Nr. 305. BbonnemcnfS'Bcdingungcn: Uvonnemcnts• Preis pränumerando S «ierteljährl. 3,30 SKf.. monatl. 1,10 Ml. wöchentlich 28 Pfg. frei ins Hans. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Vellage»Die Neue Welt» 10 Pfg. Post- slbonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitrmgs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 8' Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. 31. Jahrg. trtchtint IZgllch iliilltk Clontagi, Devlinev VolktsblÄkk. Die Tnlertfons'Gebflljr leträgl für die sechsgespaltene Kolon» zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschastliche Vereins- und VersammlungS-Anzeigen 25 Pfg. „Kleine Hnieigen", das erste fseU- gedruikte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Jnfcrate für die nächste Nummer müssen bis 3 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet, Telegramm- Adreffe: „SozUliKinsknt Berlin". Zcntratorgan der rozialdemobratifcben Partei Deutfchlands. Redaktions SRI. 68, Lindcnstraaae 69. Fernsvrc»er: Amt IV. Nr. 1988. Donnerstag, den 1. September 1904. Sxpeditiom SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Arbeitslosen-Zähkmgen. In den Lirzlich herausgegebenen Monatsberichten beS Statistischen Amts der Stadt Charlottenburg für den Monat Juli ist auch das amtliche Resultat der am 26. Juli in Charlottenburg vorgenommenen amtlichen Artbeitslosen- Zählung enthalten. In unsrer Nachbar- Residenz ist bekanntlich der Beschluß gefaßt worden, jährlich dreimal, im Februar. Juli und November, eine allgemeine Zählung der Arbeitslosen zu veranstalten. Derartige Zählungen sind ja eine unbedingte Notwendigkeit, wenn man in irgend welcher systematischen Weise eine Fürsorge für die Arbeitslosen ein- treten lassen will. Diese Fürsorge aber, so unvollkommen und wenig ausreichend sie auch ausfallen mag, ist geradezu eine Lebens- frage für die bürgerliche Gesellschaft. Allmählich ist es auch dem blödesten Vertreter der gottgewollten kapitalistischen Ordnung klar geworden, daß die zeitweilig einen erschreckenden Umfang an- nehmende, stets aber in beträchtlichem Maße vorhandene Arbeits- losigkeit die bürgerliche Gesellschaft vor ein Problem gestellt hat, das sie unbedingt zu lösen versuchen muß, wenn sie sich nicht selbst auf- geben, ihre Daseinsberechtigung nicht selbst bestreiten will. In der Jugendzeit des aufblühenden Kapitalisnms tröstete nian sich über oie Arbeitslosigkeit, die schon damals die Behaglichkeit des kapitalistischen Seins störte— sind doch die Krisen unlöslich mit der kapitalistischen Produktion und der bürgerlichen Gesellschaft verbunden— noch recht schnell; einesteils warf man jedem Arbeitslosen vor, er sei arbeits- scheu, ein Lump, der an feinem Elend selbst schuld sei, andrenteils meinte man auch in Fällen, bei denen der Mangel eignen Ver- schuldenS ganz offen zu Tage lag, das Elend selbst vieler Einzelnen fei unvermeidlich, weil zu viel Menschen auf der Erde leben wollten 1 die Ucberflüssige», für die weder Arbeit noch Brot vor- Händen sei, müßten sehen, daß sie in ein besseres Jenseits konunen. Beides wagt man heute nicht mehr zu sagen. Daß der Arbeiter selbst, den allergeringsten Einfluß auf die wirtschaftliche Konjunktur hat, ist denn doch zu offensichtlich, als daß man den Tausenden, die zu den Zeiten der Krise die Landstraßen bevölkern und um Arbeit anftagen, die Beschimpfung der Faulheit und Trägheit entgegenhalten könnte. Und was das zu viel an vorhandenem Mcnschenmaterial betrifft, so will es auch keinem ehrlichen Anhängender bürgerlichen Gesellschaft mehr in den Kopf, daß hier der Grund des Uebels liegen könnte, während doch mit Stolz auf den ungeheuer gestiegenen Reichtum der Gesellschaft, auf die ständig gewachsene und immer weiter wachsende Ergiebigkeit der Arbeit hingewiesen wird. Gerade der unermeßliche und stets steigende Reichtum der Gesellschaft zeigt ja ihre ungeheure Ueberlcgenheit gegenüber allen früheren Kultur- epochen, und nun soll diese so überaus reiche Gesellschaft, die so oft prahlend auf die Höhe ihrer Kultur hinweist, einen Teil ihrer Mitglieder gleich den rohesten Barbaren zum Hungertode verurteilen, angeblich, weil sie zu arm ist, sie zu er- nähren I Und dabei handelt eS sich nicht um alte und schwache, arbeitsunfähige Leute, die den Reichtum der Ge- sellschast nicht vermehren, sondern nur erschöpfen können, sondern um Menschen im kräftigsten Alter, die gerne bereit sind, durch ihre Arbeit den vorhandenen Reichtum zu vennehren I Diesen kann man umsoweniger sagen:„Ihr müßt verhungeni, für Euch ist kein Platz auf der Erde', als man ihnen bei ihrem dringenden Suchen nach Arbeit die Antwort giebt:„Wir können Eure Arbeit nicht brauchen, denn es sind schon zu viel von den Gütern, die Ihr herstellt, am Markt." Also mit andren Worten, die Gesellschaft ist zu reich geworden, als daß noch weitere Arbeit nötig wäre. Eine Gesellschaft aber, die sich zu reich fühlt, die Ueberfluß an Gütern hat. darf einem Teile ihrer Mitglieder, den Arbeitslosen, nicht sagen, daß ihr Elend aus dem Ueberfluß an Menschen entspringt. Zu offen würde diese Antwort lauten:„Ihr müßt hungern, weil wir satt sind", zu offen würde zu Tage treten, daß der Fehler in der gesamten Organisation der Gesellschaft liegt, die zwar unermeßliche Güter erzeugt, aber nicht versteht, ihren Mitgliedern diese Güter auch zu- kommen zu laffen, und zu laut würde der Widerspruch nicht nur der Annen und Elenden werden, sondern auch der ehrlichen Leute in den eignen Reihen, die sich des Widerspruches eines Mangels, der aus einem Zuviel an Gütern entspringt, deutlich bewußt werden. So steht denn die bürgerliche Gesellschaft ratlos vor der Er- scheinung der Arbeitslosigkeit, die sie in keiner Weise zu bannen vermag, die sie vielmehr als eine notwendige Ergänzung ihrer Produktionsweise hinnehmen muß, und muß nun schweren Herzens die Verpflichtung anerkennen, wenigstens für die armen Opfer ihrer verkehrten Wirtschaftsweise zu sorgen. Müßte sie zugeben, daß sie auch nicht einmal das kann, so würde sie sich selbst in den Augen vieler ihrer ehrlichen Anhänger daS Todesurteil sprechen. So führte z. B. der verstorbene Abgeordnete Richard Rösicke vor zwei Jahren auf dem Kongreß der Arbeitsnachweise auS: „Eine Gesellschaft, welche die Aufgabe der Arbeitslosen- Unterstützung nicht zu lösen vermag, ist nicht wert, länger zu bestehen." Vom socialistischen Standpunfte ist fteilich auch dieses Kriterium unzulänglich. Nicht Unterstützung der Arbeitslosen kann uns be- friedigen, sondern Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Die beste ArbeitSlosen-Unterstützung schafft den Widersinn der kapita- listischen Wirtschaftsweise nicht aus der Welt, sie macht ihn im Gegenteil nur offenkundiger, sie zeigt, daß der KapitaliS- muS unfähig ist. die Produktivkräfte der Gegenwart zu meistern. Eine Gesellschaft, die arbeitsfähigen Menschen Almosen zahlen muß. weil sie ihre Arbeitskräfte nicht verwerten kann, ist nicht wert, länger zu bestehen. Als Rösicke seinen Ausspruch that, standen weite Kreise, bis in alle Schichten des Bürgertums hinein, unter der Nachwirkung der llroßen Arbeitslosigkeit im Winter 1001/02, die nach der von den Gewerkschaften veranstalteten Zählung für Groß-Berlin eine männ- liche Arbeitslosen-Ziffer von SOSOO, für daS eigentliche Berlin eine von 48 3S1, mit einer durchschnittlichen Dauer der Arbeitslosigkeit von 11 Wochen ergab. Die Frage schien brennend, und die Projekte zur Durchführung einer allgemeinen ArbeitSlosen-Unterstützung schössen wie Pilze aus dem Boden hervor. Auch die ReichSbehörden be schäftigten sich mit der Angelegenheit, und in dem Programm socialer Bethätigung, das der Reichskanzler im Reichstag entwarf, stand die ArbeitSlosen-Versicherung mit an erster Stelle. Freilich war das vor den Wahlen. Nach den Wahlen ist eS dann wieder ganz still geworden, und auch die bürgerlichen Social- Politiker empfinden die Notwendigkeit der Arbeitslosen-Fürsorge bei der etwas gebesserten Konjunktur nicht mehr so leb- Haft, als während der Krise. Daher ist keine Aussicht vorhanden, daß die Frage in der nächsten Zeit von den Reichs- behörden gefördert wird; von irgend welchen Vorarbeiten im Reichs- amt des Innern hat man nichts gehört, und die nächste Krise und umfangreiche Arbeitslosigkeit wird die weisen Lenker unsrer Reichs- Politik genau so unvorbereitet und ratlos finden,-als es bisher stets der Fall war. Will nicht die gesamte bürgerliche Welt die Mitschuld an der Fortdauer dieser Verhältnisse tragen, so müssen bei dem voll ständigen Versagen der Reichsgewalt auf diesem Gebiete die kleineren Verbände, vor allem die Kommunen, die Initiative zu einem thatkräftigcn Vorgehen ergreifen. Bisher ist davon aber auch noch recht wenig zu spüren. Unsre ReichShauptstadt Berlin hat sich noch in keiner Weise geregt. DaS einzige, was wir aus dem mit Berlin unmittelbar zusamnien- hängenden Wirtschaftsgebiet vernommen haben, ist der schon An- fangs erwähnte Beschluß der Charlottenburger Kommunalbehörden, dreimal jährlich eine Zählung der Arbeitslosen zu veranstalten. Am 23. Februar und am 26. Juli hat die Zählung, wie gesagt, statt gefunden. Beide Zählungen ergaben, verglichen mit der vor zivei Jahren sl. Februar 1902) von den Gewerkschaften veranstalteten Arbeitlosenzählung ein überraschend günstiges Resultat. Da Meldungen arbeitsloser Frauen nur ganz vereinzelt einliefen. 33 resp. 21, so sind nur die von männlichen Personen ausgefüllten Karten in Vergleich zu stellen. Am 1. Februar 1902 betrug die Zahl der auf diese Weise in Charlottenburg ermittelten arbeitslosen männlichen Personen 2266, am 23. Februar d. I. nur 3S0 und am 26. Juli gar nur 247. Von allen bei der letzten Volkszählung in Charlottenburg ermittelten Arbeitern machte daS vor 2 Jahren 9 Proz. aus, im Februar dieses Jahres nur 1,4 Proz., und jetzt noch nicht ganz 1 Proz; diese Zahlen verringern sich noch ein wenig, wenn man bedenkt, daß seit der Volkszählung vom 2. Dezember 1900 die Gesamtzahl der Arbeiter in Charlottcnburg jedenfalls zu- genommen hat. Optimisten schließen auS der Kleinheit der Zahlen der Arbeits- losen, daß zur Zeit die Arbeitslosigkeit außerordentlich gering ist, und daß die Verhältnisse an andern Orten ähnlich liegen wie in Charlotten- bürg 1 die bürgerliche Gesellschaft überwindet also die zeitweilig große Arbeitslosigkeit ohne erhebliche Beschwerde und ohne daß besondere Maßnahmen nötig wären. Pessimisten ziehen den Schluß, daß die Zahlen durchaus falsch sind und die angewandte Methode der Zählung unmöglich ein auch nur einigermaßen zutreffendes Bild der Arbeitslosigkeit geben könne. Sie können sich dabei auf die im Sommer und Winter s14. Juni und 2. Dezember) 1895 vom Reich veranstaltete allgemeine Arbeits- losenzählung berufen. Damals wurden in Charlottenburg im Sommer 1424, im Winter 2962 Arbeitslose gezählt, und zwar bei einer Bevölkerung von 120000 respektive 130 000 Ein- wohnern. Jetzt ist die Bevölkerung auf über 200 000 ge- wachsen, und die Zahl der Arbeitslose� sollte bis auf den sechsten bis achten Teil herabgegangen sein f Das müßte sich in der gesamten Industrie doch in hervorragender Weise fühlbar gemacht haben. Auch wenn man von den Zahlen für 1895 den dritten bis vierten Teil als auf weibliche Personen fallend in Abzug bringt, wird das Gesamtbild gegenüber den diesmal erhaltenen Zahlen nicht erheblich geändert. Nun ist ohne weiteres zuzugeben, daß die Methode, nach der in Charlottenburg verfahren wird, keine ideale ist und keine Gewähr auch nur für eine annähernde Erfassung aller Arbeitslosen bietet. Die Zählkarten werden von freiwillig sich meldenden Arbeitern ausgetragen, sind von den Arbeits- losen auszufüllen und an einer der über die Stadt verteilten Meldestellen abzugeben, eventuell werden sie auch von Freiwilligen wieder auS den Wohnungen abgeholt. Es handelt sich also gar nicht um eine Zählung im eigentlichen Sinne, sondern lediglich um eine Meldung der Arbeitslosen. Daß sich hieran nur ein Bruchteil der Arbeitslosen beteiligt, war wohl von vornherein zu erwarten; eine große Zahl Arbeitsloser wird es ablehnen, sich an einer Aktion zu beteiligen, die ohne irgend welche Aussicht auf einen unmittel- baren Nutzen für ihn die Abgabe von schriftlichen Erklärungen von ihm verlangt. Trotzdem kann man aber nicht ohne weiteres behaupten, daß das ermittelte Bild ganz und gar im- zutreffend ist; mangels einer besseren Zählung muß man sich eben an dieser genügen lassen, und man kann immerhin annehmen, daß wenigstens die meisten Arbeitslosen erfaßt sind. In den deutschen Fachverbänden wurden im Februar diese» Jahres 2.3 Proz. der Arbeiter als arbeitslos ermittelt; wenn die in Charlottenburg er- mittelte Zahl nur 1.4 Proz. ergab, so ist doch zu bedenken, baß gerade in Charlottenburg die Zahl der Arbeitslosen stets hinter dem Durchschnitt zurückbleibt. Aber schließlich kommt eS sehr wenig darauf an. ob das eingeschlagene Verfahren mit etwas mehr oder weniger Mängeln be- haftet ist, eine völlig einwandfreie Methode wird sich so bald nicht finden lassen. Die Hauptsache ist, daß die Arbeitslosen-Zählungen aus dem Bereich stattstischer Spielerei herausrücken und den Anstoß zu prakttschen Maßnahmen wirklicher Arbeitslosen-Fürsorge bilden. Ergiebt sich die Zahl der Arbeitslosen wirklich dauernd so niedrig, als nach den Charlottenburger Zählungen, nun, so freue dich, bürgerliche Welt, dann ist die Auf« gäbe, die du zu lösen hast, geringer, als du in schlimmen Zeiten selbst vermutet hast; also frisch ans Werk l denn der Um« stand, daß die Schwierigkeiten nicht von vornherein unübersehbar sind, entbindet die Gesellschaft doch nicht von ihrer Verpflichtung gegenüber den armen arbeitslosen Opfern ihres übergroßen Reichtums. Und ist die Zahl der Arbeitslosen nur ungenügend erfaßt, nun. die ersten Maßnahmen der Fürsorge können sich naturgemäß nur auf diejenigen erstrecken, welche sich als arbeitslos angegeben, welche sich zur Zählung gemeldet haben. Geschieht für diese wirklich etwas in irgend einer Richtung, so werden die Arbeitslosen sehr bald ein« sehen, daß es sich nicht bloß um eine stattstische Spielerei der Be« Hörden handelt, und werden sich bei den nächsten Zählungen voll- ständiger melden. Freilich ist nicht zu verkennen, daß Charlottenburg als einzelner kleiner Ort des einheitlichen Wirtschaftsgebietes Groß-Berlin in wirksamer Weise kaum eingreifen kann, die Frage der Arbeits- losen-Fürsorge muß einheitlich für Berlin und seine sämt« lichcn Vororte gelöst werden. Die Unterlage für jede Maßnahme kann nur durch Zählungen irgend welcher Art ge« schaffen werden; die Verwaltung Berlins hat daher schon lange die Pflicht gehabt, diese Aufgabe in die Hand zu nehmen. Bisher hat sie zu ihren vielen Sünden auf dem Gebiete socialer Mchtbethätigung auch die der Unterlassung jeder Arbeitslosen-Fürsorge begangen. Es ist höchste Zeit, mit dem Schlendrian zu brechen und für Berlin Arbeitslosen-Zählungen mit dem Ziel einer Unterstützung der Arbeits- losen endlich ins Werk zu setzen. Die Eittscheidnngsschlacht bei Liaujang, die nach einer Reihe blutiger Vorgefechte vom 24. bis 29. August am Dienstag bei Liaujang begann, hat an diesem Tage zu keiner Entscheidung geführt. Eine japanische Meldung über den Ver« lauf des Gefechtes, das 16 Stunden währte, liegt noch nicht vor, ebenso wenig eine neuere Meldung der auf russischer Seite befind- lichen europäischen Kriegsberichterstatter. Die Russen selbst melden, daß der japanische Augriff auf die russische Stellung unter großen Verlusten der Japaner zurückgeschlagen worden sei, die russischen Ber- luste selbst seien auf 3000 Mann zu schätzen. Es war vorauszusehen und wir haben das ja auch bereits be« tont, daß die Entscheidung sicherlich nicht mit einem Schlage fallen werde. Erst nach mehrtägigem Ringen der gewaltigen Armeen wird von einem entscheidenden Erfolg der einen oder andern Seite die Rede sein können. Aber auch wenn die Rnffen aus ihren starken Stellungen geworfen werden, wird eine Vernichtung und Aufhebung ihrer Armee erst dann möglich sein, wenn es den Japanern gelingt, den Russen den Rückzug nach Mulden hin zu verlegen. Ueber die Vorgänge am Mittwoch liegt zur Zeit noch keinerlei Nachricht vor. trotzdem anzunehmen ist, daß die Japaner auch heute ihre Angriffe mit derselben Energie erneuert haben. Man könnte ja aus diesem auffälligen Schweigen der Ruffen allerhand Schlüsse ziehen, allein es ist besser, daß man die zuverlässige Kunde von den Ereignissen ruhig abwartet. Auch wenn die russische Meldung im vollsten Umfange zutrifft. liegen die Chancen für die beiden Gegner noch genau so wie am Montag. Erst neue Ereignisse können Anhaltspunkte dafür liefern, auf wessen Seite sich der Vorteil neigt. Die russtsch-offizielle Meldung lautet: Petersburg, 31. August. General Ssacharow meldet dem Generalstabc unter dem gestrigen Datum: Die Japaner griffen heute von 5 Uhr früh bis 9 Uhr abends unsre vordersten Stellungen bei Liaujang auf dem linken Ufer des Taitseho an. DaS Artillerie- und das Gewehrfeuer erreichten dazwischen die äußerste Heftigkeit. Die Hauptanstrengungen der Japaner waren gegen unsre CentrumS st ellungen und unsren rechten Flügel gerichtet. Ihre zahlreichen Angriffe wurden auf der ganzen Front zurückgeschlagen. Unsre Truppen machten Gegenangriffe. Es kamzumBazonettkampf. Mehrere Punkte unsrer Stellung, die während desKampfes von den Jap anern genommen wurden, wurden gegen Ende des Kampfe? von uns zurückerobert. Im Artilleriekampf stritten unsre Batterien mit Erfolg genen die feind- liche Artillerie. Gegen 4 Uhr nachmittags wurde bemerkt, daß bedeutende Streitkräfte des Gegners unter Umgehung unfres rechten Flügels vorrückten. Bataillone, die aus der allge- meinen Reserve der Armee vorgeschoben wurden und von denen ein Teil den vorrückenden Japanern in die Flanke fiel, hielten die Umgehungsbewegung nach einem heißen Kampfe auf. Die Japaner wurden zum Rückzüge gezwungen. Der Kampf dauerte sogar nach Eintritt der Dunkelheit noch fort und nahm erst gegen neun Uhr abends ein Ende. Die Stimmung der Truppen ist gut. Allen Truppenteilen, auch den vordersten Schützenketten, wurde die amtliche Nachricht vom 26. August mit- geteilt, daß die heldenmütige Garnison von Port Arthur alle An- griffe der Japaner zurückgeschlagen hat. Diese freudig auf- genommene Nachricht hob die Stimmung der Truppen noch mehr und erweckte das Bestreben, hinter den Kameraden nicht zurück- zubleiben. Unsre Verluste sind noch nicht genau festgestellt, sie sind aber bedeutend. Nach der Zahl der Mann- schaften, die die Verbandplätze passierten, zu schließen, dürste unser Gcsamwerlust ßegrn 3000 Mann bettagen. Die Verluste des Feindes müssen sehr bedeutend sein. London, 31. August. Eine samtliche??) Drahttneldnng aus denr Hauptquartier Kurokis besagt: Der rechte Flügel d e r j a p a n i s ch e n Armee ist in der Richtung auf S ch i l s h 0 vorgedrungen. Wenn er stark genug ist, seine Stellung zu behaupten, so ist der Rückzug Kuropatkins nach Mulden unmöglich. Andrerseits wird gemeldet, Lt u r o p a t k i n sei von drei Seiten umzingelt, während die Eisenbahn nach Norden sich in der Gewalt Kurokis befinde, der zwei Divisionen abgesandt habe, um zu verhindern, daß die russischen Verstärlungeu bis südlich von Mulden vordringen. lieber die Kämpfe bei Port Arthur liegen folgende Nachrichten vor: Tschifu, 30. August. Heute ist hier von Port Arthur die am 26. August erschienene Nummer des„Nowi Kray" eingetroffen, welche über die Kämpfe vor Port Arthur folgenden Bericht' enthält: Die Japaner ruhten nach einem dreitägigen heftigen Sturmangriff am 23. August tagsüber aus. Gegen 11 llhr abends rückten sie nrit be- deutenden Streitkräften gegen das starke Fort Zaredontlvi ans der rechten Flanke der Russen vor. Sie nutzten die geringsten Terrainfalten aus und glitten gleich ivahrcn Rothäuten heran. Trotz des russischen Feuers gelangten sie in die Nähe des Glacis und nahmen einen Sturmanlauf, sie wurden aber durch vernichtendes Feuer von allen Seiten zunickgeworfen. Nur eine japanische Abteilung drang über die Leichen der Gefallenen bis in das russische Fort vor. Die Verteidiger trieben sie aber mit dem Bajonett unter schweren Verlusten zurück. Die Japaner erhielten Verstärkungen und erneuerten todes- mutig den Angriff, wurden aber ivicderum zurückgeworfen. Sie unternahmen darauf»och einen dritten wütenden Angriff, aber auch dieser wurde durch das mörderische Feuer der Russen zurück- geschlagen. Die Japaner sollen dabei Granaten hinter die stürmenden Kolonnen abgefeuert haben, um diesen ihre Pflicht, zu siegen oder zu sterben, eindringlich zu zeigen, s??.') Die Russen verlangten nun ihrerseits Verstärkungen für den Fall, daß weitere Angriffe unternommen würden, doch kam es nicht hierzu. Bei Tagesanbruch entspann sich hingegen ein Kampf der beiderseitigen Artillerie. Kapitän Lebedien, der die Mnlrosen-Abteilmig befehligte, stellte sich auf die Mauer und streckte mit einem Revolver über zwanzig Japaner nieder: die Japaner versuchten, die Pyramide menschlicher Leiber überkletternd, die Mauer stets von neuem zu ersteigen: nach dem dritten Angriff wurde Lebedien durch einen Granatsplitter getötet. General Gorbatowski, der schon sechs Nächte ohne Schlaf in den Gräben zugebracht hatte, leitete das Feuer der Russen persönlich. Die japanische Artillerie brachte den Forts schweren Schaden bei, so daß Gorbatowski der Garnison befahl, in den Gräben Deckung zu suchen. Am 24. um 10 Uhr morgens brachten die Japaner ihre Bergartillerie in Stellung, die von den Russen erfolgreich beschossen wurde. Gegen Mittag wurden zwei japanische Truppenabteilungen gesehen, die sich vor dem russischen Feuer zurückzogen, die eine hinter den Zuckerbrothügcl, die andre bei der Eisenbahnbrücke. Um 2 Uhr nachmittags begannen die Japaner mit 12 Geschützen nach Palitscheng zn marschieren. Ein gegen 6 Uhr abends von den Japanern gegen die russische Südostfront ausgeführter verzweifelter Angriff wurde unter großen Verlusten für die Japaner zurück- geschlagen. Hauptmann StenipnasSki machte mit einer kleinen Ab- teilung einen erfolgreichen Ausfallsversuch, um eine japanische Batterie zurückzuweisen. Das Blatt macht keine Mitteilung darüber, ob die Russen sich auf den Hügeln zu halten vermochten. Die Japaner benutzten die aus Stein gebauten Häuser der Chinesen als Forts. In den Getreidefeldern haben die Japaner von der Lonisenbucht her einen ungeheuren Artilleriepark untergebracht. potttiscbe(leberlKbt. Berlin, den 31. August. OrtSarmc. Aus Königsberg i. P. wird uns geschrieben: Ortsarme sind auf Dörfern und Gütern stets ein Stein des Anstoßes. Sie belasten die Kasse der Gemeinde oder der Guts- Herrschaft. Daher sucht man sie gern loS zu werden. Selten haben sie auf gute Behandlung zu rechnen. Solch eine Ortsarme wohnt auf dem Gute Wartnichen im Land- kreise Fischhausen, welches einem Herrn Baron v. König gehört. Das erst 24 Jahre alte Mädchen ist von einem Fuder Getreide ge- fallen und hat sich den einen Fuß derartig verletzt, daß es nur teil- weise arbeitsfähig ist. Das Mädchen hat nun zum Unglück noch einen drei Jahre alten unehelichen Knaben zn ernähren. Die Guts- Herrschaft ist also verpflichtet, Mutter und Kind, soweit die Mutter nicht selbst dazu in der Lage ist, zu versorgen. Wie geschieht nun diese Arme»fürsorge? Wenn das Mädchen arbeitet, erhält es für sich und sein Kind pro Tag 30 Pf. Lohn, 2 Liter Schlendermilch und jede Woche 2 Brote von je etwa 6 Pfd. Gewicht. Außerdem Kartoffeln nach Bedarf. Kann das Mädchen aber nicht zur Arbeit gehen, weil es durch Krankheit oder sonst wie verhindert ist, dann erhält es für sich nichts, sondern nur für das Kind pro Tag 1 bis 4l/3 Liter Schlendermilch und pro Woche ein Brot. In der dem Mädchen an- gewiesenen Wohnstube befindet sich ein aus Brettern zusammen- geschlagenes Bettgestcll, ein Reisekorb und zlvei Stühle; kein Tisch. Wie diese Ortsarme sonst auf diesem adligen Gute behandelt wird, lehrt folgender Fall: Anfang Mai d. I. klagte das Mädchen den im selben Hause wohnenden Jnstmannsfrauen, daß der etwa 25 Jahre alte Inspektor des Gutes, Herr Timm es mit unsittlichen Anträgen verfolgt und als es ihni nicht zu Willen war, hcrumgezerrt und gedroht habe. Einige Zeit danach, am 31. Mai d. I., war das Mädchen auf dem Felde mit dem Auseinandernehmen von Dtanlwurfshiigeln beschäftigt. Da es den kleinen dreijährigen Jungen nicht allein zu Hause lassen wollte, nahm es das Kind mit aufs Feld. Hier war das Kind eingeschlafen. Weil die Mutter nun befürchtete, das Kind könnte sich auf der kalte» Erde erkälten, trug sie den schlafenden Jungen nach der in der Nähe liegenden Wohnung. Hierbei traf der Inspektor das Mädchen und machte ihm wegen der Arbeitsversäumnis Vorwürfe. Dann folgte er dem Mädchen auf das Feld. Hier gerieten nun beide in Wortwechsel, weil nach Ansicht des Inspektors das Mädchen die Arbeit nicht nach seinem Wunsch ausführte. Im Verlaufe des Streites schlug nun der Inspektor in unbarmherziger Weise mit einem eichene» Stock auf das Mädchen ein. Als das wehrlose Geschöpf schon auf der Erde lag, schlug er es auf den Leib und auf die Brnst, daß die Schläge weit hörbar waren. Dann bearbeitete er den Körper des wehrlosen Mädchens mit seinen Füße», bis es sich nicht mehr erheben konnte. Er soll dann im Fortgehen noch gesagt haben,„wenn die Gespanne erst vom Felde sind, dann schlage ich Dich tot". Die so arg Gemitzhandelte schleppte sich nun bis an den Weg zu einem Baum und blieb dort laut weinend liegen. Hier fanden Jnstniannsfrauen das Mädchen und brachten es nach seiner Wohnung. Es war schrecklich zugerichtet. Der Inspektor kümmerte sich aber nicht um die Gemißhandclte. Erst auf energisches Verlangen der Wirtin des Gutes ließ er aus dem nächsten Dorfe einen Arzt holen. Dieser hielt den Zustand des Mädchens für sehr bedenklich und ordnete die sofortige lleberführung nach einem Krankenhause in Königsberg an. Dort lag das Mädchen 14 Tage. Dann wünschte der Herr Baron die Entlassung des Mädchens, weil ihm das zu viel Geld koste. Zurückgekehrt nach dem Gute, verlangte der Inspektor, die von ihm gemißhandelte Ortsarine sollte in Arbeit gehen. Dazu war sie aber nicht im stände. 14 Tage nach der Eni- lassung war der Zustand des Mädchens wieder so schlecht, daß die Frauen, welche es aus Mitleid ab»nid zu abwarteten und ihm etivas zu essen gaben, ganz energisch ärztliche Behandlung für das Mädchen verlangten. Der Herr Baron lehnte daS aber ab. Endlich ließ aber doch der Inspektor einen Wagen zurccht machen und beauftragte eine Frau mit der Kranken zum Arzt zu fahren. Dieser war nach erfolgter Untersuchung ganz erstaunt, daß man das Mädchen schon aus der Krankenanstalt entlassen hatte. Er verlangte, daß es sofort wieder dorthin gebracht werde. Das. erlaubte aber der Herr Baron nicht. Und die Frau Baronin hatte schon, als das kranke Mädchen zu Hause krank lag. angeordnet, daß es kein Essen bekommen solle, weil es nicht krank, sondern nur faul sei. So mußte denn das Mädchen noch sechs Wochen zu Hause in ihrer elenden Wohnung bei großen Schmerze» liegen und erhielt vom Gute keine Nahrungsmittel oder Pflege. Nur für den kleinen Jungen erhielt eine Frau dessen Ration. Während der ganze» Zeit war das von Schmerzen gepeinigte Mädchen auf die Mildthätigkeit der selbst armen Jnstmannsfrauen angewiesen, die es nicht ver- hungern lassen wollten. Endlich am 3. August konnte das Mädchen dem fortwährenden Drängen des Inspektors nachkommen und wenn auch noch mit großen Schmerzen, wieder zur Arbeit gehen. Gegen de» Inspektor Timm war nun wegen der rohen Miß- Handlung Strafantrag gestellt, und so hatte er sich denn am 26. August dieses Jahres vor dem Schöffengericht zu Königs- berg wegen Körperverletzung zu Verantivorten. Angesichts der vor Gericht erschienenen Belastungszeugen, konnte der An- geklagte die That zwar nicht ganz ableugnen. Er behauptete aber, das Mädchen hätte ihn durch ihre Widerspenstigkeit gereizt. Auch habe er sich in Notwehr befunden, da das Mädchen ihn mit er- hobcnem Spaten bedroht habe. Der Amtsanlvalt beantragte darauf eine Geldstrafe von sechzig(60) Mark, lind das Gericht?-- es verurteilte den Inspektor zu einer Geldstrafe von drei<3> Mark. Durch diese? Urteil wahrscheinlich ermutigt, äußerte der Herr, er werde jetzt noch--- gegen das M ä d ch e n Strafantrag stellen.— Der Socialismus und die amerikanischen Wahlen. Mit Dcbs' Kandidatur scheinen die Socialisten eine sehr glückliche Wahl getroffen zu haben. Als fähiger und ehrlicher Arbeiterführer ist er in Gewerkschnftskreisen angeschen und wohlbekannt. Daß man seine Verdienste um die Arbeiterbewegung zu schätzen weiß, zeigt sich neuerdings darin, daß eine Reihe von Ge- werkschaften Resolutionen angenommen haben, nach welchen es den Mitgliedern zur Pflicht gemacht wird, für Eugen Debs bei der Noveinberwahl ihre Stimme abzugeben. Das ist ein bcdcut- sames Zeichen, denn im allgemeinen standen bisher die Gcwerk- schaften in ihrer Masse deni SocialiSmus nicht sehr freundlich gegenüber. Nach den Hauptquartieren der Republikaner und Demo- traten sind Nachrichten gelangt, daß in den Kreisen der organisierten Arbeiter sich eine Stimmung zu Gunsten von Debs bemerkbar mache. Diese Berichte haben in beiden Lagern eine Beunruhigung hervorgerufen. Man hat es in der Gewerkschaftsorganisation der Vereinigten Staaten mit einer Macht zu thun, die man nicht unterschätzen darf. Beinahe drei Millionen Arbeiter stehen in festen Verbänden der Kapitalsmacht gegenüber. Der bedeutendste Arbeitervcrband ist die„Ainerican Federation of Labor", der aus internationalen sdas heißt für die Vereinigten Staaten und Kanada) und aus nationalen Verbänden besteht, die wieder ihre lokalen Organisationen haben. Die gesamte Mitglicderzahl ist jetzt beinahe zwei Millionen. Am 18. April 1904 wurde die genaue, Beiträge zahlende Mitglicderschafr auf 1826114 Personen angegeben. Eine andre große Organisation ist die„American Labor Union", die erst seit einigen Jahren besteht, hervorgegangen aus zwei selb- ständigen Arbeiterverbänden der Weststaaten, nämlich der„Western Labor Union" und der„Western Federation of Miners" �Vereinigung der Bergleute des Westens). Die„American Labor Union" hat'etwa 500 000 Mitglieder. Auch diese Organisation hat überall ihre einzelnen Lokalvcrbände; hier haben die Socialisten viele Anhänger, beloudcrs unter den Bergleuten.— Außer den genannten beiden Verbänden giebt es noch eine Reihe unabhängiger Organisationen, so daß die Zahl von beinahe drei Millionen organisierter Arbeiter sicher zusammen- kommt.— Noch ist diese Macht dein Kapitalismus ungefährlich, noch treten die Massen selbst für das System des Kapitalismus ein, weil nur eine kleine Minderheit den Socialismus kennt, aber dicse'Minder- heit ist anscheinend in schnellem Wachsen begriffen.— *>* • Veutlckes Reich. Frcmdcnrccht. Wie Anklagen wegen MajestätSbcleidigungen entstehen können, hat der russische Student Richard Moscowitz erfahren müssen, welcher sich zur Zeit in Berlin aufhält. M. wollte am Montag einen in der Dragonerstraße wohnenden Landsmann besuchen. Auf dem Wege dahin erkundigte er sich bei einem ihm begegnenden Manne, welche Richtung er einzuschlagen habe, um nach der Dragonerstraße zn ge- langen. Der Mann— Pohle mit Namen— sagte ihm Bescheid,. hat aber dann, nach Angabe des Studenten, die Bitte an ihn ge- richtet, ihm ein kleines Geldgeschenk zn machen. Als der Student dies abgelehnt hatte, habe Pohle gesagt:„Nun, dann kommen Sie mit mir, ich werde Ihnen den Weg zeigen!" Beide seien eine Strecke zusammengegangen, bis sie einen Schutz- mann trafen. Auf diesen sei Pohle zugegangen und habe an ihn die Auffordennig'gerichtet, seinen Begleiter zur Wache zu bringen, er habe-eine MajestätSbcleidignng ausgestoßen. Der Schutzmann habe beide zur Wache gebracht, wo Pohle seine Be- zichtigung wiederholt habe. Der Verdächtigte wurde, weil er Ausländer war, in Unter- '»chmigshaft genommen. Heute fand seine erste Vernehmung in Gegenwart seines Verteidigers Rechtsanwalt Broh statt. Nachdem Moscowitz den Sachverhalt wie vorstehend geschildert und versichert hatte, daß es ihm gar nicht eingefallen sei, eine Majestätsbeleidigung auszustoßen, wurde er auf freien Fuß gesetzt, aber mit dem Be- merken, daß das Verfahren gegen ihn seinen Fortgang nehmen werde. Dieses Verfahren eröffnet einen neuen einträglichen und mühe- losen Erwerbszweig für alles Lumpengesindel, verkommene Subjekte. Trifft man einen Menschen auf der Straße, der wie ein Russe aussieht, so verlange man von ihm die Börse oder drohe ihm mit Dennnciation wegen— Majestätsbeleidigung. Weigert der Russe die Börse, so schleppt der Erpresser ihn zur Wache. Dann wird nicht etwa der Erpresser beim Kragen genommen, sondern das Opfer, weil er ja— Ausländer ist. Eine ans diesem System aufzubauende Organisation zur Aus- raubung von Russen dürfte die größten Erfolge versprechen. Schließlich wäre ja das Verfahren auch nur eine Nachahmung der Reedcr-Polflik. die nach derselben einfachen Methode verfährt: Entweder eine Fahrkarte deutscher Amerikalinien oder Aus- lieferung nach Rußland.—_ Eine Mahnung zum Anstand richtet die ultramontane„Kölnische Volkszeitung", die zu», Unterschied von der„Germania" auf journalistische Ehrenhaftigkeit hält, an die klerikale Presse aus Anlaß des MillionärS-Nrtikels von Lobberich. Das CentrumSblatt schreibt: „Wir wollen... hinzufügen, daß uns die obigen Folge- rungen des Lobbericher Bürgcrblattes ans den mitgeteilten Ziffern nicht zutreffend erscheinen. Wenn der socialdenwkratische �Zuknnftsstaat" überhaupt möglich wäre, so würde der Umstand, daß unter den socialdemokratischen Führern eine Anzahl reicher und sehr reicher Leute sind, ihn nicht verhindern; man kam, auch nicht sagen, daß die socialdemokratischen Führer ihn verhindern wokkie«. weil reiche Leute unter ihnen sind. Ferner sind die reichen Führer auch nicht durch die Socialdemokratcn bezw. die„Groschen der„Arbeiter" reich geworden; sie waren eS meist von Haus aus. Und daß die Redakteure socialdeinokratischer Blätter für ihre anstrengende Thätigkeit angemessen honoriert werden, ist ganz in der Ordnung; die socialdemokratische Presse lebt auch nicht von den„Groschen der Arbeiter", sondern wirft zum Teil sogar ganz kcdeutcnde Ucbcrschüsse ab, welche der socialdemokratischen Partei« lasse zu gute kommen." Das Berliner Organ des Dr. Müller-Lobberich, das sonst alle Prcßänßerungen sammelt, vergißt natürlich diese Stimme zu erwähnen. Dagegen ist dem Artikel des freisinnigen Centralorgans die Ehrung erwiesen, daß er die Runde durch die ganze Kreisblatt- Presse macht: Die Richter-Miillcrei wird inmicr mehr zum geistigen Reptilienfonds der niedrigsten Reaktion.— Möglicher Libcrnlisinns. Aus Halle berichtet man uns unterm 31. August: Ein neues Organ der Liberalen wird hier am 15. September das Licht der Welt erblicken. Um den Bankier Apelt, der das Geld dazu hcrgicbt, hat sich ein Konsortium zusammen- gcthan, das das Bestreben hat, die Liberalen aller Schattierungen uulcr einen Hut zu bringen. Die Hutnummer soll etwas weit ge- griffen werden, denn es sollen auch konservative Köpfe darunter passen, und deshalb wird die neue Zeitung nur„möglichst" liberal sein. Die redaktionelle Leitung übemimnit ein von dem Verleger der„Saalc-Zeitung", Hern, Schirrmeister, hinaus« gegraulter Redakteur. Bei der„Politik der Sammlimg" der Liberalen könnte uns weiter nichts leid tbnn als Herr Bankier Apelt mit seinem Gelde; denn es erscheint doch schon mehr als schleierhaft, Ivo die Herausgeber der neuen Zeitung die Abonnenten hernehmen wollen. Der Verleger der links, rechts und nationalliberalcn „Saale-Zeitung", Herr Schirrmcister, hat sich redliche Mühe gegebe», alle liberalen Abonnenten zu„sammeln" und dabei die für ihn so traurige Erfahrung machen müssen, daß der Abonnentenstand der „Saale-Zeitung" iinnier iveiter herunterging. Die neue„Sammlung" ist ein weiteres Zeichen der Zerklüftung des Liberalismus.— Totcnchruiig in Buddes Reich. Am 16. August starb in Dortmund ein Stellmacher, der dem Staate 37 Jahre lang treue Dienste ge« leistet hatte, er war bei der Wagenabteilung beschäftigt. Und in Buddes Reich weiß man treue Dienste zu lohnen— die Arbeits- genosicn wollten dem Verstorbenen das letzte Geleit geben. Die Stantssahne lvar bereits herausgeholt, alles zum Ehrengeleit bereit— da, in letzter Stunde, kau, Gcgenorder. Nicht dem treuen Arbeiter giebt man das Ehrengeleit, sondern der Gesinnung. So ist es Gesetz in Buddes Reich. Die„Arbeiter-Zeitnng" hatte bemerkt, daß der Verblichene ein stiller, treuer Parteigenosse gewesen sei. Da gabs Revolution im Comptoir. WaS schert man sich darum, ob der Mann ehrlich, brav, fleißig und gut war— die kommandierte Gesinnung ist die Haupt- fache. Der Witwe des Verstorbenen wurde am Abend vor dem Bcgräbnistage mitgeteilt, die Verwaltung habe den Arbeitern die Beteiligung an der Beerdigung verboten. Die schreckliche Gefahr, daß Arbeiter einen toten Kollegen, mit dem sie viele, viele Jahre tagtäglich zusammengearbeitet hatten, zu Grabe leiteten, war beseitigt. Ein Sieg des Budde-Geistes, der zu einer traurigen Berühmtheit beitragen kann. Da sage noch einer, wir leben nicht in einem christlichen Staate, wo Nächstenliebe das oberste Gesetz ist l Da entrüste man sich über das Mittelalter, wo man Ketzer noch über's Grab hinaus bestrafte!— Material zum Koutraktbruchgesetz. Die„Ostd. Presse" berichtet: Im Bromberger städtischen Krankenhause befindet sich seit mehreren Wochen das Dienstmädchen G., das auf Veranlassung der Polizei dort untergebracht worden ist. Veranlassung zu ihrer Einlieferung war der bedauerliche Zustand, in dem das Mädchen aufgefunden worden ist. Ihr Körper war init Ungeziefer aller Ari bedeckt, das sich teilweise in das Fleisch eingefressen und dort seine.Brnt- stätte hatte. Die Füße und Beine der G. waren wund und schmerzten sie, so daß die Arme laut jammerte und Wehrufe ausstieß. Sie konnte daher ihre Arbeit in der letzten Zeit nur noch knieend ver- richten. Trotzdem sorgte die Herrschaft nicht für ihre Unterbringung in einer Anstalt. Ihre Lagerstätte war altes, zum Teil verfaultes Strohe Durch die fortwährenden Jammerrufe des Mädchens waren schließlich die Bewohner des Hauses, in dem es diente, aufmerksam geworden. Eine Bewohnerin erstattete der Polizei Anzeige von dem Zustande der G., und der Polizeikommissarins des betreffenden Reviers ordnete, nachdem er das Mädchen gesehen, seine Ueber- sührung nach dem städtischen Lazarett an. Nach seiner Einlieferung wurde über den körperlichen Zustand des Mädchens ein Protokoll aufgenommen, das obige Angaben in ihrem vollen Umfang bestätigt. Gegenwärtig hat sich der Gesundheitszustand derartig gebessert, aß sich die Kranke in der Stube herumbewegen kann.— )Zuslancl. Ruftland. Ein schneidiger Admiral. Die„ I s k r a" bringt eine Rede des Kommandeurs der Schwarzen Meer-Flotte C z u ch n i n, der bekanntlich an die Stelle Skrydlows getreten ist. Es heißt darin: „Unteroffiziere! Ich habe Sie hierher berufen, damit wir einander kennen lernen. Von heute an werden wir zusammen dienen und ich weiß nicht, ob Sie mir und ich Ihnen gefallen werden. Das wird die Zukunft lehren! Zuerst muß ich Ihnen sagen, daß ich an Diöciplin gewöhnt bin und diese wie die Achtung vor Rang und Obrigkeit ver- lange. Ich sage Ihnen dies, weil Sie Unteroffiziere sind. Ein wichtiger Posten! Dieses Bewußtsein muß Sie durchschauern.— Vor kurzem noch Bauer, der das Feld pflügte, und jetzt nächster Gehilfe des Offiziers! Ja, nächste Gehilfen der Offiziere, auf Euch ruhen große Hoffnungen. Euch vertraut man das ganze Reich an. Ihr müßt treu und ehrlich sein und Euren Stolz nicht vergessen. Aber dieselben Pflichten, die man Euch auferlegt, dürft Ihr auch von Euren Untergebene» verlangen. Ihr habt ja Untergebene, denen Ihr befehlen dürft, mit denen Ihr machen könnt, was Ihr wollt, und von denen Ihr Achtung vor Eurem Range und der Obrigkeit verlangen dürft. Und wenn sich die Soldaten dagegen sträuben werden, so st r a f t oder denunziert sie. Für jede Unterlassungssünde niache ich Euch verantwortlich. Ihr müßt Euch von den Gemeinen fernhalten, dürft Euch mit Ihnen nicht unterhalten; denn das untergräbt die Disciplin, was Wider das Gesetz ist.— Noch eins! Im vorigen Jahre waren unter Euch einige böse Menschen. Nicht nur Feinde der Obrigkeit. sondern auch Feinde Eurer selbst. Und was haben sie erreicht? Sie liegen jetzt im Gefängnis, bis sie faulen werden. Die jetzige Ordnung zu ändern wird keinem gelingen. Wir find tausendmal gebildeter als Ihr und nehmen es uns nicht vor, und wohin kommt Ihr mit Euren Schafsköpfen? Jene Menschen sind unzufrieden, da sie nichts haben. und wollen deshalb auch nicht, daß andre Leute etwas besitzen sollen. Sie lehren Euch, niemand anzuerkennen; nun überlegt Euch aber, was geschehen würde, wenn Ihr der Obrigkeit nicht gehorchtet? Seht auf Eure Offiziere. Adlige, alle gebildet. Und doch gehorchen sie nur, dem Kommandeur, und erfüllen meine Befehle. Diese Menschen aber streiken, und was ist das Resultat? Sie hungern und diejenigen, die ihnen trauen. Und zu guterletzt bitten sie ihren früheren Herrn wieder um Arbeit I Ihr solltet gescheiter sein. Auf Schritt und Tritt solltet Ihr auf jene Leute achten, sie verfolgen und denunzieren. Dafür werdet Ihr belohnt werden und avancieren, als� ehrliche Dienet des Vaterlandes. Ich hoffe, daß Ihr alles, was ich fordere und ver- lange, erfüllen werdet."—. Der neue Konimandeur besuchte auch die Hafen-Werkstatten und war empört, daß die Schlosser 60 Kopeken setlva 1,20 Marl) be» kommen: .WaS. wollen Sie. den Staat zu Grunde richten?" fragte er den Ingenieur, der ihn begleitete..Lehr- lingen gebühren 30—40 Kopeken. 1,40 Rubel bekommt man, wenn man zwanzig Jahre gearbeitet hat. Das nmb eine Ausnahme fein!"— Australien. Australien und Japan.„White Australia"— Australien für die Weißen— ist in der australischen Politik ein Losungswort von schwerwiegender Bedeutung. Dasselbe richtet sich gegen die schwarz- häutigen wie gegen die gelbhäutigen Mitmenschen, besonders aber gegen die letzteren, die Chinesen und Japaner. Die Chinesen sind mächtlos und müssen es ruhig über sich ergehen lassen, das; sie bei ihrer Ankunft in den Hafeuplätzen festgehalten und zurückgeschickt werden. Ganz anders verhalten sich die Japaner, besonders in der letzten Zeit. Sie lassen es auf einen Konflikt ankommen, wenden sich an ihren Konsul, und von dort regnet es dann scharfe Proteste. Japanische Staatsmänner haben wiederholt das Ver- halten Australiens scharf kritisiert. Japan erinnert daran, wie es seine Häsen den Europäern öffnen mußte, die mit Gewalt Einlaß begehrten. Japan ist dicht bevölkert und die Zahl seiner Bewohner nimmt jährlich um 500 000 zu. Es braucht mehr Platz in der Welt und ist entschlossen, auch in Australien einzn- dringen, allerdings in ganz friedlicher Weise. Augenblicklich verhallen seine Proteste noch wirkungslos, ob aber für die Dauer, ist Zweifel- hast. Darum blickt Australien mit gemischten Gefühlen auf die Möglichkeit des Sieges der Japaner über die Russen. Das spiegelt sich in der australischen Presse wieder. Man behauptet, daß Australien zu allererst in Gefahr sei, von einer gelben Menschenflut überschwemmt zu werden, wenn seine Eiuwauderungsgesctze an Schärte verlieren würden. Der Trieb der Selbsterhalnuig zwinge Australien, die Chinesen und Japaner auszuschließen, die arbeitende Bevölkerung verlange es.— Huö Induftne und Handel. Staatsmonopolismus»nd Großindustrie. Anläßlich des Duells Kirdorf- Möller erhalten wir von unserm früheren Redakteur Adolf Braun ein Gespräch mit- geteilt, das er anfangs der 1300er Jahre mit Herrn Steinmann- Bucher, dem Redakteur der.Jndustric-Zeitung", dem Theoretiker und Berater der Kartelle, führte. In Gemeinschaft mit einem ehemaligen Universitätskollegen, der sich in gleicher Weise wie ich für die Entlvicklung der Kartelle interessierte, begab ich mich in die Expeditton der„Industrie", um dort einige Nummern zu kaufen. Während wir warteten, bis unser Wunsch erfüllt wurde, kam Herr Stcinmann-Bucher aus dem anstoßenden Redakttonszimmer und verwickelte uns in ein inter- esiantes Gespräch. Im Verlaufe desselben bemerkte ich, daß mir die Entwicklung der Kartelle in Deutschlands langsamer als in andern Ländern fortzuschreiten scheine, was bei der hohen industriellen Entwicklung Deutschland und den sonst gegebenen Vorbedingungen nicht recht erklärlich sei. Verständnis- innig nickte er und sagte, daran ist die Socialdemokratie schuld. Ich bat um eine nähere Erklärung. Hierauf fiihrte Stcinmann-Bucher im wesentlichen das Folgende aus: Sicherlich könnte der Kartellierungs- Prozeß— eS war etwa 1892— weiter vorgeschritten sein, aber die weitsichtigen Kartellpolitiker seien bemüht, eine langsame, die öffent- liche Meinung an die neuen Gebilde nach und nach gewöhnende Entwicklung herbeizuftihren, um eine Opposition gegen diese neuen Jndustriefonncn zu hindern oder ihr wenigstens den elementaren Charakter zu nehmen. Die Aufwendungen des Reiches für Heer und Marine, so führte er weiter ans, werden sehr er- heblich steigen, es wird der Zeitpunkt kommen, wo die bis- herigen Quellen des Rcichsfiskus die geforderten Summen nicht mehr liefern werden, wo die Socialdemokratie eine so starke Macht werden wird, daß aus der Bahn der indirekten Steuerpolittk nicht weiter fortgeschritten werden kann. Die Staatsmänner werden nach neuen Einnahmequellen suchen und sie werden sie dort finden, wohin ihnen die geglückte Eisenbahnverstaatlichnng den Weg weisen wird. Man wird der öffentlichen Meinung und den Bedürfnissen des Schatzsekretärs Rechnung tragen, wenn man mit weiteren Verstaatlichungen vorgehen wird, man wird die Hand auf die kartellierten Industrien, vor allem auf den Kohlenbergbau legen. Der Militarismus wird das Deutsche Reich auf das Gebiet des Staatssocialismus treiben, dies fei eine Gefahr für die ganze bürgerliche Gesellschaft, denn bei der EntWickelung der Socialdemokratie sei eine staatSsocialistische Polittk in hohem Maße bedenklich. Herr Steinmann-Bucher, der nicht wußte, daß ich Socialdemokrat war, redete sich in großen Eifer hinein und kam zu dem Schlüsse, daß dies die Kehrseite der von ihm sonst für so gesund gehaltenen Zusammenfassung der Industrie und des Bergbaues in Kartellen sei und daß deshalb die Klugheit den Trägern der Kartellbewcgung ein langsames, schrittweises Vorgehen empfehlenswert erscheinen lassen müsse. Vielleicht dient diese Erinnerung dazu, nicht Herrn Möllers Borgehen, aber den strammen Widerstand der Kirdorf und Genossen zu erklären. Ich glaube in diesen Darlegungen auch einen Grund für das entschiedene Festhalten der deutschen Groß- industriellen an der Hochschutzzoll-Politik zu finden. Man will in diesen Kreisen das Reich besähigen, durch Zölle und indirekte Stenern seine vom Militarisnms geleerten Kassen zu füllen, damit es nicht aus den Gedanken, kommt in die Bahnen eines industriellen Staatsmonopolismus einzulenken, den die Kirdorf und Genoffen fälschlich als Staatssocialismus bezeichnen.— A. B. Die deutsche Eisen- und Eisenwaren-AuSfuhr hat im Juli, nachdem sie im Juni eine kleine Zunahme erfahren hatte, wieder einen Rück- schlag erlitten. Verglichen mit dem Vorjahr ergicbt sich für die ersten sieben Monate des laufenden Jahres folgendes Resultat: Einfuhr AuSfiihr Anssuhrübcrschnß 1903 1004 1903 1904 1903 1904 Tonnen Tonnen Tonnen Januar.. 20 723 20 727 303 077 234 003 282 354 213 338 Februar.. 10 523 24 089 277 071 204 831 200 543 180 742 Mm-z.. 22 439 29 415 321 308 251 273 298 809 227 858 April.- 22 058 34 844 319 701 255 780 297 103 220 942 Mai..- 23 200 34 800 318 150 230110 294 944 195 244 Juni... 27 907 37 524 291434 239 830 203 527 202 312 Juli... 27 727 31 422 283 309 223 590 200 583 192 108 Zusammen 161 183 212 887 2 119 110 1039 491 1957 927 1420 004 Die deutsche EisenauSfuhr weist danach für den Juli eine so niedrige Ziffer ans, wie sie im laufenden Jahre bisher nur der Monat Februar hatte. Mit 223 590 Tonnen bleibt sie gegen den Vormonat um über 10 000 und gegen den Juli 1903 um rund 65 000 Tonnen zurück. Gleichzeittg zeigt auch die Einfuhr von Eisen eine Abnahme. Der Ausfuhrüberschuß stellt sich auf 192 103 Tonnen gegen 202 312 Tonnen im Juni 1904 und 200 583 Tonnen im Juli 1903. Eine neue russische Anleihe. Das russische Finanzministerium hat, wie der„D a i l q T e l e g r a p h" aus Petersburg meldet, mit deutschen Bankiers den Hauptpunkt einer zukünftigen Anleihe er- folgrcich festgestellt. Es seien nur noch untergeordnete Punkte zu erledigen. Die Anleihe werde 500 Millionen Rubel betragen und höher verzinslich sein, als die zuletzt an den Markt gebrachte russische Anleihe. Die Zeit der Ausgabe sei noch nicht festgestellt, diese werde aber bestimmt nach dem Fall von Port Arthur erfolgen. Daß Rußland versuchen wird, in Teutschland eine neue An- leihe aufzunehmen, und daß sich ein deutsches Banlenkonsortium zu diesem Geschäft bereit finden wird, kann als durchaus sicher gelten; aber die Angabe, die Anleihe werde 500 Millionen Rubel betragen und nach dem Fall von Port Arthur erfolgen, erregen doch einige Bedenken an die Richtigkeit der Meldung des„Daily Telegraph". Der Verlust Port Arthurs ist doch kaum geeignet, die Zuversicht des deutschen kapitalistischen Publikums in die Stabilität und Sicherheit der russischen Verhältnisse zu stärken. Tie Ausgleichsvcrhandlungen der nordatlnntischen Dampfer- linien sind laut„Franks. Ztg." nicht zum Abschluß gebracht worden, haben jedoch beiderseits eine Geneigtheit zu einem angemessenen Vergleich ergeben. Der Vertreter der Cunard-Linie Lord Jnverclhde nahm aus seine Kompromißvorschläge die Antwort der verbündeten Gesellschaften entgegen, welche nunmehr von der Cunard-Linie gc- prüft werden wird.— Nach einer weiteren Meldung des„Standard" stehen andrerseits weitere Fahrpreisermäßigungen für die erste und zweite Klasse für die Fahrt von England nach Amerika bevor, wenn die transatlantische Konferenz nicht die Beilegung des Streites her- beiführen sollte, SewerKlcKaftlicKes. Frommer Schwindel. Die„Germania" brachte dieser Tage wieder einmal eine Leistung auf dem von ihr mit Eifer gepflegten Specialgebiet der Entdeckung von socialdcmokratischem Terrorismus gegen christliche Arbeiter an die Oeffentlichkeit. Mit derartigen Veröffentlichungen ist das Centrums- blatt schon oft hineingefallen, ihre Märlein von socialdemokratischcm Terrorismus sind von uns schon so oft als Phantasicgebilde ultramontaner Jünglinge erwiesen worden, daß man annehmen sollte, das fromme Blatt müßte gegenüber den Leuten, die ihm die bekannten TerrorismuSgeschichtcn anftischen, etivas vorsichtiger sein. Aber trotz der unangenehmen Erfahrungen, welche die„Germania" mit ihren Ge- währsmännern bisher gemacht hat, tauchen in ihren Spalten immer wieder unwahre Behauptungen auf, die den Zweck haben, die moderne Arbeiterbewegung zu verunglimpfen. Das christliche Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten", scheinen die frommen Katholiken, welche die Spalten der„Gerniania" mit Erzählungen von socialdemokratischcm Terrorismus füllen, vergessen zu haben. „Die socialdemokratischen Terroristen haben innerhalb drei Tagen in Groß-Berlin fünf christlich gesinnte Maurer wegen ihrer Gesinnung in brutaler Weise brotlos gemacht." So sagt die„Germania". Wir haben die Behauptungen der„Germania" geprüft und dabei gefunden, daß sie von einigen jungen Leuten ihrer Gefolg- schaft in recht unchristlicher Weise mit Unwahrheiten bedient worden ist. Auf dem Neubau des Schöneberger Krankenhauses sollen die Mitglieder des Maurerverbnndes das Zusammenarbeiten mit einem christlich organisierten Maurer verweigert und dadurch dessen Eni- lassung verursacht haben. Das i st eine Unwahrheit. Nach unsren Ermittelungen liegt dieser„Fall" so: Als der Schützling der„Germania" auf dem Krankcnhausbau in Arbeit trat, ge- hörte er keiner Organisation an. Seinen Kollegen erzählte er jedoch, er gehöre seit 14 Tagen dem Centralverbande der Maurer an. Dem Ersuchen, sein Mitgliedsbuch vor- zuzeigen, entzog er sich niehrere Tage lang durch allerhand Aus- flüchte. Endlich stellte sich heraus, daß der angeblich Terrorisierte sich soeben im christlichen Verbände hatte aufnehmen lassen, während er seinen Kollegen immer noch vorgeredet hatte, er gehöre dem Centtalverbande an. Dies durch und durch unehrliche Ver- halten erregte begreiflicherweise lebhaften Unwillen unter den Mit- arbeiten; des christlichen Feindes der Wahrheit. Man hielt ihm, wie die„Germania" täglich beweist, allerdings mit Unrecht, vor, daß das fortgesetzte Lügen mit christlichen Grundsätzen doch nicht in Ein- klang stehe, und der so Gekennzeichnete zog eS vor, aus freien Stücken seine Entlassung zu nehmen. Daß die Vcrbandsmitglieder, wie die„Gerniania" behauptet, die Arbeit niedergelegt und dadurch den Polier veranlaßt hätten, den christlich Organisierten zu entlassen, i st n i ch t wahr.— Jn'dem zweiten„Falle", den die„Germania" der Oeffentlichkeit mitteilt, sollen auf dem Neubau Memelerstr. 14 zwei Mitglieder der christlichen Organisation auf Betreiben der Verbandsmitglieder durch den Polier entlassen worden sein. Auch diese Angabe schlägt der Wahrheit ins Gesicht. Bei der Kontrolle der Papiere stellte sich heraus, daß die beiden Maurer erst kürzlich ans dem Centralverbande in die christliche Organisation übergetreten waren. Nach dem Grunde ihres Gesinnungs- beziehungsweise Organisationswechsels befragt, gaben die Betreffenden an, sie feien auf ihrer vorigen Arbeitsstätte, wo sie noch dem Centralverbande angehörten, in ihren religiösen Gefühlen verletzt worden und hätten den. Verbände deshalb den Rücken gekehrt. Diese Behauptung gab natürlich Anlaß zu iveiteren gelegentlichen Erörterungen und bei dieser Gelegenheit versuchten die beiden Mit- glieder der christlichen Organisation, die von der„Germania" so scharf verurteilte Waffe deS Terrorismus gegen die Ver- bands Mitglieder anzuwenden. Die Schützlinge der frommen „Germania" verlangten vom Polier, daß er die Verbands- Mitglieder entlasse und an deren Stelle chri st liche Maurer, die er in genügender Anzahl erhalten könne, ein- st e l l e. Hier waren es als» die christlichen Maurer, welche ihre andersdenkenden Kollege»'brotlos machen wollte». Es erging ihnen aber nach dem Sprüchwort:«Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein".— Ganz ähnlich verhält es sich mit dem dritten„Falle", der sich auf dem Neubau Memelerstr. 13 abgespielt hat. Auch hier sollen nach der„Germania" zwei christlich Organisierte auf Verlangen der Verbandsmitglieder entlassen worden sein. Auch hier ist die Eni- lassung, wie der Polier angab, nicht auf Betreiben der Verbandsmitglieder erfolgt, insbesondere hat auch der Polier die die Christlichen und ihre Organisation verhöhnenden Redensarten, welche die„Germania" ihm in den Mund legt, nicht gebraucht. Gleichzeitig mit den vorstehend gekennzeichneten Unwahrheiten berichtete die„Germania" noch einige nicht minder gruselig dargestellte „Fälle", die sich in Kassel, Dortmund und Göttingen ereignet haben sollen. Diese„Fälle" können wir von hier aus natürlich nicht untersuchen, aber nach dem, was wir über fünf Berliner Freunde der„Germania" festgestellt haben, ist anzunehmen, daß auch die übrigen„Fälle" mit der Wahrheit auf ebenso gespanntem Fuße stehen, wie die von uns berichtigten. Der„Germania" geht eS mit ihren TcrrorismuSgeschichten genau so, wie es seiner Zeit der Regierung mit dem Material zur Zuchthausvorlage ging. Die Erzählungen von socialdemokratischem TerrorismuS nehmen sich auf dem Papier sehr gruselig aus, sie haben aber den einen Fehler, daß sie in nichts zerfließen, sobald nian den Darstellungen ohne Voreingenommenheit auf den Grund geht. veelln und tlmgegcnd. Bei den Bauklempnern Berlins und Umgegend bestanden neben dem in fünfwöchentlichem Streik erkämpften Kollektivverträge Ein- willigzelverträge mit einer Anzahl Firmen, die weder der Innung noch der Vereinigung angehören und seiner Zeit freiwillig den For- derungen der Arbeiter entgegengekommn sind. Diese Einzelverträge laufen mit dem 1. September d. I. ab. Es kommen hierbei 05 Firmen in Betracht, welchen nunmehr iuf Vorschlag der Ver- trauensmännerkonferenz der Kollektivvertrag zur Anerkennung vor» gelegt werden soll, der an die Stelle der Einzelverträge zu treten hat. Eine heute am 31. August von der Ortsvcrwaltung des Deut» scheu Mctallarbeitervcrbandcs nach Stecherts Fcstsälen einberufene öffentliche Klempnervcrsammlung beschloß gegen 2 Stimmen folgende Resolution: „Mit Rücksicht darauf, daß die am 1. April 1903 abgeschlossenen Einzelvcrträge mit dem 31. August d. I. ablaufen, beschließt die heutige Versammlung, in allen in Betracht kommenden Betrieben den Kollektivvertrag am 1. September 1904 zur Unterschrift vor- zulegen, und zwar mit der Maßgabe, daß überall da, wo bis zum 3. September abends die Unterschrift nicht geleistet, am 5. September die Arbeit nicht wieder aufgenommen wird." Die Arbeitsaufnahme der Former und Gießereiarbcitcr ist gestern in den meisten Gießereien ohne Schwierigkeit erfolgt. Nur einige Betriebe waren noch nicht in der Lage, die Leute sogleich wieder alle einzustellen, doch dürfte auch hier die Wicdereinstellung in den nächsten Tagen erfolgen. Es ist nur ein geringer Bruchteil der Former, die gegenwärtig noch feiern. Ein Arbciterinucnstrcik ist nach der„Volks- Zeitung" bei der Finna Siemens u. Halske ausgebrochen. 215 Arbeiterinnen des Glühlampenwerkes in der Hclmholzstraße legten die Arbeit nieder. Vorher hatte der Arbeiterausschuß über die vorgekommenen Lohn- abziigc bei einer besonders schweren Säurearbeit mit der Direktion verhandelt und Wicdcrcinstellung der entlassenen Arbeiterinnen, die mit den Abzügen nicht einverstanden waren, gefordert. Als keine Einigung zu erzielen war. verließen gegen 1 Uhr mittags sämtliche Arbeiterinnen den Betrieb. Achtung, Schuhmacher! Der Streik in der Filzschuhfabrik von Schweiger, Rungcstr. 20, dauert unverändert fort und ist der Stand desselben für uns als günstig zu bezeichnen. Herr Schweiger inseriert fortlaufend nach Meistern und scheint seine Fabrik mit Meistern füllen zu wollen; eine neue, etwas eigentümliche Manier, um zu Arbeitswilligen zu kommen. Einer von diesen Meistern ließ sein„Engagement auf dauernde Stellung" aber alsbald wieder fahren, als er sich in einem leeren Arbeitsraum sah und er selbst zwicken sollte. Ein Zuzug von gelernten Arbeitskräften findet nicht statt. Wir ersuchen unsrc Kollegen, auch fernerhin den Zuzug fern- zuhalten. Verein deutscher Schuhmacher. Deutsches Reich. Verna«. An dem Stand der Aussperrung in der Schuhwaren» fabrik von Heide hat sich noch nichts geändert. In einer Verhandlung, welche die Gauleitung des Vereins deutscher Schuhmacher veranlatzte, wurde vom Fabrikanten erklärt, daß er zwei der Ausgesperrten nicht wieder einstellen werde, über die Gründe zu dieser Matzregel ver- weigerte er jedoch jegliche Auskunft. Danach muß angenommen werden, daß gerechtfertigte Gründe, um die Wiedercinstellung der beiden Arbeiter zu verweigern, nicht bestehen. Letztere sind die Leiter der dortigen Zahlstelle und das erklärt zur Genüge die Matz- nähme des Fabrikanten, bedeutet zugleich aber den Bruch der vor wenigen Wochen unterschriftlich vollzogenen Abmachung,„daß Entlassungen wegen Zugehörigkeit und Be» thätigung für die Organisation nicht stattfinden sollen. Die Ausgesperrten sind nicht geneigt, ohne die beiden Gemaßregelten wieder in den Betrieb zurückzukehren, und so dauert die Aussperrung fort. Verein deutscher Schuhmacher. Zwei Vreslauer Streikprozesse an einem Tage. Am Dienstag verhandelten zu gleicher Zeit zwei Breslauer Gerichtshöfe gegen einen Maurer und einen Bauarbeiter, die durch Schimpfworte auf Arbeitswillige sich der Beleidigung schuldig gemacht haben sollen. Es handelt sich um harmlose Worte, wie sie auf dem Bau gang und gäbe sind, ihre Gefährlichkeit beginnt erst im Augenblick der Lohn- bewcgung. Beide Angeklagte erhielten je einen Monat Gefängnis, der Staatsanwalt hatte sogar drei Monate beantragt. Die Tapezierer- und Dekoratcurgehilfen in Königsberg, etwa 1000 Mann, sind gestern in den Ausstand getreten, nachdem eine gemeinschaftliche Versammlung der beiderseitigen Lohn- kommissionen ergebnislos verlaufen ist. Die Anssperrnng an der Unterweser dauert fort. Die organisierten Arbeiter rechnen damit, daß sie den Ausgesperrten eine Extra-Unterstützlmg aus Anlaß der MietszaHlnng zu teil werden lassen müssen. Die dazu nötige Summe soll nicht durch Sammel- listen, sondern durch eine einmalige Extrasteuer in den an das Kartell angeschlossenen Gewerkschaften aufgebracht werden. Die Lohnbewegung der Tischler, Polierer, Drechsler und Maschinen« arbeiter in Leipzig kann im allgemeinen als beendet angesehen werden. Einigermaßen war man verwundert, daß die Unternehmer- organisationen sich alsbald nach Einreichung der Forderungen am 0. August zu Verhandlungen mit dem Deutschen Holzarbeiter-Ver- band bereit erklärten und so dieselben nur von Organisation zu Organisation geführt werden konnten. In dieser Anerkennung der Organisation lag zweifellos ein wichtiger Erfolg, der nicht ohne günstigen Einfluß auf die fernere Entwicklung der Lohnbewegung »nd aus die Verhandlungen bleiben konnte. Daß man nicht in allen Stadien derselben große Berichte geben konnte, dürfte be- greiflich erscheinen. Die nunmehr abgeschlossenen Verhandlungen init ihren immerhin weitgehenden Zugeständnissen der Unternehmer bezeugen, daß dieselben sich des Einflusses der Orgänisatton bewußt waren. Die Hauptfordeningen der Gehilfen waren: 1. Ein- führung eines gemeinsamen Arbeitsnachweises; 2. 50 Pf. Mindest- lohn für Tischler und Polierer; 3. 43 Pf. für solche unter 20 Jahren; 4. für Drechsler 45 Pf. Mindestlohn; 5. 43 Pf. für Maschinen- arbeiter; 0. 10 Proz. Zuschlag zu den jetzigen Löhnen; 7. Erhöhung des Bantischler-Tarifes von 5—10 Proz.; 8. Abschaffung der Aceord- arbeit in Bauttschlereien mit Maschinenbetrieb. In mehreren Ver« Handlungen, die vom 8. bis 23. August stattfanden, wurden die Streitfragen wie folgt geregelt: Zum Arbeitsnachweis wurde eine Schlichtungskommission zugestanden, über die Handhabung desselben wurden wichtige Bestimmungen mit im Verttag festgelegt, unter andern; soll in Streitfällen die Arbcitsvcrmittelung für den be- troffenen Bettieb so lange ruhen, bis die obengenannte Kommission die Angelegenheit geregelt hat. lieber die Lohnsätze wurde vereinbart, daß ab 1. September 1904 40 Pf. und ab 1. April 1905 48 Pf. gezahlt werden; für Arbeiter unter 20 Jahren ab 1. April 1905 43 M. Mindestlohn. Drechsler und Maschinen- arbeiter erhielten den geforderten Lohn von 45 Pf. bezw. 43 Pf. Auf alle jetzt bestehenden Löhne erfolgt am 1. September 1904 ein Zuschlag von 3 Pf. und am 1. April ein solcher von 2 Pf. Der Tarif für Bautischlerarbeiten wurde um 5—7 Proz. erhöht, während in den Specialbetrieben eine Erhöhung der Accordpreise um 3 bis 10 Proz. in den jetzt nahezu überall abgeschlossenen Einzel- Verhandlungen erreicht wurde. Beteiligt sind an der Lohnbewegung in ca. 120 Bettieben ca. 1300 Kollegen. Da immerhin noch enttge Differenzfälle nicht ausbleiben werden, so sind die Arbeitsangebote nach Leipzig mit größter Vorsicht aufzunehmen und empfiehlt es sich in allen Fällen, sich vorher an maßgebender Stelle zu erkundigen. Ilusi»nd. Die Barbiergehilfen von St. Gallen haben an die Prinzipale die Forderung des Geschäftsschlusses auch am Sonntagvormittag ge» stellt, so daß für sie vollkommene Sonntagsruhe eintreten würde. Eine allgemeine Aussperrung der Lastfuhrwerks-Kutschcr Kopen- Hägens hat die dortige Fnhrwerksbesitzer-Vereinigung beschlossen, weil die Kutscher bei einem ihrer Mitglieder streiken. Zur Durch» führung der Aussperrung ist die Genehmigung der dänischen Arbeitgebcrvereinigung notwendig.— Der Droschken st reik am Hauptbahnhof;n Kopenhagen hat selbstverständlich mit dieser Angelegenheit nichts zu thun. Der Boykott des Bahnhofs wird von den Droschkenbesitzern und-Kutschern gemeinsam durchgeführt und noch fortdauernd aufrecht erhalten. Sozialee. Die rh?inisch- westfSlischen Maler- Innungen und die Blciweißfrage. Der rhemisch-westfälische JnnungSverband der Maler- und An- stceicher-Jimnngen ist kürzlich zllsammengewesen. um Stellung zu nehmen zu dem Entwurf, den der Reichskanzler den Handwerks- kammern zur Begutachtung unterbreitet hat. Während die organi- fierten Maler-, Anstreicher- und Lackierergehilfen in einer ausgezeichnet begründeten Petition air den Reichstag das gänzliche Verbot der Verwendung von Bleiweiß und Mennige in ihrem Gewerbe gefordert haben, beschloß der deutsche Reichstag, von dem Verbot abzusehen und den Bundesrat zu ersuchen, Maßregeln zur Verhütung der Bleivergiftungen im Verordnungswege zu bestimmen. Diese Verhütungsmaßregeln sind vor einiger Zeit im Entwurf durch die.Kölnische Zeitung" veröffentlicht worden. Der genannte Jnnungsverband hat nun eine.Begutachtung" des Entwurfes fabriziert, der in den einzelnen Städten von Rheinland und West- falen den Malermeistern unterbreitet und in Form eines Protestes gegen den Entwurf an den Reichskanzler und den Minister des Innern abgesandt werden soll. Die Kölner Maler- und Anstreicher-Jnnung hat sich bereits in einer.öffentlichen Versammlung der Maler- und Aiistreichcrmeister" mit der Angelegenheit befaßt und selbstverständlich das„Gut- achten" abzusenden beschlossen. Der Obermeister der Innung erklärte, wenn der Entwurf Gesetz werde, so komme das einem Verbot der Verwendung von Bleifarben gleich: denn der Entwurf mache den Meistern derartige Schwierigkeiten und lege ihnen solche Lasten auf, daß sie lieber auf das Blciweiß ver- zichten würden.. Der obcrmeiftcrliche Redner ging sehr leichtfertig an die Behandlung der gerade von de» Gewerbehygienikern als so Biberaus wichtig gekennzeichneten Bleiweißfrage heran. Nach seinen Ausführungen existiert die Bleigefahr für das Maler- und Anstreicher- gewerbe gar nicht, und er sprach sogar spöttisch von Bleifurcht. Der § 7 der geplanten Verordnung untersagt das Mitbringen von Branntwein auf die Werkstätten. Der Herr Obermeister meinte: Wenn es heiße: Branntwein darf auf der Werkstatt nicht getrunken werden, dann sei dies der e i n z i g e Pa r a g r a p h, der geeignet sei, die Krankheitsgefahr herabzudrücken. Kenirzeichnend für diesen Obermeister— Maubach ist sein Name— ist eine Aeußerung, die er bei einer früheren Gelegenheit gethan hat. In einem vor mehreren Monaten von ihm erstatteten Gutachten erklärte der Herr: Eine Bleiweiß- Vergiftung im Anstreichergewerbe sei. nachdem daS Bleiweiß nicht mehr im trockenen Zustande verwendet werde, ausgeschlossen: es sei denn,„daß man Bleiweiß statt Butter aufs Brot schmiere".— Die Regierung wird wissen, welchen Wert sie einem.Gutachten" beizulegen hat, das von einem so sachkundigen und gefühlvollen Manne unterbreitet wird. Zum Ueberfluß war dann die durch öffentliche Plakate und Zeitungsinserate einberufene .Protestversammlung" der Kölner Maler- Innung nur von anderthalb Dutzend Personen besucht, während eS in Köln etwa 400 Maler- und Anstreichermeister giebt. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß nun das.Gutachten", von seinem In- halt ganz abgesehen, vollends wertlos ist. Zum Schluß gestatten wir uns an den Herrn Reichskanzler die Anfrage, ob auch den Gehilfenorganisationen der EntwurfzurBegutachtungunterbreitetwird. Ausdehnung der Krankcnversicherungspflicht auf die Heimarbeiter hat das Gewerkschastslartell in Arnstadt in Thüringen beim dortigen Gemeinderat beantragt. In der diesbezüglichen Eingabe war darauf verwiesen, daß in Arnstadt mehrere hundert Heimarbeiter beschäftigt werden, die keinerlei Versicherungspflicht unterliegen. Nach einer Aufstellung des Magistrats werden allein in der Handschuh-Jndustrie 600 bis 700 Personen als Heimarbeiter beschäftigt. Die Unter- nehmer haben dem Magistrat auf seine Anfrage erklärt, daß sie lieber keine Heimarbeiter mehr beschäftigen und dafür die Fabrikarbeit weiter ausdehnen würden, als für erstere die Beiträge zu bezahlen. Erstens hätten das die Unternehmer nicht gethan. weil sie damit der Beitragspflicht nicht entgangen wären, denn die Fabrikarbeiter sind ohne weiteres versicherungspflichtig und die Heimarbeit ist den Unternehmern viel zu profitabel, als daß sie sie so leichthin aufgeben möchten. Zweiten« aber, wenn sie es gethan hätten, wäre das eine sehr erfreuliche Folge der Einrichtung der Krankenversicherung ge- Wesen und ein Gemeinderat mit einigem socialpolitischen Verständnis würde gerade durch diese Erklärung der Unternehmer veranlaßt worden sein, die Versicherung erst recht einzuführen. Anders der Arnstädter Gemeinderat: er ging über den Antrag zur TageS- ordnung über. Nebcr die Prostitution in Kopenhagen und die Lebensumstände der Prostituierten giebt der Oberarzt des Vestre Hospitals, Dr. R. Levy, in dem jüngst erschienenen Bericht über das Jahr 1003 einige wichtige Auftlärunge», die von allgemeiner Bedeutung sind. Die Zahl der eingeschriebenen Prostituierten ist im Laufe des Jahres von 612 auf 655 gewachsen. Viel größer scheint die Zahl der heimlichen Prostituierten zu sein und man nimmt an, daß sie nach Tausenden beträgt. Denn nicht weniger als 520 dieser „Heimlichen" wurden im Jahre 1903 wegen venerischer Krankheiten im Hospital aufgenommen. Unter diesen 520 waren 234 stellungS- lose Dienstmädchen und 57 Dienstmädchen, die schlecht bezahlte Vor- mittagsstellen hatten: femer 51 Näherinnen, 81 Fabrikmädchen. 11 Expedientinnen, 15 Tabakarbeiterinnen, 13 Sängerinnen. 8 Artistinnen und die übrigen hatten sich mit Reiueniachen, Waschen. Plätten oder Friesieren ernährt.— Die Lebensstellung der er- wähnten Näherinnen und Fabrikmädchen bezeichnet Dr. Levy als „noch elender" als die der Dienstmädchen und er bemerkt hierzu: .Unter den bestehenden Gesellschaftsverhältnissen sind nicht wenige dieser Frauen aus die Prostitution als Hilfsmittel angewiesen, uin sich Nahrung und das Notwendigste für ihr so oft freudloses Dasein zu verschaffen". Was die 655 eingeschriebenen Prostituierten anbetrifft, so fanden im ganzen 1136 Ueberführungen ins Hospital statt. Durchschnittlich kommen also in diesem einen Jahr zlvei Erlrankungen aus jede der unter Kontrolle stehenden Frauen. Unter den Syphilispattenten waren 6 junge Mädchen von 15—16 Jahren. 48 der Prostituierten wurden ins Hospital gebracht, weil sie von ihren Zuhältem miß- handelt worden waren; einige andre, weil ihre„Liebhaberinnen" sie mißhandelt hatten. 24 litten an chronischem Alkoholismus; « wurden in die Jrrenabteilung überführt, 3 von ihnen wegen Delirium._ Gerichte-Zeitung. Der Staatsanwalt als Sittenwächter.„Von allen Seiken mehren sich die Klagen, daß die Staatsanwaltschaft neuerdings wieder mit besonderem Eifer die Verfertiger und Verbreiter söge- nannter unsittlicher Postkarten verfolgt und sie mit Strafen belegt, die die Verurteilten nicht nur pekuniär ganz empfindlich treffen, sondern auch geignet sind, die gesellschaftliche Stellung bisher durch- aus achtbarer und unbescholtener Fabrikanten und Kaufleute zu crschüttem. Was die Sittlichkeitsbewegung ein so besonderes Kolorit oerleiht, ist der Umstand, daß sie periodisch, gewissermaßen wellenförmig auftritt und daß auf Zeiten schärfsten Hochdrucks wieder Pausen folgen, in denen die größte Toleranz herscht. Der Poftkartenfabriant und-Verkäufer ist also von Zeit zu Zeit Strö- mungen ausgesetzt, deren Ursprung, Richtung und Gewalt un- berechenbar erscheint und wehe ihm, wenn er bei einer solchen Wersotw. Aeigfteuri Paul Büttner. Berlin. Inseratenteil twantto. Razzia eingefangen wird." So klagt nachdrücklich das Fachblatt „Ter Postkartenmarkt" und die drei Angeklagten, die gestern wegen Verbreitung unsittlicher Bilder vor der siebenten Strafkammer sich zu verantworten hatten, dürften dasselbe Klagelied anstimmen. An- geklagt war der Kaufmann Willy Schulz-Engelhardt, der Inhaber eines sehr bedeutenden Verlagsgeschäftes, dessen Post- kartcnabteilung einen besonderen Vorsteher hat, ferner der Kaufmann August D i e st e r w e g und der Kaufmann Max Heppner. Bei den beiden letzteren sind Postkarten mit Beschlag belegt worden, die sie von dem ersten Angeklagten bezogen und in ihren Schau- fenstern ausgestellt hatten. Die Bilder auf den Postkarten sind gute Reproduktionen von öffentlich ausgestellten Gemälden der neuesten Pariser Kunstausstellung. Der Kaufmann Heppner hat die Bilder erst ausgestellt, nachdem die Neue Photographische Gesellschaft in Steglitz, welche diese Karten anfertigt, versichert hatte, daß sie wegen der Zulässigkcit ihres Vertriebes beim hiesigen Polizeipräsidenten An- frage gehalten und von demselben die Erklärung erhalten hatte, daß gegen diese Karten nichts einzuwenden sei.— Der Staatsanwalt hielt diese Reproduktionen von Gemälden des Pariser Salons für unzüchtige Bilder, da sie ohne künstlerischen Wert, zum Massen- vertrieb als Ansichtspostkarten hergestellt und nur dazu bestimmt seien, die Sinnenlust de» Publikums anzuregen. Man wisse ja, mit welcher Gier gerade die halb erwachsene Jugend sich diesen Bildern halb und ganz nackter Frauengestaltcn zuwende. Der Staatsanwalt beantragte gegen den ersten Angeklagten 50 M., gegen die beiden andren Angeklagten je 30 M. Geldstrafe. Rechtsanwalt Leopold Meyer I beantragte dagegen die Freisprechung und bestritt, daß die Reproduktionen ohne künstlerischen Wert seien. Sie hätten genau denselben Wert, wie etwa die auf Ansichtskarten hergestellten Reproduttionen der Venus aus der Dresdener Galerie bcziehungs- weise aus dem Florenzer Museum, die ebenso wie die vorliegenden Ansichtspostkarten von der Reichspost ganz unbeanstandet befördert werden. Der Verteidiger überreichte eine ganze Anzahl un- beanstandet gebliebener Reproduktionen antiker Gemälde ähnlicher Art. Auch in dem vorliegenden Fall seien die Postkarten Kunstwerke und man könne doch nicht behaupten, daß ein derartiges Kunstwerk in dem Moment zu einer Unzüchtigkeit wird, wenn es in billiger aber guter Art nachgebildet und dadurch ein Bildungsmittcl des minder begüterten Volkes ist. Sollten die gierigen Blicke halbwüchsiger Per- soncn maßgebend sein, so mühten aus den Museen und der Kunst- ausstcllung, die doch solchen Personen auch zugänglich seien, die vielen Bilder, auf denen nackte Frauengcstalten dargestellt werden, chleunigst entfernt werden. Ter Gerichtshof schloß sich diesen AuS- ührungen an und erkannte auf F r e i s p r e ch u n g. Ein Vergehen gegen daS Stcmpelgefctz, welches den Kaufmann Isidor Rosenthal aus Charlottenburg gestern vor die erste Ferien- strafkammer des Landgerichts II führte, hat für den Angeklagten sehr böse materielle Folgen gehabt. R. war Besitzer eines bei Köln a. R. gelegenen Grundstücks, welches er am 5. November 1903 an einen Reisenden Simion verkaufte. In der Auflassungsurkunde, die von einem Kölner Notar ausgefertigt wurde, gab er eine Vcrkaufssumme von 55 000 M. an und zahlte auch nur die dieser Summe ent- sprechende Stcmpclabgabe. Erst nach einiger Zeit erhielt die Steuer- behörde Kenntnis davon, daß der wirkliche Kaufpreis 89 000 M. betragen hatte. Der Angeklagte, auf dessen Veranlassung die niedrigere Angabe des Kaufpreises geschehen war, hatte sich somit einer Stempelsteuer- Hinterziehung schuldig gemacht, die ihm teuer zu stehen kommen sollte. Ter Gerichtshof erkannte in Gcmäßheit der Bestimmungen des Stempelgesetzes auf eine Geldstrafe von 3900 Mark. Ter Herr Baron als Zechpreller. AuS München schreibt man unS: Auf ein sehr bewegtes Leben blickt der 56 jährige Freiherr Friedrich Karl v. Treuberg aus München zurück. Dieser Edelste und Beste war in den Jahren 1864— 1873 bayrischer Offizier und brachte eS bis zum Oberlieutenant; wegen Schuldenmachens mutzte er den Dienst quittieren. Er trat hierauf bei der französischen Fremdenlegion ein, dann war er Kolonialsoldat in Holländisch-Jndien. Dort wurde er wegen eines genieinen Verbrechens zum Tode verurteilt, aber seine Verwandtschaft war in der Lage, die Bollstreckung des Urteils zu hintertreiben und seine Amnestie durchzusetzen, nachdem sie auf diplomatischem Wege vorgebracht hatte, daß Trcuberg unzurechnungsfähig sei. Nach Deutschland zurückgekehrt, lebte er meist vom Schwindel. Wegen Betrügereien ist er schon wiederholt vorbestraft. Dieser Tage stand er wieder wegen einer Reihe von Zechprellereien vor der Schweinfurter Straf- kammer. Er hatte eine Anzahl Wirte dadurch geschädigt, daß er ziemlich erhebliche Zechen bei ihnen machte, aber nichts bezahlte. Der medizinische Sachverständige erklärte, daß Treuberg an chronischein AlkoholiSmuS leide und erblich belastet sei; sein Vater und zwei Brüder von ihm seien im Jrrenhause gestorben, er selbst habe sich bereits freiwillig zur Aufnahme in eine Münchener Privatirrenanstalt gemeldet. Auf diese Aussage hin wurde er fteiaesprochen und wurde sofort aus der Haft entlassen, sodaß er seine Schwindeleien alsbald wieder aufnehmen kann. Wenn er wieder eine Anzahl Vertrauens- seliger Leute geprellt hat und irgend ein Staatsanwalt Sehnsucht »ach ihm empfindet, wird er sich abermals„freiwillig" bei einer Privatirrenanstalt melden und der Sachverständige wird dem Herrn Baron bezeugen, daß dessen Prellereien nicht einer gemeinen Ge- sinnung entsprungen, sondern auf seine Unzurechnungsfähigkeit zurückzuführen sind. Wenn der Herr Baron verrückt ist, so gehört er einfach ins Narrenhaus. Versammlungen. Lohnbewegung der Glasschleifer Berlins. Ueber die Verhältnisse der Glasschleifer, von denen eS jetzt mehr als 300 in Berlin und Rixdorf giebt, wurde aus Beschluß einer Versammlung vom Februar eine Umftage veranstaltet. Auf Grund des Resultats sollte» im Herbst Forderungen gestellt werden, um bessere und geregelte Zustände im Beruf herbeizuführen. DaS gesammelte Material hat den Vorstand der Verbands- Zahlstelle vorgelegen, der daraufhin Vorschläge für die Forderungen formulierte, welche. mit geringen Aenderungcn, die Zustimmung der Vertrauens- leute fanden, die sich in zwei Sitzungen damit beschäftigen. Die Vorschläge wurden einer sehr gut besuchten Ver- sainmlung unterbreitet, welche am Mittwoch im Gewerkschafts- hause tagte. Sie lauten:„Die tägliche Arbeitszeit bettägt 8'/x Stunden, Sonnabends llji Stunden, an den Vortagen der drei großen Feste ö'/z Stunden, die Tage werden aber voll bezahlt. Ileberftunden dürfen nur in dringendsten Fällen und höchstens drei Stunden in der Woche bei 25 Proz. Aufschlag gen, acht werden. Die Lohnzahlung hat pünttlich bei Schluß der Arbeitszeit zu erfolgen. Andern- falls wird die Wartezeit als Ueberzeit bezahlt, wenn sie mehr als 15 Minuten beträgt. Bei schlechtem Geschäftsgänge dürfen Ent- lassungen nicht stattfinden, sondern die Arbeitszeit ist dementsprechend zu verkürzen. Die Kündigung ist ausgeschlossen. Volle Anerkennung des von den Arbeitern gegründeten Arbeits- Nachweises. Regelung der Vermittelung derart: An tarifuntreue Firmen darf nicht vermittelt werden. Falls ohne Vermittelung des Nachweises ein Arbeiter der untenstehenden Branchen eingestellt werd, mutz er sofort entlassen werden. Vermittelt werden: Mora» schleifer, Breitsacettenschleifer, Buchstabenschleifer, Flachmaschinen- schleifer, Wagenschleifer, Walzenschleifer, Flach- und Facettenpolierer und Beleger. Die Wertstätte wird täglich gereinigt, ebenso muß der Schmutz täglich entfernt werden. Handtuch und Seife sind zu liefern. Slaubdichte Kleiderspinden müssen vorhanden sein. Sämt« liche Glasschleifer,-Polierer und-Beleger erhalten, soweit sie in Lohn stehen, 3 Pf. Aufschlag pro Stunde. Der Minimallohn für Buchstaben- und Breitfacettenschleifer beträgt 60 Pf. pro Stunde. — Für Mora-, Wagen- und Walzenschleifer und für Polierer be- trägt der Minimallohn 50 Pf. pro Stunde. Bei Streitigkeiten ent- scheidet eine Lohnkommisfion von 5 Mitgliedern. Der Stundenlohn Siu(iU04c*tt*Iin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, vcrlagsqnstalt der jetzigen Akkordarbeiter ist aus dem Akkordlohn des letzten Jahre? zu entnehmen." Die einzelnen Forderungen wurden schließlich per Akklamation angenommen, bis auf die des Stundenlohns von 50 Pf. für Mora» schleifer; da es sich um die Beseitigung der in dieser Branche Herr- schende Akkordarbeit handelt, stimmten die Moraschleifer für sich geheim ab. Die große Mehrheit derselben entschied sich für Lohn- arbeit und damit für die vorgeschlagene Forderung. Am Sonnabend werden die Forderungen eingereicht. Bis Montagabend sollen die Antworten einlaufen. Tie ordentliche Gcueralversammlnng der Arbeiter- Bildungs- schule fand dieser Tage im Gcwerkschaftshause statt. Der vom 1. Vorsitzenden Genossen Lamme gegebene Vorstandsbericht kon» statiert einen für das Sommervierteljahr befriedigenden Besuch der Unterrichtskurse. Es gehörten im verflossenen Quartal der Schule 62 Damen und 336 Herren als Mitglieder an. Ter Besuch der einzelnen Unterrichtsfächer verteilt sich folgendermaßen: N a t i o n a l- ökonomie 70(2 Damen, 68 Herren), Geschichte 155(30 Damen, 125 Herren), Gesetzeskunde 34(6 Damen, 23 Herren), Redeübung 101(7 Damen. 94 Herren), Rede- Übung für Fortgeschrittene 20(1 Dame, 19 Herren)' Mitglieder. Im Berichtsvierteljahr fanden 2 gemeinschaftliche Sitzungen des Vorstandes und der Lehrerkommission statt, in denen über den weiteren Ausbau der Schule beraten wurde. Ter Kassen- bericht weist für das 2. Quartal eine Einnahme von 493,40 M., eine Ausgabe von 499,85 M. auf, so daß am 1. Juli ein Kassen- bestand von 2760,43 M. vorhanden ist. Tie Bibliothek, die im letzten Vierteljahr um 9 Bände vermehrt wurde, war an 31 Abenden ge- öffnet. Ausgeliehen wurden 347 Bände an 133 Mitglieder. Tie Lehrer Genosse G r u n w a l d wie auch Dr. Steiner sind mit dem Interesse, das die Schüler ihren Vorträgen entgegen brachten, zufrieden gewesen. Genosse G r u b e r t erstattete den Bericht der Zehnerkommission. Tie Kommission steht wegen größerer und zweckmäßigerer Schulräumlichkeitcu in Unterhandlung. Im Oktober- Dezember-Quartal sollen 7 Kurse abgehalten werden. Montags: Nationalökonomie, Lehrer Genosse M. Grunwald, Dicns- tags: Geschichte. Lehrer Dr. R. Steiner, Mittwochs: Naturerkenntnis, Lehrer Genosse Bacge, Tonnerstags: G c- setzes künde, Lehrer Genosse Katzenstein, Freitags: Rede- Übung, Lehrer Dr. R. Steiner. Sonntags: R e d e ü b u n g für Fortgeschrittene, Lehrer Dr. R. Steiner, und National- ökonomie für Fortgeschrittene, Lehrer Genosse M. Grunwald. Nach längerer Diskussion werden diese Vorschläge des Vorstandes gutgeheißen. Zum Beginn der Unterrichtskurse soll eine intensive, planmäßige Agitation entfaltet werden. Zum letzten Punkt der Tagesordnung wird ein VorstandSantrag, den Unterrichts- Vertretern 2 Proz. Mankogeldcr zu bewilligen, angenommen. Nach einer längeren Diskussion, nach der ein Vorschlag dcS Vorstandes, am 7. September eine Versammlung stattfinden zu lassen in der Genosse Grunwald über:„Historischer Materialismus" referieren soll, angenommen ist, schließt die gutbcsuchte Vrsammlung. Genosse Fritz Kaier ersucht uns um Aufnahme folgender Zeilen: In Nummer 204 vom 31. August des„Vorwärts" Per- fammluirgsbericht über die Berichterstattung der Gen. Kater und Dr. Friedcberg sind incine Ausführungen übet die Delegations- Verhandlung der Deutschen betreffend die Feier des 1. Mai nicht richtig wiedergegeben evcnt. vom Berichterstatter nicht richtig auf- gefaßt worden und bitte ich dies dahin richtig zu stellen, und zwar von dem Satz an: Robert Schmidt führte aus:„Jeder Pfennig, den die Gewerkschaften ausgeben, müsse so bewertet werden, daß man schon vorher wissen müsse, was durch feine Ausgabe erzielt werden kann, diese» treffe auch bei Lohnbewegungen zu. Wenn ein Vorteil durch die Ausgabe vorher nicht zu ersehen sei, habe alles zu unterbleiben und muß verhindert werden, dies sei die Aufgabe der Gewerkschaftsorganisation." Weiter läßt der Bericht mich sagen: Im Laufe der Verhand- lungen sei von gewerkschaftlicher Seite gesagt worden, man möge hier beschließen, was man wolle usw., das ist nicht richtig, es muß heißen: Ter Genosse Robert Schmidt ging sogar soweit, dort zu erklären,„daß sich übrigens mit dieser Frage der nächste stattfindende Gewerlschafts-Kongrch befassen würde." Was nach meiner Ansicht eine Drohung war mit andren Worten: Ihr könnte hier beschließen was Ihr wollt, wir werden machen was wir wollen. Die Berliner CentralverbandSvcrtreter schlössen sich alle den Ausführungen Robert Schmidts an. Fritz Kater. letzte Nachrichten und Depefchen. Opfer des südwestafrikanifchen Krieges. Berlin, 31. August.(Amtliche Meldung.) Reiter Maier, 9. Kompagnie, Regiment 1, im Lazarett zu Waterberg an Typhus gestorben. Im Gefecht am Waterberg am 11. d. Mts. leicht ver- wundet: Lieutenant Freiherr v. Reibnitz. Schuß in die rechte Hand. Vermißt seit dein 17. Juli d. IS. Reiter Johann Freitag._ Nationalitäten-Hader. Proßnitz(Mähren), 31. August.(W. T. 23.) Hier kam es gestern zu Ausschreitungen gegen die Deutschen. Die Promenade blieb in- folge Kurzschlusses bei der elektrischen Sttaßenbeleuchtung einige Zeit unbeleuchtet. Diesen Umstand benutzte czechischer Pöbel, um einen deutschen Swdenten zu überfallen, der mit Stöcken geschlagen wurde. Es entstand eine allgemeine Rauferei, bei der auch dentfche Fttmen und Kinder mißhandelt wurden. Vom ostnsiatischcn Kriegsschauplatze. Liaujang, 31. August.(Meldung des Reuterschen Bureaus.)� Die Schlacht nimmt ihren Fortgang, das Geschützfeuer ist aber heute nicht so heftig als gestern. Die Japaner machen eine Bewegung um die linke russische Flanke herum. Auf beiden Seiten zusammen sind über eine halbe Million Mann und dreizehnhundert Geschütze am Kampfe beteiligt. Es befindet sich so gut wie die gesamte Biacht der beiden Heere in der Feucrlinie. Mulden. 31. August.(Meldung der Russischen Telegraphen- Agentur.) Während der letzten Nacht kam hier ein Zug mit mehr als 200 gestern bei Liaujang gefangen genommenen Japanern durch und fuhr nach Norden weiter. Ein weiterer Transpürt wird für heute erwartet. ES heißt, die Japaner hatten mehrere Male einen Bajonettkampf auszuhalten: alle ihre Angriffe wurden auf der ganzen Front zurückgeschlagen. Der Feiud hatte große Verluste und ließ über 40 Kanonen zurück; die russischen Verluste sind noch nicht bekannt. Explosion in einem Eisenbahnwagen. Kiew, 31. August.(W. T. B.) Letzte Nacht ereignete sich im Gepäckwagen eineS von hier nach Odessa abgegangenen gemischten Zuges nicht weit von hier eine Explosion, durch die ein Schaffner verwundet wurde. Der Wagen wurde zerstört: unter den Trümmern wurde ein Korb aufgefunden, der anscheinend Pulver entHallen hatte; der Korb war Eigentum des verletzten Schaffners. Rom, 31. August.(W. T. B.) Die hiesigen Droschkenkutscher sind in den Ausstand getteten; es verkehren nur einige Wagen. EisentaHa-Zus ammenstoß. Montreal. 81. August.(W. T. B.) Unweit Richmonb(Provinz Ouebeck) stießen zwei Passagierzüge der Grand Trunk-Bahn zu- fammen. Elf Ressende kamen um» Leben, 25 erlitten Verletzungen. Paul Singer L* Co., Berlin S W. Hierzu 2 Beilagen u. Unterhaltungsblatt Ar. 205. 21. IchMg. 1. WIM des, Amiirls" Kcrlim WsM Uotuwgtltg, 1. SkpltNw 1904. Partei- I�acKricdten. Schippe! und feine Wähler. Eine Parteiversammlung für den 16. sächsischen Reichstags- Wahlkreis hat am Dienstagabend in Chemnih getagt, um zur Schippel-Affaire Stellung zu nehmen. Abgeordneter Schippe! referierte über den Parteitag in Bremen. Wegen der Diskussion über seine RechtfertiguugSartikel war er zu der Versammlung geladen worden. Er führte aus, in der Versammlung sollten hauptsächlich die Ge- nassen zu Worte kommen, deshalb werde er sich auch in seiner Sache recht kurz fassen. Es werde offenbar in Bremen recht ruhig hergehen, da sich ganz allgemein in der Partei das Verlangen bemerkhar gemacht hat, wegen theoretischer Auseinandersetzungen erbitterte Kämpfe zu unter- lassen. Die Notwendigkeit des einheitlichen Zusammengehens werde so dringend empfunden, daß die Stimmung dadurch in Bremen zu einer recht friedlichen gemacht sein werde. Schippe! ging dann die verschiedenen Punkte der Tagesordnung des Parteitages durch. In seiner Sache führt er aus, wenn dieselbe überhaupt be- handelt werde, komme es wahrscheinlich nicht zu erhittertcn Auseinander- sctzungen. Die Angelegenheit werde ausgehen wie das Hornberger Schießen. Von einer Entrüstung der Massen habe er gar nichts gemerkt. Nur Leitartikel sind geschrieben worden. Offenbar haben nur eine Handvoll Leute das Bedürfnis gefühlt, einen neuen theoretischen Streitfall zu konstruieren. In Berlin habe die Sache ihren Ans- gangSpunkt genommen, aber auch dort sei von tiefgehender Er- regung bei den letzt stattgefundcnen Versammlungen nichts zu spüren gewesen. Im Bezirk der»Volksstimme" herrsche ebenfalls gar keine Erregung. Geschürt werde nur in der Leipziger Ecke. Auch der .Vorwärts" habe in den letzten Tagen anders geschrieben als vor- her. Die Sache sei in ganz ruhigem Fahrwasser angelangt und sollte darin gelassen werden. In einigen Parteiblättern sei gehöhnt worden, was er. Schipvcl. denn zur Agrarfrage sagen werde. Als er in den letzten drei Artikeln seine Meinung gesagt, war das Interesse mit einem Mal ver- schwunden. Gezwungen mußten sie werden, das wesentliche zu bringen. Auch den„Vorwäns" habe er ebenfalls erst zwingen müsien, zu bringen, was er gesagt habe.*) Auch an andre Zeitungen habe er direkt schreiben und sie auffordern müssen, sein Schlußresumö zu bringen. Gegen den Schlußartikel sei eben nichts zu machen, deshalb sei einer nach dem andern still geworden. Wer ihn jetzt noch als Agrarzöllner bezeichne, den nehme er nicht mehr ernst. Zwölf Wochen lang habe man ihn als Agrarzöllner verschrien, ohne jede Unterlage, ohne irgend einen Beweis fiihren zu können. Diese Leute werdeil jetzt in Bremen stille sein und er habe sie nicht zu fürchteil. Räch seinem Schlußresumö in den Artikeln brauche er auf Zoll» fragen erst nicht einzugehen. Im Programm haben wir uns nicht siir Freihandel festgelegt. Er habe nur gesagt, daß man sich nicht für alle Fälle in Zollsragen binden könne. Gegen Agrarzölle spreche er sich ganz entschieden aus. da dieselben Kopfsteuern verwerflichster Art seien; dafür könne die Arbeiterklasse nicht eintretend Auch aus seinen früheren Ausführungen in seinem Buche gehe klipp und klar hervor, daß es haltlose Verdächtigung sei. wenn man ihn als Agrarzöllner bezeichne. Unleidliche Verhältnisse haben sich tn der Partei herausgebildet. Das ist ein tüchtiger Parteigenosse, der verdächtigen und anklagen kann. Der Beschuldigte hat den Beweis für seine Unschuld zu erbringen. Aber etwas bleibt doch an ihm hängen. Ja, kann man ihm nichts nachweisen, heißt es erst recht, mit dem Kerl ist nichts los. Unter solchen Verhältnissen darf man sich nicht wundern, wenn empfindsame Nationen beiseite gehen. Bou den Anjchuldiguilgcn sei nichts bestehe» geblieben. Auch den Borwurf könne man ihm nicht machen, daß er sich über Partei- tagsbeschlüsie hinweggesetzt habe. Kein Anlaß zum Vorwurf liege vor. Deshalb werde der Parteitag über den ganzen Fall in Ruhe hinweggehen. lLebhafter Beifall.) Vorstand und Ausschutz des Kreises beantragen folgende Resolution: Die heute am 36. August im Saale des Volkshauses „Kolosseum" tagende, von 1000 organisierten Genossen und Ge- uossinnen besuchte Parteiversammlung für den 16. sächsischen Reichstags-Wahlkreis erklärt, daß sie in der strittigen Angelegen- heit ihres Abgeordneten Schippe! noch festhält an der ResoluNon, vom v. Februar d. I., welche lautete: „Den Parteigenossen des 16. sächsischen NeichstagS-WahlkreiscS sind die theoretisch-schutzzöllnerischcn Steigungen ihres Abgeordneten Schippel seit langem bekannt und sie haben daran niemals Anstoß genommen, so ivcnig wie das der Stuttgarter Parteitag 1898 anläßlich des Schippelschcn Referats und die Masse der Partei- genossen anläßlich des Schippelschcn Buches seit 1961 that. Ein Vorwurf würde gegen den Genossen Schippel dann zu erheben sein, wenn er Mehrheitsbeschlüssen der Partei in Zoll- fragen zuwiderhandelte oder wenn er in ostentativer Weise die einheitliche Aktion der Partei zu durchkreuzen suchte. Davon kann jedoch angesichts der ganzen Haltung Schippelö und nach näherer Kenntnisnahme der letzten Vorgänge im dritten Berliner Wahlkreise so wenig die Rede sein, daß eigentlich jedes weitere Wort in dieser Frage für die Oeffentlichkcit überflüssig erscheint. Die Parteigenossen des 16. Wahlkreises verwahren sich deshalb mit aller Entschiedenheit dagegen,' daß fortgesetzt in der Partei neue Streitsälle künstlich geschaffen tverdcn. die jedes Partei- genössische Zusammenwirken verekeln und schließlich jede solidarische Parteiarbeit überhaupt unmöglich machen müssen." *) Genosse Schippel befindet sich in einer für ihn vielleicht an- genehmen Selbsttäuschung, wenn er glaubt, ivir haben etwas, was zu thun wir für unfre Pflicht halte» konnten, nur gethan infolge eines von ihm ausgeübten Zwanges. Wir haben sofort, nachdem uns Schippels letzter Artikel_ bekannt geworden, mitgeteilt, daß er darin sage, eS sei ihm nie im Traume eingesallen. für Agrarzölle einzutreten oder die Partei zum Eintreten für Agrarzölle zu veranlassen. Da wir zugleich damit ankündigten, daß wir SchivpelS Darlegungen ausführlich behandeln würden und damit auch am folgenden Tage begonnen haben, so war die erwähnte Mitteilung zunächst genügend, denn es war selbst- verständlich, daß wir bei der ausführlichen Behandlung sowohl Schippels Argumente als auch seine Schlüsse so ausführlich wie nötig berücksichtigen würden. Natürlich folgten wir in der Em- Wicklung der Kritik der Reihenfolge, die Schippel gewählt hatte, und da war es selbstverständlich, daß das Erste zuerst und das Letzte zuletzt dran kam. Schippel aber, der erst die Oeffent- lichkeit monatelang darüber iin Unklaren gelassen, was wohl seine Meinung über die Agrarzölle sei, hatte es mit einem Male furchtbar eilig, daß die.VorwSrts"leser nur recht rasch seinen letzten Artikel erführen, obwohl aus ihm allein keineswegs der ganze Schippel zu erkennen ist. In übertriebener Loyalität thaten wir denn, was der plötzlich nervös gewordene Schippel verlangte, wir druckten mitten in der Reihe der kritischen Artikel den größten Teil von Schippels Schlußartikel ab mit einer Bemerkung, die erkennen ließ, daß wir eine Verpflichtung dazu keineswegs anerkannten.. Wenn Schippel jetzt trotzdem wieder dieses besondere Entgegenkommen so hinstellt, als ob er uns erst zur Erfüllung einer Pflicht gezwungen hätte, so kann uns das höchstens für die Zukunft zur Vorsicht mahnen, dem Genossen Schippel kein besonderes Entgegenkommen mehr zu zeigen. Dagegen wäre es vielleicht angebracht, wenn Genoffe Schippel seinen Einfluß auf die Chemnitzer„Vollsstimme" geltend machte, daß sie ihren Lesern mitteilte, was denn der„Vorwärts" und einige andre Parteiblätter gegen Schippel zu sagen hatten. Red. des.Vorwärts". Da nun Schippel erneut auch in seinem letzten Artikel auS- drücklich erklärt, daß es ihm niemals auch nur im Traume eingefallen ist, Agrarschutzzöllner zu sein oder etwa gar die Partei für Agrar- schutzzölle gewinnen zu wollen, liegt gar kein Grund vor, dem Genossen Schippel das Vertrauen zu entziehen. In der Diskussion führte Genosse Redakteur N o s k e aus. er stimme gegen die Resolution.„Die" theoretisch-schntzzöllnerischen Neigungen Schippels seien weder ihm, noch den andern Genossen bekannt, lveil Schippel bestimmte Ansichten auch jetzt noch nicht aus- gesprochen habe. Nur gegen die Freihandelsstellung der Partei habe er polemisiert. Schippel habe klare Stellungnahme zu den Zoll- fragen vermieden. Diese Taktik habe der Stuttgarter Parteitag nicht gebilligt und die bekannte Resolution beschlossen. An Schippels Buch habe freilich die„Masse der Parteigenoss»»" nicht„Anstoß" genommen, tveil sie es nicht gelesen haben. Von denen, die es lasen, hat es zum Teil sehr scharfe Kritik erfahren. Die beginnenden Zollkämpfe und der bevorstehende Wahlkampf waren die Ursachen, um derentwillen die Diskussion nicht besonders umfangreich wurde. Man zeige dem Gegner nicht, wo er Waffen findet. Schippel habe thatsächlich „in ostentativer Weise die einheitliche Aktion der Partei zu durch kreuzen" gesucht. In der schweren Zeit der Zollkämpfe habe er die Aktionen der' Partei erschwert. Anfangs 1961 habe er durch Ver- spottung der Zollanschauungcn der Genossen in den„Socialistischen Monatsheften damit begonnen. Das war das Vorspiel zu seinem Buche. Der Wahlerfolg in Chemnitz, aufden sich Schippel berufe, sei nicht mit, sondern trotz seiner Anschauungen errungen worden. Mit Schippels Ansicht, daß die Agrarzölle gar nicht so schlimm seien, hätte man keinen Hund vom Ofen gelockt. Sein Buch sei auf das gründlichste von den Gegnern aus- geschlachtet worden. Den Kampf mit den Zöllnern habe es erschwert. Der Gesamteindruck des Buches sei der eines hohen LiedcS auf die Zölle. Schippel verdiene besonders scharfen Tadel wegen seiner Haltung in den letzten Monaten. Die Art der Polemik sei durchaus ungehörig gewesen. Aehnlich Verletzendes sei noch nicht gegen Genossen und die Partei geschrieben worden. Schippel habe der bürgerlichen Presse monatelang Stoff zu Angriffen auf die Partei geliefert. Mit unheimlichem Eifer habe Schippel Material für die Gegner zusainmengeschleppt. Nach allem, was er vorher geschrieben, erscheinen Schippels Schlußausführungen als absolut unlogisch, ja unsinnig. Was er wolle, wisse man noch immer nicht. Mit der Rederei über die Meiuungssrciheit komme man über Schippels Verhalten nicht hinweg. Der Redner betonte dann, auf die Zollsrageu kurz eingehend, daß die Arbeiterklasse für das Junkertum keinen Finger rühren loerde. (Beifall.) Genosse Schippel polemisierte gegen Noske. Er habe nie seine UniversitätSbildung ausgespielt, andre Genossen nicht als Nichtöwisjer bezeichnet. Die Gegner spielten jede Auseinandersetzung unter uns auS. Wegen seines Buches habe es solange nicht gebrannt, deshalb sei die Sache als erledigt anzusehen. Er bleibe dabei, mau habe ihn lvie Heine, Göhre,' Braun, die vor'S Schiedsgericht geschleppt wurden, zur Strecke bringen wollen. In der Versammlung saß schon der Berichterstatter. der den langen Bericht schrieb, KautSky hatte auch am andern Tage semen Angriffsartikel fertig. Es wurde nach Angrisfsmaterial gesucht. Schippel sucht dann mit zum Teil tiefbewegter Stimme nachzuweisen, daß die Resolution nur Selbstverständliches besage und deshalb angenommen werden könne.(Lauter Beifall.) Genosse S t e i n e r t erklärte, Kautsky habe den Schippclstreit verschuldet. Der Redner gab aber dann zu, daß in den Kreisen der Genossen viel Mißstimmung über Schippels Artikel geherrscht habe. (Unruhe und Schlußrufe.) Genosse Redakteur E n d e r s betont, daß sich seit Februar nichts geändert habe, so daß die Resolutio» angenommen werden könne Schippels scharfe Tonart sei durch die Angriffe seiner Gegner gerecht fertigt.« Genosse Redakteur Schneider ist mit Schippel nicht der Meinung, daß. wer Handelsverträge wolle, auch Zölle, unter Um- ständen auch Agrarzölle wollen müsse. Er achte aber Schippels wissenschaftliche Meinung und habe Vertrauen zu ihm, so daß er der Resolution zustimmen könne. Dr. Friedebergs Auslasstinge» über den Generalstreik seien schädlicher als Schippels Zollansichten. ES sei Gefühlssache, ob die Wähler des 16. Kreises ihrem Abgeordneten ein Vertrauensvotum ausstellen wollten oder nicht. Sein Gefühl treibe ihn dazu.(Beifall.) Genosse K a st a n protestterte dagegen, daß Abwesende, z. B. Kautsky, so scharf angegriffen werden. Kantöky sei durch seine Stellung als Redakteur der„Neuen Zeit" zur Kritik berufen.(Viele Zwischenrufe.) Als der Redner weiter gegen Schippel polemisiert, wird er durch häufige Schlußrufe unterbrochen. Die Resolution wurde gegen 21 oder 22 Stimmen angenommen. Die parlamentarische Taktik der Reichstags- Fraktion und die Landtagöwahlfrage kamen auf dem pommerschen Parteitage zur Sprache. Genosse K ö r st e n übte Kritik an der Haltung der Fraktion zu socialpolitischen Gesetzen. Danach wurde folgende Nc- solution angenommen: „Der pommersche Parteitag erklärt sich mit der Thätigkeit der socialdemokratischen Reichstags- Fraktion bis auf die Wslimmung bei den Kaufmannsgcrichten einverstanden und wünscht, daß die Fraktion ähnlichen socialpolitischen Gesetzeir, soweit dieselben nennenswerte Vorteile für die Arbeiter enthalten, ihre Zustimmung geben möge." Ucbcr die LandtagSwahlfrage referierte Genosse Herbert. Nach seinem Vortrage wurde die von ihm beantragte Resolution angenommen: „Der am 23. August in Steltin tagende pommersche Pro- vinzial-Parteitag erklärt: So lange zu den preußischen Landtags- Wahlen das jetzige Dreiklajsen-Wahlsystem besteht oder ein ähn- lichcs das Volk in seiner Mehrheit vergewaltigende Wahlsystem gilt, ist die Wahlbeteiligung nur dort zu empfehlen, wo sie aus agitatorischen Gründen nützlich erscheint. Der deutsche Parteitag möge daher beschließen, die allgemeine Verpflichtung zur Wahl- beteiligung aufzuheben und die Entscheidung hierüber den einzelnen Wahlkreisen überlassen." Zum Parteitage in Bremen nahmen die Genossen im 23. säch- fischen ReichstagS-Wahlkreise Stellung. Genosse G e r i s ch, der das Referat hatte, sprach sich dabei über die Angelegenheit Schippel aus. Nach dem Bericht des„Sächsischen Volksblattes" erklärte er, daß Schippel in keiner Weise der Aufforderung der Fraktion nachgekommen sei. Einmal schrieb Schippel, er sei für Handelsverträge und erklärte, daß, wer Handelsverträge will, auch für Zölle sein muß. und zwar unter besonderen Umständen auch für Agrarzölle. Am Schlüsse betont Schippel: Es ist mir niemals auch nicht im Traume eingefallen, Agrarschutzzöllner zu sein. Das ist eine Sprache, die jeder Parteitradition ins Gesicht schlägt. In Bremen muß Klärung geschafft und derartiger zweideutiger Politik des Genossen Schippel entgegengetreten werden. Beschlossen wurde: „Die Parteiversammlung des 23. sächsischen Wahlkreises richtet an die Delegierten und sonstigen Teilnehmer des Bremer Parteitags die dringende Bitt«, alle Parteidislussionen in einer Weise zu führen, daß zwar die Ucberzcugung des einzelnen sich rückhaltlos zum Aus- druck bringt, zugleich aber nie vergessen wird, daß wir als Social- demokratcn ganz besonders verpflichtet sind, uns die Gefühle brüder- licher Gesinnung und gegenseitiger Achtung entgegenzubringen. Die Partcivcrsammlung erwartet daher, daß sich Debatten, wie sie der Dresdener Parteitag zeitigte, die die oben bezeichneten Gefühle ver- letzen, in Bremen sich nicht wiederholen." Uebcr die Kassenvcrhältnisse der Partei in der Provinz� Schlesivig-Holstein und Hamburg giebt der Bericht der_ Agitations« konimission ausführliche Auskunft. Danach hatten die 16 Wahl« kreise der Provinz, die drei hambnrgischen Kreise und der Bezirk Fürstentuni Lübeck im Berichtsjahre zusammen eine Reineinnahme von 169 738 M. An den Parteivorstand wurden davon abgeliefert 43 923 M.. an die Agitationskommission des Bezirks 19 314 M., für die preußischen LandtagSwahlen wurden ausgegeben 7772 M., für Bürgerschafts- und Gcmeindewahlen 16 23? M., für allgemeine Agitatton 90746 M. Unter Einrechnung des alten Kassenbestandes bleibt ein Kaffenbestand von 47 721 M. I Das„Bolksblatt für Anhalt" hat jetzt 7984 Abonnenten. Trotz erhöhter Ausgaben erzielte es in: abgelaufenen Geschäftsjahre einen Reingewinn von 6132 M. bei 76 631 M. Umsatz. Ausländische Stimmen über den Amsterdamer Kongreß. In der„Justice", dem Organ der englischen socialdemokratischen Fedcration, bespricht Hyndman die Ergebnisse des Kongresses. Als besonders beachtenswert hebt er die Vertretung Asiens durch den Jndier Dadabhai Navrosi irnd des Japaners Katayama hervor; dieses sinnbildliche und höchst wichtige Ereignis sei durch die„relativ geringfügigere Frage der politischen Taktik" in den Hintergrund gedrängt worden. Die endgültige Abstimniung über die Takttk, so ineint Hyndman, gäbe die allgemeine Meinung des Kongresses wieder und die Dresdener Reiolution würde wahrscheinlich mit voller Einstimmigkeit angenommen worden sein, wenn eS sich nicht um die Person Jaurvs gehandelt hätte. Im übrigen wendet sich Hyndman gegen die langen Reden, die auf dem Kongreß ge- halten worden seien.„Wann werden unsre kontinentalen Genoffen lernen, daß diese großen internattonalen Kongreffe nicht so viel oratorische Schaustellungen zu bieten haben? Wann werden sie an- erkenne», daß ein großer Unterschied ist zwischen einem Kongreß von Delegierten, der prakttsche Arbeit zu leisten hat, und einer öffent- lichen Versammlung, wo man gern vortrefflichen Rednern zuhört. Durch das Rededuell zwischen Bebel und JanrsS seien die Punkte loie Einwanderung lind Auswanderung, Trusts und Llrbeitslose, Zollschutz und Freihandel und vieles andre sehr schlecht weg» gekommen. Die Redaktion der„Justice" schreibt unter der Spitzmarke: „Ein guter Mann ans falschem Wege" über die Taktikfrage. Ihre Stellungnahme gipfelt in dem Satz:„Wir alle� bewundern und lieben Jaurös. aber je früher er erkennt, daß er für die socialistische Bewegung nicht weniger entbehrlich ist, als es Millerand war. um so besser für ihn und um so besser für Frankreich. Dagegen verteidigt im„Speaker" der Genosse Macdonald die Taktik JaureS, welche auch diejenige der Unabhängigen Arbeiterpartei Englands sei. Um ein Ministerinm, das man am Ruder zu erhalten wünsche, weil es im ganzen diejenige Politik betreibe, welche der Arbeiterklasse dienlich ist, zu stützen, müsse man bei untergeordneten Fragen auch hier und da für beziehentlich gegen stimmen, obwohl man der Sache feindlich beziehentlich günstig gegenüberstehe. Der wachsende Einfluß, den der SocialismuS auch in England erhält, geht unter anderm daraus hervor, daß noch zwei andre große Wochen- Zeitschriften, nämlich der„Spectator" und die „Saturday Review" lange Arsilel über den Amsterdamer Kongreß veröffentlichen. Auch in belgischen Parteikreisen wird lebhast über die Konsequenzen der Annahme der Dresdener Resolution auf dem Amsterdamer Kongreß diskutiert. In der„Petite Rcpubliqne" stellt der belgische Genosse Dewinne(Redakteur des„Peuple") einige dieser Preß- und Meimingsäußerlmgen aus belgischen Parteikreisen zusammen: Die Einen(belgischen Parteigenossen) behaupten, daß die Reso- lution von Amsterdam eine Verurteilung der ganzen Bündnispolittk sei, welche die belgischen Socialisten seit mehr als 26 Jahren be» folgt haben. Sie behaupten loeiter, daß die Partei, um sich den Beschlüssen zu fügen, damit beginnen müsse, die Demission aller socialistischen Schöffen und Gemenidcräte und aller permanenten Deputierten der Provinz Lüttich und Hainant, welche mit Hilfe der Liberalen gewählt sind, z» veranlassen. Noch mehr, eS sei den belgischen Socialisten nicht nur untersagt, einen der ihrigen in die liberale Regierung eintreten zu lassen— eine Eventualität, die in zwei oder vier Jahren eintreten kann—, sondern auch die dauernde lliiterstützung eines liberalen Ministeriums. N»d was heißt „dauernd"? Ist das ein Monat, sechs Monate, ein Jahr? Hätte die Amsterdamer Resolution, so bemerkt dem gegenüber der Genosse Dewinne, diese Bedeutung, so könnte sie in Belgien nicht befolgt werden. Das wäre die Umstürzung der ganzen Polittk, wie wir sie seit Bestehen der Arbeiterpartei in Belgien angewandt haben. Aber diese Interpretation scheine weit über daS Ziel hinauszuschießen. Je öfter man die Resolution von Amsterdam liest, desto mehr bedauert man, daß der Inhalt nach einer Aeutzerung von Adler so wenig international ist. Sie richtet sich in erster Linie gegen die deutschen Revisionisten, welche nicht nur die Takttk der deutschen Socialdemokratie ändern wollten, sondern welche auch Bresche zu schlagen versuchten in die wesentlichsten Theorien deS Marxismus, namentlich in Bezug auf die kapitalistische Konzenttation und das Verschwinden der Mittelklasse. In Amsterdam handelte es sich aber nicht um diese und ihren Revisionismus. Die Resolution des internationalen Kongresses soll des weiteren den„Fall Millerand" tteffen, der aber wiederum nur Frankreich angeht. Der Vorschlag Adler-Vandervelde hatte die Eigenschaft, eine mehr allgemeinere Anwendung zuzulassen. Andre Mitglieder unsrcr Partei, so fährt Dewinne fort, finden den Stteifzug, den der Amsterdamer Kongreß in die Domäne der Taktik,'die nach ihrer Meinung zu den Kompetenzen .cder Nationalität gehört, unternommen hat, auch fiir gefährlich. „Wenn man auf diesem Wege weiter fortfährt, so habe sich Bcrttand, der Deputierte siir Brüffel, geäußert, so läuft man direkt ans die Spaltung der Internationale zu. Die Länder mit parlamentarischem Regime ivcrdcii sich von denjenigen Ländern, wo die Arbeiterklasie keinerlei'polittsche Freiheiten haben, keine Vorschriften machen lassen. Was hätten die Deutschen gesagt, wenn ein internattonaler Kongreß ihnen während des Ausnahmegesetzes vorgeschrieben hätte, Revolution zu machen? Sie hätten sicherlich den internationalen Kongreß heim- geschickt, indem sie ihm bedeutet haben würden, daß sie die Takttk, welche sie in einer bestimmten Situation befolgen müssen, besser be- urteilen können, als die Delegierten von Serbien, Bulgarien und Japan. Und sie würden durchaus recht gehabt haben." DaS Organ der Genter Socialisten, der„Pooruit", wiederholt die Worte Van Kols am Schluß des Kongresses:„Es giebt keinen Sieger und keinen Besiegten I" Der„Booruit" fügt hinzu:„JaureS und seine Freunde sind in brüderlicher Weise gewarnt vor den Ge» ahrcn derTeilnahme an einer bürgerlichen Regierung, besonder« bei dem Mangel einer starken Arbeiterorganisatton, welche diese Gefahren aufheben könnte. Bebel und Guesde werden ihrerseits verstehen, daß die socialistische Demokratie an einem Stadium ihrer Eni- Wickelung angelangt ist, wo die bloße Kritik nicht mehr genügt und wo die Weigerung, an einer Regierung teilzunehmen oder einen Teil der Verantwortung zu übernehmen, nicht mehr als eine mutige Be» kräftiguug des PrincipS, sondern als ein Beweis der Schwäche angesehen wird."_ Warnung. In der außerordentlichen Generalversammlung des„Deutschen Arbeitervereins" in Brüssel vom 22. August 1964 ist das ehemalige Mitglied, der Lehrer MaxBinheim, wegen verübter Unierschlagungen der ihm in seiner Eigenschaft als ersten Vorsitzenden des Vereins anvertrauten Gelder, und ferner wegen Begehens mehrerer Hand» lungeu. welche in gröbster Weise gegen die Principien der Partei berstoßen, ausgeschlossen worden. Der p. p. Max Bucheim, welcher hier aus verschiedenen Gründen spurlos verschwunden ist. hat sich höchstwahrscheinlich nach Deutschland begeben. Da es nun nicht aus- geschlossen ist, daß der Herr, der über ein gutes Redetalent verfügt, sich wiederum in Arbeiterkreisen ein unverdientes Vertrauen erwirbt, so seien die Parteigenossen hierauf aufmerksam gemacht. Deutscher Arbeiterverein Brüssel. polieeUicbes, Gerichtliches ulw. — Scharf kritisiert hatte die Dortmunder„Arbeiterzeitung", daß der Amtmann in Castrop einen Bureaugehilfen für 55 M. und einige andre Behörden ebenfalls Bureanbcainte für ähnlich geringe Gehälter gesucht hatten. Dafür wurde der verantwortliche Redakteur des Blattes, Genosse Fricke, zu 300 M. Geldstrafe verurteilt. Es ist auch nicht zu verlangen, daß sich der Amtmann zu Castrop kritisieren lassen soll, weil er 55 M. zahlt. Konnten wir doch erst dieser Tage mitteilen, daß der Landrat in Jnowrazlaw einem alten Kanzlei- beamten nur 20 M. monatlich bietet. Lttstniord an einem Kinde. Auf einen Lustmord an einem Kinde läßt ein Leichenfund schließen, der in dem Hause Franseckistr. 39. an der Ecke der Weißen burgerstraße, gemacht wurde. Neben dem Wirtschastskellcr des Vorder Hauses liegt ein Sandkeller, in dein vor zwei Jahren zum letztenmal Sand eingefahren wurde. In diesem machte Mittlvochmorgen eine Frau aus dem Hause eine unheimliche Entdeckung. Aus dem Sand- Haufen ragte das Knie eines menschlichen Beines heraus. Die benachrichtigte Polizei des 93. Reviers legte unter Leitung des Polizeihanptinannes Hetschko die Leiche frei. Es ist die eines elfjährigen Mädchens Margarete Kos choreck ans Neu- Wcißcnsee, die bei einer Frau Hahn in der Weißenburgerftr. 52, bei der ihre Mutter arbeitete, während der Ferien schlief. Man konnte dies nach der schwarz-weiß karierten Bluse feststellen, die das Kind trug. Frau Hahn schickte das Mädchen am Mitttvoch, den 3. August, nnt einem Karton, der niit einein neuen ledernen Plaidriemen verschnürt war, nach dein Molkenmarkt. Von dort kehrte das Kind nicht zurück, lieber den Verbleib der Vermißten boil jenem Tage bis gestern ist noch nichts bekannt. Die Leiche lag auf dem Rücken auf einer etwa einen halben Meter hohen Sandschicht. Auf ihr lag der Sand etwa ebenso hoch. Sie ist schon stark in Fäulnis übergegangen. Die zerfetzten Kleider waren bis zum Unterleib hinaufgeschoben. Verletzungen konnten bei der ersten Besichtigung an der Leidje nicht festgestellt werden; es bedarf noch einer genaueren Untersuchung, für die die Leiche erst nach dem Schauhause gebracht und gewaschen werden muß. Der Leichenfund in der Franseckistraße stellt die Polizei wieder vor eine sehr schwierige Aufgabe. Nach vier Wochen einen Anhalt für die Ermittelung des Thäters zu gewinnen, erscheint fast unmöglich. Sehr schwer wird es auch sein, überhaupt ein Verbrechen festzustellen, obwohl es ohne Zweifel vorliegt. Die Leiche ist so verwest, daß auch die Obduktion kaum noch zu einer bestimmten Angabe über die Todesursache führen oder die Frage, ob ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit an dein Kinde verübt worden ist, bejahen kann. Bei dieser Sachlage würde man zu einer Sühne des Verbrechens auch dann noch nicht gelangen, wenn die Ermittelungen sonst einen wider Erlvartcn günstigen Erfolg haben sollten.— Margarete Koschoreck wurde am 23. Februar 1893 zu Schwedt a. O. als die jüngste Tochter eines Stadtreisendeu geboren. Ihre Eltern wohnen- in Neu- Weißensee in der Kronprinzenstr. 10a. Sie haben noch zwei Töchter, die bereits verheiratet sind, und einen unverheirateten Sohn. Koschoreck ist Reisender bei der Mostrich- fabrik von Sehlinachcr in der Großen Frankfurterstraße, seine Frau uäht Blusen fiir eine Frau Minna Hahn, Weißenburgerstraße 52, die für das Wäschegeschäft von Rosenberg am Molkenmarkt Nr. 11 thätig ist. Am 3. August um 11 Uhr vormittags brachte Margarete Blusen von ihrer Mutter zu Frau Hahn: diese schickte sie mit dem Karton zu Rosenberg, bei dem sie die Blusen auch ablieferte. Geld bekam sie dasür nicht, da Frau Hahn immer selbst mit Rosenberg abrechnete. Um 1 Uhr ging die Kleine mit dem leeren Karton wieder weg. Zuletzt wurde sie auf einem Omnibus gesehen, der nach der Ecke der Greifswalder- und Marienburgerstraße fährt. Seitdem wurde sie vermißt. Beim Suchen nach ihrer Tochter besprachen die Eheleute Koschoreck das rätselhafte Verschwinden wiederholt auch in dem Cigarrenladen in dem Hause Franseckistr. 39, ohne zu ahnen, daß die Gesuchte als Leiche auf demselben Grundstück im Keller verscharrt lag. Frau Hahn, die der Fundstelle gegenüber lvohnt, rief gestern morgen, nachdem um 8 Uhr der schauerliche Fund gemacht worden war, Frau Koschoreck telephonisch hierher. Die Frau erkannte an den Kleidern mit Bestimmtheit, daß sie in der Toten ihre Tochter vor sich hatte, und brach an der Leiche zusammen. Sie kann nicht begreifen, daß das nichts weniger als zutrauliche Kind einem Fremden in den Keller gefolgt sein sollte. In der Gegend der Fundstelle herrscht über die Entdeckung wieder große Aufregung. Wohl 3000 Menschen sammelten sich in den Mittagsstunden an dem Eckhause. Auf dein Revier wurden fortwährend Kinder über ihren Verkehr mit der Kleinen und ihre Beobachtungen vernommen. Die Kriminalpolizei schreibt eine Belohnung von 1000M.�aus. Man hofft, bei einer genauen Durchsuchung und Durchsiebung des Sandes im Keller noch irgend einen Anhalt zur Aufklärung des Verbrechens zu finden. Die Polizei stellt den Fall in folgender Mitteilung dar: Heute vormittag gegen 3 Uhr wurde im Sandkeller dcö HauseS Franfeckiitr. 39 die Leiche der 11jährigen Margarete Koschoreck, ge- boren am 23. Februar 1893 zu Schlvedt a. O., Neu-Weißensee, Kronprinzenstraße 10a bei den Eltern wohnhaft gewesen, im Sand vergraben tot aufgefunden. Das Kind ist am 3. August mittags zwischen 12 und 1 Uhr vom Hause Weißenburgerftr. 52 von einer Frau Minna Hahn nach dem Bluscngeschäft von Rosenberg. Molken- markt 11, zur Ablieferung von Blusen geschickt worden. Sie trug einen braunen Pappkarton, etwa ein Meter lang, umschnürt mit mit einem gelben Lederriemcn mit Handgriff. Im Geschäft hat sie die Blusen abgeliefert: in die Wohnung Weißenburgerftr. 52, nach welcher sie zurückkommen sollte, ist sie nicht wieder zurückgekehrt. Margarete Koschorcck war 1.40 Meter groß, von schlanker Figur, das Haar war kurz, dünn und hellblond, die Augen waren granblau, sie war bc- kleidet mit einem schwarz- und weißkarierten Halblangen Hängekleid, verwaschener Hängeschürze und weißem Strohhut sSchute) mit rosa Garniemng. Vermutlich ist das Kind von einem Mann nach dein Hause Franseckistr. 39 gelockt und dort getötet worden. Die Be- lohnung von 1000 M. hat der Polizeipräsident für diejenigen auS- gesetzt, welche durch sachdienliche Auskunft die Ermittelung nach dem Thäter unterstützen. Insbesondere wollen Personen, welche die Koschoreck in Begleitung eines Mannes auf dem Wege vorn Molken- markt nach der Wcißenburgerstratze gesehen haben, schleimigst Anzeige bei der Kriminalpolizei oder einem Polizeirevier machen. Auf Aussagen von Kindern ivurde gestern, Mittwochnachmittag, der 18 Jahre alte Kutscher Max K o h n aus der Wcißcnbnrgcrstraße von der Kriminalpolizei angehalten und vorläufig in Gewahrsam genommen. Äohn ist der Sohn einer Frau A. Kohn, die in dem Hause Weißenburgerstraße 52, demselben, in dein Frau Hahn wohnt, ein Fuhrgeschäft betreibt. Er half früher seiner Mutter im Geschäft, bis er am 14. August bei dem Tierarzt Goldberg in Neu-Weißensee als Kutscher eintrat. Er kannte Margarete Koschoreck, weil diese im vergangenen Winter bei seiner Mutter, die damals kein Dienstmädchen hatte, öfter reinmachtc. Mehrere Kinder behaupten nim. den jungen Mann in der letzten Zeit vor dem Verschwinden des Mädchens öfter mit diesem zusammen gesehen zu haben. Ob das mehr als ei» müßiges Kindergerede ist. steht noch sehr dahin. Nachdem Kohn, der zufällig allein in der Wohnung seiner Mutter getroffen Ivurde, der Leiche gegenübergestellt worden war. brachten ihn um 3i/z Uhr drei Kriminalbeamte zum Verhör nach dem Polizeipräsidium. Die Leiche war eine Viertelstunde vorher nach dem Schauhause abgeholt worden. verlmer partei-�ngeiegendeiten. Die Sammelliste Nr. 9880 zum Parteitag ist verloren gegangen. Man wolle sie anhalten und dem socialdemolratischen Wahlverein von A't-Gliemcke Mffteilung davon machen. Lokales* Schnlausfall am Paradetage. „Auf Befehl des Kaisers fällt am 2. September in allen städtischen Schulen der Unterricht ans." Also lautet eine Meldung ans dem Rathause, die von neuem die Vorgänge, welche sich vor Jahresfrist abspielten, ins Gedächtnis ruft. Damals wurden am Paradetage, den 31. August, durch Schutzleute den Schulleitern die Mitteilung zugesandt, daß der Parade wegen keine Schule abgehalten werden'solle. Unsre Parteigenossen in der Stadtverordneten- Versammlung richteten dann an den Magistrat die Anfrage, welche rechtlichen Vorschriften bestünden, wonach der Polizeipräsident in der Lage sei, den Leitern der städtischen Schulen Anweisungen über den Ausfall des Unterrichts zu geben. Eine Reso- lution Cassel und Genossen wandte sich lendenlahm gegen den plötzlichen Ausfall des Unterrichts und eine Resolution Rosenow mißbilligte es, daß der Schnluntericht ausgefallen fei, ohne daß man die Schuldeputation gehört hätte. In der Sitzung der Stadtverordneten-Verfainrnlung vom 8. Oktober, in der die letzt- erwähnte Resolution von den Antragstellenr zurückgezogen, aber von unfern Parteigenossen wieder aufgenommen wurde, brachte unser Parteigenosse Singer klipp und klar zur Sprache, daß es sich hier um ein neues Symptom handle, die städtische Selbstverwaltung unter das Joch andrer Persönlichkeiten zu stellen. Im heutigen Falle liegt, soweit die Wirkung des Schulausfalles in Betracht kommt, die Sache insoweit ja anders, als am Sedan tage ja auch früher von einem eigentlichen Unterricht in den Schulen nicht die Rede war und die Schüler nur zum Anhören eines kricgspntriotischen Vortrages hinbestellt wurden. Es ist ja kein großer Verlust, weun die Kinder morgen derartige Reden ver- missen müssen: und angesichts des UmstandeS, daß man den Schul- auSfall nicht im allerletzten Augenblick bekannt gegeben hat, können die Eltern ihre Kinder am Ende auch vor Straßen-Unglücksfällen schützen. Immerhin verdient die Frage aufgeworfen zu werden, ob denn diesmal die Schuldeputation gehört worden ist, bevor der Befehl zum Ausfall des Unterrichts erging. In einem offiziösen Bericht über die gestrige Sitzung der Deputation findet sich nichts darüber mitgeteilt und man rät Wohl nicht falsch, wenn man annimmt, daß auch gestern die Schuldeputatton nicht aus der sie so hübsch kleidenden Reservation herausgerissen wurde. Die Erörterung des vorjährigen Schulausfalls endete in der Stadtverordneten-Sitznng zwar mit der Ablehnung der Resolution nnsrer Parteigenossen, immerhin aber war es die Socialdemokratie, die aus der Affaire de» Triumph davontrug. Zur WohmmgSreform. Der von uns schon ausführlich gewürdigte Entwurf einer spezifisch preußischen WohnungSrcfonn hat die eigentlich nie ver- stummende Diskussion über diesen Gegenstand wieder lebhaft an- gefacht. Immer mehr und mehr hat sich in den letzten Jahren die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß neben dem Reiche und den Einzel- stauten gerade die Gemeinden zur Beseitigung des Wohnungs- elcnds beizutragen haben. Wo auch immer nur ein paar Social- demokraten in irgend eine Gemeindevertretung eingedrungen sind, haben sie diese Anschauung mit Eifer und Zähigkeit vertreten und häufig sogar die bürgerlichen Majoritäten zu einigen Verbesserungen vorwärts getrieben. Das war um so leichter, als auf dem Gebiete des Wohnungswesens selbst der verbohrteste Gegner der Socialdemokratie nicht verkennen kann, daß llnterlassungSsünden sich eines Tages furchtbar rächen können; brechen einmal in einer Gemeinde Epidemien ans, deren Herd in den Massen- guartieren proletarischen Elends zu suchen ist, dann bleiben auch die Bewohner palastartiger Villen nicht immer verschont! Aber wir dürfen doch nicht übersehen, daß diese Furcht vor grausigem Verderben die bürgerlichen Gegner der Socialdemokratie nur zu den allerdringendst notwendigen, den Profit kaum berührenden Maßnahmen treibt; taucht ein ernsthafter Konflikt zwischen den Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege und den Interessen des Geldsackes auf, dann siegt immer der Geldsack. Aus diesem Grunde hat die Begründung des preußischen Gesetz entwurfs ganz recht, wenn sie dem größten M i ß trauen gegen die Thätigkeit der Gemeindevertretungen auf dem Gebiete der Wohnnngsreform Ausdruck verleiht; solange das skandalöse Hausbesitzerprivileg in der Städte- und Land- gemeinde- Ordnung� bestehen bleibt, ist an eine durchgreifende Besserung der himmelschreienden Wohmmgsznstände nicht zu denken. Die Demokratisierung des Gemeinde-WaHlreckrtS ist die erste Voraus- fetzung für eine WohnungSreforni großen Stils. Heute kann sich- abgesehen von Socialdeniokraten—' kein ernsthafter Wohnungs reformer in einer Gemeindevertretung halten, die Hausbesitzer und ihr Troß stimmen ihn bei der ersten Gelegenheit unbarm herzig nieder und zeigen ihm, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat; hätten wir aber ein wirklich freies Wahlrecht in den Gemeinden, etwa nach dem Muster des Reichstags- Wahlrechts, dann ist zehn gegeiz eins zu wetten, daß nur Wohnnngsreformer in die Vertretungen entsandt würden. Welche Interessen für die Hausbesitzer und deren Hypotheken- gläubiger auf dem Spiele stehen, wenn auch nur in dem bescheidenen Umfange„reformiert" wird, wie die preußische Bureaukratte vor- schlägt, das kann man sich an einem Beispiele leicht klar machen. In gewissen Bezirken von Berlin und Charlottcnbnrg werden schlechte und unmoderne Wohnungen zu außerordentlich hohen Preisen jahraus jahrein vermietet und finden immer Abnehmer, weil, wie ein dem Grundstücksverkehr dienendes Berliner Organ ausführt,„die Mieter sämtliche Wohnzimmer an Studierende der verschiedenen Hochschulen oder an junge Kaufleute weitervermieten. Sie selbst kampieren häufig mit einer großen Kinderschar in der Küche und hinter kunstreich ersonnenen spanischen Wänden auf Korttdoren". Das würde den Bestimmungen des geplanten Gesetzentwurfs entgegenlaufen und könnte selbst der gc- duldigstcn und„verständnisvollsten" Wohnnngsinspektion nicht ent- gehen. Also wäre es mit diesem Aftermietuniug ein Ende. Aber! ES giebt hier das„Aber", daß die Bauspekulatton in ganzen Stadtbezirken großer und kleiner Städte auf dieser Afervermietung geradezu basiert ist.„Wenn die Wohnungs-Aufsichtsbehörde hier streng nach dein Gesetz verfahren würde, so würden sofort die Mieten von 1000 bis 1600 M. aus vielleicht 800 bis 1000 M. fallen, das würde für ein HauS von 12 Wohnungen einen Mietsausfall von 4000 bis 6000 M. ausmachen, also den Wert der Häuser um 100 000 M. und mehr herunterdrücken." Man kann sich unschwer ausmalen, welchen LänN die Hausagrarier dagegen inscenieren werden! Sie werden nach dein Beispiele der andren„Notleidenden" von„Vermögens- konfiskation", von„legalisiertem Raub" sprechen oder vielmehr schreien, sie werden mit der Revision ihrer monarchischen Gesinnung drohen und schließlich die„Throne krachen" lassen. Dazu haben sie aber gar nicht das mindeste moralische Recht. Der Hausbesitzer, der ein HauS gekauft hat, das bei der heutigen Lage der Gesetzgebung z. B. 30000 M. Miete bringt, trägt lediglich die Folgen einer ver- fehlten Spekulation, wenn er nach einer Aendcrnng der Gesetz- gebung nur �noch 20 000 Mark herauswirtschaften kann. Jene überschüssigen 10 000 Mark holte er aus de» Knochen der jetzigen und der künftigen Generation heraus, die zu« sammengepfcrchtcn Mieter mußten verkommen, damit der Hanspascha eine hohe Rendite seines Vermögens einsäckeln konnte. Vom moralischen Standpunkt ans ist die heutige Art der Ausnutzung des Wohnbedürfnisses der minderbemittelten Volkskreise eine un- erlaubte Handlung. Diese gewährt aber dem Handelnden in keiner Weise ein Recht auf irgendwie geartete Entschädigung oder Nachsicht, wenn sie ihm durch Gesetz oder andre Mittel gelegt wird. Fragt sich nur, ob im preußischen Junkerparlament diese selbstverständliche Wahrheit gegen das peluniäre Interesse großer Kapitalistenlreise durchzusetzen sein wird I �Hoflieferanten- und Kominerzienratstitel" schnellstens, direkt. Diskretion, hanptpostlagernd." Ein Inserat dieses Inhalts, das kürzlich veröffentlicht wurde, wird jetzt in der Presse kommentiert. Als Antwort auf eine Anfrage ging folgendes Schreiben ein: „Geehrter Herr! Bezüglich Ihrer geschätzten Offerte bezüglich Kommerzienrattitel teile Ihnen ergebenst mit, daß ich durch direkte Verbindungen in der Lage bin, an erster und oberster Stelle die Angelegenheit zu arrangieren, und könnten Sie bereits inner- halb vier Wochen im Besitze des Patentes sein. Vorauszahlungen haben Sie nicht zu machen. Ich exbitte Ihre baldige gefällige Antwort, eventuell wann und luv ich Sie sprechen kann, da in nächster Woche noch mehr vorliegen könnte. Sie können auch alle andern Titel und Orden durch mich direkt und bestimmt erhalten. Ich rechne auf Ihre strengste Diskretion und zeichne hochachtend Direktor F. W. Rocktäschel, Berlin, Alexanderstr. 36a. Der Glaube, daß es Leute giebt, die ordens- und tttel- bedürftigen Unternehmern gegen entsprechende Barzahlung das begehrte Kinderspiclzeug verschaffen können, datiert ja nicht erst aus dem Pommernbank-Prozeß her. Verscbiedene Gcrichtsverhand- lungen aus den achziger und neunziger Jahren, so die Prozesse gegen Baron Ledersteiger 1835, gegen Hofrat Mancho 1891, gegen Alexander Fischer 1892, gegen Pfahl 1897 brachten ja recht erbau- liche Dinge au's Licht. Die Konsequenz aus derartigen Vorkomm- nissen hat bereits im 13. Jahrhundert Kaiser Joseph II. gezogen. Cr stellte einfach einen Tarif auf, nach dessen festen Preissätzen unter- schiedslos jedermann den begehrten Titel gegen Barzahlung beziehen konnte. Ein Grafendiplom war für 20 000 Gulden zu haben, für ein Fürstendiplom mußte ein Graf Palm eine halbe Million Gulden zahlen; für die Hälfte dieses Geldes ward ein Findelhaus an- gelegt. Ein Verfahren nach solchen Grundsätzen würde den Zwischen- Handel überflüssig machen und Liebhaberwerte nicht unnütz ver- teuer». Die Sterblichkeit in den Berliner Vororten hat— ebenso wie die Sterblichkeit in Berlin selber— in der Zeit von Mitte Juli bis gegen Mitte August eine bettächtliche Steigerung erfahren. Auch hier ist es lediglich die Zunahme der Säuglingssterblichkeit, die zur Erhöhung der Gesamtzahl der Sterbefälle geführt hat. Für die größereu Vororte ergiebt sich das aus den Wochenübersichten des Kaiserlichen Gesundheitsamtes. Nach Ausweis dieser liebersichten wurden aus den vier Wochen vom 17. Juli bis zum 13. August für C h a r l o t t e u b u r g 53, 54, 75, 76 Sterbefälle söhne die Tot- geburten) gemeldet, und unter den Gestorbenen waren 18, 17, 34, 39 Säuglinge(Kinder des ersten Lebensjahres). In W i l m e r s- d o r f starben in denselben vier Wochen nur 7. 8, 13, 15 Personen, im besonderen 2, 2, 7, 9 Säuglinge, aber Wilmersdorf hat auch nur etwa ein Fünftel der Einwohnerzahl Charlottenburgs. Schöneberg mit rund halb so viel Einwohnern wie Charlotten- bürg hatte 27, 22, 29, 27 Sterbefälle, darunter 4, 7, 16, 14 Sterbe« fälle von Säuglingen. In R i x d o r f dagegen, dessen Einwohner- zahl ebenso groß lvie diejenige Schönebergs ist. starben 46, 50, 63, 78 Personen, von denen 22, 30. 44, 53 im Säuglingsalter standen. Aehnlich ungünstig waren die Gesundheitsverhältnisse in Lichten» b e r g. Der Ort hat nur etwa ein Viertel der Einwohnerzahl Charlottenburgs, aber es starben 29, 22, 37 29 Personen, darunter 10, 10, 22, 16 Säuglinge. Ter trockene Sommer. Während ans den östlichen Flußgebieten ein Steigen der Gewässer gemeldet wird, und auf der Weichsel die Schiffahrt schon wieder teilweise aufgenommen werden konnte, sind die Hoffnungen der Elbe- und Oderschiffer auf eine baldige Wieder- aufnähme der Schiffahrt leider vernichtet worden. Nachdem das Wasser etwas gestiegen war, ist es seit fünf Tagen wieder langsam aber ständig gefallen und der Wasserspiegel der Spree ist angen- blicklich in Berlin so niedrig, wie er in diesem Jahre noch nicht ge- ivcsen und scheint auch weiter zu sinken. Infolge des niedrigen Wassers hat die Spree-Havel-Darnpfschiffahrts-Gesellschaft den bisher noch mit kleinen Motorbooten aufrecht erhaltenen Verkehr auf der Strecke Erkner— Alt-Buchhorst gänzlich einstellen müssen. An ihrer Mündungsstelle ist die Spree bis 80 Cmtr. unter Normalstand gefallen, während die Havel um einen Meter und mehr gesunken ist. Die steilen Ufer am Bollwerk in Spandau liegen stellenweise vollständig trocken, teilweise sind sie so flach, daß mau den Grund bis auf eine Entfernung von fünf Meter vom Ufer aus sehen kann. Auch unter- halb Pritzerbe ist die Havel, nachdem sie dort vorübergehend um 8 Centimeter gestiegen war, wiederum gefallen, so daß eine weitere Einstellung des Verkehrs in dem unteren Stromgebiete zu befürchten ist. Der aus der Havel gespeiste Schafgrabcn bei Potsdam ist jetzt vollständig trocken gelegt. Auch das Wasser der Elbe fällt»och ständig, so daß auch hier an eine Wiederaufnahme des Verkehrs noch nicht zu denken ist. Die Erwartung, daß es einigen böhmischen Obstschiffern gelingen würde, die Schwierigkeiten auf der oberen Elbe zu überwinden, hat sich nicht erfüllt. Bei dem geringen Wasserstande scheint auch das Durch- winden der Kähne nicht mehr möglich zu sein. Abgesehen von der einen Zille, die i» der vorigen Woche hier eintraf, dürsten weitere böhmische Obstsevidungen vorläufig nicht zu erwarten sein. — Auch Wald- und Moorbrände finden noch fortgesetzt in der Um- gebung Berlins statt. Ein Waldbrand in der Jungfenrheide am gestrigen Tage wurde im Entstehen unterdrückt. Bei Strausberg rennt seit Montag ein Torfmoor bis zu einer Tiefe von 180Centi- meter. Obwohl durch das Moor und um die Umgebung herum Gräben gezogen wurden, ist es doch nicht gelungen, den Erdbrand einzudämmen. Dichte Rauchwolken steigen empor und erschweren in der ganzen Umgegend das Attnen. Sittlichkeitsanwandlung aus Brotneid? Eine Beschwerde gegen die Gcstattling von Kabarett- Vorstellungen und sonstigen un- konzessionierten Gesangsvorträgcn in Weinstuben und Cafes hat der Verein der Berliner Varisto- und Konzerthaus-Jnhaber an das Polizeipräsidium gerichtet. Er erblickt in solchen Aufführungen, die weder besteuert werden, noch der Bedürfnisfrage, der Censur, der Polizeistunde und den andren für die konzessionierten Singspielhallcn geltenden Beschränkungen unterliegen,„unlauteren Wettbewerb". Er verlangt deshalb, daß sämtliche Vorstellungen dieser Art den gleichen Bedingungen wie die Variötö-Aufführungen unterworfen oder ver- boten werden sollen. Eventuell beabsichtigt der Verein, eine Ent- cheidung des Ober-Verwaltnngsgerichts darüber herbeizuführen, ob Kabarett-Vorstellungen, zu denen jedermann Zutritt hat. nicht den- elben Bedingungen unterliegen wie sonstige Specialitäten-Vor- tellungen. Es steht den Gastwirten etwas komisch an. wenn sie ans Brot« neid in Unfittlichkeitsfchnüffelei rnackie». Sie sollten die Rolle des Denunzianten getrost den Mucken» überlassen. Der Mord au der Lucie Berlin. In der Sttafsache gegen den des Mordes beschuldigten B e r g e r ivar die Voruntersuchung nach Abschluß der Sachverslündigen- Gutachten durch den Untcrsuchungs- richter Dr. Maßmann geschloffen und die Akten waren der Staats- anwaltschaft übersandt worden. Diese hat nunmehr Ergänzung der Voruntersuchung beantragt, welche nach der Rückkehr des Unter- 'uchungsrichtcrs von seinem Urlaub erfolgen wird. Borger hat durch einen Verteidiger, Rechtsanwalt Bahn, beantragen lassen, die- eiligen Mädchen vernehmen zu lassen, welche mit der Liebetrut zu- arninen im Weibcrgcfängnis in der Baruiinstraße gesessen haben und denen die Liebetrut ihre feste Absicht, sich mit Borger zu ver- heirateil, mitgeteilt haben soll. So§ Grundstück des Berliner HnndnierlervercinZ ist, nachdem die im vorigen Jahre vorgenommenen Reparaturen, die durch Senkungen infolge des Wertheimschcn Neubaues notwendig geworden waren, sich als ungenügend erwiesen, von der Firma 51 Wertheim für den Preis von 900 000 M. angekauft worden. In dieser Summe liegt auch der Eutschädigungsbetrag, den die Firma an den Verein zu zahlen hat. Mit dem Abbruch des Gebäudes wird dieser Tage begonnen; das Grundstück soll zur Erweiterung des Wertheimscheu Warenhauses dienen.— Der Berliner Haudwerkerverein hat das Grundstück Sophienstr. 17 und das Doppelgrundstück 13 gekauft und wird dort im nächsten Jahre einen grasten, den Vercinszwecken dienenden Neubau errichten. In dem Verbrccher-Muscnm des Polizeipräsidiums befindet sich eine kleine Ausstellung von Brief marken-Falsifikaten. Sie unterscheidet sich von derjenigen im Architekturhause dadurch. daß die Marken nicht zur Täuschung für Sammler, sondern der Postbehörden hergestellt sind. Es handelt sich hauptsächlich um russische und deutsche Marken, welche die Fälscher herstellten, um sie als Zahlungsmittel zu gebrauchen. So wurden vor längerer Zeit deutsche 10- und öO-Pfennigmarken hergestellt und teilweise sogar ?ur Frankierung benutzt, ehe die Fälschung entdeckt wurde. Neben Falsifikaten beherbergt das Museum auch verschiedene Stempel, die zur Herstellung der Fälschungen benutzt und den Verbrechern abgenommen worden sind. Der wegen Raubmordes angeklagte Steinträger I o p p aus Spandau ist in der Untersuchungshaft in Moabit erkrankt, da er die Annahme von Nahrung verweigerte. Er ist der Krankeustation überwiesen worden. Ortsübliche Sedanseicr. Der Polizeipräsident hat die städtische Schuldeputation im Hinblick auf den am 1. und 2. September regel- mästig vorkommenden Unfug des Anzündens von Anschlagsäulen und Abbrennens von Feuerwerkskörpern durch Schulkinder ersucht, in geeigneter Weise durch die Klassenlehrer aus das Unzulässige und Strafbare dieses Treibens hinweisen zu lassen. Die Polizeibehörde ist entschlossen, diesem Unfug mit allen Mitteln ein Ende zu machen; schon im vorigen Jahre erfolgte eine Reihe von Bestrafungen halb- wüchsiger Burschen. Die Parade-Spcrrungen. AuS Anlast der am 2. September d. I., vormittags S'/j Uhr, auf dem Tempelhofer Felde stattfindenden Parade wird nach einer Bekanntmachung des Polizeipräsidenten die Tempelhofer Chaussee von 7'/z Uhr an bis zur Beendigung der Parade für jeden Verkehr gesperrt. Die Belle-Alliancestraste und die Lichterfelderstraste dürfen von Lastwagen während der Zeit vom Ausrücken der Truppen bis nach dem Einmarsch derselben in die Stadt nicht befahren werden. Tödlicher Sturz. Der beim Sturz aus dem Grostschlächtermeister Jsaacschen Wagen infolge Durchgehens des Pferdes schwer ver- unglückte Viehhändler Baruch aus Werden a./Ruhr ist, wie die „Allgemeine Flcischer-Zeitung" mitteilt, gestern abend im Moabiter Krankenhause gestorben. Straßensperrung. Die Kielerstraste von Scharnhorststraste bis Kielerbrücke wird behufs Umpslasteruug vom 1. September ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Fenerbrricht. In der Nacht zum Mittwoch tvurde die Wehr nach der Schliemaunstraste 45 gerufen, weil hier auf noch nicht ermittelte Weise gegen Mitternacht auf deni Boden des Hauses Feuer aus- gekommen war. Bei Ankunft des dritten Löschzuges aus der Oder- bergerstraste brannten schon mehrere Verschlüge mit ihrem Inhalt an allerlei Gerümpel und altem Hausrat der Mieter und mutzte längere Zeit Wasser gegeben werden, um die Flanimen zu ersticken. — Bald darauf erfolgte ein Alarm nach der Grenzstrahe, wo groste Teertonnen in Brand geraten waren, der aber leicht unterdrückt werden konnte.— Möbel, Decken und Kleidungsstücke gingen in der Lützoiv- strahe ti!) in einer Wohnnng in Flammen auf. während in der Manteuffel- stratze 71 Kohlen in einem Keller brannten.— Nach der Ecke der Königgrätzcr- und Prinz Albrechtstraste wurde der 19. Löschzug ge- rufen weil dort ein mit Wolle beladener GcschäftSwagen in Brand geraten war. Die Ballen wurden auf den Strastendamm geworfen und dann einzeln abgelöscht.— In der Jerusalemerstr. 53/54 war abends gegen 10 Uhr durch Umfallen eines Spirituskochers ein Feuer entstanden, das einen Posten Paraffin ergriffen hatte, aber vom 17. Löschzuge leicht gelöscht werden konnte.— Die übrige» Alarniierungen, die die Wehr in den letzten 24 Stunden noch nach der Friedrichstr.'20, Königgrätzerstraste und noch nach einigen andren Orten führten, betrafen durchweg Brände, die teils vor Ankunft der Löschziige bereits von Hausbewohnern beseitigt waren, teils die Wehr nur ganz kurze Zeit beschäftigten. Der Sternenhimmel im September. Am Ii September um 1V Uhr, am 15. um 9 Uhr, zu Ende des Monats schon um 8 Uhr abends erblicken wir fast senkrecht über uns. im Zenith, den D/, bis»>/, Uhr abends statt. Geöffnet: 7 Uhr. Hugo Altina. Wenn die Arbeiterinnen und Handlungsgehilfinnen in dem von Ihnen genannten Geschäft im Lohn aus Anlast von Krankheiten und der Berechnung der Krantenlaffen- und Jnvalidenmarken» Beträge beeinträchtigt werden, so haben sie dies in erster Linie der Bummelei zu verdanken. dast sie ihrer gewerkschaftlichen Organisation nicht beigetreten und den Versammlungen ferngeblieben sind, in denen sie über ihre Rechte ausgeklärt werden. Wirken Sie dahin, dast die Betreffenden das Ver- säumte in Zukunft nicht abermals versäumen. Ob für die Arbeiterin richtig geklebt und ob ihr das ihr zustehende Krankengeld gezahlt ist, lästt sich ohne Einsicht in das Krankcnkasscn-Statut und ohne genaue Kenntnis der Lohn- Verhältnisse nicht sagen; nach beiden Richtungen hin genügen Ihre Angaben nicht. Das Rechtsverhältnis der Direktrice richtet sich danach, ob sie als Handlungsgehilfin oder als Gcwerbcgehilsin anzusprechen ist. Die Recht- sprechung hierüber ist eine schlvankende und wird von Fall zu Fall unter Berücksichtigung der Pflichten der Direktrice im Einzelfall entschieden. Zu- treffend geht ein Erkenntnis des Oberlandesgerichts Braunschweig von der Ansicht aus, dast sie in der Regel Handlungsgehilfin sei, die Rechtsprechung des Berliner Gewerbe- und Landgerichts neigt»ach der der Gehilfin ungünstigen Ansicht. Ihre Darstellung enthält keinerlei Anhalts- punkte für die Art der Beschäftigung der Betreffenden, der Titel der Beschäftigung ist unerheblich. Ist die Betreffende Handlungs- gehilsin, so darf ihr Krankengeld vom Lohn nicht abgezogen werden. Sie kann den Lohn in Höhe des Abzuges nachfordern. Wann sie„ausgesetzt" hat und ob sie mit dem„Aussetzen" einverstanden war, giebt Ihre Darstellung nicht an. Zum„Aussetzen" ist weder eine Gewerbe- noch eine Handlungsgehilfin verpflichtet. Hat sie nicht ausdrücklich aus Lohn für die Aussctzungsperiodc verzichtet, so steht ihr Lohn zu. Die Berliner Rechtsprechung neigt jedoch Gewcrbcgehilsinnen gegenüber der Ansicht zu, dast ein stillschweigender Verzicht bei dem Mangel eines Widerspruchs zu konstruieren sei. Für das Gchict des Handlungsgehilsinnenrechts schliestt das Handelsgesetzbuch solche Konstruktionen nach der zutreffenden Ansicht der für Berlin in Betracht kommenden gelehrten Gerichte aus. Sie würden gut thun, wenn Sie um Auskunst im Brieskasten ersuchen, möglichst genau die Rechts- Verhältnisse zu schildern, über die Sie Auskunft verlangen. Von dem Rechts- Verhältnis hängt auch die Beantwortung der Frage ab: Welches Gericht ist zuständig? Für die gewerblichen Verhältnisse ist das Gewerbegericht, für die kaufmännischen das Amtsgericht, vom 1. Januar ab das Kaufmanns- gericht zuständig. Sollte es zu Klagen kommen, so geben Sie von dem Termin Nachricht, damit dann eventuell eine Veröffentlichung der Ver- Hältnisse durch Wiedergabe der Verhandlung erfolge.— E. 20. Mitgeteilt wird die Geburt vom Standesbeamten dem Ehemann nicht. Das könnte Ihre Schwester direkt thun. Nach Ihrer Schilderung liegt ein Grund zur Scheidung nur für Ihren Schwager, nicht für Ihre Schwester vor. Zur Anstellung der Scheidungsklage kann der Mann nicht gezwungen werden. — B. P. 11. DaS Äormundschastsgericht kann den ohne berechtigten Grund Ablehnenden durch Ordnungsstrafen, jede bis zu 300 M., zur Ucbcr- nahme anhalten. Auch ist der Ablehnende für allen Schaden verantwortlich, der dem Mündel durch Verzögerung der Bestallung des Vormundes entsteht.— Renbau. Wenn Ihr Vertrag nichts Gegenteiliges bestimmt und der Wirt nicht arglistig vorgegangen ist, so würde Ihre Klage wenig AuS- ficht aus Erfolg haben.— Ewald. Das können Sie halten wie Sie wollen, müssen aber dem Wirt den Zutritt gestatten.— W. 70. t. Sie könne» von dem Kausverttag weder deshalb zurücktreten, weil die Sachen zu teuer be- rechnet sind, noch deshalb weil sie schlecht sind. Die Reparaturpslicht würde in Ihrem Falle dem Verkäufer dann obliegen, wenn die Sachen infolge deS Mangels unbrauchbar sind. Die Koste» für die Vernehmung des Sachvcr- ständigen werden dem unterliegenden Teil auferlegt. 2. Einen Teil können Sie zurückverlangen. 3. Nein.— A. B. Eine Frist besteht nicht. Sie können klagen und die Sachen dann versteigern lassen.—pccialitäten. Reichshallen. Stcttiner Sänger. Passage-Theater. La belle Georgette. Spccialitäteii. Ansang 5 Uhr. ltrania. Tanbenstrasse 4HI-19, Im Theater: Die Insel Rügen. Dr. P. Schmidt: Korea und die Koreaner. Jnvalidenstrafte 87/(555. Stenr warte. Täglich geössnet von bis 11 Uhr. Schiller-Theafer. Schlller-Thcater O. (Wallner-Theater). Donnerstagabend 8 Uhr: Zum erstenmal: Joliannisfencr. Schauspiel in 4 Sitten von Hermann Sud ermann. Freitagabend 8 Uhr: Johannlsfciicr. Sonnabendabend 8 Uhr Pension SchOlIer. Schiller-Theater Ks. tFriedrich-WilhelmstädtischeS Theater) Donnerstagabend 8 Uhr: Erössnung der Schauspiel-Saison: Aecten. Trauerspiel in 5 Auszügen von Franz Grillparzer. Freitagabend 8 Uhr: Äettea. Sonnabendabend 8 U h r: Johannis Tenor. freie Volksbühne vis Vorstellungen müssen eine halbe Stunde frühOP wie im Vorjahre: pünktlich um »A ls IfU» beginnen. Die Mitglieder werden dringend &(8 Ulli gebeten, 21/» Uhr spätestens zu erscheinen. I Serie 1. Abteilung;. Sonntag, 4. September, im Berliner Theater upr-. Götz von Bcrlichingen. Die Monatsschrift„Freie Volksbühne" gelangt von Ende August ab in den Zahlstellen zur Ausgabe. Die neuen Mitgliedskarten müssen abgeholt und mit der eigenhändigen Unterschrift des Mitgliedes versehen werden. Die in den Karten enthaltenen Daten der Veranstaltungen sind massgebend. 229/10 Neues Theater. Schifsbanerdainm 4a— 5. DerStrom. Ansang 8 Uhr. Morgen: Kabale und Liebe. Centrai-Theater Donnerstag, 1. September Ansang 8 Uhr (bei vollständ.neu renoviertem llause): Eröffnung der Operetten-Saison. Tannliäuser oder der Sängerkrieg. Vurlesalie-Operettc in 4 Akten von Joh. Nestroy und Karl Binder Freitag und folgende Tage: Tannhäuser(Operette). Sonntagnachmittag: Die Qoisha. Abends: Tannhäuser(Operette). Kleines Theater. Unter den Linden 44. LIvMps. Ansang 8 Uhr. Morgen: Kiachtnwyl._ Kational- Theater. Weinbergsweg 12a— 13b. Ssrüffnangs-Vorstellnug figaros Hochzeit. Eröffnungstag wird noch bekannt gegeben. Abonnements werden bis IS. September täglich im Thealerbureau entgegengenommen. 25/13' Luisen-Theater. Zum erstenmal: Von Stufe zu Stufe. Freitag: Bon Stufe zu Swse. Sonnabend: Der Hünenbesitzer. Sonntagnachmittag 3 Uhr: DaS Kälhchen von Heilbronn.— Abends 8 Uhr: Von Stufe zu Stufe. Montag: Julius Caesar._ Belle-Äliianee-Theater. Ansang 8 Uhr. Cinldo Thiclschcr als Charleys Tante. Im 3. Akt Bozfina Bradzky mit neuen Chansons von Oskar Strauss. Im �-ommcrgartcn: Nur noch vier Vorstellungen.'Ansang S Uhr: Mar Schmidt-Konzert und Spcciaiitäten. Deutseh-�merikaniseheS Theater. Köpenickorstr. 67. Heute abend 8 Uhr! Gastspiel Adolf Philipp. Ueber'n GROSSEN Zum 319. Male: TEICH Sanssouci. Kottbuser Thor— Etat, der Hochbahn Beginn der Theater» Abende Dienstag, den 6. Septbr/: Der Btömifrifb. Schauspiel in 4 Akten von Venedix. Mittwoch, den 7. Septbr.: Die Maurer von Berlin. VolkSslück m. Ges. v. Pohl Die Vorstellungen finden jeden Dienstag und Mittwoch reget- mässig statt. m.. Jeden Sonntag. Montag und Donnerstag Holtmanns Horddeutsche Sänger und Tanzkränzchen Kur noch knrxe Zeit! FlottenaSchauspiele Am KurfUrstendamm, 5 Minuten v. Bahnhof Halonseo, 10 Minuten v. Bahnhof Charlottenburg. Straßenbahnlinien A, A/E, T, V, 01. Größte Wasser-Schauspiele der Welt auf 6000 qm großem See. 25/14 Flottenparade vor S. M. S.„Hohenzollem". Kampf des japan. und russischen Geschwaders vor Port Arthur. In die Luft sprengen von Kriegsscbifien. Bettung Schiffbrüchiger mittels Raketenapparat etc. Ermäßigte Preise: Mk. 2,60, 2,10, 1,60, 1,10 0,70, 0,40. igl Vorstellungen: Wochentags lund 8 Uhr.-jmi ° Sonntags J, 61/, u. 8 Uhr. Heute Donnerstag: Elite-Tag; mit �rosbartlgrem Pi-acht- Fcnerwerk in der Abendvorstellung. Freitag(Sedantag): Gr. Eztra-Parade-Gala-Vorstellung mit Feuerwerk. Hasenhelde 108/114. Neue Welt. Arnold Scholz. Donnerstag, den 1. ülcpteiuber 1004: Elite-Tag. | Gala-Monstre-Feuerwerk$ Dio Schlacht hei Sedan. SflUtür-Konzcrt. Rcgiincnlsmusit des IV. Gardc-Rcg. z. Fuss. Dir. Fr. A. Bergter. Schlachten-Musik.{ Specialitäten-Borstellnng. Vollständig neues Programm. Anfang 5 Uhr. Entree 50 Pf. Boranzeige: Donnerstag, den 15. Sevtcmbcr: Erstes Gastspiel deS Dcrnhnrd Uosc-TIieutcrs. 1042' Urania. Taubanstr. 48/49. Um 8 Uhr im Theater: Die InseB Rügen. Dr. P. Schmidt:„Korea und die Koreaner". Sternwarte Sl«. Trianon-Theater. Georgenftrasse zwischen Friedrich- und Universitütsstrasse. Die Notbrücke. Lustspiel in 3 Akten von Fred Gresac und Francis de Croisset. UW Ansang 8 Uhr~9Bn In Vorbereitung: Ihr zweiter Mann. Cirkus Sarrafani. Grösster find elegantester Zelt-Cirkns Enropas. DV Täglich neu!*�8 Hänsche», daS Kluge Merd. !I Donnerstag und Freitag geschlossen. Sonnabend, 3. September: Srölfnunas- Vorstellung der Dir. Richard Alexander. Äe: Eme Hochttitsuacht. (Üne Nnit de Noces.) Ans. 8 llf Sonnt, u. folg. Tg.: Eine Hoch jeitäna W. Noacks Tbeater. Direktion: Rod. Dill. Brunnenstr. 16 Letzter grosser Premieren- Abend der tSouimer-Saison! Die oberen Zehntausend. Alles für andre. X Persina-Truppe. Ansang OUhr. Kasseeküchc v. 3 Uhr ab. Mf- BADE.-»£} Apollo-Theater. 8 Uhr: Venus auf Erden. Im vierten Bild— Einlage te, das denkende Pferd, vorgeführt von Robert Steidl als Herr von Süd-Osten, assistiert von Martin Kettner und Arnold Rieck. Ab 91/, Uhr: Debüts der neuen grandiosen September• Specialitätcn. Metropol-Theater Josef Giampietro a. D. Ueor) Biiler. JoseUosepli Ilaton Griialeld, Frid Fit Der grSBte Erfolg dieses Jahres Gr. dramatisch-satirische Kern in 5 Bildern. Anfang 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Scala-Theater. Linicnstr. 132(a. d. Friedrichstr.) ZeiizalioPöllez ftmml I.öwy'8 Uacll. Posse mit Gesang in einem Akt, sowie AH intematioD. Speeialitäten. Ansang 7'/, Uhr. Vor der Vorstellung: Konzert. Etablissement Anggenhagen Harltaplnt«. Täglich von 12—4 Uhr: Mittagstisch. Im grossen schattigen Natur. garten jeden Abend 8 Uhr: Kon-vnT. Dienstags. Donnerstags, Sonntags; Führmann— Waldc-Sängcr. Sonnabends T si n v im Kaisersaal:■«■ aa Ein Wink fitr jede Hausfrau! Woran erkennt man eine 4k gute SH'esskohle? Ei» gutes Brikett muß drei Haupteigenschaften haben: 1. grosse Heizkraft:~ 2. anhaltende Glut, ohne dass der Stein in sich erkaltet, d. h. sich mit einer Ascheschicht überzieht, wodurch er keine Hitze mehr abgiebt, und 3. Geruchlosigkeit. Jede weitere Anforderuna, wie Farbe und Menge der Asche, sowie das Aussehen der Briketts, ist Luxus und hat nicht den geringsten Wert. Um nun die Heizkraft zu ermitteln, benutzt man die Kücheinnaschine(mit dem Stubenofen ist dies nicht möglich), schlägt, je nach der Grösse der Feuerung, 4—6 Stück 7 zöller Briketts in kleine Stücke, legt den Ofen bis uiiter die Ringe der Maschine voll und brennt dann vom Aschenloche aus die Briketts nilt einigen Bogen altein Papier an. Ein gutes Brikett zeigt sich nun dadurch, daß die Hcizkraft desselben die Platten der Küchenmaschine rotglühend macht.— Wenn nun auch die Platten nicht so rotglühend wie VON TFicUtZ'BrUlCftS werden. ÜCNN es hsnn selbstverständlich nicht jede jWarke die erste sein» so muh die Glut auf ersteren aber doch sichtbar werden, wie das bei allen guten Marken, als: Victoria, Matador, Anker, Monopol, Menüslswerks, Ilse, Anna(meine II. Marke), Mariannsuglück, Hedwigs- hätte, Clara etc. etc.— der Fall ist.— Nun kommt aber ad II: die anhaltende Glut, und gerade diese ist von der ailergrössten Wichtigheit. Was verlangt man von dieser und wie reguliert man dieselbe? Bon der anhaltenden Glut verlangt man nicht nur das Glut« halten der Briketts, damit das Feuer nicht ausgehe, sondern eine derartig anhaltende Hitze-Entströmung, en Topfes mindestens noch 1k Stunde(bei Fielitz- Briketts dass der Inhalt eines ca. IVj I wertlos und das Brikett minderwerti muss, wenn die Glut lange anhalten ganz abgesperrt werden. DWWI�W eingehängten___________ T U. Stnnden) weiter kocht; wird dies nicht erreicht, dann ist auch die Glut für die Hausftau fast ......"' ielen Marken der Fall ist.— Selbstverständlich wie dies bei so vielen oll, der Zug der Maschine vennindert, darf aber auf keinen Fall Was nun die Gemchlosigkeit betrifft, so ist davon wenig zu sagen, weil diese ja nur dann stört, wenn man den Ofen von oben durch Herausnehmen der Ringe oder des eingehängten Topfes aufmacht, so dass dadurch der Abzug behindert ist; an diesem kleinen Uebel hat aber keine Marke aus dem ganzen Senftenbergcr Reviere stark zu leiden.— Gerade in den WST Flelitz* Briketts"WZ vereinigen sich in ganz verblüffender Weise alle drei Eigenschaften derartig, dass meine ganzen Kmtden zn der Ueberzeugung und dem Ausspruche kamen:„Ja. solche Kohlen hatten wir überhaupt �noch nicht gebrannt! wir waren ja bis jetzt mit der„Ites" vollständig zufrieden, weil wir die noch nicht kannten", und daß das Licht der PT Fielitz. Briketts"W® noch bis vor wenigen Jahren unterm Scheffel stand, das hat das Werk der Intelligenz seiner früheren Abnehmer zu verdanken. Die XrivIitz-ltK'iketti stehen in ihrer Güte einzig da und werden von keiner andern Marke aus dem ganzen Senftenbcrger, Clettwitzer, Ober- und Niederlansitzer Kohlen-Rahon erreicht, wovon sich jede Hausfrau durch die oben beschriebene Feuerprobe überzeugen kann. Indem ich hoffe, durch dieses Inserat jeder Hausfrau, ivelche beim Einkaufe von Briketts Wert auf die Güte derselben legt, bezüglicki der Feuerprobe den richtigen Wink gegeben zu haben, empfehle ich mich gleichzeitig zur Lieferung von Brennmaterialien bei nur reellster Bedienung.— IlllX) Stück 7 zöller>F»el»tir.-liriketto kosten bis ult. September er. frei Keller gepackt M. 8,—, in vollen Fuhren von je 3()lX) Stück ä mille M. 7,50, hochtragen pro Fuhre und Treppe M. 0,60. 7zöller(gleiche Heizkraft wie Ilse, Henkelswerks etc. etc.) pro mille 50 Pf. weniger.— Diese Preise gelten mir für den Bezirk Norden und findet auch bei grösseren Posten wie 18 000 Stück(6 Fuhren) oder noch mehr eine weitere Preisermässigung nicht statt. Lieferungen nach andern Bezirken unterliegen einer weiteren Preisvereinbarung. 992* Auch die Preise ab meinen Filialen bleiben bis ult. September cr. bis auf den Coaks unverändert. LÄmunü Leese, eompioir: Sehwedter Strasse 43. CaslnosTheater Lotbringerstr.37. Ans.Wch.8, Sonnt?'/,. Sonnabend, den 3. September: EröffmtngS- Vorstellung Knust »'/.Uhr:„Mutter Grübett" glänzende Erölinungsprogramm Festspiel:»Die Knust dem Aolke" Lernltnrd Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstrabe 58. IvrostBCF Elitctng. Die Tochter des Heimgekehrten. SensationS-AuSstattungSslück in sechs Bildern von Fritsche. Paul Coradinl. 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Beide stücke mit den Autoren Anton und Donat Herrnfeld in den Haichtrollen. Ansang 8 Uhr. Kassen-Eröffnung 7 Uhr. Vorverfaus täglich 11—2 Uhr. Der große Naturgarlen ist geössnet. ter nAllee 7 9 Täglich: Der rechte Weg, Hermann Wehling, Humor. Olly Marieita,«oubretle. Boeren-Schützen van Niekerk u. Du Plessle. Ein Elcbea-ldyll, Pantomime. »«MM«»»« 'Palast-Theater. Bürgerliche Schauspiele. Burgstrasse 22. Eröffnung: 10. September. Novität. Zum 1. Male: Vom Himmel zur Hölle. Gr. Ausstattungsposse mit Gesang und Balletts in vier Alten von G. Höppner und T. B. Gertcke. Musil von«. Rcnsch. Balletts von A. Chlebu«. Jupiter: Dir. R. Winkler. Mit neuen Detorat. u. Kostümen. � Ansang 8 Uhr. Preise: 0,50—2,00. 1 rMMMMMWWMMMMWWWMMMv, 1 fützowstr. 111/112. T U g 1 1 c h Im Gnrtcn oder Saal: te Vorsts Norddeutsche Humoristen and Quartett-Sänger. Ans.: Woche 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Hans haben Gültigkeit. Fröbels Allerlei-Theater fr. Puhlmann, Schönhauser Allee 148. Ab 1. 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August im großen Saal derjürminhallen, Kommandantenstratze 20, eine Versammlung ab, um Stellung zu nehmen zur Frauen-Konferenz, zur Branden- burgischen Provinzialkonferenz und zum Bremer Parteitag.— Genossin Ottilie Baader sprach zunächst zu der Frauen-Konferenz, welche dem socialdcmokratischen Parteitag in Bremen vorangehen wird. Es sei das dritte Mal, daß die socialdemokratischen Frauen zu einer Konferenz zusammentreten werden. Man werde sich Rechenschaft geben, was in den zwei Jahren seit der letzten Konferenz in der Frauenbewegung geschehen sei. Und man werde prüfen, ob die in der Zeit gegangenen Wege die richtigen waren. Daß die socialdemokratischen Frauen scheinbar in der Agitation ihre besonderen Wege gingen, habe verschiedene Ursachen. Die Frauen, besonder? die Proletarierinnen, litten unter einem zweifachen Joch. Sie frondeten nicht nur als Arbeiterinnen für das Unternehmertum, auf ihnen ruhe auch noch die Last des SaushaltS und der Kinder. erziehung. Daher erkläre sich eine gewisse Bedrücktheit des Geistes, die die Frauen nicht so leicht empfänglich mache für die Ideen des SocialismuS und der modernen Arbeiterbewegung. Dazu komme die Benachteiligung der Frauen hinsichtlich des Versammlungsrechts. ES sei ihnen nicht möglich, in politischen Vereinen alle Angelegen» Helten zu erledigen. Ein gemeinsames Verhandeln mit den Partei- genossen in ihren Wahlvereinen gestattet ihnen in Preußen und noch andren deutschen Vaterländern das Vereinsgesetz nicht. Auf diese besonderen Verhältnisse und Gesetze hin müßten sich die Frauen vor» läufig einrichten bei der Agitation unter ihren Geschlechtsgenossinnen. Mit diesen Gesetzen müsse man auskommen, bis sie anders würden, worauf ja die Agitation der Frauen gerichtet sei. Im Grunde aber sei Ziel und Streben der socialdemokratischen Frauen dasselbe wie das der Männer. Sie wollten die noch beiseite stehenden Frauen zu Socialisten machen, und die Frauen-Konferenz bezwecke nichts andres, als den besten Weg zu finden, auf dem die Frauen in größerer Menge in das große Heer socialistischer Klassenlämpfer hineinzuführen seien. Die Rednerin gab dann einen umfassenden Ueberblick über den Fortgang der Bewegung seit der letzten Frauen-Konferenz und be- handelte anschließend daran die Aufgaben der bevorstehenden Konferenz. Unter andrem hob sie hervor: Die Agitation der letzten Jahre habe die Bewegung ein gut Stück vorwärts gebracht. Der Beschluß von vor zwei Jahren, daß möglichst überall weibliche Ver- trauenspersonen zu wählen seien, habe vielfach Beachtung gefunden. Während die erste Konferenz in Mainz nur etwa zwei Dutzend weiblicher Vertraucnspersoncn zählen konnte, seien es jetzt bereits über 100 in Deutschland. Und intensiver noch werde nun gearbeitet werden können, seitdem die weibliche Vertrauensperson für das Reich durch Besoldung der Erwerbsarbeit entzogen sei und nunmehr ihre Kräfte ganz der Bewegung widmen könne. Die Frauen» Bildungsvereine hätten auch an Zahl zugenommen. Eine segens- reiche Wirkung hätten bereits die Lese» und Diskutierabende gehabt, die in verschredenen Orten eingeführt seien. Junge rednerische Kräfte seien bereits aus ihnen hervorgegangen. Rcdnerin erinnert an die Wahlvereinsgründungen der Frauen für die Zeit der Reichs» tagswahlen und der Landtagswahlcn. Durch Ausübung jene? winzigen Rechts aus§ 21 des preußischen Vereinsgesetzes sei be- wiesen worden, wekche Bedeutung und welche Werbekraft für die Frauen eine politische Organisation habe. Auch dem Kinderschutz habe die Agitation der Frauen gegolten. Aufgabe aller Proleta- rierinnen sei es, für einen besseren Schutz der Kinder gegen Aus- beutung zu sorgen. Die kommende Konferenz werde sich ebenfalls wieder damit beschäftigen. Man werde darüber verhandeln, welche Maßnahmen zu treffen seien, um die Agitation für einen aus- gicbigcn Kinderschutz dem weiblichen Proletariat nahezulegen. Die Mütter müßten mehr und mehr überzeugt werden, daß sie unrecht thäten, wenn sie die Kinder Erwerbsarbeit machen ließen. Viele dächten immer noch, es sei gut, Kinder zur Erwerbsarbeit heran- zuziehen. Aufklärung über die Schäden der Kinderarbeit sei hier dringend von nötcn. Zum Beispiel wäre die Hausindustrie in dem gegebenen Umfange gar nicht möglich, wenn nicht die Kinderarbeit eingriffe. Tie Konferenz werde auch über die Mittel nachsinnen müssen, wie die Massen der proletarischen Frauen über den vor- handenen winzigen Kinderschutz unterrichtet würden. Zum Kinder- schütz gehöre aber auch die Sorge für die vorübergehende Unter- bringung der Kinder solcher Eltern, die durch Arbeit oder sonst verhindert seien, sie bei Tage zu beaufsichtigen und zu verpflegen. Pflicht der Kommune wäre eZ, Einrichtungen zu treffen, wo solche Kinder untergebracht werden könnten. Für die Agitation würde es von Nutzen sein, wenn die proletarischen Frauen Aufnahmen darüber machten, wie viele Frauen tagsüber arbeiten gehen und die Kinder zu Hause zurücklassen müßten. In den Arbeitervierteln lasse sich genügendes Material sammeln, um damit Eindruck zu machen, und zwar seien in allen Industriestädten die gleichen Verhältnisse. Sie beantrage daher, der Frauen-Konferenz folgenden Antrag zu unterbreiten: „Die VertraucnSpersonen werden ersucht, in ihren Orten Ermittelungen anzustellen, wie viele Kinder dort tagsüber ohne Aufsicht sind, weil die Eltern durch Erwerbsarbcit oder Krankheit daran behindert sind." Die Konferenz der Frauen werde sidf ferner mit dem Zehn- stundentag als einer Etappe zum Achtstundentag, mit den erbärm- lichen Schulverhältnissen und mit dem Vereins- und Versammlungs- recht beschäftigen. Tann stehe der Punkt„Presse" auf der Tages- ordnung. Das Organ der socialdemokratischen Frauen, die„Gleich- heit", sei im Abonnentenstand bedeutend gestiegen. Sie habe jetzt ungefähr 11400 Abonnenten, das sei eine Zunahme von etwa 7000 in den letzten vier Jahren. Es seien nun Wünsche laut geworden, die„Gleichheit" alle 8 Tage erscheinen zu lassen und sie auch inhaltlich so zu gestalten, daß sie auch den noch nicht Aufgeklärten verständlich werde. Rednerin sei dagegen, daß das Niveau der Zeitschrift hcrabgeschraubt werde. Viel richtiger sei cS, bei den noch Zurückgebliebenen das Verständnis für ihren Inhalt erst anderweit zu erwecken. So würde man schließlich weiterkommen.— Beim Punkt:„Allgemeine Agitation" wäre auch der gewerkschaftlichen Frage näherzutreten. Viele Frauen gewerkschaftlich organisierter Männer seien nicht in der Gewerkschaft, obwohl sie erwerbsthätig seien. Es sei dafür einzutreten, daß auch sie der Organisation bei- träten. Sie beantrage, der Frauen-Konferenz den Antrag zu empfehlen: „Es sind Ermittelungen anzustellen darüber, wie viele erwerbs- thätige Frauen, deren Männer organisiert sind, ebenfalls einer gewerkschaftlichen Organisation angehören oder einem Bildungs- verein angeschlossen sind." Der Bildungsberein sei erwähnt, weil es Orte gebe, wo die Möglichkeit zum Anschluß an eine Gewerkschaft infolge der be- stimmten Art der Erwerbsthätigkcit der Frau nicht gegeben sei. Was nun die Stellungnahme zum Parteitag angehe, so brauche nach dem Vorherigen nicht groß auseinandergesetzt werden, welches Interesse die socialdemokratischen Frauen an dieser Tagung und an ihrer Teilnahme daran hätten. Sei doch auch ihre Be- wegung eines mit der socialdemokratischen Bewegung überhaupt. Rcdnerin geht die Tagesordnung des Parteitags durch und betont, daß wohl die Frage der Maifeier eine größere Debatte herbeiführen würde anläßlich der Wünsche der großen Gewerkschaften, daß nicht mehr am 1. Mai gefeiert, sondern am Sonntag nach dem 1. Mai demonstriert werden möge, um die mit der Arbeitsruhe verbundenen Opfer zu sparen. Der Internationale Kongreß habe ja schon Stellung genommen, und sie habe den Eindruck, daß die Maifeier keine Ab» schwächung erfahren werde. Sie fei dafür, daß die Feier in derselben Weise wie bisher begangen werde, nämlich am 1. Mai, und, wo möglich, durch Arbcitsruhe.— Sehr wichtig sei die Frage der Organisation der Partei. Das Bestreben gehe dahin, immer mehr zu centralisiercn, möglichst einen großen Verein aus der ganzen Partei zu machen. Sie hoffe, daß die Anträge nicht in der Form angenommen würden, wie sie gestellt seien, z. B. der Antrag Breslau, da ja die Frauen und auch manche Gruppen von Männern < Beamte usw.) nicht officiell einem politischen Verein angehören könnten. Die Rücksichten darauf würden ja wohl auch dahin führen, daß eine Organi.sationsform zu stände komme, bei der die Frauen sich i m R a h m e n der Parteiorganisation als Parteigenossinnen bethätigen könnten. Zur Diskussion nahm Genossin Heidemann zunächst das Wort: Von den wirklich gewerbsmäßig arbeitenden Frauen sei es immer nur ein kleiner Teil gewesen, der sich an der Maifeier durch ArbeitSruhe beteiligt habe. Bei ihnen habe sich die Maifeier nicht immer mehr eingebürgert, sondern ihre Beteiligung durch Ruhen- lassen der Arbeit nehme von Jahr zu Jahr ab, wie auch bei den Männern. Ueber die materiellen Opfer, die den Gewerkschaften die Maifeier gekostet habe, sollte man sich nicht so leicht hinwegsetzen, namentlich angesichts der großen opferreichen Streiks, wie in Crimmitschau usw. Die Frauen könnten sich in erster Linie dafür aussprechen, daß die Maifeier von jetzt ab am Sonntag nach dem 1. Mai stattfinde. Genossin Panzeram trat dem entgegen. Die Gewerkschaften konnten nicht beweisen, daß die Maifeier von Jahr zu Jahr zurück- gegangen sei. Das Gegenteil sei der Fall. Die Genossinnen Frohmann und Lutz sprachen sich im selben Sinne aus. Alle Rednerinnen betonten die große Bedeutung der Schulfrage, die die Frauen-Konferenz und auch den Parteitag beschäftigen wird.— Die oben wiedcrgcgebencn Anträge der Genossin Baader wurden ein st immig angenommen. Zur Frauen-Konferenz, an der Genossin Baader als Vertraucnspcrfon für Deutschland ohne weiteres teilnimmt, wurden die Genossinnen B a u s ch k e und Lutz und zum Parteitag die Genossinnen Bauschke, Lutz und Baader delegiert. lieber die am Sonntag stattfindende Brandenburger Provinzial- Konferenz referierte kurz Genossin Panzeram. Obwohl die Polizei das letzte Mal die Frauen wieder von der Konferenz ins Segment verwiesen habe, dürfe man sich nicht irre machen lassen. Es empfehle sich, für alle sechs Berliner Wahlkreise je eine Delegierte zu wählen.— Die Persammlung stimmte dem zu und wählte die Genossinnen Stcinkopf, Panzeram, Kulicke, Wulf, Baader und Schneider. Mir einem Hoch auf die Social- demokratie trennte man sich. Tocialdemokratischcr AgitationS- Berein für den Reichstags» Wahlkreis Züllicha»- Schwiebus- Krosscn> Sommerfeld. Sonn» nbcnd, den 3. September, abends 81/, Uhr, im GcwcrlschastShausc, Engel« User IS, Saal 7: Versammlung. Tagesordnung i 1. Die politische Be- wegung im Kreise und die Ausgaben dcS AgltationSvercius.(Referent: Genosse Paech-Schwiebus.) 2. Diskussion. 3. Vcreinsangclcgenheiten. 4. Verschiedenes und Ausnahme neuer Mitglieder.— Parteigenossen! Der wichtigen Tagesordnung wegen Ist es Pflicht eines jeden Genossen aus dem Kreise, hauptsächlich der Bauhandwerlcr, in dieser Versammlung zu er- scheinen, um Verbindungen der einzelnen Ortschaften zu erbalten. Berliner Tanzlehrer- Verband. Freitagabend 9 Uhr, Mit Jakob- strafe 75: MonatSversammlung. Deutscher Arbeiterverein Brüssel. VerelnSIokal„Maison du peuplo"(VolkshauS). Ordentliche Versammlung alle 14 Tage. Tägliche Permanenz. Auszahlung von Unterstützungen laut VcreiuSstamten. Aus« lünste._ Marktpreise von Berlin am 30. August. Nach Ermittelungen de» kgl. Polizei-PräsidlumS. Für 1 Doppcl-Centncr: Welzen*'), gute Sorte 17,80—17,78 M.. mittel 17,76-17,74 M., geringe 17,72—17,70 M. Roggen**), gute Sorte 13,90—00,00 M., mittel 00,00—00,00 M., geringe 00,00—00,00 M. Futtcrgerste*), gute Sorte 15,20—14,40 M., mittel 14,30 bis 13,50 M., geringe 13,40—12,70 M. Haler*), gute Sorte 16,60—15,80 M., mittel 15,70—14,90 M., geringe 14,80—14,10 M. Erbsen, gelbe, zum Kochen 40,00—28,00 M. SPetscbohnen, weiße 50,00—25,00 M. Linsen 60,00—25,00 M. Kartoffeln. 12,00—8,00 M. Richtstroh 4,82—4,16 M. Heu 9,20-6,40 M. Für 1 Kilogramm Butter 2,60—2,00 M. Eier per Schock 4,00—2,80 M. ») Frei Wagen und ab Bahn.**) Ülb Bahn. Wasserstand am 30. August. Elbe bei Aussig— 0,91 Meter, bei Dresden— 2,31 Meter, bei Magdeburg— 0,09 Meter.— U n st r u t bei Straußsurt-j- 0,65 Meter.— Oder bei Nattbor+ 0,85 Meter, bei Breslau Ober-Pcgel-s- 4,62 Meter, bei Breslau Unter> Pegel— 1,57 Meter, bei Franksurt-j- 0,06 Meter.— Weichsel bei Brahemimde-si 1,71 Meter.— W a r t h e bei Posen— 0,30 Meter.— N e tz e be» Usch+ 0,29 Meter. Wltterungvllberstcht vom 91. August 1001, morgen» 8 Uhr. Stationen Swinemde. erlw Franks.a.M München Wien S B e? 762 760 761 760 SO OSO O SW 762 l SO 762 Still Wetter 2 wolkenl 2wolkenl Iwollig 3 bedeckt Twollenl — jwolkenl dsi d?» eil gw MS> Stationen aparanda etcrSburg Cork Abcrdeen Parts -i L" il »— 758 755 754 759 N SSO SW SW Wetter 6 heiter 1 Nebel 2NebeI 4w0lNg »K C s. eti S» MS, 0 8 14 16 Wetter-Prognose für Donnerstag, den 1. September 1001. Nachts etwas wärmer, am Tage kühler, zieinlich trübe mit leichte» Regcnsällen und mäßigen westlichen Winden. Berliner Wetterburea«. m Hovawes- Neuendorf. Tode«» Anzeige. Am 29. d.M., nachmittags 5 Uhr, verschied nach langen schweren Leide« meine Inniggeliebte Frau, unsre gute Mutter, Tochter, Schwester und Schwägerin im nicht ganz vollendeten 30. Lebensjahre Marie Kläger geb. l.aebt. 132/8 Die» zeigen tiesbetrübt an mit der Bitte um stilles Belleid Oer trauernde Gatte nebet Kindern und Eltern. Die Beerdigung findet Donners- tag, den 1. September, nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhanse, Neue»»- darf, Großbeerenstr. 97, aus statt. celltrsIMluii! lief Bändels-, Transport- u. Verkehrsarbeiter Deutschlands. Verwaltungsstelle BerHn I. Hierdurch diene den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Martin Kubicke am 80. August verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donncrstagnachmittag 5 Uhr von der Leichenhalle des Gethsemane- KirchhoseS. Nieder- Schönhausen, °"um«cht rege B-t-iNgung bittet Die Orteverwaltung I. Fralltn-«"?— � in Schnslgichr.Schlse« Kerlins. Montag, 5. September, abend» 6 Uhr. im Solale be» stall. Zimmermann, WUbelmstr. 2: »-MMW. Tage«. Ordnung: 1. HalbsahrSbericht. 2. Statutenänderung. & Verschiedenes. 60/3 A.:®. ttffenwaffer. fleutsehe Utetallarbeiter-Bewerhschaft. VerwaltnngHHtelle Berlin. Bureau und Arbeitsnachweis Rosenthalerstr. 57. Geöffnet von O1/,— 2 und 1-8 Uhr. Dclephon III, 1806. Montag, den 5. September, abends 8 Uhr, im Lokale Hensel, Jnvalideustr. la: KeschUejzvnde Mitglieder-Uersantnrlmlg. TageS-Ordnung: 1. Der Kamps der Eiscngicßerei-Arbeller mit den Kähnemännern. 2. Revision des OrtSstatuts und dazu gestellte Anwäge. 3. Verschiedenes. Die Wichtigkeit der Tagesordnung bedwgt das Erscheinen aller Kollegen. DM- Mitgliedsbuch legitimirrt.-ME Wir machen unste Mitglieder besonders aus die am 11. September, vormittags 9 resp. 10 Uhr stattfindende Urania» VorateNuvig aufmerksam. 1. Teil: Weltausstellung St. Louis. 2. Till- Oberitaliens. BiUctS sind bei de» Kassierer» und im Bureau. Rosenthaler. straffe 57. zu haben. Im Besitz noch befindliche Billet» müssen bl» Sonnabend, den 2. September, abgerechnet oder zurückgegeben werden. 280/15 vi« OrtUverernUnng. An den Seen 96L* Die besten + Brauen-Vortrag. + Morgen, Freitag, abds. 8>/, Uhr, Arinlnballen, Kommandante,»straffe 80 Frauenleiden. erNärt an großen Lichtblldern vom Naturheilkundigen Grnndmann. 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