Nr. 263. BöonncmentS'Hedingungtn: Abonnements- Preis pränumerando i Lierteljährl. Z.SV Ml, monatl. 1,10 MI., wSchentltch LS Pfg. frei ins HauS. Sinzeine Nummer S Pfg. Sonntags« nummer mit illustrierter Sonntags» Vellage.Die Neu« Weit' 10 Pf«. Post« Abonnement: 1,10 Marl pro Monate Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich< Ungarn S Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Ä1. J lchrg. CrldKlBt Sgl!» auikr Dlontast. Devlinev VolksblÄkk. Dk InftrtlMiS'fittttlir Pelrllgt für die fechSgefpastene Kolonel- «eile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlfchaststche Vereins. und BersammlungS-Anzeigen W Pfg. „Ktdnc Hnxeigen", das erste(fett. gedrucktes Wort 10 Pfg., jedcS weiter« Wort b Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abends, an Eomi. und Festtagen bis S UHr vormittags geöffnet. Telegramm- Adreffe: ,.S«alältitlii«lt»l BertiD". Zentralorgan der fozialdcmokratifchcn Partei Deutfcblanda. Redaktion; SM. 68» Lindenstrasse 69. iVernfprecher: Amt IV, Nr. 1983. Dienstag, den 8. November 1904. Expedition: SM. 68, Ltndenstraeee 69. Kernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Die Berfassungs-Revision in Württemberg. Stuttgart, S. November. Dem öffentlichen Leben im Schwabenlande ist für die nächste Zeit der Stempel aufgedrückt. Die Bestimmtheit, mit der die Ivürttembcrgische Regierung dem eben zusammengetretenen Landtage die Erledigung der Berfassungs-Revision als»in der vordersten Reihe seiner Aufgaben" stehend zugewiesen hat, lästt keinen Zweifel daran aufkommen, das; es allen Beteiligten nunmehr Emst damit ist, das schon mehrfach gescheiterte Werk in dieser Land- tagS-Periode zum endgültigen Abschluß zu bringen. Und gegenüber dieser Aufgabe treten alle sonstigen politischen LandeSangelcgenheiten an Bedeutung weit in den Hintergrund. ES ist interessant, einmal zu untersuchen, wie diese neuerliche Revisionsaktion in Fluß gekommen ist. Niemand dachte ernstlich an die baldige Wiederaufnahme des BerfassungSwerkS, dessen Abschluß daS wllrttembergische Volk seit Menschenaltem sehnlichst herbei- wünscht, als unsere Parteigenossen in der Zweiten Kammer den Antrag auf Vermehrung derAbgeordnetensitze für die Stadt Stuttgart einbrachten. Die Wahlkreiseinteilung für die aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden Abgeordneten ist heute nicht mehr aufrecht zu erhalten und die Vermehrung der Stuttgarter Vertretung im Landtage ein einfaches Gebot der Gerechtigkeit. Der Forderung selbst wurde, obwohl die ver- mehrte Vertretung zweifellos der Sozialdemokratie zufallen ivürde, denn auch nicht widersprochen; jedoch erhob man den Einwand, daß der Antrag eine Verfassungsänderung in sich schließt und daß man lieber gleich eine Neuauflage der Gesamtrevision der Verfassung wünschen könne, als der alten, überlebten Verfassung einen neuen Flicken aufzusetzen. Da die Regierung in dieser Debatte die kaum erwartete und daher um so bemerkenswertere Erklärung abgab, daß sie jetzt bereit sei, an dem Ncvisionswerk auch ihrerseits mitzuwirken, so wurde der Antrag unserer Parteigenossen vorläufig zurückgestellt, und der Führer der Nationalliberalen, Herr v. Geß, erhielt den Aus- trag, einen Bericht über den Stand der Verfassungsfrage auszuarbeiten. Der Bericht kam nach geraumer Zeit zustande, sprach sich für die jetzige Möglichkeit der Revision recht günstig aus, konnte den Fort- gang der Sache aber nicht wesentlich beeinflussen. Das war einer anderen Seite vorbehalten, die, allerdings höchst unfreiwillig, den Anstoß zu weiteren Maßnahmen gab: der Ersten Kammer, der Kammer der.StandeSherren". Die Regierung hatte ein Volksschul-Gesetz eingebracht, daS sonst wenig Bemerkenswertes bot und an dem unsere Partei kein IvesentlicheS Interesse hatte, da es nicht gelungen ivar, seine Bestimmungen über den Lehrplan im Laufe der Beratung fort- schrittlich zu gestalten. Aber in einem Punkte war die Novelle von Bedeutung: sie durchbrach daS bisher in Geltung befindliche Prinzip der geistlichen Schulaufsicht, indem sie die Funktion der BezirkS-Schulaufstcht auch dem Lehrerstande zugänglich machte. Um diese Bestinimung entspann sich ein kleiner.Kultur- kämpf", da insbesondere das Zentrum gegen sie ankämpfte. Vor der entscheidenden Abstimmung machte der Präsident der in ihrer Mehrheit katholischen Kammer der Staudesherren einen Besuch beim Bischof von Rottenburg und— daö Gesetz fiel. Die Wirkung davon war über alles Erwarten. Die Regiemng war zweifellos stark erbittert, denn sie hatte wohl Anlaß gehabt, anzunehmen, daß die vier königlichen Prinzen, welche Mitglieder. der Ersten Kammer sind, trotz ihrer katholischen Konfession für die Annahme des Gesetzes Sorge tragen würden. Der Unmut darüber, daß den Prinzen da« Wort de« Bischofs augenscheinlich mehr bedeutete als der Wunsch von Krone und Regierung, kam in einem Hand- schreiben des Königs an den Ressortminister zum Ausdruck, in dem er sein lebhaftestes Bedauern über das Scheitern des Gesetzes aussprach, die Ablehnung aber nur als eine„vorläufige Stockung' im Gange der Reform bezeichnete. Das war eine ziemlich deutliche Absage an die Tendenzen bestimmter Stellen und gab das Signal zu einer Besprechung der Lage in der Zweiten Kammer, bei der sich die Debatte zu einer schweren Anklage gegen die Erste Kainmcr überhaupt auswuchS, die nur vom Centrum verteidigt wurde, und in deren Verlauf der Minister erklärte, daß die Regierung mit der Wiederaufnahm» der Verfassungsreform— und nach der vorausgegangenen Debatte zweifellos mit ein�s Reform, die sich im besonderen gegen die Erste Kammer richtete— einverstanden war. Dieser klärenden Kammersitzung folgte die Protestbewegung diese» Sommers, bei der der Ausgangspuntt die Affäre, das schwäch- liche Volksschulgesetzchen, fast ganz ins Hintertteffen kam und sich der Groll des Volkes gegen die Adelsprivilegien einer Handvoll Leute entlud, die schon so oft in unserer Zeit der Hemnischuh jeden gnmdlegenden Reformwerks gewesen sind. «.» Das vorläufige Ergebnis aller dieser Vorgänge ist nun die am Freitag gehaltene' Thronrede, über welche im.Vorwärts' bereits telegraphisch berichtet wurde. Welche Aussichten hat nun die VerfaffungSrebision und wie wird sie sich gestalten? Die Frage nach der Zweiten Kammer scheint durch die bestimmte Aeußerung der Thronrede beantwortet. Sie soll zur reinen Volkskammer auf der Grundlage des.allgemeinen, gleichen, unmittelbaren und geheimen Wahlrechts' werden. Das Problem der Ersten Kammer wird jedoch durch die Thronrede nicht gelöst. ES sei denn, daß man daS Wort von der.zeitgemäßen Erneuerung" als eine Absage au die Bestrebungen ans Beseitigung der Ersten Kammer ansieht. Daß eine solche Absage überhaupt er- folgte, ist zweifellos die Schuld der bürgerlichen Parteien, welche sich bemüht haben, den in der Protestbewegung ungeschminkt zum Ausdruck gelangenden Volkswillen„in ruhigere Bahnen zu leiten", d. h. zu verfälschen. Der nationalliberale Führer, Prof. Hieber, dem stürmisch zugejubelt wurde, als er auf die Erste Kammer das Wort anwandte:.Ihr Wappen ist die Schnecke, Schildhalter ist der Krebs I' und der eine geradezu vernichtende Kritik an ihr übte, orakelte wenige Sätze weiter von der Nützlichkeit eines „Oberhauses", eines„Senats", der„über den Parteien und Interessengegensätzen des Alltags steht und im Gewirr der Meinungen sozusagen die abgeklärte, uninteressierte Staatsweisheit vertritt". Und Konrad Haußmann, der Führer der Volkspartei, sagte, daß er, ivenn er nur abzustimmen hätte, lvieder für die Beseitigung der Ersten Kammer sein würde, aber er sehe die Unmöglichkeit, sie durchzusetzen, ein. er erlaubte sich daher, diejenigen, die die Beseiti- gung der Ersten Kaminer grundsätzlich forderten, zu verhöhnen, ohne zu bedenken, daß sein Hohn am schwersten die eigenen Parteigenossen, ja die Leitung der eigenen Partei belastete. Bei dieser feigen und mattherzigen Haltung des Bürgertums, dessen Führer den politischen Kampf um grundsätzliche Ziele aufgaben, ehe er recht begonnen hatte, nimmt es natürlich kein Wunder, daß die Regierung dem Willen des Volkes keine Konzessionen zu machen gedenkt. Was braucht sie radikaler zu sein, als die politischen Führer des Bürgertums? Wenn diese den angekündigten Kampf gegen die Adelsherrschaft dadurch glauben führen zu können, daß sie nach Mitteln suchen, um die katholische Mehrheit der Ersten Kammer in eine protestantische umzuwandeln, so muß die Regierung aus dieser charakter- und würdelosen Preisgabe aller bisher hoch- gehaltenen Forderungen ersehen, wie unmöglich es ist, für eine wirklich durchgreifende Verfassungsreform auf eine Mehrheit zu hoffen. Dabei ist die Forderung auf Beseitigung der Adelsvorrechte wirklich keine sozialdemokratische, sondern eine gut bürgerliche Forde- rung. Schrieb doch schon im Jahre 1317 kein Geringerer als Ludwig Uhland in seiner Schrift„Keine Adelskammer": „Dreißig Jahre lang hat die Welt gerungen und geblutet, Menschen- recht sollte hergestellt, der entwürdigende Aristokratismus sollte ausgeworfen werben, davon ist der Kampf ausgegangen. Und jetzt nach all dem blutigen Kampf soll eben dieser Aristokra- ttSmus durch neue Staatsverträge geheiligt werden? Hierzu ein- willigen, ihr Volksvertreter, hieße den Todeskeini in die Verfassung legen." Und unter Beziehung auf diese Worte erklärte der Führer der Deutschen(nationalliberalen) Partei, Kielmayer, 1867 in einer im Auftrage seiner Partei verfaßten Schrift.„Dieser prophettsche Warnungsruf ist an unserem Verfassungsleben in Erfüllung ge- gangen. Heute ist es nicht mehr eine vereinzelte Stimme, es ist die Stimme des Volkes, welches diesen Ruf ertönen läßt, es ist das wohlerworbene Recht des Volkes, welches wir zurückverlangen und in den kurzen Worten seinen Ausdruck findet: Wiederherstellung des Gesetzes vom 1. Juli 1849." Dieses Gesetz aber kannte nur eine einzige reine Volkskammer, ohne den von Prof. Hieber jetzt so staatsmännisch wichtigtuerisch gepriesenen.Senat". 1867— 19V4I In dieser Spanne Zeit hat da« liberale und demokratische Bürgertum Württembergs seinen KampfeSmut für immer verloren. Es hat sich endgültig für un- fähig erklärt, die noch stehen gebliebenen Reste des Feudalstaates zu beseitigen. Es ist kein Wunder, daß unter solchen Umständen der Wider- stand gegen die geplante Lerfassungsrevision sich um so lebhafter bei denen zu regen beginnt, die sie am meisten angeht, bei den „StandeSherren". Der Präsident derselben hat noch am Tage der Thron- rede in der ersten Sitzung seiner Getteuen eine Art Gegenthron- rede gehalten. Seine Erlaucht Graf Rechberg-Rothen- l ö w e n hat besser als die Führer des Bürgertums den Satz be- griffen, daß der Angriff die beste Verteidigung ist. Will man uns unsere Stechte schmälern, so parieren wir das am besten, meint der Herr Graf, wenn wir noch mehr Rechte fordem und so sagte er:„Zu bedauern ist, daß die Verfassung uns nur eine teilweise Mitwirkung bei der Beratung des Budgets einräumt." Das soll heißen, daß die Erste Kammer, wenn man auf anderem Gebiete Forderungen an sie stellen wird, diese mit der Gegenforderung des vollen Budgetrechts zu beantworten gedenkt. Dann aber redete er weiter:„Unter den weiteren Aufgaben ist auch die aufgeführt, daß wir vielleicht abermals an die Verfassungs- beratung heranzutreten haben. Meine hohen Herren I Ich weiß mich einig mit den Mitgliedern dieses Hauses, baß Sie alle den Standpunkt und Gesichtspunkt teilen, daß wir bei Beratung der Gesetze ausschließlich das Wohl des Landes und der Krone im Auge haben, jeder nach seiner Ueberzeugung, und daß wir uns dabei weder von Partei- und Spezialintereffen, noch von Kammerinteressen leiten lassen. Ich hoffe, daß die Beratungen der bevorstehenden Session, wenn sie uns auch schwere Kämpfe bringen mögen, zum Wohl des Landes und der Krone führen mögen." Als der Herr Graf geendet, erhob sich Herzog Albrecht von Württemberg, der Thronfolger, um seiner besonderen Freude darüber Ausdruck zu geben, daß die Erste Kammer auch in dieser Tagung wieder„unter der rastlosen Leitung" des Grafen Rechberg arbeiten werde. Man muß«S dem zukünftigen König lasten: nach Popularität hascht er nicht und von der modischen Schwäche des Kronprinzen. liberalismus ist der in habsburgischem Geiste erzogene Herr auch völlig frei. Darum trug er für sein Teil wohl gem dazu bei, dem sonst rein geschäftlichen Akt der Eröffnungssitzung den Charakter einer politischen Fronde gegen Regierung und Zweite Kammer zu geben. Die Sozialdemokratie kann in Ruhe der Gestaltung der Dinge entgegensehen. Ihr Programm zeichnet ihr den Weg vor und sie hat vielleicht eine größere Macht, als man gemeinhin annimmt. DaS Zentrum und einige Vrivilegierte stehen der Reform durchaus ablehnend, der Bauernbund kühl bis an Herz hinan gegen- über, und so sind die Stimmen der Sozialdemokraten zur Bildung einer Zweidrittelmehrheit nicht zu entbehren. Ist unserer Partei heute die Stellung zu den Einzelftagen bereits klar, so läßt sich in- dessen über die Stellung zum Gesamtwerk noch nichts sagen. Darüber sagt unser hiesiges Parteiblatt ganz zutteffend:„Ob der Borteil der reinen Volkskammer den Nachteil der Auffrischung der Ersten Kammer überwiegt, wird zu entscheiden sein, wenn die Reform in ihrer ganzen Tragweite zu übersehen ist." Bis dahin aber wird noch geraume Zeit vergehen._ Die italienischen Wahlen. Die Wahlen in Italien, die von«der Regierung ausgeschrieben wurden, um die Situatton zu klären, um die Regierung von der extremen Linken vollständig loszulösen, sind, wie vorauszusehen war. zugunsten des Ministeriums ausgefallen. Von den 508 Wahlen, die vorzunehmen waren, sind bis heute früh 415 Wahlen bekannt ge- worden. Es sind gewählt 255 Ministerielle, 39 Mit» glteder der konstitutionellen Opposition, 23 Radikale, 23 Sozialisten und 12 Republikaner. 63 Stichivahlen sind erforderlich, bei denen in 33 Fällen die Ministeriellen das Uebergewicht haben sollen, in 11 Fällen die konstitutionelle Opposition, in vier Fällen die Radi- kalen, in 11 die Sozialisten und in vier weiteren Fällen die Republikaner. In der letzte», aufgelösten Deputierten- kammer hatten die Radikalen 46 Sitze, die Sozialisten 33 und die Republikaner 26. Die Wahlen ivurden vorgenommen unter offener Kriegserklärung gegen den Sozialismus. Wenn auch die bürgerliche Presse in Italien und in Deutschland behauptet, daß die Sozialisten bei der Wahl schlecht abgeschnitten hätten, so trifft diese Behauptung nach den uns vorliegenden Privattelegrammen nicht zu. Diese Tele- gramme lauten: Rom, den 7. November. Bis jetzt gewählt 23 Sozialiste», 15 wiedergewählt, 8 neue gewählt. Es haben 27 Stichwahlen zwischen Sozialisten und den bürgerlichen Parteien stattzufinden, wovon 8 bisher sozialistische Kreise betteffen. In 19 Kreisen findet zum erstenmal Stichwahl statt. Unterlegen find die Reformisten Maro und Mariano, die Genossen Bosst, Albertelli, Ciccotti, Varazzani. In Mailand wurden Turatt und Cabrini wiedergewählt, ferner ein Klerikaler, der erste Klerikale im Parlament, außerdem ein Konservattver. Zwei Konservative befinden sich in Stichwahl mit Radikalen. Ferri wurde eininal gewählt und befindet sich dreimal in Stichwahl. Costa und Bissolati wurden zweimal gewählt. In Rom, Florenz, Turin. Ravenna und Genua finden sozialistische Stichwahlen statt. Im ganzen Lande ist ei» großer Stimmenzuwachs für die Sozialiften zu verzeichnen. Die republikanische Partei erlitt eine empfindliche Niederlage, sie verliert hervorragende Vertreter. Der Ex- mini st er Nasi wurde in Trapani mit ungeheurer Mehrheit gewählt. Die letzte Wahl ergab 69 sozialistische Stichwahlen und 26 Gewählte. Ein ferneres Telegramm aus Rom meldet unS: Endresultat: Gewählt wurden 24 Genossen außer Turatt und Defelice. In Stichwahl befinden sich 29 Genossen. Chiesa kommt in Genua in Stichwahl mit Guastavino. Im ersten Genueser Wahlkreise kandidierte gegen Chiesa der liberale Oppo- sttionskandidat Marquis Imperiale und der ministerielle Guastavino. ES kam am Vorabend der Wahl zu einer Zersplitterung der sozia- listtschen Stimmen dadurch, daß die sozialistischen Arbeiter empört darüber waren, daß Chiesa nach Mailand gegangen war, um die Kandidatur TuratiS gegen die des Parteikandidaten zu vertreten- Die Arbeiter erklärten am Vorabend der Wahl, als Zeichen des Protestes nunmehr unbeschriebene Stimmzettel abgeben zu wollen. Aus diesen Telegrammen ergibt sich, daß die sozialdemokratische Fraktion nicht nur ungeschwächt in das Parlament zurückkehren wird, sondern daß sie wahrscheinlich noch einige Sitze gewinnen dürste. Bei der letzten Wahl wurden 26 Sozialisten gewählt. Diese 26 Sozialisten sind auch jetzt wieder gewählt worden, sofern man Turati und Defelice mitrechnet; während aber bei der vorigen Wahl nur neun Sozialisten an der Stichwahl beteiligt waren, sind diesmal deren 29 beteiligt. Schon hieraus ergibt sich, daß der sozialistische SttmmenzuwachS ein erheblicher � sein muß. Daß die Sozialdemokratte in Italien keinen größeren Erfolg zu verzeichnen hat, liegt an der ganzen Situation. Auf der ganzen Linie wurde gegen sie gekämpft, während das letzte Mal die Republikaner und die Radikalen mit den Sozialisten zusammen gingen. Der General st reik hat es zu einergrllnd« lichen Scheidung der Geister gebracht. Er scharte nicht nur alle bürgerlichen, namentlich auch kleinbürgerlichen Elemente um das Banner der ministeriellen Parteien, sondern er führte auch zur Scheidung zwischen den Sozialisten und den Llnksliberalen. Diese Scheidung hat allerdings eine schwere Niederlage der äußersten bürgerlichen Linken zur Folge gehabt. Während die Radikalen im letzten Parlament 46 Sitze inne hatten, haben sie jetzt nur 23 Sitze errungen, wozu noch vier für sie giinstige Sttchwahlen kommen. Nicht bester haben die Republikaner abgeschnitten, die im letzten Parlament über 26 Sitze verfügten. während sie bis jetzt nur 12 Mandate er» obert haben und in vier Wahlkreisen in günstiger Stichwahl stehen. Dabei ist allerdings zu beachten, daß noch nicht das gesamte Wahl- ergebnis vorliegt.— WaS TuratiS Wahl in Mailand anbelangt, so ist dabei zu berücksichtigen, daß Turatt in den Wahlkämpfen eine radikalere Haltung eingenommen hat als vorher. Er erklärte sich nicht nur unbedingt für das Strcikrecht. sondem er erklärte auch, daß die Sozialisten sich nicht damit kegniigen dürsten, die Aufgabe der bürgerlichen Demokratie zu erfüllen. Auch bedauerte er, daß ihm kein radikaler Gegen- kandidat gegenüberstehe. Die Wahlbeteiligung war eine sehr starke. Sie war erheblich größer als im Jahre 1300, wo rund 60 Proz. der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgaben. Nicht nur die von Giolitti ausgegebene Parole der Sammlung aller staatserhaltenden Elemente steigerte die Wahlbewegung der bürgerlichen Kreise. Auch der Papst hatte den streng gläubigen Katholiken ausdrücklich Erlaubnis erteilt, sich an den Wahlen zu beteiligen, um die Kandidaten des Umsturzes zu Falle zu bringen. Berücksichtigt man alle die Umstände der diesmaligen Wahl, so wird man den Jubel der bürgerlichen Presse über die angebliche Niederlage der Sozialisten durchaus unangebracht finden. Haben doch die Sozialisten nicht nur alle Aussicht, ihre Mandate zu be- haupten und noch einige Hinzuzugewinnen, sondern ist doch die sozialistische Stimmenzahl trotz aller Sammlungspolitik offenbar nicht unerheblich gewachsen. Um die ganze Tragweite der Wahl be- urteilen zu können, wird es allerdings nötig sein, das genauere Er- gebnis abzuwarten._ politische GcbciTicbt. Berlin, den 7. November. Beamtenfragen im Abgeordnetenhause. Das Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Montag ans- schließlich mit Beamtenfragen. Zunächst überwies es einen konservativen Antrag betreffend Maßnahmen, die geeignet sind, die den M i l i t ä r a n w ä r t e r n im Staats- und Kommunaldienst aus den gegenwärtigen Besoldungs- Vorschriften erwachsenden Nachteile tunlichst auszugleichen, an die Budgetkommission. Aussicht auf Erfolg dürfte der Antrag bei der ablehnenden Haltung des Finanzministers Frhrn. v. Rheinbaben kaum haben. Sodann erledigte das Haus in rascher Reihenfolge eine große Zahl von Petitionen der verschiedensten Beamten- kategorien. Die Verhandlung bot das gewohnte Bild. Vor fast leeren Bänken sprach der Berichterstatter, um seine An- träge auf Uebergang zur Tagesorduung, im günstigsten Fall auf Ueberweisung zur Erwägung zu begründen, und dann wurden die Anträge ohne weitere Debatte angenommen. Nur vereinzelt waren schüchterne Versuche zu verzeichnen, das Haus und die Regierung den Wünschen der Beamten ge- neigter zu machen. Wie immer, so schilderte auch diesmal wieder die Regierung die„gefahrdrohende" Agitation unter den Beamten und sie erreichte damit ihren Zweck, das Haus ihren Wünschen auf Nichtbeachtung der Petitionen geneigt zu machen. Die Beamten werden sich schon so lange gedulden müssen, bis wir in Preußen eine wirkliche Volksvertretung haben. Die nächste Plenarsitzung findet erst am 21. November statt. Bis dahin soll der Kanalkommission Zeit zur Er- ledigung ihrer Arbeiten gelassen werden, oder auch zur— Nichterledigung._ Ausweisungsausliefcrungcn. Am letzten Donnerstag, 7 Uhr morgens, wurde in Berlin eine russische Studentin Janina Bcrson verhaftet. Die Wohnung wurde durchsucht, und zwar zwei Stunden lang durchstöberte die Polizei alle Behälter. Das Fräulein hielt sich seit 14 Tagen unangemeldet in Berlin auf und wollte nach der Schweiz fahren. Bis zur Stunde ist die Dame nicht freigelassen worden, obwohl weder ihr noch irgend jemand anderem mitgeteilt worden ist, welches Delikt sie begangen haben soll. Wir haben also hier wieder einen der Fälle, die seinerzeit im Reichstage von beinahe allen Parteien aufs schärfste gerügt worden sind. Fräulein Berson, die sich nach deutschen Strafgesetzen nicht irgendwie schuldig gemacht hat, wird in der Willkür des administra- tiven Verfahrens festgehalten. Es sind ihr alle Rechtssicherheiten der deutschen Strafprozeßordnung entzogen und sie ist völlig wehrlos der Polizei in die Hände geliefert. Die Polizei hat nicht einmal das Interesse, nach Straftaten zu suchen, denn dann würde Fräulein Berson der Garantien des deutschen Rechtes teilhaftig werden, wäh. rend diejenigen, die nichts begangen haben, auf Gnade und Ungnade ohne besondere juristische Hülfe und Arbeitsaufwendung der Polizei verfallen sind. Hätte das Fräulein Berson in Berlin einen Mord begangen, so würde sie einen größeren Rechtsschutz genießen als jetzt, wo sie keinerlei Straftaten in Deutschland begangen hat und, wie wir hinzufügen, auch nach unseren Informationen nicht in Rußland. Man hält die Dame offenbar fest, um inzwischen sich bei der russischen Polizei zu erkundigen, ob es ihr angenehm wäre, das Fräulein in die Hände zu bekommen. Hat der russische Absolutismus Appetit auf dies Opfer, so wäre nach den bisherigen Erfahrungen die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß die Dame in der völkerrechtswidrigen Form der Ausweisung über die russische Grenze ausgeliefert wird. Was selbst der erzreaktionäre preußisch-russische Auslieferungsvertrag, der überhaupt kaum Grenzen für die Ausliefcrungsmöglichkeit be- stimmt, nicht bewirken kann, das vermag eine solche Ausweisung im Handumdrehen. Es bedarf nicht der mindesten ordentlichen Unter- suchung. Es genügt, die Dame für eine gefährliche Person, für eine Anarchistin zu erklären, und der Gerechtigkeit— der preußischen Polizei ist Genüge getan. Selbst wenn es sich nun um eine Anarchistin handelte, wäre ein solches Verfahren schlechterdings verwerflich. Es bedeutet unter allen Umständen die schlimmste Verletzung jedes zivilisierten Fremden- rechtes. Es war der Zentrumsabgeordnete Spahn, der noch im Anfang dieses Jahres im Reichstage erklärte: „Der Fremde, der sich bei uns mit ausreichenden Mitteln aufhält und der sich uns gegenüber nach keiner Richtung lästig ge- macht hat, den müssen wir, wenn wir ihn ausweisen und nicht aus- liefern, seinen Weg wählen lassen, wie er will. Diesen Grundsatz sollten wir festhalten. Das hat nichts damit zu tun, daß auch andere Nationen Anarchisten nicht haben wollen. Ob jemand Anarchist ist, wissen wir nicht, so lange er sich nicht in dieser Richtung lästig gemacht hat oder dies anderweitig nach- gewiesen ist." Herr Spahn mißbilligte es auch, daß die Polizei-Organe Ver- Haftungen nur deshalb vornehmen, um Verdachtsmomente gegen Personen zu sammeln. Wollte man das Fräulein Berson aus Deutschland nur ausweisen bei freier Wahl der Grenze, so wäre die Verhaftung völlig sinnlos. Die Sistierung kann nur den Zweck haben wollen, um noch Verdachtsmomente zu sammeln und dann, wenn Rußland es wünscht, neue völkerrechtswidrige Russendienste zu leisten. Da das Fräulein bemittelt ist, so kann man in der Mittellosigkeit nicht den Vorwand einer Ausweisung nach der russischen Grenze suchen. Mithin bliebe der„Anarchismus" als Grund eines solchen Verfahrens. Das ganze Belastungsmaterial, das gegen die Dame in dieser Hinsicht besteht, liegt aber in dem einen llmstand, daß diese russische Studentin seit längerer Zeit mit einem deutschen Reichs- angehörigen befreundet ist, der sich zu einer kleinen anarchistischen Gruppe rechnet. In der Wohnung dieses Deutschen haben sich auch anarchistische Schriften vorgefunden. Die Polizei kann aber diese einem preußischen Staatsbürger gehörenden anarchistischen Schriften, die ja nebenbei wohl auch keinen strafbaren Inhalt haben werden, nicht einer Freundin dieses Mannes zur Last legen. Fräulein Berson ist, wie man uns mitteilt, nicht nur keine Anarchistin, sondern sie ist, wie uns versichert wird, überhaupt nicht politisch tätig. Sie ist in Rußland auch nie wegen„illegaler" Handlungen bestraft worden. Es entfällt somit auch dieser Grund für die Polizei und wir nehmen an, daß man unverzüglich den höchst bedauerlichen Miß- griff gutmachen wird. Die Russcndienstc, die Deutschland seit einigen Jahren vor der Welt kompromittieren, sollten nun endlich ein für allemal erledigt sein. Die Ballin-Schande ist erst eben, wenigstens nach den Behauptungen der Schuldigen, beseitigt worden. Man sollte wirklich nicht neues Material liefern zu der Abrechnung, die der Regierung wegen ihres Russentums ohnehin bevorsteht. Eine russische Studentin, die sich in Deutschland nichts hat zuschulden kommen lassen, die politisch auch sonst selbst nach russischen Begriffen unverdächtig scheint, sollte wahrhaftig nicht als Objekt dienen, um dem Berliner Polizeipräsidium unter der Leitung Dr. Hcnningers die Gelegenheit zu einem neuen Meisterstück verschärften Russen- kurses zu bieten. Ausweisungen nach der russischen Grenze sind unter allen Umständen unzulässig. Entweder liegen in Deutsch- land begangene Straftaten vor, dann gehört die Angelegen- heit vor die ordentliche Justiz. Tie Polizei darf unter keinen Umständen sich die Befugnis einräumen, über Wohl und Wehe eines Menschen frei zu schalten. Auch eine„Anarchistm" mutz des Schutzes der deutschen Gesetze teilhaftig werden. Die Verhaftung des Fräulein Berson ist ein Zeichen des neuen und zugleich ewig alten Geistes, der gegenwärtig am Alexanderplatz weht. Seitdem Herr Dr. Henninger Führer der politischen Polizei in Deutschland geworden ist, scheint er sich durch besonderen Eifer und bedeutsame Erfolge den Ruhm der Stieber erringen zu wollen. Selbst die bisherigen Beamten der politischen Polizei sollen dem neuen Herrn nicht mehr genügen. Man erzählt davon, daß es zwischen dem Dr. Henninger und dem Dezernenten der anarchistischen Abteilung, Kriminalkommissar Crone, bereits zu einem heftigen Konflikt gekommen sei. Crone, der eine Militärübung angetreten hat, soll zur politischen Polizei nicht mehr zurückkommen. An seine Stelle ist der bisherige Dezernent der Gcwerkschaftsabtcilung, Kom- missar Becker, getreten, der den diesjährigen Amsterdamer Kongreß beaufsichtigt hat. Herr Henningcr soll, wie man uns berichtet, eine ganz besondere Neigung haben, die Nussenpolitik zu akzentuieren. Er will offenbar die Blamage von Königsberg durch neue Taten überbieten. Er hat unter der Leitung des Kommissars Kuntze, wie man uns weiter berichtet, eine besondere Russenabteilung eingerichtet. Es scheint, als ob Herr Whnen, der bisherige Russenoberst, der auch neben dem Königsbcrgcr Staatsanwalt, dem Justizminister Schön- stcdt und dem russischen Generalkonsul in Königsberg den Hoch- vcrratsprozctz gegen unsere Parteigenossen inszeniert hat, in den Tagen der Nordsee-Siege Rußlands nicht mehr für schneidig genug gehalten wird, und schärferen Ersatz bekommen solle. Mag das neue Regiment im Berliner Polizeipräsidium wie immer nach neuen Taten streben, unter keinen Umständen ist es statthaft, eine schuld- lose russische Studentin zum Probicrstück solcher rettenden Taten zu machen. Deutschlands Russenruf ist gerade schlimm genug, und der Königsberger Prozeß hat das deutsche Ansehen gerade hinreichend kompromittiert, um nicht selbst einem vatcrlandslosen Sozialdemo- kraten den nationalen Wunsch einzugeben, die preußische Regierung möge auf diesem Wege nicht weiter wandeln.— Die zweite Armeebebatte. Zu der Armeebebatte wird uns aus Paris unterm 6. November noch geschrieben: Es fehlte wenig, und das Kabinett Combcs wäre über die„Armee", über die Offizicrsfragc gestolpert. In der ent- scheidenden Abstimmung wurde die Regierung mit bloß zwei Stimmen Mehrheit<279 gegen 277) gerettet, das heißt— selbst unter Berücksichtigung einiger nachträglichen Berichtigungen — tatsächlich durch die eigenen Stimmen der sieben Minister, die zugleich Deputierte sind. In der zweiten Abstimmung über die Priorität der Vertrauensformcl wuchs dann die Mehrheit auf bloß zehn Stimmen an(286 gegen 276). Und wenn zuletzt die Ver- traucnsformel nach den amtlich berichtigten Zahlen mit 297 gegen 221 Stimnien(nicht, wie in der Kammer verkündet, mit 343 gegen 236) votiert wurde, so einzig deshalb, weil zwischen der zweiten und der dritten Abstimmung die ebenso feige wie brutale Gewalttat des nationalistischen Abg. Syveton gegen den Kriegs- minister stattgefunden hatte. Es gibt nur eine Stimme darüber, daß Syvetons infame Handlungsweise, die desto niederträchtiger ist, als sie sich gegen einen Greis richtete, die Stellung des Ministeriums wieder befestigt hat, ähnlich wie der klerikal-patriotische Stockstreich des Barons Christiani gegen den Präsidenten Loubet die Periode der„republikanischen Verteidigung" eingeleitet hat. Das schlietzliche Ergebnis der Kammerschlacht ist jedenfalls zu begrüßen. Viel weniger vom ministeriellen als vom allgemein demokratischen Standpunkte aus. Der Sturz des Kabinetts Combes in diesem Kampfe würde allerdings eine Revanche der klerikalen Hocharmee zur Folge gehabt haben. Auf diesen Punkt haben die ministeriellen Redner immer und immer wieder die Aufmerksamkeit der zerbröckelnden Mehrheit zu konzentrieren gesucht. Und daran sind die unermüdlichen Front- und Flankenattacken der vielfarbigen Opposition gescheitert. Es war die von Jaures angeregte Taktik der Gegenoffensive, die vom ministeriellen Lager befolgt wurde. Den Ansang machte General Andre, der in seiner vom Blatt verlesenen Rede ein in seiner Naturwahrheit abschreckendes Bild der Unduldsamkeit, der Vetternwirtschaft, der prätorianischen Gelüste des seit 30 Jahren in der Armee aufgepäppelten klerikal- reaktionären Klüngels gab. Berteaux verlangte im Interesse der Republikanisierung der Armee eine Reform des Rekrutierungssystems der Offiziere und eine Reform der militärischen Schulprogramme. Jaures erinnerte an die seinerzeit von Oberst Faurie im gesinnungstüchtigcn„Temps" veröffentlichte Statistik, die handgreiflich die klerikale Vetternwirt- schaff im Befördcrungswesen offenbart. Während nämlich der Prozentsatz der Adligen unter den Leutnants 11 Prozent beträgt, steigt er unter den Generalen auf 29 Prozent! Als Abhilfsmittcl gegen die klerikale Vorherrschast in der Armee verlangte Jaures die Einverleibung der militärischen Hochschulen in die Universität, die Einführung gesetzlich geregelter Stipendien für Unbemittelte in jenen Hochschulen. Ferner befürwortete er eine weite öffentliche Kontrolle über die Offiziere von feiten der republikanischen Or- ganisationen, ähnlich wie die Gewerkschaften nach und nach sich daran gewöhnen, den Gewerbe- Inspektoren über die Verletzung der Arbeiterschutzgesctze zu berichten, ohne daß deshalb von„Angeberin" gesprochen werden kann. Zu er- wähnen ist noch das reuige Geständnis von Jaures in bezug auf die M i l i t ä r j u st i z:„Jawohl, meine Herren, wir sind alle schuldig, Regierung und.Mehrheit,— und ich nehme auf mich meinen Teil an dieser Schuld— die notwendige Abschaffung der Kriegsgerichte nicht verwirklicht zu haben, die das Kastenregime kennzeichnen und verlängern." Aber freilich fanden die von Jaures geforderten Reformen, so harmlos schüchtern sie sind im Vergleich mit den gleichfalls die Demokratisierung der Armee bezweckenden Forderungen der großen bürgerlichen Revolutionäre von 1793, nur den Beifall ver äußersten Linken. Wie die Situation beschaffen ist, muß man schon als einen Gewinn das negative Ergebnis des Kampfes anrechnen, das Scheitern des Ansturmes der nationalistisch-mclinistischcn Reaktion im Bunde mit den linksstehenden Strebern und Ehrsüchtigen— von Doumer bis Millerand. Ja, Millerand I Er hat es sich nicht nehmen lassen, auch in dieser Debatte, und diesmal unter dem freigebigen Beifall der Rechten, die Geschäfte der Reaktion zu besorgen, und das so unverfroren wie noch nie. Er hatte sogar den Mut, gegen die Linke die„ewigen Prinzipien" der„Wahrheit und Gerechtigkeit", die Losungsworte der Drehfus-Kämpfe, auszuschlachten. Di: nötige Antwort erteilt ihm heute Pressense in der„Huinanite":„Ja, wir mußten hören, wie Herr Millerand— Herr Millerand!— unter den Beifallssalven der Rechten und der Nationalisten uns beschuldigte, die Prinzipien verleugnet zu haben, in deren Namen wir gesiegt haben,— er, der erst den Umschwung der öffentlichen Meinung nach der Entdeckung der Henrh-Fälschung abgewartet hat, um unsere Kampagne für die Gerechtigkeit nicht mehr als antipatriottsch zu denunzieren und nicht niehr Schutzmaßnahmen für die Armee zu fordern!"— In der Kammer selbst hatte Jaures in einer Unterbrechung der Millerand- scher Rede seinem ehemaligen Freund und dessen Ministerkollegen vom Kabinett Waldcck-Rousseau die Eigenschaft der verspäteten „Treppentugend" vorgeworfen. Die Entrüstung Millerands und der übrigen Mitglieder des Kabinetts Waldcck-Rousseau ist nämlich desto erhabener, als die dem kriegsministeriellen Bureau vor- geworfenen Praktiken bereits in ihre eigene Ministerzeit fallen. Sie schützen freilich vor, davon keine Kenntnis gehabt zu haben. Bemerkenswert ist noch, daß die im Sinne der Jaurösschen Offcniivtaktik abgefaßte Vertrauensformcl diesmal weder von Etienne, dem Führer der gemäßigten„Demokratischen Union", noch auch von Sarrien, dem Vorsitzenden der„radikalen Linken" unter- zeichnet wurde. An Stelle Etiennes zeichnete dessen treu ministerieller Fraktionskollege Thomson. Es bleibt abzuwarten, ob Syvetons Gewaltgcste die neuesten Abtrünnigen des Blocs auf die Dauer wieder ins ministerielle Lager treiben wird. *« Deutfcbee Reich. Weitere 86 Millionen für Südwestafrika. Wie die„Frankfurter Zeitung" sich aus Berlin melden läßt, wird dem Reichstag bei seinem Zusammentritt ein weiterer Nachtrags- etat für Südwestaffika in der Höhe von 86 Millionen zugehen. Dieser Nachtragsetat werde keineswegs etwa die abschließende Forde- ruug für den Krieg bilden, sondern eS würden sogar für dieses Finanzjahr, das erst mit dem nächsten 1. April abläuft, noch weitere Nachtragsetats notwendig werden. Mit den bereits jetzt für die Niederwerfung des Aufftandes vom Reichstage bewilligten Summen hätte der Nachtragsetat die Höhe von 100 Milli-nc» erreicht, die aber bei weitem überschritten werden wird. Bekanntlich erklärte ja die„Schlesische Zeitung" unlängst, daß die Gesamtkosten für den Krieg mindestens 200 Millionen Mark betragen würden. Die„Kölnische Zeitung" beurteilt allerdings die gegenwärtige Lage in Südwestafrika recht optimisttsch. Sie geht von der Annahme aus, daß der Herero-Aufstand als völlig niedergeworfen gelten könne. Wie Trotha gemeldet habe, seien ja bereits die Häuptlinge über die englische Grenze geflüchtet. Die übrigen Hereros hätten offenbar ihre Munition verschossen und seien daher Widerstands- unfähig. Allerdings sei von englischer Seite gemeldet worden, daß sich unter den 400 Hereros, die die Grenze nach Betschuanaland über- schritten hätten, keine Häuptlinge befunden hätten. Diese englische Meldung sei indes belanglos. da zuverlässige Nachttchten über Hereros, die erst kürzlich die Grenze überschritten hätten, noch nicht in Kapstadt eingetroffen sein könnten. Aber selbst wenn sich die Kapitäne der aufftändischcn Hereros noch im Kolonialgebiet befänden, so werde man mit ihnen kurzen Prozeß machen können. Am praktischsten sei es, daß nian nunmehr die aufständischen Häuptlinge für vogelfrei erkläre und eine Prämie ans ihren Kopf setze. Dann sei ein formeller Friedensbeschluß oder eine Friedensverhandlung überflüssig, da die zersprengten Hereros einen Gegenstand solcher Verhandlungen nicht bilden können. Das Damaraland müsse noch längere Zeit im Kriegszustand bleiben. Die sich ergebenden Hereros könnten in Reservaten untergebracht werden. Man müsse ihnen aus Staatsmitteln Nahrung beschaffen, allerdings nur gegen Arbeit als Gegenleistung. Auf räuberische Hereros müsse noch eifrig Jagd ge- macht werden. Auf noch bekannt werdende besondere Uebeltätep müsse ebenfalls eine Schnßprämie gesetzt werden. Alsdann müßten im ganzen Gebiete eine Reihe von Stationen angelegt und stark besetzt werden, um allmählich das Land vollständig zu pazifizieren. Uns will scheinen, als ob die Auffassung der„Kölnischen Zeitung" doch erst noch näherer Bestätigung bedürfte, denn wenn auch die Hereros zersprengt sind, so ist es doch fraglich, ob sie zur Uebergabe geneigt sein werden, falls man nicht mit ihnen in Unter- Handlungen eintritt und ihnen Generalpardon gewährt. Führt man den Krieg einfach ohne Friedensverhandlungen weiter, dürste die Zahl der unter Waffen bleibenden Hererobanden eine recht erhebliche sein, und daß die Verfolgung dieser zerstreuten Banden gar nicht so leicht ist, das hat ja der bisherige Krieg bereits hinlänglich bewiesen. Wiederholt schon haben wir betont, daß der Guerillakrieg gegen zerstteute Banden schwieriger und lang- wieriger sein dürfte als die bisherigen Umzingelungsmanöver gegen große Scharen sich an bestimmten Orten aufhaltender Hererobanden. Also selbst wenn die Annahme zuttäfe, daß die Widerstandskrast der Hereros vollständig gebrochen sei, so würde die Unterdrückung der umherschweifenden Banden noch außerordentlich viel Zeit und enorme Snmmen kosten. Es wäre deshalb auch vom Standpunkt unserer Kolonialpolitiker zehnmal vernünftiger, dem längst von uns und kürzlich auch vom„Reichsboten" gemachten Vorschlage ent- sprechend in ernsthafte Friedensverhandlungen mit den Hereros ein- zutteten. Als im höchsten Grade barbarisch aber müßte das Ver- fahren verurteilt werden, ans die Führer des Herero-Ausstandcs Schußprämien zu setzen! Der Krieg gegen die Hottentotten dürfte nach Anficht der„Köl- nischen Zeitung" ebenfalls bald zu Ende sein, wenigstens der „eigentliche" Krieg; dann würden sich die Hottentotten aller- dings in kleine Gruppen auflösen und in die fast unzugänglichen Berge verkriechen. Diese Flucht müsse unter allen Umständen ver- hindert werden, man müsse so rechtzeitig zugreifen, daß es den Hottentotten nicht möglich sei, der Umschließung zu entrinnen. Dieser Vorschlag ist ja sehr schön, aber sicher auch schwieriger, alS die„Kölnische Zeitung" sich einbildet. Gerade die ftüheren Hottcntotten-Kriege haben bewiesen, wie kolossal schwierig es ist, aufständische Hottentottenstämme derartig einzukreisen, daß sie zur Uebergabe gezwungen sind. Auch mit dem größten Truppe�aufgebot wird man deshalb schwerlich die Auflösung und Flucht der jetzt noch in starken Banden vereinigten Hottentotten ver- hindern können. Aller Voraussicht nach wird der Krieg auch in dem Südwesten der Kolonie sehr langwierig werden. Ob die Kriegskosten deshalb mit 200 Millionen Mark gedeckt sein werden, ist noch sehr die Frage! * Die„Münchener Allgemeine Zeitung" wirst dem„Vorwärts" Fälschung vor, weil er behauptet habe, daß„unsere Kolonialmänner" den Plan gefaßt hätten, die sämtlichen Stämme in Südwestaffika zu entwaffnen. Ein solcher„Beschluß" sei„niemals gefaßt" gewesen. Unvorsichttge Aeutzerungen aus Kolonialkreisen in diesem Sinne könnte» allerdings gefallen sein, aber von einem„ernsthaften Plan", die Witbois zu entwaffnen, könne nicht gesprochen werden. Wir geben der„Münchener Allgemeinen Zeitung" den Vorwurf der Fälschung zurück. In allen Kolonialorganen ist seit Monaten die Forderung erhoben worden,»ach Niederwerfung des Herero- AufstandeS sämtliche Eingeborenen zu entwaffnen, also auch die Witbois, auf deren Treue und Ergebenheit viele unserer Kolonial- mannen keineswegs fest bauten. Zudem meldete erst dieser Tage die„Frankfurter Zeitung", daß die Witbois erst dann in den Auf- stand eingetreten wäre», als man bereits mit ihrer Entwaffnung be- gönnen habe. Berkin, 7. November. General v. T r o t h a meldet unter dein S. d. Mts. aus Windhuk: Am 1. November Oberleutnant v. B r a n d t IS Gewehre auf Marsch nach Gibeon bei Seeis- Kameelbaum von 50 Witbois angegriffen. Nach mißglücktem Umgehungsversuch zog sich der Feind unter Verl u st von drei Toten zurück. Diesseits ein eingeborener Polizist, zwei Buren gefallen, der Rest der Patrouille erreichte G i b e o n, wo Brandt das Kommando übernimmt. Am 5. November rückte die 2. Kompagnie des Feldregiments 1 unter Oberleutnant Ritter von Rehoboth nach Kub ab. Die Hcliographenverbindung mit Keetmanshop ist wieder hergestellt. Am 3. November hatte K l i tz i n g mit der S. Kompagnie des Feldregiments 1 östlich von Orunjahi ein erfolgreiches Gefecht mit einem größeren Hcrerotrupp, der etwa 250 Köpfe stark war. Der Feind ließ 6 Tote zurück. Weitere Verfolgung wegen Dunkelheit unmöglich. Am 4. November folgte Klitzing den nach Norden führenden Spuren, zersprengte zwei kleinere Hcrero- banden. 4 Hereros erschossen. 1 Gewehr erbeutet. Gleichfalls am 3. November lockte Oberleutnant V. Beesten Hereros bei Ombakaha in Hinterhalt. 4 Großleute gefallen, nämlich Kavizera aus Okahandja. Katrimin aus Gobabis, Kaiun aus Otjihännena, Salom mis Otjenga. Außerdem Vormänner Eliphas und Groß-Traugott aus Groß-Barmen. Kairiran aus Okosongoho, Gottlieb Bittlisan und zahlreiche Orlog- leute. Erbeutet 16 Pferde. 2 Reitochsen, zahl- reiche Gewehre. Diesseits keine Bcrluste. Es standen im Gefecht 25 Reiter der 2. Kompagnie Feldregiments 2, unter Leutnant v. Hammerstein, Offizier-Patrouille Hermens der 3. Kom- pagnie und 2 Maschinenkanonen. Major v. Mühlenfels hat An- Weisung, unablässig mit Streifkolonnen alle Wasserstellen der Um- gegend abstreifen zu lassen. Die Gefechte im Herero-Gebiet beweisen, daß die HereroS noch immer— und dazu noch in verhältnismäßig starken Trupps— Widerstand leisten. Wie sollten sie sich auch„auf Gnade und Ungnade" ergeben, da sie von deutscher Gnade bisher noch nichts bemerken konnten I Der Hererokrieg scheint aber nunmehr in Menschenjagden von der Art ausarten zu sollen, wie wir sie in China kennen gelernt haben. Auf unserer Seite ist in den letzten beiden Gefechten keinem unserer Leute ein Haar gekrümmt worden, während man unter den Hereros ein großes Blutbad anrichtete. Und trotzdem man Pferde, Reitochsen und viele Gewehre erbeutete, machte man keinen einzigen Gefangenen I Da noch mehrere Zehntausende von Hereros flüchtig umher- streifen, müßten noch StrSnic Blutes vergossen werden, bevor auf diese Weise das Gebiet„pazifiziert", d. h. enwölkcrt wäre. Gegen solche Schlächtereien müßte sich das ganze Volk wie ein Mann er- heben I— » Berlin, 7. November. An Typhus sind gestorben: Reiter Christian G u n s e r, geboren 10. Januar 1882 zu Jur, Lazarett Otjimbinde; Sanitäts- Unteroffizier Josef Thiel, geboren 4. Dezember 1879 zu Liegnitz, 1. November 1904 Lazarett Epukiro; Reiter Paul Ledwa, geboren 4. Januar 1883 zu Neichthal, 2. November 04 Lazarett Otjosondu; Reiter Robert Knoblich, geboren 26. Mai 1882 zu Nieder- Rüstern, ain 2. November 1904 Lazarett Waterberg an Nierenentzündung nach Typhus gestorben. Der Beirat für Arbeiterstatistik war am Montag im Gebäude des Statistischen Amts versammelt. Bei Eröffnung der Sitzung widmete der Präsident v. d. B o r g h t dem verstorbenen bayerischen Zentralinspektor ftir Fabriken und Gewerbe, P ö l l a t h, einen Ivarm empfundenen Nachruf. Die Sitzung stach insofern von früheren Sitzungen ab, �als das frei- konservative Mitglied Herr Bau er meist er anwesend war. Dieser Herr wurde 1898 in die Kommission für Arbeiter- statistik gewählt, und trat bei der Umwandlung dieser Koinmission in den Beirat über und jetzt, nach sechsjähriger Mitgliedschaft, nahm er zum e r st e n m a l an einer Sitzung teil. Die Nesoluttoncn, welche der Transportarbeiter- Kongreß gefaßt hat und die vom Vorstande des Zentralverbandes der Transportarbeiter dem Reichskanzler überreicht sind, hat dieser dem Beirat überwiesen. In der ersten Resolution wird ein zehn- stündiger Arbeitstag für erwachsene männliche Arbeiter und ein Acht- stundentag für jugendliche Arbeiter sowie für Motorwagcnführer ge- fordert. In der zweiten Resolution werden Unfallverhütungs- Vorschriften ftir das Fnhrgewerbe gefordert. Diese beiden Resolutionen wurden dem Ausschuß überwiesen, der die weiteren Erhebungen über die Arbeitszeit im Fuhrwerksbetriebe vorzubereiten hat. In einer Eingabe verlangt der Zentralverein zur Hebung der Fluß- und Kanalschiffahrt, daß die Erhebungen über die Arbeitszeit der Binnenschiffer durch Tagebücher und nicht dnrch Fragebogen gemacht würden. Hier verlangt der Unternehmer- Verein etwas, was der Hafenarbeiter- Verband schon vorbereitet hat. Dieser hat an seine Mitglieder schon Bücher ausgegeben, die diese zur Sammlung von Material zur Ausfüllung der Fragebogen benutzen sollten. Die weiteren Erhebungen über die Arbeitszeit der Fleischer sollen durch Umfrage bei den Organisationen fortgesetzt werden. Bei diesen Erhebungen sollen die Organisationen auch an- geben, welche Beschränkung der Arbeitszeit und welche Vorschriften der Mindestruhezeit sie für erwünscht und durchführbar halten. Eine Anzahl neuer Aufgaben sind den, Beirat zugewiesen. Die bedeutendste betrifft Erhebungen über die Arbeitszeit der in Plättan st alten beschäftigten Personen. Daß die Plätterinnen übermäßig lange Arbeitszeit haben, würde sich auch ohne besondere Erhebungen feststellen lassen. Wer durch die Straßen der Großstadt geht, sieht die Plätterinnen schon früh bei der Arbeit, und wenn er, namentlich an den letzten Tagen der Woche, in später Nachtstunde noch dnrch die Straßen geht, dann sieht er dieselben Frauen und Mädchen noch in der überhitzten dunstigen Plättstube, in welcher er sie schon am frühen Morgen bei der Arbeit gc- sehen hat. Nach der Gewerbezählung von 1895 gab es 81 304 solcher Betriebe. Die übergroße Zahl betrifft jedoch Alleinbetriebe. Aber eS wurden doch schon 7177 Gehülfenbctriebe gezählt. Die 1895 er« mittelten Zahlen werden jetzt aber nicht mehr zutreffend sein, denn in der Plätterei macht sich ein rascher Uebergang zum Großbetrieb bemerkbar. In der Zeit von 1882 bis 1895 nahm die Zahl der Alleinbetriebe um 20 440 ab, während die Zahl der Gehülfenbctriebe um 2095, also um 45,4 Proz. stieg. Wie der Uebergang zum Groß- betrieb steigt, zeigt folgende Tabelle: Von je 10O Personen waren beschäftigt: In Betrieben mit In Betrieben mit In Betrieben mit 5 Personen und 6 bis 50 Per- mehr als weniger sonen 50 Personen 1882 94.4 5,2 0.4 1395 82.3 13.7 4.0 Scheidet man die Alleinbetrieve aus, dann ergibt sich folgendes Bild. Von je 100 Personen waren beschäftigt: In Betrieben mit In Bettieben mit In Betrieben mit 5 Personen und 6 bis SOj Per- mehr als weniger sonen 50 Personen 1882 65,5 31.6 2.9 1895 47.2 40.9 11.9 Da sich annehmen läßt, daß dieser AnfsaugungSprozeß noch an- gehalten hat, so wird die Zahl der Selbständigen noch mehr zurück- gegangen sein, während die Zahl der Ausgebeuteten und heute voll- kommen schutzlos der Ausbeutung preisgegebenen weiblichen Arbeiter erheblich gesttegen sein wird. Vorläufig wurde ein Ausschuß gewählt, der einen Plan ent- werfen soll, wie die Erhebungen einzuleiten sind. Zu den Ausschuß- sitzungen werden Auskunstspcrsonen aus den Kreisen der Unternehmer und der Arbeiter hinzugezogen werden. Die zwei folgenden Punkte betrafen Gegenstände, bei denen die Unternehmer über erlassene Schutzbestimmungen klagen und eine Abänderung herbeigeführt sehen mochten. In erster Linie flogen die Unternehmer der Fischindustrie, Räuchereien und Konservenfabriken, daß sie durch die§§ 137 bis 139a der Gewerbe-Drdnung schwer geschädigt werden. Der Elfstundentag des§ 137 und die in den folgenden Paragraphen zugelassenen Ausnahmen geniigen nicht. Die unregelmäßige Zufuhr der frischen Fische und die leichte Verderblich- keit derselben sollen gebieten, daß diese Schutzbestimmungen beseitigt werden. Inwieweit hier die Natur des Gewerbes, oder die Prakttken der Unternehmer die Schwierigkeiten hervorrufen, wird durch Erhebungen festzustellen sein. Wahrscheinlich ist, daß die Unternehmer mit so wenig Arbeitskräften die Arbeit bewälttgen wollen, daß bei normalem Geschäftsgang der Elfstundentag und die zugelassenen Ueberschreitungen eben ausreichen. Wenn dann aber die Arbeit sich häuft, wegen großer Zufuhr in Zeiten, wo alle zugelassenen Ueber- schreitungen bereits ausgenutzt sind, dann entstehen die Ver- legenheiten. Würden die Unternehmer so viele Arbeiter einstellen, daß sie in normalen Zeiten in acht Stunden die Arbeit bewältigen, dann würden sie für alle Zufälle gerüstet sein. Die Unternehmer verschmähen es, sich mit ihrer Produktion und der Aus- beutung der Frauen und Mädchen dem Gesetz anzupassen und ver- langen nun die Durchlöchenmg oder Beseitigung der durchaus unzu- reichenden Schutzbestimmungen. Der Reichskanzler hat die an den Bundesrat gerichteten Petitionen der Ausbeuter dem Beirate für Arbeiterstatistik zur Begutachtung resp. zur Erforschung der Zustände überwiesen. Wahrscheinlich werden Auskunftspersonen aus den Kreisen der Arbeiter und der Unternehmer verhört werden. Dann wird ja festgestellt werden, wo die Ursache des Uebcls zu suchen ist. Auch die Unternehmer der Kleider- und Wäsche- konfektion beflagen sich über unüberwindliche Schwierigkeiten, die ihnen durch die Gewerbe-Ordnung und Verordnung des Bundes- rats bereitet sind. Den Konfektionären fällt das Schreiben mit Tinte so schwer. Die Arbeiter haben Lohnbücher: in diesen sind im höchsten Fall sechs Rubriken mit Tinte auszufüllen— eine Arbeit, die ein mittelmäßiger Volksschüler in einer bis zwei Minuten besorgen könnte. Den Konfektionären wird es aber so schwer, daß angeblich der ganze Geschäftsbetrieb durch diese Schreibarbeit in Unordnung kommt. Wer so ein einfaches Lohnbuch sieht, wird es kaum glauben, daß die Ausfüllung der Rubriken so viel Mühe macht. Aber das Anstößige wird wohl die Ueberschrist der Spalte 3 sein. Dort soll eingetragen werden, auf wie viel Lohn der Arbeiter Anspruch hat, wenn er die Arbeit abliefert. Und da ist wohl das Schreiben mit Tinte sehr schwer. Denn es wird Arbeiter geben, die, wenn sie den vereinbarten Lohn nicht erhalten, nun mit dem Lohnbuch zum Gewcrberichter laufen, der dann den Unternehmer über das Geschriebene aufklärt. Auch hierüber sollen Erhebungen gemacht werden. Für die beiden letztgenannten Gegenstände wurden Äusschiisse gewählt, die hier nähere Untersuchungen einzuleiten haben.— Russische Wissenschaft. Die Berliner Universität fährt eifrig fort, den Bülowschen Russenkurs zu bedienen. Einer der russischen Studenten, Ivelche die Protestresolution gegen die Beleidi- gungen des Grafen Bülow wider die„Schnorrer und Verschwörer" unterzeichnet hatte, ist kürzlich um die Jmmattikulation an der Ber- liner Universität eingekommen. Die Universitätsbehörde hat die Aufnahme jedoch verweigert. Das Russentum des deutschen Wissen- schaftSbetriebes ist wiederum gerettet.— Die Nicht-Oefsentlichkeit der Militärgerichte. Aus Hannover schreibt eine bürgerliche Korrespondenz: Wie hier die Oeffentlichkeit des Militärgerichtsverfahrens illu- sorisch wird, davon weiß ein Mitarbeiter hiesiger Blätter Erbauliches zu berichten. Die Verhandlungen der Militärgerichte finden in den Räumen des Militärarresthauscs in unbestimmter Zeitfolge statt. Der Hof, auf dem sich dies Gebäudes befindet, ist abgeschlossen und von Posten bewacht. Karten zum Passieren des Tores werden auf dem ziemlich weit davon entfernten Garnisonkommando ausgegeben. Das ist recht unverständlich, zumal da das Bureau des letzteren nicht immer geöffnet ist; doch ließen sich diese Schwierigkeiten überwinden, wenn man nur wüßte, wann die Gerichtsverhandlungen statt- finden. Früher erfuhr man das in dem Bureau der Militärgerichte, jetzt aber ist diese Quelle nicht nur dem Publikum, sondern sogar den Vertretern der Presse verschlossen, da das Garnisonkommando prin- zipiell jeden Verkehr mit jenem Bureau verhindert, indem sie für diesen Zweck keine Karten zum Betreten des Hofes mehr ausgibt. Allerdings hat sich das Garmfoukommando selbst zur Auskuuft- erteilung bereit erklärt, wenn die Termine ihm bekannt sind. Sind sie ihm aber in dem einen oder anderen Falle nicht bekannt, dann gibt es kein Mittel, die Termine zu erfahren, und die Oeffentlichkeit des Militärgerichts-Verfahrens ist alsdann tat- sächlich so gut wie aufgehoben. Die Absperrung der Militärgericht- lichen Bureaus ist seinerzeit vom Garnisonkommando verfügt worden, weil über die Verzögerung der Hinrichtung des Soldaten Jakubowski Mitteilungen in die Presse gelangt waren, die den Militärbehörden unangenehm waren. Die damals in der Presse ausgesprochene Hoffnung, daß es sich nicht nur um eine Maßregel von kurzer Dauer handle, hat sich nicht erfüllt; es soll sogar von feiten des Garnisonkommandos die Aeußerung gefallen sein:„W i r haben gar keine Veranlassung, den Besuch der Verhandlungen zu erleichter n." Die Korrespondenz fügt ihrer Mitteilung hinzu:„Unseres Er- achtens ist es denn doch sehr fraglich, ob eine verhältnismäßig unter- geordnete Behörde, wie das Garnisonkommando der Stadt Hannover, das Recht hat, der Durchführung einer gesetzlich gewähr- leisteten Einrichtung, wie es die Oeffentlichkeit der Militär- gcrichtsverhandlungen ist, in dieser Weise entgegenzu. arbeiten. Eine Beschwerde höheren Ordes müßte doch wohl zu einer Aenderung führen." In Wirklichkeit würden die untergeordneten Militärbehörden ihr Verfahren überhaupt nicht wagen, wenn sie nicht wüßten, daß an den hohen Stellen die Durchführung der militärgerichtlichen Oeffentlichkeit äußerst unbeliebt ist.— Der majestätSbcleidigende Knabe. Die Chronik der MajestätS- beleidigungSprozeffe wird um einen neuen besonderen Fall bereichert. Ein Schulknabe von 13 Jahren soll in Lissa vor anderen Mit- schülern Beleidigungen des deutschen Kaisers ausgesprochen haben. Die Strafkammer hat die Majestät geschützt, indem sie dem jugend- lichen Gesetzesverletzer drei Monate Gefängnis zudiktierte. Eine Majestät sollte majestätisch genug sein, daß Trunkenbolde und Schul- linder nicht an sie heranreichen. Der Paragraph des deutschen Sttafgesetzbuches jedoch zwingt die Justiz zu Urteilen, die der Staats- einrichtuug am wenigsten nützen, zu deren Schutz sie geschaffen.— Neue Auflage des Gelsenlirchener WasserwerksprozesseS. Essen, den 7. November. Der im Juli d. I. vertagte Wasserwerksprozetz, der so gewaltiges Aufsehen erregte, ist heute wieder aufgenommen worden. Die Ver- tagung geschah, um dem Gutachter, Professor Holz-Aachen, Ge- legenheit zu geben, ein eingehendes technisches'Gutachten anzu- fertigen über die Schieberstcllung beim Gelsenlirchener Wasserwerk. Das Gutachten soll wohl entscheidend für die Frage sein, ob auch vom technischen Standpunkt aus die Ursache der großen Typhusepidemie im Jahre 1901 in Gelsenkirchen in der Entnahme unfiltricrten Ruhr- Wassers zu finden ist. Sonstige neue Ergebnisse dürfte die Ver- Handlung kaum erbringen. Den angeklagten Direktoren wird zweifellos die Meinungsverschiedenheit der Hygieniker in der Frage der Uebertragbarkeit von Bakterien durch Flußwasser zugute kommen, andererseits wird das Gericht sich auch nicht des Eindrucks erwehren können, daß die verantwortlichen Personen ihrer un- verantwortlichen Handlung sich wohl bewußt waren, sonst hätten sie die Benutzung eines Stichrohres nicht so sorgsam ver- schwiegen und geleugnet. Der Ausgang des Prozesses ist persönlich für eine ganze Reihe von Interessenten darum noch von besonderem Interesse, weil die cvcnt. kriminelle Bestrafung ihnen die Beweispflicht bei Erhebung von Schadenersatzansprüchen, die sie aus der Typhuscpidcmie herleiten, wesentlich erleichtert, ja eigentlich erst ermöglicht wird. Zu der neuen Verhandlung sind als Sach- verständige wiederum geladen: Professor Koch-Berlin, Professor Piefke-Berlin, Medizinalrat S p r i n g f e l d- Arnsberg, Pro- fessor Holz-Aachen u. a. Ferner sind außer den bisherigen Zeugen noch sämtliche Maschinenwärter und Schiebcrknechte, die seit 1895 auf dem Gelsenlirchener Wasserwerk tätig gewesen sind, geladen. Den Angeklagten stehen 5 Rechtsanwälte zur Seite. Die Ver- Handlung könnte vielleicht noch insofern Ueberraschungen bringen, daß die Verteidigung zur Entlastung der Angeklagten unter Beweis stellt, daß die auf dem Gelsenlirchener Werk üblichen Praktiken eine weit verbreitete— Sitte waren. Es ist ein eigenartiges Schauspiel: der weltberühmte deutsche Bakteriologe Professor Koch macht Weltreisen, um überall den Kampf gegen den gefährlichen Bazillus einzuleiten,— von einer solchen Reise zurückkehrend, mutz Professor Koch vor einem deutschen Gc- richte demonstrieren, daß durch mangelhafte Kontrolle und Profit- jagd hier die elementarsten Vorsichtsmaßnahmen gegen die ver- heerende Wirkung des Typhusbazillus mißachtet worden sind. In der vorigen Verhandlung bemerkte Prof. Kruse: Mit der Konttolle war es jammervoll bis zu den Epidemien. Die meisten Medizinal- räte sind erst seit 1901 mit den Wasserwerken in Berührung gekommen. Hueland. Dir blutige Univcrsitiitsfeicr. Aus Wien wird uns vom 6. November geschrieben: Studentenexzesse sind in Innsbruck leider keine Seltenheit mehr, aber so schreckliche Dinge, wie sie sich in der Tiroler Landes- Hauptstadt in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag und später am Freitag ereignet haben, die sind selbst in diesem Oesterreich, in dem die Politik seit sieben Jahren fast nur aus Exzessen besteht, ohne Beispiel. Eine Universität wurde eröffnet und das Ergebnis des Eröffnungstages sind zwei Tote und eine große Anzahl Schwer- verwundeter! Wie es zu der gräßlichen Schreckensnacht kam, ist aus den telegraphischen Nachrichten bekannt. Am Donnerstag wurde in Innsbruck die selbständige italienische Nechtsfakultät eröffnet, welche die Regierung zur provisorischen Lösung der unleidlich gewordenen Universitätsfrage eingerichtet hat. Die Eröffnung dieser italienischen Schule in der deutschen, von Jtalienerhaß erfüllten Stadt ge- schah in aller Stille; es wurde auf alle die Förmlichkeiten verzichtet, mit denen man sonst in Oesterreich bei geringfügigeren Dingen als es die Neuerrichtung einer Hochschule ist, recht verschwenderisch um- geht. Abends hielten die italienischen Studenten in einem Gast- hause im Innern der Stadt— die italienische Fakultät befindet sich an der Peripherie, in dem erst vor kurzem eingemeindeten Vorort Witten— einen Kommers ab, und wie es in so kleinen Städten fast unvermeidlich ist: es sammelte sich vor dem Hotel, das die Italiener beherbergte, eine Menschenmenge an, die vielleicht nur Neugier zusammengeführt hatte, die aber durch die italienischen Rufe und Lieder, die auf die Gasse heraustönten, immer erregter und leidenschaftlicher wurde. Es wurde geschrien, mit Stöcken gedroht, mit heftigen Worten geschimpft. Trotzdem wäre es bei einer der vielen„Sttaßenkundgebungen" geblieben. die unter den Swdcntcn aller Nationen in Oesterreich sehr beliebt sind, wenn nicht im letzten Augenblicke etwas Fürchterliches geschehen wäre. Die italienischen Studenten, die gegen 11 Uhr nachts das Hotel verließen, sahen sich einer erregten Menge gegenüber uud mögen da wirklich um jede Besinnung ge- kommen sein. Denn anders kann man die schlietzliche Untat nicht erklären, daß diese akademischen Jünglinge Revolver zogen und in die ahnu.ngslose Menge zu schießen be- gannen; von den 100 bis 200 abgegebenen Schüssen ttafen viele nnd acht Opfer ringen heute mit dem Tode. Diese Gemütsroheit junger Menschen, von Studenten, denen ihre Jugend und geistige Veranlagung gleichermaßen Ehrfurcht vor dem Leben des Menschen einflößen sollte, ist bei den ttaurigen Geschehnissen sicherlich das aufregendste. Wie muß es in diesen Jünglingen innerlich aussehen, daß sie sich kaltblütig Revolver vorbereiten, um„nöttgenfalls" morden zu können I Daß nach dieser Untat die Menge nicht weichen wollte, sondern gegen die im Hotel zensierten Italiener eine regelrechte Be- lagerung begann, ist begreiflich. Da sich die Situation im guten nicht mehr wenden ließ, requirierte der Statthalter Militär, das seine Aufgabe, die Menge zu zerstreuen, so herrlich durchführte, daß bei einem Bajonettangriff ein Mensch— der be- gabte Maler Pezzeh— totgestochen wurde. Die erbitterten Deutschen nahmen nun Revanche an allem, was in der Stadt italienisch ist. Die Gasthäuser, in denen die Studenten ihr Stand- quartier haben, wurden mit Steinen beworfen, das Gebäude der italienischen Fakultät geradezu demoliert, in der Hofburg wurden dem Statthalter die Fenster eingeschlagen: an diesem Tage herrschte in Innsbruck die Gasse uneingeschräntt. Seither hat die„Staats- gewalt" freilich in der Stadt eine ganze Armee versammelt und gestern kehrte allmählich wieder Ruhe ein. Obwohl die italienische Fakultät noch nicht geschlossen ist, ist von einer Wieder- aufnähme der Vorlesungen keine Rede. Die Swdenten sitzen so ziemlich alle in Hast und das Gebäude ist ein Trümmerhaufen. Die Regierung aber erwägt, was sie machen soll. Die Frage der italienischen Universität datiert freilich nicht vom Donnerstag; sie gehört zu jener großen Reihe sprachlicher Probleme, die das öffentliche Leben in Oesterreich vergiften und denen die Einficht der österreichischen Staatsmänner nicht gewachsen ist. Für das Bildung?- bedürfnis derJtaliener warjahrzehntelang durch italienische Vorlesungen an der deutschen Universität in Innsbruck gesorgt. Die in den letzten Jahren eingetretene Verttefung des nationalen Empfindens unter den Deutschösterreichern weckte gegen die ursprünglich als selbst- verständlich aufgenommene Einrichtung Widerspruch; die Deutschen fingen an allmählich zu erkennen, daß nsit der Zeit aus ihrer deutschen Hochschule eine zweisprachige werden könnte. In der Ab- neigung gegen diese italienischen Kurse begegneten sie sich aber mit den Italienern selbst, die durchaus nicht nach Innsbruck gravitieren, vielmehr eine selbständige Universität inTriest fordern. Seit drei Jahren gab es also in Innsbruck unausgesetzt Skandale; beide Nationalitäten„demonstrierten" für die Unhaltbarkcit dieses aufgezwungenen Miteinanderlebens. Daß der Zustand nicht haltbar ist, sah auch die Regierung ein, und an Vorschlägen für„Lösungen" ließ sie es auch nicht fehlen; nur zu der einzig möglichen Lösung: der Universität in Trieft wollte sie sich nicht verstehen. Eine eigene italienische Universität— allerdings nur mit ein oder zwei Fakultäten ausgestattet— wollte sie schon errichten, aber nicht in Trieft, der größten italienischen Stadt in Oesterreich, sondern in Roveredo, einem bescheidenen Provinzstädtchen in Südsirol. Der Gesetzentwurf wurde im Abgeordnetenhause gar nicht in VerHand- lung gezogen und so griff die Regierung zu dem Auskunftsnsittel, die italienischen Kurse wohl in Innsbruck zu belassen, aber sie räum- sich von der neutralen Universität zu trennen: durch Errichtung einer separaten Fakultät auf dem anderen Ende der Stadt. Ein anderer Weg, behauptet die Regierung, sei ihr verschlossen, weil zu der Errichtung einer Universität ein Gesetz nötig sei, ivogcgen die selbständige Fakultät noch im Rahmen der alten Universität ver- bleibe. Ein Ausfluß von Toleranz oder besonnener Erwägung sind die Exzesse natürlich nicht; weder auf deutscher noch auf italienischer Seite. Aber nachdem die Menschen den Verstand verloren haben, ist eS unsinnig, von ihnen zu verlangen oder zu erwarten, daß sie ver- ständig und nüchtern denken werden. Und dem um jede Besinnung gekommenen Chauvinismus gegenüber gibt es nur ein Mittel: die Streitenden zu trennen. Den Deutschen in Tirol scheint es unverträglich, daß in den Mauern ihrer Stadt italienisch unterrichtet wird; die Italiener empfinden den Zwang, in die von ihnen ge- Hatzte und sie hassende Stadt gehen zu müssen, als quälende Demütigung. Mit Polizisten und Soldaten läht sich zwar die Gasse „säubern", lassen sich aber nicht die Gemüter beschwichtigen. Deshalb mutz für die Italiener die Schule auf ihrem Boden errichtet werden. Es ist zweifellos, datz sich die Regierung nicht aus Gründen de? Unterrichtes weigert, die einzig richtige, die einzig mög- liche Lösung: die Errichtung der italienischen Universität in Trieft, zu wählen, sondern datz sie bei ihrer Weigerung politische Gründe leiten. Sie sind mit Händen zu greifen: Oesterreich fürchtet durch die Position einer Hochschule dem latenten Jrredentisnms der österreichischen Italiener einen Stützpunkt zu geben. Nun ist die Rechnung auch äutzcrlich falsch in Trieft, das nicht an Italien grenzt, ist der JrredentiSmus 6c deutend schwächer als in Wälschtirol: diese einzige Hafenstadt Oester- reichs wird so gut behandelt, mit Konzessionen fönnlich überschüttet. datz die dortigen klugen Kar'.fleute schon ausgerechnet haben, was ihnen der Verzicht auf die nationale Einheit einträgt. Aber davon abgesehen, scheint die Methode, die Italiener mit Entbehrungen zu erziehen, wohl auch die sinnreichste, und die Theorie, datz man die Völker nur gewinnen kann, wenn man ihnen ihr Recht gibt, doch ungleich logischer. Es ist Oesterreichs Verhängnis, datz es immer z u spät begreift, das Notwendige nie freiwillig tut. Nun werden die Revolverschüsse es zwingen, die mutwillig verschleppte Lösung endlich zu vollziehen.— Frankreich. Cnssagnac, der Herausgeber der„Autoritö", ist auf seiner Be- sitzung in Saint- Viatre plötzlich gestorben. Cassagnac ist im Jahre 1343 in Paris geboren; ,n einem Alter von kaum LS Jahren erhielt er auf ausdrückliches Verlangen der Kaiserin Eugenie das Kreuz der Ehrenlegion, und er ist seitdem der energischeste und zäheste Verteidiger des imperialistischen Regimes und zugleich ein unerbittlicher Gegner der Republik geblieben, deren Institutionen er zum Gegenstande fortgesetzter Kritik und Angriffe in seinem Blatte gemacht hat. 1873 wurde Cassagnac zum erstenmal als Deputierter gewählt; bei den Wahlen 1893 unterlag er, wurde aber 1393 wiederum gewählt, Um im Jahre 1902 abermals ver- drängt zu werden.— Amerika. Der Wahltag. Die Kampagne ist geschlossen; die Entscheidung fällt aus 16 Millionen von Stimmzetteln, darunter 200 000 aus Frauenhänden. In Grotz-New Jork haben sich 638 803 Bürger als Wähler registrieren lassen; im Jahre 1900 waren eS 640 641, von denen 590 000 sich an der Wahl beteiligten. In den Hauptquartieren der beiden alten Parteien hält man bis zum letzten Augenblick sehr scharf Wache, um nicht durch einen heimtückisch ersonnenen Coup von der Gegenpartei überrumpelt zu werden. Bezeichnend für die Bitter- keit des Kampfes der letzten Tage war Roofevelts Erkläning, datz Parkers Behauptung über die Beziehungen der republikanischen Parteiführer zu den Trusts unwahr seien.— An vielen Orten wurde die Kanipagne schon am Sonnabend geschlossen, das heiht, die letzten grotzen Maffenversammlungen und Paraden fanden statt; in den grotzen Städten wird auch der Montag noch gründlich zur Agitation ausgenützt. Alle Versammlungshallen sind in Anspruch genommen; bei überfüllten Sälen finden Strahenversammlungen statt, schnell Ivird eine Tribüne errichtet, von Fackeln Und Fahnen umgeben, und ein Redner mit starker Stimme ermahnt die' Bürger, ihre Pflicht zu tun und für den empfohlenen Kandidaten zu stimmen. Von den Kandidaten ziehen manche zu Wagen mit Musik durch die Stadt, lassen an den Straßenecken halten und werben um die Stimmen der sich ansammelnden Bürger. Am Wahltage hat die laute Agitation aufgehört; alles ist voller Erwartung; man hört weniger wie an früheren Jahren von direkten Wahlbeeinflussungen, von Schießereien und Prügeleien. In allen Staaten besteht das australische Wahl- system, ausgenommen Georgia, Nord- und Süd-Karolina. Während des Wahlaktus, von 6 Uhr morgen? bis 5, manchmal bis 6 Uhr abends, müssen alle Wirtshäuser geschloffen sein, soweit dieselben alkoholische Getränke verkaufen. Auf eine bestimmte Entfernung vom Wahllokal ist jede Propaganda für einen Kandidaten bei schwerer Strafe ver- boten. Von Wichtigkeit ist die Ueberwachnng �der Beamten beim Zählen der Stimmen. Man begünstigt immer mehr die Einführung von Maschinen für die Abstimmung, und hat damit bereits begonnen. Nach dem Gesetz ist der erste Dienstag nach den» 1. November der Wahltag flir die Präsidentenwahlen. Am ersten Mittwoch nach dem 1. Dezember wählen die Elektoren oder Wahlmänner den Präsidenten, was eine bloße Formsache geworden ist. Am 4. März des folgenden Jahres tritt der Präsident sein Amt an. 239 Wahlstimmen sind die Majorität. Unbedingt sicher sind den Demokraten nur 1S1 Stimmen sdie Südstaaten); sie werden einige zweifelhafte Staaten noch gewinnen, müssen aber New Dork mit 39 und Indiana mit 15 Stimmen haben, um zu siegen; ihre Niederlage ist wahrscheinlich. Für die internationale Sozialdemokratie ist das wichtigste an der Wahl, wie viele Stimmen für Eugen V. Debs, der an der Spitze der sozialistischen Kandidatenliste steht, abgegeben werden. Im sozialistischen Hauptquartier in Chicago erwartet man, bis zum 12. oder 14. November das Resultat veröffentlichen zu können. In früheren Jahren dauerte eS oft Wochen, weil man auf die amtliche Bekanntmachung der Resultate in einzelnen Staaten warten mutzte, aber die Partei-Organisation ist diesmal viel besser. Das Ergebnis der Wahl für die kapitalistischen Parteien werden sämtliche Zeitungen schon am nächsten Morgen in den Hauptzügen und in den folgenden Tagen in den Details bringen. Am Abend des Wahltages selbst bis spät in die Nacht hinein werden die Siesultate in den ganzen Vereinigten Staaten, wo immer eine große Zeitung besteht, jedermann zugänglich gemacht. Zu Tausenden versammeln sich die Bürger vor ihren Zeitungen und lesen von grotzen, grell beleuchteten Leinwandflächen die Nachrichten aus Nord und Süd, aus Ost und West. Die Landbewohner erhalten Signale durch vorher erklärte farbige Lichter, Leuchtkugeln, Raketen ic. In sämtlichen TelegrapheubureauS wird fieberhaft gearbeitet. ES steht oft sehr viel cmf dem Spiele(nämlich bei den Wahlwetten) in jedem einzelnen Staat und schnell will der Amerikaner die Entscheidung haben, sobald sie gefallen ist.—_ Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. Die Lage Port ArthnrS wird in den letzten Nachrichten aber- Mals als sehr bedenklich dargestellt. Ein amtliches japanisches Telegramm meldet, daß die Japaner am 30. Oktober und 1. No- vember ein erfolgreiches Bombardement der Forts, der Stadt und deS Hasens ausgeführt haben. Eine„Standard"-Mcldung behauptet sogar, datz die Japaner später das Forts Erlungschan selbst ge- nommen hätten. DieS Fort galt aber bisher als der Schlüffel der inneren russischen Fortifikationslinie. Sollte sich die Einnahme dieses wichtigen Punktes bestätigen, so wären die Tage Port Arthurs gezählt! Die Nachrichten lauten: Tokio, 6. November.(Amtliche Meldung.) Der Kommandeur der Armee vor Port Arthur meldet, datz die rechte Kolonne und ein Teil der mittleren Kolonne am 30. Oftober abends den oberen Teil und die Konter-Escarpe der Forts Sunggschuschan, Erlungschan und Tnnkikwanschan-Nord besetzt und einige der Flankenwerke und Lauf- graben dieser Forts zerstort haben. Ein anderer Teil der mittleren Kolonne hat trotz heftigen Feuers de? Feindes um 2 Uhr nachmittag das zwischen den Forts Paulungschan und Tunkakwanschon gelegene Die Russen machten wiederholte mutzten es um lOVz Uhr abends j| es aber um 11' Uhr nachts zurück; in dem Fort wurden 3 Feldgeschütze, 2 Maschinenkanonen, 3 Fischtorpedos und viel anderes Kricgsgerät erbeutet; 40 Russen wurden tot aufgefunden. Die linke Kolonne uahm an demselben Tage das nordöstlich von Tunkikwanschan gelegene Fort Kobuhama. Am 31. Oktober griffen wir die Hafen-Schiffswerft mit großkalibrigen und Schiffsgeschützen an, wobei das russische Kanonenboot„Giljak" mehrere Mal getroffen und zwei Dampfer zum Sinken gebracht wurden. Am 1. November lourden im westlichen Teil de? Hafens zwei Dampfer von je ungefähr 3500 Tonnen und am 2. November ein Dampfer von ungefähr 3000 Tonnen zum Sinken gebracht. Zweimal wurde eine heftige Explosion, wahrscheinlich eines Pulver- magazins, am Nordende der Stadt gehört. Am 3. November mittags eröffneter: wir ein heftiges Feuer au? Schiffsgeschützcn auf die Schiffswerft und andere Teile im Osten des Häsens, wo auch kurz nach 12 Uhr mittags Feuer ausbrach, das bis zum anderen Morgen um 4 Uhr wütete. Am selben Tage wurde das Fort IV aus großkalibrigen Geschützen beschossen und erheblich beschädigt. London, 7. November.„Standard" erfährt aus Tientsin den 5. d. M.: Die Japaner haben von ihren neuen Stellungen aus die Kohlenlager bei Peijungschan zerstört. Alle russischen Befcstiguiigswcrke auf der Lnndseite von Port Arthur sind in japanischen Händen. Der innere Gürtel der Werke ist durch die Anlage von Laufgräben und Minen erobert worden. Das Fort Erlungschnn ist nach mehreren vergeblichen An- griffen gefallen. Von Erlungschan werden die russischen Werke in jeder Richtung beschossen. Die heftige Beschießung wurde am 2. November fortgesetzt und beschädigte alle Forts mehr oder weniger. Die Russen sollen bei Liaotischan stark verschanzt sein, wo sie 10 große Marinegeschütze haben. Aus Tschifu vom 5. d. Mts. wird dem„Standard" gemeldet, die Japaner hätten gleichzeitig Peijungschan, Jtzeschnn und Wangkianschan nach heftigen Nachtkämpsen besetzt und die Russen bei Liaotischan zurückgedrängt. Petersburg, 6. November.(Meldung der Russischen Tele- graphen-Agentur.) Die russische Regierung hat den englischen Vor- schlag bezüglich der Zusammensetzung der zur Untersuchung des Vor- falls in der Nordsee zu bildenden Kommission angenommen. Nach Ernennung des französischen und des amerikanischen Vertreters tritt die Kommission in Paris zusammen. Der Vertreter ist A d m i r a l K a§ n a k o f f. Die Aufgabe der Kommission ist die Feststellung des Tatbestandes. London, 7. November. Das„Nentersche Bureau" meldet vom 6. d. M. aus dem Hauptquartier der russischen Ostarmee: In den letzten Tagen waren beide Armeen untätig. Die russischen Pioniere stellen unterirdische Wohnungen für die Truppen her; man bereitet sich zur Ueberwinterung in Mulden vor. Wegen Port Arthurs ist man in großer Sorge, weil die großen Geschitye verbraucht sind und keine Häuser mehr stehen. Die Russen legen in Mulden große Kornvorräte an. Hiie Industrie und ftandcl. Regierung und Großindustrie. Der Bochumer Verein für Bergbau und Guhstahlfabrikation feierte am Som, abend sein SOjährigeS Bestehen. An der Feier nahmen nicht nur die konrmunalen Behörden, sondern auch die StaatSregierung teil. Persönlich erschienen waren z. B. der Oberpräsident von Westfalen StaatSminister Frhr. v. d. Recke, der LandeShaupftuann von Westfalen Dr. V.Holle, der Regierungspräsident von Arnsberg Dr. Frhr. v. Coels, der Berghauptmann Bauer. Außerdem hatte es sich der Handelsminister Möller trotz der An- fauchßngen, die er in letzter Zeit von den rheinisch-westfälischen Kohlen- und Eisenindustriellen erfahren hat, nicht nehmen lasten, ein langes Telegramm zu senden, in dem eS u. a. heißt: An dem bedeutsamen Jubelfeste, das der Bochumer Verein heute und morgen begeht, nehme ich lebhaften Anteil und gebe meiner Freude darüber Ausdruck, daß des Königs Majestät in Huld- reicher Genehmigung der von mir allerhöchstdemselben unterbreiteten Anträge die Tätigkeit der Leiter sowie einiger besonders verdienter Angestellter und Arbeiter durch Verleihung allerhöchster Gnaden- beweise anerkannt hat, die der Oberprästdent in meiner Vertretung verkünden wird." Verschiedene Personen wurden denn auch mit Auszeichnungen bedacht. Verliehen wurden z. B. dem Generaldirektor Fritz Baare der Kronenorden 3. Klasse; dem Generalvertreter des Bochum er Vereins in Berlin, Kommerzienrat Baare, der Titel Geheimer Kommerzienrat. Schließlich wurde dann auch noch an den Kaiser telegraphiert, worauf folgende Antivort eintraf: Generaldirektor Kommerzienrat Fritz Baare-Bochum: Ich spreche den zur üOjährigen Jubelfeier deS Bochumer Vereins versammelten Männern für den treuen Gruß meinen wärmsten Dank auS. Die große Anzahl der anwesenden Jubilare von mehr als LSjähriger Zugehörigkeit zum Werke ist ein glänzendes Zeugnis siir den Geist, in welchem das Werk gefiihrt Ivird, und das treffliche Ver- hältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Möge daS Werk, welches sich in den ersten 50 Jahren seines Bestehens in so erfreulicher Weise entwickelt hat, auch ferner wachsen und blühen als eine Musterstätte treuer Arbeit, tüchtiger Wirtschasts- fllhrung und tatkräftiger Fürsorge für das Wohlergehen der An- gestellten und Arbeiter.", Die Kreditanstalt für Industrie und Handel in Dresden, die sich bekanntlich seit drei Jahren in Liquidation befindet, erstattet über das letzte Geschäftsjahr ihren Bericht, in welchem sie mitteilt, daß sich,„obwohl die Bilanz pro 1903/04 mit derselben Vorsicht und nach den gleichen Grundsätzen wie in den Vorjahren aufgestellt worden sei, ein Ueberschutz von 335 319 M. ergebe, so datz voraussichtlich eine Liquidationsquote von ca. 14 Prozent einschließlich der bereits bezahlten 5 Proz. erzielt werde". So weit enthält der Bericht nichts Besonderes; aber weiter- hin finden wir dort eine Ankündigung, die in ihrer lakonischen Kürze so charakteristisch für unser ganzes heutiges Auf- sichtsratswesen ist, daß sie verdient, niedriger gehängt zu werden. Sic lautet: aus einem Beamten und einer Schreibhülfe." Fünf Aufsichtsratsmitglieder und ein Angestellter mit„Schreib- hülfe". Besser kann die Arbeitslast, die auf so einem armen Menschen- kind ruht, dem das Pech widerfährt, in einen Aufsichtsrat gewähll zu werden, gar nicht veranschaulicht werden. Und weil vier Mit- glieder zur Kontrolle dessen nicht ausreichten, was das aus einem Beamten bestehende„Personal" arbeitet, so ist noch ein fünftes Mit- glied hinzugewählt worden. Hoffentlich genügt das jetzt. kommunales. Städtische Straßenbahnen. In der gestrigen vierten Sitzung des StadtverordnetenansschusteS zur Vorberatung der Vorlage betreffend den Bau von fünf städti scheu Stratzonbahnlinien, wurde die Spezialdiskussion begönnen unv zwar trat der Ausschutz zunächst in die Beratung der sogenannten „Nordlinie" ein. Diese Linie verfolgt den Zweck, den Norden der Stadt mit dem östlichen Stadtteil der Gegend am Zentralviehhof zu verbinden. Die Magistratsvorlage führt aus, datz, während im Osten der Baltenplatz als besonderer Verkehrsfteuzungspunkt sich als ein gegebener Endpunkt darstellt, der Norden zwei solche Verkehrszentren besitzt, deren Anschluß für die geplante Vcrkchrsverbindung von grotzer Wichtigkeit ist, nämlich einerseits den Stcttiner Bahnhof(bezw. das Oranienburger Tor), andererseits den Wedingplatz. In Rücksicht auf diese Verkehrsinteressen sind zwei Nordlinien projektiert, welche von dem Stettincr Bahnhof und dem Weddingplatz ausgehen, sich dann in der Bernauerstratze vereinigen und in ge- meinsamem Verlauf nach den: Baltenplatz führen. Von den Gegnern der Vorlage wurde zunächst ausgeführt, man solle sich von der sogenannten öffentlichen Meinung, die angeblich gebieterisch den Bau eigener städtischer Linien verlange, nicht bange machen lassen. Ein Bedürfnis nach der Nordlinie sei, wenn über- Haupt, erst seit kurzem vorhanden. Die Gesellschaft würde, weil sie keine neuen Depots brauche, billiger bauen. Wer dürfe hoffen, datz die Gesellschaft sich jetzt entgegenkommender zeigen werde und es wurde daher der Antrag gestellt, mit der Grotzen Stratzenbahn- gesellschaft darüber in Verhandlung zu treten, datz sie die Nordlinien herstellt, ohne den Anspruch auf Erstattung eines Drittels der Baukosten zu erheben. Von anderer Seite wurde verlangt, man solle auf Grund des Vertrags den Bau durch die Gesellschaft ausführen lassen. Das sei keine Kapitulation vor der Gesellschaft, sondern für die Gesellschaft eine Last. Man kenne dann die zu leistenden Zuschüsse und wisse wenigstens, was man verliere. Tue mau das nicht, so komme man wahrscheinlich dahin, über den Satz von 100 Proz. bei der Erhebung der Einkommensteuer hinausgehen zu müssen und dann würde die Stimmung der Bürgerschaft wohl schnell umschlagen. Der Petittons- stürm seitens der Bezirksvereine für die Vorlage lasse kalt; man wisse ja, wie solche Petittonen zustande kommen. Die Handlungsweise der Gesellschaft sei perfide, das müsse zugegeben werden. Massgebend dürfe aber nur das Interesse der Stadt sein und dieses Interesse verbiete die Errichtung dieser unrentablen Linie. Mit der Siemens- Linie sei man in den„Dreck" geraten, man müsse min zurück, nicht tiefer hinein. Die Befürworter der Vorlage wie die Magiftratsvertreter, die Herren Kirschncr, Krause und Albcrti, traten diesen Einwänden scharf entgegen. Nicht nur die öffentliche Meinung verlange den Bau dieser Linien, sondern es läge vor allein ein Beschlutz der geordneten Ver» tretung der Bürgerschaft, der Stadtverordnetenversammlung, vor. die in seltener Einmütigkeit sich für die Errichtung städtischer Linien ausgesprochen habe. Ob die Linie bald ertragreich werden würde, könne jetzt so wenig ausgesprochen werden wie das Gegenteil. Die Wahrscheinlichkeit spreche für das erstere. Es handele sich um eine Gegend, die für sich allein die Grösse einer Stadt habe und bis die Bahn errichtet sein werde, würde es dort nicht einen Streifen un- bebauten Terrains mehr geben. Allein der 6. Berliner Reichstags- Wahlkreis umfasse 800 000 Seelen. Der Stettiner Bahnhof bringe stündlich Scharen von Fremden, die im Osten der Stadt Geschäfte hätten. Die Notwendigkeit der Linie werde ja auch von denen zu» gegeben, die die Erichtung durch die Gesellschaft wünschen. Diesen Weg zu beschreiten, sei aber völlig ausgeschlossen. Aus den wieder- holt dargelegten Gründen könne und dürfe man dieser Gesellschaft keine neuen Konzessionen getvähren; der Magisttat wenigstens würde niemals für solches Vorgehen zu haben sein. Nun gar der Gesell- schaft mit der Bitte zu nahen, auf verttaglich ihr zustehende Rechte zu verzichten und die Linie ohne Zuschuß zu bauen, das würde ge- radezu einen Kanossagang bedeuten und eS fei einfach unfatzbar, wie man zu solchen Anttägen kommen könne. Selbst wenn man jetzt größere Zuschüsse zu leisten hätte, so würden soche Opfer die best« Kapitalsanlage für die spätere Auseinandersetzung mit der Gesell- schüft bilden. Im Laute der Zeit werde in Berlin jedes Verkehrs- mittel rentabel; auch die Bahn unter dem Spreetunnels rentiere jetzt. Das Argument, die Gesellschaft könne billiger bauen, weil sie keine besonderen Depots gebrauche, sei falsch. Schon jetzt herrsche bei der Gesellschaft grotzer Wagenmangel; neue Linien würde sie ohne neues Wagenmaterial und neue Depots nicht betreiben können. Wie bisher stets war auch in dieser Sitzung der Stadtverordnete Jacobi der schärfste Gegner der Vorlage, mit ganz genauem Material ausgerüstet. Es entbehrte des pikanten Beigeschmacks nicht, als vom Magisttat geäutzert wurde, der Stadtverordnete Jacobi sei auch an- scheinlich weit besser informiert als der Magisttat. Der Magisttat habe den lebhaften Wunsch gehabt, der Vorlage möglichst genaues Material beizugeben. Der Ribgisttat habe aus Grund des Vertrags auch das Recht, die Beibringung von Material seitens der Gesellschaft zu verlangen. Der Magisttat habe die Gesellschaft auch wiederholt um bestimmtes Material ersucht, aber stets den Bescheid erhalten, die Auszählungen seien noch nicht beendet! Arn Montag nächster Woche soll die Beratung fortgeführt werden....._ Versammlungen. Der Streik der Klavierarveiter veschäftigte gestern avend eine Werkstattdclcgiertenversaimnlung des Fachvereins der Mustkinsttu- mentenarbciter. Sämtliche Delegierte erstatteten eingehens Bericht über den Stand der Verhältnisse in ihren Werkstätten und kamen einmütig zu dem Schluh, datz die Situation für die Streikenden durchaus günstig liege und kein Anlatz zu Pessimismus in den eigenen Reihen vorhanden fei. Die Magazine der Fabrikanten leeren sich immer mehr, Bestellungen feien reichlich vorhanden. Streikbrecher aber haben sich nur in kaum nennenswerter Zahl gefunden. Mpn kö„nne vorläufig aber in Ruhe abwarten, ob eme Verständigung vor dem Einigungsamte des GewerbegerichtS, das feine Vermittclung beiden Teilen angeboten habe, erfolgen werde. Bislang sei aller- dings von den Fabrikanten noch keine Antwort auf den Vermitte- lungsvorschlag eingelaufen, während die Streikender, sich mit der Vermittelung einverstanden erklärt haben.— Mitgeteilt wurde noch, datz 18 Arbeiter, die bisher mit gestteitt haben, jetzt den be- streiften Nokschen Betrieb in der Köpnickersttatze auf genossen,- schaftlichem Wege angekauft haben. Sie werden also Arbeitgeber und betätigen ihren neuen Beruf gleich damit, datz sie 10 der bi» vor kurzem mit ihnen zusammen streikenden Arberter endgülitg ent. lassen haben; auch liefern sie jetzt mr besttcitte Betriebe ihre Fabri- fate.— Eine Kritik übten sodann Kleinlein und Piepen- Hagen an dem.,Vorwärts"-Bericht über die öffentliche Klavier- arbeiterversammlung. vom 1. November, da derselbe sehr einseitig gehalten sei und auf eine Diskreditierung des Fachvereins hinaus- laufe. Letzte j�aebnebten und Depeschen. Zu den Unruhen in Innsbruck. Wien, 7. November.(W. T. B.) Wie auS Innsbruck hierher gemeldet wird, hat der dortige Magistratsrat Neuner gegen den Ab- geordneten Stein, der gestern gelegentlich der Beerdigung des Malers Pezzey einen intervenierenden Polizeibeamten tätlich bedroht hatte, Strafanzeige wegen öffentlicher Gewalttätigkeit gegen eine Amts- pcrson erstattet. Ergebnis der Wahlen in Italien. Rom. 7. November.(W. T. B.) Bis Mitternacht sind 492 Wahl. rcsultate bekannt. Gewählt wurden 294 Ministerielle, 46 Mitglieder der konstitutionellen Opposition, 27 Radikale, 25 Sozialisten und 16 Republikaner. Bisher sind 34 Stichwahlen erforderlich. Vcrantw. Redalt.: Paul Büttner, Berlin. Inserate verantw.fmitAuSnahme der, Neue Welt"-Beilage):TH.Glocke, Berlin. Druck».Verlag-Vorwärts Buchdr.u.VerlagZanst. Paul Singer L!Co.,BerlinLiV. Hierzu» Beilagen u.Uuterhaltuugsbl. Nr. 263. 21. Jahrgang. t f filnjt des Joraätts" Btrlinct öolliütilatt. Dienstag, 8. November 1904. Nartchklichkn! Mittwoch ist Zahlobkiiii in Kerlia, Charlottenbiirg, Kirdorf, Weißensee usw.! Eine Konferenz der Kranbenkaffeu-Vorßävde der Provinz Krandenburg fand unter zahlreicher Beteiligung am Sonntag im großen Kellerschen Saale statt. Die Tagesordnung lautete: 1. Wie organisieren wir uns? 2. Die Vereinheitlichung der Arbeiterversicherung. 3. Kassen- und Verwaltungsfragen. 4. Verschiedenes. Die Verhandlungen der Konferenz wurden geleitet von Si- manowsli- Berlin, W u tz k i- Nixdorf und Schütz- Kottbus. Zum ersten Puntt der Tagesordnung„Wie organisieren wir uns" referierte Simanowski. Er nahm Bezug auf eine vom II. AllgemeinenKougreß der Krankenkassen Deutschlands angenommenen Resolution, welche den Zusammenschluß aller Krankenkassen eines Ortes bezw. Aufsichtsbezirkes zu Zentralkommissiouen befürwortet, die wieder zu einem Verbände zusammenzutreten haben, für den in den nächsten drei Jahren Berlin mit der Zentralkommission der Krankenkassen Berlins als Vorort gilt.— Der Redner betonte, daß die Organisation der Krankenkassen eine Notwendigkeit sei, um den Abschluß günstiger Verträge mit Apothekern, Aerzten. Kranken- Häusern usw. herbeizuftihren, sowie sonstige, die gemeinsamen Jnter- essen der Ltrankenkassen berührende Angelegenheiten zu erledigen. Insbesondere würde es zu den Aufgaben der Organisation gehören, darauf zu dringen, daß das Heilverfahren mehr als bisher von den Landes-VersicherungSanstalten übemommen und die Krankenkassen dadurch entlastet werden. Der Referent empfahl die Gründung einer Freien Vereinigung der Krankenkassen der Provinz Brandenburg. Um dem Gesetz gerecht zu werden, dürsten die Beiträge zu dieser Organisation natürlich nicht aus Kassenmitteln bezahlt werden. Als Leitung der Freien Vereinigung schlug der Referent die bestehende Zentralkommission der Krankenkassen Berlins vor, zu der auch Kassenvertreter aus gewissen Orten der Provinz hinzuzuziehen seien. Ohne Diskussion beschloß die Konferenz die Gründung einer Freien Vereinigung der Krankenkasien und setzte eine Kommission ein. welche das Nähere zu beraten hat. Hierauf hielt S y d o w das Referat über den zweiten Punkt der Tagesordnung: Vereinheitlichung der Arbeiterversicherung. Er führte unter anderem aus: Alle Beteiligten seien darüber einig. daß eine Vereinfachung und Vereinheitlichung der Kranken-, Alters- und Invaliden- sowie der Unfallversicherung im Interesse der Sache geboten sei. Eine andere Frage sei es aber, aus welchen Motiven die verschiedenen Gruppen der Befürworter der Vereinheitlichung zu ihrer Forderung kommen. Wenn die Regierung die Vereinheitlichung der Arbeiterversicherung befiirworte, so habe sie dabei vor allem die Beschränkung der Selbstverwaltung der Versicherten im Auge. Von der Zeit an, wo die Arbeiter in den Orts- Krankenkassen ihre Rechte in der Verwaltung ausübten, datiere der Widerwille der Regierung gegen die Selbstverwaltung der Kranken- lassen, und sie gehe darauf aus, die Selbstverwaltung zu beschneiden. — Das Verlangen der Arbeitgeber, in der gleichen Zahl wie die Versicherten an der Verwaltung der Orts-Krankenkassen teilzunehmen, sei wohl durch Agitation von außen in deren Reihen hineingetragen, denn in den meisten Kassen zeige sich, daß Arbeitgeber und Arbeit- nehmer in der Verlvaltung in gutenr Einvernehmen zusammen- arbeiten. Uebrigcns ließen die Arbeitgeber, welche die Hälfte der Sitze in der Verwaltung beanspruchen, nicht erkennen, daß sie statt ein Drittel die Hälfte der Beiträge zu zahlen bereit seien.— Die gefährlichsten Gegner der Selbstverwaltung seien einige Herren aus den Landes- Versicherungsanstalten, so Dr. Freund von der Berliner und Rcgierungsrat Dittmann von der Oldenburger Landes- Versicherungsanstalt. Unter dem Deckmantel der sozialen Reform und dem Vorgeben, das soziale Versicherungswesen besser auszugestalten, betreiben die Herren die Agitation für ihre Forderungen, die darauf hinausgehen, daß die Krankenkassen aufgesogen werden durch die LandesversichernugS- Anstalten und an die Stelle der Selbstverwaltung eine bureau- kratische Verwaltung trete. Die Angliedcrung der Kranken- Versicherung an die Alters- und Invalidenversicherung nach den Vor- schlügen der Herren Freund und Dittmann würde einen Rückschritt bedeuten. Rtan müsse vielmehr fordern, daß die Alters- und Invalidenversicherung der Krankenversicherung angegliedert werde.— Eine vierte Gruppe von Befürwortern der Vereinheitlichung seien die Aerzte. Seit sie eingesehen haben, daß sie ihre Pläne betreffs der freien Arztwahl und der Honorierung den Kranlenkassen gegenüber nicht durchsetzen können, befürworten sie den Anschluß der Krankenkassen an die Landes-Versicherungsanstalten, weil sie unter diesen Umständen die Verwirklichung ihrer Pläne erwarten. Alle diese Gruppen von Befürwortern der Vereinheitlichung des Versicherungswesens haben gemeinsam die Scheu vor der Selbstverwaltung, ihr Ideal sei die Verwaltung der Betriebs- und der Gemeinde-Krankenkassen. Aber gerade diese Krankenkassen seien den Wünschen und Interessen der Versicherten am allerwenigsten gerecht geworden. Im Gegensatz zu den Vorgenannten fordern die Arbeiter die Selbstverwaltung. Dieselbe erscheine ihnen als die Hauptsache, wenn das soziale Versicherungswesen seinen Zweck erfüllen soll. Nur die Selbstverwaltung biete die Möglichkeit, daß die geeigneten Kräfte für die Verwaltung ausgewählt werden. Die Selbst- Verwaltung sei gleichbedeutend mit Selbsterziehung und Selbstzucht, sie erhöhe das Gefühl der Verantwortlichkeit bei den Versicherten, und trage so zur Hebung des ganzen Versicherungswesens bei. Was viele Krankenkassen hinsichtlich der Aufklärung der Mitglieder, der Förderung sanitärer Einrichtungen, der Beteiligung am Bau von Erholungsstätten usw. geleistet haben, das wäre nicht möglich gewesen ohne die Selbstverwaltung. Bei der öffentlichen Erörterung der Vereinheitlichung des Versicherungswesens handele es sich nicht nur um die Alters-, Invaliden- und Kranken- Versicherung, sondern auch um die Unfallversicherung, die jetzt von den Berufsgenossenschaften getragen wird. Die Berufsgenossen- fchaften müßten mit Recht viele Klagen über sich ergehen lassen. Der Grund, daß sie nicht zur Entfaltung ihrer Kräfte kommen können, liege in ihrer Gliederung nach Berufen und der Aufbringung der Kosten durch das Umlageverfahren. Diese beiden Dinge müßten beseitigt werden. Die terri- toriale Gliederung der Unfallversicherung würde auch ein Schritt sein auf dem Wege zur Vereinheitlichung des gesamten Ver- sicherungswesenS. Die Grundlage für die zukünftige Gestaltung des VersicherungS- Wesens müsse sein: Für alle Zweige der Versicherung solle der KreiS der alters- und invalidenversicherungspflichtigen Personen in Frage kommen, das würde bedeuten, daß die Krankenversicherung auf Dienstboten und landwirtschaftliche Arbeiter ausgedehnt wird. Die Einkommensgrenze für die Versicherungspflichtigen solle von 2000 auf 3000 M. erhöht werden. Die Altersgrenze für den Bezug von Altersrente ist von 70 auf SO Jahre herabzusetzen. Die Leistungen der Krankenkassen find zu erhöhen und auf die Familien der Ver- sicherten auszudehnen. Alle Krankenkassen an einem Orte find zu zentralisieren.— Von der Bildung eines Verbandes auf Grund veS§ 40 des Krankenversicherungs-Gesetzes riet der Referent ab, weil solche Verbände wohl die Verwaltung verbilligen, aber da sie nur OrtS-Krankenkasien umfassen können, in solchen Fällen ver« sagen, wo es sich um gemeinsame Interessen aller Krankenkassen handelt. Ueber Kassen- und Verwaltungsfragen referierte Alb. Kohn. Er sagte unter anderem: Ein erheblicher Teil der Krankenkassen gewähre den Mitgliedern nur die gesetzlichen Mindestleistungen. Das sei höchst ungenügend. Die Kassen- Verwaltungen müßten dahin streben, daß alle Rechte, welche den Kassen zustehen, zum Besten der Versicherten ausgenutzt werden. Den Mtigliedern müsse klar gemacht werden, daß erhöhte Leistungen natürlich nicht bei geringen Beiträgen gewährt werden können. Es nlüsse mit deni noch in vielen Kassen bestehenden Zu- stände, daß an dxn Sonn- und Feiertagen kein Kranken- geld gewährt wird, gebrochen werden. Ebenso müßten die Bestimmungen fallen, wonach Unterstützung verweigert werden können bei Krankheiten, die dem Alkoholismus zuzuschreiben sind, bei Geschlechtskrankheiten und Erkrankungen, die eine Folge schuldhafter Beteiligung an Raufhändeln sind. Im letzteren Falle würden ja die Kasscnvorstände zu Richtern darüber eingesetzt, ob ein Mitglied sich schuld Haft an einem Raufhandel beteiligt habe, eine Eni- scheidung, die dem ordentlichen Richter überlassen bleiben müsse. Es liege durchaus im Interesse der Kassen, daß auch bei Krankheiten der hier erwähnten Art rechtzeitig eingegriffen werde. Rückständige Be- stimmungen, welche dies verhindern, müßten beseitigt werden.— Die KrankenhanSpflege müsse außer in dringenden Fällen bei ansteckenden Krankheiten und Ivenn die Wohnung des Erkrankten un- zulänglich sei, ohne weiteres eintreten.— Die Kassen- Verwaltungen müßten für hygienische Belehrung der Mit- gliedcr sorgen und von dem Grundsatze ausgehen, daß nicht die Unterstützung der Kranken, sondern der Schutz der Gesunden gegen Erkrankung die Hauptaufgabe der Kassen sei. Auch den Ausbau der Rekonvaleszentcnpflege müßten sich die Kasten an- gelegen sein lasten. Die Gewährung von Schwangerschafts- Unterstützung, welche auf Grund der Novelle zum KrankenversicheruuqS- Gesetz möglich ist, werde von vielen Kassen vernachlässigt. Die Unterstützung der Schwangeren sei dringend zu befürworten, fiska- tische Bedenken dürften dabei nicht maßgebend sein. Das gleiche gelte für die Familien der in Krankenhäusern verpflegten Mitglieder. — Auf den Ausbau der Krankenkontrolle müsse Wert gelegt werden. Die Kontrolleure sollen sich durch ihre Tätigkeit das Vertrauen der Kranken gewinnen, sie sollen darauf sehen, daß die Anordnungen des Arztes befolgt werden, insbesondere sollen sie die Wohimngsverhältnisse des Kranken feststellen und dadurch zur Abstellung von Mißständen bei- tragen. Statistische Aufnahmen, insbesondere über die Wohnungsverhält- niste, gehören ebenfalls zu den Aufgaben der Krankenkasien. Auch der Erlaß von Krankheitsverhütungs-Vorschriften, ähnlich den Unfall- verhütungs-Vorschristen der Berufsgenossenschasten, sei den Kasten zu empfehlen. Ein erhebliches Interesse hätten die Kassen daran, daß die Kinderarbeit durch Gesetz möglichst eingeschränkt werde, denn die Kinderarbeit ruiniere die Gesundheit der künftigen Kassen- Mitglieder und belaste also die Kassen. Dasselbe gelte von der Frauenarbeit. Um in dieser Hinsicht eine ersprießliche Wirksamkeit entfalten zu können, müßten die Kasscnvorstände die Vorgänge im öffentlichen Leben beobachten.— Es sei überflüssig, hier über lassen- technische Angelegenheiten zu reden. Das eine aber möchten die Vorstände im Auge behalten: Wichtige und nützliche Reformen dürften niemals an technischen Schwierigkeiten scheitern. Wo der Wille vor- handen sei, Verbesterungen einzuführen, da finde sich auch ein Weg. Dem Vortrage folgte eine rege Diskussion. In der Hauptsache stimmten die Redner mit dem Referenten überein. Einige Redner hoben hervor, daß die Kassen, welche überwiegend weibliche Mit glieder haben, ihren Mitgliedern keine höheren Beiträge auferlegen und deshalb die Forderungen dcS Referenten schwer oder gar nicht erfüllen könnten. Die Zentralisation der Krankenkassen sei die not- wendige Voraussetzung der Durchführung dieser Forderungen. In folge der Zentralisation würden die Lasten gleichmäßiger verteilt zwischen den gut fundierten und den minder leistungsfähigen Kasten. Ein Redner sagte, die Zcntralkommission habe die Zentralisation der Kassen nicht lebhaft genug betrieben. Darauf erwiderte S i m a- n o w s k i: Die Zentralkommission habe schon einmal einen Versuch der Zentralisation gemacht; derselbe sei aber an dem Widerstände der Aufsichtsbehörde gescheitert. Durch die verflossene Bewegung zur Erlangung des Rczeptur-RabatteS seien die Kräfte der Zentral kommission so in Anspruch genommen worden, daß sie die Zentrali' sierung der Kassen nicht betreiben konnte. DaS solle aber jetzt nach' geholt werden.— Andere Redner betonten, daß gesetzlicher Schutz der arbeitenden Frauen und Kinder, sowie Einführung eines Minimal lohneS und MaximalarbeitStageS ein wirksamer Schutz gegen Ge' sundheitsschädigung sei, und die Kasten diesen Angelegenheiten ihre Aufmerksamkeit zuwenden müßten. In seinem Schlußwort bemerkte Kohn, daß doch nicht die Er füllung aller von ihm aufgestellten Forderungen die Zentralisation zur Voraussetzung Hobe. Tie sehr wichtige Wvhnungsenquete lasse sich auch von den einzelnen Kasten mit Hülfe der Krankenkontrolleure durchführen. Soziale iviißstände. wie sie aus der Frauen- und Kinderarbeit, dem WohnungSelend und dergleichen einstehen, können durch die Krankenkassen natürlich nicht beseitigt werden, aber es könne zur Aufhebung solcher Mißstände beigetragen werden, indem nian fort und fort auf das Vorhandensein derselben öffentlich aufmerksam macht. Zu diesem Punkt der Tagesordnung wurde folgende von Linke' Luckenwalde beantragte Resolution angenommen, die sich, wie der Vorsitzeude Simanolvski bemerkte, mit dem Beschluß des Kranken- lassen-Kougresses 1903 deckt: In Erwägung, daß es im Interesse der Allgemeinheit not wendig ist, in den einzelnen Orten möglichst einheitliche Ver sicherungSbedingungen auf dem Gebiet der Krankenversicherung zu schaffen, macht es die Konferenz den anwesenden Kastenvorständen zur Pflicht, ohne Rücksicht auf persönliche Interessen den Zu' sammenschluß der in den einzelnen Orten bestehenden Kassen zu allgemeinen Orts-Krankenkassen mit allen Mitteln anzustreben. Nunmehr erstattete die beim ersten Punkt der Tagesordnung eingesetzte Kommission ihren Bericht. Sie schlug für die Freie Vereinigung der Krankenkassen der Provinz Brandenburg Leitsätze vor, die sich mit den für die Zentral- kommission bestehenden oecken. Die Vereinigung soll alle in der Provinz Brandenburg bestehenden Orts-, Betriebs-, Fabrik-, JnnungS- und Freie Hülfskasten umfasten. Der Zweck der Ver- einiguug ist die Förderung aller die Krankenkassen gemeinsam be- rührenden Angelegenheiten. Die geschäftliche Leitung der Vereinigung besteht aus der Zentralkonimission Berlins und neun Vertretern aus der Provinz. Die Vorschläge der Kommission wurden angenommen und ihre Mitglieder in den Verwaltungskörper der Freien Bereinigung entsandt. Hierauf gab der Vorsitzende Simanowski die inzwischen festgestellte Präsenz bekannt. Eingeladen waren 1080 Krankenkassen aus Berlin und der Provinz. Vertreten waren 233 Kasten(davon 78 aus Berlin) durch 300 Delegierte(04 Arbeitgeber, ISO Arbeit- nehmer, S4 Kassenbeamte). Die 233 Kassen haben S7 1S1 Mitglieder. Als Ort der nächsten Jahresversammlung der Freien Ver- einigung wurde Berlin bestimmt. partei-�acknckten. Die Adresse des Partei-Archivs ist nunmehr: Berlin S'lV.«8 Lindenstrahe Nr.«». Ausschließlich dorthin sind von jetzt ab alle Sendungen und Zuschriften für das Archiv zu richten. Die Partei- und Gewerkschaftspresse wird um Nachdruck dieser Mitteilung ersucht._ Die Sozialdemokratie im Lichte der Kulturgeschichte. Unter diesem Titel ist soeben eine Broschüre von Paul Kampffmeyer in der Buchhandlung Vorwärts erschienen. Der Verfasser hat seme ftüher erschienene Schrift:„Die Geschichte und Literatur der deutschen Sozial- demokratie" vollständig umgearbeitet und bedeutend erweitert. Er schildert in lebhafter Sprache die aufsteigende Kulturbewegung der Arbeiterklasse in folgenden Kapiteln: Die Erweckung des proletarischen Klassenbewußtseins.— Die Organisafton der proletarischen Klassenbewegung.— Die Begrün« dung des Sozialismus durch Marx.— Die politische Schulung der Arbcitermassen.— Die wissenschaftliche und künstlerische Erziehung des Proletariats.— Die schöpferische soziale Tätigkeit deutscher Sozialdemokraten. In den einleitenden Worten sagt der Verfasser: „Die Entwicklung des Arbeiters vom Zunftgesellen zum modernen sozialistischen Proletarier umfaßt ein großes Stück giganftscher, in die Tiefe gehender Kulturarbeit. Passive Gesellschaftsklassen, willenlose Lastträger der Kultur, mußten erst zur Erkenntnis ihrer Klassenlage und zur selbständigen Umgestaltung dieser Lage heran- gebildet werden." Diese Entwicklung schildert Kampffmeyer. Am Schlüsse jedes Kapitels ist die einschlägige Literatur enthalten, so daß die Broschüre sehr wichtige Fingerzeige für die Bibliothekare unserer Arbeiter- Bibliotheken und die Vorstandsmitglieder der Vereine bildet. Der Preis ftir die Broschüre, die in allen Partei-Buchhandlungen erhältlich ist, beträgt 40 Pf. Saarabien vor Gericht. Der Bericht über den Prozeß des Geheimrats Hilger gegen den Bergmann Krämer, von dem der Minister Möller un preußischen Landtage sagte:„Mir ist berichtet worden, daß der Bericht im wesentlichen zutreffend sei", ist in allen Partei-Buchhandlungen zu haben. In diesem Prozeß wurde auf- gedeckt, mit welchen Mitteln staatliche Betriebe arbeiten, um jede freie Regung ihrer Arbeiter zu unterdrücken. Deshalb ist dieser Prozeß den beteiligten Bcrgwerksverwaltungen nicht mir, sondern auch den herrschenden Parteien, namentlich dem Zentrum, unangenehm, wie die neulich stattgesundene Debatte im preußischen Landtage gezeigt hat. Sie ftirchten die Sozialdemokratie als„lachenden Dritten". Darum aber verdient die Broschüre namentlich in den Kreisen der Staatsarbeiter und unteren Beamten weiteste Verbreitung. Der Preis ist bO Pf. Partcipresse. Die Druckerei des«Norddeutschen VolksblatteS" in Bant ist infolge Steigens der Auflage zur Aufstellung einer Rotationsmaschine genöttgt worden. Es wird eine sechzehnseittge Maschine aufgestellt. Sozialdemokraten in der Bezirksversammlung. Der Gemeinde- rat zu Nengersdorf hat zwei Parteigenossen, die Gemeinderats- Mitglieder Reinhold Lücke und Hermann Lücke zu Abgeordneten der Bezirksversammlung gewählt. Damit nehmen zum erstenmal in der Lausitz Sozialdemokraten an einer Bezirksvcrsammlung teil. polieeilickes, OmehtUebeo ukw. Wann endigt ein Tag? Die Verordnungen über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage bestimmt unter anderem, daß an den Vorabenden der großen Feste(Ostern, Pfingsten, Weihnachten) sowie an den ersten Feiertagen Tanzmusiken, Bälle und ähnliche Lustbarkeiten nicht stattfinden dürfen. Auf Grund dieser Besftmmung waren der Vor- sitzende des Wolgaster Gewerkschaftskartells, Genosse Passehl, und der Gastwirt Sada angeklagt worden. Das Gcwerkschaftskartell hafte am 25. Dezember 1903 bei Sada eine Weihnachtsfeier ab- gehalten. Sie bestand vor allem in einem ernsten Konzert, das bis 12 Uhr nachts dauerte. Dann wurde getanzt. Darin lvurde die Ueberftetung des Verbots für den ersten Feiertag gesehen, indem die Staatsanwaltschaft die Stunden nach Mitternacht, d. h. die Früh-- stunden des zweiten Feiertags, dem ersten Feiertage hinzurechnete. Das Landgericht als Berufungsinstanz sprach jedoch die Angeklagten frei und führte ans, daß unter dem„ersten Feiertag" nur die Zeit von 12 Uhr nachts bis 12 Uhr nachts verstanden werden könne. Bis Mitternacht habe aber das Fest einen durchaus ernsten Charakter gehabt, sei die Feier dem Tage durchaus angemessen gewesen. Die' fragliche Bestimmung sei deshalb nicht anwendbar. Tie Staatsanwaltschaft legte Revision ein, aber selbst der Oberstaatsanwalt am Kammergericht vermocht« das Rechtsmittel nicht zu verteidigen. Er meinte auch gleich dem Anwalt des An- geklagten Passehl, daß der erste Feiertag nur bis 12 Uhr nachts dauere. Wenn die Verordnung beabsichtigt hätte, daß die Früh- stunden des zlveiten Feiertags mit getroffen werden sollten, dann würde sie es besonders ausgedrückt haben. Der Strafsenat des Kammergerichts verwarf denn auch die Revision der Staatsanlvaltschaft. Begründend wurde ausgeführt: Die Sanntagsfeier beginne allerdings� erst in den Morgenstunden. Tanzlustbarkeiten an gewöhnlichen Sonnabenden, die über die Mitternacht hinaus dauerten, sich also in die Frühstunden des Sonntags hinein erstreckten, seien demnach an sich nicht strafbar. Daraus kann mcm aber nicht schließen, daß allemal jeder Feiertag nicht schon nach Mitternacht, sondern erst morgens beginne.— Hier komme man nicht darüber hinweg, daß in der Verordnung gesagt sei:«er st er Feierta g". Das schließe die Zeit nach M i t t e r- nacht nicht mit ein. Das Verbot könnte sich allerdings auch auf den Morgen des zweiten Feiertags ersttecken. Das tue die Ver- ordnung jedoch nicht. Somit rechtferftge sich die Freisprechung. Gewcrklcbaftllcbcö. Tie Lust am Verleumden verleitet«Post" und.Germania" fortgesetzt, leichtfertig jede Notiz aufzunehmen, die irgendwie geeignet ist, der fteien Gewerkschafts« bewegung Abbruch zu tun. So berichten jetzt beide übereinstimmend, daß in einer Fabrik zu H a y n a u in Schlesien der Vorsitzende des Hirsch-Dunckerschen Ortsvereins Meister mit dem Recht der Annahme und Entlastung von Arbeitern werden sollte. Die in der Fabrik beschäftigten Mit- glieder des sozialdemokratischen Maschinenbau- arbeiter-Verbandes hätten aber dies durch Streik zu ver- hindern gesucht. Die„Post" bringt die Sache unter der Spitzmarke:„Sozial- demokratische Willkürherrschast", die„Germania" meldet sie als: Einen neuen Beitrag zum sozialdemokrattfchen Terrorismus.' Weder die„Germania'-Kapläne noch die„Post"-Esel haben eZ für notwendig gehalten, sich auch nur zu informieren, ob es eine freie Gewerkschaft mit dem Namen„Maschinenbauarbeiter-Verband" überhaupt gibt. Wie unsere mit der Gewerkschaftsbewegung vertrauten Leser wissen, ist das n i ch t der Fall I Berlin und Clmgegcnd. Die Aussperrung in der Gelbmetall-Jnbustrie dauert jetzt bereits sechs Wochen, und noch ist keine Aenderung der Situation eingetreten. Die Kühnemänner wollen nicht nachgeben und die Arbeiter erst recht nicht. Da die Arbeiter nun einmal nicht u Kreuze kriechen wollen, so bemüht sich das wegen seiner Hahne- üchenen UnWahrhaftigkeit bereits bei vielen Fabrikanten in schweren Mißkredit geratene Scharfmacherorgan, die„Arbcitgeber-Zeitung", denn nach Kräften, die Lage der Streikenden als eine verzweifelte zu malen. Dreist und gottesfürchtig schwindelt das Blatt ins Blaue hinein, um die Fabrikanten bei Laune zu erhalten. So schreibt es beispielsweise:„Der Streik selbst ist für die Arbeiter bereits total verloren. Die Arbeitgeberschaft hält in rühmenswerter Solidarität zusammen und wird hierfür schon in allernächster Zeit den verdienten Erfolg ernten." Obiger Erguß rief in der gestrigen Streikversammlung natürlich allgemeine Heiterkeit hervor. Die Streikenden werden nach wie vor bemüht sein, der Arbeitgeberschaft den erträumten Erfocg gründlich zu versalzen, wie sie es jedenfalls auch am besten selbst zu beurteilen wissen, ob der Streik für sie verloren ist oder nicht. Bisher spricht nämlich alles dafür, daß die Arbeitgeber trotz all ihrer„Prinzipien" schließlich doch eine Verständigung mit den Arbeitern werden suchen müssen, wenn anders sie ihre Industrie nicht gänzlich vernichten wollen. Mit den wenigen Arbeitswilligen können sie auf die Dauer nicht fertig werden. Es ist ausgeschlossen, daß eine Industrie, wie die hier in Frage kommende,<100l1 der besten Spezialarbeiter dauernd ent- bohren kann. Deshalb wurde auch in der Streikversammlung betont, daß, wenn sich die Fabrikanten in ihrem Starrsinn auch wirklich noch die Weihnachtskonjunktur verscherzen wollen, sie eben nach Weihnachten auf eine Verständigung mit den Arbeitern an- gewiesen sein würden. Der Streik könne nicht eher beendet werden, als bis diese Verständigung erfolgt sei. Wie wenig wohl den Fabrikanten denn auch zu Mute ist, be- weisen ihre fortgesetzten, äußerst kostspieligen Bemühungen, Arbeits- willige heranzuziehen. Sie schicken Agenten in die Fremde und annoncieren in den Blättern aller namhaften Städte nach Arbeits- kräften; ja sogar an die— Landwirtschaftskammcr der Provinz Brandenburg haben sie sich gewandt, und diese suchte dann durch Vermittelung des Arbeitsnachweises in der Gormannstraße, der sich wieder bei dem Arbeitsnachweis der— Metallarbeiter darum bemühte, Drücker, Gürtler, Schleifer, Former usw. für die Fabrikanten anzuwerben, natürlich mit dem„verdienten Erfolg". Ueber das einmütige, musterhafte Zusammenhalten der Streikenden und Ausgesperrten, und besonders über die Erfolge der Streikposten, ihnen die Arbeitswilligen wegzukapern, sind die Arbeit. geber nun nicht wenig erbost. In ihrer ohnmächtigen Wut greifen sie denn auch bereits zu dem letzten Mittel, die ihnen verbliebenen paar Arbeitswilligen zu b e w a f f n e n. So hat die Firma K r e y ihre Arbeitswilligen mit Gasrohren von etwa IM Fuß Länge ausgerüstet. Ein Exemplar eines solchen Instrumentes, das einem Arbeitswilligen abgenommen war, lag der Versammlung zur Ansicht vor. Die Firma Zürn u. Glienicke wieder hat aus ihren Arbeitswilligen eine regelrecht mit Knüppeln bewaffnete Sturm- kolonne formiert, die unter persönlicher Leitung des Chefs Attacken auf Streikposten ausführt. Bor einigen Tagen kam es vor dem Gebäude dieser Firma auch bereits zu einem erregten Auftritt. Einer der Arbeitswilligen, dem die Würde, mit„Waffen" einher- stolzieren zu dürfen, wohl etwas zu Kopfe gestiegen war, bedrohte nämlich beim Verlassen der Fabrik Passanten, die mit dem Streik gar nichts zu tun haben, mit einem offenen Messer. Da Polizei zum Schutze der Bedrohten nicht zur Stelle war, griffen diese zur Selbsthülfe u�d gerbten dem Messerhelden das Fell windelweich. Herr Zürn, der dem arg verbläuten Mitgliede seines Sturmkorps zur Hülfe eilen wollte, hat dabei im Gedränge ebenfalls einige un- sanfte Knüffe erhalten. Jetzt ist die Gegend, in der die Firma ihren Betrieb hat, unbegreiflicherweise für Streikposten polizeilich gesperrt. — Sehr schneidig geht auch das Amt Treptow gegen Streikposten vor, die ihre Rechte der Firma Erich u. Graetz gegenüber aus- üben. Kürzlich wurde einer derselben von dem dortigen Gendarm unter Androhung des Schließens verhaftet und in dem Orts-Arrest- lokal vier Stunden lang eingesperrt gehalten. Mehreren Kollegen des Postens(jing es ähnlich so. Nach Mitteilungen des Verhafteten in der Streikversammlung soll ihm der Gendarm gesagt haben, Herr Graetz, der MNglied der Treptower Gemeindevertretung ist, habe„angeordnet", jeder Streikposten solle bis nach Feierabend in Gewahrsam gehalten werden! Trotz all solcher und unzähliger ähnlicher Vorkommnisse saselt die„Arbeitgeber-Zeitung" immer wieder von Ausschreitungen der Streikposten gegen Arbeitswillige. Mit Recht sagte ein Redner der Streikleitung daher:„Was würde wohl streikenden Arbeitern ge- schehen, die von Messern und Schlaginstrumenten gegen Arbeits- willige oder Passanten einen ähnlich rohen Gebrauch machten, wie dies die Arbeitswilligen gegen Streikende tun? Man würde sie bielleicht auf Jahre ins Gefängnis werfen. Den Arbeitswilligen aber passiert nichts; ja man ermahnt sie noch obendrein, nur feste auf die Streikenden einzuhauen."— Mitgeteilt wurde in der Ver- sammlung noch, daß kürzlich ein arbeitswilliger Schmelzer der Firma Schaeffer u. Walker durch geschmolzenes Metall schwer verbrannt wurde und bedenklich daniederliegt.— Ein Gürtler aus Hamburg, den die Werbeagenten der Kühnemänner von dem Streik keine Mitteilung gemacht hatten, verweigerte auf Grund der ihn, von den Streikposten gewordenen Ausklärung die Weiterarbeit als Arbeitswilliger und verlangte das verauslagte Reisegeld zurück. Dieses wurde ihm indessen vorbehalten; auf dem Arbeitsnachweis in der Dresdenerstraße sagte man ihm, er müsse erst 14 Tage als Arbeitswilliger gearbeitet haben, ehe er Reiseentschädigung be- anspruchen könne. Natürlich taugt dieser Arbeiter, der die Weiter- arbeit verweigerte, in den Augen der Kühnemänner nun auch nichts mehr. Andererseits würde ein Streikender, der als Streikposten von den Kühnemännern für zuchthausreif erklärt wird, sofort wieder als braver, ehrenwerter Arbeiter bezeichnet werden, sobald er sich zur Verrichtung von Streikbrdcherdiensten bereit sänge. Das ist eben Kühnemänner-Moral._ Die Aussperrung der Tischler. Gestern meldeten sich beim Holzarbeiter-Verband 6l> neue Aus- gesperrte. Das ist die höchste Zahl, die bis jetzt an einem Tage zu verzeichnen war. Es könnte danach scheinen, als ob die Tischler- meister sich jetzt endlich die Ausführung ihrer Beschlüsse angelegen sein lassen. Von den Führern der Unternehmer wird es auch in diesem Sinne gedeutet werden, aber wenn man die Sache recht be- trachtet, zeigt sich, daß das Tempo der Aussperrung durchaus nicht lebhafter geworden ist. Von den 60 Ausgesperrten gehört nämlich ein erheblicher Teil der B a u t i s ch l e r e i an. Bekanntlich haben die Bautischlermeister schon vor einigen Wochen beschlossen, mit der Aussperrung erst dann zu beginnen, wenn sie die dringendsten Ar- betten fertig haben. Dieser Zeitpunkt ist jetzt eingetreten. In der Bautischlerei beginnt die Beschäftigung nachzulassen. Es ist die Zeit, wo alljährlich ein Teil der Arbeiter wegen Mangel an Beschäftigung entlassen werden. Diesmal geben nun die Bautischlermeister den Entlassungen den Stempel der Aussperrung. Von größeren Bau- tischlereien haben sich an der sogenannten„Aussperrung" beteiligt: Gebr. Schaar, Borchert u. Kreutzer, bei denen im Sommer nach längerem Streik der Nettotarif durchgesetzt wurde; BendixSöhne, eine Firma, die in Berlin nur eine Filiale hat, in der sie etwa 20 Tischler beschäftigt, während die Hauptgeschäfte in Posen und Landsberg sind, wo natürlich umsomehr gearbeitet werden kann, je mehr in Berlin ausgesperrt wird. Die Bautischlerei von Lütke sperrte drei Arbeiter aus, worauf die übrigen 33 Arbeiter des Betriebes die Arbeit niederlegten. Die Bautischlerei von Emmlut in Rixdorf gehört ebenfalls zu den Aussperrenden.— In Möbeltischlereien haben zehn Gesellen die Arbeit zugunsten der« Ausgesperrten niedergelegt, so daß den 60 Ausgesperrten 41 Strei- kende gegenüberstehen. Wie man sieht, lassen sich die Arbeiter durch die Fortsetzung der Aussperrungen keineswegs einschüchtern, sondern antworten prompt mit Arbeitsniederlegungen.— Unter anderen ist in den Betrieben von S i r o ck a und B a u k e die Arbeit nieder- gelegt worden. S t r i tz k e in der Köpnickerstrahe hat zwei Gesellen ausgesperrt; damit er aber keinen Schaden erleidet, läßt er die übrigen Gesellen nach Feierabend arbeiten. Wenn die Aussperrung immer noch fortgesetzt wird, und an- scheinend sogar zeitweise ein wenig lebhafter wird, so ist das zum großen Teil der lebhaften Agitation der Unternehmer zuzuschreiben, die durch persönlichen Druck die Säumigen zu ermuntern suchen. So hat beispielsweise die Luxustischlerci von Schwarz 14 Arbeiter ausgesperrt, lediglich infolge der Einwirkung des Herrn Schau, der die gleiche Branche betreibt, gegenwärtig aber nichts liefern kann, weil die von ihm verhängte Aussperrung mit dem Streik beantwortet wurde. Wie schon mitgeteilt wurde, versorgt der Arbeitsnachweis der Tischlerinnung die Unternehmer, bei denen gestreikt wird, soweit es ihm möglich ist, mit Arbeitswilligen, damit die Aussperrung den Meistern nicht schade. Aber selbst auf diese Arbeitswilligen können sich die Tischlermeister nicht unbedingt verlassen. I a r o tz k i, der fünf Gesellen vom Nachweis der Innung erhalten hatte, mutzte er- leben, daß am Sonnabend wieder vier derselben die Arbeit nieder- legten. Nur ein Arbeitswilliger ist Herrn I a r o tz k i noch ver- blieben, im übrigen dienen ihm seine zwei Zeichner, die gelernte Tischler sind, jetzt als Streikbrecher. Eine Rechnung der„Fachzeitung". Mit echtem Krämersinn, der alles, unter dem Gesichtspunkt be- trachtet: Was kostet es und was bringt es ein? berechnet die„Fach- zeitung der Tischlermeister" die Aussichten des Kampfes für den Holzarbeiter-Verband. Die Unternehmer haben ja von Anfang an die Absicht verfolgt, die Kassen des Verbandes zu schwächen. Sie kalkulieren nach dem bei geschäftlichen Unternehmungen angebrachten Schema: Zwingen wir den Holzarbeiter-Verband, seine verfügbaren Gelder auszugeben, so ist die Widerstandskraft der Arbeiter- organisation ein für allemal gebrochen. Diesen sehnsüchtig herbei- gewünschten Zeitpunkt sieht die„Fachzeitung" schon herannahen. Sie rechnet, gestützt auf den in der letzten Generalversammlung des Holzarbeiter-Verbandes gegebenen Kassenbericht: Die Lokalkasse hatte am Schluß des vorigen Quartals einen Bestand von 326 985,19 Mark. Die Aussperrung hat bereits 100 000 M. gekostet, also bleiben dem Verband nur noch 226 985,19 M. übrig. Wenn diese Summe verbraucht ist, was in absehbarer Zeit geschehen wird, dann liegt der Holzarbeiter-Verband am Boden und wir— die Unternehmer— sind die triumphierenden Sieger. Gemach, Ihr Herren von der„Fachzeitung". Mit den Faktoren einer Krämerrechnung läßt sich die Arbeiterbewegung nicht berechnen. Zunächst mutz selbst der rechnende Krämer einsehen, daß man mit 226 000 M. noch ziemlich lange auskommen kann, wenn 100 000 M. bereits vier Wochen gereicht haben, und wenn sich auch die Zahl der Ausgesperrten noch mehren sollte. Aber es sind noch andere Faktoren, die man in der„Fachzeitung" nicht berücksichtigt hat, in Rechnung zu stellen. Einer dieser Faktoren, und zwar nicht der unbedeutendste, ist der allezeit erprobte Opfersinn der beteiligten Arbeiter. Sollte der laufende Beitrag der Mitglieder des Holzarbeiter-Verbandes nicht ausreichen, die für den Kampf erforderlichen Mittel aufzu- bringen, dann sind die Mitglieder ohne weiteres bereit, Extra- beitrüge zi» zahlen. Kürzlich hat sich ja eine Vertrauens- männer-Versammlung des Holzarbeiter-Verbandes ausdrücklich dazu bereit erklärt. Das mutz auch der Redaktion der„Fachzeitung" be- kannt sein, denn es stand ja im„Vorwärts", den sie aufmerksam liest. Trotzdem hat die„Fachzeitung" diesen Faktor übersehen. Aber auch mit der Opferwilligkeit der Berliner Mitglieder ist die Leistung des Holzarbeiter-Verbandes nicht erschöpft. Wenn es die„Fach- zeitung" nicht wissen sollte, so wollen wir ihr verraten, daß die Hauptkasse des Holzarbeiter-Verbandes zur Zeit der letzten General- Versammlung über ein Vermögen von einer Million Mark verfügte. Wir erinnern die„Fachzeitung" daran, daß der Hauptvorstand des Holzarbeiter-Verbandes dem Berliner Kampf seine Zustimmung ge- geben, das heißt, den kämpfenden Arbeitern die Unterstützung aus den Mitteln der Hauptkasse bewilligt hat. Vielleicht stellt die„Fach- zeitung" auf Grund dieser Tatsachen eine neue Rechnung auf über die etwaige Dauer der Widerstandsfähigkeit des Holzarbeiier-Ver- bandes. Das Ergebnis dieser Berechnung dürfte selbst für die kampflustigsten Unternehmer nicht gerade erfreulich sein. Eine Versammlung der streikenden und ausgesperrten Tischler findet am heutigen Dienstag, vormittags 10 Uhr, in der Brauerei Friedrichshain statt, also nicht bei Keller, wie ursprünglich bekannt- gegeben wurde. Zum Müllkutscherstreik. Die Situation hat sich für die Unter- nchmer seit gestern erheblich ungünstiger gestaltet. Wie große Hoffnungen hatten die Herren auf ihre russische Arbeitswilligen- garde gesetzt! Doch ach: Die russischen„Müllkosaken" snd desertiert! Nur einen Tag haben es diese Leute bei der schweren Arbeit auszuhalten vermocht, da hatten sie„die Nase voll". Was alle Belehrungsversuche der Streikenden nicht zu stände brachten, das brachte die ungewohnte Arbeit zu stände. Diese Arbeit war den Russen offenbar zu„müllig". Sie revoltierten gegen ihre Arbeitgeber, die sie doch so freigiebig mit Heringen und Wutki bewirtet hatten und winkten mit Händen und Füßen: Nur raus aus Berlin! Da gab's kein Halten mehr, und so sehr man sie auch bitten mochte, doch weiter zu arbeiten— der Liebe Mühe war vergebens: die Russen zogen gestern ab, ohne klingendes Spiel. Die Wirtschaftsgenossenschaft hat an dieser einen Russenprobe aber noch nicht genug, sie kündigt bereits die Ankunft des zweiten Transports aus dem fernen Osten an. Volle 200 Mann hat sie zur Verstärkung angeworben, um den Müllkrieg siegreich zu bestehen. Ob diese Mannen standhalten werden?— Gestern konnten ebenfalls nur etwa 30 Wagen vom Hofe ab- rücken. Die„Müllnot" ist damit also auch um nichts geringer geworden. Wie die Arbeitswilligen fahren, das konnte man gestern abend am Oranienplatz beobachten. Da kam ein Müllwagen der Wirtschaftsgenossenschaft wie die Feuerwehr angejagt. Der neue Kutscher schien es nun absolut auf das Geländer der Oranienbrücke abgesehen zu haben. Mit vollem Chok jagte er denn auch gegen einen Eckpfeiler derselben, wodurch das Gefährt allerdings etwas plötzlich zum Stehen kam. Erst nach halbstündigen Bemühungen, während welcher die Polizei genug mit der Freihaltung des Verkehrs zu tun hatte, konnte das Fuhrwerk der braven Arbeitswilligen wieder flott gemacht werden._ Zu der Bausperre in der Schiveldeinerstraße erhalten wir folgende Zuschriften: Auf den Artikel des Herrn Maurer- und Zimmermeisters Franz Rabis, Schönhauser Allee 72b, muß ich leider erwidern, daß die darin angeführten Behauptungen des Herrn Rabis unwahr find. !. Die gesamten Zahlungen des Herrn Rabis decken bei weitem noch nicht meine für seine Bauten in der Schivelbeinerstr. 4 und 5 aufgewandten Barauslagen, denn ich habe dem Herrn für diese Bauten laut Rechnung für 1946 M. Waren geliefert und für 1015 M. Arbeit fersiggestellt. Herr Rabis hat mir darauf gezahlt 803 M. in bar und 1050 M�n Wechseln, fällig in drei Monaten, die ich als Zahlung doch erst dann anerkennen kann, wenn dieselben wirklich eingelöst sind. 2. Mit meinen Gehlllfen stehe ich in keinerlei Differenzen, was diese an anderer Stelle dieses Blattes bestätigen werden. A. Kaufmann. Tapetenhandlung, Berlin K, Ravenostr. 2. Der Verband der Tapezierer schreibt uns: Zur Erwiderung der Erklärung des Herrn Rabis, Schönhauser Allee 72 b, folgendes; Am Mittwoch, den 2., erklärte Frau Rabis den dort beschäftigten Kollegen, sie lehne jede weitere Zahlimg aä die Firma Kaufmann ab, ersuchte die Betreffenden jedoch, den Bau für Rechnung Rabis fertigzustellen, und stellte sogar für den Fall, daß der Bau bis Sonntag fertig sei, eine Extra-Gratifikation von 30 M. in Aussicht. Hierauf erklärten die Kollegen Herrn Kaufmann, daß sie bei ihm aus Arbeit treten und bei der Firma Rabis weiterarbeiten würden. Als Frau Rabis nun schriftliche Garantie für den Lohn geben sollte, lehnte sie dieses ab; der Vertreter der Frau Rabis erklärte jedoch den Kollegen:„Arbeiten Sie ruhig weiter, morgen kommt Frau Rabis rüber, und die Sache wird dann geregelt." Die Kollegen arbeiteten infolgedessen weiter. Als sie aber ihr Material ergänzen wollten, waren die Tapeten entfernt und wurde ihnen eröffnet, ein anderer Tapezierer würde die Arbeit fertigstellen. Dieser erschien auch, zog es jedoch vor, nach Kenntnis der noch vorhandenen Arbeit darauf zu verzichten. Alle Versuche, mit Herrn Rabis im gütlichen Wege eine Einigung zu erzielen, waren vergeblich. Trotzdem weigerte er sich noch, den Kollegen am Sonnabend das Werkzeug zu verabfolgen, und erst der Hinweis auf die eventuellen Folgen konnte den Betreffenden zu ihrem Eigentum verhelfen. Die Auseinandersetzungen mit Herrn Kaufmann interessieren uns nicht, für uns maßgeblich ist die Einstellung der betreffenden Kollegen durch Frau Rabis(die ja bekanntlich Herrn Rabis durchaus selbständig vertritt) und die Praktiken bei den darauf erfolgten Versuchen, den Lohn sicher zu stellen. Aus diesem Grunde bleibt der BauSchievel- beinstraße 4/5 nach wie vor gesperrt. Die Ortsverwaltung. OeutlcKes Reick). Abermals das Bereinsgesetz gegen eine Gewerkschasts-Zahlstelle. Sechs Vorstandsmitglieder(Ehe leben und Gen.) der Zahlstelle Oschcrslcben des Deutschen Zimmerer-Verbandes waren wegen Uebertrctung des§ 2 des Vereinsgesetzes angeklagt worden, weil ein Statut des Verbandes der Polizei erst nach Ablauf der gesetzlichen dreitägigen Frist eingereicht worden war. Die Angeklagten bestritten überhaupt die Anwendbarkeit des§ 2 mit seinen Vorschriften über die Einreichung von Statuten, Mitgliederverzeichnissen usw. auf die Zahlstelle. Sie sei lediglich ein Organ des Verbandes, kein selb- ständiger Verein. Eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten, die hauptsächlichste Voraussetzung des§ 2, werde auch nicht bezweckt. Ferner könnten auf keinen Fall die Mitangeklagten Vertreter des Vorsitzenden, des Kassierers und des Schriftführers irgendwie ver- antwortlich gemacht werden. Sie hätten noch gar keine Gelegenheit gehabt, als Stellvertreter bei den Vorstandsgeschäften in Tätigkeit zu treten. Sämtliche Angeklagte wurden jedoch in zweiter Instanz vom Landgericht zu Geldstrafen von je 15 M. verurteilt. Schon aus dem Statut des Verbandes ergebe sich der Vereinscharakter der Zahl- stellen des Zimmerer-Verbandes. Sie seien selbständig organisiert und führten ein eigenes Vereinsleben. Nach dem Statut seien sie nicht Organe des Verbandes, sondern sie in ihrer Gesamtheit bildeten erst den Verband. Und eine Einwirkung auf öffentliche Angelegen- heiten als Zweck des Verbandes und jeder Zahlstelle sei daraus zu entnehmen, daß statutengemäß die geistige und materielle Hebung des ganzen Zimmererstandes bezweckt werde. Damit werde das Gebiet sozialer und öffentlicher Interessen vertreten.— Haftbar für vereinsrechtliche Unterlassungen seien auch die stellvertretenden Vorstandsmitglieder der. Zahlstelle. Entscheidend sei, daß sie zum Vorstand gehörten. Das Kammergericht verwarf die gegen das Urteil eingelegte Revision. Es vermochte weder in der Annahme eines selbständigen Vereins noch sonst in dem landgerichtlichen Urteil einen Rcchtsirrtum zu entdecken. Der Streik in der Papierbranche zu Dresden-A. ist beendet. Etwa 800 Arbeiter und Arbeiterinnen arbeiten zu den neuen Bedingungen. Trotz der Beendigung des Ausstandes ist der Zuzug strengstens fernzuhalten, da noch eine große Anzahl von Kollegen und Kolleginnen für längere Zeit ausgesperrt bleiben werden. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Nachdruck dieser Warnung gebeten. Der Streik der Hamburger Schlächter ist von denselben ohne einen Erfolg abgebrochen worden. Dieselben wollen mit Energie an den Ausbau der Organisation herangehen und die Bewegung zu gelegenerer Zeit wieder aufnehmen. Husland. Der Straßenbahnerstreik in Norrköping. Der Bürgermeister hat am Donnerstag mit dem Direktor der Straßenbahn Verhandlungen anzuknüpfen versucht. Der Direktor erklärte, daß er sich nicht zu der Sache äußern könne, bevor er nicht mit der in Stockholm ansässigen Leitung der Elektrizitätsgesellschaft(A. E. G.) Rücksprache genommen habe. Dem Versprechen der Arbeiterschaft von Norrköping gemäß sind die Demonstrationen vorläufig eingestellt worden. Der Boykott der Straßenbahn und der Geschäftsleute, die sich als Gegner der Arbeitersache erwiesen haben, wird selbstverständlich weiter durch- geführt._ Soziales. Die Arbeitszeit der Konfcktionsarbeitcr war jüngst in eittör Versammlung Gegenstand der Kritik. Auf Grund einer AusftihrungS- anweisung, die der Handelsminister zu den Verordnungen über die Arbeitszeit der Konfektionsarbeiter erlassen hat, wurde diesem vor- geworfen, er habe die Ueberzeitarbeit für Konfektionsarbeiter auch an Sonnabenden für zulässig erklärt. Das wurde als eine unsoziale reattionäre Maßregel bezeichnet. Diese Kritik hat den Handelsminister gewurmt, und er ver- anlaßte im„Reichs-Anzeiger" eine offiziöse Richtigstellung. In der Tat ist in diesem Falle dem Handelsminister unrecht geschehen. Die Zulässigkeit der Ueberarbeit auch an Sonnabenden ist schon durch die Verordnung des Bundesrats vom 31. Mai 1897 gegeben. Gegen diese muß sich die Kritik richten. Aber vielleicht darf man aus der Empfindlichkeit, die den Handels- minister zur Zurückweisung des Vorwurfs unsozialen reaktionären Handelns veranlaßte, die Hoffnung schöpfen, daß er den preußischen Einfluß im Bundesrate geltend macht, um auch dem Bundesrat gegenüber den Vorwurf unsozialen Handelns gegenstandslos zu machen. Um einen besseren Schutz der Bauhandwerker gegen Baüunfälle zu erzielen, batte das Würzburger Gewcrkschaftskartell. an den dortigen Magistrat die Bitte gerichtet, eine Bestimmung zu erlassen, wonach die Aufstellung von Baugerüsten einschließlich derjenigen für Maler, Tüncher usw. drei Tage vorher dem Magistrat anzuzeigen sei. Gleichzeitig beantragten die Beamten der Baugewerksberufs- genossenschaft auf Grund der Erfahrungen, die sie aus der Zahl und Art der. Bauunfälle geschöpft, das Tragen von Lasten mit über zwei Zentnern auf den Laufbrettern zu verbieten. Beide Anträge wurden„vorläufig" abgelehnt und sollen bei einer eventuellen Revision der Bauvorschriften„in Erwägung" gezogen werden. Es mußte vom Magistrat zugegeben werden, daß sich die Aufstellung der Gerüste für Maler, Tüncher und dergleichen der Kontrolle entzieht. Außerdem wurde festgestellt, daß in Würzburg das Tragen von Lasten nnit bis zu 10 Zentnern Gewicht ortsüblich ist. Deshalb erscheint diese„vorläufige" Ablehnung nicht recht begreiflich. Um eine Konventionalstrafe zu vermeiden. Wie rücksichtslos manch? Untemehmer das Leben der von ihnen angestellten Arbeiter aufs Spiel setzen, wenn es sich um Vermeidung eines materiellen Verlustes für sie selbst handelt, und wie wenig sie dabei das Eingreifen der Justiz zu befürchten haben, zeigt ein Be- richt der Sektion Köln der Berufsgenossenschaft für die chemische Industrie Deutschlands. Ein vertikaler Kuochendämpfer, dessen Blech- stärke, wie sich später herausstellte, im unteren Teile von ursprünglich 15 Millimeter bis auf 2— 3 Millimeter abgenutzt war, riß, während er mit Dampf van zirka 4 Atmosphären arbeitete, im untersten Schuß ab und wurde durchs Dach geschleudert. Der Fabrikmeister und drei Arbeiter, die in demselben Räume beschäftigt waren, wurden dabei so gräßlich verbrüht, daß sie unter qualvollen Leiden daran starben. Auch ein fünfter Arbeiter wurde dabei schwer verbrüht, kam aber mit dem Leben davon. Der Dampfkessel war zwei Tage vorher durch den Ingenieur eines Dampfkesseluberwachungsvereins einer außerordentlichen inneren Besichtigung unterzogen worden, die auf Drängen der Besitzer schon einmal hinausgeschoben worden war. Bei der Besichtigung hatten sich die Besitzer durch ihren Ge- schäftsführer, einen Buchhalter ohne technische Kenntnisse, vertreten lassen. Der hierüber im Revisionsbuche eingetragene Befund lautete: „Der untere Schuß ist zu erneuern und das Dampffatz darauf zu einer Wasserdruckprobe zur Verftigung zu stellen." In der gericht- liehen Verhandlung gegen den seitens der Staatsanwaltschaft ange- klagten Dampfkesselrevisions-Jngcnicur ergab sich, das; der verun- glückte Meister ein Loch, das der Ingenieur bei der Besichtigung durch Eintreiben einer Beule mit einem Hammer in das Mantel- blech geschlagen hatte, durch Einziehen einer Schraube notdürftig ge- schlössen und dann den Dämpfer iwcder in Betrieb genommen hatte, um einen unter Konventionalstrafe zu liefernden Wagen Knochen- mehl noch rechtzeitig fertig zu stellen, wobei allerdings nicht mehr fest- gestellt werden konnte, ob er das nach eigenem Ermessen getan, da er mit verunglückt war. Nachdem durch Sachverständige hervorge- hoben war, daß das Dampffaß nach der Revision, ehe die vorge- schriebene Reparatur ausgeführt war, keinesfalls wieder in Betrieb genommen werden durfte, obgleich dies nicht ausdrücklich im Re- Visionsbefunde niedergelegt war, wurde der Revisionsingenieur frei- gesprochen. Der gleichfalls angeklagte Buchhalter, der aus seiner Unterredung mit dem Ingenieur herausgehört haben wollte, das Dampffaß dürfe noch 14 Tage in nicht repariertem Zustande(I) weiter arbeiten, wurde auch freigesprochen, weil er nicht als Ver- treter seiner beiden Prinzipale zu betrachten sei, da diese kurz nach der Revision in der Fabrik erschienen und sowohl von dem Einziehen der Schraube als auch von der Wiederinbetriebnahme des Dampf- fasses persönlich Kenntnis hatten. Gegen den Revisionsingenieur und den Buchhalter hatte also die Staatsanwaltschaft die Anklage erhoben, die natürlich zur Freisprechung derselben führen mußte, gegen die Besitzer selbst, die sich bei der Revision im Hintergrunde zu halten wußten, scheint sie das nicht für nötig gehalten zu haben. Im ganzen wurden. bei der Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie Teutschlands Unfälle an Dampfkesseln und Dampffässern angemeldet 57, davon waren entschädigungspflichtig 11 und tödlich 5; Unfälle an Transmissionen usw. angemeldet 35, cntschädigungs- pflichtig 31, tödlich 9; an Arbeitsmaschinen angemeldet 803, ent- schädigungspflichftg 193, tödlich 3; an Hebemaschinen, Kränen usw. angemeldet 162, entschädigungspflichtig 25, tödlich 5; durch Explosionen usw. angemeldet 75, ent/schädigungspflmitig 27, tödlich 14; durch feuergefährliche, ätzende, giftige usw. Flüssigkeiten angemeldet 1569, davon entschädigungspflichtig 156, tödlich 25; durch Verschüttungen usw. angemeldet 935, entschädigungspflichtig 195, tödlich 15; beim Auf- und Abladen migemeldet 1436, entschädigungspflichtig 133, tödlich 8; durch Fuhrwerk und Tiere angemeldet 442, entschädigungs- pflichtig 63, tödlich 11; durch Eisenbahnbetrieb angemeldet 422, entschädigungspflichtig 59, tödlich 4; durch Handwerkszeug ange- meldet 536, entschädigungspflichtig 29. Die Zahl der bei der Berufsgenossenschaft gemeldeten be- schäftigten Arbeiter ist von 1992 bis 1993 von 169 841 auf 168 959, also um 5 Pro z. gestiegen, die Zahl der bei derselben gemeldeten Unfälle in derselben Zeit von 8425 auf 9414, also um 1 1, 7 P r o z. Zu der am 19. dZ. Mts., abends 8 Uhr, statt- Schisscrversammlung in Feuersteins� Festsälen, Mte Achtung! Schiffer! findenden öffentlichen Schi..„ Jakobstraße 75, ersuchen wir alle Genossen, welche mit Schiffern in Bc- rührung kommen, dieselben daraus ausmerlsam zu machen. Referent: Rcichstags-Abgcordneter Fritz Z u b e i l. Der Einberuser. Die Freireligiöse Gemeinde veranstaltet am Mittwochabend 8'/, Uhr im großen Theatersaale von Fröbcls Zlllerlei- Theater(früher Puhlmann), Schönhauser Allee 148, eine Volksversammlung zugunsten der Gemeinde. Herr Waldcck Manasse spricht über die Frage:„Widersprechen die Bestrebungen der Freireligiösen Gemeinde den Zielen der Volksschule und dem allgemeinen Staatsintercsse?" Nach dem Vorwage findet Diskussion statt. Zahlreicher Besuch von Damen und Herren ist dringend erwünscht. Bereinigung:„Die Kunst im Leben des Kindes". Dienstag» 8. November, abends 8 Uhr, in der Aula de? Friedrich Wcrderschen Gymnasiums, Dorothcenstratze 13/14: Vortrag des Herrn Dr. Max O s b o r n: «Kindertheater". Eintritt nur sür Mitglieder frei; für NichtMitglieder 50 Pf. Wasserstand am 5. November. Elbe bei Aussig— 9,09 Meter, bei Dresden— 1,53 Meter, bei Magdeburg-p 0,65 Meter.— U n st r u t bei Strautzsurt+ 0,80 Meter.— Oder bei Ratibor+ 2,00.Meter, bei Breslau Ober-P.egcl-f 5,10 Meter, bei Breslau Unter- Pegel-f- 0,37 Meter, bei Frankfurt+ 1,74 Meter.— Weichsel bei Brahcmünde-s- 3,52 Meter.— Warthe bei Posen 0,99 Meter. Netze bei Usch— Meter. Für den Inhalt der Inserate iibcrnimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. HKeater. Dienstag, 8. November. Anfang 7 Uhr: Opernhaus. Die Meistersinger von Nürnberg. Anfang Vj, Uhr: Neues königl. Opern- Theater. Theodora. Deutsches. Don Carlos. Berliner. Alt-Heidewerg. Lesfing. Florian Geyer. Westen. O'distoire ä'un xiorrod. Die kleinen Lämmer. Thalia. Der Weiberkönig. Belle-Alliance. Der Wildschütz. National. Die Kameliendame. Metropol. Die Herren von Maxim. Kasino. Wildes Blut. Zentral. Der Generalkonsul. Anfang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner- Theater.) Die Tyrannei der Tränen. Schiller(Friedrich Wilhelm- städtisches Theater). Krieg im Frieden. Neues. Erdgeist. Kleines. DeS Pastors Rieke. Carl Weist. Senta Wolssburg. Residenz. Eine HochzeitSnacht. Lustspielhaus. Bicderleute. Lnifen. Der Registrator auf Reifen. Trianon. GastonS Frauen. Deutsch-Amerikanifches. Ueber'n großen Teich. Apollo. Berliner Lust. Spezialitäten. Palast. Im Zukunstsstaat. Speziali- täten. Herrnfeld-Theater. Prinz Levh in AHIbcck. Passage- Theater. Dida. Spezia- litaten. Ans. 5 Uhr. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshallcn. Slcttiner Sänger. Montag: Dieselbe Vorstellung. klranin. Tanbenstraste 48/49. Um 8 Uhr im Theater: An den Seen Oberitaliens. Invalid enftraste 57/62. Stern- warte. Täglich geöffnet von 7 bis 1 1 Uhr. Im Hörsaal: Dr. F. Ristenpart: Die Spektral-Analhse der Gestirne. National-Theater Weinbergsweg 12a— 13b. Dienstag, den 8. November 1904: 4. Gastspiel Eleonora Dtise La Signora dalle Carnelie (Die Carneliendante). WM- Ansang VI, Uhr."ME Zentral-Theater Heute Ansang 8 Uhr. Der Generalkonsul. Operette in 3 Akten v. H. Reinhardt. Mittwoch und Donnerstag: vor Lsnsrallconsul. Dutzendbilletts mit 40 Prozent Crmästignng, an allen Wochentagen gültig, gelangen jetzt zur Ausgabe. Luisen-Theater. Slbends 8 Uhr: pft Registrator auf Reisen. Mittwoch: Ehrliche Arbeit. Donnerstag zum erstenmal: Die Tochter des Herrn Fabricius. Freitag: Die Tochter des Herrn Fabricius. Sonnabend: HasemannS Tochter. Kasino- Theater Lothringerstr.37. Anf.Wch.8, Sonnt.7-/,. Wildes Blut. Gesangspoffe in 3 Akten v. Mannstädt. Vorher o. vollst, neue Novembcrprogr. U. a.:„vis Original-Noranas." Sonntag, nachmittags 4 Uhr: Mutter Gräbert. Urania. Taubenstr. 48/49. (Jrn 8 Uhr im Theater: An den Seen Oberitaliens. Sternwarte STea. Hörsaal: Dr. F. Eistenpart: Die Spektral-Analyse der Gestirne. Trianon-Theater. Heute und folgende Tage: Gastons Frauen. Ansang 8 Uhr. Sonntag, nachm.: Ibr zweiter Mann. Lustspielhaus Friednchstraße 236. Biederleute. Ansang 8 Uhr. Morgen u. folgende Tage: nieder- leute. ) CASTANS AMOPTIDUM. Friedrichstr. 165. Ailerseelen melodramatische Illusion. Rumftiisctie Damen-Kapelle .Bratiano' Apollo-Tlieater. Abends 8 Uhr: Die neuen November- Spezialitäten. Hierauf: Berliner Luft. Ausstattungs-Burl. v.B. Jacobson. Unter persönlicher Leitung des Komponisten Punl Llncke. Sonntag, den 13. November, nachmittags 3 Uhr, bei ermäßigten Preisen: Frühllngslnfl und _ Spezialitäten._ Metropol-Theater Zum 11. Male: Große Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz in 5 Bildern mit freier Benutzung von C. F 1 e r s „Messalinette" von Julius Freund. Musik von Viktor Hollaender. In Szene gesetzt von Direktor Eichard Schultz. Hauptrollen: Henry Seniler. Josef Giampietro. Josef Josepbi. Anton Grilnfell FriifFriil. Fritzi Massary a. D. Mary Betas. JoUunker-Scliatz. Im 5. Bild: Das Fest des Lichtes. (Ballett.) Rauchen überall gestattet. Anfang 8 Uhr. HcMller- Tlieater. fteutsch-AmerikanischeS Theater. Köpenickerslr.97.** Heute abend 8 Uhr: Ueber'n grossen Iß ICO. Sonntag nachmittags 3 Uhr, halbe Preise: ,, Ueber'n groasen Teich". Zum 400. MALE: Residenz-Theater. Dir.: Richard Alexander. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Eine Hochzeitsnacht. Schwank in 3 Zlktcn von H. Keroul und A. Barre. Sonntag, nachm. 3 Uhr: ZOO Jage. V. Nosefts Theater. Direktton: Rob. Dill. Brunnenstr. 15. Zum letztenmal:-HMI Goldlotte. Gesangspoffe in 3 Alten von Mannstädt. Ansang 8 Uhr. Entree 3V Pf. Mittwoch: Katharina Howard. Gusta?" Behrens Spezialitöten- Theater, Frankfurter- Allee 85. Das großartige Novcmberprogramm Neu! Ully Dnrand Neu! mit ihrer Verwandlungsnummer Grotzstadtleben. Neu! Ostarra Trio Neu! grotzartige Kopfbalance auf schwingen- dem Trapez sowie die noch übrigen erftllaffigcn Spezialitäten. Sehlller- Theater O. (Wallncr-Tbeatcr). Dienstag, abends 8 Uhr: IMe Tyrannei der Tränen. Lustspiel in 4 Akten von C. Haddon- Chambers. Deutsch v. Berta Pogson. Mittwoch, abends 8 Uhr: IMe Tyrannei der Tränen. Donnerstag, abendsSUhr: Zum erstenmal! V/alleosIems Lager. _ Die Piceolomini._ Kleines Theater Schiller- Theater>. (Friedrich-WilhelmftädtischeS Theater). Dienstag, abends 8 Uhr: Krieg; Im Frieden. Lustspiel in 5 Akten von G. V.Moser und F. v. Schönthan. Mittwoch, abends 8 Uhr: IMe Grossstadtlnft. Donnerstag, abends 8 U h r: Die«fildin von Toledo. Neues Theater. Vereinigte Bühnen unter der Leitung von Max Reinhardt. Ansang 8 Uhr. Des Pastors Rieke. (Meie: Wangel. Dahl: v. Winterstein. Svend; Ekert) Mittwoch zum 75. Male: Elektra. Donnerstag: Nachtasyl._ (Suhl Anfang 8 Uhr. 3Erdgeist. Eysoldt. Schön: SteinrQck.) Mittwoch: Die Kronprätendenten. Die lustigen Weiber Donnerstag: von'Nindsor. mJh.winkier; Palast«The ater Nürg- Strohe 23, früher Feen-Palast. Gr. interuationale Rin'jkampF-Ronkurreüz unter dem Protektorat des Herrn Professor Relnheld Begas. Heutige Ringkämpfe: TZm 1. John Pohl-Rbs II., Deutscher gegen Schumiakiu, Bessarabien, Revanchckamps vom Sonn- abend, 6. November. 2. Petroff, Bulgare......„ Neger Decco, Dahomey. 3. Axel Krook, Schwede....„ Gtovannini, Italien. 4. Franeois de Nidder, Belgien.„ Krammer, Deutschland. 5. Weltmeister Georg Lurich, Russe„ Rödel, Bayern. Vorher: Tlieater u. Spezialitäten. Ansang 8 Uhr. Vorverkauf e. 10— 1 Uhr. Deutsehe Konzert-Hallen. An der Spandauer Brücke 3. Vollständig neu ausgestattet! Tttgllch:——— Gr. Interat. Kiinstlepkonzerte. x Theater-Aliteiiung. Spezinl-AiiBschaT.ik der Berliner Bock- Branerel. NESJL», uniiucrTruiioii ociai [Breehdupchfall Diarrhoe Darmkatarrh\ j Vorra Vorrätig in Apotheken, Drogenien, Colonialw. Zirhus Sehnmann. Das neue große Programm und die größte Neuheit I Noch nie dagewesen! mtinBtedt'a fiiliput-Zirkns- Vorstcllnng. Die reizenden kleine» Liliputaner als Jockey, Schulreiter, Jongleure, Malabaristen, Äalanceure, Clowns, Auguste, Volttgeure zc. 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Kean°i� Genie iinilLeitlenseliaft. Lustspiel in 5 Aufzügen frei nach dem Französisch, des Alex Dumas(Vater) von Ludwig Barnay. mr Anfang 8 Uhr.-*2. Entree 30 Pf., immer. Platz 50 Pf. Donnerstag: Die goldwe Volksgarten- Theater (früher Weimann). " Dienstag, den 8. November 1904: Cr. Enttee 20 Pf, Ansang 8 Uhr. Skala-Theater. |8iiiicuftr. 132(a. d. Friedrichstr.) Ceircationellea Propm! Angabt kommt. I Posse mit Gesang in einem Akt, sowie JIMil Spezialitäten. Anfang VI, Uhr. Vor der Vorstellung: Konzert. Kottbufer Tor— Stat. der Hochbahn. DienStag, 8. November: Mensch ärgere Dich nicht. Posse mit Gesang in vier Akten von Leon Treptow. Mittwoch, g. November: Tin deulscb. Schulmeister. Volksstück in fünf Akten von Rudolf Kneifel. Sonnt., Moni., Donnerst.! Hottmanns Hordil. Sänger, Reicbsliallen-Theater. Täglich: tettiner Sänger. inent niorltzplatz. Täglich von 12—4 Uhr: Milfagstisch. In den unteren Sälen jeden Wend 8 Uhr: Militär-Konzert. Dienstag, Donnerstag, Sonnabend, Sonntag: k�rit? 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Die Wahl der Vertreter der Kassen- Mitglieder findet statt an» 2428b Sonntag, 13. November 1904, vormitt. von 10—12 Uhr, in den Arminhalle», Kommandantenstr. 20, und die Wahl der Vertreter der Arbeitgeber ebendaselbst am Montag, 14. November 1904, abends von 8— O1/» Uhr. Die Wahl ist geheim. Zutritt zum Wahllokal haben nur solche Arbeitgeber resp. deren Ver- treter, welche Beiträge an die dies. seifige Kasse zahlen, und nur wähl- berechttgte Mitglieder der genannten Kasse. Diese haben sich durch das bis zum letzten Zahlungstermin ab. gestempelte Quittungsbuch sowohl beim Eintritt in das Wahllokal wie zur'Ausübung des Wahlrechts am Wahltisch zu legitimieren. Zu diesem Zweck werden die Herren Arbeitgeber ersucht, den bei ihnen beschäftigten Kassenmstgliedern die Ouittungs- bücher rechtzeitig ordnungsgemäß quitttert auszuhändigen. Die Kasse ist am Wahltage geschlossen. Berlin, den 18. Oktober 1904. Der Vorstand: A. Daehne, Vors., Lychenerstraße 13. A. Kelpin, Schrists., Lortzingstr. 23. 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November 1904, abends 8V2 Uhr, im„ZftOShiier Gesellsehaflshaus", Wiclefstraße 24: �Sf- Bolls- Versammlung. Tages-Ordnung-„Die Volksschule wie sie ist und wie stt still Reserenttn: Genossin Frau Dr« Hof— Diskussion. Um zahlreiches Erscheinen ersucht_ 1/13_ Die Vertrauensperson. Orts-Krankenkasse d. Schicker und verwandten Gewerbe. Dienstag, den 15. November d. J., abends 8 Uhr, im Dresdener Garten, Drcsdenerslr.45t,: Ordentliche General- Versammlung.> TagcS-Ordnung: I. In getrennter Versammlung: Ersatzwahl der statutenmäßig aus- scheidenden Vorstandsmitglieder; a) Arbellgeber. Es scheiden aus aus Grund des Kasscnstawts die Herren Heinrieh und Peizin. Es sind daher zu wählen zwei Arbeitgeber als Bor- standSmitglieder aus zwei Jahre; b) Arbeitnehmer. Es scheiden aus aus Grund des Kassenstawts dieHerren Lubalsch, Neumann, Rosenberg und Tschaohtschal. durch Erlöschen der Kaisenmitgliedschast Herr Krüger. Es sind daher zu wählen vier Arbeit- nehmer als VarstandSmitglieder aus die Dauer von zwei Jahren und ein Arbeitnehmer als Vorstandsmitglied aus die Dauer eines Jahres. II. Nach beendigter Wahl in gemeinschaftlicher Versammlung: 1. Wahl des Ausschusses sür die Prüfung der Rechnungen des lausenden Jahres, und zwar ein Arbeitgeber und zwei Arbeitnehmer(KS 46 und 49 Nr. 4 des Kassenstatuts). 2. Statuten- Veränderungen: K 13 sowie des Zusatzes zu K 13, achte Abänderung vom 14. Mai 1902!§ 26 sowie des Zusatzes zu K 26, achte Abänderung vom 14, Mai 1902. Festlegung der Beiträge. 3. Bericht über Kongresse. 4. Verschiedenes. 276/12 SMT" Die Herren Delegierten werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. Die zugesandte Legittmafion ist am Eingang vorzuzeigen. Oer Vorsttuid. P. Heinrich, Vorsitzender, Neue Wilhelmstr. 12. Vereitis-Lssl,/, Uhr, bei Wcndt, Bcuthftratze 80: Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Herrn Baege über:.Bibel und Babel". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Psticht eines jeden Kollegen ist es, zu erscheinen. 178/5 Ole OrtsTerwaltnng. Gesunde Kinder erhält man durch die Ernährung der Säuglinge mit Kufeke's Kindermehl, welches, der Milch zugesetzt, die» selbe im Säuglingsmagen feinflockiger gerinnbar und daher leichter verdaulich macht. Kufeke's Kinderniehl erhöht den Nährwert der Milch, wird von Kindern gern genommen und gut vertragen. Mit Kufeke's Kinder» mehl ernährte Kinder erstellen sich guter, geregelter Verdauung sowie prächtigen Gedeihens und sind nicht so leicht empfänglich für die vielen Kinderkranlheiten. GHz IM Die Geschichte einer Jugend in vier Romanbänden von Edward Stilgebaoor Band Is Mit tausend Masten Frei« pro Bind 4 Hark Auflage 40 Ta«s«nd Sehr«part geb. 5 M«rK Urteile«iber Bend X Berliner Tageblatt, Berlin. Das alles ist plastisch greifbar, in guter deutscher Sprache erzählt und treulich komponiert. Der Dichter, denn das ist der Schilderer, hat alles in Lokalfarke getaucht. Er bildet lebenswahre Rundgestalten-... L,ange noch zittern die Lichtstrahlen nach, die Ihre Erscheinung in unsere Seele geworfen. VottUche Zeitang, Berlin.... Völlig frei von Frivolität, würdig und eindrucksvoll sind die mächtigen Versuchungen geschildert, die dem jungen Manne nicht erspart bleiben; die Vorgänge, die ihn den schweren Sieg über sich selbst gewinnen lassen, sind mit so viel Meisterschaft kombiniert und erzählt, daA sie die Leser bis zur letzten Seite in Spannung halten. Nev«? Züricher Zaitung. Glänzend rethorisch ist Stilgebauers Stil, dessen Schwung mancher Szene mitreifienden Stimmungs- glänz verleiht. Ben« Freit Fresse. Wiea. Edward Stilgebauer ist kein blofier Roman- schreiber. Wer eine so berauschende Liebesszene, wie man sie im Kapitel 12 vor sich hat, darstellen kann, ist ein Dichter. HambargerFremdeabkitt. Ein hoher Zug von jugendlichem Idealismus durchwebt das Buch, läßt uns die Gestalt des Götz Krafft liebgewinnen und mit lebhaftem Interesse den weiteren Lebens- Schicksalen dieses Vertreters unserer heutigen Jugend entgegensehen. Neae« Hünchener Tagblatt. In Wahrheil haben wir es in Götz Krafft mit einem Werke zu tun, das psychologisch gut durchgeführt ist und einen jung. Mann vorführt, der sieh selbst überlassen im Kampf mit dem Leben, ringend um Erkenntnis, kämpfend um Tugend und Bewahrung sittlicher Reinheit. Bannovertchar Coarier. So gewinnt das Buch die Bedeutung einer patriotischen Tat,mdeni es Protest erhebt �egen alles Unreine, Streberhafte, Egoistische, Engherzige, was d. Entwickelang unserer Jugend zum Edclmcnschentum entgegenwirkt. Soeben erschien der zweite Band: Im Strom der Welt Auflage SO Tausend Berlin W. 57 In ähnlichem Sinne urteilen viele Hunderte von Zeitungen Verlag von BICH. BONG für den yerlioerReieiistagsvalreis. Nachruf. Am 4. d. M. verstarb«nser Mstglied, der Drechsler Wilh. Canzlus Brunnenstr. 45/46 und wurde am Sonntag, den 6. November, aus dem Friedhose der Freireligiösen Gemeinde zur letzten Ruhe bestattet. Ehre seinem Andenkenl 249/13 Der Vorstand. Zentral-lferliaiiil der Maurer Deotsehlaniis. Zwarein Sektion der Putzer. Unseren sowie den Mitgliedern des Gesangvereins der Putzer hiermit zur Kenntnis, daß am 5. November unser Mitglied Hermann Reinhardt verstorben ist. 134/12 Ghre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag nachmittags 2 Uhr von der hiesigen Charilo nach dem Charitö-Kirchhose statt. Um rege Beteiligung ersucht Die örtliobe Verwaltung. I. 21.: H. Neumann. Nachruf! Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Arbeiter friedrieh Steppke am 5, November gestorben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Ortvverwaltung der Fabrik-, Land- u. HQIfsarbeiter Spandaus. 295/16 Zentral-Verband deutscher Brauerei-Arbeiter Zwelgvsrein Berlin, Sektion II. Am 4. November starb unser treues Mitglied Franz Kunigk (Brauerei Patzenhofer, Abt. I). Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findetDienStag, den 3. November, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenballe des Zentral-FriedhoseS(Friedrichs- seid«) auS statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 42/5 Ter Vorstand. Orts- Krankenkasse Zimimrümiies. des Mittwoch, den 16. November, vorm. 10 Uhr, findet im Gewerk- schaftshanse, Engcl-User Nr. 15 (Saal 7), eine Dersannnlllng der Arbeitgeber, welche Beiträge zur Kasse aus eigenen Mitteln leisten, statt. Tages-Ordnung:. Wahl von 2t Vertretern zur Ge- neralversammlung pro 1905. In demselben Lokal und zu der- selben Zeit, doch getrennt, findet eine Dersllmmlllng »» Kassenmitglieder (Arbeitnehmer) statt. Tages-Ordnung: Wahl von 43 Vertretern zur Generalversammlung pro 1905. DaS Onittunasbuch legitimiert und ist beim Eintritt in das Wahllokal den Kontrolleuren vorzuzeigen. Freitag, den 18. November, abends 8 Uhr, in de« bezeich» neten Lokal und Saal: IMF* Ordentliche"VC General-Yersammiung. Tages-Ordnung: 1. Wahl von 3 Vorstandsmitgliedern (Arbeitgeber). 2. Wahl von 2 Vor« standsmitglirdern(Arbeitnehmer). 3. Wahl des PräsungSausschuffes. 4. Ver- tragSvcrhälinis der Bureaubeamten. 5. Verschiedenes. Die am 20. November 1908 ge- wählten Vertteter werden hierzu ein- geladen. 2L07b Aug. Brunzel, Vorsitzender. Ewald Petermann, Schristsührer. Orts-Kraito-Kasse Up-IMsMni. Dienstag, den 15. Nov., abends 8'/, Uhr, im.Prälaten-, KarlShorsterstr. 3. General-Versammlung. TageS-Ordnuno: 1. Ersatzwahl des Vorstandes: ein Arbeitgeber und zwei Arbeit- nehmer. 2. Wahl von drei Revisoren zur Abnahme der Jahresrechuung. 3. Statutenänderung. 4. Verschiedenes. Der Toratand. 276/13 J, A.: Budde. �Oiöbttr 7462- ganze Wohnungs- Einrichtungen sowie einzelne Stücke ltusterftdtllig. Eigene Dtschler-Werkstatt. llftollt* Berlin O. W Iclll, PeterSburgcrstr. 68. — w w wwwww 7 �7v»VVS'VM«.|jV4.(8 Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.» Verlin SW» Kr. 263. 21. Jahrgang. 2. KtilU Ks Jmiiiiirts" ßnliutt MMR Dienstag, 8. November 1W4. Ehen, im Himmel geschloffen. Olle Kamellen liegen der Anklage wegen Wuchers zugrunde, die heute die geschiedene Heiratsvermittlerin Elisabeth Wilhelmine Hartert geb. Schmitz, geboren hu Gladbach Bez. Düsseldorf, vor die erste Strafkammer des Landgerichts I führte. Die jetzt öüjährige Angeklagte, welche seinerzeit einen„Salon" am Magdeburger Platz imre hatte, ist am 23. Oktober 18V8, also vor sechs Jahren, wegen Kuppelei und Betruges zu 1 Jahr 1 Monat Gefängnis und 1000 M. Geldstrafe verurteilt worden. Die jetzt endlich zur Verhandlung gestellten Wuchcrfälle waren schon der damaligen Anklage einverleibt, sie mutzten jedoch wegen Ausbleibens der HauptbclastungSzeugen vor sechs Jahren vertagt und einer besonderen Verhandlung vorbehalten werden. Die Angeklagte lebte als Heiratsvermittlerin auf ziemlich grotzem Futze und hatte Verbindungen mit den verschiedensten gut situierten Familien. Nach den Ermittelungen der Anklagebehorde bestand die Haupterwerbsquelle der An geklagten nicht darin, dah sie blotz Heiraten vermittelte und für das Zustandekommen solcher reichliche Provisionen empfing, sie suchte vielmehr junge Leute besserer Stände, vor allem noch im Dienst befindliche Offiziere an sich zu ziehen, von denen sie wutzte, datz sie sich in Gcldvcrlegcu heiten befanden, gab ihnen selbst Darlehne gegen Schuldscheine und Wechsel oder verschaffte ihnen solche Darlehne dadurch, dah sie sich selbst verbürgte oder Bürgschaften anderer Personen verschaffte, auf Grund deren die DarlehnSsucher Geld von Bankinstituten geliehen bekamen. Ans diesen Geschäften soll sie für sich selbst übcrinätzig hohe� wucherische Vorteile gezogen haben, die in auffallendem Mitz- Verhältnisse zu ihren Leistungen standen, da sich ihre ganze Per- mittelungstätigkeit im wesentlichen darauf beschränkt haben soll, datz sie den verschuldeten Offizieren reiche jüdische Heiratskandidatinnen namhaft machte und für die Einführung der Offiziere, die sich durch eine reiche Heirat aus ihren finanziellen Bedrängnissen reitzen wollten, in die betreffenden Familien sorgte. Zur Anklage stehen drei Fälle, in denen die Angeklagte unter Ausbeulung der Notlage, des Leicht- sinnS und der Uuerfahrenheit sich wucherische Vorteile verschafft haben soll. Der erste Fall betrifft den früheren Premicrleutnant Frhru. v. Maltzahn, der seinerzeit tief in Schulden gesessen und ihre Hülfe in Anspruch genommen hatte: dann werden ihr die Geschäfte zur Last gelegt, die sie mit dem früheren Hauptmann Plötz vom 163. Infanterieregiment gemacht und endlich lvird sie beschuldigt. den Tod des LeuMants v. Nettelbladt auf dem Gewissen zu haben. der sich anfangs 1838 erschossen hat, weil er die Verpflichtungen, die ihm im Anschlüsse an die unter der Aegide der Angeklagten inszenierten finanziellen Transaktionen über den Kopf gelvachsen waren, nicht zu erfüllen vermochte. Den Vorsitz im Gerichtshofe führt LandgerichtSrat Dietz, die Anklage vertritt Assessor F i e g e n, die Angeklagte wird vom Rechts- anwalt Dr. M e y e r st e i n verteidigt. Die Verhandlung findet unter erschwerenden Umständen statt. Frau Hartert. die längere Zeit verschwunden war, verbützt zurzeit ihre Strafe im Frauengefängnis in der Bamimstratze. Ihre Straf- zeit würde morgen vollendet sein, wenn die 1060 M. Strafe bezahlt wird. Sie ist im Gefängnis erkrankt und völlig gelähmt, so dah sie durch zwei Personen in einem Kranken stuhl in den Gcrichtssaal getragen werden und in diesem Stuhl auch vor dem Gerichtshof verbleiben mutzte. Sie ist körperlich eine vollständige R u i n e, g e i st i g aber autzerordentlich rege. Die Augeklagte ist die Tochter eines Malers und Ziegelei- besitzers und hat nur eine mittelmätzige Bildung genossen, will aber in Belgien in Pension gewesen sein. Mit 21 Jahren hat sie sich mit einem Ingenieur verheiratet, sie lebte aber seit 18S2 von ihrem Ehemanne geschieden, ihre Ehe ist 1836 getrennt. Sie behauptet, datz sie nicht blotz Ehevermittlerin gewesen, sondern auch Grundstücks- Verkäufe, Patente usw. vermittelt habe. Sie hat ein großes Haus geführt und eine Wohnung von sieben Zimmern inne gehabt. Sie bestreitet auf die Vorhaltungen des Vorsitzenden, dah sie selbst Gelder verliehen habe. Auch Wucher will sie nicht getrieben haben und be- hauptet, datz sie den Freiherrn v. M. nicht bewuchert habe! dieser müsse ihr im Gegenteil sehr dankbar sein, denn sie habe ihn aus Wucherhänden befreit und die von diesem ausgestellten Sieverse in Höhe von 2,/j Millionen herausgeholt. Sie habe auch keineswegs die Heiratöreverse, die ihr gegeben worden, ihrerseits ausgestellt. sondern sie seien ihr von den betreffenden Personen fertig geschrieben mitgebracht worden. Bezüglich des ersten AuklagefalleS ergibt die Verhandlung folgendes: Der frühere Premicrleutnant Freiherr v. M. machte im Herbst 1835, als er sich noch im Dienste befand, durch Frau von Lepel die Bekanntschaft der Angeklagten, v. M. befand sich da- malS in größter Geldverlegenheit und hatte etwa 60000 Mark Schulden. Sie riet ihm zu einer reichen Heirat und belvirkte seine Ein- sührung in das Haus des Generalkonsuls Landau durch den Grafen v. Kömgsdorff. Dort lernte v. M. seine jetzige Frau, ein Fräulein Rosenfeld, kennen. Sic erhielt von Herrn v. Dt. emen Revers in Höhe von 100060 M.. zahlbar vier Wochen nach der standesamtlichen Trauung. Bis dahin hatte ihm die Angeklagte lediglich kleine Darlehen von 300 M. gewährt. Nach Ansicht des Herrn v. M. hat die Angeklagte nach Erhalt des Reverses im ganzen etwa 16 000 Mark für ihn zur Bezahlung von Schulden aufgewendet, der Schwieger- Vater des Herrn v. M. schätzt die Summe aus 13— 13 00Ö Mark, sie selbst spncht von 46 500 M. Die Anklagebehörde berechnet, datz sie dagegen durch Wechsel und Darlehen der Hamburger Volksbank 43 750 M. erhalten, so datz sie aus eigenem Vermögen etwa 2750 M. für Herrn v. M. aufgewendet habe. Dieser Summe habe der Revers von 100 000 M. gegenüber gestanden. Der Revers ist später zurückgegeben worden. Dagegen veranlatzte sie Herrn v. M., ihr am 31. Mai 1837 ein notarielles Schuld-Anerkenntnis in Höhe von 60 000 M. auszustellen, v. M. schloß später mit ihrem Bevoll- mächtigten, dem Rechtsanwalt Moffe, einen Vergleich dahin, datz ihr 20000 M. ausgezahlt und ihr Wein im Werte von 4432 M. über- lassen wurde, während sie Herrn v. M. die in ihrem Besitz befindlichen Reverse, Schuldscheine, Briefe k. aushändigte. Die Angeklagte be- stätigt im allgemeinen die Tatsachen, bestreitet aber einzelne Punkte, die ihre Tätigkeit betreffen. Der zweite Fall betrifft den früheren Hauptmann im 163. Infanterieregiment, v. P.. der jetzt nicht ermittelt worden ist. Er war durch Herrn v. M. mit der Angeklagten bekannt geworden, brauchte dringend notwendig 6000 M. und die Angeklagte vermittelte ihm das Geld von dem deutschen Kreditverein, v. P. mutzte 6000 M. Wechsel akzepfieren und erhielt darauf von, Kreditverein zirka 5300 M. und zahlte der Angeklagten hierfür eine Provision von 450 M. Auch Herr v. P. hat ihr einen Revers über 50 000 M. für den Fall, datz sie ihn verheiratete, ausgestellt, v. P. hat dann noch zweimal durch Bcrmittelung der Angeklagten Geld erhalten und sie hat darauf eine bedeutende Provision erhalten. Zur Illustration wird sin Anschlutz hieran noch eine Diamantengeschlchte erlvähnt. Nach der Darstellung der Anklagebehörde wollte v. P. im März 1687 wieder Geld haben und begab sich persönlich zu der Angeklagten. Dort soll er zwei Diamantenhändler angettoffen haben und da die Angeklagte selbst Geld nicht geben konnte, tourde der bekannte Ausweg gewählt, datz v. P. gegen Wechsel Brillanten kaufte, die sie dann stir ihn verkaufen wollte, v. P. kaufte gegen zwei Wechsel von je 1000 M. ein Arm- band, eine Nadel und einen Brillantring. Sie erhielt die Schmuck- fachen, um sie zu verkaufen, v. P. erhielt aber kein Geld und als v. P. ungeduldig wurde, erklärte sie ihm, datz ihr nur 500 M. ge- boten worden seien und sie die Schmucksachen nicht habe verkaufen können. Die Angeklagte behauptet, datz diese Diamantengeschichte vollständig geregelt sei und sie auch in diesem Falle in keiner Weise sich einer wucherischen Ausbeutung schuldig gemacht habe. Der dritte Anklagefall betrifft den verstorbenen Leutnant v. Nettelbladt. Dieser war zur Unteroffizierschule zu Potsdam kommandiert worden und hat am 13. Januar 1838 durch Selbst- mord geendet. In seinem Nachlatz fanden sich zwei Wechsel über 5400 M., fällig am 13. Oktober 1837 und 5100 M., fällig am 13. Januar 1838, welche von der Angeklagten ausgestellt und v. N. akzeptiert worden waren. Die Anklage behauptet, datz v. N. aus Verzweiflung zur Mordwaffe gegriffen habe, weil er in verschiedenen Geldgeschäften, die ihm die Angeklagte vermittelt habe, zu viel Opfer habe bringen müssen und zu viele Verpflichtungen übernommen habe, die er nicht mehr er- füllen konnte. Dieser Ansicht tritt die Angeklagte entschieden entgegen. Sie behauptet im Gegenteil, sie habe Herrn v. N. selbst Geld gegeben. um einen Wechsel, den dieser unter falschem Namen akzeptiert hatte, einzulösen und ihn vor Unannehmlichkeiten zu bewahren. Sie habe weder von diesem noch von irgend einem anderen dieser Herren übermätzige Gelder erhalten. Sie hat auch seinerzeit, am 10. Februar 1338, an den Kommandeur der Unteroffizierschule ein Schreiben ge- richtet, in welchem sie sich von dem Verdachte zu reinigen suchte, den Leutnant v. N. in den Tod getrieben zu haben. Die Anklage bchörde will auch aus dem Umstände, datz bei der Augeklagten noch vier Heiratsrevcrse vorgefunden wurden, folgern, datz diese Reverse nur dazu dienen sollten, um die wucherische Ausbeutung zu kaschieren. Hierauf tritt eine Pause ein. Nach der Bekundung des Zeugen Frhrn. Konrad v. Maltzahn, der 33 Jahre alt und jetzt Gutsbesitzer ist, hat er die Angeklagte Hartert durch die Heiratsvermittlerin Frau v. Lepel kennen gelernt. Er befand sich damals in sehr bedrängter Lage und wußte nicht, wie er aus der schwierigen Situation herauskommen sollte. Er stand vor dem Hauptmann, bekam aber von Hause keinen Zuschutz mehr und mit seinem bloßen Gehalt als Offizier konnte er in Berlin nicht auskommen. Er hatte Schulden bei dem Agenten Merkewitz, der seines Wissens mit Frau Hartert zusammenarbeitete, und da Frau Hartert viele Verbindungen hatte, so war ihm deren Arbeit in seinem Interesse äußerst wünschenswert. Die Verbindung mit der letzteren war eine recht intime, denn diese „duzte" ihn in ihren Briefen. Er hat sich auch nicht für bewuchert gehalten.— Verteidiger Rechtsanlvalt Dr. M e y e r st e i n: Der Effekt der Tätig- kcit der Frau Hartert sei für den Zeugen doch höchst erfreulich gewesen. Er sei Schwiegersohn des Bankiers Hermann Rosenfeld in der Votzstratze geworden und damit in ein Talermillionärhaus hineingelomme». Dieser Herr R. sei Schwiegersohn des Bankiers Goldschmidt in Frankfurt a. M., der seinerseits wieder Schloieger söhn des verstorbenen Freiherrn v. Rothschild sei. Der Zeuge sei also in die Reihe der Erbe» des grotzen Rothschild eingetreten. Wenn man Leistung und Gegenleistung prüfe, so müsse doch darauf hin gewiesen werden, datz der Schwiegervater des Zeugen dessen hohe Schulden bezahlt habe, so datz letzterer heute schuldenfrei und Besitzer eines Rittergutes bei Stratzburg sei. Der Verteidiger behauptet ferner, datz seinerzeit kein millionenrcicher jüdischer Bankier mit heiratsfähiger Tochter existtert habe, bezüglich deren der Zeuge nicht einen ProvisionSschein ausgestellt hätte. Schließlich macht der Verteidiger darauf ausmerksam, datz an Stelle der 100 000 M. des Reverses erst eine notarielle Schuldverschreibung von 60 000 M. ge treten sei und sich die Angeklagte im Wege des Vergleichs endlich mit 20000 M. und einer Weinsendung habe begnügen»nissen. Die verlesene kommissarische Aussage des verreisten Herrn v. Plötz belastet die Angabe nur wenig. Insbesondere hat er ausgesagt, daß Frau H. bei der Aufbringung der von ihm benötigten Gelder Mühen und Arbeil aufgewendet habe und deshalb Anspruch auf Provision gehabt habe und datz er event. das Geld von seinen Verwandten erhalten haben Ivürde. Frau H. bestteitet entschieden, datz sie Herrn v. P. etwas zu Unrecht abgenommen habe; im Gegenteil habe sie noch Geld von diesem zu fordern. Der Zeuge Hauptmann a. D. v. Moch ist seinerzeit der Haupt Belastungszeuge in der Strafsache der Angeklagten geivesen, in welcher sie zu einem Jahr einen Monat Gefängnis verurteilt wurde. Ucber den letzten Fall der Anklage, der den verstorbenen Leutnant Frhrn. v. Nettelbladt betrifft, sind die Zeugenaussagen sehr dürftig. Zwei Zeugen wissen nur, datz Frhr. v. N. an dem Tage, als er sich eine Kugel in die Brust jagte, sich sehr be- kümmert über das Scheitern seiner Hoffnung ausgesprochen habe. Er habe sich darüber beschwert, daß er einer Hochstaplerin in die Hände gefallen und auch seine letzte Hoffnung auf Heirat mit einer reichen jüdischen Dame gescheitert sei. Einen Namen habe Herr v. N. bei Erwähnung der Hochstaplerin nicht genannt, dagegen entsinnt sich ein Zeuge, datz bei de» Beschwerden des Herrn v. N. der Name Graf Pückler einmal genannt wurde.— Rechtsanwalt Dr. M e p e r stein: Es sei der Plan im Schwange gewesen, Frei Herrn v. N. mit einer anderen Tochter des Bankiers R. aus der Votzstratze zu verheiraten, dieser Plan sei aber gescheitert.— Der Staatsanwalt beantragte sechs Monate Gefängnis und 1000 M. Geldstrafe.— Rechtsanwalt Dr. M e h e r st e i n hielt sowohl aus tatsächlichen, noch mehr aber aus rechtlichen Gesichts- punkten die Freisprechung der Angeklagten für geboten.— Nach kurzer Beratung des Gerichts verkündet der Vorsitzende Landgerichts- rat Dietz das auf Freisprechung der Angeklagten lautende Urteil. Der Angeklagten sei— wenn auch ihr Geschäft als besonders moralisch nicht angesehen werden könne— Wucher nicht nachzuweisen gewesen. Eine zweite Anklage beschuldigte Frau Hartert des straf- baren Eigennutzes. Sie soll auf Grnnd eines Schein- verttages ihr Mobiliar verschoben haben, um eS vor der Beschlag- nähme durch eine andere Heiratsvermittlerin, die gegen sie 10000 M. eingeklagt hatte, zu bewahren. Es ergab sich aber nach Vernehmung eines Zeugen, datz dies Mobiliar dem letzteren gehörte und daher erfolgte auch hier die Freisprechung. berliner partei-)Znge!egenkeiten. Der Wahlverem für den zweiten Berliner Reichstags-Wahlkreis hält heute, Dienstag, im„Hofjäger-Palast", Hasenheide 52/53, seine Generalversammlung ab. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes, der Pretz-, AgitationS- und Lokalkommissionen. 2. Wahl derselben. 3. Antrag des Vorstandes. 4. Verschiedenes. Mitglieds- buch legitimiert. Der Vorstand. Wahlverein für den 4. Berliner Reichstags- Wahlkreis(Osten). Heute Dienstag, den 3. November, abends präzise 8>/» Uhr, in der „Königsbank", Große Frankfurterstr. 117: Geuerval- Versammlung. Tagesordnung: 1. Kassenbericht und Bericht der Revisoren. 2. Bericht des Vorstandes. 3. Neuwahl' des Vorstandes und der Revisoren. 4. Vortrag. 5. An den Vorstand gelangte Anträge.— Um zahl- reiches und pünktliches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Reinickendorf. Mittwoch ist in sämtlichen Bezirken Zahl- abend. Adlershof. Der Wahlverei» veranstaltet am Sonntag im Gesell- schaftshause von A. Lau, BiSmarckstr. 10. sein Hcrbstsest. Eintritts- karten a 10 Pf. sind nur bei den Vorstandsmitgliedern und Bezirks- führem zu haben.— Am Freitag, abends 7 Uhr, Flugblatt- Verbreitung. Treffpunkt bei den Bezirksführern und bei A. Lau, Bismarckstratze 10. Jeder Parteigenosse ist verpflichtet, anwesend zu sein. Niedcr-Schöncweide. Am Dienstag abend findet im Lokale „Weidmannsruh", Hildebrand, Berlinerstr. 15, die Versammlung des Wahlvereins statt. Tagesorduung u. a.: die Wahl der Delegterten zur Generalversammlung des Kreises. Pankow. Der Zahlabend am Mittwoch findet in folgenden Lokalen statt: Wolff. Wollaukstr. 23. Abendroth, Mühlenstr. 25. Griffel, Kaiser Friedrichstr. 15, nicht bei Meisclbach, Kaiser Friedrich- stratze 71. Pankow. Am Sonnabend, den 12. d. M., feiert der Wahlverein sein 14. Stistnngsfest in Roszyckis Gesellschaftshaus. Kreuzstr. 3/4. Programm: Künstlcrkonzert. Liedervorträge, Mitwirkung des»Berliner Ulk-Trio". Großer Festball. Schöncbcrg. Heute, Dienstagabend finden in allen Be- zirken in den bekannten Lokalen die Bezirkssitzimgen(Zahl- abende) statt. Wahlverein Groß-Lichterfelde-Lankwitz. Mittwoch, abends 8 Uhr, bei Reisen, Chausseestratze 104: Mitgliederversammlung. Tages- ordnung: Vortrag des Genossen Grunwald„Zur Geschichte des preutzischen Herrenhauses". Diskussion. Wahl der Delegierten zur Kreis-Generalversammlung. Lobaled. Auch ein„Bolkswohl"! „Wer nie sein Brot in Tränen atz, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, der kennt Euch nicht, ihr himm- lischen Mäckte." Mit diesem Wahlspruch schmückt sich ein Verein, der in Verlin im vorigen Jahre„zum Andenken an die hochselige Luise von Preußen" gegründet worden ist. Er bezeichnet sich in seinen Satzungen als„Wohltätigkeits-Verein", trägt die Firma „Volkswohl. Verein zur gegenseitigem Unter« stützung seiner Mitglieder", sucht in Berlin nebst Um- gcgend und womöglich darüber hinaus mit allen Mitteln der Reklame Mitglieder zu werben und spekuliert besonders auf die„kleinen Leute". Nach den Satzungen des Vereins ist sein Zweck, den Mitgliedern ErwerbSmüglichkcit zu schaffen, ihre Arbeitsfähigkeit zu fördern, sie und ihre Familien in Notlagen zu schützen. Diesem Zweck soll dienen ein kostenloser Stellennachweis, Zahlung von Kranken- und Sterbe- geld, Gewährung von Unterstützungen bei Not, von zinslosen Dar- lehen, von unentgeltlichem Rat und Schutz in Rechtssachen, von Auskunft über billigen.Kredit; ferner Pflege des Sparsinns im Volke durch Anlegung von Spargeldern bei sicheren Instituten, Be- tätigung in der Armen- und Jugendfürsorge gegenüber Hinter- bliebenen; weiter Vergünstigungen bei Geschäftsleuten, bei Heil- und Badeanstalten, Erziehungs- und Fortbildungsanstalten; endlich Vorträge, Schriften. Vergnügungen. Weiteres bleibt vorbehalten, z. B. Errichtung und Unterhaltung von Genesungsheimen und einer AltersversorgungSanstalt. Das Gainze ist ein Programm— so groß und schön, datz einem dabei schwindelig werden kann. Auf die „kleinen Leute" hat denn auch besagtes Programm tatsächlich diese Wirkung ausgeübt, und ist die Mitgliederzahl rasch in die Tausende gestiegen. Unter anderen sind besonders viele HausportierS bei- getreten. Ter Verein tritt nach autzon sehr vepräsentabel auf. hat ein nobles Bureau mit schöner Einrichtung und grotzem Personal (Culmstr. 31), unterhält für den Autzendienst zahlreiche AgitationS- bcamte, Agenten usw., vertreibt pomphafte Aufrufe und Beitritts- einladungen, an deren Spitze Gustav Richters Bild der Königin Luise prangt(„mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin"), läßt einen Reklamewagcn durch die Straßen fahren, der in Riesenlettern die Segnungen des„Volkswohl" verkündet, und so weiter. Innen aber soll nicht das so stimmen, wie die Mitglieder es sich gedacht und erwartet hatten. Die Mitglieder sind zumeist Leute/ die zum Verein kamen, nicht um fremde Not zu lindern, sondern um eigene Not lindern zu lassen. So manchen lockte der Stellen- nachweis, den der Reklamewagen ja als kostenlos bezeichnet. Kosten- los wurde er ihm auch gewährt, aber auf dem Bureau wußten sie's ihm klar zu machen, datz es sich empfehle, Mitglied zu werden. Dieses Vergnügen war selbswerständlich nicht kostenlos(Aufnahme 1,50 M., Buch 50 Pf., Mpnatsbeitrag mindestens 60 Pf.). Aber man blieb wenigstens, wie eine Bettrittscinladung so schön sagt, „davor bewahrt, gewerbsmäßigen Privat-Stellenvermittlern in die Hände zu fallen, welche oft die Notlage solcher Personen in ihrem Interesse auszubeuten suchen"— na, und man hatte doch auch Aus- ficht auf noch mancherlei anderen Vorteil. Allmählich ist aber doch über diesen und jenen Leichtgläubigen ein Gefühl der Enttäuschung gekommen. Man fängt an, zu finden, daß der Verein„Volkswohl" von seinen hochtönenden Versprechungen erst ein winzig Bruchteilchen erfüllt hat. Ein bißchen Stellenvermittelung, falls Du die nach- gewiesene Stelle nicht schon besetzt findest; ein bißchen Kranken- Unterstützung, falls sie Dir nicht aus dem und dem Grunde ver- weigert lvird; ein bihchen Winkel-Rechtsrat, falls Du nicht lieber zu einem Rechtsanwalt gehst; ein paar Vergnügungen, falls Dir die Beteiligung Spatz macht. Das ist ja Ivohl alles, was vorläufig beim „Volkswohl" zu haben ist. Da und dort macht man sich schon Gedanken darüber, ob nicht am Ende der ganze Verein weniger den Mitgliedern als seinem Gründer und Vorsitzenden, einem Herrn Ewald Lcy, nützt. Andere aber erklären das für Verleumdung. Der Herr war früher Militär- musikus und nennt sich jetzt Kaufmann. Die„kummervollen Nächte". wie die Sorge sie bringt, soll er zeitweise am eigenen Leibe erfahren haben, aber heute sind sie ihm fremd. Er geht ganz auf in dem Geschäft des Wohltuns, und eS bekommt ihm gut. Der„Volkswohl"- Marsch, den ein paar seiner Getreuen ihm aus der Seele gedichtet bezw. komponiert und„in treuer Anhänglichkeit der Königin Luise gewidmet" haben, bekennt in der letzten Strophe freudig:„Not zu lindern, das macht reich." Gemeint ist innerer Reichtum, nicht schnöder Mammon. Allerdings fließen dem Vorsitzenden aus dem Aufnahmegeld, den Beiträgen und anderen derlei Gebühren, Prozente und sonstige Vorteile zu. Aber, nicht wahr, wo Holz gehauen wird, da müssen doch auch. Späne abfallen? Unter den Mitgliedern neigt mancher zu der Ansicht, datz auch der Einnahme-Anteil, der dabei auf den Verein selber entfiel, ein bitzchen zu rasch alle geworden sei. Vertrauensmänner des Vereins. die kürzlich zusammengekommen waren, um die Lage des„Volks- ivohl" zu besprechen, schüttelten die Köpfe, als zwei Vorstandsmit- glicder ihnen erzählten, es seien seit Gründung des Vereins 24 000 Mark eingenommen worden, Ende Oktober habe man aber trotz der Winzigkeit der Leistungen des Vereins nur noch 225 M. in der Kasse gehabt. Wir können nicht wissen, ob das stimmt. Die Herren ver- sicherten aber, sie hätten es jetzt aus den Büchern festgestellt. Dem gegenüber wurde von anderer Seite erklärt, es sei ein Vereins- vermögen aufgesammelt und sicher angelegt worden. Ein Vorstondsniitglied verlas schließlich eine Anzeige, die gegen den Vorsitzenden bei der Staatsanwaltschaft eingereicht worden sei. Hiernach dürfte der Luiscn-Verehrer. der die Stellung suchenden, durch Krankheit crivcrbslos gewordenen Mitglieder ans die himm- fischen Möchte hinwies, zunächst mal vor die irdischen Mächte zitiert werden. Warten wir ab, wie die Sache enden wird. Alkohol und Bierkutscher. Ein Leser schreibt uns: Vor mir liegt eine gerichtliche Vorladung des Inhalts:„In der Strafsache gegen den Bierkutscher R. wegen fahrlässiger Eisenbahntransport-Gefähroung sollen Sie als Zeuge vernommen lvcrden. Der Erste kgl. Staats- anwalt." ES war vor etwa drei Monaten, an einem furchtbar Heißen Nachmittage. Ich fuhr mit der Linie S von Moabit kommend durch die Königgrätzerstraße und lehnte links im Vordcrecksitz. Da sehe ich im Galopp einen Bierwagen auf die Bahn zustürmen: der Kutscher war eingeschlafen. Die Pferde wollten erst rechts vorbei, der Strahenbahnführer bremste auf der Stelle; der Bier- kutscher erwachte, riß das Gefährt nach links, konnte aber nicht ver- hindern, daß die linke Flanke seines Wagens und das linke Pferd mit der Bahn karambolierte. Der Bierwagen kippte schräg, der Kutscher wurde auf das Pflaster geschlendert und das linke Pferd blutete an den Hinterbeinen. Nun kam der Schutzmann und nahm ein Protokoll auf, ich aber wurde vom Schaffner als Zeuge notiert und habe auch schon auf einem Polizeibnreau eine Vernehmung gehabt. Diese Angelegenheit geht die Berliner Biorfahrer im allgemeinen an. Wer sie so lustig in ihren weißen Jacken oben auf den Bier- wagen thronen sieht, ahnt meist nicht, daß sie sich alle durch die Bank für ihre Brauereien krank oder zu Tode trinken müssen. Wehe den, Bierfahrer, der in eine Kneipe kommt und nichts zum besten gibt. Kann, tritt er in ein Lokal, so heißt es auch:„Da kommt der Brauer, der gibt'ne Lage." Auf diese Lage haben dann meist alle Anwesenden ein Anrecht. Dann ruft einer: „Wie ist's noch mit einem Kognak?" Der Bierfahrer nickt.„Guter Kognak I" ruft der Wirt und dann kommt meist noch'ne Lage. So geht es von einem Lokal ins andere. Läßt sich der Bierfahrer ein paar Tage lang nicht sehen, dann geht sogleich eine Beschwerde an die Brauerei. Nun noch das Kreditieren! Der Bierfahrer muß täglich das aufgeladene Bier bezahlen, den Kunden aber muß er Kredit geben. Wie oft kommen da größere Verluste vor I Warum einigen sich die Bierfahrer nicht dahin, daß sie jedem Restaurateur monatlich eine bestimmte Summe als Ablösegeld geben? Dann brauchen sie doch all das Zeug nicht zu trinken, und dann kommt es nicht vor, daß sie, vom Trunk ermüdet, auf der Heimfahrt einschlafen und niit der Straßenbahn karambolieren! Der kommunale Titclzopf. Magistrats-Bauräte sollen nun doch den„Magistratsräten" folgen, die städtischen Bauinspektoreu haben selbst einen daraufhin abzielenden Wunsch geäußert. Sie weisen in ihrer Pefttion darauf hin, daß sie durch die Beibehaltung der Be- Zeichnung„Stadt-Bauinspektor" auch in älteren Dienstjahren im Verkehr mit Fachgenossen und staatlichen Behörden„an ihrer Autorität Einbuße erlitten". Der Magistrat erkennt an, daß der dem Dienstalter nach jüngere„ B a u r a t" anderer Behörden gegenüber dem älteren„Stadt-Bauinspeftor"„leicht, durchaus irr- tümlicherweise als der erfahrenere, leistungs- fähigere und maßgebendere s!) Techniker in be- teiligten Kreisen angesehen werden kann". Es sollen daher 20 Stellen lebenslänglich anzustellender Techniker mit der Gehalts- skala der Stadt-Bauinspektoren<7500 bis 3400 M.) und mit der Amtsbezeichnung„Magistrats-Bauräte" geschaffen und in diese nach und nach die länger als sechs Jahre im Dienste be- findlichen Stadt-Bauinspektoren einrücken, d. h.— eine kleine Mogelei ist ja bei einer so großartigen Umwälzung immer zulässig—„meist". Wenn die Stadtverordneten dieser Neuerung zustimmen, wird man künftig die„Stadt"- und„Magistrats"-Bauräte gar nicht mehr unterscheiden können— beide werden einfach„Bauräte" tituliert werden. Die Sozialgesetzgebung als Spekulationsobjekt. Der Kommissar für Zwangsvollstreckungssachen, Stadtrat Mugdan, klagt im letzten Jahresbericht über die auffallende Vermehrung der von den Berufs- genossenschasteu dem Magistrat zugehenden Zwangsvollstreckungs- Aufträge gegen Gewerbetreibende, die mit ihren Beiträgen im Rückstände bleiben. Es scheint bei diesen Geschäftsleuten, wie es in dem Bericht heißt, zur„Geflogenheit" geworden zu sein, anstatt bei der Fälligkeit nach Aufforderung der Genossenschaftsvorstände Zahlung zu leisten,„aus Berechnung mit den vielfach ja nicht unbedeutenden Geldbeträgen bis zur Einleitung der zwangsweisen Beitreibung zurück- zuhalten, da sie durch die Möglichkeit einer längeren Verwendung des Geldes in ihren Geschäfts- betrieben einen Nutzen haben, demgegenüber die Kosten der Zwangsvollstreckung ohne Bedeutung sind." Die Vermehrung der Ersuchen auSwärttger Behörden um Beitreibung von Steuer-Rück- ständen zc. erklärt sich aus dem st arken Zuzug nach Berlin. Recht erheblich sind auch die Aufträge wegen Beitreibung rück- ständiger Dienstboten-Beiträge zum Gesinde-Belohnungs- fonds, sowie der S ch u l v e r s ä u m n i s st r a f e n gestiegen. Im Ganzen waren 70 366 Aufttäge zu erledigen, in 12 867 Fällen blieb die versuchte Pfändung fruchtlos I Berliner Christentum. Die Kirchenwahlen in der Simeon- Gememde sind zum zweitenmal innerhalb Jahresfrist für ungülttg erklärt worden. Von den Positiven sind gegen die letzte Wahl nicht weniger als sechs Einsprüche erhoben worden, davon sind fünf ohne weiteres als unbegründet vom Konsistorium zurückgewiesen worden. Der sechste, der sich auf die Angaben eines einzigen Wählers stützt, ist als begründet anerkannt worden. Dieser Wähler ist vor der Wahl am 12. Juni d. I. aus der Gemeinde verzogen und hat an- fänglich zweimal erklärt, er hätte positiv gewählt. Wäre der Mann bei dieser Behaupttmg, die nach Lage der Sache vollständig glaub- Haft war, geblieben, dann wäre der Einspruch der Positiven sofort zurückgewiesen worden. Bei seiner Vernehmung vor dem Super- intendenten hat der Wähler dann aber ausgesagt, daß er für die „Friedenspartei" gestimmt habe. Darauf hin ist nun, da diese Partei mit 728 Sttmmen gegen 727 positive gesiegt hatte, die Wahl zum zweitenmal kassiert worden. Wenn es so weiter geht, kann es nett werden. Stadtschulrat H. Bertram wird am Mittwoch mittag vom Rat- Hause auf dem Friedhof der Apostelkirche in der Colonnenstraße in Schöneberg, zur letzten Ruhe bestattet. Die Gedächtnisreden bei der Feier im Rathause werden Pfarrer Kirms von der neuen Kirche. Stadtschulrat Dr. Gerstenberg und ein Stadtverordneter, vermutlich Justizrat Cassel halten. Der Berliner Lehrer-Gesangverein wird im Festsaale und die Kinder der städtischen Blindenanstalt sollen auf der Galerie singen. Der Leichenzug wird sich auf dem Wege nach dem Friedhofe vonr Rathause durch die Königstraße, über den Schloßplatz, am Schlosse vorbei, Unter den Linden, durch das Branden- burger Tor nach dem Potsdamer Platz, durch die Potsdamerstraße und Hauptstraße bewegen. Magistrat und Stadtverordnete, darunter auch frühere, die Berliner Lehrerschaft und zahlreiche Schüler werden teilnehmen. Die durch den Tods des Direktors Jessen erledigte Stelle eines Leiters der er st en Handwerkerschule soll nunmehr wieder besetzt werden. Auf ein Ausschreiben des Kuratoriums hin haben sich bisher um diese Stelle 36 Herreu gemeldet, welche den ver- schiedensten Wissenschaften angehören. Sieben Ingenieuren, Architekten und Physikern haben eine Anzahl Direktoren von Bau-, Gewerbe- und Handwerkerschulen sich darum beworben, die sowohl in der Praxis wie auch theoretisch gewirkt haben. Das Gehalt für den zukünftigen Direktor soll 7500 M. betragen: es wird in Zwischen- räumen von drei Jahren um je 600 M. bis zum Höchstbctrage von 9000 M. steigen. Gegen die Schwindclkassen. Die von der„Deutschen Volks- Krankenkasse Berolina" wegen rückständiger Beiträge verklagten früheren Mitglieder haben jetzt den Spieß umgedreht und wollen Massenklagen gegen die Kasse auf Herausgabe der zu Unrecht er- hobenen Beittäge anstrengen. Der im Amtsgerichtsgebäude von den Angeklagten gegründete„Schutzverein der Versicherten" hielt gestern bei Blaur, Kastanienallee, seine erste Versammlung ab. Es hatten sich über 100 frühere Mitglieder eingefunden, die alle bekundeten, daß die„Berolina" schon im Jahre 1902 insolvent gewesen und daß sie niemals ihren Verpflichtungen gegen die Mit- glieder nachgekommen sei. Von einzelnen Mitgliedern wurden Schreiben des Kassenvorstandes vorgelegt, in denen dieser erklärt, keine Krankenuuterstützung zahlen zu' können, weil kein Geld vorhanden sei. Dabei habe die„Berolina" über 26 000 Milglieder gehabt. Angesichts dieser Tatsachen sei es eine Unverfrorenheit ohne gleichen, wenn die Kasse ihre geprellten Mitglieder jetzt noch wegen u rückständiger Beiträge verklage. Man müsse die Fragen aufwerfen: „Wo ist das Vermögen der 5iasse geblieben? Wer sind die Gläubiger der Kasse? Wer erhielt die eingeklagten und eingegangenen Mit- gliedcr-Beiträge? Warum klagt man erst nach zwei Jahren? Es wurde in der gestrigen Versammlung beschlossen, einen Aufruf an sämtliche früheren Mitglieder der Kasse zu erlassen, um die erforder- lichen Mittel zur gerichtlichen Prüfung der Bücher der„Berolina" zu beschaffen. Ist dies geschehen, so sollen Massenklagen gegen die Gesellschaft auf Zurückzahlung der Beiträge angestrengt werden. Die amtliche Untersuchung über den Unglücksfall in Charlotten- bürg hat zu einer vorläufigen Dienstenthebung des Weichenstellers Schulz I, welcher die Centralweichenstelle auf dem Bahnhof ftihrte, Veranlassung gegeben. Es ist aber immerhin noch nicht festgestellt, ob diesem Beamten, der seit nahezu dreißig Jahren seinen ver- antwortungsvollen Dienst versieht, ein Verschulden trifft.— Eine Stadtbahnmaschine, welche einen eingesetzten Nordringzug fahren sollte, wurde vorübergehend nach einem toten Gleis geleitet, auf welchem ein Leerzug zur Einfahrt nach dem Bahnhof bereit stand. Die Maschine fand infolgedeyen auf dem Gleis nicht genügend Platz und blieb in der Weiche stehen, ein Umstand, den Sch. angeblich von der Bedienungsstelle aus nicht genau erkennen konnte. Ein auf dem Gleis U einfahrender Nordringzug erfaßte infolgedessen die Lokomotive an der Seite und schleuderte sie einem Potsdamer Vorortzug entgegen, der fast in dem gleichen Augenblick aus der Halle ausfuhr. Durch die Lokomotive des Vorortzuges wurde der Rangiermaschine der Kessel der Länge nach aufgerissen. Auch die beiden anderen Maschinen wurden stark beschädigt und von dem ersten Personenwagen des Potsdamer Zuges das Leerabteil zerttümmert und die Vorderachse gebrochen. Außerdem wurden an drei anderen Wagen die Pufferstangen verbogen. Als ein besonderes Glück wird es in bahnamtlichen Kreisen bezeichnet, daß nicht, wie es nach der Art des Zusammenstoßes zu erwarten gewesen wäre, Personenwagen umgestürzt sind. In diesem Falle würde der Unglücksfall unübersehbare Folgen gehabt haben. Ein sonderbarer Heiliger muß der Malergehülfe Ollesch aus Wirsitz sein, welcher die Berliner Stadtverordneten-Versammlung um Beistand in seinen angeblichen Erbschafts-Angelegenheiten ersucht hat. Ollcsch will von verschiedenen Personen, insbesondere vom Kaiser Wilhelm I., vom Kanonenkönig Krupp in Essen zc. ein Ver- mögen von prilter propter 240 Millionen Mark geerbt haben, das ihm noch immer streitig gemacht wird. Die Stadtverordneten- Versammlung hat es natürlich abgelehnt, sich mit dieser heiklen Erbschaftsangelegenheit näher zu beschäftigen. Das Protokoll bemerkt darüber:„Da die Zuschrift augenscheinlich von einem g e i st e s- g e st ö r t e n Menschen herrührt, ist die Versammlung auf Vorschlag des Vorstehers damit einverstanden, daß die Eingabe lediglich zu den Akten genommen wird." Auch das scheint unnötig. Zm» Morde in der Boycnstrasie hat nunmehr die Berner Be- Hörde das Ergebnis ihrer Nachforschungen der hiesigen Staats- anwaltschaft übermittelt. Zwei Zeugen, auf die Mühlethaler sich für sein Alibi beruft, sagen aus, daß er bereits am 16. Ottober in Bern eingetroffen bezw. am 17. dort gewesen sei. Den einen traf er hiernach am 16. Oktober. Am 17. nahm er an der Beerdigung eines Kindes dieses Zeugen teil. Hierbei traf er den zweiten Zeugen, bei dem er in Arbeit zu treten beabsichttgte. Beide Zeugen bleiben bei ihren Bekundungen auch gegenüber den Aussagen der Berliner Zeugen, besonders auch des Gefangenenaufsehers, dem Mühlethaler am 17. n. M. in der Lehrterstratze begegnet sein soll. Ob die Berner Zeugen als klassisch zu betrachten sind, wird das Gericht zu entscheiden haben. Festgestellt ist, daß sie von früher her gute Freunde des Verdächtigen find. Es ist erwiesen, daß sie mit Mühlethaler Briefe gewechselt haben. Wenn er irgendwo unter einem falschen Namen eine Stellung angenommen hatte, so schrieb er an einen seiner beiden Freunde und erhielt jedesmal bald Antwort unter dem Namen, den er sich gerade beigelegt hatte. So hatte er jedesmal gewissermaßen eine Bestättgung für den angenommenen Namen. Diese Beziehungen sind durch aufgesiindene Briefe erwiesen. Die Leute in den. Berner Gasthof, in dein Mühlethaler schon am 15. Oktober gewesen sein will, erinnern sich seiner nicht bestimmt. Der bekannte Gcrichtsarzt Medizinalrat Dr. Mittenzwcig ist am Sonntag in den Morgenstunden g e st o r b e n. Er hatte sich vor einigen Tagen, vermutlich bei einer Leichenuntersuchung, infiziert und dadurch eine schwere Wundrose zugezogen. Ein Herzschlag machte seinem Leben ein Ende. Er hat ein Alter von 64 Jahren erreicht. Mittenzweig ist hauptsächlich durch seine Tättgkeit vor den Schranken des Gerichts bekannt geworden und hat in zahllosen Ge- richtsverhandlungen sein Gutachten als gerichtlicher Sachverständiger abgegeben. Der Verstorbeue war Besitzer einer Heilanstalt für ge- mütskranke Damen in dem benachbarten Steglitz. Bekannt sind wohl noch die schweren Vorwürfe, die der Redakteur der„Charlottenburger Nachrichten", Oswald Knorr, 1896 gegen Mittenzweig erhoben hatte. Der Gerichtsarzt sollte eine Frau Bambus, den Stabsarzt Dr. Stern- berg, den Hauptmann v. Blöcken und den Pastor Witte zu Unrecht für geistesgestört erklärt haben. Knorr wurde in erster Instanz zu drei Wochen, vor der Berufungsinstanz zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. In lliusfland verurteilt. Am 17. Dezember 1902 wurde in der Rosenthalerstr. 16/17 die Witwe Auguste Budwig, eine fromme alte Jüdin, in ihrer im Erdgeschoß gelegenen Wohnung mit einer 26 Zentimeter langen Schraube hinterrücks erschlagen und ihrer Hab- seligkeiten beraubt, während sie am Tische saß, um ihrer Schwester über den unerwarteten Besuch ihres Neffen, des Kellners Adolf Lesczyuski, der sich auch Jtzik Weber nannte, zu schreiben. Des Mordes verdächtig erschien bald dieser Neffe, der einige Tage vorher in Berlin aufgetaucht war. Lesczynski wurde von der hiesigen Kriminalpolizei verfolgt und in Kalisch bald nach seiner Ueber- schreitung der russischen Grenze verhaftet. Das zuständige Gericht in Kaiisch sprach ihn nach längerer Verhandlung, in der auch mehrere Berliner Kriminalbeamte als Zeugen vernommen wurden, schuldig und verurteilte ihn zu 20 Jahren Zwangsarbeit in den Bleiwerken Sibiriens. Das Urteil ist jetzt rechtskräftig und Lesczynstt- Weber zur Verbüßung der Strafe abgeführt worden. Aus Scham in den Tod gegangen ist der 63 Jahre alte Maurer Wolfram aus der Schulzendorferstraße. Er arbeitete seit zehn Jahren nicht mehr in seinem Beruf, Iveil er wegen Trunksucht kaum noch Beschäftigung fand. Gelegentlich nähte er Filzschuhe, mit denen seine Frau handelte. Oester half er auch seiner Frau. Diese Gelegenheit benutzte er aber jedesmal, einige Waren unter einer großen blauen Schürze verschwinden zu lassen, um sie in Schnaps umzusetzen. Als ihn seine Frau am Sonnabend- abend dabei ertappte und ihm laut und heftig Vorwürfe machte, lief er weg und erhängte sich. Die„Kunstschüleriu" mit dem Terrier. In ein Pensionat des Westens kam vorgestern eine junge Dame, die sich als Kunstschülerin vorstellte und ein Zimmer suchte. Sie habe in der Wilhelmstraße gelvohnt, die Gegend gefalle ihr aber nicht. Die Dame führte einen Terrier an der Leine. Sie ließ sich alle Zimmer zeigen, darunter auch eines, das schon vermietet war. Hier lag auf dem Tisch eine Damenuhr, ein Werk alter Goldschmiedekunst, mit langer goldener Kette, an der noch eine russische Denkmünze in der Größe eines Zwanzigmarkstücks, ein bohnengroßes goldenes Ei und ein Petschaft aus Bergkristall hingen. Dieses Zimmer schien ihr am besten zu gefallen, weniger aber dem Köter, denn dieser wurde, wahrscheinlich nicht ganz freiwillig, sehr unruhig. Die Dame hantierte mit der Leine um den Tisch herum und lentte die ganze Aufmerksamkeit der Vermieterin auf den Hund. Endlich war es mit diesem nicht mehr auszuhalten. Seine Herrin befreite ihn von der Leine und nun lief er die Zimmerflucht entlang, verfolgt von seiner Herrin, hinterdrein die Pensionsinhaberin. Aus dem Verinieten wurde nichts. Als die Pensionsinhaberin in das vermietete Zimmer zurückkehrte, sah sie zu ihrem Schrecken, daß mit der Kunstschülerin und ihrem Hunde auch die wertvolle Uhr verschwunden war. Feuerbericht. Mehr als ein Dutzend Alarmierungen hatte die Wehr in den letzten 24 Stunden zu verzeichnen. Montag nachmittag gegen 3 Uhr wurde sie nach dem reichsfiskalischen Grundstück Mauer» straße 46/46 gerufen, weil hier im zweiten Quergebäude in einem Papierlagerkeller der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes auf nicht ermittelte Weise Feuer ausgekommen war, das eine starke Rauchentwickelung hervorrief und einen größeren Umfang anzu« nehmen drohte. Der 19. Löschzug war indes schnell zur Stelle und konnte innerhalb einer halben Stunde jede Gefahr beseittgen.~ Vormittags 9 Uhr gab es in der Dorotheenstr. 59 zu tun, wo es im Erdgeschoß der Kriegsakademie brannte.— Betten und Kleidungsstücke gingen dann in der Eisenbahnstt. 22 in einer Wohnung in Flammen auf, während in der Kronenstr. 20 in einem Laden ein Brand entstanden war. In beiden Fällen konnte die Ablöschung leicht erfolgen.— Gardinen und Decken hatten abends in der Jahnstr. 18 Feuer gefangen.— Kurz nach 6 Uhr erfolgte Alarm nach dem Belle-Allianceplatz 23, wo es auf dem Dache brennen sollte. Es handelte sich aber um„blinden Lärm", denn wie sich herausstellte, waren lediglich Arbeiter mit Teerkochen auf dem Dache beschäftigt. Das dazu benutzte Feuer flackerte nun bei dem starken Winde hin und wieder hoch auf und wurde von den vorübergehenden Passanten gesehen, die dann schleunigst die Feuer- wehr alarmierten, da sie von den Reparaturarbeiten auf dem Dache keine Ahnung hatten, sondern einen Dachstuhlbraud vermuteten. Man sieht, daß man ja doch nicht allzu eilig zur Alarmierung der Wehr schreiten sollte, sondern sich vorher erst fest überzeugen soll, ob wirklich Feuersgefahr vorliegt.— In der Laugenbeckstr. 13 wurden bei. einem Zimmerbrande Möbel beschädigt.— Sonntag früh gegen 6 Uhr mußte in der Prenzlauerstr. 13 ein Feuer besettigi werden, das Kisten, Körbe, Verpackungsmaterial zc. ergriffen hatte. Außer- dem liefen noch aus der Nauuynstr. 66 und noch aus einigen anderen Orten Alarnnerungen ein, die indes durchweg auf ganz geringfügige Anlässe zurückzuführen waren._ Kunstgruppe der Berliner Freien Stiidcntcuschaft(Finkensch ast). In der heute abend S'/z Uhr bei Dalbelli, Potsdamerstr. 13, statt- findenden Sitzung liest Karl Hcnckell Dichtungen von Baudelaire, Verlaine, Mombert. Im Hcrrnfcld-Thcatcr hat es Sonnabend eine Premiere ge- geben.„ P r i n z L e v y in A h l b e ck" hieß der vielversprechende Titel des Schwanks, der diesmal den ganzen Abend füllen sollte. Das tat erjmch, allerdings mit Ach und Krach, indem eine an sich nicht üble Situation unendlich ins Breite ausgedehnt wurde. Prinz Levy heißt eigentlich nur Levy und nennt sicki nach seinem Vater zur linken Hand auch noch Prinz. Der Pikanterie wegen sind die Bindestriche zwischen den beiden Namen ausgelassen worden. Dieser Held des Abends sieht seine Lebensaufgabe darin, sich bei Frauen interessant zu machen, und zwar dadurch, daß er Selbstmordversuche vortäuscht. Das Rezept zu dieser Methode, die Herr Levy auch in Ahlbeck anwendet, ist in einem alten Schmöker niedergelegt: der alte Schmöker geht Herrn Levy in Ahlbeck verloren und die Mißverständnisse und Unannehmlichkeiten, die ihm und seinem Faktotum auf der Suche nach dem Buch be- gegnen, bilden wesentlich den Inhalt des Schwanks, der zuletzt ttagisch ausläuft. Nun kann man nicht immer Schlager bringen; und um der vielen ftöhlichcn Sttmden willen, die die Herren Herrn- seid ihrem Publikum seit Jahren bereitet haben, mag ihnen ein zaghafter Schritt in die Welt, wo man sich langweilt. verziehen werden. Was ihnen aber nicht verziehen werden kann, das ist der gleichzeitig unternommene Abstecher ins Gebiet der„Rinnsteinkunst", um dies soviel mißbrauchte Wort einmal richttg anzuwenden. Was dem Stück an Witz fehlt, wird ersetzt durch knotenhafte Ausdrücke, unter denen dieser:„Ich schmeiße Dir Dr... in die Fr...." der gangbarste ist. Wenn das Herrnfeld- Theater überhaupt eine Bedeutung haben soll, so jawohl die, daß es die Eigenart des Judentums östlich von Berlin humoristisch widerspiegelt. Wäre ein Konversationston wie der, von dem wir eben eine Probe gaben, unter bemittelten Juden üblich, so würde der Antisemitismus den Gebildeten, und nicht, wie heute, den slavisch- germanischne Rüpel kennzeichnen müssen. Gespielt wurde gut, aber was nützt das beste Spiel im Kampf mit einem untauglichen Stück? Theater. Im Schiller-Theater 0.(Wallner- Theater) wird zur Feier von Schillers Geburtstag am Donnerstag, den 10. November, der erste Teil der„Wallenstein-Trilogie"(„Wallen- steins Lager" und„Die Piccolomini") gegeben. Die Rolle des Wallenstcin spielt Max Pategg.— Die O p e r n w o ch e im Bellealliance-Theater bringt zunächst eine Aufführung vom„Wildschütz" am Dienstag, den 8. November, dann„Riqoletto" am Donnerstag, den 10. November. Mittwoch wird die„Tugend- glocke" wiederholt. Das Programni für den Bußtag, ftir welchen Ida Hiedler, Nikolaus Rothmühl, Naomi Frieberg(Stockholm) und Alfted Wittenberg verpflichtet sind, wird ein sehr eigenartiges und interessantes sein. Für den Totensonntag ist eine Aufführung des Volksstückes„Der Millionenbauer" angesetzt. Im Zirkus Schumann findet am Mittwoch nachmittag 3'/g Uhr Familien- und Kindervorstellung statt, um den Kindern Gelegenheit zu geben, die Liliputaner sehen zu können. In dieser Vorstellung zahlen Kinder� bis zu 12 Jahren auf allen Plätzen halbe Preise. /Zus den Nachbarorten. Die Wahlen der Bcrttetcr zu den unteren Verwaltungsbehörden haben in dieser Woche stattzufinden. Der konservative„VolkSvcrein für den Kreis Nieder-Barnim" fordert in einem Wahlaufruf auf, das Eindringen der„Sozialdemokratie" in diese Stellen durch Wahlen von Angehörigen der„Ordnungsparteien" zu verhindern! Der kon- servative Volksverein für den ShciS Nieder-Barnim wird in diesem Vor- haben unterstützt durch die Landraspresse, und wennman berücksichtigt, daß der rührigste„Führer" und Agitator in diesem„Volksverein" gleich- zeitig der Bearbeiter der Krankenkassen-Angelegenheiten im Landrats- amte ist, dann wird von einer unbeeinflußten-Wahl der Beisitzer vernünftigerweise wohl nicht mehr geredet werden können. Freilich bei der letzten im Jahre 1899 vorgenommenen Wahl war eine„Beeinflussung" nicht angebracht und nicht notlvendig. Den Kassenvorständen wurden der Einfachheit halber durch das Landratsamt die Namen geeigneter Kandidaten mittels unverbind- lichen Rundschreibens mitgeteilt und ersucht, um eine„Zersplitterung der Stimmen zu vermeiden", die vorgeschlagenen Kandidaten zu „wählen"! Wenn damals dem unverbindlichen Wunsche der Auffichts- behörde Rechnung gettagen wurde, so hat sich nun im Laufe der Jahre eben herausgestellt, daß die Kassenvorstände die Pflicht haben, für„geeignete" Kandidaten selbst Sorge zu tragen und für deren Wahl in Uebereinstimmung mit den Versicherten einzutreten. Wenn der konservative Volksverein nun mit Hülfe des amtlichen Apparates und des amtlichen Ansehens der Macher dieses Vereins Kandidaten in Borschlag bringt, so werden die Kassenvorstände dafür einzutreten haben, daß nicht die Zugehörigkeit zur konservativen Partei die Qualifikation zum Bei- sitzet giebt, sondern daß die Vorstände der Krankenkassen die Pflicht haben, für die Wahl der von den Versicherten in Gemeinschaft mit den Vorständen aufgestellten Verttauensmänner einzutreten. In Charlottenburg bettug nach der neuesten Monatsübcrsicht des Statistischen Amtes die Zahl der Sterbefälle im Monat September 264 gegen 22? im entsprechenden Monate des Vorjahres, darunter 96(89) im ersten Lebensjahre. Auf 1000 Einwohner und auf die Dauer eines Jahres reduziert war die Zahl der Ge- storbenen 16.0 gegen 13.2 im September des Borjahres und 14.63 im Durchschnitt der Jahre 1898 bis 1903. Ter Anteil der Kinder unter einem Jahre an der Gesamtheit der Gestorbenen war in diesem Monate mit 36,3 Proz. etwas geringer als im September des Vorjahres, wo er 39,9 Proz. ausmachte, auch geringer als der Durchschnitt der letzten 6 Jahre, der für den Monat September 39,65 Proz. ergab. Unter den Todesursachen waren in diesem letzten Sommermonate die Verdauungskrankheiten noch recht stark vertreten, danach kommen die Herz- und Gefätzkrankhciten, Lungen- schwindsucht und sonstig« Lungen- und Halskrankheiten. Recht hoch war die Zahl der an Lebensschwäche und A'bZchrung gestorbenen Kinder und recht gering waren die Fälle von Altersschwäche. Der B e st a n r o er Arb'eiterkrankenkassen. die der Aufsicht des Magistrats unterstellt sind, hat im Laufe des Septembers um 737 Mitglieder zugenommen, während er im ent- sprechenden Monate des Vorjahres um 113 Mitglieder abgenommen hatte. Der Anteil der Arbeiter an der männlichen Bevölkerung Charlottenburgs ist dadurch auf die bisher noch nicht erreicyre Höhe von 275,7 auf Tausend, die der Arbeiterinnen an der weiblichen Bevölkerung auf 58,1 auf Tausend gewachsen. Im städtischen Arbeitsnachweis wurden während des Septembers 880 Arbeitsgesuche gemeldet. Mit Hinzurechnung des Restes 306 vom Monate August betrug die Gesamtsumme der Gesuche 1136 gdgSn' 1048'im entsprechenden Monate des Vor- jahres. Offene Stellen wurden innerhalb des Septembers 1138 angeboten, dazu der Rest vom August 221 gibt als Gesamtzahl der Stellenangebote 1359 gegen 1046 im September 1903. Was die Neubauten und Abbruche betrifft, so sind in den Monaten Juli bis September dieses Jahres 46 Neubauten entstanden mit zusammen.981 Wohnungen und 2777 heizbaren Zimmern. Von diesen 981 Wohnungen enthalten mehr als die Hälfte, nämlich 587, nur 1 oder 2 heizbare Zimmer, 263 hatten 3 oder 4 Zimmer und 126. mehr als. 4 Zimmer. Vergleicht man die Bautätigkeit der beiden Jahre Oktober 1902 bis September 1903 und Oktober 1903 bis September 1904 mit einander, so erhält man folgende einander ähnliche Resultate: Im vergangenen Jahre ent- standen 152 Neubauten mit zusammen 3098 Wohnungen und 8950 Zimmern, in diesem Jahre 161 Neubauten mit zusammen 3277 Woh- nungen und 10 004 heizbaren Zimmern. Unter den im ver- gangenen Jahre entstandenen neuen Wohnungen zählten 47 Prozent zu den kleinen mit 1 oder 2 Zimmern, 40 Proz. zu den mittleren mit 3 oder 4 Zimmern und 13 Proz. zu den größeren Wohnungen mit 5 und mehr Zimmern; unter den neuen Wohnungen dieses Jahres zählten 51 Proz. zu den kleinen, 34 Proz. zu den mittleren und 15 Proz. zu den größeren Wohnungen. Die Abbruche im letzten Vierteljahr beziehen sich fast ausnahmslos auf Häuser an der Bis- marckstratze; es gingen durch 28 Abbruche im ganzen 189 Woh- nungen ein, und zwar 55 kleine, 102 mittlere und 32 größere. Otcr-Schöncwcide. Heute abend 5 Uhr'findet in der Aula, Frischenstr. 13, eine Sitzung der Gemeindevertretung statt. Auf der Tagesordnung steht unter anderem: Errichtung einer katholischen Schule, einer Fortbildungsschule und die Vermehrung der Zahl der Gemeindevertreter. Jir Marienselde geriet gestern früh gegen Ve3 Uhr eine zu dem Gute gehörige Scheune in Brand. Das Feuer fand in den Stroh- und Getreidevorräten in dem 8 Meter hohen und 20 Meter langen Gebäude reiche Nahrung. Als es entdeckt wurde, stand bereits das ganze Gebäude in Flammen. Die Feuerwehren aus Tempelhof, Mariendorf, Britz, Lankwitz, Südendc und Lichtenrade mußten sich jedoch darauf beschränken, die umliegenden Gebäude zu schützen. Erst gegen 6 Uhr morgens brach das brennende Gebäude zusammen. SericKts-Deining. Ein Gründerprozcß. Vor der 7. Strafkammer des Land- gerichts l begann heute die Verhandlung eines wcitschichtigen Gründungsprozesses, der folgende Personen auf die An- klagebank führte: 1. den Kaufmann Alfred Steinbcrg in Schöneberg, 2. den Privatier Paul R e i m a n n, 3. den Hypotheken- vermittler August Bürger, 4. den Hypothekenvermittler Max Kellermann, 5. den Kaufmann Karl K l e in in Deutsch- Wilmersdorf, 6. den Rentier Fr. Schmidt aus der Dreysestratze, 7. den Maurermeister Paul K i c s l i ch, 8. den Maurermeister Ernst Löwe in Rixdorf und 9. den Rechtsanwalt Fritz H ö n i g e r. Durch die Anklage werden beschuldigt: Steinberg als alleiniger Vorstand, die übrigen Angeklagten teils als Gründer, teils als Aufsichtsratmitglieder der„Deutschen Grundbesitzer- Bank A.-G. in Berlin" zum Zweck der Eintragung der Gesellschaft in das Handelsregister in Ansehung der Einzahlung des Grundkapitals bczw. bei Erhöhungen des Grundkapitals wissentlich falsche Angaben gemacht zu haben. Steinberg und H ö n i g e r werden ferner beschuldigt: ersterer als alleiniger Vorstand, letzterer als Vorsitzender des Aufsichtsrats in ihren Uebersichten über den Vermögensstand der Gesellschaft den Stand der Verhältnisse un- wahr dargestellt und verschleiert zu haben. Schließlich beschuldigt die Anklage den Angeklagten S t e i n b e r g allein noch verschiedener Straftaten. Er soll im Jahre 1902 in betrügerischer Absicht wissentlich unwahre Angaben in der Zeitschrift„Deutscher Hypotheken- und Grundstücks-Markt" gemacht haben, durch welche die Zeichnung oder der Ankauf von Aktien herbeigeführt werden sollte. Er soll ferner— entgegen der Vorschrift des 8 249 Absatz 2 des Handels- gesetzbuches— nicht alsbald nach eingetretener Zahlungsunfähigkeit die Eröffnung des Konkurses beantragt haben. Endlich soll er ab- sichtlich zum Nachteile der Gesellschaft gehandelt haben. Den Vorsitz fühxt Landgerichts-Direktor Hei brich, die An-' klage vertritt Staatsanwaltschafts-Rat Bahr. Die Verhandlung, für welche mehrere Tage in Aussicht genommen sind, findet im kleinen Schwurgerichtssaale statt. Es sind 32 Zeugen geladen, außerdem als Sachverständiger der Bücherrevisor Reuter. Nach Eröffnung der Sitzung stellt der Vorsitzende fest, daß die Angeklagten Klein und Rechtsanwalt Fr. Höniger nicht erschienen sind. Der Verteidiger des ersteren Rechtsanwalt Bahn teilt unter Bei- fügung eines Attestes mit, daß Klein verunglückt sei und einen Schädelbruch erlitten habe. Die Verhandlung gegen K. wurde daher abgetrennt. Ferner teilt der Vorsitzende mit, daß begründete Veranlassung zu der Annahme vorliege, daß der Angeklagte Rechts- anwalt Höniger flüchtig geworden sei. Der Gerichts- Hof werde zu beraten haben, ob evcnt. ein Hastbcfehl zu erlassen sei. — Die übrigen Angeklagten sind zur Stelle, sie werden von den Rechtsanwälten Dr. Mendel, Justizrat Fricdmann und Dr. Löwen st ein verteidigt. Die Erörterung der persönlichen Verhältnisse der Angeklagten nahm sehr lange Zeit in Anspruch..v. � Der Angeklagte Alfred S t c i n b e r g ist un Jahre 1856 geboren. Er ist Hauptmann der Landwehr und hatte Anfang der neunziger Jahre von seinem Vater 150 000 M. geerbt. Mit diesem Gelde erwarb er in der Nähe von Görlitz einige Grundstücke, die er später mit Gewinn verkaufte. Er siedelte dann nach Berlin über, erwarb hier verschiedene Häuser und trat im Jahre 1895 in die damals gegründete Wirtschastsgcnosscnschaft Berliner Grundbesitzer ein. Später gründete er die„Deutsche Grundbesitzerbank A.-G."— Der Angeklagte R e i m a n n war früher Direktor der Grube„Marie" in Senftenberg.— Bürger ist gelernter Kauf- mann, der mehrere Geschäfte selbständig betrieben hat und jetzt Hypothckcnmakler.— Angeklagter Kellermann hat früher in Polnisch-Lissa ein Getreidcgeschäst innegehabt und ist jetzt eben- falls Hypothekcnmakler.— Der Angeklagte Schmidt lebt von den Zinsen eines Vermögens von 70— 80 000 M. Die Verhandlung drehte sich gestern um den ersten Punkt der Anklage: Die falsche Angabe über die Einzahlung des Grund- kapitals zum Zwecke der Eintragung der Gesellschaft in das Handels- register. Die Gründeranzeige ist von den Angeklagten Steinberg, Reimann, Bürger, Kellcrmann und Klein am 19. Februar 1900 bei dem Amtsgericht I erstattet worden. Danach sollte das Stamm- kapital 50 000 M- betragen, welches in 50 Aktien ä 1000 M. eingeteilt werden sollte. Es wurde von den Gründern versichert, daß von ihnen V4 des Nennbetrages pro Aktie, insgesamt 12 000 M., eingezahlt worden sei. Die Anklage behauptet, daß diese Angabe falsch ist, da alle fünf Gründer vermögenslos seien. Kellermann hatte u. a. um dieselbe Zeit den Oftenbarungseid geleistet. Die Einlagen sollen nach der Anklage überhaupt nicht gewährt worden, die ganze Gründung vielmehr nur als„Strohmänner-Gründung" zu bezeichnen sein. Der Angeklagte Steinbcrg bestreitet dies und behauptet, daß das eingezahlte Geld tatsächlich vorhanden gewesen. Dies wird bestritten, da den verschiedenen Lieferanten Wechsel als Bezahlung gegeben worden seien. Der Behauptung von der angeblich guten Vermögenslage des Angeklagten Steinberg stellt der Staatsanwalt die Tatsache gegenüber, daß kurz vor der Gründung der„D. G.-B." am 22. Oktober 1899 das gesamte Mobiliar des St. gepfändet war und kurz nach der Gründung St. den Offenbarungseid leistete. Das Ergebnis der Gründung bestand schließlich darin, daß 98 855 M. Aktiva und 1 M. Passiva vorhanden waren.— Die Ver- Handlung wird am Dienstag fortgesetzt. Versammlungen. Der Arbeitcrvertrcter-Berein hielt am Donnerstag im Gewerk- schaftshaus eine Versammlung ab, in der S i m a n o w s k i über den ersten allgemeinen deutschen Wohnungs- k o n g r e ß, welcher vom 17. bis zum 19. Oktober in Frankfurt a. M. tagte, berichtete. Der Redner schilderte die Vorgeschichte des Kon- gresses, gab dann eine allgemeine Ucbersicht über die Verhandlungen und bemerkte zum Schluß, daß, wenn auch nichts Positives erreicht und keinerlei Beschlüsse gefaßt worden seien, der Kongreß doch nicht ganz spurlos vorübergegangen sein werde. So hätten ja auch der Tubcrkulosekongreß, der Antialloholikerkongrcß, sowie der Kongreß, der sich mit den Geschlechtskrankheiten befaßte, Anregung zu Fort- schritten gegeben. Für die Vertreter der Arbeiterschaft komme'es darauf an, das Gute und Brauchbare, was auf derartigen Kongressen vorgebracht werde, herauszuschälen, und auf dem letzten Kongreß habe man manches über die Frage der Wohnungsreform lernen können.— Dem Vortrage folgte eine längere Diskussion. A l b r e ch t hob hervor, daß die Wohnungsfrage nur zu lösen fei, wenn die Bodenspekulation ausgerottet werde. Da sich nun die Vertreter der bürgerlichen Klasse scheuten, das Privateigentum anzugreifen, sei von ihnen eine Lösung der Frage nicht zu erwarten. Der Redner sprach außerdem gegen die luxuriöse Ausführung der Häuserfronten auf Kosten der so dringend notwendigen Verbilligung der Wohnungen. Was in jener Hinsicht die Bauunternehmer leisteten, werde leider auch von den Baugenossenschaften nachgeahmt.— W o l d e r s k i kritisierte die Art und Weise, wie der Wohnungskongreß zusammen- gesetzt wurde. Es habe sich jeder gleichsam ein Mandat für 6 M. kaufen können. Die Arbeiterschaft habe eine andere Auffassung von derartigen Veranstaltungen. Wer als Vertreter teilnehmen wolle, müsse doch bestimmte Gruppen von Personen vertreten, ihre An- schauungen zum Ausdruck bringen und in ihrem Namen Vorschläge machen; nicht daß jeder Privatmann sich persönlich ein Mandat ver- schaffen und vielleicht gar Ansichten geltend machen könne, die dem Zweck der Veranstaltung direkt entgegenständen. Im übrigen hielt der Redner es jedoch für zweckmäßig, wenn die sozialdemokratische Partei oder Fraktion offiziell Vertreter zu dem Kongreß entsandt hätte. Man sei innerhalb der Partei in dieser Hinsicht etwas zu zart besaitet. Man versippc sich doch nicht gleich mit der bürgerlichen Klasse, wenn man an solcher Veranstaltung teilnähme. Ferner kritisierte der Redner das Verhalten des Fiskus zur Bodenspekulation, indem er namentlich darauf hinwies, wie die Landcs-Versicherungs- anstalt Berlin bei Errichtung des Arbeitsnachwcis-Gebäudcs in der Gormannstraßc vom Fiskus genötigt wurde, das ursprünglich fiskalische Grundstück von einem Konsortium zu erwerben.— K o s k a sprach sich dafür aus, daß die Landes-Versichcrungsanstalten mehr und in größerem Maßstabe als bisher den Arbeiter-Baugcnossen- schaften Hypothekengelder zur Verfügung stellen sollten. Seien es doch Arbcitergelder, um die es sich hier handle, und so müsse es eigentlich selbstverständlich sein, daß sie derartigen Unternehmen vor allem zugute kommen sollten. Der Redner schilderte ferner den Nutzen der Baugenossenschaften, besonders die Entwicklung der Baugenosscn- schaft„Paradies" bei Grünau, und erklärte es für wünschenswert, wenn die Gewerkschaften eine» Teil ihrer Mittel solchen Genossen- schaften auf kurze Frist als Baukredit zur Verfügung stellen würden. — Stempel sprach sich in ähnlichem Sinne für die Förderung der Baugenossenschaften und über ihren Wert aus.— W o l d e r s k i gab mehrere Aufklärungen über die Anlage der Mittel der Landes- Versicherungsanstalt Berlin.— Simon owski wies in seinem Schlußwort noch auf die seiner Meinung nach beachtenswerte Aeutzerung des Hausbesitzers Rödeker aus Altona hin, daß es zweck- mäßiger wäre, wenn die Arbeiter ersparte Gelder in Baugenossen- schaften anlegten, statt sie auf die Sparkassen zu tragen, wo sie schließlich nur der Privatspekulation zur Verfügung gestellt würden. Dann äußerte sich der Redner anerkennend über die in Frank- furt a. M. mit Hülfe des Systems der Erbbaupacht erzielten Erfolge im Wohnungsbau und wies im allgemeinen auf den Nutzen hin, der durch die Bestrebungen zur Verbesserung des Wohnungswesens er- reichbar erscheint. Charlottenburg. Am 26. Oktober fand hier eine öffentliche Ver- sammlung der Maler, Lackierer, Anstreicher usw. im Volkshause statt. Die Tagesordnung lautete:„Stellungnahme zu dem Gesetz- entwurf von Bestimmungen zur Verhütung von Bleierkrankungen der Maler, Lackierer, Anstreicher." Flemming hatte' das Referat übernommen. Dem Vortrag folgte eine rege Diskussion, an der sichRebel, Matzke, Gries meyer, Kühl, Schiller zc. beteiligten. Man rügte scharf den Vorwurf der Meister, daß der Arbeiter durch den vielen Alkoholgenuß die Bleierkrankungen her- vorruft. Hier findet das Sprüchwort Anwendung:„Was ich mach' und tu, trau ich auch andern zu." Denn die Herren Meister, speziell die älteren, denken dabei jedenfalls noch an ihre Gehülsen- zeit zurück, wo noch der Alkoholgenuß eine Gewohnheit war. Heute ist der Arbeiter durch die Erziehung in der Organisation ein anderer geworden. Es ist als erfreuliche Tatsache zu begrüßen, daß man heute keine Schnapsflasche mehr bei den Malergehülfen auf den Bauten findet. Man rügte ferner, daß die Lehrlinge gerade im ersten Lehrjahre sehr viel zu Bleiweiß-Anstrichcn verwendet werden, wodurch ihrem Körper das Gift schon in frühester Jugend zugeführt wird. Nach Verlesung der Petition an den Bundesrat fand dieselbe von der zahlreich besuchten Versammlung einstimmige Annahme. Im Punkt Verschiedenes wurden die Vorkommnisse in der Jnnungs- sitzung vom 17. Oktober vom Gehülfenausschuß der Versammlung unterbreitet. In derselben wurde der Gehülfenausschuß von den Meistern mit den schönsten Schimpfwörtern bedacht, weil die Gehülfen über den Besuch der obligatorischen Fortbildungsschule durch die Lehrlinge andere Ansichten als die Meister hatten. Nach längerer Debatte nahm die Versammlung eine Protestresolution gegen das Verhalten der Meister an. Der Schmargendorfer Wahlvercin nahm in seiner laut Statut fälligen Generalversammlung den Bericht des Vorstandes und des Kassierers vom letzten Quartal entgegen. Wie der erste Vor- sitzende mitteilt, wurden im letzten Quartal fünf Mitglieder- und eine Volksversammlung abgehalten. Am Schlüsse des Jahres gehören dem Verein 56 Mitglieder aus folgenden Berufen an: Buchdrucker 5, Maurer 12, Tischler 3, Arbeiter 19, Bildhauer 1, Bankbeamter 1, Restaurateure 3, Schlosser 5, Klempner 1, Schuh- machermeister 1 und Maler 1. Hierauf gab Reck den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen im letzten Quartal 97,43 M., die Aus- gaben 114,77 M. An den Zentralvorstand abgeliefert wurden 64,95 M. Bei der Neuwahl der Gesamtverwaltung des Vereins wurden wiedergewählt G u t t b i e r als erster und Karl Schmidt als zweiter Vorsitzender. Neugewählt wurden Rogatt als Kassierer, La uke als Schriftführer, Kaminsky als Beisitzer und Bibliothekar. Zu Lokal- Kommissionsmitglieder wurden Lärm und Reck, zu Revisoren R e i n k e und W i I k e, zu Bezirksführern Rothe, Götsch, Seifferdt, Thomas, August Schulze. August Schmidt und Wille gewählt. Unter Verschiedenem wurde der Genosse Werder als neues Mitglied in den Verein aufgenommen. Steglitz. Die Novembervcrsammlung des Sozialdemokratischen Wahlvereins brachte den Mitgliedern einen Vortrag über Heinrich Heine und seine Dichtungen mit anschließender Rezitation einiger Kinder seiner Muse. Die gut besuchte Versammlung nahm das Ge- botene mit Beifall auf.— Im geschäftlichen � Teil wurden hierauf die Genossen Krause, Tinat und Z u m p e zu Delegierten für die am 13. November in Tempelhof stattfindende Generalvcrsamm- lung des Zentralwahlvereins gewählt und die Tagesordnung der Generalversammlung einer Besprechung unterzogen. Der Antrag des Zentralvorstandes auf feste Anstellung eines Sekretärs mit einem Monatsgehalt von 200 M. wurde besonders eingehend diskutiert und Ivar die Versammlung in ihrer übergroßen Mehrzahl der Meinung, daß ein Anfangsgehalt von 200 M. entschieden zu hoch sei; besser wie die Getvcrkschaften brauche die Partei ihre Beamten auch nicht zu entlohnen und dort sei ein A n f a n g s gehalt von 165 M. allgemein üblich. Es wäre selbstverständlich, daß späte? Zulage gefordert würde und wir kämen dann zu Einkommen für unsere Angestellten, wie sie selbst von bestgestellten qualifizierten Arbeitern nie erreicht würden. Eine derartige Verwendung von Parteigeldern sei nicht gut zu heißen. Auch gegen die vom Vor» stände vorgeschlagene Person machten sich Bedenken geltend; es wurde gewünscht, diesen Posten mit einem auch rednerisch befähigten, jüngeren Genossen zu besetzen, um die Geldausgabe auch agitatorisch auszunutzen, und die Stelle öffentlich auszuschreiben. Ebenso fand der Antrag Königswusterhausen: statutarisch festzulegen, daß nur gclverkschaftlich organisierte Arbeiter in die politische Organisation aufgenommen Iverden sollen, sehr geteilte Aufnahme.� Den Delegierten wurde strengste Prüfung der Gründe der Antragsteller zur Pfticht gemacht._ Vermischtes. ., Rettung Schiffbrüchiger. Die Rettungsstation Barhöst der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphiert: Am 6. November wurden von der unweit von hier gestrandeten deutschen G a l e a s s e„Maria", Kapitän Berg, mit Kleie von Ncumühlcn nach�Anklam bestimmt, drei Personen durch das Rettungsboot der Station gerettet. In der Gasanstalt zu Flensburg entstand Sonntag abend infolge Undichtigkeit eines Gasrohres eine heftige Kesselexplosion. Der Kesselschuppen wurde zerstört. Der Gasinspekkor und der Kessel- Wärter wurden am Oberkörper und den Armen schwer verletzt, mehrere Arbeiter erlitten leichte Verletzungen. Das Feuer, welches infolge der Explosion ausgebrochen war, wurde durch die Fabrik» fcuerwehr der Flensburger Schiffswerft gelöscht. Grausamkeiten der Kriegsberichterstattung. Randglossen eines Zeitungslesers zum ostasiatiscken Krieg liefert Eduard Engel in der„Magdeburger Zeitung". Wie schon während des Boerenkrieges führt Engel auch diesmal eine Liste über die von den Zeitungs- telegrammen(meist englischen Ursprungs) hingemordeten und ver- Mundeten Soldaten der feindlichen Armeen. Grausameres, schreibt er, gibt es auf Erden nicht, als einen Kriegsberichterstatter, er reite über ein wirkliches Schlachtfeld, oder er sitze auf dem behaglichen Redaktionsstuhl in der friedlichen Heimat. Zahlen mit nur zwei Nullen erscheinen ihm unter der Würde der modernen Presse, und da ihm die Tötung von 5000 Mann, die Wegschaffung von 10 000 Gefangenen, die Unterbringung und Verpflegung von 30 000 Ver- Mündeten nicht mehr kostet, als wenn es sich nur um den zehnten Teil oder den hundertsten all jener Opfer des Krieges handelt, und. da der Leser durch eigenes Gelüsten wie durch seine lange Zeitungs- crzichung die langen runden Zahlen gleichfalls den verächtlichen kleinen vorzieht, so wird von den friedfertigen Redakteuren in London kartätscht, in die Luft gesprengt, durch Melinit in Atome ver- wandelt, verstümmelt, verwundet und gefangen, was man nur irgend dem abgestumpften Leser bieten zu dürfen glaubt. Nach meiner doppelten Buchführung sind auf russischer Seite nach englischen Zeitungswelegramm bis jetzt getötet und verwundet 4 397 700 Mann, auf japanischer Seite, diesmal allerdings nach Telegrammen aus Petersburg, 5 728 800 Mann. Es sind noch ein paar mehr auf beiden Seiten, ich runde aber ab. Japanische Schiffe sind nach Mel» düngen aus Petersburg gänzlich vernichtet oder unheilbar beschädigt worden 732; von den Japanern sind nach englischen Meldungen 843 russische Schiffe in den Grund gebohrt, in die Luft gesprengt oder sonst kampfunfähig gemacht worden. Sämtliche Kriegsschiffe, denn auf die Handelsschiffe habe ich bei meiner Buchführung nicht geachtet. Mnrktprciic vo» Berlin am 5. November. Nach Ermittelungen de» kgl. Polizci-PräsidiumS. Für 1 Doppel-Zentner: Welzen*»), gute Sorte 17,60—17,58 M.. mittel 17,56-17,54 M., geringe 17,52-17,50 M. Roggen'»), gute Sorte 13,95—13,33 M.. mittel 13,91—13,89 M., geringe 13,87-13,85 M. Futtergerfte»), gute Sorte 15,70-14,50 M.. mittel 14.40 bis 13,20 M., geringe 13,10— 12,00 M. Hafer»), gute Sorte 16,40-15,60 M.. mittel 15,50—14,70 M., geringe 14.60—13,80 M. Erbsen, gelbe, zum Kochen 40,00—30,00 M. Speisebohncn, Meitze 50,00—30,00 M. Linsen 60,00—30,00 M. Kartoffeln 9,00—7,00 M. Richtstroh 5,00-4,50 M. Heu 8,90-7,40 M. Für ein Kilogramm Butter 2,80—2,00 M. Eier per Schock 4,50—3,00 M. ') Frei Wagen und ab Bahn.*») Ab Bahn. eingegangene Druchrcbriften. Von der„Neuen Zeit«(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben da» 6. Hest des 23. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des Heftes heben mir hervor: Nationale Ehre und Verwandtes.— Marx' Theorie der Wirtschasts, kriscn. Von Otto Bauer-Wien.(Schluß.)— Sozialresormer- Kongresse. Von Paul Hirsch.— Der Abolittonismus. Von Hans Block.— Die Dresdener Städte-Ausstellung. Von Adolf Braun.— Litterarischc Rundschau: Elisabeth Gotheiner. Studien über die Wuppertal«: Textilindustrie und ihre Arbeiter in den letzten 20 Jahren. Von ad. br. Die„Neue Zeit» erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buchhandlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 25 Psg. Probenummern stehen jederzeit zur Verfügung. Porträts August Bebels und Friedrich Naumanns. Photo. gravüren aus China in Kabinettformat a 1 M.(München, Verlagsanstalt Äruckmann.) Der Städtebau. Monatsschrift sür die künstlerische Ausgestaltung der Städte. Preis jährlich 20 M. Verlag von Ernst Wasmuth, Berlin IV., Markgrasensw. 35. Hest 11, November. Secmanns-Kalender für 4993. Herausgegeben vom Seemanns- Verbände in Deutschland. Bearbeitet von Paul Müller. 5. Jahrgang. Preis 50 Ps. Verlag:„Der Seemann", Hamburg, Hafcnstr. 116. Hans Deutsch. Qualifizierte Arbeit und Kapitalismus. 102 Seiten Verlag: C. W. Stern, Buchhandlung L. Rosner, Wien. Dr. Heinrich Fenrstein. Lohn und Haushalt der Uhrensabrikarbeiter des badischcn Schwarzwaldes. 208 Seiten. Verlag der G. Braunschen Hos» buchdruckerei, Karlsruhe._ v 1 Briefharten der Redahtion. Juristischer Ceti. st'r'st'fchc Sprechstunde findet täglich mit AuSiiahuie de» Sonnabend» von TV« bis 9 Vi Uhr abends statt. iNeofsnet: 7 Uhr. K P- K. 8. Kleben Sie nach.— St. Eine Berufung hätte Aussicht aus Erfolg; sie mutz aber durch einen Anwalt vertreten werden.— X. 11. Ja. Astrovien. 1. Der von Ihnen beabsichtigte Weg ist ungangbar. Sie können die Erbschaft ausschlagen oder sie mit Vorbehalt des Inventars an« treten. 2. Nein.— W. X. W. Leider nicht.— X. 931. R. Ja. — O. I., Köpenick. Eine Klage hätte keine Aussicht aus Erfolg.— Pavel. 1. Ohne Einsicht in die Kassenstatuten Ihnen mitzuteilen, welche Rechte Ihnen nach diesen Statuten zustehen, ist unmöglich. 2. Selbst- verständlich.— B. Restaurant. ad 30 Mark, Wtenerstraße 37, _279Ib Wringmaschine«, Zinkwaschsässer, Zober, Sitzwannen, beste Ware. Teil- zahlung gestattet. Postlarte. Kotiloff, Skalitzerstraße 108. 583* Nähmaschinen, Ringschiff, Lang billigst. Krieg, 21936* schiff, gebraucht, Skalitzerstraße l36. Frankfurter Allee 10 und Alt. Boxhageu 4, Ecke Neue Bahnhosstraße Nähmaschinen sämtlicher Systeme ohne Anzahlung, Woche 1,00. Gebrauchte spottbillig. 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Achtung k Achtung» Srsuerei- Arbeiter I Unter Hinweis aus die Mitteilung der AgitalionSkommission im.Porw." vom Sonntag, den 16. Oktober er.. unter.Giwerkschastl.* testen wir mit: »erliner Soehdrauere! l (Tempelhvser Berg). SerllnerSoettrauereiN (Chausseeftraße). Uvnehener Brauhaus (JoHanntSftraße) sind für Blee(Brauer) gesperrt. 42/2» Die AgrtttionskonimissiAD.