahrscheinlich sei; es gebe, bedauere er zu sagen, aber andre Fragen, die nicht mit diesen Zwischenfällen zusammenhängen, die einer Erörterung zwischen beiden Regierungen bedürfen und die, wie Erörterungen zwischen Regierungen immer, ein Anlaß zu Besorgnissen sein kann. Wir sind der Ansicht, daß eS ungehörig fei, daß allein auf die Autorität des Kommandanten eines Kreuzers hin, aus einem Kauffahrer Ware unter der Annahme, daß es Kriegsknterbande. sei, ohne vorheriges Gerichtsverfahren genommen werden könne.(Beifall.) Das allgemein seitens der Nationen geübte Verfahren ist cS, daß ein Schiff, das der Führung von Kriegskonterbande verdächtig ist, von dem Kriegführenden nach einem seiner eignen Häfen gc bracht und dort vor ein Prisengericht gestellt wird. Falls es den Kapitänen der Kreuzer überlassen bleibt, aus eigner Initiative und Autorität zu entscheiden, ob einzelne Teile der Schiffsladung in die Kategorie der Konterbande g-hören oder nicht, so würde offenbar das, was nicht nur Uebung der Nationen, sondern was die notwendige Grundlage loyaler Beziehungen zwischen Kriegführenden ist, völlig zerstört werden.(Beifall.) Ein ernsterer Fall ist ent standen, falls, wie unsre Information uns fürchten läßt, das Schis, ..Knight Commander" von einem Kreuzer des Wladiwostok- Geschwaders nach vorheriger Entfernung der Mannschaft in den Grund gebohrt wurde, weil es Kriegskonterbande fiihrte. Nach unsrer Ansicht widerspricht dies gänzlich dem von den Nationen im Kriegs- falle geübten Brauch und wir haben unsre Ansicht der russischen Regierung ernstlich vorgestellt.(Beifall.) B a l f o u r fährt fort: Wir stehen durchaus unter dem Eindruck, daß, wenn der Fall vor die russische Regierung gebracht wird,— und er ist von uns vor die russische Regierung gebracht worden,— sie solche Befehle erlassen wird, die eine Wiederholung unglückseliger Zwischenfälle dieser Art verhindern werden. Ich bin überzeugt, daß dies der Fall sein wird. Ich weiß nicht, ob es nötig ist, weiteres über den internationalen Charakter dieser Frage zu sagen; eS ist aber vielleicht erlaubt, über die Angelegenheit, die uns unmittelbar be- rührt, zu sagen, daß ich nicht umhin kann zu glauben, daß— ich will nicht sagen im Untcrhause, aber außerhalb desselben— ein Mißverständnis hinsichtlich der Neutralen obliegenden Pflichten besteht. Ich habe bisher nur erklärt, was wir als Pflichten und Verpflichtungen Kriegführender ansehen, und diese Pflichten beab- sichtigen wir, soweit es in unfern Kräften steht, durchgeführt zu sehen, aber der heutige Kriegführende ist der morgige Neutrale, der heutige Neutrale morgiger Kriegführender. Es giebt Neutralen obliegende Pflichten, deren die Schiffsreeder Englands eingedenk sein müssen. ES ist zweifellos die Pflicht des Kapitäns eines neutralen Schiffes, anzuhalten, wenn er von einem Kreuzer einer kriegführenden Nation dazu aufgefordert wird, und sofort und ohne Schwierigkeiten zu niachcn die Prüfung der Schiffspapiere zu gestatten. Das ist die Verpflichtung der Neutralen, die wir systematisch, konsequent und streng durchgesetzt haben, wenn wir in der Stellung Kriegführender waren, und es wird uns nicht geziemen, einen Versuch zu machen, diese Verpflichtungen einzuschränken. Auf eine weitere Anfrage setzt Balfour auseinander, daß, falls den Schiffseignern Schaden zugefügt worden sei, ihr Anspruch auf Schadenersatz unberührt bleibe, wenn auch die Wegnahmen als nicht erfolgt betrachtet werden. Keir Hardie(Arbeiterpartei) fragt an, ob im Falle von Differenzen, die zu einem Kriege führen könnten, die Sache dem Haager Tribunal überwiesen werden würde. Der Premierminister erwidert: Das ist eine hypothetische Frage, die der Fragesteller kaum beantwortet zu sehen wünschen kann. Er wird die Regierung kaum wegen eines Wunsches, sich rücksichtslos in Feind- seligkeiten zu stürzen, im Verdacht haben. Ich würoe meine Befug- nisse weit überschreiten, wenn ich sagen würde, ob ein Fall darnach angethan ist, dem Haager Schiedsgericht unterbreitet zu werden oder nicht, bis ein solcher Fall entstanden ist.(Beifall.) Der Gegenstand wird darauf verlassen und das Haus nimmt die dritte Lesung der Finanzbill auf, deren Ablehnung Thomas Shar(lib.) beantragt. Im Laufe der Debatte über die Finanzbill weist der Staats- sekretär für Indien Brodrick die Angriffe der Opposition gegen die Finanzpolitik der Regierung zurück, giebt indessen zu, daß die Steigerung der Ausgaben für Heer und Flotte ein sehr ernster Faktor für die Finanzlage seien; ein Mitglied des Hauses der früher einer der Kritiker des KriegSamts gewesen, sei ja jetzt Kriegsminister. Verminderung der Ausgaben könne nur durch eine Herabsetzung der Streitkräfte erlangt werden. Viele Kritiker hätten angeregt, die Stärke des Heeres beizubehalten, aber trotzdem die Ausgaben zu vermindern, ein entsprechender Plan sei jedoch noch nicht vor- gelegt worden.— In parlamentarischen Kreisen werden diese Aeußerungen als ein Angriff gegen das Projekt des Kriegsministers Arnold Forster betrachtet. London, LS. Juli.(W. T.©.)' Im Oberhaus gab der Minister des Auswärtigen, Marquis of Lansdowne eine den Ausführungen des Ministerpräsidenten im Unterhause ent- sprechende Erklärung ab. Ruhland. TifliS, 28. Julk,'(W. T. B.) Die„TranSkapische Rundschau" meldet: Die Cholera hat in Teheran erheblich abgenommen. Die Sterblichkeit sank von IbOV täglich auf 300. Panik herrscht nur unter den Eingeborenen, die infolge des ungeheuren Steigens der Lebensmittelpreise in die Umgegend geflohen sind und dort die Cholera verbreitet haben. Durch die von dem russischen Finanz- agenten Grube mit Unterstützung der russischen Gesandtschast ge- troffenen Maßnahmen ist dem Ausbruche von Ruhestörungen vor- gebeugt worden.—- Türkei. Konstantinopel, 27. Juli.(Meldung des Wiener K. K. Tele- graphen-Korr.-Bureaus.) Die Civilagenten sind von ihrer Reise- tour nach Prilep und Kruschevo zurückgekehrt. In Kruschevo kon- statierten sie die Schäden, welche im Borjahre durch den Ueberfall der unter dem bulgarischen Offizier Theodorow stehenden Bande und durch die Brandschatzungen seitens einer Jlavetruppe an ISO Häusern verursacht worden waren. Diese Schäden sind bisher nur teilweise wieder gut gemacht worden. Für den Wiederaufbau der Metropolitankirche hat der Sultan 400 Pfund in Aussicht gestellt. Auch die griechische Regierung hat den Beschädigten Hilfe geleistet. Morgen treten die Civilagenten eine viertägige Reise in das Gebiet von Ochrida an, um zu konstatteren, ob die gemeldete Hungersnot sich bewahrheitet und um die notwendige Hilfsaktion zu be- antragen.— Konstantinopel, 28. Juli.'(..Franks. Ztg.") Die Mächte über- reichten der Pforte eine identische Note, in welcher sie in energischer Weise erklären, daß die Pforte, wenn sie nicht die Anwendung des neuen Stempelgesetzes bis zur vollständigen Verständigung mit den Mächten suspendiert, für alle durch die Anwendung des Gesetzes dem Handel und der Marine verursachten Schäden verant- wortlich gemacht werde. Die Mächte halten die Art des Vor- gehens der Pforte für inkorrekt. 0ewerhrcbaftUcbee. Der Schwanengesang eines Arbeiterführers. Der„Töpfer", das Organ des Töpfer-VerbandeS, bringt in seiner neuesten Nummer einen Artikel, der eine erschütternde Vor- geschichte hat. Geschrieben hat ihn der verstorbene Genosse Hermann John, der in der Töpferbewegung in der ersten Reihe stand. Der Artikel ist im Angesicht des Todes geschrieben, in dem Augenblick, als der jetzt Verblichene sich zum zweitenmale einer schweren Operation unterziehen wollte. Er lautet: Zum Abschied. Nach fast jahrelanger, qualvoller Krankheit bin ich, wenn Ihr, werte Kollegen, diese Zeilen liest, nunmehr vrllig auS Eurer Mitte durch den Tod entrissen. Neben dem Abschied von meinen Familien« augehörigen ist die Trennung von Euch das Moment gewesen, waS mich am meisten in den letzten Tagen vor der notwendigen Operation bedrückte.— Indes, ich war es nie gewohnt, Klagelieder über widerfahrenes Ungemach anzustimmen und will dieses auch jetzt nicht thun: nur wünsche ich. aus diesem Grunde erörtere ich es hier, daß aus meinem Fall hemuS alle diejenigen eine Lehre ziehen mögen, die da leider immer noch der Meinung sind, daß sie als gleichberechtigtes Wesen auf dieser Welt leben, daß sie je nach Bedarf teilnehmen können an den Errungenschaften der Wissen schaft und diese eventuell zu ihren Gunsten ausnutzen könnten.— War ich schon längst davon überzeugt, daß wir als Arbeiter in den Augen der„oberen Zehntausend" nur als notwendiges Ucbel be- trachtet wurden, so bin ich während meiner Krankheit erst recht in dieser Ueberzcugung bestärkt worden. Als leidendes Objekt ist mancher Arbeiter den sogenannten Vertretern der Wissenschaft— Gcheimräten und Professoren— wohl zu Studienzwecken willkommen, aber auch nichts weiter. Zur Beseitigung des wirklichen Uebels rühren sich die Hände der Koryphäen nur gegen Zahlung von klingender Münze in nicht allzu kleinen Portionen. Jede Be- Handlung bedarf eines Vermögens von einigen Tausenden. Wer diese nicht besitzt, kann, falls sich nicht irgendwo ein Menschenfreund- licher Praktiker aus den nicht ganz so hoch mit Titeln über- schütteten Kreisen der Aerzteschaft findet, sich als Kassenkranker in den Krankenhäusern unter den Augen der ersten Vertreter der Wissenschaft durch allerlei Versuche oftmals zu Tode quälen lassen. Etwaige vorkommende Erfolge kommen dann nur denen zu gute, die reichliche Bezahlung leisten können. Mehr wie in allen andern Gebieten ist auf medizinischem Gebiet die Wissenschaft zum Büttel des Geldsacks geworden, wo gerade das Gegenteil im Interesse der Menschheit der Fall sein müßte.— Mehr wie jedes andre Unrecht dieser Welt müßte aber gerade der angeführte Umstand dazu beitragen, die Arbeiterschaft zur Er- kenntnis über ihre Klassenlage kommen lassen, sie zur gewcrkschaft- lichen und politischen Organisation zu treiben und an sie zu fesseln, um mit deren Hilfe in brüderlicher Gemeinschaft dahin wirken zu können, daß die Klassengegensätze beseitigt, die Menschheit frei und damit Errungenschaften der Kultur und Wissenschast allen zugäng- lich würden. Diesem Zweck dient auch unsre Organisation, wenn. wie es nicht anders sein kann, auch nur in elementarem Sinne, und in diesem Sinne wird sie weiter arbeiten, werden Eure Bemtungen gepflogen werden müssen, wie es bisher geschehen ist.— Lange Zeit hindurch war es mir vergönnt, mit Hilfe vieler einsichtsvollen Kollegen die Arbeiten der Organisation mit führen zu helfen, vieles hatte ich mir vorgenommen, nun ist es für mich vorbei.— Doch ich weiß, daß in derselben Weise wie bisher die Arbeiten von opfer- willigen Kollegen fortgesetzt werden, und daß als Leitsätze sich„Treue in der Ueberzeugung",„Ueberlegung beim Handeln",„Energie in der Bekämpfung allen Unrechts" immer mehr einbürgern. Dank allen Kollegen, die in jahrelanger, mühevoller Thätigkeit mich kräftig unterstützten. Dank allen Freunden, die mir während meiner Krankheit zur Seite standen. Behaltet in gutem Andenken Euren _ Hermann John. Berltn unkt CXrngcgmd. Lohnbewegung der Schlöchtergesellen. Die am Mittwoch ab- gehaltene Generalversammlung der Berliner Mitgliedschaft des Centtalverbandes der Fleischer stimmte den nachstehenden, vom Vor- stände aufgestellten Forderungen zu: 1. Abschaffung der Sonntags- Kündigung und-Entlassung und Verlegung derselben auf den Mittwoch zwischen 2 und 4 Uhr nachmittags. 2. Die Arbeitsvermittelung erfolgt durch die Gesellenorgani- satton und ist für Meister und Gesellen unentgeltlich. 3. Jnnehaltung der gesetzlichen Sonntagsruhe bezw. der drei- stündigen Sonntagsarbeit. 4. Einführung der zwölfstündigen täglichen Arbeitszeit ein- schließlich der Essenspausen. 6. Bezahlung notwendiger Ueberstunden mit 60 Pf. pro Sttmde. 0. Zahlung eines Mindestlohnes von 10 M. wöchentlich neben Kost und Logis. Diese Forderungen sollen den Meisterkorporationcn sowie den außerhalb derselben stehenden einzelnen Meistern eingereicht werden. Die Forderungen sind, wie der Verbandsvorsitzende Hensel aus- führte, auf das denkbar niedrigste Maß festgesetzt worden, sie be- schränken sich auf die allernotwendigsten und ohne weiteres durchführbaren Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse. Die organisietten Schlächtergesellen haben von höheren Forde rungen. so berechttgt sie auch wären. um deswillen abgesehen, damit den Arbeitgebern der Einwand genommen werde, es handle sich um unerfüllbare Forderungen, und damit auch die Sympathie des Publikums den Schlächtergesellen gewiß sei. Es oll nicht gleich mit dem Streik gedroht werden, man will versuchen, ich mit den Meistern zu verständigen, und rechnet dabei aus die ilnterstützung des Publikums besonders in den Arbeitervierteln, wie ie den streikenden Bäckern zu teil wurde. Sollten die bescheidenen Wünsche der Schlächtergesellen trotzdem nicht erfüllt werden, dann wird man allerdings von der Waffe des Streiks Gebrauch machen. Ferner wurde ausgeführt, daß viele Meister wohl bereit 'ein würden, die Forderungen zu bewilligen. Wie nolwendig eine este Vereinbarung über Lohn und Arbeitszeit sei. erhelle aus dem llmstande, daß oft bis zu 16 Stunden täglich gearbeitet werde, daß die gesetzliche Sonntagsruhe vielfach nicht beachtet werde, daß Wochenlöhne von 8 bis 9 M. gar nicht selten vorkämen, ja ein Ge- selle habe sich kürzlich bei der Organisation gemeldet, der einen Wochenlohn von 3 M. erhielt. AuS dem geschäftlichen Teil, den die Versammlung erledigte, ist folgendes mitzuteilen: Die Abrechnung vom II. Quartal ergiebt eine Einnahme von 1172,17 M., eine Ausgabe von 994,24 M. und einen Bestand von 177,93 M. Die Zahl der Mitglieder ist im abgelaufenen Vierteljahr von 626 auf 607 gestiegen. Unter Hinzurechnung der Aufnahmen, welche nach dem Quartalsabschluß ge- macht worden sind, bettägt die gegenwärtige Mitgliederzahl mehr als 700. Es macht sich ein stetiges Anivachsen des Verbandes bemerkbar, auch der Arbeitsnachweis desselben funktioniert zur Zu- friedenheit.— Als Beisitzer im Hauptvorstand wurde Janz, in die Lokalverwaltung Bräunlich als Kassierer und Richard als Schrift- sührer gewählt.— Die Versammlung bekundete den streikenden Schlächtern in Chicago ihre Sympathie. Die Aussperrung bei der Firma SchwidlinSki, Manteuffelstraße, artet in ihren Begleiterscheinungen nachgerade ins Lächerliche aus. Unermüdlich ist die Polizei für die Firma thätig. Tag für Tag werden die Streikposten verhaftet, nutunter bis zu einem Dutzend hintereinander. Kaum ist ein Posten aufgezogen, so kommt auch schon ein Schutzmann und zieht mit ihm zur Wache. Natürlich geht der Mann noch Feststellung seiner Personalien sofort wieder auf Posten, als wenn nichts geschehen wäre, und dann wiederholt sich das Schauspiel seiner Verhaftung aufs neue. Die Anwohner und Passanten der Manteuffelstraße sehen in diesen Vorgängen schon das reine Theaterspiel. Am Mittwoch bethätigte sich ein Polizeibeamter Aur Abwechslung auch mal als Transporteur eines Arbeitswilligen; dochmcht zur Wache, sondern zur Fabrik ging die Reise. Ein Metallformer von auswärts hatte sich nämlich, jedensalls auf die Annonce der Kühne- männer in auswärtigen Blättern hin, auf dem Arbeisnachweis in der Dresdenerstraße als Arbeitswilliger angeboten. Eine Zeitlang, nach- dem er den Nachweis betreten, kam dort auch ein bekannter Kriminal- beamter auS dem Revier der Manteuffelstraße an, holte den Arbeits- willigen ab und bugsierte ihn unter feinem liebevollen Schutz in die Schwidlinskische Fabrik. So stellt sich die Polizei«im Interesse der öffentlichen Ordnung" in den Dienst des Unternehmertums. Achtung, Metalldrücker! Der Betrieb von Kirchner ist gesperrt. Wir ersuchen die Kollegen, dies zu beachten. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. Auf den Neubauten der Irrenanstalt der Stadt Berlin in Buch befinden sich die Bauhilfsarbeiter seit dem 18. Juli im Ausstand, wodurch die Arbeiten fast vollständig ruhen. Die Maurermeister Lindner sowie Schreiber, welche anscheinend die Submissionen, welche die Stadt Berlin bisher in Buch zu vergeben hatte, in Erb« Pacht genommen haben, sollten den Bauhilfsarbeitern eine kleine Lohnaufbesserung von 2Va Pf. pro Stunde zubilligen(42>/z Pf. gegen bisher 40 Pf.) und für Träger 55 Pf. gegen bisher 521/z Pf. Dies haben die Herren abgelehnt mit der Mottvierung, daß sie alles, was ihnen bisher möglich war, an den Maurern und Bauhilfsarbeitern gethan hätten und nun am Ende angelangt seien, wo sie nichts mehr zulegen könnten. Wie uns mitgeteilt worden ist, sollen die Herren Lindner sowie Schreiber von der städtischen Bauverwaltung einen Auffchub. von sechs Wochen erhalten haben, um die Bauhilfsarbeiter gefügig zu machen. Die Bauhilfsarbeiter sowie Maurer werden nun ersucht, die Neubauten von Buch diese sechs Wochen zu meiden, damit sich die Herren in dieser Zeit überlegen können, was ihnen zu thun möglich ist. Es wäre doch angebracht, daß sich die städtische Ver- waltung darüber äußert, ob den Herren wirklich eine solche Frist gegeben ist. Alles drängt doch dahin, daß die Anstalt ihrer Voll- enonng entgegengefllhrt werde, weil der Raum für derartige Kranke fehlt und da sollte die Stadt sich dem Allgemein-Jnteresse ent- gegen als Hüterin der Unternehmer-Jntercssen gerieren? Achtung, Rohrleger und Helfer! Die Kollegen in Fürstenwalde sind in eine Lohnbewegung eingetreten.— Fürstenwalde ist bis auf lveiteres gesperrt. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Bezirksleitung des 3. Bezirks. Deutsches Reick). Der Holzarbeiter-Streik in Langenöls ist zu Gunsten der Arbeiter beendet.„Wolffs Telegraphen-Bureau" meldet: Die Direktion der Schlesischen Holzindustrie-Gesellschaft vorm. Ruschewey u. Schmidt hat die Forderungen der Arbeiter auf Kürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde und Lohnerhöhung um 10 Prozent bewilligt. Die meisten Ausständigen haben die Arbeit wieder aufgenommen. Die Aussperrung der Kohlcn-Accordschauerleute in Ha», bürg hat durch die Wasserkalamität auf der Obcrelbe eine schlimme Wendung genommen. Durch das Niedrigwasser ist die Kohleneinfuhr nach dem Jnlande lahmgelegt und eine Geschäftsflaue eingetreten, die un- günstig auf den Stand der Aussperrung einwirkt. In einer Ver- samnrlung der Ausgesperrten machte deshalb der Vorstand den Vor- schlag, daß aus jedem Betriebe zwei Mann ernannt werden, die an die Ärbeirgeber herantreten und diesen die Frage stellen, ob die Arbeit unter den alten Bedingungen wieder aufgenonunen werden könne. Dieser Antrag wurde jedoch von verschiedenen Rednern be- kämpft. Es wurde hierauf eine geheime Abstimmung vorgenommen, die ergab, daß 131 siir die Aufnahme der Arbeit und 203 sich da- gegen erklärten. Zu den Klagen über die Zustände im sächsischen Bergbau, die auf der BergarbeiterKonferenz in Zwickau laut wurden, hat der Schader-Schacht schnell noch nachträglich einen Beitrag ge« liefert. Das Werk hat die beiden Konfcrcnz-Dclegirrten entlassen. Und damit ja nichts an dem Bilde fehle, wird das Werk dabei noch ein Geschäft machen; noch ein Vierteljahr gerade fehlt den Leuten, um ihnen die zur Pensionskasse eingezahlten Beittäge zu sichern. Das Vierteljahr fehlt und das von den beiden Gemaßregelten ein- gezahlte Geld ist daher verloren.— Dieses Vorgehen ist fast noch empörender als das, was an schlimmen Einzelheiten schon auf dem Kongreß berichtet wurde. Rusl»nck. Der Streik in Boryslaw. Das Streikkomitee hat sich bereit erklärt, mit den kleinen Unter- nehmern Frieden zu schließen, wenn sie den Frieden wollen und korporativ mit dem Streikkomitee in Verhandlungen eintteten werden. Es wird sich nun zeigen, ob die kleinen Unternehmer den Frieden mit den Arbeitern wollen oder sich den Großunternehmern zu Liebe durch ihre Starrköpfigkeit selbst zu Grunde richten. Zur Sekretärin des schweizerischen GewerkschaftöbundeS ist in der Urabstimmung mit 4114 gegen 3661 Stimmen die Genossin Frau Dr. FaaS gewählt worden gegen die Genossin Frau Villinger w Zürich._ Letzte JVaebnebten und Depcfchcn. Das Attentat gegen Plehwe. Petersburg, 28. Juli.(W. T. B.) Der Mörder Plehwes, der durch die Explosion schwer verletzt, besinnungslos fortgeschafft wurde, kam heute abend zum Bewußtsein, worauf sofort die erste Vernehmung folgte. Sofort nach der That wurde aus der Stelle, wo der Anschlag erfolgt war, auf Verlaugen der Menschenmenge eine Totenmesse für Plehwe abgehalten. Nach glaubwürdigen Meldungen schleuderte der Thäter die Bombe vom Bürgersteig aus; das würde auch seine Verwundung erftären. Enbgülttgor Bruch mit dem Vatikan? Rom, 28. Juli.(B. H.) In kirchlichen Kreisen ist man überzeugt, daß der Bruch zwischen Frankreich und dem Vatikan Thatsache ist und man nur«in oder zwei Tage abwarten will, um den Bruch amtlich bekannt zu geben._ Matrosen-Ausstand. Dünkirchcn, 28. Juli.(B. H.) Der Ausstand dauert fort und nimmt immer größere Ausdehnung an. Die Mannschaft von sechs Dampfern der Postfahrt-Gesellschast streikt. Eine amerikanische Note wegen Beschlagnahme der„Arabia". Washington, 23. Juli.(Meldung deS„Reuterschen BureauS".)j DaS Staatdepartement hat der russischen Regierung eine Note zu- gehen lassen, in der es anfragt, ob der von einer amerikanischen Firma gecharterte deutsche Dampfer„Arabia" freigelassen sei. Die russische Regierung erwiderte, sie habe gar keine Nachricht über die Beschlagnahme der„Arabia", da diese noch nicht in Wladiwostok ein» getroffen sei. Die amerikanische Note ist in sehr gemäßigtem Tone gehalten, der indes später vielleicht, wenn notwendig, verschärft werden könnte._ Bom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Tokio, 28. Juli.(Amtliche Meldung.) General Oku berichtet, daß die japanische Armee bei der Verfolgung des Feindes am 25. d. Mts. nördlich von Taschitschiao vorgedrungen ist. Der Feind zog sich in nördlicher Richtung von Taschitschiao zurück. Niutschiatun steht in Flammen._ Dresden, 28. Juli.(Privatdepesche deS.Vorwärts".) Kurz nach Schluß der Vorstellung ist im Bühnenhause des Residenz-Theaters Feuer ausgebrochen. Wvrzburg, 23. Juli.(B. H.) Der ReichSrat Dr. von Huttenberg ist 50 Jahre alt im Bad Neuenahr gestorben. Aussig, 28. Juli.(B. H.) Der Streik der Bergarbeiter ist beigelegt; die Belegschaft ist heute eingefahren. Zermatt, 28. Juli.(W. T. B.) Am Gabelhorn ist Professor Dnnelius auS Innsbruck mit dem Führer Joseph Dembl auS Sulgen in Tirol infolge Steinschlags verunglückt. Beide sind tot. Sofia, 28. Juli.(B. H.) Großes Aufsehen erregt die Flucht der zum Tode verurteilte Natcho Tzotzu und Niko Dilot aus dem hiesigen Centralgesängnis. Dieselben waren wegen Ermordung des Deputierten Natodikow sowie wegen Geheimbündelei zum Tode ver- urteilt worden. Die unerklärliche Flucht hat in ganz Sofia große Sensation hervorgerufen. Algier, 23. Juli.(B. H.) Die„Nalacca" ist gestern abend 10 Uhr freigegeben worden. Alexandria, 28. Juli.(W. T. B.) Das englische Geschwader ist von hier in See gegangen. Gibraltar, 28. Juli.(W. T. B.) Das englische Kriegsschiff Hermione" ist von hier nach Tanger in See gegangen. f&rsltw. Redaktemi Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagkanstaltPaul Singer S-Co.. Berlin 5 W. Hierzu 2 Beilagen u. UnterhaltungSblatt 9. 176. 21.?°htMg. i. ifiiöp hts„Mmillls" Kerlim Wllislllktt. kt.ii«s. 2». z«6 1664. Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Ueber die Kämpfe bei Taschitschiao liegt heute außer einer neuen russischen Darstellung auch ein ausführlicherer japanischer Bericht vor. Die beiden Darstellungen weichen sehr beträchtlich von emanoer ab. Während die Japaner behaupten, daß ihnen fünf Divisionen gegenübergestanden hätten, wird von russischer Seite behauptet, daß bei der Schlacht nicht mehr als 18 Bataillone— also circa anderthalb Divisionen— engagiert gewesen wären. Die Wahrheit wird in der Mitte liegen. Daß fünf Divisionen bei Taschitschiao gestanden haben sollen, ist unwahrscheinlich, ebenso unwahrscheinlich ist freilich, daß die 100 russischen Geschütze, von denen ja auch in russischen Meldungen die Rede war, nur von 13 Bataillonen gedeckt gewesen sein sollen. Unter diesen Umständen hätten ja die Russen einen großen Teil ihrer Artillerie geradezu leichtfertig aufs Spiel gesetzt! Man wird kaum fehl gehen, wenn man die russische Stärke auf 3 Divisionen veranschlagt. Die Telegramme lauten: Petersburg, 23. Juli. Wie General Kuropatkin dein Kaiser unterm 26. Juli meldet, erhielt er an deinselben Tage eine Depesche von General Sarubajew, worin dieser die am 24. Juli in der Umgebung von Nandalin, Dafantschen und Tsiantschiaissi stattgehabten Kämpfe eingehend schildert. Der Kampf begann um fünf Uhr früh, das japanische Artillerie- fcuer währte fast ununterbrochen 15 Stunden, das Geschütz- feuer verstummte um 9 Uhr abends, während das Gewehr- fever bis in die späte Nacht dauerte. Nach Beendigung des Kampfes wurde festgestellt, daß 18 russischen Bataillonen nicht weniger als zwei japanische Divisionen und eine er- drückende Anzahl von Batterien(?) gegenübergestanden hatten. Die Gesamtlänge der Stellungen betrug 16 Werst. Unter diesen Umständen hielt es Generallientenant Sarubajew, dessen Truppen sich auf allen Stellimgen behauptet hatten, nicht f.ü r an- gebracht, den Kampf am folgenden Tage fort- zusetzen und beschloß, nach Norden zurückzugehen. Die Verluste sind noch nicht festgestellt, doch nimmt Sarubajew an, daß etwa 20 Offiziere und 600(?) Mann aus der Front ausgeschieden sind. Wie der General meldet, zeichneten sich be- sonders die sibirischen Regimenter aus, die den Hauptangriff der Japaner auSzuhalten hatten. Im Centrum der russischen Stellungen kam es viermal zum Bajonettangriff, dem die Japaner nicht Stand hielten. Großen Kampfesruhm erwarb sich insbesondere das Rc- giment Barnaul sowie die Regimenter Tobulsk, Tomsk und zwei Bataillone des Regiments Ssemipalotins. Auch die Thätigkeit der russischen Batterien, die während 15� Stunden ununterbrochen dem Feuer ausgesetzt waren, war hervorragend. Die Verluste der Japaner hält Generallieutenant Sarubajew für bedeutender als die eignen.(?) Tokio, 28. Juli. Amtliche Meldung. General Oku berichtet: Die Armee begann am 24. d. M. einen Angriff auf den Feind zu machen, der ber Tapinaling und auf andern stark befestigten Höhen in der Nähe von Taschitschiao Ausstellung genommen hotte. Die ganze Operationslinie des Feindes dehnte sich von Osten nach Westen m einer Länge von etwa 10 Meilen aus. Der Feind war etwa fünf Divisionen stark mit wenigstens 100 Geschützen. Unser rechter Flügel erreichte die Höhen 3 Kilometer südwestlich von Tapingling, Ivorauf auf beiden Seiten die Kanonade begann. Unsre Front war bis zum Eintritt der Dunkelheit dem feindlichen Artillerie- feuer ausgesetzt, während die örtliche Beschaffenheit der Gegend unsre Artillerie nicht voll zur Geltung kommen ließ. Um 10 Uhr abends vertrieb eine Abteilung unsres rechten Flügels den Feind aus seiner Stellung bei Tapingling. Hierauf nahmen wir auch alle übrigen Stellungen, welche Taschitschiao beherrsche» und der- folgten den Feind nach Taschitschiao hin. Unsre Verluste werden auf 800 geschätzt. Aus Niutschwang liegt folgende Nachricht vor: Tokio, 28. Juli. Amtliche Mitteilung. Der Höchst- kommandierende der Mandschurei- Armee berichtet folgendes: Niutschwang wurde am 25. Juli von den japanischen Streitkräften besetzt. Zuerst wurde eine Abteilung Kavallerie und dann eine Abteilung Infanterie hingeschickt; beide Abteilungen wurden in- dessen wieder nach Niutfchiatun(ungefähr drei Meilen von Niutfchwangl zurückgezogen, nur so viel Soldaten im Ort lassend, wie es für Polizeizwecke notwendig schien. Die Japaner konzentrieren also ihre Hauptmacht ohne Ver- zettelung gegen Haitschüng und L i a u j a n g. Drei russische Torpcdoboots-Zerstörer vernichtet? Tschifu, 27. Juli.(Meldung des.Reuterschen Bureaus".) Hier eingetroffene russische Flüchtlinge melden, daß der russische Torpedoboots-Zerstörer.Lieutenant Burakow" und zwei andre russische Torpedoboots-Zerstörer am 25. Juli von den Japanern durch Torpedos beschossen wurden und gänzlich ver- loren gingen. Der„Lieutenant Burakow" ist bekanntlich das Torpedoboot, das vor einiger Zeit zweimal die japanische Blockade Port Arthurs brach und von dort nach Jnkou und zurück fuhr. Die Bestätigung dieser Meldung bleibt abzuwarten. Ein russisch-amerikanischer Konflikt. Aus Washington meldet das„Wolffsche Bureau" offiziös: Das Staatsdepartement erhielt Mittwoch den formellen Protest des Vertreters der'„Portland Müllereigesellschaft" gegen die Beschlagnahme der amerikanischen Ladung an Bord des Dampfer?. A r a b i a" der Hamburg- Amerika- Linie. Das Staatsdepartement ist nach vorhergehendem Studium der Gesetze und der Präzedenzfälle vorbereitet, schnell und energisch vorzugehen. Der Vertreter der Gesellschaft erklärt. das M e h l an Bord der„Arabia" wäre nicht Kriegskonterbande, sondern regelrechte Handelsware gewesen, die nicht für Japan bestimmt war. Ein Protest ist noch nicht aufgenommen worden. Bezüglich des .Knight Commander" wird sich das Staatsdepartement auf den Standpunkt stellen, daß das Jngrundbohren neutraler Schiffe gänzlich unverantwortlich ist. Ferner meldet die Londoner„Morningpost" aus Washington: Nach einem Meinungsaustausch mit dem Londoner AuS- wältigen Amt hat da« amerikanische Staatsdepartement beschlossen, an Rußland eine Note zu richten, in welcher Entschädigung für die Ladung des„Knight Commander" gefordert wird, die amerikanischen Eigentümern gehörte. Präsident Roosevelt und Staatsfekretär Hay kommen am heutigen Donnerstag nach Washington, um den Wortlaut der Note zu besprechen. Sollte Rußland versuchen, sich seiner Verantwortung zu entziehen, so würden die Vereinigten Staaten von ihrer festen Haltung nicht abgehen. Weiter berichtet ein Laffan-Telegramm aus Washington: Das Staatsdepartement hat der Pacific Mail-Steamship- Company, der Eigentümerin des PostdampferS „Korea", auf deren Anfrage mitgeteilt, daß die amerikanische Regierung Artikel, die nicht für eine Regierung bestimmt sind, nicht als Konterbande betrachtet, auch nicht Artikel, die für militärische Zwecke verwendet werden können, falls nicht klar nachgewiesen werden kann, daß diese Artikel für den Gebrauch einer kriegführenden Regierung an- gekaust wvrden find. DaS sei immer die Politik der Vereinigten Staaten gewesen, und sie werde aufrecht erhalten werden. Im Schlachtenlärm. Professor Zoege-Mantenffcl von der Dorpater Universität nimmt als Leiter eines Feldlazaretts, das die Kaiserin-Witwe von Rußland auf den Kriegsschauplatz geschickt hat, an den Kämpfen im fernen Osten teil._ Einer seiner Assistenzärzte schildert in einem Briefe an seine Familie die Schlachtenerlebnisse von Wafangkou äußerst an- schaulich. Der„Düna-Zeitung" sind folgende Stellen entnommen: Liaojang, 21. Juni 1904. Was hat sich doch alles zugetragen während der Zeit, in der ich nicht in Ruhe geschriebin habe! Wir haben zu viel erlebt, und all das Schrecklich e des Krieges in höchstem Maße genossen. E s läßt sich nicht beschreiben, was man jetzt eine Schlacht nennt— es läßt sich kaum deutlich empfinden— man muß es erleben, und man muß dann zur Einsicht kommen, daß es Schrecklicheres, Widerlicheres und Gros-artigcrcs wohl kaum sonst auf der Welt so dicht bei einander geben kann. Eine Schlacht in den Bergen— �eine Schlacht, in der zwei Tage, zwei lange, müde, heiße, quälende Tage lang nur Artillerie das Wort hatte und wo Granate» und Schrapnells in so unerhörten Mengen die ganze Luft in 14 Werst Ausdehnung erfüllten, das? ganze, große, große Berge, Thäler und Plätze in dichten, gelben, erstickenden Staub verwandelt waren. 30 und mehr zur Zeit platzende, heulende, pfeifende Geschosse fielen rundum stundenlang ohne die kleinste Pause. Und wie gut wissen sie zu treffen, die kleinen gelben Teufel! Den Erfolg unsrer braven Jungen, die wie Helden zwei Tage lang in dieser Hölle standgehalten haben, ihrer Arbeit Erfolg, den konnten wir nicht überblicken— was die Japaner uns gethan, das ist schauerlich genug. Unser schönes friedliches Idyll auf den Chinesengräbcrn in Kaitschou wurde eines Abends jäh unterbrochen durch den Befehl, am nächsten Tag um 4 Uhr früh abzurücken. 18 Werst südlich sollten wie reiten, nach Wafandjan, der nächsten Station. Es sollte also ernst werden und wir sollten �— wonach sich so viele, viele schon lange sehnten— eine Schlacht miterleben. Wie wir uns Wafandjan(od. tien) nähern, begegnen uns Troßfuhrwerke und Truppen in langer Reihe, die nach Norden ziehen und auf dem Bahnhof irnd in dem Städtchen herrscht ein wüstes Durcheinander. Es ist klar— man zieht sich zurück. Die Japaner unter Okn sind ganz nahe und drängen nach Norden. Wie aber sah dieses Wafantien aus! Du lieber Gott! Kein gaus hat ein Dach oder eine Diele,— kein Fenster ist heil— kein fen steht mehr, und die ca. 160 Gebäude gleichen elenden Ruinen. Das ist in zwei Stunden verrichtet, als die Unfern die Station um ersten Male räumen mußten. Kein Stroh für die Pferde— ein Brot für die Leute. So sind wir denn ein wenig trübe gestinnnt zurückgeritten. Auf dem linken Flügel war unser Platz, bei General Gerngroß. Wir sollten dem 1. Divisionslazarett am Hauptverband- platz zur Hand gehen. In einer Fanse hatten wir uns gerade hübsch sauber und praktisch eingerichtet, als um 3 Uhr früh die ersten Geschütze mit der Arbeit begannen. Dumpf und grollend hallten die Schüsse durch die Thäler und der Nebel ließ das schreckliche Platzen der sechspfündigen japanischen Granaten noch nicht so grellend schärf, so stählern und so schonungslos erscheinen. Und schon sah man über unsre Batterien— gewissermaßen zaghaft— die ersten weißen Wölkchen platzender Schrapnells erscheinen. Sie schössen noch zu weit— zu nah und noch nicht so systematisch. Von Minute zu Minute aber wurde es besser. Der linke Flügel war am ersten Tage besonders aufs Korn genommen. Wir hatten einen nicht ungefährlichen Stand- ort. Die lieben Schrapnells kamen bedenklich nah zu uns heran- geflogen. Wir mutzten unfern Platz wechseln und richteten uns in einem kleinen Wäldchen von neuem ein. Man brachte die ersten Verwundeten, unter denen auch General Gerngroß selber erschien— rechts am Halse von einem Granatsplitter leicht verletzt. H. hatte ihm eben einen Verband gemacht, und die Gruppe, die sich an der Stelle gebildet hatte, war gerade drei Schritt beiseite getreten, als ein Pfeifen und Heulen ertönte und ein fürchterlicher KAall die Spannung löste. Mitten unter uns war so ein Ding geplatzt, ohne den geringsten Schaden angerichtet zu haben, nur einige Bäume ließen müde ein paar Aeste sinken. Ein Fehlschuh, der der stürmenden Infanterie gegolten hatte, war über einem Gipfel zu uns geflogen. Gerngroß aber sagte:„Teufel, ich kann stehen, wo ich will, überall platzt so eine Kanaille!" Kononowitsch reitet heran und bittet um Hilfe. Auf der ersten Position seien viele Verwundete. Er, Z., drei Sanitäre und ich machen uns auf. Drei von unfern Krankenwagen gehen mit. Wir müssen einen freien Platz von etwa 200 Schritt, am Bergabhang gelegen, passieren. Mitten darauf ward ich zurückgeschickt, um die in der Eile von den Sanitären vergessenen Verbandtaschen zu holen. und wie ich zurückreite, stürmen mir zwei Gespanne Protzkasten mit je sechs Pferden bespannt in wilder Eile, venire ä terre, entgegen und drängen meinen Gaul aus der Bahn. So bin ich ein Stück mitgesaust, bis neben mir ein Pferd tödlich getroffen niederfiel und das Ganze hielt. Dann gab ich meinem Tier die Peitsche und unter unzähligen reflektorischen Bücklingen jagte ich den Unfern nach und habe sie glücklich erreicht. Einen Moment aber sah ich nach oben und zählte zwölf Rauchwolken über mir. Wie ich an Z., der Schritt ritt, heranjagte, rief ich ihm schnell zu:„Um Gottes willen, eilen Sie, wir sind ja mitten drinl" Und so sind Imr die letzte Strecke alle in voller Gängart an den Berg herangeritten. Kononowitschs Leibkaukasier verlor auf diesem Ritt sein Pferd— eine Schrapncll- hülse ist dem Tier in die linke Schulter hinein und aus der rechten herausgefahren. Er selbst ist unverletzt. Seht, so entstehen die Geschichten, daß die Japaner anfs„Rote Kreuz" schießen. Das„Rote Kreuz" macht Unvorsichtigkeiten und dann sind die Japaner daran schuld! Als wir den Berg erreicht hatten, waren wir ziemlich außer Gefahr, auf den Platz aber regnete es weiter Schrapnells. Z. und die Sanitäre stiegen hinauf zur Batterie; mich hat er 100 Schritt tiefer bei den Pferden gelassen. Z. kehrte bald zurück, nachdem er die Leute oben gelassen, da kein einziger Verwundeter dagewesen war! Wir sind denselben Weg zurückgeritten— diesmal ohne von Kugel- pfeifen und Staub begleitet zu werden. Die Japaner machten Mittags- pause, um danach noch schrecklicher zu beginnen und fortzufahren. Man brachte uns in großen Mengen Verwundete und die ersten Toten. Seiner Majestät 1. Ostsibirischcs Schützenregiment, das sehr gelitten hat. verlor seinen Kommandeur und dessen Adjutanten. Von den vier Regimentskommandeuren der vier Schützenregimenter sind einer tot, zwei verwundet und der dritte verschollen; und dabei wiederholen die verwundeten Soldaten immer wieder:„Wohin hat man uns geführt, das ist keine Schlacht, das ist eine Hölle!" Stackelberg fuhr umher von Position zu Position. Das Schiehen wurde immer stärker und es machte den Eindruck, als ob die Japaner in großer Uebermacht seien. 35 000 Mann hatten wir. Um 7 Uhr haben wir einen Parlamentär zu den Feinden gesandt und um« Schluß für heute gebeten, um Tote und Verwundete zu besorgeft. Sie sind darauf eingegangen, und dann haben wir in aller Ruhe die Nacht dazu benutzt, zu verbinden und zu transportieren. Bei elendem Laternenschein und Lichten. Es war eine heiße Arbeit. Früh, früh am nächsten Tage ging es wieder los. Wenn ich geglaubt hatte, das fürchterlichste Schießen schon erlebt zu haben, so hatte ich mich geirrt. Wir hatten die Toten kaum beerdigt— die Soldaten in einem Grabe, den Regimentskommandanten und seinen Adjutanten in einem andern— als der Geschützdonner von neuem einsetzte. Wir mußten unfern Platz wieder verlassen und kehrten zur Fanse zurück. Diesmal galt es dem rechten Flügel. Centrum und linker Flügel hatten weniger zu leiden. Rechts arbeiteten Rodziankos Aerzte. Die Japaner hatten die Nacht wenig geschlafen— ihre Positionen waren verstärkt und verändert. Sie haben eine der unfern bei weitem überlegene Artillerie neuester Konstruktion und Kruppscher Arbeit, und ihre Infanterie ist in den Bergen so zu Hause und so geschickt, daß man entsetzt ist zu sehen, wie schnell sie sich nähern können. Am 2. Juni war der Lärm so groß, daß man sein eigenes Wort schwer verstehen konnte. Das Knattern und Rollen der Jnfanteriesalven trat fürchterlich deutlich hervor.. Bon Hügel zu Hügel stiegen die Japaner, gedeckt und gefolgt 1 von den Geschützen. Verwundete bei uns in Menge. Um 1 Uhr mittags hörten wir links ein brausendes Hurra und wußten, daß Gerngroß vorgegangen war und vorgeht, während wir zugleich sehen konnten, wie rechts sich alles zurückzog. Gleich darauf aber stürmten sie auch links die Berge hinab— mit starren Augen, ganz benommen, schmutzig und sinnlos schreiend. Z. rief dem ersten zu:„Steh, hörst Du nicht, daß Unsre mit Hurra vorgehen!" und ganz benommen, mechanisch machte er Kehrt. Aber es war kein Halten mehr. Immer schneller, immer besser schössen die Japaner und eine Batterie nach der andern verstummte bei uns. Es begann ein großes Fliehen. Zur Station! Da ordneten sich die Wagen und Truppen so gut es ging und in langer Kette zogen sie zu Seiten der Bahn ab. Wir hielten uns ganz rechts am Gebirge und sahen. wie sie anfingen, den Bahnhof zu beschießen und wie die Schrapnells alles deckten. Der letzte Sanitätszug ist mit knapper Not dem Feuer entwischt, doch haben unsre Schwestern und Kollege G. all ihr persönliches Eigentum, das sie da mit hatten, verloren, und G. zudem 200 Rubel in Geld. Es war unbeschreiblich. Bis zum letzten Augenblick arbeiteten unsre letzten zwei Batterien und zogen sich kämpfend zurück. Neun Geschütze haben wir ver- loren. Eine Batterie hat nicht einmal vernagelt werden können, weil von der Bedienung nur zwanzig Mann nachgeblieben waren. Gerngroß hat sechs eroberte Ge- schütze fahren lassen müssen. Er hat sich noch lange, lange in den Bergen kämpfend gehalten. Dann sind wir abgeritten und der Lärm um uns her hörte allmählich auf. Wilde Bilder all- überall am Wege. Es ist was Schlimmes um so einen Rückzug. Das Herz ist einem schwer und der Mut gebrochen. Drei Werst von der Station schlug noch eine letzte Granate in einen Transportwagen, zertrümmerte den Wagen und tötete das Pferd. Der Soldat auf dem Bock aber blieb unverletzt. Wir machten dann eine kleine Rnhestation an einem Bach, und als unsre Küche zu arbeiten anfing, sind sie herangekommen von allen Seiten, um Thee und vor allem Grobbrot zu erbitten. Elegante Gardeoffizirre baten ganz bescheiden und verlegen um ein Stück Schwarzbrot— da sie drei Tage kaum was gegessen hätten. So viel wir hatten, haben wir gegeben. Da im Fluß habe ich gebadet und mir reine Wäsche angezogen. Drei Tage auf der Erde in Kleidern schlafen ist nicht so sehr unangenehm— aber man wird schmutzig. Kapitän K. be- merkte hier, daß er einen Koffer mit 10 000 Rubel in Wafangkou gelassen hatte und schickte drei Ossjetinen danach, die für 25 Rubel pro Mann erbötig waren, den gewünschten Koffer zu holen. Und es ist ihnen auch geglückt, da die Japaner die Station nicht beseht hatten, sondern gleich weiter gegangen sind. Die Unsren haben noch hier und da verzweifelt gekämpft. T. war von uns vorausgefahren, um in Kaitschou ein Hospital einzurichten. Dahin fahre ich nun auch zurück. Partei- l�acbricbten. Der Lanbcspartcitag der Socialdcmokratie im Herzogtum Sachsen-Altenburg tagte am Sonntag in Gera-Reuß. Diese Flucht ins„Ausland" war deshalb nötig, weil die im Herzogtum Altenburg noch bestehenden Verfrommungsbestrebungen es unmöglich machen, an einem Sonntag bor 3 Uhr nachmittags öffentliche Angelegen- heilen zu beraten. In dem benachbarten Reuß ist dies aber bereits vormittags gestattet. Anwesend waren auf dem Parteitag 52 Dele- gierte, ferner der Landesvertrauensmann, die Landtagsfraktion und als Vertreter der Redaktion der„Altenburger Volkszeitung" der Reichstagsabgeordnete Genosse Stück len. Der Bericht über den Stand der finanziellen Verhältnisse bot ein erfreuliches Bild. In der neun Monate umfassenden Berichtsperiode wurden inklusive eines Kassenbestandes von 2570,80 M. vereinnahmt 6929,89 M.; außer- dem wurden eingenommen aus Sammlungen für die Landtags- wählen 1935,48 M., für die Nachwahl zum Reichstag 3920,15 M. Die Parteigenossen im Herzogtum haben sonach in neun Monaten rund 10 000 M. für Parteizwecke aufgebracht. Gewiß ein Zeichen freudiger Opferwilligkeit. Für die Landtagswahlen wurden auSge- geben 2076,66 M., die Nachwahl zum Reichstag erforderte einen Kostenaufwand von 5605,75 M.— Ebenso erfreulich hat sich unser Parteiorgan, die„Altenburger Volkszeitung", entwickelt, die unter den sämtlichen im Herzogtum Altenburg erscheinenden Zeitungen jetzt die höchste Auflage hat. Die in den neun Monaten erzielte Einnahme belief sich auf 43 310,61 M. Der Verlust des Mandates bei der Nachwahl zum Reichstag hat den KampfeSeifer unsrer Partei- genossen nur noch mehr angestachelt und es unterliegt keinem Zweifel, da ßwir bei erster Gelegenheit das Mandat wieder holen, um es dann hoffentlich für immer zu behalten. Um dies zu er- reichen, ist eine durchgreifende Aenderung der Organisation be- schlössen worden. Diese beruhte bis jetzt auf dem Vertrauensmänner- system und nur in einzelnen Orten bestehen Socialdemokratische Vereine. Das soll nun anders werden, indem der Parteitag ein- stimmig beschlossen hat, eine Centralorganisation für den Bereich des Herzogtums zu schaffen.— Von der Beschickung des Jnter- nationalen Kongresses in Amsterdam wurde mit Rücksicht auf die erheblichen Kosten Abstand genommen.— Als Delegierter zum Parteitag in Bremen ist Genosse Böhme-Eisenberg gewählt worden. — Zu einer langen und sehr lebhaften Debatte bot ein Antrag Anlaß, der eine Aenderung in der Erscheinungsweise der„Alten- burger Volkszeitung" bezweckte. Statt morgens sollte die Zeitung abends zur Ausgabe gelangen. Gegen die Stimme des Antrag- stellerS wurde dieser Antrag abgelehnt. So lange am Ort nicht eine eigne Druckerei geschaffen werden kann, so lange bleibt es bei dem jetzigen Druckereiverhältnis. Bekanntlich wird das Blatt jetzt in Leipzig hergestellt.— Von andren Beschlüssen sei noch der hervor- gehoben, daß auch in diesem Jahre wieder ein Agitationskalender in einer Auflage von 20 000 Exemplaren verbreitet werden soll. Ein- stimmig angenommen wurde dann noch die folgende Resolution: Die socialdemokratische Partei in Sachsen-Altenburg spricht die Erwartung aus, daß in Zukunft die Meinungsäußerungen innerhalb unsrer Partei in einer solchen Form zum Austrag gebracht werden, wie es in ihrer Partei, deren Angehörige es mit der Erringung der im Programm festgelegten Ziele ernst meinen, die Pflicht jedes einzelnen gebieterisch erfordert. Der zum Parteitag nach Bremen gewählte Delegierte erhält den Austrag, zur Verhinderung ähnlicher Vorkommnisse, wie in Dresden, in der entschiedensten Weise m,t. zuwirken.— Damit hatten die Verhandlungen ihr Ende erreicht und es steht zu hoffen, daß die Partei sowohl als auch die Zeitung unter der neuen Organisation sich weiter in erfreulicher Weise entwickelt. Zwischen den Mailänder Partci-Organisationc» dürfte es schwerlich zu einer Einigung kommen. Die alte Organisation(revolutionärer Flügel) hatte die Reformisten aufgefordert, Mitglieder zu einein gemeinsamen Komitee zu wählen, das eine Verständigung herbei- führen sollte. Dies haben die Reformisten abgelehnt. Serliner partei-)Znge!egenkeiten. Der Königsberger Prozeß. Am Freitag, den SS. Juli, abends 8 Uhr, findet im Palast-Theater(früher Feenpalast), Burgstrasie, Ecke St. Wolfgangstrasie, eine Bolksversammlnng statt, in der Genosse Dr. Karl Liebknecht über den Königsbcrger Prozesi referieren wird. Zahlreichen Besuch erwarten Die socialdemokratische,, Vertrauensleute von Bevlifl. Dritter Wahlkreis. Achtung, ParteigMossen! Sonntag, den Juli: Familien-Ausflug nach dem„Wendenschloh", gegenüber Grünau. Treffpunkt dctselbs. mittags.— Rege Beteiligung erwartet Der Vorstand des Wahlvereins. NummclSbiirg-Boxhagcn. Am Sonntag, den 31. Juli, von nachmittags 4 Uhr ab: Gemütlich s Beisammensein in G o r g a s' Bolksgarten, Neue Prinz Adalbertstraße 70/71 (Kietz). Die Parteigenossen werden ersucht, sich mit Familie recht zahlreich zu beteiligen. lokales. Die Schutzvorrichtungen der Straßenbahnwagen. Zu unfern Betrachtungen über dieses Thema(in Nr. 171 vom 23. Juli) sendet uns die Direktion der„Großen" einen Brief, der ja gewiß sehr gut gemeint ist. der aber bei uns seine Wirkung völlig verfehlt hat. Der Sinn dieser Zuschrift ist der, daß uns eben das rechte Verständnis für die Sache fehle. Unser Artikel gehe, so heißt es da, von der falschen Ansicht aus, daß es Schutzvorrichtungen gebe, die einen Menschen, der nnmittelbar vor einem schnell fahrenden Straßenbahnwagen dessen Bahn kreuzt, unter allen Umständen retten können.„Eine solche Schutzvorrichtung giebt es nicht," sagt die Direktion, und sie hebt diesen Satz durch Unterstreichung hervor. Nein, die giebt es in der That nicht, und die wird es wohl auch nie geben. Rettung„unter allen Umständen", noch dazu bei„schneller Fahrt"— das kann nur ein Träumer er- warten und ein Schwindler nur könnte es versprechen. Es ist uns aber auch gar nicht eingefallen, solchen Unsinn zu schreiben. Hätte die Direktion sorgfältiger gelesen, so konnte sie sich diesen Teil ihrer Zuschrift sparen. Wir haben lediglich zeigen wollen, daß eine der üblichen„Schutzvorrichtungen", der„ S ch u tz r a h in e n" nämlich, der die Rüder umgiebt, nicht nur keinen Schutz gewährt, sondern unter Umständen sogar zu einer schweren Gefahr wird und die Ueberfahrenen zerquetscht. In dem ganzen Schwall der sachlichen Darlegungen, den uns die Direktion schickt, haben wir vergeblich nach einer Erwähnung dieses Schutzrahmens gesucht. Die Direktion belehrt uns in sehr überflüssiger Weise über die selbstverständliche Thatsache, daß man nicht die furchtbare Wirkung einer schnell dahinfahrenden Masse von ü— 12 000 Kilo momentan aufheben kann. Das wußten wir ohnedies. Wir wissen auch, daß ein Stoß solcher Masse genügt, den An- gefahrenen umzuwerfen und vielleicht die schwersten Verletzungen oder den Tod herbeizuführen. Aber wir wissen auch das, daß der Umgeworfene, wenn er zufällig unverletzt bleibt, durch den S ch u tz- rahmen verletzt oder zu Tode gequetscht werden kann. Und hiervon — schweigt die Direktion. Sie schilt auf die Erfinder, deren Reklame dem Laien imponiere. In Wirklichkeit seien ihre Erfindungen„ineist kein Schutz, sondern eine Gefahr für das Publikum". Und wieder vergißt sie hinzuzufügen, daß auch die Schutzrahmen eine Gefahr werden können. Sie erzählt, die Aufsichtsbchöre habe, als sie die jetzt üblichen Vorrichtungen vorschrieb, sich darauf beschränkt, durch federnde Schutzwcsten den Stoß abzuschwächen und dem Gefährdeten die Möglichkeit zu bieten, sich anzuklainmern: „Vor allem aber wurde alles weggelassen, was eine neue Gefahr bringen könnte." Und auch hier sucht man vergeblich nach dem Eingeständnis, daß gerade der Schutzrahmen eine neue Gefahr bringen kann. Wir hatten speciell darauf hingewiesen, daß kürzlich in W e i ß e n s e e ein Mädchen vomSchutzrahnren zerquetscht wurde, und daß die sonst so berichtigungseifrige Direktion unsrcr Darstellung dieses Unfalles bisher nicht widersprochen habe. Die Direktion sagt jetzt, es habe keinerlei Anlaß vorgelegen, dieser Darstellung entgegenzutreten. Das soll wohl heißen: sie war richtig. Die Direktion meint, da hätte keine Schutzvorrichtung helfen können, das Mädchen sei in den Straßenbahnwagen geradezu hineingerannt. Aber lviederum unterläßt sie es hinzuzufügen, daß das Mädchen durch den Schutzrahmen zu Tode gekommen ist. Nehmen Sie es uns nicht übel, Herr Direktor Marhold, wenn wir Ihnen offen sagen, daß wir diese von Ihnen unterzeichnete Zuschrift geradezu skandalös finden. Wir bitten Sie, künftig nnsre Aus- führungen sorgfältiger zu lesen und, sofern sie antworten wollen, d a s zu beantworten, was wir geschrieben haben. Solche Leistungen des Schutzrahmens, wie die in Weißensee, sind nur möglich, wenn er entweder überhaupt nichts taugt oder in einem einzelnen Falle noch seine Extramängel hat. Im Hinblick auf diese zweite Möglichkeit hatten wir erwähnt, daß einmal nach einem Unfall die mangelhafte Schutzvorrichtung deS Unfallwagens über Nacht in eine vorschriftsmäßige verwandelt worden sei. Das sei jetzt von einem entlasseneu Bureau-Assistenten der „Großen" an den Leiter des Straßenbahner-Verbandes berichtet und von diesem in der letzten Nummer des Vcrbandsorgans „Kleine Mitteilungen" veröffentlicht worden. Was die Direktion hierzu zu sagen hat, das ist das einzig Beachtenswerte an ihrer Zuschrift. Sie giebt die Sache zu! Der entlassene Assistent habe sie ihr schon vor der Veröffentlichung mitgeteilt, der beschuldigte Betriebsinspektor(Witte) habe eingestanden und sei entlassen worden. Man sieht, waS in dem Musterbetrieb der„Großen" möglich ist. Da sind Schutzrahmen in Gebrauch, die über einen Menschen völlig hinwegfahren und ihn zerquetschen. Da kommt es vor, daß eine Schutzvorrichtung noch ihren besonderen Mangel hat, daß aber ein höherer Beamter über Nacht diesen Mangel durch niedere Beaiute beseitigen läßt, um noch vor Untersuchung deS Unfalles den Sachverhalt zu verdunkeln. Solche Wagen fahren durch die belebten Straßen Berlins, solche Wagen müssen samt aller Verantwortung von den Fahrern übernommen werden, der Gefährdung durch solche Wagen muß das Straßenpublikum sich aussetzen I „Freiwilligkeit" bei Postunterbcnmten. Für verwaiste Töchter von Postbeamten ist eine Stiftung bestimnit, die den Namen „Töchterhort" trägt. Das Grundkapital in Höhe von 109 000 M. wurde im Jahre 1890 durch„fteiwillige" Beiträge von Postbeamten aufgebracht, und seitdem sind Jahr für Jahr weitere Beiträge„freiwillig" von Postbeamten geleistet worden. Unter- stützungen jedoch sind bisher in so geringer Höhe aus dem „Töchterhort" gezahlt worden, daß das Kapitalverinögen durch die Beiträge sowie durch ZinscSzins schon auf ziemlich 1000 000 M. angewachsen ist. Manche Postbeamte, besonders untere, sind nicht allzu eifrig,„freiwillig" an eine Stiftung zu zahlen, von deren Seanungen sie so wenig bemerken. Aber gewisse Vorgesetzte lassen es sich angelegen sein, ihre Leute dann und wann an die Stiftung „Töchterhort" zu erinnern, damit die„freiwilligen" Beiträge ziemlich vollzählig einkommen. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl kriegen die Unterbeamten gewöhnlich bei Gelegenheit der Verteilung des Ge- schäftsberichtes für das letzte Jahr, und das ist auch kürzlich wieder geschehen. Besagter Wink mit dem Zaun pfähl fällt manchmal ein bißchen zu deutlich aus. So wird diesmal aus dem Pakctpostamt Oranienburgcrstraße genreldet, daß dort in voriger Woche ein Sekretär die Unterbeamten zusannnenberufen habe, um ihnen den «TVchterhort"-Segen zu schildern und sie zur Leistung»freiwilliger" Beiträge aufzufordern. Er habe getadelt, daß die„Freilvilligkeit" mancher Unterbeamten recht lässig sei, und habe öffentlich die- je n igen namhaft gemacht, die noch keine Beiträge geleistet haben. Die„Berliner Zeitung" veröffentlicht ein „Eingesandt", das diesen Vorfall schildert und die Unterschrift „Mehrere alte Postunterbeamte" trägt. Wir vennnten, daß mancher Postunterbeamte lächeln wird, wenn er dieses„Eingesandt" liest. Es wird ihm dabei einfallen, daß noch andre Dinge gemacht werden, um die Beiträge zum„Töchterhort" reichlicher fließen zu lassen. Im vorigen Jahre teilte der„Vor- wärts" mit, daß auf einem Postamt dem Personal sogar nahe- gelegt worden war, einen Teil des„Federgeldes" zu opfern. Das Amüsante dabei war, daß der Vorsteher eben jenes Postamtes einen Monatsbeitrag von ganzen 75 Pfennigen leistete, tvas für einen Beamten dieser hochbezahlten Rangstufe am Ende ein bißchen sehr wenig ist. Vielleicht ivird mancher Postunterbeamte auch die„Federgeld"- Idee nicht weiter verwunderlich finden. Er wird wissen, daß noch andre Dinge gemacht werden. Wir wiffen's auch. Eine recht sonderbare Anffassung über die Befugnisse der Polizei dem Publikum gegenüber scheint innerhalb des 97. Polizeireviers in der Greifenhagenerstraße zu herrschen. Ein Buchdrucker, der im Jahre 1903 VO Wochen und in diesem Jahre bereits wieder 3 Wochen arbeitslos war, konnte wegen seiner schlechten wirtschaftlichen Lage auch keine Stenern bezahlen. Dem Steuererheber war bei der versuchten Einziehung derselbendieserGrnnd mitgeteilt worden; die vorgenommene Pfändung blieb in Ermangelung pfändbarer Objekte ergebnislos. Am letzten Mittwoch erschien nun in der Wohnung des inzwischen einmal wieder Arbeitenden ein Schutzmann des genannten Reviers, der die Mutter fragte, bei welchem Arbeitgeber sich ihr Sohn in Arbeit befinde. Die nichts ahnende Frau gab anstandslos darüber Auskunft und wurde noch ersucht, ihren Sohn nach Arbeitsschluß nach dem Revierbureau zu schicken. Der Vorgeladeue kam dieser Aufforderung nach und wurde bei seinem Erscheinen von dem diensthabenden Beamten darauf hingewiesen, daß er mit seinen Steuern noch im Nnckstande sei. Daran knüpfte sich die Mahnung, dieselben zu bezahlen, damit nicht bei event. Einziehung derselben im Geschäft vielleicht Entlassung oder ähnliches eintritt. Ans den Einwand, daß es doch bei so langer Arbeitslosigkeit unmöglich sei, noch Steuern zu bezahlen, wurde ihm der Rat, dies der Steuer- behörde mitzuteilen, ehe die Einziehung erfolge. Auch ließ sich der Beamte die Richtigkeit der von der Mutter gemachten Angaben be- züglich seiner Arbeitsstelle bestätigen und notierte Namen und Wohnung des Arbeitgebers fein säuberlich auf einem bereit- liegenden Formular.— Wir sind der Meinung, daß die Polizei- behörde nicht befugt ist, aus diese Weise der Steuerbehörde hilf- reiche Dienste zu erweisen, und können unsren Lesern nur raten, in ähnlichen Fällen der Polizei gegenüber Autworten über ihr Arbeits- Verhältnis zu verweigern, da bei uns in Preußen der Polizei dazu kein Recht zusteht, so lauge jemand nicht lvegen Vergehen gegen die be- stehenden Gesetze unter Polizei-Aufsicht gestellt ist. Von der vor- gesetzten Behörde erwarten wir, daß sie dem betreffenden Beamten klar macht, daß er sich um dergleichen Sachen nicht zu kümmern hat. Bezüglich der Einführung des Achttthr-Ladenschlusses erfahren Ivir, daß die vorzunehmende Umfrage sich nicht auf Cigarren-, Kolonialwaren- und Konsiturengeschäfte erstrecken wird. Bei den vorzunehmenden polizeilichen Feststellungen werden die Fragebogen Branchenregister enthalten, eine Einrichtung, welche durch die Be- stimmungen des Gesetzes über den Neunuhr-Ladenschluß erforderlich ist. Die Einführung des Achtuhr-Ladenschlusses ist nämlich nur dann zulässig, wenn in der betreffenden Branche.Zweidrittel der Geschäfts- inhaber für dieselbe stimmen. Daß der Achtuhr-Ladenschlutz in einer ganzen Reihe von Branchen zur Einführung kommen wird, ist sicher. Der größte Teil der Eiscnwarenhändler Berlins schließt bereits jetzt auf Grund einer freien Vereinbarung schon um 8 Uhr abends. Er- reicht werden dürfte der Achtuhr-Ladenschlutz ferner in der Porzellan-, Konfektion-, Herrenartikel-, Schirm-, Wäsche- und Posameutenbranche. Von der Teilnahme bei der Abstimmung dürfte es abhängen, ob nicht auch in einer Reihe andrer Fächer der frühere Ladenschluß gesetzlich eingeführt wird. Der versuchsweise eingeführte automatische Bcrkauf von Wert- zeichen auf einigen hiesigen Postämtern hat sich gut bewährt und es gelangen nunmehr zunächst auf allen größeren Aemtern der- artige Verkaufsautomaten zur Aufstellung. Die neuen Automaten werden sich von den bisherigen dadurch unterscheiden, daß eine augenblickliche Geldkoutrolle zu jeder Zeit vorgenommen werden kann. Zu diesem Zwecke befindet sich in der Vordertvaud der Automaten eine unter Glasverschlutz gesetzte Mctallscheibe, in welcher Ver- tiefungen zur Aufnahme je eines Zehnpfennigstückes enthalten sind. Tie in den Einschnitt geworfene Münze gleitet, sobald an dem Hand- griff gezogen wird, auf die Scheibe, die gleichzeitig eine kurze Drehung macht, wodurch das hineingeworfene Geldstück sofort sichtbar lvird. Gleichzeitig wird diejenige Münze, die sich in der letzten Vertiefung der Scheibe befindet, in den Geldkasten geschleudert. Durch diese Einrichtung wird jedem Passanten, der zufälligerweise die Entnahme von Wertzeichen aus dem Automaten beobachtet, Gc- legcnheit gegeben, zu sehen, ob der Entnehmer sich thatsächlich eines Nickelstückes oder einer sogenannten Automatenmarke bedient. Andrerseits ist der Käufer in der Lage, zu kontrollieren, ob er nicht versehentlich ein andres Geldstück in den Schlitz geworfen hat. Neu» Personen durch Pudding vergiftet. Der betrübende Vor- gang hat sich im Beamtcn-Wohngebäude des Kasernenlazarctts in Tempelhof abgespielt. Dort wohnt im Erdgeschoß die verwittwete Frau Rechnungsrat Rhode, die ein 22 jähriges Fräulein Müller bei sich hat. Frau Rhode bekam am vorigen Sonntag Besuch von Schöneberg und stellte zu diesem Zweck einen Pudding her, zu dessen Bereitung sie Vanillezucker benutzte. Von diesem Pudding übergab sie auch der im selben Hause wohnenden Familie des Civilwärters Mendt einen Rest von etwa ein Pfund. Alle Personen, die nun von diesem Gericht aßen, sind unter Anzeichen von Vergiftung heftig erkrankt. Der ISjährige Willy Mendt, der am meisten davon gegessen hatte, st a r b vorgestern nachmittag. Seine 77jährige Großmutter sowie seine Schwestern Pauline(22 Jahre), Frieda(14 Jahre), und Lieschen(9 Jahre) wurden ins Lazarett gebracht, während Frau Rhode und Fräulein Müller in ihren Wohnungen verblieben. Bei allen Personen stellte sich hef- tiges Erbrechen und Durchfall ein, und die Anstaltsärzte nahmen fast überall eine Auspumpung des Magens vor. Bei einigen Kranken stellte sich gestern eine leichte Besserung ein, doch ist der Zustand von Fräulein Müller und dem neunjährigen Lieschen noch äußerst kritisch. Die auswärts wohnenden Eltern von Fräulein Müller sind gestern telegraphisch an das Krankenbett der Tochter berufen worden. Welche Schmerzen die Erkrankten auszuhcklten haben, geht daraus hervor, daß Lieschen Mendt nur mit Gewalt in« Bett gehalten werden kann, da sie vor Schmerz immer herausspringen will. Auch der Besuch aus Schöneberg ist erkrankt. Der ärztliche Befund ist noch nicht bekannt gegeben. Ein neuer Pockenfall. Unter dem Verdacht, von echten Pocken befallen zu sein, hat der 37 Jahre alte Eisendreher Rill aus der Gartenstr. 10 in die Baracken der Charits Aufnahme gefunden. Er arbeitete bis Sonnabendabend in einer Fabrik der Schlegelstraße, wurde am Sonntagmorgen in der Wohnung von Fieber ergriffen und zog einen Arzt hinzu. Erst in der Nacht zum Mittwoch zeigte sich eine Art Ausschlag im Gesicht. Nill verließ am Morgen die Wohnung, um seinen Kassenarzt aufzusuchen, und ist dann gleich nach der Charits gegangen. Ein Gutachten liegt noch nicht vor. Unbekannte Lebensmüde. Zur Ennittelung eines jungen Mädchens von etwa 24 Jahren, dasi am Mittwochabend um 9V- Uhr uahe der Schillingsbrücke von dem Dampfer„Friedrich Wilhelm" in die Spree sprang, wird berichtet: Das junge Mädchen bestieg ohne jede Begleitung in Grünau den Dampfer, hatte einen Ecksitz inne und blickte gedankenvoll vor sich hin. Plötzlich sprang das Rädchen auf und über die Einfriedigung hinweg ins Wasser. Der Kapitän ließ gleich sioMn, sprang der Lebensmüden nach und brachte sie bewußtlos an der Holzmarktstrahe an das Land. Nach den eine Stunde dauernden Bemühungen kehrte sie zur Besinnung zurück, gab aber keinerlei Auskunft. Papiere hatte sie nicht bei sich, dagegen das kleine Bild eines Herrn. Ein eigenartiger Unfall, der zum Glück ohne ernste Folgen der- lief, ereignete sich gestern nachmittag vor dem Hause Prenzlauer- straße 4. Von einem Straßenbahnwagen war die Kontaktstange von der Stromleitung abgesprungen und schlug gegen den Spanndraht, welcher dadurch in schaukelnde Bewegung versetzt wurde. Der Draht erfaßte einen bronzenen Zuckerhut im Gewichte von 75 Pfd., der in der Höhe der ersten Etage an der Geschäftsfront der Kolonialwaren- Handlung vun Neukrantz angebracht war, riß ihn ab, und die schwere Last stürzte auf den Bürgersteig, unmittelbar hinter einem Herrn, der eben die Stelle passiert hatte. Durch den fallenden Körper wurde eine Granitplatte zertrümmert, weiterer Schaden jedoch nicht augerichtet. Ei» Mordattcntat aus Eifersucht unternahm am Mittwochabend um ll'/a Uhr die 40 Jahre alte Frau Friederike Lehnhof geborene Mitzfort auf ihren um 14 Jahre jüngeren Geliebten, den Kutscher Karl Ackstein. Das ungleiche Paar wohnte seit l�/z Jahren zusammen Buttmaunstr. 4 im Erdgeschoß deS Seitenflügels, wo Frau Lehnhof für die Ehefrau Acksteins galt. Vor einiger Zeit erfuhr die L., daß Ackstein mit einem 24 Jahre alten Mädchen ein Liebesverhältnis angeknüpft habe. Das erweckte ihre Eifersucht in so hohem Maße, daß sie ihn auf Schritt und Tritt, sogar nach seiner Arbeitsstelle hin verfolgte. Als A. gestern abend nach Hanse kam, machte er seiner Geliebten Vorhaltungen über ihr auffallendes Benehmen, und es entspann sich ein Streit, dem auch die Schwester der Frau Lehnhof beiwohnte. Dabei erhielt die Frau einige Püffe mit der Hand und wurde so wütend, daß sie mit einem Küchenmesser auf ihren Geliebten einstach. Er erhielt einen Stich iir die Brust, einen in den rechten Arm und einen Schnitt in die Pulsader am rechten Handgelenk. Eine große Blutlache in der Wohnung bezeichnet die Stelle. Die Thäterin ver- ließ dann die Wohnung, wurde aber später auf der Straße verhaftet. Ackstein versuchte sich vom Blut zu reinigen und wollte dann einen Arzt aufsuchen. Eine große Blutspur zeigt den Weg. den er genommen hat. Vor dem Hause Badstr. 49 brach er zusammen. Die Polizei beförderte ihn in ein Krankenhaus und nahm eine Durchsuchung der Wohnung vor. Das Messer, mit dem die That ausgeführt wurde, konnte nicht gefunden werden. Die Lehnhof bestritt zuerst die That und behauptete, Ackstein habe sich selbst verletzt; zuletzt gab sie zu, aus Eifersucht gehandelt zu haben. Ein abscheuliches Verbrechen ist gestern nachmittag in der Schönholzer Heide entdeckt worden. Eine Anzahl von Kindern, Zöglinge der Erholungsstätte vom Roten Kreuz, stießen beim Spielen auf der Wiese an der Jeverschen Baumschule auf Nieder- Schönhauscner Gebiet auf eine Kindesleiche, welcher der K o p f f e h l t e. In höchster Erregung eilten die Kinder nach der Roten Llreuz-Station, von der aus die Polizei benachrichtigt wurde. Die Beamten fanden den beretts teilweise in Verwesung über- gegangenen Leichnam eines etwa zehn Tage alten Kindes, der ur- sprünglich in einem Paket aus starkem Packpapier eingeschnürt war. Nach längerem Suchen stieß man in einiger Entfernung auch auf den Kopf des Kindes, der wahrscheinlich mit einem scharfen Messer glatt vom Rumpfe abgetrennt worden war. Die Leiche wurde nach dem Schauhause zu Nieder-Schönhausen gebracht. Das in den nörd- lichen Vororten gestern verbreitete Gerücht von einem Sittlichkeits- verbrechen und der Ermordung des Opfers in der Heide ist auf obigen Vorfall zurückzuführen. Ein Mordversuch und ein Selbstmordversuch spielten sich in der letzten Nacht auf dem Flur des Hauses Wasserthorstr. 2Sa ab. Dort wohnt bei dem Kellner Grabert die 21jährige Kellnerin Amanda Kohn, die früher in einem kauftnännischen Geschäft in Charlotten- bürg 5dassiererin war, diese Stellung vor vier Wochen verlor und sich nun dem Kellnerinnenberuf zuwandte. Sie hat einen Stiefvater und verträgt sich schlecht mit ihm. Vor einigen Monaten machte sie auf einem Vergnügen die Bekanntschaft des 20jährigen Kauf- manns Fritz Borstel, der ein Sohn einer Gutsbesitzerswitwe aus der Gegend von Stettin ist. Borstel, der sich mehrere Wochen in Stettin aufgehalten hatte, war vor vier Tagen wieder nach Berlin gekommen und hatte erfahren, daß seine Geliebte in einem Lokal der Steinmetzstraße als Kellnerin beschäftigt sei. Hier holte er sie gestern abend um 11 Uhr ab und geriet aus Eifersucht um 12'/. Uhr mit ihr in Streit, als sie vor ihrer Wohnung angekommen waren. Er betrat mit ihr gegen ihren Willen den Hausflur, wo sie in ein Handgemenge gerieten. Die Schürze des Mädchens, die Kellnerinnen- tasche und ein schwarzer Zopf, die den Fußboden deckten, geben Zeugnis davon. Dann zog Borstel plötzlich einen Revolver und gab einen Schutz auf die Amanda Kohn ab, der aber nur ihre rechte Wange streifte. Während das Mädchen hilferufend auf die Straße eilte, jagte er sich eine Kugel in die rechte Schläfe und brach aus dein Hausflur zusammen. Inzwischen hatten sich am Thatort vier Schutzleute des 41. Polizeireviers eingefunden, die das Mädchen zu Fuß, Borstel, der schwer verwundet ist. in einer Droschke nach der Unfallstation in der Alexandrinenstraße brachten. Auf dem Wege dorthin rief Borstel:„Was habe ich bloß meiner Amanda gethanl" Das Mädchen wird in der Wohnung behandelt, der junge Mann wurde als Polizeigefangcner nach Anlegung eines Verbandes der Charite überwiesen. Ein Oleum-Attentat auf ihren Mann beging Mttwochabend die Droschkenkutscherftau Adcline Bachmann, geb. Hachschütz. aus der Kleinen Markusstr. 16. Sie verlangte in unhöflicher Form von ihrem Manne Geld und wurde deswegen schroff zurückgewiesen. Es cutspann sich ein Streit, bei dem die Frau eine Ohrfeige erhielt. Sie verließ die Wohnung, um sich aus einer nahen Drogucrie Oleum zu holen, begann den Streit von neuem und goß dem Mann die ätzende Flüssigkeit ins Gesicht. Er wurde in die Klinik gebracht und wird wahrscheinlich auf beiden Augen erblinden. Die Frau. die guter Hoffnung ist. wurde festgenommen und zeigte zuerst keine Reue. Erst als die Kinder nach dem Waisenhause abgeführt wurden und der Frau die Schwere der That vorgehalten wurde, wurde sie weich und erkannte, was sie angerichtet hatte. ' Eiucn schmerzlichen Verlust hat der Ccntralverband der Töpfer wie auch der vierte Berliner Reichstags-Wahlkreis durch den Tod deS Genossen Hermann John erlitten. Der Verstorbene war ein eifriges, pflichttteueS Parteimitglied und langjähriger Leiter der Berliner Filiale des TöpferverbandeS. Hermann John erkrankte vor einiger Zeit an einem schweren Halsleiden und verstarb am 24. Juli im besten Mannesalter nach einer Operation. Er hinter- läßt eine trauernde Witwe und ein Kind. Am Mittwochnachmittag fand seine Beerdigung auf dem Centralfriedhof in Friedrichsfelde unter großer Beteiligung von Freunden, Gewerkschafts- und Partei- angehörigen statt. In der Leichenhalle widmete der Vorsitzende der Berliner Buchdrucker, M a s s i n i, dem leider zu ftüh Dahin- geschiedenen dankbare Worte der Anerkennung. Zahlreiche Kranz- spenden von den verschiedensten Organisationen legten Zeugnis davon ab, welche Achtung und Beliebtheit der Verstorbene in der organisierten Berliner Arbeiterschaft genoß. Zeugen gesucht. Am 2. Pfingstfeiertag nachmittags fand auf dem Bahnhof Alexanderplatz eine Schlägerei statt, in deren Folge der Stationsvorsteher Kühn bekanntlich verstorben ist. Unparteiische Personen, welche Zeugen des Vorfalles waren, werden gebeten, sich bei F r a u Winzler, Turinstr. 18, Ouergebäude parterre, oder A. Winzler, Friesciistr. 11, Seitenfl. Hl, melden zu wollen. Aus- lagen werden gern zurückerstattet. Billiger Sonntag der Trcptow-Stcrnwarte. Für Sonntag, den 31. Juli, de» letzten ini Monat, ist der Preis für die Beobachtung wit dem Riesenrefraktor der Treplolv-Stemlvarte auf die Hälfte herabgesetzt. Von 2 Uhr mittags bis 7 Uhr abends wird die Sonne, von 7— S Uhr abends die Wega, von 9 bis 19 Uhr ein D o p p e l st e r n, von 10—12 Uhr nachts der Mond beobachtet. Direktor Archenhold spricht nm 5 Uhr nach- mittags über:„Die Sonne und ihre Flecken" und um 7 Uhr abends über:„Altes und Neues vom Mond". Am Montag, den 1. August, abends 9 Uhr, lautet das Thema des Vortrages:„Orientierung am Sternenhimmel", mit praktischen Uebungen im Auffinden der Stern- bilder. Hud den Nachbarorten. Charlottenburg. Im Volkshaus wird am Sonntag von 4 Uhr nachmittags an ein groszes Volksfest zum Besten des Volkshauses stattfinden. Mitwirkung des Artistcnvereins Teutonia, sowie der Arbeiter-Gesangvereine, Gartenkonzert, Kinderfackelzug; in den Sälen Ball. Neu- Weißens«. Wie die Mittel zum Bau der evangelischen Kirche aufgebracht sind, crgiebt die jetzt veröffentlichte Abrechnung' Geschenk des Kaisers 70 000 M., Zuschnfi der politischen Gemeinde einschließlich Kursgewinn und Zinsen 80 446,23 M., Beitrag des Ber- liner Kirchenbauvereins und aus den Sammlungen des Freiherrn v. Mirbach(Conto X?) 36 181,97 M., Beitrag des Vereins zur Be- schaffung der Mittel zum Kirchbau in Neu-Weißensee 21 470,73 M., vom Aktionskomitee des Kirchenbauvereins Lichtenberg-Weißensee 31 000 M., Beitrag des evangelischen Bundes 961S,96 M., Sammlung des Amtsvorstehers Feldtnrann 20 331,40 M., Umlage-Ueberschüsse aus der Kirchenkasse zu Weitzensee 1365,65 M.. Beitrag des Rentiers Prince Smith zu Berlin 10 000 M., Beitrag von Ungenannt 2000 M. Die Ausgabe belief sich: Rohbau 213 049,43 M., innere Einrichtung 57130,54 M., Bauleitung 12 731,97 M. Die Einnahme und Aus- gäbe betrug demnach 282 911,94 M.— Hoffentlich wird jetzt die Kirchengemeinde wohl im stände sein, die Löhne der Reinigungs- frauen und Glöckner rechtzeitig und pünktlich auszahlen zu können, denn in der ersten Zeit hat es gar bedenklich damit gehapert. Lichtenberg. Excellenz v. Mirbach nicht er- schienen! Eine der jüngsten Schöpfungen des in der letzten Zeit so viel genannten„Kirchenbauförderers", die auf freiem Felde erbaute„Glaubenskirche", ist am Montag„gerichtet" worden. Die wegen ihres„einnehmenden" Wirkens so sehr geschätzte Excellenz hatte ihr Erscheinen zugesagt, aber zum Leidwesen der erschienenen „Hoffnungsfreudigen" mutzte die Feier ohne die Excellenz vor sich gehen. Die wohl wegen der aus Mitteln der Steuerzahler ge- machten 80 000 M.-Spende als Teilnehmer anwesenden Gemeinde- Vertreter sollen angesichts des furchtbaren Schicksals der Romcick und Schultz stark in dem„Glauben" erschüttert sein, dah sich das Werk ohne die weitere„Fürsorge" Mirbachs zu Ende führen lasse, es sei denn, datz, entgegen der jetzigen Gepflogenheit, auch„kleine Gaben" Annahme finden und— die Lichtenberger St euerzahler solche reichen.— Eine Submissions-iGeschichte. Wie sehr die Unternehmer mit der Nachsicht ihrer Klassengenossen in den Gemeinde- Verwaltungen rechnen, beweist, datz der Mindestfordernde bei der Submission für das Elektricitätswerk, die Firma Ramlowschc Erben, nach erteiltem Zu- schlage eine Nachforderung stellte und die Ausführung von der Bewilligung derselben abhängig machte, die ihn nicht mehr„den Mindestfordernden" sein lictz. In diesem Falle wurde der Zuschlag kurzerhand zurückgezogen und der nächst Mindestsordernde mit dem Bau beauftragt. Die Stromlieferung per 1. Oktober soll trotzdem gesichert sein.— Die Gemeinden Biesdorf und Ma h l s d o r f werden jetzt an die Gemeinde- Gaswerke und das Wasserwerk angeschlossen, während mit der Gemeinde K a u l s- d o r f über die Versorgung mit Gas und Wasser von Lichtenberg noch verhandelt wird.— Das hiesige Gewerbegericht, für dessen Errichtung die Bedürfnisfrage so hartnäckig' verneint wurde, tagte gestern in zwei Kammern mit 20 Verhandlungssachen, zu denen etwa 60 Zeugen geladen waren.— Mit einem Kapital von 2 500 000 M. hat sich unter dem Namen„Terrain gesell- schaft am Ccntral-Viehhof" eine Aktiengesellschaft ein- tragen lassen, die es sich angelegen sein lassen will, das Fürst Hcnckel v. Tonnersmarcksche Terrain.auf Lichicnbcrgcr Gebiet zu verwerten. So werden nun unsre dortigen Parteigenossen wohl endgültig auf die seiner Zeit in Aussicht gestellte Spende von 10 000 M. verzichten müssen.— Zugleich mit obiger Meldung taucht auch wieder das Gerücht von der Vorlegung der Berliner En gros- Markthalle an die Lichtenberger Grenze auf. Ein nicht übles Abderiten-Stückchen haben sich, so meldet eine Vorort-Korrespondenz. die biederen Eingeborenen von S t a h n S» dorf, dem den Berlinern wohlbekannten idyllischen Ausflugsort, geleistet. Brach da am Sonntagvormittag plötzlich Feuer aus und zwar in der neuerbauten Scheune des Besitzers Pardenimm. Daö in Stahnsdorf gegebene Feuersignal wurde von den freiwilligen Wehren der Nachbarorte, wie Teltow, Zehlendorf ec., sofort auf- genommen und dieselben rückten eiligst nach der Brandstätte ab. Hier angelangt, befanden sie sich einer seltsamen Situasion gegenüber: Hoch loderten die Flammen, welche an den eben eingebrachten Erntevorräten reiche Nahrung fanden. empor. Es erschien geboten, das grotze Schadenfeuer ungesäumt mit vereinten Kräften energisch zu bekämpfen. Das entsprach jedoch nicht den Intentionen der Stahnsdorfcr Ortseingesessenen, die an der Dorfspritze kommandierten. Sei es. datz sie die seltene Ge- legenheit einer örtlichen Feuerlöschaktion ausbeuten wollten, um von ihren Mitbürgern einen unvergänglichen Ruhmeskranz zu erwerben, sei eS, datz sie ihrer asthmatischen Dorffpritze die Eigenschaften eines allein wirksamen Talismans beilegten,— genug: sie verlangten partout, datz man ihnen den Vorrang im Wassergeben lasse, ob- wohl aus feuerlöschtechnischen Gründen es durchaus angezeigt war, in erster Linie die mit den modernsten und leistungsfähigsten Lösch- geräten ausgerückten, überdies gut ausgebildeten Wehren der Nachbar- orte„heranzulassen". Es gab nun einen heftigen Disput zwischen dem Stahnsdorfer Ortsoberhaupt und den Kommandeuren der hilfs- bereiten auswärtigen Wehren ob dieses Kompetenz-Konflikts. Und das Ende vom Liebe war, dah die Führer der unfteiwillig kalt- gestellten Teltower und Zehlendorfer Wehr niit Entrüstung abrückten, ohne sich an der Fcuerlöschattion zu beteiligen, und— dieScheune bis auf die Fundamente prompt abbrannte!... Die bei diesem denk- würdigen Aulatz akut gewordene„Esikettcnfrage" wird der AnfsichtS- behörde auS principicllen Gründen zur generellen Entscheidung vor- gelegt werden. Als verdächtig, den Brand angelegt zu haben, wurde übrigens ein auf dem Pardemannschcn Gehöft beschäftigter Knecht durch einen Gendarmen verhaftet. gewesen und habe nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprochen. Sein Kind sei zusehends dahingesiecht, was er auf den Aufenthalt in der Schule zurückführe.— Angeklagter wurde auch in zweiter Instanz vom Landgericht freigesprochen. Das Landgericht führte in seiner Begründung unter andern aus: Die Angaben L.s über die Uebelstände in der Schöneicher Schule seien durch die Beweisaufnahme vollauf bestätigt worden. Die Wände des Schulgebäudes seien feucht. Das Schulzimmer, in dem durchschnittlich 50 Kinder unterrichtet werden, sei 5 Meter 10 Centimeter breit, 6 Mieter 28 Centimeter lang und 2 Meter 60 Centimeter hoch. Es würden mithin die Mindestzahlen, welche der Ministerialerlaß vom 15. November 1895 bezüglich der � Höhe und bezüglich des Luft- raums für ein Kind, nämlich 3 Meter 20 Centimeter Höhe und 2,25 Kubikmeter Luftraum, bei weitem nicht erreicht. Auch die Beleuchtung des Schulraums sei eine durchaus unzureichende. Die Fläche der Fenster sei noch nicht gleich Einfünftel der Bodenfläche des Schulraums, wie der erwähnte Ministerialerlaß verlange. Außerdem sei die Ofenanlage eine mangelhafte nach ärztlichem Gut- achten. Sie sei eine derartige, datz bei einer gewissen Windrichtung der Schulraum mit Rauch erfüllt werde. Es sei deshalb dem An- geklagten zu glauben, datz sein kränkliches Kind, während es die Schule besuchte, von Tag zu Tag schwächer geworden und dahin- gesiecht wäre.(Das Gericht zog hierbei ein Gutachten des behan- delnden Arztes an.) Unter diesen Umständen müsse man sogar sagen, datz der Angeklagte berechtigt gewesen sei. das Kind von der Schule fernzuhalten. Auf keinen Fall könne ihm Nachlässigkeit vorgeworfen werden. Auch wegen der unterlassenen Entschuldigung sei?ln- geklagter nicht zu bestrafen. Der Staatsanwalt legte Revision beim Kammergericht ein, vor dem Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht den Angeklagten vertrat. Das Kammergericht verwarf die Revision der Staatsanwaltschaft mit folgender wichsiger Begründung: Die Schulstrafordnung der Regierung zu Potsdam vom 14. April 1900 stelle sich als eine Aus- führungs-Verordnung des Z 48 II 12 Allgemeinen Landrechts dar. Es folge daraus, datz die Regierung überdessenRahmen hinaus nicht Strafen androhen dürfe. Danach seien aber nur „nachlässigen" Eltern, Vormündern usw. Strafen anzudrohen, um zu veranlassen, dah die Kinder regelmäßig die Schule besuchen. Hier habe nun der Vorderrichter festgestellt, datz die Schule so be- schaffen gewesen sei, datz von einer Nachlässigkeit des Vaters nicht gesprochen werden dürfe. Nun könne ja zugegeben werden, datz es wünschenswert wäre und vom Standpunkt der Schuldisziplin gefordert werden könnte, datz bei begründeter Schulversäumnis ivenigstens dem Lehrer über die Gründe eine Anzeige gemacht werde. Die Verletzung einer solchen Vorschrift könne aber nicht unter Strafe gestellt werden nach§ 43 II 12 des Landrcchts. Soweit dies geschehe, sei die Verordnung des Regierungspräsidenten zu Potsdam ungültig. Die Freisprechung sei darum gerechtfertigt. Gesindeordmmg und Sittlichkeit. Der Bauhofsbesitzer Joachim Schultz in Wolgast hat zwei Mädchen im Dienst. Diese beiden Mädchen müssen, wie der Stettiner„Volksbote" schreibt, in einem Bett zusammenschlafen. Das eine Mädchen ist 35 Jahre alt, kennt die Welt und— die Männer. Sie ist manchmal krank und hat damit ihre Bettgenossin— 15 Jahre alt— angesteckt, so datz diese schon in ärztlicher Behandlung war. In diesen Tagen war die ältere krank, die jüngere, durch die Erfahrung gewitzt, wollte nicht mehr bei ihr schlafen. Die„Herrschaft" gab aber kein Bett her. verwies das Mädchen vielmehr auf den Fußboden. Das Mädchen hat darauf drei Nächte in ihren Kleidern auf der Diele geschlafen. Auf ihre Beschwerde hat sie der„Herr" Schultz noch geohrfeigt und mit dem Stock über den Arm geschlagen, worauf das Mädchen den Dienst verlassen hat. Der„Herr" weigert sich natürlich, den Lohn und einen Koffer mit Kleidungsstücken, sowie die Papiere herauszugeben. Zum Verlassen des Dienstes liegen(nach der Gesinde-Ordnung) keine gesetzlichen Gründe vor, sagt er. Das Mädchen hat Klage angestrengt, doch ist es noch fraglich, ob nicht die„Herrschaft" sie durch die Polizei wieder zurückbringen läßt. Warum auch nicht? Wie kann auch so ein Mädchen um solche Bagatelle den Dienst ver- lassen._ ments" nahm einen breiten Raum in der Debatte ein und fand der letztere Vorschlag nachhaltige Unterstützung. Von der Stellung eines Antrages wurde nach der Erklärung, daß die Vertrauensleute und die Prctzkommission die Frage eingehend beraten, Abstand ge» nommen. Einverstanden ist die Versammlung damit, datz die Kreis- konferenz und die Parteitagsdelcgiertcn eintreten sollen für eine Erweiterung der Tagesordnung des Parteitages. Die Frage der Volksschule müsse Verhandlungsgegenstand des Parteitages der in allen Kulturfragen führenden Partei Deutschlands sein. Die Wahl- rechtsftage in den Einzelstaaten, sowie im Reiche sei aktuell und verdiene eine gründliche Aussprache und Beschlüsse über thunlichst ge- meinsames Handeln. Sollte der diesmalige Parteitag wegen der für beide Thematas notwendigen Vorbereitungen diese Gegenstände nicht verhandeln, so müsse der nächste Parteitag dazu berufen sein. Die Delegierten mögen in diesem Sinne handeln. Zum Jnter» nationalen Arbeiterkongretz wurde beschlossen, auf der Kreiskonferenz für die Delegation durch den Kreis Nieder-Barnim einzutreten. Als Delegierte wählte die Versammlung zur Kreiskonferenz die Genossen Adler st ein, Backhus. Liesegang, Lenz, Scholz, Schulz, Junker, und für den Bezirk Wilhelmsbcrg Thiele. Köpenick. Am Dienstag hielt der hiesige Wahlverein seine Mit- glieder-Versammlung ab. Genosse Zubcil referierte über das Thema: „Der Kampf gegen die Socialdemokratic im Reichstag und im Herrcnhause" und wurde zum Schluß mit reichem Beifall belohnt. Aus eine Anfrage des Genossen Hilliges über Zubeils Stellung zum Generalstreik führte dieser aus, er sei Gegner desselben, werde aber dieses Thema der vorgerückten Zeit wegen im Herbst aus- sührlich behandeln. Zu Delegierten für die Kreisgeneralversammlung in Zossen wurden G. Dittmann und G. Döring gewählt. Sozialea. Ein märkisches Schulidyll vor dem Kammergericht. Der Kunst- maier L. zu Schöneiche bei Friedrichshagen hatte sein kränkliches Kind, das die Volksschule in Schönciche seit dem April 1903 besuchte. vom 29. Juni 1903 ab vom Schulbesuch ferngehalten. Den Grund .teilte er deni Lehrer nicht mit, mit andern Worten, er entschuldigte das Fernbleiben des Kindes nicht. Er sollte deshalb auf Grund einer Verordnung der Regierung zu Potsdam vom 14. April 1900 .Strafe zahlen. Angeklagter bestritt, sich strafbar gemacht zu haben und behauptete, der Schulraum sei gesundheitsschädlich Versammlungen. Rummelsburg. Der hiesige Wahlverein hielt am 26. d. M. seine dritte Generalversammlung ab. Wie aus dem Bericht des Vorstandes zu entnehmen ist, hat die zur Gewinnung von Abonnenten für das Parteiorgan, den„Vorwärts", eingeleitete Agitation nicht den gewünschten Erfolg gehabt und soll dieselbe fortgesetzt werden. Im übrigen hat die Agitation auch im vergangenen Quartal rege Fortschritte gemacht, sodatz am Schlüsse desselben ein Mitglieder- bestand von 564 Genossen vorhanden war. Ausgeschlossen aus dem Wahlvcrein wurde das ehemalige Mitglied Gustav G e i s l e r wegen Verstoßes gegen die Partciinteressen, verstorben ist der Genosse Ermclcr. Die Versammelten ehrten das Andenken desselben in der üblichen Weise.— Laut Kassenbericht war eine Einnahme von 589,40 M. zu verzeichnen, ihr steht eine Ausgabe von 389,38 M. gegenüber, so daß ein Kassenbestand von 200,02 M. zu verzeichnen ist. Aus der Bibliothek wurden entliehen 85 Bücher, für Ueber- schreitung der Leihzeit wurden 1,30 M. an Strafgeldern erhoben. Es wurde beschlossen, für die Bibliothek einige Werke des Prof. Reutzner über„russische Verhältnisse" anzuschaffen. Ihre Stellung zum Parteitag präcisiert die Versammlung dahin, datz unter allen Umständen dafür eingetreten werden soll, datz auch einer der hiesigen Genossen dazu delegiert wird. In der Frage der Maifeier wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß entweder für strikte Arbcitsruhe oder Abschaffung der Maifeier eingetreten werden soll. Ein Be- schlutz wird nicht gefaßt, da man erst die von der Partei vorbereitete Resolution sowie die Stellung des Internationalen Arbeiter- kongresses in dieser Frage abwarten will. Als Delegierter zur Kreis-Konferenz für den Reichstagswahlkrcis Nieder-Barnim werden die Genossen Otto Schulz. Brüschke, John, Berger, Oehlking und Neubcr gewählt. Ein Antrag, wonach die bisher beliebte Haus- kassicrerei abgeschafft werden soll, stößt bei einzelnen Genossen auf heftigen Widerstand. Ter Antrag wird aber nach einer eingehenden Begründung der Antragsteller und unter Hinweis darauf, datz durch die Hauskassiererei überzeugte Genossen nicht herangebildet werden, mit großer Majorität angenommen. Ein Antrag, Verlegung der monatlichen Zahltage auf den 2. Mittwoch im Monat wird ein- stimmig angenommen. Außerdem sollen regelmäßig Monats- Versammlungen mit Vorträgen abgehalten werden. Da die Ab- schaffung des Hauskassiererwescns bereits am>. August in Kraft tritt, wird der Vorstand beauftragt, einige Zahlstellen zu errichten und dies genügend bekannt zu geben, uni auch den Genossen, die evtl. verhindert sind, an den Versammlungen oder Zahlabenden teilzunehmen, Gelegenheit zu geben, ihre Beiträge zu entrichten. Lichtenberg. Der Socialdemokratischc Wahlvercin besprach in seiner Versammlung am Dienstag die Tagesordnung des bevor- stehenden Parteitages. Während die Versammlung zu den Punkten 1, 2 und 3 der provisorischeu Tagesordnung wesentliches nicht aus- zuführen hatte, entspann sich über die Punkte 4, 5 und 7 eine äußerst lebhafte aber sachliche und aufklärende Debatte. Zur Maifeier er- klärte die Mehrzahl der Redner auf dem bisherigen Standpunkte verharren zu wollen und verpflichtete die Delegierten zur Kreis- konferenz, auf derselben die Delegierten zum Parteitage zu ver- anlassen, für eine möglichst allgemeine Arbeitsruhc am 1. Mai ein» zutreten. Zur Kommunalpolitik wurden die Leitsätze, die dem zu haltenden Referat zugrunde liegen, gut geheißen, aber das Verlangen ausgesprochen, datz in der praktischen Bethätigung auch die idiclle Seite nicht vernachlässigt werde. Die Forderung des allgemeinen geheimen und direkten Wahlrechts müsse öfter und mehr als bisher in den Stadt- und Landparlamcnten erhoben und die Diskussion dieser Forderung erzwungen werden. Die Vorschläge über die Zu- gchörigkeit zur Partei und die Schiedsgcrichtsfrage wurden von allen mit Ausnahme eines Redners gutgeheißen, während die Ver- sammlung die Vorschläge der Breslauer Genossen nach eingehender Besprechung als zur Unterstützung nicht geeignet ansah. Die Ver- billigung des„Vorwärts" und die Schaffung von„Wochcnabonne- VermilcKtes. „Findigkeit" der Post. Die Frankfurter„Volksstimme" schreibt: So regelmäßig wie in den Zeitungen im Sommer die Erzählung von der Seeschlange auftaucht, machen auch die erbaulichen Gcschichtchen von der Findigkeit der Post die Runde durch den deutschen Blätterwald. So erst kürzlich von einer Postkarte mit der Adresse: „An meine Braut Hedwig in Bad Nauheim", die trotz ungenügender Aufschrift an die richtige Person bestellt wurde. Als Gegenstück sei unfern Lesern folgende Geschichte, deren Wahrheit verbürgt ist, nicht vorenthalten. Beim hiesigen Postamt herrscht die Gepflogenheit, viele Sendungen mit ungenauer Adresse, hauptsächlich in Fällen, wo es sich um Vereine und andre Körper- schaften handelt, mit dem Vermerk:„Gewerkschaftshaus fragen" zu versehen und sie dahin zu schicken. Dort erhält man in den meisten Fällen die genügende Auskunft, und so bewahrt sich die Post den Ruf der Findigkeit. Kam da in den letzten Tagen ein Telegramm mit der etwas unklaren Adresse:„Präsident von Scherenberg, Frankfurt a. M." „Präsident"?— das ist der Vorsteher eines Vereins!„von" Schercnberg?—, bei der Thatsache, datz verschiedene Herren„von" Mitglieder, wohl gar Präsidenten von Arbeitervereinen sind— Beispiele: von Wollmar, von Elm—, ist die Annahme nicht von der Hand zu weisen, datz der Adressat Präsident eines der vielen Arbeitervereine sei, die im Gewerkschaftshaus ihr Heim haben, oder daß man dort etwas davon wissen müsse. So mochte etwa der Gedankengang des dienstthucndcn Beamten sein, und so kam das Telegramm richtig ins Gewerkschaftshaus. Dort kannte man zwar einen Präsidenten von Schcrenberg nicht, doch bedeutete man dem Boten, datz das Telegramm„möglicher- weise" für— den Polizeipräsidenten bestimmt sei. Die postalische Auskunftsstelle hatte sich wieder einmal bewährt, und bei der vielgcrühmten„Findigkeit" der Post ist nicht daran zu zweifeln, daß das Telegramm trotz der etwas ungenauen Adresse an den Richtigen gelangte. Mit dem Ballon in einer Gewitterwolke. Ter Rev. I. M. Bacon, der durch seine kühnen Fahrten im Luftballon bekannt geworden ist, erzählt in einem längeren Artikel, den er in„Longmans Magazine" veröffentlicht, wie er einmal mit einem Ballon durch einen schweren Gewittcrsturm gefahren ist. Der Ballon stand in einer Höhe von 3000 Fuß und ward von einem starken Luftstrom getrieben.„Wir wandten einer finstern Wolle, die uns zu Häuptcn stand, nicht genügend Aufmerksamkeit zu.' so daß sie tiefer untz tiefer sank, sich fest zusammenballte und uns alle Aussicht benahm. Bald waren wir von diesem grauen Vorhang fest umschlossen, und jeglicher Fernblick war verhängt. Von Ncwbury aber, dem Ort, von dem»vir aufstiegen, beobachtete uns eine große Menschenmenge, als eine Menge drohender Blitze herniederfuhr, und wunderten sich, warum wir nicht hcrabkamen. Das erste richtige Warnungszeichen, das wir in unsrer schwierigen Lage hatten, war ein Blitzstrahl, der ganz neben uns aufzuckte, und dem ein andrer Strahl sogleich antwortete. Allmählich merkten wir denn, datz wir uns dirett in der Entstehungssphäre eines furchtbaren Sturmes befanden, und ein gewaltiges Toben und Tosen hob alsobald um uns an. Unser bisheriger Wind trieb uns weiter nach Westen; die Sturmwolke wirbelte uns in einer Richtung nach Osten wie rasend fort, und daneben fuhren Schauer eiskalter Luft und peitschenden Hagels uns ins Gesicht. Zweifellos befanden wir uns mitten in einer Gewitterwolke, die Blitze weithin über das Land entsandte; von der nächsten Nähe des Ballons aus schössen die Blitze fortwährend herab, sehr viele sprangen auch von einer Wolke zur andern über. Einer, der den Boden erreichte, mutz von unsrer Position aus wenigstens eine englische Meile lang gewesen sein. Ter„tapfere" Iwan. Daß„Iwan", wie der russische Soldat genannt wird, nicht unter allen Umständen ein Held ist, geben auch die Russen zu. Ein Beispiel giebt eine fast spaßhafte Sccne aus dem Kriege, die der Kapitän Timasheff vom vierten sibirischen Jnfanterie-Regiment in einem Brief an seine Verwandten schildert. Russen und Japaner waren, so eng aneinandergerückt, daß ein Kampf von Mann gegen Mann bevorstand. Da sprang ein russischer Soldat hervor und rief laut:„Kommt nur heran! Ich werde schon mit euch allen fertig werden!" Dann warf er sich zum Schutz in einen Bewässerungsgraben und erwartete hier den Ansturm zweier japanischer Bataillone, die heranrückten. Bon da aus feuerte er. Plötzlich rannte ein japanischer Infanterist, der so groß war wie ein Europäer, aus der Front hervor und stürzte auf den Graben zu. Wir erwarteten, nun Zuschauer eines blutigen und wilden Handgemenges zu iverden. Doch als unser Mann den Japaner sich nähern sah, nahm er die Beine in die Hand und rannte fort; da machte auch der Japaner Kehrt und lief zurück. Als der Japaner bei seinen Landsleutcn anlangte, stürzte er, und das vorgehende Bataillon verschlang ihn wie eine darüber hingehende Woge. Wir richteten nun eine furchtbare Salve gegen die Feinde, und unser unglückliche Held, der mit der ganzen japanischen Armee hatte kämpfen wollen, verschwand in dem Haufen der Streiter. Wasserstand am 27. Juli. Elbe bei Aussig— 0,76 Meter, bei Dresden— 2,17 Meter, be! Magdeburg-si 0,10 Meter.— II n st v u t bei Straußsurt-j- 0,80 Meter.— O d e r bei Ratibor— 0,54 Meter, bei Breslau Ober« Pegel-s- 4,04 Meter, bei Breslau Unter- Pegel— 1,88 Meter, bei Frankfurt 4- 0,15 Meter.— Weichsel bei Brahcmünde-s- 1,75 Meter. — W a r t h e bei Posen- 0,20 Meter. WitterungSüderstcht vom S8. Juli 1904. morgens 8 Uhr. Stationen Swinemde. Hamburg Berlin Franks, a. Mi 762 München Wien L E |S £ c 760 760 759 .5 2 s s ONO ONO WNW ZW 765:w 76l'W Wetter 5 � h& 2wolkenl ijßedcdt 1 Regen 3 bedeckt 5 Regen 4balb bd. 11? 17 17 17 15 18 Stationen o c a e>— Havaranda Petersburg Cork Aberdeen Paris 760 754 764 765 ■2= B& s e «- NO NNW N SSW Wetter 2 heiter ÄRegen tbedeckt 2bedeckt as c» ä Ii s» Hft. 12 10 11 14 Wetter-Prognoir für den 29. Juli 1994. Ein wenig wärmer, zeitweise heiter, aber noch veränderlich mit lelchkm Regenjällm und schwachen westlichen Winden, f?üt den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Freitag, den 29. Juli. Anfang VI, Uhr: Neues königl. Opern> Theater. Orpheus m der Unterwelt. Bcllc-Zlltinnce. Gastspiel von Emil Winter-TymianS lS Humoristen und Sängern.(Letzte Woche!) vollständig neues Programm. Zum schlutz: Ein Polterabend- scherz bei Lieutenants. Ansang 8 Uhr. Schiller«.(Wallner- Theater.) Der polnische Jude. Westen. Mamzcll Nitouche. Central. Olle Kamellen. Lauschen und Rimels. Hanne Nütes Ab- schied. Jochen Pasel. Ein kleiner Beamter. Carl Weift. Der Weg zum Herzen. Metropol. Ein tolles Jahr. Apollo. Venus aus Erden. Spcciali- täten. Ttadt-Theater Moabit. Großstadt- zanber. Rrichsynllcn. Gastspiel von Oskar Junghähnels humoristisch. Herren« Pafsage-Theatcr. Terka Semmelofs. Specialitäten. Ansang 5 Uhr. Urania. Taubeustrafte 48/10. Von der Zugspitze zum Watzmann. Juvalideuftrafte 37/62. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 bis 1l Uhr. Scltfller-TIlesler 0. (Wallner-Theater). Morwift-Oper. Freitagabend 8 Uhr: Zum 1. Male: Dsi» polnische Jade. Volksoper von Karl Weis. Sonnabendabend 8 Uhr Gastspiel Heinrich Bötet. Kr» IMavolo. Sonntagnachmittag 3 U h r: Der Fretschlitz. Sonntagabend 8 Uhr: Der polnische Jndc. Der Sommergarten ist eröffnet. In: Garten deS Schiller-THeaterS X. täglich groLss blilitSe-llonrert. Centrai-Theater 8 Uhr: Einakterabend ans Irin ReuterS Werken: t. Olle Kamellen. 2. Läuschen und RiemelS. 3. Hanne NüteS Abschied. 4. Jochen Pasel. 5. Bräsigs letztes Stündlein. 6. Ein kleiner Beamter. llmil Riehard, kgl. Hosschauspieler, a. G. Morgen und solgenoe Tage: Die- selbe Vorstellung. Nelropol'rileilter Der psste Erlolg dieses Jahres; • Gr. dramatisch-satirisohe Revue in 6 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaender. Anfang S Uhr. Rauchen überall gestattet. Apollo-Theater. 7'/« Uhr: Gr. Gartenkonzert. 8-9'/. Uhr: Letzt« Woche der Attractionen de« gr. Jnll- Specialitäten• Programm«. 9-/, Uhr: Venus auf Erden. Operette von Paul üncke. Fritz Leichiss.- Hobert Steidl. Carl Weiss-Theater. Große Franksurterstr. 132. Nnr noch 4 An fftth rangen. M Herzen. isang 8 Uhr. Sonniagnachmittag 3Uhr halbePreise: Der Weg zum Herzen. Im Garten: Theater und Speolalitäten-VorsteMung Ansang 5l), Uhr. Sonnabend: ur nucii» 4 Der Weg Ansar Leite-/tiiianee- Theater. Im Theater abends V/, Uhr: Winter-Tpians Humoristen und Sänger. Urkomische Seenen und Possen I Zum Schluß: Ein Polterabend- scherz bei Leutnants. Urkomisches militärisches Gesamtspiel von Winter- Thmian. Im Sommergarten von 6 Uhr ab: Kurt iZoidmarni-llonzert. 8 Uhr ab: Glänzendes Specialitäten- Programm. U. a.: Mr. Jaeson, Neger- excenIAks.— Bender u. Ritter, Humo- risten.— Pauls Quintett.— Die Vallis.— Die Schäftcrs.— Rio da Costa, sensattonelle Radfahrer. Sonnabend, d. 30. Juli: Sommer- nachtöfest und Mitsinge-Konzcrt. „Hereropolonaise-, Ueberraschungen und Tanz. Entrce 1 M._ W. Noacks Theater. Direktton: Roh. Dill. Brunnenstr. 16. Täglich wachsender Lachcrsolg von: Adel und Nadel, oder: Berliu W. und Berlin M. Dazu die erstklassigen Specialitäten. Ans 6 Uhr. Kafscekuche voll 0 Uhr ab. Bei schlechtem Wetter Vorst, im Saal. Urania. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Yon der Zugspitze zum Watzmann. Sternwarte lnvallden Str. 57/82. ANOPTICUM Friedrichstr. 165. Der raverwündbare Fakir!!"WD Die zusammengewachsenen Schwestern Rosa u. Josefa. Das Bärcnwoifo, lebend, Der 16 jährige Riesenknabe Der lange Josef 217 ctm gross. HG** Nada und Mnemos, WsL Gedankenleser. Derl-elchcn f n n«1. Aga, die schwebende Jungfrau. Alles ohne Extra-Entree. Eillblifftmtnt Kuggevhage« Dorltzplafs!. Täglich von 12—4 Uhr: Mittagstisch. Im grofte» schattige» Natur- garten jeden Zlbend 8 Uhr: Konzert. Dienstags, Donnerstags, Sonntags: Führmann— Waide-Sänger. Sonnabends T—» im Kaisersaal: I 3 i. Z. Reiebshailen-Theater. Drittletztes Gastspiel von Oskar J»Dphähiiel mit seiner Gesellschast. Ansang 8 Uhr. Montag, 1. August, Wiederbeginn der Soirsen der Stettiner Sänger. Kollbusor Thor— Statt der Hochbahn Däglich im Garte«: Hoffmaniis Norddeutsche Sänger. Sonnlag, Montag, Donnerstag: Nach der Soiree: Tanz. _ Wochentags haben Bor- zugSkarien, auch die zu den Theater- abenden ausgegebenen, Gültigleit. LützowZlr. 111/112. Taellch Im Garten oder Saal: Vorsts Korddeutsche Humoristen und Quartett-Sänger. Ans.: Woche 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Kon» baden Gültigkeit. veruhurli Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraße 58. Täglich: -Die Reise doreh Berlin in BO Stunden. Außerdem das SensattonS-Juli- Programm, unter anderm: faul Coradini Clown Loisett mit seinen dressierten Klapperstörchen. Powol and Powe), ExccntricS. Ansang i'l, Uhr. Entree 30 Pf., numerierter Platz 50 Pf. Im Saale: BaII* Fröbels Allerlei-Theater sr. Puhlmann, Schönhauser Aller 148. Gr. Garten-Konzert. Theater und Specialitäten. 15 neue Nummern. �lrbeit bringt Segen. Volksstück mit Ges. in 2 Alt. v. Braune. Extra- Tanz. Tanzlehrer P. Hoppe. Ansang i'l, Uhr. Entree 30 Pf. Ostbahn-Park. Am Küstrinerplatz. RDdersdorferst. 71. Hermann Imbs. Täglich: Gr. Konzert, Theater und Speciatitäten- KorsteUung. B * Jdax Klietn's Sommer-Theater llasenheide 13—15.— Artistische Leitung: Paul Milbitz. Täglich: Gr. Konzert, Theater- u. Specialitäten-Yorsteliung. Jeden Montag: Sommerfcst.— Jeden Mittwoch: Die beliebten Ktuderfeste.— Jeden Donnerstag: Elite-Tag. Hey Die Kasfeeküche ist täglich von 2 Uhr ab geöffnet. �99 2 hochelegante Kegelbahnen, Würselbuden, Konditorei, Blumenstand tc. In«Jen Stilen:_ GTrosser Ball."M QiWKrCRCeMRlK«Ä IS JAHRltUlKW vc, C.SPIN DUR. üuurmm*. 1 Pambcrggi-monchg,. Soeben beginnt ein neues Hlbonnement auf die im Verlage der Buchhandlung Vonvärts erscheinende illustrierte Roman-Bibliothek sn freien Stunden Alöckendttck etn ttlurtricrtce Rcft * 24 Seiten ftarh, für 10 pfg. /* Mit dem großen Roman Der Zesuit von C. Spindler, illustriert von I. Damberger, beginnt das erste Sbeft des neuen Bandes.„Ein Charaktergemälde aus dem ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts- nennt C. Spindler seinen Roman. In der Tat rollen sich vor dem geistigen Auge des Lesers scharf charakterisierte Bilder von Personen auf, die uns neben den wechselvollen Schicksalen der Betroffenen zugleich ein hochinteressan- tes Stück Zeitgeschichte anschaulich machen, um so interessanter, als infolge jüngster politischer Ereignisse die große Oeffentlichkeit wiederholt Ursache hatte, sich mit jenem katholischen Orden zu beschäftigen, welcher sich die„Gesellschast Jesu" nennt Bekannt ist, welchen großen Einfluß die Jesuiten Jahrhunderte lang auf allen Gebieten der Menschheitsgeschichte ausgeübt haben. Am unheilvollsten aber war wohl das geheime Wirken der„ftomnten Väter" im Volke selbst, in den Familien, in den verschwiegenen Kammern der Privathäuser. Mit der päpstlichen Vollmacht ausgestattet, Sünden zu vergeben, schuldbelastete Menschen aller Verbrechen und Vergehen loS und ledig zu sprechen, beeinflußten fle die ängstlichen Seelen und gewannen so zahlreiche gefügige Werkzeuge zu ihren nicht immer lauteren Zwecken. Diese Seite jesuitischen WirkenS führt unser Erzähler uns vor.— Reben dem Äauptrvman gelangt zum Abdruck: Ein Rekrut Erzählnng von Erckmann-Chatrian. Sie schildert die Erlebnisse eines jungen Elsässers, welcher ttoh körperlicher Gebrechlichkeit zu der napoleonischen Armee ausgehoben, mehrere Schlachten und schließlich das große Völkermorden bei Leipzig mitmacht. Welchen Strapazen die Söhne des Volkes im bunten Rock ausgesetzt sind, welche Leiden und Qualen sie zu erdulden haben, wie rücksichtslose Gewalthaber ihrer Ruhm- und Kerrschbegierde Tausende von jungen Leuten opfern, da» ist der erschütternde Inhalt dieser Erzählung. In ihrer schlichten, lebenswahren Dar- stellung wir« sie wie ein Protest gegen den Krieg selber. Ihre Lektüre ist besonders der - Hrbcltcrjugend-- an« Äerz zu legen. Sie regt zum Nachdenken an und ist geeignet, die in der Schule vom Äurrah- Patriotismus erzeugten Kriegsvorstellungen durch das ungeschmintte Bild der Wahrheit zu berichtigen. Prospette und Probeheste find durch alle Parteibuchhandlungen und Kolporteure zu beziehen. VV Pro Teppich Saal- Salon- Speise- Wohn- Herren- Sofa- Gelegenheitskauf. Teppiche a 50, 65 bis 90 Mk. Teppiche a 30, 40 bis 65 Mk. Teppiche a 25, 30 bis 511 Mk. Zimmer- Teppiche a 211, 25 bis 35 Mk. Teppiche a 15, 18 bis 25 Mk. Teppiche a 6, 8 bis 14 Mk. 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Nach einem interessanten Artikel des Regierungsrats Dr. Kuhnert über die Ergebnisse der preußischen Warenhaussteuer in der„Zeit- schrist des kgl. Preuß. Statist. Bureaus" betrug die Zahl der steuer- Pflichtigen Warenhausbetriebe im Jahre 1901. 109, 1902 86, 1903 73, ist also stark gesunken. Besonders hat im Rheinland die Zahl der Warenhäuser abgenommen. Sie ist in den zwei Jahren von 37 auf 18, also unter die Hälfte zurückgegangen; in Berlin von 20 auf 16. Westfalen hatte im Jahre 1903 8<1901 6) steuerpflichtige Waren- Häuser, Brandenburg 7<7), Schlesien 7<10), Hessen-Naisau 6<3>, Pommern 4<3), Sachsen 3<7), Schleswig-Holstein 3(4), Ost- Preußen 2<2> und Hannover 1<3). In Weslpreußen und Posen be- standen im Jahre 1903 keine Warenhäuser mehr. Der Jahresbetrag der veranlagten Steuer belief sich i. I. 1901 auf 3 073 905 M.. i. I. 1902 auf 1 913 270 Wi, i. I. 1903 auf 1 938 250 M. Nach dem starken Rückgänge von 1901 zu 1902 um mehr als eine Million Mark hat im Jahre 1903 also trotz der weiteren Ab- nähme in der Zahl der Warenhäuser eine Zunahme der Steuer um rund 20 000 M. stattgefunden. Die Durchschnittssteuer des Waaren- Hauses hat im Jahre 1901 28 201 M.. 1902 22 247 M.. 1903 26 433 M. betragen, ist also im letzten Jahre wieder erheblich gesttegen; der DurchschnittBumsatz hat sich sogar gegenüber dem Jahre 1901 von 1633 186 auf 1 962 436 M. gehoben. Diese Ziffern ergeben mithin für die nach Lage der Gesetzgebung und Rechtsprechung steuerpflichttg gebliebenen Warenhäuser keinen erkennbaren Rückschritt in ihrer Betriebsausdehnung, vielmehr einen offenbaren Aufschwung, der um so bemerkenswerter ist, als im übrigen die wirtschaftliche Konjunktur des dem Umsätze nach für die Steuerveranlagung maßgebenden Jahres 1902 viel zu wünschen übrig ließ. Die Folge des Gesetzes besteht demnach lediglich in einer Zurückdrängung der kleinen Waren- Häuser, während sich die großen noch weit mehr ausgedehnt haben. Die deutsche Kauffahrtei-Flotte. Nach den Registrierungen der Seeberufsgenossenschaft nimutt seit einigen Jahren die Zahl der Kauffahrtei-Schifie wieder ständig zu, und zwar ist deutlich eine Vennehrung der Dampfer und der eisernen Segler gegenüber der starken Venninderung der hölzernen Segler wahrzunehmen. Hölzerne Segler waren Anfang 1383: 2332, 1890: 2069, 1895: 1547, 1900 1139, 1903: 1007 und 1904 noch 996 vorhanden. Demgegenüber waren eiserne Sealer gezählt 1888: 174, 1890: 227, 1895: 351, 1900: 396, 1903: 426, 1904: 457. Dantpfer waren registriert 1883: 683, 1890: 813, 1895: 926, 1900: 1107, 1903: 1332 und 1904: 1401— also namentlich in den letzten Jahren eine starke Zunahme. Die noch größere Zunahme des Tonnengehalts und der Maschinenstärke kommt in diesen Zahlen noch gar nicht zum Ausdruck. Seit 1888 haben der Tonnage nach die hölzernen Segler um 85 Proz. abgenommen, die eisernen Segler dagegen um 194 Proz. und die Dampfer sogar um 322 Proz. zugenommen. Im ganzen kommt dabei für die deutsche Kauffahrteiflotte eine Zunahme an Tonnage um 137 Proz. heraus. Außer den Kauffahrteischiffen sind die Schiffe für Hochseefischerei bei der See- Beruf» genossenschaft seit 1896 bezw. 1897 registriert. Anfang 1900 waren 98, 1904 132 Heringslogger<91 hölzerne, 41 eiserne). 1900 waren 127, 1903 135 und 1904 144 Fischdampfer in dieser Gruppe aufgezeichnet. Die gesamte Besatzung aller zur See-Berufsgenossen- schaft gehörigen Fahrzeuge war Ende 1890: 37 530 Personen, 1895: 36 824, 1900: 47 073, 1902: 52 816, 1903: 56197 Personen. Ueber die Aenderungen in der Kauffahrteiflotte im abgelaufenen Jahre finden wir einige beachtenswerte Aufzeichnungen. Im Jahre 1903 gingen 59 deutsche Schiffe/z Millionen Mark Reserven kommen. Hasper Eisen- und Stahlwerk. Nach der Jahresabrechnung für das Geschäftsjahr 1903/4, die vorgestern dem Aufsichtsrat vorgelegt wurde, ergiebt sich ein Betriebsgewinn von 1 101 322 M. Nach Abzug der Generalunkosten und Zinsen von 290 030 M./, dts O'/j Uhr adendS statt. tSetistnet: 7 Itbr. G. G. 81. 1. Eine Broschüre, die den KönigSbcraer Prozeß behandelt wird demnächst erscheinen. 2. Chambregarnisten, Schlasleute usw. haben- falls nicht abweichende Vereinbarungen getroffen sind, bis am 15 zum 1., nicht umgekehrt bis am 1. zum 15. zu kündigen. In derselben Weise ist ihnen zu kündigen.— Moabit. Netz,: Sie können aus Unterlassung der Besitzstörung und aus Schadensersatz beim Amtsgericht klagen. —®. R. III. Wenden Sie sich an die Polizei um Genehmigung Ihres Fährbettiebes. Die geiverbsmäffige öffentliche Personenbesörderung unter- liegt der polizeilichen Erlaubnis, die nach Maßgabe der hierüber erlassenen Potizewerordnungcn in Berlin vom Polizeipräsidium zu erteilen ist.— 10» A. H. Zuläsfig ist eine Beleidigungsklage zwischen Ehegatten. Die Höhe einer Sttase läfft sich nie voraussagen, da die Sttasofferte des Straf- gesetzbuchs sür Beleidigungen zwischen 3 und 600 Marl imd 1 Tage und 1 Jahre Freiheitsstrase schwankt.„In der Regel wird in solchen Fällen wegen des Mangels rechtswidrigen Bewußtseins von verständigen Richtern steigesprochen. Die verurteilte Frau ist berechtigt, zu verlangen, daß ihr Mann statt ihrer die Sttase zahlt. Die Hauptstrase bleibt da« Zusammen- leben zwischen zwei fich so nahestehenden Eheleuten: aus die ist im voraus standesamtlich heglaubigl von den Eheleuten selbst erkannt.— X. Z). Ja. — 91. Hebt. 1. Städtisches Gesinde ist in Preuffen nicht kranken- versicherungspflichtig, die Hcrrfchast hat bis zur Dauer von sechs Wochen für Kur und Verpflegung auszukommen, kann aber den aus die KrankheitS- zeit entsallenden Loh» von der verauslagten Summe abziehen. 2. Nein.— 100 Tegel. Die Höhe der Beittäge zur Berussgenoffenschast richtet sich nach dem Statut derselben.— G. H. 28. 1. Ob ein Zuschneider Gehilfe oder aber Betriebsleiter ist, ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Ausschlag- gebend ist die Selbständigkeit der Leitung. Ist er Gehilse, so steht ihm eine vierzehntägige, ist er Betriebsleiter, so steht ihm eine sechswöchentliche Kündigungsfrist(zum Quartals- Ersten) zu. Ihre Anfrage läfft nicht erkennen, welche Thättgkcit Ihnen zusteht. 2. Liegt ein andrer Schcidungs- grund als bösliche Verlassung vor, so kann aus Scheidung, sonst zunächst nur aus Herstellung des ehelichen Lebens geklagt werden.— A. 00. Nein. — G. 10. Die Heirat wird lediglich durch das Standesamt vollzogen. Die kirchliche Cercmome ist für den Bestand der �Ehe rechtlich ebenso völlig unerheblich wie ein HochzeitSessen, ein Ringwechscl, eine Hochzeitsreise oder eine gemeinschasttiche Spaziersahrt. Darüber, ob Kirch entraulufttge sich in einer andern Kirche kauen lassen, als in der, in welcher sie wohnen, müssen Sie sich mit dem Geistlichen der andern Parochie in Verbittdung setzen. Ebenso liegt es mit der Frage, ob ein katholischer Bräutigam und eine evangelische Braut sich in einer katholischen oder einer evangelischen oder in beiden Kirchen trauen lassen. Die Religion der Kinder hat der Vater zu bestimmen. Mangels besonderer Bestimmung folgen die Kinder der Kon- session des Vaters. Vom vollendeten 14. Lebensjahre ab können i» den meisten preußischen Landesteilen die Kinder selbst bestimmen, welcher Rc- ligionSgemeinschast sie angehören oder ob sie aus der Kirche austreten wollen.— K. H. Schön. 1. Nein. 2. Ja. Sie müssen eine Ver» ständigung mit der Mutler versuchen.— Pl., Reinickendorf. Nein. — 9k. 35. Das Kadetten-Schulschiff„Amazone" ging am 14. November 1861, das Panzerschiff„Großer Kurfürst" am 31. Mal 1873(bei Tolkestone), die Schiffsjungenbrick„Undinc" bei Agger an der jütischen Küste am 28. Oktober 1884, die Korvette„Augusta" im Golf von Aven im Juni 1885, „Adler" und„Eber" an den Korallenriffen im Hasen von Apia am 16. März 1887, das Kanonenboot„JltiS" an. der chinesischen Küste am 23. Jult 1396 unter.— R. 37. Schwache Körperkonftt tutton, die zur Zeit untauglich zum Militärdieust macht.— W. S. 18. Sie müssen gegen die Verordnung reklamieren. Wenn Sie in Ihren: Heimatsort Stenern zahlen, so müssen Sie dort auch eingeschätzt sein.— Freiburg. Sie verwechseln Innung und Jnnungs-Schiedsgettcht. Ist ein Jnnungs-SchiedSgericht er- richtet(§ 81b G.-O.) so tritt dies an Stelle des Gewerbeacrichts. si 81a setzt die Zuständigkett der Innung sür Stteitigkeiten zwischen Lehrlingen und Lchrhcrrn fest. Was ein sogenannter Volontär ist, ist von Fall zu Fall zu entscheiden. In dem von Ihnen dargelegten Fall, in dem ein Lehrverttag nicht vorliegt, ist der sogenannte Volontär ein Gehilfe. Daß das Motiv sür seinen Arbeitsvertrag auch war, etwas zu lernen, ist gleichgültig. — F. B. 03. Ein Deutscher männlichen Geschlechts.wird mit dem voll- endeten 2t. Lebensjahre volljährig und heirats/ähig, bedarf also zur Ehe- schlieffung nicht der Einwilligung seines Vaters. DaS zarte Geschlecht wird mit demselben Zeitpunkt volljährig, aber bereits mit vollendetem 16. Lebens- jähre heiratsfähig. Dispens auch von diesem Alterscrsordernis kann ertellt werden. Eine minderjährige Heiratslustige bedars der Einwilligung ihres gesetzlichen Verttcters. Für volljährig kann Männlein und Welblcin durch Bcschluff deS VormundschastsgcrichlS bereits mit vollendetem 18. Lebensjahre erklärt werden. Liegt solche VolljährigkeitÄerklärung vor, so bedars daS Mädchen nur noch der Zustimmung ihres Zukünftigen. Der Mann muff biS Vollendung des 21. Lebensjahres mit der Heirat warten. Marktpreise von Berlin am 27. Jull. Nach Ermittelungen deS kgl. Polizei-Präsidiuins. Für 1 Doppel-Ccnwcr: Welzen"), gute Sorte 17,40—17,38 M., mittel 17,36-17,34 M., geringe 17,32-17,30 M. Roggen"'), gute Sorte 13,75— 13,74 M., mittel 13,73—13,72 M., geringe 13,71—13,70 M. Futtergerstc»), gute Sorte 14,60-13,70 M., mittel 13,60 bis 12,70 M., gelinge 12,60-11,70 M. Hascr«). gute Sorte 16,00-15,30 M.. mittel 15,20—14,50 M., geringe 14,40—13,70 M. Erbsen, gelbe, zum Kochen 40.00-28,00 M. Speisebohncn. weiße 50.00-26,00 M. Linsen«0,00—25.00 SN. Kartoffeln, neue, 12.00-3,00 M. Nichlsttoh 4,50-4,16 M. Heu 7,80�-5,80 M. Für 1 Kilogramm Butter 2,60—2,00 SN. Eier per Schock 4,00—2,40 M. ') Frei Wagen und ab Bahn.") Ab Bahn. Pll t ZCPl AcBitungJ Des nm 7. Aiiqnst statlsindendcn Siingerfeftcs wegen findet die für diesen Tag süllige WS" Mitglieder- Versammlung üsr Zsküon Ser füizcv des Central-Verbandes der ZK aurer in den Arminhallni, Kommaiidnutrnstr. 20, am Sonntag, den 31. Juli, vorm. lOVa ilhr, Mit folgender Tages-Ordnnng statt: 1. Mrcchnung vom 2. Quartal 1904. 2. Situationsbcricht und Anträge des Um zahlreichen und pünktlichen Besuch der Versammlung ersucht 134/4»_ Die örtliche Verwaltung eltionsvorstandes. 3. Verschiedenes. I. 9t.: H. Neumann. Freitag, den SN. Jnli, abends 8 Uhr, im Palast-Theater sfrühcr Feenpalast), Burgstraße, Ecke Wolfgangstrnßc: Volks- Versammlung. 1.»Der Königödcrger Prozes,«. Nefcrent: Zahlreichen Besuch erwarten VsrdAnä der 7speÄsrsr. I'üiirlo Itei'Iiii. 177/16» Sonnabend, den 30. Juli 1001: grosses 5ommer-?est im Schweizer Garten, am Friedrichshain. .Änftruß: 5 Uhr. Entrec SO l'f. Billets sind bei den Vertrauensleuten und im Bureau, Engel-Ufcr 15, Zimmer 35, zu habe». Die Qrtsverwnltung. Achtunep, Putzer! Quartal findet am 30. Juli 1904 im Reslauraut„Lilostergarten- statt. Verbindung Nordring, Station Beusselstrasic: elektrische �trasienbahn Linie 12 Görlitzer Lahnhos— Plöbensce.[66] Das Komitee. Stadtv. Rechtsanwalt Dr. [208/2*] Karl Liebknecht. 2. Diskussion. Die Vertrauensleute. Filiale lioi-ün. Alle Geldsendungen und sonstige Postsendungen an die Filiale Berlin sind bis aus weiteres an Kidiard Bohnihatnmcl Nene Friedrichftr. 20 zu senden. 196/5 Wer Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute Freitag, abends S'/z Uhr, im GewerkschastShause, Engel-Ufer IS: ZliTung Äer Sirösverwaltamg. Einsetzer. Achtnug! Achtung! Sonntag, den 31. d. M.. vormittags 10 llhr, im Getverkschaftshause, Engel-Ilfcr 13(Saal I): B r a n c h e n= V e r s a m ni I u n g. Tages-Ordnung: 1. Vortrag de? Olenossen Neuber über:„Die Russenpolitik und deren Freunde". 2. Diskussion. 3. Branchcnaugelegenhcitcii und Verschiedenes. CV Zur Beachtung! Der Billctverkaus zu der am 8. August nach Nedlitz stattfindenden Dampferpartie wird am Sonntag, den 31. Juli, gc- schlössen. Wer sich also noch daran beteiligen will, möge sich schleunigst bei den Bezirksleitern oder in der Versammlung darum bemühen. 87/1 D!o Etomniisslon. W"1»' isiMienteMrlÄ»ü Der Besuch der Ausstellung für Unfallverhütung in Charlottenburg, Fraunhoferslr. 11/12, findet am Sonntag, den 31. Juli, mittags 1 Uhr statt. Treffpunkt im Charlottenburger Volkshausc, Rosincnftr. 3, millagS 12'/z Uhr. Die Vertrauensleute werden ersucht, die Kollegen hierauf aufmerksam zu machen. Zahlreichen Besuch erwartet Die Branchenkoinmission. T Öpfer-T räger Berlins and Umgegend. Verband der Kan-, Erd- u. geuierbt. Hilfsarb. Deutscht. Montag, den 1. August, abends 8 Uhr. im Gewerfschaftshanse, Engel-Ufcr 13. Saal 3: \ er�minlMiigs sämtlicher bei Töpfern beschäftigten Träger. Tages-Ordnung: 1. Welche Vorteile bot uns bisher der Verband der Bauarbeiter und alte das 2. Verhalten einzelner Kollegen betr. Gründung eines Fachvcreins. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheitcn. Alle Kollegen, insbesondere die Kollegen Beutler und M. Lineas sind hierzu eingeladen. Ebenso ist die Leitung der centralorganisicrten Töpser hierzu eingeladen. Die Qrtsverioaltung 33/19» des Verbandes der Bauarbeiter. ßesstral-Vettai der diaser Bentschlands. Ortsverwal tun jj Berlin. Achtung;, Mitglieder! Sonnabend, den 30. Juli 1901, abends 8 Uhr, im grostc» Saale des Gewerkschaftshauses, Engel-Ufer 13: �NSflisliSIl!!- �lilsügsilll- VösAMlllllg, Tages-Ordnung- �8 5orl!erung8n. DET' Nur Mitglieder haben Zutritt. Das Verbandsbuch lcgitiniiert. Ohne dasselbe kein Einlas;. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Es ist Ehrensache jedes VcrbandSmitglicdcs, in dieser wichtigen Versammlung anwesend zu sein. 73/2» Die Bauhnndwerkcr werden ersucht, namentlich aus den Bauten der Vororte die Glaser auf die Versammlung aufmerksam zu machen. Der Vorstand. I. 9l.: C. Jahn, Vorsitzender. i.Mpiossen ., i«««.wi vi Deutscblands. Filiale Berlin II. 174/17 Freitag, den 29, Juli 1904, abends 8�. Uhr, bei Gramalls, Bcrgstratze 13: Oeffentliche Versammlung der Nummer Berlins und Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die Verhandlungen vor dem Einigungsamt, 2. Wahl der Mitglieder zu der vom EiuigungSamt eingesetzten Fünser-Kommission, 3. Verschiedcnes. Das Erscheinen samtlicher Kollegen ist erforderlich. TS I, 9t.: W. Trampe. Jerlioer Arbeiter- Radfabrer-Vereir. Touren zum Sonntag, den 31. Juli: 1. 9lbt. srüh 7 Uhr nach Bossen. 2.„ mitt, 1„. Seehot(Seit.) Beide Starts Steuerhaus Krcuzbcrg. 3. 9lbt. früh 6 Uhr Werlsee(Erkner), 4.„ mitt. 1„ Hossenv/Inkel. Beide Starts Andreasplatz. 1 Am 27. d. M. starb nach kurzem schwerem Leiden meine liebe Frau, unsre gute Mutter und Großmutter Emilie Voigt. Die Beerdigung findet am Sonn- tag, den 31, d.M., nachm. 3 Uhr, von der Leichenhalle des WilmerS- dorfer Friedhofes aus statt. Wilhelm Voigt 58612 und Kinder, Banksasnng. Sage allen Bekannten und Ver- wandten, dem Verein deutscher Kutscher, dem Verein Bcrl, Droschken- Wischer, die meinem lieben Manne die letzte Ehre erwiesen haben, :ncinen Dank. 46b Wwe. Emma Kabilke nebst Kindern. Dr. Simmel, Specialarzt für[13/8» Bant- Ii ntl Harnleiden. 10—2, 5— 7, Sonntags 10— 12 2— 4. 5. 9(61. früh 7 Uhr Oranienburg, 6.„ mitt, 1„ Birkenwerder. Beide Starts Badstr. 9, Thuimann, 7. Abt, früh 6 Uhr Buckow(Märkische Schweiz). 13/12 Start: Waldslr S bei Fischer. Dr. Schünemanu Speeialarzt für Haut-, Harn-»nd Fraueiileide», lSez-delstr. O. Wochentags-,,12--/,».>/,«--/�. Vereine! Kluds! Fabriken! nach„Schülers Spreeschloft» Vrledrlensliagsn a. Müggelsee. Idyllische Lage. Herrliche Spielplätze. Saal. Kegelbahn. Boote. Kaffeeküche. Tempekhofer Bock-Bier 15 Pf. Trit? Wilhm TosfcSlo bnlmmztr. m. J&llfe Wullöä J DCßlK 9dicht/J0�16h3a�hor- Säle, Vereinszimmer u. Garten, 40—500 Pers. sasf,, Bühne m, 28 Verwandl., noch an Wochentagen, Sonnabenden n, Sonntagen zu vergeben.[58592» prima Weissdier. O Vorzügliche Küche. ♦ Koulanteste Bedingungen. Aedtzmg! Volksversammlung Aekwg! Heute Freitag, den 29. Juli, abends'/,9 Uhr, im Kaisersaal bei Bnggenhagen, Moribplah. Dhema-„Professor Jakobs Vivisektion an tnberknlösen Franen." Redner: Schlrrmeistcr. Diskussion. Eintritt frei. ®cl?ßsj|rau|7aiis. � j�erUN* Empfehlen unser helles u. dunkles Tafelbier: Ganibrinusbräu(Münchener) Nepomukbräu(Pilsener) Böhmisches Brauhaus NO. I-andsbergcr Alice 11/13. Frieden-Straawe 93. Fass■ Abteilung: Flaschen-„ Unsre Orlginal-AbEntr-L'laschcnblerc in Kolonialivaren-Handlnnecn. T. VII. 5088. T. VII. 1670. fast allen •' XprfFjt'fH' y■; Jedes Wort: Pfennig. Das erste fettgedruckte Worte mit mehr en zählen doppelt. fCleine flnzeigen. Verkäufe. Pfandleihhans Weiden weg 19 verkaust spottbillig verfallene Pfänder. Ferner: Betten, Bettwäsche, Bett- Inlette, Herrenuhren, Damenuhren, Herrenketten, Damenketten. 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Passoke, Tilsiterstraße 78 III. t0b Gürtlerlehrling verlangen Bergas Gebrüder, Schillingstraße 12. 7b Stuckgcschäft Arbeiter verlangt Ersurlerstrahc, Schöneberg. 1115 Schlosscrgesellcn aus Schloß- einpassen und Baubeschlag verlangt R. Blume, Charlottenburg, Schillcr- ftraße 97. 2423Ä» memvM Im»Arbeitsmarkt durch besonderen Druck hervorgehobene Anzeigen kosten 10 Pf. pr» Zeil«. Tüchtige Harmnr■ Arbeiter und Versetaer verlangt 58582* Dentsclie Steinintlustrie Äklien-Ces. vorm. H.L. Schleicher, Lehrtcrstr.27/30. Tücht. Marmorsehleifer für Maschinen- u. Handbewieb werden verlangt. Deutsche Zleinindustrie Akt.- Gesellschaft vorm. M. L. Schleicher, Lehrterstr. 87/30._ 58622* Tüchtige Kunstschlosser werden gesucht 58532» Ernst FUnomann& Cie., Esten/Ruhr. West. Musikinstruiiienten-Arbeiter! Die Pianino-Fabrik von A. Gast& Co» Frankfurter Allee 117a ist wegen Lohndisierenzen sür olle Branchen gesperrt. 144/17» Zuzug streng fernzuhalten! Fachverein der Musikinstrumenten. Arbeiter. Bei der Firma Aug. Zciss Sc Co., Comptoir-Utensilien. Leipziger. straße 126, sind Differenzen ausgebrochen. Der Unternehmer versucht, die schon ungünstigen Lohn- und»Arbeitsbedingungen seiner Hausdiener und Packer durch eine neue 9lrbeitsordnnng, die gleichzeittg auch ungesetzliche Bestimmungen enthält, noch weiter zu verschlechtern. 68/13 9lls sich unsre Kollegen weigerten, ihre Unterschriften zu derselben zu geben, antwortete der Unternehmer mit Maßregelungen. Daraufhin haben auch die übrigen Kollegen ihre Kündigungen eingereicht. Eine Vermittelung des Verbandes wurde abgelehnt. Im ,Lokal-9lnzeiger* und.VolkS-Zeiwng" annonciert die Firma nach 9lrbeitskrästcn.— Wir erwarten, daß kein HauS- diener oder Packer bei der Firma in 9lrbcit tritt, I>lc Verwaltung I des Centraiverbandes d. Handels-, Transprt- u. Verkehrsarbeiter Deutschi. Eerailtw. Reda'teur: Paul Büttner. Berlin. L'ür den.Lnseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Bering: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,