Nr. 104. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl, 3,30 m, monatl. 1,10 m., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage Die Neue Welt" 10 Pfg. Pofte Abonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblaff. 22. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Rolonel geile oder beren Raum 40 Bfg., fülr politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 25 Pfg. Kleine Anzeigen", das erste( fettgebruckte) Wort 10 Bfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müffen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Kelegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Religion und Volksschule. Freitag, den 5. Mai 1905. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. die Erlösung durch Jesus Christus? Glauben Sie, daß Jesus das französisch- englische Abkommen nun einmal zur diplomatiGottes eingeborener Sohn ist? Diese Fragen haben für preußische schen Unterstügung verpflichtet, fie erwächst vielmehr aus einer Verhältniffe vielleicht gar nicht einmal etwas ungewöhnliches an sich. ernsten und sich stets steigernden Ueberzeugung, daß England Bum ersten Male in Deutschland hat es eine offizielle Behrer- Aber für Bremen waren sie so unerhört, daß sie einen Sturm mit Frankreich gemeinsame Sache machen müsse, um sich torporation gewagt, die Entfernung des Religionsunterrichts in der öffentlichen Meinung entfesselten. Besonders aber trat jest gegen die von Deutschland drohende Gefahr zu sichern. aus der Volksschule zu verlangen. Eine allgemeine Versammlung auch endlich der Bremische Lehrerberein aus seiner Reserve heraus Die antideutschen Stimmungen in England sind bekannt, der Bremischen Lehrer und Lehrerinnen der Stadt und des und nahm sich seiner gemaßregelten Kollegen an. Am vorigen aber es zeigt sich, daß sie noch im Wachsen sind, und daß die Landgebietes, die zum Abend des 1. Mai von den Vorständen der Mittwoch kamen die Vorgänge in der Bremischen Bürgerschaft, der Versuche derer, welche Beruhigung fordern, scheitern. Eine Lehrervereinigungen einberufen und von ungefähr 500 Lehrern und Bremischen Volfsvertretung, zur Sprache, wo sie besonders von neue, überaus scharfe Kundgebung wird gegen Deutschland Lehrerinnen besucht war, nahm nach längerer Debatte folgende sozialdemokratischer Seite in die richtige Beleuchtung gerückt wurden. durch den Admiral Fizgerald gerichtet. Fitzgerald Resolution an: Es ist zu erwarten, daß die Dinge ihren Lauf weiter nehmen, und ist kein Beliebiger und, wenn die englische Regierung seine aus diesem Grunde ist es mit Freuden zu begrüßen, daß die Aeußerungen ablehnen wird, so zeigen sie doch das Maß der Bremische Lehrerschaft die Richtung des zukünftig einzuschlagenden antideutschen Erbitterung, die einflußreiche englische PersönWeges mit unzweifelhafter Deutlichkeit festgestellt hat. lichkeiten beherrscht. Die Aeußerungen Fizgeralds sind in der Deutschen Revue" veröffentlicht als Antwort auf einen Artikel des deutschen Admirals Thomsen über die deutschenglischen Beziehungen. Fizgerald wünscht, wie das jeder Diplomat und diplomatisierende Militär zu wünschen pflegt, die Erhaltung der alten Freundschaft zwischen den beiden Mächten, erklärt aber Deutschland als den Freundschaftsstörer und hält darum eine offene Aussprache für erforderlich. Und offen ist Herr Admiral Fizgerald. " Die allgemeine Bremische Lehrer- und Lehrerinnenbersammlung spricht den Herren, welche in der letzten Sigung der Bürgerschaft für die Freiheit der Volksschule und des Lehrerstandes eingetreten sind, den lebhaftesten Dank aus. Die Lehrerschaft protestiert dagegen, daß Inspektionen dazu benutzt werden, der Autorität und Bewegungsfreiheit des Lehrers und damit der Lehrerarbeit überhaupt zu schaden; sie protestiert das gegen, daß der Religionsunterricht in orthodorer Weise beeinflußt werde; fie protestiert dagegen, daß schrift stellerische Arbeiten, die mit der Lehrertätigkeit nichts zu tun haben, dazu benutzt werden, die Verfasser einem Verhör bezüglich ihrer Glaubensgrundsäße zu unterwerfen, ja sogar fie dieserhalb zu maßregeln, und behält sich vor, in Form grund. fäßlicher Erörterungen die Sache weiter zu verfolgen." Zu diesem Zwecke wurde die Niedersehung einer Kommission Beschlossen, der folgender, mit großer Majorität genehmigte Beschluß als Richtschnur mit auf den Weg gegeben wurde: Die Bersammlung ist der Ansicht, daß der Religionsunterricht aus der Schule entfernt werden muß und beauftragt die zu er wählende Kommiffion, diesen Punkt in geeigneter Weise zu vertreten." Mit diesem Beschluß ist endlich einmal Bresche geschlagen worden in die ängstliche Vorsicht und Rücksichtnahme, mit der die deutschen Volksschullehrer bislang jeder entschiedenen Haltung gegenüber dem überlebten Ballast des Religionsunterrichts auswichen. In Bremen liegen die Dinge etwas anders als in Preußen und den meisten anderen Bundesstaaten. Eine Staatskirche gibt es dort nicht, die kirchlichen Gemeinden sind völlig unabhängig, fodaß selbst die meist linksstehenden Pfarrer solange ungestört predigen fönnen, als es ihren Gemeinden gefällt. Als vor furzem wahrscheinlich auf Grund preußischer Zuflüsterungen eine Aenderung dieses Zustandes vom Senate erwogen wurde, erhob sich gegen diesen Verfuch auch das Bürgertum in so entschiedener Weise, daß der Senat seine firchenreaktionären Pläne schleunigft preisgab. Schon bei diesem Proteft war, wie uns aus Bremen geschrieben wird, die Bremische Lehrerschaft beteiligt. Bis vor etwa zehn Jahren herrschte in Bremen der beneidenswerte Zustand, daß das Schulwesen unmittelbar dem Senat bezw. den Genatsdezernenten für höheres und niederes Schulwesen unterstand. Inspektion und Bureaukratie, wie in Preußen, gab es nicht. In törichter Ver. blendung berkannten damals die Bremischen Boltsschullehrer die schlichte Vortrefflichkeit dieses Zustandes. Sie glaubten, burch Schulrat und Schulinspektor ein Gegengewicht gegen die Schulvorsteher zu bekommen, und ihrer lebhaften Agitation gelang es auch schließlich, den Senat und die Bürgerschaft zur Einrichtung dieser preußischen Eigentümlichkeit in Bremen zu bewegen. Seit dieser Zeit find die Volksschullehrer doppelt und dreifach gestraft, fie haben statt des bisherigen Vorgesetzten, den Schulvorsteher, also ( ehemaligen Kollegen, noch die ihnen persönlich fremd und ablehnend gegenüberstehenden Schulaufsichtsbeamten. Das höhere Schulwesen untersteht dem Schulrat Sander, einem bekannten liberalen Pädagogen, der seine Funktionen mit Taft und ohne Aufdringlichkeit ausübt, sodaß über ihn wenig Klagen zu hören sind. Dem Boltsschulwesen aber ist in einem früheren preußischen Schulaufsichtsbeamten, dem Schulinspektor Köppe aus Erfurt, ein Borgesenter gegeben worden, der schon nach kurzer Zeit feinen Zweifel mehr darüber ließ, daß ihm die Bremischen Schulverhältnisse viel zu freiheitlich waren und er in der Herbeiführung preußischer Schul verhältnisse in Bremen sein erstrebenswertes Lebensziel erblickte. In Bremen wird schon jetzt in den Volksschulen kein konfessioneller Religionsunterricht erteilt, sondern der neutrale, fonfessionslose, mehr geschichtliche Religionsunterricht, wie er vielen als Ziel überhaupt vorschwebt. Einen Katechismus fennt man in Bremischen Schulen überhaupt nicht und der religiöse Memorierstoff ist weit geringer bemessen als in anderen Staaten. Außerdem haben die Bremischen Volksschullehrer große individuelle Freiheit Möge das Bremische Beispiel anfeuernd auch auf die Lehrer des übrigen Deutschland wirken, möge man sich auch dort aus der bequemen Schläfrigkeit gegenüber dem Religionsunterricht zu der prinzipiell richtigen, freilich auch unbequemeren Kampfstellung gegen über der Kirche und ihren schulreligiösen Ansprüchen aufraffen. Es muß flar gefordert werden, wie es die Bremischen Lehrer getan haben, daß der Religionsunterricht aus der Schule entfernt werden muß." Politische Ueberlicht. Der englische Admiral geht aus von dem„ Entstehen einer mächtigen Flotte dicht vor der englischen Landesgrenze", wodurch Gefühle der Befürchtung hervorgerufen werden., beBerlin, den 4. Mai. züglich des Zweckes, zu dem diese Flotte gegebenenfalls von Ultramontane und freifinnige Arbeiterfreunde. einer ehrgeizigen, energischen und nach Ausdehnung strebenden Nation verwendet werden kann..." Weiter spricht Fizgerald Der Zentrums- Abgeordnete Fuchs sett feine Agitation von den giftigsten Schmähungen und Verleumdungen", die gegen die Arbeiterausschüsse im Bergbau fort. Er erklärt in während des Burenkrieges aus Deutschland gegen England einem neuen Artikel, daß er die aus freier Wahl hervorgerichtet worden seien, und er fährt dann fort: gegangenen Arbeiterausschüsse nicht für zweckmäßig halte. Einen freisinnigen Gegner wirklichen Arbeiterschutes haben wir gestern in der Person des Abgeordneten Gyẞling gekennzeichnet. Wie ein freifinniges Mitglied des Herrenhauses über die Rechte der Arbeiterorganisation denkt, dafür heute ein Beispiel. In Breslau haben die städtischen Arbeiter mehrfache Klagen über ihre Arbeitsverhältnisse zu erheben. Infolgedessen schrieb der Vorsitzende der dortigen Filiale des Verbandes der Gemeindebeiter, Genoffe Mehrlein, an den Oberbürgermeister Bender, Freisinnsmann und Mitglied des preußischen Herrenhauses, einen überhöflichen Brief, der durch folgende Stelle gefennzeichnet ist: Am liebsten wäre es mir, wenn Sie, Herr Oberbürgermeister mich einmal persönlich empfangen würden, damit ich Ihnen die Klagen und Beschwerden unserer Mitglieder, die sich aus Arbeitern und Handwerkern aller städtischen Werte zusammenfeßen, persönlich unterbreiten tönnte. Auch die sämtlich im Dienste der Stadt sich befindenden Vorstandsmitglieder wären dazu gern bereit. Auf diesen Brief antwortete Herr Bender: Breslau, den 27. April 1905. Auf Ihr Schreiben vom 13. April d. J. ertvidere ich Ihnen infolge einer längeren Reise verspätet ergebenst, daß ich es ablehne, mit Ihnen die Verhältnisse der städtischen Arbeiter zu besprechen. Wenn die städtischen Arbeiter Beschwerden oder Wünsche haben, so werden sie sie selbst vorzutragen haben. Mit Rücksicht auf die sonstigen Ausführungen Ihres Schreibens muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß das Recht zur gemeinsamen Vertretung ihrer Interessen den städtischen Arbeitern nicht auch ein Recht gewährt, ihre Dienstbehörde oder ihre Dienst borgefeßten öffentlich verächtlich zu machen oder verlegend anzugreifen, wie dies wiederholt durch die von Ihnen veranlaßten Refolutionen Ihres Vereins geschehen ist. Der Magistrat ist nicht gewillt, derartige Dienstwidrigkeiten weiter zu übersehen, und wenn Sie Ihren Verein weiter zu solchen Ungehörigkeiten veranlassen sollten, so würden Sie sich dadurch für die Nachteile, die daraus den Arbeitern erwachsen könnten, ber antwortlich machen. Mit Rücksicht auf das bisherige Verhalten Ihres Vereins gegenüber den städtischen Behörden würde ich es begreiflich finden, wenn städtische Aufseher die Arbeiter vor dem Verein wohl wollend gewarnt haben sollten. Db dabei in ungehöriger Art Drohungen stattgefunden haben, wird für die Fälle, wo dies mit Beweismitteln unterstügt ist, festgestellt werden. Auf die angeb lichen Drohungen im Schlachthofe einzugehen, ist unmöglich, da Beugen nicht angegeben find. Der Oberbürgermeister. G. Bender. Rein Wort in dem von der Breslauer Boltswacht" voll. Englisches Drohen gegen Deutschland. .. Dazu ist es eine in England sehr weit verbreitete Ueberzeugung, daß Deutschland seit Jahren schon teine Gelegenheit hat vorübergehen lassen, zwischen England und allen seinen Nachbarn mit Einschluß sogar der Vereinigten Staaten von Amerika Zwietracht, Verdacht und Mißtrauen zu erregen; namentlich zwischen England und Rußland und England und Frankreich; und es find tatsächlich dafür zu viele auffallende und unverhüllte Beweise in der deutschen Bresse zutage getreten, als daß die Sache irgendwie zweifelhaft erscheinen könnte. Die Engländer find weder blind noch taub, und wenn fie auch diese feindselige, unfreundliche und eifersüchtige Haltung Deutschlands ihrem Lande gegenüber bedauern, so find fie doch der Ansicht, daß es Torheit sein würde, ihr Auge dagegen Sie zu verschließen oder sich zu stellen, als sähen fie es nicht. sehen es wirklich und sind gesonnen, Borkehrungen da. gegen zu treffen, selbst auf die Gefahr hin, daß diese Borkehrungen als Drohungen angesehen werden. Die allgemeine Ansicht geht nicht dahin, daß Deutschland gerade jezt einen Streit mit England vom Zaune zu brechen ivünsche. Es ist noch nicht gerüstet und würde sehr wenig Aussicht auf Erfolg haben; aber wenn in einigen Jahren Deutschland, das sich dann im Besitze von 38 erstklassigen Schlachtschiffen befinden würde, England in Schwierigkeiten mit einem feiner Nachbarn oder in einer ähnlichen Lage wie im Jahre 1899 oder in Streitigkeiten an seiner indischen Grenze verwickelt sehen sollte, dann würde es nach einer Anschauung, die bei uns von vielen geteilt wird, fein Bedenken tragen, sein Glück wieder einmal in dem edlen Kriegsspiel zu versuchen, um einige der einstweilen bereits besetzten Pläkchen an der Sonne für zu sich gewinnen und daneben sich den großen Anteil an dem Welthandel zu verschaffen, der jetzt in den Händen Englands ist, der ihm aber sehr wohl unter der Voraussetzung zufallen könnte, daß es ihm gelänge, feinen Rivalen auszustechen. Sage man nicht, daß ich, wenn ich mich ausdrücke, wie es oben geschehen ist, irgendwie von dem Wunsch geleitet werde, feindselige Gefühle zwischen Eng Land und Deutschland heraufzubeschwören. Ich wünsche nichts Derartiges. Ich würde einen Krieg zwischen England und Deutschland als ein schweres Unglück betrachten. Aber ich würde einen berartigen Krieg lieber morgen ausbrechen als ihn( wenn er doch tommen muß) auf eine Reihe von Jahren verschoben sehen, wenn Deutschland zur See stärker sein wird und es ihm möglicherweise gelingen fann, einen Vorteil über uns davonzutragen. Es sind feit einigen Jahren unverkennbare Anzeichen dafür herbor getreten, daß Deutschland eifersüchtig und neidisch auf unseren Handel und unsere Weltmachtstellung ist, und es hat sich keine sonderliche Mühe gegeben, aus seinen Gefühlen ein Hehl zu machen. Wir können uns nicht veranlaßt sehen, irgend etwas von unserem Handel oder etwas von unserer Weltmachtstellung aufzugeben, und es unterliegt feinem Zweifel, daß wenn Deutschland fortfahren follte, feine Kriegsflotte in dem gegenwärtigen Verhält nisse zu vermehren, das heißt so, daß sie mehr oder minder auf den Fuß der Ebenbürtigkeit mit der Englands tommt, dieses Borgehen als eine Bedrohung der Oberherrlichkeit zur See anzusehen ist, die wir mit Recht oder Unrecht beanspruchen und die wir aufrechtzuerhalten suchen werden, da sie unseres Dafürhaltens notwendig zu unserer unabhängigen Eristenz als Nation ist, abgesehen von aller Gefühlsregung und der Tatsache, daß wir fie ein Jahrhundert lang gewahrt haben. In Fragen von der Art derjenigen, mit der wir uns beschäftigen, ist es weit besser und dürfte es viel eher zum Frieden führen, wenn wir uns flar aussprechen und mit nichts zurückhalten, und wenn ich jetzt mit ungewöhnlichem Freimut oder gar mit ungewöhnlichem Unbedacht gesprochen habe, habe ich damit das berühmte Beispiel jenes großen Staatsmannes befolgt, der das heutige Deutsche Reich geschaffen hat." in der Art der Erteilung des Religionsunterrichtes. Eigentlich ständig veröffentlichten Briefe Mehrleins rechtfertigt den müßte es heißen, fie hatten diese Freiheit, denn dem aus Preußen paßigen Ton des freisinnigen Oberbürgermeisters. Auf das importierten Schulbureaukraten waren derartige Bustände natur- preußische Herrenhaus, in dem Leute wie dieser Herr Bender gemäß ein Greuel. Seit Jahren war er deshalb bemüht, die die liberalfte Gruppe bilden, sollen nun die Bergarbeiter verBremische Freiheit einzuengen, wobei es oft genug zu Zusammen- tröstet werden mit ihren Hoffnungen auf Schutzgesetze! stößen mit der Lehrerschaft tam. Einem Lehrer, dem auch außerhalb Bremens durch seine philosophischen Studien bekannten Henri Gartelmann, wurde wegen seiner antireligiösen Gesinnung der„ Ge- Da der französisch deutsche Marokkohader ungemildert finnungsunterricht" entzogen, einem anderen, dem durch ethische fortdauert, erfährt zugleich das Verhältnis zwischen England Schriften bekannten J. H. Müller der Religionsunterricht. Andere und Deutschland weitere Verschärfung. Die deutschen Beerhielten Vermahnungen und Vorladungen. Der Boden wurde dem wunderer der Bülowschen Staatstunft haben die eifrige HülfsFaß ausgeschlagen durch die teßergerichtliche Bernehmung eines Leistung, durch welche die englische Presse die französische In diesen Aeußerungen finden sich alle die Anschauungen, schriftstellerisch sehr befähigten jüngeren Lehrers, Scharelmann, der Marokkopolitit stärkte, durch die Meinung leichthin abtun zu welche unter Vorgabe friedlichster Gesinnung den Gegenfat in einer freifinnigen Schrift Aus unseres Herrgotts Tagebuche" fönnen geglaubt, daß England lediglich Frankreich gegen zwischen den Nationen zu vertiefen geeignet sind. Die AntAnsichten geäußert hatte, für die dem Schulinspektor das rechte Deutschland hezen wolle, aber selbst die deutsche Marokko- wort der deutschen Fitzgeralds auf die offene Aussprache" ist Verständnis abging, denn sie standen augenscheinlich nicht im politit bewillkommnen, da auch der englische Handel davon ohne weiteres flar. Sie werden, wenn fie ebenso offen fein Katechismus. Der Lehrer wurde vorgeladen und folgende Fragen profitieren könnte. In Wahrheit erwächst die englische wollen, erzählen, daß Deutschland mit England in Frieden wurden ihm zur Beantwortung vorgelegt: Glauben Sie an den Unterstützung der französischen Marokkopolitik aus all- leben wolle und an feine Eroberungen denke, daß aber gerade persönlichen Gott? Glauben Sie ans Jenseits? Glauben Sie an lgemeinen Gründen. Sie wird nicht nur geübt, weil England voll Neid und Eifersucht auf Deutschland sehe und " zwischen Deutschland und seinen Nachbarn Zwietracht. Ver- dacht und Mißtrauen zu erregen beflissen sei, daß darum Teutschland lediglich zur Sicherung gegen englische Gefahr seine Kriegsflotte vermehren müsse. Sofern die Fitzgcralds, die englischen wie die deutschen, die Politik ihrer Staaten bestimmen, ist daher die weitere Steigerung des engltsch-deutschen Mißtrauens bis zu un- absehbaren Folgen unvermeidlich. Offene Aussprachen, die geradezu Kriegsdrohungen bedeuten, Iverden dann ebenso- wenig ändern als die amtlichen Friedlichkeitserklärungen oder völkerbeglückenden Toaste der Kaiser und Könige. Solange die Nationen einander mißtrauisch gegenüber- stehen und Zug um Zug ihre Kriegsrüstungen steigern, kann nichts gebessert werden. Nur die gründliche Abkehr von der gegenwärtigen internationalen Politik vermag kommendem Verderben vorzubeugen. Wäre es unmöglich, daß England und Deutschland zusammentreffen, um in aller Ernsthaftigkeit das Problem des S t i l l st a n d e s ihrer maritimen Rüstungen zu erörtern? In der andauernden Vermehrung der Kriegsschiffskolosse liegt nicht nur eine unsinnige An- spornung der beiderseitigen Kräfte, ohne daß eine Nation vorder anderen einen wirklichen Vorsprung gewinnen kann, sondern auch der wesentliche Grund wachsenden Mißtrauens. So chauvinistisch und einseitig die Aeußerungen Fitz- geralds sind, so ist doch nicht zrl verkennen, daß die deutsche Flotten- und Weltpolitik der gepanzerten Faust reichlichen Anlaß zu Mißtrauen geboten hat. Wären nicht kapitalistische Konkurrenzintercssen, sondern Volksinteressen maßgebend, so müßte Deutschland vorangehen in dem großen Versuch, das Mißtrauen abzutragen und die Nationen zur solidarischen Kulturarbeit zu führen.� veutlckes Reich. Geistia beschränkte, harmlose Tölpcl sind nach der„Post" alle christlichen Arbeiter. Sie schreibt über„Genossen und Christ- liche im Ruhrrevier" und sagt dabei, die„Christlichen" glaubten„in ihrer natürlichen geistigen Beschränktheit" den Sozialdemokraten alle Fabeln, die diese ihnen vormachen, und die„Harmlosen Tölpel" „tappen" auch ruhig in die Falle hinein. Die christlichen Arbeiter haben in der„Post" einen ausgezeichneten Freund gefunden.— Zum Präsidenten des Reichsgerichts soll Freiherr Rudoff von Seckendorfs, Unterstaatssckretär im preußischen Staats» Ministerium, ernannt Iverden. Danach würde ein Mann ans dem preußischen Staatsdienst der höchste deutsche Richter werden.— Die Ungerechtigkeit des bayerischen LandtagswahlsystemS geht Wiederuni aus dem eben erfolgten Abschluß der Nürnberger Wählerlisten hervor. In die Listen sind 64 03l Wahlberechtigte eingetragen, gegen S3 9�3 bei der letzten Wahl vor sechs Jahren; die Vermehrung beträgt also 10 138 Wähler. Diese Vermehrung er« streckt sich ausschließlich ans die äußeren Stadtbezirke, wo die Arbeiterbevölkerung wohnt, übt aber auf das Wahlresultat nicht den geringsten Einfluß aus. Die Ur- Wahlbezirks- Einteilung wird noch auf Grund der Volks- zählung von 1875 vorgenommen! die Bezirke der inneren Stadt wählen auf Grund dieser alten Einteilung je fünf bis sieben Wahl- männer, die Vorstadtbezirke, die im Jahre 1875 noch klein waren, nur drei, höchstens vier Wahlmänner. Inzwischen haben sich die Vorstädte ungeheuer entwickelt, während die Bevölkenmg in der inneren Stadt stabil geblieben, teilweise sogar zurückgegangen ist. Eine ganze Anzahl der inneren Bezirke haben gegen die letzte Wahl au Wählern verloren: diese Bezirke wählen aber trotzdem noch ihre fünf oder sieben Wahlmänner; die Wählerzahl beträgt hier durchgeheuds 500 bis 700. In den Vorstädten dagegen ist die Wählerzahl der einzelnen Bezirke in die Taufende gestiegen, eS gibt Vezirkswahllistcn, die 3000 bis 4000 Namen aufweisen. Diese Taufende wählen aber nur drei Wahlmänuer. ES ist gänzlich ausgeschlossen, daß in diesen Bezirken alle Wähler ihr Stimmrecht ausüben können, dazu ist die Wahlzeit viel zu kurz, und wenn auch, so ändert das an dem Resultat gar nichts. Unter ganz besonder» ungünstigen Umständen könnte eS vorkommen, daß die gegnerische Partei mit 20 000 Stimmen die Mehrheit und damit auch die 4 LandtagS- mandate gewinnt, indem sie in den Bezirken mit 5 oder 7 Wahl- männcrn siegt. Die übrigen 45 000 Wähler'würden dann, obwohl in der überwiegenden Mehrheit, unterlegen sein. Dieser Fall wird in Nürnberg natürlich nicht eintreten, eS ist das nur eine Annahme, um zu zeigen, zu welchen Unsimngkeiten dieses vorsintflutliche Wahl- systcin unter gewissen Voraussetzungen führen könnte. ES ist daher hohe Zeit, daß mit diesem System der Ungerechtigkeit aufgeräumt und dem bayerischen Volke endlich da» direkte Wahlrecht gegeben wird.— Christliche Arbeiter und Zentrum in Bayern. München, 2. Mai.(Eig. Ber.) Die katholischen Arbeiter- organisationen und Gewerkschaften haben jahrelang dem bayerischen Zentrum Schlcpperdicnste geleistet. Man hat dafür dem Gründer der christlichen Verlchrsbedieutesten- Verbände, dem ehemaligen Schlosser Karl S ch i r in e r, einen Sitz im Landtage eingeräumt. Aber diese Konzession genügt den christlichen Arbeitern längst nicht mehr. Sie möchten entschiedenere und schärfere Vertrete� ihrer Interessen im Parlament haben, als es Schirmer ist, und ihr Streben geht dahin, womöglich mehreren christlichen Gewerkschaftsführern zu Mandaten zu verhelfen. Die Parteileitung des Zentrums hat ihnen denn auch erklärt, dieser Wunsch sei ganz berechtigt, sie sei durchaus damit einverstanden und die christlichen Vertreter sollten sich nur in geeigneten Wahlkreisen mit den dortigen Parteiorganisationen wegen der Aufstellung von Arbeiterkandidaten in Verbindung setzen. Denn die Aufstellung der Kandidaten sei_ nicht Sache der Zentralleitung. sondern der einzelnen Wahlkreise selbst. Dort scheinen die Arbeiter aber sehr wenig Verständnis für ihre Wünsche gefunden zu haben, denn soviel Kandidaten das Zentrum bis jetzt auch schon nominiert hat, Arbeiter waren nicht dabei. Da hat man sich denn entschlossen, andere Register aufzuziehen. Am vorigen Sonntag fand in München eine sehr stark besuchte Versammlung christlicher Arbeiter statt, in der recht deutlich mit dem Zentrum geredet wurde. Die Resolution, die einstimmig angenommen wurde, enthielt u. a. folgenden PassuS: „Die Versannnlung erwartet ganz bestimmt im Interesse der Partei selbst, daß dem Arbeiterstande, der zur Wählerschaft der bayerischen Zentrumspartei einen beträchtlichen Anteil stellt, jetzt noch Rechnung getragen wird in der Aufstellung wirklicher, auS dem Arbeiterstande hervorgegangener Kandidaten. Würde den berechtigten An- sprüchen der Arbeiterwähler nicht Rechnung getragen, so könnte dies der Partei nur zum allergrößten Schaden gereichen, da sich viele Arbeiter jeder agitatorischen Tätigkeit für die Partei enthalten oder gänzlich abwenden würden." Unter dem Eindruck dieser drohenden Sprache nimmt die Zentrumspresse nochmals Veranlassung, die einzelnen Wahlkreise zu ermahnen, den Wünschen der Arbeiter möglichst entgegen zu kommen. Besonders interessant für uns ist die Tatsache, daß die Ver- sammlung von den christlichen Gewerkschaften veranstaltet war, wie auch fast sämtliche Herren, die sich an der Diskussion beteiligten, christliche Gewerkschaftsführer sind. Der christliche Arbeitersekretär Königbauer nahm deshalb Veranlassung, davor zu warnen, daß sich die christlichen Gewerkschaften in den D i e n st politischer Interessen stellen, w a S i hn c n schaden werde. Man müsse mehr Wert auf die politische Orga- nisation der christlichen Arbeiter legen, wie auch die Versammlung nicht von den Gewerkschaften, sondern von einem politischen Verein hätte einberufen werden sollen. Die Feststellungen Königbauers waren den anderen Gewerkschaftsführern sichtlich sehr unangenehm und sie beteuerten, die Versammlung sei nicht von den gewerkschaftlichen Organisationen, sondern von einzelnen Personen einberufen worden und eine Ver- letzung der gewerkschaftlichen Neutralität liege nicht vor. Nun, man weiß, was man von solchen Versicherungen zu halten hat. Wenn ein Mann, der mitten in der christlichen Arbeiterbewegung steht, den Eindruck gewonnen hat, daß die christlichen Gewerkschaften sich auch politisch betätigen, dann kann man ruhig glauben, daß eS auch wirklich so ist. Die anderen christlichen Gewerkschaftsführer leugnen das ans taktischen Gründen natürlich ab, aber überzeugen werden sie da- mit niemand. Die Herrschaften sollen eS nun aber auch in Zukunft hübsch bleiben lassen, den freien Gewerkschaften Vorwürfe zu machen, daß sie im Dienste einer politischen Partei stünden.— Das Bülow-Blatt. Ein interessanter Preßprozeß soll am 4. Mai in München stattfinden. Als Im Anfang dieses Jahres die Russendemonstrationen in München veranstaltet wurden, schrieb der an der Teilnahme an den Versammlungen verhinderte Professor Lujo Brentano an das Komitee einen Brief, in dem er seine Entrüstung über die Vorgänge in Rußland aussprach. Dieser Brief wurde veröffentlicht und gab der„Allgemeinen Zeitung", einem Organ der liberalen Einigung, Anlaß zu einem selbst für dieses Blatt ganz ungewöhnlich niederträchtigen Angriff gegen Brentano. Ein jungliberales Blatt schrieb damals, die Insulte, durch die sich die„Allgemeine Zeitung"„selbst aus der Reihe der respektablen Blätter gestrichen" habe, sei„ein einziger Verstoß gegen die Regeln publizistischen AnstandeS". Noch deutlicher kennzeichnete unser Parteiorgan, die„Münchner Post", das Treiben deS liberalen Blattes, das mit dem Gebaren gewisser gefälliger Damen verglichen wurde. Der Chef- rcdakteur und zugleich Geschäftsführer der„Allg. Ztg.", Herr Dr. Mohr, fühlte sich dadurch beleidigt und strengte einen Prozeß gegen den verantwortlichen Redakteur der„Münchner Post", Genossen Martin Gr über an. Dieser hat eine Reihe Beweisanträge gestellt und eS steht zu erwarten, daß sehr interessante Geschäfts- geheimniffe des Münchener Bülow- und ScharsinacherorganS aufgedeckt werden.— Zensoren- PartikulariSmus. München, 4. Mai.(Privat- telcgramm.) Die Komödie RuedcrerS„ D i e M o r g e n r ö t e". die vom Schauspiclhause zur Aufführung angenommen wurde, ist Polizei- lich verboten worden. Die Direktion des Schauspielhauses hat gegen das AnfführungSverbot bei der Regierung Beschwerde eingereicht. DaS Verbot hat jedenfalls politische Gründe; die Komödie behandelt bekanntlich einen Stoff, der in Bayern wenig beliebt ist: die Lola- Affäre. Die„Münchner Post" meint, man dürfe auf die Entscheidung der Regierung gespannt sein; wenn wirklich aus politischen Gründen das Stück, da» in Verlin und Wien anstandslos gegeben werden durfte, verboten worden sei, dann wäre man ja glücklich wieder auf dem Standpunkt der Karlsbader Beschlüsse angelangt. Es ist ein schöner Zug, daß sich noch heute die bayerische Re- gierung mit der Lola Montez solidarisch erklärt. Im übrigen wacht trotz der deutschen Einheit jeder Partikularzensor eifersüchtig, daß nicht das angestammte Fürstenhaus theatralisch verletzt wird; dagegen dürfen die konkurrierenden deutschen Fiirstcnfamilien auf der Bühne auch ohne Hurra erscheinen'— Aus der Zopfzeit. Stuttgart, den 4. Mai.(Priv.-Dep.) Die Etatsforderung von 77 000 M. für die Gesandtschaften in München und Berlin hat der württembergische Landtag heute nach längerer Debatte bewilligt. Diesmal, wie vor vier Jahren, als die Sozialdemokraten zum erstenmal den Antrag auf gänzliche Ab- schaffung dieser rein höfischen Vertretung stellten, zogen Führer der Volkspartei Arm in Arm mit den Ministern ins Feld, um zu ver- hüten, daß der partikularistische Zopf, der schon in den siebziger Jahren durch Aufhebung der Gesandtschaften in Wien und PcterS- bürg gekürzt wurde, gänzlich beseitigt werde. Während der Volksparteilcr Galler mit �Männerstolz erklärte, gegenüber den Anschauungen einer gewissen Stelle in Berlin würde man jetzt weniger als je die Berliner Gesandtschaft aufheben, da sie unter Umständen Unheil verhüten könne, führte sein Fraktionskollege Hausmann aus, die Gesandtschaften seien zwar in früheren Jahr- Hunderten Vertreter höfischer Interessen gewesen, hätten jetzt aber große volkswirtschaftliche Bedeutung. Auch das Z e n t r u m legte sich mächtig ins Zeug für dieses partikularistische Ueberbleibsel, in dessen Beseitigung eS ein Abbröckeln des politischen Ansehens Württembergs zu sehen erklärte. Vergebens wies Genosse Hildenbrand die völlige Nutz- losigkeit dieses Aufwandes nach und verwies darauf, daß die persönliche Fühlung ausreicht und durch die Minister selbst aufrecht erhalten werden könne und daß die Geschäfte in Berlin durch den Vertreter im Bundesrat besorgt werden, eine Ansicht. der auch der Teutschparteiler H i e b e r beipflichtete. Den Sozialdemokraten schlössen sich bei der Abstimmung nur die Nationalliberalen als Reichspartei und einige Volksparteiler an, die doch Bedenken gegen die Parole ihres Führers gehegt, die Steuergroschen für höfische Zöpfe hinauszuwerfen. In der Gebelaune bewilligte die Mehrheit dann auch rasch noch 300 000 M. für Gehaltsaufbesserung der evangelischen Geistlichen. Die Lehrer können noch warten.— Verkommener Freisinn. In Baden-Baden sind sich die Frei- sinnigen in die Haare geraten, weil bei den Komnmnalwahlen ein Teil mit den Nationalliberalen, der andere mit dem Zentrum tcchtelmechteln wollte. Die VereinSleitung ist von ihrem Posten zurückgetreten. Die letzte Ursache zu dem Bruch ist die„Begehrlich- keit" des Zentrums. Der ganze bürgerliche Klüngel war einig über die Verteilung der Stadtverordnetenmandate unter Ausschluß der Sozialdemokratie. Die Freisinnigen machten die Makler. Jedem war sein Teil zugesprochen, und es schien alles glatt zu gehen, bis auf einmal das Zentrum mehr verlangte, wodurch die ganze Einigung aus dem Leim ging. Ein Teil der Freisinnigen Hält'S nun mit dem Zentrum, der andere geht mit den National- liberalen. Die Leute sind einander wert l— Südwestafrika. Nach Berechnungen, die der General v. Franyois in der letzten Nummer des„Milstär-WochenblattcS" anstellt, sind seit Ende vorigen Jahres durch die deutsche Postenkette zahlreiche HereroS in das Hereroland zurückgekehrt. Tie Zahl derselben wird von Fran�oiS auf 15 000 bis 20 000 beziffert� darunter 2000 bis 2500 Krieger. Da diese HereroS zum großen Teil ohne das nötige Vieh sind, so sind sie auf Raub angewiesen. Es wird unter diesen Um- ständen also noch ein langwieriger Kleinkrieg geführt werden müssen, bevor die Hereros wirklich vollständig unterworfen sein werden I— Heber die sogenannte äthiopische Bewegung bringen die„Wind- huker Nachrichten" vom 15. März einen Artikel. Unter der äthiopi- schen Bewegung versteht man jene ursprünglich von amerikanischen Negern ausgehende Bewegung unter den Eingeborenen Afrikas, die sich zum Ziele die Befreiung der Schwarzen von der Fremd- Herrschaft der Weißen gesetzt hat. Bekanntlich soll diese Bewegung auch eine der Ursachen de» Herero- und Wiiboi-?lusstandeS gewesen sein. Wenn auch der Einfluß einiger Sendlinge in Deutsch- Südwestafrika bedeutend übertrieben worden ist, so wäre eS in der Tat nicht ausgeschlossen, daß diese Unabhängigkeitsbeloegung des schwarzen Elementes, die sich seit Jahren in Südafrika bemerkbar macht, auch eine gewisse Rolle bei Samuel Maharero und Hendrik Witboi gespielt hat. Die„Windhuker Nachrichten" behaupten, die Bewegung trete in Form der äthiopischen Kirche auf, die das Pro- gramm aufgestellt habe, daß die Eingeborenen den Einflüssen der Mission entzogen werden müßten und daß die Kirche ausschließlich von Eingeborenen verwaltet und von farbigen Predigern bedient sein müsse. Hinter diesen kirchlichen Bestrebungen trete aber der soziale und politische Charakter der Bewegung unverkennbar hervor. Man benutze selbst die Vorgänge auf den Kriegsschauplätzen in Ostasien und in Südwestafrika, um sie agitatorisch auszunützen. Tic Eingeborenen Südafrikas besäßen bereits gute, von Schwarzen geschriebene Zeitungen. Eine derselben sei der„Jmoo", deren Redakteur ein Kaffer namens Tengo Jababa sei. Daß diese Presse auch mit Verständnis gelesen werde, beweise ein Brief, den ein Eingeborener kürzlich an ein englisches Blatt in Johannesburg ge» richtet habe. In diesem Briefe verlangte der Eingeborene für die Farbigen �volle Freiheit und Gleichheit. Man solle den Schwarzen dieselbe Schulbildung angedeihen lassen, sie überhaupt zu gleich- gestellten Brüdern des weißen Mannes machen. Nur dann sei eine glückliche, zukunftreichc Südafrika-Politik möglich. Tue man das nicht, so könne cs den Weißen ergehen wie den Russen gegenüber den Japanern in Oftasien.— Mag die Bedeutung der äthiopischen Bewegung von dem Windhuker Blatt auch überschätzt werden, so steht doch sovicl fest, daß auch die Eingeborenen in Afrika beginnen, ihrer Sklavenrolle überdrüssig zu werden. Sofern, die Bewegung sich wirklich in Afrika ausbreiten sollte, wäre cS gar nicht unmöglich, daß die Mächte, die in Afrika Kolonien besitzen, eines Tages in Eingeborcnenaufstände verwickelt werden, deren sie so leicht nicht Herr zu werden vermöchten. Das gilt namentlich für jene Kolonien, wo infolge des Klimas die Zahl der Europäer nur eine sehr he- schränkte sein kann.— HuslancL Oesterreich-Ungarn. Abgeordnetenhaus. In der zweiten Lesung des Zolltarifs weist am Donnerstag Handelsminister F r h r. v. C a l l auf die un- absehbaren nachteiligen Folgen für die gesamte österreichische Pro- duktion hin, falls der 1. März 1908, der einen Markstein in der künftigen handelspolitischen Aera bedeute, daS Land unvorbereitet träfe. Der Minister bespricht eingehend das Zustandekommen deS Zolltarifs, welcher deutlich die vom Auslände, namentlich von Deutschland, ausgegangene Bewegung zugunsten einer schärferen Betonung der Schutzzollpolitik widerspiegele und ein dem allgemeinen Volkswohl dienendes Kompromiß der widerstreitenden Interessen darstelle. Auch bedeute der Zolltarif ein Kompromiß im Rahmen des Ausgleiches mit Ungarn. Niemals hätten sich die Vorteile der Gemeinsamkeit des Zollgebietes überzeugender als gegenwärtig dargestellt. Ter Minister schließt mit einem warmen Appell an das HauS, durch eine rasche, unveränderte Annahme des Zolltarifs die erste Etappe zur Bestellung des wirtschaftlichen Haushaltes zu schaffen.(Beifall.) F o r in a n e k bemerkt, tpenn auch die jetzige Regierung das vom Ministerpräsidenten v. Koerbcr an dem tschechischen Volke begangene Unrecht nicht gutgemacht habe, so wollten doch die tschechischen Ab- geordneten nicht zur wirtschaftlichen Schädigung deS Reiches bei. tragen; sie mühten jedoch betonen, daß, wenn sie die Verhandlung dieser Vorlage zuließen, sie deshalb ihre kulturellen und Wirtschaft- lichen Forderungen nicht vertagen. Bei der Besprechung der Handelsverträge mit Deutschland und Italien bemängelt Redner den ungenügenden Schutz der heimischen Produktion. Insbesondere die landwirtschaftliche. Bevölkerung Böhmens werde durch den Handelsvertrag mit Deutschland arg geschädigt, namentlich werde der Gerstenexport auS Böhmen unmöglich gemacht. Dr. L e m i s ch (Verband der deutschen Volkspartei) führt aus, man könne heute nicht mehr von einem gemeinschaftlichen Zolltarif sprechen. Sowohl die landwirtschaftlichen als die industriellen Körperschaften ständen auf dem Standpunkte der Trennung. Wenn seine Partei trotzdem für den vorliegenden Zolltarif stimmen würde, so tue sie eS in der Ueberzeugung, daß er den Uebergang zu einer Umwandlung in einen selbständigen österreichischen Zolltarif darstelle. Dr. Schoepfer(Christl.-soz. Vereinigung) befürchtet, daß der neue Vertrag mit Deutschland wegen des Veterinärübereinkommens den Viehverkehr sehr schädigen werde.— England. Sozialistische Kongresse. London, 2. Mai. Während der Osterfeiertage hielten die beiden sozialistischen Organisationen Großbritanniens ihre I a h r e S k o n g r e s s e ab i die Sozialdemokratische Föderation (S. D. F.) in Northampron, die Unabhängige Arbeiterpartei (Jndependent Labonr Party— I. L. P.) in Manchester. In Northampton waren 74 Delegierte anwesend, die 68 Zweig- vereine der S. D. F. vertraten. Den Mittelpunkt der Diskussion bildete der Antrag auf Vereinigung der S.D. F. mit der J.L.P. durch Ein- berufung eines allgemeinen sozialistischen Kongresses. Der Antrag wurde mit 36 gegen 30 Stimmen abgelehnt. Der Kongreß beschloß jedoch, auf Grund der Amsterdamer Resolution mit der I. L. P. in Unterhandlungen einzutreten. Ein Antrag auf Wiedereintritt in das Labour Representation Committce(L. R. C. oder neue Arbeiterpartei) wurde mit 55 gegen 11 Stimmen ab- gelehnt. Der Harchterfolg der S. D. F. im Laufe der letzten zwölf Monate ist die Gewinnung der öffentlichen Meinung für die staatliche Ernährung der Schulkinder, ehcnso die große Aufmerksamkeit, die die Regierung nunmehr der Arbeits- losenfrage zuwenden will. Man mag nicht mit allem übereinstimmen, was die S. D. F. denkt und tut. sicher ist indes, daß der sozial- revolutionäre Geist in ihr lebendig ist und daß ihre Mitglieder große Opfer für die Sache des Proletariats bringen. Nicht vergessen soll eS ihr werden, daß sie energisch für die Rechte Indiens eintritt. Sollte es Genossen Hyndman gelingen, in seinem Kreise Burnley gewählt zu werden, dann werden die 300 Millionen Einwohner des indischen Reiches einen unermüdlichen und beredten Verteidiger im britischen Parlamente haben.— Der Kongreß der I. L. P. in Manchester war von 152 Delc- gierten besucht und beschäftigte sich mit denselben Fragen wie die S. D. F., nur in weniger revolutionärem und mehr„praktischem" Geiste. Der Kongreß begrüßte die neue�Arbeitslosenvorlage als den ersten Schritt zur staatlichen Abhülfe der Arbeitslosigkeit. Die Delegierten waren ferner im Prinzip für die Ausdehnung des Wahl- rechts auf alle Frauen, begnügten sich indes mit einer Vorlage, die das parlamentarische Wahlrecht nach Muster des munizipalen auf die Frauen ausdehnen will. Genosse Keir Hardie begründete den Antrag auf Einführung einer repräsentativen Verfassung in Indien. Der Kongreß gab seiner internationalen Solidarität Ausdruck in einer Resolusion, die folgendermaßen lautet: „Dieser Kongreß sendet herzliche Grüße an die sozialistischen Arbeiter aller Länder und begrüßt eS mit Freuden, daß eine internationale parlamentarische Gruppe der sozialistischen und gewerkschaftlichen Vertreter begründet �wurde als eines der Mittel zur Förderung der allgemeinen Sache der Arbeiterbefreiung aller Länder." Ein Antrag auf Ausdehnung der Rechte der Munizipalverwallungen, ebenso auf Uebernahme der ErziehungS- kosten durch den Staat wurde angenommen. Die Frage der Vereinigung der sozialistischen Organisationen Großbritanniens wurde mit dem Hinweis erledigt, daß die I. L. P. nnt dem Internationalen sozialistischen Bureau in Ver- Handlung eingetreten ist und daß die S. D. F. den Wiedereintritt in das L. R. C. abgelehnt hat.— Asien. Zu den arabischen Wirren. Wie die„Frankfurter Zeitung" aus Konstantinopel meldet, entsendet der Sultan ein ExpeditionS- korps von 40 000 Mann zum Entsätze der Truppen in gemem Nunmehr gelangen türkische Kerntruppen sowie albanesische Re- giinenter zur Verwendung. Man hofft, in zwei Monaten die Ober» Herrschaft des Sultans wiederherzustellen, vorausgesetzt, daß keine fremde Einmischung erfolgt. Der Chef der Rebellen hat sich den Titel eines Großimams beigelegt und Jemen für unabhängig er» klärt.— Amerika. Die Hearstpresse.?ub>ie Ownerzbip, da? ist die Ueberführung öffentlicher Betriebe und Einrichtungen in den Besitz der Znaxetfe Deutfches Reich. In der Eisengießerei W. Nauke, Neu- Ruppin, sind Lohn differenzen ausgebrochen und ist zuzug von Formern fernzuhalten. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden gebeten, dies aufzu nehmen. oder des Staates, ist gegenwärtig das Stichwort für die einfluß- Auslegung der Neutralitätsverpflichtungen bezüglich Indochinas Achtung, Sattler aller Branchen! Bei folgenden Firmen stehen reiche Hearstpresse. William Randolph Hearst gibt den Bürgern zu tadeln. Dschidschi Shinpo richtet die dringende Auf- fämtliche Koffermacher im Streif: Einbrodt u. Kalb, Lange, Merker Public Ownership als ein Mittel an, um die Macht der Trusts forderung an die Regierung, ohne irgendwelche Rücksichtnahme. Ko., Malchow u. Otto Trebesius, Stöhr, Prager, Worthmann, zu brechen und die politische Storruption wirksam zu bekämpfen. Es Schritte zum Schutze der nationalen Interessen zu tun, und Wunderwald, Warnke, Karschner, E. A. Müller, Förster, Wollnywird in langen Artikeln erklärt, welche Vorzüge im Betriebe und Werder, Lerch. Zuzug ist fernzuhalten. Die Streifleitung. welche Vorteile für die Bürger einer Stadt daraus erwachsen, behauptet, Frankreich trage die Verantwortung für die weitere wenn Straßenbahnen, die Werke für Beleuchtung, Wasserversorgung Ausdehnung der Feindseligkeiten. und so weiter dem Privatbesih entrissen werden. Die Hearstpresse Daß die Japaner alle Ursache haben, sich über die Haltung besteht aus acht großen Tageszeitungen, die in einer Gesamtauflage Frankreichs zu entrüsten, geht aus folgenden Meldungen der englischen bon 1800 000 Eremplaren erscheinen. Die Sonntagsnummern Blätter hervor: werden ausgewählt, um in großen, illustrierten Leitartikeln, die in solchen Fällen in allen acht Zeitungen erscheinen, das neue demokratische Ideal zu verkünden. Hearst, der Führer des radikalen Flügels der Demokraten, ist durch seine Zeitungsmacht ein bedeutender Faftor in der Partei. Die Demokraten brauchen notwendig irgend eine große, auf die Voltsmassen wirkende Idee, wenn sie gegen die Republikaner mit einiger Aussicht auf Erfolg kämpfen wollen. In den großen Städten darf Hearst überall auf eine starke Gefolgschaft rechnen, denn durch ihre rücksichtslose Ausbeutung haben die mächtigen Korporationen sich allgemein verhaßt gemacht. So glaubt Hearst als Retter seiner Partei große Chancen zu haben; er verläßt sich hauptsächlich auf den Einfluß und die Macht seiner Presse. Gegen die japanische Konkurrenz. Die Agitation der Arbeiter gegen die Japaner als gefährliche Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wird mit Eifer fortgesetzt. Einen scharfen Protest gegen die Anstellung von Japanern beim Bau des Panama- Kanals haben die organisierten Arbeiter von Kalifornien erhoben. Dem Präsidenten Roosevelt, der Panama- Kanal- Kommission und den Vertretern Kaliforniens im Kongreß wurde der Protest zugesandt, ebenso vielen Bentralförperschaften von Arbeiterorganisationen, um deren Bu stimmung ersucht wird. Es wird erklärt, daß massenhaft amerikanische Arbeiter darauf warten, beim Kanalbau beschäftigt zu werden. Der Einwurf, daß die Weißen das Klima nicht vertragen lönnen, sei nicht stichhaltig. Man ziehe Japaner vor, weil dieselben billig find und sich geduldig ausbeuten lassen. Generalstreik in Warschan. Aus Warschau meldet ein offizielles Telegramm vom Donnerstag: Seit heute früh wurden die Trambahnen, Droschken und Arbeitswagen in den abgelegenen Straßen augehalten. Um Mittag hatte die Ausstands- Bewegung schon die Mehrzahl der Trambahnen ergriffen. Um 2 Uhr waren die Straßen verödet. In der Marschalkowska- und in den benachbarten Straßen waren fast alle Läden geschloffen. Der Verkehr ist eingestellt. Ein Boltshaufe, der in der Umgebung des Hospitals zum Kinde Jesus eine Leichenprozession erwartete, wurde durch Kosaken zerstreut. Einige Straßen wurden durch Telegraphenpfähle, die dort zur Reparatur lagen, von der Menge gesperrt. Salven gegen Kirchen. Lodz, 4. Mai.( Offizielles Telegramm.) Als gestern abend eine Voltsmenge vor der Kreuzkirche patriotische Lieder anstimmte, gab eine Kosakenpatrouille eine Salve auf das Volk ab, durch die fieben Personen tödlich verwundet wurden. In der Kirche entstand eine furchtbare Panit, da mehrere Kugeln durch die offenen Türen den Altar trafen. Als die Menge zerstreut war und ein Detektiv des Weges fam, ergriffen ihn Arbeiter und schlugen ihn halbtot. " Nach einem weiteren Zensur- Telegramm soll der Angriff von den Ruhestörern" ausgegangen sein, die sich hinter der Kirche und den sie umgebenden Mauern aufhielten und auf die Herantommende Stofatenpatrouille feuerten. Gleichzeitig wurden aus den Fenstern der anliegenden Häuser etwa hundert Schuß auf die Rosaken abgegeben, worauf diese das Feuer erwiderten und sechs der Angreifer leicht verwundeten. Von den Kosaken Roschdjestwenskys Flotte befand sich Dienstag bei Bort Deit, nördlich der Honkohe- Bucht( Ostfüste von Anam) auf der Deutscher Metallarbeiter- Verband, Verwaltung Neu- Ruppin. Suche nach einem geeigneten erterritorialen Ankerplatz. Sonntag Malerstreit und Bauarbeiter- Lohnbewegung. Halle, 4. Mai. war die Flotte von dem englischen Dampfer„ Telemachus" noch bei Honkohe gesichtet und beobachtet worden. Die Dampfer" Eva", Birka 300 Maler und Lackierer legten heute früh einheitlich die Arbeit Dagmar und Bourbon" waren dort ständig zwischen Saigon und nieder. Sie verlangen 50 Pf. Stundenlohn, 91/ stündige Arbeitszeit, den russischen Schiffen unterwegs, die sie mit Vorräten aller Art ver- Entschädigung für Arbeiten auf dem Lande für Verheiratete 2 M., forgten, so daß die russischen Schiffsdecke selbst mit Mehl, Reis, für Ledige 1,50 M. 2c. Die Arbeitsniederlegung geschah einheitlich. Der Daily Mail" zufolge Infolge der Maifeier sind mehrere Bauarbeiter, besonders Speck und Gemüse beladen waren. hätten die französischen Behörden in Shanghai an Bord des im Maurer, ausgesperrt worden. Laut Beschluß einer am 30. April dortigen Hafen liegenden russischen Kreuzers Diana" eine starke stattgehabten Bersammlung beabsichtigen die Maurer in eine Lohnfranzösische Matrosenwache gestellt, um sein Entweichen zu ber- belegung einzutreten. Sie berlangen einen Mindestlohn von 55 Pf. hindern. pro Stunde und 9½stündige Arbeitszeit. Die dem Arbeitgeberbunde angehörenden Unternehmer wollen nicht einmal 50 Pf. Mindestlohn Singapore, 4. Mai.( Meldung des„ Reuterschen Bureaus".) Der pro Stunde zahlen und lehnten weitere Verhandlungen mit den Dampfer, Selangor" traf auf der Höhe von Kuzra in der Arbeitern ab. Eine spätere Versammlung wird zu dem drohenden Malat tastraße um 9 Uhr vormittags russische Schiffe, wie Ausstande Stellung nehmen. man annimmt, die Nebogatoto 3. Aussperrung, Streiks und Lohnbewegungen in Hamburg. Amoy, 4. Mai.( Meldung des Reuterschen Bureaus".) sperrung der Bautischler wird nicht allgemein durchge Die nun schon einige Male beschlossene allgemeine" Aus. Ein Teifun wütete in dieser Woche an der Südküste von führt, weshalb in der Versammlung der Tischlerinnung und des China. Es heißt, die baltische Flotte sei von demselben erfaßt Arbeitgeberschutzverbandes der Holzindustrie, die am Abend des und einige kleine Schiffe seien dadurch vom Hauptgeschwader getrennt worden. Gewerkschaftliches. Mohrenwäsche. " 1 3. Mai tagte, schon wieder eine Modifikation der vorher gefaßten Beschlüsse vorgenommen worden ist. Um den widerhaarigen Arbeitgebern das Weiterarbeiten zu verekeln, und vielleicht auch um Geld zur Unterstützung der Kleinmeister zu bekommen, wurde be= schlossen, daß jeder noch Gesellen beschäftigende Arbeitgeber pro Mann und Tag 1 M. in die Kasse zahlen- soll. Da noch fünf Sechstel der Holzwenn der Beschluß zur Ausführung gelangte. Seit gestern sind arbeiter beschäftigt sind, würde dies ein ganz nettes Geschäft sein, nur zehn Gesellen neu ausgesperrt worden, so daß sich an dem Bahlenverhältnis wenig geändert hat. Die auf den Schiffswerften beschäftigten Holz.. arbeiter verlangen eine Aufbesserung ihrer bescheidenen Löhne. Der Streit der Landschaftsgärtner ist in einer gestern stattgehabten Versammlung für beendet erklärt worden, naj dem der größte Teil der Arbeitgeber die Forderungen anerkannt hat. Der Rest der Streifenden ist abgereist oder anderweitig in Arbeit getreten. In der neuesten Nummer des Gewerkverein" versucht der Hauptvorstand des Hirsch- Dunderschen Gewerkvereins der Schuhmacher diesen von dem Vorwurf des Verrats in Weißenfels weiß zu waschen. Mit schlechtem Erfolge! Gewerkverein die Bewegung abgebrochen habe, ohne vorher Die Vorwürfe bezogen sich bekanntlich darauf, daß der ein Einverständnis mit den Stämpfern aus dem Zentralverbande herbeizuführen und sogar zur völligen Ueberraschung der eigenen Leute, die man ganz einfach ohne Unterstützung ließ. Was weiß man nun dagegen zu sagen? Wie wir vor etwa 14 Tagen berichteten, haben die SchauerDer Hauptvorstand des Gewerkvereins meint zu dem fleute Hamburgs einen neuen Rohntarif eingereicht, in dent eine Erhöhung des Tagelohnes sowie eine andere Regelung der ersten Vorwurf: " In der siebenten Streifwoche, am 28. März, traten sämt- Akkord- und Üeberarbeit verlangt wird. Die Unternehmer wollen liche Fabrikausschüsse mit der Tariffommission ansammen und nur fleine Konzessionen bei Spezialarbeiten machen, dagegen ver wenn auch schteren Herzens mit 105 gegen halten sie sich in den anderen Punkten ablehnend. Bezeichnend für 14 Stimmen beschlossen, den Tarif auf beffere Zeiten aufzusparen, die Arbeitsmethode an der Wasserkante und für die Bescheidenheit den Generalstreit aufzuheben, damit die Fabrikausschüsse mit den der Hafenarbeiter ist der Beschluß der letzten Versammlung der einzelnen Fabrikanten in Unterhandlung treten konnten, und sollte Schauerleute, daß unbedingt nach 24 stündiger unin solchen Betrieben, wo Zugeständnisse erlangt, die Arbeit wieder unterbrochener Arbeit eine Pause von einem aufgenommen werden. Die kurz darauf tagende Streifverfamm- halben Ruhetag eintreten müsse. Vorstand und Lohnlung lehnte diesen Vorschlag mit 751 gegen 419 Stimmen ab. fommission sollen nochmals mit den Arbeitgebern, Stauern und bahrwerkstatt dauert unverändert fort. Bislang ist es der Schiffsreedern in Verhandlung treten. Direktion nicht gelungen, die leerstehenden Hobelbänke zu beſehen. wurde Der Streit der Holzarbeiter auf der Straßen Der Saarburger Aufruhrprozeß vor dem Oberkriegsgericht. In dem elsässischen Garnisonstädtchen Saarburg hat am Epoche des Kampfes, durch die doch nur bewiesen wird, daß Was soll eigentlich diese Erinnerung aus einer früheren in der Tat der Abbruch des Kampfes gegen den Willen der Streifenden geschah. Aber die Tarifkommission hat sich außer dem noch viel später mit der Frage des Streifabbruches beschäftigt, am 13. April nämlich. In dieser Sitzung erklärte einer der Mitunterzeichner des Hirsch- Dunckerschen Reinigungsversuches, Herr Kehl:„ Ich sehe ein, daß der Kampf nicht übers Knie abgebrochen werden kann. Nächsten Mittwoch, am 19. April, ist wieder Geld da!" Herr Kech I versicherte noch Donnerstag vor dem Oberkriegsgericht des XV. Armeekorps die Bein einer Versammlung der Streifenden, daß das Geld da sein rufungsverhandlung des bekannten Saarburger Aufruhrprozesses be Herr Kehl unterschreibt ja überdies noch heute eine Er- Aufruhre die Ulanen Konieczny zu fünf Jahren einem Monat Zuchtgonnen. Das Kriegsgericht der 30. Division hatte wegen militärischen Aus den eingehenden Korrespondenzen der polnischen Blätter flärung, welche den Gewerkverein vor dem Vorwurf schüßen haus, Bein zu fünf Jahren Zuchthaus sowie Ausstoßung aus dem ersteht man erst das volle Maß der Grausamkeit und Bestialität, foll, daß er feine Mitglieder durch Verweigerung der Unter- Heere, die Ulanen Beck und Niederich zu je fünf Jahren Gefängnis mit welcher die zarischen Schergen vorgegangen sind. Ich lief gerade dazu schreibt der Warschauer Korrespondent ftüßung im Stiche gelassen und zum Streitbruche gezwungen und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes verurteilt. der Nowa Reforma"- als ein Teil der durch die Salven aus- habe. Ausdrücklich heißt es in der Erklärung des Haupt- Der Antlage liegt folgender Vorgang zu Grunde: einandergesprengten Menge sich durch die Tore des Hospitals Kind vorstandes, die er mitunterzeichnete: Jesus" flüchtete. Manche verzeichneten ihre Spuren mit Blut. wurde einer verlegt. Die Gemehel in Russisch- Polen. Bon 12 Uhr hatte sich die Menschenmenge auf dem WittkowskiBlaz angesammelt, bis sie eine gewaltige achttausendköpfige Menge mit fünf roten Fahnen bildete. # werde. Am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages vorigen Jahres beDiese schweren Beschuldigungen sind unwahr, sie dienen mur fanden sich in der Gastwirtschaft von Distel in der Langenstraße zu zum Vorwand, dem Gewerkverein den Krieg zu erklären. Am Saarburg etwa 15 Mann des Schleswig- Holsteinischen UlanenSonnabend vor Ostern( 22. April) erhielten die Gewerkvereins- Regiments Nr. 15 sowie einige Mannschaften des Brandenburgischen mitglieder die Unterstützung für die zehnte Streitwoche im Betrage Regiments Nr. 15. Gegen 10 Uhr betrat eine Wirtshauspatrouille Ulanen- Regiments Nr. 11 und des Oberschlesischen FeldartillerieWürdig und ruhig schritt man im Zuge durch die Belarna, bont 4800 M. ausgezahlt." Sienna, glotas, Chmielna schließlich in die Jerosolimstallee, ohne Der Hauptvorstand des Gewerkvereins wäre flüger ge bestand aus einem Sergeanten, einem Gefreiten und fünf Mann. des Oberrheinischen Infanterie- Regiments Nr. 97 das Lokal. Sie auf irgend ein Hindernis seitens der Polizei zu stoßen oder den wesen, wenn er diese Beweisführung für sich behalten hätte. Der Gesang, der vorher in dem Lokal erschallt war, verstummte jetzt. Patrouillen zu begegnen. Da fab sich eine Patrouille, die aus der Hier bestätigt er schwarz auf weiß den Verrat! Die Unter- Sturz darauf tam der Gefreite Stonieczny von der 1. Eskadron des Teodorstraße herausritt, von der an der Marschalkowskastraße fügung für die Gewerkvereinsmitglieder sollte nämlich am ulanen- Regiments Nr. 15 in Begleitung mehrerer Kameraden in stehenden Infanterie Abteilung abgeschnitten und stellte sich am Donnerstag, den 20. April, gezahlt werden. Statt des ver- die Wirtschaft. Bürgersteig auf. Ein bereits anwesender Sanitätssoldat vom Da hieben die Truppen, ohne irgend welche Warnung, ohne Befehl zum Ausandergehen zu geben, mit Säbeln sprochenen Geldes aber traf am Mittwoch ein Brief aus 15. Ulanen- Regiment rief den Neueintretenden zu, es möge doch auf die Menge ein, während die Infanterie drei Salven hinter- Berlin ein, der die beiden Vorstandsmitglieder König und Koch mal einer von ihnen zu ihm tommen. Darauf ging Konieczny zu der Weißenfelser Gewerkvereins- Filiale veranlaßte, sofort den dem Sanitätssoldaten und fragte ihn, wie er dazu komme, einen im Menschen. Die Kosalen ritten auf den Bürgersteigen herum. Viele Nehmt doch die Ziegel von unserem Gewerkvereins- einen Streit befürchtete, soll dann die Ruhe wieder hergestellt haben. Zwischen 3 und 4 nachmittags war die Marschalkowska voll von Hauptvorstand in Berlin aufzusuchen. Hier sagte man ihnen: britten Jahre dienenden Soldaten zu sich zu beordern, und riß ihn dann mit dem Stuhle rücklings zu Boden. Der Wirt, der nun Frauen und Kinder sind zu Boden gestampft worden. hause mit!" Ein sterbender Jüngling von 18 Jahren kroch bis an die Türe Der Sergeant und der Gefreite der Patrouille traten dann an Die Leute mußten underrichteter Sache wieder umkehren Konieczny heran und stellten ihn zur Rede. Der Wirt machte darauf des Krankenhauses heran, Ginlaß begehrend. Der Hausmeister ließ und die Auszahlung an die Gewerkvereins- Mitglieder unter- aufmerksam, daß bereits alles wieder geschlichtet sei. Nach einiger ihn nicht herein und schrie so lange, bis Kosalen dazu kamen. Die blieb am Donnerstag. Rosaken schlugen den im Sterben Liegenden mit Kolben zu Tode. einander abfeuerte. * Aufruf zur Maifeier. Zeit verließ die Patrouille das Lokal und bei dieser Gelegenheit Die Fabrikanten aber waren davon, daß es am 20. April foll der Gefreite der Patrouille beim Gefreite der Patrouille beim Hinausgehen einen bei den Gewerkvereinlern kein Geld mehr geben werde, Tage Fußtritt in das Gesäß erhalten haben. Während er sich nun umEin offizielles Telegramm meldet: drehte, will er gerufen haben, daß er getreten worden sei. Hierauf Tang vorher unterrichtet! Erst am Sonnabend, den 22. April, als der Streit infolge konieczny, festzunehmen. Dann soll dieser wieder gerufen haben: soll der Patrouillenführer befohlen haben, den vermeintlichen Täter, Ein Aufruf des Zentralfomitees der Sozialistenpartei fordert dieser Handlungsweise der Gewerkvereinsleitung rettungslos llanen 15 herans, hier antreten!" Es entstand nun ein allge die Arbeiter auf, eine Feier am 1.( 14.) Mai in verschiedenen verloren war, zahlte diese, wie sie in ihrer Erklärung jetzt meines Gedränge nach der Tür. Ein Ruf ertönte:" Ein Ulan ist Stadtteilen von Petersburg zu begehen, sowie zu versuchen, einen selbst bestätigt, den verratenen Mitgliedern die Unterstützungs- festgenommen worden!" und jetzt soll nach der Anklage die Patrouille Umzug zu veranstalten. Im Falle des Einschreitens der Polizei gelder aus. Die Leute, denen man Steine statt Brot geboten foll bewaffneter Widerstand geleistet werden. Die intelligente Bevölkerung wird aufgefordert, die Arbeiter durch die Tat zu fördern hatte, wären ja sonst davon gelaufen! und sich ihnen anzuschließen. Bei dieser Gelegenheit sei ein Jrtum berichtigt: Nur in dem römisch- katholischen Polen wird der erste Mai gleichzeitig mit der übrigen Welt gefeiert. In dem eigentlichen Rußland wird auch die Maifeier nach dem russischen Kalender begangen. * Religiöse Verhekungen. Offizielle Telegramme.) von den lanen angegriffen und dabei hauptsächlich der Patrouillenführer und der Gefreite Fußtritte und Schläge erhalten haben. Ein Die Gewerkvereinsleitung bejammert, daß man von den Musketier der Patrouille zog das Seitengewehr, das ihm entrissen wegung gelingt. Nun, Arbeiter, die ihre Pflicht in der Drga Gendarmen zur Folge hatten, sollen die illanen von der Patrouille Heldentaten der Gewerkvereinler nicht rede, wenn eine Be- und später in einem Graben aufgefunden wurde. Erst auf die Hülferufe eines Mitgliedes der Patrouille, welche das Erscheinen mehrerer nisation tun, haben kein besonderes Anrecht auf ein Lob. m abgelassen haben und in der Richtung nach der Kaferne hin Weißenfelser Schuhmacherstreit ist aber nichtsdestoweniger die entflohen sein. Das Kriegsgericht der 30. Division leitete Haltung der Gewerkvereinler von der gesamten Arbeiterpresse ein umfangreiches Ermittelungsverfahren ein, in dessen lobend anerkannt worden. Verlauf gegen neun Ulanen die Anklage auf Grund der AufruhrBei Mißerfolgen sollen jedoch stets die Gewerkvereinler paragraphen 106/107 und 111 des M.-Str.-G.-B., welch' letterer schuld haben. Mit Verlaub: Nicht den Mißerfolg, sondern Bergehen gegen eine militärische Wache bestraft, erhoben wurde. Der Orlowka überfiel die orthodoxe Bevölkerung unter Führung der Dorf werkvereins, nicht seinen Mitgliedern, zum Vorwurf. Was Hochmuth zusammengerottet und mit vereinten Kräften es unterInfowka( Gouvernement Jekaterinoslaw), 4. Mai. Jm Dorfe den Verrat macht man in Weißenfels der Leitung des Ge- Gefreite Konieczny und der Ulan Beier wurden angeklagt, sich mit den Ulanen Zech, Riederich, Schumann, Siebert, Böde, Kunze und behörden die Baptisten während des Gottesdienstes und mißhandelte der Hauptvorstand aber dagegen zu sagen weiß, läßt ihn nicht nonimen zu haben, sich gegen einen Vorgesetzten zu widersetzen und fie. Mehrere Baptisten, die festgenommen wurden, wurden erst nach schuldlos erscheinen; das Odium des Verrats, selbst an den gegen denselben eine Zätlichkeit zu begehen. zehn Stunden freigelassen. Gegen Konieczny Simferopol, 4. Mai. Unruhen, die hier entstanden waren, eigenen Mitgliedern, bleibt an ihm haften! richtete sich auch die Anklage, der Rädelsführer und Anstifter des militärischen Aufruhrs gewesen zu sein. Der Ulan Beier wurde bezichtigt, bei dem Aufruhr eine Tätlichkeit gegen einen Vorgesetzten er daß einem Mann der dadurch begangen zu haben, Patrouille das zur Verteidigung gezogene Seitengewehr entriß. Nach zweitägiger Verhandlung vor dem Kriegsgericht der 30. Division wurde am 19. Februar das oben erwähnte Urteil gefällt. In seinem Plädoyer hob damals der Vertreter der Anklage, Kriegsgerichtsrat Diehl hervor, daß das ganze Motiv des Aufruhrs darin bestand, daß ein Infanterist es wagte, einen Ulan zur Rede zu stellen. Nicht mit tiefer Ueberlegung hätten tourden durch Truppen schnell unterdrückt. Der Bizegouverneur ritt mit einer Estabron der Krimdivision durch die Straßen und beruhigte die gegen die Juden erregte Bevölkerung. Vom ostasiatischen Kriegsschauplage. Die französische Neutralität. Berlin und Amgegend. Metallarbeiter! Bei der Firma Sponholz u. Wrede, Eyerzierstraße 6, sind sämtliche Dreher ausgespertt. Buzug ist streng fernDie Ortsverwaltung. zuhalten. Achtung! Kartoubranche! Die Differenzen in der Kartonfabrik von Karfunkelstein, Landsbergerstraße 16, find bei Tokio, 4. Mai. ( Meldung des Reuterschen Bureaus.) gelegt. Sämtliche Kollegen wurden wieder ein Die Presse fährt fort, in scharfer Weise die französische gestellt. Die Ortsverwaltung des Buchbinder- Verbandes. die Angesagten gehandelt; sie wären nur einev momentanen Eni- schlusse gefolgt. Er wolle das Leugnen der Angeklagten nicht als straferschwercnd ansehen, da die Strafen, welche aus die in Frage kommenden Vergehen stehen, schon ungeheure seien. Selbst die Minimalstrafcn feien so hoch. Im Jahre 1872 seien die Ausruhr- Paragraphen aus dem alten preußischen Militär» Strafgesetzbuch in das deutsche Militär- Strafgesetzbuch übernommen worden und entsprechen langst nicht mehr den heutigen Verhältnissen. Er, der Vertreter der Anklage, sei der Ansicht, daß die Auftuhrparagraphen nicht für solche Fälle, wo in momentaner Erregung gehandelt worden sei, passen. Durch das Gesetz sei man jedoch zur Füllung eines Urteils nach diesen Para- graphen gezwungen. Er empfehle in diesem Falle, die Gnade Sr. Majestät nachzusuchen. Vorläufig müsse jedoch Recht vor Gnade ergehen. Gegen das Urteil des Divisionsgerichts haben die vier der- urteilten Ulanen sämtlich Berufung eingelegt. Sie fochten das Urteil in seinem ganzen Umfange an. Der Gerichtsherr hat sich bei dem Urteil, das über die Angeklagten Koniecznh, Beier, Zech und Riederich gefällt wurde, beruhigt, dagegen hat er gegen den Frei- fpruch der fünf Ulanen Bode, Siebert, Kunze. Hochmuth und Schumann Einspruch erhoben. Er fordert deren Verurteilung wegen Beteiligung an einem militärischen Auf- rühr. Zu der Verhandlung vor dem Oberkriegsgericht, für welche drei Tage ausersehcn sind, sind 63 Zeugen geladen. ES befinden sich hierunter Entlastungszeugen, deren Aussagen schwer ins Gewicht fallen dürsten. Oberstleutnant v. Grolmann hat den Vorsitz, Oberkriegsgerichts- rat Lade ist Verhandlungsführer. Die Anklage vertritt Kriegs- gerichtsrat Jbelshäuser. Die Verteidigung der vier verurteilten Ulanen ist Rechtsanwalt Petereit-Straßburg übertragen worden. Rechtsanwalt Viedenz-Zabern verteidigt die fünf weiteren An- geklagten. Der Sitz deS Oberkriegsgerichts ist Straßburg. Da die Vor- nähme einer eingehenden gerichtlichen Besichtigung deS Tatorte? jedoch wahrscheinlich ist. hat fich das OberkriegSgcricht entschlossen, die Verhandlung in der alten Jnfanterie-Kaserne in Saarbnrg statt- finden zu lassen. Die neun Angeklagten werden ans der Unter- stichungshast vorgeführt._ läpstischett Vorurteilen entspringenden Spruches ein MnsH umgebracht werden sollte. Zwei Menschen standen vor dem Gericht, von denen sicher einer den Mord verübt hat und es war nicht möglich, den Täter zu er kennen. Das ist wohl«ine Mahnung, gegen die �.gewissen JWzicn vorsichtig zu sein. Soziales. Indizien. AuK Wien wird uns geschrieben: Die viertägige Schwnrgerichtsverhandlung gegen das Ehepaar Klein hat wieder einmal die Gebrechlichkeit alles UrteilenS auf Grund von Indizien aufgezeigt. In der Nacht vom 3. auf den '4. Oktober vorigen Jahres ist in einem Hause der Magdalencnstraße ein 72jähriger Manu, der Hausbesitzer Sikora ermordet worden. Ermordet von dem Ehepaar Klein, das steht unzweifelhaft fest. Wie weit das Einverständnis der beiden Menschen reichte, ob der Mord vorbedacht war, oder aus einem plötzlichen Affekt geschah, das allerdings schwebt im Dunklen. Dagegen ist es ebenso sicher, daß die eigentliche tätliche Handlung, das Ermorden oder Erdrosseln des schlafenden Greises nur von einem Menschen vollzogen worden ist. Das sagen beide Angeklagte aus und so lautet auch der ge richtsärztliche Befund. Der eigentliche Mörder ist also unter zwei Menschen zu suchen; von keinem Menschen auf dem Erdenrund kann Johann Sikora ermordet worden sein, außer von Heinrich oder von Franziska Klein, und doch war es unmöglich, m die Sache Licht zu bringen, mit annähernder Gewißheit zu sagen, wer den Mord voll- zogen hat. Vier Tage währte die Verhandlung, der vorher noch eine besondere sorgfältige Untersuchung vorausgegangen war; aber trotz der Schar von Zeugen, trotz oes Beleuchtens jeder Einzelheit. einer fast grausamen Fnquirierung, ist über die eigentliche Täterschaft nichts erforscht worden. Zwar haben die Geschworenen die Frau für die Schuldige erklärt— sie wurde mit neun gegen drei Stimmen des meuchlerischen Raubmordes schuldig erkannt und zum Tode vor» urteilt— und den Mann nur der entfernteren Mitschuld für schuldig befunden, so daß er mit 8 Jahre Kerker wegkommt. Aber das Urteil ist ein reiner Stimmungsspruch. Den„Männern aus dem Volke"(dieses Volk ist in Wien vorzugsweise der christlich-soziale Kleinbürger) ist das dirnenhafte Frauenzimmer eben unsympathisch gewesen, der strebsame Fabrikant(dessen Streben freilich Haupt- sächlich nach einer großen Mitgift ging), ansprechend erschienen. Aber von einem schlüssigen überzeugenden Beweis kann trotz des Spruches und trotz der so verschiedenen Verurteilung nicht ge- sprachen werden. Der Mordprozeß hat in Wien, wo allerdings die Neugierde immer sehr groß war, und wo jedes Interesse zur„Hetz" umschlägt, das größte Aufsehen erregt, und das alte Gebäude in der Alserstraße war drei Tage lang das Ziel all der sensationslüsternen Leute, die bei jedem Spektakel dabei sein müssen. Ein gut Teil von der Neu- gier kommt auf Rechnung der schauerlichen Umstände, unter denen die Mordtat verübt und entdeckt worden ist. Das Ehepaar Klein ist unter recht prosaischen Umständen zusammengekommen. Heinrich .Klein ist«in kleiner Vorstadtfabrikant, der sich das nötige Betriebs- kapital in einer Heirat sucht, Franziska Klein war zur Hälfte Cr- zieherin, zur anderen Kokotte gewesen. Beide wurden durch die Heirat betrogene Betrüger; sie glaubte einen ivohlhabenden Fabri- kanten gefunden zu haben, er erwartete 23 000 Gulden Mitgift, ' während die Frau, die überdies um ein paar Jahre älter war, nur COOO Gulden besaß. So nahm die Fabrikantengattin nach einem kurzen Honigmond(es war noch lein ganzer Monat) das Gewerbe des Empfangens von männlichen Besuchern wieder aus und der Mann spielte dabei halb den Dummkopf, halb den Zuhälter. Am 3. Oktober wurde der alte Hausbesitzer(übrigens ein typisch christlich-sozialer Schmutzfink, der trotz seines hohen Alters noch un- aufhörlich mit Frauenzimmern zu tun hatte und sie überdies ziem- lich schäbig enlohnte)» in die Wohnung von Klein geladen und über Nacht dort behalten. Nach der Aussage der Frau soll sie ihn un- ausgesetzt um Geld gedrängt und endlich, da die Bitten erfolglos blieben, den Gedanken gefaßt haben, ihn zu ermorden und am anderen Tage in seiner Wohnung zu berauben. Der Mann, der erst gegen 2 Uhr nachts nach Hause kam, habe sie darin bestärkt, doch habe ihr zum Schluß die Kraft versagt und sie sei zu dem in der Küche harrenden Mann zurückgekehrt, worauf er hineinging und den tätlichen Akt vollzog. Stach Aussage des Mannes wieder soll er. als er in die Wohnung kam, seine Frau in der Küche gefunden haben, die ihn unter einem lächerlichen Vorwand(daß„Mieter" eingezogen seien) verhinderte, das Wohnzimmer zu betreten. Früh habe er. als er einen Augenblick ins Wohnzimmer ging, dort nichts auffälliges bemerkt und erst am dritten Tage habe ihm seine Frau gestanden, daß sie den Mann ermordet und de Pen Wohnung aus- geraubt habe; der Leichnam liege unter der Ottomane. Das Ehe- paar bestellte dann Kisten, um die Leiche fortzuschaffen, hackte dem Getöteten die Unterschenkel ab und nähte ihn in ein Laken ein. Am 8. Oktober ergriffen jedoch die Mörder die Flucht und wandten sich nach Paris. Nach ein paar Tagen wurde in der Wohnung die grausige Entdeckung gemacht und die Verfolgung der Täter ein- getestet, die dann in Paris ermittelt würden. Aber auch diese mysteriösen Umstände hätten jenes aufregende Interesse nicht zu er- zeugen vermocht, auch nicht die von einer gewissenlosen Presse im Bunde mit reklamesüchtigeu Advokaten entfesselte Neugier, wenn sich nicht die merkwürdige Frage nach der eigentlichen Täterschaft zu einem wilden Kampfe der beiden Angeklagten verdichtet hätte. Beide blieben bei ihrem Leugnen und bei ihren Beschuldigungen, und das Ergebnis der langen quälenden Verhandlungen war, daß der aus- führlichste Indizienbeweis keine Klarheit brachte. Viel Gefahr liefen die Geschworenen freilich nicht, denn im moralischen, ja auch im strafrechtlichen Sinn sind beide Angeklagten schuldig gewesen, und deshalb erweckt das auf keinem zwingenden Beweis ruhende Verdikt wenig Bedenken für die Zwei,chne,digkeit der Ueberführung auf Grund von Indizien. Der Prozeh gegen das Mörderpaar ist aller- dings ein wahres Schulbeispiel und gegen die Todesstrafe ein ge- wichtiges Argument; es wäre entsetzlich, wenn auf Grund eines nur In der Generalversammlung der Orts-Krankenkasse Leipzig, die über die Vorstandsanträge zur Beseitigung des Konfliktes mit den Aerzten zu beschließen hatte, machte sich nur wenig Oppositton gegen die Vorschläge geltend. Neben den Vereinbarungen mit den Aerzten handelt es sich dabei wesentlich lim Wiedereinführung der Familien- behandlung. Die Oppositton sah in den Vorschlägen des Vorstandes und den Vereinbarungen mit der Kreishauptmannschaft keine ge- nügenden Garantien gegen eine finanzielle Schädigung der Kasse Die Kreishanptmannschaft hat zwar versprochen, daß sie Entgegenkommen zeigen und nicht gleich auf volle Erfüllung der Vorschriften über den Reservefonds drängen werde, es wurde jedoch der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß{die Kreishauptmannschaft ihre Zusicherungen nicht halten werde. Unter den Opponenten befand sich auch Herr Steinmetz. Der Vorsitzende Genosse Vollender erklärte jedoch die Znsicherungen der Kreishaupt Mannschaft für genügend. Er bezeichnete den Sanitätsverein, auf den man anfangs große Hoffnungen gesetzt hatte, als ungenügend Auch die Beratungsanstalten haben nach Pollenders Angaben keine erfreulichen Erscheinungen gezeigt. Pollender sprach die Ueber zeugung aus, daß die Kasse in einem halben Jahre die Bedingungen der Aerzte unverändert annehmen müsse, wenn sie jetzt die Vorstands Vorschläge ablehne. Die Vorstandsanttäge wurden darauf gegen 42 Stimmen angenommen. Somit wird die Familienbehandlung und die freie Arztwahl wieder eingeführt, was die Aerzte vor allein dem Verhalten der Kreis hauptmannschaft zu danken haben.. Danach wird dann auch der Kasse die volle Selbstverwaltung wieder übertragen werden. Natürlich wird sie es nicht dazu bemitzen dürfen, ein i h r genehmes Arztsystem einzuführen._ Die Dampfpflüge in Preuße». Nach einer Auszählung, die das preußische statistische Bureau vorgenommen, waren am 1. April 1S04 in Preußen 347 Dampst pflüge mit zwei Lokomobilen und 47 mit einer Lokomobile vor- Händen. Sie werden offenbar vielfach zum Lohnpflügen verwendet. Ueber die Verwendung läßt sich die Korrespondenz des genannten Bureau? wie folgt aus: Fragt man sich. ein wie hoher Teil des preußischen Ackerbodens mit Dampf gepflügt werden konnte, so könnte man davon ausgehen, daß ein Zweimaschinen- Dampfpflug etwa hundert Tage in Tätigkeit ist und etwa je ftinf Hektar täglich beim Tiefpflügen leistet. Ein Einmaschinenpflug wird es höchstens auf die halbe Leistung bringen. Man bekommt alSdaun 347 X 100 X ö-f- 47 X 100 X 2>/z= 173500+ 11750= 185 250 Hektar. Mit anderen Worten: Es wäre wenig über 1 Pro. des preußischen Ackerbodens mit Dampf gepflügt worden. Nun ist bekanntlich der Hauptverwendungszweck der Danipfpflüge das Tie vflügen für die Rübenkultur; aber selbst unter der Voraussetzung, daß das Dampfpflügen lediglich für Zuckerrüben w Frage kommt, würde doch mir etwa die Hälfte der mit Zuckerrüben bestellten Fläche dampfgepflügt sein._ Der Berdand deutscher Arbeitsnachweise hält am 9. November in Wiesbaden eine Verbandsversammlung und ArbeitSnachweis-Konferenz ab. Auf der Tagesordnung der Verbandsversammlung stehen u. a.: Die Reklame im Dienste der allgemeinen öffentlichen Arbeitsnach- weise; Wandernde Arbeitslose; Arbeitsvermittelung für ländliche Arbeiter. Die Arbeitsnachweis- Konferenz wird über den gewerbs- mäßigen Arbeitsnachweis verhandeln. Da hieran das Gastwirts gewerbe stark beteiligt ist, so sind dem Referenten Dr. Ludwig aus Lübeck zwei Korreferenten als Vertreter des genannten Gewerbes entgegengestellt, nämlich Dr. P. Merker aus Berlin vom Verein Berliner Gastwirte und Hugo Poetzsch vom Verband deutscher Gastwirtsgehülfen.__ Chemikerin oder Fabrikarbeiter in. Zwei Mädchen mit Bürgerschulbildung, die einen viermonatlichen Kursus in einer Zuckerindustrieschule durchgenommen haben, waren während der Kampagne in der Nauener Zuckerfabrik als sogenannte Chemikerinnen tättg. Sie hatten in einem Laboratorium in der Fabrik bestimmte Analysen vorzunehmen, die Resultate fest- zustellen und später rechnerisch zu verarbeiten. Der Zweck der Tätigkeit ist, eine Grundlage für eine verbesserte Regelung der Produktion zu schaffen. un, eine möglichst ergiebige Ausnutzung der Rohprodukte für die Zukunft zu ermöglichen. Das Monatsgehalt betrug 170 M. Die beiden Damen arbeiteten nun abwechselnd auch nachts. Deswegen wurde der Betriebsleiter Weule auf Grund des§ 146 der Gewerbe-Ordnung angeklagt, weil er Arbeiterinnen in einerFabrik entgegen den Arbeiterinnen- schutz-Vorschristen der Gewerbe-Ordnung zwischen S'/s Uhr abends und 5>/z Uhr morgens beschäftigt habe. Das Landgericht sprach ihn aber frei, weil die Damen nicht als Fabrikarbeiterinnen im Sinne jener Schutzvorschriften aiizusehen seien, sondern als mit höheren technischen Dieustleistungen bettaute Personen. Das Kammergericht verwarf am 4. Mai die hiergegen ein- gelegte Revision der Staatsanwaltschaft mit folgender Begründung: Die Grenze zwischen dem Arbeiter und dem technischen Gehülfen höherer Art sei nicht scharf zu ziehen. Die Technik schreite immer mehr vor; Arbeiten, die früher der Gelehrte machte, leiste heute gleichsam mechanisch ein intelligenter Arbeiter. Es komme in, gegebenen Falle auf die tatsächliche Feststellung an. und der Revistons- richter habe nur zu prüfen, ob die Feststellung ohne Rechts- irrwm erfolgt sei. Hier sei anzunehmen, daß ohne Rechtsirrtum das Landgericht festgestellt habe, daß die beiden jungen Mädchen keine Fabrikarbeiterinnen seien. ES sei zulässig, dies aus der höheren Besoldung und aus dem Verhältnis, das die„Chemikerinnen" innerhalb der Fabrik einnehmen, zu schließen. Mit Recht habe das Landgericht berücksichtigt, daß es sich um eine Tättgkeit handelte, die eine Bildung voraussetze, welche im allgemeinen sich der Arbeiter nicht leisten könne und nicht genossen habe. Versammlungen. Die Lage der kaufmännischen Angestellten in der Allgemeiuen ElektrizitätS-Gesellschaft. In einer vom Zentralverband der Hcmd- lungSgehülfen und HandlungSgehülfiiinen einberufenen Versammlung der kaufmännischen Angesteliten der Allgemeinen ElelttizitätS-Gesell- schaft sprach K a l i s k i über die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Angestellten dieser Gesellschaft. Ueber 800 Angestellte waren erschienen. In den vordersten Reihen sah man als Vertreter der Gesellschaft emige Unterdirektoren und AbteilunaSchefS. deren Auftreten den Eindruck erweckte, als ob sie durch ,hr Er- scheinen die Angestellten an der Bekanntgabe von Mißständen zu hindern suchten. Diese? Bestreben war jedoch durchaus zwecklos. da der Referent an der Hand emeS umfangreichen bis in die Details gehenden Materials die Zustände, unter denen hunderte von kaufmännischen Angestellten arbeiten und leiden, einer eingehenden und schneidenden Kritik unterwarf. ES waren lediglich die Verttags- und Arbeitsverhältnisse, die in den Betrieben der Brunnenstraße, Ackerstraße, Huttensttaße, Schlegel- ftraße und Ober-Schöneweide herrschen, die zur Besprechung stände». Die Bettiebe der Gesellschaft in der Dorotheenstraße und am Schiff- bauerdamm zeichnen sich durch etwas günstigere Arbeitsverhältnisse aus. Der Referent wies darauf hin. daß die Generaldirektton nicht verantwortlich zu machen sei für alle bestehenden Mißstände, da die Angestellten bisher ihre Klagen nicht in der Oeffentlichkeit vor» gebracht und der Generaldirektion nicht unterbreitet haben. Wohl aber sei die Direktton verantwortlich zu machen für die Bezahlung der Angestellten. Es bestehen unter den kaufmännisch Angestellten eine Reihe von Rangklassen, die zwar mit den verschiedensten Titeln belegt, aber alle gleichmäßig elend bezahlt werden. Man pflegt ferner Angestellte, die mit kaufmännischer Arbeit beschäftigt werden, als gewerbliche Arbeiter zu bezeichnen, um ihnen im Erkrankungs- falle das Gehalt für den Tag ihrer Krankheit nicht zahlen zu brauchen, um ferner die gesetzliche Mindest« k ü n d i g u n g s f r'i st für kaufmännische Angestellte zu um- gehen. Vier Hauptkategorien von Angestellten sind zu unter- scheiden: Stundenlöhner, die mit 30 Pf. Stunden- lohn und täglicher Kündigung angestellt werden. Sind diese Angestellten längere Zeit dort tattg gewesen, dieser Zeitraum kann sich auf zwei bis drei Jahre erstrecken, so können sie„Wochen« lähner" werden. Sie haben als solche einen Anfangslohn von 13 M. pro Woche, der in 10 bis 15 Jahren bis zur schwindelnden Höhe von 27 M.pro Woche steigt. Ist dieser Lohn erreicht, dann werden die Angestellten zu„H ü l f s- b e a in t e n" ernannt, um nacki Jahren den Titel„Vollbeamte" zu erlangen und in den Genuß eines Monatsgehaltes von 130 bis 133 M. zu gelangen. Kaufmännische Angestellte, die Familienväter sind, erhalten nach mehrjähriger Tätigkeit Wochenlöhne von 13 bis 21 M. Während für eine Verspätung in den Morgenstunden 20 Pf. berechnet wird, ist an eine Vergütung der Ncberstunden gar nicht zu denken. Die Gesellschaft stellt Laufburschen mit 7 M. pro Woche ein, deren Lohn in 6 bis 8 Wochen um je 50 Pf. pro Woche steigt. Ist dieser Lohn auf 10 M. gestiegen, dann werden die jungen Leute als Maschinen- schreibe! angelernt und beschäftigt. Man glaubt, diesen Angestellten einen sozialen Aufftteg ermöglicht zu haben, und alS Entgelt dafür zahlt man diesen Angestellten nie mehr als bis 17 M. pro Woche. Aber für Fehler, die sie begehen, werden ihnen 25 Pf. bis 1 M. in Abzug gebracht. Die Ranguntcrschiede werden dadurch nur verschärft, daß nach Belieben der AbteilungschefS eine durchaus verschiedene Behandlung der Angestellten eintritt. Die Angestellten werden förmlich gegen einander gehetzt. Ueber das Verhalten der AbteilungschefS wird bitterste Klage geführt. Sie be- legen die Angestellten mit entehrenden Schimpfworten. Leider ist der Widerstand der kaufmännischen Angestellten gering, ein um so traurigerer Anblick, als die Metallarbeiter des Be- triebes sich auch eine nur annähernde Behand« lung keine Sekunde gefallen lassen würden. Die Angestellten haben aus der Bewegung der Metallarbeiter aber ge- lernt, sie haben erkannt, daß ohne Forderungen an die Gesellschaft an eine Besserung ihrer Verhältnisse nicht zu denken ist. Ihre Klagen richten sich auch gegen die Arbeitsräume, die im allgemeinen schlecht venttliert sind, obgleich überall Staub in Mengen vorhanden ist. So müssen zum Beispiel 9 Personen in einem Raum von drei Meter im Quadrat, acht Maschinenschreiber in einem Raum von 4.50 Meter Länge und 2,06 Meter Breite arbeiten. Die Postexpeditton muß in einer Filiale mit einer Holz- bude vorlieb nehmen, in welcher vier Personen untergebracht sind, die durch ein kleines Fenster Licht erhalten. Die im Dachgeschoß gelegenen Räume werden den kaufmännischen Angestellten angewiesen, weil Werkstätten der ungesunden Verhältnisse halber durch Verbot der Gewerbe-Jnspektton dort nicht untergebracht werden dürfen, Wenn man bedenkt, daß in diesen Kamniern standig zirka hundert Zentner Heu- und Holzwolle zur Verpackung untergebracht find. daß durch das Hin und Her des Verkehrs die Türen nie geschlossen sind, so ist es nicht verwunderlich, daß Erkrankungen an umatismuS und Lungenentzündungen vorkommen. Im Roh- :rialienlager derselben Abteilung soll es noch schlechter bestellt sein. Diesem Raum soll ein Modergeruch entströmen. Außerdem muß nian in diesem Bureau den Tag über Licht brennen. Wahrlich, angesichts dieser Zustände bedarf die Forderung nach Einführung der Handelsinspeltion keiner Begründung mehr. Die Angestellten sind bisher in dem Ausschutz der Arbeiter nicht vertteten. Ihre For» derungen und Wünsche müssen sie untertänigst den Herren Ab- teilungsvorstehern vortragen, deren Bericht und deren Urteil aus» 'chlaggebend sind. Es dürfte charalteristisch sein, daß bei dem GeburtS- tage eines dieser Abteilungschefs die Aermsten der armen Angestellten mit Geschenken beladen in seine Wohnung gezogen sind, doch mir, um sich die Gunst des Herrn Abteilungschefs zu erwerben. Die Ungewiß- heil der Angestellten über ihre Arbeitsverhältnisse, die schimpfliche Behandlung nimmt dauernd zu. Sie verlangen eine einheitliche Regelung ihres Arbeits- und VerttagZverhältmsseS. Bei ihren Engagements erfahren die meisten von ihnen nicht einmal die Be- dingimgen, unter denen sie arbeiten sollen, nicht einmal die Lohn- höhe wird ihnen mitgeteilt. Mit der Aufforderung an die Ber» ammelten, durch Anschluß an die Organisation eine Durchführung ihrer bescheidensten und berechtigten Forderungen herbei- zuführen, schloß der Referent seine Ausführungen, die ttotz )er Anwesenheit der Herren Abteilungsvorsteher von den Versammelten mit demonstrativem Beifall aufgenommen wmden. Die Herren Abteilungsvorsteher, die vorher verabredet hatten, auf die Darlegungen des Redners einzugehen, schienen im Laufe des Abends die Lust dazu verloren zu haben. Die Ausführungen des- Redners konnten nicht widerlegt werden. Der Erfolg der Verfamm- lung ist in der Zunahme der Oraanisatton durch Angestellte der Allgemeinen Elekttizitäts-Gesellschaft bereits in die Erscheinung aetteten. Es dürfte wohl nicht den Wünschen der Generaldirektton entsprechen, wenn die Herren AbteilungschefS etwa versuchen wollten, durch das ebenso verwerfliche wie untaugliche Mittel der Maßregelungen die einmal erwachten Bestrebungen der kaufmännischen Angestellten zur Verbesserung ihrer Lage zu unterdrücken. In nächster Zeit werden fich wettere öffentliche Versammlungen mit der Lage der kaufmännischen Angestellten der A. E.-G. beschästigen und die General- direltton dürfte gut tun, sich durch den von einem ihrer Oberbeamten aufgenommenen stenographischen Bericht über die Klagen und Miß- stände ihrer Angestellten vorher zu orientteren. Em sehr unliebsamer Druckfehler hat sich in unserem Bericht von der Versammlung deS 5. Wahlkreises eingeschlichen. Genosse S ch r o l l e ersucht uns dieserhalb um Aufnahme folgender Be- richtigung: In dem Versammlungsbericht des 5. Kreises heißt eS am Schluß: Schrolle ersucht hierauf die Genossen, am 1. Mai sein Barbiergeschäft zu besuchen, damit usw..— während ich ersuchte. kein Barbiergeschäst zu besuchen. Ich ersuche, d«S richtig zu stellen. letzte Nadmcbten und Depelcben. Ein Straßenauflauf in Hamburg. Hamburg, 4. Mai.(Privatdepesche des„Vorwärts".)? Die von der bürgerlichen Presse verbrettete Tatarennachricht über einen Krawall der Schauerleute reduziert sich auf folgendes Vorkommnis: Stubbenhuk Nr. 29 befindet sich das Kontor des Stauer? Blohm, bei welchem die Unsitte herrscht, die Schauerleute stundenlang auf die Auszahlung des Lohnes warten zu lassen, während andere Stauer den Leuten gleich an Bord den Lohn zahlen. Der Haus- cigentümer, nicht Blohm, forderte die Leute auf. den Korridor zu verlassen. Als der Aufforderung keine Folge geleistet wurde, rief der Hauseigentümer einen Schutzmann herbei, der die Leute ge- waltsam entfernen wollte. Dabei kam es zu einem Handgemenge; andere Schutzleute kamen hinzu und hieben mit dem Säbel drein. Ein Schauermcmn erhielt einen Hieb über den Kopf und mußte nach dem Krankenhause gebracht werden. Außerdem wurden noch einige Arbeiter und Schutzleute unbedeutend verletzt. Mit Stteiks oder Aussperrungen hat der Vorfall nicht das mindeste zu tun. Veranvv.Red.' Paul Büttner, Berlin, gnlerateverant«.(initAuSilahmeder.NeueBeU'-Beilagej-Th.Blockt, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u.BerlagSanlt.PalllSing«rchCo.,BerltaLV. Hierzu z Beilagen».Unterhalt» ngSb l Ar. 104. 22. Jahrgang. 1. ßfilnp des Jorniiirlä" Sttlinct Wlksdlilt. fnttns, 5. JSüi 1905. Die Maifeier. Frankreich. Paris, 2. Mai. fEig. Ber.) Die diesjährige Maifeier hat in Frankreich eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft auf die Arbeiter- schast ausgeübt. Der offenkundige Grund davon ist die machtvolle A ch tstu n d en a git a ti o n der revolutionär« gewerkschaftlichen „Konföderation der Arbeit". Diese Agitation mit ihrem unmittel- baren Zweck, die Arbeitermasse zu bewegen, vom 1. Mai 1903 ab nicht länger als acht Stunden zu arbeiten, hat in die bisher immer kränklicher gewordene französtiche Maifeier neues Leben gehaucht. Die noch unvollständigen Zeitungsdepeschen machen einen un- gemein frohen Eindruck, wie inan ihn jedenfalls seit langen Jahren nicht mehr gewohnt war. Es ist die erste mächtige Regung weiter Arbeiterschichten, die ihren Willen ankündigen, mit der Ächtstundenforderung endlich einmal ernst zu machen. Das Gesagte gilt selbstverständlich von der Provinz ungleich mehr als von der Hauptstadt. In Paris hat sich die Neubelebung der Maifeier nur in einem allerdings sehr starken Besuch der zwei in der Arbeitsbörse abgehaltenen TageS Versammlungen gezeigt. Im ganzen haben die Gewerkschaften hier vier Versammlungen ein- berufen. In der Provinz aber war die Arbeitsruhe ausgedehnter denn je. Allgemeine oder nahezu allgemeine Arbeitsruhe wird ge- meldet aus Saint-Etienne<40 000 Feiernde), ans dem Loire» Kohlenrevier(allgemeine ArbeitSruhe bei den Bergarbeitern und teilweise bei den Metallarbeitern), aus Cette, Limoges, ReimS, Toulon, Montceau-leS-MineS, Henne- bont, Constantine(Algerien) u. a. Teilweise Arbeits- ruhe in Lyon. Nantes. Marseille, Lens und dessen Kohlenrevier, Fourmies, Rive-de-Gier, Brest, Roanne, Trsport u. A. Fast aus allen genannten Städten werden Straßenumzüge gemeldet, die großartigsten aus Saiut-Etienne, Toulon und Limoges. In letzterer Stadt ist der Massenzug auch am frischen Grabe Bar» delleS, des Opfers der Metzelei vom 17. April, vorbeidefiliert. Vor den Kasernen vor, dem Armeekorps-Gebäude und vor der Präfektur ließen die Manifestanten Schmährufe gegen die Soldateska erschallen. Alles aber verlief ruhig, da Polizei und Militär sich nirgends auf der Straße zeigten. In Saint-Etienne hatte der Präfekt den Industriellen Militärhülfe angeboten, um die.Arbeitsfreiheit" zu schützen. Sie zogen es aber einsichtig vor. ihre Werkstätten zu schließen. Die staatliche Waffenfabrik wurde mit Erlaubnis des ÄriegSministerS um 3'/z Uhr nachmittags geschlossen. Jn� Marseille blieb die st a a t l i ch e gündhölzchenfabrit geschlosse». In Roanne haben die Manifestanten auf ihrem Wege alle Fabriken. Werkstätten und Magazine gezwungen, den Betrieb einzustellen. In Toulon wurde am Nachmittag auch der Straßenbahnverkehr unterbrochen. Zu erheblichen Ruhestörungen ist eS nach den bisherigen Meldungen nur in Toulon gekommen. Sie wurden veranlaßt durch einige anarchistische Elemente und vom Sekretär der Arbeits- börse desavouiert. Ueberall, in allen Kundgebungen und in den zahllosen Versammlungen stand im Mittelpunfte die begeisternde Idee der direkten Durchführung des Achtstundentages vom 1. Mai 1003 ab. Holland. In den meisten niederländischen Städten wurde bereit? am Sonntag eine Vorfeier veranstaltet. In Amsterdam war der große Saal des. PaleiS voor VolkSvlijt' überfüllt, ein Nebensaal mußte mitbenutzt werden, da ein Platzregen den Aufenthalt im Garten unmöglich machte. Am Montagmittag fanden Versammlungen in „Handwerkers Vriendenkring" und in.Bellevue" statt; beide Säle waren voll besetzt. Zur selben Zeit hatten die Anarchisten, das „Maikomitee für die Allgemeine Arbeitsniederlegung" eine Ver- sammlung nach dem„PaleiS" einberufen. Eine Anzahl Ver- sammlungSbefucher zogen nachher singend durch die Straßen, wurden aber von der Polizei auseinander getrieben. Vom „Amsterdamer Vorständebund" war auf Montagabend eine Sttatzendemonstration arrangiert worden, die großartig ver- lief. Gegen 10 000 Teilnehmer zählte der Zug. Voran wurde eine riesige Fahne mit der Aufschrift„Platz für die Arbeit" getragen. Drei Musikchöre und der Gesangverein„De Stem des Volks" be- gleiteten den Zug. Von mehreren Plätzen aus wurden von den Gc- nossen PothuiS und Wollring begeisternde Ansprachen gehalten. In Rotterdam war die Versammlung am Montagmittag von 1000 Per- sonen besucht. Dort fand abends ebenfalls eine Sttaßendemonstration statt, die imposanter als je zuvor verlief. Auch aus einer großen Anzahl anderer Orte wird von stark besuchten Maiversammlungen, Festlichkeiten und Demonstrationen berichtet. Im allgemeinen zeugte die Maifeier der holländischen Arbeiter dafür, daß daS Interesse für die Ideale der Arbeiterbeivegung im Wachsen begriffen ist. Schweden. Diesmal hat das reaktionäre Bürgertum Schwedens und feine Regierung wieder im Uebermaß für Agitationsstoff zur Maifeier gesorgt. Der Streikgesetz-Enttvurf, die Hetzereien bürgerlicher Blätter gegen die Arbeiterschaft, der neue Pfuschvorschlag zur Wahlrechts- frage und schließlich die Zuspitzung der.Unionsstreittgkeiten durch die herausfordernde Haltung der Regierung, alles mußte dazu beitragen, der Maifeier eine außergewöhnlich hohe Bedeutung und starke Be- teiligung zu sichern. An dem DemonstrattonSzuge der Arbeiterschaft Stockholms am Montagnachmittag nahmen 120 Organisattonen mit ihren Fahnen und 37 Musikchöre teil. Die Zahl der Deinonstranten wird auf 23 000 bis 28S00 angegeben. Auf den, Sanimelplatz wuchs ihre Zahl noch um mehrere Taufend an. Die Fahnen im Zuge trugen verschiedene Inschriften, wie:„Nieder mit der Unterdrückung!"„Fort mit den Klassengesetzen I"„Aus für Frei- heit und Recht!"„Bürgerrecht für die Frau!" usw. Die Mitglieder des Friedensvereins marschierten unter einer Fahne mit der In- schrift:„Gerechtigkeit für Norwegen! Friede mit Norwegen!" Es wurden zwei Resoluttonen angenommen. Die eine für den gesetzlichen Achtstundentag, für wirksame Arbeiterschutz-Gcsetzgebung. für daS allgemeine Wahlrecht und gegen den Streikgesetzentwurf endet mit den Worten:„Nieder mit allen Ausnahmegesetzen gegen die Arbeiterklaffe und her mit den Bürgerrechten!" Die andere Resolutton, von den Friedensfreunden vorgeschlagen, beginnt mit den Worten:„Stockholms Arbeiter und andere friedensfreundliche freifinnige Männer und Frauen sprechen hiermit ihre entschiedene Miß- billigung über die bisherige kurzsichtige Unionspolitik unserer Regierung und der großschwedischen Rechtenpolittker au«, durch die die Vereinigung beider Reiche und die Wohlfahrt beider Völker aufs Spiel gesetzt wird." Sie schließt mit den Worten:„Wir fordern Ge- r e ch t i g k e i t fü r N o r w e g e n. Friede m i t N o r w e g e n." Auch in den anderen Städten Schwedens war die Beteiligung an den Maidemonstrationen in diesem Jahr außerordentlich stark. In Malmö beteiligten sich 10 000 Personen am DemoiistraliouSzuge. in Göteborg 6700, in Norrköping 10- bis 12 000 und so liegen auch auS vielen anderen, kleineren Städten Berichte über große und imposante Demonstrattonszüge vor. Dänemark. In Dänemark ist die politische Lage gegenwärttg mehr als je dazu angetan, das Interesse und die Be- Seisterung der Arbeiterschaft für die großen Ziele ihres !ampfcs anzufachen. Der reaktionäre Ministerwechscl zu An- faiM deS Jahres, die Kopenhagener Gemeindewahlen im MtSz. die zu einer Niederlage der hauptstädtischen Antisozialisten führten und denen ein Wahlkampf voraus ging, ernster und auf- regender als je zuvor, trugen dazu..bei. die Begeisterung für die Maifeier außerordentlich' zu fördern. Der Demonstrationszug der Kopenhagener Arbeiterschaft war denn auch, obgleich Donnerwetter und Regenschauer ihn zu heeinträchtigen suchten, noch imposanter als in ftüheren Jahren. Der Zug. der zirka 30 000 Teilnehmer zählte, bewegte sich diesmal über das herrschaftliche Vestre Boulevard durch das konservattve Zentrum der Altstadt unier den Klängen des Sozialisten- morsches nach„Kongens Have", dem„Königs-Garten" am Rosenborg-Schloß. Hier, wo in ftüheren Jahren der Sammelplatz konservattver Mordspatrioten war, wo sich Mitte der achtziger Jahre nicht einmal ein fozialdemokrattscher Berichterstatter blicken lassen konnte, ohne in Gefahr zu kommen, vom nationalistischen Pöbel miß- handelt zu werden, wurde nun von zwei Rednertribünen die frohe Botschaft der internattonalen Arbeitersolidarität verkündigt und daS Maisestlied von Jeppe Aakjär gesungen. Es sprachen die FolkethingS- männer Marott und Borgbjerg und Redakteur Stauning und I. A. Hansen. Einstimmig wurde eine Resolution angenommen, in der in, Anschluß an die sozialdemokratischen Gesetzentwürfe der Acht- stundenlag und Maßnahmen gegen die durch Arbeitslosigkeit hervor- gerufene Not verlangt werden.— Der Gewitterregen nötigte die Parteigenossen bald zum Aufbruch. Am Abend wurde die Mai- feier in den vier Bolkshäusern der Kopenhagener Arbeiterschaft fort- gesetzt. Ein Schillerbuch für Arbeiter. Das schönste, was wir tun könne», mn einen unserer Geistes- Helden wahrhaft zu ehren, ist nicht der Prunk bloß feiernder Reden oder an Verherrlichung sich überbietender Feste, sondern die Arbeit an der Verbreitung des Verständnisses der Person und der Werke dessen, den ein sonst nur allzu leeres Lob mehr umnebeln als ver- klären möchte. Und so ungemein die Popularität Schillers ist, so sehr es den Anschein hat, als ob hier einmal wenigstens der seltene Fall zur glücklichen Wirklichkeit geworden, da em großer Geist ungebrochen ans den Millionen Köpfen und Herzen seines Volkes widerstrahlt, so ist dennoch kaum irgendwo diese Arbeit nötiger als hier. Dem so regen Andenken fein echtes Objekt zu geben, den Dichter und Denker Schiller, wie er in Wahrheit auf der Menschheit Höhen steht, zu befreien von der kleberigen Legende, die ihn durch eine jämmerliche, in Schule und Haus gepflegte Tradition gern haften lassen möchte in der atembeklemmenden Enge klein- bürgerlicher„Ideale"— das wäre recht eigentlich die Aufgabe dieser Säkularfeier, in deren Erfüllung sie den Trug und den Irrtum eines Jahrhunderts hinwcgnehmen koimte. Zu solchen, Werke einer rechten Schillerfeier hat Franz M e h r i n g einen schönen Beittag geliefert in seinem kürzlich erschienenen Schillerbuche,") da er«S ausgehen läßt von den, Leitgedanken, daß die erste Bedingung für ein geschichtliches Ver- ftändnis Schillers sei:„Freiheit von allen bürgerlichen Vorurteilen." Das Proletariat teilt nicht die müssige Feiersucht der Bourgeoisie, die fteilich große Erinnerungen braucht, ohne hoch von ihnen aus anders als nur in die Vergangenheit blicken zu können. Denn die', Wege, die diese mit der Zukunft verbinden, kann die Bourgeoisie selbst nicht mehr gehen; sie fuhren in ein Reich, das nicht mehr das ihrige sein kann. In der stolzen Erkenntnis aber, daß es unser Reich, das Reich des siegenden Proletariats ist, wohin alle Knlwrentwickelung drängt, deren Keime in den Werken der großen Toten der Bourgeoisie auS- gestreut sind, sind sie für das Proletariat Lebendige geblieben, lebend erhalten nicht nur in seinem Herzen, sondern in seiner Tatkraft, daß endlich ihrem Sehnen Erfüllung verspricht. Und darum sind der Schillertag wie alle großen Gedenktage der letzten Zeit für das Proletariat nicht Anlässe bloß, jene Geister zu feiern, sondern vor allem und in erster Linie, sie zu v e r st e h e n. Von diesem Standpunkte auS, der ausgesprochenermaßen derjenige deS Mehringschen Buches ist, trägt dasselbe mit vollen. Rechte den Untertitel:„Em Lebensbild für deutsche Arbeiter". Denn es entwickelt in knappen Zügen, in denen sich die meisterhafte Art Mehringscher Darstellungskraft neuerdings bewährt, auf dem Hinter- arunde der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zeitverhaltnisse vie ganze, nur zu rasch sich zum Abschluß drängende Mannigfalttgkeit der Sch,cksale dieses Dichterlebens; und es bringt den Volksdichter mit seinem Volke in engsten Zusammenhang, invem es die Fülle Von unermüdlicher Arbeit, von Kampf und Leiden dieses Lebens in beredtem Ausdrucke sprechen läßt zu der unermüdlichen Arbeit, zum Kampf und Leiden des lebendigsten Teiles dieses Volkes, der Ar- bciter. Wenn der Proletarier aus diesem schönen, so klar und ein- fach geschriebenen Buche zum erstenmal deutlich erkennen wird, was ihm gleicher Deutlichkeit die Schule vorenthalten hat, welches mühevolle Leben seinem Schiller bereitet war, wenn ihn die Klage dieses großen Mannes ergreifen wird, der einmal die bitteren Worte schrieb:„Von der Wiege meines Geistes an bis jetzt, da ich dieses schreibe, habe ich mit dem Schicksal gekämpft, und seitdem ich die Freiheit des Geistes zu schätzen weiß, war ich dazu ver- urteilt, sie zu entbehren".— und er jetzt doppelt staunend inne wird, wie trotz all' dieses Elends von diesem Leben ein Strom von Schönheit, Begeisterung und Jdeenfülle in unser Dasein eingeflossen ist. der ihn oft ganz mächtig mit fortgerissen hat, — wird er dann nicht ganz anders sich mit diesem Dichter ver- wachsen fühlen? Wird er ihn nicht noch mehr lieben, da ihn dieses Leben voll Leid und doch sieghafter Geisteskraft wie ein Gleichnis seines eigenen historischen Geschickes berühren mutz? Und wird er nun aus diesem Zwiespalt deö Dichtergeschickes heraus nicht auch ihn selbst besser verstehen, die einzelnen duulleren Züge in seinem Lebensbild« richtiger zu deuten wissen? Daß Mehring auch nach dieser Richtung hin ein treue? Lebens- bild gab, das macht einen besonderen Wert seiner Darstellung aus. Je deutlicher wir sehen, wie wenig die Schwächen, Kleinlichkeiten, ja selbst Schattenseiten dieses Charakters die Helligkeit zu tilgen vermögen, die von der ganzen Persönlichkeit ausstrahlt, umso mehr wächst die Gestalt Schillers, ohne doch das Maß des Menschlichen zu überragen. Es ist der Charakter eines großen Menschen, den Mehring uns in seinem Werden und Wirken entwickelt, stets bemüht, seinen lauteren Grundton erNingen zu lassen: die Hoheit der Gesinnung. die sich siegreich erhebt über alle Sklaverei". Im einzelnen wird man da und dort vielleicht andere Werturteile über Schillers Werke fällen, als sie hier austreten. Hat doch jeder seinen Schiller.