Ur. 193. nbonnementS'BedingangeR: IldonnementZ- Preis prSmimerimd« i ZZierteljährl. Z,M Mk, monatL 1,10 Kt, «vöch entlich 28 Pfg. frei i->S HlluS. Einzelne Nummer 8 Pfg. Sonntags- raunmrr mit illustrierter Sonntags» Bellage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Emgetragm in die Post-Zcitungi. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 3 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat, 21. Jahrg. Crtdxint Mi» auüer Klcntaai. Vevlinev VolksblÄtk. Die TnlertlenS'Gebatr tetrigt für die sechSgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gcwerlfchastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen Sö Pfg. „Aleine Hnreigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis L Uhr vormittags geöffnet. Telegramm-Adresse: „ZoiUIlUtnrtM RmUb". Zentralorgan der rozialdernokratifcben parte» Deutfchlands. Redaktion: SRI. 68, Llndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt lV. Nr. 1S8Z. Donnerstag, den 18. August 1904. Expedition: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1V8I._ mm Rasienkrieg sich in blutiger Empörung und wüsten Massenmetzeleien Die Negerfrage in Amerika. New U 0 r k, 16. August.(Laffan-Meldung.) Ein großes Lynchgericht fand heute in StateSborough (Georgia) statt. Mehrere Tausend bewaffnete Weiße zogen vor das Gefängnis, überwältigten die Miliz und bemächtigten sich dann zweier Neger, die wegen Er- mordung eines weißen Mannes und eines Kindes sowie wegen Angriffs auf eine weiße Frau und Ermordung derselben verurteilt worden waren. Die Milizsoldaten weigerten sich. auf dieMenge zu feuern, da sie ein Blutbad anzurichten fürchteten. Die Weißen schleppten darauf die beiden Neger weg und verbraunten sie in üblicher Weise lebendig am Pfahl. Man fürchtet, daß 13 andern Negern dasselbe Schicksal droht, weil sie sämtlich mit einer Vereinigung der Farbigen in Verbindung st e h e n, deren Mitglieder geschworen haben, die Weißen zu töten.(?) Dieser neueste skandalöse Lhnchakt liefert wiederum einen Beitrag zur Negerfrage in den Vereinigten Staaten, die sich immer mehr zuspitzt. Die weiße Bevölkerung, für die die 0 Millionen Neger, die sich infolge der Sklavenverschleppung in der Union befinden, ein höchst unangenehmes BevölkerungSelcmcnt bilden, scheint in ihrer Verblendung nach wie vor eine brutale Gewalt- und VergeltungS- Politik für das geeignete Mittel zu halten, mit der farbigen Be- völkerung fettig zu werden. Eine solche Gewaltpolitik ist aber nicht nur vom ethischen und histottschen Standpunkt auS höchst verwerflich, sondern höchst wahrscheinlich auch politisch sehr unklug, da trotz der zahlreichsten Regerlynchungcn die neun Millionen sich nun ein- mal nicht einfach ausrotten lasten werden. Das einzig wirksame Mittel zur Lösung oder wenigstens Milderung der Rasfenfrage wäre eine vernünftige sociale Erziehung der schwarzen Be- völkerung, aber daran ist in Amerika, wo der Dollar regiett und wo jetzt gerade die weltpolittsche Aera mit all der Brutalität, die der kolonialpolitischen Ausbeutungspolitik anhaftet, eingesetzt hat, nicht zu denken. Die Bestialität der Lynchmorde wird trotz aller platonischen Demonstrationen Roosevelts weiter rasen, bis der schwarzen Bevölkerung der Geduldsfaden reißt und der Rastenktteg Luft macht. Die Lhnch-Bestialitäten sind um so verabscheunngSwürdiger, als schon die regulären Gerichte die schwarzer Verbrecher in drakonischer Weise bestrafen. Klagen doch die Schwarzen mit Recht darüber, daß bei ihnen schon die kleinsten Vergehen barbattsch geahndet würden. Ueberhanpt fällt es namentlich im Süden schwer, ein Schwurgettcht zu finden, dal einem Weißen gegenüber einem Schwarzen die Schuld zuspräche. Und trotzdem die sich häufenden Lhnchmorde! In den letzten 17 Jahren find in den Vereinigten Staaten im ganzen 2516 Lynchgerichte vorgekommen. Davon fielen 2036 auf die Südstaaten und 436 auf die andern Teile de? Landes. Nur vier Staaten hatten überhaupt keine Lynchgerichtc während dieser Zeit in ihren Grenzen zu verzeichnen, nämlich Massachusetts, New Hampshire, Rhode Island und Utah. Von den Gelynchten waren 1573 Neger, die übrigen, mit Ausnahme weniger Chinesen, Weiße. Bezeichnend ist eS, sagt die„Jllin. StaatSztg.", daß in den letzten Jahren der Prozentsatz, mit dem der Norden an den Lynch- gerichten beteiligt ist, immer größer wird. Gelyncht wurden in den letzten Jahren besonder? diele Neger, die in Gefängnisten saßen, weil sie weiße Männer verwundet oder weiße Frauen und Mädchen vergewaltigt hatten. Diese Akte der VoUsjustiz waren völlig ungerecht, weil, wie bemerkt, die ameri- konischen Gettchte die Strasthaten der Schwarzen fast immer sehr schwer ahnden. Nun find allerdings die Sittlichkeitsverbrechen der Neger recht zahlreich. Allein man sollte doch die von den Gerichten ver- hängten Strafen für ausreichend halten, zumal die Ab- schreckungstheorie gerade bei den Lynchmorden an Negern völlig Schiffbruch erlitten hat. Jährlich sind durchschnittlich hundert Schwarze barbarisch gehenkt, mit Kugeln durchlöchert und lebendig verbrannt worden— aber eine Abnahme der SittlichkeitS-Attentate der Farbigen hat man damit trotz vieljähttger Praxis nicht er- reicht. Und außerdem sollte man doch auch an die Vergewaltigungen denken, die sich nicht nur die weiblichen Negersklaven zur Zeit der Sklaverei gefallen lasten mußten, sondern die die weißen Kultur- träger noch heute in allen Kolonialländern den Farbigen gegen- über verüben! Die H e r e r 0 ö haben darin, nach demIZeugnis der Missionare, die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht! DaS einzige Mittel zur Bekämpfung der verbrecherischen Anlagen der nordamerikanischen Neger wäre eine vernünftige civilisatottsche Erziehung- Man müßte, wie der hochgebildete Neger B 0 0 k e r Washington verlangt, der heranwachsenden Negergeneration Liebe zum Landbau. zur körperlichen Arbeit überhaupt einflößen. Man müßte sie social erziehen. Booker Washington gesteht ein. daß die Neger nach Aufhebung der Sklaverei unter dem Begriff Freiheit nur Müssigaaug und Zügellosigkeit verstanden— wie sie das ja von ihren ehemaligen Herren gelernt hatten. Den moralischen Tiefstand der Neger führt er auf die Unfähigkeit der Eltern zurück, ihren Kindern eine vernünftige Erziehung zu teil werden zu lasten. Daran ist aber wieder die unfinnige Behandlung der Neger, spettell die Sklaverei schuld, wie die Krinrinalstattstik beweist. In doch der Prozentsatz der Verbrecher unter den Negern der S ü d st a a t e n. in denen bis zum Jahre 1865 die Sklaverei herrschte, um ein Er- hebliches stärker als unter den Negern der Nordstaaten, wo schon früher die Sklaverei aufgehoben ward. Daß die Neger in der Union überhaupt social und moralisch noch auf tiefer Stufe stehen, liegt danach offenbar nicht, wie heute wieder ein amettkanischer Mitarbeiter der»Deutschen Tages- z e i t u n g" behauptet, an der den Farbigen eingeräumten allzu- großen socialen und polittschen Freiheit, sondern an der M i ß- Handlung und Mißachtung, mit der man die Farbigen trotz ihrer formalen staatsbürgerlichenIGleichberechttgung behandelt hat. Diese angebliche Gleichberechtigung ist nur eine infame Lüge gewesen. Wie entwürdigend, wie gewaltsam niederdrückend man die Farbigen behandelte und noch heute behandelt, beweist z. B., daß es ihnen unmöglich gemacht ist, auf der W e l t a u s st e l I u n g in St. Louis gegen gutes Geld ihren Durst und Hunger zu stillen I Der Farbige hatte zwar das Recht, durch seine Kulidienste den Auf- bau jener Weltausstellungsräume zu fördern, er hat aber nicht das Recht, nach ihrer Fettigstellung in ihnen zu weilen! Man muß bei der Stellung des Weißen zum Neger von heute zwischen dem Norden und Süden unterscheiden. Für beide aber gilt das eine gemeinsam, daß für das Gefühl der Amerikaner die Kluft zwischen den Weißen und den Schwarzen heute womöglich größer ist als je zuvor. Generattonen hindurch hat der Weiße den Schwarzen als Ware bettachtet; aus der Wildheit des AfrikanettumS war der Neger mit Gewalt herausgeholt, damit er auf den Baumwollen-, Reis- und Tabakfeldern des weißen Herrn die schwere Arbeit ver- richte, ohne Recht, ohne Unterricht. Der Norden brachte ihm endlich die.Freiheit'. Aber leider, während man den ab- strakten Neger„befreite", verabscheute man die Ausdünstung des kon- treten Negers. Der persönliche Widerwille gegen den Schwarzen ist im Norden vielleicht noch ver- breitete! und stärker als im Süden.„Südlich von Washington,' sagt Profestor Münsterberg in seinem bekannten, kürz- lich erschienenen Buche„Die Amettkaner',„kann man sich eigentlich nur von Negern rasieren lasten: nördlich von Philadelphia würde der Weiße es ablehnen, einen Neger als Barbier zu benutzen." Der Südländer scheut sich nicht, eine schwarze Amme ins Haus zu nehmen; in den Nordstaaten wäre das einfach undenkbar. Ueberall da, wo das Printtp gewahrt werde» muß, wird der Neger im Norden willkommen geheißen. Man giebt ihm hier und da eine Keine Beamtenstellung, man läßt ihn Reden halten, man läßt ihn zu öffentlichen Vereinen zu: man läßt ihn bei den Paraden der Kriegsveteranen aufmarschieren und erlaubd einigen Ausnahmenegern in die Universität einzutreten aber von socialer Vermischung ist keine Rede. In keinem Klub, in keinem Privathause, in keiner Gesellschaft trifft man einen Neger, und bei alledem muß der Europäer sich immer ver-- gegenwärtigen, daß der Bcgttff deS Negers hier Männer und Frauen umfaßt, deren Gesicht vielleicht so weiß ist wie das irgend eines DankeeS und die nur noch vielleicht an den Fingerspitzen die Abstammung von aftikanischer Raste erkennen lasten. Der Südstaatler haßt den Neger vor allem delhalb, weil ihm seit dem Bürgerkriege dasselbe Recht am Stimm- kästen zusteht wie ihm selbst. Wenn seine sociale Gleich- stelluug im Süden versucht wird, so erschallt sofort der Ruf, daß die Reinheit der Nasse in Gefahr sei. Kein Weißer im Süden würde den Speisesaal eines Hotels betreten, in dem irgend wo im Winkel eine Negettn bei Tisch sitzt-, aber nicht etwa weil das Beisammensein ihm unangenehm ist, sondern nur. weil das Symbol der Gleichberechtigung ihn verletzt. Sobald ein kleines weißes Kind daneben sitzt und die Negerin somit sich als Kinder� frau, als Dienstbote erweist und die sociale abhängige Stellung somit ausgedrückt ist, so stört ihre Gegenwart nicht mehr im mindesten. Nattirlich muß durch solche sociale Demüttgungcn die Erbitterung des Schwarzen stetig wachsen. Daß kein Hotel ftür Weiße, kein Restaurant, kein Theater uud kein Schlafwagen dem Schwarzen offen steht, ist selbstverständlich. Daß nun aber auch d. gewöhnlichen E i se n b a h n w a g e n und Straßenbahnwagen die Farbenscheidung einführen, das hat doch noch viel zu neuer Verschärfung des Gegensatzes beigettagen. Ja der Süden geht noch weiter in der brüsken Zurückstoßung des Schwarzen: er setzt auf solche Zurückstoßung sogar Prämien. Als in einem nordstaatlichen Hotel der Präsident eines Neger- Kollege aufgenommen ivurde und das Stubenmädchen sich weigerte, für ihn das Bett zu ttchten, wurde sie von dem Hotelwirt deshalb entlasten. Flugs veranstaltete der Süden mit„glänzendem Erfolge' eine Geld» sammlung ftür diese„Heldin'. Mit zäher, einer besseren Sache würdiger Energie und Konsequenz sucht man zumal im Süden den Schwarzen, mag er noch so be- fähigt sein, von jedem Amte fernzuhalten und neuerdings, i h n politisch zu entrechten. Die Bestrebungen in den Südstaaten gehen dahin, den Negern das Stimmrecht zu nehmen, und dies wird durch das Verlangen des Nachweise? einer gewissen Bildungsstufe erzielt, während man für die u n g e b i l d e t e n W e i ß e n, die„lorv whitos", diese Bestimmung dadurch umgeht, daß man den Söhnen und Enkeln von Soldaten der Unionsarmeen in dem SecessionSkriege ohne Rücksicht auf sonstige Qualifikation das Stimmrecht gewährt. In der letzten Zeit hat der Kampf gegen die Neger durch die Schaffung der Partei der„Lilly with es", der Lilienweißen. in den früheren Sklavenstaaten, die eS sich zur Aufgabe gemacht haben, jede Gc- meinschaft zwischen Negern und� Weißen aufzuheben und die letzteren von jeder Beteiligung an der Ver- waltung auszuschließen, ganz besondere Schärfe erlangt. So liegt z. B. der Legislatur des StaatShauseS ein Gesetzentwurf vor. durch den die bestehende Wahlgesetzgebung in der Weise abgeändert werden soll, daß daS Wahlrecht allen Negern entzogen werde, und diejenigen, die diesen Entwurf eingebracht haben, rechnen mit Bestimmtheit, daß er durch eine Volksabstimmung zum Gesetz erhoben werde. Früher bestanden in verschiedenen Südstaaten Schulen, in denen Weiße und Farbige gemein« schaftlich erzogen, und von weißen und farbigen Lehrern unterttchtet wurden; diese Anstalten sind zum Teil schon aufgehoben worden, wie das Maryville College in Tennestee, oder gehen demselben Los entgegen wie die berühinteste dieser Schulen. das 1854 kurz vor dem Ausbruch des Secessionskrieges von John O. Fee in Kentucky gegründete Berea College. Noch vor dem Tode des Gründers dieser Schule und gegen dessen Protest ist mit der nstellung von farbigen Lehrern aufgehört und die Bestimmung, daß die weißen und farbigen Schüler zusammen essen sollten, aufgehoben worden, mit der Begründung, daß sociale Gleichstellung nicht erzwungen werden dürfe, und eS steht zu erwarten, daß die Legislatur von Kentucky in nicht zu langer Zeit dem Beispiele der von Tennessee folgen und die gemeinschaftliche Erziehung von Weißen und Farbigen ganz mrtersagen werde. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, daß der Rasten» krieg, den die Sünden der älteren Generationen und der blöde Rassendünkel der Lebenden entzündet und zu immer helleren Flammen entfacht haben, immer wildere Formen annimmt. Die Erbitterung der Neger steigt von Woche zu Woche, und der Aus« bruch eines Rastenttieges in den Slldstaaten ist keineswegs aus- geschlossen. Das ist das Ende und der Erfolg der berühmten amettkanischen „Negerbefreiung', die dem Lande eine halbe Million Menschenleben und mehr als 3 Milliarden Dollar gekostet hat l Einige amerikanische Gelehrte sind der Ansicht, daß die farbige Bevölkerung so liebenswürdig sein würde, allmählich auszusterben, worauf der Geburtenrückgang deute. Diese Lösung der Frage er» scheint aber überaus fraglich, selbst wenn sich die weiße Be» völkerung auch alle Mühe geben sollte, die Farbigen außer durch das Lynchen durch Syphilis und Schnaps zu decimicren. Hat sich doch die schwarze Bevölkerung der Union von 1890— ISOO um 18,1 Proz. vermehrt, gegenüber 21,25 Proz. Vermehrung der weißen Bevölkerung, bei der aber die bettächtliche Einwanderung mit in Anschlag gebracht werden muß. Die Rasfenfrage tvird also für die Vereinigten Staaten wohl auch ferner ein bösartiges Problem bleiben, dessen Lösung vielleicht erst dem SottaliSmus vorbehalten ist. politische Geberftcht. Berlin, den 17. August. Ein neueS Gefecht mit den HrreroS. General von Trotha meldet weiter aus Hamakari: Feind nach Gefecht am 11. in voller panikattiger Flucht unter Zurücklassung von sehr vielem Vieh, Habseligkeiten uud zahlreichen Leichen hauptsächlich in östlicher Richtung zurückgegangen. Verfolgte starke feindliche Kräfte mit vereinigten Abteilungen Deiinling und MühlenfelS mit Gewaltmarsch bis Gegend Omutjatjewa. wo gänzlicher Mangel an Weide und Wasser und Trennung de? Feindes Einstellung der Verfolgung bedingte. Zahlreiches Vieh erbeutet. Estorff verfolgte von Norden umfassend und schlug heute, 15., Hererobanden, die Qmuramba abwätts zogen. Feind große Verluste. DicsseitS tot fünf Mann, verwundet Ober« lieutenant Bischoff, Lieutenant v. Maien und fünf Manu. Der Verlust der deutschen Truppen erhöht sich also um fünf Tote uud sieben Verwundete, so daß sich ein Gesamtverlust von ca. Ivl) Mann ergiebt. Ueber den Erfolg dieser immerhin recht verlustreichen Operation wird man nähere Nachrichten abwarten müssen. Wie wir gestern mitteilten, rechtete das„Militär-Wochen- blatt' mit 3v 000 Hereros, mit 50 000 Stück Groß- und 120 000 Stück Kleinvieh, die sich in den Waterbergen befinden sollten. Erst wenn man erfährt, wie viel Hereros gefallen sind und wie viel Vieh erbeutet wurde, wird man die Tragweite der beiden erfolgreichen Gefechte übersehen können. DaS freilich läßt sich schon heute sagen, daß die eigentliche Absicht der Operationen Trothas, die ganzen Hererobanden einzu» schließen und zur Uebergabe zu zwingen, nicht erreicht ist. Die Masse der Hereroö ist nach Osten durchgebrochen. Ihre weitere Verfolgung mußte sowohl wegen ihrer Zerstreuung wie wegen deS Mangels an Weide und Vieh aufgegeben werden. Man darf aber deshalb noch lange nicht annehmen, daß nun auch die flüchttgen Hereros samt ihrem Vieh verhungern und verdursten müßten. Die südaftikanischen Sachverständigen haben ja gerade die Schwierigkeit des Kampfes gegen die Hereros damit begründet, daß es dem Herero möglich sei, samt seinem Vieh mehrere Tage ohne Wasser auszukommen, was dein Nichteingeborenen platterdings unmöglich sei. Die Verfolgung der Geflohenen wird also von neuem in großem Stile aufgenommen werden müssen, obgleich sie immer schwieriger wird, je mehr sich der Feind nach dem Norden und Osten des Landes flüchtet. Sicherlich wird v. Trotha selbst nicht die Garantie dafür übernehmen wollen, daß der Feldzug binnen einem I a h�r e völlig beendigt sein würde. General v. Trotha hat bei seinen Telegrammen über die Gefechte wiederum die oft getadelte Gepflogenheit beobachtet, zwar die Namen der gefallenen oder auch nur ver- mundeten Offiziere zu nennen, sich dagegen über die Personalien der gcfallcneu Mannschaften auSzuschweigen. Oberst Leutwein pflegte bei seinen Meldungen die Namen sämtlicher gefallener oder verwundeter Mannschaften zu telegraphieren, was den modernen Ausfassungen der bürgerlichen Gleichheit entschieden mehr entspricht. General v. Trotha scheint der Ansicht zu sein, daß die Angehörigen der.Gemeinen' keinen Anspruch darauf haben, über das Befinden ihrer Angehörigen ebenso schnell unterrichtet zu sein, wie die An» gehörigen der Offizierskaste I Denn dafi er, um ein paar hundert Mark zu sparen, die Namen verschweigen sollte, ist doch nicht an- zunehmen. Der glm" che Kolonialkrieg kostet uns so viele Millionen, dah es auf ein paar hundert oder auch tausend Mark mehr wirklich auch nach der Ansicht des Herrn v. Trotha nicht an- kommen kann l « Eine verspätet gemeldete Schlappe. Berlin, 17. August. General v. Trotha meldet: Lieutenant v. Bodenhaiisen und acht Mann der 1. Compagnie de? Regiments 2 am 6. d. M. auf Rückkehr von Patrouille nach Waterberg überfallen und getötet. Leichen am 7. halbwegs Waterberg— Osondjackeberg gefunden und beerdigt. Zwei Mann der Patrouille vermißt. Danach vermehrt sich die Verlustliste um weitere elf Tote rcsp. Vermißte. Recht auffallend ist nur, daß die Nachricht von diesem Gefecht, das am 6. stattfand, später eintraf, als die Meldung über die„Siege" am 11., 12., ja selbst am 15. August! Wollte man die Schlappe erst durch einen Sieg wettmachen?— Das(Sude des ersten Arbeitermmistcriums. Aus Melbourne kommt die Nachricht, daß das Ministerium Watson, das erste Arbeiterministerium des australischen Staaten- bundes(Commonwealth of Australian) zurückgetreten sei. Es ist in dem Kampfe um die Schiedsgerichtsvorlage, durch den es an die Regierung gelangte, ivieder gefallen. Mit 38 gegen 36 Stimmen wurde eine von dem Ministerium geforderte Bestimmung der Vorlage abgelehnt. Mit der 22 Mann starken Arbeiterpartei hoben demnach noch vierzehn Mitglieder der beiden andern Parteien gestimmt. darunter, wie gemeldet, zehn Liberale (Partei Deakin) und vier Konservative(Partei Reib). Der Sturz des vorigen Ministeriums(Deakin) erfolgte mit 38 gegen 29 Stimmen. Dieses Ministerium mußte zurücktreten, weil gegen seinen Willen beschlossen wurde, die Staats- und Eisenbahn-An- gestellten dem SckucdsgerichtSgesctz zu unterstellen. ES war von der Arbeiterpartei im Berein mit den(freihändlerischen) Konservativen zu Falle gebracht worden. Für diese Frage, über die das Ministerium Deakin gefallen war, hatte das Ministerium Watson dann die Majorität bekommen, als sie von diesem wieder vorgelegt wurde. Der Anlaß zum Falle des Ministeriums Watson war jetzt die Frage der Bevorzugung der Gewerkschaftsmitglieder in den Be- trieben, den Organisationszwang durch Schiedgerichtsspruch. Indessen ist der besondere Anlaß zum Sturze der Arbeiter- regierung weniger wesentlich. Daß es sich ll'/z Monate halten konnte, ist ebenso wie die Thatsache, daß es über- Haupt ans Ruder kommen konnte, nur der Uneinig- keit der beiden andern Parteien zuzuschreiben, die sich als Freihändler und Schutzzöllner wütend bekämpfen. Vom ersten Augenblick an, da die Arbeiterpartei die Regierung über- nahm, begannen die Versuche zur Einigung der beiden gegnerischen Parteien. Für die Gruppe Reib, die Freihändler, spielte neben der Feindschaft gegen die Arbeiterpartei auch noch das heiße Streben, selbst an die Macht zu kommen, eine Rolle. Die Gruppe Neid ist die eigentliche Korruptionspartci, die Partei der Aemterjäger und die Voraussicht, daß auf das Ministerium Watson ein Ministerium Reid folgen werde, veranlaßte Deakin und seine Gruppe zunächst zu ablehnender Haltung gegenüber der Partei Neid. Inzwischen sind aber diese Sondergegeusätze zwischen den beiden Gruppen mehr und mehr zurückgetreten vor dem gemeinsamen Klassenhatz gegen die Arbeiter. Die arbeiterfeindliche Presse hatte von Anfang an die Parole ausgegeben, daß gegenüber dem gemein- samen Feinde Arbeiterpartei die Gegensätze Protektionismus oder AntiProtektionismus zurücktreten müßten, daß es gelte, sich zusammen- zuschließen gegen die Feinde der bestehenden Wirtschaftsordnung. Andrerseits hat auch die Arbeiterpartei sich keinen Jllnsione» über die bestehenden Machtverhältnisse hingegeben. Das Ministerium Watson hat die Regierung übernommen im Einverständnis mit seiner Partei und unter allseitiger Zustimmung der Gewerkschafts- orgauisationen. Die Presse der Arbeiterpartei hat aber— wir haben mehrfach entsprechende Auslassungen mitgeteilt— ebenso von vornherein der Ansicht Ausdruck gegeben, daß man die Ueberuahme der Regierung wesentlich von dem Gesichtspunkte bettachte, daß sie zur Klärung der Klassengegensätze und zur Förderung des. Klassen- bewußtseins der Arbeiter beitragen lverde, indem sie die beiden bürgerlichen Parteien einander näher bringen und so den Ar- beitern zeigen werde, daß die Streitigkeiten unter jenen nur sekundäre Streitigkeiten um den Platz an der Staats- krippe seien, die sofort an Bedeutting verlieren, sobald die Arbeiter von ihrer Macht Gebrauch zu machen suchten. Und es ist wahrscheinlich, daß diese Wirkung auf die Arbeiter des Landes auch nicht ausbleiben wird. Die Arbeiterpresse wird dafür sorgen, daß die Vorgänge in diesem richtigen Lichte dargestellt werden. Ministerpräsident Watson wollte jetzt schon an die Wähler appellieren. Schon Anfang Juli erklärte er im Repräsentanten- Hause, wenn die SchiedSgerichisvorlage nicht in der von ihm gewünschten Form durchgehe, dann werde er die erste Gelegenheit ergreifen, um an das Land zu appellieren oder zurückzutteten. Nach der jetzigen Abstimmung des Repräsentantenhauses gegen ihn hat er die Auflösung des Parlaments gefordert. Der General-Gonverneur hat jedoch die erforderliche Ein willigung verweigert und hat. da das Ministerium Watson nun zurücktreten mußte, Herrn Reid die Bildung der Regierung über- tragen. Reid wird die Regierung übernehmen, lieber eine feste Majorität in allen Fragen verfügt er jedoch auch nicht und ob nicht doch über kurz oder lang das Parlament wird aufgelöst werden müssen, um eine Klärung der Parteiverhältnisse herbeizuführen, ist nicht gewiß. Neue Wahlen werden zwar schwerlich sofort eine Arbeiter- Majorität bringen, aber eine Stärkung der Arbeiterpartei sehr wahr- schcinlich und vor allen Dingen werden sie auch eine Verschiebung nach der Richtung bringen, daß die bürgerlichen Parteien sich enger zusammenschließen werden. Die Episode des ersten Arbeiterministeriums wird jedenfalls dazu beitragen, den unausbleiblichen Sieg der Arbeiterpartei zu beschleunigen. "»" Deutfcbes Reich. Freiheit im Fälschen ist diejenige Art Freiheit, der das fiihrende Centrumsblatt „Germania" in heißem Eifer huldigt. Wir haben eine Fälschung des Blattes über die Stellung der Socialdemokratte zur Frage von Schule und Religionsunterricht nachgewiesen. Wir sprachen da von„jesuittscher" Fälschung; die neueste Fälschung ist nicht jesuitisch, da sie allzu dumm ist, um diesen Namen zu verdienen. Unter dem Stichwort„Freiheit und der„Vorwärts". Ein Kapitel zur Propaganda der That", behandelt die„Germania" die Stellung der Socialdemokratie zum politischen Attentat. Nach einigen von falschen Angaben überfließenden historischen Bemerkungen wird bereits das Spitzel-Uuternehmcn gegen die am Niederwald-Denkmal vereinten deutschen Fürsten der Socialdemokratie ebenso zugeschoben, wie seitens andrer Reaktionäre unter Protest des Centrums das Kullmann- Attentat gegen Bismarck dem C e n t r u m zugeschoben wird. Das Centrumsblatt, das selbst gegen solche Zumutungen entrüstet sich verwahrt, leistet die noch mehr blöde als dreiste Gemeinheit: „Reinsdorf und Kupsch waren von Hause aus Socialdemokraten, und deshalb haben auch die Herren um Singer und Bebel herum, welche die Revolution predigen, um die Revolutionäre nach Bedarf von ihren Rockschößen abzuschütteln, die Vernittwort- lichkeit für diese» verbrecherischen Plan natürlich den nach ihrer Ansicht„hirnverbrannten Anarchisten" in die Schuhe geschoben. Das ist bequem und mag ja auch praktisch sein, soweit es die deutschen„thatkräftigen" Revolutionäre angeht, ist aber nichts- dcstoweniger ein um so untrüglicheres Zeichen einer hinterlistigen Politik, als dieselbe deutsche Social- deniokratie alle' ausländischen Riordattcntatc und deren Bcrüber mit vollen Backen lobpreist und zu weiteren Thaten anreizt. Denn hierin liegt der heimliche Sporn für deutsche Fanatiker und Querköpfe:„Seht, welche Helden! Warmu geht Ihr nicht und thut desgleichen?" Und weiter entladet sich das Blatt für„Wahrheit, Freiheit und Recht": „Daß die deutsche Socialdemokratie in ihren leitenden Preß- organcn zur Verherrlichung des M c ti ch e l m o r d e S ihre Kritik ausdehnt, ist eben nur der Beweis ihres internationalen Wesens, zeigt deutlich, daß sie sich mit der stillen Hoffnung trägt, der„Terror" werde im eignen Lande die herrschenden Gc- walten erfassen, oder der dramatisch- fanatische Angriff auf die auswärtigen„Tyrannen" werde im eigne» Lande Fanatiker er- stehen lassen, welche man, wenn sie wahnwitzige Thaten be- gehen, bequem abschütteln kann. Hetzen und nach den Folgen der Hetzerei die Hände in Unschuld waschen, das ist socialdemo- kratische Politik, das ist wenigstens die Politik jener im Wohlsein dahinlebenden politischen Drahtzieher, welche selbst für jede That zu feige sind." Schließlich behauptet der Artikel der„Germania", der„Vor- wärts" habe in seiner Stellungnahme zum Attentat gegen Plehwe sich derselben Anstiftung zum Meuchelmord schuldig gemacht wie einst Most, der damals in England schwer bestraft sei. In der Gemeinheit des Deuunzierens hat hiermit die „Germania" sich zur Würde der„Post" erhoben, die sie freudig au ihrer Höhe begrüßen mag; aber die E i n f ä lr i g k ei t der Fälschung, auf der das Denunzianteitstück ruht, ist über der„Post". Es bedarf keiner näheren Erörterung zur Feststellung der von der„Gerinania" idiotisch entstellten Wahrheit. Die Socialdemokratie ist principielle Gegnerin des politischen Attentats, weil sie weiß, daß auch erfolgreiche Attentate ein politisches System nicht ändern. Die Socialdemokratie hat lediglich erklärt, es sei vollauf begreiflich, daß in Zuständen, wie sie in Rußland bestehen, wo jedes Mittel der organischen Entwicklung durch den Absolutismus zerbrochen wird, die Verzweiflung der Unterdrückten zum Attentat schreitet. Die Socialdemokratie hat also höchstenfalls dasjenige erklärt, was zahlreiche Heilige des Katholizismus, hervorragende Männer des Jesuitenordens als erlaubt gegenüber dem Tyrannen ver- kündigt haben. Es ist die schäbigste Fälschung, welche die an Fälschungen reiche „Germania" begangen, daß die Socialdemokratie„alle ausländischen Mordthaten und deren Mörder mit vollen Backen lobpreist" und daß sie„deutsche Fanatiker und Querköpfe" ansporne, dasselbe in Deutsch- land zu verüben. Jedermann weiß, daß die Socialdemokratie unter allen Verhältnissen, in denen den Völkern eine geordnete und friedliche Entwicklung möglich ist, die„Propaganda der That" nicht nur bekämpft, sondern ihr den Garaus bereitet hat. Jedermann weiß, daß insbesondere Deutsch- land es der Socialdemokratie verdankt, daß nicht „Fanatiker und Querköpfe", aufgereizt durch eine reaktionäre Politik und erregt durch den Trug einer sich christlich nennenden Partei der GeisteSverdummung, zu Dolch und Dynamit greifen. Die Fälschung der„Germania" ist so ungeheuerlich narrenhaft, daß sie sich als höchst wirkungsvolle„Propaganda der That" gegen das Ansehen der Partei erweist, für welche die„Germania" das Wort führt.--_ Mirbach-Lustiges. Die Mirbachiade bereichert sich um eine schwankhafte Episode, Excellcnz Mirbach hatte vordem zur Bethätigung seines christlickien Wohlthuns amti die Hilfe des ehrbaren„Kleinen Journals" und seines Herausgebers Dr. Leo Leipziger in Anspruch genommen. Leipziger machte damals der Excellenz im Schlosse Aufwartung und bekehrte sich zu rasendem Moitarcbismus, das„Kleine Journal" wurde Hofjourual und erwarb unsre Anerkennung als„jüdische Kreuz-Zeitung". In die Zeit jener wonnigen Beziehungen zwischen dem Oberhofmeister und dem Oberhofjournalisten leistete dieser den Druck der Mirbach- Vorträge über die P a l ä st i n a r e i s e des Kaisers und der Kaiserin. In Seideneinband wurde die Scktrift dein Kaiserpaare überreicht und der finanzielle Ertrag floß in die frommen Vereine des Herrn v. Mirbach. Doch der liebliche Bund löste sich allgemach, da der Dank an das Haus Leipziger nicht so ausfiel, wie erwartet war, und als nun im Pommernprozeß die Reize des Mirbachschen Wirkens für Kirchcnban und Wohlthättgkeit offenbar wurden, enthüllte der in den heiligsten Gefühlen gekränkte Mann des einstigen Hofjournals jene zarten Be- ziehuugen. Jetzt hat die Leipziger Episode des Mirbach-Schauspiels die höchst- ergötzliche Forsetzung gefunden, daß Freiherr v. Mirbach sich zur er- habenen That erhebt, dem Dr. Leipziger die Druckkostc» der Palästinaschrift zurückzuschicken. Die Firnta Mittler u. Sohn, Königliche Hofbnchhandluug und Hofbuchdruckerei, in deren Officiu die Palästinaschrift veröffentlicht worden ist, machten Herrn Dr. Leipziger, wie dieser in seinem„Roland von Berlin" erzählt, das Angebot, die 4806 M. zurückzunehmen. Erst durch wiederholte Nach- frage erhielt Dr. Leipziger Mitteilung, wer diese Zurückgabe ver- anlaßt hat. Dies Schreiben der Firma Mittler u. Sohn vom 9. August besagt: Sehr geehrter Herr Doktor I Auf Ihr geschätztes Schreiben vom 3. August teilen wir Ihnen ergebenst mit, daß Seine Excellcnz Herr Freiherr v. Mirbach in- folge des Aufsatzes in Ihrer Zeitschrift»ainens seiner Vereine uns ersucht hatte, die Druckkosten an Sie zurückzuerstatten. In größter Hochachtung ergebenst E. S. Mittler u. Sohn. Freiherr v. Mirbach ist allgemach recht rückzahlnngseifrig ge- worden. Ein Teil des Pommerngeldes ist zurückgegeben worden, auch der Mammon vom Leipziger brennt dem Qberhofmeister auf die Seele. Einst war es gut und recht, voitt„Kleinen Journal" den Druck der gottseligen Palästina-Epifteln zahlen zu lassen und Geld für christliche Wohlthätigkeit zu empfangen. Da aber Dr. Leipziger die alte Kameradschaft der Oeffcutlichkeit überliefert hat, ist glühende Scham im hofmeisterlichen Busen entzündet, und voll Entsetzen erkennt er das einst gern empfangene Gold des „Kleinen Journal" als satanische Versuchung, von der er sich schleunigst befreit. Doch die groteske Situation steigert sich weiter: Dr. Leipziger erklärt entrüstet, Herr v. Mirbach trete seine Ehre mit Füßen, in- dem er ihm zumute, das für Witwen und Waisen bestimmte Geld zurückzunehmen. Er verweigert die Annahme lind Mirbach und seine Frommen müssen das jüdische Palästinageld behalten. Ein hinreißendes Bild: Hie Lola Leipziger, für gekränkte Menschenwürde heftig streitend— hie Mirbach, zori' m großer Rache schreitend, Lola aus dem Palüstinaheiligtnm u.,id; doch Lola hat das Heiligtum gezahlt und weicht nicht von der geweihten Stätte.— Nntionillliberales Wahlrecht. Wir citterten gestern die reakttonör« Darlegung der„Hamb. Nachrichten", die darauf kommt, daß, da weitere Erfolge der Socialdemokratie zu erwarten seien, moguchst schnell das Wahlrecht geändert werden muß. Diese Leistung, die den„Hamb. Nachrichten" gewiß zukommt, wird aber auch in etnem anerkannten Blatte der nationalliberalen Parier vollbracht. Das, L e i p z i g e r T a g e b l a t t" schreibt: „Sollten wirklich die Reichstagswahlen wieder und wieder neue Erfolge der Socialdemokratte bringen, so wird natürlich eines Tages die Bender ung des Wahlrechts eine absolute Notwendigkeit. Man wird doch schließlich dem herrschenden Regime keinen politischen Selbstinord zumuten dürfen." Dem uationälliberalen Blatt bchagt das Wahlrecht.natürlich' nur, sofern es seiner Partei und den ihr � iiahestehenden Parteien Erfolge bringt. Sobald die Wähler nicht so wählen, wie es dem natioualliberalen Blatt erwünscht ist, wird das liberale Grundprincip des gleichen Wahlrechts„natürlich" fortgeblaicn. Liberale„Principien" sind nur gut, wenn sie den Liberalen nützen und ihre Herrschaft sichern... Wohin dieser schmähliche Verrat an allen freiheitlichen Grundsätzen den Nationalliberalismus führt, könnte das„Leipziger Tageblatt" gerade in Sachsen erkennen. Durch nichts ist dort jemals der Liberalismus— ganz abzusehen von der moralischen Entivürdigung— politisch tiefer herabgcdrückt worden als durch die Mitwirkung an der Beseitigung des früheren fast allgemeinen sächsischen Wahlrechts. Die jämmerliche Angst vor den Erfolgen der Socialdemokratie hat die sächsischen Nationalliberalen unter den brutalen Fuß der konservativen Reaktion gezwungen. Vergeblich versuchen sie jetzt, sich von diesem qualvollen Druck zu befreien.— Zu den neue» Bierstcucr-Pliine», die wir� wiederholt kenn- zeichneten, schreibt die„Vossische Zeitung" in treffender Darlegung: „Es liegen Anzeichen vor, daß eine Vorlage über die Erhöhung der Bransteucr dem Reichstage schon in seiner nächste» Session zu- gehe» werde. Zwar die Handelsverträge sind noch nicht an- genommen, der neue Tarii noch nicht in Kraft, und nieinand weiß, welche Mehreiimahinen die erhöhten Zölle ergeben werden. Aber die weitblickende Regierung weiß bereits, daß sie nicht genügen werden, um den Fehlbetrag des Budgets zu decken, und deshalb soll das Bier, will sagen der Brauer, der Wirt, der Bürger„mehr bluten". Man erzählt wohl von neuen Erhebungen, die noch über die Wirkungen einer Erhöhung der Brau- steuer vorgenommen werden. Auch wird dem Fiskus wieder ein socialpolittsches Mäntelchen umgehängt: um die Staffelung der Steuer zuni Besten der kleinen und mittleren Betriebe soll es sich handeln. Aber das ist alles schon dagewesen, den Kleinen schützt man, indem man ihm anderthalbmal mehr Steuer als bisher ab- nimmt und ihn tröstet, daß der Große ziveieinhalbmal� mehr als gegenwärtig zahlen soll. So ungefähr wird der neue Gesetzentwurf altssehen.... Der Verein der mittleren und kleinen Brauereien hatte gebeten, daß die jetzige Steuer von 2 M. auf den Ccntner Malz je nach der Größe der Betriebe auf 1.25 bis 3,50 M. abgestuft werde. Abstufen, erwidert der Fiskus, gern: aber die Kleinen zahlen 5 und die Großen 6.00 M.. wie in Bayern. Das heißt dann socialpolitische Fürsorge für die Schwachen, wobei den Starken zugleich ihr altes Verlangen erfüllt werden soll, die den Ruf des norddeutschen Bieres schädigende Verweitdung von Surrogaten zu verbieten. Mit diesem Plane, vielleicht unter unwesentlichen Abänderungen, soll es jetzt ern st werden.... Zwar ausgezeichnete Volks- Wirte, Geistliche, Aerzte, Männer wie Finkelnburg, Baer, Rosenthal haben nachgewiesen, daß das Bier das sicherste und wirksamste Mittel gegen die nameutlich in Norddeutschland noch verbreitete Branntweinpest ist und daß jede Erhöhung der Biersteuer eine unutittclbarc Förderung des Alkoholismns bedeutet. Aber der Fiskus zuckt mit den Achseln und meint vielleicht, es ginge auch bei der Verteuerung des Bieres, wenn nur Kirchenge- baut und der Frühschoppen abgeschafft und abschreckende Bilder von den Verheerungen, die die Trunksucht anrichtet, auf allen Bahn- Höfen angeschlagen werden. Denn der Fiskus will Geld haben, viel Geld; er braucht, wie der Vorgänger des Herrn v. Stengel sagte, Steuern, die„zu Buch schlagen", und das seien die Steuern auf Tabak und vor allem auf Bier. Nicht im Bundesrat wird die„Reform" scheitern, sondern höchstens im Reichstag, und auch hier nur, wenn sich die öffent- liche Meinung ebenso kräftig regt wie bei den früheren Vorlagen zur Verdoppelung der Brausteuer. Ein Halbdutzendmal ist dieser Plan gescheitert. Jetzt aber handelt es sich nicht um die Ver- doppelung, sondern uni die Verdreifachung der Steuer, und es giebt Leute im regierenden Centrum, die der Absicht der Regierung heute freundlicher Vorschub leisten als ehedem ihre Partei." Die„Königin der polnischen Krone" und— 8 130(Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten). Wegen Verkaufs der so betitelten Broschüre war der Verleger eines polnischen oberschlesischen Blattes, Fr. R u d a, angeklagt. Der Angeklagte erklärte vor dem Land- gericht zu Ratibor(Oberschl.i, er habe als Buchhändler die Broschüre erhalten und da sie die B e st ä t i g u n g des Bischofs enthielt, habe er sie ohne Bedenken angenommen und gar nicht selbst gelesen. Der Vorsitzende stellt an den Angeklagten die Frage, was er sich unter dem Wort„Polen" denke. Der Augeklagte nennt die polnischen Landesteile und fügt zur Erklärung des Titels der Broschüre hinzu, daß der polnische König Jan Kazimir seine Kkone unter den Schutz der heiligen Maria gestellt habe, die seitdem als «Königin der polnischen Krone" angebetet worden sei. Das war also der Sinn der staatsgefährlichen Aufschrift! Schließlich stellt der R.-A. RozanSki den Antrag, die Vernehmung des GrcnzkommissarS Mädler als Sachverstäudigeu abzulehnen, da er selbst die Untersuchung geleitet habe und als Grenzkommissar den Auftrag zur Beobachtung der poluischen Bewegung habe, also nicht Sachverständiger sein könne. Schließlich sei Herr Mädler nicht in der Lage, ein Urteil über poetische Erzeugnisse, um die es sich hier handele� abzugeben und ei Mitglied des„Ostmarkenvereins", tvelchcr darauf ausgeht, den Polen die konstitutionellen Rechte zu nehmen. Der Antrag des Anwalts wurde vom Gericht zum Beschluß er- hoben, da Herr Mädler als Polizeibeamter in der Sache thätig ge- wesen sei.— Der einzige vernontmene Zeuge, der Polizcibeamte Wolnik, bekundet, e r habe vom Polizei-Juspektor den Auf« trag gehabt, die Broschüre zu kaufen.— Schließlich wurde der Angeklagte fteigesprochen, da nicht erwiesen wurde, daß er den Inhalt der Broschüre gekannt habe.— Von der russischen Grenze. Nach einer Mitteilung des Beuthener „Katolik" haben preußische Beamte vor einigen Tagen mehrere Flüchtlinge aus Russisch-Polen, welche die Grenze heimlich über- schritten, um dem Militärdienst zu entgehen, in der Nähe von Rosdsin angehalten und an die Grenze zurückgebracht. Die preußischen Behörden werden jedenfalls, wenn sie angegriffen werden, erwidern, daß es sich um mittellose Leute gehandelt habe, die wegen ihrer Mitteflosigkeit an ihren„Heimatsstaat" zurückgebracht worden seien. Mit dieser Begründung läßt sich allerdings jede Auslieferung an Rußland erklären!— Hueland. Italien. Die hohe Camorra Neapels vor dem Appcllhvf. Rom, 14. August.(Eig. Bcr.) Nach 34tägigen Verhandlungen hat gestern das AppellationSgericht von Neapel das Urteil gegen den früheren Bürgermeister von Neapel Summonte, gegen den früheren Abgeordneten Casale und ihre Spießgesellen gefällt. ES handelt sich um jenen durch die Enthüllungen der socialistischeu Zeitung„Propaganda" heraufbeschworenen Prozeß gegen die hauptsächlichen Vertreter der adinnustrativen Mißwirtschaft in Neapel. Casale ist ivcgeu Unredlichkeit im Amte. Bestechung, Aemterschacher angeklagt, die jahrelang seine Haupterwerbs. quelle darstellten und ihm ein luxuriöses Leben gestatteten. Auch der Bürgermeister verkaufte städtische Stellungen, Kontrakte, Lieferungen und lieh sich in niehreren Fällen durch Geld bewegen, die wichtigsten Interessen der Stadt preiszugeben. Ueber die Gaunereien der hohen Herren liehe sich ein Buch schreiben: sie sind in der Enquete des Senators S a r e d o niedergelegt und der Geschichte erhalten. Der Appellhof hat fast allen Angeklagten die Strafen der ersten Instanz vermindert. So erhält Professor Sunrmonte LVz Jahre anstatt 3 Jahre 1 Monat, ebenso Casale; für den früheren Stadttat Ingenieur De S i e n a lvurde das erste auf 21/3 Jahre lautende Urteil bestätigt, ebenso für den früheren Direktor der Gasgesellschaft, den Deutschen Viktor Kraft und den jetzigen Direktor P e r a n s e, die auch 2>/z Jahre bekommen haben. Es folgt dann eine Reihe von Gaunern kleineren Forniats. Dieses Urleil. das ebenso wie der Sturz der Verwaltung Summonte ohne die Eampagne der Socialisten nicht möglich gewesen wäre, bezeichnet einen Schritt zur Gesundung der bisher dem eleganten Parasitentum wehrlos überantworteten Stadt, die zwar die Bourbonen los geworden ist. aber die Regierungssysteme der Bourbonen erst im„einigen Italien" zur vollen Blüte kommen sah.— Rußland. Neue Judcnmevelcien werden jetzt in Petersburg offiziell z u- gegeben. Nur soll die Zahl der Toten und Verwundeten nicht ganz so groh sein, wie von andrer Seite behauptet wird. Die Nachricht lautet: Petersburg, 17. August. sMeldung der„Russischen Tele- g r a p h e n- A g e n t u r".) In der amerikanischen Presse war behauptet worden, in Ostrowez, Gouvernement Radom, und in Partschcw, Gouvernement Sjedlez. seien Juden massacres vorgekommen; in Ostrowez seien am 13. August 20 Personen ge- tötet, in, Partschew am 12. August 100 Personen verwundet worden; die Zahl der in Partschcw Ilmgebrachtcn sei nicht bekannt. Eingezogene Erkundigungen haben folgendes ergeben: Am 4. August ereigneten sich in Ostrowez antiscinitische Unruhe», die vier Stunden dauerten. Ein Jude wurde schwer ver- wundet und starb am folgenden Tage; 22 wurden leicht verwundet. Die Unruhen waren dadurch entstanden, dah ein jüdischer St n a b e einen strenggläubigen Katholiken geschlagen(!) hatte, was das Gerücht hervorrief, ein Christ sei durch einen Juden ermordet worden; nun wollten die Arbeiter an den Juden Rache nehmen. Was die Vorgänge in Partschew betrifft, so hatte die Polizei am 5. d. Mts. einen Haufen Juden ohne Gewalt- maßnahmen auseinandergetrieben. Der Grund des Auflaufs war die Absicht der Juden, einen in Ljublin getauften Juden zu verbergen. Bei dem Zusammenstoß mit der Polizei wurden 20 P e rs o n en leicht, aber niemand schwer oder tödlich verwundet.— Massenverhaftungen. Das Bureau„Laffan" meldet, daß dem „Standard" aus Odessa unterm IS. August folgende Meldung zuging: Unter zahlreichen als politisch verdächtig während der ver- flossenen Woche Verhafteten befinden sich etwa lol) Studenten und Studcntilnien in jugendlichem Alter von 1ö bis 20 Jahren, teil- weise noch jünger bis herab zu 12jährigen Schülern. Die jugendlichen Verhafteten gehören sämtlich verschiedeiien Gymnasien und Hochschulen an, deren Uniforme» sie tragen. Den Eltern niid Angehörigen der jungen Leute wird nicht gestattet, sich mit den eingesperrten Kindern in Verbindung zu setzen, bevor das erste Verhör durch den Untersuchuiigsrichter stattgefunden hat.— Asien. Zur englischen Tibet-Expedition. L h a s s a, 17. August. Die Lage scheint sich zu bessern. Den Tibetanern ist ein Ver- tragsentwurf unterbreitet worden. Der D a l a i- Lama beobachtet die EntWickelung der Dinge von einem acht Tage- märsche von Lhaffa entfernten Kloster aus. wo er sich zur Flucht bereit hält. Die Tibetaner sind vor allem gegen den englischen Entschädigungsansprnch. Im Gebirge bei Lhassa ist der erste Schnee gefallen.— Afrika. Zu den marokkanischen Unruhen. Oran, 17. August.(Meldung der„Agence Hava-Z".) 500 Marokkaner haben am 8. August bei der im Süden von Oran gelegenen Furt Faiti eine kleine französische Kolonne angegriffen; von den Marokkanern wurden 45 Mann ge- tötet. Ein Detachemcnt von 200 Mann wurde nach der Furt Faiti geschickt.—_ Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Die Nachrichten sind heute höchst dürstig und noch dazu zum Teil höchst zweifelhafter Natur. So z. B. folgende russisch-osfiziöse Meldung: Petersburg, 17. August. Die„Russische Telegraphen- Agentur" meldet aus M u k d e n von heute: 92 Bürger aus Port Arthur sind mit Familien dort eingetroffen. Die Japaner erklärten, dies sei der letzte Schub, dem sie ge- stattet hätten, die belagerte Stadt zu verlassen; weitereSchiffe mit Flüchtlingen würden in den Grund gebohrt werden; ein derartiges Schiff wurde genonimen. der Masten und Segel beraubt und so aus hohem Meere sich selbst überlassen. Das Verhalten der Garnison ist bewundernswert. Die Bürger der Stadt treten in die Reihen der Truppen ein. Diese Nachricht ist offenbar eine fei st e russische Lüge, um die japanische Kriegsführung anzuschwärzen. Hat doch der Mikado bekanntlich allen Nichtkombattanten erst in den letzten Tagen angeboten, Port Arthur zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen I Glaubhafter klingt schon folgende Meldung: Tschifu, 17. August. Die in Port Arthur erscheinende Zeitung „Novy Krai" teilt iii ihrer Nummer vom 8. August die Vcröffent- lichung eines Erlasses des Hafen-Kommandanten, A d m i r a l s Grigoro witsch, mit, worin er den zahlreichen Dockarbeitern in Port Arthur, die nach Tschifu abreisen möchten, ins Ge- wissen redet. Er sagt, es wäre beklagenswert, wenn Leute, die bei der Verteidigung der Festung von Nutzen sein würden, dem Beispel gewisser hervorragender Persönlichkeiten folgen und P o r t A r t h u r i n s ch w e r e r Z e i t verlassen wollten. Sie sollten sich s ch ä m e n, besonders da sie bisher so Groß- artiges bei der Ausbesserung der Flotte ohne Dock geleistet hätten. Die ganze Welt habe ihre Leistungen bewundert, jetzt würde man sie aber als verächtliche Feiglinge betrachten. Der Admiral er- mahnt schließlich die Leute im Namen des Zaren, zu bleiben. Japanische Kontrolle in Tsingtau. Berlin, 17. August. Gouverneur Truppe! meldet aus Tsingtau: Japanischer Torpedobootzerstörer„Akazuschi" ist am 16. d. M., morgens 10 Uhr. hier eingelaufen. Der an Bord befindliche Flagglieutenant des Admirals Dewa ist davon in Kenntnis gesetzt, daß die russischen Kriegsschiffe gestern d e s a r m i e r t sind. Er ist uii� 12 Uhr mittags wieder in See gegangen. Die japanischen Kriegsschiffe unter Admiral.Dewa sind um 2 Uhr nachmittags auf hoher See aus Sicht gekommen. London, 17. August. Wie„Daily Mail" aus Tokio unter dem 15. August gemeldet'wird, ist der russische Kreuzer„Nowik" in der Van D i e m e n- S t r a ß e in der Richtung auf Wladiwostok fahrend gesehen worden. Petersburg, 16. August. Einer Mitteilung des Generalstabes der Marine zufolge meldet der Kommandant der Kreuzer- a b t e i l u n g, die sich in Port Arthur befand. Konteradmiral Reizenstein, daß der Kreuzer erster Klasse„ASkold" infolge von e r- littenen Beschädigungen genötigt war, Schanghai anzulaufen, wo er am 13. August eingetroffen i st. Während des Kampfes wurden auf dem Kreuzer ein Midshipman und zehn Mann getötet sowie drei Offiziere und ein Beamter ver- wundet. Ferner wurden 15 Mann schwer und 29 Mann leicht ver- wundet. Tie japanischen Verluste in der Seeschlacht vor Port Arthur. Tokio, 17. August.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Nach einem e r g ä n z e n d e n B e r i ch t des Admirals Togo belaufen sich die japanischen Verluste in der Seeschlacht vom 10. d. Mts. auf 225 Mann. Ans Liaujang liegen folgende Meldungen vor: Petersburg, 17. August. Der„Russischen Telcgraphcn-Agentur" wird ans Mulden den 17. d. Mts. gemeldet: Auf unsrer äußersten linken Flanke stehen uns d i e I a p a n e r in T s i a n t s ch a u gegenüber. Am 15. d. Mts. rückte eine kleine feindliche Infanterie- Abteilung vor und besetzte den Dapiudujchau-Paß, von dem sich unsre Wachttruppen zurück- zogen. Petersburg, 17. August. Wie General Kuropatkin dem Kaiser von gestern meldet, sind bei der Armee kein�p besonderen Veränderungen eingetreten. Es regnet fortgesetzt. U e b e r a l l machen sich die C h u n ch u s e n sehr b e- merkbar. Wie gemeldet wird, haben die Japaner zwischen F ö n g h w a n g t s ch ö n g und L i a n s ch a n g u a n eine schmal- spurige Eisenbahn erbaut, auf der die Waggons von Menschen gezogen werden. Vom Rückzug der Japaner hört man also nichts mehr! Die geplünderte» Postsäike des„Prinzen Heinrich" Nagasaki, 17. August.(Meldung des„Reuterschen Bureau".) Die auf dem Danipfer„Prinz Heinrich" im Roten Meere" durch die Russen beschlagnahmten Postsäcke sind hier eingetroffen. Sie wurden in Gegenwart des deutschen, französischen und englischen Konsuls geöffnet und geprüft. Viele cingeschriebenc und gewöhnliche Briefe fehle». Die Konsuln bereiten einen energischen Protest vor. Russische Kaperei. London, 17. August. Nach einer Lloydmeldung aus Ajaccio berichtet der englische K o h l e n d a m p f e r„ S c o t i a n". daß er am 12. d. M. westlich der Straße von Gibraltar durch den russischen Kreuzer„Ural", den früheren Danipfer des Norddeutschen Lloyd,„Kaiserin Maria Theresia", angehalten wurde; er erhielt später die Erlaubnis, seine Fahrt fortzusetzen. Der Kommandant des„Ural" teilte ihm mit, daß er nach mehr als 200 Dampfern suche(?), die Kriegs- koiitcrbaude zur Weitcrvcrschiffung in spanischen und italienischen Häfen an Bord hätten._ pft 4. Intfrnntionalf MMarbkiw-Kongreß wurde vom Freitag bis Montag, vom 12.— 15. August, in Amster- dam abgehalten; er erledigte seine Tagesordnung in drei Sitzungen im Hotel Monopole und einer Abendsitzung im Diamantarbeitcr- Gebäude. Hier fand auch am Freitagabend ein öffentliches intcr- nationales Meeting statt, in dem Vertreter aller Länder Ansprachen hielten. Da der Berichterstatter des von den Buchdruckern boykottierten Blattes„Telegraaf" ausgewiesen wurde, verließen alle seine Kollegen von der bürgerlichen Presse den Sitzungssaal.— Auf dem eigentlichen Kongreß hatten alle diejenigen Organisationen Sitz und Stimme, die dem in Sheffield befindlichen internationalen Jnformaiionsburcau angeschlossen sind. Demnach waren vertreten: Der Deutsche Metallarbciter-Verband für 160 000 Mitglieder mit drei Delegierten(Schlickc-Stuttgart, Haak-Leipzig und Cohen-Berlin), zwei englische Organisationen für 146 000 Mitglieder mit 13 Dele- gierten, Oesterreich für 20 000 Mitglieder niit dem Delegierten Heinrich Beer, die deutschen Kupferschniiede für 16 000 Mitglieder mit dem Delegierten Bischoff-Haniburg. Belgien für 7000 Mitglieder mit vier Delegierten, Frankreich, Maschinenbauer und Metallarbeiter, mit fünf Delegierten für 19 000 Mitglieder. Dänemark mit einem Delegierten für 8000 Mitglieder, ebenso Schlveden und Norwegen mit je einem Delegierten für 17 000 bezw. 6000 Mitglieder, des- gleichen die Schweiz für 6000 Mitglieder und schließlich Holland mit fünf Delegierten für 600 Mitglieder. Die junge ungarische Nation, die sich erst kürzlich dem internationalen Jnformations- bureau angeschlossen hat, hat einen Delegierten für ihre 14 500 Mitglieder entsandt, ist aber noch nicht stimmberechtigt. Insgesamt sind 33 Delegierte anwesend, die 420 000 Metallarbeiter von 11 Ländern repräsentieren. Nach der Konstituierung erstattete der Sekretär den Bericht über die Anfragen und Antworten des Jnformationsburcaus sowie die Kassenverhältnisse. Auf Antrag der Rechnungsprüfer Smith und Bischoff wird Entlastung erteilt. Dann wird in die Beratung über die Gründung eines inter- nationalen Metallarbeiter-Bundes eingetreten. Die englische De- legation legt eine Resolution vor, die jede dem Jnformationsbureau angeschlossene Organisation verpflichtet. 20 Schill, pro Jahr und tausend Mitglieder(statt bisher 5 Schill.) zu zahlen. Die Hälfte soll für das internationale Sekretariat, die andre für Unterstützung bei großen Streiks verwandt werden. Die deutschen Delegierten legen einen historisch und kritisch ausführlich begründeten vollständigen Statutenentwurf in drei Sprachen(deutsch, französisch, englisch) vor. Er wird zur Grundlage der Verhandlungen genommen und zunächst in die Generaldiskussion über die Gründung eines internationalen Mctallarbeiterbundes zur wirksamen Vertretung der Interessen aller Metallarbeiter eingetreten. L a t a p i e schlägt vor, eine germanische und eine romanische Sektion zu gründen mit verschieden hohen Beiträgen und Leistungen. Die Franzosen könnten bei ihren 10 Cts. Beitrag unmöglich den von der Resolution geforderten hohen Beitrag leisten. Davis bekämpft diesen Antrag. Die Franzosen müßten eben nötigenfalls ihre Organisation ändern, uni ihr Programm der Freiheit, Gleichheit uiid Brüderlichkeit zu erfüllen. Cohen weist auf die sonderbare Verschiedenheit in den An- sprüchen und Leistungen der phrasenlustigen Franzosen hin und empfiehlt den deutschen Entwurf. K u g l e r- Paris: Auch wir bekämpfen Leute wie Latapie, die die Arbeiter im Glauben an die Nützlichkeit der kleinen Beiträge erhalten wollen. Seit meine Organisation die Beiträge erhöht hat, hat sich ihre Mitgliederzahl verdreifacht. Die belgische Delegation stimmt ebenfalls dem deutschen Entwurf im allgemeinen zu, weil sie mit den hohen Beiträgen von 3 Fr. monatlich die besten Erfahrungen gemacht hat. Ehrensekrctär H o b s o n- England: In den vierzig Jahren meiner gewerkschaftlichen Thätigkeit sind die Beiträge oft zwei bis dreimal im Jahr erhöht worden; wir haben monatelang bis zu 5 Sh. wöchentlich Extrabciträge geleistet. Auch um ein festes inter- nationales Bureau zu gründen sind Geldopfer nötig, will nian nicht eine papierene, sondern eine wirkliche Organisation schaffen, die ihren Mitgliedern etwas nützen kann. Beim Riesenkampf der eng- tischen Maschinenbauer um den Achtstundentag waren Sie stolz, für Ihre englischen Kollegen so große Opfer bringen zu können. Schlicke und Beer wissen, daß auch wir gern geben. Jetzt wollen wir die Solidarität auf alle Völker ausdehnen.(Bravo!) Latapie verwahrt sich gegen die leichtfertige Art des Ab- urteilens über seine Organisation. Diese habe trotz der niedrigen Beiträge in den letzten 6 Monaten 6329 Franks für ihre und fremde Streiks aufgebracht(Lachen) und aus Solidaritätsgefühl eine be- sondere Unterstützungskasse für zurcisende ausländische Delegierte gegründet. Sie sei auch bereit, ihre Beiträge zu erhöhen. Aber in der französischen Uebersetzung der englischen Resolutionen stehe statt 20 Schilling 20 Pfund(Große Heiterkeit) und gegen diese hohe Summe habe sich sein jetzt hinfälliger Antrag gewandt.(Erneute Heiterkeit.) Unter allgemeiner Bewegung wird einstimmig die Gründung des Bundes beschlossen. Am zweiten Sitzungstage folgte die Einzelberatung des Statuts: Zweck des Verbandes soll der Austausch von Berichten und Abhand- lungen, Wahrung der Mitgliederrechte beim Uebertritt in eine andre Organisation sein; ferner Unterstützung schwacher Organi- sationen,'finanzielle Hilfe bei Lohnkämpfen und Abhaltung von internationalen Kongressen. Zugelassen sind alle Metallarbeiter- Verbände, die die wirtschaftliche Lage ihrer Mitglieder bessern wollen. Die Bestimmungen über Aus- und Eintritt, sowie die Zulässigkcit außerordentlicher Beiträge werden debattelos genehmigt. Um so heftiger wird die Diskussion bei Festsetzung der Höhe der Bei- träge. Die deutschen Delegierten verlangen 40 Sh. pro Jahr und Tausend, die englischen wollen nur 20 Sh. bewilligen. Ein belgischer Vernnttelungsantrag will 40 Sh. nur für das erste Jahr leisten und dann dem Generalrat überlassen, die Beitragshöhe zwischen 20 und 40 Sh. festzusetzen. Davis bittet, die so wie so schon mit allen möglichen Neben- abgaben belasteten ciiglischen Gewerkschaften zu schonen. Lieber laugsam vorwärts, als jemals auch nur einen Schritt zurück. Schlicke: Die internationalen Kongresse haben schon die schönsten Beschlüsse gefaßt; aber ihre Ausführung ist am Geldmaugel gescheitert, das Sekretariat braucht Mtttcl für ganz neue Aufgaben. Gerade die gut fundierten englischen Gewerkschaften sollten sich nicht gegen den 40 Schilling-Beitrag sträuben. H o b s o n erklärt feierlich, daß dafür keine englische Gelverkschaft zu haben sei. Tie großen neuen Gewerkschaften, wie die Maschinen- baucr, die für 20 Schilling schon ihren Beitritt angezeigt hätten, würden sich jetzt zurückziehen. Uebrigens habe der Kongreß sich schon gestern principiell für die englische Resolution entschieden. Daß sich der gestrige Beschluß auf die Beitragshöhe bezogen hätte, wird von Beer entschieden bestritten. Redner greift die englische Delegation scharf an. Sie verleugne, was sie gestern über Bcilragshöhe und Kraft der Organisation gesagt habe. Dabei spielten sie sich imnicr als die allein LeistungSsähigen auf. Jetzt sollten sie zeigen, was sie könnten. Damit schließt die Diskussion. Der deutsche Antrag wird mit 223 900 gegen 171 850 Stimmen angenommen.(Beifall und Wider- spruch.) linier großer Unruhe vertagt der Vorsitzende die Verhandlung. Nach der Mittagspause verliest H o b s o n einen Protest der Eng- länder gegen den gefaßten Beschluß: Sie seien durch den deutschen Antrag überrumpelt worden, hätten gebundenes Mandat, nicht über 20 Schilling hinauszugehen. Infolgedessen müßten sie ihre Mit- Wirkung für den Teil des Betrages, der darüber hinausgehe, ver- weigern. Gegen diesen Protest wenden sich lebhaft erregt alle kontinen- talen Redner. Beer verlangt loyale Unterwerfung unter die Beschlüsse der Mehrheit des Kongresses, wie sie die Deutschen stets geübt hätten. H a a k erinnert die Engländer daran, daß sie sich gestern den Namen„gute Demokraten" beigelegt hätten. Wäre ihre Organi- sation und Kasse schwach, so ließe sich ihr Verhalten begreifen, s o zeige es nur Mangel internationalen SolidaritätsgefühlS. Solan- Belgien: Wenn man nicht verpflichtet wäre, sich auch auf internationalen Kongressen den Mehrheitsbeschlüssen zu fügen, so hätten diese Kongresse überhaupt keinen Wert. Es wäre eine Schande, des Geldes wegen den gestern mit Be- gcisterung begründeten Bund scheitern zu lassen. Nachdem noch E l f e r i n k und Latapie in gleichem Sinne gesprochen, erklärt H o b s o n: Sie könnten den gefaßten Beschluß nicht anerkennen, da er nicht genügend diskutiert lvorden sei. Der Fehler läge bei ihnen selbst: Sie hätten rechtzeitig sagen sollen, daß sie gebundenes Mandat hätten und über dessen Befugnis hinaus — als„gute Demokraten"— erst ihre Mitglieder in den 33 Gruppen fragen müßten. Sachlich befürchteten sie, daß der Beschluß den Beitritt weiterer Organisationen verhindern, vielleicht sogar zur Spaltung führen werde. Der belgische Delegierte macht nun unter Zustimmung der deutschen den Vermittelungsvorschlag 30 Schill. Beitrag. Cohen will nur unter der Bedingung damit zuftieden sein, daß die englischen Delegierten sich persönlich verpflichten, in ihren Organisationen für Annahme der 40 Schill, einzutreten. Davis erklärt, die Engländer würden heut nicht einen Pfennig mehr be- willigen als 20 Schilling, seien aber bereit, ihren Mitgliedern Vor- schlüge für einen neuen Kongreß im nächsten Jahr zu unterbreiten. Das ganze sei für sie eine Principienfrage nach dem Recht ihrer Organisationen. Deshalb lehnten sie eine persönliche Bindung als eines Delegierten unwürdig ab.(Große Unruhe.) Beer stellt danach fest, daß überhaupt nur solche Beschlüsse zu stände kommen könnten, die den Engländern genehm wären. Die kontinentalen Organisationen hätten aber nicht den mindesten Grund, sich allen Gewohnheiten der Engländer unterzuordnen. Man solle ihren Protest durch Kenntnisnahme erledigen und in der Statuten- beratung fortfahren.(Beifall.) Inzwischen hat die belgische Delegation folgenden Vermittclungs- Vorschlag eingebracht, der nach kurzer Debatte einstimmig an- genommen wird. Der Beittag für 1904 beträgt 20 Schill., doch müssen die englischen Delegierten die Mitglieder in einer Urabstimmung um Genehmigung des 40 Schilling-Beitragcs ersuchen, den dann der Sekretär für 1905 ausschreibt. In der Abendsitzung werden die folgenden Bestimmungen des Statutenentwurfs ohne wesentliche Aenderungen angenommen. Sie betreffen Thätigkeit und Kontrolle des internationalen Sekretärs und der nationalen Vertrauensleute. Höchste Instanz des Bundes ist der internationale Metallarbeiter- Kongreß, der alle drei Jahre, spätestens also 1907, wo möglich in Brüssel stattfinden soll. Ans allen Kongressen soll künftig nach der Zahl der Mitglieder abgestinmit werden. Nachdem schließlich noch ein halbjähriger Zahlungsmodus festgesetzt ist, wendet sich die Beratung zur Frage des Sitzes des Sekretariats. H u g g l e r- Schweiz beantragt Schlicke-Stuttgart zum inter- nattonalen Sekretär zu wählen. Die englische Delegatton will gegen die Verlegung des Sekretariats nach Deutschland nichts einwenden, bittet aber, es vorläufig nach der Festigung des bisher losen Bundes in England zu belassen, da es sonst undankbar gegen das Land scheinen könnte, das in schwierigen Zeiten das Jnformationsbureau aufrecht erhalten hätte. Auf diesem Punkte wird die Sitzung um 12 Uhr nachts ab- gebrochen. Am Montag morgen 10 Uhr wird folgender Konipromißantrag vorgelegt und einstimmig angenommen: Der Sitz des Bureaus geht am 1. August 1905 nach Deutschland über; dann wird Schlicke-Stuttgart Sekretär, der für die kontinentalen Länder schon jetzt seine Thütig- kcit aufnimmt. Damit ist die Statutenberatung erledigt. Der internationale Metallarbciterbund gegründet. Noch werden der holländischen durch den Generalstreik schwer geschädigten Metall- arbeiter- Organisation und dem bisherigen Sekretär je 50 Pfund überwiesen. Dann betonen in den üblichen Dank- und Schlußreden besonders die Engländer die Freude über die erzielte Einigkeit und ihre unverbrüchliche Treue zur internationalen Union. Unter lebhaften Ausdrücken der Befriedigung schließt der Kongreß. Die Delegierten vereinigen sich spontan zu einem Festbankett. GewerKlcKaftlicKes. Berlin und llmgegenck. Ein Riescnklimpf in der Metallindustrie scheint sich aus dem Streik der Former bei der Firma S ch w a r tz- k o p s f u. C o. zu entwickeln. Die Situation wird ernster! Da die Kllhnemänner bisher nur einen Teil der Handformer und Kernmacher ausgesperrt haben, nichtsdestoweniger aber in ans- wärtigcn Blättern permanent nach Arbeitskräften suchen, sah sich die Streikleitung veranlaßt, den Ursachen dieser Taktik näher auf den Grund zu gehen. Die reifliche Prüfung der ganzen Verhältnisse er- giebt mm folgendes Gesamtbild: Es sind mit Einschluß der seit gestern Entlassenen 814 Former und Kernmacher ausgesperrt. Diese verteilen sich auf 24 dem Kühnemänner- Verbände angehörige Gießereien, während in 13 Betrieben voll ge- arbeitet wird; von den letzteren sind 10 Betriebe ringfrei, d. h. dem Metallindustricllen-Ring nicht angeschlossen. Voraussichtlich werden sich die 10 ringfreien Finnen auch im weiteren Verlaufe deS Kampfes nicht um die«Anordnungen" der Kühnemänner kümmern. In den Ning-Gießereien werden nun mit Hilfe der noch nicht aus- gesperrten Hand- und besonders der Maschinenformer die not- wendigsten Arbeiten fertiggestellt, während die übrigen Gußarbeiten nach auswärts vergeben werden. Durch diese Taktik sind die Kühne- männer in der Lage, sich eine geraume Zeitlang durchzuhelfen, ohne die Ausgesperrten besonders zu entbehren. Sie können also die Aus- sperrung in ihrer jetzigen Gestalt noch auf Wochen hindurch fortsetzen und den Kampf auf diese Weise in aller Ruhe verschleppen. Offenbar ist dies auch ihre Absicht, um dann später, wenn eS ihnen gelingen sollte, auswärtige Arbeitswillige heranzuziehen, einen Druck auf. die Ausgesperrten dahin auszuüben, daß diese ihre streikenden Kollegen zum Fallenlassen ihrer berechtigten Forderungen der Firma Schwartzkopff gegenüber veranlassen. Diese Rechnung der Kllhnemänner dürfte sich als eitel erlveisen, denn die aus« gesperrten Former sind nicht gewillt, länger ruhig mit anzusehen, ivie ihre noch nicht aus- gesperrten Kollegen die dringend st en Arbeiten der Kühnemänner nach und nach fertig machen, während sie selbst auf der Straße liegen müssen, nur weil es den «Herrren aus der Gartenstratze" nun einmal so paßt. Hinzu- kommt noch, daß es die arbeitenden Former ebenfalls nicht länger mit ihrer Klassenehre für vereinbar halten, den Kühnemännern die Arbeiten fertigzustellen, während ihre ausgesperrten Kollegen sich die Fabriken von außen ansehen müssen, nur um einer brutalen Herrenlaune willen. Aus diesen Verhältnissen heraus hat eS die Ortöverwaltung deS Metallarbciter-VerbandcS im Berein mit der Agitationskommission für ihre Pflicht gehalten, die Sachlage einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und entsprechende Gegenmaßnahmen in Vorschlag zu bringen, die sie den Fonnern dann unterbreitete. In der gestrigen BormittagS-Versammlung der Former wurde darüber beraten und dabei allgemein die Ansicht vertreten, daß der jetzige Zu st and einfach unhaltbar sei. Es liege weder im Interesse der Former, noch der gesamten Metallarbeiter, die Kühnemänner in ihrer Verschleppungstaktik ungehindert fortfahren zu laffen. Die Zustände drängen zu einer Ent- scheidung, so oder so. Deshalb beschloß die Versammlung einstimmig, nunmehr aus der Defensive herauszutreten und selbst zum offenen Angriff überzugehen. Zu diesem Zwecke wurden einnuitig folgende Maßnahmen gut- geheißen: In den Ringgießercicn haben sämtliche noch beschäftigte» Hand-, Lehm-, Platten-, Rosten- und Maschinrnformer die Arbeit nieder- zulegen, sobald sie mit ihren angefangenen Arbeite» fertig sind. Auf Putzer und Kernmacher findet dieser Beschluß keine An- Wendung; doch haben diese jede Ausführung von Streik- arbeit irgend welcher Art strikte zu verweigern, nachdem von Fall zu Fall darüber entschieden ist. Mit der Durchführung dieses Beschlusses dürfte sich die Zahl der Ausständigen und Ausgesperrten bis Sonnabend bereits um 200 er- höhen. Wieviel Schlosser, Dreher usw. alsdann noch in Mitleiden- fchaft gezogen iverden, steht noch dahin. Die Ortsverwaltung Berlin hat auch bereits an deir Hauptvorstand des Metallarbeiter-VerbandeS das Ersuchen gerichtet, zu veranlaffen, daß die Former der Pro- vinzialstädte jetzt ebenfalls zur Verweigerung der Berliner Streik- arbeit Stellung nehmen. Eine Entscheidung darüber dürfte schon in den nächsten Tagen zu erwarten sein. Die etwaigen Folgen dieser Maßnahmen lassen sich noch gar nicht absehen; sie können möglicher- weise eine schwere Erschütterung in der ganzen Eisenindustrie herbeiführen. Eine Verantwortung für diese Folgen aber kann der Metallarbeiter- Verband mit ruhigem Gewissen ablehnen. Die ganze Schuld trifft einzig und allein den berüchtigten Scharf- uracher-Verband der Berlin er Metallindustriellen. Zu ihrem jetzigen Vorgehen sind die Arbeiter durch die Haltung der Kllhnemänner gezwungen worden; sie nmßten zur Offensive über- gehen im Interesse ihrer ausgesperrten Kollegen. Wenn man sich vergegenwärtigt, um welcher geringfügigen Ursache willen diese Aussperrung insceniert worden ist, wie die Äühnemänner nur aus purem Machtdünkel und unter offenbarem Mißbrauch ihres Einflusses die fast schon erfolgte Einigung zwischen den Streikenden und ihrer Firma hintertrieben haben— dann dürfte schließlich auch dem Einsichtslosesten die Gemeinschädlichkcit dieser verbohrtesten deutschen Unternehmersippc zum Betoußtsein kommen. Druck erzeugt Gegendruck. Viele Jahre lang haben die Berliner Metallarbeiter unter dem eisernen Druck deS Kühnemänner-Verbandes zu leiden gehabt. Wenn sie jetzt ge- zwungenennaßen den energischen Versuch machen, diese unwürdige Fessel zu sprengen, so dürfen sie der vollen Sympathie der gesamten deutschen Arbeiterschaft sicher sein. Der Protest der Berliner Metallarbeiter gegen die Provokation der Kühnemänner. Gestern abend wurden in Berlin und Umgegend 15 ö f f e n t- liche Metallarbeiter- Versammlungen abgehalten mit der Tagesordnung: Die Aussverrung der Ber- liner Former nird Gießerei- Arbeiter durch die Kühnemänner und deren Folgen für die Ber- liner Metallarbeiter. Die Versammlungen fanden statt in den Germaniasälen. Bernhard Rose-Theater, Wernaus Festsälen, Kolberger Salon. KöSIiner Hof, Kronen-Brauerei. Kellers Festsälen, bei Buggenhagen und in der Urania; ferrer im Charlottenburger Volkshäuse, bei Trapp in Tegel, bei Thiel und den Victoriasälen in Rixdorf, Hasselwerdor in Ober-Schöneweide und WeimannS Klubhaus in Schöneberg. AlS Referenten fungierten die Organi- sationSvertreter Behrens, Bisse, Hartmann, Henning, Körsten, Müller, Pawlowitsch, Petzold, Plath, Scheffler, Blumenthal, Wiesenthal, Micke, Wuschick und Zernicke. Wie nicht anders zu erwarten, gestalteten sich die Versammlungen zu einer großartigen Kundgebung zu Gunsten der streikenden und ausgesperrten Former. Samtliche Versammlungen waren überaus stark besucht; einige waren wegen Ueberfüllung sogar abgesperrt. Als die Redner nach einer sachlichen Darlegung der Ursachen des Schwartzkoffschen Streiks den brutalen Eingriff der Kühnemänner in die mit der Firma gepflogenen Einiaungsverhandlungen charakteri- sicrten. da erhob sich ein allgemeiner Entrüstungssturm, der auf das augenfälligste bewies, niit welchem Grimm die Metallarbeiter den bisher so rücksichtslos ausgeübten Druck des Kühnemänner-Berbandes ein- pfinden. Der wiederholte stürmische Beifall, der den Rednern gezollt wurde, ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die gesamten Metallarbeiter das ganze bisherige Verhalten der Streikenden und Ausgesperrten durchaus billigen und dem weiteren Verlauf der Dinge mit voller Zuversicht entgegensehen. In diesem Bewußt- sein erhoben sich in den einzelnen Lokalen denn auch die Hände sämtlicher Versammlungsteilnehmer einmütig für folgende Resolution Die heute, den 17. August, tagende Versammlung nimmt Kenntnis vom Stande des Streiks bei Schwartzkopff und der Ans- sperrung der Berliner Former und Gießerei-Arbeiter und erklärt: Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw. 1. Selten ist Wohl in so frivoler Weise eine Aussperrung wie die gegenwärtige von den Kühnemännern veranlaßt worden. 2. Wie immer ist von unfrer Verbandsleitung versucht worden, bei den Verhandlungen alle Differenzpunkte zu überbnicken. 3. Aus diesem Machtstreik lernen die Berliner Metallarbeiter, der einzigste Schutz gegen solche Untcrnehmerwillkür besteht in einer großen starken Organisation. Die Versammelten werden in moralischer wie materieller Be- ziehung den Streikenden und Ausgesperrte» jede Unterstüpuug ge- währen._ Lohnbewegung der Luxuspapier- und Kuvertarbeiter und Arbeiterinnen. Die in Luxuspapier-, Spitzenpapier-, Papierausstattungs-, Kuvert- und Kartonpapier-Fabriken thätigen Arbeiter und Ar- beiterinncn haben gestern abend in einer stark besuchten Versamm- lung beschlossen, in eine Lohnbewegung einzutreten, um ihre größten- teils recht erbärmlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen zu der- bessern. Verlangt wird, daß in allen Branchen nicht länger als 9 Stunden täglich gearbeitet wird, an den Vorabenden der Sonn- und Feiertage nur 8V- Stunden. Für Ueberstunden, sowie für Nacht- und Sonntagsarbcit werden bestimmte Zuschläge verlangt. Ferner werden für die Arbeiter, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen der verschiedenen Branchen bestimmte Miniuiallöhne verlangt.— Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: „Die Versammelten erklären ihr volles Einverständnis mit den Ausführungen des Referenten, machen die verlesenen Forderungen zu den ihrigen und beauftragen die Lohnkommijsion, den Fabrikanten die Forderungen innerhalb 8 Tagen einzureichen. Die Versamm- lung erwartet von den Prinzipalen, daß sie den berechtigten Wünschen der Arbeiter und Arbeiterinnen voll und ganz Rechnung tragen, umsomehr, als die Kollegen und Kolleginnen in den Buch- Kindereien die geforderten Lohn- und Arbeitsbedingungen bereits haben. Sämtliche Anwesende verpflichten sich, für Stärkung der Organisation unermüdlich zu arbeiten und die Forderungen mit allem Nachdruck zur Geltung zu bringen." In die Lohnkommission wurden gewählt: Drautz, Kempke, Lippold, Würzberge r, Blesche, Manz und Heinrich. Zum Glaserstreik. Eine am Mittwochabend im Gewerkschafts- hause tagende Versammlung der Glaser beschäftigte stch nochmals mit dem vorgelegten Tarifentwurf. Bei Schluß der Redaktion waren die Meinungsverschiedenheiten über Annahme oder Ablehnung des Tarifs noch so wenig geklärt, daß die für morgen in Aussicht gestellte Wiederaufnahme der Arbeit kaum erfolgen dürfte. Mit dem Streik der Marmorstukkateurr steht es, wie aus dem Bericht, der gestern abend in der Branchenversammlung gegeben wurde, hervorging, recht günstig. Bewilligt haben nun neun Firmen, die zusammen 27 Marmorstukkateure beschäftigen. Es handelt sich hier teils um Geschäfte, wo die Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht günstig waren, so daß mit der Bewilligung erhebliche Verbesserungen verbunden sind. Bei drei Firmen: Hauer, Winkelmann u. Dräger und Möller wird noch gestreikt. Streikbrecher find nicht vorhanden und werden wohl auch für diese eigenartige Special- arbeit, die in ganz Berlin nur von ungefähr 60 Arbeitern verrichtet wird, schwerlich aufzutreiben sein. Unter diesen Umständen ist wohl zu erwarten, daß der Tarif in kurzer Zeit bei allen Firmen durchgeführt ist. veutlckeg Reich. Die Gußputzer der Firma Körting in Haimover legten die Arbeit nieder, weil ein Kollege gemaßregelt wurde, der die verfertigte Arbeit zwecks Kontrolle nachwog und anschrieb. Von 55 Putzern erklärten stch 52 mit dem Gemaßregelten solidarisch. Die Tischler zu Halle a. S. haben mit 165 gegen 26 Stimmen den Beschluß gefaßt, in eine Lohnbewegung einzutreten. Sie fordern eine 9'/«stündige Arbeitszeit und einen Mindestlohn von 40 Pf. pro Stunde' ftir Tischler und Maschinenarbeitcr. Liefern die Arbeiter Hobelbank und Werkzeug, so sollen ihnen 45 Pf. pro Stunde, und wenn sie direkt beim Bauunternehmer arbeiten, 50 Pf. gezahlt werden. Die Forderungen sind am Montag den Meistern zuge- stellt worden. Die Beantwortung derselben wird bis Freitag er- wartet. 30 arbeitswillige Böhmen, die sich auf der Reise nach den Unter- weserorten befanden, sind in Magdeburg, wo man sie über die Ver- Hältnisse aufklärte, umgekehrt. Vier Tischler aus Prag, die schon bis Bremerhaven gelaugt waren, kehrten gleichfalls nach der Heimat zurück. Die Unternehmer sind jetzt beim Abschluß ihrer Verträge mit den Streikbrechern sehr vorsichtig geworden, um die Ent- lchädigungSklagen zu venneiden, die vielfack von feiten der unter Verschweigung deS wahren ThatbestandcS nach Streikorten verlockten Arbeiter gegen sie erhoben worden sind. Die Unternehmer der Unterweser wenigstens legen den Arbeitswilligen Verträge vor, in denen es ausdrücklich heißt:«Die vertragschließenden Arbeitnehmer erklären, daß ihnen über den in den Unlcrwescrorten bestehenden Ansstand die wahrheitsgemäße Mitteilung gemacht ist, daß dieser nicht wegen Lohnstreitigkeiten entstanden ist, sondern daß die streikenden Arbeiter den von dem Arbeitgeber- Verbände er- richteten Arbeitsnachweis nicht anerkennen wollen."— Man legt aber die Arbeitswilligen nichtsdestoweniger hinein. Im Z 2 deS Vertrages wird denselben nämlich für Maurer- oder Zimmerer« arbeiten ein Stundenlohn von 50 Pf. zugebilligt, im 8 4 aber heißt es:„Die Arbeitgeber versprechen, daß möglich st i n Accord gearbeitet werden soll." Wieviel der Arbeits- willige dabei verdient, ist ja Hintennach feine Sache. Ruolanck. Die Differenzen der Arbeiter mit der Schweizerischen Kleider- sabrit in Zürich sind zur Zufriedenheit der crsteren erledigt worden. Die Zeitlohnarbcit bleibt beibehalten, die Tagelöhnc sind mit 5 Fr. im Minimum für die Arbeiter, mit 2,50 bis 3 Fr. für die Arbeite- rinnen festgesetzt. Die Behandlung soll besser werden. Der Streik der Quaiarbeiter in Wien ist beendet. Die Streikenden erreichten eine Lohnaufbesserung. Alle ihre Forde- rungen konnten sie wegen der mangelnden Organisation nicht durch- setzen. Der Ausstand in Brüx und Dnx ist nach einer Meldung des „Wolffschen BureauS" beigelegt. Gerichts-Zeitung. Eine„Doktorfrage" beschäftigte gestern die BcrufungS-Straf- kammer des Landgerichts I. Der Tischlergeselle Robert Wessel betreibt als Nebenerwerb auch den eines Masseurs und beschäftigt sich auch mit der Ausübung der Naturheilkunde, jedoch nicht ge- werbsmäßig, sondern nur auf Empfehlung. Seine Spezialität ist Rheumatismus. Wessel schrieb an einen seiner Patienten eine Post- karte, auf welcher er sich als„Naturheil-Dozcnt" bezeichnete. Die Polizeibehörde erblickte in dieser Bezeichnung die widerrechtliche Bei- legung eines ärztlichen Titels. Wessel wurde vom Schöffengericht wegen Vergehens gegen die Gcwerbc-Ordnung zu 10 M. Geldstrafe verurteilt. Die Strafkammer hob das Urteil auf und sprach ihn frei. Es sei zwar festgestellt worden, daß die Patienten des Wessel diesen„Herr Doktor" oder ähnlich titulierten, daß er selber aber niemals sich so genannt habe. Im vorliegenden Falle habe der Angeklagte nur die Bezeichnung gebraucht, um einen Irrtum zu vermeiden, da zufällig in seinem Hause drei Wessel wohnten. Aus diesem Einzelfalle lasse sich ein Vergehen gegen die Gewerbe- Ordnung nicht herleiten. Gegen dies freisprechende Urteil legte die Staatsanwaltschaft beim Kammergericht Revision ein. Dieses wies die Sache an das Landgericht zurück mit der Begründung, daß es gleichgültig sei, ob im Einzelfalle der Glaube erweckt würde, daß man es mit einer Medizinalperson zu thun habe oder nic'". Es komme vielmehr daraus an, ob der arztähnliche Titel im allgemeinen geeignet sei, den Glauben zu erwecken, daß man eS mit einer : Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: VorwärtSBuchdv.u. Verlagsanstalt Medizinalperson zu thun habe. Im vorliegenden Falle treffe die» zu, da die Postkarte nicht allein in die Hände des Adressaten ge» lange, sondern auch andern Personen zu Gesicht kommen könne. Die Ferien-Strafkammer stellte in der erneuten Verhandlung den» selben Sachverhalt fest wie in der früheren, sowie auch, daß der fragliche Empfänger der Postkarte es gewußt habe, daß Wessel Tischlergeselle und nicht Arzt fei. Die Strafkammer gelangte wiederum zu einem fteisprechenden Urteil, mit der Begründung, daß Wessel nur aus bestimmten Gründen sich auf der Postkarte „Naturheil-Dozcnt" bezeichnet habe und daß durch diesen Einzelfall nicht erwiesen sei, daß er sich fortgesetzt widerrechtlich einen ärzt- lichen Titel beigelegt habe. Dies sei aber zu einem Vergehen gegen die Gewerbe-Ordnung erforderlich. Internationaler Kongreß in Amsterdam. Amsterdam, 17. August.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Die Kommission, welche die internationale Taktik behandelt, tagte seit Montagnachmittag. Nach G u e S d e begründet I a u r e s seinen Standpunkt. Ihm antwortet K a u t s k y. Adler und Vandcrvelde nehmen vermittelnde Stellung ein. Sie beantragen, aus der Dresdener Resolution alle verurteilenden Ausdrücke zu entfernen und sich mit positiver Principienerklärung zu begnügen. Bebel begründet in einer halbstündigen Rede die Notwendigkeit, der Dresdener Resolution mit ihrer scharfen Be- tonung des Klassenkampfes internationale Geltung zu verschaffen Es sprachen in gleichem Sinne Jglesias, Helquist, Belfort-Bax, Nemcc, Rosa Luxemburg, Plechanoff, während Troelstra, Adler, Furnemont,Nenaudcl,Knudsen,Branting für die Resolution Vandcr- velde-Adler eintreten. Das Schlußwort Jaures' führt zum Zu- sammenstoß mit Guesdc. Bebel, Adler, Ferri, Vandervelde, Troel- stra bringen Zusatzresolution ein, die Einigkeit der Socialdemokratcn in den einzelnen Ländern fordert und die Dienste des Jnternatio- nalcn Bureaus zur Herbeiführung dieser Einigkeit anbietet. Die Abstimmung der Kommission erfolgt morgen � � In der Plenarsitzung erledigte der Kongreß heute zunächst die Frage der Arbeiterversicherung. An ein Referat Molken- b u h r S schloß sich eine kurze Debatte, in der Helquist die Stelle der deutschen Resolution, die sagt:«Jeder Mensch hat Recht auf Existenz" als idealistisch-encyklopädistisch bekämpfte. Wurm wies die Kritik zurück. Die deutsche Resolution wurde mit großer Mehr-, heit angenommen. Die Beratung der englischen Resolution gegen die Kolonial- Wirtschaft in Indien gestaltete sich zu einer Demonstration gegen Englands Raubsystem. Der achtzigjährige Hindu Naoroji rief das internationale Proletariat auf, die Sache des unterdrückten indischen Volkes zur eignen zu machen, damit den Jndiern endlich Selbst» Verwaltung gewährt werde. Unter stürmischem Beifall erfolgte die einstimmige Annahme der Resolution, von Van Kol als flammendes Brandmal der Schande Englands bezeichnet. Zum Schluß erfolgte ein kurzes Referat Wibauts(?)- Belgien über Trusts. Die Resolution wurde zur nochmaligen Prüfung an die Kommijsion verwiesen und die Debatte auf morgen vertagt. Versammlungen. Vierter Wahlkreis(Osten). Der Socialdemokratische Wahl- verein hielt am Dienstag in Fiebigs Lokal, Große Frankfurter- straße 30, eine Mitgliederversammlung ab, in der Dr. Stein» s ch n e i d c r in ca. I V, stündigem Vortrage über„Die socialen Auf- gaben des Genossenschaftswesens" sprach. Nach beendeter Diskussion ging Brückner auf die kürzlich von Dr. Friedeberg entwickelten Anschauungen über Parlamentarismus und Generalstreik ein, wo- bei er betonte, der vierte Kreis habe eine besondere Verpflichtung, sich mit Dr. Friedcbcrg zu befassen, weil dieser mit einem Stadt. verordnctenmandat aus dem Kreise betraut sei. Bisher habe man Leute mit Friedebergschen Ansichten nur außerhalb der Partei angetroffen. Es erwecke jetzt aber den Anschein, als solle eine Arbcitcrgruppc, die bisher in der Gewerkschassbcwcgung leider schon so zersetzend und zersplitternd gewirft habe, auch noch dazu benutzt werden, um Zersplitterungen in der Partei herb-'juflihrcn. Dem müsse denn doch energisch vorgebeugt werden, und dazu sei es erforderlich, zu den Extravaganzen Dr. Friedebergs entschieden Stellung zu nehmen. Redner legt eine seinen AuSsührnngen ent- sprechende Resolution vor. WcngelS bemertte dazu, Friedebcrg sei jedenfalls nur„ausgerutscht"; im übrigen babe ihn aber jeder als Mensch und Genosse im Laufe der Jahre schätzen gelernt. Trotz seiner allerding» merkwürdigen Anschauungen sei er ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, und über solchen Mann solle man nicht leichthin den Stab brechen. Zum mindesten müsse man abwarten, wie sich die ordentlichen Parteiinstanzcn zu seiner Angelegenheit äußern werden. Derselben Ansicht war auch der Vorsitzende Litfin, der eine weitere Erörterung der Sache schon um des- willen nicht empfahl, weil Dr. Friedeberg gegenwärtig in Amster- dani weilt und sich infolgedessen nicht verantworten könne. Die Versammlung stimmte sodann dem Vorschlage zu, die Debatte ab- zubrechen und Dr. Friedeberg zwecks gegenseitiger Aussprache zur nächsten Versammlung einzuladen. Die Resolution Brückners soll dann erneut eingebracht werden und als Unterlage für die weitere Diskussion dienen.— Litfin giebt sodann bekannt, daß 136 neue Mitglieder aufgenommen sind und ersucht gleichzeitig, die bisherige Sperre über das Schcruchsche Lokal(Leo-Hospiz) aufzuheben, weil es ein unhaltbarer Zustand sei, wenn die Beschlüsse eines Kreises mit den Beschlüssen der Lokalkommission einander gegenüber- stehen. Die Versammlung stimmte dem zu. Der Eentralverbanb der Zimmerer hielt am Sonntag im Ge- werkschaftshauS seine Zahlstcllciversammlung ab. Die Versammlung ehrte zunächst das Andenken von 4 verstorbenen Kameraden durch Erheben von den Plätzen. Sodann verlas der Kassierer W e l s o w die Abrechnung vom 2. Quartal 1904. Dieselbe ergab eine Ein- nähme von 29 751,35 M., mit dem Bestand vom 1. Quartal in Höhe von 55 087,98 M., also insgesamt 84 839,33 M. Die Ausgabe be- trug 25 981,85 M., davon an die Hauptkasse gesandt 21 039,70 M., bleiben als Bestand am Schluß des 2. Quartals 58 857,48 M. Hierauf hielt Genosse Calwer einen mit Beifall aufgenommenen Vortrag über„Bildung und Bildungsmittel". Seine Ausführungen gipfelte in der Forderung besserer Volksschulverhältnisse. Diese seien daS Fundament, worauf eine bessere Allgemeinbildung des Volkes aufgebaut werden könne. In der Diskussion wurde jedoch auch in Bezug auf die Bildung der Arbeiterklasse die Selbsthilfe scharf betont. Alsdann wurde ein aus zwei Bezirken gestellter Antrag diskutiert, das Gehalt der beiden im Burau angestellten Kameraden von 160 auf 175 M. monatlich zu erhöhen. Dieser Antrag wurde mit großer Majorität angenommen. l�et�te JVachrichtcn und Depcfchen. Budapest, 17. August.(W. T. 85.) Die Mühlenarbeiter, etwa 5000 Mann, stellten heute abend die Arbeit ein und beschlossen in einer zweistündigen Versammlung den allgemeinen Ausstand, welcher von morgen ab beginnen soll._ Vom ostasiatischen Kriegsschauplätze Tschifu, 17. August.(Meldung de?„Reuterschen BureauS".) Die Japaner fuhren in die Taubcnbucht ein und rückten von Palingtsching aus, zwei Meilen nördlich von Port Arthur, gegen die Festung vor. In der letzten Nacht wurde Port Arthur von der Taubenbucht her bombardiert. Paul Singer L-Co.. Be rlin S W. Hierzu 2 Beilagen n. UnterhaltungSdlatt Nr. 193. 21. Jahrgang. t KnlM Ks Lsmäck" Kerliser KIdsM Donnerstag, 18. Anguß ML Internationaler foeialiftischer Kongreß. Dritter VerhandlungStag. Amsterdam, IS. August 1804. Am Montagnachmittag und DienStagvormsttag haben die sechs Kommissionen getagt. Wie der Sekretär S e r w y mitteilt, haben xwei dieser Kommissionen ihre Arbeit beendet. Die Kommission für «vcialPolitik und Arbeitervcrsichcrung hat Molkenbuhr zum Berichterstatter bestimmt und legt folgende Resolutton vor: .In Erwägung. daß die Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft in der Regel nur so kargen Lohn erhalten, daß dieser kaum zur Be- friedigung der notwendigen Lebensbedürfnisse während ihrer Thätigkeit langt, so daß sie in Rot und Elend versinken, wenn sie verhindert sind, ihre Arbeitskraft zu verwerten, sei es durch Krankheit, Unfall, Invalidität, Alter oder Arbeitslosigkeit— Weib- liche Arbeiter auch durch Schwangerschaft oder Mutterschaft, in fernerer Erwägung, daß jeder Mensch ein Recht auf Existenz und die Gesellschaft ein Interesse an der Erhaltung der Arbeitskraft hat, müssen Ein- richhmgen geschaffen werden, welche die Not der Arbeiter und den hierdurch hervorgerufenen Verfall ihrer Arbeitskraft verhindem. In der kapitalisttschen Gesellschaft kann dies am besten durch eine wirksame Arbeitcr-Versichcrungs-Gesctzgebung erreicht werden. Die Arbeiter aller Länder haben daher Einrichtungen zu fordern, durch welche Krankheit, Unfälle und Invalidität möglichst ver- hindert werden, und durch obligatorische Versicherungsgesctze ihnen ein Rechtsanspruch auf ausreichende Mittel zum Lebensunterhalt und zur ärztlichen Hilfe gewährt wird, wenn sie durch Krankheit, Unfall, Invalidität, Alter. Schwangerschaft, Mutterschaft, oder Arbeitslosigkeit gehindert sind, ihre Arbeitskraft zu verwerten. Die Kosten der Versicherung sind in erster Linie bei der Alters-, Jnvaliditäts«, Witwen- und Waisenverficherung durch direkte Steuern vom Vermögen, Einkommen und Erbschaft progressiv zu tragen. Wo dies nicht geschieht, werden die Beiträge, auch wenn sie von den Unternehmern gezahlt sind, stets einen Teil deö Arbeitslohnes in Anspruch nehmen. Es ist daher Aufgabe der Arbeiter, diesen Lohnverlust durch Stärkung ihrer gewerkschaftlichen Organi- sation auszugleichen. Die Arbeiter muffen fordern, daß diese VersicherungS- Ein- richttmgen unter die Selbstverwaltung der Versicherten gestellt und daß für einheimische wie ausländische Arbeiter aller Nattonen ein und dieselben Bestimmungen gettoffen werden." Die Kommission für Kolonialpolitik hat nach einer lebhasten Debatte zwischen Ed. Bern st ein und Hyndman- England über die Lage der indischen Bevölkerung und das Berhalten der englischen Regierung zu ihr folgende Resolution angenommen: .Die Versammlung der Arbeiterdelegierten der ganzen cibili- fierten Welt hat von den Verttetern Englands und Indiens ge- hört, daß in Indien wie überall von England dem Volte unaufhörlich seine Erwerbsquellen genommen, dasselbe ausgebeutet und bestohlen wird, daß größte Armut, Elend und Hungersnot von mehr als 200 Millionen Menschen auf indischem Gebiete herbei- geführt wird. Sie fordert deshalb jdie Arbeiter Großbritanniens auf, ihre Regierung zu zwingen, das jetzige ruchlose und ent- ehrende Kolontalsystem aufzugeben und die leicht durchführbare Einrichtung einer Selbstverlvaltung der Jndier unter englischer Oberherrschaft herbeizuführen." Ferner hat die Kommission eine allgemeine Resolution über kapitalistische und socialisttsche Kolonialpolittk nach dem Antrage de Brucköre- Brüssel angenommen. Für die beutige Sitzung werden durch Acclamation Hellquit« Amerika. C i p r, a n i- Frankreich(Jaurösist) und I g les i a s- Spanien zu Vorsitzenden bestimmt. Das Bureau schlägt vor, die Sitzung zu schließen und erst morgen früh wieder in die öffentliche Plenarberattmg einzutreten, damit unteroes die andren Kommissionen, besonders die über die Takttk und die internationalen Regeln der socialisttschen Polittk, auch ihre Arbeit beenden können. Hyndman sSocialdemocrattc Federation) bittet, sofort in die Beratung über Arbeiterversicherung einzutreten: das Plenum müsse den Kommissionen vorangehen. Auch die Resolution über Indien sei bereits fertiggestellt. Im Namen des Bureaus hält Vandervelde- Brüssel deffen Vorschlag auftecht: die Kommissionen tagten und müßten noch tagen. An der Debatte über Arbeiterversichernng müßten aber alle Delegierten teilnehmen. Außerdem würden die Verhandlungen der Takttkkommission, wenn sie gleichzeittg mit dem Plenum tagte, ein zweites Jntereffecenttum bilden und tue Aufmerksamkeit ablenken. Hyndman ändert nunmehr seinen Vorschlag dahin ab, Mitt« wochvormittag für die Kommissionen freizulassen; doch wird sein Antrag mit ziemlich großer Mehrheit abgelehnt. Nächste Sitzung Mittwoch, 10 Uhr. Schluß 3'/- Uhr. » Ueber Vorgänge in der Kommission zur Beratung der politischen Taktik macht ein Berichterstatter in bürgerlichen Blättern Mit- teilungen, deren Korrektheit sehr zu bezweifeln ist, da die Kom- Missionen Berichterstatter überhaupt nicht zulassen. Immerhin ver- zeichnen wir die Mitteilungen unter allem Vorbehalt. ES wird gemeldet: r, n .In der Kommission für die polittsche Taktik der Socialisten soll eS zu sehr lebhaften, zum Teil sogar stürmischen Auseinander- setzungen gekommen fem. Es soll insbesondere zwischen den ....... Führern GueSde und I a u r ö s«m stattgefunden haben. Die Kardinalfrage ist:.Dürfen Socialdemokraten Regierungs« Jmiräs sucht den auf dem deutschen Parteitage zu Dresden angenommenen Beschluß durchzusetzen. In diesem hieß eS:„Socialdemokraten dürfen Regierungsämter nicht erstreben". Guesde beantragt, diesen Beschluß dahin z u e r- weitern. daß es heißt: Ein Socialdemokrat darf ein Regierungs- amt in einem Bourgeoisstaate unter keinen Umständen an- nehmen. Bebel und Kautsky wollen aber nicht so weit gehen; sie stehen auf dem Boden des Dresdener Beschlusses. sind aber der Meinung, wenn einem Socialdemokraten ein Regierungs- amt angeboten wird, und die Umstände dafür sprechen, daß die Annahme des Amtes im Interesse der arbeitenden Klassen liegt, dann soll der Genoffe acceptteren. Erwartet wird selbstverständlich von dem Genossen. daß er niemals die Grund- sätze seiner Partei aus den Augen läßt und in steter Fühlung mit seinen Parteigenossen bleibt. Guesde bekämpft diesen Standpuntt mit großer Energie; eS liege alsdann die Gefahr vor, daß der be- treffende Genoffe, wie in, Falle Millerand, das Ziel des klassenbewußten Proletariats aus dem Auge verliere und mit den herrschenden Klassen paktiere. Es gebe aber keinen Pakt zwischen dem Proletariat und seinen Unterdrückern und Ausbeutern. Da es kaum möglich sein wird, zwischen diesen beiden Richtungen eine Einigung zu erzielen, so haben es Dr. Victor Adler-Wien und A n se e l e- Brüssel unternommen, eine Ver- mittelung herbeizuführen." » Andrerseits wirb der.Frankfurter Zeitung" über die Debatten in der Takttk-Kommisfion folgendes gemeldet, waS wir gleichfalls nur unter allem Vorbehalt wiedergeben:.Bebel hat eine große zweistündige Rede gehalten, die eine neue Auflage seiner Dresdener Philippika gegen die Revisionisten war. Hauptsächlich sprach er gegen JauröS und seine Partei, aber auch Troelstra und sogar Victor Adler erklärt er für revisionistisch infiziert. «10 er fich zu der Behauptung verstteg, daß in einer Monarchie beiden französischen heftiger Redekampf in der Kommission ämter annehmen?" der König den Klassen gegenüber unparteiischer sein könnte als der Präsident in einer Republik, riefen die Anhänger Jaurös höhnisch:„Es lebe Wilhelm I' Bebel behauptete auch, daß in der Monarchie die Streiks weniger grausam unterdrückt würden als in den Republiken. Er berief sich auf die Erfahrungen der deutschen Partei in 37 Jahren. Van der Velde übersetzte Bebels Rede, die im revisionistischen Lager, wo man ihm völlige llnkenntnis der außerdeutschen Zustände vorwirft, große Erbitternng hervorruft. Zum Schluß kündigte der holländische Delegierte eine neue, gemäßigtere Resolutton an. Die Dresdener sei ihm un- annehmbar. Die Entscheidung der Kommissiou wird fast sicher für daS Plenum maßgebend sein. Zu der Rede Bebels wird noch weiter mit- geteilt, daß er die Unterstützung der bürgerlichen Regierungen durch die Socialdcmokratte von Fall zu Fall zulassen wollte, aber nicht die dauernde Unterstützung eines ganzen Programms. Die Schweizer Erfahrungen zeigten, daß die Teilnahme an der bürgerlichen Ver- waltung auf das Princip des Klassenkampfes schädlich einwirkten. Die Klassengegensätze treten in den bürgerlichen Republiken Frank- reich und Amerika noch viel schärfer hervor als in der deutschen Monarchie." Die japanische Socialistenvereinigung schlägt dem Kongreß vor, folgenden Beschluß zu fassen: „In Anbetracht dessen, daß der russisch-japanische Krieg seitens der kapitalistischen Regierungen beider Nationen geführt wird, und derselbe infolge dessen viele Leiden für die arbeitende Klasse Japans und Rußlands mit sich bringt, bitten wir, die japanische Socialistenvereinigung, die Mitglieder des internalionalen Kongresses eine Resolution dahingehend zu fassen, daß bei den zuständigen Regierungen die erforderlichen Schritte gethan werden, um dem rus;isch-japanischen Kriege so bald als möglich ein Ende zu machen." IL.Gtllerillversammlllng des Deutschen Zenefelder-Aimdes, Allgem. Duterstntzungs- und Invalidenkasse Mogruphen, Steindrucher etc.). Kassel, IS. August 1904. Dritter Verhandlungstag. Um 8 Uhr vormittag wird die Diskussion über die Verschmelzung deS Senefelder- Bundes mit dem Verein der Lithographen. Stein- drncker und Berufsgenossen Deutschlands fortgesetzt. In der Dis- kussion sprachen sich alle mit Ausnahme von zivei Rednern für die Verschmelzung aus und wurde dieselbe schließlich mit 42 gegen 3 Stimmen m namentlicher Abstimmung beschlossen. Beschlossen wurde ferner, aus den vorliegenden Anträgen eine Statutvorlage auszuarbeiten und wurde hierzu eine gemeinschaftliche Kommission aus je fünf Vorstandsmitgliedern und je zwei Kontrollkommissions- und Ausschußmitgliedern beider Vereinigungen unter Hinzuziehung von je einem Vertreter aus Bremen, Frankfurt a. M., Hannover, Stettin und Stuttgart bestimmt. Diese Kommission hat die Aufgabe, bis zum 1. Januar 1905 eine Statutvorlaae auszuarbeiten, in der die Rechte beider Vereinigungen möglichst gewahrt bleiben. Anfang nächsten JahreS soll eine kombinierte Generalversammlung beider Vereinigungen zur Festlegung der Staiutvorlage stattfinden. Ein Antrag, die Verschmelzung beider Vereinigungen durch Urabstimmung beschließen zu lassen, wurde gegen zwei Stimmen abgelehnt. Ein vom Vorstand bearbeitetes Gehaltsregulativ für die im Bunde angestellten Beamten sowie eine beantragte PensionSkasse für dieselben wurde zur kombinierten Generalversammlung zurückgestellt, wie auch eine ganze Reihe Anträge, welche die Verschmelzung beider Vereinigungen betreffen, zurückgestellt werden»nußten. Die Beitragöfrage wurde als eine dringende jetzt schon deshalb behandelt, weil die Zahl der Invaliden in letzterer Zeit stark ge- wachsen sei, was eine starke Belastung der Kasse mit sich brachte. Anträge auf Erhöhung des Beitrages um 5, 10, 15 und 20 Pf. lagen vor. Die Erhöhung des Beitrages um 20 Pf. pro Woche wurde schließlich in namentlicher Abstimmung gegen 14 Stimmen abgelehnt und hierauf die Erhöhung deS Beitrages um 10 Pf. einstimmig beschlossen; derselbe beträgt nunmehr für den Senefelder Bund allein 00 Pf. wöchentlich. Der erhöhte Beitrag tritt mit. dem 1. Oktober d. I. in Kraft. Einen Antrag auf Ausschluß eines Mitgliedes, welches Kranken- geld bezog und dennoch einige Stunden täglich sogar in einer vom Verein der Lithographen, Steindrucker und Berufsgenossen gesperrten Firma arbeitete, konnte nicht stattgegeben werden, weil die jetzigen Statuten solches nicht zulassen, doch sprach die Generalversammlung ihre schärfste Mißbilligung über eine solche Handlung aus und bedauerte einmütig, nicht jetzt schon eine Handhabe zum Vorgehen gegen ein solches Mitglied zu haben. Es wurde beschlossen, die nächste kombinierte Generalversammlung in Berlin stattfinden zu lassen. Nach den üblichen Schlußworten wurde die Generalversammlung mit einem Hoch auf die nunmehr beschlossene Vereinigung beider Ver- bände durch den Vorsitzenden Leinen-DrcSden geschloffen. partei-l�ackncbtm An die Delegierten zum Parteitag! DaS unterzeichnete Komitee richtet an die Delegierten zum Parteitag die dringende Bitte, rechtzeitig ihre Anmeldung bewirken zu wollen. Das Lokalkomitee wird spätestens eine Woche vor dem Parteitag an die bis dahin angemeldeten Delegierten verschiedene Drucksachen �Festschrift, Führer durch Bremen. Programms versenden, um die Delegierten in den Stand zu setzen, sich noch vor ihrer Abreise nach Bremen über verschiedene fitr sie wichttge oder interessante Thatsachen informieren zu können. Es ist dem Wohnungsausschuß erwünscht, wenn die Delegierten über die Art der von ihnen gewünschten Logis fungefährer Preis, ob einzeln oder mit mehreren zc.) bei ihrer Anmeldung nähere An« gaben machen, damit diese Wünsche nach Möglichkeit berücksichtigt werden können. DaS Lokalkomitee. I. A.: Heinrich Schulz. Bremen, Hankenstr. 21/22. Die Parteipresse wird um Abdruck gebeten. Zum Parteitage in Bremen stellen die Genossen Breslaus folgende Anträge: 1. Der Parteitag beauftragt den Parteivorstand, während des kommenden Jahres in geeigneter Weise die öffentliche Aufmerksamkeit auf die bevorstehende grundlegende Abänderung des Strafrechts zu lenken und auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages den Punkt .Socialdemokratie und Strafrecht" zu setzen. 2. Falls auf dem internationalen Kongreß nicht eine be- friedigende Lösung der Maifeierfrage stattfindet, so ist der schon im vorigen Jahre gestellte Aiittag wieder aufzunehmen und seitens des Vorstandes bis zum 4. September an den Parteivorstand ein- zureichen. Der erwähnte vorjährige Anttag verlangt die Verlegung der Maidemonstration in Versammlungen am Abend des 1. Mai. Von einem Parteigenossen wurde verlangt, die Ausschließung deS Genossen Schippe! aus der Partei zu beantragen. Der Antrag wurde jedoch, nachdem ein Genosse dagegen gesprochen, gegen drei Stimmen abgelehnt. Die KönigSberger Parteigenossen beantragen folgende Resolution: In Erwägung: daß das abscheuliche Willkürrcgiment in Rußland auf daS ent« schiedenste im Interesse der Kultur bekämpft werden muß, daß die russischen Genossen, welche diesen Kampf unter den schwersten Opfern führen, der Unterstützung auch der deutschen Socialdemokraten ver- sichert sein dürfen; in Erwägung: daß die preußischen Justizbehörden diejenigen deutschen Parteigenossen, welche den russischen Genossen durch Mitwirkung bei der Verbreitung von Agitationsschriften offen vor den Augen der deutschen Behörden behilflich gewesen sind, durch Erhebung einer Anklage von Geheim- bündelei diese Mitivirkung zu unterbinden versucht haben, beschließt der Parteitag: 1. es ist eine selbstverständliche Pflicht internationaler Solidarität, den russischen Parteigenossen bei der Verbreitung von Druck« schristen, sofern sie nicht gegen die deutschen Gesetze verstoßen. gefällig zu sein; 2. diesen Beschluß der Staatsregierung noch ausdrücklich bekannt zu machen. Außerdem sprachen sie fich für die Umgestalwng der Organi- sation im Sinne des BreSlaucr Vorschlags aus und nahmen ferner eine Resolution an, die zur Bekämpfung des Alkohols auffordert. Sie beauftragten auch ihre Delegierten, mit oafür sorgen zu helfen, daß die Zeit des Parteitages nicht wieder mit personlichen Aus- einandersetzungen vergeudet werde. Einen ebensolchen Beschluß faßte die Kreiskonferenz für Kalbe- Aschersleben. Auch für straffere Centralisation der Partei sprach sich diese Konferenz aus und für Behandlung der Schulfrage auf dem Parteitage. Die Parteigenossen d«S Herzogtums Gotha halten ihren Landes- Parteitag am 4. September in der Stadt Gotha ab. Einen socialdtmokratischen Gemeindevorstehcr wählte die gotbaische Landgemeinde Wölfis. Es ist der Genosse Emil Brand, der in der Stichwahl 158 Stimmen gegen 133 des bisherigen Gemeindevorstehers erhielt. Die socialdcmokratischen Bereine im Herzogtum Braunschwcig, 13 an der Zahl, haben nach dem Bericht des Landesvorstandes jetzt 1021 Mitglieder. Der Landesvorstand hatte im abgelaufenen Ge- schäftsjahre 3891 M. Einnahme und 3707 M. Ausgabe. Der Internationale Arbeitertag in St. Gallen verlief bei starker Beteiligung der organisierten Arbeiterschaft aus den Kantonen St. Gallen, Appenzell und Thurgau, aus dem Bodenseegebiet (Konstanz. Friedrichshafen, Lindau, Bregenz) sehr befriedigend. Der große und farbenprächtige Festzug zählte 1500 Teilnehmer, in der Festhütte waren ca. 5000 Gäste. Leider waren die beiden Referenten Schuhmeier-Wien und Ferri-Rom, erstercr wegen Krankheit, nicht er- schienen, an Stelle des letzteren referierte ein italienischer Genosse aus Lugano. Seine Ausfiihrilngell sowie das Referat des Genossen ReichStags-Abgeordneten Adolf Hoffmann-Berlin ernteten stürmischen Beifall. Die ganze Veranstaltung hatte den Zweck, gegen das jüngste frivole Militäraufgebot zur Unterdrückung der streikenden Tunnel- arbeiter zu protestieren._ Hus Industrie und ftandeU Die neue russische Anleihe. Noch in den letzten Tagen schwirrten allerlei Gerüchte durch die Presse, daß die Aufnahme einer russischen Anleihe in Deutschland nahe bevorstände. Die.Hamburger Nach- richten" wollten sogar ganz bestimmt wissen, daß von deutschen Bankhäusern bereits 400 Millionen Mark fünfprozentiger russischer Schatzscheine übernommen seien. Die Mitteilung erschien von vorn« herein recht zweifelhaft. Daß Rußland gern in seiner Finanznot zur Aufnahme einer Anleihe in Deutschland schreitet, ist so sicher wie 2 X 2— 4; aber den deutsckien Bankhäusern zuzuttauen, daß sie sich im gegenwärttgen Moment auf ein solches Geschäft einlassen, heißt entschieden, ihre Befähigung unterschätzen. Wenn die deutschen Banken der russischen Regierung Schatzscheine abnehmen, so geschieht eS nicht. um sie säuberlich in ihren TressorS zu verwahren; sie wollen sie im lieben Publikum unterbringen. In diesem besteht aber zu! Zeit wenig Neigung, russische Werte zu kaufen. Mag auch in unsren so- genannten matzgebenden Kreisen und unter den antiseinittschen Hoch- agrariern noch so loarme Sympathie mit dem lieben östlichen Nach« barn zu finden sein, das sogenannte kaufkräfttge Publikum ist köpf- scheu geworden. Die ewigen russischen Niederlagen haben seine Meinung über Rußland beträchtlich herabgestimmt. Nur wenige zweifeln noch heute daran, daß Port Arthur in kurzem fallen wird, und es für KuropatttnS Armee keinen andern Ausweg giebt, als immer weiteren schleunigen Rückzug. Sodann haben aber auch die Enthüllungen des Königßberger.GeheimbundS"-ProzesseS, der Tod Plehwes und das Vorgehen der väterlichen russischen Regierung gegen Finnland ein so grelles Schlaglicht auf die Verrottung des ganzen russischen Systems geworfen, daß selbst manchem fried- liebenden, ehrsamen Kapitalistenherz ein Grauen vor den Zuständen des heiligen Reiches aller Reußen anwandelt. So hat sich denn nochmals die russische Regierung dazu verstehen müssen, von der Aufnahme einer russischen Anleihe in Deutschland abzusehen und im eignen Lande einen Pump anzulegen. Wie der Telegraph meldet, hat ein kaiserlicher Ukas mit Rücksicht auf die bevorstehenden außerordentlichen Ausgaben für den Krieg die Emission sechs neuer Serien von Billetten der Staats- rente im Bettage von 150 Millionen Rubel für vier Jahre an- geordnet. Die Billette werden in Abschnitten a 50 Rubel aus- gegeben und mit einem Zinsfuß von 3,0 Proz. versehen werden, sie laufen vom 14. d. Mts. ab und sind steuerftei. Die Meldung ist etwas unklar. Wahrscheinlich handelt eS sich nicht um die Ausgabe einer neuen Serie von eigentlichen Renten- papieren, sondern um neue Schayscheine, um sogenannte Serien- billette, von denen zur Zeit für 100 Millionen Rubel in Rußland umlaufen. Sie haben bei der Staatsrentei und der Staatsbank Zwangskurs, genau wie die Kreditrubel, und ihre Ausfuhr ins Aus- land ist verboten. Eigentlich handelt eS sich um nichts andres als eine weitere Vermehrung deS Papiergeldes, nur daß man diesmal die Erzeugnisse der Notenpresse als„Staatsrentenscheine" oder.Serienbillete" bezeichnet, während man die andern schönen Papierchens, die seit Beginn des Krieges ausgegeben worden sind,„Kreditbillete" nennt. Das Projekt der Aufnahme einer größeren Anleihe in Deutsch- land ist damit natürlich nicht aufgegeben, nur zurückgestellt. Die 150 Millionen Rubel werden bald vermöbelt sein, und dann wird Herr Mendelssohn-Bartholdh mit seinem Anhang doch in den sauren Apfel beißen müssen. Ein Montniltrust. Der von Herrn August Thyssen geplante Bergwerks- und Hüttentrust wird eine weit größere Ausdehnung er- halten, als bisher verlautbarte. Außer der Gelsen kirchener Berg« werks-Gesellschaft und dem Schalker Gruben- und Hüttenverein soll er auch den Aachener Hütten-Aktienverein umfassen. Nach tele- graphischer Meldung aus Hannover wurde'dort gestern in der Aufsichtsratssitzung der Gelsenkirchencr Bergwerks- Akttengesell- schaft beschlossen, vorbehaltlich der Genehmigung der General- versaminlung eine Interessen- Gemeinschaft mit dem Aachener Hütten-Aktienverein und dem Schaller Gruben- und Hüttenverein abzuschließen auf der Grundlage, daß der Gesamtgetvmn aller drei Gesellschaften im Verhältnis von 69 Teilen auf Gelsenkirchen, von 31 Teilen auf Aachen und von 2S,ö Teilen auf Schalke entfällt, Die Gelfenkirchener Gesellschaft beabsichtigt ihr Kapital um b6l/g Millionen zu erhöhen und den Aktionären der beiden andren Gesellschaften den Umtausch ihrer Aktien in oben genanntem Ver- hältnis anzubieten,* Die Gelsenkirchener Bergwerksgesellschaft wird dadurch zur zweit- größten Aktiengesellschaft Deutschlands. Die größte ist bekanntlich die Firma Friedrich Krupp in Essen, Auch mit der Ausdehnung des Trusts auf die obengenannten drei Gesellschaften dürste Herr Thyssen nicht an seinem Ziel angelangt sein. Er hat noch bei ver- schiedenen andern Zechen- und Hüttengesellschaften die Hand im Spiel, und ehe vielleicht noch die Vereinigung der drei Gesellschaften perfekt geworden ist, wird der Telegraph den Anschluß neuer Zechen und Hüttenwerke an den Trust melden. Die Getreide-Ernte Deutschlands wird nach den au? ver- schiedenen Gegenden einlaufenden Berichten nicht nur die vorjährige Ernte an Quantität, sondern auch an Qualität übertreffen. Besonders das Brotkorn soll vielfach von außergewöhnlicher Güte sein. Nach der Angabe der„Deutschen Tageszeitung", des Organs der Bauernbündler, übersteigt die Winterweizen-Ernte den vorjährigen Mengenertrag noch um 10—16 Proz., während die Roggenernte der borjährigen mindestens gleichkommt. Die dieses Jahr hervorragende Mehlausbeute ergiebt auch bei Roggen den Effekt einer Mehrernte. Der lokale Mangel einzelner Gegenden an Sommergetreide läßt sich aus den Ueberschüssen besserer Ernte- bezirke vollkommen decken und es können nur Maßregeln in Frage kommen, die diesen binnenländischen Ausgleichsverkehr zu erleichtern im stände sind. Eine Durchschnittsernte von Hafer in Deutschland beträgt(die fünf Jahre 1898 bis 1992 zu Grunde gelegt) sieben Millionen Tonnen. Im vorigen Jahre stand die Ernte um 9,8 Millionen Tonnen, also etwa 12 Proz. über dem Durchschnitt. Dieses Jahr bleibt sie nach der letzten Ernteschätzung um 19 Proz. gegen das Borjahr zurück, ergiebt also immer noch einen Durch- schuittsertrag. Vom rheinisch-westfSlischen Kohlcnmarkt. Die Verhältnisse auf dem Kohlen-, Coaks- und Brikettmarkt haben sich in der ersten Hälfte des laufenden Monats weiter verschlechtert. Dies illustriert am besten die Gestellungsziffer, denn während in der Zeit vom 16. bis 31. Juli arbeitstäglich noch 18 293 Doppelwagen gestellt wurden, sind in der ersten Hälfte dieses Monats nur noch 17 736 Doppelwagen angefordert worden(gegen 18 318 D.-W. in der gleichen Zeit des Vormonats). AuS diesen Zahlen geht deutlich hervor, in welch schwierigen Ver- Hältnissen sich heute die Ruhrkohlenzechen befinden. Nicht allein sind Feierschichten an der Tagesordnung, sondern auch die Bestände wachsen, wie die„Rheinisch-Wcstfälische Zeitung" berichtet, trotz allen Feierns fortgesetzt in-erheblichem Umfange. Es fehlt fielen Zechen allmählich an Raum, um die überschüssigen Mengen" auf- zustapeln, sie müssen deshalb, ob sie wollen oder nicht, notgedrungen das Wagenmaterial der Bahn als Lagerstätte benutzen. Ueber den Seeverkehr der großen deutschen Häfen berichtet das neueste Nauticus-Jahrbuch. Es werden für das Jahr 1992 die An- kunfts- und Abgangszahlen nach Schiffszahl und Tonnage und mit Unterscheidung der Flaggen mitgeteilt. Berücksichtigt sind die Häfen mit einem Seeverkehr von über 199 999 Tonnen. Das sind 12 an der Ostsee: Memel, Pillau, Königsberg, Neufahrwasser sDanzig), Swinemünde, Stettin, Kratzwiek. Rostock, Wismar, Lübeck, Kiel und Flensburg, 19 an der Nordsee: Altona, Hamburg. Cuxhaven, Bremerhaven, Geestemünde, Blumenthal, Bremen, Brake, Nordenham und Emden, und endlich die beiden ftir Seeschiffe zugängigen Rhein- Häfen Düsseldorf und Köln. Einen mächtigen Vorsprung allen andern Häfen gegenüber weist Hamburg auf nut einem Gesamtverkehr von 17 129 999 Tonnen. In weitem Abstände folgen Bremerhaven mit 2 962 999, Stertin mit 2 497 999, Bremen mit 2 134 999, Danzig- Neufahrwasser mit 1341 999, Kiel mit 1 126 999 und Lübeck mit 1969 999 Tonnen. Die übrigen 17 Häfen reichen nicht an 1 Million Tonnen heran. usanimen haben sie 7,7 Millionen Tonnen Verkehr. Die drei lbhäfen Hamburg, Altona und Cuxhaven ziehen allein mit 18,2 Millionen Tonnen von den 36 Millionen der 24 größeren deutschen Häsen über die Hälfte auf sich. Zwischen'/e und 1 Millionen Tonnen Verkehr haben Königs- berg und Geestemünde, zwischen Va und'/i Million Emden, Cuxhaven, Rostock und"Swinenmnde, zwischen 4 und 699 999 Brake, Memel und Altona, zwischen 3 und 499 999 Flensburg, Kratzwiek und Pillau, zwischen 2 und 399 999 Cöln. Wismar und Düsseldorf, zwischen 1 und 299 999 Nordenham und Blumenthal. In allen diesen Häfen ohne Ausnahme überwiegt jetzt der Dampferverkehr die Seglertonnage wesentlich. Die Segler machen in Hamburg über IVa Millionen Tonnen aus. sonst über 199999 Tonnen nur noch in Bremen(über 499 999), Bremerhaven und Kiel (über 299 999), Altona. Lübeck, Stettin und Emden, gegen 199 999 in Danzig und Flensburg._ Berliner partei-Hngelecjenbeiten. Achtung! Am DienStag, den 23. Angnst, abends 8 Uhr, finden in den sechs Berliner Wahlkreisen die Versammlungen statt, welche sich mit der Provinzialkonferenz und dem Bremer Parteitage, sowie mit den Anträgen, Delegierten- Wahlen zc. für beide Veranstaltungen beschäftigen. Wir erwarten, daß die Parteigenossen zahlreich erscheinen und ersuchen gleichzeitig, etwaige anderweite Versammlungen oder Sitzungen an diesem Abende nicht stattfinden zu lassen. Die Vertrauensleute von Berlin. Dritter Wahlkreis. Sonntag Familien-AuSflug nach Pferdebucht bei Köpenick. Treffpunkt daselbst mittags. Rege Be- teiljguug erwartet Der Vorstand des Wahlvereins. Ceutral-Wahlverein für Tcltow-BeeSkow-Storkow-Charlottcnburg. Sountagnachmittag 1 Uhr findet die G e n e r a l v e r ja m m I u n g in Zossen statt. Auf der Tagesordnung stehen unter andenn Mitteilungen des Vorstandes, Brandenburgische Provinzialkonferenz, Anträge und Wahl der Delegierten: Bremer Parteitag, Anträge und Wahl der Delegierten: Anträge, Verschiedenes, Lokalftage. An- träge, welche auf der Generalversanimlung ihre Erledigung finden sollen, sind bis spätestens am 18. August an den Centralvorstand, Charlottenburg, zu Händen des Genoisen W. Eberhardt. Rosinen- straße Nr. 3, einzlireichcn. Auf Grund des§ 11 des Statuts ist jeder Verein berechtigt, bis zu drei Delegierte zu entsenden. Der Centralvorstand. I. A.: W. Ebcrhardt. FriedrichShagen. Sonnabendabend 9 Uhr findet im Saale von Petzuick, Friedrichstraße 114, die Mitgliederversammlung des Arbeiter-Bilduugsvereins statt._ Genosse Schriftsteller Baege hält einen Vortrag über„die Entstehung und Abstammung des Menschen". Gäste willkommen. Neuenhagen, Ostbahn. Sonntagnachmittag 4 Uhr Versammlung deS Wahlvereins bei Diederich, Bruchmühle. Vorftag, Bericht von der Kreiskouferenz._ Lohales. Poesie und Arbeit. Wenn im„Kommunistischen Manifest" davon die Rede ist. daß die Bourgeoisie alle idyllischen Verhältnisse zerstört und die„bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Thätigkeiten ihres Heiligenscheines entkleidet hat", so haben die Verfasser des berühmten Dokumentes gewiß nicht geahnt, daß das zum Tempel hinaus- gejagt« Idyll ejgjt in einem der nüchternsten Berufe ftder mit Glanz aufgenommen würde. Was giebt es prosaischeres als der Waschzuber mit seiner grünen Seife, mit penetrantem Chlorkalk und Berliner Blau? Gehört der Waschtag schon in der Häuslichkeit zu den Schrcckeustagen, an die selbst der wohlerzogene Ehemann mit Grauen denkt, so muß die Wäscherei als Beruf erst recht als qualifizierte Menschenquälerei erscheinen, der in Nebeldunst und Mißgeruch nichts von der Poesie anhaftet, von der sonst auch die harte Arbeit zu- weilen begleitet ist. Auch hat das Volk der Dichter und Sänger, das für Schmied und Schneider manches sangbare Lied übrig hat, sich mit der Wäscherei nur unter Vorbehalt befaßt. Chamissos alte Waschftau zu„vertonen", hat sich noch kein Komponist bereit gefunden, und in Beethovens„Fidelio" singt die Tochter des Kerkermeisters ihr Lied am Plättbrett nur in Sehnsucht nach den holden Freuden, die nach gethaner Arbeit die Nacht ihr biete» soll. Unter solchen Umständen taucht im nüchternen Berlin ein Problem auf, das dem Philosophen zum mindesten soviel Stoff zum Nachdenken bietet, wie die Gelehrsamkeit des klugen Pferdes in der Griebenow- straße. Wer die bekannten Wäschewagen durch die Straßen fahren sieht, wird mit Erstaunen die Wahrnehmung gemacht haben, daß die Stätten, denen sie dienen, zum Teil mit wunderbar poetischen Namen geziert sind. Ist es noch begreiflich, daß eine Waschanstalt sich in Anlehnung an die welthistorische Sauberkeit der Holländer „H o l l a n d i a" nennt und eine andre wahrscheinlich im Hinblick auf eine beliebte Stärkesorte„Brillant", so erregt es baß Ver- wunderung. daß wiederum eine Berliner' Waschanstalt ebenso be- scheiden wie zwecklos„Edelweiß" heißt, sich also eine Blume als Wahrzeichen erkoren hat, deren grangelbliche Farbe höchstens für Reformhemden, aber nicht für weiße Wäsche als Vorbild dienen kann. Ebenso bescheiden ist es, daß eine Wäscherei sich gleich der be- kannten Preßkohle„Ilse" tituliert. Im Gegensatz hierzu tritt eine andre Anstalt unter dem Rainen„Diamant" auf. Sehr hübsch, wenn auch zum Teil etwas unverständlich, machen sich die Namen„Frauenlob",„Gudrun",„Viktoria", „Gertrud" und„Weiße Lilie" für Waschanstalten. Auch „ R h e i n g o l d" läßt sich hören, da ein ins gelbliche gehender Farbcnton ja nicht selten der Wäsche anhaftet; der Raine „Concordia" läßt auf ein gutes Verhältnis zwischen Unter- nehmern und Angestellten schließen. Seltsamer klingen schon die Namen„Notes Kreuz",.Spreenixe" und„Central". Bei den Namen„ M ö v e",„Phönix" und„Columbia" inag man an das Reich der Lüfte denken, in welchem sowohl die Wäschestücke wie die erwähnten Vögel flattern; auf diese Weise läßt sich am Ende auch für die Be- Zeichnung„Urania", die Himmlische, eine Erklärung finden. Die Raulen„ B e r o l i n a",„Borussia" und„Germania" hingegen erinnern an die viele schmutzige Wäsche, die es in der kommunale», in der Staats- und in der Reichspolitik zu waschen giebt.»Völlig unverständlich ist es aber, wie man Waschanstalten „Carmen",„Hohenstaufen",„Lohengrin" und „Schliersee" nennen kann. Haben die Besitzer dieser Institute in Bizet, Raupach, Wagner und den Schlierseern ihre Katharsis, ihre sittliche Reinigung gefunden? Aber wir werden ausschweifend und wollen zum Ursprung unstet Betrachtung zurückkehren. Was zu beweisen war, ist erwiesen. Die Arbeit, die prosaischste, wird wieder mit Poesie umkleidet und die Verfasser des Kommunistische» Manifestes, die das Gegenteil wahr haben wollten, können sich begraben lassen. Sollten die in den erwähnten Betrieben beschäfttgten Arbeiter aber erklären, daß ihnen von poetisch-idyllischen Zuständen nichts bekannt ist, so wird es gewiß nicht an wohlgesinnten Leuten fehlen, die die Antwort geben, daß das an nichts andrem liegt, als an dem Blendwerk, das ihnen von der alles verhetzenden, alle edlen und gemütvollen Re- gungen ersttckenden Socialdemokratie vorgegaukelt wird. Ju der„Annieldestube" des Berliner Amtsgerichts herrscht keine Ferienstimmung; von früh bis spät ist sie umlagert und drinnen— ist's fürchterlich. Wer, ohne es zu können, einen anrtsgerichtlichen Prozeß anstrengen will, sucht die„Anmcldestube" in der Neuen Friedrichstraße auf; hier wird seine Klage sachgemäß und gratis aufgenonimen. Dies praktische Rechtsinstitut besteht eigentlich auS zwei„Stuben", welche, dem Eingangsportal zunächst belegen, die Nummern 36/49 und 41/42 führen. Die letzteren Zahlen bezeichnen das Wartezimmer für die Anmeldestube, dessen Thüre» weit geöffnet sind, während der Eintritt in das Sanktissimum, wo drei Gerichts- iekretäre ihres Amtes walten, streng verboten ist. Wer eine Klage auf dem Herzen hat, wendet sich zunächst an den gestrengen Herrn Gerichtsboten, der eineArtMeldclistc(anttlich„Kontrolle" genannt) führt; denn auch hier gilt der Spruch:„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst". Ist der Name notiert, so kann sein Träger auf einer der sechs, zum Teil urgroßväterlich anheimelnden Bänke Platz nehmen und— >v a r t e n. Daher der Name„Wartestube". Hier heißt's, sich mit kautschukarttger Geduld wappnen, mit eherner Ruhe ausharren, denn „Ungebühr vor Gericht" wird streng geahndet. Stunde auf Smnde verrinnt, ab und zu öffnet sich die Thür des Allerheiligsten und die Kläger werden aufgerufen, sie kommen und gehen. Eigentlich sind es mehr Klägerinnen als Kläger, hier und da wird auch die nn- geduldige Stimme eines Säuglings laut, der, vertreten durch seine Mutter, seinen natürlichen Vater vor die Schranken fordern soll. Der Kinderwagen steht im Vestibül, in solchen Fällen drückt der Pförtner gern ein Äuge zu— da draußen wird'S mit der Würde des hohen Gerichtshofes auch nicht so genau genommen, hier hört man sogar oft lästerliche Redensarten über das„lange Warten". Kein Wunder! Wenn einer in der Wartestnbe vier bis fünf Stunden ausgehalten hat, so darf ihm die Erholung wohl gegönnt werden. Denn hier sind von 8 bis 3 Uhr wohl an fünfzig Menschen zusammengepfercht und es herrscht darum keine Fichtenuadel- Waldluft. Gegen 2 Uhr nachmittags geht eine Bewegung durch die wartende Menge: jetzt sind sie gleich fertig, heißt es, nun wird nichts mehr aufgenonimen. Wir ftagen einen jungen Mann, der unruhig im Korridor auf- und abgeht:„seit wann warten Sie?" �„Seit 19 Uhr" erwidert er. „Und wenn Sie heute nicht mehr drankomnieu?"—„Dann muß ich morgen möglichst schon vor 8 Uhr hier sein."— In der That, eine schwere Prüfung; man kann es den Leuten die sttmdenlang ihre Arbeit versäumen müssen, nicht verargen, wenn sie über die„schleppende Rechtspflege" klagen. Und doch arbeiten die drei Sekretäre im Schweiße ihres Angesichts, um aus den un- beholfenen Ausführungen der Leute den juristischen Kern heraus- zuschälen,— ein vierter, fünfter Protokollführer lvürde gewiß am Platze sein. Doch neben den vielen„Klagen" giebt es auch freund- liche Momente. Hochgerötet kommt da eben eine junge Frau aus der„Anmeldestube" und erzählt ihren Leidensgefährtinnen, daß ihr, da sie ihre alte Mutter und ihr Kind ernähren müsse, nun endlich Aussicht gemacht sei, das Arme«recht zur Führung ihres Prozesses m zweiter Instanz zu erhalten. Alles fteut sich mit ihr und vergnügt trippelt sie hinaus, während die andren noch warten. lvarten... Der Zcichen-Jnspektor. AuS dein Rathause wird berichtet: Durch den neuen Lehrplan ist der Zeichenunterricht in den Berliner Zeichen- und Gemeindeschulen umgestaltet worden. Unter Aus- scheidung alles rein Geometrischen und Konstrukttonen soll im Frei- handzeichnen jetzt eine fteiere, die Kinder zur unmittelbaren Beobachtung und Wiedergabe der Gcaeustände ihrer Umgebung und der lebendigen Natur anleitende iluterrichtsweise Platz greifen. Durch Kurse, die auf Veranlassung des Magistrats an der königlichen Kunstschule eingerichtet wurden, sind die Lehrer und Lehrerinnen der Berliner Gemeiudeschulen mit der neuen Methode bekannt gemacht worden. Diese Einführungskurse genügen jedoch allein nicht. um dem neuen Lehrplan den erwarteten Erfolg zu sichern. In der Praxis deS Unterrichts empfindet eine größere Zahl der Lehrer und Lehrerinnen bald das Bedürfnis nach sachverständigem Rat und Beistand. Auch ist zu befürchten, daß manche, die' sich nicht gleich in die neuen Anschauungen hineinzu- finden vermögen, geneigt sind, den Unterricht in der bisherigen Weise fortzuführen. ES erscheint daher erforderlich, durch eine sachver- ständige Aufsicht die willigen Lehrkräfte zu unterstützen und die übrigen von den Vorzügen der neuen Methode zu überzeugen und zu ihrer Durchführung anzuhalten. Zu der vom Kultusminister an- geregten festen Anstellung eines Zeichen-Jnspettors hat der Magisttat sich noch nicht enffchloffen, jedoch will er nun einen mit der neuen Methode vertrauten Zeichenlehrer mit der Revision des Zeichen- Unterrichts an den Gemeindeschulen betrauen. lieber ZwangSmaßregeln gegen eine Ortskasse wird aus dem Rat- Hause berichtet:„Die Vertretung der Berliner Ortskrankenkasse der Maler und verwandten Gewerbe hatte trotz Aufforderung des Magistratskommissars ftir diese Kassen der in dem Erlasse vom 26. Mai 1994 getroffenen Anordnung keine Folge gegeben. Der Oberpräsident von Berlin hat daraufhin durch einen Erlaß den Z 28 des Statuts genannter Kasse von Amtswegen mit rechts« verbindlicher Kraft abgeändert und die Beiträge festgesetzt. Sie be» tragen nunmehr 33/4 Proz. des durchschnittlichen Tagelohnes. Die Berliner Feuerwehr in Senftenberg. Dienstagabend ttaf ein Zug der Berliner Feuerlvehr in Senftenberg ein. Nachdem die Dampfspritze 13 mit dem Tender angekommen war, ging es im Trabe nach der brennenden Grube„Victoria" bei Groß-Räschen, wo Brandiuspektor Becker schon eingetroffen war und die Leitung der Löschungsarbeiten übernahm. Ununterbrochen wurde mit voller Kraft während der ganzen Nacht kräftig Wasser gegeben. An der Löschung beteiligten sich auch die Wehren aus Senftenberg und Um» gcgcnd. Die Arbeiten wurden durch den fürchterlichen Qualm, der ivi'e eine Wolke alles umhüllte, sehr erschwert. Das Atmen war in der Nähe schier unmöglich. Trotzdem hofft man heute noch des Feuers Herr zu werden. Prcusiischcs Christentum. Die in kirchlichen Dingen gewiß unverdächtige„Staatsbürger-Zeitung" schreibt:„Die innere Aus- schmückung der Berliner Kirchen entspricht im allgemeinen nicht den Wünschen der Architekten, wenigstens soweit die neueren Kirchen in Frage kommen. Man beklagt in diesen Kreisen, daß sich bei der Ausschmückung der neueren Kirchen, so z. B. der Kaiser Wilhelm- Gedüchtniskirche, die Neigung zu überladenen! Prunk derart breit gemacht hat, daß den Kirchen der einfache Charakter evangelischer Gotteshäuser genommen ist und der Eindruck erweckt wird, als befände man sich in einer katholischen Kathedrale. Diese Frage ist jetzt besonders aktuell ge» worden, nachdem bekannt geworden ist, daß die Kaiserin Augusta» Gnadenkirche in nächster Zeit iin Innern weiter ausgeschmückt werden soll. Zur Zeit ist die Kirche ja recht schmucklos ausgestattet, und eine weitere Ausschmückung ist ganz angebracht. In Architekten» kreisen herrscht aber die Besorgnis, daß man auch hierbei wieder in den Fehler verfallen wird, die Kirche übermäßig mit Schmuck zu beladen, und es ist bereits eine Bewegung im Gange, die sich gegen diese Bestrebungen wendet." Mit dem Abriß des alten Hauses Krausenstraße 36 am Dönhoffs- platz verschwindet wieder ein Stück des alten Berlins. Es ist dies das ehemalige Fischersche Gebäude, welches als„Goldene Hirsch- Apotheke" bekannt war, jedoch diesen Namen nicht nach einer Verkaufsstelle für medizinische Heilmittel, sondern nacki einer solchen für Spirituosen führte. Die im Vorderhause befindliche Fischersche Destillation bildete eine der ersten Berliner Stehbierhallen, die trotz ihrer versteckten Lage außerordentlich stark in Anspruch genommen wurde. Das Wohngebäude stammt aus dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts, während die Hofgebäude erst Mitte des 19. Jahr» Hunderts errichtet wurden. Diese dienten anfänglich dem gewerb- lichen Betriebe der Fischersche» Groß-Destillation. Mit der Nieder» legung des Gebäudes wird Anfang Oktober begonnen werden. Der Neubau des Reichs- Patentamtes, einer der umfang» reichsten öffentlichen Bauten Berlins, ist in der letzten Zeit sehr gefördert worden. Man sieht daraus, daß auch der Fiskus sehr schnell bauen kann, wenn er will. Der Bau ist vier Stock hoch, mit mächtigen Giebeln und Ecktürmen geschmückt und mit Sandstein be- kleidet. Die Fronten an der Alten Jakob-, Gitschiner- und Alexandrinenstraße mit den hohen roten Ziegeldächern fallen schon von weitem auf. Mit dem inneren Ausbau soll schon im Herbst begonnen werden. Falls keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten entstehen, wird der Bau 1996 bezogen werden können. Die Alte Jakobsttatze wird jetzt in dem Winkel äsphalttert und soll dann für den Verkehr nach der Gitschinerstraße geöffnet werden. Der Platinadicbstahl. Der Händler Herr Herrmann Graßnick. Charlottcnbnrg, Pcstalozzistr. 36, schreibt uns: In der bekannten Platinadiebstahls-Angelcgenheit brachten Sie in Ihrem geschätzten Blatte verschiedene Artikel, in welchen ich als„Hehler G-" hingestellt wurde. Richtig ist ja, daß ich verhaftet worden bin, und da ich den Namen des Händlers nicht kannte, von dem icb ein Stück Platina im Gewicht von 167 Gramm gekauft hatte, einige Tage in Hast bleiben mußte. Da sich dieser Händler aber gemeldet und nach- gewiesen hat, von wem er gekaust hat, und daß ich von ihm das Stück reell erworben habe, wurde ich sofort auf freien Fuß gesetzt. Es ist auch nicht richtig, daß ich in der Nacht verhastet worden bin. Ich hatte das Stück Metall dem Gehäusemacher H. zum Kauf angeboten, dessen Ehefrau es dann mit meiner Zustimmung in der kgl. Scheidanstalt auf seine Echtheit untersuchen ließ, wobei sie fistiert und ich später verhaftet wurde. Ich bin durch diese Angelegenheit in meinem Beruf als Händler schwer geschädigt worden, und da ich überzeugt bin, daß es Ihnen ferngelegen hat, mich irgendwie schädigen zu wollen, so bitte ich Sie, in Ihrem ge- schätzten Blatte diese Berichtigung bringen zu wollen. Die Leiche deS Fahrstuhlführers Franz Wiedemaim, der, wie mitgeteilt wurde, in dem Geschätt von Tippelskirch u. Co. tödlich verunglückte, wird voraussichtlich noch geöffnet werden. ES wird aber nicht etlva nachträglich angenonunen, daß fremde Schuld an dem Tode des Mannes vorliege, sondern es handelt sich nur dämm, für die Hinterbliebenen eine Grundlage für Versicherungsansprüche zu gewinnen. Flucht ans der Irrenanstalt. AuS der Anstalt in Dalldorf ist gestern nachmittag der Kausinann Hermann Rosenberg, der seiner Zeit im großen Hehlerprozeß Rosenberg und Genossen die Hauptrolle spielte, entwichen. Er war bereits vor zehn Jahren ent- mündigt und seitens der Charitv als gemeingefährlich der Anstalt Dalldorf überwiesen worden. R. beschäftigte sich in der Anstalt mit schriftlichen Arbeiten, konnte das Anstallsterrain unbehindert passieren und wußte mit allen nur möglichen Ausgängen Bescheid. Einen Teil der Anstaltskleidung ließ er in der Umgegend liegen, nachdem er vorher Civilkleidung augelegt hatte. Sin böses Abenteuer hatte heute nachinittag gegen 2 Uhr die Familie des Eisenbahnsekretärs Brecke aus der Müllerstratze zu be- stehen. Die Ehegatten waren mit ihren beiden schulpflichttgen Knaben auf dein Wege nach Saatwinkel, als sie in der Nähe der Schieß» stände von einem wohl durch fremde Hand gereizten, wilden Bienen» schwärm überfallen wurden. Sämtliche Glieder der Familie suchten sich nach Kräften zu wehren. Vor Schmerz schreiend, produzierten sie die unglaublichsten Gliedervcrrenkungen, fuchtelten mit allen möglichen Bekleidungsstücken in der Luft umher, und machten dadurch auf sich nähernde Passanten zunächst den Eindruck, als seien sie insgesamt närrisch geworden. Weil der Weg überhaupt wenig belebt war, so vergingen lvohl 19 Minuten, bis sich genügende HilfSmannschast beisammen fand, den starken, immer wieder vordringenden Schwärm zu ver» scheuchen. Auffallend verschieden zeigte sich die Wirkung des Bienen» giftcs bei den Familiengliedern. Jedes hatte etwa 19—12 Stiche im Gesicht, am Halse und an den Händen davongettagen. Aber während die Frau und der ältere Knabe gegen das Gift geradezu immun schienen, bildeten sich bei dem Jüngsten dicke Geschwülste, unk r Familienvater, ein robuster Vierziger, war durch etwa 19 Stiche so imr» 5>enommen. daß er sich niederlegen mußte. Er klagte iiber Herz- chwäche und ein ihm ganz fremdes, schweres nervales Unbehagen, wie er denn auch beim Gestochenwerdcn den heftigsten Schmerz er- fahren und am lautesten geschrien hatte. Sein Zustand schien ge- radezu gefährlich und besserte sich erst, als sein dazu angehaltener Aeltester ihm die Wunden einzeln ausgesogen hatte und diese mit Salmiakgeist betupft waren, den ein umsichtiger Spaziergänger mit sich führte. Wegen Wechselfälschnug wurde ein Agent Hugo Flatauer aus Friedenau festgenommen. Der Mann war erst seit kurzer Zeit bei einer Versicherungsanstalt angestellt. Um einen Vorschuh, den er von seinem Direktor erhalten hatte, zu decken, gab er fünf Wechsel, da er Geld nicht besah. Nachdem er nun einige„faule" Versicherungs- anträge gebracht hatte, erkundigte sich der arglvöhnisch gewordene Direktor einmal nach dem Acceptanten der Wechsel und erfuhr jetzt, dah alle fünf Namen gefälscht waren. Der Direktor zeigte die Fälschungen an, und der Agent wurde verhaftet. Berliner Schlafwagcnbeamte verhaftet. Ueber die Verhaftung zweier Berliner Eisenbahnbediensteter werden aus Karlsbad folgende Einzelheiten gemeldet. Auf Antrag des Untersuchungsrichters bei dem königlichen Landgericht in Zwickau wurden gestern durch einen sächsischen Kriminalbeamten im Einvernehmen mit der Karlsbader Polizei zwei Bedienstete der Internationalen Schlafwagengesellschaft in Paris Namens D n d e ck und Bachem aus Berlin verhaftet und noch im Laufe des Tages in da-Z Untersuchungsgefängnis in Zwickau eingeliefert. Die Verhafteten werden der Begünstigung beschuldigt. Sie stehen in dem dringenden Verdacht, dem im Dezember vorigen Jahres nach Unterschlagung und Diebstahl amtlicher Gelder flüchtig gewordenen Gemeinde- und Sparkassenkassiercr Colditz aus Nieder- Planitz in der Absicht, ihn der Bestrafung zu entziehen, wissentlich Beistand geleistet zu haben. Sie sollen Colditz, nachdem sie durch ihn von seinen Verfehlungen unterrichtet worden waren, bei seiner weiteren Flucht und bei der Unterbringung der von ihm veruntreuten Summen durch Rat und That unterstützt haben. Insbesondere sollen sie Colditz, den sie gelegentlich seiner Flucht im Exprehzuge kennen gelernt hatten, Ausweispapiere verschafft und ihm geholfen haben, die gestohlenen Gelder„klein" zu machen. Einen traurigen Tod hat der sieben Jahre alte Sohn Walter des Töpfers Guten schwager aus der Prinz Eugenstr. 5 ge- funden. Frau G. ging vorgestern auf einen Augenblick zun, Kohlen- Händler, der in ihrer Nachbarschaft wohnt. Ihren Sohn ließ sie mit seiner dreijährigen Schwester Klara in der Wohnung. Der Knabe kam nun auf den unglücklichen Gedanken, sich auf dem Spiritus- kocher Kaffee aufzuwärmen, Da er ihn nicht zu handhaben wußte, explodierte der Kocher, und die Flamme setzte ihm die Kleidung auf der Brust in Brand. Nun kroch er, während seine Schwester ratlos im Nebenzimmer stand, vor Angst und Schmerzen ins Bett. Der Qualm des brennenden Bettzeugs machte Hausgenossen auf den Unfall aufmerksam. Diese löschten mit Hilfe der Mutter, die jetzt zurückkehrte, das Feuer und brachten den Knaben nach dem Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhaus in der Reinickendorferstraße. Dort ist gestern der Aermste gestorben. Das kleine Mädchen war unversehrt geblieben. Ein größerer Brand kam gestern mittag in der Rosenstraße 13, einem uralten zweistöckigen Gebäude, zum Ausbruch. Im Dachgeschoß, wo drei Parteien wohnen, von denen zwei nicht daheim waren, kam das Feuer aus bisher nicht ermittelter Ursache aus und erfaßte das Dachgebälk. Die Feuerwehr unter Leitung des Brand- meisters ElSner griff über eine mechanische Leiter mit mehreren Schlauchleitungen kräftig an mkd es gelang, das Feuer auf das Dachgeschoß und den Dachstuhl zu beschränken. Die zweite Etage hat durch das eingedrungene Wasser etwas gelitten. Die Möbel, besonders Küchengeräte der Mieter, sind vernichtet. Jammernd liefen diese umher: sie haben nichts versichert und keine Wohnung. Die Polizei wird es kaum gestatten, daß das Dachgeschoß später wieder bezogen wird, weil daS Haus schon mehr einer Ruine, als einem Mietshause in Berlin ähnlich sieht. Wenn man auf dem Hofe steht, glaubt man sich ins Mittelalter zurückversetzt. Fenerbencht. Neben dem Dachstuhlbrande in der Rosenstr. 13 hatte die Wehr in den letzten 21 Stunden noch über ein Dutzend andre Brände zu beseitigen. Mitiwochnachmittag gegen 3 Uhr wurde sie nach der Alexandrinenstr. 105/103 gerufen, weil hier im zweiten Stock des linken Seitenflügels in einer Wohnstube Feuer ausgekommen war. Der 17. Löschzug beseitigte die Gefahr in kurzer Zeit. Mehr Arbeit machte ein zweiter Wohnungsbrand, der in der Nacht zum Mittwoch am Äronprinzen-Ufer 1 entstand. Betten, Möbel, Decken«. standen in Flammen und mußte tüchtig Wasser gegeben werden, um sie auf die Wohnung zu beschränken. Ein dritter Wohnungsbrand beschäftigte die Wcbr später in der Gueisenaustr. 40 kurze Zeit. Pappkartons und ein Teil des Treppen- geländers hatten zur selben Zeit in der Reichenbergerstr. 4 Feuer gefangen, während in der Hnssitcnstr. 62 Portieren'in Brand ge- raten waren. Wegen eines Verkehrshindernisses wurde die Wehr früh bald nach 3 Uhr nach dem Königsplatz gernfen. Ein beladeuer Wagen war umgestürzt und hemmte so den Verkehr. Die Wehr richtete den schwere« Wagen wieder auf. Alle übrigen Alar- mierungcn, die noch in der Zwischenzeit einliefen, betrafen ganz un- bedeutende Brände, die vor Eintteffen der Löschzüge bereits von Hansbewohnern gelöscht waren. CirkuS Sarrasani hat seit gestern einen großen Kllnstlerwechsel zu verzeichnen. Obenan steht als sensationelle Novität die Parterre- Akrobatenttuppe„The 5 Goß", wohl die renommierteste Akrobaten- truppe der Gegenwart. Völlig neu ist das Kraftakrobaten-Paar The SandwinaZ, ein untersetzter vorzüglich gebauter Krafttnrner und ein Hünenweib mit kolossalen Kräften. Auch die Keulen- und Reifen- jongleure The CronayS, die 5 Havanuaschweine des Mr. V. Ralph und die vielen neuen Dressuren des bekannten Schulreiters Jansly sind Novitäten ersten Range?. Herr JanSly hat jetzt zlvci schöne Tigerhengste dressiert, von denen der eine sich als Apporteur, der andre als Strickspringer produziert. Auch Nladin und Sultan, zlvei Hengste in Freiheit, bieten eine wunderhübsche Arbeit, die ihren, Dresseur alle Ehre macht. Wintergarten. Mit einem zwar nicht gleichwertigen, aber über- auS reichen Programm hat der Wintergarten die neue Saison er- öffnet. Verdient das italienische Harscuörchester das Prädikat inter- efsant, Paula Wonn, die Operettensonbrctte, daS Lob recht gut, so mutz be, vier andern Nummern de» Programms uuumlvunden zu- gegeben werden, daß sie eine derartige Vollendung anflvcisen, daß ein „Nock mehr" undenkbar erscheint. Das sind die als Hochturuer sich präsentierenden drei Mctcores, der ausgezeichnete Bauchredner Rudolf Segonnner, die Mimiker Severin und Mlle. Dorville, und vor allem die unter dem Namen Klein-Familie auftretenden Kunst- Radfahrer. Selbst der hartgesottenste Feind des Varistö wird diesen Nummern seine Bewunderung nicht versagen. Schönheit der Be- wegung, der Linie, vornehme Eleganz und Grazie machen die Leistungen der Äleinfainilie und der Hochturner mit ihrem kühnen L'/z fachen Saltomortale zu wirklich vollendet schönen Kunftlverken. Demgegenüber verschmerzt man leicht die Minderwertigkeit einer Rumnier wie das Gesang?- und Tanz-Ensemble der acht Coktails. fiUQ den ISacbbarovlen. Zn dem Unglück beim Bau der Ober-Realschule in Rummels- bürg wird uns noch mitgeteilt: Die Aufleger hatten an der einen Seite nur» Centimetcr Tiefe: wie ist es möglich, daß solches polizeilich zulässig ist? Bei größerem Auflager von 13 Centimeter würden die Eifcneinlagen noch einigen Halt geboten haben. Der Cement mutz untersucht werden, die Betonmischung ist jedenfalls bei zu starker Hitze ausgeführt und außerdem war die Mischung jeden- falls zu mager; auch sollen die Decken von italienischen Arbeiten, hergestellt sein. Die Baupolizei in Berlin bringt in einer vom 23. Juni 1903 datierten Verfügung für derartige Decken eine Zug- spannung von 3800 bis 6000 Kilogramm in Ansatz. Aufklärung über die Ursachen des Unglücks ist dringend geboten. Ueber die Er- gebnisse der Untersuchung durch eine Baukommission, an deren Spitze der Baurat Langen stand, ist noch nichts bekannt geworden. Reinickendorf. Die Gemeindevertretung erklärte sich am letzten Montag prineipiell für die Bildung eines Fonds zur Unterbringung Lstl n genkranker in Heilanstalten. Es soll eine Sammlung unter den bemittelten Einwohnern Reinickendorfs veranstaltet werden; außerdem wird vom nächsten Etatsjahr ab ein noch zu bestimmender jährlicher Zuschuß von der Gemeinde geleistet werden. Die Unter- stütznng aus diesem Fonds wird als Armemmterstützung nicht angesehen. Dem allgemeinen öffentlichen Bedürfnisse entsprechend soll die Desinfektionsanstalt im Armenhaufe umgebaut und vervollständigt werden. Der frühere Beschluß der Gemeindevertretung, auf unbebaute Grundstücke 2 Proz. Umsatzsteuer zu erheben, wurde vom KreisauSschutz nicht genehmigt. Die Ver- tretung beschloß deshalb. IVa Proz. zu erheben. Ferner soll die Gebnudesteuer nicht wie bisher vom nächst?» Etatsjahr, sondern vom nächstet, Quartal nach Vollendung der Baulichkeiten zur Erhebung gelangen. Ueber den Antrag des Grundbesitzer-Vereins Reinicken- dorf-West, betreffs Mehranstelluug von Polizei-Exekutivbeamten, ging die Versammlung mit der Motivierung zur Tagesordnung über, daß bei der nächsten Etatsaufftellung die Angelegenheit in Erwägung gezogen werden soll. „Tie Kah' im Sack kaufen" sollen— wenn es nach dem Willen der Heeresverwaltung geht— die Spandauer Staats- a r b e i t e r. Wir berichteten neulich von den jahrlaug genährten Wünschen und Hoffnungen, welche die Arbeiter der Spandauer Militärwerkstätten der längst angekündigten„neuen Lohn- o r d n u n g entgegengebracht haben. Im Reichstage hatte der Kriegs- minister eine Ausgabe für den Monat Mai als Endtermin in sichere Aussicht gestellt. Erst dieser Tage aber erhielten die Arbeiter- ausschüsse der verschiedenen Institute zum ersten Male Kenntnis von der vielverheitzenden„neuen Lohnordnung" und nun mit einem Mal suchen die in Betracht kommenden Instanzen die Zustimmung der Ausschüsse so zu forcieren, noch dazu auf eine eigne Art, datz ganz allgemein von den Arbeitern die Mutmaßung ausgesprochen wird, daß da„etwas im Rohre" sein müsse. Den Arbeiterausfchüssen wurde nämlich von den Vertretern der Direktion das ca. 3 2 Seiten lange Monstrum von Lohnordnung einschließlich der verschiedenen Lohntafeln dadurch zur Kenntnis gebracht, datz man sie ihnen vorlas und alsdann an die Ausschutzmitglieder das Ansinnen richtete, spätestens in einer Woche ihre etwaigen Aus- stellungen zu machen. Die Erteilung einer vollständigen A b- s ch r i f t der ganzen Lohnordnung wurde den Ausschüssen ver- weigert und ein entsprechender Antrag, den die Ausschüsse jeder für sich stellten, offenbar auf eine dahingehende Weisung aus Berlin abgelehnt. Da sich die Ausschüsse somit außer stände sehen, den ihnen vorgelesenen Entwurf gewissenhaft zu prüfen, und noch weniger die Prüfung in Gemeinschaft mit ihren Mandatgebern, den Arbeitern, vorzunehmen, so haben sich bereits, wie wir hören, einzelne Arbeiterausschüsse entschloffen, unter solchen Um- ständen unter Protest jede Wirkung an dem Zustandekommen der neuen Lohnordnung und also jede Verantwortung rundweg abzulehnen. Die Ausschüsse thun auch klug daran, denn sicher ist bereits das eine, daß der Entwurf keine erheblichen Verbesserungen, da- gegen einige einschneidende Verschlechterungen enthält; so soll z. B. die„Säurezulage", welche den mit besonders giftigen Stoffen hantierenden Arbeitern jetzt gezahlt wird, und die für den zehn- stündigen Arbeitstag 1 M. beträgt, zukünftig in Fortfall kommen, und es können solche Arbeiter statt dessen in die höhere Lohngruppe versetzt werden. Abgesehen davon, datz dann das „Wohlwollen" der Meister usw. noch eine größere Rolle spielen würde als jetzt, so würden die Arbeiter dann auch ein entsprechend erhöhtes Arbeitspensum zu leisten haben und sich also auf jeden Fall schlechter stehen als bisher. Hoffentlich halten die Arbeiter- ausschüsse und vor allem die beteiligten Staatsarbeiter die Augen offen, um sich vor weiterem Schaden zu bewahren. Dem Arbeitgeber„Staat" gegenüber ist das allerschärfste Miß- trauen der Arbeiter sicherlich angebracht. Vermiscbtes. Der Waldbrand bei Primkenau ist vielleicht der grötzte, der in Deutschland in neuerer Zeit vorgekommen ist. Das betroffene Wald- gebiet ist, wie der„Täglichen Rundschau" geschrieben wird, im Norden von dem Flützchen Sprotte, im Westen vom Bober begrenzt und erstreckt sich von Nord nach Süd über 24 Kilometer, von Ost nach West rund 20 Kilometer. Es setzt sich zusammen aus dem Sprottauer Stadtforst, dem Primkenauer Forst, dem Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein gehörig, dem Bunzlauer, Modlauer und Kotzenauer Forst, letztere Eigentum des Grafen Dohna- Kotzcnau. Das Feuer entstand wahrscheinlich durch Funkeuauswur einer Lokomotive, auf der Bahnstrecke Liegnitz-Sagan, beim Dorfe Ober-Leschcn und pflanzte sich, vom Weststurm getrieben, in rasender Eile in der Richtung auf die mitten im Walde gelegene Siedlung Neu-Vorwerk von 12 Gehöften mit 36 Einwohnern fort. Das Dor war binnen 10 Minuten ein Raub der Flammen. Die Einwohner konnten nichts thun, als in vollem Lauf ihr Leben retten. Alles Vieh und alle Habseligkeiten verbrannten; die unbemittelten Leute waren nicht versichert.— Die Bekämpfung eines Waldbrandes ge- schieht durch gezogene Gräben; hier war sie machtlos, obgleich diele hundert Hüttenlcute aus Primkenau, ein ganzes Aufgebot von Feuerwehren und Landleutcn, Artillcriemannschaftcn aus Sprottau, ein Bataillon Infanterie und ein Bataillon Pioniere aus Glogau sehr schnell eintrafen, da die Brandstätten zu groß waren und das Feuer sich in zu verschiedenen Richtungen fortpflanzte. Es kam vielfach vor, daß das Feuer über die Arbeiterlinie hinwegsprang, die sich nur in schleuniger Flucht, viele unter Wegwerfung von Spaten und Hacke, retten konnten. Typhus in Paris? Die Mahnung der Pariser Präfektur an die Pariser Bevölkerung, datz es sich empfehle, bis auf weiteres nur gekochtes Wasser zu trinken, wird damit begründet, datz in der un- mittelbaren Nachbarschaft einer der Quellen, die Paris mit Trink- Wasser versorgen, der, Typhus ausgebrochen ist. Tie Dürre. Die Kölner Pegelhöhe zeigt gegenwärtig einen Wasserstand von 1,15 Meter, so datz die Schleppschiffahrt über Nacht zwischen Köln und Mannheim vollständig eingestellt ist. Auch der Kauber Pegel nähert sich allmählich der für die Schiffahrt gezogenen Grenze von 1,30 Meter. Die vollständige Einstellung der oberrheinischen Schiffahrt steht bevor, wenn die trockene Witte- rung weiter anhält. Im Ruhrgebiet ruft der niedrige Ruhr- sowie der Nhcinwasserstaud empfindliche Stockungen hervor. Eine Feuersbrunst hat die ungarische Stadt Gyöngyös (Komitat Heves) zerstört; 500 Häuser und zahlreiche Nebengebäude sind vernichtet worden. Eine große Menge Vieh, Getreide und Juttervorräte fielen den Flammen zum Opfer. Infolge Wasser- mangels konnten Löscharbciten nicht vorgenommen werden. In der Ortschaft Kissutz- Neustadt(Trcncsin) brach Tienstagmittag Feuer aus, das infolge Wassermangels große Aus- dehnung annahm. Insgesamt sind 300 Häuser mit Nebengebäuden niedergebrannt; 6 Personen sind in den Flammen umgekommen. Tie Bevölkerung ist obdachlos. Ter Jurist als Kneipwirt. Man berichtet uns unterm 16. August aus Halle: In einer Zeit, in der die Jurisprudenz in ein so schlechtes Licht geraten ist, mutz es als erfreulich bezeichnet werden, datz der stuck, jur. Ziegel von hier, nachdem er in Greifs- wald und mlle 16 Semester Jura„genossen" hat, der Juristerei Palet sagte und ehrbarer Bierwirt wurde. Jedenfalls kann er als „akadcmifch gebildeter Gastwirt" mit seinen juristischen Kenntnissen lein Unheil anrichten. Datz er sich in den 16 Semestern bei seinem Studium nicht allzu sehr„abgerackert" hat, dafür sorgten die Forschungen auf dem Gebiete der„Bierologie". Aber auch in te« neuen Berufe ist es dem Jünger der Rechtswissenschaft schlecht er» gangen. Bei der Uebernahme der Kneipe„Zur fröhlichen Wieder- kehr" versagten seine juristischen Kenntnisse gänzlich, und man hat ihn, wie man so zu sagen pflegt, gründlich übcr's Ohr gehauen. Mit der Gattin des früheren Besitzers jener Kneipe kani er in Streit. Die Frau brachte dem Z. im Gesicht einige Kratzwuuden bei. Gegen- wärtig klagt sich der so maltraitierte Jurist auch noch vor dem Gewerbegericht mit seiner Wirtschafterin, Frau Lebusch, die ihn unter anderm„Lump" genannt haben soll. Die Verhandlung wurde vertagt. Ein polizeilicher Mißgriff in Thorn. Die Zahl der polizeilichen Mißgriffe ist um einen sehr krassen Fall, der sich vor einigen Tagen in Thorn zutrug, bereichert worden. Am Freitagabend ging die verheiratete Schauspielerin Jahn, die in Thorn ihre Niederkunft abwartet, mit ihrem Mann die nach Mocker führende Straße ent- lang. Das Ehepaar geriet unterwegs in Meinungsverschiedenheiten miteinander, die in einen Wortwechsel ausllangen. Plötzlich trat ein Schutzmann an die Frau heran und sagte ihr, sie sei eine lieber- liche Dirne und müsse ihm zur Wache folgen. Den Einwurf des Mannes, datz es seine Frau sei, wies der Schutzmann barsch mit den Worten zurück:„Das könne jeder sagen!" Trotz des Protestes beider Personen wurde die Frau auf die Polizeiwache geführt und mutzte bis zum andern Morgen im Polizeigcwahrsam bleiben. Während der Nacht kam der Schutzmann ivicderholt in die Zelle und hielt der Frau vor, datz sie einen liederlichen Lebenswandel führe und sogar schon schwanger sei. Am Sonnabendmorgen sollte Frau Jahn von dem Polizeiarzt untersucht werden, der jedoch Ab- stand nahm, als die Inhaftierte ihm ihre Schicksale erzählte und sie zum Polizei-Jnspektor führte. Hier wurde die Frau mit den Worten entlassen:„Es wird sich alles aufklärenl" Bis heute ist aber noch keine Aufklärung erfolgt. Minsk, 17. August. Die Stadt Wolofhin(Gouvernement Wilna) ist durch eine Feuersbrunst vollständig zerstört worden. Ans Toulon wird gemeldet: Ein Omnibus stürzte in voller Fahrt infolge eines Radbruchs um. 30 Passagiere wurden mehr oder minder schwer verletzt; ein 19jähriges Mädchen wurde sterbend ins Hospital gebracht. Schisfskatastrophe. Wie aus Per im gemeldet wird, ist der* englische Dampfer„J s m a r e" mit einem andern Schiff zusammen- gestoßen, welches 60 Passagiere an Bord hatte. Das letztere Schiff sank, 40 Personen konnten gerettet werden. Photographieren am Meeresgrunde. Ein Gelehrter der Pariser Universität, Louis Boutan, hat am Meeresgrunde mit Hilfe eines Scheinwerfers Bilder von dem Leben unter Wasser aufgenommen. Einem Bericht, den er darüber im„American" veröffentlicht, ist folgendes entnommen: „Meine Versuche mit unterseeischer Photographie wurden im Arago-Laboratorium ausgeführt. Ich benutzte dazu einen Taucher- anzug, den ich für meine Zwecke jedoch erst mannigfach verbessern mutzte. So fügte ich dem Helm ein Sprachrohr ein, so datz ich mich stets nach oben verständigen konnte, dann eine Erdöllampe, die vom elm durch ein Rohr mit Lust versorgt wurde. Ich hatte eine etektivkamera, so wie sie zur Aufnahme von Augenblicksbildern gebraucht wird. Die Kamera steckte in einem wasserdichten Kupfer- kästen mit Glaslöchern für das Objekt, den Sucher usw. Ich kann kaum mit Worten das seltsame Entzücken und die Schrecken einer Wanderung über ein Oceanbett beschreiben. Alles erscheint� un- geheuerlich groß. Die vorherrschende Farbe ist eine zarte, ständig wechselnde Schattierung von Grün; aber es giebt auch rosa, pur- purne und andersfarbige Pflanzen. Aus dem grünen Schimmer springen einem plötzlich Gegenstände entgegen. Ein Fisch, der in wenigen Fuß Entfernung klein erscheint, nimmt Riesenverhältnisse an, springt einem förmlich ins Gesicht und verschwindet. Das Bett der Bucht, in der ich arbeitete, trägt üppigen Pftanzenwuchs. Die Stengel stiegen bis zur Spitze meines Helms, und nur mühsam stieß ich sie beim Vordringen beiseite. Sehr bemerkenswert war es zu beobachten, wie die verschiedenen Fischfamilien sich bei meinem Komnien benahmen. Die Schafbrassen zog zuerst das Gurgeln de? Wassers vom Helin an, aber sobald ihre Neugier befriedigt war, flohen sie erschreckt. Die Knurrhähne fraßen im Schlamm weiter, ohne mich zu beachten. Manchmal trat ich fast auf Familien kleiner Schollen, so schwer waren diese Plattfische vom Sand zu entfernen. Als Köder für die Fische brauchte ich Seeigel und Ringelwürmer, die ich zwischen die Kamera und einen weitzbemalten Zinnschirm, der mir als guter Hintergrund diente, legte. Das lockte sie in Scharen an. Besonders fesselte mich ein Taschenkrebs, der sich von kleinen, zweischaligcn Muscheln nährte. Jedesmal, wenn eine Muschel ihre Schalen öffnete, um zu fressen, kam er aus seinem Loch und fing die Muschel. Augenscheinlich ließ er sich ganz vom Klang leiten. Während er speiste, machte ich eine Aufnahme von ihm. Der auffallendste Gegenstand, den ich erwählte, war ein schön- gefärbter Salamander mit Jungen und Eiern." Während Bouton diese Aufnahmen persönlich auf dem MeereS- gründe machte, hat er seine Vorrichtung so vervollkommnet, datz sie auch selbstthätig wirkt; er kann jetzt lebendähnliche Bilder des unter- seeischen Lebens in einer Tiefe von fast 600 Fuß aufnehmen. Vrlefkaften der Redaktion. H. B. 106. BetriebS-Vcrwaltung: Köthenerstr. IS.— A. Z. 101, Krautswatze.— Tyiirneysserftrasie. Vorwärts: 1. Januar 1891.— SS. N. 28. Wenden Sie sich an die Vermalwng einer Auto-Fabrik.— Saugesbruder. Dagegen existiert kein besonderes Heil- oder Zaubcrmittel. Nur durch unausgesetzte, gute Schulung der Stimme zu überwinden oder wenigstens zu mildern.— Adebar. Die erste regelrechte Beteiligung der Socialdcmokratie an den Stadtvcrordnctenwahlen war im Jahre 1883, als die Regierung die Stadtverordncten-Versammlung ausgelöst und die Neu. Wahlen aus den 18., 19. und 20. Oktober angesetzt hatte. Damals siegt» Singer im 11. Wahlbezirk mit 822 Stimmen, Tutzauer in der Stichwahl im 15. Bezirk mit 741 Stimmen, Goerki desgleichen im 13. Bezirk mit 773. Ewald ebenso im 14. Bezirk mit 721 Stimmen und Herold(in der Stich. wähl vom 29. Dezember) mit uns unbekannter Stimmenzahl. Nach den Wahlen vom November 1903 hatte die socialdcmolratische Stadtverordneten. Fraktion 33 Mandate, von denen das Mandat des Genossen Kerfin für ungültig erklärt wurde.— 9870. Nein.— 4550. Ja.— 1256. Paris, Brüssel, Zürich, London, Paris und Amsterdam. ■jimftifchcr Ccil. Die juriftlsche Tprcchstnndc findet täglich init Ausnahme des Soiinabeud» von?'/» vis v'/, Uhr abends statt. tSeiliknet: 7 Uhr. Riete. Nein.— Forst. 1. Drei Jahre. 2. 50 M.». Da die Klage an das Amtsgericht Forst zu richten ist, Sie also im Termin in Forst ver- treten sein müssen, bcaustragen Sie am besten einen hiesigen Anwalt. 4. Kosten gering.— Karde. Invalidenrente. Zur Altersrente würden die geklebten Marken wohl auch kaum reichen.— BS. G. 1. Klage beim Gewerbegericht Berlin. 2. Am besten treten alle ihre Ansprüche an den Kolonnensührer zur Einklagung ab.— Münder. 1. Ehemann ein Viertel, Kinder drei Viertel. 2. Doktorkosten trägt der Mann, Begräbniskosten Erbmasse. 3. Ehemann würde die Kinder beerben, d. h. also, den ganzen Nachlaß der Frau erhalten. 4. Der Mann erhält im Voraus gar nichts.— F. 100. Die Abweisung ist zu Unrecht erfolgt. Die Frau kamt noch auf Scheidung klagen.— Million. Nein. C. H. 4. 1. Wenn die Frau ihren Mann sonst in MietSangelegenHeilen zu vertreten pflegt, ist der Mann auch in diesem Falle an die mit ihr ge- Iroffene Abmachung gebunden. 2. Der Mann muß den Ersatzmieter an- nehmen, der allen vcrnünstigcrweise zu stellenden Ansordcrungen an Zahlungssähigkeit, Solidität usw. mindestens so genügt wie Sie und Ihre Familie. Ersatzmieter, die diesen Anforderungen nicht genügen, braucht er nicht anzunehmen.— L. T. 1856. 1. und 2. Ja. 3. und 4. Rein. Marktpreise von Berlin am 16. August. Nach Ermitielungen des kgk. Polizei-Präsidiums. Für 1 Doppel-Ccntncr: Weizen"), gut- Sötte 17,70-17.64 M., mittel 17,58-17.52 M.. geringe 17,46-17.40 M. Roggen"), gute Sorte 13,80-13,78 M.. mittel 13.76-13.74 M.. geringe 13.72—13,70 M. Futlergerste*), gute Sorte 14,70—14,10 M.. mittel 14,00 bis 13,40 M., geringe 13,30—12,80 M. Hafer"), gute Sorte 16,40— 15,70 M., mittel 15,60—14,90 M., geringe 14,80—14,10 M. Erbsen, gelbe, zum Koche» 40 00—28 00 M. Spcisebohncn. weiße 50,00—26,00 M. Linsen 60,00—25,00 M. Kartoffeln, neue, 12.00-8,00 M. Richtstroh 4.70-4.00 M. Heu 8,40—6,00 SN. Für 1 Kilogramm Butler 2,60—2,00 M. Eier Per Schock 4,00—2,40 M. ») Frei Wagen und ab Bahn.") Ab Bahn. Nör den Inhalt der Inserate tiberuimmt die Redaktion dem Publiknm gegenüber keinerlei Berantwortnng. Zhcatcr. Donnerstag, den 18. A u g u st. Anfang VI, Uhr: Neue« königl. Opern> Theater. Der Zigeunerbaron. Belle-AUiance. Kam'rad Lehmann. Ansang 3 Uhr. Schiller«.(Wallner« Theater.) Westen. Ll>'l>c?dandel. Berliner. Zapfenstreich. NeueS. Einen Jux will er sich machen. Residen». Die 300 Tage. Kleines. Nachtasyl. Trtanon. Die Notbrücke. Metropol. Ein tolle» Jahr. Apollo. Venus auf Erden. Speciall> täten. Herrnfeld.Theater. NureineNacht. Am andern Morgen. Gtadt-Theater Moabit. Der reiche Pustekohl. Wintergarten. Spectalitäten. Reichshallen. Stettincr Sänger. Passage-Theater. La belle Georgette. Specialitälen. Ansang 3 Uhr. Urania. Taubenstraste 48/4». Die Weltausstellung in St. LouiS. An den Seen Obcritaliens. Jnvalidenstraste»7/«!«. Stenr warte. Täglich geössnet von 7 bi» ll Uhr. Htm Theater. Schiffbauerdamm 4a— 6. Einen Jux will er sieh niaeiien. Ansang 8 Uhr. Morgen: Kabale und Liebe. Centrai-Theater 8 Uhr: Hinakterabend aus Frist ReuterS Werken: 1. Olle Kamellen. 2. Läuschen und Rtemel». 3. Hann« Rütes Abschied. 4. Jochen Päscl. b. Bräfig» letztes Stündlein. 0. Ein kleiner Beamter. Emil Richard, tgl. Hosschauspicler, a. G. Morgen und solgenoe Tage: Die- selbe Vorstellung. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Die 300 Tage. Schwank In 3 Akten von Paul Gevault u. Robert Cbarwey. Deutsch v. A.HaIm. Herr Richard Alexander in der _ Hauptrolle._ Kleines Theater. Unter den Lindm 44. NacfrtaszsI. Ansang 8 Uhr. Morgen; Kachtaayl._ Trianon-Theater. Georgenstrasie zwischen Friedrich- und Universitätsswatze. Die Notbrücke. Luftspiel in 3 Akten von Fred Gresac und Francis de Croisset. W>U~ Sl n s a n g 8 Uhr.-ME fielle-iiiiance-Theater. Täglich abend» 8 Uhr: Kamerad Lehmann. Militärposse mit Gesang und Tanz in 4 Akten. Im Sommcrgartcn Anfang S Uhr: Gurt Goldmann• Konzert und groeee Special Haien- Voretell ung._ Apollo-Theater. 7'/. uhr: Garten-Konzert. 8 Uhr: Tenus auf Erden. Operette LWvKS. Vj, Uhr: Die phänomenalen Attraktionen des grossen fiiigust-Programnis uiiii Roh. Steidl 1 1 mit neuen Schlagern. Metropol-Theater Der giüsste Erfolg dieses Jahres Gr. dramatisch-satirisohe Revue in 6 Bildern von Julius Freund. 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Keine Konkurrenz ist imstande, solch reelle Ware aus den Markt zu bringen, wie ich dieselbe in meinen bewährten Käse-Post-Colli Sortierungen I und lU biete. Für Haushaltungen M. 7,07, für Reftaura- teure M. 7,35 franko Nachn. Erauifite Oualit., große Reichhalttgkett. 0. Malsch Nachf., Memmingen, daher. Allgäu. Alle Wanzen werden nebst Brut durch mew Mittel vollständig vertilgt.— Fl- 60 Pf. u. 1,0«.— Ebenso Schwaben, Russen, Franzosen, Blattläuse m Schtl. 80 Ps.. 60 Ps. u. 1,00. 591Ui» — Zahlreiche Anerkennungen.— 1000 Mark Belohnung zahle demjenigen, der mir einen Nicht. erfolg nachweist. Nur allein echt bei Hugo Barth, Droguerie, jetzt Brunnen- straffe 14, früher Nr. 18. Kran;- und Klumenbilldem m Roher! Heyer,. unr Marmnkll-Straße 2. VereinS-Kränze, Palmen- u. Blumen- Arrangement». Bouquets, Guirlanden usw. werden sein u. preiswert geliesert. Berantw. Redakteur: Paul Büttner. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Knick».Verlag: Vorwärts Buchoruckerei u. Berlagöanltalt Paul Singer& Co.. Berlm SW. Dr. 193. 21. Jahrgang. 2. Sfilnje Ks Jimärts" Iftlinct WMM Donnerstag, 18. Angust 1904. Schutzzollpolitik und soeialdemokratische Arbeiterpolitik. m. Freihandel oder AgrarzöNe? Schippel läßt jedoch nicht nur die politische Seite der Schutz- zollsrage gaiiß außer Betracht; er arbeitet in seiner Argumentation auch meist init bloß gedachten und erdachten Verhältnissen, nicht mit den geschichtlich gegebenen. So sucht er denn auch im Anfang zu seinem vierten Artikel lang und breit auseinanderzusetzen, daß es sich überhaupt nicht um generelle Entscheidungen, sondern lediglich darum handelt, den Industriezweigen, die nicht konkurrenz- fähig sind, einen Schutz zu gewähren: „In dieser oder jener Produktionssphäre ist uns dieses und jenes Ausland infolge besonderer wirtschaftsgeschichtlicher Umstände zienilich weit vorausgeeilt. Es stützt sich im Augenblick bereits auf eine in langen Jahren zu hoher Leistungsfähigkeit herangewachsene Großherstellung, auf eine gleichfalls in langen Jahren herangezogene geschulte(Special») Arbeiterschaft— was beides die Erzeugungskoften im Vergleich mit dem unent- Wickelteren Stadium wesentlich herabgesenkt hat. Es stützt sich weiter auf einen mit der Zeit errungenen und nun fast unerschütter- lich beherrschten nationalen und internasionalen Absatzmarkt, auf ein in allmählicher Anpassung mühsam entwickeltes Transport- system— was beides die Vertriebskosten gegen den Anfangs- zustand tief erniedrigt hat und rückivirkend wieder die Großherstellung stützt. Dieser ausländische Produktionszweig rechnet vielleicht weiter noch mit einem staatlich vollkommen ungeschützten Arbeiter- Ausbeutungsmaterial, mit einem Zollschutz, der sich längst für den Export in einen thatsächlichen Ausfuhrzuschuß umgewandelt. hat.— Haben wir in solcher Lage ein Interesse daran, diese Produktion auch bei uns heimisch zu machen, uns Techniker und Arbeiter dafür heranzuziehen, uns dafür ein Absatzgebiet zu er- kämpfen? Und können wir das alles? Können wir das, trotz unsres im allgemeinen durchaus berechtigten deutschen Selbst- gefühls und Kraftbewußtseins, bei freier internationaler Kon- kurrenz? Und selbst wenn wir es können, ist es nicht viel ziel- führender und vernünftiger, die überlegene und indirekt sogar noch subventionierte Auslandskonkurrenz zunächst durch einen Zoll in ihrem Anprall zu mäßigen und vom heimischen Markt mit der Zeit zurückzudämmen?" Das ist eine recht schöne Konstruktion, nur fehlt ihr jedes Fundament. Die Schutzpolitik, von der Schippe! hier spricht, ist unter den deutschen Verhältnissen— und diese kommen für uns in Betracht, nicht irgend welche erdachten des Mars oder eines andern glücklicheren Sternes— nicht möglich; denn über die Art und Höhe der einzelnen Zölle wie über die Gestaltung des ganzen Tarifs e n t- scheidet nicht die Schutzbedürftigkeit der einzelnen Industriezweige und-zweiglein, sondern die privatwirtschaftlichen Interessen der verschiedenen koalierten schutzzöllnerischen Gruppen: die Verbände der Großindustriellen, der Land- und Bauernbündler. DerZoll- tarif ist ein Kompromiß aller dieser Gruppen, und wie im einzelnen Fall der Zoll bemesien wird, richtet sich nicht nach der thatsächlichen Schutz- bedürftigkeit der einzelnen Branchen, sondern nach ihrem Einfluß im zollpolitischen Gesamtkonzert, nach dem Grad ihres Zu- geständnisses an andre Jnleresientengruppen und nach dem wirtschaftlichen Gegensatz unter diesen. Ohne Zölle auf Gewebe keine Garnzölle, ohne Garnzölle keine Eisenzölle, ohne Jndustriezölle keine Agrarzölle— und auf dem Gebiet der Agrarzölle wieder keine Getreidezölle ohne Vieh- und Holzzölle zc. Unter diesen Umständen ist es eine mehr als kuriose Forderung, wenn Genosse Schippe! die Forderung aufstellt, unsre Partei solle nicht generell entscheiden, sondern die Zollsätze nach der Schutz- bedürftigkeit abmessen. Welchen Erfolg soll das haben? Angenommen, die Partei träfe nach sorgfältiger Prüfung wirklich eine Auswahl und erklärte: Ge- wisse industrielle Zölle halten wir für nützlich, andre für schädlich. Kann wirklich jemand, der das Stärkeverhältnis der verschiedenen Reichstagsparteien, die in der Regierung vorherrschenden Tendenzen mid den Abstimmungsmodus des Reichstags kennt, annehmen, die soeialdemokratische Frattion habe die Macht, nur diese von ihr für gut befundenen Zölle in den Zolltarif zu bringen, alle andern aber daraus fernzuhalten? Die Fraktion würde sich vielmehr alsbald vor die Frage gestellt sehen: Sollen wir, um diese von uns für angebracht gehaltenen, wenigen industriellen Schutzzölle durchzubringen, auch alle andern industriellen Zölle der koalierten Jnteressentengruppen mit in Kauf nehmen, und sollen wir ferner, da nun einmal nach den Parteiverhältnissen im Reichstage an die Durchsetzung der Jndustriezölle ohne iveit- reichende Zuge st ändnisse an die agrarische Rechte und da« Centrum nicht zu denken ist, auch für Agrar- zölle eintreten? Mit andren Worten: sollen wir, um jene wenigen Zollforderungen durchzusetzen, die uns berechtigt erscheinen, auch allen übrigen mit zur Annahme verhelfen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Schippe! scheint allerdings— scheint, sagen wir, denn wie in andren Fragen vermeidet er vorsichtig auch hier eine präcise Antwort— der Meinung zu sein, daß man, mn den Teil der Schutzzölle zu erlangen, den man für nützlich hält, auch für alle andern, und zwar auch für Agrarzölle eintreten müsse. Wenn Schippe! auch in den obigen Ausführungen mw für einen bestimmten Jndustrieschutz plädiert, so ist er doch keineswegs darüber unklar, daß in Wirklichkeit, d. h. unter den thatsächlichen Verhältnissen Deutschlands, Frankreichs und Oesterreich- Ungarns ein solcher partieller Jndustrieschutz unmöglich ist. daß der. der Industrie- zölle will, notwendigerweise auch Agrarzölle mit ,n Kauf nehmen muß. Ausführlich setzt er im ersten Teil seines achten Artikels unter Berufung auf frühere Dar- legungen in seinen.Grundzügen der Handelspolitik" aus- einander, daß die Industriellen, gezwungen durch die Macht- Verhältnisse der Parteien und die gegebene politische Lage, ihren Widerstand gegen die Forderungen des ländlichen Grundbesitzes hätten aufgeben müssen, wenn sie nicht auf ihre eignen Forderungen Verzicht leisten wollten, und daß es heute in der Praxis einen Jndustrieschutz ohne Agrarschutz nicht giebt und nicht geben kann. Ja er ist sich auch darüber klar,� daß heute der Agrarfchutz das Hauptelement der deutschen Zollpolisik ist, daö dem ganzen System seinen Charakter aufdrückt. Er sagt selbst: „In zwei Jahrzehnten, in denen die weitere Entwicklung Deutschlands zum Industriestaat noch rascher wie früher fortschritt, ist das erstmalige und damals zum Teil noch recht erzwungen- widerwillige Eintreten der Industrie für die möglichste Konservierung des alten agrarischen Preisniveaus und der alten Lebensbedingungen der deutschen Landwirtschaft daher nicht im mindesten zum Erlöschen gekommen. Im Gegenteil, man darf sagen, daß die Vereinigung von Agrar- und Industrie- schütz, die man i m A n f a n g fast allgemein für einen lebensunfähigen Wechselbalg hielt, heute erst recht, viel mehr wie vor zwei Ja hrzehnten. zum eisernen Bestand der kontrnen taleuropäischen fandelspolitik gehört...„Der Agrarschutz ildet heute den fe st en Mittelpunkt unfrer jd. h. der mitteleuropäischen) Handelspolitik überhaupt." Und noch deutlicher spricht sich Schippe! an andrer Stelle (S. 207 seiner„Handelspolitik") aus, indem er dort nach einein kurzen Ueberblick über die Entlvicklung der Schutzzollpolitik während der letzten Jahrzehnte erklärt: „Die neuere mitteleuropäische Schutzzollpolitik seit den siebziger Jahren wird vornehmlich charakterisiert durch eine V e r- einiaunavon Industrie- und Agrarzölle u. Oder dielmehr die stärkste Lebens- und Triebkraft dieses Systems ruht, ganz im Gegensatz zu dem früheren Protektionismus, gerade in den Agrar- zöllen." Schippe! weiß also, daß der von ihm verlangte partielle In- dustrieschutz ohne gleichzeitigen Agrarschutz unter den gegebenen Be- dingungen nicht möglich ist, daß daher das Eintreten für den In- dustrieschutz konsequenterweise zugleich die Bewilligung von Agrar- zöllen bedingt. Thatsächlich lautet heute die Frage nicht:„Freihandel oder industrieller Schutzzoll?", sondern„Freihandel oder Agrar- zoll?" Aber selbst, wenn man von den heutigen Verhältnissen ab- sieht und die Frage allgemein theoretisch betrachtet, bleibt die Forderung, daß, solange noch irgendwelche Industriezweige und Industriewaren nicht völlig konkurrenzfähig sind, sie durch Zölle ge- schützt werden müssen, eine Absurdität. Jedes Land erfreut sich in Bezug auf die Produktion gewisser Artikel bestimmter historischer (aus ftüheren wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen er- wachsener) und natürlicher Vorteile. Sollen alle solche Vorteile durch Zölle ausgeglichen, d. h. die Erzeugnisse aller solcher über- legeneu fremden Industrien vom Inlandsmarkt durch Zölle ferngehalten werden, so wird zwar die Folge eine starke Beschränkung der Einfuhr, die von den Hoch- agrarienr geforderte sogen. Erhaltung des inneren Marktes für die einheimische Produktion sein, zugleich aber auch eine entsprechende Verminderung der Ausfuhr; denn selbstverständlich greifen die Länder, deren Exporten der deutsche Markt entzogen wird, zu Gegenmaßnahmen, d. h. entziehen ihren Markt den deutschen Produkten. Die Folge ist dann nur, daß. was die eine Industrie auf dem einheimischen Markt an Terrain gewinnt, die andre an Terrain auf dem Auslandsmarkt verliert, daß während der einen Industrie künstlich zu einer Ausdehnung verholfen wird, die durch das Maß der für ihre Entwicklung gegebenen Vorbedingungen nicht gerechtfertigt ist, die andre mit gewissen Vorteilen vor der Auslandskonkurrenz aus- gestattete Industrie an der Geltendmachung ihrer Ueberlegenheit und der Entfaltung ihrer Produktivkräfte gehindert wird. Und als weitere Folge ergiebt sich: eine fast allgemeine, beträchtliche Erhöhung des Preisniveaus des Inlandsmarktes über das der Auslandsmärkte hinaus. Soll die Schutzzollpolitik überhaupt einen Sinn haben, so kann sie nie darauf gerichtet sein, den einheimischen Markt ausschließlich der einheimischen Industrie als Absatzgebiet sichern zu wollen, sondern nur, jenen Industrien, für welche die Vorbedingungen zur Entwicklung einer vollen Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem Ausland gegeben sind, die aber in dieser Entwicklung durch die Uebermächtig- kcit des ftemden Warenandrangcs gehemmt werden, die Möglichkeit einer schnelleren Entfaltung, gewissermaßen, wenn man so sagen darf, Ellbogenfreiheit zu verschaffen. Das ist der Gedanke, von dem ursprünglich auch List bei seiner Lehre vom„Erziehungs- zoll" ausgeht. Daraus aber ergiebt sich von selbst, daß auch vom Standpunkt einer vernünftigen Schutzzollpolitik nicht ein Land erst dann als reif für den Freihandel gelten kann, wenn alle seine Industrien, auch diejenigen, denen die Vorbedingungen zur vollen Entwicklung fehlen, konkurrenzfähig auf dem Wellmarkt geworden sind. Es kann sich immer nur darum handeln, ob die wichsigeren entwicklungsfähigeren Industriezweige die nötige Reife erlangt haben. Soll so lange gewartet werden, bis alle„reif" werden, so würde überhaupt niemals ein Land zum Freihandel übergehen können, und besonders Deutschland würde auch dann, wenn es sich in den letzten Jahrzehnten doppelt so schnell industriell entwickelt hätte, noch lange nicht als qualifiziert für den Freihandel gelten dürfe, denn noch immer würde es Industrie- brauchen geben, die aus irgend welchen Gründen(geographischen, klimatischen, geologischen zc. oder aus wirtschaftshistorischen, zum Beispiel infolge der Herausbildung eines besonderen Kunstsinns oder besonderer technischer Fertigkeiten innerhalb der Arbeiterschaft eines fremden Landesgebiets) gegenüber der Auslandskonkurrenz im Nach- teil wären. Mit diesem Zugeständnis, daß unter gewissen Bedingungen der industrielle Schutzzoll ein Mittel der Förderung rückitändiger Industrien sein kann, ist noch nicht gesagt, daß er. wie Genosse Schippe! folgert, eine„ t e m p o r ä r e N o t w e n d i g k ei t" ist, das heißt, daß die weniger industriellen Staaten ohne Schutzzölle über- Haupt nicht voran zu kommen vermögen. Auch in dieser Hinsicht hängt fast alles von den besonderen Umständen ab. Gerade Deutschland liefert ein Beispiel, daß der Zollschutz nicht überall und nicht durchaus notwendig ist. Die Entwicklung seiner wichtigsten Industrien, speeiell seiner Eisen- und Stahlindustrie, zur Konkurrenzfähigkeit fällt in die sechziger, siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in die sogenannte„Freihandelsära", als die Schutz- zölle größtenteils sehr niedrig waren, weit niedriger, als heute. Indes für Schippel gelten diese Gründe nicht; er hat sich derart in die vulgärste Schutzzolltheoresik verrannt, daß er sogar im fünften Artikel als Argument gegen die von unsrer Partei eingenommenen Haltung den Imperativ ausspielt:„Wer Handelsverträge will, muß auch Zölle wollen." Neu ist der Satz nicht. Schon als während der Beratungen der Zollkommission die soeialdemokratischen KommissionS- Mitglieder verschiedentlich demonstrativ gegen den von den Zoll- Wucherparteien betriebenen schamlosen Schacherhandel den Antrag auf gänzliche Aufhebung der betteffenden Zölle stellten, trat die agrar-konservattve Presse mit diesem Argument hervor:„Die Social- demokraten", so lautete damals dem Sinne nach die Argumentation derer um Oertel,„wollen neue Tarifverträge abschließen. Damit steht aber die von ihren Konmussionsmitglledern befolgte Taktik, fortwährend Zollaufhebungen zu beantragen, entschieden im Wider- spnich. Wenn die Zölle aufgehoben werden, vermögen wir den andren Staaten keine Kompensationen für ihre Zollnachlässe und Zollbindungen zu bieten. Tarifverträge können doch nur ab- geschlossen werden, wenn auf beiden Seiten Tarife zum gegenseitigen Abhandeln da sind." Diese schöne Beweisführung scheint Schippel sehr imponiert zu haben; denn er greift sie nicht nur auf, sondern erweitert sie noch. Aus der Argumentation für einen bestimmten Fall macht er eine generelle, eine ou tont eas-Argumentation. Wenn ein Land keine Zölle hat, meint er, kann es auch keine Zollermäßigungen und keine Zollbindungen gewähren, also keine Tarifverträge abschließen. Folglich mutz, wer für Tarifverträge ist— und die socialdemokratische Partei hat sich verschiedentlich für sie erklärt— auch für Zölle sein, und zwar auch, wenn es sich um Tarifvertragsabschlüsse mit Agrarstaaten handelt, für Agrarzölle. „Alle solchen Abkommen", erklärt er,„beruhen auf gegen- seisigem Geben, mn dafür beiderseitig zu nehmen— auf der Herabminderunh oder doch Bindung der eignen Zölle(des vorher autonom geschaffenen Generaltarifs), um dafür Zollherab- Minderungen oder Zollbindungen des Auslandes einzutauschen. Aber wer„den" Freihandel systematisch durchgeführt hat mid davon„principiell" nicht abzuweichen gedenkt, der hat gewissermaßen bei allen Tarifposisionen von vornherein schon einen Zollsatz von 0.000 und darf auch weiter- hin nie an einen realen Zollsatz denken, nicht einmal zum Zwecke der bloßen Drohung und baldigen Wiederabschaffung, denn auch jeder solche Zoll wäre ein Verstoß gegen das Princip— nach freihändlerischer Orthodoxie.... Ein solches Freihandelsland hat dann aber auch nichts an Gegenleistungen zu erwarten; es ist für Tarifverträge vollkommen ausgeschaltet, für die Einflußnahme auf die vertragsmäßige Ausgestaltung der internationalen Handels- Politik auf diesem Felde zu vollständiger Passivität verurteilt." Diese Argumentasion hätte, so weit sie sich gegen die von der Partei eingenommene Stellung zur Zollftage richtet, nur dann eine Berechtigung, wenn die Partei sich im Sinne der englischen Frei- Handelsorthodoxie prinzipiell und bedingungslos für absolute Zoll- freiheit und zugleich für den Abschluß von' Tarifverträgen um jeden Preis erklärt hätte. In diesem Falle würde allerdings zwischen beiden Forderungen ein Widerspruch bestehen. Aber weder der Frei- Handel, noch der Tarifverttag hat für unsre Partei die Bedeutung einer Prinzipienftage. Zwar hat Anfang der neunziger Jahre unsre Fraktion für die sogenannten Caprivischen Handesverträge im Reichstage gestimmt— aber nicht aus irgend welchen speziellen Handelsvertrags-Prinzipien, sondern ganz einfach aus dem Grunde, iveil durch diese Verträge einerseits eine Reihe bestehender Zollsätze, besonders Lebensmittel- zölle, beträchtlich ermäßigt, also der Zollschutz wesentlich herabgemindert wurde, und weil andrerseits diese Verttäge für das nächste Jahrzehnt eine gewisse Stabilität der internationalen Zollverhältnisse garantierten. Nicht jeder beliebige Tarifvertrag ist für die Partei annehmbar; es kommt selbstverständlich auf seinen Inhalt und die jeweilige wirtschaftliche und polisische Lage, die besonderen„Umstände", an. Daß aber unter einem Freihandelsshstem die„Umstände" eine völlige Veränderung erfahren, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Das Motiv, das hauptsächlich die Partei zum Eintreten für die Caprivischen Tarifverträge bestimmte: die Ermäßigung wichtiger Lebensmittelzölle fiele dann von selbst weg— und ein gewisser Schutz gegen die Benachteiligung der deutschen Ausfuhr nach fremden Märkten läßt sich auch durch den Abschluß von MeistbegünstigungS- Verträgen erreichen. Zudein hindert uns nichts, falls sich die« als nötig erweisen sollte, chikanöse Behandlungen der deutschen Waren- ausfuhr nach ftemden Ländern oder besondere Begünstigungen fremder Exporte durch Ausfuhrprämien zc. mit— Kampf- und Ausgleichzöllen oder irgend welchen andern Repressivmaßnahmen zu beantworten. Schippel beruft sich zwar darauf, daß Prince Smith 1848 gegen solche Maßnahmen plädiert hat. Aber was geht uns die Freihäudelstheoretik der seligen Prince Smith, Faucher usw. an? Soziales. Der dänische„Arbeitsrat", die durch ein Gesetz vom Jahre 1903 begründete Institution für Arbeiterschutz, hat kürzlich seinen Jahres- bericht über die Zeit vom April 1903 bis zum April 1904 heraus- gegeben. Er hat während dieser Zeit mehrere Sitzungen zur Er- ledigung vieler Angelegeuheiten abgehalten und hat feruer verschiedene Fabriken und Arbeitsplätze besucht. Unter anderm richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Gesundheitszustand der unter 18 Jahre alten Arbeiter in de« Glasfabriken. Mehrere Glasfabriken haben nämlich Erlaubnis erhalten, jugendliche männliche Arbeiter unter der Be- dingung zur Nachtarbeit zu verwenden, daß über ihren Gesundheits- zustand in sorgfältiger Weise Listen geführt werden. Diese Listen sind nun von einem Polizei-Arzt geprüft worden und es wird für wünschenswert erachtet, daß die Gesundheitskontrolle längere Zeit fortgesetzt wird. Der Arbeitsrat dient auch als Berufungs- instanz für die Frage, ob ein Betrieb der Fabrik- aufstcht unterstellt werden muß oder nicht. Im verflossenen Geschäftsjahr hatte er über zwei solcher Fälle zu entscheiden. Ferner wirkte der Arbeitsrat mit bei den in den Gemeinden Kopen- Hagen und Frederiksberg eingeführten Verordnungen über die Be- schäftignng von Kindern und jungen Leuten mit dem Austragen von Milch, Brot und Zeitungen, durch die derartige Arbeiten für Kinder unter 12 Jahren verboten, im übrigen aber bedeutend eingeschränkt wurden. Auf Grund einer Aufforderung des Ministeriums des Innern hat sich der Arbeitsrat mit der Frqge einer besseren Regelung der Arbeitsverhältnisse in den Bäckereien befaßt und sich dahin geäußert, daß einheitliche Regeln für alle Bäckereibettiebe eingeführt, daß unter anderm den Arbeitern eine bestimmte fteie Zeit zugesichert und daß die Nachtarbeit der jungen Arbeiter beschränkt werde. Auf dieser Grundlage hat der Arbeitsrat einen Gesetzentwurf über die Arbeit in Brot- und Küche nbäckereien ausgearbeitet, der dem Ministerium des Innern übersandt worden ist. Eine andre wichtige Sache ist die Revision des Lehrlingsgesetzes. wozu ein Antrag der Gesamtrepräsentation für Industrie und Handlverk vorlag, der vom Arbeitsrat mit verschiedenen Bemerkungen versehen und dann dem Gesamtverband der Geioerkschaften, der Comptoirgehilfen-Organisation und mehreren Meistervereinig, ingen zur Beurteilung übersandt wurde. Außerdem hat der Arbeitsrat einen Gesetzentwurf über Beschaffung von Sitzgelegenheit für Verkäufer und Verkäuferinnen ausgearbeitet und schließlich eine Anzahl neuer Regulative, feste Regeln enthaltend über die Raumverhälsinsse, die Beleuchtung, Erlvärmung, Ventilation usw. der Arbeitslokale in verschiedenen Gewerben wie Buchdruckerci, Cigarrenfabrikation und Textilfabrikation. Wie man aus dieser kurzen Zusammenstellung sieht, war die Thäsigkeit des Arbeitsamtes außerordentlich vielseisig und fruchtbar, was' zweifellos der zweckmäßigen Zusammensetzung dieser Institution zu danken ist, der bekanntlich auch drei Vertreter des Gesamtverbandes der Gewerkschaften angehören, und zwar ein Maschinenarbeiter, ein Tabakarbeiter und ein Weber. Ccntralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Deutschlands(Bezirk Berlin). Heute Donnerstagabend 9 Uhr in den Arminhallen, Kommandantenstr. 20: Außerordentliche Mitgliederversammlung. Zahlreiches Erscheinen ist bei der Wichtigkeit der Tagesordnung Pflicht. Die OrtSvcrwaltung. Allgemeine Kranken- und Sterbckaffe der Metallarbeiter (E. H. 29, Hamburg). Filiale R u oi m e I s b u r g. Sonnabend, den 20. August,' bei Gast. Tempel, Boxhagen, Ecke der Neuen Bahnhofstraße: Mitgliederversammlung. Ccntralverband der Konditoren. Heute, Donnerstag, den 18. August, abends 80, Uhr, bei Milte, Brunnenstrane 188: Mitgliederversammlung. 1. Vortrag des Civilingenieurs Genossen P. M. Grempe über„HeizungS- und BeleuchtungSftagen im Haushalle dcS Arbeiters". 2. Unsre nächsten agitatorischen Ausgaben. Berband der Frtseurgehilfcn Deutschlands(Zweigverein Berlin). Donnerstag, den 18. d. M.. abends 10 Uhr, bei Pfeffer, Rosenthalersw. 87: Mitgliederversammlung. Vorwag von G. Nackwitz. Zweigverein Rirdors. Donnerstag, den 18. d. M., abendS 10 Uhr, bei Fr. Hoppe, Berlinerswaße 14: Mitglieder-Versammlung. 0,81 Meter, bei U n st r u t bei WitterungSüberficht vom 17. August iSvt, morgen»» Uhr. Stationen Swinemde. Wetter 3 heiter 2>wollia Zerlin' 7S4 W 2 halb bd. Franrs.a.M. 7S4 O Lwolkcnl Mimchen 765 SO l wolkcnl Wien 764 Still—heiter Wetter-Prognose für DonnerSt-ig, den 18. August 1904. Ein wenig wärmer, zunächst ziemlich lrübe mit mäßigen Südwestwinden, später ausklarend. Keine oder unerhebliche Niederschläge. Berliner Wetterbureau. SoeialtlenioMeiiJaliMn für den Nachruf. Sfm Sonnabend verstarb unser Mitglied, der Maschinist Sugo Xo8»mjN8!lj, Kielerftraße 1, und wurde gestern Mittwoch beerdigt. Ehre seinem Andenken! 248/9 Der Vorstand. SoeialdemokratiseliJatilvereiD für den Todes-Anzeige. Am Sonntag verstarb unser Mitglied, Schuhmachermeister Max Raue Bandelstr. 12. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstagnachmittag i1/, Uhr von der.Halle des Moabitcr Krankenhauses aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 240/19_ Der Vorstand. s teppdeeken Gelegenheitskauf. bantforbtf, 2$ alle Farben � jjjj Similisis, r b Normal- Q Q Schlafdecken mo.ü.oo Speeial- Haus Bei"n ßraiiieDstee 158. Hasenheide 108-114. Hasenheide 108-114. Neue Welt Sonnabend, den 20. Augnsf: Grosses Sommer= Fest bestehend aus SM" Mal- und Tnstrumcntal-lHonzcrt"Ml SpeeiaMaten Vorstellung s? Monster Venenverk. veranstaltet vom Verhand der im Vergvldergemerhe heselldstigten Arheiter und Ardeiterinnen Leutsedlands(Filiale Serlin) und Verband der ftrtefeuiller von den Gesangvereinen„Allcgro",„Borax",„Edclwelss",„Freie Feldblnme", „Solidarität"(M. d. Zl.-S.-B.), und den Sparvereinen„Einigheit" und„Vorwilrts". Mitwirkende: Konzert- Kapelle, Direktion: Bolhe. Die Gesangvereine„Ailcgro",„Borax", „Edelwelss",„Freie Feldbiamc" und„SolldarltUt" unter Direktion des Herrn siicdsrd Ungo, sowie des gesamten Speeiaiitiiten-Enseiubie». Von 7 Uhr ab im neuerbauten Riesensaale: GrOSSGl* Scilla Herren, welche daran teilnehmen, zahlen SO Pf. nach. Bei eintretender Dunkelheit: �lttd0V�7SCll0l�?0l0nAI80. DV Den geehrten Damen steht die Kaffeekiiche von 3 Nhr an zur Verfügung."Ml Eröffnung 3 Uhr nachmittags.• Anfang 1 Uhr nachmittags.• Billets a 25 Pfennig. Tagesprogramme werden unentgeltlich an der Kontrolle verabfolgt. Da alles aufgeboten ist. dieses Fest zu einem genußreichen zu gestalten, erwartet einen zahlreichen Besuch 227/2 Das Komitee. Vereinigung der laier, Lackierer. Anstreicher (fiUalc Berlin.) Sonnabend, den 20. August 1904: SOMMER-FEST im Etablissement der Brauerei friedrichöbain(früher Lipps); W Konzert."MI Ausgeführt von O. Kahnts Berliner Orchester. Auftreten des Berliner Ulk-Trio. Im grossen Saale: Tanz. Anfang des Konzerts 5 Uhr. Die Kaffeeküche ist von S'/a Uhr an geöffnet. Entree inklnslve Tanz Herren 50 Pf., Damen 30 Pf. 124/16 Hierzu ladet alle Kollegen und Freunde ein Die Ortsvcrwaltnng. Dr. Simmel, Specialarzt für[19/1* Bant- und Harnleiden. 10— 2, 5—7. Sonntags 10—12 2—4. Dr. Schünemann Specialarzt jür Haut-, Harn- und K-raucnleide», Scydeistr. 9. Wochentags-/.ES-'/,».-/.«-'/, 8. Tonnabeud, den 20. d. M., die berühmten Grühtvnrstchen, Stück 19 Ps., 3 Stück 25 Ps. 421b Viirsiweier. ÄS?«. Vorsieht Mütter! Zum Schrecken der Eltern erkranken und sterben sehr viele Kinder nach dem Genuß von Milch in der Zeit, wo die Kühe mit Gras oder Rüben gefüttert werden, weil die Kuhmilch in» folge dieser Futtermittel bei den Kindern die hestigflcn Dann» Irankheitcn hervorruft. Gewissenhaste Eltern bestellen deshalb während der heißen Jahreszeit die bewährte Trockensuttermllch bei der Milchkur- anstatt„Schweizerhof". 1 Liter federmilch 35-50 Pfennig. Für Säuglinge, die diesen Gefahren besonders ausgesetzt sind, wähle man Prof.(«ärtner« Sänglingsmilch, welche wir in mehreren, dem Alter des Kindes angepaßten Mischungen trinksertig und sterilisiert liesern. Gärtners Säuglingsmilch ist der natürliche Ersatz der Frauenmilch und weist die glänzendsten Ernährungsresultate aus, die je bei der e-äuglingsernährnng erzielt worden sind. 29/9* Vollmilch in plomhierten Flaschen 1 Liter 20 5f. frei Köche. Zustellung in alle Stadtteile und Vororte. Versand nach ganz Deutschland. 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Ur den Lnleratenteil verantw.: TS- Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW«