Ztr. 185. BtsnncmentS'Bedingungen: TOomtementS< Preis prSnmnerandsl WerteljShri. Z,M Ml, tnonaä. LIO Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. EonntagS. nummer mit Mustriertcr EonntagS- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: tlO Mark pro Monat. eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland S Mark pro Monat. 81* Jahrg. CildKtot täglich aus« fflontag». Vevlinev Volksblstt. Ok Insertion!-eedllh» beträgt für die sechZgespaltene KolonS- zeile oder deren Raum«0 Pfg, für poNtische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammIungS-Anzeigen 25 Pfg. „ltteine Hnzcigtn", das erste(fettgedruckte) Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen btS 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen» tagen bis 7 Uhr abends, an Eonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geWitt. Telegramm- Adresse: „Ssalalämslirat Ktriln". Zentralorgan der rozialdemokrattfchen Partei Deutfchlande. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasee 69. Kernsprecher: Aint TV. Nr. IS8Z. DienStag, den 9. August 1994. Expedition: 85Q. 68, Lindenstrasae 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Die Internationale. (Schlußartikel.) EZ war da? große Verdienst des Züricher Kongresses, der vom 6. bis zum 12. August 18S3 tagte, daß er die Erbschaft der alten Internationale durch seine entschlossene Stellungnahme gegen den Anarchismus jetzt endgültig regulierte. Die utopische Idee, die Staatsgewalt zu bekämpfen, ohne sie erobern zu wollen, auf das wirksamste Mittel der Aufklärung, den Wahlkampf, zu verzichten, jedem Einfluß auf die Beschlüsse der gesetzgebenden Körperschaften zu entsagen und so in der Hoffnung auf eine plötzliche Erhebung der Massen vonläufig alle wirksamen Nüttel ihres Schutzes und ihrer Förderung wngenützt zu lassen, hatte längst das Recht verloren, auf einem Socialisten kongreß debatttert zu werden. Die Klagen der deutschen Unabhängigen wie der italienischen Anarchisten über angebliche Unberdrückung ihrer Meinungsfreiheit halfen nichts gegen den Ausschluß.jener Elemente, die den Kampf um polittsche Rechte und um die Gesetzgebungsmaschinerie verwarfen. So konnte der Kongreß, ohne daß grundsätzliche Meinungs Verschiedenheiten zu Tage traten, zur.politischen Taktik' einen Beschluß fassen, der ohne Engherzigkeit alle verwendbaren Mittel des Klassenkampfes zur Anwendung empfahl, also auch die politische Aktion..Kompromisse und Alliancen, die eine Schädigung der focialistischen Principien oder der sozialistischen Selbständigkeit bedingen", wurden verworfen, tvobei es fteilich der besonderen nattonalcn Entscheidung überblieb, welche Konipromisse als eine solche Schädigung wohl anzusehen seien. Erheblichere Schwierigkeiten verursachte die erneute Frage nach der Stellung der Socialdemokratie im Kriegsfalle. Hier standen sich zwei Meinungen gegenüber, von denen die eine, von den Deutschen vertretene, in der focialistischen Propaganda und der Bekämpfung des Chauvinismus die einzige Waffe gegen den Krieg erblickte, während die Holländer ihren Antrag auf 'Vineralstreik und Dienstverweigerung wiederholten. Die Mehrheit des Kongresses konnte fich nicht davon überzeugen, daß— wie Rieuwenhuis meinte— die Fürsten nach der Annahme seines Antrages»auf ihren Thronen zittern" würden. Sie beschränkte fich darauf, einen Zusatzantrag der Belgier zur deutschen Resolutton an- zunehmen, wonach die Vertteter der Arbeiterklasse in allen gesetz- gebenden Versammlungen verpflichtet sind, die Militärkredite ab- zulehnen und für Abrüstung einzutreten. Ueberdies wurde be- schloffen, die Feier des 1. Mai als Kundgebung nicht nur für den Achtstundentag, sondern auch für den internattonalen Frieden gelten zu lassen und dementsprechend zu veranstalten. Die Forderung nach Arbeitsruhe am 1. Mai wurde abermals erweitert dahin, daß ihre Durchführung anzustreben und jeder Versuch zu unterstützen sei, der an einzelnen Orten und von einzelnen Organi- sattonen in dieser Richtung gemacht werde. Die socialpolittschen Materien spielten neben solchen Fragen vorwiegend politischer Natur abermals eine bedeutsame Rolle. Die Forderung des Achtstundentages wurde neuerdings durch eine Resolution untersttichen, die u. a. forderte, daß die socialisttsche Preffe den Kampf um den Achtstundentag in einer besonderen stehenden Rubrik führen solle. Ein detailliertes Programm des Arbeiterinnenschutzes gelangte zur Annahme. Zur Agrarfrage ward eine Resolutton beschlossen, die das socialisttsche Princip des Gemeineigentums an Grund und Boden aussprach, zur Organisatton der landwirtschaftlichen Arbeiter aufforderte, im übrigen ausführliche Diskussionen auf einen folgenden Kongreß verschob. Ehe jedoch der Kongreß von London(27. Juli bis 1. August 1896) in die Beratung dieser Frage, der ersten seiner Tagesordnung, eintteten konnte, hatte er ähnliche Stürme wie der Züricher zu überstehen. Das Hinzudrängen anarchistischer Elemente schien abermals eine gedeihliche Berawng unmöglich machen, alle Einzelftagen auf die Behandlung einer Grundftage zurückwerfen zu wollen, die nun weit mehr noch ftls vor drei Jahren für die organi- sierten Arbeitermaffen aller Länder als erledigt außer Debatte stand. In dem freiwilligen Austritt der Fraktion Nieuwenhuis aus dem Kongreß und dem Verbleiben der holländischen Social- d e m 0 k r a t i e manifestierte sich die reinliche Scheidung, die sich inzwischen innerhalb der holländischen Arbeiter- bewegung vollzogen hatte, während auf der andren Seite ein heftiger Konflikt zwischen den französischen Delegierten (Gruppe Jaurös-Millerand einerseits, Allemane-Vaillant andrerseits) für die verhängnisvolle Zersplitterung der französischen Partei- bewegung nur den Beginn eines neuen Stadiums anzeigten. Diesmal fteilich bot die Tagesordnung des Kongresses, zumal die neuen Gegensätze erst in: Beginn ihrer Entwicklung standen, wenig Zündstoff, auch bei der Frage der politischen Aktton fanden sich Jaurss, Bebel und Ferri in einer Reihe, um die sich hartnäckig fest- klammernden Reste eines anttparlamentarischen Anarchismus mit diel Gewandtheit und Mühe abzuschütteln. Eine Resolution für das allgemeine Stimmrecht beider Geschlechter, für Volksabstimmung und Selbstbestimmungsrecht aller Nattonen, gegen militärischen und nattonalei» Despotismus und kapitalistische Kolonial- polittk fand nahezu einstimntige Annahme. Bei der Behandlung der Agrarfrage mußte sich der Kongreß auch diesmal darauf beschränken, das Gemeineigentum an Grund und Boden zu fordern, zur Organisatton des Landproletariats aufzurufen, die Wahl der Mittel aber zur Erreichung dieses Zieles mit Rücksicht auf die besondere Eigenart der einzelnen Länder diesen selbst zu überlassen. Zur Kriegsfrage ward beschloffen, die gleichzeittge Ab- schaffung der stehenden Heere in allen Ländern, die Errichtung von Schiedsgerichten, die Volksabstimmung über Krieg und Frieden zu fordern und gegen die Abschließung geheimer Staatsverträge zu protestieren. Auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik der Arbeiter- klaffe ttat als Vorspiel der zollpolitischen Kämpfe die Forderung der Abschaffung der Zölle, Verbrauchssteuern und Ausfuhrprämien in den Vordergrund. Einen dauernden Erwerb für die Weltorganisatton des Proletariats brachte der Beschluß, die Errichtung eines ständigen inter- nationalen Bureaus mit einem verantwortlichen Sekretär zu versuchen. Wie der Pariser Kongreß mit der Einführung des Maifeiertages ein sichtbares Band um die Völker geschlungen hatte, so schuf jetzt der Londoner einen dauernden Vereinigungspunkt der nationalen Organisattonen un? damit die technische Vorbedingung für ihre dauernde politische Kooperation. Ein Anfang, Verhältnis- mäßig gering in seiner ersten Wirkung, unabsehbar in seiner Be- deutung für die fernere Zukunft. Es war ein gutes Zeichen, daß gerade auf dem Pariser Kongreß(23.-27. September 1900), auf dem die vollentwickelten Gegensätze innerhalb des ftanzösischen Socialismus aufeinander- platzten, die dauernde Erhaltung und finanzielle Fundierung des internattonalen Bureaus sowie die Einsetzung eines Jnterparlamen- tarischen Komitees beschlossen wurde. Mitten in den Stürmen der Tagesfragen bildete sich hier ein Kern organisatorischer Entwicklung, der ftuchtbar bleiben wird, wenn sich die Wetter der damaligen inneren Meinungskämpfe längst verzogen haben werden. Die Frage des Parlamentarismus war von der des.Ministeria lismus" abgelöst worden. Der Einttitt Millerands in das Kabinett Waldeck-Rousseau hatte die Gegensätze der ftanzösischen Parteibewegung zum hefttgsten Zusammenstoß getrieben. Der Flügel Vaillant, Guesde, Lafarpue, dem der Italiener Ferri beisprang, verlangte, daß Wahlbündnisse mit bürgerlichen Parteien nur in Ausnahmefällen für bestimmte Zeit zulässig sein, die Teil- nähme von Socialisten an bürgerlichen Regierungen aber völlig untersagt werden sollte. Diesen Kampfresoluttonen stand die vermittelnde deutsche Reso- lutio»(K a u t s k h) gegenüber, die schließlich zur Annahme gelangte. Mit der Annahme dieser Resolution war die Hauptftage des Pariser Kongresses in vermittelndem Sinne erledigt. Zu einer kurzen Debatte hatte zuvor eine Resolutton über die Taktik(Not- wendige Bedingungen fiir die Befreiung der Arbeit) geführt, die auf die Bedeutung der politischen Thätigkeit erneut hinwies. Rasche Erledigung fanden eine Protestresolution gegen die kapitalistische Kolonialpolitik, ein Antrag betreffend die Organisatton seemännischer Arbeiter, Resolutionen über den S 0 c i a- liSmus in den Gemeinden und über die Trusts, zu deren Ueberwindung die Verstaatlichung der vertrusteten Industrien ge- fordert wurde. Als Mittel zur Bekämpfung des Militarismus wurde beschloffen: �1. daß die focialistischen Parteien überall die Erziehung und Organisierung der Jugend zum Zweck der Bekämpfung des Militarisnms in Angriff zu nehmen und mit größtem Eifer zu betteiben haben; 2. daß die socialistischen Vertreter in allen Parlamenten un- bedingt gegen jede Ausgabe des Militarismus, Marinismus oder der Kolonialexpedittonen zu stimmen verpflichtet find; 3. daß die ständige internationale socialistische Kommission beauftragt wird, bei allen entsprechenden Gelegenheiten von inter- nattonaler Traglveite in allen Ländern eine gleichzeitige und gleichförmige Protestbewegung gegen den Militarismus inS Leben zu rufen. So konnte schließlich auch der zweite Kongreß von Paris, trotz aller Kämpfe, Meinungsverschiedenheiten, Spallungen mit einer Kundgebung der socialistischen Einigkeit enden. Verständnislos, bald in Zorn und Angst, bald mit Hohn und Gelächter hat die bürgerliche Welt auf diese fünf Kongresse geblickt, die nicht selten Bilder des heftigsten Unfriedens geboten haben und deshalb doch Marksteine einer fortschreitenden internationalen Einigung des Proletariats geworden sind. Die Stürme, die die obersten Wellen dieses ungeheuren Stromes bewegen, seine Strö- mungen und Wirbel, ändert der Tag. Aber unveränderlich in seiner Richwng und seinem Wachstum eilt er selber dem Meere zu. Das platte Volk, das neugierig an seinem Ufer steht, sieht nur Schaum und Brandung. Aber wer die Höhen wissenschaftlicher Welt- anschauung erstieg, erkennt in stolzer Bewunderung seinen Ursprung und seinen Weg.__ Tibet. Simla, 6. August.(Meldung des„Reuterschen Bureaus'.) Die englische Tibet- Expedition hat am 3. August, mittags, ohne weitere Kämpfe wohlbehalten Lhassa erreicht. London, 8. August. Das»Reutersche Bureau' meldet aus Lhassa: Die am 3. d. M. hier eingettoffene englische Tibet- Expedition hat l'/a Kilometer von Potala in un- mittelbarer Nähe der jPrivatgärten des Dalai Lama ein Lagxr bezogen. Am Vormittag deS 3. d. M. bemerkten die Engländer Gruppen von Personen in glänzenden Kosttimen auf den Dächern in Potala. die das Heran- nahen der Engländer beobachteten. Wahrscheinlich befand sich der Dalai Lama selbst darunter, der sich nach den letzten Nachrichten noch in Potala befinden soll. Der Resident von Nepal kam den Engländern entgegen und teilte ihnen mit, m Lhassa habe eine Partei bestanden, die geschworen hätte, eher zu sterben, als die Engländer in die Stadt zu lassen. Diese Partei habe sich aber zurückgezogen, als bekannt gemacht wurde, es sei verboten, gegen die Engländer zu kämpfen, weil nur unter ihrem Schutze der Tibetaner stark sein würden. Als die Expedition das Lager erreichte, erschien der chinesische Amban, von chinesischen Soldaten eskortiert, und stattete dem Obersten Jounghusband einen Besuch ab. Der Eintritt in die Stadt ist den Truppen verboten. * London, 3. August. Die britisch-indische Expedition, die bor etwa fünfzehn Monaten in Tibet einbrach, hat jetzt rasch ihr Ziel erreicht. Der seit Jahrhunderten verschlossene buddhistische Kirchen- staat wird dem Handel geöffnet und die im buddhisttschen Vatikan aufgehäuften Kunst- und Litterawrschätze werden den Forschern zu- ganglich gemacht werden. Hoffentlich gelingt es den englischen Offizieren, die Soldateska beim Einmarsch in Lhassa im Zügel zu halten und die Residenz des Dalai Lama vor Plünderungen zu schützen. Das im obigen Telegramm gemeldete Verbot an die Soldaten, die Stadt zu betreten, bestärkt diese Hoffnung. Die Geschichte dieser merkwürdigen Expedition wird vielleicht in späteren Jahren, wenn die Engländer die tibetanische Politik der letzten Zeit kennen gelernt haben, geschrieben werden. Vorläufig ist soviel klar, daß die Expeditton nur ein Glied ist in der großen Kette von Kämpfen zwischen Rußland und England um Asien. Die im letzten Jahre veröffentlichten englischen Blaubücher über Tibet liefern eine Reihe von Thatsachen, die zur Erklärung dieses Kampfes dienen können. An diese Blau- bücher werden wir uns in der folgenden Darstellung halten. Dann hat ein ftanzösischer Reisende Alexandre Ular— offenbar ein Pseudo- nym— ein Buch„Un Empire Russo-Chinois" veröffentlicht, das die Theorie dieses Kampfes giebt. Ular ist zuweilen viel zu spekulativ, um als Quelle beachtet werden zu können; immerhin sind seine Hypothesen insofern beachtenswert, als sie dem jetzigen Ringen um Asien eine gewisse logische Einheit und Folge geben. Tibet steht oder stand bis jetzt unter chinesischer Suzeränität. Chinesische Vertreter— Amban genannt— leiteten die auSwäritgen Beziehungen Tibets. Der Dalai Lama schickte von Zeit zu Zeit einen gewissen Tribut nach Peking und beeinflußte die chinesischen Buddhisten zu Gunsten der Mandschu-Dynastie, wofür er chinesischen Schutz gegen das Ausland erwartete. So lange China das Presttge einer Großmacht genoß, konnte es seine Pflichten dem Vasallenstaate gegenüber erfüllen. Seit 1840 ist dies indes nach und nach anders geworden: China selbst bedarf nunmehr des Schutzes. Im Jahre 1876 schlössen China und England in Tschifu einen Ver- trag ob. der Tibet dem indischen Handel öffnen sollte. Die Tibetaner weigerten sich, den Vertrag anzuerkennen und eS blieb alles beim alten, da die indische Regierung nicht gewillt war, Gewalt gegen Tibet zu üben. Im Jahre 1890 wurde wieder ein britisch-chinesischer Vertrag abgeschlossen, der die Grenze zwischen Sikkim— einem britisch-indischen Vasallenstaat— und Tibet— dem chinesischen Vasallenstaat — regulieren und den indisch-ttbetanischen Handelsverkehr möglich machen sollte. Die Grenze wurde im großen ganzen im Sinne der Briten abgesteckt, aber Tibet blieb nach wie vor dem indischen Handel verschlossen. Die Tibetaner wollten die Grenz- rcgulierung nicht anerkennen und glaubten fich verraten. Sie ver- langten in Peking militärischen Schutz gegen die britisch-indischen Ansprüche, aber China konnte selbsttedend diesen militärischen Schutz nicht gewähren, was die buddhifttsche Hierarchie veranlaßte, sich nach einem neuen Schutzherni umzusehen. Für diese soeben ausgesprochene Auffassung giebt es keine direkten Beweise, wohl aber viele zwingende Jndicienbeweise. Im Jahre 1899 erklärte der Am- bau(chinesischer Vertreter in Tibet) dem brittsch-indischen Vertreter, daß der Dalai Lama sich an Rußland um Schutz wenden wolle. Am 17. Oktober 1900 erschien thatsächlich eine ttbetanische Mission mit Geschenken— offenbar einem Vasallentribut— in Petersburg. Die Mission wurde vom Zaren empfangen. Im Sommer 1901 kam wieder eine ttbetanische Mission nach Petersburg. Ein Jahr später brachten chinesische Blätter und nach ihnen die»China Times" und„Frankfurter Zeitung' die Nachricht vom Abschluß eines russisch- chinesischen Vertrages, wonach Rußland die Schutz- Herrschast über Tibet eingeräumt wurde. Diese Vorgänge und Nachrichten konnten nicht verfehlen, die brittsch-indische Regierung in Unruhe zu versetzen. Denn ist der Zar Schutzherr deS Dalai- Lama, so ist er auch Schutzhcrr der buddhisttschen Welt, b. h. Indiens, der Mongolei. Koreas und eines großen Teiles von China. Dann ist ein unabhängiges oder ein England fteundliches Tibet zur Sicherheit Indiens nötig. Lord Curzon, der Statthalter Indiens, erklärte in dieser Beziehung:„Indien ist wie eine Festung mit dem Meer als Festtmgs- graben auf zwei Seiten und den Bergen auf der dritten. Jenseits der Wälle ist ein GlaciS; Jtoir wünschen es nicht zu besetzen, aber wir können auch nicht zugeben, daß es von einem Feinde besetzt sei. Das ist das Geheimnis der gesamten Lage in Arabien, Persten, Afghanistan, Tibet und Siam." Die brittsch-indische Regierung beschloß deshalb, der zarischen Oberherrschaft über den Buddhismus so schnell als möglich ein Ende zu bereiten und zu diesem Zwecke eine Expe- ditton nach Tibet zu schicken, um der buddhisttschen Hierarchie die englische Macht zu zeigen. Als diese Expedition aus- gerüstet wurde, sandte die russische Gesandtschaft in London an Lord LanSdowne folgendes Memorandum:„... Die große Be- deutung. die das kaiserliche Kabinett darauf legt, jede Friedensstörung in China ftmzuhalten. veranlaßt es, zu erklären, daß eine solche Expeditton nach Tibet eine sehr ernste Situation(Situation d'une gravitS considörablo) hervorrufen würde, die die kaiserliche Regierung zwingen könnte, Maßregeln zu ergreifen, ihre Interessen in jenen Regionen zu schützen." Der Wortlaut dieses Protestes ist ebenfalls ein zwingender Beweis für die oben gegebene Auffassung, daß der Zar nahe daran Ivar, Herr der buddhistischen Welt zu werden. Lansdoivne antwortete mit überraschender Entschiedenheit, er halte diese Sprache für ungewöhnlich und für drohend; England werde darauf bedacht sein, energischere Maßregeln als Ruß- land zu ergreifen. Dies geschah im Februar 1903. England und Rußland standen damals vor einem Kriege. Aber die Sprache LansdowneS vcranlaßte Rußland, sich nach rückwärts zu konzentrieren und alles abzuleugnen. Die britisch-indischc Expedition wurde dann aus- gerüstet und nach Tibet geschickt, wo sie hauptsächlich auf topographische und klimatische Schwierigkeiten stieß. Genau ein Jahr nach der Antwort Lansdownes brach der japanisch- russische Krieg ans. Die Tibetaner schickten im Febrnar 1904 eine Mission nach Ruß- land, aber die zarische Regierung erklärte ihr, der Zeitpunkt sei für einen Empfang durch den Zaren nicht günstig. Seitdem ist die Zeit noch ungünstiger geworden. Die britisch-indische Erpcdition nach Tibet und der siegreiche Vormarsch des japanischen Heeres in der Mandschurei haben Rußland um die Herrschaft über Asien gebracht, an der es im Jahre 1902 ganz nahe war.— politifcbc debcrficbt. Berlin, den 8. August. Monarchisches Gefühl. Während das deutsche Volk, so weit es nicht zu den„höheren Schichten" zählt, sich über das Conto Mirbach und über den Vau fronnncr Kirchen mit Spekulantcngeldcrn durchaus im klaren ist, geht in jenen„höheren Schichten" der Kampf um die Person M i r dach eifrigst fort. Die frommen Vereine, die Schöpfungen Mirbachscher Gunst, und jüngst, wie wir berichteten, der Ober- Hof Prediger Dr. Dryander, versuchen den Oberhofmeistcr der Kaiserin zu halten; sie preisen seine Werke, seine aufopfernde Thätigkeit iin frommen Kirchenwerk,— wer dürfe da über„Irrtümer" sich erregen, die vorgekommen sein mögen. Die Gegenpartei drängt mit allem Nach- druck auf den Abschied Mirbachs im Interesse d e r Monarchie. Die Spitze dieser Partei übernimmt wiederum die„Kölnische Zeitung", die höchst charakteristisch sich gegen das Verteidigungsschreiben des Oberhofpredigers wendet: „Wenn man Mirbach wirklich wirksam verteidigen will, kann man ja eine Liste der von ihm gesammelten Beiträge mit dem Zeitpunkte der Hingabe veröffentlichen, dann w i r d f i ch jeder ein richtiges Bild davon machen können, ob es richtig ist oder unrichtig ist, mit diesen Gaben Titel- und Ordensverleihungen in Verbindung zn bringen. D. Dryander wirft in seinem Schreiben die Frage auf:„Welchen Anlaß hat eigentlich die öffentliche Meinung, über diese Irrtümer sich auf das tiefste aufzuregen?" Die öffentliche Meinung, wenigstens so weit sie durch den monarchisch gesinnten Teil der Bevölkerung und die monarchisch gesinnte Presse vertreten wird, hat das Recht und die Pflicht, sich eingehend mit Erscheinungen zu beschäftigen, die das monarchische Gefühl zu nntcrgrabcil'gc- eignet sind. Schädigt es etwa die Monarchie nicht, wenn durch allerhöchste Gnade Banken, die als Schwindclbankcu zu bezeichnen sind, der Charakter als Hofbank beigelegt, wenn Hallunken wie Nomeick und Schultz Titel und Ehren verliehen werden oder lvenn— die vielen durch die Presse gegangenen Einzelheiten sind bisher durchweg unwiderlegt geblieben— es überhaupt den Anschein gewinnt, als ob allerhöchste G n a d e n b e z e n g n n g e u durch Mittelspersonen, die sicher an höchster Stelle Klarheit über ihr desfallsiges Eintreten nicht geben, verschafft werden als Lohn für Geldopfer? Schädigt es etwa die Monarchie nicht, wenn Mirbach als Hof- bcamter Gelder der Kaiserin bei Bauken anlegt, die als alles andre denn als erstklassig zu bezeichnen sind, oder wenn der Vermögensverwalter allerhöchster Personen unter seinem Eide ans- sagen muß, er habe die Ausstellung einer Quittung über 323 900 M. vergessen, und er wisse nicht, was aus diesen 325 000 M. geworden sei? Wir bewundern den Mut, mit dem v. Dryander für Mirbach eintritt, aber wir bewundern es, daß er bei seinem vertrauten Berkehr mit dem Hofe so wenig Verständnis dafür hat, was nnsrcr kaiscr- lichcn Familie schade» kann und was man gern von ihr fernhalten muß. Bei Herrn v. Mirbach wollen wir gern anerkennen, daß er für kirchliche und mildthätige Zwecke, wenn auch nicht immer in einwandfreier Weise, viel geleistet hat. aber wir müssen ihm bestreiten, daß sein langjähriger Hofdienst ihm das monarchische Gefühl gestärkt und verfeinert hat, sonst würde er längst eingesehen haben, was er in diesem Falle zu thnn hat. Er würde gegangen sein und durch seinen Abgang die Weitererörterung des Falles Mirbach, mit dem, wie er wohl be- denke» sollte, sich nicht nur patriotisch Gesinnte, sondern aus andren Gründen auch staatsfeindliche Elemente beschäftigen, zum Schweigen gebracht haben." Es ist offenbar eine äußerst schwierige Leistung, sich das richtige monarchische Gefühl zu erwerben. Da sind die„staatsfeindlichen Elemente", die von vornherein die Fähigkeit dafür verloren haben. Ferner ist da„der monarchisch gesinnte Teil der Bevölkerung und die monarchisch gesinnte Presse" von der Art der„Kölnischen Zeitung", welche in der monarchischen Gesinnung so unentwickelt sind, daß sie beharrlich an dem Oberhofmeister zerren, der vorn Ober- hofpredigcr verteidigt wird, der das ganze Vertrauen des Hofes der Kaiserin besitzt; diese„monarchisch gesinnten" sind so un- monarchisch, daß sie der Kaiserin den von ihr bevorzugten getreuen Hostneister abzujagen sich vermessen! Am allerwenigsten endlich scheint das„monarchische Gefühl" von denjenigen errungen zu werden, die als Mitglieder des Hofes die schönste Gelegenheit und die höchste Pflicht dazu haben; erklärt doch die„Kölnische Zeitung", daß nicht einmal ein Freiherr v. M i r b a ch in langjährigem Hofdienst die rechte Stärkung und Verfeinerung des monarchischen Gefühls erreicht habe I Wie in aller Welt sollen die Geringen und Schwachen sich zu dem von der «Kölnischen Zeitung" gewünschten„monarchischen Gefiihl" erheben, wenn es den Starken und Großen so überaus schwer fällt I— Eine Notstands-Konferenz. Nachdem die agrarische Presse durch ihre Lamentationen über den landwirtschaftlichen Notstand in Schlesien die Aktion genügend vorgearbeitet hat, fand am letzten Sonnabend im Landeshause zu Breslau eine Sitzung des Vorstandes der Landwirtschaftskainmer statt, um Vorschläge zur„Abhilfe der Notlage" zu machen. Natürlich waren die Staatsbehörden überreichlich vertreten; u. a. waren z. B. anwesend: der Oberpräsident Graf Zedlitz und Trützschler mit dem Oberregierungsrat Schimmelpfennjg; als Vertreter des Land- Wirtschaftsministers Regierungsrat Fechner, als Vertreter des Regierungspräsidenten zn Breslau Oberregierungsrat Dickhuth mit dem Regierungsrat Landmann und dem Regierungsassessor Dr. Hegen- scheidt, Regierungspräsident Frhr. v. Seherr-Thoß aus Liegnitz, als Vertreter des Regierungspräsidenten zn Oppeln Oberregierungs- rat Jürgensen, der Landeshauptmann Frhr. v. NichtHofen usw. Die Besprechung war so eingerichtet, daß je zlvei Landwirte aus den einzelnen Regierungsbezirken über die dortigen Verhältnisse be- richteten. Die Urteile über die Ernte und die Ernte-Aussichten waren nach den verschiedenen Gegenden verschieden. Die Haferernte wurde überall gleichmäßig als schlecht bezeichnet. Ebenso einmütig war das Urteil über den gänzlichen Ausfall des zweiten Wiesen- und Kleeschnittes, iilrcr den Ausfall der Futtermittelerträge und über den außerordentlich schlechten Stand der Kartoffeln und der Rüben, Nach der Bcrichterstattimg ergriff der Oberpräsident das Wort. Nach dem Bericht der„Schlesischen Zeitung" sagte er: Im allgemeinen glaube ich, daß die Schilderungen, die die Herren Referenten über den thatsachlichen Stand der Dinge in Schlesien gegeben haben, zutreffend sind. Allerdings in einer Be- zichnng niöchte ich diese Ausführungen über die Körnerernte er- gänzen. Wie in allen trockenen Jahren, so steht auch dieses Jahr unter dem Stein der besonders guten Qualität. Selbst wenn, was nicht überall zutrifft, der durchschnittliche Massenertrag in den Halm- früchten geringer ist als in andren Jahren, so ist zweifellos die Qualität besser... Sicher ist eine sehr geringe Ernte in Hafer, sicher ist eine fast bis zu einer Fehlernte gehende Ernte in Schoten- früchten. Selbst aus den besten Böden habe ich in dieser Beziehung sehr minderwertige Victoria-Erbsen gesehen, und daß sich auf gc- ringen Böden in Bezug ans Ansatz der Schoten, bei Peluschken ustv. eine Besserung zeigt, ist zweifelhaft. Alle diese Tinge müssen in Berücksichtigung gezogen werden, teils nach der unteren, t�ils nach der oberen Grenze bei der Beurteilung der diesjährigen Ernte- Verhältnisse. Ebenso zweifellos ist das vollige Versagen der Futter- ernte. Redner warnte weiterhin davor, den Wert tarifarischer Maß- regeln, wie sie jetzt für Futtermittel beivilligt sind, zu überschätzen. Er könne nachweisen, daß bereits am zlveiten Tage nach der Ver- öffentlichuug des Tarifcs die Preise für Futtermittel in den Harn- burger und Berliner Notierungen hinaufgesetzt wurden. Daraus könne man sehen, wie schwer es sei, solche Maßnahmen denen zu gute kommen zu lassen, für die sie bestimmt seien. Das verstehe er aber nicht, tvie eine Versammlung von Landwirten eine Tarifermäßigung für Kartoffeln wünschen könne. Wenn er als Oberpräsident, der für das Wohl aller Bevölkerungskreise zu sorgen habe, bei dein Kartoffelmangel eine solche Maßnahme beantragte, so wäre es ctwaS andres. Wenn die Produzenten das thun, so tvürde die Wirkung sein, daß zu der schlechten Ernte auch noch schlechte Preise kämen. Es sei ein Akt der Gnade und des Erbarmens, wenn staatlicherseits eingegriffen werde. Bei der Abstimmung wurden die nieisten eingegangenen Anträge abgelehnt, z. B. die Anträge auf Tarifermäßignug für Saatgetreide, Kartoffeln, Streumittel, Mais, Hafer und Magervieh. Angenommen wurde dagegen ei» Antrag auf Tarifermäßignug für Düngemittel, ferner ein Antrag bezüglich des Brennens von Körnern. Abgelehnt wurden auch verschiedene Anträge auf Niederschlagung oder Stundung der Flußkatasterbeiträge und der DarlehuSriickzahlungcn. Au- genommen wurde dagegen ein Antrag, nach dem von der General- landschaft für die vom Notstande Betroffenen die gleiche Behandlung wie für die beim vorigen Hochwasser Geschädigten erbeten wird. Die„Deutsche Tageszeitung" ist von diesem Ergebnis nicht be- friedigt. Sie erklärt es für die Pflicht der Provinz, sofort möglich st kraftvoll einzugreifen. Bor allem aber seien höhere Agrarzölle nötig:„Wir kommen immer und immer wieder zu unserm estsmm censeo zurück: die. Staatsregierung muß in solchem Notjahre doppelt die Pflicht empfinden, die Landwirtschaft wirtschaftspolitisch s o zu st ä r k e n, daß sie in guten Jahren Reserven für die schlechten zu sammeln vermag und ein Jahr des Mißwachses anS eigner Kraft überstehen kann."— Deutfcbcs Reich. Das zuverlässige Centn»». Die„Kölnische Volkszeitung" wendet sich gegen eine der letzten Abel-Leistnngen der„Post", um sich zugleich gegenüber dem„Vorwärts" zu verwahren, der des Centrums Zuverlässigkeit bezweifle. Sie sagt: „Von Stufe zn Stufe", leitartikclt die„Post", würden wir in Deutschland schwächer in der Abwehr gegen die Socialdemokratie. Ja allerdings, man treibt sogar durch schwere politische Fehler, wie die hakatiftische Politik und den Königsberger Prozeß, den Socialdemokraten noch Wasser auf die Mühle. Das sieht die „Post" freilich nicht ei», sie steht gegenüber der Socialdemokratie ganz auf dem Standpunkte eines schneidigen Gendarmen und kennt keine andre Waffe als die„Plempe". Ter idealste Vertreter dieser geistreichen„Weltanschauung" war wohl der verstorbene Minister v. Plehwe, und wenn es nach der„Post" ginge, würden wir so etwas nach seinen Rezepten„kurieren". Nach Lage der Dinge braucht man sich über solche Projekte nicht zn beunruhigen, so lange das C e n t r u m im Reichstage ausschlaggebend bleibt. Der„Vorwärts" ar- beitet den Scharfmachern nur in die Hände, wenn er immer wieder Zweifel an der„Zuverlässigkeit" des Centrums in diesem Sinne zu erwecken sucht. Die„ Vorwärts"-Äaktik ist freilich eigner Art. Denn wenn sich herausstellt, daß seine Ver- dächtigungen des Centrums unbegründet sind, wirst er sich in die Brust und thut so, als ob das Centrum nur aus Angst vor ihm — dem„Vorwärts"— nicht wage, seine geheimen reaktionären Pläne zu verwirklichen." Wäre richtig, was die„Kölnische Volkszeitung" von unserm Verhalten sagt, so bliebe es doch eine höchst kuriose Vehnnptnng des Centrumsblattes, daß der„Vorwärts" den Scharkmachern in die Hände arbeite. Die Behauptung sagt, daß das Centn»», wenn der„Vorwärts" an seiner politischen Zuverlässigkeit zweifelt, wirklich unzuverlässig wird. Hält die„Kölnische Volkszcitung" die Zuverlässigkeit des Centrums für so gering, daß sie durch social- demostatischen Zweifel erschüttert wird? Hai die„Kölnische Volks- zeitung" so schlechte Meinung vom Centrum? In Wahrheit aber ist unrichtig, was die„Kölnische Volks- zeitung" über das Verhalten des„Vorwärts" bemerkt. Es ist uns nirgends in den Sinn gekommen, dem Centrum zu unterstellen, daß es„aus Angst vor dem„Vorwärts" nicht wage, seine geheimen reaktionären Pläne zu verwirklichen". Daß der „Vorwärts" andrerseits das Centrum nicht als erhaben über jeden Verdacht der Unzuverlässigkcit in der Wahlrechtsfrage zu preisen vermag, dürste selbst die„Kölnische Volks- zeitung" begreifen, wenn sie sich der Aussprüche er- innert, die der ihr sehr nahe stehende Reichstags- und Landtags- Abgeordnete Dr. Bachem erst vor einigen Monaten im preußischen Abgeordnetenhaus über das Wahlrecht vollbrachte. Die„Kölnische Volkszeitung" ist übrigens auch noch lange nicht das C e n t r u m. Beispielsweise hatte sich die„Kölnische Volkszcitung" über die Zustände in den Strafanstalten ganz ähnlich ans- gesprochen wie wir; als aber im Reichstage die Socialdemokratie diese Angelegenheit zur Sprache brachte, da hat Dr. S p a h n als Redner der Centrumsfraktron die gegenteilige Stellung eingenommen! Die„Köln. Volkszeitung" kann sich nicht wundern, daß wir an die Zuverlässigkeit des Centrums immer e r st dann glauben, wenn wir sehen, daß sie geübt wird.—_ Das feine Ccntnim und da? unfeine Centrum. DaS Centrum hat wie die Kirche offene Thür für allerlei Mann- lein, eS empfängt Großgrundbesitzer und Proletarier, Großkapitalisten und Mittelständler, Militaristen und Militärunlustige, Kolonial- eifrige und Kolonialzweifler usw. So hegt es auch an seinem frommen Heerde Männer vom guten Ton und" Männer vom schlechten Ton. Aber zuweilen geschieht eS. daß die weit auseinander- gehenden Elemente, über die der fromme Glaube den einen Hut hält, auseinanderzufallen drohen und wider einander toben. In B a y e r n ist eS zum Streit des adligen Centrums gegen das plebejische Centrum gekommen. Dr. H e i in, der laute Lärmer, ist dem zarten Sinne der gräflichen und sonst vornehm ragenden Centrumsgranden höchst zuwider geworden. Der junge Graf Preysing ist in der Kammer der Reichsräte gegen ihn und seinesgleichen schneidig vorgestoßen und der Konflikt im schwarzen Lager verschärft sich Tag um Tag. Aus RegenSbnrg wird dein»B. T." gemeldet: Der Reichsrat Graf Josef A reo»' Zinneberg, der Sohn des bekannten Katholikenführers, richtete au den Vorstand des Lokalkomitecs des 51. Katholikentages einen die Eiuladniig ablehucnden Brief. Er betont darin, daß die Katholikentage entgegen der früheren Tradition Centrumsparteitage geworden seien. Solange das Centrum Leute von de» politischen Anschauungen und den parlamentarischen Forme» eines Dr. Heim in seinen Reihe» dulde, lehne er j e d e A n t e i l n a h m e ab, da sich das mit der Socialdemokratie verbündete bayrische Centruin immer mehr zu einer radikalen Wirtschaftspartei entwickele. Dr. Heim und seinesgleichen als„radikale Wirtschaftspartei" und als Verbündeter der Socialdemokratie beschuldigt zu sehen, erweckt alle Heiterkeit; der„Radikalismus" hat sich in den Zollkämpfen offenbart, da Dr. Heim zu den lautesten Lärmern für hohe Brotzölle zählte. Es sind mehr die Formen des politischen Kampfes, wie ihn die„Volkstribunen" der bayerischen Abgeordnetenkammer führen, die den Adelsherren der Neichsrats- kammer schlver mißfallen. Es ist freilich nicht leicht, die diplomatisierenden Leisetreter und .die Männer mit dem sehr großen Mund zusammenzuschirren. Aber das Centrum hat schon so manches zusammengehalten, was ans- eiuandergehen mochte.—__ Königsberg, 8. August. Wie der„Volks-Zeitung" aus Tilsit gemeldet wird, ist nunmehr auch das Strafverfahren gegen Fräulein Saunus wegen Verbreitung litauischer und russischer Schriften eingestellt worden. Auch ihr sind die beschlag- »ahmten Drucksachen ans Veranlassung der Sraatsanwaltschafr zurückgebracht worden. Diesmal ist es also kein Gchcimbund, ob- gleich in diesem Falle Schriften englischen, amerikanischen und schweizerischen Ursprungs gefunden wurden. Die Lehren von Königsberg scheinen doch von ganz überraschender Wirkung zu sein!— Ueber die etwa 40 russische» Auswanderer, die am 25. Juli durch die Polizei vom Dampfer„Adolf Andersen" heruntergeholt und dann über Jnsterburg nach Tilsir gebracht wurden, berichtet die „Tils. Allgem. Ztg.":„Den Mitgliedern des in Tilsit neu ge- gründeten Lokalkomitecs der /�lliance Igraelite Universelle(Allo. Israelitischer Bund) gelang es, von der Polizei die Erlaubnis zn erwirken, die Emigranten nach Amerika ordnungsmäßig weiter- zubefördcrn, um sie vor dem traurigen Geschick einer zwangsweisen Znrückscndnng nach ihrer unwirtlichen russischen Heimat zu be- wahren. Um dieses menschenfreundliche Werk zu vollbringen, waren erhebliche Geldmittel erforderlich. So wurden durch Sammlungen in Tilsit, Königsberg, Jnsterburg ca. 3000 M. aufgebracht." Hiernach stimmt es also, daß die Absicht bestand, die Leute, trotzdem sie die Fahrt nach Kopenhagen schon bezahlt hatten, nach Riisiland auszuliefern!— Russischer Dank für Königsberg. Aus Rußland wird der Wiener „Arbciter-Zeitung" geschrieben: Bilscs Roman„Aus einer kleinen Garnison" wurde seiner Zeit in russischer Ucbcrsetzung als Beilage zu der militärischen Zeitschrift„Raswjcdtschk" abgedruckt. Die all- gemeine Censnr sowie Sie spccielle Militäreensnr hatten nichts gegen die Verbreitung dieses Buches eingewendet. Nun aber hat das Ministerium„für Volksausklärnng" der deutschen Regierung für den Königsberger Prozeß den Gefallen erwiesen, das Buch von Vilse aus den Volksb'ibliothekcn und den öffentlichen Lesehallen als„schädliche Schrift" zu entfernen.— Die Rnhsirat-Angclcgenheit kommt noch immer nicht zur Ruhe. Iliicingeschüchtert durch die schweren gerichtlichen Strafen, die ihm sein Feldzug gegen den Minister Ruhstrat schon eingetragen, schleudert der„Residenzbote" in O l d e u h u r g in seiner neuesten Rümmer abermals eine schwere Anklage gegen diesen. Das Blatt stellt die Behauptung auf, daß der Justiz- und Kultusminister Ruhstrat„noch bis in die neueste Zeit(bis zum September 1903!) in öffentlichen Lokalen Hazard gespielt hat und fast stets Bankhalter gewesen ist", und es fügt. 1 dieser Behauptung so viele stützende Angaben zu. daß sich dem Leser die Ueberzeugung aufdrängen muß: das Blatt ist von der Wahrheit dieser schwere» Anklage felsenfest überzeugt. Dem- gegenüber steht die klare und unzweideutige, vor Gericht abgegebene und vor dem Landtage feierlich wiederholte Aussage des Ministers, er habe nur im Kasino gespielt und seit 10—12 Jahren überhaupt nicht mehr. In Oldenburg herrscht, wie von dort berichtet wird, über die abermalige Aufrollung der leidigen Sache große Aufregung, man steht wie vor einem Rätsel. Niemand vermag es zu glauben, daß der Minister die Unwahrheit gesagt; aber wie soll man sich auf der andren Seite die verblüffende Kühn- heit des„Residenzboten" erklären? Selbst die„Oldenb. Nachrichten", ein Blatt, dem man ScusationsILstcrnheit gewiß nicht nachsagen kann, verhehlen nicht ihre Bestürzung.„Kann denn jemand", schreiben sie, „glauben, der„Rcsidcnzbote" und seine Hintermänner schleuderten derartige Beleidigungen schlimmster Art ohne sicheren Anhalt und Grund in das Publikum, Beleidigungen, die ihnen doch bei der Lage der Dinge hier die härtesten Freiheitsstrafen eintragen werden, wenn sie sie vor Gericht nicht beweisen könne»? Kein Mensch schreibt in der sicheren Voraussicht, dafür ins Gefängnis zu wandern!" München, 8. August. Kammer der R e i ch s r ä t e. In der heutigen Sitzung bedauerte der Präsident Graf Lerchenfeld nochmals die Differenzen zwischen den beiden Kammern und gab dein Wunsche Ausdruck, es möge ein rfiedliches und für das Wohl des Landes ersprießliches Zusammenwirken beider Kammern er- möglicht werden. Der Ministerpräsident v. Podewils schloß sich dem Bedauern des Präsidenten über die letzte Rede des Grafen Preysing und die gegenseitigen Angriffe der K a m m e r n namens der Regierung an. Graf Preysing habe die Schuld an dem Zwischenfälle der Regierung beigemessen, weil sie über Mögliches und Unmögliches in endlosen Verhandlungen Rede gestanden und damit ein Zeichen von Schwäche gegeben habe. Diesem Vorwurf müsse die Regierung mit allem Nachdruck entgegentreten. Sie kenne ihre Pflichten und lasse keine Kompclenzverschicbung zu Gunsten des Landtages eintreten, sie beachte die Verfassung nach Wort und Sinn, die kenne genau die durch die Interessen, der Monarchie und die Wahrung der Staatsautorität gezogenen Linien und könne daher eine objektive,, billige und unparteiische politische Beurteilung ihres Thuns verlangen. Die Regierung trete selbst- ständgi hervor und verfolge unabhängig ihre Ziele. Sie müsse aber für die Etatsverhandlungen ein friedliches Einvernehmen sichern. Die Politik sei nach dem Buche„Bismarck als Erzieher" die Lehre vom Möglichen. Was darüber hinausgeht, sei Jdcalpolitik und Utopie. Tie Regierung müsse nicht nur verfassungsmäßig, sondern auch zur Aufklärung und Verteidigung Rede und Antlvort stehen, wenn sie auch eine lange Etatsberatung als mißlich empfinde. Ein Beamter solle als Zlbgeordiieter auch seine Beamtenpflicht berück- sichtigen. Bei Differenzen zwischen Ministern und Abgeordneten werde er stets einen Ausgleich erstreben. Das sei keine Schwäche, wohl aber werde die Bernfsfrcudigkeit der Beamten und auch der Minister durch unbegründete Angriffe wie hier(gemeint sind die Angriffe Dr. Heims) getrübt. Vicepräsident v. Auer warf dem Ministerpräsidenten hierauf vor, die Regierung sei bei der ersten Aentzerung des Unwillens der Ersten Kammer gegen die Kammer der Abgeordneten sofort mit einer Erklärung bei der Hand gewesen; bei den gröblichsten Beleidigungen der Ersten Kammer durch Mitglieder der andern aber habe sie ge- schwiegen. Graf Preysing bemerkte sodann, er könne keine Silbe seiner Rede zurücknehmen. Zahllose Zuschriften hätten bewiesen, daß Hunderttausende hinter Graf Preysing ständen und seine?luf- fassung, die Regierung habe Schwäche gezeigt, teilten. Er hoffe, daß die Regierung künstig zu verhindern wissen werde, daß Beamte sich geheime Schriftstücke verschafften, um sie zu Angriffen auf die Regierung zu benützcn. Der Ministerpräsident wies darauf den Vorwurf v.Auers zurück und erklärte, der Minister des Innern habe in der Kammer der Abgeordneten sofort gegen Angriffe auf die Kammer der Reichsrätc Stellung genommen. Ter betreffende Passus seiner heutigen Erklärung sei die fast wörtliche Wiederholung der Erklärung des Ministers des Innern in der andern Kammer gewesen. Hierauf trat da» Haus in die Tagesordnung ein. « Kcemmer d' r Abgeordneten� Die Kammer ge- nehmigtie heute das Finanzgesetz mit 131 gegen 13 Stimmen. Danach wird die jahrliche Gesamteinnahme der nächsten Finanz- Periode auf 141 825 326 M. veranMagt. Die nächste Sitzung findet Mittwoch zur Entgegennahme der letzten Beschlüsse der Kammer der Rerchsräte statt. Den Landtagsschlutz wird der Prinz-Regent am Dosnerstag vormittag 11 Uhr vollziehen.—, Edelste und Beste. München, 7. August.(Eig. Ber.) Vor der vierten Civilkammer des Landgerichts München I ist zur Zeit ein Prozeß anhängig, den der bayrische Reichsrat und Oberlieutenant Freiherr Eduard Poschinger von Frauenau gegen seinen Pater, Freiherrn Eduard v. Poschinger von Franenau sen., angestrengt hat und der in der„bessern Gefells chaft" das Tagesgespräch bildet. In dein Prozesse handelt es sich um das aus zehn Millionen gcschnytc Poschiiigcrschc Fideikoiiimis!, das der edle Sohn mit allen Mitteln an sich zu bringen sucht. Um nun seine Absicht verwirklichen zu können, schreckte der edle Sprosse derer v. Poschinger selbst davor nicht zurück, seinen Vater des B e t r u g s zn bezichtigen. Die An- gelegenheit erregt schon deshalb Aufsehen, da die Poschingersche Familie zu eineni der ältesten bayrischen Adelsgcschlcchtcr zählt und als Kronzeuge in deni Prozesse der bayrische ReichSrat und königliche Kämmerer Freiherr v. Cramer-Klett austritt, der vom Protestantismus zum Katholicismus übertrat und längere Zeit sich um die Gunst einer Prinzessin bewarb. Schon im Dezember v. I. wurde der Kännnerer Freiherr v. Cramer- Klett unter Eid als Zeuge in diesem Prozesse vernommen. Seit dieser Zeit hatte nun Freiherr Eduard Poschinger sen. wiederholt öffentlich, schriftlich und niündlich gegen den königlichen Kämmerer den schweren Vorwurf des Meineids erhoben, den der hohe Herr bisher ruhig mff sich sitzen ließ, was um so anffalleiider, als gerade blaublütige Herrschaften in Punkts Ehrbegriff sehr empfindlich sein sollen. Jüngst kam es vor dem Landgericht, gelegentlich eines Termins zwischen Vater und Sohn abermals zu erregten Auseinandersetzungen. Freiherr v. Poschinger sen. warf seinem Sohne vor, daß er, um ihn(den Vater) des Betruges bezichtigen zu können, dein Zeugen Cramer-Klett bei seiner Vernehmung erinuuternd zunickte, als dieser wider besseres Wissen die Unwahrheit sagte, daß der Freiherr v. Poschinger jnn. also den kgl. Kämmerer Cramer-Klett anstiftete, zu seinen Gunsten die Unwahrheit zu sagen. In Abwesenheit des Sohnes ließ nun die Gattin des Freiherrn v. Poschinger sen. einen Schreibtisch öffnen und nahm daraus mehrere an den Sohn gerichtete Briefe des Freiherrn v. Cramer-Klett an sich, um ihren Gatten von dem Vorwurf des Betruges zu reinigen. Der Inhalt dieser Briefe st e h t der Zeugenaussage des Kämmerers thatsächlich diametral gegenüber. Eine gar heikle Geschichte I Die Verhandlung wurde abermals, und zwar in die zweite Hälfte des Oktober vertagt. Herren aus den„höchsten Kreisen" machen nun alle erdenklichen Anstrengungen, über die Affaire den Mantel der christlichen Liebe zu decken. Ob ihnen das gelingt, ist zunächst abzuwarten. Würde der Staatsanwalt aber einmal die Akten prüfen, so dürfte er Arbeit in Hülle und Fülle finden. Oder sollte hierfür kein öffentliches Interesse vor- Händen sein?— Hueland. Die Internationale der Reaktion. Z a r e n s ch u tz in Dänemark. Der Redakteur O p f f e r des radikalen Äopeuhagener Nach- nnttagsblattes„Klokken 12" mußte am Freitag vor der Polizei- kammer erscheinen, wo ihm folgendes Schriftstück vorgelesen wurde: „Infolge Ersuchens des kaiserlich russischen Beauftragten in Kopenhagen hat das Jystizministerium kriminelle Untersuchung gegen den Redakteur Opffer angeordnet wegen Beleidigungen gegen den russischen Kaiser und das Kaiserreich Rußland, enthalten in sieben näher bezeichneten Artikeln im Blatte„Klokken 12", für welches Opffer als Verantwortlicher genannt wird." Redakteur Opffer sollte dann die Namen der oder des Verfassers der Artikel angeben. Er verweigerte dies, worauf er entlassen wurde. Obgleich wirklich freigesinnte Leute den Justizminister Alberti schon lange nicht mehr für einen liberalen Mann ansehen, hat man es doch nicht für möglich gehalten, daß er sich zu einem derartigen Schergendienst für den russischen Kaiser hergeben würde. Der Fall liegt um so krasser, als es sich in den Artikeln hauptsächlich um die Vorgänge in Finnland handelt und sie auf eine Warnung an die russischen Gewalthaber hinauslaufen, im Interesse Rußlands nicht in der Weise wie bisher gegen die Finnen vorzugehen, da es sonst dem neuen Generalgouverneur ergehen könnte, wie es Bobrikow erging. Die Anklage stützt sich ans folgenden Paragraphen des dänischen Strafgesetzbuches: „Der, der einen fremden, mit dem König in Freundschaft lebenden Regenten mit persönlichen Angriffen bedroht, ihn mit Schelt- Worten überfällt oder in andrer beleidigender Weise über ihn redet, wird mit Vcrbcsserungshausarbeit, Staatsgefängnis oder andrem Gefängnis bestraft, doch nicht unter drei Monat einfaches Gefängnis."—_ Frankreich. Die Stichwahlen für die Gencralrate. Die Stichwahlen, die am Sonntag ausgefochten wurden, ver- künden den Sieg des Ministeriums Combes vom vorigen Sonntag. Gewählt wurden 67 Ministerielle, 18 Antiministerielle und SKonser- vativc. Die Ministeriellen gewinnen 17 Sitze und verlieren acht. Nach dem nunmehr vorliegenden Gesamtergebnis der Gcneralratswahlen haben die Ministeriellen 109 Sitze gewonnen. Im ganzen wurden 883 Ministerielle gewählt. Paris, 7. August.(W. T. B.) Gruppen von Freidenkern versammelten sich heute nachmittag auf dem Platze vor dem Stadthausc und zogen von dort vor das Denkmal E t i c n n e Dolets. Sie sangen die Internationale und riefen:„Nieder mit der Geistlichkeit!" Sie entfalteten drei rote Fahnen. Als diese von der Polizei weggenommen wurden, kam es zum Hand- gemenge.— Italien. Russische Polizei in Rom. Rom, 6. August.(Eig. Ber.) Es besteht in Rom eine russische Polizeiabteilung zur Ueberwachung der in Italien lebenden Russen, obwohl natürlich die Sorge für die Sicherheit aller ans italienischem Boden lebenden Bürger sowie jede Art von Polizeidienst ausschließlich der italienischen Regierung zusteht. Ueber diese Polizei-Abteilung bringt der„ A v a n t i" folgende Einzelheiten: Chef dieser Abteilung ist Johannes M a n n u i l e f f, der sich für einen Verwandten P l e h w e s ausgiebt und offiziell Agent ist für geistliche Angelegenheit am heiligen Stuhl und Direktor der kaiserlich russischen Verivaltungsämter von St. Stanislaus, die den zahlreichen russischen Kirchengüteru Roms und Italiens vorstehen. Mannuileff kam nach Rom mit dem spcciellen geheimen Auftrag, die Kongregation der Polen in P a l o m b a r a Sabina zn zerstören. Diese Kongregation hat ihren Sitz in einem ehemaligen Franziskaner- kloster auf den Namen des heiligen Josaphat und hatte die Auf- gäbe, die katholischen Polen unter russischer Herrschaft zu unter- stützen und in Schutz zu nehmen. Prior der Kongregation war der Pater G i s c a r d, von dessen Verhaftung und Verschickung nach Sibirien ivir bereits berichteten. Auf Giscards Verhaftung hatte die russische Regierung 50 000 Rubel(nicht Lire, wie wir irr- tümlich geschrieben haben) ausgesetzt. Giscard wurde von nie- nrand geringerem als dem Kardinal Rampolla verraten, der sich ein Bild des greisen Geistlichen verschafft hatte und von seiner vorübergehenden Rückkehr nach Polen wußte und so Giscard den russischen Schergen in die Hände lieferte. Rainpolla hat sich natürlich den Schergendienst nickt mit 50 000 Rubel bezahlen lassen. Als er diese That beging(Anfang 1900) war Leo XIII. ein alter Mann, und als er starb, st i in m t e N u tz- I n n d i m Konklave bekanntlich für Rampolla. Präfekt der Propaganda Fide war damals der Pole Kardinal Ledochowski. In Verfolgung seines edlen Zieles ließ Mannuileff Briefe, die an notorisch national gesinnte Polen in Rom gerichtet waren, unterschlagen. Er bestach zn diesem Zweck die Briefträger und die Portiers, denen er 3 Lire täglich gab. Unterschlagen wurden Briefe an die Kongregation der polnischen Resuniptiouisten sowie an viele Geistliche. Diese Briese beantwortete Mannuileff, indem er fingierte, daß .der Empfänger bettlägerig sei und ihm Anftrag zum Schreiben er- teile. In diesen Antworten fragte er nach Details, nach Namen und Adressen. Um Beziehungen zu den später ausgelieferten Russen G o n- s i e r r o w s k i und F i l i p p o w s k i anknüpfen zu können, sandte Mannuileff zwei seiner Agenten zu ihnen mit einem gefälschten Briefe eines polnischen Patrioten Z a g o r s k i. Die größte Infamie Mannuileffs, die überhaupt ivohl das höchste erreicht, was ans deni Gebiete feiger Gransamkeit zu leisten ist, be- stand aber in folgendem Verfahren. Er ließ iralienische Manifeste drucken, die auf eine Verschwörung für die Befreiung Polens deuteten, und ließ sie an polnische Bürger versenden. Dann telegraphierte er an die russischen Polizeibehörden, sie sollten auf die Post achten, aller Wahrscheinlichkeit nach würden der und der revolutionäre Manifeste erhalten. Ein solcher Aufruf ist in unfern Händen; er hat folgenden Wortlaut: ?ro Polonia. Genossen! Das Komitee von London beantwortet unser gestriges Tele- gramm und dankt im Namen der revolutionären Partei für die Ünabhängigkeit Polens. Die telegraphische Censur ließ ans Veranlassung der deutschen und russischen Gesandtschaft in Rom die Telegramme konfiszieren. Wir protestieren energisch gegen diese That und senden die wärmsten Wünsche für Erfolg den von der fremden Tyrannei be- drückten Genossen mit der nochmalige» Versicherung unsrer Solidarität mit allen Kämpfern für das Ideal. Da? Komitee. Diese Zettel wurden aufgesetzt von einem gewissen L., einem Individuum norwegisch-italicnischcr Abstammung, das viel in socia- listischen Kreisen verkehrte und in diesem Frühjahre viel in Gesell- schaft Björnstjerne Vjö ni s o n s, der natürlich keine Ahnung von seinem Charakter hatte, in Rom gesehen wurde. Gedruckt wurden sie in einer Druckerei von Porta Cavalleggeri. Sie wurden unter anderm an folgende Personen versandt: an den Priester Jungowski, Professor Stoka, Dr. Kojews ki, Graf P i v t r o>v S k i, Dr. Baranowski, Joseph B u l l o ch, sämtlich in Warschau, ferner an den Ingenieur Alexander Malinowski in L o j dz. Mannuileff verfolgte mit diese Sendungen, durch die zahllvse Personen ins Unglück kamen, ili erster Linie den Zweck, sich als einen gewandten Spitzel zu zeigen, dem nichts verborgen blieb! Ferner weiß man von deni Hallunkeii, daß er zwei italienische Polizisten bestocken hat. Es wird gegen ihn wegen Bestechung von Beamten in Ausübung ihres Amtes vorgegangen werden. Mannuileff ist nach dem auf seinen Bericht hin unterbliebenen Besuck des Zaren in Rom nach Paris übergesiedelt. Er ist aber bis heute Chef der russischen Polizeiabteilung in Rom und der an seiner Stelle wirkende russische Agent ist nur sein Stellvertreter.— England. London, 8. August. Unterhaus.(Forts.) Auf eine An- frage erklärt der Unterstaatssekretär des Auswärtigen E a r l o f P e r c y, es sei zwischen England und Deutschland kein Pertrag über die Egypten betreffenden Artikel des englisch-franzosischen Ab- kommens abgeschlossen worden. Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien hätten aber nicht nur wie Rußland dem Khedivialerlaß zu- gestimmt, sondern sich auch verpflichtet, das Vorgehen Englands in Egypten nicht durch das Verlangen nach Festsetzung einer Frist für die englische Okkupation Egyptens oder in irgend einer andern Weise zu behindern. Diese Mächte hätten auch ihre Zustimmung dazu gegeben, daß die Ausführung des letzten Satzes der Paragraphen 1 und 2 des Art. 8 des Vertrages vom 29. Oktober 1388 untcroleibcn solle. Andrerseits habe die englische Regierung diesen Mächten die Versicherung gegeben, daß sie ihrem Handel die Behandlung der meist- begünstigten Nationen auf 30 Jahre verbürgen und daß sie auf Grund von Verträgen Konventionen und Gelvohnhcitsrecht genießen. Ferner sollen die Schulen der erwähnten Mächte dieselbe Freiheit wie in der Vergangenheit fortdauernd haben und die Beamten dieser Nationa- litäten, die'gegenwärtig in cgyptischen Diensten stehen/ nicht Be- dingungen unterworfen werden, die weniger vorteilhast seien als die- jenigen, die sich auf englische Beamte in denselben Diensten bezögen. Aincrika. Montevideo, 7. August.(Meldung des Rcuterschen Bureaus.) Als Präsident Battle v. Ordonez gestern durch die Stadt fuhr, explodierte unter seinem Wagen eine Mine, die in einem Tunnel unterhalb der Straße lag, welcher von einem un- bewohnten Hause ausging. Das Stratzenpflaster und die darüber führenden Straßcnbahnschicnen wurden aufgerissen, der Präsident unl seine Familie blieben unverletzt; auch niemand anders kam zu Schaden. Ueber die Urheber des Anschlages ist nichts bekannt.— Huö Industrie und Handel. Tie Hibernia-Angclegenheit spitzt sich immer mehr zu einem er- bitterten Jntercssenkampf zwischen den beteiligten Bankgruppen zu. Auf der einen Seite steht die Interessengemeinschaft Dresdner Bank- Schaafhausenscher Bankverein, die als Eingeweihte in das Verstaat- lichungsprojekt seit Wochen bedeutende Ankäufe in Hibcrnia-Aktien vorgenommen haben— nach Schätzung in Börsenkreisen sollen sie jetzt an ca. 20 Millionen Mark Aktien im Besitz haben— und daher bei der Verstaatlichung etliche schöne Millionen verdienen würden, auf der andern Seite die Firma S. Bleichröder und die Berliner Handels- gesellschaft, unterstützt von der Dskonto-Gesellschaft und Darmstädter Bank, die als bisherige Baukiers der Hibernia- Gesellschaft(die Firma Bleichröder ist seit der Gründung der Hibernia im Jahre 1873 an diesem Unternehmen beteiligt) darüber erbost sind, daß die Re- gierung sie beim Geschäft umgangen hat und ihnen der schöne Profit der Dresdnerin aus der.Nase gehen soll. Eine neutrale Stellung nimmt vorläufig die Deutsche Bank ein, wenngleich die Ablehnung der ihr von der Dresdner Bank angetragenen Gewinnbeteiligung, die ihr wahrscheinlich einen Nutzen von einer halben Million eingebracht haben würde, darauf schließen läßt, daß sie mit dem Vorgehen der Gruppe Bleichröder-Handels- gesellschaft-Darmstädter Bank sympathisiert. Schließlich haben doch alle diese Großbanken ein entschiedenes Interesse daran, daß ihnen durch Verstaatlichungen nicht ihr Geschäftsgebiet eingeengt wird. Das reguläre Bankgeschäft genügt heute ihren Ansprüchen nicht mehr; sie sind in Anbetracht der Größe ihrer Kapitalien darauf angewiesen, durch großfinanziellc Unternehmungen, namentlich industrielle Grün- düngen und Fusionen ihrem Gewinn nachzuhelfen, und das günstigste Gebiet für solche Unternehmungen ist heute, nachdem durch die Ver- siaatlichung der Eisenbahnen ihnen dieses frühere Ausbeulungsobsekt entzogen worden ist, die Montanindustrie. Sich nun dieses Gebiet ebenfalls einengen und abgraben zu lassen, paßt ihnen natürlich recht wenig in ihren Plan. Um diese führenden Vankgruppen aber schlängeln sich gewisse Aktionärkreise. Zu der Dresdner Bank steht ein Teil der kleinen Aktionäre, der die Offerte der Regierung für annehmbar hält und denkt, daß preußische Konsols doch ein sichereres Papier sind als Kohlenaktien; zu der Gruppe Bleichröder-Handelsgcsellschaft halten dagegen die Großaktionäre aus den Kreisen der rheinischen Kohlen- und Hüttenindustrie, da sie befürchten, daß nach der Verstaatlichung der Hibernia noch andere Bergwerke an die Reihe kommen und ihre Zukunftsrechnungcn dadurch gestört werden könnten. So hat denn auch der Vorstand des Vereins für die bergbau- lichen Interessen im Oberbcrgamts-Bezirk Dortmund, in welchem die letztgenannten Elemente dominieren, am Sonnabend sich mit der Verstaatlichung der Hibernia beschäftigt und nach dem Bericht der „Rhein.-Wests. Ztg." eine Resolution angenommen, in welcher aus- geführt wird, daß die in der„Berliner Korrespondenz" zur Be- gründung des Anerbietens angeführten, die Schaffung eines um- fassenden Trusts vermutenden Pläne thatsächlich nicht bestehen. Die darunter verstandenen, die Hebung der gegenwärtigen Absatzschwierig- keiten verfolgenden Erwägungen hätten weder mit dem Trust etwas zu thun, nach bezweckten sie, den Fiskus von Erlverbungen im nieder- rheinisch-westfälischen Bergbau auszuschließen. Der weiter aus- geführte Anlaß des Anerbietens, damit einen müßigenden Einfluß auf die Preispolitik des Kohlcnsyndikats gewinnen zu wollen, könne nicht überzeugen, wenn man die Preispolitik in Betracht ziehe, welche der Bergfiskus im Saargebiet der dortigen Industrie gegenüber be- obachte. Für das Anerbieten ausschließlich an die Gesellschaft Hibernia könne diese Begründung um so weniger Geltung bean- spruchen, als der Fiskus im vorigen Jahre wiederholt sich weigerte, durch Beitritt zum Syndikat mit seinem derzeitigen Besitzstand den angestrebten Einfluß zu gewinnen. Das gegenwärtige Vorgehen, heißt es in der Resolution weiter, kann deshalb trotz des Dementis der„Berliner Korrespondenz" nur dahin gerichtet sein, die Ver st aatlichungdesniederrheintsch- westfälischen Bergbaues einzuleiten, worin wir eine Gefähr» dung aller unserer Erwerbs st ände erblicken. In dem seit der Eisenbahnvcrstaatlichung fast verflossenen Viertcljahrhundert sei die Zusage einer mit der wirtschaftlichen Ent- Wicklung fortschreitenden Tarifreform bisher nur zum Teil erfüllt. Wie bei jener, so würde bei der Verstaatlichung des Bergbaues zahl- reiches Kapital, das d.en Bergbau zum Blühen gebracht hat, nun» mehr, wo sich Erfolg zeigt, aus seinem Besitz her- ausgebracht werden und gezwungen sein, in minderwertigen Anlagepapieren, wahrscheinlich auch des Auslandes, wiederum seine Verzinsung zu suchen. Die Niannigfache Arbeitsgelegenheit, die der Bergbau mit seinem verteilten Besitz biete, würde bei der Verstaatlichung einem Zwange Platz machen, welcher die Verwertung der Arbeitskräfte der Beleg- schaffen zu beschränken drohe. So weit die Resolution, die höchst charakteristisch für die Motive der Herren ist. Man braucht sich nur die oben gesperrt gedruckten Stellen des Beschlusses anzusehen und erkennt sofort, woher der Wind weht. Preissteigerung wichtiger Lebensmittel. Die Dürre des letzten Monats hat bereits eine nicht unbeträchtliche Preissteigerung ver- schiedcner Nahrungsmittel bewirkt. Nach der„Statist. Korrespondenz" kostete in 24 größeren Städten Preußens der Weizen im Juli d. I. durchschnittlich 172 Mk. für 1000 Kg. gegen 169 Mk. im Juni d. F. und 158 Mk. ini Juli v. I. Der Roggenprcis ist von 131 auf 136 Mk. gestiegen, während er vor einem Jahre 133 Mk. betragen hatte. Der Gerstenpreis betrug durchschnittlich 134 Mk. gegen 132 im Juni d. Ii und 135 im Juli v. I. Am bedeutendsten ist die Preissteigerung beim Hafer, der im Vormonat 130, im Juli aber 137 Mk. kostete. Tie Ehkartoffeln erhöhten ihren Durchschnittspreis von 52, 9Mk. für 1000 Kg. auf 64,6 MI., während sie im Juli von 52,9 Mk. für 1000 Kg. auf 64,6 Mk., während sie im Juli 1903.66,3 Mk. gekostet hatten. Auch der Preis des Schweine- fleisches ist von 1,30 auf 1,32 Mk. gestiegen. Ansfichrvergütungen des Kohlen- und RoheiscnsyndikatS. Wie die„Kölnische Volkszeitung" berichtet, lehnte es das Kohlensyndikat ab, über den 31. Dezember hinaus noch denjenigen Werken Ausfuhr- Vergütungen zu zahlen, deren Zusammenschluß zu Verbänden bis dahin noch nicht erfolgt sein sollte. Das Kohlensyndikat, das Roh- eisensyndikät, der Verein für Verkauf Siegerländer Roheisens und der Stahlwerksverband setzten für die im letzten Vierteljahr dieses Jahres zur Ausfuhr gelangenden Waren nachstehende Höchstvcr- gütungen fest:, für Kohlen 1,50 Mk., für Roheisen 4,36 Mk., für weiches Halbzeug 15 Mk. und für Formeisen 20 Mk. per Tonne, bei den beiden letzteren einschließlich Vergütung auf Kohle bezw. Roheiseg. Der Zweck der Maßregel ist. diejenigen kleinen Branchen der Eisen« und Stahlindustrie, die noch nicht kartelliert sind, zur Grün- dung von Kartellen und Syndikaten zu zwingen- Sozialcd. Schadenersatz für Boykott. Das Landgericht Bremen hat in einer Civilklage wegen Schaden- crsatz entschieden, daß die Anwendung des Boykotts gegen die guten Sitten verstoße und zum Schadenersatz verpflichte. Der C.entralverband der Civilberufsmusiker hatte in Bremen ein Flugblatt verbreiten lassen, worin die Arbeiter aufgefordert wurden, das Lokal von Brüggemann zu meiden, weil dort die Musiker wegen Lohnforderungen streikten. Die Inhaberin dcS Lokals klagte gegen die Herausgeber des Flugblattes auf Schaden- ersah und erzielte die Anerkennung des Ersatzanspruches Vorbehalt- lich späterer Feststellung des Schadens. Das Gericht stützt die Ver- urteilung darauf, daß der Boykott gegen die guten Sitten verstoße. Allerdings nur die besondere Art des hier geübten Boykotts. In dieser Beziehung heißt es in der Begründung des Urteils: „Das Zwangsmittel, welches die Beklagten gegen die Klägerin anwandten, bestand darin, daß der Wirtschaftsbetrieb der letzteren infolge Ausbleibens von Gästen ins Stocken geraten, die Klägerin also ihre einzige Erwerbsquelle verlieren und dadurch zum Nach- geben gezwungen werden sollte. Diese Art des Zwanges ging in doppelter Beziehung über das Maß des bei derartigen Boykotts gewöhnlich zur Anwendung kommenden Drucks hinaus. Während bei diesem in der Regel nur die Mitwirkung der interessierten Arbeiter, d. h. der Arbeiter eines bestimmten Berufszwcigcs, in Anspruch genommen wird, indem diese aufgefordert werden, bei dem boykottierten Arbeitgeber nicht in Arbeit zu treten, sollten in diesem Falle nicht nur die interessierten Arbeiter, nämlich die Musiker, zu dem Boykott mitwirken, sondern es sollte das gesamte in dem Lokal der Klägerin verkehrende Publikum, obwohl es an sich bei den Lohnverhältnissen der in dem Lokale an einzelnen Tagen spielenden Musiker gar nicht interessiert war, zur Erreichung des Zweckes mitwirken. Daß dieses Publikum größtenteils aus Arbeitern bestand, macht für diesen Gesichtspunkt keinen Unterschied. Während ferner bei den Boykotts in der Regel nur eine vorübergehende geschäftliche Be» einträchtigung des davon Betroffenen als Mittel angewendet wird, um diesen gefügig zu machen, mußte im vorliegenden Falle das Vorgehen der Beklagten die Folge haben, daß der Wirtschaftsbetrieb der Klägerin wegen Mangels an Gästen völlig aufhörte, die Klägerin also ihre einzige Erwerbsquelle verlor und ruiniert wurde. Ein solches Zwangsmittel, welches auf eine Vergewaltigung des Gegners durch Einwirkung auf seinen geschäftlichen Ruin hinausläuft, kann als ein erlaubtes Mittel zum Zweck der Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht erachtet werden: es überschreitet nach dem Rcchtsbewuhtsein aller billig und gerecht denkenden Menschen das zulässige Maß und charakterisiert sich mithin als ein Verstoß gegen die guten Sitten im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches/' Die hier durch den Druck hervorgehobene Stelle der Urteils- begründung kennzeichnet den Geist der heute noch herrschenden Rechtsauffassungcn. Er ist dem Geiste der Arbeitersolidarität direkt entgegengesetzt. Von unserm Standpunkte aus geht es jeden Ar- beiter sehr viel an, ob andre Arbeiter schlecht bezahlt werden, und es liegt in seinem Interesse, dafür sorgen zu helfen, daß alle Arbeiter gut bezahlt werden. In dem gezeichneten Satze klafft der Wider- spruch zwischen Klassenrccht und Arbeitersolidarität. Im übrigen kann man natürlich, Wenns sein muß, einen Boykott auch so führen, daß niemand da ist, der verklagt oder bestraft werden kann. In der Generalversammlung der Mainzer Ortskrankenkaffe er- klärte der Vorstand, wie uns berichtet wird, daß er früher ein ent- schiedener Anhänger der freien Arztwahl gewesen sei; Praxis und Erfahrung hätten aber gezeigt, daß man zum entschiedenen Gegner werden könne. Im Laufe des Rechnungsjahres seien die Ausgaben der Kasse um 50 000 M. höher wie die Einnahmen. Der Vorstand, der übrigens konstatiert, daß zwischen Kasse und Aerzten ein gutes Verhältnis besteht, spricht sich jetzt entschieden zu Gunsten des Systems der beamteten Aerzte aus. Auf die Ausleguiig der Geschäftsordnung des paritätischen Arbeitsnachweises der Dachdecker kam es bei einem Rechtsstreit an, den der Dachdecker H. gegen den Dachdeckermeister Prügel beim Gewerbegericht ausfocht. Die Firma hatte vom Nachweis einen Gesellen verlangt. Der Vermittler schickte H. als den nächsten in der Reihenfolge. H. wurde jedoch nicht angenommen. Er verlangte nun im Klagewege eine Entschädigung, indem er geltend machte, nach den Bestimmungen der Gelchäftsordnung des Arbeitsnachweises müsse der Meister den Gesellen, der ihm vom Arbeitsnachweis auf das Verlangen nach einer Arbeits- kraft zugesandt werde, annehmen. Die Bestimmung, die eine Aus- Wahl unter den ersten zehn in der Liste erlaubt, bezieht Kläger— er behauptet gleich vielen andern— nur auf die Fälle, wo der Arbeitgeber persönlich auf dem Arbeitsnachweis erscheint und gleich die Auswahl vornimmt.— Die Kammer III des Gewerbegerichts wies den Kläger jedoch ab, indem sie seine Auffassung für falsch erklärte. Sie stehe mit verschiedenen Bestimmungen der Geschäfts- ordnung in Widerspruch. Zum Beispiel mit der, daß wenn ein Arbeitsloser die Stellung angetreten habe, dies dem Bureau zu melden sei, damit die Streichung in der Liste er- folge. Diese Bestimmung wäre ganz überflüssig, wenn Kläger recht hätte. Kläger lege die Bestimmung über die Möglichkeit einer be- schränkten Auswahl falsch aus. Das Statut enthalte keine Be- stimmung, aus der für den Arbeitgeber, der eine Arbeitskraft zu- gesandt verlange, die Verpflichtung entnommen werden könnte, auf jeden Fall den ihm zugesandten Arbeitslosen anzunehmen. Der Vorsitzende Dr. S ch a l h o r n betonte, daß er selber bei der Aus- arbeitung der Geschäftsordnung mitgewirkt habe. Wenn sie so, wie sie nun einmal sei, nicht den Wünschen der Arbeitnehmer entspreche, dann müßten sie auf eine Aenderung hinwirken. Die vorliegende Klage könne keinen Erfolg haben. Sewerklcbattlkkes. Gegen das Koalitionsrecht. Die Kühnemänner, Bueckh und F e l i s ch ringen um die Palme bei der Bekämpfung der Arbeiterbewegung. Ueberall im Reiche haben in diesem Jahre die Baubeflissenen Riesenaussperrungen insceniert, durch welche sie die Organisationen der Bauarbeiter niederzuzwingen versuchten. Der Erfolg dieser Aussperrungen ist ein ungewollter; gestärkt statt geschwächt gehen die Bauarbeiter- Organisaftonen aus diesen Kämpfen hervor und die mit der Parole „Gegen die Lehre vom Klassenkampf" gegründeten christlichen Arbeiter- verbände haben sich vielfach zu einer Revision ihrer Ansichten ent« schließen müssen, nachdem die Unternehmer ihnen so eindring- lich den Klassenstandpunkt klargemacht haben. Diese Mißerfolge im wirtschaftlichen Kampfe scheinen die Unter» nehmer nun zu veranlassen, das Kampffeld wechselnd neue Vorstöße gegen die Arbeiterbewegung auf gesetzgeberischemWege zu versuchen. Nach Magdeburg ist für den 28.-30. August ein Innung S- undHandwerkertag einberufen worden, der auch folgende Punkte auf der Tagesordnung hat: o.) Schutz der Arbeitgeber gegen frivole Schädigung seitens der Arbeiter-Orga in- sationen durchArbeitseinstellungen und Be- triebssperren. b) Schutz der Arbeitswilligen und Bestrafung des Kontraktbruchs. o) Verpflichtung der Berufsvereine und Verbände zum Ersatz des Schadens, welcher bei Gelegenheit oder aus Anlaß von Ausständen und Sperren durch deren Beamte und Mitglieder bezw. durch von denselben gestellten Streikposten verursacht worden ist. A) Verbot d eS S treikpostenstehens. Verbot des Streikpostenstehens, Ersatz des Schadens, der den Arbeitgebern durch Streiks und Aussperrungen entsteht, durch die Organisationen der Arbeiter. Das heißt doch, diesen Organisationen Schlingen um den Hals legen, die sie bei der leisesten Bewegung selbst zuziehen müssen. Sollten derartige Anträge wirklich bis in den Reichstag ge- langen, dann werden natürlich unsere Vertreter dafür sorgen, daß sie entweder zu Falle kommen oder die gleichen Schlingen„paritäftsch" anch den Uuternehmer-Organisattonen umgelegt werden. verlin und llmg-egencU Der Streik in der Gießerei der Firma Schwarbkopff scheint Anlaß zu einem ernsten Kampf des Verbandes der Mctallindustriellen gegen die organisierten Arbeiter zu geben. In der gestrigen General- Versammlung des Metallarbeiter-Vcrbandes teilte Cohen mit, daß gestern in allen Berliner Eisengießereien Streikarbeit angeboten worden ist, anscheinend zu dem Zweck, eine allgemeine Aussperrung der Eisenformer ins Werk zu setzen. Nach einer Rücksprache der Orts- Verwaltung des Metallarbeiter-Vevbandes mit der Vranchenleitung der Eisenformer, die während der Generalversammlung vorgenommen wurde, wurde den in Frage kommenden Eisenformern und Gießerei- arbeitern zur Pflicht genracht, Streikarbeit für die Firma Schwartzkopff zu verweigern. Diesen Be- schluß nahm die Generalversammlung mit großem Beifall auf. Nach den Ausführungen, die Cohen und Wiesenthal hierauf machten, ist nunmehr ein harter Kampf mit den Kühnemännern zu erwarten. Solange es Konflikte der Former mit den kleineren Gießereien gab, kümmerte sich der Kühnemänner-Vcrband nicht darum, jetzt aber, wo es sich um einen großen Betrieb handelt, antwortet er mit der Aussperrung. Die Arbeiter nehmen den Fehdehandschuh auf und werden, gestützt auf die Solidarität aller Former und Gietzereiarbeiter, den ihnen angebotenen Kampf aufnehmen. Zum Streik der Glaser wird gemeldet, daß bereits große Vau- firmen an die Tarifkommission herantreten und um Angabe solcher Firmen ersuchen, welche die Forderungen der Bauglaser bewilligt haben. Wie schon mitgeteilt, hat nach der offiziellen Mitglieder« Per- sammlung der Glaser- Innung am Sonnabend eine Fortsetzung derselben stattgefunden, welcher der Gesellen- Ausschuß nicht bei- wohnen durfte. Der bereits in früheren Berichten gekennzeichnete Glasermeister Stampehl forderte in dieser„zwangslosen Zusammenkunft" die Anwesenden auf, sie sollten nur solche Personen beschäftigen, welche einer freien HilfSkasse angehörten, Vergntw. Asdalteuri Pauk Büttner» Berlin- Inseratenteil verantw. sollten überhaupt die Gründung einer freien Hilfskasse in Erwägung ziehen. Dieselben Herren, welche, wenn man sie reden hört, von Arbeiterfreundlichkeit triefen, wollen ihren ge- ringen Anteil an den Lasten der socialen Versicherungs- gesetze auf die schwächeren Schultern abwälzen und nennen das wahrscheinlich eine Aufgabe ihrer Innung, von welcher sie vorgeben, daß sie zum gedeihlichen Verhältnisse zwischen Arbeitern und Unternehmer beitragen soll. In einer Versammlung der Streikenden, die am Sonnabendabend stattfand, konnte mit- geteilt werden, daß am Freitag 142, am Sonnabend bereits lö2 Glaser zu den neuen Bedingungen arbeiteten. Die Zahl der Firmen, welche den Tarif unterschreiben. ist jedoch immer noch ständig im Wachsen begriffen. Täglich lassen sich außerdem neue Personen in die Listen der Streikenden eintragen. Zur Lohnbcwcgling der Bauanschläger. Der Verein der Bau- anschläger tLokalorganisation) hielt am 7. August in Frankes Fest- sälen, Sebastianstratze, eme Generalversammlung ab. Günter erstattete Bericht über die Stellungnahme der Schlosserinnung zu der beantragten Aenderung des Tarifs. Der Vorstand des Vereins hat ein Schreiben vom Obermeister Heinrich erhalten, wonach die Generalversammlung der Schlosserinnung und des Verbandes Berliner Schlossereien mit Rücksicht auf ähnliche Forderungen einer andern Bauanschläger-Vereinigung sMetallarbeiter-Verband. Der Berichtcrst.) eine Kommission zur Beurteilung der Wünsche und zur eventuellen Verhandlung mir den Vertretern der Arbeitnehmer eingesetzt hat. Der Verein wird ersucht, ebenfalls eine Kommission einzusetzen. Der Borstand schlägt vor. drei Mitglieder zu wählen. Er ist sich zugleich einig geworden, mit den Kollegen vom Metall- arbeiter-Verband zusammenzugehen. Er hat dies den Vertretern der Gruppe Bauanschläger des Verbandes brieflich mitgeteilt und sie aufgefordert, auch drei Personen zu wählen, die mit der Kommission des Vereins zusammentreten mögen.— Widerspruch erfolgte nicht. Die Versammlung wählte in die Kommission Markgras, Günter und W> e g a n d.— Zum zweiten Schriftführer wurde A tz m a n n gewählt. Der Fachverein der Musikinstrumcntcn-Arbeiter befaßte sich gestern abend in einer Werkstattdelegiertcn-Versammlung mit dem Thema:„Die Idee des General st reiks." Der Referent Kleinlein sprach sich ganz im Sinne der Ausführungen Dr. Friede- bergs aus. Es folgte eine lange Diskussion, in der sich die meisten Redner ebenfalls mehr oder minder entschieden für die Propagierung der Generalstreiks-Jdee äußerten. Tann wurde beschlossen, die Diskussion in einer der nächsten Vereinsversammlungen fortzusetzen und dazu einen Referenten und Korreferenten zu bestellen. Ferner soll nach Erscheinen des Berichts über die Versammlung vom 3. August in der„Einigkeit" in den Zahlstellen über dasselbe Thema diskutiert werden. Dann berichtete Piepenhagen über den Streik bei G a st u. C o. Eine wesentliche Veränderung ist nicht eingetreten. Die Leistungsfähigkeit des Betriebes ist nun vollständig lahmgelegt, nach- dem auch die Zusammensetzer, da sie nicht mehö weiterarbeiten konnten, die Arbeit eingestellt haben. Der Stand des Streiks wird als sehr günstig für die Arbeiter angesehen. Der Verein der Kistenmacher, der bisher zu den Lokalorgani- sationen gehörte, hat nunmehr seinen U ebertritt in den Holzarbeiter-Verband beschlossen. In der gestrigen General- Versammlung des Vereins wurde festgestellt, daß von den Mitgliedern laut Urabstimmung mehr wie die erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Anschluß an den Holzarbeiter-Verband votiert hatte. Der Vorstand nahm an, daß der Anschluß voraussichtlich zum 1. Oktober erfolgen werde. Ferner beschloß die Versammlung zu einem noch festzusetzenden Zeitpunkt eine Lohnbewegung vorzubereiten. Wie hervorgehoben wurde, handelt es sich dabei um keinerlei Neuforderungen, sondern lediglich um die Durchführung des Minimaltarifs vom Jahre 1900, der im Laufe der letzten Jahre von einer Anzahl Firmen erheblich durchlöchert worden ist. In der Versammlung wurde anch die Abrechnung vom 2. Quartal verlesen. Die Einnahme betrug 963,20 M., die Arisgabe 448,72 M. Der Gesamtbestand belauft sich auf 2243,14 M. DeutWus Reich. Achtung, Schuhmacher! Die in Nr. 183 des„Vorwärts" ge- meldeten Differenzen in der Filzschuh-Fabrik von Jakobh in Storkow sind als erledigt zu betrachten. Es sind den Zwickern auf acht be- sonders niedrig bezahlte Artikel Lohnerhöhungen von 5—35 Pf. pro Dutzend bewilligt worden, so daß nunmehr der Tarif annähernd den Berliner Durchschnittslöhnen entspricht. Die Arbeiter haben am Montagmorgen, soweit sie in der Zwischenzeit nicht abgereist oder anderweittg in Arbeit getreten sind, die Arbeit wieder aufgenommen. Die Agitationskommission der Schuhmacher für die Provinz Brandenburg. Der Maurerstreik in Gelsenkirchcn dauert fort. Durch die bürger- lichen Zeitungen wurde die falsche Nachricht verbreitet, die Lohn- bewegung der Maurer in Gelsenkirchen sei abgeschlossen: infolgedessen wird das dorttge Strcikgebiet mit Zuzug aus aller Herren Länder beglückt. Die Nottz ist sogar in einen Teil der Parteipresse über- gegangen. Demgegenüber erklärt die Lohnkommission der Gelsen- lirchener Maurer: Am 3. August haben die hiesigen Maurer den Vertragsentwurf abgelehnt und am 4. August haben 161 Maurer die Arbeit niedergelegt. In den nächsten Tagen werden noch einige hundert nachfolgen. Bis heute haben zwei Unter- nehmer bewilligt, der Arbeitgeberverband verhält sich bis jetzt noch neutral, jedoch verlautet, daß Aussperruiigsgelüste umgehen. In Betracht kommen: Das Großstadtgebiet Gelsenkirchen(Heßler, Schalke, Bismarck, Bulmke, Hüllen und Ueckendorf) sowie Wanne- Eickel. Kränge, Röhlinghausen.— Zuzug ist fernzuhalten. Die Direktion der Farbenfabriken in Leverkusen hat ihre Arbeits- willigen mit Knütteln ausgerüstet, die sie von der Firma Spies u. Jungermann in Köln bezog. Es sind 300 Stöcke, meist aus ge- wachsenem Eschenholz mit gebogener Krücke. Die Knüttel wurden den Arbeitswilligen geradezu aufgedrängt. Die Folge davon sind bereits eine Anzahl von Ausschreitungen der Herren Arbeitswilligen. Die Steinsetzer EiscnachS sind wegen eines Lohnabzuges und sonstiger Differenzen in einen Streik eingetreten.— Zuzug ist fern- zuhalten. Die Ausgesperrten in Bremerhaven hielten dieser Tage eine Versammlung ab, zu der sie auch den Stadtrat von Bremerhaven einluden, damit dieser sich vom Stande der Dinge überzeugen könnte. Der Stadtrat lehnte ein Erscheinen ab, erklärte sich aber bereit, einen Versuch zur Beilegung der Differenzen zu machen, wenn von den Ausgesperrten ein diesbezüglicher Antrag an ihn erginge. Die Ausgesperrten erklärten,.daß sie keine Veranlassung hätten, darum zu betteln, daß vielmehr die städtischen Behörden die Pflicht hätten, aus eigner Initiative an einer Beilegung des Konfliktes zu arbeiten. Lohnbewegung der Holzarbeiter in Leipzig, einer am 5. August in den Räumen des Etablissements„Sanssouci" abgehaltenen Ver- sammlung beschlossen ca. 1600 Tischler. Polierer, Drechsler und Maschinenarbeiter in eine Lohnbewegung einzutreten. Die Bau« tischlcr fordern eine 5— 3 prozentige Erhöhung deS seit 1809 bestehenden Tarifs, während die Möbeltischler 43 Pf. Lohn bis 20 Jahren und 50 Pf. Lohn für alle übrigen, die Maschinenarbeiter 43 Pf. Minimallohn fordern. Außerdem wird für alle in den Bau- und Möbeltischlereien beschäftigten Gehilfen ein Lohnzuschlag von 10 Proz. verlangt, welcher sich auch auf Accordpreise in den Specialgeschästcn erstrecken soll. Als principiell wichtigste Forderung ist die Errichtung eines gemeinsamen Arbeitsnachweises aufgestellt. Da hieraus wohl die ernstesten Differenzen resultieren dürften, ist vor allem jeder Zuzug noch streng zu vermeiden uiid sind daher alle Arbeitsangebote aus Leipzig zurückzuweisen. Den Unternehmern ist zur Stellungnahme bis 12. August Frist gewährt worden; sofern bis dahin eine Einigung oder wenigstens dahingehende bindende Zu- geständniffe nicht gemacht werden, dürfte die allgemeine Arbeits- niederlegung am 13. August erfolgen.— Den Drechslern ist seitens der Innung eine Antwort bereits zugegangen. Sie lautet a b« � Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt lehnend. Bereits gestern wurde in mehreren Betrieben die Arbeit niedergelegt. In Meißen dauert der Streik der Schuhfabrik-Arleiter fort. Die Fabrikanten Preuß u. Möbius suchen in den deutschen Schuh-Centren sowie auch in Prag, Wien ze. Streikbrecher. Die Ausständigen bitten dringend. Zlizug nach wie vor streng fernzuhalten: die Situation ist für die Streikenden die denkbar günstigste. Es ist bisher gelungen, alle„Arbeitswilligen" durch Aufklärung über die Verhälwisfe in der gesperrten Fabrik zur sofortigen Weiterreise zu bewegen.— Alle arbetterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Sendungen sind zu richten an E. Hahnebach, Meißen R. Rest.„Deutscher Herold". HusUnck. Die belgische Strcikstatistik für Juni 1904 ergievt folgendes Bild: Dem Arbeitsamt wurden 9 neue Ausstände gemeldet, die sich auf 2760 Arbeiter erstreckten. Drei alte Streiks, die etwa 8000 Ar- beiter angingen, darunter die Glasmacher von Chaleroi, wurden fort- geführt. Die 9 neuen Streiks erfaßten folgende Berufe: Textil 4, Kohlen 3, Glas 1, Cigarren 1. Von den Streiks wurden geführt: 3 um Lohnerhöhung, 2 zur Abwehr von Lohnkürzungen, 2 wegen auferlegter Geldstrafen, 1 wegen zu langer Arbeitszeit, einer wegen der Weigerung der Arbeiter, mit Nichtorganisierten zusammen thätig zu sein. Von 8 Streiks wurde die Beilegung gemeldet: 6 endeten er- folglos(1513 Streikende, 81 Entlassungen in 3 von den 6 Fällen), 1 Streik endete zu Gunsten der beteiligten 60 Arbeiter, 1 Streik endete in 6 Werkstellen mit, in 2 ohne Erfolg für die Arbeiter, das Resultat aus einer Werkstelle blieb unbekannt(381 beteiligte Arbeiter). Die Streiks verteilen sich: Provinz Lüttich 5, Flandern 2, Henne- gau 1, Antwerpen 1._ Internationaler Bergarbeiter-Kongreß. Paris, 8. August. Heute wurde in der Arbeitsbörse der inter» nationale Kongreß der Grubenarbeiter eröffnet, an dem etwa hundert Vertreter, darunter zwölf aus Deutschland, teilnehmen. Gegen die streikenden Kaffeehaus-Kcllner in Toulouse wurde— Militär ausgeboten I Das Streikkomitee hat an den Minister- Präsidenten eine Protestschrift gerichtet. Letzte Nachrichten und Dcpcfchcn« Eisenbahn- und Schiffahrtsfragen in Bayern. München, 3. August. In dem heute erschienenen� Bericht über die Sitzung des Finanzausschusses der Kammer der Rcichsräte vom 4. d. Ms., in welcher der Staatsbahn- Etat beraten wurde, wird unter anderm mitgeteilt, Prinz Ludwig habe in längeren Ausführungen dargelegt, die Tarif- mahnahmen der preußischen Staatsbahnen beeinflußten bedeuftam den deutschen Binnenschiffahrksvirkehr, besonders auf der Elbe und der Oder, die vollständige Abgabenfreiheit auf dem Rheinstrom und der Elbe wirke verkehrfördernd. Werde die Main-Kanalisation bis Aschaffenburg und noch weiter durchgeführt, so sei dort eine Be- lebung des Verkehrs ebenso wahrscheinlich, wie Frankfurt a. M. da- durch begünstigt sei. Was die Donaufrage anlange, so berühre sich dieselbe mit der Mainfrage. Wie zur Förderung der Donau- Dampfschiffahrt sich eine Reihe von Staaten vereinigt haben, so könnte dies in ähnlicher Weise bezüglich des Mains und der westlichen Wasserstraßen geschehen. Deutsche Staaten sollten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Die sämtlichen andern Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaften. die österreichische, die ungarische, die rumänische, die serbische und die russische bezögen bedeutende Subventionen von ihren Staaten. Einzig und allein die deuffchen hätten bisher gar keine Sub- ventionen erhalten. Er habe die Gewährung einer solchen durch das Reich seiner Zeit angeregt. Wenn man nun auch den deutschen Gesellschaften keine Unterstützung gewährt habe, so sei man den- � selben doch in andrer Weise entgegengekommen; dies sei ja auch eine Sache der Billigkeit und liege auch im Interesse des ganzen Reiches, denn es sei wünschenswert, daß man den Verkehr auf den Straßen zum Schwarzen Meere durch deutsche Gesellschaften, auf die man größeren Einfluß habe, bewerkstelligen könne, als daß man nur auf außerdeuffche Gesellschaften angewiesen sei. Er begrüße daher von Herzen diese Maßnahmen, er wünsche, daß dieselben möglichst ausgedehnt würden. Eisenbahn-Unfall. Straßburg i. Elsaß, 8. August.(W. T. BJ Amtliche Meldung. Heute morgen 6 Uhr Güterzug 6012 bei Hausbugen durch unrichtige Weichenstellung entgleist. Geleis der Richtung Straßburg— Venden- .heim war um 7 Uhr 30 Min. vormittags frei und es wird auf diesem Geleis voller Betrieb aufrecht erhalten. Geleis Richtung Venden» heim— Strahburg voraussichtlich bis abends gesperrt., Wie», 8. August.(W. T. B.) Seit heute früh befinden sich mehr als 1000 an dem HandelSquai beschäftigte Arbeiter im Aus- stand, darunter auch die Arbeiter des Lagerhauses der Stadt Wien. Die Arbeiter fordern eine Lohnerhöhung und eine geregelte Arbeitszeit. London, 8. August.(Unterhaus� Gibson BowleS stellte mehrere Anfragen betreffend die Wegnahme des Dampfers „Malacca", und zwar besonders, weshalb die Regierung einer Prüfung der Ladung zugestimmt habe, die nicht durch ein kompetentes Prisengericht autorisiert worden war. Premierminister Balfour er- widert, der Einwand, der gegen die Wegnahme des Dampfers er- hoben worden sei, beruhe gänzlich auf der Annahme, daß Schiffe, die aus dem Schwarzen Meere unter der Handelsflagge kämen, nicht berechtigt seien, sich in Kreuzer zu verwandeln. Die englische Regierung habe daher bei der russischen Regierung nachdrückliche Vorstellungen erhoben und letztere zeigte bereitwilligstes Entgegen- kommen. Wichtig sei es für uns gewesen, darauf aufmerksam zu machen, daß es ein ganz neuer Fall und daß seit den Pariser und Londoner Verträgen, auf die wir unsre Behauptung gründeten, zum erstenmale ein derartiges Ereignis vorgekommen sei. Wenn die von der russischen Regierung aufgestellte Behauptung richtig sei, hätten die Russen das Recht gehabt, die„Malacca" nach einem russischen Hafen und vor ein Prisengericht zu bringen; wenn jedoch die englische Regierung recht habe, gäbe es keine Rechtfertigung für die Wegnahme des Schiffes._ RicsenauSsperrung im Baugewerbe. New York, 3. August.(W. T. B.) Die allgemeine Sperre gegen die Bauarbeiter-Vereinigungen, die kürzlich ihre Mitglieder an- gewiesen hatten zu streiken, hat heute begonnen. Die Zahl der von der Aussperrung bettoffenen Bauarbeiter der verschiedenen Kategorien wird auf 50 000—100 000 geschätzt. Washington, 8. August.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Wie jetzt bekannt wird, besagte die Erklärung über die Rechte der neutralen Nationen während des ostasiatischen Krieges, die Staats- sekretär Hay am 10. Juni in einer Cirkulardepesche an die aiwerika- nischen Botschafter ni Europa gegeben hat, im wesentlichen folgendes: Würde man im Prinzip zugestehen, daß Kohle, andres Feuerungs- Material und Rohbaumwolle durchaus Kontrcbande sind, so könnte dies schließlich dazu führen, daß die Neutralen überhaupt keine Artikel mehr, die am Ende für militärische Zwecke dienstbar gemacht werden könnten, an Leute in den kriegführenden Staaten verkaufen können. Eine solche Ausdehnung des Prinzips. Kohle, andres Feuerungsmaterial und Rohbaumwolle völlig als Kontrebande zu behandeln bloß deshalb, weil sie von Neutralen nach einem nicht- blockierten Hafen der kriegführenden Parteien verschifft worden sind. würde mit den billigen, gesetzmäßigen Rechten deS neutralen Handels nicht im Einklang stehen. Wnshingto», 8. August.(Meldung deS„Reuterschen Bureaus".) Staatssekretär H-ch hat heute dem türkischen Gesandten Schekib-Bei Keradeheralls erklärt, daß die Geduld der Regierung nahezu er- höpst sei.____ Paul Singer ö-To,, Berlin LW. Hierz«S!vtttagrn».N«terhaltungMat Dr. 185. 21. Jahrgang. 1. Keilxge des, Amiirls" Knlim WMM Dienstag, 9. Augvst 1994, Der Krieg. London, 6. August.(Eig. Bcr.) Die blutigen Siege Okus bei Haitscheug und Kurokis im Norden und Osten von Anping und Tcmhoyen(diese beiden Plätze sind etwa 20 Kilometer östlich von Liaojong gelegen) haben den Zeitpunkt der Hauptentscheidung er- heblich beschleunigt. Von den Ereignissen der nächsten Tage hängt es ab, ob Kuropatkin zur entscheidenden Schlacht gezwungen oder ob ihm der Rückzug nach Mulden möglich sein wird. Nach der jetzigen Lage läßt sich noch nicht sagen, welche dieser beiden Möglichkeiten eintreffen wird. Der Rückzug ist der russischen Armee noch nicht ab- geschnitten. Kuroki hat noch sehr bedeutende Schwierigkeiten zu besiegen, ehe er im stände ist, die Eisenbahnlinie Liaojang-Mukden zu beherrschen. Zwei Drittel der russischen Streitkräfte stehen ihm gegenüber. Diese sind etwa folgendermaßen verteilt: zwischen Liaojang und Mulden 20 000; um Liaojang, zum größten Teil öst- lich davon, 70 000— 80 000; zwischen Haitscheng-Anschantschcn Liaojang 60000 Mann. Allerdings find es zum größten Teil ge- schlagene Truppen, dafür aber hat Kuropatkin genug Zeit gehabt, seine Stellungen um Liaojang zu wählen und eine überaus starke Artillerie zu konzentrieren. Kurokis Aktion hängt bielfach von den raschen und betäubenden Schlägen ab, die Oku den sich von Süden zurückziehenden russischen Truppen geben wird. Ist Oku erfolgreich und bringt er diese Truppen in Gefahr, abgeschnitten zu werden, so wird auch Kuropatkin bei Liaojang aufgehalten und Kuroki gewinnt Zeit und die Mög- lichkeit, einen Teil seiner Armee über den Taitsefluß nach dem Norden von Liaojang zu werfen. Die zwölfte Division unter Jnuye befindet sich bereits seit mindestens zwei Wochen bei Pensihu(russisch: Bentsiku) am rechten Ufer des Taitse. Es ist diese japanische Flankenbewegung im Norden, die Kuropatkin zwang, Haiffcheng räumen zu lassen und vielleicht auch Anschantschen, inn die Vereinigung seiner Südarmce mit der Hauptmacht bei Liaojang zu ermöglichen. Ist aber die russische Südarmee außer Gefahr, so tvird Kuropatkin sofort den Rückzug von Liaojang nach Mulden, oder richttger nach Tieling(nördlich von Mulden) antreten. Tieling ist der Schlüffel zum Einbruch in die Liaotung-Halbmsel von Norden. Die nlsstschen Blätter stellen den Rückzug der Südarmee so dar, als ob er von vornherein vorgesehen und zu dem Zwecke unter nvmmen worden wäre, um die Japaner in ihrem Vonnarsch aufzu halten und Kuropatkin die Gelegenheit zu geben, sich bei Liaojang zu konzentrieren. Daß dies eine faule Ausrede ist, kann sich jedermann selbst denken. Dazu liegen jetzt positive Beweise vom Gegenteile vor. Die englischen Blätter veröffentlichten diese Woche briefliche Korrespondenzen, geschrieben in Liaojang im Juni, als Stackelberg nach dem Süden gesandt wurde. Dann ging Kuropatkin in Person nach Kaiping. An diese Expedition knüpften die Russen die größten Erwartungen. Sie glaubten, die ganze Lage hätte sich geändert; die Depefchm würden nicht mehr von russischen Nieder lagen melden. Das Resultat war aber Telissu. Das übrige ist bekannt. Die Verteilung der russischen Truppen, wie sie unser Londoner Korrespondent angiebt, könnte inzwischen eine Aenderung erfahren haben, wenn die auch heute wieder über Paris gemeldete Nachricht richtig ist, daß Kuropatkin mit dem Gros seiner Arinee einen offenstven V o r st o ß gegen die j a p a n i s ch c S ü d a r m e e beab- sichtige. Allein gerade die offene Ankündigung dieses Vorstoßes läßt es recht zweifelhast erscheinen, ob eine solche Absicht im Ernst besteht. Möglicherweise sollen diese Nachrichten ganz andre taktische Absichten verschleiern und den weiteren Rückzug nach Mulden nur markieren. Die bisher stets so gut unterrichteten Japaner Iverden sich freilich kaum so leicht täuschen lassen. Nach einem Telegramm des Oberst Gaedtke aus Liaojang sollen nördlich von Haitscheng in den letzten Tagen weitere schwere Kämpfe stattgefunden haben, über deren Ausgang der Korrespondent indes noch nichts zu melden weiß resp. nichts melden darf. Von japanischer Seite ist darüber noch keine Meldung eingegangen, auch nicht von russischer Seite. Die offizielle Petersburger Stelle bs- gnllgt sich mit der Wiedergabe eines Telegramms Kuropatkins, das sich über einige belanglose Vorpostcngefechte verbreitet: Petersburg, 7. Äugust. Ein Telegramm General Kuropatkins an den Kaiser vom 6. August besagt: Am S. August wurde auf der Südfront eine Rekoguosciening unternommen. Unsre Geschütze beschossen und zerstörten da? Dorf Gantchiuantfi, 18 IW erst nordöstlich von Niutschwang, von wo der Feind in der Stärke von zwei bis drei Schwadronen und einigen Compaanien eilig unter Z ri r ü ck I a s s u n g der Last- tier'e, eines Teils des Gepäcks, der Munition und der Kessel init dem kochenden Essen floh. Die Geschütze bcschoffen den abrückenden Feind. Gleichzeitig vertrieben die Kosaken die japanische Kavallerie aus dem Dorfe Denzsiakon. Auf der linken Seite verdrängte unsre Kavallerie die japanischen Feldwachen aus Toluntschjaia, fünf Werst südöstlich von Gentsjchuantsi. Auf der Ostfront sind keine Verändcningen em- getreten. Dagegen liegen ein halbamtliches und ein amtliches russisches Telegramm über die letzten Kämpfe bei Port Arthur vor. die geradezu abenteuerliche Mitteilungen über die angeblichen japanischen Verluste machen. Sie lauten: Petersburg, 7. August. Ein Telegramm des Generals Stössel an den Kaiser besagt: Die Truppe» haben in einer dreitägigen Schlacht am 26., 27. und 28. Juli alle Angriffe der Japaner mit ungeheure» Verlusten für dieselbe» zurückgeschlagen. Die Stimmung der Garnison ist eine sehr gehobene. Das Geschwader ,riff helfend ein, indem e§ den Feind in der -lanke beschoß. Unsre Verlnste betragen für� alle drei Kampftage an Toten und Verwundeten ungefähr 1500 Uutermilitärs und 40 Offiziere. Die Japaner verloren nach Nachrichten von Chinesen und Gefangenen gegen 10000 Mann. Diese Verluste machten sich ihnen so fühlbar, daß sie nicht einmal ihre Toten und Verwundeten wegschaffen könnt e'n. Petersburg, 7. August. Die.Russische Telegraphen-Agentur" meldet aus Tschifu: Nach Mitteilungen aus chinesischer Quelle hat am 5. d. MtS. ein heftiger Kampf bei Port Arthur stattgefunden. Die Japaner wurden mit großen Verlusten zurückgeschlagen; ihre Bcrlustr an Toten sollen 10 000 Mann betragen, die nissischen etwa 1000. General Stöffel leitete persönlich das Gefecht. Von diesen Meldungen werden nicht einmal die Angaben über die russischen Verluste stimmen, die, obwohl sie zusammen über 2500 Mann betragen sollen, jedenfalls beträchtlich zu niedrig angegeben sind. Daß die Japaner vom 26.-28. Juli 10 000 Mann verloren hatten, wird schon durch das zweite Telegramm widerlegt. Nach einem so ungeheuer verlustreichen Sturm würden sich die Japaner schwerlich sobald ein zweites Mal fo furchtbaren Verlusten ausgesetzt haben! Ueoer Port Arthur liegt endlich noch folgende Meldung vor: Tschifu, 8. August.(Meldung des„Reuterschen Bureaus'.) Russische Flüchtlinge, die Port Arthur am 4. August verlassen hatten, geben an, daß die japanischen Truppen, die das Fort Wolfshügel erobert hätten, sich jetzt in einem Thal verschanzten, das nur noch eine Werst von der Festung entfernt sei. Man behauptet, daß ein japanischer Kreuzer auf eine Mine gestoßen und in u n- mittelbarer Nähe der Cristova-Batterie ge- funken s e i. Das russische Kriegsschiff„Bayan" habe nur ein kleines Loch oberhalb der Wasserlinie, hervorgerufen durch die Explosion einer in: Hafeneingang treibenden Mine. Die Japaner besetzten die Louisabucht und landen Truppen wahrscheinlich in der Absicht, die Stadt von Westen her an- zugreifen. Seit dem 2«. Juli hätte kein bedeutendes Gefecht stattgefunden.(!)_ Die russische Artillerie beunruhige die Japaner fortwährend bei ihrem Versuch, mit Laufgräben vorzugehen. Ein französisch-japanischer Konflikt soll dadurch entstanden sein, daß die Japaner den französischen Konsular-Agenten in Niut schwang verhaftet hätten, als er in energischer Weise gegen die Inhaftnahme zweier Franzosen Protest eingelegt habe. Die letzten Nachrichten über den Zwischenfall lauten: Paris, 8. August.(Meldung der„Agence Havas".) DaS Ministerium des Auswärtigen hat noch keine Bestäsigung der Meldung von der Verhaftung des französischen Konsular-Agenten in Niutschwang erhalten; doch hält es die Meldung für richsig. Der Agent wurde einige Tage bor der Besetzung Niutschwangs durch die Japaner ernannt. Japan machte Einwendungen wegen der Opportunität der Ernennung. Nachdem aber Erklärungen zwischen den Gesandten Frankreichs und Japans in Peking aus- getauscht lvorden waren, erkannte der japanische Geschäftsträger an, daß Frankreich volles Recht zu der Ernennung habe und tele- graphierte an seine Regierung in diesem Sinne. Späterhin soll die Verhaftung erfolgt sein. Paris, 8. August. Der„Matin" hält seine Mitteilung auf- recht, daß der französische Konsular-Agent in Niutschwang von den Japanern gefangen gehalten werde, weil er sich für die Frei- lassung zweier verhafteter Franzosen ausgesprochen habe. Diese seien mittlerweile aus Niutschwang ausgewiesen worden, aber an der Situation des Konsular-Agenten habe sich nichts geändert er dürfe den ihm befreundeten Agenten der Vereinigten Staaten nicht empfangen. Vo» der russische» Mobilisation. Ein Militärarzt schreibt aus Jrkulsk: ... Wir haben sehr zahlreiche Militärtransportzüge überholt. Man treibt die Leute wie Schafherden an die Schlachtbank. Doch ist die Stimmung unter den Soldaten keineswegs die geduldiger Schafe. Von Patriotismus ist durchaus wenig zu ver- spüren. In«inigen Abteilungen giebt es sogar offen empörte Elemente, die über die ihnen widerfahrene Behandlung und die furchtbare Last des Krieges sehr erbittert sind.— Auf dem ganzen Wege von der Wolga-Brücke ab begegneten wir überall bei den Brücken Wachtposten, denn bei S y s r a n(europäisches Ostruhland) sind Japaner ergriffen worden, die den Versuch machten, die Brücke über die Wolga in die Luft zu sprengen. Jetzt hat das durch diese Erfahrung erleuchtete Kommando den Befehl erteilt— bei der Ueberfahrt über Brücken keine Wagenthüren und-Fenster zu öffnen. Die Eisenbahn wird überwacht durch die Reserven aus dem Gouvernement Wjatka und aus Sibirien. "n Tschelabinsk haben wir die Scmitätskolonne der in Tscheljabinsk haben wir die Sanitätskolonne der Unterschlagungen in der Verwaltung des offiziellen russischen„Roten .Kreuz" werden von den liberalen Landschaftskreisen,„Semstwos", freiwillige Sanitätskolonnen equipiert und nach Ostasien abgesandt. D. Red.) Dieser ist unterwegs, in Pensa, folgendes passiert: Die Stadt hat der Expedition zu Ehren ein Souper mit Toastreden gegeben; die Landschaftsabgesandten brachten ein Hoch auf den Semski Sobor"(Einberufung der konstituierenden Versammlung) aus. Der bei dem Ehrcnmahl anwesende Gouverneur suchte schleunigst das Weite, aus Furcht, man würde bald auf die Ver- fassung Hochs ausbringen.... In einem andern Briefe desselben Arztes, datiert auS der tation Mandfchuria, lesen wir u. a. die folgende knappe und zu- gleich beredte Bemerkung:„Die Soldaten kriegen(als Verpflegungs- geld) 21 Kopeken pro Tag. Dabei kosten 2Pfund Brot der hiesigen Gegend 20 Kopeken." l n Der Programmenwurf der socialdemokratischen Partei in der Schweiz. Zürich, 6. August. z. Die Programmkommisjion(bestehend aus den Genossen Seidel, Dr. Sttlder, Fürholz, Rapin, Greulich, Lang, Pflüger, Brandt, Sigg-Genf und Fra» Conzetr) veröffentlicht soeben den Entwurf zu einem Programm der socialdemokratischen Partei der Schweiz. der in einen theoretischen und praktischen Teil zerfällt. Vor etwa anderthalb Jahren hatte die damals nur aus vier Mitgliedern zu- sammengesetzte Kommission nur den Entwurf für den praktischen Teil veröffentlicht, der in drei Abschnitten die Forderungen an den Bund, an den Kanton und an die Gemeinde anführte. Im vor- liegenden neuen Entwurf ist diese Dreiteilung vermieden, die Forde- rungen sind nach ihrem materiellen Inhalt unter 20 Titeln gruppiert, wobei übrigens auch etwas weniger Details angeführt sind, alz der erste Entwurf enthielt. Der theoretisch-grnndsätzliche Teil trägt bei aller Hochhaltung des universellen Charakters der Socialdemokratie der Eigenart der Schweiz und damit auch den nationalen Empfindungen der schwcizeri- 'chen Arbeiterschaft Rechnung. Eine Konzession an den Chauvinismus kann man darin nicht erblicken. Sodann berücksichtigt der Entwurf die Dreiheit der modernen Arbeiterbewegung: die politische, gewerl- chaftliche und genossenschaftliche Bewegung, die den verschiedenen Interessen der Arbeiterschaft wie der allseittgen Förderung der Socialdemokratie entspricht. Eine geschickte Lösung hat die Agrar- frage gefunden. In dem bezüglichen Abschnitt stellt sich die Kom- Mission vollständig auf den Boden der in der Schweiz bestehenden kleinbäuerlichen Verhältniffe und der Entwicklungstendenz, die zum genossenschaftlichen Betrieb, für den heute schon zahlreiche Ansätze vorhanden sind, und zur Verstaatlichung des HhpothekenwcsenS treibt, auf welchem Wege von selbst zum Heile der Landwirtschaft und der Gesamtheit das Gemeineigentum an die Stelle des Privat- eigentums tritt. Der ganze Entwurf, ein Stück aus einem Guffe und ein glänzendes Stück socialistischer Geistesarbeit, dürfte in der nun er- öffneten Diskussion wie auch auf dem im Oktober stattfindenden Parteitag keine erheblichen Aenderungen erfahren und im großen ganzen unveränderte Annahme finden. Der Entwurf lautet: Programm der Socialdemokratischen Partei der Schweiz. Principienerklärung. Das Endziel der Socialdemokratie bildet eine Gesellschafts- ordniing, die durch die Beseitigung jeder Art von Ausbeutung das Volk von Elend und Sorge befreit. Wohlstand und Unabhängigkeit sichert, und damit die Grundlage schafft, auf der die Persönlichkeit sich frei und harmonisch entfalten und das ganze Volk zu höheren Kulturstufen aufsteigen kann. Das durch die wirtschaftliche Entwicklung selbst gegebene Mittel hierzu erblickt die Socialdemokratie in der Uebersührung der Pro- duktionsmittel aus dem Privatbesitz in den Besitz der Gesellschaft und im Ersatz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung durch eine Ge- Meinschaft aus demokratischer Grundlage. Unter den heutigen Verhältniffen vollzieht sich die Thätigkeit der Socialdemc'ratie in der Form des proletarischen Klaffenkampfes. Da dieser Kampf aber zur Beseitigung jeder Klassenherrschaft und Klassenausbeutung geführt wird, so besteht sein letztes Ziel in der Wohlfahrt und der gesicherten Zukunft des ganzen Volkes. Diese Grundsätze, in denen die schweizerische Socialdemokratie einig geht mit den socialistischen Parteien aller Länder, stützen sich auf folgende Erwägungen: (Die ersten fünf Punkte dieser Erwägungen behandeln unter der Ueberschrift: I.„Die bürgerliche Gesellschaft" in knappen Sätzen die gegenwärtigen wirtschaftlichen Zustände in der Schweiz, die Massenarmut, die Abhängigkeit des Arbeiters vom Unternehmer, den Zerfall des Mittelstandes, die Anarchie in der Produttion. Krisen und Arbeitslosigkeit.) II. Die socialistische Gesellschaft. 6. Die bisherige Entwicklung, wie das Interesse aller aus- gedeuteten.Klassen— Arbeiter und Kleinbauern— drängt daraus hin, daß die Gesellschaft die Produttionsmittel und die Leitung der Produttion in ihre Hände nimmt. Der Ersatz der kapitalistischen Wirtschaft, die zum Zweck des Profits produziert, durch eine Gemeinschaft, deren Zweck in der Deckung des gesellschaftlichen Bedarfs besteht, ist das einzige Mittel, um alle Errungenschaften der wirtschaftlichen Entwicklung zu retten und ihre das Volk schädigenden Folgen zu beseitigen. In der socialistischen Gemeinwirffchaft hören die Produltions- mittel auf, Kapital, d. h. Mittel zur Ausbeutung und Beherrschung der besitzlosen Klasse zu sein. Die socialistische Gesellschaft wird befähigt sein, alle Produktionsmittel voll auszunutzen, alle Arbeits- kräfte nützlich und am richtigen Orte anzuwenden, die Produktion dem Bedarf anzupassen und alle Bedürfnisse des einzelnen wie der Gesellschaft in reichlichem Matze zu befriedigen. 7. Der Socialismus fordert somit nicht die Beseitigung des Privateigentums überhaupt und schlechthin, sondern nur soweit, als es unverträglich geworden ist mit dem Interesse der großen Mehr- hcit des Volkes, d. h. des Privateigentums an den Produktions- mittel». Grundlage und Voraussetzung der Persönlichkeit und Ge- sittung ist das Privateigentum an den Gütern des persönlichen Be- darfs: an dem, was zur Ernährung, zur Bekleidung, zur Einrichtung und zum Schmuck der Wohnung, zu künstlerischem Genießen, zur geistigen Ausbildung und geselligen Erholung nötig ist. Allein durch den Kapitalismus ist der größte Teil des Volkes von diesen Bedarfsgüter« entblößt und zu einem ruhelosen, ein- förmigen Dasein, das in der Tretmühle des täglichen Erwerbes jede persönliche Eigenart erstickt, verurteilt worden. Dadurch, daß der Socialismus das auf Ausbeutung beruhende Privateigentum an den Produktionsmitteln beseitigt, stellt er auf der andern Seite das individuelle Eigentum an den Gütern des persönlichen Bedarfes wieder her und giebt jedem einzelnen, was er zur Befriedigung seiner leiblichen, gemütlichen und geistigen Bedürfnisse benötigt. 8. Indem der Socialismus die Ursache aller Herrschafts- verhältniffe und Vorrechte beseitigt, bringt er auch der Frau die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung mit.dem Manne und die Möglichkeit naturgemäßer Entwicklung und ungehinderter Bethätignng ihrer Kräfte und Fähigkeiten. Erst mit der Beseitigung des Kapitalismus werden Verbrecher- tum und Prostitution, die in ihm ihren Nährboden finden, ver- schwinden. Die Ehe, in der bürgerlichen Gesellschaft eine Versorgungs- anstalt und häufig genug bloß eine gesetzlich geschützte Form der Prostitution., wird ihres ökonomischen Charakters entkleidet und in der persönlichen Zuneigung ihre sittliche Grundlage finden. Aus diesen Ehe« wird ein gesünderes und stärkeres Geschlecht hervorgehen. Die socialistische Gesellschaft wird die Mittel besitzen, um die großen Probleme der Erziehung zu lösen. Indem sie aber Empfänglichkeit und Verständnis für Kunst und Wissenschaft, für alles Schöne, Edle und Gute im ganzen Volke fördert, giebt sie gleichzeitig aller künstlerischen und wissenschaftlichen Thätigkeit neue, eute ungeahnte Antriebe und Wirkungskreise. III. Der Weg zum Socialismus. 9. Die Schweizerische socialdemokratische Partei strebt die Socialifierung der Produkttonsmittel zunächst an auf dem Wege der Verstaatlichung derjenigen Gebiete des Verkehrs, des Handels und der Industrie, die nach ihrem Monopolcharakter und nach dem Stande der technischen Entwicklung sich zur Verstaalichung eignen oder deren Verstaatlichung das gesellschaftliche Interesse sonstwie erfordert. In dieser Richtung sucht sie den Aufgabenkreis des Bundes, der Kantone und der Gemeinden stets zu erweitern. Die socialdemokratische Partei kämpft deshalb unablässig für Erweiterung ihrer polittschcn Macht. Sie verlangt steigenden Anteil an der Gesetzgebung und an allen Zweigen der öffentlichen Ver- waltnna, um sie demokratisch auszugestalten und der fortschreitenden Socialisierung dienstbar zu machen. Andrerseits widersetzt sie sich jedem Versuch, rückständige Pro- duktionSformen zu erhalten und dadurch kleine Jnteressentteise auf Kosten der großen Masse des Volkes zu schützen. Ebenso energisch verteidigt sie die Freiheitsrechte des Volke? und deren ungehinderte Anwendung im proletarischen Klassenkampf, nachdem das Bürgertum sich von seinen politt>chen Idealen ab- gewendet hat. 10. Für die Landwirtschaft verlangt die schweizerische Social- demokratie staatliche Unterstützung aller Fortschritte, die den klein. bäuerlichen Betrieben die Vorteile des Großbetriebes sichern iGüterzusammenlegung, verbesserte Flureinteilung, gemeinsame Viehhaltung, Verwendung von Kraft- und Arbeits- Maschinen). Da unsre Landwirtschaft fast durchgängig kleinbäuerlichen Charakter hat, können diese Bauernbetriebe auch nicht verstaatlicht werden. Um aber den Druck der hohen Ver- 'chuldung zu beseitigen und zugleich zu verhindern, daß die Fort- chritte im Betriebe nur zu vermehrtem Zinstribut führen, erstrebt die Socialdemokratie die Verstaatlichung der Hypotheken und deren planmäßige Tilgung, so daß das Gemeinwesen an die Stelle der privaten Hypothekengläubiger tritt. Der Zins wird durch allmählich abnehmende Annuitäten ersetzt, die mit der Zeit in eine mäßige Abgabe an Staat und Gemeinde übergehen. Dann wird die Eni- Wicklung von selbst die Bauersame zu rationellen Bctriebsgenossen- chasten führen. Der Bauer, von der Zinsknechtschaft erlöst und >er Frucht seiner Arbeit sicher, wird den heimischen Boden zu seinem Nutzen wie zum Nutzen der Gesamtheit bewirtschaften. 11. Der politische Kampf der Arbeiterschaft findet seine not- wendige Ergänzung in der gewerkschaftlichen Organisation. Sie be- fähigt die Arbeiter, in ihrer Eigenschaft als Produzenten Wirtschaft- liche Macht zu erobern, sich gegen Bedrückung und Verelendung zu wehren und mitbestimmend in die Regelung des Arbeitsvertrages und der Produktion einzugreisen. Die gewerkschaftliche Organisation ist gleichzeitig eine Schule, in der die Arbeiterschaft sich zur Leitung der socialistischen Pro- duttion heranbildet. 12. Die schweizerische socialdemokratische Partei fördert das Genossenschaftswesen, mit dessen Hilse die Arbeiter auch als Kon- sumenten Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung zu erlangen im stände sind. Die Genossenschast hat die Aufgabe, nicht nur preis- regulierend zu wirken und die Konsumenten vor Ausbeutung zu schützen, sondern auch die durch den Absatz gesicherte Produktion der Bedarfsartikel in die Hand zu nehmen, um auch auf diesem Wege die Socialisierung der Produktion anzubahnen. Die socialdemokratische Partei erblickt im Genossenschaftswesen das wirksamste Mittel, um die ErtragSfähigkcit der Landwirtschaft durch zweckmäßige Organisation der Produktion und des Absatzes zu steigern. Die socialdemokratische Partei tritt also aus dem Rahmen einer reinpolitischcn Partei weit heraus. Sie ist die Jahnenträgerin eines großen Kulturkampfes der arbeitenden Klasse für Erringung der vollen Menschenrechte und für die Anteilnahme an den Er- rungcnschaften der menschlichen Kultur. Indem die schweizerische Socialdemokratie in Gemeinschaft mit den socialistischcn Parteien aller Kulturländer durch das Mittel des Klassenkampfes für die Aufhebung der Klassen und der Klassengegen- sätzc kämpft, um an deren Stelle die Solidarität aller Volksgenossen zu setzen, wird sie mit ihrem Siege auch die nationalen Gegensätze beseitigen und die Solidarität aller Völker herstellen. Damit erlöst die internationale Socialdemokratie die Nationen vom Fluche des Militärismus und des Krieges und bringt ihnen mit der Erlösung aus Elend und Sorge auch den Frieden und die Verbrüderung zu gemeinsamer Bebauung und Kultivierung des ganzen Erdballs._ ßerllncr partci-Hngclcgcnhciten« Charlottenburg. Morgen Mittwoch findet in allen Bezirken Zahlabend statt. Lichtenberg. Am Mittwoch, den 10. August, in sämtlichen ve- kannten Bezcrks lokalen Z a h l a b e n d des Socialdemolratischcn Wahlvereins. Treptow. Morgen. Mittwoch, bei Schmidt, Kiefholzstratze 22, Bezirks-Versammlung. Vortrag des Genossen W i l b e l m M i e t h k e über:„Die Alkoholfrage und die moderne Arbeiter- bewegung". Pflicht eines jeden ist es. in dieser Versammlung zu erscheinen. Johannisthal. Die außerordentliche General-Ver- sammlung des Socialdemokrati scheu Wahlvereins findet am Dienstag, den 9. August, bei Rau, Parkstraße 12/13, in Johannisthal statt. Das Erscheinen aller erwartet Der Vorstand. Friedenau. Mittwoch, den 10. d. M.. abends 8-/2 Uhr. findet im Gesellschaftshause, Rheinstr. 14, eine öffentliche Volks- Versammlung statt, in der Genosse Fritz Zubeil einen Vor- trag über„Russisches" halten wird. Die Genossen werden er- sucht, heclte abend 8 Uhr bei Grube zu einer Handzettelverbreitung zu erscheinen. Der Vorstand. Socialdemokratischer Wahlverein Groß- Lichtcrfelde- Lankwitz. Morgen Mittwochabend 8 Uhr im Lokale Chausseestr. 104(Reisen): Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Der bevor- stehende Parteitag. Referent Genosse Wetzker. Diskussion. Anträge. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung erwartet zahl- reiches Erscheinen Der Vorstand. Socialdemokratischer Agitationsverein für den Reichstagswahlkreis Schwiebus-Züllichau-Krofsen-Sommerfeld. Dienstag, den 9. August. abends 8'/« Uhr, Versammlung bei Grosser, Dircksenstr. 39, vorn I (früher an der Stadtbahn). Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. In dieser Versammlung werden die Billets zum Stiftungsfest aus- gegeben. Tagesordnung: 1. Berichterstattung des Delegierten von der Kreiskonferenz aus dem Wahlkreise. 2. Diskussion. 3. Vereins- angelegenheiten. 4. Verschiedenes und Aufnahme neuer Mitglieder. Es wird ersucht, daß jeder Genosse aus dem Kreise in dieser Ver- sammlung erscheint._ Der Vorstand. LokaUd. WaS das Einwickelpapier erzählt. ES giebt Leute, in denen der Leseteufel so mächtig ist, daß sie nichts Gedrucktes oder Geschriebenes sehen können, ohne von dem Inhalt Kenntnis zu nehmen. Hat jemand im Straßenbahnwagen eine Nummer des„Vorwärts" zurückgelassen, so greifen sie danach mit Begier und lesen sie durch vom Leitartikel bis zu den Ver- sammlungsinseraten. Wickelt man ihnen im Griinkramkeller einen Kohlkopf in ein Stück„Lokal-Auzeiger" ein, so probieren sie. ob Herrn August Scherls„unparteiische" Geistes- kost ihrem Verstände ebenso nütze ist, wie Gemüse- Händler Müllers Kohl ihrem Magen. Müssen sie sich wegen eines dringlichen Geschäftes an einen gewissen einsamen Ort zurückziehen, so studieren sie dort den ganzen Vorrat paßrecht geschnittener Blätter der Lorenz- Abelschen Scharf- macher-„Post", den man zur gefälligen Benutzung für sie auf- gestapelt hat. Solche AlleSleser haben mitunter schon ganz interessante Eni- deckungen gemacht, so daß man es verstehen kann, wenn sie von ihrer Gewohnheit, auf jedem Papierschnitzel nach Lesbarem zu suchen, nicht lassen mögen. Da ist z. B. in Berlin-Nord eine alte Frau, die besonders das Einwickelpapier zu schätzen weiß und alles, was darauf gedruckt oder geschrieben ist, durchzustudieren pflegt. Ihr bester Lieferant in diesem Artikel ist ein Schlächter- m e i st e r. Der Mann wickelt ihr die Fleichwaren manchmal nicht in simples Zeitungspapier, sondern in amtliche Schrift- stücke ein. Darin giebt es dann allerlei zu lesen. Heute erzählt das Einwickelpapier irgend etwas aus den Geheimnissen der Polizei, morgen eine Indiskretion aus der städtischen Armenpflege, übermorgen wieder eine andre Neuigkeit, und so weiter. Die Frau hat uns ein paar Blätter dieses Einwickelpapiers vorgelegt, und wir müssen gestehen: wir waren nicht wenig überrascht, als wir die eigenartige Lektüre probierten. Besonders interessierte uns ein Blatt, das mit der Unterschrift „Königliches Polizeipräsidium, 4. Abteilung„Sittenpolizei" nebst entsprechendem Stempel versehen ist. Es ist datiert vom Jahre 1901 und enthält eine„Nachweisung der heute von der 4. Abteilung. Sittenpolizei, zur Krankenstation der Charito eingelieferten, aber nicht als Polizeigefangene zu behandelnden Personen". Aus dieser Nachweisung ersieht man, daß an dem angegebenen Tage ein be- stimmtes Mädchen wegen Syphilis eingeliefert wurde. Das National des Mädchens enthält den Vor- und Familiennamen, den Ge- burtsort und das Geburtsdatum, den letzten Wohnort, semer den Vor« und Familiennamen des Baters sowie dessen Bemf, den Vor- und Geburtsnamen der Mutter sowie deren Wohnung. Wer das Blatt zu Gesicht bekommt, der kann sich aus diesen Angaben vollständig über die Person des Mädchens informieren. Wir selber haben aus dem Adreßbuch sowie durch Nachfrage im Hause fest- gestellt, daß die Mutter noch heute in der auf dem Schein an- gegebenen Wohnung wohnt. Von besonderem Interesse ist uns dieser Schein deshalb, weil er zeigt, daß die Gesprächigkeit solchen Einwickelpapieres zuweilen doch ihr sehr Bedenkliches hat. Der Schein ist anständigen und ehrlichen Leuten in die Hände geraten. Es hätte aber ebenso leicht passieren können, daß er an irgend einen Hallunken kam, der ihn zu Erpressungen benutzte. Wir haben uns bisher nicht mit der Mutter in Verbindung gesetzt(der Vater scheint schon damals tot gewesen zu sein), und wir können daher nicht wissen, was aus der Tochter geworden ist. Es ist aber sehr wohl möglich, daß sie in- zwischen ihr hätzliches Gewerbe aufgegeben hat, einen Ehemann gefunden hat und jetzt eine ganz tüchtige Hausfrau und Mutter ist. Da stelle man sich nun vor, daß plötzlich ein erpresserischer Schurke vor die Frau hinträte und unter Vorweisung des Scheines ihr an- drohte, weiter zu erzählen, was das Einwickelpapier ihm er- zählt hat! Wie mag der Schein in den Besitz desSchlächters gelangt sein? Offenbar hat der Schlächter amtliche Schriftstücke .als Einwickelpapier aufgekauft-» die pfennigfuchsende Sparsamkeit gelvisser Behörden ermöglicht leider diesen skandalösen Unfug—, aber wir können uns nicht denken, daß ihm auch Papiere der oben geschilderten Art wissentlich mitvcrkauft worden sind; deshalb nicht, weil wir den wissentlichen Verkauf solcher Schriflstllcke für eine Leicht- fertigkeit ohnegleichen halten müßten. Wie aber— wir wiederholen die Frage— kann der Schein unter das Einwickelpapier geraten sein? Vielleicht teilen uns unsre Leser mit, wer sonst noch amtliche Schriftstücke als Einwickelpapier erhalten hat. Zur Ehrenrettung unsrer märkischen Gewässer. Die Mitteilungen über den abnorm niedrigen Wasserstand in der Elbe und Oder haben phautasievolle Berichterstatter angeregt, auch uns Berlinern die Freude an der Wasserfahrt möglichst zu ver- ekeln. Neulich hieß es, die Spree träte auch im Weichbilde von Berlin stellenweise bis 3 Meter vom Ufer zurück. Wo sich eine dieser interessanten Stellen befinden sollte, wurde leider nicht mit- geteilt; den Uferbewohnern sind solche nirgends bekannt. Am Sonntag lasen wir zu unsrer Beruhigung, daß der Personendampfer- Verkehr auf der Havel nicht eingestellt würde, da der Tiefgang der Dampfer nur 40— 70 Ccntimctcr betrüge.— Heiliger Aegir! Der „OberbürgermeisterZelle" oder der„AdmiralRaule" der Sterngesellschaft, die Kahutsche„Borussia", die Nobilingsche„Europa" oder die Hertzersche„Eintracht" in 70 Centinieter tiefem Wasser! Wo da Schiffe mit polizeilich attestierten 350—400 Deckplätzen, die im Not- falle 500—600 Personen fassen, bleiben sollen, ist dem Einsender dieses unerfindlich.— Die Berliner Passagierdampfer haben durch- schnittlich eine Höhe von 2,50 Meter vom Kiel bis zum Verdeck und bei 1 Meter bis 1,50 Meter Freibordhöhe einen Tiefgang, der im Durchschnitt 1,30 Meter, bei den größeren 1,50 Meter, selbst aber bei den kleineren Dampfern nicht unter einem Meter beträgt. Wo in aller Welt sollen denn auch die Schrauben arbeiten, welche die Schiffe bewegen? Aber auch wer sich einem Dampfer von 1,50 Meter Tiefgang anvertraut, kann dem Ausgang seiner Reise beruhigt entgegensehen. Die Verhältnisse auf der Spree und Havel sind von denen auf der Oder und Elbe durchaus verschiedene. Oder und Elbe bedürfen als Flüsse mit starkem Gefälle fortwährende Wasserzufuhr, wenn sie nicht in kurzer Zeit nur noch leere Gerinsel vorstellen sollen; Spree und Havel, die sich durch eine flache Ebene hinziehen, haben gar keine Eile, ihren im Frühjahr in großen Seen auf- gespeicherten Wasservorrat andren Gewässern zuzuführen. Auch bei niedrigstem Wasserstande wird ein anderthalb Meter tiefes Fahrzeug zwischen Berlin und Woltersd orfer Schleuse oder Berlin und Pots- dam immer noch Wasser zum Schwimmen finden. Die Oder erreicht dagegen erst bei Breslau, die Elbe an der sächsisch-böhmischcn -Grenze einen niedrigsten Wasserstand von 1 Meter. An der preußisch-sächsischen Grenze hat die Elbe nur 94 Ccnti- meter, unterhalb Magdeburg erst 1,20 Meter und erst bei Geesthacht 1,50 Meter geringste Tiefe. Die Oder hat noch bei Frankfurt eine Tiefe von nur 1 Meter, dann bei Küstrin eine ge- ringste Tiefe von 2 Meter, bei Hohensaaten, an der Einmündung des Finowkanals, eine solche von 2,50 Meter. Bei Niedersaaten aber findet sich Plötzlich wieder eine Stelle von nur 70 Centimeter. Diese ist es, welche gegenwärtig die Schiffahrt zwischen Berlin und Stettin gefährdet. Alle solche Hindernisse fehlen auf der Spree und Havel. Richtig ist, daß auf der Strecke zwischen Erkner und Fürstenwalde nur eine Tiefe von 80 Centimeter vorhanden ist. Diese Strecke dient aber nur dem Lokalverkehr, die eigentliche Schiffahrt erstreckt sich durch die Dahme und den Kanal Seddin-See— Große Tränke, wo überall 2 Meter Wassertiefe vorhanden sind. Für das Gebiet der Berliner Personen- schiffahrt giebt der amtliche Führer durch die deutschen Schiffahrts- straßen folgende niedrigsten Wassertiefen an: Woltersdorfer Schleuse— Köpenick 1,70 Meter. Köpenick— Einmündung des Knpfer- grabens 2 Meter. Einmündung des Kupfergrabens— Humboldt- Hafen 2,10 Meter. Humboldthafen— Einmündung des Landwehr- kanals 2,30 Mieter. Einmündung des Landwehrkanals— Charlotten- bnrger Schleuse 2,60 Meter. Charlottenburger Schleuse— Pichels- dorfer Gemiinde 1,90 Meter und Pichelsdorfer Gemünde— Potsdam 1,85 Meter. Man sieht, um den Personen-Dampferberkehr um Berlin herum aufrecht zu erhalten, bedarf man keiner Fahrzeuge, die bei 6 Meter Breite und 30 bis 40 Meter Länge nur 70 Centimeter Tiefgang haben. Solche Monstrositäten sind nur möglich, wenn man den Raum, der in der Mitte gespart werden mutz, vorn und hinten dem Schiffs- körper zulegt und diesem statt scharf zugeschnittene Enden parallele Wände giebt. Derartige Fahrzeuge sehen plump aus und können nicht lausen 1 sie sind keine Schiffe, sondern mit Maschinen aus- gerüstete Prähme. Was ihre äußere Form anbelangt, so können unsre Spree- Kämpfer sich allerwärts sehen lassen, bedauerlich ist nur. daß ihre Deck- und Kajiiteneinrichtungen gar zu sehr auf den Massen- tranSport zugeschnitten sind und beinahe jeden Komfort ver- missen lassen. Unsre ganz zu Unrecht verlästerte Spree und die einzig herrliche Havel würden auch Fahrzeugen Wasser zum Schimmen bieten, die nicht nur in Bezug auf Größe und Sehenswürdigkeit, sondern auch was ihre Ausstattung anlangt für andre deutsche Flüsse vorbildlich sein könnten. Die„Stern"- Gesellschaft könnte sich ein Verdienst nach mehreren Richtungen hin erwerben, lvenn sie von einigen ihrer großen Dampfer die Bänke aus der Mitte entfernte und durch Aufftellung von Tischen und Stühlen ein bequemes Restaurations- und Promenadendeck schaffte. Derartig ausgestattete, mit warmer Küche versehene Dampfer würden in regelmäßiger Fahrt zwischen Berlin und Brandenburg a. H. über Potsdam und Werder dem Publikuni nicht nur eine wunderbar schöne Gegend erschließen, sondern sicher auch sich als rentabel er- weisen. Wir haben bei einer Fahrt auf der Havel schon oft von weitgereisten Fremden Ausdrücke der Bewunderung über das Herr- liche Panorama, aber ebenso oft auch solche der Geringschätzung über die dort verkehrenden Perfonenfahrzeuge gehört.— Muß das so sein? Die Sterblichkeit hat in Berlin in den heißen Tagen deS Juli eine bedeutende Steigerung erfahren, besonders von Mitte des Monats ab. Die bezüglichen Zusammenstellungen des Berliner statistischen Amtes liegen jetzt bis zum Schluß der dritten Woche des Juli vor. Nachdem in den drei Wochen: 26. Juni bis 2. Juli, 3. Juli bis 9. Juli, 10. Juli bis 16. Juli, hier 570. 597, 609 Per- sonen gestorben waren(ohne Totgeborene), schnellte in der Woche 17. Jul, bis 23. Juli die Zahl der Sterbefälle a»f 680 hinauf. Diese Erhöhung der Gesamtsterblichkeit ist nur durch die starke Zunahme der Sterbefälle von Säuglingen zu stände gekommen. In den drei erstgenannten Wochen waren 157, 181, 198 Kinder des ersten Lebensjahres gestorben, in der dann folgenden Woche aber starben 264. Dagegen starben von den über ein Jahr alten Personen in allen vier Wochen fast genau gleich viel, nämlich 413, 416, 411, 416. Die höchste Tagessterblichkeit in diesen vier Wochen, 119 Sterbefälle, hatte der 17. Juli, das war der Tag nach dem vorläufig heißesten dieses Sommers. Unter den Gestorbenen des 17. Juli waren allein 58 Kinder des ersten Lebensjahres. Es find besonders die Erkrankungen der Verdauungsorgane, die in den Tagen der Hitze wieder eine beträchtliche Ausdehnung genommen und unter den Säuglingen zahlreiche Opfer gefordert haben. In den genannten vier Wochen starben von den Säuglingen z. B. an Durchfall 29, 24, 29, 57, an Darmkatarrh 29, 45, 55, 72. Tie Berliner Zu- und Wegzugsverhältnisse haben sich in der ersten Hälfte von 1904 wieder anders gestaltet als in demselben Zeitraum des vorhergehenden Jahres. Die Zuzüge sind zahlreicher geworden, namentlich die Zuzüge männlicher Personen, die Zahl der Wegzüge dagegen hat sich verringert. Während in den Monaten Januar bis Juni vorigen Jahre 64 130 männliche und 52 233 weib- liche Personen als zugezogen gemeldet worden waren, wurden in denselben Monaten dieses Jahres 63 053 männliche und 52 614 weibliche Personen als zugezogen gemeldet. Das Mehr aus diesem Jahr beträgt bei den männlichen Personen 3873, bei den weiblichen nur 276. Als weggezogen wurden aus den ersten sechs Monaten. gemeldet im vorigen Jahr 51 644 männliche und 43 076 weibliche Personen, in diesem Jahr 51 035 männliche und 46 817 weibliche. Das Weniger gegenüber dem Vorjahr beträgt bei den männlichen Personen 609, bei den weiblichen 1159. Der Zuzugsüber» schütz war freilich nicht so grotz, wie er nach diesen Zahlen erscheinen könnte. Für unterbliebene Meldungen wird vom Berliner Statistischen Amt noch ein beträchtlicher Zuschlag zu den gemeldeten Wegzügen in Rechnung gestellt; aus Januar bis Juni vorigen Jahres 12 755 männliche, 6251 weibliche Personen, aus denselben Monaten dieses Jahres 12 606 männliche, 6087 weibliche. Hiernach ergiebt sich für die erste Hälfte von 1903 überhaupt kein Zuzugsüberschutz, fondern ein Ueberschuß an Wegzügen, bei den männlichen Personen 219, bei den weiblichen sogar 2089.(Die Bevölkerung Berlins ver- mehrte sich in dieser Zeit nur durch Geburtenüberschuß.) Dagegen bleibt für die erste Hälfte von 1904 wenigstens für das männliche Geschlecht immer noch ein recht erheblicher Zuzugsüberschuß, 4412 Zugezogene, während beim weiblichen Geschlecht auch diesmal noch ein Wegzugsüberschuß von 290 herauskommt. Größere Zuzugs- Überschüsse dürfte erst die zweite Jahreshälfte bringen, namentlich der an Zuzügen reiche Herbst. Eine Erhöhung der Milch- und Buttcrprcise haben die Milch- Händler im Norden Berlins, speciell auf dem Gesundbrunnen, ihren Kunden für die nächste Woche angekündigt. Sie erklären den an- gedrohten Preisaufschlag mit der anhaltenden Dürre und dem damit verbundenen Futtermangel, durch welchen der Viehbestand und die Milchproduktion verringert und die Milch wesentlich verteuert sei. Zweifellos liegt bei den betreffenden Milchhändlern nur die Absicht einer Ausnutzung der Konjunktur vor, denn wie uns von andrer Seite aus Milchhändlerkreisen mitgeteilt wird, haben die Grossisten keineswegs eine Preiserhöhung der Milchprodukte eintreten lassen. Die Frage, ob die für gefangene Hunde an den Tierschutz-Bcrcin gezahlte Gebühr eine Polizeistrafe sei, ist, wie bereits mitgeteilt worden, vom Schöffengericht in Köpenick zum Zwecke einer weiteren Feststellung noch offen gelassen. Das hiesige Schöffengericht hat schon vor einigen Jahren in einem gleichartigen Falle die Frage dahin geregelt, daß unabhängig von der an den Tier- schütz- Verein gezahlten Auslösungsgebühr die polizeiliche Geld st rase mit Recht erhobenwird. Der an den Tierschutz- Verein gezahlte Betrag bildet nur eine Ge- bühr, welche erhoben wird nach der Bestimmung des Magistrats, wenn der Hund ohne Steuermarke, nach den Bestimmungen des Seucben-Gesetzes, wenn das Tier ohne Maulkorb von den mit dem Fang Beauftragten auf der Straße aufgegriffen wird. Gegen die Erhebung der Gebühr giebt es keinen Autrag auf richterliche Entscheidung. Sie muß bezahlt werden, wenn der Eigentümer sein Eigentumsrecht an dem Hunde wahren will und er kann nur durch civilrecht- liche Klage gegen denVerein eine etwa zu Unrecht gezahlte Gebühr zurückverlangen. Unabhängig von der Gebühr ist das polizeiliche Strafmandat, welches erlassen wird auf Grund des Polizei-Stratzenregleinents, nach welchem jeder Hund einen Maul- korb lragen muß. Gegen dieses Strafmandat kann die richterliche Entscheidung beantragt werden. Daß diese Auffassung übrigens auch von der Polizei geteilt wird, beweist ein Vertrag, den der Tierschutz« Verein mit der Ämtsbehörde eines westlichen Vorortes abgeschlossen hat. Nach diefem wurden die Hundefänger verpflichtet, Namen und Adresse des ermittelten Besitzers eines gefangenen Hundes, welch letzterer maulkorblos in einer Straße aufgegriffen wurde, der Bc- 'Hörde mitzuteilen, welche dann in jedem Uebertretungsfall ein Straf- Mandat erließ. Folgender Beitrag zur Gerichtsvollzieherpraxis, so schreibt man uns. dürste öffentliches Juteresse beanspruchen. Justizminister Schönstedt hat bekanntlich die Exekution dahin„geregelt", daß nur noch bestimmte„kompetente" Gerichtsvollzieher für jeden einzelnen Bezirk in Anspruch genommen werden dürfen, und daß dieselben ferner nur noch ein ganz geringes materielles Interesse an der Ausführung von Vollstreckungen haben. Hier ein Beispiel für viele, wie diese Schönstedtsche Reform mit den modernen Zeik bedürfnissen harmoniert. Hat da ein höherer Betriebsbeamter der Berliner Paketfahrtgesellschaft gegen dieselbe auf Herausgabe seiner Kaution von ca. 400 M. geklagt. Die Gesellschaft hatte die Kaution zurückbehalten, um sich daran für zwei abhanden gekommene Koffer schadlos zu halten, die der Beamte unter vielem andern mitzubefördern hatte. In dem Prozeß stellte sich heraus, wie wieder einmal die A n g e st e l l t e n es büßen sollten, daß an Ein- stellung ausreichender Kräfte gespart worden war. Erst nach diesem Vorfalle nämlich hatte die Gesellschaft es ftir nötig befunden, ihren Paketwage», die noch dazu unverschließbar waren, außer dem Kutscher einen Schaffner mitzugeben. Das Landgericht I verurteilte denn auch die Gesellschaft nach eingehender Beweiserhebung zur Herausgabe der Kaution. Berufung wurde von ihr nicht eingelegt und das Urteil somit rechtskräftig. Trotzdem gab die Paketfahri- Gesellschaft die Kaution immer noch nicht heraus, so wenig wie sie trotz Zustellung eines Gerichtsbeschlusses die festgesetzten Kosten des Prozesses in Höhe von circa 120 M. dem Kläger zahlte. Der Anwalt desselben gab daher am 14. vorigen Monats durch Vernütteluug der amtlichen„Verteilungsstelle" Auftrag zur Zwangsvollstreckung und zwar mit einem Eilvermerk. Nach wiederholter Anfrage— die Kaution wurde von dem Kläger dringend zum 1. d. Mts. benötigt— ging endlich am Letzten vorigen Monats ein Bescheid seitens des zuständigen Gerichtsvollziehers ein: der Auftrag könnte nicht ausgeführt werden und folge daher anbei zurück— weil die Berliner Paketfahrt-Gesellschast nicht zu ermitteln sei! Statt der richtigen Adresse Ritterstr. 98/99 stand nämlich in dem Urteil infolge eines Versehens des Gerichtskanzlisteu Ritter st raße 88/89. Jeder Berliner hätte ja nun die richtige Adresse herausbekommen, sei es durch Nachschlagen im Adreßbuch oder durch telcphonische oder schriftliche Anfrage bei dem Auftraggeber.— Der Bezirksgerichtsvollziehcr aber konnte die Berliner Paketfahrt-Gesellschast in Berlin nicht ermitteln, trotz Angabe der Straße. Und zu diesem negativen Resultat braucht die Schönstedtsche Verwaltungsmaschine 14 Tage! Erst eine sofortige gehaniischte Beschwerde des klägerischen Anwalts an den Präsidenten des Amtsgerichts vermochte die Vollstreckung in Gang zu bringen. So geschehen in Berlin im Jahre 1904. Aus dcr Sommerfrische in das Untersuchungsgefängnis wanderte gestern eine Bande von vier Einbrechern, die sämtlich keine feste Wohnung haben. Es sind der Maurer Konrad Hentzke, der Arbeiter Max Vogel, der Schlächter Wilhelm Saurig und der Arbeiter Friedrich Sohn. In verschiedenen Kaschemmen, wo sie verkehrten. besprachen sie die Einbrüche und verteilten die Rollen. Auf solche Weise hatten sie in den verschiedensten Stadtgegende» Butter-, Kon- fektions-, Schuhwarengeschäfte, unter anderm auch das von Tack in der Danzigerftraßc 1 ausgeplündert und die reichliche Beute teils in der Neuen Schönhauserstraße, teils in den Verbrecherkneipen zu Geld gemacht. Den großen Erlös benutzten sie, um mit ihren Bräuten standesgemäß in der Sommerfrische ein üppiges Leben zu führen. Am Freitagabend waren sie nach Berlin zurückgekehrt, um ein Buttergeschäft in der Franisurterstraße auszurauben. Vogel und Sohn war die eigentliche Arbeit im Innern zugefallen, Hentzke- wartete mit einem Wagen auf der Straße, uni die Ladung auf- zunehmen, während Saurig seine alte Lieblingsrolle auf der Straße spielte, indem er für den Fall einer Ueberraschung einen Krampf- aufall heuchelte, um die Aufmerksamkeit des Publikums von seinen Compliccn abzulenken und von einer Verfolgung zurückzuhalten. Während nun um den krampflranken Saurig eine große Schar teil- nehmender Leute versammelt war, hatten Vogel und Sohn das Nu- glück, von Hausbewohnern in der Arbeit gestört und verjagt zu werden. Die Hausthür konnten sie nicht mehr erreichen, wählten daher den Weg über den Boden durch die Dachluke und flohen über die Dächer. Das Publikum um Saurig überließ diesen seinen Krämpfen, als es die Haltrufe hörte, und ,0 konnten die Flüchtlinge festgenommen werden, als sie über einige Dächer hinweg endlich die Straße gelvonnen hatten. Inzwischen lvar Saurig plötzlich gesund geworden und davongelaufen, und auch Hentzke hatte sich ans dem Staube gemacht. Beide wurden aber von den ergriffenen Genossen »verpfiffen" und gestern eingebracht. In einem Keller, den alle vier Verbrecher gemeinsam benutzten, förderte eine Durchsuchung ein noch ansehnliches Lager von Schuhwaren zu Tage. Das übrige hatten sie bereits zu Geld gemacht. In den Platinadieben, die den grossen Einbruch bei Siemens u. Halste in Charlottenburg verübten, hat die Kriminalpolizei einen guten Fang gemacht. Die beiden Brüder Alex und Stanislaus Sobierski— den Spieler-Alex und die tote Sünde— sowie der mitverhastete Paul Bredag sind gewerbsmäßige Fahrraddiebe. Sie „arbeiteten" gemeinschaftlich und setzten die einzelnen Teile der zer- legten Maschinen bei Schlossern und Fahrradhändlern ab. Im ganzen sind ihnen acht solcher Diebstähle nachgewiesen, vier Räder waren noch nicht auseinander genommen. Die„tote Sünde" muß auch ein Automobil besessen haben, denn er hat Teile davon im Kreise von Freunden gezeigt. Angeschossen. Die elfjährige Tochter Luise des Schneiders Ractz aus der Weißenburgerstr. 44 ging Sonntagnachmittag mit ihren Geschwistern und einigen Spielkameradinnen bei Hcinersdorf spazieren. Auf dem Wege zwischen Heinersdorf und Blankenburg trieben vier halbwüchsige Burschen mit einem Teschin Unfug, womit sie auf Krähen schössen. Als die Kinder vorbeikamen, legte der, der das Gewehr führte, auf etwa IS Meter Entfernung auf die Kinder an, deren vorderstes angstvoll aufs Knie sank und sich den Strohhut schützend vors Gesicht hielt. Wirklich drückte der Bursche ab. Der Strohhut wurde von der Kugel durchschlagen, die dicht am Kopfe des Kindes vorbeifuhr. Wie durch ein Wunder blieb die Kleine un- verletzt, dagegen bohrte sich das Geschoß tief in den Schenkel der dahinterstehenden Luise Ractz ein, die laut schreiend und blutend zusammenbrach. Vorübergehende legten den ersten Notverband an und ließen das Mädchen seinen Eltern zuführen. Die Kugel, die einen Schußkanal von fast einem Centimeter gerissen, war im Beine, das sie fast ganz durchdrungen hatte, sitzen geblieben, so daß sie von der andren Seite im Fleische zu fühlen war. Die Schießhclden hatten, als sie die kleine Raetz zusammenbrechen sahen, sofort quer- feldein Reitzaus genommen. Bewohner Heinersdorfs glaubten in ihnen Weißenseer Thunichtgute wiederzuerkennen, die schon oft die Gegend mit ihren Schießwaffen unsicher gemacht hätten. Ueberfahren wurde in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag von der Eisenbahn auf der Strecke zwischen Tegel und Velten in der Nähe bei Schulzendorf ein ca. 18— Igjähriger junger Mann, der Hoffmann heißen soll. Heute früh 8 Uhr wurde die Leiche nach der Tegeler Leichenhalle gebracht, von wo aus sie rekognosciert werden soll. An der Schwelle des Grales hat die 79jährige Barbierwitwe Emilie Schultze Selbstmord verübt. Die Greisin wohnte seit siebzehn Jahren bei ihrem Schwiegersohn am Maybach-Ufer 3 und war gut ausgehoben. Obgleich die Frau auch körperlich und geistig noch ver- hältnismätzig rüstig war, so bot ihr das Leben doch keinen Reiz mehr, wie sie verschiedenen Personen gegenüber betonte. Sonnabend- nachmittag hatte sie noch Obst an Kinder im Grimmpark verteilt, und drei Stunden später wurde ihre Leiche an der Thielenbrücke aus dem Landwehrkanal gezogen. Niemand hat gesehen, wo die alte Frau in das Wasser gegangen ist, doch ist an einen Unfall bei der Umftiedigung des Wassers kaum zu denken. Ein Mordattentat auf seinen Nebenbuhler verübte am Sonntag- abend der Kürschner Adalbert Wolf aus der Barnimstraße 10. Wolf hatte sich in die erst 15 Jahre alte Tochter Gretchen des Stein- druckereibefitzers Durchholtz aus der Pallisadenstraße 19 verliebt und war auch dem jungen Mädchen bereits nahegekommen. Die Eltern wollten aber von der Liebelei nichts wissen, und die gehorsame Tochter fügte sich in den Willen der Eltern und ließ Wolfs fernere Bewerbungen unbeachtet. Dagegen hatte sich ein Verhältnis des jungen Mädchens zu dem Postbeamten Paul Wiese herangebildet, das die Eifersucht Wolfs hell auflodern machte. Als seine immer von neuem unternommenen Annäherungsversuche ohne Erfolg blieben, faßte er endlich den Entschluß, den glücklichen Nebenbuhler zu be- seitigen, um sich den Weg zu dem Herzen des geliebten Mädchens freizumachen. Er kaufte sich einen Revolver und suchte nun eine günstige Gelegenheit, um seinen Plan durchzuführen. Am Sonntag- morgen folgte er dem Paare in den Friedrichshain, kam aber nicht zur Ausführung der That, weil ihm allerlei Hindernisse in den Weg »raten. Nun hatte er erfahren, daß das jimge Mädchen am Nachmittage an einem Laubenfeste in derLandsbcrger Allee teilnehmen werde, während Wiese sich im Dienst befand. Wilde Gedanken jagten sich in seinein Innern, und er dachte an die Möglichkeit, den Kampf seiner Leiden- schaft dadurch ein Ende zu machen, daß er sich vor den Augen des angebeteten Mädchens erschösse. Dazu kam er auch wieder nicht, weil er sich fürchtete, die Waffe auf sich zu richten. Abends aber sollte ihm eine bessere Gelegenheit kommen. Er sah den bevorzugten Wiese mit dem Bruder des jungen Mädchens vor dem Hause Pallisadenstr. 19 stehen und schlich sich heran. Jetzt kam auch das junge Mädchen von der Lichtenbergerstraße her quer über den Straßendamm auf das Haus zu. Beim Anblick der Margarete Durchholtz packte ihn eine wahnsinnige Eifersucht, so daß er von rückwärts auf Wiese schoß, ihn aber mit der Kugel nur am Rücken streifte. Als Wiese sich nach Wolf umdrehte, krachte noch ein zweiter Schuß, der den erstercn an der Brust nicht gefährlich verletzte. Wiese und der junge Durchholtz stürzten sich jetzt auf den Schützen, warfen ihn zu Boden»md entwanden ihm die Waffe, indem sie ihm zugleich eine Züchtigung zu teil werden ließen. Unter einein großen Auf- lauf wurde Wolf von der Polizei festgenommen. Er gab ans der Kriminalpolizei an, daß er die Absicht hatte, sich selbst zu erschießen, aber beim Anblick der Margarete D. in blinder Eifersucht auf Wiese losgedrückt habe. Er wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Eine Messe» stccherei unter Polen wurde ain Sonntagabend um VVz Uhr durch einen Buckligen herbeigeführt. Im Lokal„Stadt Graudenz" in der Graudenzerstraße 4 pflegen polnische juirge Leute beiderlei Geschlechts zusammenzukoininen, um sich bei einem Tänzchen nach Klavier und Geige zu vergnügen. In diesen Kreis hatte sich 'ein fremder, buckliger Pole gemischt, der bei einer Mazurka, die er mit einer schlanken Polin tanzte, das Weißbierglas des Arbeiters Fritz Eick aus dem Grünen Weg umstieß. Darauf entstaild ein Wortweckisel, in dessen Verlauf der Bucklige seinein Widersacher das Messer in den Unterleib jagte. Der Verwundete lief ans die Straße, brach aber dort zusammen und wurde in einer Droschke nach einer Rettungswache und dann in einem Lückschen Wagen nach dem Krankenhaus am Friedrichshain gebracht. Der Bucklige versteckte sich im Abort, um sich den Folgen seiner Handlung zu entziehen. Hier wurde er ergriffen und durch zwei Messerstiche und harte Schläge derart zugerichtet, daß er besinnungslos nach demselben Krankenhaus in einem Lückschen Rettungswagen befördert werden mußte. Sein Name ist nicht bekannt, ebensowenig die Person, die ihn mit dein Messer verletzte. Die Tanzgesellschaft mtißte zur näheren Feststellung des Herganges den Weg nach der Polizeiwache antreten. Zwei Selbstmörderinnen aus Rixdorf wurden am Sonntag in das Berliner Schauhaus eingeliefert, da es in der Nachbarstadt selbst an einer den hygienischen Anforderungen einigermaßen ent- sprechenden Leichenhalle für polizeilich beschlagnahmte Leichen fehlt. In dem einen Falle handelte es sich um eine Rentiere Charlotte Probst aus der Kaiser Friedrichstraße 243, welche sich mir Lysol vergiftet hatte, im zweiten Falle um die Witwe Emilie Schultze. Erhängt. Die Abwesenheit seiner Ehefrau benutzte der Klempner Karl Schleicher, Matternstr. 9, um seinem Leben ein Ende zu machen. Seine Eheftou ist am Sonnabend, den 39. Juli zu ihrer Mutter gereist. Schleicher sagte zu einem seiner Freunde, daß er sich das Leben nehmen würde. Weil Sch. aber, obwohl lungenleidend, ein lebensfroher Mann war, wurde seinem Ausspruch weiter keine Be- deutung beigemessen. Als die Polizei an, Sonntag die Küche ge- waltsam öffnete, fand sie Sch. an der Thürklinke hängend vor. Die Leiche, welche über acht Tage an der Klinke gehangen hatte, war bereits erheblich verwest. Feuerbericht. In den letzten Stunden hatte die Feuerwehr nicht weniger als vier Kellerbrände zu löschen. Nach der Dennewitz- straße 34, wo Preßkohlen brannten, wurde die Feuerwehr viernial gerufen. In der Schönebcrgerstr. 13 entstand durch daZ Umsallen einer Petroleumlampe ein Wohnungsbrand und in der Kvniggrätzer- straße 81 II durch unvorsichtiges Umgehen mit Licht ein Zimmer- brand. In der Karlstr. lös. brannten Kartons u. a., in der Gubenerstr. 47 Dachpappe zc., in der Grimmstr. 19 Fleisch, in der Seydelstr. 19 Kleider u. a., in der Bergmann- straße 13 Matratzen usw., in der Großbeerenstr. 27 Möbel und Gardinen und in der Burggrafenstraße 13 diverse Mobilien. Wegen eines Wasserrohrbruches wurde die Feuertvehr gestern abend nach dem Alcxandcrplatz 1/2 gerufen und wegen einer Keller- Überschwemmung nach der Buchholzerstr. 2. In Reinickendorf Scharnwebcrstr. 3 stand in der Nacht zum Sonntag der Dachstuhl des Hauses in Flammen. Die Feuerwehren aus Reinickendorf, Tegel u. waren zur Stelle. Auch der 16. Dampfspritzenzug aus Berlin erschien an der Brandstelle. Es gelang die Flammen auf den Dachstuhl zu beschränken. Außerdem wurden noch verschiedene kleine Preßkohlenbrände und dergleichen gemeldet. Das 13. Sängcrfest des Arbciter-Sängerbundes von Berlin und Umgegend, das am Sonntag in Friedrichshagen veranstaltet war, hatte ebenso wie die früheren Feste eine enorme Beteiligung auf- zuweisen. Zuerst schien es zwar, als würde der Wohl allgemein herbeigesehnte, für Festarrangeure aber immerhin etwas zur Unzeit gefallene Regen die Thcilnahme wesentlich beeinträchtigen; doch als sich am Nachmittage der Himmel wieder aufklärte, da brachte jeder Zug und jeder Dampfer Scharen von Festteilnehmern, so daß schließlich wohl ca. 29 999 Personen auf dem Festplatze, der das Sttandschloß und das Müggelschloß umgiebt, anlvesend waren. Den Glanzpunkt des Festes bildete der Massengesang unter der bewährten Leitung des Bundesdirigenten Blobel, zu dem 154 Vereine ihre Sänger gestellt hatten. Machtvoll tönten die melodischen Klänge über den weiten Platz und weckten noch tief im umliegenden Walde ein klang- reiches Echo. Auch die Gesänge der einzelnen Vereine trugen viel zur Hebung der allgemeinen FcstcSstinunung bei. Als dann bei Konzert und Volksbelustigungen der Tag zur Neige gegangen war, wurde auf dem ruhig daliegenden Müggelsee ein prächtiges Feuer- werk abgebrannt. Tausende standen an, Ufer, um sich an dem stillen, herrlichen Sommerabend über die gebotenen pyrotechnischen Leistungen zu freuen. Erst in später Nacht erreichte das vorzüglich verlaufene Fest sein Ende, und Schiff und Eisenbahn hatte vollauf zu thun, die Massen wieder nach Hause zu befördern. Bemerkt sei noch, daß sich sowohl die Arbeiter-Sanitätskolonne wie auch Abteilungen des Schwimmerbundes dem Festkomitee in dankenswerter Weise zur Ver- fügung gestellt hatten. Winter Tymian mit seinen lu st igen Sängern wird im Belle-Alliance-Theater, wo er so große Erfolge hatte, nur noch bis zum 15. d. M. auftreten, da eine nochmalige Pro- longation dieses interessanten Gastspiels unmöglich ist. Für diese letzte Gastwoche ist ein sehr originelles Programm zusammengestellt. Am 125. Bcobachtungsabcnd de?„Vereins von Freunden der Trcptow-Sternwarte(E. B.)", Mittwoch, den 19. August, abends S1/« Uhr, spricht Direktor Archen hold auf der Treptow-Stern- warte über:„Die diesjährigen Angust-Sternschnuppen." Im An- schluß an den Vortrag finden praktijche Uebungen auf der oberen Plattform der Treptow-Sternwarte statt, die sich sowohl auf die Auffindung der Sternbilder, wie auf die Beobachtung der Stern- schnuppen erstrecken. Die verehrten Zuhörer, auch Gäste haben Zutritt, werden gebeten, zu diesem Zwecke ihre Operngläser mit- zubringen und sich mit Heft 29 des 4. Jahrgangs unsrcr Zeitschrift „Das Weltall" zu versehen, in welchem der Sternenhimmel für Monat August abgebildet ist. Nach dem Vortrag wird mit dem Riesen-Nefraktor der Saturn beobachtet. /Zus clen s�ackbarorten. Neu- Weißens«. Das Ortsstatut der gewerblichen Fortbildungsschule, welche hier obligatorisch eingeführt ist, ist in der veränderten Form jetzt veröffentlicht und heben wir als die wichtigsten Paragraphen folgende hervor: K 1. Alle im hiesigen Bezirke wohnhaften oder nicht bloß vorübergehend beschäftigten ge- werblichen Arbeiter sGesellen, Gehilfen, Lehrlinge, Fabrikarbeiter), die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, sind verpflichtet, die Hierselbst errichtete öffentliche gewerbliche Fortbildungsschule an den festgesetzten Tagen und Stunden zu besuchen und an dem Unter- richte teilzunehmen. Die Schulpflicht endigt mit dem Schlüsse des Schulhalbjahres, welches dem Schulhalbjahre vorausgeht, während dessen die Schüler das 18. Lebensjahr vollenden.— Demnach haben alle hier wohnenden und in Berlin usw. beschäftigten oder in Berlin usw. wohnenden und hier beschäftigten jungen Leute die Schule zu be- suchen.—§ 2. Befreit von dieser Verpflichtung sind nur solche gewerbliche Arbeiter, die den Nachweis führen, daß sie diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten besitzen, deren Aneignung das Lehrziel der Anstalt bildet, oder die eine Jnnungs-, oder eine andre Fort- bildungs- oder Fachschule besuchen. deren Unterricht von dem Regierungspräsidenten als ausreichender Ersatz des Unterrichts in der gewerblichen Fortbildungsschule anerkannt ist.—§ 3. Gewerbliche Arbeiter, die nicht nach diesem Statut zum Schulbesuch verpflichtet sind, können, weim der Platz ausreicht, auf ihren Wunsch zur Teil- nähme am Unterricht zugelassen werden. Das Kuratorium bestimmt über die Zulassung solcher Schüler.— Z 4. Schulgeld wird nicht erhoben.— Z 6. Eltern und Vormünder dürfen ihre zun. Besuche der Fortbildungsschule verpflichteten Söhne oder Mündel nicht davon abhalten. Sie haben ihnen vielmehr die dazu erforderliche Zeit zu gewähren.—§ 7. Die Gewerbe- Unternehiner haben jeden von ihnen beschäftigten im fortbildungsschul- Pflichtigen Alter stehenden gelverblichen Arbeiter spätestens am 6. Tage, nachdem sie ihn angenonimen haben, zum Eintritt in die Fortbildungsschule bei der Ortsbehörde anzumelden und spätestens am 3. Tage, nachdem sie ihn aus der Arbeit entlassen haben, bei der Ortsbehörde wieder abzumelden. Sie haben die zum Besuche der Fortbildungsschule Verpflichteten so zeitig von der Arbeit zu entlassen, daß sie rechtzeitig und, soweit erforderlich, gereinigt und umgekleidet in, Unterricht erscheinen könne».—§ 19. Das Kura- torium besteht: Aus dem Gemeindevorsteher oder dessen Stell- Vertreter, aus vier Gemeindeverordnetcn, aus zwei Arheitgebem, aus zwei Arbeitnehmern und dem Leiter der Schule.— Von unfrei, Genossen gehören dem Kuratorium an Taubmann als Gemeinde- verordneter und Schmädicke als Arbeitnehmer. Rixdorf. Von einem schrecklichen Unfall betroffen wurde der Erkstr. 4 wohnhafte Arbeiter Melzer. Beim Teeren eines Daches siel ein Kübel mit kochendem Teer um und es ergoß sich der größte Teil des Inhalts über den darunterstehenden M., der am Kops, im Gesicht und an beiden Händen schwere Brandwunden erlitt. Nachdem M. auf der Unfallstation die erste Hilfe erhalten, erfolgte seine Ueberführung nach der städtischen Krankenanstalt.— Der Brand am Maybach-Ufer hat einen Schaden von ca. 15 999 M. verursacht, welcher bei der Baseler Feuerversicherungs- Gesellschaft versichert ist. Ein„edler Menschenfreund" ist am Sonnabendmoraen der Orts- Polizei in Friedenau überliefert worden, der allem Anschein nach zu den berüchtigtsten Leichenfledderern der Reichshauptstadt gehört. Als ein Wächter der Wirtschaftsgenossenschaft Schöneberger Grimdbesitzer gegen 2 Uhr morgens auf seinem Rundgange die Wiclandstraße passierte: trat an der Ecke der Hedwigsttaße ein junger Mann mit der Bitte an den Beamten heran, doch einem in der letztgenannten Straße wartenden Manne die Hausthür aufzuschließen. Der Wächter begab sich mit dem Fremden dorthin und unterwegs erzählte der letztere, daß er sich des Unbekannten, der total betrunken sei, an- genommen, um ihn vor etwaigen Leichenfledderern zu schützen. Als nun beide vor das betteffcnde Hans in der Hedwigstraße gekommen waren, stürzte ein dort stehender Mann ans den„Menschenfreund" mit den Worten los:„Halunke, gieb mir meine Uhr und Kette wieder". Der Angegriffene versuchte die Flucht zu ergreifen, wurde aber von dem Beschuldiger, einem in der Hedwigstraße wohnenden Handwerker W., und dem Wächter, der alsbald die Sachlage durch- schaut hatte, festgehalten und nach der Wache des 3. Polizeireviers gebracht. Hier stellte sich heraus, daß W., der gegen Morgen von einer feucht-ftöhlichen Sitzung heinikehrte, sich unterwegs ein junger Mann angeschlossen, der dem anfänglich bedenklich Schwankenden hilfreich unter die Arme griff und diese Situation benutzte, um ihm die Remontoiruhr nebst Kette zu entwenden. Vorher schon hatte der„Menschenfreund" den Taumelnden gebeten, ihm doch auch sein Portemonnaie anzuvertrauen, da ihm dasselbe sonst gestohlen werden könne. W., der dem„Helfer in der Not" Vertrauen schenkte, gab ihm auch das Portemonnaie in Verwahrung. Als der Fremde aber den Wächter suchen ging, bemerkte der Handwerker den Verlust von Uhr und Kette und sah nun ein, daß er einem Leichenfledderer in die Hände gefallen war. In dem Verhafteten wurde der obdachlose Arbeiter Max Klursig rekognosziert, der hartnäckig dabei blieb, daß er die Wert- gegenstände nur an sich genommen, um den Angeheiterten vor Dieben zu schützen. Der„edle Menschenfreund" wurde am nächsten Morgen nach dem Untersuchungsgefängnis Moabit überführt. VermileKtes. Das Straßbiirgcr Waisenhaus niedergebrannt. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gegen 11 Uhr brach, vermutlich durch einen schadhaften Kamin, im Dachstuhl des Waisenhauses Feuer aus. Die sofort alarmierte Feuerwehr unternahm zunächst die Rettung der etwa 599 bis 699 Waisenkinder. die teilweise aus den Betten geholt w er den mutzte n. Das Feuer lief mit grotzer Geschwindigkeit am Dach- stuhl entlang und sprang dann zu der aus dem 15. Jahrhundert stainmenden Magdalenenkirche über. Es wurde Sturm geläutet. Die Feuerwehr beschränkte sich auf den Schutz der umliegenden alten Baulichkeiten und des Waisenhauses. Die Magdalenen- k i r ch e brannte Volt ständig bis auf die Umfassungsmauern nieder; die alten Kirchen- glasmalereien wurden vernichtet, ein wertvoller Reliquienschrein und verschiedene andre Heiligtümer wurden ge- borgen. Ein Kind wurde leicht verletzt. Der Schaden wird auf IV, Millionen geschätzt. Vier Personen ertriinke». Barth i. Pom., 8. August. Gestern abend segelten vier Personen, zwei Steuermannsschüler, ein Schul- knabe und eine noch unbekannte Person, von Zingst ab. Heute wurde das Boote gekentert im Barther Bodden aufgefunden; alle Personen sind ertrunken._ Brand des Marine-Arsenals in Tonlon. Nach einem Telegramm aus Toulon brach dort gestern ein ge- tvaltiges Feuer bei den Holzlagern des Arsenals aus. Marinetruppen gingen zur Hilfe ab. Die ganze Bevölkerung ist unterivegs; man konnte das Feuer bisher nicht einschränken.— Ein weiteres Telegramm.meldet über den Brand im Marine- Arsenal folgende Einzelheiten: Das Feuer brach gestern kurz pach Mitternacht im Haupttrakte aus, der die Räume für Zimmerei- Arbeiten, für Werg und Fettöle, für Leder und andre Utensilien sowie die Bureaus für die allgemeine Leitung umfaßt. Links und rechts befinden sich die Bassins für Ausbesserung der Torpedos und in geringer Entfernung die elektrischen Werke, die das Arsenal mit Licht versorgen. Militär wurde zur Hilfeleistung aufgeboten. Eine Anzahl Soldaten erlitt dabei Verletzungen. Das Haupttrakt ist völlig vernichtet, doch hofft man, die weitere Ausdehnung des Brandes verhindern zu können. Gegen Mittag hatte das Feuer die von Vauban gebauten Hellinge verzehrt. Mehrere Werkstätten mit großen Mengen Leder, Holz und Zeichen- Material sind vernichtet worden. Der Schaden wird auf eine Million Frank geschätzt. Ein Torpedo- b o o t, das als Wachtschiff fungierte, wurde beschädigt. Man glaubt, daß das Feuer durch Kurzschluß entstanden ist. Eisenbahn-Katastrophcn. Madrid, 7. August. Auf dem Bahnhos in Leon explodierte die Maschine eines Personenzuges, wodurch eine Person getötet und zwanzig Personen, unter ihnen vier schwer, verletzt wurden. Pucblo Colorado, 8. August. Als gestern abend ein von Denver kommender Schnellzug der Missouri-Eisenbahn über eine Brücke bei Eden, acht Meilen von hier fuhr, brach dieselbe zu- sammen, die Lokomotive und drei Wagen stürzten hinunter. Ein sehr schwerer Sturm mit Regen hatte den unter dieser Brücke für gewöhnlich trockenen Flutzlauf in einen reißenden Strom verwandelt und so die Brücke geschwächt. Der Personenwagen wurde eine Meile stromabwärts, der Gepäck- imd der Rauchwagen überhaupt noch nicht ge- funden, nur die Schlaf- und Speisewagen blieben auf den Schienen; der Post- und Kassenwagen wurde nahe der Brücke mit offenen Geld- schränken ohne Inhalt aufgefunden. Die Leichen von» Personen- wagen, der jetzt halb voll Sand ist, sind geborgen. Man nimmt an, daß sich die Zahl der Toten auf 125 bekänft. Automobil- Unfall. Düren(Rhld.)l Gestern abend explodierte auf der Chaussee der Benzinkasten eines Automobils. Letzteres flog in die Luft. Die Insassen, der Restaurateur Bcurer aus Eschweiler mit seinen vier Kindern und seinem Schwager, erlitten erhebliche Verletzungen. Budapest, 8. August. In der Ortschaft Nagy-Sallü im Barser Komitat brannten in vergangener Nacht 225 Wohnhänser sowie zahlreiche Nebengebäude nieder. Seit zwei Tagen stehen die Nagy- hegyer Waldungen im Liptaucr Komitat in Flammen. Wasser- mangcl verhindert die Löscharbeiten. Ein fürchterliches Drama hat sich in C o r t e s(Spanien), abgespielt. Ein junger verheirateter Mann mit Namen Ortega hatte Beziehungen zu der Mutter seiner Frau unterhalten. Beide beschlossen, die junge Frau lebendig zu verbrennen und warfen sie in einen Backofen, wo sie später tot aufgefunden wurde. Die Menge versuchte, die Verbrecher zu lynchen; es gelang der Polizei, sie vor der Wut der Menge zu schützen. Eingegangene vruckfckriften. Schwäbischer Dagwacht-Kalender für das Jahr 1995. 56 Seiten. erausgegcben vom Landesvorstand der Socialdemokraten Württembergs. reis 20 Ps. Verlag I. H. W. Dich, Stuttgart. Adolf Damaschke. Aufgaben der Gcmeindepolitik. Fünfte wesentlich erweiterte Auslage. 288 Seiten. Preis 1,50 M. Verlag Gustav Fischer in Jena. Dr. jur. Oskar Priester, Socialresorm der Armee für Deutschlands Groß' zu Land und See. 89 Seiten. Deutscher Fach-Broschüren-Verlag Karl Fulde. Köln a. Rh._ Marktpreise von Berlin am 6. August. Nach Ermittelungen des kgl. Polizei-Präsidiums. Für l Doppel-Ccntiicr: Weizen"), gute Sorte 17,90—17,88 M., mittel 17,86-17,84 M., geringe 17,82—17,80 M. Roggen"), gute Sorte 14,20—14,18 M., mittel 14,16—14,14 M., geringe 14,12—14,10 M. Fnttcrgerstc»), gute Sorte 14,80—14,00 M.. mittel 18,90 bis 13,10 M., genug- 13,00-12,20 M. Hafer»), gute Sorte 16,40-15,70 M.. mittel 15,60—15,00 M., geringe 14,90-14,30 M. Erbsen, gelbe, zum Kochen 40,00-28,00 M. Spciscbohncii. weiße 50,00-26,00 M. Linsen 60,00—25,00 M. Kartofseln, neue, 12.00-8,00 M. Richtstroh 4,50-4,16 M. Heu 8,00-5,80 M. Für 1 Kilogramm Butter 2,60—2,00 M. Eier per Schock 4,00—2,40 M. *) Frei Wagen und ab Bahn.") Ab Bahn. Wasserstand am 6. August. Elbe bei Aussig— 0,94 Meter, bei Dresden— 2,19 Meter, bei Magdeburg-f- 0,04 Meter.— U n st r u t bei Straubfurt— Meier.— Oder bei Ratibor-h 0,53 Meter, bei Breslau Ober-Pegel+ 4,16 Meter, bei Breslau Unter»Pegel— 1,83 Meter, bei Frankfurt 4- 0,15 Meter.— Weichsel bei Brahemünde-s- 1,73 Meter.— W a r t h e bei Post»- 0.16 Meter.- Netze bei Usch ch 0.25 Meter. ßriefbaften der Redaktion« �furirtifchcr Ccil. Die i»rlstlf»e Epre»stu»de findet täaliil, mitZlnSnahme deS SonunvtlldS bo» 7,li bis»Va Uhr abends statt. Geöffnet: 7 Uhr. H.®. Verlangen Sie die Herausgabe der Sachen.— G. L. Wenden Sie sich an die Steuerdeputation unter Darlegung der VerbäUnisse, die aus Ihrer Ansraae nicht klar hervorgehen.— Zl. B. Ist nichts andres vcr- -inbart, so beträgt die Kündigungsfrist des Werkmeisters sechs Wochen zum Ouartalsersten.— A. F. 28. 1. Für Ihren Bruder kann ein Pfleger ein- gesetzt und mit diesem über die Verwertung des Grundstücks verhandelt werden. 2. Ja. 3. Nur an einem Ort haben Sie Kommunalsteuern zu zahlen. — E. B.. Krankenkasse. Eine Fahril-Krankenkasse hat alle Arbeiter der Fabrik ohne Rücksicht aus ihr Alter auszunehmen. Es giebt insbesondere im Baugewerbe Unternehmer, die Arbeiter nur dann einstellen, wenn diese einer dem§ 75 genügenden sreien HilsSkasse beitreten. Welche Fabrikkasse hat Ihnen ein ähnliches Ansinnen gestellt? Die dem§ 75 K. B. G. genügenden sreien HilsSkassen sind keineswegs Schwlndelkafsen. Schwindel. lassen sind viele der meist mit Mädchen- oder„patriotisch" klingenden Namen firmierenden wilden Kaisen, die den Voraussetzungen des§ 75 K. V. G. nicht genügen und vom Beitritt zu einer Zivangslasse nicht besreicn.— N. 37. Die„Graste Berliner Strastcnbahn" ist der Name der Gesellschaft die durch Verschmelzung der Grosten Berliner Pferde-Eisenbahn-Akliengesell» schast mit der Neuen Berliner Pserdcbahn-Gescllschast entstanden ist. — K. W. 5. Nein.— 100 a. 1. Ja. 2. Nein.— Rixdorf. 1. Das Urteil aus Alimentenzahlung kann zur Zwangsvollstreckung gebracht werden. Ein Eheschcidungsgrund liegt vor, wenn der Mann innerhalb Jahrcssrist nach Rcchtskrast des aus Herstellung des ehelichen Lebens lautenden Urteils die eheliche Gemeinschaft nicht hergestellt hat. 2. Auch der Ehemann kann (wegen Ehebruchs) aus Scheidung antragen. Der Beschuldigte kann sein Zeugnis verweigern; aus der Weigerung können vom Gericht Schlüise ge. zogen werden. Die Ehefrau gelangt nicht zum Eide. 3. Bcstrosung wegen Ehebruchs tritt ein, wenn wegen des Ehebruchs die Ehe geschieden wird und von dem Geschiedenen Strasantrag gestellt wird. 4. Die BdddigungS- klage ist formell zulässig.— 2. Spandau. 1. Nein. 2. Wen» die Kinder Erben werden, hasten sie auch für diese Schuld, sonst nicht. Erbcntsagung «•folgt durch eine noiariell oder gerichtlich keglaiibigte Erklärung, die inner- halb sechs Wochen nach Kenntnis vom TodeSsall beim Gericht eingehen must. — O. 100. l. Bis zum Ersten, mittags, must ein Zimmer dem An« ziehenden zur Verfügung gestellt sein. 2. Ja. 3. Uns nicht bekannt. — Albert 7000. l. Der Arbeitgeber, der nicht klebt, aber Beiträge ein- zieht, ist strafbar und schadensersatzpslichtig. Mitglied der Kasse sind Sie kr-ast Gesetzes infolge Ihrer Beschästigung, auch wenn der Arbeitgeber nicht gezablt hat. 2. Die Eisenbahnbehörd'e must zunächst einen Strasbefehl erlassen oder erwirken. ES kann auch wegen Betruges Anfinge erhoben werden.— M. W. 10. Wenden Sie sich an die Waisenvcrwalrung Ihrer Gemeinde oder an die Waisendirektion in Berlin.—®fc. M. Sie können Beschwerde an das Kammergericht, Lindenslr. 14, richten.—®ch. SO. 1, i in Mädchen bedarf von erreichter Volljährigkeit ab(vollendetes 21. Lebensjahr) nur noch der Zustimmung ihres Bräutigams zur Heirat. Die Geburtsurkunde und die Militärpapiere des Bräutigams werden erjordcrt. — R. W. sie sind zur Zahlung verpflichtet; eine Klage aus Aushebung des älteren Urteils hätte keine Aussicht auf Erfolg.— F. K. Auch wenn Ihre Ehe in Tegel vor dem 1. 1. ISO« geschlossen ist, leben Sie außer Gütergemeinschast.— 8. P. 100. Die Armendirektion hat das gesetzliche Erbrecht.— M. 58. 1. Nein. 2. Körpn-sehler, die eine vorläufige Zurück« stellung rechtfertigen.— Frau Gertrud. Darüber bestehen keine gesetzlichen Vorschriften. Wegen Mistbrauchs können Sie das Amtsgericht angehen. — Innunger Ball. Ansang 4-/, Uhr. Enttee 30 Ps. Numeriert« Platz 50 Pf. Morgen: Extra- Vorstellung zum Benefiz für Helnr. Richter. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Die 300 Tage. Schwank in 3 Akten von Paul Gevault u. Robert Charwey. Deutsch v. A. Halm. He« Richard Alexander m der Haupttolle. V. Noacks Theater. Direktion: Roh. Dill. Brunnenstr. 16. Durchschlagender Erfolg des erstklass. Rugnst-Programms: Lustspiel! Posse! Komische Oper! Dazu die erstklassigen Specialitäten. Ansang OUfjr. 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Auskunft«rteflt Gustav Schmidt, Sttalauerbrückc I. Niederlage />? der 5676?" Kautabab-Tabrik Nottrodt& Comp,, Kleinwerther bei Nordhausen. General-Vertreter: Bernhard Stümpel, ___________________________________________________________ Vrrli» VO., Jmmanucl-Kirchstr. 21. Für den Inseratenteil vercmtw.: Th. Glocke. Kerlin. Krück u. Verlag: vorwärts Luchdruckttei u. Lerlsgsgnftglt KtN»! Mlger Sa,, Verlin SWT Verlangen Sie ausdrücklich den jo vorzüglich schmeckende» Dättisehtn Anksr-Maiitabak. Echt nur, wenn in jedem Stück— Schleifen oder Rollen— der Firmenzettel mit Anker liegt. Nachgeahmten Tabak ohne Zettel weise man zurück. Zu beziehen für Wiederverkäuser nur durch 565 IL» Carl Höcker, Berlin,«rüner t»fß 112, Ami VU, 3801. Sänitl. Schnupf- u. Na»chf«»«ke. Aordh.««»tabak— o» jros. Josetti-, Garätty- u. a. Cliarettta zu Oriilaal-Frslson.-WsF Hetropol-Theater Der Ertcis dieses Jahres; • Gr. dramatisch-satirische Revue in 5 Bildern von Julius Freund. Musik von Victor Hollaonder. 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Auf Grund eines auf der vorigen Konferenz behandelten Antrages des Genossen Silberschmidt, der eine andre Regelung der Organisation und Agitation anregt, sei die Agitationskommission mit andren Agitationskommissionen in Verbindung getreten, sie habe dabei gefunden, daß sie im wesentlichen so arbeite wie diese und eine Aenderung des bisherigen Systems nicht notwendig sei. Die Provinzialkonstrenz werde sich mit einem vom Wahlkreise Schwiebus- Sommerfeld angenommenen AnWage zu beschäftigen haben, � welcher die Berwetung der ländlichen Kreise in der Kommission, die Anstellung eines besoldeten Agitationsleiters und die alljährliche Abhalwng von Regierungsbezirks-Konferenzen fordert. Die ersten beiden Punkte bezeichnete der Redner als nicht ompfehlens- wert, während sich über die letztere Forderung reden lasse.— Beim Punkt„Presse" werde es sich darum handeln, daß die beiden in der Provinz erscheinenden Parteiblätter:„Brandenburger Zeitung" und .Volksstimme" ausgebaut werden. Einen von Ruppin-Templin aus- gehenden Anwag, die„Fackel" wöchentlich erscheinen zu lassen, halte die Agitattonskommission nicht für annehmbar, damit nicht den beiden genannten Blättern Abbruch gethan werde. Als Delegierte zur Provinzialkonferenz wurden gewählt: H a a k- Weißensee, Welk- Lichtenberg. K r a m m- Borsigwalde. Zum internationalen Arbeiter-Kongreß in Amsterdam empfahlen die Verwauensleute die auf die Maifeier bezügliche Resolutton, welche die Berliner Parteiversammlung an- genommen hat.— S t a d t h a g e n. der die Tagesordnung des Kongresses kurz besprach, gab der Erwartung Ausdruck, daß der Kongreß die Taktik, welche wir in Dresden beschlossen haben, als bindend für die Parteigenossen aller Länder anerkenitcn und solche Bestrebungen, wie sie sich in Frankreich an den Na, neu Millerand knüpfen, nicht billigen werde.— Ueber den General- streik sei' in den letzten Jahren so viel geredet worden, daß lange Debatten auf dem Kongreß überflüssig erscheinen. Die Erringung unsrer Ziele durch den Generalstreik sei nicht möglich. Als polittsches Kampstnittel könne er jedoch unter gewissen Umständen gebraucht werden. Zu bedauern sei, daß die Idee des General- streiks in Deutschland in letzter Zeit in einer wenig klaren Weise ivieder erörtert worden sei.— Zu der Maifeier-Resolution meinte der Redner, der letzte Satz, der besagt, daß Arbeitsruhe nur da eintreten solle, wo sie ohne Schädigung der Arbeiterintercssen möglich sei, könne zu Zweifeln Anlaß geben und zu der Auffassung führen, als ob damit eine Abschwächung der bisherigen Form der Maifeier beabsichttgt sei. Er. Redner, der- stehe den Satz so, daß nur, wenn durch besondere Umstände aus der Arbeitsruhe Schaden für die Arbeiterklasse entstehen könne, die Arbeitsruhe nicht gefordert werde. Es könne sich also mir un, Aus- nahmesälle handeln, die auch ohne besonderen Beschluß berücksichtigt werden. Es sei zu hoffen, daß jeder Versuch einer Abschwächung der Maifeier auf dem Kongreß Schiffbruch erleiden werde, und daß der Kongreß einen weiteren Schritt auf dem Wege zur Einigung deS Proletariats aller Länder darstellen Iverde. Alle Redner, welche zur Diskussion über den internattonalen Kongreß das Wort nahmen, sprachen sich entschieden gegen jede Ab- schwächung der Maifeier ans. Brüschke-Runimelsburg sagte außer- dem, er hoffe, daß die Generalstteikidee des Genossen Friedeberg. nicht propagiert werde und daß die Delegierten des Kreises dagegen Stellung nehmen. Die Maifeier- Resolutton wurde mit allen gegen 3 Sttnm,en angenommen und Stadthagen einstimmig als Delegierter gewählt. Hieraus nahm die Konferenz Stellung zum Parteitage. Der Kreisvertrauensmann Freiwald legte folgende Anträge vor: 1. Der Parteitag wolle die„Schulfrage" auf die Tagesordnung setzen. 2. Der Parteitag wolle bei der Aenderung der Organisatton die Verttetting der Wahlkreise auf dem Parteitage nach Maßgabe der Anzahl der organisierten Genossen regeln. 3. Der Parteitag wolle als einen Punkt auf die Tagesordnung setzen:„Kartelle und Koalittonsrecht". 4. Der Parteitag lvolle sich ftir die Beseitigung der gegen Land- arbeiter und Gesinde bestehenden Ausnahmegesetze und für ein ge- sichertes Koalitionsrecht aussprechen. Nachdem F r e i w a l d dte Anttäge kurz begründet hatte, wurden dieselben auch von verschiedenen Diskussionsrednern befürwortet. Ferner betonten mehrere Redner, daß in den vom Genossen Linde- mann aufgestellten Grundsätzen der Kommunalpolitik auch unsre Stellung zur Schulsrage hätte berücksichtigt werden müffen sowie die Forderung: Verstadtlichuna des Grundbesitzes. Ferner wurde die Centtalisierung der Partei-Organisation angeregt. Hierzu meinte Genosse O e h l k i n g, der Parteitag müßte eine Kommission einsetzen. welche der Frage der Organisation näher Witt. Der Redner wünschte, daß sich die Konferenz dem Breslauer AnWage an- schließe. Stadthagen meinte hierzu, er könne dem Breslauer Vorschlage nicht zustimmen. Eine zu straffe Cenwalisatton würde insofern nachteilig sein, als sie die lehhafte Thättgleil der einzelnen Bezirke schwäche und die Herausbildung der agitatorischen Selb- ständigkeit der Parteigenossen hindere. Die Erziehung selbständiger Parteigenossen sei wertvoller wie die Centralisierung. Dte vorstehenden Anwäge wurden sämtlich angenommen. Als Delegierte zum Parteitage wurden Frei w a l d- Pankow, O e h l k i n g- Rummelsburg und Sonnen bürg» Friedrichshagen vorgeschlagen. B r ü s ch k e wandte sich gegen die Wahl Freiwalds, weil der- selbe als Kreisvertrauensmann, ohne die Organisation zu fragen, den Ausschluß mehrerer Genossen ans Anlaß der Vorgänge in Dresden beantragt habe.— Schumann- Weißensee bezeichnete das Vorgehen Brüschkes als unerhört. Ein ganzes Jahr sei seit dem Ausschlußanwag verflossen, man hätte also Zeit gehabt, etwas da- gegen zu unternehmen, wenn man mit Freiwalds Borgehen nicht einverstanden war. Stadthagen meinte, Freiwald habe sich mit seinem Aus- schlutzanwage nicht in Gegensatz zur Mehrheit der Genossen des Kreises gestellt. Wenn der Antrag ohne Hinzuziehung der Organi- sation gestellt wurde, so sei das deshalb geschehen, weil nicht ein Druck auf das Schiedsgericht ausgeübt werden sollte. Die durch den Ausschlußantrag beabsichtigte Klärung sei notwendig gewesen. Wenn sie nicht völlig erfolgt sei, so liege das nicht an Freiwald. Freiwald bemerkte. Hunderttausende von Genossen hätten seinen Ausschlußanwag gebilligt, und wenn er gegen das Urteil des Schiedsgerichts Berufung eingelegt hätte, so hätten sämtliche Leipziger Genossen hinter ihm gestanden. Ein andrer Redner bedauerte, daß diese Sache hier angeschnitten und auch von Stadthagen behandelt worden sei.— Bei der Dele- giertenwahl wurden F r e i w a l d gegen eine Stimme, O e h l k i n g und Sonnenbnrg einstimmig gewählt. Genosse Welk wurde als Ersatzmann bestimmt.__ partci-JSacbnchtcn. Wahlkreis Frankfurt» Leins. Der seit Neujahr 1904 bestehende Eenwal-Wahlverein hielt am Soniltag in Platkow seine erste Generalversammlung ab. Der Berein zählte Ende Juni in zehn Ortsvereinen 700 Mitglieder. Die Halbjahres-Einnahme der Orts- vereine betrug 2342,45 M., davon wurden 674,64 an die Central- kasse abgesandt und 1195,69 für lokale Zwecke verbraucht, so daß 472,22 M. als Bestand verblieben. Die Centralkasse vereinnahmte 1011,41 M.. davon 200 M. als außerordentliche Zuwendung eines Mit- gliedes, und verausgabte stneist für Drucksachen, Bücher. Portt ic., denn die Verwaltung wird unentgeltlich geführt) 138,61 M. Getrennt davon weist die Abrechnung der Nachwahl zum Reichstage eine Ausgabe von 5616,77 M. auf, die völlig gedeckt wurde. Der Partei- vorstand hatte 4500 M. zu den Wahlunkosten beigesteuert. Bei den Hauptwahlen hatte der Kreis alle Ausgaben aus eignen Mitteln bestritten. Die Kosten der Nachwahl sind wesentlich be- einflußt worden durch die Notwendigkeit, infolge der alten Listen einen großen Ermittelungsdienst flir Verzogene durchzuführen; dadurch wurde an beiden Wahltagen aucki die umfangreiche und be- reitwillig geleistete' Wahlhilfe Berliner Genossen erforderlich, denn die Frankfurter hatten überreich Arbeit in ihrer Stadt.— Bemerkenswert war, daß auf der Generalversammlung die in Berlin arbeitenden Genossen des Oderbruch in sehr entschiedener Weise für sich die Herabsetzung des Monatsbeitrages von 30 auf 20 Pf. forderten. Diese Genossen sind am Orte opferwillig, u. a. haben die Gusow- Platkower Maurer vor zwei Jahren einen schmucken Saalbau mit Wohnhaus für die Partei in Gusow errichtet und dafür keinen Pfennig Arbeitslohn genommen; auch hoben die Delegierten hervor, daß die Wahlen ihnen große Opfer auferlegen. So berechnete ein Genosse, daß sein Lohnverlust, Fahrkosten und andre Ausgaben seit Sommer 1903 bei je zwei Haupt- und Stichwahlen zum Reichstag, je einer Landtags- und Gemeindewahl 72 M. betrug. Bei der letzten Nachwahl hatte die Behörde es auch so— klug eingerichtet, daß die Stichwahl zwei Tage vor Pfingsten fiel, wodurch auf einmal zwei Arbeitstage verloren gingen. In teilweiser Berücksichtigung des Verlangens der Oderbrucher Genossen schloß man ein Kompromiß: Die Städte behalten 30 Pf. Beitrag bei, die Oderbrucher zahlen 25 Pf.— Zur Provinzialkonferenz wurden Faber-Frankfurt, Gustav Schulz-Fürstenwalde und Helle- Manschnow gewählt, desgleichen zum Parteitag Faber und Dr. Heinrich Braun._ Die Thüringer Preßkouferenz. Der letzte Thüringer Parteitag im vorigen Jahre beschloß zur Regelung der Preßverhältnisse der Tribüne und zur Entgegennahme de§ Geschäftsberichts über dieselbe in Zukunft eine sogenannte Preß- konferenz für den Verbreittmgsbezirk derselben stattfinden zu lassen. Diese Konferenz tagte am Sonntag in Eisenach. Der Geschäfts- bericht zeigte eine erfreuliche Verbesserung der finanziellen Lage des Unternehmens. Leider konnte dies von der Zunahme des Avonnentenstandes nicht gesagt werden, da inner- halb des letzten Jahres mir ein Zuwachs von 44 Abonnenten zu verzeichnen war. In der ausgedehnten Debatte wurde die Sckiuld dem Umstand zugeschrieben, daß die Verhälttiisse der sieben Wahlkreise des VerbreitungsbczirkS bei dem jetzigen Umfange des Blattes nicht genügend berücksichtigt werden könnten. Um vor- läufig etwas Slbhilse zu schaffen und die„Tribüne" noch leistungS fähiger zu gestalten, wurde beschlossen, der Preßkommission einen bei anderen Mitarbeitcrfonds zur Verfügung zu stellen. Ferner wurde beschlossen, den Gcschäftsangestellten die Hälfte der Beiträge zur Unterstützungskasse des Vereins Arbeiterpresse aus der Geschäftskasse zu zahlen. Die der Pretzkommission gemachten Vorwürfe wegen eigenmächtiger Anstellung des Redakteurs Genossen v. Lojewski fanden ihren Abschluß in der Annahme einer Resolution, in welcher nach Lage der Sache und den inzwischen gemachten Erfahrungen der Kommission Indemnität erteilt wird, trotzdem das Vorgehen derselben als nicht formell richttg zu bezeichnen sei. Die Einrichtung der Preßkonttollkommission, zusammengesetzt aus je einem Mitglieds eines jeden Wahlkreises im Verbreitungsbezirke der„Tribüne", welche bei wichttgen Fragen mit der Preßkonimission Beschlüsse faßte und bei Beschwerden über die Preßkommission zu entscheiden hatte, wurde mit geringer Mehrheit abzuschaffen beschlossen. Die Beschickung späterer Preßkonferenzen soll in der Weise erfolgen, daß Partei-Orte bis zu 200 Abonnenten einen Delegierten, bis 600 Abonnenten zwei Delegierte, flir jede weiteren 500 Abonnenten je einen Delegierten, jedoch höchstens deren fünf entsenden können. Die nächste Preß- konferenz soll 1905 in Erfurt abgehalten werden. Neber den Entwurf zu eiuem Kommunalprogramm, der dem Parteitag vorliegt, werden die Genossen von R e u ß j. L. auf ihrer Landeskonferenz am 21. August in Gera verhandeln. Achter Derbandstag des Verbandes der Kchueider, Schntidenunen n. verwandt. Verufsgen offen Deutschlands. Sechster Sitzungstag. Dresden, 6. August 1904. Die Debatte über die zum Statut gestellten Anträge wird fort- gesetzt. Es werden verschiedene Aendernngen beschlossen, die aber fast nur verwaltungstechnisches Interesse haben. Dem Vorstand wird die Genehmigung erteilt, mit andren Verbänden Abmachungen zu treffen bezüglich der Kollegen, die zeitweise den Beruf wechseln und währenddessen auch die Organisation. Durch diese eventuellen Abmachungen sollen die llnzuträglichleiten beseittgt werden, die durch diesen Organisationswechsel entstehen. Ein Antrag der Filiale Meißen auf Gründung eines Jndustrieverbandes für die Bekleidungsindustrie findet weiter keine Unterstützung und wird abgelehnt. Daraus wird als Sitz des Ver- bandes ivieder Berlin bestimmt; als Sitz des Ausschusses Hamburg. Die bisherigen Verbandsfunkttonäre werden wiedergewählt und zwar als 1. Vorsitzender Stühm er-Berlin, als 2. Vorsitzender Holz- Häuser- Berlin, als Kassierer K ä m i n g- Berlin, und als Re- dakteur S a b b a t h- Berlin. Folgende Resolution wird einstimmig angenommen:„Der achte ordentliche Verbandstag des Verbandes der Schneider, Schneiderinnen und verwandter Berufe Deutschlands bedauert lebhaft, daß die focialdemokratifche Fraktton des Reichstags bis jetzt zu den Ergeb- nisten des Heimarbeiterschutz-Kongresses in Berlin keine Stellung genommen hat. Der Verbandstag erwartet, daß die Frattion als Vertteterin der Arbeiterinteressen bei nächster Gelegenheit in entschiedener Weise die Führung in der Frage des gesetz- lichen Heimarbeiterschutzes übernimmt. Insbesondere wird eine entschiedene Haltung dem Bundesrat gegenüber verlangt, der bis jetzt von den ihm zustehenden Befugnissen, be- treffend Ausdehnung der Arbeiterschutz- und Versicherungsgesetz- gebung auf die Hansindustrie nur einen minimalen und völlig un- zulänglichen Gebrauch gemacht hat." Zur Frage Tarife und Tarifverträge, welcher Punkt schon in der Generaldebatte behandelt wurde, hdt die dazu gewählte Kom- Mission die bereits auszugsweise bekannt gegebene Resolutton wieder vorgelegt, die aber in der nochmals kurz eröffneten Specialdebatte auf Widerspruch stößt. Die Kommission hat zum Punkte„Einheits- löhne für Heim- und Werkstattarbeiter" eine Aenderung in Vorschlag gebracht, die ein Kompromiß zwischen den Anhängern und Befür- wortern dieses Pmiktes der Resolution ist. Trotzdem bildet dieser Punkt die Veranlassung zu dem sich zeigenden Widerspruch, weil ver- schiedene Delegierte der Ansicht sind, daß durch die Forderung eines Einheitslohnes für Heim- und Werkstattarbeiter die elfteren doch mit einer Lohnreduktton zu rechnen hätten, weil sie dann den prozentualen Zuschlag, den sie jetzt erhalten, einbüßen würden. Das wird von der andren Seite beswitten und wiederholt, daß es notwendig sei, im Sinne dieses Wsatzes der Resolution vorzugehen, weil es sonst mit der Forderung von Betriebs- Werkstätten nicht vorwärtsgehen würde. Diese Frage stehe damit im engsten Zusammenhang. Der Kompromißvorschlag geht dahin, daß Heimarbeiter, für die Betriebswerkstätten nicht errichtet werden können, den Zuschlag erhalten sollen. Dieser soll mindestens 10 Proz. betragen. Dem wird nach Schluß der Debatte mit großer Mehrheit zugestimmt. Die übrige Fassung der Resolution wird mit einigen Aenderungen von geringerem Interesse angenommen. Außerdem werden zwei weitere Resolutionen zum Beschluß erhoben. Davon lautet die eine:„Um dem an- maßenden, provokatorischen Auftreten des Arbeitgeber-Verbandes, welcher offensichtlich die krampfhaftesten Anstrengungen macht, luisre heutigen Lohn- und Arbeitsbedingungen zu ver- schlechter», in geeigneter Weise entgegentreten zu können, beschließt der achte Verbandstag folgendes: 1. Daß die Anfertigung von Streikarbeit innerhalb oder außerhalb deF in Frage stehenden Gebietes unter allen Umständen zu inhibieren ist, selbst wenn der Kampf dadurch größere Dimensionen annehmen sollte. 2. Ist der gefaßte Beschluß des Arbeitgeber-Verbandes, welcher den einzelnen Geschäftsinhaber berechttgt, nach mehreren Tarifklassen zu zahlen, in der schärfsten Form zu bekämpfen, weil derarttge Praktiken den Arbeiter auf das schwerste schädigen und tarifliche Vereinbarungen überhaupt unmöglich machen." Nach Er- ledigung verschiedener Verbandsinternas werden Käming und Stllhmer als Delegierte zum internationalen Kongreß in Amsterdamm bestimmt. Damit sind die wesentlichsten Punkte der Verhandlungen erledigt. Mit den üblichen Schlußworten und einem Hoch auf den Verband und die moderne Arbeiterbewegung wird der Verbandstag geschlossen. »*» Internationale Schnefoer-fionferenz. Im Anschluß an den Vcrbandtstag trat die Konferenz im Volkshause zusammen. An ihr nahmen teil: Von Deutschland Stüh ni er. Holzhäuser. Käming, Sabbath, Kotzsch und Frl. Grnnberg, sämtlich Berlin, Bernd-Kiel, Schädlich« Hantburg,-M i r u s- Frankfurt a. M., S t r ü b i g- Hamburg, F u l f s- Köln, T a u s ch e ß- München, Joseph und Thiel- Konstanz. Vom Ausland: S m i t k a- Wien. B e n k e r- Bern, Kohn> Budapest, Va n d er v eken- Antwerpen und Arup- Kopenhagen. Bon den Berichten der auswärtigen Delegierten sind einige besonders erwähnenswert. A r u p- Kopenhagen teilt mit, daß in Dänemark circa ItzOO Mitglieder der Organisation angehören, davon 300 weibliche. 400 sind' noch in einem Sonderbund sZwischen- lncister und Heimarbeiter) organisiert. ES sind fast alle Kollegen organisiert. In der Provinz kann überhaupt nur ein organisierter Kollege arbeiten. Man hofft die Zwischenmeister ganz zu beseittgen und damit auch die Betriebswerlstätten überall einzuführen. Bei der großen allgemeinen Aussperrung 1899 waren auch die Schneider beteiligt und hat dies den Verband 145 000 Kronen gekostet. Jetzt hat man aber wieder einen starken Fonds für etwaige größere Streiks angesammelt. B e n k e r- Bern teilt mit, daß dort circa 1600 Mitglieder in der Organisation sind, die auf modernem Boden steht. Außerdem haben die christlichen auch noch einen Teil organisiert. S in i t k a- Wien verweist auf den schriftlichen Bericht, der vorliegt. Nach diesem sind in Oesterreich in 108 Orts- gruppen 4783 Mitglieder organisiert. Die gemachten Fortschritte könnten größer sein, wenn nicht die ungeheuren Schwierigleiten in den Sprachunterschieden des Landes beständen. Vanderveken- Antwerpen vertritt nur eine kleine Organi- satton von 150 Mitgliedern, die sich in Antwerpen befinden. Die Gewerkschaftsbewegung in Belgien sei noch sehr schwach. Der Jndifferentismus sei dort noch sehr groß. Unter den Arbeitern gäbe es noch viele, die nicht lesen und schreiben können. Eine Centralisation bestehe bei keiner Organisation, selbst nicht bei den Buchdruckern und Metallarbeitern. Auch diese seien nur föderattv verbunden. Eine weitere Schwierig- keit sei, daß in ganz Belgien keine Betriebswerkstätten bestehen. Selbst die Produktivgen ossenschasten hätten dort keine Werkstellen und der große Genter Vooruit lArbeiter-Konsumverein) habe die Betriebswerkstätten wieder abgeschafft, weil sich eine Reihe schlvercr Mißstände daraus ergeben hätten. Das resultiere daraus, daß eben in Belgien für die Schneiderei ganz eigenartige Verhält- nisse bestehen.— Der Vorstand der niederländischen Kol- legen hat mitgeteilt, daß zur Beschickung der Konferenz keine ge- uügenden Mittel vorhanden seien. Ueber die dorttgen Ver- hältnisse enthält die Mitteilung lebhafte Klagen darüber, daß eS mit der Organisation dort sehr schlecht stehe. — Günstiger lautet die Mitteilung von S t o ck h o l m. Die schwedische Organisatton habe zwar auch nicht so sehr viel Gelder übrig, um die Konferenz zu beschicken, aber man erklärt sich mit den übrigen Kollegen andrer Länder solidarisch. Frankreich hat auch keinen Vertreter entsandt. Dort besteht zwar eine Central- organisation, aber der innere Znsammenhang sei sehr gering, und dementsprechend sei auch der Einfluß, den diese Orgauisatton auszuüben vermöge, sehr schwach. Dazu kämen die fort- währende« Reibereien einzelner Organisationen untereinander. Die französischen Kollegen glaubten ohne größere Beittäge etwas zu erreichen, durch einen größeren Idealismus beziehent- lich mit größerer Begeisterung. Es zeige sich aber fort- während, baß diese Hoffnung sich nicht erfülle. Bei Frankreich fehle es den Arbeitern, wie bei allen romanischen Völkern, an der nötigen Disciplin. Sie seien schwer dazu zu bringen, sich einem geschlossenen einheitlichen Vorgehen unterzuordnen und befänden sich in der irrigen Meinung, daß unter gewerkschaftlicher DiSciplin sich jedes MitgUed unbedingt dem Willen deS Vorstandes zu fügen habe, wie ein Soldat im preußischen Heere dem Vorgesetzten. Man begreife nicht, was demokratische Disciplin zu bedeuten habe. Ferner hat auch England keinen Delegierten gesandt. Auf Anftagen sei gar' nicht geantwortet worden. Nur die dorttge Gruppe der deutschen Kollegen hätte sich geäußert. Diese hätten gewünscht, daß einmal von Deutschland aus der Ver- vandstag der englischen Kollegen besucht werde und dort für die internationalen Verbindungen Propaganda gemacht würde. Das sei aber nicht gut angängig. Die englischen Kollegen müßten selbst die Bereitwilligkeit zeigen. In Ungarn sei erst seit kurzer Zeit eine Centralorganisation gegründet worden und von dieser noch nichts zu berichten. Die Kollegen habe» dort schwer mit polizeilichen Maß- regeln zu käntpfen. An die Berichte schließt sich eine allgemeine Debatte, in der weniger internationale principiclle Fragen als vielmehr die inter- nationalen verbandstechnischen Fragen besprochen werden. Eine allgemeine Agitationsbroschüre wird angeregt, dagegen geltend ge- macht, daß es wohl nicht möglich sei, durch eine Broschüre dem Agitattonsbedürfnis der verschiedenen Länder zu genügen. Weiter wünscht man um möglichst übersichtliche Berichterstattung über die Entwicklung der Organisationsverhältnisse in den einzelnen Ländern, damit man sich darüber ein besseres Bild machen kann. Das Gegenseitigkeitsverhältnis, das im internationalen Sekretariat seinen Centralpuntt hat, wünscht man etwas fester zu gestalten in Bezug auf Beiträge usw. Smitka-Wien erwähnt in der Diskussion auch die Notwendigkeit der Agitatton unter den jüdischen Kollegen in der Lemberger Gegend. Diese Kollegen würden in einer solch beispiellosen Weise ausgebeutet, daß man sich gar keinen Begriff davon machen könne, in welcher Lebenslage sich diese befänden. Dadurch würden sie zu einer Gefahr für die übrigen Kollegen. Es werden eine Anzahl von Wünschen bezüglich der Aus- Zahlung der Reise-Unterstützung geäußert und ähnliches. Nachdem darüber eine Verständigung herbeigeführt, ist der Bcratungsstoff erledigt, worauf die Konferenz geschlossen wird. Der Sitz des inter- nationalen Sekretariats wurde weiter in Deutschland belassen und S t ü h m e n- Berlin als Sekretär gewählt. . Wahlkreis. Dienstag, de» 9. August, abends S'/s Ilhr, im Gcwerkschaftshause, Eugel-Ilfer 13(grosier Saal): General- Versammlung des folialdemokratischen Mahivtreins für den 3. Kreis. Tages-Ordnung: I. Bericht und Abrechnung vom letzten Quartal. 2. Vortrag des Reichs- tags-Abgeordneten Genossen Ür. fSiiclekuni über:„Ludwig Feuerbachs Leben und Lebenswerk". 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. 240/4* IMr Mitgliedsbuch legitimiert."MW Damen baoen aus der Galerie Zutritt. Zahlreichen Besuch der Mit- gliedcr erwartet Vm» Vorstaml. Mitglieder werden in der Versammlung jeden zweiten Mittwoch im Monat aus dem Zahlabcnde sowie in den solgenden Zahlstellen auf- genommen: Gottfried Schulz, 2[bmiialstr. 40 a(Kottbuser Platz). Wilhelm Börner, Ritterstr. 15. Emil Gätte, Brandenburgs�. 18. Adolf Flick, Simeon» strahe 23. 0. Blume, Alte Jakobstr. 119. Franz Kröger, Naunynstr. 54. Oeutsclier Metailarbeiter-Verband. Verwaltnngsstelle Berlin. Haupt-Bureau: Engel-User 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 9679. Arbeitsnachweis Zimmer 34. Zimt IV, 3353. Mittwoch, den 10. August 1901, im Lokale von Schellbase, Steglitz, Ahornstr. 15: Bezirks- Versammlung für Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen SeNvlNei-. 2. Diskussion. 3. Verbands. angelcgenheitcn. 119/6 Pflicht eines jeden Kollegen ist es, in dieser Bezirks- Versammlung pünktlich zu erscheinen._ Die Ortsverwaltung. Mmg! Jiigggnsrßr! Freitag, den 12. August, abends S'/a Uhr; Versammlnng d.?latz-u. Sau-Delegierten bei Patt, Dragonerstr. 13. D8F" Es wird ersucht, dem Beschluß der öffentlichen Versammlung Rechnung zu tragen und aus allen Arbeitsstellen Delegierte zu ernennen. Ber Vorstand des Vereins der Zimmerer Berlins und Umgegend. I. A.: Albert Juppcnlatz. 257/16 Socialdeinokra!. WafiMn Rixdorf. Mittwoch, den 10. August 1904, abends 8V2 Uhr: WU" Mitglieder- Versammlung im Lokale des Herrn 8isermsnn, Hermannstraße 49. «nur.?a3f3äDrKn