Ar. 199. BbonnementS'Bcdingungcn: Abonnements> Preis pränumerando! Merteljährl. 3J0 Mk., monofl. 1,10 Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei inS Haus. Einzelne Nummer S Pfg. EonntagS» nummer mit illustrierter EonniagS» Bellage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1.10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Mark, für da» übrige Ausland 8 Mark pro Monat, S1. Jahrg. VI« InleHionz- Sedahr beträgt für die sechSgespattene Kolonel- geile oder deren Raum 40 Pfg,, für politische und gewerkschaftliche Vereins, und VersammlungS-Anzeigen 2S Pfg. „Kleine Hnrtigen", das erste fettgedruckte) Wort 10 Pfg,, jede» weitere Wort b Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis s Uhr vormMagS geögnet, kklchel»! täglich auB« dontaai. Vevlinev VolKsblskk. Telegramm- Adresse! „Soxialiltwomi BtrUn", Zcntralorgan d«r fozialdemokrat» fehen Parte! Deutfchlatids. Redaktion: 8Al. 68, Lindcnstraeec 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Donnerstag, den ÄS. Angust 1904. Expedition: 8M. 68, Lindcnstraoac 69. Fernsprecher: Auit IV, Nr. 1984. Kosakenkurs und Harakiri. Man schreibt uns: Der„Vorwärts" hat schon wieder ein ganz gräßliches Ver- brechen begangen, indem er ein von deutschen Behörden verübtes Unrecht ein Unrecht hieß, statt es, wie ein braver Staatsbürger immer thun soll, als den Inbegriff der Weisheit und Gerechtigkeit zu preisen. Der„Vorwärts" war ivirklich so schlecht, die Thatsachc, daß der von japanischen Schlachtschiffen geschlagene und verfolgte russische Kreuzer„Novik" in Tsingtau Zuflucht fand und sich sogar Kohlen einnehmen durfte. um dann wieder in See zu gehen. klipp und klar einen Neutralitätsbruch zu nennen. Ebenso benamste er das weitere Faktum, daß andre russische Kriegsschiffe, die sich eben- falls nach Tsingtau geflüchtet, aber wegen Havarien seeuntüchtig waren, nicht sofort desarmiert wurden und die Besatzung nicht der Jnternierung verfiel. Am 11. August waren sie eingelaufen und erst nach vier Tagen wurden sie entwaffnet I Der„Vorwärts" war weiter so frech, durch ein Citat zu beweisen, daß der kgl. preußische Professor für Völkerrecht LiSzt die nämliche Ansicht hat wie er. Angesichts dieser himmelschreienden Sünden ist es selbst- verständlich, daß die gutgesinnte Presse über den„Vorwärts" herfiel wie ein Rudel Wölfe über einen einsamen Wanderer und dabei ihre moralische Verkommenheit, der das Recht nicht ein absoluter, sondern ein von höherem Befehl oder vom Profit diktierter Begriff ist, in glänzendem Licht zeigte. Die bekannte gefällige Dame vom Rhein, die„Kölnische Zeitung" gab sogar folgendes unglaubliche Blech aus den rusis chen«Birschewija Wjedomoki" wohlgefällig wieder:„Unfern Schiffen Gastfreundschaft gewährend und sie gegen Ueberfälle der Japaner schützend thut Deutschland nur. was an seiner Stelle auch jede andre europäische Macht thun würde.(?) Für Deutschland wie für jede andre Macht ist es wichtig, daß der Krieg bis zu seinem Ende ein Zwei- kämpf zwischen Rußland und Japan bleibe. DaS muß im Auge behalten werden bei der Beurteilung der Meldung, daß die deutschen Behörden in Tsingtau ihre Aufgabe ernst nahmen und alle Maß- nahmen trafen, welche die Beobachtung streng st er Neutralität erfordert.(1) Das ist alles, was wir von einem benachbarten uns befreundeten Land erivarten können, deffen Politik die Interessen des allgemeinen Friedens hochstellte. Sollten sich Leute finden, die wegen der unseren Schiffen gewährten Gastfreundschaft Lärm schlagen, und Deutschlands Neutralität verdächtigen wollen, so können wir ihnen schon heute ein ruhiges, auf bestehenden Gesetzen und Traditionen basiertes Gutachten eines der besten Kenner des SeerechteS vorhalten. Von kompetente st er und zweifel- loS autoritativer Seite(!) wird uns geschrieben: Wenn unsre Kreuzer, die nach Tsingtau gingen, irgend welche B e- schädigungen erhalten haben, so kann ihnen eine befteundete Macht ohne Verletzung der Neutralität alle Mittel zu ihrer Ausstattung anbieten. Bedürfen unfreSchifse der Docks und Hafenwerk st ätten, so loird kein Hafen- Kommandeur und kein Gouverneur einer Kolonie sie forttreiben, und er wird im Einvernehmen mit unsren Schiffskommandeuren die Frist zur Ausbesserung der Beschädigungen fe st setze n." Zunächst ist sehr bedauerlich, daß das russische Blatt,„die kompetenteste und zweifellos autoritative Seite", die obige An- schauungen entwickelt, nicht nennt, Ist eS vielleicht der russische Marineminister? Auf jeden Fall ist sie ein Gewächs Rußlands, wie ja aus den Worten„unsre Kreuzer" hervorgeht. Es ist also „strengste Neutralität", wenn eine neutrale Macht einem geschlagenen und verfolgten Kreuzer die Einnahme von Kohlen ermöglicht, damit er seine Flucht fortsetzen kann. Daß mit einer solchen„Neutralität" die andre kriegführende Macht schwer geschädigt wird, weil ihr dabei eine nahezu sichere Beute entgeht, ist natürlich Nebensache. Die „autoritative Seite" verlangt aber noch mehr: Eine„neutrale" Macht soll geschlagene seeuntüchtige Kriegsschiffe, die zu ihr geflohen sind, sogar ausbessern lassen, damit sie nach Beendigung der Repara« turen wieder munter auf dem Plan erscheinen können. Es fehlt nur noch, daß die„Neutralen" ihnen auch die Munition ergänzen müssen. Man muß wirklich staunen, wie human der Russe, der kalt- lächelnd Transportschiffe mit Hundejrten von Menschen versenkte tmd sich gegen neutrale Schiffe mit kosaken mäßiger Unverschämtheit benahm, geworden ist, nachdem er in der Tinte sitzt. Wie blödsinnig das Gewäsche der„autoritativen" Seite ist, erweist sich sofort, wenn man es auf einen deutsch- französischen Seekrieg oder auf den Landkrieg überhaupt anwendet. Gesetzt, die deutsche Marine trägt in der Nordsee einen großen Sieg über die ftanzösische davon. Ein Teil der letzteren erleidet so schwere Havarien, daß er einen französischen KriegShafen nicht mehr erreichen kann. Vernünftigerweise gäbe es für ihn nur zwei Möglich- leiten: entweder würde er in holländische oder belgische Häfen fliehen und dort entwaffnet werden oder er fiele den deutschen Verfolgern in die Hände. Auf jeden Fall würden diese französischen Schiffe für die Dauer des Krieges unschädlich werden. Nach der Anschauung der russischen„autoritativen Seite" aber, die der„Kölnischen Zeitung" so ausnehmend gut gefällt, könnten die französischen Schiffe in holländischen und belgischen Häfen ruhig und sicher ausgebessert werden, um später von neuem gegen das Deutsche Reich zu fechten. Nehmen wir weiter an. daß es der deuffchen Marine in unsrer supponierten Seeschlacht gelungen ist. einen Teil der französischen Kriegsschiffe vom Rückwege nach Frankreich abzu- drängen. Nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes müßten die Schiffe in den englischen oder schottischen Häsen, die sie viel- leicht erreichen würden, deSarmiert werden. Hat aber die „autoritative Seite" recht und hat das Deutsche Reich mit seiner Begünstigung des russischen Kreuzers„Nowik" dem Völkerrecht entsprechend gehandelt, so können die Franzosen in den bewußten Häfen Kohlen einnehmen und dann um die Nordspitze Großbritanniens herum vergnügt heimwärts dampfen. Das Verhalten der deutschen Behörden in Tsingtau gegen den Kreuzer„Nowik" bedeutet also ein Präjudiz, das sich am Deutschen Reich blutig rächen kann. Ebenso können die von der„Kölnischen Zeitung" reproduzierten russischen Narreteien Deutschland noch sehr gefährlich werden. So kommt man mit der Ableckerei des Kosakenstiefels bis zum Harakirj. Wenden wir die Expektorationen der„autoritativen Seite" auf den Landkrieg an. Gesetzt, eine Schlacht spielt sich in nächster Nähe der Grenze eines neutralen Staates ab, wie dies zum Beispiel bei Sedan der Fall war. Nach der Praxis, die die deutsche Obrigkeit beim„Nowik" entwickelt und die die„autoritative Seite" verficht, könnte der geschlagene Teil gar nichts Besseres thun, als auf das neutrale Gebiet über- zutreten, wenn es ihm irgendwie möglich wäre. Mit demselben Recht, mit dem das Deutsche Reich dem russischen Kreuzer„Nowik" Kohlen einnehmen ließ, könnte ein neutraler Staat einer geschlagenen Armee Gelegenheit zur Ruhe und Ergänzung des Proviants ge- währen, ja nach den Principien der„autoritativen Seite" müßte er ihr sogar erlauben, den Schaden an den Geschützen auszubessern und die verlorenen Pferde zu ersetzen. Und der siegreiche Gegner hätte an der Grenze uuterthänigst Halt zu machen und die feindliche Armee in ihrer Erholung nicht zu stören! ES ist hier am Platze, an eine Stelle des deutschen Befehls zur Schlacht von Sedan zu erinnern. Hier heißt es, daß den auf belgisches Ge- biet übertretenden Franzosen sofort dahin zu folge» ist, wenn sie nicht sogleich entwaffnet würde». Diese gewiß vollkommen berechtigte Anordnung zeigt, daß die Japaner nur nach preußischem Vorbild gehandelt hätten, wenn sie den russischen Schiffen, die in Tsingtgu nicht sofort, sondern erst nach vier Tagen entwaffnet wurden, it? den Hafen gefolgt wären und sie hier vernichtet hätten. Man sieht, daß das Vorgehen der deutschen Behörden vom kriegerischen Standpunkt aus einfach widersinnig war und nach Um- ständen eines Tages einem Gegner Deutschlands sehr angenehme Dienste leisten kann. Namentlich die saubere Geschichte mit dem „Nowik" kann der deutschen Marine angesichts der Thatsache, daß die Nordsee an verschiedene Länder grenzt, einmal sehr fatal werden. �Uebrigens legen die besprochenen Ereignisse auch die„Genialität" der deutschen Diplomatie dar. Zuerst wird der König von England nach Kiel geholt, er wird mit Festlichkeiten halbtot gemacht, um die englische Freundschaft zu erwerben, und einige Wochen später reizt man die Engländer durch einen offenkundigen Neutralitätsbruch zu Gunsten Rußlands. Außerdem sät man noch ganz unnötigerweise Haß in Japan und bringt ein Volk gegen sich auf, das noch eine große Rolle in der Weltgeschichte spielen wird. Soweit unser Mitarbeiter. Die offiziöse und freiwillig offiziöse deutsche Presse hat sich nachträglich noch etwas Besonderes auf die „strenge" Neutralität Deutschlands zugute gethan, die den „Cessarewitsch" desarmiert" habe. 3 tu», der„Cessarewitsch" war derartig kampfunfähig, daß er nicht erst deSarmiert werden brauchte! Den noch kampffähigen„Novik" ließ man aber entwischen. Deutsche Kohlen ermöglichten ihm die Flucht bis zur Insel Sachalin, wo ihm dann fteilich sein Verhängnis in Gestalt japanischer Kreuzer ereilte!______ politiCcbe deberfiebt. Berlin, den 24. August. Die Einheit der Rcichspolizei. Man sollte nicht mehr von Partikularistischen Tendenzen reden. Die Einheit des Reiches ist fester denn je. Von der russischen Grenze an reichen sich alle deutschen Stämme brüderlich die Hände, sosern man nämlich als Vertreter der deutschen Stämme die— P 0 l i- zisten gelten lassen will. Ein Reich— eine Polizei— eine Polizeiverordnung, das ist die unerschütterliche Einheit Deutschlands. In einem Polizeigewahrsam ist der deutsche Geist und die germanische Freiheit sorgsam behütet, in einer Fiirsorge-Erziehung waltet die Obrigkeit über Ausländer, Rebellen und sonstigen Vagabunden! Ja, daS Reich der deutschen Polizei-Einheit ist sogar größer als die geographischen Grenzen: es fängt bereits in Ruß- l a n d an. Da spricht man von den wilden demokratischen Vaterländern im Reiche. Blätter wie die„Hamburger Nachrichten" haben schon bisweilen förmliche ReichSexekutionen gegen die„revolutionären" Bundesstaaten verlangt. Welch kindliche Furcht! Einig sind sie, alle einig, nur einer ist Herr im Reiche: die russisch-germanische Polizei!— Als des Grafen BülowS Herrlichkeit vor ein paar russischen Schnorrern und Verschwörern erzitterte, da wurden die aus Berlin Ausgewiesenen auch aus dem liberalen Baden und sogar aus dem preutzenfeindlichen Bayern ganz preußisch ausgewiesen! Im Geiste der russischen Polizei beeifer» sich alle, alle Basallen Preußen zu sein. Besonders verdächtig hat sich daS„rote Großherzogwm" bei unsren Preußen gemacht, allwo sogar der Landesvater mit einem Socialdemokraten bei Tische sitzt. Wie viel empörte Denunziationen hat eS wegen dieser Unleidlichkeit schon geregnet! Man hat dem Großherzogtnm wirklich Unrecht gethan. Es ist genau so preutzisch-polizeisromm wie das heilige römische Reich sonst. Schon daß bei der Maifeier des letzten Jahres in Mainz den Parteigenossen die Stadthalle versagt wurde, weil gerade eine Brücke in Gegenwart des Kaisers eingeweiht wurde, zeigte, wie„zuverlässig" auch das Großherzogtum ist. Heute wird uns nun aus Offenbach telegraphiert: Das hessische Ministerium hat dem Eiuberufer der Versamm» lung in Offenbach mitgeteilt, daß Pernerstorfer ausgewiesen würde, wenn er den Versuch machen sollte, die Versammlung in Hesse» zu besuchen. Als Grund wird angegeben: PernerstorferS demon« strattveS Verhalten in der Frankfurter Versammlung und sein Brief an den Reichskanzler. Eine Offenbacher oder sonst hessische Versammlung mit Pernerstorfer als Redner wäre jetzt eine un- zulässige Demonstration gegen einen befreundeten Bundesstaat. Also auch das Großherzogtnm beweist seine Freundschaft für Preußen dadurch, daß es seine Polizeipolitik nachahmt. Von der Notwendigkeit, durch diese Einheit in der polizeilichen Auffassung die Reichstreue zu bethättgen, hat sich offenbar die hessische Regierung erst neuerdings überzeugen lasten. Als in der Demagogenzeit die Universität Jena als Hauptherd der national gesinnten, für die Einheit Deutschlands kämpfenden Jugend von den Agenten Metternichs denunziert wurde, als der Zar den Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, Goethes Freund, Vorstellungen wegen der Begünstigung der Revolution machte, da stellte sich Karl August gänzlich taub und lehnte ein Einschreiten gegen die Professoren seines Ländchens ab. Das war eben damals deutsche Zerrissenheit! Heute ist die deutsche Einheit vollendet und heute haben deshalb — ein paar Tage vor dem Verbot der hessischen Regierung-- der König von Preußen mit dem roten Groß- herzog die bollständige Uebereinstimmmig ihrer Ansichten bekunden können.—_ Der Klassenkampf in der Junkermonarchie. Es ist wahr: wir sind etwas gesitteter wie die wilden Republikaner in Amerika oder Frankreich; Pinkertons und Miliz, Infanterie, Kavallerie und Artillerie werden bei uns gemeinhin nicht mobil gemacht gegen streikende Arbeiter. Auf das Konto des Kapitalismus und Militarismus ist diese Gesittung jedoch nicht zu schreiben. Der Monarchismus bändigt die Ausbcutungs- und Herrschaftsgelüste des Kapitals nicht. Ganz allein den deutschen Arbeitern selber ist es zuzuschreiben, wenn sie nicht bei jedem größeren Streik mit Bajonetten und blauen Bohnen Bekanntschaft machen. Die deutschen Arbeiter sind im allgemeinen so wohldiscipliniert und so klug— ein wenig angeborene Polizei- frömmigkeit läuft wohl auch mit unter— daß sie sich meist davor hüten, Gelegenheit zu Schießvcrsuchen zu geben. Dennoch sind auch die Kämpfe der deutschen Arbeiter nicht ganz ohne solche Beispiele. Bei dem großen Bergarbeiterstreik im Ruhr- revier im Mai 1889 wurde Militär gegen die Streikenden auf- geboten und fünf Tote und neun Verwundete düngten mit ihrem Blute das Schlachtfeld des Klassenkampfes in der Junkermonarchie. Daran reihen sich eine ganze Anzahl Fälle an, daß, wenn auch nicht durch Soldaten, so doch durch Polizisten undisciplinierte Arbeiter zu Paaren getrieben und niedergesäbelt wurden. Im großen Straßen- bahnerstreik in Berlin arbeitete der Polizeisäbel gegen das mit den Streikenden sympathisierende Publikum. Bei dem Bauarbeiterstreik in Colmar im Elsaß im Frühjahr 1903 verwundete die Polizei eine ganze Anzahl Streikender. Militär wurde aufgeboten bei dem gleichzeitigen Bauarbeiterstreik in Bromberg, und auch da that der Polizeisäbel blutige Zlrbeit. Soldaten als Arbeitswillige auf den Plätzen streikender Arbeiter sind keine seltene Erscheinung. In dem Riesenkampfe der Crimmitschauer Weber ist es einzig und allein der Besonnenheit der Arbeiter zu danken gewesen, daß kein Blut geflossen ist. Hätten undisciplinierte Massen oder heißblütige Romanen an Stelle der Crimmitschauer Weber gestanden: kein Monarchismus hätte ein Blutbad verhindert. Bei unfern Maifeiern, insbesondere bei der ersten, war an vielen Orten Deutschlands das Militär marschbereit, und reitende Militärpatrouillen begleiteten den Maiausflug der Dresdner Ar- beiter im Jahre 1899, um bei dem geringsten Anlaß das bereit. stehende Militär zum Einschreiten veranlassen zu können. Inzwischen arbeitet die trockene Guillotine. Eine kapitalver- ständig tiftelnde Rechtsprechung nimmt dem Säbel und der Flinte die blutige Arbeit ab und umgiebt die fattische Aufhebung deS sogenannten Koalitionsrechtes mit dem Scheine des Rechtes. Die 89 Jahre Zuchthaus, die den Waldcnburger Bergarbeitern im Jahre 1889 die brutale Wirklichkeit des Klassenkampfes unter der Herr- schaft des socialen Königtums zum Bewußtsein brachten, sind viel- leicht dem TageSgedächtnis etwa? entschwunden. Daran aber reihen sich bis auf den heutigen Tag unzählige Jahre Zuchthaus- und Ge- fängnisstrafen über Arbeiter, die im Lohnkampfe— nicht etwa die bestehenden Gesetze verletzt haben. Nichts weniger als das. So wie die deutschen Arbeiter in der Regel besonnen genug sind, sich nicht als Zielscheibe vor die Kleinkalibrigen zu stellen, so suchen sie auch sonst ihre Lohnkämpfe im Rahmen der bestehenden Gesetze zu führen. Aber die Geschichte der deutschen Lohnkämpfe ist zugleich eine Geschichte der deutschen Rechtsprechung, die alle festen Rechts- begriffe auflöst und Schritt um Schritt dem Interesse de» Kapitals folgt. Was jüngst ein Rechtsanwalt in einem Koalitionsprozesse gegen einen Arbeiter that und sagte: Kein Richter könne sich ganz von seinen politischen Anschauungen frei machen, deshalb sei er der Meinung, der socialdemokratischc Schöffe hätte die Mitwirkung an dem Prozesse gegen den socialdemokratischen Arbeiter von selbst ablehnen müssen. Das ist der Geist, der die deutsche Rechtsprechung kennzeichnet. Der socialdemokratische Richter könnte der Gefahr erliegen, seinen an- geklagten Parteigenossen schuldlos zu finden und das wäre gegen den Geist der deutschen Rechtsprechung. So oft sich die deutschen Arbeiter in ihren Kämpfen einer neuen Rechtsauslegung anpassen, so oft paßt sich die Rechtsauslcgung dem Kapitalintcresse an und macht zum Verbrechen, was gestern noch als zulässige Handlung galt. Der Arbeiter, der mit Arbeitseinstellung droht für den Fall einer Nichtbcwilligung einer Lohnzulage, wird als gemeiner Er- presser behandelt und ins Gefängnis geworfen. Der Streikende, der einen Streikbrecher schief ansieht, wird auf Wochen, Monate, Jahre eingesperrt. Der Streikbrecher geht für die größten Roheiten straf- frei aus; eingesperrt wird dafür der vom Streikbrecher mißhandelte Streikende. Darieben von Zeit zu Zeit einige Arbeiter als Mein- eidige ins Zuchthaus geworfen und zu Ehrlosen gestempelt: das ist der Klassenkampf in der Junkermonarchic. Das ist der einzige Unterschied zwischen dem Wüten des Ka- pitalismus in demokratischen Ländern und dem im Reiche der frömmelndn Socialreform: In der Republik, in demokratischen Ländern schlägt das Kapital mit brutaler Offenheit auf die kämpfenden Proletarier ein; es ist ihm nichts gelegen am Scheine des Rechts. Man denke von ihm, was man wolle, wenn es nur Herr der Masse bleibt und den Profit rettet. Bei uns dagegen ein ekler Geist der Unehrlichkeit, der sich in den Mantel einer über den Klassen schwebenden höheren Gerechtigkeit hüllt und den Arbeiter glauben machen will, ihm sei recht geschehen, nur zu seinem Wohle werde er ins Zuchthaus gesteckt. Der Geist, der die Zuchthausvorlagc geboren: „zum Schutze der Arbeitswilligen", dieser Geist beherrscht das öffent- lichc Leben Deutschlands, in diesem Geiste führt der Kapitalismus in der Monarchie den Klassenkampf. Die Heuchelei ist es, die die Klassenkämpfe in der Junkermonarchie vor den Klassenkämpfen in der Republik auszeichnet. Ein Vorzug, von dem wir nicht wissen, ob uns unsre Arüder in andern Ländern darum bencidew Vom siidwestafrikanischcn Kriegsschauplatz ist heute eine weitere Verlustliste eingegangen. Sie lautet: Berlin, 24. August. Es fielen im Gefecht bei Omatupa am 16. August: Unteroffizier OSknr Schoder aus Lähn, Kreis Liegnitz, früher 2. Garde-Dragoner, Reiter Otto Handrock aus Naumburg a. /Saale, früher Regiment 71, Reiter Hermann Käinmlcr, früher Dragoner-Regiment 4, Gefreiter Wilhelm Mayer aus Jesse bei Spreinberg, früher Regiment 12. Schwcrvcrwundct: Oberlicutenant Bischoff, früher Regiment 132, Schuß rechten Fuß, Unteroffizier Paul Kunitz, früher Dragoner- Regiment 2, Gesichtsschuß. Reiter Emil Worts, früher Pionier- Bataillon 8, Arm- und Hüftschuß. Leichtverwundet: Lieutenant v. Maien, früher Regiment 118, Streifschuß linke Hand, Unteroffizier Oswald Standow, früher Re- giment 96. Streifschuß Hals. Im Gefecht bei Omatjatjewa am 13. August schwervcrwundet Gefreiter Willers, früher Regiment 78. Schuß in den Kopf, Reiter Steindorf, früher Regiment 26, Schub in die Schulter. Leichtverwundet: Reiter Christoph, früher Grenadicr-Regiment 1, Streifschuß. Reiter Kruber, früher Eisenbahn-Regiment Nr. 3, erschoß sich am 19. Juli in Epukiro infolge Anfalls augenblicklicher Geistes- störung. Zusammen also, außer dein Reiter Kruber, der Selbstmord beging, 4 Tote, 8 Schwer- und 3 Leichtverwundete. Diese Verluste stammen aus den Zusammenstößen nach den Gefechten am Waterberg. Erfreulicherweise hat General Trotha die ihm jedenfalls telegraphisch übermittelte Kritik der deutschen Presse nunmehr beherzigt. Er meldet bei sämtlichen Personen die Namen. Die von der„Norddeutschen Allgenieinen Zeitung" be- hauptete technische Unmöglichkeit scheint bei einigem guten Willen nicht mehr vorhanden zu sein. Tadelnswert ist nur, daß noch immer ein erheblicher Teil der durch die Gefechte am 10. und 11. August verursachten Verlustliste aussteht I Ferner werden heute zwei weitere Typhus- Todesfälle gemeldet. Gestorben sind der Reiter Friedrich Wilhelm Buchheim aus Ducherow und der Gefreite Johann Deichmann aus Rotenditmold in Otjosonda und Okehandja. Nachdem erst vor etlichen Tagen lOVV Mann Berstärkungs- triippen nach Südwestafrika abgegangen sind, wird heute halboffiziös gemeldet, daß ein neuer Truppentransport von 800 Mann am 39. d. M. nach Südwestafrika abgehen Iverde. Zugleich wird ge- meldet, daß mit der Notwendigkeit gerechnet werde, die dienstfähigen Mannschaften etwa zwei Jahre lang in dem Schutzgebiet zu belassen. Mit diesem neuesten Nachschub am 30. August dürften sich, die Gefallenen und als invalide Heimgeschickten einbegriffen, jetzt ungefähr 10000 Mann in Südwestaftika befinden. Und dies gewaltige Truppenaufgebot soll noch zwei Jahre lang in der Kolonie bleiben! Ob die Kosten dieses traurigen, ökonomisch ganz ergebnislosen Feldzuges dann nicht noch 60 Millionen weit übersteigen werden?— Das Gnadcnmanifcst des Zaren. Nach Plehwcs Tod ist schon geraume Zeit vergangen, ein Nachfolger ist ihm bis jetzt noch nicht ernannt worden. Es hat sich vielleicht der eine oder andre naive Mensch im geheimen der Hoffnung hin- gegeben, die Umgebung des Zaren sei durch die zahlreichen Schläge, die dem russischen Zarismus in der letzten Zeit tagtäglich versetzt wurden, zu einer Besserung veranlaßt worden und das Interregnum sei vielleicht die vorsichtige Einleitung zu einer Umkehr. Wer so dachte, der wird von seinen Träumen nunmehr jäh aufgerüttelt, durch das Gnadenmanifest des Zaren, das heute der Telegraph verbreitet. Plehwe ist tot, aber Plehwes Geist schwebt über dem Zaren. Das Manifest mutet so an, als sei es Plehwes Testament, das er dem Zaren in Erwartung seines unvermeidlichen gewaltsamen Todes hinterlassen hat. Zu jeder Zeit verrät sich der reißende Wolf, der sich nur ungeschickt und plump mit einem Schafspelz umhüllt hat. Es klingt wie eine Wiederholung des berüchtigten Plehweschen Manifestes vom Februar des vorigen Jahres, das von der bürger- lichen Presse Deutschlands als die Einleitung eines konstitutionellen Regimes in Rußland bejubelt wurde, in der That aber einer der ersten Schritte zur Erdrosselung der spärlichen Semstwo-Selbst- verwalwngsrechte war. Eine umfassende Würdigung des hinterlistigen Elaborats be- halten wir uns vor, bis sein Wortlaut vorliegt. Denn wir sind überzeugt, der Pferdefuß wird erst ganz zum Vorschein kommen, wenn wir das Manifest unverfälscht durch telegraphische Abkürzung vor uns haben werden. Aber eine kurze Würdigung soll schon jetzt zeigen, was das russische Volk vom Nach-Plehweschen Zarismus zu erwarten hat. .Die Körperstrafe für die bäuerliche Bevölkerung und die Soldaten soll aufgehoben werden, wo sie noch für wiederholte Pflichtverletzung zur Anwendung gelangte." Die Fassung des Telegramms ist so unklar, daß inan nicht verstehen kann, ob die Körperstrafe bloß für Vergehen gegen das Strafgesetzbuch aufgehoben wird, ob sie aber als Mittel zur Eintreibung von Steuerrückständen(das war der häufigste Fall ihrer Anwendung) noch beibehalten wird. Von der Aufhebung des im Königsberger Prozeß vor Europa enthüllten geheimen Ukases, der mit Prügelstrafe Bauernrevoltcn bestraft, und von der Aufhebung der Prügelstrafe für revoltierende Ge- fänguisinsassen wird Wohl im Manifest keine Rede sein. Die Obolenskys und Mahls werden sicherlich noch ein weites Feld für ihre Bethätigung haben. Die im Manifest verordnete Erlassimg der Steuerrückstände für die Bauern ist ja selbstverständlich nichts weiter als eine demagogische Umschreibung des Satzes: Wo nichts zu haben ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Der Finanzminister wird ja schon dafür sorgen, daß, wo noch etwas zu haben sein wird, es durch eine Anlegung der Steuerschraube in einer neuen Weise sofort herausgepreßt ivird. Eine Einwilligung des Parlaments braucht er ja in Rußland dazu nicht. Der famose Satz: Politische Verbrechen, welche minocsteus 13 Jahre vor der Geburt des Thronfolgers begangen wurden und bis zu diesem Tage unbekannt blieben, werden der Vergangenheit anheimgegeben", ist ja gewiß eine klassisch ulkige Uebertragung des bekannten deutschen Sprüchwortes über die Nürnberger, die keinen hängen, den sie nicht haben, ins Russische. Die politischen Verbrecher, die, durch„gute Führung" ausgezeichnet, nach Ablauf(!) ihrer Straf- zeit(eio!!)(und da wagt unsre mollnskenhafte freisinnige Presse noch von Vergünstigungen für politische Sträflinge zu sprechen) den Wunsch haben, auf Fürsprache des Ministers ihre bürgerlichen Rechte wiederzuerhalten, werden gewiß an den Fingern einer Hand abzuzählen sein. Uebrigens steht fiir reuige Sünder schon jetzt der Weg zur Staatskrippe frei. Die enonne Majorität unsrer Genossen aber wird nach wie vor alle Qualen der Zarenverfolgung ini stolzen Bewußtsein ertragen, daß es ihre Aufgabe ist, bürgerliche Rechte für sich selbst und fiir ihr Volk im unablässigen— selbst im russischen Gefängnis und in der Verbannung nicht aufhörenden— Kampfe zu erobern. Und so geht der freche Hohn im„Gnadenmanifest" weiter. Es lohnt sich kaum zu erwähnen, daß auch die Juden und Finn- länder in ähnlicher Weise durch„Gnade" verhöhnt werden: Die Familien jüdischer Deserteure sollen nicht mit Geldstrafen bedacht, den militärflüchtigen Finnländern soll die Rückkehr erlaubt werden, die Rückkehr in die— Hölle! Fürwahr, sieht man sich das Manifest genauer an, so muß man allerdings sagen: das kann doch wohl nicht Plehwe vor seinem Tode geschrieben haben, denn Plehwes frecher Cynismus ist hier noch übertrumpft. Und um diesen Gipfelpunkt eines rohesten Cynismus zu erklimmen, war Plehwe doch... zu klug. Umso besser für das russische Volk— die Zahl der Dummen, die auf das neue Manifest reinfallen werden, wird doch erheblich zurückbleiben gegenüber denen, die möglicher- weise noch durch das Plehwesche düpiert waren. Und die Zahl derer, denen es die Augen öffnen wird, wird gewiß nicht ge- ring sein. Was das neue Manifest dem russischen Volke g i e b t, haben wir kurz gestreift. Doch nun wollen wir sehen, was es ihm b e- läßt: es bleibt die willkürliche Gesetzesschaffung durch eine kleine, den Monarchen beherrschende Clique; es besteht nach wie vor keine Preßfreiheit, keine Versammlungsfteiheit, keine Koalitionsfroiheit; es bleiben die Ausnahmegesetze gegen die Finnländer und Juden, es bleibt willkürliche Verfügung einer kleinen Clique über die Freiheit, das Leben, das Hab und Gut des Volkes. Und es bleibt auch die Enipörung der vorgeschrittensten Elemente des Volkes gegen diese Schandwirtschast; sie bleibt nicht nur, sie ist in unaufhörlichem Steigen begriffen, und wir wollen hoffen, daß der Tag nicht allzu lange auf sich warten läßt, wo sie sie in Trümmer zerschlagen wird. Am Mittwoch ist unter gigantischem Pomp die Taufe des Hetman aller Kosaken erfolgt. Auf alle Träger des zaristischen Systems haben sich durch die Huld des Säuglings hohe Orden ergossen: Es fehlen nur— wehe dem undankbaren Rußland!— die Bülow, Schönstedt und die Königsberger Zarenschützer I— DcutTchcd Reich. Der deutsch-rumänische Handelsvertrag soll, wie verlautet, in kürzester Zeit zum Abschluß gelangen. Ein rumänisches Blatt, das nahe Beziehungen zu der dortigen Regierung hat, hebt hervor, daß die Verhandlungen voraussichtlich ein günstiges Ende nehmen würden, da Deutschland die Mcistbcgünstiguugsklausel bewillige, durch die Rumänien in die Lage versetzt werde, von den Vorleilen Nutzen zu ziehen, die Rußland für seine Vichausfuhr erhalten habe.„Da- nach scheint es," fügt die„Deutsche Tageszeitung" der Nachricht hin- zu,„festzustehen und international bekannt geworden zu sein, daß Rußland gewisse Zugeständnisse für seine Viehcinfuhr erreicht hat. Welcher Art sie sind, ist freilich noch nicht bekannt; daß sie aber auf dem Veterinären Gebiete liegen, darf wohl angenommen werden. Sollte das der Fall sein, und sollten diese Zugeständnisse, wie man in Rumänien annimmt, durch die Meistbegünstigungstlausel auch den andren Vertragsstaaten zufallen, so würden sie für die deutsche Landwirtschaft um so bedenklicher, und es würde um so fraglicher, ob die Vertreter der deutschen Landwirtschaft einem derartigen Handelsver- trage ihre Zustimmung geben könnte n." Die letzte Aeußerung wiederholt nur, was das Blatt schon vor einigen Wochen erklärt hat, als bekannt wurde, daß Rußland günstigere Bedingungen für seine Vicheinfuhr in Deutschland er- langt habe. Im Grunde genommen sind die Agrarier recht froh, daß die russische Regierung sich zur Annahme der deutschen Ge- treide-Mindestzölle bequemt hat, und daher fest entschlossen, für die bisher vereinbarten Verträge mit Rußland, Belgien und Italien einzutreten. Derartige Bemökelungen, wie sie sich das Intelligenz- blatt der Landbündler leistet, haben lediglich den Zweck, die Zu- stimmung zu den Verträgen als ein„Opfer der Landwirtschaft" an das„Wohl des Vaterlandes" erscheinen zu lassen und zugleich die vichzuchttreibenden Bauern darüber hinwegzutäuschen, daß das Interesse des gctreideproduziereuden Großgrundbesitzes weit höher steht, als das der bäuerlichen Viehzüchter. Die liberale Presse kommt denn auch immer mehr zur Er- kenntnis, daß die Industrie zu Gunsten der Landwirtschaft in den neuen Handelsverträgen benachteiligt wird. Dennoch ist zweifellos, daß sowohl die Nationallibcralen als auch die Freisinnigen Richter- scher Couleur für jeden von der Regierung dem Reichstage vorgelegten Handelsvertrag stimmen werden, wie er auch aussehen mag. Die „Magdeb. Ztg." warnt bereits die Nationalliberalen, an eine Opposition gegen die Verträge zu denken.„Es wäre einfältig," meint sie,„zu vergessen, daß die Regierung materiell die Entscheidung in der Hand hat. Dadurch, daß sie den Termin für das Inkrafttreten des neuen Zolltarifes bestimmen kann, daß von ihr auch� die Ent- scheidung über die Kündigung der alten Verträge abhängt, und dadurch, daß sie dem Verlangen der Agrarier, beides baldmöglichst zu vollziehen, widerstanden hat, hat sie schweres Unheil von den deutschen Wirtschaftsverhältnissen abwehren können. Für diesen Gang der Dinge müssen Freihändler Dankbarkeit empfinden, denn ihre eigene Stärke reichte entfernt nicht aus, um zu verhindern, was sie so sehr fürchteten. Sie, die Regierung, hält auch das Gros der Rechten in ihrer Gewalt, sodaß sie den neuen Handelsverträgen zustinimen muß, trotz der stürmischen Unzufriedenheit der extremen Agrarier, weil nicht alle ihre Wünsche erfüllt sind. Sie kann zu ihnen sagen: Bringt Ihr die Handelsverträge zu Fall, so bekommt Ihr gar nichts, denn dann setzen wir den neuen Tarif nicht in Kraft und kündigen die alten Verträge nicht. Nun kehrt sich die Sache aber auch gegen die Linke. Kann sich diese denn auch nur einen Augenblick im Ernst darüber täuschen, daß die Regierung auch sie in der Hand hat?„Bringt Ihr die Handelsverträge zu Fall, so setzen wir den neuen Zolltarif in Kraft und kündigen die alten Verträge." Tann kommen für den Freihändler nicht Salomons Ruten, sondern Rehabcanis Skorpione." Echt nationalliberal. Katholikentag. Die devattelosen Verhandlungen von Regensvurg haben am Dienstag und Mittwoch ihre Fortsetzung gefunden. In der zweiten geschlossenen Versammlung ward u. a. über die Lage der Katholiken in Berlin verhandelt, die Bachem als eine „Diaspora(Versprengung) elendester Art" und als schwergefährdet durch das„terroristische Austreten der Socialdemokraiie" bezeichnete. ErzPriester Frank bewunderte das Beispiel des Freiherrn v. Mir- b a ch und empfahl sein System als leuchtendes Vorbild.— In der zweiten öffentlichen Versammlung monologisierte Professor S ch n ü r e r aus Freiburg(Schweiz) über„katholische Wissen- schast", wobei er behauptete, daß es zwischen Glauben und Wissen keine Disharmonie gäbe, aber verschwieg. daß die unfehlbare 51 i r ch e als letzte Instanz über Wahrheit oder Unrichtigkeit wissenschaftlicher Behauptungen entscheidet. Ein Schrift- steller Huppert sprach über Belletristik und mußte anerkennen, daß der„Naturalismus" Zolas, Tolstojs und Ibsens eine Weiter- entwicklung der Litteratur bedeute. Dr. Barth(Straßburg) toastete auf die Centrumspresse, deren Leiter würdig seien, Ministersessel zu zieren(was ja schwerlich lange ausbleiben kann). und klagte über das„nndeutsche Blut" in der Journalistik. Den Hauptschlager bildete aber eine Rede des Prälaten Dr. Schädler über die Schulftage. Er verdammte die Simultanschule als die Erfindung des„großen Schlächters Danton" und einer Zeit, in der„die Köpfe von Königen über das Pflaster dahinrollten". Auch das alte Argument vom natürlichen Erziehungsrecht der Elrern mußte zur Begründung klerikaler Schulwünsche dienen, obwohl ja bei dem heutigen Stand der Dinge ein ungeheuer großer Teil der Eltern sich die Erziehung der Kinder durch die Kirche höflich verbitten würde. Aber die Eltern haben ja das erste Recht auf die Kinder nur nächst„Gott", und „Gott" ist in diesem Falle die Schule, wie sie Schädler wünscht und zwar nicht bloß für die Volksschüler, sondern auch für die Mittel- und Hochschüler. Ernstere Beachtung als dieses uralte Gerede verdient der Jahres- bericht des„Volksvereins fiir das katholische Deutschland", den Generaldirektor Pieper erstattete. Der Volksvcrein zählte Ende Juni 1903 insgesamt 300 000 Mitglieder, Ende Juni 1904 rund 400 000 Mitglieder. Davon kamen auf Rheinland 137 992, Hessen- Nassau 19 701, Westfalen 91 621, Hannover 20 328, Schleswig-Holstein 1030, Provinz Sachsen 3268, Brandenburg 4111, Pommern 27, West- Preußen 384, Ostpreußen 316, Posen 83, Schlesien 22 623, Hohenzollern 1087, Bayern rechts des Rheins 10 084, links des Rheins(Pfalz) 8291, Württemberg 27 933, Königreich Sachsen 4986, Baden 17 353, Hessen-Darmstadt 4186, Sachsen-Weimar 470, Mecklenburg 269, Oldenburg 3997, Braunschweig 441, Anhalt 214, Lippe-Detnrold 200, Hamburg-Bremen-Lübeck 2210, Elsaß-Lothringen 28 341. Den be- deutungsvollsten Zuwachs erfuhr der Volksverein in Elsaß-Lothringen, wo er um 12 800 Mitglieder zunahm. Im Rheinlande wuchs die Mitgliederzahl um 27 900, in Westfalen um 14 600, in Hcssen-Nassau um 8100 und Brandenburg um 3800. Der Centralstelle wurden in dein � Berichtsjahre 1707 Volks- Vcreinsversammlungen gemeldet; insgesamt sind über 1900 Volks- Versammlungen abgehalten.— In dem Berichtsjahre wurden wiederum eine Reihe neuer Schriften und alter Schriften in erweiterter Auflage herausgegeben. Insgesamt wurden 6,9 Millionen Druck- schriften versandt. Die schwarzen Leibgardisten der protestantischen Monarchie sind also nicht faul, und ihre fieberhafte Thätigkcit wird der Social- demokratie zum starken Ansporn dienen. Am Mttwoch gab es nach einer Reliquienprozession in ge- schlossener Versammlung Verhandlungen über sociale Fragen. Man nahm Resolutionen a» über Bauernvercine und ländliche Genossen- schaften, gesetzlichen Schutz für Kaufmannschaft und Handwerk, Zu- sammenschluß der Privatbcamten und die Förderung katholischer Arbeitervereine und Arbcitcrsekretariate. Auch eine leibhaftige Prinzessin aus königlichem Hause, die fromme Gemahlin des bayerischen Prinzen Ludwig Ferdinand, nimmt seit Mittwoch an der Ccntrumsparade Teil. Kaiser, Papst und Prinzregent haben telegraphiert. Sie alle haben ambl.Katho- likentag Freude und wünschen ihm guten Fortgang seiner Verhand- lungen.— Der Kaiser hat an den Katholikentag ein sehr freundliches Telegramm gerichtet; man hebt hervor, daß er zum erstenmal persönlich, nicht durch L u c a n u s an den Centrums-Kongreß telegraphiert hat. Mirbach-Akten. Zur Affaire Mirbach-Wittgen- stein teilt die Dortmunder„Tremonia" jetzt den Wortlaut der verschiedenen Gerichtserkenntnisse mit, durch welche die Pfleger zur Rechnungslegung au den Prinzen Friedrich zu Sayn-Wittgenstein, über die während dessen Minderjährigkeit geführte Pflegschaft und Vermögensverwaltung verurteilt worden sind. Das erste Urteil, ivelches das Dortmunder Landgericht am 16. Mai 1899 fällte, vcr- urteilte die Pfleger, Oberhofmeister Frhr. v. Mirbach, Flügel- adjutanteu Frhr. v. Hoiningen gen. v. H u e n e und Minister Heutig(damals Präsidenten der Fürstl. Fürstenbergischcn Itammer) vorbehaltlos zur Rechnungslegung und Herausgabe des in ihrem Besitz oder ihrer Verwaltung befindlichen Vermögens. Ties Urteil wurde vom Öberlandesgerichl Hamm bestätigt. Hiernach er- folgte die bekannte Citicrung des Prinzen nach Berlin in das M i l i- t ä r k a b i n e t t, wo er angewiesen wurde,„daß er sich sofort zu einem berliner Hotel zu begeben und sich mit den Pflegern zu einigen habe", und der Prinz ließ sich dann am 23. September 1899 zur Unterschreibung eines Reverses bewegen, worin es hieß,„daß ihm Rechnung gelegt sei, und daß er auf seine Ansprüche aus dem Urteil des Dortmunder Landgerichts verzichte, während eine RechnungS- legung lhatsächlich nicht stattgefunden hatte. Als nun der Prinz nach- her auf die Vollstreckung des Urteils drang, weil er dieVoraussctzungcn jener Einigung nicht als erfüllt ansah, klagten nun die Pfleger auf Nichtzulässigkeit der Zwangsvollstreckung, wurden aber vom Land- gericht Dortmund am 13. Oktober 1902 abgewiesen. Das dann an- gerufene Oberlandcsgericht Hamm legte, wie schon bekannt, dem Prinzen zu Sayn-Wittgenstein auf, zu beschwören, daß ihm von der Unterzeichnung des Reverses eine ihm vollständige, einheitlich gefaßte Schlußrechnung des Rechtsanwalts Baillehache über sein mütterliches Vermögen nicht gelegt, in welches der Vermögensstand vom Beginn bis zur Beendigung der Pflegschaft vollständig dargestellt war, zweitens, daß er den Verzicht nicht unterschrieben habe, nachdem ihm Frhr. v. Mirbach zugesagt hatte, daß ihm über sein mütterliches Vermögen Rechnung gelegt, dies von seinen Pflegern hcranSgeqeben, und daß die Standeserhöhung seiner damaligen Braut zrr Prinzessin vom Frhr. v. Mirbach erwirkt werden solle. Löste er diese Eide vollständig, so besagte das Urteil weiter,„oder den ersten Eid voll- ständig und den zweiten Eid auch nur in Ansehung einer der drei Bedingungen", so solle die Abweisung der Kläger erfolgen, bei Nicht- lcistung des zweiten Eides in allen drei Bedingungen die Zwangsvoll- streckung für unzulässig erklärt, bei Leistung nur des zweiten Eides (ganz oder teilweise) die Kläger zur Reclmungslegung verpflichtet sein. Das Reichsgericht hob am 23. Juni 1904 das Urteil des Ober- landesgerichts Hamm auf und wies die Berufung gegen das Dort- munder Urteil zurück, womit es also bei diesem und damit bei der Zulässigkeit der Zwangsvollstreckung gegen die Pfleger sein Bewenden behält. Die„Tremonia" hebt besonders hervor, daß auch nach dem Hammer Urteil der Prinz die Macht hatte, ob er den zweiten Eid ganz oder teilweise schwören, wolle; es hätte zum Obsiegen des Prinzen genügt, wenn er eine dieser Bedingungen beschworen hätte. Wenn der Prinz aber nicht geschworen, sondern auf den Rat seines Rechts- beistandes Revision eingelegt hat, so sei dies nicht geschehen, weil der Prinz die Eide nicht vollständig hätte leisten können, sondern weil er in erster Instanz bereits ohne Eidesleistung obgesiegt hatte und sein Rechtsbeistand mit Recht der Meinung war, daß es auf die Eide nicht ankommen könne, sondern die Klage der Pfleger ohne weiteres abzuweisen sei. Die Thatsachc, daß civilrechtliche Streitigkeiten als militar- dienstliche Angelegenheiten behandelt werden, wird dem Reichstag Gelegenheit geben, tsci-m Svenalsall des Mirbackskandals zu beschäftigen. Zum neue» Fall Areuberg. Der Händler Groeneveld, der die Unthat des ehemaligen Unteroffiziers Kossak zur Anzeige brachte und dafür, nach der Dar- stellung des Herrn H e r f u r t h in der„Kolonialen Zeitschrift", von dem K e et m a n s h o o p e r Gericht in unglaublicher Weise ge- schädigt wurde, befindet sich auf der Reise nach Deutschland, wo er seinen Fall zur weiteren gerichtlichen Berfolguug zu bringen gedenkt. Der„Frankfurter Zeitung" wird aus Hamburg geschrieben: Groeneveld ist von Südwestafrika nach Hamburg unterwegs, um in Deutschland persönlich seine Rechte zu vertreten und die gegen ihn von seinen Gegnern erhobenen Beschuldigungen— es ist unter anderm behauptet worden, er habe dem Aufstand der Bondelzwarts Vorschub geleistet— als rachsüchtige Machinationen darzuthun. Die Angelegenheit wird schon deshalb zu einer eingehenden Untersuchung kommen müssen, weil Groeneveld Schadensersatz- anspräche an die deutsche Regierung stellen will. Groeneveld hat in einer der vielen gegen ihn anhängig gemachten Prozefisachen sechs Monate in UutersuchungShaft zubringen müssen. während ihn dann das Obergericht in Winhuk freisprach. Während der Zeit seiner Untersuchungshaft ist seine Farm fast vollständig zu Grunde gegangen« Das Keetmanshooper Gericht hatte ihm zwar gestattet, sich vor seiner Inhaftnahme einen Verwalter z» besorgen, aber es war Groeneveld nicht möglich, einen geeigneten Mann hierzu zu finden, so daß er auch materiell schwer geschädigt worden sei. Es könnte ja sein, daß die Regierung es nicht erst zu einem Prozeß kommen'läßt, sondern Groeneveld die von ihm beanspruchte Entschädigung nach dem Studium der Akten ohne weiteres gewährt. Sollte das der Fall sein, so müßte die Oeffenklichkeit dafür sorgen, daß über dem Fall Groeneveld der Fall Kossak nicht vergessen wird. Sollte sich die Regierung nicht veranlaßt fühlen. der Oeffentlichkeit freiwillig Kenntins von allen Einzelheiten des neuen Falles Arenberg zu geben, so müßte eventuell der Reichstag die skandalöse Affaire vor sein Forum ziehen!— Material zum Kontraktbruchsgesetz! Aus Halle berichtet man uns unterm 23. August: In einer Zeit, in der man den Vertrags- bruch im preußischen Landtage noch mehr erschweren möchte, dürste folgender schamlose Vorgang, der sich auf einem Gutshofe in Plößnitz abspielte und vor dem Schöffengericht festgestellt wurde, sehr inter- essant erscheinen. Das fünfzehnjährige Dienstmädchen H o f f m a n n, das bei dem Gutsbesitzer Dietrich in Stellung war, wurde wieder- holt von Dietrichs vierundzwanzigjährigem Sohne in unsittlicher Weise belästigt. Ging das Mädchen in den Stall, dann war der Guksbcsitzersohn da, wollte es in die Scheune, dann hatte sich der ausdringliche Mensch schon vorher dorthin begeben. Nachdem das Mädchen von D. nun auf Schritt und Tritt der- folgt, herumgedrückt und umhcrgezcrrt worden war. meldete es die Sache ihrer Herrin. Es trat aber keine Abhilfe ein, und die Folge davon war, daß die Hoffmann von ihrem Vater aus dem Dienst genommen wurde, und— eine Anklage wegen unberechtigten Per- lassens des Dienstes erhielt. Der Amtsrichter glaubte dem Mädchen, daß eS von dem Gutssohn nicht in Ruhe gelassen worden ist, hielt aber das sofortige Verlassen des Dienstes nicht für gerechtfertigt. Das Mädchen hatte zunächst eine Strasverfügung über IS M. erhalten, und der Amtsanwalt beantragte heute„nur auf einen Verweis" zu erkennen. Die Schöffen scheinen dem Amtsrichter im Bcratungs- zimmer eine bessere Ansicht beigebracht zu haben; denn die H. wurde stcigesprochen, weil die Herrschaft das Mädchen vor u u- erlaubten Zumutungen ihres Sohnes nicht geschützt hatte. Maricnburger Maurer und Berliner Bankiers. Die Herren R o m e i ck und Schultz weilen irgend wo in der Sommerfrische, und überlassen es ihren Verteidigern, den Bcrufungsseldzug gegen das schwere Urteil, das sie getroffen hat, vorzubereiten. Nicht ganz so gut geht es den Marienburger Maurern B o l d t und Klang, die zu vier und drei Monaten Gefängnis verurteilt sind. Auch sie haben Berufung eingelegt; mau hat sie aber in Haft behalten und sie damit in die Lage versetzt, durch Ergreifung des Rechtsmittels der Berufung ihre Kerkerzeit auf das Doppelte oder Dreifache ver- längern zu müssen.— Versteckte Majcstätsbclcidiguug. Unter dem Titel:„Der große König Patalake" erschien im Anfang d. I. in einem Wiener Verlag ein aus dem Französischen übersetztes Buch, welches auch bei Ber- liner Buchhändlern Absatz fand. Es lourde bald beschlagnahmt, da sich herausstellte, daß es viele„versteckte Beleidigungen gegen den deutschen Kaiser" enthielt. Das Buch unterlag jetzt im Wege des objektiven Verfahrens einer Prüfung der ersten Ferienstraf- kammcr des Landgerichts I. Es gelangte bei verschlossenen Thören teilweise zur Verlesung, worauf dahin erkannt wurde, daß es ein- zuziehen und in allen vorhandenen Exemplaren zu vernichten sei. Das Auge des Gesetzes sieht scharf genug, um auch die„ver- steckte" Majestätsbeleidigung herauszufinden. Das arglose Gemüt findet solchen Scharfblick unbegreiflich.— Afrika. Die marokkanischen Unruhen. Oran, 24. August. Der Prätendent von Marokko schickte, um 83 seiner Anhänger, die von dem Kaid Hamada hingemordet worden waren, zu rächen, gegen letzteren eine Truppenabteilung. Diese wurde jedoch geschlagen und verlor zahlreiche Tote und Ver- mundete sowie eine Anzahl Pferde, Waffen und einen Teil des Gepäcks.— Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Ein neuer russischer Schiffsverlnst. Nach einer Depesche aus Tokio ist das russische Schlachtschiff „Sewastopol" gestern aus Port Arthur ausgelaufen und auf eine Mine gestoßen. Es legte sich stark auf die Steuerbordseite und wurde im Schlepptau in den Hafen bugsiert. Man nimmt an, daß die russische Flotte, schwer bedrängt durch die fort- währende Beschießung, einen neuen verzweifelten Atisfall gci» macht hat. Tschifu, 24. August. Die Führer einer hier ein- getroffenen Dschunke, die in der Nacht vom 21. d. Mts. 51ap Liauteschan verlassen hat, berichten, es sei den Japanern ge- lungen, das Fort auf dem Jtschaubcrge und ein andres, ungefähr eine halbe Meile südwestlich davon gelegenes Fort zu besetzen. Die Japaner hätten die Russen von dem Paradefeld vertrieben und zwei Forts bei Tschautschankau innerhalb der östlich von Port Arthur gelegenen Befestigungen zerstört. In Port Arthur selbst sei kaum ein einziges Gebäude unbeschädigt. Das Rathaus und das Magazin seien zerstört. Vier große Schiffe seien kampfunfähig. Nur ein einziges habe noch Kanonen an Bord. Der teilweise Mißerfolg des japanischen Angriffs sei auf das furchtbare Feuer der Forts und auf die große An- zahl der Minen zurückzuführen. Zur Tcsarmierung der geflüchteten russischen Schiffe. Schanghai, 24. August.(Meldung des Reuterschcn Bureaus.) Tie russischen Kriegsschiffe sind dem Befehl des Taotai, abzurüsten oder den Hafen zu verlassen, nicht nachgekommen. Ter Vicekönig von Nanking weigert sich, ein chinesisches Ge- schwader zu senden. Eine gestern abgehaltene zweite Ver- sammlung der Konsuln ist ergebnislos verlaufen; der russische Konsul hat daran nicht teilgenommen. Der amerikanische Konsul erklärte, seine Regierung beabsichtige sich nur einzumischen, wenn der Schutz des amerikanischen Eigentums es verlange. Ter englische Konsul entschied sich nicht, der Bitte des Taotai zu entsprechen, den russischen Schiffen die Reparatur zu uiitersagen. Washington, 24. August. Das Staatsdepartement wurde be- nachrichtigt, daß das Waiwupu die Frist für die Reparatur der russischen Kriegsschiffe in Schanghai bis zum 28. d. Mts., mittags, verlängert habe. Schanghai, 24. August.(Meldung der Agence Havas.) Man glaubt, daß auf dringende Vorstellungen des englischen Konsuls die russischen Kriegsschiffe„A s k o l d" und„Grosowoi" abrüsten werden; die russische Admiralität soll dem 5iriegsschiff„Diana" ähnliche Weisungen erteilt haben; dasselbe werde in Saigon ebenfalls abrüsten. Einzelheiten über den Kampf mit dem„Notvik" ergeben, daß es sich um einen Einzelkampf zwischen„Nowik" und „Tschuschima" handelte. Nach einstündigcm Kampfe zog sich der „Nowik" nach Korssakow zurück, zwang aber die„Tschuschima" durch einen Schuh in den Kohlenbunker, sich zur Ausbesserung der erlittenen Schäden ebenfalls zurückzuziehen. Am nächsten Morgen fand die „Tschitose" den„Nowik" auf dem Strande stark auf der Seite liegend, zum Teil unter Wasser. Die„Tschitose" beschoß noch eine Stunde lang den„Nowik". Das Vorgehen der russischen Flotte gegen die Handelsschiffe hat die englische Handelskammer veranlaßt, die Regierung zu weiteren, energischeren Protesten gegen Rußland zu drängen. Einige Schiffahrtsgesellschaften haben nämlich die Beförderung von Fracht nach Japan abgelehnt, weil sie bei der Unsicherheit des Be- griffes Kriegskonterbande fürchten, von russischen Kriegsschiffen ge- kapert zu werden. Ueber die Folgen des Sieges Japans bringt die„M ü n ch e n e r Po st" Auslassungen eines„hervor- ragenden Diplomaten, der lange einen großen europäischen Staat in Japan vertreten hat". Dieser Diplomat ist der Ansicht, daß Japans Sieg sehr zu bedauern wäre, wenn sein Gegner nicht gerade Rußland wäre. Rußland sei die Niederlage in Ostasien zwar durchaus zu gönnen. Aber darum noch lange nicht Japan der Sieg. In Japan herrsche trotz alles europäischen Kulturfirnisses ein wütender Europäerhaß. Japaner, die Fremden anscheinend freundschaftlich begegneten, spuckten vor Ekel aus, wenn der Euro- päer gegangen sei. Der Mikado sei im Grunde seines Herzens ein Stock-Japaner der alten Schule. Der japanische Hochmut finde in der Religion eine Stütz e. „Die japanische Religion der eigentliche Buddhismus ist wenig verbreitet— ist ei» K u l t d e r N a t i o n, die sich selbst als die auSerwählte anbetet. Die höchste Adoration ge- nießt der Mikado, der direkt als„G o t t" verehrt wird. Neben sich läßt der Japaner allenfalls noch den Chinesen gelten, der ihm unendlich näher als der Europäer steht. Von der westlichen Kultur trennt also die Japaner auch die Religion. Schwärmer hoffen, durch das siegende Christentum hier Abänderung zu schaffen. Das Christen- tum wird aber in Japan keinen Eingang finden, denn wenn der Japaner auch religiös indifferent genug ist, um selbst in der Religion scheinbar„europäisch" werden zu können— falls ein Mikado es wünscht—, so hindert schon die Polygamie(Vielehe) diesen Wechsel. Der Japaner, als echter Asiate, wird der Polygamie treu bleiben, wenn auch die vornehmen Japaner, um als„voll" in Europa genommen zu werden, osficiell monogam(einehig) leben. Der Mittelstand und das Volk aber werden diese Konzeision nimmermehr machen. Ein endgültiger Sieg der Japaner wird ein Sieg der Reaktionären sein, der Europäer haß und die Verachtung des Westens werden rapid zu- nehmen und das scheinbar europäisch civilisierte Land wird sich rüsten auf einen Kampf auf Leben und Tod gegen Europa. Deshalb, so sehr gerade Rußland die Niederlagen verdient, weil es seiner Kulturaufgabe nicht gerecht geworden ist, so sind diese Niederlagen auch Niederlagen Europas überhaupt. Heute zeigt sich der Ekel des Japaners vor dem Europäer darin, daß er behauptet— wie manche Anttsemiten von den Juden—, den„schlechten Geruch" der Westleute nicht ertragen zu können— und daß die vornehmsten Bordelle Japans den Europäern verschlossen bleiben. In der Zukunft wird der Japaner den schlechten Geruch so penetrant finden, daß nicht nur die Bordelle, sondern das ganze Land sich den Europäern verschließen wird. Dann aber wird die Scheinkultur zusammenbrechen; gewiß, Militär und Verwaltung werden nach berühmten Mustern fort- geführt werden, aber die finsterste religiös-ethische und politische Reaktion ivird in dem Sieich der Cbrysamhemen herrschen." Die Folgen dcS ostasiatischen Krieges werden auf alle Fälle so bedeutende sein, daß es unter allen Uniständen verlohnt, alle irgend beachtenswerten Urteile über das so interessante und rätselhafte Japan zu hören. Wir geben deshalb auch die Ansicht des Diplomaten der„Münchener Post" wieder. Freilich will eS uns scheinen, als ob dies Urteil ziemlich ober- flächlich sei. Daß Japans Nationalitätsdünkel durch einen Sieg mächttg ge- steigert werden würde, erscheint sehr glaubhaft. Aber ein solcher NationalitätSdünkel existiert auch in Europa. Und was die „Adoration" des Mikado anlangt, so Ivird sie bei den ans- geklärten Japanern bisher nicht größer sein als bei den alten europäischen„Kulturstaaten". So schlecht auch immer die japanische Verfassung sein mag, besser als der russische Absolutismus ist sie ans alle Fälle. Und hat nicht auch Deutschland noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts ein absolutistisches Regime be- sessen?! Ueber religiöse Intoleranz in Japan läßt sich aber sicherlich nicht klagen, wenn wir durch den Artikel eines Japaners in der „Post" erfahren, daß in Japan jetzt bereits 1333 ch r i st l i ch e G e i st l i ch e mit 1027 Kirchen gezählt wurden! Auch wir überschätzen den japanisch- europäischen Kulturfirniß sicherlich nicht. Aber gar so dünn kann er doch nicht sein, wenn wir u. a. erfahren, daß Japan 217 Mittelschulen, 52 Lehrerseminare. 233 technische Schulen, 2027 verschiedene Specialschnlen, 26 8S6 Volksschulen mit 92 890 Lehrern und Lehrerinnen und 4 683 598 Schülern zählt. So etwas hat bisher in so kurzer Zeit noch kein Land diesen „Asiaten" nachgemacht und wir sollten deshalb doch nicht allzu sehr über die„Scheinkultur" dieser Nation die Nase rümpfen! Wunderlich ist auch die Annahme, daß Japan sich nach einem Siege gegen Europa abschließen werde. Seine bisherige Handels- entwicklung läßt gerade auf die entgegengesetzte Annahme schließen. Und die Produktionsverhältnisse des Landes lassen auch einen Bruch mit der bisherigen Praxis gar nicht zu! Daß es Sache des internationalen Proletariates ist, wie gegen jeden Krieg auch gegen den in Ostasien zu protestieren, ist selbst- verständlich. Wenn es aber gilt, Betrachtungen über die Folgen eines Krieges, den wir nun einnial nicht zu vermeiden vermögen, anzustellen, so sollten wir unser Urteil durch ästhetische, moralische und nationale Schrullen nicht trüben lassen. Japan hat bis jetzt eine so rapide Knlturentwicklung genommen, daß wir dieser intelligenten Nation auch für die Zukunft wohl zutrauen dürfen, daß sie in der ferneren Kulturentwicklung nicht hinter den europäischen „Kultur"-Nationen zurückbleiben wird. £Iiis Induftnc und Handel. Ernteschätzung für Preußen. Die Centralstelle der preußischen Landwirtschaftskammern giebt auf Grund der amtlich bekannt- gegebenen Anbaufläche» für die diesjährige Ernte Preußens an Körnerfrüchten nachstehende vorläufige Schätzung. Die Centralstelle bemerkt dazu, daß positive Erdruschresultate in der Schätzung nur sehr wenig berücksichtigt werden konnten. Die Anbauflächen verstehen sich in Hektar, die Ernte ist in Tonnen angegeben. Die in Klammern eingeschlossenen Zahlen sind die entsprechenden des Vorjahres. Winterweizen Anbaufläche 1 039 879(870 317) Ertrag pro Hektar in Tonnen 1,93(2,02) Ernte 2 200 965(1759952). Sommer- wetzen Anbaufläche 95671(172 225) Ertrag pro Hektar 1,85(2,30) Ernte 176 991(396 751). W i n t e r r o g g e n 4 539 642(4 501 837) Ertrag pro Hektar 1,55 (1,61) Ernte 7113 945(7 236 328). Sommerroggen 60 613 (75 581) Ertrag pro Hektar 0,91(1,02) Ernte 55 042(77 337). Sommergerste 870 259(917 104) Ertrag pro Hektar 1,66 (2,00) Ernte 1 444 630(1 833 557). Hafer 2733990(2815351) Ertrag pro Hektar 1,61(1,84) Ernte 4 401 724(5 172 140). Danach wird sich die Ernte von Weizen um ca. 10 Proz. höher stellen als im vorigen Jahre, die Gerste- und Haferernte dagegen um 20 bezw. 15 Proz. niedriger, während die Roggenernte nur um ein Geringes gegen die des Vorjahres zurückbleibt. Doch haben diese ganzen Angaben der Centralstelle nur sehr geringen Wert. Die bisherigen Schätzungen der Centralstelle haben sich vielfach hinterher als recht ungenau herausgestellt, zudem aber giebt sie selbst an, daß positive Erdruschresultate in der Schätzung nur sehr wenig berück- sichtigt werden konnten. Es fehlte also völlig an der nötigen Grund- läge für die vorgenommene Berechnung. Die ganzen Angaben machen den Eindruck, als seien sie reichlich niedrig gehalten, um die Wirkling der guten Ermeberichtc einiger konservativer Blätter auf die Preislage abzuschwächen. Im Kampf»m die Verstaatlichnng der Hibernia hat nun wieder der Geh. Kommerzienrat Kirdorf das Wort ergriffen. Er erklärt das Möllersche Dementi in der„Nordd. Allg. Ztg." für nicht richtig.„Bestimmt muß ich," schreibt er der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung",„aufrecht halte», daß ich den Vorschlag gemacht habe, der Fiskus möge das Vetorecht bezüglich der Preisbestimmung fordern, und bestimmt erinnere ich mich, daß Obcrberghauptmann v. Velsen daraufhin auf eine bestimmte Person verwies, deren Zustimmung niemals zu erlangen sein werde. Darauf hin habe ich eben nieine Zuversicht ausgesprochen, trotz aller Schwierigkeiten ein solches Vetorecht durchzusetzen. Daß es sich hierbei nur um eiixe persönliche Anregung gehandelt habe, und nicht um ein formelles, vom Vorstand des Kohlensyndikats angebotenes Vetorecht, ist zutreffend; jedoch wird dabei übersehen, daß bei allen Verhandlungen betreffs der Syndikatserneuerung der Vorstand, die einzig vertretungsberechtigte Stelle, eine Erklärung nicht abzugeben hatte, sondern alle Vereinbarungen, die getroffen wurden, zu ihrer Gültigkeit erst der einstimmigen Zustimmung der Zechenbesitzcr-Versammlung bedurften." Jetzt hat wieder der lange Möller das Wort. Weit wichtiger als diese Streiterei darüber, inwieweit der Re» gierung ein Vetorecht angeboten worden ist, sind verschiedene Enthüllungen der„Frankfurter Zeitung" über die Motive, die den Handelsmiuister zu seinem Verstaatlichungsplan bestinrmt haben. Bereits in der Nr. 194 des„Vorwärts" brachten wir eine Mit- teilung der„Morgenpost" zum Abdruck, daß Fürst von Donners- marck, der Besitzer des Eisenwerks„Kraft" in„Kratzwieck" bei Stettin, sich an„hoher Stelle" über das Kohlensyndikat beschwert habe und dadurch Herr Möller plötzlich zum Anhänger der Ver- staatlichungSidee bekehrt worden sei. Diese Meldung wird jetzt der „Frankfurter Zeitung" von einer„dem Syndikat und den Vorgängen nahestehenden Persönlichkeit" bestätigt. Es heißt in der Zuschrift nach einer Darlegung des Streits zwischen dem Kohlensyndikat und dem Eisenwerk„Kraft": „Von diesen« Zeitpunkt an fühlte der Herr Handelsminister Möller das Bedürfnis, in dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat Fuß zu fassen. Was die sachlichen Vorhaltungen des Herrn Geheimrat Kirdorf bei dem Herrn Handelsminister nicht vermocht hatten, war auf andre Weise er- zielt worden. Die Meinungsänderung war da und das Gesamtmini st erium wollte nunmehr ins Syndikat. Der Herr Handelsminister Möller hat nach der vollbrachten Hibernia- That den Herren Kirdorf und Bergrat Behrens erklärt, daß er sich in„Notwehr" gegen die ausschweifenden Pläne zweier r h e i n i s ch e r I n d u st r i e l l e r befunden habe. Der Handelsminister hat sich dabei eine sehr gründ- liche Berichtigung gefallen lassen müssen bezüglich Behaup- tungen über Aktienbesitz usw. an der in erster Linie schuldigen Gelseukirchencr Bergwerks- Aktien- Gesellschaft. Diese Berichtigung hat ihn nicht gehindert, dieselben Behauptungen dem Herrn Generalsekretär Bueck zu wiederholen und ihm außerdem zu erklären, daß der maßlose Widerstand gegen die Hibernia-Ver- staatlichuug die Staatsregiernng veranlassen könne, nun auch andre Objekte anzugreifen. Drei Tage nach dieser Er- klärung veröffentlichte die„Köln. Ztg." eine Erklärung der Re- gierung, wonach bestimmt nur die Verstaatlichung von Hibernia in Aussicht gcnommeir sei. Vergegenwärtigt man sich nun, daß die angeblich auS- schweifenden Pläne der beiden Jndustriclleic nie zur Kenntnis der Regierung gekommen sein können, weil keine Regierungsorgane Auskunft gewünscht oder erhalten haben, vergegenwärtigt man sich weiter, daß eS viel angenehmer nach außen ist, für eine Wandlung als Grund einen fremden Sündenbock und nicht einen sanften Druck von oben zu haben, so wird man leicht die wahre Sachlage erkennen. In den Kreisen der rheinisch-westfälischcu Industrie ist mau der Ansicht, daß die ganze Hibernia-Aktion die Folge eines Druckes von oben ist. Das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat hat die berechtigten heimischen Interessen vertreten, hat aber an höchster Stelle nicht das Ohr, wie sein Gegner. Bestätigt sich diese durchaus wahrscheinliche Meldung, dann sind es nicht die Trustpläne der Thyssen und Konsorten, auch nicht die allgemeine Preispolitik und der monopolistische Charakter des Kohlen- syudikats, sondern lediglich die etwas höheren Preise, welche das Eisenwerk „Kraft" für westfälische Kohlen hat zahlen müssen, die Herrn Möller zu dem Versuch bestimmt haben, mittels Verstaatlichung der Hibernia sich jenen Einfluß auf das Kohlensyndikat zu verschaffen, den er früher umsonst hätte haben können. Die vielen eigenartigen Praktiken, die sich in den Jahren 1900/02 das Kohlensyndikat geleistet hat, habe» bei Herrn Möller durchaus keine Bedenken gegen das Kohlen- syndikat erregt, aber daß dem Fürsten Donnersmprck die Kohlen- preise ein wenig erhöht worden sind, das stachelt ihn zu kuriosen Verstaatlichungsplänen auf, die er dann mit Hilfe des Herrn Eugen Gutmann in der möglichst ungeschicktesten Weise auszuführen unter» nimmt. Daraus ergiebt sich auch, was das ganze offiziöse Gerede von der Notwendigkeit eines größeren Einflusses der Regierung auf das Kohlensyndikat wert ist: nämlich nichts. Mögen die Kon- servativen sich durch dieses Gerede zu einer Aendcrung ihrer Haltung gegenüber dem Möllerschen Verftaatlichungsplan bestimmen lassen; uns ist es, so lange Leute wie Möller, Rheinbaben usw. in der Regierung sitzen, keinen Pfifferling wert. Will die Regierung den sogenannten„Ausschreitungen" der Syndikate und Kartelle entgegentreten, dann bietet dazu die Gesetzgebung weit bessere und gründlichere Mittel, als die Erwerbung der Hibernia. Der amtliche bayrische SaatenstnndSbericht für Mitte August hebt hervor, daß die langanhaltende Dürre das Wachstum der Pflanzen empfindlich geschädigt hat, namentlich in Mittelfranken, Oberfraukcn und ganz besonders in der Oberpfalz. Die Getreidc-Ernte ist größten- teils beendet. Das Ernte-Ergebnis für Wintergetreide ist gut, für Sommer- getreide weniger günstig, immerhin ist es im allgemeinen nicht gering. Fntterpflanzen stehen schlecht, Klee spärlich. Die Grummeternte ver- bricht nur geringen Ertrag, �it einigen Gegenden herrscht Mangel an Grünfutter. Trockene Wiesen sind völlig ausgebrannt. In mehreren Gegenden, namentlich der Oberpfalz, ist Futternot ein- getreten. Die Durchschnittszahlen sind für Winterweizen 2.00, Sommerweizen 2,60, Wlnterspelz 1,74, Winterroggen 1,87, Sommerroggen 2,19, Sommergerste 2,11, Hafer 2,53, Raps 1,95, Kartoffeln 2,87, Klee 3,42, Luzerne 2,93, Wiesen 3,49, Tabak 2,32, Hopfen 2,69, Wein 1,49.(1 bedeutet sehr gut, 2--- gut, 3--- mittel, 4--- gering.) Se�verKlcdaftlicKes. Krokodilsthränea. Der„Kreuz-Zeitung" scheint es verwunderlich, daß wir in»nsrer Sonntagsnummer des denkwürdigen Crimmitschauer Kampfes ge� dachten und die damals vom Kapital skrupellos auf die Straße worfenen Proletarier als Helden feierten. Dem Juukerblatt erscheint es unfaßbar, daß auch die Erinnerung an eine Niederlage den Betroffenen als ein Ruhmesblatt in ihrer Geschichte erscheinen könnte. Man pflege gemeiniglich schwere Niederlagen nicht festlich zu begehen und die Führer, die sich blamiert haben, nicht mit Ruhmeskränzen zu belohnen. Wir würden an Stelle der„Kreuz-Zeitung" allerdings ebenfalls die preußischen Junker nicht preisen, die seiner Zeit ihr Vaterland verrieten, Festung auf Festung in die Hände des Erbfeindes fallen ließen und die Truppen von Niederlage zu Niederlage führten.> giebt aber einen Kampf aus jüngster Zeit, den Boerenkrieg, der ebenfalls mit einer Niederlage endete und bei dem doch nur die Unterlegenen nicht die Sieger, von aller Welt mit Ehren genannt werden. Auch Helden können eine Schlacht verlieren!— Es ist charakteristisch, daß dem Junkerblatt an dem großen Kampfe nichts andres imponiert als die Summen, mit denen das deutsche Proletariat in selbstverständlicher Pflichterfüllung den kämpfenden Arbeitsbrüdern an die Seite trat. Da heißt eS: „Es ist allerdings staunenswert, daß in der Zeit von etwa sechs Wochen über eine Million Mark zusammengebracht worden ist: aber man sieht daraus wieder nur, über welche finanziellen Hilfsquellen die Socialdemokratie verfügt. Das beste Geschäft dabei hat der Textilarbeiter-Verband gemacht, der bei Ausbruch des Streiks nur über 14 951 M. verfügte. Nach der im Mai d. I. erfolgten Abrechnung hat der Verband nämlich während der Ausstandsmonate eine Einnahme von 1151146 M. gehabt, aber an Kriegskosten nur 730 943 M. verbraucht. Mithin fft zu seinem Gunsten ein Reingewinn von rund 420 000 M. übrig geblieben. Man sieht also, daß ein solcher Streik fiir die socialdemokratische Kasse recht vorteilhaft sein kann, während freilich die in den Aus- stand getriebenen Arbeiter darben und ihre Existenz auf das Spiel setzen müssen." Als der Kampf tobte, hat die„Kreuz-Zeitung" mit dem übrigen Preßklüngel zusammen wacker gehetzt, daß die Crimmitschauer Textil- barone ja nicht dem Wunsche der Ausgesperrten willfahrten und ihnenftmter Bewilligung des Zehnstundentages die Fabrikthore öffnen mögen. Kein Wort des Mitleids fand sie mit den auf die Straße geworfenen Arbeitern, sondern fälschte skrupellos— wie auch jetzt noch— die Aussperrung in einen Ausstand um. Jetzt, wo der Kampf vorbei ist, heuchelt sie ein Mitgefühl mit den(durch wen?)„in den Ausstand getriebenen Arbeitern", das sie nie gehabt hat.— Die Textilarbeiter bedanken sich für die Krokodils- thränen der„Kreuz-Zeitungs"-Lcute; ihnen ist die thatkräftige Hilfe der Socialdemokratie lieber!— Im übrigen: Wo sind die Siegesfanfaren des Central-VerbandeS der Industriellen, die der Socialdemokratie eine Niederlage bereiten wollte, an die sie noch lange denken soll? Der Textilarbeiter-Verband steht st ä r k e r und g e f e st i g t e r da als er vor dem Kampfe war. Die Crimmitschauer Textilindustriellen können in Wahrheit sagen: „Noch ein solcher Sieg, und wir sind verloren I" Serlln und Clmgegend. Streik und Aussperrung der Former. Wie in der gestrigen Formerversammlung mitgeteilt wurde, be- läuft sich die Zahl der Streikenden und Ausgesperrten auf 1496. Eine weitere Anzahl hat in ringfreien Gießereien Beschäftigung gc- funden; abtrünnig geworden ist bisher noch kein Mann. Der Geist unter den Formern ist nach wie vor ein durchaus zuversichtlicher.— Den einzelnen Kühnemännerfirmen sind nunmehr sämtlich die For- dcrungen der Former zur Unterschrift vorgelegt worden. Die Kom- Missionen wurden in den meisten Fällen von den Fabrikanten resp. Direktoren mit großer Zuvorkommenheit empfangen. Anerkannt oder unterschrieben hat die Forderungen jedoch niemand. Die Herren erklärten meistens, sie müßten erst die Anweisungen des Metall- industriellen-Verbandes abwarten, ehe sie eine definitive Antwort geben könnten. Würden sie vorher unterschreiben, so müßten sie sich za auch als Streikbrecher be. trachten, und das könne doch kein Arbeiter von ihnen verlangen...... Dieses indirekte Eingeständnis, daß„Streikbrecher unter den Fabrikanten von diesen selbst als mit dem Makel der Ehrlosigkeit behaftet angesehen werden, sollten sich alle Arbeiter zur nützlichen Lehre dienen lassen. Die Herren hätscheln zwar die Streikbrecher unter den Arbeitern und schwatzen offiziell gerne von dem ver- dammenswerten Terrorismus Streikender gegen die lieben Arbeits- willigen, wenn diese von jenen an ihre Arbeiterehre gemahnt werden, sie selbst aber erkennen innerlich die Berechtigung der Auffassung organisierter Arbeiter von der Minderwertigkeit und Ehrlosigkeit streikbrechender Elemente vollständig an und handeln selbst nach diesen Grundsätzen untereinander. Hieran müßten sich sämtliche Arbeiter ein Beispiel nehmen. Nach diesem Geständnis der Kühne- männer darf es keinen Arbeiter mehr geben, der sich zu Streik- brecherdiensten gebrauchen läßt, wenn anders er nicht seine Ehre selbst mit Füßen treten will. Und wohl gemerkt: Jeder Arbeiter müßte doch mindestens ebensoviel Klassenehre im Leibe haben, wie die Kühnemänncr. Den Kommisstonsmitgliedcrn wurde auch weiter gesagt, daß sie, die Fabrikanten, eine Verhandlung mit den Vertretern des Metall- arbeiter-Verbandcs nach wie vor ablehnen, ebenfalls ein Zusammen- wirken mit denselben in einer Schlichtungskommission. Die Ver- bandsvertreter seien außenstehende Leute, die nicht mehr im Berufe thätig sind, Agitatoren. Budiker usw., und mit diesen sei ein Ver- handeln unmöglich. Dagegen seien ihnen chre eigenen Arbeiter stets willkommen(das heißt, wenn letztere he Organisation der Kühnemänner bedingungslos anerkennen). In der Versammlung wurde denn auch treffend erklärt, daß die Fabrikanten meistens selbst „außenstehende Leute" seien, die keine Ahnung von den Arbeits- Verhältnissen in ihren Betrieben hätten, sich zu deren Regelung vielmehr bezahlte Werksleiter halten. Im Interesse der Fabrikanten liege es auch, nur mit„ihren" Arbeitern zu verhandeln, weil sie diese dann meistens übers Ohr hauen. Mit den Vcrbandsvertretern haben sie allerdings nicht so leichtes Spiel, denn diese sind vom Fabrikanten unabhängig und können nicht wegen energischer Wahr- nchmung der Arbeiterintercffen von ihnen gcmaßregelt werden wie die„eigenen" Arbeiter. Sind doch die Agitatoren, Budiker usw. meistens nichts andres als Leute, die früher wegen ihres frei- willigen Eintretens für die Interessen ihrer Arbeitskollegen von den Fabrikanten gemaßregelt worden sind, worauf sie dann später sich selbst unabhängig gemacht haben oder von den Arbeitern in un- abhängige Stellungen gebracht wurden, damit sie auch ferner die Arbeiterinteressen den Fabrikanten gegenüber zu wahren im stände sind.— Aus der Provinz laufen Tag für Tag Mitteilungen ein, daß Modelle zu Berliner Guharbeiten dort waggonweise eingeliefert werden; auch Meister und Ingenieure werden von Berlin nach aus- wärts gesandt, um Anweisungen über die Herstellung dieser Ar- beiten zu geben. Die Former sind der Ueberzeugung, daß die Fabrikanten von der Aussperrung selbst einen ganz enormen Schaden haben; deshalb sind sie sich auch einig, so lange im Kampfe auszuharren, bis die Kühnemänner ihren starrsinnigen Herrendünkel aus finanziellen Rücksichten ein wenig abdänipfen. Ueber die Ursachen des Streiks bei der Firma Pfaff läßt uns die Streikleitung der Bildhauer folgendes zugehen: Da vielfach un- richtige Darstellungen über die Ursachen des Streiks der Bildhauer bei der Firma I. C. Pfaff in Umlauf sind, sehen wir uns veranlaßt, dieselben einmal richtig zu stellen und darzulegen, daß der Kampf sich hauptsächlich um die Anerkennung der Organisation der Gehilfen dreht. Als am 1. Oktober vorigen Jahres ein neuer Bildhauer-Werk- führer in das Geschäft eintrat, gab derselbe den dort beschäftigten Gehilfen die ehrenwörtliche Versicherung, bei Bedarf nur die Stellen- vcrmittelung des Centralvereins zu benutzen, um jedoch nach kurzer Zeit diese nicht innezuhalten. Es wurde dieser Fall noch in Güte beigelegt und die ehrenwörtliche Erklärung von feiten des Herrn Hoffmann nochmals erneuert. Die Kollegen, die nun eingestellt wurden, wurden auch vom Arbeitsnachweis des Centralvereins be- zogen, und ist der Herr Hoffmann, seiner eigenen Aussage gemäß, stets gut bedient worden.— Leider ließ das persönliche Ver- halten des genannten Herrn den Gehilfen gegenüber viel zu wünschen übrig und ist hierin eine der Hauptursachen zur Arbeits- niederlegung zu finden. Gleich zu Anfang seiner Thätigkeit führte er sich damit vorteilhaft ein, daß er bei zwei Kollegen den Wochen- lohn um je neun Mark reduzierte. Einzelne seiner Maßnahmen waren direkt ungesetzlich und würden vor dem Gewcrbegcricht eine Probe kaum bestanden haben. In den neun Monaten seiner Thätigkeit brachte Herr Hoffmann es glücklich fertig, die Kollegen, von denen viele zehn bis fünfzehn Jahre bei der Firma thätig sind, so zu er- bittern, daß es nur noch eines kleinen Anstoßes bedurfte, um den Stein ins Rollen zu bringen. Abermals brack Herr Hoffmann sein Wort, das er betreffs der Neueinstellung von Gehilfen gegeben. Als nun die Organisation vorstellig wurde, regelte Herr Hoffmann mit deren Vertretern die Frage zur allgemeinen Zufriedenheit und gestand auch sieben Kollegen, die im Gegensatz zu ihrer Leistungs- fähigkeit zu niedrig entlohnt wurden, einen Lohnausgleich zu. Roch nicht 48 Stunden später waren die Verabredungen schon wieder durchbrochen, und am nächsten Zahltag erhielten die Kollegen ihren alten Lohn. Auf eine Anfrage wurden sie in der Herrn Hoffmann eigenen verletzenden Weise aus dem Comptoir verwiesen. Pro- dozierend wirkte dazu, daß am andern Morgen durch die Zeitung Bildhauer verlangt wurden. Auf diese Herausforderung erfolgte die Arbeitsniederlegung. Der Direktion wurde unter Klarstellung der Sachlage folgendes unterbreitet: 1. Das Verhalten des Werk- führers den Bildhauern gegenüber ist zu rügen. 2. Den sieben Kollegen ist der versprochene Lohnausgleich auch auszuzahlen. 3. Auf Grund des gegebenen Ehrenworts bei Bedarf von Bildhauern den Arbeitsnachweis des Centralvereins zu benutzen.— Ueber Punkt eins und zwei erfolgte eine Einigung. Auf Punkt drei einzugehen lehnte der Direktor ab, da Herr Hoffmann als untergeordneter Beamter gar kein Recht habe, sein Ehrenwort zu verpfänden.— Bei einer früheren Angelegenheit bezeichnete jedoch der Herr Direktor den Herrn Hoffniann als seinen Stellvertreter, dessen Anordnungen er jederzeit gutheißen würde.— Die Kollegen erklärten sich zur sofortigen Weiterarbcit bereit, wenn die Direktion Vertreter der Organisation empfangen und mit diesen den strittigen Punkt regeln wolle. Dem Resultat dieser Verhandlungen würden sie sich ohne weiteres fügen. Herr Direktor Winkel jedoch lehnte dieses ab, da er mit der Organisation nichts zu thun habe. Die Aeutzerung bedeutet nun nichts andres weiter als eine Nichtanerkennung der Organisation. Unter diesen Umständen konnte von einer Wieder- aufnähme der Arbeit erst dann die Rede sein, wenn von feiten der ' abrikleitung die Organisation anerkannt würde.— Dieses ist der .iachverhalt, und glauben die Streikenden in ihrem Kampf um die Anerkennung der Organisation der Unterstützung sämtlicher organisierter Arbeiter sicher zu sein. Der Ausstand der Schlauchmacher(Gummiarbeiter) in der Nord- deutschen Gummi- und Guttaperchawaren-Fabrik vorm. Fonrobert u. Reimann Aktiengesellschaft am Tempelhofer Ufer wurde gestern mit einem vollen Erfolg für die Arbeiter beendet. Die ge- machten Abzüge sind rückgängig gemacht worden, nur soll die Accord- arbeit nach einer Maßtabelle(bisher nach Gewicht) angefertigt werden. Schlauchmacher, die in Arbeit treten wollen, werden jedoch ersucht, den Betrieb bis auf weiteres noch zu meiden, bis die neue Tabelle auf ihre Brauchbarkeit geprüft ist. Anfragen sind an den Verband der Fabrik-, Land- und Hilfsarbeiter zu richten.. Achtung, Schuhmacher? In der Filzschuhfabrik von S ch w e i g e r, Rungcstratze 18, haben sämtliche Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Veranlassung dazu gaben eingetretene Lohndifferenzen und die Maßregelung eines bereits lange Jahre bei der Firma beschäftigten Arbeiters. Am Ausstand beteiligt sind 17 Personen. Wir bitten den Zuzug streng fernzuhalten. Verein deutscher Schuhmacher. Vom Verband der in den Grmrindrbctrieben beschäftigten Arbeiter erhalten wir folgende Zuschrift: Die Berliner Laterne nlvärter sind vor einiger Zeit aus dem Verbände der städtischen Arbeiter ausgetreten und zwar wie seitens der damaligen Leitung der Sektion angegeben wurde, wegen der Erhöhung des Beitrage? von 20 auf 25 Pf. Es ist in- zwischen festgestellt worden, daß man der Mehrheit der Laternen- Wärter diesen Schritt damit erleichterte, daß man die Märchen ver- breitete, die Arbeiter der englischen Gasanstalten Ivären auch aus- getreten und hätte der Hauptvorstand die Sterbeunterstützung für einen verstorbenen Laternenwärter zu Unrecht verweigert. Um diesen Unterstellungen zu begegnen, wurde seitens der Organisation der ganz natürliche Versuch unternommen, die früheren langjährigen Mitglieder von der Sachlage in Kenntnis zu setzen. Zu diesem § wecke unternahm es ein Mitglied unsres Verbandes, der früher als aternenwärter selbst Vorsitzender dieser Sektion war, einige seiner Kollegen zu einer unverbindlichen Zusammenkunft einzuladen. Von diesem offen und ftei ausgeführten Schritt unterrichtet, gestattete sich der Vorsitzende des jetzigen Vereins, ein gewisser Webermeister R o e n i g k, an diesen folgendes offene Schreiben zu richten: Herrn Wagner, hier. Im Austrage des Vorstandes des Vereins der städtischen Laternenwärter Berlins ersuchen wir Sie, Ihre verwerfliche Agitation gegen genannten Verein zu unterlassen, widrigenfalls dies für Srr von unangenehmen Folgen begleitet sein ktnnte. Verein der städtischen Achtungsvoll Laternenwarter Berlins. Frankfurter Allee 137. Der letzte Satz zeigt so recht, weS Geistes Kind dieser Führer einer Arbeitergruppe ist. Der Kollege Wagner ist Krankenkonttolleur der Berliner Betriebskasse für städttsche Arbeiter. Er unter- nimmt es, in seinen freicnStunden an seine früheren Berufs- kollegen heranzutreten, um durch die Schuld einiger Personen hervor- gerufene Mißverständnisse beseitigen zu helfen. Das patzt dem Herrn Roenigk nicht in den Kram, flugs setzt er sich hin und schreibt eine Karte, in welcher er in unzweideutiger Weise droht, daß jener Schritt für W. unangenehme Folgen haben werde, oder mit andren Worten, daß seine vorgesetzte Behörde von dieser Thätigkeit Kenntnis er- Hdteujo stber ein solche? Gebaren überlassen wir der Oessentlichleit. Verband der Gemeinde-Arbeiter. Ortsverwaltung Berlin. Bei der Firma Pflügger, Alkumulatvren-Werke KSpenick und Oberschöneweide sind Differenzen ausgebrochen. Die Arbeiter strcuben sich gegen die Verlängerung der Arbeitszeit von 8V- Stunden auf 10 Stunden. Vor allen Tinge» ersuchen wir die Bleilöter usw. dem Betrieb fern zu bleiben. Alle arbeiterfreundlichen Blatter werden um Abdruck gebeten. Oeutfcsies Reick). Schnelle Sinnesänderung. In Haan bei Solingen find sämt« liche 35 Maurer, die dort überhaupt bei drei Unternehmern be» schäftigt werden, zur Durchdrückung der minimalen Forderungen einer Stundenlohnerhöhung von 44 Pf. sofort auf 46 Pf. und vom 1. April 1905 ab auf 48 Pf. in den Streik getreten. Die drei Unternehmer hatten sich schon auf dem Vergleichswege mit den Arbeitern geeinigt. Allem Anschein nach sind sie aber nun scharf ge- macht worden und haben die Forderung rundweg abgelehnt. Sie gehörten bis jetzt keinem Unternehmerverbaude an. Gerichts-Zcituncj. Einen erbitterten Kampf um sein Kind führt der Kaufmann Peter G. mit den Behörden. G. lebt in einer unglücklichen Ehe und er führt einen Scheidungsprozeß. Er seinerseits bezichtigt seine Frau des Ehebruchs mit einem Baron, der bei ihr ein Zimmer ge- mietet hat, während sie ein ferneres Zusammenleben mit ihm ver- weigert, weil er eine Vorstrafe erlitten hat. Dies ist auch der Grund gewesen, daß das Gericht ihr das Erziehungsrecht über den einzigen aus der Ehe hervorgegangenen vierjährigen Knaben zu- gesprochen hat. G., der mit seiner ganzen Seele an dem Knaben hängt, hat seit dieser Zeit alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Kind wieder in seine Gewalt zu bekommen. Er hat die höheren und höchsten Instanzen mit einer Menge Eingaben, Gesuche und Be- schwerden überschüttet und dabei haben seine Ausführungen bis- weilen einen so scharfen Charakter angenommen, daß der Amts- richter, der den ersten Beschluß faßte, sich beleidigt fühlte. In einer der Beschwerden behauptete G., daß der unehrenhafte Lebenswandel seiner Frau durch den ihr günstigen Beschluß geradezu unterstützt werde, in einem andern Schriftstück heißt es:„Die Macht und das Ansehen des Richters geht weiter als die kalte, unheilvolle Buch- stabenweisheit des formgedrillten Richters." In verschiedenen Ein- gaben ließ der Verfasser durchblicken, daß er die Sache der Oeffent- lichkeit übergeben würde, wenn alle seine Anstrengungen ohne Erfolg bleiben sollten. Darauf wurde gegen G. Anklage wegen Beleidigung und Bedrohung erhoben und gestern vor der ersten Ferien-Straf- kammer des Landgerichts l gegen ihn verhandelt. Der Angeklagte vertrat auch im Termin die Ansicht, daß ihm Unrecht geschehen sei; er bedauere es, wenn er in begreiflicher Erregung die Grenzen des Erlaubten überschritten habe. Der Staatsanwalt hielt den Angeklagten beider Strafthaten für überführt und beantragte gegen ihn einen Monat Ge- fängnis. Der Verteidiger, Justizrat Stern, nahm für den An- geklagten den Schutz des§ 193 Str.-G.-B. in Anspruch, bestritt das Vorliegen einer Bedrohung und plädierte infolgedessen auf Freisprechung. Ter Gerichtshof hielt nicht eine Bedrohung, Wohl aber eine wiederholte Beleidigung für vorliegend und verurteilte den An- geklagten zu einer Geldstrafe von 500 M. In der Maske eines„Kolporteurs" hat der Klempner Joseph P o s p u ch, der gestern der Ferienstrafkammer vorgeführt wurde. leichte Gelegenheit zu Einbruchsdiebstählen gesucht und gefunden. Auf sein Ersuchen um Beschäftigung war er von einem Buchhändler in Friedenau als Kolporteur für das Lieferungswerk„Der ärztliche Ratgeber" eingestellt worden. Er hatte eine Tasche mit Probeheften eingehändigt erhalten und sich dann nicht mehr bei dem Buchhändler sehen lassen. Letzterer erfuhr erst einige Zeit darauf durch die Polizei, wes Geistes Kind sein Kolporteur war. Pospuch ist nämlich ein alter Verbrecher, der auf frischer That bei einem Einbruchs- diebstahl abgefaßt wurde. Er pflegte seine.,Kolportage"-Geschäfte in der W�ise zu betreiben, daß er mit der Mappe unter dem Arm von Haus zu Haus zog. an den Wohnungthüren klingelte und auf diefe Weise Gelegenheit zu Diebstählen ausbaldowerte. Im HausS Holbeinstraße 28 zu Groß-Lichterfelde ereilte ihn sein Geschick. Er hatte in der Wohnung einer Witwe, die zu Einkäufen ausgegangen war, gerade die leicht transportablen Wertsachen zusammengepackt, als die Wohnungsinhaberin zurückkehrte. Sie schöpfte sofort Ver- dacht, als sie die Wohnungsthür unverschlossen vorfand, ehe sie aber noch recht zur Besinnung gekommen war, stürmte plötzlich der An- geklagte an ihr vorüber und lief zum Hause hinaus. Die Frau lief hinterher und infolge ihrer Hilferufe gelang es, den Einbrecher auf der Straße festzunehmen. Ihm konnte vor Gericht mit Sicherheit die Thäterschaft bei drei Einbruchsdiebstählen nachgewiesen werden. Der Gerichtshof verurteilte ihn zu 5 Jahren Zuchthaus, 10 Jahren Ehrverlust und Zulässigkeit von Polizei-Aufsicht. Ter Geigendieb, der in diesem Frühjahre so viele Gemeinde- schulen unsicher machte, wurde gestern der siebenten Ferien-Straf- kammer des Landgerichts I in der Person des 19jährigen Hau». dieners Georg Techner vorgeführt. Er legte ein offenes Ge- ständnis ab. Zu einer Zeit, wenn der Unterricht beendet war, schlich der Angeklagte sich in die Klassenzimmer, erbrach dort den Schrank in welchem der Lehrer seine Geige aufzubewahren pflegte, und ent- fernte sich mit dem Instrument; er nahm bisweilen auch andre, minderwertige Gegenstände mit, wenn sich solche vorfanden. Dia Diebstähle nahmen einen solchen Umfang an, daß innerhalb kurzer Zeit 15 Fälle zur Anzeige gelangten. Die Geigen hatten durch- schnittlich einen Wert von 25 bis 30 M., der größte Teil wurde bei Pfandlcihern ermittelt. Der Gerichtshof verurteilte den An- geklagten zu 2 Jahren Gefängnis und fünfjährigen Ehr- Verlust.__ Letzte)Vachnchten und Depefchen« Das Urteil wegen der nächtlichen Prügeleien in Hannooer. Hannover, 24. August.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Die Strafkammer Hannover verurteilte den Bankier Freiherrn von Bobenhausen- Berlin wegen Widerstand und Verprügelung hiesiger Schutzleute zu 6 Monaten Gefängnis, den an der Affaire mitbeteiligten Kaufmann Heye-Bcrlin zu 70 M. und den Haupt- mann a. D. von Besser-Bcrlin zu 50 M. Berlin. 24. August.(W. T. B.) Die Presse hat bemängelt. daß die Verlusttclegramme aus dem Schutzgebiet nach dem Gefecht vom 11. August so lange auf sich warten ließen. Tie Sache findet nun eine Erklärung durch ein Telegramm des Generals von Trotha, welcher meldet: der Feldtelegraph zerstört gewesen, Heliograph durch Telegramme für Operationen überlastet, ist namentliche Verlustliste durch Offizierpatrouille nach Okahandja auf den Draht gebracht, daher die Verzögerung._ Konstantinopel, 24. August.(W. T_ B.) Die sanitären Maß- nahmen gegen die Herkünfte aus Port Said sind aufgehoben. Beunruhigung der australischen Schiffahrt. Brisbane, 24. August.(Meldung des Reutcrschen Bureaus.) Man ist hier in Aufregung versetzt durch die Möglichkeit, daß ein rufsischcr Kreuzer den austtalischen Schiffsverkehr beunruhigen könnte. Die vereinigte Kaufmannschaft in Brisbane hat beschlossen, sich an den Commonwealth-Minister für Verteidigung zu wenden, damit dieser die kaiserliche Regierung angehe, eine Kommission zu bestimmen, die die besten Mittel ausfindig mache, um die Küsten- fchiffahrt zu beschützen. Bom ostasiatischen Kriegsschauplätze. Saigon, 24. August.(Meldung der Agence Havas.) Der Kreuzer„Diana" wurde in dem Kampfe am 10. d. Mts. von einem Geschoß unter der Wasserlinie getroffen; cm andres Geschoß tötete einen Offizier und drei Mann und verwundete 23 Mann. „Diana" ging nach Schantung. wurde aber gezwungen, den Kurs zu ändern, da sie japanische Torpedoboote traf, welcho neun Torpedos gegen sie abfchossen, ohne sie zu treffen. UVCUC J)U JüttWUtl» wv*."---- p----.----------------— Ceiauto. Redakteur: Paul Büttner. Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck».Verlag: VorWäctSVuchdr.n.VerlagSanstalt PaulSingerLrCo..B°rlinLW. HierzuLPeilagenu.UnterhaltungSblatt Dr. 199. A. Jahrgang. 1. Kkilage des Lmiiris" Kerlim VslKsdlsK Konnerstag, 23. Angvst 1994. Die Berliner Parteiverfammlnngen. In der Bersammlung deS ersten ReichStagS-Wahttreises sprach Genosse Dr. Leo Arons zu dem Thema: Der Bremer Parteitag. Das Programm desselben biete kein aiihergclvöhnliches Bild. Nur das Referat über die Kommunalpolitik steht' etwas abseits von den? Gewohnten. Trotzdem ist anzunehmen, das; sich keine große Polemik daran knüpfen wird. Ebenso wird es sich bei dem Bericht von dem internationalen Kongreß verhalten. Dagegen ist anzunehmen, daß der Antrag_ auf Aenderung des OrganisationS- Statuts lebhafte Auseinandersetzungen hervorrufen wird. Redner ver- mißt übrigens die Regelung einer andren Frage seitens der Partei- leitung, nämlich Vorschriften über die Zahl der Delegierten der einzelnen Kreise sowie über die Art der Nominierung derselben. Diese Frage müßte doch endlich in ernste Erwägung gezogen werden, damit nicht da einmal eine Ueberrumpelung stattfindet. Zur Schulfrage in Preußen will Referent durch eine besondere Konferenz der preußischen Delegierten über die Notwendigkeit einer regeren Agitation Beschlüsse herbeizuführen suchen. Redner bespricht noch kurz die übrigen vor- liegenden Anträge, welche nun der Reihe nach zur Diskussion gestellt werden. Nach langen Auseinandersetzungen über den Wert der einzelnen Anträge. Abwehr der Militärmißhandlungen betreffend, beschließt die Versammlung auf Anttag des Genossen K o r s ch e I die Unter- stützung deS nachstehenden E l b i n g e r Antrags: „Das letzte Bollwerk des Klassenstaates ist das stehende Heer. Im Hinblick hierauf und in weiterer Erwägung, daß eine plan- mäßige Erziehung der deutschen Arbeiterkinder zu überzeugten Socialdemokraten nicht stattfindet, beantragen die Elbinger Genossen: Die Partei möge unter dett Proletariern, die zur Armee einberufen werden, vor dem Eintritt in dieselbe in geeigneter Weise Propa- ganda für die Ideen des SocialismuS machen. Insbesondere sind die künfttgen Soldaten durch Broschüren über ihre Pflicht gegen- über dem sogenannten„inneren Feinde" aufzuklären. In diesen Broschüren ist den Soldaten auch Rat zu erteilen, wie sie sich angesichts der zahlreichen Soldatenmißhandlungen zu verhalten Vorher war schon der Antrag: die Schulftage mit Dr. Leo AronS als Referenten auf das Programin des Parteitages zu setzen, einstimmig angenommen worden. Desgleichen ein andrer Antrag: „Der Parteitag möge für die Buchhandlung Vorwärts einen Gehaltstarif festsetzen, aus welchem das Anfangs- und Höchst- gehalt sowie das sttlfenweise Steigen desselben bis zum Höchst- iiehalt nach der Dauer der Thätigkeit ersichtlich ist. Die acht- kündige Arbeitszeit ist dabei zu berücksichtigen." Eine recht ausgedehnte Debatte zeitigte übrigens auch der An- trag, die Kandidatenfrage betteffend, der aus Anlaß des Falles G ö h r e gestellt worden ist. Der Antrag lautet: „Die Besprechung der Aufstellung der Kandidaten erfolgt in der Kreiskonferenz des Wahlkreises, zu der das Landes- resp. Provinzial-AgitationSkomitee einzuladen ist. Hat das Agitations- komitee gegen den Kandidaten der Majorität Bedenken und schließen sich V« der Delegierten diesen Bedenken an, so kann das Agitationskomitee die Enischeidung des Parteivorstandes anrufen. Diese Anrufung muß sofort erfolgen." Nachdem Genoffe Dr. Arons die Notwendigkeit dieses An- träges, den er schon in seinem Referat eingehend erwähnte, noch einmal begründet, wird seitens des Genossen Dr. B r o h dieser Antrag heftig bekämpft. Er verlangt auch für die Kandidatenfrage breiteste Oestentlichkeit und fürchtet, daß die Parteileitung durch die Annahme dieses Antrages ein Mittel in die Hand bekommt, ihr nicht genehme Kandidaturen zu unterdrücken und die Reichstags- Fraktion nach ihrem Sinne umzumodeln. Nachdem noch M a n a s s e sowie B r o h und Arons wiederholt das Wort ergriffen, wird auch dieser Antrag gegen eine Stimme angenommen. Ein Antrag K a tz e n st e i n, die„Alkoholftage" auf das Programm des Bremer Parteitages zu setzen, wird nach kurzer Diskussion durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt. ES folgt nun die Wahl der Delegierten, die folgendes Resultat ergiebt: Genossen Dr. LeoArons, Tischler WilhelmFischer. Ersatzmann: Genosse B o l z m a n n. Den Bericht der AgitationSkommisfion für die Provinz Branden- bura erstattete Genosse Alwin Schuster. Auf seinen Antrag werben wieder drei Genossen zur Brandenburger Provinzialkonferenz delegiert und die Genossen Bolzmann, Dresse! und Lucht gewählt. Die Generalversammlung deS zweiten Kreises tagte im Hofjäger, dessen großer Saal dicht gefüllt war. Bor Eintritt in die Tages- ordnung ehrte die Bersammlung das Andenken der verstorbenen Genossen Kaiser, Schall und I h l o f f in der üblichen Weise. Zum ersten Punkt der Tagesordnung, Brandenburger Provinzial- Konferenz, führte Genosse Werner aus, daß die Agitations- Kommission die Einberufung abgelehnt und Genosse Auguslin dies übernommen habe. Die von den Schwiebuser Genossen ge- stellten Anträge seien an den Zahlabenden diskutiert und deren Ablehnung beschlossen worden. Die Delegierten hätten also in diesem Sinne auf der Konferenz zu stimmen. Genoffe Zinke stellte den Antrag, die Kommission um sechs Mitglieder aus der Provinz zu verstärken. Nach kurzer Begründung wurde der Antrag angenommen. Die Versammlung beschloß hierauf, drei Delegierte zur Pro- vinzial-Konferenz zu entsenden und zwar die Genossen Reimann, Hensel, Hinze, und W o i t e als Stellvertreter. Zum Bremer Parteitage sei, führte Genosse Werner weiter aus, von den Vcrtrauenspersonen Berlins dem Parteivorstande empfohlen worden, die Schill frage auf die Tagesordnung zu setzen. Dieser Wunsch sei jedoch abgelehnt worden, obwohl den Genossen Berlins ein geeigneter Referent für dieses Thema zur Verfügung stand. Ein gleiches sei bezüglich der Wahlrechtsfragc und der Kartelle der Fall gewesen. Weiter liege ein Antrag Hensel bor bezüglich der Sicherung deS K o a l i t, o n s r e ch t s. Als derselbe zur Begründung das Wort erhielt, erklärte er unter Heiterkeit der Versammlung, daß nicht e r, sondern Stadthagen der Vater des Antrages sei. Stadthagen: Es könne sich natürlich nur darum handeln, Wünsche auszusprechen: über die Tagesordnung selbst habe der Parteitag zu entscheiden, dem allerdings ein reiches Arbeits- feld beschieden sei. Er wolle sich ja nicht gerade gegen den Schul-Antrag wenden, die Diskussion darüber möge ja sehr interessant werden— ob aber ein praktisches Resultat sich ergebe, möge dahingestellt bleiben. Dagegen sei die Frage der Sicherung deS K o a l i t i o n s r e ch t e s von eminenter Wichtigkeit und zwar gerade mit Rücksicht auf die Kartelle. Diese hätten sich in ungeahnter Weise ausgebreitet und ein weiteres Wachsen sei zu erwarten, wenn die neuen Schutzzölle in Kraft getreten sein würde». Es sei dies zweifellos ein schwieriges Gebiet; insbesondere sei zu untersuchen: Wie wirken die Kartelle auf das Koalilionsrecht ein? Daß die Arbeitgeber im wachsenden Maße Macht entfalten, sei keine Frage: das beweise gerade jetzt der Kampf der Berliner Metallarbeiter. Und ferner: Was könne geschehen gegenüber den Ucbergriffen der Kartelle gegen das Koalitionsrecht? Nachdem Redner noch durch Bei- spiele nachgewiesen, daß die Kartelle auch für die Konsumenten verderblich würden, die nach dem Ausland billiger verkauften als im Inland, betonte er, daß durch die Debatten auf dem Parteitag über den Zusammenhang der Kartelle in der Wirtschaftsordnung und deren Stellung gegenüber dem Koalitionsrccht die Oeffentlichkeit auf die Gemeingesährlichkeit der Kartelle gelenkt werde. Würden etwa äußerliche Gründe: Mangel an Zeit usw. den Parteitag verhindern, zur Frage„Kartelle und Koalitionsrecht" Stellung zu nehmen, dann solle wenigstens der folgende Parteitag sie aus seine TageS- ordnung setzen. Hierauf wurden beide Anträge: Schulfrage und Kartelle und KoalittonSrecht auf die Tagesordnung zu setzen, angenommen. Ein weiterer Antrag, ein Wochen-Abonnement auf den„Vor- ivärts" zum Preise von 20 Pf. einzuführen, wird nach der Er- widerung des Genossen Richard Fischer, daß dies vor das Forum der Berliner Preßkommission gehöre, abgelehnt. Nachdem noch die Genossen Arn he im und Hensel sich ablehnend aus- gesprochen, entgegnet der Antragsteller dem Genossen Fischer, daß ja eben die Preßkommission derarttge Anträge unter dem Hin- weis abgelehnt habe, daß der„Vorwärts" Centralorgan sei und sie darüber nicht beschließen könne. Ein inzwischen weiter ein- gegangener Antrag, daß das Wochen-Abonnement 26 Pf. nicht übersteigen solle, wurde nach einer kurzen Begründung durch Stadthagen ebenfalls abgelehnt bezw. der Preßkommission überwiesen. Genosse Fischer bezeichnete die Auffassung Hensel über die angebliche Stellungnahme der Preßkommission zu den bezeichneten Anträgen als eine irrtümliche. Gerade die Preßkonimission habe in Verbindung mit der Expedition diese Frage des Wochen-AbonnementS eingehend behandelt, sei aber, eben infolge der Erfahrungen, die andre Zeitungen damit gemacht hätten, zu einem ablehnenden Standpunkt gekommen. 20 Pf. be- deuteten auch einerseits keine„Verbilligung"— andrerseits aber eine schwere stnanzielle Einbuße des Blattes. Er sei ja ein sehr vorsichtiger Geschäftsmann, aber er könne versprechen, daß, nachdem sich die finanziellen Verhältnisse der Druckerei konsolidiert, die Geschäftsleitung aus eigner Initiative im Laufe der nächsten Jahre das Abonnement auf 1 M. herabsetzen werde.(Beifall.) Zum Punkt Organisation wurde der Antrag gestellt: Der Parteitag möge die Vertretung der einzelnen Wahlkreise nach Maßgabe der organisierten Genossen regeln. Stadthagen führte begründend aus, daß von feiten des Parteivorstandes Anträge zur Organisationsftage gestellt seien; Breslau fordere eine straffe Centralisation. Daß eS nunmehr den Genossen zur Pflicht gemacht werden solle, sich zu organv sieren, sei zweifellos ein Fortschritt. Einer Centralisation über das ganze Reich aber ständen vereinsrechtliche Schwierigkeiten entgegen, z. B. in Mecklenburg. Die Centralisation beschränke die Selbstthattgkeit der Genossen und erziehe zur Schematik.(Widerspruch.) Die Anträge auf Centralisation gingen daher meistens von Kreisen aus, die m ihrer Organisation zurückgegangen seien.(Widerspruch.) Redner sucht dies zu beweisen und kommt auf das Proportional- Wahlrecht zu sprechen, das natürlich nicht in seiner rigorosesten Form bei der Delegation zum Parteitag in Anwendung kommen müsse. Es sei nicht richtig, daß wenige organisierte Genossen so vielRecht hätten wie 100000. Was nun die Aenderung betreffe, die bezüglich der Teilnahme der Reilbstagssraktion an den Parteitagen verlangt werde, so habe er nichts gegen den Antrag, könne sich aber auch keinen besonderen Er- folg davon versprechen. Silberschmidt erklärt, gegen den Anttag an sich nichts ein- zuwenden. Dagegen müsse er energisch Front machen gegen die Be gründung durch Stadthagen, der offenbar glaube, mit seinen Be Häuptlingen den Gedanken einer festen Organisation totschlagen zu können. Das gehöre jedoch nicht zum Anttag. Daß die Delegation nach Stärke der Organisationen erfolge— dagegen sei nichts ein- zuwenden. Aber er müsse dagegen protestieren, daß die wichtige Frage der Centralisation in emer solchen Weise behandelt werde, wie von Stadthagen geschehen. Er wünsche, daß dieser Gegenstand in der nächsten Bcreinsversammlung auf die Tagesordnung gesetzt und nach allen Seiten hin diskuttert würde. Der Antrag wird abgelehnt, die Frage der Centralisatton soll in der nächsten VereinSvcrsammlung beraten werden. Ein weiterer Antrag, der die Aufklärung der Jugend über die Schädlichkeit des Militarismus verlangt, wird nach eingehender Be> gründung und Diskussion, woran sich die Genossen L ü'd k e Gudri'an.Reimann.Polenske undM a n o w s k i beteiligten, abgelehnt und die Diskussion geschlossen. Als Delegierte für den Parteirag in Bremen wurden bestimmt die Genossen Schneider, Fritz Karl und A n t r i ck. Stell vertteter M e w e s. Nach Erledigung einiger Vereinsangelegenheiten erfolgte Schluß der Versammlung. Die Parteiversammlung für den dritten ReichstagS-Wahlkreis, welche in der Ressource, Kommandantenstraße, tagte, war gut be- sucht. Genoffe Hoch gab einleitend einen Ueberblick über die Tagesordnung der Provinzialkonferenz und des Bremer Partei- tageS. Er verwies auf das Bestreben der Provinzkreise Branden- burgs, zur Mitarbeit in der Brandenburger Agitations- kommission herangezogen zu werden. Man werde in der Beziehung dem Kompromißantrag der Agitationskommission zustimmen können, wonach die Kommission, deren Zu- sammensetzung im übrigen dieselbe bleiben solle, wie bisher, um sechs Mitglieder zu verstärken ist und zwar derart, daß je drei von den Genossen des Regierungsbezirks Frankfurt und von den Genossen des Regierungsbezirks Potsdam gewählt werden. WaS nun den Parteitag in Breinen angehe, so werde man nicht ohne weiteres damit einverstanden sein können, daß als einziger Punkt von allgemeiner öffentlicher Bedeutung dort die Kommunal- Politik verhandelt werde. Es gebe so mancherlei noch, was gerade jetzt die Oeffentlichkeit im hohen Maße beschäfttge, zum Beispiel die Wahlrechtsänderungen in verschiedenen Staaten Deutschlands, die ewigen Zettelnngen bezüglich Beseitigung des Reichstags-Wahlrechts und die Schulfrage. Nun könnte man ja nicht verlangen, daß alle diese Punkte noch in die Tagesordnung des Parteitages aufgenommen würden, indessen einen von ihnen könne die Tagesordnung noch verttagen. Die VcrttauenSleute Berlins hätten'sich darüber verständigt, die Erörterung der Schul- frage in Deutschland vorzuschlagen, wozu Genosse� Dr. Leo Arons das Referat übernehmen solle.— Die Vorschläge des Partei- Vorstandes in Sachen der Organisation dürften auf dem Parteitage zu lebhaften Debatten führen; soweit es sich um den Ausschluß von Parteimitgliedern handele, würden sich zweifellos andre Anttüge anschließen müssen. Und ferner würden sicher die Vorschläge, welche die Verttetung der Fraktion auf den Parteitagen regeln wollen, Aenderungen erfahren müssen. Hoch, der den Vorsitz hatte, stellte dann zunächst die einzelnen Punkte der Tagesordnung der Provinzialkonferenz zur Debatte. Eine solche erfolgt nicht, Anträge wurden hierzu auch mcht gestellt, der schon oben mitgeteilte Antrag der Agitationskommission, ihre Zusammensetzung betteffend, dagegen einstimmig den Delegierten zur Vertretung aus der Konferenz empfohlen. Als Konferenz- delegierte wurden die Genossen Wilhelm Hinz, August Wartenberg und Karl Lange gewählt. Beim Punkt„Parteitag in Bremen' beftagte der Vorsitzende ebenfalls die Versammlung in der Weise, daß er die Tagesordnung Punkt für Punkt durchging. Zu den einzelnen Punkten ergriff niemand das Wort. Ohne Debatte wurde ein- stimmig beschlossen, beim Parteitag zu beantragen, daß als sechster Punkt auf die TageSordlning gesetzt werde:„Die Schulftage in Deutschland". Referent Dr. Leo AronS. Erst beim Punkt:„Sonstige Anträge" kam es zu Diskussionen. Genosse Dr. Friedeberg beanttagt, die Genoffen des dritten Wahlkreises mögen beim Parteitag beanttagen, auf die Tages- ordnung des Parteitags für IVOS fei zu setzen:„Die Frage des Generalstreiks". Der Antragsteller erklärt kurz, er halte eine solche Erörterung auf dem nächstjährigen Parteitage für sehr wichtig, namentlich, weil wir in Deutschland vielleicht zu allererst uns nach einem neuen Kampfmittel würden mnsehen müssen. Genoffe W u s ch i k ersucht um Ablehnung des Antrages. Aus der ganzen Situation in Deutschland und in andren Ländern ersehe er nicht, daß die Frage des Generalstreiks so wichtig sei. Im übrigen finde man die Propaganda des Generalstreiks gerade in solchen Ländern, wo die Gewerkschaftsbewegiliig am meisten zersplittert sei. Gerade sie, vornämlich betrieben von Anarchisten, habe in ver« schiedenen Ländern, z. B. Spanien, das Aufblühen der aewerkschaft« lichen Bewegung verhindert Die Frage des Generalstreiks sei durch- aus unfruchtbar. An ihre Diskussion könnte man vielleicht einmal dann denken, wenn die Idee des Generalstreiks, was er nicht glaube, jemals in den Reihen der großen Gewerkschaften sich Bahn bräche. Genoffe Dr. Friedeberg: Sein Anttag habe gar nicht bezweckt, daß die Versammlung oder der diesjährige Parteitag in materielle Erwägungen zur Frage des Generalstreiks eintteten solle. Nach dem Antrage solle ja erst in Bremen darüber bestimmt werden, ob die Besprechung der Frage auf die Tagesordnung des nächstjährigen Parteitages gesetzt werden solle. Da aber Wuschik auf die Frage selbst eingegangen sei, so müsse er etwas erwidern. Wuschik sage, wo die schlechteste gewerkschaftliche Organisation bestände, da sei die Idee aufgetaucht. Das sei richtig und auch nicht richttg. Früher sei allerdings in dem auch mit erwähnten Frankreich die Gcwerkschafts- bewegung eine schlechte gewesen. Das erkläre sich aus der revo- luttonären Vergangenheit des Landes. Es habe sich aber geändert. Auch in Frankreich habe man eingesehen, daß eine gute Organi- sation das allernötigste sei, auch für den Generalstreik. Die Gewerkschaftsbewegung in Frankreich stehe jetzt hinter der in Deutsch« land nicht mehr zurück. Der Vorredner habe auch betont, daß besonders die Anarchisten den Generalstreik propagierten. Allerdings thäten sie es. Aber man brauche doch nicht eine Idee deswegen verwerfen, weil sie von einer andern Seite komme! Ein General« streik mit einer stark organisierten Masse sei übrigens ganz etwa? andres, als wenn man mit einer unorganisierten Masse zu rechnen habe, und gerade die Generalstreiksidee sei ein organisatorisches Mittel. Das wichtigste Kampffeld des Proletariats sei das ökonomische, da daS Proletariat unentbehrlich fei zur Anftechterhaltuiig der Produktion und wir über unsre Arbeitskraft verfügen könnten. Eine unsrer bisher wichtigsten Waffen, das allgemeine Stimmrecht, könne uns genommen werden, und man gehe schon darauf aus, es uns zu nehmen. Wenn die Socialdemokratte der Bourgeoisie noch unangenehmer werde, dann werde man uns das Wahlrecht nehmen. Ja,'welche Waffen hätten wir dann? Darüber müsse man sich doch aufklären. Neue Kampfnnttel müsse man jähre« lang diskutieren und propagieren, che sie so dem Volke bekannt würden, daß sie mit Erfolg angewendet werden könnten. Mit der Diskutierung der Frage vergebe man sich nach keiner Richtung etwas. Redner steht auch in der weitergehenden Idee des Generalstreiks ein Mittel, in den immer größer werdenden Gewerkschaften den Klassenkampfgedanken auftecht zu erhalten. Genosse Kahlen begreift ja den guten Willen des Genossen Dr. Friedebera, tritt seinem Antrage aber entgegen. Wenn das Proletariat erst zur vollen Erkenntnis gekommen, wenn es sich erst in so großen Massen verbunden habe, daß ein Generalstreik möglich wäre, dann bedürfe es des Generalstreiks nicht mehr. So wichtig die Aufgaben der Gewerkschaften seien, die sociale Frage vermöchten die Gewerkschaften nicht zu lösen. Genosse E. Dittmer ist ebenfalls gegen den Antrag. Die Partei habe jetzt wichtigere Dinge zu thun, als sich mit der Frage des Generalstreiks zu befassen. Sollten wir einmal in große Ver« legenheit hinsichtlich eines Kampfmittels kommen, dann würden wir schon wissen, wie wir uns herauszuhelfen hätten. Für die Leute aus den Gewerkschaften sei die Frage schon damit gelöst, daß die GeWerk« schaften doch noch viel zu schwach seien zur Durchführung eines General« streikS. Gerade auf dem kürzlich abgeschlossenen internattonalen Kongreß sei bezeichnenderweise hervorgetteten, daß den Anhängern des General- stteiks unterdenftanzösischen Socialisten Bedenken aufgestiegen seien und daß sie sich zum Teil in Gegner des Generalstreiks verwandelt hätten. Was die angeblich 700 000 gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Frankreichs angehe, so stehe die Hälfte davon wohl mn auf dem Papier. Und dann die niaterielle Schwäche vieler Gewerk- schaften Frankreichs nicht zu vergessen I Zum Teil rechneten sie mit Monatsbeittägen von S0 Centimes, also 40 Pfennigen, was die Woche knapp 10 Pfennig seien. Also stimme incht, was Genosse Fttedeberg von der Stärke der gewerkschaftlichen Organisattonen Frankreichs gesagt habe. Durch die Idee des Generalstreiks ließen sich jammervoll wenig Leute zur Organisation heranziehen. Man sehejja die Anarchisten seit Jahren dafür eintreten und> nichts erreichen. Sie hätten weder in den Gewerkschaften Einfluß erzielt, noch sonst gewonnen. Ver« fehlt wäre es natürlich, den Stab zu brechen über die Personen, die solche Ideen vertteten. Warum solle Genosse Friedeberg nicht dafür eintreten? Indessen sachlich sei er im Unrecht.— Wenn unS das Wahlrecht genommen würde, dann würden wir uns vielleicht nach einem neuen Mittel umsehen. Die Gefahr erscheine aber nicht so nahe. Je mehr die Socialdemokratte wachse, je fester ihr Rückhalt werde, um so mehr werde man sich besinnen, der Arbeiterschaft das Wahlrecht zu nehmen oder zu verkünimern. Wie gesagt, im Notfalle würden wir uns schon zu helfen wissm; mit der Propaganda fiir den Generalstteik wäre uns aber nicht geholfen. Redner, der noch auf die Erfahrungen des Genfer Generalstreiks eingeht, spricht noch den Wunsch aus, daß die Delegierten des Kreises mit aller Energie auf dem Parteitage für rein sachliche Diskussionen eintteten möchten, damit man nicht ein zweites Dresden erlebe. Genosse Fritz meint, formell ließe sich nichts gegen den Anttag sagen, aber bettachte man ihn materiell, dann müsse man ihn ablehnen. Es sei richttg, daß man ein Mittel finden werde wenn es nötig werden sollte, eins zu suchen. Bei einer Propagierung des Generalstreiks könnten uns aber die Gegner leicht durch Eni- ziehung des Wahlrechts in einen Generalstteik und schließlich vor die Bajonette ttciben. Die Hauptsache sei die Aufklärungsarbeit und darin hätten wir noch viel, sehr viel zu leisten. Genosse Mahle betont, daß sich die Genossen des dritten Wahltteises nicht zur Einbringung deS Anttaaes gebrauchen lassen sollten. Friedebcrg habe als Parteigenosse ja das Recht, den Antrag selber beim Parteitag zu stellen.— Sonderbar sei es, daß' Friedebcrg auf der einen Seite die Vorteile anerkenne, welche das Wahlrecht als Kampfesmittel der Partei geboten habe und daß er andrerseits (Versamnitung der Lokalorgarnsierten) davon sprechen könne, man würde dem Wahlrecht keine Thräne nachweinen, wenn es genommen würde. Genosse Eckert findet Fricdeberg durch die Vorredner völlig widerlegt. Er ist der Meinung, daß ein Generalstreik im vollsten Sinne des Wortes nichts weiter heiße, als die Massen des Proletariats vor die Bajonette zu stellen. Genosse W u s ch i ck bält dem Genossen Friedeberg entgegen, daß eS in Frankreich einige Tausend Organisationen gebe, während bei uns in Deutschland mächtige Verbände vorherrschten. Verfehlt sei die Befürchtung, in Deutschland könnte die Gewerkschaftsbewegung infolge des angenommenen Unifanges verflachen. Man brauche bloß die brutal heraufbeschworenen Aussperrungen der Metallarbeiter be- trachten, dann könne man nicht sagen, daß einer von den Be- teiligten nicht zum Klaffenkampf gezwungen werde. Ter Kampf in Crimmitschau habe aufrüttelnder gewirkt, als es alle schönen Reden vom Generalstreik vermöchten. Uebcrhaupt denke man an die Generalstreiks in Holland und Belgien. Die schlimmste Wirkung hätten sie auf die Arbeiterbewegung selber ausgeübt. Wir seien auch in Deutschland gar nicht im staiide, einen Generalstreik durchzuführen. Die Bourgeoisie könne sich 14 Tage ganz gut helfen. die größte Masse der Arbeiter würde aber schon nach acht Tagen am Hlingcrttlche nagen. Am schlinimsten würde die Arbeiterschaft darunter leiden. Wenn wir aber so weit seien, den Generalstreik vollendet durchzuführen, dann brauchten wir ihn nicht mehr. _ Ein Schlußantrag aus der Versammlung, gegen den Genosse Fricdebcrg sich wendet, da doch vieles zu beanllvortcn sei, wird a n- e vom inen und daraus der Antrag Jriedeberg gegen 3 Stimmen abgelehnt. Genosse Conrad Müller stellt den Autrag:„Der Parteitag möge beschliehen, auf die Tagesordnung des nächstjährigen Partei- tageS die Alkoholfrage zusetzen." Er und Piazkowski treten lebhaft für den Antrag ein, indem sie hervorheben, daß der Alkohol- gcnuh überaus schädlich sei, die Gesundheit der Nachkommenschaft ge- fährde und auch geeignet sei, das Fortschreiten der Arbeiterbewegung zu hemmen.— Die Genossen Z i g g e l und Eckert bekämpfen den Antrag und wenden sich gegen die Uebertreibungen, welche sie in den Anschauungen der Abstinenten finden.— Der Antrag wurde gegen eine erhebliche Minorität abgelehnt. Genosse Fröhlich stellte folgende Resolution: „Die Parteigenossen des dritten Reichstags-Wahlkreises sprechen die Erwartung aus, daß der frühere Parteitagsbeschluh, bei Stich- wählen zwischen gegnerischen Parteien sich strikte der Wahl zu enthalten, nicht zur Farce wird. Speciell gegenüber dem jämmer- lichen Verhalten der freisinnigen Volkspartei ist strikteste Wahl- enthaltung Ehrensache jedes Genossen." Genosse Gehrmann tritt gleich Fröhlich für die Resolution ein. Er hat es seiner Zeit bitter empfunden, daß von oben herab z. B. für die Stichwahlbcteiligung zu Gunsten von Gerlachs ein- getreten worden sei. Nachdem noch H i r s ch f e l d und Kahlen dazu gesprochen hatten, wurde die Resolution gegen fünf Stimmen angenommen. Sie soll dem Parteitag zur Kenntnisnahme unter- breitet werden. Zun, Parteitag delegiert wurden die Genossen Paul Hahn, Emil R o s i n und Karl König; als Ersatzmann wurde Genosse W u s ch i ck gewählt. Mit einem dreimaligen Hoch auf die Social- demokratie schloß die Versammlung. Vierter Wahlkreis. In der gemeinsamen Versammlung für den Osten und Südosten des Kreises sprach Genosse Scholz zu der Brandenburgischen Provinzialkonferenz. Er ging besonders auf die Anträge der Parteigenossen von Sorau-Forst und Schwiebus-Sommerfeld ein und erklärte, daß diesen verschiedenen Wünschen soweit entgegengekommen werden könnte, daß von jedem der beiden Regierungsbezirke Frankfurt und Potsdam drei Genossen zur Erweiterung der Berliner Agitationskommission gewählt würden. Auf keinen Fall aber könne den, Antrag auf Anstellung eines be- soldeten Agitationsleiters entsprochen werden und ebensowenig dürfe den Berliner Parteigenossen das Recht genominen werden, zu ent- scheide», welche Genossen sie ihrerseits für befähigt halten, die Agi- tation zu leiten. Im übrigen bemerkte der Redner, die Agitations- kommisfion habe nach besten Kräften ihre Pflicht erfüllt, wenn, wie das selbstverständlich sei. auch nicht allen Wünschen nachgekommen werden konnte.— Genosse B a s n e r äußerte sich im all- gemeinen im selben Sinne, erklärte eS aber für ein gutes Zeichen großen Interesses für die Partei, daß so viele Wünsche von den Parteigenossen der Provinz vorgebracht wurden. Im Gegensatz zun, Genossen Scholz hielt der Redner die Anstellung eines be- soldeten Agitatiousleiters für wünschenswert und notwendig.— Da niemand mehr das Wort wünschte und Anträge zur Provinzial- konferenz nicht vorlagen, wurde hierauf die Wahl der Delegierten vorgenommen. Zu den, Punkt: der Bremer Parteitag teilte der Vor- sitzende H a ck e l b u s ch mit, daß der Abgeordnete des Kreises. Genosse Singer, leider infolge seines Fußleidens verhindert sei, in der Parteiversammlung zu erscheinen. Genosse H a ck e b u s ch sprach dann über die Aufgaben des Parteitages, erwähnte zunächst den Fall Göhre und erklärte, daß der Parteivorstand hier vollkonimen richtig und nach Recht und Pflicht gehandelt habe, und wenn ähu- liche Fälle sich wieder ereigneten, ebenso handeln müßte. Er erwähnte dann die Notiz im„Vorwärts" aus Hof in Bayern, wonach Göhre wiederum als Kandidat aufgestellt ist. Ehe ein Genosse ein derartiges Ehrenamt übernähme, müsse er erst einmal Schule in der Partei durchmachen.(Lebhafte Zu- stimmung.) Des weiteren ging der Redner aus die An- gelegenheit Schippe! ein und bemerkte hierzu, es sei auch nach den neuesten Veröffentlichungen schwer zu beurteilen, welche Stellung Schippe! eigentlich zur Agrar- und Zollfrage einnimint. Man ge- Winne wohl den Eindruck, daß Schippe! viel schimpfen könne, eine klare Autwort aber habe er nicht gegeben. Der Redner äußerte sich ferner sehr bestiedigt über die Ergebnisse des Amsterdanier Kon- gresses, namentlich hinsichtlich der Taktikfrage, über die Einigkeit, die hier geschaffen wurde, und die beweise, daß der Dresdener Parteitag gute Früchte getragen habe. Zum Schluß bemerkte der Redner, daß dieser Parteitag bei seiner scheinbar mageren Tages- ordnung die beste Gelegenheit biete, die ihm vorliegenden Anträge gründlich und gewissenhaft zu prüfen.— In der Diskussion sprach zunächst Genosse T et her. Die Taklikfrage sei nun in Amsterdam erledigt worden und es habe sich gezeigt, daß Dresden uusrcr Partei nicht geschadet habe; der Streit, der dort ausgefochten wurde, sei notwendig gewesen. Bei Aufstellung der Kandidaten sei Disziplin notwendig, es könne nicht zugegeben werden, daß jeder Kreis handle, wie er wolle. Des Gallimathias Schippels seien die Parteigenossen gänzlich überdrüssig geworden. Der Redner sprach des weiteren über die Stellung der Partei zur Zollfrage und erklärte, daß unter den jetzigen Verhältnissen nur noch die Groß- kapitalisten für hohe Zölle sein könnten.— Zu den Fällen Göhre und Schippe! äußerte sich Genosse B a s n e r in ähnlichem Sinne. Genosse Mermuth ging in längere» Ausführungen auf Schippels Stellung zur Zollfrage sowie auf die Zollfrage überhaupt ein. Er würdigte die früheren Verdienste Schippels als Redner und Schriftsteller, verurteilte aber seine jetzige Sonderstellung zur Zoll- und Handelspolitik und brachte folgenden Antrag ein: „Der Parteitag wolle zu dein Fall Schippe! und seine Haltung zur Zoll- und Handelspolitik Stellung nehmen." Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Ferner wurde folgender Antrag, den der Antragsteller Genosse S t u in p e kurz begründete, angenommen: „Bei allen Massen-Agitationsbroschüren ist auf der ersten oder letzten Seite das socialdemokratische Programm nach Möglichkeit zum Abdruck zu bringen." Ebenso wurde der Antrag der Vertrauensleute, die Schulfrage als Punkt 6 auf die Tagesordnung des Parteitags zu setzen, an- genommen. Außerdem auch folgender Antrag: „Um das Juteresse für die„Neue Welt" zu heben, sowie dem Mangel an einer socialistischen illustrierten Zeitung abzuhelfen, haben sich die Illustrationen der„Neuen Welt" auch auf belehrende und interessante Begebenheiten zu erstrecken." Dann wurde uock der Antrag des Bezirks 179 k angenommen: „Bei allen Wahlen und Stichwahlen ist der Freisinn nicht zu unterstützen." Der folgende Antrag Hackelbusch mit einer im letzten Satz ent- haltenen Ergänzung des Genossen P o e tz s ch wurde ebenfalls an- genommen: „In das neue Organisationsstatut ist unter§ 2 folgender Absatz anzufügen: Beantragt der Ausgeschlossene seine Wieder- aufnähme in die Partci-Organisation, so hat zunächst die be- treffende Instanz, die seinen Ausschluß verfügte, über die Wieder- ausnähme zu entscheiden; sodann kommen dieselbe» Instanzen in Betracht wie bei dem Ausschluß." Eine längere, teils recht lebhafte Debatte riefen� die von mehreren Wahlkreisen zum Parteitag gestellten Anträge ans Ceutrali- satiou der Partei-Organisation hervor. Genosse P o e tz s ch stellte und verteidigte in eingehender Weise folgenden Antrag: „Die Versammlung des vierten Berliner ReichstagS-Wahl- kreises weist ihre Delegierten an, auf dem Parteitage die An- träge, die Ccntralisatiou der Partei betreffend, zu unterstützen." Für diesen Antrag sprachen außerdem die Genossen B r ü ck n e r und B a s n e r, dagegen Wentels und Kate r. Der An- trag wurde gegen wenige Stimmen angenommen und da- mit ein weiterer Antrag. die Mitgliedsbücher zu ceutrali- sieren, für erledigt erklärt.— Zur Tagesordnung über- gegangen wurde über einen Antrag Kater, die Delegierten sollten dahin wirken, daß der General st r e i k auf die Tages- ordnung des Parteitages von 1905 gesetzt werde, ferner über den Autrag eines andern Genossen, die A l k o h o l f r a g e auf die Tages- ordnung des nächstjährigen Parteitags zu setzen, und ebenso über einen Antrag Basner, den„Vorwärts" zum Lokalorgan der Berliner Parteigenosien zu machen.— Zu einer längeren Aussprache gaben dann noch die Wahlen der Delegierten zum Parteitag Per- anlasiung. Bon einem Genossen wurde hierbei ein Antrag zur nächsten Generalversammlung der beiden Wahlvereine des Kreises angekündigt, der siart des jetzigen Wahlmodus der Parteifunktionäre die Listenwahl einzuführen bezweckt. Fünfter Wahlkreis. In der außerordentlichen Generalversamm- lung des socialdemokratischen Wahlvereins, die am Dienstag im Alten Schützenhause tagte, wurde zunächst das Ableben der ver- storbenen Mitglieder Max Müller und Robert Amelung in der üblichen Weise geehrt, worauf die Bestätigung von 39 neu auf- genommenen Mitgliedern erfolgte. Sodann sprach Davids ohn über die Tagesordnung der am 4. September stattfindenden Brandenburger Provinzialkonferenz, Redner be- tonte besonbers, daß die Konferenz nicht versäumen werde, das neue preußische Kontraktbruchgesetz agitatorisch zur Gewinnung größerer Mafien der ländlichen Arbeiterschaft auszunutzen, denn mit diesem Gesetz habe die Regierung der Socialdemokratie das denkbar beste Agitationsmaterial zur Aufklärung der Landbevölkerung in die Hände gegeben. Außerdem besprach er mehrere Anträge, die voraussichtlich auf der Konferen z erörtert werden dürsten. Der Wunsch der Ge- nossen aus der Provinz, zukünftig ebenfalls in der Agitations- kommisfion vertreten zu sein, hielt er für berechtigt und war der Meinung, daß derselbe auch Annahme finden werde. Ebenfalls be- fürwortete er den Standpunkt, der Kommission ein Mitwirkungsrecht bei der Nominierung von Reichstags-Kandidaten einzuräumen. An- träge aus dem Kreiie zur Konferenz waren nicht gestellt; die Wahl der Delegierten ergab das bereits gestern mitgcteitte Resultat. Das einleitende Referat der Stellungnahme zum Bremer Parteitag hielt Leo Zucht. In weiteren Parteikreisen, so fiihrte Redner aus, herrsche die Auffassung, als sei die festgesetzte Tagesordnung des Parteitages ein wenig trocken und dürftig. Doch ganz dieselbe Meinung habe man ursprünglich auch über die Tages- ordnung des Dresdener Parteitages gehegt, trotzdem aber sei es in Dresden bekanntlich recht lebhaft zugegangen. Wenn nun auch nicht zu erwarten stehe, daß es in Bremen zu ähnlichen Austritten kommen werde wie in Dresden, so seien doch immerhin eine Reihe von Fällen ans dem inneren Parteilcben zu erörtern, die ebenfalls eine gründ- liche Besprechung notwendig machen. So z. B. würde der Parteitag enisckneden zu dem Falle S ch i p p e l Stellung nehmen müsien, denn die Haltung Schippels in der Zollfrage komme einer Brüskierung der Partei gleich. Auch die Frage des G e n e r a l st r e i k s sei der Erörterung wert, besonders so weit sie die Friedebergschen Ideen und Anschauungen betreffe. Er könne wohl sagen, daß die Ausführungen des Abgeordnelen vom 5. Berliner Reichstags-Wahlkreise, des Genosten Robert Schmidt, die dieser in der Polemik gegen Dr. Friedeberg auf dem Anisterdanier Kongreß gemacht habe, durchaus im Sinne der weitaus meisten Genossen des fünften Kreises gehalten seien. Der Kreis müsse ebenfalls ganz energisch gegen Friedebergs Worte protestieren: Wir weinen dem Wahlrecht keine Thräne nach. Um so bedauerlicher fei es, daß die Lokalisten,-die sich sonst stets als die allein rechtgläubigen Socialdemokraten hinzustellen belieben, den Friedebergschen Ideen huldigen und sich dessen Resolution zu eigen gemacht haben. Ferner dürfte das Ergebnis der letzljährigen Nach- wählen und die damit verknüpften unliebsamen Vorgänge in einigen Wahlkreisen sowie die auffällige S ti m m e n t h a l l u n g der ReichstagS-Fraktion bei Bewilligung der Herero- Kredite eingehend besprochen werden. Erfreulich sei, daß jetzt voraussichtlich den socialdemokratischen Kommunal- Vertretern eine bindende Richtschnur für ihr ferneres Verhalten in den kommunalen Körperschaften gegeben werden solle, denn es lasse sich nicht leugnen, daß es auf diesem Gebiete noch sehr an Klarheit der Anschamingen und an Einheiilichkcit des Handelns mangelt.— Was nun die Vorschläge des Parteivorstandes zur A ender ung des Organisatlonsstatuts anbelange, so wäre es nur mit Freuden zu begrüßen, wenn zukünftig bestimmt würde, daß jeder Genosse, soweit nicht zwingende Gründe ihn hindern, Mitglied einer Parteiorganisation sein muß. Dadurch würden die politischen Vereine wesentlich an Mitgliedern gewinnen, besonders aus den Reihen der Gewerkschaften. So wie es jetzt ist, nennen sich die meisten Gewerkschaftsmitglieder zwar Parteigenossen, ja, sie fühlen sich sogar sehr gekränkt, wenn man an ihrer socialdemokratischen Gesinnung Zweifel hege, doch einer Partei-Organisation anzugehören und diese pflichtgemäß zu unterstützen, das falle ihnen gar nicht ein,— Auch der§ 2 des Parteistatuts betreffend den Ausschluß aus der Partei erheische dringend eine Aenderung. Gerade der fünfte Kreis habe in dem unfinnigen Ausschlußanlrag gegen den Genossen Wels die Er- fahrung gemacht, daß hier Remedur geschaffen werden müsse.— Redner unterbreitet der Versammlung sodann einen Antrag des Vor- standes, auf dem diesjährigen Parteitage die Schulfrage zu er- örtern. Ans der Tribüne dcS Landtages könne diese so hochwichtige Frage nicht besprochen werden, weil die Partei dank des elenden Wahlsystems im Landtage nicht vertreten sei; deshalb müsse die Tribüne des Parteitags dazu benutzt werden, vor dem In- und Auslände, vor der gesamten Kultnrwelt die schmachvollen deutschen und vor allein die preußischen Volksschnlzustände in ihrer nackten Wirklichkeit zu brandmarken. Die Wirkung werde auch eine ungleich größere sein, lvie die bisherigen Kritiken wisres SchnlwesenS.(Beifall.) Genosse Otto begründete hierauf einen Antrag, die A l k o h o l- frage ans die Tagesordnung des nächstjährigen Parteitags zu setzen, Mit dem Hinweis auf die enormen volkswirstchaftlichen Schäden, die der Gewiß des Alkohols im Gefolge habe und hob hervor, daß in: Kampfe gegeil den Kapitalismus nur Arbeiter mit klarem Kopf und nüchternem Verstände die besten Erfolge zu erzielen vermöchten, da- gegen dein Trünke ergebene Arbeiter eher ein Hemmnis im Emaiicipaiionskampfe des Proletariats bilden. Genosse R e g g e, Leiter der lvkalistischen Kürschner-Organisation, befürwortet alsdann einen von ihm eingebrachten Antrag, die Frage des Generalstreiks auf die Tagesordnung des nächst- jährigen Parteitages zu setzen. Die Generalstreiksidee verschwinde nicht, sondern gewinne fortgesetzt mehr Anhänger in Gewerkschaftskreisen. Deshalb sollte auch die Partei ihr Augenmerk darauf richten. Was wolle man zum Beispiel thun, wenn uns das Reichstags-Wahlrecht genommen werde? Bei der gegenwärtigen Taktik wahrscheinlich nichts. Man möge nur nicht so thun, als wolle man unsren Gegnern bloß nicht vorzeitig verraten, was für Maßnahmen man im Falle des Wahlrechts-Raubes treffen werde. In Wirklichkeit werde dann ebenso wenig etwas passieren wie bei dem Wahlrechts- Raub in Sachsen. Wohl habe der„Vorwärts" scharfe Artikel ge- schrieben, als die Manteuffeleien der Herrenhaus-Junker bekannt wurden, der Parteivorstand aber schwieg, wahrscheinlich im Gefühl der politischen Ohnmacht der Partei. Und doch sei der Parteivorstand nicht nur dazu da. um einen Geschäftsbericht herauszugeben, sondern er solle auch ein Wegweiser für die Genossen sein in Zeiten ernster Situationen. Davon sei aber bei der Wahlrcchtsfrage nichts zu merken gewesen. Genosse Janrss habe in Amsterdam gar nicht so unrecht gehabt, als er von der Schwäche der deutschen Social- demokratie sprach.(Beifall.) Die cingebikdete Macht der Partei sei doch nur auf Stiminzettcl aufgebaut; einr reale, positive Macht stehe indessen nicht hinter den drei Millionen. Bei aller Anerkennung des Verhaltens der Fraktion während des Zollkampfes im Reichstage habe es doch Befremden erregen müssen, daß die� deutsche und vor allem die Berliner Arbeiterschaft damals eine so träge Ruhe an den Tag legte. Ein paar Versammlungen, ein paar Resolutionen, das sei' alles gewesen,? was die Parteigenossen zu Wege brachten. Angesichts einer so schwächliche» Haltung der Arbeiterschaft habe sich die Reaktion lächelnd sagen müssen, die Socialdemokratie sei in Wirklichkeit ohnmächtig. Da würde ein Generalstreik, das einmütige Niederlegen der Arbeit auf der ganzen Linie, sicher eine andre Wirkung hervorgebracht haben. Anstatt aber diesen Gedanken zu erfassen, gefalle man sich in boshaften Verhöhnungen Dr. Friede- bergs, eines Manne-?, der 18 Jahre der Partei seine Dienste geleistet habe; ja man trage sich offen mit der Absicht, ihn aus der Partei hinauszuwerfen. lieber solche Unter- drückung der Meinungsfreiheit müsse die Freiheitsgöttin be- schämt ihr Haupt verhüllen. Auch er, Redner, habe bis vor zwei Jahren alles gedankenlos nachgebetet, was„von oben herab" in Punkto Taktik gelehrt worden sei, doch jetzt sei er in manchen Dingen und besonders in der Gencralstreikfrage wesentlich andrer Ansicht geworden. Die Uebergangszeit zu einer socialistischen Gesellschaftsform könne bedeutend verkürzt werden, wenn die Social- demokratie ihre ungeheure Macht nur richtig anzuwenden wisse; dies geschehe aber am besten durch die systematische Erziehung der Massen zur Generalstreikidee. Genosse Wels bezeichnete es als einen krassen Widerspruch, daß der Vorredner förmlich in einem Atem von der„Ohnmacht" der Socialdemokratie, dann aber wieder von der„ungeheuren Macht" derselben sprach. Es müsse doch recht eigentümlich berühren, wenn Dr. Friedeberg, der doch die Arbeiter zu voll in sich ab- geschlossenen Persönlichkeiten erziehen wolle, als eine in sich ab« geschlossene Persönlichkeit den Parlamentarismus verwirft und dennoch sein Stadtverordnetenmandat behält. Konsequenterweise hätte er sein Mandat in die Hände seiner Wühler zurückgeben müssen. Da er dies aber nicht gethan, so sei eS nur zu. begreiflich, wenn der vierte Kreis dazu Stellung nehmen wolle, denn kein Genosse könne es dulden, wenn ein Erwählter der Partei sage, dem Wahlrecht weine er keine Thräne nach. Was die Freiheitsgöttin an- belange, so brauche dieselbe keineswegs ihr Haupt zu ver- hüllen, denn nirgends herrsche so viel Meinungsn-eiheit wie gerade innerhalb der Socialdemokratie. Der bcfie Beweis liege hierfür doch darin, daß Dr. Friedeberg ungehindert schon seit VI, Jahren seine Generalstreikidee propagiere, ohne daß ihm dabei irgend etwas in den Weg gelegt worden sei. Eine offenbare Ver« höhnung der Partei und eine vollständige Verächtlichmachung der ganzen bisherigen Parteithätigkeit aber könne man sich denn doch nicht stillschweigend gefallen lassen. Eine vernünftige Erziehung und Belehrung der Arbeiter in ihren Organisationen nach der bisherigen Weise sei für die Befreiung des Proletariats jedenfalls wertvoller wie Straßendemonstrarioncn und Putsche, denn darauf laufe die Friedebergsche Generalstreikidee doch in letzter Linie hinaus. Wenn es schon einmal zu einem Massenstreik käme, dann müsie er plötzlich insceniert werden, ähnlich wie der schwedische Generalstreik, der nach dem Zeugnis Brantings nur deshalb so wirksam war, weil er der Bourgeoisie völlig unerwartet kam. Es schade ja nichts, wenn die Generalstreiksfrage aus einem Parteitage erörtert werde, doch seien bestimmte Anträge in dieser Hinsicht überflüssig. Genosse Li ep mann will die Generalstreiks frage ganz nückitern und vom rein praktischen Standpunkte aus behandelt wissen. Es seien schlechte Taktiker, die den Gegnern schon im Vor- ans ihre Kriegspläne auf die Nase binden, die sich im Falle poli- tischer Komplikationen notwendig machen. Falls es zu einem Wahl- rechtsraub kommt, dann würde die Partei gerade so gut ihre Maß- nahmen treffen wie zur Zeit des Socialistengesetzes. Ideen wie die Friedebergsche würden meistens nur von Leuten vertreten, die in der Masse nicht mitarbeiten möchten, von Eingängern, die sich vor der mühsamen Kleinarbeit scheuen, die Welt dafür aber mit„großen" Plänen beglücken. Ihre Scheu vor der Kleinarbeit leiten sie dann aus dem„Recht der Individualität" her. Es sei dies derselbe Herrenstandpunkt, den die Junker vertreten; doch Nietzsches Herren» moral könne er weder bei Junkern, noch bei Anarchisten anerkennen. Verwundern müsse er sich, daß Neggc als lokalistischer, so besonders zielbewußter Socialdemokrat sich auf den opportunistischen Genossen Jaurss beruft, ganz so wie es) jemand gerade in den Krai» passe. Es sei nicht angängig, daß Friedeberg und sein Anhang alles für null und nichtig erklären wollen, was die Partei in 40 jähriger Thäfigkcit an Auf- klärungsarbeit und polirischer Energie geleistet Hage. Deshalb werde sich die Partei auch weder von rechts, noch von links von ihrer be- währten Taktik abbringen lassen. Genosse B a r t I e erklärt es für sehr auffallend, daß Dr. Friedeberg sich immer so über die sächsischen Genossen entrüstet, wei sie sich das Wahlrecht nehmen ließen, derselbe Dr. Friedeberg aber dem Reichs- tags-Wahlrecht keine Thräne nachweinen will. Das zeuge von einem nur wenig abgeklärten Verstände. Die Arbeiterbewegung sei wie ein Baum, dem in sicherem Boden rationell Kraftstoffe zugeführt werden müßten, wenn er langsam wachsen und gedeihen solle. Wer aber den jungen Banin mit einer Winde Hochschlauben will, hebt ihn aus dem nährenden Erdreich, so daß er vorzeitig verdorrt. Im übrigen ist Redner f ü r eine Besprechung der Generalstreik- Theorie auf dem Parteitage, um die weitere Verbreitung der Friedebergschen„Wirrnis" möglichst zu verhüten. Redner wendet sich dann gegen den Vor- schlag deS Parteivorstandes, nur den vierten Teil der Fraktions- niitglieder an den Beratnilgen des Parteitages teilnehmen zu lassen. Der Vorschlag sei unpraktisch, weil sich die übrigen Abgeordneten dann von ihren Wahlkreisen delegieren lassen würden. Er müsse sich wundern, daß gerade die Berliner Vertrauensleute als die eigent- licben Väter dieses Vorschlages dem Parteivorstand solche unzweck- mäßigen Anregungen gegeben haben. D a V i d s o h n hält es nicht für opportun, sich schon jetzt für oder gegen den Generalstreik festzulegen. Alle Maßnahmen zur Abwehr reaktionärer Gewaltstreiche müssen nach Zeit und Umständen gewählt werden. Jin übrigen habe Bebel die Sachlage klar gekenn- zeichnet, als er aussprach, das Proletariat habe kein Interesse mehr an dem Weiterbestände des Reiches, falls den Arbeitern das Reichs- tags-Wahlrecht geraubt werde. Redner befürwortet sodann in längeren Ausführungen die Besprechung der Alkoholfrage auf dem nächsten Parteitag. Es folgten eine Reihe persönlicher Bemerkungen. Bei der alsdann vorgenommenen Abstimmung wurde der An» trag, die Schulsrage auf die Tagesordnung des Bremer Parteitages zu fetze», gegen 2 Stimmen angenommen; ebenfalls der Antrag beireffend die Alkoholfrage mit 90 gegen 87 Stimmen. Der Antrag, die Generalstreikfrage auf dem nächsten Partei- tage zu behandeln, wurde dagegen mit 93 gegen 82 Stimmen abgelehnt.— Es entspann sich hierauf noch eine lebhafte Debatte darüber, ob der fünfte Kreis diesmal drei oder zwei Delegierte nach Bremen entsenden solle. Die Mehrheit cntsckned sie für zwei Delegierte, deren Namen bereits gestern mitgeteilt worden sind. L i e p m a n n gab zum Schluß noch bekannt, daß der fünfte Kreis demnächst wieder vor einer Stadtverordnetenwahl stehe, da durch den jüngst erfolgten Tod des freisinnigen Stadtverordneten Sutter das Mandat des 30. Kommunal-Wahlb e z i r k s frei geworden ist. Er ermahnte die Geilossen, rechtzeitig eine rege Agitation zu entfalten, damit die hier in Frage kommende dritte Abteilung unter der als selbstverständlich vorauszusetzenden thatkrästigen'Mitwirkung des sechsten Kreises das freigewordene Mandat fiir die Partei erobern werde. Mit einem Hoch auf die Partei schloß darauf der Vorsitzende die Versammlung. Sechster Wahlkreis. Die Versammlung tagte im Germaniasaal in der Chausseesiraße. Sie war so stark beiucht, daß der Saal kaum alle Erschienenen zu fassen vermochte.'— Zum xrsten Punkt der Tages- ordliung: Die Brandenburger Proviiiziakonfercliz, sprach L a u k a n t. Die Verhandlungen über Agitation und Organisation würden wohl das lebhafteste Interesse der Konferenz hervorrufen. Der Redner beleuchtete die Anträge, welche zu diese»: Punkt sowohl von einzelnen Proviiizkreiscn, wie von der Agitationskommission gestellt sind.— Ohne Debatte wurden die Genossen Mars, Trapp und Are n d s e e zur Provinzialkonferenz delegiert. Hierauf trat die Versammlung m den zweiten Punkt der Tages- oadnung ein: Der Bremer Parteitag. Der Borsitzeilde Freythaler verlas mehrere erst eingegangene Anträge an den Parteitag. Ein Antrag fordert, daß der„Vorwärts" Inserate großkapitalistischer Betriebe nicht anchehme, weil dadurch die kleinen Geschäfte geschädigt würden.— Die Versammlung nahm diesen Antrag mit Heiterkeit auf.— Ein andrer Antrag will, daß der Parteitag die Frage des Generalstreiks aus die Tagesordnung setze.— Ein dritter Antrag, der ebenfalls Gelächter hervorrief, be- fürtrortct die Einführung von Maifestahzeichen— Ein Antrag der Genossen des 681. Bezirks will, daß der Parteitag den„Vorwärts" veranlasse, Wochenabonnements zu Pf. einzuführen.— Der Vorsitzende bemerkte, daß die Verhandlung über diese Anträge nach dem Statut unzulässig sei, weil dieselben dem Vorstande nicht rechtzeitig eingereicht seien.— Ein Antrag des Genossen Scholz, der die Ein- reichungSfrist annähernd innegehalten hat und deshalb noch der Kreiskonferenz vorgelegt werden konnte, ersucht den Parteitag, die Frage auf die Tagesordnung zu setzen: Welche Taktik hat die deutiche socialdenwkratische Partei einzuschlagen, um die Angriffe der Reaktion auf das Reichstags- Wahlrecht erfolgreich abzuwehren, und welche Stellung hat die Arbeiterklasse bei einem etwaigen Raube des Wahlrechts einzunehmen?— Tie Kreiskonferenz hat diesen An- trag abgelehnt, weil sie der Anficht ist, es sei nicht angängig, daß der Parteitag veranlaßt werde, die Frage zu beantworten, welche Taktik die Partei in einem Falle einschlagen solle, der vielleicht ein- mal eintreten könnte.— Ein statutengemäß behandelter, von der Kreiskonferenz bereits angenommener Antrag ersucht den Parteitag, die Schulfrage auf die Tagesordnung zu setzen. Das Referat über den Parteitag erstattete Ledebourl Er gab der Erwartung Ausdruck, daß die Debatten des Bremer Partei- tages nicht so stürmisch verlaufen würden, wie die des Dresdener Parteitages, denn die Frage der Taktik sei in Dresden im Princip zu Gunsten unsrer alten revolutionären Taktik entschieden worden. Der bevorstehende Parteitag werde jedoch eine Anzahl interessanter Fragen zu behandeln haben. Der Antrag des Parteivorstandes, welcher das Verfahren des Ausschluffes regelt, sei eine Neuerung, die man billigen könne. Heber die Vertretung der Reichstags- fraktion durch eine Delegation wolle Redner kein Urteil abgeben. Die Vertretung der Wahlkreise im Verhältnis zur Zahl der Partei- genossen der Kreise halte er für eine wichtige Angelegenheit, die im Interesse unsres Parteilebens geregelt werden inüsse. Die Behandlung der Schulfrage durch den Parteitag werde der Agitation einen starken Impuls geben.— Voraussichtlich werde die Frage der Sicherung des Wahlrechts in irgend einer Form auf dem Parteitag erörtert werden. Wir erleben bereits das Vorspiel zur Verschlechterung des Wahlrechts. Was aber auch die Reaktion in dieser Hinsicht plane, es könne der Socialdemokratie nicht schaden, wenn sie sich selber treu bleibt. Allerdings habe sich der Genosse Friedeberg in letzter Zeit in einer Weise über das Wahlrecht ausgesprochen, die die Interessen unsrer Partei schädigt. Es sei möglich, daß Friedeberg auch in Bremen seine Ansichten vertrete, und deshalb sei es angebracht, hier auf diese Angelegenheit einzugehen. Zu der von Friedebcrg vertretenen Geueralstreiks-Jdee habe der internationale Kongreß eine sehr vernünftige Stellung ein- genommen. Welch ein Widerspruch sei es doch, wen» man den Generalstreik zur Sicherung des Wahlrechts empfehle und gleichzeitig sage: Wir weinen dem Wahlrecht, wenn es uns genommen wird, keine Thräue nach. Wenn Friedeberg das wirklich gesagt hat, dann habe er sich damit zum Bundesgenossen unsrer Gegner gemacht.— Wenn wir erst so weit wären, um die Einführung der socialistischen Gesellschaft durch den Generalstreik zu erzwingen, dann bedürften »vir dieses Mittel zu diesem Zweck nicht mehr. Der Massenstreik zur Durchführung politischer Forderungen könne unter Umständen Erfolg haben, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß die Gewerkschaften von socialislischem Geist durchtränkt seien. Friedcberg verekele aber den Gewerkschaften die Socialdemokratie, indem er die Thätigkeit und die Erfolge der socialdemokratischen Partei als ganz bcdeutungs- loS hinstelle. Wir überschätzen den ParlamentarisnmS gewiß nicht, aber die Art und Weise, wie Friedeberg sich gegen denselben wendet, sei nicht zu �billigen. Wenn auch der Einfluß und die Macht des Parlaments in Deutschland nur gering sei, so wäre es doch eine Thorheit, wollten wir die Waffe, die unS die Betcilignng am Parlamentarismus bietet, fortwerfen. Wenn Friedebcrg sich so absprechend über den Parlamentarismus und daS Wahlrecht äußerte, und wenn eine große Versainmlung ihm darin zustimmte, so sei das wohl eine Folge der großen Hitze, die diesen Sommer herrschte.(Beifall.) Sollte die Wahlrechtsfrage auf dem Parteitage auftauchen, so werde sie ohne Zweifel, wie bisher, in dem Sinne entschieden worden; Wir weisen kein Mittel zurück, durch das wir etlvaS erreichen köimen, wir halten aber auch die unvollkommene Waffe fest, um unfre Gegner damit zu schlagen. (Lebhafter Beifall.) Vor Eintritt in die Diskussion empfahl der Vorsitzende Frey- thaler, nur den Antrag Scholz und den die Schulfrage be- treffenden Antrag zu diskutieren, die andren Anträge aber, weil zu spät eingebracht, nicht zu berücksichtigen.— Ernst regte an, den Antrag, betreffend Wochenabonnement des„Vorwärts", der Preß- kommisfion zur instanzenmätzigen Erledigung zu überweisen.!Hie Antragsteller erklärten sich daniit einverstanden, worauf der Antrag, weil nicht zu diesem Punkt der Tagesordnung gehörend, einstweilen zurückgestellt wurde. Hierauf begann die Diskussion. Halfter irat dafür ein. daß der Z 2 des Organisationsstatuts, den Ausschluß betreffend, so bleibe wie bisher, daß die Schulfrage nicht auf dem Parteitag erörtert werden brauche, weil unser Stande Punkt zu derselben im Programm festgelegt sei und daß auch eine anderweitige Regelung der Vertretung der Wahlkreise nicht notwendig sei. M e tz k e' wandte sich gegen die AuSführniigeu, welche Ledebour gegen Friedeberg machte. Ter Redner meinte, Ledebour habe Friede- berg persönlich henmtcrgxhunzt. Das sei nicht recht. Friedeberg sei als guter Parteigenosse bekannt, er habe sich namentlich in der Agi- tation für Verbesserung der socialen Gesetzgebung große Verdienste erworben. Er, Redner, sei durch Friedebergs Vortrag nicht wirrig geworden. Man könne doch solchen Vortrag anhören, wenn man auch nicht mit allen Ausführungen des Vortragenden einverstanden sei. Er müsse dem eutschieden widersprechen, daß ein nicht anwesender Parteigenosse hier so heruntergehunzt werde. Hirsch bemerkte, er fühle sich durch Ledebours Ausführungen gegen Friedeberg nicht befriedigt. Man brauche nicht mir Friedeberg übereinstimmen, müsse aber doch zugeben, daß die von ihm erörterten Fragen in der Partei diskutiert werde» können. Kröhn führte aus, Friedeberg habe mit seinen AnSführmigen allen Genossen, die treu und ehrlich der Partei dienen, ins Gesicht geschlagen. Friedebcrg habe die Partei angegriffen und zwar auf einem Boden, Ivo derartige Erörterungen nicht angebracht waren, denn Friedeberg habe in einer gewerftchastlichen Versammlung gesprochen und die socialdemokratiiche Taktik kritisiert vor Zuhörern, die zum Teil aus Nichtsocialdcmokraten bestanden. Wie kämen denn die Anarchisten dazu, sich üFcr unsre Taktik aufzuhalten. Wenn Friedeberg den Socialdeinokraten anarchistische Schriften empfehle, so müsse er auch die Konsequenzen daraus ziehen. Daß Friedeberg ein ehrlicher Mensch sei, bezweifle niemand. Es empfehle sich vielleicht, Friedcberg zum Vortrag im Wahlverein aufzufordern und mit ihm zii diskutieren.— Es stehe noch die Angelegenheit Schippel auf der Tagesordnung... Hier unterbrach der Vorsitzende den Redner mit der Bemerkung: Nicht der Fall Schippel, sondern der Parteitag stehe auf der Tages- ordmmg. Der Redner brach darauf seine weiteren Ausführungen ab. Ledebour wandte sich, bezugnehmend auf die Ausführungen Metzkes, nochmals scharf gegen den Friedebergschen Standpunkt. Tie Abwesenheit FriedebergS sei kein Grund, init der Kritik zurück- zuhalten, denn es handle sich um eine ffir die Partei" sehr wichtige Angelegenheit. Gewiß sei Friedeberg ein guter Mensch, er möge auch vieles für die Partei gethan haben, aber die Ansichten, die er jetzt vertrete, seien so thöricht, so schädlich für die Partei, daß sie mit größter Entschiedenheit zurückgewiesen werden müssen. Redner nehme nichts von dem zurück, was er gegen Friedeberg gesagt habe. (Lebhafter Beifall.) Wenn er FriedebergS thörichte Ausftihrungen. namentlich die Bemerkung: Wir weinen dem Wahlrecht keine Thräne nach, nicht mit der Hundstagshitze entschuldigt hätte, dann müßte er ein solches Verhalten als Partciverrat bezeichnen.(Sehr richtig!) Es sei skandalös, daß Friedebcrg solchen Standpunkt vertrat und eine Versammlung ihm zustimmte in einer Zeit, wo wir einen Kampf für die Erhaltung des Wahlrechts zu führen haben. Es sei zu bedauern, daß in jener Versammlung kein Parteigenosse zum Wort gekommen sei. tjM gegen Friedebergs Ansichten zu sprechen. Wäre das geschehen, dann hätte sich die Versammlung bielleicht nicht durch Friedeberg irre machen lassen, und die Resolution wäre wahrscheinlich ab- gelehnt worden. Der Redner schloß unter allseitigem lebhaften Beifall mit einer scharfen Zurückweisung des Friedebergschen Standpunktes. Nachdem noch Weisel gegen die dem Genossen Friedeberg zu teil gewordene Kritik gesprochen hatte, wurde ein Schlußantrag angenommen. Die Versammlung stimmte dem Antrage, die Schulftage auf dem Parteitage zu erörtern, zu, lehnte den Antrag Scholz ab und wählte Bittorf, Anders und Freythaler als Delegierte zum Parteitage. Hierauf'wurden einige Vereinsangelegenheiten erledigt. Zwei Mitglieder, die wegen unsolidarischen Verhaltens in der Gewerkschaft durch Beschluß der Kreiskonferenz ausgeschlossen waren, hatten an die Generalversammlung Berufung eingelegt. Die Versammlung billigte nach kurzer Besprechung der Angelegenheit den Beschlutz der Konferenz. Der Antrag, das Wochenabonnement betreffend, wurde bis zur nächsten Generalversammlung zurückgestellt. Nimmehr erklärte der Vorsitzende Freythaler die Tagesordnung für erledigt und wollte die Versammlung mit einer kurzen Ansprache schließen. Von mehreren Seiten ertönte jedoch der Ruf:„Schippel". — Schippel erbat darauf und erhielt das Wort zur Geschäfts- ordmmg. Er sagte: Er habe angekündigt, hier über die An- zapfungen, die ihm im„Vorwärts" zu teil geworden seien, zu reden. Er habe an dieser Absicht festgehalten, bis er heute im„Vorwärts" folgenden Satz gelesen habe: „In seiner sogenannten„Berichtigung"(Nr. 195 des„Vor- wärts" vom 20. August) bestreitet Schippel die„Unterstellung", daß er jemals daran gedacht oder gär der Socialdemokratie empfohlen hätte, der kontinentalen Landwirtschaft in ibrer Krisis„durch Preiskonservierung und damit Grundrentenerhaltung zu helfen". Soll der Ausdruck„Preiskonservierung" besagen„Konservierung der Agrarproduktenpreife", dann bestreitet Schippel etwas, dessen wir ihn nicht beschuldigt haben. Es ist uns nirgends eingefallen zu behaupten, Schippel wolle die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse konser- vieren, noch daß er dieses Ziel, ähnlich wie die bürgerliche Politik, durch die Erhebung von Agrarzöllcn erreichen wolle." Hier unterbrach der Vorsitzende den Redner mit der Bemerkung. die Verlesung einzelner Sätze aus der Polemik gegen Schippel fei keine Ausführung zur Geschäftsordnung.— Schippel sagte darauf: Nachdem der„Vorwärts" in den verlesenen Sätzen das zurück- genommen hat, was ich in seinen Ausführungen suchte, habe ich keine Veranlassung mehr, über diese Angelegenheit hier zu reden. Wollen Sie über meine Ansichten mit mir diskutieren, so bin ich zur Stelle. Vorsitzender Freythaler bezeichnete das soeben von Schippel eingeschlagene Verfahren als unangebracht. Nach der Verlesung eines Satzes könne sich niemand ein Urteil bilden. Keinem Mil« gliede stehe das Recht zu, aus Grund einer Ankündigung hier gegen einen Mitarbeiter des„Vorwärts" zu sprechen. Wer sich durch einen Mitarbeiter des„Vorwärts" verletzt fühle, müsse sich an die Preß- kommisfion wenden. Die Generalversammlung des Wahlvereins sei nicht der Ort dazu. Schippel habe nicht zur Geschäftsordnung ge- sprachen, sondern ein Urteil abgegeben. Dasselbe sei als nicht ge- geben zu betrachten. Mit einem Aufruf an die Genossen zur regen Beteiligung an den Partei-Arbeiten schloß der Vorsitzende die Versammlung. Partei- I�admeKteu. An die Delegierten zum Parteitag! Das unterzeichnete Komitee richtet an die Delegierten zum Parteitag die dringende Bitte, rechtzeitig ihre Anmeldung bewirken zu wollen. Das Lokalkoniitee wird spätestens eine Woche vor dem Parteitag an die bis dahin angemeldeten Delegierten verschiedene Drucksachen(Festschrist, Führer durch Bremen, Programm) versenden, um die Delegierten in den Stand zu setzen, sich noch vor ihrer Abreise nach Bremen über verschiedene für sie wichttge oder interessante Thatsachen informieren zu können. Es ist dem Wohnungsausschuß erwünscht, wenn die Delegierten über die Art der von ihnen gewünschten Logis(ungefährer Preis, ob einzeln oder mit mehreren ic.) bei ihrer Anmeldung nähere An- gaben machen, damit diese Wünsche nach Möglichkeit berücksichtigt werden können._ Anträge zum Parteitage. Eipe Versammlung der Nürnberger Parteigenossen, die sich mit dem Bremer Parteitag befaßte, beschloß einstimmig, an den Parteitag folgenden Antrag zu stellen: „Die Parteigenossen Nürnbergs beanttagen: Zur Entlastung des Parteivorstandes ist eine Agitationskommission zu bilden, die mit den Provinzial- und Landesvorständen der Partei stete Fühlung zu unierhalten hat. Aufgabe der Kommission ist die Organisation einer systematischen Agitation in Wort und Schrift. Die Zahl der Mt- glieder dieser Agitationskommission wird auf jedem Parteitage neu bestimmt i die Wahl derselben überläßt er ebenso vielen Orten beziehungsweise Laudesorganisationen, als die Kommission Mit- glieder zählt. Das Mandat der AgitattonSkommission endet auf dem Partei- tage, der seiner Wahl folgt. Die Wahl der Orte, welche die Mitglieder zu bestimmen haben, erfolgt von neuem auf jedem Parteitage. Die Kommission erhält einen ständigen Sekretär, der vom Parteitage gewählt wird oder mit dessen Einverständnis � vom Parteivorstande und den Kontrolleuren ernannt werden kann. Der Sekretär der Agitationskommission bat Sitz und beratende Stimme in den Sitzungen des Parteivorstandes. Die Kommission tritt nach Bedarf, mindestens einmal in jedem Vierteljahre, zusammen." Einstimmig beschlossen wurde ferner, an de» Parteitag den Wunsch zu richten, daß zum Punkte Organisatton ein Referent auf- gestellt wird. Endlich wird beantragt, den Parteitag 1995 in Nürn- berg abzuhalten. Die Dortmunder Parteigenossen nahmen folgende Re- solution an: „Die Kreiskonferenz spricht die ernste Erwartung aus. daß sich in Bremen ähnliche Scenen nicht wiederholen, wie sie in Dresden zum schweren Schaden der Partei frivolerweise hervorgerufen wurden. Die Konferenz erwartet ferner, daß der Parteitag eine straffere Eeutralisation und Organisation im Sinne der bekannten Breslauer Vorschläge in die Wege leitet. In der Maiseierfrage spricht sich die Konferenz entschieden gegen jede Abschwächung der bisherigen Form aus. Endlich wünscht die Konferenz, daß der Parteitag die Haltung der Frattion in der Hererofrage mißbilligt, und der Affaire Schippel das Ende bereitet, das allein dem Ansehen und dem Interesse der Partei entspricht." Die Parteigenossen von Dresden-Neustadt nahmen folgende Anttäge an: „Der Parteitag wolle beschließen: Der Beschluß des Mainzer Parteitages, die zwangsweise Beteiligung bei den Landtagswahlen betreffend, ist aufzuheben. Die Beteiligung an den Landtagswahlen bleibt den einzelnen in Betracht kommenden Ländern überlassen." „Der Parteitag wolle beschließen: Redakteuren an Zeittingen, die im Parteiverlag erscheinen, ist die Mitarbeit gegen Honorar an andren Zeitungen', politischen und wissenschaftlichen Revuen. Genossenschaftsblättern usw.. sowie die Herausgabe eigner Broschüren fernerhin nicht mehr zu gestatten. Die Verleger von Zeitschristen sind gehalten, Arbeiten von angestellten Redakteuren abzulehnen." Den letzteren Antrag begründete Genosse Paulus nach den uns vorliegenden Bericht der„Sächsischen Arbeiterzeitung" so: Die Gehaltsfrage unsrer Redakteure sei eine geregelte. Der Partciredakleur habe seine ganze Kraft seiner Zeitung zu widmen. Es sei nicht nötig, daß die Mitarbeiterkosten immer größer würden. Auch der Redakteur brauche Ruhe und Erholung; durch zu intensive Nebenarbeit schädige er seine Gesundheit, verletze aber auch unsre Forderung auf Verkürzung der Arbeitszeit. Die freien Schriststctt«: drücke die Konkurrenz der Parteiredakteure. Der Dresdener Partei- tag und andre Vorkommnisse hätten das bewiesen. „Freier" Schriftsteller ist der Begründer des Antrages sicher nicht. Dem Parteitage in Bremen widmet die„New Dorker Volks» Zeitung" eine Betrachtung, die sie folgendermaßen schließt: „Wir maßen uns nicht an, von hier aus entscheiden zu wollen, wie weit persönliche Auseinandersetzungen auf dem Bremer Partei- tage noch absolut notwendig sein dürften; davon aber sind wir überzeugt, daß die Massen der deutschen Socialdemo- kratte solche Auseinandersetzungen auf Fälle beschränkt zu sehen wünschen, in welchen die persönliche Frage auch die Ver» lengnung oder Verteidigung eines grundlegenden PrincipS involviert, also unter allen Umständen zum Austrag gebracht werden muß. Und wir hegen die feste Zubersicht, daß unsre deutschen Genossen aus der Vergangenheit eine Lehre ziehen und die Perhandlungen deS Bremer Parteitags so gestalten werden, daß sie zu Ausgangs- punkten neuer Siege für die Partei und für die Sache des Socialis« mus werden müssen." Die Parteigenossen des vierten hannoverschen Wahlkreises(Osnabrück) beschlossen, falls sich nicht infolge der Beschlüsse des Bremer Partei- tages etwa? andres notwendig machen sollte, einen Verem für den ganzen Wahlkreis zu bilden. Soziales. Die Prlizei ist keine ästhetische Anstalt. Der Bürgermeister zu Ründeroth im Rheinlande hatte verböte»». einen öffentlichen Fahrweg, der zu einem Aussichtsturm in schöner Berglandschast führt, mit Lastfuhriverken zu befahren. Dadurch wurde es dem Steinbruchsbesitzer Ley unmöglich, seinen Steinbruch weiter zu betreiben. Es handelt sich uin den einzigen Zufahrtsweg zu seinem Steinbruch. Er verging sich gegen die Polizeiverordnung, um im Gerichtswege feststellen zu lassen, ob sie rechtsgültig sei. Er behauptete, sie sei nur erlassen worden, um seinen Steinbruchsbetrieb unmöglich zu machen, nachdem der Verschönerungsverein vergeblich über den Ankauf des Besitztums mit ihm verhandelt habe. Das Landgericht Köln als Beruftmgsinstanz verurteilte jedoch den Angeklagten zu einer Geldstrafe und erklärte die Verordnung für gültig. Sie werde genügend gestützt durch verkehrSpolizeiliche Gründe, da der Weg stellenweise so schmal sei, daß Fußgänger einem Lastwagen nur dadurch ausweichen könnten, daß sie ins Gebüsch sprängen. Unerheblich wäre demgegei»über, daß die Einstellung des Steinbruchsbetriebes im Interesse der Erhaltung landschaftlicher Schönheit dem Bürgermeister als ein wünschenswerter Erfolg der Verordnung vorgeschwebt haben»nöge., Das Kamntcrgericht als Revisionsinstanz hob dies Urteil auf und sprach den Angeklagten mit folgender Begründung frei: Es sei anzunehmen, daß die Polizeiverordnung nicht den Schutz der Fußgänger auf dem schmalen Kommunikationswege bezweckt habe, sondern erlassen worden sei, um die Einstellung des Stein- bruchS des Angeklagten zu erzwingen. Das gehe zur Evidenz daraus hervor, daß die Sperre durchweg stattgefunden habe und nicht bloß für die Stunden des hauptsächlichsten Fußgängerverkehrs. Weiter gehe eS daraus hervor, daß der Bürgermeister, der sich im übrigen hinter die Amtsverschwiegenheit steckte, doch in zweiter Instanz als Zeuge die Einstellung des Steinbruchs als einen erwünschten Erfolg der Verordnung bezeichnete. Eine solche aus ästhetischen Gründen erlassene, dem Schutze landschast- sicher Schönheiten dienende Polizeiverordnung sei aber ungültig, da§ 6 des Polizeiverwaltungsgesetzes nicht den Schutz landschast- sicher Schönheiten zu den Gegenständen des polizeilichen Ver- ordnungSreckits zähle, wie ästhetische Interessen überhaupt nicht dem polizeilichen Schutze unterlägen. )Ziis der Frauenbewegung. An die Frauen nnd Mädchen des Kreises Tcltow-Becskow-Storkow- Charlottenburg. Genossinnen I Unsre Kreisvcrsammlung findet in diesem Jahre in Ripdorf im Lokale des Herrn Thiel, Bergstr. 151—152. statt, in welcher der Stadtverordnete Genosse Paul Hirsch einen Vortrag über die Bedeutung der Franenkonferenz, den Parteitag und die Provinzial- konferenz hält. Hierzu werden gleich die Delegierten gewählt, also ist es Pflickt aller Genossinnen unsres Kreises, in dieser Verfamm- lung zu erscheinen. Wir haben Ripdorf gelvählt, weil es der Mittel- Punkt und von allen Orten leicht zu erreichen ist. Es wird pünktlich angefangen, damit jeder zeitig nach Hause fahren kann. Recht zahl- reichen Besuch, auch der Genossen, erwartet Die Kreisvertrauensperson: Fr. Thiel, Tempelhof. Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Montag, den 29. August findet auf Wunsch einer Anzahl von Mitgliedern ein nochmaliger Ausflug nach Treptow zu Joel, Köpenicker Landstr. 21, statt. Um rege Beteiligung wird gebeten. Unsre nächste Vereins- Versammlung ist am 5. September. Der Vorstand. Wasserstand am 23. August. Elbe bei Aussig— 9,95 Meter, bei Dresden— 2,29 Meter, bei Magdeburg— 9,06 Meter.— N n st r u t bei Stt-außfurt ff- 0,65 Meter.— Oder bei Rattbor ff- 0,78 Meter, bei Breslau Ober-Pegel ff- 4,08 Meter, bei Breslau Unter- Pegel— 1,94 Meter, bei Frantsurt ff- 0,04 Meter.-Weichsel bei Brahemünde ff- 1,58 Meter.— Warthe bei Posen— 0,20 Meter.— N e tz e bei Usch ff- 0,29 Meter. K lloliln rin» egler-Schlösschen. (H. Redlirli.) Treptow, Köpenloker Landstr. 27. 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Für de» Inhalt der Inserate iibernhnmt die Rcdattiou dem Publikum gezenudcr keinerlei Berai,Nv»rt»nq. Schiller ZhczUr. D»u»erstag, d-o 2S. August. Ansang VI, Uhr: OperuhimS. Lohengrin. Reue» riinigl. Opern» Theater. Der Logelhändler� Ansang S Uhr. Schiller O.(Wallner« Theater.) Geschlossen. iller dl.(Friedrich Wilhelm- . xä Theater). FigaroZ SOefifi�4 Mamzelle SM suche. Berliner. Aapsenftreich. Rene». Kabale und Lieb«. Refiden». Die AXI Tage. Kleines. Nachtasyl. <£arl Weis». Wiederaesimden. Trianon. Die Notbrücke. Mctropol. Ein tolles Jahr. Belle-Alliaiice. Kam'rad Lehmann. Apollo. Venus ans Erden. Speciali» täten. Hcrrufeld.Theater. Nureine Nacht. Am andern Morgen. Stadt-Theater Moabit. Der reiche Pustekohl. Wintergarten. Specialltäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Passage-Theater. La belle Georgette. Specialltäten. Ansang 5 Uhr. Urania. Taubens, rahe Im Theater: Die Weltausstellung in St. LouiS. Hieraus: Der Gardasee. Jnvalidenstrafte S7/0S. Stern« tri arte. 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September im Sfenen Theater mit Vie Kindermördcrln. Bürgerliches Trauerspiel von Heinrich Leopold Wagner. Die der II. Serie am 2. Ostober im Schlller-Tbeater X. mit Köniö Lear» Tragödie von Shakespeare. Veranstaltet vom Mitgliedsanmeidunpii zur VI. Abteilung werden an allen Zahlstellen entgegengenommen. Das Einschreibegeld beträgt 1 M.. der monatliche BorstellungS- beitrog 80 Pf. Morwitz- Oper(®cÄ';?8?rÄ S) Dienstag, 30. Slugup, abends 8 Uhr(letzte Opernvorstellung): Sar und Zimmermann. Komische Oper von Eortzlnc. EintrittSlarten sür Mitglieder a 90 Pf., sür Gäste a 1,10 M.(Parkett- ynutcuil, 1. Parkett und Logenplätze) find in allen Zahlstellen zu m haben. Der Vorstand. 3. A. 150/20 Heinrieh Nest, Veteranenstr. 6. Zahlstellen: H. Neft, Veteranenstr. 6. A. Knapp, Grünthaler- straße 5. Petrich, Prenzlauer Allee 215. R. Kannapke, Brunncn- slratze 1. K. Kleinau, Gerichtsstr. 4. G. Blume, Chausseestr. 26. W. Schrotte, Landwehrstt'. 3. M. Probst, Liniensir. 8. H. Becker, Gotzkowskhstr. 9. W. Wendscheck, Schiffbaucrdamm 6. H. Landgraf, Ncuenburgerstr. 15. J. Pech, Mockernstr. 120. Martiensen, Belle« Alliancestr. 7. H. Bobsien, Kommandantenstr. 62. 0. Gradhandt, Pvtsdamerstr. 26. H. Kühn, Naunynstr. 83. H. Kaufheld, Srangel- straße 52, HI. A. Strangfeld, Lritzcrstr. 24a. U. Stangenberg, Köpnickerslr. 20a, Part, W. Tabert, Martusftr, 14. H. Hlrtch, Mattern str. 3, Sei teuft. HI. A. Gorn, Frankfurter Allee 119. L. Grubert, Fruchtstr. 55. M. Kasbaum, Roßstt. 12. Schttne- berg: Arendt, ChcruZkerstr. 2. Frledennn: C. Danz, Kirch. ftraße 15, Seiten fl. III. Rlxdorf: C. Heinrich. Münchener» ftraße 19. Charlotten barg: E. Schäfer, Schillerstr. 102. ünr noch kurze Zeit! FIotten=Schauspiele KurfOrstendamm 158—156. Straßenbahn-Verbindung: Linien A, A/E, T, V, 91. 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Genosse Schippel schreibt unZ: Sie haben recht, wenn Sie nicht 47 Spalten der Erwiderung von mir erwarten. Ich denke, im wesentlichen nur auf den äußeren Anlaß und Gang des Streites nochmals zu- sammenfassend zurückzukommen. Leider kann ich das auch heute noch nicht erledigen, weil mir einige Zeitungsnummern und Berichte nicht zur Hand sind. Einstweilen bitte ich deshalb um den Abdruck des folgenden: Ich glaubte vorige Woche, in verschiedenen Stellen der„Vor- wärts"-Kritik die Absicht erkennen zu dürfen, mich, entgegen allen meinen eingehenden Darlegungen, als Agrarzöllner, als Preiskonservator usw. hinzustellen. Ich hatte deshalb erklärt. daß ich im 6. Wahlverein eine solche Art des Verhaltens zur Sprache zu bringen beabsichtige. In der gestrigen Nr. 197 des„Vorwärts" (Anm., 1. Spalte) wird jede solche Absicht der„Vorwärts"-Kritik auf das bestimmteste bestritten. Da zeder selber als der beste Interpret seiner Anschauungen zu gelten hat. so scheidet damit natür- lich— wie ich bereits gestern abend im V. Kreis bemerkte— dieser persönliche Zwischenfall aus dem Streite aus.— Der Schluß der Anmerckung des„Vorwärts" beweist allerdings, daß meine Kritiker sich über meine„Grundrenten"-Auffassung noch immer mächtig auf dem Holzwege befindet. Doch das ist sehr gleichgültig. » Was meine vermeintlichen inneren Widersprüche. betreffs Kr Agrarfrage, anbelangt, so ist in der Partei in Dutzenden von Fragen die Stellung eine ganz ähnliche gewesen, sodaß eigentlich kem Wort mehr über Konsequenz oder Inkonsequenz zu verlieren sein sollte. Man kann als Socialist z. B. die Bildung und Ausbreitung der Kartelle und Trusts in gewissem Sinne für eine„Not- wendigkeit", für eine durchaus„normale" Entwicklung halten— innerhalb des bürgerlichen WirtschastZrahmenS. Diese Auffassung ist heute fast schon Norm in der Partei getvorden. Man kann ferner, wenn diese Auffassung mit allerlei klein- bürgerlichen Illusionen und Schreckphantasien bestritten wird, auch als Socialist recht wohl weiter daraus hinweisen, daß die angst- prophezeiten verhörenden Folgen der Kartelle doch wohl U e b c r- t r e i b u n g sein müssen, denn sonst müßte die bürgerliche Gesell- schaft selber, in ihrem' eignen Lebensinteresse, in ganz andrer Weise den Kartellen gegenüberstehen, als sie dies in Wirklichkeit thut— bei genügendem Unverstand kann das dann ein persönlicher Gegner als„Verteidigung" der Kartelle(und vielleicht auch noch der Scharf- macher dazu) denunzieren wollen. Aber auch diese„beschönigende. abstumpfende" Auffassung der Kartelle hören wir in der Partei bereits recht oft. Sie kann natürlich unrichtig sein,«parteiwidrig" ist sie in kemer Weise. Der in Frage kommende Socialist bleibt sich deshalb durch- aus konsequent, wenn er alsdann, vom socialisti- >schen Standpunkte aus. über diese ganze bürgerliche Entwicklung scharf aburteilt und die Anwendung social, st ischer Mittel gegen die(von ihm anerkannten) Unzuträglichkeiten der alten /Ivildgewachsenen Einzelkonkurrenz empfiehlt. Das ist, an einem analogen Beispiel erläutert, das yanze Ge- heimnis meines„agrarischen" Standpunktes und ich bleibe dabei: er ist genau so konsequent, wie wir das sonst bei Parteigenossen zu fordern gewohnt sind. Ich halte den Agrarschutz, wie mancher von uns die Kartelle, in gewissem Sinne für eine Notwendigkeit inner- halb der bürgerlichen Politik deS Kontinents, nachdem seit dem Ende der siebziger Jahre ganz neuartige internationale Kon- kurrcnzverhältniss« entstanden sind. Ich bekämpfe, wie mancher unter uns bei den Kartellen, gewisse Schreckphantasien über diesen bürgerlichen Agrarschutz, da man sonst die Kraft- und Lebens- fähigkeit der agrarischen Strömungen, bei unS und im Ausland von ähnlicher Wirtschastsstruktur, ganz falsch einschätzt. Ich kehre mich dann jedoch, wie jeder von uns bei den Kartellen, gegen die bürgerliche Heilung und Linderung der Agrar- krisis— eben gegen die Agrar z ö l l e— und spreche die Hoffnung aus, daß s o c i a l i st i s ch e Heilmittel zur Anwendung gelangen werden. Von.Widersprüchen" vermag ich da gar nichts zu sehen. Auch von einem„Rückzug" kann gar keine Rede sein, da ich die Frage meiner und unsrer Stellung niemals anders. sondern stets genau so ablehnend wie jetzt, entschieden habe— die bürgerlichen Gründe für Agrarazölle habe ich jedoch in Chemnitz prononzierter denn je hervorgehoben, weil man mir sonst wieder Vertuschung und Hintergedanken vorgeworfen haben würde. Ueber meine Verpflichtung, selber der Partei Vorschläge Su unterbreiten(etwa ähnlich wie Kautsky sein SOV Millionen« trogramm), habe ich in der Chemnitzer„Volts stimme" das Folgende bemerkt, und es scheint mir auch heute noch vollkommen zu genügen: „Folgern darf man aus meinen Darlegungen allerdings, daß für die Partei die Agrarfrage wohl noch nicht als„g e l ö st" zu betrachten ist. Kommt sie, was in keiner Weise eilt, wieder einmal ernstlich zur Erörterung— sowohl hinsichtlich der thatsächlichen Feststellungen über die Lage der Landwirtschaft, wie hinsichtlich der Möglichkeit sociali st ischer Heilmittel gegen etwa anzuerkennende Not- stände— so unterliegt es für mich keinem Zweifel, daß wir vieles besser machen werden wie 189B. Ich selber bin ein lebender Zeuge manches Meinungsumschwungs auf diesem Gebiete, und auch andre haben unterdes mancherlei gelernt. DaS geht uns nun ein- mal allem so, oder doch den meisten von unS— glücklicherweise. „Selber rettende Gegenprogramme gegen den bürgerlichen Agrarschutz auszuhecken, dazu bin ich selbstverständlich nicht der- pflichtet, dazu bin ich ferner sehr wenig veranlagt. Ich huldige in solchen Dingen noch immer dem altväterlichen Grundsatz, daß Programme und programmatische Kundgebungen nur Kol- lektivarbeit, nur das Ergebnis vorangegangener viel- fettiger Aussprachen und Vcrständigungsversuche innerhalb der Partei sein können und sein sollen, daß sie darum zunächst ein, in der Partei allseitig empfundene? Bedürfnis nach einer bestimmten Stellungnahme zur Grundlage haben müssen. Seit dem Jahre 189b habe ich davon nicht? mehr verspürt. DaS wird sicher eines schönen Tage» abermals anders werden. B i S da. h i n jedoch kann unsereiner vernünftigerweise weiter nichts wollen, wie Aufklärung über die maßgebendsten agrarischen Eni- wicklungSerscheinungen mit verbreiten zu helfen, um auf diese Weise spätere Diskussionen zu erleichtern und spätere Vorschläge vorzubereiten. Heute schon mehr zu thun, hieße Eier bebrüten, ehe sie gelegt sind." In einer Fußnote dazu habe ich dann aber doch darauf hin- gewiesen, daß auch ich von dem un» angeborenen Projektcmachen nicht ganz frei geblieben bin. Ich habe seit Jahren verschiedentlich den Gedanken verfolgt, wie man, bei unS, den Boden und die Agrarproduktion von der Grundrente be- freien könne. Denn die Gegenpole der kontinentalen Politik bleiben: entweder(bei Fortbestand der alten Verschuldungs- Verhältnisse) die Produktenpreise halten oder die Landwirtschaft durch„Bodenbefreiung" konkurrenzfähig machen; da ich das erste. die heutige bürgerliche Hilfe ablehne, so ist mir das - w e i t e als Ausweg immer plausibler geworden. Wie ich auch im 3- Berliner Kreise ausführte: in Ländern des Pachtsystem» heißt diese„Bodenbefreiung" Herabsetzung der Pachten durch private Kämpfe und durch staatliches ZwangSein- greifen— bei uns würde sie meine? ErachtenS heißen müssen: Ablösung der Grundschulden. Doch daS sind vorläufig alles ZukunftsspekulationeK. Berlin, 21 August 1904. Max Schippel. Elfte Illhres-Versmmlllug des ssentralverbaudes der OrtsKriulKenKaffen im Dentschev Reiche. München, L2. August. (Zweiter Tag.) Anträge auf Abänderung des Kranken» Versicherungs-Gesetzes. Hierzu liegen verschiedene Anträge vor, die bereits von früheren Generalversammlungen angenommen wurden. Es wird beschlossen, diese Anträge als erledigt zu betrachten und in eine Verhandlung über sie nicht einzutreten. Von den übrigen ist nur der Antrag der Gemeinsamen Orts-Krankenkasse der Stadt Gotha zu§ 29 von allgemeinem Interesse:„Ermächtigung der Kassen, Gelder für vor- beugende Krankenfürsorge verwenden zu dürfen." Der Antrag wird gegen wenige Stimmen angenommen. Sodann erstattet Graf- Frankfurt den erneuten Bericht der paritätischen Kommission zur Prüfung der Gehalts- und An- stellungsverhältnisse der Ortskrankenkassen-Beamten. Die Kom- Mission habe in ihrer gestrigen Sitzung den größten Teil der in der gestrigen Hauptversammlung von einzelnen Rednern gestellten An- träge abgelehnt. Bezüglich der Kündigung hat die Kommission be- schlössen, daß die Kündigung gestattet sein soll, wenn ein Beamter wegen grober Pflichtverletzungen innerhalbk dreier Jahre(Eni- Wurf: ein Jahr) zweimal verwarnt werden mußte. Es sollen die Delegierten durch eine Resolution verpflichtet werden, für die Durchführung der zu fassenden Beschlüsse einzu- treten. In allen wesentlichen Punkten hält die Kommisswn an der ursprünglichen Vorlage fest. In der Debatte protestiert u. a. Schumann- Berlin im Namen der von ihm vertretenen Kassenvorstandschaft dagegen, daß eine zu weit gehendcBesoldung und Sicherstellung der Beamten geschaffen werden soll. ES werde nach der Vorlage den Vorständen schwer gemacht, faule und lässige Be- amtc zu entlassen.(Oho-Rufe.) Ich erkläre, daß wir uns nie und nimmer diesem Beschlüsse fügen. Riem- Dresden bedauert die Ausführungen des Vorredners, der in einer Weise von den Beamten gesprochen habe, die man nicht billigen könne.(Lebh. Bravo I) Nach einzelnen räudigen Schafen könne man nicht die gesamte Beamtenschast beurteilen.(Zu- stimmung.) Poppe- Berlin ist gegen eine lebenslängliche Anstellung der Beamten. Wo diese mit ihrer Vorstandschaft Hand in Hand gehen, so hat letztere ohnehin ein Interesse daran, sich ihre tüchtigen Be- amtcn zu erhalten. Jede Vorstandschaft wird wohl auch bestrebt sein, ihre Beamten so zu bezahlen, wie es sich' gehört. Die Vorlage der Kommission möge abgelehnt werden, da die Delegierten sich über die vorliegende Frage erst mit ihren Mandatgebern der- ständigen müßten. F i s ch e r- Weimar reicht folgende Resolution ein:„Die 11. Jahresversammlung stellt sich grundsätzlich auf den in der Vorlage der Breslauer paritätischen Kommission vertetcnen Standpunkt; sie erkennt jedoch an, daß sie keine zwingende Macht habe, die einzelnen Kassen zur Einführung der in Ziede stehenden Bestimmungen anzuhalten. Doch richtet die 11. Jahresversammlung an alle Ver- bandskassen das dringende Ersuchen, freiwillig die Gehalts- Verhältnisse der Kassenbeamten nach den besprochenen Grundsätzen zu regeln. Die heute hier versammelten Kassenvertretcr erachten es als ihre moralische Pflicht, in dieser Richtung unablässig thätig zu sein." KleeS- Magdeburg verwahrt sich dagegen, daß die Kranken- lassen zu Versorgungsanstalten für die Beamten gemacht werden. Man solle nicht einwenden, daß die Magdeburger Vorgänge nicht maßgebend zur Beurteilung sein könnten. Gerade diese Vorgänge seien ein Beweis, daß die Vorlage der Kommission unannehmbar sei. Bedauerlich sc: es, daß man anscheinend alles Vertrauen zur großen Arbeiterbewegung verloren habe, sonst hätte man nicht solche Anträge gestellt. Auch die Resolution Fischer solle man ablehnen und einfach sagen: Die Vorlage ist für uns unannehmbar. Daß die Beamten anständig bezahlt werden, sei selbstverständlich. Ein Schlußantrag wird abgelehnt. S ch o l e m- Berlin: Die vorgeschlagenen Gehälter seien zu hoch, denn es handle sich doch eigentlich nur um Schreiber. Ich betone, die Gelder der Krankenkassen dürfen nicht als Sturmbock für andre Zwecke verwendet werden.(Unruhe.) Redner spricht sein Bedauern aus, daß sein gestriger Antrag von der Kommission verworfen wurde. Fischer- Weimar weist die Angriffe auf die Beamten zurück, man dürfe sich nicht beständig auf den Standpunkt des Arbeitgebers stellen. Die Beamten hätten keine Angst vor den Vorständen, son- dcrn seien nur geleitet von dem Bestreben, sich ihre Existenz zu sichern. Die Beamten seien eben nicht nur von dem guten Willen der Vorstände abhängig, sondern auch von der Entwicklung der Vor- Hältnisse. Er empfehle die Annahme seiner Resolution. Die Versammlung beschließt, daß neue AbänderungSanträge nicht mehr gestellt werden können. W u tz k y- Rixdorf: Verschiedene Herren haben sich mit ihrem socialpolitischen Verständnis gebrüstet, aber alle haben sie gesagt: Wer nicht pariert, der fliegt hinaus I Mit solchem socialpolitischen Verständnis werden wir nicht weit kommen. Wenn diejenigen, die heute in der Minorität bleiben, nicht für die Durchführung unsrer Beschlüsse sorgen wollen, wie es der Stuttgarter Vertreter au- gekündigt hat, dann haben unsre Beratungen gar keinen Zweck. Die gegen den Vertragsentwurf geltend gemachten Bedenken sind ebenso hinfällig wie die Befürchtungen, die viele Beamte gegenüber den Vor- ständen zeigen. Aber mit Rücksicht auf die Gefahr, daß die Selb st Verwaltung beseitigt wird, müssen die Verhältnisse der Beamten gesichert werden. Redner empfiehlt die Resolution der Kommission; nur dadurch werde bewiesen, daß hier das richtige socialpolitische Verständnis walte. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. In seinem Schlußwort bemerkt der Referent Gräf, es sei ihm unbegreiflich, daß gerade ein Stuttgarter Vertreter gegen den Entwurf gesprochen habe, nachdem doch dort noch bessere Verhältnisse bestehen. Bedauerlich sei eS, daß einzelne Redner so gesprochen haben, wie es ähnlich der selige Stumm that.(Zustimmung.) Die Gehälter seien zu hoch gefunden worden; er erwidere, wenn die Verwaltung gut sei, dann sei auch nicht leicht ein dafür gezahlter Lohn zu hoch.(Sehr richtig!) Mit bloßen Sympathieerklärungcn sei es nicht mehr abgethan, eS müsse jetzt etwas Positives geschaffen werden. Eigentümlich sei eS, daß KleeS- Magdeburg als Kommissionsmitglied heute gegen die Kommission aufgetreten sei. Wenn er gesagt habe, man solle es doch den Kassen überlassen, welche Löhne sie zahlen wollen, so höre man dasselbe auch beständig von den Unternehmern. Die Versammlung schreitet zur Abstimmung. ES wird vorher angeregt, daß die anwesenden Kassenbcamten freiwillig auf die Be- teiligung an der Abstimmung verzichten mögen; doch wird betont, daß eine Verpflichtung dazu nicht vorliege. Der Entwurf der Kommission wird mit großer Majorität angenommen.(Beifall.) Ferner wird folgende Resolution(Antrag Ricm-DreSden, er- gänzt durch die Kommission) gegen eine Stimme angenommen: „Die Jahresversammlung erkennt die Notwendigkeit und moralische Verpflichtung der Kassen an, die Pension?- und Relikten- fürsorge für ihre Beamten einzuführen. Die Jahresversammlung überweist im übrigen den in der Resolution der Breslauer Kom- Mission enthaltenen Vorschlag über die Art der Regelung der Pen- sionsfrage an die Ortskrankenkassen zur Prüfung." Mit allen gegen 5 Stimmen wird folgende von der Kommission vorgelegte Resolution angcnomnicn: „Nachdem die Jahresversammlung dem von der Kommission vörgelegten Entwurf zugestimmt hat, erklärt sie es für die moralische Pflicht der Ortskrankenkassen, die Regelung der Gehalts- und An- stellungsverhältnisse nach Maßgabe des beschlossenen Vertragsent- Wurfes u. a. in die Wege zu leiten. Die anwesenden Delegierten der Ortskrankenkassen verpflichten sich, für Anerkennung und Durch- führung dieses Beschlusses innerhalb ihrer Kreise zu wirken.— Des weiteren beschließt die Jahresversammlung das Fort- bestehen der in Breslau gewählten Kommission zum Zwecke der Vor- bereitung von Bestimmungen über die Schaffung eines tariflichen Centralamts bezw. von BezirkS-Schicdsgerichten, die in der 12. Jahresversammlung zur Beratung und Beschlußfassung zu bringen sind.— Die Kommission hat die weitere Aufgabe, bis dahin neben den Delegierten für die Anerkennung und Durchführung der Beschlüsse der Münchener Jahresversammlung zu wirken." Besprechung von Maßnahmen zur Verhütung von Krankheiten. In der letzten Jahresversammlung in Breslau hat Prof. Dr. Reißer einen Vortrag gehalten und dabei u. a. folgende These aufgestellt:„Die Einführung einer regelmäßigen, jährlich 1— 2mal stattfindenden Untersuchung aller Kassenmitglieder ist anzustreben, weil eine solche nicht nur zur Aufdeckung beginnender Herz-, Lungen-, Nierenleiden Zuckerkrankheiten usw., sondern auch zur Erkennung sehr vieler den Kranken ganz unbekannter oder von ihnen falsch gedeuteter geschlechtlicher Erkrankungen führen wird. Die Kassen- ärzte können ferner verpflichtet werden, jeden sich ihnen vorstellenden Kranken in geeigneter Form nach vorhandenen oder überstandenen Geschlechtskrankheiten zu fragen und für notwendige Behandlung zu sorgen." Die Breslauer Jahresversammlung hat beschlossen, diese beachtenswerte These zum Gegenstand eines besonderen Referats zu machen und mit dessen Erstattung Gräf- Frankfurt zu beauftragen. Gräf führt aus, die Vorschläge Reißers seien zur Zeit un- durchführbar. Die Kassen haben kein Recht, einen Zwang auszu- üben; es würde nicht nur eine kolossale Belastung der Kassen, sondern auch durch die bloße Thatsache der Untersuchung eine große Be- unruhigung der Mitglieder entstehen. Der Referent schlägt vor, über diese These zur Tagesordnung überzugehen. Die Versammlung beschließt so. Weiter steht zur Beratung folgender Antrag der Central- kommission der Krankenkassen Berlins und der Vororte: a) Krankenversicherungs-Gesetz und Unfallvcrsicherungs-Gesetz. Die 11. Jahresversammung des Centralverbandes von OrtS- Krankenkassen im Deutschen Reiche beschließt, die Regierung zu er- suchen, dem Reichstage baldigst eine Vorlage zu unterbreiten, welche die betreffenden Bestimmungen der beiden Gesetze derart in Einklang bringt, daß das Krankenversicherungs-Gesetz den Vorschriften des Gewcrbe-UnfallversicherungS-Gesetzes klar angepatzt wird, so daß künftighin Zweifel und Nachteile für die Versicherten und eine schwankende Rechtsprechung beseitigt werden. Eine dementsprechendc Petition ist seitens der geschäftsführenden Kasse unverzüglich an die Reichsregierung einzureichen. b) Vereinheitlichung der Arbeiterversichcrung. Der Centralverband der OrtS-Krankenkassen im Deutschen Reiche hat Kenntnis genommen von den Leitsätzen des Vorsitzenden der Landes-VersichcrungSanstalt Berlin, Herrn Dr. Freund, bezüglich der Vereinheitlichung der Arbeiterversicherung, wonach die Kranken- lassen den Landes-Versicherungsanstalten angegliedert werden sollen. Der Verband sieht in der Verwirklichung eines derartigen Pro- jekts die vollständige Beseitigung deS SelbstverwaltungsrechtS der Versicherten und der Arbeitgeber und protestiert gegen solche Pläne schon heute. Der Centralverband erwartet von Regierung und Reichstag, daß daS Kranten-Versichcrungsgesetz so ausgebaut wird, lvie es den wahren Interessen der Versicherten entspricht. Bei- beHaltung resp. Ausgestaltung des SelbstverwaltungsrechtS ist hie- für die erste notwendige Voraussetzung. Sofern die Nachricht zutreffend ist, daß die Regierung mit einer erneuten Durchprüfung des socialen Versicherungswesens beschäftigt ist, giebt der Verband der Erwartung Ausdruck, daß die Regierung eine Enquete anordnet, um zur Klärung strittiger Fragen Material von allen Seiten zu gewinnen und daß demgemäß die beteiligten Kreise zur Teilnahme an der Enquete geladen werden. Der Verband wählt eine Kommission von neun Mitgliedern, drei Arbeitgebern und sechs Versicherten, welche beauftragt wird, eine Gegenvorlage auszuarbeiten und diese der Regierung und dem Reichstage zu unterbreiten. Der Antrag o wird von Simanowöki- Berlin und b von S h d o w- Berlin ausführlich begründet. In der Diskussion, die sich durchaus im zustimmenden Sinne bewegt, schlägt Riem- Dresden vor, mit Rücksicht auf die Kosten nicht eine besondere Kommission, sondern die geschäftsführende Kasse mit der Ausarbeitung einer Gesetzesvorlage zu beauftragen. Dieser Vorschlag wird mit 124 gegen 75 Stimmen angenommen, im übrigen loird der Antrag a und b ein st immig zum Be- schluß erhoben. Zur Beratung steht weiter ein Antrag auf Abänderung des § 35 des JnvalidenversicherungS-Gesctzes(Antragstellerin: Orts- krmikenkasse Gotha);«S wird beantragt, der Reichszufchutz von 50 M. fei auf 75 M. z u erhöhen. In der Debatte wird eingewendet, daß eine derartige Er- höhung zu geringfügig sei, man solle wenigsten» eine Erhöhung der gesamten Rente um 50 Prog. beantragen. Fischer- Weimar beantragt, den Antrag der geschäftSführen- den Kasse zur weiteren Ausarbeitung zu überlassen. Der Antrag Fischer wird angenommen. Anträge zur Abänderung deS Gewerde-UnfallversicherungS-GesetzeS. Zu Z 10 beantragt die Ortskasse Gotha den Wegfall der Be- stimmung. wonach der 1509 M. übersteigende Betrag nur mit einem Drittel zur Anrechnung(bei Berechnung des Jahresarbeits- Verdienstes) in Anrechnung kommt. Die Ortskrankenkasse B. in Beuthen O.-Schl. stellt einen Antrag auf gleichmäßige Entschädigung der Ortskrankenkassen aus Anlaß des§ 151 des Jnvalidenversicherungs-Gesetzcs. N i tz s ch e- Beuthen begründet den Antrag und fordert, daß allen Kassen 6 Prozent gewährt werden sollen. H a u s ch i l d- Chemnitz wendet dagegen ein, daß die Ent- scheidung nicht für alle Kassen gleichmäßig sein könne, da eine Kasse in einem Bezirk mit niederen Löhnen mit 190 909 M. genau so viel Arbeit haben könne, wie eine Kasse mit dem Einzug von 399 999 M. in einem Bezirk, wo hohe Löhne gezahlt werden. Den Kassen seien nach Lpge der Verhältnisse Entschädigungen zu zahlen, mit denen sie auskommen können. Der Antrag wird abgelehnt. Der Verband der Ortskrankenkassen Thüringens beantragt, der Centralverband wolle beschließen:») Erhebungen zu veranstalten über den Umfang der durch Bleiweitzvergiftung herbeigeführten Er- krankungen; b) die Reichsregicrung zu ersuchen, über ein Verbot der Bleiweißfabrikation und die Verwendung von Bleiweiß zu ge- werblichen Zwecken dem Reichstag baldigst einen Gesetzentwurf vorzu- legen. Ziffer a dieses Antrages wird angenommen, über Ziffer d wird zur Tagesordnung übergegangen, da bereits die Ausarbeimng eines Gesetzentwurfes in die Wege geleitet ist. Die Ortökasse Königsberg stellt diesen Antrag:„Die OrtS- krankenkassen werden verpflichtet, Material darüber zu sammeln, für wie viel Mitglieder 1. exklusive, 2. inklusive Familienbehandlung in der Praxis sich«in Arzt als ausreichend erwiesen hat. und dieses Material der geschaftsführenden Kasse zloccks Veröffentlichung in den PublikationSorgancn des Verbandes zuzusenden. B r a u n- Königsberg: Mit Rücksicht darauf, daß der eigent- lich zum Schutze der Mitglieder erlassene, jetzt aber von den Aerzten ausgenützte 8 SOz des Krankenversicherungs-Gesetzes keine Be- stinunungen darüber enthalte, welche Anforderungen d-ie Aufsichts- vehordm an die Kassen stellen dürfen, sind solche Untersuchungen nötig, um entsprechende Verpflichtungen der Behörden bei Anwendung des Gesetzes festzulegen In Leipzig sei ein Arzt auf 2000 Mit glieder ohne Familienbehandlung nicht ausreichend gewesen an andern Orten habe man gesehen, daß ein Arzt im stände Ivar, für 2000 Mitglieder m i t Familienbehandlung zu sorgen. Es müsse den Aufsichtsbehörden ein Material vorgelegt werden, das sie in Zukunft nicht einfach ignorieren können. Der Antrag wird mit großer Majorität angenommen, ebenso folgender Antrag der Ortskrankenkasse für die Gewerbebetriebe der Äaufleute usw. zu Berlin: Die Jahresversaimnlung wolle beschließen: a) alle deutschen Krankenkassen zum Erlaß von Krankheits-Verhiitungsvorschriften auf- Zufordern, b) bei der Reichsregierung vorstellig zu werden, damit bei einer Umänderung des Krankenkasscnversicherungs-Gcsetzes den Krankenkassen das Recht der Kontrolle derjenigen Betriebe eingeräumt wird, welche nicht der Aufsicht der Gewerbeinspektoren unterstellt sind, um die Durchführung der hygienischen Vorschriften zu ermög- lichen. Endlich stimmt die Versammlung folgendem Antrag der Orts- krankenkasse Görlitz zu:„Tie Landesversicherungsanstalten sind ver- pflichtet, ihre Fürsorge auch auf Zahnkranke auszudehnen und mindestens zwei Drittel der Kosten zu übernehmen." Der Vorsitzende gicbt bekannt, daß 250 Delegierte an- Wesend sind, die 167 Kassen mit 2 485 773 Mitgliedern vertreten. Riem- Dresden teilt namens der geschäftsführcnden Kasse mit, daß der Verein Arbeiter heim in Karlsbad das Er- suchen an die Krankenkassenvertreter richten läßt, dessen Einrichtung, die kranken Arbeitern den Genuß der dortigen Bäder ermöglichen soll, zu unterstützen. Der Herausgeber der„K omm unalen Praxis" hat die Absicht, sich in seiner Zeitschrift mit dem Ver- hältnis der Gemeindepolitik zum Krankenverstcherungs-Gesetz zu be- fassen und bittet er dabei um die Unterstützung durch die Kranken- lassen. Redner empfiehlt die Berücksichtigung der beiden Wünsche. Als Ort der nächste» Jahresversammlung wird Gotha gewählt. Damit ist die Tagesordnung der Jahresversammlung erledigt Berichtigung. Simanowski und Bauer- Berlin nahmen an der Versammlung als Vertreter der Centrale für das deutsche Krankenkassenwesen(nicht der Central- lrankenkassen) teil. öerlmer partei-�ZngdegenKeiteii. Eine Volksversammlung, in der der Zeuge im Königs- berger Prozeß, Genosse B u ch h o I z, über diesen Prozeß einen Vortrag halten wird, findet am Dienstag nächster Woche, abends 8>/�UHr, in Bcyler« Gcsellschaftshans, Köpenicker Landstr. 20, statt. ES ist wohl anzunehmen, daß diese Versammlung zahlreich besucht wird. Eine Flugblatt- Verbreitung erfolgt Sonntag früh 8 Uhr von Schmidt, Kirchhofstr. 22 und Staffelt, Baumschulenstraße aus. Zahlreiche Beteiligung ist geboten. Rixdorf. Die Wählerlisten für die Stadtverordneten-Wahlen liegen nur noch bis zum 30. August und zwar wochentags von 8 bis 8 Uhr und Sonntags von 8—10 Uhr vonnittags im Rathause, Eingang Erkstr. 29, 1 Treppe. Zimmer Nr. 11 öffentlich aus. Niemand versäume, sich zu überzeugen, daß sein Name in der Wählerliste verzeichnet steht. Einwendungen gegen die Richtigkeit der Liste müssen spätestens am 3V. August schriftlich oder mündlich beim Magistrat erhoben sein. Diejenigen Genossen, welche keine Zeit haben, die Wählerlisten selbst einzusehen, werden ersucht, ihre Adressen in den bekannten Zahlstellen des Wahlvereins oder bei ihren Bezirksführern bis spätestens Sonnabend, den 27. August, abzugeben. Die Sammelliste zum Parteitag Nr. 10 323 mit dem Stempel des Wahlkreises Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg ist ver- loren gegangen. Gezeichnet ist nichts auf der Liste. Der Finder wird gebeten, sie bei Stieler, Rixdorf, Prinz Handjerystr. 44/45, abzugeben._ Lokales. Der Stralancr Fischzng ist gestern wieder mit Klimbim begangen worden. Den besten Fischzug machen dabei offenbar die Wirte, die seit Sonntag Vorfeiern veranstaltet habe» und bis zum nächsten Sonntag noch Nachfeiern ins Wer! setzen. Es wurde gestern wie üblich geflaggt und vom Restaurant Lindenpark aus setzten sich vormittags 9 Uhr zwei reich- geschmückte Dampfer in Bewegung, denen der Zug der Fischerflotte nachfolgte. Auf den Dampfern befanden sich die Gemeindevertretung des Ortes Stralau sowie die geladenen Gäste. In vielen Kähnen und Prähmen folgten die Fischereiberechtigten des Ortes, um die riesigen Netze auszuwerfen. Seit uralten Zeiten haben schon die Familien Tübbecke, Lehmann, Gutsholz, Kracht und andre das Privilegium, die Netze zu liefern. An zivei Stellen, in Stralau und Treptow. werden die Netze herausgezogen und der Fischertrag in die Boote geworfen. Mittags folgte in allen größeren Lokalen des OrteS das traditionelle Fischessen und am Nachmittag der übliche Trubel. Den» Stralaner Fischzug ist schon seit langer Zeit der Tod prophezeit worden, aber alle Jahre stellt sich von neuem heraus, daß er nicht tot zu kriegen ist. Nach einer Mitteilung ist er 1574 zuerst gefeiert worden, nach einer andern ist er schon 540 Jahre alt. Ja, die bekannten ältesten Leute wollen sich noch daraus besinnen, daß der Festtag aus der alten Wenden- und Heidcnzeit herstamme. Wie dem auch sei, feststeht, daß den Stralaner Fischern im Jahre 1690 ihr Recht auf große Fischzüge durch kurfürstliches Privileg be- stätigt wurde. Elf alte Fischersamilien stützen sich auf dieses Recht. DaS Aussehen eines Berliner Volksfestes scheint der 24. August jedoch erst im 18. Jahrhundert erhalten zu haben. Im Jahre 1780 schrieb Prinz Ferdinand von Preußen, der damals in Friedrichs- felde residierte, an den Berliner Magistrat, daß er mit seiner Ge- mahlin und Personen vom Hose am Fischzuge teil- nehmen ivolle, und diese Meldung lockte viele Neugierige hinaus. Der Magistrat sandte zur Anfrechterhaltung der Ordnung Stadtdiener nach Stralau! Schankwirte und Küchenfrauen stellten sich ein, und so kam es bald zu dem Jahrmarktstreiben mit Feuer- fressern, Karussels und Kasperle-Thcater. Allerdings fanden sich auch bald Kritiker des Stralauer Fisch- zuges ein. Im Jahre 1797 schrieb ein Franzose Mercier ein Buch„Neuestes Gemälde von Berlin", das in deutscher Nebersetzung bei Peter Hamme in Köln erschien. Darin wird das Berliner Volks- fest folgendermaßen beschrieben: Nnglücklicheriveise sind die Volks- feste in Deuffchland so selten geworden als Frohsinn und Gemein- geist. In Berlin läßt ficki ihre Seltenheit noch eher entschuldiAn, weil Klima und Terrain nicht sonderlich dazu einladen. Das arme Vieh kann auf den S a n d w ü st e Ii oft mit aller Anstrengung kaum durchkomme»! ein Sirocco lähmt die Glieder bei Tage und des Abends macht ein kalter Nordwind mutlos. Wolken von Sand bedecken die Leichenzüge wie die Züge froher Gesellschaften, und die Unbeständigkeit der Witterung verdirbt oder vereitelt alle Pläne der Lustpartien. Dieses ist gewöhnlich auch das Los des 24. August, der wegen des sogenannten Stralauer Fischzuges bei den Berlinern so berühmt ist. Das Dorf Stralau liegt eine halbe Meile von der Hauptstadt an der Spree, nach Sonnenaufgang! da es aber nur eine einzige Straße enthält, so versammeln sicki die Menschen an diesem Tage an beiden Ufern entlang. Alle Schiffe und Gondeln der Stadt werden mit Weib und Kindern, alles bunt durcheinander, beladen, malerische Gruppen lagern sich in dem schon sterbenden Grün oder suchen das Dunkel der Gebüsche vor dem brennenden Sande! alle Gärten und einzelnen Lnsthäuser wimmeln von Menschen. Die Mietspfcrde haben einen ihrer beschwerlichsten Tage; junge Refcrendaricn und Kaufmannsdiener, welch' letztere unter dem Namen der„Ellen- r e i t e r" zum Teil bekannt sind, lassen die Zügel auf Leben und Tod schießen. Die Fische der Spree verbergen sich vor dein be- täubenden Geräusch m ihrem tiefsten Abgrund, und wenn die Wirtsleute nicht die Nacht vorher welche aus der Stadt holten (die sie dann für frisch gefangen auftischen), so würde es an diesem Gericht gänzlich mangeln. Da dieses Volksfest gerade vor dein Sonntage Petri Fischzug begangen wird, so ist es wahr- scheinlich durch die Kirchengeichichte veranlaßt. Es wird auch nach Petri Beispiel eine Zeitlang gefischt und — nichts gefangen. Gleich nach 6 Uhr früh geschieht der erste feier- liche Zug von den Fischern des Dorfes für den Magistrat von Berlin! der zweite Zug gilt dem Prediger des Ortes, der dritte und letzte Zug gelingt, wie billig, am besten, denn er ist für— die Gemeinde des Dorfes. Und nun wird geschmaust, getanzt und getrunken bis zum Aufgang der Sonne, diesseits und jenseits des Ufers in allen Schänken." Wie die Zeit, so hat sich seitdem auch der Stralauer Fischzng geändert. Es gehört viel Phantasie dazu, ihn heute noch zu einem Volksfest zu stempeln._ Der Botanische Garten in Berlin hat seit zehn Jahren die Oeffentlichkeit beschäftigt und noch immer ist_ nicht abzusehen, was aus dem schönen, mit alten kostbaren Bäumen bestandenen, von aller Welt hoch geschätzten Park werden wird. Die Dinge liegen zur Zeit so, daß der Fiskus den größten T e i l de? an vier Straßen liegenden Gartens der Bebauung er- schließen und de» übrig bleibenden kleinen Teil gegen einen kolossalen Preis der Stadt Berlin verkaufen möchte und zwar unter Bedingungen, die Befremden erregen müssen. Der Garten dient� heute Tausenden zur Erholung. Dies soll aufhören. soll ein kleiner offener Platz geschaffen werde« und für diese Verschlechterung des jetzigen Zustandcs soll die Stadt Berlin ganz unverhältnismäßig große Opfer bringen. Sie lehnt es aber ab, wie ans einem Bericht hervorgeht, den der Magistrat vor einiger Zeit auf mehrere Erlasse des Kultus- Ministeriums zc. dem Kultusminister übersandt hat. Dem Bericht entnehmen wir folgendes:„Der Magistrat müßte mit der Stadt- verordneten-Versammlung wegen der evcnt. große Geldmittel erheischenden Angelegenheit in Verbindung trete»! es ist auf deren Wunsch eine geinischte Deputation eingesetzt worden. Auf die Gemeinde Schönsberg mußte Rücksicht genommen werden, die be- sonders in dem Fall interessiert erscheint, daß das Hufeisen-Projekt nicht ausgeführt wird, vielmehr auf der Seite nach Schöneberg unbebaut bleibt. Dazu kommen die zahlreiches Vorschläge, die von der Presse, den Interessenten ic. zc. gemacht wurden. Ferner waren die wiederholten Erörterungen im Landtage zu berücksichtigen. Nachdem aber der Finanzminister in der Sitzung des Hauses der Abgeordneten erklärt hat:„Der Stadt Berlin i st folgendes) Anerbieten gemacht worden: Es sollte ein großer(!) Teil des botanischen Gartens— 20 Morgen groß, etwa viermal so groß wie der Dönhoffplatz— der Stadt Berlin überlassen werden. Es war auf Grund von Sachverständigcn-Gutachten der dafür aus- geworfene Preis von zwei Millionen Mark gefordert worden", glaubt der Magistrat mit einer ausdrücklichen Erklärung nicht mehr zurückhalten zu dürfen, da diese Aeußerung einer Ergänzung bedarf, weil sie die in dem Angebot des Staates vom 19. Mai 1896 der Stadt gegenüber erhobenen Anforderungen nicht erschöpfend wieder- giebt. Es ist zu bemerken: Zu den bar zu entrichtenden zwei Millionen Mark treten für die in der Mitte des Hufeisens liegenden etwa 48 000 Ouadratnieter betragenden, zum Park bestimmten und hinsichtlich der Bebaubarkeit dauernd beschränkten Flächen noch die sehr bedeutenden Kosten der Straßen- regulierungen einschließlich der Pflasterung und Entwässerung hinzu, wofür m i n d e st e n S eine halbe Million Mark aufzuwenden lein würde. Die Stadtgemeinde soll sodann weiterhin auf ihr Er- tattungs recht auch hinsichtlich der den Garten umgebenden vier Straßen Verzicht leiste», was wiederum einen Verlust von über 300 000 M. bedeutet. In dem ursprünglichen Voranschlage für die Entwässerung der Potsdamer Vorstadt ist sodann selbstverständlich nicht an die Bebauung des Gartens gedacht worden und es wird deshalb der hierdurch entstehende Zuwachs an Abwässern eine sehr erhebliche Kosten verursachende Erweiterung des betreffenden Radial- hstems»otlvcndig machen. Ferner wird die recht wertvolle t ä d t i s ch e Baumaske von ca. 279 Quadratmeter an der PallaS- trnße. ohne deren Erwerb ein Teil der fiskalischen Baustellen un- bebanbar bleiben würden, von der Stadt ohne Entgelt beansprucht. Endlich wird von der Stadt verlangt, daß sie diejenigen Besitzer von Schöneberg, denen zur Vergrößerung des Botanischen Gartens Landflächen im Entcignungsverfahren entzogen worden ind. zum Verzicht auf die Ausübung ihres Vorlaufs- rechts bestimmt. Was diese? Recht anbelangt, so häll der Magistrat das HinschiuSsche Gutachten, wonach dies Recht deshalb wirkungslos sein soll, weil die enteigneten Flächen Zubehör der bäuerlichen Wirtschaften gewesen wären, für juristisch unhaltbar, tritt vielmehr dem entgegengesetzten Gutachten des Prof. Dernburg bei, der die fraglichen Flächen, ehemalige Wiesen der Schöneberger Bauern, als Substanzteile der betreffenden Güter und deshalb das Vorkaufsrecht als zu Recht bestehend ansieht. Besonders wird vom Magistrat hervorgehoben, daß er die Ablösung des Vorkaufsrechts schlechthin, also auch für die Teile übcrnehinen soll, die im Eigentum des Fiskus verbleibend, von diesem als Baustellen verwendet werden sollen. Anscheinend ist der hier in Frage stehende fiskalische Anteil sogar bedeutend größer als das Land- tiiet, das die Stadtgemeinde erhalten würde. Die Summen, die zur Er- langung dieses Zieles aufgewendet werden müssen, sind kaum zu schätzen. Aus dem Angeführten ergiebt sich, daß von der Stadtgemeinde nicht nur zlvei Millionen Mark, sondern erheblich höhere, zum Teil kaum erfüllbare und ihrer Höhe nach zur Zeit unschätzbare Leistungen geforderr werden. Der Magistrat hält es nun nickit für billig, daß der Fiskus in dem Augenblick, wo er der städtischen Bevölkerung ein ihr seit Jahrhunderten zur Erholung überlassenes weites Park- terrain lediglich aus finanziellen Rücksichten entzieht, der Stadt- gemeinde für die Ueberlassung verhältnismäßig geringen Teils dieses Terrains so erhebliche Opfer auferlegt und muß daher der Magistrat die Vorschläge ablehnen. Dabei war für den Magistrat mitbestimmend, daß in dem projektierten und von Hänserfronten umgebenen Platz kein ausreichender Ersatz für den bis- herigcn schönen Park zu finden ist." Tie Gemiisetcuernng. Tie bereits angekündigten PreiSstcige- rungen für Gemüse nehmen einen Umfang an, der sich für unsre Hausfrauen schon jetzt schwer fühlbar macht und für die ärmere Be- völkernng ganz besonders empfindlich wird/ So geben viele Grün- Warenhändler schon jetzt nicht unter zehn Pfennige Suppcngrünes ab und verabfolgen hierfür eine geringere Quantität als früher für '»nf Pfennige. Wirsing-Kohl ist gegenwärtig noch einmal so teuer als sonst zu dieser Jahreszeit, während Blumenkohl nur als eine kostspielige Delikatesse betrachtet werden kann. Die hiesige Ernte ist vollständig verdorben, die Köpfe sind gelb und die Strähnen spalten weit auseinander. ES wird infolgedessen nur ausländischer Blumen- kohl verkauft. Achnlich liegen die Verhältnisse mit den übrigen Kohl- arten. Tie Mohrrübcn-Ernte ist so knapp, daß nur der laufende Bedarf gedeckt werden kann, die Anlegung der Winterlager aber voll- ständig ausgeschlossen ist. Auch die Ernte der Gewürzkräuter fällt außerordentlich ungünstig aus, und selbst die im Hausbedarf so dringend nötige Petersilie ist derartig verteuert, daß in manchem kleinen Hans- halt darauf verzichtet werden muß. Da auch die Kartoffelpreise ständig steigen, und eine Vcrbilligung dieses notwendigen Lebens- mittels nach dem Stande der Spätkartosfeln nicht zu erwarten ist, wird von Interessenten die Einführung eines Nottariss im> Güter- verkehr für Landesprodickie erforderlich gehalten. Im Auslände, wie auch in einzelnen Strichen Deutschlands sind die Ernten in diesem Jahre so außerrodentlich günstig, daß durch Herabsetzung der Frachtarife die bevorstehende Notlage einigermaßen gemildert werden iönnte. Während Gurken in fast ganz Norddeutschland beinahe über- Haupt nicht zu haben sind und im Detailverkauf das Bierfache deS onstigen Wertes kosten, ist die Ernte in Holland und im westlichen Rhcinlande besonders günstig ausgefallen. Einmachegurken, die hier pro Schock 2 M. kosten, werden in den oben genannten Gebieten mit zg— 75 Pf. pro Hundert verkauft. In den Bruchgegenden sowie in Frankreich ist die Kartoffelernte so vorzüglich ausgefallen wie seit Fahrzehnten nicht, lind Italien hat eine Unmasse Blumenkohl ge- Wonnen. Durch Einfiihrung eines Notstandstarifes au fder Bahn sowie durch Herabsetzung der Zölle könnte demnach der immer weiter um sich greifenden Teuerung einigermaßen entgegengetreten werden. Der plötzliche Tod des Rechtsanwalts und Notars Dr. H. v. Holtzcndorff erregt Auffehen. Herr v. Holtzcndorff, der in der Charlottenstr. 55 sein Bureau hatte, ging am Dienstagirachmittag nach Tegel und kehrte um 6 Uhr im dortigen Restaurant von Corla, zum„Waldkater" ein. Hier bestellte er sich zunächst ein Essen und ersuchte dann die Wirtin, ihm einen Wagen zu besorgen. Als die Frau mit dem Bescheid zurückkehrte, daß ein Fuhrwerk nicht auf- zufindeu sei, blieb er im Lokal und schrieb verschiedene Briefe, von denen einer an Rcchtsanlvalt Th. Liebknecht gerichtet war. Gegen elf Uhr wollte die Wirtin das Lokal schließen_ und deswegen dem Gast, der nach ihrer Meinung eingeschlafen war, bedeuten, daß er sich auf den Weg machen müsse. � Bei dem Versuch, den Herrn zu wecken, stellte sich jedoch heraus, daß Frau Corla eine Leiche vor sich hatte. Man fand bei dem Tote» eine Schachtel mit neun Pulver»! den Inhalt mehrerer andrer Päckchen hatte Herr v. Holtzcndorff zu sich genommen. Ob Selbstmord vorliegt oder ob der Rechtsanwalt ein Opfer der Morphiumsucht geworden ist, steht dahin. Wie berichtet wird, befand sich v. Holtzendorff in guten Familienverhältnissen und auch geschäftlich soll keine Ursache zu Mißhclligkeiten vorgelegen haben. Er war seit 13 Jahren verheiratet und lebte in kinderloser Ehe. Allerdings wird gemeldet, daß v. Holtzendorff schon seit Jahren leidend war, derart, daß er sich einredete, nicht mehr lange leben zu können. Dienstagmittag hatte er noch mit seiner Frau das Essen eingenomnien, war auch im Bureau thätig, und nichts deutete darauf hin, daß er sich mit dem Entschluß trug, aus dem Leben zu scheiden. Als der Anwalt bis zun: Abend nicht zurückgekehrt war, suchte ihn sein Bureauvorsteher, der schon acht Jahre im Hause thätig ist, bis nach �Mitternacht. Gestern morgen erst gelangte die Nachricht von dem Tode in das Bureau. Man war dort von der Thal um so mehr erschüttert, als das ganze Wesen des Verschiedenen gar nicht dazu angethan war, um der Vermutung Raum zu geben, daß er einen Selbstmord begehen könne. Vom Gericht ist bereits zur Abwicklung der Geschäfte eiir Pfleger bestellt worden. Herr v. Holtzendorff stand im 47. Lebens- jähre. Er ist ein Sohn des berühmten Münchcner Strafrechtslehrers. Abermals ist eine der bekannten zweifelhaften Krankenkassen verkracht. Ter Polizei-Präsident giebt bekannt, daß nach einer Mitteilung des Polizei-Präsidiums zu Hannover die e i n g e- schriebene Hilfskasse„Thalia", Krankenkasse für ganz Deutschland zu Hannover, sich durch Beschluß der Generalver- sammlung vom 24. April 1904 aufgelöst hat. Mit der Abwicklung der Kassengeschäfte ist der bisherige Vorstand betraut worden, dessen Geschäftszimmer sich Hannover, Jfflandstratze 21, befindet. Schwindel mit Prämienlosen. Das Polizeipräsidium teilt mit: Berlin, den 24. August 1904. In neuerer Zeit entfalten die aus- ländischen(besonders Amsterdamer und Kopenhagener) Serien- und Prämienlos-Banken wieder in Deutschland eine rege Thättgkeit und machen, trotz wiederholter amtlicher und außer- amtlicher Warnungen in der Presse, scheinbar wieder recht gute Geschäfte. Es sei deshalb erneut darauf hingewiesen, daß die Teil- nähme an den von jenen Bankinstttuten gebildeten Sericnlos- Gesellschaften nicht allein äußer st geringe Gewinn- ch a n c e n bietet, sondern auch die Veranstaltungen selbst die Straf- bestimmungen des 8 7 des Rcichsgesetzes vom 16. Mai 1894 betr. die Abzahlungsgeschäfte verletzen. Es ist außerdem schon vor- gekommen, daß solche Bankinstitute die Scrienlose, auf welche sie Anteilscheine ausgaben, gar nicht in ihrem Besitze hatten, und sich weigerten, die Gewinnanteile auszuzahlen. Aus diesen Gründen kann nicht dringend genug vor der Teilnahme an solchen Sericnlos- Gesellschaften gewarnt werden. Für ein gegen den Berliner Ver- ertter Domnick der Nordisk Kommercebank in Kopenhagen beim Berliner Polizeipräsidium anhängiges Ermittelungsverfahren (wegen Beihilfe zum verbotenen abzahlungsmäßigcn Verkaufe von Prämienlosen) ist es ferner von Wichtigkeit, daß diejenigen Personen, welche dem von der Bank gebildeten Prämicnlos-Verein beigetreten sind, sich bei der Berliner Kriminalpolizei zu den Akten 6082 IV. 3. 04 als Zeugen melden. Ter korrekte Qrthograph. Der kluge Hans wird immer fürchterlicher. Jetzt meldet inan von ihm: Ein Offizier, Herr v. Plühkow, trat mit seinen Zweifeln vor und wollte das Tier seinerseits befragen; er wählte auch sehr mit Recht ein ganz ein- faches Beispiel und wollte nur jede Spur einer Hilfe vermieden wissen.„Wieviel ist zwei und zwei?" Das Pferd scharrte sechs, sieben... Man unterbrach es; der Versuch war mißglückt. Und mir ebendemselben Herrn, der dadurch die Rolle des Entlarvers, wenn auch unwillkürlich, gespielt hat, ist den Lehrjneistcrn des klugen Hans etwas sehr Unkluges passiert— damit müßte die ganze Sache von Rechts wegen schon erledigt sein. Es ist folgendes: Man stellt dem Tiere Herrn v. Plüßkow durch Namensnennung vor; man spricht dabei selbstverständlich, und wie jedermann aus- drücklich hören konnte, Plüskow. Nach einer halben Stunde, die mit den andern Fragen ausgefüllt war, soll das Pferd beim Anblick des Herrn angeblich den Namen noch wissen und buchstabieren können I Eine Tabelle wird gebracht, auf der jeder Buchstabe in einer numerierten Reihe einen entsprechend numerierten Platz hat. Und nun beginnt das Fragen nach den einzelnen Buchstaben des vor einer halben Stunde ausgesprochenen Namens. P, l, ü(nicht i)— man nimmt das richtige Klopfen anfangs erstaunt hin. Es kommt zum S-Laut, und das Tier giebt richtig das ß an. Es kommt zum O, und das Tier hängt richtig auch noch das W an. Es hat die preußischen Adelsnamen orthographisch im Kopfe.... Mehr kann ein Gaul in der Saurengurkenzeit nicht gut leisten. Ein Einjahrig-Freiwilliger vermißt. Der stuck, phil. und Einjährig-Freiwillige im 2. Garde-Regiment, Gustav Wilhelm Weber, geboren am 6. Juli 1832 zu M.-Gladbach, hat am 30. April 1904 seine Wohnung verlassen, angeblich, um eine Vergnügungstour in den Sprecwald zu machen, und wird seitdem vermißt. Ter Vermißte ist 1,68 Meter groß und von untersetzter Gestalt. hat volles Gesicht und breite Stirn, dunkelbraune Haare, die mili- tärisch mittelkurz geschnitten ivarcn, kleinen dunkelbraunen Schnurr- bart, auffallend starke, dunkelbraune Augenbrauen, grünlich-graue Augen, stumpfe Nase, kleine Zähne, untere Zahnreihe etwas vor- stehend, kleine Fechtnarbe am linken Ellenbogen. Weber war, als er das Haus verließ, mit schwarzem, steifem runden Filzhut, schivarz- gauem Ucbeczieher mit schrägen Taschen und großem Monogramm G. W., schwarzem Joppenanzug mit weißen Punkten, schwarzen Schnürschuhen, schwarzgrauen wollenen Strümpfen, Macco-Unterhosc, wollenem Unterhemd. System Jäger, buntem Faltcnhcmd und hohem weißen Stehkragen bekleidet. Mitteilungen über den Verbleib des Berschollenen nehmen das Polizei-Präsidium unter Nr. 3803 IV. 24.-04., sowie der Vater, Karl Otto Weber, München-Gladbach. Fricdrichstratze 23, entgegen. Ter Vater hat auf die Ermittelung seines Sohnes eine Belohnung von 300 M. ausgesetzt. Unfall im Straßenbahnbetriebe. Zwischen zwei Sttaßenbahn- wagen geguetscht wurde gestern morgen der auf dem Sttaßenbahn- Hof in Reinickendorf angestellte Fahrer Reetz. R. wollte gegen '/st) Uhr einen Anhängewagen an einen Motorwagen ankuppeln und stand zwischen beiden Wagen, während der Schlosser Lege mit der Reinigung des Controllers an: Motorwagen beschäftigt war. R. be- anftragte nun den Schlosser, mit dem Kraftwagen an den Anhänge- Ivagen heran zu fahren und' L. schaltete den Hailptautomat an der sandren) vorderen Plattform ein, ohne darauf zu achten, daß der Controller auf Kraft stand. Ehe es L. gelang, den Wagen wieder zum Stehen zu bringen, sauste dieser gegen den Anhängewagen und Reetz wurde zwischen die Plattformwände der beiden Wagen ge- quetscht. Er erlitt einen Schlnsselbeinbruch und schwere innere Ver- letzungen und mußte, nachdem ihm auf der Unfallstation in der Hochstraße die erste Hilfe zu teil geworden, nach dem Lazarus- Krankenhause überführt werden. Nachtwagrn der Straßenbahn. Di»Arbeiter in den zahlreichen Zeitunflsdruckereien, die in dem ungeheuren Carre nachts hergestellt Kelches NM Set Wilhelm-, Beisel-, Linden- und Leipziger- straße umschlossen wird, die Stercothpeure, die Drucker und alles, was dazu gehört, waren, soweit sie im Norden Berlins wohnten, bisher gezwungen gewesen, den weiten Weg nach Hause zu gufz zurückzulegen, da nach 1 Uhr nachts die Straßenbahnverbindung nach dem stiefmütterlich bedachten Norden eine sehr kümmerliche ist. Die auf Abhilfe bedachten interessierten Arbeiter traten zusammen, wählten eine Kommission und diese wandte sich an die Tirekrion der Großen Berliner Straßenbahn unter Darlegung der Ver- Hältnisse. Der Hilferuf ist nicht ungehört verhallt, denn vor einigen Tagen erhielten die Arbeiter die Benachrichtigung, daß vom 22. d. M. ein Spät-Einsetzwagen der Linie 55 um 1 Uhr 45 Minuten nachts vom Halleschen Thor nach dem Depot in der Schönhauser Allee t Stargarde rstraße) laufen werde, der dort um 2 Uhr L» Minuten eintrifft. Tie Wagen durchlaufen die Friedrich-, Charlottcnstraße, Opernplcch, Hackescher Markt, Schönhauser Thor und Schönhauser Allee, vorläufig auf vier Monate, bei Frequenz jedoch für immer. Ein alter Zopf! In einigen Berliner Vororten besteht noch von früherer Zeit her für jeden Erwachsenen männlichen Einwohner die Verpflichtung, der Feuerwehr des Ortes anzugehören. Allerdings wurde dieser Zwang, der nicht gerade zur Erhöhung der Leistungs- fähigkeit der Wehren beiträgt, schon seit Jahren durch Ablösungs- gebühren gemildert, die in der Höhe von 4— 10 M. von solchen Orts- einwohnern gezahlt wurden, die infolge ihrer Körperkonstitution usw. sich an der Wehr nicht beteiligen wollten. Die veraltete Einrichtung hielt denn auch den gegen sie gerichteten Angriffen nicht stand. Zu- nächst wurde für den Vorort Briiz, der eine der größten Pflichtfeuer- wehren besaß, die erwähnte Verpflichtung aufgehoben und eine Frei- willige Feuerwehr begündct. Das Gleiche ist in den letzten Tagen in mehreren andern Ortschaften der Umgebung geschehen. Diese Maßnahme wird vielfach als einleitender Schritt zur angekündigten Reform der Vorortsfeuerwehren angesehen. Mit Blausäure vergiftet hat sich der 26 Jahre alte Kaufmann Gustav K. aus der Flottwellstraße. Er war der Sohn eines Barbiers aus Bitterfeld, hatte eine gute Schulbildung genossen und erhielt vor drei Jahren, als er nach Berlin kam, an einer großen Bank eine Stellung als Beamter. Nach einem halben Jahre erhielt er jedoch wegen einiger Unregelmäßigkeiten seine Entlassung. K. reiste nun für eine Butterhandlung in der Flottwellstratze, gab aber diese Stellung vor 14 Tagen auf, weil er hoffte, die Vertretung einer Brauerei zu bekommen. Inzwischen hatte er sich mit einer Kellnerin verlobt, flott gelebt und überall Schulden gemacht. Als sich nun die Brauerei nach dem Lebenswandel des Bewerbes erkundigte, erfuhr sie von diesen Dingen, und die Folge war, daß K. die Stelle nicht bekam. Gestern vergiftete er sich. In Abschiedsbriefen an seinen Vater und seine Braut teilte er mit, daß die Schulden ihn in> den Tod getrieben hätten. Swaßenbahn-Unfall. Am Mittwochabend um T'/i Uhr wollte in der Chausseestraße unweit Ecke der Jnvalidenstraße ein angetrunkener junger Mann einen in voller Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen besteigen, welcher vom Oranienburger Thor nach Tegel abfuhr. Der Mann wurde aber von dem Wagen so wuchtig zurückgeschlagen, daß er bewußtlos am Boden liegen blieb, bis ihn die nächsten Passanten aufhoben. Glücklicherweise war es der letzte Änhängcwagen, den er besteigen wollte, denn sonst wäre er, nach seinem unglücklichen Falle zu urteilen, zweifellos unter die Räder des nächsten Wagens gekommen. Mit einigen Hautabschürfungen im Gesicht und einer stark blutenden Wunde am Knie ging der Unglückliche davon. Leichcnfund. Am 22. d. Mts., vormittags, ist gegenüber Schiff- bauerdamm 37 aus der Spree die Leiche einer anscheinend dem Ar- beiterstande angehörenden weiblichen Person gelandet: Alter ca. 20 bis 25 Jahre, Größe 1,60 Meter, Haare rötlich blond, Gesichts- bildung voll und rund, Gestalt schlank. Die Leiche, welche an- scheinend schon längere Zeit im Wasser gelegen hat, war bekleidet mit roter, mit schwarzen Streifen versehenen Bluse, welche an den 'lermeln mit schwarzen Sanmretaufschlägen versehen ist. blauem Kleiderrock mit weißen Tupfen und schwarzen Strümpfen. Die Kleidungsstücke können ini Leichenschauhause rekognosziert werden. Nachrichten werden schriftlich zu 7743 IV. 27. 04 oder mündlich bei der Kriminalpolizei erbeten. Gefundene Wertsachen. Der Hausdiener Karl Herbst, der in einem Hotel in der Schadowstraße angestellt war, wurde dabei über- rascht, als er den Koffer eines Gastes durchsuchte. Da er sich ertappt sah, so legte er ein goldenes Medaillon, das er ihm entnommen hatte, rasch wieder in den Koffer hinein. Der Vorgang gab aber der Kriminalpolizei Veranlassung, sich bei ihm einmal etwas näher umzusehen, und nun fand sie noch ein schwarzes ledernes Cigarren- etui, zwei silberne CigarrenctuiS, das eine gerippt, das andre gerippt und schwarz gemustert und außerdem am Schloß mit einem blnßrotcn Stein und mehreren kleinen Iveißen Steinen verziert, und ein braunes Etui. Diese Sachen, deren Eigentümer unbekannt sind, will er im Altstädter Hof, wo er ftüher beschäftigt war, gefunden haben. Feuerbericht. Nur wenig Alarmierungen hatte die Wehr in den letzten 24 Stunden zu verzeichnen. Nach dem Nettclbeck-Platz wurde sie gerufen, weil hier der Bohlenbelag der Eiscnvahnbrüae von der Stadtbahn jedenfalls durch Funken ans der Lokomotive in Brand geraten war. Die Gefahr konnte leicht beseitigt werden.— Etwas später gingen in der Potsdainerstraßv 122c in einer Parterre- Wohnung Möbel, Decken und Älcidungsstü/'e in Flammen auf, die aber in kurzer Zeit erstickt werden konnten. Mitiwoch früh hatte in der Potsdamerstraße 27 allerlei Gcri/mpcl, alter Hausrat, Verpackungsmaterial usw. in einem Kellet Feuer gefangen.— Die übrigen ganz vereinzelt eingelaufenen Alarmierungen waren auf »blinden Lärm" zurückzuführen. Theater. Im Ap o ll o- Th e a t er ist uuter der Leitung von Paul Lincke dessen Operette„Venus auf Erden" gestern zum 300. Male aufgeführt worden. Ein vollbesetztes Haus und radgroße Kränze in schwerer Menge kennzeichneten diese» Festtag.— Im Schiller-Theater N. sChausseestraßej bringt die Morwitz-Oper heute Donnerstag zum letztenmal„Figaros Hochzeil". Freitag singt Heinrich Bötel als vorletzte Gastrolle in„Martha" und als letzte Sonntags-Oper wird„Die Jüdin" gegeben. Bis zum Schluß der Spielzert, deren letzte Vorstellung am Mittwoch, werden noch zwei populäre Vorstellungen bei halben Preisen stattfinden, am Sonnabend„Oberon, König der Elfen", große Oper in vier Akten von Carl Maria v. Weber und Dienstag, am vor- letzten Spiclabend„Zar und Zimmermann", komische Oper v. Lortzing. Die Direktion des Lessiug-Theaters wird ebenso wie früher im Deutschen Theater für die am 1. September beginnende neue Spielzeit ein unpersönliches Abonnement auf 40 Donnerstags- Vorstellungen zu wesentlich ermäßigten Preisen einrichten. Die erste Abonnementsvorstcllung findet am Donnerstag, den 8. September. statt.— Bozena Bradzky, die bekannte Soubrette und Vortrags- künstlerin wird als ständiges Mitglied des Belle-Alliance- Theaters unter Direkiion Kren u. Schönfeld heute Donnerstag anläßlich der Wiederaufnahme von„CharleyS Taute" zum erstenmal auftreten. Im dritten Akt in der GesellschaftSscene wird die Künstlerin zwei neue Kompositionen von Oskar StrauS zum Vortrag bringen. Die Besetzung von„Charleys Tante" ist die be- kannte: Guido Thielscher spielt die Titelrolle, die andern Hauptrollen spielen Franz Helmerding. Herbert Padtmnller. August Reiff. Walter Formes, Hennann Bartels, Helene Brahms. Gertrud Wehling, Else Scholz und Gusti Galin. Huö den Nachbarorten. Socialpolitik auf dem Subiuissionswegr. Aus Spandau schreibt man uns: Der vor drei Jahren so pomphast angekündigte Bau von Arbeiterivohnhäusern durch die Heeresverwaltung soll nun setzt— nachdem ein Mangel an kleinen Wohnungen längst nicht mehr besteht— in Angriff genommen werden. Zunächst sollen vier Wohnhäuser gebaut werden und. wie jetzt feststeht, wieder in dem berüchtigten Kasernenstil, der den Ein- druck, daß es sich bei derlei Arbeiterwohnhäusern im Grunde doch nur um eine Art modernisiertes Gefängnis handeln kann, nur noch vervollständigt. Anfänglich schienen die Herren am grünen Tisch nicht übel Lust zu haben, von dem für solche Bauten vor- geschriebenen Schema ein wenig abzugehen und den vier Wohnhäusern einen etlvaS moderneren Anstrich zu geben, man verstieg sich sogar zu dem„Luxus" von— Balkons für die — Arbeitcrwohnungen, wenigstens sah die Bauzeichnung solche vor. Ms jedoch in der hierauf stattgefundenen Submission von den Unter- nehmern für die BanansfnHnmg Preise gefordert wurden, welche der Heeresverwaltung zu hoch dünsten, da entschloß mau sich kurzerhand dazu— die Balkons einfach zu streichen. Damit erreichte mau. daß in der dieser Tage stattgefundenen zweiten Submission die Mindestforderung um achttausend Mark niedriger war als zuerst. Der Staat hat hier also auf die allereinfachste Weise 8000 M. ersparen können, indem er kurz und bündig dem„Luxus" an Arbeiterwohnungen den Krieg erklärte. Er befindet sich hierbei in trautester Seelenharmonie mit dem biederen Tischlermeister Pauli aus Potsdam, der bekanntlich der Regierung den Vorwurf machte, daß sie in puncto Socialpolitik geradezu verschwenderisch wirtschafte, da in der Lungenheilstätte in Beelitz sich sogar veritable Kalbskeulen auf dem Dunghaufen herumtreiben.— Was braucht der Arbeiter auch eine Wohnung mit einem Balkon? In den Augen der Panlnffe ist die ganze Socialpolitik nichts weiter wie ein Luxus und eine schreiende Vergewaltigung der armen Besitzenden obendrein. Vom Skandal des Klassenwahlrechts. Von nur vier Wählern zum Gemeindevertreter gewählt wurde im Vorort Sch margen- d o r f bei einer am 22. d. M. stattgehabten Ersatzlvahl zur ersten Klasse der Gemeindevertretung der Baumeister R e d d a n tz. Es waren nur vier Wahlberechtigte erschienen, die sämtlich ihre Stimmen für Herrn R. abgaben. So kommt unter der Klassenwahl das Vertrauen der Mitbürger zu stände. Tie neue Schönebergcr 26 Millionen-Anleihc soll in Abteilungen von jedesmal mindestens drei Millionen begeben werden. Jede Million ist auszugeben in 50 auf den Inhaber lautenden Stücken zu je 5000 M., in 200 Stücken zu je 2000 M., in 250 Stücken zu je 1000 M., der Rest in 200 Stücken zu je 500 M. oder in 100 Stücken zu je 500 M. und in 250 Stücken zu je 200 M. Von der Anleihe sollen verwendet werden: 1 779 000 M. zur Tilgung der anläßlich des Ausscheidens aus dem Kreise Teltow gezahlten Ab- findungssumme von 3 323 400 M. zum Neubau des städtischen Krankenhauses, 2 570 000 M. zum Neubau eines zweiten Rathauses, 3 273 000 M. zum Neubau von vier höheren Lehranstalten, 1 231 000 Mark zum Neubau von drei Gemeindeschulen, 902 000 M. zum Aus- bau der Kanalisation für die ersten sechs Baujahre, 1 002 500 M. zur Errichtung eines Stadtparks im sogen. Fenngelände, IV- Mill. Mark zur Bereitstellung von Betriebsmitteln für einen Grund- erwerbsfonds, 488 500 M. zur Herstellung neuer und Umbau bczw. Erweiterung alter Wcgeunterführungen unter den Eifenbahnanlagen. 600 000 M. zum Neubau eines Armen- und Siechenhanscs, 210 000 Mark zum Neubau einer Volksbadeanstalt, 186 000 M. zum Neubau eines Stratzenreinigungsdepots, 270 000 M. zum Neubau eines Kanalisations-Verwaltungsgxbäudes mit Feuerwchrdcpot im Berliner Ortsteil und 50 000 M. zum Neubau einer kleineren Feuerwache im Friedenauer OrtSteil. Einen Kampf gegen die Ratte» führt die Gemeinde Grüne- Wald. Die Rattenplage ist daselbst so stark, daß von Gemeinde- wegen immer neue Rattenvertilgungsmittel geprobt und angeschafft werden, ohne bis jetzt das gewünschte Resultat zu erzielen. Ueber ein dem gleichen Zwecke djenendes Meerzwiebelpräparat wurde ein Gutackten von Professor Dr. Liebreich eingeholt, das zu Gunsten des Mittels ausfiel, auf dessen gute Wirkung nun durch öffentliche Bekanntmachung hingewiesen werden soll. Die Prämie von 10 Pf. für jeden Ratrenschwanz hat sich bewährt und soll deshalb auch fernerhin gezahlt werden. Während der Ferien hat sich auch die Schuljugend au der Rattenjagd eifrig beteiligt. Der Planer See, der aus mehreren großen zusammenhängenden Seen besteht und in der Hauptsache von der Havel gespeist wird, gehört zu den größten Seen Norddeutschlands. Infolge der großen Trockenheit hat der Wasserstand dieses Sees unterhalb Brandenburg so bedeutend abgenommen, daß nicht mir weite Uferftrecken voll- ständig trocken liegen, sondern auch eine Menge Untiefen, die ganz- lich unbekaimt waren, zu tage geireten sind. Die Inseln im See haben jetzt eine bedeutend größere Ausdehnung erlangt und die Grenzen der zusammenhängenden Seen sind zur Zeit deutlicher als sonst zu beobachten._' Vom Bau des Teltowkanals. Etiva dreitausend Arbeiter sind gegenwärtig noch bei dem Bau des Tclrow-Kanals beschäftigt, von denen 1900 allein bei den Erd- arbeiten thätig sind. Diese große Zahl von Arbeitskrästen ist er- forderlich, infolge der ungeheuren Schwierigkeiten, welche die Ueber- Windung der Bauarbeiten im Bäkethal verursacht. Dieses Gebiet ist vor Zehntauscnden von Jahren zweifellos der Lauf eines Stromes gewesen, von welchem jetzt noch gewaltige Schlickablagerungen bis zu einer Tiefe von 20 Meter vorhanden sind. Um nun die Ans- baggerungsarbeiten vornehmen zu können, müssen zu beiden Seiten der Kanallinie ungeheure Sandmassen aufgeschüttet werden, die ver- sinkend den Schlickboden derartig heben, daß das angrenzende Wiesen- terrain sich um 1— 2 Meter selbstthätig erhöht. Erst nachdem dies geschehen, kann die Ausschachtung des Kanalbettes vorgenommen ioerden, aber auch hierbei entstehen noch fortgesetzt Schwierigkeiten. Das angenzende Schlicklager verschiebt sich, sobald mit der Baggcrung begonnen wird und die Userbefestigung verschwindet in dem Schlamm. Arbeitsleistungen, die von Hunderten von Mann in einer Zeit von 2 Monaten vollzogen sind, verschwinden in einer Stunde. So schnell gehen die Erdverschiebungen mitunter von statten, daß kaum die Materialien gerettet werden können. So ist beispielsweise vor einigen Tagen das Gerüst eines großen Baggerturms, welcher den mit Wasser vermengten Schlick hebt, und nach den benachbarten Feldern pumpt, zusammengebrochen. Der Turm mußte an einer andern Stelle neu aufgestellt werden. Es sind Fälle vorgekommen, daß infolge der Verschiebungen Dämme verschwanden, die vor Jahren errichtet sind. Trotz all dieser Schwierigkeiten hofft die Kanalbau- Verwaltung bestimmt, daß der Eröffnungstermin, der für 1906 vor- gesehen ist. innegehalten werden kann. Interessant ist, daß bei der Feststellung des Grundes im Bäkethal eine Gcsamtverschiebung von 9 Millionen Kubikmetern berechnet worden ist. Obwohl nun nach- träglich entdeckt wurde, daß die Schlicklagcr bedeutende Ausläufer besitzen, dürfte die Gesamtberschicbung doch nicht mehr als 12 Mill. Kubikmeter betragen.___ Centralverband der Konditoren. Heute, Donnerstag, den 25. August, abends 81/, Uhr, in Damms Festsälen, Lindenftr. 105: Ocssentliche Versamm- lung für die südlichen Stadibezirte. Tagesordnung: 1. Die Tarifgemem- Ichast im Bäckergewerbe und wie können die Konditoren das Gleiche erreichen. 2. Verschiedenes. Oessentlichc Versammlung der Barbier«. Friseur- und Perriiaen- macher-Gchilfcn Berlins und Umgegend am Donnerstag, den 25. August, abends 10 Uhr, bei Buggenhagen, Moritzblatz. TagesOrdnung: 1. Die wirtschaftliche Lage der Gehilscn und die Beschlüsse der Arbeitgeber-Kongreise. Referent Karl Müller. 2. Bericht über de» Schluß an den zweiten Feier- tagen. Ober-Tchönewcidc. Die Parteigenossen und Radfahrer von Ober- Tchöneweide werden zu der heute abend 8 Uhr in Tabbcrts WalMchlosjchen slattsindcnden öffentlichen Radfahrer- Versammlung eingeladen. Das Er- scheinen jedes Arbeiter-Radsahrers erwartet Der Einberuser. eingegangene Druckschriften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart. Dieb' Verlag)'st soeben das 47. Heft des 22. Fahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des Hefies heben wir hervor: Die kriminal-sociologische Schule als Kämpferln snr die Interessen der herrschenden Klassen. Von M. Snrskv. l.— Das Fazit im Leipziger Aerztekonslikt. Von Gustav Jaeckh.— Herbert Spencers Leben und Lehre. Von M. Beer.(Schluß.)— Die Nationalitätenkämpse und die Reformen in der Türkei. Von Milerad Popowitjch.(Schluß.)— Nochmals die Arbeiter- schule von Otto Rühle.— Litterarlsche Rundschau: Stefan Grohmann, vi» Gasse. Von Hugo Heller. Ellen Key, Neber Liebe und Ehe. Von Therese Schlesinger- Eckstein.— Notizen: Zu einer internationalen soelaliftischen Wahlstatistik. Von R. M. Uebernahme des Heiloersahrens während der Wartezeit durch die Berussgenossenschaften. Von Eduard Gräs. Moral» statistisches. Von Dr. J. H— z. Die„Nene Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch« Handinngen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Heft kostet 25 Pf. Probenummern stehen jederzeit zur Verfügung. Von der„Gleichheit", Zeitschrist für die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Dietz' Vertag) ist uns soeben die Nr. 18 des 14. Jahrganges zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Um das Wahlrecht.— Zur Frage der Agitation. Von Marie Wackwitz.— Muß Strafe sein? Von Julian Borchardt, Königsberg i. Pr. HI.— Der achte Verbandstag der Schneider und Schneiderinnen Deutschlands. Von ll.<4.— Frauen in der Armenpflege. Von R H.— Aus der Bewegung.— Feuilleton: Gestorbenes Künstlerleben. Von Lu Märten-Charlottenburg.— Nolizeutell: Weibliche Fabrikinspektoren.— Frauenarbeit aus dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrswesens.— Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.— Kinderarbeit.— Frauenstimmrecht.— Frauen- bewequng. Die„Gleichheit" erscheint alle l l Tage einmal. Preis der Nummer 19 Ps., durch die Post bezogen beträgt der st'lbonneinentspreis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Ps., unter Kreuzband 85 Ps. Von den»Dokumenten des Socialismns", herausgegeben von Ed. Bernstein(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 8. Heft des IV. Bandes erschienen. Aus dem Inhalt des Heftes heben wir hervor: I. Kritische Biographie des SoeialiSmus. II. Aus der Geschichte des Soeia- lismuS. Ludwig Feuerbach. Sankt Max. Aus einem nachgelassenen Werke von Marx-Engels über Max Stirner.(Fortsetzung.) Zu den Kommissions- berichten" über das Agrarprogramm der holländischen Soeialdemokratie. (Schluß.) III. Urkunden des L,ocial!smus. Entwurf eines soeiaüstischen KommunalprogrammS. IV. Der.Socialismus in den Zeitschristen. Die„Dokumente des Socialismus" erscheinen monatlich einmal und sind durch alle Buchhandlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von 2,25 M. pro Quartal zu beziehen. Das einzelne Heft kostet 75 Ps. Zu Ferdinand Lassalles 40. Todestage bringt der„Wahre Jacob" in seiner soeben erschienenen Nummer ein Leitgedicht sowie die Wiedergabe des Bildes„Ferdinand Lassalle aus dem Totenbette". Das vordere farbige Bild der Nummer zeigt den preußischen Staatsanwalt„auf der Suche nach der russischen Gegenseitigkeit", während das zweite farbige Bild„Russische Maulsperre" die Situation verspottet, in welche der russische Großmogul durch den kleinen Japaner gebracht ist. Als Satiren aus den Zarismus, den deutschen Rnssei'kuxs und den russtsch-japanischen Krieg repräsentieren sich noch die Bilder„Der heilige Krieg",„Aus Königsberg". „Nur ein Irrtum",„Völker Europas, wir verwahren eure heiligsten Güter I", „Der neue Kurs",„Wieder eine Niederlage!",„Die Freiheitssackel in Rußland". Der textliche Teil der Nunimer bringt noch das Gedicht„Pfarrer Colbus an sein Psarrtind", sowie die größeren Feuilletons„Gerichtssitzung im vorderstbirischen Zulunftsstaat" und„Ein merkwürdiges Interview". Außerdem äußern sich noch Jotthils Nauke und Claus Swartmuul, der „Fleegenweert" von St. Pauli, über einige Heroorragende Zeitereignisse. Der Preis der 12 Seiten parken Niumner ist 10 Ps. Vermiscktes. Ein mächtiger Wirbelftiirm, der Nordost-Dakota heimsuchte, richtete am Montagabend in der Stadt W i l l o w l a k e große Ver- Wüstungen an. Zivei Personen wurden getötet, 30 verletzt. Die Methodisten-Kirchc wurde von der Gewalt des Sturmes im ganzen emporgehoben und mit dem Dach nach unten auf das Dach des Pfarrhauses geworfen, welches von dem furchtbaren Stoß glatt durchbrochen wurde. Das Stationsgebäude der Grcat Northern- Eisenbahn wurde vom Sturm auf die Geleise geworfen, auf denen es genau in der Milte liegen blieb. Alle diese Häuser sind große Holzgebäude. Schmalhans ist Küchenmeister in St. Lonis geworden. Wie uns von dort geschrieben wird, weigert sich die Ausstellungs-Gesellschast energisch, die Auslagen der vom Auslande einberufenen Preisrichter zu erstatten. Ans Frankreich allein sind 160 Preisrichter beziehungS- weise Stellvertreter erschienen. Die ausländischen Kommissare stützten ihre Forderung betreffs Uebernahme der Kosten auf den Präzedenz- fall, daß bei der Weltausstellung in Chicago jeden der fremden Preisrichter 750 Dollar bewilligt wurden. Die St. Louiser AuSstellungS-Bchörden erklären dagegen, auf europäischen Weltansstellnugen seien derartige Auslagen auch nicht erstattet worden.— Noch deutlicher tritt das Sparsystem in einer Verfügung der Gesellschaft zu Tage, nach welcher die Gehälter aller A u s st e l l u ii g§- A n g e st e l l t e n b e s ch n i t t c n werden sollen. Von den kleinereu Gehältern(bis 85„Dollar) werden 5 Proz., von den höheren bis zu 20 Proz.(!) abgezogen. Der höchste Prozent- satz betrifft die fetten Direktoren- ic. Gehälter von 500 Dollar und mehr pro Monat; es trifft dieser Abzug nicht weniger als 350 Personen! Ueber ein grosses Bergwerks- Unglück wird aus Hannover ge- meldet: Auf dem Kalibergwerk Eime bei Gronau(Prov. Hannover) ereignete sich vorgestern abend eine Explosion von Gasen. Von den 21 im Schacht befindlichen Bergleuten wurden vier getötet, 12 schwer und drei leicht verletzt. Das sogenannte Trompeterschlvß in Snttingen wird, wie man dem„Burgwart" schreibt, am 29. Angnst im Wege der Zwangs- Vollstreckung versteigert. Es ist auf 170 000 M. bewertet. Eisenbahminfall. Der heute morgen 8 Uhr von München nach Augsburg hier abgegangene Schnellzug mußte infolge Entgleisens des Speisewageiis aus offener Strecke zwischen hier und der«tatiou Dinkclscherben halten. Ob Personen verunglückt sind oder sonstiger Schaden angerichtet wurde, ist noch nicht bekannt, da ein offizielles Commuiiiqiiv noch nicht ausgegeben ist. Ein heftiger Orkan richtete in der Nacht vom 23. d. M. in dem Gebiete der Gemeinde Gioja Sannitica(Jtntien) sehr schwere Per» heernngen an. Das Wasser riß eine Hütte der Kohlenarbeiter fort, wobei drei junge Mädchen ertranken. Mau fürchtet, daß noch mehr Personen zu Schaden gekommen sind. Für die Abgebrannte» in. Jlsfcld erläßt ein Hilfskomitee folgenden Aufruf:„Ein Brandunglück von seltener AiiSdehming hat am 4. und 5. Angnst die Gemeinde I l s s e l d, Oberamt Bcsig- heim, betroffen: 180 Wohn Häuser und viele Nebengebäude sind dem verheerenden Element zum Opfer gefallen. Die Kirche, das Rathaus, Pfarrhaus, ein Schulhmis und viele Geschäftshäuser liegen in Trümmer. 150 Familien sind obdachlos: die reichen Ernte- und Futtervorräte sind verbrannt, das Bich entbehrt der Unter- künfte. Wohl hat sich die Privatwohlthätigkeit der Nachbargemeinden alsbald der migenblieklichsten Nor in dankenswerter Weise an- genommen: aber größere und wrrlsamere Hilfe ist dringend von nöten, um den Abgebrannten durchzuhelfen, bis sie wieder in den Besitz eines cignen Heims gelangt sein werden. Wir glauben daher keine Fehl- bitte zu thmi, wenn wir an die ofterprobte Wohlthätigkeit unsrer Mitbürger in Stadt und Land uns wcnden und bemerken, daß rasche � Hilfe besonders Not thnt. Gaben für die Abgebrannten nehmen neben der Gemeindepslege JlSfcd, der Oberamtspflege in Besigheim und dem Kassenamt der Centralleitung des WohlthätigkeitSvereins in S t u t t- gart in Empfang." Jeder Menschensteimd wird den Abgebrannten einen reichen Er- folg ihrer Bitte gönnen. Aber merkwürdig ist es, daß man nicht» von öffentlicher Hilfe für die Unglücklichen hört, wo doch den Ausländem in Aales u n d und anderswo von Deutschland aus die Gaben sozusagen scheffelweise aufgedrängt worden sind. Brief haften der Redaktion. D. H. 1 Werst— 1,067 Inn, 1 russische Meile— 10 Werst— 10,67 km, 1 Quadrat- Werst— 11 380,2 Ar, 1 Desjatine— 109,25 Ar, 1 Tonne ü 12 BaSkowetz a 10 Pud— 1965,48 kg; 1 Pud also— 16,4 kg, 1 Rubel — 17,9961 gr sein Silber— 100 Kopeken— 2 M. 16 Ps. 1 geographische Meile— 7420,38 m, 1 Seemeile(Knoten)=1854,965 in. 1 Unrd ä 3 Fuß ä 12 Zoll= 0,914 m, 1 Kabellänge= 120 Faden a 2 DardS. Wetter-Prognose für Donnerstag, den 25. August 4904. Ein wenig wärmer, zeitweilig triwe ohne erhebliche Niederschläge; schwache Nordwinde. Deutscher Tahakarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Sonnabend, den 27. August 1904, in Kellers Festsälen, Koppenstrasse 29: XXX. Stiftungsfest unter gütiger Mitwirkung des Zitherveroins„Edelweiss" und der humoristischen Gesangsgesellschaft Strzelewicz-Pankow. Feslreile, e,h�dVv",wiS"4s° Carl Dtlcliinann-Brem. Anfang S'/a Uhr. Programm 30 Pf. Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach.— Um zahlreichen Besuch bittet[187/10] Die Kommission. Bildbaner. Donnerstag, den 85. August, abends S'/jUljr, im Gewerkschaftshanse, Engel-Itfer 15, Saal I: Versammlung:. Tages-Ordnung: Vortrag des Herrn Br. Gvhllttv über:„Der Krieg in Ostaste» and seine Kultur.« Gäste, auch Damen, willkommen. 22/10 Zahlreichen Besuch erwartet Der Borftand. Achtung! Achtung! Sanlunuhoerker«. Sauarbeiter. Die LegitimationZlarte der Glaser hat diese Woche zu enthalten: vier rote und drei grüne Marken. 73/10 I. A.: Die Streikleitung. Voigts Rittek-LAe Ritterstrasse 75. Ritterstrasse 75. Telephon Amt IV. No. 7509. Gewerkschaften, Bereinen und Fabriken bringe für die Herbstsaiso» meine mit allem Komfort der Neuzeit versehenen r««t»illv mit Bühne, circa 700 Personen fassend, in cnrpschlende Erinnerung. Vonelneizlminei? in jeder gewünschten Größe stehen ebenfalls zu Festlichkeiten, Versammlungen und Sitzungen jeder Art zur Verfügung. Gleichzeitig erlaube mir, aus meine zwei ncuerbauten, 41/, Meter hohen, 30 Meter langen, mit elektrischem Licht und vorzüglicher Ventilation versehenen Kegolhnlmen hinzuweisen.— Speisen und Getränke wie bisher in tadelloser Onalitiit zu billigsten Preise». 5920L* Ilm geneigten Zuspruch bittet Bohort Voigt, Ritterstr. 75. ca*" »Sw O"73 "S.s INlüblbäufer Kautabak von Hngo Carl Haeenbrnch, Mühlhauscn i. Th. nur echt, wenn die Röllchen den beigedruckten Zettel enthalten, woraus gefall, genau zu achten bitten. Vertreter für Berlin und Umgegend: A.ngn»t Kleiner� 58142* Berlin SW., Groftbeerenstraste 39. -3= fsiSt 3 O" o vCr 3. o a c«" ' L? Hahatf- Spar-Verein„Süä dst". Donnerstag, den SS. August 1901, abends 8 Uhr: 3 Ultg/lieder- Vensammlnn�en fili* Berlin im Fohil! Maldemarstr. 73. j imFohal.MärhischerSof" Admiralstr.18c für Kixüvrf im Lokal„Viktoria-Säle", Hermannstr. 49. Tages-Ordnung in allen 3 Versammlungen: „Die Aufgaben nnsres Vereins als Konsumcnten-Organisation". Referenten: Herr Rechtsanwalt Max Steinschneider, Herr Simon Katzenstein, Herr L. Breslauer. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung bittet um recht zahlreichen Besuch_ Per Yorntand. ßaubandwerher- Kranbcnkaffe filr Berlin und Umgegend. (Eingeschriebene HiKskasse No. 118.) Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß die Zahlstelle Rlxdorf von jetzt an nach Hermannstrasie 63, Restauratcur t»«blcr, verlegt ist. 38/8 Der Vorstand. SW, lilmlcnntr. 69. Anläßlich des diesjährigen Jnter- nattonalen Socialisten- Kongresses bringen wir die Protokolle der früheren Kongresse in emsehlende Erinnerung und zwar: 233/16* Protokoll des Internat. Socialisten» Kongresses zu Paris 1889 0,25. Protokoll des Internat. Socialisten« Kongresses zu Zürich 1893 0,50. Protokoll des Internat. Socialisten- Kongresses zu London 1896 0.20. Protokoll des Internat. Socialisten- Kongresses zu Paris 1900 0,20. Das Protokoll des diesjährigen Kongrestes erscheint in Kürze. ANv Wanzen werden nebst Brut durch mein Mittel vollständig vertilgt.�— FI. 56 Ps. u. 1,66.— Ebenso Schwaben, Russen, Franzosen, Blattläuse je. Schtl. 86 Ps., 66 Ps. u. 1.66 59112* — Zahlreiche Anerkennungen.— 1000 Mark Belohnung zahle demjenigen, der mir einen Nicht- ersolg nachweist. Nur allein echt bei Hugo Barth, Droguerie, jetzt Brumien- f trage 14, früher Nr. 18. AcMiing! Qlliserl �wg! Freitag, 36. August, im grosten Saale des Gewerkschaftshauses, Engel- Ufer 15 i Mitglieder- Versammlung. TageS-Ordnung: Berichterstattung über die Verhandlungen der Tarif- kommiffio». Der wichtigen Tagesordnung halber wird aus ein vollzähliges Erscheinen gerechnet. Nur Mitgliedsbuch legitimiert. 73/9 Poi» Blaberafsr. GeM-Kranken- und Sterbekasse dar Tischler und andrer gewerbl, Arbeiter 0""b�.ts:u°c DonuerStag, den 33. August, abends 6ll, Uhr: Inf trorMI. Mitglirder- JIctfaniraiiing Tagesordnung: 1. Stichwahl der Kandidaten zur General- Versammlung in Leipzig. 2. Verschiedene Kafsenangelegcnheitcn. Die Mitglieder sind verpflichtet, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. NM*" Mitgliedsbuch legitimiert.-HMI 184/11 Die Ortsvcrwaltnng. A°w»si gewerbsehajtea. aeimina! Montag, de» 39. August, abends S1/, Uhr, in Kellers Festsälen, Koppenstr. 39: dejfenMvdv Versammlung aller dem Berliner Gewerkschaftskartell und der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften angeschlossene« Organisationen von Berlin und Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Berichterstattung unsrer Delegierten über die Verbandlungen und Beschlüsse des Internationalen SocialistenlongresscS zu Amsterdam. 2. Diskussion. 292/11* Die Versammlung wird, da ewe ausgiebige Diskussion platzgreisen soll, pünttlich eröffnet: wir ersuchen daher unsre Genossen, rechtzeittg und zahl- reich zu erscheinen. I. A.: Jonny Hlnrlchsen. Fritz Kater. Am 23. d. Mts. starb plötzlich unser langjähriger Mitarbeiter, Freund und Kollege, der Stein- drucker Max Künike. Wir verlieren in dem so Plötz- lich Dahingeschiedenen einen lieben Freund und Kollegen. bLL Ehre seinem Andenken! Seine Mitarbeiter der Firma Deymaim& Schmidt. Die Beerdigung findet Sonntag, den 28. August, mittags 12 Uhr, von der Leichenballe des Gethsemane- Kirchhofes in Nordend aus statt. Allen Verwandten, Freunden j und Bekannten zur Nachricht, daß mein innigst geliebter Gatte, unser ' guter Vater, der Monteur Franz Kass am 19. d. M. in Halle a. d. S. plötzlich verstorben ist. 59b Die Beerdigung findet heute, DonnerStagnachmittag 41|, Uhr, von der Leichenhalle des Dankes- Friedhofes aus statt. Um stilles Beileid bitten Die trauernden Hinterdllebenen. Dodcs-Vazcljrc. Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, iafi unser Kollege, der Schlosser 600b Franz fiass am Donnerstag, den 23. d. M., nachmittags 4Vz Uhr, von der Leichenbulle des Dantes- Fried- hojes(Tegeler Chaussee) beerdigt wird. liie Kollegen der A. E.-fi., Brunnenstrasse. Am Dienstag, den 23. d. M., verschied sanft nach kurzem Leiden an Brechdurchsall unser innig- geliebter Sohn Hans im? liier von 1 Jahr 1 Monat. Dies zeigen ttesbetrübt an Albsrt Gobin»»d Fra«. Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 27. August, vormittags 10'/, Uhr, vom Trauerhause, Jobannisthal b. Berlin, Roon- stratze 2, aus statt. 5g9b Vau der Reise sunick Hr. 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