Nr. m nbonnements-Bedingungen; KSonncmentä- Preis pränumerandin Merteljährl. ZM m.. monatl. 1,10 SRI, WSchenNich 28 Pfg. frei WS Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Vellage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen w die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn » Marl, für das übrige Ausland g Mark pro Monat. 21. Jahrg. ertchiim täglich MB« fflonta». Vevlinev Volksblstk. Die Tnfcrtions-Gcbüfjr dekügl für die sechsgespaltene Kolonek- zeile oder deren Raum«0 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 25 Pfg. „Alewe Unr-ig-n". das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weiter« Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Stummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und FesUagenbiS LUhrborniittag« geöffnet. lelegramm- Adresse: „Sozlalitciiiolint BtrUn". Zentralorgan der foztaldemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: SAl. 68, Lindcnstrasee 69. Fernsprecher: 9tmt IV, Nr. 6xpedttton: Söd. 68, Lindcnstraeac 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Partcigenoficn! Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Bremen statt. Auf Grund der Bestimmungen der§§ 7, 8 und 9 der Partei-Organisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 18. September, abends 7 Uhr. nach Bremen, in das Lokal.Casino", Auf den Häfen, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag, den 18. September, abends 7 Uhr Borversammlung. Konstituierung des Parteitages. Festsetzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl der MandatSprüfungS Kommission. Montag, den 19. September, und die folgenden Tage 1. Geschäftsbericht des Borstandes. Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommission. Berichterstatter: H. Meister. 8. Bericht über die parlamentarische Thätigkeit. Berichterstatter: G. Ledebour. 1. Maifeier. Berichterstatter: R. F i s ch e r. 6. Kommunalpolitik. Berichterstatter: H. Lindemann. S. Der internationale Kongreß in Amsterdam. Berichterstatter: P. Singer. 7. Organisation. 8. Sonstige Anträge. 9. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommission und des Ortes des nächsten Parteitages. Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet an Euch die Aufforderung, die Vorbereitungen für den Parteitag— also die Wahl von Delegierten wie die Stellung von Anttägen— rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müffen spätestens den 4. September in den Händen des Borstandes, Adresse: I. Auer, Berlin 47, Kreuzberg st r. 80, sein, wenn sie entsprechend den Beftinmiungen des§ 8 Absatz II der Partei-Organisatton im.Vorwärts" veröffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden sollen. Anttäge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegen Zeichnung der Vertrauensperson oder des Vorstandes der örtlichen bezw. KreiZorganifatton, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Die Parteigenossen, die zum Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstande und dem Lokalkomitee recht- zeitig Mitteilung zu machen, damit ihnen die Vorlagen und eventuell weitere Mitteilungen zugesandt werden können. Die Adresse des Lokalkomitees lautet: Heinrich Schulz, Bremen, Hankenstr. 21/22. Mandatsformnlare sind durch das Parteibureau I. Auer. Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 80 zu beziehen. Die Genoffen, die Anträge einreichen, werden darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige den Anttägen beigegebenen Mottve weder im .Vorwärts", noch in der den Delegierten zugehenden Vorlage Auf nähme finden können. Es steht den Genossen das Recht zu. ihre Antröge selbst oder durch befteundete Genoffen auf dem Parteitag mündlich zu begründen. Ein Abdruck der Motive verbietet sich aber aus räumlichen Gründen und um Wiederholungen zu vermeiden. Berlin. 17. Juli 1904. Mit socialdemokratischem Gruß Der Partrivorpsnd. Kirche, Schule und Proletariat. L Immer wieder begegnet man— auch in der Parteipreffe— der falschen Auffassung, es hätte die Kirche sich wenigstens um die Anfänge der Volksschule irgend ein Verdienst erworben. Diese Auf- fassung steht mit den historischen Thatsachen in Widerspruch. Die Volksschule ist weder von der alleinherrschenden katholischen Kirche des Mittelalters noch von der Reformation ins Leben gerufen worden: sie ist vielmehr im bewußten Gegensatz zur Kirche und im harten jahrhundertlangen Kanipfe mit ihr als ein Produkt der wirtschaftlichen Entwicklung in den mittelalterlichen Städten entstanden. Die höheren Schulen sind allerdings geistlichen Ursprunges. Auf ihnen wurden die Männer des geistlichen und weltlichen Regiments im Mittelalter, also Kleriker und Junker, später auch die Patriziersöhne in den Städten, ausgebildet. Für daS „Volk" gab es keinerlei Bildungsanstalten, so lange es als unter- schiedslose hörige Maffe auf dem Lande oder in der Stadt für einen gnädigen Herrn scharwerkte. Erst als in den Städten der bis dahin ftondende Handwerker sich freiniachte, als das bürgerliche Handwerk entstand, als der Einzelne ökonomisch selbständig wurde, entstanden die ersten.Schreibschulen". Die Bewohner einer Sttaße thateu sich zusammen und ließen in der Wohnung eines von ihnen durch einen Vaganten die Kinder im Schreiben unterweisen. Schreiben war die Hauptsache, dieser.Kunst" bedurfte' der Handwerksmeister für seinen Beruf. Lesen kam, zumal die Buch- druckerkunst noch nicht erfunden war, erst in zweiter Reihe in Be- kracht. Auch Rechnen wurde gettieben. Die Kirche hat von Anfang an auf daS schärffte gegen diese Schulen gewettert. Hier vollzog sich eine Neuerung, an der sie gar. nicht beteiligt war, bei der sie nicht einmal um Rat gefragt wurde. Ueber ihr geliebtes Latein gingen diese Schulen kaltlächclnd hin- weg— was sollte der Handwerker mit diesem Ballast!— und stolz nannten sie sich im Gegensatz zu den kirchlichen Lateinschulen .dudesche"(deutsche) Schule». Neligionsunterricht kannte man in diesen Schulen überhaupt nicht. Um den Nachstellungen der tobenden Kleriker zu entgehen, verkrochen sich die deutschen Schreibschulen oft genug in Winkel, daher der Name„Winkelschule" oder Klippschule. Als die Reformation einsetzte, gab es in fast sämtlichen deutschen Städten ein reich ausgebildetes Volksschulwesen. Daß eS nicht erfolglos thätig war, erweist— um nur ein Beispiel anzuführen— ein Blick auf den städtischen Meistergesang, der bei aller silben. stecherischen Pedanterie oder richtiger gerade deswegen doch eine gute Schulung der Handwerker und ihrer Gesellen und Lehrlinge in der deutschen Sprache voraussetzt. Die Refonnation hat nicht einmal, wie eine fromme GeschichtS- lüge behauptet, das Volksschulwesen gefördert, sondern sie hat im Gegenteil seine Entwicklung schwer geschädigt. Die Reformation stellte die Kirche in den Dienst der Territorialherrlichkeit. Da man ibr leider auch die Schulen überließ, so wurde die Volksschule gleichfalls diesem erlauchten Zwecke geopfert. Allerdings nur indirekt beziehungsweise erst in zweiter Linie. Die Kirche schöpfte der Volks schule zunächst den Rahm ab und den Rest überließ sie gnädigst dem Landesherrn. Die Kinder wurden zu frommen Christen und zu treuen Untertanen erzogen. Gab es bis zur Reforniation überhaupt keinen Religionsunterricht in der Volksschule, dafür aber um so besseren Schreibunterricht, so wurde durch die Schulvisitationen der Reformatoren gerade der Religions Unterricht als die Hauptthätigkeit der Volksschule in ihren Lehr Plan eingeführt, und statt Schreiben wurde Lesen neben der Religion der wichtigste Unterrichtsgegenstand— damit die Kinder möglichst bald die verdeutschte und durch den Druck vielverbreitete Bibel, ferner den Katechismus und das Gesangbuch studieren konnten! Auf dieser„Basis" hat die deutsche Volksschule von der Re- forniation bis zum neunzehnten Jahrhundert fort vegetiert. Einen Selbstzweck gestand man ihr nicht zu. Sie wurde für gut genug erachtet, der Kirche Hausknechtsdienste zu leisten und den Fürsten Landeskinder und Soldaten zu erziehen. Die ökonomische Entwicklung jener Epoche stand diesem Verfall der Volksschule völlig interesselos gegenüber. In der Blütezeit der rein mechanischen manuellen Teilarbeit brauchten die Fabrikanten keine gebildeten Arbeiter. Das selbständige Kleinhandwerk aber war selbst so verkommen, daß ihm die Verkommenheit der Volksschule gar nicht zuin Bewußtsein kam. Die Kirche hatte also in diesen ganzen langen Jahrhunderten niemand zu fürchten, der ihr die an- gemaßte Herrschaft über die Volksschule streitig zu machen Mut oder Neigung gehabt hätte. Sie hat diese Zeit dazu benutzt, die Schule so fest an sich zu ketten, daß noch bis zur Stunde selbst die liberalen Lehrer von bänglichem Herzklopfen befallen worden, wenn sie einmal unvermittelt vor den Gedanken geführt werden, die Schule müsse völlig von der Kirche getrennt werden, also auch durch Beseitigung des Religionsunterrichtes. Erst mit der modernen Großindustrie, mit den durch die Maschine bewirkten technischen Fortschritten in der wirtschaftlichen Entwicklung gewann die Bourgeoisie Interesse an der Volksschule. Die moderne kapitalistische Produktion kann keine völlig ungebildeten Arbeiter ge- brauchen. Ein gewisses Mindestmaß an Wiffen muß sie von ihren Aus- beutungSobjekten forden:. Da unter der alleinigen Oberhoheit der Kirche die Volksschulen dermaßen verlottert waren, daß sie dieses Mindest- maß nicht einmal mehr hergaben, war die Bourgeoisie in ihrem höchsteignen Jntereffe genötigt, ihrerseits Einfluß auf die Schulen zu gewinnen. ES wurden Fabrikschulen, Sonntagsschulen, Industrie- schulen errichtet, die Städte kümmerten sich wieder mehr um ihr Volksschulwesen und die theorettschen Vorkämpfer der bürgerlichen Klaffe, die stets aus Mücken Elefanten zu machen verstanden haben, verkündeten in schmetternden Fanfarenstößen die große selbstlose Schulfteundlichkett der Bourgeoisie. Die Armee Kuropatkins abgeschnitten? Nach den heutigen Meldungen haben die Russen auch Haitscheng preisgegeben und sich nach Liaujang hin konzentriert. Die Japaner dürften ihnen jedenfalls auf den Fersen geblieben sein. Da Kuropatkin zwei Divisionen nördlich von Liaujang vorgeschoben hat. scheint damit den Russen auch der Rückzug nach Mukden ab- geschnitten zu sein, so daß die Würfel bei Liaujang fallen müssen. Denn der Rückzug einer Armee von immerhin 100 000 Mann läßt sich schwerlich noch bewerkstelligen, wenn die Japaner, die die Russen von allen Seiten umklammert haben, ernstlich entschlossen sind, den Feind nicht entweichen zu laffen. Und der ganze Feldzugsplan der Japaner lief ja darauf hinaus, die russische Hauptarmee so ein- zutteisen, daß sie sich zum Entscheidungskampf stellen mußte. Kuropatkin scheint allerdings die größte Lust zu haben, sich so rasch als möglich nach Mukden und womöglich bis C h a r b i n zurückzuziehen, allein eö ist höchst unwahrscheinlich, daß die Japaner ihn so leicht aus der Falle entkommen lassen. Aller Voraussicht nach wird sich also in den nächsten Tagen daS Los der russischen Hauptarmee entscheiden. Auch in London hält man eine russische Katastrophe für unvermeidlich. Dem„Berliner Tageblatt" wird von dort gemeldet: „Die kombinierte Aktton der japanischen Generale Kuroki, Nodzu und Oku unter dem Oberbefehl des Marschalls Ohama gleichzeitig gegen KuropatkinS Ost- und Südfront läßt sich aus Mitteilungen der hiesigen japanischen Gesandtschaft sowie aus beglaubigten Meldungen des„Telegraph", der „ D a i l tz Mail" und des„Standard" aus Tokio und vom Kriegsschauplatz folgendermaßen zusammenfaffen: Am 30. Juli griff General Nodzu bei Tagesanbruch auf der russischen Südftont die starken Stellungen bei Simutscheng an. Generallieutenant Alexejew mit zwei Divisionen Infanterie und sieben Batterien Artillerie verteidigte den Platz glänzend 48 Stunden hindurch. Sein linker Flügel trieb durch ein vorzügliches Artillcriefeuer den japanischen Angriff zurück. Sein Centruni machte gleichzeitig eine heroische Gegen- attacke, welche den japanischen Angriff zum Stehen brachte. Nach mehrstündigem, unentschiedenem Nahkampf erfährt General Alexejew plötzlich, daß sein rechter Flügel umgangen ist. Hierauf wird der Rückzug notwendig. Nlexejeto zieht sich in voller Ordnung auf Hait>cheiig zurück, wo er am 1. und 2. August eintrifft, die japanische Verfolgung erfolgreich abwehrend. Die Ber- luste waren auf beiden Seiten außerordentlich große. Alexejew muß sechs Geschütze und viel Bagage zurücklassen. Während so die russische Südfront engagiert und aufgerollt wird, greift General Kur oft die russische Ostfront am 31. Juli, 1. und 2. August bei Dangtzuling und Kushulintzu an. Die Situation ist dieselbe wie auf der Südfront. Die russische Artillerie ist wesentlich besser als ftüher. Die Positionen sind ausgezeichnet. Die Russen machen vorzüglich durchgeführte Gegen- angriffe, aber auf beiden Stelle» machen die Japaner Um- g e h u n g e n bei gleichzeitiger Festhalwng der russischen Front. In ungemein zähem N a h k a m p f zwingen sie die Russen zum Rückzug in der Richtung auf Liaujang. Diese Zurückziehung der Ostfront zwingt im Verein mit dem Druck der nachrückenden Armee Nodzus den General Alexejew, Haitscheng aufzugeben, und nunmehr ist Kuropatkins Ver- teidigungslinie gebrochen. Der Rückzug auf Liaujang gestaltete sich, wie der Telegraph sagt, gestern bereits flucht- artig. Die Stimmung der russischen Armee ist deprimiert und resigniert; General Kuropatttn ist verschlossener denn je, und neue Komplikationen sind wahrscheinlich, da der Vicekönig Alexejew seine Ankunft in Liaujang anmeldete. Inzwischen ist die japanische CernierungSarmee folgendermaßen aufmarichiert. Zwei Divisionen Kurokis stehen nordöstlich von Liaujang in der Nähe der Eisenbahnlinie bei Pensihu, die drei übrigen Divisionen Kurotts stehen südöstlich von Liau- jang bei A n p i n g, die drei Divisionen Nodzus sind südlich von Liaujang im Anmarsch und haben Haitscheng bereits im Rücken. Die drei Divisionen Okus marschieren westlich der Eisenbahn- linie Niutschwang-Liaujang und haben augenblicklich ungefähr die Höhe von Haitscheng erreicht. Diese elf japanischen Divisionen haben zusammen 220 000 bis 250000 Man». Die militärischen Kreise in London, ebenso die heutigen Morgenblätter erklären eine Katastrophe der russischen Armee nunmehr für unabwendbar, da durch das Erscheinen zweier japanischer Divisionen in Pensihu die Einschließung der Armee Kuropatkins so gut w i e v 0 l l e n d e t ist." Ueber die augenblickliche Lage bei Liaujang liegen noch folgende Nachrichten vor: Liaujang, 2. August, 3 Uhr 3V Minute» morgens.(Meldung der„ A g e n c e H a v a s".) Ihren Vormarsch nach der Schlacht bei T a t s ch i t s ch i a 0 fortsetzend, behielten die Japaner Fühlung mit allen russischen Stteitttäften, die eine Linie parallel zur Eisenbahn bildeten. Zunächst schien die feste Absicht zu bestehen, mit dem bisherigen Zurückgehen ein Ende zu machen; noch gestern vollendete das JngenieurcorpS in aller Eile eine Pontonbrücke über den Fluß bei Haitscheng; aber da die russischen Truppen an Zahl schwächer waren, mußte ihr linker Flügel in der Gegend von Simutscheng vor einer Umgchungs- bewegung von drei Divisionen des Feindes zurückweichen, da sie die Armee von ihren Verbindungen abzuschneiden drohte. Der Rück- z u g wurde also beschlossen; er fing gestern abend an und dauerte den ganzen Tag in guter Ordnung an. Die Armee, durch ihre Nachhut stark geschützt, zieht sich langsam nach Norden zurück, wo sie wieder eine Stellung einnehmen wird. Dieses letzte Zurückweichen ist ein neuer Beweis dafür, wie unangebracht es wäre, im jetzigen Moment die Offensive zu ergreifen, wo die schlechten Stellungen naturgemäß fortwährend in Gefahr sind, umgangen zu werden und wo die russischen Truppen an Zahl die schwächeren sind. Andrerseits aber werden die russischen Truppen in Spannung gehalten, von denen ein Teil un- unterbrochen seit Turentscheng mit dem Feinde in Fühlung ist. Petersburg, 3. August. Der„Russischen Telegraphen-Agentur" wird aus Mukden von gestern gemeldet: Hier erhält sich hartnäckig das Gerücht, daß auf der ganzen Linie der russischen Stellung schon den dritten Tag gekämpft wird. Ueber die Verluste sind Rachrichten von zuständiger Seite noch nicht eingegangen. Admiral Mexejew ist heute von C Harbin nach Mukden abgereist. Tokio, 4. August. Amtliche Mitteilung. General jOku berichtet, daß der Feind sich seit dem 2. August fortgesetzt in nörd- licher Richtung zurückzieht. Am 3. August besetzte unsre Armee Haitscheng und Niutschwang, 80 Meilen nordöstlich deS offenen Hafens gleichen Namens. Auch Port Arthur cheint bereits sehr bedrängt zu sein. Sicher haben schwere Kämpfe tattgefunden, die offenbar fiir die Japaner erfolgreich geendet haben. Dem„Tag" wird von einem Special- Berichterstatter gemeldet: Tschiku, 3. August. Der endgültige Angriff aus Port Arthur steht unmittelbar bevor. Soeben sind hier 200 Civilisten. Männer. Weiber, Kinder, angekommen, welche am 1. August den Befehl er- halten hatten, Port Arthur sofort zu verlassen. Sie berichten von einer schweren Schlacht am 1. August, bei der die Verluste auf feite der Japaner 15 000, auf feite der Russen 5000 Mann be- ttugen. Die Japaner rückten dann vor und nahmen zwei FortS aus der Landseite ein. Nunmehr werden die Geschütze hinweg- geschleppt, um die letzte Attacke vorzubereiten, die heute Nacht erwartet Ivird. Ein norwegischer Dampfer kam mit 1000 Flüchtlingen hier an. welche mit Erlaubnis der russischen und japanischen Kommandos Port Arthur verlassen hatten, damit die Unschuldigen den Schrecken des Sturmes entzogen werden. Im Augenblick hört man heftigen Kanonendonner von Port Arthur herüberdröhnen. Eine weitere Meldung lautet: London, 4. August. Das„Reutersche Bureau" meldet aus Tschifu: Der von Niutschwang kommende Dampfer „Futsch au" nahm in der Nähe von Tschifu 7 Männer, 4 Frauen und 1 Knaben aus einer Dschunke an Bord, die am L.August Port Arthur Verlasien haben. Die Flüchtlinge berichten, daß ein blutiger Kampf am Wolfshügel nördlich von Port Arthur stattgefunden habe. Die Japaner seien von diesen? Hügel zurückgeworfen worden. Acht Eisen- bahnzüge hätte» Verwundete in die Stadt gebracht. Die Zahl derselben sei so groß, datz Transport- mittel aller Art benutzt werden müssen. Die Flüchtlinge bestätigen, daß die Heftigkeit des Kainpfes in der Nacht vom 23. Juli nachgelassen hätte, doch dauere der K a in p f noch fort. Die russische Flotte, welche augenscheinlich von einer Erkundignngsfahrt zurückgekehrt sei, habe die vor- rückenden Japaner beschossen. In Tschifu eingetroffene Chinesen erklären, die Japaner hätten bereits zwei Forts an der Ostküste, deren Befestigung zu schwach gewesen sei, genommen, hätten sie a b e r aufgeben müssen, als die Japaner ans den übrigen Stellungen zurückgeworfen wurden. Die japanischen Verluste sind zweifellos enorm übertrieben. Unter 15 000 thun's die Chinesen nun einmal nicht. Sollten die Russen 5000 Mann verloren haben, so muffte das die Verteidigung der Stadt schlver erschiittert haben! poUtilcKe(lebersicbt. Berlin, den 4. August. Die reaktionären Umtriebe. Konservative und nationalliberale Blätter überbieten sich, den «Vorwärts" für hnndstagSkrank zu halten, weil er das„Sommer- märchen", die„tolle Phantasie" der reaktionären Zettelnngen gegen das Wahlrecht aufgebracht habe. Wir überlassen die Redaktionen dieser Blätter mit Vergnügen dem Spiel, hinter erzwungene Scherze ihre Unkeimtnis von Vorgängen zu verstecken, die ihre eignen Parteien betreffen. Die„National-Zeitung" freilich sollte sich, ehe sie das„Hundstags-Komplott" des„Vorwärts" belacht, von dem ihr parteipolitisch so nahestehenden„Hamburgischen Corre- s p o n d e n t e n" einige Belehnmg erbitten. Auch der Berliner Diplomat der„Franks. Ztg." beharrt im Unglauben. Wie sollte er auch eine Aufdeckung interner Partei- Vorgänge anerkennen, die andre vor ihn? besorgt? Als wesentlicher Grund gegen die Glaubhaftigkeit unsrer Mitteilungen wird in der „Frankfurter Zeitung" angegeben:„Man braucht den Plan sich nur anzusehen, um zu wissen, daff er unter den gegenwärtigen Verhält- nissen und überhaupt auf absehbareZeit undurchführbar ist." Wenige Monate vor dem IL. Dezember 1902 hat inan die Gewaltstreiche des Kardorff-Bnndes ebenso für unmöglich gehalten! Wir haben eine unabweisbare Pflicht erfüllt, von den Meldungen, die zuverlässig uns erreichten, der Oeffcntlichkeit volle Kenntnis zu geben. Und unsre Meldungen haben von verschiedenen andren Seiten volle Bestätigung erfahren. Insbesondere der„Hamburgische Correspondent", der bereits vor einigen Tagen unsre Nachricht bekräftigte, wiederholt heute diese Bekräftigung mit allein Nachdruck. Und dieses Blatt ist sicherlich vollwertig unter seinen bürgerlichen Brüdern. Es schreibt in seiner Mittwoch- Nummer: „Seine(des„Vorwärts") Mitteilungen decken sich hier im großen und ganzen mit Angabe», die auch nnS geworden sind»nd zwar unter Umständen, die es schwer machen, an ihrer Glaub- Würdigkeit zu zweifeln. In Besprechungen konservativer und sreikonservativer Führer soll die Idee eines Ausgleichs zwischen den beiden Wahlsystemen gereift sein; Herr Spahn habe zwar nicht mitmachen wolle», sich aber nicht principicll gegen den Plan erklärt, für dessen Verwirklichung es nur auf den rechten Moment ankomme; die National- liberalen seien üllerdings nicht offiziell in Kenntnis gesetzt, doch wüfften einige hervorragende Fraktionsmitglicdcr uin das Vorhaben und man hoffe, sie zur entschlossenen That am ge- gebeiren Zeitpunkt bereit zu finden. Kurzum, die Zolltarismehrheit solle sich aufs neue konstituieren." Gut unterrichtet erscheint jetzt gleichfalls die„Hilfe", welche ausführt; „Die Vorbereitungen müssen schon sehr weit ge- diehen sein, wenn die Ungeduld bereits jetzt so groff ist, daff man das Zusammentreten deS Reichstages beschleunigen will. Diese unziemliche Ungeduld erweckt den Verdacht, daff es den Wahlrechtsverschlechtern jetzt in der Sommerhitze gelungen ist, die Centrumsführer für ihre Pläne zu ge- Winnen und daff sie dieses Eisen schmieden wollen, solange es heih ist. Fürs erste freilich stellt sicki die„Germania" als wisse sie nichts von der Sache. Es kann ja auch sein, daff ihre Redaktion wirklich noch im Stande der Unschuld ist. Der„Vor- wärts" rät ihr, sie solle Herrn Spahn fragen; der werde es schon wissen. Er wird es wissen, wenn er eS nicht für taktisch richtiger hält, so lange alle konservativen Aufragen zu ver- gessen, bis sein Zeitpunkt gekommen ist." Auch das„Berliner Tageblatt" hat den Eindruck ge- Wonnen, daff wir gut unterrichtet waren, als wir jene Meldung zuerst veröffentlichten. Es hatte zunächst geschwiegen, nimmt nun aber die Angelegenheit auf: „... Daher wäre eS eine übel angebrachte Taktik, wollte man sich gänzlich allen jenen Mitteilungen verschlieffen, die von Zeit zu Zeit über die Gefahren in die Oeffentlich- keit gelangen, welche dem ReichStags-Wahlrecht drohen. Der „Vorwärts" will nämlich in Erfahrung gebracht haben daff die maffgebenden Führer in den reaktionären Lagern nicht etwa auf eine plumpe Beseitigung des Reichswahl- rechtes zielen, sondern auf eine Art von„Reform" desselben. Die Herren planen nämlich, wie das Blatt mitteilst so etwas wie die Herstellung einer Mittellinie zwischen Reichs- und Landtags-Wahlrecht. Vom Reichswahlrecht soll etwas abgezwackt und dafür soll dem Landtags-Wahlrecht etwas zugelegt werden! Das Ding ist so überfein ausgedacht, daff es dem Spür- sinn eines Grafen Kunitz Ehre machen würde. Hier ist ein wenig Zuckerbrot für die Landtagswähler und zugleich eine ordentliche Peitsche für die deutschen Reichstagswähler I Diesen Treibereien soll man preutzischerseits alle Förderung angedeihen lassen. Wir sind weit davon entfernt, an die Ausfiihrbarkeit derartiger Absichten zu glauben. Der Sturm, der darüber sich im Reiche er- höbe, würde stark genug sein, um selbst den geschmeidigsten Reichskanzler zu entwurzeln. Allein, man soll trotzdem seine Augen offen halten, damit keine Bewegung im feindlichen Lager entgehe.„Toujows en vedette!"„Immer auf dem Posten!" war bekanntlich ein oberster Grundsatz Friedrichs des Groffen. Dieser Satz hat nicht bloff seine Gültigkeit im Kampfe gegen den äufferen Feind, sondern auch— und zwar ganz besonders— gegen den inneren Feind, der stets im Verborgenen herumschleichend seine Ränke gegen unsre wahrlich karg genug bemessene politische Freiheit schmiedet." Besondere Aufmerksamkeit verdient die Centrumspresse. Die„Märkische Volksztg." und die„ K ö l n i s ch e V o l k s z t g." versichern, daff sie von den Plänen nichts wissen, und fügen in klarer und scharfer Formulierung hinzu, daff das Centruin keines- falls für die Verschlechterung des Reichstags- Wahlrechts zu haben sein werde, und zwar sei das ganze C e n t r u m hierin einig. So erfreulich diese Gelöbnisse sind, so vertreten doch gerade diese beiden Blätter den linken Flügel des Cenirums. Die Partei- und fr a kti o n s offiziöse„Germania" dagegen verhält sich seit der ersten kurzen Bemerkung, die wir besprochen haben, völlig schweigsam und teilt nicht mit, warum es ihr noch immer nicht gelungen ist, von ihrem Führer Dr. Spahn Auskunft zu erreichen. Nach den erneuten eindringlichen Hinweisen des„Hamburgischen Correspondenten" auf die Rolle, die Dr. Spahn in jenen Verhandlungen gespielt hat, wird er jedoch einer Aufklärung nicht auf die Dauer auszuweichen vermögen I Schliehlich ist zu verzeichnen, daff der konservative„Reichs- böte" sich wiederum ausdrücklich zu den PIcoc? gegen das Reichstags-Wahlrecht bekennt. Er bezeichnet die von �ns dargelegten Absichten der Reaktion als„geringe Abänderungen" des Wahlrechts!— Eine neue Kirchenba» Aera wünscht seufzend der Kircheuruudschauer der„Kreuz-Ztg." Dieses Organ der hochkonservaliven Frömmigkeit ist der Mirbachiade stets aus dem Wege.gegangen. Auch der Kircheuruudschauer ver- beugt sich vor der Majestät Mirbach durch Angriffe aus die Presse, die ihre Pflicht besser gethan hat als die„Kreuz-Ztg." Dann aber erzählt er klagend vom schweren Schaden, den die Kirche genommen, und wie er gebessert werden solle: „Nein, uns handelt es sich lediglich um das, was die Kirche dabei verloren hat, weiterhin einbüßt und zu ihrer Rechtfertigung thun muff. Denn die Kirche ist der ge- schädigte Teil, und zwar geschädigt auch durch die Methode, in der ihr, gelvih in bester Absicht, gedient i st. Daff dabei äuffere Erfolge erzielt sind, soll nicht ver- schwiegen werden: daff eine Aera sie nicht nur tolerierte. sondern sich ihr Charakteristikum von ihr aufprägen lieh, darf auch nicht übersehen werden. Vor allem, daff Thatcn- drang und Opfertreue zur Ueberwindung jener schrecklichen Misere, da stupide Gleichgültigkeit und impotente Wünsche sich gegenseitig Knixe machten, ohne eine Gemeinde zu gründen, auf den Plan traten, muff immer wieder zum Dank anregen. Und endlich, wozu sind Ausschüsse und Vorstände und Konferenzen und Generalversammlungen in der Welt! Giebt es eine Schuld, so giebt es auch eine Mitschuld, und b e st ä n d e sie nur im Kopfnicken. Die Kirche hat zu der Art, Geld für evangelische Zwecke zu beschaffen, die jetzt als ganz„unevangelisch" stigmatisiert ivird, geschwiegen, hat sich die Gottes-, die Pfarr-, die Geineindehäuser bauen lassen, sie geweiht und sich ihrer gefreut. Wohl mag es manche gegeben haben, die meistens zwar leise im ver- traulichen Gespräch über diese Art klagten. Warun? haben sie es nicht laut h i n a u s g e s ch r i e n in die ch r i st- l i ch e Welt? Scheuten sie den Freiherrn v. Mirbach, dem freilich„Kritik" nicht angenehm war? Und was muff er sich nun sagen lassen!... Man braucht darum den Bau von Kirchen noch nicht zu unterlasseu. Für ihre Notwendig. keit und ihre Schönheit hat uns Freiherr v. Mirbach den Sinn geweckt, nun mögen die Berliner zeigen, daff sie es besser verstehen und machen als er. Und wenn das Reichsgericht die aus der Konsistorialordnung von 1573 hergeleiteten Ansprüche an die Stadt Berlin in zwei Fällen zurückgewiesen hat, dann ist's Zeit, die eigne Kraft zu prästieren, thut's not. die Kirchensteuern zu erhöhen und vor allem auch ohne Aussicht aus Titel und Orden in ganz andrer Höhe als bisher freiwillige Spenden als nobils okiioium(edle Pflicht) zu betrachten. Das gäbe eine schöne neue Aera." Diese Ausführung in der„Kreuz-Zeitung" begegnet sich in ihrem wesentlichen Kern mit der— von uns stets vertretenen Auffassung I Gerade wir haben stets erklärt: So groff die Schuld Mirbachs ist, indem er das System der Finanzkirchlichkeit durch seinen groffen Einfluß erst recht einleitete und großzog, so steht doch hinter der Schuld des Einzelnen die weit größere Kollektivschuld. Alle Klerisei und alle Frommen haben daS Treiben gesehen und mitgemacht. Alle wußten, wie die Kirchen e n t st a n d e n sind! Alle sahen, daff die Kirchen der christlichen Denmt auf dem Mamnion der unchristlichsten Ausbeutung sich aufbauten. Kirche und Religion winde das schändlichste Spekulatious- objekt der ekelsten Eitelkeit und, des skrupellosen Geschäftemachens. Das System gipfelte nur in der Pommern spende, welche dem Kirchenbau zufloß, um die Hofbankfirma zu betrügerischen Absichten zu erwerben. Das System ist so alt wie der Bund der Kirche mit den, Kapital. Der Kirchenrundschauer deutet auf eine„neue Aera", er hofft auf freigewilltcn Kircheubau, ohne Titel und Ordensentgelt. Vor- trefflich. Die Socialdemokratie, die von der„Kreuz-Zeitung" vielvcrschriene Feindin der Kirche, hat stets diese Aera gefordert. Aber ach— wenn nur diejenigen zum Kircheubau spenden, welche keinerlei weltliche Absicht leitet, und wenn die Kirche auch die kapita- listischen Erwerber ungerechten Gutes ansschliefft von ihrer Gemeinschaft, dann ist eine neue Aera gekommen; wie viele Kirchen aber werden noch erbaut werden?!— Zum Streit um die Herero nimmt der vielgenannte Missionar I r l e soeben in der„Christlichen Welt" noch einmal das Wort. Es ist derselbe, der seiner Zeit im „Rcichsboten" auf Grund eines 34jährigen südwcstafrikanischen Auf- enthalrs seine überrasckwnden Urteile fällte. Gegen sie hatte ein ganz junger Mensch, ein Pfarrer Anz in Windhuk Front gemacht, und diesem erwidert Jrle nunmehr, kurz,.bündig, klar, wenn auch in der Form versöhnlich. Von ganz besonderem Jntereye ist die Auf- Zählung der Ursachen, die nach seiner Meinung zum Aufstand führten. Die h a u p t s ä ch l i ch st e i st die Ernennung Samuel Ma Hereros zum Oberhäuptling durch die deutsche Regierung 1890.„Dabei war das Erbrecht der Herero außer Acht gelassen worden. Denn nach diesem hätre Nikodemus oder Tjctjoo einrreten müssen. Seitdem nannten die groffen heidnischen Häuptlinge Samuel Mahcrero nie anders als das Kind, das zum Herrn des Hercrolandes gemacht sei... Sie sagten zu ihm: Tu bist der Oberherr des ganzen Landes, wir aber sind die Erben des heiligen Feuers, der Frauen und der Herden Deines Vaters. Er erwiderte: Gut so. gebt Ihr mir die Herden nicht, so thue ich als Eigentümer des Landes, was ich will; ich habe keine Herdeneinnahmen, wie mein Vater sie hatte, und verkaufe des- halb das Land, an wen ich will; denn Geld mutz ich haben. Das brauchte er nämlich zur Bezahlung seiner Schulden für Alkohol... Durch solche Reden und Thaten(er verbot auch bei Strafe, Gärten anzulegen und Weizen zu säen I) wurde bittrer Haff nicht nur gegen Samuel in die Herzen der Leute gesät, sondern auch gegen die Käufer des Landes. Samuel selbst war schliefflich seines Lebens nicht mehr sicher... Schliefflich muffte er etwas thun, um sich vor seinen eigenen Leuten zu retten, und so gab er den unheilvollen Aufruf zum Aufstand gegen die Deutschen, denen er selbst das Land verkauft hatte, und die sich nun. gestützt auf ihr Eigentumsrecht, als die alleinigen Herren der Hereroplätze ge- bürdeten." Das ist nach Jrle der Hauptanlaß zum Aufstand. Man sieht, auch dann, wenn er recht hat, fällt die Schuld daran auf ganz andre Leute als die Hereros selber. In diesem Zusammenhange bestreitet Jrle abermals auf daS energischte die Anschauung, die nach Pastor Anz wie ein„Dogma" geäußert hatte, als ob dieser Krieg unter allen Um- ständen hätte kommen müssen. Jrle sagt darüber wörtlich: „Die Herero waren auf dem guten Wege, stm an die deutsche Herrschaft zu gewöhnen. Wie Kinder pflegten sie Kaisers Geburls- tag mitzufeiern und ihre Lehmsteinhäuser urd ihre Poivoks mit deutschen Flaggen zu schmücken. Aus voller Kehle riefen sie dann, Jung und Alt: Oete ovademsclü— wir sind Deutsche! Daff bei anderer Gelegenheit sie auch wieder einer andern Stimmung Aus- druck geben konnten dadurch, daß sie die Deutschen, aber auch Eng- länder, ovirumbu, gelbe Dinger, oder ovakua(Mehrzahl von omutua) nannten, soll nicht in Abrede gestellt werden. Das Wort mmua bezeichnet nicht Sklave in unserm Sinn, sondern einen nicht zum Hererovolk gehörigen Fremdling und wird nicht allgemein von jedem Deutschen gebraucht. Sie waren eben wie ungezogene Kinder von ihrer jeweiligen Gemütsstimmung abhängig. Wenn wir Deutsche fortgesetzt durch Freundlichkeit und Selbstbeherrschung ihnen Vor- biider gewesen wären, so hätte das Finstere und Verschlagene in ihrem Charakter überwunden und ihre guten Anlagen, an denen es nicht fehlt, erfreulich entwickelt werden können. Tie Herero selbst freuten sich, daff durch das deutsche Regiment die frühere Gewalt- thätigkeit und Herrschsucht ihrer heidnischen Häuptlinge beschränkt wurde. Sie sprachen es aus, daff sie unter deutscher Herrschaft besser leben könnten als unter ihren Häuptlingen. Ich kann nicht alle solche Aeuherungen für Heuchelei hinnehmen." Aber, und hiermit kommt er auf die zweite, von ihm schon früher hervorgehobene Hauptursache zum Aufstand, die Deutschen verhielten sich nichts weniger als erzieherisch, als vorbildlich, als billig, gerecht und mensch- lich gegen sie:„Daff auf unserer Seite in erschreckendem Maße Zucht und Würde fehlte, giebt eine koloniale Zeitschrift ruhig zu. Daff einzelne Weiße die Eingeborenen mit Latten und Stöcken behandelten, habe ich als Citat der„Südwestafrikanischen Zeitung" entnommen... Was die Jugend der Herero betrifft, so habe ich es oft tief bedauert, daff sie unter gewissem deutschen Einfluß noch mehr verrohte... Und die Beschuldigungen, die auch Pfarrsr Anz gegen die Mehrzahl der Weißen in ihrem Verkehr mit eingeborenen Frauen erhebt, gehen in- haltlich noch viel weiter, als ich selbst anzudeuten wagte." Eine weitere Ursache zum Aufstand war die Verschiebung der ursprünglichen Grenzen im Norden und Osten des Hererogebictes infolge der Landabtretung an Gesell- s ch a f t e n. Dadurch wurde das Volk weiter gereizt. Eine„starke Veranlassung zum Aufstand bildeten ferner die letzten Reservatverhandlungen in Okahandja, September 1903." „Auch die R e ch t s b e g r i f f e. die unser Volk in das Schutz- gebiet hinaustrug, waren dort unverständlich; die Gesetzesbestimmun- gen zum Teil ungeeignet; die Versuche des Gouvernements(man denke unter anderm an die treffliche Verordnung über Rechtsstrcitig- leiten vom 1. Januar 1899), einen Rechtszustand herbeizuführen, der den Verhältnissen einigermaßen entsprach, mißlangen. Von dem„billigen Ermessen", das durch das Bürgerliche Gesetzbuch bei der Beurteilung von Schuldverhältnissen empfohlen wird, war bei manchen ausführenden Stellen wenig zu spüren. Und doch mutz die„Billigkeit" im Verkehr mit einem unzivilisierten Volke noch eine ganz andere Rolle spielen als in der Heimat! Aber mit wenigen Ausnahmen dachte man überhaupt nicht an die Zukunft der Ein- geborenen und die ihnen gegenüber übernommenen Verpflichtungen. Das eigene Interesse stand überall im Vordergrund. In möglichst kurzer Zeit und mit möglichst wenigen Mitteln sollten um jeden Preis wirtschaftliche Früchte errungen werden. Für die Schutztruppe und für die Verkehrsmittel scheute man vor großen Aufwendungen zurück. Das Zuströmen ungeeigneter Elemente wurde nicht ver- hindert. Nun ist die böse Folge da." Mit diesen Worten lenkt Jrle schließlich auf„den s ch w i e- rigsten Punkt der Kolonialfrage" hin, bei dem er übrigens ganz einer Meinung mit seinem Widerpart Anz ist, dessen Worte er hierbei zu den seinigcn macht: „Tie Deutschen sind ins Land gekommen als Freunde und Beschützer, während doch ihre Dleinung immer nur sein konnte und auch gewesen ist. daff sie die Herren hier seien. Darin liegt eine Unehrlichkeit der groffen Politik, die sich nun bitter rächt." Wir können ruhig sagen, daff mit den vorstehenden, sehr bc- sonnenen Ausführungen die Akten über die Schuld am Hereroaus st ande endgültig geschlossen sinsd. Die Socia ldemokratie hat in ihrem Urteil darüber von Anfang an recht behalten. Deutsches Reich. Flottkn-Agitntio». Die auffällige Nachsicht, mit der die deutsche Regierung das Vorgehen der Kreuzer der russischen Freiwilligen Flotte gegen deutsche Post- und Kauffahrteischiffe im Roten Meer behandelt hat, bietet einer Reihe Amts- und Kreisblätter Anlaß, von einer Ohnmacht Deutschlands zur See zu faseln und den schnellsten Ausbau„unsrer S ch l a ch t f l o t t e" zu fordern. Nach Ansicht dieser Blätter ist an der zärtlichen Nachsicht, mit der die deutsche Regiernug sich die freche» Uebergriffe des russische» Nachbars gefallen ließ, nämlich nicht die Schwäche der deutschen Diplomatie schuld, auch nicht die Synipathie gewisser sog, maßgebender Kreise mit dem in Rußland herrschenden absolutistischen System oder das Bestreben. ä tour Prix sich die schöne Zuneigung des„einzigen Freundes" zu erhalten, sondern lediglich die Unzulänglichkeit der deutschen Flotte, die für den Dienst in jenen Gegenden kein Kriegsschiff übrig hat. „Die neuesten Vorgänge im Roten Meer", heißt eS z. B. tn jenen Auslassungen,„sind ein drastischer Beleg für unsre augenblick- liche Hilflosigkeit zur See, selbst gegenüber dem„kleinen See- raube"— io nennen es englische Blätter und Parlamentarier— welchen sich die russische Freiivilligen Flotte gegen deutsche Handelsschiffe erlauben darf. Während in Deulschland diplo- matisch mit Noten»nd in der Presse mit durchaus gerecht- fertigt«: Entrüstung gearbeitet wird, schickt England Kriegsschiffe an Ort und Stelle. Diese Kriegsschiffe sollen bis auf weiteres die englsickwu Handelsschiffe durch das Rote Meer geleiten. Ferner werden engliiche Kriegsschiffe dafür sorgen, das Auslaufen von Schiffen der russischen Freiivilligen Flotte aus dem Schwarzen Meere gegebenenfalls mit Geivalt zu verhindern. In Deutichland dagegen kann man gar nicht bandeln, selbst wenn noch Schlimmeres unsrer Flagge widerfahren sollte, weil ans den, ganzen weiten Wege von zehntausend Seemeilen, der sich zwischen Wilhelmshaven via Gibraltar, Suez, Hongkong erstreckt und der eine der befahrensten Weltivasserstraffen darstellt, nicht ein einziges deutsches Kriegsschiff verfügbar ist. Allerdings abgesehen von der Loreley, die in Koii- stantinopcl ein friedliches Da, ein führt. Ein wirkliches Kriegsschiff kam, ma» aber die Loreley beim besten Willen nicht nennen." Die deutsche Kriegsflotte besteht zur Zeit aus 164 Kriegsschiffen lohne die in, Bau befindlichen), von denen sich augenblicklich 141 in europäischen Gewässern aufhalten. Aber abkömmlich ist von diesen. wie jene Blätter vorgeben, kein einziges, denn ein Teil dieser Flotte wird durch Besuche in Plymoulh und Blissingen-c. in Anspruch genommen, und ein andrer Tetl muff Honneurs bei der Nordlaudsreise inachen— also bleibt logischerweise nichts anders übrig, als schnellstens noch so einige Dutzend Linien- schiffe. Kreuzer und Kanoilenboote hinzuzubaue».— Willkommen! Berlin soll vom l. Oktober ab wieder durch ein Stöckerinuisches Blatt beglückt werden. Seit das„Voll" nach Siegen verleg! wurde, entbehrt Berlin schwer der täglichen christlich-socialeu Darbietung.„Das Reich" soll das neue Blatt sich nennen und als seine Tendenz wird angekündigt: „Es kommt vor allem darauf an. den„Vor- wärts" und die Socialdemokratie gründlich zu widerlege»." Also endlich werden wir der gründlichen Widerlegung teil- haftig werden. Zwar wiederlegen schon täglich einige Dutzend konservativer, liberaler, evangelischer, kaiholischcr, scharnnachcrischcr, socialreformerischcr Zeitungen an uns herum.— aber nun wird es ganz gründlich geschehe». Willkommen!— „P«st"-Abcl von Stufe zu Stufe. Herr Abel setzt die Reihe seiner politische» Kriminalromane in der„Post" weiter fort. Führte er jüngst die erschaudernde Köchim'en-PHmitasie seiner Leser in„Die Schule des Verbrechens", so überschreibt er das neueste Kapitel seiner Konfusionen nicht minder schön:„Von Stufe zu Stufe". Von Stufe zu Stute sinke die Widerstandskraft des Staates gegenüber der von der Socialdemokratie drohenden revolulionären Gefahr. Wie groß diese i't, kam, nur der ermessen, der die KeNergehcimnisse der Umstürzler erforscht hat und des furchtbare» Bundes geheime Satzungen kennt: Ihre ganze Organisation mit den verschiedenen Stufen des Ngitatorenwms höheren und nieder» Grades ist nach militärischem Muster zugeschnitten. Die„Genossen" avancieren ganz allmählich nach Madgabe der„Dienstjahre" und nach den Leistungen. Dabei herrscht das Princip. daß jeder Rekrut den Marschallstab im Tornister trägt, d. h. jeder„Genosse" hat die Möglichkeit, allmählich bis zur Höhe eines Reichstagssitzes emporzuklimmen— vorausgesetzt, daß er das Zeug dazu oder die nötige Protektion hat. Letztere spielt unter den„Genossen" nämlich keine geringe Rolle. Diese Hoffnung, einmal Reichstagsmitglied werden zu können, wirkt als mächtiger Sporn für den jungen„Genossen" vom ersten Tage seiner Werbung für die Partei an. Daß von Tausenden in Wirklichkeit nur einmal einer so weit kommt, thnt nichts zur Sache, die Hoffnung haben alle, wenigstens alle streb- samen Elemente, die jung und mit großen Illusionen unter das rote Banner treten, und diese Hoffnung thut ihre Schuldigkeit. Das wahre Wesen der Socialdemokratie besteht also in dem Wunsche der Socialdemokrate», Reichstags-Abgeordnete zu werden. Und dazu der fürchterliche Geheimbund? Doch Herr Abel, der von Kellerstufe zu Kellerstnfe in die dunkelsten Geheimnisse der Partei eindrang, mutz es wissen!— Die Kretschman-Briefe. In dem bekannten Prozeß gegen die „Volkszeituna" in Mainz wegen Veröffentlichung der Kriegs- briefe des Generals Kretschnran ist nunmehr Termin auf den 26. September vor der Strafkammer angesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft selbst hatte kurz vor dein früheren Termin die Absetzung der Verhandlung gewünicht und hatte bei den ehemaligen Offizieren, welche die Klage erhoben haben, die Herbei- führung eines Ausgleiches angeregt. Die Angelegenheit steht nämlich so, daß die Behauptungen, welche General v. Kretsch- man über Plünderungen in dem französischen Orte S e n s im Jahre 1870 mitgeteilt hat und welche die„Volkszeitung" wieder- gab, zwar nicht auf den hessischen Truppenteil zutreffen, den der General irrtümlicherweise angab, wohl aber auf einen andren Truppenteil. Die ehemaligen hessischen Offiziere wünschen jedoch ihre Schuldlosigkeit an Plünderungen ausdrücklich vor Gericht fest- gestellt zu sehen.— Zum Fall Asch wird uns ans München noch berichtet: Nach dem Eintreten des Kriegsministers v. Asch für das ungesetzliche Duell, worüber schon der Telegraph berichtet hat, ereignete sich noch ein pikanter Zwischenfall. Der in noch recht jugendlichem Alter stehendeReichsrat Graf P r e y s i n g nahm nämlich das Wort, um heftig gegen den Abg. Dr. Heim loszuziehen, der den Erlaß nur durch die Pflichtverletzung eines Offiziers erhalten haben könne und sich selbst in einer Weise benommen habe, die eines Staatsbeamten unwürdig sei. Dr. Heim solle, wenn er sich nicht so benehmen wolle, wie es sich gehöre, den Staatsdienst quittieren. Diese Ausfälle trugen dem Herrn Grafen eine sachlich ungemein scharfe Zurückweisung des Präsidenten ein, ein Vorgang, wie er in der Rcichsratskamuier noch nicht dagewesen sein dürfte. Außerdem konstatierte der Referent zum Etat. Reichsrat General a. D. v. H a a g, er wisse bestimmt, daß Dr. Heim den Erlaß nicht von einem Offizier er- halten habe. Die Rede des Grafen P r e y s i n g gegen Dr. Hei m ist des- halb bemerkenswert, weil sie die erste öffentliche Aeußernng de-Z Sohnes eines stockultramontanen Vaters ist. Der im vorigen Jahre verstorbene Graf Konrad v. P r e y s i n a war eine der festesten Stützen des CentrumS, das er auch mit Geldniilteln immer reichlich unterstützte. Daß der junge Graf nun so gänzlich alle Nncksichten auf die Partei seines verstorbenen Vaters beiseite setzt, hat natürlich bei den Liberalen nicht geringe Schadenfreude hervorgerufen.— Aus der Kaserne. Wegen Mißhandlung eines Rekruten standen dieser Tage 22 Soldaten des 39. Infanterie-Regiments vor dem Kriegsgericht in Krefeld. Ein Rekrut, der Stadturlaub hatte, kam etwas verspätet nach Hause und wurde von den älteren Mannschaften dafür in der unmenschlichsten Weise mißhandelt. Mit Schemeln und Knütteln haben sie den Aermsten ge- schlagen, bis er kein Lebenszeichen mehr von sich gab; ein zweiter Rekrut, dem auch Schläge zugedacht waren, hatte sich unter dem Bett versteckt und entging so den Brutalitäten. Der Mißhandelte wurde in derselben Nacht zum Lazarett geschafft, in welchem er sich noch befindet, und es ist keine Hoffnung vorhanden, daß der Unglückliche je wieder Dienst thnn kann. Für diese gemeine Schandthat erhielten die Unmenschen 14 Tage bis 2 Monate Gc- fängnis; ein sehr mildes Urteil. Das Merkwürdige war, daß kein Vorgesetzter von der Mißhandlung etwas wußte, und doch hat der Mißhandelte derart laut um Hilfe geschrien, daß Passanten auf der Straße es gehört haben.— Bom Kommando des Expeditionskorps in Südwest- afrika wird gemeldet: Lieutenant der Reserve Dauben 21. Juli Lazarett Grootfontain Typhus gestorben, früher Feldartillerie-Rcgiment 1. Gefreiter Ernst Mar- quardt, geb. 26. Oktober 1834 in Linde, Kreis Flatow, früher vierte Batterie Feldartillerie-Rcgiments 17, am 24. Juli bei U c b c r- fall der Po st karre bei Otjurutjondjou gefallen. Reiter Gustav Strumpf, geboren in Bremen, früher Pionier- Lataillon Nr. 3 in Spandau, am 26. Juli in Otjosondu an T Y p h u s ze starben. jtZiigtauck. Plehwcs Nachfolger. In Petersburg verlautet bestimmt, daß der Jnstizminister Murawjew an Stelle Plehwes Minister des Innern werden soll. Aber losgelöst von den sonstigen Befugnissen dieses Ministeriums soll ein besonderer Chef der Gendarmerie ernannt werden und für diesen Posten ist General KlcigelS bestimmt. Diese Ernennungen deuten auf die Fortsetzung des S y st e i» s P l e h w e! Murawjew und Kleigels sind die Kandidaten der Partei am Zarenhofe, welche durch die Ergreifung schärfster Gewaltmittel die immer wachsende revolutionäre Bewegung nieder- zuwerfen vermeint. Murawjew ist ein Neffe des ehemaligen Generalgonverneurs von Ostsibiricn, Grasen Murawjew-Amnrskij, und ein Better des Unterdrückers des polnischen Aufstandes von 1863, des Grafen Murawjew-Wilenskij, zählt zu den streng konservativen russischen Staatswürdenträgern. Seine eigentliche Lausbahn begann im Jahre 1880. Damals, nach Hartmanns Minenattentat auf Alexander II. bei Moskau, galt es, einen Mann zu finden, welcher die Anklagen gegen die„Staatsverbrecher" mit Energie vertreten könnte. Er ging 1830 nach Paris, um die Auslieferung Hartmanns zu erwirken. Aber den Höhepunkt seines Hasses gegen die russischen Sicvolutionäre erreichte Murawjew als Staatsanwalt des Sonder- gerichts des dirigierenden Senats, welches im März 1881 eingesetzt wurde, um die Mörder Alexanders II. zu richten. Muraivjcw hielt die Anklagereden und es erfolgte die Hinrichtung der An- geklagten. Seitdem leitete Murawjew zahsteiche Untersuchungen gegen politische Vergehen und er wurde bald der verhaßteste Staatsanwalt. Im Jahre 1884 übersiedelte er nach Moskau, Ivo er die Leitung der Staatsanivaltschaft an der Moskauer Gerichts- kammer übernahnr. In dieser Eigenschaft arbeitete er sehr viele Instruktionen und Weisungen an die Polizei und die Gendannerie aus, deren Geist unverkennbar reaktionär war. Ende 1891 wurde Murawjew Oberproknrator des Strafdepartements des Senats, um ein Jahr später zum Reichssekretär ernannt zu werden. Im Januar 1894 wurde er zum I u st i z m i n i st e r ernannt. Während seiner zehnjährigen Verwaltung des Justizministeriums hat Murawjew die reaktionäre Politik des Ministeriums des Innern that- kräftig unterstützt. S s i p j a g i n und P l e h w e fanden bei ihm stets ein williges Ohr, während er altes that, um alle Prozesse der letzten Zeit, welche sociale Bedeutung hatten, hinter geschlossenen Thiiren durchzuführen. Aber noch mehr von symptomatischer Bedeutung für den neuen, alten Kurs ist die Ernennung des Generals Kleigels zum Chef der Gendarmerie, der politischen Polizei in Rußland. General Kleigels ist in Rußland von allen Ständen gehaßt. Im Jahre 1888 wurde er zum Oberpolizeimeister vonWarschau ernannt. In dieser Stellung erwies er sich als der starrste Vollstrecker der RussifizicrungSpolitik Gurkos und erwarb sich den Ruf eines skrupel- lose» Bcrwaltnngsbcamten. Erwies Deutsche und Juden aus, er verfolgte die Andersgläubigen. 1895 wurde er zum Stadt- Hauptmann von Petersburg ernannt. Auf diesem Posten entwickelte er eine be�i spiellose Energie bei der Verfolgung der sogenannten„Politische n". Besonders scharf ging er bei der Unterdrückung der Stndentemmrnhen im Jahre 1901 vor. Vor der Kasankirche ließ er die Studenten und das schauende Publikum durch Kosaken auspeitschen und richtete ein Blutbad an. Vor un- gefähr drei Monaten wurde Kleigels an Stelle Dragomirows zum Gencralgouverneur von Kiew ernannt. Die Ernennung Murawiews und Kleigels bedeutet daher, daß die russische Regierung entschlossen ist, das System der Gewalt mit aller Macht fortzusetzen. Was Plehwe nicht zu leisten vermochte, werden seine Gehilfen nicht leisten. Auch der brutalste Aufwand der Gewaltmittel wird die russische Freiheitsbewegung nicht bezwingen. Diese Bewegung erstarkt von Tag zu Tag und wird alle Gewalrthätigkeit des Zarismus überwinden.— Frankreich. Die Marseiller Gemeindewahlen kassiert. Paris, 3. August.(Eig. Ber.) Die knappe Mphrheit von 130 Stimnien, die im zweiten Wahlgang die melinistisch-nationa- listische Liste in den Marseiller Gemeinderat wiedergewählt hatte, war ein Werk des direkten Stimmenlaufes und des frechsten Unter- nehmerdruckes. Das ist jetzt eine gerichtlich bczw. amtlich festgestellte Thatsache. Wegen des Stimmenkaufes wurden vor kurzem drei Agenten der alten Munizipalität gerichtlich zu Gefängnisstrafen verurteilt. Auf die Beschwerde des„Komitees der weltlichen Aktion", einer Ver- einigung der ministeriellen Socialistcn und der Radikalen, wurde sodann vom Präfekturrat eine Enquete über die Stichwahl ange- ordnet. Die kontradiktorische und öeffcntliche Versammlung der Wahlenqucte fand vom 22. bis zum 25. Juli inklusive statt, wobei die Linksparteien durch den Rechtsanwalt und ehemaligen socialisti- scheu Abgeordneten Rene Viviani vertreten waren. Gestern hat der Präfekturrat das offenkundige Ergebnis der Beweisaufnahme pro- klamiert, indem er die Stichwahl für null und nichtig erklärte. Die Kassierung der Wahl stützt sich im amtlichen Entscheid, nebe» der gerichtlichen Verurteilung der drei erwähnten Bestechungs- agentcn, auf folgende Gründe: Verschiedene Bankhäuser und die Gasgesellschaft haben ihre Angestellten durch Drohungen und Ver- sprechen für die reaktionäre Liste zu gewinnen gesucht. Besonders eifrig wurde der Unternehmerdruck von der Gasgcsellschaft betrieben, die wegen der nahenden Erneuerungsfrist ihres Monopols finanziell an dem reaktionären Wahlsieg interessiert war. Unter anderem hat sie ihrem Personal mit der Abschaffung der Alterspensionen ge- droht für den Fall des Erfolges der socialistischen und radikalen Liste. Die Direktoren und Ingenieure der Gasgesellschast hatten das in der Beweisausnahme halb und halb selbst zugestehen müssen. Die gerichtlich faßbaren und die moralisch verdammenswcrten Manöver der Reaktion waren mehr als hinreichend, um durch eine Verschiebung von einigen 70 Stimmen den wahren Willen der Wähler ins Gegenteil zu verkehren. Es ist also zu erwarten, daß in der bevorstehenden Neuwahl die große Hafenstadt der Reaktion, die sie seit 1902 beherrscht, entrissen wird. Ruftland. Senator Schaumans Schicksal. Wie uns berichtet wird, ist der Vater Eugen Schaumans nach seiner Ankunft in Petersburg in das Pctcr-PaulSgcfängniS für Staatsverbrecher geführt worden.— Afrika. Tanger, 4. August.(Meldung des„Renterschen Bureaus".) Auf ein nicht armiertes Boot, das in der Nacht von einem französischen Kriegsschiffe zum Wasserholen entsandt war, wurden, als es sich in der Nähe des UferS befand, von einer marokkanischen Wache Schüsse abgegeben. Die Schuldigen sind verhaftet worden.— Vor dem Warschauer Kriegsgericht. Eine erschütternde Kunde dringt abermals aus dem Knutenrcich zu uns herüber: in dem Augenblick, wo unsre Leser diese Zeilen vor die Augen bekonnnen, ist wahrscheinlich vom Kriegsgericht in Warschau über zwei Socinldcniokraten das Todesurteil gesprochen, und einer von diesen beiden Opfern der Zarenjustiz ist— der Genosse Martin Kasprzak aus Posen, ein Mitglied der deutschen Socialdemokratie! . Die Leser werden sich der von unsrem Blatte seiner Zeit aus- fllhrlich berichtete» Vorgänge in der socialdemokratischcn Geheim- druckerei in Warschau am 27. April erinnern. Einige in dieser Druckerei zusammengekommene polnische Genossen wurden von der Polizei überrascht. Am hellen Tage, um 2 Uhr nachmittags umzingelte eine große Menge Gendarmen und Polizisten das HanS in der DworSkastraße und ei'nige Polizeibeamte begaben sich in die Wohnung des Schuhmachers Pawlak im ersten Stock, wo sie die Gehcimdruckerei vermuteten. Die überraschten Socialdemolraten, unter denen sich ein junges Weib, die Frau des Schuhmachers, befand, leisteten, um sich und die Frau zu retten, ver- zweifelten Widerstand. Dabei wurden zwei Offiziere: der Stabskapitän O r d a n o w s k i j und der Ritlineister Winnitschuk init Revolverkugcln gleich auf der Stelle gelötet, während drei Polizisten: P y l h i n. T a r a s i e w i c z und B o w b i e l schwer verwundet wurden, wovon die zwei erften auch bald darauf ver- starben sind. Den Verfolgten gelang es inzwischen, sich bis auf den Hof zu retten, doch hier wurden sie von den unten warten- den Gendarmen überwältigt, gefesselt und unter furchtbaren Miß- Handlungen— nach der Aussage der Einwohner des Hauses— ins Gefängnis abgeführt. Nun stellt es sich heraus, daß derjenige, der zu seinem und der Genossen Schutze der eindringenden Horde bewaffneter Schergen von der Plehweschen Hermandad den verzweifelten Widerstand leistete, niemand anders war als Martin Kasprzak aus Posen. Zu- sammen mit ibin sind noch vier Personen: der Schuhmacher Pawlak mit Frau, der Polytechniker Ladislaus F e i n st e i n und der Ingenieur Benedikt Gurtzmann festgenommen worden. Die Verhafteten sind alsdann in zwei Partien gesondert worden, die in zwei verschiedenen gerichtlichen Verfahren abgeurteilt werden. Martin Kasprzak und der Ingenieur Gurtzmann wurden, als des bewaffneten Widerstandes beschuldigt, vor das Kriegsgericht gestellt, während sich die übrigen drei denen man überhaupt nichts andres zur Last legen kann, als daß sie in der socialdemokratischen Geheimdruckerei anwesend waren, vor der höchsten Kammer des Civilgerichrs in Warschau verantworten müssen. Ueber den Verlauf der Prozesse schreibt man uns aus Warschau: Warschau, den 2. August. Heute um 10 Uhr früh beginnt vor dem Kriegsgericht die Verhandlung in Sachen Wilhelm Christian Mayer vel Martin Kasprzak(so lautet die Anklage- schrist: Kasprzak hielt sich in Warschau seit März auf Grund von Papieren auf. die auf den Namen W. Chr. Mayer ausgestellt waren) und Ingenieur Benedikt Gurtzmann. Den Vorsitz führt Generallieutenant S t r e l n i k o w. Die Sache war anfänglich dein Civilgericht übergeben und die Angeklagten sollten, obwohl „politische Verbrecher", von diesem abgeurteilt werden. Allein der Generalgouverneur T s ch e r t k o w hatte dann die Zurückziehung des Prozesses aus dem Civilgericht und die Uebergabe an das Kriegsgericht verfügt, was als reiner Racheakt betrachtet werden muß. In den Kreisen der hiesigen Behörden herrscht nämlich seit dem Vorfall in der Druckerei und unter dem Eindruck der späteren Demonstrationen ein solcher Haß und Rachedurst gegenüber der Socialdemokratie, daß sie nach einem Bluturteil förmlich lechzen. So trägt denn auch die ganze Anklageschrift den ausdrücklichen Stempel eines R a ch e a k t s an der Stirn. Sie beginnt mit der Darlegung, daß die„Ochrana"(die spccielle in der letzten Zeit in Rußland geschaffene politische Polizei) durch ihre Agenten ausgekundschaftet hatte, daß sich in der Dworska- straße eine Druckerei der Socialdemokratie Russisch- Polens und Litauens befinde, in der gerade Flugblätter für das Bielostoker Komitee der Partei hergestellt wurden. Man begab sich hin (folgt Namensaufzählung der betreffenden Beamten der„Ochrana") und begegnete einem bewaffneten Widerstand, bei dem Mayer vel Kasprzak gievolverschüsse abgab. Die Heranziehung des Ingenieurs Gurtzmann zu dem Kriegsgericht beruht einzig und allein auf dem Zeugnis des einzigen Ueberlebenden von den damals Verwundeten, des jetzt als Belastungszeuge fungie- renden Schutzmanns B o w b i e l. Dieser herzählt laut Anklage: Nach den von Kasprzak abgegebenen Revolverschüssen, durch die er, Bowbiel, selbst schwer verwundet- wurde, hatte er Kasprzak gepackt und zu Boden geworfen, doch dann sei Gurtzmann dem Geworfenen zu Hilfe geeilt und habe ihn von dem Schutzmann befreit. Auf Grund dieser Aussage lediglich wird Gurtzmann als der Teilnahme am bewaffneten Widerstand schuldig erklärt und die Anklage fordert für ihn, ebenso wie für Kasprzak, Todes st rafe! Dem entgegen steht die Aussage beider Angeklagten. Kasprzak erklärt vom ersten Augenblick an und bleibt unerschütterlich dabei, daß er allein Widerstand geleistet habe und niemand mehr daran irgendwie beteiligt wäre. Der Ingenieur Gurtzmann erklärt gleich- falls, daß er gleich nach den ersten Schüssen über die gefallenen Polizisten hinweg nach dem Hofe lies, wo er festgenommen wurde. Er bekennt sich offen als überzeugter Socialdemokrat, der seit zwei Jahren in der Bewegung thätig war und seit Ve Jahr organisiertes Mitglied der Socialdeniokratie Russisch-Polens und Litauens sei, erklärt, daß er, wie bisher, immer der Socialdemokratie alle seine Kräfte in den Dienst stellen und den Absolutismus bekämpfen werde. Die freimütige und edle Haltung Gurtzmanns angesichts des drohenden Todes macht sogar auf die Gendarmen und die Staatsanwaltschaft den tiefsten Eindruck. An der Wahrhaftigkeit seiner Aussage ist nicht der geringste Zweifel möglich, lind so wird die T o d e s st r a f e für ihn auf Gr nnd ein es falschen Zeugnisses ge- fordert! Der belastende Schutzmann Bowbiel ist nämlich bekannt als ein physisch äußerst starker Mann und schämt sich nun zu bekennen, daß Kasprzak allein mit ihm fertig gelvorden ist! er besteht deshalb darauf, daß Gurtzmann sich an der Befreiung Kasprzaks beteiligt habe, und die notorisch hinfällige Aussage eines Analphabeten— wie es die russischen Schutzleute meistens sind— der obendrein per- sönlich engagiert und rachebedürftig ist, genügt der russischen Staats- anwaltschaft, um ein Bluturteil zu begründen! Die Anklage stützt sich auf den§ 279 der kriegsgerichtlichen Prozeßordnung, das heißt auf das feldkriegsgerichtliche Ver- fahren im Unterschied vom kriegsgerichtlichen Verfahren zu Fricdenszeiteu. Darin liegt gleichfalls die Absicht, das Blut- urteil und auch seine Ausführung zu sichern, weil bei diesem Verfahren die Urteile vom Generalgouverneur Tschertkow und nicht vom Zaren selbst bestätigt werden; es galt also von vornherein, dem„Friedenszären" die Bestätigung des drakonischen Urteils der Todesstrafe für beide Angeklagten zu sparen. Doch ist die ganze Bevölkerung durch den Prozeß, dessen Hauptdetails bereits allgemein bekaimt sind, namentlich durch das tragische Schicksals Kasprzaks so erregt, daß man allgemein annimmt, der Gencralgonvernenr würde doch nicht wagen, ohne eine Direktive aus Petersburg die zwei Todesurteile zu'bestätigen. Somit dürfte der Ausgang des blutigen Dramas vor dem Warschauer Kriegs- gericht als erster Fingerzeig aufgefaßt werden, welchen Kurs der Absolutismus nach dem Attentat auf Plehwe einschlagen will: ob Fortsetzung des Blut- regiments oder Einlenken in etwas ruhigere Bahnen. Die Verteidigung Kasprzaks führt em Warschauer Rechtsanwalt Patek. Gurtzmann nsird von den Rechtsanwälten Kijeuski aus Warschau nnd AndrejewSkij aus Petersburg verteidigt. Es sind 30 Zeugen vorgeladen, so daß die Verhandlung wohl zwei Tage, heute und morgen, in Anspruch nehmen loird. Die Anklage hat als Belastungszeugen ausschließlich Gendarmen und Polizisten heran- gezogen. Darunter fungieren: der Kapitän W o n s i a ck i j, schon auS seiner früheren Thätigkeit als Gendarm den Warschauer Genossen sehr wohl bekannt, und der Gendarmerie-Lieutenant Schlikiewicz; diese beiden haben den verhasteten Mayer als den alten in Warschau bereits vor Jahren thätigen Revolutionär Kasprzak erkannt. Als Entlastungszeugen treten auf: zwei Genossen, die Schuh- macher Pawlak und Zabojcsa, beide gegenwärtig in Haft, ferner die Frau Kasprzaks und die Bewohner des Hauses, in dem die Druckerei sich befand. Heute früh, eine Stunde vor Beginn der Verhandlungen wird die Verteidigung aus juristischen Gründen die Kompetenz des Kriegsgerichts anzweifeln, doch dürfte dies zu keinem Ergebnis führen. Die Komödie des Gerichts beginnt bald und leider zweifelt kein Mensch, daß sie blutig enden wird... Die Aufregung, namentlich in den Arbeiterkreisen ist eine ungeheure.— Soweit unser Korresondent. Der Warschauer Prozeß erscheint als ein neues Glied in der Kette der Ereignisse, die sich zu einer furchtbaren Anklage gegen das russische Kuutenregiment vor der Kulturwelt aneinanderreihen. Dies- mal ist es kein russischer„Nihilist", kein„Terrorist", sondern ein deutscher Socialdemokrat, der vor der Knute auf der Anklagebank sitzt. Ein von Natur äußerst ruhiger Charakrer, ein kühler und klarer Kopf, war Martin Kasprzak jahrelang auf deutschem Boden, in Posen, als Socialdemokrat thätig, ohne je um ein Haar von der allgemein gültigen Taktik der deutschen Socialdemokratie abzuweichen. Er agitierte, beteiligte sich an der Organisation im Posener Wahlverein, iin Jahre 1901 kandidierte er bei einer Nachwahl in Posen als Socialdemokrat zum deutschen Reichstag. Nun geht er aber nach Russisch-Polen, um in Reih und Glied der dortigen Socialdemokratie zu arbeiten, das heißt wiederum nur im Geheimen aufklärend und organisierend unter der Arbeiterschaft zu wirken. Hier wird er dafür wie ein wildes Tier gehetzt, spioniert und bald von einer Horde Gendarmen erfaßt, die auf ihn förmlich Jagd machen. Was ihm drohte— er wußte es. Kasprzak hatte bereits die russische Gefängnis- p e i n a u s g e k o st e t. Im Jahre 1893 war er bereits einmal nach einigen Jahren Thätigkeit von den russischen Gendarmen festgenommen und in der Warschauer Citadelle interniert. Damals wußte ihm die Polizei nichts Näheres zur Last zu legen als die allgemeine Be- teiligung an der socialistischen Bewegung. Nicht die geringste be- lastende Thatsache war seinen Schergen bekannt, nichts von seiner Persönlichkeit als der Name. Und trotzdem wurde er 2 Vz Jahre in Untersuchungshaft gehalten, bis er ins' städtische Krankenhaus gebracht' lvurde, aus dem er sich durch die Flucht rettete, wobei er zum Andenken an die Gastfreundschaft in dem „befreundeten Nachbarstaat" die Schwindsucht nach der preußischen Heimat mitnahm. Jetzt, als ihn die russischen Gendarmen zum zweitenmal fest- nahmen, wußte er, was ihn erwartete, und heute, nach dem Königs- bcrger Prozeß, weiß es jeder Kulturmensch. Kasprzak wußte, daß der Tod besser ist als jähre- oder jahrzehnielange Agonie im russischen Gefängnis oder Zuchthaus, er verteidigte lein Leben und seine Freiheit. Dabei war weder ihm noch seinen Genossen der geringste Gedanke an eine terroristische Taktik eingefallen. In eiiieni aus Anlaß dieser Vorgänge von der Socialdemokratie Russisch-Polens im Mai herausgegebenen Flugbsiitt heißt es u. a.: „Arbeiter! Wir sind keine Anhänger des Terrors.... Unsre Aufgabe ist nicht, die einzelnen Träger, sondern das System selbst, den Absolutismus, zu beseitigen. Dies läßt sich aber erst dann be- werkitelligeu, wenn das russische und polnische arbeitende Voll die NotlvendicMt der Beseitigung deS Zarismus wird begreifen lernen und als Massenbewegung in einen unermüdlichen Kampf mit ihm eintreten wird. „Der bewaffnete Widerstand in unsrer Druckerei ist auch nicht ein terroristischer Akt gewesen. Unsre Genossen verteidigten lediglich ihre Freiheit vor dem Ucberfall der Schergen. Und in Berhälwissen, wo für jede Bewegung, für jedes freiere Wort Sibirien. Gefängnis, Zuchthaus droht, da ist die Notwehr ein heiliges Bürger- und Menschenrccht!" Nach den Schrecken des absolutistischen Regiments, die der Königsberger Prozeß aus Licht gezerrt hat, muß auch gesagt werden: in solchen Verhältnissen, in einem Staate, wo demonstrierende Arbeiter ausgepeitscht werden, wo die Vergewaltigung der Frauen als Strafmahnahme auf Befehl angewendet'wird, wo Massenmorde, wie in Kischinew, von der Regierung planmäßig organisiert werden, in einem solchen Staate ist die Notwehr gegenüber der Gewalt- Herrschaft ein heiliges Recht jedes Menschen. Es bleibt abzuwarten, ob die Knutenregierung nach der Königs- bcrger moralischen Hinrichtung und nach Plehwes Exekution die Stirne haben wird, der öffentlichen Meinung Westeuropas sowie der russischen revolutionären Welt den Handschuh ins Gesicht zu werfen, indem sie das Bluturteil über einen preußischen Staatsangehörigen und die andern fälschlich angeklagten polnischen Genossen bestätigt/ Nach dem Ausgang des blutigen Warschauer Dramas wird man über den Grad der Blindheit des russischen Zarismus urteilen können, mit dem er dem Abgrund entgegenstürmt. Etos der frauenbeweefung, Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse: Montag den 8. August Ausflug mit Familie: Treptow, Köpenicker Landstraße, Lokal Joel. Von 3 Uhr ab gemeinsames Kaffeekochen. Um rege Beteiligung bittet Der Borstand. Uni den Mitgliedern während der Ferien Gelegenheit zum Eni- richten der Beiträge zu geben, sind folgende Zahlstellen eingerichtet: NW. Frau Franke, Gotzkowsktfftr. 13: dl. Frau Kühnemann, Wöhlertstr. 21, Frau Steinkopf, Schwedter- straße 38, Frau Panzeram, Pappel-Allee 128, 1; 0. Frau Reinke, Littauerstr. 15, Frau Klotzsch, Koppenstr. 81; 80. Frau Schulz. Wrangelstr. 105. III; 3. Frau Fickert, Britzerstr. 23. I. Frauenarbeit in England. Die Londoner„Times" veröffent- lichen soeben einige Resultate der letzten englischen Volkszählung. Danach erscheint es bemerkenswert, daß es in England nur sechs verschiedene Beschäftigungsarten giebt, in welchen mehr Frauen als Männer thätig sind. Die Frauen sind stärker vertreten in der Papierindustrie, der Textilbranche und in der Konfektion. Sie find ferner als Lehrerinnen, Krankenwärterinnen und Dienstboten in größerer Anzahl beschäftigt als die Männer. In diesen Berufen finden wir S1/i Millionen Frauen gegen 1 Million Männer. Auf allen andern Arbeitsgebieten ist hingegen die Zahl der männlichen Arbeiter derjenigen der weiblichen bedeutend überlegen. Es kommen im Durchschnitt S,1 Millionen männliche auf 800000 weibliche Arbeiter. 6ewerK!cbaftUd)es. Einsicht in Saarabien? Man schreibt uns: St. Johann-Saarbrücken. 2. August 1904. Eiuer'zuberläsfigen Mitteilung zufolge will derBerggewaltigeHilger die im Schichtlohn beschäftigten Bergleute um 50 Pf. pro Schicht aufbessern. Sollte sich die Nachricht bewahrheiten, so dürste weniger Hilger daran schuld sein, als vielmehr die Leute, die immer die bekannten„Winke von Oben" geben. Ein solcher„Wink von Oben" wäre jedenfalls o�h n e den Krämer-Prozetz und die„social- demokratische Hetze" nicht zu stände gekommen. Kommt die Auf- besserung, so werden die Bergleute wissen, wem sie dieselbe zu der- danken haben. Jedenfalls werden die Ueberschüsse nicht sonderlich beeinflußt von einer etwaigen Lohnerhöhung. Hohe Zeit wäre es übrigens, um aufzubessern. Vor uns liegen eine Anzahl Lohnzettel, die eine Aufbesserung mehr als wünschenswert machen lassen. Diesen zufolge hat im Monat Mai ein 24 jähriger Bergmann in 23'/« Schichten rund 70 M. 63 Pf., in Worten siebzig Mark dreiundsechzig Pfennig verdient. Das ist pro Schicht netto 2,50 M. Von diesem„horrenden" Lohn wurden dem Bergmann aber noch 7,85 M. Büchsengeld sdas sind Knapp- schaftsbeiträge usw.) abgezogen, so daß der„glückliche" Gold- Vogel mit 62,78 M. für 28tägig e Arbeit nach Hause stolzieren konnte. Derartige Löhne könnten wir an der Hand von Lohnzetteln zu Dutzenden nachweisen. Daß bei solchem Lohn sich einer noch Haus und Feld anschafft oder»ach Herrn Vopelius junge Gemüse und weiße Handschuhe kaufen kann, selbst wenn man 27 Jahre keine Butter zum Brot ißt, glaubt selbst kein Scharfmacher. Da macht eine Aufbesserung von 50 Pf. die Suppe auch ndch nicht fett. Serlin und(Zmgegend. Zum Glaserstrrik. Gestern wurde der neue Tarif mit 12 Firmen, darunter 3 der größten, vor dem Einigungsamt des Gewerbcgerichts festgelegt. Unter den erschienenen Firmeninhabern befanden sich auch mehrere von denen, die in der letzten Jnnungsversammlung erklärt hatten, sie würden ihre unter schriftliche Bewilligung wieder zurückziehen. Da einige der Meister der irrtümlichen Meinung waren, die Innung könne mit Repressivmatzregeln gegen sie vor- gehen, falls sie den Tarif vor dem EinigungSamt anerkennen, so erhielt der Vertrag noch einen Beruhigungszusatz dahingehend, daß der Unterzeichner den Tarif als bindend erachtet,„falls die Innung aus bestehenden Gesetzen kein Recht herleiten kann, die Annullierung der Unterschrift zu verlangen." Die Organisation ist sich ferner schlüssig geworden, den Leuten derjenigen Meister, die den Tarif zwar unterzeichnet, jedoch n i ch t vor dem Einigungsamt anerkannt haben, die Arbeitsberechtigungskarten wieder zu entziehen. Verlangte Streikbrecher. In der„Bolts-Zeitung" werden Bild- Hauer für die Firma Kümmel, Frankfurter Allee 117a, ver- langt. Die dortigen Bildhauer befinden sich im Streik. Mit dem Streik in der Pianofabrit von Gast u. Co. in der Frankfurter A.e 117» befaßte sich am Mittwoch eine Branchen- Versammlung der Musikin st rumenten-Arbeiter. die im Gewerkschästshause tagte. Der Streik, der nun bereits über fünf Wochen dauert und eigentlich nur die Orgelbauer und die Um- leimer und Fertigpolierer umfaßt, hat dazu geführt, daß fast der ganze Betrieb stillsteht. Einige Streikbrecher._ die von auswärts gekommen waren, haben die Arbeit wieder eingestellt. Die Firma sucht unter anderm in der hiesigen„Volks- Zeitung" nach Arbeitswilligen, bietet ihnen 65 Pf. Stundenlohn, mehr als sie den alten Arbeitern zahlen will. Auch in auswärtigen Zeitungen und Fachblättern sucht sie nach Arbeitskrästen, aber offenbar ohne Erfolg. Daß die Arbeits- und Lohn- Verhältnisse bei der Firma nicht verlockend sind, ist wohl schon allgemein bekannt. Die Lage des Streiks ist den» auch durchaus nicht ungünstig ftir die Arbeiter, wenn auch der Firmeninhaber keine Neigung zeigt, zu verhandeln. In der Ber- sammlung sprachen sich sämtliche Redner dafür aus, den Streik und die Sperre über die Firma so lange fort- zusetzen, bis ein annehmbares U eb er e i nk o m m en getroffen wird. Außerdem berichtete der Branchenvertrauensmann über eine Anzahl kleiner Differenzen aus verschiedenen Werkstätten, die teils schon erledigt waren, teils noch zu erledigen find. Von der Firma Gast u. Co. ist der Zuzug streng fernzuhalten. Veranstv. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw. Erfolgreicher Streik in einer Mineralwasscrfavrik. Bei der Firma O. Franke(Inhaber Erich Hahn), Mineralwasserfabrik, Neue Hochstraße, war am Mittwoch das gesamte Personal in den Ausstand getreten, weil die Leute bei der gegenwärtigen Ueber- anstrengung eine Lohnausbesserung verlangten, die ihnen anfangs nicht bewilligt wurde. Nach eintägigem Streik war die Differenz bereits zu Gunsten der Ausständigen beigelegt, und zwar erhalten die Abzieher während der Sommermonate anstatt der bisherigen 24 M. jetzt 28 M. bei lystündiger Arbeitszeit. Ucberstundcn werden im Sommer mit 60 Pf., im Winter mit 50 Pf. vergütet. Die Kutscher, die bisher 18— 20 M. Wochenlohn erhielten, bekommen jetzt 21 M., außer den üblichen Prozenten. Auch für die Mitfahrer sind ent- sprechende Verbesserungen vereinbart worden. Vorstehende Ver- einbarungen sind vertraglich zwischen der Firma und dem Handels- hilfsarbeiter-Verbande bis zum 1. August nächsten Jahres festgelegt worden. Die Firma erbot sich auch, den Strciktag zu bezahlen, sowie einem Abzieher, der von ihr zu billig angenommen war, die Differenz zwischen dem alten und dem neu vereinbarten Lohne für 14 Tage nachzuzahlen. Ter Streik bei Orenstrin«. Koppel in Spandau hat nicht nur die städtischen Honoratioren, sondern auch die dortige Polizei in eine ungewohnte Aufregung versetzt. Man denke: In Spandau, der Stadt mit all den„königlichen." Fabriken, ein Streik! Und dann noch von diesem Umfange I Das ist einfach ein Ereignis. Was kann daraus nicht alles entstehen I Schon der bloße Gedanke. daß nun auch vielleicht die Staatsarbeiter mit ihren„Ober"- Schlossern und„Ober"-Schustern„rebellisch" werden könnten, ist fürchterlich. Unter solchen Umständen erscheint es fast verzeihlich, daß die Polizei einen förmlichen Kordon um die bestreikte Fabrik errichtet hat und mit den Streikposten um die Wette nach„Arbeits- willigen",„die da kommen sollen", ausschaut. Auch die Finna selbst hat über die Fabrik selbst den kleinen Belagerungszustand verhängt, indem sie auf großen Warnungstafeln die Benutzung der über ihr Gelände zur Fabrik führenden Wege und Stege strengstens ver- bietet. Im übrigen hat die Firma bekannt gemacht, daß, wenn die Arbeiter bis Sonnabend die Arbeit nicht wieder aufnehmen, sie sich als entlassen betrachten können. Der Schreckschuß wird die er- hoffte Wirkung jedenfalls verfehlen, denn nicht nur die Organi- sationsvcrhqltnisse unter den Arbeitern sind günstig, sondern auch die Erbitterung über die ausnahmsweise schlechten Lohn- und Arbeitsverhältnisse in dem Betriebe ist derartig groß, daß sich aus den Reihen der Streikenden kaum ein Abtrünniger finden dürfte. Wurde doch der Streikbeschlutz mit weit über Drejviertel-Majorität gefaßt. In dem Betriebe sind nur die Meister mit einigen ihrer Verwandten geblieben; alle übrigen Arbeiter. 350 an der Zahl, streiken. Recht bezeichnend war das Verhalten der Direktion bei den bisherigen Verhandlungen. Irgend eine tarifliche Verein- barung mit den Arbeiterorganisationen lehnte sie ab. Tie Firma will„freie Hand" bei den Lohnzahlungen behalten. Ihr Stand- Punkt ist: Wenn die Arbeiter mit den Löhnen nicht auskommen können, so mögen sie ihren Verdienst durch Ueberstundenarbeit er- höhen. Thatsächlich wurde in den verschiedenen Abteilungen die nominelle zehnstündige Arbeitszeit durch den Uebcrstundenunfug häufig bis auf 16. ja 18 Stunden täglich misgedehnt. Ueber die bisherigen Löhne geben folgende Zahlen lehrreichen Aufschluß: Es erhielten pro Stunde: Schlosser 28— 36 Pf., Schmiede 31— 43 Pf., Dreher 30— 38 Pf., Holzarbeiter 38— 44 Pf. und Platzarbciter 30 Pf. Das sind die Löhne einer der bedeutendsten Firmen für Feld- und Kleinbahnbau in nächster Nähe von Berlin! Die �Streikenden fordern nun: als Mindestlohn für Schirrmeister, Kolonnenführer und Dreher über 20 Jahren 50 Pf., für Schlosser dieses Alters 45 Pf., für Hammerführer 42 Pf., für alle aus- gelernten Schlosser, Dreher, selbständige Glühofenschmiedc, Helfer der Schirrmeister. Maschinen- und Platzarbeiter nach zweijähriger Thätigkeit im Betriebe 40 Pf., für Neucinzustcllende 33 Pf. Ferner die Jnnehaltung der zehnstündigen Arbeitszeit und Beschränkung der Ueberstunden auf die nur absolut notwendige Zahl gegen einen entsprechenden Lohnzuschlag. Da diese Forderungen als durchaus berechtigt erscheinen müssen, so wird es Sache der gesamten Arbeiterschaft sein, bis zur Beendigung des Streiks den Zuzug nach dieser Fabrik in Spandau strengstens fernzuhalten. Die Lagerhalter der Firma I. E. Degner(Fil. Sickingenstr.) legten am Donnerstag früh die Arbeit nieder, weil die von den Arbeitern gewählte Kommission, welche wegen vorhandener Differenzen vorstellig werden wollte, von der Geschäftsleitung nicht gehört wurde. Im Frühjahr hatten dieselben durch ein Schreiben an den Chef selbst eine Lohnvcrbesserung erzielt, welche jetzt durch Praktiken einzelner Angestellten zwecklos gemacht werden sollte, in- dem man jetzt gerade die ältesten Arbeiter entließ. Ein Kutscher, welcher 3V> Jahre im Betriebe beschäftigt war, mußte durch einen leichteren Unfall 4 Tage zu Hause bleiben, wurde entlassen, weil der- selbe eine Restauration besitzt und weil die Kutscher und Arbeiter bei deniselben verkehren. Ein zweiter Kutscher hatte ebenfalls einen leichten Unfall, welcher durch Abladen von Eisenträgern entstand; demselben wurde per Karte mitgeteilt, wenn er nicht angaben könne, wenn er gesund werde, sei er entlassen. Ein Arbeiter soll eher wie ein Arzt der Firma mitteilen, wenn er von seiner Krankheit ge- heilt sei. Dem Faß schlug man den Boden aus, indem man den Vertrauensmann der Firma entließ, welcher 5 Jahre lang seine Pflicht und Schuldigkeit gethan hat, was ihm durch Zeugnis bc- scheinigt wurde; nur eine Bescheinigung über den Grund zur Ent- lassung behielt man sich vor. Als eine Kommission aus Grund dieses Vorkommnisses vorstellig wurde, hielt es der Chef nicht einmal für notwendig, diese zu empfehlen. Die Situation ist günstig, wenn Zuzug ferngehalten wird; Arbeitswillige sind nicht zu verzeichnen. Deutsches Reid». Die Horn- und Schildpattarbeiter der Werkstatt Horning in Rathenow sind ausgesperrt, weil dieselben sich weigerten, zu redu- zierten Accordpreisen zu arbeiten. Durch Urteile des Gewerbe- gerichts hat Horning auch wegen gesetzwidriger Entlassung der Ar- beiter 114 M. Lohnentschädigung zahlen müssen. Nach Aus- lassungen des Horning will er Horn- und Schildpatwrtikcl aus Fürth und Wien beziehen, aus Neapel will er sich italienische Arbeiter holen, welche für 16,50 Wochenlohn arbeiten sollen. Alle in Betracht kommenden Organisationen werden ersucht, Zuzug nach Möglichkeit fern zu halten. Die Verwaltungsstelle des Deutschen Metallarbeiter. Verbandes Rathenow. Die Steinbildhauer Hannovers sind in eine Lohnbewegung ein- getreten. Einigungsversuche sind gescheitert. Der Streit der Mühlrnarbeiter in Hameln dauert unver- ändert fort. Zuzug von Holzbildauern ist von B r e s l a u fernzuhalten. Die Stukkateure in Düsseldorf sind in den Ausstand ge- treten. Es handelt sich um einen Abivehrstreik._ Von feiten der Unternehmer wurde der Lohn pro Stunde um 5 Pf. reduciert. Die Christlichen haben sich mit den fteien Gewerkschaften solidarisch erklärt und ist der Streik ein allgemeiner. In den Nachbarorten von Düsseldorf ist eine so große Nachftage nach Bauhandwerkern, daß circa 400 der Streikenden sofort untergebracht werden können, es blieben dann noch vielleicht 200 der Ausständigen am Ort. Die Bäcker Düsseldorfs befinden sich in einer Lohnbewegung und zwar sollen in den Brotfabriken zuerst geordnete Zustände geschaffen werden. Es wird von den Ausständigen ein Mindestwochenlohn von 24 M. verlangt, für Ofenarbeiter und Teigmacher ein solcher von 26 M., während Gehilfen in leitender Stellung 28 M. ver- dienen sollen. Die Arbeitszeit soll 12 Sttinden einschließlich einer Ruhepause von 1 Stunde betragen. Ueberstunden sollen mit 50 Pf. entschädigt werden. Die Scharfmacher in dem Bäckereigewerbe hintertreiben die Verhandlungen und ist nun von seilen des Düffel- dorfer GewerkschaftskartellS der Boykott über die Brotfabriken ver- hängt worden, die die Forderungen der Arbeiter nicht bewilligten. Die Pliittennnsetzer Hamburgs haben an die Arbeitgeber daS Ansuchen auf Einftihrung eines Accordtarifes gestellt._ Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u.Berlagsanstal Die Klempner Leipzig? sind, dem Drängen einiger Meister folgend, erneut an die Innung herangetreten, um Verhandlungen herbeizuführen. Ziizilg von Kohlenarbeitern ist von Hamburg auch nach der Aus- sperrimg nach wie vor fernzuhalten. Für die Kohlenarbeiter ist jetzt dort die„Saure Gurkenzeit": es liegen nur sechs Kohlcndampfer im Hamburger Hafen, so daß die Beschäftigung auch für die einheimischen Arbeiter nicht ausreicht. Die Maurer Mannheims hatten den Unternehmern eine Anzahl Forderungen unterbreitet, welche diese wegen der„schlechten Ge- schästslage" und im Hinblick auf die„im Vergleich zu andern Städten genügenden Lohnsätze" ablehnten. Die Maurer haben nochmals Unterhandlungen anzubahnen versucht. München, 4. August. Die Differenzen im Baugewerbe wurden heute mittag dank des vermittelnden Eingreifens des Gewerbe- richters Dr. Prenner und pach eingehenden Verhandlungen bei- gelegt._ Versammlungen. Die Arbeiter der Gips- und Eemcntbranche(Sektion des Maurer- Verbandes) nahmen gestern abend in ihrer stark besuchten General- Versammlung endgültig Stellung zu den Forderuugen, die sie an- statt des kürzlich gekündigten, am 1. Oktober ablaufenden Lohn- tarifs den Arbeitgebern unterbreiten wollen. Beschlossen wurde, folgende Hauptpunkte in dem neuen Tarifentwurf festzu- setzen: Die Mindestlöhne pro Stunde sollen betragen für Rabitz- Putzer, Plattensetzer und Lupinowandputzer 85 Pf., für Cemen- tieror, Spanner und Flechter 67'/z Pf., kür Einschaler 57'/z Pf., für Putzerträger bei einem resp. zwei Putzern und bei Platten 57'/, resp. 67>/z und 62'/a Pf. nnd für Hilfsarbeiter 50 Pf. Das sind 2>/a Pf. mehr wie bisher. Der Ueberstundenzilschlag bettägt 25 Prozent, für Nacht» und Sonntagsarbeit 50 Prozent. Alle Arbeiten werden in Zeitlohn ausgeftihrt. Die Arbeitszeit ist neunstündig: sie regelt sich lvie bei den Maurern nach der Jahreszeit: ebenso der Lohn- Zahlungsmodus; auch alle sanitären Arbeiterschutz-Einrichtungen sollen den für die Maurer gültigen Bestimmungen entsprechen. Der von der Sektton eingerichtete Arbeitsnachweis ivird von dem Verband der Gips-, Cement- und Deckcnbaugeschäfte als alleinige Arbeitsvenuittlungsstelle anerkannt. Der aus dieser Grundlage zu schaffende Tarif soll für ein Jahr gelten.— In der Versammlung wurde noch die Abrechnung vom zweiten Quartal verlesen. Die Einnahme betrug 12 413,02 M., die Ausgabe 10 144,63 M. Die Mit- gliederzayl hat mit 1897 ihren bislang höchsten Stand erreicht; im letzten Quartal waren allein 630 Neuaufnahmen zu verzeichnen. Letzte Nachrichten und Depefchen. Heftige Debatten in der Abgeordnetenkammer. München, 4. August.(W. T. B.) In der heutigen Kammer- Abendsitzimg der Abgeordneten kam es zu einer erregten Debatte über den gestrigen Angriff in der Kammer der Reichsräte auf die Zweite Kammer. Die meisten Redner greifen in scharfen Worten die Kammer der ReichSräte an und verurteilen die gestern von dem Reichsrat Grafen Preysing gemachten Aeußerungen. Präsident O r t e r e r be- dauert, daß die Mahnung des Präsidenten der andern Kammer zur Mäßigung ungehört verhallt sei und wundert sich, daß die Regierung auf den Vorwurf der Schwäche nicht geantwortet habe und ihn. den Präsidenten, so wenig in Schutz nehme. Minister Freiherr von g e i l i tz s ch mahnt zur Mäßigung und Versöhnlichkeit, die Regierung werde nach Möglichkeit hierbei mitwirken Man müsse nicht vergessen, daß hin und her geschossen worden sei. Die Regierung werde sich stets die Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte an- gelegen sein lassen nnd nicht dulden, daß eine Einschränkung der Rechte der einen oder andern Kammer eintrete. Sie werde auch hinwiedemm ihre Rechte gegenüber dem Landtag mit aller Energie wahren. Der Minister zollt dem Präsidenten lebhasten Beifall für seine Amtsführung. Der gestern gegen die Regierung erhobene Vorwurf der Schwäche sei gegen das Gesamtministerium gerichtet und dieses werde daher antworten. Rom, 4. August. Der„Osservatore Romano" veröffentlicht über den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhle und Frankreich 24 Aktenstücke, die durch einen Amtlichen Kommentar eingeleitet werden. Die Aktenstücke sind sämtlich bereits bekannt, mit Ausnahme des Wortlauts der geheimen Korrespondenz zwischen dem Vatikan und den Bischöfen von Laval und Dijon,>a welchen diesen unter Androhung von Strafe anbefohlen wird, in Rom zu erscheinen. Diese Korrespondenz, welche von den Bischöfen der französischen Regierung mitgeteilt wurde, rief den Konflikt herbor. In dem amtlichen Kommentar heißt es, daß mchreremale, namentlich in den letzten Monaten, einige Mitglieder des französischen Kabinetts die Absicht zum Ausdruck gebracht hätten, schrittweise zum Bruch mit dem Heiligen Stuhle zu gelangen. Der entscheidende Schritt auf diesem Wege sei die Beurlaubung oder Abberufung des Botschafters Nisard gewesen, wobei man einige im Auftrage des Papste an die Bischöfe von Laval und Dijon gemäß seine apostolischen Mission gerichtete Briefe zum Vorwand genommen habe, trotz zufrieden- stellender und freundschaftlicher Auseinandersetzungen des Heiligen Stuhles den Augenblick für gekommen gehalten, um die diplomati» scheu Beziehungen abzubrechen, wenn der Heilige Stuhl es auch vorgezogen haben würde, über diese Angelegenheit volles Schweigen zu beobachten, so schreite er doch jetzt dazu, dieselben zu veröffent- lichen, um die Wahrheit und die Verantwortlichkeit klarzustellen. Der Kommentar giebt dann eine historische Darlgung der Frage, klagt darüber, daß der Bischof von Laval der französischen Regierung geheime Aktenstücke mitgeteilt habe, und hält die Behauptung aufrecht, daß der Heilige Stuhl niemals das Konkordat verletzt habe. sich vielmehr im Rechte befindete und dementsprechend gehandelt habe. Der Heilige Stuhl.- so heißt es weiter, habe gehofft, daß die ftanzosische Regierung sich mit seinen Auseinander, etzungen befriedigt erklären würde, da er sich stets entgegen- kommend gezeigt habe. Der Kommentar schließt: alles war nutzlos. Der Geschichtsschreiber wird sagen, daß die französische Regierung ihre jahrhundertalte diplomatischen Beziehungen mit dem HeiligenStuhl abgebrochen hat. we,l dieser, der in der betreffenden Ängelegenheit ausschließlich zustandig ist, zwei Bischöfe berufen hat. uin sich«ber die schweren Anschuldigungen zu rechtfertigen, nachdem er die ftan- zösilche Regierung davon in Kenntnis gesetzt hatte. ,<«, Chambcrlains Zölle.,, 4- August. Auf der dem Herzog von Portland ge- hörigen Besitzung Welbeck-Abbcy hielt heute Chamberla»» ,n einer von etwa 12 000 Personen besuchten Versammlung eine Rede. in welcher er ausführte, er wolle der Landwirtschaft denselben Schutz geben, wie ihn die Industrie habe und zwar durch Erhebung von Einfuhrzöllen auf die hauptsächlichsten landwirtschaftlichen Er. zeugnisse. Er schlage einen Zoll von 2 Schilling für den C.uartec Weizen und alle sonstigen Getreideartcn mit Ausnahme von Mais vor und einen so hohen Zoll auf Mehl, daß jeder im Lande erzeugte oder eigeführte Weizen in England gemahlen werden müsse. Ferner befürworte er einen Zoll von 5 Proz. auf Fleisch. Milcherzeugnisse. Geflügel. Gemüse und Früchte. Russische Henkerthat. London. 4 August(B H) Die Tochter des bekannten Peters- burgcr Arztes Mieszcjcwsky wurde dem„Daily Telegraph" zufolge in der Festung Schlüsiclburg wegen des Versuchs, die Truppen in Ostasien zur Verletzung der Tisciplin zu verleiten, durch den Strang hingerichtet. Tie Polizei hatte die Dame und deren Vater schon vor zwei Monaten verhaftet. Die Publikation über die Hinrichtung wurde im Amtsblatt jedoch nicht veröffentlicht. tPaul Singer LcCo., Berlm£3 W. Hierzu 2 Beilagen u. llntsrhaltungSdlatt Nr. 182. 21. Jahrgang. dingt dts Juntwlo" Ittlitn MMIntt Freitag, 5. August 1901. pavtci-JSad�rlcbtcn. Zum Parteitage. Die Parteigenossen in Augsburg beschäftigten sich in ihrer Partciversammlnng unter andernr auch mit den Vor- schlagen ans Abänderung der Partei-Organisation. Der Breslauer Vorschlag fand Zustimmung. Ter mecklenburgische LaudcSpartcitag findet am 4. und S. Sep- tember in Lübeck statt. Im gelobten Lande Mecklenburg ist er verboten. Die Parteileitung der badischen Socialdcmokratie giebt ein Flug- blatt für das ganze Land heraus, das die Wahlrefonn bespricht und zur Erwerbung der Staatsangehörigkeit anfeuert. Da im Herbst 1005 zufolge der Ucbergangsbestimmung alle diejenigen noch mitwählen dürfen, welche bis zum 31. Dezember 1904 die Staatsangehörigkeit erworben haben, tollen von Parteiwegen solche Gesuche planmäßig gefördert werden. Genosse Karl Thiel in Kassel sollte nach der Meldung eines bürgerlichen Blattes als Kandidat für den Reichstags-Wahlkreis Schaumburg- Lippe aufgestellt worden sein. Thiel teilt jetzt der Parteipresse mit, daß die Nachricht jeder Begründung entbehrt und daß er überdies auch in Kassel in Zukunft nicht mehr zu kandidieren gedenke._ Huö Industrie und Handel Großindustrielle Sippen. Aus dem rheinisch- westfälischen Jndustrierevicr wird uns geschrieben: Wer die Entwicklung der industriellen Verhältnisse im rheinisch- westfälischen Industriegebiet etwas aufmerksam verfolgte, kann heute nicht mehr darüber im Zweifel sein, daß wir von amerikanischen Zuständen gar nicht so weit entfernt sind. Die industrielle Kon- zentration ist mächtig vorwärts geschritten, nur die Form weicht von der amerikanischen ab. Der eigentliche Trust fehlt? dafür aber haben wir hier Dutzende von Gesellschaften und Einzelfirmcn mit verschiedenen Namen, die alle zum Besitzstande emer Familie gehören. Dieselben Namen findet man wieder, hier im Grubenvorstand, dort im Auffichtsrat, hier als Einzelbesitzer, dort als Hauptaktionär— 20. 30 mal. In Wirklichkeit wird die gesamte Großinduftrie im rheinisch- westfälischen Industriegebiet von einigen wenigen Familien beherrscht. Daraus erNären sich auch manche Vorgänge, die sonst nicht ganz verständlich wären. Wenn zum Beispiel das Kohlensyndikat den Hüttenzechen be- sondere Vorteile gewährt, was doch in materieller Beziehung für daö Syndikat kein Borteil ist, und viele Syndikats- Mitglieder schädigt, so ist die Vorzugstellung der Hüttenzechen doch gar nicht verwunderlich, die Haupthähne in den kombinierten Werken haben auch eine starke Hand im Syndikat, und es ist leicht ein- zusehen, nach welcher Seite das persönliche Interesse drängt. Auch die Erscheinung, daß das CoakSsyndikat dem Kohlensyndikat in der Preistreiberei immer um einige Pferdekräfte voraus war und die Kohlenherren die Genügsamen markierten, erfährt durch die vor- handenen Personalunionen seine Erklärung. Die ganze Politik der Syndikate und Verkaufsvereinigungcn dient dem Interesse der dominierenden Familien. Unter dieser Entwicklung sehen wir, wie die Herrschaft nicht nur in einem Industriezweige, sondern in der gesamten rheinisch-west- fälischcn Großindustrie sich inimer mehr in die Hände lveniger Familien vereinigt. Zwei der markantesten Persönlichkeiten in dem kleinen Kreise der Jndustriegewaltigen sind die Repräsentanten der Familien Thyssen und Haniel. Die Bedeutung des Erstgenannten wurde bereits in Nr. 77 de«.Vorwärts" vom 31. März d. I. unter dem Titel: Jndustriekönig Thyssen gewürdigt. Haniel ist der Repräsentant der reichsten Jndustriefamilie— das Familienvermögen wird auf V» Milliarde geschätzt. Er ist in erster Linie hervorragender Kauftnann, der alle andren Eigenschaften durch eine glückliche Hand in der Auswahl seines DirektionspersonalS ersetzt. Der Grundstock der Macht und des Reichtums der Familie Haniel ist ein seit Generationen betriebenes Reederei- geschäft. In den letzten Jahren versucht die Familie aber auch matzgebenden Einfluß in der Kohlen- und Eisenindustrie zn erlangen. DieS Streben mag noch besonders gefördert sein durch die Gründung des Kohlencomproirs. Neben dem Bemühen, in die Ver- waltungen andrer Gesellschaften einzudringen, versäumt es die Familie Haniel aber auch nicht, den direkten Familicn-Besitzstand gewaltig zu erweitern. Reben der Zeche.Neumühl" gehört zum Familienbesitz die Zeche.Rheinpreußen", die in riesenhafter Aus- dehnuug begriffen ist. Für die?•. geographisch sehr günstig. unmittelbar am Rhein gelegene Zeche, sind insgesamt sieben Doppel schachte geplant. Das Kohlenfeld er- streckt sich von Homberg 4 bis 6 Kilometer lang bis nach MoerS. Die ganze Anlage wird sofort auf Riesenproduktion zugeschnitten. Der technische Vorteil reduziert die Gestehungskosten. Die an- gefahrenen Flötze sind von bedeutender Ergiebigkeit bei vorzüglicher Qualität. Ein Hauptvorzug liegt auf verkehrstechnischem Gebiet. Bekanntlich spielt die Belastung durch Frachtkosten gerade beim Roh- Produkt eine große Rolle. Da ist nun die Anlage in Homberg in der günstigsten Position, indem hier die zu Tage kommenden Kohlen ohne weitere Umladung direkt vermittelst Scilförderung auf Rhein- dampfer verladen werden. Ein bereits in Angriff genommener Eisenbahn- bau sorgt dafür, daß die Fördermengcn der etwas entfernter liegenden Schächte ebenfalls auf möglichst kürzestem Wege auf dem Wasser verfrachtet werden. Nur in dem neuen Kohlengebiet im Münsterlande in der Nähe des Kanals gestalten sich die Verhältnisse ähnlich günstig. Aber auch hier ist die Familie Haniel beteiligt. Die Riesenpläne. der Familie Haniel sind auch in socialer Be- ziehung insofern von umwälzendem Einfluß, als dadurch aus einigen kleinen Landgemeinden in kurzer Zeit ein zusammenhängendes Industriegebiet sich auswachsen wird. Gleichzeitig mit dem Ausbau der sieben Förderschächte plant die Familie Haniel den Bau einiger tausend Arbeiterhäuser, die eine Kolonie bilden sollen, die sich längs der Thaussee von Homburg bis MoerS erstrecken wird. Durch ausgedehnte Landerwerbungcn ist dafür gesorgt, daß die unausbleibliche Steigerung der Bodenpreise sie selbst nicht belastet, wohl aber ihren Kapitalstock vermehrt. Es klingt wie Ironie, wenn jetzt verlautet, die Regierung wolle durch Grubcncrwerb den Gefahren eines Monopols vorbeugen: haben doch die Syndikate in den Maßnahmen, die der angedeuteten Entwicklung den Weg ebenen, keinen eifrigeren Förderer und Verteidiger gefunden, als die Regierung. Die Kartell- cnqucte ist eigentlich nichts mehr als eine Reklame für Syndikate. Für die Eisenindustrie sollten die Schäden des Kohlen- und Cooks- undikats paralysiert werden durch Gründung eines Stahlwerks- Verbandes' so predigten die Kohlenkonige. Die Regierung applaudierte und Minister v. Rhcmbaben gab seinen Segen. Die Vertreter der reinen Eisenwerke glaubten den Worten und' merken nun. daß die Gründung deS Stahlverbandes ihren Untergang bcsch�unigy ich� untl J.steressen wirken im Kohlen-CoakS- Syndikat zusammen, gegen das Klemkapital ,n beiden Industrien, in der Richtung auf Konzentration und Monopolisierung. Riesendampfer. Der Bestand der deutschen Handelsflotte an Riesendampfern nünmt beständig zu. 20 000 Tonnen bilden heute nicht die Höchstgrenze mehr Vielmehr ragen die beiden für die Hamburg-Amerika Linie im Bau befindlichen Dampfer.Europa" mit 25 000 und.Amerika" mit 22 500 Brutto-Registertonnen sehr be- trachtlich über diesen Umsaug hinaus. Der Größenklasse von 12 000 -bis 20 000 Tonnen gehören 12 deutsche Dampfer, miUiner Ausnahme ausschließlich im Eigentum der Hamburg-Amerika Linie s?) und des Nord- deutschen Lloyd(4)/ an: daß sind zunächst die 4 unerreichten deutschen Eil- schiffe„Kaiser Wilhelm II"(Bremen) mit 20 000,„Deutschland" (Hamburg) mit 16 502,„Kronprinz Wilhelm"(Bremen) mit 14 903 und„Kaiser Wilhelm der Große"(Bremen) mit 14 347 Tonnen. Ihnen folgen die 4 Hamburger P- Dampfer„Patricia", „Pennsylvania",„Pretoria" und„Graf Waldersee" mit 13 424, 18 333, 13 234 und 13 193 Registertonnen. Der Bremer Reichspost- dampfer„Großer Kurfürst" mißt 13 132, der Schnelldampfer„Kaiser Friedrich" der Schichauwerft 12 430 Tonnen. Ihm folgen un- mittelbar die Hamburger'Dampfer„Moltke" unv„Blücher" mit 12 335 und 12 334 Tonnen. Zwistben 10000 und 12 000 Tonnen stehen 13 Dampfer, der Bremer Reichsposldampfer„Bremen"(11 570), die Hamburger Dampfer„Bulgaria"(11 077),„Batavia"(11046),„Belgravia" (10 932), die Bremer Sckiiffe„Barbarossa"(10 911),„Prinzetz Irene" (10 381),„Königin Lnise"(10 711),„Friedrich der Große"(10 695). „König Albert"(10 643). das Hamburger Schiff„Hamburg"(10 600), die Bremer„Main"(10067) und„Rhein"(10 053 Tonnen). Ein Bicrkartcll. In Nürnberg haben die größeren Brauereien. darunter die Tuchersche Brauerei, das Brauhaus Nürnberg und die Brauerei Hcnninger, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung ge- bildet, die einen bestimmten Bierpreis für die Kundschaft und einen Minimalzinssatz von 4Proz. für gewährte Darlehen festsetzt. Weitere Ermäßigungen im Bierpreise oder Geldzuwendungen an die Kund- schaft sind untersagt und jede Art unlauteren Wettbewerbs wird be- kämpft. Die Vereinbarungen haben eine fünfjährige Dauer. Kalisyndikat. Der Schutzbohrgemeinschast deS Kalisyndikats wurden auf Grund ihrer Mntungen vom Oberbergamt Halle vier neue Kalifelder im Mansfelder Bezirk verliehen von zusammen 83/4 Millionen Quadratmeter Flächeninhalt. Die Felder sind be- legen in den Gemarkungen Rottelsdorf, Böfenburg, Elben, Heidewitz, Schwittcrsdors, Beesenstedt, Dederstedt, Hedersleben, Elbitz und 'Volkmaritz im Mansfelder Seekreise. Die Verleihungen sind benannt Rottelsdorf III, IV, V und SchwitterSdorf. Soziales. Die Vereinheitlichung der Arbeiterversicherung. Als vor einiger Zeit Dr. Freund seine Vorschläge auf Ver- einheitlichung der Arbciterversicherung veröffentlichte, wiesen wir darauf hin, daß sie um deswillen Sympathien finden würden, weil sie die Selbstverwaltung der Versicherten vollständig ausschalten. Das macht sie den Reaktionären schmackhaft: ihnen ist die Selbst« Verwaltung ein Schrecken und alles, was auf deren Einschränkung oder Beseingung gerichtet ist, kann bei ihnen auf Beifall rechnen. Bei den sogenannten Sociakpolitikern aber hat die Selbstverwaltung nur sehr laue Freunde; wenn eS nicht anders geht, nehmen sie auch mit einer königlich-preußisch-bureaukratischen Socialpolittk sürlieb. Welches Ergebnis die Beratungen der Anstaltsvorsitzenden über den Freundschen Vorschlag gehabt hat, wie sich die Mehrzahl der Vorsitzenden dazu gestellt hat, ist nicht bekannt geworden. Dafür kommt einer der Teilnehmer, Regierungsrat Düttmann in Olden- bürg, gleichfalls mit einem Vorschlage.") der zwar in mehrfachen Punkten von dem Vorschlage Freunds abiveicht, ihm aber darin gleicht, daß er die Selbstverwaltung auf das Maß herabdrücken will, das jetzt in der Invalidenversicherung besteht, das heißt also auf die Stufe einer bloßen Dekoration. Er will die Invaliden- und Krankenversicherung zusammenlegen und in der Weise organisieren, daß die Krankenversicherung durch eine bureaukratische Organisatton unter Aufficht deS Vorstandes der Versicherungsanstalten wahrgenommen wird. In diesem Punkte lauten seine Vorschläge: Dem Krankcn-VersicherungSzwange kann ausschließlich durch die Zugehörigkeit zur Bezirk-Krankenlasse genügt werden. Diese wird durch das Wohlfahrtsamt(vgl. IV) ffir ihre eigne Rechnung ver- waltet. Die Versicherungsanstalten haben mir unter Beteiligung der Träger der Unfallversicherung die Unlerstiitzung der überlasteten Bezirks-Krankenkasse(vgl. VlI) und die Zahlung der Ruhe- gchälter und der Bezüge der Hinterbliebenen für oie Beamten der WoblfahrtSämter zu übernehmen. Die Träger der Unfall- bcrstchcrung haben jährlich(20 Proz.) der von ihnen gezahlten Entschädi�ungsbcittäge an die Versicherungsanstalten ubzusühren. Die Verteilung erfolgt(nach Zahl der abgesetzten VersicherungS- beitrage) durch das Reichs-Versicherungsamt. Den aufzulösenden Krankenkassen oerbleibt daS von ihnen an- gesammelte Vermögen, soweit sie sich zu Zuschußkassen umgestalten. Das übrige Vermögen fließt der Bezirkö-Krankenkasse zu, bei der auch eine Zuschußkasse eingerichtet werden kann. Die Verhältnisse der Zuschußtassen sind auf öffentlich-rechtlicher Grundlage neu zu regeln. Die Verwaltung der Kapitalvestände der Kranlenkassen geht auf die Versicherungsanstalt über. Als öffentliche Organe der Kranken-, Invaliden- und Hinter- bliebenen-Verficherung werden„Wohlfahrtsämter" errichtet, welche aus einem Beamten als Vorsitzenden und wenigstens je vier Ber- ttetern der Arbeitgeber und der Versicherten als Beisitzern bestehen und die EigoNschaft einer öffentlichen Behörde haben. Die Ab- grenzung der Bezirke der Wohlfahrtsämter erfolgt durch die Landes- Centraibehörde nach Anhörung deS Vorstandes der Versicherungsanstalt. Die Vorsitzenden werden durch dieselbe Stelle, in den Bezirken eines weiteren Kommunalverbandes, für den eine Versicherungsanstalt errichtet ist, durch die mit der Ver- waltung der Angelegenheiten desselben bettaute Behörde nach An- hörung des Vorstandes der Versicherungsanstalt ernannt. Die Beisitzer werden von der Generalversammlung der Bezirkskraukeiv lasse im Wege der Verhältniszahl gewählt. Die Hilfsbeamten des WohlsnhrtsvereinS sind Beamte der Versicherungsanstalt und werden vom Vorstande derselben nach Anhörung des Wohlfahrtsamtes bestellt. V. Aufgaben deS Wohlfahrtsamtes sind: 1. die Verwaltung der Bczirks-Krankenkasse, 2. die Besorgung der örtlichen Geschäfte der Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung(Erhebung der Beiträge. Entgegen- nähme und Begutachtung der Reutenanträge-c.), 3. die Erledigung der ihm auf dem Gebiete der Unfallversicherung zu übertragenden Geschäfte(zunächst vielleicht nur die Kontrolle der Rentenempfänger, die Beobachtung der UnfallverhütungS- Vorschriften in Kleinbettieben, sofort oder später die Entgegen- nähme von Betriebsanmeldungen, Unfallanzeigen. Vornahme der Unfallnntersuchungcn ic.), 4. die Ausführung der ihm auf den Gebieten der KrankheitS- Verhütung, der Arbeiterschutz-Gesetzgebung, der WohnungS- kontrolle, des Arbeitsnachweises usw. später zu übertragenden Aufgaben. Die Geschäftsführung der Wohlfahrtsämter unterliegt der Auf- ficht des Vorstandes der Versicherungsanstalt. *) Umbau der Arbeiter-Versicherung. Von Re- gierungSrat Düttmann in Oldenburg. Sonderabdruck aus Nr. 18 und 19 der Arbeiterversorgung 1904. Grunewald-Berlin, Verlag der Arbeiterversorgung. A. Troschel. So lange einer Bezirkskrankenkasse Zuschüsse von der Ver- ficherungSanstalt gewährt werden müssen, stehen dein Vorstande der letzteren die Feststellung deS Voranschlages und die Abnahme der Jahresrechnung zu. Die laufenden Geschäfte deS Wohlfahrtsamts werden vom Vorsitzenden allein, gewisse Entscheidungen und Gutachten unter Zuziehung von je einem Beisitzer aus den beiden Klassen, die wichtigeren Verwaltungsgeschäfte unter Zuziehung der sämtlichen Beisitzer erledigt. Wenn im letzteren Falle die Vcrtteter der Arbeit- geber und die der Versicherten sich geschlossen gegenüberstehen, geht die Entscheidung auf den Borstand der Versicherungsanstalt über. Letzterer entscheidet in diesen und in andren im Gesetze zu bezeich- nenden Fällen in der Besetzung von 5 Gliedern, darunter je 2 Verttetern der Arbeitgeber und der Versicherten. Die für alle Wohlfahrtsämter des AnstaltSbezirks gleichmäßige Geschäftsordnung wird vom Vorstande der Versicherungsanstalt erlassen und bedarf der Genehmigung des ReichS-VersicherungS- Amtes. Für die Kranken-, Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung wird ein Beitrag erhoben, welcher je zur Hälfte von den Arbeit- gebern und den Versicherten zu rragen ist. Die Höhe deS Normal- beittageS wird im Wege der Gesetzgebung bestimmt und zwar zunächst für die Dauer von(10) Jahren. Von demselben sind (50 Proz.) an die Versicherungsanstalt abzuführen, wogegen die übrigen(50 Proz.) zur Bestreitung der Ausgaben deS Wohlfahrtsamts dienen. Wenn dieser Anteil zur Deckung der Ausgaben des Wohl« fahrtsamteS nicht ausreicht, so ist ein für alle Lohnklassen gleich hoher prozentualer Zuschlag zum Normalbeitrage zu Gunsten der Bezirkskrankenkasse zu erheben. So lange ein solcher Zuschlag erhoben werden muß, fließt der Bezirkskranlenkasse aus Mitteln der Versicherungsanstalt ein Zuschuß zu und zwar in der Höhe von(einem Viertel) der durch Erhebung eineS Zuschlages bis (10 Proz.) aufgebrachten Beträge und von(der Hälfte) der Summe, welche durch die Erhebung eines höheren Zuschlages auf« gebracht wird. Die Beschlüsse wegen Erhebung eines Zuschlages bedürfen der Zustimmung der Versicherungsanstalt. Wird dieselbe nicht erteilt, so enffcheidet auf Anrufen der Krankenkasse daS Reichs« VersicherungSamt. Das ist die völlige Ausschaltung der Selbstverwaltung. Erstens wird die Vtitwirkung der Arbeiter in der Versicherung auf das Recht der Mitwirkung der Unternehmervertreter reduziert und dann die ganze Verwaltung in die Hände des von der LandeS-Centralbehörde ernannten Beamten gelegt. Die Hilfsbeamten ernennt der Borstand der Versicherungsanstalt. Die Vertteter der Versicherten werden nur noch bei besonders wichtigen Entscheidungen hinzugezogen. Wie gesagt, in diesem Punkte liegt die Gefahr und wir unter- lassen es deshalb vor der Hand auch, auf die übrigen Vorschläge Düttmanns einzugehen, weil die Frage der Selbstverwalttmg für uns eine principielle ist. Wir wünschen natürlich die Vereinheitlichung und Vereinfachung des VersicherungSivesens, aber wir können keiner irgendwie gearteten Form dieser Vereinheitlichung zustimmen, die den Versicherten nicht die volle Selbstverwaltung läßt. ES kann also für uns nur eine solche Form in Frage kommen, die bei ein- heitlicher Verwaltung die Invalidenversicherung demokratischer ge- staltet. Was Düttmann zur Begründung seiner Borschläge geltend macht: daß die Geschäfte einer so wichtigen Organisation nur von einem geschulten Berussbeamten geführt werden können, daS ist gar kein Beweis für die Unmöglichkeit der Selbstverwaltung. Gewiß find Berufsbeamte zur Führung der Geschäfte großer Kassen nötig. Kein Mensch bestreitet daS. Aber die meisten größeren selbst- verwalteten Kassen haben schon heute Berufsbeamte und wenn man die bisherige Zersplitterung der Krankenkassen beseitigt, dann können auch alle Kassen Berufsbeamte anstellen. Daß diese nicht von bloßer Willkür abhängig sind, dafür kann und wird die Einsicht der Ver- sicherten auch ohnedies sorgen. Der hierunter mitgeteilte Vorschlag für die Anstellungsverhältnisse der Kassenbeamten zeigt den Weg, den die Selbstverwaltung hierbei zu gehen hat und gehen wird. Der Weg, den wir bei Vereinheitlichung deS Versicherungswesens zu gehen wünschen, kann nicht sein die Unterordnung deS Kranken- Versicherungswesens unter die Bureaukratie der VersicherungS- anstalten, sondern Aufbau des gesamten Versicherungswesens auf einheitlich zusammengeschlossene demokratisch verwaltete Organisationen ähnlich den OrtS-Krankenlassen. Die unterste Gruppe hat die Fürsorge für die Kranken zu übernehmen und eine zu höherer Organisatton zusanimengeschloffene Anzahl dieser Gruppen die Für- sorge für Invalidität._ Tie AnstcllungSverhältuisse der Krankenkassen-Beamten. Die in Breslau abgehaltene zehnte Jahresversammlung des CentralverbandeL von Orts-Krankenkassen wählte eine Kommission, „die gemeinschaftlich mit den von den Beamten gewählten Dele- gierten in die Beratung der Anstellungs- und Gehaltsverhältnijse der Beamten eintreten soll. Die Konnnission nimmt sich die nötige Information über ihre Thätigkcit aus der gepflogenen Debatte, den Vorschlägen usw. und hat dann mit den Beamten zu beraten sowie bestimmte Vorschläge der nächsten Jahresversammlung schriftlich und mit der nötigen Begründung vorzulegen".— Die Kommission, der sechs Kassenvemeter und sechs Vertteter der Beamten angehören, erstattet nunmehr ihren Bericht. In der Ge Haltsfrage hat die Kommission den Standpunkt eingenommen, daß Mindestgehälter, geordnet nach Bcamtengruppcn und nach Ortsgruppen, festzustellen sind. Die Beamtengruppen sollen wie folgt eingeteilt werden: Gruppe 1: Rendanten, Geschäftsführer pp.. die mit direkter Leitung der Kassengeschäfte betraut sind; Gruppe 2: Abteilungsvorsteher und Beamte mit selbständiger verantwortlicher Thätigkeit: Gruppe 3: Alle nicht zu Gruppe 2 gehörigen Innen-(Bureau-)Be- amten sowie Kraukenkontrolleure und Beitragssammler oder Kassenboten, ausschließlich der in Gruppe 4 be- zeichneten: Gruppe 4: Alle übrigen Beamten, die ausschließlich mit schcmatischen Arbeiten beschäftigt werden. Als nicht schematische Arbeiten werden bezeichnet: DaS verantwortliche Bearbeiten der An- und Ab- Meldungen auf den Personalkarten resp. Mitglieder- Verzeichnissen und Arbeitgeber-Conten, das Einstellen (Berechnen) der Beiträge, das Entgegennehmen der Krankenmeldungen, die Aufnahme von Statistiken, die Bearbeitung von ärztlichen Liquidationen und sonsttgen Rechnungen. Für die Ortsgruppen wird folgende Einteilung vorgeschlagen: Klasse VI: Städte unter 10000 Einwohner V:„von 10—20 000.. . IV:.. 20-40 000. , III:,. 40—150000. m II:, über 150 000. , I: Großstädte, die infolge besonderer Verhältnisse außerhalb der vorstehenden im allgemeinen gültigen Klasstsizierung zu bewerten sind. Ist danach allgemein zunächst maßgeblich für die Klassifizierung die Einwohnerzahl einer Sradt. so haben Abweichungen hiervon unter besonderen, den Wert der wirtschaftlichen Verhältnisse u. a. eines OrteS bedingenden Umständen zu geschehen. sianach ist folgende Gelsaltsflala aufgestellt: Auf diese Sätze Werden Dienstalterszulagen in Vorschlag gebracht. Die Steigerung beträgt nach dem jeweiligen Mindest- oder Anfangsgehalt SV Proz. Die Dienstalterszulagen müssen mit dem 15. Dienstjahre das Maximum durch jährlich gleich hohe Steige- rungen erreichen. Weiter unterbreitet die Kommission der Jahresversammlung folgende Beschlüsse zur endgültigen Beschlußfassung: 1. Die aushilfsweise beschäftigten Beamten und die sogenannten Hilfsarbeiter sind ebenfalls zu entschädigen nach den An- fangsgehältern der zuständigen Bcamtengruppe der Kasse. 2. Wo Gehaltssätze bereits bestehen, die das vorgeschlagene Minimalgehalt übersteigsn, bleiben erstere gültig. 3. Tie Jahresversammlung erklärt die Notwendigkeit der Ge- Währung von Manko- und Zählgelder an die Beamten. Es wird weiter der Entwurf zu einem Dienstvertrage vor- gelegt, dessen wesentliche Bestimmungen lauten: Die infolge Versicherungspflicht zur Kranken- und Invaliden- Versicherung zu leistenden Beiträge zahlt die Kasse. Als Kündigungsfrist wird beiderseits eine dreimonatliche, quartaliter zulässige, vereinbart, jedoch mit der Maßgabe, daß für die Kasse die Geltendmachung dieses Kündigungsrechtes davon ab- hängig ist: 1. daß sich Herr.... gegen das Vermögen der Kasse einer strafrechtlich zu ahndenden Handlung schuldig gemacht hat; 2. daß Herr.... durch Strafurteil die bürgerlichen Ehren- rechte, sei es auch nur zeitweilig, verloren hat; 3. daß Herr.... bei Ausführung seiner ihm durch die er- folgte Anstellung obliegenden Dienstpflichten sich grobe Pflichtverletzungen wiederholt, d. h. nach mindestens zwei- maliger innerhalb eines Jahres unter Enilassungsandrohung erfolgter schriftlicher Verwarnung hat zu Schulden kommen lassen; s. daß Herr.... dauernd außer stände kommt, seinen Dienst- pflichten nachzukommen. Eine zeitliche Behinderung, mag Krankheit, Siechtum, dauerndes körperliches Gebrechen, Untersuchungshaft, Verbützung einer Strafe oder andrer Anlässe die Ursache sein, gewährt ein Kündigungsrecht, wenn die Dienstunfähigkeit bereits sechs Monate gedauert hat und der Grund derselben die Besorgnis einer noch längeren Dauer oder aus derselben Ursache sich ergebenden Wieder- holung rechtfertigt. In den Kündigungsfällen zu 1. und 2. kann die sofortige Ent- lassung erfolgen, wenn nach den gesetzlichen Bestimmungen die Ent- lassung ohne vorherige Kündigung zulässig ist. Hingegen ist auf 'eiten der Kasse kein Recht zur 5tündigung vorhanden: wenn infolge Verringerung der Mitgliederzahl eine Verminderung des Kassenpersonals möglich wäre, es sei denn, daß die Personal- reduktion aus diesem Grunde unabweisbares Bedürfnis ist und die Kündigung in der Weise geschieht, daß jeweilig nur der Dienstjüngste von derselben und nach vorheriger Entlassung nicht nach dem Vertrage angestellter Hilfsarbeiter betroffen wird. In den Fällen der Verringerung der Mitgliedcrzahl infolge Ueberweisung von Mitgliedern an eine andre Versicherungstclle oder auf Grwid anderweitiger Organisationen der Kassen, der Versicherungen, der Zusammengehörigkeit der Versicherten, bezw. deren Gruppierung und deren Vereinigung mutz die Kaste die Uebernahme des Herrn.... an die neue Organisation zu den Bedingungen dieses Vertrages veranlassen und Herr.... diese Uebernahme genehmigen oder dem Herrn.... unter Haftung ihres Vermögens, in wessen Verwaltung dasselbe auch immer ge- langt sein mag, die vertragsmäßigen Bezüge so lange gewähren. bis dem Herrn.... durch die Beschaffung der Uebernahme dieses Vertrages durch die andre Kasse oder Organisation Ersatz gewährt ist. Das Religionsbekenntnis des Angestellten und dessen politische Gesinnung dürfen auch in ihrer Ausübung und Bethätigung keinen KündigungS- oder Entlassungsgrund abgeben, ebensowenig die Bc- strafung wegen eines politischen oder religiösen Deliktes und die Verbützung einer derartigen Strafe. Streitigkeiten, welche sich aus diesem Vertrage ergeben, sollen unter Ausschluß des Rechtsweges endgültig durch ein Schiedsgericht entschieden werden, welches für sein Verfahren die Bestimmungen der deutschen Civilprozeß-Ordnung anzuwenden hat. Das Schieds- gericht besteht aus drei vom Angestellten und drei von der Kasse zu wählenden Personen, welche die Qualifikation eines Schicds- richters nach Maßgabe der Civilprozeß-Ordnung haben, unier Vorsitz einer von den sechs Beisitzern zu ernennenden siebenten Person. Die Anrufung des Schiedsgerichts hebt Entlassung oder Kündigung vorläufig auf. Im Falle einer vorübergehenden Dienstunfähigkeit ist Herrn.... das Gehalt bis zum Ablauf von mindestens 3 Monaten weiterzuzahlen, jedoch unter Abzug des ihm ans der zuständigen Kaste zustehenden Krankengeldes. Das gleiche gilt für freiwillige Kassenmitglieder, sofern die arbeitgebende und die zur Unterstützung verpflichtete Kasse dieselbe ist. Auch nach Wegfall des Gehalts- anspruchs erlischt seine Anstellung nicht. Dem Herrn.... wird ein jährlicher Urlaub von mindestens zwei Wochen bewilligt. Stirbt Herr..... so haben seine Hinterbliebenen Anspruch auf das Gehalt für den laufenden und die zwei folgenden Monate. Etwaige Dienstwohnung bleibt den Hinterbliebenen für dieselbe Zeit zur Benutzung. Nach diesem Vertrage soll jeder Beamte nach sechsmonatiger Probezeit angestellt werden. Die Unfallversicherung der Beamten soll von der Kasse als Verpflichtung anerkannt werden. Hinsichtlich der Pensions- und Hinterbliebenen-Fürsorge hat die Kommission folgende Resolution angenommen: „Die Kommission erkennt die Notwendigkeit an, die Pcnsions- und Reliktenfürsorge für die Kastenangestellten einzuführen und empfiehlt der Jahresversammlung der Orts-Krankenkassen die Beitragsbeteiligung der letzteren zu der zu gründenden Vcrsicherungs- Vereinigung der Kastenangestellten. Die Kommission ist aber auch des weiteren der Ansicht, daß selbst die größten und leistungsfähigsten Krankenkassen Deutsch- lands auf die Dauer nicht in der Lage sein werden, ihre über- nommcnen Verpflichtungen— die Pensions-. Witwen- und Waisen- Versorgung der Kastenbeamten— allein aufrecht zu erhalten. Des- halb ist auch diesen Krankenkassen dringcndst zu empfehlen, unter Uebernahme einer Beitragslcistung sich an der von den Kassen- bcamten zu gründenden Bersichcrungsvereinigung zu beteiligen und ihre bereits bestehenden Einrichtungen zu Gunsten dieser Ver- einigung aufzulösen." Zum Schluß schlägt die Kommission noch vor: Als Rekursinstanz wird mit der Kompetenz der Zuständigkeit für alle Streitigkeiten aus den tariflich geregelten Anstellungen und für alle Teile Deutschlands ein Centralamt errichtet. Unter Anlehnung an die Organisationen der Landes- oder Proviuzialvcrbände der Orts-Kranlcnkassen wird für die Bezirke derselben je eil» Bezirks-Schiedsgericht errichtet. Diese haben über die Durchführung und Aufrechterhaltung der durch die Jahresversammlungen der Orts-Krankenkassen er- gehenden einfchläglichen Beschlüsse und Einrichtungen zu wachen und sind für die Streitigkeiten aus den Arbeitsverhältnissen die Berufungsinstanz. Die vorgeschlagenen Institute werden in getrennten direkten Wahlen je zur Hälfte aus Vertretern der Orts-Krankenkassen- Vorstände und des Verbandes der Verwaltungsbeamten der Kranken- kästen pp. Deutschlands gebildet. Zur Ausführung der letzten Vorschläge beantragt die Kom- Mission: „Abermals die Bildung einer paritätischen Kommission zu be- schließen, die unter Beachtung der im vorstehenden gegebenen Direktiven der 12. Jahresversammlung über die Aufgaben der zu schaffenden Institute durch Reglements Vorschläge zu unterbreiten hat. Tiefe Kommission hat die weitere Aufgabe, bis dahin für die Einführung der Beschlüsse der Münchener Jahresversammlung zu wirken." Die Beschlüsse der Kommission wurden einstimmig gefaßt. Dem Bericht ist eine Ortseinteilung auf Grund der erwähnten Grundsätze angefügt. I» der Generalversammlung der Leipziger OrtS-Krankenkasse am Mittwochabend legten die Unternehmer-Vertreter im Vorstande ihre Aemter nieder. Neuwahlen wurden von den Vertretern der Unternehmer in der Generalversammlung abgelehnt. Die Arbeitcrvertreter verbleiben auf Wunsch ihrer Auftraggeber in ihren Aemtern, um eine kommissarische Verwaltung der Kasse zu verhindern. An Stelle eines Vorstandsmitgliedes der Arbeitnehmer wurde Genosse P o l l e n d e r. Redakteur der„Leipziger Volks- zeitung", gewählt. Ein Vertreter der Kreishauptmannschast war von der Versammlung nicht zugelassen worden. Die Kreishauptmannschaft mutet dem Kassenvorstande jetzt die Anerkennung ihres mit den Aerzten abgeschlossenen Vertrages vom 7. Mai zu und will ihm unter dieser Bedingung das Recht zur Versorgung der Kasse mit ärztlicher Hilfe wiedergeben. Der Vertrag vom 7. Mai nimmt über gerade der Kaste dieses Recht. Der Kastenvorstand würde also durch Anerkennung des Vertrages nur erreichen, daß er der Behörde die Verantwortung für die Folgen des Vertrages abnähme. Deshalb wird der Kastenvorstand sich hüten, auf die Zumutung einzugehen. Den Distriktsärzten will die Kreishauptmannschaft neue Vor- schlüge machen, um sie zum Verzicht auf ihre alten Verträge zu veranlassen. Der Rücktritt der Unternehmer von der Verwaltung der Leipziger Ortskasse wird von den„Berliner Neuesten Nachrichten" zu einer im- verschämten Lüge benutzt. Das Blatt schreibt nach Mitteilung der Thatsache: „Da nach dem Krankenversicherungs-Gesetz die Arbeiter zwei Drittel, die Arbeitgeber nur ein Drittel der Kostcnbeiträge zahlen. so sitzen auch in der Verwaltung der Kraukenkassen zwei Drittel Arbeiter und ein Drittel Arbeitgeber. Letztere sind also von vornherein zur Ohnmacht verurteilt, und das Verhältnis wurde um so unerträglicher, als die Socialdemokratie sich der Herrschaft in den Krankenkassen bemächtigte." Wir sagen mit Absicht, daß diese Darstellung eine unverschämte Lüge enthalte, denn sie sucht den Anschein zu erwecken, als ob der Rücktritt der Leipziger Unternehmer von der Kassenverwaltung deshalb erfolgt wäre, weil sie gegen die Arbeitervertreler nicht aufkommen konnten. Es müßte aber geradezu ein Trottel sein, der nicht wüßte, daß der Rücktritt lediglich wegen der Eingriffe der Behörde in die Kassenverwaltnng erfolgt ist. Die zurückgetretenen Herren haben ihren Entschluß zm» Rücktritt schon vorher bekundet und ihn ausdrücklich öffentlich damit begründet, daß sie bei den dauernden Eingriffen der Behörde in die Kasscnverwaltung die weitere Verantwortung für die Leitung der Kassengeschäfte nicht mehr zil tragen vermöchten. So bekannt, wie diese Ansicht der Unternehmervertreter, sind auch die Thatsachcn, die ihr zu Grunde liege». Die„Neuesten Nachrichten" stellen deshalb den Vorgang wider besseres Wissen falsch dar. Sie lügen unverschämt. Gegen die„freie Arztwahl". Der in Dresden tagende Kongreß des Verbandes der eingeschriebenen Hilfskasscn nahm eine Resolution an, die in der Aerzrebcwcgung eine Gefahr für eine gedeihliche Ent- Wicklung der Krankenkassen erblickt, und spricht sich gegen die freie Acrztewahl aus.-aber für angemessene Aerztcbezahlung, die durch gütliche Vereinbarung anzustreben ist. Tie Satzungen der allgemeinen ArbeitsnachweiSanstnlt Köln haben eine arge Verschlechterung erfahren. Der Kölner Arbeitsnachweis wird mit städtischen Mitteln unterhalten und von Vertretern aller Kölner Arbeiter- und Unternehmervercinigungen verwaltet. Die Benutzung ist für beide Teile unentgeltlich. Die ganze Einrichtung war so, daß auch die modern organisierten Ar- beiter damit zufrieden sein konnten. Nun aber ist auf Beschluß der Verbandsversammlung gerade die Bestimmung aus den Satzungen entfernt worden, die die Einrichtung den Arbeitern am meisten sym- pathisch machte, nämlich der bisherige§ 1b, der lautete:„Bei Ar- beitseinstellungen und Aussperrungen stellt die Arbeitsnachweisanstalt ihre Thätigkcit für das beteiligte Geschäft oder den beteiligten Arbeitszweig ein." Die Anstalt wies also Unternehmern, bei denen ein Ausstand vorlag oder die eine Aus- sperrung vorgenommen hatten, keine Arbeitskräfte zu. Zehn Jahre lang hat sich dieses Verfahren bewährt. Nun ist es dem unermüdlichen Ansturm der Unternehmer gelungen, es zu Fall zu bringen und durch eine andere Bestimmung zu ersetzen. Tie neue Bestimmung entspricht allerdings bei weitem nicht den Wünschen der Unternehmer, immerhin aber steht der Kölner allgemeine Arbeits- Nachweis von nun an auch im Dienste der Arbeitswilligen- vermittelung. Die neue Bestimmung lautet:„Tie Arbeit- suchenden, die aus eine durch Arbeitseinstellung oder Aussperrung freigewordene Stelle geschickt werden, sind von diesem Umstand in Kenntnis zu setzen. Seitens der Anstalt ist es unzulässig, für im Ausstand befindliche Arbeiter hier oder auswärts Ersatz zu suchen." Selbstverständlich haben die Vertreter der Kölner Gewerkschaften gegen diese Verböserung gestimmt, und man sollte meinen, daß dies alle Arbeitcrvertreter gethan hätten. Aber weit gefehlt: Die Ver- treter des katholischen Gesellenvereins, des katholischen und des evangelischen Arbeitervereins und der H i r s ch- D u n ck e r s ch e n Gewerkvereine stimmten mit den Unternehmern. „Praktischer Natiirheilknndigcr" kein„arztähnlicher" Titel im Sinne der Gewerbe-Ordnnng. Ter Naturhcilbeflissene Warlies hatte sich unter anderm auf Briefbogen„Praktischer Naturheil- kundiger" genannt. Er wurde deshalb auf Grund des Z 147 Nr. 3 der Gewerbe-Ordnung angeklagt, weil er sich einen ärztlichen Titel beigelegt habe, der geeignet sei, den Anschein zu erwecken. daß er eine staatlich geprüfte Mcdizinalperson sei. Das Schöffengericht verurteilte ihn auch zu einer Geldstrafe. Es billigte die Auffassung der Polizei und Staatsanwaltschaft, indem es meinte, jene Bezeichnung könne zwar schwerlich in den Kreisen der Ge- bildeten, sehr wohl aber in der ungebildeten Bevölkerung einen entsprechenden Irrtum erwecken.— Das Landgericht hob jedoch das Urteil auf und sprach den Angeklagten frei. Es führte aus. daß auch die ungebildeten Klassen nicht durch den Titel „Praktischer Naturheilkundiger" getäuscht werden könnten, wenn auch das Wörtchen„praktisch" gewöhnlich der Bezeichnung„Arzt" der staatlich geprüften Medizinalperson zugesetzt werde. Den unteren Bevölkerungsklassen sei der Stand der Naturheilkundigen sehr genau bekannt. Niemand werde sich durch das Wörtchen „vraktisch" täuschen lassen. Und an sich könne sich ein Naturheil- kundiger, der als solcher praktisch thätig sei. auch als„praktischer" Naturheilkundiger bezeichnen, im Gegensatz zum Theoretiker.— Die Staatsanwaltschaft beruhigte sich nicht, sondern legte noch Ne- Vision ein. Unzweifelhaft, so betonte sie, lasse die strittige Bc- Zeichnung die Deutung zu, daß es sich um eine an zuständiger Stelle geprüfte Medizinalperson handele.— Das Kammergericht hielt sich aber an die Feststellung des Landgerichts, daß die Bezeichnung nicht im Sinne des(j 147 der Gewerbe-Ordnung zu wirken geeignet sei, für gebunden und verwarf die staatsanwaltliche Revision. Einc.r Rechtsirrtum lasse die Vorentscheidung nicht erkennen. lokales. KrtssenproxiS und PrivatPrnxiS. Die Krankenkasse„Regina" ist. wie wir mitgeteilt haben, vom Pleitcgeier ereilt worden. Die Beschwerden, die uns über diese Kasse zugegangen sind, bewegen sich in dem üblichen Rahmen und bieten nichts Ungewöhnliches oder Neues. Eine davon möchten wir aber doch der Oeffentlichkeit unterbreiten; sie richtet sich weniger gegen die„Regina" selber, als gegen einen ihrer Aerzte. Der Vorfall, den sie schildert, wird manchen Leser amüsieren, manchem andern wird er der ernstesten Beachtung wert erscheinen. Die Sache reicht hinaus über den Kreis der„Regina". Sie hätte ebenso bei einer andren Kasse passieren können und ist thatsächlich auch schon anderswo passiert. Jeder, der unser Krankenkassenwesen kennt, weiß auch, daß da ein fortwährender Kriegszustand herrscht. Da schimpft immer einer über den andern, die Kranken über die Aerzte und über die Kassen- beamten, die Kassenbeamten über die Kranken und über die Aerzte, die Aerzte über die Kassenbeamten und über die Kranken. Aus den Reihen der Kranken kommen besonders häufig Klagen darüber, daß man zu rasch geneigt sei, überall Simulation zu sehen, und daß diese Simulationsriecherei die Kranken belästige und beleidige. Simulationsriecherei war wohl auch der Grund einer Unter- suchung, die der Vertrauensarzt der«Regina", Herr Dr. Jakobi fRixdorf,. Hermannstraße) an einem Mitglied dieser Kasse vornehmen mußte, an einem in Berlin Südost wohnenden Schneider, der auf Kosten der„Regina" in Behandlung eines andern Arztes war. Die Untersuchung fand in der Wohnung des Patienten statt. Sie kam diesem ein bißchen sehr kurz vor, noch mehr aber überraschte ihn die Mitteilung, daß der Herr Doktor nichts gefunden habe. Dieses Ergebnis ließ sich schwer vereinen mit dem Urteil des behandelnden Arztes, der den Mann fiir arbeits- unfähig erllärt hatte und auch nach der Untersuchung durch den Vertrauensarzt hieran noch festhielt. Entscheidend war aber natür- lich die Ansicht des Vertrauensarztes. Die„Regina" zahlte daher Krankengeld nur bis zum Tage des Jakobischen Besuches— und wieder mal war ein„Simulant" unschädlich gemacht. Der vermeintliche Simulant hatte nun aber keine Lust, sich das gefallen zu lassen. Er beschloß, von dem schlecht unterrichteten Dr. Jakobi an den besser zu unterrichtenden Dr. Jakobi zu appellieren. Zu diesem Zweck begab er sich in Stratzenkleidung in die Wohnung Jakobis und ließ sich noch einmal von ihm unter- suchen. Er bezeichnete sich jetzt als Privatpatient, gab Name und Beruf richtig an, nannte aber eine falsche Wohnung. Ueber das Resultat der gründlichen Untersuchung, die Dr. Jakobi vornahm, hat der Patient uns Mitteilungen gemacht, deren Einzelheiten wir hier nicht wiedergeben wollen. Nur soviel sei gesagt, daß der Mann aus den Aeußernngen Dr. Jakobis den Eindruck gewann, es st ehe schlecht mit ihm und er dürfe nicht arbeiten. Dr. Jakobi gab auch vorläufige Verordnungen und fügte die Bitte hinzu, ihm am andern Tage noch eine Probe Urin zu bringen. Als dann aber am andern Tage die Frau des Patienten den Urin brachte, sagte ihr der Arzt auf den Kopf zu, daß sein neuer Privatpatient niemand anders sei als jener Kassenpatient, bei dem er nichts gefunden hatte. Der gleichlautende Name sei ihm nachträglich aufgefallen, sagte er. Die Frau gab das Schelmenstücklein zu und lachte dem Arzt ins Gesicht:„MitSpeckfängt man Mäuse!" Wie die Sache geendet hat? Die Frau lief zur Kaste, um dort die gelungene Düpierung des Arztes mitzuteilen und zugleich auf Grund des Ergebnisses der erneuten Untersuchung einen neuen Krankenschein für ihren Mann zn fordern. Aber auch der Arzt hatte es eilig, nach dem Kassenbureau zu laufen und sich über den Vorfall zu äußern. Seine Darstellung soll sich in einigem nicht mit der Auffassung gedeckt haben, die der Patient gewonnen hatte. Am andern Tage aber bekam der Patient— seinen Krankenschein. Zu dem Thema„Damen ohne Herrenbegleitung", das infolge des Hinausweisens anständiger Damen aus Berliner Restaurants in der bürgerlichen Presse lebhafte Erörterung fand, hatte der Vor- stand des Vereins der Cafetiers Deutschlands gleichfalls dies Thema diskutiert und auf Antrag des 1. Vorsitzenden folgendes beschlossen: „Wenn eine Dame ohne die Begleitung eines Herrn zweimal in einem und demselben Lokale erschienen ist und sich nicht genau wie eine anständige Dame betragen hat, so ist der betreffende Kellner verpflichtet, dies seinem Prinzipal zu melden. Letzterer hat sich von der Richtigkeit des Vorgetra- genen zu überzeugen und der Dame bei ihrem Fortgange eine verschlossene Karte des Inhalts zu übergeben: „Bitte mein Lokal in Zukunft zu meiden." Der Umschlag enthält die Aufschrift:„Bitte draußen zu öffnen." Das Organ der organisierten Gastwivtsge». Hilfen macht hierzu folgende zeitgemäße Bemerkungen: „Wenn dieser Beschluß allgemein zur Ausführung gelangt, so ist zu erwarten, daß mehr als die H�ä lfte der CafeS ihre Pforten schließen werden. Wir glauben � natürlich nicht an die Ausführung und müssen einen derartigen Beschluß als pure Heuchelei bezeichnen. Wir wissen, und auch denjenigen, die an der Beschlußfassung teilgenommen haben, dürfte es nicht ganz unbekannt fein, daß ein nicht kleiner Prozentsatz der Cafetiers sehr eifrig bemüht ist, den Verkehr der hier in Betracht kommenden „Damen" in ihren Lokalen zu heben. Es soll sogar vorkommen. daß man diesen Damen gewisse Vergünstigungen zu- g e st e h t. um sie im Interesse des Geschäfts als Gäste. oder richtiger gesagt: als Köder für eine bestimmte Sorte Gäste, an das Lokal zu fesseln. Würde man also den Köder nicht mehr haben wollen, so könnte man auch die Goldfischlein nicht mehr angeln und darauf werden verschiedene Besitzer von„Wiener Cafes" nicht verzichten. Entfchieden verwahren müssen wir uns aber dagegen, daß die Kellner verpflichtet sein sollen, den Sittenwächter zu spielen. Abgesehen davon, daß der Begriff„anständig" je nach individueller Auffassung ganz verschiedentlich interpretiert werden kann, und der Cafetier das Benehmen einer solchen Dame in vorkommenden Fällen noch als anständig erachtet, während es der Kellner als sehr unanständig bezeichnet, müssen unsere Kollegen die Uehernahme einer derartigen Rolle aus verschiedenen Gründen energisch abweifen. Schon jetzt ist es in einigen Cafes üblich, daß die Kellner auf das Benehmen der Damen achten mußten, wobei sie aber sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Es sind uns wiederholt Fälle berichtet worden, daß ein Kellner aus seiner Stellung, für die er erst 5t) M. und mehr dem Stellenwucherer bezahlen mußte, entlassen worden ist, weil er sich mit den in dem Cafe dominierenden„Damen" nicht auf guten Fuß stellen-konnte, oder weil er diese oder jene nicht respektvoll genug behandelte. Cafe National, Hein, Keck usw. usw. als Stätten des AnstandeS sie dieses Thema, als für sie zur Behandlung ganz ungeeignet. anderen überlassen oder wenigstens von vornherein fest- gestellt hätten, daß der Beschluß nur auf solche Cafes Anwendung finden sollte, die dieser Firma einigermaßen entsprechen und nicht auf solche, die mit dem Titel„F l e i s ch m a r k t" bezeichnet werden. Cafe National, Hein, Keck ufw. usw. als Stätten des AnstandeS und Sittel! Wer lacht da? Von der städtische» Armenvcrwaltung erhielten im Monat Juni dieses Jahres 34 129 Almosengeldempsänger laufende Unterstützungen im Gesamtbetrage von 837 439 M. Außerdem wurden an 1897 laufend Unterstützte Extra- Unterstützungen im Gesamtbeträge von 12 619 M. gezahlt. 142 der laufend Unterstützten fanden in Heil- anstalten Aufnahme. Für 19 983 Pflegekinder wurde an laufender Unterstützung die Summe von 81 856 M. gezahlt. Außerdem erhielten 899 Pflege- geldcmpfänger Ertra-Unterstützungen im Gesamtbeträge von 4934 M. 36 Pflegekinder fanden Aufnahme in Heilanstalten. Extra- Unterstützungen an nicht laufend unterstützte Personen Wurden in 4918 Fällen im Gesamtbetrage von 88 338 M. gezahlt. Insgesamt verausgabte mithin die städtische Armenverwaltuug im Monat Juni d. I. zu Armenunterstützungszwecken die Summe von 691 889 M. Die Vermehrung der Droschken in Berlin, die das hiesige Polizei- Präsidium vom 1. Oktober d. I. ab wieder zuläßt, indem es zu diesem Zeitpunkt die hier seit Jahren bestehende Nummern- beschränkung aufhebt, findet nicht den Beifall aller Droschken- fnhrwerks-Besitzer. Ihre Vereinigungen wollen sich deshalb mit dem Verkehrskommissariat des Polizeipräsidiums in Verbindung setzen und haben das zum Teil auch schon gethan. Die Fnhrwerksbesitzer sind der Ansicht, daß gegenwärtig noch kein Bedürfnis vorliege, in Berlin die Droschken zu vermehren. Sie weisen darauf hin, daß die meisten Fuhrherren einen Teil ihrer Droschken gar nicht mal in Betrieb stellen und zwar deshalb nicht, weil es an Kutschern fehle. Dieser Mangel werde immer fühlbarer und sei dadurch hervorgerufen worden, daß das Polizeipräsidium hinsichtlich der Befähigung der Fahrer zu strenge Forderungen stelle. Es vermöge immer nur ein Teil der gemeldeten Kutscher den geforderten Nachweis zu erbringen. Die Platinadiebc, die vor kurzem die beiden Schalen aus dem Laboratorium von Siemens u. Halske mit fast unglaublicher Dreistig- teit entwendeten, konnten durch die unaufhörlichen, eingehendsten Beobachtungen der Charlottenburger Kriminalpolizei ermittelt und verhaftet werden. Ebenso wurde ein großer Teil des Edelmetalls zur Stelle geschafft, den die Diebe vergraben hatten. Der Kriminalkommissar Hollmann hatte die Ueberzeugung erlangt, daß lediglich Personen in Frage kommen könnten, die früher in der Fabrik beschäftigt waren. Zwei Tage nach dem Einbruch suchte der Uhrenhändler Grasnick aus Charlottenburg ein Stück Plasina in der Landsberger- stratze abzusetzen und wurde eingesperrt. Er wollte nur das eine Stück besitzen und konnte eine Beschreibung der Person geben, von der er es gekauft hatte, deren Namen ihm aber unbekannt war. Die Beschreibung patzte auf einen Menschen, der der Polizei bereits ver- dächtig erschien, auf den unter dem Verbrechcrnamcn„Spieler-Aler" bekannten und auch bestraften Arbeitsburschen Alex Sebierski aus der Krummestraße zu Charlottenburg, dessen ebenfalls bestrafter Bruder Stanislaus Sebierski in der Verbrecherwelt„Die tote Sünde" heißt, weil aus ihm nichts herauszubringen ist. Diese beiden in Gemeinschaft mit den, Burschen Paul Bredag aus der Ruheplatzstraße in Berlin, der früher bei Siemens u. Halske arbeitete, hatten sich an den Arbeitsburschen Willy Hartinann herangemacht, der bei der Finna bis vor kurzer Zeit gearbeitet hatte, dessen Vater daselbst eine Vertrauensstellung inne hat und dessen Brüder dort jahrelang beschäftigt sind. Dieser Willy Hartmann ließ sich be- wegen, an dem Einbruch teilzunehmen und dem Kleeblatt die Wege zu zeigen. Hartmann, den die bösen Hunde kannten, stieg zuerst über den Faun, dann Bredag. Beide lockten die Hunde fort und zogen somit auch den Wächter abseits. Währenddem führten die andern den Einbruch aus, brachten die Schalen durch das zertrümmerte Fenster, und alle zusammen vergruben den Schatz anf einen, freien Platz in der Wikingerstraße. Am nächsten Morgen begaben sich die Brüder Sebierski ohne Wissen der Complicen dorthin, gruben die Schalen aus, und Stanislaus nahm sie mit in seine Wohnung in der Benssel- straße, wo er sie zwei Tage im Keller versteckte und dann zerschnitt. Nachdem er ein Stück an Grasnick verkauft hatte, zog er mit einem Teil nach der Jungfernheide hinter der Lnftschifferabteilnng. un, das Metall dort einzugraben. Hartmann und Bredag waren inzwischen eingesperrt, wußten aber nichts von dem Verbleib der Beute. Eine Beobachtung der Sebierski ergab, daß einer der Brüder nach der Jungfernheide ging. Nun wurde auch er mit seinem Bruder fest- gesetzt. Nachgrabungen förderten 6>/z Kilo Platina zu Tage i den Rest scheinen sie ins Wasser geworfen zu haben, als ihnen die Polizei auf den Fersen saß. Die beiden Sebierski wollen von nichts wissen, auch nichts vergraben haben, werden aber von den andern als die Teilhaber bezeichnet und find daher auch in das Unters, ichungs- gefängnis gewandert. Naturwissenschaftliche Experimente gefährlichster Art wurden heute vormittag von einer Anzahl Schulknabcn in der Prenzlauer Allee unternommen. Durch die Langeweile während der Ferien waren fie auch auf den Gedanken gekommen, die in der Physik erworbenen Kenntnisse mit dem Material, was die Straße bietet, praktisch zu veranschaulichen. Zunächst gingen sie daran, ein auf dem Lagerplatz an der Christburgerstrahe aufgelesenes Stück starken Drahtes zu biegen, in der Absicht, es nachher an die Stromleitung der Elektrischen zu hängen. Um das ohne Gefahr fertig zu bringen, steckte der Hauptexperimenteur das untere gerade Ende in eine leere Bier- flasche, und hob,„un vor den Wirkungen des Stromes geschützt, das gebogene Ende über die Leitung. Dann bildeten sie durch Händereichen eine Kette: der Vornstchende berührte mit einer Gerte den Draht und führte so einen schwachen Teil des Stromes durch die Körper der ganzen Reihe, was natürlich lärmende Freude erregte. Kam ein Wagen die Schienen entlang, so mußte die Bierflasche ihre Schuldigkeit thun, das Hemmnis rechtzeitig zu entfernen. Von den wenigen Passanten achtete erst dann jemand auf das Treiben, als der zwölfjährige Fritz Wolff, der Sohn einer Witwe aus der Franseckystraße, plötzlich zusammenstürzte. Aus Uebermut oder Unverstand hatte er den hängenden Draht mit der Hand berührt und einen so heftigen Schlag erhalten, daß er erst nach etwa fünf Minuten sich bewegen und nach lvciterer geraumer Zeit auch wieder sprechen konnte. Den Anstiftern dieses gefährlichen Zeitvertreibs wäre eine gehörige Tracht Prügel dienlich gewesen, fie waren aber rechtzeitig in alle Winde zerstoben. Ein entsetzlicher Unglücksfall hat sich vorgestern abend an der Ecke der Kleinen August- und Rosenthalerstraße zugetragen. Nach- dem bereits vorgestern mittag ein dreijähriger Knabe in der Jmmanuelkirchstraße unter den Rädern eines Brauerwagens seinen Tod gefunden, wurde um 8 Uhr abends in der Kleinen Äugnststraße der vier Jahre alte Moritz JoblowSki von einem Mülllvngen über- fahren und getötet. Der Knabe, dessen Eltern in der Ackerstraße 6 wohnen, hatte schon vor etwa sechs Wochen das Unglück, in der Ackerstraße überfahren zu werden, wobei ihm drei Finger der rechten Hand zermalmt wurden. Der kleine I. litt noch an den Folgen der Verletzung und trug den Arm in einer Binde. Vorgestern hatte daS Kind mehrere Knaben begleitet, die eine Fuhre mit einem Hand- wagen machten, und nahm bei der Rückfahrt anf dem Wagen Platz, um sich fahren zu lassen. Plötzlich kam ein Müllwagen in schärfster Fahrt herangesaust und ftihr derartig gegen den Hand- wagen an, daß der kleine I. hinuntergeschleudert wurde und unter die Räder des Müllwagens geriet, die ihm über den Kopf gingen. Dem Kleinen wurde der Schädel buchstäblich zerspalten, so daß das Gehirn hervordrang. Der verunglückte Knabe wurde sofort nach dem HedwigS-Krankenhause gebracht, wo er wenige Minuten nach der Einlieferung verstarb. Der schuldige Kutscher suchte sich seiner Personalfeststellnng durch die Flucht zu entziehen, wurde jedoch von einem Schutzmann, der den Pferden in die Zügel fiel, aufgehalten und nach der Polizeiwache in der Linienstraße gebracht. Scheuendes Pferd. Am gestrigen Tage gegen 2 Uhr spielte sich am Potsdamer Platz folgende Sccne ab: Aus dem dortigen Droschkcnhalteplatz war ein Kutscher damit beschäftigt, sein Pferd zu tränken. Das Pferd scheute jedoch und rannte den Kutscher über den Haufen. Ei» hinzngeeiltcr Schutzmann erlitt das zleiche Schicksal. Man mußte beide Verunglückte per Droschke vom Platze Durch falsches Abspringen geriet gestern gegen 8 Uhr vor dem Hause Königgrätzerstraße 41 ein Herr unter die Räder eines Straßen- bahnwagens. Mit schweren Verletzungen und ohne das Bewußtsein erlangt zu haben, wurde der Bedauernswerte in ein Krankenhaus übergeführt. Im Dienst verunglückt sind, wie erst jetzt bekannt wird, am Montagnachmittag drei Telephonistinnen, die dem Fernsprechamt I in der Französischenstraße angehören. Sie wurden zu Boden ge- warfen und mutzten nach den Wohnungen gebracht werden. Eine der jungen Damen soll sich bereits gestern erholt haben. Hervorgerufen wurden die Unfälle durch Ereignisse im Fernverkehr Berlin-Lübeck. Auf irgend einer Strecke war ein Gewitter, das der Strecke Berlin- Lübeck nicht bekannt war. Bedauerlicherweise betrachtet der Vor- steher des Amts I den Vorgang als Dienstgeheimnis und erklärte am Mirtwochnachmittag bei einer Anftage, daß er keine Auskunft geben dürfe. Die Lysolvergiftungeu werden epidemisch; kein Tag vergeht ohne solche. Auch der Händler Schneeberger aus Schöneberg griff zu diesem Mittel. Sch. hatte sechs Jahre lang bis zum 1. Oktober v. I. in der Hauptstraße zu Schöneberg ein gutgehendes Cigarren- geschäft, mutzte aher ausziehen, weil der Hauswirt aus dem einen zwei Läden machen wollte. Sein neues Geschäft in der Grüne- waldstraße 118 ging nicht, sodaß er von Sorgen um die Zukunft gequält wurde. Als seine Frau heut morgen aus der Wohnung in den Laden kam, lag er auf dem Fußboden, neben ihm stand ein Rest der Flüssigkeit. Er lebte noch und wurde nach einem Berliner Krankenhaus gebracht. Gleichfalls mit Lysol vergiftete sich am Mittwochabend um 3 Uhr die Modistin Fräulein Altewein, die seit dem 1. August Dorotheenstraße 31 wohnte. Fräulein A. wurde durch einen Schutz- mann nach der Charite überführt, wo an ihrem Aufkommen gc- zweifelt wird. Man vermutet, daß der Selbstmord wegen eines plötzlichen Zerwürfnisses mit ihrem Geliebten entstanden ist, denn eine Stunde vor dem Selbstmord machte die Dame noch Einkäufe in einem Posamcntierladen im selben Hause, wo sie noch sehr lustig war. Eine Stunde später war das Unglück geschehen. Die Wirts- leute wurden auf das Unglück aufmerksam durch das starke Röcheln und den starken Lysolgeruch, der aus dem Zimmer des Fräuleins drang. Wegen verschmähter Liebe erhängte sich gestern abend um 8 Uhr der 21 Jahre alte Hausdiener Gustav Urban, der bei dem Gastwirt Kraatz in der Dieffenbachstraße 31 bedienstet war. Urban unter- hielt ein Liebesverhältnis mit einem Dienstmädchen, hatte aber vor einigen Tagen einen Absagebrief empfangen mit der Begründung, daß die Stiefmutter das Verhältnis nicht billige. Das nahm er sich so zu Herzen, daß er am Mittwoch den Bierkeller aufsuchte und sich au einer eiserneu Stange, an der er sonst zu turnen pflegte, mit seinem Leibriemen erhängte. Als man ihn fand, war der Tod schon eingetreten. Tödliche Brandwunden erlitt an ihrem Geburtstage die 23jährige Tischlerfrau Hedwig Hillmann aus der Mariannenstraße 2. Zur Feier des Tages hatte sie mit ihrem Manne ein Wirtshaus besucht und war gegen Mitternacht heimgekehrt. Nach dem Auskleiden wollte sie die Petroleumlampe auslöschen stieß diese um, und das umherspritzende Ocl geriet in Brand. Bald stand auch Frau H. in Flammen. Der Mann löschte zwar das Feuer in kurzer Zeit, aber die nur dürftig bekleidete Frau hatte am Oberkörper so schwere Brandwunden erlitten, daß sie in Bethanien, wohin sie gebracht wurde, starb. Polizeilich beschlagnahmt wurde die Leiche des 4 Monate alten Sohnes Bernhard des Schuhmachers Glonacki aus der Alexandrinen- stratze 118 n, der gestern morgen starb. Die Eltern hatten mit dem Kind eines starken Hustens wegen den Naturheilkundigen L. in der Alexanderstraße 68 bcfucht. Als nun der Tod eintrat, konnte in dem Totenschein die Ursache des Ablebens ärztlich nicht bescheinigt werden. Daher die Beschlagnahme. Reeller und unreeller Weinhandel. Diese Frage wurde am Dienstag vor einem Auditorium von Fachleuten, die sich aus ver- schiedenen Städten Deutschlands und Oesterreichs in einem Lokale der Kommandantenstraße zu Berlin zum„Vierten deutschen Wein- kongreß" zusammengefunden hatten, in einer auch für Nichtfnchleute recht interessanten Weise ventiliert. Einberufen war der„Kongreß" von dem Weingroßhändler Herrn G. A l b i g, der es als einen Teil seiner Lebensaufgabe bezeichnete, für den allgemeinen Vertrieb unverfälschter, naturreiner Weine einzutreten, damit die jetzt so berechtigte Abneigung in dem großen Publikum gegen die kleinen und mittleren Erzeugnisse der deutschen Rebenkultur nach und nach verschwinde und der Wein gewissermaßen wieder„National- getränk" größerer Massen des deutschen Volkes werde. Nun gab es ja einmal eine Zeit, wo der Wein— wenigstens in verschiedenen Gegenden Deutschlands— das tägliche Getränk auch der ärmeren Bevölkerung war. Doch, es war einmal I Längst ist der Wein fast ausschließlich nur zu einem Genußinittel der besitzenden Klassen ge- worden; die große Masse der Unbemittelten aber muß sich, soweit sie sich nicht zur Abstinenz bekennt, dank den Zuständen unsrer heutigen GcscllfchastSordnung wohl oder übel mit Bier, wenn nicht gar mit elendem Fusel begnügen. Thatsache ist jedenfalls, daß, wenn in Arbeiterkreisen gelegentlich die Frage aufgeworfen wird: „Na also, was trinken wir?", der Wein dabei so gut wie gar keine Rolle niehr spielt. Trotzdem dürfte es auch die Arbeiter inter- essieren, was der Referent auf dem Kongreß über die üblichen Handelsgebräuche im Wcinhandel ausführte. Seiner Ansicht nach werden die meisten Weinkonsumenten Deutschlands in gröblicher Weise über den Löffel barbiert, weil eS nur ganz wenige Groß- Händler giebt, die reinen unverfälschten Naturwein liefern. Ge- fälscht wird fast überall, sowohl beim Winzer der Rhein- und Moselgegend, wie auch in den Kellereien der Groß- und Klein- Händler des ganzen Reichs. Nicht allein, daß der Wein häufig durch Wasser bis auf das Dreifache des ursprünglichen Quantums„ge- streckt" wird, er wird auch durch Znsatz von Zucker und allerhand andre Manipulationen derarsig„veredelt", daß er vielfach die Be- zeichnung„Wein" überhaupt nicht mehr verdient. Selbst in den größten Restaurants von Berlin ist es dem Referenten angeblich schlver gefallen, für etwa 3 M. eine Flasche naturreinen Weines zu bekoinmen. Besonders Süßweine seien der Fälschung unterworfen, wobei die Mediziualweine durchaus keine Ausnahme machen. Die„reinste" Weinstadt sei wohl Trier,, sonst bekomme man selbst in den bestrenommierten Weinorten am Rhein, der Mosel oder in der Pfalz meistens gefälschtes Zeug zu trinken. Schuld an diesen Zuständen sei teils die mangelhafte gesetzliche Kontrolle, teils die Unkenntnis des �publiknnis wie auch der Wein- Händler selbst. Hieraus ergeben sich auch von selbst die Maßnahmen zur Beseitigung der Uebelstände. Vor allem müsse der Geschmack des Puhlikums verfeinert werden, wenn die so notwendige Reform im Handel mit Klein- und Mittelweinen eintreten soll. Es wachse Wein genug in Deutschland, um auch den breiteren Massen einen größeren Weinkonsum zu gestatten, und in vielen Gegenden lasse sich die Rebe»och ohne besondere Schwierigkeiten nutzbringend anbauen. Doch bei dem jetzigen Panschgeschäft sei es nur zu erklärlich, wenn das große Publikum eine fast unüberwindliche Ab- Neigung gegen einen Wein hege, der in Wirklichkeit gar kein Wein mehr sei. Den Anwesenden wurde im Anschluß an den Vortrag hinreichend Gelegenheit gegeben, bei einer Wcinprobe fachmännisch geleitete„Studien" über verfälschten und unverfälschten Wein zu machen, und es läßt sich nicht leugnen: Ein guter Tropfen edlen Weins ist jedenfalls ein schmackhaftes Getränk, so daß man sich nicht wundern darf, daß ihn Leute,„die sich's leisten können", zu würdigen wissen. Für die proletarische Volksmasse freilich wird der Wein, ob ed)t,_ ob gefälscht, für absehbare Zeit schwerlich zum„National- getränk" werden, so daß die Abstinenten sich über die Bestrebungen des Herrn Albig kaum graue Haare wachsen zu lassen brauchen. Feuerbcricht. In der letzten Nacht kam auf dem Kohlenbahnhof Wedding in der Fcunstraße anf einem Lagerplatz Feuer aus. Der 16. Zug mußte tüchtig Wasser geben, um die Gefahr für den Bahn- Hof zu beseitigen. Gleichzeitig brannten Kohlen auf einem Lager- platz in der Hussitenstraße 11. Ferner mußte nachts ein Balken» brand auf dem Georgenkirchhof am Königsthor gelöscht werden und in der Marienburgerstraße 3/4 ein Wohnungsbrand. In der Chausseestraße III brannte eine Toilette, in der Zimmerstraße 24 Portieren, Gardinen u. a., in der Friedenstr.47 das Dach des Hauses und in der Koppenstr. 23 Vorhänge sc. In der Lübbenerstraße 6 mußte abends ein Dachstuhlbrand gelöscht werden, der aus noch nicht er- mittelter Ursache entstanden war und bei Ankunft der zweiten Compagnie schon eine große Ausdehnung erlangt hatte. Feuermann Schulz zog sich beim Vorgehen eine Rauchvergiftung zu und mußte nach dem Krankenhause Bethanien gebracht werden. Außerdem hatte die Feuerwehr noch in der Schönebergerstr. 12, wo Gardinen und andres brannten, in der Zimmerstr. 11, wo Betten in Brand ge- raten waren, und in der Antonstr. 1, wo in der Küche Feuer aus- gekommen war, sowie an einigen andren Orten zu thun. Die Siemcns-Schuckert-Wcrke errichten in der Jungfenrheide unweit der Siemensschcn Fabrik an der Spree ein neues großes Etablissement, das einen Teil der in der Markgrafenstr. 91 in Berlin befindlichen Abteilungen aufnehmen soll. Das neue Werk soll im nächsten Jahre fertig gestellt werden. Straubes Spccialkarte der nördlichen Vororte von Berlin, Ver- hältnis: 1: 36999 ist soeben in neuer Auflage erschienen. Die infolge des großen Maßstabes äußerst übersichtliche und in fünf- farbiger Ausführung hergestellte Karte reicht vom Bahnhof Jannowitz- brücke in Berlin bis nach Hennigsdorf und von Spandau bis nach Schönerlinde. Außer dem nördlichen Teile Berlins umfaßt sie 27 Orte mit sämtlichen Straßennamen, Straßen-, Dampfschiffs- und Eisenbahnverhindungen, Kreis-, Gemarkungs- und Weichbildgrenzen, Chausseen, Landstraßen, Fahr-, Feld- und Fußwegen. Die beliebten Ausflugsziele der Berliner: Tegel, Tegler See. Tegler Forst, Jnngfernheide, Spandauer Forst sind genau auf der Karte angegeben, die zum Preise von 1,99 M. durch jede Buch- und Papierhandlung und auch vom Verlag: Geographisches Institut und Landkarten- Verlag Jul. Straube, Berlin SW., zu beziehen ist. Hue den Nachbarorten. Grünau. Am Sonnabend, den 6. August, abends 9 Uhr, hält der Wahlverein in Mandls Wirtshaus in Karolinenhof eine Ver- sammlnng ab. Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht. Treffpunkt abends 8 Uhr im Restaurant Birkenwäldchen. Rixdorf. Aus Gram über den Tod ihrer erwachsenen Tochter versuchte sich die Hermannstratze 46 wohnhafte Witwe Klara Heinrich mit Lysol zu vergiften. In hoffnungslosem Zustande wurde die Bedauernswerte nach der städtischen Krankenanstalt übergeführt.— Ans einem Neubau in der Boddinstraße wurden den Bauarheitern die Stiefel gestohlen, welche während der Arbeitszeit im Quer- gebände aufbewahrt wurden. Bisher fehlt von dem Diebe jede Spur. Britz. Ein großes Schadenfeuer brach in der gestrigen Nacht auf dein Grundstück des Landwirts Wilhelm Schadow in der Rudowerstraße Hierselbst aus und vernichtete nicht nur die mit Ernte- Vorräten gefüllte Scheune, sondern auch ein Stallgebäude mit dem Vieh. Beide Gebäude brannten trotz intensiver Thättgkeit der Feuer- wehr total nieder. Es wird Brandstiftmig vermutet. Auf freiem Felde vom Blitz erschlagen wurde die Fran deS Handelsmannes Weißkopf, Neue Luisenstratze 19 in Potsdam wohn-' hast. Die W.schen Eheleute und deren 17jähriger Sohn waren vor- gestern nachmittag ans einein Acker in der Neuen Luisenstraße mit Feldarbeiten beschäftigt, als ein Gewitter zum Ausbruch kam. Die drei Personeil wollten nach einer nahe bei dem Felde befindlichen Untcrkunftshalle flüchten, als plötzlich ein Blitzstrahl in die Gruppe hineinschlug und alle drei besinnungslos zusammenbrachen. Weiß- köpf und dessen Sohn waren nur betäubt und erholten sich nach kurzer Zeit, während Frau W. anscheinend auf der Stelle getötet worden war. Die Haare waren ihr vom Kopf gesengt und der Körper mit blauen Strichen überzogen, die, vom Halse ausgehend, sich bis zu den Füßen erstreckten. Am rechten Arm war eine kleine Brandstelle sichtbar. Vom reformeifrigen Svandauer Magistrat! Es wird uns aus aus Spandan geschrieben: Unsre Stadtverwaltung und im speciellen unser Magistrat sind ja nachgerade be— rühmt geworden wegen ihrer oft recht eigenartigen Auffassung von den social- reformerischcn Aufgaben der Gemeinden. Wenn jemals in dieser Beziehung den bürgerlichen Stadtvätern ein geringes Zugeständnis abgenötigt worden ist, so stets erst nach langwierigen, heißen Kämpfen. Durch die bekannte Verzögerungstaktik hat man in den letzten Jahren so manchen socialpolitischen Fortschritt(Arbeits- Nachweis, Schulärzte, Schulbäder usw.) zu hintertreiben vermocht. und äußersten Falls scheut der Magistrat nicht einmal vor einem Konflikt mit den Stadtverordneten zurück, wenn diese zufällig einmal, sich über den engen Jdcenkreis der kommunalen Reaktion hinweg- setzend, in irgend einer Specialfrage eine weitherzigere Auffassung bekunden, als der Magistrat(Sommerurlaub für die städtischen Arbeiter). Was Wunder auch, hat doch der Oberbürgermeister in einer Sitzung erklärt, daß ihm jede Bethätigung in socialreformeri- scher Hinsicht durch die hämische Berichterstattung im„Vorwärts" direkt— verekelt werden könne. Ter Herr scheint nämlich der originellen Ansicht zu sein, daß die sociale Thätigkeit der Gemeinden nicht etiva ein Akt selbstverständlichster Pflichterfüllung, sondern mehr das Produkt irgend einer persönlichen Laune oder gar eines gönner- haften Wohlwollens ist. Nun will aber der Spandauer Magistrat mit aller, sonst in derlei Dingen nicht allzuoft an ihm bemerkten Energie eine--„Reform" durchsetzen, allerdings eine Re- form im urreaktionären Sinne— nämlich die st ä d t i s ch e Polizei soll diesmal daran glauben. In den letzten zehn Jahren sind nicht weniger als vier Anträge, welche auf die Ver» st a a t l i ch u n g der städtischen Polizei Spandaus hinzielten, ab- gelehnt worden, und zwar zuletzt erst vor wenigen Monaten. Seitdem kommt die Verstaatlichungsfrage nicht mehr zur Ruhe, und der Magistrat scheint neuerdings das! Eingreifen der Re- gierung herbeigeführt zu haben, denn wie jetzt verlautet, ist das, was der Oberbürgermeister in einer Stadtverordneten-Sitzung weis- sagte, inzwischen eingetreten: der Minister des Innern betreibt jetzt die Uebcrnahme der städtischen Polizei aus den Staat I Die Sache hat wunderbarerweise jetzt auch derartige Eile, daß die Stadtverordneten ihre Ferien unterbrechen und sich am kommenden Donnerstag mit dieser Angelegenheit beschäftigen müssen, und als Schreckmittel hat man auch gleich die Forderung einer Neuanstcllung von 1 Kom- nnssar und 19 Unterbeamten in Reserve I Erstaunt werden sich die Spandauer Steuerzahler fragen: Was ist denn da oben bloß los? Gerichts-Leitung. Ein Nachspiel zu dem Ringkampf Eberle-Koch. Wie wir früher berichteten, hat der Ringkampf Koch-Eberle zu einem Civilprozeß geführt. Ein Wettlustiger, der bei einem Buchmacher 6999 M. auf Eberle gesetzt und das Geld zu seinem Erstaunen verloren hat, da Koch bekanntlich als Sieger aus dem Kampfe hervorging, hat jetzt die Klage auf Herausgabe des Geldes gegen den Buchmacher an- gestrengt. Kläger behauptet, daß auf Grund einer vorher zwischen den Ringenden getroffenen Vereinbarung schon vor Beginn des jedes- maligcn Ringens das Ergebnis des Kampfes schon bekannt war, während der Beklagte behauptet, daß die Ringkämpfe im Cirkus Busch ernstlich gemeinte Kämpfe waren, bei denen lediglich die Körperschaft und die Gewandtheit der gegen einander Ringenden den Ausschlag geben sollten. Besonder in betreff de Schlußring- kampfes zwischen Koch und Ebcrle soll nach der bezeichneten Richtung hin Beweis erhoben und sollen dazu die beiden Ringkämpfer selbst, außerdem Direktor Busch, die beiden in dem Kampfe als Schieds- richter aufgetretenen Herren und der Chefredakteur Leo Leipziger qls Zeugen geladen werden. 5lläger wird vom Rechtsanwalt Dr. Jaroczynski, Beklagter vom Rechtsanwalt Marcus vertreten? Vermischtes. Straßvurg, 4. August. In Thann ist der Typhus ausgebrochen. Die Zahl der Erkrankten beläuft sich auf 66. In Bischweiler und Gcishausen wurden je 8 Typhusfälle konstatiert. Heilbronn, 4. August. In Jlsfeld, einem 2 Stunden von hier entfernten großen Baucrndorfe brach heute nachmittag eine Feuers- brunst aus, die bis jetzt 20 Häuser vernichtet hat. Die Kirche schwebt in großer Gefahr. Das Feuer soll von Kindern angelegt worden sein. Aachen, 4. August. Wegen Verbrechens gegen Z 175 wurde ein hiesiger Schutzmann verhastet. Er hatte zu einem 13V-jährigen Mädchen in unerlaubtem Verkehr gestanden, der Folgen hatte. Kirchenraub. Nach Meldungen aus Raheh-Wladomirow im Gouvernement Twer wurden in der dortigen im Centrum der Stadt gelegenen Okowiz-Kirche in der vorigen Nacht das kostbare Evangelium, sämtliche silbernen Gerätschaften, Altarkreuze und Heiligen- bilder von unbekannten Thätern gestohlen. Lynchmorde. Fast jede Woche bringen die Zeitungen in den Vereinigten Staaten Berichte von Lynchmorden, lieber hundert Lhnchmorde in einem Jahre ist die Regel und keinerlei Aufregung wird dadurch verursacht. Am häufigsten kommen solche Berichte aus dem Süden der Vereinigten Staaten und dort sind es fast immer Neger, welche der Bestie im Menschen zum Opfer fallen. Und diese Bestie wird immer grausamer, oft ganz entsetzlich grausanr. Was immer in den schaurigsten Erzählungen aus dem Jndianerleben von den Qualen eines Gefangenen am Marterpfahl berichtet wurde, das wird übertrofsen von manchem modernen Lynchgericht. Ist die Bestie im Menschen zur vollen Wut gestachelt, so begnügt sie sich nicht damit, da? Opfer zu hängen oder zu erschießen! sie will es peinigen, langsam zu' Tode quälen, bei lebendigem Leibe verbrennen. Dabei sind eS die„besten Bürger", die jeden Sonntag mit ihren Frauen zur Kirche gehen, es sind fromme Christen, die sich zusaminenthun, um blusige, furchtbare Rache an einem Mtmenschen zu nehmen, der ihre Gebote übertreten hat oder nur in einem solchen Verdachte steht. Einer der gräßlichsten Lynchinorde der neuesten Zeit wurde im vergangenen Monat März(1904) in Doddsville im Staate Mississippi verübt. Die demokrattsche Tageszeitung„Evening Post" von Vicks- bürg brachte den ausführlichen Bericht. Ein weißer Pflanzer war ermordet worden und ein Neger war des Mordes verdächtig. Der Neger floh und mit ihm sein Weib, welches in keiner Beziehung zu der Mordthat stand. Man brachte Bluthunde auf die Spur der Flüchtlinge, die nach einer aufregenden Jagd eingefangen wurden. Man peinigte die beiden schrecklich! einzelne Gliedmaßen wurden ihnen abgehackt! Korkzieher wurden in das Fleisch der Unglücklichen gebohrt und die blusigen warmen Fetzen herausgerissen, endlich wurden sie lebendig verbrannt. Niemand hatte die Frau verdächsiat und dennoch fiel dieselbe dem wilden Blutdurst der Menge ebenfalls zum Opfer. Eine solche schaurige Begebenheit wird oft zu einem Volksfest. Die Eisenbahnen lassen Extrazüge fahren, die Arbeit und die Ge- schäfte ruhen, die Farmer aus der Umgegend kommen zusammen, ganze Familien ziehen aus wie zu einem Freudenfeste, um das bestialische Vergnügen zu genießen, zu sehen, wie ein Mensch ge- foltert rind lebendig verbrannt wird. In den letzten zehn Jahren sind viele solcher Lynchmorde vor- gekommen, während es früher die Regel war, möglichst kurzen Prozeß durch den Strick oder die Kugel zu machen. Als Entschuldigung führen die Weißen an, daß ihre Frauen nicht sicher seien, daß die Neger fie vergewaltigen, und daß das Gesetz zu umständlich und milde walte. Gegen den letzteren Ein- Wurf spricht sehr deutlich ein Urteil, welches vor zwei Wochen in Mount Holly im Staate New Jersey gegen drei Neger ausgesprochen wurde. Es lautete wegen Angriffs auf eine weiße Frau auf je 49 Jahren Gefängnis und die Untersuchung dauerte nur einige Tage. Was den ersteren viel gehörten Grund anbetrifft, so hat dagegen erst kürzlich eine Frau Mary ChurÄ Terrell, Ehreupräsid entin der nationalen Vereinigung von farbigen Frauen in Amerika, eine Statistik angeführt, nach welcher von 100 Negern, die gelyncht wurden, 75—35 der Notzucht überhaupt nicht angeklagt waren. Von den Angeklagten aber waren viele unschuldig, und dennoch wurden sie gehangt oder verbrannt, sobald nur der Verdacht rege wurde und ein blutdürstiger Pöbelhaufen sie umringte. Es sind die Ueberreste brutaler Willkür aus der Zeit der Sklaverei, die sich in den Lynchmorden zeigen, und ferner ist es der niedrige Kulturstand der Weißen im Süden, wodurch die Bestie im Menschen noch so wenig gezähmt ist. Von dieser dunklen Seite des amerikanischen Lebens hört man wenig in Europa und die Presse in Amerika macht nicht viel Aufhebens davon. Desto mehr wird von christlichen Mssionsanstalten und der Bekänrpfung der Wilden in fernen Ländern geschrieben und gesprochen. ßnefTtaften der Redaktion. Schwert und Säbel. Fragen Sie an beim Sängerbund. Adresse Julius Meier, Urbanstr. 131.— Schleuse. Um die Kähne je nach dem jenseitigen Wasserspiegel zu heben oder zu senken. Wassermangel in der Spree hat auch solchen in den Kanälen zur Folge.— A.«. S. Bon Mitte Mai 1831 bis Schluß desselben JahreS.— twolkenl, 21 Stationen Q � Ii i? tcrSburg Cork Aberdeen Paris 753 SW 764�N 762 SSO 766, Still s Wetter 2balb bd. 1 heiter Zhedcckt — Wlcnl -äsi 4 S« S Ii =? H& 15 18 17 LI Wettcr-Prognos« für Freitag, den 5. August 1004 Heiß und schwül, vorwiegend heiter"bei schwachen sudöstlichen Winden: Gewitter nicht ausgeschlossen, sonst trocken. Berliner Detterbureau. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktton dem Publikum gegenüber keinerlei Beranttoortung. tlbeater. Freitag, den 5. August. Ansang 7',. Uhr: Neues königl. Opern> Theater. Die Geisha, oder: Eine japanische Theehausgeschichte. Bellc-Alliance. Gastspiel von Emil Winter- Tymians Humoristen. Zum Schluß: Unheimliche Gäste. Ansang 3 Uhr. Schiller O.(Wallner- Theater.) Der Troubadour. Svesten. Liebeshandel. Berliner. Zapscnstreich. Central. Olle Kamellen. LSuschen und Rimels. Hanne Nütes Ab- schied. Jochen Pasel. Ein kleiner Beamter. Neues. Einen Jux will er fich machen. Residenz. Die 300 Tage. Metropol. Ein tolles Jahr. Apollo. Venus aus Erden. Special!« täten. Hcrrcnfeld'Theater. Nur eine Nacht. Am andern Morgen. Stadt-Tbeater Moabit. Der reiche Pustekohl. ReichShallen. Stettiner Sänger. Paffage-Theater. Terka Semmeloff. Spectalitäten. Ansang 5 Uhr. ttrauia. Taube, istraste 48/40. Die Wellausstellung in St. Louis. — Der Gardasee. Jnvalldenstraftc 57/62. Stern« warte. Täglich geöffnet von 7 bis I t Uhr. luntverem„Mie" Berlin Mitglied des Arbeiter-Tnrnerbundes. Sonnabend, den 6. Angnst 1904: Grosses Sommerfest zur Feier des 14. Stiftungsfestes in den öesamtraumen der Neuen Welt, Hasenheide 108/1 14 }(onzsrt ♦ Speeialitäten ersten Hanges ♦ Sängersciiaft des Vereins Turnerische Mljühmngen ♦ Sommemachts-Sall. Kinderbelostigungen aller Art. Um 9 Uhr grosser Fackelzug bei bengatisclier Beleucbtung. _ mf Jedes Kind erhält gratis 2 Bons, rtMi___ IKV gültig für 1 Sttocklatcrnc, Karassell, Schaukel oder Rutschbahn."MU Die Kaffeeküchc ist von 2 Uhr an gebfliiet. Von 6 Uhr ab in allen Sälen Www« Grosser Ball. Urania. Taubenstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater; Die WeltamtelliiDg in St Louis. Hierauf: Der Gardasee. invalid, atr. 57/62 Sternwarte ,n,a'ii8n ) CASTAN S ANORTICUM. Schiller-Thealer 0. (Wallner-Theater). Morwist-Oper. Freitagabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötel. Der Troubadour, Große Oper in 4 Akten von G. Berdi. Sonnabendabend 8 Uhr: Der polul.cbe Jude. Sonntagnachmittag SU h r: Die Entführung aus dem Serail. Sonntagabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötel. Die Bugeuotteu. Der Sommergarten ist eröffnet. Im Garten de? Schiller-TheaterS N. täglich groBes Militär-Konzert. Neues Theater. Schiffbauerdamm 4b— 5. Ansang 8 Uhr. Sonnabend: Einen Jux will er sich machen. Kleines Theater. Unter den Linden 44. Ansang 8 Uhr. Sonnabend: ynchtasyl. Anfang 4 Uhr. 291/18* Eintritt»5 Pf. Bei ungünstiger Witterung findet das gesamte Programm in den neuerbauten Festsälen statt. Da« Komitee. 'A�:.jp$yi§ v v•'.v'-t ffh»»- ■"''!■:'...< Ce�itrai-l'heater 8 Uhr: Einakteravend aus Frist Renters Werken: 1. Olle Kamelle,:. 2. Läuschen und lüemelS. 3. Hanne Nütes Abschied. 4. Jochen Päsel. S. BräfigS lesttes Stündlein. 6. Ein kleiner Beamter. Emil Richard, kgl. Hoffchanspieler, a. G. Morgen und soigende Tage: Die« selbe Vorstellung. il f( II Heule u. folgende Tage r. Die 300 Tage. Schwank in 3 Akten von Paul Oteoault u. Robert Charwey. Deutich v. Äl. Halm. Ansang 8 Uhr. HeielisiiaUen-Tlieater. Inn wieder täglich: Apollo-Theater. vu ufix:©arteii-Konzert. 3-9'/. Uhr: D 6 b U t S der neuen ingust-lttraktionen u. Robert Steidl mit neuem Repertoire. 3'/. Uhr: Venus auf Erden. ?aul Sttteke. Operette von Gebrüder Herrnfsld-Theater. (XTIt Berliner Minier- Saison.) Knr eine Itaeht. Zwei Akte aus einer Ehe. Am andern Morgen. Nachspiel zu.Nur eine Nacht". Beide Stücke mit den'Autoren Anten und Donat Kerrnfeld in den Hauptrollen. Anfang 8 Ubr. Kaffen-Eröffnung 7Uhr. Borvcrlaus täglich tl— 2 Uhr. Der große Naturgarte» ist geöffnet. Melropol-Theater ßer grösste Erfolg iliesss Jahres: •" Gr. dramatisch- satirische Revne in 6 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaendor. 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Sonnabends T«ea m im Kaisersaal: i am 71 Za Frßbels ÄIIerlei-Thealer ft Puhlmann, Schönhauser Allee 148. fjeute: Beneflz-Toratellnng ür den Regisseur Bd. Wendt. Vollständig neue Spietsolge. Dockseitsreise. l�iese?!. 8ommernacht«itanz. Ansang 4'/, Uhr. Eintritt 30 Ps. her' unveiMüllhili'e Italienisehes Original-Orchester, Damen und Herren. Oer Kanipl um Port Mar, gr. akt Spektakel-Schauspiel. Das JBHrenweib, lebend. Der tßjShrlge Riesenknabe Der lange Josef 217 ctm gross._ SV"ada und Mnemos,-MW Gedankenleser. Dcrl-clchen f n n d. die schwebende Jungfrau. S.lles ohne Extra-Entree. am KönigstH., am Friedrichshain 29/32. Täniieh: Thealer Ii. WMn-MIlU foiksheiusligusgüD astl Ball. ÄjLieseeke in Italien. 10 U.:' Gelangspoffc m. Tanz p. L.Ely. Mittwoch: Kinderftendenfest. Bntre« St» Z't. Sonnab., 13. Aug., ist sür Vereine srei. MoWZtr. wvm, T U g 1 i C h Im«arten oder Saal: Vorsts Korddeutsche Kumoristen und Quartett-Sänger. Ans.: Woche 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Kon« baden Gültigkeit. 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Von den vielen Anträgen seien erwähnt die von Äera, Solingen, Fürth, Stendal und Herford auf Erhöhung der Beiträge um wöchentlich 5 Pf. Zur Zeit beträgt dieser 25 Pf. pro Woche. Vom Vorstand ist in dieser Richtung ein Antrag nicht ge- stellt. Diese'- steht, nach den Ausführungen Stühmers(Ver- bandsvorsitzenden) auf dem Standpunkt, das; eine Beitragserhöhung zugleich eine Erhöhung der Unterstützungssätze bringen müsse, solle sich nicht jedesmal ein Sturm der Entrüstung unter den Kollegen geltend machen. Tagegen beantragt der Vorstand, datz ihm das Recht eingeräumt werden möge, wenn es nötig sei, mit Zustimmung des Ausschusses Extrabeiträge auszuschreiben, die dann sämtliche Mitglieder zu zahlen haben. Dieser Antrag, wie auch die Anträge auf Erhöhung der Beiträge, finden wenig Sympathie. Gegen den Antrag des Vorstandes bezüglich des Extrabeitrages wird geltend gemacht, daß darüber auch die Mitglieder mitsprechen wollten, even- tuell eine Urabstimmung entscheiden solle. Anträge von Dresden, Lüneburg und Regensburg wollen ältere Mitglieder, die das 60., beziehentlich das 56. Lebensjahr überschritten und mindestens 15, beziehentlich 25 Jahre dem Verbände angehört haben, vom Beitrag befreit sehen, unter voller Wahrung der statutarischen Rechte. Voraussetzung dabei soll sein, daß die betreffenden Kollegen nicht mehr im stände sind, durch Invalidität oder Altersschwäche so viel zu verdienen, um Beiträge leisten zu können. Gegen diese Anträge werden praktische Bedenken geltend gemacht. Besonders schwierig sei es, sich an die Altersgrenze zu halten. Diejenigen Delegierten, die sich aus den erwähnten Gründen gegen die Beitragsbefreiung aussprechen, wollen solche Fälle immer einzeln entschieden wissen. Zu den Urabstimmungen wird angeregt, diese erheblich einzuschränken. Zur Begründung verweist man auf die Verbandstage, die doch dazu da seien, um den Willen der Mitglieder zur Geltung zu bringen und deren Bedeutung herabgesetzt werde, wenn es möglich sei, durch Urabstimmung die Verbandstagsbeschlüsse wieder illusorisch zu machen. Ein Antrag Lübeck will, daß Mitglieder, die schon wieder- holt dem Verbände angehörten, nur dann wieder Aufnahme finden sollen, wenn dazu die Mitgliederversammlung des betreffenden Ortes ihre Zustimmung erteilt hat. Auf wiederholt geäußerte Bedenken gegen das Rechr des Vorstandes, Extrabeiträge zu erheben, stellt K ä m i n g, Verbandskassiercr, richtig, daß der Vorstand sich dieses Recht so gedacht habe, daß nur bei außergewöhnlichen Anforderungen infolge von Lohnkämpfen ein Extrabeitrag ausgeschrieben werden könne, vielleicht von 56 Pf. oder 1 M. und diese Extraleistung dann wieder zu verschwinden habe. Dauernde Extrabeiträge habe der Vorstand nicht im Auge. Weitere Anträge wollen die Gehalt- frage der Verbandsbeamten regeln. Unter diesen Anträgen wollen die meisten als untere Grenze 2166 M. Jahresgehalt gesetzt sehen. Als Höchstgehalt variieren Sätze von 2466 M. und 2866 M. K ä m i n g, Verbandskassierer, wendet sich dagegen, daß man bei den Gehältern der Verbandsbeamten als Matzstab anlege, was die Kollegen als niedrigstes Einkommen vielfach noch verdienen. Ebenso falsch sei es, statt einer bestimmten Gehaltsregelung nach einer Ge- halisstala die Festsetzung der Gehaltshöhe nur den Verbandstagen zuweisen zu wollen.' Redner begründet zugleich den Antrag des Borsiandes. den Verbandstag in Zukunft, statt alle 2 Jahre nur noch alle 3 Jahre stattfinden zu lassen.(Ein gleicher Autrag ist auch von einer Anzahl Filialen, aber meist kleinerer, gestellt.) Die gestellten Anträge auf Erweiterung der Unterstützungseinrichtuugen bittet Redner abzulehnen. Sähe man von der Erhöhung der Bei- träge ab, so solle man darauf sehen, daß unter allen Umständen auf Stärkung des Kampffonds Bedacht genommen werden müsse, denn die Kämpfe mit dem Unternehmertum würden immer ein- schneidender. Ein Antrag auf Schluß der Gcneraldiskussion wird darauf angenoinmen und zur Specialberatung aller zum Statut gestellten Anträge eine sicbengliedrige Kommission gewählt. Versammlungen. Parlamentarismus und Generalstreik.— Maifeier. Diese Gegenstände bildeten die Tagesordnung einer öffentlichen Versannnlung, die das Gewerkschaftskartell Berlin und die Geschäfts- kommiffion ver Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften am Mittlvoch einberufen hatten. Die Versammlung tagte in Kellers Saal. Sie war sehr stark— von wenigstens 1566 Personen— be- sucht. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Einberufer Kater des verstorbenen Genossen Keßler, dessen Andenken die Ver- sanimelten in üblicher Weise ehrten. Dann erhielt Dr. Friede- b e r g das Wort zu seinem Vortrage über:„Parlamen- tarrsmus und General streik." Die grundlegenden Gedanken des l'/zstündigen Vortrages sind etwa folgende: Unser Ziel ist: Beseitigung der Klassenherrschaft, Bethätigung der freien Persönlichkeit. AllcS andre ist uns Mittel zum Zweck. Wir müssen nnS fragen, wie weit wir diesem Ziele nahegekommen sind. Die allgemeine Lage des Proletariats hat sich nur ganz wenig gebessert, und dies wenige ist nicht auf Rechnung des Klassenkampfes allein zu setzen. sondern dabei haben andre, vom Klassenkampf unabhängige Unistände mitgewirkt: Prosperität, Auffchwung des Kapitalismus, der Technik und Wissenschaft. Wenn wir die gegenwärtigen Verhältnisse betrachten, dann sehen wir. daß die Klassenherrschaft ungeschwächt besieht und die Lage des Proletariats kaum ein wenig gebessert ist. ES entsteht nun die Frage: hat die deutsche proletarische Bewegung Fehler gemacht? Ich behaupte, daß die Taktik, welche das deutsche Proletariat bisher eingeschlagen hat. mindestens unzweckmäßig ist. sSchr wahr!) Unsre politiiche Bewegung ist von dem Gedanken getragen: Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse. Das allgemeine Wahlrecht sollte das Mittel dazu sein. Was haben wir damit erreicht? Im Anfang unsrer Bewegung haben unsre alten Führer durch ihr Feuer die Massen begeistert. Damals war die Abgabe der Wahlstimnie ein Bekenntnis der Persönlichkeit; heute ist sie nur noch eine Sache des Vorteils. sSehr wahr l) Die drei Millionen Stimmen wiegen für mich sehr wenig.(Sehr richtig I Beifall.) Wo ist denn die Macht des Proletariats? In Sachsen haben wir unS das allgemeine Wahlrecht nehmen lassen, wir konnten eS nicht behaupten. Wenn heute die Zettelungen gegen das Reichs- tagö-Wahlrechl zur Durchführung gelangen, so ist daS deutsche Proletariat völlig ohnmächtig dagegen.(Sehr wahr I) Ich sage: Wir werden den: allgemeinen Wahlrecht keine Throne nachweinen. Im Gegenteil, wir werden wieder einmal den Mangel an Taktik unsrer Gegner bewundern müssen, ihre Taktlosigkeit, die der deutschen Arbeiter- klaffe endlich einmal die Augen öffnen wird über den Weg. den das deutsche Proletariat zu gehen hat.(Beifall.) Der Parlamentarismus ist ein Instrument der herrschenden Klassen, er hat uns keinen Bor- teil gebracht. Neun Zehntel von dein, was im Parlament ver- handelt wird, hat mit den Klasseninteressen des Proletariats nichts zu thun. es dient vielmehr den Interessen der herrschenden Klasse. Durch die Mitarbeit an diesen Dingen leidet die Wahrheit der Persönlichkeit unsrer Vertreter, denn sie �müssen ihr« revolutionäre Gesinnung oft verbergen. Dabei ist unsren Führern auch die Fühlung mit den Massen verloren gegangen und die unmittelbare Arbeit für das Volk hat dadurch gelitten. Unsre Bewegung ist von einer großen Kultur- bewegung herabgesunken zu einer reinen Magenfrage.(Sehr wahr I) Nach unserm Programm soll die Religion Privatsache sein. ES gievt keinen Gott. Wenn wir sreie Persönlichletten sein wollen, darf die Religion nicht Privatsache sein. Rückständig ist die Social- demokratie geworden, sie nimmt Rücksicht auf die rückständigen Massen.(Starker Beifall.) Philisterhafter und spießbürgerlicher wie die Angehörigen des Bürgertums sind unsre Vertreter getvorden. (Zustimmung!) Auf dem Wege, den wir bisher eingeschlagen haben, können die Ziele des Socialismus nicht erreicht werden. Dadurch, daß Gesetze mit Hilfe der Socialdemokratie zu stände kommen, wird der Sinn für Gesetzlichkeit im Proletariat befestigt, einer Gesetzlichkeit, die nur im Interesse der herrschenden Klasse liegt. Unsre anfangs freie Bewegung ist verflacht, sie hat nicht mehr den Mut, offen zu bekennen: Wir erkennen die Gesetzlichkeit des Klasienstaatrs nicht an. Wenn Bebel in Dresden sagte, er sei der Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft, so glauben wir das nicht, denn er hilft ja mit an der Gesetzgebung zur Erhaltung dieser Gesellschaft. Der Parlamentarismus ist ein schlechtes Erziehungsmittel, denn er stellt an die Persönlichkeit so geringe Anforderungen, daß die Heranbildung freier Persönlich- keilen nicht möglich ist.— Es wäre schlimm, wenn wir kein andres Mittel zur Beseitigung der Klassenherrschaft hätten als das, welches uns die bürgerliche Gesellschaft giebt: den Parlamentarismus.— Ein besseres Mittel, unsre Ziele zu erreichen, ist die Gewerkschasts- bewegung. die Berufsorganisation. Sie trägt den Ideim der neuen Gesellschaftsordnung in sich. Unsre politischen Organisationen, au denen ja die parlamentarische Bewegung ruht, haben es in vierzig Jahren auf etwa 266 666 Mitglieder gebracht, die Gewerkschaften zählen bereits über eine Million Mitglieder. Die Gewerkschaftsbewegung ist in ihren Grundzügen durchaus richtig, aber sie hat sich zu enge Ziele gesteckt. Sie sieht ihre Aufgabe nur in der Verbesserung der momentanen Lebensloge der Arbeiter und erkennt nicht, daß sie gerade die Ausgabe hat, unser Ziel zu erreichen. die fteie Persönlichkeit zu entwickeln. Schmachvoll ist es, da z Gewerkschaften schon dahin gekommen sind, wegen der Kosten au die Maifeier zu verzichten.(Beifall.) Das Bestreben der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung ist darauf gerichtet, unter allen Umständen ökonomische Macht für die Arbeiter zu erlangen. Wir müssen den idealen Sinn, den unsre Bewegung früher hatte, wieder ge Winnen, nicht aber um jeden Preis ökonomische Macht zu erhalten suchen. Tie Gewerkschaften müssen eine Erziehungssrätte für das Proletariat sein. Sie sollen kein Anhängsel der Partei, sondern das Rückgrat des ganzen Klassenkanipfes sein. Die Generalstreiks idee kann den Gewerkschaften einen festen Rückhalt und einen weiten Horizont geben. Durch die Idee des Generalstreiks geben die Gewerkschaften dem Proletariat das, was ihm die politische Bewegung nicht geben kann. Der Generalstreik ist das einzige Mittel, womit wir den Klasfenstaat tödlich treffen könne». Natürlich läßt sich diese Idee von heute auf morgen nicht verwirklichen, aber wenn wir nach langjähriger Agitation drei Millionen an die Wahlurne gebracht haben, wird es uns leichter ge- lingen, vier Millionen zur Arbeitsniederlegung zu bewegen. Die Generalstreiks-Jdee gießt uns neue SiegeShoffnung ins Herz. Sie kann es dahin bringen, daß wir viel schneller als wir glauben, ans Ziel kommen.— Die Hauptsache ist die Erziehung der eignen Persönlichkeit. Man darf nicht— wie beim Parlamentarismus— alles vom Gegner erwarten. Um die Erziehung der freien Persönlichkeit zu fördern, muß alles Hemmende— besonders die Behandlung der Religion als Privatsache— aus unsrem Pro gramm eutfentt werden. Wenn man heut ein fteies Wort lesen will, muß man zur anarchistischen Presse greifen, in der social demokrattschen Presse findet man es nicht mehr. Ich empfehle des halb die Lektüre anarchistischer Schriften.— Daß das Militär gegen den Generalstreik ins Feld geführt wird, brauchen wir nicht zu fürchten, Ivenu die Gewerkschaften, wie in Frankreich, antimilitaristische Propaganda treiben.— Die Idee des Generalstreiks mutz propagiert werden, sie muß zur leitenden Taktik des Proletariats werden.(Leb hafter Beifall.) Zu diesem Punkt der Tagesordnung lag folgende R e s o lution vor: Die irrtümliche Auffassung vom Wesen des Staates, ganz besonders aber die Uebertchätzung des Paria men- t a r i s m u s, haben allmählich das Proletariat vom Boden des eigentlichen Klassenkanipfes abgedrängt. Die Trennung der proletarischen Bewegung in politische Partei und Gewerstchafts bewegung, die daraus erwachsene Neutralisiernng der Gewerk schaften. welche heute fast ausschließlich in der Verbesserung des Arbeitsvertrages ihre alleinige Aufgabe erblicken, hat dem Klassen- kämpf den Todesstoß gegeben. Die mit der parlamentarischen Bethätigung notwendigerweise verknüpfte Verschleierung der Ziele des SociaUSnms, seiner au' L o s l v s u n g von den Gesetze» des Klassen st aates seiner ans völlige und endgültige Befreiung der menschlichen Persönlichkeit gerichteten Tendenz; ferner der aus der Verflachung der Gewerkschaftsbewegung herrührende enge Horizont, die beiden Bewegungen heute eigentümliche un geheure Ueberschätzung der materiellen Mittel, haben eine völlig falsche Erziehung der Massen bewirkt und dadurch das'deutsche Proletariat an äußeren Mitteln wenig reicher, an wahrer Macht ärmer gemacht.— Die wahre Macht deS Proletariats beruht auf der m ö g l i ch st großen Zahl völlig freier, vom Geist des Klassenkanipfes durchdruiigener Persönlich leiten, wie sie niemals der auf einem Vertretungssystem be ruhende Parlamentarismus, wohl aber eine vom Geist des Socialismus getragene Geiverkschastsbcivcguiig heranbilden kann. „Geistige und sittliche Entwicklung der Einzelpersönlichkeit"; .Selbständige Organisation der Kon suintion ulld lvenn möglich der Produktion"; Massenaktionen Mit voller Verantivort- lichkeit jedes einzelnen— Streiks, Maifeier, Boykott— da? find die Vorbedingungen der endgültigen Befreiung des Pro letariats. Diese Befreiung selbst, die Aufhebung der Klassenherrschaft, wird erfolgen durch den General- streik. Nicht durch eine Revolution, nicht im Wege des Blut- vergießens und roher Gewalt, sondern durch ein ethisches Känipf- mittel, durch die Verweigerung der Persönlichkeit. die, in weitem Umfange durchgeführt, das Proletariat aus der Produktion ausschaltet und dadurch die ökonomische Herr schaft der Kapitalistenklasse und ihr Instrument, den Staat, beseittgt. Aus diesen Gründen erwartet die heute am 3. August 1364 bei Keller tagende Versammlung der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften in Berlin: Daß die nur indirekt nützende, unzweckmäßige, ungeheure Opfer an geistigen und materiellen Kräften erfordernde p a r I a- mentarische Bethätigung zurückgedrängt, alle Kräfte des deutschen Proletariats direkt auf die geistige und sittliche Hebung des Pro- letariats und auf den wirtschaftlichen Kampf verwandt werden. Daß darin» der Ausbau der gewerkschaftlichen Organisationen und die Erziehung der Gewerkschaftsmitglieder über die Tagesfragcn hinaus zu idealgesinnten, bewußten Klassenkämpfern mit aller Macht betrieben und so die Möglichkeit eines siegreichen Ge- neralstreikS für das deutsche Proletariat baldigst verwirklicht werde. Ueber die Stellung der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften zur Maifeier sprach Kater. Er betonte, daß die Freie Vereinigung stets den Standpunkt ein- genommen habe, daß die politische und die gewerkschaftliche Be- wegung eins sein muß. Wer jetzt glaube, daß mit dem Tode Keßlers die von ihin vertretene gewerkschaftliche Richtung erlöschen werde, dem solle gezeigt werden, daß er sich gründlich irre. Der Kampf werde sich nicht mehr um Personen, sondern nur um Ideen drehen. Der Redner kritisierte die in der Parteivcrsammluug am Dienstag angenommene Resolution. Wenn die Organisatton mit ihrem Geldsack hinter denen stehe, welche wegen der Maifeier ausgesperrt werden, dann habe die Feier keinen Wert. Die Opfer müsse jeder selbst auf sich nehmen. Der Redner empfahl folgende Re- s o l u t i o n: In Erwägung, daß seit dem Internationalen Kongreß 1883 zu Paris, der ftir den 1. Mai 1836 eine Internationale Mani- festation(Kundgebung) beschloß, mit der Maßgabe, daß gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten(Behörden) die Forde- rung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen usw. In fernerer Erwägung, daß sich seit 1336 bis 1363 der Ge- danke der Arbeitsruhe am 1. Mai als Demonstration und als würdigste Feier desselben immer mehr und mehr eingelebt hat, beschließt die Versammlung, am 1. Mai jeden Jahres die Arbeit ruhen zu lassen. Jeder Arbeiter hält es für seine Ehrenpflicht, an diesem Tage durch Verweigerung der Persönlichkeit unter voller Selb st Verantwortung der Klassengesell- schaft sowie dem klassenbewußten Proletariat zu bekunden, daß die Idee des allgenieinen Generalstreiks im Wachsen begriffen ist. Die Feier des 1. Mai soll der Maßstab für das Wachsen des Klassenbewußtseins im Proletariat sein. Den Referaten folgte eine längere Diskussion, an der sich Haupt- sächlich Personen beteiligten, die als Anhänger anarchistischer oder dem Anarchismus nahestehender Anschauungen bekannt sind. Der erste Redner, W e i d n e r- Friedrichshagen, sagte, solche Worte, wie sie Dr. Fricdeberg gegen die Taktik der socialdemokratischcn Partei richtete, habe man seit der Bewegung der Unabhängigen in großen Versammlungen nicht gehört. Daß solche Worte endlich öffent- lich ausgesprochen werden, sei mit Freuden zu begrüßen. Daß eS dahin kommen konnte. das sei eine Folge der Niederlage von Crimmitschau. Es müsse jetzt eine neue Ivirtschaftliche Kampf- taktik eingeschlagen werden.— Albert Freude führte aus, er sei mit Friedeberg einverstanden unter der Voraussetzung, daß der- selbe nicht die anarchistische mit der gewerkschaftlichen Bewegung ver- knüpfen wolle. Der Generalstreik sei nur durchführbar, wenn wir eine geschlossene gewerkschaftliche Organisation haben. Deshalb müsse der Gegensatz zwischen lokaler und centralerOrganisation beseitigt werden und beide Richtungen müßten gemeinsam arbeiten.— Rudolf Lange führte sich als Anarchist ein. Er wolle aber nicht als solcher, sondern als revolutionärer Socialist zur Versammlung sprechen. Er freue sich über die lange nicht gehörten Töne, die hier angeschlagen worden seien. Es sei eine Genugthuung für die, welche wegen der heute von Friedeberg ausgesprochenen Ansichten jahrelang bekämpft und beschimpft worden seien, daß diese Ideen jetzt durch ernste Männer öffentlich vertreten werden. Mit der Annahme der vor- liegenden Resolution trete die Versammlung in Gegensatz zur Taktik ihrer Partei, sie werfe der Partei den Fehdehandschuh hin. Das sei ein historisches Ereignis, das man in den höheren Kreisen der Partei nicht mehr ignorieren könne, wie es bisher geschehen sei, so lange derartige Ansichten nur in kleinen Kreisen erörtert worden seien. Ferner behauptete der Redner, die socialdemokratische Presse unterrichte ihre Leser nicht über wichtige anarchistische Veranstaltungen. Wie weit sich die Gewerkschaften vom Klassenkampf entfernt hätten, er- helle aus dieser Thatsacbe: Als die Annahme des Wuchertarifs im Reichstage bevorstand, habe Dr. Karl Liebknecht dem Parteivorstande den Vor>ch lag gemacht, man möge eine Demonstration in der Weise veranstalten, daß man die Arbeiter bewege, in losem Zuge am Reichstagsgebäude vorbeizuziehen. Der Parteivorstand habe Liebknecht an die Berliner Gewerkschaftskomnnsston gewiesen, dieselbe habe den Borschlag aber mit der Begründung ab- gelehnt:� Die Gewerkschaften seien gegen Straßendemonstrationen, auch würden etwaige Maßregelungen anläßlich der Denwnstratton zu viel Geld kosten. Der Redner ichloß unter lebhaftem Beifall mit den Worten: Propagieren Sie, was Sie heute beschließen. Es lebe der rcvoluttouäre Socialismus I Es lebe der Generalstreik I— Genosse Dannenberger führte aus: Die Anarchisten irren, wenn sie meinen, solche Worte, wie hier gesprochen lourde», habe man seit 12 Jahren nicht gehört. Die Freie Vereinigung der Gewerkschaften habe den hier bekundeten Standpunkt immer vertreten. Sie habe sich damit nicht in Gegensatz zum Parteiprogramm, aber in Gegen- satz zur Partcitakttk gestellt. Er wünsche jedoch, daß diese Ansichten im Einverständnis mit der Partei vertteten iverden können. Mit einem Teil der Ausführungen Friedebergs erklärte sich der Redner nicht einverstanden, namentlich stimme er der auf Bebel bezüglichen Aeußerung nicht zu. Bebel habe bewiesen, daß es ihm stets bitter ernst war mit der Bekämpfung der bürgerlichen Gesellschaft.(Sehr richtig I) Mit dem Generalstreik erklärte sich der Redner einverstanden. — B i e st e r sprach gegen den Parlamentarismus und die Social- demokratie. Gegen 12 Uhr wurde ein Schlußantrag angenommen. 16 Redner standen noch auf der Liste. Yu seinem Schlußwort bemerkte Dr. Friedeberg, or könne zu semer Freude konstatieren, daß eine der seimgen entgegenstehende Anschauung in der Diskussion nicht ausgesprochen wurde. Gegen- über Dannenberger sagte der Redner, er habe dem Genoffen Bebel nicht zu nahe treten wollen; er habe ja ausdrücklich betont, daß unsre alten Führer ihr ganzes Feuer und ihre ganze Kraft für unsre Bewegung einsetzten. Der Redner schloß: Wir thun mit der Bethätigung der hier ausgesprochenen Ansichten einen schweren Schritt, aber die Zukunft der Arbeiterbewegung wird es uns Dank wissen.(Beifall.) Die Resolution zum Parlamentarismus und Generalstreik wurde gegen 6 Stimmen, die Resolution zur Maifeier einstiinmig angenommen.— Beide Resolutionen werden, wie der Vorsitzende H i n r i ch s e n bemerkte, von den durch die Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften nach Amsterdam delegierten Genossen ver- treten werden. Die Sektion der Putzer des Centralverbandes der Maurer Deutschlands hielt am 31. Juli ihre Mitgliederversammlung ab. Der Kassierer Kclpin erstattete den Kassenbericht vom zweiten Quartal 1364. Die Einnahme und Ausgabe der Zweigvereinskaffe betrug 12 864,25 M. Die Lokalkaffe hatte einen Bestand vom ersten Quartal von 41 633.43 M.. eine Einnahme von 6856.65 M. in Summa 43 548,54 M. Die Ausgabe betrug 2268.57 M.. bleibt ein Bestand von 46 273,37 M. Die Mitgliederzahl betrug am Schlüsse des Quartals 1346. Der Vorsitzende N e u m a n n gab darauf einen kurzen Situationsbericht, in dem er folgendes aus- führte: Tie Hochkonjunktur hat jetzt zwar für uns etwas nach- gelassen, es ist aber zu erlvartcn, daß sie nach einigen Wochen wieder von neuem einsetzt. Des weiteren machen sich noch immer Mißstände auf den Bauten bemerkbar. Zu diesen gehört hauptsächlich die Baubudenfrage. Neumaim hat Bauten angetroffen, auf ocnen jede Kolonne eine besondere Bude hatte, das heißt, manchmal ver- dienten diese die Bezeichnung Baubude nicht. Redner macht es ämtlichen Anwesenden zur Pflicht, dafür mit allem Nachdruck zu örgen, daß auf jedem Bau eine vorschriftsmäßige gemeinsame Bau- bude vorhanden ist, und daß nicht jede Kolonne in einen besonderen Winkel zieht. Wenn möglich, soll die Baubude gemeinsam mit der der Maurer sein, wodurch auch die Kollegialität mehr gepflegt und eine beffere gegenseitige Kontrolle betreffs Jnnehaltung der Arbeitszeit sein würde. Sämtliche Diskussionsredner schloffen sich diesen Ausftihruugen an, wodurch die Versammlung� ihr Ein- Verständnis kundgab. Nachdem noch verschiedene interne Au- gelegcnheiten erledigt waren, erfolgte Schluß der Versammlung. Deutscher Ketallarbeiter-Verbanä. Verwaltungsstelle Berlin. Haopt-vareaa: Enzxel-TIkei' 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher Amt IV, 9070. _jap— Arbeitsnachweis Amt IV, 3353. Montag, den 8. August, abends 8Vs Uhr, im gr. Saale der Brauerei Friedrichshain: General- Bersammlnng cler Verwaltungsstelle Kerlm. Tagesordnung: i. Kassenbericht und Bericht der Revisoren. 2. Neuwahl des Zweiten Bevollmächtigten, des Rendanren, zweier Revisoren, eines Beisitzers; außerdem Neuwahl von vier Beamten. 3. Anträge der Orts- Verwaltung und an die Verwaltung gelangte Anträge. 118/20 Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.-WsZ Sonnabend, den 6. Aug»st, abends 8V2 Uhr, im Lokale von Dicke, Ackerstr. 123: Versammlung der BobUr, Bohrer, Stoßer und f räfer. Tagesordnung: 1. Bericht der Ortsoerwaltung. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. _____ Die Ortsverwaitqng._ Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute Freitag, abends 8l/z Nhr, im Gewerkschaftshanse, Engel-Ufer 13: Trteimg der* OrtsverwaBfung. M-Hnd der Mn Deotseblends. Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- und Cementbranche, Gruppe der Rabitzspanner. Tonntag, 7. August, vormittags IG'/, Uhr, bei Herrn jrannasehh. Jnselstr. 10: 149/14 Mitglieder Urrsammlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zahlreiche Beteiligung der Mitglieder wünscht Der Vorstand. Achtung! Töpfet�Ttäget Aelltung! Berlins nnd Umgegend. Verband d.Kau-Frd- u. gtinerbl.Hilfsal beiterVeutschlands. Montag, den 8. August, abends 8 llhr. im Lokal von Fleiler, Rosenthalerstr. 57: Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen D. Bttttcher. 2. Diskussion. 3. Ver- bandsangclegenhciten. 34/2 Das Erscheinen sämtlicher Mitglieder ist dringend notwendig. Mit- gliedsbuch legitimiert._ Die Ortsvcrwaltung. Tischler-Verein zu Serlin. (E. H. 89.) 199/2 Sonnabend, den 6. August, abends ö'/j Uhr, Mclchiorstr. 15: V e r s a m m 1 n n g. Aufnahme neuer Mitglieder, Vcrcinsangelcgenheitcn. Der Vorstand. Sonntag, den 7. Angnst, vormittags 10'/, Uhr, bei Franke, Sebastianstr. 39: 1756 M Gcncral-Verfamtnluiig. � DM- Wegen der wichtigen Tagesordnung ist es Pflicht der Kollegen zahlreich zu erschemen. Mitgliedskarte legitimiert. Mitglieder werden aus- genommen. Her Vorstand. NG. Der Arbeitsnachweis befindet sich bei August Schröder, Sebastianstr. 50. Dortselbst erhalten organisierte Kollegen kostenlos Arbeit nachgewiesen. vr. Lirnrnel, Specialarzt für[19/1* Haut- nnd Harnleiden. 10—2,5—7. Sonntags 10—12. 2—4. „Berliner Arbeiter- Radfahrer-Verein". Tonren zum Sonntag, den 7. August: 1., 2., 3., 4., 5. Abteilung: früh 6 Uhr nach Finkenkrng. mitt. 12'/,„„ Spandau. - 1., 2., 3. Abt. Brandenb. Thor, otart: 4. u. 5.. Andreasplatz 6. 306t. früh 7 Uhr nach Degelort, . mitt. 2„„„(Bellevue). Start: Koppenplatz. 7.906t. mittags 12'/, Uhr: Spandan. Start: Müllerstr. 7(Krause). 8. Abt. früh 5 Uhr nach Gr.-Sodönebeok, „ mitt. 12'/, Uhr nach Spandau. Start: Fischer, Waldstr. 8. 9. Wt. mitt. 1 Uhr: Friedrichshagen. Start: Gipssir. 2. 13/7 Dr. Schünernann Spccialarzt für Haut», Harn- n»d Franeiileidc», Sez'delstr. O. Wochentags'/,12-'/,8,'/,«-'/,8. Achtung, Glaser! Freitag, den 3. August, abends 8 Uhr. in den Jndustrie-Festsälen, Bcuthstrafle 19/22: Lemeinlame Versammlung der Arbeitgtber und der Arbeituthmer. Tages-Ordnung: 1. Richtigstellung des Rundschreibens der Glaserinnnng an die Glaser- mcister Berlins. 2. 3lntwort aus das Schreiben des Glasermeistcrs I. Salamonis an die Streikleitung. 3. Bericht über die Einigungsverhandlung vor dem Gewerbegcricht am 4. 3lugust. 73/3 I. A.: C. Jahn. Gentral-Krankenkasse der Maurer„Grundstein zur Einigkeit". Sonntag, den 7. d. M., vormittags 10 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 15: lUtKlteÄv»'- V ersammlung. Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom II. Quartal. 2. Kass enangclegenh eiten. Mitgliedsbuch legitimiert."TJBÜ 149/3 Die Ortliche Verwaltung. Vereinslokal: H. Thiel, Bergstr. 151/152. Sitzung jeden JVIontag Va9 dhr. 7. August 8 Uhr nach Trebbin.— 14. August 1 Uhr Familientour nach Johannisthal.— 21. 3luaust 6 Uhr nach Beelitz.— 28. August 8 Uhr nach Strausberg.— 4. September 1 Uhr Rahnsdorser Mühle.— Gäste willkommen. 13/lg___ Der Vorstand. Malergehilfen, Malermeister! Unterzeichnete Firma, deren Specialität Neuheiten in Schildern ist, wünscht mit Malern, die im Besitz von Neuheiten. Verbesserungen oder wert- vollen Erleichterungen aus diesem Gebiete sind, in Verbindung zu treten behuss eventuellen 3lnkauss dieser Neuerungen. Strenge Diskretion. 05ltsr Matlsen& Co., Kopenliagen, Dänemark, Kompagnlstraede 23. 59232 SW. Lindeuftraste 69, Lade». VnentbehrlichfirAlisjlügter! Specialkarten der näheren Umgebung Berlins. Bernau-Biesenthal. Lanke, Liepnitz- und Wandlitz-See... 1,00 M. Buckow am Schcrmützel-See(Mär- tische Schwei,) nebst Führer 0,75 M. Köpenick- Friedrichohagcn, Wol- tcrsdors- Erkner- Schmöckwitz- Kö- nigs-Wusterhausen-Mittenwalde 0,75 M. Eberswalde, Freienwalde-Oderberg 1.25 M. Eberswalde, Jagdschlosi Hubertus- stock, Kloster Chorm.. 1,00 M. Freienwalde und nächste Umgebung nebst Führer..... 1,00 M. Freienwalde, Wriczen, Oderbcrg 1,00 M. Grunewald und westliche Vororte Berlins....... 1,00 M. Potsdam, Stadtplan mit nächster Umgebung nebst Tourenverzeichnis 0,75 M. Potsdam und Werder. 1,00 M. Spreewald m. praktischem Touristen- sührer....... 0,75 M. Strausberg und der Blumenthal 1,00 M. Tegel- Heiligcnsee, Schulzendors, Hermsdors, Haselhorst und Hacken- selbe........ 0,75 M. Ferner empfehlen als sehr praktisch: Taschenatlas von Berlin und Um- gebung/ enthaltend 21 Karten und Pläne mit Führer, leichthandlichcs Format....... 2,00 M. Wanderbuch für die Mark Brandenburg. 3 Bände. Zu- sammen....... 5,00 M. I. Teil: Nähere Umgebung Berlins, umsaßt die Gegend von Potsdam, Spandau, Oranienburg, Königs-Wusterhausen.. 1,50 M. II. Teil: Westliche Hälfte der Um- gebnng Berlins bis Branden- bürg a. H., Stendal, Tangermünde, Neu-Ruppin, Neu-Strelitz 1,50 M. HI. Teil: Oestliche Hälfte der Um- gebnng Berlins bis Eberswalde, Frankfurt a. O., Schwedt, Küstrin, Lübben, Spreewald, Muskau 2,00M. Diese Wandcrbücher bieten Pracht. volle Schilderungen der Mark, viele detaillierte Karten und Pläne und sind so dem Wanderer ein zuverlässiger Führer und Berater. 234/11* Verband der tUiniZten und Heizer sowie lerolsgenossen Deutschlands. Verwaltungsstelle Berlin u. Umg. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Emil Werver am 2. d. M. nach langer Krank- heit verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 6. d. Mts., nach- mittags 2 Uhr von der Halle des StädtischenFriedhoses inFriedrichs- selbe aus statt. 138/20 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltung. Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß unsre ge- liebte Tochter CksHottv im Alter von 8 Jahren plötzlich verstorben ist. Julius Ulbrleh nebst Familie. Rummelsburg, Hauptstr. 88. Die Beerdigung smdet Sonntag, den 7. August, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des hiesigen Fried- hoses aus statt. 170b Danksagung. Sagen hiermit allen Bekannte», Freunden und Kollegen der Firma Bechstein, sowie des Pflanzervereins „Unverzagt" und des Holzarbeiter- Verbandes sür die zahlreichen Kranz- spenden und rege Beteiligung bei der Beerdigung unsres lieben Vaters, des Tischiers Jakob Peters, unser» besten Dank. 59272 Tie trauernden Kinder. Kerren-Hrageti, reinleinen, garantiert 4 fach, verschiedene Fa�ons in allen Weiten. per Dutzenil 3 Mk. und Z Mk. 50 Pfg. Manschetten, prima, garant. 4sach, V- Dutzend 1,80 u. 2,25 Mk. Oberhemden, Serviteurs, Krawatten in größter Auswahl, Tricolagen, Strumpfe, Hosenträger, Handschuhe. Detadverkauf zu Engrospreisen. Ernst Barcuse. Münzstr. 23. i (Sardinen und Stores weiss, cr�me u. ockerfarben abgep. Fenster=2 Shawls. Echt engl. u. Brüssel- 050 Tüll m. Band eingef. 12 bis« M, Prima Spachtel-Tüll, Q50 m. Batist- Auflage 18 bis•» M. Echt Erbstttll, reich m. Bändchen, Handarb. 25 bis 875 M. Relief-TUU-Stores.nene 000 Secess.-Muster 5 bis*M. Echte Spachtel-Stores, C25 Appiik. m. 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Erster Redakteur für den„Grsun- Schweiger Volksfreund" zum ersten Oktober gesucht. Offerten unter An- gäbe der bisherigen Thätigkeit und der GehaltSansprüche an H. Behrenbrock, Braunschweig. Sidonien- straße 6, erbeten. 5925L* MusikinZfsWönfgn-Asböifer! Die Pianino-Fabrik von X. Gast& Co. Frankfurter Allee 117 a ist wegen Lohndifferenzen sür alle Branchen gesperrt. 144/17* Zuzug streng fernzuhalten! Fachverein der Musikinstrumenfen- _ Arbeiter.__ Achtung, Tischler! In der Genossenschaft„Union*. Frnchtstrafte 55, herrschen Diffe- rcnzcn. Zuzug scr-nzuhalt-n. 189/1* Der Fachverein der Tischler Berlins. .Wn»! Nergoldtt. Die Sperre über die Firma krviSzss'g& Co. in Oberkaffel bei Tüffeldorf ist hier» mit aufgehoben, da die Differenzen beigelegt sind. 226/20 Der Hanptvorstand des Verbandes der Vcrgolder. ZZerantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.