Hr. 193. HbonnementS'Bcdlngungtn: MonnementS- Preis pränumerando Z Bierteljährl. Z.Z0 Mk, monaff. 1,10 Ml. wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. EonntagS» nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue«elp» 10 Pfg. Pos«. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, filr daS übrige Ausland S Mark pro Monat. S1. Jahrg. Crfdieliit täglich auBer Rlontagi. Vevliner VolkSblÄtk. Dfc TnftrtionS'GebObr beträgt für die sechsgespaltene KolonS- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche BereinS- und Versammlungs-Anzeigen 25 Pfg. „Meine HnMigen", das erste(fettgedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 1 Ilhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags gevgnet. Zelegramm- Adresse: nSozIalitciDOkrat BirUn". Zcntratorgan der rozialdcmokrati fchen parte! Deutfchlands. Rcdahtton: 8 AI. 68, Lfndetietradse 69. Afernfprechcr: Amt RV. Nr. 1983. Sonnabend, den 20. August 1004. Expedition: 8M. 68» L,indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1984. Der Königsberger Prozetz und die Reform der Strafprozeß-Ordnung. ii.') Nach Abschluß der Voruntersuchung wird die Anklageschrift zu gestellt. Der Angeklagte soll, so bestimmt das Gesetz, sich auf diese innerhalb einer ausreichenden Frist erklären dürfen und das Gericht sodann in eine Prüfung dariiber eintreten, ob der Angeklagte that sächlich nach Lage der Akten einer strafbaren Handlung hin» reichend verdächtig erscheint. Nur wenn diese Voraussetzung vorliegt, ist der unanfechtbare Eröffnungsbeschluß zu erlaffen. Als die Strafprozeß-Ordnung beraten wurde, glaubte man, daß dieses Verfahren zwischen Zustellung der Anklageschrift und Haupt- Verhandlung eine wesentliche Rechtsbürgschaft dafür biete, daß möglichst kein Unschuldiger auf die Anklagebank komme. Manche wollten hierin sogar einen Ersatz für die mangelnde Berufung finden. Wie aber haben sich die Verhältnisse thatsächlich gestaltet? In der überwiegenden Zahl der Fälle ist der EröffnungSbeschluß zu einer leeren, nichtssagenden Formalität herabgesunken, die nicht den gering st en Schutz gegen unbegründete Anklagen gewährt. Auf einer im vorigen Jahre zu Dresden abgehaltenen Versaminlung von Kriminalisten wies Profeffor v. LiSzt zutreffend darauf hin, daß der Eröffnungsbeschluß nicht nur nutzlos sei, da ja doch fast regel- niäßig jede Anklage-Erhebung durch den Staatsanwalt zum Erlaß des Eröffnungsbeschlusses führe, sondern daß das ganze Institut des Eröffnungsbeschlusses dem Angeklagten sogar Schaden bringe, da der von drei Richtern als.hinreichend verdächtig" bezeichnete An» geklagte von vornherein mit starkem Verdachte belastet in die Haupt» Verhandlung eintrete. Dies würde nicht der Fall sein, wenn die Anklage lediglich einseitig von der Gegenpartei, dem Staatsanwalt erhoben wäre und nicht die formelle Billigung durch das Gericht mit auf den Weg erhielte. Ein Mitglied eines obersten Gerichtshofes war eS. der hierauf erwiderte, es sei durchaus richtig, daß die praktische Handhabung deS EröffiiungSverfahrenS dasselbe ganz wertlos gemacht habe. Aber dieS sei ein so offene? Geheimnis, jeder Jurist kenne so sehr auS eigner Erfahrung die Art des Zustandekommens des EröffnungS- beschluffes, daß der Angeklagte dadurch nicht mehr belastet erscheine. als wenn er ausschließlich durch Willensentschluß des Staatsanwalts auf die Anklagebank gebracht wäre. Sollte man trotzdem bei der Beratung der Abänderung der Strafprozeß-Ordnung wiederum mit der Phrase operieren, daß das Eröffnungsverfahren einen Schutz für den Angeklagten gewähre, und versuchen, daraus irgend ein Argument für die Ablehnung auch nur der g e r i n g st e n, zu Gunsten des Angeklagten geforderten Garantie herzuleiten, so wird eS nur nötig sein, die Thatsachen aus dem Königsberger Prozeß in ihrer vollen Nüchternheit für sich selbst sprechen zu lasten. Nach einem etiva dreiviertel Jahr dauernden Vorverfahren wird eine mehr als 200 Seiten umfassende Anklageschrift zugestellt. Die den Angeklagten zur Geltendmachung ihrer Einwendlingen gesetzte Frist beträgt 5 Tage. Der Antrag auf Verlängerung der Frist bleibt, ebenso wie die Beschwerde, erfolglos. Der Hauptverhandlungs- termin wird in Aussicht genommen und den Zeugen mitgeteilt, bevor der Eröffnungsbeschluß gefaßt ist, gleichsam als ob der Erlaß desselben gesetzlich vorgeschrieben sei. sobald nur die Staatsanwaltschaft die Anklage erhoben hat. Das Versahren wird endlich in dieser Kapitalsache, für welche die höchsten Beamten de? Reiches und Preußens ihre Autorität in den Parlamenten eingesetzt haben, eröffnet und der„hinreichende Verdacht", auch soweit es sich um den Hochverrat und die Zaren- beleidigung handelt, angenommen, obwohl hier dem ganzen Ge» bäude das Filiidament fehlte und es zusammenbrach, sobald die Verteidigung die Frage der Verbürgung der Gegenseitigkeit an der Hand des trotz Kürze der Vorbereitungszeit herbeigeschafften Materials ernsthaft zur Erörterung stellte. Daß solche Vorkommnisse eine Reform erheischen, wird niemand bestreiten. Diese Reform aber muß eine vollkommene sein und den Sitz des Uebels angreifen. Mt einem Herumkurieren an de» Symptomen der Krankheit ist nichts gethan. Es handelt sich hier nicht um Personen und gegen diese zu erhebenden Vorwürfe. Wer darin das Ziel der Angriffe findet, wie dies Kade in der im vorigen Artikel erwähnten Schrift thut, der versteht das Wesen der Reformbestrebungen so wenig, daß mit ihm zu rechten der Mühe nicht verlohnt. Eine sorgfältige Prüfitng der Akten kann zwar hier und da zur Vermeidung einiger gröblicher Irrtümer führen und das im bureaukrasischen Geschäftsgang völlig schablonenhaft gewordene Er- öffnllngsverfahren etwas lebendiger gestalten. Viel aber würde damit nicht gewonnen, da der Fehler ini Gesetz liegt. So lange die Eröffnungskammer lediglich aus den Akten ihre Kenntnisse schöpft, ohne Gehör des Angeklagten und der Zeugen, kann die Entscheidung eine sachgemäße nicht sein. Die Akten bestehen zum guten Teile aus Protokollen, die von unteren Polizeibeamten aufgenommen sind. Daß solche von wenig vorgebildeten Personen hergestellten Urkunden vielfach ganz unvollständig und unzuverlässig sind, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Aber auch das richtige richterliche Protokoll ') Bergl. Nr. 189 des„Vorwärts". Wir teilen bei dieser Ge» legenheit mit, daß der ausführliche und korrekte Bericht des Königs- beraer Prozestes nebst einer umfastenden Darstellung der preußischen Rujsenpolittk und einer eingehenden Würdigung des Prozeßverfahrens an der Hand der bisher mibekannt gebliebenen und nach ihrem politisch-jurisiischen Werte schier unerschöpfliche» Akten demnächst in der Buchhandlung Vorwärts erscheinen wird. Erst diese Publikation wi»d eine" volle» Einblick in den Königsberger Prozeß gestatten. vermittelt die Kenntnis der Zeugenaussage nicht genau und ist nur ein unvollkommenes Ersatzmittel für die Anhörung der Zeugen selbst. Die Quelle, auS der die Eröffnungskammer schöpft, ist also not- wendigerweise stets eine ttübe. Der daraufhin gefaßte Beschluß kann mithin eine Gewähr dafür, daß die Frage des Vorliegens des hinreichenden Verdachtes richtig beantwortet ist, nicht bieten. Wohl aber hat daS geltende Verfahren die schwerwiegenden Nachteile, daß die Verantwortung für die Anklage-Erhebung ganz zu Unrecht dem Staatsanwalt abgenommen wird, daß dieser formell durch daS Gericht, welches das Verfahren eröffnet hat, gedeckt erscheint, und daß der Angeklagte mit stärkerem Verdachte belastet in die Haupt Verhandlung eintritt, als dies in Wahrheit der Fall ist. Denn die von einem Gericht gebilligte Anklage erscheint stets in einem ganz andren Lichte, als die einseitig von der Gegenpartei erhobene Klage. Nunmehr noch einige Worte über den reformbedürftigsten A schnitt unsres Gesetzes: die Regelung der Untersuchungshaft. Daß die auf diesem Gebiete herrschenden Zustände noch immer mit der größten Langntut von den gesetzgebenden Faktoren geduldet werden, vermag der, welchen sein Beruf täglich in die Gerichtssäle der Strafgerichte führt, kaum zu fassen. Obwohl die Untersuchungshaft in ihrem wichtigsten Inhalte, der Freiheitsberaubung, sich von der Sttafhaft nicht unterscheidet, gestattet das Gesetz ihre Verhängung, ohne irgendwelche greifbaren und bestimmten Voraussetzungen auf» zustellen, und ohne dem Richter dasjenige Mittel an die Hand zu geben, welches sonst als die wesentlichste Garantie für einen ge- rechten Richterspruch gilt: die mündliche konttadiktorische Verhandlung vor einem mit den Aufgaben der Strafv erfolgung nicht be- trauten Gerichtshof. Ueber den oft ein Menschenschicksal ent- scheidenden Haftbefehl befindet nach geltendem Recht der Unter- suchungSrichter in einem geheimen und schriftlichen Verfahren auf Grund von toten Akten, die meist in dem Augenblick, in welchem der Haftbefehl erlaffen wird, zum erheblichsten Teile aus Polizei« l i ch e n Protokollen, also einem höchst mangelhasten Material be- stehen. Ist es da zu viel gesagt, wenn jüngst ein ordentlicher Professor des Sttaftechts an einer deutschen Universität in der„Juristen-Zeitung" den Ausspruch gethan hat:„Wäre man darauf ausgegangen, den Beschuldigten möglichst wehr- los zu machen, man hätte kaum etwas Geschickteres ersinnen können, als den Verfolger in die Maske deS unbefangenen Richters zu stecken, ihn mit dessen Enischcidungs- und Zwangsgewalt auszustatten. Als Hastgründe kennt das geltende Recht den Fluchtverdacht, der kraft gesetzlicher Vermutung stets vorliegt, wenn ein Ver- brechen den Gegenstand der Untersuchung bildet, und den Kollusionsverdacht, d. h. dasjBorliegen von'Thatsachen, aus denen z u schließen ist, daß der Angeschuldigte durch unlautere Mittel Zeugen usw. beeinflusten werde. Man braucht diese letzteren Worte nur einmal zu hören, um sofort zu erkennen, daß sie eben nichts andres sind als leere Worte, ohne bestimmten, greifbaren Inhalt, ohne Angabe einer festen, jede Willkür ausschließenden Norm. Hier werden die Verdachts strafen des Mittelalters in andrer Ge» statt wieder lebendig. Und eine auf solch' schwankender Grundlage ver- hängte Maßregel hat die schwerwiegendsten Nachteile für den Verhafteten zur Folge, sie macht ihn während der Dauer der Untersuchungshast fast rechtlos, sie führt zur Erschwerung der Akteneinsicht und jeder Verteidigungsmöglichkeit. Die deutsche Strafprozeß-Ordnung steht in dieser Hinsicht fast hinter allen Kulturländern zurück. Entweder kennen diese, wie England, den Begriff der Kollusionshast überhaupt nicht, oder sie setzen ihr wenigstens, jvie Oesterreich, eine kurze Frist, nach deren Ablauf die Kollusionshast von selbst endigt. In Deutsch- land dagegen ist diese auf federleichte Vermutungen hin vom Gesetz zugelassene Maßregel von unbeschränkter Dauer. Würde es für die Unhaltbarkeit dieser Zustände noch einer Be- stätigung bedurft haben, so hätte sie der Königberger Prozeß geliefert. Der ursprünglich auf Grund des Vergehens des Geheimbundes wegen Kollusionsgefahr, und da„wegen Nähe der russischen Grenze Flucht- verdacht begründet ist, erlassene Haftbefehl wurde bald darauf ausgedehnt, da die Angeklagten auch des Hochverrats und der Zarenbeleidigung „dringend verdächtig" erschienen. Die offensichtlich wegen dieser letzteren Vergehen«drohende hohe Sttafe" bildete für die Eröffnungskammer den Grund, auch noch nach der Eröffnung des Hauptverfahrens den einen der Angeklagten in Haft zu behalten. Bei diesen Begründungen fällt zunächst der Hillweis auf die Nähe der russischen Grenze auf. Daß die Angeklagten gerade das gastliche Rußland als Zufluchts- stätte aufgesucht hätten, läßt sich wohl kaum annehmen. Jedoch dieS ist Nebensache. DaS Entscheidende ist: Die Angeklagten sind für hinreichend verdächtig befunden und in Haft behalten worden, ob- wohl es an der ersten Voraussetzung für ein strafrechtliches Ein- schreiten hinsichtlich deS Hochverrats und der Zarenbeleidigung fehlte. Ferner die Hast durste verhängt werden, ohne daß das Gesetz den An- geklagten die Möglichkeit gab, in mündlicher Verhandlung daS Fehlen der Verdachts- und Haftgründe darzuthun. Ja noch mehr: Die gesetzlichen Vorschriften verhindern, daß der Angeklagte überhaupt nur weiß, was gegen ihn vorliegt. Der Haftbefehl, der sich darauf beschränkte, die von der Staatsanwaltschaft ailgezogenen Paragraphen des Strafgesetzbuchs aufzuzählen, gab den in Königsberg Angeklagten hiervon keine Kenntnis. Der Antrag der Verteidigung auf Ge- Währung der Einsicht der Akten oder auch nur der Urkunden, auf die sich der Haftbefehl stützte, wurde vom Staatsanwalt und Oberstaatsanwalt zurückgewiesen, da im Ermittelungsverfahren eine gesetzliche Pflicht dazu nicht vorlag. Das Bild blieb also ver- schleicrt und den Angeklagten die Möglichkeit entzogen, das nach- zuweisen, waS die Behörden zu prüfen unterlassen hatten. Keine dieser Thatsachen sollte bei der Reform der Regelung der Untersuchungshaft vergessen werden. Die prozessualen Formen haben die Aufgabe, die staatsbürgerliche Freiheit gegen den jeweiligen Inhaber der Staatsgewalt zu schützen. Und es ist durchaus kein Zufall, daß die VerfastungSurkunden aller Länder sich mit dem Sttafverfahren beschäfttgen und dessen Grundzüge festlegen. Mit diesen die Normierung der Untersuchungshaft in Einklang zu bringen, muß die Aufgabe der Reform sein. Rechtsanwalt Hugo Heinemann. politifche CJebciTicht. Berlin, den 19. August. Zum neuen Fall Breuberg bringt das Scherl-Blatt, das wieder einmal als offizöses Mundstück benutzt wird, folgende Erklärung: „Die Behauptung, daß Groeneveld wegen der Ermordung eines Negers an die Behörde des südwestafnkanischen Schutzgebietes ' eine Anzeige erstattet habe, die unbeachtet geblieben sei, und daß er sich dann an die Presse gewandt habe, ist unrichtig. Groeneveld hat eine solche Anzeige erst erstattet, nachdem er einen Artikel an eine deutsche Zeitung, der unbeachtet blieb, abgesendet hatte. Auf seine Anzeige hin ist sofort das kriegsgerichtliche Verfahren gegen den angeschuldigten Unteroffizier eingeleitet worden. Der Angeschuldigte wurde in der That der Körperverletzung für schuldig befunden, aber auf Grund eines ärztlichen Gutachtens verneinte daS Kriegsgericht die Frage, ob durch die in Rede stehende Behandlung der Tod des Eingeborenen verursacht worden ist sZ 226 R. St. G. B.), sowie die weitere Frage, ob die Mißhandlung als eine das Leben gefährdende anzusehen war(Z 223a R. St. G. B.). Auf Grund dieser Feststellungen beantragte der als Staatsanwalt fungierende Oberrichter Richter— derselbe, der später die gegen Groeneveld ergangenen erstinstanzlichen Urteile so stark gemildert hat und dem also gewiß keine Voreingenommenheit gegenüber dem Erstatter der Anzeige nachgesagt werden kann— eme Gefängnisstrafe von drei Wochen; das Kriegsgericht erkannte jedoch nur auf eine Geld» strafe. Daß der Unteroffizier nach der Verurteilung im Dienste der südwestafrikanischen Schutztruppe geblieben sei, ist unrichttg. Nach« dem das Urteil hier in Berlin zur Kennwis der Centtalbehörde gekommen war, hat das Oberkommando der Schutztruppe die so- fortige Entlastung und Heimsendung des Unteroffiziers an« geordnet." Diese Erklärung ist absolut unzulänglich. Sie macht nicht ein- mal den Versuch zu bestreiten, daß die von Herrn Herfurth in der„Kolonialen Zeitschrift" gegebene Darstellung der Ermordung unrichttg ist. Sie beruft sich lediglich auf die Gutachten des einen ärztlichen Sachverständigen, der sich dahin geäußert habe, daß die dem ermordeten Neger zu teil gewordene skandalöse Behandlung den Tod desselben verursacht habe oder als eine das Leben gefährdende anzusehen war. Solche ärztlichen Gutachten sind aber häufig— selbst wenn sie im besten Glauben abgegeben werden— höchst anfechtbar. Erleben wir es doch täglich, daß sich die Gutachten mehrerer ärztlichen Sachverständigen, die über einen Fall sich auslassen, in diamettalem Gegensatz zu einander stehen. Was hätte dementiert werden müssen, war die von Herfurth behauptete ungeheuerliche Mißhandlung des Neger» l Sehr interessant für das StrafrechtSsypem, daS man bei Ein- grborcnen-Mißhandlungen zur Anwendung brachte, ist aber die Sttafe, die den Unteroffizier K 0 s s a k schließlich traf: er kam mit einer Geldstrafe davon— mit einer Geldsttafe für eine zum mindesten beispiellose Roheit, die vorlag, selbst wenn sich nach ärztlichem Begut» achten kein direkter ursächlicher Zusammenhang zwischen der Miß- Handlung des Negers und dessen Tod nachweisen ließ. Oder ver- hängte man eine so gelinde Sttafe, weil man in Südwestafrika solche Roheiten gegen Eingeborene eben nicht als betspiel» lose ansah?! Ferner wird behauptet, daß Kossak sofort seines Dienstes ent- hoben worden sei, nachdem das Urteil zur Kennwis der Berliner Eentralbehörde gelangt sei. Bis dahin also beließ daS süd- aftikanische Kommando den Kossak in seiner Charge I Um übrigen zeugt es gerade von der Schwere des Verbrechens des Kossak, daß man in Berlin nach Einsicht der Akten einen Unteroffizier für unwürdig zu längerem Dienst erachtete, der in Südwestafrika nur mit einer Geldstrafe belegt worden war. Wir verlangen nach alledem erst recht Vorlegung deS gesamten Aktrnmaterials und evenwelle Wiederaufnahme deS höchst wahrscheinlich eigenartigen Gerichtsverfahrens l— DaS Ministerium Giolitti und die Listenwahl. Rom, den 17. August.(Eig.©er.) Vor wenigen Wochen hat die offiziöse.Tribuna" eine Eampagne für die Wiederherstellung der Listenwahl bei den Parlamcntswahlen eröffnet. Das Blatt giebt sich den Anschein, als handle es sich um einen Vorschlag eigner Initiative, dem es die offiziellen Kreise gewinnen möchte. In Wirklichkeit liegt aber eine von Giolitti inspirierte Agitatton vor, über deren Absichten und Zwecken wir von dem Ministerium nahestehender Seite Mit- teilungen erhalten haben, deren absolute Zuverlässigkeit wir ver» bürgen können. Wie bekannt, hat für das italienische Parlament während zweier Legislaturperioden Listenwahl bestanden, die 1891 unter dem Kabinett Rudini-Nieotera durch den uninominalen Wahlkreis ersetzt wurde. Es bestanden Wahldistritte, die 5 oder 3 der uni- nominalen Wahlkreise umfaßten. Diese Distrikte wählten mit Listen» wähl 5 oder 3 Abgeordnete� Nur in den Distrikten mit 5 Abgeord» neten gab es eine MnoritätSvertretung, da einer von S Sitzen der Minorität reserviert war. Die Vorteile und Rachteile dieses Wahlsystems haben sich damals zezeigt, wie sie sich seiner Zeit in Frankreich zeigten. Ein Vorteil ist, daß daS lokale Cliquenwesen entwaffnet wird.� Heute hat. namentlich in den rückständigen Gemeinden Süditaliens, der Ab« zcordncte eine außerordentliche Macht, hat seine Klientel, für die er ich verwendet, seine Prätorianer, die ihn schützen. Er verdantt seine Wahl nicht seiner politische» Stellung, sondern seiner lokal« ver' toertBcirlcit. Er vertritt die Interessen seines Wahlkreises oder der einflußreichen Clique, nicht die einer Partei, geschweige denn die des Landes. Mit dem uninoininalen Wahlkreis würde dies System der gegenseitigen Dienstleistung verschwinden, da der Abgeordnete nur den Stinunen eines ganzen Wahldistrikts seine Wahl verdankt und dort unmöglich sich durch Ge- fälligkeiten, Vergünstigungen oder Bestechungen einen persönlichen Einfluß erwerben kann. Die Nachteile bestehen in dem überwiegenden Einfluß der Rc- gierung auf die plurinominalen Wahlen. Was die lokale Clique an Einfluß einbüßt, gewinnt die Regierungsclique. Die indifferente Wählermasse wird von den Centralorganeu gewonnen durch dieselben Mittel, durch die sie bisher die Lokalorgane gewannen: Bestechung, Vergünstignng oder Bedrohung. Wo die politischen Parteien nicht stark und gut organisiert sind, können sie absolut nicht gegen die Regierungspartei aufkommen. Kleine Parteien laufen Gefahr, erdrückt zu werden. Wenn z. B. die Socialisten in einem Wahlkreis die genügende Stimmenzahl haben, ilin ihren Kandidaten durchzubringen, so kann es sehr gut sein, daß sie in den fünf zu einem Wahldistrikt zusammengefaßten Wahlkreisen nicht die Stimmen erzielen, um ihren Abgeordneten als einen der ersten fünf auf der Liste rangieren zu lassen. Um so überhaupt zur Geltung zu kommen, müssen sich die Parteien verbünden. So hat sich das Listenwahlsystem seiner Zeit als eine Hauptursache der italienischen Parteienkonfusion gezeigt. Eine anständige, der Wahlmache fernbleibende Regierung und klare Parteibilduug vorausgesetzt ist ibie Listenwahl kein Uebel; hätten wir aber beides, so brauchten lmr auch die Listenwahl nicht. Wie wir von absolut zuverlässiger Seite erfahren, will Giolitti nun noch in den letzten Lebensmonaten der im nächsten Frühjahr ablaufenden Legislaturperiode die Listenwahl durchdrücken und zwar mit großen, etwa 20 Wahlkreise umfassenden Distrikten und mit ganz geringer Vertretung der Minorität. Man wird bei der Abgrenzung so verfahren, daß jeder aufgeklärte Wahlkreis sein Gegengewicht erhält. Auf die Art sollen womöglich alle Socialisten und Republikaner ausgeschlossen bleiben. Giolitti hält sich der Annahme seines Projekts für absolut sicher. Unter der ministeriellen Mehrheit läßt man die Nachricht kursieren, daß die Ausschließung der Umsturzparteien, für die nächste Legislatur- Periode wenigstens, unbedingt nötig sei, da die C i V i l l i st e des Königs festgesetzt werden m u ß. Nach einem Thron- Wechsel muß die nächste Kammer die neue Civilliste bewilligen. Der italienische König bezieht 18 Millionen Lire. Man will nun das Stimm- Vieh der Mehrheit glauben machen, daß es im Interesse des Dekorums der Kammer liege, unliebsame Zwischenfälle bei der dies- bezüglichen Diskussion zu verhindern. Darum soll noch in diesem Herbst das Wahlsystem geändert werden. Natürlich hat der weitblickende Giolitti nicht nur die Bewilligung der Civilliste im Auge, sondern vor allem seinen„Kampf gegen den Umsturz", den er nnt so großer Geschicklichkeit und Gewissenlosigkeit seit Jahren führt. In der schlaffen, altersschwachen Kammer dürfte er kaum einen Widerstand finden.— Die socialistische Wahlagitation in de» Vereinigten Staaten wird mit großem Enthusiasmus betrieben. In den Monaten Sep- tember und Oktober wird überall mit Hochdruck gearbeitet werden, um am Wahltage im November mit Ehren bestehen zu können. Das Hauptquartier der Partei ist in Chicago und der National- sekretär William Mailly berichtete kürzlich, daß von vielen Arbeiter- Organisationen ermutigende Zuschriften einlaufen, die auf eine sehr erwünschte Unterstiitzung der Parteikandidaten durch die organisierten Arbeiter schließen lassen. Der Wahlfonds füllt sich über alle Er- Wartung gut. Natürlich stehen die Geldmittel der Partei in gar keinem Verhältnis zu den großen Korruptionsfonds der alten Parteien, aber das Anschwellen der Fonds durch lauter kleine Be- träge beweist die Teilnahme und Opferwilligkeit in weiten Kreisen der Arbeiter. Die Organisation ist seit der letzten Konvention in Chicago am 6. Mai 1804 kräftiger geworden und besser ausgebaut wie jemals vorher. Jeder Staat der Union hat jetzt seine eigne Partei-Organisation und in sämtlichen Staaten soll diesmal, also zum erstenmal, ein Electorenticket aufgestellt werden. Damit würde das Resultat einen sicheren Gradmesser für die Stärke der Partei ergeben. Agitationsmaterial wird in allen Sprachen znr Ver- teilung kommen. Eine Reihe von tüchtigen Niednern steht der Partei zur Verfügung, an der Spitze Eugen Debs und Ben Hanford, die beiden Hauptkandidaten. Debs wird vom 1. September an„auf den Stump" gehen, und nach den getroffenen Arrangements muß er innerhalb 68 Tagen 62 große Reden halten. Er wird die ganzen Vereinigten Staaten bereisen, von Neu-Englaud bis Kalifornien, von den großen Seen bis nach deni mexikanischen Meerbusen. Die großen Centraipunkte für die Industrie werden nach diesem Feldzugsplan besonders bearbeitet werden. Am 6. September wird Debs in New Dork eine Rede halten und dort den(vor kurzem im„Vorwärts" besprochenen) Artikel von Grober Cleveland über den Chicagoer Streik 1894 gebührend beleuchten. Dieser Streik vor 10 Jahren liefert gegenwärtig nicht nur gegen die Demokraten, sondern auch gegen die Republikaner gutes Agitationsmaterial. So muß sich jetzt auch Roosevelt gefallen lassen, daß die Geister jenes Streiks gegen ihn wachgerufen werden. Die große New Uorker Zettung„Sun" hat einen Artikel Roosevelts im„Forum" aus dem Jahre 1893 ausgegraben, in welchem der jetzige Präsident scharf Stellung nimmt gegen die streikenden Arbeiter, und Altgeld und Debs als Demagogen verdammt. Eine Stelle jenes Artikels ist besonders charakteristisch? dieselbe lautet: „Jeder wahre Amerikaner, der denken und in einem nötigen Moment auch handeln kann, sollte sich überlegen, welche Uebel entstehen würden, wenn jene, die Ordnung störenden Klassen ihre Häupter durch die Wahl zur Macht bringen. Innerhalb eines Jahres würde die Republik in Stücke gehen, und es wäre recht so, denn die Erwählung solcher Männer würde beweisen, daß das Volk unfähig ist, sich selbst zu regieren." Das klingt. hochverräterisch für den Präsidentschafts- Kandidaten einer Republik, aber 1893 dachte Roosevelt auch noch nicht, daß er so bald im Weißen Hause zu Washington sitzen würde. Am 11. September wird in St. Louis eine große Volksversamm- lung stattfinden, in welcher Eugen Debs die englische und Hermann Greulich die deutsche Rede halten wird. Genosse Greulich wird vom 11. September bis 3. Oktober zur Weltausstellung in St. Louis weilen als Vertreter des statistischen Bureaus für Arbeiter-Angelegen- heiten in der Schweiz. Das Deutschtum ist in St. Louis stark ver- treten und auch die deutschen Socialisten sind zahlreich, die sich alle freuen, einen Veteranen der internationalen Arbeiterbewegung be- grüßen zu können. Nach den großen Anstrengungen, welche die Partei in der Wahl- agitation entfaltet, darf man auf das Resultat im November ge- spannt sein. Es erscheint als unzweifelhaft, daß ein neuer großer Fortschritt zu verzeichnen sein wird.— » Deutfcbcs Reich. Stock-Patrioten. Ein neues W r e s ch e n scheint sich in B u k o w i e c zu ent- wickeln. Dort haben patriotische Lehrer die preußische Gesinnung ihrer Zöglinge dadurch zu beleben gesucht, daß man sie durch Mißhandlungen zwang:„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben" zu singen. „In Bukowiec giebt es drei Schulen. Inder katholischen Schule befanden sich seit langem die Kinder und mit ihnen die Eltern in Aufregung. Der deutsche Lehrer hielt die polnischen Kinder dazu an, das Lied:„Ich bin ein Prenße" zu singen, die Kinder aber weigerten sich dessen und sangen nicht. Der Lehrer wurde versetzt, aber nicht wegen dieses Vor- kommnisscs, sondern aus andren Gründen. An seine Stelle schickte nian unlängst einen gewissen Max F ö r st e r aus der Breslauer Gegend, der die hiesigen Verhältnisse nicht kannte. Förster'übte mit den Kindern das Lied:«Deutschland, Deutschland über alles" ein. Aus dieser oder aus andrer Veranlassung entstanden neue Zwistigkeiten zwischen den Kindern und dem Lehrer Förster. Der Lehrer schlug die Kinder; stark gezüchtigt ivurdcn Jgnac Domagala, Franz Klorek und Roman Koska. In der Schule entstanden aus Anlaß der Züchtigung immer schlinimcre Scenen. Am vergangenen Sonn- abend zerriß bei einer solchen Scene Lehrer Förster dem Jgnaz Domagala den Rock. Hierauf führte er die Kinder zu Turn- Übungen auf den Schulhof und ließ sie marschieren. Der Erd- boden lvar voll von zerstreutem zerbrochene» Glas, die Kinder lvaren barfuß. Bei den Uebungen that es den Kindern weh, sie hoben die Füße und entfernten die Glassplitter aus diesen. Da schlug der Lehrer auf die nicht gehorchenden Kinder mit deni Stocke ein und besonders züchtigte er den Domagala, der als der widersetzlichste gilt. Der Vater brachte den geschlagenen Knaben zum Kreisphysikus nach Neutomischel, der nach Besichtigung des Knaben ein Attest ausstellte, demzufolge der Lehrer die Grenze seiner Strafbefugnis überschritten habe. Außerdem machte der Vater gegen den Lehrer eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, während Förster einen Bericht an seine vorgesetzte Behörde absandte. Am Dienstag wurde tclephonisch der Schulvorstand von Bu- kowiec zu einer Konferenz zusammenberufen, zu welcher sich dort der Landrat v. Daniels, der Distriktskommissar v. Wlllffen, ein Gendarm aus Konkolewo und der stellvertretende Kreisschulinspektor eingefunden hatten. Im Dorfe erzählte man sich, es sei dem Schulvorstand eröffnet worden, daß. wenn die Eltern ihre Kinder nicht beruhigten, die Kinder in Zwangserziehung genonimcn werden würden. Dasselbe habe auch der Lehrer den Kindern in Aussicht gestellt, nur in schärferer Form. Im Dorfe herrscht unter den Eltern gewaltige Aufregung." Am Montag war, so berichten polnische Blätter weiter, der polnische Abgeordnete v. Chlapvaski am Orte und hat eingehende Feststellungen gemacht. Danach hatte der Knabe Domagala <13 Jahre) einen angeschwollenen Kopf, außerdem große Streifen an den Händen und am Hals und eine Narbe an der Hand. Zwei Anzüge sind zerrissen. Roman Koska<14 Jahre) sagt ans, daß ihn der Lehrer vor der ganzen Klasse gewllrgl hätte. Josef Stocinski hat eine Narbe an der Hand. Oskar Kupcyk <8 Jahre) wurde vor einigen Wochen so geschlagen, daß das Ohr ge- platzt ist. Der 12jährige Klorek ist zur Erde geworfen und geschlagen worden. Die Vorgänge werden an GerichtZstelle ihren Widerhall finden. Schuld an solchen Vorgängen ist nicht der einzelne Lehrer, nicht die augenblickliche Aufregung, nicht ein ungünstiger Zufall— sondern das preußische Schul sy st em— und das in zweierlei Beziehung. Es ist schon so oft ausgeführt worden, daß das heutige preußische Schulsystem von der polnischen Bevölkerung geradezu gehaßt wird. Die preußische Schule verletzt in Bezug auf die polnischen Kinder den elementarsten pädagogischen Grundsatz. Die Aus- bildung der Kinder in ihrer Muttersprache und die Unterrichtserteilung der andren Fächer in der Muttersprache. Mit der zwangsweisen, von der Bevölkerung ungewollten Einführung der deutschen Sprache für alle Unterrichts-Gegen- stände, der völligen Außerachtlassung— ja Bekämpfung der Mutter- spräche— stellt sich die Schule in Gegensatz zu ihren bildnerischen und erzieherischen Aufgaben. Die Schule wird damit zum politischen Werkzeug der verhaßten preußischen Germanisicrungspolitik— und stellt sich damit weiter in Gegensatz zu den Eltern der Kinder und den Kindern selbst. Der Lehrer selbst soll sich als Ver- treter des offiziell gedachten„Deutschtums" fühlen, als Vertreter der politischen Absichten der Regierung. Damit wird der Gegensatz zwischen Schule, Lehrer einerseits— Eltern, Kindern andrerseits ein klaffender. Und wenn man bedenkt, daß der Lehrer oft die Sprache der Kinder gar nicht versteht— daß die Kinder ebenso oft nicht ver- stehen, was der Lehrer ihnen in fremder Sprache erzählt— so kann man sich die preußisch- polnischen Zustände aus- malen, ohne erst an Willkür und Verbissenheit zu erinnern. Der einzig mögliche Ausweg ist:„ F ü r p o l n i s ch e K i n d e r— polnische Schule n." Der zweite Punkt, der hier in Betracht kommt, ist das P r ü g e l s y st e m. Wo geprügelt werden darf— da wird es niemals an Ueberschreitungen des Züchtigungsrechtes fehlen. Energischer denn je mutz von allen freiheitlichen Elementen die Forderung erhoben werden:„Fort mit dem Prügel- recht aus der Schule." Die Politik der patriotischen„Schwedentrünke" nun gar gehört zu den allerwidcrwärtigsten Erscheinungen des heutigen Systems. Mit dem Stock die Kinder zu zwingen, ihr Preußcntum zn verherr- lichen, ist moralische Folter brutalster Art. Nachdem die Regierung die Gewaltpolitik einmal gegen die Polen insceuiert hat, sollte es das einfachste sittliche Taktgefühl unmöglich machen, die Kinder zu zwingen, die Rute zu küssest, die sie züchttgt. Legt man denn wirklich so viel Wert auf eine mit dem Stock eingebläute Gesinnung? Charakteristisch ist es, daß mit der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zusammen das freisinnige„Berliner Tageblatt" einen Abscheu bekundet— nicht über die Mißhandlungen, sondern über die Weigerung:„Ich bin ein Preuße" zu singen. Wenn nun irgend ein antisemitischer Lehrer die Sprößlinge der Abonnenten des„Berliner Tageblatt" mit dem Stock zwingen würde, ein Lied nach dem Herzen des Dreschgrafen zu singen? Wir vermuten, das Mosse-Blatt würde plötzlich vor Humanität und Toleranz und zarten Kindergenuitern schwärmen.... Die Terrorisiernng der Wahrheit, wie sie die„Germania". das Centralorgan des Centrums, gewerbsmäßig betreibt, setzt sie in der neuesten Nummer fort. Das auf die„Post" herunter gekommene Blatt behauptete vor ein paar Tagen: Die deutsche Social- demokratie„lobpreise"„alle ausländischen Mordattentate und deren Verüber mit vollen Backen" und reize zu weiteren Thaten an. Anstatt den Beweis auch nur für einen einzigen Fall zu führen— thatsächlich verurteilt die Socialdemokratie ja alle Attentate und entschuldigt sie auch nicht, und allein die verzweifelten Notwehr- akte gegen die russischen Verbrecher, denen der Absolutismus die Vollmacht zu Schandthaten jeder Art giebt, finden bei der Social- demokratie wie bei jedem gesitteten Menschen überhaupt nicht zwar politische Zustimmung, aber doch jene moralische Würdi- gung, die ihnen gebührt— anstatt auch nur den Versuch zu niachen, ihre Verleumdung zu beweisen, schreibt das stupide Blatt heute: Der„Vorivärts" hat einen Tobsuchtöaiifall erlitten. Unser Artikel„Freiheit und Vorwärts" hat ihm das bißchen Verstand, mit welchem er sonst seine wahre Tendenz zu maskieren versteht, fast gänzlich geraubt und das gelehrte Centralorgan des Proletariats hat unvorsichtigerwcise seine wahre, seine plebsiche Natur entdeckt. Wir lassen uns selbstverständlich nicht auf all die unflätigen Redensarten ein, mit denen es uns in seiner Wut überschüttet, sondern konstatieren mit Befriedigung, daß unser Hieb gesessen hat. Wir haben als Unterlage für unsren Angriff den Triumph- Artikel des„Vorwärts" über die Ermordung Plehwcs benutzt, weil in diesem das Attentat ganz fast so verherrlicht wurde, Wie seiner Zeit die Ermordung Alexanders II. in der Mostschen „Freiheit".... Die Ueberschrift deS Artikels schon war eine strikte Anerkennung des Meuchelmordes, und so war es der ganze Artikel, nicht, ivie das schimpfende Blatt heute glauben zu machen versucht, eine Erklärung desselben. Selbst auf eine Entschuldigung des Mörders, welche ja unter Umständen denkbar ist, konnte sich der„Vorwärts" nicht beschränken, und so gab er in seiner Freude dem Trinniphartikel die richtige Signatur:„Gerichtet!" Diese vierfach fettgedruckte Ueberschrift hat und kann für sich schon keinen andren Zweck haben, als in weiten Volkskreisen die Meinung zu erwecken, daß der Meuchelmord ein Rechtsakt sei, eine That, zu der jeder Einzelne berechtigt sei, eine That der Volksjustiz, welche jedem Verbrecher oder Fanatiker die Befugnis gebe, im Namen des Volkes das Richtschwert zu führen. Gerichtet! Ueber die Bedeutung und Wirksamkeit dieses Wortes mit dem„Vorwärts" sich auseinander setzen zu wollen, wäre lächerlich. Dieses ins Land hinaus geschleuderte Wort allein ist ein Attentat auf das Recht überhaupt und eine Anfeuernng zur Gewaltthat, und damit hat sich das socialdemokratische Central- organ selbst gerichtet." Zu der Gemeinheit und Dummheit dieser Auslastung gesellt sich eine Unwissenheit über die eignen klerikalen Auffassungen, die nur darin ihre Erklärung finden kann, daß in der„Germania" diejenigen klerikalen Agitatoren verbannt werden, die zu jeder sonstigen Thätigkeit im Reiche der alleinseligmachenden Kirche zu einfältig und ungebildet sind. Denn der„Terrorismus" gehört nämlich zu den Lehren der katholischen Kirche. Wir reden nicht davon, daß gerade in den klerikal verkommenen Gegenden die fanatisierten Gläubigen Anders- denkende, oft unter Anreizung durch die Geistlichen, unter Auf- Hebung deS Rechts das„Richtschwert" in Gestalt von Dreschpflegeln und ähnlichen Waffen schwingen. Wir wollen auch nicht auf die Ausschreitungen hinweisen, die in Frankreich die klerikale Bevölkerung gegen die Staatsgewalt und das Recht beging, als die Kongregationen gesetzmäßig aufgehoben wurden. Denn diese blinden und rohen Gewaltakte stehen so tief unter der terroristischen gerechten Auf- lehnung gegen die russische Schreckensherrschaft der Willkür, daß es frevelhaft wäre, sie auch nur im Zusammenhang mit den sich selbst opfernden russischen Empörern zu erwähnen. Aber weiß die„Germania" wirklich nicht, daß der„Tyrannen- mord"— wie er im Altertum sogar eine gewisse, rechtlich geschützte Legitimität besaß— auch im Mittelalter und bis in die neue Zeit eine der Lehre» der katholischen Kirche und ihrer Autoritäten war? Weiß die„Germania" nicht, daß dieses Recht der Notwehr gegen die Willkür, zumeist unter Berustmg auf die zahlreich in der Bibel vorkommenden„Verberrlichungen" terroristischer Thaten, bewiesen und ausgeübt wurde? Oder ist die„Germania" unter die Ketzer gegangen und erkennt nicht einmal mehr die höchste katholische Autorität, ThomaS von Aqnino an, der das Recht der Revolution wie des Tyrannen- mordes" ausdrücklich anerkannt hat, der„von dem gewaltsamen Usurpator, gegen den es keine Berufung an ein höheres Gericht giebt", spricht und rühmt, daß„der, welcher zur Befreiung des Vaterlandes den Tyrannen tötet, gelobt und belohnt" wird. Verleugnet die„Germania" auch den großen Jesuiten M a r i a n a, der da lehrte, wie Tyranneumördcr, die ans der Stimmung des Volkes heraus ihr Leben für die Freiheit des Vaterlandes ein- gesetzt hätten, noch stets ausgezeichnet wären bei unglücklichem Ausgange durch Mitleid, bei glücklichem durch die h ö ch st e n Ehren? Darin offenbare sich jene Stimme der Natur, die als allgemeine Anschauung tief in der Menschen Brust eingepflanzt sei; darin äußere sich das Gesetz, das in unsrer aller Ohren klingt, dem- zufolge wir ehrenhafte Handlungen von schimpflichen zu unterscheiden wissen. Wir harren der Antwort, die die„Germania" uns geben wird. Gerade dem Socialismus und seiner Weltanschauung ist der Heldcnkampf der Einzelnen, wie ihn die russischen Terroristen üben, innerlich widersprechend. Diese Auffassung liegt der bürgerlichen und der klerikalen Lehre viel näher als uns, Es ist das nur ein neuer Beweis für die sittliche Verwilderung der herrschenden Klassen und Parteien in Deutschland, wenn sie es wiederum der Social- demokratie überlassen, in der moralischen Beurteilung den russischen Helden und Märtyrern gerecht zu werden, während sie selbst sich an blöden Schmähungen und infamen Denunziationen ergötzen.— Ueber die Mangelhaftigkeit des südwestafrikanischen Nachrichten- dicnstcs klagt selbst die bürgerliche Presse. Die„Neue Vogtländische Zeitung" sagt: „Von offiziöser Seite kam vor einiger Zeit die Mitteilung, daß das Auswärtige Amt dafür Sorge trage, daß allen An- gehörigen von Feldzugsteilnehmern Nachrichten über ihre gefallenen öder verwundeten Verwandten in Südafrika in entsprechender Form zugingen, ehe die Mitteilungen für die Presse weiter- gegeben lverden. Leider hat sicki dieses offiziöse Versprechen nicht erfüllt. Die beklagenswerten Eltern des Lieutenants L e p l o w-schaften haben, wenn sie auf Besserung der Lage der Arbeiar hingewirkt haben, so haben sie diese dannt zugleich in ihrer Klassenlage gestärkt. Wir sind auf deni richtigen Wege, wenn wir in dem ernsten wichtigen Kanipf, der ernsten, unausgesetzten Arbeit zur Besserung der Lage der Arbeiter auf parlamentarischem Gebiete und in der Gewerkschaft stehen. Friedeberg fagt, der Generalstteik könne die Klassenherrfchast erschüttern. Er ist aber auch geeignet, das Proletariat zu erschüttern und den Klassenstaat zu befestigen. Das ist die Nachtseite der Frage, die überhaupt erst vor ein paar Wochen von einer kleinen Gruppe in Deutschland zur Diskussion gestellt worden ist. Und selbst in dieser kleinen Gruppe haben sich eine ganze Anzahl von Mitgliedern gegen diese Auffassung des Vorstandes gewandt. Die. großen deutschen Gewerkschaften mit ihren 900000 Mitgliedern, die allein eine Stellung in der deutschen Gewerkschaftsbewegung innehat, halten die Frage des Generalstreiks überhaupt nicht für diskutabel. Der Kampf des Proletariats um die polittsche Macht wird nicht durch den Generalstreik, sondern durch die unausgesetzte Arbeit auf allen Gebieten des politischen und wirtschaftlichen Lebens entschieden werden.(Lebhafter Beifall besonders bei der deutschen Delegation.) Onstinoff(Russische Socialist-Revolutionäre): Seine Partei teile die Auffassung der Franzosen vom Generalstreik und werde gegen die holländische Nesolntion stimnicn, die zu illusionistisch und dogmatisch sei, weil sie jede bewaffnete Insurrektion deS Volkes im voraus für schädlich Halle. BNegen- Holland: Der Generalstreik wird uns als neue Waffe empfohlen. Da müssen wir fragen: ist es überhaupt eine Waffe? Das ist er nicht!(Lebhafte Zustinmumg bei den Deutschcin) (Pfannkiich ruft: Ein Messer ohne Klinge!) Der angeblich neue Gedanke stammt aus den Flegeljahren unsrer Be- wegmig, aus der Zeit bor zwanzig Jahren, wo wir uns noch über die Beteiligung am Parlamentarismus stritten. (Sehr richtig!> Die Einwände gegen den Parlamentarismus sind damals widerlegt worden. Das Proletariat muß die politische Altion mit aller Kraft aufnehmen, damit eS sich zählt und seine Macht enchfindet. Niemand hat gesagt, daß wir durch Abstinnnungen die socialistische Gesellschaft einführen werden. Das haben wir nicht in der Hand, um von vornherein sagen zu können, so und so loird es gehen. Geht der Geiieralstrcikgedanke etwa von den starken Organisationen Deutsch- lands, Englands oder Dänemarks aus? Nein, er stammt aus Fraiikrcich, wo die Gewerkschaftsbewegung sehr schwach ist.(Sehr richtig!) Es ist falsch, verächtlich vom Tageskampf zu sprechen und ihn in Gegensatz zu dem großen Ziele Zu stellen. Diese beiden sind eins und tonnen nicht von einander geschieden werden. Redner er- klärt, daß er schon auf dem holländischen Kongreß gegen die jetzt vorliegende Resolution gewesen sei, weil sie, wenn auch sehr verklausuliert und vorsichtig unter bestimmten Bedingungen den Generalstreik empfehle. Man habe ihm entgegengehalten: Wir müssen dies Mittel studieren. Studieren wollen wir alle, aber erst wenn wir das Mittel studiert haben, kvnnen wir es aufnehmen. Die bisherigen Erfahrungen sprechen sehr gegen den Generalstreik. Er ist weder ein Mittel, noch gar das Mittel des Proletariats. Die Generalstreik-Jdee kann dem Proletariat den Gedanken geben, die tägliche schwere Arbeit, die so viel Opfer kostet, sei überflüssig; es genüge ein großer Schlag. Wir sollten vor allem die Köpfe klar machen und nicht noch mehr Mißverständiiisse hineinbringen.(Lebhafter Beifall bei den deutschen Delegierten.) Brinnd(Jaurösist): Er und seine Freunde ständen auf dem Boden praktischer Arbeit und deshalb seien sie Anhänger der Orga- nisation des Generalstreiks. Das Proletariat muß mit allen Kampf« Mitteln ausgerüstet werden, lieber den Begriff des Generalstreiks bestehen sehr unklare Anschauungen und die früheren internationalen Kongresse haben diese Unklarheit nur gesteigert. Der Generalstreik ist nur eine Frage der Taktik. Er ist nicht das einzige, sondern nur eines der Mittel zum Ziel. Wenn der Kongreß sich in der Taktik- frage auf den Boden des Klassenkampfes stellt, muß er auch die Waffe des Generalstreiks billigen, die den ausgeprägtesten proletarischen Charakter trägt. Es handelt sich nicht darum, alle Arbeiter zu organisieren und dann den großen Schlag zu thun, sondern um die Durchführung eines mehr oder minder ausgedehnten Streiks, der die für das Wirtschaftsleben besonders wichtigen Industriezweige lahmlegt. Man sollte die Idee nicht unsinnig karikieren. Der Generalstreik ist ein Mittel der Einschüchterung und des Drucks, um von der kapitalistischen Gesellschaft Reformen zu erzielen. Weiter ist er das äußerste Widerstandsmittel gegen die politische Entrechtung der Arbeiterklasse. Man spricht von der Bedrohung des all- gemeinen Wahlrechts in Deutschland. Zu welcher Waffe soll dann das Proletariat greifen? Es bleibt ihm nur der General- streik. Berschlietzen sich die Socialisten dieser Idee, so gewinnen die Anarchisten Einfluß auf die Arbeiterbewegung. Die ftanzösische Resolutton für den Generalstreik sei sehr vorsichtig und schüchtern und fordere nur zum methodischen Studium des Generalstreiks auf. Sollte sie abgelehnt werden, so Ivürde sich seine Gruppe der Ab- stimmung enthalten.(Lebhafter Beifall bei den Jauresisteu.) Beer-Wien(Metallarbeiter): Ein Generalstreik, bei dem jede Arbeit zum Stillstand gebracht wird, ist undenkbar. In Frage kommt nur die Einstellung der Arbeit durch größere Arbeiterschichten. Gerade in den Ländern, in denen der General- streik am meisten propagiert wird, geschieht am wenigsten für die moralische Erziehnng des Proletariats. Gerade in den Ländern mit einem gefährlichen Mangel jeglicher Organisation, die doch jetzt die Voraussetzung des Generalstreiks sein soll, predigt man schon jetzt den Generalstreik, thut aber nichts zur Kräftigung der Organisation. Ja. ohne Zweifel, diese Propagatoren des Generalstreiks sind in der Praris die entschiedensten Gegner der Gewerkschaftsbcivegung. Hört! hört!) Sie sind es, die immer darauf hinweisen, daß die Gewerkschaftsbewegung nicht einmal m i t wirke zur Emancipation der Arbeiter. Sie sind es, die für die niedrigen Beiträge und gegen den Ausbau unsrer kämpfenden Organisationen eintreten. In diesem Zusammenhang sage ich: Protestieren wir auf das schärffte gegen die Propaganda des Generalstreiks und klären wir das Proletariat über seine Gefahren auf. Gewiß kann einmal der historische Moment kommen, in dem das Proletariat zur Abwehr reaktionärer Attentate oder zur Erzwingung notwendiger Reformen den Generalstreik braucht. Aber dieses äußerste und letzte Mittel kann nicht die Klein- arbeit, die unermüdliche Agitation, den Kampf im Parlament und der Gewerkschaft verneinen.(Stürmischer Beifall, besonders bei den Deutschen und Oesterreichern.) In ihrem Schlußwort hebt Henriette Roland- Holst hervor, daß die Vorzüge der holländischen Resolutton in der Forderung der Organisation und Disciplin und der überaus scharfen und bestimmten Abwehr des Anarchismus beständen. Gegenüber Friedeberg und Vliegen leugnet Rednerin den Gegensatz zwischen praktischer, täglicher Kleinarbeit und dem General- streik als letztem und äußersten. Dem Vertreter der russischen Social- revolutionäre hält sie das Festhalten der ganzen internationalen Socialdemokratie an der Legalität entgegen, bei der unsre Partei nach Engels bekanntem Wort rote Backen bekommt. Unsre Resolution sagt: Der Aufstieg, der Generalstreik, ist schwierig, aber er ist vielleicht der einzige Weg, der auf den Berg hinaufführt.(Lebhafter Beifall.) In der Abstimmung werden die Resolutionen der Allemanisten und Janrösisteu für den Generalstreik mit 17 Stimmen der andren Nationalitäten gegen 3 dieser beiden Gruppe» der russisch-revolutionären Partei und Japans abgelchut. Die GueSdisten stimmen gegen die Allemanistische Resolution und enthalten sich bei der Jauresistischen. Mit 3V gegen 4 Stimme» bei 3 Stinimenthaltungen wird dann die holländische Resolution an- genommen. Das Internationale Bureau teilt zur morgigen Verhandlung folgende Vorschläge mit: Unter dem Vorsitz voll Troelftra-Holland, mit Branttug-Schlveden, Sigg-Gens und Anseele-Brüssel als Bei- sitzer— über die Taktilfrage, über die Bandcrvcldc referiert, zu bis- kutieren von 9— 12>/z und 2—5 Uhr. Bebel und Jaurös erhalten je 30 Minuten, die andern Redner 10 Minuten Redezeit. Der Kongreß stimmt den Vorschlägen zu. Schluß 6>/� Uhr._ Partei- Nacbr icbten. Zu viel des Guten. Vielfach wird in der Partei geklagt, daß die Organisationsarbeit mit der Agitationsarbcit nicht gleichen Schritt halte, daß zwar reich- lich agitiert, der gestreute Same aber nicht durch nachfolgende organisatorische Arbeit zur Reife gebracht werde. Daß aber auch das umgekehrte vorkommen kann, spricht ein Artikel im„Offenbachcr Abendblatt" aus, der die Forderung nach einer Beschränkung der Anzahl der Konferenzen erhebt. In dein Artikel heißt es: „Man prüfe doch einmal recht gewissenhaft, ob jährlich zwei Kreiskonferenzen wirklich erforderlich und so viel wert sind, wie sie uns kosten! Wir behaupten, daß uns die zahlreichen Bezirks- und Krciskonferenzen nicht so viel nützen, wie vielfach angenommen wird. Und ginge es nach unfern persönlichen Wünschen, so würden wir auch auskommen mit einer nur alle zwei Jahre stattfindenden Landeskonferenz. Wie viel kostbare Zeit kosten uns die Vorbereitungen all dieser Konferenzen, dann die Abhaltung selbst und die nachfolgende Be- richterstattung darüber! Und wie viel Geld, das wir weit besser anwenden könnten, wird durch die zahlreichen Konserenzen vcr- ausgabt! In andern Bundesstaaten, so z. B. Bayern— sein Landesgebiet ist zehnmal so groß wie das hessische, seine Einwohnerzahl sechsmal so groß wie die unsrige, sein politisches Leben gar nicht zu vergleichen mit dem des schon ziemlich berpreußten Hessen!— also in Bayern, das eine ähnliche Parteiorganisation hat wie wir, hören wir bloß alle zwei Jahre von einer Landesvcrsammlung. Dafür aber hören, wir, ebenso wie aus den preußischen Provinzen, die zumeist ohne jede größere Jahresversammlung auskommen, um so mehr von größeren Agitationstonrcn, die planmäßig arrangiert werden durch das ganze Land. Bei uns nichts dergleichen. Bei uns hört oder liest man: die Mitgliederversammlung be- schäftigte sich mit der bevorstehenden Bezirkskonferenz; dann später: die Bczirkskonfcrenz beschäftigte sich mit der nächsten Kreiskonferenz; dann: in der Mitgliederversammlung wurde Bericht erstattet über die Bezirkskonferenz; darauf: es wurde über die Kreiskonfcrcnz berichtet; zwischendurch werden Delcgiertenwahlen für die Landes- konferenz vorgenommen, die Tagesordnung der Konferenz und später Verlauf und Resultat der Konferenz besprochen. Es muß einmal ausgesprochen werden, daß da zweifellos des Guten zu viel gethan wird. Anstatt uns fortgesetzt mit uns selbst zu beschäftigen, unausgesetzt unsre Organisationsapparate spielen zu lassen, sollte daran gegangen werden, eine planmäßige Agitation im ganzen Lande zu beginnen. Die letzte Landeskonferenz kostete nach oberflächlicher Berechnung mindestens 800 M. Dafür könnten wir 100 und mehr Versammlungen abhalten, die zweifellos der Partei mehr nützen würden als eine Landeskonferenz..Wir sind die letzten, die die Bedeutung dieser Konferenzen unterschätzen, aber um alles in der Welt— was zu viel ist, ist zu viel." Die Kreiskonferenz für de» Wahlkreis Königsberg i. d. N.-M.» welche am 15. August bei A. Wasewitz, Friedrichsbergerstr. 19 tagte, war durch zahlreiche Delegierte aus dem Kreise besucht. Die Konferenz mußte in Berlin abgehalten werden, da im ganzen Kreise nicht ein einziges Lokal fiir die Partei zur Verfügung steht; ein Zustand, den wir der„Liebenswürdigkeit" unsrer Gegner zu verdanken haben, der aber in Bälde geändert sein dürfte. Der Bericht der Vertrauensleute ließ erkennen, daß trotz der großen Schwierigkeiten die Bewegung zwar langsam, doch stettg vorwärts schreitet. Die Verbreitung der Presse ist mangel- Haft und bedarf energischer Förderung. Die Aufbringung von Mitteln ist zum Teil recht gut, größtenteils aber auch mangelhaft. Zur bevorstehenden Provinzial- Konferenz wurden gewählt Felsmann- Neudamm, G i e s l e r- Zellin und Ebel- Neuenhagen. Denselben wurde durch einstimmigen Beschluß aufgegeben, dafür einzutreten,„daß die Agitattonskommission der Provinz Brandenburg in ihrer seitherigen Zusammensetzung erhalten bleibt. Der Parteitag soll durch einen Delegierten beschickt werden und wurde hierzu der Kandidat des Kreises, Stadtv. Borgmann-Berlin, gewählt. Bezüglich der Maifeier wurde einstimmig beschlossen, daß dieselbe in der seither geübten Weise gefeiert werden soll. Ferner wurde beschlossen, den Parteitag zu er- suchen, die Schulfrage auf die Tagesordnung des diesmaligen Parteitages zu setzen. Von einer Aenderuug der Organisation tourde Abstand genommen, es soll vielmehr abgewartet werden, welche Beschlüsse der Parteitag in dieser Angelegenheit fassen wird. Zum Kreisvertrauensmann ivurde Karl Schurre- Alt-Blessin wiedergewählt. Im Reichstagswahlkreise Brandenburg-Westhavelland hat die Parteiorganisation, wie aus dem soeben veröffentlichten Bericht Hervorgeht, im abgelaufenen Geschäftsjahr keine Fortschritte ge- macht. Äereine bestehen nur in Brandenburg und Rathenow. Der Brandenburger Verein hat 1144 Mitglieder gegen 1146 am Beginn des Berichtsjahres und der Rathenower jetzt 344 gegen 442"am Anfang. Sonst bestehen Verbindungen mit 48 Orten wie am Anfang des Jahres. Versammlungen wurden nur in Brandenburg und Rathenow abgehalten. An andern Orten sind keine Lokale vor- Händen. Der Brandenburger Verein hatte 5434 M. Reineinnahme und 4101 M. Ausgabe, der Rathenower 1724 M. Reineinnahme und 1659 M. Ausgabe. Im Bericht wird gerügt, daß die Vertrauens- leutc, an welche die„Fackel" zur Verteilung gegeben wird, nichts von sich hören lassen, ob die erhaltene Anzahl Nummern des Blattes genügt oder ob sie weniger brauchen. Nach diesem Bericht zu urteilen, hat die Kreisleitung noch große Aufgaben zu lösen und da die Geldmittel nicht gerade knapp sind, braucht die Lösung daran nicht zu scheitern. )Zu3 Inciuftrie und Handel. Zur Verstaatlichung der Hibcrnia. Die„Kölnische Zeitung" veröffentlicht eine Zuschrift, in der die Frage erörtert wird, wie sich die Regierung gegenüber der Opposition, die ihr Verstaatlichungs- plan in der Großindustrie und Hochfinanz findet, verhalten dürfte. Wie das Blatt selbst angiebt, ist ihr die Zuschrift aus„der Rc- gierung nahestehenden Kreisen" zugegangen,— allem Anschein nach ist sie im Handelsministerium selbst geschrieben: „Soweit uns bekannt ist," heißt es in der Zuschrift,„läßt sid} die Regierung durch die heftige Bekämpfung, die ihr Plan bei mächtigen Gruppen der Börse und der Industrie gefunden hat, von ihrem Vorhaben in keiner Weise abbringen. Wir glauben zu wissen, daß der Fiskus trotz aller Gegenagitation sein Angebot aufrecht halten wird und nicht daran denkt, es vor der Hauptversammlung zurückzuziehen. Ob die heiß umstrittene Mehrheit, die für die An- nahnie des Regierungsangebots nötig ist, angesichts der Agitation der Gegenpartei zu erzielen sein wird, ist heute ungemein schwer zu sagen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Regierung über die absolute Mehrheit verfügen, doch hält man es in unterrichteten Börsenkrcisen für fraglich, ob sich auch die erforderliche Dreiviertel- Mehrheit zur Annahme ihres Angebots finden wird. Wclckie Schritte die Regierung nach Abhaltung der Hauptversammlung unternehmen wird, kann heute noch nicht mit Bestimmtheit angegeben werden. Sollte sich die erforderliche Mehrheit für den Verkauf der Hibernia an den Staat aussprechen, so entsteht die wichtige Frage, welche Stellung die Regierung alsdann dem Kohlensyndikate gegenüber einzunehmen gedenkt. In Bezug auf die Hibernia ist die Lage ganz klar; denn die Hibernia ist durch den erfolgten Beitritt zum Kohlen- syndikat Mitglied dieser Vereinigung und muß es auch jedenfalls bis zum Jahre 1915 bleiben, da in dieser Beziehung der Staat nichts andres sein würde, als der Rechtsnachfolger der heutigen Aktiengesellschaft Hibernia, deren Rechte und Pflichten er auch in Bezug auf die Beteiligung am Kohlensyndikat zu übernehmen hätte. Ob dann der Staat sich veranlaßt fühlen könnte, auch für seine andern Kohlenzechen dem Kohlensyndikat beizutreten, ist eine Frage, die man heute nur als offen bezeichnen kann. Feste Beschlüsse dürften in dieser Hinsicht noch nicht vorliegen." Die Wirkungen der Brüsseler Zuckerkonvention äußern sich für die deutsche Zuckerindustrie bis jetzt in überaus günstiger Weise. Seitdem am 1. September vorigen Jahres die Ausfuhrprämien in Wegfall kamen und der Zucker wesentlich billiger wurde, hat sich der inländische Konsum ganz beträchtlich gesteigert, und zwar in der Zeit von September bis Dezember 1903 um 38 Proz. gegenüber dem gleichen Zeitraum des Jahres 1902, von Januar bis Juni 1904 um 41 Proz. gegenüber derselben Zeit des Jahres 1903. Seit September 1903 bis Ende 1904 sind 816 510 Tonnen versteuert worden, gegen 584 630 in der Zeit von September 1902 bis Juni 1903. Die Steigerung beträgt also 231 880 Tonnen. Tagegen ist allerdings die Ausfuhr gesunken, und zwar betrug sie vom 1. September bis 30. Juni in Raffinade umgerechnet 1903/04 663 205, 1902/03 706 71?. Die Abnahme beträgt demnach 43 514 Tonnen. Nach Abzug dieser Minderausfuhr ergiebt sich noch immer ein Mehrkonsum von 188 366 Tonnen. Wie ganz anders malten sich doch in den Kreisen der Zuckerindustriellen die Folgen der Brüsseler Konvention! Man erwartete nicht nur eine beträchtliche Steigerung der Ucbererzeugung, sondern auch eine wilde Kon- kurrenz auf dem inländischen Markt, von der die Existenz mittlerer und kleinerer Fabriken, in weiterer Linie auch die Interessen der rübenbauenden Landwirtschast bedroht würden. Man forderte so- gar schon die gesetzliche Kontingentierung des Verbrauchs, wonach bestimmt werden sollte, wieviel Zucker jede einzelne Fabrik in den heimischen Verbrauch bringen dürfe. Wenn auch die Lage der Zuckerindustrie für manche Fabriken noch zu wünschen übrig lassen mag, so sind doch alle Schwarzmalereien gründlich Lügen gestrafl worden, und die Voraussage der Freunde der Brüsseler Konvention, daß sich der inländische Zuckerverbrauch wesentlich steigern würde, hat sich bewahrheitet. Vom oberschlesischcn Eisenmarkt. Der Beschäftigungsgrad der oberschlesischen Enenhüttenwcrke ist, wie die„Breslauer Zeitung" meldet, zur Zeit noch beftiedigend. Wenn auch in den letzten Wochen neue Abschlüsse in geringerem Matze als vorher zu stände kamen, io liegen doch noch aus den Vonnonaten genügend Aufträge vor, um die Werke besetzt zu halten. Auch zeigen die ununterbrochen flott eingehenden Specifikationen, daß der Bedarf ungeschwächt vorhanden, und es dürfte in kurzem daher wieder mit einer Aufnahme der Abschlußthättgkeit zu rechnen sein. Die Walzwerke verlangen noch immer fiir Feineisen- sorten sechs Wochen Lieferzeit, grobe Profile sind schneller zu haben. Auch der Trägermarkt liegt, trotz der vorgeschrittenen Jahres- zeit, noch verhälttiismäßig günsttg. Vor allen Dingen ist auch die Preislage fest, und es erscheint auch wenig wahrscheinlich, daß eine Herabsetzung eintritt, man kann im Gegenteil bei stärkerer Nachftage mit Steigerungen rechnen. Die Erhebungen des oberschlesischen Roheisensyndikats haben denn auch ergeben, daß für das vierte Quartal weder eine Einschränkung noch eine Erweiterung der Roheisenerzeugung erforder- lich ist. Rheinische Bergbau- und Hüttenwesen-Aktiengesellschaft, Duis« bürg. Die Generalversammlung beschloß die Erwerbung des Obcrbilker Blechwalzwerks G. m. b. H. Dem hierzu abgeschlossenen Vertrage zufolge übernimmt die Rheinische Bergbaugesellschast die Verpflichtung, sofort die Herstellung eines Martin-Stahlwerkes vor- zunehmen, das befähigt ist, den Bedarf des Blechwalzwerkes an Brammen für Bleche und Streifen vom 1. April 1905 ab zu liefen:. Der gesamte Kaufpreis, der sich auf un- gefähr 900 000 Mark berechnet, wird enttichtet durch Hergahe von neuen Aktien, die vom 1. Juli 1905 ab dividenden- berechtigt sind und zum Kurse von 110 Proz. übernommen werden. Das Oberbilker Werk verpflichtet sich, mindestens 900 000 M. an Aktien zu übeniehmeu und den etwaigen Unterschied gegen den Kaufpreis bar herauszuzahlen. Die neuen Aktien bleiben zwei Jahre gesperrt. Im Zusammenhange hiermit beschloß die Versammlung weiter, das Grundkapital von 5 400 000 M. um 900 000 M. zu er- höhen durch Ausgabe von 600 neuen Aktien zu je 1500 M. mit Dividendenberechtigung vom 1. Januar 1905 ab, und ernrächtigte die Verwaltung, die weiter erforderlichen Geldmittel im Höchstbetrage von 1 Million Mark bestmöglichst zu beschaffen, sei es durch Auf- nähme einer Anleihe, sei es durch Bankkredit. EoakSsyndikat. Wie der Kohlen- leidet auch der CoakSmarkt unter Mangel an Absatz. Der Coaksversand des Rheinisch-West- fälischen Kohlensyndikats betrug der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung" zufolge im Monat Juli insgesamt 660 230 Tonnen gegen 651 387 Tonnen im Vormonat und gegen 729 427 Tonnen im Juli 1903. Hiervon entfallen 640 020 Tonnen auf Zechen und 20 210 auf Privat- kokereien. Ungarns Gctreide-Ernte. Der Bericht des Ackerbau-Ministeriums vom 15. August schätzt die diesjährige Ernte an Weizen auf 36,12 gegen 35,62 Millionen Doppelcentner, an Gerste aus 10,40 gegen 10,40 und an Hafer auf 8,74 gegen 3,84 Millionen Doppel- centner gegenüber dem Ausweis vom 1. d. M. Mais zeigt einen weiteren Rückgang. Hülsenfrüchte und Futtermittel sind noch weiter zurückgegangen._ Hus der frauenbewegung. Als Bertrauensperson der Arbeiterinnen wurde nach einem Vor- trage der Genossin Bosse aus Bremen in Gera die Genossin Frau W. Geinitz gewählt. Es wurde beschlossen, eine Untersuchung anzustellen, ob die erwerbsthättgen Ehefrauen der Gewerkschafts- Mitglieder ihrer Berufsorganisatton angehören. Soziales. AnS den Geheimnissen des Strafvollzugs? Aus Lützen wird gemeldet:„Ein junger Mensch, der erst kürzlich aus der Strafanstalt entlassen worden war, überfiel in Wittgensdorf eine im Hanse allein wohnende Frau,� warf sie zu Boden und zerschlug Bierflaschen mit solcher Wucht auf ihrem Kopse, daß die Scherbe,: im Kopfe stecken blieben. Der verzweifelten Frau gelaug es, einen lauten Hilferuf auszustoßen, worauf ihr Nachbar erschien. Der Bursche entwischte durch ein offenstehendes Stuben- fensler, nachdem er erst noch einige Kästen nach Geld durchsucht hatte, wurde aber ergriffen und dem hiesigen Gerichte übergeben. An dem Auskommen der mißhandelten Frau wird gezweifelt." Es erhebt sich die Frage, was diesen jungen Menschen zu der anscheinend ganz umnottvierten schweren Mißhandlung der Frau getrieben hat. Sollte da nicht Geistesstörung vorliegen und wenn das der Fall ist: sollte sich das nicht bereits im Gefängnis, aus dem Thäter eben erst entlassen wurde, bemerkbar gemacht haben? In solchem Falle wäre die Unterbringung des gemeingefährlichen Menschen in einem Jrrenhause notwendig gewesen. Wenn unsre Vermutungen über den Zustand des Mensche» zutreffen, warum hat man das im Gefängnis nicht bemerkt oder wenn man es bemerkt hat. warum läßt man einen als gemeingefährlich erkannten Menschen einfach laufen? Die von uns nach Strafanstaltsakten vor einiger Zeit geschilderten Fälle veranlassen uns, diese Fragen aufzuwerfen. Vielleicht ist es möglich, den vorliegenden Fall iveiter zu verfolgen. Arbeiter als Schöffen. Im Breslauer Gewerkschaftskartell wurde beschlossen, dahin zu wirken, daß Arbeiter als Schöffen berufen werden. Jede Gewerkschaft soll dem Kartell ein oder zwei Mit- glieder namhaft machen, die zum Schöffenamte geeignet sind, und dann soll die Liste de», Amtsgericht eingereicht werden mit dem Er- suchen um Benützung bei der Auswahl von Schöffen. Den Verdienst- ausfall sollen die Gewerkschaften den Arbeiterschöffen ersetzen. Wieder eine Schwindclkasse zugemacht. Die Deutsche Volks- versicherungs-Kranken- und Unter st ützungskasse, erst in Gelsenkirchen, dann w Mülheim- Styrum ist in polizeiliche Obhut genommen worden. Die Bücher sind beschlagnahmt. Gelder so gut wie gar nicht vorhanden. Die Kasse hatte viele Dumme ein- gefangen, die vergebens auf Erfüllung ihrer Ansprüche harren. Litterarifcbes. Märkisches Wanderbnch. Verlag Julius Straube, Berlin SV/. Dieser Führer durch die Mark zeichnet sich aus durch sorgfältiges und ausführliches Eingehen auf alle beachtenswerten Einzelheiten der dargestellten Touren, ohne doch zu umfangreich oder zu teuer zu werden. Der Preis von 2,50 M. für ein dreibändiges Buch ist nicht zu hoch. Freilich ist ein dabei unvermeidlicher Mangel, daß es nicht die ganze Mark behandelt, sondern nur einen Teil der- selben in der Form, daß Berlin den Mittelpunkt bildet. Der als Band III in 20 Sektionen beigcgebene Atlas umfaßt ein Gebiet, das begrenzt wird durch die Punkte Fehrbellin, Schwielowsee, Hohensaatcn, Scharmützelsee. Sonst enthält der Führer noch die zum Teil noch über die hier genannten Grenzen hinausreichenden 18 Karten im Text. Ein Vorzug dcS Buches ist die Angabe der Eni- fernungen in Kilometern von Ort zu Ort bei den geschilderten Ausflügen, ein Mangel ist es jedoch, daß in den Atlas kein Maßstab eingezeichnet ist. Der Mangel macht sich um so fühlbarer, als der Maßstab 1: 130 000 für die Umrechnung der Entfernungen nicht gerade sehr handlich»st. Sonst sind als Vorzüge des Führers noch zu nennen die Einteilung der Ausflüge in Anlehnung an die Bahn- linien und eine Anleitung für das Zurechtfinden im Gelände, die dem Neuling sehr willkommen sein dürfte. Singegangene Dmckrchnftcn. Gesundheitspflege auf dem Lande. Von Kreisarzt Dr. Nickel. Heft YII der„Veröffentlichungen des Deutschen Vereins für Volkshygiene", herausgegeben von Dr. K. Bcerwald. München und Berlin, R. Oldenbourg. 8°. öS Z. Preis 40 Pf. Von 100 Ex. ab 35 Pf., von 200 Ex. ab 30 Pf., von 500 Ex. ab 25 Pf., von 1000 Ex."ab 20 Pf., von 2000 Ex. ab 18 Pf. »Kommunale Praxis", Zeitschrift für Kommunalpolitik Und G e m e i n d c- I o c i a l i s m us. Herausgeber Dr. Llwcrt Süd ckum, Berlin W. 15. Die neueste Numnier der„Kommunalen Praxis" enthält den dritten Artikel von Dr. Hugo Lindemann über das dem Bremer Parteitage zu unterbreitende Kommunalprograinm. Weiter ausgebaut ist die Rubrik Gesundheitswesen und Arbeitervcrsicherungs- Institute, die eine Reihe sehr beachtenswerter Notizen bringt. Neben einem reichen Nachrichtcntcil aus allen Gebieten des Gemeindclcbens umsaht die„Kommunale Praxis" auch einen juristischen Sprcchsaal, in dem alle Fragen, die das Gcmcindeleben betreffen, kostenlos beantwortet werden. Die„Kommunale Praxis" erscheint am 1. und 15. jeden Monats und kostet vierteljährlich 1,50 M. Probe- Nummern versendet gratis und sranco der Verlag, Berlin W. 15. Werde gesund! Zeitschrist sür Volksgesundheitspslcge und Krankheits- Verhütung. Herausgegeben von Dr. med. Georg Liebe. 8. Hest. Erlangen 1901. Verlag Theodor Krische, UniversitätS-Buchhandlung. Protokoll dcS siinfle» Internationalen Handschnhmachcr- KongrcfieS. Abgehalten im Gewerkschaftshause in Stuttgart 22. bis 26. Mai 1904. Berlin 1901. Herausgegeben vom Vorstand des Verbandes der Handschuhmacher. 54 Seiten. Wartburg Stimmen. Halbmonatsschrift sür deutsche Kultur. 2. Jahrgang, Nr. 9. August 1904. Preis vierteljährlich 4 M. Thüringische Verlags. Anstalt Eiscnach und Leipzig. Nomen, Entschädigung für unschuldig erlittene Verhaftung und Bc- strasung.(Guttentagsche Sammlung deutscher Reichsgesetzc Nr. 73.) Berlin 1904. Bruno Poersch, ltnsre Grenzstreitigkeitcn und gewerkschaftliche Taktik. 26 Seiten. Verlag des Verbandes der in Gemeinde- und Staatsbetrieben beschäftigten Arbeiter und Unterangcstellten, Berlin W. 57, Bülowstrasjc 21. D.«fr. Naumann. Der Streit der Konfessionen um die Schule. Preis 60 Ps. Buchverlag der„Hilse", Berlin-Schöneberg. 1904. Lriefkasten der Redaktion. ■Furirtifcher Ccil. Die juristische Sprechstunde findet täglich mit Zlusnahme de? Sonnabende von?>/- bis O'/j Ubr abends statt. Geiifinet: 7 lldr. M. Zl. lt. 1. Sie können ohne Anwalt erscheinen. 2. Sich ein ArmutS- zcngnis vom Armenvorstcher Ihres Bezirks verschaffen und das mit der Bitte um Bewilligung des Annenrechts und Beiordnung eines Rechtsanwalts unter Augade dessen, was Sie aus die Klage anzusühren haben, dem Gericht einschicken. 3. Er muß schwören, wenn ihm kein andrer Grund zur Verweigerung der Aussage lz. B. nahe Verwandtschaft, Selbst- bczichtigung ustv.) zur Seile steht.— Albert IVO. Der Herr Ist t» Unrecht. Ihr Sohn soll Herausgabe der Platte verlangen.— A. K. 8- Ja.— Erbe. Wiederholen Sie die Ansrage unter Angabe, wo und waiuz Ihr Bruder geheiratet hatte und wo der erste Ehcivohnsitz war.— H. I. Ihre Fragen sind unverständlich.— Nowak. Heine, Alt-Moavit 10l>, Heincmann, Kroncnstr. 8/9.— M. S. 123. 1. Nein. 2. Uns unbekannt. K. 20. Der Verkäufer ist schadenSersatzpflichttg. In Höhe Ihres Schaden» können Sie Zahlung der Rcsischuld verweigern.— R. F. 52. Für da? Grundstück käme östcneichischcs, sür das übrige Vermögen deutsches Recht in Betracht. Aus Ihrer Seite kämen die drei Geschwister, aus feiten der Ehe» frau die Mutter und die Geschwister neben deren Ehegatten als Erben in Betracht. Am besten machen Sie mit Ihrer Ehesrau ein wechselseitiges Testament.— 82. 1. Entziehen Sie der Frau die Schlüsselgewalt, indem Sie beim Amtsgericht II die Eintragung der Entziehung ins Güterrechts- regisler beantragen. 2. Bis zur Entziehung müssen Sie für die sür den Haushalt gemachten Schulden auskommen.— Weidenlveg 37. 1. Ja. 2. Nein. 3. Ja, er macht sich strafbar.— Wette um 10. Von 25— 50 Proz. Genau kann das nur der Arzt sagen.— C. G. 100. Für die Frau muß geklebt werden.— M. W. 100. Sic machen sich unbedingt strafbar. — Mnnter. Kommen Sie unter Darlegung des Sachverhalts und Bei- fiigung eines Hebammenzeiigniffcs um Befreiung von der Nebung beim Bezirkslommando ein. Die Unterstützung beträgt etwa 75 Pj. bis 1 M. und für jedes Kind noch 25—30 Ps. täglich.— 1000. 1. Die Verteilung von Programmen aus der Straße ist ohne polizeiliche Erlaubnis verboten. 2. Der Gendarm war zur Wegnahme berechtigt. 3. Nein.— A. W. 88. t. Nur für die lausende und die vorangegangene Lohnzahlungsperiode. 2. Nein. 3. Als Ehemann ja. 4. Rückgängig kann die Tauje nicht gemacht werden, wohl aber könne» Sie das Kind anderweit taufen lassen.— Iii~ pro Pfd. 17 Pf. im Anschnitt 22—23 Pf. Alle Fischarten sind infolge großer Fänge soeben in grosic» ONengen eingetroffen. 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Robert Charwey. Deutsch v.A.Halm. Herr Richard Alexander in der _ Hauptrolle._ Kleines Theater. Unter de» Linden 44. Nachtasyl, Ansang 8 Uhr. Morgen: De« Pagtor» Rlek«. Trianon-Theater. Gcorgenstrahc zwischen Friedrich- und UniversträtSstrage. Tie Notbriitke. Lustspiel in 3 Akten von Fred Gresac und Francis de Croisset. UAF' Ansang 8 Uhr. �WU Apollo-Theater. 7«/« Uhr: Garten-Konzert. 8 Uhr: Venus auf Erden. Opvronto?aul filticke. fi1/. Uhr: Die phänomenalen Attraktionen des grossen liiSiist-PrograinDis und Roh. Steidl mit neuen Schlaprem._ Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstratze 68. Heute: Grosses Sommcrfcst verbunden mit Garten-Konzert und TheaterrorsL Slustreten sämtlicher Specialitäten, u.a. ftuil Coradini. X Latour« et Angela. Außerdem das Volksstück Wik killst im M-i. Im Saale: Gr. Sonimernaehts-Ball. «nlang 4'/, Uhr. Eintritt 30 Ps. Zkottbnser Thor— Etat, der Hochbahn Täglich im Garten: ttokkmanas norddeutsche Sänger. Sonntag, Montag, Donnerstag: Nach der Soiree: »Faii-krttn»«:!»«». Neu I Zum Schluß: Neu I Unser Kind 8vI»tU«r-TTte»t«i'. Schiller- Theater O. (Wallner-Theater). Morwih-Oper Sonnabendabend 8 Uhr: Bohert der Tenfel. Romantische Oper in 6 Auszügen von G. Meherbeer. Sonntagabend 8Uhr: Oheron, KUnlg der Elfen. Schiller-Theater DT. (Friedrich-Wilh elmstädtisches Theater) Geschlossen inll. Sonnabend. Morwih-OPer. Sonntagnachmittag 3 Uhr bei halben Preisen: Der Freischütz. Sonntagabend 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötel. Der Postillon von Lonjumeaa. Im Garten: Grosses Militärkonzert. *]ffax Kliem's Sotmner- Theater Hasenhelde 13—15.— Artistische Leitung: Paul Milbitz. Täglich; Gr. Konzert, Theater- u. Specialitäten-Vorsteliung. Jeden Montag: Sommerfest.— Jeden Mittwoch: Die beliebten Kinderfeste.— Jeden Donnerstag: Elite-Tag. BMF* Die Kaffeeküche ist täglich von 2 Uhr ab geöffnet. WW 2 hochelegante Kegelbahnen, Würselduden, Konditorei, Blumenstand:c. In den Sitlen: (Krossvi* Ball. Urania. 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Die Agltatlonshominlsslon. Gebrüder Herrnfeld-Theater. narr Berliner Wwter- Saison) Xur eine Nacht. Zwei Akte aus einer Ehe. An, andern Dörgen. Nachspiel zu.Nur eine Nacht-. Beide Stticke mit den Autoren Anloo und Donat Herrnfeld in den tdaupttollen. Ansang 8 Uhr. Kaffen-Eröffnung 7 Uhr. Vorverkauf täglich 11—2 Uhr. Der große Nalurgarten ist geöffnet. am Königsth., am Friedrichshain 29/32. EaMi Theater, Ball s. spen Das Lis-rl. fgf AligDniiikiirkSilimit. Große Poffe mit Ballett u. Evolution von Elh. Mlltwoch: �iiihcrfefi� Gustav Behrens Specialitäten- Theater, Frankfurter- Allee 85. Sonnabend, den 20. August: Erstklassige Kräfte, auserlesene« ProGrammm. Anfang 7 Uhr. Elablistement Kuggeuhagen Jlorltzplutz. Täglich von 12—4 Uhr: Mittagstisch. Im grosten schattige» Natur- garten jeden Abend 8 Uhr: IioiiTvr�. Dienstags, Donnerstags, Sonntags: Föhrmann— Waide-Sänger. Sonnabends T n n v im Kaisetsaal: 1 CT■ 1 Eröffnungs-Prograinm. Pas de Deux orlental. 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Charlottruburg, V ollshaus, Rofinciistraße, eine Versammlnng sämtlicher tu Charlotteudurg uiohuhasten Rohrleger und Helfer statt.___ gy Tagesordnung wird in der Versammlung bakannt gemacht."VQ Kollegen, ans den Besuch der Versammlung kommt es an. ob etwaige Beschlüsse für weitere Maßnahmen gesaßt werden können, daher ist ein zahlreiches Erscheinen sämtlicher Kollegen dringend notwendig. 1t9/l5«_ Die OrtBverwnltnng. (Eing.®. m. h. H) bsuieisseosehalt ran ttrsi n. Iliepd Sonnabenh. den 27. August 1004, abends 8 Uhr, im Lokal von Meißner. AdlerShos(am Bahnhos): Zx AuZZerorilevtllehe Genera!'Verzammlung. TageS-Ordnung: 1. Wahl von drei AussichtSratS-MUgliedeni. 2. Vorttag dcS Genossen L. Broslauer über.Unsre Gegner". 3. Geschastliches. Der Vorntund. Hormann Hiidedrandt. Wilhelm Kohl. August SUske. s Jl Montag, den 22. d. M., abends nm 7 Uhr, also von der Arbeit große Werkstattsitzung bei Hveii.R.»ciRt. C. Grün str. 21. Das Erscheinen aller ist Ehrenpflicht._ 175/2 aus AchfiW! Acht"«»! Sonnabend, den 20. August, abds.>.',7 Uhr, im«ewerkschaftshans, Engel-ttfer 15(Saal 1): �Utgllcdcr-Vcrsamtnlung. Nur mit Mitgliedsbüchern versehene Kollegen haben Zutritt. 73/8 Verband der Maschinisten und Heizer sowie Berufsgen. Deutschlands. Sonntag, den 21. August, nachmittags 5 Uhr. bei TolAt, Ritterstr. 75: WW Versammlung."WW Tages-Ordnung: I. Anttng betteffend emc zu veranstaltende Umfrage über die Zahl der Organifiertcn in den einzelnen Bettieben, verbunden mit Auskünften über Lohn» und Arbeitsverhältnisse. 2. BerschiedeneS. 3. Fragekaften. 139/1_ Die Ortsverwaltung. Zweigverein Berlin, Sektion Sonntag, den 21. Angnft. nachmittags 2 Uhr, im GewerkfchaftShanse, Gngel-Ufer 15(Saal 1): I I I l I 1(Brauer). r, im Gewer D- Iii i>�. TageS-Ordnung: 1. Vortrag de? Genoffcn Gu»Menkuel> über das Thema: Habe» konfefsionettc Gewerkschatten eine Sxiftenzberechttgung? 2. Neuwahl von drei Verbands-'Ausschuß, nitgliedern. 3. Beschlußfassung über Anstellung eines besoldeten Beamten für die Sektton I und evcnt. Wahl desselben. 4. Abrechnung vom zweiten Quartal. 5. Innere VcreinSangelegenheiten. 6. Verschiedenes. 41/14 In Anbettacht der außerordentlich wichttgen Tages-Ordnung ist daS voll- zählige Erscheinen der Mitglieder unbedingt erjorderlich. Der Borstand. n Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- u. Cementbranche. Gruppe Cementierer. Sonntag, 21. August, vormittags lO'/zlIhr, im Lokale Srunncnstr. 188: Mitglieder- Uersammluug. TageS-Ordnung: 1. Vorttag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes Um rege Tellnahme der Mitglieder an der Versammlung ersucht 143/10____ Der Vorstand. Verband der Möbelpolierer Montag, den 22. August, abends S'/a Uhr, Admiralstraße 18c: AS" Versammlung."WU TageS-Ordnung Jndustrieverdände oderS 1. Vorttag de» Genossen Kloinlsln über: ernfsverbände. 2. Diskussion. 3. BerschiedeneS. Die Kollegen werden ersucht, diese Versammlung pünktlich und recht zahlreich zu besuchen.— Diejenigen Kollegen, welche noch BillctS von der Dampserpartte abzurechnen haben, werden hiermit ausgesordert, dem sosort nachzukommen. 147/8 Der Vorstand. Msrmor-SiiillflZteurel Ileuts sdsnil SV« Uhr bei Ständer» Hohenstaufenstraße 79: 175/13 Mitglieder Uersamminng. TageS-Ordnung: 1. Unsre Lohnbewegung. 2. Verschiedene». SpBF* Eintritt gegen Legitimation durch das Mitgliedsbuch.-MW Zahlreichen Besuch erwartet Die Lohnkommisston. Tcrwaltungastelle Berlin. Haupt-Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Ami FV, S07S. SlrbcttSnachweiS: Zimmer 34. Amt IV, 3353. Sonntag, den 21. August, morgens 10 Uhr, im Gewerkschaftshause, tkngrl-Nfcr 15, Saal IV: Versswilllullg her Former und Berursgenossen. 1. Der Stand des Stte?te und" der Aussperrung, i. Diskussion. 3. VcrbandSangelegenheiten. Achtung! Diese Versammlung ist stehenden Kollegen bestimmt und werden zu erscheinen. Haup diese eShalb für die in Arbeit hauptsächlich ersucht, Sonntag, de» 21. August, v-rmittagS 10 Uhr: Ver5Smmlung der Teilenarbeiter im Lokale von Sachse, Lindowerstr. 26. TageS-Ordnung: 119/17 1 Regelung de» Arbeitsnachweises. 2 Diskussion. 3. Verschiedenes Zal.Ircichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltung. V-ranttv. Reh'lteur« Pgul Mttn«, Berlin. Kür den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck«.«erlag: Vorwärts Buchdruckers u. BerlagSanjtalt Paul Singer Se Co.. Berlin LW. Nr. 195. 21. 2. KnlU te„Imittf ßtriitttt PolMhtt SsMbtvd, 20. Augüst 1904. Schutzzollpolitik und foeialdemokratifche Arbeiterpolitik. V. Wie steht es mit der Grundrente? Es kann unerörtert bleiben, wie Schippe! zu seinem Agrarier- schütz kommt, ob hierbei alte Reminiscenzen aus früheren Tagen, als Schippe! noch im Banne der volkswirtschaftlichen Theorien von Rodbertus stand, mitsprechen oder ob die Grundrenten-Theoretik der Wortführer des heutigen Junkertums ihn gefangen genommeil hat. Das Woher interessiert uns wenig; für uns handelt es sich nur darum, welche Anschauungen Schippe! vertritt. Zweifellos ist jedoch, daß er, wie in andren Fragen, auch hier die Begriffe und Defini- tionen, mit denen die Agrarjchutzzöllnerei arbeitet, unbesehen über- nimmt. So spricht er von einer Notlage der Landwirtschaft, während er eine Notlage der ländlichen Grundbesitzer ineint. Beide ganz verschiedenen Begriffe verwischen sich vollständig bei lhm. Der gewöhnlichen bürgerlich- ökonomischen Betrachwngs- weise ist diese Nichtunterscheidung durchaus eigen. Wenn in einer_ Industrie, sagen wir der Walkwerksindustrie, die Rentabilität sinkt, wenn der Unternehmergewinn abnimmt und die Dividenden fallen, dann ist sie nach der gewöhnlichen kapitalistischen Ansicht„notleidend"; ob sie technische Fort- schritte macht und au Ausdehnung gewinnt, ob sich der Lohn und die Lebenshaltung ihrer Arbeiterschaft heben oder senken, bleibt außer Betracht. Das Kriterium für ihre Situation ist das Steigen oder Fallen des Profits. Dieselbe Ausfassung tritt uns in der konservativen Presse bei der Beurteilung der Lage der Landwirt- schaft entgegen. Wenn die Grundrente nicht steigt oder gar fällt, wenn die Boden- und Pachtpreise sinken, dann ist die Landwirtschast „notleidend", mag auch das bebaute Areal wachsen, die Bodenkultur resp. Intensität der Bewirtschaftung steigen, der Ertrag auf derselben Fläche zunehmen, die Lage der Landarbeiter sich bessern. Nun kann allerdings ein Fall der Grundrenten und Bodenpreise unter gewissen Bedingungen thatsächlich eine Ein- schränkung des Anbaues, einen Rückgang des landwirtschaftlichen Gesamtbetriebes zur Folge haben; aber keineswegs muß diese Folge eintreten. Es kommt auf eine Reihe verschiedener Umstände an, die wir hier, da wir sonst mehrere lange theorerische Artikel über die Grundrentenbildung, dre verschiedenen Formen der Grundrente, den Einfluß der industriellen Entwicklung auf den landwirtschaftlichen Be- trieb usw. schreiben müßten, unerörtert lassen— schon ohnehin ist die Kritik der Schippelschen Artikelserie länger geworden, als wir wollten. Schippe! ist nun der Ansicht, daß die Höhe der Gnmdrente zu der An- und Abnahme des landwirtschaftlichen Gesamtbetriebes in Wechsel- beziehung steht: fallende Grundrente bedingt Rückgang des Betriebes. In seinen ftir die Chemnitzer„Volksstimme" geichricbenen Artikeln läßt er sich zwar über diese Theorie nicht aus. Er unterstellt hier nur einfach diesen Zusammenhang als selbstverständlich; wohl aber spricht er an mehreren Stellen seiner„Grundzüge der Handelspolitik" darüber, z. B. S. 221: „Wir in Deutschland haben die praftische Probe auf daS E�empel noch nicht gemacht, weil unsre Agrarzölle die hrstorisch gewordene Grundrentenbildung leidlich aufrecht erhalten und jedenfalls ihren voll- ständigen Zusammenbruch abgewehrt haben. Aber in Großbritannien war man in der Lage, die Grundrente freifallen zulassen, weil, n an bereits mit einem unendlichen Uebergewicht der industriellen Interessen in die AgrarkrisiS ein- trat. Wenn nun hier zwischen 1871 und 1901 von 3,57 Millionen Acres Weizenland 1,87 Millionen außer Anbau gefetzt wurden, so daß nur noch 1,7 Millionen Acres dieses Brotkorn Englands tragen, so dürfte doch wohl die Be- wegung der Grundrente auch etwas auf die Ausdehnung und Einschränkung der land- wirtschaftlichen sachlichen Produktion eines Landes eingewirkt haben. Doch lassen wir diese trivialen Selbstverständlichkeiten." Schippe! gilt also seine Folgerung als triviale Selbstverständlichkeit. Trivial mag sie sein— aber selbstverständlich keineswegs. Er beruft sich auf England, wo die Grundrente frei gefallen ist, als „Probe auf das Exempel". Sehen wir zu, inwieweit Englands landwirtschaftliche Entivicklnng seit 1870 seine Auffassung bestätigt. Zum Vergleich ziehen wir die Entwicklung der durch hohe Agrar- zölle, Vichsperren, Fleischeinftihrverbote geschützten und durch enorme »Liebesgaben" subventionierten deutschen Landwirtschaft heran: Statistische Aufnahmen der landwirtschaftlich benutzten Fläche fanden in Deutschland 1878, 1883, 1893 und 1900 statt. Danach betrug das: 1878 1833 1893 1900 sin Millionen Hektar) Acker, u. Gartenland 28,06 26,18 26.24 26,23 Wiesen..... 5,92 5,90 5.92 5,96 Weideland....? 3,43 2,87 2,71 Dagegen betrug in Großbritannien(Irland lassen wir weg, Weil dort mit einzelnen statistischen Aufnahmen erst später begonnen worden ist): 1871/75 1331/85 1893 1900 sin Millionen Acres, 1 Acre— 0,405 Ha.) Acker u. Gartenland 18,24 17,35 16.15 15,71 Wiesen- u. Weideland 12,88 15,77 16,49 16,73 Wir sehen, in Deutschland hat das Ackerland um ein Geringes zugenommen, dafür aber das Wiesen- und Weideland abgcnomnien, so daß, wenn man die Gesamtfläche zusammenzählt, sich eine Ab- nähme ergiebt. In Großbritannien hat das Ackerland abgenommen, noch weit mehr aber hat das Wiesen- und Weideland zugenommen. so daß sich eine Ausdehnung der Gesamtfläche um 1,31 Millionen Acres ergiebt. Betrachten wir nun die Benutzung des Acker- und Gartenlandes. In Deutschland kamen auf den Anbau von: 1873 1883 1893 1900 (in Millionen Hettar) Getreide u. Hülsenfrüchte 15,59 15,72 15,99 16,05 Kartoffeln..?(1878-- 2,75) 2.91 3,04 3,22 Die Erntefläche der Hauptgetreide-Arten Deutschlands betrug: 1378 1,81 ZT::■■■■■■|| Hafer...... 3'74 Weizen 1883 1893 1900 sin Millionen Hektar) 1.93 2,04 2,05 5.83 6.01 5,96 1,70 1,59 1.67 8.77 3,91 4,12 «n Großbritannien betrug der Anbau von: 1371/75 1831/85 1893 sin Millionen Acres) Gefteide U.Hülsenfrüchte 9.51 8.64 7,66 Kartoffeln..... 0'55 0'56 0'a3 Die Erntefläch- der Hauptgetreide-Arten Großbritanniens 6ctt"0: 1871,75 1881/35 1893 (in Hlillionen Acres) Weizen..... 3,53 2,72 1,90 Gerste..... 2,37 2.23 2,08 Hafer...... 2.67 2,01 3,17 Während in Deutschland der Anbau von Getreide irüchtrn um 2 bis 3 Prozent zugenommen hat, ist 1900 7,34 0,56 1900 1,85 1,99 3,03 und Hülsen- er in Groß- britannien um ca. 22—24 Prozent zurückgegangen; aber dieser Rückgang betrifft fast ausschließlich den Anbau von Weizen, Erbsen und Bohnen; der Anbau von Gerste ist fast gleich geblieben, der von Hafer hat sogar beträchtlich zugenommen, weit mehr als in Deutschland. Dagegen hat aber in Großbritannien der Anbau von Gemüse und Obstbäumen weit mehr zugenommen als in Deutsch« land. Im Deutschen Reich belief sich 1878 die mit Hackfrüchten und Gemüse bebaute Fläche auf 3,55, im Jahre 1900 auf 4,59 Millionen Hektar. Von dieser Zunahme entfällt aber'die Hälfte auf die Aus- dehnung des Kartoffelanbaues. In G r o ß b r i t a n n i e n hat sich die mit Kartoffeln bebaute Fläche seit 1870 nicht vergrößert; der Anbau von Kohlsorten, Kohlrabi, Wurzeln(mit Ausnahme der Rübe») und Raps stieg aber von 418 028 auf 610 099 Acres. Noch mehr hat der Obstbau sich entwickelt, allerdings fast nur in England, weniger in Schottland und Irland. Das mit Obstbäumen be- pflanzte Areal belief sich allein in England im Jahre 1900 auf 226 164 Acres, über 50 Proz. mehr als zu Anfang der siebziger Jahre, und zugleich stieg die in Großbritannien mit„Lmull fruit" (Beerenobst-Sträucher) bepflanzte Fläche von 1883(in welchem Jahre die erste genaue Feststellung stattfand) bis 1900 von 41 630 auf 73 780 Acres. Die gesamte landwirtschaftliche Fläche hat also in Groß- britannien durchaus nicht abgenommen; im Gegenteil sie hat sich mehr ausgedehnt als in Deutschland. Der Anbau von Weizen. Erbsen, Bohnen, Flachs, Hopfen sc. ist allerdings beträchtlich zurück- gegangen; dafür hat sich aber der Gemüse- und Obstbau gewaltig ausgedehnt, und ferner hat die Wiesenkultur sehr an Umfang und Bedeutung gewonnen. Nun könnte die Anbaufläche zwar dieselbe geblieben, der Ertrag pro Acre aber gefallen sein. Die englische Statistik beweist jedoch, daß fast bei allen Produkten, auch bei Ge- treibe, der Erntc-Ertrag auf derselben Fläche zugenommen hat, also die Intensität gestiegen ist. Beim Weizen z. B. betrug der Ertrag pro Acre im Durchschnitt der Jahre 1885/87---- 30,7 Bushels, 1898/1900-- 32 Bushels, beim Hafer 1885/87--- 36,43 Bushels. 1898/1900 39,16 Bushels usw. Betrachten wir nun noch zum Schluß die Entwicklung der beut- scheu und englischen Viehzucht. Nach den deutschen Viehzählungen von 1873, 1892 und waren im Deutschen Reich vorhanden: 1900 Pferde. Rindvieh Schafe. Schweine 1873 3 352 231 15 776 702 24 g9ö 406 7 124 033 1892 3 836 256 17 555 694 13 589 612 12 174 233 1900 4 195 361 18 939 692 9 692 501 16 807 014 In Großbritannien wurden gezählt: 1871/75 Pferde... 1283156 Rindvieh.. 5 813 123 Schafe... 28 790 018 Schweine.. 2 484 872 Auch die Viehzucht hat also 1892 1 518 082 6 944 783 28 734 704 2 137 859 unter dem Fall 1900 1 500 143 6 805 170 26 592 226 2 381 932 der Grundrente nicht ab- sondern zugenommen; allerdings hat sie unter dem Druck andrer Verhältnisse ebenfalls teilweise andre Bahnen eingeschlagen als in Deutschland. Die Schweine-Aufzucht, die in vielen deutschen Gegenden zur Hauptsache geworden ist, spielt in England nicht die gleiche Rolle, sie beschränkt sich dort fast ausschließlich auf die Auf- zucht von sogenanntem Oualitätsvieh; der übrige Bedarf wird aus dem Ausland bezogen. Dagegen treibt man in Großbritannien mit seinen wunderschönen Weiden vornehmlich Schafzucht, und wir finden denn auch in dem kleinen Großbritannien im Jahre 1900 rund 26,6 Millionen Schafe, in dem weit größeren ganzen Deutschen Reiche nur 9,7 Millionen, und außerdem ist zwischen dem englischen und deutschen Schafvieh ein recht großer Unterschied. Auch die englische Rindviehzucht liefert im Durchschnitt weit bessere„Oualitäts- Ware" als die deutsche. Wir sehen, die Behauptung Schippels, daß der Fall der Grund- rente in England eine Einschränkung der landwirtschaftlichen Produktion herbeigeführt hat, ist a b s o l u t unrichtig. Die englische Land- Wirtschaft hat auch unter der stetig fallenden Gnmdrente bedeutende Fortschritte gemacht. Damit soll nicht gesagt sein, daß sie unter dem Druck der über sie hereinbrechenden Konkurrenz nicht gelitten hat, oder daß die Entwicklungsbahnen, die sie unter diesem Druck eingeschlagen hat, uns in allen Teilen als volkswirtschaftlich rattonell erscheinen. Es ist ganz selbstverständlich, daß eine Umwandlung, wie sie sich in den letzten Jahren in England vollzogen hat und noch vollzieht, der Uebergang vom Kornanbäu zu intensiver Viehwirtschaft, zum Obst- und Gemüsebau, weder im Handumdrehen noch ohne schmerzhafte Zuckungen vor sich geht. Ein solcher Uebergang erfordert eine Auf Wendung bedeutender Kapitalien, und daran fehlte es sehr vielen Grundbesitzern und Pächtern. Immer wieder stößt man beim Studium der englischen Agrar-Euquete auf die Thatsache, daß die da und dort festgestellte Notlage darin ihren Hauptgrund hat. daß eS an den Rütteln für den Uebergang zu einer andern Betriebsweise fehlte. Dann haben sich aber bisher immer noch die Grundrenten auf einer zu hohen Basis gehalten. Das ist nicht nur unsre Ansicht, sondern auch das Resultat, zu dem verschiedene Mitglieder der letzten englischen Agrarkommission nach sehr umfangreichen Verhandlungen(es wurden nicht weniger als 191 Sachverständige vernommen) gekommen find. Heute hat die englische Landioirtschaft allein Anschein nach die schlimmsten Zeiten überstanden. Schon der 1895 von der obigen Kommission erstattete Bericht kommt in Bezug auf die Distrikte, Ivo die Viehwirtschaft vorwiegt, zu dem Schluß:„Wir halten es des» halb nicht für verkehrt zu glauben, daß der durch seine Natur und seine wirtschaftliche Lage so bevorzugte Boden Großbritanniens als „Grasland", wenn nicht als Ackerland, auch in Zukunft bebaut bleiben wird. Er wird einen Ertrag gewähren, der zwar niedrig und nur mit größter Anstrengung zu erarbeiten sein wird, aber sich doch mit deni in andren Gewerben vergleichen läßt." Das erklärte eine Kommission, die zum wesentlichen Teil ans großen Grund- Herren bestand und sich fast ganz auf den Großgrundbesitzerstand- puntt stellte. Settdem haben mit dem Fall der Grundrenten sich die Verhälwisse weiter gebessert. Selbst der Weizcnanbau hat sich wieder etwas ausgedehnt. Er umfaßte 1395 in Großbritannien nur eine Fläche von 1417 483 Acres, 1899 dagegen 2 000 981 und 1900 1 845 042 Acres. Vergleicht man jedoch mit dieser Entwickelrmg der englischen Landwirtschaft die Resultate der deutschen und zieht dabei in Betracht, in welchem Maße seit 25 Jahren der.deutsche Großgrundbesitz durch Agrarzölle geschützt worden ist, wie ihm durch Einfuhrverbote und Grenzsperren die Konkurrenz der auswärtigen Vieh- produtton vom Leibe gehalten wurde, welche Rieseusummen ihm in der Gestalt aller möglichen Liebesgaben als Subventionen zugeflossen sind, dann erscheinen die englischen Ziffern geradezu als glänzende. Und ist nun etwa durch diese von dem deutschen Volke seit 25 Jahren getragenen Milliardenopfer etwa die„Agrarkrisis" abgewendet und die Garantie gegeben, daß nicht doch noch die deutsche Landwirffchast den Weg gehen muß, den die englische größtenteils hinter sich hat? Es ist doch sicher- lich nicht damit zu rechnen, daß dieheutigeBe- lastung des deutschen Volkes zu Gunsten bestimmter Grundbesitzerschichten bis in alle Zu- kunft andauert, und ebensowenig damit, daß die Konkurrenzverhältnisse auf dem W.e lt-Agrar- markt sich baldig st ändern. Was aber dann, wenn die deutschen Agrarzölle fallen? Dann Ivird auch der deutschen Landwirtschaft der AnpiSssungsprozeß der eng- tischen nicht erspart bleiben, aber er wird infolge der heute betriebenen KonservierungSmethode weit härter in ihre Lebens- vedingungen eingreifen. Und bann— dann werden die Milliarden- opfer umsonst gebracht sein, dann werden sie nur dazu gedient haben, den großen Grundbesitzern ihre „Revenuen" noch einige Jahrzehnte länger erhalten zu haben. Ein schöner Zweck I Der englische Großgrundbesitz hat freilich das Fallen der Grund- rente, Bodenpreise und Pachten schmerzlich empfunden. DaS Rein- einkommen der großen Grundherren hat sich nach den Feststellungen der Agrarkommission ungefähr um 40 Proz. ermäßigt, tciliveise noch darüber. Manche, die stark verschuldet waren und die Renten- reduktion nicht aushalten konnten, haben ihren Grundbesitz ganz oder teilweise verloren. Auch den großen Pächtern, die langfristige Verträge abgeschlossen hatten, dem mittleren Grundbesitz und der eigentlichen Großbauernschaft, den„Yoomen" mit einem durchschnittlichen Besitz von 200 bis 400 Acres(80 bis 160 Hektaren) hat der Hereinbruch der fremde» Lcbmsmittelkonkurrenz ihre„Revenuen" verkürzt. Weniger hat die Krisis dem Kleinbesitz geschadet; manche Kleinbesitzer haben sogar Vorteil gehabt. Am besten aber ist, wie die Kommission feststellte, der Landarbeiter gefahren. Nicht nur kann er infolge der be- deutenden Verbillig nng fast aller Leb e n s- und Genußmittel heute für dasselbe Geld viel mehr Nahrungsmittel einkaufen, eS ist auch trotz der fallenden Grundrente in den meisten Distrikten der Lohn erheblich gestiegen. Ein ähnliches Schicksal würde auch den deutschen Großgrund- besitz gettoffen haben, wenn nicht die ftemde Konkurrenz durch Agrarzölle stark abgeschwächt worden wäre— ganz zweifellos. Aber haben wir für die Erhaltung des Junkertums zu sorgen? Treiben wir Grundbesitzer- oder Arbeiter-Politik? (Schlußartikel folgt.) *** Während Genosse Schippe! sich erst lange überlegte, ob er über- Haupt der Aufforderung unsrer ReichstagS-Fraktton nachkommen solle oder nicht, und dann zur Darlegung seines Standpunktes über drei Monate gebrauchte, vermag er jetzt durchaus nicht abzuwarten, bis wir mit der Krittk seiner Artikelserie zu Ende sind, sondern schickt uns eine Beschwerde nach der andern. Wir begreifen recht wohl, daß ihm unsre Kritik unbequem ist, finden aber, daß, wenn wir ihm drei Monate lang ruhig haben ausreden lassen, obgleich seine Aus- führungen fast von der ganzen gegnerischen Presse als eine Verspottung unsrer Partei aufgefaßt worden find, er nun wohl seine Ungeduld noch einige Tage zügeln könnte. Es fällt uns gar nicht ein, ihn: dann das Wort zu einer sachlichen Replik, die allerdings nicht 47 Spalten füllen dürste, abschneiden zu wollen. Dennoch bringen wir, selbst auf die Gefahr hin, der Hyperloyalität geziehen zu werden, die nachstehende sogenannte Berichttgung Schippels zur Veröffentlichung, obgleich wir das darin enthaltene Citat nun in unserm Schlußarttkel nochmals abdrucken müssen. Genosse Schippe! ersucht uns um Aufnahme des Folgenden: Da gerade in diesen Tagen eine Irreführung der Berliner Parteigenossen neuen unnützen Streit provozieren könnte, so lege ich auf die folgende sofortige Berichtigung Wert. Die Unterstellung, daß ich jemals daran gedacht oder gar der Socialdemokratie empfohlen hätte, der kontinentalen Landwirtschaft in ihrer Krisis(ähnlich wie dies die von mir in ihrer Entwicklung geschilderte bürgerliche Politik der letzten Jahrzehnte thut) durch Preiskonservierung und damit Grundrenten- erhaltung zu helfen— habe ich in meinen Artikeln stets und ständig und immer und immer wieder bekämpft. Schon ein Blick auf die paar Wiedergaben in der„Vorwärts"- Nummer vom 17. August kann den Leser zur Genüge davon über- zeugen. Ich füge hinzu, daß ich nächsten Dienstag im 6. Berliner Wahlkreis, dem ich angehöre, das unqualifizierbare Verhalten des„Vorwärt s"- Mitarbeiters öffentlich zur Sprache zu bringen beabsichtige. Einstweilen bitte ich, den.,VorwärtS".Lesern mitzuteilen, daß die heute in Nr. 194 abgedruckte Aeußerung von mir in Wahrheit folgendermaßen lautet: „So ist das verhütet worden, was Friedrich Engels als un- abänderlich ankündigte:„Die ganze europäische landwirtschaftliche Betriebsweise erliegt... Ackerbau in Europa bleibt möglich nur, wenn er gesellschaftlich betrieben wird und für Rechnung der Ge- sellschaft." Gewiß, diese Abhilfe, diese Lösung der für die bllrger- liche Gesellschaft Mitteleuropas brennendsten Gegenwartsfrage ist, eben im neugeschaffenen Agrar schütz, nicht im Geiste des Socialismus, sondern nach Bourgeoisart erfolgt. Und da wir Socialisten sind, so halte ich— gerade ich in allererster Linie— es für selbstverständlich, daß wir streben müssen, eine andre Art der Lösung zu finden usw." Berlin, den 19. August 1904. Max Schippe l. Die neueste Anwendung des tz 158» An der Spitze des lokalen Teiles berichteten wir gestern über einen seltsamen Streikprozeß, der sich in der 134. Abteilung des Schöffengerichts abspielte. Es geht uns darüber noch folgender Bericht zu: Der Metallarbeiter Herm. Krüger war beschuldigt, den Bäckermeister Schliephake durch Drohungen, Ehrverletzungen und Verrufserklärungen in beschränktem Kreise, die geeignet waren, Schliephake verächtlich zu machen, versucht zu haben, zur Teilnahme an den Bestrebungen zur Erlangung besserer Lohn- und Arbeits- bedingungen zu veranlassen. Am 9. Mai brach bekanntlich in Berlin der Väckerstreik aus. Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, hatte auch Schliephake zu Beginn des Streiks die Forderungen der Gesellen bewilligt und das bekannte rote Plakat des Inhalts:„Hier sind die Forderungen der Bäckergesellen bewilligt" erhalten und auch ausgehängt. Nach seiner Bekundung sollen aber bereits wenige Tage später seine Gesellen der neuen Verhältnisse überdrüssig geworden sein und freiwillig wieder zu den alten Be- dingungen bei ihm gearbeitet haben! Darauf ist ihm das Plakat wieder abgenommen worden und er wurde fernerhin in der vom Gesellenverband im„Vorwärts" veröffentlichten Bohkottliste aufgeführt. Tie Anklage gegen Krüger stützte sich auf folgende Umstände: Am 5. Juni, morgens gegen 5 Uhr. wollte ein zehn- jähriges Mädchen den Laden Schliephakes betreten, um Frühstück zu holen. Dieses Mädchen soll Krüger angehalten und ihm bedeutet habet,, doch nichts bei Schliephake zu kaufen, da dieser die Forde- rungen der Gesellen nicht bewilligt habe. Der Meister habe diesen Vorgang bemerkt und das Mädchen ausgefragt, was der Mann von ihm wollte. Als er dies erfahren, habe er seinen Gesellen Behme auf die Straße geschickt, um zu sehen, ob der Mann auch gegen andre Bäckermeister in ähnlicher Weise vorgehe. Diesem Gesellen soll Krüger ebenfalls Vorhaltungen gemacht und ihn Streikbrecher genannt haben. Nicht besser sei es dem Frühstücksausträger Piotrowski ergangen. Zu diesem soll der Angeklagte gesagt haben, er solle sich schämen, für einen Bäckermeister zu arbeiten, der die Gesellenforderungcn nicht bewilligt habe. Er solle den„Vorwärts" lesen und bedenken, wie es ihm einmal im Leben ergehen könne. Des weiteren soll Krüger den Milchhändlern Gladischko und G r o ß k e, von denen er bisher seinen Bedarf an Backwaren ent- nommen hatte, erklärt haben, sie bekämen keinen Sechser mehr von ihm. so lange sie von Schliephake chre Backware bezögen. Es sei seine Pflicht, dafür zu sorgen, daß dies aufhöre und„Wir passen auf und fangen alle ab". , Durch die Beweisaufnahme wurde der Inhalt der Anklage im Wesentlichen bestätigt. Der Staatsanwalt hielt denn auch Krüger des Vergehens gegen 153 der Gewerbe-Ordnung für überführt, insonderheit auch bezüglich des Zeugen Schliephake. Krügers Absicht sei gewesen, Schliephake durch fortgesetztes Chikanieren und Terrorisieren mürbe zu machen, damit dieser die Forderungen der Gesellen be- willige. Da Krüger Metallarbeiter, also am Bäckerstreik un- beteiligt, aber, wie er zugegeben, Socialdcmokrat sei, so habe er nur im socialdemokratischen Partei-Jnteresse gehandelt. Gegen den Terrorismus dieser Partei müßten die Gewerbe- treibenden, die Arbeiter sl) und das Publikum energisch ge- schützt werden. Er beantrage gegen den Angeklagten eine Ge- fängnisstrafe von sechs Wochen. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Koppel, in Vertretung des Rechtsanwalts Heinemann, nahm Veranlassung gegen diese ganz neue Auslegung des§ 153 der Gewerbe-Ordnung seitens der Anklagebehörde ent- schieden Verwahrung einzulegen. Seiner Ansicht nach könne dieser Paragraph im vorliegenden Falle überhaupt nichr herangezogen werden, denn es sei ihm unerfindlich, wie Milchhändler, Frühstücks- austräger und zehnjährige Mädchen zur Teilnahme am Streik der Bäckergesellen veranlaßt werden könnten. Und was nun gar den Bäckermeister Schliephake betreffe, so sei dies ein offenbarer Wider- spruch. Dieser könne doch nimmermehr bewogen werden, sich den Bestrebungen anzuschließen, die gegen ihn selbst gerichtet waren. Krüger habe nicht aus persönlichem Interesse, sondern aus eignem Antriebe heraus, gewissermaßen von einem idealen Stand- punkte aus gehandelt, weil er die Forderungen der Gesellen fü? be- rechtigt hielt und sich gedrungen fühlte, das Seinige zu deren Durch- führung beizutragen. Sollte der Gerichtshof zu einer Verurteilung kommen, so beantrage er die zulässig niedrigste Strafe. Der Ge- richtshof zog sich hierauf zur Beratung zurück. Nach längerer Zeit kehrte er jedoch wieder zurück und der Vorsitzende erklärte, es habe sich herausgestellt, daß einer der beisitzenden Schöffen Mitglied der socialdemokratischen Partei sei. Er frage deshalb den Staatsanwalt, ob er den Antrag aus Ablehnung dieses Schöffen wegen Befangenheit stelle. Der Staatsanwalt erbat sich eine angemessene Bedenkzeit und gab nach Ablauf derselben folgende Erklärung ab: Nach§ 25 der Strafprozeßordnung sei die Stellung eines Antrages auf Ab- lehnung eines Richters wegen Befangenheit nur bis zur Verlesung des Anklagebcschlusses zulässig. Er sei also nicht mehr in der Lage, einen solchen Antrag zu stellen. Er verweise aber auf den§ 30 der Strafprozeß-Ordnung, welcher dem Gerichtshof freie Hand lasse, darüber als in einer internen Angelegenheit Beschluß zu fassen, ob das Schöffengericht sich für unzuständig erklären und dem Land- gericht die Entscheidung überlassen solle. Sein persönliches Empfin- den gehe allerdings dahin, daß der betreffende Schöffe sich selbst als befangen hätte erklären müssen. Rechtsanwalt Koppel ersuchte sehr dringend, den An- regungen des Staatsanwalts nicht zu folgen. Nur wenn der be- treffende Schöffe sich selbst für befangen erklärt hätte, würde es angängig sein, das Landgericht entscheiden zu lassen. Er selbst ge- höre zwar nicht der socialdemokratischen Partei an, müsse aber ganz entschieden Protest dagegen einlegen, daß die Zugehörigkeit zur socialdemokratischen Partei als ein A b l e h n u n g s g r u n d be- trachtet werde. Mit demselben Recht müsse ein Richter, der sich zu liberalen oder konservativen Anschauungen bekenne, für befangen erklärt werden, wenn er über einen Angehörigen einer andern politischen Partei zu Gericht sitzen solle. Die socialdemokratische Partei sei gleichberechtigt mit jeder andern politischen Partei und man müsse auch zu einem socialdemokratischen Richter das vollste Vertrauen haben. Als vereideter Schöffe sei dieser bloß Richter, damit hätten alle politischen Anschauungen in Wegfall zu kommen. Der Staatsanwalt pflichtete diesen Ausführungen im Princip bei, hielt es aber in der Praxis kaum für d u r ch f ü h r- bar, daß sich der Nichter als solcher von seinem politischen Partei- standpunkte vollständig frei machen könne. Nach kurzer Beratung erklärte der Vorsitzende, daß sich der be- treffende Schöffe für nicht befangen und der Gerichtshof sich deshalb für zuständig halte. Das Urteil lautete dahin, daß der Angeklagte wegen Vergehens gegen KZ 152 und 153 der Gewerbe-Ordnung mit einer Woche Gefängnis zu bestrafen sei. In der Begründung hieß es unter anderm: Die Bestrebungen zur Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen erstrecken sich nicht nur auf Arbeitnehmer, sondern auch die Arbeit- geber werden dadurch berührt, denn ohne sie ist die Durchführung solcher Bestrebungen nicht möglich. Der Zeuge Schliephake sollte gezwungen werden, durch Bewilligung der Gescllenfordcrungen sich diesen Bestrebungen anzuschließen und zwar durch Mittel, welche gegen die 8§ 1b2 und 153 der Gewerbe-Ordnung verstoßen. berliner partei-)ZngdegeiiKeiten. Achtung! Am DienStag, den 23. August, abends 8 Uhr, finden in den sechs Berliner Wahlkreisen die Versammlungen statt, welche sich mit der P r o v i n z i a l k o n f e r e n z und den, Bremer Parteitage, sowie mit den Anträgen, Delegierten- Wahlen zc. für beide Veranstaltungen beschästigeiu Wir erwarten, daß die Parteigenossen zahlreich erscheinen und ersuchen gleichzeitig, etwaige anderweite Versammlungen oder Sitzungen an diesem Abende nicht stattfinden zu lassen. Die Vertrauensleute von Berlin. Zur Lokal-Liste. Arbeiter! Parteigenossen! Gewerkschaften! Vereine! Achtet bei den Ausfliige» und Partien nach ausserhalb genau auf die Lokal-Liste vom 3. Juli d. I., verkehrt nur in denjenigen Lokalen, welche der Arbeiterschaft zu Versammlungen k. zur Verfügung stehen. PichelSwcrder. Sämtliche Lokale auf der Insel PichclSwerdcr sind jetzt als frei zu betrachten. Tcmpclhof. Das Lokal„Tempel- hofer Tivoli", Inhaber Heinrich Stein, Berlinerstraße 50, steht nunmehr der dortigen Arbeiterschaft zu allen Bersaniin klingen zc. zur Verfügung und ist somit als frei aufzuführen. Waidmannölnst. Das„SchweizerhäuSchen" lJnhabcr: Hoffmann) sowie in Tegel Restaurant Rosenberg, früher Fischer, Berlinerstraße, stehen jetzt der Arbeiterschaft zu Versammlungen zc. zur Verfügung. Grünau. Am Sonnabend, den 27. August, veranstaltet der Kraft- Turn-Arbeiter-Verein„Germania" in Kiesewetters Jägcrshaus ein Sommerfest. Wir machen die dorttge Arbeiterschaft darauf auf- merksam, daß das Lokal zu Versammlungen zc. nicht zur Verfügung steht und ersuchen daher, dieses Vergnügen streng� zu meiden und die angebotenen Billets zurückzuweisen. Nicdcr-Schönewcide. Die Ar- beiter der Lehmannschen Fabrik Hierselbst veranstalten heute, Sonn- abend, den 20. August, in den Räumen der„Lorclcq", Berlinerstraße, ein Sommervergnügen. Da dieses Lokal der Arbeiterschaft zu Ver- sammlungen zc. nicht zur Verfügung steht so erwarten wir auf das bestimmteste von den zielbewußten Arbeitern der Fabrik, daß sie dieses Vergnügen meiden. Die Lokalkommission. Dritter Wahlkreis. Sonntag Familien-Ausflug nach Pferdebucht bei Köpenick. Treffpunkt daselbst mittags. Rege Be- leiligung erwartet Der Vorstand des WahlvercinS. Johannisthal. Heute abend feiert der Wahlvcrein in Raus' Parkrestaurant sein 11. Stiftungsfest, wozu hiermit alle Partei- genossen freundlichst eingeladen sind. Das Komitee. Zossen. Die Genossen werden darauf aufmersam gemacht, daß zum Sommerfest des Wahlvereins am Sonntag im Lokale Rüffcr am Eingang keine Kasse stattfindet. Die Karten müssen alle vorher entnommen sein und es sind solche noch bei den Vorstands- Mitgliedern zu haben._ Lokales. Polizeiliche Berschwicgcnhcit. llnsre wohllöbliche Polizei kann sehr verschwiegen sein, wenn sie loill. Sie giebt ihre Geheimnisse so leicht nicht preis, und wenn gar ein Zeitungsmensch in irgend einer ihm zugegangenen Be- schwerdcsache Aufschluß über dies und das von ihr erbittet, dann bekommt er die Antwort:«Auskunft giebfs nicht!" Um so mehr sind wir überrascht, wenn wir sehen, daß amtliche Papiere, denen die Polizei ihre Geheimnisse anvertraut hat, nach Erledigung der Sache nicht immer vernichtet werden und dann manchmal u n- berufenen Personen in die Hände fallen. Wir haben kürzlich mitgeteilt, was das Einwickelpapier eines Schlächtermeisters aus den Polizeigeheimnissen erzählt. Da war Fleisch in einen aus dem Jahre 1S01 datierten UeberweisungSschein eingewickelt worden, auf dem die Sittenpolizei anordnete, daß ein genau bezeichnetes Mädchen nach der Charitö einzuliefern sei. Die Mutter des Mädchens wohnt noch heute in der auf dem Schein an- gegebenen Wohnung. Wir wissen nicht, ob der Polizei daran liegt, auch solche Geheimnisse vor Unberufenen zu bewahren. Aber das glauben wir zu wissen, daß die in Frage kommenden Personen oft ein sehr lebhaftes Interesse daran haben werden, diese Dinge nicht öffentlich preisgegeben zu sehen. Durch die Wcitcrverbreitung der ans dem Einwickelpapier ersichtlichen Thatsachen kann unter Um- ständen schwerer Kummer über die Mutter gebracht werden und vielleicht auch über das Mädchen, das inzwischen sein häßliches Gewerbe aufgegeben und geheiratet haben kann. Wer es verschuldet hat, daß dieser Schein in den Schlächterladen geriet, das entzieht sich unsrer Kenntnis. Die in Betracht kommenden Behörden haben sich bis jetzt nicht dazu geäußert. Klarer liegt aber das Verschulden bei dem folgenden Vorkommnis, das uns aus Anlaß unsrer Mitteilung über das Einwickelpapier gemeldet wird. Irgendwo in Berlin hat in diesem Jahre ein Polizeibureau Umzug gehabt. Einige Zeit nachher tauchten plötzlich in dem betreffenden Hause allerlei Zettel auf, gelbe und graue Kartonblättchen, die bedruckt waren. Man sah sie in den Händen spielender Kinder, man sah sie umherliegen auf dem Hof, im Hausflur,«if der Straße. Bei näherem Zusehen ergab sich, daß diese Blättchen Mitteilungen ent- hielten, die vermutlich sämtlichen Bureaus zugesandt und daher durch Druck vervielfqlttgt worden waren. Darunter befanden sich auch Be- nachrichtungen, daß die und die Personen zu sistieren bezw. zu ver- haften seien. Diese Personen, denen dieses Schicksal zugedacht war, waren mit Vor- und Zunamen, Geburtsdawm, Geburtsort und Beruf bezeichnet, also genau genug, um bloßgestellt zu sein, wenn die Zettel Unberufenen in die Hände fielen. Nachforschungen nach der Herkunft der Zettel ergaben, daß sie aus dem Keller heraufgeholt worden waren. Dieser Keller wird nicht immer verschlossen ge- halten. In den Gängen, die zu den einzelnen Verschlügen des Kellers führen, stehen zwei Behälter, die mit allerlei Papierabfällen gefüllt sind. Aus ihnen rühren auch die Polizeipapiere her. Wer hineinfassen will, kann noch mehr darin finden, nicht bloß die be- druckten Kartonblättchen, sondern auch beschriebene Zettel. Da kann er dann z. B. lesen, daß über den und den da und da angefragt worden ist, ob und warum er vorbestraft ist. Wir fragen: Warum sind solche Papiere nicht vernichtet ivorden? Was hat man sich ge- dacht, als man sie kurzerhand in diese Behälter warf? Um Antwort wird gebeten. Wo das Hans liegt, sagen wir nicht, damit nicht Neugierige in den Keller hinabsteigen und nach den Geheimnissen unsrer sonst so verschwiegenen Polizei spähen. Wir erwarten, daß schon diese Ver- öffentlichung genügen wird, um die verantwortlichen, ihrer Schuld bewußten Personen zu veranlassen, daß sie die Papiere schleunigst abholen und verbrennen. Wir werden sehen, ob das geschieht, und werden dann darüber berichten. Der zuständigen Behörde kann es nicht schwer werden, das betreffende Polizeibureau zu ermitteln und die Abholung der Papiere anzuordnen. An Zeugen, die noch nach der Abholung die Sache bestättgen können, fehlt es nicht. Die Kinderspiele, die der Arbeiter-Turnverein.Fichte' in diesem Sommer wieder veranstaltet hat, haben diesmal eine etwas geringere Beteiligung gefunden als im vorigen Sommer. An- scheinend haben auch hier die Hitze und die Trockenheit, die von Ende Juni bis in den August hinein herrschten, einen lähmenden Einfluß ausgeübt. Immerhin ist die Veranstaltung auch so noch einer recht beträchtlichen Zahl von Kindern zu gute gekommen, sodaß sie ihren Zweck durchaus erfüllt hat. An sechs Sonn- tagen spielten auf vier Spielplätzen 2011 Knaben. 2150 Mädchen, zusammen 4707 Kinder. Die Kinder standen im Alter von 3 Jahren bis zu 14 Jahren; in den Altersklassen bis zum 0. Jahre über- wogen die Mädchen, in den Altersklassen vom 7. Jahre an hatten die Knaben die Mehrheit. Aon der Gesamtzahl der Kinder spielten im Südosten 998, im Nordosten 2380, im Norden 075, in» Nord- Westen 714. Die Beteiligungsziffer des Nordwestens überrascht durch ihre außerordentliche Höhe. Hier stand dem Verein zum erstenmal der Spielplatz des Friedrichshains zur Verfügung, während in den vorhergehenden Jahren ein in der Nähe gelegener Sportplatz benutzt worden war, auf dem sich bei Wind eine recht lästige Staubeutwicklung bemerkbar machte. An der Leitung der Spiele beteiligten sich diesmal 291 Turner und 187 Turnerinnen, zusammen 478 Personen. Durchschnittlich kamen auf je 7—8 Knaben ein Leiter, auf je 11—12 Mädchen eine Leiterin. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß bei einer so regen Teilnahme der Vereinsmitglieder der Betrieb der Spiele sich erheblich nutz- bringender gestalten läßt als auf den S ch u l h ö f e n, wo für jeden Hof ein Lehrer bezw. eine Lehrerin zur Verfügung steht. Auf den Spielplätzen des Vereins.Fichte' spielen die Erwachsenen mit, auf den Schnlhöfen müssen Lehrer und Lehrerinnen sich im wesentlichen mit der Rolle unthätiger Aufpasser begnügen. Ter Glaube an de» klugen„Hans" gerät ins Wanken. Die „Morgenpost" spricht direkt von einer.Täuschung" und behauptet: „Hans" ist nicht intelligenter als andre Gäule auch, seine ganze „Wissenschaft" beruht aus der Erlernung von ein oder zwei Tricks." Als Beweis für diese Behauptung werden zwei Zuschriften mit- geteilt. Ein„Herr£. U." kennt„Hans" angeblich seit mehreren Jahren und schreibt u. a.:„Vor einem Jahre, als das Wunderpferd noch nicht zu dieser Berühmtheit gelangt war, wurde es in einem kleinen Kreise vorgeführt. Herr v. Osten forderte uns auf, jemand möchte seine Uhr dem Tiere vor Augen halten. Da nahm einer der Anwesenden unvermerkt ein Fünfmarlstück in die Hand, Herr v. Osten drehte sich� um, und das Pferd klopfte mechanisch— die richtige Stunde 11,50 ab. Sehr auffällig war ein andermal, daß „Hans" die Zahl der Jungen auf einem Nachbardach richtig angab, obwohl er gar nicht den Kopf nach der rückwärts liegenden Dach- richtung hingödrcht hatte... Die Hauptsache ist die wörtliche Aus- 'age des Stallknechtes des Herrn v. Osten:„Ter kluge„Hans" bin i ck e i j e n t l i ch, wenn ick. de Oogcn niederschlagen dhuc, denn trampelt det Vieh so lange, bis ick de Oogen wieder uffhcbe." Ferner erzählt dem genannten Blatt ein Rittmeister der Husaren und be- kannter Herrenreiter:„Ich erklärte, mich nur überzeugen zu lassen, wenn es mir erlaubt sei, dem Pferde selbst eine Aufgabe zu stelle«, die aber keiner der Vorführenden vorher kennen dürfe. Herr v. Osten erklärte darauf, daß in diesem Falle keine Aussicht auf Ge- lingen des Experiments vorhanden sei. Auf Veranlassung des Herrn Schillings schritt man dennoch zur Ausführung des Versuches. Ich stellte dem Pferde das einfache Rechenexempel 1-si 3, und der kluge „Hans"— versagte I Aufgefallen ist mir, daß der Experimentierende dem klopfenden Pferde unverwandt auf die Hufe schaut und in dem Augenblick, wo das Resultat abgeklopft ist, den Kopf wieder erhebt." Auch hier wird also in Kopfbewegungen des Vorführenden die Lösung des Rätsels gesucht. Die Angriffe der„Berl. Morgenpost" wird Herr v. Osten nicht gut mit Stillschweigen übergehen können. Im städtischen Krankenhause Moabit wird mit der Ersetzung der alten, schlichten, noch aus den Anfängen dieses Krankenhauses her- rührenden Baulichkeiten durch neue, stattlichere Gebäude fort- gefahren. Die Anstalt wird besonders in ihrem vorderen� an der Turmstraße gelegenen Teil nun bald einen gänzlich veränderten Anblick darbieten. Das alte Verwaltungsgebäude, das in der Straßenfront stand, ist niedergelegt und schon wachsen die Mauern des Neubaues, durch den es ersetzt werden soll, aus der Erde empor. Das neue Haus wird im wesentlichen als Ziegelrohbau mit spar- samer Verwendung von Sandsteinschmuck ausgeführt. In seiner Außcnarchitcktur wird es sich den beiden großen, hinter der Straßen- front gelegenen Wohnhäusern anschließen, die für das Pflege- und Dienstpersonal neu errichtet worden sind und bereits benutzt werden. Das Verwaltungsgebäude und die beiden Wohngebäudc werden eine einheitliche Baugruppe bilden. Nach Vollendung des Verwaltungs- gebäudes wird das Krankenhaus Moabit, wenigstens von der Turm- straße aus gesehen, in nichts mehr an das ehemalige aus Fachwerk- bauten bestehende„Barackcnlazarett" erinnern, dessen Errichtung durch die Pockenepidemie von 1871 veranlaßt und zu Anfang des Jahres 1872 in der außerordentlich kurzen Zeit von nur drei Monaten ausgeführt wurde. Die Berliner Feuerwehr ist ans Senftenberg zurückgekehrt. Sie hat den großen Brand in dem Tagebau der Grube„Bertha" ge- löscht. Es brannte eine 25 Meter hohe Braunkohlenwand. Den Grubenwehren war es unmöglich die Flammen zu löschen. Als die Berliner Wehr in der Nacht zum Mittwoch an der Brandstätte an- kam,— von Senftenberg bis Gr.-Räschen war sie vierspännig ge- fahren— wurden sofort mehrere Sällauchleitmigen vorgenommen und kräftig Wasser gegeben. Das_ Wasser wurde aus einem Bassin entnonune», das zur Aufnahme des Gruben- Wassers diente. Zahlreiche, Berliner sahen der Löschung zu. Die Berliner Wehr, die von den übrigen_ Wehren unterstützt wurde, war ununterbrochen Tag und Nacht thätig. Am Donnerstag war der Brand im Tagebau gelöscht und konnte die Wehr nachmittags nach Berlin zurückkehren. Hier ist der Löschzug nachts um 10 Uhr, aber ohne Dampfspritze und Tender angekommen. Vergeblich haben die Mannschaften in Nieder- Schöneweide auf ihre Fahrzeuge gewartet. Diese wurden erst gestern dort ausgeladen. Auch das Verladen nach Senftenberg ist zeitraubend und umständlich gewesen. Daß ein Löschzug im Falle der Not nicht sofort auf dem Görlitzer Bahnhof in Berlin verladen werden kann und erst nach Nieder-Schöneweide fahren und dort auf Beförderung warten muß, hat bielfach berechtigtes Erstannen erweckt. Als die Feuerwehr von der Brandstelle abrückte, brannten noch einige Stollen unter Tage. Da in diesen der Brandherd nicht zu erreichen war, so wurden diese Stollen geschlossen und mit Sand zugeschüttet, damit das Feuer aus Mangel an Lust erstickt. In der städtischen Taubstummenschule findet die Aufnahme von Schülern für daS bevorstehende Winterhalbjahr statt. Eltern, bezw. Vormünder taubstummer, schulfähiger und noch nicht eingeschulter Kinder haben die Anmeldungen derselben bis spätestens 1. Oktober dieses Jahres bei dem Direktor der Schule, Herrn Gutzmann, Markusstraße 49, anzubringen. Mord und Selbstmord. Im hohen Norden Berlins, am Gesund- brunnen, Uferstraße 3, hat sich in der Nacht zu gestern ein blutiges Drama abgespielt. Dort lvurdcn gestern morgen der ledige Stall» schweizer Tippe, der beim Molkcreibesitzer Hohlweg in Diensten stand, in seinem von innen verschlosseneu Zimmer und die Pro- stituierte Klara M a s s o w, geb. Reinfeld, mittels Revolvers er- schössen aufgefunden. Mord und Selbstmord liegen unzweifelhaft vor. Ueber die Blutthat geht uns folgende Darstellung zu: Tippe ist am 10. September 1870 zu Brandis bei Leipzig geboren und der Sohn einer Arbeiterwitwc, die noch dort wohnt. Er diente seit vier Monaten bei dem Molkcreibesitzer Hahlwcg in der Uferstraße 3 und bewohnte im Obergeschoß des kleinen HauscS, das nur wenige Mieter zählt, eine Stube. Donnerstagabend ging er um neun Uhr aus und besuchte verschiedene«chankwirtschaften. Um zwölf Uhr nachts sprach ihn in der Badstratze eine unter Sittenkontrolle stehende Frau an. Die Frau begleitete Tippe in seine Wohnung. Gegen 1 Uhr hörten Hausgenossen, daß mehrere Schüsse fielen und um Hilfe ge» rufen wurde. Sic konnten nicht unterscheiden, wo geschossen wurde, und kümmerten sich nicht weiter darum, da auch das Hilfegeschrei nur einen Augenblick dauerte. Daß eine Frauensperson bei dem Schweizer war, wußte niemand im Hause. Gestern morgen um 4 Uhr wollte Hahlwcg den Tippe wecken, erhielt aber keine Antwort. Nachdem er durch das Schlüsselloch der verschlossenen Thür gesehen hatte, daß zwei Menschen mit Blut besudelt regungslos auf dem Bette lagen, holte er die Polizei vom 101. Revier in der Exerzier- jtraße. Diese ließ die Thür von einem Schlosser öffnen und fand nun Tippe und die Frau auf dem Bette tot daliegen. Der junge Mann war bis auf das Hemd entkleidet, die Frau hatte ihre schwarze Kleidung nicht abgelegt. Neben der Leiche des Mannes lag ein Revolver, der nur leere Hülsen enthielt. Tippe hatte die Prostituierte durch zwei Schüsse in die rechte Schulter, wahrscheinlich von hinten, und sich selbst durch einen Schuß in die Brust getötet. Im Porte- monnaie des Mannes fand man nur noch zehn Pfennige. Vermutlich hatte er alles vertrunken und geriet nun mit der Frau, als sie Geld orderte, in Streit, der ein so blutiges Ende nahm. Nachdem die Kriminalpolizei und eine Gerichtskommission den Befund in der Wohnung aufgenommen hatten, wurden die beiden Leichen zwischen 10 und 11 Uhr vormittags nach dem Schauhause gebracht. Die Er- mordete ist die Arbeiterfrau Klara Massow. Sie wurde am 11. März 1800 in Berlin geboren. Ihre Mutter starb vor 7 Jahren. ihr Vater wanderte vor 0 Jahren nach Amerika. Frau Massow gab sich für geschieden oder ehcvcrlassen aus, war aber noch verheiratet. Ihr Mann, ein Arbeiter, verbüßt gegenwärtig wegen Körper- Verletzung eine Gefängnisstrafe von IV, Jahren. Ihr Großvater be- treibt in der Köslincrstraße einen Grünkramhandel. Vor zwei Monaten knüpfte Frau Massow mit einem 24 Jahre alten Stein- kutscher Adolf Wicgand, der bei seiner Mutter, einer Witwe, in der Soldinerstraße wohnte, ein Liebesverhältnis an. Wiegand zog mit ihr nach der Völkerstraße Nr. 2, wo er sie für seine Wirtschafterin ausgab und dem Wirt vorspiegelte, daß er sie nach zwei Monaten heiraten werde. Als der Wirt erfuhr, daß die Frau, die ein äußerst reches Wesen hatte, unter Aufsicht stand, kündigte er dem Pärchen zum 1. nächsten Monats. Außer den beiden Schüssen in die Schulter hat man noch eine Verletzung am Hinterkopf gefunden. Tippe hat die Frau wahrscheinlich an der Thür, wo sich eine große Blutlache befindet, niedergeschlagen und dann die Leiche auf da» Bett gelegt. Die Verhaftung einrs gefährlichen Einbrechers ist der Polizei gelungen. Seit einiger Zeit waren in zahlreichen Konfettions- geschäften große Einbruchdicbstähle verübt worden, be« denen sehr bedeutende Mengen Seiden- und andre Stoffe,—amenmäntel, Blusen, Jacketts und Konfcktionssachcn entwendet wurden. Nachdem wieder ein derartiger Einbruch verübt war, lenkte sich der Verdacht auf den 27 Jahre alten, in der Bergstraße toohnhaftcn Hausdiener Johann Barel, bei dem man alsbald eine Hauchuchung vornahm. Dabei entdeckte man nun Spuren von verschiedenen Einbrüchen und Barel gestand nach anfänglichem Leugnen acht große Einbruchs- diebstähle ein. Er hat sie sämtlich W Geschäften ausgeführt, in denen er früher thätig war. Zum Teil gelang es ihm dadurch in die Räume zu kommen, daß er die Holzfüllungcn der Thüren ausschnitt, teils benutzte er die Schlüssel, die er sich fchon während seiner Dienst- ieit angeeignet hatte, oder die er damals hatte nachmachen lassen. zn andern Fällen öffnete er die Thür einer Etage über dem Ge- schaftSlolal, da» et plündern wollte, und ließ sich dann aus einem Fenster an einem mitgebrachten Stricke bis in die Höhe der Ge- schäftsräume hinab. Dann drückte er eine Fensterscheibe ein, riegelte das Fenster auf und gelangte so in das Innere. Mittels eines Strickes lieh er dann die gestohlenen Sachen auf den Hof hinab. Barel gab über dreißig Personen an, denen er die gestohlenen Sachen verkaufte. Die sofort bei diesen Personen vorgenommenen Haus- suchungen hatten einen derartigen Erfolg, daß den bestohlencn Äon- fektionären bereits für viele Tausend Mark Waren ausgehändigt werden konnten. Zehntausend Mark gestohlen. Von einem schweren Diebstahl ist der Gastwirt August Hepe aus der Koloniestr. 13 betroffen worden. In einem an der Gaststube grenzenden Wohnzimmer bewahrte H. eine eiserne Kassette auf, in welcher sich an Bargeld und Wert- papieren etwa 10 000 M. befanden. Gestern, in Abwesenheit des Wirtes wurde diese Kassette mit dem Inhalt nun gestohlen, als Frau H., welche daS Ladengeschäft zu versorgen hatte, sich kurze Zeit in der Küche zu thun machte. Der Diebstahl wurde bald bemerkt und der Kriminalpolizei Anzeige gemacht. Der Verdacht fiel sofort auf einen Mann, welcher seit einigen Wochen in der Gastwirtschaft verkehrt und sich einige Male schon dem Wohnzimmer in verdächtiger Weise näherte. Die Kriminalpolizei ermittelte den Verdächtigten bald in der Person eines Pferdehändlern, welcher schon wegen Diebstahls vorbeswast ist. Erst erklärte der lserhaftete, in der fraglichen Zeit nicht in der Gastwirlschast gewSen zu sein. Hiervon wurde er jedoch überführt. Den Diebstahl a«sgesührt zu haben, bestreitet er aber nach wie vor. Die Persönlichkeit des Findlings aus dem Tiergrrten ist er- mittelt. Gestern früh erhielt die Kriminalpolizei von vm hiesigen österreichisch-ungarischen General-Konsulat die Mitteilung, daß nach einem Schreiben des österreichisch-ungarischcn Konsulats'» Belgrad der Knabe, der sich hier bekanntlich Johannes Becker genanit hat, als der fünfjährige Sohn der in Belgrad wohnhaften Brkäufcrin Gertrud Becker, die aus Nemet-Palanka im Bars-lodrogher Komitat stammt, festgestellt worden ist. Nach dem Schreibe, hat das Mädchen sowohl bei der Polizei wie bei dem Konsulat in Belgrad angegeben, daß sie mit ihrem Kinde nach Berlin gefahren sei und es hier verlassen habe, weil dessen Vater sich seiner nicht msr habe annehmen wollen. Tie Mutter ist dann von Berlin nach ielgrad zurückgekehrt. Das Kind wird nun vermutlich nach seiner ieimat zurückgebracht werden. Neber den Todessturz des Berufsfahrers Kaeser wird den„eipz. N. N." aus Plauen i. V., 18. August, geschrieben: Der Unglüsfall auf dem hiesigen Sportplatze, dessen Opfer der Berufsfahrer arl Kaeser aus Friedenau bei Berlin geworden ist, kann noch eine Hier- suchung zur Folge haben. Danach hat ihm die schwerste, lebez- gefährliche Verletzung der Windfänger des nachfolgenden Mot-s zugefügt, der ihm die rechte Schläsengegend und den rechten Backe- knochen zerschmetterte. Knochensplitter davon drangen in das Gehn ein. Kaeser, der in Wehr bei Schopfhcim in Baden geboren ist un. im 31. Lebensjahre stand, war erst seit sechs Wochen verheiratet Skalitzcrstr. 102 hatte die Wehr nachmittag? längere Zeit mit dem Auspumpen von Wasser zu thun, das eine Kellerwohnung über- schwemmt hatte. Auch am Elisabeth-Ufcr 17 und in der Dieffenbach» straße 70 standen Kellerräume unter Wasser und mutzten ausgepumpt werden. Gegen Abend hatte die Wehr am Schleswiger Ufer 8 ein Feuer zu beseitigen, das den Fußboden und die Balkenlage ergriffen hatte. Alle übrigen Alarmicrungen, die noch in den letzten 24 Stunden aus der Mittelstr. 51, Huttenstr. 18, Stcinmctzstr. 23 usw. einliefen, betrafen durchweg Brände, die bei Ankunft der Löschzüge bereits von Hausbewohnern abgelöscht waren. Am Sonntag, den 14. d. M., ist im Jägerhans(Sommer- vergnügen der Schönhauser Vorstadt) ein Notenheft(1. Geigen- stimme) mit Aufschrift A. Müller abhanden gekommen. Es wird gebeten, es bei C. Mars. Zeitungsspedition, Kastanien-Allee 98, abzugeben. Unkosten werden in jeder Höhe vergütigt. Tie Arbeiter- Samariter- Kolonne, welche ihre Thätigkeit für diesen Sommer nunmehr beendet hat, begeht am Sonntag ihr dies- jähriges Sommerfestim„Dresdener Garten", Dresdencrstr. 45. Gartcn-Konzcrt, sowie humoristische Gesangs-Tcrzetts und Solo- Vorträge des beliebten Berliner„Ulk-Trio" werden für Unterhaltung sorgen. Alle Freunde und ehemaligen Mitglieder sind hiermit ein- geladen. Orgelkonzert. In der Marienkirche werden Montag, den 22. August, abends 7V, Uhr, beim Orgelvortrag des Musikdirektors Otto Dienel mitwirken: Fr. Musikdirektor Marie Schramke-Falkncr, Frl. Frieda Schramke-Falkner, Fr. Baumeister Dirksen, Frl. Eon- stanze Nießen, Frl. Helene Compart, Frl. Maria Schramke-Falkner. Herr Fritz Schramke-Falkner, das Cello-Ouartett der Musikschule von Frl. Lenim-Steglitz unter Leitung von Herrn Fritz Grosse, und Herr Robert Schwießelmann. Der Eintritt ist frei. Theater. Emil Thomas beginnt sein Gastspiel im Luisen- Theater am Donnerstag, den 1. September. Er wird in seineu alten Glanzrollen:„Haasemanns Töchter".„Mein Leopold" zc. wieder auftreten.— Der großherzoglich Darmstädter Hofschansvieler Georg Heinrich Hacker hat mit der Direktion des Luisen- Theaters ein sechs Abende umfassendes Gastspiel abgeschlossen. Er wird den Marcus Antonius in«Julius Cäsar" spielen. ßus den Kacbbarorten. Gegen den Gemeindevorsteher von Weißens« werden von der dortigen Gemeindevertretung schwere Anschuldigungen erhoben. In der am 17. August abgehaltenen Sitzung hat die Gemeindevertretung mit neun gegen eine Stimme beschloffen, gegen den Vorsteher Klingenberg das Disziplinarverfahren und die Suspendierung vom Amte zu beantragen. Dieser an den Landrat des Kreises, v. Treskow, gerichtete Antrag ist in folgendem Schreiben begründet worden: .u. u«,_____,______ I i___,_______________ W Unsrc Gemeinde beabsichtigte eine in unsrer Gemarkung liegende Seine Gattin stammt aus'Basel. Jbr Geburtstag war seinTodes-Landparzelle von ca. 25 Morgen in eignen Besitz zu bringen. Zum taa. Kaeser konnte auf außerordentliche Rennerfolge zurückblicken; Iwccke des Ankaufs wurde in erster Linie von der Gemeinde-Ver -5�'..«.» w...... rtr\ n. CT*___; r, f,. S.,.. V_ fTH-X Vi-"pf IT nr» CScrt*('>\ c m I* i n Srvhr» vr*»-Sn/>f � V l, � s. t- it«, allein in diesem Jahre errang er 29 erste Preise bedeutender Städte, darunter Paris und Petersburg. Bei einem Rennen in New Uork brach er mehrere Rippen und im September v. I. mußte er beim 100- Kilometcrfahren in Dresden schwer verletzt(an seinem Rade platzte der Vordermantel) vom Platze getragen werden. Tos Verschwinden eines Liebespaares hat eine traurige Auf- klärung gefunden. Gestern morgen wurden die beiden Vermißten, der Unterosfizicr der dritten Compagnic des 3. Gardc-RegimentS zu Fuß Otto Weise und seine Braut, die 20jährige Anna Lüdickc, die bei ihren Eltern, Höchstcstraße 23. wohnt, bei Grünau als Leichen aus dem Wasser gelandet. W. hatte noch am Mittwochabend seine Braut, mit der er sich im nächsten Jahre verheiraten wollte, in der elterlichen Wohnung besucht, und beide waren, angeblich um noch eine Stunde spazieren zu gehen, weggegangen. Seit dieser Zeit war das Paar verschwunden. Am Donnerstagmorgen erhielten die Eltern des Mädchens, wie wir berichteten, aus Grünau eine Karte von beiden, auf der sie schrieben, daß sie wegen böswilligen und un- wahren Klatsches sich das Leben nehmen würden. Herr Ludicke fuhr daher Tonnerstagvormittag nach Grünau und erfuhr dort, daß d,e jungen Leute ihre Absicht ausgeführt hatten. Man hatte auf dem Grundstück dcS Berliner Dachtklubs daselbst Seitengewehr und Mutze des Unteroffiziers, sowie das Jackett und den Hut der Braut auf- gefunden; an dem Hut war die Eisenbahn-Monatskarte der Braut befestigt. Gestern wurde nun von einem Kahne aus von einem Gendarmen und zwei Unteroffizieren des Regiments nach den Leichen gesucht, und es gelang die Auffindung beider zugleich, da sie sich fest umschlungen gehalten hatten. Die Leichen wurden einst- weilen in einem Schuppen geborgen. Ter belgische Briefmarkenhändler Snry befindet sich noch immer in Untersuchungshaft. Das von ihm beigebrachte Ent- lastungsmaterial belastet ihn noch mehr, da dadurch ersichtlich würde, daß er den wirklichen Wert der verkauften Briefmarken genau ge- kannt hat Er hat nämlich Sammlern, die bei ihm gekaust haben, cmheimgestellt, nicht konvenierende Markenstücke zurückzugeben. Dann sind ihm auch von verschiedenen Kunden die nachtraglich er- kannten falschen Marken zurückgeschickt worden, und der Br,ef. markenbändlcr hat stets anstandslos das Geld zurückgezahlt. Noch an demselben Tage, an dem seine Verhaftung in Berlin erfolgte, hat Sury einem Sammler 100 M. sowie 5 M. dazu für die durch Prüfung der Marken entstandenen Kosten durch Postanweisung ge- schickt. Wieder ein Rangierer-Unglück. Im Dienste überfahren und ge- tötet wurde Donnerstagabend gegen 10V, Uhr der vor kurzer Zeit nach dem Anhalter Güterbahnhof versetzte Rangiermeister-Diatar "iß Er führte Rangicrarbciten aus und übersah dabei, daß aus dem Ncbengclcis eine andre Maschine heranfuhr. Von dieser wurde Lisi der die Annäherung überhört hatte, erfaßt und so unglücklich verletzt daß er den erlittenen gräßlichen Wunden bald daraus erlag. Dieses neue Opfer ist um so bedauernswerter, als Liß außer der Frau fünf kleine Kinder hinterläßt. Selbstmord im Kriinkenhause beging in einem plötzlichen Wahnsinnsanfall die 49 Jahre alte Zimmermannsfrau Ernestine Krause vom Grünen Weg 99. Die Frau wurde zu Anfang dieses Monats wegen eines Augenleidens in ein großes Berliner Kranken« Haus gebracht und später nach einer andern Abteilung verlegt. Dort lag sie gestern nachmittag gegen 2 Uhr ruhig und fieberfrei im Bett. Nachdem ihre Wärterin, die eben noch mit ihr gesprochen und keinerlei Zeichen einer Aufregung wahrgenommen hatte, auf einen Augenblick weggegangen war, um ein Gefäß zu entleeren, sprang sie plötzlich auf, lies vom Bett nach dem angelehnten Fenster, schob einen schweren eisernen Schirm bei Seite und schwang sich auf daS Fensterbrett, um sich auS dem zweiten Stock auf den ge- pflasterten Hof hinabzustürzen. In dieiem Augenblick kam die Wärterin zurück und faßte sie noch am Kleide. Die Last war aber zu schwer, die Unglückliche fiel und blieb mit zerschmettertem Schädel tot auf dem Pflaster liegen. Eine Schuld trifft niemand. Feuerbericht. In der Nacht zum Freitag wurde die Wehr nach der Steinstr.28 gerufen, weil hier auf noch nicht ermittelte Weise in einer Tövfcrei ein Feuer ausgekommen war, das einen größeren Ilmsana anzunehmen drohte. Der leitende Offizier de« zuerst ein- aetrosienen"öschzuges ließ angesichts der bestehenden Gefahr für die andern Fabr.kbctriebe sofort einen Hakenleitergang herrichten uno darüber binwea die Sappcure gegen den Brandherd vordringen. �nmr�ilb ein r Wlbcn Stunde war dann auch jede Gefahr beseitigt. -«Mr war. n dcr Reinickendorferstr. 53 allerlei Gerümpel alter Sausrat und Vervackungsinaterial in e.nem Keller in �.rand ge- raten, während in der Sophienstr. 22 �°�" F�"� Sefan�n hatten In der Jnvalidenstr. 9 standen gegen Mitternacht Möbel, Klcidungs- stücke usw. in einer Wohnung in Flammen, die rnbes in kürzet Zeit erstickt werden konnten. Eine Stunde vorher entstand im Gebrüder .Herrnfeld- Theater am Alexandcrplatz kurz vor Schluß der Vor- stellung durch Kurzschluß in der elektrischen Leitung cm kleiner Brands der von der anwesenden Thcatcrwache leicht unterdrückt Wurde. Das Publikum merkte von dem Vorgang nicht?. In der etung Herr Gemeindeverordneter Bernau beauftragt, und ihm ir weiteren Unterstützung in der Sache die Herren Schöffen Karl -öser und Gemeindeverordneter Witzell beigeordnet. Ter Verkauf d Grundstücks an unsre Gemeinde hat nun thatsächlich stattgefunden. jech unter Umständen, welche schließen lassen, daß der Gemeinde- vorher Klingcnberg, welcher die provisionswcise Verkaufs- vcijttlung des betreffenden Grundstücks übernommen hatte, sich dab in erheblicher Weise auf Kosten der Gemeinde bereichert hat, demnach den Auslassungen des für den Ankauf des Grundstücks gewesen Herrn Bernau hätte unser Gemeindevorsteher das in Fragsteht-nde Grundstück vor Ankauf durch unsre Gemeinde ihm für Äg Mark pro Morgen angeboten, beim Abschluß des Verkaufs- ge schaz� wozu Herr Bernau nicht hinzugezogen w u rx � sind jedoch von feiten der Gemeinde rund 3000 Mark 15° Birgen bezahlt worden, mithin eine Verteuerung bei cirka 2o I'iqcn Inhalt des Grundstücks von ca. 15 000 Mark. Nicht un- bemer�önnen wir lassen, daß die Verkaufsverhandlungen in derart eüsgersidse stattfanden, daß es der Ankaufskommission kaum möglich niesen sein dürfte, über die einschlägigen Verhältnisse sich genau u-xmieren zu können. .~™un aber hauptsächlich gegen die Amtsführung des Ge- memdevoihers einzuwenden ist, ist die Thatsache, daß derselbe ri vV*'"" amtlichen Kenntnisse Geschäfte betreibt, durch 5™che~crie seine Amtspflichten verletzt. Im vorliegenden Falle c h x.' �Gemeindevorsteher für seine Verkaufsvcrmittlung eine enjebuche S�nie als Provision bezogen, waS derselbe auch gar nicht ,n Abr. fi�s. , T.0 ��.Gemeindevorsteher sich auch noch sonst einer un- korrekten.lmßzsjg�is jU schulden kommen läßt, so wurden ihm in der am yi cr. stattgehabten Gemeindevertretersitzung folgende drei Fragen Zl Beantwortung vorgelebt: 1. Ist eS h. hgsi Sie seiner Zeit mi weaen---____ n. mit 500 Mark Geldstrafe o 2L0"».'«Hinterziehung belegt sind. r 1 Z'h daß Sie durch Ihren Posten auf der Renn» on-mNd der Dienststunden, noch Nebeneinkünfte, 3™ iw* pr° Renntag haben. yaß Sie beim Verkauf des Kahleschen Grund- sluas an dieses in Kommission gehabt und dafür Proze.„halten haben. w« sl'qi?«wiedcrte Herr Gemeindevorsteher Klingen. t-.,756 Petersburg 758 SO Eork Aberdeen Pari» 758 NNW 704. ZW WeUn 4 bedeckt 1 bedeckt 3 wolkig 1 wölken! t% ü fl äj 14 12 11 13 Wetter-Prognose für Sonnabend, de» 20. Aiigust 1904. Vorwiegend heiter, jedoch unbeständig ohne erhebliche Niederschläge. Temperatur wenig verändert bei mäßigen nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Soeialileniokratiseher kein im 5. M. Eeielistags- Wahlkreise. Nm Dienstag, den 16. August, verschied unser altes treues Mit- glicd, der Vuchdruckereibesitzcr Mö>1 Amelung. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 21. August, nachmittags 5 Uhr, vom Freireligiösen Friedhofe, Pappel- Allee 15/17, statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 245/15 Der Vorstand. EUionm Freie Liedertafel. Am Dienstagabend verschied nach kurzem schweren Leiden unser ähriges Mitglied, der Buch- druckeretbesitzer Hob. Amelung. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 21. August er., nachmittags 5 Uhr, auf dem Freireligiösen Friedhof, Pappel« Allee 15-17, statt. Der Borstand. KiHig »SN, soweit der Vorrat reicht, zum Verkauf i lie nur hochmodernen, letzter Saison zurückgesetzten und zurückgebliebenen hochvornehmen Herren- jAnzüge ans feinsten HnssstolTcn. Jackett-Anzüge.. Masspreis bis 60 M., jetzt 18—40 M. Gehrock-Anzüge. Masspreis bis 75 M., jetzt 23—43 M. Sommer-Paletots. Masspreis bis 50 M., jetzt 18—40 M. Herren-Hosen.. Masspreis bis 24 M., jetzt 7—14 M. BW Sonntag 8—10 und 12—2 Uhr gefilfnet."96 Deutscher Metaliarbeiter Verwaltungsstelle Berit Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schrauben- dreh er Bruiio Kuhnert am 11. d. MtS. gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Sonntag, den 21. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle de» Einmaus-Kirchhofes in Britz aus statt. Rege Beteiligung erwartet 119/16 Die Orteverwaltung. vanlcsaKUnx. Für die rege Beteiligung bei der Beerdigung meines Mannes sage ich allen Freunden und Bekannten sowie den Parteigenossen des 566. und 591. Bezirks im 6. Wahlkreise meinen lies- gefühlten Dank. Die trauernde Witwe. 450d Anna Koaa mlnshy. Dr. Schfinemann Specialarzt sür Haut.. Har». und Nraneulriden, tste�delstr». 9. Wochentags'/,!»—'/«S,'/.«-'/.S. Deutsches Versandhaus Jägerslrasse 63, nur 1 Treppe, Ecke Friedrichstrasse. Die DaiMMli der WM im Sommer betreffen meistens Kinder, deren Magcn-Darmkanal entweder durch ungenügende oder zu reichliche Milchnahrung geschwächt Ist. 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