Nr. 50. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährt. 3,30 Mt., monatl. 1,10 m., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntagsnummer mit illustrierter SonntagsBeilage„ Die Neue Welt" 10 Pfg. Bost. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- ZeitungsPreisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 22. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonelgeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Bereinsund Bersammlungs- Anzeigen 25 Big. ,, Kleine Anzeigen", das erste( settgedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Morte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 1hr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 1hr vormittags geöffnet. Telegramm- Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Der Kampf der italienischen Eisenbahner. Dienstag, den 28. Februar 1905. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Mr. 1984. wird aber keine weitgehenden Folgen auf den Ausstand haben, da So urteilt ein„ demokratische s" Blatt, ein Organ, gerade die maßgebenden Angestellten, die Maschinisten, zum großen Teil nicht mehr reservedienstpflichtig sind. Die Revolution in Rußland. das gelegentlich im reaktionellen Teil auch für die Interessen des Proletariats eintritt, freilich nur, um dadurch dem MosseNun rechnet freilich die Regierung auf das Eisenbahnerbataillon. schen Inseratenteil mit seinen Streifbrecher- Inseraten unter Wie wir bereits in unserer Sonntagsnummer meldeten, aber alle Sachverständigen sagen, daß von ihm nichts zu erwarten dem Publikum möglichst zahlreiche Leser zu verschaffen! An ist von dem Komitee der Eisenbahner die Obstruktion be- ist, da die Soldaten gar keine praktischen Kenntnisse vom Bahn- dieser schäbigen Haltung ändert es auch gar nichts, daß die schlossen worden. Diese Obstruktion besteht darin, daß durch dienst haben. italienischen Eisenbahner angeblich eine unheilvolle Komödie eine wörtlich genaue Beobachtung der dienstlichen Vorschriften Das Streckenpersonal wird seine Gefährten nicht im Stich laffen. spielten und sie ehrlicherweise" direkt in den Streik treten der Betrieb lahmgelegt wird. Die Eisenbahner beobachten bei So kann man dem schweren Kampf mit Hoffnung entgegensehen. follten. Das Komitee hat unzweifelhaft seine triftigen der Ein- und Abfahrt mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit Günstig ist der Moment nicht am Monatsende, bei einer im Gründe dafür, daß es gerade zu diesem Mittel der alle vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln. Sie befolgen auch Monatsgehalt stehenden Arbeiterklasse; aber die Arbeiter haben ihn Rahmlegung des Betriebes gegriffen hat, von der es sich jedenbei der Reinigung der Maschinen und der Coupés die denkbar nicht gewählt, nicht wählen können. Die Regierung hat diese Lösung falls für den Augenblick den größeren praf. größte Sorgfältigkeit. Wenn dadurch der Betrieb außer- gewollt und trägt die Verantwortung für sie. tischen Erfolg verspricht. Als Komödie kann dieser Kampf ordentlich erschwert wird, wenn die fahrplanmäßigen Züge In Regierungskreisen ist man besorgter, als man glauben machen eben nur von den offenen oder versteckten Gegnern der entweder ganz ausfallen oder mit mehreren Stunden Ver- will. Man sagt, Giolitti reise nach Sizilien, um sich von seiner In Arbeiter aufgefaßt werden! spätung abgehen, so ist das gerade die Absicht der Ob- fluenza zu erholen. Er wird es aber wohl bleiben lassen und in struktion. Nach den vorliegenden Meldungen hat diese Rom den Lauf der Dinge abwarten. Seit gestern hat man den Obstruktion bereits zu einer ganz bedeutenden Lahmlegung Telephonverkehr mit Oberitalien eingestellt, vorgestern auch den des Eisenbahnverkehrs geführt. Ein Privattelegramm aus Avanti" wegen eines Artikels über die Eisenbahner beschlagnahmt. Rom meldet uns: Die telegraphische Zensur ist schon heute sehr streng, selbst Briefe der Eisenbahner vom Komitee und der Kontrollkommission gehen verloren. Dabei find die tollsten Gerüchte im Umlauf; so hieß es z. B. Heute in Montecitorio, daß in Neapel bereits gestreift werde; aus Reggio di Calabria telephonieren die Eisenbahner an den Avanti", ob es wahr sei, daß ganz Oberitalien im Ausstand steht. Nur die bürgerliche Presse tut als merkte sie nichts. Und sie weiß Rom, 27. Februar. Infolge der Obstruktion des Eisenbahn- wohl, warum. personals mußte die Abfahrt vieler Züge nach Wenn nämlich morgen der Streit proflamiert wird, dann wird Neapel, Pisa, Civitavecchia, Frascati ein sie ausrufen wie der Zar: warum denn, es war doch alles ruhig und gestellt werden. Die Gleise des hiesigen Bahnhofes find zufrieden?" Man will das Publikum irreführen und gegen die überfüllt; die ankommenden Züge müssen an der kleinen Halte- Streifenden einnehmen. Es soll nicht sehen, daß der Streit eine stelle Trearchi, zwei Kilometer vor Rom lange anhalten. Die logische Notwendigkeit für die Eisenbahner ist, sondern ihn für einen meisten Reisenden ziehen es vor, die Strede bis Rom zu Fuß Aft des Leichtfinns und lebermuts halten. Aber die Eisenbahner, zurückzulegen. Die Wartesäle des Bahnhofes glichen gestern denen ein Grundrecht der Arbeiter genommen werden soll, werden Die Obstruktion der Eisenbahner, die in ganz Italien durch geführt ist, ergibt unerwartete Resultate. In Rom sind gestern allein 23 3üge ausgefallen. Die übrigen erlitten eine Verspätung bis zu drei Stunden. Die Stimmung der Eisenbahner ist eine vorzügliche. Ein Zwischenfall ist bis jetzt noch nicht eingetreten." Ein anderes Telegramm lautet: abend Biwaks. Rom, den 23. Februar.( Eig. Ber.) Wenn diese Zeilen in Druck gehen, ist die Entscheidung bereits gefallen. Morgen tritt das Komitee der 45, die sogenannte Konflituante der Eisenbahner, zusammen und wird entscheiden über Frieden und Krieg. Wer die heutigen und gestrigen Zeitungen durchsieht, der muß den Eindruck gewinnen, daß nichts Außerordentliches im Anzuge ist und Italien in einer ruhigen und normalen Periode steht. Und doch muß jedem Menschen, der Augen hat zu sehen, der Streit schon heute als unvermeidlich erscheinen. Warum diese trügerische Ruhe? Ift fie Sorglosigkeit oder bewußte Täuschung? " " * Ein Petersburger Telegramm besagt: Die aus der Provinz eingehenden Nachrichten lauten sehr ernst. Georgien hat tatsächlich seine Unabhängigkeit erklärt. In Armenien find die Unruhen allgemein. In Kleinrußland umfaßt der Ausstand bereits 200 000 Arbeiter. Die Verbindungen mit dem Südosten sind abgebrochen. In Transbaikalien verursacht der Eisen bahnerausstand enormen Schaden. Man befürchtet, daß die Telegraphenlinien von den Ausständigen zerstört werden. Kiew und Warschau sind isoliert. Von allen Seiten laufen in Petersburg Telegramme ein, in denen um Instruktionen gebeten wird. Die Antwort lautet einförmig, man folle sich aufs beste helfen. Ueber den Ausstand der Eisenbahner liegen folgende Telegramme vor: Tinie 3'obz ist beendet. Man befürchtet, daß die Bantbeamten Lodz, 27. Februar. Der Aus stand auf der Eisenbahn. linie Lodz ist beendet. Man befürchtet, daß die Bankbeamten in den Ausstand treten. Breslau meldet, infolge des Ausstandes der ruffischen EisenDie deutsche Postverwaltung hat sich, wie ein Telegramm aus bahner veranlaßt gesehen, den Austausch von Postgegenständen via Sosnovice und Alexandrowo gänzlich einzustellen. Sämtliche Sendungen nach Polen und dem übrigen Rußland werden der Schles. Voltsztg." zufolge über Eybtkuhnen geleitet, was für viele Sendungen einen ungeheuren Umweg bedeutet. Es gewinnt übrigens den Anschein, als sei der Eisenbahnerstreit auf den russischen Bahnen schon im Erlöschen. Nach einem Telegramm aus Rattowiz ist dagegen der nowice seit heute soivohl für die Warschau- Wiener Bahn als für die Personen und Frachtenverkehr nach und von Rußland über SosWeichselbahn in vollem Umfange wieder aufgenommen worden. Da die zollfreie Einfuhr von Kohle nach Rußland noch einige Tage gestattet ist, nimmt der oberschlesische Kohlenversand nach Rußland einen sofortigen Aufschwung. Warschau, 26. Februar. Der Verkehr auf der Warschauwiener Bahn ist um Mitternacht wieder aufgenommen worden. Man erwartet, daß in nächster Zeit der regelmäßige Betrieb wiederhergestellt sein wird. genommen worden. Man hofft, daß am Montag in allen Fabriken In einigen Metallfabriken ist gestern die Arbeit wieder auf wieder gearbeitet werden wird. Der Straßenbahnverkehr ist eingestellt worden. Bjelostok, 25. Februar. Auf den Werkstätten der Südwest. bahnen in Starosjely find 800 Arbeiter ausständig. Dieselben verlangen den Achtstundentag. Bachmut( Gouvernement Jekaterinoslaw), 25. Februar. Der Ausstand dauert in der ganzen Gegend am Donesflusse * dem Publikum zu wissen tun, warum sie streiten mußten, und auf Die Obstruktion, auf die man sich einstweilen beschränken weiſen Seite die schwere Verantwortung liegt für den allgemeinen will, hat bekanntlich ihre Ursache in der Bestimmung Ausstand der italienischen Eisenbahner. der Eisenbahnborlage, die den Eisenbahnbeamten das Recht des Streiks nicht zustehen will. Daß der Abwehrkampf der italienischen Eisenbahner für Eine teilweise oder vollständige Einstellung des Dienstes soll die Passagiere von sehr unangenehmen Folgen ist, liegt auf der danach mit Gefängnis von 1 bis 6 Monaten bestraft werden. Hand. Es ist aber nun einmal die Eigentümlichkeit eines Wenn der Zweck der Betriebsstörung erreicht ist, soll die Strafe Streits, daß durch ihn auch Unbeteiligte in Mitleidenschaft auf 6 bis 12 Monate erhöht werden. Die Häupter, gezogen werden. Auch infolge des Bergarbeiterstreits im Ruhr. Führer und Leiter sollen zudem entlassen werden und revier sahen sich ja eine Anzahl von Betriebe der Eisenbranche alle ihre Rechte, auch das der Pension und Unterſtügung, genötigt, ihre Werte wegen Kohlenmangels still zu legen, so verlieren. Aber auch die übrigen Angestellten, welche an der daß auch eine Anzahl von anderen Arbeitern dadurch arbeitslos Vereinbarung teilgenommen oder eine der unter Strafe ge- geworden war. Bei einem Eisenbahnerstreik leiden nicht nur stellten Handlung begangen haben, sollen unter Verlust aller die Unternehmer infolge Zähmens des Warentransportes, Rechte entlassen werden können, zum mindesten aber sollen sie sondern auch die Passagiere, unter denen sich ja auch Arbeiter durch Lohnabzüge und eine Hinausschiebung der Lohn- befinden, für die die Verzögerung einer Beförderung sehr erhöhungstermine, resp. durch disziplinarische Versetzungen unangenehm sein kann. Aber der Streit ist nun einmal ein bestraft werden können. Um die Regierung zur Zurüdnahme Sampfmittel, dessen Schärfe nicht lediglich die Unternehmer dieses Anti- Streifgefeßes zu bewegen, haben die Eisenbahner resp. die die Unternehmer repräsentierende Regierung trifft. zur Obstruktion gegriffen, der event. noch der Generalausstand Da, wie die obige römische Korrespondenz darlegt, die Eisenfolgen soll. Die Lage vor Ausbruch des Streiks wird uns bahner alle Veranlassung hatten, noch einen letzten Kampf von unserem römischen Mitarbeiter folgendermaßen geschildert: um ihr Recht zu wagen, werden sich auch die einfichtigen Arbeiter Vor der Entscheidung. durch die sie treffenden Unannehmlichkeiten nicht zu einer Verurteilung des Kampfes der Eisenbahner hinreißen lassen. Die bürgerliche Berichterstattung allerdings stellt es so dar, als ob die ganze öffentliche Meinung durch diese Unannehmlichkeiten fort. gegen die Eisenbahner in Empörung versetzt worden sei. So schildert namentlich ein Berichterstatter des Berliner Der Eisenbahner Ausstand in Rußland ist einem Tageblattes", das ja schon in seinem Leitartikel amtlichen Telegramm zufolge beigelegt. Die tönigliche Eisenbahnden Eisenbahnern das Recht des Streiks prinzipiell abspricht, die Direktion Berlin erläßt daher folgende Bekanntmachung: Erbitterung des Publikums in offenbar tendenziös über- Nachdem der Gesamtverkehr nach der Warschau Wiener Bahn triebener Weise. 500 arme Tagelöhner, die in Rom auf einem und den Weichselbahnen über Sosnowice wieder auf Buge nach Ancona gewartet hätten und nicht fahren konnten, genommen worden, darf die Renaufgabe von Gütern nach hätten sich auf die Eisenbahner stürzen wollen. Auch an berdort wieder erfolgen. Angehaltene Güter werden weiter Man hat so viel geschrieben über die Forderungen der Eisen- schiedenen anderen Bunkten Nord- und Mittelitaliens bätten gefandt, falls die Versender nicht anderweit verfügt haben. bahner. Wie fommt es, daß man heute sich nicht mehr darauf die Passagiere den Eisenbahnern mit Gewalt Räson befinnt? Sie fordern und zwar schon seit einiger Zeit, beinahe beigebracht" und sie gezwungen, die Fahrt zu befeit 20 Jahren Gehaltsaufbefferungen, besonders für die unteren schleunigen. Andererseits wird erzählt, daß die EisenbahnStategorien. Diese Forderungen hat nun die Regierung in dem vor Beamten ihre Obstruktion mit geradezu diebischem Behagen gestern vorgelegten Gesetzentwurf nur unvollkommen berücksichtigt. inszenierten, daß sie sich über die Not der Passagiere luftig Schon allein die Bugeständnisse auf dem Gebiet der Gehaltsfrage machten und unter sich vergnügte Gruppen bildeten, in denen find wenig angetan, zum Frieden zu stimmen. Run tommt aber, getichert und gelacht werde. Das täten sie aber nur, erzählt als eine tollfühne Provokation der Regierung, noch das Streifverbot der Berichterstatter dann weiter, wenn sie sich unbeobachtet hinzu, ein unnüßes Verbot, da die organisierte Maffe, wenn sie glaubten, sonst trügen sie den tiefsten Ernst einig ist, mit oder ohne Verbot streiken kann, ohne daß die Regierung zur Schau und gingen anscheinend ganz in Erfüllung ihres einem ganzen Heer von Streifenden gegenüber mit Strafen und Dienstes auf. Diese Schilderungen beabsichtigen offensichtlich, und damit den Streifenden die Erekutive durch Maßregelungen etwas auszurichten vermöchte. Praktisch wertlos, die Streifenden ins Unrecht zu setzen und Stimmung gegen Pulver und Blei angedroht, allein es ist mehr als ist so das Streifverbot nur eine Verhöhnung der Arbeiter, sie zu machen. Ist es doch ganz unwahrscheinlich, daß die fraglich, ob sie im Ernstfalle wagen würde, ihren zahllosen eine Aufwiegelung zum Streit. Die Eisenbahner haben im November Streifenden, die ganz genau wissen, was für sie bei diesem Bestialitäten solche neuen Bluttaten hinzuzufügen, auf ihrem Kongreß in Rom erklärt, daß sie auf die Einbringung ihnen aufgenötigten Kampfe auf dem Spiel steht, sich in so eines Entwurfes gegen das Streifrecht mit dem allgemeinen Aus- heiterer Stimmung und schadenfroher Laune befinden sollten! stand antworten würden. Der Entwurf ist eingebracht: die gebührende Das liberale" Blatt sollte doch bedenken, daß die Arbeiter Antwort dürfte nicht ausbleiben. um die Aufrechterhaltung eines der elementarsten Rechte des Von etwas über 80 000 Eisenbahnern find 65 000 organisiert. modernen Proletariats kämpfen und daß es lächerlich ist, unDas alte verbrecherische Mittel des Zarismus, den VolksMan kann annehmen, daß die Drder zum Streit von allen liebsame Begleiterscheinungen des ihnen aufgezwungenen Organisierten befolgt wird und die Regierung dann die noch Kampfes den Arbeitern selbst zur Last zu legen. Die Mossesche Born durch infame Verhebung der Massen von der Regierung referbedienstpflichtigen unter den Eisenbahnern zu den Waffen Volkszeitung", das Organ für Streifbrecher- Annoncen, auf die Juden abzuwenden, scheint in Feodosia wieder zur ruft, d. H. unter Militärrecht ſtellt. Diese Maßregel dürfte etwa bersteigt sich allerdings noch zu einer gröblicheren Verun- Anwendung gelangt zu sein: Feodoffia, 27. Februar. Der Ausstand wurde hier vo 28 000 Eisenbahnangestellte betreffen, die dadurch dem Streit ver- glimpfung der Eisenbahner. Sie erzählt allerhand Geschichten jüdischen Arbeitern begonnen. Als der Direktor der Arbeiter erLoren find. Es liegt auf der Hand, daß der militarisierte Eisen- über die brutale Selbsthülfe des Publikums sien, wurde er von den Arbeitern umringt, welche gegen bahner nicht streiten kann, ohne die schwersten militärischen Strafen und fügt hinzu: die Regierung gerichtete Proklamationen verteilten. Acht= auf sich zu laden. Die Organisation entbindet also im Falle der Man kann es den Reisenden wirklich nicht verübeln, zehn Personen wurden verhaftet. Die Menge zog Militarisierung alle zu den Waffen Berufenen ihrer Streitpflicht. Das wenn sie für solche Schikanen prompt Lynchjustiz üben." dann durch die Straßen und zwang die Arbeiter mehrerer " Es bleibt abzuwarten, ob diese beruhigenden Meldungen den Tatsachen entsprechen. Da es sich auch bei dem Eisenbahnerstreit wie bei der ganzen Ausstandsbewegung in Rußland feineswegs in erster Linie um rein wirtschaftliche Forderungen handelt, sondern um politische Streiks, so kann auch der Eisenbahnerausstand in jedem Augenblick an allen Orten wieder mit erneuter Seftigkeit ausbrechen. Die Regierung hat zwar die Angestellten aller russischen Eisenbahnen, mit Ausnahme der im mittleren Asien, unter das Kriegsgefek gestellt Die Ereignisse haben ja bewiesen, wie im ganzen Lande die Blutsaat des 22. Januar und der folgenden Schreckenstage furchtbare Ernte reift! Die Juden als Blizableiter. Fabriken, die Arbeit einzustellen. Israelitische Redner riefen: Nieder mit dem Kaiser I Mag es so sein wie im Auslände, dann sind wir gleichgestellt. Die Menge teilte sich nun, ein Teil zog zum Denkmal Alexander III. Später wurden die Arbeiter von der Polizei zerstreut. Von ernstlichen Ruhestörungen kann jedoch nicht gesprochen werden. Es kam zu unbedeutenden Reibereien, als Christen die Juden schlugen mit den Worten, es gebe in Rußland noch Leute, welche den Kaiser verteidigen werden. Ein Israelit wurde getötet. Bei seinem Begräbnisse kam es wieder zu Reibereien. Der Polizeichef erhielt anonyme Briefe, in denen ihm mit dem Tode gedroht wird. Nach den Berichten von Moskauer Blättern ging es viel schlimmer zu. Danach brach in Feodossia ein Arbeiterstreik ans. der mit einer großen Demonstration vor dem Stadtamt begann. Plötzlich ertönte in der Menge der Ruf„Haut die Juden!", worauf das Volk sich durch die Stadt zerstreute und eine furchtbare Jndenhctze begann. Bis Truppen zur Herstellung der Ordnnng erschienen, gab es an fünfzig Tote und Verwundete. In der Stadt herrscht nicht allein unter der jüdischen, sondern auch unter der christlichen Bevölkerung eine furchtbare Panik. Die Besitzenden verlassen die Stadt. Gorki in Lebensgefahr? Einem Berliner Blatte wird aus Petersburg telegraphisch gemeldet: Von vertrauenswürdiger Seite erfahre ich, daß die Erwägungen. die wegen einer Freilassung Gorkis schweben, von folgenden charakteristischen Motiven diktiert sind: Die Haft hat den G e- sundheitszustand Gorkis wiederum in schlimmster Weise erschüttert. Innerhalb der Regierung gibt es Personen, die mit dem Tode Gorkis während der Haft rechnen, und die den schlimmen Eindruck vermeiden wollen, daß Gorki im Gefängnis stirbt. Man rechnet auch mit der Möglich- keit bedrohlicher Demonstrationen bei der Beerdigung unter diesen Umständen. Trepow hingegen war gegen die Frei- lassung, und ihm scheinen neue Demonstrationen nicht un- erwünscht, um der Bevölkerung wiederum eine blutige Lektion er- teilen zu können. Eine Verfassung? Petersburg, 27. Februar.(W. T. B.) Landwirtschaftsminister Jermolow überreichte am 24. d. M. dem Kaiser eine auf dessen Befehl ausgearbeitete Denkschrift über die gesamte innerpolitische Lage Rußlands und die zur Herbeiführung normaler Verhältnisse erforderlichen Maß- nahmen. Ter Minister gelangt darin zu dem Schluß, daß normale Verhältnisse und eine Beruhigung der Gemüter nur noch durch Einführung einer Konstitution und Berufung einer Versammlung von Volksvertretern z» erhoffen seien. Ter Kaiser beriet die Denkschrift eingehend mit dem Minister und beauftragte ihn, ein entsprechendes Reskript an den Minister des Innern, bezw. ein Manifest zu entwerfen. Am 25. d. M. * abends fand bei dem Minister Jermolow eine vertrauliche Be- ratung der zuständigen Persönlichkeiten behufs Ausführung der kaiserlichen Willensäußerung statt. poUtilcbe CTeberficbt. Berlin, den 27. Februar. Ter Jahresbericht des Kapitalismus. Wenn unsere Parteigenossen im Reichstage am Militär-, am Marinewesen oder der Justizpflege Kritik üben, so richten sich ihre Angriffe gegen besondere Einzelerscheinungen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Bei der Debatte über das Reichsamt des Innern, die am Montag im Reichstage begann, trifft der Stoß der Kritik die kapitalistische Gesellschaft mitten ins Herz. Zuvor erledigte man noch den großen Rest des Marineetats in knapp einer Stunde nahezu debattelos. Tie Tom- Einweihungsfeier hatte die Mitglieder der Mehr- heitsparteien augenscheinlich in die rechte Stimmung versetzt, Mordwerkzeuge ohne Zähl zu bewilligen. Tie sozialpolitische Generaldebatte Pflegte seit Jahren Herrn Trimborn vom Zentrum mit einer größeren Programm- rede zu eröffnen. Heute vertrat ihn Herr Erzberger, der vom Zentrum Generalvollmacht für sämtliche Etats er- halten zu haben scheint. Er trat für Ausdehnung der Arbeiter- Schutzbestimmungen in der Glas-, Ziegel- und Tabakindustrie sowie im Straßenbahn-Betriebe ein. Aber den Hauptteil seiner Rede widmete er der Bekämpfung des Hausierhandels, den er am liebsten ganz unterdrückt sähe, und dem Nachweis, daß das Zentrum in der Ausgestaltung der Sonntagsruhe die Priorität vor unserer Fraktion hätte. Vergeblich wird man in seiner Rede irgend welche allgemeinen Gesichtspunkte über den Ausbau der Sozialreform suchen, vergeblich auch eine Stellung zu den zahlreichen von uns vorgelegten Resolutionen. die das Koalitionsrecht der Arbeiter sichern und ihr Leben und ihre Gesundheit schützen wollen. Ilm so tiefer drang die Kritik unseres Genossen Wurm an der ganzen gegenwärtigen Sozialpolitik. Zunächst wies er gegenüber dem anmaßlichen Auftreten des Zentrumsredners diesem die alten Sünden seiner Partei nach, die es im Jahre !189(1 mit Hülfe der Stumm und Möller zuwege gebracht hatte, daß das Gesetz über die Sonntagsruhe ein Torso blieb. Weiter protestierte unser Redner gegen die gleichgültige Behandlung der eingebrachten Resolutionen durch die Zentrumspartei. So- dann knüpfte Wurm in seinen umfassenden und durch großes Tatsachenmaterial begründeten Darlegungen an die jüngsten und früheren Aeußerungen des Staatssekretärs Grafen Posadowsky an, daß die Industriearbeiter in wachsendem Maße heeruntüchtig würden, degenerierten. Die Tatsache ist unbestreitbar: sie ist aber verursacht durch die niedrigen Löhne und die lange Arbeitszeit, das Wohnungselend, und im Zu- sanunenhange mit all dem durch die Unterdrückung der Arbeiter-Qrganisationen. Wie schwer die Folgen einer solchen Wirtschaftsordnung die Arbeiter treffen, zeigt neben der Ab- nähme der Widerstandskraft gegen Krankheiten die alljährliche Zunahme der Unfälle, die alljährlich steigende Zahl der weib- lichen und jugendlichen Arbeiter, die in der Industrie be- fchäftigt werden, während zugleich das Elend der Arbeits- losigkeit schwer auf den erwachsenen männlichen Arbeitern lastet. Wenn trotzdem Graf Posadowsky schon jetzt von der wahnsinnigen Hast der sozialpolitischen Gesetzgebung spricht und in der Auswucherung der Arbeiter durch die Brotzölle Gegengewichte verlangt, so gesteht er damit, daß die bürgerliche Gesellschaft nicht imstande ist, der Verelendungstendenz für die breiten Arbeitermassen auch nur halbwegs entgegenzuwirken. Das wäre erst möglich, wenn die Forderungen unserer Partei, die sie auch dies Jahr wieder in Anträgen formuliert hat. verwirklicht würden: gesetzliche Festlegung des Achtstunden- tages, Ausdehnung der Sonntagsruhe, Schutz der Heim-, der Bau-, der Bergarbeiter, sanitäre Vorkehrungen gegen die Ver- gistungsgefahr in vielen Industrien, Errichtung eines Reichs- Arbeitsamtes, Ausbau der Gewerbe-Jnspektionen— hierauf ging unser Redner besonders ausführlich ein— und vor allem Sicherung der Koalitionsfreiheit. Am IieMtag Byti) die Debatte fortgesetzt. Preußisches Abgeordnetenhaus. Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Montag die Beratung des Kapitels„Elementar-Unterrichts- Wesen" vom Kultusetat fort. Zunächst lehnte das Haus einen Antrag Ernst(fr. Vg.), der für die Seminare eine zweite Oberlehranstalt und für die Seminarlehrer die llniversitäts- bildung forderte, ab. Nachdem die Vertreter der konservativ- klerikalen Mehrheit sich sodann noch eine Zeitlang in Lob- liedern auf die geistliche Schulaufsicht ergangen hatten durch die die Volksschulen erst das werden, was sie nach Ansicht der herrscheirden Kreise sein sollen, nämlich Pflanzstätten wahrer Gottesfurcht und Vaterlandsliebe, schritt man zur Beratung eines von Vertretern verschiedener Parteien aus den gemischt- sprachigen Landesteilen eingebrachten Antrages, der eine Er- höhung der Ostmarkenzulage für die Lehrer bezweckte. Die Beratung des Antrages, den übrigens die Budgetkommission bereits abgelehnt hat, wurde auf Dienstag vertagt. DeiitfcKes Reieb. Bülow-Gratulantcn. Der Reichskanzler ist in der Lage, die Vortrefflichkeit seiner Handelsverträge endgültig festzustellen und er läßt an der Spitze seines Leibblattes die in Lobeserhebungen über- fließenden Handschreiben und Telegramme mehrerer deutschen Bundes- fürsten zum Abdruck bringen. Der Prinzregent von Bayern, der König von Sachsen, der Großherzog von Baden sind durchaus der Meinung, daß Graf Bülow ein schwieriges Werk glänzend vollbracht hat; jedenfalls teilen die übrigen Bundesfürsten, von denen besondere Gratulationen nicht vermeldet werden, dieselbe Ueverzeugung. Die Aussicht, daß nebenbei auch die privaten Schatullen durch die Preis- steigerung der Lebensmittel bereichert werden, kann die lieber- zeugung, daß die Allgemeinheit durch die agrarischen Bülow-Verträge Nutzen haben werden, natürlich nicht erschüttern. Besonders wertvoll wird dem Reichskanzler das Zeugnis des Sachsenkönigs erscheinen, der in seinem Telegramm sagt:„Dieses für das ganze Deutsche Reich, besonders aber für mein Land hocherfreuliche Ereignis danken wir besonders dem Geschick Euer Exzellenz." Früher haben die sächsischen Regierungsvertretcr ihr Eintreten für die induftriefeindjiche Bülowpo'litik damit entschuldigt, daß Sachsen, wenn es auch als höchstentwickeltes Industrieland von den Kornzöllen wenig profitiere, doch im Interesse Gesamt-Deutschlands seine be- sonderen Interessen zurückstellen müsse. Der König aber vennag die sächsische Selbstansopferung siir Ostelbien nicht zuzugeben, er erkennt in den neuen Verträgen sogar ein gerade für Sachsen„hocherfreu- liches Ereignis". Mau mutz dem jüngst zu Throne gekommenen sächsischen König den Mut der eigenen Meinung zugestehen. Nachdem die überwältigende Mehrheit der sächsischen Bevölkerung durch ihre Ab- stimmung bei der letzten Reichstagswahl die Ueberzeugung von der heillosen Verderblichkeit der jetzigen Zollpolitik gerade für Sachsen bekundet hat. ist es gewiß ein Zeichen der Selbständigkeit, daß der König die uingekehrte Ansicht zum Ausdruck bringt. Die Ansichten über„hocherfteuliche Ereignisse" sind in Sachsen ja auch sonst recht geteilt, man denke beispielsweise an das Wahlunrecht oder an die Aufgabe der llniversitäten, worüber der König sich kürzlich in Leipzig aussprach. Der Sachsenkönig beginnt durch eigenartige Aussprüche aufzufallen. Aber dem Kanzler des Agrariertums können sie behagen. Die Tendenz der Staatsanwälte. Die Verurteilung unseres Genossen Lange von der„L e i p- ziger Volkszeitung" zu neun Monaten Gefängnis wurde, wie wir unsere» vorläufigen Bemerkungen hinzufügen, veranlaßt durch einen Artikel in Nr. 207 vom vorigen Jahre, in dem die Stagnation im Postbetrieb kritisiert wurde. Es hieß da: „Wenn man die innere Verwaltung nach russischem Muster handhabe, verböten sich auch nach außen hin alle Reformen von selbst. Das Briefgeheimnis sei gesetzlich festgelegt, und trotzdem nehme man es damit nicht so genau, wenn es sich um ein sozialistentöterisches Unternehmen handle, wie u. a. auch die Ver- Handlungen im Königsberger Hochverrats- Prozeß gezeigt haben. Weiter wurden kritische Bemerkungen gemacht über die Pensionsberechtigung der Beamten, die erlvorben würde nach zurückgelegter zehnjähriger Dienstzeit. Im Anschluß daran wurde ein Fall mitgeteilt, Ivo angeblich ein Postbeamter in einem Orte bei Orlamiinde nach dreizehnjähriger Dienstzeit wegen Verschuldung ohne Pensionsbewilligung entlasten worden sei. Die Umgehung des Pensionsgesetzes sei aber ein bei der Postverwaltung gebräuch- liches Manöver, denn Beamte, die sich etwas zuschulden hätten kommen lassen, müßten einen Revers unterschreiben, worin sie aus Pensionsberechtigung usw. verzichten. Die Postverwaltung könne die von den Beamten erdicnte Pension zur Erhöhung ihrer Renommier-Ueberschüsse verwenden. Das sei eine„noble" und echt russische Praxis, heißt es am Schlüsse des Artikels. Hinsichtlich der Andeutung über die Verletzung des Brief- geheimnisses verwies Lange auf den Königsberger Geheimbunds- prozeß, wo Dinge zur Sprache gekommen seien, daß Postbeamte russischen Polizestpionen willfährig gewesen seien, und im Reichstage hätten die Vertreter aller Parteien Aufklärung hierüber verlangt und die in dem Prozeß erörterten Verstöße gegen das Amts- geheimnis der Post verurteilt. Es kommt die Affäre des Dr. v. Wetscheslaff zur Sprache, dessen Briefkasten, wie bekannt, er- brachen Und in dessen Abwesenheit russische Polizeispitzel, an der Spitze der Polizeispion Wels. Briefschaften und Postsachen Wetscheslaffs teils durchstöbert, teils gestohlen hatten. Ferner, daß der Spitzel Wels mit Postbeamten und Briefträgern regen Verkehr unterhalten, wie überhaupt ständiger Gast auf den Postämtern gewesen. Oberpostinspektor Fischer erNärt, er sei damals von seiner vorgesetzten Behörde beaustragt worden. Untersuchungen anzustellen, ob in diesem Falle das Bricsgeheimnis verletzt worden. Es habe sich aber nichts feststellen lassen, was die Anschuldigung gerecht- fertigt habe. Zeuge Dr. Liebknecht, befragt, ob er persönliche Wahr- nehmungen gemacht habe über Verletzung des Briefgeheimnisses, erwidert, daß dies zwar nicht der Fall, aber aus dem Akten- Material des Königsberger Prozesses gehe hervor, daß eine Anzahl Fülle bekannt geworden, wo daS Amtsgeheimnis nicht ge- wahrt worden sei. Der Zeuge zitiert nun aus den Akten die schon aus jenem Prozeß bekannt gewordenen Tatsachen der Konfiskation von aus dem Auslande gekommenen Postsendungen und von AuS- kunstserteilungen der Postämter an die Polizei. Eine Verletzung des Briefgeheimnisses sei selbstverständlich auch schon die Bekanntgabe von Adressen durch die Post an andere Personen. Darauf erwiderte Oberpostinspektor Fischer: Briefe vom Auslande würden den Zollämtern zugeführt. Wenn die Zollbehörde die Sendungen übermittele, habe die Postbehörde keinen Einfluß. Es wird sodann der Fall Kautzsch in Zwickau erwähnt, zu dem Oberpostinspektor Fischer bemerkt, eS habe sich bei den Post- anstalten Zwickau und Oberhohndorf nichts in Erfahrung bringen lassen, daß eine Verletzung des Briefgeheimnisses begangen worden sei. Dr. Liebknecht äußert sich hierauf noch eingehend über die Affäre des Dr. Wetscheslaff, namentlich über die beiden bekannten Telegramme, deren Inhalt nur infolge von Indiskretionen von Post- beamten zur Kenntnis deZ Spitzels Wels gekommen fein können, was Dr. Wetscheslaff ausdrücklich festgestellt habe, und bewiesen sei auch, daß sich her genannte Spitzel ständig auf dem Postamt in Hermsdorf aufgehalten habe. UcbriaenS fei ermittelt worden, daß Wels bei seinem Abschiede einem Postbeamten Geld in die Hand gedrückt habe. Oberpostinspektor Fischer bezeichnet die Angaben Liebknechts über die beiden Telegramme als unzutreffend. Es bestehe keinerlei Verkehr zwischen Postbeamten und Polizeispioncn, gibt aber zu, daß Wels öfter auf dem Postamt ft Hermsdorf verkehrt fei, und daß der eine Beamte von Wels Geld erhalten, es feien aber nur 16 Pf. Trinkgeld gewesen. Die Versetzung des Beamten sei nicht wegen Bestechung erfolgt, das sei in den Zeitungen falsch dargestellt worden. Dr. Liebknecht erlvähnt weiter einen Fall, der ihm erst gestern von einem russischen Herrn mitgeteilt worden sei, wonach dessen Briefe, die vor zwei Jahren aus Freiberg an ihn abgesandt worden seien, unterivegs„verloren" gegangen. Höchst charakteristisch waren die Ausführungen des Oberstaats- anwalts Böhme: Es seien alles haltlose Vermutungen, weil sie auf Angaben von russischen Nihilisten beruhen und daher völlig unkontrollierbar seien. Nichts wie„Zeitungsschreiberei" sei vor- gebracht. Der Oberstaatsanwalt glaubte, daß Lange de» Artikel nicht verfaßt, sondern nur ein Man», der im Postfach Bescheid wisse. Die Tendenz der„Leipziger Volkszeitung" sei Beleidigung. In einer Replik auf die Rede des Verteidigers bemerkte Herr Böhme: daß es die Tendenz der„Volks-Zeitung" sei, gegen die Autorität der Behörden zu kämpfen und sie zu verleumden. Alles sei nichts wie eine bloße Hetzerei der„Volks-Zeitung". Von der Führung eines Beloeises sei keine Rede. Tie Urteilsbegründung führte aus, es sei von jeher eines der beliebtesten Mittel der sozialistischen Presse gewesen, gegen die Reichspostverwaltung zu hetzen, ja sie habe dies geradezu als ihr Ziel angesehen, wodurch die Grundfesten des Vertrauens in die Postverwaltung erschüttert würden. Die Poslverwaltung sei in ihrem innersten Mark angegriffen. Es mag dahin gestellt bleiben, ob durch den Königsberger Prozeß für die PostVerwaltung ein ebenso strikter Beweis für die Verletzung des Briefgeheimnisses geführt ist, wie für die verschwisterte Zollverwaltung die rechtswidrige Anmaßung von Zensor- und staats- anwaltlichen Befugnissen. Unwiderleglich festgestellt aber ist aus den Akten des Königsberger Prozesses— vergleiche darüber z. B. die Einleitung der Buchausgabe S. 95—, daß Polizeibehörden in staats- anwaltlichen Ermittelungsverfnhren sich ganz ungeniert, als wäre das selbstverständlich, a» die Post um diskrete Auskünfte wenden! Gleichgültig, ob diese polizeilichen Versuche von Erfolg ge- krönt sind oder nicht, fest steht, daß der Post von„be- hördlichen Autoritäten", zu denen doch in erster Linie die Polizei gehört,' zugemutet wird, das Briefgeheimnis zu verletzen. Wir richten die Frage an den Leipziger Oberstaatsanwalt und das Gericht: Zu wieviel Jahren Gefängnis müßten solche Polizeibeamten zum mindesten wegen Beleidigung der Post verurteilt werden, dafiir. daß sie sie zu Handlungen unter Aufwendung behördlicher Autorität direkt auffordern, deren bloße kritische Andeutung in einer Zeitung mit neun Monaten Gefängnis geahndet wird. Muß nicht gerade ein loyaler Staatsbürger die Autorität der Polizeibehörde für matzgebend halten, also daß ihre Taten doch unmöglich eine andere Behörde ins Mark treffen können. Wir wissen es aber nun: Was die Polizei harmlos tut, darf ein Zeitungsrcdakteur nicht einmal sagen!___ Der Widerspruch aber löst sich durch die Bemerkung des Oberstaatsanwalts: Die Tendenz des sozialdemokratischen Blattes sei zu beleidigen, oder gar— der Herr Oberstaatsanwalt scheut anscheinend nicht den Verdacht selbst zu beleidigen— zu verleumden. Da- mit können ein sür allemal Handlungen, die von der Polizei aus- geübt, für korrekt erachtet, zugleich aber in der bloßen Erwähnung durch ein sozialdemokratisches Blatt für schwersten Frevel erachtet werden. Freilich tritt bei solcher Rechtsprechung dann an die Stelle der nüchternen Untersuchung eines Tatbestandes selber die, wenn auch unbewußte Tendenz der Ankläger! Es ist auch sehr ausfällig, daß der Staatsanwalt darauf hin« wies, den Arsikel habe wohl nicht der Angeklagte, sondern ein im Postfach Kundiger geschrieben. Er zielte damit auf den Genossen Wagner, der jetzt Redakteur der«Leipziger Volkszeitung" ist, und früher ein höherer Postbeamter war, dem seine literarischen Talente zum Verbrechen angerechnet wurden. Sollte diese Erwähnung, die mit der Sache gar nichts zu tun hatte, etwa daS Strafmaß erklären und— rechtfertigen? Lange, der sonderbarerweise verhastet wurde, ist inzwischen gegen eine Kantion von 10000 M. entlassen worden!— Hinter geschlossenen Türen. Wegen Dncllvergrhens hatten sich am Montag vor dem Ober« knegSgericht des III. Armeekorps der Leutnant der Landwehr v. Klitzung und der Stabsarzt Dr. Mittendorf zu ver- antworten. Während der ganzen Dauer der Verhandlung, die mehrere Stunden in Anspruch nahm, wurde aus Antrag des Ver- trclers der Anklage die Leffciitlichlcit ausgeschlossen und auch die Zeugen mußten nach ihrem Verhör den Sitzungssaal verlassen. Nicht einiilal die Anklage gelangte öffentlich zur Verlesung. Das Urteil. dessen Begründung ebenfalls hinter verschlossenen Türen erfolgte. lautete gegen v. Klitzing auf sechs, gegen Dr. Mittendorf auf acht Monate Festungshaft. Die Duellanten, deren Charaktereigenschaften so sorgsam ge- heim gehalten werden, werden gewiß hoffen, baldigst begnadigt zu werden.— Ein umfangreicher Mißhnndlniigsprozcß beschäftigte das Kriegs- aericht der 2. Gardcdiviston. Auf der Anklagebank laßen der Vize- feldwebel Putzer sowie der Unteroffizier Heidebrück von der sechsten Kompagnie des Alexander-Garde-Grenadicr-Regimcnts. Dein Vize- seldwebel warf die Anklage eine ganze Reihe von Mißhandlungen und Vorschrift- widriger Behandlungen gegen Untergebene vor, welche bereits länger als zwei Jahre zurückliegen. Der gleichen Vergehen, jedoch in geringerer Anzahl war der Unteroffizier angeklagt. MS Zeugen waren die von den Angeklagten mißhandelten Rc- kruteii, jetzt Reservisten, erschienen. Vor Eintritt in die Ver- Handlungen beantragte der militärische Verteidiger der Angeklagten, der Ehef der 0. Kompagnie des genannten Regiments, den Ausschluß der Oeffentlichkeit auf Grund der allerhöchsten Rabinettsorder zu dem Ausschlußparagraphen. DaS Kriegsgericht schloß daraufhin„wegen Gefährdung militärdienstlicher Interessen" die Oeffentlichkeit ans. Vom Tage des Eintritts der Rekruten bis zur Beförderung des Putzer zum Vizefcldwebel, Mitte Februar 1903, hat P. seine Untergebenen ivährend der Ausbildung auf alle nur erdenkliche Art„geschliffen". Er ließ sie überansttcitgend exerzieren, lange Zeiten in der Kniebeuge mit borgestrecktem Gewehr verharren und drohte ihnen: >,Jm Winter lasse ich Euch so lange stille stehen, bis Ihr anfriert, und im So m n: e r lasse ich Euch so lange laufen, bis Euch die Zunge zum Halse heraushängt. Einen der Untergebenen ließ er bei der strengen Kälte eine halbe Stunde hindurch mit vorgestrecktem Gewehr stillstehen, so daß die Knie des Rekruten zitterten. Einmal mußten Untergebene auf der Stube so lange über Tisch und Stühle springen, bis sie naß waren. Besonders hatte der Grenadier Zegler unter den Schikanen des Vorgesetzten zu leiden. Beim Sttibenfegcn hatte er einmal einen Strohhalm verscbentlich zurückgelassen, worauf ihn der Sergeant zwang, den Halm mit dem Munde aufzuheben und fortzutragen. Ein andennal mußte Z. so lange Uebungsexerzitien niachen,"bis er ohnmächtig zusammenbrach. Den Grenadier Klein- nagcl zwang der Angeklagte, als er einmal in Pantoffeln zum Putzen erschien, einen Eimer Wasser herbeizuholen und dann mit Schuhen und Strümpfen in das Wasser zu steigen. Keiner der Mißhandelten brachte die Vorfälle zur Anzeige. Einer der Grenadiere hatte aber die ihin widerfahrenen Mißhandlungen in feinem Tagebuche aufgezeichnet und als er im vergangenen Herbst ausgedient hatte und nach Hanse zurückkehrte, fiel sein e m Vater das Tage- buch in die Hände. Dieser erstattete daraufhin die Anzeige. Das 1 " Kriegsgericht verurteilte gestern nach fiebenstündiger Verhandlung noch jede statistische Grundlage fehlte, auf die die zum Teil aus- jerkennung des Tarifs zu wirken hat, wurde erklärt, daß man mit den Vize- Feldwebel Puter wegen Mißhandlung resp. vorschrifts- einandergehenden Ansichten hätten gestützt werden können. Nunmehr dem Gedanken umgehe, feste Gehälter für die Angestellten einzuführen. widriger Behandlung Untergebener in 23 Fällen zu zwei Monaten liegen aber die statistischen Nachweisungen so weit vor, daß über die In der Versammlung bemerkte hierzu ein Diskussionsredner, daß Gefängnis, den Unteroffizier Heidebrück wegen Mißhandlung eines Eisenverforgung Deutschlands im Jahre 1904 eine rechnerische Er in einzelnen Anstalten der Gesellschaft, wo die Zahl der Badegäste Untergebenen in einem Falle zu acht Tagen mittleren Arrest. Auch mittelung angestellt werden kann. Die Hochofenproduktion Deutsch- gar zu gering ist, dem Personal ein Wochenlohn" von die Begründung des Urteils erfolgte unter Ausschluß der lands stellte sich auf 10,10 Millionen Tonnen, war also nur ganz un- 2,50 m. gezahlt werde. Wenn das zum Maßstab der einzuführenden Deffentlichkeit. bedeutend höher als im Jahre 1903. Daher kommt es, daß im Ver- Gehälter genommen würde, könne wohl von einer tatsächlichen Verhältnis zum Wachstum der Bevölkerung die eigene Produktion| besserung nicht die Rede sein. Ferner wurde die Bade- Anstalt Am Grabe seiner Frau hat sich Graf Albrecht von Findenstein- Deutschlands auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, gegenüber Süd- Ost" erwähnt, die sich dadurch hervorgetan hat, Herzogswalde in Rosenberg( Westpreußen) erschossen, dessen 1903 zurüdgegangen ist. Legt man nämlich als Bevölkerungsziffer daß fie einen Bademeister, der sich um die Einführung eigenartige Anzeige vom Ableben seiner Frau mit Beschuldigungen für die letzten drei Jahre die Schäßungen zugrunde, die das kaiserliche des Tarifs bemühte, maßregelte, Sämtliche Redner sprachen gegen den früheren Abgeordneten von Buttkamer- Plauth und den statistische Amt für 1902 und 1903 nach vorläufiger Berechnung sich dafür aus, daß mit dem größten Nachdruck auf die allReichstags- Abgeordneten von Oldenburg- Januschau vor einiger Zeit unter Berücksichtigung des Geburtenüberschusses und der überseeischen gemeine Durchführung des Tarifs hingewirkt werden muß. Der Aufsehen erregte. Wegen jener Anzeige war der Graf, der einem Auswanderung und für 1904 auf Grund der bisherigen Bevölke Arbeitgeber- Obmann der Schlichtungskommission, Badeanstalt befizer Berliner Garde- Kavallerie- Regiment angehörte, aus dem Militär- rungszunahme veröffentlicht hat, so ergibt sich, daß die eigene Roh- Welzer, machte jedoch den Vorschlag, das Personal möge mit verhältnis ausgestoßen worden. Er wollte nach Meriko übersiedeln, eisengewinnung pro Stopf der Bevölkerung im Jahre 1904 nur Rücksicht darauf, daß mit den Krantentassen zurzeit noch über die hat nun aber Hand an sich selbst gelegt. 169,2 Kilogramm betrug gegen 170,2 im Jahre 1903 und 147,2 im Regelung der Bedienungsgeldfrage bei Wannenbädern verhandelt Badische Hochschulen im Dienste der russischen Regierung. Kürzlich Jahre 1902. Die Einfuhr Deutschlands betrug, in Roheisen um- wird, noch bis zum 1. April auf das Fordern bei diesen Bädern mußten wir berichten, daß die technische Hochschule russische Studenten verbrauch des deutschen Marktes betrug demnach im Jahre 1904 Blafate auf die Zahlungsverpflichtung aufmerksam gemacht wird. gerechnet, 0,48, die Ausfuhr 3,94 Millionen Tonnen. Der Eisen- verzichten und sich damit begnügen, daß das Publikum durch die mit Ausweisung bedroht, wenn sie gegen die Greuel der russischen 6643 368 Tonnen gegen 5 647 920 Tonnen im Jahre 1903 und Die Versammlung überwies diesen Vorschlag der Schlichtungskommission Gewaltherrschaft demonstrieren, jetzt hat die Ingenieurschule 4 366 010 im Jahre 1902. Pro Kopf der Bevölkerung stellte sich der zur Erwägung und nahm im übrigen einstimmig eine Resolution zu Mannheim die Ausweisung aus einem viel harm Verbrauch im Jahre 1904 auf 111,2 Kilogramm gegen 96,0 Rilo- an, in der alle Bademeister und Bademeisterinnen verpflichtet Toferen Grund zur Wahrheit gemacht. Einige ruffifche gramm im Jahre 1903 und 75,3 im Jahre 1902. werden, vorkommende Tarifverlegungen unverzüglich dem Dbmann Studierende dieser Schule veranstalteten eine Wohltätigkeits- Vor- Schiffbaustahl- Syndikat. Die Kartellierungsbestrebungen nehmen Schiffbauftahl- Syndikat. Die Kartellierungsbestrebungen nehmen der von dem Gewerbegericht eingesetzten Schlichtungskommission, stellung für die Petersburger Opfer. Die Direktoren aber verlangten, in lezter Beit unter den Großindustriellen einen bedeutenden Auf- Julius Schnieſe, Franſeckiſtr. 8, zu melden. Die Versammlung ſprach daß der Erlös an das russische Konsulat abgeliefert werde, und als die schwung. Auch die Stahl für den Schiffbau- und zwar sowohl zugleich ihre Mißbilligung über das Verhalten der AdmiralsgartenVeranstalter das natürlich verweigerten, wurden fie relegiert! Sämt- Platten- wie Formstahlherstellenden Werke wollen sich zu einem Herstellenden Werke wollen sich zu einem bad- Gesellschaft aus. liche russischen Studierenden der Schule erklärten sich mit den Rele- Kartell zusammenschließen. Wie die Rheinisch- Westfälische Zeitung" Neue Tarifverträge hat der Gau Brandenburg des Zentralgierten solidarisch und beschlossen teils sofort, teils mit Ablauf des meldet, haben vor einigen Tagen bereits Vorverhandlungen in Köln verbandes der Zimmerer mit den Arbeitgebern auch in Freien stattgefunden, an denen folgende Werke teilnahmen: Fried. Krupp, walde a. D. und Zehdenick abgeschlossen. In Freienwalde Semesters die Schule zu verlassen. Gute Hoffnungshütte, Hoerder Verein, Rheinische Stahlwerke, forderten die Zimmerer eine Lohnerhöhung von 40 auf 45 Pf. pro Phönig, Grillo, Funke und Co., Wittener Gußstahlwert, Dillinger Stunde. Anfangs schien es, als wäre ein Streit unvermeidlich, da Hütte, Düsseldorfer Röhrenwert, Charlottenhütte, Geisweider Eisen- in mehreren Sigungen feine Einigung erzielt wurde. werke, Burbacher Hütte, Niederrheinische Hütte. Nicht vertreten Schließlich aber bewilligten die Unternehmer einen Stundenlohn von waren laut Rheinisch- Westfälische Zeitung" die Firma Thyssen und 43 Pf. vom 1. April d. J. ab für Zimmerer und Maurer, mithin die Gewerkschaft Deutscher Kaiser. Die vertretenen Werke erklärten eine 2ohnerhöhung von 3 Pf. pro Stunde. Für Ueberstunden fich grundsäßlich bereit, sich an einer solchen Vereinigung zu be- und Wafferarbeiten werden 5 Pf. und für Ueberlandarbeit 3 Pf. teiligen und diese möglichst bald ins Leben treten zu lassen. Vor- 3uschlag gezahlt. Die Arbeitszeit bleibt wie bisher eine zehnbedingung ist jedoch, daß die Firma Thyssen und Deutscher Kaiser stündige. Der neue Vertrag gilt bis zum 31. März 1907. Für beitreten, auch soll später die Firma Hentschel u. Sohn, Staffel, mit Behdenick wurde der Vertrag auf ein Jahr, bis zum 2. April 1906 der Henrichshütte hinzugezogen werden. verlängert. Die Lohnerhöhung beträgt 22 Pf. pro Stunde unter Steigerung des Stundenlohnes von 37 Pf. auf 40 Pf. Junggesellen erhalten 35 und im zweiten Gesellenjahr 371/ f. Für Ueberstunden-, Wasser-, Karbolineum und leberlandarbeit ist ein Zuschlag von 5 Pf., und für Nacht- und Sonntagsarbeit ein solcher bon 10 Pf. pro Stunde zu zahlen. Die zehnstündige Arbeitszeit bleibt ebenfalls bestehen. In der Versammlung wurde beschlossen, einen Vertragsentwurf auszuarbeiten und demnächst der Vertragskommission vorzulegen. Gewerkschaftliches. Berlin und Amgegend. Deutfches Reich. Zum Saarburger Zuchthausurteil schreibt uns unser W- Storrespondent aus dem Reichslande unterm 25. Februar noch folgendes: Die„ Straßburger Post" ist mit der Schilderung nicht zufrieden, die ich Ihnen vom 15. Ulanen- Regiment gab. Sie behauptet, daß die in dem Bericht vom Aufruhrprozeß enthaltenen„ Anspielungen" auf die Lebensführung der Offiziere unverdiente Kränkungen" seien, daß diese Lebensführung in der Straßburger Zeit des Regiments musterhaft" gewesen sei, durch die sich das Offizierkorps eine„ hohe Achtung" erworben hatte. Die fünfzehnten Ulanen", so schreibt das nationalliberale Blatt, die wir so lange mit Stolz und Freude" unsere Straßburger Ullanen" genannt haben, tvarenim besten Sinne des Wortes ein nobles Regiment, und sind es heute noch.' Es liegt uns fern, bestreiten zu wollen, daß in der Redaktion der Straßburger Post" die fünfzehnten Ulanen lange mit Stolz und Freude als ihre Straßburger Ülanen" bezeichnet worden sind, aber es wäre unrecht, zu glauben, daß auch die Straßburger Bevölkerung mit Stolz und Freude" an diesem „ noblen Regiment" gehangen hätte! Wir können der Straßburger Die Treppengeländer- Arbeiter hielten am Sonntag eine BranchenPost" versichern und wir stehen in engerem Verkehr als sie mit Bersammlung ab, die der Besprechung der Verhältnisse unter dem Jahres hatten die Kieler Schuhmachergesellen einen sechswöchigen Von den geistigen Waffen der Innungen. Im Frühjahr vorigen den breiteren Schichten der Bevölkerung, daß derartige Gefühle türzlich abgeschloffenen Tarifvertrage diente und hauptsächlich die Jahres hatten die Kieler Schuhmachergesellen einen sechswöchigen Stampf um anständige Entlohnung ihrer Arbeitskraft zu führen. feinerlei„ Anspielungen". Es war lediglich gesagt worden, daß Der Obmann Richter, der die Besprechung einleitete, warf zu beitgeber leisteten mit der Hartnädigkeit von Kleingewerbetreibenden, in keiner Weise vorhanden sind. Im übrigen enthielt der Bericht Frage erörterte, wie es mit der Durchführung des Vertrages steht. Stampf um anständige Entlohnung ihrer Arbeitskraft zu führen. Die in der Jnnung und der Freien Vereinigung" organisierten Ardie Offiziere des noblen Regiments nicht seltene Gäste in den nächst einen Rüdblid auf die verflossene Lohnbewegung. An der die in der schrankenlosen Ausbeutung ihrer Gesellen das einzige Lokalen der Straßburger haute volée find, und daß sie sich hin- selben waren 35 Werkstellen mit 417 Arbeitern beteiligt. 11 Werk- die in der schrankenlosen Ausbeutung ihrer Gesellen das einzige wiederum gern von ihren Freunden und noch lieber von ihren stellen mit 100 Arbeitern hatten die Forderungen ganz oder teilweise Rettungsmittel vor dem ihnen vom Großbetriebe drohenden UnterFreundinnen aus der„ wunderschönen Stadt" in Saarburg besuchen bewilligt, ehe die Tarifverhandlungen eingeleitet wurden. In 9 Wert- gang erbliden, verbissenen Widerstand und wiesen sogar die Vers lassen. Das war alles, und diese Bemerkungen werden von nie- stellen mit 183 Arbeitern wurde die Arbeit niedergelegt. Am mittelung des Gewerbegerichts zurüf Die abseits ihrer Organis mandem übertrieben genannt werden können. Wenn die Straß- 19. d. Mts. war die Bewegung mit der Annahme des Tarifvertrages die Forderungen der Gesellen nicht anzuerkennen. Ein solches Birkular burger Poſt" nicht weiß, daß die Herren mit den gelben Aufschlägen beendet. Zwölf Streifende blieben noch übrig, die nicht sogleich nicht selten in den angedeuteten Rokalitäten zu finden sind, so fehlt wieder in Arbeit treten konnten. Dieser Streit hat dem Holz the eine Wissenschaft, die sonst wohl alle Straßburger ihr eigen arbeiter Verband etwa 2000 Mt. gekoftet. Gegenwärtig sind noch nennen können, und daß der Verkehr von Freundinnen" der Ulanen- zwei nicht wieder beschäftigte Kollegen zu unterstützen. Der Redner offiziere von der Hauptstadt nach Saarburg ziemlich rege ist, wollen betonte, die Branche der Treppengeländer- Arbeiter habe noch nie in wir der Straßburger Post" gleichfalls wiederholt versichern. Wären so furzer Zeit einen so bedeutenden Erfolg errungen wie bei dieser wir indiskret, so würden wir sogar sagen, daß diese Freundinnen" Bewegung. Weiter führte er aus, daß die Bestimmungen des nicht immer den besten" Kreisen der Gesellschaft angehören.... Also, entweder wußte die Straßburger Bost" das alles nicht, dann ist sie unschuldiger als ein Lämmlein, oder sie wußte es, dann aber muß fie für Gittenstrenge ein sehr weites Herz haben, daß fie sich über unsere Folgerung aufregte, in Saarburg herrschten nicht gerade die strengsten Sittengefeße. Einen so liberalen Begriff der Sittlichkeit hätten wir freilich bei den ehrwürdigen Herren Redakteuren des seriösen Blattes nicht vermutet! " " sation stehenden Meister suchten sie durch Unterschrift zu verpflichten, hatte auch der Schuhmachermeister H. unterschrieben. Da er jedoch bald fah, daß er infolge des Streits seinen Verpflichtungen gegen seine Kundschaft, die meist aus Marineoffizieren bestand, nicht recht. eitig nachkommen konnte, bewilligte er die Lohnforderung der Gefellen, und seine Werkstatt wurde für geregelt" erklärt. Darauf richtete die von den Meistern zur Regelung der Lohnverhältnisse ein= gefeßte Kommission an die Marinebehörden ein Schreiben, in dem sie zurächst die Bewegung der Gesellen als sozialdemokratisch" denunzierte, weil unter den Forderungen angeblich sich die auf Freigabe des 1. Mai befände. Dann wurden die Namen zweier Meister genannt, die sich mit ihren Gesellen geeinigt hatten, und das Schriftstück fährt wörtlich fort: " Wir hoffen, daß die Behörden uns unterstüßen und ihren Einfluß dahin geltend machen werden, daß nur solche Meister würdig sind, die Lieferungen für die kaiserliche Marine zu bes schaffen, welche feine Verräter an dem gemeinschaftlichen Stampfe gegen die Sozialdemokratie sind." Vertrages noch nicht überall durchgeführt werden. Das liege Hauptsächlich an den Arbeitern selbst, die oft nicht den Mut haben, das zu fordern, was ihnen nach dem Vertrage zukommt. Besonders gelte das für die Bestimmung, welche den Arbeitern für die Zeit, wo sie auf Bauten beschäftigt find, einen Zuschlag von 75 Bf. pro Tag zuspricht. Viele Kollegen seien noch mit 50 Pf. zufrieden gewesen. Da der Bauzuschlag eine Entschädigung darstellt für die Mehrausgaben, welche die Bauarbeit gegenüber der WerkstattBuguterlegt ein ernstes Wort! Es kam uns nicht darauf an, arbeit verursacht, so hätten auch die Affordarbeiter den Zuschlag zu die. Offiziere zu„ kränken" die Straßburger Boft" fennt das fordern. Das ist aber, soweit es in der Versammlung festgestellt franzöfifche Sprichwort, demzufolge nur die Wahrheit kränkt. Aber werden konnte, noch in keinem Falle geschehen. Ob die 52 stündige Ueber die dummschlaue Psychologie dieses Schreibens ließe sich ja Den grellen Kontrast wollten wir beleuchten, daß dieses freie Arbeitszeit innegehalten werde, ſei die Frage. Da jetzt, trotz der manches sagen- genug, fie tat ihre Wirkung, und besonders der Leben der Offiziere feinen Anstoß findet, daß guten Geschäftslage, wenig Neueinstellungen erfolgen, so fönne aber bei„ Gemeinen" ein in der Trunkenheit ent- man wohl annehmen, daß immer noch leberstunden gemacht werden. eingangs erwähnte Meister wurde seine Offizierskundschaft in kurzer standener Streit so schwer geahndet wird, wie es ge- Das sollten die Kollegen aber vermeiden. In der Diskussion Beit los. Meister H. verklagte deshalb seine vier„ Sollegen", die schehen ist. herrschte Meinungsverschiedenheit darüber, ob die Affordarbeiter den diefes saubere Stüd Arbeit ausgefertigt hatten, wegen unlauteren Hof, 27. Februar. Amtliches Wahlergebnis. Bei der am Bauzuschlag verlangen tönnen. Man meinte, nach dem Wortlaut Wettbewerbs und Beleidigung. In der Verhandlung vor dem Kieler 23. dieses Monats im Wahlkreise Hof stattgehabten Reichstags- Stich- des Wertrags sei es nicht sicher, ob diese Forderung berechtigt fei. daß die Behauptung der Denunziationsschrift, aus der der sozialwahl wurden 26 047 gültige Stimmen abgegeben. Davon erhielten Die Versammlung beschloß, daß auch die Affordarbeiter den Baus demokratische Charakter der Lohnbewegung und deren Begünstigung zuschlag damit dieſe Angelegenheit, falls der Zuschlag berweigert wird, vor die Schlichtungskommission kommt, deren Entscheidung dann maßgebend ist. Gegenkandidat Ferdinand Geißler, Zeitungsverleger in Hof(( Soz.) 11 182 Stimmen. Dr. Goller ist somit gewählt. Südwestafrika. Der 1. Mai spielte in der Forderung der Gesellen schon deshalb keine Rolle, weil die Meister ihn seit langen Jahren freigegeben haben, Der Tarifvertrag der Bademeister und Bademeisterinnen, der im ivie denn diese Forderung seit 1895 in sämtlichen mit der Innung letzten Sommer vor dem Gewerbegericht festgelegt wurde und mit dem abgeschlossenen Lohnverträgen, selbstverständlich auch von den Denun 1. Januar in Kraft getreten ist, wird in einem großen Teil der zianten selber, ausdrücklich anerkannt war. Das Urteil nahm denn Berlin, 27. Februar. Telegramm aus Windhut. Am 11. Fe- Berliner Vade- Anstalten noch nicht beachtet, obwohl es auch im auch feinen Anstand, festzustellen, daß es sich bei dem Streik um eine bruar d.. bei Omitare gefallen: Reiter Hermann Köppen, ge- Interesse der Anstaltsbefizer liegen würde, wenn diese Re- rein wirtschaftliche Bewegung gehandelt habe und erkannte gegen boren 17. 2. 80 zu Groß- Neuendorf, Schuß durch Unterleib. Bergelung der Arbeitsverhältnisse für das Berfonal all- die Beklagten wegen Beleidigung durch wissentlich univahre Be wundet: 1. Unteroffizier d. L. Wilhelm Kuhrt, geboren 2. 6. 74 gemein durchgeführt würde. Am Sonntag fand im Luifen- hauptungen auf je 50 M. Geldstrafe. Da der Kläger infolge der zu Voddow, Schuß durch linkes Ohr. 2. Gefreiter Willi Lichten städtischen Konzerthaus eine öffentliche Versammlung Denunziation geschäftlich nahezu ruiniert worden ist, wird er nur feld, geboren 2. 10. 81 zu Nienburg a. S., Schienbeinschuß. Den der Bademeister und Bademeisterinnen statt, um über gegen seine Kollegen wegen Schadenersabes gerichtlich vorgehen. So Wunden erlegen: Oberveterinär Adolf Jane, geboren 27. 1. 80 Maßnahmen zur allgemeinen Durchführung des Tarifvertrags zu hilft die Innung dem Handwerk auf die Beine! zu Köslin, ant 5. 1. 05 im Gefecht bei Gochas schwer verwundet, ist beraten. Das Referat hielt der Redakteur und Verbandssekretär Der Achtstundentag als Folge der Profitsucht. Wie man uns am 23. 2. 05 im Lazarett Kub an Erschöpfung infolge wiederholter Heinrich Bürger. Es ist fürzlich eine Statistik über die An- aus Nürnberg schreibt, wurde den Glasarbeitern von Nachblutung gestorben. An Typhus gestorben: Gefreiter Karerkennung des Vertrags aufgenommen worden. Die Fragebogen Nürnberg- Fürth der Achtstundentag beschert, ohne daß sie einen Krimm, geboren 11. 12. 80 zu Roiksch, am 22. 2. 05 im Lazarett wurden an das Personal von 70 Anstalten versandt, Antworten Finger darum zu rühren brauchten. Die Arbeitszeitverkürzung ist Okahandja. Husland. Frankreich. dez; find jedoch nur von 30 Anstalten eingegangen. Die " aber nicht etwa aus Rücksicht auf das Wohl der Arbeiter eingetreten, wichtigsten Bestimmungen des Tarifvertrags sind die, daß sondern die Folge eines Streifs" der Glasschleifereiarbeiter gegenbestimmte Mindestsätze für Bedienung bei den verschiedenen Bädern über den Exporteuren. Die in einer Vereinigung organisierten festgesetzt werden, daß das Publikum durch Aushang dieses Be Unternehmer haben schon früher bei den Exporteuren eine bedeutende bienungstarifs an einer allgemein sichtbaren Stelle davon in Kenntnis Preiserhöhung durchgesetzt, ohne daß die Arbeiter hierbei profiZur marokkanischen Frage. Der Korrespondent des Daily gefekt wird und daß die Anstaltsbesitzer den Angestellten ein Mindest- tierten, im Gegenteil, die Löhne wurden trotzdem noch gedrückt. Nun Telegraph" meldet aus Tanger: Ich erfahre aus glaubwürdiger einkommen garantieren, daß für Bademeister bei den Schwitzbädern verlangen die Unternehmer abermals eine Preiserhöhung von zehn Quelle von Fez, daß die von Frankreich dem Sultan gemachten Bor- 120 Mart, bei den Wannenbädern 90 Mark und für Bade- Prozent, die zu bezahlen die Exporteure sich weigern. Um sie zu so daß also, wenn diese schläge folgende find: 1) Militärische Besetzung von Ujda; 2) Be- meisterinnen 75 Mart beträgt, zwingen, wurde beschlossen, die Produktion einzuschränken und die rechtigung, eine Straße nebst Brüden über die Flüsse zwischen Tanger Summen durch das vom Publikum gezahlte Bedienungsgeld Arbeitszeit zunächst auf 8 Stunden täglich herabzusehen. Für die und gez anzulegen; 3) die Herstellung einer telegraphischen Ver- nicht erreicht werden, der Besizer das Fehlende nachzuzahlen hat. Arbeiter bedeutet diese Maßregel weiter nichts als verminderten bindung zwischen Tanger und Fez; 4) die Verleihung des Rechtes Außerdem ist im Vertrage eine Marimalarbeitszeit festgesetzt. Nach Verdienst. an die Europäer, Eigentum in allen Teilen des Reiches, einschließlich den teilweise mangelhaft ausgefüllten Fragebogen sind die Be- Die Organisation der Maurer in Nürnberg- Fürth hat, wie man Fez, zu erwerben; 5) die Errichtung von Gesandtschaften in Bes; bienungsplakate in 24 Badeanstalten ausgehängt worden, in 2 An uns von dort schreibt, einen wichtigen Fortschritt zu verzeichnen. 6) die Ermächtigung zur Errichtung einer elektrischen Beleuchtungs- stalten nicht; damit, daß das Personal das Bedienungsdamit, daß das Personal das Bedienungsanlage in fez; 7) Errichtung einer Bank mit eigener französisch geld zu fordern hat, waren 22 Anstaltsbesitzer einverstanden, Die Zahlstellen in beiden Städten und in einer Reihe von fleineren maroffanischer Münze. Es heißt, daß der Rat der Notabeln diese 3 nicht; gezahlt wurde das festgesetzte Bedienungsgeld immer in Orten der Umgebung wurden zu einer einzigen Bahlstelle zusammen Vorschläge zurückweisen werde, weshalb man Schwierigkeiten er- 22 Anstalten, in 3 nicht immer; die Arbeitszeit wurde in 22 An- gelegt. Als erster Borsigender und zugleich als besoldeter Beamter stalten eingehalten, in 4 nicht, und mit der Garantie des Mindest- wurde Genosse Um heh gewählt. Der Wochenbeitrag wurde auf Ein Zusammenstoß zwischen Gendarmen und Ausständigen fand einkommens waren die Befizer von 19 Anstalten einverstanden, 50 Pf. inklusive 5 Pf. Lokalzuschlag festgesetzt. Die Fabrikschuhmacher in München haben, wie man uns in Chatelnou gestern abend statt. Ein Gendarm erschoß hierbei in 6 nicht. Im allgemeinen hat also die Statistik ergeben, daß einen Ausständigen. Infolge dieses Zwischenfalls herrscht große Auf- selbst in mehreren der 30 Anstalten, deren Personal die Fragebogen von dort mitteilt, sämtlichen Fabrikanten folgende Forderungen eins regung unter den Arbeitern, und man befürchtet für die nächsten beantwortet hat, der Tarif nicht vollständig anerkannt ist. Bedauerlich gereicht: 1) Freigabe sämtlicher Furnituren; 2) eine allgemeine Tage blutige Ereignisse. Auch die heutige Versammlung, in welcher ist es, daß das größte Unternehmen Berlins, die Admiralsgarten- 15prozentige Rohnerhöhung; 3) 9stündige Arbeitszeit; 4) Einüber die Fortsetzung des Ausstandes verhandelt werden soll, dürfte bad Gesellschaft, sich weigert, den Tarifvertrag anzuerkennen, führung einer gleichlautenden Fabrikordnung; 5) für Einzel- und von diesem Zwischenfall beeinflußt werden. obgleich sie seinerzeit bei Abschluß des Vertrages einen Vertreter Musterpaare 50 Proz. Zuschlag; 6) Einsetzung einer Tarifnach dem Gewerbegericht geschickt, und die Leitung schon vordem fommission für sämtliche Fabriken; 7) Festsetzung der Vereinbarungen erklärt hatte, nicht abgeneigt zu sein, den Tarif anzuerkennen. Lohn auf die Dauer eines Jahres. Die Fabrikanten gaben der Kommission oder Gehalt wird dem Bersonal in den Anstalten dieser kapital nur folgende Zugeständnisse: 9stündige Arbeitszeit; Freigabe der fräftigen Gesellschaft nicht gezahlt, aber fordern darf das Personal Furnitur für die Maschinenarbeiter, für die Zwicker und Stepperinnen Deutschlands Eisenverbranch im Jahre 1904. Alle bisher in vom Bublifum auch kein Bedienungsgeld; es hängt also von dem zum Selbstkostenpreis unter Kontrolle des Arbeiterausschusses. Eine Handelskammer oder Fachberichten angestellten Betrachtungen über guten Willen der Badegäste ab, ob die Angestellten ihre Arbeit überaus startbesuchte Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen Dem faßte am Freitag abend den Beschluß, das Angebot der Fabrikanten die Gestaltung des Eisenverbrauche im Jahre 1904 tönnen so lange durch ein„ Trinkgeld" bezahlt erhalten oder nicht. teinen Anspruch auf unbedingte Anerkennung machen, als bisher Vertreter der Schlichtungskommission, die für die allgemeine An- labzulehnen und Sonnabend in allen Fabriken die wartet. Aus Induftrie und Handel. $ Äfin d igttng fernzuhalten. tivittteiäta. Zuzug von Schumachern ist In unserer Mitteilung über die Auflage der„Brauer-Zeitung" ist die Steigerung derselben im Jahre 1904 mit 3000 angegeben. Unsere Leser wollen freundlichst davon Notiz nehmen, daß diese Ziffer irrtümlich ins Blatt gelangte. Nicht 3000. sondern 5000 betrug im Jahre 1904 die Auflagestcigcrung. Huslaiid. Der Streik der Arbeiter in der Pariser Wagenbau- und Auto- mobilindustrie, an dem gegen 4000 Personen beteiligt sind, ist zum Ausbruch gekommen, weil die Unternehmer sich zu keinerlei Ver- Handlungen mit den Arbeitern einlassen wollten. Diese hatten fol- gcnde Forderungen unterbreitet: Beseitigung der Akkordarbeit; Auf- stellung eines Tarifs, enthaltend die Minimallöhnc für jede Arbeiter- kategorw; Anerkennung der Organisation; wöchentlicher Ruhetag; Einführung des zehnstündigen Arbeitstages; Lieferung des Hand- werkszeugs durch die Unternehmer und Beseitigung der in den Werkstätten vorhandenen hygienischen Mißstände. Die Zahl der Streikenden ist, späteren Nachrichten zufolge, jetzt auf 18 ovo ge- stlegen. Dies hat wohl Herrn Kellner, den Vorsitzenden der Unternehmerorgänisation. veranlaßt, sich zu Verhandlungen mit den Arbeitern bereit zu erklären. Soziales. Reichs-Arzneitaxe. Laut Bekanntmachung des Reichskanzlers im„ReichSanzeiger tritt am 1. April d. I. eine einheitliche deutsche Arzneitaye in .Kraft. Rabattbewilligungen an öffentliche Anstalten und Kassen sowie an die öffentliche Armenpflege ist den Bundesstaaten über- lassen. Die amtliche Ausgabe der Taxe wird im Verlage von Weid- mann in Berlin erscheinen und in, Buchhandel 1,20 Mark sgebunden) kosten._ Eine Hiilfsschule für schwachbegabtc Kinder wird in Würzburg errichtet. Der Magistrat hatte einen solchen Beschluß schon im vorigen Sommer gesaßt, aber da? Gemeindekollegium hatte seine Genehmigung versagt, nachdem sich der ultramontane Gemeinde- bevollmächtigte und Reichstags- Abgeordnete Dr. Thaler heftig da- gegen ins Zeug gelegt hatte, weil die Schule simultan sein soll und sich unter den 27 in Frage kommenden Kindern fünf protestantische befinden. Einige Liberale hatten damals aus Dummheit den Schwarzen sekundiert und die Ablehnung ermöglicht. Nachdem der Antrag jetzt wieder aufgegriffen worden, gelangte er gegen die ultramontanen Stimmen zur Annahme. Die schwarzen Herrschaften erhoben lauten Protest und bewiesen dadurch wieder einmal, wie ernst es ihnen mit der gegenwärtig so auffällig zur Schau getragenen „Toleranz" ist. Wegen Fernhalten seiner Kinder von einer Schulfeier war der katholische Organist Samol vom Landgericht Meseritz zu einer Geld- strafe verurteilt worden. Er legte Revision ein und machte geltend, die sogenannte Schulfeier, die an einem Sonntag stattfand, sei nur ein Volksfest unter Mitwirkung des Kriegervereins gewesen, zu dem man die Schulkinder befohlen habe. Sogar gekneipt und getanzt Habe man auf dem Fest und geschossen dazu. Das Kammergericht hob das Urteil gestern auf und verwies die Sache noch einmal an das Landgericht zurück. Begründend wurde ausgeführt: Die Regierungs-Verordnung, ivelche die Teilnahme der Volksschüler an Schulfesten anordne, sei gültig. Eltern, die ihre Kinder von Schulfeiern fernhielten, könnten bestraft werden. Hier sei indessen nock? nicht genügend festgestellt, ob es sich wirklich um ein Schulfest handelte. Ein solches müsse arrangiert sein für die Schüler und müsse den Zwecken des Unterrichts, also Lehrzwecken dienen, oder wenigstens erziehlichen Zwecken. Daß die Schule zu irgend einem Volksfest zugezogen lverde, mache dieses noch nicht zu einem Schul- fest. Der Vorderrichter spreche nun hier immer von einem Schulsest, sage aber nirgends, w i e s o er dies Fest, wo geschossen und getanzt wurde, für ein Schulfest halte. Er müsse darüber näheres fest- stelle». Man wisse vorläufig gar nicht, ob durch die Schullinder nur die Teiknehmerzahl vergrößert werden sollte, oder ob Erziehliches bewirkt werden sollte, ob bielleicht im Patriotismus erziehen oder toas sonst? Es müsse nachgeprüft werden, was für Zwecke das Fest überhaupt haben sollte. Für Kommunalbeamte von Interesse ist ein Prozeß, der das Ober-Verwaltungsgericht beschäftigt hat. Der städtische Bureau- assistent Hüge war vom Magistrat in Breslau zum Armenhaus- Inspektor bestellt worden. Er sollte einschließlich des Wertes der Dienstwohnung anfangs 2800 M. erhalten, steigend� bis zu 4000 M. Wegen einer Verfehlung entzog ihm der Magistrat die Stellung und machte ihn wieder zum Bureauassistenten. Die Ge- Haltsnormen für solche Beamte sollten maßgebend sein, doch beließ man es vorerst bei den(einschließlich freier Wohnung) bezogenen L300 jßl. Nach der Skala für Bureauassistenten hätte er auf lange Zeit keine Zulage zu gewärtigen und er känie auch im Höchstfalle nur auf 3200 M. H. betrachtete dies Vorgehen als eine Disziplinarstrafe und klagte nach vergeblicher Beschwerde beim Regierungspräsidenten im Verwaltungsstreitverfahren. Das Obcr-Verwaltungsgericht wies jedoch die Klage als unzulässig ab und führte aus: Das Ver- waltungsstreitverfahren wäre hier nur gegeben, wenn es sich um eine Strafvcrfügung im Sinne des Disziplinargesetzes handelte. Das sei zu verneinen. Der Magistrat, der überhaupt zur Ver- hängung von Strasverfügnnge» nicht zuständig sei, habe nur die Beschäftigung und die Dienstbezüge des Klägers anders regeln wollen gemäß einem Vorbehalt im Tienstvertrage, wonach die Verwaltung berechtigt sein sollte, den Armenhaus-Jnspektor ohne Verringerung seines Diensteinkommens in eine andere Stelle zu versetzen. Somit sei die Klage im Verwaltungsstreitverfahren unzulässig und das Verwaltungsgericht sei nicht befugt, nachzuprüfen, ob der Magistrat berechtigt gewesen sei, so gegen den Kläger vorzugehen. Eine Kommunalsteuerfrage. „Schienenwege der Eisenbahnen" sind nach 8 24 cl des Kommunal-Abgabengesetzes von der Gemeinde-Grundsreuer befreit. In einem Prozeß zwischen der Eisenbahngesellschaft, welche in Essen die Straßenbahn(Kleinbahn) betreibt, und der Essener Stadt- Verwaltung war die Hanptstreitfrage, ob 8 24 6 auch auf Klein- bahnen, wozu elektrische Straßenbahnen gehören, Anwendung finde. Ter Bezirksausschuß erkannte mir die Anwendung auf Vollbahnen an, das Ober-Verwältnngsgericht entschied jedoch, daß 8 24 6 auch auf Kleinbahnen zutreffe. Die Eisenbahngesellschaft wurde von der Gemeindegrundsteuer freigestellt bezüglich eines Grundstücks, worauf jich Schienenwege ihres Straßenbahnbetriebes befinden. Staatshülfe gegen die Arbeitslosigkeit in Norwegen. Das norwegische Storthing hat am Mittwoch auf Antrag unseres Pnrteigen. Pastor(Sri Ifen mit 56 Stimmen gegen 49 beschlossen, der Regierung 100000 Kronen zur Verfügung zu stellen, um den Arbeitslosen Arbeit zu ver- s ch a f f e n. Außerdem wurden die gemeinsam vom Eisenbahn- und vom Sozialkomitee gemachten Vorschläge angenommen, wonach die Regierung dafür sorgen soll, daß zur Winterszeit so viel wie möglich Arbeitslose bei den öffentlichen Arbeiten Beschäftigung finden können, und daß ferner dem nächsten Storthing Vorschlage sowie ein Gut- achten über die Förderung der Tätigkeit und der Gründung privater und kommunaler Arbeitslosenkassen borgelegt werden. Aus der Debatte, die diesen Beschlüssen vorausging, war zu er- sehen, daß die Massendemonstration der Arbeitslosen eine gut Wirkung ausgeübt hat. Nach dieser in Fleisch und Blut auf- marschierenden Statistik konnte man sich nicht mehr wie früher hinter langwierigen Untersuchungen über den Umfang der Arbeitslosigkeit Zu Eriksens Antrag bemerkte Staatsrat Hansen, der Ehef des Departements für öffentliche Arbeiten, es werde der Ad- ministration nicht möglich fein, die Pläne für Notstandsarbeiten so schnell fertig zu stellen. Dogegen wurde von mehreren Abgeordneten und auch von Eriksen der Administration der Vorwurf gemacht, sie habe nicht mit dem nötigen Eifer für die Fertigstellung der Arbeits- Pläne gesorgt._ <3mcbt9-Zeitung, Nachspiel zum Nardenkötter-Prozcß. Dr. Homeyer von der Kronen-Apotheke in Berlin sollte seinerzeit im Geschäftsverkehr mit Nardenkötter verschiedene Bestimmungen der preußischen Apo- thekenbctriebs-Ordnung übertreten haben, unter anderem die Be- stimmung des§ 38, wonach den Apothekern verboten ist, Verträge über die Zuwendung von Arzeneiverordnungen mit Aerzten oder anderen Personen abzuschließen, welche sidh mit der Behandlung von Krankheiten befassen. Das Landgericht sprach den Angeklagten frei. Das Kammergericht hat nun gestern das Urteil aufgehoben und die Sache noch einmal an das Landgericht verwiesen, und zwar nur wegen der eventuellen Anwendbarkeit der zitierten Bestimmung des§ 98. Es wurde ausgesprochen, daß§ 38 unter den„Personen, welche sich mit der Behandlung von Kranken befassen", auch solche mit umfaßt, die lediglich Inhaber eines Heilinstituts seien. Wegen Nahrungsmittelvergehens war der Hofschlächter. meister Paul Grunow angeklagt. Bei G. wurden im Oktober und November v. I. durch weibliche Beauftragte der Polizei Proben von Schabefleisch, Braunschweigcr- und Mettwurst ent- nommen. Eine Untersuchung durch den Direktor des NahrungS- mittel-UntersuchungSaintes des Chemikers Dr. Juckenack, ergab, daß das Schabesleisck) mit Präservesalz versetzt, die Wurst mit Teer- farbstoff rot gefärbt war. Die Folge war die jetzige Anklage wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittel-Gesetz. Vor Gericht erklärte der Angeklagte, daß sich sämtliche Schlächtermeister in einer eigen- artigen Zwangslage befänden. Jedes Fleisch, sei es roh oder in der Wurst, werde besonders im Sommer oder bei andauerndem Regen- weiter grau und unansehnlich, ohne daß indessen die Qualität irgendwie leide. Wenn das kaufende Publikum, derartige zwar voll- wertige, jedoch unansehnliche und unappetitliche Ware sieht, so bildet sich sofort die Meinung, es handele sich um schlechtgewordene Wurst bczw. Fleisch. Um nicht kolossalen Schaden zu erleiden, sei darum jeder Schlächtermeister genötigt, irgend eine Abhülfe zu sckpffen, welche sich ihm nur in einem Konservierungsmittel für die Fleisch- färbe biete. Dies sei aber nur das sogenannte Präservesalz bczw. eine absolut unschädliche Fleischfarbe. Viele Hunderte von Schlächter- meistern in Berlin zögen es deshalb vor, Bestrafungen wegen Nahrungsmittelvergehens zu erleiden, um ihren Kunden vollwertige, aber gleichzeitig auch appetitlich aussehende Wurst- und Fleisch- waren liefern zu können. Er selbst sei auch nur den Wünschen seiner Kunden nachgekommen und habe unter Zuhülfenahme von Färb konservierungsmitteln appetitlich aussehende Waren hergestellt. Der Staatsanwalt beantragte eine Geldstrafe von 5 0 0 M. Der Gerichtshof berücksichtigte die tatsächlich vorliegende Zwangslage, in der sich viele S6)lächtermeistcr befinden mögen, und beließ es deshalb bei einer Geldstrafe von nur 5 0 M. Eines groben BertrauensbrucheS hatte sich der Ingenieur Siegfried Meitzberg schuldig gemacht, welcher gestern der vierten Strafkammer des Landgerichts II aus dem UntersuchungS- gefängnis vorgeführt wurde. Der bereits wegen Unterschlagung mit sechs Monaten Gefängnis vorbestrafte Angeklagte wurde bc- schuldigt, in den Jahren 1901 bis 1904 die Summe von 12 0 0 0 Mark unterschlagen zu habe». Der Angeschuldigte verwaltete für eine Firma Friedmann u. Wolfs in Zwickau mehrere Patente, zugleich vermittelte er für dieselbe Firma die Patentierung neuer Erfindungen. Im Jahre 1901 geriet M. in mißliche pekuniäre Ver Hältnisse, die ihn verleiteten, sich an dem ihm anvertrauten Gelde zu vergreifen. Nicht nur einen Teil der aus einer Patentverwaltung in größerem Umfange einlaufenden Geldbeträge eignete sich der Angeklagte an, sondern auch noch die Summen, welche er für die Anmeldung und sonstigen Spesen bei der beabsichtigten Patentierung neuer Erfindungen verwenden sollte. Diese Handlungsweise war sehr frivol, denn die betreffenden Patente verfielen und konnten von jedem nachgeahmt werden, so daß die eigentlichen Erfinder leer ausgingen. Unter anderem soll auch durch die Unterschlagungen des Angeklagten eine wertvolle Zünderkonstruktion verfallen sein. Ter Staatsanwalt beantragte unter Berücksichtigung der Vorstrafe, des schweren Vertrauensbruches und der ganz erheblichen Schädi- gungcn, ivelche der Angeklagte verursacht hatte, eine Gefängnis. trafevon zweiJahren sowie dreiJahre Ehrverlust. Der Gerichtshof erkannte auf ein Jahr Gefängnis unter Belassung der Ehrenrechte. Pier Jahre unschuldig im Zuchthause. Bor dem Schwurgericht in Lüneburg sind seinerzeit der Viehhändler Kirschstein und dessen Schwager, der Schlächtergeselle Scheuer, hauptsächlich auf Grund der Aussage von zwei ziemlich herabgekommenen Subjekten, die jetzt elbst ini Zuchthause fitzen, wegen Meineides zu fünf Jahren resp. vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil sie sdhuldig befunden, iit einem Zivilprozeß wegen eines unbedeutenden Viehhandels un- wahre Aussagen mit einem Eide bekräftigt zu haben. Die beiden Verurteilten haben vier Jahre hindurch versucht, ihre Unschuld zu beweisen, bis es ihnen jetzt endlich gelungen ist, durch ihren Rechts- anwalt Dr. Gabain in Hamburg die Wiederaufnahme des Ver- Kahrens durchzusetzen. In nunmehr stattgcfundener dreitägiger Ver- Handlung vor dem Schwurgericht in Lüneburg verneinten die Ge- 'chworenen die sämtlichen Schuldfragen, woraus die kostenlose Frei- prechung der beiden Angeklagten erfolgte. Selbstverständlich hat dieser Fall der Justizirrung mit der Freisprechung noch nicht sein Ende erreicht. Wie die„Allgemeine Fleischcr-Zeitung" mitteilt, wird der Anwalt der beiden unglücklichen Opfer für die unschuldig erlittene vierjährige Zuchthausstrafe die gesetzliche Entschädigung beanspruchen._ Eingegangene Druck lckriften. Von der„Renen Zeit«(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das 22. Hest des 23. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des Heftes heben wir hervor: SieaeStaumcl und Siegesangst.— Die neuen Handelsverträge. Von Heinrich Cunow.— Der Bittgang des Proletariats. Von Rosa Luxemburg.— Brentano? Preisrätsel sür Marxisten. Bon K. Kautsky.— Die politische Lage in Ungarn. Von gh— i.— Otto Erich Hartleben. Von H. Strobel.— Die Aushebung der Leibeigenschast in Rußland. Von N. Riasanoss.(Schluß)________ Letzte Nachrichten und Depefchen. Detmold, 27. Februar.(SB. T. B.) In der heutigen Sitzung de» Landtages wurde ein neue» umfangreiches Schriftstück des Grafen Ernst zur Lippe-Weißenfeld verlesen, in welchem er sich gegen die Beschlußfassung deS Landtages über seine erste Eingabe wendet. Die Eingabe wurde bis zur Beratung der neuen Thronfolge- Vorlage zurückgestellt._ Bekcs-Csaba(Ungarn), 27. Februar.(SB. T. B.) Heute nach- mittag erschienen mehrere Hundert Sozialisten im Stadthause und forderten Brot. Die städtische Behörde ersuchte den sozialistischen Abgeordneten Andreas Achim, er möge das Volk auffordern, aus- einander zu gehen. Achim weigerte sich. Die Demonstranten wurden hierauf von der Gendarmerie zerstreut. Auf die Aufforderung Achims, die Menge solle nicht auseinander gehen, wuchs dieselbe auf mehrere Tausend Köpfe an und nahm eine drohende Haltung ein. E» wurde daher Militär requiriert, welches die Menge auseinander trieb. Es erfolgten mehrere Verhaftungen. Die Festgenommenen sagten aus, sie seien von Achim zu den Kundgebungen bewogen worden.(?)_ U Rom, 27. Februar.(W. T. B.s' Deputiertenkam««». Der Minister der öffentlichen Arbeitest Tedesko erklärt in Beant« Wartung mehrerer Anfragen, betreffend die gegenwärtige Störung im Eisenbahndienst, unter allgemeiner Aufmerksamkeit, die Kammer kenne die Verhältmsse, unter denen der Eisenbahndienst zurzeit ver- sehen werde. Die Stellungnahme des Beamtenpersonals der Eisen» bahnen gegenüber den der Kammer vorgelegten Projekten, betreffend die Neuregelung des Eisenbahnwesens, könne keinen Einfluß auf das Verhalten der Regierung ausüben, die in diesem Augenblick nur die Beschlüsse der Kammer abzuwarten habe. Ersichtlich ver- suckle man, einen Druck auf die Entscheidung der Kammer aus- zuüben, es sei aber die Pflicht der Kammer, in vollem Maße der Aufgabe zu entsprechen, über die Eisenbahnbetriebs-Gesellschasten zu wachen, die sich aller notwendigen Befugnisse erfreuten. Dem Di- rektor einer dieser Gesellschaften, welcher die Anfrage stellte, welche Matznahmen die Regierung zu treffen gedenke, habe er, Redner, damit geantwortet, daß er die Gesellschaft aufforderte, ihren Pflichten naöhzukommen. Was den regelmäßigen Gang des Be- triebes anginge, so beschränke sich die Regierung, so sehr sie wünsche, daß das Parlament die Besprechung der Eisenbahnvorlagen so viel als möglich beschleunige, darauf, die Gesellschaften zur Erfüllung ihrer Pflichten anzuhalten. Er, Redner, habe das Vertrauen zu den« Eisenbahnpersonal, daß es sich bald der Verpflichtung bewußt werde, die Entscheidung der Kammer abzuwarten. In jedem Falle wisse sich die Regierung von dem Vertrauen des Landes gestützt. (Beifall.) Im weiteren Verlaufe der Sitzung erklärt Minister TedeLko in Beantwortung weiterer Anfragen, die Regierung könne nichts anderes tun, als sich nach dem Gesetze richten; sie könne daher nur bei den Gesellschaften darauf dringen, daß sie die Disziplinar- Verfügung gegen das Personal der Eisenbahnen in Anwendung bringen, welches heimtückischerweise die Dienstordnung nicht zur Erleichterung, sondern zur Lahmlegung des Verkehrs anwende. Wenn die Gesellschaften das nicht tun wollten, werde die Regierung sie dazu zu zwingen wissen.(Beifall.) Er wiederhole nochmals, daß die Regierung Sorge tragen werde, daß die Gesetze genau be. achtet würden.(Beifall.) Die Sitzung wurde daraus geschlossen. » Rom, 27. Februar.(W. T. B.) Die Obstruktion der Eisen- bahnangestellten hält in den Städten, wo sie begonnen hat, an, dehnt sich aber nicht auf andere Hauptplätze aus. Die Erbitterung des Publikums gegen die Bewegung nimmt zu. Die kommerziellen und industriellen Vereinigungen fahren fort, zahlreiche Proteste gegen die Obstruktion der Eisenbahnbeamten zu erlassen. Der Bergarbeiterstteik in Belgien. Brüssel, 27. Februar.(W. T. B.) Der Ausschutz des Landes- Bergarbeitcrverbandes. der gestern in Charleroi tagte, nahm nach längerer Erörterung eine Tagesordnung an, in der mit Bedauern die Wiederaufnahme der Arbeit in dem Becken von Lüttich und dem Mitteldecken festgestellt und den Bezirksvereinigungen der Becken von Charleroi und Borinage überlassen wird, die Forderungen der Bergarbeiter zu verfolgen. In diesen beiden Kohlenbecken hat sich die Lage heute noch verschärft. In zahlreichen Einzeloersammlungen wurde die Fortsetzung deS Ausstandes beschlossen. Im Becken von Borinage sowie im Becken von Charleroi dauern die Anschläge gegen Arbeitswillige fort.(?) In Chatelineau, im Becken von Bormage, wurde am Sonabend bei einem Zusammenstoß mit Gendarmen ein Slusständiger getötet. Die Zahl der Ausständigen in den Becken von Charleroi und Borinage wird heute auf 61 0V0 angegeben. Man ist auf eine längere Dauer des Ausstandes gefaßt. Die Adreßbebatte im Unterhause. London, 27. Februar.(W. T. B.) Im Laufe der Beratung über den Zusatzantrag Stevensons zur Adresse nimmt der Unter- staatssekretär des Aeutzeren Earl P e r e Y das Wort. Er weist mit Befriedigung auf die Tatsache hin, daß die Pforte ihre Zustimmung dazu gegeben habe, die Zahl der europäischen Gendarmerie-Offiziere um 23 zu erhöhen. Die englische Regierung sei von dem Fortgang der Durchführung des Resormplanes nicht beffiedigt, sie sei jedoch nicht geneigt, zu sagen, datz der Plan fehlgeschlagen sei. Das Mürzsteger Programm sei erst ein Jahr lang in Wirksamkeit gewesen. Der Zweck des Planes sei, den swtus quo aufrecht zu erhalten und der türkischen Regierung den Beistand und die Kontrolle zu geben, die nötig seien, wenn die vom Sultan freiwillig versprochenen. Re- formen dauernden Wert haben sollten. Jeder Unparteiische müsse zu dem Schluß kommen, daß die Hauptverantwortlichkeit für den langsamen Fortgang des Reformwerkes der Tätigkeit des revolu» tionären Komitees zuzuschreiben sei. England übernehme in der Frage keinerlei besondere Verantwortlichkeit getrennt von den übrigen Mächten. Im weiteren Verlaufe der Debatte über das Amendement Stevenson ergreift Premierminister Balfour das Wort. In Beantwortung von Bemerkungen des Liberalen Bryce stellt er die Frage, ob irgend em Staatsmann daffir sei. datz England sich aus'dem europäischen Konzert ausschließe. Wenn England diese Politik verfolge, bann werde das die Lage der Dinge verschlimmern. Das Amendement wird darauf abgelehnt. Der Liberale K e a r l e y bringt hierauf einen Zusatzantrag zur Adresse ein. welcher verlangt, daß die Brüsseler Zuckerkonvention wegen ihrer in Großbritannien zutage getretenen schädlichen Wirkungen gekündigt werden solle._ Petersburg, 27. Februar. Wie die„Petersburger Telegraphen- Agentur" meldet, wird der russisch-ftanzösische Handelsvertrag morgen gekündigt werden._ Die Revolution in Rußland. Kiew, 27. Februar.(W. T. B.) Hier sind die Dienstmädchen in den Ausstand getreten, sie sammelten sich auf der Hauptstraße, dem Kreschtschattk. Es wurden Kosaken und eine Kompagnie Soldaten herbeigerufen. Darauf wurden die in Mengen angesammelten wcib- lichen Personen nach der Polizei gebracht. Warschan, 27. Februar.(W. T. B.) Heute erschienen fünf be- waffnete Personen in den Räumen der Verwaltung der jüdischen Gemeinde und verlangten, daß sie ihre Tättgkeit einstelle. Es geht das Gerücht, daß in Dörfern des Gouvernement» Siedlec große Ruhestörungen begonnen hätten. Bom ostasiatischeu Kriegsschauplatz. Petersburg. 27. Februar.(W. T. B.) General Kuropattm meldet von gestern: Der Feind setzte die Offensive gegen unsere Front fort. Die Abteilung von Tsinkhetschen hat seine beiden Flügel, namentlich den linken Flügel, umgangen. Gegen Kautulin rückten die Japaner vor, indem sie unsere linke Flanke umgingen, es wurden aber alle Angriffe gegen Tangou und den Patz von Beydalingmi abgeschlagen. Oberst Gorsky wurde schwer am Kopfe verletzt. Die sibirischen Kosaken unter Baumgarten verteidigten ihre Stellungen hartnäckig. Die Offensive gegen Bianiapaotsc wurde zurück- geschlagen: auf einigen Stellungen zwangen unsere Jäger die japanischen Vorposten zum Rückzüge. Niutschwnng, 27. Januar.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Au» chinesischer Quelle verlautet, daß ein allgemeiner Kampf längs der ganzen Linie im Gange sei. Am heiligsten wütete er auf dein rechten jaäanischen Flügel, wo Knroki, weit nach Norden vorstoßend, die russische Rückenstellung an der Eisenbahnlinie be- drohe.(Sine besondere japanische Truppenmacht, so wird berichtet. bewegt sich von Südosten gegen die russische Eisenbahn- Verbindung mit Wladiwostok. Die Japaner beschießen Mulden mit elfzölligcn Geschützen. Einige Personen, Ivelche von der Front zurückkehrten, berichten: das kürzlich begonnene Bombardement habe weit hinter den russischen Linien großen Schaden augerichtet, Bcrantio.Nedakt.: PoulBüttner, Berlin. Inserateverantw.(mit Ausnahme der.NeueWctt'-Bessaze):TH. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. ü«riflg?anst.Pout Singer& Co., Bevlin 8 W. Hierzu L Vcilagenu.UutcrhaltnnzSvl. f. Seiligt Srs, Jmirts" Jtrlititt Istetilatt.«»»»..i« Reichstag» 150. Sitzung Vom Montag, den 27. Februar 1S0S, nachmittags 2 Uhr. Am BundesratSiische: v. Tirpitz, später Graf Posa- d o Iv S k h, Frhr. v. Stengel. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Bc- ratung des Marme-Etats. Der Rest von Kapitel 60(Instandhaltung der Flotte und der Werften), ferner Kapitel 61(Waffenwesen und Befestigungen). Kapitel 62(Kassen und Rechnungswesen), Kapitel 63(Küsten- und Vermessungswesen) Kapitel 64(Verschiedene Ausgaben) und Kapitel 64a tZentralverwaltung für da? Schutzgebiet Kiautichou), somit der ge- samte Rest der sortdauernden Ausgaben wird mit den von der Kommission beantragten Aenderungen ohne Debatte angenommen. Die einmaligen Ausgaben werden ebenfalls sämtlich nach den Vorschlägen der Kommission debattelos angenommen. Hierauf kommt der außerordentliche Etat der Marine- Verwaltung zur Beratung. Der Rest des Extra-OrdinariumS wird debattelos bewilligt. Bon den Ausgaben steht noch aus Kapitel 81 Titel 1 (Besoldungen der See-Offizicre). Abg. G r ö b e r(Z.) beantragt, eine dort geforderte Vensions- fähige Zulage von je 1150 Mark für 29 Fregattenkapitäne zu streichen. Abg. Graf O r i o l a(natl.) beantragt mit Rücksicht ans die schwache Besetzung des Hauses Aussetzung dieses Titels bis zur Beratung der Militärvorlage. Abg. Gröber(Z.) erklärt sich mit der Absetzung, aber nicht mit der Verschiebung bis zur Militärvorlage einverstanden. Präsident Graf Ballestrem: Das ist eine cura posterior, die Tagesordnung für jede Sitzung wird ja erst am Tage vorher festgesetzt. Die Beratung de? Titels wird ausgesetzt. Die Ein- nahmen des Marine-EtatS werden debattelos bewilligt. Da- mit ist dieser Etat erledigt.» Es folgt der Etat für Kiautschou. Abg. Eickhoff(frs. Vp.): Die Denkschrift, die unS über die Eni- Wickelung der Kolonie gegeben ist, ist mit anerkennenswerter Gründlichkeit ausgearbeitet. Wir müssen zugeben, daß die ftir Kiautschou aufgewendeten großen Mittel in rationeller Weise verwandt sind. Man könnte wünschen, daß alle Kolonien dem Reichs-Marine- amt mtterstellt würden, freilich das Amt selbst würde uns wohl wenig dastir dankbar sein.(Sehr richtig I) Die Bc- sürchwngen über das Klima in Tsinglaü haben sich nicht als begriindet erwiesen.(Hört! hört I rechts.) Die Ge- sundheitSverhältnisse in der Kolonie haben sich vielmehr ständig ge- bessert. Da die Tollwut dort häufiger aufgetreten ist, hat mau ein Seruminstitut gegen die Tollwut errichtet. Ueber die Resultate der Scrumbehandlung wird uns jedenfalls im nächsten Jahre berichtet werden. ES entwickelt sich in der Kolonie ein klemcS Stück deutschen Kulturlebens; mit Freuden ist es zu begrüßen, daß jetzt auch eine deutsche Reichsschule in Tsingtau errichtet werden soll. Der Lehrplan der Schnle ist erfreulicherweise der eines Mefonnrealgymnafiums.— Ein Vize a d miral Küh n e soll in einem Vortrag in Lübeck geäußert haben, daß von dem Ausgang des russisch-japanischcn Krieges das Schicksal Kiautschous abhänge. Er deutete an, daß die Japaner die Slbsicht hätten unS Kiautschou zu nehmen. Ein so vorzüglicher Kenner Ostasiens wie Herr v. Brandt bestreitet eine solche Möglichkeit auf das entschiedenste. Auch China denke nicht daran, irgend welche Angriffe gegen Kiautschou zu richten, so lange der Kiautschou-Vcrttag von deutscher Seite strikte innegehalten werde. Daß dies geschehen wird, hat unS der Herr Reichskanzler mehrfach ausdrücklich erklärt. Ich kann also nur�mit Herrn von Brandt die Be'ürchtungcn in bezug auf Kiautschou als ganz unbegründet bezeichneir.(Bravo! links.) Staatssekretär v. Tirpitz: In bezug auf die allgemeine politische Lage kann ich mich dem Herrn Vorredner anschließen.— Für seine Anregung betreffend die Schul- Verhältnisse in Tsingtau danke ich ihm. Die Schule in Tsingtau war ursprünglich als Realschule gedacht; im Einklang mit den Lätern der Schüler gedenken wir sie jetzt einem Rcformgymnasium anzunähern. Wir werden diese Umwandlung tunlichst beschleunigen. Abg. Grober(Z.) kommt auf die Rechtspflege in Kiautschou zu sprechen. Mit der Zuziehung von Laien hat man treffliche Er- fahrungen gemacht. Ohne diese Zuziehung hätte die dortige Rechts- pflege weit ungünstigere Resultate geliefert. Wir befürworten die Teilnahme des Laienelements auch bei dm Gerichten zweiter Instanz. Redner regt eine Ausbildung und Kodifizierung des bisher sehr nnsystematischen und unzusammenhängenden Kolonialrechts an. Auch hier muß eS heißen: Germania docet; Deutschland, das Land der Gelehrten, hat auch auf dem Gebiete des Kolonialrechts bahnbrechend zu wirken. Staatssekretär V. Tirpitz dankt dem Vorredner für seine An- regungen und verspricht, das Kolonialrecht nach Möglichkeit zu fördern. Allerdings wird die Entrichtung dieses Rechts einige Zeit in Anspruch nehmen. Damit schließt die Diskussion. Der Etat für das Schutzgebiet Kiautschou wird bewilligt. ES folgt der Etat des ReichSamtS des Innern. Hierzu liegen folgende Resolutionen vor: I. Von Albrecht u n d G en o s se n(Soz.), dem Reichstage' einen Gesetzentwurf vorzulegen 1. auf Errichtung von Arbeitsämtern, Arbeitskammern, Einigungs- ämtern und eines Reich s-ArbeitsamteS; 2. auf Festsetzung der täglichen regelmäßigen Arbeitszeit stir alle in Lohnarbeit und Dienstverhältnis im Industrie-, Handels- und Verkehrswesen beschäftigten Personen auf längstens acht Stunden; 3. auf Erlaß von Vorschriften auf Grund der§§ 120e und 139a der Gewerbe-Ordnung für alle Betriebe, in denen giftige oder infizierende Stoffe hergestellt oder verwendet werden; 4. auf Schutz der Arbeiter des Baugewerbes; 6. auf Verbot der Sonn- und FesttagSarbeit in Glas- Hütten; 6. auf Strafbestimmungeu gegen Arbeitgeber, die sich mit anderen Arbeitgebern verabreden oder vereinigen, um Arbeitern wegen Ausübung des Koalitionsrechtes ihr ferneres Fortkommen zu erschweren; 7. auf Verbot der gewerblichen Arbeiten an Sonn- und Fe st tagen mit Ausnahme der Anstalten für Personenverkehr und der Gastwirtschaften.� sowie der Verkaufsstellen für Nahrungs- und Gennßmütel, die höchstens drei Stunden geöffnet und spätestens um 12 Uhr mittags geschloffen sein sollen. ll. Bon den Abgg. Dr. M ü l l e r- Meiningen, Dr. Müller- Sagan und Eickhoff(srs. Vp.): 1. Dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen über dm Verkehr mit Automobilen auf öffentlichen Straßen, Plätzen und Wegen; 2. auf Ausdehnung des Rechts, auch außerhalb des gewerb- licheit GemeindebczirkS Waren aufzulaufen oder Aufträge zu stlchen, auf die A g e n t e n; 3. über die Zulassung der Ob errealschul-Abiturienten zu den ärztlichen Prüflingen. 4. die Anzeige der Geburt totgeborener Kinder für den nächstfolgenden Wochentag(bisher nächstfolgenden Tag) vorzn- schreiben; 5. eine Untersuchung über daß Bestehen und den Umfang der Mißstände zu veranstalten, die durch Bestechung von Angestellten durch Lieferanten zuungunsten der Arbeiter im gewerblichen Leben herbeigeführt werden. m. Von den Abgg. Hitze, T r i ni b o r n und Erzberger (Eentrum), 1. dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die A r b e i t e r s ch u tz b e st i m m u n g e n der§§ 135— 139b der Ge- Werbe-Ordnnng auf die Hausindustrie ausgedehnt wird; 2. dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Arbeitszeit der Arbeiter in Fabriken auf Höchstens zehn Stunden festgesetzt wird, oder, im Falle der Ablehnung dieses Antrages einen gleichen Gesetzentwurf für die Arbeitszeit der Arbeiterinnen vorzulegen; 3. dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Sonntagsruhe für Arbeiter und Handlungsgehülfen aus- gedehnt wird; 4. dem Reichstage tunlichst bald eine Denkschrift über Kartelle. Syndikate und Interessengemeinschaften vorzulegen; 8. dem Reichstage eine Statistik über die Erteilung des Ge- Werbesch eins und der Legitimationskarte für Dctailreisende vorzulegen; 6. nach Art des„ReichS-Arbeitsblattes" die Herausgabe eines „Reichs-HandwcrkerblatteS" zu veranlassen; 7. die Bemessung des Wohnungsgeldzuschusses ent- sprechend den gestiegenen WohnungSimetSpreisen unter besonderer Berücksichtigung des Familienstandes neu zu regeln; 8. einen Gesetzentivurf zum Schutze der Bauarbeiter, insbesondere durch Arbeiterkontrolleure, vorzulegen; 9. dem Reichstage einen Gesetzentwurf über Arbeitszeit, Sonn- tagSruhe usw. der Gehilfen der Rechtsanwälte, Notare, Gerichtsvollzieher und der Krankenkassenbeamten vorzulegen. Alle diese Resolutionen stehen mit zur Beratung. Abg. Erzberger(Z.): ES ist nicht meine Aufgabe, hier über den Gesamt-Etat de» Reichsamts des Innern zu sprechen, sondern nur zu einigen Resolutionen, nämlich zu der über Fabrikinspektion und zu der über den Hausierhandel.— Die FabrikiuspekttonS- Berichte sind geradezu mustergültig, waS den Registerband anlangt. Leider ist der Tabellenband nicht so gut. Auch geht er unS Ab- geordneten zu spät zu. Einige deutsche Bundesstaaten geben uns weniger Auskunft über die gewerblichen Verhältnisse, als selbst ausländische Staaten wie Oesterreich und die Schweiz. Deshalb wäre es wünschenswert, daß uns hier im Reichstage offiziell über alle die interessanten Verhältnisse Auskunft erteilt werde. In den Tabellen find gewaltige Ungleichheiten, so daß man die Berichte aus verschiedenen Gegenden des Reiches kaum vergleichen kann. Die Gastwirtschaften werden bis jetzt nur zum kleinsten Teile revidiert. Diese Revision sollte also weiter aus- gedehnt werden. Aehnlich ist eS in anderen Gciverben. Ferner müßte jeder revisionSpflichtige Bettieb doch mindestens einmal im Jahre revidiert werden. Im allgemeinen wird in den kleineren Bundesstaaten relativ häufiger revidiert; iMecklenburg allerdings mit 20 Prozent, Elsaß-Lothringen mit 25 Prozent, Baden mit etwa 34 Prozent Revisionen machen unerfteuliche Ausnahmen. Die Zahl der Inspektoren muß also vermehrt werden. Doch sollten nicht nur die Techniker, sondern vor allem auch die A e r z t e und die Arbeiter zur Inspektion herangezogen werden. In Württemberg gibt eS schon Arbeiterinspektorcn. Aus die politische Gesinnung der Arbeiter kommt es dabei nicht an.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Fabrikinspcktoren sollten auch über das Lehrlingswesen Auskunft geben. Die Lehrlingszüchterei grassiert heutzutage weniger im Handwerke, als im Kauflnannsstande und in kleineren Fabriken. Die unteren Aufsichtsbehörden haben heute schon das Recht, gegen sie einzuschreiten. Ich habe aber niemals gehört, daß sie es getan haben.— Leider erhalten die Fobrikleitungen fast immer, wenn sie darum nachsuchen, das Recht, am Sonntag arbeiten zu lassen. Der Fabrikinspektor sollte stets vorher gefragt lvcrden. Meine polittschen Freunde stimmen der sozialdemokratischen Resolution, die den Glasarbeitern die Sonntagsruhe verschaffen will, zu, sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und fordern den sanitären Maximal-Arbeitstag für die Glasarbeiter.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Vielleicht steht diese Forderung in einer der anderen sozialdemokratischen Resolutionen, ich kenne diese nicht so genau.— Die Verhältnisse in der Ziegelindustrie sind in sittlicher lvie in sanitärer Beziehung ganz unbefriedigend.— Ferner ersuche ich den Herrn Staatssekretär, sein Augenmerk auf den Zustand in der Tabalindustrie zu richten. Er hat un» schon 1901 ein dahin gehendes Versprechen gemacht.— Die Straßenbahnen unterliegen leider bis jetzt nicht der Gewerbe-Jnspektion, da sie als„Eisen- bahnen" vom Reichsgericht bezeichnet wurden. Es wäre aber durch- aus angebracht, sie als„gewerbliche Betriebe" aufzufassen und ihnen nur einige Ausnahmebestimmungen betreffs der Sonntagsruhe usw. z» gewähren. Leider ist das sozialpolitische Verständnis der großen Gemeinde Verlin nicht entwickelt genug gewesen, um in die Kon- zesfionSbcdingungen gewisse Bestimmungen auszunehmen. DeS- halb sollte ein Spezialgesetz für die Eisenbahnen und vor- läufig eine offizielle Erhebung über sie in die Wege geleitet werden. Sehr wünschenswert wäre eS, wenn die Gewerbe-Jnspektoren ihr reiches Material der Ausstellung für Arbeitcrwohlfahrt in Char- lottenburg ankommen ließen. Sehr instruktiv Iväre ferner eine Uebersicht� über die Wirkung der Arbciterverficherung seit ihrem Bc« stehen, also seit 15 Jahren. Den wichtigsten Wunsch, den ich an die Gewerbe-Jnspektoren habe, möchte ich in die Anfrage kleiden: wie iveit die Erwägungen darüber gediehen sind, waS Handwerk und was Fabrik ist. Hier sind vor allem einheitliche Bestimmungen nötig, damit nicht widersprechende Urteile in demselben Bezirk ergchen. ES sollte hier als letzte entscheidende Instanz das Rcichsanit des Innern festgesetzt werden. Redner begründet die Resolution deS Zentrums über den Hausierhandel. Der Hausierhandel ist geradezu etile Landplage geworden, Ivir halten ihn für gänzlich über- flüssig. Wir wünschen deshalb eine genaue Statistik über die Er- teiluug der Legitimatton zum Detailhandel und über die Er- teilung des Wandergeiverbescheins, weil wir der Ueberzeugung sind, daß die auf diesem Gebiete bestehenden Gesetze vielfach sehr lax gehandhabt werden. Die§§ 55—63 der Gewerbe-Ordnung würden sonst vollständig ausreichen, um den Hausierhandel abzu- schaffen. Aus dem Kolportagehandel müssen auf Grund der Gewerbe- Ordnung in sittlicher oder religiöser Hinsicht an- stößige Schriften beseitigt werden. In dieser Hinsicht sind die unteren Verwaltungsbehörden sehr wenig aufmerksam. Die Verordnung des Reichskanzlers, die Ausländern einfach den Hausierhandel gestattet, halten wir für sehr abänderungS- bedürftig. In Hannover sollen für 20 000 M. Wandergcwerbescheine gefälscht und an galizische Händler gegeben sein. Die Folge des erwähnten BundeSratsbeschlusseS war die unmenschliche Ausbeutung von über hundert slowakischen, mit Mäusefallen handelndes Kindern durch ausländische Händler unter den Augen der Berliner Polizei. Der Beschluß vom 27. November 1896 sollte daher aufgehoben und durch die rigorosesten Bestimmungen ersetzt werden. An Kinder, für deren Unterricht nicht genügend gesorgt ist, darf nach der Gewerbe- Ordnung der Wandergewerbeschein überhaupt nicht erteilt werden. Die übrigen von unS gestellten Resolutionen werden eine Reihe meiner Freunde des näheren begründen. Zum Schluß noch eine Bemerkung gegenüber Herrn Bebel. Derselbe hat seinerzeit behauptet, das Zentrum hätte Anträge, die feine Partei früher gestellt habe, aufgenommen, unter anderm den auf die 36stündige Sonntagsruhe. Herr Bebel hat jedenfalls die Allen nicht genau durchgesehen. Die 36stündige Sonntagsruhe wurde als Antrag Nr. 7 im Jahre 1890 in der Kommission von meinem Freunde Dr. Hitze beantragt. Wir, mißten dann allerdings diesen Antrag zugunsten der 24stündigen Sonntagsruhe zurückziehen, um nicht das ganze Gesetz zu gefährden, jedenfalls aber gebührt unserer Pariri die Priorität für diesen Antrag, wenn auch nachher die Sozialdemokratie ähnliche Anträge gestellt hat. Nachdem sich heute alle Befürchtungen, die man 1890 erhob, als unbegründet erwiesen haben, hoffen wir im Reichstage eine Mehrheit auch für die 36stündige Sonntagsruhe zu finden.(Bravo! im Zentrum.) Abg. Wurm(Soz.): Wenn man die Sozialpolitik nur aus der Schilderung des Zentrums kennen lernt, so erhält man recht viele schiefe und salsche Bilder. So hat heute lvieder der Abg. Erzberger die parlamen- tarische Geschichte der Bestimmungen über die Sonntagsruhe voll- kommen verkehrt dargestellt. Wir Sozialdemokraten hatten da- mals in der zweiten Lesung eine ganze Reihe von Verbesserungen des Gesetzes durchgesetzt, so daß schließlich dem Zentrum angst und bange vor seinen eigenen Erfolgen wurde. Da bildete das Zentrum zwischen der zweiten und dritten Lesung zusammen mit den Herren Stumm und Möller eine jener freiwilligen Bcrschlcchterungs- kommissione», die alles wieder aus dem Gesetz herausschaffte, was für den Schutz der Arbeiter wirksam gewesen wäre. So verleugncic das Zentrum seine frühere Anschauung und schaffte die Sonntagsruhe wieder aus der Welt. Und jetzt eben wieder, wo wir seit Jahren einen vollständigen Stillstand der Sozialreform erleben, ermnerte der Abg. Erzberger daran, daß im nächsten Jahre die Gewerbe- Novelle 15 Jahre lang in Kraft sei und bittet um eine Enquete über ihre Erfolge, um dann zu sehen, welche Finger- zeige diese für den Ausbau der Sozialreform gebe. Aber ist die Reihe von Resolutionen, die ihre eigene Partei eingebracht hat, noch nicht Fingerzeig genug, oder sind diese Resolutionen nur ein- gebracht, um auf dem Papier zu stehen? Die Art und Weise, wie diese Resolutionen auch in diesem Jahre wieder en passant behandelt werden sollen, muß uns stutzig machen. Meine Freunde werden darauf bestehen, daß unsere Resolutionen gründlich durchberaten werden; zur Begründung jeder einzelnen wird einer meiner Freunde das Wort nehmen. Aber wir wollen diese Debatte nicht mit der Generaldebatte über das Reichsamt des Innern verquicken. Wenn uns Herr Erzberger auch darauf vertröstet hat, daß ein Größerer nach ihm kommen werde, so soll uns das nicht abhalten, zu Anfang dieser allgemeinen Debatte dem ReichSamt des Innern alle seine Unterlassungssünden vorzuhalten. Vor wenigen Tagen führte bei Beratung der Handelsverträge der Staatssekretär Graf Posado wsky aus, daß die städtische Bevölkerung körperlich herunterko mme. Das war eine Reminiszenz an eine Rede, die er im Mai vorigenJahres aufder General- Versammlung der Zenttalvereins zur Errichtung von Heilstättten für Lungenkranke gehalten hatte. Man dürfe sich nicht darüber täuschen, daß nnt der wachsenden Industrialisierung bei der schlechten Luft in überfüllten Wohnungen nicht nur die Gefahren der Berusskrankheiten vergrößert würden, fondern im allgemeinen eine ungünstige Rück- Wirkung auf den körperlichen Zustand der beteiligten Bevölkerung stattfinde. Aber der Staatssekretär zog au» dieser richtigen Tatsache nicht die richtige Folgerung. Es ist gerade die Folge deS Systems des ewigen Brcmscns der Sozialreform, wenn die Bcvölkerimg körperlich zurückgeht, verelendet. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Tendenz der kapitalistischen Pro- duktionSweise dahin geht, die Arbeiter zu verelenden, und nur die Gegenwirkung der organisierten Arbeiterklasse diese Verelendung mildern kann. Wenn trotzdem die Zahl der Militärtanalichen zurück- geht, so zeigt das, daß unsere Sozialreform nicht imstande ist. die verelende Tendenz auch nur ein wenig aufzuhalten, sondern daß diese mit Riesenschritten fortgeht und wir elenden Zuständen entgegen- gehen. Der Staatssekretär fuhr damals fort, daß die Zukunft dem Volke gehöre, das sich körperlich am widerstandsfähigsten und damit am wehrkräftigsten erhalte. Das ist die schärfste Verurteilung all der Nnternehinerkreise, die durch rücksichtslose Aus- beutung der Arbeiter eS dahin bringen, daß die Arbeiter in dieser Weise verelenden. Und gerade den Leuten, die sich so gern ihres „PatriottSmuS" rühmen, hat der Staatssekretär damit das Merkmal der„vaterlandslosen Gesellen" aufgedrückt, die sich nicht darum kümmern, ob das Vaterland durch ihr Treiben zu gründe geht! Die lange Reihe von Mahnzetteln, die wir Ihnen in unseren Resoluttonen vorlegen, beweist, wie wenig bisher getan ist und wie viel zu tun noch übrig bleibt. Die Regelung der Arbeitszeit, die Sonntagsruhe, der Schutz der Heimarbeiter, der Schutz gegen Ver- giftungSgefahr, der Schutz der Bauarbeiter, der Bergarbeiter, der Ausbau der Gewerbe-Aufficht, die Errichtung eines Reichsarbeits- amt» die Sicherung des KoalittonsrechtS, das allein die Arbeiter in den Stand setzt, sich ihrer Haut zu wehren, all das fehlt noch. Es ist fast noch so schlimm, lvie zurzeit der größten Mißwirtschaft der kapitalistischen Gesellschaftsordmmg. Und was tut die Regierung auf diese Klagen. Im besten Falle verspricht sie, eine Enquete anzustellen. Aber über die V e r g i f t u n g s- g e f a h r wurde 1877 eine Enquete veranstaltet. Und doch ist außer einigen unzureichenden Spezialverordnungen nichts geschehen! Ich will heute nicht über unsere Resolutionen sprechen, sondern mich im allgemeinen mit den Zuständen beschäf- tigen, die bewirken, daß die Arbeiter den rücksichtslosen Ausbeutungs- Praktiken des Unternehmertums ausgeliefert sind. Wir haben eine ganze Anzahl von Betrieben, in denen der Arbeiter, der einer Organisation angehört, entlassen wird. DaS Gewerbegericht von Bremerhaven hat allerdings das als Verstoß gegen die guten Sitten bezeichnet. Aber richten sich die Unternehmer danach? Der Terrorismus der Arbeitgeber bleibt derselbe. Er richtet sich nicht etwa nur gegen Sozialdemokraten. Die Herren vom Zentrum könnten sich wirklich einmal etwas mehr um die christlichen Arbeiterorganisationen kümmern! In Nl ü n ch c n- G I a d b a ch wurde in einem Bettieb jede Organisation. ob ch r i st l i ch, n i ch t- ch r i st l i ch oder sozialdemokratisch verboten. In der sogenannten.Gifthölle" bei Elberfeld, der chemischen Fabrik von Beyer u. Eo. ist dasselbe geschehen.(Zuruf beim Zenttnm: nationallibcraler Unternehmer!) Wenn die Fabrik- leittmg zufällig nattonalliberal ist, so tut das gar nichts zur Sache, sondern eS ist ein Kennzeichen des Unternehmer- ttunS schlechthin. Es ist töricht und grundfalsch, sich an die Person anzuklammern. Auch ist die Firma Beyer u. Co. gar nicht nationalliberal, sie ist überhaupt gar keine Person, sondern eine Aktiengesellschaft.(Lachen im Zentrum.) Sie können gar nicht wissen, ob nicht ein guter Teil der Aktien sich in ZenttumShänden befindet.(Sehr richtig I bei den Nattonalliberalcn.) Die Aktien- gefellschaften beweisen eben am besten, daß die Arbeiter nicht gegen einzelne Unternehmer, sondern nur gegen den gesamten UnternehmerterroriSmuS kämpfen müssen. Die organi- sierte Arbeiterschaft ist allen Unternehmern ein Dorn im Auge. DaS sehen wir selbst aus den amtlichen Berichten der Gewerbe-Jnfpektton, z. B. aus Bayern. Es ist den Unternehmern ein Dorn im Auge, daß die Arbeitcrorganisntioncn der Regierung helfen, die Gesetze durchzuführen. Ebenso urteilt die Gewerbe- Aufsichtsbehörde in W ü r t t e m b e r g. Die Gewerkschaften heben die Lebenshaltung der Arbeiter, sie sind ein Kulturträger. Deshalb werden sie von den Unternehmern verfolgt. Nicht einmal die vom Gesetz vorgesehenen ganz unzureichenden Organisationen, die Arbeiter- ausschüsse, sind bei den Unternehmern beliebt: entweder sind sie zu Karikaturen herabgesunken, oder sie werden gemäß- regelt. Die„Hamburger Nachr.", ein spezifisches Unternehmer- blatt, schrieben. die Arbeiterauöfchüsss seien deshalb zu ertragen. weil sie die Arbeiter verhinderten, in die Gewerkschaften einzutreten. Unsere Gerichte sind sehr tolerant gegenüber den Unternehmern. Die Folgen aller dieser Dinge sind die. daß die Lebenshaltung der Arbeiter zurückgeht. Die Berichte, die die Gewerbe-Aufsichtsbehörden, die in anderer Hinsicht ja objektiv urteilen, über die Lebenshaltung von Arbeitern geben, sind mit großer Vorsicht mifzunehmen. weil die Gewerbe- Inspektoren nach dieser Richtung gar keine Erfahrung haben. Und doch gibt uns gerade der tti:i..arismus einen geradezu wissenschaftlichen Maßstab für die notwendigen Kosten einer genügenden Lebenshaltung. Er setzt nämlich als Ersatz der Nnturalverpflcgung in T e u e r u n g s z e i t e n 1 M., in gewöhnlichen Zeiten 80 Pf. fest. Nimmt man nun eine Arbeiterfamilie mit Frau und zwei Kindern an und rechnet, wie üblich, zwei Kinder für einen Erwachsenen, so kosten die Roh- nnUcrialien für die Nahrungsmittel einer Arbeiterfamilie täglich 2,40 M.; dazu würden dann die Ausgaben für die Zubereitung, für Genuhmittel, für Kleidung und Wohnung kommen! Das Reichs-Gesundheitsamt hat ein Gesundheitsbüchlein heraus- gegeben, in dem auch die Ernährungsbedingunaen dargelegt sind. Daraus ergibt sich ebenfalls, daß 500 bis 600 Mark nötig find, um eine Familie auf das notdürftigste z» ernähren. Dabei gibt es in verschiedenen Industrien Jahreslöhne von 450 bis 600 Mark! sHört I hört I bei den Soz.) Das ist eine erneute Anklage gegen die Politik der Wucherzölle, und da spricht der Herr Staatssekretär von der nervösen Hast der Sozialpolitik, gegen die die Agrarpolitik ein Gegengewicht bilden soll.(Sehr richtig! rechts.) Das Gegengewicht ist ein Stein, der den Arbeitern an den Hals gehängt wird und der sie noch weiter ins Elend zieht. sSehr richtig! bei den Soz.) Um mit den niedrigen Löhnen auszukommen, müssen die Arbeiter ihre Zuflucht zu Surrogaten wie Margarine usw. nehmen; auch der Pferdefleischkonsum spielt eine große Rolle. Dazu kommt dann noch der Wohnungswucher.(Sehr richtig I links.) Nun sagt man auf der Rechten: Warum gehen die Leute nicht aufs Land, da ist es ja so schön! Eine Statistik der pommerschen Landwirtschaftslammer abergibt als Ursache der Landflucht an: die schlechten Löhne, die lange Arbeitszeit, die schlechte Wohnung und die schlechte Behandlung aus dem Lande! Auf eine weitere Tatsache weist die Gewerbe-Inspektion in Berlin hin: Für tausend ledige fabrikarbeiterinnen beträgt der Durchschnittslohn pro Woche 1,36 M. sHört, hört! bei den Sozialdemokraten); die not- wendigsten Ausgaben sind dagegen auf 11,62 M. angegeben, so daß also die Ausgaben die Einnahmen übersteigen. sHört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Woher die armen Mädchen ihr Defizit decken, wissen Sie ja. Es gibt Industrien, die kolossale Dividenden zahlen, wie die chemische, und die notorisch die schlechtesten Löhne geben. Wir haben in der Eisenindustrie in einem Bezirk sieben Gesellschaften mit 161 Millionen Betriebskapital und 13>/z Millionen Mark Bruttogewinn, aber die Löhne können auch sie nicht erhöhen. Die tägliche Arbeitszeit beträgt dort 13'/z Stunden, mit Ueber- schichten 13Vg Stunden, das Durchschnittseinkommen jährlich 1230 M. Die UnfallSqnote ist in jenen Betrieben um 80 Proz. höher als im Bergbau. sHört! hört! bei den Sozialdemokraten.)— Und wie sieht es in den von den Agrariern als das Ideal hingestellten Betrieben aus, wo industrielle Arbeiter ländliche Nebenarbeit verrichten. Eine verdienstvolle Arbeit des bisherigen badischen Fabrikinspektors Fuchs, der leider heraus mußte aus Baden— natürlich freiwillig— hal festgestellt, daß diese Arbeiter ihre Arbeitskraft ganz übermäßig aus- nutzen müssen, weil ihre Löhne so niedrig sind, daß sie ohne die ländliche Arbeit überhaupt nicht existieren könnten. Mann, Frau und Kinder sind monatelang überanstrengt und das Resultat ist: 126 M. Nebenerwerb, die noch gekürzt werden durch Lohnausfälle de? Mannes. sHört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Schwind- sucht ist die natürliche Folge dieser Ueberarbeit und Unterernährung. Wenn Deutschland aber auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben will, muß es eine gesunde und freie Arbeiterschaft haben. sSehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Die Vorschriften über Arbeitszeit der Arbeiterinnen und Sonn- tasiSruhe werden überall durch Ausnahmebestimmungen durchlöchert. Die Zahl der genehmigten Ueberstunden ist von 1902—1903 nach der Zahl der beteiligten Betriebe wie nach der der Slrbeiter wieder ganz bedeutend gestiegen. In Wald bei Solingen wurden Ueberstunden genehmigt, weil durch einen Streik ein Notstand ausgebrochen fei. sHört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Aus eine Beschwerde ant- wartete die Regierung, durch den Streik sei der Betrieb weniger leistungsfähig geworden, also bestände ein Notstand. sHört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Für die Zellulosefabriken gelten die Bestimmungen, die für die Sonntagsruhe in Papierfabriken er- lassen sind, nicht. Daher müssen die Arbeiter dort alle 14 Tage 24 Stunden Sonntags hinter einander arbeiten. sHört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Durch eine Kleinigkeit könnte die Regierung großen Arbeiterkategorien Hülfe bringen. Trotz der Arbeitslosigkeit, des Notstandes unter den erwachsenen Arbeitern vergrößert das Unternehmertum ständig die Zahl der weiblichen, der jugendlichen Arbeiter und der Kinder unter 14 Jahren. Erst im letzten Jahre hat die Zahl der jugendlichen Arbeiter um 10 400, die der weiblichen um 39 000 und die der Kinder unter 14 Jahren um 802 zugenommen. Zur Frage der Arbeitszeitverkürzung erklärt die Regierung, daß die Zeit noch nicht gekommen sei. Ich stelle fest, daß diese Reform längst spruchreif und die wichtigste und notwendigste ist. Mit ihr würden eine Reihe von Mißständen spielend leicht beseitigt, unter denen heute die Arbeiter schwer leiden. Mit der Länge der Arbeitszeit steht die Zahl der Unfälle in engstem Zusammenhange. Sie ist auch in diesem Jahre wieder gestiegen, von 488 000 auf 530000. Ein Zwanzigstel aller Arbeiter verunglücken jährlich. Die landwirtschaftliche Berufs- genossens chaft Sachsens erklärt die Unfallvorrichtungen in 91 Proz. der Betriebe fiir unzulänglich. sHört! hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Will sich die Regierung fortgesetzt_ vor den Unternehmern lächerlich machen? In Mülhausen� im Elsaß erklärte ein Unternehmer vor Gericht, auf so nebensächliche Dinge wie Arbeiterschutz-Vorrichtungen könne er bei Betriebsveränderungen nicht achten. Er müsse seine ganze Aufmerksamkeit auf die Pro- duktion richten, um einen ungünstigen Geschäftsabschluß zu ver- meiden. Wieviel Arbeiterleben und Arbeiterglieder dabei zu gründe gehen, ist ihm ja gleichgültig. sSehr wahr I bei den Sozialdemo- kraten.) Das an sich sehr dankenswerte Charlottenburger Museum für Unfallverhütung ist viel zu gering dotiert— die ursprünglich geforderten 150 000 M. sind überhaupt nicht in den Etat hinein- gekommen— und nicht systematisch genug angelegt. Die große Masse der Arbeiter ist daran interessiert, wenn sie auch daraus ver- zichtet, zu solchen Festessen geladen zu werden, wie Herr Gehcimrat Fischer sie für notwendig hielt. sSehr gut! bei den>sozialdemokr.) Aber auch die Gewerbe- Aufsichtsbeamten haben es notwendig, die Einrichtungen zu sehen, die geschaffen werden können. So können für das gefährliche Messrngbeizen, das in Berlin noch in Kellern vorgenommen wird sHört! hört! bei den Sozialdemokraten), durch einfache Apparate Schutzmatzregeln ge- troffen werden. Ferner wünsche ich, daß die Regierung selber den Aufsichtsbeamten eine Aufftellung dessen in die Hand gibt, waS sie zugunsten der Arbeiter verlangen können. So vor allem was den erforderlichen Luftraum für Arbeiter anlangt. Wir haben eine preußische Ministerialverordnung über den erforderlichen Luftraum, der für Arbeiter und Versammlungen erlassen ist. Er wird. aber nur für Versammlungen mit großer Sorgfalt angewendet. sHört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Professor Koch, Professor R u b n e r haben erklärt, daß die Ueber- völkerung der Fabriken ebenso gefährlich ist, wie die Ueber- völkerung der Wohnungen. sSehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Die Ventilation in den Fabriken ist gleichfalls außer- ordentlich schlecht. Das Blechrädchen im Fenster fördert bekanntlich nicht die Vensilation, sondern hemmt sie. Gegen alle diese Mißstände könnte heute schon auf Grund der Gcwerbe-Ordnung eingeschritten werden, wenn die Aufsichtsbeamten mit den notwendigen Jnstrultionen versehen wären. Tatsächlich aber ist die Gewerbe-Jnspektion abhängig von der jeweiligen Stimmung im Ministerium. Das Unternehmertum ist sozial absolut nicht erzogen. Deshalb muß eS gezwungen werden, die Gesetze zu be- folgen. Die Inspektoren sollen nicht zwischen Unternehmern und Arbeitern vermitteln. Denn eine Vermittelung zwischen einem, der sein Recht verlangt, und einem anderen, der gar nichts gewähren will, führt notwendig dazu, daß der Fordernde höchstens die Hälfte bekommt. Der Beamte soll also nicht vermitteln, sondern streng für die Durchführung der Gesetze sorgen. Aber die Gewerbe-Jnspektion ist. trotzdem sie schon seit 1879 obligatorisch besteht, nach Qualität und Quantität ungenügend. Die Statistik des Rcichsamts des Innern gibt uns 8i 000 revisionspflichtige Betriebe an. In dieser Zahl sind eine große Anzahl Betriebe, welche früher inbegriffen waren, fortgelassen. Für Preußen besteht eine Statistik über diese Betriebe. Ich meine, daß das Reichsamt des Innern gar keinRecht hat, diese dem Abgeordnetenhause zugegangene Statistik uns hier v o r z u- enthalten.— Wie die Revision vielfach ausgeübt wird, beweist der Umstand, daß in den Betrieben, die nach der Statistik revidiert sein mußten, die Arbeiter gar nichts davon gemerkt haben. Auch Handwerksbetriebe müssen revidiert werden. In dieser Frage wird Abg. Mugdan wohl einen Rückzug antreten müssen. Wenn behauptet wird, eS sei viel für die Arbeiter geschehen in der letzten Zeit, so liegt das nur daran, daß man den Arbeiter jahrzehntelang auf Gnade und Un- gnade dem Unternehmer preisgegeben hat, und daß man erst in letzter Zeit ein wenig für ihn getan hat. Wie wenig die bisherige Inspektion genügt, beweist der Umstand, daß in Berlin zum Beispiel von 53 Steinmetzbetrieben nur 12, von 206 Zigarrenfabriken nur 56 revidiert worden sind. Namentlich aber von den Bäckereien wird nur ein verschwindend fleiner Teil revidiert. Sie können sich also auch nicht wundern, daß in diesen Betrieben die Zustände noch immer unerhörte find. Die Gewerbe- Inspektoren müssen also vermehrt werden. Kollege Erzberger hat gesagt, seine Partei sei auch für diese Vermehrung. Vielleicht hat Kollege Erzberger die Freundlichkeit, diese Bitte erst an seine eigene Partei zu richten; denn speziell in dem b a d i s ch e n und b a y- r i s ch e n Landtage war es immer die Zentrumspartei, die diese Vermehrung verhindert hat. Dieser Umstand zeigt die sozial- politische Taktik des Zentrums in grellster Beleuchtung. Die vorhandenen Gewerbe-Jnspektoren haben zu viel zu tun, sie müssen doch auch die einschlägige Literatur verfolgen usw. Ein Hülss- mittel für ihre Entlastung wäre es, wenn sie mit den Ar- beiterorganisationen in Verbindung träten. In Bayern, in Württemberg, in Baden usw. geschieht das, in Preußen. in Sachsen usw. nicht. Dieser fast ergötzliche Widerspruch spielt sich seit mehreren Jahren ab. Die einzelnen Arbeiter wagen es vielfach nicht, zu den Beamten zu gehen, weil sie durch Spitzel beobachtet werden und dann die Entlassung zu fürchten haben. sHört! hört I bei den Sozialdemokraten.) In einer Dresdener Fabrik sollte sogar eine ganze Abteilung von Arbeiterinnen entlassen werden, weil einige sich beschwert hatten, und erst, als die „Schuldigen" sich meldete», war der Unternehmer so gnädig, nur diese zu entlassen. sHört! hört! links.) Die Sozialpolitik kann die EntWickelung nicht hindern, der Kapitalismus wird durch etwas Anderes abgelöst werden, das wissen Sie so gut als wir. Aber sie kann den Uebergang milder gestalten.— Ich konstatiere, daß noch Ende des letzten Jahres die Gewerbe-Jnspeflion in Magdeburg es abgelehnt hat, der Einladung eines Gewerkschafts-KongresseS zu folgen. Dagegen ist es' ein guter Versuch, daß in Württemberg Arbeiter selbst als Inspektoren angestellt sind. Wir bleiben dabei, daß eS notwendig ist, mit einer bestimmten Organisation der Arbeiter die Inspektion zu verknüpfen. Deshalb haben wir unsere Resolution über Rcichs-Arbcitsamt, Arbeits- kammern eingebracht. Als gutes Zeichen ftir manche Gelverbe-Jnspektoren müssen wir eS begrüßen, daß sie sich den Haß der Feinde der Arbeiterflasse zugezogen haben. So nannte im hessischen Landtage der Bauernbnndler Brauer die Fabrikinspektoren„Hetzer". sHört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Die Handelskammer in Siegen nennt die Tätigkeit der Gewerbe- Aufsichtsbeamten„keineswegs ersprießlich". Der Bund der In- dustriellen hat gar eine Umfrage bei seinen Mitgliedern angestellt, ob sie nicht Uebergriffe der Gewerbe- Aufsichtsbeamten mit- teilen könnten. sHört l hört I bei den Sozialdemokraten.) Ich bin der festen Ucberzeugung, daß diese Umfrage nicht ohne Einwirkung aus die Gewerbe-Jnspektoren resp. auf die Regierungen bleiben wird! Es gibt eine ganze Anzahl von Regierungen, die sich von den Industriellen ans der Nase herumtanzen lassen. Das haben wir ja eben erst beim Bergarbeiter- Streik gesehen. Wenn gewisse preußische Handelsminister diese Umfrage sehen, werden sie ihre amtliche Stellung zu befestigen glauben, wenn sie den Gewerbe- Aufsichtsbeamten den vertraulichen Rat geben, sich nicht so streng an ihre Vorschriften zu halten. sSehr richtig! bei den Soz.) Das alles beweist, daß unsere deutsche Gewerbe-Jnspektion nicht von dem Belieben der Einzelregierungen abhängen darf, sondern daß eine ReichS-Gelverbeaufsicht geschaffen werden muß. sSehr richtig! bei den Soz.) Die„Brauer- und Hopfen-Zeitung" schreibt:„Der Staat kann unmöglich so weit gehen, daß die Ein- richtungen für die Arbeiter die Hauptsache werden und der wirtschaftliche Zweck der Betriebe die Nebensache." Diese Uebertreibung zeigt, daß den Herren der Arbeitcrschutz die Nebensache und das Geschäft die Hauptsache ist. sSehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Mehrfach klagen die Gewerbe-Aufsichts- beamten, daß die Arbeiter nicht wagen, sich zu rühren und etwas zu sagen, weil sie, wie eS in dem Dresdener Bericht heißt, Gefahr laufen, ihre Stellung und ihr Brot zu verlieren.� sSehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Außerdem sind die Strafen, wenn einmal ein Unternehmer verurteilt wird, so gering, daß die Uutcrnehmer tat- sächlich mehr Geld verdiene», wenn sie die Borschriften übertreten, als wenn sie sich danach richten. Es wurde erkannt: In 3000 Fällen auf Geldstrafen bis zu 3 M.; in 1800 Fällen auf Geldstrafen von 3 bis 10 M.; in 630 Fällen auf Geldstrafen von 10 bis 20 M.; in 395 Fällen auf Geldstrafe)! von 20 bis 50 M.; in 68 Fällen auf Geldstrafen von 50 bis 100 M.; in 14 Fällen auf Geldstrafen von 109 bis 200 M. und nur in 5 Fällen auf Geld- strafen über 200 M. sHört I hört 1 bei den Sozialdemokraten.) — Ein weiterer Uebelstand ist, daß man sich offenbar scheut, A s s i st e n t i n n e n heranzuziehen. 1903 gab eS erst in 12 Bundesstaaten weibliche Fabrrkinspektoren. Manche Gewerberäte scheinen einen direkten Widerwillen gegen Assistentinnen zu haben. Sachsen-Weimar hat ztvei solche weibliche Beamte, die aber in der amtlichen Statistik überhaupt nicht erwähnt sind. Leider ist die vorzügliche badische Fabrikinspektoriii Fräulein v. Richthofen ausgeschieden, weil sie geheiratet hat. Ihre Nachfolgerin ist in dem Bericht einfach totgeschwiegen. Als Fräulein v. Richlhofen aus dem Amte schied, fragte sie ihr Chef brieflich an, ob sich während ihrer Wirksamkeit Arbeiterinnen an sie gewandt hätten in Dingen, in welchen zu Männern zu reden Frauen berechtigte Scheu trügen, das heißt mit anderen Worten, ob sie sich nicht überflüssig gefühlt habe. Fräulein v. Richthofen bejahte in ihrer Antwort die Frage und fügte hinzu, der Schlverpunkt der Tätigkeit einer Gewerbe- Jnspektorin liege nicht darin, daß sie_ bereit ist, Klagen entgegenzunehmen, sondern darin, daß sie durch eigene Bcobachtungen und Fragen herausfindet, wo etwa Schädigungen der Gesundheit der Arbeiterinnen zu erwarten sind. Diese Antwort könnte man direkt als Dienstanweisung für Gelverbe-Jnspektoren und-Jnspektorinnen drucken lassen.